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diff --git a/28411-8.txt b/28411-8.txt new file mode 100644 index 0000000..d195604 --- /dev/null +++ b/28411-8.txt @@ -0,0 +1,12749 @@ +The Project Gutenberg EBook of Deutsche Lyrik seit Liliencron, by Various + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Deutsche Lyrik seit Liliencron + +Author: Various + +Editor: Hans Bethge + +Release Date: March 25, 2009 [EBook #28411] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LYRIK SEIT LILIENCRON *** + + + + +Produced by Inka Weide, Wolfgang Menges, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net + + + + + + Anmerkungen zur Transkription: + + Passagen, die im Original nicht in Fraktur gesetzt waren, sind + mit + gekennzeichnet. + Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet. + Der Text folgt in Schreibweise und Zeichensetzung der Vorlage. + Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + Die Lebensdaten des Dichters Paul Scheerbart: + 8. Januar 1866 - 14. Oktober 1915 + werden in anderen Quellen (Wikipedia etc.) mit + 8. Januar 1863 - 15. Oktober 1915 angegeben. + + + + + [Illustration: Detlev von Liliencron] + + + + + Deutsche Lyrik seit Liliencron + + + Herausgegeben von + Hans Bethge + + + [Illustration: Verlags-Signet] + + + Hesse & Becker Verlag + Leipzig + + Einundsiebzigstes bis achtzigstes Tausend + + Mit zehn Bildnissen + + Einband- und Titelentwurf vom Graphiker P. Hartmann + Druck und Einband von Hesse & Becker in Leipzig + + + + +Vorwort. + + +Dieses Buch besitzt eine innere Einheit nicht. Es umfaßt die lyrische +Entwicklung von etwa vier Jahrzehnten, deren sichtbares Resultat ein +weitreichender Umsturz der künstlerischen, politischen und sozialen +Begriffe gewesen ist. Das Buch zeigt in engerem Sinne die Entwicklung +von dem naturalistischen Impressionismus Detlev von Liliencrons bis zu +dem erregten Expressionismus Franz Werfels. Es ist der Weg vom betont +sinnlichen zum betont geistigen Erlebnis, den auch die bildende Kunst in +dieser Epoche gegangen ist, der Weg von der lyrischen Stimmung zum +lyrischen Bekenntnis, vom seelischen Klang zum seelischen Schrei. Sehr +reizvolle Etappen liegen auf diesem Wege, die Seiten des vorliegenden +Buches bezeugen es. Wohin der Weg führt, ist unklar. Wir wollen hoffen, +daß die Reaktion auf die empörerische Kühnheit, auf die Manifestation +gepeitschter Gefühle, wie sie die jüngste Generation uns darbietet, +glimpflich verläuft und daß uns wenigstens ein allzublasses Nazarenertum +erspart bleiben möge. + +Frühjahr 1921. + H. B. + + + + +Inhalt + + + Seite + + Altenberg, Peter + Liebesgedicht 1 + Das Bangen 1 + Ljuba 2 + Was kann er für sie tun?!? 2 + + Arent, Wilhelm + Das Weltgeheimnis 3 + Zwei Glückliche 4 + Melancholie 4 + + Baum, Peter + Grauen 4 + Liebespsalmen I-IV 5 + Nun schweig 6 + Der Greis 7 + + Becher, Johannes R. + Verfall 7 + Der Idiot 10 + Musik des Abschieds 11 + + Bethge, Hans + Die Hoffende 12 + Nach Sonnenuntergang 12 + An eine Kunstreiterin I-III 13 + Wir wehen 14 + Vision 15 + Hinschlendern 15 + Dasein 15 + + Bierbaum, Otto Julius + Tanzlied 16 + Freundliche Vision 17 + Die Kranke 17 + Im Wirbel fort 17 + Gigerlette 18 + Traum durch die Dämmerung 19 + Jeannette 19 + Die schwarze Laute 20 + Oft in der stillen Nacht 20 + + Bodman, Emanuel von + Der Garten 22 + Meine Mutter 22 + Flocken 23 + Wandlung 23 + + Calé, Walter + Wir tauchten aus dem Strom 24 + Der Tod wird uns 24 + Es rinnen rote Quellen 24 + Zwiegespräch 25 + Du träumtest 26 + Der Heimweg führte mich 26 + Am Flusse 26 + Und abermals wirst du 27 + Die Andern 27 + + Conradi, Hermann + Aus den Schwarzen Blättern: + Ich weiß -- ich weiß 28 + Im Sklavendienst der Lüge 28 + Sommerrosen 29 + Lenz 30 + Mein Blick, nun weide dich 30 + Die müde schon verglühte 31 + Im Vorüberfluge 33 + + Däubler, Theodor + Weg 34 + Die Buche 34 + Die Droschke 35 + Heidentum 36 + Die Russin 36 + + Dauthendey, Max + Laß mich in deinem stillen Auge 37 + Graue Engel 37 + Am süßen lila Kleefeld 38 + Winde quälen die Bäume 38 + Die Amseln haben 38 + Die Luft so schwer 39 + Auf deinem Haupt 39 + In deinem Angesicht 39 + Unsere Augen 40 + Stille weht 40 + Die Sommernacht 40 + Drinnen im Strauß 41 + Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein 41 + Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht 42 + Der Mond ist wie eine feurige Ros' 42 + Nachtstürme reiten die Bäume krumm 43 + Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier? 43 + Die Berge werden wie dunkle Kissen 43 + + David, Jakob Julius + Mein Lied 44 + Im Volkston 44 + Nacht 45 + + Dehmel, Richard + Die Harfe 46 + Sommerabend 47 + Aus banger Brust 48 + Ein Stelldichein 49 + Ein Grab 49 + Stiller Gang 50 + Die stille Stadt 50 + Manche Nacht 51 + Geheimnis 51 + Morgenstunde 51 + Erhebung 52 + Bewegte See 52 + Nachtgebet der Braut 53 + Ideale Landschaft 54 + Aus »Zwei Menschen« + I, 1. Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain 54 + I, 16. Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel 55 + I, 23. Kaminfeuer und Morgenrotschimmer 56 + II, 28. Und es rauscht nur und weht 58 + + Donath, Adolph + Tränen 59 + + Ehrenstein, Albert + Auf der hartherzigen Erde 60 + Verzweiflung 61 + Friede 61 + Coyllur 62 + Wanderers Lied 62 + Blind 63 + Dunkel 63 + + Evers, Franz + Rosenglut 64 + Jugend 65 + Abendlied 65 + Ein Gastgeschenk 66 + Der Künstler 66 + + Falke, Gustav + Das Mohnfeld 68 + Märchen 69 + Daß der Tod uns heiter finde 69 + Stranddistel 70 + Das Grab 70 + Späte Rosen 71 + Zwei 72 + + Finckh, Ludwig + Einer Frau 72 + Abendhimmel 73 + Geschenk 73 + + Flaischlen, Cäsar + So regnet es sich langsam ein 74 + Hab Sonne 74 + Ich habe Nächte 75 + Einem Kinde 75 + Februarschnee 76 + Ganz still zuweilen 77 + Spruch 77 + + Forbes-Mosse, Irene + Gehen und Bleiben 78 + Eine Widmung 78 + Die fremde Blume 78 + Der Brunnen 79 + Madlena 79 + + Greiner, Leo + Liebe 80 + Unter den Menschen 80 + Leben 81 + Regenabend 81 + Der Schatten 82 + Reise 82 + + Hartleben, Otto Erich + Funkelt dein Auge noch? 83 + Lili 83 + Die jubelnd nie 84 + Ellen 84 + Das welke Blatt 85 + Liebesode 85 + Gesang des Lebens 86 + Im Lande der Torheit 86 + Denkst du daran 87 + Der Abenteurer 87 + Elegie 88 + Kinderköpfchen 88 + + Hasenclever, Walter + Die Todesanzeige 89 + Mein Jüngling, du 90 + Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett 91 + Weiß ich, daß Stunden 91 + Daß von Geheimnissen 92 + 1917 93 + + Hatzfeld, Adolf von + Die letzte Nacht 95 + Grüner Sommer 96 + Frühlingsmond 97 + Abend am See 98 + Du Gott 98 + Der Teich 99 + + Herrmann, Max + Dein Haar hat Lieder 99 + Osterlied 100 + Trostlied der bangen Regennacht 100 + Liebe nur kann ewig sein 101 + + Hesse, Hermann + Der schwarze Ritter 102 + Nach Paul Verlaine 103 + Elisabeth 103 + Die frühe Stunde 104 + Lady Rosa 104 + Fiesole 104 + + Heym, Georg + Die Seefahrer 105 + Alle Landschaften haben 105 + Ophelia I-II 106 + Deine Wimpern, die langen 108 + + Hille, Peter + Maienwind 110 + Brautseele 110 + Waldesstimme 114 + An Gott 115 + Abbild 115 + Prometheus 115 + Abendröte 116 + Selige Grüße 117 + + Hofmannsthal, Hugo von + Vorfrühling 117 + Die Beiden 119 + Ballade des äußeren Lebens 119 + Manche freilich 120 + Terzinen über Vergänglichkeit 121 + Erlebnis 121 + Dein Antlitz 122 + Terzinen 123 + Der Jüngling in der Landschaft 124 + Aus »Der Tod des Tizian« 124 + Aus »Der Abenteurer und die Sängerin« 126 + + Holz, Arno + Ein Abschied 128 + Ninon 129 + Aus »Phantasus« 130 + Vor meinem Fenster 133 + Rote Rosen 133 + In einem Garten 134 + Aus weißen Wolken 134 + + Huch, Ricarda + Sehnsucht 135 + Unersättlich 136 + Du 136 + Heimatlos 137 + Erinnerung 138 + Verstoßen 138 + Herbst 139 + Ankunft im Hades 139 + Liebesreime I-III 140 + + Kurz, Isolde + Südliche Weise 141 + Die erste Nacht 142 + Mädchenliebe 142 + Die Nicht-Gewesenen 143 + + Lasker-Schüler, Else + Wir beide 143 + Mairosen 144 + Chaos 144 + Die Liebe 145 + Liebesflug 146 + Eva 146 + Mein Volk 147 + Mein Liebeslied 147 + Mein Wanderlied 148 + O, meine schmerzliche Lust 148 + Maienregen 149 + Weltende 149 + Mein Liebeslied 150 + + Liliencron, Detlev von + Rückblick 151 + Tod in Ähren 153 + Am Strande 153 + Letzter Gruß 155 + Der Ländler 156 + Wer weiß wo 157 + In einer großen Stadt 158 + Vor Last und Lärm 158 + Weite Aussicht 160 + Erinnerung 161 + Kalter Augusttag I-II 162 + Auf dem Deiche 163 + Sizilianen + Die Insel der Glücklichen 164 + +Souvenir de la Malmaison+ 164 + Sommernacht 164 + Nach der Hühnerjagd 165 + Der Hohenfriedeberger 165 + Einer Toten 165 + Gestorbene Liebe 167 + Der Genius 168 + Die Spinnerin von Sankt Peter 169 + Märztag 170 + Letzter Wunsch 170 + + Loerke, Oskar + Frühlingswille 171 + Nirwana 172 + Hinterhaus 172 + Die graue Melodie 173 + Inbrunst 174 + + Lotz, Ernst Wilhelm + Glanzgesang 174 + Der Schwebende 176 + Hart stoßen sich die Wände 177 + + Mombert, Alfred + Das junge Liebchen 178 + Ich liege 178 + Ja in der Jugend 179 + Nun beugt die Nacht 179 + Wann ich von dir gehe 180 + Auf steilem Felsrücken 180 + Ich möcht' es kosten 180 + Schwindsucht 181 + Trinkend 181 + Im Mondlicht 182 + Da spülst du bunte Muscheln 182 + Zwischen zwei dunklen Wogen 182 + Ich tat große Dinge 183 + Ich lag auf dem Meer 183 + Der Mond betrat 184 + Mich jammerte 184 + Bevor ich 185 + Ich hörte den Wind 185 + Am Saume 186 + An Ufern des Rheins 186 + + Morgenstern, Christian + Erster Schnee 187 + Vöglein Schwermut 187 + Welch ein Schweigen 187 + Das sind die Reden 188 + Das Spinnennetz 188 + Verbannung zur Höhe 189 + Deine Rosen 189 + Der Bach 189 + Christus klagt 190 + Begegnung 191 + + Nietzsche, Friedrich + An den Mistral 192 + Vereinsamt 194 + Zarathustras Lied 195 + Venedig 195 + Sils-Maria 196 + Die Sonne sinkt I-III 196 + + Rilke, Rainer Maria + Ernste Stunde 198 + Die Blinde 199 + Herbst 203 + Der Schauende 203 + Von den Fontänen 205 + Die Entführung 206 + Fragmente aus verlorenen Tagen 207 + Spanische Tänzerin 209 + Der Fremde 210 + + Salus, Hugo + An blauen Frühlingstagen 211 + Im stillen Hafen 211 + Erinnerung 211 + Frühlingsfeier 212 + + Scharf, Ludwig + Begegnis 213 + Blut-Propheten 213 + Gebet eines Selbstmörders 214 + + Schaukal, Richard (von) + Der Fiedler 215 + Kophetua 215 + An die Baronin Colombine 216 + Porträt eines spanischen Infanten 216 + +Pierrot pendu+ 217 + Musset 217 + Kavaliere 218 + Goya 218 + Porträt des Marquis de ... 219 + Der Araber 219 + Spät 220 + + Scheerbart, Paul + Dahin! 220 + Notturno 221 + Tiefernst! 221 + Die große Sehnsucht 221 + + Schickele, René + Der Knabe im Garten 222 + Wenn es Abend wird 222 + Ferne Musik 223 + Erwartung im Garten 224 + Lea 224 + Die Leibwache 224 + + Schlaf, Johannes + Sehnsucht 226 + Hoffnung 226 + Abendgang 227 + Trübes Wetter 227 + Doppelliebe 227 + + Schönaich-Carolath, Prinz Emil von + Albumblatt 228 + Der betrübte Landsknecht 228 + Genrebild 229 + Altes Bild 230 + Künstlerroman 230 + + Scholz, Wilhelm von + In einer Dämmerstunde 231 + Abschied 232 + Heimat 233 + Abendgang 233 + Der Wandrer 234 + Erde 234 + Ich weiß es wohl 234 + Nächtlicher Weg 235 + Am Söller 235 + + Schröder, Rudolf Alexander + Aus den »Liedern an eine Geliebte« + Nun kam der Abend 236 + »Die Lüge« sagst du 237 + Ich habe keine Schmerzen 237 + Ach, noch immer glaube ich 237 + Das Glück ist ein leerer 237 + Sonett an eine Verstorbene 238 + Aus dem Buch "Elysium" + Sie lassen sich am Ufer nieder 238 + Wenn sie wandeln 239 + Leise laß sie ihren Reigen 239 + + Schüler, Gustav + Unterdessen 240 + Mignon 240 + Am Abend 241 + Am Kreuzweg 241 + Was ist das Glück? 242 + + Stadler, Ernst + Reinigung 242 + Vorfrühling 243 + Was waren Frauen 243 + Puppen 244 + Glück 245 + + Sternberg, Leo + Der Wartende 245 + Soviel Lüftchen 246 + Eine plötzliche Stille 246 + Jenseits 247 + + Susman, Margarete + Im Feld ein Mädchen singt 247 + Ich liebe unter allen 248 + So in die still verschneite Nacht 248 + Kein Liebeswort 249 + + Trakl, Georg + Der Herbst des Einsamen 249 + In den Nachmittag geflüstert 250 + Im Park 250 + Landschaft 251 + Sommer 251 + In Venedig 252 + Am Moor 253 + Frühling der Seele 253 + Elis I-II 254 + + Walser, Robert + Morgenstern 256 + Langezeit 256 + Warum auch 257 + Schnee 257 + Im Mondschein 258 + Müdigkeit 258 + Zu philosophisch 258 + Brausen 259 + Und ging 259 + + Wedekind, Frank + Erdgeist 260 + Perversität 260 + Ilse 261 + Der Anarchist 261 + Waldweben 262 + + Werfel, Franz + Wie nichts erkennend 263 + Verzweiflung 263 + Welche Lust auf Erden denn ist süßer 264 + Ein Lebens-Lied 265 + Amore 265 + Alte Dienstboten 266 + Mondlied eines Mädchens 268 + Die Leidenschaftlichen 269 + Die Schwestern von Bozen 270 + Gesang einer Frau 271 + Geheimnis 274 + Was ein jeder sogleich nachsprechen soll 274 + Sein und Treiben 275 + Gebet um Reinheit 275 + Wir nicht 277 + + Wertheimer, Paul + Seelen 278 + Ostsee 278 + Tote Stunde 279 + + Wolfenstein, Alfred + Städter 279 + Tanz I-III 280 + Musik des Kämpfers 282 + Nacht im Dorfe 283 + Fahrt 284 + Die Stirn 285 + + Zech, Paul + Die Häuser haben Augen aufgetan 286 + Bettler im Spätherbst 286 + Dorf im Mittag 287 + Es kam ein Wind 287 + + Zweig, Stefan + Singende Fontäne 288 + Schwüler Abend 290 + + Alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanfänge 292 + + + + +Verzeichnis der Bilder + + + Detlev von Liliencron + Nach einer künstlerischen Photographie von Rudolf Dührkoop, Hamburg + + Max Dauthendey + + Richard Dehmel + + Hugo von Hofmannsthal + + Arno Holz + Photographie A. Binder, Berlin W 15 + + Ricarda Ceconi-Huch + + Else Lasker-Schüler + Atelier Lisi Jessen, Charlottenburg, Bismarckstraße 3 + + Alfred Mombert + + Rainer Maria Rilke + Nach einer Bronzebüste von Fritz Huf (Museum zu Winterthur, Schweiz) + + Franz Werfel + Nach einer künstlerischen Photographie des Ateliers d'Ora, Wien I, + Wipplingerstr. 26 + + + + +Peter Altenberg. + +Geboren am 9. März 1859 zu Wien, wo er den größten Teil seines Lebens +verbrachte und am 8. Januar 1919 starb. + + +Liebesgedicht. + + Ich sah dich den Amseln zärtlich Futter streuen -- + Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen -- + Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen, + Ich sah dich in Gesellschaft unadeliger Menschen erbleichen. + Ich sah dich deine idealen Füße ungeniert nackt zeigen, + Ich sah dich wie eine Fürstin dich edel-stolz verneigen. + Ich sah dich mit deinem geliebten Papagei wie mit einem + Freunde sprechen, + Ich sah dich mit einem Manne wegen eines geringen + Taktfehlers für ewig brechen -- -- --. + Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen, + Ich sah dich der Stille eines Sommerabends lauschen. + Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen, + Ich sah dich traurig stehn vor trüben Gaslaternen. + Ich sah dich dein Leben spinnen wie die Spinne ihr + mysteriöses Gewebe -- -- -- + Ich schlich mich abseits, um dich nicht zu stören. + Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe! + + +Das Bangen. + + Mir bangt um dich, Anna -- -- --. + Weshalb mir bang ist, weiß ich nicht, + Ich weiß nur, daß mir bang ist. + Mir ist bang! + Wie einer Mutter bang ist ohne Grund, + Noch sind sie alle munter und gesund -- -- --! + Und wie dem Schiffer bang ist, bange, bange, + Während die anderen noch lange + Den wolkenlosen Himmel blöd betrachten + Und den Warner ob seiner Weisheit nur verachten. + Mir bangt, wie einem bangt, + Der Kinder auf dem Meer-Sand-Hügel spielen sieht + Und weiß, daß nun die Flut vom Land sie abtrennt -- flieht! + + Mir bangt, wie einem bangt, + Der weiß, er wird gehenkt um sieben Uhr früh. + So, so bangt mir um dich -- -- -- + Du bist _mein Leben_, es bangt mir um _mich_; + Du aber, du gehst deinen Weg von mir, + Nicht bangt vor meinem bangen Bangen dir, + Dem neuen Schicksal treibst du jach entgegen -- -- -- + Und perlt mein Todesschweiß auf deinen Pfad hernieder, + Nimmst du's als Tau auf neuen Morgenwegen! + + +Ljuba. + + Die da nicht kommen an deinen Tisch, + Die sind _klüger_ als ich! + Die schützen sich! + Ich aber, gleich der Motte im Lichte, + Mache meinen Selbsterhaltungstrieb zunichte! + Ich will lieber in Licht und Hitze sterben, + Als gesichert um Anna oder Grete werben! + Die da nicht kommen an deinen Tisch, + Die sind _dümmer_ als ich! + Sie schützen sich! + + +Was kann er für sie tun?!? + + Was kann ich für dich tun?!? + Ich kann auf dem Spaziergang deinen Mantel tragen -- + Ich kann dich, wie du gestern schliefest, fragen -- --. + Ich kann, wenn man dir widerspricht, mit meinem Blicke + sagen: + »Du hast recht, nur du!« + Ich kann, wenn du nicht da bist, bedrückt und kränklich + sein -- -- -- -- + Ich kann vor Glück erbeben, trittst du ein -- --. + Ich kann mein Opernglas dir leihen im Theater + Und Komplimente über seine Tochter machen deinem + Vater. + Ich kann dir süße Mandarinen bringen. + Und manche kleine Aufmerksamkeit wird mir gelingen. + Mein Herz jedoch wird unerbittlich fragen, ohne zu ruhn: + »Was kann ich für sie tun?!?« + + + + +Wilhelm Arent. + +Geboren am 7. März 1864 zu Berlin, wurde Schauspieler und gab, vielfach +unter Pseudonymen, mehr als zwanzig Gedichtbücher heraus. Er ist in +Berlin verstorben. + + +Das Weltgeheimnis. + + Sie fanden ihn -- von düstrer Falte + Durchfurcht die hohe Denkerstirn --, + Schlaff hing die Hand, die marmorkalte, + Verloht die heilige Glut im Hirn; + + Die Augen waren sanft geschlossen -- + Ein Lächeln spielte um den Mund -- + Als hätt' er jede Huld genossen + Und jedes Rätsel wär' ihm kund ... + + +Zwei Glückliche. + + Und sie herzten sich + Und küßten sich + Lange; + Endlich schliefen sie ein. + Lächelnd träumten sie + Arm in Arm, + Bis rauh + Der Morgen kam. + + +Melancholie. + + Meiner Jugend Träume, + Wo seid ihr hin? + Ihr himmlischen Räume, + Wie fern ich euch bin! + + Draußen grünen die Bäume, + Flur in Blüte steht -- + Meine Lieder sind Schäume, + Die der Wind verweht ... + + + + +Peter Baum. + +Geboren am 30. September 1869 zu Elberfeld, lebte als Schriftsteller in +Berlin, fiel in Frankreich im Sommer 1916. -- Gott und die Träume 1901. + + +Grauen. + + Das ist das Furchtbare, + Daß ich oft glaube, + Ich trüge deine Augen und deine Haare. + Daß meine Hände dann hilflos suchen + Ganz wie die deinen + Und meine Lippen mich so verfluchen + Und weinen. + + Jeden Abend überkommst du mich so. + + Zwei ganz gleiche Totenvögel + Fliegen dann über den Kirchhof. + + +Liebespsalmen. + +I. + + Deine Nächte klagen in meine Tage, + Durch mein Träumen rieselt das Blut deiner Füße. + O ich will dir forttrinken alle Tränen, + Ich will dich tragen unter meine Wipfel. + + Meine Wipfel sind kühl und voll Frieden + Und baden sich hoch in tiefen Wassern. + Himmelstiefen tropfen zu uns hernieder, + Aus ewigen Meeren, durch heilige Wipfel. + + Schlummre du tief in meinen Armen! + Meine Augen sind stahlharte Engel; die wachen + Über deinen Frieden. + +II. + + Deine Augen leuchten vor Dunkel, + Und ein spinnendes Weinen + Deiner schwarzen Haare + Über das Leinen. + O dein blasses Gesicht, + Und wie deine schmalen Hände + Über die Kissen suchen --: + Rührendes Stammeln + Eines sprießenden Liedes, + Das blühen möchte. + + Meine Seele sucht mit dir. + +III. + + Wenn die Rosen des Morgens aufstaunen, + Möchte ich zu dir kommen! + Ich brächte deiner Stirne kühlen Tau + Und deinen Lippen Lachen. + + In meinen Nächten schreckt mich deine Einsamkeit; + Schmiege dich tief in die Flügel meiner Seele; + Dunkel rauschten sie über die Meere, + Bis sie zu dir sich fanden. + +IV. + + Wenn die Nacht von dannen geht, + Wollen wir uns aus dunkeln Schalen + Unser Blut reichen. + + Ein Auge wollen wir sein und eine Seele, + Schauernd über der Täler + Brennend klaren Kelchen. + + Siehst du den Morgenwind? Er trägt + Schwebendes Leben von Büschen zu Büschen, + Halm zu Halm. + Sei du mein! -- + + +Nun schweig. + + Nun schweig und fühle, wie die Schatten wehn; + Aus tiefen Himmeln bunte Flammen sinken, + Und schwarze Wolken felsenzackig stehn + Um blanke Dächer, die wie Seen blinken. + Und suche meine Seele nicht; die liegt + In jenem Baum, weit hinterm Sonnenfeuer, + Der sich im Weltall zwischen Sternen wiegt. + + +Der Greis. + + Länder und Seen durchschwommen + Brünstig allen Fernen. + Wittre nun in den Nächten + Nach Ländern über Sternen. + + Als ich ein Kind war, + Glänzte so weit mein Teich, + Hinter jedem Wipfel + Grünte ein Zukunftsreich. + + Stützt zu Berg mich, Söhne, + Dicht in meine Nähe, + Daß ich noch einmal + Die kleine Erde sehe. + + + + +Johannes R. Becher. + +Geboren am 22 Mai 1891 zu München. -- Verfall und Triumph 1914. An +Europa 1916. Päan gegen die Zeit 1918. Das Neue Gedicht 1918. Gedichte +für ein Volk 1919. Gedichte um Lotte 1919. Um Gott 1920. + + +Verfall. + + Unsere Leiber zerfallen, + Graben uns singend ein: + Berauschte Abende wir, + Nachtsturm- und meerverscharrt. + Heißes Blut vertrocknet, + Eitergeschwür verrinnt. + Mund Ohr Auge verhüllet + Schlaf Traum Erde der Wind. + + Gelblich träger Würmer + Enggewundener Gang. + Pochen rollender Stürme. + Wimpern, blutrot lang. + ... »_Bin ich zerbröckelnde Mauer, + Säule am Wegrand, die schweigt? + Oder Baum der Trauer + Über dem Abgrund, geneigt?_« ... + Süßer Geruch der Verwesung, + Raum, Haus, Haupt erfüllend. + Blumen, flatternde Gräser, + Vögel, Lieder quillend. + + »_Ja --, verfaulter Stamm_ ...« + Schimmel. Geächz. Gestöhn. + Unter wimmelnder Himmel Flucht + Furchtbarer Laut ertönt: + Pauke. Tube Gedröhn. + Donner. Wildflammiges Licht. + Zimbel. Schlagender Ton. + Trommelgeschrill. Das zerbricht. -- + + Der ich mich dir, weite Welt, + Hingab, leicht vertrauend, + Sieh, der arme Leib verfällt, + Doch mein Geist die Heimat schaut. + Nacht, dein Schlummer tröstet mich, + Mund ruht tief und Arm. + Heller Tag, du lösest mich + Auf in Unruh ganz und Harm. + + Daß ich keinen Ausweg finde, + Ach, so weh zerteilt! + Blende bald, bald blind und Binde. + Daß kein Kuß mich heilt! + Daß ich keinen Ausweg finde, + Trag wohl ich nur Schuld: + Wildstrom, Blut und Feuerwind, + Schande, Ungeduld. + + Tag, du herbe Bitternis! + Nacht, gib Traum und Rat! + Kot Verzerrung Schnitt und Riß -- + Kühle Lagerstatt ... + Alles muß noch ferne sein, + Fern, o fern von mir -- + Blüh empor im Sternenschein, + Heimat, über mir! + + Einmal werde ich am Wege stehn, + Versonnen, im Anschaun einer großen Stadt. + Umronnen von goldener Winde Wehn. + Licht fällt durch der Wolken Flucht matt. + Verzückte Gestalten, in Weiß gehüllt ... + Meine Hände rühren + An Himmel, golderfüllt, + Sich öffnend gleich Wundertüren. + + Wiesen, Wälder ziehen herauf. + Gewässer sich wälzen. Brücken. + Gewölbe. Endloser Ströme Lauf. + Grauer Gebirge Rücken. + Rotes Gedonner entsetzlich schwillt. + Drachen, Erde speiend. + Aufgerissener Rachen, die Sonne brüllt. + Empörung. Lachen. Geschrei. + + Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack. + Knäuel. Gemetzel weit ... + ... »_Wann erscheinest du, ewiger Tag?_ + Oder hat es noch Zeit? + Wann ertönest du, schallendes Horn, + Schrei du der Meerflut schwer? + Aus Dickicht, Moorgrund, Grab und Dorn + Rufend die Schläfer her?« ... + + +Der Idiot. + + Er schwirrte nächtens durch der großen Städte Flucht. + Das traf ihn schwer. + Auf hohlen Plätzen tosten Glitzer-Feste. + Staubwirbel bliesen ihn durch grünen Abendhimmel + flaches Meer. + Er hockte heulend nachts auf Kuppeln brennender Paläste. + + Und seine Straße warf sich steil empor und schraubte + Sich hoch hinaus bis an vergilbten Mondes Zackenrand, + Wo bog sie um und sprang zum Abendstern, der schnaubte, + Spie Feuer, riß rückwärts sie, daß stöhnend sie sich + niederwand. + + Er schlug: die Augen grün, Schaum dick ums Maul, + Auf heißes Pflaster. Säule ward sein Schrei! + Ganz leise sang ein Droschkengaul -- + Und weiße Schleier wehten dicht vorbei. + + Es stürzten Türme groß und Mauern drob zusammen. + Auf allen Dächern tosten Flammen laut. + Die Dome knieten nieder. Berge schwammen + Zur Stadt herein, von Regenbogen kreuzweis überbaut. + + Da fuhr ein greller Strahl durch sein Gehirn. + Es gellte. Möwenschwärme schreckten auf. + Blütenwälder weiß begruben ihn. + + +Musik des Abschieds. + + Beginn der Klänge zwischen dir und mir! + Uralte Sänge, die mich heiß verfluten -- + Gewühl der Zeiten, die mich weiß zerbluten -- + Geläute. Schweigen zwischen mir und dir. + + O Gräber, Gärten zwischen mir und dir! + Gespannt die Tänzer unsichtbar auf Seilen -- + Traum-Silber-Pflüge, die Eisschollen teilen -- + Die Boten eilen zwischen dir und mir. + + Erbrochene Schlachten. Bunte Völkerwelten. + Die Roten Felsen über Agadir. + Gesprengte Wälder. Heller Tod der Helden ... + O dunkle Sprachen zwischen mir und dir. + + Und sah die Meere durch die Himmel fließen. + Besternte Menschen viel auf Plätzen dicht. + Fluch deiner Finsternis: verkohlte Wiesen. + Die Flöte ruft. Es reift dein Angesicht. + + Und sähe Mägde aus dem Brunnen schöpfen + Krug milden Trankes ... und das blöde Tier + Leckt unvertrieben Honig aus den Töpfen ... + O Fest! O Stunde zwischen dir und mir! + + Dann jagte ich auf unergriffenem Schiffe. + Denn schroffer Sturm verlöschte jede Spur. + Und durchs Gezisch und durchs Gestrüpp der Riffe ... + Und in den Händen eine Muschel nur: + + Zerschellt. Genebel. Schädel. Fäulnis. Und die Feuchte + Gefleckter Sümpfe. Räudiger Rachen Gier -- -- + Ich aber fühlte: Duft und Pracht und Leuchte! + O Nacht des Bundes zwischen dir und mir. + + + + +Hans Bethge. + +Geboren am 9. Januar 1876 zu Dessau in Anhalt. -- Die stillen Inseln, +Die Feste der Jugend, Saitenspiel, Lieder an eine Kunstreiterin. + + +Die Hoffende. + + Mond, alte Blumen und das Lied der Lerche, -- + Sie saß am offenen Fenster, ganz verwirrt, + Der Glanz auf ihren Händen war der Glanz + Des Mondes nicht: er kam aus jungen Augen + Fernher, und Glockenklang und Wiesennebel + Und alte Blumen und das Lied der Lerche, + Das alles war in ihm, sie fühlt' es wohl. + Da lachte sie, verwirrt aufbrausend, und + Sie war so reich! und nun hob sie die Hand + Leis auf und küßte sie: die ganze Lust, + Die ganze Qual, das Leben, alles, alles. + + +Nach Sonnenuntergang. + + Du kamst, erregt vom Sonnenuntergange, + Die Dünen glänzten durch die Abendluft. + Du rührtest mit dem Schritt der Tänzerin + Die gelbe Erde an. Ich saß im Garten, + Und glühnden Herzens fühlt' ich wie du kamst! + + Du kamst! Du kamst! Du tratest in die Pforte + Und rissest eine Rose vom Gesträuch + Und küßtest sie und warfst sie in die Winde + Und flogst an meine Brust und riefest: Sonne! + Und braun und göttlich glänzten deine Schultern, + Und herber Duft des Meeres hing an dir. + + +An eine Kunstreiterin. + +I. + + Wie eine Blume, drüberhin der Lenz- + Wind geht; wie eine Tänzerin, die rastend + Das Echo noch des Rhythmus in sich fühlt, + Der sie entzückte, und ihm ohne Willen + Nachgibt: so hockst du vor mir im Gemach, + Und Duft der Hengste schwebt noch um dein Haar + Und in den Augen noch der Glanz der Lichter, + Und deine Hand fährt über meine Knie, + Liebkosend, träumend, so als streife sie + An eine Welt, mit der sie nichts verbindet, + Und die ihr fern ist wie das Einst und Nie. + +II. + + Du bist der schönste + Gedanke des Frühlings. + + Du bist der süßeste Hauch, + Der am Abend mich anweht. + + Du bist die wilde Verzweiflung + Aller, die dich lieben. + + Ach, du hast in finstere Nacht + Auch mich gehüllt. + + Wer bist du? + + Du bist der süßeste Hauch, + Der am Abend mich anweht. + +III. + + Deine feinen Hände + Greifen den Atem der Rosen, die dich lieben. + + An deinen feinen Brüsten + Hängt der Abend in Glanz und Demut. + + Aus deinen verdunkelten Augen + Weht Kühle mich an. + + Die Kühle deines Herzens weht mich an + Aus deinen Augen bei Abend. + + +Wir wehen ... + + Wir wehen durch die Lüfte, + Grau wie Regen weht, + Zart wie Düfte der Blumen, + Bang wie der Flöte Lied. + + Wehen mit Eile, sinken + Nieder in einem Feld, + Abend hüllt kühl uns ein, + Nacht ist so märchenschön. + + Manche erheben wieder + Ihre Flügel, wehen + Weiter, düstere Wolken + Oder Gerüche der Flur. + + Andere bleiben liegen + In den Hainen und Gärten, + Werden Erde und Halme, + Spielend im Frühlingshauch. + + Hörst du ein Seufzen im Abend? + Und ein Lachen im Wind. + Wer da wehte vorüber + Ach -- und wohin? wohin? + + +Vision. + + Im Schimmer des Mondes standest aufrecht du, + Erzitternd gleich dem jungen Laub der Birken. + Du hobst den Arm, du dehntest die Brust, du standst + Auf den verwilderten Gärten, ein Traumgebild + Der Lenznacht, lockend, schwankend, verführerisch -- + Bis daß der Nebel stieg von den Wiesen her + Und du auslöschtest, so wie ein Lied auslöscht, + Und rings lag öde, schmachtende Finsternis, + Und Weinen war im Gezweig, und alle Blumen + Riefen nach dir, o Mondenhauch! + + +Hinschlendern. + + Traumhaft hinschlendern, ach, um kein Wohin + Besorgt sein, das Woher ist schon vergessen, + Ein Gruß den Mädchen mit den edlen Busen, + Ein Gruß dem Wein, den Blumen und dem Mond, + Ein stiller Gruß den Kranken und Zerwühlten, + Hinschlendern, traumhaft, Licht einatmen, lauschen + Den Wolken und dem Winde und dem Meer, + Und schlafen, schlafen ... Und in lindem Traume + Entgleitet alles, und die schönste Stunde + Wird aschfahl, wenn sie auch aus Rosen kam. + + +Dasein. + + Mond und Liebe und dann + Ein Schluck Wein ab und an + Und dann -- + Herz, warum so trübe? + + Und dann + Mond und dann Wein + Und Liebe, -- herbsttrübe + Verrinnt das Sein. + + Aber manchmal aufglüht + Ein berauschender Funken, + Dann taumeln wir trunken, + Bis der Funken versprüht. + + Dann das alte Lied: + + Mond und Liebe und dann + Ein Schluck Wein ab und an. + + + + +Otto Julius Bierbaum. + +Geboren am 28. Juni 1865 zu Grünberg in Schlesien, absolvierte das +Gymnasium in Wurzen, besuchte die Universitäten Zürich, Leipzig, Berlin, +München, war Redakteur der »Neuen deutschen Rundschau«, des »Pan« und +der »Insel« und lebte zuletzt in Dresden, wo er am 1. Februar 1910 +starb. -- Erlebte Gedichte 1892. Nemt, Frouwe, disen Kranz 1894. +Irrgarten der Liebe 1901. Das seidene Buch 1903. Maultrommel und Flöte +1907. + + +Tanzlied. + + Es ist ein Reihen geschlungen, + Ein Reihen auf dem grünen Plan, + Und ist ein Lied gesungen, + Das hebt mit Sehnen an, + + Mit Sehnen, also süße, + Daß Weinen sich mit Lachen paart: + Hebt, hebt im Tanz die Füße + Auf lenzeliche Art! + + + [Illustration: Max Dauthendey] + + +Freundliche Vision. + + Nicht im Schlafe hab' ich das geträumt, + Hell am Tage sah ich's schön vor mir: + Eine Wiese voller Margeriten; + Tief ein weißes Haus in grünen Büschen; + Götterbilder leuchten aus dem Laube. + Und ich geh' mit Einer, die mich lieb hat, + Ruhigen Gemütes in die Kühle + Dieses weißen Hauses, in den Frieden, + Der voll Schönheit wartet, daß wir kommen. + + +Die Kranke. + + Ich fühle keinen Schmerz und bin doch krank; + Mir ist die Kraft genommen, ich bin leer. + Ich lebe ab, so wie ein Rad abläuft, + Das von der Feder, die es trieb und hielt, + Gelöst ward. -- Ach, sie pflegen mich so lieb, + Und dennoch weiß ich's, balde ist's vorbei. + Und bin nicht traurig. Ruhe wird mein Teil. + Ich werde ruhig blühn in leichtem Wind, + Wie meine Blumen, die im Garten sind. + + +Im Wirbel fort. + + Moosgrün aus Samt ein Band im blonden Haar. + Ein Färblein rosarot dazwischen war, + Das ganze Kind war ganze sechzehn Jahr, + Und es war Mai. + + So kam's, daß uns mit Strahlen flitterfein + Umfädelte der sanfte Sonnenschein; + Die Knospe sprang, ach Gott, es war im Mai'n. + Die Knospe sprang. + + Ich hätte gern in Treuen sie gehegt, + Ich hätte gern sie mir ans Herz gelegt, + Da hat ein Wind sie wirbelnd weggefegt. + Wem blüht sie nun? + + +Gigerlette. + + Fräulein Gigerlette + Lud mich ein zum Tee, + Ihre Toilette + War gestimmt auf Schnee; + Ganz wie Pierrette + War sie angetan. + Selbst ein Mönch, ich wette, + Sähe Gigerlette + Wohlgefällig an. + + War ein rotes Zimmer, + Drin sie mich empfing, + Gelber Kerzenschimmer + In dem Raume hing. + Und sie war wie immer + Leben und Esprit. + Nie vergess' ich's, nimmer: + Weinrot war das Zimmer, + Blütenweiß war sie. + + Und im Trab mit Vieren + Fuhren wir zu zweit + In das Land spazieren, + Das heißt Heiterkeit. + Daß wir nicht verlieren + Zügel, Ziel und Lauf, + Saß bei dem Kutschieren + Mit den heißen Vieren + Amor hinten auf. + + +Traum durch die Dämmerung. + + Weite Wiesen im Dämmergrau! + Die Sonne verglomm, die Sterne ziehn: + Nun geh' ich zu der schönsten Frau, + Weit über Wiesen im Dämmergrau, + Tief in den Busch von Jasmin. + + Durch Dämmergrau in der Liebe Land; + Ich gehe nicht schnell, ich eile nicht; + Mich zieht ein weiches, samtenes Band + Durch Dämmergrau in der Liebe Land, + In ein blaues, mildes Licht. + + +Jeannette. + + Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank, + Und mittendrin ein Mädel schlank, + Meine lustige, liebe Jeannette. + Braune Augen hat sie, wunderbar, + In wilden Ringeln hellbraunes Haar, + Kirschroter Lippen ein schwellend Paar, -- + Jeannette! Jeannette! + + Am Fensterbrett ein Efeu steht, + Durchs grüne Geranke die Liebe späht, + Meine lustige, liebe Jeannette. + Türe auf! Da liegt mir am Halse das Kind. + Alleine wir beiden, es singt der Wind + Das Lied von zweien, die selig sind, -- + Jeannette! Jeannette! + + +Die schwarze Laute. + + Aus dem Rosenstocke + Vom Grabe des Christ + Eine schwarze Laute + Gebauet ist; + Der wurden grüne Reben + Zu Saiten + Gegeben. + O wehe du, wie selig sang, + So erossüß, so jesusbang, + Die schwarze Rosenlaute. + + Ich hörte sie singen + In mailichter Nacht, + Da bin ich zur Liebe + In Schmerzen erwacht, + Da wurde meinem Leben + Die Sehnsucht + Gegeben. + O wehe du, wie selig sang, + So jesussüß, so erosbang, + Die schwarze Rosenlaute. + + +Oft in der stillen Nacht. + + Oft in der stillen Nacht, + Wenn zag der Atem geht + Und sichelblank der Mond + Am schwarzen Himmel steht, + + Wenn alles ruhig ist + Und kein Begehren schreit, + Führt meine Seele mich + In Kindeslande weit. + + Dann seh' ich, wie ich schritt + Unfest mit Füßen klein, + Und seh' mein Kindesaug' + Und seh' die Hände mein, + + Und höre meinen Mund, + Wie lauter klar er sprach, + Und senke meinen Kopf + Und denk' mein Leben nach: + + Bist du, bist du allweg + Gegangen also rein, + Wie du gegangen bist + Auf Kindesfüßen klein? + + Hast du, hast du allweg + Gesprochen also klar, + Wie einsten deines Munds + Lautleise Stimme war? + + Sahst du, sahst du allweg + So klar ins Angesicht + Der Sonne, wie dereinst + Der Kindesaugen Licht? + + Ich blicke, Sichel, auf + Zu deiner weißen Pracht; + Tief, tief bin ich betrübt + Oft in der stillen Nacht. + + + + +Emanuel von Bodman. + +Geboren am 23. Januar 1874 zu Friedrichshafen am Bodensee. -- Erde 1896. +Neue Lieder 1902. Der Wanderer und der Weg 1908. + + +Der Garten. + + Das rote Weinlaub hängt von Sonne voll, + Ich trete ohne Schmerz in deinen Garten, + Nach langer Zeit. Auf dieser Holzbank schwoll + Einst unser junges Sehnen, und wir starrten + In manche blaue Nacht. Nun bist du tot + Drei bunte Jahre. Die Kastanien fallen. + Nun ist mir, fühle ich ihr braunes Rot, + Es müßten deine leichten Tritte hallen. + Noch fließt der alte Tropfsteinquell so klar, + Und mächtig drückt mich eine süße Schwere, + Als ob der irre Duft von deinem Haar + Noch irgendwo in diesen Büschen wäre. + + +Meine Mutter ... + + Meine Mutter sang + Über meine Wiege, + Bis zu Flur und Stiege + Flog der süße Klang. + + Meine Mutter wand + Garn im Sonnenscheine, + Und sie hatte eine + Zarte weiße Hand. + + Mutter war sehr schön, + Hör' ich alle sagen, + Und ich will nicht klagen, + Daß ich's nicht gesehn. + + +Flocken. + + Leise, leise fallen weiße Flocken, + Fall'n wie einstens, als dein Fuß mit Beben + In mein Haus trat, als ich hell erschrocken + Ahnte, daß ein Wunder sich begeben ... + + Als der Nachthauch unsre Pulse kühlte, + Droben lichte Kinderstimmen klangen ... + Als ich deine schauernden Arme fühlte, + Die so einzig meinen Hals umschlangen ... + + Als ein trunkner Schrei aus meiner Kehle + Fuhr, der lang' in meinem Haus gewaltet ... + Als zum ersten Male deine Seele + Ihre Zitterflügel froh entfaltet ... + + +Wandlung. + + Das Leben, glaubte ich, sei rot von Rosen, + Man brauche nur in sein Gestrüpp zu greifen, + Um hunderte an einem Tag zu streifen ... + Wohl griff ich Rosen, mehr noch Herbstzeitlosen. + + Die Wünsche warf ich weg; sie narrn mich nimmer. + Ist so mein Herz um manche Hoffnung leerer, + Ist es dafür um eine Weisheit schwerer, + Und mich belebt ein heller, harter Schimmer. + + Ich blicke kälter. Doch: schenkt mir im Wandern + Das Leben plötzlich eine Rose wieder, + Dann blicke ich wie trunken auf sie nieder: + Sie glänzt ja röter als die hundert andern. + + + + +Walter Calé. + +Geboren am 8. Dezember 1881 zu Berlin. Gestorben ebenda am 3. November +1904. -- Nachgelassene Schriften 1907. + + +Wir tauchten aus dem Strom ... + + Wir tauchten aus dem Strom, der jenseit fließt, + Und wo wir eines waren willenlos, + Und wandeln nun für eine kurze Weile + In argen Fesseln unter Raum und Stunden, + Wir gehen Wege, welche weit getrennt sind, + Und nur mit Blicken, welche trösten sollen, + Von fern uns winkend -- eine kurze Weile, + Bis daß wir wieder zu dem Strome tauchen + Und wieder eines sind und willenlos. + + +Der Tod wird uns ... + + Der Tod wird uns an seine Hände nehmen, + Ein Führer jener Seelen, welche irrten, + Und sprechen: »Dieses ist der rechte Weg!« + Und weiter sprechen: »Dieses ist das Land, + Nach welchem ihr Verlangen habt und Tränen.« + Dann aber werden wir die Blicke senken + Und voller Trauer fragen: »Dieses nur?« + + +Es rinnen rote Quellen ... + + Es rinnen rote Quellen + Um mein gesegnet Haus; + Es tränkt ein schwarzer Reiter + Sein schwarzes Roß daraus. + + Er lehnt schon hundert Jahre + Vor meinem runden Tor; + Die Zeit wird ihm nicht lange, + Ich komme nie hervor. + + Es braucht nur dreier Schritte, + So kann ich bei ihm stehn, + So kann ich mit ihm reiten, + Wie meine Wünsche gehn. + + Das ist so schön zu wissen! + Ich sag' es tausendmal: + »Es wartet einer draußen!« + Und bleibe doch im Saal. + + Der Reiter schläft im Schatten, + Sein Panzerhemd blinkt gut; + Dem Rappen ist sehr schläfrig, + Mir ist sehr froh zumut! + + +Zwiegespräch. + + Der Sänger: + Die andern sprachen deinem Herzen vieles, + Nur meine Lippen blieben stumm, vergib, + Vor lauter Seligkeiten, da du kamest. + + Beatrix: + Du irrest, Bruder, und ich hörte dich! + + Der Sänger: + Ich irre nicht, die Lippen blieben stumm, + Vor lauter Seligkeiten ohne Worte. + + Beatrix: + Du irrest, Bruder, und ich hörte dich: + Die Lippen nicht, ich hörte deine Seele. + + Der Sänger: + Ich irre nicht, die Seele blieb verstummt, + Und keine Worte kamen von der Seele. + + Beatrix: + Du irrest, Bruder, und ich hörte dich, + Ich hörte deine stumme Seele singen. + + +Du träumtest ... + + Du träumtest dieses Lebens Wirren ferne, + Und durch den Traum nur drang ein Laut der Erde + Und kam und ging gleich einem Wanderer, + Von dessen Schritte nachts die Straßen hallen, + Der deinem Fenster so vorübergeht, + Daß nur ein Hallen dir von ihm bekannt, + Sein Antlitz nicht und seines Leibes Wuchs + Und seine Seele nicht und seine Stimme; + Er geht vorüber, und der Schritt verhallt, + Auf deinem Lager horchst du eine Weile: + »Wer ging vorüber ..?« -- Dann entschlummerst du. + + +Der Heimweg führte mich ... + + Der Heimweg führte mich in dieser Nacht + Zum Parke, welcher voller Stille lag, + Und viele dürre Blätter raschelten. + Und zwischen zweien hohen dunkeln Stämmen + Erschien es mir und war mir wohlbekannt + Und weinte auch und nickt' und lockte sehr; + Doch als der Wind ein wenig lauter klagte, + Zerrann es ... + + +Am Flusse. + + Trauernd stehst du an des Flusses Rande, + Trauernd führt mein Weg am andern Ufer: + Keiner weiß, ob ihn der andre riefe; + Allzu heftig rauschen die Gewässer. + + Wollen wir ein Boot vom Strande ketten, + Du vom rechten, ich vom linken Strande? + Wollen wir dann in des Stromes Mitte + Leichten Ruderschlages uns begrüßen? + + Wollen wir die Wasser abwärts gleiten, + Boot an Boot, und nur gelinde lächelnd, + Bis das Meer in großem Glanz sich auftut + Und wir stehn und beide weinen müssen? + + +Und abermals wirst du ... + + Und abermals wirst du geboren werden + Auf andern Sternen, deiner selbst nicht kundig, + Und wirst die Wege gehen allen Lebens, + In Schmerzen bald und manches Mal in Lächeln. + Doch steigt aus Dämmerungen einer Nacht + Gleichwie aus Schächten, die verschüttet sind, + Ein Bildnis auf, ein Schatten und ein Ruf, + So wisse du: Der Bruder ruft nach dir, + Der abermals dem Tode sich entrang + Gleich dir und abermals das Leben wandelt + Auf andern Sternen fern und trauervoll. + + +Die Andern. + + Wir haben wohl ein Lachen um die Lippen + Und gehen gleichen Mutes durch das Leben, + Und ihr in Tränen und Erschütterung; + Und eines Tages ist es dann geschehen: + Als eure Tränen immer heißer strömten, + Die müden Häupter immer tiefer sanken, + Da waren euch die Schwingen längst gewachsen, + Da waret ihr im Äther längst entschwunden, + Da wußten wir und brannten allzu wissend: + Daß Glückes mehr in euern Tränen sei + Als in dem Lachen unsrer armen Seele. + + + + +Hermann Conradi. + +Geboren am 12. Juli 1862 zu Jeßnitz in Anhalt, studierte in Berlin, +Leipzig und Würzburg besonders Philosophie und Germanistik und starb in +Würzburg am 8. März 1890. -- Lieder eines Sünders 1887. + + +Aus den »Schwarzen Blättern«. + +XIII. + + Ich weiß -- ich weiß: Nur wie ein Meteor, + Das flammend kam, jach sich in Nacht verlor, + Werd' ich durch unsre Dichtung streifen! + Die Laute rauscht. Es jauchzt wie Sturmgesang, -- + Wie Südwind kost -- es gellt wie Trommelklang + Mein Lied und wird in alle Herzen greifen ... + + Dann bebt's jäh aus in schriller Dissonanz ... + Die Blüten sind verdorrt, versprüht der Glanz -- + Es streicht der Abendwind durch die Zypressen ... + Nur wenige weinen ... Sie verstummen bald. + Was ich geträumt: sie geben ihm Gestalt -- + Ich aber werde bald vergessen ... + +IV. + + Im Sklavendienst der Lüge + Hab' ich den Tag verbracht ... + Nun hat den Gnadenschleier leis + Herabgesenkt die Nacht. + + Es schweigt verträumt die Runde, + Nur raunend der Nachtwind rauscht -- + Ich aber mit brennendem Munde + Habe Stunde um Stunde + Mit Geistern aus nächtigem Grunde + Wilde Zwiesprach' getauscht! + + Hei! Wie er mich umflattert, + Der Geister toller Schwarm! + Wie er mich preßt mit dunkler Lust + In seinen Riesenarm! + Wie Frage er auf Frage + In meine Seele schreit! + Und ob ich bang verzage, + Die Brust mir blutig schlage + Und bete, daß es tage: + Wie ist der Tag so weit! + + +Sommerrosen. + + Ich wollte dich mit Rosen überschütten, + Mit roten Rosen dein goldbraunes Haar + Und deines Mieders Knospenrundung schmücken ... + + Als noch der Lenz mit süßem Veilchenodem, + Ein milder Sieger, durch die Lande schritt, + Sprach ich zu dir: Geliebte! Hat sein Mund + Mit letztem heißem Abschiedskuß die Rose, + Die rote Sommerrose, aufgebrochen, + Dann will ich zu dir kommen und mit Rosen, + Mit roten Rosen deine Schönheit krönen ... + + Nun kam der Sommer ... Und der Rosen Fülle + Seh' ich allorts und alle Stunden blühn ... + Die ganze Welt scheint ihrer Macht verfallen, + Und ihre Keusche wirbt Vasallen um Vasallen ... + Selbst einen Bettler sah ich heute lächeln, + Als sein vertränter Blick von ungefähr + Auf einen Korb mit roten Rosen fiel ... + + Ich kauf' sie in der ganzen Stadt zusammen + Und schütte sie auf tote Liebesflammen ... + -- -- -- + Nun schmückt ein andrer wohl dein Knospenmieder, + Und morgen wohl begegne ich euch beiden ... + Ich blick' euch lächelnd nach ... + Und denke ganz aus Zufall + Bei der Gelegenheit an einen Frühlingstag, + Da wir uns sahn ... Am Abend dann + Schlug uns die Nachtigall in ihren Bann, + Umduftete uns süß der Flieder ... + + Wir aber liebten uns ... + -- -- -- + + +Lenz. + + Wie ich mich auf den Frühling freue! + Wie mir das Alte und doch so Neue + Schon im tiefsten Winter die Seele bewegt! + Noch ist's erst Weihnacht! Noch atmet der Winter + Aus vollen Lungen! + Und doch ist's mir, als ob schon dahinter + Sehnsuchtsbezwungen + Leise, ganz leise der Lenz sich regt ... + + +Mein Blick, nun weide dich ... + + Mein Blick, nun weide dich zum letztenmal + An dieses Frühlings satter Blütenfülle! + Voll Inbrunst sauge dieser Sonne Strahl -- + Mein Herz, sei stille! ... + + Erschweig bewundernd vor dem Werdedrang! + Was dich erfüllt, den Winden gib's zum Raube! ... + Ob dir der Hoffnung goldnes Sieb zersprang -- + Dir blieb der Glaube! ... + + O glaube eine winzige Weile nur, + Daß diese Botschaft auch für dich gebracht ward! + Umfaß noch einmal trunken die Natur, + Bevor es Nacht ward! ... + + Auf meinen Scheitel streut der Frühlingswind + Mattweiße Blüten -- eine letzte Krönung -- -- -- + Ich bin so fromm und heiter wie ein Kind ... + Und voll Versöhnung ... + + +Die müde schon verglühte ... + + Die müde schon verglühte, + Die leise schon verklang, + Jach ist sie wieder aufgeflammt + In jauchzendem Gesang! + Wie Zimbelton, wie Lautenschlag + Ward meine Liebe wieder wach, + Die müde schon verglühte, + Die leise schon verklang ... + + Und heller tönt ihr Rauschen, + Wie junger Frühlingswind, + Wenn er in heißem Schöpferdrang + Die Welt dem Licht gewinnt! + Und das Prophetenwort erläßt, + Daß nun der Menschheit Osterfest -- + Ja! Heller tönt ihr Rauschen, + Wie junger Frühlingswind! + + Und wie durch Nebelschleier + Die Sonne siegreich bricht, + Der jungen Flur ein goldnes Band + Ums Lockenantlitz flicht: + So überglänzt mit Purpurschein + Die Liebe nun mein ganzes Sein, + Gießt goldne Feuer nieder + Und wirbt um neue Lieder ... + + Und nah und ferne quellen + Blitzende Wellen empor + An meinem Lebenshorizont + Aus Dunst und Wolkenflor! + Gedanken, die mir nie genaht, + Und Pfade, die ich nie betrat, + Entsteigen verborgenen Gründen, + Heilige Kraft zu entzünden! + + Die leise schon verklungen, + Die müde schon verglüht: + Wild ist sie wieder aufgeflammt, + Im Lenzsturm stark erblüht! + Und lag ich nieder staubbedeckt, + So hab' ich mich nun aufgereckt, + Und die Gedanken schweifen + In großem Weltbegreifen! + + +Im Vorüberfluge. + + Mit metallhartem Rotgelb + Hat sich des Himmels + Westliche Wölbung beflammt. + + Mein Auge starrt staunend + In die leuchtende Blende, + Die wachsend fortglüht, + Als sei nimmer ihr Ende + Die lichtlose Nacht ... + + Da streift die brennende + Lichtwand ein Fittich -- + Der nachtschwarze Fittich + Eines Dämmerungsvogels ... + Eine kleine Spanne -- + Und die Weite verschlang ihn. + + Also trägt auch der Mensch + Mit schwankem Fittich + Sein zwielichtbefangenes Sein + Vorüber an der stetig leuchtenden + Kristallwand der Ewigkeit ... + + Er huscht dahin + Ein Traum -- ein Wahn -- + Auf schmaler Bahn -- + So bald -- so bald + Raubt seiner Gestalt + Schattengefüge + Des Nichtseins + Farblose Wahrheitslüge. + + Aber im Fluge -- + Im Vorüberfluge -- + Ahnt er das Rätsel + Der stetig und still + In sattem Glanze + Fortdauernden Ewigkeit ... + + + + +Theodor Däubler. + +Geboren am 17. August 1876 zu Triest. -- Das Nordlicht 1910. Der +sternhelle Weg 1915. Hymne an Italien 1916. Das Sternenkind 1917. + + +Weg. + + Mit dem Monde will ich wandeln: + Schlangenwege über Berge + Führen Träume, bringen Schritte + Durch den Wald dem Monde zu. + + Durch Zypressen staunt er plötzlich, + Daß ich ihm entgegengeh, + Aus dem Ölbaum blaut er lächelnd, + Wenn mich's friedlich talwärts zieht. + + Schlangenwege durch die Wälder + Bringen mich zum Silbersee: + Nur ein Nachen auf dem Wasser, + Heilig oben unser Mond. + + Schlangenwege durch die Wälder + Führen mich zu einem Berg. + Oben steht der Mond und wartet, + Und ich steige leicht empor. + + +Die Buche. + + Die Buche sagt: Mein Walten bleibt das Laub. + Ich bin kein Baum mit sprechenden Gedanken, + Mein Ausdruck wird ein Ästeüberranken, + Ich bin das Laub, die Krone überm Staub. + + Dem warmen Aufruf mag ich rasch vertraun + Ich fang im Frühling selig an zu reden, + Ich wende mich in schlichter Art an jeden: + Du staunst, denn ich beginne rostigbraun! + + Mein Waldgehaben zeigt sich sommerfroh. + Ich will, daß Nebel sich um Äste legen, + Ich mag das Naß, ich selber bin der Regen. + Die Hitze stirbt: ich grüne lichterloh! + + Die Winterspflicht erfüll' ich ernst und grau. + Doch schütt' ich erst den Herbst aus meinem Wesen. + Er ist noch niemals ohne mich gewesen. + Da werd' ich Teppich, sammetrote Au. + + +Die Droschke. + + Ein Wagen steht vor einer finstern Schenke. + Das viele Mondlicht wird dem Pferd zu schwer. + Die Droschke und die Gassenflucht sind leer; + Oft stampft das Tier, daß seiner wer gedenke. + + Es halten diese Mähre halb nur die Gelenke, + Denn an der Deichsel hängt sie immer mehr. + Sie baumelt mit dem Kopfe hin und her, + Daß sie zum Warten sich zusammenrenke. + + Aus ihrem Traume scheucht sie das Gezänke + Und oft das geile Lachen aus der Schenke. + Da macht sie einen Schritt, zur Fahrt bereit. + + Dann meint sie schlafhaft, daß sie heimwärts lenke + Und hängt sich an sich selbst aus Schläfrigkeit, + Noch einmal poltern da die Droschkenbänke. + + +Heidentum. + + Ich möchte wandern. Nackt verschwinden, schwimmen. + Stets weiterschwimmen, Frauen treffen, minnen. + Mich geben wie das Wasser: abwärtsrinnen. + Die Flut befragen. Schwimmend immer weiter klimmen. + + Im weichen Wasser wohnen Wunderstimmen. + Sie wollen mich für ihre Glut gewinnen. + Sie sind im Nebel. Noch im Tropfen drinnen. + Ganz innen kann auch kaltes Wasser glimmen. + + Die Wellen wollen sich in mich verlieben. + Wer ist bei mir geheimnisvoll zugegen? + Nur wir! wenn alle Wünsche leicht zerstieben. + + Ich will mich in der Flut zur Ruhe legen, + Die Wellen tragen meine Kunden weiter: + Selbst alle Schwermut überschäumt sich heiter. + + +Die Russin. + + Ich sah sie einst. Sie stand auf dem Mondlichtbalkone. + Der Frühling verblühte in Beeten und Töpfen. + Ihr goldenes Haar, eine luftige Krone, + Verrankte, verlor sich in offenen Zöpfen. + + Ihr griechisches Doppelkreuz grüßte die Brüste, + Die immer zum Kreuz hinan wogten und wallten, + Als ob es die Seele sanft wachhalten müßte. + Der Mondschimmer kam, ihren Traum zu erhalten. + + Bald lachten die Sicheln fast männlicher Zähne. + Sie glänzten hinaus zu den horchenden Sternen. + Es trug schon die Nacht ihre feurige Mähne, + Sie schwang sich als Stute durch Steppen und Fernen. + + Die Augen der Russin vermuteten Meere. + Sie regten sich stets in der furchtbaren Stille. + Es nahte ein Augenblick schrecklicher Leere, + Doch unentwegt zuckte die goldne Pupille. + + Dann schenkte die Ebne sich kühlende Winde. + Die Russin erwachte und spürte die Kälte. + Zitternd zerband sie die Fenstergewinde, + Versperrte sich, schwand. Und ein ferner Hund bellte. + + + + +Max Dauthendey. + +Geboren am 25. Juli 1867 zu Würzburg, gestorben im Herbst 1918 auf Java. +-- Reliquien 1900. Singsangbuch 1907. Insichversunkene Lieder im Laub +1908. Der weiße Schlaf 1909. Lusamgärtlein 1909. Weltspuk 1910. Des +großen Krieges Not 1915. + + +Laß mich in deinem stillen Auge ... + + Laß mich in deinem stillen Auge ruhen, + Dein Auge ist der stillste Fleck auf Erden. + + Es liegt sich gut in deinem dunkeln Blick, + Dein Blick ist gütig wie der weiche Abend. + + Vom dunkeln Horizont der Erde + Ist nur ein Schritt hinüber in den Himmel, + In deinem Auge endet meine Erde. + + +Graue Engel ... + + Graue Engel gehen um mich, + Sehen trauernd auf dich, meine Seele, + Sie stehen mit lahmen Flügeln + An Aschenhügeln und sinnen; + Draußen und drinnen ist es Abend, meine Seele. + + +Am süßen lila Kleefeld ... + + Am süßen lila Kleefeld vorbei, + Zu den Tannen, den zwei, + Mit der Bank inmitten, + Dort zieht wie ein weicher Flötenlaut + Der sanfte Fjord, + Blau im Schilfgrün ausgeschnitten. + + Gib mir die Hand. + Die beiden Tannen stehen so still, + Ich will dir sagen, + Was die Stille rings verschweigen will. + Gib mir die Hand ... + Gib mir in deiner Hand dein Herz. + + +Winde quälen die Bäume ... + + Winde quälen die Bäume, + Die Blätter frieren und gilben. + + Menschen, noch braun die Sommerwangen, + Aber die Lippen sangen die letzten Silben. + Bald ist das Lied zergangen. + + +Die Amseln haben ... + + Die Amseln haben Sonne getrunken, + Aus allen Gärten strahlen die Lieder, + In allen Herzen nisten die Amseln, + Und alle Herzen werden zu Gärten + Und blühen wieder. + + Nun wachsen der Erde die großen Flügel, + Und allen Träumen neues Gefieder, + Alle Menschen werden wie Vögel + Und bauen Nester im Blauen. + + Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge, + Und rauschen Gesänge zur hohen Sonne, + In allen Seelen badet die Sonne, + Alle Wasser stehen in Flammen, + Frühling bringt Wasser und Feuer + Liebend zusammen. + + +Die Luft so schwer ... + + Die Luft so schwer, + Wolken stehen weiß und still, + Der Himmel hohl und aschenleer, + Ein Rabenschrei --, + Und kreischt vorbei. + Die Bäume stehen kalt umher, + Es ist, als ob das letzte Herz gestorben sei. + + +Auf deinem Haupt ... + + Auf deinem Haupt schmolz eine goldenrote Krone, + Davon glüht nun dein Haar so goldenrot und stolz. + Aus deinen Augen zieht das stille herbe Lied + Der tiefen ungeweinten Tränen. + + Schliefen denn niemals Sonnenstrahlen auf deinen Lippen? + Man könnte wähnen, + Du habest nie dich selbst gesehn, + So arm bist du. + + +In deinem Angesicht ... + + In deinem Angesicht + Schwebt Stille. + Stille, welche in sommerschweren Wäldern lebt, + Auf abendblauem Berge, + Und im Blumenkelche. + Eine Stille, warm und licht, + Die ohne Laut vornehme Laute spricht. + + +Unsere Augen ... + + Unsere Augen so leer, + Unsere Küsse so welk, + Wir weinen und schweigen, + Unsere Herzen schlagen nicht mehr. + + Die Schwalben sammeln sich draußen am Meer + Die Schwalben scheiden, + Sie kommen wieder, + Aber nie mehr uns beiden. + + +Stille weht ... + + Stille weht in das Haus, + Fühlst du den Atem des Mondes, + Löse dein Haar, + Lege dein Haupt in den Blauschein hinaus. + Hörst du, das Meer unten am Strand + Wirft die Schätze ans Land; + Sonst wuchsen im Mond Wünsche, ein Heer, + Seit ich dein Auge gesehn, ist die Mondnacht wunschleer. + + +Die Sommernacht ... + + Die Sommernacht, und andachtvoll der dunkle Garten + Und schwer zufrieden mit den reichen Bäumen. + Derselbe Mond, der all die großen Bäume klein gesehen, + Vor dem die dunkeln Blätter staunend glänzen, + Unwissend stumm gekommen, unwissend stumm vergehen. + + Der dunkle Garten, draus ein kalter Atem weht, + Sehr kühl vom kaltgewordnen Schweiß der Erde. + Und immer kommt und geht darin der Mond + Und wird nicht müde, nie, und kommt und geht. + Doch auszudenken, daß wir müde einst + Für immer gehn, unwissend mit uns selbst. + + +Drinnen im Strauß. + + Der Abendhimmel leuchtet wie ein Blumenstrauß, + Wie rosige Wicken und rosa Klee sehen die Wolken aus. + Den Strauß umschließen die grünen Bäume und Wiesen, + Und leicht schwebt über der goldenen Helle + Des Mondes Sichel wie eine silberne Libelle. + Die Menschen aber gehen versunken tief drinnen im Strauß, + Wie die Käfer trunken, und finden nicht mehr heraus. + + +Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein. + + Ich möchte mir Freuden wie aus roten Steinbrüchen brechen, + Möchte Brücken schlagen tief in die Wolken hinein; + Möchte mit Bergen sprechen wie Glocken in hohen Türmen, + Wie Laubbäume ragen und mit den Frühlingen stürmen + Und wie ein dunkler Strom der Ufer Schattenwelt tragen. + Fiel gern als Abenddunkel in alle Gassen hinein, + Drinnen Burschen die Mädchen suchen und fassen. + Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein + Und von Liebe und Sehnsucht niemals vergessen. + + +Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht. + + Die Dunkelheit hat alle Wege mit Toren zugemacht: + Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht. + Die Sterne kommen still den Berg ganz nah herauf, + Manchmal da atmet tief ein Sternlicht auf. + Ein großer Baum streckt seine Krone himmelan, + Als ob die Nacht ihn weit fortrücken kann. + + Doch alle Dinge sind nur wie die Schatten + Vom Tag und von Gedanken und von Taten. + Und alle Dinge sind stumm und verblichen, + Als wären sie verstohlen ausgewichen. + Sie alle haben nur verschwinden müssen, + Damit die scheuen Lippen sich finden und küssen. + + +Der Mond ist wie eine feurige Ros'. + + Der Mond geht groß aus dem Abend hervor, + Steht über dem Schloß und dem Gartentor + Und läßt sanft glühend die Erde los. + Der Mond ist wie eine feurige Ros', + Die meine Liebste im Garten verlor. + + Mein Schatten an den steinernen Wänden + Geht hinter mir wie ein dienender Mohr. + Ich werde den Mohren hinsenden, + Er hebe die Rose vorsichtig auf + Und bringe sie ihr in den dunklen Händen. + + +Nachtstürme reiten die Bäume krumm. + + Statt der Blumen und Blätter, die sich sonst regen, + Steht Reisigholz stumm auf allen Wegen. + Am Himmel gehen Nebel und Nässe um, + Und Nachtstürme reiten die Bäume krumm. + + Ich stehe hinter Fensterscheiben verloren, + Die alten Lieder sind nur Träume hinter sieben Toren. + Die Geliebte ging weit in den Nebel fort, + Nichts blieb als in den Ohren ihr Liebeswort. + + +Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier? + + Wer hat die Wolken zerbeult? + Wer heult vom Berg wie von einem Turm? + Wer hat in der Brust solch zwiefachen Sturm? + Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier? + Wer ist es, der draußen wild aufstöhnen muß? + Wem ist seine Qual hell wütend Genuß? + Und wer verflucht sich finster und stier? + Ist es die Nacht? + Oder ein Stück Schatten von mir? + + +Die Berge werden wie dunkle Kissen. + + In der gelben und grünlichen Abendhelle + Gehn finsternde Wolken nicht von der Stelle. + Übern Fluß kommt der Hunde verhetztes Gebelle. + + Noch immer sind Schritte am Pflaster draußen. + Sie kommen und gehen in kurzen Pausen, + Als ob da Schritte ohne Menschen hausen. + + Die Berge werden wie dunkle Kissen, + Drauf ruhn die Abendstunden, welche die Sonne vermissen. + Der Himmel steht wie ein sehnsüchtig Aug' hell aufgerissen. + + + + +Jakob Julius David. + +Geboren am 6. Februar 1859 zu Weißkirchen in Mähren, studierte deutsche +Philologie in Wien, lebte daselbst als Schriftsteller und starb am 20. +November 1906. -- Gedichte 1892. + + +Mein Lied. + + Ich weiß, mein Lied wird nie gesungen + Von jungen Stimmen hell im Chor; + Doch sagt's, vom Dämmern lind bezwungen, + Vielleicht ein Träumer gern sich vor. + Ob vieles zur Vollendung fehle, + Er hört, in Lauten trüb und bang, + Das Atmen einer müden Seele, + Die hart um Licht und Leben rang. + + Es dunkelt. Und wenn lind und leise + So Form wie Farbe rings verschwimmt, + Erklingt in meiner Brust die Weise, + So dämmerfroh und unbestimmt. + Und wenn dann, tief in seinem Innern, + Ein Abglanz meines Leids ersteht, + Soll er des Dichters sich erinnern, + Des Name längst im Wind verweht ... + + +Im Volkston. + + Ich hab' kein Haus, ich hab' kein Nest, + Ich hab' kein Hochzeit und kein Fest; + Ich hab' kein Hof, ich hab' kein Feld, + Ich hab' kein Heimat auf der Welt. + Am Himmel selbst der Schauerstrich, + Den fürchten sie nicht so wie mich; + Mir geht's nicht gut, mir geht's nicht schlecht -- + Und so, gerade so ist's recht ... + + +Nacht. + + Schon deckt beschattend dein Gefieder + Des Tages Licht, du nahst mit Macht. + Auf starken Schwingen steigst du nieder, + Du meine Mutter, stolze Nacht! + Nun öffnen sich der Seele Pforten, + So streng geschlossen kaum zuvor, + Und meinem Weh und seinen Worten + Leihst du dein mir geneigtes Ohr. + + Nun stehn die Gassen öd' und düster + Und, wie in ewig regem Leid, + Haucht sein verhallendes Geflüster + Dein Wind durch deine Einsamkeit; + Nun birgt das Kleine ernst dein Schleier -- + Den Blick beirrt' es kaum zuvor -- + Doch riesenhaft und ungeheuer + Wächst wahrhaft Großes nun empor. + + Ich liebe dich, bin dir entsprungen, + Und feind dem Tag, so laut und dreist! + Das Wenige, das mir gelungen, + Du gabst es dem verwandten Geist; + Dein Anhauch ist es, der zur Lohe + Der Seele trübes Licht entfacht -- + Sei mir willkommen, ernste hohe, + Sei mir gegrüßt, ersehnte Nacht! + + + + +Richard Dehmel. + +Geboren am 18. Nov. 1863 zu Wendisch-Hermsdorf in der Mark Brandenburg. +Absolvierte das Gymnasium zu Danzig, studierte 1882-87 Philosophie, +Naturwissenschaft und Sozialökonomie, wohnte zunächst in Berlin, reiste +dann im Ausland, lebte in Blankenese bei Hamburg und starb dort am 8. +Februar 1920. -- Erlösungen 1891. Aber die Liebe 1893. Lebensblätter +1895. Weib und Welt 1896. Ausgewählte Gedichte 1901. Zwei Menschen 1903. +Verwandlungen der Venus 1907. Schöne wilde Welt 1913. + + +Die Harfe. + + Unruhig steht der hohe Kiefernforst; + Die Wolken wälzen sich von Ost nach Westen. + Lautlos und hastig ziehn die Krähn zu Horst; + Dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen, + Und dumpfer tönt mein Schritt. + + Hier über diese Hügel ging ich schon, + Als ich noch nicht den Sturm der Sehnsucht kannte, + Noch nicht bei euerm urweltlichen Ton + Die Arme hob und ins Erhabne spannte, + Ihr Riesenstämme rings. + + In großen Zwischenräumen, kaum bewegt, + Erheben sich die graugewordnen Schäfte; + Durch ihre grüngebliebnen Kronen fegt + Die Wucht der lauten und verhaltnen Kräfte + Wie damals. + + Und _eine_ steht, wie eines Erdgotts Hand + In fünf gewaltige Finger hochgespalten; + Die glänzt noch goldbraun bis zum Wurzelstand + Und langt noch höher als die starren alten + Einsamen Stämme. + + Durch die fünf Finger geht ein zäher Kampf, + Als wollten sie sich aneinanderzwängen; + Durch ihre Kuppen wühlt und spielt ein Krampf, + Als rissen sie mit Inbrunst an den Strängen + Einer verwunschnen Harfe. + + Und von der Harfe kommt ein Himmelston + Und pflanzt sich mächtig fort von Ost nach Westen. + Den kenn' ich tief seit meiner Jugend schon: + Dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen: + Komm, Sturm, erhöre mich! + + Wie hab' ich mich nach einer Hand gesehnt, + Die mächtig ganz in meine würde passen! + Wie hab' ich mir die Finger wund gedehnt! + Die ganze Hand, die konnte niemand fassen! + Da ballt' ich sie zur Faust. + + Ich habe mit Inbrünsten jeder Art + Mich zwischen Gott und Tier herumgeschlagen. + Ich steh' und prüfe die bestandne Fahrt: + Nur _eine_ Inbrunst läßt sich treu ertragen: + Zur ganzen Welt. + + Komm, Sturm der Allmacht, schüttel den starren Forst! + Schüttelst auch mich, du urweltliches Treiben. + In scheuen Haufen ziehn die Krähn zu Horst; + Gib mir die Kraft, einsam zu bleiben, + Welt! -- + + +Sommerabend. + + Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur; + Fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert, + Im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur, + Ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert. + + Vom Wiesengrunde naht ein Glockenton, + Ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde; + Im stillen Walde steht die Dämmrung schon, + Der Hirte sammelt seine satte Herde. + + Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm, + Die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden; + Nur noch die Grillen geigen ihren Psalm. + So sei doch _froh_, mein Herz, in all dem Frieden! + + +Aus banger Brust. + + Die Rosen leuchten immer noch, + Die dunkeln Blätter zittern sacht; + Ich bin im Grase aufgewacht, + O kämst du doch, + Es ist so tiefe Mitternacht. + + Den Mond verdeckt das Gartentor, + Sein Licht fließt über in den See, + Die Weiden warten still empor, + Mein Nacken wühlt im feuchten Klee; + So liebt' ich dich noch nie zuvor! + + So hab' ich es noch nie gewußt, + So oft ich deinen Hals umschloß + Und blind dein Innerstes genoß, + Warum du so aus banger Brust + Aufstöhntest, wenn ich überfloß. + + O jetzt, o hättest du gesehn, + Wie dort das Glühwurmpärchen kroch! + Ich will nie wieder von dir gehn! + O kämst du doch! + Die Rosen leuchten immer noch. + + + [Illustration: Richard Dehmel] + + +Ein Stelldichein. + + So war's auch damals schon. So lautlos + Verhing die dumpfe Luft das Land, + Und unterm Dach der Trauerbuche + Verfingen sich am Gartenrand + Die Blütendünste des Holunders; + Stumm nahm sie meine schwüle Hand, + Stumm vor Glück. + + Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld! + Du blasses Licht da drüben im Geschwele, + Was stehst du wie ein Geist im Leichentuch -- + Lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele! + Was starrst du mich so gottesäugig an? + Ich brach sie nicht! sie tat es selbst! Was quäle + Ich mich mit fremdem Unglück ab ... + + Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken, + Die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch, + Der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken. + Still hängt das Laub am feuchten Strauch, + Als hätten alle Blätter Gift getrunken; + So still liegt sie nun auch. + Ich wünsche mir den Tod. + + +Ein Grab. + + Das sind die Abende, die bleich verfrühten. + Die Georginen, die im Sonnenscheine + Wie rot und gelbe letzte Rosen glühten, + Stehn fahl, Rosetten aus verfärbtem Steine. + Der Nebel klebt an unsern Hüten. + + Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz + Umgittert _eine_, die zu früh verblich. + Komm heim; mich friert. Sie liebte mich. + Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz; + Still tat sie wohl, still litt sie Schmerz. + + +Stiller Gang. + + Der Abend graut; Herbstfeuer brennen. + Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei. + Kaum ist mein Weg noch zu erkennen. + Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen. + Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei. + Vorbei. + + +Die stille Stadt. + + Liegt eine Stadt im Tale, + Ein blasser Tag vergeht; + Es wird nicht lange dauern mehr, + Bis weder Mond noch Sterne, + Nur Nacht am Himmel steht. + + Von allen Bergen drücken + Nebel auf die Stadt; + Es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus, + Kein Laut aus ihrem Rauch heraus, + Kaum Türme noch und Brücken. + + Doch als den Wandrer graute, + Da ging ein Lichtlein auf im Grund; + Und durch den Rauch und Nebel + Begann ein leiser Lobgesang + Aus Kindermund. + + +Manche Nacht. + + Wenn die Felder sich verdunkeln, + Fühl' ich, wird mein Auge heller; + Schon versucht ein Stern zu funkeln, + Und die Grillen wispern schneller. + + Jeder Laut wird bilderreicher, + Das Gewohnte sonderbarer, + Hinterm Wald der Himmel bleicher, + Jeder Wipfel hebt sich klarer. + + Und du merkst es nicht im Schreiten, + Wie das Licht verhundertfältigt + Sich entringt den Dunkelheiten. + Plötzlich stehst du überwältigt. + + +Geheimnis. + + In die dunkle Bergschlucht + Kehrt der Mond zurück. + Eine Stimme singt am Wassersturz: + O Geliebtes, + Deine höchste Wonne + Und dein tiefster Schmerz + Sind mein Glück -- + + +Morgenstunde. + + Ob du wohl auch so schlaflos liegst + Und dich in wachen Träumen wiegst, + Vor Glück, wie sehr die Sehnsucht brennt? + Ich starr ins dunkle Firmament: + Der Morgenstern, in großem Bogen, + Ist langsam längst heraufgezogen + Und läßt mich lächelnd fühlen, was uns trennt. + + Vor meinen schwachen Augen + -- Nun weiß ich doch, zu was sie taugen -- + Strahlt er, je höher her, je flimmernder. + Weihnächtig glänzt die graue Stille. + O zögre, Alltag! Ohne Brille + Sieht man die Welt unendlich schimmernder. + + Schon aber glitzert sein Gezitter blasser; + Nun steh' ich auf und geb' der Lilie Wasser, + Die du mir gestern heimlich brachtest. + Und wenn du mich dafür auslachtest: + Sanft nehm' ich sie von ihrer Stätte + Und leg' sie auf mein warmes Bette + Und fühle lächelnd, wie du nach mir schmachtest. + + +Erhebung. + + Gib mir nur die Hand, + Nur den Finger, dann + Seh' ich diesen ganzen Erdkreis + Als mein Eigen an! + + O, wie blüht mein Land! + Sieh dir's doch nur an, + Daß es mit uns über die Wolken + In die Sonne kann! + + +Bewegte See. + + Noch _einmal so_! Im Nebel durch den Sturm: + Das Segel knatterte, die Schiffer schrien, + Am Bugspriet stand das Wasser wie ein Turm, + Ich fühlte deine Angst in meinen Knien + Und sah dein stolz und fremd Gesicht. + + Noch einmal wollte mir dein Auge drohn, + Wie eine Flamme stand dein Haar im Winde, + Doch in den Wellen rang ein Ton + Wie das Gewein von einem Kinde -- + Da wehrtest du mir nicht: + + Um meine Lippen lag dein naß wild Haar, + Um deine Schulter lag mein Arm gezogen, + Und unsern Kuß versüßte wunderbar + Der Schaum der salzigen Sturzwogen -- + Da schrie ich laut vor Freude auf. + + Noch _einmal so_! Was tust du jetzt so kalt, + Hast du denn Furcht vorm offnen Meere! + Es peitscht dich warm! Komm bald, komm bald! + Im Hafennebel tanzt die Fähre -- + Hinaus! hinauf! + + +Nachtgebet der Braut. + + O mein Geliebter -- in die Kissen + Bet' ich nach dir, ins Firmament! + O könnt' ich sagen, dürft' er wissen, + Wie meine Einsamkeit mich brennt! + + O Welt, wann darf ich ihn umschlingen! + O laß ihn mir im Traume nahn, + Mich wie die Erde um ihn schwingen + Und seinen Sonnenkuß empfahn + + Und seine Flammenkräfte trinken, + Ihm Flammen, Flammen wiedersprühn, + O Welt, bis wir zusammensinken + In überirdischem Erglühn! + + O Welt des Lichtes, Welt der Wonne! + O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual! + O Traum der Erde: Sonne, Sonne! + O mein Geliebter -- mein Gemahl -- + + +Ideale Landschaft. + + Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn, + Und eine hohe Abendklarheit war, + Und sahst nur immer weg von mir, + Ins Licht, ins Licht -- + Und fern verscholl das Echo meines Aufschreis. + + +Aus »Zwei Menschen«. + +I, 1. + + Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain; + Der Mond läuft mit, sie schaun hinein. + Der Mond läuft über hohe Eichen; + Kein Wölkchen trübt das Himmelslicht, + In das die schwarzen Zacken reichen. + Die Stimme eines Weibes spricht: + + Ich trag' ein Kind, und nit von dir, + Ich geh' in Sünde neben dir. + Ich hab' mich schwer an mir vergangen. + Ich glaubte nicht mehr an ein Glück + Und hatte doch ein schwer Verlangen + Nach Lebensinhalt, nach Mutterglück + Und Pflicht; da hab' ich mich erfrecht, + Da ließ ich schaudernd mein Geschlecht + Von einem fremden Mann umfangen, + Und hab' mich noch dafür gesegnet. + Nun hat das Leben sich gerächt: + Nun bin ich dir, o dir, begegnet. + + Sie geht mit ungelenkem Schritt. + Sie schaut empor; der Mond läuft mit. + Ihr dunkler Blick ertrinkt im Licht. + Die Stimme eines Mannes spricht: + + Das Kind, das du empfangen hast, + Sei deiner Seele keine Last, + O sieh, wie klar das Weltall schimmert! + Es ist ein Glanz um alles her; + Du treibst mit mir auf kaltem Meer, + Doch eine eigne Wärme flimmert + Von dir in mich, von mir in dich. + Die wird das fremde Kind verklären, + Du wirst es mir, von mir gebären. + Du hast den Glanz in mich gebracht, + Du hast mich selbst zum Kind gemacht. + + Er faßt sie um die starken Hüften. + Ihr Atem küßt sich in den Lüften. + Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht. + +I, 16. + + Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel. + Sonne glitzert auf Schneestaubgewimmel: + Ein Schlitten stiebt mit zwei Menschen dahin. + Schwarz funkeln die Schellen der silbernen Bügel. + Ein Weib schwingt die Peitsche, der Mann führt die Zügel. + + Jetzt reckt er das Kinn: + Lea! seit meinen Jugendjahren + Bin ich nicht so im Fluge gefahren, + So rasend noch nie. + Aber noch rasender war's gestern morgen, + Als ich im Sturm deinen Namen schrie + Und, als wäre mein Gott drin verborgen, + Mit ihm rang um dich, Knie an Knie: + Schleife mich, Sturmgott, um die Erde, + Sei sie unrein, sei sie rein! + Gönne mir nur kein Glück am Herde, + Hingerissen will ich sein! -- + Sage mir, du, ich frage dich: schreit + _Dein Gott auch so meinen_ Namen? + Peitscht dich der Schnee auch wie Frühlingssamen? + Kennst du den Wahnsinn dieser Seligkeit?! + + Er reißt ihr die Peitsche weg; die Rappen schäumen schon. + Die Zügel schlackern; die Bügel bäumen schon. + Das Weib umschlingt ihn fallbereit: + + Nenn's nicht Wahnsinn, nenn's lieber Ahnsinn! + Lukas! ich hab' in manchen furchtbaren Wochen + Dagelegen wie zerbrochen + Und wußte doch: ich will, muß, willmuß fliegen! + Ja, Lux: rase! laß brechen, laß biegen! + Mir wiegt ein Gefühl der Erleuchtung die Brüste, + Als ob es die Sonne blind machen müßte! + Und wenn mir der Schneestaub die Augen zerstäche, + Und wenn mir dein Sturmgott den Atem bräche, + Ich lasse mich wiegen, du -- wiegen -- wiegen -- + + Sie starrt verzückt in das wilde Gewimmel. + Zwei Menschen glauben sich im Himmel. + +I, 23. + + Kaminfeuer und Morgenrotschimmer + Schmücken ein hohes Damenzimmer. + Ein Weib erhebt aus meergrüner Seide + Ihre nackten Arme beide + Vor einem Mann breit in die Luft + Und lacht, umschwebt von Mandelduft: + + Ich glaub', ich bin noch immer schön; + Mein Kind hat mir nichts weggenommen. + Und hättst mich eben baden sehn, + Du wärst mit mir gen Himmel geschwommen! + Was stehst denn wieder wie im Schlaf? + O Lux, was bist du für ein -- Schaf! + + Er lächelt eigen, sie merkt es nicht: + Er senkt, scheinbar grübelnd, sein scharfes Gesicht. + Sein Fuß streichelt ein Eisbärfell. + Er fragt halbhell: + + Schönheit? -- das ist mir nichts als Hülle + Um irgend eine Liebreizfülle. + Der Reiz zur Liebe und zum Leben, + Wenn den die Reize einer Gestalt + Mir wie aus eigner Seele eingeben, + Dann bin ich -- schön in ihrer Gewalt; + Sonst sind sie angeflogne Schäume, + Nachwehen toter Künstlerträume. + Du würdest ja Raffael nicht entzücken: + Du bist zu kriegrisch ins Kraut geschossen. + Deine dunkle Haut ist voll Sommersprossen. + Dein Pferdshaar, dein herrischer Nasenrücken + Taugen zu keiner klassischen Ode, + Und dein klassisch Kinn ist gar nit mehr Mode. + Aber -- jetzt will ich die Augen zudrücken, + Will nichts mehr fühlen als deinen Bann, + Nichts küssen als deine Wildkatzenstirne; + Und wärst du die durchtriebenste Dirne, + Du wirst mir eine Heilige dann -- + + Prüfend blicken zwei Seelen einander an. + +II, 28. + + Und es rauscht nur und weht. + Es liegt eine Insel, wohl zwischen grauen Wogen; + Es kommen wohl Vögel durch die Glut geflogen, + Die blaue Glut, die stumm und stet + Die Dünen umschlingt. + Da gebiert die Erde im stillen wohl ihr Empfinden + Und nimmt ihre Träume und gibt sie den Wellen, den Winden. + Die Seele eines Weibes singt: + + O laß mich still so liegen, + An deiner Brust, die Augen zu. + Ich sehe zwei Wolken fliegen, + Die eine Sonne wiegen; + Wo sind wir, du? -- + + Und es rauscht und weht. + Es liegt eine Düne, wohl zwischen tausend andern. + Es werden wohl Sterne den blauen Raum durchwandern, + Der über den bleichen wilden Hügeln steht + Und golden schwingt. + Die Seele eines Mannes singt: + + Still, laß uns weiterfliegen, + Beide die Augen zu. + Ich sehe zwei Meere liegen, + Die einen Himmel wiegen. + O du -- + + Es rauscht, es weht; + Über die heißen Höhenzüge geht + Höher und höher der goldne Schein + Ins Blaue hinein, + Wo das Dunkel schwebt. + Und aus dem Dunkel herüber, auf großen Wogen, + Kommt die Einsamkeit gezogen. + Und zwei Seelen singen: Eine Seele lebt, + Wohl zwischen den Sternen, den Sonnen, den Himmeln, den Erden, + Die will uns wohl endlich leibeigen werden: + Es schwellen die Wogen herüber, wie Herzen klingen, + Menschenherzen! -- Zwei Seelen singen -- + + + + +Adolph Donath. + +Geboren am 9. Dezember 1876 zu Kremsier in Mähren. -- Tage und Nächte +1898. Judenlieder 1899. Mensch und Liebe 1901. + + +Tränen. + + Wenn ich leide, wenn ich dulde, + Wandern meine kranken Tränen + Fort in meine ferne Heimat, + Wo die gute Mutter wohnt. + + Und die gute Mutter öffnet + Ihre kleinen weichen Hände, + Betet für den schwachen Dulder, + Der die Tränen heimgesandt. + + Segnend legt sie dann die kranken + In ein stilles, feines Kästchen, + Das aus Seele sie gezimmert, + Das nur sie erschließen kann, + + Und sie pflegt die kranken Tränen + Wie ein Gärtner, der sein Leben, + Seine edle, stumme Güte + Zarten Blütenknospen weiht ... + + Wenn ich einst in Freudestunden + Zitternd nach den Tränen frage, + Küßt mir meine gute Mutter + Schnell den Dank vom Herzen weg. + + + + +Albert Ehrenstein. + +Geboren am 23. Dezember 1886 zu Wien. -- Die weiße Zeit, 1914. Der +Mensch schreit, 1916. Die rote Zeit, 1917. Den ermordeten Brüdern, 1918. +Die Gedichte, Gesamtausgabe, 1920. + + +Auf der hartherzigen Erde. + + Dem Rauch einer Lokomotive juble ich zu, + Mich freut der weiße Tanz der Gestirne, + Hell aufglänzend der Huf eines Pferdes, + Mich freut den Baum hinanblitzend ein Eichhorn, + Oder kalten Silbers ein See, Forellen im Bache, + Schwatzen der Spatzen auf dürrem Gezweig. + Aber nicht blüht mir Freund noch Feind auf der Erde, + Ferne Wege gehe ich durch das Feld hin. + + Ich zertrat das Gebot: + »Ringe, o Mensch, dich zu freuen und Freude zu geben den andern!« + Düster umwandle ich mich, + Vermeidend die Mädchen und Männer, + Seit mein weiches, bluttränendes Herz + Im Staube zerstießen, die ich verehrte. + Nie neigte sich meinem einsam jammernden Sinn + Die Liebe der Frauen, denen ihr Atmen ich dankte. + Ich, der Fröstelnde, lebe dies weiter. Lange noch. + Ferne Wege schluchze ich durch die Wüste. + + +Verzweiflung. + + Wochen, Wochen sprach ich kein Wort; + Ich lebe einsam, verdorrt. + Am Himmel zwitschert kein Stern. + Ich stürbe so gern. + + Meine Augen betrübt die Enge, + Ich verkrieche mich in einen Winkel, + Klein möchte ich sein wie eine Spinne, + Aber niemand zerdrückt mich. + + Keinem habe ich Schlimmes getan, + Allen Guten half ich ein wenig. + Glück, dich soll ich nicht haben. + Man will mich nicht lebend begraben. + + +Friede. + + Die Bäume lauschen dem Regenbogen, + Tauquelle grünt in junge Stille, + Drei Lämmer weiden ihre Weiße, + Sanftbach schlürft Mädchen in sein Bad. + + Rotsonne rollt sich abendnieder, + Flaumwolken ihr Traumfeuer sterben. + Dunkel über Flut und Flur. + + Froschwanderer springt großen Auges, + Die graue Wiese hüpft leis mit. + Im tiefen Brunnen klingen meine Sterne. + Der Heimwehwind weht gute Nacht. + + +Coyllur. + + Grenz ich an dich im Grenzenlosen? + Retten mich aus Todestosen Mädchenrosen? + Ihr Küsse fern, wild ringend Kosen + -- Steht schon still die Liebesuhr? + Coyllur! + + Die, ein Kind, bei mir geruht, + O, wie warst du traulich-gut! + Gift vergällte mein Herzblut, + Seit dein Schweigen mich durchfuhr, + Coyllur! + + Nacht um Nacht ich nie entschlief, + Wochenewig tränkte mich kein Brief, + Auf eine Karte wartend tief + Meiner harrte harte Kur, + Coyllur! + + Wort starb mir im toten Hain. + Bei Wasser, Tinte, Blut und Wein + Dacht ich dein. + Jenseits der Zeit zersehnt die Seele sich dein Troubadour, + Coyllur! + + +Wanderers Lied. + + Meine Freunde sind schwank wie Rohr, + Auf ihren Lippen sitzt ihr Herz, + Keuschheit kennen sie nicht; + Tanzen möchte ich auf ihren Häuptern. + + Mädchen, das ich liebe, + Seele der Seelen du, + Auserwählte, Lichtgeschaffene, + Nie sahst du mich an, + Dein Schoß war nicht bereit, + Zu Asche brannte mein Herz. + + Ich kenne die Zähne der Hunde, + In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich, + Ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte, + Schimmel freut sich an den Wänden, + Gute Ritzen sind für den Regen da. + + »Töte dich!« spricht mein Messer zu mir. + Im Kote liege ich; + Hoch über mir, in Karossen befahren + Meine Feinde den Mondregenbogen. + + +Blind. + + Tag um Tag + Stirbt -- ich bin? + Wo geht meine Zeit denn hin? + + Traum versank, + Nacht ist Spiel, + Schlaf das Gut, + Tod das Ziel. + + Erde, Stern + Klingt nur so, + Ort ist Ort, wer weiß wo? + + +Dunkel. + + Wie lang schon darb ich vor dem Paradiese, + Schlichte Sehnsucht nach der guten Wiese, + Bravem Schlaf in treuer Bucht. + Herr, gib mir die Blüte, mir die Frucht. + + Willst du, o Gott, mich niemals gütig grüßen? + Almosen gibst du Bettlern, Söhnen des Weges, + Kühles Wasser der Forelle, + Seelenantlitz einem Mädchen. + + Mir nur, daß ich Trän an Träne weine, + Eule unter Käuzen werde -- + Selig kleine Schottersteine + Mütterlich umwärmt sie Erde. + + Ratten! Fresset meine Eingeweide! + Zerspell mich, Fels, ertränk mich, Furt! + Was starb ich nicht vor der Geburt? + Aufstrahlt mir nie das Land der Freude. + + + + +Franz Evers. + +Geboren am 10. Juli 1871 zu Winsen a. d. Luhe. -- Fundamente 1892. Eva +1893. Königslieder 1894. Deutsche Lieder 1895. Hohe Lieder 1896. +Paradiese 1897. Der Halbgott 1900. Erntelieder 1901. + + +Rosenglut. + + An manchem Abend weht mich Sehnsucht an, + Dann fühl' ich, wie du liebend zu mir strebst, + Und halberregte Wünsche spür' ich dann + Und wie du nach mir bebst. + Dann muß dein Blut von neuen Wundern träumen, + Weil so das meine klingt und loht, + Vor meinem Haus, von allen Bäumen + Lockt glühender das Abendrot. + + Wenn dann die Wächter von den Türmen blasen, + Will ganz mein Herz nach dir vergehn .. + Ich glaube dich über den stillen Rasen + Mit lauter Rosen kommen zu sehn ... + + +Jugend. + + Am Schlehdorn, am Schlehdorn -- + Wißt ihr, wo der steht? + Da sprach der Hirtenknabe + Sein Morgengebet. + Trieb die Schafe dann auf die Weide + Hin durch den sonnigen Raum; + Über die blühende Heide + Träumte sein junger Traum. + + Am Schlehdorn, am Schlehdorn -- + Wißt ihr, wo der steht? + Da sprach eine junge Dirne + Ihr Abendgebet. + Und der Wind kam von der Heiden + Und küßte ihres Kleides Saum .. + Die beiden, die beiden + Träumten den ersten Traum. + + +Abendlied. + + Du ferne Flöte + Hinter dem Hügel dort, + Wie sprichst du glühenden Klangs, + Was mein Herz verschweigen muß, + Wie bebst du zitternd dahin + Über die Apfelblüten im Mondlicht, + Daß die Schatten der Bäume + Zu schwinden scheinen + Und alles in Glanz getauchte + Selige Sehnsucht wird, + Aus Menschenschmerz leise sich ringend: + Selige Lebensglut. + Einsame Stimme du + Hinter dem Hügel dort, + Mein Herz, mein Herz sprichst du aus. + + +Ein Gastgeschenk. + + Mit leisem Herzen trat ich in dein Zimmer; + Die Rosen blühten auf; das Fenster klang. + Und von den Gärten draußen kam noch immer + Der weiche sehnsuchtsvolle Jünglingssang. + + Du hingst an mir, und deine Augen glänzten; + Dein Haar verwirrte sich in meiner Hand ... + Und Abendlichter, die dich rot umkränzten, + Und selige Sehnsucht, die dich mir verband. + + Und nichts als goldne Fülle um uns beide: + Die bebenden Hände und der taumelnde Mund ... + Der junge Gärtner draußen sang sein Lied vom Leide, + Das zitterte von dir und war so wund -- + + Du aber lächeltest. + + +Der Künstler. + + »Es liegt ein Plan in einem weiten Tal, + Wo nur die Lautersten zu wandeln wagen + Und selig sind. Und du verfehlst ihn leicht. + Der schwarze Wald, der ihn vom Leben scheidet, + Ist so von ungekanntem Sehnen schwer, + Daß du dich kaum hindurchzufinden wagst. + Der Plan ist voll von Wiesen, die nicht welken, + Von einer Ruhe, die du kaum empfunden, + In einem Licht, das Farben voller macht. + Die schmalen Wege sind mit Kies bestreut, + Auf daß es doch vertraute Laute wecke, + Wenn hohe Menschen wandeln diesen Pfad. + Denn weich und mild ist nebenan der Rasen, + Der weithin das Geräusch des Lebens dämpft. + Inmitten, wo drei alte Rieseneschen + Mit vollem Laub dem leisen Grund entragen, + Raucht ein Altar aus Buchs und Rosenbüschen. + Da bringen Menschen ihre Sehnsucht dar + Und knieen dann. Und wenn es Abend ist, + Empfangen sie den Tau der Gnadensonne, + Die sacht und sicher ihre Stirnen klärt, + Die weißen Menschenstirnen. Heil den Helden, + Die ihre Sehnsucht opferten! Sie leben!« + + So kündete der alte Sänger mir, + Der zu der Harfe sang. Das war erst gestern; + Und heute schon fand ich die klaren Wege. + Ich bin allein. Von fern, aus dunklem Wald + Bläst nur ein Hirte noch, und hin und wieder + Scheint es von Schritten in der Luft zu liegen, + Die mir zu folgen wünschen. Sonst ist Ruhe. + Ich sehe schon den graden Rauch der Weihe, + Der sich in bleichem bläulichem Zerschweben + Im Laub der Eschen fängt. Der Abend duftet. + Der Rasen ruht in weichem Schlummer da. + Mein Mantel drückt so schwer in diesem Land, + Ich leg' ihn ab. Nackt geh ich zum Altar, + Ich bringe meine Menschensehnsucht dar, + Und fühle meine Seele ganz erwachen. + Und wie die Rosen stärker sich entfachen + Im Abendglühn, sinkt nun auf mein entblößtes + Geneigtes Haupt der Tau, der Segen ist ... + Ich sehe, was mein Auge nicht vergißt, + Und was ich schaue, ist der Wunder größtes: + Dich, du formender Gott! + + + + +Gustav Falke. + +Geboren am 11. Januar 1853 zu Lübeck; war Musiklehrer in Hamburg, wo er +am 8. Februar 1916 starb. -- Mynheer der Tod 1891. Tanz und Andacht +1893. Zwischen zwei Nächten 1894. Neue Fahrt 1897. Mit dem Leben 1899. +Hohe Sommertage 1902. Die Auswahl 1910. + + +Das Mohnfeld. + + Es war einmal, ich weiß nicht wann + Und weiß nicht wo. Vielleicht ein Traum. + Ich trat aus einem schwarzen Tann + An einen stillen Wiesensaum. + + Und auf der stillen Wiese stand + Rings Mohn bei Mohn und unbewegt, + Und war bis an den fernsten Rand + Der rote Teppich hingelegt. + + Und auf dem roten Teppich lag, + Von tausend Blumen angeblickt, + Ein schöner, müder Sommertag, + Im ersten Schlummer eingenickt. + + Ein Hase kam im Sprung. Erschreckt + Hat er sich tief ins Kraut geduckt, + Bis an die Löffel zugedeckt, + Nur einer hat herausgeguckt. + + Kein Hauch. Kein Laut. Ein Vogelflug + Bewegte kaum die Abendluft. + Ich sah kaum, wie der Flügel schlug, + Ein schwarzer Strich im Dämmerduft. + + Es war einmal, ich weiß nicht wo. + Ein Traum vielleicht. Lang' ist es her. + Ich seh' nur noch, und immer so, + Das stille, rote Blumenmeer. + + +Märchen. + + In deiner lieben Nähe + Bin ich so glücklich. Ich mein', + Ich müßte wieder der wilde, + Selige Knabe sein. + + Das macht deiner süßen Jugend + Sonniger Frühlingshauch. + Ich hab' dich so lieb. Und draußen + Blühen die Rosen ja auch. + + O Traum der goldenen Tage! + Herz, es war einmal. + Abendwolken wandern + Über mein Jugendtal. + + +Daß der Tod uns heiter finde. + + Laßt uns Blumen pflücken gehn, + Letzte Astern, späte Rosen. + Morgen werden Stürme tosen + Und den bunten Schmuck verwehn. + + Auch den Becher holt hervor, + Fröhlich laßt uns sein und trinken. + Morgen werden Schatten sinken, + Und es schweigt der laute Chor. + + Wißt ihr wo ein holdes Kind, + Teilt mit ihm die letzten Blüten! + Die noch heut in Liebe glühten, + Morgen sind die Augen blind. + + Scherzt und küßt und trinkt und lacht, + Eh' wir uns zum Abschied rüsten. + Drüben winkt von fremden Küsten + Eine sternenlose Nacht. + + Horch. Schon meldet sich ihr Wehn. + Daß der Tod uns heiter finde! + Singend unterm Kranzgewinde + Laßt uns ihm entgegengehn. + + +Stranddistel. + + Das Fräulein ging am Meeresstrand + Durch weißen, bleichen Sand, bis rot + Ein schüchtern Blümchen sich ihr bot, + Sie brach's und warf es aus der Hand. + + Und bückte nach der Distel sich, + Die rauh und grau daneben stand. + Die trotzte ihrer kleinen Hand + Und wehrte sich mit scharfem Stich. + + Sie brach sie doch und ging und sang + Ein müdes Lied mit müdem Mund, + Das überm abendschwarzen Sund + Im Wind verwehte und verklang. + + +Das Grab. + + Ein frischer Hügel ist's, darauf + Drei rote Tulpen flammen. + Zwei schwarze Taxusstauden stehn + Und stecken die Köpfe zusammen. + + Und tuscheln über ein weißes Kreuz, + Darauf mit Gold geschrieben + Ein Mädchenname, darunter ein + Spruch vom himmlischen Lieben. + + Wer hat das junge Ding gekannt? + Wer zündete die drei roten + Flammen über ihr Bettlein an? -- + Was kümmern mich die Toten. + + Ich hab' zu Haus ein krankes Weib, + Der will ich drei Rosen bringen, + Drei rote Rosen, und will ihr leis + Ein Lied vom Leben singen. + + +Späte Rosen. + + Jahrelang sehnten wir uns, + Einen Garten unser zu nennen, + Darin eine kühle Laube steht + Und rote Rosen brennen. + + Nun steht das Gärtchen im ersten Grün, + Die Laube in dichten Reben. + Und die erste Rose will + Uns all ihre Schönheit geben. + + Wie sind nun deine Wangen so blaß + Und so müde deine Hände. + Wenn ich nun aus den Rosen dir + Ein rotes Kränzlein bände, + + Und setzte es auf dein schwarzes Haar, + Wie sollt' ich es ertragen, + Wenn unter den leuchtenden Rosen hervor + Zwei stille Augen klagen. + + +Zwei. + + Drüben du, mir deine weiße + Rose übers Wasser zeigend, + Hüben ich, dir meine dunkle + Sehnsüchtig entgegenneigend. + + In dem breiten Strome, der uns + Scheidet, zittern unsre blassen + Schatten, die vergebens suchen + Sich zu finden, sich zu fassen. + + Und so stehn wir, unser Stammeln + Stirbt im Wind, im Wellenrauschen, + Und wir können nichts als unsre + Stummen Sehnsuchtswinke tauschen. + + Leis, gespenstisch, zwischen unsern + Dunklen Ufern schwimmt ein wilder + Schwarzer Schwan, und seltsam schwanken + Unsre blassen Spiegelbilder. + + + + +Ludwig Finckh. + +Geboren am 21. März 1876 zu Reutlingen. -- Fraue du, du Süße 1900. Rosen +1905. + + +Einer Frau. + + Das dank' ich dir: + Ein Lächeln auf dem Munde, + Die Rosen da, und hier + Die leise Wunde. + + Das dank' ich dir, + Ein Glück im Todeshauche: + Daß ich mich nicht vor mir + Zu schämen brauche. + + +Abendhimmel. + + Tiefdunkelroter Scharlachschein + Versickerte an Wolkenreihn, + Die klar von Silber flossen. + Der Himmel war wie roter Wein. + Was mochte dort zu feiern sein? + Wer hat den Wein vergossen? + + +Geschenk. + + Dies schick' ich dir, mein Liebling, zum Geburtstag. + + Zwei weiße Tauben, deren weich Gefieder + In einem Tempel Indiens geleuchtet, + Und deren Kropf mit edlem Hanf gefüllt war, + Den braune Mädchen auf den Feldern pflückten. + Sie sangen leise, dachten an den Liebsten. + Sei diesen Tauben gut, sie sind wie Schneefall, + Bevor er noch die weiße Erde küßte, + Und ohne Makel, nimm sie auf die Schulter, + Beglücke sie an deiner Wang' zu schlafen, + Die weich und schneeig ist wie ihr Gefieder, + Und sich im Nest zu träumen in der Heimat. + Nimm Wischi und Schiwinda gütig auf. + In Simla waren sie der Liebe Götter, + Und alles Volk lag täglich auf den Knien + Und betete. Sie schnäbelten sich zärtlich. + Ich raubte sie, an deine Wange denkend. + Dies schick' ich dir, mein Liebling, heute früh + Durch einen braunen Boten, windbeflügelt + Und stumm, mit einem Körbchen morgenfrischer + Feuriger Küsse. Laß sie dir gut munden. + + + + +Cäsar Flaischlen. + +Geboren am 12. Mai 1864 zu Stuttgart; lebte in Berlin, wo er am 16. +Oktober 1920 starb. -- Nachtschatten 1884. Vom Haselnußroi 1891. Von +Alltag und Sonne 1898. Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens 1900. + + +So regnet es sich langsam ein ... + + So regnet es sich langsam ein und immer kürzer + wird der Tag und immer seltener der Sonnenschein. + Ich sah am Waldrand gestern ein paar Rosen + stehn .. + gib mir die Hand und komm ... wir wollen sie + uns pflücken gehn .. + Es werden wohl die letzten sein! + + +Hab Sonne ... + + Hab Sonne im Herzen, + Ob's stürmt oder schneit, + Ob der Himmel voll Wolken, + Die Erde voll Streit! + Hab Sonne im Herzen, + Dann komme was mag! + Das leuchtet voll Licht dir + Den dunkelsten Tag! + + Hab ein Lied auf den Lippen, + Mit fröhlichem Klang, + Und macht auch des Alltags + Gedränge dich bang! + Hab ein Lied auf den Lippen, + Dann komme was mag! + Das hilft dir verwinden + Den einsamsten Tag! + + Hab ein Wort auch für andre + In Sorg' und in Pein + Und sag, was dich selber + So frohgemut läßt sein: + Hab ein Lied auf den Lippen, + Verlier nie den Mut, + Hab Sonne im Herzen, + Und alles wird gut! + + +Ich habe Nächte ... + + Ich habe Nächte dafür geopfert, + Ich habe Herzblut daran gegeben, + Und feige Buben nun kommen und heben + Die Hand auf gegen das fertige Werk. + -- -- -- + Das schmerzt! + + Und doch: + Glückt euch, es wirklich zu zertrümmern, ... gut! + Dann war's nicht echt! + Dann glückte mir nicht, was ich wollte ... + Und .. ihr .. habt .. recht! + + +Einem Kinde. + + Sei nicht traurig, + Sei nicht traurig ... + Es ist heute nur + So trübe, + Es ist heute nur + So schwer! + + Morgen blitzt die Sonne wieder, + Rosen leuchten weiß und rot, + Und mit lauter Lerchenliedern + Jubelt's in den hellen Morgen, + Jubelt's in den blauen Himmel + Siegreich über Leid und Not ... + + Quillt und schwillt mit jungen Kräften, + Quillt und schwillt mit junger Lust + Lebenswarm dir in die Brust; + Weckt und wappnet deine Seele + Glaubensfroh zu neuer Wehr ... + + Sei nicht zag drum, + Sei nicht traurig ... + Es ist heute nur + So trübe, + Es ist heute nur + So schwer! + + +Februarschnee ... + + Februarschnee + Tut nicht mehr weh, + Denn der März ist in der Näh'! + Aber im März + Hüte das Herz, + Daß es zu früh nicht knospen will! + Warte, warte und sei still! + Und wär' der sonnigste Sonnenschein, + Und wär' es noch so grün auf Erden, + Warte, warte und sei still: + Es muß erst April gewesen sein, + Bevor es Mai kann werden! + + +Ganz still zuweilen ... + + Ganz still zuweilen wie ein Traum + Klingt in dir auf ein fernes Lied .. + Du weißt nicht, wie es plötzlich kam, + Du weißt nicht, was es von dir will ... + Und wie ein Traum ganz leis und still + Verklingt es wieder, wie es kam ... + + Wie plötzlich mitten im Gewühl + Der Straße, mitten oft im Winter + Ein Hauch von Rosen dich umweht, + Oder wie dann und wann ein Bild + Aus längstvergessenen Kindertagen + Mit fragenden Augen vor dir steht ... + + Ganz still und leise, wie ein Traum ... + Du weißt nicht, wie es plötzlich kam, + Du weißt nicht, was es von dir will, + Und wie ein Traum ganz leis und still + Verblaßt es wieder, wie es kam. + + +Spruch. + + Lieber auf eigene Rechnung + Ein Lump sein, + Als ein feiner Herr + Auf Pump sein! + Dieweil: + Wer ein solcher auf Pump ist, + Nicht 'mal ein ehrlicher Lump ist. + + + + +Irene Forbes-Mosse. + +Geboren am 5. August 1864 in Baden-Baden. -- Mezzavoce 1901. Peregrinas +Sommerabende 1904. Das Rosentor 1905. + + +Gehen und Bleiben. + + Mancher ist betrübt gegangen + In die Winternacht hinaus, + Sah mit zehrendem Verlangen + Heller Fenster freundlich Prangen, + Lichterfülltes, warmes Haus. + + Hinter jenen hellen Scheiben + Sah ein anderer ihm nach, + Starrte in das Flockentreiben ... + »Freiheit«, seufzt er, aber »Bleiben, + Bleiben« stöhnt das schwere Dach! + + +Eine Widmung. + + Mein Herz so ganz in dir beglückt, + Mit Märchenblumen ausgeschmückt, + Ein dir geweihter Schrein: + Wenn auch die Früchte nicht gereift, + Weil sie der Frost zu früh gestreift, + Die Blüten waren dein, mein Herz, + Die Blüten waren dein. + + +Die fremde Blume. + + So lange blieb sie festgeschlossen, stille, + Als wäre alle Kraft in ihr erstorben, + Es fehlte ihr zum Blühen Lust und Wille, + Seit der berühmte Gärtner sie erworben. + + Sie stand im Garten rein und wohlgehalten, + Ein Paradies mit grünlackierten Kannen, + Wo alle Blumen pünktlich sich entfalten + Und Menschenhände sie auf Stäbe spannen. + + Man warf sie endlich fort, ein armes Mädchen + Stellt' sie aufs Fensterbrett im kleinen Zimmer, + Die Tauben gurrten dort am grünen Lädchen, + Der Kirchturm schien so nah im Abendflimmer, + + Doch Menschenstimmen klangen nur von ferne, + Und rings versank des Lebens Hast und Mühen, + Ein warmer Regen fiel, dann zündeten die Sterne + Ihr Freundeslicht ... da fing sie an zu blühen! + + +Der Brunnen. + + Ich saß im Glühn der toten Mittagsstunde, + Und alles Leben schien so blaß und weit, + Die Götter träumten um mich in der Runde, + Der Brunnen flüsterte: »Trink und gesunde, + Ich bin das Wasser der Vergessenheit!« + + Ich saß in Nacht und schickte die Gedanken + In jene Tage, da wir froh und jung, + Ich sah den Silberstrahl im Mondlicht schwanken: + »Trinkt nicht, trinkt nicht, ihr armen Fieberkranken, + Ich bin das Wasser der Erinnerung!« + + +Madlena. + + Das Kind Madlena hat so hell gesungen, + Als sie im Haselholz sich Nüsse las, + Wie eine Spindel sich im Tanz geschwungen + Bei Glühwurms Leuchten, überm Wiesengras. + Das Kind Madlena hörte fremde Zungen, + Als sie im Mittagsschein beim Springbrunn saß ... + Die düstern Gärten haben sie verschlungen, + Fern tönt ihr Stimmchen wie gesprungnes Glas! + + + + +Leo Greiner. + +Geboren am 1. April 1876 zu Brünn in Mähren. -- Das Tagebuch 1906. + + +Liebe. + + Wir sind zwei Schatten, die aus Welt und Welt + An einem Eschenbaum zusammentrafen. + Wir glitten einsam im entrückten Feld + Und suchten späte Herberg, um zu schlafen. + Und standen _einen_ tiefen Augenblick + Uralt bekannt uns gegenüber + Und grüßten uns und wuchsen bis ans Glück. + Dann sanken wir hinüber und herüber, + Zerfallend in die alte Nacht zurück. + + +Unter den Menschen. + + Ich hab' es nie so tief gewußt, + Was heimlich webt, wo Menschen mich umdrängen: + Was ich im Wind verschüttet, Rausch und Lust, + Was ich an Leid begrub auf stillen Gängen, + Flutet von euch zurück in meine Brust. + Dann bin ich wie ein Baum im Abendwehn, + Von dem ein trunkner Schatten niederschwebt, + Ich seh' verworrn in meinem Schatten gehn + Viel Menschenleben, die ich selbst gelebt: + Ein wildes Jahr, im Rausch zu Grab gelenkt, + Ein Wintermond, drin Herdschein mir gefunkelt, + Ein grauer Tag, den ich an Gott verschenkt, + Ein goldner Abend, trauerüberdunkelt. + Was ich im Wein vergaß, im Abend litt, + Trägt Brust um Brust in ihre Stille mit. + Und leis zerrinnt des Schattens blaue Pracht + Und einsam wie ein Wald rauscht tiefe Nacht. + + + [Illustration: Hugo v. Hofmannsthal] + + +Leben. + + Und immer fremder sind mir Tag und Räume ... + + Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort. + Was rauscht um mich? Man sagt: die dunkeln Bäume, + Die rauschen noch seit deiner Kindheit fort. + Und Gärten stehn im abendlichen Land, + Ihr Schatten grüßt mich kühl und altbekannt. + + Ich aber wandre dunkel fort, im Innern + Ein uralt Schattenbild, das leise weint. + Die nenn' ich Mutter, diesen nenn' ich Freund + Und lächle tief und kann mich nicht erinnern. + + +Regenabend. + + Wenn kalt der Regen um die Fenster stiebt, + Der Nebel wankend übern Berg gefunden, + Der Sumpf die Schatten meiner Wiesen trübt, + Spür' ich: in diesen grau-verschlafnen Stunden + Nimmt vieles Abschied, das ich sehr geliebt, + Ich kann die Wanderstimmen nicht erkennen, + Die dunkle Worte rufen über Feld, + Das Sterben nicht mit Namen nennen, + Das jetzt verhüllt durchwandert meine Welt. + Ich weiß nur: irgendwo im Sternenschein + Neigt ein geliebtes Haupt sich dunkler Sünde, + Ein Herz wird kalt, ein Baum verlischt im Winde, + In einem Becher welkt der kühle Wein, + Und alles geht und winkt und schwindet fern, + Im Grau verrieselt auch der letzte Stern. + + +Der Schatten. + + Zwischen mir und meinem trunknen Leben + Wärmt ein Schatten sich an meiner Glut. + Wünschend saust mein ungestilltes Blut, + Doch er raubt mir schon im Niederschweben + Jeden Traum und jedes goldne Gut. + Meiner Schätze waren funkelnd viele, + Doch ich fühl' an meines Bechers Rand + _Seines_ Schattenmundes wilde Kühle + Und am Griffe _seine_ Schattenhand. + Schritt ich so verloren in die Lande, + Ließ mein Wandern keine Spur zurück. + _Seine_ Spuren, halb verweht im Sande, + Sah mein schauernd rückgewandter Blick. + Selbst von meines Schlummers Grunde heben + Seine Hände jeden Schatz der Lust: + Schlafen muß ich steinern, traumbewußt + Zwischen mir und meinem trunknen Leben. + + +Reife. + + Nacht, die aus den Sternen quillt, + Schmieg dich fester um mein Leben! + Was genommen und gegeben, + Ist vollendet und erfüllt. + + Wie ein Brunnen ist mein Blick: + Alle Eimer, die sich hoben, + Kehren überfüllt von oben + Mit gekühltem Licht zurück. + + + + +Otto Erich Hartleben. + +Geboren am 3. Juni 1864 zu Clausthal am Harz, studierte Jura, wurde +Referendar, gab die juristische Laufbahn auf und lebte, nachdem er +seinen Aufenthalt früher zumeist in Berlin gehabt hatte, zuletzt am +Gardasee, wo er als Präsident der Akademie für unangewandte +Wissenschaften zu Salò am 11. Februar 1905 starb. -- +Pierrot lunaire+ +1892. Meine Verse 1895. Von reifen Früchten 1903. Der Halkyonier 1903. + + +Funkelt dein Auge noch? + + Die du so fern bist in der großen Stadt, + Ich grüße dich, die mein vergessen hat. + + Einst hast du meiner Tag und Nacht gedacht, + Stunden des Glücks mit mir verbracht, verlacht; + + Froh unter Scherzen schlossen wir den Bund -- + Funkelt dein Auge noch, und lacht dein Mund? + + +Lili. + + ... Als ich dann wieder in die Heimat kam -- + Im Frühling war's, die Hyazinthen blühten -- + Da war sie tot -- von fremden, kalten Menschen + Hinausgetragen in ein kahles Grab. -- -- + Ich fand es nicht. Langsam ging ich zurück + In ihre Wohnung. Ihre feiste Wirtin + Sprach schmunzelnd: »Gott! Die Menschen sind nicht rar. + Nicht eine Woche stand ihr Zimmer leer! + Jetzt wohnt ein allerliebstes Chansonettlein + Darin -- ganz jung noch -- mit so lustigen Füßchen. + Woll'n Sie sie sehn?« + -- -- + Und ich erfuhr, wie sie gestorben war. + Vor ihren Augen, während sie in Qualen + Ohnmächtig dalag, hatten -- ihre Schwestern + Begierig ihrer Habe sich bemächtigt: + Sparkassenbücher, Kleider, Schmuck und Wäsche + Aus allen Kästen sich hervorgesucht + Und umgepackt in einen großen Korb. -- + + Da .. hatte sie den bleichen Kopf erhoben + Von ihrem Kissen, hatte sich verwundert + Mit großen, schwarzen Augen umgeschaut + Und hatte .. gelächelt ... + -- -- + Mir ist .. als ob ich dieses Lächeln sähe! + + +Die jubelnd nie ... + + Die jubelnd nie den überschäumten Becher + Gehoben in der heiligen Mitternacht, + Und denen nie ein dunkles Mädchenauge, + Zur Sünde lockend, sprühend zugelacht -- + + Die nie den ernsten Tand der Welt vergaßen + Und freudig nie dem Strudel sich vertraut -- + O sie sind klug, sie bringen's weit im Leben ... + Ich kann nicht sagen, wie mir davor graut! + + +Ellen. + + Mein armer Kopf lag still in deinem Schoß + Und dachte, dachte, bis er müde wurde. + Du hattest deine leichte, milde Hand + Auf meine Stirn gelegt und warst entschlafen; + Und gar ein Zauber schien mir auszugehn + Von deinen weißen Fingern: Frieden sandten + Sie nieder in mein Hirn, und allgemach + Sah ich den Schlaf in heitrer Ruhe nahn, + Und mir ward leicht, als schlief' ich in den Tod. + + +Das welke Blatt. + + In ihren Locken haftete ein welkes Blatt, + Als ich mit ihr den alten Berg herniederstieg + Zum letztenmal. Verstohlne Freude war es mir, + Das braune Blatt im wirren braunen Haar zu sehn, + Den stillen Zeugen stillgenoßner, heiliger Lust, + Und heimlich, glücklich lächelnd schritt ich neben ihr, + Indes ein schwellend Säuseln durch die Kronen ging. + + Und eh' wir noch das erste Haus der Stadt erreicht, + Stahl ich ihr sacht das braune Blatt vom stolzen Haupt. + Und da ich nun nach ihren lieben Augen sah, + Die ehrsam schon und sittig wieder schauten drein, + Hob fragend sie den Blick empor: was nahmst du da? + + Ich zeigt' es schweigend. -- Eine dunkle Welle Bluts + Floß über ihr schamhaftes Antlitz. Aber dann + Schien plötzlich sie der heißen Wünsche eingedenk -- + Ein jäher Blitz hingebungsschwüler, starker Glut + Traf mich, es zitterten die offenen Lippen ihr, + Und überwältigt bebte mir das bange Herz! + Ich faßte zuckend ihre Hand und preßte sie + An meinen Mund und küßte sie zum letztenmal, + Indes ein schwellend Säuseln durch die Kronen ging. + + +Liebesode. + + Im Arm der Liebe schliefen wir selig ein. + Am offnen Fenster lauschte der Sommerwind, + Und unsrer Atemzüge Frieden + Trug er hinaus in die helle Mondnacht. -- + + Und aus dem Garten tastete zagend sich + Ein Rosenduft an unserer Liebe Bett + Und gab uns wundervolle Träume, + Träume des Rausches -- so reich an Sehnsucht! + + +Gesang des Lebens. + + Groß ist das Leben und reich! + Ewige Götter schenkten es uns, + Lächelnder Güte voll, + Uns den Sterblichen, Freudegeschaffnen. + + Aber arm ist des Menschen Herz! + Schnell verzagt, vergißt es der reifenden Früchte. + Immer wieder mit leeren Händen + Sitzt der Bettler an staubiger Straße, + Drauf das Glück mit den tönenden Rädern + Leuchtend vorbeifuhr. + + +Im Lande der Torheit. + + Im Lande der Torheit küßt' ich die Hände der schönen Fraun, + Sie waren schmeichelnd und weiß, mit blitzenden Ringen geschmückt. + Ich lachte wohl auch beim lieblich klingenden, lockenden Wort, + Und eitel genoß ich des eigenen spielenden Übermuts. + + Doch immer wieder irrte mein Blick ins Leere ab: + Ich sah und fühlte die Hände meiner lieben Frau, + Die weich und still in ruhender Güte sich nach mir + Hersehnen aus der Ferne -- deine Hände, die + Allein die Wirrnis dumpfen Wollens je gebannt -- + Und ich gedachte jener Stunde, da mir einst + Im Tode diese Hände stummen Trost verleihn. + + +Denkst du daran ... + + Denkst du daran, wie du zum erstenmal + Aus deiner Heimatberge düsterm Forst + Aus dunklem Tannengrün des hohen Harzes + Als Knabe niederschautest in die Ebne? -- + Die Welt ist bunt! so riefst du jauchzend aus. + Da dehnten sich die farbigen Felderstreifen + Vor dir hinab wie Blätter eines Fächers, + Entfaltet an den runden, sanften Hügeln -- + Und also farbig rings die weite Welt! + Und reichlicher und dreimal leuchtender + Als drinnen in den schwarzen Tannenwäldern + Schien drüberhin das Sonnengold zu gluten ... + Die Welt ist bunt! -- O wär' sie bunt geblieben. + + +Der Abenteurer. + + Hier ist das Land. So rudert denn den Kahn zurück + Und meldet den Gefährten: Ich betrat mein Reich, + Als Fürsten sehen sie mich wieder, oder nie. -- + Was steht ihr noch und zaudert? Laßt mich nun allein, + Allein mit meinem guten Schwert und meinem Roß -- + Nun werb' ich in der Fremde mir die eigene Schar. -- + Lebt wohl! -- dem wandelbaren Meere kehr' ich heut + Den Rücken zu -- mein Auge sucht die Burgen auf, + In deren Mauern sich der Feige sicher fühlt. + Mein Auge sucht am Horizonte seinen Feind. -- + + Der Huftritt meines Rosses klingt an morsch Gebein, + An Menschenschädel -- mich zu schrecken sind sie wohl + Vom Schicksal auf des Reiches Schwelle ausgestreut? + Zerstampfe sie, mein Schwarzer, stampfe über sie hinweg: + Sie waren nicht, der ich bin -- darum fielen sie. + + +Elegie. + + Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du, + Die du verstohlen nur die dunklen Blicke schenkst, + O laß aus deinen schweren Flechten braune Nacht + Um meine Sinne strömen -- laß Vergessenheit + Sich breiten über niegestillte Lust und Qual. + Ich seh' uns wandeln unterm kahlen Winterwald, + Ins Morgenrot, durch streifende Lüfte ging der Weg. + Wir Frohen schritten Hand in Hand und beteten stumm + Und glaubten an den Frühling, als der Schnee noch lag ... + -- Du sollst nicht weinen -- gib mir deine liebe Hand! -- + + Der Frühling kam, uns beide fand er nicht vereint; + In Sommernächten duftete süß der Lindenbaum -- + Wir aber durften nicht in Liebe beisammen sein. + Nun ward es wieder Winter und es starrt der Schnee. + Doch still aus Schmerzen sprießt uns wohl ein spätes Glück, + Das leise webt und langsam um uns beide her. + Laß uns umhüllt von deinen braunen Haaren sein, + Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du. + + +Kinderköpfchen. + + In scheuer Lust -- doch nimmermehr verschämt -- + Hobst du die runden, weißen Arme auf + Und dehntest sie empor und suchtest blinzelnd + Dein Bild im Spiegel ... + + Ich aber stand entfesselt hinter dir + Und sah in deinen vollen, blanken Schultern + Die beiden Grübchen ... + + Da beugt' ich mich auf diesen Nacken nieder + Zum Kuß ... + Es ward mir klar, wie du den Göttern still + Vertraut -- gar innig wohl befreundet bist. + + Wenn sie dir nahen, tupfen sie dir leise + Mit leichtem Finger auf dies schwellende Rund -- + Und also lieblich, Menschensinn verwirrend, + Blieb ihres Grußes Spur in deinem Fleisch. + + + + +Walter Hasenclever. + +Geboren am 8. Juli 1890 zu Aachen. -- Der Jüngling 1913. Tod und +Auferstehung 1917. + + +Die Todesanzeige. + + Als ich erwachte heut morgen aus dumpf bekümmertem Traum, + Schwebte ein leiser Engel im Dunkel durch meinen Raum. + Ich las einer Mutter Wort, wo die Todesberichte sind: + »Mein irrgeleitetes, desto inniger geliebtes Kind.« + Da neigte zu meinem Bette sich viele Trauer hin: + Ich weiß, daß ich auch verirrt, das Kind einer Mutter bin. + Da sah ich den Scheitel des andern, der hilflos ins Elend sank. + Ich sah ihn verliebt, betrunken, von schrecklichem Aussatz krank. + Ist er nicht auch gestanden in Nacht und Vorstadt allein, + Hat aus heißen Augen geweint in den Fluß hinein? + Ist oft durch Gassen geschlichen, wo Rotes und Grünes glüht, + Fröhlich am Abend gezogen, gestorben am Morgen müd. + Mußte in Häusern essen mit Menschen, feindlich und fremd, + Schlafen in kalten Gemächern, frierend, ohne Hemd, -- + Die Mutter hat ihm geholfen mit Wäsche und etwas Geld; + Alles ist gut geworden. Sie hat ihn geliebt auf der Welt. + Mein Bruder unter den Sternen: Ich hab deine Armut erkannt. + Begnadet hast du dich zu mir in dieser Stunde gewandt. + Nun strömt dein lächelnder Atem nicht mehr in Gold und Polar, + Nicht mehr im Sturm der Gewitter entzündet sich kindlich dein Haar; + Sieh -- in der Todesstunde deiner Mutter ewiges Wort; + Es trägt auf silbernen Flügeln dich aus der Vergessenheit fort. + Eh ich nun öffne die Läden nach schwerer, trauriger Nacht: + Mein Bruder unter den Sternen! Wie hast du mich glücklich gemacht. + + +Mein Jüngling, du ... + + Mein Jüngling, du, ich liebe dich vor allen, + Du bist mein eigen Bild, das mir erscheint! + Ich sehe dich in manchen Teufelskrallen; + Gewiß, du bist nicht glücklich, hast geweint. + Du liebst zu schmerzlich oder harrst vergebens, + Dein Vater, deine Wirtin macht dir Qual, + Du zuckst in der Verwildrung deines Lebens, + Dein Geist wird bürgerlich, dein Kopf wird kahl. + Willst du nicht mit mir gehn und mich erhören! + Sieh, auf die gleichen Klippen schwimm ich ein. + Einst auf Prärien, jetzt in Geisterchören + Will ich dich rufen und will bei dir sein! + + + +Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett. + + Kleine Schwester Irene, + Bei den Cholerakranken; + Lila Blumen sanken + Auf Abendkähne. + Särge wachsen. Sturm. + Antreten. Trommel. Tod. + Offizier an Grabes Turm + Schnarrt Ehre, Gebot. + Weißer hinter Hügeln + Lemberg, Freude scheint. + Automobile flügeln. + Baracken blutbeweint. + Ärzte ohne Narkose, + Beine ab, zerstampft. + Kleine Schwester, Rose, + Sei den Toten sanft! + + +Weiß ich, daß Stunden ... + + Weiß ich, daß Stunden, in ungezählten, + Pariserinnen sind auf den Boulevards; + Daß klein in Zimmern und gequälten, + Eine Arbeiterin steht, goldenen Haars? + Ist mir im Park, durch den ich gehe, + Ein Gefühl von Rot oder Blau -- + Berg und Fluß mit sinkender Nähe, + Das Gesicht einer alternden Frau? + Bei der Baronin Porzellan und Eise + Hypnotisiert mich elektrischer Draht; + Kirmes dreht sich, Feuerwerksrad, + Denn es münden in gleiche Kreise + Meer und Spur und kindliche Weise, + Die man am Abend vernommen hat. + Aber keine der funkelnden Gesten + Wird mich erhalten, wird mich betrügen; + Bin ich ein Vogel, müde von Flügen, + Schwebend in der Wolke des Falls: + Steigen unten aus Tänzen und Festen + Die verschlungenen Kurven des Alls. + + +Daß von Geheimnissen ... + + Daß von Geheimnissen, die uns umtönten, + Keins mehr in dem vergangenen Geiste lebt; + Daß von Begierden, Tanz und Mädchen, denen wir frönten, + Kaum ein Strumpf noch, ein Busen an uns vorüberschwebt. + Daß wir nie mehr unsern ersten Band Gedichte + Wachsen sehn aus den Buchläden der heimischen Stadt, + Als der Ruhm schon unsterblich die großen Gesichte + Im Käfig des kleinen, blauen Umschlags entzündet hat. + Freunde! Wir standen in Liverpool auf den Brücken, + Sahen die transatlantischen Dampfer im Riesenmeer; + Saßen im Damensalon und atmeten mit Entzücken + Goldne Tische gekräuselt im Dufte von Rosen und Teer. + Dann fuhr die gewaltige Fracht des Ozeaniden + Langsam aus wehenden Tüchern, Musik, vielen Tränen fort, + Wir erlebten in Versen die Abenteuer und schieden; + Schlummer, Schultag wieder empfing uns am alten Ort. + Sind wir die gleichen Straßen wie jene gezogen? + Ferne schon den stürmenden Kränzen entrückt, + In eroberter Stadt auf dem höchsten Bogen + Stehn wir, über die fliehende Wolke unsrer Erinnerung gebückt. + Südseeinseln sind uns gebaut auf spiegelndem Grunde, + Nah ist Liebe und Schmerz, die Flucht aus des Vaters Haus, + Es steigen in einer begeisterten Stunde + Viele Verlorene dankbar aus den Kanälen heraus. + Wenn der Leuchttürme einst entzündetes Feuer + Nicht mehr durch die toten Gefilde bricht: + Ihr Gefährten des Lebens, wie seid ihr uns teuer, + Da wir wandeln in des entfremdeten Mondes Licht. + + +1917. + + Halte wach den Haß. Halte wach das Leid. + Brenne weiter am Stahl der Einsamkeit. + + Glaub nicht, wenn du liest auf deinem Papier, + Ein Mensch ist getötet, er gleicht nicht dir. + + Glaub nicht, wenn du siehst den entsetzlichen Zug + Einer Mutter, die ihre Kleinen trug + + Aus dem rauchenden Kessel der brüllenden Schlacht, + Das Unglück ist nicht von dir gemacht. + + Heran zu dem elenden Leichenschrein, + Wo aus Fetzen starrt eines Toten Bein. + + Bei dem fremden Mann, vom Wurm zernagt, + Falle nieder, du, sei angeklagt. + + Empfange die ungeliebte Qual + Aller Verstoßnen in diesem Mal. + + Ein letztes Aug', das am Äther trinkt, + Den Ruf, der in Verdammnis sinkt; + + Die brennende Wildnis der schreienden Luft, + Den rohen Stoß in die kalte Gruft. + + Wenn etwas in deiner Seele bebt, + Das dies Grauen noch überlebt, + + So laß es wachsen, auferstehn + Zum Sturm, wenn die Zeiten untergehn. + + Tritt mit der Posaune des Jüngsten Gerichts + Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts! + + Wenn die Schergen dich schleppen aufs Schafott, + Halte fest die Macht! Vertrau auf Gott: + + Daß in der Menschen Mord, Verrat + Einst wieder leuchte die gute Tat; + + Des Herzens Kraft, der Edlen Sinn + Schweb am gestirnten Himmel hin. + + Daß die Sonn, die auf Gute und Böse scheint, + Durch soviel Ströme der Welt geweint, + + Gepulst durch unser aller Schlag, + Einst wieder strahle gerechtem Tag. + + Halte wach den Haß. Halte wach das Leid. + Brenne weiter, Flamme! Es naht die Zeit. + + + + +Adolf von Hatzfeld. + +Geboren am 3. September 1892 zu Olpe i. W. -- »An Gott« 1919. + + +Die letzte Nacht. + + Jetzt, da ich zehn Jahrtausende durchwacht, + Empfängt mich endlich meine letzte Nacht. + Es rauscht ein Meer. Das Land ist warm und weit. + Der Wind ist nur ein Hauch der Ewigkeit. + Es kreist ein Mond geheimnisvoll nach oben, + Er hat sich sanft aus meinem Herzen losgehoben. + Jetzt, da ich zehn Jahrtausende vollbracht, + Ist mir der Sinn nur Schlaf und dunkle Nacht. + Die Zeit, die ging, ist dunkel wie die Nacht. + Sie fiel ins Meer. Ein tiefes Wort, das kam, + Ist tiefster Trug und angefüllt von Scham. + Ich wache in des Weltalls Atem diese Nacht + Und werde wieder Acker, draus mich Gott gemacht. + Ich höre, wie die Sonne rast zum Rand der Nacht. + Da fangen viele Sonnen an, aus mir sich loszuheben. + Und kreisen leicht aus meinem letzten Leben. + Es wächst ein großer Schein auf allen Wegen, + Und zu der Erde spreche ich den letzten Segen: + + »O Erde, Erde, die du trankst mein Blut, + Wie warst du voller Süße und wie gut, + Daß du mich mit den Händen an die Pole angeschlagen, + Und ich dich wie ein Kreuz durchs Leben mußte tragen. + Ich war dein Acker, du Erde, du pflügtest ihn gut. + Aus allen Poren erschoß mein Blut. + Jahrtausende rollten, zerrissen das Herz in der Brust, + Zerrissen die Liebe, die Qual, den Stolz und die Lust, + Bis ich um deines Erdinnern Feuer gewußt, + Bis ich den großen Planeten in Liebe umpreßt. + Noch über mein letztes Sterben halt ich dich fest. + So nehmt, ihr springenden Bäche, aus mir euern Lauf. + Es blühen aus meinem Blute alle Blumen auf. + Ich grüne und dufte aus jedem Rosenstrauch + Und bin die Frucht in dem goldenen Sonnenrauch, + Und bin das Eine, das All, bin Tod und Geburt. + O sing meinen Dank, du kleine Hummel, die surrt, + Umfliege dankend die Erde, die mich getragen hat. + Sieh, meine Seele ist müde wie ein herbstliches Blatt. + Gesegnet seist du Welt, gesegnet jeder Strauch, + In dem jetzt Gott verbrennt im roten Rauch.« + + +Grüner Sommer. + + Die Hand ganz lang im Grase ausgebreitet + Und hoch vor ihr die Welt, sich selbst geschenkt. + Es steigt mein Blut, es sinkt mein Blut, + Zu fernem Meere tief verbunden hingelenkt. + Wie tut das Blut sich gut in dieser ausgeschwärmten Ruhe. + + So flach ist mein Gesicht, ganz ausgeweitet. + Gott selbst liegt neben mir und ruht sich aus. + Auf mich senkt sich die Müdigkeit des Blaus, + Und in dem Sonnenfieber meiner Sinne + Staut schläfrig sich das dunkle Blut. + Wie einer Grille Geigen klingt mir Gottes Wort, + Wie Bachgelächter hier: »Die Welt ist gut«, + Und lächelnd trägt es mich ins Träumen fort. + + Gott rekelt sich in dieser ausgeschwärmten Ruhe. + Ein Reh kommt sanft an ihm vorbeigezogen. + Ein Käfer ist ihm ins Gesicht geflogen. + Heupferdchen springt vom Gras auf seine Schuhe + Und zirpt an ihm vorbei: »Erschrick, erschrick!« + Gott aber ist nach tausend Schöpfungsjahren + Zum ersten Tag der Ruhe ausgefahren, + Und lächelnd ruht auf seiner Welt der Blick. + + Ich wache auf. Der Donner grollt. + Mein Blut hat ausgetollt. + Mein Mut wird nicht verführt. Es schweigt der Wille. + Und eine Grille geigt von neuem mich in eine grüne Stille. + + +Frühlingsmond. + + Noch hängt ein scheues Vogellied im dünnen Laubgeäste + Und wird ein großer Wind. Mit mächtiger Gebärde + Stößt die Erde, die längst den heißen Saft + In Millionen Samenkörner preßte, + Geburten aus in Mutterleidenschaft + Und trägt den ewigen Rhythmus ihrer Riesenkraft, + Die ewige Not, zum Jubel eines ewigeren Werde. + + Jetzt bäumen Meere ihre Pantherleiber. + Die Sterne stürzen zum Planetenball. + In diesen Nächten stöhnen tausend Weiber + Und werfen tausend Kinder in das All. + Der Hochgebirge Wollust sind Lawinen. + Die Quellen sind der Täler Blütenlauf. + Den Duft von Wäldern tragen junge Bienen, + Und Tage tauen blau zu Blumen auf. + Geliebte gehn mit weißen Brüstehügeln + Und einem Lächeln, das von selbst begann, + Durch süße Nächte, gehen wie mit Flügeln + Und tragen sich wie ein Geschenk zum Mann. + + Ein scheues Vogellied hängt noch im Laubgeäste. + Vom Horizonte schwebt der junge Mond + Wie eine Knospe, die sich zärtlich schont, + Und horch, der Vogel ruht in seinem Neste. + Der Knospenmond blüht erst zum Sommerfeste. + So schwimmt er sanft auf taubenblauem Dunst. + Der Abend, der die Seelensehnsucht an ihn preßte, + Verheißt uns schon die Rose seiner Gunst. + + +Abend am See. + + Schon taucht der Mond aus dem entzückten Bade + Der Wellen leis zur Silberbahn empor. + In unsern Herzen schwingt die große Gnade. + Wir sitzen seligruhend am Gestade + Und leihn dem Schweigen das geweihte Ohr. + O wunschlos stille Stunde, die ich fast verlor + In meines Lebens Kampf und Qual und Hast, + Sieh unser Herz in Demut eingefaßt + Und sei der Seelen seltner schöner Gast. + Die Nacht erduftet von des Mondes Blüte + So grenzenlos. Andächtig atmen wir. + Der Sternenhimmel deiner großen Güte + Ist sanft wie sie und leise über mir. + Aus wunden Händen haben wir die Ruder + Zurückgelegt in das bewegte Boot. + Nach unsres Lebens Haß und Schuld und Not + Nennst den Geliebten still du deinen Bruder. + + +Du Gott. + + Du Gott, ich hasse dich in meinen schwersten Stunden, + Der wie Gebirge mir auf meiner Seele wuchtet. + Die Erde meines Leibes reißt du auf in Wunden. + Zu tiefer Täler hartem Abgrund schluchtet + Mir deine schwere Hand die schönen runden + Kugeln der leichten Tage. Die ihr Gott verfluchtet, + In jeder Not von tausend Todesstunden + Steht Gott vor euch, den ihr so leicht versuchtet. + + Und dieses weiß ich, daß ich dein bin, dein, ganz dein. + Was frommt es, zu entfliehn zu leichten Tänzerein, + Zur Heiterkeit der Fraun, zu einem Fest? + + Aus meinem Haß hörst du nur Liebe schrein, + Daß ich ganz dein bin, dein in Pein und Tänzerein, + Daß ich dein Acker bin, dein Feind, dein Glanz und Fest. + + +Der Teich. + + Nur der Wind weiß, wie ich einsam leide, + Wie die Luft, der Himmel mich beschwert. + Bruder Wind, wir flogen einmal beide + Durch die Luft und durch den Himmel hin. + Unsres Fliegens Wollust war gemeinsam. + Ewige Fernen haben uns genährt. + Wasserwolken haben mich getragen, + Bis in Regenfunken ewig einsam + Ich vom Wolkenflug zur Erde glitt. + Bruder Wind, nimm du jetzt meine Klagen, + Wie die leichten Wolken meine Seele, + Meine schöne Seele, mit. + + + + +Max Herrmann. + +Geboren am 23. Mai 1886 zu Neiße. -- Verbannung 1919. + + +Dein Haar hat Lieder ... + + Dein Haar hat Lieder, die ich liebe, + Und sanfte Abende am Meer -- + O glückte mir die Welt! O bliebe + Mein Tag nicht stets unselig leer! + + So kann ich nichts, als matt verlegen + Vertrösten oder wehe tun, + Und von den wundersamsten Wegen + Bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn. + + Und meine Träume sind wie Diebe, + Und meine Freuden frieren sehr -- + Dein Haar hat Lieder, die ich liebe, + Und sanfte Abende am Meer. + + +Osterlied. + + Alle Frühlingsbläue, + Jedes frische Feld, + Wenn ich ohne Reue + Schwärmend mich erfreue + An der warmen Welt: + + Wird in deinen lichten + Gliedern höchstes Glück, + Und in himmlisch schlichten, + Dämmernden Gedichten + Bleibt sein Duft zurück! + + +Trostlied der bangen Regennacht. + + Keine Furcht der Erde + Kann uns bange tun: + Sieh, wie sanft die Pferde + Wang' an Wange ruhn! + + Ganz allein gelassen + In der bittern Nacht, + Wo der Wind die blassen + Weiden zittern macht, + + Wo ein siecher Regen + Bös, sehnsüchtig rinnt, + An viel fremden Wegen + Bettler flüchtig sind, + + Ruhn sie Wang' an Wange, + Wie Erlöste ruhn, + Keine Furcht kann bange + Ihrer Inbrunst tun. + + Alles, was sie leiden, + Schlummert Haupt an Haupt -- + Und die blassen Weiden + Stehn wie lenzbelaubt. + + +Liebe nur kann ewig sein. + + Gottes Krallenhand zerreißt den kranken + Abendhimmel der verhaßten Stadt, + Aus der Sterne welken Rosenranken + Schüttelt er des Monds vergilbtes Blatt. + + Jäh ist wie von fieberschweren Fäusten + Alles Licht der Straßen abgewürgt, + In den goldnen Augen seiner treusten + Türme sich das letzte Dunkel birgt. + + Der Paläste fahles Glas erblindet, + Und der Park bricht taumelnd in die Knie, + Mit entseeltem Todesseufzer schwindet + Der zermalmten Plätze Melodie. + + Und das Schlüpfrige verfemter Keller + Speit sein krüppelhaftes Krächzen aus -- + Gottes Heilandshand bedeckt mit schneller + Zärtlichkeit das letzte Vorstadthaus. + + Wird zum Streicheln über der Ruine + Einer Schädelstätte, die ihn rührt, + Daß zum Aufgang seiner Liebesmiene + Eines Segnenden Gebärde führt. + + + + +Hermann Hesse. + +Geboren am 2. Juli 1877 zu Calw im Schwarzwald. -- Gedichte 1902. Musik +des Einsamen 1915. + + +Der schwarze Ritter. + + Ich reite stumm aus dem Turnier, + Ich trage aller Siege Namen. + Ich neige mich vor dem Balkon der Damen + Tief. Aber keine winkt nach mir. + + Ich singe zu der Harfe Ton, + Aus der die tiefen Laute steigen. + Alle Harfner lauschen und schweigen, + Aber die holden Frauen sind entflohn. + + In meines Wappens schwarzem Feld + Sind hundert Kränze aufgehangen, + Die gold von hundert Siegen prangen. + Aber der Kranz der Liebe fehlt. + + An meinem Sarge werden sich bücken + Ritter und Sänger und werden ihn + Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin, + Aber keine Rose wird ihn schmücken. + + +Nach Paul Verlaine. + + Ich träume wieder von der Unbekannten, + Die schon so oft im Traum vor mir gestanden. + + Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar + Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar. + + Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen + Und kann in meinem dunklen Herzen lesen. + + Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht. + Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht. + + Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt + Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt -- + + Wie _eines_ Name, den du Liebling heißt + Und den du ferne und verloren weißt. + + Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben + Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben. + + +Elisabeth. + + Ich soll erzählen, + Die Nacht ist schon spät -- + Willst du mich quälen, + Schöne Elisabeth? + + Daran ich dichte + Und du dazu, + Meine Liebesgeschichte + Ist dieser Abend und du. + + Du mußt nicht stören, + Die Reime verwehn. + Bald wirst du sie hören, + Hören und nicht verstehn. + + +Die frühe Stunde. + + Silbern überflogen + Ruhet das Feld und schweigt, + Ein Jäger hebt seinen Bogen, + Der Wald rauscht und eine Lerche steigt. + + Der Wald rauscht und eine zweite + Steigt auf und fällt. + Ein Jäger hebt seine Beute, + Und der Tag tritt in die Welt. + + +Lady Rosa. + + Du mit der Stirne voller Licht, + Du mit den wunderbaren + Braunaugen und den seidnen Haaren, + Ich kenne dich! Du aber kennst mich nicht. + + Du mit dem klaren Angesicht, + Du Zarte mit deinen leisen, + Fremdländischen, süßen Liederweisen, + Ich liebe dich! Du aber kennst mich nicht. + + +Fiesole. + + Über mir im Blauen reisen + Wolken, die mich heimwärts weisen. + + Heimwärts in die namenlose Ferne, + In das Land des Friedens und der Sterne. + + Heimat! Soll ich deine blauen + Schönen Ufer niemals schauen? + + Dennoch ist mir, hier im Süden müßten + Nah sein und erreichbar deine Küsten. + + + + +Georg Heym. + +Geboren am 30. Oktober 1887 zu Hirschberg in Schlesien; ertrank am 16. +Januar 1912 beim Eislaufen in der Havel bei Schwanenwerder, in der +Umgebung Berlins. -- Der ewige Tag 1911. +Umbra vitae+ 1912. + + +Die Seefahrer. + + Die Stirnen der Länder, rot und edel wie Kronen, + Sahen wir schwinden dahin im versinkenden Tag, + Und die rauschenden Kränze der Wälder thronen + Unter des Feuers dröhnendem Flügelschlag. + + Die zerflackenden Bäume mit Trauer zu schwärzen, + Brauste ein Sturm. Sie verbrannten wie Blut, + Untergehend, schon fern. Wie über sterbenden Herzen + Einmal noch hebt sich der Liebe verlodernde Glut. + + Aber wir trieben dahin, hinaus in den Abend der Meere. + Unsere Hände brannten wie Kerzen an. + Und wir sahen die Adern darin, und das schwere + Blut vor der Sonne, das dumpf in den Fingern zerrann. + + Nacht begann. Einer weinte im Dunkel. Wir schwammen + Trostlos mit schrägem Segel ins Weite hinaus. + Aber wir standen am Borde im Schweigen beisammen, + In das Finstre zu starren. Und das Licht ging uns aus. + + Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange, + Ehe die Nacht begann in dem ewigen Raum, + Purpurn schwebend im All, wie mit schönem Gesange + Über den klingenden Gründen der Seele ein Traum. + + +Alle Landschaften haben ... + + Alle Landschaften haben + Sich mit Blau erfüllt. + Alle Büsche und Bäume des Stromes, + Der weit in den Norden schwillt. + + Leichte Geschwader, Wolken, + Weiße Segel dicht, + Die Gestade des Himmels dahinter + Zergehen in Wind und Licht. + + Wenn die Abende sinken + Und wir schlafen ein, + Gehen die Träume, die schönen, + Mit leichten Füßen herein. + + Zimbeln lassen sie klingen + In den Händen licht. + Manche flüstern und halten + Kerzen vor ihr Gesicht. + + +Ophelia. + +I. + + Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten, + Und die beringten Hände auf der Flut + Wie Flossen, also treibt sie durch die Schatten + Des großen Urwalds, der im Wasser ruht. + + Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt, + Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein. + Warum sie starb? Warum sie so allein + Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt? + + Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht + Wie eine Hand die Fledermäuse auf. + Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht, + Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf, + + Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal + Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint + Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint + Das Laub auf sie und ihre stumme Qual. + +II. + + Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß. + Der Felder gelbe Winde schlafen still. + Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will. + Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß. + + Die blauen Lider schatten sanft herab. + Und bei der Sensen blanken Melodien + Träumt sie von eines Kusses Karmoisin + Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab. + + Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt + Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt + Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt + Mit weitem Echo. Wo herunter tönt + + Hall voller Straßen, Glocken und Geläut. + Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht + In blinde Scheiben dumpfes Abendrot, + In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut, + + Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann, + Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien. + Last schwerer Brücken, die darüber ziehn + Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann. + + Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit, + Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm + Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm, + Der schattet über beide Ufer breit. + + Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht + Der westlich hohe Tag des Sommers spät, + Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht + Des fernen Abends zarte Müdigkeit. + + Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht, + Durch manchen Winters trauervollen Port. + Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort, + Davon der Horizont wie Feuer raucht. + + +Deine Wimpern, die langen ... + + Deine Wimpern, die langen, + Deiner Augen dunkle Wasser, + Laß mich tauchen darein, + Laß mich zur Tiefe gehn. + + Steigt der Bergmann zum Schacht + Und schwankt seine trübe Lampe + Über der Erze Tor, + Hoch an der Schattenwand, + + Sieh, ich steige hinab, + In deinem Schoß zu vergessen, + Fern was von oben dröhnt, + Helle und Qual und Tag. + + An den Feldern verwächst, + Wo der Wind steht, trunken vom Korn, + Hoher Dorn, hoch und krank + Gegen das Himmelsblau. + + Gib mir die Hand, + Wir wollen einander verwachsen, + Einem Wind Beute, + Einsamer Vögel Flug, + + Hören im Sommer + Die Orgel der matten Gewitter, + Baden in Herbsteslicht, + Am Ufer des blauen Tags. + + Manchmal wollen wir stehn + Am Rand des dunklen Brunnens, + Tief in die Stille zu sehn, + Unsere Liebe zu suchen. + + Oder wir treten hinaus + Vom Schatten der goldenen Wälder, + Groß in ein Abendrot, + Das dir berührt sanft die Stirn. + + Göttliche Trauer, + Schweige der ewigen Liebe. + Hebe den Krug herauf, + Trinke den Schlaf. + + Einmal am Ende zu stehen, + Wo Meer in gelblichen Flecken + Leise schwimmt schon herein + Zu der September Bucht. + + Oben zu ruhn + Im Hause der dürftigen Blumen, + Über die Felsen hinab + Singt und zittert der Wind. + + Doch von der Pappel, + Die ragt im Ewigen Blauen, + Fällt schon ein braunes Blatt, + Ruht auf dem Nacken dir aus. + + + + +Peter Hille. + +Geboren am 11. September 1854 zu Erwitzen in Westfalen, wurde +Schriftsteller, führte ein unruhiges Leben, hielt sich in London und +Holland auf und lebte dann zumeist in Berlin. Er starb zu Schlachtensee +bei Berlin am 7. Mai 1904. -- Gesammelte Werke 1904. + + +Maienwind. + + Mutwillige Mädchenwünsche + Haben Flieder + Niedergebogen, + Blauen und weißen. + Wie Tauben sind sie weitergeflogen, + Mit Wangen, wilden und heißen. + + Hoch in warmen, schelmischen Händen + Haschender Sonne + Geschwungene Strahlen. + Hellbehende Wonne + Weißer Kleider + Weht. + + Mutwillige Mädchenwünsche + Haben sich Flieder + Niedergebogen, + Blauen und weißen, -- + Sind weitergezogen ... + + +Brautseele. + + Das Gewand meiner Seele zittert im Sturm deiner Liebe, + Wie tief im Hain + Das Herz des Frühlings zittert. + Ja, du mein heftiges Herz, + Wir haben Frühling! + Auf einmal ist nun alles Blühen da! + Meine freudigen Wangen + Sind aufgegangen + Fromm nach deinen Küssen. + Gefährlich bist du, o Frühling, + Und verwirrt; + Wie von heftiger Süße + Prangenden Weines + Pocht meine Seele. + Wie er so sinnend mich streichelt + Mit seinen Strahlen allen, + Und schlafen möchte ich + Immerzu. + So träume ich vom eigenen Blute + Und bin so wach + Von mir, + So erschrocken, + Wie man wohl aufhorcht + Im flüsternden Herzen der Nacht. + Wie Sterne, die nicht schlafen können, + Stehn meine Augen! + Und bin doch so müde, + So sonderbar müde. + Sind wir Mädchen nicht alle so sonderbar müde + Um diese Zeit? + Das macht, du bist um uns, + Du bist ein Zauberer. + In Bäumen und Menschen + Zauberst du + Ein Sehnen und Dehnen, + Ein müdes, verlangendes Gähnen. + + Ja, ja, ihr Gespielinnen, + Der kennt euch! + Vor ihm kann kein Geheimnis bestehen, + Er ist ja Weib wie ihr + Und eine heimliche, schelmische Stärke. + Frühling, sag, was machst du mit uns, + Daß wir alle so sprossend müde sind? + Wir fühlen dich ganz in uns. + Du durchtönst uns, + Tust mit uns ganz das Leben! + Ja, wir beben Leben! + Fromm atmet in uns eine Andacht, + Und wohlig will es werden + Rings auf der sprossenden Erden. + Wie wir uns regen, + Da ist immer ein heimliches Bewegen. + Da ist die Quelle ein rieselnder Spiegel, + Der uns erquickt und uns darreicht, + Da ist der Spiegel eine bleibende Quelle, + Und immer wird uns leise + Süß von uns; + So zeigt es uns, verrät es uns, + Wie süß wir sind + Für den einen, andern. + + O komm! + Ich bin ja so süß + Nach dir! + O komm! + Ich bin ja so schön + Nach dir! + Ich, deine lebendige, + Deine wartende Zier, + Vergehe nach dir! + Jeden Tag kommt Alter, kommt Welken, -- + O komm! + Komm du dem Alter, dem Welken zuvor! + + Ein Sehnen geht in allen Blumen + Und will dich holen mit Farben und Duft, + Und alles, was schön ist auf dieser Weltwiese, + Ist nur aus Sehnen und Liebe schön. + Lieblich schlau + Üben wir Schönheit + So lange vor euch, + Bis daß ihr kommt! + Schüchtern, schelmisch + Spielt sich unsere arme + Lodernde Seele + Hin vor euch! + + Dann, dann! + Dann kommen zwei lodernde Sonnen + In meinen Tag; + Du mein doppelter Tag + Mit deinen beiden Sonnen! + Du! du! + Und deine Hand! + Meines Mundes duftende Blüte + Vergeht vor deiner Güte. + Und meine Wangen + Sind aufgegangen, + Wie meine Flechten + Vor deiner Rechten! + Ja, du hast recht, glätte sie nur, + Du meine wirrglühende Sonne! + + Rufe, locke alles heraus + Aus deiner Erde, du mein Lenz! + Du hast ja gleich zwei Sonnen, + Und eine brauchen wir nur am Himmel. + Und diese beiden Sonnen erzählen dich mir + Wie du aufgewachsen und wo du + Gewachsen für mich! + Wie der heilige Wein Palästinas + Den Heiland mir ansagt, + Sein Seelenfrühlicht, + Sein wärmendes Wandeln. + O, wie da alles aufsteht! + Feierlich, rauschend! + Vorbereitend! + + O komm! + Ich bin ja so schön nach dir! + O laß mich weinen + Tränen der Braut, + Tränen, du Böser, + Daß ich so lange warten mußte auf dich! + Das tut so wohl! + Meine Seele badet. + Dann kommt sie zu dir. + Ja? + + + [Illustration: Arno Holz] + + +Waldesstimme. + + Wie deine grüngoldnen Augen funkeln, + Wald, du mosiger Träumer! + Wie deine Gedanken dunkeln, + Einsiedel, schwer von Leben, + Saftseufzender Tagesversäumer! + + Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben + Wie's Atem holt und voller wogt und braust + Und weiter zieht -- + und stille wird -- + und saust. + + Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben + Hoch droben steht ein ernster Ton, + Dem lauschten tausend Jahre schon + Und werden tausend Jahre lauschen ... + Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen. + + +An Gott. + + Deine Himmel sind mir viel zu süß: + Gib mir, mit freier Brust zu ragen, + Mit dir die Welten zu ertragen, + Wo du bist! + + +Abbild. + + Seele meines Weibes, wie zartes Silber bist du. + Zwei flinke Fittiche weißer Möwen + Deine beiden Füße. + Und dir im lieben Blute auf + Steigt ein blauer Hauch + Und sind die Dinge darin + Alle ein Wunder. + + +Prometheus. + + Entgegengeschmiedet + Auf schroffem Fels + Den Pfeilen der Sonne, + Dem Hagelgeprassel, + Trotz' ich, Olympier, dir. + Der wiederwachsenden Leber + Zuckende Fibern + Hackt mir des Geiers Biß + Aus klaffender Wunde. + + Ein Wimmern, glaubtest, + Olympier, du, + Würden die rauschenden Winde + Ins hochaufhorchende + Ohr dir tragen? + Nicht reut mich der Mensch, + Der Leben und Feuer mir dankt, + Nicht fleh' ich Entfeßlung von dir. + + Jahrhunderte will ich + Felsentrotzig durchdauern, + Jahrtausende, + Wenn dir die Lust nicht schwindet, + Wenn der Trotzende nicht + Zu glücklich dir scheint. + + +Abendröte. + + Sieh da droben die Rosen! Ein glüher Jubel! + Die Wangen der Nacht + In Scharlach und Purpurpracht. + + Nun ist da droben Hochzeit: + Die Königskinder des Himmelreiches. + + Strenge Augen erster Schönheit, + Frieden frierend, + Wie vor kämpfend heißen Rosen + Wundern an den schweren Schmuck goldspielender Brokate, + Des Samtes tiefenweiches Blut, + Gebettet in des Schnees nachtgeflammte, + Flockenzarte Wärme: den hehren Hermelin. + + Die Kränze nehmen sie von herben Scheiteln ab + Und heben Bechertau an ihres Lebens + Rötlich reine Kelche, + Und verwunden + Die Verklärung + Saftigherber Früchte. + + Des strengen Lagers scheue Falten warten .. + + Wie entsetzlich ist Schönheit! .. + + Wie eine Siegesfahne hält + Der Himmel + Des Lebens leuchtendrote Brunst mit aller seiner Adlermacht. + Der Sieger sinkt. + Die Nacht fällt in den Wein. + + + Selige Grüße. + + Bläulicher Flieder. + Ist das ein Grüßen! + Wirbelnde Lieder + Wehen herüber, -- + Stürben lieber. + Seligsein -- und das heißt büßen. + + + + +Hugo von Hofmannsthal. + +Geboren am 1. Februar 1874 in Wien. -- Gesammelte Gedichte 1907. + + +Vorfrühling. + + Es läuft der Frühlingswind + Durch kahle Alleen, + Seltsame Dinge sind + In seinem Wehn. + + Er hat sich gewiegt, + Wo Weinen war, + Und hat sich geschmiegt + In zerrüttetes Haar. + + Er schüttelte nieder + Akazienblüten + Und kühlte die Glieder, + Die atmend glühten, + + Lippen im Lachen + Hat er berührt, + Die weichen und wachen + Fluren durchspürt, + + Er glitt durch die Flöte + Als schluchzender Schrei, + An dämmernder Röte + Flog er vorbei, + + Er flog mit Schweigen + Durch flüsternde Zimmer + Und löschte mit Neigen + Der Ampel Schimmer. + + Es läuft der Frühlingswind + Durch kahle Alleen, + Seltsame Dinge sind + In seinem Wehn. + + Durch die glatten + Kahlen Alleen + Treibt sein Wehen + Blasse Schatten + + Und den Duft, + Den er gebracht, + Von wo er gekommen + Seit gestern nacht. + + +Die Beiden. + + Sie trug den Becher in der Hand, + Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand. + So leicht und sicher war ihr Gang, + Kein Tropfen aus dem Becher sprang. + + So leicht und fest war seine Hand: + Er saß auf einem jungen Pferde, + Und mit nachlässiger Gebärde + Erzwang er, daß es zitternd stand. + + Jedoch, wenn er aus ihrer Hand + Den leichten Becher nehmen sollte, + So war es beiden allzu schwer: + Denn beide bebten sie so sehr, + Daß keine Hand die andre fand + Und dunkler Wein am Boden rollte. + + +Ballade des äußeren Lebens. + + Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, + Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben, + Und alle Menschen gehen ihrer Wege. + + Und süße Früchte werden aus den herben + Und fallen nachts wie tote Vögel nieder + Und liegen wenig Tage und verderben. + + Und immer weht der Wind, und immer wieder + Vernehmen wir und reden viele Worte + Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder. + + Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte + Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen + Und drohende, und totenhaft verdorrte ... + + Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen + Einander nie? und sind unzählig viele? + Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen? + + Was frommt das alles uns und diese Spiele, + Die wir doch groß und ewig einsam sind + Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele? + + Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben? + Und dennoch sagt der viel, der »Abend« sagt, + Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt + + Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben. + + +Manche freilich ... + + Manche freilich müssen drunten sterben, + Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen, + Andre wohnen bei dem Steuer droben, + Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne. + + Manche liegen immer mit schweren Gliedern + Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens, + Andern sind die Stühle gerichtet + Bei den Sibyllen, den Königinnen, + Und da sitzen sie wie zu Hause, + Leichten Hauptes und leichter Hände. + + Doch ein Schatten fällt von jenen Leben + In die anderen Leben hinüber, + Und die leichten sind an die schweren + Wie an Luft und Erde gebunden: + + Ganz vergessener Völker Müdigkeiten + Kann ich nicht abtun von meinen Lidern, + Noch weghalten von der erschrockenen Seele + Stummes Niederfallen ferner Sterne. + + Viele Geschicke weben neben dem meinen, + Durcheinander spielt sie alle das Dasein, + Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens + Schlanke Flamme oder schmale Leier. + + +Terzinen über Vergänglichkeit. + + Noch spür' ich ihren Atem auf den Wangen: + Wie kann das sein, daß diese nahen Tage + Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen? + + Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, + Und viel zu grauenvoll, als daß man klage: + Daß alles gleitet und vorüberrinnt + + Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt, + Herüberglitt aus einem kleinen Kind, + Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd. + + Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war, + Und meine Ahnen, die im Totenhemd, + Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar. + + So eins mit mir als wie mein eignes Haar. + + +Erlebnis. + + Mit silbergrauem Dufte war das Tal + Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond + Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht. + Mit silbergrauem Duft des dunkeln Tales + Verschwammen meine dämmernden Gedanken, + Und still versank ich in dem webenden + Durchsicht'gen Meere und verließ das Leben. + Wie wunderbare Blumen waren da, + Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht, + Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen + In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze + War angefüllt mit einem tiefen Schwellen + Schwermütiger Musik. Und dieses wußt' ich, + Obgleich ich's nicht begreife, doch ich wußt' es: + Das ist der Tod. Der ist Musik geworden, + Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend, + Verwandt der tiefsten Schwermut. + Aber seltsam! + Ein namenloses Heimweh weinte lautlos + In meiner Seele nach dem Leben, weinte, + Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff + Mit gelben Riesensegeln gegen Abend + Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt, + Der Vaterstadt vorüberfährt. Da sieht er + Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht + Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber + Ein Kind am Ufer stehn, mit Kindesaugen, + Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht + Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer -- + Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter, + Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend + Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln. + + +Dein Antlitz ... + + Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen. + Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben. + Wie stieg das auf! daß ich mich einmal schon + In frühern Nächten völlig hingegeben + Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal, + Wo auf den leeren Hängen auseinander + Die magern Bäume standen und dazwischen + Die niedern kleinen Nebelwolken gingen + Und durch die Stille hin die immer frischen + Und immer fremden silberweißen Wasser + Der Fluß hinrauschen ließ, wie stieg das auf! + + Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen + Und ihrer Schönheit, die unfruchtbar war, + Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz, + Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar + Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz! + + +Terzinen. + + Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen, + Und Träume schlagen so die Augen auf + Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen, + + Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf + Der Vollmond anhebt durch die große Nacht. + .. Nicht anders tauchen unsre Träume auf, + + Sind da und leben, wie ein Kind, das lacht, + Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben + Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht. + + Das Innerste ist offen ihrem Weben, + Wie Geisterhände in versperrtem Raum + Sind sie in uns und haben immer Leben. + + Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum. + + +Der Jüngling in der Landschaft. + + Die Gärtner legten ihre Beete frei, + Und viele Bettler waren überall, + Mit schwarzverbundnen Augen und mit Krücken, + Doch auch mit Harfen und den neuen Blumen, + Dem starken Duft der schwachen Frühlingsblumen. + + Die nackten Bäume ließen alles frei: + Man sah den Fluß hinab und sah den Markt + Und viele Kinder spielen längs den Teichen. + Durch diese Landschaft ging er langsam hin + Und fühlte ihre Macht und wußte, daß + Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen. + + Auf jene fremden Kinder ging er zu + Und war bereit, an unbekannter Schwelle + Ein neues Leben dienend hinzubringen. + Ihm fiel nicht ein, den Reichtum seiner Seele, + Die frühern Wege und Erinnerung + Verschlungner Finger und getauschter Seelen + Für mehr als nichtigen Besitz zu achten. + Der Duft der Blumen redete ihm nur + Von fremder Schönheit, und die neue Luft + Nahm er stillatmend ein, doch ohne Sehnsucht: + Nur daß er dienen durfte, freute ihn. + + +Aus »Der Tod des Tizian«. + + _Gianino_ spricht: + + Mir war, als ginge durch die blaue Nacht, + Die atmende, ein rätselhaftes Rufen. + Und nirgends war ein Schlaf in der Natur. + Mit Atemholen tief und feuchten Lippen, + So lag sie, horchend in das große Dunkel, + Und lauschte auf geheimer Dinge Spur. + Und sickernd, rieselnd kam das Sterngefunkel + Hernieder auf die weiche, wache Flur. + Und alle Früchte schweren Blutes schwollen + Im gelben Mond und seinem Glanz, dem vollen, + Und alle Brunnen glänzten seinem Ziehn, + Und es erwachten schwere Harmonien. + Und wo die Wolkenschatten hastig glitten, + War wie ein Laut von weichen, nackten Tritten ... + Leis stand ich auf -- ich war an dich geschmiegt -- + Da schwebte durch die Nacht ein süßes Tönen, + Als hörte man die Flöte leise stöhnen, + Die in der Hand aus Marmor sinnend wiegt + Der Faun, der da im schwarzen Lorbeer steht, + Gleich nebenan, beim Nachtviolenbeet. + Ich sah ihn stehen still und marmorn leuchten; + Und um ihn her im silbrig Blauen, Feuchten, + Wo sich die offenen Granaten wiegen, + Da sah ich deutlich viele Bienen fliegen, + Und viele saugen, auf das Rot gesunken, + Von nächt'gem Duft und reifem Safte trunken. + Und wie des Dunkels leiser Atemzug + Den Duft des Gartens um die Stirn mir trug, + Da schien es mir wie das Vorüberschweifen + Von einem weichen, wogenden Gewand + Und die Berührung einer warmen Hand. + In weißen, seidig weißen Mondesstreifen + War liebestoller Mücken dichter Tanz, + Und auf dem Teiche lag ein weicher Glanz + Und plätscherte und blinkte auf und nieder. + Ich weiß es heut nicht, ob's die Schwäne waren, + Ob badender Najaden weiße Glieder, + Und wie ein süßer Duft von Frauenhaaren + Vermischte sich dem Duft der Aloe ... + Und was da war, ist mir in eins verflossen: + In eine überstarke, schwere Pracht, + Die Sinne stumm und Worte sinnlos macht. + + +Aus »Der Abenteurer und die Sängerin«. + + Der _Baron_ spricht: + + Ich will hier Feste geben. Schaff mir Löwen, + Die Blumensträuße aus dem Rachen werfen! + Vergoldete Delphine stell vors Tor, + Die roten Wein ins grüne Wasser spein! + Nicht drei, nicht fünf, zehn Diener nimm mir auf + Und schaff Livreen. An den Treppen sollen + Drei Gondeln hängen voller Musikanten + In meinen Farben. + Ich will den Kampanile um und um + In Rosen und Narzissen wickeln. Droben + Auf seiner höchsten Spitze sollen Flammen + Von Sandelholz, genährt mit Rosenöl, + Den Leib der Nacht mit Riesenarmen fassen. + Ich mach' aus dem Kanal ein fließend Feuer, + Streu so viel Blumen aus, daß alle Tauben + Betäubt am Boden flattern, so viel Fackeln, + Daß sich die Fische angstvoll in den Grund + Des Meeres bohren, daß Europa sich + Mit ihren nackten Nymphen aufgescheucht + In einem dunkleren Gemach versteckt + Und daß ihr Stier geblendet laut aufbrüllt! + Mach Dichterträume wahr, stampf aus dem Grab + Den Veronese und den Aretin, + Spann Greise vor, bau eine Pyramide + Aus Leibern junger Mädchen, welche singen! + Die Pferde von Sankt Markus sollen wiehern + Und ihre ehrnen Nüstern blähn vor Lust! + Die oben liegen in den bleiernen Kammern + Und ihre Nägel bohren in die Wand, + Die sollen innehalten und schon meinen, + Der Jüngste Tag ist da, und daß die Engel + Mit rosenen Händen und dem wilden Duft + Der Schwingen niederstürzend jetzt das Dach + Von Blei hinweg, herein den Himmel reißen! ... + + * * * + + _Derselbe_ spricht: + + O hättest du gelernt wie ich zu leben, + Dir wäre wohl. + Ich achte diese Welt nach ihrem Wert, + Ein Ding, auf das ich mich mit sieben Sinnen + So lange werfen soll, als Tag' und Nächte + Mich wie ein ächzend Fahrzeug noch ertragen. + Leben! Gefangen liegen, schon den Tritt + Des Henkers schlürfen hörn im Morgengrauen + Und sich zusammenziehen wie ein Igel, + Gesträubt vor Angst und starrend noch von Leben! + Dann wieder frei sein! atmen! wie ein Schwamm + Die Welt einsaugen, über Berge hin! + Die Städte drunten, funkeln wie die Augen! + Die Segel draußen, vollgebläht wie Brüste! + Die weißen Arme! Die von Schluchzen dunklen + Verführten Kehlen! Dann die Herzoginnen + Im Spitzenbette weinen lassen und + Den dumpfen Weg zur Magd, du glaubst mir nicht? + + Ich sage dir, es gibt nichts Lustigres + Als hier im Zimmer auf und nieder gehn, + Sich Wein einschenken, essen, schlafen, küssen + Und draußen an der Tür den wilden Atem + Von _einem_ gehen hören oder _einer_, + Die lauert und in der geballten Faust + Den Tod hält, deinen oder ihren Tod! ... + + + + +Arno Holz. + +Geboren am 26. April 1863 zu Rastenburg in Ostpreußen. Lebt seit 1875 in +Berlin. -- Buch der Zeit 1885. Phantasus I und II 1898 und 1899. Große +»Insel«-Ausgabe 1916. Des berühmbten Schäffers Dafnis sälbst +verfärtigte, sämbtliche Freß- Sauffund Venus-Lieder benebst angehänckten +Auffrichtigen und Reuemächtigen Buß-Thränen 1904. Das ausgewählte Werk +1919. + + +Ein Abschied. + + Sein Freund, der Türmer, war noch wach, + wie Silber gleißte das Rathausdach, + und drüber stand der Mond. + + Er wußte kaum, wie schwer er litt, + doch schlug ihm das Herz bei jedem Schritt, + und das Ränzel drückte ihn. + + Die Gasse war so lang, so lang, + und dazu noch die Stimme, die über ihm sang: + Wann's Mailüfterl weht! + + Jetzt bog sich ein Fliederstrauch über den Zaun, + und die Mutter Gottes, aus Stein gehaun, + stand weiß vor dem Domportal. + + Hier stand er eine Weile still + und hörte, wie eine Dohle schrill + hoch oben ums Turmkreuz pfiff. + + Dann löschte links in dem kleinen Haus + der Löwenwirt seine Lichter aus, + und die Domuhr schlug langsam zehn. + + Die Brunnen rauschten wie im Traum, + die Nachtigall schlug im Lindenbaum, + und alles war wie sonst! + + Da riß er die Rose sich aus dem Rock + und stieß sie ins Pflaster mit seinem Stock, + daß die Funken stoben, und ging. + + Das Lämpchen flackerte rot überm Tor, + und der Wald, in den sich sein Weg verlor, + stand schwarz im Mondlicht da. + + Er schritt und schritt, ein Käuzchen schrie, + die Farren reichten ihm bis übers Knie, + und der Sankt-Jakobs-Quell plätscherte ... + + Erst droben auf dem Heiligenstein + fiel ihm noch einmal alles ein, + als der Weg um die Buche bog. + + Die Blätter rauschten, er stand und stand + und sah hinunter unverwandt, + wo die Dächer funkelten! + + Dort stand der Garten und dort das Haus, + und jetzt war das aus, und jetzt war das aus, + und -- die Dächer funkelten! + + Sein Herz schlug wild, sein Herz schlug nicht fromm: + Wann i komm, wann i komm, wann i wiederkomm! + Doch er kam nie wieder. + + + [Illustration: Ricarda Ceconi-Huch] + + +Ninon. + + Ninon heißt sie. Ihre Mutter + handelt nachts mit Apfelsinen + an der Weidendammer Brücke. + Doch sie selbst ist Kammerkätzchen. + + Stöckelschühchen. Sehr kokett. + Sehr kokett sitzt auch ihr Häubchen, + das auf ihrem krausen Köpfchen + weiß und niedlich balanciert. + + Doch der kleine Marmorschlingel, + der dem Spiegel visavis + grad vor einem Makartstrauß hockt, + läßt sich dadurch nicht verblüffen. + + Immer, wenn ihr Pfauenwedel + ihn frühmorgens abstäubt, lacht er. + Ja, die Stutzuhr kann sogar + deutlich hören, was er sagt: + + »Tu mir den Gefallen, Kind, und + kokettiere nicht so viel! + Ninon nennt die gnädige Frau dich? + Geh, du heißt ja gar nicht so! + + Martha heißt du. Dein Papa + war der gnädige Herr von Dingsda. + Vor drei Wochen in Neuyork + starb er als Konditorlehrling. + + Deine Mutter lebt. Sie schielt, + hinkt und schnupft. Im übrigen + handelt sie mit Apfelsinen + an der Weidendammer Brücke.« + + +Aus »Phantasus«. + + Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne, + vom Hof her stampfte die Fabrik. + Es war die richtige Mietskaserne + mit Flur- und Leiermannsmusik! + Im Keller nistete die Ratte, + Parterre gab's Branntwein, Grog und Bier, + und bis ins fünfte Stockwerk hatte + das Vorstadtelend sein Quartier. + + Dort saß er nachts vor seinem Lichte + -- duck nieder, nieder, wilder Hohn! -- + und fieberte und schrieb Gedichte, + ein Träumer, ein verlorner Sohn! + Sein Stübchen konnte grade fassen + ein Tischchen und ein schmales Bett; + er war so arm und so verlassen, + wie jener Gott aus Nazareth! + + Doch pfiff auch dreist die feile Dirne, + die Welt, ihn aus: Er ist verrückt! -- + ihm hatte leuchtend auf die Stirne + der Genius seinen Kuß gedrückt! + Und wenn, vom holden Wahnsinn trunken, + er zitternd Vers an Vers gereiht, + dann schien auf ewig ihm versunken + die Welt und ihre Nüchternheit. + + In Fetzen hing ihm seine Bluse, + sein Nachbar lieh ihm trocknes Brot, + er aber stammelte: O Muse! + und wußte nichts von seiner Not. + Er saß nur still vor seinem Lichte, + allnächtlich, wenn der Tag entflohn, + und fieberte und schrieb Gedichte, + ein Träumer, ein verlorner Sohn! + + * * * + + Die Nacht liegt in den letzten Zügen, + der Regen tropft, der Nebel spinnt ... + O, daß die Märchen immer lügen, + die Märchen, die die Jugend sinnt! + Wie lieblich hat sich einst getrunken + der Hoffnung goldner Feuerwein! + Und jetzt? Erbarmungslos versunken + in dieses Elend der Spelunken -- + O Sonnenschein! O Sonnenschein! + + Nur einmal, einmal noch im Traume + laßt mich hinaus, o Gott, hinaus! + Denn süß rauscht's nachts im Lindenbaume + vor meines Vaters Försterhaus. + Der Mond lugt golden um den Giebel, + der Vater träumt von Mars-la-Tour, + lieb Mütterchen studiert die Bibel, + ihr Nestling koloriert die Fibel, + und leise, leise tickt die Uhr. + + O goldne Lenznacht der Jasminen, + o wär ich niemals dir entrückt! + Das ewige Rädern der Maschinen + hat mir das Hirn zerpflückt, zerstückt! + Einst schlich ich aus dem Haus der Väter + nachts in die Welt mich, wie ein Dieb, + und heut -- drei kurze Jährchen später! -- + wie ein geschlagener Missetäter, + schluchz ich: Vergib, o Gott, vergib! + + Wozu dein armes Hirn zerwühlen? + Du grübelst, und die Weltlust lacht! + Denn von Gedanken, von Gefühlen + hat noch kein Mensch sich satt gemacht! + Ja, recht hat, o du süße Mutter, + dein Spruch, vor dem's mir stets gegraust: + Was soll uns Shakespeare, Kant und Luther? + Dem Elend dünkt ein Stückchen Butter + erhabner als der ganze Faust! + + +Vor meinem Fenster ... + + Vor meinem Fenster + singt ein Vogel. + + Still hör ich zu; mein Herz vergeht. + + Er singt, + was ich als Kind ... so ganz besaß + und dann -- vergessen! + + +Rote Rosen ... + + Rote Rosen + winden sich um meine düstre Lanze. + + Durch weiße Lilienwälder + schnaubt mein Hengst. + + Aus grünen Seeen, + Schilf im Haar, + tauchen schlanke, schleierlose Jungfraun. + + Ich reite wie aus Erz. + + Immer, + dicht vor mir, + fliegt der Vogel Phönix + und singt. + + +In einem Garten ... + + In einem Garten, unter dunklen Bäumen, + erwarten wir + die Frühlingsnacht. + Noch + glänzt kein Stern. + + Die Büsche schweigen. + + Plötzlich, + aus einem Fenster, + leise, + getragen, schwellend, + die tiefen, klaren, reinen, lichten, + glutend golddurchwirkten + Töne + einer Geige. + + Der Goldregen blinkt, + der Flieder duftet, + in unseren Herzen -- geht der Mond auf! + + +Aus weißen Wolken ... + + Aus weißen Wolken, + schwebend, schweigend, strahlend ins blitzende Blau hochsteigend, + schimmernd, flimmernd, baut sich ein Schloß! + + Spiegelnde Seeen, selige Wiesen, + singende Brunnen aus tiefstem Smaragd! + + In seinen hohen, gleißenden, glitzernden Hallen + wohnen + die alten Götter! + + Noch immer, + abends, + wenn die Sonne purpurn sinkt, + glühn seine Gärten; + vor ihren Wundern bebt mein Herz + und lange ... steh ich. + + Sehnsüchtig! + + Dann naht die Nacht, + die Luft verlischt, + wie zitterndes Silber blinkt das Meer, + und über die ganze Welt hin + webt ein Duft ... wie von Rosen! + + + + +Ricarda Huch. + +Geboren am 18. Juli 1864 in Braunschweig, studierte in Zürich und wurde +dort 1891 als eine der ersten Frauen zum +Dr. phil.+ promoviert. -- +Gedichte 1891. Neue Gedichte 1907. + + +Sehnsucht. + + Um bei dir zu sein, + Trüg' ich Not und Fährde, + Ließ' ich Freund und Haus + Und die Fülle der Erde. + + Mich verlangt nach dir, + Wie die Flut nach dem Strande, + Wie die Schwalbe im Herbst + Nach dem südlichen Lande. + + Wie den Alpsohn heim, + Wenn er denkt, nachts alleine, + An die Berge voll Schnee + Im Mondenscheine. + + +Unersättlich. + + Ganz mit Frühling und Sonnenstrahl, + Klang und duftendem Blütenguß + Mein verlangendes Herz einmal + Füll mir, seliger Überfluß! + + Gib mir ewiger Jugend Glanz, + Gib mir ewigen Lebens Kraft, + Gib im flüchtigen Stundentanz + Ewig wirkende Leidenschaft! + + Aus dem Meere des Wissens laß + Satt mich trinken in tiefem Zug! + Gib von Liebe und gib von Haß + Meiner Seele einmal genug. + + Gib, daß Tau der Erfüllung mir + In die Schale des Herzens fließt, + Bis sie, selber verschwendend, ihr + Überschäumendes Glück ergießt! + + +Du. + + Seit du mir ferne bist, + Hab' ich nur Leid, + Weiß ich, was Sehnsucht ist + Und freudenlose Zeit. + + Ich hab' an dich gedacht + Ohn' Unterlaß + Und weine jede Nacht + Nach dir mein Kissen naß. + + Und schließt mein Auge zu + Des Schlafes Band, + So wähn' ich, das tust du + Mit deiner weichen Hand. + + +Heimatlos. + + Hör mich, Mutter, höre mich in deinem dunkeln Grabe, + Sage mir, wo ich Verirrter meine Heimat habe. + Wenn ich schlafe unter deinem Trauerweidenbaume, + Zeige mir das Land, das süße Vaterland, im Traume. + Laß mich meine Sterne sehen, eine milde Sonne + Durch das Meer des Himmels segeln, junger Saaten Wonne, + Und die Wasser jubelnd hoch von meinen Bergen stieben! + Meine Brüder, meine Schwestern zeig mir, die mich lieben. + Wär' der Weg auch noch so weit, ich will ihn gerne gehen; + Wär' er noch so hoch und steil, ich will ihn gern bestehen. + Denn ich mag nicht, mag nicht länger in der Fremde weilen, + Ich bin krank im Herzen, nur die Heimat kann mich heilen. + Käm' ich auch als Bettler zu der vielgeliebten Stelle, + Legen will ich mich auf meines Vaterhauses Schwelle; + Küsse werden, Tränen auf die alten Steine brennen, + Die mich besser als die Menschen in der Fremde kennen. + -- »Kind, dein Vaterland ist ferne, und der Weg ist weiter, + Als die Erde weit ist, und die Nacht ist dein Begleiter. + An der Pforte wird die Ewigkeit dich still begrüßen + Und die Wanderschuh' dir lösen von den wunden Füßen.« -- + + +Erinnerung. + + Einmal vor manchem Jahre + War ich ein Baum am Bergesrand, + Und meine Birkenhaare + Kämmte der Mond mit weißer Hand. + + Hoch überm Abgrund hing ich + Windebewegt auf schroffem Stein. + Tanzende Wolken fing ich + Mir als vergänglich Spielzeug ein. + + Fühlte nichts im Gemüte + Weder von Wonne noch von Leid, + Rauschte, verwelkte, blühte, + In meinem Schatten schlief die Zeit. + + +Verstoßen. + + Ich weiß, daß ich sterben muß + An deinem Lieben. + Du hast mich ins Elend getrieben + Mit deinem Kuß. + + Ich irre verbannt, allein + Und ohne Frieden, + Seit ich von der Welt mich geschieden, + Um dein zu sein. + + Nie werd' ich mein Vaterland, + Das süße, schauen; + Nie wirst du den Herd für uns bauen + Mit froher Hand. + + Oft streckst du die Arme aus, + Wenn ich dir fehle. + So fern bin ich; nur meine Seele + Irrt um dein Haus. + + +Herbst. + + Herbst ist es, siehst du die Blätter fallen? + Nicht wie die Welkenden fromm + Wollen wir beide zu Tode wallen -- + Küsse mich, komm! + + Wolkenjagd oben in fernen Räumen! + Köstlich und wonnevoll + Ist es, die Perlen vom Wein zu schäumen, + Übermutstoll. + + Aber noch herrlicher ist's, zu schlürfen + Alles in einem Zug! + Größeste Fülle, doch dem Bedürfen + Nimmer genug! + + Laß uns das weinleere Glas zerschmettern, + Komm von dem Gipfel ins Grab, + Gleich unverletzlichen ewigen Göttern + Lächelnd hinab! + + +Ankunft im Hades. + + In des Hades Grüfte trat ein neuer Gast. + »Sei, Genosse, uns willkommen! + Sprich, was du vernommen + Auf der Erde schönen Fluren hast. + + Sprich uns von der vielgeliebten Sonne Glanz + Und von rosenroten Wangen; + Sag, ob fröhlich schwangen + Kleine Mücken den geschwinden Tanz. + + Sahst du Liebchen Hand in Hand beim Abendmond? + Über unsern Leichensteinen + Sahst du uns beweinen + Jene Schar, die froh im Lichte wohnt? + + Ihnen strömt der Tränen holder Tau, + Der befreit und löst die Schmerzen, + Wie das Eis im Märzen + Frühlingswinde wonnevoll und lau.« + + -- »Lenz war droben, da von dannen ich gemußt. + Mit hinab in eure Grüfte + Nahm ich Veilchendüfte: + Diesen vollen Strauß an meiner Brust.« -- + + Seht, da ruhn die Danaiden; von der Qual + Muß auch Tantalus sich wenden; + Jäh aus müß'gen Händen + Stürzt der Stein des Sisyphus zu Tal. + + +Liebesreime. + +I. + + Nicht der Nachtigall und nicht der Lerche Lied + Kann mich freuen, wenn es klingt das Tal entlang; + Hört' ich jemals wieder einen süßen Klang, + Seit das Schicksal mich von meinem Freunde schied? + Wenn er sprach zu mir und meinen Namen rief, + O, wie wurde mir dabei die Seele weit; + Wenn ich tot einst bin und lieg' im Grabe tief, + Hör' ich's wohl um Mitternacht zur Sommerszeit. + +II. + + Ich hatte so viel dir zu berichten, + Neuigkeiten, allerhand Geschichten; + Aber nun bist du auf einmal so nah + Mit diesem Kinn und diesen Wangen, + Alle Gedanken sind mir vergangen -- + Ach Gott und dein Hals, der weiche, runde, + Nur eine Spanne von meinem Munde, + Den ich so lange, die Lippen zerbeißend, von weitem sah! + +III. + + Einen guten Grund hat's, daß mein Liebchen + Über alles schön und herrlich ist geraten: + Denn mit Lenztau ward getauft das Bübchen, + Mond und Sonne waren seine Paten. + Sonne setzt' ins Aug' ihm goldne Kerzen: + Wenn er aufschaut, glühen alle Herzen. + Und der Mond küßt' ihm den Mund von ferne: + Wenn er lächelt, klingen alle Sterne. + + + + +Isolde Kurz. + +Geboren am 21. Dezember 1853 zu Stuttgart als Tochter des Dichters +Hermann Kurz; lebt, unvermählt, seit dem Jahre 1877 zumeist in Florenz. +-- Gedichte 1889. Neue Gedichte 1905. + + +Südliche Weise. + + Du sprichst von Sünde gleich und ew'gen Flammen, + Will ich ein Stündchen nur mit dir verkosen, + Weil noch kein Priesterwort uns gab zusammen. + + Doch neulich sprach der Pfaff beim Messelesen, -- + Er sprach Latein, drum blieb der Sinn dir dunkel, + Ich aber bin einst Ministrant gewesen. + + Er sagte: Fromme Christen, laßt euch raten! + Ihr müßt für jeden ungeküßten Kuß + Einhundert Jährlein in der Hölle braten. + + +Die erste Nacht. + + Jetzt kommt die Nacht, die erste Nacht im Grab. + O, wo ist aller Glanz, der dich umgab? + In kalter Erde ist dein Bett gemacht. + Wie wirst du schlummern diese erste Nacht? + + Vom letzten Regen ist dein Kissen feucht, + Nachtvögel schrein, vom Wind emporgescheucht, + Kein Lämpchen brennt dir mehr, nur kalt und fahl + Spielt auf der Schlummerstatt der Mondenstrahl. + + Die Stunden schleichen -- schläfst du bis zum Tag? + Horchst du wie ich auf jeden Glockenschlag? + Wie kann ich ruhn und schlummern kurze Frist, + Wenn du, mein Lieb, so schlecht gebettet bist? + + +Mädchenliebe. + + Nächtlich war's am stillen Weiher, + Wo ich ihm zur Seite stand, + Als im Wind mein langer Schleier + Sich um seinen Nacken wand. + + Ach, was ließ ich's nur geschehen! + Daß er fest den Knoten schlang, + Mich an seiner Hand zu gehen, + Ein gefangnes Füllen, zwang! + + Denn seitdem auf allen Wegen + Fühlt' ich unzerreißlich stets + Über mich und ihn sich legen + Magisch jenes Schleiers Netz. + + Seit mich gar sein Arm umwindet, + Schwand der Freiheit letzter Rest. + Fessel, die uns beide bindet, + Liebe Fessel, halte fest! + + +Die Nicht-Gewesenen. + + Über ein Glück, das du flüchtig besessen, + Tröstet Erinnern, tröstet Vergessen, + Tröstet die alles heilende Zeit. + Aber die Träume, die nie errungnen, + Nie vergeßnen und nie bezwungnen, + Nimmer verläßt dich ihr sehnendes Leid. + + + + +Else Lasker-Schüler. + +Gedichte aus den gesammelten Büchern im Verlag Paul Cassirer in Berlin. + + +Wir beide. + + Der Abend weht Sehnen aus Blütensüße, + Und auf den Bergen brennt wie Silberdiamant der Reif, + Und Engelköpfchen gucken überm Himmelsstreif, + Und wir beide sind im Paradiese. + + Und uns gehört das ganze bunte Leben, + Das blaue, große Bilderbuch mit Sternen, + Mit Wolkentieren, die sich jagen in den Fernen + Und hei! die Kreiselwinde, die uns drehn und heben! + + Der liebe Gott träumt seinen Kindertraum + Vom Paradies -- von seinen zwei Gespielen, + Und große Blumen sehn uns an von Dornenstielen ... + + Die düstere Erde hing noch grün am Baum. + + +Mairosen. + + Er hat seinen heiligen Schwestern versprochen, + Mich nicht zu verführen, + Zwischen Mairosen hätte er fast + + Sein Wort gebrochen, + Aber er machte drei Kreuze + Und ich glaubte heiß zu erfrieren. + + Nun lieg' ich im düstern Nadelwald, + Und der Herbst saust kalte Nordostlieder + Über meine Lenzglieder. + + Aber wenn es wieder warm wird, + Wünsch' ich den heiligen Schwestern beid' Hochzeit + Und wir -- spielen dann unter den Mairosen ... + + +Chaos. + + Die Sterne fliehen schreckensbleich + Vom Himmel meiner Einsamkeit, + Und das schwarze Auge der Mitternacht + Starrt näher und näher. + + Ich finde mich nicht wieder + In dieser Todverlassenheit! + Mir ist, ich lieg' von mir weltenweit + Zwischen grauer Nacht der Urangst ... + + Ich wollte, ein Schmerzen rege sich + Und stürze mich grausam nieder + Und riß mich jäh an mich! + Und es lege eine Schöpferlust + Mich wieder in meine Heimat + Unter der Mutterbrust. + + Meine Mutterheimat ist seeleleer, + Es blühen dort keine Rosen + Im warmen Odem mehr. -- + ... Möcht' einen Herzallerliebsten haben! + Und mich in seinem Fleisch vergraben. + + + [Illustration: Else Lasker-Schüler] + + +Die Liebe. + + Es rauscht durch unseren Schlaf + Ein feines Wehen wie Seide, + Wie pochendes Erblühen + Über uns beide. + + Und ich werde heimwärts + Von deinem Atem getragen, + Durch verzauberte Märchen, + Durch verschüttete Sagen. + + Und mein Dornenlächeln spielt + Mit deinen urtiefen Zügen, + Und es kommen die Erden + Sich an uns zu schmiegen. + + Es rauscht durch unseren Schlaf + Ein feines Wehen wie Seide -- + Der weltalte Traum + Segnet uns beide. + + +Liebesflug. + + Drei Stürme liebt' ich ihn eher wie er mich, + Jäh schrien seine Lippen, + Wie der geöffnete Erdmund! + Und Gärten berauschten am Mairegen sich. + + Und wir griffen unsere Hände, + Die verlöteten wie Ringe sich. + Und er sprang mit mir auf die Lüfte + Gotthin, bis der Atem verstrich. + + Dann kam ein leuchtender Sommertag + Wie eine glückselige Mutter. + Und die Mädchen blickten schwärmerisch, + Nur meine Seele lag müd' und zag. + + +Eva. + + Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt, + Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren, + Und deine Lippen sind von rosiger Sonnenweichheit + Wie die Blüten der Bäume Edens waren. + + Und die keimende Liebe ist meine Seele, + O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen, + Und du zitterst von Ahnungen + Und weißt nicht, warum deine Träume stöhnen. + + Und ich liege schwer auf deinem Leben, + Wie eine tausendstämmige Erinnerung. + Und du bist so blindjung, so adamjung ... + Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt. + + +Mein Volk. + + Der Fels wird morsch, + Dem ich entspringe + Und meine Gotteslieder singe ... + Jäh stürz' ich vom Weg + Und riesele ganz in mir + Fernab, allein über Klagegestein + Dem Meer zu. + + Hab' mich so abgeströmt + Von meines Blutes + Mostvergorenheit. + Und immer, immer noch der Widerhall + In mir, + Wenn schauerlich gen Ost + Das morsche Felsgebein, + Mein Volk, + Zu Gott schreit. + + +Mein Liebeslied. + + Wie ein heimlicher Brunnen + Murmelt mein Blut, + Immer von dir, immer von mir. + Unter dem taumelnden Mond + Tanzen meine nackten, suchenden Träume, + Nachtwandelnde, fiebernde Kinder, + Leise über düstere Hecken. + O, deine Lippen sind sonnig ... + Diese Rauschedüfte deiner Lippen ... + Und aus blauen Dolden, silberumringt + Lächelst du ... du, du. + Immer das schlängelnde Geriesel + Auf meiner Haut + Über die Schultern hinweg -- + Ich lausche ... + Wie ein heimlicher Brunnen + Murmelt mein Blut ... + + +Mein Wanderlied. + + Zwölf Morgenhellen weit + Verschallt der Geist der Mitternacht, + Und meine Lippen haben ausgedacht + In stolzer Linie mit der Ewigkeit. + + Torabwärts schreitet das Verflossene, + Indessen meine Seele sich im Glanz der Lösung bricht, + Ihr tausendheißes, weißes Licht + Scheint mir voran ins Ungegossene. + + Und ich wachse über all Erinnern weit. + So fern Musik ... und zwischen Kampf und Frieden + Steigen meine Blicke hoch wie Pyramiden, + Und sind die Ziele hinter aller Zeit. + + +O, meine schmerzliche Lust. + + Mein Traum ist eine junge, wilde Weide + Und schmachtet in der Dürre. + Wie die Kleider um den Tag brennen ... + Alle Lande bäumen sich. + Soll ich dich locken mit dem Liede der Lerche + Oder soll ich dich rufen wie der Feldvogel + Tuuh! Tuuh! + Wie die Silberähren + Um meine Füße sieden ... + O, meine schmerzliche Lust + Weint wie ein Kind. + + +Maienregen. + + Du hast deine warme Seele + Um mein verwittertes Herz geschlungen, + Und all seine dunkeln Töne + Sind wie ferne Donner verklungen. + + Aber es kann nicht mehr jauchzen + Mit seiner wilden Wunde, + Und wunschlos in deinem Arme + Liegt mein Mund auf deinem Munde. + + Und ich höre dich leise weinen, + Und es ist -- die Nacht bewegt sich kaum -- + Als fiele ein Maienregen + Auf meinen greisen Traum. + + +Weltende. + + Es ist ein Weinen in der Welt, + Als ob der liebe Gott gestorben wär', + Und der bleierne Schatten, der niederfällt, + Lastet grabesschwer. + + Komm, wir wollen uns näher verbergen ... + Das Leben liegt in Aller Herzen + Wie in Särgen. + + Du! wir wollen uns tief küssen ... + Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, + An der wir sterben müssen. + + +Mein Liebeslied. + + Auf deinen Wangen liegen + Goldene Tauben. + + Aber dein Herz ist ein Wirbelwind, + Dein Blut rauscht, wie mein Blut -- + + Süß + An Himbeersträuchern vorbei. + + O, ich denke an dich -- -- + Die Nacht frage nur. + + Niemand kann so schön + Mit deinen Händen spielen, + + Schlösser bauen, wie ich + Aus Goldfinger; + + Burgen mit hohen Türmen! + Strandräuber sind wir dann. + + Wenn du da bist, + Bin ich immer reich. + + Du nimmst mich so zu dir, + Ich sehe dein Herz sternen. + + Schillernde Eidechsen + Sind dein Geweide. + + Du bist ganz aus Gold -- + Alle Lippen halten den Atem an. + + + + +Detlev von Liliencron. + +Geboren am 3. Juni 1844 zu Kiel, besuchte die Gelehrte Schule seiner +Vaterstadt, trat 1863 beim westfälischen Füsilierregiment Nr. 37 in +Mainz ein, nahm an den Kriegen 1866 und 1870-71 teil, wurde mehrmals +verwundet, nahm seinen Abschied, ging auf kurze Zeit nach Amerika, +kehrte zurück, wurde Deichhauptmann und Hardesvogt auf Pellworm, wo er +die »Adjutantenritte« schrieb, und lebte zuletzt, nachdem er längere +Zeit in Altona gewohnt hatte, als Hauptmann a. D. in Alt-Rahlstedt bei +Hamburg. Er starb dort am 22. Juli 1909. -- Seine früher unter andern +Titeln erschienenen Gedichtbücher heißen jetzt: Kampf und Spiele. Kämpfe +und Ziele. Nebel und Sonne. Bunte Beute. Ausgewählte Gedichte. Poggfred. +Gute Nacht. + + +Rückblick. + + Eh mir aus der Scheide schoß + Blitz und blank der Degen, + Ließ noch einmal Mann und Roß + Kurzer Rast ich pflegen. + + Und die Hand als Augenschild, + Meine Lider sanken, + Rasch vorbei, ein wechselnd Bild, + Flogen die Gedanken. + + Kinderland, du Zauberland, + Haus und Hof und Hecken. + Hinter blauer Wälderwand + Spielt die Welt Verstecken. + + Weiter nun in bunten Reihn + Zog mein wüstes Leben. + Wenig Taten, vieler Schein, + Windige Spinneweben. + + Würfel, Weiber, Wein, Gesang, + Jugendrasche Quelle, + Und im wilden Wogendrang + Schwamm ich mit der Welle ... + + Doch Dragoner glänzen hell + Dort an jenem Hügel. + An die Pferde! Fertig! Schnell + Klebt der Sporn am Bügel. + + Zügel fest, Fanfarenruf, + Donnernd schwappt der Rasen. + Bald sind wir mit flüchtigem Huf + An den Feind geblasen. + + Anprall, Fluch und Stoß und Hieb, + Kann den Arm nicht sparen, + Wo mir Helm und Handschuh blieb, + Hab' ich nicht erfahren. + + Sattelleere, Sturz und Staub, + Klingenkreuz und Scharten. + Trunken schwenkt die Faust den Raub + Flatternd der Standarten. + + Täuschend gleicht des Feindes Flucht + Tollgehetzten Hammeln. + Freudig ruft in Wald und Schlucht + Mein Signal zum Sammeln. + + Schweiß und Blut an Stirn und Schwert, + Laß es tropfen, tropfen. + Dankbar muß ich meinem Pferd + Hals und Mähne klopfen. + + Nächtens dann beim Feuerschein, + Nach des Kampfes Mühe, + Fielen mir Gedanken ein + Aus des Tages Frühe. + + Schwamm ich viele Jahre lang + Steuerlos im Leben, + Hat mir heut der scharfe Gang + Wink und Ziel gegeben. + + +Tod in Ähren. + + Im Weizenfeld, in Korn und Mohn, + Liegt ein Soldat, unaufgefunden, + Zwei Tage schon, zwei Nächte schon, + Mit schweren Wunden, unverbunden. + + Durstüberquält und fieberwild, + Im Todeskampf den Kopf erhoben. + Ein letzter Traum, ein letztes Bild, + Sein brechend Auge schlägt nach oben. + + Die Sense sirrt im Ährenfeld, + Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden, + Ade, ade, du Heimatwelt -- + Und beugt das Haupt, und ist verschieden. + + +Am Strande. + + Der lange Junitag war heiß gewesen, + Ich saß im Garten einer Fischerhütte, + Wo schlicht auf Beeten, zierlich eingerahmt + Von Muscheln, Buchs und glatten Kieselsteinen, + Der Goldlack blüht, und Tulpen, Mohn und Rosen + In bäurisch buntem Durcheinander prunken. + Es war die Nacht schon im Begriff, dem Tage + Die Riegel vorzuschieben; stiller ward + Im Umkreis alles; Schwalben jagten sich + In hoher Luft; und aus der Nähe schlug + Ans Ohr das Rollen auf der Kegelbahn. + Im Gutenacht der Sonne blinkerten + Die Scheiben kleiner Häuser auf der Insel, + Die jenseit lag, wie blanke Messingplatten. + Den Strom hinab glitt feierlich und stumm, + Gleich einer Königin, voll hoher Würde, + Ein Riesenschiff, auf dessen Vorderdeck + Die Menschen Kopf an Kopf versammelt stehn. + Sie alle winken ihre letzten Grüße + Den letzten Streifen ihrer Heimat zu. + In manchen Bart mag nun die Mannesträne, + So selten sonst, unaufgehalten tropfen. + In manches Herz, das längst im Sturz und Stoß + Der Lebenswellen hart und starr geworden, + Klingt einmal noch ein altes Kinderlied. + Doch vorwärts, vorwärts ins gelobte Land! + Die Pflicht befiehlt zu leben und zu kämpfen, + Befiehlt dem einen, für sein Weib zu sorgen, + Und für sich selbst dem andern. Jeder so + Hat seiner Ketten schwere Last zu tragen, + Die, allzu schwer, ihn in die Tiefe zieht. + Geboren werden, leiden dann und sterben, + Es zeigt das Leben doch nur scharfe Scherben. + Vielleicht? Vielleicht auch jetzt gelingt es nicht, + Auf fremdem Erdenraum, mit letzter Kraft, + Ein oft geträumtes, großes Glück zu finden. + Das Glück heißt Gold, und Gold heißt ruhig leben: + Vom sichern Sitze des Amphitheaters + In die Arena lächelnd niederschaun, + Wo, dichtgeschart, der Mob zerrissen wird + Vom Tigertier der Armut und der Schulden ... + + Das Schiff ist längst getaucht ins tiefe Dunkel. + Bleischwere Stille gräbt sich in den Strom, + Indessen aus der Kegelbahn im Dorf + Beim Schein der Lampe noch die Gäste zechen. + In gleichen Zwischenräumen bellt ein Hund, + Und eine Wiege knarrt im Nachbarhause. + + +Letzter Gruß. + + Herbsttag, und doch wie weiches Frühlingswetter, + Ich schlenderte langseits der Friedhofshecke, + Ein Sarg schien unter Gramgeläut zu sinken, + Dann bog ich auf dem Wege um die Ecke. + + Da kamst du, keine Täuschung, mir entgegen, + Wir hatten gestern Abschied schon genommen, + Du gingst zur Bahn, begleitet von Geschwistern, + Was mußte noch einmal die Marter kommen. + + Ich grüßte dich, und sah dein freundlich Danken; + Die mit dir schritten, haben's nicht beachtet. + Und ich blieb stehn, du wandtest dich verstohlen, + Von Leid war meine Seele dicht umnachtet. + + Im Schmerz grub ich die Linke in den Dornbusch + Und ließ die Stacheln tief ins Fleisch mir dringen, + Ein letzter Gruß von dir, von mir -- vorüber, + Die Hand im Strauch will fest die Qual bezwingen. + + Es tat nicht weh, ich hab' in Wachs gegriffen, + Kein Tropfen sprang, es hat nicht warm geflutet, + Die roten Ströme sind zurückgeflossen, + Es hat mein Herz, mein Herz nur hat geblutet. + + +Der Ländler. + + Auf die Terrasse war ich hinbefohlen, + Der jugendfrischen, schönen, geistvollen, + Holdseligen Prinzessin vorzulesen. + Ich wählte Tasso. + Durch den Sommerabend + Umschwirrt' uns schon das erste Nachtinsekt. + Die Sonne war gesunken. Rot Gewölk + Stand hellgetönt, mit Blau vermischt, im Westen. + Der Garten vor uns, tief gelegen, hüllt + Sich ein in dunkle Schatten mehr und mehr. + Und eine Nachtigall beginnt. + Der Diener + Setzt auf den Tisch die Lampen, deren Licht + Nicht durch den schwächsten Zug ins Flackern kommt. + Von unten, aus dem Dorfe, klingt Musik. + Und deutlich aus der Finsternis heraus, + Leuchtstriche, blitzen eines Tanzsaals Fenster. + Die Paare huschen schnell vorbei in ihnen. + + Zuweilen, wenn die Tür geöffnet steht, + Erschallt Gestampf, der Brummbaß, Kreischen, Jauchzen. + Unbändig scheint die Freude dort zu herrschen. + Ich trage unterdessen weiter vor, + Wie flüchtige Bilder, unbewußt, den Trubel + Im Tal an mir vorüberziehen lassend, + Und jene Verse hab' ich grad getroffen: + »Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein, + Der schäumend wallt und brausend überquillt?« + Als ich die Lider hob und die Prinzeß, + Die säumig ihre Linke dem Geländer + Hinüber ruhen läßt, erblicke, wie sie, + Nicht meiner Lesung achtend, niederschaut, + Das braune Auge träumerisch, sehnsüchtig + Hinuntersendet auf den fröhlichen Ländler. + + »Wie wär' es, fänden wohl Durchlaucht Vergnügen, + Dem frohen Reigen dort sich anzuschließen?« + Und sie, ein Seufzer: »Ach, ich tät's so gern!« + + Wenn ich's nur bringen könnte, wiedergeben, + Wie jenes Wort von ihr gesprochen ward, + Das »so«, das »gern«, wenn ich's nur treffen könnte, + Wie sie das sagte: »Ach, ich tät's so gern!« + + +Wer weiß wo. + + Auf Blut und Leichen, Schutt und Qualm, + Auf roßzerstampften Sommerhalm + Die Sonne schien. + Es sank die Nacht. Die Schlacht ist aus, + Und mancher kehrte nicht nach Haus + Einst von Kolin. + + Ein Junker auch, ein Knabe noch, + Der heut das erste Pulver roch, + Er mußt' dahin. + Wie hoch er auch die Fahne schwang, + Der Tod in seinen Arm ihn zwang. + Er mußt' dahin. + + Ihm nahe lag ein frommes Buch, + Das stets der Junker bei sich trug, + Am Degenknauf. + Ein Grenadier von Bevern fand + Den kleinen erdbeschmutzten Band + Und hob ihn auf. + + Und brachte heim mit schnellem Fuß + Dem Vater diesen letzten Gruß, + Der klang nicht froh. + Dann schrieb hinein die Zitterhand: + »Kolin. Mein Sohn verscharrt im Sand. + Wer weiß wo.« + + Und der gesungen dieses Lied, + Und der es liest, im Leben zieht + Noch frisch und froh. + Doch einst bin ich, und bist auch du, + Verscharrt im Sand, zur ewigen Ruh', + Wer weiß wo. + + +In einer großen Stadt. + + Es treibt vorüber mir im Meer der Stadt + Bald der, bald jener, einer nach dem andern. + Ein Blick ins Auge, und vorüber schon. + Der Orgeldreher dreht sein Lied. + + Es tropft vorüber mir ins Meer des Nichts + Bald der, bald jener, einer nach dem andern. + Ein Blick auf seinen Sarg, vorüber schon. + Der Orgeldreher dreht sein Lied. + + Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt. + Querweg die Menschen, einer nach dem andern. + Ein Blick auf meinen Sarg, vorüber schon. + Der Orgeldreher dreht sein Lied. + + +Vor Last und Lärm. + + Die frühste Sonne legt sich übers Feld, + Und steigt empor; und schweigend dampft der Morgen. + Aus dem im letzten Traum verstrickten Städtchen + Bin ich dem Tore schon weitab entrückt. + Wen seh' ich dort im nassen Graben liegen? + Ein Bauer, der zu viel getrunken hatte, + Ist hier die Nacht gefallen, unter Disteln. + Das linke Knie hat er herangezogen; + Mit offnen Lippen schnarcht der wüste Kerl. + Vorüber -- schon verliert sich das Geräusch. + Was ist denn das dort rechts am Meilenstein? + Ein kleiner, weißer Bologneserhund + Mit blutgeröteten Behangesspitzen, + Von tauerweichter Erde arg beschmutzt. + Wie kommt der hierher, frag' ich mich vergebens. + Ist's Tante Minnas süßer Liebling nicht? + Wenn die das wüßte, was Bijou ergötzt: + Er wühlt mit seinem Schnäuzchen emsiglich + Im Eingeweide eines toten Fuchses. + Als ich ihm in die Näh' gekommen, drückt er + Ein Vorderpfötchen auf den Balg des Aases + Und duckt den Kopf und äugt mich mürrisch an; + Sein ganzer Körper bleibt unregbar stehn, + Nur seine Augen folgen meinem Schritt. + Vorüber -- lautlos alles noch und ruhig. + Auf einer Pflugschar gleißt im grellsten Weiß + Das Taggestirn, als brennte dort sich's fest. + Da schallt der erste Ton, vom Lager klingt er, + Das meinem Blick zwei Meilen abseits leuchtet. + Unendlich schwach hör' ich die Trommeln wirbeln, + Die Hörner: Habt -- ihr noch -- nicht lang -- genug -- + Geschla -- -- -- fen. + + Die Straße, die mein Fuß lebendig geht, + Zieht sich in schnurgerader Linie hin, + Auf zehn Minuten hab' ich Übersicht. + Just, wo für mich der Weg den Anfang nimmt, + Erscheint ein Punkt, der größer wird und größer. + Hurra! Sie ist's! Hurra, hurra! Sie ist's! + Rasch zieh' und hastig ich mein Taschentuch + Und winke, und ein Fähnchen zeigt sich auch + In ihrer Hand; und muntrer greif' ich aus. + An meinen Stock knüpf' ich das Banner an, + Und an den Sonnenschirm das ihre sie. + Und nun ein Hin und Her, ein Schwenken, Kreisen, + Als wollten Tauben wir vom Dache scheuchen. + Indessen trommelt's immer fort: Wacht auf; + Und tutet: Habt -- ihr noch -- nicht lang -- genug -- + Geschla -- -- -- fen. + + Mein Antlitz glüht in freudigster Erwartung, + Die Kehle ist mir fast wie zugeschnürt, + Wie schlägt mein Herz, wie atmet meine Brust. + + Nun sind wir sprechweit nah, und dann, und dann, + Wie sonderbar, verkürzt sich unsre Eile. + Sind wir beschämt? Auf ihren Wangen flog + Ein Purpur hin wie schneller Wolkenschatten. + Nun lächelt sie. Das Köpfchen biegt sich etwas + Nach rechts und rückwärts; ja, und dann, und dann -- + + Indessen brechen Horn und Trommel ab -- + Stumm wie der mönchverlaßne Klostergang + Liegt rings um uns des Morgens heilige Stille. + + +Weite Aussicht. + + Steht eine Mühle am Himmelsrand, + Scharfgezeichnet gegen mäusegraue Wetterwand, + Und mahlt immerzu, immerzu. + + Hinter der Mühle am Himmelsrand, + Ohne Himmelsrand, mahlt eine Mühle, allbekannt, + Mahlt immerzu, immerzu. + + +Erinnerung. + + Die großen Feuer warfen ihren Schein + Hell lodernd in ein lustig Biwaktreiben. + Wir Offiziere saßen um den Holzstoß + Und tranken Glühwein, sternenüberscheitelt. + So manches Wort, das in der Sommernacht + Im Flüstern oder laut gesprochen wird, + Verweht der Wind, begräbt das stille Feld. + Die Musketiere sangen: »Stra -- a -- ßburg. + O Stra -- a -- ßburg ...« Da fühlt' ich eine Hand, + Die leise sich auf meine Schulter legte. + Ich wandte rasch den Kopf, und sah den Lehrer, + Bei dem ich, freundlich aufgenommen, gestern + Quartier gehabt; der nun, verabredet, + Mit seinem Töchterchen gekommen war. + Ein Mädel, jung gleich einer Apfelblüte, + Die niemals noch der Morgenwind geschaukelt. + Der Alte mußte neben uns sich setzen, + Und während ihm das Glas die Freunde füllten, + Führt' ich, von allem ihr Erklärung gebend, + Das Mädchen langsam durch die Lagerreihen. + Sie sprach kein Wort, doch lautlos sprach ihr Mund, + Ihr lächelnd und ihr staunend großes Auge. + Wie schön sie war, wenn sie beim Feuer stand, + Und rote Funken knisternd uns umtanzten. + Es hob sich die Gestalt vom dunklen Himmel + Scharf ausgeschnitten aus dem schwarzen Rahmen. + Und einmal, als Soldaten, ausstaffiert + Als Storch und Bär, uns ihre Künste zeigten, + Da lehnte flüchtig sie, beinah erschrocken, + An meine Brust ihr frommes Kinderantlitz. + Wir traten zögernd dann den Rückweg an, + -- Es stahl der Mond sich eben in die Bäume, + Und in der Ferne, bei den Doppelposten, + Fiel dumpf verhallend durch den Wald ein Schuß. -- + Wir gingen Hand in Hand, + Und so, halb stehend, halb im Weitergehn, + Bog ich mein Haupt hinunter zu dem ihren. + Ich fühlte, wie die jungen Lippen mir + Entgegenkamen, und ich seh' noch heut + Ihr dunkles Auge in die Sterne leuchten ... + Als längst der Alte mit ihr weggegangen, + Saß ich im Kreise meiner Kameraden + Und dachte voller Sehnsucht an das Mädchen, + Bis mir zuletzt die schweren Lider sanken. + Mein treuer Bursche trug mich in mein Zelt + Und deckte sorgsam mir den Mantel über. + Seitdem bin ich durch manches Land gezogen, + Doch unvergessen bleibt mir jene Nacht. + + +Kalter Augusttag. + +I. + + Wir standen unter alten Riesenulmen, + An unseres Gartens Rand. Mein Arm umschlang + Die schlanke Hüfte dir. Es lag dein Haupt, + Das schöne, blasse, still an meiner Schulter. + Ein kalter Hauch drang uns entgegen; fröstelnd + Zogst fester du das Tuch um deinen Hals. + In grauer Luft, unübersehbar, lag + Der Wiesen grünes Flachland ausgebreitet. + Wie deutlich hörten wir den Jungen schelten + Auf seine Kühe, immer hör' ich noch + Dein fröhlich Lachen, als uns die gesunden, + Vom Winde hergetragnen Worte trafen. + Und eine Öde, nordisch unbehaglich, + Durchfror die Landschaft. Krähen stolperten, + Laut krächzend, übern Garten. Schläfrig zog + Am Horizont die Mühle ihre Kreise. + Und doch! Es lag auf Wegen fern und nah + Der Sonnenschein, der Sonnenschein des Glücks. + Und langsam kehrten wir zurück ins Haus. + +II. + + Und wieder stand ich unter unsern Ulmen, + Doch nicht mit dir. Allein sah ich hinaus + In lichten Frühlingstag: Der Junge pfiff + Ein lustig Liedchen seinen Kühen; glänzend + Im Licht umkreisten Krähen hohe Bäume, + In blauer Luft schaut' ich am Horizont + Die Mühle schnell im Wind die Flügel drehn. + Und doch, ich sah nur graue Todesnebel, + Und teilnahmlos kehrt' ich zurück ins Haus. + + +Auf dem Deiche. + + Es ebbt. Langsam dem Schlamm und Schlick umher + Enttauchen alte Wracks und Besenbaken, + Und traurig hüllt ein graues Nebellaken + Die Hallig ein, die Watten und das Meer. + + Der Himmel schweigt, die Welt ist freudenleer. + Nachrichten, Teufel, die mich oft erschraken, + Sind Engel gegen solchen Widerhaken, + Den heut ins Herz mir wühlt ein rauher Speer. + + Wie sonderbar! Ich wollte schon verzagen + Und mich ergeben ohne Manneswürde, + Da blitzt ein Bild empor aus fernen Tagen: + + Auf meiner Stute über Heck' und Hürde + Weit der Schwadron voran seh' ich mich jagen + In Schlacht und Sieg, entlastet aller Bürde. + + +Sizilianen. + +Die Insel der Glücklichen. + + Das Hängelämpchen qualmt im warmen Stalle, + In dem behaglich sich zwei Kühe fühlen. + Der Hahn, die Hennen, um den Sproß die Kralle, + Träumen vom wunderbaren Düngerwühlen. + Der Junge pfeift auf einer Hosenschnalle + Dem Brüderchen ein Lied mit Zartgefühlen. + Und Knaben, Kühe, Hühner lassen alle + Getrost den Strom der Welt vorüberspülen. + ++Souvenir de la Malmaison.+ + + Die menschenblasse Rose legte ich + Auf deine kalten, überkreuzten Hände, + Und strich dein Haar zurück und pflegte dich, + Ob ich dein jubelnd Leben wiederfände. + Im Zimmer, irrgeflogen, regte sich + Ein Schmetterling, die alte Grablegende. + Dein Sarg schloß zu, der Kummer fegte mich + In fernes Land aus trostlosem Gelände. + +Sommernacht. + + An ferne Berge schlug die Donnerkeulen + Ein rasch verrauschtes Nachmittagsgewitter, + Die Bauern zogen heim auf müden Gäulen, + Und singend kehrte Winzervolk und Schnitter. + Auf allen Dächern qualmten blaue Säulen + Genügsam himmelan, ein luftig Gitter. + Nun ist es Nacht, es geistern schon die Eulen, + Einsam aus einer Laube klingt die Zither. + +Nach der Hühnerjagd. + + Erhitzt und müde, durstig, stark verbrannt, + Kehr' ich in meine Waldherberge ein. + Gewehr und Mütze häng' ich an die Wand, + Den Eimer sucht mein Hund und schlappt ihn rein. + Die junge Witwe lehnt am Schenkenstand, + Freundarm und stumm, im letzten Abendschein, + Dann lächelt sie verstohlen, abgewandt, + Der Gäste Aufbruch läßt uns bald allein. + +Der Hohenfriedeberger. + + Die Instrumente her! daß ihr euch sputet, + Wenn einst der Tod macht in mein Buch den Klecks, + Den großen Klecks, der alles überflutet. + Den Schlachtentrumpfer blast, und nicht perplex! + Den Hohenfriedeberger trommelt, tutet, + Mit seinen Pauken sei mein Leben ex! + Und komm' ich oben an so unvermutet, + Aufbrüll' ich: Vivat Fridericus Rex! + + +Einer Toten. + + Ach, daß du lebtest! + Tausend schwarze Krähen, + Die mich umflatterten auf allen Wegen, + Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten, + Die weißen Tauben deiner Fröhlichkeit. + Daß du noch lebtest! + Schwer und kalt bedrängt + Die Erde deinen Sarg und hält dich fest. + Ich geh' nicht hin, ich finde dich nicht mehr. + Und Wiedersehn? + Was soll ein Wiedersehn, + Wenn wir zusammen Hosianna singen, + Und ich dein Lachen nicht mehr hören kann? + Dein Lachen, deine Sprache, deinen Trost: + + Der Tag ist heut so schön. Wo ist Chasseur? + Hol aus dem Schranke deinen Lefaucheux, + Und geh ins Feld, die Hühner halten noch. + Doch bieg nicht in das Buchenwäldchen ab, + Und leg dich nicht ins Moos und träume nicht. + Paß auf die Hühner und sei nicht zerstreut, + Blamier dich nicht vor deinem Hund, ich bitte. + Und alle Orgeldreher heut verwünsch' ich, + Die luftgetragnen Ton von fernen Dörfern + Dir zusenden, ich seh' dann keine Hühner. + Und doch, die braune Heide liegt so still, + Dich rührt ihr Zauber, laß dich nur bestricken. + + Wir essen heute abend Erbsensuppe, + Und der Margaux hat schon die Zimmerwärme; + Bring also Hunger mit und gute Laune. + Dann liest du mir aus deinen Lieblingsdichtern. + Und willst du mehr, wir gehen an den Flügel + Und singen Schumann, Robert Franz und Brahms. + Die Geldgeschichten lassen wir heut ruhn. + Du lieber Himmel, deine Gläubiger + Sind keine Teufel, die dich braten können, + Und alles wird sich machen. + Hier noch eins: + Ich tat dir guten Kognak in die Flasche; + Grüß Heide mir und Wald und all die Felder, + Die abseits liegen, und vergiß die Schulden. + Ich seh' indessen in der Küche nach, + Daß uns die Erbsensuppe nicht verbrennt. + + Daß du noch lebtest! + Tausend schwarze Krähen, + Die mich umflatterten auf allen Wegen, + Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten, + Die weißen Tauben deiner Fröhlichkeit. + Ach, daß du lebtest! + + +Gestorbene Liebe. + + In nackter Wüste ruht ein Löwenpaar, + Das gelbe Fell vom gelben Sand abhebend. + Im Schlafe dehnen sich die trägen Glieder. + Erwachend, leckt bedächtig eins das andre, + Und streckt und reckt sich, gähnt, und schläft von neuem. + + Ein zweiter Leuenherr zeigt sich in Fernen. + Er nähert sich, er stockt, als die Genossen + Er unbekümmert vor sich liegen sieht. + Nun peitscht sein Schweif, nach Katzenart, die Erde, + Er reißt den Rachen auf wie eine Torfahrt, + Und Donner rollt ihm aus dem heißen Schlunde. + Er kauert sich, und knurrt, und äugt hinüber. + + Schwerfällig wird das Ehepärchen munter, + Schwerfällig kommt es endlich auf die Beine. + Der zweite Nobel holt zum Sprunge aus, + Und springt, und springt dem Weibchen an die Seite. + Das Weibchen dann trabt mit dem Seladon + Gemütlich einem Felsendache zu. + Das Männchen stutzt, will brüllen, schweigt, + Und legt sich wieder nieder: Lat ehr lopen. + + +Der Genius. + + Gewitter drückt auf Sanssouci, + Ich stand im Park und schaute + Zum Schloß hinan, das ein Genie + Für seine Seele baute. + + Und Nacht: Aus schwarzer Pracht ein Blitz, + Vom Himmel jäh gesendet, + Und oben steht der Alte Fritz, + Wo die Terrasse endet. + + Ein Augenblick! Grell, beinernblaß, + Den Krückstock schräg zur Erde, + Verachtung steint und Menschenhaß + Ihm Antlitz und Gebärde. + + Einsamer König, mir ein Gott, + Ich sah an deinem Munde + Den herben Zug von Stolz und Spott + Aus deiner Sterbestunde. + + Denselben Zug, der streng und hart + Verrät die Adelsgeister, + Der aus der Totenmaske starrt + Bei jedem großen Meister. + + +Die Spinnerin von Sankt Peter. + + Auf der Magdalenenspitze + In den Dünen von Sankt Peter + Sitzt in hellen Sommernächten + Stumm die schöne Frau Maleen. + + Ihr zur Seite steht das Spinnrad, + Doch die Hände ruhn im Schoße, + Ihrer Augen Sehnsuchtsketten + Ankern in der wilden See. + + Sieht sie einer aus der Ferne, + Macht er schaudernd kehrt. Ihr Schatten + Bringt ihm noch vor Jahreswende + Unglück oder Tod ins Haus. + + Gestern in der Julimondluft + Sah ich sie aus großer Weite. + Plötzlich zog mich toller Fürwitz, + In der Nähe sie zu sehn. + + Tiefe Ruhe. Flutgewisper. + Nur die Düneneule flattert + Leise, wie mit Vampirflügeln, + Wohlig durch die weiche Nacht. + + Nah und näher, immer näher, + Zagen Schrittes, offnen Mundes, + Mit weitaufgerißnen Augen, + Komm' ich endlich zu ihr hin. + + Und mich dünkt, die dort ich finde, + Ist nicht mehr als eine Puppe, + Eine Puppe aus dem Vorstadt- + Wachsfigurenkabinett. + + Da -- entsetzlich! dreht sie langsam, + Lautlos-ruckweis wie ein Uhrwerk, + Ihre Stirn nach meiner Stirne: + Grinst mich eine Leiche an? + + Ohnmächtig brach ich zusammen, + Bis der Morgentau mich weckte. + Kalt und keusch, unendlich einsam + Lag das unbewegte Meer. + + +Märztag. + + Wolkenschatten fliehen über Felder, + Blau umdunstet stehen ferne Wälder. + + Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen, + Kommen schreiend an in Wanderzügen. + + Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen + Überall ein erstes Frühlingslärmen. + + Lustig flattern, Mädchen, deine Bänder, + Kurzes Glück träumt durch die weiten Länder. + + Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen, + Wollt' es halten, mußt' es schwimmen lassen. + + +Letzter Wunsch. + + Den Hengst, den Hengst! + Gebt meinen Hengst mir! + Schaum spritzt ihm vom Zügel, seine Flanken zittern. + Der Grimm umrast mir den Helm, das Auge leuchtet. + Gebt meinen Hengst mir, + Den Hengst, den Hengst! + + Mir nach, mir nach! + Degen heraus jetzt! + Sturmmarsch hör' ich schlagen, höre euer Hurra. + In Rauch und Blut seh' ich euch, in Rauch und Flammen. + Degen heraus jetzt, + Mir nach, mir nach! + + Zum Sieg, zum Sieg! + Erde, erbebe! + Pulverdampf und Leichen. Vorwärts ohne Wanken. + Durch Glanz und Glut geht die Bahn; die Fahnen flattern. + Erde, erbebe, + Zum Sieg, zum Sieg! + + Komm, Tod! komm, Tod! + Feind ist erschlagen! + Letzte Kugel, triff mich! Strahlend bricht mein Auge: + Mein Vaterland hat den Sieg! Es lebe, lebe! + Feind ist erschlagen! + Komm, Tod! komm, Tod! + + + + +Oskar Loerke. + +Geboren am 13. März 1884 zu Jungen im Kreise Schwetz, Westpreußen. -- +Wanderschaft 1911. Gedichte 1916. + + +Frühlingswille. + + Bei einer stehn im Fensterrahmen, + Im Wechselwort das Herz erschüttern, + Und leise fort -- es gibt kein Amen -- + Von unsern Müttern + Sprechen und der Mütter Müttern + Und den Urmüttern ... + + Und atmen in die Blust der Kirschen, + Gezähmte wilde Enten füttern, + Und singen von den weißen Hirschen + Und von den Müttern + Und der Mütter Müttern + Und den Urmüttern ... + + Bei gelbem Wein die Nacht verzechen, + Nach Ewigkeit umschlungen stöhnen, + Und von den Abenteuern sprechen, + Die unsren Söhnen + Begegnen und den Söhnen + Der Enkelsöhne ... + + +Nirwana. + + Das Tal ist wie aus klarem Golde, + Es stehn im Tale ohne Hauch + Die Bäume schief wie Trunkenbolde + An Seen diamantenen Lichts. + + Das Tal vergeht zu goldnem Rauch + Und dann zu goldnem Traume + Und dann zu goldnem Raume + Und dann zu goldnem Nichts. + + +Hinterhaus. + + In kalten, steifen Engen, + An gelben Schornsteinlängen, + Verirrten Schieferdächern, + Verstaubten Lukenfächern, + An braunen glatten Röhren, + An roten Drahtes Öhren, + Verblichnen blauen Flecken + Und blechbehuften Ecken + Liegt Sonne, wie nach Winkelmaß gemessen + Und wie von einem Handwerksmann vergessen. + + Hier hinter Luken wimmeln, + In Kellerlöchern schimmeln + Und tanzen unter Sparren + Wir galgenfrohen Narren, + Die sich in Kammern bücken, + Doch ihre Wände schmücken + Mit goldnen Sterntapeten, + Weil wir vom Himmel wehten, + Wir Fetzen Licht, nach Winkelmaß gemessen + Und wie von einem Handwerksmann vergessen. + + +Die graue Melodie. + + Ja? Gab es Tage, wo ich selbst Komet + Und wenn soviel nicht, eines Sterns Trabant + Mich glaubte? Aber nichts ist doch so stet + Wie diese harte Melodie: Sand, Sand, + Sand, Sand. + + Und so wird Morgen, und so wird es spät, + Ich zog mich an, ich zieh mich wieder aus, + Und wie mein Mund das Licht vom Dochte weht, + Verweht ein Mund den Tag, ein Kartenhaus, + Ein Kartenhaus. + + Der Tag war bunt, hat Bild mit Bild getauscht, + Doch prüfe ich, wie war er wirr gestückt! + Wie oft hat mich das Leben denn berauscht, + Und geht doch hin!! -- und viele hat's beglückt, + Beglückt. + + +Inbrunst. + + Die Sterne sind zu groß und mußten wohl deshalb + So weit hinaus, und sie erhellen nichts bei uns. + Der Wind stieg tastend aus der Nacht des Weltenbrunns. + Er sitzt den Heimathügeln auf der Brust als Alp. + + Die Wolken fahren auf wie Schiffe vor der Schlacht. + Ist mir die Sehnsucht ferner Welten zugeirrt? + Du, Erde, bist mein Saal, doch meine Seele wird + Auf einem andern Sterne schlafen diese Nacht. + + + + +Ernst Wilhelm Lotz. + +Geboren 1890 zu Culm an der Weichsel, fiel am 26. September 1914 in +Frankreich. -- Wolkenüberflaggt 1917. + + +Glanzgesang. + + Von blauem Tuch umspannt und rotem Kragen, + Ich war ein Fähnrich und ein junger Offizier. + Doch jene Tage, die verträumt manchmal in meine Nächte ragen, + Gehören nicht mehr mir. + + Im großen Trott bin ich auf harten Straßen mitgeschritten, + Vom Staub der Märsche und vom grünen Wind besonnt. + Ich bin durch staunende Dörfer, durch Ströme und alte Städte geritten, + Und das Leben war wehend blond. + + Die Biwakfeuer flammten wie Sterne im Tale + Und hatten den Himmel zu ihrem Spiegel gemacht, + Von schwarzen Bergen drohten des Feindes Alarm-Fanale, + Und Feuerballen zersprangen prasselnd in Nacht. + + So kam ich, braun vom Sommer und hart von Winterkriegen, + In große Kontore, die staubig rochen herein, + Da mußte ich meinen Rücken zur Sichel biegen + Und Zahlen mit spitzen Fingern in Bücher reihn. + + Und irgendwo hingen die grünen Küsten der Fernen, + Ein Duft von Palmen kam schwankend vom Hafen geweht, + Weiß rasteten Karawanen an Wüsten-Zisternen, + Die Häupter gläubig nach Osten gedreht. + + Auf Ozeanen zogen die großen Fronten + Der Schiffe, von fliegenden Fischen kühl überschwirrt + Und breiter Prärien glitzernde Horizonte + Umkreisten Gespanne, für lange Fahrten geschirrt. + + Von Kameruns unergründlichen Wäldern umsungen, + Vom mörderischen Brodem des Bodens umloht, + Gehorchten zitternde Wilde, von Geißeln der Weißen umschwungen, + Und schwarz von Kannibalen der glühenden Wälder umdroht! + + Amerikas große Städte brausten im Grauen, + Die Riesenkräne griffen mit heiserm Geschrei + In die Bäuche der Schiffe, die Frachten zu stauen, + Und Eisenbahnen donnerten landwärts vom Kai. -- -- + + So hab' ich nachbarlich alle Zonen gesehen, + Rings von den Pulten grünten die Inseln der Welt, + Ich fühlte den Erdball rauchend sich unter mir drehen, + Zu rasender Fahrt um die Sonne geschnellt. -- -- -- + + Da warf ich dem Chef an den Kopf seine Kladden! + Und stürmte mit wütendem Lachen zur Türe hinaus. + Und saß durch Tage und Nächte mit satten und platten + Bekannten bei kosmischem Schwatzen im Kaffeehaus. + + Und einmal sank ich rückwärts in die Kissen, + Von einem angstvoll ungeheuren Druck zermalmt. -- + Da sah ich: daß in vagen Finsternissen + Noch sternestumme Zukunft vor mir qualmt. + + +Der Schwebende. + + Meine Jugend hängt um mich wie Schlaf. + Dickicht, Lichter -- berieselt. Garten. Ein blitzender See. + Und drüber geweht die Wolken, die zögernden, leichten. + + Irrlichternd spiele ich durch greise Straßen, + Und aus dem Qualmen toter Kellerfenster + Lacht dumpfe Qual im Krampfe zu mir auf. + + Da heb' ich meine lächelnd schmalen Hände + Und breite einen Schleier von Musik + Sehr süß und müde machend um mich aus. + + Und meine Füße treten in den Garten, + Der Abend trank. Die Liebespaare, dunkel, tief, erglühend, + Stöhnen, verirrt ins Blut, auf vor der Qual des Mai. + + Da schüttle ich mein weiches Haar im Winde, + Und rote Düfte reifer Sommerträume + Umwiegen meinen silberleichten Gang. + + Blaß friert ein Fenster, angelehnt im Winde, + Draus heiser greller Schrei und Weinen singen + Um einen Toten auf der dunklen Fahrt. + + Ich schließe meine Augen, schwere Wimpern, + Und sehe Ländereien grün vor Süden, + Und Fernen zärtlich weit für Träumereien. + + Ein glänzend helles Kaffeehaus, voll Stimmen + Und voll Gebärden, lichtet sich, zerteilt. + An blanken Tischen sitzen meine Freunde. + + Sie sprechen helle Worte in das Licht. + Und jeder spricht für sich und sagt es deutlich, + Und alle singen schwer im tiefen Chor: + + Drei Worte, die ich nie begreifen werde, + Und die erhaben sind, voll Drang und Staunen, + Die dunkle Drei der: Hunger, Liebe, Tod. + + + [Illustration: Alfred Mombert] + + +Hart stoßen sich die Wände in den Straßen. + + Hart stoßen sich die Wände in den Straßen, + Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht, + Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht + Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen. + + Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind, + Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten, + Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind, + Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten. + + Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren, + Es müßten Pantherinnen sein, gefährlich zart, + In einem wild gekochten Fieberland geboren. + Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art. + + Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen. + Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt. + Wir leuchten leise. -- Doch wir könnten brennen. + Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt. + + + + +Alfred Mombert. + +Geboren am 6. Februar 1872 zu Karlsruhe. -- Tag und Nacht 1894. Der +Glühende 1896. Die Schöpfung 1897. Der Denker 1901. Die Blüte des Chaos +1905. Der Sonne-Geist 1905. Aeon 1907, 1910, 1911. Der himmlische Becher +1909. Der Held der Erde 1919. + + +Das junge Liebchen ... + + Das junge Liebchen saß bei mir am Tisch. + Ich aß und trank und weinte bitterlich. + + Es hatt' ein zartes Linnen aufgelegt. + Das war aus seinem Hemdelein genäht. + + Es bot mir dar ein silbern Becherlein, + Da war sein eigen Blut darin. + + Es reichte mir vom frischen Brot den Laib. + Das war sein eigner liebewarmer Leib. + + Dann lächelt' es geheim und sonderbar, + Steckte eine Rose sich ins Haar. -- + + +Ich liege ... + + Ich liege mit einer Frau im offnen Fenster. + Die beiden Arme ruhen beieinander. + Wir schaun hinab in ein Blumengärtchen. + Blicken beide stumm auf eine rote Nelke. + Wir wissen, daß wir jetzt und so uns lieben. + Auch: daß wir niemals mehr uns lieben werden + Nach diesem Augenblick. + + +Ja in der Jugend ... + + Ja in der Jugend war ich der starke Junge, + Schleppte die stärksten Helden an meinem Tau; + Aber da wässerte mir die Zunge, + Und da hing ich am Arm einer Ehefrau. + + Ich hab' eine schöne Tochter, einen stolzen Sohn. + Die lehnen rechts und links an meinem steilen Thron. + Ich bin in der Höhe der Kaiser. + Aber mein Haar wird stündlich weißer. + Sie lächeln, sie flüstern in der Tiefe in geheimem Ton. + + +Nun beugt die Nacht ... + + Nun beugt die Nacht sich singend über mich. + Ich ward erwählter Liebling der Natur. + In einer Barke liegend + Einen blauen Strom hinab durch grüne Landschaft, + Die Sonneseele über mir, Fahnen + Am Ufer, tönt Musik, und Festtagmenschen -- + O Seele! volles, volles Leben! + Einem schäumenden Silberwassersturze treib' ich zu. + Stolze Klippen! jubelnd grüßt euch + Das reichste Herz! seid würdig, + Schmettert kühn hinab! + + +Wann ich von dir gehe ... + + Wann ich von dir gehe, + Noch schallt die Marmortreppe unter mir, + Verwandelt sich mein Antlitz, meine Haltung -- + Werd' ich zum Wurm? -- werd' ich zum Engel? + + Aus dunklen Wäldern kam ich her zu dir + In die strahlende Marmorstadt. + Küsse mich + In goldenen Strähnen! + Doch in mir sind die dunklen Eibenwälder. + + +Auf steilem Felsrücken ... + + Auf steilem Felsrücken hingestreckt mächtig ein Weib, + Ein einzig fühlend Auge der weiße weiche Leib. + Zugepreßt krampfhaft das winzige graue Augenpaar: + Sieghaft droben die Sonne. Die Sonne sieghaft, ruhend klar. + Sie zuckt! bäumt! windet sich! empor! schimmernd in Qual! + Goldene Ströme: es schäumt ihr wild Haar zu Tal. + Und eins -- immer eins das weiße Ringen spricht: + Schmerzvoll ist das Licht! + + +Ich möcht' es kosten ... + + Ich möcht' es kosten, in seliger Neugier, + Das was man Tod nennt. + Manche lange Nacht + Hab' ich gekostet, was so fremd mir war, + So übermächtig, wie kein Tod es sein kann. + Ich stand oft an jener feinsten Linie + Und war wohl schon mit halber Seele drüben. + Ich hab' das nicht gewollt; es war ein Leiden. + Nur eine Stimmung kräftigte ich mir. + Ein Kinderlächeln meinen Seelewundern. + Am Ende fließen nun die Freudetränen. + Wo bist du, Sehnsucht? -- Alles ist Erfüllung. + + +Schwindsucht. + + Aus einer Wallfahrtskirche treten sie, + Drin wundertätig eine Heilige wirkt. + Ein junger Mann und eine blasse Frau. + Sie führen sich an der Hand wie Kinder, + Die scheu verstohlen Zuckerwerk genascht. + Ein müdes Lächeln hißt sich auf Halbmast. + »Nun bin ich bald gesund, du süßer Mann« ... + »Nun bist du bald gesund, mein süßes Weib« ... + + +Trinkend ... + + Trinkend hatt' ich erharrt + Deine Gegenwart. + Und nun du eingetreten, + Ist alles schön und stille, + Du und deine feierlichen Reden, + Lächelnd ruht mein Wille. + + Du und dein Samt- und Sternekleid. + Ich und meine schaffende Vergangenheit. + + Und ich bemerke wein- und glutselig: + Die Krone, die um deine Schläfen blitzt und dämmert, + Hab' ich vor tausend Jahren zurechtgehämmert. + + +Im Mondlicht ... + + Im Mondlicht und im Sonnelicht + Schrieb ich mein Gedicht, + Seltener im Sternelicht. + Die kleineren Lichter + Überließ ich dem guten deutschen Dichter. + + +Da spülst du bunte Muscheln ... + + Da spülst du bunte Muscheln an den Strand + Zum Spiel für die alte Schöpferhand. + Und so ruhend Hand in Hand mit dir + Fühl' ich das Unvergängliche in mir. + In blauer Luft der Adler schreit. + O feuchter Wind! o kühle Zeit! + Ein spielend Kind, + Ein Kind mit uferloser Vergangenheit. + O Lächeln, das aus meinem Menschenherzen fließt + Und sich in tränendem Gesang vergießt. + Du Glut und Pracht! + Du meine Schöpfermacht! + Du Meer! Du Sonne! -- Adlerschrei! -- + Und immer die große Melodie dabei. + + +Zwischen zwei dunklen Wogen ... + + Zwischen zwei dunklen Wogen liegend, + Ihren Untertanentrotz mir niederbiegend, + Ruf' ich meine Machtstunde auf. + Alsobald schwebt der Nachtplanet herauf, + Er lagert hoch über der glänzenden Ozeanfläche + Am Stamm der himmeldunklen Esche. + Dröhnende Stunde der feierlichen Achtung, + Der schweigenden Betrachtung. + Einst war hier nichts als mein Beruf. + Heut lieg' ich körperlich in großen Träumen + Zwischen weißen Wogenschäumen, + Und rede mit dem Licht, das ich erschuf. + + +Ich tat große Dinge ... + + Ich tat große Dinge, + Und gab dem Saturn wundervolle Ringe. + Aber da sah ich dann alles von selber geschehen, + Nichts mehr warten und stehen, + Mein Geist geriet in Zwang, + Hinein in fürchterlichen Zusammenhang, + Daß ich wahnsinnig in einer Kette rang. + Seit der Zeit schaff' ich nichts Neues mehr. + Sonne und Mond sind mein einziger Verkehr. + Vielleicht noch das Feuer, vielleicht noch das Meer. + Weite Stillen + Überwölben meinen Willen. + Unsichtbare Geigen + Bereden mich, zu schweigen. + + +Ich lag auf dem Meer ... + + Ich lag auf dem Meer, über mir wälzte sich das Licht. + Ich sah: von einer glänzenden Klippe + Banden weißer Vögel aufschwirren. + Ich schleuderte ein Seil, sie einzufangen. + Weiße Tiere, Traum, Phantasie und Meer. + Weiße Tiere: ewige Glanz-Wiederkehr. + + +Der Mond betrat ... + + Der Mond betrat der Urnacht Land + Hinter meiner tastenden Führerhand. + In einem Tal, im neu beleuchteten Reiche + Fanden wir liegen eine große Leiche, + Die uns fremd war, einsam, ohne Namen. + Saßen; aufgestützt ins dunkle Antlitz starrend; + Traumhaft; einen Gedanken erharrend. + Und wir haben + Flüsternd uns beraten; + Den Toten im Felsgebirg begraben. + Doch wohin wir forschend später kamen, + Fanden wir die Spuren seiner Taten. + + +Mich jammerte ... + + Mich jammerte dein graues Dämmerweh, + Ich legte dich sanft hin auf weißen Schnee. + Ordnete dein rotes Flammenhaar, + Das einst so schmerzhaft, hier so selig war. + Und kniend im Schnee und über dich geschoben + Hab' ich aus deiner grünen Augentiefe + Einen schönen Stern gehoben. + + * * * + + Sterne schwimmen auf den milden Fluten, + Die alles tragen. + Was willst du noch sagen, + Du Glänzende, in deinen Abendgluten! + + +Bevor ich ... + + Bevor ich diesen Inselstrand verließ, + Entdeckte ich letztmals streifend eine Höhle, + Da drinnen ward mir eine neue Seele, + Die mir ein höchstes Glück verhieß. + + Und so saß ich lange, + Ein tiefes Lächeln auf meiner Wange. + Vom Licht umzittert in der Dämmerkühle. + Glühend in einem neuen + Heimat-Urgefühle. + + * * * + + Es war zur Nacht, da ich ins Meerhorn stieß. + Es war zur Nacht, da ich zum Aufbruch blies. + Es war zur Nacht, da ich den Strand verließ. + Mein Boot lag in der Mondquelle. + Ich stand in vollendeter Helle. + Ich stand schlafähnlich starr auf silbernem Kies. + + +Ich hörte den Wind ... + + Ich hörte den Wind durch die Eichenkronen streichen. + Mein Herz war kühl wie die Teiche meiner Heimat. + Die weißen Wolken über den grünen Hügeln! + Dann kam die Schwalbe, die Schwalbe übers Meer. + + * * * + + Ein Haus ... Nur der Grille Stimme klang + In die stillen Bereiche. + Manchmal, eines Mädchens kühler Sang, + Der wellengleiche. + Und ein Kind, ein Knabe lag tagelang + Am zitternden Teiche. + + +Am Saume ... + + Am Saume eines fruchtbewachsenen Berges, + Felsig in die Klarheit tauchte der Gipfel, + Stand ich im Zwiegespräch mit einem Weibe. + Die starken Schultern glänzten in der Dämmerung, + Es ruhte hoheitvoll der nackte Leib. + Wir blickten redend, sinnend in die Landschaft + Über reiche Wiesen, violette Ströme, + Bäume dunkelten am Himmel, + Leise brausend sprach fernher ein Meer. + Manchmal schritten Gestalten: + Erzengel, in großem Abend + An uns vorüber: grüßten: + Und wünschten uns und unsern Kindern Heil. + + +An Ufern des Rheins ... + + An Ufern des Rheins auf weißen Rossen + Sprengen wir, Freunde! + Sie schleudern die Mähnen, + Sie wiehern auf zum Morgenstern! + + Wir sind schön gekränzt mit Erde-Freuden + Und trunken wunderbar des Sieger-Weins -- + Es sind Wogen-Rosse! die weißen Rosse! + Da sprengen sie uns in die Fluten des Rheins! + + Wir sind jung, im Feuer zeugerisch, + Welten nahe -- Erde fern -- + Es sind Äther-Rosse! die weißen Rosse! + Da sprengen sie uns auf zum Morgenstern! + + + + +Christian Morgenstern. + +Geboren am 6. Mai 1871 zu München, lebte als Schriftsteller in Berlin; +starb am 31. März 1914 in Meran. -- In Phantas Schloß 1895. +Horatius +travestitus+ 1896. Auf vielen Wegen 1897. Ich und die Welt 1898. Ein +Sommer 1899. Und aber ründet sich ein Kranz 1902. Galgenlieder 1905. +Melancholie 1904. Palmström 1910. Einkehr 1910. Palma Kunkel 1916. Der +Gingganz 1919. + + +Erster Schnee. + + Aus silbergrauen Gründen tritt + Ein schlankes Reh + Im winterlichen Wald + Und prüft vorsichtig, Schritt für Schritt, + Den reinen, kühlen, frischgefallenen Schnee. + + Und deiner denk' ich, zierlichste Gestalt. + + +Vöglein Schwermut. + + Ein schwarzes Vöglein fliegt über die Welt, + Das singt so todestraurig ... + Wer es hört, der hört nichts anderes mehr, + Wer es hört, der tut sich ein Leides an, + Der mag keine Sonne mehr schauen. + Allmitternacht, Allmitternacht + Ruht es sich aus auf dem Finger des Tods. + Der streichelt's leis und spricht ihm zu: + »Flieg, mein Vögelein! Flieg, mein Vögelein!« + Und wieder fliegt's flötend über die Welt. + + +Welch ein Schweigen ... + + Welch ein Schweigen, welch ein Frieden + In dem stillen Alpentale. + Laute Welt ruht abgeschieden. + Silbern schwankt des Mondes Schale. + + Von den Wiesen strömt ein Düften. + Aus den Wäldern lugt das Dunkel. + Brausend aus geheimen Klüften + Bricht der Bäche fahl Gefunkel. + + Überm Saum der letzten Bäume + Weiße Wände stehn und steigen + In die blauen Sternenräume. + Welch ein Frieden, welch ein Schweigen! + + +Das sind die Reden ... + + Das sind die Reden, die mir lieb vor allen: + Die Wässerlein, vom hohen Felsen rinnend, + Mein ganzes Herz mit ihrer Lust gewinnend, + Ohn' End' zum tiefen Grund hinabzufallen. + + Du Wiegenlied vor allen Wiegenliedern, + Zur Ewigkeit hinweg vom Eintag wiegend, + Das laute Selbst zu jener Ruh' besiegend, + Die keine leeren Klagen mehr erniedern! + + +Das Spinnennetz. + + O sieh das Spinnennetz im Morgensonnenschein, + Wie es vom Tau noch voll kristallner Tropfen hängt! + Im leichten Winde wiegt es seiner Perlen Pracht, + Die in den silbergrauen Maschen hier und dort + So flüchtig sich wie sanft und zierlich eingeschmiegt. + Sieh, so ist alles Glück. So hängt es flüchtig sich + In unsrer Tage schwankendes Gespinst, + Und es erschauert unter seiner köstlichen Last + Des Majaschleiers weltdurchwallendes Geweb. + + +Verbannung zur Höhe. + + Noch niemals fiel es irgend einem Volke ein, + Zu schenken einem Dichter einen hohen Berg, + Mit dem Beding, von ihm herabzusteigen nur, + Um ihm zu bringen diesem Ebenbürtiges. + Ja, bannen müßt' es selbst das allzu schweifende + Geschlecht der Dichter an so hohen Aufenthalt, + Wo nur das Höchste recht hat und der Dinge Maß, + Gereckt ins Ungemeine, seinen Blick entwöhnt + Des bunt zufälligen Wirbels, drein sein Tag ihn warf. + + +Deine Rosen. + + »Deine Rosen an der Brust, + Sitz' ich unter fremden Menschen, + Laß sie reden, laß sie lärmen, + Jung Geheimnis tief im Herzen. + + Wenn ich einstimm' in ihr Lachen, + Ist's das Lachen meiner Liebe; + Wenn ich ernst dem Nachbar lausche, + Lausch' ich selig still nach innen. + + Einen ganzen langen Abend + Muß ich fern dir, Liebster, weilen, + Küssend heimlich, ohne Ende, + Deine Rosen an der Brust.« + + +Der Bach. + + Wie der wilde Gletscherbach + Selber sich entgegenbraust, + Auf sein wogendes Gejach' + Weiß zurückgekraust! + + So der Einzelne der Zeit + Zornerfüllt entgegenschwillt. + Doch die rollt zur Ewigkeit. + Und alles ist ein Bild. + + +Christus klagt: + + Wachet und betet mit mir! + Meine Seele ist traurig + Bis in den Tod. + Wachet und betet! + _Mit_ mir! + Eure Augen + Sind voll Schlafes -- + Könnt ihr nicht wachen? + Ich gehe, + Euch mein Letztes zu geben -- + Und ihr schlaft ... + Einsam stehe ich + Unter Schlafenden, + Einsam vollbring' ich + Das Werk meiner schwersten Stunde. + Wachet und betet mit mir! + _Könnt_ ihr nicht wachen? + Ihr alle seid in mir, + Aber in wem bin ich? + Was wißt ihr + Von meiner Liebe, + Was wißt ihr + Vom Schmerz meiner Seele! + O einsam! + Einsam! + Ich sterbe für euch -- + Und ihr schlaft! + Ihr _schlaft_! + + +Begegnung. + + Wir saßen an zwei Tischen -- wo? -- im All ... + Was Schenke, Stadt, Land, Stern -- was tut's dazu. + Wir saßen irgendwo im Reich des Lebens ... + Wir saßen an zwei Tischen, hier und dort. + + Und meine Seele brannte: Fremdes Mädchen, + Wenn ich in deine Augen dichten dürfte -- + Wenn dieser königliche Mund mich lohnte -- + Und diese königliche Hand mich krönte --! + + Und deine Seele brannte: Fremder Jüngling, + Wer bist du, daß du mich so tief erregest -- + Daß ich die Kniee dir umfassen möchte -- + Und sagen nichts als: Liebster, Liebster, Liebster! + + Und unsre Seelen schlugen fast zusammen. + Doch jeder blieb an seinem starren Tisch -- + Und stand zuletzt mit denen um ihn auf -- + Und ging hinaus --. Und sahn uns nimmer mehr. + + + + +Friedrich Nietzsche. + +Geboren am 15. Oktober 1844 zu Röcken bei Lützen, verlebte seine +Schulzeit in Naumburg und Schulpforta, studierte, besonders unter +Ritschl, in Bonn und Leipzig, wurde 1869 durch Ritschls Vermittlung +Professor an der Universität Basel, trat zu Jakob Burckhardt und Richard +Wagner in nahe Beziehungen und zu dem letzteren später in offenen +Gegensatz. 1879 wurde er so krank, daß er seine Professur niederlegen +mußte, er lebte längere Zeit im Engadin, fiel in Wahnsinn und starb, +ohne seine Geisteskraft wiedererlangt zu haben, am 25. August 1900 zu +Weimar. -- Gedichte und Sprüche 1898. + + +An den Mistral. + +Ein Tanzlied. + + Mistralwind, du Wolkenjäger, + Trübsalmörder, Himmelsfeger, + Brausender, wie lieb' ich dich! + Sind wir zwei nicht _eines_ Schoßes + Erstlingsgabe, _eines_ Loses + Vorbestimmte ewiglich? + + Hier auf glatten Felsenwegen + Lauf' ich tanzend dir entgegen, + Tanzend, wie du pfeifst und singst: + Der du ohne Schiff und Ruder + Als der Freiheit freister Bruder + Über wilde Meere springst. + + Kaum erwacht, hört' ich dein Rufen, + Stürmte zu den Felsenstufen, + Hin zur gelben Wand am Meer. + Hei! da kamst du schon gleich hellen + Diamantnen Stromesschnellen + Sieghaft von den Bergen her. + + Auf den ebnen Himmelstennen + Sah ich deine Rosse rennen, + Sah den Wagen, der dich trägt, + Sah die Hand dir selber zücken, + Wenn sie auf der Rosse Rücken + Blitzesgleich die Geißel schlägt, -- + + Sah dich aus dem Wagen springen, + Schneller dich hinabzuschwingen, + Sah dich wie zum Pfeil verkürzt + Senkrecht in die Tiefe stoßen, -- + Wie ein Goldstrahl durch die Rosen + Erster Morgenröten stürzt. + + Tanze nun auf tausend Rücken, + Wellenrücken, Wellentücken -- + Heil, wer _neue_ Tänze schafft! + Tanzen wir in tausend Weisen, + Frei -- sei _unsre_ Kunst geheißen, + Fröhlich -- _unsre_ Wissenschaft! + + Raffen wir von jeder Blume + Eine Blüte uns zum Ruhme + Und zwei Blätter noch zum Kranz! + Tanzen wir gleich Troubadouren + Zwischen Heiligen und Huren, + Zwischen Gott und Welt den Tanz! + + Wer nicht tanzen kann mit Winden, + Wer sich wickeln muß mit Binden, + Angebunden, Krüppelgreis, + Wer da gleicht den Heuchelhänsen, + Ehrentölpeln, Tugendgänsen, + Fort aus unsrem Paradeis! + + Wirbeln wir den Staub der Straßen + Allen Kranken in die Nasen, + Scheuchen wir die Krankenbrut! + Lösen wir die ganze Küste + Von dem Odem dürrer Brüste, + Von den Augen ohne Mut! + + Jagen wir die Himmelstrüber, + Weltenschwärzer, Wolkenschieber, + Hellen wir das Himmelreich! + Brausen wir ... oh aller freien + Geister Geist, mit dir zu zweien + _Braust_ mein Glück dem Sturme gleich. -- + + Und daß ewig das Gedächtnis + Solchen Glücks, nimm sein Vermächtnis, + Nimm den _Kranz_ hier mit hinauf! + Wirf ihn höher, ferner, weiter, + Stürm' empor die Himmelsleiter, + Häng' ihn -- an den Sternen auf! + + +Vereinsamt. + + Die Krähen schrein + Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: + Bald wird es schnein, -- + Wohl dem, der jetzt noch -- Heimat hat! + + Nun stehst du starr, + Schaust rückwärts, ach! wie lange schon! + Was bist du Narr + Vor Winters in die Welt entflohn? + + Die Welt -- ein Tor + Zu tausend Wüsten stumm und kalt! + Wer _das_ verlor, + Was du verlorst, macht nirgends Halt. + + Nun stehst du bleich, + Zur Winter-Wanderschaft verflucht, + Dem Rauche gleich, + Der stets nach kältern Himmeln sucht. + + Flieg, Vogel, schnarr + Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -- + Versteck, du Narr, + Dein blutend Herz in Eis und Hohn! + + Die Krähen schrein + Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: + Bald wird es schnein, -- + Weh dem, der keine Heimat hat! + + +Zarathustras Lied. + + O Mensch! Gib acht! + Was spricht die tiefe Mitternacht? + »Ich schlief, ich schlief --, + Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -- + Die Welt ist tief, + Und tiefer als der Tag gedacht. + Tief ist ihr Weh --, + Lust -- tiefer noch als Herzeleid! + Weh spricht: Vergeh! + Doch alle Lust will Ewigkeit! -- + Will tiefe, tiefe Ewigkeit!« + + +Venedig. + + An der Brücke stand + Jüngst ich in brauner Nacht. + Fernher kam Gesang: + Goldener Tropfen quoll's + Über die zitternde Fläche weg. + Gondeln, Lichter, Musik -- + Trunken schwamm's in die Dämm'rung hinaus ... + + Meine Seele, ein Saitenspiel, + Sang sich, unsichtbar berührt, + Heimlich ein Gondellied dazu, + Zitternd vor bunter Seligkeit. + -- Hörte jemand ihr zu? ... + + +Sils-Maria. + + Hier saß ich, wartend, wartend, -- doch auf nichts, + Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts + + Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel, + Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. + + Da, plötzlich, Freundin! wurde eins zu zwei -- + -- Und Zarathustra ging an mir vorbei ... + + +Die Sonne sinkt ... + +I. + + Nicht lange durstest du noch, + Verbranntes Herz! + Verheißung ist in der Luft, + Aus unbekannten Mündern bläst mich's an, + -- Die große Kühle kommt ... + + Meine Sonne stand heiß über mir im Mittage: + Seid mir gegrüßt, daß ihr kommt, + Ihr plötzlichen Winde, + Ihr kühlen Geister des Nachmittags! + Die Luft geht fremd und rein, + Schielt nicht mit schiefem + Verführerblick + Die Nacht mich an? ... + Bleib stark, mein tapfres Herz! + Frag nicht: warum? -- + +II. + + Tag meines Lebens! + Die Sonne sinkt. + Schon steht die glatte + Flut umgüldet. + Warm atmet der Fels: + Schlief wohl zu Mittag + Das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf? + In grünen Lichtern + Spielt Glück noch der braune Abgrund herauf. + + Tag meines Lebens! + Gen Abend geht's! + Schon glüht dein Auge + Halb gebrochen, + Schon quillt deines Taus + Tränengeträufel, + Schon läuft still über weiße Meere + Deiner Liebe Purpur, + Deine letzte zögernde Seligkeit ... + +III. + + Heiterkeit, güldene, komm! + Du des Todes + Heimlichster, süßester Vorgenuß! + -- Lief ich zu rasch meines Wegs? + Jetzt erst, wo der Fuß müde ward, + Holt dein Blick mich noch ein, + Holt dein _Glück_ mich noch ein. + + Rings nur Welle und Spiel. + Was je schwer war, + Sank in blaue Vergessenheit, -- + Müßig steht nun mein Kahn. + Sturm und Fahrt -- wie verlernt' er das! + Wunsch und Hoffen ertrank, + Glatt liegt Seele und Meer. + + _Siebente_ Einsamkeit! + Nie empfand ich + Näher mir süße Sicherheit, + Wärmer der Sonne Blick. + -- Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch? + Silbern, leicht, ein Fisch, + Schwimmt nun mein Nachen hinaus ... + + + + +Rainer Maria Rilke. + +Geboren am 4. Dezember 1875 in Prag. -- Erste Gedichte 1895. Frühe +Gedichte 1900. Das Buch der Bilder 1903. Das Stundenbuch 1905. Neue +Gedichte 1907. Requiem 1909. Das Marienleben 1912. + + +Ernste Stunde. + + Wer jetzt weint irgendwo in der Welt, + Ohne Grund weint in der Welt, + Weint über mich. + + Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht, + Ohne Grund lacht in der Nacht, + Lacht mich aus. + + Wer jetzt geht irgendwo in der Welt, + Ohne Grund geht in der Welt, + Geht zu mir. + + Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt, + Ohne Grund stirbt in der Welt, + Sieht mich an. + + +Die Blinde. + + Der Fremde: + Du bist nicht bang, davon zu sprechen? + + Die Blinde: + Nein. + Es ist so ferne. Das war eine andre. + Die damals sah, die laut und schauend lebte, + Die starb. + + Der Fremde: + Und hatte einen schweren Tod? + + Die Blinde: + Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen. + Stark muß man sein, sogar wenn Fremdes stirbt. + + Der Fremde: + Sie war dir fremd? + + Die Blinde: + -- Oder: sie ist's geworden. + Der Tod entfremdet selbst dem Kind die Mutter. -- + Doch es war schrecklich in den ersten Tagen. + Am ganzen Leibe war ich wund. Die Welt, + Die in den Dingen blüht und reift, + War mit den Wurzeln aus mir ausgerissen, + Mit meinem Herzen (schien mir), und ich lag + Wie aufgewühlte Erde offen da und trank + Den kalten Regen meiner Tränen, + Der aus den toten Augen unaufhörlich + Und leise strömte, wie aus leeren Himmeln, + Wenn Gott gestorben ist, die Wolken fallen. + Und mein Gehör war groß und allem offen. + Ich hörte Dinge, die nicht hörbar sind: + Die Zeit, die über meine Haare floß, + Die Stille, die in zarten Gläsern klang, + Und fühlte: nah bei meinen Händen ging + Der Atem einer großen weißen Rose. + Und immer wieder dacht ich: Nacht und: Nacht + Und glaubte einen hellen Streif zu sehn, + Der wachsen würde wie ein Tag; + Und glaubte auf den Morgen zuzugehn, + Der längst in meinen Händen lag. + Die Mutter weckt ich, wenn der Schlaf mir schwer + Hinunterfiel vom dunklen Gesicht, + Der Mutter rief ich: »Du, komm her! + Mach Licht!« + Und horchte. Lange, lange blieb es still, + Und meine Kissen fühlte ich versteinen, -- + Dann war's, als säh ich etwas scheinen: + Das war der Mutter wehes Weinen, + An das ich nicht mehr denken will. + Mach Licht! Mach Licht! Ich schrie es oft im Traum: + Der Raum ist eingefallen. Nimm den Raum + Mir vom Gesicht und von der Brust. + Du mußt ihn heben, hochheben, + Mußt ihn wieder den Sternen geben; + Ich kann nicht leben so, mit dem Himmel auf mir. + Aber sprech ich zu dir, Mutter? + Oder zu wem denn? Wer ist denn dahinter? + Wer ist denn hinter dem Vorhang? -- Winter? + Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag! + Oder: Tag? ... Tag! + Ohne mich! Wie kann es denn ohne mich Tag sein? + Fehl ich denn nirgends? + Fragt denn niemand nach mir? + Sind wir denn ganz vergessen? + _Wir?_ ... Aber du bist ja dort; + Du hast ja noch alles, nicht? + Um dein Gesicht sind noch alle Dinge bemüht, + Ihm wohlzutun. + Wenn deine Augen ruhn + Und wenn sie noch so müd waren, + Sie können wieder steigen. + ... Meine schweigen. + Meine Blumen werden die Farbe verlieren. + Meine Spiegel werden zufrieren. + In meinen Büchern werden die Zeilen verwachsen. + Meine Vögel werden in den Gassen + Herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden. + Nichts ist mehr mit mir verbunden. + Ich bin von allem verlassen. -- + Ich bin eine Insel. + + Der Fremde: + Und ich bin über das Meer gekommen. + + Die Blinde: + Wie? Auf die Insel? ... Hergekommen? + + Der Fremde: + Ich bin noch im Kahne. + Ich habe ihn leise angelegt -- + An dich. Er ist bewegt: + Seine Fahne weht landein. + + Die Blinde: + Ich bin eine Insel und allein. + Ich bin reich. + Zuerst, als die alten Wege noch waren + In meinen Nerven, ausgefahren + Von vielem Gebrauch: + Da litt ich auch. + Alles ging mir aus dem Herzen fort, + Ich wußte erst nicht wohin; + Aber dann fand ich sie alle dort, + Alle Gefühle, das, was ich bin, + Stand versammelt und drängte und schrie + An den vermauerten Augen, die sich nicht rührten. + Alle meine verführten Gefühle ... + Ich weiß nicht, ob sie Jahre so standen, + Aber ich weiß von den Wochen, + Da sie alle zurückkamen gebrochen + Und niemanden erkannten. + + Dann wuchs der Weg zu den Augen zu. + Ich weiß ihn nicht mehr. + Jetzt geht alles in mir umher, + Sicher und sorglos; wie Genesende + Gehn die Gefühle, genießend das Gehn, + Durch meines Leibes dunkles Haus. + Einige sind Lesende + Über Erinnerungen; + Aber die jungen + Sehn alle hinaus. + Denn wo sie hintreten an meinen Rand, + Ist mein Gewand von Glas. + Meine Stirne sieht, meine Hand las + Gedichte in anderen Händen. + Mein Fuß spricht mit den Steinen, die er betritt, + Meine Stimme nimmt jeder Vogel mit + Aus den täglichen Wänden. + Ich muß nichts mehr entbehren jetzt, + Alle Farben sind übersetzt + In Geräusch und Geruch. + Und sie klingen unendlich schön + Als Töne. + Was soll mir ein Buch? + + In den Bäumen blättert der Wind; + Und ich weiß, was dorten für Worte sind, + Und wiederhole sie manchmal leis. + Und der Tod, der Augen wie Blumen bricht, + Findet meine Augen nicht ... + + Der Fremde (leise): + Ich weiß. + + +Herbst. + + Die Blätter fallen, fallen wie von weit, + Als welkten in den Himmeln ferne Gärten; + Sie fallen mit verneinender Gebärde. + + Und in den Nächten fällt die schwere Erde + Aus allen Sternen in die Einsamkeit. + + Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. + Und sieh dir andre an: es ist in allen. + + Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen + Unendlich sanft in seinen Händen hält. + + +Der Schauende. + + Ich sehe den Bäumen die Stürme an, + Die aus laugewordenen Tagen + An meine ängstlichen Fenster schlagen, + Und höre die Fernen Dinge sagen, + Die ich nicht ohne Freund ertragen, + Nicht ohne Schwester lieben kann. + + Da geht der Sturm, ein Umgestalter, + Geht durch den Wald und durch die Zeit, + Und alles ist wie ohne Alter: + Die Landschaft, wie ein Vers im Psalter, + Ist Ernst und Wucht und Ewigkeit. + + Wie ist das klein, womit wir ringen, + Was mit uns ringt, wie ist das groß; + Ließen wir, ähnlicher den Dingen, + Uns so vom großen Sturm bezwingen, -- + Wir würden weit und namenlos. + + Was wir besiegen, ist das Kleine, + Und der Erfolg selbst macht uns klein. + Das Ewige und Ungemeine + Will nicht von uns gebogen sein. + Das ist der Engel, der den Ringern + Des Alten Testaments erschien: + Wenn seiner Widersacher Sehnen + Im Kampfe sich metallen dehnen, + Fühlt er sie unter seinen Fingern + Wie Saiten tiefer Melodien. + + Wen dieser Engel überwand, + Welcher so oft auf Kampf verzichtet, + Der geht gerecht und aufgerichtet + Und groß aus jener harten Hand, + Die sich, wie formend, an ihn schmiegte. + Die Siege laden ihn nicht ein. + Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegte + Von immer Größerem zu sein. + + +Von den Fontänen. + + Auf einmal weiß ich viel von den Fontänen, + Den unbegreiflichen Bäumen aus Glas. + Ich könnte reden wie von eignen Tränen, + Die ich, ergriffen von sehr großen Träumen, + Einmal vergeudete und dann vergaß. + + Vergaß ich denn, daß Himmel Hände reichen + Zu vielen Dingen und in das Gedränge? + Sah ich nicht immer Großheit ohnegleichen + Im Aufstieg alter Parke vor den weichen + Erwartungsvollen Abenden, -- in bleichen + Aus fremden Mädchen steigenden Gesängen, + Die überfließen aus der Melodie + Und wirklich werden und als müßten sie + Sich spiegeln in den aufgetanen Teichen? + + Ich muß mich nur erinnern an das alles, + Was an Fontänen und an mir geschah, -- + Dann fühl ich auch die Last des Niederfalles, + In welcher ich die Wasser wiedersah: + Und weiß von Zweigen, die sich abwärts wandten, + Von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten, + Von Teichen, welche nur die Uferkanten + Schwachsinnig und verschoben wiederholten, + Von Abendhimmeln, welche von verkohlten + Westlichen Wäldern ganz entfremdet traten, + Sich anders wölbten, dunkelten und taten, + Als wär das nicht die Welt, die sie gemeint ... + + Vergaß ich denn, daß Stern bei Stern versteint + Und sich verschließt gegen die Nachbargloben? + Daß sich die Welten nur noch wie verweint + Im Raum erkennen? -- Vielleicht sind wir oben + In Himmel andrer Wesen eingewoben, + Die zu uns aufschaun abends. Vielleicht loben + Uns ihre Dichter. Vielleicht beten viele + Zu uns empor. Vielleicht sind wir die Ziele + Von fremden Flüchen, die uns nie erreichen, + Nachbaren eines Gottes, den sie meinen + In unsrer Höhe, wenn sie einsam weinen, + An den sie glauben und den sie verlieren, + Und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihren + Suchenden Lampen, flüchtig und verweht, + Über unsere zerstreuten Gesichter geht ... + + +Die Entführung. + + Oft war sie als Kind ihren Dienerinnen + Entwichen, um die Nacht und den Wind + (Weil sie drinnen so anders sind) + Draußen zu sehn an ihrem Beginnen; + + Doch keine Sturmnacht hatte gewiß + Den riesigen Park so in Stücke gerissen, + Wie ihn jetzt ihr Gewissen zerriß, + + Da er sie nahm von der seidenen Leiter + Und sie weitertrug, weiter, weiter: + + Bis der Wagen alles war. + + Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen, + Um den verhalten das Jagen stand + Und die Gefahr. + Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen; + Und das Schwarze und Kalte war auch in ihr. + Sie kroch in ihren Mantelkragen + Und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier, + Und hörte fremd einen Fremden sagen: + Ichbinbeidir. + + +Fragmente aus verlorenen Tagen. + + Wie Vögel, welche sich gewöhnt ans Gehn + Und immer schwerer werden, wie im Fallen: + Die Erde saugt aus ihren langen Krallen + Die mutige Erinnerung von allen + Den großen Dingen, welche hoch geschehn, + Und macht sie fast zu Blättern, die sich dicht + Am Boden halten -- + Wie Gewächse, die, + Kaum aufwärts wachsend, in die Erde kriechen, + In schwarzen Schollen unlebendig licht + Und weich und feucht versinken und versiechen, + Wie irre Kinder, -- wie ein Angesicht + In einem Sarg, -- wie frohe Hände, welche + Unschlüssig werden, weil im vollen Kelche + Sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind, -- + Wie Hilferufe, die im Abendwind + Begegnen vielen dunklen großen Glocken, -- + Wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken, + Wie Gassen, die verrufen sind, -- wie Locken, + Darinnen Edelsteine blind geworden sind, -- + Wie Morgen im April + Vor allen vielen Fenstern des Spitales: + Die Kranken drängen sich am Saum des Saales + Und schaun: die Gnade eines frühen Strahles + Macht alle Gassen frühlinglich und weit; + Sie sehen nur die helle Herrlichkeit, + Welche die Häuser jung und lachend macht, + Und wissen nicht, daß schon die ganze Nacht + Ein Sturm die Kleider von den Himmeln reißt, + Ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist, + Ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust + Und der den Dingen alle Bürde + Von ihren Schultern nimmt, -- + Daß etwas draußen groß ist und ergrimmt, + Daß draußen die Gewalt geht, eine Faust, + Die jeden von den Kranken würgen würde + Inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben. -- + ... Wie lange Nächte in verwelkten Lauben, + Die schon zerrissen sind auf allen Seiten + Und viel zu weit, um noch mit einem zweiten, + Den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen, -- + Wie nackte Mädchen, kommend über Steine, + Wie Trunkene in einem Birkenhaine, -- + Wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen + Und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter + Ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter + Durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen. + Wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen + Und dann versterben, so daß keiner je + Abwenden könnte das verhängte Weh, + Wie volle Rosen, künstlich aufgezogen + Im blauen Treibhaus, wo die Lüfte logen, + Und dann vom Übermut in großem Bogen + Hinausgestreut in den verwehten Schnee, -- + Wie eine Erde, die nicht kreisen kann, + Weil zuviel Tote ihr Gefühl beschweren, + Wie ein erschlagener verscharrter Mann, + Dem sich die Hände gegen Wurzeln wehren, -- + Wie eine von den hohen, schlanken, roten + Hochsommerblumen, welche unerlöst + Ganz plötzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen, + Weil ihre Wurzel unten an Türkisen + Im Ohrgehänge einer Toten + Stößt ... + + Und mancher Tage Stunden waren so, + Als formte wer mein Abbild irgendwo, + Um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln. + Ich spürte jede Spitze seiner Spiele, + Und war, als ob ein Regen auf mich fiele, + In welchem alle Dinge sich verwandeln. + + + [Illustration: Rainer Maria Rilke] + + +Spanische Tänzerin. + + Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß, + Eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten + Zuckende Zungen streckt --: beginnt im Kreis + Naher Beschauer hastig, hell und heiß + Ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten. + + Und plötzlich ist er Flamme ganz und gar. + + Mit ihrem Blick entzündet sie ihr Haar + Und dreht auf einmal mit gewagter Kunst + Ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst, + Aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken, + Die nackten Arme wach und klappernd strecken. + + Und dann: als würde ihr das Feuer knapp, + Nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab + Sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde + Und schaut: da liegt es rasend auf der Erde + Und flammt noch immer und ergibt sich nicht --. + Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen + Grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht + Und stampft es aus mit kleinen festen Füßen. + + +Der Fremde. + + Ohne Sorgfalt, was die Nächsten dächten, + Die er müde nicht mehr fragen hieß, + Ging er wieder fort; verlor, verließ --. + Denn er hing an solchen Reisenächten + + Anders als an jeder Liebesnacht. + Wunderbare hatte er durchwacht, + Die mit starken Sternen überzogen + Enge Fernen auseinanderbogen + Und sich wandelten wie eine Schlacht; + + Andre, die mit in den Mond gestreuten + Dörfern, wie mit hingehaltnen Beuten, + Sich ergaben, oder durch geschonte + Parke graue Edelsitze zeigten, + Die er gerne in dem hingeneigten + Haupte einen Augenblick bewohnte, + Tiefer wissend, daß man nirgends bleibt; + Und schon sah er bei dem nächsten Biegen + Wieder Wege, Brücken, Länder liegen + Bis an Städte, die man übertreibt. + + Und dies alles immer unbegehrend + Hinzulassen, schien ihm mehr als seines + Lebens Lust, Besitz und Ruhm. + Doch auf fremden Plätzen war ihm eines + Täglich ausgetretnen Brunnensteines + Mulde manchmal wie ein Eigentum. + + + + +Hugo Salus. + +Geboren am 3. August 1866 zu Leipa in Böhmen, studierte Medizin in Prag +und lebt daselbst als Frauenarzt. -- Gedichte 1897. Neue Gedichte 1899. +Ehefrühling 1899. Reigen 1900. Ernte 1903. Neue Garben 1904. Die +Blumenschale 1907. + + +An blauen Frühlingstagen. + + Vom stolzen Glück des eignen Werts getragen, + Als brächt' ihr Blühn der Landschaft erst Gewinn, + Gehn schöne Fraun an blauen Frühlingstagen + Wie Königinnen durch die Menge hin; + Als hätt' der Knabe Frühling nur im Sinn, + Das Krönungsvließ um ihren Leib zu schlagen + Und, wie ein Page, seiner Königin + Mit stillem Dank die Schleppe nachzutragen ... + + +Im stillen Hafen. + + Dies ist mein Glück: in allen Bitternissen + Des Seins daheim mein junges Weib zu wissen, + Das mädchenhaft und hold und lieb und rein + Nichts andres wünscht, als mein, nur mein zu sein; + Das weich ihr Haar anschmiegt an meine Wange + Und mir vertrauend, wie ein frommes Kind, + Mit feuchten Augen, die voll Güte sind, + Für Gaben dankt, die -- ich empfange. + + +Erinnerung. + + Zünd festlich im Salon die Kerzen an, + Zieh aneinander erst des Vorhangs Spitzen, + Ich schiebe zum Kamin die Sessel dann, + Dort laß uns, uns umarmend, niedersitzen. + + Denn sieh, an solchem Winterabend oft + Bin als Student ich durch die Stadt gegangen. + Mein Auge, das Erfüllung nie gehofft, + Ist oft an solchen Lichtes Schein gehangen. + + An Lampenschein, der mild ins Dunkel bricht, + An Fenstern, draus ich frohe Stimmen hörte, + An Schatten hinterm Vorhang, eng und dicht, + Indes die Sehnsucht drunten mich verzehrte. + + Heut ist ein solcher Abend, kalt und rauh, + Das Glück vertieft sich mir in diesen Räumen: + Lehn fest dein Haupt an mich, geliebte Frau, + Recht fest an mich -- und laß mich träumen, träumen! + + +Frühlingsfeier. + + Ein Blütenzweig, blaßrosa, weiß und grün, + Die Welt hat tausend solcher Blütenäste, + Da darf der eine auch für uns erblühn + Und darf verblühn bei unserm Liebesfeste. + + Befrei das schwere Haar von Kamm und Band + Und laß die schwarzen Fluten niederwallen + Auf dieses blumenhelle Lenzgewand, + Und laß die neidischen Achselspangen fallen! + + Nun nimm den Blütenzweig -- wie wunderbar + Die Blüten glühn von deines Pulses Schlägen! -- + Und rühre mir die Stirne und das Haar + Und sprich dazu den heiligen Frühlingssegen: + + »Blick auf, der Lenz ist kommen über Nacht, + Die Welt ist voll von Liebe und Erbarmen!« + Ich blicke auf; der Frühling ist erwacht; + Ich halt' den ganzen Frühling in den Armen! + + + + +Ludwig Scharf. + +Geboren am 2. Februar 1864 in Meckenheim. -- Lieder eines Menschen 1892. +Tschandala-Lieder 1905. + + +Begegnis. + + Und als ich gegen den Marktplatz kam, + Beim Torweg unter dem Rathaus, + Da strömten die Menschen kreuz und quer, + Zweibeinig ein jeder und gradaus. + + Sie waren gar wohl in Kleider gehüllt, + So Kinder wie Männer und Weiber, + Sie zogen mit schwerem, eiligem Schritt, + Aufrecht balancierend die Leiber. + + Fremd zogen sie aneinander vorbei + Mit großen begegnenden Blicken + Und geschlossenem Mund, ein jeder für sich, + Ein jeder mit seinen Geschicken. + + Ein jeder mit einem sehnenden Drang + Nach fernen Häusern und Türen, + Ein jeder fortgezogen wie blind + An unsichtbaren Schnüren. + + Ein jeder beladen mit Erdenweh, + Ob auch sein Mund mal lache -- + Ein jeder hinwandelnd in dunklem Traum + Und verstrickt in den Wahn, daß er wache. + + +Blut-Propheten. + + Wir träumen über die Erde hin, + Wir kennen nicht oben noch unten, + Wir horchen nur in die Erde hinein, + Wir verstehen nur ihre Wunden. + + Und liegen wie träumend am Boden hin, + Dann sind wir selbst fast Erden, + Als wollte in dunkel-chaotischem Trieb + Sie bewußt den Lebendigsten werden. + + Und wir fühlen den Durst nach Blut, nach Blut + Der ausgetrockneten Erde, + Daß einer verjüngten Lebensbrut + Ein saftiges Erdreich werde. + + Wir träumen über die Erde hin: + Tut Buße, Buße in Zeiten! + Doch wir wissen genau, es kommt der Tag, + Den wir ahnend früh prophezeiten. + + +Gebet eines Selbstmörders. + + Stille! oh stille! + Hier schlägt ein letztes Herz, + Zerrinnt ein letzter Wille, + Verhallt im Nichts ein Schmerz. + + Verbluten hier im Sande + An dieses Ufers Rand, + Im Angesicht der Sterne + Und jener Wolkenwand -- + + Ja, jener Nacht von Wolken, + Die drohend rückt heran, + Die dir den letzten Ausblick + Gar bald verfinstern kann! + + Drum still, mein Herz! Verblute + In dieser stillen Nacht, + Solang ob Tod und Leben + Dir zusteht noch die Macht! + + Denn weh, sie werden kommen, + Dich binden recht und schlecht, + Dein letztes Gut zu nehmen -- + Dies häßliche Geschlecht. + + Doch stille, oh stille! + Und störe nicht die Ruh: + Es strebt ein letzter Wille + Dem letzten Glücke zu ... + + + + +Richard (von) Schaukal. + +Geboren am 27. Mai 1874 zu Brünn in Mähren, studierte Jurisprudenz in +Wien und lebt daselbst als Ministerialrat i. R. -- Gedichte 1893. Verse +1896. Meine Gärten 1897. Tristia 1898. Tage und Träume 1899. Sehnsucht +1900. Pierrot und Colombine 1902. Das Buch der Tage und Träume 1902. +Ausgewählte Gedichte 1904; zweite Ausgabe in zwei Bänden 1909. Das Buch +der Seele 1908. Neue Verse 1912. Herbst. Neue Gedichte 1914. Eherne +Sonette 1914. Standbilder und Denkmünzen 1915. Kriegslieder aus +Österreich, drei Hefte 1914, 1915, 1916. Eherne Sonette, Gesamtausgabe +1915. 1914 in ehernen Sonetten und Liedern (Schulausgabe) 1915. +Kriegslieder aus Österreich (Auswahl) 1916. Heimat der Seelen 1916. +Gedichte (1892-1918) 1918. + + +Der Fiedler. + + Ein Spielmann auf seiner Geige strich. + Es klang so rot, so königlich. + Das harte Kinn lag auf der Fiedel. + + Ein Knabe ging und stand und blieb. + Und jeder Strich war ein Sensenhieb. + -- -- Den andern war's nur ein Straßenliedel. + + +Kophetua. + + König Kophetua hob seine goldene Krone + Von den goldenen Locken und schwieg. + Auf sein Schwert gestützt ging er und stieg + Über die steilen Stufen, und ohne + Sich umzusehn, ließ er die staunende Schar. + + Oben saß in mondlichtschimmernder Blässe + Eine Bettlerin, in den Mantel der dichten + Haare gehüllt. Ein großes Verzichten + Lag in ihrer Augen blinkender Nässe. + Und so träumte sie, jeglichen Schmuckes bar. + + König Kophetua legte die goldene Krone + Über die eisengerüsteten Knie und harrte + Auf einer der Stufen, bis ihn die traurige, zarte + Magd erblicke, flehentlich, ohne + Sich umzusehn, wo sein Gefolge war ... + + +An die Baronin Colombine. + + Baronin Colombine ist so zierlich und zart. + Ich zupfe die Mandoline -- leider noch keinen Bart. + + Baronin Colombine, nimm dich in acht: + Auf meiner Mandoline sind Funken erwacht. + + Baronin Colombine, lach nicht so laut! + Weil meiner Mandoline vor deinem Lachen graut! + + Baronin Colombine, du nahmst mir meine Ruh. + Ins Wasser die Mandoline -- und mich dazu! + + +Porträt eines spanischen Infanten von Diego Velasquez. + + Mit blutgemiedener langer schmaler Hand, + Feinen Fingern, die den Duft der weißen Rosen fühlen, + Manchmal mager und müd in warmen Damenhaaren wühlen, + Halt' ich einen zierlich-kalten Degenkorb umspannt. + Meine Blicke gleiten kraftlos von der glatten silbergrauen Wand, + Von rieselnden leisen Gebeten sind meine Lippen schlaff und bleich, + Ein scharfer Dolchschnitt ist mein verachtender Mund, + Ich streichle manchmal einen hohen schlanken Hund. + Manchmal bin ich mit häßlichen Zwergen weich: + Ich beschenke sie reich -- + Und peitsche sie wieder wund. + Mit dichten Schleiern schütz' ich mich vor dem Morgenrot: + Die Sonne hat Pfeile. Pfeile wirken Tod. + + ++Pierrot pendu.+ + + Und ich sah dich nachts an der Laterne: + Bleich und traurig hingst du, Pierrot, + Trübe schimmerten die späten Sterne, + Als dein alter Freund, der Mond, entfloh. + + Da im Gassendunkel deine Züge + Schmerzlich schienen und gedankenbang, + Sann ich über deines Lebens Lüge, + Armer Narr am selbstgeknüpften Strang. + + Und ich hab' dich nicht herabgeschnitten, + Rührte leise nur an deiner Hand. + Husch, ein Schatten war hinweggeglitten, + Der verstohlen mir im Rücken stand. + + +Musset. + + Ich liege mit der Zigarette + Bis an den Morgen -- o das böse Licht! -- + Müd ohne Schlaf im Seidenbette + Meiner geliebten kleinen Ninette + Und kräusle den Rauch zu einem Gedicht. + + Was hast du mit meinem Leben getan! + Wenn ich dich betrachte, dumme Kleine, + Deine marmornen runden Beine, + Fange ich fast zu weinen an + Um die ewig verlorene Eine. + + Ninette, du hast verdünntes bleiches + Schnellrieselndes Blut, mein Kopf ist schwer: + Wo nehm' ich den Mut für heute her? + Sänke ich doch in dein faltenreiches + Morgengewand gehüllt ins Meer! + + +Kavaliere. + + Kavaliere, bleich und mit schmalen Gelenken, + Den Degenkorb von der Kräusel-Manschette + Zierlich bedeckt: sie denken + An eine Frau in weißem Spitzenbette; + Sie haben Schach gespielt, Hengste geprobt, + Sie singen: Großer Gott, dich lobt + Die gläubige Gemeinde; + Vernichte unsre Feinde! + + +Goya. + + Ich habe die lange schwüle Nacht + Bei einer jungen Dame verbracht: + Nun liegt sie und träumt mit offenen Lippen von meinem Nacken ... + Ich will jetzt malen, ihr sollt euch packen! + Steht nicht herum und gafft so ledern! + Sonst zerr' ich euch an euern Agraffenfedern + Oder kitzle eure dünnen Waden + Mit meinem Degen. Ich bin von Gottesgnaden, + Ich bin ein Grande im offnen Hemd. + Ich liebe das Licht, das die Welt überschwemmt, + Ich liebe ein Pferd, + Das bäumend sich gegen den Zügel wehrt, + Den Juden lieb' ich, den keiner bekehrt. + Dem König lass' ich sagen, er solle + Klopfen, wenn er mich stören wolle. + + +Porträt des Marquis de ... + + Halte mir einer von euch Laffen mein Pferd, + Hole mir einer von euch Lumpen mein Schwert: + Ich ließ es bei einer Dame liegen. + + Lass' einer von euch Schurken einen Falken fliegen: + Ich will ihm nachsehen und mich in Blau verlieren: + Störe mich keiner von euch Tieren! + + +Der Araber. + + Ich schlich mich an das Roß heran, + Das wiehernd und mit rundem Rücken + Ins Eisen beißend stand. Es packen + An seiner Mähne und die Hacken + + Der Fersen, einmal oben, stark + Ihm in die Weichen drängen, war + Ein Augenblick. Ich spürte gar + Nicht mehr, daß uns der Wald schon barg + + Vor der bewundernden und scheuen Schar: + So war es durch die Uferauen + Gerast. Erst als mein flatternd Haar + Ein Ast berührt, begann ich umzuschauen. + + +Spät. + + Spät, wenn die alte Uhr geschlagen + Und wieder Stille dich umwirbt, + Das Pendel geht, die Lampe zirpt, + Steigt es empor aus alten Tagen + Und füllt mit Geistergruß die Luft + Und macht dein Herz so schwer vor Sehnen + Nach einem längst verhauchten Duft, + Nach einer fernen kühlen Gruft, + Nach Wind im Wald an Bergeslehnen. + + + + +Paul Scheerbart. + +Geboren am 8. Januar 1866 zu Danzig, starb am 14. Oktober 1915 zu +Lichterfelde bei Berlin. -- Kater-Poesie 1909. + + +Dahin! + + Singe nicht so hell und laut, + Da ich wieder einsam bin! + Ach, fühlst du nicht, worüber + Ich trüber werde? + + Lache nicht so toll und dumm, + Da ich ernst und anders bin! + Nein, weißt du nicht, worüber + Ich trüber werde? + + Frage nicht so klug und hart! + Das hat alles keinen Sinn! + Was? Ahnst du nicht, worüber + Ich trüber werde? + + Sieh, ich liebe dich nicht mehr, + All mein Lieben ist dahin! + Begreifst du jetzt, worüber + Ich trüber werde? + + +Notturno. + + Ich liege ganz still. + Der Nachtwind rauscht leise vorbei. + Eine große Sehnsucht zieht mich noch tiefer. + Diese Sehnsucht -- nach -- ich weiß nicht was! + Das macht so traurig. + Ich möchte -- ich weiß nicht was! + Ich denke an ferne, ferne Zeiten ... + + +Tiefernst! + + Mir ist, als ob der Friede + Sich in meine Seele legt -- + So wundersam bewegt! + Der Pappeln Wipfel flüstern. + Wir sitzen still und schweigen. + -- -- -- + Wir wollen noch einmal trinken -- + Und dann -- betrunken sein! + + +Die große Sehnsucht. + + Wenn die große Sehnsucht wieder kommt, + Wird mein ganzes Wesen wieder weich. + Und ich möchte weinend niedersinken -- + Und dann möcht' ich wieder maßlos trinken. + + + + +René Schickele. + +Geboren am 4. August 1883 in Oberehnheim (Elsaß). -- Die Leibwache 1914. +Mein Herz, mein Land (Auswahlband) 1915. + + +Der Knabe im Garten. + + Ich will meine bloßen Hände aneinander legen + Und sie schwer versinken lassen, + Da es Abend wird, als wären sie Geliebte. + Maiglocken läuten in der Dämmerung, + Und weiße Düfteschleier senken sich auf uns, + Die wir eng beieinander unsern Blumen lauschen. + Durch den letzten Glanz des Tages leuchten Tulpen, + Die Syringen quellen aus den Büschen, + Eine helle Rose schmilzt am Boden ... + Wir alle sind einander gut. + Draußen durch die blaue Nacht + Hören wir gedämpft die Stunden schlagen. + + +Wenn es Abend wird. + + Die Engel der Liebkosung steigen nieder, + Von weitem kommen deine Hände wieder, + Und deine Augen sind so mild, so weit, + Daß alle Dinge drin verklärt gen Himmel fahren. + + Mein Zimmer ist ein Wald, der sich erinnert, wie deine + Worte sangen, + Im Kleinsten, das einmal deinen Atem gespürt, lebt + brünstiges Verlangen, + Wie Lampen gehn die Spiegel an, die schon voll + Dunkel waren. + + Schon rufen deine Schritte die Blumen auf im Garten, + Daß ihre kleinen Seelen erschauern und im Dunkel + warten. + Die Bäume werden atemlos und stehn beklommen, + Die Bäche horchen auf, ein tiefer Traum belauscht + dein Kommen, + Am Weg, auf dem du nahst, ist Stern an Stern gereiht. + O wunderbare Trunkenheit! + + +Ferne Musik. + + Die glatten, leisen, + Lustwarmen Weisen, + Die sich verschlingen + Und im Reigen singen + Von Sommertagen, + + Erinnern mich Schweren, + Wie auf Blumenfähren + Mit glänzenden Wangen + Frauen sangen, + Von Bläue getragen, + + Und daß am Ende + Der Fahrt die Hände, + Die blitzend bewegten, + Sich nicht mehr regten + Und entgeistert lagen + + In jedem Schoß, + So sehnsuchtslos, + Die Umarmungen boten, + Wie die Steine der Toten + Im Mondlicht ragen. + + +Erwartung im Garten. + + Hab ich doch alles nun geküßt, + Die Blumen, die Gräser und + Den zitternden Sperling in meiner Hand, + Den Tau der sanften Kressen + Und selbst die Wolken am Himmel, -- + Kommst Du noch immer nicht? + + +Lea. + + Wir hielten uns umschlungen + In unserm großen Haß, + Ich hab dir schwören müssen, + Daß ich von dir nie laß. + Wir hielten uns umschlungen + In unsrer großen Lust, + Du hast mir zugeschrieen, + Daß du mich lieben mußt. + + Dann hobst du dich und standest, + Gelöst war unser Bund, + Und sprachst die Abschiedsworte + Mit nie geküßtem Mund. + + +Die Leibwache. + + Und bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt, + Ich weiß, daß doch ein Schein von meinem Blut, + Wo ich mich rühre, wo ich raste, mich umflammt + Wie eine große Glorie innerlicher Glut. + Darin ist alles das enthalten, was die Väter, + Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter, + Von ihrem Innersten ins Äußere geglüht, + Daß es mein eigen Blut noch heute fühlt. + + Denn ja, ich fühl's wie Rüstung, Schild und Feuerwall + Und Festung, die mich überall umgibt, + Und wieder so, daß es der Schöpfung wirren Schwall + Mit Netzen wie aus Blut und Sonnenstäubchen siebt, + Damit in meiner Augen Nähe kommt + Nur, was für Ewigkeiten ihnen frommt, + Und immer nur in meinem Herzen Wurzeln schlägt + Und darin gräbt, wes Wachstum dies mein Herz verträgt; + + Und was es tiefer noch verankert in den Grund, + Von dem ich nichts weiß, als daß zu Beginn + Ein heißer Wille schwoll, der dann von Mund zu Mund + Sich fortgepflanzt bis her zu mir, der ich jetzt bin. + Und bei mir sind, die mich vor schwerstem Leid bewahren! + Ich recke mich inmitten himmlischer Husaren, + Heb ich die Hand, so winken tausend Hände mit, + Und halte ich, so hält mit mir der Geisterritt. + + Im Schlaf spür ich sie wie im Biwak um mich her, + Sie liegen da, die Zügel umgehängt, + Sie atmen, regen sich wie ich, sind leicht und schwer, + Und manchmal, wenn sich einer an den andern drängt, + Ersteht ein Klingen, dessen Widerhallen + In meinem Körper bebt wie Niederfallen + Von eines Brunnens Strahl in einem Vestibül. + Dann ist's, daß ich das Herz der Mütter zittern fühl! + + Dann ist's, daß wild und süß die Liebe überfließt + In mir und jeder Kreatur, + Rakete um Rakete in den Himmel schießt, + Im Dunkel still steht jede Uhr. + Und klare Meere spiegeln lichte Sterne, + Die Früchte zeigen schamlos ihre Kerne, + Es strömt ein Licht von mir zum fernsten Land, + Es schlägt ein Wellenschlag von mir den fernsten Strand. + + Drum, bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt, + Ich weiß trotzdem: ein Schein von meinem Blut, + Wo ich auch bin, ob schlafend oder wach, umflammt + Mein Tun mit einer Glorie innerlicher Glut. + Darin ist alles das enthalten, was die Väter, + Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter, + Mit ganzem Herzen ausgelebt zu meiner Hut. + + + + +Johannes Schlaf. + +Geboren am 21. Juni 1862 zu Querfurt in der Provinz Sachsen. -- +Helldunkel 1899. Das Sommerlied 1905. + + +Sehnsucht. + + Wie ich dich überall sehe, du Meine + Und Eine! + Immer du so fern-nah! + Gegenwärtig und doch nicht da! + Immer nur Spuren und Spuren -- + Viel, ach! wie viel! + Im Wandern folg' ich ihnen, + Zu welchem Ziel? + O du, o Dunkelgewillte! + Wann, wo empfängt der Niegestillte + Seine Ruh? -- + + +Hoffnung. + + Ein weißes Grau hüllt weit den Himmel ein. + Ein stumpfer Glanz liegt auf den Uferweiden. + Träge, mit gurgelnden Wellen treibt der gelbe Strom. + Ich muß mich noch bescheiden. + Ich will noch ein Stückchen so weitergehn. + Bald müssen ja alle Höhn + In hellen Frührotfeuern stehn ... + + +Abendgang. + + Und ich führte das blonde Jungfräulein + In den weiten, schleiernden Abendfrieden hinein. + + Nebel über die Wiesen gingen, + Und vom Bache durch das braune Dunkel kam ein Singen. + Am Himmel alle unsre goldenen Geigen hingen. + + Die tönten so sacht und fein. -- + + +Trübes Wetter. + + Das Meer! -- Das Meer -- -- + Die grauen Wolken hingen so trüb und schwer. + Ich sah nur ein weites Armebreiten, + Und wie ein dunkelsüßer Heimatston kam's her + Aus den nebelverhüllten, schluchzenden Weiten. -- + + +Doppelliebe. + + Wie eigen ich dich einst küßte! + + Du lagst in deinem Sessel + Und decktest schelmisch + Die Hand vors Gesicht. + Über den Fingern + Waren nur deine Augen zu sehn, + Deine Augen. -- + + So fern plötzlich + Und eigen. -- + Und ich erschrak. + + Zwei andre Augen sah ich, + Zwei ferne Augen. + Die Augen der andern ... + + Und da bog es mich zu dir, + Und leise + Küßt' ich -- + Diese Augen ... + + + + +Prinz Emil von Schönaich-Carolath. + +Geboren am 8. April 1852 zu Breslau, wurde Dragoneroffizier, nahm den +Abschied, war viel auf Reisen und lebte zuletzt auf Schloß Haseldorf in +Holstein, wo er am 30. April 1908 verstarb. -- Lieder an eine Verlorne +1878. Dichtungen 1883. Gedichte 1903. + + +Albumblatt. + + Hab nicht zu lieb die knospende Rose; + Es flöge gar bald + Ohn' Heimat, ohn' Halt + Ihr Duft dir vorüber ins Uferlose. + + Unsterblich ist der Schmerz allein. + Was nie du besessen, + Ersehnt, nie vergessen, + Wird deines Himmels Grundbau sein. + + +Der betrübte Landsknecht. + + Das Land durchströmt der Regen, + Singschwäne südwärts ziehn, + Nun will aufs Herz ich legen + Ein Sträußchen Rosmarin. + + Das haben zwei Hände, zwei schmale, + Durchflochten mit schwarzem Band, + Drauf haben zum letzten Male + Zwei Mädchenlippen gebrannt. + + Hoch braust ein Krieg durch Flandern, + Dort muß gewürfelt sein, + Die Werbetrommeln wandern + Um Jülich und Bei-Rhein. + + Nach Spanien über die Schelde + Zieht gleißender Heerestrab; + Herr Christ, hilf allen zu Gelde, + Uns beiden gib ein Grab. + + Drauf sollen zwei Linden wiegen + Die Wipfel glückbesonnt, + Draus sollen zwei Herzen fliegen, + Die nimmer sich trennen gekonnt. + + +Genrebild. + + Herr Holger am Kamine sitzt, + Sein Brackhund bei ihm wacht, + Nacht ist's, die Flamme springt und blitzt + Und der Klotz in der Lohe kracht. + + Herr Holger in Sinnen versunken ist, + Er wirrt des Bartes Flaum. + Es streckt die Bracke den Widerrist, + Und beide sinken in Traum. + + Es denkt der Hund an einen Tag, + Da die Heide hilfefern, + Da der Keiler über Herrn Holger lag + Und er befreit' den Herrn. -- + + Herr Holger martert seine Stirn + In Sinnen schwer und stumm: + Wie er zu Willen einer Dirn + Den Blutsfreund brächte um. + + +Altes Bild. + + Der Markusdom, der bunte, klangumtönte, + Hat seine Pforten gähnend aufgeschlagen, + Am Hochaltar, wo Priester Kerzen tragen, + Thront stolz der Doge, der vom Volk gekrönte. + + Es lehnt an ihm in mädchenhaftem Zagen + Sein junges Weib, das holde, glückverschönte. + Ein Page, der an Schleppendienst gewöhnte, + Kniet stumm dabei in Puffenwams und Kragen. + + Der Weihrauch dampft, zu Ende geht die Messe, + Es blickt verklärt die schöne Dogaresse ... + Doch sehen könnt ihr, wenn ihr näher tretet, + + Daß tief im Samt, dem dunkelvioletten, + Des Pagen Hand und ihre sich verketten -- + Der alte Doge kniet im Stuhl und betet. + + +Künstlerroman. + + Als tot auf schlechtem Gasthofbette lag + Sein junges Weib bei Unschlittkerzenflammen, + Da schob Papier, verstreutes, er zusammen, + Und schrieb darauf bis an den grauen Tag. + + Es ward an Inhalt und an süßem Schalle + Ein also großes, ewiges Gedicht, + Daß die Genossen es verstanden nicht, + Und schweigend wichen, tiefergriffen alle. + + Er aber blieb allein mit einem Sarg, + Darin begrub er seine Jugendliebe -- + Und jenes Buch, das ew'gen Ruhm verbarg, + Und das kein Denker leichthin nach ihm schriebe, + + Er schob es unters fahle Goldgelock + Als Ruhekissen für die schöne Tote, + Und riß sich aus den Hecken einen Stock + Und schritt hinaus ins Morgenlicht, das rote. + + + + +Wilhelm von Scholz. + +Geboren am 15. Juli 1874 zu Berlin. -- Frühlingsfahrt 1896. Der Spiegel +1902. Neue Gedichte 1913. + + +In einer Dämmerstunde. + + Ich wohne, wo die Wolken gehn, + Stillhoch in einer Dämmerstunde; + Waldtiefer Bäume Wipfel stehn + Um meinen Tisch in naher Runde, + Die gern mein Licht im Abend sehn. + + Alt ist der Leuchter, der es trägt, + Alt sind die Bäume, die es schauen, + Die Flamm' ist alt, die sich bewegt + Und flattert durch das ewige Grauen, + Wenn die uralte Luft sich regt. + + Flüsternd umkreist die Dämmerung + Mich und mein Licht, das nach ihr greift. + So alt ist alles, ich so jung -- + Da ist's, als ob ein Wort mich streift, + Das rings um mich zur Fülle reift. + + »Du bist so alt als alle wir --« + Sprach es das Licht, sprach es der Baum, + Sprach's der zersprungne Tisch vor mir, + Sprach's um mich her der Dämmertraum? + Ich fühl' es dunkel jetzt und hier. + + Wie lächeln doch die ewigen Dinge, + Wenn solch ein Strudel Erdenzeit, + Ein Mensch, aufwacht in ihrem Ringe, + Aufbraust in ihrer Einsamkeit -- + Wie lächeln doch die ewigen Dinge! + + Sie lächeln mich in ihre Ruh -- + Nun rag' auch ich uralt vom Grunde. + Du Flamme, warum zitterst du? + Bist du ein Wort aus meinem Munde, + Rief dich die Dämmerung mir zu? -- + + +Abschied. + + Oft, wenn die stille Mitternacht + Einsam im dunkeln Parke wacht, + Wenn meine Fenster offen stehn, + Ein Sternlein durchs Gezweige leuchtet + Und Nachtluft mir die Stirne feuchtet, + Dann weiß ich, daß mich deine Augen sehn + In dieser stillen Mitternacht. + + Doch dieser Erde weit entschwebt + Ist, was mich hier umgibt und mit mir lebt: + Mein still Gemach, der Park, der leise rauscht, + Der See, der über seine Ufer lauscht. + In ewige Fernen treiben wir dahin: + Du kennst den Ort nicht, wo ich bin + In dieser stillen Mitternacht. + + Noch seh' ich dich; und dein Gesicht ist blaß. + Von Schauer wird mein Auge naß, + Und tausend Wünsche werden wach. + Doch schneller treibt der Park und das Gemach + Hin in den fernenklaren Raum -- + Da lischt, ein Flackerlicht, dein Traum + In dieser stillen Mitternacht. + + +Heimat. + + Eine Heimat hat der Mensch, + Doch er wird nicht drin geboren -- + Muß sie suchen traumverloren, + Wenn das Heimweh ihn ergreift. + + Aber geht er nicht in Träumen, + Geht er achtlos ihr vorüber, + Und es wird das Herz ihm plötzlich + Schwer bei ihren letzten Bäumen. + + +Abendgang. + + Das ist unser schweigender Abendgang. + Herbst. Blätter fallen wegentlang. + Nasse Äste tragen den Himmel, der bleich + Und dunstig niederhängt über den Teich. + + Die Brücke. Trüber Laternenschein + Fällt schwankend in schmutzigen Schlamm hinein. + Vorüber. Dunkel wie Menschen stehn + Die Bäume und sehn uns weitergehn. + + +Der Wandrer. + + Schwermütig wächst mein Frieden + In Herbst und Einsamkeit. + Mein Weg zur Dämmerzeit + Vergraut wie abgeschieden. + + Ich fühle mich Gestalt + Und Wesen tief vertauschen; + Wildfremde Schritte rauschen + Durchs Blattgewirr im Wald. + + Still geh' ich, schattenlos + Im Grau, als wandle sich + Der lange Weg in mich, + Auf dem ich wurde groß. + + Daß ich der Wandrer bin, + Der diesen Weg gegangen, + Sind Worte, die verklangen, + Und haben keinen Sinn. + + +Erde. + + Das ist der Erde furchtbares Gewicht: + Gelang es dir, dich schwebend frei zu halten, + Zu tauchen in das erdenfremde Licht, + Daß sich die Meere unter dir gestalten, + Winzig die Wolken unter dir verwehn, + Und zitterst nicht -- + So fliegt die Erde auf in deine Höhn. + + +Ich weiß es wohl ... + + Ich weiß es wohl, wie du zur Ruh dich legst, + Wenn müde dich die Mitternacht umfängt. + Du gehst verträumt im Zimmer auf und ab, + Schaust das unwillige Schweigen an der Wand, + Das seufzend hie und da ein Rahmen unterbricht. + Dann sprichst du leise in den Kerzenschein, + Als ob gleichgültig ihn ein andrer spräche, + Meinen Namen, horchst -- hörst ihn und erglühst ... + Und deine süßen Hände küssend, schläfst du ein. + + +Nächtlicher Weg. + + Schwer schweigt der Wald in schwarzer Pracht. + Mein Mantel flattert durch die Nacht, + Streift welkes Laub am Boden mit; + Und wo die Äste wie Gestalten + Hoch über mir die Hände halten, + Folgt Zittern meinem festen Schritt. + + Und leis an mir herniederglitt, + Als woll's im feuchten Gras erkalten, + Was in mir kämpfte, rang und litt; + Was ich in mir für schlecht gehalten, + Das nahm die Nacht im Atem mit. + + Und stiller meine Schritte hallten, + Wie eines fremden Freundes Tritt. + + +Am Söller. + + In Wirbeln geht der Strom durchs Tal. + Die Blätter wirbeln auf Söller und Saal. + Tief herbstlich naht die frühe Nacht, + Die unsere einsame Fackel entfacht. + + Und wie die Sterne schweigend steigen, + Werden der Erde wir zu eigen. + Nachtdunkel hat so wilde Weisen -- + Wir fassen uns, uns zu umkreisen. + + Der Sternsaal muß sich rasend drehn + In seiner Ferne. + Im ganzen Raum der Welten stehn + Nur deine Augensterne. + + Wir sind wie des Herbstes tanzendes Laub, + Wir sind, was wir werden: + Kreisende Erden, + Wirbelnder Staub. + + + + +Rudolf Alexander Schröder. + +Geboren am 26. Januar 1878 zu Bremen. -- Unmut 1899. Lieder an eine +Geliebte 1900. Sprüche in Reimen 1900. An Belinde 1902. Sonette an eine +Verstorbene 1905. Elysium 1906. + + +Aus den »Liedern an eine Geliebte«. + + Nun kam der Abend. + + Die Sonne geht ins Meer, + Der Wind ruht im Laub, + Den sanften Weg entlang + Ziehen die Herden heimwärts. + + Sieh, wie die milden Berge + In Dunkelheit verhüllt sind -- + Im Tal + Blinken Lichter auf. + + Wanderer, wohin eilst du? + »Nach Hause.« + + Wohin eilst du? + + * * * * * + + »Die Lüge« sagst du + Und »Die Wahrheit« + Und redest wie ein Narr. + + Sage »Die Liebe« + Und du redest wie ein Weiser. + + * * * * * + + Ich habe keine Schmerzen: + Aber die Sehnsucht verzehrt mich. + + Ich habe keine Sehnsucht: + Aber mein Verlangen macht mich unruhig. + + Ich habe kein Verlangen: + Aber meine Schmerzen quälen mich! + + * * * * * + + Ach, noch immer glaube ich, + Wenn ein Klang die Luft aufweckt, + Daß deine Stimme + Im Zweiggewirr der Bäume, + In Blumen, Gebüsch und Gräsern + Nachzitternd sich gefangenhält. + + Ach, noch immer glaube ich, + Wenn ein Duft + Von ungefähr + Auf Windflügeln + Zu mir kommt, + + Daß es dein Atem sei. + + Ach, noch immer glaube ich, + Daß ich nicht ganz verlassen sei. + + * * * * * + + Das Glück ist ein leerer Schall; + Und der Schmerz ist ein Name. + Was uns von allem bleibt, + Ist: allein zu sein. + Und ist uns allen ein Los, + Daß wir viele Güter haben + Und darben müssen. + + +Sonett an eine Verstorbene. + + An jedem Tage gibt's ein Abschiednehmen; + Und irgend etwas, das uns angehört, + Wird jeden Augenblick für uns zerstört + Und wandelt hin zu den vergessenen Schemen. + + Wohl, über dieses soll sich keiner grämen, + Weil immer auch ein Neues uns betört; + Und kein Verlassen ist so unerhört, + Dem wir uns nicht zu guter Letzt bequemen. + + So gehn auch wir, und lassen alle Welt + Und sind nicht mehr; und jenes Wort: Gewesen + Erklingt von uns, wie wir's von vielem sagen. + + Doch daß auch du dich denen zugesellt, + Von denen wir nur noch den Namen lesen, + Mein Herze will das nicht, und will's nicht tragen! + + +Aus dem Buch »Elysium«. + + Sie lassen sich am Ufer nieder, + Sie legen ihre reinen Glieder + Auf leichten Sand. + + Entschlummern sie, so ist ihr Träumen + Wie das von Wellen oder Bäumen + Voll Unbestand. + + Sie sind so schön, weil sie im Fächeln + Der reinen Lüfte immer lächeln, + Wie ausgesöhnt. + + Sie singen auch. -- Wer möchte hören, + Was diesen Nachtigallen-Chören + Ganz klar enttönt? + + Sie wandeln über sanfte Matten + Ins grüne Dunkel kühler Schatten, + Sie schwinden hin. + + -- Oh holde Seelen, voll Beglückte, + Ihr nicht Geplagte, nicht Entzückte, + Ihr ohne Sinn! + + * * * * * + + Wenn sie wandeln, drückt dem Wiesenrain + Sich der schattenhafte Fuß nicht ein. + + Wenn sie ruhn, so ist der leichte Gast + Seiner Lagerstätte keine Last. + + Wenn sie wünschen, das ist flüchtig auch, + Kaum ein Traum, ein Atemzug, ein Hauch. + + Wenn sie lieben, das ist kaum ein Blick, + Kaum ein Gruß. -- So leicht ist dort das Glück. + + Alles ist ja leicht im untern Reich. -- + Leichte Schatten, wir begrüßen euch! + + * * * * * + + Leise laß sie ihren Reigen führen, + Ohne ihre Schwermut anzurühren. + + Laß sie träumend dir vorüber hasten, + Ohne ihre Leere zu belasten. + + Sorge nicht, sie heute zu verstehen, + Denn dir wird wie ihnen bald geschehen. + + Freue dich, daß sie dich nicht erreichen, + Morgen, morgen bist du ihresgleichen. + + + + +Gustav Schüler. + +Geboren am 27. Januar 1872 zu Kgl. Reetz im Oderbruch. -- Gedichte 1900. +Meine grüne Erde 1904. Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes +1908. Mitten in der Brandung 1911. Von Stundenleid und Ewigkeit 1914. + + + Unterdessen. + + Schönheit ist Atem. Aber Brot ist Brot. + Und Tausend hungern. Und die Mühlen mahlen. + Und Königstische wissen nichts von Not. + Und Tausend beten nachts zu ihren Qualen. + + Und Mütter fiebern, wie kein Fieber schlägt, + Weil ihre Kinder schwer im Schlafe wimmern. + Die Mütter hören's, daß man Bretter trägt, + Um einen rohen Armensarg zu zimmern. + + Und unterdessen lauscht die heilige Nacht, + Und unterdessen wird das Licht erkoren, + Und unterdessen hat die Schönheit acht + Auf jede Perle, die der Tau geboren. + + +Mignon. + + Wer in die Nacht geht, müßt' mich sehn + Am Wege auf dem Stein -- + Mein Krug und Wanderstecken stehn + Im hellen Mondenschein. + + Die Schuhe hab' ich abgetan, + Das Haar ist aufgelöst, + Ich hab', als wüßt' ich keinen nahn, + Auch meine Brust entblößt. + + Der Nachthauch kühlt mich wie ein Bad. + Alle Wanderer ferne gehn. -- + Nur wer die Erde begraben hat, + Kann mich hier sitzen sehn. + + +Am Abend. + + Komm, denn der Abend kommt. + Wir haben ihn so wild ersehnt. + Nun ist er da. Wie er im Mantel + Sich an die alten Pappeln lehnt. + + Jetzt schlägt er seine Wimpern auf + Und sieht uns an und nickt uns zu. + Hat er nicht ganz dieselben Augen, + Nicht ganz denselben Mund wie du? + + +Am Kreuzweg. + + Vom Dorf her durch die Nacht erklingt Gesang: + Ein altes deutsches wehes Liebeslied, + Von Lieb' und Not + Und Treu' und Tod. + Ein Schatten, der am Kreuzweg zieht, + Lauscht lang'. + Der Kauz schrie so entsetzlich schrill, + Der hat ihn auch gesehn. + Das Lied schweigt still. + Der Schatten bleibt noch immer stehn. + + +Was ist das Glück? + + Was ist das Glück? + Ein klimmendes, schwimmendes Fliegen? + Ein Siegen, + Ein Augenblick, + Wo du der Sonne jauchzend winkst + Und dann versinkst? + Oder ist es das treue Schauen, + Wie sich Wolken aus Wolken bauen, + Bis sich eine mit rotem Rand + Hoch hinstellt über dein Ernteland? + + + + +Ernst Stadler. + +Geboren am 11. August 1883 zu Colmar i. E., fiel zu Anfang des +Weltkrieges im Westen. -- Präludien 1904. Der Aufbruch 1914. + + +Reinigung. + + Lösche alle deine Tag' und Nächte aus! + Räume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus! + Laß Regendunkel über deine Schollen niedergehn! + Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn! -- + Fühlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein, + Schon bist du selig in dir selbst allein + Und wie mit Auferstehungslicht umhangen -- + Hörst du: schon ist die Erde um dich leer und weit + Und deine Seele atemlose Trunkenheit, + Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen. + + +Vorfrühling. + + In dieser Märznacht trat ich spät aus meinem Haus. + Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch und + grünem Saatregen. + Winde schlugen an. Durch die verstörte Häusersenkung + ging ich weit hinaus + Bis zu dem unbedeckten Wall und spürte: meinem + Herzen schwoll ein neuer Takt entgegen. + + In jedem Lufthauch war ein junges Werden ausgespannt. + Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute + rollten. + Schon dehnte sich bereitet Acker. In den Horizonten + eingebrannt + War schon die Bläue hoher Morgenstunden, die ins + Weite führen sollten. + + Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen + Fernen. + Überm Kanal, den junge Ausfahrtwinde wellten, + wuchsen helle Bahnen, + In deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in + umwehten Sternen. + In meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten + Fahnen. + + +Was waren Frauen ... + + Was waren Frauen anders dir als Spiel, + Der du dich bettetest in soviel Liebesstunden: + Du hast nie andres als ein Stück von dir gefunden, + Und niemals fand dein Suchen sich das Ziel. + + Du strebtest, dich im Hellen zu befreien, + Und wolltest untergehn in wolkig trüber Flut -- + Und lagst nur hilflos angeschmiedet in den Reihen + Der Schmachtenden, gekettet an dein Blut. + + Du stiegst, dein Leben höher aufzutürmen, + In fremde Seelen, wenn dich eigne Kraft verließ, + Und sahst erschauernd deinen Dämon dich umstürmen, + Wenn deinen dünnen Traum der Tag durchstieß. + + +Puppen. + + Sie stehn im Schein der Kerzen, geisterhafte Paare, + spöttisch und kokett in den Vitrinen + Wie einst beim Menuett. Der Schönen Hände schürzen + wie zum Spiel die Krinolinen + Und lassen weich gewölbte Knöchel über Seidenschuhe + blühn. Die Kavaliere reichen + Galant den degenfreien Arm zum Schritt, und ihre + feinen frechen Worte, scheint es, streichen + Wie hell gekreuzte Klingen durch die Luft, bis sie in + kühlem Lächeln über ihrem Mund erstarren, + Indes die Schönen in den wohlerwognen Attitüden + sanft und träumerisch verharren. + So stehn sie, abgesperrt von greller Luft, in den + verschwiegnen Schränken + Hochmütig, kühl und fern und scheinen langvergeßnen + Abenteuern nachzudenken. + Nur wenn die Kerzen trüber flackern, hebt ihr dünnes + Blut sich seltsam an zu wirren: + Dann fallen Funken in ihr Auge. Heiße Worte scheinen + in der Luft zu schwirren. + Der Schönen Leib erbebt. Im zarten Puder der + geschminkten Wangen gleißt + Ihr Mund wie eine tolle Frucht, die Lust und + Untergang verheißt. + + +Glück. + + Nun sind vor meines Glückes Stimme alle Sehnsuchtsvögel + weggeflogen. + Ich schaue still den Wolken zu, die über meinem Fenster + in die Bläue jagen -- + Sie locken nicht mehr, mich zu fernen Küsten fortzutragen, + Wie einst, da Sterne, Wind und Sonne wehrlos mich + ins Weite zogen. + In deine Liebe bin ich wie in einen Mantel eingeschlagen. + Ich fühle deines Herzens Schlag, der über meinem + Herzen zuckt. + Ich steige selig in die Kammer meines Glückes nieder, + Ganz tief in mir, so wie ein Vogel, der ins flaumige + Gefieder + Zu sommerdunklem Traum das Köpfchen niederduckt. + + + + +Leo Sternberg. + +Geboren am 7. Oktober 1876 zu Limburg a. d. Lahn. -- Küsten 1904. Fahnen +1907. Neue Gedichte 1908. + + +Der Wartende. + + Geöffnet sind meine Fenster; + Ich trete zum einen, zum andern -- + Aber der Vogel der Ferne + Fliegt nicht herein. + + Ich schließe die Augen und sage + Mir fest: »Er kommt nicht!« Ich denke: + Plötzlich schlägst du den Blick auf, + Und -- er ist da! ... + + Und -- er ist _nicht_ da! Vergebens! + Wieder warten! Warten! + Durch die verengte Kehle + Drückt sich ein Kiesel hinab. + + Wie, wenn es Nacht würde? Nein! ... + -- Herz, wie du eilst! -- Und ich müßte + Schließen die Fenster? Der Vogel + Käme nicht mehr? ... + + +Soviel Lüftchen ... + + Soviel Lüftchen wehn und vergehn, + Soviel Klänge durchziehen mich leis. + Was mögen sie singen? Für wen? + Wer weiß! + + Kaum daß du flüstern hörst + Und achtest, was es sei; + Wie wenn du Geister störst -- + Vorbei. + + Nur manchmal im Leben ein Ton, + Ein Wort, ein Gedankenstrahl -- + Du fragst: Wo vernahm ich's doch schon + Einmal? + + +Eine plötzliche Stille ... + + Eine plötzliche Stille kommt oft, + Als ob das Weltgewühl + Die Sekunde jetzt stockte + Und zwischen geraden Wänden + Eine einzige schmale Bahn + Freilegte von mir zu dir: + Dann denkst du an mich. + Und wie durch die Furt voreinst + Des gespaltenen Meers, + Zieht gelassen ein Traum + Auf inniger Gasse + Jenem Ufer zu. + + +Jenseits. + + Die Glocken läuten dann wie jeden Tag ... + An meinem Fenster wird einer träumend stehn, + und der gewölbte Berg, der drüben lag, + wird -- abendgrau -- wie ein Grab aussehn + und der Baum darauf, wie ein Baum auf einem Grab. + + Indessen werden die Stern' über meinem Grab aufgehn ... + Der Fremde tritt vom Fenster ins Zimmer hinein; + von seiner Welt nicht mehr aufzusehn, + nimmt er den Arbeitssessel wieder ein -- + Ich liege draußen allein, wie ich im Leben war. + + Und selbst die Toten neben mir werden mich nicht verstehn ... + Dann werde ich aufstehn und zu Gott gehn, + daß _er_ mich behalte nun, + oder mir sonst etwas aufgebe zu tun, + oder die Flamme austrete -- + Dann werde ich ruhn. + + + + +Margarete Susman. + + +Im Feld ein Mädchen singt ... + + Im Feld ein Mädchen singt -- + Vielleicht ist ihr Liebster gestorben, + Vielleicht ist ihr Glück verdorben, + Daß ihr Lied so traurig klingt. + + Das Abendrot verglüht -- + Die Weiden stehn und schweigen -- + Und immer noch so eigen + Tönt fern das traurige Lied. + + Der letzte Ton verklingt. -- + Ich möchte zu ihr gehen. + Wir müßten uns wohl verstehen, + Da sie so traurig singt. + + +Ich liebe unter allen ... + + Ich liebe unter allen die am meisten, + Die unsichtbare Kronen tragen. + Wohl lieb' ich auch die heitern jungen Häupter, + Auf deren Locken Rosenkränze liegen, + Das Haupt, das sinnende Gedanken beugten, + Der Demut frommgesenkte Kinderstirn; + Doch lieb' ich unter allen die am meisten, + Die frei und königlich im Leben stehn + Und unsichtbare Kronen tragen. + + +So in die still verschneite Nacht ... + + So in die still verschneite Nacht + Blick' ich hinaus; + Die alte Sehnsucht ist erwacht + Und singt und flüstert, weint und lacht + Und lacht mich aus. + + Sie zieht um mich den Zauberkreis + Von Wunsch und Wahn; + Sie spricht wie du so scheu und leis; + Sie starrt mich an so traurig heiß, + Wie du getan. + + +Kein Liebeswort ... + + Kein Liebeswort ist zwischen uns gefallen. + Du hast mir nicht einmal die Hand geküßt, + Wie mancher tat, der mir nicht teuer war. + Ich sprach mit dir wie mit den andern allen. + Der du mir Licht und Luft gewesen bist + Und Lebensodem dieses ganze Jahr. + + Doch das, was deine Augen mir verkündet, + Die leuchtenden Verräter, halt' ich fest, + Sowie in Sturm und Schnee ein armes Kind + Sein Püppchen hält und wunderherrlich findet + Und immer wieder zärtlich an sich preßt, + Neidlos auf die, die reich und glücklich sind. + + + + +Georg Trakl. + +Geboren am 3. Februar 1887 zu Salzburg, gestorben am 3. November 1914 im +Garnisonlazarett zu Krakau. -- Gedichte 1914. Sebastian im Traum 1914. +Gesammelte Dichtungen 1919. + + +Der Herbst des Einsamen. + + Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle, + Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen. + Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle; + Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen. + Gekeltert ist der Wein, die milde Stille + Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen. + + Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel; + Im roten Wald verliert sich eine Herde. + Die Wolke wandert übern Weiherspiegel; + Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde. + Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel + Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde. + + Bald nisten Sterne in des Müden Brauen; + In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden, + Und Engel treten leise aus den blauen + Augen der Liebenden, die sanfter leiden. + Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen, + Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden. + + +In den Nachmittag geflüstert. + + Sonne, herbstlich dünn und zag, + Und das Obst fällt von den Bäumen. + Stille wohnt in blauen Räumen + Einen langen Nachmittag. + + Sterbeklänge von Metall; + Und ein weißes Tier bricht nieder. + Brauner Mädchen rauhe Lieder + Sind verweht im Blätterfall. + + Stirne Gottes Farben träumt, + Spürt des Wahnsinns sanfte Flügel. + Schatten drehen sich am Hügel + Von Verwesung schwarz umsäumt. + + Dämmerung voll Ruh und Wein; + Traurige Gitarren rinnen. + Und zur milden Lampe drinnen + Kehrst du wie im Traume ein. + + +Im Park. + + Wieder wandelnd im alten Park, + O! Stille gelb und roter Blumen. + Ihr auch trauert, ihr sanften Götter, + Und das herbstliche Gold der Ulme. + Reglos ragt am bläulichen Weiher + Das Rohr, verstummt am Abend die Drossel. + O! dann neige auch du die Stirne + Vor der Ahnen verfallenem Marmor. + + +Landschaft. + + Septemberabend; traurig tönen die dunklen Rufe der + Hirten + Durch das dämmernde Dorf; Feuer sprüht in der + Schmiede. + Gewaltig bäumt sich ein schwarzes Pferd; die hyazinthenen + Locken der Magd + Haschen nach der Inbrunst seiner purpurnen Nüstern. + Leise erstarrt am Saum des Waldes der Schrei der + Hirschkuh, + Und die gelben Blumen des Herbstes + Neigen sich sprachlos über das blaue Antlitz des Teichs. + In roter Flamme verbrannte ein Baum; aufflattern + mit dunklen Gesichtern die Fledermäuse. + + +Sommer. + + Am Abend schweigt die Klage + Des Kuckucks im Wald. + Tiefer neigt sich das Korn, + Der rote Mohn. + + Schwarzes Gewitter droht + Über dem Hügel. + Das alte Lied der Grille + Erstirbt im Feld. + + Nimmer regt sich das Laub + Der Kastanie. + Auf der Wendeltreppe + Rauscht dein Kleid. + + Stille leuchtet die Kerze + Im dunklen Zimmer; + Eine silberne Hand + Löschte sie aus. + + Windstille, sternlose Nacht. + + +In Venedig. + + Stille in nächtigem Zimmer. + Silbern flackert der Leuchter + Vor dem singenden Odem + Des Einsamen; + Zaubrisches Rosengewölk. + + Schwärzlicher Fliegenschwarm + Verdunkelt den steinernen Raum, + Und es starrt von der Qual + Des goldenen Tags das Haupt + Des Heimatlosen. + + Reglos nachtet das Meer. + Stern und schwärzliche Fahrt + Entschwand am Kanal. + Kind, dein kränkliches Lächeln + Folgte mir leise im Schlaf. + + +Am Moor. + + Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr + In der Stille des Moors. Am grauen Himmel + Ein Zug von wilden Vögeln folgt; + Quere über finsteren Wassern. + + Aufruhr. In verfallener Hütte + Aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis; + Verkrüppelte Birken seufzen im Wind. + + Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert + Die sanfte Schwermut grasender Herden, + Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern. + + +Frühling der Seele. + + Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen stürzt der Wind, + Das Blau des Frühlings winkt durch brechendes Geäst, + Purpurner Nachttau und es erlöschen rings die Sterne. + Grünlich dämmert der Fluß, silbern die alten Alleen + Und die Türme der Stadt. O sanfte Trunkenheit + Im gleitenden Kahn und die dunklen Rufe der Amsel + In kindlichen Gärten. Schon lichtet sich der rosige Flor. + + Feierlich rauschen die Wasser. O die feuchten Schatten der Au, + Das schreitende Tier; Grünendes, Blütengezweig + Rührt die kristallene Stirne; schimmernder Schaukelkahn. + Leise tönt die Sonne im Rosengewölk am Hügel. + Groß ist die Stille des Tannenwalds, die ernsten Schatten am Fluß. + + Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes, + Des grauen steinernen Schweigens, die Felsen der Nacht + Und die friedlosen Schatten? Strahlender Sonnenabgrund. + Schwester, da ich dich fand an einsamer Lichtung + Des Waldes und Mittag war und groß das Schweigen des Tiers; + Weiße unter wilder Eiche, und es blühte silbern der Dorn. + Gewaltiges Sterben und die singende Flamme im Herzen. + + Dunkler umfließen die Wasser die schönen Spiele der Fische. + Stunde der Trauer, schweigender Anblick der Sonne; + Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden. Geistlich dämmert + Bläue über dem verhauenen Wald und es läutet + Lange eine dunkle Glocke im Dorf; friedlich Geleit. + Stille blüht die Myrte über den weißen Lidern des Toten. + + Leise tönen die Wasser im sinkenden Nachmittag + Und es grünet dunkler die Wildnis am Ufer, Freude im rosigen Wind; + Der sanfte Gesang des Bruders am Abendhügel. + + +Elis. + +I. + + Vollkommen ist die Stille dieses goldenen Tags. + Unter alten Eichen + Erscheinst du, Elis, ein Ruhender mit runden Augen. + + Ihre Bläue spiegelt den Schlummer der Liebenden. + An deinem Mund + Verstummten ihre rosigen Seufzer. + + Am Abend zog der Fischer die schweren Netze ein. + Ein guter Hirt + Führt seine Herde am Waldsaum hin. + O! wie gerecht sind, Elis, alle deine Tage. + + Leise sinkt + An kahlen Mauern des Ölbaums blaue Stille, + Erstirbt eines Greisen dunkler Gesang. + + Ein goldener Kahn + Schaukelt, Elis, dein Herz am einsamen Himmel. + +II. + + Ein sanftes Glockenspiel tönt in Elis' Brust + Am Abend, + Da sein Haupt ins schwarze Kissen sinkt. + + Ein blaues Wild + Blutet leise im Dornengestrüpp. + + Ein brauner Baum steht abgeschieden da; + Seine blauen Früchte fielen von ihm. + + Zeichen und Sterne + Versinken leise im Abendweiher. + + Hinter dem Hügel ist es Winter geworden. + + Blaue Tauben + Trinken nachts den eisigen Schweiß, + Der von Elis' kristallener Stirne rinnt. + + Immer tönt + An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind. + + + + +Robert Walser. + +Geboren am 15. April 1878 zu Biel in der Schweiz. -- Gedichte 1908. + + +Morgenstern. + + Ich mache das Fenster auf, + Es ist dunkle Morgenhelle. + Das Schneien hörte schon auf, + Ein großer Stern ist an seiner Stelle. + + Der Stern, der Stern + Ist wunderbar schön. + Weiß von Schnee ist die Fern', + Weiß von Schnee alle Höhn. + + Heilige, frische + Morgenruh' in der Welt. + Jeder Laut deutlich fällt; + Die Dächer glänzen wie Kindertische. + + So still und weiß: + Eine große, schöne Einöde, + Deren kalte Stille jede + Äußerung stört; in mir brennt's heiß. + + +Langezeit. + + Ich tu' mir Zwang, + Zu scherzen und lachen, + Was soll ich machen, + Die Zeit ist lang. + + Gewohnten Gang + Im müden Herzen + Gehn alte Schmerzen, + Die Zeit ist lang. + + Ich muß den Hang + Zu weinen bezwingen, + Nebst andern Dingen, + Die Zeit ist lang. + + +Warum auch. + + Und als ein solcher klarer + Tag hastig nun wiederkam, + Sprach er voll ruhiger, wahrer + Entschlossenheit langsam: + Nun soll es anders sein, + Ich stürze mich in den Kampf hinein; + Ich will gleich so vielen andern + Aus der Welt tragen helfen das Leid, + Will leiden und wandern, + Bis das Volk befreit. + Will nie mehr müde mich niederlegen; + Geschehen soll etwas. + Da überkam ihn ein Erwägen, + Ein Schlummer: ach, laß doch das. + + +Schnee. + + Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde + Mit weißer Beschwerde, so weit, so weit. + + Es taumelt so weh, hinunter vom Himmel, + Das Flockengewimmel, der Schnee, der Schnee. + + Das gibt dir, ach, eine Ruh', eine Weite, + Die weißverschneite Welt macht mich schwach. + + So daß erst klein, dann groß mein Sehnen + Sich drängt zu Tränen, in mich hinein. + + +Im Mondschein. + + Ich dachte gestern nacht, + Die Sterne müssen singen, + Als ich aufgewacht + Und es leise hörte klingen. + + Es war aber eine Handharfe, + Die durch die Räume drang, + Und durch die kalte, scharfe + Nacht klang es so bang. + + Dachte so verlornem Ringen, + Gebeten und Flüchen nach, + Und noch lange hört' ich es singen, + Lag lang' noch wach. + + +Müdigkeit. + + Entführ' mich, wie ich bin; + Sieh, mein verirrter Sinn + Weist von sich diese Welt, + Die ihn nicht mehr erhellt. + Komm, o ich werde brav + Und selig stille sein + In deinem dichten Schein, + Heiliger, süßer Schlaf. + + +Zu philosophisch. + + Wie geisterhaft im Sinken + Und Steigen ist mein Leben. + Stets seh' ich mich mir winken, + Dem Winkenden entschweben. + + Ich seh' mich als Gelächter, + Als tiefe Trauer wieder, + Als wüsten Redeflechter; + Doch alles dies sinkt nieder. + + Und ist zu allen Zeiten + Wohl niemals recht gewesen. + Ich bin vergeßne Weiten + Zu wandern auserlesen. + + +Brausen. + + Es braust noch immer in der Welt, + Das Brausen hört doch niemals auf; + Ich liebe -- es hört niemals auf, + Es braust ein Lieben durch die Welt. + Und ob ich auch ein Feigling bin, + Und ob du auch ein Kranker bist: + Du liebst, wenn du es auch nicht bist, + Der liebt, ich liebe, wenn ich's auch nicht bin. + Es braust, und ich steh' horchend still, + Ich weiß, ich hasse den und den, + Es nützt mir nichts; wie ich auch will: + Ich liebe alles, so auch den. + Dann gibt es Stunden, wo ich weiß, + Daß wir vor Liebe alle heiß. + + +Und ging. + + Er schwenkte leise seinen Hut + Und ging, heißt es vom Wandersmann. + Er riß die Blätter von dem Baum + Und ging, heißt es vom rauhen Herbst. + Sie teilte lächelnd Gnaden aus + Und ging, heißt's von der Majestät. + Es klopfte nächtlich an die Tür + Und ging, heißt es vom Herzeleid. + Er zeigte weinend auf sein Herz + Und ging, heißt es vom armen Mann. + + + + +Frank Wedekind. + +Geboren am 24. Juli 1864 in Hannover, gestorben am 9. März 1918 in +München. -- Die vier Jahreszeiten 1905. + + +Erdgeist. + + Greife wacker nach der Sünde; + Aus der Sünde wächst Genuß. + Ach, du gleichest einem Kinde, + Dem man alles zeigen muß. + + Meide nicht die ird'schen Schätze: + Wo sie liegen, nimm sie mit. + Hat die Welt doch nur Gesetze, + Daß man sie mit Füßen tritt. + + Glücklich, wer geschickt und heiter + Über frische Gräber hopst. + Tanzend auf der Galgenleiter + Hat sich keiner noch gemopst. + + +Perversität. + + Ein Waisenkind, mit nassen, blassen Wangen, + Mit hohlen Augen und mit dünnen Armen + Huscht scheu hervor, inständig mein Erbarmen + Anflehend, stotternd, schlotternd, furchtbefangen. + + Eisig sein Körper, glühend sein Verlangen, + Müht sich's frostbebend, menschlich zu erwarmen. + Vergebne Qual; erschlafft in meinen Armen, + Bewimmert es sein Hoffen und sein Bangen. + + Beschämt schleicht sich's von hinnen, ächzend, siechend, + Nachts bettelnd und bei Tage sich verkriechend, + Heut in Verzweiflung, morgen in Verzücktheit; + + Verfällt gemach schmerzstillender Verrücktheit, + Stutzt, lacht, jauchzt todesfroh, und, der Gewandung + Vom Gischt beraubt, zerschellt es in der Brandung. + + +Ilse. + + Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren, + Ein reines unschuldsvolles Kind, + Als ich zum erstenmal erfahren, + Wie süß der Liebe Freuden sind. + + Er nahm mich um den Leib und lachte + Und flüsterte: O welch ein Glück! + Und dabei bog er sachte, sachte + Mein Köpfchen auf das Pfühl zurück. + + Seit jenem Tag lieb' ich sie alle, + Des Lebens schönster Lenz ist mein; + Und wenn ich keinem mehr gefalle, + Dann will ich gern begraben sein. + + +Der Anarchist. + + Reicht mir in der Todesstunde + Nicht in Gnaden den Pokal! + Von des Weibes heißem Munde + Laßt mich trinken noch einmal! + + Mögt ihr sinnlos euch berauschen, + Wenn mein Blut zerrinnt im Sand. + Meinen Kuß mag sie nicht tauschen + Auch für Brot aus Henkershand. + + Einen Sohn wird sie gebären, + Dem mein Kreuz im Herzen steht, + Der für seiner Mutter Zähren + Eurer Kinder Häupter mäht. + + +Waldweben. + + Zwischen duftigen Büschen + Stieß ich auf einen Quell; + Meinen Mund zu erfrischen, + Dünkt' er mich rein und hell. + + Als ich mich satt getrunken, + Träumend wankt' ich zur Stadt, + Bin aufs Lager gesunken, + Fiebernd und todesmatt. + + Hat kein Arzt sich gefunden, + Dessen Kunst mich geheilt; + Werd' auch nimmer gesunden, + Bis mich der Tod ereilt. -- + + Ei du mein durstiger Knabe, + Streife nicht durchs Gebüsch; + Bleib bei der Mutter und labe + Fromm dich am Kaffeetisch. + + + + +Franz Werfel. + +Geboren am 10. September 1890 zu Prag. -- Der Weltfreund 1911. Wir sind +1913. Einander 1915. Gesänge aus den drei Reichen 1917. Der Gerichtstag +1920. + + +Wie nichts erkennend. + + Ich reichte einem Kranken meine Hand + Und gab ihm Wunsch und Mitgefühl bekannt. + Doch während treulich meine Worte waren, + Sprach wohl ein Herz, das nur sich selbst empfand. + Mittäglich sah ich einen Droschkenstand, + Wo sich beweglich alte Gäule sonnten. + Da hat ein klarer Kopf sich umgewandt + Und tief durchfühlt traf mich ein schweres Auge. + Bin aber dumpf des eigenen Wegs gerannt + Und nicht durchfloß mich dieses Bruderleben. + + Am Abend hab' ich heißes Wort genannt. + Verzweiflung, Liebe, Sehnsucht nannt ich mein. + Hah, Mein und Mein! Und immer diese Wand! + Warum bin ich nicht durch die Welt gespannt, + Allfühlend gleicherzeit in Tier und Bäumen, + In Knecht und Ofen, Mensch und Gegenstand?! + So ist's mein Teil, sternhaft dahinzurollen, + Gebunden zwar, doch niemandem verwandt, + Wie nichts erkennend, so auch unerkannt. + + +Verzweiflung. + + Nacht kam herein. + Und morgen, wähnen wir, ist Tag. + Da gehn die Wagen wieder + Und an den Türen läutet es. + + Die Mutter mein sitzt da. + Ihr Antlitz ist nicht meins. + Sie redet viel an mich. + Ich denk an fremdes Nichts. + + Die Schwester mein lacht auf. + Leicht könnte ich sie hassen. + In meiner Öde brodelt + Schon ein gemeines Wort. + + Ich bin so zugebaut! + Und alles rauscht nach Liebe. + Ich auch nach Liebe weine + Und hab doch keinen gern. + + +Welche Lust auf Erden denn ist süßer. + + Taucht nur, senkt nur eure wilden Fratzen + In mein reines fließendes Wesen! + Diese Seele brandzuschatzen, + Seid ihr alle, allesamt erlesen. + + Märtyrer, gegrüßt, wollüstige Büßer! + Heil dem Busen durch und durch geschlagen! + Welche Lust auf Erden denn ist süßer, + Als verwundet werden und nichts sagen. + + Komm, Verräter, daß ich dich erbose, + Du mit müden Händen, list'ger Späher! + Hier Gesicht und Brust!! Mit jedem Stoße + Bin ich ja dem Tempo Gottes näher! + + +Ein Lebens-Lied. + + Daß einmal mein dies Leben war, + Daß in ihm jene Kiefern standen + Und Ufer schlafend sich vorüberwanden, + Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar. + Daß einmal mein dies Leben war! + + Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden, + Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk' davon? + Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton + Von Ruderbooten, wie sie lachend landen, + Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden. + + Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton + Von Equipagen, dicht im Kies verfahren, + Kastanien- und Laternensprache waren + Noch da und Worte -- doch wo sind sie schon? + Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton? + + Kastanien- und Laternensprache waren + Noch da und Atem einer breiten Schar. + Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren. + O Ewigkeit! -- Und werd' ich es bewahren, + Daß einmal mein dies Leben war! + + +Amore. + + Wenn noch die Eitelkeit + Das Auge dir entweiht, + Ist kommen nicht die Zeit. + + Solang du noch willst stehn + Auf Podien, gesehn, + Kann Glücks dir nicht geschehn. + + Wer sich noch nicht zerbrach, + Sich öffnend jeder Schmach, + Ist Gottes noch nicht wach. + + Wer noch mit Eifer spitzt, + Daß er ein Weib besitzt, + Ist noch nicht ausgewitzt. + + Erst wenn ein Mensch zerging + In jedem Tier und Ding, + Zu lieben er anfing. + + Erst wer Erfüllung floh, + Wächst an zum Höchsten so, + Wird letzter Sehnsucht froh. + + Erst wer sich jauchzend bot + Der Schande und der Not + Und zehnfach jedem Tod, + + Im heiligsten Verzicht, + Vor Liebe ihm zerbricht + Sein irdisch Angesicht! + + Wohin schwillt er empor? + Was schwingt er überm Chor + Unendlich sein amor'!! + + +Alte Dienstboten. + + In dem sanften Wallen der alten Frühlinge + Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus. + Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen, + Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus. + Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen, + Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her. + Die alten Mägde haben gütige Hüte auf, + Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr. + Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf. + Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken, + Eh' sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken. + + Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen + Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag. + Wohin sie auch ihr Gehen wenden, + Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag. + Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle. + Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle, + Sie haben keinen Sohn und kein Geschick, + Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur. + Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr ... + Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken + Sind die bereit sich neu zu ewigem Dienst zu bücken. + + Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit, + Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben + Sich ohne Ende über meins erheben, + Das voll von Hoffart Worte machen mag. + Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag, + Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit. + O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt, + O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt, + O Licht am Abend überm Tisch gebückt! + Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen, + Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden! + + +Mondlied eines Mädchens. + + Ich liege in gläsernem Wachen, + Gelöst mein Haar und Gesicht. + Am Boden in langsamen Lachen + Schwebt Mond, das unselige Licht. + + Und wie mir die tödliche Helle + Die Stirn und das Auge befühlt, + Zerrinn ich und bin eine Welle, + Gekräuselt, entführt und gespült. + + Die Mutter atmet daneben, + Der Vater schläft auf und ab. + Ich habe Angst um das Leben + Von allen, die ich liebhab. + + Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer + Erzengel mit schrecklichem Schwert. + Ins Ohr weint mir immer, mir immer + Ein Kind, das mir nicht gehört. + + Nachtlampe von tausend Betten + Des Leidens, der Mond mir scheint. + Ich möchte viel Schluchzendes retten, + Und bin es doch selbst, die weint. + + All Ding im Zimmer verlassen, + Der Schuh, und der Tisch, und die Wand ... + Ich möchte das Ferne anfassen, + Nur sein eine streichelnde Hand! + + Ich möchte mit Fröstelnden spielen + Und halten die Kalten im Arm! + Ich fühle, die Reichen und Vielen + Sind Kinder vor mir und so arm! + + Für alle muß ich mich sorgen, + Mein Schlaf ist gläsern und schwebt ... + Ich horche, wie in den Morgen + Der Atem von allen sich hebt. + + Im Fenster wehn Bäume zerrissen, + Viel Himmel sind windig in Ruh. + Ich decke mit meinen Kissen + Die frierenden Welten zu. + + +Die Leidenschaftlichen. + + Mein Gott, es werden sein zu deiner Rechten + Nicht die Wahrhaftigen allein und die Gerechten! + Nein alle, die in dreizehn Dezembernächten + Vor einem Fenster standen. Und Frauen, die sich rächten + Mit Vitriol und dann im Gerichtssaal ergrauten, + Die Eifersüchtigen all, die ihr Blut stauten, + In Droschken weinten, in Sälen sich erfrechten! + Die durchgefallnen tiefen Atmer, + Sänger, die mit bezechten + Gliedern dem Tod sich in die Grube schmissen, + Sie werden sein zu dir emporgerissen, + Und werden sitzen, Gott, zu deiner Rechten! + + Es werden wandeln in deinen Gärten + Nicht nur die Demütigen und Beschwerten, + Nein alle, die leuchteten und verehrten! + Mädchen, die in Konzerten erkrankten, + Weil ihre Wangen zu bleich sich verklärten, + Blicke aus Augen, die dankten -- + Wahre Augen-Blicke zu nimmer verzehrten + Dauern aus Zeit in deine Zeiten gehoben, + Werden sie lodern weiter und loben, + Leichte Feuer wandelnd in deinen Gärten! + + Es werden ruhen, Gott, in deinen Tiefen + Nicht die allein, die deinen Namen riefen, + Nein alle, die in den Nächten nicht schliefen! + Die am Morgen ihr Herz mit beiden Händen häuften + Wie Flamme, und liefen + Tiefatmend, blind, in unbekannten Läuften. + Ein Küsten-Wind zuckt in Selbstmörderbriefen. + Die Knaben haben Meere nicht verstanden, + So brannten sie sich ab in Hieroglyphen. + Nun knarrt ein Rost-Schild an den schiefen + Eisernen Kreuzen der Konfirmanden. + Wie sehr wir hier sind, sind wir dort vorhanden -- + Die hier unruheten aus deinen Tiefen, + Sie werden ruhen dort in deinen Tiefen. + + +Die Schwestern von Bozen. + + Zwei Schwestern sah ich heut auf morgendlicher Au. + Sie schwebten lerchenfrüh und schwärmten in das Blau, + Und waren angetan kühl in Gewande weiß. + Doch auf ihren Schürzen war + Von trockenem Blut ein Rost und dumpfer Kreis. + Sie aber tief umschlungen schritten wunderbar. + + Ich trat sie an die Schwebenden, und fragte leis: + Schwestern, von welchem Schein sind eurer Augen Scheine froh? + Kommt ihr nicht aus den Sälen, wo + Die eingetränkte Maske auf das arme Antlitz sinkt, + Und in die weißen Stoffe Blut und Eiter dringt? + Geht ihr nicht durch die Fäulnis schwerer Zimmer ein und aus? + Tragt ihr nicht Schüsseln Unrats mild mit euch hinaus? + Und habt in eurem Opfer keinen Tag und keine Stunde Lust, + Dürft nicht in das Theater gehn und nicht im Grünen sitzen unbewußt! + + Die beiden Schwestern aber sahn mich an mit einem Schaun, + Mit einem Blick voll tiefstem Jenseits sahn mich an die beiden Fraun. + Mit einem Blick, den ich, ein niedrer Laie, noch nicht ganz verstand, + Und doch geschah es, daß mich Weinen überwand. + Ich sah ein Licht steigen, das sich dem Wiesen-Kuß entreißt. + Es ahnte eine tiefste Wollust mein entzückter Geist. + Mir war von unbetretner Freude offenbar ein letztes Ziel ... + + Von ferne fühlt ich lachen leicht + Das Schwesternpaar, wie's nun entweicht, + Und schwindet tiefumschlungen in ein zärtlich frühes Glockenspiel. + + +Gesang einer Frau. + + Warum, warum diese neue Angst?: Die Welt ist schon so oft! + Und Oft ein Wort, das fort und fort ins Ohr tropft unverhofft. + Ein rundes Wort, ein runder Laut, der endet und beschließt. + Mir graut vor meinem Haar, + Es war so oft, meine Hand war oft, mein Mund war oft, war, war! + Meine Zunge war oft, meine Brust und was er genießt. + Mir graut, es graut auch meinem Haar. + Oft -- ist unfaßliche Gefahr. + + Ich kann die Blumen nicht sehn auf dem Tisch, sie machen mich krank. + Mein Geliebter hat einen verräterischen Gang. + Oft und Gewohnt sein aufgeknöpftes Freundespaar + Wischt sich die Stiefel nicht ab. Sie spucken gar + Und blasen Zigarrenrauch in mein Haar. + Oft ist mein Feind und schon lang. + + O diese schrecklichen Frühen. Sie tragen Altes auf ihren Glocken her. + Wie bin ich von weitem und lang schon her. + Nun kann ich mich gar nicht erinnern mehr. + Wie man sich lachend auf die Fußspitzen stellt, + Das entfiel dem Gedächtnis meiner Füße, dem viel entfällt. + + Trübsinn heißt vierfach meine Jahreszeit, + Im Winter fürcht' ich den Frühling, im Frühling die scharfe Zeit, + Und doch möcht' ich alles halten, was mich vermaledeit. + + Nein, nein! Ach! Wie ist mir das doch hassenswert! + Wie alles an mir vergeht, möchte auch ich vergehn. + Verzehrt sein, vergehn, eingehn in einen hohen Wert. + + Lieben, lieben zum erstenmal, + Wo Liebe nicht verlischt mit dem Wangenmal, + Nicht jeder Kuß, verhauchend, wird Betrug, + Und Ekel durch die Morgenlumpen lugt! + Eingehn in ein reines weißes Weiß! + Weiße Schürzen tragen, weißes Kleid und eine Farbe nur sehr: Weiß! + Mein Gesicht vergessen, keine Zeit haben, immer ein + Werk haben, immer tun, + Nur am Abend ins Gebet hinüberruhn! + O Leidenschaft! + + Nun schimpft zum Fenster ein Regen herein. + Auch der Regen ist oft. Ich zähle die Feinde nicht. + Ich fühle nur meine Augen. Wohin ist mein Gesicht? + Früher lebte ich seine Farben und flog unendlich in alles ein, + Von unten, von der Seite, streichelte alles mit meinem Schein. + Jetzt ist in mir solch eine Beschwerlichkeit. + Ich bin leicht, ich bin leicht, aber mein Antlitz neigt, + Neigt sich zu allem nieder, als wär' ich sehr groß und sehr weit, + Und alles ist nur bedacht, daß es sich höflich zeigt. + + Wo bin ich denn? O Himmelsrose, die mich in die Mitte klemmt! + Ich sitze auf meinem Bettrand im Hemd, + Und schaue auf meinen edel ermatteten Fuß, + Der mich entzückt, daß ich fast weinen muß. + Und doch ist in meinen süßen Beinen schon etwas, das man verhängt ... + + + [Illustration: Franz Werfel] + + +Geheimnis. + + So reich bist du, als du tränenreich bist. + So frei bist du, als du dich selbst überspringst, + So wahr bist du, als du dich kannst verwerfen. + So groß bist du, als klein vor dir der Tod ist. + So tief bist du Wunder, + Als du tiefe Wunder siehst! + + +Was ein Jeder sogleich nachsprechen soll. + + Niemals wieder will ich + Eines Menschen Antlitz verlachen. + Niemals wieder will ich + Eines Menschen Wesen richten. + + Wohl gibt es Kannibalen-Stirnen. + Wohl gibt es Kuppler-Augen. + Wohl gibt es Vielfraß-Lippen. + + Aber plötzlich + Aus der dumpfen Rede + Des leichthin Gerichteten, + Aus einem hilflosen Schulterzucken + Wehte mir zarter Lindenduft + Unserer fernen seligen Heimat, + Und ich bereute gerissenes Urteil. + + Noch im schlammigsten Antlitz + Harret das Gott-Licht seiner Entfaltung. + Die gierigen Herzen greifen nach Kot -- + Aber in jedem + Geborenen Menschen + Ist mir die Heimkunft des Heilands verheißen. + + +Sein und Treiben. + + Erkennen ist noch Hast. + Auch Können ist Unrast. + Wer wirklich ist, der ist! + Der wohlgeborene Hund darf sein. + Der mißgeborene Hund muß springen. + + +Gebet um Reinheit. + + Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die + alte, immergleiche. + Sie durchschreitet uns all die Wunderblinden mitten + im Wunder. + Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend + des tiefen Zeichens, + Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen und die + beschmutzten Hände spülen. + + O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken + und zu reinigen! + O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt! + Ist nicht meine Sehnsucht nach deiner Kühle Gewähr, + daß du springst und spülst, + Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach deinem + süßen Gefälle? + + Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte + des Lampenkreises. + Ich halte dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein + Kind, das am Abend der Waschung wartet. + Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, + um in dieser Spanne wahr zu sein. + Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis + das Geheul meiner Eitelkeit verstummt. + + Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde + gesungen, + Und ich, mein Vater, folge ihm und singe einen Psalm + hier wider meinen Feind! + Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben + einander nicht einmal so sehr, um uns Feinde zu sein. + Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind, + der mich berennt und an alle meine Tore pocht. + + Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem + Tisch sitzt und Völlerei treibt, + Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, + und sich am Fenster die Hungrigen drängen. + Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit + seine Zigarre raucht und fett wird, + Während ich immer geringer werde und zusehn muß, + wie er das Gut meiner Seele verpraßt. + + Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle + Rede in Geschwätz verkehrt und in Selbstbetrug. + Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch + macht, und meine Liebe mit Trägheit erstickt. + Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit + verleitet, zur Wollust des Sieges an den Spieltischen, + Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin. + + Warum hast du mich mit diesem Feind erschaffen, mein + Vater, warum mich zu dieser Zwieheit gemacht? + Warum gabst du mir nicht Einheit und Reinheit? + Reinige, einige mich, o du Gewässer! + Siehe, es wehklagen all deine wissenden Kinder seit + eh und je über die Zahl Zwei. + Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte dir meine + Hände hin zur Waschung. + + Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen + Feind, töte mich, ertränke diesen Mich! + Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig + die einfach Guten, selig die einfach Bösen! + Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, + die zu- und abnehmenden Gegenspieler. + O heilig Gewässer, um dein und meiner Größe willen, + hilf mir! + + +Wir nicht. + + Ich lauschte in die Krone des Baums; -- da hieß es im Laub: + Noch -- nicht! + Ich legte das Ohr an die Erde; -- da klopft's unter Kraut und Staub: + Noch -- nicht! + Ich sah mich im Spiegel; mein Spiegelbild grinste: + Du -- nicht! + Das war mein Gericht. + Ich verwarf mein Lied, + Und das lüsterne Herz, das sich nicht beschied. + Ich trat auf die Straße. Sie strömte schon abendlich. + Auf der Stirne der Menschen fand ich das Wort: Wir nicht. + Doch in allem Blicken las ich geheimnisvoll ein Lob, + Und wußte: Auch ich, vom lauen Trug entstellt, + Werde nochmals begonnen, weil neu ein Schoß mich hält + Wie all dies Wesen um mich. Da lobte ich den Tod, + Und weinend pries ich allen Samen in der Welt. + + + + +Paul Wertheimer. + +Geboren am 4. Februar 1874 zu Wien. -- Gedichte 1896. Neue Gedichte +1904. Im Lande der Torheit 1910. + + +Seelen. + + Du weißt, wir bleiben einsam: Du und ich, + Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht, + Mit freien Kronen, die der Seewind küßt ... + So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei. + Doch zwischen beiden webt ein feines Licht + Und Silberduft, der in den Zweigen spielt, + Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin ... + + +Ostsee. + + Da lieg' ich an dem weißen Ostseestrande. + Das Meer ... Das Meer! Mein wahrgewordner Traum! + Ich bin vergraben in dem feinen Sande + Und bin nur Wind und Welle, Sturm und Schaum. + + Und meine Wunschgedanken lass' ich gleiten + Hinauf-, hinunterwärts die grüne Bahn. + O meines jungen Traums Unendlichkeiten! + Ein Hauch bewegt der Sehnsucht goldnen Kahn. + + Mein Kahn ist ganz mit Wein und Obst beladen + Und voll Musik: von Gott und Welt und Mut, + Und von des Meeres königlichen Gnaden + Und von der Kraft, die lächelnd in mir ruht! + + +Tote Stunde. + + Menschen sterben von mir ab wie Blüten + Meines lieben Baumes vor dem Fenster. + Gestern war er noch voll rot und weißen + Glanzes, sieh, nun ist er grün und keimend. + Hat ein Wandrer an dem Stamm geschüttelt -- + Solch ein aufrecht-großer Lebensschreiter? + Sprach zu laut ein Vogel im Gezweige? + Murmelte der Wind zur Nacht von neuen, + Ahnungsvollen, ungewissen Dingen -- + Und die Blüten stoben hin erschrocken + Und sie fielen weit, weit ab und starben ... + + + + +Alfred Wolfenstein. + +Geboren am 28. Dezember 1888 zu Halle. -- Die gottlosen Jahre 1914. Die +Freundschaft 1917. Die Nackten 1917. Menschlicher Kämpfer 1919. + + +Städter. + + Nah wie Löcher eines Siebes stehn + Fenster beieinander, drängend fassen + Häuser sich so dicht an, daß die Straßen + Grau geschwollen wie Gewürgte sehn. + + Ineinander dicht hineingehakt + Sitzen in den Trams die zwei Fassaden + Leute, wo die Blicke eng ausladen + Und Begierde ineinanderragt. + + Unsre Wände sind so dünn wie Haut, + Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine. + Flüstern dringt hinüber wie Gegröle -- + + Und wie stumm in abgeschloßner Höhle + Unberührt und ungeschaut + Steht doch jeder fern und fühlt: alleine. + + +Tanz. + +I. + + Sie wirbelt weich + Die Hände schwingend vor .. + Sie rollt auf Zehen starr zurück: + Steht gipfelnd von Musik umflossen, + Silbern sichtbar in die Luft gegossen! + + Sie schmilzt hinab + Und hebt zu kreisen an + Um ihrer Seele stillsten Punkt, + Wie Schnee, um sein Gebirge fließend, + In immer weichere Hand sich gießend, + + Wie Wasser weiß .. + Dick schwellen aus der Wand + Der Lampen blutige Fäden an + Und sinken plötzlich ..: Sie steht funkelnd + Da, steil gezackt, geprägt im Dunkeln! + +II. + + Sie schweift den Fuß wie Pfaunrad aus, zum Blumenkreis, + Sie spitzt den Fuß wie Sterne zu, Zeh'nstrahlen spitz, + Sie gleitet der Bewegung ungebundnes Gleis -- + Im Saale lagern Tiere stier auf wuchtigem Sitz. + + Von Säulen schielt das Breitgesicht der Decke weiß + Herab auf ihrer schnellen Brüste Blitz und Blitz, + Aus vorgewölbten Mäulern bläst es gelb und heiß, + Ihr Lichtknie schluckt der ungerührten Augen Schlitz! + + Da schüttelt sie sich zagender: O falle, Gier! + Da wirft sie sich in Lüfte fort -- Doch immer schwingt + Die Schönheit wie ein Bumerang zurück zu ihr, + Daß jedem Sprung nur stachelndere Glut entspringt. + + Rot hängt des Vorhangs offner Wundrand über ihr, + Rauch höhnt als Vorhang, den doch jeder Blick durchdringt, + Ihr Tanz verlöscht nicht, angespritzt von Staub und Bier, + Noch immer klatschen Fäuste, bis Musik noch klingt. + +III. + + So flieh, enttanze + In dich! du Unsichtbare! + Wie ein rasendes Rad innen schwindet -- + Schon hüllen Wellen dich und bleichen + Die Gier, im Saale sitzen Leichen -- + + Du, neu geboren + Auf einen andern Stern hin! + In eignen immer wildren Sturmleib, + In Fuß und Brust und Stirn verflogen, + Vom Geistermund des Umschwungs ausgesogen. + + Und fließt zusammen + Mit sich -- und fühlt nur Tanzen, + Luft, Atmen, Aufatmen von Flammen -- + Es hebt sie einsames Gefieder + Und Sammetvorhang senkt sich nun auch nieder. + + +Musik des Kämpfers. + + Von Stern zu Stern + Wie an schwankenden Ringen + Sausen wir durch die Welt. + + Vom Dunkel zur Freundschaft, + Von Freundschaft zur schaffenden Einsamkeit schwingen + Wir uns durch die Erde. + + Aber das steigt nicht + Vom Seufzen zum Singen: + Dahinter winkt wieder Finsternis, und wieder Licht. + + Wie Sturm, Blitz und Fluß + Miteinander verschlingen + Sich ewig in uns, ewig zugleich: + + Dunkles Tasten an der Wahrheit Wand, + Feuriger Freundschaft Weltdurchdringen, + Zeugung der Wahrheit und Welt aus uns! + + Drei Gewalten, die um jedes + Kämpfers Seele miteinander ringen, + Heben ihn nur himmlisch über sich empor! + + Schöpfung kreist + Aus ihrem An-einander-klingen: + Aus Musik des Kämpfers wächst rings Gottes Geist. + + +Nacht im Dorfe. + + Vor der verschlungnen Finsternis stöhnt, + Stöhnt mein Mund, + Ich an Lärmen unruhig gewöhnt, + Starre suchend rund: + + Berge von Bäumen behaart ruhn + Schwarz wüst herein, + Was ihre Straßen nun tun, + Äußert kein Schein, kein Schrei'n. + + Aber ein wenig sich zu irrn + Wünscht, wünscht mein Ohr! + Schwänge nur eines Käfers Schwirrn + Mir ein Auto vor. + + Wäre nur ein Fenster drüben bewohnt, + Doch im gewölbten Haus + Nichts als Sterne und hohlen Mond + -- Halt ich nicht aus -- + + Halt ich nicht aus, meinem Schlaf allmächtig umstellt, + Fremd, fremd und nah -- + Durch den See noch näher geschwellt + Liegt es lautlos da. + + Aber glaubt mich nicht schwach. + Daß ich -- soeben die Stadt noch gehaßt, + Nun das Land flieh --: es ist nur die Nacht, + Nur auf dich, diese Nacht, war ich nicht gefaßt -- + + Wie du tot oder tausendfach unbekannt + Mein schwarzes Bett umlangst, + Nirgends durchbrochen von menschlicher Hand, + Gottlose Angst -- + + +Fahrt. + + Der D-Zug schreit und steigert sich, der Mond steht hell -- + O Einklang aller Füße langsam -- Füße schnell! + Die Herzen schlagen + Auf blanker Schiene mit den Wagen. + + Wir sind ein Schwarm dem spröden Schritt der Städte fern! + Ihr Häuser fort! mit uns fährt eisern nur der Stern. + Die Dörfer blinken, + Von unserm Sturm verlöscht versinken. + + Versenken wir das Aschengrau der Abendwelt! + Wie gutes Blut zerschmilzt der Zug, was uns umstellt. + Gebirge gleiten + In Seen .. ins Meer der Schnelligkeiten. + + Doch wir gezackt wie Wolken aus dem glatten Meer + Mit einem Atem dampfen wir darüber her + Und brausend sehen + Wir brausendere Sterne stehen .. + + Seht auf, seht auf .. da steigt und schreit und hebt der Zug + Uns hoch in Glanz .. das Gleis verstummt .. die Nacht wird Flug .. + Wir alle flammen + Im wildren Schmelz des Sterns zusammen! + + Und nagelt uns die Bremse auf Stationen fest, + Wir fahren noch .. ins muffige Hotel gepreßt! + Aus Fenstern neigen + Wir uns und sausen Sternenreigen. + + +Die Stirn. + + Himmel baut sich um die Brust mir bis zum Kiefer, + Aber durchbrechend sein Dach + Sproßt mein Auge frei hinaus, indes die Hüften tiefer + Stehen in Wiese und Luft, grünem und blauem Gemach! + + Aber durchbrechend das Dach -- in welchen Räumen + Wächst mein Haupt? Unten in Meer + Und Wald und irdischen Maschinen schäumen + Die Dinge lärmend und schwer -- + + Dennoch nur wie leiser Schlaf in engen Wänden, + Wie ein bescheidenes Spiel! + Aber riesig über Himmelsschultern, Bergeslenden, + Schwebt die Stirn, -- Sonne auf schmächtigem Stiel, + + Drache, unerschöpflich über seinen Hälsen, + Mond über Ebbe und Flut, + Hochgebirg über allen Felsen, + Reicht die Stirn in jede Glut! + + In das Schicksal reicht die Stirn -- und kann nicht siegen, + Aber singen! -- bis sie dem Schicksal gleicht an Glanz, + Aus der Erde klingend weltallgebogne Spiralen durchfliegen, + Bis sie hoch in den Sternen -- mit Menschen sich trifft im Tanz. + + + + +Paul Zech. + +Geboren am 19. Februar 1881 zu Briesen. -- Schollenbruch 1912. Die +eiserne Brücke 1913. Der Wald 1914. Das schwarze Revier 1914. Der +feurige Busch 1919. Golgatha 1919. Das Terzett der Sterne 1920. +Venus +consolatrix+ 1921. + + +Die Häuser haben Augen aufgetan ... + + Am Abend stehn die Dinge nicht mehr blind + und mauerhart in dem Vorüberspülen + gehetzter Stunden; Wind bringt von den Mühlen + gekühlten Tau und geisterhaftes Blau. + + Die Häuser haben Augen aufgetan, + Stern unter Sternen ist die Erde wieder, + die Brücken tauchen in das Flußbett nieder + und schwimmen in der Tiefe Kahn an Kahn. + + Gestalten wachsen groß aus jedem Strauch, + die Wipfel wehen fort wie träger Rauch + und Täler werfen Berge ab, die lange drückten. + + Die Menschen aber staunen mit entrückten + Gesichtern in der Sterne Silberschwall + und sind wie Früchte reif und süß zum Fall. + + +Bettler im Spätherbst. + + Den leeren Ranzen lässig umgesackt + und grünen Filzhut windschief auf den Strähnen, + so schiebt er sich ins Dorf, wo sattes Gähnen + rauchwirbelnd über feuchte Dächer flackt. + + Er probt mit langen Fingern, die von Gicht + krummstehn, das Tür-an-klopfen, + und weitet Taschen aus zum Brotverstopfen + und setzt in Kummerfalten das Gesicht. + + Sturm orgelt lauter auf in den Kaminen + und Tor an Tor knirscht krachend im Verschluß .... + Armselig, wer nun wandern, wandern muß. + + Man wirft aus Fenstern Fäuste jähzornschwer, + und hetzt Gebrüll von Hunden hinterher. + ... Der Nebel gittert graue Eisgardinen. + + +Dorf im Mittag. + + Das Dorf liegt aufgebahrt. Ein Wetterriegel + schiebt schwarz sich vor: die Sonne abzusperrn. + Doch die steil abgeschrägten Dächerziegel + halten die Hitze unter rotem Siegel + zitternd von aller Kühle fern. + + Verzweifelt strebt der Rauch aus den Kaminen + in den verbleiten Horizont empor. + Die Fenster ruhn verschlossen in Gardinen, + und des Gesindes abgespannte Mienen + beschattet tief des Schlafes Flor, + + bis wie ein Traumschrei aus den Schlummerzellen + die Dreschmaschine heult und wie ein Pfeil + in angestrengtem Vorwärtsschnellen + die Luft zerschneidet, messerscharf und steil. + + +Es kam ein Wind ... + + Es kam ein Wind von Frühlingsland, + der riß vom Strom das Silberband + und ließ die blauen Schimmerwellen tanzen. + + Da fiel der Nebel wie zerschlitzt + ins Uferrohr, das, rot beglitzt, + emporwuchs wie ein Wald von goldnen Lanzen. + + Und alle Wiesen wurden wasserfrei, + Alarm beflammte Kuckucksruf und Kiebitzschrei, + bis, losgelassen von den Farmen, + + die jungen Pferde Funken schlugen querfeldein, + als müßten sie im Fliegen noch den Stein + vor lauter Blut umarmen. + + + + +Stefan Zweig. + +Geboren am 28. November 1881 zu Wien. -- Gesammelte Gedichte 1921. + + +Singende Fontäne. + + Blauer Blick des Mondescheines + Kühlte meines Zimmers Wand; + Da hört' ich die Stimme eines, + Der im Dunkel unten stand. + + Und wie ich die Scheibe staunend + In den Garten niederbog, + War es Singen, süß und raunend, + Das zu mir ans Fenster flog. + + Keinen sah ich. Nur im Dunkeln + Blinkte das erhellte Spiel + Der Fontäne, die mit Funkeln + Zwischen Busch und Bäume fiel. + + Unruhvoll und doch beständig + Schien das silberne Getön + Wie ein lautes Herz lebendig + Durch die Brust der Nacht zu gehn. + + Und ich fragte: »Warum rauschst du + Heute mir zum erstenmal?« -- + Und ich horchte: »Warum lauschst du + Heute mir zum erstenmal? + + In das heiße Gold der Tage, + Stumm im Steigen, Lied im Fall, + Durch den Samt der Nächte trage + Stet ich den erregten Schwall + + Meiner eignen Überfülle, + Und du, der mir nahe ruhst, + Wirst erst durch den Gruß der Stille + Unsrer Brüderschaft bewußt? + + Hast du nie denn an der Schwelle + Des Erwachens wirr gefühlt, + Daß dir eine lautre Welle + Nächtens durch dein Herz gespült, + + Daß mein Singen dich durchwebte + Und im Schlafe aufwärts schwoll, + Bis es Blut um Blute lebte + Und an deine Lippen quoll, + + Bis als Lied der eingeengte + Schauer einer fremden Lust, + Die ein Traum in dich versenkte, + Wild aufbrach aus deiner Brust? + + So in dein Geschick verflechte + Ich mir meines Lebens Spur, + Und bin doch im Kreis der Mächte + Eine leise Stimme nur, + + Eines von den stummen Dingen, + Die dein Wesen zauberhaft + Und geheimnisvoll durchdringen, + Und von deren steter Kraft + + Nur verloren-leise Kunde + Manchmal deine Seele faßt, + Wenn du dich hinab zum Grunde + Eines Traums getastet hast.« + + Immer ferner schien der Schimmer, + Immer dunkler Wort und Sinn, + Doch mein Herz lauschte noch immer + Nach der weißen Stimme hin, + + Die vom Garten, bald wie Trauer, + Bald wie Lächeln, wundersam + Über Bäume, Busch und Mauer + Schwebend an mein Lager kam, + + Und an meine Brust sich schmiegend + Ihrer Worte Wiege schwang, + Bis ich, fern im Schlummer liegend, + Glanz nur fühlte und Gesang. + + +Schwüler Abend. + + Ist es schon Abend? Ich will nicht hinaus, + Vergeblich flimmert ihr, o buhlerische Sterne! + Faß mich doch enger, du vertrautes Haus, + Reiß mich an dich, gib mich nicht an die Ferne, + Lieg nicht so träg, so stumm, so atemlos, + Sprich jetzt zu mir! Ich brauche einen, + Der zu mir spricht in dieser Zwielichtstunde, + Hörst du: Ich brauche einen, sei es bloß + Das Ticken einer Uhr, ein Kinderweinen, + Das Knurren nur von einem nahen Hunde, + Nur nicht dies fröstelnde Verlassenscheinen, + Nur Etwas, das dies drohende Gewicht + Der ganz verstummten Stube von mir hält, + Und daß des Herzens Hammer nicht + So ohne Antwort in die Stille fällt! + + Haus, halt mich fest! Zu viel + Von meinen Nächten hab' ich hingegeben + An dieses sinnlich aufgepeitschte Spiel. + Wie bin ich müd, die abenteuerlich + Erregte Luft, die lichterlose Schwüle + Der stummen Gassen an mein Kleid, an mich, + Und endlich flackernd in mir selbst zu fühlen. + Schließ du mich, Buch, in deine dunklen Zeilen, + Senkt, Briefe, ihr dies in die Ferne Streben + In lieber Menschen Bild, in eine Frau, + Beschwichtigt ihr das nun vom Abend lau + Aufschwülend unerklärliche Verlangen, + Des Blutes Unruh in die Nacht zu jagen! + Dies willenlose Durch-die-Gassen-Treiben, + Ob mich nicht Etwas aus dem Dunkel will, + Dies lüstern Spähn, dies angespannte Hangen + An jeder mattbeglänzten Fensterscheibe -- + Wird dieses knabenhaft verworrne Treiben + Denn noch nicht in mir still? + + Nein, halt mich, Haus! Verschließ mit dunklen Scheiben + All meine Unrast: und ich bleibe dein. + Ich selbst will ja den Abend so, nur so, + Wie er den andern ist: ein Müdesein, + Nur so, + Als sinke mit den schwindenden Kulissen + Ein buntes Spiel in bilderlose Räume. + Nicht will ich mehr. Vielleicht noch irgendwo + Freund oder Frau, ein mir Vertrautes wissen, -- + Und dann nur Träume, bilderlose Träume. + + + + +Alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanfänge. + + +Ach, daß du lebtest! 165. + +Ach, noch immer glaube ich 237. + +Alle Frühlingsbläue 100. + +Alle Landschaften haben 105. + +Als ich dann wieder in die Heimat kam 83. + +Als ich erwachte heut morgen 89. + +Als tot auf schlechtem Gasthofbette 230. + +Am Abend schweigt die Klage 251. + +Am Abend stehn die Dinge nicht mehr blind 286. + +Am Saume eines fruchtbewachsenen 186. + +Am Schlehdorn, am Schlehdorn 65. + +Am süßen lila Kleefeld 38. + +An der Brücke stand 195. + +An ferne Berge schlug 164. + +An jedem Tage gibt's 238. + +An manchem Abend 64. + +An Ufern des Rheins 186. + +Auf Blut und Leichen 157. + +Auf deinem Haupt schmolz 39. + +Auf deinen Wangen liegen 150. + +Auf der Magdalenenspitze 169. + +Auf die Terrasse war ich 156. + +Auf einmal weiß ich viel 205. + +Auf steilem Felsrücken hingestreckt 180. + +Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen 253. + +Aus dem Rosenstocke 20. + +Aus einer Wallfahrtskirche 181. + +Aus silbergrauen Gründen 187. + +Aus weißen Wolken 134. + + +Baronin Colombine 216. + +Beginn der Klänge zwischen dir und mir! 11. + +Bei einer stehn im Fensterrahmen 171. + +Bevor ich diesen Inselstrand verließ 185. + +Blauer Blick des Mondescheines 288. + +Bläulicher Flieder 117. + + +Da lieg' ich an dem weißen Ostseestrande 278. + +Da spülst du bunte Muscheln 182. + +Das dank' ich dir 72. + +Das Dorf liegt aufgebahrt 287. + +Das Fräulein ging am Meeresstrand 70. + +Das Gewand meiner Seele 110. + +Das Glück ist ein leerer Schall 237. + +Das Hängelämpchen qualmt 164. + +Das ist das Furchtbare 4. + +Das ist der Erde furchtbares 234. + +Das ist unser schweigender 233. + +Das junge Liebchen saß bei mir 178. + +Das Kind Madlena 79. + +Das Land durchströmt der Regen 228. + +Das Leben, glaubte ich, sei rot 23. + +Das Meer! -- Das Meer -- -- 227. + +Das rote Weinlaub hängt 22. + +Das sind die Abende 49. + +Das sind die Reden 188. + +Das Tal ist wie aus klarem Golde 172. + +Daß einmal mein dies Leben war 265. + +Daß von Geheimnissen 92. + +Dein Antlitz war mit Träumen 122. + +Dein Haar hat Lieder 99. + +Deine Augen leuchten 5. + +Deine feinen Hände 13. + +Deine Himmel sind mir viel zu süß 115. + +Deine Nächte klagen 5. + +Deine Rosen an der Brust 189. + +Deine Wimpern, die langen 108. + +Dem Rauch einer Lokomotive 60. + +Den Hengst, den Hengst! 170. + +Den leeren Ranzen lässig umgesackt 286. + +Denkst du daran, wie du 87. + +Der Abend graut 50. + +Der Abend weht Sehnen 143. + +Der Abendhimmel leuchtet 41. + +Der dunkle Herbst kehrt ein 249. + +Der D-Zug schreit und steigert sich 284. + +Der Fels wird morsch 147. + +Der Heimweg führte mich 26. + +Der lange Junitag 153. + +Der Markusturm, der bunte 230. + +Der Mond betrat der Urnacht Land 184. + +Der Mond geht groß 42. + +Der Tod wird uns an seine Hände nehmen 24. + +Die Amseln haben Sonne 38. + +Die andern sprachen 25. + +Die Bäume lauschen 61. + +Die Blätter fallen 203. + +Die Buche sagt: Mein Walten 34. + +Die da nicht kommen 2. + +Die du so fern bist 83. + +Die Dunkelheit hat alle Wege 42. + +Die Engel der Liebkosung 222. + +Die frühste Sonne legt sich 158. + +Die Gärtner legten ihre Beete 124. + +Die glatten, leisen, lustwarmen Weisen 223. + +Die Glocken läuten dann 247. + +Die großen Feuer warfen 161. + +Die Hand ganz lang im Grase 96. + +Die Instrumente her! 165. + +Die jubelnd nie den überschäumten Becher 84. + +Die Krähen schrein 194. + +Die Luft so schwer 39. + +»Die Lüge« sagst du 237. + +Die menschenblasse Rose 164. + +Die müde schon verglühte 31. + +Die Rosen leuchten immer noch 48. + +Die Sommernacht, und andachtvoll 40. + +Die Sterne fliehen schreckensbleich 144. + +Die Sterne sind zu groß 174. + +Die Stirnen der Länder 105. + +Dies ist mein Glück 211. + +Dies schick' ich dir, mein Liebling 73. + +Drei Stürme liebt' ich ihn 146. + +Drüben du, mir deine weiße 72. + +Du bist der schönste 13. + +Du bist nicht bang, davon zu sprechen 199. + +Du ferne Flöte 65. + +Du Gott, ich hasse dich 98. + +Du hast deine warme Seele 149. + +Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt 146. + +Du hattest einen Glanz 54. + +Du kamst, erregt 12. + +Du meines Blutes Unruh 88. + +Du mit der Stirne voller Licht 104. + +Du sprichst von Sünde gleich 141. + +Du träumtest dieses Lebens Wirren 26. + +Du weißt, wir bleiben einsam 278. + + +Eh' mir aus der Scheide schoß 115. + +Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch 19. + +Ein Blütenzweig, blaßrosa 212. + +Ein frischer Hügel ist's 70. + +Ein sanftes Glockenspiel 255. + +Ein schwarzes Vöglein 187. + +Ein Spielmann auf seiner Geige strich 215. + +Ein Wagen steht vor einer 35. + +Ein Waisenkind, mit nassen, blassen Wangen 260. + +Ein weißes Grau hüllt weit 226. + +Eine Heimat hat der Mensch 233. + +Eine plötzliche Stille 246. + +Einen guten Grund hat's 141. + +Einmal vor manchem Jahre 138. + +Entführ' mich, wie ich bin 258. + +Entgegengeschmiedet auf schroffem Fels 115. + +Er hat seinen heiligen Schwestern 144. + +Er schwenkte leise seinen Hut 259. + +Er schwirrte nächtens 10. + +Erhitzt und müde, durstig 165. + +Erkennen ist noch Hast 275. + +Es braust noch immer in der Welt 259. + +Es ebbt. Langsam dem Schlamm 163. + +Es ist ein Reihen geschlungen 16. + +Es ist ein Weinen in der Welt 149. + +Es kam ein Wind von Frühlingsland 287. + +Es läuft der Frühlingswind 117. + +Es liegt ein Plan in einem weiten 66. + +Es rauscht durch unseren Schlaf 145. + +Es rinnen rote Quellen 24. + +Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde 257. + +Es treibt vorüber mir 158. + +Es war einmal, ich weiß nicht wann 68. + + +Februarschnee tut nicht mehr weh 76. + +Fräulein Gigerlette 18. + + +Ganz mit Frühling und Sonnenstrahl 136. + +Ganz still zuweilen wie ein Traum 77. + +Geöffnet sind meine Fenster 245. + +Gewitter drückt auf Sanssouci 168. + +Gib mir nur die Hand 52. + +Gottes Krallenhand zerreißt 101. + +Graue Engel gehen um mich 37. + +Greife wacker nach der Sünde 260. + +Grenz' ich an dich im Grenzenlosen 62. + +Groß ist das Leben und reich 86. + + +Hab' ich doch alles nun geküßt 224. + +Hab' nicht zu lieb die knospende Rose 228. + +Hab' Sonne im Herzen 74. + +Halte mir einer von euch Laffen 219. + +Halte wach den Haß 93. + +Hart stoßen sich die Wände 177. + +Heiterkeit, güldene, komm! 197. + +Herbst ist es, siehst du die Blätter 139. + +Herbsttag, und doch wie weiches 155. + +Herr Holger am Kamine sitzt 229. + +Hier ist das Land. So rudert 87. + +Hier saß ich, wartend 196. + +Himmel baut sich um die Brust 285. + +Hör' mich, Mutter, höre mich! 137. + + +Ich dachte gestern nacht 258. + +Ich fühle keinen Schmerz 17. + +Ich hab' es nie so tief gewußt 80. + +Ich hab' kein Haus 44. + +Ich habe die lange schwüle Nacht 218. + +Ich habe keine Schmerzen 237. + +Ich habe Nächte dafür geopfert 75. + +Ich hatte so viel dir zu berichten 141. + +Ich hörte den Wind 185. + +Ich lag auf dem Meer 183. + +Ich lauschte in die Krone des Baums 277. + +Ich liebe unter allen 248. + +Ich liege ganz still 221. + +Ich liege in gläsernem Wachen 268. + +Ich liege mit der Zigarette 217. + +Ich liege mit einer Frau 178. + +Ich mache das Fenster auf 256. + +Ich möcht' es kosten 180. + +Ich möchte mir Freuden 41. + +Ich möchte wandern 36. + +Ich reichte einem Kranken 263. + +Ich reite stumm aus dem Turnier 102. + +Ich sah dich den Amseln 1. + +Ich sah sie einst. Sie stand 36. + +Ich saß im Glühn der toten 79. + +Ich schlich mich an das Roß heran 219. + +Ich sehe den Bäumen die Stürme an 203. + +Ich soll erzählen 103. + +Ich tat große Dinge 183. + +Ich träume wieder 103. + +Ich tu' mir Zwang 256. + +Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren 261. + +Ich weiß, daß ich sterben muß 138. + +Ich weiß es wohl, wie du 234. + +Ich weiß -- ich weiß 28. + +Ich weiß, mein Lied wird 44. + +Ich will hier Feste geben 126. + +Ich will meine bloßen Hände 222. + +Ich wohne, wo die Wolken gehn 231. + +Ich wollte dich mit Rosen 29. + +Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne 130. + +Im Arm der Liebe 85. + +Im Feld ein Mädchen singt 247. + +Im Haar ein Nest von jungen 106. + +Im Lande der Torheit 86. + +Im Mondlicht und im Sonnelicht 182. + +Im Schimmer des Mondes 15. + +Im Sklavendienst der Lüge 28. + +Im Weizenfeld, in Korn und Mohn 153. + +In deinem Angesicht 39. + +In deiner lieben Nähe 69. + +In dem sanften Wallen 266. + +In der gelben und grünlichen 43. + +In des Hades Grüfte 139. + +In die dunkle Bergschlucht 51. + +In dieser Märznacht 243. + +In einem Garten, unter dunklen 134. + +In ihren Locken haftete 85. + +In kalten, steifen Engen 172. + +In nackter Wüste ruht 167. + +In scheuer Lust -- doch nimmermehr 88. + +In Wirbeln geht der Strom 235. + +Ist es schon Abend? 290. + + +Ja? Gab es Tage, wo ich selbst 173. + +Ja, in der Jugend war ich 179. + +Jahrelang sehnten wir uns 71. + +Jetzt, da ich zehn Jahrtausende 95. + +Jetzt kommt die Nacht 142. + + +Kaminfeuer und Morgenrotschimmer 56. + +Kavaliere, bleich und mit schmalen Gelenken 218. + +Kein Liebeswort 249. + +Keine Furcht der Erde 100. + +Klar ruhn die Lüfte 47. + +Kleine Schwester Irene 91. + +Komm, denn der Abend kommt 241. + +König Kophetua 215. + +Korn. Saaten. Und des Mittags 107. + + +Länder und Seen durchschwommen 7. + +Laß mich in deinem stillen Auge 37. + +Laß uns Blumen pflücken gehn 69. + +Leise laß sie ihren Reigen führen 239. + +Leise, leise fallen weiße Flocken 23. + +Lieber auf eigene Rechnung 77. + +Liegt eine Stadt im Tale 50. + +Lösche alle deine Tag' 242. + + +Manche freilich müssen drunten sterben 120. + +Mancher ist betrübt gegangen 78. + +Mein armer Kopf lag still 84. + +Mein Blick, nun weide dich 30. + +Mein Gott, es werden sein zu deiner Rechten 269. + +Mein Herz so ganz in dir beglückt 78. + +Mein Jüngling, du, ich liebe dich 90. + +Mein Traum ist eine junge, wilde Weide 148. + +Meine Freunde sind schwank wie Rohr 62. + +Meine Jugend hängt um mich 176. + +Meine Mutter sang 22. + +Meiner Jugend Träume 4. + +Menschen sterben von mir ab 279. + +Mich jammerte dein graues Dämmerweh 184. + +Mir bangt um dich 1. + +Mir ist, als ob der Friede 221. + +Mir war, als ginge 124. + +Mistralwind, du Wolkenjäger 192. + +Mit blutgemiedener langer schmaler Hand 216. + +Mit dem Monde will ich wandeln 34. + +Mit leisem Herzen 66. + +Mit metallhartem Rotgelb 33. + +Mit silbergrauem Dufte 121. + +Mond, alte Blumen 12. + +Mond und Liebe 15. + +Moosgrün aus Samt 17. + +Mutwillige Mädchenwünsche 110. + + +Nacht, die aus den Sternen quillt 82. + +Nacht kam herein. Und morgen 263. + +Nächtlich war's am stillen Weiher 142. + +Nah wie Löcher eines Siebes 279. + +Nicht der Nachtigall 140. + +Nicht im Schlafe hab' ich das geträumt 17. + +Nicht lange durstest du noch 196. + +Niemals wieder will ich 274. + +Ninon heißt sie. Ihre Mutter 129. + +Noch _einmal so_! Im Nebel 52. + +Noch hängt ein scheues Vogellied 97. + +Noch niemals fiel es 189. + +Noch spür' ich ihren Atem 121. + +Nun beugt die Nacht sich singend 179. + +Nun kam der Abend 236. + +Nun schweig und fühle 6. + +Nun sind vor meines Glückes Stimme 245. + +Nun wieder, mein Vater, ist kommen 275. + +Nur der Wind weiß 99. + + +O hättest du gelernt 127. + +O mein Geliebter -- in die Kissen 53. + +O Mensch! Gib acht! 195. + +O sieh das Spinnennetz 188. + +Ob du wohl auch so schlaflos liegst 51. + +Oft in der stillen Nacht 20. + +Oft war sie als Kind 206. + +Oft, wenn die stille Mitternacht 232. + +Ohne Sorgfalt, was die Nächsten 210. + + +Reicht mir in der Todesstunde 261. + +Rote Rosen winden sich 133. + + +Schon deckt beschattend 45. + +Schon taucht der Mond 98. + +Schönheit ist Atem 240. + +Schwer schweigt der Wald 235. + +Schwermütig wächst mein Frieden 234. + +Seele meines Weibes 115. + +Sei nicht traurig 75. + +Sein Freund, der Türmer 128. + +Seit du mir ferne bist 136. + +Septemberabend; traurig tönen 251. + +Sie fanden ihn -- 3. + +Sie lassen sich am Ufer nieder 238. + +Sie schweift den Fuß wie Pfaunrad aus 280. + +Sie stehn im Schein der Kerzen 244. + +Sie trug den Becher in der Hand 119. + +Sie wirbelt weich, die Hände schwingend, vor 280. + +Sieh da droben die Rosen! 116. + +Silbern überflogen 104. + +Singe nicht so hell und laut 220. + +So flieh, enttanze 281. + +So regnet es sich langsam ein 74. + +So reich bist du 274. + +So in die still verschneite Nacht 248. + +So lange blieb sie fest geschlossen 78. + +So war's auch damals schon 49. + +Sonne, herbstlich dünn und zag 250. + +Soviel Lüftchen wehn und vergehn 246. + +Spät, wenn die alte Uhr geschlagen 220. + +Statt der Blumen und Blätter 43. + +Steht eine Mühle am Himmelsrand 160. + +Stille in nächtigem Zimmer 252. + +Stille! oh stille! 214. + +Stille weht in das Haus 40. + + +Tag meines Lebens 197. + +Tag um Tag 63. + +Taucht nur, senkt nur eure wilden 264. + +Tiefdunkelroter Scharlachschein 73. + +Trauernd stehst du 26. + +Traumhaft hinschlendern 15. + +Trinkend hatt' ich erharrt 181. + + +Über ein Glück, das du flüchtig 143. + +Über mir im Blauen 104. + +Um bei dir zu sein 135. + +Und abermals wirst du 27. + +Und als ein solcher klarer 257. + +Und als ich gegen den Marktplatz kam 213. + +Und bin ich auch in mancher Stunde 224. + +Und es rauscht nur und weht 58. + +Und ich führte das blonde 227. + +Und ich sah dich nachts 217. + +Und immer fremder sind mir 81. + +Und Kinder wachsen auf 119. + +Und sie herzten sich 4. + +Unruhig steht der hohe Kiefernforst 46. + +Unsere Augen so leer 40. + +Unsere Leiber zerfallen 7. + + +Vollkommen ist die Stille 254. + +Vom Dorf her durch die Nacht 241. + +Vom stolzen Glück des eignen Werts 211. + +Von blauem Tuch umspannt 174. + +Von Stern zu Stern 282. + +Vor der verschlungnen Finsternis 283. + +Vor meinem Fenster singt ein Vogel 133. + + +Wachet und betet mit mir! 190. + +Wanderer im schwarzen Wind 253. + +Wann ich von dir gehe 180. + +Warum, warum diese neue Angst? 271. + +Was ist das Glück? 242. + +Was kann ich für dich tun?!? 2. + +Was waren Frauen 243. + +Weiß ich, daß Stunden 91. + +Weite Wiesen im Dämmergrau! 19. + +Welch ein Schweigen 187. + +Wenn die Felder sich verdunkeln 51. + +Wenn die große Sehnsucht wieder kommt 221. + +Wenn die Nacht von dannen geht 6. + +Wenn die Rosen des Morgens 6. + +Wenn ich leide, wenn ich dulde 59. + +Wenn kalt der Regen 81. + +Wenn noch die Eitelkeit 265. + +Wenn sie wandeln 239. + +Wer hat die Wolken zerbeult? 43. + +Wer in die Nacht geht 240. + +Wer jetzt weint irgendwo 198. + +Wie deine grüngoldnen Augen 114. + +Wie der wilde Gletscherbach 189. + +Wie eigen ich dich einst küßte! 227. + +Wie ein heimlicher Brunnen 147. + +Wie eine Blume, drüberhin 13. + +Wie geisterhaft im Sinken 258. + +Wie ich dich überall sehe 226. + +Wie ich mich auf den Frühling freue! 30. + +Wie in der Hand ein Schwefelzündholz 209. + +Wie lang' schon darb' ich 63. + +Wie Vögel, welche sich gewöhnt 207. + +Wieder wandelnd im alten Park 250. + +Winde quälen die Bäume 38. + +Wie hielten uns umschlungen 224. + +Wir haben wohl ein Lachen 27. + +Wir saßen an zwei Tischen 191. + +Wir sind aus solchem Zeug 123. + +Wir sind zwei Schatten 80. + +Wir standen unter alten 162. + +Wir tauchten aus dem Strom 24. + +Wir träumen über die Erde hin 213. + +Wir wehen durch die Lüfte 14. + +Wochen, Wochen sprach ich 61. + +Wolkenschatten fliehen 170. + + +Zünd festlich im Salon 211. + +Zwei Menschen gehn 54. + +Zwei Schwestern sah ich heut 270. + +Zwischen duftigen Büschen 262. + +Zwischen mir und meinem trunknen Leben 82. + +Zwischen zwei dunklen Wogen 182. + +Zwischen zwei Rappen 55. + +Zwölf Morgenhellen weit 148. + + + + + +End of Project Gutenberg's Deutsche Lyrik seit Liliencron, by Various + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LYRIK SEIT LILIENCRON *** + +***** This file should be named 28411-8.txt or 28411-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/8/4/1/28411/ + +Produced by Inka Weide, Wolfgang Menges, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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