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+The Project Gutenberg EBook of Deutsche Lyrik seit Liliencron, by Various
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Deutsche Lyrik seit Liliencron
+
+Author: Various
+
+Editor: Hans Bethge
+
+Release Date: March 25, 2009 [EBook #28411]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LYRIK SEIT LILIENCRON ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Wolfgang Menges, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+https://www.pgdp.net
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+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Passagen, die im Original nicht in Fraktur gesetzt waren, sind
+ mit + gekennzeichnet.
+ Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet.
+ Der Text folgt in Schreibweise und Zeichensetzung der Vorlage.
+ Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+ Die Lebensdaten des Dichters Paul Scheerbart:
+ 8. Januar 1866 - 14. Oktober 1915
+ werden in anderen Quellen (Wikipedia etc.) mit
+ 8. Januar 1863 - 15. Oktober 1915 angegeben.
+
+
+
+
+ [Illustration: Detlev von Liliencron]
+
+
+
+
+ Deutsche Lyrik seit Liliencron
+
+
+ Herausgegeben von
+ Hans Bethge
+
+
+ [Illustration: Verlags-Signet]
+
+
+ Hesse & Becker Verlag
+ Leipzig
+
+ Einundsiebzigstes bis achtzigstes Tausend
+
+ Mit zehn Bildnissen
+
+ Einband- und Titelentwurf vom Graphiker P. Hartmann
+ Druck und Einband von Hesse & Becker in Leipzig
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Dieses Buch besitzt eine innere Einheit nicht. Es umfaßt die lyrische
+Entwicklung von etwa vier Jahrzehnten, deren sichtbares Resultat ein
+weitreichender Umsturz der künstlerischen, politischen und sozialen
+Begriffe gewesen ist. Das Buch zeigt in engerem Sinne die Entwicklung
+von dem naturalistischen Impressionismus Detlev von Liliencrons bis zu
+dem erregten Expressionismus Franz Werfels. Es ist der Weg vom betont
+sinnlichen zum betont geistigen Erlebnis, den auch die bildende Kunst in
+dieser Epoche gegangen ist, der Weg von der lyrischen Stimmung zum
+lyrischen Bekenntnis, vom seelischen Klang zum seelischen Schrei. Sehr
+reizvolle Etappen liegen auf diesem Wege, die Seiten des vorliegenden
+Buches bezeugen es. Wohin der Weg führt, ist unklar. Wir wollen hoffen,
+daß die Reaktion auf die empörerische Kühnheit, auf die Manifestation
+gepeitschter Gefühle, wie sie die jüngste Generation uns darbietet,
+glimpflich verläuft und daß uns wenigstens ein allzublasses Nazarenertum
+erspart bleiben möge.
+
+Frühjahr 1921.
+ H. B.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Seite
+
+ Altenberg, Peter
+ Liebesgedicht 1
+ Das Bangen 1
+ Ljuba 2
+ Was kann er für sie tun?!? 2
+
+ Arent, Wilhelm
+ Das Weltgeheimnis 3
+ Zwei Glückliche 4
+ Melancholie 4
+
+ Baum, Peter
+ Grauen 4
+ Liebespsalmen I-IV 5
+ Nun schweig 6
+ Der Greis 7
+
+ Becher, Johannes R.
+ Verfall 7
+ Der Idiot 10
+ Musik des Abschieds 11
+
+ Bethge, Hans
+ Die Hoffende 12
+ Nach Sonnenuntergang 12
+ An eine Kunstreiterin I-III 13
+ Wir wehen 14
+ Vision 15
+ Hinschlendern 15
+ Dasein 15
+
+ Bierbaum, Otto Julius
+ Tanzlied 16
+ Freundliche Vision 17
+ Die Kranke 17
+ Im Wirbel fort 17
+ Gigerlette 18
+ Traum durch die Dämmerung 19
+ Jeannette 19
+ Die schwarze Laute 20
+ Oft in der stillen Nacht 20
+
+ Bodman, Emanuel von
+ Der Garten 22
+ Meine Mutter 22
+ Flocken 23
+ Wandlung 23
+
+ Calé, Walter
+ Wir tauchten aus dem Strom 24
+ Der Tod wird uns 24
+ Es rinnen rote Quellen 24
+ Zwiegespräch 25
+ Du träumtest 26
+ Der Heimweg führte mich 26
+ Am Flusse 26
+ Und abermals wirst du 27
+ Die Andern 27
+
+ Conradi, Hermann
+ Aus den Schwarzen Blättern:
+ Ich weiß -- ich weiß 28
+ Im Sklavendienst der Lüge 28
+ Sommerrosen 29
+ Lenz 30
+ Mein Blick, nun weide dich 30
+ Die müde schon verglühte 31
+ Im Vorüberfluge 33
+
+ Däubler, Theodor
+ Weg 34
+ Die Buche 34
+ Die Droschke 35
+ Heidentum 36
+ Die Russin 36
+
+ Dauthendey, Max
+ Laß mich in deinem stillen Auge 37
+ Graue Engel 37
+ Am süßen lila Kleefeld 38
+ Winde quälen die Bäume 38
+ Die Amseln haben 38
+ Die Luft so schwer 39
+ Auf deinem Haupt 39
+ In deinem Angesicht 39
+ Unsere Augen 40
+ Stille weht 40
+ Die Sommernacht 40
+ Drinnen im Strauß 41
+ Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein 41
+ Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht 42
+ Der Mond ist wie eine feurige Ros' 42
+ Nachtstürme reiten die Bäume krumm 43
+ Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier? 43
+ Die Berge werden wie dunkle Kissen 43
+
+ David, Jakob Julius
+ Mein Lied 44
+ Im Volkston 44
+ Nacht 45
+
+ Dehmel, Richard
+ Die Harfe 46
+ Sommerabend 47
+ Aus banger Brust 48
+ Ein Stelldichein 49
+ Ein Grab 49
+ Stiller Gang 50
+ Die stille Stadt 50
+ Manche Nacht 51
+ Geheimnis 51
+ Morgenstunde 51
+ Erhebung 52
+ Bewegte See 52
+ Nachtgebet der Braut 53
+ Ideale Landschaft 54
+ Aus »Zwei Menschen«
+ I, 1. Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain 54
+ I, 16. Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel 55
+ I, 23. Kaminfeuer und Morgenrotschimmer 56
+ II, 28. Und es rauscht nur und weht 58
+
+ Donath, Adolph
+ Tränen 59
+
+ Ehrenstein, Albert
+ Auf der hartherzigen Erde 60
+ Verzweiflung 61
+ Friede 61
+ Coyllur 62
+ Wanderers Lied 62
+ Blind 63
+ Dunkel 63
+
+ Evers, Franz
+ Rosenglut 64
+ Jugend 65
+ Abendlied 65
+ Ein Gastgeschenk 66
+ Der Künstler 66
+
+ Falke, Gustav
+ Das Mohnfeld 68
+ Märchen 69
+ Daß der Tod uns heiter finde 69
+ Stranddistel 70
+ Das Grab 70
+ Späte Rosen 71
+ Zwei 72
+
+ Finckh, Ludwig
+ Einer Frau 72
+ Abendhimmel 73
+ Geschenk 73
+
+ Flaischlen, Cäsar
+ So regnet es sich langsam ein 74
+ Hab Sonne 74
+ Ich habe Nächte 75
+ Einem Kinde 75
+ Februarschnee 76
+ Ganz still zuweilen 77
+ Spruch 77
+
+ Forbes-Mosse, Irene
+ Gehen und Bleiben 78
+ Eine Widmung 78
+ Die fremde Blume 78
+ Der Brunnen 79
+ Madlena 79
+
+ Greiner, Leo
+ Liebe 80
+ Unter den Menschen 80
+ Leben 81
+ Regenabend 81
+ Der Schatten 82
+ Reise 82
+
+ Hartleben, Otto Erich
+ Funkelt dein Auge noch? 83
+ Lili 83
+ Die jubelnd nie 84
+ Ellen 84
+ Das welke Blatt 85
+ Liebesode 85
+ Gesang des Lebens 86
+ Im Lande der Torheit 86
+ Denkst du daran 87
+ Der Abenteurer 87
+ Elegie 88
+ Kinderköpfchen 88
+
+ Hasenclever, Walter
+ Die Todesanzeige 89
+ Mein Jüngling, du 90
+ Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett 91
+ Weiß ich, daß Stunden 91
+ Daß von Geheimnissen 92
+ 1917 93
+
+ Hatzfeld, Adolf von
+ Die letzte Nacht 95
+ Grüner Sommer 96
+ Frühlingsmond 97
+ Abend am See 98
+ Du Gott 98
+ Der Teich 99
+
+ Herrmann, Max
+ Dein Haar hat Lieder 99
+ Osterlied 100
+ Trostlied der bangen Regennacht 100
+ Liebe nur kann ewig sein 101
+
+ Hesse, Hermann
+ Der schwarze Ritter 102
+ Nach Paul Verlaine 103
+ Elisabeth 103
+ Die frühe Stunde 104
+ Lady Rosa 104
+ Fiesole 104
+
+ Heym, Georg
+ Die Seefahrer 105
+ Alle Landschaften haben 105
+ Ophelia I-II 106
+ Deine Wimpern, die langen 108
+
+ Hille, Peter
+ Maienwind 110
+ Brautseele 110
+ Waldesstimme 114
+ An Gott 115
+ Abbild 115
+ Prometheus 115
+ Abendröte 116
+ Selige Grüße 117
+
+ Hofmannsthal, Hugo von
+ Vorfrühling 117
+ Die Beiden 119
+ Ballade des äußeren Lebens 119
+ Manche freilich 120
+ Terzinen über Vergänglichkeit 121
+ Erlebnis 121
+ Dein Antlitz 122
+ Terzinen 123
+ Der Jüngling in der Landschaft 124
+ Aus »Der Tod des Tizian« 124
+ Aus »Der Abenteurer und die Sängerin« 126
+
+ Holz, Arno
+ Ein Abschied 128
+ Ninon 129
+ Aus »Phantasus« 130
+ Vor meinem Fenster 133
+ Rote Rosen 133
+ In einem Garten 134
+ Aus weißen Wolken 134
+
+ Huch, Ricarda
+ Sehnsucht 135
+ Unersättlich 136
+ Du 136
+ Heimatlos 137
+ Erinnerung 138
+ Verstoßen 138
+ Herbst 139
+ Ankunft im Hades 139
+ Liebesreime I-III 140
+
+ Kurz, Isolde
+ Südliche Weise 141
+ Die erste Nacht 142
+ Mädchenliebe 142
+ Die Nicht-Gewesenen 143
+
+ Lasker-Schüler, Else
+ Wir beide 143
+ Mairosen 144
+ Chaos 144
+ Die Liebe 145
+ Liebesflug 146
+ Eva 146
+ Mein Volk 147
+ Mein Liebeslied 147
+ Mein Wanderlied 148
+ O, meine schmerzliche Lust 148
+ Maienregen 149
+ Weltende 149
+ Mein Liebeslied 150
+
+ Liliencron, Detlev von
+ Rückblick 151
+ Tod in Ähren 153
+ Am Strande 153
+ Letzter Gruß 155
+ Der Ländler 156
+ Wer weiß wo 157
+ In einer großen Stadt 158
+ Vor Last und Lärm 158
+ Weite Aussicht 160
+ Erinnerung 161
+ Kalter Augusttag I-II 162
+ Auf dem Deiche 163
+ Sizilianen
+ Die Insel der Glücklichen 164
+ +Souvenir de la Malmaison+ 164
+ Sommernacht 164
+ Nach der Hühnerjagd 165
+ Der Hohenfriedeberger 165
+ Einer Toten 165
+ Gestorbene Liebe 167
+ Der Genius 168
+ Die Spinnerin von Sankt Peter 169
+ Märztag 170
+ Letzter Wunsch 170
+
+ Loerke, Oskar
+ Frühlingswille 171
+ Nirwana 172
+ Hinterhaus 172
+ Die graue Melodie 173
+ Inbrunst 174
+
+ Lotz, Ernst Wilhelm
+ Glanzgesang 174
+ Der Schwebende 176
+ Hart stoßen sich die Wände 177
+
+ Mombert, Alfred
+ Das junge Liebchen 178
+ Ich liege 178
+ Ja in der Jugend 179
+ Nun beugt die Nacht 179
+ Wann ich von dir gehe 180
+ Auf steilem Felsrücken 180
+ Ich möcht' es kosten 180
+ Schwindsucht 181
+ Trinkend 181
+ Im Mondlicht 182
+ Da spülst du bunte Muscheln 182
+ Zwischen zwei dunklen Wogen 182
+ Ich tat große Dinge 183
+ Ich lag auf dem Meer 183
+ Der Mond betrat 184
+ Mich jammerte 184
+ Bevor ich 185
+ Ich hörte den Wind 185
+ Am Saume 186
+ An Ufern des Rheins 186
+
+ Morgenstern, Christian
+ Erster Schnee 187
+ Vöglein Schwermut 187
+ Welch ein Schweigen 187
+ Das sind die Reden 188
+ Das Spinnennetz 188
+ Verbannung zur Höhe 189
+ Deine Rosen 189
+ Der Bach 189
+ Christus klagt 190
+ Begegnung 191
+
+ Nietzsche, Friedrich
+ An den Mistral 192
+ Vereinsamt 194
+ Zarathustras Lied 195
+ Venedig 195
+ Sils-Maria 196
+ Die Sonne sinkt I-III 196
+
+ Rilke, Rainer Maria
+ Ernste Stunde 198
+ Die Blinde 199
+ Herbst 203
+ Der Schauende 203
+ Von den Fontänen 205
+ Die Entführung 206
+ Fragmente aus verlorenen Tagen 207
+ Spanische Tänzerin 209
+ Der Fremde 210
+
+ Salus, Hugo
+ An blauen Frühlingstagen 211
+ Im stillen Hafen 211
+ Erinnerung 211
+ Frühlingsfeier 212
+
+ Scharf, Ludwig
+ Begegnis 213
+ Blut-Propheten 213
+ Gebet eines Selbstmörders 214
+
+ Schaukal, Richard (von)
+ Der Fiedler 215
+ Kophetua 215
+ An die Baronin Colombine 216
+ Porträt eines spanischen Infanten 216
+ +Pierrot pendu+ 217
+ Musset 217
+ Kavaliere 218
+ Goya 218
+ Porträt des Marquis de ... 219
+ Der Araber 219
+ Spät 220
+
+ Scheerbart, Paul
+ Dahin! 220
+ Notturno 221
+ Tiefernst! 221
+ Die große Sehnsucht 221
+
+ Schickele, René
+ Der Knabe im Garten 222
+ Wenn es Abend wird 222
+ Ferne Musik 223
+ Erwartung im Garten 224
+ Lea 224
+ Die Leibwache 224
+
+ Schlaf, Johannes
+ Sehnsucht 226
+ Hoffnung 226
+ Abendgang 227
+ Trübes Wetter 227
+ Doppelliebe 227
+
+ Schönaich-Carolath, Prinz Emil von
+ Albumblatt 228
+ Der betrübte Landsknecht 228
+ Genrebild 229
+ Altes Bild 230
+ Künstlerroman 230
+
+ Scholz, Wilhelm von
+ In einer Dämmerstunde 231
+ Abschied 232
+ Heimat 233
+ Abendgang 233
+ Der Wandrer 234
+ Erde 234
+ Ich weiß es wohl 234
+ Nächtlicher Weg 235
+ Am Söller 235
+
+ Schröder, Rudolf Alexander
+ Aus den »Liedern an eine Geliebte«
+ Nun kam der Abend 236
+ »Die Lüge« sagst du 237
+ Ich habe keine Schmerzen 237
+ Ach, noch immer glaube ich 237
+ Das Glück ist ein leerer 237
+ Sonett an eine Verstorbene 238
+ Aus dem Buch "Elysium"
+ Sie lassen sich am Ufer nieder 238
+ Wenn sie wandeln 239
+ Leise laß sie ihren Reigen 239
+
+ Schüler, Gustav
+ Unterdessen 240
+ Mignon 240
+ Am Abend 241
+ Am Kreuzweg 241
+ Was ist das Glück? 242
+
+ Stadler, Ernst
+ Reinigung 242
+ Vorfrühling 243
+ Was waren Frauen 243
+ Puppen 244
+ Glück 245
+
+ Sternberg, Leo
+ Der Wartende 245
+ Soviel Lüftchen 246
+ Eine plötzliche Stille 246
+ Jenseits 247
+
+ Susman, Margarete
+ Im Feld ein Mädchen singt 247
+ Ich liebe unter allen 248
+ So in die still verschneite Nacht 248
+ Kein Liebeswort 249
+
+ Trakl, Georg
+ Der Herbst des Einsamen 249
+ In den Nachmittag geflüstert 250
+ Im Park 250
+ Landschaft 251
+ Sommer 251
+ In Venedig 252
+ Am Moor 253
+ Frühling der Seele 253
+ Elis I-II 254
+
+ Walser, Robert
+ Morgenstern 256
+ Langezeit 256
+ Warum auch 257
+ Schnee 257
+ Im Mondschein 258
+ Müdigkeit 258
+ Zu philosophisch 258
+ Brausen 259
+ Und ging 259
+
+ Wedekind, Frank
+ Erdgeist 260
+ Perversität 260
+ Ilse 261
+ Der Anarchist 261
+ Waldweben 262
+
+ Werfel, Franz
+ Wie nichts erkennend 263
+ Verzweiflung 263
+ Welche Lust auf Erden denn ist süßer 264
+ Ein Lebens-Lied 265
+ Amore 265
+ Alte Dienstboten 266
+ Mondlied eines Mädchens 268
+ Die Leidenschaftlichen 269
+ Die Schwestern von Bozen 270
+ Gesang einer Frau 271
+ Geheimnis 274
+ Was ein jeder sogleich nachsprechen soll 274
+ Sein und Treiben 275
+ Gebet um Reinheit 275
+ Wir nicht 277
+
+ Wertheimer, Paul
+ Seelen 278
+ Ostsee 278
+ Tote Stunde 279
+
+ Wolfenstein, Alfred
+ Städter 279
+ Tanz I-III 280
+ Musik des Kämpfers 282
+ Nacht im Dorfe 283
+ Fahrt 284
+ Die Stirn 285
+
+ Zech, Paul
+ Die Häuser haben Augen aufgetan 286
+ Bettler im Spätherbst 286
+ Dorf im Mittag 287
+ Es kam ein Wind 287
+
+ Zweig, Stefan
+ Singende Fontäne 288
+ Schwüler Abend 290
+
+ Alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanfänge 292
+
+
+
+
+Verzeichnis der Bilder
+
+
+ Detlev von Liliencron
+ Nach einer künstlerischen Photographie von Rudolf Dührkoop, Hamburg
+
+ Max Dauthendey
+
+ Richard Dehmel
+
+ Hugo von Hofmannsthal
+
+ Arno Holz
+ Photographie A. Binder, Berlin W 15
+
+ Ricarda Ceconi-Huch
+
+ Else Lasker-Schüler
+ Atelier Lisi Jessen, Charlottenburg, Bismarckstraße 3
+
+ Alfred Mombert
+
+ Rainer Maria Rilke
+ Nach einer Bronzebüste von Fritz Huf (Museum zu Winterthur, Schweiz)
+
+ Franz Werfel
+ Nach einer künstlerischen Photographie des Ateliers d'Ora, Wien I,
+ Wipplingerstr. 26
+
+
+
+
+Peter Altenberg.
+
+Geboren am 9. März 1859 zu Wien, wo er den größten Teil seines Lebens
+verbrachte und am 8. Januar 1919 starb.
+
+
+Liebesgedicht.
+
+ Ich sah dich den Amseln zärtlich Futter streuen --
+ Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen --
+ Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen,
+ Ich sah dich in Gesellschaft unadeliger Menschen erbleichen.
+ Ich sah dich deine idealen Füße ungeniert nackt zeigen,
+ Ich sah dich wie eine Fürstin dich edel-stolz verneigen.
+ Ich sah dich mit deinem geliebten Papagei wie mit einem
+ Freunde sprechen,
+ Ich sah dich mit einem Manne wegen eines geringen
+ Taktfehlers für ewig brechen -- -- --.
+ Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen,
+ Ich sah dich der Stille eines Sommerabends lauschen.
+ Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen,
+ Ich sah dich traurig stehn vor trüben Gaslaternen.
+ Ich sah dich dein Leben spinnen wie die Spinne ihr
+ mysteriöses Gewebe -- -- --
+ Ich schlich mich abseits, um dich nicht zu stören.
+ Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!
+
+
+Das Bangen.
+
+ Mir bangt um dich, Anna -- -- --.
+ Weshalb mir bang ist, weiß ich nicht,
+ Ich weiß nur, daß mir bang ist.
+ Mir ist bang!
+ Wie einer Mutter bang ist ohne Grund,
+ Noch sind sie alle munter und gesund -- -- --!
+ Und wie dem Schiffer bang ist, bange, bange,
+ Während die anderen noch lange
+ Den wolkenlosen Himmel blöd betrachten
+ Und den Warner ob seiner Weisheit nur verachten.
+ Mir bangt, wie einem bangt,
+ Der Kinder auf dem Meer-Sand-Hügel spielen sieht
+ Und weiß, daß nun die Flut vom Land sie abtrennt -- flieht!
+
+ Mir bangt, wie einem bangt,
+ Der weiß, er wird gehenkt um sieben Uhr früh.
+ So, so bangt mir um dich -- -- --
+ Du bist _mein Leben_, es bangt mir um _mich_;
+ Du aber, du gehst deinen Weg von mir,
+ Nicht bangt vor meinem bangen Bangen dir,
+ Dem neuen Schicksal treibst du jach entgegen -- -- --
+ Und perlt mein Todesschweiß auf deinen Pfad hernieder,
+ Nimmst du's als Tau auf neuen Morgenwegen!
+
+
+Ljuba.
+
+ Die da nicht kommen an deinen Tisch,
+ Die sind _klüger_ als ich!
+ Die schützen sich!
+ Ich aber, gleich der Motte im Lichte,
+ Mache meinen Selbsterhaltungstrieb zunichte!
+ Ich will lieber in Licht und Hitze sterben,
+ Als gesichert um Anna oder Grete werben!
+ Die da nicht kommen an deinen Tisch,
+ Die sind _dümmer_ als ich!
+ Sie schützen sich!
+
+
+Was kann er für sie tun?!?
+
+ Was kann ich für dich tun?!?
+ Ich kann auf dem Spaziergang deinen Mantel tragen --
+ Ich kann dich, wie du gestern schliefest, fragen -- --.
+ Ich kann, wenn man dir widerspricht, mit meinem Blicke
+ sagen:
+ »Du hast recht, nur du!«
+ Ich kann, wenn du nicht da bist, bedrückt und kränklich
+ sein -- -- -- --
+ Ich kann vor Glück erbeben, trittst du ein -- --.
+ Ich kann mein Opernglas dir leihen im Theater
+ Und Komplimente über seine Tochter machen deinem
+ Vater.
+ Ich kann dir süße Mandarinen bringen.
+ Und manche kleine Aufmerksamkeit wird mir gelingen.
+ Mein Herz jedoch wird unerbittlich fragen, ohne zu ruhn:
+ »Was kann ich für sie tun?!?«
+
+
+
+
+Wilhelm Arent.
+
+Geboren am 7. März 1864 zu Berlin, wurde Schauspieler und gab, vielfach
+unter Pseudonymen, mehr als zwanzig Gedichtbücher heraus. Er ist in
+Berlin verstorben.
+
+
+Das Weltgeheimnis.
+
+ Sie fanden ihn -- von düstrer Falte
+ Durchfurcht die hohe Denkerstirn --,
+ Schlaff hing die Hand, die marmorkalte,
+ Verloht die heilige Glut im Hirn;
+
+ Die Augen waren sanft geschlossen --
+ Ein Lächeln spielte um den Mund --
+ Als hätt' er jede Huld genossen
+ Und jedes Rätsel wär' ihm kund ...
+
+
+Zwei Glückliche.
+
+ Und sie herzten sich
+ Und küßten sich
+ Lange;
+ Endlich schliefen sie ein.
+ Lächelnd träumten sie
+ Arm in Arm,
+ Bis rauh
+ Der Morgen kam.
+
+
+Melancholie.
+
+ Meiner Jugend Träume,
+ Wo seid ihr hin?
+ Ihr himmlischen Räume,
+ Wie fern ich euch bin!
+
+ Draußen grünen die Bäume,
+ Flur in Blüte steht --
+ Meine Lieder sind Schäume,
+ Die der Wind verweht ...
+
+
+
+
+Peter Baum.
+
+Geboren am 30. September 1869 zu Elberfeld, lebte als Schriftsteller in
+Berlin, fiel in Frankreich im Sommer 1916. -- Gott und die Träume 1901.
+
+
+Grauen.
+
+ Das ist das Furchtbare,
+ Daß ich oft glaube,
+ Ich trüge deine Augen und deine Haare.
+ Daß meine Hände dann hilflos suchen
+ Ganz wie die deinen
+ Und meine Lippen mich so verfluchen
+ Und weinen.
+
+ Jeden Abend überkommst du mich so.
+
+ Zwei ganz gleiche Totenvögel
+ Fliegen dann über den Kirchhof.
+
+
+Liebespsalmen.
+
+I.
+
+ Deine Nächte klagen in meine Tage,
+ Durch mein Träumen rieselt das Blut deiner Füße.
+ O ich will dir forttrinken alle Tränen,
+ Ich will dich tragen unter meine Wipfel.
+
+ Meine Wipfel sind kühl und voll Frieden
+ Und baden sich hoch in tiefen Wassern.
+ Himmelstiefen tropfen zu uns hernieder,
+ Aus ewigen Meeren, durch heilige Wipfel.
+
+ Schlummre du tief in meinen Armen!
+ Meine Augen sind stahlharte Engel; die wachen
+ Über deinen Frieden.
+
+II.
+
+ Deine Augen leuchten vor Dunkel,
+ Und ein spinnendes Weinen
+ Deiner schwarzen Haare
+ Über das Leinen.
+ O dein blasses Gesicht,
+ Und wie deine schmalen Hände
+ Über die Kissen suchen --:
+ Rührendes Stammeln
+ Eines sprießenden Liedes,
+ Das blühen möchte.
+
+ Meine Seele sucht mit dir.
+
+III.
+
+ Wenn die Rosen des Morgens aufstaunen,
+ Möchte ich zu dir kommen!
+ Ich brächte deiner Stirne kühlen Tau
+ Und deinen Lippen Lachen.
+
+ In meinen Nächten schreckt mich deine Einsamkeit;
+ Schmiege dich tief in die Flügel meiner Seele;
+ Dunkel rauschten sie über die Meere,
+ Bis sie zu dir sich fanden.
+
+IV.
+
+ Wenn die Nacht von dannen geht,
+ Wollen wir uns aus dunkeln Schalen
+ Unser Blut reichen.
+
+ Ein Auge wollen wir sein und eine Seele,
+ Schauernd über der Täler
+ Brennend klaren Kelchen.
+
+ Siehst du den Morgenwind? Er trägt
+ Schwebendes Leben von Büschen zu Büschen,
+ Halm zu Halm.
+ Sei du mein! --
+
+
+Nun schweig.
+
+ Nun schweig und fühle, wie die Schatten wehn;
+ Aus tiefen Himmeln bunte Flammen sinken,
+ Und schwarze Wolken felsenzackig stehn
+ Um blanke Dächer, die wie Seen blinken.
+ Und suche meine Seele nicht; die liegt
+ In jenem Baum, weit hinterm Sonnenfeuer,
+ Der sich im Weltall zwischen Sternen wiegt.
+
+
+Der Greis.
+
+ Länder und Seen durchschwommen
+ Brünstig allen Fernen.
+ Wittre nun in den Nächten
+ Nach Ländern über Sternen.
+
+ Als ich ein Kind war,
+ Glänzte so weit mein Teich,
+ Hinter jedem Wipfel
+ Grünte ein Zukunftsreich.
+
+ Stützt zu Berg mich, Söhne,
+ Dicht in meine Nähe,
+ Daß ich noch einmal
+ Die kleine Erde sehe.
+
+
+
+
+Johannes R. Becher.
+
+Geboren am 22 Mai 1891 zu München. -- Verfall und Triumph 1914. An
+Europa 1916. Päan gegen die Zeit 1918. Das Neue Gedicht 1918. Gedichte
+für ein Volk 1919. Gedichte um Lotte 1919. Um Gott 1920.
+
+
+Verfall.
+
+ Unsere Leiber zerfallen,
+ Graben uns singend ein:
+ Berauschte Abende wir,
+ Nachtsturm- und meerverscharrt.
+ Heißes Blut vertrocknet,
+ Eitergeschwür verrinnt.
+ Mund Ohr Auge verhüllet
+ Schlaf Traum Erde der Wind.
+
+ Gelblich träger Würmer
+ Enggewundener Gang.
+ Pochen rollender Stürme.
+ Wimpern, blutrot lang.
+ ... »_Bin ich zerbröckelnde Mauer,
+ Säule am Wegrand, die schweigt?
+ Oder Baum der Trauer
+ Über dem Abgrund, geneigt?_« ...
+ Süßer Geruch der Verwesung,
+ Raum, Haus, Haupt erfüllend.
+ Blumen, flatternde Gräser,
+ Vögel, Lieder quillend.
+
+ »_Ja --, verfaulter Stamm_ ...«
+ Schimmel. Geächz. Gestöhn.
+ Unter wimmelnder Himmel Flucht
+ Furchtbarer Laut ertönt:
+ Pauke. Tube Gedröhn.
+ Donner. Wildflammiges Licht.
+ Zimbel. Schlagender Ton.
+ Trommelgeschrill. Das zerbricht. --
+
+ Der ich mich dir, weite Welt,
+ Hingab, leicht vertrauend,
+ Sieh, der arme Leib verfällt,
+ Doch mein Geist die Heimat schaut.
+ Nacht, dein Schlummer tröstet mich,
+ Mund ruht tief und Arm.
+ Heller Tag, du lösest mich
+ Auf in Unruh ganz und Harm.
+
+ Daß ich keinen Ausweg finde,
+ Ach, so weh zerteilt!
+ Blende bald, bald blind und Binde.
+ Daß kein Kuß mich heilt!
+ Daß ich keinen Ausweg finde,
+ Trag wohl ich nur Schuld:
+ Wildstrom, Blut und Feuerwind,
+ Schande, Ungeduld.
+
+ Tag, du herbe Bitternis!
+ Nacht, gib Traum und Rat!
+ Kot Verzerrung Schnitt und Riß --
+ Kühle Lagerstatt ...
+ Alles muß noch ferne sein,
+ Fern, o fern von mir --
+ Blüh empor im Sternenschein,
+ Heimat, über mir!
+
+ Einmal werde ich am Wege stehn,
+ Versonnen, im Anschaun einer großen Stadt.
+ Umronnen von goldener Winde Wehn.
+ Licht fällt durch der Wolken Flucht matt.
+ Verzückte Gestalten, in Weiß gehüllt ...
+ Meine Hände rühren
+ An Himmel, golderfüllt,
+ Sich öffnend gleich Wundertüren.
+
+ Wiesen, Wälder ziehen herauf.
+ Gewässer sich wälzen. Brücken.
+ Gewölbe. Endloser Ströme Lauf.
+ Grauer Gebirge Rücken.
+ Rotes Gedonner entsetzlich schwillt.
+ Drachen, Erde speiend.
+ Aufgerissener Rachen, die Sonne brüllt.
+ Empörung. Lachen. Geschrei.
+
+ Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack.
+ Knäuel. Gemetzel weit ...
+ ... »_Wann erscheinest du, ewiger Tag?_
+ Oder hat es noch Zeit?
+ Wann ertönest du, schallendes Horn,
+ Schrei du der Meerflut schwer?
+ Aus Dickicht, Moorgrund, Grab und Dorn
+ Rufend die Schläfer her?« ...
+
+
+Der Idiot.
+
+ Er schwirrte nächtens durch der großen Städte Flucht.
+ Das traf ihn schwer.
+ Auf hohlen Plätzen tosten Glitzer-Feste.
+ Staubwirbel bliesen ihn durch grünen Abendhimmel
+ flaches Meer.
+ Er hockte heulend nachts auf Kuppeln brennender Paläste.
+
+ Und seine Straße warf sich steil empor und schraubte
+ Sich hoch hinaus bis an vergilbten Mondes Zackenrand,
+ Wo bog sie um und sprang zum Abendstern, der schnaubte,
+ Spie Feuer, riß rückwärts sie, daß stöhnend sie sich
+ niederwand.
+
+ Er schlug: die Augen grün, Schaum dick ums Maul,
+ Auf heißes Pflaster. Säule ward sein Schrei!
+ Ganz leise sang ein Droschkengaul --
+ Und weiße Schleier wehten dicht vorbei.
+
+ Es stürzten Türme groß und Mauern drob zusammen.
+ Auf allen Dächern tosten Flammen laut.
+ Die Dome knieten nieder. Berge schwammen
+ Zur Stadt herein, von Regenbogen kreuzweis überbaut.
+
+ Da fuhr ein greller Strahl durch sein Gehirn.
+ Es gellte. Möwenschwärme schreckten auf.
+ Blütenwälder weiß begruben ihn.
+
+
+Musik des Abschieds.
+
+ Beginn der Klänge zwischen dir und mir!
+ Uralte Sänge, die mich heiß verfluten --
+ Gewühl der Zeiten, die mich weiß zerbluten --
+ Geläute. Schweigen zwischen mir und dir.
+
+ O Gräber, Gärten zwischen mir und dir!
+ Gespannt die Tänzer unsichtbar auf Seilen --
+ Traum-Silber-Pflüge, die Eisschollen teilen --
+ Die Boten eilen zwischen dir und mir.
+
+ Erbrochene Schlachten. Bunte Völkerwelten.
+ Die Roten Felsen über Agadir.
+ Gesprengte Wälder. Heller Tod der Helden ...
+ O dunkle Sprachen zwischen mir und dir.
+
+ Und sah die Meere durch die Himmel fließen.
+ Besternte Menschen viel auf Plätzen dicht.
+ Fluch deiner Finsternis: verkohlte Wiesen.
+ Die Flöte ruft. Es reift dein Angesicht.
+
+ Und sähe Mägde aus dem Brunnen schöpfen
+ Krug milden Trankes ... und das blöde Tier
+ Leckt unvertrieben Honig aus den Töpfen ...
+ O Fest! O Stunde zwischen dir und mir!
+
+ Dann jagte ich auf unergriffenem Schiffe.
+ Denn schroffer Sturm verlöschte jede Spur.
+ Und durchs Gezisch und durchs Gestrüpp der Riffe ...
+ Und in den Händen eine Muschel nur:
+
+ Zerschellt. Genebel. Schädel. Fäulnis. Und die Feuchte
+ Gefleckter Sümpfe. Räudiger Rachen Gier -- --
+ Ich aber fühlte: Duft und Pracht und Leuchte!
+ O Nacht des Bundes zwischen dir und mir.
+
+
+
+
+Hans Bethge.
+
+Geboren am 9. Januar 1876 zu Dessau in Anhalt. -- Die stillen Inseln,
+Die Feste der Jugend, Saitenspiel, Lieder an eine Kunstreiterin.
+
+
+Die Hoffende.
+
+ Mond, alte Blumen und das Lied der Lerche, --
+ Sie saß am offenen Fenster, ganz verwirrt,
+ Der Glanz auf ihren Händen war der Glanz
+ Des Mondes nicht: er kam aus jungen Augen
+ Fernher, und Glockenklang und Wiesennebel
+ Und alte Blumen und das Lied der Lerche,
+ Das alles war in ihm, sie fühlt' es wohl.
+ Da lachte sie, verwirrt aufbrausend, und
+ Sie war so reich! und nun hob sie die Hand
+ Leis auf und küßte sie: die ganze Lust,
+ Die ganze Qual, das Leben, alles, alles.
+
+
+Nach Sonnenuntergang.
+
+ Du kamst, erregt vom Sonnenuntergange,
+ Die Dünen glänzten durch die Abendluft.
+ Du rührtest mit dem Schritt der Tänzerin
+ Die gelbe Erde an. Ich saß im Garten,
+ Und glühnden Herzens fühlt' ich wie du kamst!
+
+ Du kamst! Du kamst! Du tratest in die Pforte
+ Und rissest eine Rose vom Gesträuch
+ Und küßtest sie und warfst sie in die Winde
+ Und flogst an meine Brust und riefest: Sonne!
+ Und braun und göttlich glänzten deine Schultern,
+ Und herber Duft des Meeres hing an dir.
+
+
+An eine Kunstreiterin.
+
+I.
+
+ Wie eine Blume, drüberhin der Lenz-
+ Wind geht; wie eine Tänzerin, die rastend
+ Das Echo noch des Rhythmus in sich fühlt,
+ Der sie entzückte, und ihm ohne Willen
+ Nachgibt: so hockst du vor mir im Gemach,
+ Und Duft der Hengste schwebt noch um dein Haar
+ Und in den Augen noch der Glanz der Lichter,
+ Und deine Hand fährt über meine Knie,
+ Liebkosend, träumend, so als streife sie
+ An eine Welt, mit der sie nichts verbindet,
+ Und die ihr fern ist wie das Einst und Nie.
+
+II.
+
+ Du bist der schönste
+ Gedanke des Frühlings.
+
+ Du bist der süßeste Hauch,
+ Der am Abend mich anweht.
+
+ Du bist die wilde Verzweiflung
+ Aller, die dich lieben.
+
+ Ach, du hast in finstere Nacht
+ Auch mich gehüllt.
+
+ Wer bist du?
+
+ Du bist der süßeste Hauch,
+ Der am Abend mich anweht.
+
+III.
+
+ Deine feinen Hände
+ Greifen den Atem der Rosen, die dich lieben.
+
+ An deinen feinen Brüsten
+ Hängt der Abend in Glanz und Demut.
+
+ Aus deinen verdunkelten Augen
+ Weht Kühle mich an.
+
+ Die Kühle deines Herzens weht mich an
+ Aus deinen Augen bei Abend.
+
+
+Wir wehen ...
+
+ Wir wehen durch die Lüfte,
+ Grau wie Regen weht,
+ Zart wie Düfte der Blumen,
+ Bang wie der Flöte Lied.
+
+ Wehen mit Eile, sinken
+ Nieder in einem Feld,
+ Abend hüllt kühl uns ein,
+ Nacht ist so märchenschön.
+
+ Manche erheben wieder
+ Ihre Flügel, wehen
+ Weiter, düstere Wolken
+ Oder Gerüche der Flur.
+
+ Andere bleiben liegen
+ In den Hainen und Gärten,
+ Werden Erde und Halme,
+ Spielend im Frühlingshauch.
+
+ Hörst du ein Seufzen im Abend?
+ Und ein Lachen im Wind.
+ Wer da wehte vorüber
+ Ach -- und wohin? wohin?
+
+
+Vision.
+
+ Im Schimmer des Mondes standest aufrecht du,
+ Erzitternd gleich dem jungen Laub der Birken.
+ Du hobst den Arm, du dehntest die Brust, du standst
+ Auf den verwilderten Gärten, ein Traumgebild
+ Der Lenznacht, lockend, schwankend, verführerisch --
+ Bis daß der Nebel stieg von den Wiesen her
+ Und du auslöschtest, so wie ein Lied auslöscht,
+ Und rings lag öde, schmachtende Finsternis,
+ Und Weinen war im Gezweig, und alle Blumen
+ Riefen nach dir, o Mondenhauch!
+
+
+Hinschlendern.
+
+ Traumhaft hinschlendern, ach, um kein Wohin
+ Besorgt sein, das Woher ist schon vergessen,
+ Ein Gruß den Mädchen mit den edlen Busen,
+ Ein Gruß dem Wein, den Blumen und dem Mond,
+ Ein stiller Gruß den Kranken und Zerwühlten,
+ Hinschlendern, traumhaft, Licht einatmen, lauschen
+ Den Wolken und dem Winde und dem Meer,
+ Und schlafen, schlafen ... Und in lindem Traume
+ Entgleitet alles, und die schönste Stunde
+ Wird aschfahl, wenn sie auch aus Rosen kam.
+
+
+Dasein.
+
+ Mond und Liebe und dann
+ Ein Schluck Wein ab und an
+ Und dann --
+ Herz, warum so trübe?
+
+ Und dann
+ Mond und dann Wein
+ Und Liebe, -- herbsttrübe
+ Verrinnt das Sein.
+
+ Aber manchmal aufglüht
+ Ein berauschender Funken,
+ Dann taumeln wir trunken,
+ Bis der Funken versprüht.
+
+ Dann das alte Lied:
+
+ Mond und Liebe und dann
+ Ein Schluck Wein ab und an.
+
+
+
+
+Otto Julius Bierbaum.
+
+Geboren am 28. Juni 1865 zu Grünberg in Schlesien, absolvierte das
+Gymnasium in Wurzen, besuchte die Universitäten Zürich, Leipzig, Berlin,
+München, war Redakteur der »Neuen deutschen Rundschau«, des »Pan« und
+der »Insel« und lebte zuletzt in Dresden, wo er am 1. Februar 1910
+starb. -- Erlebte Gedichte 1892. Nemt, Frouwe, disen Kranz 1894.
+Irrgarten der Liebe 1901. Das seidene Buch 1903. Maultrommel und Flöte
+1907.
+
+
+Tanzlied.
+
+ Es ist ein Reihen geschlungen,
+ Ein Reihen auf dem grünen Plan,
+ Und ist ein Lied gesungen,
+ Das hebt mit Sehnen an,
+
+ Mit Sehnen, also süße,
+ Daß Weinen sich mit Lachen paart:
+ Hebt, hebt im Tanz die Füße
+ Auf lenzeliche Art!
+
+
+ [Illustration: Max Dauthendey]
+
+
+Freundliche Vision.
+
+ Nicht im Schlafe hab' ich das geträumt,
+ Hell am Tage sah ich's schön vor mir:
+ Eine Wiese voller Margeriten;
+ Tief ein weißes Haus in grünen Büschen;
+ Götterbilder leuchten aus dem Laube.
+ Und ich geh' mit Einer, die mich lieb hat,
+ Ruhigen Gemütes in die Kühle
+ Dieses weißen Hauses, in den Frieden,
+ Der voll Schönheit wartet, daß wir kommen.
+
+
+Die Kranke.
+
+ Ich fühle keinen Schmerz und bin doch krank;
+ Mir ist die Kraft genommen, ich bin leer.
+ Ich lebe ab, so wie ein Rad abläuft,
+ Das von der Feder, die es trieb und hielt,
+ Gelöst ward. -- Ach, sie pflegen mich so lieb,
+ Und dennoch weiß ich's, balde ist's vorbei.
+ Und bin nicht traurig. Ruhe wird mein Teil.
+ Ich werde ruhig blühn in leichtem Wind,
+ Wie meine Blumen, die im Garten sind.
+
+
+Im Wirbel fort.
+
+ Moosgrün aus Samt ein Band im blonden Haar.
+ Ein Färblein rosarot dazwischen war,
+ Das ganze Kind war ganze sechzehn Jahr,
+ Und es war Mai.
+
+ So kam's, daß uns mit Strahlen flitterfein
+ Umfädelte der sanfte Sonnenschein;
+ Die Knospe sprang, ach Gott, es war im Mai'n.
+ Die Knospe sprang.
+
+ Ich hätte gern in Treuen sie gehegt,
+ Ich hätte gern sie mir ans Herz gelegt,
+ Da hat ein Wind sie wirbelnd weggefegt.
+ Wem blüht sie nun?
+
+
+Gigerlette.
+
+ Fräulein Gigerlette
+ Lud mich ein zum Tee,
+ Ihre Toilette
+ War gestimmt auf Schnee;
+ Ganz wie Pierrette
+ War sie angetan.
+ Selbst ein Mönch, ich wette,
+ Sähe Gigerlette
+ Wohlgefällig an.
+
+ War ein rotes Zimmer,
+ Drin sie mich empfing,
+ Gelber Kerzenschimmer
+ In dem Raume hing.
+ Und sie war wie immer
+ Leben und Esprit.
+ Nie vergess' ich's, nimmer:
+ Weinrot war das Zimmer,
+ Blütenweiß war sie.
+
+ Und im Trab mit Vieren
+ Fuhren wir zu zweit
+ In das Land spazieren,
+ Das heißt Heiterkeit.
+ Daß wir nicht verlieren
+ Zügel, Ziel und Lauf,
+ Saß bei dem Kutschieren
+ Mit den heißen Vieren
+ Amor hinten auf.
+
+
+Traum durch die Dämmerung.
+
+ Weite Wiesen im Dämmergrau!
+ Die Sonne verglomm, die Sterne ziehn:
+ Nun geh' ich zu der schönsten Frau,
+ Weit über Wiesen im Dämmergrau,
+ Tief in den Busch von Jasmin.
+
+ Durch Dämmergrau in der Liebe Land;
+ Ich gehe nicht schnell, ich eile nicht;
+ Mich zieht ein weiches, samtenes Band
+ Durch Dämmergrau in der Liebe Land,
+ In ein blaues, mildes Licht.
+
+
+Jeannette.
+
+ Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank,
+ Und mittendrin ein Mädel schlank,
+ Meine lustige, liebe Jeannette.
+ Braune Augen hat sie, wunderbar,
+ In wilden Ringeln hellbraunes Haar,
+ Kirschroter Lippen ein schwellend Paar, --
+ Jeannette! Jeannette!
+
+ Am Fensterbrett ein Efeu steht,
+ Durchs grüne Geranke die Liebe späht,
+ Meine lustige, liebe Jeannette.
+ Türe auf! Da liegt mir am Halse das Kind.
+ Alleine wir beiden, es singt der Wind
+ Das Lied von zweien, die selig sind, --
+ Jeannette! Jeannette!
+
+
+Die schwarze Laute.
+
+ Aus dem Rosenstocke
+ Vom Grabe des Christ
+ Eine schwarze Laute
+ Gebauet ist;
+ Der wurden grüne Reben
+ Zu Saiten
+ Gegeben.
+ O wehe du, wie selig sang,
+ So erossüß, so jesusbang,
+ Die schwarze Rosenlaute.
+
+ Ich hörte sie singen
+ In mailichter Nacht,
+ Da bin ich zur Liebe
+ In Schmerzen erwacht,
+ Da wurde meinem Leben
+ Die Sehnsucht
+ Gegeben.
+ O wehe du, wie selig sang,
+ So jesussüß, so erosbang,
+ Die schwarze Rosenlaute.
+
+
+Oft in der stillen Nacht.
+
+ Oft in der stillen Nacht,
+ Wenn zag der Atem geht
+ Und sichelblank der Mond
+ Am schwarzen Himmel steht,
+
+ Wenn alles ruhig ist
+ Und kein Begehren schreit,
+ Führt meine Seele mich
+ In Kindeslande weit.
+
+ Dann seh' ich, wie ich schritt
+ Unfest mit Füßen klein,
+ Und seh' mein Kindesaug'
+ Und seh' die Hände mein,
+
+ Und höre meinen Mund,
+ Wie lauter klar er sprach,
+ Und senke meinen Kopf
+ Und denk' mein Leben nach:
+
+ Bist du, bist du allweg
+ Gegangen also rein,
+ Wie du gegangen bist
+ Auf Kindesfüßen klein?
+
+ Hast du, hast du allweg
+ Gesprochen also klar,
+ Wie einsten deines Munds
+ Lautleise Stimme war?
+
+ Sahst du, sahst du allweg
+ So klar ins Angesicht
+ Der Sonne, wie dereinst
+ Der Kindesaugen Licht?
+
+ Ich blicke, Sichel, auf
+ Zu deiner weißen Pracht;
+ Tief, tief bin ich betrübt
+ Oft in der stillen Nacht.
+
+
+
+
+Emanuel von Bodman.
+
+Geboren am 23. Januar 1874 zu Friedrichshafen am Bodensee. -- Erde 1896.
+Neue Lieder 1902. Der Wanderer und der Weg 1908.
+
+
+Der Garten.
+
+ Das rote Weinlaub hängt von Sonne voll,
+ Ich trete ohne Schmerz in deinen Garten,
+ Nach langer Zeit. Auf dieser Holzbank schwoll
+ Einst unser junges Sehnen, und wir starrten
+ In manche blaue Nacht. Nun bist du tot
+ Drei bunte Jahre. Die Kastanien fallen.
+ Nun ist mir, fühle ich ihr braunes Rot,
+ Es müßten deine leichten Tritte hallen.
+ Noch fließt der alte Tropfsteinquell so klar,
+ Und mächtig drückt mich eine süße Schwere,
+ Als ob der irre Duft von deinem Haar
+ Noch irgendwo in diesen Büschen wäre.
+
+
+Meine Mutter ...
+
+ Meine Mutter sang
+ Über meine Wiege,
+ Bis zu Flur und Stiege
+ Flog der süße Klang.
+
+ Meine Mutter wand
+ Garn im Sonnenscheine,
+ Und sie hatte eine
+ Zarte weiße Hand.
+
+ Mutter war sehr schön,
+ Hör' ich alle sagen,
+ Und ich will nicht klagen,
+ Daß ich's nicht gesehn.
+
+
+Flocken.
+
+ Leise, leise fallen weiße Flocken,
+ Fall'n wie einstens, als dein Fuß mit Beben
+ In mein Haus trat, als ich hell erschrocken
+ Ahnte, daß ein Wunder sich begeben ...
+
+ Als der Nachthauch unsre Pulse kühlte,
+ Droben lichte Kinderstimmen klangen ...
+ Als ich deine schauernden Arme fühlte,
+ Die so einzig meinen Hals umschlangen ...
+
+ Als ein trunkner Schrei aus meiner Kehle
+ Fuhr, der lang' in meinem Haus gewaltet ...
+ Als zum ersten Male deine Seele
+ Ihre Zitterflügel froh entfaltet ...
+
+
+Wandlung.
+
+ Das Leben, glaubte ich, sei rot von Rosen,
+ Man brauche nur in sein Gestrüpp zu greifen,
+ Um hunderte an einem Tag zu streifen ...
+ Wohl griff ich Rosen, mehr noch Herbstzeitlosen.
+
+ Die Wünsche warf ich weg; sie narrn mich nimmer.
+ Ist so mein Herz um manche Hoffnung leerer,
+ Ist es dafür um eine Weisheit schwerer,
+ Und mich belebt ein heller, harter Schimmer.
+
+ Ich blicke kälter. Doch: schenkt mir im Wandern
+ Das Leben plötzlich eine Rose wieder,
+ Dann blicke ich wie trunken auf sie nieder:
+ Sie glänzt ja röter als die hundert andern.
+
+
+
+
+Walter Calé.
+
+Geboren am 8. Dezember 1881 zu Berlin. Gestorben ebenda am 3. November
+1904. -- Nachgelassene Schriften 1907.
+
+
+Wir tauchten aus dem Strom ...
+
+ Wir tauchten aus dem Strom, der jenseit fließt,
+ Und wo wir eines waren willenlos,
+ Und wandeln nun für eine kurze Weile
+ In argen Fesseln unter Raum und Stunden,
+ Wir gehen Wege, welche weit getrennt sind,
+ Und nur mit Blicken, welche trösten sollen,
+ Von fern uns winkend -- eine kurze Weile,
+ Bis daß wir wieder zu dem Strome tauchen
+ Und wieder eines sind und willenlos.
+
+
+Der Tod wird uns ...
+
+ Der Tod wird uns an seine Hände nehmen,
+ Ein Führer jener Seelen, welche irrten,
+ Und sprechen: »Dieses ist der rechte Weg!«
+ Und weiter sprechen: »Dieses ist das Land,
+ Nach welchem ihr Verlangen habt und Tränen.«
+ Dann aber werden wir die Blicke senken
+ Und voller Trauer fragen: »Dieses nur?«
+
+
+Es rinnen rote Quellen ...
+
+ Es rinnen rote Quellen
+ Um mein gesegnet Haus;
+ Es tränkt ein schwarzer Reiter
+ Sein schwarzes Roß daraus.
+
+ Er lehnt schon hundert Jahre
+ Vor meinem runden Tor;
+ Die Zeit wird ihm nicht lange,
+ Ich komme nie hervor.
+
+ Es braucht nur dreier Schritte,
+ So kann ich bei ihm stehn,
+ So kann ich mit ihm reiten,
+ Wie meine Wünsche gehn.
+
+ Das ist so schön zu wissen!
+ Ich sag' es tausendmal:
+ »Es wartet einer draußen!«
+ Und bleibe doch im Saal.
+
+ Der Reiter schläft im Schatten,
+ Sein Panzerhemd blinkt gut;
+ Dem Rappen ist sehr schläfrig,
+ Mir ist sehr froh zumut!
+
+
+Zwiegespräch.
+
+ Der Sänger:
+ Die andern sprachen deinem Herzen vieles,
+ Nur meine Lippen blieben stumm, vergib,
+ Vor lauter Seligkeiten, da du kamest.
+
+ Beatrix:
+ Du irrest, Bruder, und ich hörte dich!
+
+ Der Sänger:
+ Ich irre nicht, die Lippen blieben stumm,
+ Vor lauter Seligkeiten ohne Worte.
+
+ Beatrix:
+ Du irrest, Bruder, und ich hörte dich:
+ Die Lippen nicht, ich hörte deine Seele.
+
+ Der Sänger:
+ Ich irre nicht, die Seele blieb verstummt,
+ Und keine Worte kamen von der Seele.
+
+ Beatrix:
+ Du irrest, Bruder, und ich hörte dich,
+ Ich hörte deine stumme Seele singen.
+
+
+Du träumtest ...
+
+ Du träumtest dieses Lebens Wirren ferne,
+ Und durch den Traum nur drang ein Laut der Erde
+ Und kam und ging gleich einem Wanderer,
+ Von dessen Schritte nachts die Straßen hallen,
+ Der deinem Fenster so vorübergeht,
+ Daß nur ein Hallen dir von ihm bekannt,
+ Sein Antlitz nicht und seines Leibes Wuchs
+ Und seine Seele nicht und seine Stimme;
+ Er geht vorüber, und der Schritt verhallt,
+ Auf deinem Lager horchst du eine Weile:
+ »Wer ging vorüber ..?« -- Dann entschlummerst du.
+
+
+Der Heimweg führte mich ...
+
+ Der Heimweg führte mich in dieser Nacht
+ Zum Parke, welcher voller Stille lag,
+ Und viele dürre Blätter raschelten.
+ Und zwischen zweien hohen dunkeln Stämmen
+ Erschien es mir und war mir wohlbekannt
+ Und weinte auch und nickt' und lockte sehr;
+ Doch als der Wind ein wenig lauter klagte,
+ Zerrann es ...
+
+
+Am Flusse.
+
+ Trauernd stehst du an des Flusses Rande,
+ Trauernd führt mein Weg am andern Ufer:
+ Keiner weiß, ob ihn der andre riefe;
+ Allzu heftig rauschen die Gewässer.
+
+ Wollen wir ein Boot vom Strande ketten,
+ Du vom rechten, ich vom linken Strande?
+ Wollen wir dann in des Stromes Mitte
+ Leichten Ruderschlages uns begrüßen?
+
+ Wollen wir die Wasser abwärts gleiten,
+ Boot an Boot, und nur gelinde lächelnd,
+ Bis das Meer in großem Glanz sich auftut
+ Und wir stehn und beide weinen müssen?
+
+
+Und abermals wirst du ...
+
+ Und abermals wirst du geboren werden
+ Auf andern Sternen, deiner selbst nicht kundig,
+ Und wirst die Wege gehen allen Lebens,
+ In Schmerzen bald und manches Mal in Lächeln.
+ Doch steigt aus Dämmerungen einer Nacht
+ Gleichwie aus Schächten, die verschüttet sind,
+ Ein Bildnis auf, ein Schatten und ein Ruf,
+ So wisse du: Der Bruder ruft nach dir,
+ Der abermals dem Tode sich entrang
+ Gleich dir und abermals das Leben wandelt
+ Auf andern Sternen fern und trauervoll.
+
+
+Die Andern.
+
+ Wir haben wohl ein Lachen um die Lippen
+ Und gehen gleichen Mutes durch das Leben,
+ Und ihr in Tränen und Erschütterung;
+ Und eines Tages ist es dann geschehen:
+ Als eure Tränen immer heißer strömten,
+ Die müden Häupter immer tiefer sanken,
+ Da waren euch die Schwingen längst gewachsen,
+ Da waret ihr im Äther längst entschwunden,
+ Da wußten wir und brannten allzu wissend:
+ Daß Glückes mehr in euern Tränen sei
+ Als in dem Lachen unsrer armen Seele.
+
+
+
+
+Hermann Conradi.
+
+Geboren am 12. Juli 1862 zu Jeßnitz in Anhalt, studierte in Berlin,
+Leipzig und Würzburg besonders Philosophie und Germanistik und starb in
+Würzburg am 8. März 1890. -- Lieder eines Sünders 1887.
+
+
+Aus den »Schwarzen Blättern«.
+
+XIII.
+
+ Ich weiß -- ich weiß: Nur wie ein Meteor,
+ Das flammend kam, jach sich in Nacht verlor,
+ Werd' ich durch unsre Dichtung streifen!
+ Die Laute rauscht. Es jauchzt wie Sturmgesang, --
+ Wie Südwind kost -- es gellt wie Trommelklang
+ Mein Lied und wird in alle Herzen greifen ...
+
+ Dann bebt's jäh aus in schriller Dissonanz ...
+ Die Blüten sind verdorrt, versprüht der Glanz --
+ Es streicht der Abendwind durch die Zypressen ...
+ Nur wenige weinen ... Sie verstummen bald.
+ Was ich geträumt: sie geben ihm Gestalt --
+ Ich aber werde bald vergessen ...
+
+IV.
+
+ Im Sklavendienst der Lüge
+ Hab' ich den Tag verbracht ...
+ Nun hat den Gnadenschleier leis
+ Herabgesenkt die Nacht.
+
+ Es schweigt verträumt die Runde,
+ Nur raunend der Nachtwind rauscht --
+ Ich aber mit brennendem Munde
+ Habe Stunde um Stunde
+ Mit Geistern aus nächtigem Grunde
+ Wilde Zwiesprach' getauscht!
+
+ Hei! Wie er mich umflattert,
+ Der Geister toller Schwarm!
+ Wie er mich preßt mit dunkler Lust
+ In seinen Riesenarm!
+ Wie Frage er auf Frage
+ In meine Seele schreit!
+ Und ob ich bang verzage,
+ Die Brust mir blutig schlage
+ Und bete, daß es tage:
+ Wie ist der Tag so weit!
+
+
+Sommerrosen.
+
+ Ich wollte dich mit Rosen überschütten,
+ Mit roten Rosen dein goldbraunes Haar
+ Und deines Mieders Knospenrundung schmücken ...
+
+ Als noch der Lenz mit süßem Veilchenodem,
+ Ein milder Sieger, durch die Lande schritt,
+ Sprach ich zu dir: Geliebte! Hat sein Mund
+ Mit letztem heißem Abschiedskuß die Rose,
+ Die rote Sommerrose, aufgebrochen,
+ Dann will ich zu dir kommen und mit Rosen,
+ Mit roten Rosen deine Schönheit krönen ...
+
+ Nun kam der Sommer ... Und der Rosen Fülle
+ Seh' ich allorts und alle Stunden blühn ...
+ Die ganze Welt scheint ihrer Macht verfallen,
+ Und ihre Keusche wirbt Vasallen um Vasallen ...
+ Selbst einen Bettler sah ich heute lächeln,
+ Als sein vertränter Blick von ungefähr
+ Auf einen Korb mit roten Rosen fiel ...
+
+ Ich kauf' sie in der ganzen Stadt zusammen
+ Und schütte sie auf tote Liebesflammen ...
+ -- -- --
+ Nun schmückt ein andrer wohl dein Knospenmieder,
+ Und morgen wohl begegne ich euch beiden ...
+ Ich blick' euch lächelnd nach ...
+ Und denke ganz aus Zufall
+ Bei der Gelegenheit an einen Frühlingstag,
+ Da wir uns sahn ... Am Abend dann
+ Schlug uns die Nachtigall in ihren Bann,
+ Umduftete uns süß der Flieder ...
+
+ Wir aber liebten uns ...
+ -- -- --
+
+
+Lenz.
+
+ Wie ich mich auf den Frühling freue!
+ Wie mir das Alte und doch so Neue
+ Schon im tiefsten Winter die Seele bewegt!
+ Noch ist's erst Weihnacht! Noch atmet der Winter
+ Aus vollen Lungen!
+ Und doch ist's mir, als ob schon dahinter
+ Sehnsuchtsbezwungen
+ Leise, ganz leise der Lenz sich regt ...
+
+
+Mein Blick, nun weide dich ...
+
+ Mein Blick, nun weide dich zum letztenmal
+ An dieses Frühlings satter Blütenfülle!
+ Voll Inbrunst sauge dieser Sonne Strahl --
+ Mein Herz, sei stille! ...
+
+ Erschweig bewundernd vor dem Werdedrang!
+ Was dich erfüllt, den Winden gib's zum Raube! ...
+ Ob dir der Hoffnung goldnes Sieb zersprang --
+ Dir blieb der Glaube! ...
+
+ O glaube eine winzige Weile nur,
+ Daß diese Botschaft auch für dich gebracht ward!
+ Umfaß noch einmal trunken die Natur,
+ Bevor es Nacht ward! ...
+
+ Auf meinen Scheitel streut der Frühlingswind
+ Mattweiße Blüten -- eine letzte Krönung -- -- --
+ Ich bin so fromm und heiter wie ein Kind ...
+ Und voll Versöhnung ...
+
+
+Die müde schon verglühte ...
+
+ Die müde schon verglühte,
+ Die leise schon verklang,
+ Jach ist sie wieder aufgeflammt
+ In jauchzendem Gesang!
+ Wie Zimbelton, wie Lautenschlag
+ Ward meine Liebe wieder wach,
+ Die müde schon verglühte,
+ Die leise schon verklang ...
+
+ Und heller tönt ihr Rauschen,
+ Wie junger Frühlingswind,
+ Wenn er in heißem Schöpferdrang
+ Die Welt dem Licht gewinnt!
+ Und das Prophetenwort erläßt,
+ Daß nun der Menschheit Osterfest --
+ Ja! Heller tönt ihr Rauschen,
+ Wie junger Frühlingswind!
+
+ Und wie durch Nebelschleier
+ Die Sonne siegreich bricht,
+ Der jungen Flur ein goldnes Band
+ Ums Lockenantlitz flicht:
+ So überglänzt mit Purpurschein
+ Die Liebe nun mein ganzes Sein,
+ Gießt goldne Feuer nieder
+ Und wirbt um neue Lieder ...
+
+ Und nah und ferne quellen
+ Blitzende Wellen empor
+ An meinem Lebenshorizont
+ Aus Dunst und Wolkenflor!
+ Gedanken, die mir nie genaht,
+ Und Pfade, die ich nie betrat,
+ Entsteigen verborgenen Gründen,
+ Heilige Kraft zu entzünden!
+
+ Die leise schon verklungen,
+ Die müde schon verglüht:
+ Wild ist sie wieder aufgeflammt,
+ Im Lenzsturm stark erblüht!
+ Und lag ich nieder staubbedeckt,
+ So hab' ich mich nun aufgereckt,
+ Und die Gedanken schweifen
+ In großem Weltbegreifen!
+
+
+Im Vorüberfluge.
+
+ Mit metallhartem Rotgelb
+ Hat sich des Himmels
+ Westliche Wölbung beflammt.
+
+ Mein Auge starrt staunend
+ In die leuchtende Blende,
+ Die wachsend fortglüht,
+ Als sei nimmer ihr Ende
+ Die lichtlose Nacht ...
+
+ Da streift die brennende
+ Lichtwand ein Fittich --
+ Der nachtschwarze Fittich
+ Eines Dämmerungsvogels ...
+ Eine kleine Spanne --
+ Und die Weite verschlang ihn.
+
+ Also trägt auch der Mensch
+ Mit schwankem Fittich
+ Sein zwielichtbefangenes Sein
+ Vorüber an der stetig leuchtenden
+ Kristallwand der Ewigkeit ...
+
+ Er huscht dahin
+ Ein Traum -- ein Wahn --
+ Auf schmaler Bahn --
+ So bald -- so bald
+ Raubt seiner Gestalt
+ Schattengefüge
+ Des Nichtseins
+ Farblose Wahrheitslüge.
+
+ Aber im Fluge --
+ Im Vorüberfluge --
+ Ahnt er das Rätsel
+ Der stetig und still
+ In sattem Glanze
+ Fortdauernden Ewigkeit ...
+
+
+
+
+Theodor Däubler.
+
+Geboren am 17. August 1876 zu Triest. -- Das Nordlicht 1910. Der
+sternhelle Weg 1915. Hymne an Italien 1916. Das Sternenkind 1917.
+
+
+Weg.
+
+ Mit dem Monde will ich wandeln:
+ Schlangenwege über Berge
+ Führen Träume, bringen Schritte
+ Durch den Wald dem Monde zu.
+
+ Durch Zypressen staunt er plötzlich,
+ Daß ich ihm entgegengeh,
+ Aus dem Ölbaum blaut er lächelnd,
+ Wenn mich's friedlich talwärts zieht.
+
+ Schlangenwege durch die Wälder
+ Bringen mich zum Silbersee:
+ Nur ein Nachen auf dem Wasser,
+ Heilig oben unser Mond.
+
+ Schlangenwege durch die Wälder
+ Führen mich zu einem Berg.
+ Oben steht der Mond und wartet,
+ Und ich steige leicht empor.
+
+
+Die Buche.
+
+ Die Buche sagt: Mein Walten bleibt das Laub.
+ Ich bin kein Baum mit sprechenden Gedanken,
+ Mein Ausdruck wird ein Ästeüberranken,
+ Ich bin das Laub, die Krone überm Staub.
+
+ Dem warmen Aufruf mag ich rasch vertraun
+ Ich fang im Frühling selig an zu reden,
+ Ich wende mich in schlichter Art an jeden:
+ Du staunst, denn ich beginne rostigbraun!
+
+ Mein Waldgehaben zeigt sich sommerfroh.
+ Ich will, daß Nebel sich um Äste legen,
+ Ich mag das Naß, ich selber bin der Regen.
+ Die Hitze stirbt: ich grüne lichterloh!
+
+ Die Winterspflicht erfüll' ich ernst und grau.
+ Doch schütt' ich erst den Herbst aus meinem Wesen.
+ Er ist noch niemals ohne mich gewesen.
+ Da werd' ich Teppich, sammetrote Au.
+
+
+Die Droschke.
+
+ Ein Wagen steht vor einer finstern Schenke.
+ Das viele Mondlicht wird dem Pferd zu schwer.
+ Die Droschke und die Gassenflucht sind leer;
+ Oft stampft das Tier, daß seiner wer gedenke.
+
+ Es halten diese Mähre halb nur die Gelenke,
+ Denn an der Deichsel hängt sie immer mehr.
+ Sie baumelt mit dem Kopfe hin und her,
+ Daß sie zum Warten sich zusammenrenke.
+
+ Aus ihrem Traume scheucht sie das Gezänke
+ Und oft das geile Lachen aus der Schenke.
+ Da macht sie einen Schritt, zur Fahrt bereit.
+
+ Dann meint sie schlafhaft, daß sie heimwärts lenke
+ Und hängt sich an sich selbst aus Schläfrigkeit,
+ Noch einmal poltern da die Droschkenbänke.
+
+
+Heidentum.
+
+ Ich möchte wandern. Nackt verschwinden, schwimmen.
+ Stets weiterschwimmen, Frauen treffen, minnen.
+ Mich geben wie das Wasser: abwärtsrinnen.
+ Die Flut befragen. Schwimmend immer weiter klimmen.
+
+ Im weichen Wasser wohnen Wunderstimmen.
+ Sie wollen mich für ihre Glut gewinnen.
+ Sie sind im Nebel. Noch im Tropfen drinnen.
+ Ganz innen kann auch kaltes Wasser glimmen.
+
+ Die Wellen wollen sich in mich verlieben.
+ Wer ist bei mir geheimnisvoll zugegen?
+ Nur wir! wenn alle Wünsche leicht zerstieben.
+
+ Ich will mich in der Flut zur Ruhe legen,
+ Die Wellen tragen meine Kunden weiter:
+ Selbst alle Schwermut überschäumt sich heiter.
+
+
+Die Russin.
+
+ Ich sah sie einst. Sie stand auf dem Mondlichtbalkone.
+ Der Frühling verblühte in Beeten und Töpfen.
+ Ihr goldenes Haar, eine luftige Krone,
+ Verrankte, verlor sich in offenen Zöpfen.
+
+ Ihr griechisches Doppelkreuz grüßte die Brüste,
+ Die immer zum Kreuz hinan wogten und wallten,
+ Als ob es die Seele sanft wachhalten müßte.
+ Der Mondschimmer kam, ihren Traum zu erhalten.
+
+ Bald lachten die Sicheln fast männlicher Zähne.
+ Sie glänzten hinaus zu den horchenden Sternen.
+ Es trug schon die Nacht ihre feurige Mähne,
+ Sie schwang sich als Stute durch Steppen und Fernen.
+
+ Die Augen der Russin vermuteten Meere.
+ Sie regten sich stets in der furchtbaren Stille.
+ Es nahte ein Augenblick schrecklicher Leere,
+ Doch unentwegt zuckte die goldne Pupille.
+
+ Dann schenkte die Ebne sich kühlende Winde.
+ Die Russin erwachte und spürte die Kälte.
+ Zitternd zerband sie die Fenstergewinde,
+ Versperrte sich, schwand. Und ein ferner Hund bellte.
+
+
+
+
+Max Dauthendey.
+
+Geboren am 25. Juli 1867 zu Würzburg, gestorben im Herbst 1918 auf Java.
+-- Reliquien 1900. Singsangbuch 1907. Insichversunkene Lieder im Laub
+1908. Der weiße Schlaf 1909. Lusamgärtlein 1909. Weltspuk 1910. Des
+großen Krieges Not 1915.
+
+
+Laß mich in deinem stillen Auge ...
+
+ Laß mich in deinem stillen Auge ruhen,
+ Dein Auge ist der stillste Fleck auf Erden.
+
+ Es liegt sich gut in deinem dunkeln Blick,
+ Dein Blick ist gütig wie der weiche Abend.
+
+ Vom dunkeln Horizont der Erde
+ Ist nur ein Schritt hinüber in den Himmel,
+ In deinem Auge endet meine Erde.
+
+
+Graue Engel ...
+
+ Graue Engel gehen um mich,
+ Sehen trauernd auf dich, meine Seele,
+ Sie stehen mit lahmen Flügeln
+ An Aschenhügeln und sinnen;
+ Draußen und drinnen ist es Abend, meine Seele.
+
+
+Am süßen lila Kleefeld ...
+
+ Am süßen lila Kleefeld vorbei,
+ Zu den Tannen, den zwei,
+ Mit der Bank inmitten,
+ Dort zieht wie ein weicher Flötenlaut
+ Der sanfte Fjord,
+ Blau im Schilfgrün ausgeschnitten.
+
+ Gib mir die Hand.
+ Die beiden Tannen stehen so still,
+ Ich will dir sagen,
+ Was die Stille rings verschweigen will.
+ Gib mir die Hand ...
+ Gib mir in deiner Hand dein Herz.
+
+
+Winde quälen die Bäume ...
+
+ Winde quälen die Bäume,
+ Die Blätter frieren und gilben.
+
+ Menschen, noch braun die Sommerwangen,
+ Aber die Lippen sangen die letzten Silben.
+ Bald ist das Lied zergangen.
+
+
+Die Amseln haben ...
+
+ Die Amseln haben Sonne getrunken,
+ Aus allen Gärten strahlen die Lieder,
+ In allen Herzen nisten die Amseln,
+ Und alle Herzen werden zu Gärten
+ Und blühen wieder.
+
+ Nun wachsen der Erde die großen Flügel,
+ Und allen Träumen neues Gefieder,
+ Alle Menschen werden wie Vögel
+ Und bauen Nester im Blauen.
+
+ Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge,
+ Und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
+ In allen Seelen badet die Sonne,
+ Alle Wasser stehen in Flammen,
+ Frühling bringt Wasser und Feuer
+ Liebend zusammen.
+
+
+Die Luft so schwer ...
+
+ Die Luft so schwer,
+ Wolken stehen weiß und still,
+ Der Himmel hohl und aschenleer,
+ Ein Rabenschrei --,
+ Und kreischt vorbei.
+ Die Bäume stehen kalt umher,
+ Es ist, als ob das letzte Herz gestorben sei.
+
+
+Auf deinem Haupt ...
+
+ Auf deinem Haupt schmolz eine goldenrote Krone,
+ Davon glüht nun dein Haar so goldenrot und stolz.
+ Aus deinen Augen zieht das stille herbe Lied
+ Der tiefen ungeweinten Tränen.
+
+ Schliefen denn niemals Sonnenstrahlen auf deinen Lippen?
+ Man könnte wähnen,
+ Du habest nie dich selbst gesehn,
+ So arm bist du.
+
+
+In deinem Angesicht ...
+
+ In deinem Angesicht
+ Schwebt Stille.
+ Stille, welche in sommerschweren Wäldern lebt,
+ Auf abendblauem Berge,
+ Und im Blumenkelche.
+ Eine Stille, warm und licht,
+ Die ohne Laut vornehme Laute spricht.
+
+
+Unsere Augen ...
+
+ Unsere Augen so leer,
+ Unsere Küsse so welk,
+ Wir weinen und schweigen,
+ Unsere Herzen schlagen nicht mehr.
+
+ Die Schwalben sammeln sich draußen am Meer
+ Die Schwalben scheiden,
+ Sie kommen wieder,
+ Aber nie mehr uns beiden.
+
+
+Stille weht ...
+
+ Stille weht in das Haus,
+ Fühlst du den Atem des Mondes,
+ Löse dein Haar,
+ Lege dein Haupt in den Blauschein hinaus.
+ Hörst du, das Meer unten am Strand
+ Wirft die Schätze ans Land;
+ Sonst wuchsen im Mond Wünsche, ein Heer,
+ Seit ich dein Auge gesehn, ist die Mondnacht wunschleer.
+
+
+Die Sommernacht ...
+
+ Die Sommernacht, und andachtvoll der dunkle Garten
+ Und schwer zufrieden mit den reichen Bäumen.
+ Derselbe Mond, der all die großen Bäume klein gesehen,
+ Vor dem die dunkeln Blätter staunend glänzen,
+ Unwissend stumm gekommen, unwissend stumm vergehen.
+
+ Der dunkle Garten, draus ein kalter Atem weht,
+ Sehr kühl vom kaltgewordnen Schweiß der Erde.
+ Und immer kommt und geht darin der Mond
+ Und wird nicht müde, nie, und kommt und geht.
+ Doch auszudenken, daß wir müde einst
+ Für immer gehn, unwissend mit uns selbst.
+
+
+Drinnen im Strauß.
+
+ Der Abendhimmel leuchtet wie ein Blumenstrauß,
+ Wie rosige Wicken und rosa Klee sehen die Wolken aus.
+ Den Strauß umschließen die grünen Bäume und Wiesen,
+ Und leicht schwebt über der goldenen Helle
+ Des Mondes Sichel wie eine silberne Libelle.
+ Die Menschen aber gehen versunken tief drinnen im Strauß,
+ Wie die Käfer trunken, und finden nicht mehr heraus.
+
+
+Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein.
+
+ Ich möchte mir Freuden wie aus roten Steinbrüchen brechen,
+ Möchte Brücken schlagen tief in die Wolken hinein;
+ Möchte mit Bergen sprechen wie Glocken in hohen Türmen,
+ Wie Laubbäume ragen und mit den Frühlingen stürmen
+ Und wie ein dunkler Strom der Ufer Schattenwelt tragen.
+ Fiel gern als Abenddunkel in alle Gassen hinein,
+ Drinnen Burschen die Mädchen suchen und fassen.
+ Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein
+ Und von Liebe und Sehnsucht niemals vergessen.
+
+
+Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht.
+
+ Die Dunkelheit hat alle Wege mit Toren zugemacht:
+ Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht.
+ Die Sterne kommen still den Berg ganz nah herauf,
+ Manchmal da atmet tief ein Sternlicht auf.
+ Ein großer Baum streckt seine Krone himmelan,
+ Als ob die Nacht ihn weit fortrücken kann.
+
+ Doch alle Dinge sind nur wie die Schatten
+ Vom Tag und von Gedanken und von Taten.
+ Und alle Dinge sind stumm und verblichen,
+ Als wären sie verstohlen ausgewichen.
+ Sie alle haben nur verschwinden müssen,
+ Damit die scheuen Lippen sich finden und küssen.
+
+
+Der Mond ist wie eine feurige Ros'.
+
+ Der Mond geht groß aus dem Abend hervor,
+ Steht über dem Schloß und dem Gartentor
+ Und läßt sanft glühend die Erde los.
+ Der Mond ist wie eine feurige Ros',
+ Die meine Liebste im Garten verlor.
+
+ Mein Schatten an den steinernen Wänden
+ Geht hinter mir wie ein dienender Mohr.
+ Ich werde den Mohren hinsenden,
+ Er hebe die Rose vorsichtig auf
+ Und bringe sie ihr in den dunklen Händen.
+
+
+Nachtstürme reiten die Bäume krumm.
+
+ Statt der Blumen und Blätter, die sich sonst regen,
+ Steht Reisigholz stumm auf allen Wegen.
+ Am Himmel gehen Nebel und Nässe um,
+ Und Nachtstürme reiten die Bäume krumm.
+
+ Ich stehe hinter Fensterscheiben verloren,
+ Die alten Lieder sind nur Träume hinter sieben Toren.
+ Die Geliebte ging weit in den Nebel fort,
+ Nichts blieb als in den Ohren ihr Liebeswort.
+
+
+Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier?
+
+ Wer hat die Wolken zerbeult?
+ Wer heult vom Berg wie von einem Turm?
+ Wer hat in der Brust solch zwiefachen Sturm?
+ Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier?
+ Wer ist es, der draußen wild aufstöhnen muß?
+ Wem ist seine Qual hell wütend Genuß?
+ Und wer verflucht sich finster und stier?
+ Ist es die Nacht?
+ Oder ein Stück Schatten von mir?
+
+
+Die Berge werden wie dunkle Kissen.
+
+ In der gelben und grünlichen Abendhelle
+ Gehn finsternde Wolken nicht von der Stelle.
+ Übern Fluß kommt der Hunde verhetztes Gebelle.
+
+ Noch immer sind Schritte am Pflaster draußen.
+ Sie kommen und gehen in kurzen Pausen,
+ Als ob da Schritte ohne Menschen hausen.
+
+ Die Berge werden wie dunkle Kissen,
+ Drauf ruhn die Abendstunden, welche die Sonne vermissen.
+ Der Himmel steht wie ein sehnsüchtig Aug' hell aufgerissen.
+
+
+
+
+Jakob Julius David.
+
+Geboren am 6. Februar 1859 zu Weißkirchen in Mähren, studierte deutsche
+Philologie in Wien, lebte daselbst als Schriftsteller und starb am 20.
+November 1906. -- Gedichte 1892.
+
+
+Mein Lied.
+
+ Ich weiß, mein Lied wird nie gesungen
+ Von jungen Stimmen hell im Chor;
+ Doch sagt's, vom Dämmern lind bezwungen,
+ Vielleicht ein Träumer gern sich vor.
+ Ob vieles zur Vollendung fehle,
+ Er hört, in Lauten trüb und bang,
+ Das Atmen einer müden Seele,
+ Die hart um Licht und Leben rang.
+
+ Es dunkelt. Und wenn lind und leise
+ So Form wie Farbe rings verschwimmt,
+ Erklingt in meiner Brust die Weise,
+ So dämmerfroh und unbestimmt.
+ Und wenn dann, tief in seinem Innern,
+ Ein Abglanz meines Leids ersteht,
+ Soll er des Dichters sich erinnern,
+ Des Name längst im Wind verweht ...
+
+
+Im Volkston.
+
+ Ich hab' kein Haus, ich hab' kein Nest,
+ Ich hab' kein Hochzeit und kein Fest;
+ Ich hab' kein Hof, ich hab' kein Feld,
+ Ich hab' kein Heimat auf der Welt.
+ Am Himmel selbst der Schauerstrich,
+ Den fürchten sie nicht so wie mich;
+ Mir geht's nicht gut, mir geht's nicht schlecht --
+ Und so, gerade so ist's recht ...
+
+
+Nacht.
+
+ Schon deckt beschattend dein Gefieder
+ Des Tages Licht, du nahst mit Macht.
+ Auf starken Schwingen steigst du nieder,
+ Du meine Mutter, stolze Nacht!
+ Nun öffnen sich der Seele Pforten,
+ So streng geschlossen kaum zuvor,
+ Und meinem Weh und seinen Worten
+ Leihst du dein mir geneigtes Ohr.
+
+ Nun stehn die Gassen öd' und düster
+ Und, wie in ewig regem Leid,
+ Haucht sein verhallendes Geflüster
+ Dein Wind durch deine Einsamkeit;
+ Nun birgt das Kleine ernst dein Schleier --
+ Den Blick beirrt' es kaum zuvor --
+ Doch riesenhaft und ungeheuer
+ Wächst wahrhaft Großes nun empor.
+
+ Ich liebe dich, bin dir entsprungen,
+ Und feind dem Tag, so laut und dreist!
+ Das Wenige, das mir gelungen,
+ Du gabst es dem verwandten Geist;
+ Dein Anhauch ist es, der zur Lohe
+ Der Seele trübes Licht entfacht --
+ Sei mir willkommen, ernste hohe,
+ Sei mir gegrüßt, ersehnte Nacht!
+
+
+
+
+Richard Dehmel.
+
+Geboren am 18. Nov. 1863 zu Wendisch-Hermsdorf in der Mark Brandenburg.
+Absolvierte das Gymnasium zu Danzig, studierte 1882-87 Philosophie,
+Naturwissenschaft und Sozialökonomie, wohnte zunächst in Berlin, reiste
+dann im Ausland, lebte in Blankenese bei Hamburg und starb dort am 8.
+Februar 1920. -- Erlösungen 1891. Aber die Liebe 1893. Lebensblätter
+1895. Weib und Welt 1896. Ausgewählte Gedichte 1901. Zwei Menschen 1903.
+Verwandlungen der Venus 1907. Schöne wilde Welt 1913.
+
+
+Die Harfe.
+
+ Unruhig steht der hohe Kiefernforst;
+ Die Wolken wälzen sich von Ost nach Westen.
+ Lautlos und hastig ziehn die Krähn zu Horst;
+ Dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen,
+ Und dumpfer tönt mein Schritt.
+
+ Hier über diese Hügel ging ich schon,
+ Als ich noch nicht den Sturm der Sehnsucht kannte,
+ Noch nicht bei euerm urweltlichen Ton
+ Die Arme hob und ins Erhabne spannte,
+ Ihr Riesenstämme rings.
+
+ In großen Zwischenräumen, kaum bewegt,
+ Erheben sich die graugewordnen Schäfte;
+ Durch ihre grüngebliebnen Kronen fegt
+ Die Wucht der lauten und verhaltnen Kräfte
+ Wie damals.
+
+ Und _eine_ steht, wie eines Erdgotts Hand
+ In fünf gewaltige Finger hochgespalten;
+ Die glänzt noch goldbraun bis zum Wurzelstand
+ Und langt noch höher als die starren alten
+ Einsamen Stämme.
+
+ Durch die fünf Finger geht ein zäher Kampf,
+ Als wollten sie sich aneinanderzwängen;
+ Durch ihre Kuppen wühlt und spielt ein Krampf,
+ Als rissen sie mit Inbrunst an den Strängen
+ Einer verwunschnen Harfe.
+
+ Und von der Harfe kommt ein Himmelston
+ Und pflanzt sich mächtig fort von Ost nach Westen.
+ Den kenn' ich tief seit meiner Jugend schon:
+ Dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen:
+ Komm, Sturm, erhöre mich!
+
+ Wie hab' ich mich nach einer Hand gesehnt,
+ Die mächtig ganz in meine würde passen!
+ Wie hab' ich mir die Finger wund gedehnt!
+ Die ganze Hand, die konnte niemand fassen!
+ Da ballt' ich sie zur Faust.
+
+ Ich habe mit Inbrünsten jeder Art
+ Mich zwischen Gott und Tier herumgeschlagen.
+ Ich steh' und prüfe die bestandne Fahrt:
+ Nur _eine_ Inbrunst läßt sich treu ertragen:
+ Zur ganzen Welt.
+
+ Komm, Sturm der Allmacht, schüttel den starren Forst!
+ Schüttelst auch mich, du urweltliches Treiben.
+ In scheuen Haufen ziehn die Krähn zu Horst;
+ Gib mir die Kraft, einsam zu bleiben,
+ Welt! --
+
+
+Sommerabend.
+
+ Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur;
+ Fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert,
+ Im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur,
+ Ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert.
+
+ Vom Wiesengrunde naht ein Glockenton,
+ Ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde;
+ Im stillen Walde steht die Dämmrung schon,
+ Der Hirte sammelt seine satte Herde.
+
+ Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm,
+ Die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden;
+ Nur noch die Grillen geigen ihren Psalm.
+ So sei doch _froh_, mein Herz, in all dem Frieden!
+
+
+Aus banger Brust.
+
+ Die Rosen leuchten immer noch,
+ Die dunkeln Blätter zittern sacht;
+ Ich bin im Grase aufgewacht,
+ O kämst du doch,
+ Es ist so tiefe Mitternacht.
+
+ Den Mond verdeckt das Gartentor,
+ Sein Licht fließt über in den See,
+ Die Weiden warten still empor,
+ Mein Nacken wühlt im feuchten Klee;
+ So liebt' ich dich noch nie zuvor!
+
+ So hab' ich es noch nie gewußt,
+ So oft ich deinen Hals umschloß
+ Und blind dein Innerstes genoß,
+ Warum du so aus banger Brust
+ Aufstöhntest, wenn ich überfloß.
+
+ O jetzt, o hättest du gesehn,
+ Wie dort das Glühwurmpärchen kroch!
+ Ich will nie wieder von dir gehn!
+ O kämst du doch!
+ Die Rosen leuchten immer noch.
+
+
+ [Illustration: Richard Dehmel]
+
+
+Ein Stelldichein.
+
+ So war's auch damals schon. So lautlos
+ Verhing die dumpfe Luft das Land,
+ Und unterm Dach der Trauerbuche
+ Verfingen sich am Gartenrand
+ Die Blütendünste des Holunders;
+ Stumm nahm sie meine schwüle Hand,
+ Stumm vor Glück.
+
+ Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld!
+ Du blasses Licht da drüben im Geschwele,
+ Was stehst du wie ein Geist im Leichentuch --
+ Lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele!
+ Was starrst du mich so gottesäugig an?
+ Ich brach sie nicht! sie tat es selbst! Was quäle
+ Ich mich mit fremdem Unglück ab ...
+
+ Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,
+ Die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,
+ Der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken.
+ Still hängt das Laub am feuchten Strauch,
+ Als hätten alle Blätter Gift getrunken;
+ So still liegt sie nun auch.
+ Ich wünsche mir den Tod.
+
+
+Ein Grab.
+
+ Das sind die Abende, die bleich verfrühten.
+ Die Georginen, die im Sonnenscheine
+ Wie rot und gelbe letzte Rosen glühten,
+ Stehn fahl, Rosetten aus verfärbtem Steine.
+ Der Nebel klebt an unsern Hüten.
+
+ Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz
+ Umgittert _eine_, die zu früh verblich.
+ Komm heim; mich friert. Sie liebte mich.
+ Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz;
+ Still tat sie wohl, still litt sie Schmerz.
+
+
+Stiller Gang.
+
+ Der Abend graut; Herbstfeuer brennen.
+ Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei.
+ Kaum ist mein Weg noch zu erkennen.
+ Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen.
+ Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei.
+ Vorbei.
+
+
+Die stille Stadt.
+
+ Liegt eine Stadt im Tale,
+ Ein blasser Tag vergeht;
+ Es wird nicht lange dauern mehr,
+ Bis weder Mond noch Sterne,
+ Nur Nacht am Himmel steht.
+
+ Von allen Bergen drücken
+ Nebel auf die Stadt;
+ Es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,
+ Kein Laut aus ihrem Rauch heraus,
+ Kaum Türme noch und Brücken.
+
+ Doch als den Wandrer graute,
+ Da ging ein Lichtlein auf im Grund;
+ Und durch den Rauch und Nebel
+ Begann ein leiser Lobgesang
+ Aus Kindermund.
+
+
+Manche Nacht.
+
+ Wenn die Felder sich verdunkeln,
+ Fühl' ich, wird mein Auge heller;
+ Schon versucht ein Stern zu funkeln,
+ Und die Grillen wispern schneller.
+
+ Jeder Laut wird bilderreicher,
+ Das Gewohnte sonderbarer,
+ Hinterm Wald der Himmel bleicher,
+ Jeder Wipfel hebt sich klarer.
+
+ Und du merkst es nicht im Schreiten,
+ Wie das Licht verhundertfältigt
+ Sich entringt den Dunkelheiten.
+ Plötzlich stehst du überwältigt.
+
+
+Geheimnis.
+
+ In die dunkle Bergschlucht
+ Kehrt der Mond zurück.
+ Eine Stimme singt am Wassersturz:
+ O Geliebtes,
+ Deine höchste Wonne
+ Und dein tiefster Schmerz
+ Sind mein Glück --
+
+
+Morgenstunde.
+
+ Ob du wohl auch so schlaflos liegst
+ Und dich in wachen Träumen wiegst,
+ Vor Glück, wie sehr die Sehnsucht brennt?
+ Ich starr ins dunkle Firmament:
+ Der Morgenstern, in großem Bogen,
+ Ist langsam längst heraufgezogen
+ Und läßt mich lächelnd fühlen, was uns trennt.
+
+ Vor meinen schwachen Augen
+ -- Nun weiß ich doch, zu was sie taugen --
+ Strahlt er, je höher her, je flimmernder.
+ Weihnächtig glänzt die graue Stille.
+ O zögre, Alltag! Ohne Brille
+ Sieht man die Welt unendlich schimmernder.
+
+ Schon aber glitzert sein Gezitter blasser;
+ Nun steh' ich auf und geb' der Lilie Wasser,
+ Die du mir gestern heimlich brachtest.
+ Und wenn du mich dafür auslachtest:
+ Sanft nehm' ich sie von ihrer Stätte
+ Und leg' sie auf mein warmes Bette
+ Und fühle lächelnd, wie du nach mir schmachtest.
+
+
+Erhebung.
+
+ Gib mir nur die Hand,
+ Nur den Finger, dann
+ Seh' ich diesen ganzen Erdkreis
+ Als mein Eigen an!
+
+ O, wie blüht mein Land!
+ Sieh dir's doch nur an,
+ Daß es mit uns über die Wolken
+ In die Sonne kann!
+
+
+Bewegte See.
+
+ Noch _einmal so_! Im Nebel durch den Sturm:
+ Das Segel knatterte, die Schiffer schrien,
+ Am Bugspriet stand das Wasser wie ein Turm,
+ Ich fühlte deine Angst in meinen Knien
+ Und sah dein stolz und fremd Gesicht.
+
+ Noch einmal wollte mir dein Auge drohn,
+ Wie eine Flamme stand dein Haar im Winde,
+ Doch in den Wellen rang ein Ton
+ Wie das Gewein von einem Kinde --
+ Da wehrtest du mir nicht:
+
+ Um meine Lippen lag dein naß wild Haar,
+ Um deine Schulter lag mein Arm gezogen,
+ Und unsern Kuß versüßte wunderbar
+ Der Schaum der salzigen Sturzwogen --
+ Da schrie ich laut vor Freude auf.
+
+ Noch _einmal so_! Was tust du jetzt so kalt,
+ Hast du denn Furcht vorm offnen Meere!
+ Es peitscht dich warm! Komm bald, komm bald!
+ Im Hafennebel tanzt die Fähre --
+ Hinaus! hinauf!
+
+
+Nachtgebet der Braut.
+
+ O mein Geliebter -- in die Kissen
+ Bet' ich nach dir, ins Firmament!
+ O könnt' ich sagen, dürft' er wissen,
+ Wie meine Einsamkeit mich brennt!
+
+ O Welt, wann darf ich ihn umschlingen!
+ O laß ihn mir im Traume nahn,
+ Mich wie die Erde um ihn schwingen
+ Und seinen Sonnenkuß empfahn
+
+ Und seine Flammenkräfte trinken,
+ Ihm Flammen, Flammen wiedersprühn,
+ O Welt, bis wir zusammensinken
+ In überirdischem Erglühn!
+
+ O Welt des Lichtes, Welt der Wonne!
+ O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual!
+ O Traum der Erde: Sonne, Sonne!
+ O mein Geliebter -- mein Gemahl --
+
+
+Ideale Landschaft.
+
+ Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn,
+ Und eine hohe Abendklarheit war,
+ Und sahst nur immer weg von mir,
+ Ins Licht, ins Licht --
+ Und fern verscholl das Echo meines Aufschreis.
+
+
+Aus »Zwei Menschen«.
+
+I, 1.
+
+ Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;
+ Der Mond läuft mit, sie schaun hinein.
+ Der Mond läuft über hohe Eichen;
+ Kein Wölkchen trübt das Himmelslicht,
+ In das die schwarzen Zacken reichen.
+ Die Stimme eines Weibes spricht:
+
+ Ich trag' ein Kind, und nit von dir,
+ Ich geh' in Sünde neben dir.
+ Ich hab' mich schwer an mir vergangen.
+ Ich glaubte nicht mehr an ein Glück
+ Und hatte doch ein schwer Verlangen
+ Nach Lebensinhalt, nach Mutterglück
+ Und Pflicht; da hab' ich mich erfrecht,
+ Da ließ ich schaudernd mein Geschlecht
+ Von einem fremden Mann umfangen,
+ Und hab' mich noch dafür gesegnet.
+ Nun hat das Leben sich gerächt:
+ Nun bin ich dir, o dir, begegnet.
+
+ Sie geht mit ungelenkem Schritt.
+ Sie schaut empor; der Mond läuft mit.
+ Ihr dunkler Blick ertrinkt im Licht.
+ Die Stimme eines Mannes spricht:
+
+ Das Kind, das du empfangen hast,
+ Sei deiner Seele keine Last,
+ O sieh, wie klar das Weltall schimmert!
+ Es ist ein Glanz um alles her;
+ Du treibst mit mir auf kaltem Meer,
+ Doch eine eigne Wärme flimmert
+ Von dir in mich, von mir in dich.
+ Die wird das fremde Kind verklären,
+ Du wirst es mir, von mir gebären.
+ Du hast den Glanz in mich gebracht,
+ Du hast mich selbst zum Kind gemacht.
+
+ Er faßt sie um die starken Hüften.
+ Ihr Atem küßt sich in den Lüften.
+ Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.
+
+I, 16.
+
+ Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel.
+ Sonne glitzert auf Schneestaubgewimmel:
+ Ein Schlitten stiebt mit zwei Menschen dahin.
+ Schwarz funkeln die Schellen der silbernen Bügel.
+ Ein Weib schwingt die Peitsche, der Mann führt die Zügel.
+
+ Jetzt reckt er das Kinn:
+ Lea! seit meinen Jugendjahren
+ Bin ich nicht so im Fluge gefahren,
+ So rasend noch nie.
+ Aber noch rasender war's gestern morgen,
+ Als ich im Sturm deinen Namen schrie
+ Und, als wäre mein Gott drin verborgen,
+ Mit ihm rang um dich, Knie an Knie:
+ Schleife mich, Sturmgott, um die Erde,
+ Sei sie unrein, sei sie rein!
+ Gönne mir nur kein Glück am Herde,
+ Hingerissen will ich sein! --
+ Sage mir, du, ich frage dich: schreit
+ _Dein Gott auch so meinen_ Namen?
+ Peitscht dich der Schnee auch wie Frühlingssamen?
+ Kennst du den Wahnsinn dieser Seligkeit?!
+
+ Er reißt ihr die Peitsche weg; die Rappen schäumen schon.
+ Die Zügel schlackern; die Bügel bäumen schon.
+ Das Weib umschlingt ihn fallbereit:
+
+ Nenn's nicht Wahnsinn, nenn's lieber Ahnsinn!
+ Lukas! ich hab' in manchen furchtbaren Wochen
+ Dagelegen wie zerbrochen
+ Und wußte doch: ich will, muß, willmuß fliegen!
+ Ja, Lux: rase! laß brechen, laß biegen!
+ Mir wiegt ein Gefühl der Erleuchtung die Brüste,
+ Als ob es die Sonne blind machen müßte!
+ Und wenn mir der Schneestaub die Augen zerstäche,
+ Und wenn mir dein Sturmgott den Atem bräche,
+ Ich lasse mich wiegen, du -- wiegen -- wiegen --
+
+ Sie starrt verzückt in das wilde Gewimmel.
+ Zwei Menschen glauben sich im Himmel.
+
+I, 23.
+
+ Kaminfeuer und Morgenrotschimmer
+ Schmücken ein hohes Damenzimmer.
+ Ein Weib erhebt aus meergrüner Seide
+ Ihre nackten Arme beide
+ Vor einem Mann breit in die Luft
+ Und lacht, umschwebt von Mandelduft:
+
+ Ich glaub', ich bin noch immer schön;
+ Mein Kind hat mir nichts weggenommen.
+ Und hättst mich eben baden sehn,
+ Du wärst mit mir gen Himmel geschwommen!
+ Was stehst denn wieder wie im Schlaf?
+ O Lux, was bist du für ein -- Schaf!
+
+ Er lächelt eigen, sie merkt es nicht:
+ Er senkt, scheinbar grübelnd, sein scharfes Gesicht.
+ Sein Fuß streichelt ein Eisbärfell.
+ Er fragt halbhell:
+
+ Schönheit? -- das ist mir nichts als Hülle
+ Um irgend eine Liebreizfülle.
+ Der Reiz zur Liebe und zum Leben,
+ Wenn den die Reize einer Gestalt
+ Mir wie aus eigner Seele eingeben,
+ Dann bin ich -- schön in ihrer Gewalt;
+ Sonst sind sie angeflogne Schäume,
+ Nachwehen toter Künstlerträume.
+ Du würdest ja Raffael nicht entzücken:
+ Du bist zu kriegrisch ins Kraut geschossen.
+ Deine dunkle Haut ist voll Sommersprossen.
+ Dein Pferdshaar, dein herrischer Nasenrücken
+ Taugen zu keiner klassischen Ode,
+ Und dein klassisch Kinn ist gar nit mehr Mode.
+ Aber -- jetzt will ich die Augen zudrücken,
+ Will nichts mehr fühlen als deinen Bann,
+ Nichts küssen als deine Wildkatzenstirne;
+ Und wärst du die durchtriebenste Dirne,
+ Du wirst mir eine Heilige dann --
+
+ Prüfend blicken zwei Seelen einander an.
+
+II, 28.
+
+ Und es rauscht nur und weht.
+ Es liegt eine Insel, wohl zwischen grauen Wogen;
+ Es kommen wohl Vögel durch die Glut geflogen,
+ Die blaue Glut, die stumm und stet
+ Die Dünen umschlingt.
+ Da gebiert die Erde im stillen wohl ihr Empfinden
+ Und nimmt ihre Träume und gibt sie den Wellen, den Winden.
+ Die Seele eines Weibes singt:
+
+ O laß mich still so liegen,
+ An deiner Brust, die Augen zu.
+ Ich sehe zwei Wolken fliegen,
+ Die eine Sonne wiegen;
+ Wo sind wir, du? --
+
+ Und es rauscht und weht.
+ Es liegt eine Düne, wohl zwischen tausend andern.
+ Es werden wohl Sterne den blauen Raum durchwandern,
+ Der über den bleichen wilden Hügeln steht
+ Und golden schwingt.
+ Die Seele eines Mannes singt:
+
+ Still, laß uns weiterfliegen,
+ Beide die Augen zu.
+ Ich sehe zwei Meere liegen,
+ Die einen Himmel wiegen.
+ O du --
+
+ Es rauscht, es weht;
+ Über die heißen Höhenzüge geht
+ Höher und höher der goldne Schein
+ Ins Blaue hinein,
+ Wo das Dunkel schwebt.
+ Und aus dem Dunkel herüber, auf großen Wogen,
+ Kommt die Einsamkeit gezogen.
+ Und zwei Seelen singen: Eine Seele lebt,
+ Wohl zwischen den Sternen, den Sonnen, den Himmeln, den Erden,
+ Die will uns wohl endlich leibeigen werden:
+ Es schwellen die Wogen herüber, wie Herzen klingen,
+ Menschenherzen! -- Zwei Seelen singen --
+
+
+
+
+Adolph Donath.
+
+Geboren am 9. Dezember 1876 zu Kremsier in Mähren. -- Tage und Nächte
+1898. Judenlieder 1899. Mensch und Liebe 1901.
+
+
+Tränen.
+
+ Wenn ich leide, wenn ich dulde,
+ Wandern meine kranken Tränen
+ Fort in meine ferne Heimat,
+ Wo die gute Mutter wohnt.
+
+ Und die gute Mutter öffnet
+ Ihre kleinen weichen Hände,
+ Betet für den schwachen Dulder,
+ Der die Tränen heimgesandt.
+
+ Segnend legt sie dann die kranken
+ In ein stilles, feines Kästchen,
+ Das aus Seele sie gezimmert,
+ Das nur sie erschließen kann,
+
+ Und sie pflegt die kranken Tränen
+ Wie ein Gärtner, der sein Leben,
+ Seine edle, stumme Güte
+ Zarten Blütenknospen weiht ...
+
+ Wenn ich einst in Freudestunden
+ Zitternd nach den Tränen frage,
+ Küßt mir meine gute Mutter
+ Schnell den Dank vom Herzen weg.
+
+
+
+
+Albert Ehrenstein.
+
+Geboren am 23. Dezember 1886 zu Wien. -- Die weiße Zeit, 1914. Der
+Mensch schreit, 1916. Die rote Zeit, 1917. Den ermordeten Brüdern, 1918.
+Die Gedichte, Gesamtausgabe, 1920.
+
+
+Auf der hartherzigen Erde.
+
+ Dem Rauch einer Lokomotive juble ich zu,
+ Mich freut der weiße Tanz der Gestirne,
+ Hell aufglänzend der Huf eines Pferdes,
+ Mich freut den Baum hinanblitzend ein Eichhorn,
+ Oder kalten Silbers ein See, Forellen im Bache,
+ Schwatzen der Spatzen auf dürrem Gezweig.
+ Aber nicht blüht mir Freund noch Feind auf der Erde,
+ Ferne Wege gehe ich durch das Feld hin.
+
+ Ich zertrat das Gebot:
+ »Ringe, o Mensch, dich zu freuen und Freude zu geben den andern!«
+ Düster umwandle ich mich,
+ Vermeidend die Mädchen und Männer,
+ Seit mein weiches, bluttränendes Herz
+ Im Staube zerstießen, die ich verehrte.
+ Nie neigte sich meinem einsam jammernden Sinn
+ Die Liebe der Frauen, denen ihr Atmen ich dankte.
+ Ich, der Fröstelnde, lebe dies weiter. Lange noch.
+ Ferne Wege schluchze ich durch die Wüste.
+
+
+Verzweiflung.
+
+ Wochen, Wochen sprach ich kein Wort;
+ Ich lebe einsam, verdorrt.
+ Am Himmel zwitschert kein Stern.
+ Ich stürbe so gern.
+
+ Meine Augen betrübt die Enge,
+ Ich verkrieche mich in einen Winkel,
+ Klein möchte ich sein wie eine Spinne,
+ Aber niemand zerdrückt mich.
+
+ Keinem habe ich Schlimmes getan,
+ Allen Guten half ich ein wenig.
+ Glück, dich soll ich nicht haben.
+ Man will mich nicht lebend begraben.
+
+
+Friede.
+
+ Die Bäume lauschen dem Regenbogen,
+ Tauquelle grünt in junge Stille,
+ Drei Lämmer weiden ihre Weiße,
+ Sanftbach schlürft Mädchen in sein Bad.
+
+ Rotsonne rollt sich abendnieder,
+ Flaumwolken ihr Traumfeuer sterben.
+ Dunkel über Flut und Flur.
+
+ Froschwanderer springt großen Auges,
+ Die graue Wiese hüpft leis mit.
+ Im tiefen Brunnen klingen meine Sterne.
+ Der Heimwehwind weht gute Nacht.
+
+
+Coyllur.
+
+ Grenz ich an dich im Grenzenlosen?
+ Retten mich aus Todestosen Mädchenrosen?
+ Ihr Küsse fern, wild ringend Kosen
+ -- Steht schon still die Liebesuhr?
+ Coyllur!
+
+ Die, ein Kind, bei mir geruht,
+ O, wie warst du traulich-gut!
+ Gift vergällte mein Herzblut,
+ Seit dein Schweigen mich durchfuhr,
+ Coyllur!
+
+ Nacht um Nacht ich nie entschlief,
+ Wochenewig tränkte mich kein Brief,
+ Auf eine Karte wartend tief
+ Meiner harrte harte Kur,
+ Coyllur!
+
+ Wort starb mir im toten Hain.
+ Bei Wasser, Tinte, Blut und Wein
+ Dacht ich dein.
+ Jenseits der Zeit zersehnt die Seele sich dein Troubadour,
+ Coyllur!
+
+
+Wanderers Lied.
+
+ Meine Freunde sind schwank wie Rohr,
+ Auf ihren Lippen sitzt ihr Herz,
+ Keuschheit kennen sie nicht;
+ Tanzen möchte ich auf ihren Häuptern.
+
+ Mädchen, das ich liebe,
+ Seele der Seelen du,
+ Auserwählte, Lichtgeschaffene,
+ Nie sahst du mich an,
+ Dein Schoß war nicht bereit,
+ Zu Asche brannte mein Herz.
+
+ Ich kenne die Zähne der Hunde,
+ In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich,
+ Ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte,
+ Schimmel freut sich an den Wänden,
+ Gute Ritzen sind für den Regen da.
+
+ »Töte dich!« spricht mein Messer zu mir.
+ Im Kote liege ich;
+ Hoch über mir, in Karossen befahren
+ Meine Feinde den Mondregenbogen.
+
+
+Blind.
+
+ Tag um Tag
+ Stirbt -- ich bin?
+ Wo geht meine Zeit denn hin?
+
+ Traum versank,
+ Nacht ist Spiel,
+ Schlaf das Gut,
+ Tod das Ziel.
+
+ Erde, Stern
+ Klingt nur so,
+ Ort ist Ort, wer weiß wo?
+
+
+Dunkel.
+
+ Wie lang schon darb ich vor dem Paradiese,
+ Schlichte Sehnsucht nach der guten Wiese,
+ Bravem Schlaf in treuer Bucht.
+ Herr, gib mir die Blüte, mir die Frucht.
+
+ Willst du, o Gott, mich niemals gütig grüßen?
+ Almosen gibst du Bettlern, Söhnen des Weges,
+ Kühles Wasser der Forelle,
+ Seelenantlitz einem Mädchen.
+
+ Mir nur, daß ich Trän an Träne weine,
+ Eule unter Käuzen werde --
+ Selig kleine Schottersteine
+ Mütterlich umwärmt sie Erde.
+
+ Ratten! Fresset meine Eingeweide!
+ Zerspell mich, Fels, ertränk mich, Furt!
+ Was starb ich nicht vor der Geburt?
+ Aufstrahlt mir nie das Land der Freude.
+
+
+
+
+Franz Evers.
+
+Geboren am 10. Juli 1871 zu Winsen a. d. Luhe. -- Fundamente 1892. Eva
+1893. Königslieder 1894. Deutsche Lieder 1895. Hohe Lieder 1896.
+Paradiese 1897. Der Halbgott 1900. Erntelieder 1901.
+
+
+Rosenglut.
+
+ An manchem Abend weht mich Sehnsucht an,
+ Dann fühl' ich, wie du liebend zu mir strebst,
+ Und halberregte Wünsche spür' ich dann
+ Und wie du nach mir bebst.
+ Dann muß dein Blut von neuen Wundern träumen,
+ Weil so das meine klingt und loht,
+ Vor meinem Haus, von allen Bäumen
+ Lockt glühender das Abendrot.
+
+ Wenn dann die Wächter von den Türmen blasen,
+ Will ganz mein Herz nach dir vergehn ..
+ Ich glaube dich über den stillen Rasen
+ Mit lauter Rosen kommen zu sehn ...
+
+
+Jugend.
+
+ Am Schlehdorn, am Schlehdorn --
+ Wißt ihr, wo der steht?
+ Da sprach der Hirtenknabe
+ Sein Morgengebet.
+ Trieb die Schafe dann auf die Weide
+ Hin durch den sonnigen Raum;
+ Über die blühende Heide
+ Träumte sein junger Traum.
+
+ Am Schlehdorn, am Schlehdorn --
+ Wißt ihr, wo der steht?
+ Da sprach eine junge Dirne
+ Ihr Abendgebet.
+ Und der Wind kam von der Heiden
+ Und küßte ihres Kleides Saum ..
+ Die beiden, die beiden
+ Träumten den ersten Traum.
+
+
+Abendlied.
+
+ Du ferne Flöte
+ Hinter dem Hügel dort,
+ Wie sprichst du glühenden Klangs,
+ Was mein Herz verschweigen muß,
+ Wie bebst du zitternd dahin
+ Über die Apfelblüten im Mondlicht,
+ Daß die Schatten der Bäume
+ Zu schwinden scheinen
+ Und alles in Glanz getauchte
+ Selige Sehnsucht wird,
+ Aus Menschenschmerz leise sich ringend:
+ Selige Lebensglut.
+ Einsame Stimme du
+ Hinter dem Hügel dort,
+ Mein Herz, mein Herz sprichst du aus.
+
+
+Ein Gastgeschenk.
+
+ Mit leisem Herzen trat ich in dein Zimmer;
+ Die Rosen blühten auf; das Fenster klang.
+ Und von den Gärten draußen kam noch immer
+ Der weiche sehnsuchtsvolle Jünglingssang.
+
+ Du hingst an mir, und deine Augen glänzten;
+ Dein Haar verwirrte sich in meiner Hand ...
+ Und Abendlichter, die dich rot umkränzten,
+ Und selige Sehnsucht, die dich mir verband.
+
+ Und nichts als goldne Fülle um uns beide:
+ Die bebenden Hände und der taumelnde Mund ...
+ Der junge Gärtner draußen sang sein Lied vom Leide,
+ Das zitterte von dir und war so wund --
+
+ Du aber lächeltest.
+
+
+Der Künstler.
+
+ »Es liegt ein Plan in einem weiten Tal,
+ Wo nur die Lautersten zu wandeln wagen
+ Und selig sind. Und du verfehlst ihn leicht.
+ Der schwarze Wald, der ihn vom Leben scheidet,
+ Ist so von ungekanntem Sehnen schwer,
+ Daß du dich kaum hindurchzufinden wagst.
+ Der Plan ist voll von Wiesen, die nicht welken,
+ Von einer Ruhe, die du kaum empfunden,
+ In einem Licht, das Farben voller macht.
+ Die schmalen Wege sind mit Kies bestreut,
+ Auf daß es doch vertraute Laute wecke,
+ Wenn hohe Menschen wandeln diesen Pfad.
+ Denn weich und mild ist nebenan der Rasen,
+ Der weithin das Geräusch des Lebens dämpft.
+ Inmitten, wo drei alte Rieseneschen
+ Mit vollem Laub dem leisen Grund entragen,
+ Raucht ein Altar aus Buchs und Rosenbüschen.
+ Da bringen Menschen ihre Sehnsucht dar
+ Und knieen dann. Und wenn es Abend ist,
+ Empfangen sie den Tau der Gnadensonne,
+ Die sacht und sicher ihre Stirnen klärt,
+ Die weißen Menschenstirnen. Heil den Helden,
+ Die ihre Sehnsucht opferten! Sie leben!«
+
+ So kündete der alte Sänger mir,
+ Der zu der Harfe sang. Das war erst gestern;
+ Und heute schon fand ich die klaren Wege.
+ Ich bin allein. Von fern, aus dunklem Wald
+ Bläst nur ein Hirte noch, und hin und wieder
+ Scheint es von Schritten in der Luft zu liegen,
+ Die mir zu folgen wünschen. Sonst ist Ruhe.
+ Ich sehe schon den graden Rauch der Weihe,
+ Der sich in bleichem bläulichem Zerschweben
+ Im Laub der Eschen fängt. Der Abend duftet.
+ Der Rasen ruht in weichem Schlummer da.
+ Mein Mantel drückt so schwer in diesem Land,
+ Ich leg' ihn ab. Nackt geh ich zum Altar,
+ Ich bringe meine Menschensehnsucht dar,
+ Und fühle meine Seele ganz erwachen.
+ Und wie die Rosen stärker sich entfachen
+ Im Abendglühn, sinkt nun auf mein entblößtes
+ Geneigtes Haupt der Tau, der Segen ist ...
+ Ich sehe, was mein Auge nicht vergißt,
+ Und was ich schaue, ist der Wunder größtes:
+ Dich, du formender Gott!
+
+
+
+
+Gustav Falke.
+
+Geboren am 11. Januar 1853 zu Lübeck; war Musiklehrer in Hamburg, wo er
+am 8. Februar 1916 starb. -- Mynheer der Tod 1891. Tanz und Andacht
+1893. Zwischen zwei Nächten 1894. Neue Fahrt 1897. Mit dem Leben 1899.
+Hohe Sommertage 1902. Die Auswahl 1910.
+
+
+Das Mohnfeld.
+
+ Es war einmal, ich weiß nicht wann
+ Und weiß nicht wo. Vielleicht ein Traum.
+ Ich trat aus einem schwarzen Tann
+ An einen stillen Wiesensaum.
+
+ Und auf der stillen Wiese stand
+ Rings Mohn bei Mohn und unbewegt,
+ Und war bis an den fernsten Rand
+ Der rote Teppich hingelegt.
+
+ Und auf dem roten Teppich lag,
+ Von tausend Blumen angeblickt,
+ Ein schöner, müder Sommertag,
+ Im ersten Schlummer eingenickt.
+
+ Ein Hase kam im Sprung. Erschreckt
+ Hat er sich tief ins Kraut geduckt,
+ Bis an die Löffel zugedeckt,
+ Nur einer hat herausgeguckt.
+
+ Kein Hauch. Kein Laut. Ein Vogelflug
+ Bewegte kaum die Abendluft.
+ Ich sah kaum, wie der Flügel schlug,
+ Ein schwarzer Strich im Dämmerduft.
+
+ Es war einmal, ich weiß nicht wo.
+ Ein Traum vielleicht. Lang' ist es her.
+ Ich seh' nur noch, und immer so,
+ Das stille, rote Blumenmeer.
+
+
+Märchen.
+
+ In deiner lieben Nähe
+ Bin ich so glücklich. Ich mein',
+ Ich müßte wieder der wilde,
+ Selige Knabe sein.
+
+ Das macht deiner süßen Jugend
+ Sonniger Frühlingshauch.
+ Ich hab' dich so lieb. Und draußen
+ Blühen die Rosen ja auch.
+
+ O Traum der goldenen Tage!
+ Herz, es war einmal.
+ Abendwolken wandern
+ Über mein Jugendtal.
+
+
+Daß der Tod uns heiter finde.
+
+ Laßt uns Blumen pflücken gehn,
+ Letzte Astern, späte Rosen.
+ Morgen werden Stürme tosen
+ Und den bunten Schmuck verwehn.
+
+ Auch den Becher holt hervor,
+ Fröhlich laßt uns sein und trinken.
+ Morgen werden Schatten sinken,
+ Und es schweigt der laute Chor.
+
+ Wißt ihr wo ein holdes Kind,
+ Teilt mit ihm die letzten Blüten!
+ Die noch heut in Liebe glühten,
+ Morgen sind die Augen blind.
+
+ Scherzt und küßt und trinkt und lacht,
+ Eh' wir uns zum Abschied rüsten.
+ Drüben winkt von fremden Küsten
+ Eine sternenlose Nacht.
+
+ Horch. Schon meldet sich ihr Wehn.
+ Daß der Tod uns heiter finde!
+ Singend unterm Kranzgewinde
+ Laßt uns ihm entgegengehn.
+
+
+Stranddistel.
+
+ Das Fräulein ging am Meeresstrand
+ Durch weißen, bleichen Sand, bis rot
+ Ein schüchtern Blümchen sich ihr bot,
+ Sie brach's und warf es aus der Hand.
+
+ Und bückte nach der Distel sich,
+ Die rauh und grau daneben stand.
+ Die trotzte ihrer kleinen Hand
+ Und wehrte sich mit scharfem Stich.
+
+ Sie brach sie doch und ging und sang
+ Ein müdes Lied mit müdem Mund,
+ Das überm abendschwarzen Sund
+ Im Wind verwehte und verklang.
+
+
+Das Grab.
+
+ Ein frischer Hügel ist's, darauf
+ Drei rote Tulpen flammen.
+ Zwei schwarze Taxusstauden stehn
+ Und stecken die Köpfe zusammen.
+
+ Und tuscheln über ein weißes Kreuz,
+ Darauf mit Gold geschrieben
+ Ein Mädchenname, darunter ein
+ Spruch vom himmlischen Lieben.
+
+ Wer hat das junge Ding gekannt?
+ Wer zündete die drei roten
+ Flammen über ihr Bettlein an? --
+ Was kümmern mich die Toten.
+
+ Ich hab' zu Haus ein krankes Weib,
+ Der will ich drei Rosen bringen,
+ Drei rote Rosen, und will ihr leis
+ Ein Lied vom Leben singen.
+
+
+Späte Rosen.
+
+ Jahrelang sehnten wir uns,
+ Einen Garten unser zu nennen,
+ Darin eine kühle Laube steht
+ Und rote Rosen brennen.
+
+ Nun steht das Gärtchen im ersten Grün,
+ Die Laube in dichten Reben.
+ Und die erste Rose will
+ Uns all ihre Schönheit geben.
+
+ Wie sind nun deine Wangen so blaß
+ Und so müde deine Hände.
+ Wenn ich nun aus den Rosen dir
+ Ein rotes Kränzlein bände,
+
+ Und setzte es auf dein schwarzes Haar,
+ Wie sollt' ich es ertragen,
+ Wenn unter den leuchtenden Rosen hervor
+ Zwei stille Augen klagen.
+
+
+Zwei.
+
+ Drüben du, mir deine weiße
+ Rose übers Wasser zeigend,
+ Hüben ich, dir meine dunkle
+ Sehnsüchtig entgegenneigend.
+
+ In dem breiten Strome, der uns
+ Scheidet, zittern unsre blassen
+ Schatten, die vergebens suchen
+ Sich zu finden, sich zu fassen.
+
+ Und so stehn wir, unser Stammeln
+ Stirbt im Wind, im Wellenrauschen,
+ Und wir können nichts als unsre
+ Stummen Sehnsuchtswinke tauschen.
+
+ Leis, gespenstisch, zwischen unsern
+ Dunklen Ufern schwimmt ein wilder
+ Schwarzer Schwan, und seltsam schwanken
+ Unsre blassen Spiegelbilder.
+
+
+
+
+Ludwig Finckh.
+
+Geboren am 21. März 1876 zu Reutlingen. -- Fraue du, du Süße 1900. Rosen
+1905.
+
+
+Einer Frau.
+
+ Das dank' ich dir:
+ Ein Lächeln auf dem Munde,
+ Die Rosen da, und hier
+ Die leise Wunde.
+
+ Das dank' ich dir,
+ Ein Glück im Todeshauche:
+ Daß ich mich nicht vor mir
+ Zu schämen brauche.
+
+
+Abendhimmel.
+
+ Tiefdunkelroter Scharlachschein
+ Versickerte an Wolkenreihn,
+ Die klar von Silber flossen.
+ Der Himmel war wie roter Wein.
+ Was mochte dort zu feiern sein?
+ Wer hat den Wein vergossen?
+
+
+Geschenk.
+
+ Dies schick' ich dir, mein Liebling, zum Geburtstag.
+
+ Zwei weiße Tauben, deren weich Gefieder
+ In einem Tempel Indiens geleuchtet,
+ Und deren Kropf mit edlem Hanf gefüllt war,
+ Den braune Mädchen auf den Feldern pflückten.
+ Sie sangen leise, dachten an den Liebsten.
+ Sei diesen Tauben gut, sie sind wie Schneefall,
+ Bevor er noch die weiße Erde küßte,
+ Und ohne Makel, nimm sie auf die Schulter,
+ Beglücke sie an deiner Wang' zu schlafen,
+ Die weich und schneeig ist wie ihr Gefieder,
+ Und sich im Nest zu träumen in der Heimat.
+ Nimm Wischi und Schiwinda gütig auf.
+ In Simla waren sie der Liebe Götter,
+ Und alles Volk lag täglich auf den Knien
+ Und betete. Sie schnäbelten sich zärtlich.
+ Ich raubte sie, an deine Wange denkend.
+ Dies schick' ich dir, mein Liebling, heute früh
+ Durch einen braunen Boten, windbeflügelt
+ Und stumm, mit einem Körbchen morgenfrischer
+ Feuriger Küsse. Laß sie dir gut munden.
+
+
+
+
+Cäsar Flaischlen.
+
+Geboren am 12. Mai 1864 zu Stuttgart; lebte in Berlin, wo er am 16.
+Oktober 1920 starb. -- Nachtschatten 1884. Vom Haselnußroi 1891. Von
+Alltag und Sonne 1898. Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens 1900.
+
+
+So regnet es sich langsam ein ...
+
+ So regnet es sich langsam ein und immer kürzer
+ wird der Tag und immer seltener der Sonnenschein.
+ Ich sah am Waldrand gestern ein paar Rosen
+ stehn ..
+ gib mir die Hand und komm ... wir wollen sie
+ uns pflücken gehn ..
+ Es werden wohl die letzten sein!
+
+
+Hab Sonne ...
+
+ Hab Sonne im Herzen,
+ Ob's stürmt oder schneit,
+ Ob der Himmel voll Wolken,
+ Die Erde voll Streit!
+ Hab Sonne im Herzen,
+ Dann komme was mag!
+ Das leuchtet voll Licht dir
+ Den dunkelsten Tag!
+
+ Hab ein Lied auf den Lippen,
+ Mit fröhlichem Klang,
+ Und macht auch des Alltags
+ Gedränge dich bang!
+ Hab ein Lied auf den Lippen,
+ Dann komme was mag!
+ Das hilft dir verwinden
+ Den einsamsten Tag!
+
+ Hab ein Wort auch für andre
+ In Sorg' und in Pein
+ Und sag, was dich selber
+ So frohgemut läßt sein:
+ Hab ein Lied auf den Lippen,
+ Verlier nie den Mut,
+ Hab Sonne im Herzen,
+ Und alles wird gut!
+
+
+Ich habe Nächte ...
+
+ Ich habe Nächte dafür geopfert,
+ Ich habe Herzblut daran gegeben,
+ Und feige Buben nun kommen und heben
+ Die Hand auf gegen das fertige Werk.
+ -- -- --
+ Das schmerzt!
+
+ Und doch:
+ Glückt euch, es wirklich zu zertrümmern, ... gut!
+ Dann war's nicht echt!
+ Dann glückte mir nicht, was ich wollte ...
+ Und .. ihr .. habt .. recht!
+
+
+Einem Kinde.
+
+ Sei nicht traurig,
+ Sei nicht traurig ...
+ Es ist heute nur
+ So trübe,
+ Es ist heute nur
+ So schwer!
+
+ Morgen blitzt die Sonne wieder,
+ Rosen leuchten weiß und rot,
+ Und mit lauter Lerchenliedern
+ Jubelt's in den hellen Morgen,
+ Jubelt's in den blauen Himmel
+ Siegreich über Leid und Not ...
+
+ Quillt und schwillt mit jungen Kräften,
+ Quillt und schwillt mit junger Lust
+ Lebenswarm dir in die Brust;
+ Weckt und wappnet deine Seele
+ Glaubensfroh zu neuer Wehr ...
+
+ Sei nicht zag drum,
+ Sei nicht traurig ...
+ Es ist heute nur
+ So trübe,
+ Es ist heute nur
+ So schwer!
+
+
+Februarschnee ...
+
+ Februarschnee
+ Tut nicht mehr weh,
+ Denn der März ist in der Näh'!
+ Aber im März
+ Hüte das Herz,
+ Daß es zu früh nicht knospen will!
+ Warte, warte und sei still!
+ Und wär' der sonnigste Sonnenschein,
+ Und wär' es noch so grün auf Erden,
+ Warte, warte und sei still:
+ Es muß erst April gewesen sein,
+ Bevor es Mai kann werden!
+
+
+Ganz still zuweilen ...
+
+ Ganz still zuweilen wie ein Traum
+ Klingt in dir auf ein fernes Lied ..
+ Du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
+ Du weißt nicht, was es von dir will ...
+ Und wie ein Traum ganz leis und still
+ Verklingt es wieder, wie es kam ...
+
+ Wie plötzlich mitten im Gewühl
+ Der Straße, mitten oft im Winter
+ Ein Hauch von Rosen dich umweht,
+ Oder wie dann und wann ein Bild
+ Aus längstvergessenen Kindertagen
+ Mit fragenden Augen vor dir steht ...
+
+ Ganz still und leise, wie ein Traum ...
+ Du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
+ Du weißt nicht, was es von dir will,
+ Und wie ein Traum ganz leis und still
+ Verblaßt es wieder, wie es kam.
+
+
+Spruch.
+
+ Lieber auf eigene Rechnung
+ Ein Lump sein,
+ Als ein feiner Herr
+ Auf Pump sein!
+ Dieweil:
+ Wer ein solcher auf Pump ist,
+ Nicht 'mal ein ehrlicher Lump ist.
+
+
+
+
+Irene Forbes-Mosse.
+
+Geboren am 5. August 1864 in Baden-Baden. -- Mezzavoce 1901. Peregrinas
+Sommerabende 1904. Das Rosentor 1905.
+
+
+Gehen und Bleiben.
+
+ Mancher ist betrübt gegangen
+ In die Winternacht hinaus,
+ Sah mit zehrendem Verlangen
+ Heller Fenster freundlich Prangen,
+ Lichterfülltes, warmes Haus.
+
+ Hinter jenen hellen Scheiben
+ Sah ein anderer ihm nach,
+ Starrte in das Flockentreiben ...
+ »Freiheit«, seufzt er, aber »Bleiben,
+ Bleiben« stöhnt das schwere Dach!
+
+
+Eine Widmung.
+
+ Mein Herz so ganz in dir beglückt,
+ Mit Märchenblumen ausgeschmückt,
+ Ein dir geweihter Schrein:
+ Wenn auch die Früchte nicht gereift,
+ Weil sie der Frost zu früh gestreift,
+ Die Blüten waren dein, mein Herz,
+ Die Blüten waren dein.
+
+
+Die fremde Blume.
+
+ So lange blieb sie festgeschlossen, stille,
+ Als wäre alle Kraft in ihr erstorben,
+ Es fehlte ihr zum Blühen Lust und Wille,
+ Seit der berühmte Gärtner sie erworben.
+
+ Sie stand im Garten rein und wohlgehalten,
+ Ein Paradies mit grünlackierten Kannen,
+ Wo alle Blumen pünktlich sich entfalten
+ Und Menschenhände sie auf Stäbe spannen.
+
+ Man warf sie endlich fort, ein armes Mädchen
+ Stellt' sie aufs Fensterbrett im kleinen Zimmer,
+ Die Tauben gurrten dort am grünen Lädchen,
+ Der Kirchturm schien so nah im Abendflimmer,
+
+ Doch Menschenstimmen klangen nur von ferne,
+ Und rings versank des Lebens Hast und Mühen,
+ Ein warmer Regen fiel, dann zündeten die Sterne
+ Ihr Freundeslicht ... da fing sie an zu blühen!
+
+
+Der Brunnen.
+
+ Ich saß im Glühn der toten Mittagsstunde,
+ Und alles Leben schien so blaß und weit,
+ Die Götter träumten um mich in der Runde,
+ Der Brunnen flüsterte: »Trink und gesunde,
+ Ich bin das Wasser der Vergessenheit!«
+
+ Ich saß in Nacht und schickte die Gedanken
+ In jene Tage, da wir froh und jung,
+ Ich sah den Silberstrahl im Mondlicht schwanken:
+ »Trinkt nicht, trinkt nicht, ihr armen Fieberkranken,
+ Ich bin das Wasser der Erinnerung!«
+
+
+Madlena.
+
+ Das Kind Madlena hat so hell gesungen,
+ Als sie im Haselholz sich Nüsse las,
+ Wie eine Spindel sich im Tanz geschwungen
+ Bei Glühwurms Leuchten, überm Wiesengras.
+ Das Kind Madlena hörte fremde Zungen,
+ Als sie im Mittagsschein beim Springbrunn saß ...
+ Die düstern Gärten haben sie verschlungen,
+ Fern tönt ihr Stimmchen wie gesprungnes Glas!
+
+
+
+
+Leo Greiner.
+
+Geboren am 1. April 1876 zu Brünn in Mähren. -- Das Tagebuch 1906.
+
+
+Liebe.
+
+ Wir sind zwei Schatten, die aus Welt und Welt
+ An einem Eschenbaum zusammentrafen.
+ Wir glitten einsam im entrückten Feld
+ Und suchten späte Herberg, um zu schlafen.
+ Und standen _einen_ tiefen Augenblick
+ Uralt bekannt uns gegenüber
+ Und grüßten uns und wuchsen bis ans Glück.
+ Dann sanken wir hinüber und herüber,
+ Zerfallend in die alte Nacht zurück.
+
+
+Unter den Menschen.
+
+ Ich hab' es nie so tief gewußt,
+ Was heimlich webt, wo Menschen mich umdrängen:
+ Was ich im Wind verschüttet, Rausch und Lust,
+ Was ich an Leid begrub auf stillen Gängen,
+ Flutet von euch zurück in meine Brust.
+ Dann bin ich wie ein Baum im Abendwehn,
+ Von dem ein trunkner Schatten niederschwebt,
+ Ich seh' verworrn in meinem Schatten gehn
+ Viel Menschenleben, die ich selbst gelebt:
+ Ein wildes Jahr, im Rausch zu Grab gelenkt,
+ Ein Wintermond, drin Herdschein mir gefunkelt,
+ Ein grauer Tag, den ich an Gott verschenkt,
+ Ein goldner Abend, trauerüberdunkelt.
+ Was ich im Wein vergaß, im Abend litt,
+ Trägt Brust um Brust in ihre Stille mit.
+ Und leis zerrinnt des Schattens blaue Pracht
+ Und einsam wie ein Wald rauscht tiefe Nacht.
+
+
+ [Illustration: Hugo v. Hofmannsthal]
+
+
+Leben.
+
+ Und immer fremder sind mir Tag und Räume ...
+
+ Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort.
+ Was rauscht um mich? Man sagt: die dunkeln Bäume,
+ Die rauschen noch seit deiner Kindheit fort.
+ Und Gärten stehn im abendlichen Land,
+ Ihr Schatten grüßt mich kühl und altbekannt.
+
+ Ich aber wandre dunkel fort, im Innern
+ Ein uralt Schattenbild, das leise weint.
+ Die nenn' ich Mutter, diesen nenn' ich Freund
+ Und lächle tief und kann mich nicht erinnern.
+
+
+Regenabend.
+
+ Wenn kalt der Regen um die Fenster stiebt,
+ Der Nebel wankend übern Berg gefunden,
+ Der Sumpf die Schatten meiner Wiesen trübt,
+ Spür' ich: in diesen grau-verschlafnen Stunden
+ Nimmt vieles Abschied, das ich sehr geliebt,
+ Ich kann die Wanderstimmen nicht erkennen,
+ Die dunkle Worte rufen über Feld,
+ Das Sterben nicht mit Namen nennen,
+ Das jetzt verhüllt durchwandert meine Welt.
+ Ich weiß nur: irgendwo im Sternenschein
+ Neigt ein geliebtes Haupt sich dunkler Sünde,
+ Ein Herz wird kalt, ein Baum verlischt im Winde,
+ In einem Becher welkt der kühle Wein,
+ Und alles geht und winkt und schwindet fern,
+ Im Grau verrieselt auch der letzte Stern.
+
+
+Der Schatten.
+
+ Zwischen mir und meinem trunknen Leben
+ Wärmt ein Schatten sich an meiner Glut.
+ Wünschend saust mein ungestilltes Blut,
+ Doch er raubt mir schon im Niederschweben
+ Jeden Traum und jedes goldne Gut.
+ Meiner Schätze waren funkelnd viele,
+ Doch ich fühl' an meines Bechers Rand
+ _Seines_ Schattenmundes wilde Kühle
+ Und am Griffe _seine_ Schattenhand.
+ Schritt ich so verloren in die Lande,
+ Ließ mein Wandern keine Spur zurück.
+ _Seine_ Spuren, halb verweht im Sande,
+ Sah mein schauernd rückgewandter Blick.
+ Selbst von meines Schlummers Grunde heben
+ Seine Hände jeden Schatz der Lust:
+ Schlafen muß ich steinern, traumbewußt
+ Zwischen mir und meinem trunknen Leben.
+
+
+Reife.
+
+ Nacht, die aus den Sternen quillt,
+ Schmieg dich fester um mein Leben!
+ Was genommen und gegeben,
+ Ist vollendet und erfüllt.
+
+ Wie ein Brunnen ist mein Blick:
+ Alle Eimer, die sich hoben,
+ Kehren überfüllt von oben
+ Mit gekühltem Licht zurück.
+
+
+
+
+Otto Erich Hartleben.
+
+Geboren am 3. Juni 1864 zu Clausthal am Harz, studierte Jura, wurde
+Referendar, gab die juristische Laufbahn auf und lebte, nachdem er
+seinen Aufenthalt früher zumeist in Berlin gehabt hatte, zuletzt am
+Gardasee, wo er als Präsident der Akademie für unangewandte
+Wissenschaften zu Salò am 11. Februar 1905 starb. -- +Pierrot lunaire+
+1892. Meine Verse 1895. Von reifen Früchten 1903. Der Halkyonier 1903.
+
+
+Funkelt dein Auge noch?
+
+ Die du so fern bist in der großen Stadt,
+ Ich grüße dich, die mein vergessen hat.
+
+ Einst hast du meiner Tag und Nacht gedacht,
+ Stunden des Glücks mit mir verbracht, verlacht;
+
+ Froh unter Scherzen schlossen wir den Bund --
+ Funkelt dein Auge noch, und lacht dein Mund?
+
+
+Lili.
+
+ ... Als ich dann wieder in die Heimat kam --
+ Im Frühling war's, die Hyazinthen blühten --
+ Da war sie tot -- von fremden, kalten Menschen
+ Hinausgetragen in ein kahles Grab. -- --
+ Ich fand es nicht. Langsam ging ich zurück
+ In ihre Wohnung. Ihre feiste Wirtin
+ Sprach schmunzelnd: »Gott! Die Menschen sind nicht rar.
+ Nicht eine Woche stand ihr Zimmer leer!
+ Jetzt wohnt ein allerliebstes Chansonettlein
+ Darin -- ganz jung noch -- mit so lustigen Füßchen.
+ Woll'n Sie sie sehn?«
+ -- --
+ Und ich erfuhr, wie sie gestorben war.
+ Vor ihren Augen, während sie in Qualen
+ Ohnmächtig dalag, hatten -- ihre Schwestern
+ Begierig ihrer Habe sich bemächtigt:
+ Sparkassenbücher, Kleider, Schmuck und Wäsche
+ Aus allen Kästen sich hervorgesucht
+ Und umgepackt in einen großen Korb. --
+
+ Da .. hatte sie den bleichen Kopf erhoben
+ Von ihrem Kissen, hatte sich verwundert
+ Mit großen, schwarzen Augen umgeschaut
+ Und hatte .. gelächelt ...
+ -- --
+ Mir ist .. als ob ich dieses Lächeln sähe!
+
+
+Die jubelnd nie ...
+
+ Die jubelnd nie den überschäumten Becher
+ Gehoben in der heiligen Mitternacht,
+ Und denen nie ein dunkles Mädchenauge,
+ Zur Sünde lockend, sprühend zugelacht --
+
+ Die nie den ernsten Tand der Welt vergaßen
+ Und freudig nie dem Strudel sich vertraut --
+ O sie sind klug, sie bringen's weit im Leben ...
+ Ich kann nicht sagen, wie mir davor graut!
+
+
+Ellen.
+
+ Mein armer Kopf lag still in deinem Schoß
+ Und dachte, dachte, bis er müde wurde.
+ Du hattest deine leichte, milde Hand
+ Auf meine Stirn gelegt und warst entschlafen;
+ Und gar ein Zauber schien mir auszugehn
+ Von deinen weißen Fingern: Frieden sandten
+ Sie nieder in mein Hirn, und allgemach
+ Sah ich den Schlaf in heitrer Ruhe nahn,
+ Und mir ward leicht, als schlief' ich in den Tod.
+
+
+Das welke Blatt.
+
+ In ihren Locken haftete ein welkes Blatt,
+ Als ich mit ihr den alten Berg herniederstieg
+ Zum letztenmal. Verstohlne Freude war es mir,
+ Das braune Blatt im wirren braunen Haar zu sehn,
+ Den stillen Zeugen stillgenoßner, heiliger Lust,
+ Und heimlich, glücklich lächelnd schritt ich neben ihr,
+ Indes ein schwellend Säuseln durch die Kronen ging.
+
+ Und eh' wir noch das erste Haus der Stadt erreicht,
+ Stahl ich ihr sacht das braune Blatt vom stolzen Haupt.
+ Und da ich nun nach ihren lieben Augen sah,
+ Die ehrsam schon und sittig wieder schauten drein,
+ Hob fragend sie den Blick empor: was nahmst du da?
+
+ Ich zeigt' es schweigend. -- Eine dunkle Welle Bluts
+ Floß über ihr schamhaftes Antlitz. Aber dann
+ Schien plötzlich sie der heißen Wünsche eingedenk --
+ Ein jäher Blitz hingebungsschwüler, starker Glut
+ Traf mich, es zitterten die offenen Lippen ihr,
+ Und überwältigt bebte mir das bange Herz!
+ Ich faßte zuckend ihre Hand und preßte sie
+ An meinen Mund und küßte sie zum letztenmal,
+ Indes ein schwellend Säuseln durch die Kronen ging.
+
+
+Liebesode.
+
+ Im Arm der Liebe schliefen wir selig ein.
+ Am offnen Fenster lauschte der Sommerwind,
+ Und unsrer Atemzüge Frieden
+ Trug er hinaus in die helle Mondnacht. --
+
+ Und aus dem Garten tastete zagend sich
+ Ein Rosenduft an unserer Liebe Bett
+ Und gab uns wundervolle Träume,
+ Träume des Rausches -- so reich an Sehnsucht!
+
+
+Gesang des Lebens.
+
+ Groß ist das Leben und reich!
+ Ewige Götter schenkten es uns,
+ Lächelnder Güte voll,
+ Uns den Sterblichen, Freudegeschaffnen.
+
+ Aber arm ist des Menschen Herz!
+ Schnell verzagt, vergißt es der reifenden Früchte.
+ Immer wieder mit leeren Händen
+ Sitzt der Bettler an staubiger Straße,
+ Drauf das Glück mit den tönenden Rädern
+ Leuchtend vorbeifuhr.
+
+
+Im Lande der Torheit.
+
+ Im Lande der Torheit küßt' ich die Hände der schönen Fraun,
+ Sie waren schmeichelnd und weiß, mit blitzenden Ringen geschmückt.
+ Ich lachte wohl auch beim lieblich klingenden, lockenden Wort,
+ Und eitel genoß ich des eigenen spielenden Übermuts.
+
+ Doch immer wieder irrte mein Blick ins Leere ab:
+ Ich sah und fühlte die Hände meiner lieben Frau,
+ Die weich und still in ruhender Güte sich nach mir
+ Hersehnen aus der Ferne -- deine Hände, die
+ Allein die Wirrnis dumpfen Wollens je gebannt --
+ Und ich gedachte jener Stunde, da mir einst
+ Im Tode diese Hände stummen Trost verleihn.
+
+
+Denkst du daran ...
+
+ Denkst du daran, wie du zum erstenmal
+ Aus deiner Heimatberge düsterm Forst
+ Aus dunklem Tannengrün des hohen Harzes
+ Als Knabe niederschautest in die Ebne? --
+ Die Welt ist bunt! so riefst du jauchzend aus.
+ Da dehnten sich die farbigen Felderstreifen
+ Vor dir hinab wie Blätter eines Fächers,
+ Entfaltet an den runden, sanften Hügeln --
+ Und also farbig rings die weite Welt!
+ Und reichlicher und dreimal leuchtender
+ Als drinnen in den schwarzen Tannenwäldern
+ Schien drüberhin das Sonnengold zu gluten ...
+ Die Welt ist bunt! -- O wär' sie bunt geblieben.
+
+
+Der Abenteurer.
+
+ Hier ist das Land. So rudert denn den Kahn zurück
+ Und meldet den Gefährten: Ich betrat mein Reich,
+ Als Fürsten sehen sie mich wieder, oder nie. --
+ Was steht ihr noch und zaudert? Laßt mich nun allein,
+ Allein mit meinem guten Schwert und meinem Roß --
+ Nun werb' ich in der Fremde mir die eigene Schar. --
+ Lebt wohl! -- dem wandelbaren Meere kehr' ich heut
+ Den Rücken zu -- mein Auge sucht die Burgen auf,
+ In deren Mauern sich der Feige sicher fühlt.
+ Mein Auge sucht am Horizonte seinen Feind. --
+
+ Der Huftritt meines Rosses klingt an morsch Gebein,
+ An Menschenschädel -- mich zu schrecken sind sie wohl
+ Vom Schicksal auf des Reiches Schwelle ausgestreut?
+ Zerstampfe sie, mein Schwarzer, stampfe über sie hinweg:
+ Sie waren nicht, der ich bin -- darum fielen sie.
+
+
+Elegie.
+
+ Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du,
+ Die du verstohlen nur die dunklen Blicke schenkst,
+ O laß aus deinen schweren Flechten braune Nacht
+ Um meine Sinne strömen -- laß Vergessenheit
+ Sich breiten über niegestillte Lust und Qual.
+ Ich seh' uns wandeln unterm kahlen Winterwald,
+ Ins Morgenrot, durch streifende Lüfte ging der Weg.
+ Wir Frohen schritten Hand in Hand und beteten stumm
+ Und glaubten an den Frühling, als der Schnee noch lag ...
+ -- Du sollst nicht weinen -- gib mir deine liebe Hand! --
+
+ Der Frühling kam, uns beide fand er nicht vereint;
+ In Sommernächten duftete süß der Lindenbaum --
+ Wir aber durften nicht in Liebe beisammen sein.
+ Nun ward es wieder Winter und es starrt der Schnee.
+ Doch still aus Schmerzen sprießt uns wohl ein spätes Glück,
+ Das leise webt und langsam um uns beide her.
+ Laß uns umhüllt von deinen braunen Haaren sein,
+ Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du.
+
+
+Kinderköpfchen.
+
+ In scheuer Lust -- doch nimmermehr verschämt --
+ Hobst du die runden, weißen Arme auf
+ Und dehntest sie empor und suchtest blinzelnd
+ Dein Bild im Spiegel ...
+
+ Ich aber stand entfesselt hinter dir
+ Und sah in deinen vollen, blanken Schultern
+ Die beiden Grübchen ...
+
+ Da beugt' ich mich auf diesen Nacken nieder
+ Zum Kuß ...
+ Es ward mir klar, wie du den Göttern still
+ Vertraut -- gar innig wohl befreundet bist.
+
+ Wenn sie dir nahen, tupfen sie dir leise
+ Mit leichtem Finger auf dies schwellende Rund --
+ Und also lieblich, Menschensinn verwirrend,
+ Blieb ihres Grußes Spur in deinem Fleisch.
+
+
+
+
+Walter Hasenclever.
+
+Geboren am 8. Juli 1890 zu Aachen. -- Der Jüngling 1913. Tod und
+Auferstehung 1917.
+
+
+Die Todesanzeige.
+
+ Als ich erwachte heut morgen aus dumpf bekümmertem Traum,
+ Schwebte ein leiser Engel im Dunkel durch meinen Raum.
+ Ich las einer Mutter Wort, wo die Todesberichte sind:
+ »Mein irrgeleitetes, desto inniger geliebtes Kind.«
+ Da neigte zu meinem Bette sich viele Trauer hin:
+ Ich weiß, daß ich auch verirrt, das Kind einer Mutter bin.
+ Da sah ich den Scheitel des andern, der hilflos ins Elend sank.
+ Ich sah ihn verliebt, betrunken, von schrecklichem Aussatz krank.
+ Ist er nicht auch gestanden in Nacht und Vorstadt allein,
+ Hat aus heißen Augen geweint in den Fluß hinein?
+ Ist oft durch Gassen geschlichen, wo Rotes und Grünes glüht,
+ Fröhlich am Abend gezogen, gestorben am Morgen müd.
+ Mußte in Häusern essen mit Menschen, feindlich und fremd,
+ Schlafen in kalten Gemächern, frierend, ohne Hemd, --
+ Die Mutter hat ihm geholfen mit Wäsche und etwas Geld;
+ Alles ist gut geworden. Sie hat ihn geliebt auf der Welt.
+ Mein Bruder unter den Sternen: Ich hab deine Armut erkannt.
+ Begnadet hast du dich zu mir in dieser Stunde gewandt.
+ Nun strömt dein lächelnder Atem nicht mehr in Gold und Polar,
+ Nicht mehr im Sturm der Gewitter entzündet sich kindlich dein Haar;
+ Sieh -- in der Todesstunde deiner Mutter ewiges Wort;
+ Es trägt auf silbernen Flügeln dich aus der Vergessenheit fort.
+ Eh ich nun öffne die Läden nach schwerer, trauriger Nacht:
+ Mein Bruder unter den Sternen! Wie hast du mich glücklich gemacht.
+
+
+Mein Jüngling, du ...
+
+ Mein Jüngling, du, ich liebe dich vor allen,
+ Du bist mein eigen Bild, das mir erscheint!
+ Ich sehe dich in manchen Teufelskrallen;
+ Gewiß, du bist nicht glücklich, hast geweint.
+ Du liebst zu schmerzlich oder harrst vergebens,
+ Dein Vater, deine Wirtin macht dir Qual,
+ Du zuckst in der Verwildrung deines Lebens,
+ Dein Geist wird bürgerlich, dein Kopf wird kahl.
+ Willst du nicht mit mir gehn und mich erhören!
+ Sieh, auf die gleichen Klippen schwimm ich ein.
+ Einst auf Prärien, jetzt in Geisterchören
+ Will ich dich rufen und will bei dir sein!
+
+
+
+Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett.
+
+ Kleine Schwester Irene,
+ Bei den Cholerakranken;
+ Lila Blumen sanken
+ Auf Abendkähne.
+ Särge wachsen. Sturm.
+ Antreten. Trommel. Tod.
+ Offizier an Grabes Turm
+ Schnarrt Ehre, Gebot.
+ Weißer hinter Hügeln
+ Lemberg, Freude scheint.
+ Automobile flügeln.
+ Baracken blutbeweint.
+ Ärzte ohne Narkose,
+ Beine ab, zerstampft.
+ Kleine Schwester, Rose,
+ Sei den Toten sanft!
+
+
+Weiß ich, daß Stunden ...
+
+ Weiß ich, daß Stunden, in ungezählten,
+ Pariserinnen sind auf den Boulevards;
+ Daß klein in Zimmern und gequälten,
+ Eine Arbeiterin steht, goldenen Haars?
+ Ist mir im Park, durch den ich gehe,
+ Ein Gefühl von Rot oder Blau --
+ Berg und Fluß mit sinkender Nähe,
+ Das Gesicht einer alternden Frau?
+ Bei der Baronin Porzellan und Eise
+ Hypnotisiert mich elektrischer Draht;
+ Kirmes dreht sich, Feuerwerksrad,
+ Denn es münden in gleiche Kreise
+ Meer und Spur und kindliche Weise,
+ Die man am Abend vernommen hat.
+ Aber keine der funkelnden Gesten
+ Wird mich erhalten, wird mich betrügen;
+ Bin ich ein Vogel, müde von Flügen,
+ Schwebend in der Wolke des Falls:
+ Steigen unten aus Tänzen und Festen
+ Die verschlungenen Kurven des Alls.
+
+
+Daß von Geheimnissen ...
+
+ Daß von Geheimnissen, die uns umtönten,
+ Keins mehr in dem vergangenen Geiste lebt;
+ Daß von Begierden, Tanz und Mädchen, denen wir frönten,
+ Kaum ein Strumpf noch, ein Busen an uns vorüberschwebt.
+ Daß wir nie mehr unsern ersten Band Gedichte
+ Wachsen sehn aus den Buchläden der heimischen Stadt,
+ Als der Ruhm schon unsterblich die großen Gesichte
+ Im Käfig des kleinen, blauen Umschlags entzündet hat.
+ Freunde! Wir standen in Liverpool auf den Brücken,
+ Sahen die transatlantischen Dampfer im Riesenmeer;
+ Saßen im Damensalon und atmeten mit Entzücken
+ Goldne Tische gekräuselt im Dufte von Rosen und Teer.
+ Dann fuhr die gewaltige Fracht des Ozeaniden
+ Langsam aus wehenden Tüchern, Musik, vielen Tränen fort,
+ Wir erlebten in Versen die Abenteuer und schieden;
+ Schlummer, Schultag wieder empfing uns am alten Ort.
+ Sind wir die gleichen Straßen wie jene gezogen?
+ Ferne schon den stürmenden Kränzen entrückt,
+ In eroberter Stadt auf dem höchsten Bogen
+ Stehn wir, über die fliehende Wolke unsrer Erinnerung gebückt.
+ Südseeinseln sind uns gebaut auf spiegelndem Grunde,
+ Nah ist Liebe und Schmerz, die Flucht aus des Vaters Haus,
+ Es steigen in einer begeisterten Stunde
+ Viele Verlorene dankbar aus den Kanälen heraus.
+ Wenn der Leuchttürme einst entzündetes Feuer
+ Nicht mehr durch die toten Gefilde bricht:
+ Ihr Gefährten des Lebens, wie seid ihr uns teuer,
+ Da wir wandeln in des entfremdeten Mondes Licht.
+
+
+1917.
+
+ Halte wach den Haß. Halte wach das Leid.
+ Brenne weiter am Stahl der Einsamkeit.
+
+ Glaub nicht, wenn du liest auf deinem Papier,
+ Ein Mensch ist getötet, er gleicht nicht dir.
+
+ Glaub nicht, wenn du siehst den entsetzlichen Zug
+ Einer Mutter, die ihre Kleinen trug
+
+ Aus dem rauchenden Kessel der brüllenden Schlacht,
+ Das Unglück ist nicht von dir gemacht.
+
+ Heran zu dem elenden Leichenschrein,
+ Wo aus Fetzen starrt eines Toten Bein.
+
+ Bei dem fremden Mann, vom Wurm zernagt,
+ Falle nieder, du, sei angeklagt.
+
+ Empfange die ungeliebte Qual
+ Aller Verstoßnen in diesem Mal.
+
+ Ein letztes Aug', das am Äther trinkt,
+ Den Ruf, der in Verdammnis sinkt;
+
+ Die brennende Wildnis der schreienden Luft,
+ Den rohen Stoß in die kalte Gruft.
+
+ Wenn etwas in deiner Seele bebt,
+ Das dies Grauen noch überlebt,
+
+ So laß es wachsen, auferstehn
+ Zum Sturm, wenn die Zeiten untergehn.
+
+ Tritt mit der Posaune des Jüngsten Gerichts
+ Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts!
+
+ Wenn die Schergen dich schleppen aufs Schafott,
+ Halte fest die Macht! Vertrau auf Gott:
+
+ Daß in der Menschen Mord, Verrat
+ Einst wieder leuchte die gute Tat;
+
+ Des Herzens Kraft, der Edlen Sinn
+ Schweb am gestirnten Himmel hin.
+
+ Daß die Sonn, die auf Gute und Böse scheint,
+ Durch soviel Ströme der Welt geweint,
+
+ Gepulst durch unser aller Schlag,
+ Einst wieder strahle gerechtem Tag.
+
+ Halte wach den Haß. Halte wach das Leid.
+ Brenne weiter, Flamme! Es naht die Zeit.
+
+
+
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+Adolf von Hatzfeld.
+
+Geboren am 3. September 1892 zu Olpe i. W. -- »An Gott« 1919.
+
+
+Die letzte Nacht.
+
+ Jetzt, da ich zehn Jahrtausende durchwacht,
+ Empfängt mich endlich meine letzte Nacht.
+ Es rauscht ein Meer. Das Land ist warm und weit.
+ Der Wind ist nur ein Hauch der Ewigkeit.
+ Es kreist ein Mond geheimnisvoll nach oben,
+ Er hat sich sanft aus meinem Herzen losgehoben.
+ Jetzt, da ich zehn Jahrtausende vollbracht,
+ Ist mir der Sinn nur Schlaf und dunkle Nacht.
+ Die Zeit, die ging, ist dunkel wie die Nacht.
+ Sie fiel ins Meer. Ein tiefes Wort, das kam,
+ Ist tiefster Trug und angefüllt von Scham.
+ Ich wache in des Weltalls Atem diese Nacht
+ Und werde wieder Acker, draus mich Gott gemacht.
+ Ich höre, wie die Sonne rast zum Rand der Nacht.
+ Da fangen viele Sonnen an, aus mir sich loszuheben.
+ Und kreisen leicht aus meinem letzten Leben.
+ Es wächst ein großer Schein auf allen Wegen,
+ Und zu der Erde spreche ich den letzten Segen:
+
+ »O Erde, Erde, die du trankst mein Blut,
+ Wie warst du voller Süße und wie gut,
+ Daß du mich mit den Händen an die Pole angeschlagen,
+ Und ich dich wie ein Kreuz durchs Leben mußte tragen.
+ Ich war dein Acker, du Erde, du pflügtest ihn gut.
+ Aus allen Poren erschoß mein Blut.
+ Jahrtausende rollten, zerrissen das Herz in der Brust,
+ Zerrissen die Liebe, die Qual, den Stolz und die Lust,
+ Bis ich um deines Erdinnern Feuer gewußt,
+ Bis ich den großen Planeten in Liebe umpreßt.
+ Noch über mein letztes Sterben halt ich dich fest.
+ So nehmt, ihr springenden Bäche, aus mir euern Lauf.
+ Es blühen aus meinem Blute alle Blumen auf.
+ Ich grüne und dufte aus jedem Rosenstrauch
+ Und bin die Frucht in dem goldenen Sonnenrauch,
+ Und bin das Eine, das All, bin Tod und Geburt.
+ O sing meinen Dank, du kleine Hummel, die surrt,
+ Umfliege dankend die Erde, die mich getragen hat.
+ Sieh, meine Seele ist müde wie ein herbstliches Blatt.
+ Gesegnet seist du Welt, gesegnet jeder Strauch,
+ In dem jetzt Gott verbrennt im roten Rauch.«
+
+
+Grüner Sommer.
+
+ Die Hand ganz lang im Grase ausgebreitet
+ Und hoch vor ihr die Welt, sich selbst geschenkt.
+ Es steigt mein Blut, es sinkt mein Blut,
+ Zu fernem Meere tief verbunden hingelenkt.
+ Wie tut das Blut sich gut in dieser ausgeschwärmten Ruhe.
+
+ So flach ist mein Gesicht, ganz ausgeweitet.
+ Gott selbst liegt neben mir und ruht sich aus.
+ Auf mich senkt sich die Müdigkeit des Blaus,
+ Und in dem Sonnenfieber meiner Sinne
+ Staut schläfrig sich das dunkle Blut.
+ Wie einer Grille Geigen klingt mir Gottes Wort,
+ Wie Bachgelächter hier: »Die Welt ist gut«,
+ Und lächelnd trägt es mich ins Träumen fort.
+
+ Gott rekelt sich in dieser ausgeschwärmten Ruhe.
+ Ein Reh kommt sanft an ihm vorbeigezogen.
+ Ein Käfer ist ihm ins Gesicht geflogen.
+ Heupferdchen springt vom Gras auf seine Schuhe
+ Und zirpt an ihm vorbei: »Erschrick, erschrick!«
+ Gott aber ist nach tausend Schöpfungsjahren
+ Zum ersten Tag der Ruhe ausgefahren,
+ Und lächelnd ruht auf seiner Welt der Blick.
+
+ Ich wache auf. Der Donner grollt.
+ Mein Blut hat ausgetollt.
+ Mein Mut wird nicht verführt. Es schweigt der Wille.
+ Und eine Grille geigt von neuem mich in eine grüne Stille.
+
+
+Frühlingsmond.
+
+ Noch hängt ein scheues Vogellied im dünnen Laubgeäste
+ Und wird ein großer Wind. Mit mächtiger Gebärde
+ Stößt die Erde, die längst den heißen Saft
+ In Millionen Samenkörner preßte,
+ Geburten aus in Mutterleidenschaft
+ Und trägt den ewigen Rhythmus ihrer Riesenkraft,
+ Die ewige Not, zum Jubel eines ewigeren Werde.
+
+ Jetzt bäumen Meere ihre Pantherleiber.
+ Die Sterne stürzen zum Planetenball.
+ In diesen Nächten stöhnen tausend Weiber
+ Und werfen tausend Kinder in das All.
+ Der Hochgebirge Wollust sind Lawinen.
+ Die Quellen sind der Täler Blütenlauf.
+ Den Duft von Wäldern tragen junge Bienen,
+ Und Tage tauen blau zu Blumen auf.
+ Geliebte gehn mit weißen Brüstehügeln
+ Und einem Lächeln, das von selbst begann,
+ Durch süße Nächte, gehen wie mit Flügeln
+ Und tragen sich wie ein Geschenk zum Mann.
+
+ Ein scheues Vogellied hängt noch im Laubgeäste.
+ Vom Horizonte schwebt der junge Mond
+ Wie eine Knospe, die sich zärtlich schont,
+ Und horch, der Vogel ruht in seinem Neste.
+ Der Knospenmond blüht erst zum Sommerfeste.
+ So schwimmt er sanft auf taubenblauem Dunst.
+ Der Abend, der die Seelensehnsucht an ihn preßte,
+ Verheißt uns schon die Rose seiner Gunst.
+
+
+Abend am See.
+
+ Schon taucht der Mond aus dem entzückten Bade
+ Der Wellen leis zur Silberbahn empor.
+ In unsern Herzen schwingt die große Gnade.
+ Wir sitzen seligruhend am Gestade
+ Und leihn dem Schweigen das geweihte Ohr.
+ O wunschlos stille Stunde, die ich fast verlor
+ In meines Lebens Kampf und Qual und Hast,
+ Sieh unser Herz in Demut eingefaßt
+ Und sei der Seelen seltner schöner Gast.
+ Die Nacht erduftet von des Mondes Blüte
+ So grenzenlos. Andächtig atmen wir.
+ Der Sternenhimmel deiner großen Güte
+ Ist sanft wie sie und leise über mir.
+ Aus wunden Händen haben wir die Ruder
+ Zurückgelegt in das bewegte Boot.
+ Nach unsres Lebens Haß und Schuld und Not
+ Nennst den Geliebten still du deinen Bruder.
+
+
+Du Gott.
+
+ Du Gott, ich hasse dich in meinen schwersten Stunden,
+ Der wie Gebirge mir auf meiner Seele wuchtet.
+ Die Erde meines Leibes reißt du auf in Wunden.
+ Zu tiefer Täler hartem Abgrund schluchtet
+ Mir deine schwere Hand die schönen runden
+ Kugeln der leichten Tage. Die ihr Gott verfluchtet,
+ In jeder Not von tausend Todesstunden
+ Steht Gott vor euch, den ihr so leicht versuchtet.
+
+ Und dieses weiß ich, daß ich dein bin, dein, ganz dein.
+ Was frommt es, zu entfliehn zu leichten Tänzerein,
+ Zur Heiterkeit der Fraun, zu einem Fest?
+
+ Aus meinem Haß hörst du nur Liebe schrein,
+ Daß ich ganz dein bin, dein in Pein und Tänzerein,
+ Daß ich dein Acker bin, dein Feind, dein Glanz und Fest.
+
+
+Der Teich.
+
+ Nur der Wind weiß, wie ich einsam leide,
+ Wie die Luft, der Himmel mich beschwert.
+ Bruder Wind, wir flogen einmal beide
+ Durch die Luft und durch den Himmel hin.
+ Unsres Fliegens Wollust war gemeinsam.
+ Ewige Fernen haben uns genährt.
+ Wasserwolken haben mich getragen,
+ Bis in Regenfunken ewig einsam
+ Ich vom Wolkenflug zur Erde glitt.
+ Bruder Wind, nimm du jetzt meine Klagen,
+ Wie die leichten Wolken meine Seele,
+ Meine schöne Seele, mit.
+
+
+
+
+Max Herrmann.
+
+Geboren am 23. Mai 1886 zu Neiße. -- Verbannung 1919.
+
+
+Dein Haar hat Lieder ...
+
+ Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
+ Und sanfte Abende am Meer --
+ O glückte mir die Welt! O bliebe
+ Mein Tag nicht stets unselig leer!
+
+ So kann ich nichts, als matt verlegen
+ Vertrösten oder wehe tun,
+ Und von den wundersamsten Wegen
+ Bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.
+
+ Und meine Träume sind wie Diebe,
+ Und meine Freuden frieren sehr --
+ Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
+ Und sanfte Abende am Meer.
+
+
+Osterlied.
+
+ Alle Frühlingsbläue,
+ Jedes frische Feld,
+ Wenn ich ohne Reue
+ Schwärmend mich erfreue
+ An der warmen Welt:
+
+ Wird in deinen lichten
+ Gliedern höchstes Glück,
+ Und in himmlisch schlichten,
+ Dämmernden Gedichten
+ Bleibt sein Duft zurück!
+
+
+Trostlied der bangen Regennacht.
+
+ Keine Furcht der Erde
+ Kann uns bange tun:
+ Sieh, wie sanft die Pferde
+ Wang' an Wange ruhn!
+
+ Ganz allein gelassen
+ In der bittern Nacht,
+ Wo der Wind die blassen
+ Weiden zittern macht,
+
+ Wo ein siecher Regen
+ Bös, sehnsüchtig rinnt,
+ An viel fremden Wegen
+ Bettler flüchtig sind,
+
+ Ruhn sie Wang' an Wange,
+ Wie Erlöste ruhn,
+ Keine Furcht kann bange
+ Ihrer Inbrunst tun.
+
+ Alles, was sie leiden,
+ Schlummert Haupt an Haupt --
+ Und die blassen Weiden
+ Stehn wie lenzbelaubt.
+
+
+Liebe nur kann ewig sein.
+
+ Gottes Krallenhand zerreißt den kranken
+ Abendhimmel der verhaßten Stadt,
+ Aus der Sterne welken Rosenranken
+ Schüttelt er des Monds vergilbtes Blatt.
+
+ Jäh ist wie von fieberschweren Fäusten
+ Alles Licht der Straßen abgewürgt,
+ In den goldnen Augen seiner treusten
+ Türme sich das letzte Dunkel birgt.
+
+ Der Paläste fahles Glas erblindet,
+ Und der Park bricht taumelnd in die Knie,
+ Mit entseeltem Todesseufzer schwindet
+ Der zermalmten Plätze Melodie.
+
+ Und das Schlüpfrige verfemter Keller
+ Speit sein krüppelhaftes Krächzen aus --
+ Gottes Heilandshand bedeckt mit schneller
+ Zärtlichkeit das letzte Vorstadthaus.
+
+ Wird zum Streicheln über der Ruine
+ Einer Schädelstätte, die ihn rührt,
+ Daß zum Aufgang seiner Liebesmiene
+ Eines Segnenden Gebärde führt.
+
+
+
+
+Hermann Hesse.
+
+Geboren am 2. Juli 1877 zu Calw im Schwarzwald. -- Gedichte 1902. Musik
+des Einsamen 1915.
+
+
+Der schwarze Ritter.
+
+ Ich reite stumm aus dem Turnier,
+ Ich trage aller Siege Namen.
+ Ich neige mich vor dem Balkon der Damen
+ Tief. Aber keine winkt nach mir.
+
+ Ich singe zu der Harfe Ton,
+ Aus der die tiefen Laute steigen.
+ Alle Harfner lauschen und schweigen,
+ Aber die holden Frauen sind entflohn.
+
+ In meines Wappens schwarzem Feld
+ Sind hundert Kränze aufgehangen,
+ Die gold von hundert Siegen prangen.
+ Aber der Kranz der Liebe fehlt.
+
+ An meinem Sarge werden sich bücken
+ Ritter und Sänger und werden ihn
+ Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin,
+ Aber keine Rose wird ihn schmücken.
+
+
+Nach Paul Verlaine.
+
+ Ich träume wieder von der Unbekannten,
+ Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.
+
+ Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar
+ Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.
+
+ Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen
+ Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.
+
+ Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht.
+ Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.
+
+ Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt
+ Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt --
+
+ Wie _eines_ Name, den du Liebling heißt
+ Und den du ferne und verloren weißt.
+
+ Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben
+ Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.
+
+
+Elisabeth.
+
+ Ich soll erzählen,
+ Die Nacht ist schon spät --
+ Willst du mich quälen,
+ Schöne Elisabeth?
+
+ Daran ich dichte
+ Und du dazu,
+ Meine Liebesgeschichte
+ Ist dieser Abend und du.
+
+ Du mußt nicht stören,
+ Die Reime verwehn.
+ Bald wirst du sie hören,
+ Hören und nicht verstehn.
+
+
+Die frühe Stunde.
+
+ Silbern überflogen
+ Ruhet das Feld und schweigt,
+ Ein Jäger hebt seinen Bogen,
+ Der Wald rauscht und eine Lerche steigt.
+
+ Der Wald rauscht und eine zweite
+ Steigt auf und fällt.
+ Ein Jäger hebt seine Beute,
+ Und der Tag tritt in die Welt.
+
+
+Lady Rosa.
+
+ Du mit der Stirne voller Licht,
+ Du mit den wunderbaren
+ Braunaugen und den seidnen Haaren,
+ Ich kenne dich! Du aber kennst mich nicht.
+
+ Du mit dem klaren Angesicht,
+ Du Zarte mit deinen leisen,
+ Fremdländischen, süßen Liederweisen,
+ Ich liebe dich! Du aber kennst mich nicht.
+
+
+Fiesole.
+
+ Über mir im Blauen reisen
+ Wolken, die mich heimwärts weisen.
+
+ Heimwärts in die namenlose Ferne,
+ In das Land des Friedens und der Sterne.
+
+ Heimat! Soll ich deine blauen
+ Schönen Ufer niemals schauen?
+
+ Dennoch ist mir, hier im Süden müßten
+ Nah sein und erreichbar deine Küsten.
+
+
+
+
+Georg Heym.
+
+Geboren am 30. Oktober 1887 zu Hirschberg in Schlesien; ertrank am 16.
+Januar 1912 beim Eislaufen in der Havel bei Schwanenwerder, in der
+Umgebung Berlins. -- Der ewige Tag 1911. +Umbra vitae+ 1912.
+
+
+Die Seefahrer.
+
+ Die Stirnen der Länder, rot und edel wie Kronen,
+ Sahen wir schwinden dahin im versinkenden Tag,
+ Und die rauschenden Kränze der Wälder thronen
+ Unter des Feuers dröhnendem Flügelschlag.
+
+ Die zerflackenden Bäume mit Trauer zu schwärzen,
+ Brauste ein Sturm. Sie verbrannten wie Blut,
+ Untergehend, schon fern. Wie über sterbenden Herzen
+ Einmal noch hebt sich der Liebe verlodernde Glut.
+
+ Aber wir trieben dahin, hinaus in den Abend der Meere.
+ Unsere Hände brannten wie Kerzen an.
+ Und wir sahen die Adern darin, und das schwere
+ Blut vor der Sonne, das dumpf in den Fingern zerrann.
+
+ Nacht begann. Einer weinte im Dunkel. Wir schwammen
+ Trostlos mit schrägem Segel ins Weite hinaus.
+ Aber wir standen am Borde im Schweigen beisammen,
+ In das Finstre zu starren. Und das Licht ging uns aus.
+
+ Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange,
+ Ehe die Nacht begann in dem ewigen Raum,
+ Purpurn schwebend im All, wie mit schönem Gesange
+ Über den klingenden Gründen der Seele ein Traum.
+
+
+Alle Landschaften haben ...
+
+ Alle Landschaften haben
+ Sich mit Blau erfüllt.
+ Alle Büsche und Bäume des Stromes,
+ Der weit in den Norden schwillt.
+
+ Leichte Geschwader, Wolken,
+ Weiße Segel dicht,
+ Die Gestade des Himmels dahinter
+ Zergehen in Wind und Licht.
+
+ Wenn die Abende sinken
+ Und wir schlafen ein,
+ Gehen die Träume, die schönen,
+ Mit leichten Füßen herein.
+
+ Zimbeln lassen sie klingen
+ In den Händen licht.
+ Manche flüstern und halten
+ Kerzen vor ihr Gesicht.
+
+
+Ophelia.
+
+I.
+
+ Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
+ Und die beringten Hände auf der Flut
+ Wie Flossen, also treibt sie durch die Schatten
+ Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.
+
+ Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
+ Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.
+ Warum sie starb? Warum sie so allein
+ Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?
+
+ Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
+ Wie eine Hand die Fledermäuse auf.
+ Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht,
+ Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,
+
+ Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal
+ Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
+ Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
+ Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.
+
+II.
+
+ Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß.
+ Der Felder gelbe Winde schlafen still.
+ Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will.
+ Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.
+
+ Die blauen Lider schatten sanft herab.
+ Und bei der Sensen blanken Melodien
+ Träumt sie von eines Kusses Karmoisin
+ Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.
+
+ Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt
+ Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt
+ Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt
+ Mit weitem Echo. Wo herunter tönt
+
+ Hall voller Straßen, Glocken und Geläut.
+ Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht
+ In blinde Scheiben dumpfes Abendrot,
+ In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,
+
+ Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann,
+ Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.
+ Last schwerer Brücken, die darüber ziehn
+ Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.
+
+ Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit,
+ Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm
+ Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm,
+ Der schattet über beide Ufer breit.
+
+ Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht
+ Der westlich hohe Tag des Sommers spät,
+ Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht
+ Des fernen Abends zarte Müdigkeit.
+
+ Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht,
+ Durch manchen Winters trauervollen Port.
+ Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort,
+ Davon der Horizont wie Feuer raucht.
+
+
+Deine Wimpern, die langen ...
+
+ Deine Wimpern, die langen,
+ Deiner Augen dunkle Wasser,
+ Laß mich tauchen darein,
+ Laß mich zur Tiefe gehn.
+
+ Steigt der Bergmann zum Schacht
+ Und schwankt seine trübe Lampe
+ Über der Erze Tor,
+ Hoch an der Schattenwand,
+
+ Sieh, ich steige hinab,
+ In deinem Schoß zu vergessen,
+ Fern was von oben dröhnt,
+ Helle und Qual und Tag.
+
+ An den Feldern verwächst,
+ Wo der Wind steht, trunken vom Korn,
+ Hoher Dorn, hoch und krank
+ Gegen das Himmelsblau.
+
+ Gib mir die Hand,
+ Wir wollen einander verwachsen,
+ Einem Wind Beute,
+ Einsamer Vögel Flug,
+
+ Hören im Sommer
+ Die Orgel der matten Gewitter,
+ Baden in Herbsteslicht,
+ Am Ufer des blauen Tags.
+
+ Manchmal wollen wir stehn
+ Am Rand des dunklen Brunnens,
+ Tief in die Stille zu sehn,
+ Unsere Liebe zu suchen.
+
+ Oder wir treten hinaus
+ Vom Schatten der goldenen Wälder,
+ Groß in ein Abendrot,
+ Das dir berührt sanft die Stirn.
+
+ Göttliche Trauer,
+ Schweige der ewigen Liebe.
+ Hebe den Krug herauf,
+ Trinke den Schlaf.
+
+ Einmal am Ende zu stehen,
+ Wo Meer in gelblichen Flecken
+ Leise schwimmt schon herein
+ Zu der September Bucht.
+
+ Oben zu ruhn
+ Im Hause der dürftigen Blumen,
+ Über die Felsen hinab
+ Singt und zittert der Wind.
+
+ Doch von der Pappel,
+ Die ragt im Ewigen Blauen,
+ Fällt schon ein braunes Blatt,
+ Ruht auf dem Nacken dir aus.
+
+
+
+
+Peter Hille.
+
+Geboren am 11. September 1854 zu Erwitzen in Westfalen, wurde
+Schriftsteller, führte ein unruhiges Leben, hielt sich in London und
+Holland auf und lebte dann zumeist in Berlin. Er starb zu Schlachtensee
+bei Berlin am 7. Mai 1904. -- Gesammelte Werke 1904.
+
+
+Maienwind.
+
+ Mutwillige Mädchenwünsche
+ Haben Flieder
+ Niedergebogen,
+ Blauen und weißen.
+ Wie Tauben sind sie weitergeflogen,
+ Mit Wangen, wilden und heißen.
+
+ Hoch in warmen, schelmischen Händen
+ Haschender Sonne
+ Geschwungene Strahlen.
+ Hellbehende Wonne
+ Weißer Kleider
+ Weht.
+
+ Mutwillige Mädchenwünsche
+ Haben sich Flieder
+ Niedergebogen,
+ Blauen und weißen, --
+ Sind weitergezogen ...
+
+
+Brautseele.
+
+ Das Gewand meiner Seele zittert im Sturm deiner Liebe,
+ Wie tief im Hain
+ Das Herz des Frühlings zittert.
+ Ja, du mein heftiges Herz,
+ Wir haben Frühling!
+ Auf einmal ist nun alles Blühen da!
+ Meine freudigen Wangen
+ Sind aufgegangen
+ Fromm nach deinen Küssen.
+ Gefährlich bist du, o Frühling,
+ Und verwirrt;
+ Wie von heftiger Süße
+ Prangenden Weines
+ Pocht meine Seele.
+ Wie er so sinnend mich streichelt
+ Mit seinen Strahlen allen,
+ Und schlafen möchte ich
+ Immerzu.
+ So träume ich vom eigenen Blute
+ Und bin so wach
+ Von mir,
+ So erschrocken,
+ Wie man wohl aufhorcht
+ Im flüsternden Herzen der Nacht.
+ Wie Sterne, die nicht schlafen können,
+ Stehn meine Augen!
+ Und bin doch so müde,
+ So sonderbar müde.
+ Sind wir Mädchen nicht alle so sonderbar müde
+ Um diese Zeit?
+ Das macht, du bist um uns,
+ Du bist ein Zauberer.
+ In Bäumen und Menschen
+ Zauberst du
+ Ein Sehnen und Dehnen,
+ Ein müdes, verlangendes Gähnen.
+
+ Ja, ja, ihr Gespielinnen,
+ Der kennt euch!
+ Vor ihm kann kein Geheimnis bestehen,
+ Er ist ja Weib wie ihr
+ Und eine heimliche, schelmische Stärke.
+ Frühling, sag, was machst du mit uns,
+ Daß wir alle so sprossend müde sind?
+ Wir fühlen dich ganz in uns.
+ Du durchtönst uns,
+ Tust mit uns ganz das Leben!
+ Ja, wir beben Leben!
+ Fromm atmet in uns eine Andacht,
+ Und wohlig will es werden
+ Rings auf der sprossenden Erden.
+ Wie wir uns regen,
+ Da ist immer ein heimliches Bewegen.
+ Da ist die Quelle ein rieselnder Spiegel,
+ Der uns erquickt und uns darreicht,
+ Da ist der Spiegel eine bleibende Quelle,
+ Und immer wird uns leise
+ Süß von uns;
+ So zeigt es uns, verrät es uns,
+ Wie süß wir sind
+ Für den einen, andern.
+
+ O komm!
+ Ich bin ja so süß
+ Nach dir!
+ O komm!
+ Ich bin ja so schön
+ Nach dir!
+ Ich, deine lebendige,
+ Deine wartende Zier,
+ Vergehe nach dir!
+ Jeden Tag kommt Alter, kommt Welken, --
+ O komm!
+ Komm du dem Alter, dem Welken zuvor!
+
+ Ein Sehnen geht in allen Blumen
+ Und will dich holen mit Farben und Duft,
+ Und alles, was schön ist auf dieser Weltwiese,
+ Ist nur aus Sehnen und Liebe schön.
+ Lieblich schlau
+ Üben wir Schönheit
+ So lange vor euch,
+ Bis daß ihr kommt!
+ Schüchtern, schelmisch
+ Spielt sich unsere arme
+ Lodernde Seele
+ Hin vor euch!
+
+ Dann, dann!
+ Dann kommen zwei lodernde Sonnen
+ In meinen Tag;
+ Du mein doppelter Tag
+ Mit deinen beiden Sonnen!
+ Du! du!
+ Und deine Hand!
+ Meines Mundes duftende Blüte
+ Vergeht vor deiner Güte.
+ Und meine Wangen
+ Sind aufgegangen,
+ Wie meine Flechten
+ Vor deiner Rechten!
+ Ja, du hast recht, glätte sie nur,
+ Du meine wirrglühende Sonne!
+
+ Rufe, locke alles heraus
+ Aus deiner Erde, du mein Lenz!
+ Du hast ja gleich zwei Sonnen,
+ Und eine brauchen wir nur am Himmel.
+ Und diese beiden Sonnen erzählen dich mir
+ Wie du aufgewachsen und wo du
+ Gewachsen für mich!
+ Wie der heilige Wein Palästinas
+ Den Heiland mir ansagt,
+ Sein Seelenfrühlicht,
+ Sein wärmendes Wandeln.
+ O, wie da alles aufsteht!
+ Feierlich, rauschend!
+ Vorbereitend!
+
+ O komm!
+ Ich bin ja so schön nach dir!
+ O laß mich weinen
+ Tränen der Braut,
+ Tränen, du Böser,
+ Daß ich so lange warten mußte auf dich!
+ Das tut so wohl!
+ Meine Seele badet.
+ Dann kommt sie zu dir.
+ Ja?
+
+
+ [Illustration: Arno Holz]
+
+
+Waldesstimme.
+
+ Wie deine grüngoldnen Augen funkeln,
+ Wald, du mosiger Träumer!
+ Wie deine Gedanken dunkeln,
+ Einsiedel, schwer von Leben,
+ Saftseufzender Tagesversäumer!
+
+ Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben
+ Wie's Atem holt und voller wogt und braust
+ Und weiter zieht --
+ und stille wird --
+ und saust.
+
+ Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben
+ Hoch droben steht ein ernster Ton,
+ Dem lauschten tausend Jahre schon
+ Und werden tausend Jahre lauschen ...
+ Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen.
+
+
+An Gott.
+
+ Deine Himmel sind mir viel zu süß:
+ Gib mir, mit freier Brust zu ragen,
+ Mit dir die Welten zu ertragen,
+ Wo du bist!
+
+
+Abbild.
+
+ Seele meines Weibes, wie zartes Silber bist du.
+ Zwei flinke Fittiche weißer Möwen
+ Deine beiden Füße.
+ Und dir im lieben Blute auf
+ Steigt ein blauer Hauch
+ Und sind die Dinge darin
+ Alle ein Wunder.
+
+
+Prometheus.
+
+ Entgegengeschmiedet
+ Auf schroffem Fels
+ Den Pfeilen der Sonne,
+ Dem Hagelgeprassel,
+ Trotz' ich, Olympier, dir.
+ Der wiederwachsenden Leber
+ Zuckende Fibern
+ Hackt mir des Geiers Biß
+ Aus klaffender Wunde.
+
+ Ein Wimmern, glaubtest,
+ Olympier, du,
+ Würden die rauschenden Winde
+ Ins hochaufhorchende
+ Ohr dir tragen?
+ Nicht reut mich der Mensch,
+ Der Leben und Feuer mir dankt,
+ Nicht fleh' ich Entfeßlung von dir.
+
+ Jahrhunderte will ich
+ Felsentrotzig durchdauern,
+ Jahrtausende,
+ Wenn dir die Lust nicht schwindet,
+ Wenn der Trotzende nicht
+ Zu glücklich dir scheint.
+
+
+Abendröte.
+
+ Sieh da droben die Rosen! Ein glüher Jubel!
+ Die Wangen der Nacht
+ In Scharlach und Purpurpracht.
+
+ Nun ist da droben Hochzeit:
+ Die Königskinder des Himmelreiches.
+
+ Strenge Augen erster Schönheit,
+ Frieden frierend,
+ Wie vor kämpfend heißen Rosen
+ Wundern an den schweren Schmuck goldspielender Brokate,
+ Des Samtes tiefenweiches Blut,
+ Gebettet in des Schnees nachtgeflammte,
+ Flockenzarte Wärme: den hehren Hermelin.
+
+ Die Kränze nehmen sie von herben Scheiteln ab
+ Und heben Bechertau an ihres Lebens
+ Rötlich reine Kelche,
+ Und verwunden
+ Die Verklärung
+ Saftigherber Früchte.
+
+ Des strengen Lagers scheue Falten warten ..
+
+ Wie entsetzlich ist Schönheit! ..
+
+ Wie eine Siegesfahne hält
+ Der Himmel
+ Des Lebens leuchtendrote Brunst mit aller seiner Adlermacht.
+ Der Sieger sinkt.
+ Die Nacht fällt in den Wein.
+
+
+ Selige Grüße.
+
+ Bläulicher Flieder.
+ Ist das ein Grüßen!
+ Wirbelnde Lieder
+ Wehen herüber, --
+ Stürben lieber.
+ Seligsein -- und das heißt büßen.
+
+
+
+
+Hugo von Hofmannsthal.
+
+Geboren am 1. Februar 1874 in Wien. -- Gesammelte Gedichte 1907.
+
+
+Vorfrühling.
+
+ Es läuft der Frühlingswind
+ Durch kahle Alleen,
+ Seltsame Dinge sind
+ In seinem Wehn.
+
+ Er hat sich gewiegt,
+ Wo Weinen war,
+ Und hat sich geschmiegt
+ In zerrüttetes Haar.
+
+ Er schüttelte nieder
+ Akazienblüten
+ Und kühlte die Glieder,
+ Die atmend glühten,
+
+ Lippen im Lachen
+ Hat er berührt,
+ Die weichen und wachen
+ Fluren durchspürt,
+
+ Er glitt durch die Flöte
+ Als schluchzender Schrei,
+ An dämmernder Röte
+ Flog er vorbei,
+
+ Er flog mit Schweigen
+ Durch flüsternde Zimmer
+ Und löschte mit Neigen
+ Der Ampel Schimmer.
+
+ Es läuft der Frühlingswind
+ Durch kahle Alleen,
+ Seltsame Dinge sind
+ In seinem Wehn.
+
+ Durch die glatten
+ Kahlen Alleen
+ Treibt sein Wehen
+ Blasse Schatten
+
+ Und den Duft,
+ Den er gebracht,
+ Von wo er gekommen
+ Seit gestern nacht.
+
+
+Die Beiden.
+
+ Sie trug den Becher in der Hand,
+ Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand.
+ So leicht und sicher war ihr Gang,
+ Kein Tropfen aus dem Becher sprang.
+
+ So leicht und fest war seine Hand:
+ Er saß auf einem jungen Pferde,
+ Und mit nachlässiger Gebärde
+ Erzwang er, daß es zitternd stand.
+
+ Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
+ Den leichten Becher nehmen sollte,
+ So war es beiden allzu schwer:
+ Denn beide bebten sie so sehr,
+ Daß keine Hand die andre fand
+ Und dunkler Wein am Boden rollte.
+
+
+Ballade des äußeren Lebens.
+
+ Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
+ Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
+ Und alle Menschen gehen ihrer Wege.
+
+ Und süße Früchte werden aus den herben
+ Und fallen nachts wie tote Vögel nieder
+ Und liegen wenig Tage und verderben.
+
+ Und immer weht der Wind, und immer wieder
+ Vernehmen wir und reden viele Worte
+ Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.
+
+ Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
+ Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen
+ Und drohende, und totenhaft verdorrte ...
+
+ Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen
+ Einander nie? und sind unzählig viele?
+ Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?
+
+ Was frommt das alles uns und diese Spiele,
+ Die wir doch groß und ewig einsam sind
+ Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?
+
+ Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben?
+ Und dennoch sagt der viel, der »Abend« sagt,
+ Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
+
+ Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.
+
+
+Manche freilich ...
+
+ Manche freilich müssen drunten sterben,
+ Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
+ Andre wohnen bei dem Steuer droben,
+ Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.
+
+ Manche liegen immer mit schweren Gliedern
+ Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
+ Andern sind die Stühle gerichtet
+ Bei den Sibyllen, den Königinnen,
+ Und da sitzen sie wie zu Hause,
+ Leichten Hauptes und leichter Hände.
+
+ Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
+ In die anderen Leben hinüber,
+ Und die leichten sind an die schweren
+ Wie an Luft und Erde gebunden:
+
+ Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
+ Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
+ Noch weghalten von der erschrockenen Seele
+ Stummes Niederfallen ferner Sterne.
+
+ Viele Geschicke weben neben dem meinen,
+ Durcheinander spielt sie alle das Dasein,
+ Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
+ Schlanke Flamme oder schmale Leier.
+
+
+Terzinen über Vergänglichkeit.
+
+ Noch spür' ich ihren Atem auf den Wangen:
+ Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
+ Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?
+
+ Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
+ Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:
+ Daß alles gleitet und vorüberrinnt
+
+ Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,
+ Herüberglitt aus einem kleinen Kind,
+ Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.
+
+ Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war,
+ Und meine Ahnen, die im Totenhemd,
+ Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar.
+
+ So eins mit mir als wie mein eignes Haar.
+
+
+Erlebnis.
+
+ Mit silbergrauem Dufte war das Tal
+ Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond
+ Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht.
+ Mit silbergrauem Duft des dunkeln Tales
+ Verschwammen meine dämmernden Gedanken,
+ Und still versank ich in dem webenden
+ Durchsicht'gen Meere und verließ das Leben.
+ Wie wunderbare Blumen waren da,
+ Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht,
+ Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen
+ In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze
+ War angefüllt mit einem tiefen Schwellen
+ Schwermütiger Musik. Und dieses wußt' ich,
+ Obgleich ich's nicht begreife, doch ich wußt' es:
+ Das ist der Tod. Der ist Musik geworden,
+ Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend,
+ Verwandt der tiefsten Schwermut.
+ Aber seltsam!
+ Ein namenloses Heimweh weinte lautlos
+ In meiner Seele nach dem Leben, weinte,
+ Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff
+ Mit gelben Riesensegeln gegen Abend
+ Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt,
+ Der Vaterstadt vorüberfährt. Da sieht er
+ Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht
+ Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber
+ Ein Kind am Ufer stehn, mit Kindesaugen,
+ Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht
+ Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer --
+ Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter,
+ Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend
+ Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.
+
+
+Dein Antlitz ...
+
+ Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen.
+ Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben.
+ Wie stieg das auf! daß ich mich einmal schon
+ In frühern Nächten völlig hingegeben
+ Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal,
+ Wo auf den leeren Hängen auseinander
+ Die magern Bäume standen und dazwischen
+ Die niedern kleinen Nebelwolken gingen
+ Und durch die Stille hin die immer frischen
+ Und immer fremden silberweißen Wasser
+ Der Fluß hinrauschen ließ, wie stieg das auf!
+
+ Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen
+ Und ihrer Schönheit, die unfruchtbar war,
+ Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz,
+ Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar
+ Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!
+
+
+Terzinen.
+
+ Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
+ Und Träume schlagen so die Augen auf
+ Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,
+
+ Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf
+ Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
+ .. Nicht anders tauchen unsre Träume auf,
+
+ Sind da und leben, wie ein Kind, das lacht,
+ Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
+ Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.
+
+ Das Innerste ist offen ihrem Weben,
+ Wie Geisterhände in versperrtem Raum
+ Sind sie in uns und haben immer Leben.
+
+ Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.
+
+
+Der Jüngling in der Landschaft.
+
+ Die Gärtner legten ihre Beete frei,
+ Und viele Bettler waren überall,
+ Mit schwarzverbundnen Augen und mit Krücken,
+ Doch auch mit Harfen und den neuen Blumen,
+ Dem starken Duft der schwachen Frühlingsblumen.
+
+ Die nackten Bäume ließen alles frei:
+ Man sah den Fluß hinab und sah den Markt
+ Und viele Kinder spielen längs den Teichen.
+ Durch diese Landschaft ging er langsam hin
+ Und fühlte ihre Macht und wußte, daß
+ Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen.
+
+ Auf jene fremden Kinder ging er zu
+ Und war bereit, an unbekannter Schwelle
+ Ein neues Leben dienend hinzubringen.
+ Ihm fiel nicht ein, den Reichtum seiner Seele,
+ Die frühern Wege und Erinnerung
+ Verschlungner Finger und getauschter Seelen
+ Für mehr als nichtigen Besitz zu achten.
+ Der Duft der Blumen redete ihm nur
+ Von fremder Schönheit, und die neue Luft
+ Nahm er stillatmend ein, doch ohne Sehnsucht:
+ Nur daß er dienen durfte, freute ihn.
+
+
+Aus »Der Tod des Tizian«.
+
+ _Gianino_ spricht:
+
+ Mir war, als ginge durch die blaue Nacht,
+ Die atmende, ein rätselhaftes Rufen.
+ Und nirgends war ein Schlaf in der Natur.
+ Mit Atemholen tief und feuchten Lippen,
+ So lag sie, horchend in das große Dunkel,
+ Und lauschte auf geheimer Dinge Spur.
+ Und sickernd, rieselnd kam das Sterngefunkel
+ Hernieder auf die weiche, wache Flur.
+ Und alle Früchte schweren Blutes schwollen
+ Im gelben Mond und seinem Glanz, dem vollen,
+ Und alle Brunnen glänzten seinem Ziehn,
+ Und es erwachten schwere Harmonien.
+ Und wo die Wolkenschatten hastig glitten,
+ War wie ein Laut von weichen, nackten Tritten ...
+ Leis stand ich auf -- ich war an dich geschmiegt --
+ Da schwebte durch die Nacht ein süßes Tönen,
+ Als hörte man die Flöte leise stöhnen,
+ Die in der Hand aus Marmor sinnend wiegt
+ Der Faun, der da im schwarzen Lorbeer steht,
+ Gleich nebenan, beim Nachtviolenbeet.
+ Ich sah ihn stehen still und marmorn leuchten;
+ Und um ihn her im silbrig Blauen, Feuchten,
+ Wo sich die offenen Granaten wiegen,
+ Da sah ich deutlich viele Bienen fliegen,
+ Und viele saugen, auf das Rot gesunken,
+ Von nächt'gem Duft und reifem Safte trunken.
+ Und wie des Dunkels leiser Atemzug
+ Den Duft des Gartens um die Stirn mir trug,
+ Da schien es mir wie das Vorüberschweifen
+ Von einem weichen, wogenden Gewand
+ Und die Berührung einer warmen Hand.
+ In weißen, seidig weißen Mondesstreifen
+ War liebestoller Mücken dichter Tanz,
+ Und auf dem Teiche lag ein weicher Glanz
+ Und plätscherte und blinkte auf und nieder.
+ Ich weiß es heut nicht, ob's die Schwäne waren,
+ Ob badender Najaden weiße Glieder,
+ Und wie ein süßer Duft von Frauenhaaren
+ Vermischte sich dem Duft der Aloe ...
+ Und was da war, ist mir in eins verflossen:
+ In eine überstarke, schwere Pracht,
+ Die Sinne stumm und Worte sinnlos macht.
+
+
+Aus »Der Abenteurer und die Sängerin«.
+
+ Der _Baron_ spricht:
+
+ Ich will hier Feste geben. Schaff mir Löwen,
+ Die Blumensträuße aus dem Rachen werfen!
+ Vergoldete Delphine stell vors Tor,
+ Die roten Wein ins grüne Wasser spein!
+ Nicht drei, nicht fünf, zehn Diener nimm mir auf
+ Und schaff Livreen. An den Treppen sollen
+ Drei Gondeln hängen voller Musikanten
+ In meinen Farben.
+ Ich will den Kampanile um und um
+ In Rosen und Narzissen wickeln. Droben
+ Auf seiner höchsten Spitze sollen Flammen
+ Von Sandelholz, genährt mit Rosenöl,
+ Den Leib der Nacht mit Riesenarmen fassen.
+ Ich mach' aus dem Kanal ein fließend Feuer,
+ Streu so viel Blumen aus, daß alle Tauben
+ Betäubt am Boden flattern, so viel Fackeln,
+ Daß sich die Fische angstvoll in den Grund
+ Des Meeres bohren, daß Europa sich
+ Mit ihren nackten Nymphen aufgescheucht
+ In einem dunkleren Gemach versteckt
+ Und daß ihr Stier geblendet laut aufbrüllt!
+ Mach Dichterträume wahr, stampf aus dem Grab
+ Den Veronese und den Aretin,
+ Spann Greise vor, bau eine Pyramide
+ Aus Leibern junger Mädchen, welche singen!
+ Die Pferde von Sankt Markus sollen wiehern
+ Und ihre ehrnen Nüstern blähn vor Lust!
+ Die oben liegen in den bleiernen Kammern
+ Und ihre Nägel bohren in die Wand,
+ Die sollen innehalten und schon meinen,
+ Der Jüngste Tag ist da, und daß die Engel
+ Mit rosenen Händen und dem wilden Duft
+ Der Schwingen niederstürzend jetzt das Dach
+ Von Blei hinweg, herein den Himmel reißen! ...
+
+ * * *
+
+ _Derselbe_ spricht:
+
+ O hättest du gelernt wie ich zu leben,
+ Dir wäre wohl.
+ Ich achte diese Welt nach ihrem Wert,
+ Ein Ding, auf das ich mich mit sieben Sinnen
+ So lange werfen soll, als Tag' und Nächte
+ Mich wie ein ächzend Fahrzeug noch ertragen.
+ Leben! Gefangen liegen, schon den Tritt
+ Des Henkers schlürfen hörn im Morgengrauen
+ Und sich zusammenziehen wie ein Igel,
+ Gesträubt vor Angst und starrend noch von Leben!
+ Dann wieder frei sein! atmen! wie ein Schwamm
+ Die Welt einsaugen, über Berge hin!
+ Die Städte drunten, funkeln wie die Augen!
+ Die Segel draußen, vollgebläht wie Brüste!
+ Die weißen Arme! Die von Schluchzen dunklen
+ Verführten Kehlen! Dann die Herzoginnen
+ Im Spitzenbette weinen lassen und
+ Den dumpfen Weg zur Magd, du glaubst mir nicht?
+
+ Ich sage dir, es gibt nichts Lustigres
+ Als hier im Zimmer auf und nieder gehn,
+ Sich Wein einschenken, essen, schlafen, küssen
+ Und draußen an der Tür den wilden Atem
+ Von _einem_ gehen hören oder _einer_,
+ Die lauert und in der geballten Faust
+ Den Tod hält, deinen oder ihren Tod! ...
+
+
+
+
+Arno Holz.
+
+Geboren am 26. April 1863 zu Rastenburg in Ostpreußen. Lebt seit 1875 in
+Berlin. -- Buch der Zeit 1885. Phantasus I und II 1898 und 1899. Große
+»Insel«-Ausgabe 1916. Des berühmbten Schäffers Dafnis sälbst
+verfärtigte, sämbtliche Freß- Sauffund Venus-Lieder benebst angehänckten
+Auffrichtigen und Reuemächtigen Buß-Thränen 1904. Das ausgewählte Werk
+1919.
+
+
+Ein Abschied.
+
+ Sein Freund, der Türmer, war noch wach,
+ wie Silber gleißte das Rathausdach,
+ und drüber stand der Mond.
+
+ Er wußte kaum, wie schwer er litt,
+ doch schlug ihm das Herz bei jedem Schritt,
+ und das Ränzel drückte ihn.
+
+ Die Gasse war so lang, so lang,
+ und dazu noch die Stimme, die über ihm sang:
+ Wann's Mailüfterl weht!
+
+ Jetzt bog sich ein Fliederstrauch über den Zaun,
+ und die Mutter Gottes, aus Stein gehaun,
+ stand weiß vor dem Domportal.
+
+ Hier stand er eine Weile still
+ und hörte, wie eine Dohle schrill
+ hoch oben ums Turmkreuz pfiff.
+
+ Dann löschte links in dem kleinen Haus
+ der Löwenwirt seine Lichter aus,
+ und die Domuhr schlug langsam zehn.
+
+ Die Brunnen rauschten wie im Traum,
+ die Nachtigall schlug im Lindenbaum,
+ und alles war wie sonst!
+
+ Da riß er die Rose sich aus dem Rock
+ und stieß sie ins Pflaster mit seinem Stock,
+ daß die Funken stoben, und ging.
+
+ Das Lämpchen flackerte rot überm Tor,
+ und der Wald, in den sich sein Weg verlor,
+ stand schwarz im Mondlicht da.
+
+ Er schritt und schritt, ein Käuzchen schrie,
+ die Farren reichten ihm bis übers Knie,
+ und der Sankt-Jakobs-Quell plätscherte ...
+
+ Erst droben auf dem Heiligenstein
+ fiel ihm noch einmal alles ein,
+ als der Weg um die Buche bog.
+
+ Die Blätter rauschten, er stand und stand
+ und sah hinunter unverwandt,
+ wo die Dächer funkelten!
+
+ Dort stand der Garten und dort das Haus,
+ und jetzt war das aus, und jetzt war das aus,
+ und -- die Dächer funkelten!
+
+ Sein Herz schlug wild, sein Herz schlug nicht fromm:
+ Wann i komm, wann i komm, wann i wiederkomm!
+ Doch er kam nie wieder.
+
+
+ [Illustration: Ricarda Ceconi-Huch]
+
+
+Ninon.
+
+ Ninon heißt sie. Ihre Mutter
+ handelt nachts mit Apfelsinen
+ an der Weidendammer Brücke.
+ Doch sie selbst ist Kammerkätzchen.
+
+ Stöckelschühchen. Sehr kokett.
+ Sehr kokett sitzt auch ihr Häubchen,
+ das auf ihrem krausen Köpfchen
+ weiß und niedlich balanciert.
+
+ Doch der kleine Marmorschlingel,
+ der dem Spiegel visavis
+ grad vor einem Makartstrauß hockt,
+ läßt sich dadurch nicht verblüffen.
+
+ Immer, wenn ihr Pfauenwedel
+ ihn frühmorgens abstäubt, lacht er.
+ Ja, die Stutzuhr kann sogar
+ deutlich hören, was er sagt:
+
+ »Tu mir den Gefallen, Kind, und
+ kokettiere nicht so viel!
+ Ninon nennt die gnädige Frau dich?
+ Geh, du heißt ja gar nicht so!
+
+ Martha heißt du. Dein Papa
+ war der gnädige Herr von Dingsda.
+ Vor drei Wochen in Neuyork
+ starb er als Konditorlehrling.
+
+ Deine Mutter lebt. Sie schielt,
+ hinkt und schnupft. Im übrigen
+ handelt sie mit Apfelsinen
+ an der Weidendammer Brücke.«
+
+
+Aus »Phantasus«.
+
+ Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne,
+ vom Hof her stampfte die Fabrik.
+ Es war die richtige Mietskaserne
+ mit Flur- und Leiermannsmusik!
+ Im Keller nistete die Ratte,
+ Parterre gab's Branntwein, Grog und Bier,
+ und bis ins fünfte Stockwerk hatte
+ das Vorstadtelend sein Quartier.
+
+ Dort saß er nachts vor seinem Lichte
+ -- duck nieder, nieder, wilder Hohn! --
+ und fieberte und schrieb Gedichte,
+ ein Träumer, ein verlorner Sohn!
+ Sein Stübchen konnte grade fassen
+ ein Tischchen und ein schmales Bett;
+ er war so arm und so verlassen,
+ wie jener Gott aus Nazareth!
+
+ Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,
+ die Welt, ihn aus: Er ist verrückt! --
+ ihm hatte leuchtend auf die Stirne
+ der Genius seinen Kuß gedrückt!
+ Und wenn, vom holden Wahnsinn trunken,
+ er zitternd Vers an Vers gereiht,
+ dann schien auf ewig ihm versunken
+ die Welt und ihre Nüchternheit.
+
+ In Fetzen hing ihm seine Bluse,
+ sein Nachbar lieh ihm trocknes Brot,
+ er aber stammelte: O Muse!
+ und wußte nichts von seiner Not.
+ Er saß nur still vor seinem Lichte,
+ allnächtlich, wenn der Tag entflohn,
+ und fieberte und schrieb Gedichte,
+ ein Träumer, ein verlorner Sohn!
+
+ * * *
+
+ Die Nacht liegt in den letzten Zügen,
+ der Regen tropft, der Nebel spinnt ...
+ O, daß die Märchen immer lügen,
+ die Märchen, die die Jugend sinnt!
+ Wie lieblich hat sich einst getrunken
+ der Hoffnung goldner Feuerwein!
+ Und jetzt? Erbarmungslos versunken
+ in dieses Elend der Spelunken --
+ O Sonnenschein! O Sonnenschein!
+
+ Nur einmal, einmal noch im Traume
+ laßt mich hinaus, o Gott, hinaus!
+ Denn süß rauscht's nachts im Lindenbaume
+ vor meines Vaters Försterhaus.
+ Der Mond lugt golden um den Giebel,
+ der Vater träumt von Mars-la-Tour,
+ lieb Mütterchen studiert die Bibel,
+ ihr Nestling koloriert die Fibel,
+ und leise, leise tickt die Uhr.
+
+ O goldne Lenznacht der Jasminen,
+ o wär ich niemals dir entrückt!
+ Das ewige Rädern der Maschinen
+ hat mir das Hirn zerpflückt, zerstückt!
+ Einst schlich ich aus dem Haus der Väter
+ nachts in die Welt mich, wie ein Dieb,
+ und heut -- drei kurze Jährchen später! --
+ wie ein geschlagener Missetäter,
+ schluchz ich: Vergib, o Gott, vergib!
+
+ Wozu dein armes Hirn zerwühlen?
+ Du grübelst, und die Weltlust lacht!
+ Denn von Gedanken, von Gefühlen
+ hat noch kein Mensch sich satt gemacht!
+ Ja, recht hat, o du süße Mutter,
+ dein Spruch, vor dem's mir stets gegraust:
+ Was soll uns Shakespeare, Kant und Luther?
+ Dem Elend dünkt ein Stückchen Butter
+ erhabner als der ganze Faust!
+
+
+Vor meinem Fenster ...
+
+ Vor meinem Fenster
+ singt ein Vogel.
+
+ Still hör ich zu; mein Herz vergeht.
+
+ Er singt,
+ was ich als Kind ... so ganz besaß
+ und dann -- vergessen!
+
+
+Rote Rosen ...
+
+ Rote Rosen
+ winden sich um meine düstre Lanze.
+
+ Durch weiße Lilienwälder
+ schnaubt mein Hengst.
+
+ Aus grünen Seeen,
+ Schilf im Haar,
+ tauchen schlanke, schleierlose Jungfraun.
+
+ Ich reite wie aus Erz.
+
+ Immer,
+ dicht vor mir,
+ fliegt der Vogel Phönix
+ und singt.
+
+
+In einem Garten ...
+
+ In einem Garten, unter dunklen Bäumen,
+ erwarten wir
+ die Frühlingsnacht.
+ Noch
+ glänzt kein Stern.
+
+ Die Büsche schweigen.
+
+ Plötzlich,
+ aus einem Fenster,
+ leise,
+ getragen, schwellend,
+ die tiefen, klaren, reinen, lichten,
+ glutend golddurchwirkten
+ Töne
+ einer Geige.
+
+ Der Goldregen blinkt,
+ der Flieder duftet,
+ in unseren Herzen -- geht der Mond auf!
+
+
+Aus weißen Wolken ...
+
+ Aus weißen Wolken,
+ schwebend, schweigend, strahlend ins blitzende Blau hochsteigend,
+ schimmernd, flimmernd, baut sich ein Schloß!
+
+ Spiegelnde Seeen, selige Wiesen,
+ singende Brunnen aus tiefstem Smaragd!
+
+ In seinen hohen, gleißenden, glitzernden Hallen
+ wohnen
+ die alten Götter!
+
+ Noch immer,
+ abends,
+ wenn die Sonne purpurn sinkt,
+ glühn seine Gärten;
+ vor ihren Wundern bebt mein Herz
+ und lange ... steh ich.
+
+ Sehnsüchtig!
+
+ Dann naht die Nacht,
+ die Luft verlischt,
+ wie zitterndes Silber blinkt das Meer,
+ und über die ganze Welt hin
+ webt ein Duft ... wie von Rosen!
+
+
+
+
+Ricarda Huch.
+
+Geboren am 18. Juli 1864 in Braunschweig, studierte in Zürich und wurde
+dort 1891 als eine der ersten Frauen zum +Dr. phil.+ promoviert. --
+Gedichte 1891. Neue Gedichte 1907.
+
+
+Sehnsucht.
+
+ Um bei dir zu sein,
+ Trüg' ich Not und Fährde,
+ Ließ' ich Freund und Haus
+ Und die Fülle der Erde.
+
+ Mich verlangt nach dir,
+ Wie die Flut nach dem Strande,
+ Wie die Schwalbe im Herbst
+ Nach dem südlichen Lande.
+
+ Wie den Alpsohn heim,
+ Wenn er denkt, nachts alleine,
+ An die Berge voll Schnee
+ Im Mondenscheine.
+
+
+Unersättlich.
+
+ Ganz mit Frühling und Sonnenstrahl,
+ Klang und duftendem Blütenguß
+ Mein verlangendes Herz einmal
+ Füll mir, seliger Überfluß!
+
+ Gib mir ewiger Jugend Glanz,
+ Gib mir ewigen Lebens Kraft,
+ Gib im flüchtigen Stundentanz
+ Ewig wirkende Leidenschaft!
+
+ Aus dem Meere des Wissens laß
+ Satt mich trinken in tiefem Zug!
+ Gib von Liebe und gib von Haß
+ Meiner Seele einmal genug.
+
+ Gib, daß Tau der Erfüllung mir
+ In die Schale des Herzens fließt,
+ Bis sie, selber verschwendend, ihr
+ Überschäumendes Glück ergießt!
+
+
+Du.
+
+ Seit du mir ferne bist,
+ Hab' ich nur Leid,
+ Weiß ich, was Sehnsucht ist
+ Und freudenlose Zeit.
+
+ Ich hab' an dich gedacht
+ Ohn' Unterlaß
+ Und weine jede Nacht
+ Nach dir mein Kissen naß.
+
+ Und schließt mein Auge zu
+ Des Schlafes Band,
+ So wähn' ich, das tust du
+ Mit deiner weichen Hand.
+
+
+Heimatlos.
+
+ Hör mich, Mutter, höre mich in deinem dunkeln Grabe,
+ Sage mir, wo ich Verirrter meine Heimat habe.
+ Wenn ich schlafe unter deinem Trauerweidenbaume,
+ Zeige mir das Land, das süße Vaterland, im Traume.
+ Laß mich meine Sterne sehen, eine milde Sonne
+ Durch das Meer des Himmels segeln, junger Saaten Wonne,
+ Und die Wasser jubelnd hoch von meinen Bergen stieben!
+ Meine Brüder, meine Schwestern zeig mir, die mich lieben.
+ Wär' der Weg auch noch so weit, ich will ihn gerne gehen;
+ Wär' er noch so hoch und steil, ich will ihn gern bestehen.
+ Denn ich mag nicht, mag nicht länger in der Fremde weilen,
+ Ich bin krank im Herzen, nur die Heimat kann mich heilen.
+ Käm' ich auch als Bettler zu der vielgeliebten Stelle,
+ Legen will ich mich auf meines Vaterhauses Schwelle;
+ Küsse werden, Tränen auf die alten Steine brennen,
+ Die mich besser als die Menschen in der Fremde kennen.
+ -- »Kind, dein Vaterland ist ferne, und der Weg ist weiter,
+ Als die Erde weit ist, und die Nacht ist dein Begleiter.
+ An der Pforte wird die Ewigkeit dich still begrüßen
+ Und die Wanderschuh' dir lösen von den wunden Füßen.« --
+
+
+Erinnerung.
+
+ Einmal vor manchem Jahre
+ War ich ein Baum am Bergesrand,
+ Und meine Birkenhaare
+ Kämmte der Mond mit weißer Hand.
+
+ Hoch überm Abgrund hing ich
+ Windebewegt auf schroffem Stein.
+ Tanzende Wolken fing ich
+ Mir als vergänglich Spielzeug ein.
+
+ Fühlte nichts im Gemüte
+ Weder von Wonne noch von Leid,
+ Rauschte, verwelkte, blühte,
+ In meinem Schatten schlief die Zeit.
+
+
+Verstoßen.
+
+ Ich weiß, daß ich sterben muß
+ An deinem Lieben.
+ Du hast mich ins Elend getrieben
+ Mit deinem Kuß.
+
+ Ich irre verbannt, allein
+ Und ohne Frieden,
+ Seit ich von der Welt mich geschieden,
+ Um dein zu sein.
+
+ Nie werd' ich mein Vaterland,
+ Das süße, schauen;
+ Nie wirst du den Herd für uns bauen
+ Mit froher Hand.
+
+ Oft streckst du die Arme aus,
+ Wenn ich dir fehle.
+ So fern bin ich; nur meine Seele
+ Irrt um dein Haus.
+
+
+Herbst.
+
+ Herbst ist es, siehst du die Blätter fallen?
+ Nicht wie die Welkenden fromm
+ Wollen wir beide zu Tode wallen --
+ Küsse mich, komm!
+
+ Wolkenjagd oben in fernen Räumen!
+ Köstlich und wonnevoll
+ Ist es, die Perlen vom Wein zu schäumen,
+ Übermutstoll.
+
+ Aber noch herrlicher ist's, zu schlürfen
+ Alles in einem Zug!
+ Größeste Fülle, doch dem Bedürfen
+ Nimmer genug!
+
+ Laß uns das weinleere Glas zerschmettern,
+ Komm von dem Gipfel ins Grab,
+ Gleich unverletzlichen ewigen Göttern
+ Lächelnd hinab!
+
+
+Ankunft im Hades.
+
+ In des Hades Grüfte trat ein neuer Gast.
+ »Sei, Genosse, uns willkommen!
+ Sprich, was du vernommen
+ Auf der Erde schönen Fluren hast.
+
+ Sprich uns von der vielgeliebten Sonne Glanz
+ Und von rosenroten Wangen;
+ Sag, ob fröhlich schwangen
+ Kleine Mücken den geschwinden Tanz.
+
+ Sahst du Liebchen Hand in Hand beim Abendmond?
+ Über unsern Leichensteinen
+ Sahst du uns beweinen
+ Jene Schar, die froh im Lichte wohnt?
+
+ Ihnen strömt der Tränen holder Tau,
+ Der befreit und löst die Schmerzen,
+ Wie das Eis im Märzen
+ Frühlingswinde wonnevoll und lau.«
+
+ -- »Lenz war droben, da von dannen ich gemußt.
+ Mit hinab in eure Grüfte
+ Nahm ich Veilchendüfte:
+ Diesen vollen Strauß an meiner Brust.« --
+
+ Seht, da ruhn die Danaiden; von der Qual
+ Muß auch Tantalus sich wenden;
+ Jäh aus müß'gen Händen
+ Stürzt der Stein des Sisyphus zu Tal.
+
+
+Liebesreime.
+
+I.
+
+ Nicht der Nachtigall und nicht der Lerche Lied
+ Kann mich freuen, wenn es klingt das Tal entlang;
+ Hört' ich jemals wieder einen süßen Klang,
+ Seit das Schicksal mich von meinem Freunde schied?
+ Wenn er sprach zu mir und meinen Namen rief,
+ O, wie wurde mir dabei die Seele weit;
+ Wenn ich tot einst bin und lieg' im Grabe tief,
+ Hör' ich's wohl um Mitternacht zur Sommerszeit.
+
+II.
+
+ Ich hatte so viel dir zu berichten,
+ Neuigkeiten, allerhand Geschichten;
+ Aber nun bist du auf einmal so nah
+ Mit diesem Kinn und diesen Wangen,
+ Alle Gedanken sind mir vergangen --
+ Ach Gott und dein Hals, der weiche, runde,
+ Nur eine Spanne von meinem Munde,
+ Den ich so lange, die Lippen zerbeißend, von weitem sah!
+
+III.
+
+ Einen guten Grund hat's, daß mein Liebchen
+ Über alles schön und herrlich ist geraten:
+ Denn mit Lenztau ward getauft das Bübchen,
+ Mond und Sonne waren seine Paten.
+ Sonne setzt' ins Aug' ihm goldne Kerzen:
+ Wenn er aufschaut, glühen alle Herzen.
+ Und der Mond küßt' ihm den Mund von ferne:
+ Wenn er lächelt, klingen alle Sterne.
+
+
+
+
+Isolde Kurz.
+
+Geboren am 21. Dezember 1853 zu Stuttgart als Tochter des Dichters
+Hermann Kurz; lebt, unvermählt, seit dem Jahre 1877 zumeist in Florenz.
+-- Gedichte 1889. Neue Gedichte 1905.
+
+
+Südliche Weise.
+
+ Du sprichst von Sünde gleich und ew'gen Flammen,
+ Will ich ein Stündchen nur mit dir verkosen,
+ Weil noch kein Priesterwort uns gab zusammen.
+
+ Doch neulich sprach der Pfaff beim Messelesen, --
+ Er sprach Latein, drum blieb der Sinn dir dunkel,
+ Ich aber bin einst Ministrant gewesen.
+
+ Er sagte: Fromme Christen, laßt euch raten!
+ Ihr müßt für jeden ungeküßten Kuß
+ Einhundert Jährlein in der Hölle braten.
+
+
+Die erste Nacht.
+
+ Jetzt kommt die Nacht, die erste Nacht im Grab.
+ O, wo ist aller Glanz, der dich umgab?
+ In kalter Erde ist dein Bett gemacht.
+ Wie wirst du schlummern diese erste Nacht?
+
+ Vom letzten Regen ist dein Kissen feucht,
+ Nachtvögel schrein, vom Wind emporgescheucht,
+ Kein Lämpchen brennt dir mehr, nur kalt und fahl
+ Spielt auf der Schlummerstatt der Mondenstrahl.
+
+ Die Stunden schleichen -- schläfst du bis zum Tag?
+ Horchst du wie ich auf jeden Glockenschlag?
+ Wie kann ich ruhn und schlummern kurze Frist,
+ Wenn du, mein Lieb, so schlecht gebettet bist?
+
+
+Mädchenliebe.
+
+ Nächtlich war's am stillen Weiher,
+ Wo ich ihm zur Seite stand,
+ Als im Wind mein langer Schleier
+ Sich um seinen Nacken wand.
+
+ Ach, was ließ ich's nur geschehen!
+ Daß er fest den Knoten schlang,
+ Mich an seiner Hand zu gehen,
+ Ein gefangnes Füllen, zwang!
+
+ Denn seitdem auf allen Wegen
+ Fühlt' ich unzerreißlich stets
+ Über mich und ihn sich legen
+ Magisch jenes Schleiers Netz.
+
+ Seit mich gar sein Arm umwindet,
+ Schwand der Freiheit letzter Rest.
+ Fessel, die uns beide bindet,
+ Liebe Fessel, halte fest!
+
+
+Die Nicht-Gewesenen.
+
+ Über ein Glück, das du flüchtig besessen,
+ Tröstet Erinnern, tröstet Vergessen,
+ Tröstet die alles heilende Zeit.
+ Aber die Träume, die nie errungnen,
+ Nie vergeßnen und nie bezwungnen,
+ Nimmer verläßt dich ihr sehnendes Leid.
+
+
+
+
+Else Lasker-Schüler.
+
+Gedichte aus den gesammelten Büchern im Verlag Paul Cassirer in Berlin.
+
+
+Wir beide.
+
+ Der Abend weht Sehnen aus Blütensüße,
+ Und auf den Bergen brennt wie Silberdiamant der Reif,
+ Und Engelköpfchen gucken überm Himmelsstreif,
+ Und wir beide sind im Paradiese.
+
+ Und uns gehört das ganze bunte Leben,
+ Das blaue, große Bilderbuch mit Sternen,
+ Mit Wolkentieren, die sich jagen in den Fernen
+ Und hei! die Kreiselwinde, die uns drehn und heben!
+
+ Der liebe Gott träumt seinen Kindertraum
+ Vom Paradies -- von seinen zwei Gespielen,
+ Und große Blumen sehn uns an von Dornenstielen ...
+
+ Die düstere Erde hing noch grün am Baum.
+
+
+Mairosen.
+
+ Er hat seinen heiligen Schwestern versprochen,
+ Mich nicht zu verführen,
+ Zwischen Mairosen hätte er fast
+
+ Sein Wort gebrochen,
+ Aber er machte drei Kreuze
+ Und ich glaubte heiß zu erfrieren.
+
+ Nun lieg' ich im düstern Nadelwald,
+ Und der Herbst saust kalte Nordostlieder
+ Über meine Lenzglieder.
+
+ Aber wenn es wieder warm wird,
+ Wünsch' ich den heiligen Schwestern beid' Hochzeit
+ Und wir -- spielen dann unter den Mairosen ...
+
+
+Chaos.
+
+ Die Sterne fliehen schreckensbleich
+ Vom Himmel meiner Einsamkeit,
+ Und das schwarze Auge der Mitternacht
+ Starrt näher und näher.
+
+ Ich finde mich nicht wieder
+ In dieser Todverlassenheit!
+ Mir ist, ich lieg' von mir weltenweit
+ Zwischen grauer Nacht der Urangst ...
+
+ Ich wollte, ein Schmerzen rege sich
+ Und stürze mich grausam nieder
+ Und riß mich jäh an mich!
+ Und es lege eine Schöpferlust
+ Mich wieder in meine Heimat
+ Unter der Mutterbrust.
+
+ Meine Mutterheimat ist seeleleer,
+ Es blühen dort keine Rosen
+ Im warmen Odem mehr. --
+ ... Möcht' einen Herzallerliebsten haben!
+ Und mich in seinem Fleisch vergraben.
+
+
+ [Illustration: Else Lasker-Schüler]
+
+
+Die Liebe.
+
+ Es rauscht durch unseren Schlaf
+ Ein feines Wehen wie Seide,
+ Wie pochendes Erblühen
+ Über uns beide.
+
+ Und ich werde heimwärts
+ Von deinem Atem getragen,
+ Durch verzauberte Märchen,
+ Durch verschüttete Sagen.
+
+ Und mein Dornenlächeln spielt
+ Mit deinen urtiefen Zügen,
+ Und es kommen die Erden
+ Sich an uns zu schmiegen.
+
+ Es rauscht durch unseren Schlaf
+ Ein feines Wehen wie Seide --
+ Der weltalte Traum
+ Segnet uns beide.
+
+
+Liebesflug.
+
+ Drei Stürme liebt' ich ihn eher wie er mich,
+ Jäh schrien seine Lippen,
+ Wie der geöffnete Erdmund!
+ Und Gärten berauschten am Mairegen sich.
+
+ Und wir griffen unsere Hände,
+ Die verlöteten wie Ringe sich.
+ Und er sprang mit mir auf die Lüfte
+ Gotthin, bis der Atem verstrich.
+
+ Dann kam ein leuchtender Sommertag
+ Wie eine glückselige Mutter.
+ Und die Mädchen blickten schwärmerisch,
+ Nur meine Seele lag müd' und zag.
+
+
+Eva.
+
+ Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt,
+ Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren,
+ Und deine Lippen sind von rosiger Sonnenweichheit
+ Wie die Blüten der Bäume Edens waren.
+
+ Und die keimende Liebe ist meine Seele,
+ O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen,
+ Und du zitterst von Ahnungen
+ Und weißt nicht, warum deine Träume stöhnen.
+
+ Und ich liege schwer auf deinem Leben,
+ Wie eine tausendstämmige Erinnerung.
+ Und du bist so blindjung, so adamjung ...
+ Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt.
+
+
+Mein Volk.
+
+ Der Fels wird morsch,
+ Dem ich entspringe
+ Und meine Gotteslieder singe ...
+ Jäh stürz' ich vom Weg
+ Und riesele ganz in mir
+ Fernab, allein über Klagegestein
+ Dem Meer zu.
+
+ Hab' mich so abgeströmt
+ Von meines Blutes
+ Mostvergorenheit.
+ Und immer, immer noch der Widerhall
+ In mir,
+ Wenn schauerlich gen Ost
+ Das morsche Felsgebein,
+ Mein Volk,
+ Zu Gott schreit.
+
+
+Mein Liebeslied.
+
+ Wie ein heimlicher Brunnen
+ Murmelt mein Blut,
+ Immer von dir, immer von mir.
+ Unter dem taumelnden Mond
+ Tanzen meine nackten, suchenden Träume,
+ Nachtwandelnde, fiebernde Kinder,
+ Leise über düstere Hecken.
+ O, deine Lippen sind sonnig ...
+ Diese Rauschedüfte deiner Lippen ...
+ Und aus blauen Dolden, silberumringt
+ Lächelst du ... du, du.
+ Immer das schlängelnde Geriesel
+ Auf meiner Haut
+ Über die Schultern hinweg --
+ Ich lausche ...
+ Wie ein heimlicher Brunnen
+ Murmelt mein Blut ...
+
+
+Mein Wanderlied.
+
+ Zwölf Morgenhellen weit
+ Verschallt der Geist der Mitternacht,
+ Und meine Lippen haben ausgedacht
+ In stolzer Linie mit der Ewigkeit.
+
+ Torabwärts schreitet das Verflossene,
+ Indessen meine Seele sich im Glanz der Lösung bricht,
+ Ihr tausendheißes, weißes Licht
+ Scheint mir voran ins Ungegossene.
+
+ Und ich wachse über all Erinnern weit.
+ So fern Musik ... und zwischen Kampf und Frieden
+ Steigen meine Blicke hoch wie Pyramiden,
+ Und sind die Ziele hinter aller Zeit.
+
+
+O, meine schmerzliche Lust.
+
+ Mein Traum ist eine junge, wilde Weide
+ Und schmachtet in der Dürre.
+ Wie die Kleider um den Tag brennen ...
+ Alle Lande bäumen sich.
+ Soll ich dich locken mit dem Liede der Lerche
+ Oder soll ich dich rufen wie der Feldvogel
+ Tuuh! Tuuh!
+ Wie die Silberähren
+ Um meine Füße sieden ...
+ O, meine schmerzliche Lust
+ Weint wie ein Kind.
+
+
+Maienregen.
+
+ Du hast deine warme Seele
+ Um mein verwittertes Herz geschlungen,
+ Und all seine dunkeln Töne
+ Sind wie ferne Donner verklungen.
+
+ Aber es kann nicht mehr jauchzen
+ Mit seiner wilden Wunde,
+ Und wunschlos in deinem Arme
+ Liegt mein Mund auf deinem Munde.
+
+ Und ich höre dich leise weinen,
+ Und es ist -- die Nacht bewegt sich kaum --
+ Als fiele ein Maienregen
+ Auf meinen greisen Traum.
+
+
+Weltende.
+
+ Es ist ein Weinen in der Welt,
+ Als ob der liebe Gott gestorben wär',
+ Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
+ Lastet grabesschwer.
+
+ Komm, wir wollen uns näher verbergen ...
+ Das Leben liegt in Aller Herzen
+ Wie in Särgen.
+
+ Du! wir wollen uns tief küssen ...
+ Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
+ An der wir sterben müssen.
+
+
+Mein Liebeslied.
+
+ Auf deinen Wangen liegen
+ Goldene Tauben.
+
+ Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,
+ Dein Blut rauscht, wie mein Blut --
+
+ Süß
+ An Himbeersträuchern vorbei.
+
+ O, ich denke an dich -- --
+ Die Nacht frage nur.
+
+ Niemand kann so schön
+ Mit deinen Händen spielen,
+
+ Schlösser bauen, wie ich
+ Aus Goldfinger;
+
+ Burgen mit hohen Türmen!
+ Strandräuber sind wir dann.
+
+ Wenn du da bist,
+ Bin ich immer reich.
+
+ Du nimmst mich so zu dir,
+ Ich sehe dein Herz sternen.
+
+ Schillernde Eidechsen
+ Sind dein Geweide.
+
+ Du bist ganz aus Gold --
+ Alle Lippen halten den Atem an.
+
+
+
+
+Detlev von Liliencron.
+
+Geboren am 3. Juni 1844 zu Kiel, besuchte die Gelehrte Schule seiner
+Vaterstadt, trat 1863 beim westfälischen Füsilierregiment Nr. 37 in
+Mainz ein, nahm an den Kriegen 1866 und 1870-71 teil, wurde mehrmals
+verwundet, nahm seinen Abschied, ging auf kurze Zeit nach Amerika,
+kehrte zurück, wurde Deichhauptmann und Hardesvogt auf Pellworm, wo er
+die »Adjutantenritte« schrieb, und lebte zuletzt, nachdem er längere
+Zeit in Altona gewohnt hatte, als Hauptmann a. D. in Alt-Rahlstedt bei
+Hamburg. Er starb dort am 22. Juli 1909. -- Seine früher unter andern
+Titeln erschienenen Gedichtbücher heißen jetzt: Kampf und Spiele. Kämpfe
+und Ziele. Nebel und Sonne. Bunte Beute. Ausgewählte Gedichte. Poggfred.
+Gute Nacht.
+
+
+Rückblick.
+
+ Eh mir aus der Scheide schoß
+ Blitz und blank der Degen,
+ Ließ noch einmal Mann und Roß
+ Kurzer Rast ich pflegen.
+
+ Und die Hand als Augenschild,
+ Meine Lider sanken,
+ Rasch vorbei, ein wechselnd Bild,
+ Flogen die Gedanken.
+
+ Kinderland, du Zauberland,
+ Haus und Hof und Hecken.
+ Hinter blauer Wälderwand
+ Spielt die Welt Verstecken.
+
+ Weiter nun in bunten Reihn
+ Zog mein wüstes Leben.
+ Wenig Taten, vieler Schein,
+ Windige Spinneweben.
+
+ Würfel, Weiber, Wein, Gesang,
+ Jugendrasche Quelle,
+ Und im wilden Wogendrang
+ Schwamm ich mit der Welle ...
+
+ Doch Dragoner glänzen hell
+ Dort an jenem Hügel.
+ An die Pferde! Fertig! Schnell
+ Klebt der Sporn am Bügel.
+
+ Zügel fest, Fanfarenruf,
+ Donnernd schwappt der Rasen.
+ Bald sind wir mit flüchtigem Huf
+ An den Feind geblasen.
+
+ Anprall, Fluch und Stoß und Hieb,
+ Kann den Arm nicht sparen,
+ Wo mir Helm und Handschuh blieb,
+ Hab' ich nicht erfahren.
+
+ Sattelleere, Sturz und Staub,
+ Klingenkreuz und Scharten.
+ Trunken schwenkt die Faust den Raub
+ Flatternd der Standarten.
+
+ Täuschend gleicht des Feindes Flucht
+ Tollgehetzten Hammeln.
+ Freudig ruft in Wald und Schlucht
+ Mein Signal zum Sammeln.
+
+ Schweiß und Blut an Stirn und Schwert,
+ Laß es tropfen, tropfen.
+ Dankbar muß ich meinem Pferd
+ Hals und Mähne klopfen.
+
+ Nächtens dann beim Feuerschein,
+ Nach des Kampfes Mühe,
+ Fielen mir Gedanken ein
+ Aus des Tages Frühe.
+
+ Schwamm ich viele Jahre lang
+ Steuerlos im Leben,
+ Hat mir heut der scharfe Gang
+ Wink und Ziel gegeben.
+
+
+Tod in Ähren.
+
+ Im Weizenfeld, in Korn und Mohn,
+ Liegt ein Soldat, unaufgefunden,
+ Zwei Tage schon, zwei Nächte schon,
+ Mit schweren Wunden, unverbunden.
+
+ Durstüberquält und fieberwild,
+ Im Todeskampf den Kopf erhoben.
+ Ein letzter Traum, ein letztes Bild,
+ Sein brechend Auge schlägt nach oben.
+
+ Die Sense sirrt im Ährenfeld,
+ Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden,
+ Ade, ade, du Heimatwelt --
+ Und beugt das Haupt, und ist verschieden.
+
+
+Am Strande.
+
+ Der lange Junitag war heiß gewesen,
+ Ich saß im Garten einer Fischerhütte,
+ Wo schlicht auf Beeten, zierlich eingerahmt
+ Von Muscheln, Buchs und glatten Kieselsteinen,
+ Der Goldlack blüht, und Tulpen, Mohn und Rosen
+ In bäurisch buntem Durcheinander prunken.
+ Es war die Nacht schon im Begriff, dem Tage
+ Die Riegel vorzuschieben; stiller ward
+ Im Umkreis alles; Schwalben jagten sich
+ In hoher Luft; und aus der Nähe schlug
+ Ans Ohr das Rollen auf der Kegelbahn.
+ Im Gutenacht der Sonne blinkerten
+ Die Scheiben kleiner Häuser auf der Insel,
+ Die jenseit lag, wie blanke Messingplatten.
+ Den Strom hinab glitt feierlich und stumm,
+ Gleich einer Königin, voll hoher Würde,
+ Ein Riesenschiff, auf dessen Vorderdeck
+ Die Menschen Kopf an Kopf versammelt stehn.
+ Sie alle winken ihre letzten Grüße
+ Den letzten Streifen ihrer Heimat zu.
+ In manchen Bart mag nun die Mannesträne,
+ So selten sonst, unaufgehalten tropfen.
+ In manches Herz, das längst im Sturz und Stoß
+ Der Lebenswellen hart und starr geworden,
+ Klingt einmal noch ein altes Kinderlied.
+ Doch vorwärts, vorwärts ins gelobte Land!
+ Die Pflicht befiehlt zu leben und zu kämpfen,
+ Befiehlt dem einen, für sein Weib zu sorgen,
+ Und für sich selbst dem andern. Jeder so
+ Hat seiner Ketten schwere Last zu tragen,
+ Die, allzu schwer, ihn in die Tiefe zieht.
+ Geboren werden, leiden dann und sterben,
+ Es zeigt das Leben doch nur scharfe Scherben.
+ Vielleicht? Vielleicht auch jetzt gelingt es nicht,
+ Auf fremdem Erdenraum, mit letzter Kraft,
+ Ein oft geträumtes, großes Glück zu finden.
+ Das Glück heißt Gold, und Gold heißt ruhig leben:
+ Vom sichern Sitze des Amphitheaters
+ In die Arena lächelnd niederschaun,
+ Wo, dichtgeschart, der Mob zerrissen wird
+ Vom Tigertier der Armut und der Schulden ...
+
+ Das Schiff ist längst getaucht ins tiefe Dunkel.
+ Bleischwere Stille gräbt sich in den Strom,
+ Indessen aus der Kegelbahn im Dorf
+ Beim Schein der Lampe noch die Gäste zechen.
+ In gleichen Zwischenräumen bellt ein Hund,
+ Und eine Wiege knarrt im Nachbarhause.
+
+
+Letzter Gruß.
+
+ Herbsttag, und doch wie weiches Frühlingswetter,
+ Ich schlenderte langseits der Friedhofshecke,
+ Ein Sarg schien unter Gramgeläut zu sinken,
+ Dann bog ich auf dem Wege um die Ecke.
+
+ Da kamst du, keine Täuschung, mir entgegen,
+ Wir hatten gestern Abschied schon genommen,
+ Du gingst zur Bahn, begleitet von Geschwistern,
+ Was mußte noch einmal die Marter kommen.
+
+ Ich grüßte dich, und sah dein freundlich Danken;
+ Die mit dir schritten, haben's nicht beachtet.
+ Und ich blieb stehn, du wandtest dich verstohlen,
+ Von Leid war meine Seele dicht umnachtet.
+
+ Im Schmerz grub ich die Linke in den Dornbusch
+ Und ließ die Stacheln tief ins Fleisch mir dringen,
+ Ein letzter Gruß von dir, von mir -- vorüber,
+ Die Hand im Strauch will fest die Qual bezwingen.
+
+ Es tat nicht weh, ich hab' in Wachs gegriffen,
+ Kein Tropfen sprang, es hat nicht warm geflutet,
+ Die roten Ströme sind zurückgeflossen,
+ Es hat mein Herz, mein Herz nur hat geblutet.
+
+
+Der Ländler.
+
+ Auf die Terrasse war ich hinbefohlen,
+ Der jugendfrischen, schönen, geistvollen,
+ Holdseligen Prinzessin vorzulesen.
+ Ich wählte Tasso.
+ Durch den Sommerabend
+ Umschwirrt' uns schon das erste Nachtinsekt.
+ Die Sonne war gesunken. Rot Gewölk
+ Stand hellgetönt, mit Blau vermischt, im Westen.
+ Der Garten vor uns, tief gelegen, hüllt
+ Sich ein in dunkle Schatten mehr und mehr.
+ Und eine Nachtigall beginnt.
+ Der Diener
+ Setzt auf den Tisch die Lampen, deren Licht
+ Nicht durch den schwächsten Zug ins Flackern kommt.
+ Von unten, aus dem Dorfe, klingt Musik.
+ Und deutlich aus der Finsternis heraus,
+ Leuchtstriche, blitzen eines Tanzsaals Fenster.
+ Die Paare huschen schnell vorbei in ihnen.
+
+ Zuweilen, wenn die Tür geöffnet steht,
+ Erschallt Gestampf, der Brummbaß, Kreischen, Jauchzen.
+ Unbändig scheint die Freude dort zu herrschen.
+ Ich trage unterdessen weiter vor,
+ Wie flüchtige Bilder, unbewußt, den Trubel
+ Im Tal an mir vorüberziehen lassend,
+ Und jene Verse hab' ich grad getroffen:
+ »Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein,
+ Der schäumend wallt und brausend überquillt?«
+ Als ich die Lider hob und die Prinzeß,
+ Die säumig ihre Linke dem Geländer
+ Hinüber ruhen läßt, erblicke, wie sie,
+ Nicht meiner Lesung achtend, niederschaut,
+ Das braune Auge träumerisch, sehnsüchtig
+ Hinuntersendet auf den fröhlichen Ländler.
+
+ »Wie wär' es, fänden wohl Durchlaucht Vergnügen,
+ Dem frohen Reigen dort sich anzuschließen?«
+ Und sie, ein Seufzer: »Ach, ich tät's so gern!«
+
+ Wenn ich's nur bringen könnte, wiedergeben,
+ Wie jenes Wort von ihr gesprochen ward,
+ Das »so«, das »gern«, wenn ich's nur treffen könnte,
+ Wie sie das sagte: »Ach, ich tät's so gern!«
+
+
+Wer weiß wo.
+
+ Auf Blut und Leichen, Schutt und Qualm,
+ Auf roßzerstampften Sommerhalm
+ Die Sonne schien.
+ Es sank die Nacht. Die Schlacht ist aus,
+ Und mancher kehrte nicht nach Haus
+ Einst von Kolin.
+
+ Ein Junker auch, ein Knabe noch,
+ Der heut das erste Pulver roch,
+ Er mußt' dahin.
+ Wie hoch er auch die Fahne schwang,
+ Der Tod in seinen Arm ihn zwang.
+ Er mußt' dahin.
+
+ Ihm nahe lag ein frommes Buch,
+ Das stets der Junker bei sich trug,
+ Am Degenknauf.
+ Ein Grenadier von Bevern fand
+ Den kleinen erdbeschmutzten Band
+ Und hob ihn auf.
+
+ Und brachte heim mit schnellem Fuß
+ Dem Vater diesen letzten Gruß,
+ Der klang nicht froh.
+ Dann schrieb hinein die Zitterhand:
+ »Kolin. Mein Sohn verscharrt im Sand.
+ Wer weiß wo.«
+
+ Und der gesungen dieses Lied,
+ Und der es liest, im Leben zieht
+ Noch frisch und froh.
+ Doch einst bin ich, und bist auch du,
+ Verscharrt im Sand, zur ewigen Ruh',
+ Wer weiß wo.
+
+
+In einer großen Stadt.
+
+ Es treibt vorüber mir im Meer der Stadt
+ Bald der, bald jener, einer nach dem andern.
+ Ein Blick ins Auge, und vorüber schon.
+ Der Orgeldreher dreht sein Lied.
+
+ Es tropft vorüber mir ins Meer des Nichts
+ Bald der, bald jener, einer nach dem andern.
+ Ein Blick auf seinen Sarg, vorüber schon.
+ Der Orgeldreher dreht sein Lied.
+
+ Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt.
+ Querweg die Menschen, einer nach dem andern.
+ Ein Blick auf meinen Sarg, vorüber schon.
+ Der Orgeldreher dreht sein Lied.
+
+
+Vor Last und Lärm.
+
+ Die frühste Sonne legt sich übers Feld,
+ Und steigt empor; und schweigend dampft der Morgen.
+ Aus dem im letzten Traum verstrickten Städtchen
+ Bin ich dem Tore schon weitab entrückt.
+ Wen seh' ich dort im nassen Graben liegen?
+ Ein Bauer, der zu viel getrunken hatte,
+ Ist hier die Nacht gefallen, unter Disteln.
+ Das linke Knie hat er herangezogen;
+ Mit offnen Lippen schnarcht der wüste Kerl.
+ Vorüber -- schon verliert sich das Geräusch.
+ Was ist denn das dort rechts am Meilenstein?
+ Ein kleiner, weißer Bologneserhund
+ Mit blutgeröteten Behangesspitzen,
+ Von tauerweichter Erde arg beschmutzt.
+ Wie kommt der hierher, frag' ich mich vergebens.
+ Ist's Tante Minnas süßer Liebling nicht?
+ Wenn die das wüßte, was Bijou ergötzt:
+ Er wühlt mit seinem Schnäuzchen emsiglich
+ Im Eingeweide eines toten Fuchses.
+ Als ich ihm in die Näh' gekommen, drückt er
+ Ein Vorderpfötchen auf den Balg des Aases
+ Und duckt den Kopf und äugt mich mürrisch an;
+ Sein ganzer Körper bleibt unregbar stehn,
+ Nur seine Augen folgen meinem Schritt.
+ Vorüber -- lautlos alles noch und ruhig.
+ Auf einer Pflugschar gleißt im grellsten Weiß
+ Das Taggestirn, als brennte dort sich's fest.
+ Da schallt der erste Ton, vom Lager klingt er,
+ Das meinem Blick zwei Meilen abseits leuchtet.
+ Unendlich schwach hör' ich die Trommeln wirbeln,
+ Die Hörner: Habt -- ihr noch -- nicht lang -- genug --
+ Geschla -- -- -- fen.
+
+ Die Straße, die mein Fuß lebendig geht,
+ Zieht sich in schnurgerader Linie hin,
+ Auf zehn Minuten hab' ich Übersicht.
+ Just, wo für mich der Weg den Anfang nimmt,
+ Erscheint ein Punkt, der größer wird und größer.
+ Hurra! Sie ist's! Hurra, hurra! Sie ist's!
+ Rasch zieh' und hastig ich mein Taschentuch
+ Und winke, und ein Fähnchen zeigt sich auch
+ In ihrer Hand; und muntrer greif' ich aus.
+ An meinen Stock knüpf' ich das Banner an,
+ Und an den Sonnenschirm das ihre sie.
+ Und nun ein Hin und Her, ein Schwenken, Kreisen,
+ Als wollten Tauben wir vom Dache scheuchen.
+ Indessen trommelt's immer fort: Wacht auf;
+ Und tutet: Habt -- ihr noch -- nicht lang -- genug --
+ Geschla -- -- -- fen.
+
+ Mein Antlitz glüht in freudigster Erwartung,
+ Die Kehle ist mir fast wie zugeschnürt,
+ Wie schlägt mein Herz, wie atmet meine Brust.
+
+ Nun sind wir sprechweit nah, und dann, und dann,
+ Wie sonderbar, verkürzt sich unsre Eile.
+ Sind wir beschämt? Auf ihren Wangen flog
+ Ein Purpur hin wie schneller Wolkenschatten.
+ Nun lächelt sie. Das Köpfchen biegt sich etwas
+ Nach rechts und rückwärts; ja, und dann, und dann --
+
+ Indessen brechen Horn und Trommel ab --
+ Stumm wie der mönchverlaßne Klostergang
+ Liegt rings um uns des Morgens heilige Stille.
+
+
+Weite Aussicht.
+
+ Steht eine Mühle am Himmelsrand,
+ Scharfgezeichnet gegen mäusegraue Wetterwand,
+ Und mahlt immerzu, immerzu.
+
+ Hinter der Mühle am Himmelsrand,
+ Ohne Himmelsrand, mahlt eine Mühle, allbekannt,
+ Mahlt immerzu, immerzu.
+
+
+Erinnerung.
+
+ Die großen Feuer warfen ihren Schein
+ Hell lodernd in ein lustig Biwaktreiben.
+ Wir Offiziere saßen um den Holzstoß
+ Und tranken Glühwein, sternenüberscheitelt.
+ So manches Wort, das in der Sommernacht
+ Im Flüstern oder laut gesprochen wird,
+ Verweht der Wind, begräbt das stille Feld.
+ Die Musketiere sangen: »Stra -- a -- ßburg.
+ O Stra -- a -- ßburg ...« Da fühlt' ich eine Hand,
+ Die leise sich auf meine Schulter legte.
+ Ich wandte rasch den Kopf, und sah den Lehrer,
+ Bei dem ich, freundlich aufgenommen, gestern
+ Quartier gehabt; der nun, verabredet,
+ Mit seinem Töchterchen gekommen war.
+ Ein Mädel, jung gleich einer Apfelblüte,
+ Die niemals noch der Morgenwind geschaukelt.
+ Der Alte mußte neben uns sich setzen,
+ Und während ihm das Glas die Freunde füllten,
+ Führt' ich, von allem ihr Erklärung gebend,
+ Das Mädchen langsam durch die Lagerreihen.
+ Sie sprach kein Wort, doch lautlos sprach ihr Mund,
+ Ihr lächelnd und ihr staunend großes Auge.
+ Wie schön sie war, wenn sie beim Feuer stand,
+ Und rote Funken knisternd uns umtanzten.
+ Es hob sich die Gestalt vom dunklen Himmel
+ Scharf ausgeschnitten aus dem schwarzen Rahmen.
+ Und einmal, als Soldaten, ausstaffiert
+ Als Storch und Bär, uns ihre Künste zeigten,
+ Da lehnte flüchtig sie, beinah erschrocken,
+ An meine Brust ihr frommes Kinderantlitz.
+ Wir traten zögernd dann den Rückweg an,
+ -- Es stahl der Mond sich eben in die Bäume,
+ Und in der Ferne, bei den Doppelposten,
+ Fiel dumpf verhallend durch den Wald ein Schuß. --
+ Wir gingen Hand in Hand,
+ Und so, halb stehend, halb im Weitergehn,
+ Bog ich mein Haupt hinunter zu dem ihren.
+ Ich fühlte, wie die jungen Lippen mir
+ Entgegenkamen, und ich seh' noch heut
+ Ihr dunkles Auge in die Sterne leuchten ...
+ Als längst der Alte mit ihr weggegangen,
+ Saß ich im Kreise meiner Kameraden
+ Und dachte voller Sehnsucht an das Mädchen,
+ Bis mir zuletzt die schweren Lider sanken.
+ Mein treuer Bursche trug mich in mein Zelt
+ Und deckte sorgsam mir den Mantel über.
+ Seitdem bin ich durch manches Land gezogen,
+ Doch unvergessen bleibt mir jene Nacht.
+
+
+Kalter Augusttag.
+
+I.
+
+ Wir standen unter alten Riesenulmen,
+ An unseres Gartens Rand. Mein Arm umschlang
+ Die schlanke Hüfte dir. Es lag dein Haupt,
+ Das schöne, blasse, still an meiner Schulter.
+ Ein kalter Hauch drang uns entgegen; fröstelnd
+ Zogst fester du das Tuch um deinen Hals.
+ In grauer Luft, unübersehbar, lag
+ Der Wiesen grünes Flachland ausgebreitet.
+ Wie deutlich hörten wir den Jungen schelten
+ Auf seine Kühe, immer hör' ich noch
+ Dein fröhlich Lachen, als uns die gesunden,
+ Vom Winde hergetragnen Worte trafen.
+ Und eine Öde, nordisch unbehaglich,
+ Durchfror die Landschaft. Krähen stolperten,
+ Laut krächzend, übern Garten. Schläfrig zog
+ Am Horizont die Mühle ihre Kreise.
+ Und doch! Es lag auf Wegen fern und nah
+ Der Sonnenschein, der Sonnenschein des Glücks.
+ Und langsam kehrten wir zurück ins Haus.
+
+II.
+
+ Und wieder stand ich unter unsern Ulmen,
+ Doch nicht mit dir. Allein sah ich hinaus
+ In lichten Frühlingstag: Der Junge pfiff
+ Ein lustig Liedchen seinen Kühen; glänzend
+ Im Licht umkreisten Krähen hohe Bäume,
+ In blauer Luft schaut' ich am Horizont
+ Die Mühle schnell im Wind die Flügel drehn.
+ Und doch, ich sah nur graue Todesnebel,
+ Und teilnahmlos kehrt' ich zurück ins Haus.
+
+
+Auf dem Deiche.
+
+ Es ebbt. Langsam dem Schlamm und Schlick umher
+ Enttauchen alte Wracks und Besenbaken,
+ Und traurig hüllt ein graues Nebellaken
+ Die Hallig ein, die Watten und das Meer.
+
+ Der Himmel schweigt, die Welt ist freudenleer.
+ Nachrichten, Teufel, die mich oft erschraken,
+ Sind Engel gegen solchen Widerhaken,
+ Den heut ins Herz mir wühlt ein rauher Speer.
+
+ Wie sonderbar! Ich wollte schon verzagen
+ Und mich ergeben ohne Manneswürde,
+ Da blitzt ein Bild empor aus fernen Tagen:
+
+ Auf meiner Stute über Heck' und Hürde
+ Weit der Schwadron voran seh' ich mich jagen
+ In Schlacht und Sieg, entlastet aller Bürde.
+
+
+Sizilianen.
+
+Die Insel der Glücklichen.
+
+ Das Hängelämpchen qualmt im warmen Stalle,
+ In dem behaglich sich zwei Kühe fühlen.
+ Der Hahn, die Hennen, um den Sproß die Kralle,
+ Träumen vom wunderbaren Düngerwühlen.
+ Der Junge pfeift auf einer Hosenschnalle
+ Dem Brüderchen ein Lied mit Zartgefühlen.
+ Und Knaben, Kühe, Hühner lassen alle
+ Getrost den Strom der Welt vorüberspülen.
+
++Souvenir de la Malmaison.+
+
+ Die menschenblasse Rose legte ich
+ Auf deine kalten, überkreuzten Hände,
+ Und strich dein Haar zurück und pflegte dich,
+ Ob ich dein jubelnd Leben wiederfände.
+ Im Zimmer, irrgeflogen, regte sich
+ Ein Schmetterling, die alte Grablegende.
+ Dein Sarg schloß zu, der Kummer fegte mich
+ In fernes Land aus trostlosem Gelände.
+
+Sommernacht.
+
+ An ferne Berge schlug die Donnerkeulen
+ Ein rasch verrauschtes Nachmittagsgewitter,
+ Die Bauern zogen heim auf müden Gäulen,
+ Und singend kehrte Winzervolk und Schnitter.
+ Auf allen Dächern qualmten blaue Säulen
+ Genügsam himmelan, ein luftig Gitter.
+ Nun ist es Nacht, es geistern schon die Eulen,
+ Einsam aus einer Laube klingt die Zither.
+
+Nach der Hühnerjagd.
+
+ Erhitzt und müde, durstig, stark verbrannt,
+ Kehr' ich in meine Waldherberge ein.
+ Gewehr und Mütze häng' ich an die Wand,
+ Den Eimer sucht mein Hund und schlappt ihn rein.
+ Die junge Witwe lehnt am Schenkenstand,
+ Freundarm und stumm, im letzten Abendschein,
+ Dann lächelt sie verstohlen, abgewandt,
+ Der Gäste Aufbruch läßt uns bald allein.
+
+Der Hohenfriedeberger.
+
+ Die Instrumente her! daß ihr euch sputet,
+ Wenn einst der Tod macht in mein Buch den Klecks,
+ Den großen Klecks, der alles überflutet.
+ Den Schlachtentrumpfer blast, und nicht perplex!
+ Den Hohenfriedeberger trommelt, tutet,
+ Mit seinen Pauken sei mein Leben ex!
+ Und komm' ich oben an so unvermutet,
+ Aufbrüll' ich: Vivat Fridericus Rex!
+
+
+Einer Toten.
+
+ Ach, daß du lebtest!
+ Tausend schwarze Krähen,
+ Die mich umflatterten auf allen Wegen,
+ Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten,
+ Die weißen Tauben deiner Fröhlichkeit.
+ Daß du noch lebtest!
+ Schwer und kalt bedrängt
+ Die Erde deinen Sarg und hält dich fest.
+ Ich geh' nicht hin, ich finde dich nicht mehr.
+ Und Wiedersehn?
+ Was soll ein Wiedersehn,
+ Wenn wir zusammen Hosianna singen,
+ Und ich dein Lachen nicht mehr hören kann?
+ Dein Lachen, deine Sprache, deinen Trost:
+
+ Der Tag ist heut so schön. Wo ist Chasseur?
+ Hol aus dem Schranke deinen Lefaucheux,
+ Und geh ins Feld, die Hühner halten noch.
+ Doch bieg nicht in das Buchenwäldchen ab,
+ Und leg dich nicht ins Moos und träume nicht.
+ Paß auf die Hühner und sei nicht zerstreut,
+ Blamier dich nicht vor deinem Hund, ich bitte.
+ Und alle Orgeldreher heut verwünsch' ich,
+ Die luftgetragnen Ton von fernen Dörfern
+ Dir zusenden, ich seh' dann keine Hühner.
+ Und doch, die braune Heide liegt so still,
+ Dich rührt ihr Zauber, laß dich nur bestricken.
+
+ Wir essen heute abend Erbsensuppe,
+ Und der Margaux hat schon die Zimmerwärme;
+ Bring also Hunger mit und gute Laune.
+ Dann liest du mir aus deinen Lieblingsdichtern.
+ Und willst du mehr, wir gehen an den Flügel
+ Und singen Schumann, Robert Franz und Brahms.
+ Die Geldgeschichten lassen wir heut ruhn.
+ Du lieber Himmel, deine Gläubiger
+ Sind keine Teufel, die dich braten können,
+ Und alles wird sich machen.
+ Hier noch eins:
+ Ich tat dir guten Kognak in die Flasche;
+ Grüß Heide mir und Wald und all die Felder,
+ Die abseits liegen, und vergiß die Schulden.
+ Ich seh' indessen in der Küche nach,
+ Daß uns die Erbsensuppe nicht verbrennt.
+
+ Daß du noch lebtest!
+ Tausend schwarze Krähen,
+ Die mich umflatterten auf allen Wegen,
+ Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten,
+ Die weißen Tauben deiner Fröhlichkeit.
+ Ach, daß du lebtest!
+
+
+Gestorbene Liebe.
+
+ In nackter Wüste ruht ein Löwenpaar,
+ Das gelbe Fell vom gelben Sand abhebend.
+ Im Schlafe dehnen sich die trägen Glieder.
+ Erwachend, leckt bedächtig eins das andre,
+ Und streckt und reckt sich, gähnt, und schläft von neuem.
+
+ Ein zweiter Leuenherr zeigt sich in Fernen.
+ Er nähert sich, er stockt, als die Genossen
+ Er unbekümmert vor sich liegen sieht.
+ Nun peitscht sein Schweif, nach Katzenart, die Erde,
+ Er reißt den Rachen auf wie eine Torfahrt,
+ Und Donner rollt ihm aus dem heißen Schlunde.
+ Er kauert sich, und knurrt, und äugt hinüber.
+
+ Schwerfällig wird das Ehepärchen munter,
+ Schwerfällig kommt es endlich auf die Beine.
+ Der zweite Nobel holt zum Sprunge aus,
+ Und springt, und springt dem Weibchen an die Seite.
+ Das Weibchen dann trabt mit dem Seladon
+ Gemütlich einem Felsendache zu.
+ Das Männchen stutzt, will brüllen, schweigt,
+ Und legt sich wieder nieder: Lat ehr lopen.
+
+
+Der Genius.
+
+ Gewitter drückt auf Sanssouci,
+ Ich stand im Park und schaute
+ Zum Schloß hinan, das ein Genie
+ Für seine Seele baute.
+
+ Und Nacht: Aus schwarzer Pracht ein Blitz,
+ Vom Himmel jäh gesendet,
+ Und oben steht der Alte Fritz,
+ Wo die Terrasse endet.
+
+ Ein Augenblick! Grell, beinernblaß,
+ Den Krückstock schräg zur Erde,
+ Verachtung steint und Menschenhaß
+ Ihm Antlitz und Gebärde.
+
+ Einsamer König, mir ein Gott,
+ Ich sah an deinem Munde
+ Den herben Zug von Stolz und Spott
+ Aus deiner Sterbestunde.
+
+ Denselben Zug, der streng und hart
+ Verrät die Adelsgeister,
+ Der aus der Totenmaske starrt
+ Bei jedem großen Meister.
+
+
+Die Spinnerin von Sankt Peter.
+
+ Auf der Magdalenenspitze
+ In den Dünen von Sankt Peter
+ Sitzt in hellen Sommernächten
+ Stumm die schöne Frau Maleen.
+
+ Ihr zur Seite steht das Spinnrad,
+ Doch die Hände ruhn im Schoße,
+ Ihrer Augen Sehnsuchtsketten
+ Ankern in der wilden See.
+
+ Sieht sie einer aus der Ferne,
+ Macht er schaudernd kehrt. Ihr Schatten
+ Bringt ihm noch vor Jahreswende
+ Unglück oder Tod ins Haus.
+
+ Gestern in der Julimondluft
+ Sah ich sie aus großer Weite.
+ Plötzlich zog mich toller Fürwitz,
+ In der Nähe sie zu sehn.
+
+ Tiefe Ruhe. Flutgewisper.
+ Nur die Düneneule flattert
+ Leise, wie mit Vampirflügeln,
+ Wohlig durch die weiche Nacht.
+
+ Nah und näher, immer näher,
+ Zagen Schrittes, offnen Mundes,
+ Mit weitaufgerißnen Augen,
+ Komm' ich endlich zu ihr hin.
+
+ Und mich dünkt, die dort ich finde,
+ Ist nicht mehr als eine Puppe,
+ Eine Puppe aus dem Vorstadt-
+ Wachsfigurenkabinett.
+
+ Da -- entsetzlich! dreht sie langsam,
+ Lautlos-ruckweis wie ein Uhrwerk,
+ Ihre Stirn nach meiner Stirne:
+ Grinst mich eine Leiche an?
+
+ Ohnmächtig brach ich zusammen,
+ Bis der Morgentau mich weckte.
+ Kalt und keusch, unendlich einsam
+ Lag das unbewegte Meer.
+
+
+Märztag.
+
+ Wolkenschatten fliehen über Felder,
+ Blau umdunstet stehen ferne Wälder.
+
+ Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen,
+ Kommen schreiend an in Wanderzügen.
+
+ Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen
+ Überall ein erstes Frühlingslärmen.
+
+ Lustig flattern, Mädchen, deine Bänder,
+ Kurzes Glück träumt durch die weiten Länder.
+
+ Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen,
+ Wollt' es halten, mußt' es schwimmen lassen.
+
+
+Letzter Wunsch.
+
+ Den Hengst, den Hengst!
+ Gebt meinen Hengst mir!
+ Schaum spritzt ihm vom Zügel, seine Flanken zittern.
+ Der Grimm umrast mir den Helm, das Auge leuchtet.
+ Gebt meinen Hengst mir,
+ Den Hengst, den Hengst!
+
+ Mir nach, mir nach!
+ Degen heraus jetzt!
+ Sturmmarsch hör' ich schlagen, höre euer Hurra.
+ In Rauch und Blut seh' ich euch, in Rauch und Flammen.
+ Degen heraus jetzt,
+ Mir nach, mir nach!
+
+ Zum Sieg, zum Sieg!
+ Erde, erbebe!
+ Pulverdampf und Leichen. Vorwärts ohne Wanken.
+ Durch Glanz und Glut geht die Bahn; die Fahnen flattern.
+ Erde, erbebe,
+ Zum Sieg, zum Sieg!
+
+ Komm, Tod! komm, Tod!
+ Feind ist erschlagen!
+ Letzte Kugel, triff mich! Strahlend bricht mein Auge:
+ Mein Vaterland hat den Sieg! Es lebe, lebe!
+ Feind ist erschlagen!
+ Komm, Tod! komm, Tod!
+
+
+
+
+Oskar Loerke.
+
+Geboren am 13. März 1884 zu Jungen im Kreise Schwetz, Westpreußen. --
+Wanderschaft 1911. Gedichte 1916.
+
+
+Frühlingswille.
+
+ Bei einer stehn im Fensterrahmen,
+ Im Wechselwort das Herz erschüttern,
+ Und leise fort -- es gibt kein Amen --
+ Von unsern Müttern
+ Sprechen und der Mütter Müttern
+ Und den Urmüttern ...
+
+ Und atmen in die Blust der Kirschen,
+ Gezähmte wilde Enten füttern,
+ Und singen von den weißen Hirschen
+ Und von den Müttern
+ Und der Mütter Müttern
+ Und den Urmüttern ...
+
+ Bei gelbem Wein die Nacht verzechen,
+ Nach Ewigkeit umschlungen stöhnen,
+ Und von den Abenteuern sprechen,
+ Die unsren Söhnen
+ Begegnen und den Söhnen
+ Der Enkelsöhne ...
+
+
+Nirwana.
+
+ Das Tal ist wie aus klarem Golde,
+ Es stehn im Tale ohne Hauch
+ Die Bäume schief wie Trunkenbolde
+ An Seen diamantenen Lichts.
+
+ Das Tal vergeht zu goldnem Rauch
+ Und dann zu goldnem Traume
+ Und dann zu goldnem Raume
+ Und dann zu goldnem Nichts.
+
+
+Hinterhaus.
+
+ In kalten, steifen Engen,
+ An gelben Schornsteinlängen,
+ Verirrten Schieferdächern,
+ Verstaubten Lukenfächern,
+ An braunen glatten Röhren,
+ An roten Drahtes Öhren,
+ Verblichnen blauen Flecken
+ Und blechbehuften Ecken
+ Liegt Sonne, wie nach Winkelmaß gemessen
+ Und wie von einem Handwerksmann vergessen.
+
+ Hier hinter Luken wimmeln,
+ In Kellerlöchern schimmeln
+ Und tanzen unter Sparren
+ Wir galgenfrohen Narren,
+ Die sich in Kammern bücken,
+ Doch ihre Wände schmücken
+ Mit goldnen Sterntapeten,
+ Weil wir vom Himmel wehten,
+ Wir Fetzen Licht, nach Winkelmaß gemessen
+ Und wie von einem Handwerksmann vergessen.
+
+
+Die graue Melodie.
+
+ Ja? Gab es Tage, wo ich selbst Komet
+ Und wenn soviel nicht, eines Sterns Trabant
+ Mich glaubte? Aber nichts ist doch so stet
+ Wie diese harte Melodie: Sand, Sand,
+ Sand, Sand.
+
+ Und so wird Morgen, und so wird es spät,
+ Ich zog mich an, ich zieh mich wieder aus,
+ Und wie mein Mund das Licht vom Dochte weht,
+ Verweht ein Mund den Tag, ein Kartenhaus,
+ Ein Kartenhaus.
+
+ Der Tag war bunt, hat Bild mit Bild getauscht,
+ Doch prüfe ich, wie war er wirr gestückt!
+ Wie oft hat mich das Leben denn berauscht,
+ Und geht doch hin!! -- und viele hat's beglückt,
+ Beglückt.
+
+
+Inbrunst.
+
+ Die Sterne sind zu groß und mußten wohl deshalb
+ So weit hinaus, und sie erhellen nichts bei uns.
+ Der Wind stieg tastend aus der Nacht des Weltenbrunns.
+ Er sitzt den Heimathügeln auf der Brust als Alp.
+
+ Die Wolken fahren auf wie Schiffe vor der Schlacht.
+ Ist mir die Sehnsucht ferner Welten zugeirrt?
+ Du, Erde, bist mein Saal, doch meine Seele wird
+ Auf einem andern Sterne schlafen diese Nacht.
+
+
+
+
+Ernst Wilhelm Lotz.
+
+Geboren 1890 zu Culm an der Weichsel, fiel am 26. September 1914 in
+Frankreich. -- Wolkenüberflaggt 1917.
+
+
+Glanzgesang.
+
+ Von blauem Tuch umspannt und rotem Kragen,
+ Ich war ein Fähnrich und ein junger Offizier.
+ Doch jene Tage, die verträumt manchmal in meine Nächte ragen,
+ Gehören nicht mehr mir.
+
+ Im großen Trott bin ich auf harten Straßen mitgeschritten,
+ Vom Staub der Märsche und vom grünen Wind besonnt.
+ Ich bin durch staunende Dörfer, durch Ströme und alte Städte geritten,
+ Und das Leben war wehend blond.
+
+ Die Biwakfeuer flammten wie Sterne im Tale
+ Und hatten den Himmel zu ihrem Spiegel gemacht,
+ Von schwarzen Bergen drohten des Feindes Alarm-Fanale,
+ Und Feuerballen zersprangen prasselnd in Nacht.
+
+ So kam ich, braun vom Sommer und hart von Winterkriegen,
+ In große Kontore, die staubig rochen herein,
+ Da mußte ich meinen Rücken zur Sichel biegen
+ Und Zahlen mit spitzen Fingern in Bücher reihn.
+
+ Und irgendwo hingen die grünen Küsten der Fernen,
+ Ein Duft von Palmen kam schwankend vom Hafen geweht,
+ Weiß rasteten Karawanen an Wüsten-Zisternen,
+ Die Häupter gläubig nach Osten gedreht.
+
+ Auf Ozeanen zogen die großen Fronten
+ Der Schiffe, von fliegenden Fischen kühl überschwirrt
+ Und breiter Prärien glitzernde Horizonte
+ Umkreisten Gespanne, für lange Fahrten geschirrt.
+
+ Von Kameruns unergründlichen Wäldern umsungen,
+ Vom mörderischen Brodem des Bodens umloht,
+ Gehorchten zitternde Wilde, von Geißeln der Weißen umschwungen,
+ Und schwarz von Kannibalen der glühenden Wälder umdroht!
+
+ Amerikas große Städte brausten im Grauen,
+ Die Riesenkräne griffen mit heiserm Geschrei
+ In die Bäuche der Schiffe, die Frachten zu stauen,
+ Und Eisenbahnen donnerten landwärts vom Kai. -- --
+
+ So hab' ich nachbarlich alle Zonen gesehen,
+ Rings von den Pulten grünten die Inseln der Welt,
+ Ich fühlte den Erdball rauchend sich unter mir drehen,
+ Zu rasender Fahrt um die Sonne geschnellt. -- -- --
+
+ Da warf ich dem Chef an den Kopf seine Kladden!
+ Und stürmte mit wütendem Lachen zur Türe hinaus.
+ Und saß durch Tage und Nächte mit satten und platten
+ Bekannten bei kosmischem Schwatzen im Kaffeehaus.
+
+ Und einmal sank ich rückwärts in die Kissen,
+ Von einem angstvoll ungeheuren Druck zermalmt. --
+ Da sah ich: daß in vagen Finsternissen
+ Noch sternestumme Zukunft vor mir qualmt.
+
+
+Der Schwebende.
+
+ Meine Jugend hängt um mich wie Schlaf.
+ Dickicht, Lichter -- berieselt. Garten. Ein blitzender See.
+ Und drüber geweht die Wolken, die zögernden, leichten.
+
+ Irrlichternd spiele ich durch greise Straßen,
+ Und aus dem Qualmen toter Kellerfenster
+ Lacht dumpfe Qual im Krampfe zu mir auf.
+
+ Da heb' ich meine lächelnd schmalen Hände
+ Und breite einen Schleier von Musik
+ Sehr süß und müde machend um mich aus.
+
+ Und meine Füße treten in den Garten,
+ Der Abend trank. Die Liebespaare, dunkel, tief, erglühend,
+ Stöhnen, verirrt ins Blut, auf vor der Qual des Mai.
+
+ Da schüttle ich mein weiches Haar im Winde,
+ Und rote Düfte reifer Sommerträume
+ Umwiegen meinen silberleichten Gang.
+
+ Blaß friert ein Fenster, angelehnt im Winde,
+ Draus heiser greller Schrei und Weinen singen
+ Um einen Toten auf der dunklen Fahrt.
+
+ Ich schließe meine Augen, schwere Wimpern,
+ Und sehe Ländereien grün vor Süden,
+ Und Fernen zärtlich weit für Träumereien.
+
+ Ein glänzend helles Kaffeehaus, voll Stimmen
+ Und voll Gebärden, lichtet sich, zerteilt.
+ An blanken Tischen sitzen meine Freunde.
+
+ Sie sprechen helle Worte in das Licht.
+ Und jeder spricht für sich und sagt es deutlich,
+ Und alle singen schwer im tiefen Chor:
+
+ Drei Worte, die ich nie begreifen werde,
+ Und die erhaben sind, voll Drang und Staunen,
+ Die dunkle Drei der: Hunger, Liebe, Tod.
+
+
+ [Illustration: Alfred Mombert]
+
+
+Hart stoßen sich die Wände in den Straßen.
+
+ Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,
+ Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,
+ Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht
+ Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.
+
+ Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,
+ Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,
+ Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,
+ Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.
+
+ Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,
+ Es müßten Pantherinnen sein, gefährlich zart,
+ In einem wild gekochten Fieberland geboren.
+ Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.
+
+ Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.
+ Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.
+ Wir leuchten leise. -- Doch wir könnten brennen.
+ Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.
+
+
+
+
+Alfred Mombert.
+
+Geboren am 6. Februar 1872 zu Karlsruhe. -- Tag und Nacht 1894. Der
+Glühende 1896. Die Schöpfung 1897. Der Denker 1901. Die Blüte des Chaos
+1905. Der Sonne-Geist 1905. Aeon 1907, 1910, 1911. Der himmlische Becher
+1909. Der Held der Erde 1919.
+
+
+Das junge Liebchen ...
+
+ Das junge Liebchen saß bei mir am Tisch.
+ Ich aß und trank und weinte bitterlich.
+
+ Es hatt' ein zartes Linnen aufgelegt.
+ Das war aus seinem Hemdelein genäht.
+
+ Es bot mir dar ein silbern Becherlein,
+ Da war sein eigen Blut darin.
+
+ Es reichte mir vom frischen Brot den Laib.
+ Das war sein eigner liebewarmer Leib.
+
+ Dann lächelt' es geheim und sonderbar,
+ Steckte eine Rose sich ins Haar. --
+
+
+Ich liege ...
+
+ Ich liege mit einer Frau im offnen Fenster.
+ Die beiden Arme ruhen beieinander.
+ Wir schaun hinab in ein Blumengärtchen.
+ Blicken beide stumm auf eine rote Nelke.
+ Wir wissen, daß wir jetzt und so uns lieben.
+ Auch: daß wir niemals mehr uns lieben werden
+ Nach diesem Augenblick.
+
+
+Ja in der Jugend ...
+
+ Ja in der Jugend war ich der starke Junge,
+ Schleppte die stärksten Helden an meinem Tau;
+ Aber da wässerte mir die Zunge,
+ Und da hing ich am Arm einer Ehefrau.
+
+ Ich hab' eine schöne Tochter, einen stolzen Sohn.
+ Die lehnen rechts und links an meinem steilen Thron.
+ Ich bin in der Höhe der Kaiser.
+ Aber mein Haar wird stündlich weißer.
+ Sie lächeln, sie flüstern in der Tiefe in geheimem Ton.
+
+
+Nun beugt die Nacht ...
+
+ Nun beugt die Nacht sich singend über mich.
+ Ich ward erwählter Liebling der Natur.
+ In einer Barke liegend
+ Einen blauen Strom hinab durch grüne Landschaft,
+ Die Sonneseele über mir, Fahnen
+ Am Ufer, tönt Musik, und Festtagmenschen --
+ O Seele! volles, volles Leben!
+ Einem schäumenden Silberwassersturze treib' ich zu.
+ Stolze Klippen! jubelnd grüßt euch
+ Das reichste Herz! seid würdig,
+ Schmettert kühn hinab!
+
+
+Wann ich von dir gehe ...
+
+ Wann ich von dir gehe,
+ Noch schallt die Marmortreppe unter mir,
+ Verwandelt sich mein Antlitz, meine Haltung --
+ Werd' ich zum Wurm? -- werd' ich zum Engel?
+
+ Aus dunklen Wäldern kam ich her zu dir
+ In die strahlende Marmorstadt.
+ Küsse mich
+ In goldenen Strähnen!
+ Doch in mir sind die dunklen Eibenwälder.
+
+
+Auf steilem Felsrücken ...
+
+ Auf steilem Felsrücken hingestreckt mächtig ein Weib,
+ Ein einzig fühlend Auge der weiße weiche Leib.
+ Zugepreßt krampfhaft das winzige graue Augenpaar:
+ Sieghaft droben die Sonne. Die Sonne sieghaft, ruhend klar.
+ Sie zuckt! bäumt! windet sich! empor! schimmernd in Qual!
+ Goldene Ströme: es schäumt ihr wild Haar zu Tal.
+ Und eins -- immer eins das weiße Ringen spricht:
+ Schmerzvoll ist das Licht!
+
+
+Ich möcht' es kosten ...
+
+ Ich möcht' es kosten, in seliger Neugier,
+ Das was man Tod nennt.
+ Manche lange Nacht
+ Hab' ich gekostet, was so fremd mir war,
+ So übermächtig, wie kein Tod es sein kann.
+ Ich stand oft an jener feinsten Linie
+ Und war wohl schon mit halber Seele drüben.
+ Ich hab' das nicht gewollt; es war ein Leiden.
+ Nur eine Stimmung kräftigte ich mir.
+ Ein Kinderlächeln meinen Seelewundern.
+ Am Ende fließen nun die Freudetränen.
+ Wo bist du, Sehnsucht? -- Alles ist Erfüllung.
+
+
+Schwindsucht.
+
+ Aus einer Wallfahrtskirche treten sie,
+ Drin wundertätig eine Heilige wirkt.
+ Ein junger Mann und eine blasse Frau.
+ Sie führen sich an der Hand wie Kinder,
+ Die scheu verstohlen Zuckerwerk genascht.
+ Ein müdes Lächeln hißt sich auf Halbmast.
+ »Nun bin ich bald gesund, du süßer Mann« ...
+ »Nun bist du bald gesund, mein süßes Weib« ...
+
+
+Trinkend ...
+
+ Trinkend hatt' ich erharrt
+ Deine Gegenwart.
+ Und nun du eingetreten,
+ Ist alles schön und stille,
+ Du und deine feierlichen Reden,
+ Lächelnd ruht mein Wille.
+
+ Du und dein Samt- und Sternekleid.
+ Ich und meine schaffende Vergangenheit.
+
+ Und ich bemerke wein- und glutselig:
+ Die Krone, die um deine Schläfen blitzt und dämmert,
+ Hab' ich vor tausend Jahren zurechtgehämmert.
+
+
+Im Mondlicht ...
+
+ Im Mondlicht und im Sonnelicht
+ Schrieb ich mein Gedicht,
+ Seltener im Sternelicht.
+ Die kleineren Lichter
+ Überließ ich dem guten deutschen Dichter.
+
+
+Da spülst du bunte Muscheln ...
+
+ Da spülst du bunte Muscheln an den Strand
+ Zum Spiel für die alte Schöpferhand.
+ Und so ruhend Hand in Hand mit dir
+ Fühl' ich das Unvergängliche in mir.
+ In blauer Luft der Adler schreit.
+ O feuchter Wind! o kühle Zeit!
+ Ein spielend Kind,
+ Ein Kind mit uferloser Vergangenheit.
+ O Lächeln, das aus meinem Menschenherzen fließt
+ Und sich in tränendem Gesang vergießt.
+ Du Glut und Pracht!
+ Du meine Schöpfermacht!
+ Du Meer! Du Sonne! -- Adlerschrei! --
+ Und immer die große Melodie dabei.
+
+
+Zwischen zwei dunklen Wogen ...
+
+ Zwischen zwei dunklen Wogen liegend,
+ Ihren Untertanentrotz mir niederbiegend,
+ Ruf' ich meine Machtstunde auf.
+ Alsobald schwebt der Nachtplanet herauf,
+ Er lagert hoch über der glänzenden Ozeanfläche
+ Am Stamm der himmeldunklen Esche.
+ Dröhnende Stunde der feierlichen Achtung,
+ Der schweigenden Betrachtung.
+ Einst war hier nichts als mein Beruf.
+ Heut lieg' ich körperlich in großen Träumen
+ Zwischen weißen Wogenschäumen,
+ Und rede mit dem Licht, das ich erschuf.
+
+
+Ich tat große Dinge ...
+
+ Ich tat große Dinge,
+ Und gab dem Saturn wundervolle Ringe.
+ Aber da sah ich dann alles von selber geschehen,
+ Nichts mehr warten und stehen,
+ Mein Geist geriet in Zwang,
+ Hinein in fürchterlichen Zusammenhang,
+ Daß ich wahnsinnig in einer Kette rang.
+ Seit der Zeit schaff' ich nichts Neues mehr.
+ Sonne und Mond sind mein einziger Verkehr.
+ Vielleicht noch das Feuer, vielleicht noch das Meer.
+ Weite Stillen
+ Überwölben meinen Willen.
+ Unsichtbare Geigen
+ Bereden mich, zu schweigen.
+
+
+Ich lag auf dem Meer ...
+
+ Ich lag auf dem Meer, über mir wälzte sich das Licht.
+ Ich sah: von einer glänzenden Klippe
+ Banden weißer Vögel aufschwirren.
+ Ich schleuderte ein Seil, sie einzufangen.
+ Weiße Tiere, Traum, Phantasie und Meer.
+ Weiße Tiere: ewige Glanz-Wiederkehr.
+
+
+Der Mond betrat ...
+
+ Der Mond betrat der Urnacht Land
+ Hinter meiner tastenden Führerhand.
+ In einem Tal, im neu beleuchteten Reiche
+ Fanden wir liegen eine große Leiche,
+ Die uns fremd war, einsam, ohne Namen.
+ Saßen; aufgestützt ins dunkle Antlitz starrend;
+ Traumhaft; einen Gedanken erharrend.
+ Und wir haben
+ Flüsternd uns beraten;
+ Den Toten im Felsgebirg begraben.
+ Doch wohin wir forschend später kamen,
+ Fanden wir die Spuren seiner Taten.
+
+
+Mich jammerte ...
+
+ Mich jammerte dein graues Dämmerweh,
+ Ich legte dich sanft hin auf weißen Schnee.
+ Ordnete dein rotes Flammenhaar,
+ Das einst so schmerzhaft, hier so selig war.
+ Und kniend im Schnee und über dich geschoben
+ Hab' ich aus deiner grünen Augentiefe
+ Einen schönen Stern gehoben.
+
+ * * *
+
+ Sterne schwimmen auf den milden Fluten,
+ Die alles tragen.
+ Was willst du noch sagen,
+ Du Glänzende, in deinen Abendgluten!
+
+
+Bevor ich ...
+
+ Bevor ich diesen Inselstrand verließ,
+ Entdeckte ich letztmals streifend eine Höhle,
+ Da drinnen ward mir eine neue Seele,
+ Die mir ein höchstes Glück verhieß.
+
+ Und so saß ich lange,
+ Ein tiefes Lächeln auf meiner Wange.
+ Vom Licht umzittert in der Dämmerkühle.
+ Glühend in einem neuen
+ Heimat-Urgefühle.
+
+ * * *
+
+ Es war zur Nacht, da ich ins Meerhorn stieß.
+ Es war zur Nacht, da ich zum Aufbruch blies.
+ Es war zur Nacht, da ich den Strand verließ.
+ Mein Boot lag in der Mondquelle.
+ Ich stand in vollendeter Helle.
+ Ich stand schlafähnlich starr auf silbernem Kies.
+
+
+Ich hörte den Wind ...
+
+ Ich hörte den Wind durch die Eichenkronen streichen.
+ Mein Herz war kühl wie die Teiche meiner Heimat.
+ Die weißen Wolken über den grünen Hügeln!
+ Dann kam die Schwalbe, die Schwalbe übers Meer.
+
+ * * *
+
+ Ein Haus ... Nur der Grille Stimme klang
+ In die stillen Bereiche.
+ Manchmal, eines Mädchens kühler Sang,
+ Der wellengleiche.
+ Und ein Kind, ein Knabe lag tagelang
+ Am zitternden Teiche.
+
+
+Am Saume ...
+
+ Am Saume eines fruchtbewachsenen Berges,
+ Felsig in die Klarheit tauchte der Gipfel,
+ Stand ich im Zwiegespräch mit einem Weibe.
+ Die starken Schultern glänzten in der Dämmerung,
+ Es ruhte hoheitvoll der nackte Leib.
+ Wir blickten redend, sinnend in die Landschaft
+ Über reiche Wiesen, violette Ströme,
+ Bäume dunkelten am Himmel,
+ Leise brausend sprach fernher ein Meer.
+ Manchmal schritten Gestalten:
+ Erzengel, in großem Abend
+ An uns vorüber: grüßten:
+ Und wünschten uns und unsern Kindern Heil.
+
+
+An Ufern des Rheins ...
+
+ An Ufern des Rheins auf weißen Rossen
+ Sprengen wir, Freunde!
+ Sie schleudern die Mähnen,
+ Sie wiehern auf zum Morgenstern!
+
+ Wir sind schön gekränzt mit Erde-Freuden
+ Und trunken wunderbar des Sieger-Weins --
+ Es sind Wogen-Rosse! die weißen Rosse!
+ Da sprengen sie uns in die Fluten des Rheins!
+
+ Wir sind jung, im Feuer zeugerisch,
+ Welten nahe -- Erde fern --
+ Es sind Äther-Rosse! die weißen Rosse!
+ Da sprengen sie uns auf zum Morgenstern!
+
+
+
+
+Christian Morgenstern.
+
+Geboren am 6. Mai 1871 zu München, lebte als Schriftsteller in Berlin;
+starb am 31. März 1914 in Meran. -- In Phantas Schloß 1895. +Horatius
+travestitus+ 1896. Auf vielen Wegen 1897. Ich und die Welt 1898. Ein
+Sommer 1899. Und aber ründet sich ein Kranz 1902. Galgenlieder 1905.
+Melancholie 1904. Palmström 1910. Einkehr 1910. Palma Kunkel 1916. Der
+Gingganz 1919.
+
+
+Erster Schnee.
+
+ Aus silbergrauen Gründen tritt
+ Ein schlankes Reh
+ Im winterlichen Wald
+ Und prüft vorsichtig, Schritt für Schritt,
+ Den reinen, kühlen, frischgefallenen Schnee.
+
+ Und deiner denk' ich, zierlichste Gestalt.
+
+
+Vöglein Schwermut.
+
+ Ein schwarzes Vöglein fliegt über die Welt,
+ Das singt so todestraurig ...
+ Wer es hört, der hört nichts anderes mehr,
+ Wer es hört, der tut sich ein Leides an,
+ Der mag keine Sonne mehr schauen.
+ Allmitternacht, Allmitternacht
+ Ruht es sich aus auf dem Finger des Tods.
+ Der streichelt's leis und spricht ihm zu:
+ »Flieg, mein Vögelein! Flieg, mein Vögelein!«
+ Und wieder fliegt's flötend über die Welt.
+
+
+Welch ein Schweigen ...
+
+ Welch ein Schweigen, welch ein Frieden
+ In dem stillen Alpentale.
+ Laute Welt ruht abgeschieden.
+ Silbern schwankt des Mondes Schale.
+
+ Von den Wiesen strömt ein Düften.
+ Aus den Wäldern lugt das Dunkel.
+ Brausend aus geheimen Klüften
+ Bricht der Bäche fahl Gefunkel.
+
+ Überm Saum der letzten Bäume
+ Weiße Wände stehn und steigen
+ In die blauen Sternenräume.
+ Welch ein Frieden, welch ein Schweigen!
+
+
+Das sind die Reden ...
+
+ Das sind die Reden, die mir lieb vor allen:
+ Die Wässerlein, vom hohen Felsen rinnend,
+ Mein ganzes Herz mit ihrer Lust gewinnend,
+ Ohn' End' zum tiefen Grund hinabzufallen.
+
+ Du Wiegenlied vor allen Wiegenliedern,
+ Zur Ewigkeit hinweg vom Eintag wiegend,
+ Das laute Selbst zu jener Ruh' besiegend,
+ Die keine leeren Klagen mehr erniedern!
+
+
+Das Spinnennetz.
+
+ O sieh das Spinnennetz im Morgensonnenschein,
+ Wie es vom Tau noch voll kristallner Tropfen hängt!
+ Im leichten Winde wiegt es seiner Perlen Pracht,
+ Die in den silbergrauen Maschen hier und dort
+ So flüchtig sich wie sanft und zierlich eingeschmiegt.
+ Sieh, so ist alles Glück. So hängt es flüchtig sich
+ In unsrer Tage schwankendes Gespinst,
+ Und es erschauert unter seiner köstlichen Last
+ Des Majaschleiers weltdurchwallendes Geweb.
+
+
+Verbannung zur Höhe.
+
+ Noch niemals fiel es irgend einem Volke ein,
+ Zu schenken einem Dichter einen hohen Berg,
+ Mit dem Beding, von ihm herabzusteigen nur,
+ Um ihm zu bringen diesem Ebenbürtiges.
+ Ja, bannen müßt' es selbst das allzu schweifende
+ Geschlecht der Dichter an so hohen Aufenthalt,
+ Wo nur das Höchste recht hat und der Dinge Maß,
+ Gereckt ins Ungemeine, seinen Blick entwöhnt
+ Des bunt zufälligen Wirbels, drein sein Tag ihn warf.
+
+
+Deine Rosen.
+
+ »Deine Rosen an der Brust,
+ Sitz' ich unter fremden Menschen,
+ Laß sie reden, laß sie lärmen,
+ Jung Geheimnis tief im Herzen.
+
+ Wenn ich einstimm' in ihr Lachen,
+ Ist's das Lachen meiner Liebe;
+ Wenn ich ernst dem Nachbar lausche,
+ Lausch' ich selig still nach innen.
+
+ Einen ganzen langen Abend
+ Muß ich fern dir, Liebster, weilen,
+ Küssend heimlich, ohne Ende,
+ Deine Rosen an der Brust.«
+
+
+Der Bach.
+
+ Wie der wilde Gletscherbach
+ Selber sich entgegenbraust,
+ Auf sein wogendes Gejach'
+ Weiß zurückgekraust!
+
+ So der Einzelne der Zeit
+ Zornerfüllt entgegenschwillt.
+ Doch die rollt zur Ewigkeit.
+ Und alles ist ein Bild.
+
+
+Christus klagt:
+
+ Wachet und betet mit mir!
+ Meine Seele ist traurig
+ Bis in den Tod.
+ Wachet und betet!
+ _Mit_ mir!
+ Eure Augen
+ Sind voll Schlafes --
+ Könnt ihr nicht wachen?
+ Ich gehe,
+ Euch mein Letztes zu geben --
+ Und ihr schlaft ...
+ Einsam stehe ich
+ Unter Schlafenden,
+ Einsam vollbring' ich
+ Das Werk meiner schwersten Stunde.
+ Wachet und betet mit mir!
+ _Könnt_ ihr nicht wachen?
+ Ihr alle seid in mir,
+ Aber in wem bin ich?
+ Was wißt ihr
+ Von meiner Liebe,
+ Was wißt ihr
+ Vom Schmerz meiner Seele!
+ O einsam!
+ Einsam!
+ Ich sterbe für euch --
+ Und ihr schlaft!
+ Ihr _schlaft_!
+
+
+Begegnung.
+
+ Wir saßen an zwei Tischen -- wo? -- im All ...
+ Was Schenke, Stadt, Land, Stern -- was tut's dazu.
+ Wir saßen irgendwo im Reich des Lebens ...
+ Wir saßen an zwei Tischen, hier und dort.
+
+ Und meine Seele brannte: Fremdes Mädchen,
+ Wenn ich in deine Augen dichten dürfte --
+ Wenn dieser königliche Mund mich lohnte --
+ Und diese königliche Hand mich krönte --!
+
+ Und deine Seele brannte: Fremder Jüngling,
+ Wer bist du, daß du mich so tief erregest --
+ Daß ich die Kniee dir umfassen möchte --
+ Und sagen nichts als: Liebster, Liebster, Liebster!
+
+ Und unsre Seelen schlugen fast zusammen.
+ Doch jeder blieb an seinem starren Tisch --
+ Und stand zuletzt mit denen um ihn auf --
+ Und ging hinaus --. Und sahn uns nimmer mehr.
+
+
+
+
+Friedrich Nietzsche.
+
+Geboren am 15. Oktober 1844 zu Röcken bei Lützen, verlebte seine
+Schulzeit in Naumburg und Schulpforta, studierte, besonders unter
+Ritschl, in Bonn und Leipzig, wurde 1869 durch Ritschls Vermittlung
+Professor an der Universität Basel, trat zu Jakob Burckhardt und Richard
+Wagner in nahe Beziehungen und zu dem letzteren später in offenen
+Gegensatz. 1879 wurde er so krank, daß er seine Professur niederlegen
+mußte, er lebte längere Zeit im Engadin, fiel in Wahnsinn und starb,
+ohne seine Geisteskraft wiedererlangt zu haben, am 25. August 1900 zu
+Weimar. -- Gedichte und Sprüche 1898.
+
+
+An den Mistral.
+
+Ein Tanzlied.
+
+ Mistralwind, du Wolkenjäger,
+ Trübsalmörder, Himmelsfeger,
+ Brausender, wie lieb' ich dich!
+ Sind wir zwei nicht _eines_ Schoßes
+ Erstlingsgabe, _eines_ Loses
+ Vorbestimmte ewiglich?
+
+ Hier auf glatten Felsenwegen
+ Lauf' ich tanzend dir entgegen,
+ Tanzend, wie du pfeifst und singst:
+ Der du ohne Schiff und Ruder
+ Als der Freiheit freister Bruder
+ Über wilde Meere springst.
+
+ Kaum erwacht, hört' ich dein Rufen,
+ Stürmte zu den Felsenstufen,
+ Hin zur gelben Wand am Meer.
+ Hei! da kamst du schon gleich hellen
+ Diamantnen Stromesschnellen
+ Sieghaft von den Bergen her.
+
+ Auf den ebnen Himmelstennen
+ Sah ich deine Rosse rennen,
+ Sah den Wagen, der dich trägt,
+ Sah die Hand dir selber zücken,
+ Wenn sie auf der Rosse Rücken
+ Blitzesgleich die Geißel schlägt, --
+
+ Sah dich aus dem Wagen springen,
+ Schneller dich hinabzuschwingen,
+ Sah dich wie zum Pfeil verkürzt
+ Senkrecht in die Tiefe stoßen, --
+ Wie ein Goldstrahl durch die Rosen
+ Erster Morgenröten stürzt.
+
+ Tanze nun auf tausend Rücken,
+ Wellenrücken, Wellentücken --
+ Heil, wer _neue_ Tänze schafft!
+ Tanzen wir in tausend Weisen,
+ Frei -- sei _unsre_ Kunst geheißen,
+ Fröhlich -- _unsre_ Wissenschaft!
+
+ Raffen wir von jeder Blume
+ Eine Blüte uns zum Ruhme
+ Und zwei Blätter noch zum Kranz!
+ Tanzen wir gleich Troubadouren
+ Zwischen Heiligen und Huren,
+ Zwischen Gott und Welt den Tanz!
+
+ Wer nicht tanzen kann mit Winden,
+ Wer sich wickeln muß mit Binden,
+ Angebunden, Krüppelgreis,
+ Wer da gleicht den Heuchelhänsen,
+ Ehrentölpeln, Tugendgänsen,
+ Fort aus unsrem Paradeis!
+
+ Wirbeln wir den Staub der Straßen
+ Allen Kranken in die Nasen,
+ Scheuchen wir die Krankenbrut!
+ Lösen wir die ganze Küste
+ Von dem Odem dürrer Brüste,
+ Von den Augen ohne Mut!
+
+ Jagen wir die Himmelstrüber,
+ Weltenschwärzer, Wolkenschieber,
+ Hellen wir das Himmelreich!
+ Brausen wir ... oh aller freien
+ Geister Geist, mit dir zu zweien
+ _Braust_ mein Glück dem Sturme gleich. --
+
+ Und daß ewig das Gedächtnis
+ Solchen Glücks, nimm sein Vermächtnis,
+ Nimm den _Kranz_ hier mit hinauf!
+ Wirf ihn höher, ferner, weiter,
+ Stürm' empor die Himmelsleiter,
+ Häng' ihn -- an den Sternen auf!
+
+
+Vereinsamt.
+
+ Die Krähen schrein
+ Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
+ Bald wird es schnein, --
+ Wohl dem, der jetzt noch -- Heimat hat!
+
+ Nun stehst du starr,
+ Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
+ Was bist du Narr
+ Vor Winters in die Welt entflohn?
+
+ Die Welt -- ein Tor
+ Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
+ Wer _das_ verlor,
+ Was du verlorst, macht nirgends Halt.
+
+ Nun stehst du bleich,
+ Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
+ Dem Rauche gleich,
+ Der stets nach kältern Himmeln sucht.
+
+ Flieg, Vogel, schnarr
+ Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! --
+ Versteck, du Narr,
+ Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
+
+ Die Krähen schrein
+ Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
+ Bald wird es schnein, --
+ Weh dem, der keine Heimat hat!
+
+
+Zarathustras Lied.
+
+ O Mensch! Gib acht!
+ Was spricht die tiefe Mitternacht?
+ »Ich schlief, ich schlief --,
+ Aus tiefem Traum bin ich erwacht: --
+ Die Welt ist tief,
+ Und tiefer als der Tag gedacht.
+ Tief ist ihr Weh --,
+ Lust -- tiefer noch als Herzeleid!
+ Weh spricht: Vergeh!
+ Doch alle Lust will Ewigkeit! --
+ Will tiefe, tiefe Ewigkeit!«
+
+
+Venedig.
+
+ An der Brücke stand
+ Jüngst ich in brauner Nacht.
+ Fernher kam Gesang:
+ Goldener Tropfen quoll's
+ Über die zitternde Fläche weg.
+ Gondeln, Lichter, Musik --
+ Trunken schwamm's in die Dämm'rung hinaus ...
+
+ Meine Seele, ein Saitenspiel,
+ Sang sich, unsichtbar berührt,
+ Heimlich ein Gondellied dazu,
+ Zitternd vor bunter Seligkeit.
+ -- Hörte jemand ihr zu? ...
+
+
+Sils-Maria.
+
+ Hier saß ich, wartend, wartend, -- doch auf nichts,
+ Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts
+
+ Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,
+ Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.
+
+ Da, plötzlich, Freundin! wurde eins zu zwei --
+ -- Und Zarathustra ging an mir vorbei ...
+
+
+Die Sonne sinkt ...
+
+I.
+
+ Nicht lange durstest du noch,
+ Verbranntes Herz!
+ Verheißung ist in der Luft,
+ Aus unbekannten Mündern bläst mich's an,
+ -- Die große Kühle kommt ...
+
+ Meine Sonne stand heiß über mir im Mittage:
+ Seid mir gegrüßt, daß ihr kommt,
+ Ihr plötzlichen Winde,
+ Ihr kühlen Geister des Nachmittags!
+ Die Luft geht fremd und rein,
+ Schielt nicht mit schiefem
+ Verführerblick
+ Die Nacht mich an? ...
+ Bleib stark, mein tapfres Herz!
+ Frag nicht: warum? --
+
+II.
+
+ Tag meines Lebens!
+ Die Sonne sinkt.
+ Schon steht die glatte
+ Flut umgüldet.
+ Warm atmet der Fels:
+ Schlief wohl zu Mittag
+ Das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf?
+ In grünen Lichtern
+ Spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.
+
+ Tag meines Lebens!
+ Gen Abend geht's!
+ Schon glüht dein Auge
+ Halb gebrochen,
+ Schon quillt deines Taus
+ Tränengeträufel,
+ Schon läuft still über weiße Meere
+ Deiner Liebe Purpur,
+ Deine letzte zögernde Seligkeit ...
+
+III.
+
+ Heiterkeit, güldene, komm!
+ Du des Todes
+ Heimlichster, süßester Vorgenuß!
+ -- Lief ich zu rasch meines Wegs?
+ Jetzt erst, wo der Fuß müde ward,
+ Holt dein Blick mich noch ein,
+ Holt dein _Glück_ mich noch ein.
+
+ Rings nur Welle und Spiel.
+ Was je schwer war,
+ Sank in blaue Vergessenheit, --
+ Müßig steht nun mein Kahn.
+ Sturm und Fahrt -- wie verlernt' er das!
+ Wunsch und Hoffen ertrank,
+ Glatt liegt Seele und Meer.
+
+ _Siebente_ Einsamkeit!
+ Nie empfand ich
+ Näher mir süße Sicherheit,
+ Wärmer der Sonne Blick.
+ -- Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?
+ Silbern, leicht, ein Fisch,
+ Schwimmt nun mein Nachen hinaus ...
+
+
+
+
+Rainer Maria Rilke.
+
+Geboren am 4. Dezember 1875 in Prag. -- Erste Gedichte 1895. Frühe
+Gedichte 1900. Das Buch der Bilder 1903. Das Stundenbuch 1905. Neue
+Gedichte 1907. Requiem 1909. Das Marienleben 1912.
+
+
+Ernste Stunde.
+
+ Wer jetzt weint irgendwo in der Welt,
+ Ohne Grund weint in der Welt,
+ Weint über mich.
+
+ Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,
+ Ohne Grund lacht in der Nacht,
+ Lacht mich aus.
+
+ Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,
+ Ohne Grund geht in der Welt,
+ Geht zu mir.
+
+ Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,
+ Ohne Grund stirbt in der Welt,
+ Sieht mich an.
+
+
+Die Blinde.
+
+ Der Fremde:
+ Du bist nicht bang, davon zu sprechen?
+
+ Die Blinde:
+ Nein.
+ Es ist so ferne. Das war eine andre.
+ Die damals sah, die laut und schauend lebte,
+ Die starb.
+
+ Der Fremde:
+ Und hatte einen schweren Tod?
+
+ Die Blinde:
+ Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen.
+ Stark muß man sein, sogar wenn Fremdes stirbt.
+
+ Der Fremde:
+ Sie war dir fremd?
+
+ Die Blinde:
+ -- Oder: sie ist's geworden.
+ Der Tod entfremdet selbst dem Kind die Mutter. --
+ Doch es war schrecklich in den ersten Tagen.
+ Am ganzen Leibe war ich wund. Die Welt,
+ Die in den Dingen blüht und reift,
+ War mit den Wurzeln aus mir ausgerissen,
+ Mit meinem Herzen (schien mir), und ich lag
+ Wie aufgewühlte Erde offen da und trank
+ Den kalten Regen meiner Tränen,
+ Der aus den toten Augen unaufhörlich
+ Und leise strömte, wie aus leeren Himmeln,
+ Wenn Gott gestorben ist, die Wolken fallen.
+ Und mein Gehör war groß und allem offen.
+ Ich hörte Dinge, die nicht hörbar sind:
+ Die Zeit, die über meine Haare floß,
+ Die Stille, die in zarten Gläsern klang,
+ Und fühlte: nah bei meinen Händen ging
+ Der Atem einer großen weißen Rose.
+ Und immer wieder dacht ich: Nacht und: Nacht
+ Und glaubte einen hellen Streif zu sehn,
+ Der wachsen würde wie ein Tag;
+ Und glaubte auf den Morgen zuzugehn,
+ Der längst in meinen Händen lag.
+ Die Mutter weckt ich, wenn der Schlaf mir schwer
+ Hinunterfiel vom dunklen Gesicht,
+ Der Mutter rief ich: »Du, komm her!
+ Mach Licht!«
+ Und horchte. Lange, lange blieb es still,
+ Und meine Kissen fühlte ich versteinen, --
+ Dann war's, als säh ich etwas scheinen:
+ Das war der Mutter wehes Weinen,
+ An das ich nicht mehr denken will.
+ Mach Licht! Mach Licht! Ich schrie es oft im Traum:
+ Der Raum ist eingefallen. Nimm den Raum
+ Mir vom Gesicht und von der Brust.
+ Du mußt ihn heben, hochheben,
+ Mußt ihn wieder den Sternen geben;
+ Ich kann nicht leben so, mit dem Himmel auf mir.
+ Aber sprech ich zu dir, Mutter?
+ Oder zu wem denn? Wer ist denn dahinter?
+ Wer ist denn hinter dem Vorhang? -- Winter?
+ Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag!
+ Oder: Tag? ... Tag!
+ Ohne mich! Wie kann es denn ohne mich Tag sein?
+ Fehl ich denn nirgends?
+ Fragt denn niemand nach mir?
+ Sind wir denn ganz vergessen?
+ _Wir?_ ... Aber du bist ja dort;
+ Du hast ja noch alles, nicht?
+ Um dein Gesicht sind noch alle Dinge bemüht,
+ Ihm wohlzutun.
+ Wenn deine Augen ruhn
+ Und wenn sie noch so müd waren,
+ Sie können wieder steigen.
+ ... Meine schweigen.
+ Meine Blumen werden die Farbe verlieren.
+ Meine Spiegel werden zufrieren.
+ In meinen Büchern werden die Zeilen verwachsen.
+ Meine Vögel werden in den Gassen
+ Herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden.
+ Nichts ist mehr mit mir verbunden.
+ Ich bin von allem verlassen. --
+ Ich bin eine Insel.
+
+ Der Fremde:
+ Und ich bin über das Meer gekommen.
+
+ Die Blinde:
+ Wie? Auf die Insel? ... Hergekommen?
+
+ Der Fremde:
+ Ich bin noch im Kahne.
+ Ich habe ihn leise angelegt --
+ An dich. Er ist bewegt:
+ Seine Fahne weht landein.
+
+ Die Blinde:
+ Ich bin eine Insel und allein.
+ Ich bin reich.
+ Zuerst, als die alten Wege noch waren
+ In meinen Nerven, ausgefahren
+ Von vielem Gebrauch:
+ Da litt ich auch.
+ Alles ging mir aus dem Herzen fort,
+ Ich wußte erst nicht wohin;
+ Aber dann fand ich sie alle dort,
+ Alle Gefühle, das, was ich bin,
+ Stand versammelt und drängte und schrie
+ An den vermauerten Augen, die sich nicht rührten.
+ Alle meine verführten Gefühle ...
+ Ich weiß nicht, ob sie Jahre so standen,
+ Aber ich weiß von den Wochen,
+ Da sie alle zurückkamen gebrochen
+ Und niemanden erkannten.
+
+ Dann wuchs der Weg zu den Augen zu.
+ Ich weiß ihn nicht mehr.
+ Jetzt geht alles in mir umher,
+ Sicher und sorglos; wie Genesende
+ Gehn die Gefühle, genießend das Gehn,
+ Durch meines Leibes dunkles Haus.
+ Einige sind Lesende
+ Über Erinnerungen;
+ Aber die jungen
+ Sehn alle hinaus.
+ Denn wo sie hintreten an meinen Rand,
+ Ist mein Gewand von Glas.
+ Meine Stirne sieht, meine Hand las
+ Gedichte in anderen Händen.
+ Mein Fuß spricht mit den Steinen, die er betritt,
+ Meine Stimme nimmt jeder Vogel mit
+ Aus den täglichen Wänden.
+ Ich muß nichts mehr entbehren jetzt,
+ Alle Farben sind übersetzt
+ In Geräusch und Geruch.
+ Und sie klingen unendlich schön
+ Als Töne.
+ Was soll mir ein Buch?
+
+ In den Bäumen blättert der Wind;
+ Und ich weiß, was dorten für Worte sind,
+ Und wiederhole sie manchmal leis.
+ Und der Tod, der Augen wie Blumen bricht,
+ Findet meine Augen nicht ...
+
+ Der Fremde (leise):
+ Ich weiß.
+
+
+Herbst.
+
+ Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
+ Als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
+ Sie fallen mit verneinender Gebärde.
+
+ Und in den Nächten fällt die schwere Erde
+ Aus allen Sternen in die Einsamkeit.
+
+ Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
+ Und sieh dir andre an: es ist in allen.
+
+ Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
+ Unendlich sanft in seinen Händen hält.
+
+
+Der Schauende.
+
+ Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
+ Die aus laugewordenen Tagen
+ An meine ängstlichen Fenster schlagen,
+ Und höre die Fernen Dinge sagen,
+ Die ich nicht ohne Freund ertragen,
+ Nicht ohne Schwester lieben kann.
+
+ Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
+ Geht durch den Wald und durch die Zeit,
+ Und alles ist wie ohne Alter:
+ Die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
+ Ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.
+
+ Wie ist das klein, womit wir ringen,
+ Was mit uns ringt, wie ist das groß;
+ Ließen wir, ähnlicher den Dingen,
+ Uns so vom großen Sturm bezwingen, --
+ Wir würden weit und namenlos.
+
+ Was wir besiegen, ist das Kleine,
+ Und der Erfolg selbst macht uns klein.
+ Das Ewige und Ungemeine
+ Will nicht von uns gebogen sein.
+ Das ist der Engel, der den Ringern
+ Des Alten Testaments erschien:
+ Wenn seiner Widersacher Sehnen
+ Im Kampfe sich metallen dehnen,
+ Fühlt er sie unter seinen Fingern
+ Wie Saiten tiefer Melodien.
+
+ Wen dieser Engel überwand,
+ Welcher so oft auf Kampf verzichtet,
+ Der geht gerecht und aufgerichtet
+ Und groß aus jener harten Hand,
+ Die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
+ Die Siege laden ihn nicht ein.
+ Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegte
+ Von immer Größerem zu sein.
+
+
+Von den Fontänen.
+
+ Auf einmal weiß ich viel von den Fontänen,
+ Den unbegreiflichen Bäumen aus Glas.
+ Ich könnte reden wie von eignen Tränen,
+ Die ich, ergriffen von sehr großen Träumen,
+ Einmal vergeudete und dann vergaß.
+
+ Vergaß ich denn, daß Himmel Hände reichen
+ Zu vielen Dingen und in das Gedränge?
+ Sah ich nicht immer Großheit ohnegleichen
+ Im Aufstieg alter Parke vor den weichen
+ Erwartungsvollen Abenden, -- in bleichen
+ Aus fremden Mädchen steigenden Gesängen,
+ Die überfließen aus der Melodie
+ Und wirklich werden und als müßten sie
+ Sich spiegeln in den aufgetanen Teichen?
+
+ Ich muß mich nur erinnern an das alles,
+ Was an Fontänen und an mir geschah, --
+ Dann fühl ich auch die Last des Niederfalles,
+ In welcher ich die Wasser wiedersah:
+ Und weiß von Zweigen, die sich abwärts wandten,
+ Von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten,
+ Von Teichen, welche nur die Uferkanten
+ Schwachsinnig und verschoben wiederholten,
+ Von Abendhimmeln, welche von verkohlten
+ Westlichen Wäldern ganz entfremdet traten,
+ Sich anders wölbten, dunkelten und taten,
+ Als wär das nicht die Welt, die sie gemeint ...
+
+ Vergaß ich denn, daß Stern bei Stern versteint
+ Und sich verschließt gegen die Nachbargloben?
+ Daß sich die Welten nur noch wie verweint
+ Im Raum erkennen? -- Vielleicht sind wir oben
+ In Himmel andrer Wesen eingewoben,
+ Die zu uns aufschaun abends. Vielleicht loben
+ Uns ihre Dichter. Vielleicht beten viele
+ Zu uns empor. Vielleicht sind wir die Ziele
+ Von fremden Flüchen, die uns nie erreichen,
+ Nachbaren eines Gottes, den sie meinen
+ In unsrer Höhe, wenn sie einsam weinen,
+ An den sie glauben und den sie verlieren,
+ Und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihren
+ Suchenden Lampen, flüchtig und verweht,
+ Über unsere zerstreuten Gesichter geht ...
+
+
+Die Entführung.
+
+ Oft war sie als Kind ihren Dienerinnen
+ Entwichen, um die Nacht und den Wind
+ (Weil sie drinnen so anders sind)
+ Draußen zu sehn an ihrem Beginnen;
+
+ Doch keine Sturmnacht hatte gewiß
+ Den riesigen Park so in Stücke gerissen,
+ Wie ihn jetzt ihr Gewissen zerriß,
+
+ Da er sie nahm von der seidenen Leiter
+ Und sie weitertrug, weiter, weiter:
+
+ Bis der Wagen alles war.
+
+ Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen,
+ Um den verhalten das Jagen stand
+ Und die Gefahr.
+ Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen;
+ Und das Schwarze und Kalte war auch in ihr.
+ Sie kroch in ihren Mantelkragen
+ Und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier,
+ Und hörte fremd einen Fremden sagen:
+ Ichbinbeidir.
+
+
+Fragmente aus verlorenen Tagen.
+
+ Wie Vögel, welche sich gewöhnt ans Gehn
+ Und immer schwerer werden, wie im Fallen:
+ Die Erde saugt aus ihren langen Krallen
+ Die mutige Erinnerung von allen
+ Den großen Dingen, welche hoch geschehn,
+ Und macht sie fast zu Blättern, die sich dicht
+ Am Boden halten --
+ Wie Gewächse, die,
+ Kaum aufwärts wachsend, in die Erde kriechen,
+ In schwarzen Schollen unlebendig licht
+ Und weich und feucht versinken und versiechen,
+ Wie irre Kinder, -- wie ein Angesicht
+ In einem Sarg, -- wie frohe Hände, welche
+ Unschlüssig werden, weil im vollen Kelche
+ Sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind, --
+ Wie Hilferufe, die im Abendwind
+ Begegnen vielen dunklen großen Glocken, --
+ Wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken,
+ Wie Gassen, die verrufen sind, -- wie Locken,
+ Darinnen Edelsteine blind geworden sind, --
+ Wie Morgen im April
+ Vor allen vielen Fenstern des Spitales:
+ Die Kranken drängen sich am Saum des Saales
+ Und schaun: die Gnade eines frühen Strahles
+ Macht alle Gassen frühlinglich und weit;
+ Sie sehen nur die helle Herrlichkeit,
+ Welche die Häuser jung und lachend macht,
+ Und wissen nicht, daß schon die ganze Nacht
+ Ein Sturm die Kleider von den Himmeln reißt,
+ Ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist,
+ Ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust
+ Und der den Dingen alle Bürde
+ Von ihren Schultern nimmt, --
+ Daß etwas draußen groß ist und ergrimmt,
+ Daß draußen die Gewalt geht, eine Faust,
+ Die jeden von den Kranken würgen würde
+ Inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben. --
+ ... Wie lange Nächte in verwelkten Lauben,
+ Die schon zerrissen sind auf allen Seiten
+ Und viel zu weit, um noch mit einem zweiten,
+ Den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen, --
+ Wie nackte Mädchen, kommend über Steine,
+ Wie Trunkene in einem Birkenhaine, --
+ Wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen
+ Und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter
+ Ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter
+ Durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen.
+ Wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen
+ Und dann versterben, so daß keiner je
+ Abwenden könnte das verhängte Weh,
+ Wie volle Rosen, künstlich aufgezogen
+ Im blauen Treibhaus, wo die Lüfte logen,
+ Und dann vom Übermut in großem Bogen
+ Hinausgestreut in den verwehten Schnee, --
+ Wie eine Erde, die nicht kreisen kann,
+ Weil zuviel Tote ihr Gefühl beschweren,
+ Wie ein erschlagener verscharrter Mann,
+ Dem sich die Hände gegen Wurzeln wehren, --
+ Wie eine von den hohen, schlanken, roten
+ Hochsommerblumen, welche unerlöst
+ Ganz plötzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen,
+ Weil ihre Wurzel unten an Türkisen
+ Im Ohrgehänge einer Toten
+ Stößt ...
+
+ Und mancher Tage Stunden waren so,
+ Als formte wer mein Abbild irgendwo,
+ Um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln.
+ Ich spürte jede Spitze seiner Spiele,
+ Und war, als ob ein Regen auf mich fiele,
+ In welchem alle Dinge sich verwandeln.
+
+
+ [Illustration: Rainer Maria Rilke]
+
+
+Spanische Tänzerin.
+
+ Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,
+ Eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten
+ Zuckende Zungen streckt --: beginnt im Kreis
+ Naher Beschauer hastig, hell und heiß
+ Ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.
+
+ Und plötzlich ist er Flamme ganz und gar.
+
+ Mit ihrem Blick entzündet sie ihr Haar
+ Und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
+ Ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,
+ Aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken,
+ Die nackten Arme wach und klappernd strecken.
+
+ Und dann: als würde ihr das Feuer knapp,
+ Nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab
+ Sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde
+ Und schaut: da liegt es rasend auf der Erde
+ Und flammt noch immer und ergibt sich nicht --.
+ Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen
+ Grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht
+ Und stampft es aus mit kleinen festen Füßen.
+
+
+Der Fremde.
+
+ Ohne Sorgfalt, was die Nächsten dächten,
+ Die er müde nicht mehr fragen hieß,
+ Ging er wieder fort; verlor, verließ --.
+ Denn er hing an solchen Reisenächten
+
+ Anders als an jeder Liebesnacht.
+ Wunderbare hatte er durchwacht,
+ Die mit starken Sternen überzogen
+ Enge Fernen auseinanderbogen
+ Und sich wandelten wie eine Schlacht;
+
+ Andre, die mit in den Mond gestreuten
+ Dörfern, wie mit hingehaltnen Beuten,
+ Sich ergaben, oder durch geschonte
+ Parke graue Edelsitze zeigten,
+ Die er gerne in dem hingeneigten
+ Haupte einen Augenblick bewohnte,
+ Tiefer wissend, daß man nirgends bleibt;
+ Und schon sah er bei dem nächsten Biegen
+ Wieder Wege, Brücken, Länder liegen
+ Bis an Städte, die man übertreibt.
+
+ Und dies alles immer unbegehrend
+ Hinzulassen, schien ihm mehr als seines
+ Lebens Lust, Besitz und Ruhm.
+ Doch auf fremden Plätzen war ihm eines
+ Täglich ausgetretnen Brunnensteines
+ Mulde manchmal wie ein Eigentum.
+
+
+
+
+Hugo Salus.
+
+Geboren am 3. August 1866 zu Leipa in Böhmen, studierte Medizin in Prag
+und lebt daselbst als Frauenarzt. -- Gedichte 1897. Neue Gedichte 1899.
+Ehefrühling 1899. Reigen 1900. Ernte 1903. Neue Garben 1904. Die
+Blumenschale 1907.
+
+
+An blauen Frühlingstagen.
+
+ Vom stolzen Glück des eignen Werts getragen,
+ Als brächt' ihr Blühn der Landschaft erst Gewinn,
+ Gehn schöne Fraun an blauen Frühlingstagen
+ Wie Königinnen durch die Menge hin;
+ Als hätt' der Knabe Frühling nur im Sinn,
+ Das Krönungsvließ um ihren Leib zu schlagen
+ Und, wie ein Page, seiner Königin
+ Mit stillem Dank die Schleppe nachzutragen ...
+
+
+Im stillen Hafen.
+
+ Dies ist mein Glück: in allen Bitternissen
+ Des Seins daheim mein junges Weib zu wissen,
+ Das mädchenhaft und hold und lieb und rein
+ Nichts andres wünscht, als mein, nur mein zu sein;
+ Das weich ihr Haar anschmiegt an meine Wange
+ Und mir vertrauend, wie ein frommes Kind,
+ Mit feuchten Augen, die voll Güte sind,
+ Für Gaben dankt, die -- ich empfange.
+
+
+Erinnerung.
+
+ Zünd festlich im Salon die Kerzen an,
+ Zieh aneinander erst des Vorhangs Spitzen,
+ Ich schiebe zum Kamin die Sessel dann,
+ Dort laß uns, uns umarmend, niedersitzen.
+
+ Denn sieh, an solchem Winterabend oft
+ Bin als Student ich durch die Stadt gegangen.
+ Mein Auge, das Erfüllung nie gehofft,
+ Ist oft an solchen Lichtes Schein gehangen.
+
+ An Lampenschein, der mild ins Dunkel bricht,
+ An Fenstern, draus ich frohe Stimmen hörte,
+ An Schatten hinterm Vorhang, eng und dicht,
+ Indes die Sehnsucht drunten mich verzehrte.
+
+ Heut ist ein solcher Abend, kalt und rauh,
+ Das Glück vertieft sich mir in diesen Räumen:
+ Lehn fest dein Haupt an mich, geliebte Frau,
+ Recht fest an mich -- und laß mich träumen, träumen!
+
+
+Frühlingsfeier.
+
+ Ein Blütenzweig, blaßrosa, weiß und grün,
+ Die Welt hat tausend solcher Blütenäste,
+ Da darf der eine auch für uns erblühn
+ Und darf verblühn bei unserm Liebesfeste.
+
+ Befrei das schwere Haar von Kamm und Band
+ Und laß die schwarzen Fluten niederwallen
+ Auf dieses blumenhelle Lenzgewand,
+ Und laß die neidischen Achselspangen fallen!
+
+ Nun nimm den Blütenzweig -- wie wunderbar
+ Die Blüten glühn von deines Pulses Schlägen! --
+ Und rühre mir die Stirne und das Haar
+ Und sprich dazu den heiligen Frühlingssegen:
+
+ »Blick auf, der Lenz ist kommen über Nacht,
+ Die Welt ist voll von Liebe und Erbarmen!«
+ Ich blicke auf; der Frühling ist erwacht;
+ Ich halt' den ganzen Frühling in den Armen!
+
+
+
+
+Ludwig Scharf.
+
+Geboren am 2. Februar 1864 in Meckenheim. -- Lieder eines Menschen 1892.
+Tschandala-Lieder 1905.
+
+
+Begegnis.
+
+ Und als ich gegen den Marktplatz kam,
+ Beim Torweg unter dem Rathaus,
+ Da strömten die Menschen kreuz und quer,
+ Zweibeinig ein jeder und gradaus.
+
+ Sie waren gar wohl in Kleider gehüllt,
+ So Kinder wie Männer und Weiber,
+ Sie zogen mit schwerem, eiligem Schritt,
+ Aufrecht balancierend die Leiber.
+
+ Fremd zogen sie aneinander vorbei
+ Mit großen begegnenden Blicken
+ Und geschlossenem Mund, ein jeder für sich,
+ Ein jeder mit seinen Geschicken.
+
+ Ein jeder mit einem sehnenden Drang
+ Nach fernen Häusern und Türen,
+ Ein jeder fortgezogen wie blind
+ An unsichtbaren Schnüren.
+
+ Ein jeder beladen mit Erdenweh,
+ Ob auch sein Mund mal lache --
+ Ein jeder hinwandelnd in dunklem Traum
+ Und verstrickt in den Wahn, daß er wache.
+
+
+Blut-Propheten.
+
+ Wir träumen über die Erde hin,
+ Wir kennen nicht oben noch unten,
+ Wir horchen nur in die Erde hinein,
+ Wir verstehen nur ihre Wunden.
+
+ Und liegen wie träumend am Boden hin,
+ Dann sind wir selbst fast Erden,
+ Als wollte in dunkel-chaotischem Trieb
+ Sie bewußt den Lebendigsten werden.
+
+ Und wir fühlen den Durst nach Blut, nach Blut
+ Der ausgetrockneten Erde,
+ Daß einer verjüngten Lebensbrut
+ Ein saftiges Erdreich werde.
+
+ Wir träumen über die Erde hin:
+ Tut Buße, Buße in Zeiten!
+ Doch wir wissen genau, es kommt der Tag,
+ Den wir ahnend früh prophezeiten.
+
+
+Gebet eines Selbstmörders.
+
+ Stille! oh stille!
+ Hier schlägt ein letztes Herz,
+ Zerrinnt ein letzter Wille,
+ Verhallt im Nichts ein Schmerz.
+
+ Verbluten hier im Sande
+ An dieses Ufers Rand,
+ Im Angesicht der Sterne
+ Und jener Wolkenwand --
+
+ Ja, jener Nacht von Wolken,
+ Die drohend rückt heran,
+ Die dir den letzten Ausblick
+ Gar bald verfinstern kann!
+
+ Drum still, mein Herz! Verblute
+ In dieser stillen Nacht,
+ Solang ob Tod und Leben
+ Dir zusteht noch die Macht!
+
+ Denn weh, sie werden kommen,
+ Dich binden recht und schlecht,
+ Dein letztes Gut zu nehmen --
+ Dies häßliche Geschlecht.
+
+ Doch stille, oh stille!
+ Und störe nicht die Ruh:
+ Es strebt ein letzter Wille
+ Dem letzten Glücke zu ...
+
+
+
+
+Richard (von) Schaukal.
+
+Geboren am 27. Mai 1874 zu Brünn in Mähren, studierte Jurisprudenz in
+Wien und lebt daselbst als Ministerialrat i. R. -- Gedichte 1893. Verse
+1896. Meine Gärten 1897. Tristia 1898. Tage und Träume 1899. Sehnsucht
+1900. Pierrot und Colombine 1902. Das Buch der Tage und Träume 1902.
+Ausgewählte Gedichte 1904; zweite Ausgabe in zwei Bänden 1909. Das Buch
+der Seele 1908. Neue Verse 1912. Herbst. Neue Gedichte 1914. Eherne
+Sonette 1914. Standbilder und Denkmünzen 1915. Kriegslieder aus
+Österreich, drei Hefte 1914, 1915, 1916. Eherne Sonette, Gesamtausgabe
+1915. 1914 in ehernen Sonetten und Liedern (Schulausgabe) 1915.
+Kriegslieder aus Österreich (Auswahl) 1916. Heimat der Seelen 1916.
+Gedichte (1892-1918) 1918.
+
+
+Der Fiedler.
+
+ Ein Spielmann auf seiner Geige strich.
+ Es klang so rot, so königlich.
+ Das harte Kinn lag auf der Fiedel.
+
+ Ein Knabe ging und stand und blieb.
+ Und jeder Strich war ein Sensenhieb.
+ -- -- Den andern war's nur ein Straßenliedel.
+
+
+Kophetua.
+
+ König Kophetua hob seine goldene Krone
+ Von den goldenen Locken und schwieg.
+ Auf sein Schwert gestützt ging er und stieg
+ Über die steilen Stufen, und ohne
+ Sich umzusehn, ließ er die staunende Schar.
+
+ Oben saß in mondlichtschimmernder Blässe
+ Eine Bettlerin, in den Mantel der dichten
+ Haare gehüllt. Ein großes Verzichten
+ Lag in ihrer Augen blinkender Nässe.
+ Und so träumte sie, jeglichen Schmuckes bar.
+
+ König Kophetua legte die goldene Krone
+ Über die eisengerüsteten Knie und harrte
+ Auf einer der Stufen, bis ihn die traurige, zarte
+ Magd erblicke, flehentlich, ohne
+ Sich umzusehn, wo sein Gefolge war ...
+
+
+An die Baronin Colombine.
+
+ Baronin Colombine ist so zierlich und zart.
+ Ich zupfe die Mandoline -- leider noch keinen Bart.
+
+ Baronin Colombine, nimm dich in acht:
+ Auf meiner Mandoline sind Funken erwacht.
+
+ Baronin Colombine, lach nicht so laut!
+ Weil meiner Mandoline vor deinem Lachen graut!
+
+ Baronin Colombine, du nahmst mir meine Ruh.
+ Ins Wasser die Mandoline -- und mich dazu!
+
+
+Porträt eines spanischen Infanten von Diego Velasquez.
+
+ Mit blutgemiedener langer schmaler Hand,
+ Feinen Fingern, die den Duft der weißen Rosen fühlen,
+ Manchmal mager und müd in warmen Damenhaaren wühlen,
+ Halt' ich einen zierlich-kalten Degenkorb umspannt.
+ Meine Blicke gleiten kraftlos von der glatten silbergrauen Wand,
+ Von rieselnden leisen Gebeten sind meine Lippen schlaff und bleich,
+ Ein scharfer Dolchschnitt ist mein verachtender Mund,
+ Ich streichle manchmal einen hohen schlanken Hund.
+ Manchmal bin ich mit häßlichen Zwergen weich:
+ Ich beschenke sie reich --
+ Und peitsche sie wieder wund.
+ Mit dichten Schleiern schütz' ich mich vor dem Morgenrot:
+ Die Sonne hat Pfeile. Pfeile wirken Tod.
+
+
++Pierrot pendu.+
+
+ Und ich sah dich nachts an der Laterne:
+ Bleich und traurig hingst du, Pierrot,
+ Trübe schimmerten die späten Sterne,
+ Als dein alter Freund, der Mond, entfloh.
+
+ Da im Gassendunkel deine Züge
+ Schmerzlich schienen und gedankenbang,
+ Sann ich über deines Lebens Lüge,
+ Armer Narr am selbstgeknüpften Strang.
+
+ Und ich hab' dich nicht herabgeschnitten,
+ Rührte leise nur an deiner Hand.
+ Husch, ein Schatten war hinweggeglitten,
+ Der verstohlen mir im Rücken stand.
+
+
+Musset.
+
+ Ich liege mit der Zigarette
+ Bis an den Morgen -- o das böse Licht! --
+ Müd ohne Schlaf im Seidenbette
+ Meiner geliebten kleinen Ninette
+ Und kräusle den Rauch zu einem Gedicht.
+
+ Was hast du mit meinem Leben getan!
+ Wenn ich dich betrachte, dumme Kleine,
+ Deine marmornen runden Beine,
+ Fange ich fast zu weinen an
+ Um die ewig verlorene Eine.
+
+ Ninette, du hast verdünntes bleiches
+ Schnellrieselndes Blut, mein Kopf ist schwer:
+ Wo nehm' ich den Mut für heute her?
+ Sänke ich doch in dein faltenreiches
+ Morgengewand gehüllt ins Meer!
+
+
+Kavaliere.
+
+ Kavaliere, bleich und mit schmalen Gelenken,
+ Den Degenkorb von der Kräusel-Manschette
+ Zierlich bedeckt: sie denken
+ An eine Frau in weißem Spitzenbette;
+ Sie haben Schach gespielt, Hengste geprobt,
+ Sie singen: Großer Gott, dich lobt
+ Die gläubige Gemeinde;
+ Vernichte unsre Feinde!
+
+
+Goya.
+
+ Ich habe die lange schwüle Nacht
+ Bei einer jungen Dame verbracht:
+ Nun liegt sie und träumt mit offenen Lippen von meinem Nacken ...
+ Ich will jetzt malen, ihr sollt euch packen!
+ Steht nicht herum und gafft so ledern!
+ Sonst zerr' ich euch an euern Agraffenfedern
+ Oder kitzle eure dünnen Waden
+ Mit meinem Degen. Ich bin von Gottesgnaden,
+ Ich bin ein Grande im offnen Hemd.
+ Ich liebe das Licht, das die Welt überschwemmt,
+ Ich liebe ein Pferd,
+ Das bäumend sich gegen den Zügel wehrt,
+ Den Juden lieb' ich, den keiner bekehrt.
+ Dem König lass' ich sagen, er solle
+ Klopfen, wenn er mich stören wolle.
+
+
+Porträt des Marquis de ...
+
+ Halte mir einer von euch Laffen mein Pferd,
+ Hole mir einer von euch Lumpen mein Schwert:
+ Ich ließ es bei einer Dame liegen.
+
+ Lass' einer von euch Schurken einen Falken fliegen:
+ Ich will ihm nachsehen und mich in Blau verlieren:
+ Störe mich keiner von euch Tieren!
+
+
+Der Araber.
+
+ Ich schlich mich an das Roß heran,
+ Das wiehernd und mit rundem Rücken
+ Ins Eisen beißend stand. Es packen
+ An seiner Mähne und die Hacken
+
+ Der Fersen, einmal oben, stark
+ Ihm in die Weichen drängen, war
+ Ein Augenblick. Ich spürte gar
+ Nicht mehr, daß uns der Wald schon barg
+
+ Vor der bewundernden und scheuen Schar:
+ So war es durch die Uferauen
+ Gerast. Erst als mein flatternd Haar
+ Ein Ast berührt, begann ich umzuschauen.
+
+
+Spät.
+
+ Spät, wenn die alte Uhr geschlagen
+ Und wieder Stille dich umwirbt,
+ Das Pendel geht, die Lampe zirpt,
+ Steigt es empor aus alten Tagen
+ Und füllt mit Geistergruß die Luft
+ Und macht dein Herz so schwer vor Sehnen
+ Nach einem längst verhauchten Duft,
+ Nach einer fernen kühlen Gruft,
+ Nach Wind im Wald an Bergeslehnen.
+
+
+
+
+Paul Scheerbart.
+
+Geboren am 8. Januar 1866 zu Danzig, starb am 14. Oktober 1915 zu
+Lichterfelde bei Berlin. -- Kater-Poesie 1909.
+
+
+Dahin!
+
+ Singe nicht so hell und laut,
+ Da ich wieder einsam bin!
+ Ach, fühlst du nicht, worüber
+ Ich trüber werde?
+
+ Lache nicht so toll und dumm,
+ Da ich ernst und anders bin!
+ Nein, weißt du nicht, worüber
+ Ich trüber werde?
+
+ Frage nicht so klug und hart!
+ Das hat alles keinen Sinn!
+ Was? Ahnst du nicht, worüber
+ Ich trüber werde?
+
+ Sieh, ich liebe dich nicht mehr,
+ All mein Lieben ist dahin!
+ Begreifst du jetzt, worüber
+ Ich trüber werde?
+
+
+Notturno.
+
+ Ich liege ganz still.
+ Der Nachtwind rauscht leise vorbei.
+ Eine große Sehnsucht zieht mich noch tiefer.
+ Diese Sehnsucht -- nach -- ich weiß nicht was!
+ Das macht so traurig.
+ Ich möchte -- ich weiß nicht was!
+ Ich denke an ferne, ferne Zeiten ...
+
+
+Tiefernst!
+
+ Mir ist, als ob der Friede
+ Sich in meine Seele legt --
+ So wundersam bewegt!
+ Der Pappeln Wipfel flüstern.
+ Wir sitzen still und schweigen.
+ -- -- --
+ Wir wollen noch einmal trinken --
+ Und dann -- betrunken sein!
+
+
+Die große Sehnsucht.
+
+ Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,
+ Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
+ Und ich möchte weinend niedersinken --
+ Und dann möcht' ich wieder maßlos trinken.
+
+
+
+
+René Schickele.
+
+Geboren am 4. August 1883 in Oberehnheim (Elsaß). -- Die Leibwache 1914.
+Mein Herz, mein Land (Auswahlband) 1915.
+
+
+Der Knabe im Garten.
+
+ Ich will meine bloßen Hände aneinander legen
+ Und sie schwer versinken lassen,
+ Da es Abend wird, als wären sie Geliebte.
+ Maiglocken läuten in der Dämmerung,
+ Und weiße Düfteschleier senken sich auf uns,
+ Die wir eng beieinander unsern Blumen lauschen.
+ Durch den letzten Glanz des Tages leuchten Tulpen,
+ Die Syringen quellen aus den Büschen,
+ Eine helle Rose schmilzt am Boden ...
+ Wir alle sind einander gut.
+ Draußen durch die blaue Nacht
+ Hören wir gedämpft die Stunden schlagen.
+
+
+Wenn es Abend wird.
+
+ Die Engel der Liebkosung steigen nieder,
+ Von weitem kommen deine Hände wieder,
+ Und deine Augen sind so mild, so weit,
+ Daß alle Dinge drin verklärt gen Himmel fahren.
+
+ Mein Zimmer ist ein Wald, der sich erinnert, wie deine
+ Worte sangen,
+ Im Kleinsten, das einmal deinen Atem gespürt, lebt
+ brünstiges Verlangen,
+ Wie Lampen gehn die Spiegel an, die schon voll
+ Dunkel waren.
+
+ Schon rufen deine Schritte die Blumen auf im Garten,
+ Daß ihre kleinen Seelen erschauern und im Dunkel
+ warten.
+ Die Bäume werden atemlos und stehn beklommen,
+ Die Bäche horchen auf, ein tiefer Traum belauscht
+ dein Kommen,
+ Am Weg, auf dem du nahst, ist Stern an Stern gereiht.
+ O wunderbare Trunkenheit!
+
+
+Ferne Musik.
+
+ Die glatten, leisen,
+ Lustwarmen Weisen,
+ Die sich verschlingen
+ Und im Reigen singen
+ Von Sommertagen,
+
+ Erinnern mich Schweren,
+ Wie auf Blumenfähren
+ Mit glänzenden Wangen
+ Frauen sangen,
+ Von Bläue getragen,
+
+ Und daß am Ende
+ Der Fahrt die Hände,
+ Die blitzend bewegten,
+ Sich nicht mehr regten
+ Und entgeistert lagen
+
+ In jedem Schoß,
+ So sehnsuchtslos,
+ Die Umarmungen boten,
+ Wie die Steine der Toten
+ Im Mondlicht ragen.
+
+
+Erwartung im Garten.
+
+ Hab ich doch alles nun geküßt,
+ Die Blumen, die Gräser und
+ Den zitternden Sperling in meiner Hand,
+ Den Tau der sanften Kressen
+ Und selbst die Wolken am Himmel, --
+ Kommst Du noch immer nicht?
+
+
+Lea.
+
+ Wir hielten uns umschlungen
+ In unserm großen Haß,
+ Ich hab dir schwören müssen,
+ Daß ich von dir nie laß.
+ Wir hielten uns umschlungen
+ In unsrer großen Lust,
+ Du hast mir zugeschrieen,
+ Daß du mich lieben mußt.
+
+ Dann hobst du dich und standest,
+ Gelöst war unser Bund,
+ Und sprachst die Abschiedsworte
+ Mit nie geküßtem Mund.
+
+
+Die Leibwache.
+
+ Und bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt,
+ Ich weiß, daß doch ein Schein von meinem Blut,
+ Wo ich mich rühre, wo ich raste, mich umflammt
+ Wie eine große Glorie innerlicher Glut.
+ Darin ist alles das enthalten, was die Väter,
+ Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter,
+ Von ihrem Innersten ins Äußere geglüht,
+ Daß es mein eigen Blut noch heute fühlt.
+
+ Denn ja, ich fühl's wie Rüstung, Schild und Feuerwall
+ Und Festung, die mich überall umgibt,
+ Und wieder so, daß es der Schöpfung wirren Schwall
+ Mit Netzen wie aus Blut und Sonnenstäubchen siebt,
+ Damit in meiner Augen Nähe kommt
+ Nur, was für Ewigkeiten ihnen frommt,
+ Und immer nur in meinem Herzen Wurzeln schlägt
+ Und darin gräbt, wes Wachstum dies mein Herz verträgt;
+
+ Und was es tiefer noch verankert in den Grund,
+ Von dem ich nichts weiß, als daß zu Beginn
+ Ein heißer Wille schwoll, der dann von Mund zu Mund
+ Sich fortgepflanzt bis her zu mir, der ich jetzt bin.
+ Und bei mir sind, die mich vor schwerstem Leid bewahren!
+ Ich recke mich inmitten himmlischer Husaren,
+ Heb ich die Hand, so winken tausend Hände mit,
+ Und halte ich, so hält mit mir der Geisterritt.
+
+ Im Schlaf spür ich sie wie im Biwak um mich her,
+ Sie liegen da, die Zügel umgehängt,
+ Sie atmen, regen sich wie ich, sind leicht und schwer,
+ Und manchmal, wenn sich einer an den andern drängt,
+ Ersteht ein Klingen, dessen Widerhallen
+ In meinem Körper bebt wie Niederfallen
+ Von eines Brunnens Strahl in einem Vestibül.
+ Dann ist's, daß ich das Herz der Mütter zittern fühl!
+
+ Dann ist's, daß wild und süß die Liebe überfließt
+ In mir und jeder Kreatur,
+ Rakete um Rakete in den Himmel schießt,
+ Im Dunkel still steht jede Uhr.
+ Und klare Meere spiegeln lichte Sterne,
+ Die Früchte zeigen schamlos ihre Kerne,
+ Es strömt ein Licht von mir zum fernsten Land,
+ Es schlägt ein Wellenschlag von mir den fernsten Strand.
+
+ Drum, bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt,
+ Ich weiß trotzdem: ein Schein von meinem Blut,
+ Wo ich auch bin, ob schlafend oder wach, umflammt
+ Mein Tun mit einer Glorie innerlicher Glut.
+ Darin ist alles das enthalten, was die Väter,
+ Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter,
+ Mit ganzem Herzen ausgelebt zu meiner Hut.
+
+
+
+
+Johannes Schlaf.
+
+Geboren am 21. Juni 1862 zu Querfurt in der Provinz Sachsen. --
+Helldunkel 1899. Das Sommerlied 1905.
+
+
+Sehnsucht.
+
+ Wie ich dich überall sehe, du Meine
+ Und Eine!
+ Immer du so fern-nah!
+ Gegenwärtig und doch nicht da!
+ Immer nur Spuren und Spuren --
+ Viel, ach! wie viel!
+ Im Wandern folg' ich ihnen,
+ Zu welchem Ziel?
+ O du, o Dunkelgewillte!
+ Wann, wo empfängt der Niegestillte
+ Seine Ruh? --
+
+
+Hoffnung.
+
+ Ein weißes Grau hüllt weit den Himmel ein.
+ Ein stumpfer Glanz liegt auf den Uferweiden.
+ Träge, mit gurgelnden Wellen treibt der gelbe Strom.
+ Ich muß mich noch bescheiden.
+ Ich will noch ein Stückchen so weitergehn.
+ Bald müssen ja alle Höhn
+ In hellen Frührotfeuern stehn ...
+
+
+Abendgang.
+
+ Und ich führte das blonde Jungfräulein
+ In den weiten, schleiernden Abendfrieden hinein.
+
+ Nebel über die Wiesen gingen,
+ Und vom Bache durch das braune Dunkel kam ein Singen.
+ Am Himmel alle unsre goldenen Geigen hingen.
+
+ Die tönten so sacht und fein. --
+
+
+Trübes Wetter.
+
+ Das Meer! -- Das Meer -- --
+ Die grauen Wolken hingen so trüb und schwer.
+ Ich sah nur ein weites Armebreiten,
+ Und wie ein dunkelsüßer Heimatston kam's her
+ Aus den nebelverhüllten, schluchzenden Weiten. --
+
+
+Doppelliebe.
+
+ Wie eigen ich dich einst küßte!
+
+ Du lagst in deinem Sessel
+ Und decktest schelmisch
+ Die Hand vors Gesicht.
+ Über den Fingern
+ Waren nur deine Augen zu sehn,
+ Deine Augen. --
+
+ So fern plötzlich
+ Und eigen. --
+ Und ich erschrak.
+
+ Zwei andre Augen sah ich,
+ Zwei ferne Augen.
+ Die Augen der andern ...
+
+ Und da bog es mich zu dir,
+ Und leise
+ Küßt' ich --
+ Diese Augen ...
+
+
+
+
+Prinz Emil von Schönaich-Carolath.
+
+Geboren am 8. April 1852 zu Breslau, wurde Dragoneroffizier, nahm den
+Abschied, war viel auf Reisen und lebte zuletzt auf Schloß Haseldorf in
+Holstein, wo er am 30. April 1908 verstarb. -- Lieder an eine Verlorne
+1878. Dichtungen 1883. Gedichte 1903.
+
+
+Albumblatt.
+
+ Hab nicht zu lieb die knospende Rose;
+ Es flöge gar bald
+ Ohn' Heimat, ohn' Halt
+ Ihr Duft dir vorüber ins Uferlose.
+
+ Unsterblich ist der Schmerz allein.
+ Was nie du besessen,
+ Ersehnt, nie vergessen,
+ Wird deines Himmels Grundbau sein.
+
+
+Der betrübte Landsknecht.
+
+ Das Land durchströmt der Regen,
+ Singschwäne südwärts ziehn,
+ Nun will aufs Herz ich legen
+ Ein Sträußchen Rosmarin.
+
+ Das haben zwei Hände, zwei schmale,
+ Durchflochten mit schwarzem Band,
+ Drauf haben zum letzten Male
+ Zwei Mädchenlippen gebrannt.
+
+ Hoch braust ein Krieg durch Flandern,
+ Dort muß gewürfelt sein,
+ Die Werbetrommeln wandern
+ Um Jülich und Bei-Rhein.
+
+ Nach Spanien über die Schelde
+ Zieht gleißender Heerestrab;
+ Herr Christ, hilf allen zu Gelde,
+ Uns beiden gib ein Grab.
+
+ Drauf sollen zwei Linden wiegen
+ Die Wipfel glückbesonnt,
+ Draus sollen zwei Herzen fliegen,
+ Die nimmer sich trennen gekonnt.
+
+
+Genrebild.
+
+ Herr Holger am Kamine sitzt,
+ Sein Brackhund bei ihm wacht,
+ Nacht ist's, die Flamme springt und blitzt
+ Und der Klotz in der Lohe kracht.
+
+ Herr Holger in Sinnen versunken ist,
+ Er wirrt des Bartes Flaum.
+ Es streckt die Bracke den Widerrist,
+ Und beide sinken in Traum.
+
+ Es denkt der Hund an einen Tag,
+ Da die Heide hilfefern,
+ Da der Keiler über Herrn Holger lag
+ Und er befreit' den Herrn. --
+
+ Herr Holger martert seine Stirn
+ In Sinnen schwer und stumm:
+ Wie er zu Willen einer Dirn
+ Den Blutsfreund brächte um.
+
+
+Altes Bild.
+
+ Der Markusdom, der bunte, klangumtönte,
+ Hat seine Pforten gähnend aufgeschlagen,
+ Am Hochaltar, wo Priester Kerzen tragen,
+ Thront stolz der Doge, der vom Volk gekrönte.
+
+ Es lehnt an ihm in mädchenhaftem Zagen
+ Sein junges Weib, das holde, glückverschönte.
+ Ein Page, der an Schleppendienst gewöhnte,
+ Kniet stumm dabei in Puffenwams und Kragen.
+
+ Der Weihrauch dampft, zu Ende geht die Messe,
+ Es blickt verklärt die schöne Dogaresse ...
+ Doch sehen könnt ihr, wenn ihr näher tretet,
+
+ Daß tief im Samt, dem dunkelvioletten,
+ Des Pagen Hand und ihre sich verketten --
+ Der alte Doge kniet im Stuhl und betet.
+
+
+Künstlerroman.
+
+ Als tot auf schlechtem Gasthofbette lag
+ Sein junges Weib bei Unschlittkerzenflammen,
+ Da schob Papier, verstreutes, er zusammen,
+ Und schrieb darauf bis an den grauen Tag.
+
+ Es ward an Inhalt und an süßem Schalle
+ Ein also großes, ewiges Gedicht,
+ Daß die Genossen es verstanden nicht,
+ Und schweigend wichen, tiefergriffen alle.
+
+ Er aber blieb allein mit einem Sarg,
+ Darin begrub er seine Jugendliebe --
+ Und jenes Buch, das ew'gen Ruhm verbarg,
+ Und das kein Denker leichthin nach ihm schriebe,
+
+ Er schob es unters fahle Goldgelock
+ Als Ruhekissen für die schöne Tote,
+ Und riß sich aus den Hecken einen Stock
+ Und schritt hinaus ins Morgenlicht, das rote.
+
+
+
+
+Wilhelm von Scholz.
+
+Geboren am 15. Juli 1874 zu Berlin. -- Frühlingsfahrt 1896. Der Spiegel
+1902. Neue Gedichte 1913.
+
+
+In einer Dämmerstunde.
+
+ Ich wohne, wo die Wolken gehn,
+ Stillhoch in einer Dämmerstunde;
+ Waldtiefer Bäume Wipfel stehn
+ Um meinen Tisch in naher Runde,
+ Die gern mein Licht im Abend sehn.
+
+ Alt ist der Leuchter, der es trägt,
+ Alt sind die Bäume, die es schauen,
+ Die Flamm' ist alt, die sich bewegt
+ Und flattert durch das ewige Grauen,
+ Wenn die uralte Luft sich regt.
+
+ Flüsternd umkreist die Dämmerung
+ Mich und mein Licht, das nach ihr greift.
+ So alt ist alles, ich so jung --
+ Da ist's, als ob ein Wort mich streift,
+ Das rings um mich zur Fülle reift.
+
+ »Du bist so alt als alle wir --«
+ Sprach es das Licht, sprach es der Baum,
+ Sprach's der zersprungne Tisch vor mir,
+ Sprach's um mich her der Dämmertraum?
+ Ich fühl' es dunkel jetzt und hier.
+
+ Wie lächeln doch die ewigen Dinge,
+ Wenn solch ein Strudel Erdenzeit,
+ Ein Mensch, aufwacht in ihrem Ringe,
+ Aufbraust in ihrer Einsamkeit --
+ Wie lächeln doch die ewigen Dinge!
+
+ Sie lächeln mich in ihre Ruh --
+ Nun rag' auch ich uralt vom Grunde.
+ Du Flamme, warum zitterst du?
+ Bist du ein Wort aus meinem Munde,
+ Rief dich die Dämmerung mir zu? --
+
+
+Abschied.
+
+ Oft, wenn die stille Mitternacht
+ Einsam im dunkeln Parke wacht,
+ Wenn meine Fenster offen stehn,
+ Ein Sternlein durchs Gezweige leuchtet
+ Und Nachtluft mir die Stirne feuchtet,
+ Dann weiß ich, daß mich deine Augen sehn
+ In dieser stillen Mitternacht.
+
+ Doch dieser Erde weit entschwebt
+ Ist, was mich hier umgibt und mit mir lebt:
+ Mein still Gemach, der Park, der leise rauscht,
+ Der See, der über seine Ufer lauscht.
+ In ewige Fernen treiben wir dahin:
+ Du kennst den Ort nicht, wo ich bin
+ In dieser stillen Mitternacht.
+
+ Noch seh' ich dich; und dein Gesicht ist blaß.
+ Von Schauer wird mein Auge naß,
+ Und tausend Wünsche werden wach.
+ Doch schneller treibt der Park und das Gemach
+ Hin in den fernenklaren Raum --
+ Da lischt, ein Flackerlicht, dein Traum
+ In dieser stillen Mitternacht.
+
+
+Heimat.
+
+ Eine Heimat hat der Mensch,
+ Doch er wird nicht drin geboren --
+ Muß sie suchen traumverloren,
+ Wenn das Heimweh ihn ergreift.
+
+ Aber geht er nicht in Träumen,
+ Geht er achtlos ihr vorüber,
+ Und es wird das Herz ihm plötzlich
+ Schwer bei ihren letzten Bäumen.
+
+
+Abendgang.
+
+ Das ist unser schweigender Abendgang.
+ Herbst. Blätter fallen wegentlang.
+ Nasse Äste tragen den Himmel, der bleich
+ Und dunstig niederhängt über den Teich.
+
+ Die Brücke. Trüber Laternenschein
+ Fällt schwankend in schmutzigen Schlamm hinein.
+ Vorüber. Dunkel wie Menschen stehn
+ Die Bäume und sehn uns weitergehn.
+
+
+Der Wandrer.
+
+ Schwermütig wächst mein Frieden
+ In Herbst und Einsamkeit.
+ Mein Weg zur Dämmerzeit
+ Vergraut wie abgeschieden.
+
+ Ich fühle mich Gestalt
+ Und Wesen tief vertauschen;
+ Wildfremde Schritte rauschen
+ Durchs Blattgewirr im Wald.
+
+ Still geh' ich, schattenlos
+ Im Grau, als wandle sich
+ Der lange Weg in mich,
+ Auf dem ich wurde groß.
+
+ Daß ich der Wandrer bin,
+ Der diesen Weg gegangen,
+ Sind Worte, die verklangen,
+ Und haben keinen Sinn.
+
+
+Erde.
+
+ Das ist der Erde furchtbares Gewicht:
+ Gelang es dir, dich schwebend frei zu halten,
+ Zu tauchen in das erdenfremde Licht,
+ Daß sich die Meere unter dir gestalten,
+ Winzig die Wolken unter dir verwehn,
+ Und zitterst nicht --
+ So fliegt die Erde auf in deine Höhn.
+
+
+Ich weiß es wohl ...
+
+ Ich weiß es wohl, wie du zur Ruh dich legst,
+ Wenn müde dich die Mitternacht umfängt.
+ Du gehst verträumt im Zimmer auf und ab,
+ Schaust das unwillige Schweigen an der Wand,
+ Das seufzend hie und da ein Rahmen unterbricht.
+ Dann sprichst du leise in den Kerzenschein,
+ Als ob gleichgültig ihn ein andrer spräche,
+ Meinen Namen, horchst -- hörst ihn und erglühst ...
+ Und deine süßen Hände küssend, schläfst du ein.
+
+
+Nächtlicher Weg.
+
+ Schwer schweigt der Wald in schwarzer Pracht.
+ Mein Mantel flattert durch die Nacht,
+ Streift welkes Laub am Boden mit;
+ Und wo die Äste wie Gestalten
+ Hoch über mir die Hände halten,
+ Folgt Zittern meinem festen Schritt.
+
+ Und leis an mir herniederglitt,
+ Als woll's im feuchten Gras erkalten,
+ Was in mir kämpfte, rang und litt;
+ Was ich in mir für schlecht gehalten,
+ Das nahm die Nacht im Atem mit.
+
+ Und stiller meine Schritte hallten,
+ Wie eines fremden Freundes Tritt.
+
+
+Am Söller.
+
+ In Wirbeln geht der Strom durchs Tal.
+ Die Blätter wirbeln auf Söller und Saal.
+ Tief herbstlich naht die frühe Nacht,
+ Die unsere einsame Fackel entfacht.
+
+ Und wie die Sterne schweigend steigen,
+ Werden der Erde wir zu eigen.
+ Nachtdunkel hat so wilde Weisen --
+ Wir fassen uns, uns zu umkreisen.
+
+ Der Sternsaal muß sich rasend drehn
+ In seiner Ferne.
+ Im ganzen Raum der Welten stehn
+ Nur deine Augensterne.
+
+ Wir sind wie des Herbstes tanzendes Laub,
+ Wir sind, was wir werden:
+ Kreisende Erden,
+ Wirbelnder Staub.
+
+
+
+
+Rudolf Alexander Schröder.
+
+Geboren am 26. Januar 1878 zu Bremen. -- Unmut 1899. Lieder an eine
+Geliebte 1900. Sprüche in Reimen 1900. An Belinde 1902. Sonette an eine
+Verstorbene 1905. Elysium 1906.
+
+
+Aus den »Liedern an eine Geliebte«.
+
+ Nun kam der Abend.
+
+ Die Sonne geht ins Meer,
+ Der Wind ruht im Laub,
+ Den sanften Weg entlang
+ Ziehen die Herden heimwärts.
+
+ Sieh, wie die milden Berge
+ In Dunkelheit verhüllt sind --
+ Im Tal
+ Blinken Lichter auf.
+
+ Wanderer, wohin eilst du?
+ »Nach Hause.«
+
+ Wohin eilst du?
+
+ * * * * *
+
+ »Die Lüge« sagst du
+ Und »Die Wahrheit«
+ Und redest wie ein Narr.
+
+ Sage »Die Liebe«
+ Und du redest wie ein Weiser.
+
+ * * * * *
+
+ Ich habe keine Schmerzen:
+ Aber die Sehnsucht verzehrt mich.
+
+ Ich habe keine Sehnsucht:
+ Aber mein Verlangen macht mich unruhig.
+
+ Ich habe kein Verlangen:
+ Aber meine Schmerzen quälen mich!
+
+ * * * * *
+
+ Ach, noch immer glaube ich,
+ Wenn ein Klang die Luft aufweckt,
+ Daß deine Stimme
+ Im Zweiggewirr der Bäume,
+ In Blumen, Gebüsch und Gräsern
+ Nachzitternd sich gefangenhält.
+
+ Ach, noch immer glaube ich,
+ Wenn ein Duft
+ Von ungefähr
+ Auf Windflügeln
+ Zu mir kommt,
+
+ Daß es dein Atem sei.
+
+ Ach, noch immer glaube ich,
+ Daß ich nicht ganz verlassen sei.
+
+ * * * * *
+
+ Das Glück ist ein leerer Schall;
+ Und der Schmerz ist ein Name.
+ Was uns von allem bleibt,
+ Ist: allein zu sein.
+ Und ist uns allen ein Los,
+ Daß wir viele Güter haben
+ Und darben müssen.
+
+
+Sonett an eine Verstorbene.
+
+ An jedem Tage gibt's ein Abschiednehmen;
+ Und irgend etwas, das uns angehört,
+ Wird jeden Augenblick für uns zerstört
+ Und wandelt hin zu den vergessenen Schemen.
+
+ Wohl, über dieses soll sich keiner grämen,
+ Weil immer auch ein Neues uns betört;
+ Und kein Verlassen ist so unerhört,
+ Dem wir uns nicht zu guter Letzt bequemen.
+
+ So gehn auch wir, und lassen alle Welt
+ Und sind nicht mehr; und jenes Wort: Gewesen
+ Erklingt von uns, wie wir's von vielem sagen.
+
+ Doch daß auch du dich denen zugesellt,
+ Von denen wir nur noch den Namen lesen,
+ Mein Herze will das nicht, und will's nicht tragen!
+
+
+Aus dem Buch »Elysium«.
+
+ Sie lassen sich am Ufer nieder,
+ Sie legen ihre reinen Glieder
+ Auf leichten Sand.
+
+ Entschlummern sie, so ist ihr Träumen
+ Wie das von Wellen oder Bäumen
+ Voll Unbestand.
+
+ Sie sind so schön, weil sie im Fächeln
+ Der reinen Lüfte immer lächeln,
+ Wie ausgesöhnt.
+
+ Sie singen auch. -- Wer möchte hören,
+ Was diesen Nachtigallen-Chören
+ Ganz klar enttönt?
+
+ Sie wandeln über sanfte Matten
+ Ins grüne Dunkel kühler Schatten,
+ Sie schwinden hin.
+
+ -- Oh holde Seelen, voll Beglückte,
+ Ihr nicht Geplagte, nicht Entzückte,
+ Ihr ohne Sinn!
+
+ * * * * *
+
+ Wenn sie wandeln, drückt dem Wiesenrain
+ Sich der schattenhafte Fuß nicht ein.
+
+ Wenn sie ruhn, so ist der leichte Gast
+ Seiner Lagerstätte keine Last.
+
+ Wenn sie wünschen, das ist flüchtig auch,
+ Kaum ein Traum, ein Atemzug, ein Hauch.
+
+ Wenn sie lieben, das ist kaum ein Blick,
+ Kaum ein Gruß. -- So leicht ist dort das Glück.
+
+ Alles ist ja leicht im untern Reich. --
+ Leichte Schatten, wir begrüßen euch!
+
+ * * * * *
+
+ Leise laß sie ihren Reigen führen,
+ Ohne ihre Schwermut anzurühren.
+
+ Laß sie träumend dir vorüber hasten,
+ Ohne ihre Leere zu belasten.
+
+ Sorge nicht, sie heute zu verstehen,
+ Denn dir wird wie ihnen bald geschehen.
+
+ Freue dich, daß sie dich nicht erreichen,
+ Morgen, morgen bist du ihresgleichen.
+
+
+
+
+Gustav Schüler.
+
+Geboren am 27. Januar 1872 zu Kgl. Reetz im Oderbruch. -- Gedichte 1900.
+Meine grüne Erde 1904. Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes
+1908. Mitten in der Brandung 1911. Von Stundenleid und Ewigkeit 1914.
+
+
+ Unterdessen.
+
+ Schönheit ist Atem. Aber Brot ist Brot.
+ Und Tausend hungern. Und die Mühlen mahlen.
+ Und Königstische wissen nichts von Not.
+ Und Tausend beten nachts zu ihren Qualen.
+
+ Und Mütter fiebern, wie kein Fieber schlägt,
+ Weil ihre Kinder schwer im Schlafe wimmern.
+ Die Mütter hören's, daß man Bretter trägt,
+ Um einen rohen Armensarg zu zimmern.
+
+ Und unterdessen lauscht die heilige Nacht,
+ Und unterdessen wird das Licht erkoren,
+ Und unterdessen hat die Schönheit acht
+ Auf jede Perle, die der Tau geboren.
+
+
+Mignon.
+
+ Wer in die Nacht geht, müßt' mich sehn
+ Am Wege auf dem Stein --
+ Mein Krug und Wanderstecken stehn
+ Im hellen Mondenschein.
+
+ Die Schuhe hab' ich abgetan,
+ Das Haar ist aufgelöst,
+ Ich hab', als wüßt' ich keinen nahn,
+ Auch meine Brust entblößt.
+
+ Der Nachthauch kühlt mich wie ein Bad.
+ Alle Wanderer ferne gehn. --
+ Nur wer die Erde begraben hat,
+ Kann mich hier sitzen sehn.
+
+
+Am Abend.
+
+ Komm, denn der Abend kommt.
+ Wir haben ihn so wild ersehnt.
+ Nun ist er da. Wie er im Mantel
+ Sich an die alten Pappeln lehnt.
+
+ Jetzt schlägt er seine Wimpern auf
+ Und sieht uns an und nickt uns zu.
+ Hat er nicht ganz dieselben Augen,
+ Nicht ganz denselben Mund wie du?
+
+
+Am Kreuzweg.
+
+ Vom Dorf her durch die Nacht erklingt Gesang:
+ Ein altes deutsches wehes Liebeslied,
+ Von Lieb' und Not
+ Und Treu' und Tod.
+ Ein Schatten, der am Kreuzweg zieht,
+ Lauscht lang'.
+ Der Kauz schrie so entsetzlich schrill,
+ Der hat ihn auch gesehn.
+ Das Lied schweigt still.
+ Der Schatten bleibt noch immer stehn.
+
+
+Was ist das Glück?
+
+ Was ist das Glück?
+ Ein klimmendes, schwimmendes Fliegen?
+ Ein Siegen,
+ Ein Augenblick,
+ Wo du der Sonne jauchzend winkst
+ Und dann versinkst?
+ Oder ist es das treue Schauen,
+ Wie sich Wolken aus Wolken bauen,
+ Bis sich eine mit rotem Rand
+ Hoch hinstellt über dein Ernteland?
+
+
+
+
+Ernst Stadler.
+
+Geboren am 11. August 1883 zu Colmar i. E., fiel zu Anfang des
+Weltkrieges im Westen. -- Präludien 1904. Der Aufbruch 1914.
+
+
+Reinigung.
+
+ Lösche alle deine Tag' und Nächte aus!
+ Räume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus!
+ Laß Regendunkel über deine Schollen niedergehn!
+ Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn! --
+ Fühlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein,
+ Schon bist du selig in dir selbst allein
+ Und wie mit Auferstehungslicht umhangen --
+ Hörst du: schon ist die Erde um dich leer und weit
+ Und deine Seele atemlose Trunkenheit,
+ Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen.
+
+
+Vorfrühling.
+
+ In dieser Märznacht trat ich spät aus meinem Haus.
+ Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch und
+ grünem Saatregen.
+ Winde schlugen an. Durch die verstörte Häusersenkung
+ ging ich weit hinaus
+ Bis zu dem unbedeckten Wall und spürte: meinem
+ Herzen schwoll ein neuer Takt entgegen.
+
+ In jedem Lufthauch war ein junges Werden ausgespannt.
+ Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute
+ rollten.
+ Schon dehnte sich bereitet Acker. In den Horizonten
+ eingebrannt
+ War schon die Bläue hoher Morgenstunden, die ins
+ Weite führen sollten.
+
+ Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen
+ Fernen.
+ Überm Kanal, den junge Ausfahrtwinde wellten,
+ wuchsen helle Bahnen,
+ In deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in
+ umwehten Sternen.
+ In meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten
+ Fahnen.
+
+
+Was waren Frauen ...
+
+ Was waren Frauen anders dir als Spiel,
+ Der du dich bettetest in soviel Liebesstunden:
+ Du hast nie andres als ein Stück von dir gefunden,
+ Und niemals fand dein Suchen sich das Ziel.
+
+ Du strebtest, dich im Hellen zu befreien,
+ Und wolltest untergehn in wolkig trüber Flut --
+ Und lagst nur hilflos angeschmiedet in den Reihen
+ Der Schmachtenden, gekettet an dein Blut.
+
+ Du stiegst, dein Leben höher aufzutürmen,
+ In fremde Seelen, wenn dich eigne Kraft verließ,
+ Und sahst erschauernd deinen Dämon dich umstürmen,
+ Wenn deinen dünnen Traum der Tag durchstieß.
+
+
+Puppen.
+
+ Sie stehn im Schein der Kerzen, geisterhafte Paare,
+ spöttisch und kokett in den Vitrinen
+ Wie einst beim Menuett. Der Schönen Hände schürzen
+ wie zum Spiel die Krinolinen
+ Und lassen weich gewölbte Knöchel über Seidenschuhe
+ blühn. Die Kavaliere reichen
+ Galant den degenfreien Arm zum Schritt, und ihre
+ feinen frechen Worte, scheint es, streichen
+ Wie hell gekreuzte Klingen durch die Luft, bis sie in
+ kühlem Lächeln über ihrem Mund erstarren,
+ Indes die Schönen in den wohlerwognen Attitüden
+ sanft und träumerisch verharren.
+ So stehn sie, abgesperrt von greller Luft, in den
+ verschwiegnen Schränken
+ Hochmütig, kühl und fern und scheinen langvergeßnen
+ Abenteuern nachzudenken.
+ Nur wenn die Kerzen trüber flackern, hebt ihr dünnes
+ Blut sich seltsam an zu wirren:
+ Dann fallen Funken in ihr Auge. Heiße Worte scheinen
+ in der Luft zu schwirren.
+ Der Schönen Leib erbebt. Im zarten Puder der
+ geschminkten Wangen gleißt
+ Ihr Mund wie eine tolle Frucht, die Lust und
+ Untergang verheißt.
+
+
+Glück.
+
+ Nun sind vor meines Glückes Stimme alle Sehnsuchtsvögel
+ weggeflogen.
+ Ich schaue still den Wolken zu, die über meinem Fenster
+ in die Bläue jagen --
+ Sie locken nicht mehr, mich zu fernen Küsten fortzutragen,
+ Wie einst, da Sterne, Wind und Sonne wehrlos mich
+ ins Weite zogen.
+ In deine Liebe bin ich wie in einen Mantel eingeschlagen.
+ Ich fühle deines Herzens Schlag, der über meinem
+ Herzen zuckt.
+ Ich steige selig in die Kammer meines Glückes nieder,
+ Ganz tief in mir, so wie ein Vogel, der ins flaumige
+ Gefieder
+ Zu sommerdunklem Traum das Köpfchen niederduckt.
+
+
+
+
+Leo Sternberg.
+
+Geboren am 7. Oktober 1876 zu Limburg a. d. Lahn. -- Küsten 1904. Fahnen
+1907. Neue Gedichte 1908.
+
+
+Der Wartende.
+
+ Geöffnet sind meine Fenster;
+ Ich trete zum einen, zum andern --
+ Aber der Vogel der Ferne
+ Fliegt nicht herein.
+
+ Ich schließe die Augen und sage
+ Mir fest: »Er kommt nicht!« Ich denke:
+ Plötzlich schlägst du den Blick auf,
+ Und -- er ist da! ...
+
+ Und -- er ist _nicht_ da! Vergebens!
+ Wieder warten! Warten!
+ Durch die verengte Kehle
+ Drückt sich ein Kiesel hinab.
+
+ Wie, wenn es Nacht würde? Nein! ...
+ -- Herz, wie du eilst! -- Und ich müßte
+ Schließen die Fenster? Der Vogel
+ Käme nicht mehr? ...
+
+
+Soviel Lüftchen ...
+
+ Soviel Lüftchen wehn und vergehn,
+ Soviel Klänge durchziehen mich leis.
+ Was mögen sie singen? Für wen?
+ Wer weiß!
+
+ Kaum daß du flüstern hörst
+ Und achtest, was es sei;
+ Wie wenn du Geister störst --
+ Vorbei.
+
+ Nur manchmal im Leben ein Ton,
+ Ein Wort, ein Gedankenstrahl --
+ Du fragst: Wo vernahm ich's doch schon
+ Einmal?
+
+
+Eine plötzliche Stille ...
+
+ Eine plötzliche Stille kommt oft,
+ Als ob das Weltgewühl
+ Die Sekunde jetzt stockte
+ Und zwischen geraden Wänden
+ Eine einzige schmale Bahn
+ Freilegte von mir zu dir:
+ Dann denkst du an mich.
+ Und wie durch die Furt voreinst
+ Des gespaltenen Meers,
+ Zieht gelassen ein Traum
+ Auf inniger Gasse
+ Jenem Ufer zu.
+
+
+Jenseits.
+
+ Die Glocken läuten dann wie jeden Tag ...
+ An meinem Fenster wird einer träumend stehn,
+ und der gewölbte Berg, der drüben lag,
+ wird -- abendgrau -- wie ein Grab aussehn
+ und der Baum darauf, wie ein Baum auf einem Grab.
+
+ Indessen werden die Stern' über meinem Grab aufgehn ...
+ Der Fremde tritt vom Fenster ins Zimmer hinein;
+ von seiner Welt nicht mehr aufzusehn,
+ nimmt er den Arbeitssessel wieder ein --
+ Ich liege draußen allein, wie ich im Leben war.
+
+ Und selbst die Toten neben mir werden mich nicht verstehn ...
+ Dann werde ich aufstehn und zu Gott gehn,
+ daß _er_ mich behalte nun,
+ oder mir sonst etwas aufgebe zu tun,
+ oder die Flamme austrete --
+ Dann werde ich ruhn.
+
+
+
+
+Margarete Susman.
+
+
+Im Feld ein Mädchen singt ...
+
+ Im Feld ein Mädchen singt --
+ Vielleicht ist ihr Liebster gestorben,
+ Vielleicht ist ihr Glück verdorben,
+ Daß ihr Lied so traurig klingt.
+
+ Das Abendrot verglüht --
+ Die Weiden stehn und schweigen --
+ Und immer noch so eigen
+ Tönt fern das traurige Lied.
+
+ Der letzte Ton verklingt. --
+ Ich möchte zu ihr gehen.
+ Wir müßten uns wohl verstehen,
+ Da sie so traurig singt.
+
+
+Ich liebe unter allen ...
+
+ Ich liebe unter allen die am meisten,
+ Die unsichtbare Kronen tragen.
+ Wohl lieb' ich auch die heitern jungen Häupter,
+ Auf deren Locken Rosenkränze liegen,
+ Das Haupt, das sinnende Gedanken beugten,
+ Der Demut frommgesenkte Kinderstirn;
+ Doch lieb' ich unter allen die am meisten,
+ Die frei und königlich im Leben stehn
+ Und unsichtbare Kronen tragen.
+
+
+So in die still verschneite Nacht ...
+
+ So in die still verschneite Nacht
+ Blick' ich hinaus;
+ Die alte Sehnsucht ist erwacht
+ Und singt und flüstert, weint und lacht
+ Und lacht mich aus.
+
+ Sie zieht um mich den Zauberkreis
+ Von Wunsch und Wahn;
+ Sie spricht wie du so scheu und leis;
+ Sie starrt mich an so traurig heiß,
+ Wie du getan.
+
+
+Kein Liebeswort ...
+
+ Kein Liebeswort ist zwischen uns gefallen.
+ Du hast mir nicht einmal die Hand geküßt,
+ Wie mancher tat, der mir nicht teuer war.
+ Ich sprach mit dir wie mit den andern allen.
+ Der du mir Licht und Luft gewesen bist
+ Und Lebensodem dieses ganze Jahr.
+
+ Doch das, was deine Augen mir verkündet,
+ Die leuchtenden Verräter, halt' ich fest,
+ Sowie in Sturm und Schnee ein armes Kind
+ Sein Püppchen hält und wunderherrlich findet
+ Und immer wieder zärtlich an sich preßt,
+ Neidlos auf die, die reich und glücklich sind.
+
+
+
+
+Georg Trakl.
+
+Geboren am 3. Februar 1887 zu Salzburg, gestorben am 3. November 1914 im
+Garnisonlazarett zu Krakau. -- Gedichte 1914. Sebastian im Traum 1914.
+Gesammelte Dichtungen 1919.
+
+
+Der Herbst des Einsamen.
+
+ Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
+ Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
+ Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle;
+ Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
+ Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
+ Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.
+
+ Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
+ Im roten Wald verliert sich eine Herde.
+ Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
+ Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
+ Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
+ Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.
+
+ Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
+ In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
+ Und Engel treten leise aus den blauen
+ Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
+ Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
+ Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.
+
+
+In den Nachmittag geflüstert.
+
+ Sonne, herbstlich dünn und zag,
+ Und das Obst fällt von den Bäumen.
+ Stille wohnt in blauen Räumen
+ Einen langen Nachmittag.
+
+ Sterbeklänge von Metall;
+ Und ein weißes Tier bricht nieder.
+ Brauner Mädchen rauhe Lieder
+ Sind verweht im Blätterfall.
+
+ Stirne Gottes Farben träumt,
+ Spürt des Wahnsinns sanfte Flügel.
+ Schatten drehen sich am Hügel
+ Von Verwesung schwarz umsäumt.
+
+ Dämmerung voll Ruh und Wein;
+ Traurige Gitarren rinnen.
+ Und zur milden Lampe drinnen
+ Kehrst du wie im Traume ein.
+
+
+Im Park.
+
+ Wieder wandelnd im alten Park,
+ O! Stille gelb und roter Blumen.
+ Ihr auch trauert, ihr sanften Götter,
+ Und das herbstliche Gold der Ulme.
+ Reglos ragt am bläulichen Weiher
+ Das Rohr, verstummt am Abend die Drossel.
+ O! dann neige auch du die Stirne
+ Vor der Ahnen verfallenem Marmor.
+
+
+Landschaft.
+
+ Septemberabend; traurig tönen die dunklen Rufe der
+ Hirten
+ Durch das dämmernde Dorf; Feuer sprüht in der
+ Schmiede.
+ Gewaltig bäumt sich ein schwarzes Pferd; die hyazinthenen
+ Locken der Magd
+ Haschen nach der Inbrunst seiner purpurnen Nüstern.
+ Leise erstarrt am Saum des Waldes der Schrei der
+ Hirschkuh,
+ Und die gelben Blumen des Herbstes
+ Neigen sich sprachlos über das blaue Antlitz des Teichs.
+ In roter Flamme verbrannte ein Baum; aufflattern
+ mit dunklen Gesichtern die Fledermäuse.
+
+
+Sommer.
+
+ Am Abend schweigt die Klage
+ Des Kuckucks im Wald.
+ Tiefer neigt sich das Korn,
+ Der rote Mohn.
+
+ Schwarzes Gewitter droht
+ Über dem Hügel.
+ Das alte Lied der Grille
+ Erstirbt im Feld.
+
+ Nimmer regt sich das Laub
+ Der Kastanie.
+ Auf der Wendeltreppe
+ Rauscht dein Kleid.
+
+ Stille leuchtet die Kerze
+ Im dunklen Zimmer;
+ Eine silberne Hand
+ Löschte sie aus.
+
+ Windstille, sternlose Nacht.
+
+
+In Venedig.
+
+ Stille in nächtigem Zimmer.
+ Silbern flackert der Leuchter
+ Vor dem singenden Odem
+ Des Einsamen;
+ Zaubrisches Rosengewölk.
+
+ Schwärzlicher Fliegenschwarm
+ Verdunkelt den steinernen Raum,
+ Und es starrt von der Qual
+ Des goldenen Tags das Haupt
+ Des Heimatlosen.
+
+ Reglos nachtet das Meer.
+ Stern und schwärzliche Fahrt
+ Entschwand am Kanal.
+ Kind, dein kränkliches Lächeln
+ Folgte mir leise im Schlaf.
+
+
+Am Moor.
+
+ Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr
+ In der Stille des Moors. Am grauen Himmel
+ Ein Zug von wilden Vögeln folgt;
+ Quere über finsteren Wassern.
+
+ Aufruhr. In verfallener Hütte
+ Aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis;
+ Verkrüppelte Birken seufzen im Wind.
+
+ Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert
+ Die sanfte Schwermut grasender Herden,
+ Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern.
+
+
+Frühling der Seele.
+
+ Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen stürzt der Wind,
+ Das Blau des Frühlings winkt durch brechendes Geäst,
+ Purpurner Nachttau und es erlöschen rings die Sterne.
+ Grünlich dämmert der Fluß, silbern die alten Alleen
+ Und die Türme der Stadt. O sanfte Trunkenheit
+ Im gleitenden Kahn und die dunklen Rufe der Amsel
+ In kindlichen Gärten. Schon lichtet sich der rosige Flor.
+
+ Feierlich rauschen die Wasser. O die feuchten Schatten der Au,
+ Das schreitende Tier; Grünendes, Blütengezweig
+ Rührt die kristallene Stirne; schimmernder Schaukelkahn.
+ Leise tönt die Sonne im Rosengewölk am Hügel.
+ Groß ist die Stille des Tannenwalds, die ernsten Schatten am Fluß.
+
+ Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes,
+ Des grauen steinernen Schweigens, die Felsen der Nacht
+ Und die friedlosen Schatten? Strahlender Sonnenabgrund.
+ Schwester, da ich dich fand an einsamer Lichtung
+ Des Waldes und Mittag war und groß das Schweigen des Tiers;
+ Weiße unter wilder Eiche, und es blühte silbern der Dorn.
+ Gewaltiges Sterben und die singende Flamme im Herzen.
+
+ Dunkler umfließen die Wasser die schönen Spiele der Fische.
+ Stunde der Trauer, schweigender Anblick der Sonne;
+ Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden. Geistlich dämmert
+ Bläue über dem verhauenen Wald und es läutet
+ Lange eine dunkle Glocke im Dorf; friedlich Geleit.
+ Stille blüht die Myrte über den weißen Lidern des Toten.
+
+ Leise tönen die Wasser im sinkenden Nachmittag
+ Und es grünet dunkler die Wildnis am Ufer, Freude im rosigen Wind;
+ Der sanfte Gesang des Bruders am Abendhügel.
+
+
+Elis.
+
+I.
+
+ Vollkommen ist die Stille dieses goldenen Tags.
+ Unter alten Eichen
+ Erscheinst du, Elis, ein Ruhender mit runden Augen.
+
+ Ihre Bläue spiegelt den Schlummer der Liebenden.
+ An deinem Mund
+ Verstummten ihre rosigen Seufzer.
+
+ Am Abend zog der Fischer die schweren Netze ein.
+ Ein guter Hirt
+ Führt seine Herde am Waldsaum hin.
+ O! wie gerecht sind, Elis, alle deine Tage.
+
+ Leise sinkt
+ An kahlen Mauern des Ölbaums blaue Stille,
+ Erstirbt eines Greisen dunkler Gesang.
+
+ Ein goldener Kahn
+ Schaukelt, Elis, dein Herz am einsamen Himmel.
+
+II.
+
+ Ein sanftes Glockenspiel tönt in Elis' Brust
+ Am Abend,
+ Da sein Haupt ins schwarze Kissen sinkt.
+
+ Ein blaues Wild
+ Blutet leise im Dornengestrüpp.
+
+ Ein brauner Baum steht abgeschieden da;
+ Seine blauen Früchte fielen von ihm.
+
+ Zeichen und Sterne
+ Versinken leise im Abendweiher.
+
+ Hinter dem Hügel ist es Winter geworden.
+
+ Blaue Tauben
+ Trinken nachts den eisigen Schweiß,
+ Der von Elis' kristallener Stirne rinnt.
+
+ Immer tönt
+ An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.
+
+
+
+
+Robert Walser.
+
+Geboren am 15. April 1878 zu Biel in der Schweiz. -- Gedichte 1908.
+
+
+Morgenstern.
+
+ Ich mache das Fenster auf,
+ Es ist dunkle Morgenhelle.
+ Das Schneien hörte schon auf,
+ Ein großer Stern ist an seiner Stelle.
+
+ Der Stern, der Stern
+ Ist wunderbar schön.
+ Weiß von Schnee ist die Fern',
+ Weiß von Schnee alle Höhn.
+
+ Heilige, frische
+ Morgenruh' in der Welt.
+ Jeder Laut deutlich fällt;
+ Die Dächer glänzen wie Kindertische.
+
+ So still und weiß:
+ Eine große, schöne Einöde,
+ Deren kalte Stille jede
+ Äußerung stört; in mir brennt's heiß.
+
+
+Langezeit.
+
+ Ich tu' mir Zwang,
+ Zu scherzen und lachen,
+ Was soll ich machen,
+ Die Zeit ist lang.
+
+ Gewohnten Gang
+ Im müden Herzen
+ Gehn alte Schmerzen,
+ Die Zeit ist lang.
+
+ Ich muß den Hang
+ Zu weinen bezwingen,
+ Nebst andern Dingen,
+ Die Zeit ist lang.
+
+
+Warum auch.
+
+ Und als ein solcher klarer
+ Tag hastig nun wiederkam,
+ Sprach er voll ruhiger, wahrer
+ Entschlossenheit langsam:
+ Nun soll es anders sein,
+ Ich stürze mich in den Kampf hinein;
+ Ich will gleich so vielen andern
+ Aus der Welt tragen helfen das Leid,
+ Will leiden und wandern,
+ Bis das Volk befreit.
+ Will nie mehr müde mich niederlegen;
+ Geschehen soll etwas.
+ Da überkam ihn ein Erwägen,
+ Ein Schlummer: ach, laß doch das.
+
+
+Schnee.
+
+ Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde
+ Mit weißer Beschwerde, so weit, so weit.
+
+ Es taumelt so weh, hinunter vom Himmel,
+ Das Flockengewimmel, der Schnee, der Schnee.
+
+ Das gibt dir, ach, eine Ruh', eine Weite,
+ Die weißverschneite Welt macht mich schwach.
+
+ So daß erst klein, dann groß mein Sehnen
+ Sich drängt zu Tränen, in mich hinein.
+
+
+Im Mondschein.
+
+ Ich dachte gestern nacht,
+ Die Sterne müssen singen,
+ Als ich aufgewacht
+ Und es leise hörte klingen.
+
+ Es war aber eine Handharfe,
+ Die durch die Räume drang,
+ Und durch die kalte, scharfe
+ Nacht klang es so bang.
+
+ Dachte so verlornem Ringen,
+ Gebeten und Flüchen nach,
+ Und noch lange hört' ich es singen,
+ Lag lang' noch wach.
+
+
+Müdigkeit.
+
+ Entführ' mich, wie ich bin;
+ Sieh, mein verirrter Sinn
+ Weist von sich diese Welt,
+ Die ihn nicht mehr erhellt.
+ Komm, o ich werde brav
+ Und selig stille sein
+ In deinem dichten Schein,
+ Heiliger, süßer Schlaf.
+
+
+Zu philosophisch.
+
+ Wie geisterhaft im Sinken
+ Und Steigen ist mein Leben.
+ Stets seh' ich mich mir winken,
+ Dem Winkenden entschweben.
+
+ Ich seh' mich als Gelächter,
+ Als tiefe Trauer wieder,
+ Als wüsten Redeflechter;
+ Doch alles dies sinkt nieder.
+
+ Und ist zu allen Zeiten
+ Wohl niemals recht gewesen.
+ Ich bin vergeßne Weiten
+ Zu wandern auserlesen.
+
+
+Brausen.
+
+ Es braust noch immer in der Welt,
+ Das Brausen hört doch niemals auf;
+ Ich liebe -- es hört niemals auf,
+ Es braust ein Lieben durch die Welt.
+ Und ob ich auch ein Feigling bin,
+ Und ob du auch ein Kranker bist:
+ Du liebst, wenn du es auch nicht bist,
+ Der liebt, ich liebe, wenn ich's auch nicht bin.
+ Es braust, und ich steh' horchend still,
+ Ich weiß, ich hasse den und den,
+ Es nützt mir nichts; wie ich auch will:
+ Ich liebe alles, so auch den.
+ Dann gibt es Stunden, wo ich weiß,
+ Daß wir vor Liebe alle heiß.
+
+
+Und ging.
+
+ Er schwenkte leise seinen Hut
+ Und ging, heißt es vom Wandersmann.
+ Er riß die Blätter von dem Baum
+ Und ging, heißt es vom rauhen Herbst.
+ Sie teilte lächelnd Gnaden aus
+ Und ging, heißt's von der Majestät.
+ Es klopfte nächtlich an die Tür
+ Und ging, heißt es vom Herzeleid.
+ Er zeigte weinend auf sein Herz
+ Und ging, heißt es vom armen Mann.
+
+
+
+
+Frank Wedekind.
+
+Geboren am 24. Juli 1864 in Hannover, gestorben am 9. März 1918 in
+München. -- Die vier Jahreszeiten 1905.
+
+
+Erdgeist.
+
+ Greife wacker nach der Sünde;
+ Aus der Sünde wächst Genuß.
+ Ach, du gleichest einem Kinde,
+ Dem man alles zeigen muß.
+
+ Meide nicht die ird'schen Schätze:
+ Wo sie liegen, nimm sie mit.
+ Hat die Welt doch nur Gesetze,
+ Daß man sie mit Füßen tritt.
+
+ Glücklich, wer geschickt und heiter
+ Über frische Gräber hopst.
+ Tanzend auf der Galgenleiter
+ Hat sich keiner noch gemopst.
+
+
+Perversität.
+
+ Ein Waisenkind, mit nassen, blassen Wangen,
+ Mit hohlen Augen und mit dünnen Armen
+ Huscht scheu hervor, inständig mein Erbarmen
+ Anflehend, stotternd, schlotternd, furchtbefangen.
+
+ Eisig sein Körper, glühend sein Verlangen,
+ Müht sich's frostbebend, menschlich zu erwarmen.
+ Vergebne Qual; erschlafft in meinen Armen,
+ Bewimmert es sein Hoffen und sein Bangen.
+
+ Beschämt schleicht sich's von hinnen, ächzend, siechend,
+ Nachts bettelnd und bei Tage sich verkriechend,
+ Heut in Verzweiflung, morgen in Verzücktheit;
+
+ Verfällt gemach schmerzstillender Verrücktheit,
+ Stutzt, lacht, jauchzt todesfroh, und, der Gewandung
+ Vom Gischt beraubt, zerschellt es in der Brandung.
+
+
+Ilse.
+
+ Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren,
+ Ein reines unschuldsvolles Kind,
+ Als ich zum erstenmal erfahren,
+ Wie süß der Liebe Freuden sind.
+
+ Er nahm mich um den Leib und lachte
+ Und flüsterte: O welch ein Glück!
+ Und dabei bog er sachte, sachte
+ Mein Köpfchen auf das Pfühl zurück.
+
+ Seit jenem Tag lieb' ich sie alle,
+ Des Lebens schönster Lenz ist mein;
+ Und wenn ich keinem mehr gefalle,
+ Dann will ich gern begraben sein.
+
+
+Der Anarchist.
+
+ Reicht mir in der Todesstunde
+ Nicht in Gnaden den Pokal!
+ Von des Weibes heißem Munde
+ Laßt mich trinken noch einmal!
+
+ Mögt ihr sinnlos euch berauschen,
+ Wenn mein Blut zerrinnt im Sand.
+ Meinen Kuß mag sie nicht tauschen
+ Auch für Brot aus Henkershand.
+
+ Einen Sohn wird sie gebären,
+ Dem mein Kreuz im Herzen steht,
+ Der für seiner Mutter Zähren
+ Eurer Kinder Häupter mäht.
+
+
+Waldweben.
+
+ Zwischen duftigen Büschen
+ Stieß ich auf einen Quell;
+ Meinen Mund zu erfrischen,
+ Dünkt' er mich rein und hell.
+
+ Als ich mich satt getrunken,
+ Träumend wankt' ich zur Stadt,
+ Bin aufs Lager gesunken,
+ Fiebernd und todesmatt.
+
+ Hat kein Arzt sich gefunden,
+ Dessen Kunst mich geheilt;
+ Werd' auch nimmer gesunden,
+ Bis mich der Tod ereilt. --
+
+ Ei du mein durstiger Knabe,
+ Streife nicht durchs Gebüsch;
+ Bleib bei der Mutter und labe
+ Fromm dich am Kaffeetisch.
+
+
+
+
+Franz Werfel.
+
+Geboren am 10. September 1890 zu Prag. -- Der Weltfreund 1911. Wir sind
+1913. Einander 1915. Gesänge aus den drei Reichen 1917. Der Gerichtstag
+1920.
+
+
+Wie nichts erkennend.
+
+ Ich reichte einem Kranken meine Hand
+ Und gab ihm Wunsch und Mitgefühl bekannt.
+ Doch während treulich meine Worte waren,
+ Sprach wohl ein Herz, das nur sich selbst empfand.
+ Mittäglich sah ich einen Droschkenstand,
+ Wo sich beweglich alte Gäule sonnten.
+ Da hat ein klarer Kopf sich umgewandt
+ Und tief durchfühlt traf mich ein schweres Auge.
+ Bin aber dumpf des eigenen Wegs gerannt
+ Und nicht durchfloß mich dieses Bruderleben.
+
+ Am Abend hab' ich heißes Wort genannt.
+ Verzweiflung, Liebe, Sehnsucht nannt ich mein.
+ Hah, Mein und Mein! Und immer diese Wand!
+ Warum bin ich nicht durch die Welt gespannt,
+ Allfühlend gleicherzeit in Tier und Bäumen,
+ In Knecht und Ofen, Mensch und Gegenstand?!
+ So ist's mein Teil, sternhaft dahinzurollen,
+ Gebunden zwar, doch niemandem verwandt,
+ Wie nichts erkennend, so auch unerkannt.
+
+
+Verzweiflung.
+
+ Nacht kam herein.
+ Und morgen, wähnen wir, ist Tag.
+ Da gehn die Wagen wieder
+ Und an den Türen läutet es.
+
+ Die Mutter mein sitzt da.
+ Ihr Antlitz ist nicht meins.
+ Sie redet viel an mich.
+ Ich denk an fremdes Nichts.
+
+ Die Schwester mein lacht auf.
+ Leicht könnte ich sie hassen.
+ In meiner Öde brodelt
+ Schon ein gemeines Wort.
+
+ Ich bin so zugebaut!
+ Und alles rauscht nach Liebe.
+ Ich auch nach Liebe weine
+ Und hab doch keinen gern.
+
+
+Welche Lust auf Erden denn ist süßer.
+
+ Taucht nur, senkt nur eure wilden Fratzen
+ In mein reines fließendes Wesen!
+ Diese Seele brandzuschatzen,
+ Seid ihr alle, allesamt erlesen.
+
+ Märtyrer, gegrüßt, wollüstige Büßer!
+ Heil dem Busen durch und durch geschlagen!
+ Welche Lust auf Erden denn ist süßer,
+ Als verwundet werden und nichts sagen.
+
+ Komm, Verräter, daß ich dich erbose,
+ Du mit müden Händen, list'ger Späher!
+ Hier Gesicht und Brust!! Mit jedem Stoße
+ Bin ich ja dem Tempo Gottes näher!
+
+
+Ein Lebens-Lied.
+
+ Daß einmal mein dies Leben war,
+ Daß in ihm jene Kiefern standen
+ Und Ufer schlafend sich vorüberwanden,
+ Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar.
+ Daß einmal mein dies Leben war!
+
+ Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden,
+ Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk' davon?
+ Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton
+ Von Ruderbooten, wie sie lachend landen,
+ Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden.
+
+ Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton
+ Von Equipagen, dicht im Kies verfahren,
+ Kastanien- und Laternensprache waren
+ Noch da und Worte -- doch wo sind sie schon?
+ Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton?
+
+ Kastanien- und Laternensprache waren
+ Noch da und Atem einer breiten Schar.
+ Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren.
+ O Ewigkeit! -- Und werd' ich es bewahren,
+ Daß einmal mein dies Leben war!
+
+
+Amore.
+
+ Wenn noch die Eitelkeit
+ Das Auge dir entweiht,
+ Ist kommen nicht die Zeit.
+
+ Solang du noch willst stehn
+ Auf Podien, gesehn,
+ Kann Glücks dir nicht geschehn.
+
+ Wer sich noch nicht zerbrach,
+ Sich öffnend jeder Schmach,
+ Ist Gottes noch nicht wach.
+
+ Wer noch mit Eifer spitzt,
+ Daß er ein Weib besitzt,
+ Ist noch nicht ausgewitzt.
+
+ Erst wenn ein Mensch zerging
+ In jedem Tier und Ding,
+ Zu lieben er anfing.
+
+ Erst wer Erfüllung floh,
+ Wächst an zum Höchsten so,
+ Wird letzter Sehnsucht froh.
+
+ Erst wer sich jauchzend bot
+ Der Schande und der Not
+ Und zehnfach jedem Tod,
+
+ Im heiligsten Verzicht,
+ Vor Liebe ihm zerbricht
+ Sein irdisch Angesicht!
+
+ Wohin schwillt er empor?
+ Was schwingt er überm Chor
+ Unendlich sein amor'!!
+
+
+Alte Dienstboten.
+
+ In dem sanften Wallen der alten Frühlinge
+ Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus.
+ Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen,
+ Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus.
+ Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen,
+ Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her.
+ Die alten Mägde haben gütige Hüte auf,
+ Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr.
+ Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf.
+ Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken,
+ Eh' sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.
+
+ Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen
+ Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag.
+ Wohin sie auch ihr Gehen wenden,
+ Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.
+ Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle.
+ Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle,
+ Sie haben keinen Sohn und kein Geschick,
+ Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur.
+ Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr ...
+ Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken
+ Sind die bereit sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.
+
+ Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit,
+ Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben
+ Sich ohne Ende über meins erheben,
+ Das voll von Hoffart Worte machen mag.
+ Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag,
+ Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit.
+ O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt,
+ O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt,
+ O Licht am Abend überm Tisch gebückt!
+ Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen,
+ Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!
+
+
+Mondlied eines Mädchens.
+
+ Ich liege in gläsernem Wachen,
+ Gelöst mein Haar und Gesicht.
+ Am Boden in langsamen Lachen
+ Schwebt Mond, das unselige Licht.
+
+ Und wie mir die tödliche Helle
+ Die Stirn und das Auge befühlt,
+ Zerrinn ich und bin eine Welle,
+ Gekräuselt, entführt und gespült.
+
+ Die Mutter atmet daneben,
+ Der Vater schläft auf und ab.
+ Ich habe Angst um das Leben
+ Von allen, die ich liebhab.
+
+ Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer
+ Erzengel mit schrecklichem Schwert.
+ Ins Ohr weint mir immer, mir immer
+ Ein Kind, das mir nicht gehört.
+
+ Nachtlampe von tausend Betten
+ Des Leidens, der Mond mir scheint.
+ Ich möchte viel Schluchzendes retten,
+ Und bin es doch selbst, die weint.
+
+ All Ding im Zimmer verlassen,
+ Der Schuh, und der Tisch, und die Wand ...
+ Ich möchte das Ferne anfassen,
+ Nur sein eine streichelnde Hand!
+
+ Ich möchte mit Fröstelnden spielen
+ Und halten die Kalten im Arm!
+ Ich fühle, die Reichen und Vielen
+ Sind Kinder vor mir und so arm!
+
+ Für alle muß ich mich sorgen,
+ Mein Schlaf ist gläsern und schwebt ...
+ Ich horche, wie in den Morgen
+ Der Atem von allen sich hebt.
+
+ Im Fenster wehn Bäume zerrissen,
+ Viel Himmel sind windig in Ruh.
+ Ich decke mit meinen Kissen
+ Die frierenden Welten zu.
+
+
+Die Leidenschaftlichen.
+
+ Mein Gott, es werden sein zu deiner Rechten
+ Nicht die Wahrhaftigen allein und die Gerechten!
+ Nein alle, die in dreizehn Dezembernächten
+ Vor einem Fenster standen. Und Frauen, die sich rächten
+ Mit Vitriol und dann im Gerichtssaal ergrauten,
+ Die Eifersüchtigen all, die ihr Blut stauten,
+ In Droschken weinten, in Sälen sich erfrechten!
+ Die durchgefallnen tiefen Atmer,
+ Sänger, die mit bezechten
+ Gliedern dem Tod sich in die Grube schmissen,
+ Sie werden sein zu dir emporgerissen,
+ Und werden sitzen, Gott, zu deiner Rechten!
+
+ Es werden wandeln in deinen Gärten
+ Nicht nur die Demütigen und Beschwerten,
+ Nein alle, die leuchteten und verehrten!
+ Mädchen, die in Konzerten erkrankten,
+ Weil ihre Wangen zu bleich sich verklärten,
+ Blicke aus Augen, die dankten --
+ Wahre Augen-Blicke zu nimmer verzehrten
+ Dauern aus Zeit in deine Zeiten gehoben,
+ Werden sie lodern weiter und loben,
+ Leichte Feuer wandelnd in deinen Gärten!
+
+ Es werden ruhen, Gott, in deinen Tiefen
+ Nicht die allein, die deinen Namen riefen,
+ Nein alle, die in den Nächten nicht schliefen!
+ Die am Morgen ihr Herz mit beiden Händen häuften
+ Wie Flamme, und liefen
+ Tiefatmend, blind, in unbekannten Läuften.
+ Ein Küsten-Wind zuckt in Selbstmörderbriefen.
+ Die Knaben haben Meere nicht verstanden,
+ So brannten sie sich ab in Hieroglyphen.
+ Nun knarrt ein Rost-Schild an den schiefen
+ Eisernen Kreuzen der Konfirmanden.
+ Wie sehr wir hier sind, sind wir dort vorhanden --
+ Die hier unruheten aus deinen Tiefen,
+ Sie werden ruhen dort in deinen Tiefen.
+
+
+Die Schwestern von Bozen.
+
+ Zwei Schwestern sah ich heut auf morgendlicher Au.
+ Sie schwebten lerchenfrüh und schwärmten in das Blau,
+ Und waren angetan kühl in Gewande weiß.
+ Doch auf ihren Schürzen war
+ Von trockenem Blut ein Rost und dumpfer Kreis.
+ Sie aber tief umschlungen schritten wunderbar.
+
+ Ich trat sie an die Schwebenden, und fragte leis:
+ Schwestern, von welchem Schein sind eurer Augen Scheine froh?
+ Kommt ihr nicht aus den Sälen, wo
+ Die eingetränkte Maske auf das arme Antlitz sinkt,
+ Und in die weißen Stoffe Blut und Eiter dringt?
+ Geht ihr nicht durch die Fäulnis schwerer Zimmer ein und aus?
+ Tragt ihr nicht Schüsseln Unrats mild mit euch hinaus?
+ Und habt in eurem Opfer keinen Tag und keine Stunde Lust,
+ Dürft nicht in das Theater gehn und nicht im Grünen sitzen unbewußt!
+
+ Die beiden Schwestern aber sahn mich an mit einem Schaun,
+ Mit einem Blick voll tiefstem Jenseits sahn mich an die beiden Fraun.
+ Mit einem Blick, den ich, ein niedrer Laie, noch nicht ganz verstand,
+ Und doch geschah es, daß mich Weinen überwand.
+ Ich sah ein Licht steigen, das sich dem Wiesen-Kuß entreißt.
+ Es ahnte eine tiefste Wollust mein entzückter Geist.
+ Mir war von unbetretner Freude offenbar ein letztes Ziel ...
+
+ Von ferne fühlt ich lachen leicht
+ Das Schwesternpaar, wie's nun entweicht,
+ Und schwindet tiefumschlungen in ein zärtlich frühes Glockenspiel.
+
+
+Gesang einer Frau.
+
+ Warum, warum diese neue Angst?: Die Welt ist schon so oft!
+ Und Oft ein Wort, das fort und fort ins Ohr tropft unverhofft.
+ Ein rundes Wort, ein runder Laut, der endet und beschließt.
+ Mir graut vor meinem Haar,
+ Es war so oft, meine Hand war oft, mein Mund war oft, war, war!
+ Meine Zunge war oft, meine Brust und was er genießt.
+ Mir graut, es graut auch meinem Haar.
+ Oft -- ist unfaßliche Gefahr.
+
+ Ich kann die Blumen nicht sehn auf dem Tisch, sie machen mich krank.
+ Mein Geliebter hat einen verräterischen Gang.
+ Oft und Gewohnt sein aufgeknöpftes Freundespaar
+ Wischt sich die Stiefel nicht ab. Sie spucken gar
+ Und blasen Zigarrenrauch in mein Haar.
+ Oft ist mein Feind und schon lang.
+
+ O diese schrecklichen Frühen. Sie tragen Altes auf ihren Glocken her.
+ Wie bin ich von weitem und lang schon her.
+ Nun kann ich mich gar nicht erinnern mehr.
+ Wie man sich lachend auf die Fußspitzen stellt,
+ Das entfiel dem Gedächtnis meiner Füße, dem viel entfällt.
+
+ Trübsinn heißt vierfach meine Jahreszeit,
+ Im Winter fürcht' ich den Frühling, im Frühling die scharfe Zeit,
+ Und doch möcht' ich alles halten, was mich vermaledeit.
+
+ Nein, nein! Ach! Wie ist mir das doch hassenswert!
+ Wie alles an mir vergeht, möchte auch ich vergehn.
+ Verzehrt sein, vergehn, eingehn in einen hohen Wert.
+
+ Lieben, lieben zum erstenmal,
+ Wo Liebe nicht verlischt mit dem Wangenmal,
+ Nicht jeder Kuß, verhauchend, wird Betrug,
+ Und Ekel durch die Morgenlumpen lugt!
+ Eingehn in ein reines weißes Weiß!
+ Weiße Schürzen tragen, weißes Kleid und eine Farbe nur sehr: Weiß!
+ Mein Gesicht vergessen, keine Zeit haben, immer ein
+ Werk haben, immer tun,
+ Nur am Abend ins Gebet hinüberruhn!
+ O Leidenschaft!
+
+ Nun schimpft zum Fenster ein Regen herein.
+ Auch der Regen ist oft. Ich zähle die Feinde nicht.
+ Ich fühle nur meine Augen. Wohin ist mein Gesicht?
+ Früher lebte ich seine Farben und flog unendlich in alles ein,
+ Von unten, von der Seite, streichelte alles mit meinem Schein.
+ Jetzt ist in mir solch eine Beschwerlichkeit.
+ Ich bin leicht, ich bin leicht, aber mein Antlitz neigt,
+ Neigt sich zu allem nieder, als wär' ich sehr groß und sehr weit,
+ Und alles ist nur bedacht, daß es sich höflich zeigt.
+
+ Wo bin ich denn? O Himmelsrose, die mich in die Mitte klemmt!
+ Ich sitze auf meinem Bettrand im Hemd,
+ Und schaue auf meinen edel ermatteten Fuß,
+ Der mich entzückt, daß ich fast weinen muß.
+ Und doch ist in meinen süßen Beinen schon etwas, das man verhängt ...
+
+
+ [Illustration: Franz Werfel]
+
+
+Geheimnis.
+
+ So reich bist du, als du tränenreich bist.
+ So frei bist du, als du dich selbst überspringst,
+ So wahr bist du, als du dich kannst verwerfen.
+ So groß bist du, als klein vor dir der Tod ist.
+ So tief bist du Wunder,
+ Als du tiefe Wunder siehst!
+
+
+Was ein Jeder sogleich nachsprechen soll.
+
+ Niemals wieder will ich
+ Eines Menschen Antlitz verlachen.
+ Niemals wieder will ich
+ Eines Menschen Wesen richten.
+
+ Wohl gibt es Kannibalen-Stirnen.
+ Wohl gibt es Kuppler-Augen.
+ Wohl gibt es Vielfraß-Lippen.
+
+ Aber plötzlich
+ Aus der dumpfen Rede
+ Des leichthin Gerichteten,
+ Aus einem hilflosen Schulterzucken
+ Wehte mir zarter Lindenduft
+ Unserer fernen seligen Heimat,
+ Und ich bereute gerissenes Urteil.
+
+ Noch im schlammigsten Antlitz
+ Harret das Gott-Licht seiner Entfaltung.
+ Die gierigen Herzen greifen nach Kot --
+ Aber in jedem
+ Geborenen Menschen
+ Ist mir die Heimkunft des Heilands verheißen.
+
+
+Sein und Treiben.
+
+ Erkennen ist noch Hast.
+ Auch Können ist Unrast.
+ Wer wirklich ist, der ist!
+ Der wohlgeborene Hund darf sein.
+ Der mißgeborene Hund muß springen.
+
+
+Gebet um Reinheit.
+
+ Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die
+ alte, immergleiche.
+ Sie durchschreitet uns all die Wunderblinden mitten
+ im Wunder.
+ Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend
+ des tiefen Zeichens,
+ Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen und die
+ beschmutzten Hände spülen.
+
+ O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken
+ und zu reinigen!
+ O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!
+ Ist nicht meine Sehnsucht nach deiner Kühle Gewähr,
+ daß du springst und spülst,
+ Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach deinem
+ süßen Gefälle?
+
+ Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte
+ des Lampenkreises.
+ Ich halte dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein
+ Kind, das am Abend der Waschung wartet.
+ Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln,
+ um in dieser Spanne wahr zu sein.
+ Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis
+ das Geheul meiner Eitelkeit verstummt.
+
+ Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde
+ gesungen,
+ Und ich, mein Vater, folge ihm und singe einen Psalm
+ hier wider meinen Feind!
+ Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben
+ einander nicht einmal so sehr, um uns Feinde zu sein.
+ Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind,
+ der mich berennt und an alle meine Tore pocht.
+
+ Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem
+ Tisch sitzt und Völlerei treibt,
+ Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe,
+ und sich am Fenster die Hungrigen drängen.
+ Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit
+ seine Zigarre raucht und fett wird,
+ Während ich immer geringer werde und zusehn muß,
+ wie er das Gut meiner Seele verpraßt.
+
+ Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle
+ Rede in Geschwätz verkehrt und in Selbstbetrug.
+ Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch
+ macht, und meine Liebe mit Trägheit erstickt.
+ Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit
+ verleitet, zur Wollust des Sieges an den Spieltischen,
+ Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.
+
+ Warum hast du mich mit diesem Feind erschaffen, mein
+ Vater, warum mich zu dieser Zwieheit gemacht?
+ Warum gabst du mir nicht Einheit und Reinheit?
+ Reinige, einige mich, o du Gewässer!
+ Siehe, es wehklagen all deine wissenden Kinder seit
+ eh und je über die Zahl Zwei.
+ Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte dir meine
+ Hände hin zur Waschung.
+
+ Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen
+ Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!
+ Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig
+ die einfach Guten, selig die einfach Bösen!
+ Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen,
+ die zu- und abnehmenden Gegenspieler.
+ O heilig Gewässer, um dein und meiner Größe willen,
+ hilf mir!
+
+
+Wir nicht.
+
+ Ich lauschte in die Krone des Baums; -- da hieß es im Laub:
+ Noch -- nicht!
+ Ich legte das Ohr an die Erde; -- da klopft's unter Kraut und Staub:
+ Noch -- nicht!
+ Ich sah mich im Spiegel; mein Spiegelbild grinste:
+ Du -- nicht!
+ Das war mein Gericht.
+ Ich verwarf mein Lied,
+ Und das lüsterne Herz, das sich nicht beschied.
+ Ich trat auf die Straße. Sie strömte schon abendlich.
+ Auf der Stirne der Menschen fand ich das Wort: Wir nicht.
+ Doch in allem Blicken las ich geheimnisvoll ein Lob,
+ Und wußte: Auch ich, vom lauen Trug entstellt,
+ Werde nochmals begonnen, weil neu ein Schoß mich hält
+ Wie all dies Wesen um mich. Da lobte ich den Tod,
+ Und weinend pries ich allen Samen in der Welt.
+
+
+
+
+Paul Wertheimer.
+
+Geboren am 4. Februar 1874 zu Wien. -- Gedichte 1896. Neue Gedichte
+1904. Im Lande der Torheit 1910.
+
+
+Seelen.
+
+ Du weißt, wir bleiben einsam: Du und ich,
+ Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht,
+ Mit freien Kronen, die der Seewind küßt ...
+ So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.
+ Doch zwischen beiden webt ein feines Licht
+ Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,
+ Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin ...
+
+
+Ostsee.
+
+ Da lieg' ich an dem weißen Ostseestrande.
+ Das Meer ... Das Meer! Mein wahrgewordner Traum!
+ Ich bin vergraben in dem feinen Sande
+ Und bin nur Wind und Welle, Sturm und Schaum.
+
+ Und meine Wunschgedanken lass' ich gleiten
+ Hinauf-, hinunterwärts die grüne Bahn.
+ O meines jungen Traums Unendlichkeiten!
+ Ein Hauch bewegt der Sehnsucht goldnen Kahn.
+
+ Mein Kahn ist ganz mit Wein und Obst beladen
+ Und voll Musik: von Gott und Welt und Mut,
+ Und von des Meeres königlichen Gnaden
+ Und von der Kraft, die lächelnd in mir ruht!
+
+
+Tote Stunde.
+
+ Menschen sterben von mir ab wie Blüten
+ Meines lieben Baumes vor dem Fenster.
+ Gestern war er noch voll rot und weißen
+ Glanzes, sieh, nun ist er grün und keimend.
+ Hat ein Wandrer an dem Stamm geschüttelt --
+ Solch ein aufrecht-großer Lebensschreiter?
+ Sprach zu laut ein Vogel im Gezweige?
+ Murmelte der Wind zur Nacht von neuen,
+ Ahnungsvollen, ungewissen Dingen --
+ Und die Blüten stoben hin erschrocken
+ Und sie fielen weit, weit ab und starben ...
+
+
+
+
+Alfred Wolfenstein.
+
+Geboren am 28. Dezember 1888 zu Halle. -- Die gottlosen Jahre 1914. Die
+Freundschaft 1917. Die Nackten 1917. Menschlicher Kämpfer 1919.
+
+
+Städter.
+
+ Nah wie Löcher eines Siebes stehn
+ Fenster beieinander, drängend fassen
+ Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
+ Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.
+
+ Ineinander dicht hineingehakt
+ Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
+ Leute, wo die Blicke eng ausladen
+ Und Begierde ineinanderragt.
+
+ Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
+ Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
+ Flüstern dringt hinüber wie Gegröle --
+
+ Und wie stumm in abgeschloßner Höhle
+ Unberührt und ungeschaut
+ Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.
+
+
+Tanz.
+
+I.
+
+ Sie wirbelt weich
+ Die Hände schwingend vor ..
+ Sie rollt auf Zehen starr zurück:
+ Steht gipfelnd von Musik umflossen,
+ Silbern sichtbar in die Luft gegossen!
+
+ Sie schmilzt hinab
+ Und hebt zu kreisen an
+ Um ihrer Seele stillsten Punkt,
+ Wie Schnee, um sein Gebirge fließend,
+ In immer weichere Hand sich gießend,
+
+ Wie Wasser weiß ..
+ Dick schwellen aus der Wand
+ Der Lampen blutige Fäden an
+ Und sinken plötzlich ..: Sie steht funkelnd
+ Da, steil gezackt, geprägt im Dunkeln!
+
+II.
+
+ Sie schweift den Fuß wie Pfaunrad aus, zum Blumenkreis,
+ Sie spitzt den Fuß wie Sterne zu, Zeh'nstrahlen spitz,
+ Sie gleitet der Bewegung ungebundnes Gleis --
+ Im Saale lagern Tiere stier auf wuchtigem Sitz.
+
+ Von Säulen schielt das Breitgesicht der Decke weiß
+ Herab auf ihrer schnellen Brüste Blitz und Blitz,
+ Aus vorgewölbten Mäulern bläst es gelb und heiß,
+ Ihr Lichtknie schluckt der ungerührten Augen Schlitz!
+
+ Da schüttelt sie sich zagender: O falle, Gier!
+ Da wirft sie sich in Lüfte fort -- Doch immer schwingt
+ Die Schönheit wie ein Bumerang zurück zu ihr,
+ Daß jedem Sprung nur stachelndere Glut entspringt.
+
+ Rot hängt des Vorhangs offner Wundrand über ihr,
+ Rauch höhnt als Vorhang, den doch jeder Blick durchdringt,
+ Ihr Tanz verlöscht nicht, angespritzt von Staub und Bier,
+ Noch immer klatschen Fäuste, bis Musik noch klingt.
+
+III.
+
+ So flieh, enttanze
+ In dich! du Unsichtbare!
+ Wie ein rasendes Rad innen schwindet --
+ Schon hüllen Wellen dich und bleichen
+ Die Gier, im Saale sitzen Leichen --
+
+ Du, neu geboren
+ Auf einen andern Stern hin!
+ In eignen immer wildren Sturmleib,
+ In Fuß und Brust und Stirn verflogen,
+ Vom Geistermund des Umschwungs ausgesogen.
+
+ Und fließt zusammen
+ Mit sich -- und fühlt nur Tanzen,
+ Luft, Atmen, Aufatmen von Flammen --
+ Es hebt sie einsames Gefieder
+ Und Sammetvorhang senkt sich nun auch nieder.
+
+
+Musik des Kämpfers.
+
+ Von Stern zu Stern
+ Wie an schwankenden Ringen
+ Sausen wir durch die Welt.
+
+ Vom Dunkel zur Freundschaft,
+ Von Freundschaft zur schaffenden Einsamkeit schwingen
+ Wir uns durch die Erde.
+
+ Aber das steigt nicht
+ Vom Seufzen zum Singen:
+ Dahinter winkt wieder Finsternis, und wieder Licht.
+
+ Wie Sturm, Blitz und Fluß
+ Miteinander verschlingen
+ Sich ewig in uns, ewig zugleich:
+
+ Dunkles Tasten an der Wahrheit Wand,
+ Feuriger Freundschaft Weltdurchdringen,
+ Zeugung der Wahrheit und Welt aus uns!
+
+ Drei Gewalten, die um jedes
+ Kämpfers Seele miteinander ringen,
+ Heben ihn nur himmlisch über sich empor!
+
+ Schöpfung kreist
+ Aus ihrem An-einander-klingen:
+ Aus Musik des Kämpfers wächst rings Gottes Geist.
+
+
+Nacht im Dorfe.
+
+ Vor der verschlungnen Finsternis stöhnt,
+ Stöhnt mein Mund,
+ Ich an Lärmen unruhig gewöhnt,
+ Starre suchend rund:
+
+ Berge von Bäumen behaart ruhn
+ Schwarz wüst herein,
+ Was ihre Straßen nun tun,
+ Äußert kein Schein, kein Schrei'n.
+
+ Aber ein wenig sich zu irrn
+ Wünscht, wünscht mein Ohr!
+ Schwänge nur eines Käfers Schwirrn
+ Mir ein Auto vor.
+
+ Wäre nur ein Fenster drüben bewohnt,
+ Doch im gewölbten Haus
+ Nichts als Sterne und hohlen Mond
+ -- Halt ich nicht aus --
+
+ Halt ich nicht aus, meinem Schlaf allmächtig umstellt,
+ Fremd, fremd und nah --
+ Durch den See noch näher geschwellt
+ Liegt es lautlos da.
+
+ Aber glaubt mich nicht schwach.
+ Daß ich -- soeben die Stadt noch gehaßt,
+ Nun das Land flieh --: es ist nur die Nacht,
+ Nur auf dich, diese Nacht, war ich nicht gefaßt --
+
+ Wie du tot oder tausendfach unbekannt
+ Mein schwarzes Bett umlangst,
+ Nirgends durchbrochen von menschlicher Hand,
+ Gottlose Angst --
+
+
+Fahrt.
+
+ Der D-Zug schreit und steigert sich, der Mond steht hell --
+ O Einklang aller Füße langsam -- Füße schnell!
+ Die Herzen schlagen
+ Auf blanker Schiene mit den Wagen.
+
+ Wir sind ein Schwarm dem spröden Schritt der Städte fern!
+ Ihr Häuser fort! mit uns fährt eisern nur der Stern.
+ Die Dörfer blinken,
+ Von unserm Sturm verlöscht versinken.
+
+ Versenken wir das Aschengrau der Abendwelt!
+ Wie gutes Blut zerschmilzt der Zug, was uns umstellt.
+ Gebirge gleiten
+ In Seen .. ins Meer der Schnelligkeiten.
+
+ Doch wir gezackt wie Wolken aus dem glatten Meer
+ Mit einem Atem dampfen wir darüber her
+ Und brausend sehen
+ Wir brausendere Sterne stehen ..
+
+ Seht auf, seht auf .. da steigt und schreit und hebt der Zug
+ Uns hoch in Glanz .. das Gleis verstummt .. die Nacht wird Flug ..
+ Wir alle flammen
+ Im wildren Schmelz des Sterns zusammen!
+
+ Und nagelt uns die Bremse auf Stationen fest,
+ Wir fahren noch .. ins muffige Hotel gepreßt!
+ Aus Fenstern neigen
+ Wir uns und sausen Sternenreigen.
+
+
+Die Stirn.
+
+ Himmel baut sich um die Brust mir bis zum Kiefer,
+ Aber durchbrechend sein Dach
+ Sproßt mein Auge frei hinaus, indes die Hüften tiefer
+ Stehen in Wiese und Luft, grünem und blauem Gemach!
+
+ Aber durchbrechend das Dach -- in welchen Räumen
+ Wächst mein Haupt? Unten in Meer
+ Und Wald und irdischen Maschinen schäumen
+ Die Dinge lärmend und schwer --
+
+ Dennoch nur wie leiser Schlaf in engen Wänden,
+ Wie ein bescheidenes Spiel!
+ Aber riesig über Himmelsschultern, Bergeslenden,
+ Schwebt die Stirn, -- Sonne auf schmächtigem Stiel,
+
+ Drache, unerschöpflich über seinen Hälsen,
+ Mond über Ebbe und Flut,
+ Hochgebirg über allen Felsen,
+ Reicht die Stirn in jede Glut!
+
+ In das Schicksal reicht die Stirn -- und kann nicht siegen,
+ Aber singen! -- bis sie dem Schicksal gleicht an Glanz,
+ Aus der Erde klingend weltallgebogne Spiralen durchfliegen,
+ Bis sie hoch in den Sternen -- mit Menschen sich trifft im Tanz.
+
+
+
+
+Paul Zech.
+
+Geboren am 19. Februar 1881 zu Briesen. -- Schollenbruch 1912. Die
+eiserne Brücke 1913. Der Wald 1914. Das schwarze Revier 1914. Der
+feurige Busch 1919. Golgatha 1919. Das Terzett der Sterne 1920. +Venus
+consolatrix+ 1921.
+
+
+Die Häuser haben Augen aufgetan ...
+
+ Am Abend stehn die Dinge nicht mehr blind
+ und mauerhart in dem Vorüberspülen
+ gehetzter Stunden; Wind bringt von den Mühlen
+ gekühlten Tau und geisterhaftes Blau.
+
+ Die Häuser haben Augen aufgetan,
+ Stern unter Sternen ist die Erde wieder,
+ die Brücken tauchen in das Flußbett nieder
+ und schwimmen in der Tiefe Kahn an Kahn.
+
+ Gestalten wachsen groß aus jedem Strauch,
+ die Wipfel wehen fort wie träger Rauch
+ und Täler werfen Berge ab, die lange drückten.
+
+ Die Menschen aber staunen mit entrückten
+ Gesichtern in der Sterne Silberschwall
+ und sind wie Früchte reif und süß zum Fall.
+
+
+Bettler im Spätherbst.
+
+ Den leeren Ranzen lässig umgesackt
+ und grünen Filzhut windschief auf den Strähnen,
+ so schiebt er sich ins Dorf, wo sattes Gähnen
+ rauchwirbelnd über feuchte Dächer flackt.
+
+ Er probt mit langen Fingern, die von Gicht
+ krummstehn, das Tür-an-klopfen,
+ und weitet Taschen aus zum Brotverstopfen
+ und setzt in Kummerfalten das Gesicht.
+
+ Sturm orgelt lauter auf in den Kaminen
+ und Tor an Tor knirscht krachend im Verschluß ....
+ Armselig, wer nun wandern, wandern muß.
+
+ Man wirft aus Fenstern Fäuste jähzornschwer,
+ und hetzt Gebrüll von Hunden hinterher.
+ ... Der Nebel gittert graue Eisgardinen.
+
+
+Dorf im Mittag.
+
+ Das Dorf liegt aufgebahrt. Ein Wetterriegel
+ schiebt schwarz sich vor: die Sonne abzusperrn.
+ Doch die steil abgeschrägten Dächerziegel
+ halten die Hitze unter rotem Siegel
+ zitternd von aller Kühle fern.
+
+ Verzweifelt strebt der Rauch aus den Kaminen
+ in den verbleiten Horizont empor.
+ Die Fenster ruhn verschlossen in Gardinen,
+ und des Gesindes abgespannte Mienen
+ beschattet tief des Schlafes Flor,
+
+ bis wie ein Traumschrei aus den Schlummerzellen
+ die Dreschmaschine heult und wie ein Pfeil
+ in angestrengtem Vorwärtsschnellen
+ die Luft zerschneidet, messerscharf und steil.
+
+
+Es kam ein Wind ...
+
+ Es kam ein Wind von Frühlingsland,
+ der riß vom Strom das Silberband
+ und ließ die blauen Schimmerwellen tanzen.
+
+ Da fiel der Nebel wie zerschlitzt
+ ins Uferrohr, das, rot beglitzt,
+ emporwuchs wie ein Wald von goldnen Lanzen.
+
+ Und alle Wiesen wurden wasserfrei,
+ Alarm beflammte Kuckucksruf und Kiebitzschrei,
+ bis, losgelassen von den Farmen,
+
+ die jungen Pferde Funken schlugen querfeldein,
+ als müßten sie im Fliegen noch den Stein
+ vor lauter Blut umarmen.
+
+
+
+
+Stefan Zweig.
+
+Geboren am 28. November 1881 zu Wien. -- Gesammelte Gedichte 1921.
+
+
+Singende Fontäne.
+
+ Blauer Blick des Mondescheines
+ Kühlte meines Zimmers Wand;
+ Da hört' ich die Stimme eines,
+ Der im Dunkel unten stand.
+
+ Und wie ich die Scheibe staunend
+ In den Garten niederbog,
+ War es Singen, süß und raunend,
+ Das zu mir ans Fenster flog.
+
+ Keinen sah ich. Nur im Dunkeln
+ Blinkte das erhellte Spiel
+ Der Fontäne, die mit Funkeln
+ Zwischen Busch und Bäume fiel.
+
+ Unruhvoll und doch beständig
+ Schien das silberne Getön
+ Wie ein lautes Herz lebendig
+ Durch die Brust der Nacht zu gehn.
+
+ Und ich fragte: »Warum rauschst du
+ Heute mir zum erstenmal?« --
+ Und ich horchte: »Warum lauschst du
+ Heute mir zum erstenmal?
+
+ In das heiße Gold der Tage,
+ Stumm im Steigen, Lied im Fall,
+ Durch den Samt der Nächte trage
+ Stet ich den erregten Schwall
+
+ Meiner eignen Überfülle,
+ Und du, der mir nahe ruhst,
+ Wirst erst durch den Gruß der Stille
+ Unsrer Brüderschaft bewußt?
+
+ Hast du nie denn an der Schwelle
+ Des Erwachens wirr gefühlt,
+ Daß dir eine lautre Welle
+ Nächtens durch dein Herz gespült,
+
+ Daß mein Singen dich durchwebte
+ Und im Schlafe aufwärts schwoll,
+ Bis es Blut um Blute lebte
+ Und an deine Lippen quoll,
+
+ Bis als Lied der eingeengte
+ Schauer einer fremden Lust,
+ Die ein Traum in dich versenkte,
+ Wild aufbrach aus deiner Brust?
+
+ So in dein Geschick verflechte
+ Ich mir meines Lebens Spur,
+ Und bin doch im Kreis der Mächte
+ Eine leise Stimme nur,
+
+ Eines von den stummen Dingen,
+ Die dein Wesen zauberhaft
+ Und geheimnisvoll durchdringen,
+ Und von deren steter Kraft
+
+ Nur verloren-leise Kunde
+ Manchmal deine Seele faßt,
+ Wenn du dich hinab zum Grunde
+ Eines Traums getastet hast.«
+
+ Immer ferner schien der Schimmer,
+ Immer dunkler Wort und Sinn,
+ Doch mein Herz lauschte noch immer
+ Nach der weißen Stimme hin,
+
+ Die vom Garten, bald wie Trauer,
+ Bald wie Lächeln, wundersam
+ Über Bäume, Busch und Mauer
+ Schwebend an mein Lager kam,
+
+ Und an meine Brust sich schmiegend
+ Ihrer Worte Wiege schwang,
+ Bis ich, fern im Schlummer liegend,
+ Glanz nur fühlte und Gesang.
+
+
+Schwüler Abend.
+
+ Ist es schon Abend? Ich will nicht hinaus,
+ Vergeblich flimmert ihr, o buhlerische Sterne!
+ Faß mich doch enger, du vertrautes Haus,
+ Reiß mich an dich, gib mich nicht an die Ferne,
+ Lieg nicht so träg, so stumm, so atemlos,
+ Sprich jetzt zu mir! Ich brauche einen,
+ Der zu mir spricht in dieser Zwielichtstunde,
+ Hörst du: Ich brauche einen, sei es bloß
+ Das Ticken einer Uhr, ein Kinderweinen,
+ Das Knurren nur von einem nahen Hunde,
+ Nur nicht dies fröstelnde Verlassenscheinen,
+ Nur Etwas, das dies drohende Gewicht
+ Der ganz verstummten Stube von mir hält,
+ Und daß des Herzens Hammer nicht
+ So ohne Antwort in die Stille fällt!
+
+ Haus, halt mich fest! Zu viel
+ Von meinen Nächten hab' ich hingegeben
+ An dieses sinnlich aufgepeitschte Spiel.
+ Wie bin ich müd, die abenteuerlich
+ Erregte Luft, die lichterlose Schwüle
+ Der stummen Gassen an mein Kleid, an mich,
+ Und endlich flackernd in mir selbst zu fühlen.
+ Schließ du mich, Buch, in deine dunklen Zeilen,
+ Senkt, Briefe, ihr dies in die Ferne Streben
+ In lieber Menschen Bild, in eine Frau,
+ Beschwichtigt ihr das nun vom Abend lau
+ Aufschwülend unerklärliche Verlangen,
+ Des Blutes Unruh in die Nacht zu jagen!
+ Dies willenlose Durch-die-Gassen-Treiben,
+ Ob mich nicht Etwas aus dem Dunkel will,
+ Dies lüstern Spähn, dies angespannte Hangen
+ An jeder mattbeglänzten Fensterscheibe --
+ Wird dieses knabenhaft verworrne Treiben
+ Denn noch nicht in mir still?
+
+ Nein, halt mich, Haus! Verschließ mit dunklen Scheiben
+ All meine Unrast: und ich bleibe dein.
+ Ich selbst will ja den Abend so, nur so,
+ Wie er den andern ist: ein Müdesein,
+ Nur so,
+ Als sinke mit den schwindenden Kulissen
+ Ein buntes Spiel in bilderlose Räume.
+ Nicht will ich mehr. Vielleicht noch irgendwo
+ Freund oder Frau, ein mir Vertrautes wissen, --
+ Und dann nur Träume, bilderlose Träume.
+
+
+
+
+Alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanfänge.
+
+
+Ach, daß du lebtest! 165.
+
+Ach, noch immer glaube ich 237.
+
+Alle Frühlingsbläue 100.
+
+Alle Landschaften haben 105.
+
+Als ich dann wieder in die Heimat kam 83.
+
+Als ich erwachte heut morgen 89.
+
+Als tot auf schlechtem Gasthofbette 230.
+
+Am Abend schweigt die Klage 251.
+
+Am Abend stehn die Dinge nicht mehr blind 286.
+
+Am Saume eines fruchtbewachsenen 186.
+
+Am Schlehdorn, am Schlehdorn 65.
+
+Am süßen lila Kleefeld 38.
+
+An der Brücke stand 195.
+
+An ferne Berge schlug 164.
+
+An jedem Tage gibt's 238.
+
+An manchem Abend 64.
+
+An Ufern des Rheins 186.
+
+Auf Blut und Leichen 157.
+
+Auf deinem Haupt schmolz 39.
+
+Auf deinen Wangen liegen 150.
+
+Auf der Magdalenenspitze 169.
+
+Auf die Terrasse war ich 156.
+
+Auf einmal weiß ich viel 205.
+
+Auf steilem Felsrücken hingestreckt 180.
+
+Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen 253.
+
+Aus dem Rosenstocke 20.
+
+Aus einer Wallfahrtskirche 181.
+
+Aus silbergrauen Gründen 187.
+
+Aus weißen Wolken 134.
+
+
+Baronin Colombine 216.
+
+Beginn der Klänge zwischen dir und mir! 11.
+
+Bei einer stehn im Fensterrahmen 171.
+
+Bevor ich diesen Inselstrand verließ 185.
+
+Blauer Blick des Mondescheines 288.
+
+Bläulicher Flieder 117.
+
+
+Da lieg' ich an dem weißen Ostseestrande 278.
+
+Da spülst du bunte Muscheln 182.
+
+Das dank' ich dir 72.
+
+Das Dorf liegt aufgebahrt 287.
+
+Das Fräulein ging am Meeresstrand 70.
+
+Das Gewand meiner Seele 110.
+
+Das Glück ist ein leerer Schall 237.
+
+Das Hängelämpchen qualmt 164.
+
+Das ist das Furchtbare 4.
+
+Das ist der Erde furchtbares 234.
+
+Das ist unser schweigender 233.
+
+Das junge Liebchen saß bei mir 178.
+
+Das Kind Madlena 79.
+
+Das Land durchströmt der Regen 228.
+
+Das Leben, glaubte ich, sei rot 23.
+
+Das Meer! -- Das Meer -- -- 227.
+
+Das rote Weinlaub hängt 22.
+
+Das sind die Abende 49.
+
+Das sind die Reden 188.
+
+Das Tal ist wie aus klarem Golde 172.
+
+Daß einmal mein dies Leben war 265.
+
+Daß von Geheimnissen 92.
+
+Dein Antlitz war mit Träumen 122.
+
+Dein Haar hat Lieder 99.
+
+Deine Augen leuchten 5.
+
+Deine feinen Hände 13.
+
+Deine Himmel sind mir viel zu süß 115.
+
+Deine Nächte klagen 5.
+
+Deine Rosen an der Brust 189.
+
+Deine Wimpern, die langen 108.
+
+Dem Rauch einer Lokomotive 60.
+
+Den Hengst, den Hengst! 170.
+
+Den leeren Ranzen lässig umgesackt 286.
+
+Denkst du daran, wie du 87.
+
+Der Abend graut 50.
+
+Der Abend weht Sehnen 143.
+
+Der Abendhimmel leuchtet 41.
+
+Der dunkle Herbst kehrt ein 249.
+
+Der D-Zug schreit und steigert sich 284.
+
+Der Fels wird morsch 147.
+
+Der Heimweg führte mich 26.
+
+Der lange Junitag 153.
+
+Der Markusturm, der bunte 230.
+
+Der Mond betrat der Urnacht Land 184.
+
+Der Mond geht groß 42.
+
+Der Tod wird uns an seine Hände nehmen 24.
+
+Die Amseln haben Sonne 38.
+
+Die andern sprachen 25.
+
+Die Bäume lauschen 61.
+
+Die Blätter fallen 203.
+
+Die Buche sagt: Mein Walten 34.
+
+Die da nicht kommen 2.
+
+Die du so fern bist 83.
+
+Die Dunkelheit hat alle Wege 42.
+
+Die Engel der Liebkosung 222.
+
+Die frühste Sonne legt sich 158.
+
+Die Gärtner legten ihre Beete 124.
+
+Die glatten, leisen, lustwarmen Weisen 223.
+
+Die Glocken läuten dann 247.
+
+Die großen Feuer warfen 161.
+
+Die Hand ganz lang im Grase 96.
+
+Die Instrumente her! 165.
+
+Die jubelnd nie den überschäumten Becher 84.
+
+Die Krähen schrein 194.
+
+Die Luft so schwer 39.
+
+»Die Lüge« sagst du 237.
+
+Die menschenblasse Rose 164.
+
+Die müde schon verglühte 31.
+
+Die Rosen leuchten immer noch 48.
+
+Die Sommernacht, und andachtvoll 40.
+
+Die Sterne fliehen schreckensbleich 144.
+
+Die Sterne sind zu groß 174.
+
+Die Stirnen der Länder 105.
+
+Dies ist mein Glück 211.
+
+Dies schick' ich dir, mein Liebling 73.
+
+Drei Stürme liebt' ich ihn 146.
+
+Drüben du, mir deine weiße 72.
+
+Du bist der schönste 13.
+
+Du bist nicht bang, davon zu sprechen 199.
+
+Du ferne Flöte 65.
+
+Du Gott, ich hasse dich 98.
+
+Du hast deine warme Seele 149.
+
+Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt 146.
+
+Du hattest einen Glanz 54.
+
+Du kamst, erregt 12.
+
+Du meines Blutes Unruh 88.
+
+Du mit der Stirne voller Licht 104.
+
+Du sprichst von Sünde gleich 141.
+
+Du träumtest dieses Lebens Wirren 26.
+
+Du weißt, wir bleiben einsam 278.
+
+
+Eh' mir aus der Scheide schoß 115.
+
+Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch 19.
+
+Ein Blütenzweig, blaßrosa 212.
+
+Ein frischer Hügel ist's 70.
+
+Ein sanftes Glockenspiel 255.
+
+Ein schwarzes Vöglein 187.
+
+Ein Spielmann auf seiner Geige strich 215.
+
+Ein Wagen steht vor einer 35.
+
+Ein Waisenkind, mit nassen, blassen Wangen 260.
+
+Ein weißes Grau hüllt weit 226.
+
+Eine Heimat hat der Mensch 233.
+
+Eine plötzliche Stille 246.
+
+Einen guten Grund hat's 141.
+
+Einmal vor manchem Jahre 138.
+
+Entführ' mich, wie ich bin 258.
+
+Entgegengeschmiedet auf schroffem Fels 115.
+
+Er hat seinen heiligen Schwestern 144.
+
+Er schwenkte leise seinen Hut 259.
+
+Er schwirrte nächtens 10.
+
+Erhitzt und müde, durstig 165.
+
+Erkennen ist noch Hast 275.
+
+Es braust noch immer in der Welt 259.
+
+Es ebbt. Langsam dem Schlamm 163.
+
+Es ist ein Reihen geschlungen 16.
+
+Es ist ein Weinen in der Welt 149.
+
+Es kam ein Wind von Frühlingsland 287.
+
+Es läuft der Frühlingswind 117.
+
+Es liegt ein Plan in einem weiten 66.
+
+Es rauscht durch unseren Schlaf 145.
+
+Es rinnen rote Quellen 24.
+
+Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde 257.
+
+Es treibt vorüber mir 158.
+
+Es war einmal, ich weiß nicht wann 68.
+
+
+Februarschnee tut nicht mehr weh 76.
+
+Fräulein Gigerlette 18.
+
+
+Ganz mit Frühling und Sonnenstrahl 136.
+
+Ganz still zuweilen wie ein Traum 77.
+
+Geöffnet sind meine Fenster 245.
+
+Gewitter drückt auf Sanssouci 168.
+
+Gib mir nur die Hand 52.
+
+Gottes Krallenhand zerreißt 101.
+
+Graue Engel gehen um mich 37.
+
+Greife wacker nach der Sünde 260.
+
+Grenz' ich an dich im Grenzenlosen 62.
+
+Groß ist das Leben und reich 86.
+
+
+Hab' ich doch alles nun geküßt 224.
+
+Hab' nicht zu lieb die knospende Rose 228.
+
+Hab' Sonne im Herzen 74.
+
+Halte mir einer von euch Laffen 219.
+
+Halte wach den Haß 93.
+
+Hart stoßen sich die Wände 177.
+
+Heiterkeit, güldene, komm! 197.
+
+Herbst ist es, siehst du die Blätter 139.
+
+Herbsttag, und doch wie weiches 155.
+
+Herr Holger am Kamine sitzt 229.
+
+Hier ist das Land. So rudert 87.
+
+Hier saß ich, wartend 196.
+
+Himmel baut sich um die Brust 285.
+
+Hör' mich, Mutter, höre mich! 137.
+
+
+Ich dachte gestern nacht 258.
+
+Ich fühle keinen Schmerz 17.
+
+Ich hab' es nie so tief gewußt 80.
+
+Ich hab' kein Haus 44.
+
+Ich habe die lange schwüle Nacht 218.
+
+Ich habe keine Schmerzen 237.
+
+Ich habe Nächte dafür geopfert 75.
+
+Ich hatte so viel dir zu berichten 141.
+
+Ich hörte den Wind 185.
+
+Ich lag auf dem Meer 183.
+
+Ich lauschte in die Krone des Baums 277.
+
+Ich liebe unter allen 248.
+
+Ich liege ganz still 221.
+
+Ich liege in gläsernem Wachen 268.
+
+Ich liege mit der Zigarette 217.
+
+Ich liege mit einer Frau 178.
+
+Ich mache das Fenster auf 256.
+
+Ich möcht' es kosten 180.
+
+Ich möchte mir Freuden 41.
+
+Ich möchte wandern 36.
+
+Ich reichte einem Kranken 263.
+
+Ich reite stumm aus dem Turnier 102.
+
+Ich sah dich den Amseln 1.
+
+Ich sah sie einst. Sie stand 36.
+
+Ich saß im Glühn der toten 79.
+
+Ich schlich mich an das Roß heran 219.
+
+Ich sehe den Bäumen die Stürme an 203.
+
+Ich soll erzählen 103.
+
+Ich tat große Dinge 183.
+
+Ich träume wieder 103.
+
+Ich tu' mir Zwang 256.
+
+Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren 261.
+
+Ich weiß, daß ich sterben muß 138.
+
+Ich weiß es wohl, wie du 234.
+
+Ich weiß -- ich weiß 28.
+
+Ich weiß, mein Lied wird 44.
+
+Ich will hier Feste geben 126.
+
+Ich will meine bloßen Hände 222.
+
+Ich wohne, wo die Wolken gehn 231.
+
+Ich wollte dich mit Rosen 29.
+
+Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne 130.
+
+Im Arm der Liebe 85.
+
+Im Feld ein Mädchen singt 247.
+
+Im Haar ein Nest von jungen 106.
+
+Im Lande der Torheit 86.
+
+Im Mondlicht und im Sonnelicht 182.
+
+Im Schimmer des Mondes 15.
+
+Im Sklavendienst der Lüge 28.
+
+Im Weizenfeld, in Korn und Mohn 153.
+
+In deinem Angesicht 39.
+
+In deiner lieben Nähe 69.
+
+In dem sanften Wallen 266.
+
+In der gelben und grünlichen 43.
+
+In des Hades Grüfte 139.
+
+In die dunkle Bergschlucht 51.
+
+In dieser Märznacht 243.
+
+In einem Garten, unter dunklen 134.
+
+In ihren Locken haftete 85.
+
+In kalten, steifen Engen 172.
+
+In nackter Wüste ruht 167.
+
+In scheuer Lust -- doch nimmermehr 88.
+
+In Wirbeln geht der Strom 235.
+
+Ist es schon Abend? 290.
+
+
+Ja? Gab es Tage, wo ich selbst 173.
+
+Ja, in der Jugend war ich 179.
+
+Jahrelang sehnten wir uns 71.
+
+Jetzt, da ich zehn Jahrtausende 95.
+
+Jetzt kommt die Nacht 142.
+
+
+Kaminfeuer und Morgenrotschimmer 56.
+
+Kavaliere, bleich und mit schmalen Gelenken 218.
+
+Kein Liebeswort 249.
+
+Keine Furcht der Erde 100.
+
+Klar ruhn die Lüfte 47.
+
+Kleine Schwester Irene 91.
+
+Komm, denn der Abend kommt 241.
+
+König Kophetua 215.
+
+Korn. Saaten. Und des Mittags 107.
+
+
+Länder und Seen durchschwommen 7.
+
+Laß mich in deinem stillen Auge 37.
+
+Laß uns Blumen pflücken gehn 69.
+
+Leise laß sie ihren Reigen führen 239.
+
+Leise, leise fallen weiße Flocken 23.
+
+Lieber auf eigene Rechnung 77.
+
+Liegt eine Stadt im Tale 50.
+
+Lösche alle deine Tag' 242.
+
+
+Manche freilich müssen drunten sterben 120.
+
+Mancher ist betrübt gegangen 78.
+
+Mein armer Kopf lag still 84.
+
+Mein Blick, nun weide dich 30.
+
+Mein Gott, es werden sein zu deiner Rechten 269.
+
+Mein Herz so ganz in dir beglückt 78.
+
+Mein Jüngling, du, ich liebe dich 90.
+
+Mein Traum ist eine junge, wilde Weide 148.
+
+Meine Freunde sind schwank wie Rohr 62.
+
+Meine Jugend hängt um mich 176.
+
+Meine Mutter sang 22.
+
+Meiner Jugend Träume 4.
+
+Menschen sterben von mir ab 279.
+
+Mich jammerte dein graues Dämmerweh 184.
+
+Mir bangt um dich 1.
+
+Mir ist, als ob der Friede 221.
+
+Mir war, als ginge 124.
+
+Mistralwind, du Wolkenjäger 192.
+
+Mit blutgemiedener langer schmaler Hand 216.
+
+Mit dem Monde will ich wandeln 34.
+
+Mit leisem Herzen 66.
+
+Mit metallhartem Rotgelb 33.
+
+Mit silbergrauem Dufte 121.
+
+Mond, alte Blumen 12.
+
+Mond und Liebe 15.
+
+Moosgrün aus Samt 17.
+
+Mutwillige Mädchenwünsche 110.
+
+
+Nacht, die aus den Sternen quillt 82.
+
+Nacht kam herein. Und morgen 263.
+
+Nächtlich war's am stillen Weiher 142.
+
+Nah wie Löcher eines Siebes 279.
+
+Nicht der Nachtigall 140.
+
+Nicht im Schlafe hab' ich das geträumt 17.
+
+Nicht lange durstest du noch 196.
+
+Niemals wieder will ich 274.
+
+Ninon heißt sie. Ihre Mutter 129.
+
+Noch _einmal so_! Im Nebel 52.
+
+Noch hängt ein scheues Vogellied 97.
+
+Noch niemals fiel es 189.
+
+Noch spür' ich ihren Atem 121.
+
+Nun beugt die Nacht sich singend 179.
+
+Nun kam der Abend 236.
+
+Nun schweig und fühle 6.
+
+Nun sind vor meines Glückes Stimme 245.
+
+Nun wieder, mein Vater, ist kommen 275.
+
+Nur der Wind weiß 99.
+
+
+O hättest du gelernt 127.
+
+O mein Geliebter -- in die Kissen 53.
+
+O Mensch! Gib acht! 195.
+
+O sieh das Spinnennetz 188.
+
+Ob du wohl auch so schlaflos liegst 51.
+
+Oft in der stillen Nacht 20.
+
+Oft war sie als Kind 206.
+
+Oft, wenn die stille Mitternacht 232.
+
+Ohne Sorgfalt, was die Nächsten 210.
+
+
+Reicht mir in der Todesstunde 261.
+
+Rote Rosen winden sich 133.
+
+
+Schon deckt beschattend 45.
+
+Schon taucht der Mond 98.
+
+Schönheit ist Atem 240.
+
+Schwer schweigt der Wald 235.
+
+Schwermütig wächst mein Frieden 234.
+
+Seele meines Weibes 115.
+
+Sei nicht traurig 75.
+
+Sein Freund, der Türmer 128.
+
+Seit du mir ferne bist 136.
+
+Septemberabend; traurig tönen 251.
+
+Sie fanden ihn -- 3.
+
+Sie lassen sich am Ufer nieder 238.
+
+Sie schweift den Fuß wie Pfaunrad aus 280.
+
+Sie stehn im Schein der Kerzen 244.
+
+Sie trug den Becher in der Hand 119.
+
+Sie wirbelt weich, die Hände schwingend, vor 280.
+
+Sieh da droben die Rosen! 116.
+
+Silbern überflogen 104.
+
+Singe nicht so hell und laut 220.
+
+So flieh, enttanze 281.
+
+So regnet es sich langsam ein 74.
+
+So reich bist du 274.
+
+So in die still verschneite Nacht 248.
+
+So lange blieb sie fest geschlossen 78.
+
+So war's auch damals schon 49.
+
+Sonne, herbstlich dünn und zag 250.
+
+Soviel Lüftchen wehn und vergehn 246.
+
+Spät, wenn die alte Uhr geschlagen 220.
+
+Statt der Blumen und Blätter 43.
+
+Steht eine Mühle am Himmelsrand 160.
+
+Stille in nächtigem Zimmer 252.
+
+Stille! oh stille! 214.
+
+Stille weht in das Haus 40.
+
+
+Tag meines Lebens 197.
+
+Tag um Tag 63.
+
+Taucht nur, senkt nur eure wilden 264.
+
+Tiefdunkelroter Scharlachschein 73.
+
+Trauernd stehst du 26.
+
+Traumhaft hinschlendern 15.
+
+Trinkend hatt' ich erharrt 181.
+
+
+Über ein Glück, das du flüchtig 143.
+
+Über mir im Blauen 104.
+
+Um bei dir zu sein 135.
+
+Und abermals wirst du 27.
+
+Und als ein solcher klarer 257.
+
+Und als ich gegen den Marktplatz kam 213.
+
+Und bin ich auch in mancher Stunde 224.
+
+Und es rauscht nur und weht 58.
+
+Und ich führte das blonde 227.
+
+Und ich sah dich nachts 217.
+
+Und immer fremder sind mir 81.
+
+Und Kinder wachsen auf 119.
+
+Und sie herzten sich 4.
+
+Unruhig steht der hohe Kiefernforst 46.
+
+Unsere Augen so leer 40.
+
+Unsere Leiber zerfallen 7.
+
+
+Vollkommen ist die Stille 254.
+
+Vom Dorf her durch die Nacht 241.
+
+Vom stolzen Glück des eignen Werts 211.
+
+Von blauem Tuch umspannt 174.
+
+Von Stern zu Stern 282.
+
+Vor der verschlungnen Finsternis 283.
+
+Vor meinem Fenster singt ein Vogel 133.
+
+
+Wachet und betet mit mir! 190.
+
+Wanderer im schwarzen Wind 253.
+
+Wann ich von dir gehe 180.
+
+Warum, warum diese neue Angst? 271.
+
+Was ist das Glück? 242.
+
+Was kann ich für dich tun?!? 2.
+
+Was waren Frauen 243.
+
+Weiß ich, daß Stunden 91.
+
+Weite Wiesen im Dämmergrau! 19.
+
+Welch ein Schweigen 187.
+
+Wenn die Felder sich verdunkeln 51.
+
+Wenn die große Sehnsucht wieder kommt 221.
+
+Wenn die Nacht von dannen geht 6.
+
+Wenn die Rosen des Morgens 6.
+
+Wenn ich leide, wenn ich dulde 59.
+
+Wenn kalt der Regen 81.
+
+Wenn noch die Eitelkeit 265.
+
+Wenn sie wandeln 239.
+
+Wer hat die Wolken zerbeult? 43.
+
+Wer in die Nacht geht 240.
+
+Wer jetzt weint irgendwo 198.
+
+Wie deine grüngoldnen Augen 114.
+
+Wie der wilde Gletscherbach 189.
+
+Wie eigen ich dich einst küßte! 227.
+
+Wie ein heimlicher Brunnen 147.
+
+Wie eine Blume, drüberhin 13.
+
+Wie geisterhaft im Sinken 258.
+
+Wie ich dich überall sehe 226.
+
+Wie ich mich auf den Frühling freue! 30.
+
+Wie in der Hand ein Schwefelzündholz 209.
+
+Wie lang' schon darb' ich 63.
+
+Wie Vögel, welche sich gewöhnt 207.
+
+Wieder wandelnd im alten Park 250.
+
+Winde quälen die Bäume 38.
+
+Wie hielten uns umschlungen 224.
+
+Wir haben wohl ein Lachen 27.
+
+Wir saßen an zwei Tischen 191.
+
+Wir sind aus solchem Zeug 123.
+
+Wir sind zwei Schatten 80.
+
+Wir standen unter alten 162.
+
+Wir tauchten aus dem Strom 24.
+
+Wir träumen über die Erde hin 213.
+
+Wir wehen durch die Lüfte 14.
+
+Wochen, Wochen sprach ich 61.
+
+Wolkenschatten fliehen 170.
+
+
+Zünd festlich im Salon 211.
+
+Zwei Menschen gehn 54.
+
+Zwei Schwestern sah ich heut 270.
+
+Zwischen duftigen Büschen 262.
+
+Zwischen mir und meinem trunknen Leben 82.
+
+Zwischen zwei dunklen Wogen 182.
+
+Zwischen zwei Rappen 55.
+
+Zwölf Morgenhellen weit 148.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Deutsche Lyrik seit Liliencron, by Various
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
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