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+The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
+neuen Continents. Band 3. by Alexander von Humboldt
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3.
+
+Author: Alexander von Humboldt
+
+Release Date: , March 8, 2009 [Ebook #28280]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 3.***
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+
+Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3.
+
+
+by Alexander von Humboldt
+
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+
+Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 8, 2009)
+
+
+
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+
+ In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.
+
+ Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.
+
+ Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.
+
+ ------------------
+
+ 1859
+
+ ------------------
+
+ Dritter Band
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+Achzehntes Kapitel.
+Neunzehntes Kapitel.
+Zwanzigstes Kapitel.
+Einundzwanzigstes Kapitel.
+Zweiundzwanzigstes Kapitel.
+Dreiundzwanzigstes Kapitel.
+Liste explizit genannter Werke
+Anmerkungen des Korrekturlesers
+
+
+
+
+
+
+ACHZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ San Fernando de Apure. -- Verschlingungen und Gabeltheilungen der
+ Fluesse Apure und Arauca. -- Fahrt auf dem Rio Apure.
+
+
+Bis in die zweite Haelfte des achtzehnten Jahrhunderts waren die grossen
+Fluesse Apure, Payara, Arauea und Meta in Europa kaum dem Namen nach
+bekannt, ja weniger als in den vorhergehenden Jahrhunderten, als der
+tapfere Felipe de Urre und die Eroberer von Tocuyo durch die Llanos zogen,
+um jenseits des Apure die grosse Stadt des Dorado und das reiche Land
+Omaguas, das Tombuctu des neuen Continents, aufzusuchen. So kuehne Zuege
+waren nur in voller Kriegsruestung auszufuehren. Auch wurden die Waffen, die
+nur die neuen Ansiedler schuetzen sollten, bestaendig wider die
+ungluecklichen Eingeborenen gekehrt. Als diesen Zeiten der Gewaltthaetigkeit
+und der allgemeinen Noth friedlichere Zeiten folgten, machten sich zwei
+maechtige indianische Volksstaemme, die Cabres und die Caraiben vom Orinoco,
+zu Herren des Landes, welches die Conquistadoren jetzt nicht mehr
+verheerten. Von nun an war es nur noch armen Moenchen gestattet, suedlich
+von den Steppen den Fuss zu setzen. Jenseits des Uritucu begann fuer die
+spanischen Ansiedler eine neue Welt, und die Nachkommen der
+unerschrockenen Krieger, die von Peru bis zu den Kuesten von Neu-Grenada
+und an den Amazonenstrom alles Land erobert hatten, kannten nicht die
+Wege, die von Coro an den Rio Meta fuehren. Das Kuestenland von Venezuela
+blieb isolirt, und mit den langsamen Eroberungen der Missionaere von der
+Gesellschaft Jesu wollte es nur laengs der Ufer des Orinoco gluecken. Diese
+Vaeter waren bereits bis ueber die Katarakten von Atures und Maypures
+hinausgedrungen, als die andalusischen Kapuziner von der Kueste und den
+Thaelern von Aragua aus kaum die Ebenen von Calabozo erreicht hatten. Aus
+den verschiedenen Ordensregeln laesst sich ein solcher Contrast nicht wohl
+erklaeren; vielmehr ist der Charakter des Landes ein Hauptmoment, ob die
+Missionen raschere oder langsamere Fortschritte machen. Mitten im Lande,
+in Gebirgen oder auf Steppen, ueberall, wo sie nicht am selben Flusse
+fortgehen, dringen sie nur langsam vor. Man sollte es kaum glauben, dass
+die Stadt San Fernando am Apure, die in gerader Linie nur fuenfzig Meilen
+von dem am fruehesten bevoelkerten Kuestenstrich von Caracas liegt, erst im
+Jahre 1789 gegruendet worden ist. Man zeigte uns ein Pergament voll
+huebscher Malereien, die Stiftungsurkunde der kleinen Stadt. Dieselbe war
+auf Ansuchen der Moenche aus Madrid gekommen, als man noch nichts sah als
+ein paar Rohrhuetten um ein grosses, mitten im Flecken aufgerichtetes Kreuz.
+Da die Missionaere und die weltlichen obersten Behoerden gleiches Interesse
+haben, in Europa ihre Bemuehungen fuer Foerderung der Cultur und der
+Bevoelkerung in den Provinzen ueber dem Meer in uebertriebenem Lichte
+erscheinen zu lassen, so kommt es oft vor, dass Stadt- und Dorfnamen lange
+vor der wirklichen Gruendung in der Liste der neuen *Eroberungen*
+aufgefuehrt werden. Wir werden an den Ufern des Orinoco und des Cassiquiare
+dergleichen Ortschaften nennen, die laengst projektirt waren, aber nie
+anderswo standen als auf den in Rom und Madrid gestochenen Missionskarten.
+
+San Fernando, an einem grossen schiffbaren Strome, nahe bei der Einmuendung
+eines andern, der die ganze Provinz Barinas durchzieht, ist fuer den Handel
+ungemein guenstig gelegen. Alle Produkte dieser Provinz, Haeute, Cacao,
+Baumwolle, der Indigo von Mijagual, der ausgezeichnet gut ist, gehen ueber
+diese Stadt nach den Muendungen des Orinoco. In der Regenzeit kommen grosse
+Fahrzeuge von Angostura nach San Francisco herauf, so wie auf dem Rio
+Santo Domingo nach Torunos, dem Hafen der Stadt Barinas. Um diese Zeit
+treten die Fluesse aus und zwischen dem Apure, dem Capanaparo und Sinaruco
+bildet sich dann ein wahres Labyrinth von Verzweigungen, das ueber eine
+Flaeche Landes von 400 Quadratmeilen reicht. Hier ist der Punkt, wo der
+Orinoco, nicht wegen naher Berge, sondern durch das Gefaelle der Gegenhaenge
+seinen Lauf aendert und sofort, statt wie bisher die Richtung eines
+Meridians zu verfolgen, ostwaerts fliesst. Betrachtet man die Erdoberflaeche
+als einen vielseitigen Koerper mit verschieden geneigten Flaechen, so
+springt schon bei einem Blick auf die Karten in die Augen, dass zwischen
+San Fernando am Apure, Caycara und der Muendung des Meta drei Gehaenge, die
+gegen Nord, West und Sued ansteigen, sich durchschneiden, wodurch eine
+bedeutende Bodensenkung entstehen musste. In diesem Becken steht in der
+Regenzeit das Wasser 12--14 Fuss hoch auf den Grasfluren, so dass sie einem
+maechtigen See gleichen. Die Doerfer und Hoefe, die gleichsam auf Untiefen
+dieses Sees liegen, stehen kaum 2--3 Fuss ueber dem Wasser. Alles erinnert
+hier an die Ueberschwemmung in Unteraegypten und an die Laguna de Xarayes,
+die frueher bei den Geographen so vielberufen war, obgleich sie nur ein
+paar Monate im Jahr besteht. Das Austreten der Fluesse Apure, Meta und
+Orinoco ist ebenso an eine bestimmte Zeit gebunden. In der Regenzeit gehen
+die Pferde, welche in der Savane wild leben, zu Hunderten zu Grunde, weil
+sie die Plateaus oder die gewoelbten Erhoehungen in den Llanos nicht
+erreichen konnten. Man sieht die Stuten, hinter ihnen ihre Fuellen, einen
+Theil des Tags herumschwimmen und die Graeser abweiden, die nur mit den
+Spitzen ueber das Wasser reichen. Sie werden dabei von Krokodilen
+angefallen, und man sieht nicht selten Pferde, die an den Schenkeln Spuren
+von den Zaehnen dieser fleischfressenden Reptilien aufzuweisen haben. Die
+Aase von Pferden, Maulthieren und Kuehen ziehen zahllose Geier herbei. Die
+*Zamuros* [_Vultur aura_] sind die Ibis oder vielmehr Percnopterus des
+Landes. Sie haben ganz den Habitus des _'Huhns der Pharaonen'_ und leisten
+den Bewohnern der Llanos dieselben Dienste, wie der _Vultur Percnopterus_
+den Egyptern.
+
+Ueberdenkt man die Wirkungen dieser Ueberschwemmungen, so kann man nicht
+umhin, dabei zu verweilen, wie wunderbar biegsam die Organisation der
+Thiere ist, die der Mensch seiner Herrschaft unterworfen hat. In Groenland
+frisst der Hund die Abfaelle beim Fischfang, und gibt es keine Fische, so
+naehrt er sich von Seegras. Der Esel und das Pferd, die aus den kalten,
+duerren Ebenen Hochasiens stammen, begleiten den Menschen in die neue Welt,
+treten hier in den wilden Zustand zurueck und fristen im heissen tropischen
+Klima ihr Leben unter Unruhe und Beschwerden. Jetzt von uebermaessiger Duerre
+und darauf von uebermaessiger Naesse geplagt, suchen sie bald, um ihren Durst
+zu loeschen, eine Lache auf dem kahlen, staubigten Boden, bald fluechten sie
+sich vor den Wassern der austretenden Fluesse, vor einem Feinde, der sie
+von allen Seiten umzingelt. Den Tag ueber werden Pferde, Maulthiere und
+Rinder von Bremsen und Moskitos gepeinigt, und bei Nacht von ungeheuren
+Fledermaeusen angefallen, die sich in ihren Ruecken einkrallen und ihnen
+desto schlimmere Wunden beibringen, da alsbald Milben und andere boesartige
+Insekten in Menge hineinkommen. Zur Zeit der grossen Duerre benagen die
+Maulthiere sogar den ganz mit Stacheln besetzten Melocactus,(1) um zum
+erfrischenden Saft und so gleichsam zu einer vegetabilischen Wasserquelle
+zu gelangen. Waehrend der grossen Ueberschwemmungen leben dieselben Thiere
+wahrhaft amphibisch, in Gesellschaft von Krokodilen, Wasserschlangen und
+Seekuehen. Und dennoch erhaelt sich, nach den unabaenderlichen Gesetzen der
+Natur, ihre Stammart im Kampf mit den Elementen, mitten unter zahllosen
+Plagen und Gefahren. Faellt das Wasser wieder, kehren die Fluesse in ihre
+Betten zurueck, so ueberzieht sich die Savane mit zartem, angenehm duftendem
+Gras, und im Herzen des heissen Landstrichs scheinen die Thiere des alten
+Europas und Hochasiens in ihr Heimathland versetzt zu seyn und sich des
+neuen Fruehlingsgruens zu freuen.
+
+Waehrend des hohen Wasserstandes gehen die Bewohner dieser Laender, um die
+starke Stroemung und die gefaehrlichen Baumstaemme, die sie treibt, zu
+vermeiden, in ihren Canoes nicht in den Flussbetten hinauf, sondern fahren
+ueber die Grasfluren. Will man von San Fernando nach den Doerfern San Juan
+de Payara, San Raphael de Atamaica oder San Francisco de Capanaparo,
+wendet man sich gerade nach Sued, als fuehre man auf einem einzigen 20
+Meilen breiten Strome. Die Fluesse Guarico, Apure, Cabullare und Arauca
+bilden da, wo sie sich in den Orinoco ergiessen, 160 Meilen von der Kueste
+von Guyana, eine Art *Binnendelta*, dergleichen die Hydrographie in der
+alten Welt wenige aufzuweisen hat. Nach der Hoehe des Quecksilbers im
+Barometer hat der Apure von San Fernando bis zur See nur ein Gefaelle von
+34 Toisen. Dieser Fall ist so unbedeutend als der von der Einmuendung des
+Osageflusses und des Missouri in den Mississippi bis zur Barre desselben.
+Die Savanen in Nieder-Louisiana erinnern ueberhaupt in allen Stuecken an die
+Savanen am untern Orinoco.
+
+Wir hielten uns drei Tage in der kleinen Stadt San Francisco auf. Wir
+wohnten beim Missionaer, einem sehr wohlhabenden Kapuziner. Wir waren vom
+Bischof von Caracas an ihn empfohlen und er bewies uns die groesste
+Aufmerksamkeit und Gefaelligkeit. Man hatte Uferbauten unternommen, damit
+der Fluss den Boden, auf dem die Stadt liegt, nicht unterwuehlen koennte, und
+er zog mich desshalb zu Rath. Durch den Einfluss der Portuguesa in den Apure
+wird dieser nach Suedost gedraengt, und statt dem Fluss freieren Lauf zu
+verschaffen, hatte man Daemme und Deiche gebaut, um ihn einzuengen. Es war
+leicht vorauszusagen, dass, wenn die Fluesse stark austraten, diese Wehren
+um so schneller weggeschwemmt werden mussten, da man das Erdreich zu den
+Wasserbauten hinter dem Damme genommen und so das Ufer geschwaecht hatte.
+
+San Fernando ist beruechtigt wegen der unmaessigen Hitze, die hier den
+groessten Theil des Jahres herrscht, und bevor ich von unserer langen Fahrt
+auf den Stroemen berichte, fuehre ich hier einige Beobachtungen an, welche
+fuer die Meteorologie der Tropenlaender nicht ohne Werth seyn moegen. Wir
+begaben uns mit Thermometern aus das mit weissem Sand bedeckte Gestade am
+Apure. Um 2 Uhr Nachmittags zeigte der Sand ueberall, wo er der Sonne
+ausgesetzt war, 52 deg.,5 [42 deg. R]. In achtzehn Zoll Hoehe ueber dem Sand stand
+der Thermometer auf 42 deg., in sechs Fuss Hoehe auf 38 deg.,7. Die Lufttemperatur
+im Schatten eines Ceibabaums war 36 deg.,2. Diese Beobachtungen wurden bei
+voellig stiller Luft gemacht. Sobald der Wind zu wehen anfing, stieg die
+Temperatur der Luft um 3 Grad, und doch befanden wir uns in keinem
+_'Sandwind'_. Es waren vielmehr Luftschichten, die mit einem stark
+erhitzten Boden in Beruehrung gewesen, oder durch welche _'Sandhosen'_
+durchgegangen waren. Dieser westliche Strich der Llanos ist der heisseste,
+weil ihm die Luft zugefuehrt wird, welche bereits ueber die ganze duerre
+Steppe weggegangen ist. Denselben Unterschied hat man zwischen den
+oestlichen und westlichen Strichen der afrikanischen Wuesten da bemerkt, wo
+die Passate wehen. -- In der Regenzeit nimmt die Hitze in den Llanos
+bedeutend zu, besonders im Juli, wenn der Himmel bedeckt ist und die
+strahlende Waerme gegen den Erdboden zurueckwirft. In dieser Zeit hoert der
+Seewind ganz auf, und nach POZO's guten thermometrischen Beobachtungen
+steigt der Thermometer im Schatten auf 39--39 deg.,5 [31 deg.,2--31 deg.,6 R], und
+zwar noch ueber 15 Fuss vom Boden. Je naeher wir den Fluessen Portugueza,
+Apure und Apurito kamen, desto kuehler wurde die Luft, in Folge der
+Verdunstung so ansehnlicher Wassermassen. Diess ist besonders bei
+Sonnenaufgang fuehlbar; den Tag ueber werfen die mit weissem Sand bedeckten
+Flussufer die Sonnenstrahlen auf unertraegliche Weise zurueck, mehr als der
+gelbbraune Thonboden um Calabozo und Tisnao.
+
+Am 28. Maerz bei Sonnenaufgang befand ich mich am Ufer, um die Breite des
+Apure zu messen. Sie betraegt 206 Toisen. Es donnerte von allen Seiten; es
+war diess das erste Gewitter und der erste Regen der Jahreszeit. Der Fluss
+schlug beim Ostwind starke Wellen, aber bald wurde die Luft wieder still,
+und alsbald fingen grosse Cetaceen aus der Familie der Spritzfische, ganz
+aehnlich den Delphinen unserer Meere, an sich in langen Reihen an der
+Wasserflaeche zu tummeln. Die Krokodile, langsam und traege, schienen die
+Naehe dieser laermenden, in ihren Bewegungen ungestuemen Thiere zu scheuen;
+wir sahen sie untertauchen, wenn die Spritzfische ihnen nahe kamen. Dass
+Cetaceen so weit von der Kueste vorkommen, ist sehr auffallend. Die Spanier
+in den Missionen nennen sie, wie die Seedelphine, *Toninas*; ihr
+indianischer Name ist _Orinucua_. Sie sind 3--4 Fuss lang und zeigen, wenn
+sie den Ruecken kruemmen und mit dem Schwanz auf die untern Wasserschichten
+schlagen, ein Stueck des Rueckens und der Rueckenflosse. Ich konnte keines
+Stuecks habhaft werden, so oft ich auch Indianer aufforderte, mit Pfeilen
+auf sie zu schiessen. Pater Gili versichert, die Guamos essen das Fleisch
+derselben. Gehoeren diese Cetaceen den grossen Stroemen Suedamerikas
+eigenthuemlich an, wie der Lamantin (die Seekuh), der nach CUVIER's
+anatomischen Untersuchungen gleichfalls ein *Suesswassersaeugethier* ist,
+oder soll man annehmen, dass sie aus der See gegen die Stroemung so weit
+heraufkommen, wie in den asiatischen Fluessen der _Delphinapterus Beluga_
+zuweilen thut? Was mir letztere Vermuthung unwahrscheinlich macht, ist der
+Umstand, dass wir im Rio Atabapo, oberhalb der grossen Faelle des Orinoco,
+Toninas angetroffen haben. Sollten sie von der Muendung des Amazonenstroms
+her durch die Verbindungen desselben mit dem Rio Negro, Cassiquiare und
+Orinoco bis in das Herz von Suedamerika gekommen seyn? Man trifft sie dort
+in allen Jahreszeiten an und keine Spur scheint anzudeuten, dass sie zu
+bestimmten Zeiten wandern wie die Lachse.
+
+Waehrend es bereits rings um uns donnerte, zeigten sich am Himmel nur
+einzelne Wolken, die langsam, und zwar in entgegengesetzter Richtung dem
+Zenith zuzogen. DELUC's Hygrometer stand auf 53 deg., der Thermometer auf
+23 deg.,7; der Elektrometer mit rauchendem Docht zeigte keine Spur von
+Elektricitaet. Waehrend das Gewitter sich zusammenzog, wurde die Farbe des
+Himmels zuerst dunkelblau und dann grau. Die Dunstblaeschen wurden sichtbar
+und der Thermometer stieg um 3 Grad, wie fast immer unter den Tropen bei
+bedecktem Himmel, weil dieser die strahlende Waerme des Bodens zurueckwirft.
+Jetzt goss der Regen in Stroemen nieder. Wir waren hinlaenglich an das Klima
+gewoehnt, um von einem tropischen Regen keinen Nachtheil fuerchten zu
+duerfen; so blieben wir denn am Ufer, um den Gang des Elektrometers genau
+zu beobachten. Ich hielt ihn 6 Fuss ueber dem Boden 20 Minuten lang in der
+Hand und sah die Fliedermarkkuegelchen meist nur wenige Secunden vor dem
+Blitz auseinander gehen, und zwar 4 Linien. Die elektrische Ladung blieb
+sich mehrere Minuten lang gleich; wir hatten Zeit, mittelst einer
+Siegellackstange die Art der Elektricitaet zu untersuchen, und so sah ich
+hier, wie spaeter oft auf dem Ruecken der Anden waehrend eines Gewitters, dass
+die Luftelektricitaet zuerst Positiv war, dann Null und endlich negativ
+wurde. Dieser Wechsel zwischen Positiv und Negativ (zwischen Glas- und
+Harzelektricitaet) wiederholte sich oefters. Indessen zeigte der
+Elektrometer ein wenig vor dem Blitz immer nur Null oder positive
+Elektricitaet, niemals negative. Gegen das Ende des Gewitters wurde der
+Westwind sehr heftig. Die Wolken zerstreuten sich und der Thermometer fiel
+auf 22 deg., in Folge der Verdunstung am Boden und der freieren Waermestrahlung
+gegen den Himmel.
+
+Ich bin hier naeher auf Einzelnes ueber elektrische Spannung der Luft
+eingegangen, weil die Reisenden sich meist darauf beschraenken, den
+Eindruck zu beschreiben, den ein tropisches Gewitter auf einen neu
+angekommenen Europaeer macht. In einem Land, wo das Jahr in zwei grosse
+Haelften zerfaellt, in die trockene und in die nasse Jahreszeit, oder, wie
+die Indianer in ihrer ausdrucksvollen Sprache sagen, in *Sonnenzeit* und
+in *Regenzeit*, ist es von grossem Interesse, den Verlauf der
+meteorologischen Erscheinungen beim Uebergang von einer Jahreszeit zur
+andern zu verfolgen. Bereits seit dem 18. und 19. Februar hatten wir in
+den Thaelern von Aragua mit Einbruch der Nacht Wolken aufziehen sehen. Mit
+Anfang Maerz wurde die Anhaeufung sichtbarer Dunstblaeschen und damit die
+Anzeichen von Luftelektricitaet von Tag zu Tag staerker. Wir sahen gegen Sued
+wetterleuchten und der VOLTA'sche Elektrometer zeigte bei Sonnenuntergang
+fortwaehrend Glaselektricitaet. Mit Einbruch der Nacht wichen die
+Fliedermarkkuegelchen, die sich den Tag ueber nicht geruehrt, 3--4 Linien
+auseinander, dreimal weiter, als ich in Europa mit demselben Instrument
+bei heiterem Wetter in der Regel beobachtet. Vom 26. Mai an schien nun
+aber das elektrische Gleichgewicht in der Luft voellig gestoert. Stundenlang
+war die Elektricitaet Null, wurde dann sehr stark -- 4 bis 5 Linien -- und
+bald daraus war sie wieder unmerklich. DELUC's Hygrometer zeigte
+fortwaehrend grosse Trockenheit an, 33--35 deg., und dennoch schien die Luft
+nicht mehr dieselbe. Waehrend dieses bestaendigen Schwankens der
+Luftelektricitaet fingen die kahlen Baeume bereits an frische Blaetter zu
+treiben, als haetten sie ein Vorgefuehl vom nahenden Fruehling.
+
+Der Witterungswechsel, den wir hier beschrieben, bezieht sich nicht etwa
+auf ein einzelnes Jahr. In der Aequinoctialzone folgen alle Erscheinungen
+in wunderbarer Einfoermigkeit auf einander, weil die lebendigen Kraefte der
+Natur sich nach leicht erkennbaren Gesetzen beschraenken und im
+Gleichgewicht halten. Im Binnenlande, ostwaerts von den Cordilleren von
+Merida und Neu-Grenada, in den Llanos von Venezuela und am Rio Meta,
+zwischen dem 4. und 10. Breitegrad, aller Orten, wo es vom Mai bis Oktober
+bestaendig regnet und demnach die Zeit der groessten Hitze, die im Juli und
+August eintritt, in die Regenzeit faellt, nehmen die atmosphaerischen
+Erscheinungen folgenden Verlauf.
+
+Unvergleichlich ist die Reinheit der Luft vom December bis in den Februar.
+Der Himmel ist bestaendig wolkenlos, und zieht je Gewoelk auf, so ist das
+ein Phaenomen, das die ganze Einwohnerschaft beschaeftigt. Der Wind blaest
+stark aus Ost und Ost-Nord-Ost. Da er bestaendig Luft von der gleichen
+Temperatur herfuehrt, so koennen die Duenste nicht durch Abkuehlung sichtbar
+werden. Gegen Ende Februar und zu Anfang Maerz ist das Blau des Himmels
+nicht mehr so dunkel, der Hygrometer zeigt allmaehlig staerkere Feuchtigkeit
+an, die Sterne sind zuweilen von einer feinen Dunstschicht umschleiert,
+ihr Licht ist nicht mehr planetarisch ruhig, man sieht sie hin und wieder
+bis zu 20 Grad ueber dem Horizont flimmern. Um diese Zeit wird der Wind
+schwaecher, unregelmaessiger, und es tritt oefter als zuvor voellige Windstille
+ein. In Sued-Sued-Ost ziehen Wolken auf. Sie erscheinen wie ferne Gebirge
+mit sehr scharfen Umrissen. Von Zeit zu Zeit loesen sie sich vom Horizont
+ab und laufen ueber das Himmelsgewoelbe mit einer Schnelligkeit, die mit dem
+schwachen Wind in den untern Luftschichten ausser Verhaeltniss steht. Zu Ende
+Maerz wird das suedliche Stueck des Himmels von kleinen, leuchtenden
+elektrischen Entladungen durchzuckt, phosphorischen Ausleuchtungen, die
+immer nur von Einer Dunstmasse auszugehen scheinen. Von nun an dreht sich
+der Wind von Zeit zu Zeit und auf mehrere Stunden nach West und Suedwest.
+Es ist diess ein sicheres Zeichen, dass die Regenzeit bevorsteht, die am
+Orinoco gegen Ende April eintritt. Der Himmel faengt an sich zu beziehen,
+das Blau verschwindet und macht einem gleichfoermigen Grau Platz. Zugleich
+nimmt die Luftwaerme stetig zu, und nicht lange, so sind nicht mehr Wolken
+am Himmel, sondern verdichtete Wasserduenste huellen ihn vollkommen ein.
+Lange vor Sonnenaufgang erheben die Bruellaffen ihr klaegliches Geschrei.
+Die Luftelektricitaet, die waehrend der grossen Duerre vom December bis Maerz
+bei Tag fast bestaendig gleich 1,7--2 Linien am VOLTAschen Elektrometer
+war, faengt mit dem Maerz an aeusserst veraenderlich zu werden. Ganze Tage lang
+ist sie Null, und dann weichen wieder die Fliedermarkkuegelchen ein paar
+Stunden lang 3--4 Linien auseinander. Die Luftelektricitaet, die in der
+heissen wie in der gemaessigtenz Zone in der Regel Glaselektricitaet ist,
+schlaegt auf 8--10 Minuten in Harzelektricitaet um. Die Regenzeit ist die
+Zeit der Gewitter, und doch erscheint als Ergebniss meiner zahlreichen,
+dreijaehrigen Beobachtungen, dass gerade in dieser Gewitterzeit die
+elektrische Spannung in den tiefen Luftregionen geringer ist. Sind die
+Gewitter die Folge dieser ungleichen Ladung der ueber einander gelagerten
+Luftschichten? Was hindert die Elektricitaet in einer Luft, die schon seit
+Merz feuchter geworden, auf den Boden herabzukommen? Um diese Zeit scheint
+die Elektricitaet nicht durch die ganze Luft verbreitet, sondern auf der
+aeussern Huelle, auf der Oberflaeche der Wolken angehaeuft zu seyn. Dass sich
+das elektrische Fluidum an die Oberflaeche der Wolke zieht, ist, nach
+GAY-LUSSAC, eben eine Folge der Wolkenbildung. In den Ebenen steigt das
+Gewitter zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den Meridian aus,
+also kurze Zeit nach dem Eintritt des taeglichen Waermemaximums unter den
+Tropen. Im Binnenlande hoert man bei Nacht oder Morgens aeusserst selten
+donnern; naechtliche Gewitter kommen nur in gewissen Flussthaelern vor, die
+ein eigenthuemliches Klima haben.
+
+Auf welchen Ursachen beruht es nun, dass das Gleichgewicht in der
+elektrischen Spannung der Luft gestoert wird, dass sich die Duenste
+fortwaehrend zu Wasser verdichten, dass der Wind aufhoert, dass die Regenzeit
+eintritt und so lange anhaelt? Ich bezweifle, dass die Elektricitaet bei
+Bildung der Dunstblaeschen mitwirkt; durch diese Bildung wird vielmehr nur
+die elektrische Spannung gesteigert und modificirt. Noerdlich und suedlich
+vom Aequator kommen die Gewitter oder die grossen Entladungen in der
+gemaessigten und in der aequinoctialen Zone um dieselbe Zeit vor. Besteht ein
+Moment, das durch das grosse Luftmeer aus jener Zone gegen die Tropen her
+wirkt? Wie laesst sich denken, dass in letzterem Himmelsstrich, wo die Sonne
+sich immer so hoch ueber den Horizont erhebt, der Durchgang des Gestirns
+durch das Zenith bedeutenden Einfluss auf die Vorgaenge in der Luft haben
+sollte? Nach meiner Ansicht ist die Ursache, welche unter den Tropen das
+Eintreten des Regens bedingt, keine oertliche, und das scheinbar so
+verwickelte Problem wuerde sich wohl unschwer loesen, wenn wir mit den obern
+Luftstroemungen besser bekannt waeren. Wir koennen nur beobachten, was in den
+untern Luftschichten vorgeht. Ueber 2000 Toisen Meereshoehe sind die Anden
+fast unbewohnt, und in dieser Hoehe aeussern die Naehe des Bodens und die
+Gebirgsmassen, welche die *Untiefen* im Luftocean sind, bedeutenden
+Einfluss auf die umgebende Luft. Was man auf der Hochebene am Antisana
+beobachtet, ist etwas Anderes, als was man wahrnaehme, wenn man in
+derselben Hoehe in einem Luftballon ueber den Llanos oder ueber der
+Meeresflaeche schwebte.
+
+Wie wir gesehen haben, faellt in der noerdlichen Aequinoctialzone der Anfang
+der Regenniederschlaege und Gewitter zusammen mit dem Durchgang der Sonne
+durch das Zenith des Orts, mit dem Aufhoeren der See- oder Nordostwinde,
+mit dem haeufigen Eintreten von Windstillen und _'Bendavales'_, das heisst
+heftigen Suedost- und Suedwestwinden bei bedecktem Himmel. Vergegenwaertigt
+man sich die allgemeinen Gesetze des Gleichgewichts, denen die Gasmassen,
+aus denen unsere Atmosphaere besteht, gehorchen, so ist, nach meiner
+Ansicht, in den Momenten, dass der Strom, der vom *gleichnamigen* Pol
+herblaest, unterbrochen wird, dass die Luft in der heissen Zone sich nicht
+mehr erneuert, und dass fortwaehrend ein feuchter Strom aufwaerts geht,
+einfach die Ursache zu suchen, warum jene Erscheinungen zusammenfallen. So
+lange noerdlich vom Aequator der Seewind aus Nordost mit voller Kraft
+blaest, laesst er die Luft ueber den tropischen Laendern und Meeren sich nicht
+mit Wasserdunst saettigen. Die heisse, trockene Luft dieser Erdstriche
+steigt aufwaerts und fliesst den Polen zu ab, waehrend untere, trockenere und
+kaeltere Luft herbeifuehrende Polarstroemungen jeden Augenblick die
+aufsteigenden Luftsaeulen ersetzen. Bei diesem unaufhoerlichen Spiel zweier
+entgegengesetzten Luftstroemungen kann sich die Feuchtigkeit in der
+Aequatorialzone nicht anhaeufen, sondern wird kalten und gemaessigten
+Regionen zugefuehrt. Waehrend dieser Zeit der Nordostwinde, wo sich die
+Sonne in den suedlichen Zeichen befindet, bleibt der Himmel in der
+noerdlichen Aequatorialzone bestaendig heiter. Die Dunstblaeschen verdichten
+sich nicht, weil die bestaendig erneuerte Luft weit vom Saettigungspunkt
+entfernt ist. Jemehr die Sonne nach ihrem Eintritt in die noerdlichen
+Zeichen gegen das Zenith heraufrueckt, desto mehr legt sich der Nordostwind
+und hoert nach und nach ganz auf. Der Temperaturunterschied zwischen den
+Tropen und der noerdlichen gemaessigten Zone ist jetzt der kleinstmoegliche.
+Es ist Sommer am Nordpol, und waehrend die mittlere Wintertemperatur unter
+dem 42.--52. Grad der Breite um 20--26 Grad niedriger ist als die
+Temperatur unter dem Aequator, betraegt der Unterschied im Sommer kaum 4--6
+Grad. Steht nun die Sonne im Zenith und hoert der Nordostwind auf, so
+treten die Ursachen, welche Feuchtigkeit erzeugen und sie in der
+noerdlichen Aequinoctialzone anhaeufen, zumal in vermehrte Wirksamkeit. Die
+Luftsaeule ueber dieser Zone saettigt sich mit Wasserdampf, weil sie nicht
+mehr durch den Polarstrom erneuert wird. In dieser gesaettigten und durch
+die vereinten Wirkungen der Strahlung und der Ausdehnung beim Aufsteigen
+erkalteten Luft bilden sich Wolken. Im Maass als diese Luft sich verduennt,
+nimmt ihre Waermecapacitaet zu. Mit der Bildung und Zusammenballung der
+Dunstblaeschen haeuft sich die Elektricitaet in den obern Luftregionen an.
+Den Tag ueber schlagen sich die Duenste fortwaehrend nieder; bei Nacht hoert
+diess meist auf, haeufig sogar schon nach Sonnenuntergang. Die Regenguesse
+sind regelmaessig am staerksten und von elektrischen Entladungen begleitet,
+kurze Zeit nachdem das Maximum der Tagestemperatur eingetreten ist. Dieser
+Stand der Dinge dauert an, bis die Sonne in die suedlichen Zeichen tritt.
+Jetzt beginnt in der noerdlichen gemaessigten Zone die kalte Witterung. Von
+nun an tritt die Luftstroemung vom Nordpol her wieder ein, weil der
+Unterschied zwischen den Waermegraden im tropischen und im gemaessigten
+Erdstrich mit jedem Tage bedeutender wird. Der Nordostwind blaest stark,
+die Luft unter den Tropen wird erneuert und kann den Saettigungspunkt nicht
+mehr erreichen. Daher hoert es auf zu regnen, die Dunstblaeschen loesen sich
+auf, der Himmel wird wieder rein und blau. Von elektrischen Entladungen
+ist nichts mehr zu hoeren, ohne Zweifel weil die Elektricitaet in den hohen
+Luftregionen jetzt keine Haufen von Dunstblaeschen, fast haette ich gesagt,
+keine Wolkenhuellen mehr antrifft, auf denen sich das Fluidum anhaeufen
+koennte.
+
+Wir haben das Aufhoeren des Nordostwinds als die Hauptursache der
+tropischen Regen betrachtet. Diese Regen dauern in jeder Halbkugel nur so
+lange, als die Sonne die der Halbkugel gleichnamige Abweichung hat. Es muss
+hier aber noch bemerkt werden, dass, wenn der Nordost aufhoert, nicht immer
+Windstille eintritt, sondern die Ruhe der Luft haeufig, besonders laengs den
+Westkuesten von Amerika, durch _'Bendavales'_, d. h. Suedwest- und
+Suedostwinde unterbrochen wird. Diese Erscheinung scheint darauf
+hinzuweisen, dass die feuchten Luftsaeulen, die im noerdlichen aequatorialen
+Erdstrich aufsteigen, zuweilen dem Suedpol zustroemen. In der That hat in
+den Laendern der heissen Zone noerdlich und suedlich vom Aequator in ihrem
+Sommer, wenn die Sonne durch ihr Zenith geht, der Unterschied zwischen
+ihrer Temperatur und der am *ungleichnamigen* Pol sein Maximum erreicht.
+Die suedliche gemaessigte Zone hat jetzt Winter, waehrend es noerdlich vom
+Aequator regnet und die mittlere Temperatur um 5--6 Grad hoeher ist als in
+der trockenen Jahreszeit, wo die Sonne am tiefsten steht. Dass der Regen
+fortdauert, waehrend die Bendavales wehen, beweist, dass die Luftstroemungen
+vom entfernteren Pol her in der noerdlichen Aequatorialzone nicht die
+Wirkung aeussern wie die vom benachbarten Pole her, weil die
+Suedpolarstroemung weit feuchter ist. Die Luft, welche diese Stroemung
+herbeifuehrt, kommt aus einer fast ganz mit Wasser bedeckten Halbkugel; sie
+geht, bevor sie zum achten Grad noerdlicher Breite gelangt, ueber die ganze
+suedliche Aequinoctialzone weg, ist folglich nicht so trocken, nicht so
+kalt als der Nordpolarstrom oder der Nordostwind, und somit auch weniger
+geeignet, als *Gegenstrom* aufzutreten und die Luft unter den Tropen zu
+erneuern. Wenn die Bendavales an manchen Kuesten, z. B. an denen von
+Guatimala, als heftige Winde austreten, so ruehrt diess ohne Zweifel daher,
+dass sie nicht Folge eines allmaehligen, regelmaessigen Absiusses der
+tropischen Luft gegen den Suedpol sind, sondern mit Windstillen abwechseln,
+von elektrischen Entladungen begleitet sind und ihr Charakter als wahre
+Stosswinde daraus hinweist, dass im Luftmeer eine Rueckstauung, eine rasche,
+voruebergehende Stoerung des Gleichgewichts stattgefunden hat.
+
+Wir haben hier eine der wichtigsten meteorologischen Erscheinungen unter
+den Tropen aus einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet. Wie die Grenzen
+der Passatwinde keine mit dem Aequator parallelen Kreise bilden, so aeussert
+sich auch die Wirkung der Polarluftstroemungen unter verschiedenen
+Meridianen verschieden. In derselben Halbkugel haben nicht selten die
+Gebirgsketten und das Kuestenland entgegengesetzte Jahreszeiten. Wir werden
+in der Folge Gelegenheit haben, mehrere Anomalien der Art zu erwaehnen;
+will man aber zur Erkenntniss der Naturgesetze gelangen, so muss man, bevor
+man sich nach den Ursachen lokaler Erscheinungen umsieht, den *mittleren
+Zustand* der Atmosphaere und die bestaendige Norm ihrer Veraenderungen
+kennen.
+
+Das Aussehen des Himmels, der Gang der Elektricitaet und der Regenguss am
+28. Merz verkuendeten den Beginn der Regenzeit; man rieth uns indessen, von
+San Fernando am Apure noch ueber San Francisco de Capanaparo, ueber den Rio
+Sinaruco und den Hato San Antonio nach dem kuerzlich am Ufer des Meta
+gegruendeten Dorfe der Otomaken zu gehen und uns auf dem Orinoco etwas
+oberhalb Carichana einzuschiffen. Dieser Landweg fuehrt durch einen
+ungesunden, von Fiebern heimgesuchten Strich. Ein alter Paechter, Don
+Francisco Sanchez, bot sich uns gefaellig als Fuehrer an. Seine Tracht war
+ein sprechendes Bild der grossen Sitteneinfalt in diesen entlegenen
+Laendern. Er hatte ein Vermoegen von mehr als hunderttausend Piastern, und
+doch stieg er mit nackten Fuessen, an die maechtige silberne Sporen
+geschnallt waren, zu Pferde. Wir wussten aber aus mehrwoechentlicher
+Erfahrung, wie traurig einfoermig die Vegetation auf den Llanos ist, und
+schlugen daher lieber den laengeren Weg auf dem Rio Apure nach dem Orinoco
+ein. Wir waehlten dazu eine der sehr breiten Piroguen, welche die Spanier
+_'Lanchas'_ nennen; zur Bemannung waren ein Steuermann (_el patron_) und
+vier Indianer hinreichend. Am Hintertheil wurde in wenigen Stunden eine
+mit Coryphablaettern gedeckte Huette hergerichtet. Sie war so geraeumig, dass
+Tisch und Baenke Platz darin fanden. Letztere bestanden aus ueber Rahmen von
+Brasilholz straff gespannten und angenagelten Ochsenhaeuten. Ich fuehre
+diese kleinen Umstaende an, um zu zeigen, wie gut wir es auf dem Apure
+hatten, gegenueber dem Leben auf dem Orinoco in den schmalen elenden
+Canoes. Wir nahmen in die Pirogue Lebensmittel auf einen Monat ein. In San
+Fernando(2) gibt es Huehner, Eier, Bananen, Maniocmehl und Cacao im
+Ueberfluss. Der gute Pater Kapuziner gab uns Xereswein, Orangen und
+Tamarinden zu kuehlender Limonade. Es war vorauszusehen, dass ein Dach aus
+Palmblaettern sich im breiten Flussbett, wo man fast immer den senkrechten
+Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, sehr stark erhitzen musste. Die Indianer
+rechneten weniger auf die Lebensmittel, die wir angeschafft, als auf ihre
+Angeln und Netze. Wir nahmen auch einige Schiessgewehre mit, die wir bis zu
+den Katarakten ziemlich verbreitet fanden, waehrend weiter nach Sueden die
+Missionaere wegen der uebermaessigen Feuchtigkeit der Luft keine Feuerwaffen
+mehr fuehren koennen. Im Rio Apure gibt es sehr viele Fische, Seekuehe und
+Schildkroeten, deren Eier allerdings naehrend, aber keine sehr angenehme
+Speise sind. Die Ufer sind mit unzaehligen Voegelschaaren bevoelkert. Die
+erspriesslichsten fuer uns waren der Pauxi und die Guacharaca, die man den
+Truthahn und den Fasan des Landes nennen koennte. Ihr Fleisch kam mir
+haerter und nicht so weiss vor als das unserer huehnerartigen Voegel in
+Europa, weil sie ihre Muskeln ungleich staerker brauchen. Neben dem
+Mundvorrath, dem Geraethe zum Fischfang und den Waffen vergass man nicht ein
+paar Faesser Branntwein zum Tauschhandel mit den Indianern am Orinoco
+einzunehmen.
+
+Wir fuhren von San Fernando am 30. Merz, um vier Uhr Abends, bei sehr
+starker Hitze ab; der Thermometer stand im Schatten auf 34 deg., obgleich der
+Wind stark aus Suedost blies. Wegen dieses widrigen Windes konnten wir
+keine Segel aufziehen. Auf der ganzen Fahrt auf dem Apure, dem Orinoco und
+Rio Negro begleitete uns der Schwager des Statthalters der Provinz
+Barinas, Don Nicolas Sotto, der erst kuerzlich von Cadix angekommen war und
+einen Ausflug nach San Fernando gemacht hatte. Um Laender kennen zu lernen,
+die ein wuerdiges Ziel fuer die Wissbegierde des Europaeers sind, entschloss er
+sich, mit uns vier und siebzig Tage auf einem engen, von Moskitos
+wimmelnden Canoe zuzubringen. Sein geistreiches, liebenswuerdiges Wesen und
+seine muntere Laune haben uns oft die Beschwerden einer zuweilen nicht
+gefahrlosen Fahrt vergessen helfen. Wir fuhren am Einfluss des Apurito
+vorbei und an der Insel dieses Namens hin, die vom Apure und dem Guarico
+gebildet wird. Diese Insel ist im Grunde nichts als ein ganz niedriger
+Landstrich, der von zwei grossen Fluessen eingefasst wird, die sich in
+geringer Entfernung von einander in den Orinoco ergiessen, nachdem sie
+bereits unterhalb San Fernando durch eine erste Gabelung des Apure sich
+vereinigt haben. Die *Isla* del Apurito ist 22 Meilen lang und 2--3 Meilen
+breit. Sie wird durch den *Cano* de la Tigrera und den *Cano* del Manati
+in drei Stuecke getheilt, wovon die beiden aeussersten Isla de Blanco und
+Isla de las Garzilas heissen. Ich mache hier diese umstaendlichen Angaben,
+weil alle bis jetzt erschienenen Karten den Lauf und die Verzweigungen der
+Gewaesser zwischen dem Guarico und dem Meta aufs sonderbarste entstellen.
+Unterhalb des Apurito ist das rechte Ufer des Apure etwas besser angebaut
+als das linke, wo einige Huetten der Yaruros-Indianer aus Rohr und
+Palmblattstielen stehen. Sie leben von Jagd und Fischfang und sind
+besonders geuebt im Erlegen der Jaguars, daher die unter dem Namen
+Tigerfelle bekannten Baelge vorzueglich durch sie in die spanischen Doerfer
+kommen. Ein Theil dieser Indianer ist getauft, besucht aber niemals eine
+christliche Kirche. Man betrachtet sie als Wilde, weil sie unabhaengig
+bleiben wollen. Andere Staemme der Yaruros leben unter der Zucht der
+Missionaere im Dorfe Achaguas, suedlich vom Rio Payara. Die Leute dieser
+Nation, die ich am Orinoco zu sehen Gelegenheit gehabt, haben einige Zuege
+von der faelschlich so genannten tartarischen Bildung, die manchen Zweigen
+der mongolischen Race zukommt. Ihr Blick ist ernst, das Auge stark in die
+Laenge gezogen, die Jochbeine hervorragend, die Nase aber der ganzen Laenge
+nach vorspringend. Sie sind groesser, brauner und nicht so untersetzt wie
+die Chaymas. Die Missionare ruehmen die geistigen Anlagen der Yaruros, die
+frueher eine maechtige, zahlreiche Nation an den Ufern des Orinoco waren,
+besonders in der Gegend von Caycara, oberhalb des Einflusses des Guarico.
+Wir brachten die Nacht in *Diamante* zu, einer kleinen Zuckerpflanzung,
+der Insel dieses Namens gegenueber.
+
+Auf meiner ganzen Reise von San Fernando nach San Carlos am Rio Negro und
+von dort nach der Stadt Angostura war ich bemueht, Tag fuer Tag, sey es im
+Canoe, sey es im Nachtlager, aufzuschreiben, was mir Bemerkenswerthes
+vorgekommen. Durch den starken Regen und die ungeheure Menge Moskitos, von
+denen die Luft am Orinoco und Cassiquiare wimmelt, hat diese Arbeit
+nothwendig Luecken bekommen, die ich aber wenige Tage darauf ergaenzt habe.
+Die folgenden Seiten sind ein Auszug aus diesem Tagebuch. Was im Angesicht
+der geschilderten Gegenstaende niedergeschrieben ist, hat ein Gepraege von
+Wahrhaftigkeit (ich moechte sagen von Individualitaet), das auch den
+unbedeutendsten Dingen einen gewissen Reiz gibt. Um unnoethige
+Wiederholungen zu vermeiden, habe ich hin und wieder in das Tagebuch
+eingetragen, was ueber die beschriebenen Gegenstaende spaeter zu meiner
+Kenntniss gelangt ist. Je gewaltiger und grossartiger die Natur in den von
+ungeheuren Stroemen durchzogenen Waeldern erscheint, desto strenger muss man
+bei den Naturschilderungen an der Einfachheit festhalten, die das
+vornehmste, oft das einzige Verdienst eines ersten Entwurfes ist.
+
+Am 31. Maerz. Der widrige Wind noethigte uns, bis Mittag am Ufer zu bleiben.
+Wir sahen die Zuckerfelder zum Theil durch einen Brand zerstoert, der sich
+aus einem nahen Wald bis hieher fortgepflanzt hatte. Die wandernden
+Indianer zuenden ueberall, wo sie Nachtlager gehalten, den Wald an, und in
+der duerren Jahreszeit wuerden ganze Provinzen von diesen Braenden verheert,
+wenn nicht das ausnehmend harte Holz die Baeume vor der gaenzlichen
+Zerstoerung schuetzte. Wir fanden Staemme des Mahagonibaums (_caoba_) und von
+Desmanthus, die kaum zwei Zoll tief verkohlt waren.
+
+Vom Diamante an betritt man ein Gebiet, das nur von Tigern, Krokodilen und
+_Chiguire_, einer grossen Art von LINNEs Gattung Cavia, bewohnt ist. Hier
+sahen wir dichtgedraengte Vogelschwaerme sich vom Himmel abheben, wie eine
+schwaerzlichte Wolke, deren Umrisse sich jeden Augenblick veraendern. Der
+Fluss wird allmaehlig breiter. Das eine Ufer ist meist duerr und sandigt, in
+Folge der Ueberschwemmungen; das andere ist hoeher und mit hochstaemmigen
+Baeumen bewachsen. Hin und wieder ist der Fluss zu beiden Seiten bewaldet
+und bildet einen geraden, 150 Toisen breiten Canal. Die Stellung der Baeume
+ist sehr merkwuerdig. Vorne sieht man Buesche von _Sauso_ (_Hermesia
+castaneifolia_) die gleichsam eine vier Schuh hohe Hecke bilden, und es
+ist, als waere diese kuenstlich beschnitten. Hinter dieser Hecke kommt ein
+Gehoelz von Cedrela, Brasilholz und Gayac. Die Palmen sind ziemlich selten;
+man sieht nur hie und da einen Stamm der Corozo- und der stachligten
+Piritupalme. Die grossen Vierfuesser dieses Landstrichs, die Tiger, Tapire
+und Pecarischweine, haben Durchgaenge in die eben beschriebene Sausohecke
+gebrochen, durch die sie zum trinken an den Strom gehen. Da sie sich nicht
+viel daraus machen, wenn ein Canoe herbeikommt, hat man den Genuss, sie
+langsam am Ufer hinstreichen zu sehen, bis sie durch eine der schmalen
+Luecken im Gebuesch im Walde verschwinden. Ich gestehe, diese Auftritte, so
+oft sie vorkamen, behielten immer grossen Reiz fuer mich. Die Lust, die man
+empfindet, beruht nicht allein auf dem Interesse des Naturforschers,
+sondern daneben auf einer Empfindung, die allen im Schoosse der Cultur
+aufgewachsenen Menschen gemein ist. Man sieht sich einer neuen Welt, einer
+wilden, ungezaehmten Natur gegenueber. Bald zeigt sich am Gestade der
+Jaguar, der schoene amerikanische Panther; bald wandelt der Hocco (_Crax
+alector_) mit schwarzem Gefieder und dem Federbusch langsam an der
+Uferhecke hin. Thiere der verschiedensten Classen loesen einander ab. "_es
+como in el Paraiso_" (es ist wie im Paradies), sagte unser Steuermann, ein
+alter Indianer aus den Missionen. Und wirklich, Alles erinnert hier an den
+Urzustand der Welt, dessen Unschuld und Glueck uralte ehrwuerdige
+Ueberlieferungen allen Voelkern vor Augen stellen; beobachtet man aber das
+gegenseitige Verhalten der Thiere genau, so zeigt es sich, dass sie
+einander fuerchten und meiden. Das goldene Zeitalter ist vorbei, und in
+diesem Paradies der amerikanischen Waelder, wie aller Orten, hat lange
+traurige Erfahrung alle Geschoepfe gelehrt, dass Sanftmuth und Staerke selten
+beisammen sind.
+
+Wo das Gestade eine bedeutende Breite hat, bleibt die Reihe von
+Sausobueschen weiter vom Strome weg. Auf diesem Zwischengebiet sieht man
+Krokodile, oft ihrer acht und zehn, auf dem Sande liegen. Regungslos, die
+Kinnladen unter rechtem Winkel aufgesperrt, ruhen sie neben einander, ohne
+irgend ein Zeichen von Zuneigung, wie man sie sonst bei gesellig lebenden
+Thieren bemerkt. Der Trupp geht auseinander, sobald er vom Ufer ausbricht,
+und doch besteht er wahrscheinlich nur aus Einem maennlichen und vielen
+weiblichen Thieren; denn, wie schon DESCOURTILS, der die Krokodile auf St.
+Domingo so fleissig beobachtet, vor mir bemerkt hat, die Maennchen sind
+ziemlich selten, weil sie in der Brunst mit einander kaempfen unds sich ums
+Leben bringen. Diese gewaltigen Reptilien sind so zahlreich, dass auf dem
+ganzen Stromlauf fast jeden Augenblick ihrer fuenf oder sechs zu sehen
+waren, und doch fieng der Apure erst kaum merklich an zu steigen und
+hunderte von Krokodilen lagen also noch im Schlamme der Savanen begraben.
+Gegen vier Uhr Abends hielten wir an, um ein todtes Krokodil zumessen, das
+der Strom ans Ufer geworfen. Es war nur 16 Fuss 8 Zoll lang; einige Tage
+spaeter fand Bonpland ein anderes (maennliches), das 22 Fuss 3 Zoll mass.
+Unter allen Zonen, in Amerika wie in Egypten, erreicht das Thier dieselbe
+Groesse; auch ist die Art, die im Apure, im Orinoco und im Magdalenenstrom
+so haeufig vorkommt,(3) kein Cayman oder Alligator, sondern ein wahres
+Krokodil mit an den aeussern Raendern gezaehnten Fuessen, dem Nilkrokodil sehr
+aehnlich. Bedenkt man, dass das maennliche Thier erst mit zehn Jahren mannbar
+wird und dass es dann 8 Fuss lang ist, so laesst sich annehmen, dass das von
+Bonpland gemessene Thier wenigstens 28 Jahre alt war. Die Indianer sagten
+uns, in San Fernando vergehe nicht leicht ein Jahr, wo nicht zwei, drei
+erwachsene Menschen, namentlich Weiber beim Wasserschoepfen am Fluss, von
+diesen fleischfressenden Eidechsen zerrissen wuerden. Man erzaehlte uns die
+Geschichte eines jungen Maedchens aus Uritucu, das sich durch seltene
+Unerschrockenheit und Geistesgegenwart aus dem Rachen eines Krokodils
+gerettet. Sobald sie sich gepackt fuehlte, griff sie nach den Augen des
+Thiers und stiess ihre Finger mit solcher Gewalt hinein, dass das Krokodil
+vor Schmerz sie fahren liess, nachdem es ihr den linken Vorderarm
+abgerissen. Trotz des ungeheuern Blutverlusts gelangte die Indianerin, mit
+der uebrig gebliebenen Hand schwimmend, gluecklich ans Ufer. In diesen
+Einoeden, wo der Mensch in bestaendigem Kampfe mit der Natur liegt,
+unterhaelt man sich taeglich von den Kunstgriffen, um einem Tiger, einer Boa
+oder _Traga Venado_, einem Krokodil zu entgehen; jeder ruestet sich
+gleichsam auf die bevorstehende Gefahr. "Ich wusste," sagte das junge
+Maedchen in Uritucu gelassen, "dass der Cayman ablaesst, wenn man ihm die
+Finger in die Augen drueckt." Lange nach meiner Rueckkehr nach Europa erfuhr
+ich, dass die Neger im inneren Afrika dasselbe Mittel kennen und anwenden.
+Wer erinnert sich nicht mit lebhafter Theilnahme, wie Isaaco, der Fuehrer
+des ungluecklichen Mungo-Park, zweimal von einem Krokodil (bei Bulinkombu)
+gepackt wurde, und zweimal aus dem Rachen des Ungeheuers entkam, weil es
+ihm gelang, demselben unter dem Wasser die Finger in beide Augen zu
+druecken! Der Afrikaner Isaaco und die junge Amerikanerin dankten ihre
+Rettung derselben Geistesgegenwart, demselben Gedankengang.
+
+Das Krokodil im Apure bewegt sich sehr rasch und gewandt, wenn es
+angreift, schleppt sich dagegen, wenn es nicht durch Zorn oder Hunger
+aufgeregt ist, so langsam hin wie ein Salamander. Laeuft das Thier, so hoert
+man ein trockenes Geraeusch, das von der Reibung seiner Hautplatten gegen
+einander herzuruehren scheint. Bei dieser Bewegung kruemmt es den Ruecken und
+erscheint hochbeinigter als in der Ruhe. Oft hoerten wir am Ufer dieses
+Rauschen der Platten ganz in der Naehe; es ist aber nicht wahr, was die
+Indianer behaupten, dass die alten Krokodile, gleich dem Schuppenthier,
+"ihre Schuppen und ihre ganze Ruestung sollen ausrichten koennen." Die
+Thiere bewegen sich allerdings meistens gerade aus, oder vielmehr wie ein
+Pfeil, der von Strecke zu Strecke seine Richtung aenderte; aber trotz der
+kleinen Anhaengsel von falschen Rippen, welche die Halswirbel verbinden und
+die seitliche Bewegung zu beschraenken scheinen, wenden die Krokodile ganz
+gut, wenn sie wollen. Ich habe oft Junge sich in den Schwanz beissen sehen;
+Andere haben dasselbe bei erwachsenen Krokodilen beobachtet. Wenn ihre
+Bewegung fast immer geradlinigt erscheint, so ruehrt diess daher, dass
+dieselbe, wie bei unsern kleinen Eidechsen, stossweise erfolgt. Die
+Krokodile schwimmen vortrefflich und ueberwinden leicht die staerkste
+Stroemung. Es schien mir indessen, als ob sie, wenn sie flussabwaerts
+schwimmen, nicht wohl rasch umwenden koennten. Eines Tags wurde ein grosser
+Hund, der uns auf der Reise von Caracas an den Rio Negro begleitete, im
+Fluss von einem ungeheuern Krokodil verfolgt; es war schon ganz nahe an ihm
+und der Hund entging seinem Feinde nur dadurch, dass er umwandte und auf
+einmal gegen den Strom schwamm. Das Krokodil fuehrte nun dieselbe Bewegung
+aus, aber weit langsamer als der Hund, und dieser erreichte gluecklich das
+Ufer.
+
+Die Krokodile im Apure finden reichliche Nahrung an den *Chiguire* (_Cavia
+Capybara_; Wasserschwein), die in Rudeln von 50--60 Stuecken an den
+Flussufern leben. Diese ungluecklichen Thiere, von der Groesse unserer
+Schweine, besitzen keinerlei Waffe, sich zu wehren; sie schwimmen etwas
+besser, als sie laufen; aber auf dem Wasser werden sie eine Beute der
+Krokodile und am Lande werden sie von den Tigern gefressen. Man begreift
+kaum, wie sie bei den Nachstellungen zweier gewaltigen Feinde so zahlreich
+seyn koennen; sie vermehren sich aber so rasch, wie die Cobayes, oder
+Meerschweinchen, die aus Brasilien zu uns gekommen sind.
+
+Unterhalb der Einmuendung des Cano de la Tigrera, in einer Bucht, *Vuelta
+de Joval* genannt, legten wir an, um die Schnelligkeit der Stroemung an der
+Oberflaeche zu messen; sie betrug nur 3-1/2 Fuss in der Secunde, was 2,56
+Fuss mittlere Geschwindigkeit ergibt.(4) Die Barometerhoehen ergaben, unter
+Beruecksichtigung der kleinen stuendlichen Abweichungen, ein Gefaelle von
+kaum 17 Zoll auf die Seemeile (zu 950 Toisen). Die Geschwindigkeit ist das
+Produkt zweier Momente, des Falls des Bodens und des Steigens des Wassers
+im obern Stromgebiet. Auch hier sahen wir uns von Chiguire umgeben, die
+beim Schwimmen wie die Hunde Kopf und Hals aus dem Wasser strecken. Auf
+dem Strand gegenueber sahen wir zu unserer Ueberraschung ein maechtiges
+Krokodil mitten unter diesen Nagethieren regungslos daliegen und schlafen:
+Es erwachte, als wir mit unserer Pirogue naeher kamen, und ging langsam dem
+Wasser zu, ohne dass die Chiguire unruhig wurden. Unsere Indianer sahen den
+Grund dieser Gleichgueltigkeit in der Dummheit des Thiers; wahrscheinlich
+aber wissen die Chiguire aus langer Erfahrung, dass das Krokodil des Apure
+und Orinoco auf dem Lande nicht angreift, der Gegenstand, den es packen
+will, muesste ihm denn im Augenblick, wo es sich ins Wasser wirft, in den
+Weg kommen.
+
+Beim *Joval* wird der Charakter der Landschaft grossartig wild. Hier sahen
+wir den groessten Tiger, der uns je vorgekommen. Selbst die Indianer
+erstaunten ueber seine ungeheure Laenge; er war groesser als alle indischen
+Tiger, die ich in Europa in Menagerien gesehen. Das Thier lag im Schatten
+eines grossen Zamang.(5) Es hatte eben einen Chiguire erlegt, aber seine
+Beute noch nicht angebrochen; nur eine seiner Tatzen lag darauf. Die
+Zamuros, eine Geierart, die wir oben mit dem Percnopterus in Unteregypten
+verglichen haben, hatten sich in Schaaren versammelt, um die Reste vom
+Mahle des Jaguars zu verzehren. Sie ergoetzten uns nicht wenig durch den
+seltsamen Verein von Frechheit und Scheu. Sie wagten sich bis auf zwei Fuss
+vom Jaguar vor, aber bei der leisesten Bewegung desselben wichen sie
+zurueck. Um die Sitten dieser Thiere noch mehr in der Naehe zu beobachten,
+bestiegen wir das kleine Canoe, das unsere Pirogue mit sich fuehrte. Sehr
+selten greift der Tiger Kaehne an, indem er darnach schwimmt, und diess
+kommt nur vor, wenn durch langen Hunger seine Wuth gereizt ist. Beim
+Geraeusch unserer Ruder erhob sich das Thier langsam, um sich hinter den
+Sausobueschen am Ufer zu verbergen. Den Augenblick, wo er abzog, wollten
+sich die Geier zu Nutze machen, um den Chiguire zu verzehren; aber der
+Tiger machte, trotz der Naehe unseres Canoe, einen Satz unter sie und
+schleppte zornerfuellt, wie man an seinem Gang und am Schlagen seines
+Schwanzes sah, seine Beute in den Wald. Die Indianer bedauerten, dass sie
+ihre Lanzen nicht bei sich hatten, um landen und den Tiger angreifen zu
+koennen. Sie sind an diese Waffe gewoehnt, und thaten wohl, sich nicht auf
+unsere Gewehre zu verlassen, die in einer so ungemein feuchten Luft haeufig
+versagten.
+
+Im Weiterfahren flussabwaerts sahen wir die grosse Heerde der Chiguire, die
+der Tiger verjagt und aus der er sich ein Stueck geholt hatte. Die Thiere
+sahen uns ganz ruhig landen. Manche sassen da und schienen uns zu
+betrachten, wobei sie, wie die Kaninchen, die Oberlippe bewegten. Vor den
+Menschen schienen sie sich nicht zu fuerchten, aber beim Anblick unseres
+grossen Hundes ergriffen sie die Flucht. Da das Hintergestell bei ihnen
+hoeher ist als das Vordergestell, so laufen sie im kurzen Galopp, kommen
+aber dabei so wenig vorwaerts, dass wir zwei fangen konnten. Der Chiguire,
+der sehr fertig schwimmt, laesst im Laufen ein leises Seufzen hoeren, als ob
+ihm das Athmen beschwerlich wuerde. Er ist das groesste Thier in der Familie
+der Nager; er setzt sich nur in der aeussersten Noth zur Wehr, wenn er
+umringt und verwundet ist. Da seine Backzaehne, besonders die hinteren,
+ausnehmend stark und ziemlich lang sind, so kann er mit seinem Biss einem
+Tiger die Tatze oder einem Pferd den Fuss zerreissen. Sein Fleisch hat einen
+ziemlich unangenehmen Moschusgeruch; man macht indessen im Lande Schinken
+daraus, und diess rechtfertigt gewissermassen den Namen _'Wasserschwein'_,
+den manche alte Naturgeschichtschreiber dem Chiguire beilegen. Die
+geistlichen Missionare lassen sich in den Fasten diese Schinken ohne
+Bedenken schmecken; in ihrem zoologischen System stehen das Guertelthier,
+das Wasserschwein und der Lamantin oder die Seekuh neben den Schildkroeten;
+ersteres, weil es mit einer harten Kruste, einer Art Schaale bedeckt ist,
+die beiden andern, weil sie im Wasser wie auf dem Lande leben. An den
+Ufern des Santo Domingo, Apure und Arauca, in den Suempfen und auf den
+ueberschwemmten Savanen der Llanos kommen die Chiguire in solcher Menge
+vor, dass die Weiden darunter leiden. Sie fressen das Kraut weg, von dem
+die Pferde am fettesten werden, und das _Chiguirero_ (Kraut des Chiguire)
+heisst. Sie fressen auch Fische, und wir sahen mit Verwunderung, dass das
+Thier, wenn es, erschreckt durch ein nahendes Canoe, untertaucht, 8--10
+Minuten unter Wasser bleibt.
+
+Wir brachten die Nacht, wie immer, unter freiem Himmel zu, obgleich auf
+einer *Pflanzung*, deren Besitzer die Tigerjagd trieb. Er war fast ganz
+nackt und schwaerzlich braun wie ein Zambo, zaehlte sich aber nichts
+destoweniger zum weissen Menschenschlag. Seine Frau und seine Tochter, die
+so nackt waren wie er, nannte er Donna Isabela und Donna Manuela. Obgleich
+er nie vom Ufer des Apure weggekommen, nahm er den lebendigsten Antheil
+"an den Neuigkeiten aus Madrid, an den Kriegen, deren kein Ende abzusehen,
+und an all den Geschichten dort drueben (_todas las cosas de alla_). Er
+wusste, dass der Koenig von Spanien bald zum Besuche "Ihrer Herrlichkeiten im
+Lande Caracas" herueber kommen wuerde, setzte aber scherzhaft hinzu: "Da die
+Hofleute nur Weizenbrod essen koennen, werden sie nie ueber die Stadt
+Valencia hinaus wollen, und wir werden sie hier nicht zu sehen bekommen."
+Ich hatte einen Chiguire mitgebracht und wollte ihn braten lassen; aber
+unser Wirth versicherte uns, _nos otros cavalleros blancos_ weisse Leute
+wie er und ich, seyen nicht dazu gemacht, von solchem _'Indianerwildpret'_
+zu geniessen. Er bot uns Hirschfleisch an; er hatte Tags zuvor einen mit
+dem Pfeil erlegt, denn er hatte weder Pulver noch Schiessgewehr.
+
+Wir glaubten nicht anders, als hinter einem Bananengehoelze liege die Huette
+des Gehoeftes; aber dieser Mann, der sich auf seinen Adel und seine
+Hautfarbe so viel einbildete, hatte sich nicht die Muehe gegeben, aus
+Palmblaettern eine Ajoupa zu errichten. Er forderte uns auf, unsere
+Haengematten neben den seinigen zwischen zwei Baeumen befestigen zu lassen,
+und versicherte uns mit selbstgefaelliger Miene, wenn wir in der Regenzeit
+den Fluss wieder heraufkaemen, wuerden wir ihn *unter Dach* (_baxo techo_)
+finden. Wir kamen bald in den Fall, eine Philosophie zu verwuenschen, die
+der Faulheit Vorschub leistet und den Menschen fuer alle Bequemlichkeiten
+des Lebens gleichgueltig macht. Nach Mitternacht erhob sich ein furchtbarer
+Sturmwind, Blitze durchzuckten den Horizont, der Donner rollte und wir
+wurden bis auf die Haut durchnaesst. Waehrend des Ungewitters versetzte uns
+ein seltsamer Vorfall auf eine Weile in gute Laune. Donna Isabelas Katze
+hatte sich auf den Tamarindenbaum gesetzt, unter dem wir lagerten. Sie
+fiel in die Haengematte eines unserer Begleiter, und der Mann, zerkratzt
+von der Katze und aus dem tiefsten Schlafe aufgeschreckt, glaubte, ein
+wildes Thier aus dem Walde habe ihn angefallen. Wir liefen auf sein
+Geschrei hinzu und rissen ihn nur mit Muehe aus seinem Irrthum. Waehrend es
+auf unsere Haengematten und unsere Instrumente, die wir ausgeschifft, in
+Stroemen regnete, wuenschte uns Don Ignacio Glueck, dass wir nicht am Ufer
+geschlafen, sondern uns auf seinem Gute befaenden, "_entre gento blanca y
+de trato_" (unter Weissen und Leuten von Stande). Durchnaesst wie wir waren,
+fiel es uns denn doch schwer, uns zu ueberzeugen, dass wir es hier so
+besonders gut haben, und wir hoerten ziemlich widerwillig zu, wie unser
+Wirth ein Langes und Breites von seinem sogenannten Kriegszuge an den Rio
+Meta erzaehlte, wie tapfer er sich in einem blutigen Gefechte mit den
+Guahibos gehalten, und "welche Dienste er Gott und seinem Koenig geleistet,
+indem er den Eltern die Kinder (_los Indiecitos_) genommen und in die
+Missionen vertheilt." Welch seltsamen Eindruck machte es, in dieser weiten
+Einoede bei einem Manns der von europaeischer Abkunft zu seyn glaubt und
+kein anderes Obdach kennt als den Schatten eines Baumes, alle eitle
+Anmaassung, alle ererbten Vorurtheile, alle Verkehrtheiten einer alten
+Cultur anzutreffen!
+
+Am 1. April. Mit Sonnenaufgang verabschiedeten wir uns von Senor Don
+Ignacio und von Senora Donna Isabela, seiner Gemahlin. Die Luft war
+abgekuehlt; der Thermometer, der bei Tag meist auf 30--35 deg. stand, war auf
+24 deg. gefallen. Die Temperatur des Flusses blieb sich fast ganz gleich, sie
+war fortwaehrend 26--27 deg.. Der Strom trieb eine ungeheure Menge Baumstaemme.
+Man sollte meinen, auf einem voellig ebenen Boden, wo das Auge nicht die
+geringste Erhoehung bemerkt, haette sich der Fluss durch die Gewalt seiner
+Stroemung einen ganz geraden Canal graben muessen. Ein Blick auf die Carte,
+die ich nach meinen Aufnahmen mit dem Compass entworfen, zeigt das
+Gegentheil. Das abspuelende Wasser findet an beiden Ufern nicht denselben
+Widerstand, und fast unmerkliche Bodenerhoehungen geben zu starken
+Kruemmungen Anlass. Unterhalb des *Jovals*, wo das Flussbett etwas breiter
+wird, bildet dasselbe wirklich einen Canal, der mit der Schnur gezogen
+scheint und zu beiden Seiten von sehr hohen Baeumen beschattet ist. Dieses
+Stueck des Flusses heisst _Cano ricco_; ich fand dasselbe 136 Toisen breit.
+Wir kamen an einer niedrigen Insel vorueber, auf der Flamingos,
+rosenfarbige Loeffelgaense, Reiher und Wasserhuehner, die das mannigfaltigste
+Farbenspiel boten, zu Tausenden nisteten. Die Voegel waren so dicht an
+einander gedraengt, dass man meinte, sie koennten sich gar nicht ruehren. Die
+Insel heisst *Isla de Aves*. Weiterhin fuhren wir an der Stelle vorbei, wo
+der Apure einen Arm (den Rio Arichuna) an den Cabullare abgibt und dadurch
+bedeutend an Wasser verliert. Wir hielten am rechten Ufer bei einer
+kleinen indianischen, vom Stamm der Guamos bewohnten Mission. Es standen
+erst 16 bis 18 Huetten aus Palmblaettern; aber aus den statistischen
+Tabellen, welche die Missionaere jaehrlich bei Hofe einreichen, wird diese
+Gruppe von Huetten als das *Dorf Santa Barbara de Arichuna* aufgefuehrt.
+
+Die Guamos sind ein Indianerstamm, der sehr schwer sesshaft zu machen ist.
+Sie haben in ihren Sitten Vieles mit den Achaguas, Guajibos und Otomacos
+gemein, namentlich die Unreinlichkeit, die Rachsucht und die Liebe zum
+wandernden Leben; aber ihre Sprachen weichen voellig von einander ab. Diese
+vier Staemme leben groesstentheils von Fischfang und Jagd aus den haeufig
+ueberschwemmten Ebenen zwischen dem Apure, dem Meta und dem Guaviare. Das
+Wanderleben scheint hier durch die Beschaffenheit des Landes selbst
+bedingt. Wir werden bald sehen, dass man, sobald man die Berge an den
+Katarakten des Orinoco betritt, bei den Piraoas, Macos und Maquiritares
+sanftere Sitten, Liebe zum Ackerbau und in den Huetten grosse Reinlichkeit
+findet. Auf dem Ruecken der Gebirge, in undurchdringlichen Waeldern sieht
+sich der Mensch genoethigt, sich fest niederzulassen und einen kleinen
+Fleck Erde zu bebauen. Dazu bedarf es keiner grossen Anstrengung, wogegen
+der Jaeger in einem Lande, durch das keine andern Wege fuehren als die
+Fluesse, ein hartes, muehseliges Leben fuehrt. Die Guamos in der Mission
+Santa Barbara konnten uns die Mundvorraethe, die wir gerne gehabt haetten,
+nicht liefern; sie bauten nur etwas Manioc. Sie schienen indessen
+gastfreundlich, und als wir in ihre Huetten traten, boten sie uns
+getrocknete Fische und Wasser (in ihrer Sprache _Cub_) an. Das Wasser war
+in poroesen Gefaessen abgekuehlt.
+
+Unterhalb der *Vuelta del Cochino roto* an einer Stelle, wo sich der Fluss
+ein neues Bett gegraben hatte, uebernachteten wir auf einem duerren, sehr
+breiten Gestade. In den dichten Wald war nicht zu kommen, und so brachten
+wir nur mit Noth trockenes Holz zusammen, um Feuer anmachen zu koennen,
+wobei man, wie die Indier glauben, vor dem naechtlichen Angriff des Tigers
+sicher ist. Unsere eigene Erfahrung scheint diesen Glauben zu bestaetigen;
+dagegen versichert AZARRO, zu seiner Zeit habe in Paraguay ein Tiger einen
+Mann von einem Feuer in der Savane weggeholt.
+
+Die Nacht war still und heiter und der Mond schien herrlich. Die Krokodile
+lagen am Ufer; sie hatten sich so gelegt, dass sie das Feuer sehen konnten.
+Wir glauben bemerkt zu haben, dass der Glanz desselben sie herlockt, wie
+die Fische, die Krebse und andere Wasserthiere. Die Indianer zeigten uns
+im Sand die Faehrten dreier Tiger, darunter zweier ganz jungen. Ohne
+Zweifel hatte hier ein Weibchen seine Jungen zum Trinken an den Fluss
+gefuehrt. Da wir am Ufer keinen Baum fanden, steckten wir die Ruder in den
+Boden und befestigten unsere Haengematten daran. Alles blieb ziemlich ruhig
+bis um eilf Uhr Nachts; da aber erhob sich im benachbarten Wald ein so
+furchtbarer Laerm, dass man beinahe kein Auge schliessen konnte. Unter den
+vielen Stimmen wilder Thiere, die zusammen schrieen, erkannten unsere
+Indianer nur diejenigen, die sich auch einzeln hoeren liessen, namentlich
+die leisen Floetentoene der Sapajous, die Seufzer der Alouatos, das Bruellen
+des Tigers und des Cuguars, oder amerikanischen Loewen ohne Maehne, das
+Geschrei des Bisamschweins, des Faulthiers, des Hocco, des Parraqua und
+einiger andern huehnerartigen Voegel. Wenn die Jaguars dem Waldrande sich
+naeherten, so fing unser Hund, der bis dahin fortwaehrend gebellt hatte, an
+zu heulen und suchte Schutz unter den Haengematten. Zuweilen, nachdem es
+lange geschwiegen, erscholl das Bruellen der Tiger von den Baeumen herunter,
+und dann folgte daraus das anhaltende schrille Pfeifen der Affen, die sich
+wohl bei der drohenden Gefahr auf und davon machten.
+
+Ich schildere Zug fuer Zug diese naechtlichen Auftritte, weil wir zu Anfang
+unserer Fahrt auf dem Apure noch nicht daran gewoehnt waren. Monate lang,
+aller Orten, wo der Wald nahe an die Flussufer rueckt, hatten wir sie zu
+erleben. Die Sorglosigkeit der Indianer macht dabei auch dem Reisenden
+Muth. Man redet sich mit ihnen ein, die Tiger fuerchten alle das Feuer und
+greifen niemals einen Menschen in seiner Haengematte an. Und solche
+Angriffe kommen allerdings sehr selten vor und auf meinem langen
+Aufenthalt in Suedamerika erinnere ich mich nur eines einzigen Falls, wo,
+den Achaguas-Inseln gegenueber, ein Llanero in seiner Haengematte
+zerfleischt gefunden wurde.
+
+Befragt man die Indianer, warum die Thiere des Waldes zu gewissen Stunden
+einen so furchtbaren Laerm erheben, so geben sie die lustige Antwort: "Sie
+feiern den Vollmond." Ich glaube, die Unruhe ruehrt meist daher, dass im
+innern Walde sich irgendwo ein Kampf entsponnen hat. Die Jaguars zum
+Beispiel machen Jagd auf die Bisamschweine und Tapirs, die nur Schutz
+finden, wenn sie beisammenbleiben, und in gedraengten Rudeln fliehend das
+Gebuesch, das ihnen in den Weg kommt, niederreissen. Die Affen, scheu und
+furchtsam, erschrecken ob dieser Jagd und beantworten von den Baeumen herab
+das Geschrei der grossen Thiere. Sie wecken die gesellig lebenden Voegel
+auf, und nicht lange, so ist die ganze Menagerie in Aufruhr. Wir werden
+bald sehen, dass dieser Laerm keineswegs nur bei schoenem Mondschein, sondern
+vorzugsweise waehrend der Gewitter und starken Regenguesse unter den wilden
+Thieren ausbricht. "Der Himmel verleihe ihnen eine ruhsame Nacht, wie uns
+andern!" sprach der Moench, der uns an den Rio Negro begleitete, wenn er,
+todtmuede von der Last des Tages, unser Nachtlager einrichten half. Es war
+allerdings seltsam, dass man mitten im einsamen Wald sollte keine Ruhe
+finden koennen. In den spanischen Herbergen fuerchtet man sich vor den
+schrillen Toenen der Guitarren im anstossenden Zimmer; in denen am Orinoco,
+das heisst auf offenem Gestade oder unter einem einzeln stehenden Baum,
+besorgt man durch Stimmen aus dem Walde im Schlaf gestoert zu werden.
+
+Am 2. April. Wir gingen vor Sonnenaufgang unter Segel. Der Morgen war
+schoen und kuehl, wie es Leuten vorkommt, die an die grosse Hitze in diesen
+Laendern gewoehnt sind. Der Thermometer stand in der Luft nur auf 28 deg., aber
+der trockene, weisse Sand am Gestade hatte trotz der Strahlung gegen einen
+wolkenlosen Himmel eine Tempetatur von 36 deg. behalten. Die Delphine
+(Toninas) zogen, in langen Reihen durch den Fluss und das Ufer war mit
+fischfangenden Voegeln bedeckt. Manche machen sich das Flossholz, das den
+Fluss herabtreibt, zu Nutze und ueberraschen die Fische, die sich mitten in
+der Stroemung halten. Unser Canoe stiess im Laufe des Morgens mehrmals an.
+Solche Stoesse, wenn sie sehr heftig sind, koennen schwache Fahrzeuge
+zertruemmern. Wir fuhren an den Spitzen mehrerer grosser Baeume auf, die
+Jahre lang in schiefer Richtung im Schlamm stecken bleiben. Diese Baeume
+kommen beim Hochwasser aus dem Sarare herunter und verstopfen das Flussbett
+dergestalt, dass die Piroguen stromaufwaerts haeufig zwischen den Untiefen
+und ueberall, wo Wirbel sind, kaum durchkommen. Wir kamen an eine Stelle
+bei der Insel Carizales, wo ungeheuer dicke Courbarilstaemme aus dem Wasser
+ragten. Sie sassen voll Voegeln, einer Art Plotus, die der *Anhinga* sehr
+nahe steht. Diese Voegel sitzen in Reihen auf, wie die Fasanen und die
+Parraquas, und bleiben stundenlang, den Schnabel gen Himmel gestreckt,
+regungslos, was ihnen ein ungemein dummes Aussehen gibt.
+
+Von der Insel Carizales an wurde die Abnahme des Wassers im Fluss desto
+auffallender, da unterhalb der Gabelung bei der *Boca de Arichuna* kein
+Arm, kein natuerlicher Abzugscanal mehr dem Apure Wasser entzieht. Der
+Verlust ruehrt allein von der Verdunstung und Einsickerung auf sandigten,
+durchnaessten Ufern her. Man kann sich vorstellen, wie viel diess ausmacht,
+wenn man bedenkt, dass wir den trockenen Sand zu verschiedenen Tagesstunden
+36--52, den Sand, ueber dem drei bis vier Zoll Wasser standen, noch 32 Grad
+warm fanden. Das Flusswasser erwaermt sich dem Boden zu, so weit die
+Sonnenstrahlen eindringen koennen, ohne beim Durchgang durch die ueber
+einander gelagerten Wasserschichten zu sehr geschwaecht zu werden. Dabei
+reicht die Einsickerung weit ueber das Flussbett hinaus und ist, so zu
+sagen, seitlich. Das Gestade, das ganz trocken scheint, ist bis zur Hoehe
+des Wasserspiegels mit Wasser getraenkt. Fuenfzig Toisen vom Fluss sahen wir
+Wasser hervorquellen, so oft die Indianer die Ruder in den Boden steckten;
+dieser unten feuchte, oben trockene und dem Sonnenstrahl ausgesetzte Sand
+wirkt nun aber wie ein Schwamm. Er gibt jeden Augenblick durch Verdunstung
+vom eingesickerten Wasser ab; der sich entwickelnde Wasserdampf zieht
+durch die obere, stark erhitzte Sandschicht und wird sichtbar, wenn sich
+am Abend die Luft abkuehlt. Im Maass, als das Gestade Wasser abgibt, zieht
+es aus dem Strom neues an, und man sieht leicht, dass dieses fortwaehrende
+Spiel von Verdunstung und seitlicher Einsaugung dem Fluss ungeheure
+Wassermassen entziehen muss, nur dass der Verlust schwer genau zu berechnen
+ist. Die Zunahme dieses Verlustes waere der Laenge des Stromlaufes
+proportional, wenn die Fluesse von der Quelle bis zur Muendung ueberall
+gleiche Ufer haetten; da aber diese von den Anschwemmungen herruehren, und
+die Gewaesser, je weiter von der Quelle weg, desto langsamer fliessen und
+somit nothwendig im untern Stromlauf mehr absetzen als im obern, so werden
+viele Fluesse im heissen Erdstrich ihrer Muendung zu seichter. BARROW hat
+diese auffallende Wirkung des Sandes im oestlichen Afrika an den Ufern des
+Orangeflusses beobachtet. Sie gab sogar bei den verschiedenen Annahmen
+ueber den Lauf des Nigers zu sehr wichtigen Eroerterungen Anlass.
+
+Bei der *Vuelta de Basilio*, wo wir ans Land gingen, um Pflanzen zu
+sammeln, sahen wir oben auf einem Baum zwei huebsche kleine pechschwarze
+Affen, von der Groesse des Sai, mit Wickelschwaenzen. Ihrem Gesicht und ihren
+Bewegungen nach konnte es weder der Coaita, noch der Chamek, noch
+ueberhaupt ein *Atele* seyn. Sogar unsere Indianer hatten nie dergleichen
+gesehen. In diesen Waeldern gibt es eine Menge Sapajous, welche die
+Zoologen in Europa noch nicht kennen, und da die Affen, besonders die in
+Rudeln lebenden und darum ruehrigeren, zu gewissen Zeiten weit wandern, so
+kommt es vor, dass bei Eintritt der Regenzeit die Eingeborenen bei ihren
+Huetten welche ansichtig werden, die sie nie zuvor gesehen. Am selben Ufer
+zeigten uns unsere Fuehrer ein Nest junger Leguans, die nur vier Zoll lang
+waren. Sie waren kaum von einer gemeinen Eidechse zu unterscheiden. Die
+Rueckenstacheln, die grossen ausgerichteten Schuppen, all die Anhaengsel, die
+dem Leguan, wenn er 4 bis 5 Fuss lang ist, ein so ungeheuerliches Ansehen
+geben, waren kaum in Rudimenten vorhanden. Das Fleisch dieser Eidechse
+fanden wir in allen sehr trockenen Laendern von angenehmem Geschmack,
+selbst zu Zeiten, wo es uns nicht an andern Nahrungsmitteln fehlte. Es ist
+sehr weiss und nach dem Fleisch des Tatu oder Guertelthiers, das hier
+_Cachicamo_ heisst, eines der besten, die man in den Huetten der
+Eingeborenen findet.
+
+Gegen Abend regnete es; vor dem Regen strichen die Schwalben, die
+vollkommen den unsrigen glichen, ueber die Wasserflaeche hin. Wir sahen
+auch, wie ein Flug Papagayen von kleinen Habichten ohne Hauben verfolgt
+wurden. Das durchdringende Geschrei der Papagayen stach vom Pfeifen der
+Raubvoegel seltsam ab. Wir uebernachteten unter freiem Himmel am Gestade, in
+der Naehe der Insel Carizales. Nicht weit standen mehrere indianische
+Huetten auf Pflanzungen. Unser Steuermann kuendigte uns zum voraus an, dass
+wir den Jaguar hier nicht wuerden bruellen hoeren, weil er, wenn er nicht
+grossen Hunger hat, die Orte meidet, wo er nicht allein Herr ist. "Die
+Menschen machen ihn uebellaunig," "_los hombres lo enfadan_" sagt das Volk
+in den Missionen, ein spasshafter, naiver Ausdruck fuer eine richtige
+Beobachtung.
+
+Am 3. April. Seit der Abfahrt von San Fernando ist uns kein einziges Canoe
+auf dem schoenen Strome begegnet. Ringsum herrscht tiefe Einsamkeit. Am
+Morgen fingen unsere Indianer mit der Angel den Fisch, der hier zu Lande
+_Caribe_ oder _Caribito_ heisst, weil keiner so blutgierig ist. Er faellt
+die Menschen beim Baden und Schwimmen an und reisst ihnen oft ansehnliche
+Stuecke Fleisch ab. Ist man anfangs auch nur unbedeutend verletzt, so kommt
+man doch nur schwer aus dem Wasser, ohne die schlimmsten Wunden davon zu
+tragen. Die Indianer fuerchten diese Caraibenfische ungemein, und
+verschiedene zeigten uns an Waden und Schenkeln vernarbte, sehr tiefe
+Wunden, die von diesen kleinen Thieren herruehrten, die bei den Maypures
+_Umati_ heissen. Sie leben auf dem Boden der Fluesse, giesst man aber ein
+paar Tropfen Blut ins Wasser, so kommen sie zu Tausenden herauf. Bedenkt
+man, wie zahlreich diese Fische sind, von denen die gefraessigsten und
+blutgierigsten nur 4--5 Zoll lang werden, betrachtet man ihre dreiseitigen
+schneidenden, spitzen Zaehne und ihr weites retractiles Maul, so wundert
+man sich nicht, dass die Anwohner des Apure und des Orinoco den Caribe so
+sehr fuerchten. An Stellen, wo der Fluss ganz klar und kein Fisch zu sehen
+war, warfen wir kleine blutige Fleischstuecke ins Wasser. In wenigen
+Minuten war ein ganzer Schwarm von Caraibenfischen da und stritt sich um
+den Frass. Der Fisch hat einen kantigen, saegenfoermig gekerbten Bauch, ein
+Merkmal, das mehreren Gattungen, den *Serra-Salmen*, den *Myleten* und den
+*Pristigastern* zukommt. Nach dem Vorhandenseyn einer zweiten fetten
+Rueckenflosse und der Form der von den Lippen bedeckten, auseinander
+stehenden, in der untern Kinnlade groesseren Zaehne gehoert der Caribe zu den
+Serra-Salmen. Er hat ein viel weiter gespaltenes Maul als CUVIERs Myleten.
+Der Koerper ist am Ruecken aschgrau, ins Gruenliche spielend; aber Bauch,
+Kiemen, Brust-, Bauch- und Afterflossen sind schoen orangegelb. Im Orinoco
+kommen drei Arten (oder Spielarten?) vor, die man nach der Groesse
+unterscheidet. Die mittlere scheint identisch mit MARCGRAVs mittlerer Art
+des Piraya oder Piranha (_Salmo rhombeus_, LINNE). Ich habe sie an Ort und
+Stelle gezeichnet. Der Caribito hat einen sehr angenehmen Geschmack. Weil
+man nirgends zu baden wagt, wo er vorkommt, ist er als eine der groessten
+Plagen dieser Landstriche zu betrachten, wo der Stich der Moskitos und der
+Ueberreiz der Haut das Baden zu einem dringenden Beduerfniss machen.
+
+Wir hielten gegen Mittag an einem unbewohnten Ort, *Algodonal* genannt.
+Ich trennte mich von meinen Gefaehrten, waehrend man das Fahrzeug ans Land
+zog und das Mittagessen ruestete. Ich ging am Gestade hin, um in der Naehe
+einen Trupp Krokodile zu beobachten, die in der Sonne schliefen, wobei sie
+ihre mit breiten Platten belegten Schwaenze auf einander legten. Kleine
+schneeweisse Reiher(6) liefen ihnen auf dem Ruecken, sogar auf dem Kopf
+herum, als waeren es Baumstaemme. Die Krokodile waren graugruen, halb mit
+trockenem Schlamm ueberzogen; ihrer Farbe und ihrer Regungslosigkeit nach
+konnte man sie fuer Bronzebilder halten. Wenig fehlte aber, so waere mir der
+Spaziergang uebel bekommen. Ich hatte immer nur nach dem Flusse hin
+gesehen, aber indem ich Glimmerblaettchen aus dem Sande aufnahm, bemerkte
+ich die frische Faehrte eines Tigers, die an ihrer Form und Groesse so leicht
+zu erkennen ist. Das Thier war dem Walde zu gegangen, und als ich nun
+dorthin blickte, sah ich achtzig Schritte von mir einen Jaguar unter dem
+dichten Laub eines Ceiba liegen. Nie ist mir ein Tiger so gross
+vorgekommen.
+
+Es gibt Vorfaelle im Leben, wo man vergeblich die Vernunft zu Huelfe ruft.
+Ich war sehr erschrocken, indessen noch soweit Herr meiner selbst und
+meiner Bewegungen, dass ich die Verhaltungsregeln befolgen konnte, die uns
+die Indianer schon oft fuer dergleichen Faelle ertheilt hatten. Ich ging
+weiter, lief aber nicht; ich vermied es, die Arme zu bewegen, und glaubte
+zu bemerken, dass der Jaguar mit seinen Gedanken ganz bei einer Heerde
+Capybaras war, die ueber den Fluss schwammen. Jetzt kehrte ich um und
+beschrieb einen ziemlich weiten Bogen dem Ufer zu. Je weiter ich von ihm
+weg kam, desto rascher glaubte ich gehen zu koennen. Wie oft war ich in
+Versuchung, mich umzusehen, ob ich nicht verfolgt werde! Gluecklicherweise
+gab ich diesem Drange erst sehr spaet nach. Der Jaguar war ruhig liegen
+geblieben. Diese ungeheuren Katzen mit geflecktem Fell sind hier zu Lande,
+wo es Capybaras, Bisamschweine und Hirsche im Ueberfluss gibt, so gut
+genaehrt, dass sie selten einen Menschen anfallen. Ich kam athemlos beim
+Schiffe an und erzaehlte den Indianern mein Abenteuer. Sie schienen nicht
+viel daraus zu machen; indessen luden wir unsere Flinten und sie gingen
+mit uns auf den Ceibabaum zu, unter dem der Jaguar gelegen. Wir trafen ihn
+nicht mehr, und ihm in den Wald nachzugehen, war nicht gerathen, da man
+sich zerstreuen oder in einer Reihe durch die verschlungenen Lianen gehen
+muss.
+
+Abends kamen wir an der Muendung des *Cano del Manati* vorueber, so genannt
+wegen der ungeheuern Menge Manatis oder Lamantins, die jaehrlich hier
+gefangen werden. Dieses grasfressende Wassersaeugethier, das die Indianer
+_Apcia_ und _Avia_ nennen, wird hier meist 10--12 Fuss lang und 500--800
+Pfund schwer. Wir sahen das Wasser mit dem Koth desselben bedeckt, der
+sehr stinkend ist, aber ganz dem des Rindviehs gleicht. Es ist im Orinoco
+unterhalb der Katarakten, im Meta und im Apure zwischen den beiden Inseln
+Carizales und Conserva sehr haeufig. Wir fanden keine Spur von Naegeln auf
+der aeussern Flaeche und am Rande der Schwimmflossen, die ganz glatt sind;
+zieht man aber die Haut der Flosse ab, so zeigen sich an der dritten
+Phalange kleine Naegelrudimente. Bei einem 9 Fuss langen Thier, das wir in
+Carichana, einer Mission am Orinoco, zergliederten, sprang die Oberlippe
+vier Zoll ueber die untere vor. Jene ist mit einer sehr zarten Haut
+bekleidet und dient als Ruessel oder Fuehler zum Betasten der vorliegenden
+Koerper. Die Mundhoehle, die beim frisch getoedteten Thier auffallend warm
+ist, zeigt einen ganz eigenthuemlichen Bau. Die Zunge ist fast unbeweglich;
+aber vor derselben befindet sich in jeder Kinnlade ein fleischiger Knopf
+und eine mit sehr harter Haut ausgekleidete Hoehlung, die in einander
+passen. Der Lamantin verschluckt so viel Gras, dass wir sowohl den in
+mehrere Faecher getheilten Magen, als den 108 Fuss langen Darm ganz damit
+angefuellt fanden. Schneidet man das Thier am Ruecken auf, so erstaunt man
+ueber die Groesse, Gestalt und Lage seiner Lunge. Sie hat ungemein grosse
+Zellen und gleicht ungeheuren Schwimmblasen; sie ist drei Fuss lang. Mit
+Luft gefuellt hat sie ein Volumen von mehr als tausend Cubikzoll. Ich musste
+mich nur wundern, dass der Lamantin mit so ansehnlichen Luftbehaeltern so
+oft an die Wasserflaeche heraufkommt, um zu athmen. Sein Fleisch, das, aus
+irgend einem Vorurtheil, fuer ungesund und _calenturioso_ (fiebererzeugend)
+gilt, ist sehr schmackhaft; es schien mir mehr Aehnlichkeit mit
+Schweinefleisch als mit Rindfleisch zu haben. Die Guamos und Otamacos
+essen es am liebsten, daher geben sich auch diese zwei Staemme vorzugsweise
+mit dem Seekuhfang ab. Das eingesalzene und an der Sonne gedoerrte Fleisch
+wird das ganze Jahr aufbewahrt, und da dieses Saeugethier bei der Clerisei
+fuer einen Fisch gilt, so ist es in den Fasten sehr gesucht. Der Lamantin
+hat ein aeusserst zaehes Leben; man harpunirt ihn und bindet ihn sodann,
+schlachtet ihn aber erst, nachdem er in die Pirogue geschafft worden. Diess
+geschieht oft, wenn das Thier sehr gross ist, mitten auf dem Flusse, und
+zwar so, dass man die Pirogue zu zwei Drittheilen mit Wasser fuellt, sie
+unter das Thier schiebt und mit einer Kuerbissflasche wieder ausschoepft. Am
+leichtesten sind sie am Ende der grossen Ueberschwemmungen zu fangen, wenn
+sie aus den Stroemen in die umliegenden Seen und Suempfe gerathen sind und
+das Wasser schnell faellt. Zur Zeit, wo die Jesuiten den Missionen am
+untern Orinoco vorstanden, kamen diese alle Jahre in Cabruta unterhalb dem
+Apure zusammen, um mit den Indianern aus ihren Missionen am Fusse des
+Bergs, der. gegenwaertig *el Capuchino* heisst, eine grosse Seekuhjagd
+anzustellen. Das Fett des Thiers, die _manteca de manati_ wird in den
+Kirchenlampen gebrannt, und man kocht auch damit. Es hat nicht den
+widrigen Geruch des Wallfischthrans, oder des Fetts anderer Cetaceen mit
+Spritzloechern. Die Haut der Seekuh, die ueber anderthalb Zoll dick ist,
+wird in Streifen zerschnitten und diese dienen in den Llanos, wie die
+Streifen von Ochsenhaut, als Stricke. Kommt sie ins Wasser, so hat sie den
+Fehler, dass sie zu faulen anfaengt. Man macht in den spanischen Colonien
+Peitschen daraus, daher auch die Worte _latigo_ und _manati_
+gleichbedeutend sind. Diese Peitschen aus Seekuhhaut sind ein
+schreckliches Werkzeug zur Zuechtigung der ungluecklichen Sklaven, ja der
+Indianer in den Missionen, die nach den Gesetzen als freie Menschen
+behandelt werden sollten.
+
+Wir uebernachteten der Insel Conserva gegenueber. Als wir am Waldsaume
+hingingen, fiel uns ein ungeheurer, siebzig Fuss hoher, mit veraesteten
+Dornen bedeckter Baum auf. Die Indianer nennen ihn _barba de tigre_. Es
+ist vielleicht ein Baum aus der Familie der Berberideen oder Sauerdorne.
+Die Indianer hatten unsere Feuer dicht am Wasser angezuendet; da fanden wir
+wieder, dass sein Glanz die Krokodile herlockte, und sogar die Delphine
+(Toninas), deren Laerm uns nicht schlafen liess, bis man das Feuer
+ausloeschte. Wir wurden in dieser Nacht zweimal auf die Beine gebracht, was
+ich nur anfuehre, weil es ein paar Zuege zum Bilde dieser Wildniss liefert.
+Ein weiblicher Jaguar kam unserem Nachtlager nahe, um sein Junges am
+Strome trinken zu lassen. Die Indianer verjagten ihn; aber noch geraume
+Zeit hoerten wir das Geschrei des Jungen, das wie das Miauen einer jungen
+Katze klang. Bald darauf wurde unsere grosse Dogge von ungeheuern
+Fledermaeusen, die um unsere Haengematten flattevten, vorne an der Schnauze
+gebissen, oder, wie die Eingeborenen sagen, *gestochen*. Sie hatten lange
+Schwaenze wie die Molossen; ich glaube aber, dass es Phyllostomen waren,
+deren mit Warzen besetzte Zunge ein Saugorgan ist, das sie bedeutend
+verlaengern koennen. Die Wunde war ganz klein und rund. Der Hund heulte
+klaeglich, sobald er den Biss fuehlte, aber nicht aus Schmerz, sondern weil
+er ueber die Fledermaeuse, als sie unter unsern Haengematten hervorkamen,
+erschrak. Dergleichen Faelle sind weit seltener, als man im Lande selbst
+glaubt. Obgleich wir in Laendern, wo die Vampyre und aehnliche
+Fledermausarten so haeufig sind, so manche Nacht unter freiem Himmel
+geschlafen haben, sind wir doch nie von ihnen gebissen worden. Ueberdem
+ist der *Stich* keineswegs gefaehrlich und der Schmerz meist so
+unbedeutend, dass man erst aufwacht, wenn die Fledermaus sich bereits
+davongemacht hat.
+
+Am 4. April. Diess war unser letzter Tag auf dem Apure. Der Pflanzenwuchs
+an den Ufern wurde immer einfoermiger. Seit einigen Tagen, besonders seit
+der Mission Arichuna, fingen wir an arg von den Insekten gequaelt zu
+werden, die sich uns auf Gesicht und Haende setzten. Es waren keine
+*Moskitos*, die den Habitus kleiner Muecken von der Gattung _Simulium_
+haben,(7) sondern *Zancudos*, aechte Schnacken, aber von unserem _Culex
+pipiens_ ganz verschieden. Sie kommen erst nach Sonnenuntergang zum
+Vorschein; ihr Saugruessel ist so lang, dass, wenn sie sich an die
+Unterseite der Haengematte setzen, ihr Stachel durch die Haengematte und die
+dicksten Kleider dringt.
+
+Wir wollten in der *Vuelta del Palmito* uebernachten, aber an diesem Strich
+des Apure gibt es so viele Jaguars, dass unsere Indianer, als sie unsere
+Haengematten befestigen wollten, ihrer zwei hinter einem Courbarilstamm
+versteckt fanden. Man rieth uns, das Schiff wieder zu besteigen und unser
+Nachtlager auf der Insel Apurito, ganz nahe beim Einfluss in den Orinoco,
+aufzuschlagen. Dieser Theil der Insel gehoert zu der Provinz Caracas,
+dagegen das rechte Ufer des Apure zu der Provinz Barinas und das rechte
+Ufer des Orinoco zu spanisch Guyana. Wir fanden keine Baeume, um unsere
+Haengematten zu befestigen, und mussten am Boden auf Ochsenhaeuten schlafen.
+Die Canoes sind zu eng und wimmeln zu sehr von Zancudos, als dass man darin
+uebernachten koennte.
+
+An der Stelle, wo wir unsere Instrumente ans Land gebracht hatten, war das
+Ufer ziemlich steil, und da sahen wir denn einen neuen Beweis von der oben
+besprochenen Traegheit der huehnerartigen Voegel unter den Tropen. Die Hoccos
+und Pauxis(8) kommen immer mehrmals des Tags an den Fluss herunter, um
+ihren Durst zu loeschen. Sie trinken viel und in kurzen Pausen. Eine Menge
+dieser Voegel und ein Schwarm Parraquas-Fasanen hatten sich bei unserem
+Nachtlager zusammengefunden. Es wurde ihnen sehr schwer, am abschuessigen
+Ufer hinaufzukommen; sie versuchten es mehreremale, ohne ihre Fluegel zu
+brauchen. Wir jagten sie vor uns her wie Schaafe. Die Zamurosgeier
+entschliessen sich gleichfalls sehr schwer zum Auffliegen.
+
+Ich konnte nach Mitternacht eine gute Beobachtung der Meridianhoehe von {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}
+des suedlichen Kreuzes anstellen. Der Einfluss des Apure liegt unter
+7 deg. 36{~PRIME~} 23{~DOUBLE PRIME~} der Breite. Pater GUMILLA gibt 5 deg. 5{~PRIME~}, D'ANVILLE 7 deg. 3{~PRIME~}, CAULIN
+7 deg. 26{~PRIME~} an. Die Laenge der *Boca* des Apure ist nach den Sonnenhoehen, die
+ich am 5. April Morgens aufgenommen, 69 deg. 7{~PRIME~} 29{~DOUBLE PRIME~}, oder 1 deg. 12{~PRIME~} 41{~DOUBLE PRIME~} oestlich
+vom Meridian von San Fernando.
+
+*Am 5. April*. Es fiel uns sehr auf, wie gering die Wassermasse ist,
+welche der Apure in dieser Jahreszeit dem Orinoco zufuehrt. Derselbe Strom,
+der nach meinen Messungen beim *Cano ricco* noch 136 Toisen breit war, mass
+an seiner Ausmuendung nur zwischen 60 und 80.(9) Seine Tiefe betrug hier
+nur 3--4 Toisen. Er verliert allerdings Wasser durch den Rio Arichuna und
+den Cano del Manati, zwei Arme des Apure, die zum Payara und Guarico
+laufen; aber der groesste Verlust scheint von der Einsickerung an den Ufern
+herzuruehren, von der oben die Rede war. Die Geschwindigkeit der Stroemung
+bei der Ausmuendung war nur 3 Fuss in der Secunde, so dass ich die ganze
+Wassermasse leicht berechnen koennte, wenn mir durch Sondirungen in kurzen
+Abstaenden alle Dimensionen des Querschnitts bekannt waeren. Der Barometer,
+der in San Fernando, 28 Fuss ueber dem mittleren Wasserstand des Apure, um
+9-1/2 Uhr Morgens 335,6 Linien hoch gestanden hatte, stand an der
+Ausmuendung des Apure in den Orinoco 337,3 Linien hoch. Rechnet man die
+ganze Laenge des Wegs (die Kruemmungen des Stroms mitgerechnet(10)) zu 94
+Seemeilen oder 893,000 Toisen und nimmt man die kleine, wegen der
+stuendlichen Schwankung des Barometers vorzunehmende Correction in
+Rechnung, so ergibt sich im Durchschnitt ein Gefaelle von 13 Zoll auf die
+Seemeile von 950 Toisen. LA CONDAMINE und der gelehrte Major RENNEL
+glauben, dass der Fall des Amazonenstroms und des Ganges durchschnittlich
+kaum 4--5 Zoll auf die Seemeile betraegt.
+
+Wir fuhren, ehe wir in den Orinoco einliefen, mehrmals auf; die
+Anschwemmungen sind beim Zusammenfluss der beiden Stroeme ungeheuer gross.
+Wir mussten uns laengs des Ufers am Tau ziehen lassen. Welcher Contrast
+zwischen diesem Zustand des Stroms unmittelbar vor dem Beginn der
+Regenzeit, wo die Wirkungen der Trockenheit der Luft und der Verdunstung
+ihr Maximum erreicht haben, und dem Stand im Herbste, wo der Apure gleich
+einem Meeresarm, so weit das Auge reicht, ueber den Grasfluren steht! Gegen
+Sued sahen wir die einzelnstehenden Huegel bei Coruato; im Osten fingen die
+Granitfelsen von Curiquima, der Zuckerhut von Caycara und die *Cerros del
+Tirano* an ueber den Horizont emporzusteigen. Mit einem gewissen Gefuehl der
+Ruehrung sahen wir zum erstenmale, wornach wir uns so lange gesehnt, die
+Gewaesser des Orinoco, an einem von der Meereskueste so weit entfernten
+Punkte.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 1 Ganz besonders geschickt wissen die Esel sich die Feuchtigkeit im
+ Innern des _Cactus melocactus_ zu Nutze zu machen. Sie stossen die
+ Stacheln mit den Fuessen ab, und man sieht welche in Folge dieses
+ Verfahrens hinken.
+
+ 2 Wir bezahlten von San Fernando de Apure bis Carichana am Orinoco
+ (acht Tagereisen) 10 Piaster fuer die Lancha, und ausserdem dem
+ Steuermann einen halben Piaster oder vier Realen und jedem der
+ indianischen Ruderer zwei Realen Taglohn.
+
+ 3 Es ist diess der _Arue_ der Tamanaken, der _Amana_ der Maypuren,
+ CUVIERs _Crocodilus acutus_.
+
+ 4 Um die Geschwindigkeit eines Stroms an der Oberflaeche zu ermitteln,
+ maass ich meist am Ufer eine Standlinie von 250 Fuss ab und bemerkte
+ mit dem Chronometer die Zeit, die ein frei im Strom schwimmender
+ Koerper brauchte, um dieselbe Strecke zurueckzulegen.
+
+ 5 Eine Mimosenart.
+
+_ 6 Garzon Chico_. In Oberaegypten glaubt man, die Reiher haben eine
+ Zuneigung zum Krokodil, weil sie sich beim Fischfang den Umstand zu
+ Nutze machen, dass die Fische sich ueber das ungeheure Thier entsetzen
+ und sich vor ihm vom Grunde des Wassers an die Oberflaeche
+ herauffluechten; aber an den Ufern des Nils kommt der Reiher dem
+ Krokodil klueglich nicht zu nahe.
+
+ 7 LATREILLE hat gefunden, dass die *Moustiques* in Sued-Carolina zur
+ Gattung _Simulium_ (_Atractocera_, Meigen) gehoeren.
+
+ 8 Letzterer (_Crax Pauxi_) ist nicht so haeufig als ersterer.
+
+ 9 Diess ist nicht ganz die Breite der Seine am Pontroyal, den Tuilerien
+ gegenueber.
+
+ 10 Ich schaetzte sie auf ein Viertheil der geraden Entfernung.
+
+
+
+
+
+NEUNZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Zusammenfluss des Apure mit dem Orinoco. -- Die Gebirge von
+ Encaramada. -- Uruana. -- Baraguan. -- Carichana. -- Der Einfluss
+ des Meta. -- Die Insel Panumana.
+
+
+Mit der Ausfahrt aus dem Apure sahen wir uns in ein ganz anderes Land
+versetzt. So weit das Auge reichte, dehnte sich eine ungeheure
+Wasserflaeche, einem See gleich, vor uns aus. Das durchdringende Geschrei
+der Reiher, Flamingos und Loeffelgaense, wenn sie in langen Schwaermen von
+einem Ufer zum andern ziehen, erfuellte nicht mehr die Luft. Vergeblich
+sahen wir uns nach den Schwimmvoegeln um, deren gewerbsmaeszige Listen bei
+jeder Sippe wieder andere sind. Die ganze Natur schien weniger belebt.
+Kaum bemerkten wir in den Buchten der Wellen hie und da ein grosses
+Krokodil, das mittelst seines langen Schwanzes die bewegte Wasserflaeche
+schief durchschnitt. Der Horizont war von einem Waldguertel begrenzt, aber
+nirgends traten die Waelder bis ans Strombett vor. Breite, bestaendig der
+Sonnengluth ausgesetzte Ufer, kahl und duerr wie der Meeresstrand, glichen
+in Folge der Luftspiegelung von weitem Lachen stehenden Wassers. Diese
+sandigten Ufer verwischten vielmehr die Grenzen des Stromes, statt sie fuer
+das Auge festzustellen; nach dem wechselnden Spiel der Strahlenbrechung
+rueckten die Ufer bald nahe heran, bald wieder weit weg.
+
+Diese zerstreuten Landschaftszuege, dieses Gepraege von Einsamkeit und
+Grossartigkeit kennzeichnen den Lauf des Orinoco, eines der gewaltigsten
+Stroeme der neuen Welt. Aller Orten haben die Gewaesser wie das Land ihren
+eigenthuemlichen, individuellen Charakter. Das Bett des Orinoco ist ganz
+anders als die Betten des Meta, des Guaviare, des Rio Negro und des
+Amazonenstroms. Diese Unterschiede ruehren nicht bloss von der Breite und
+der Geschwindigkeit des Stromes her; sie beruhen auf einer Gesammtheit von
+Verhaeltnissen, die an Ort und Stelle leichter aufzufassen, als genau zu
+beschreiben sind. So erriethe ein erfahrener Schiffer schon an der Form
+der Wogen, an der Farbe des Wassers, am Aussehen des Himmels und der
+Wolken, ob er sich im atlantischen Meer, oder im Mittelmeer, oder im
+tropischen Strich des grossen Oceans befindet.
+
+Der Wind wehte stark aus Ost-Nord-Ost; er war uns guenstig, um
+stromaufwaerts nach der Mission Encaramada zu segeln; aber unsere Pirogue
+leistete dem Wogenschlag so geringen Widerstand, dass, wer gewoehnlich
+seekrank wurde, bei der heftigen Bewegung selbst auf dem Fluss sich sehr
+unbehaglich fuehlte. Das Scholken ruehrt daher, dass die Gewaesser der beiden
+Stroeme beider Bereinigung auf einander stossen. Dieser Stoss ist sehr stark,
+aber lange nicht so gefaehrlich, als Pater GUMILLA behauptet. Wir fuhren an
+der Punta Curiquima vorbei, einer einzeln stehenden Masse von quarzigem
+Granit, einem kleinen, aus abgerundeten Bloecken bestehenden Vorgebirge.
+Hier, auf dem rechten Ufer des Orinoco, hatte zur Zeit der Jesuiten Pater
+Rotella unter den Palenques- und Biriviri-Indianern eine Mission angelegt.
+Bei Hochwasser waren der Berg Curiquima und das Dorf am Fuss desselben
+rings von Wasser umgeben. Wegen dieses grossen Uebelstandes und wegen der
+Unzahl Moskitos und _'Niguas'_,(11) von denen Missionaere und Indianer
+geplagt wurden, gab man den feuchten Ort auf. Jetzt ist er voellig
+verlassen, waehrend gegenueber auf dem linken Ufer in den Huegeln von Coruato
+herumziehende Indianer hausen, die entweder aus den Missionen oder aus
+freien, den Moenchen nicht unterworfenen Staemmen ausgestossen worden sind.
+
+Die ungemeine Breite des Orinoco zwischen der Einmuendung des Apure und dem
+Berge Curiquima fiel mir sehr auf; ich berechnete sie daher nach einer
+Standlinie, die ich am westlichen Ufer zweimal abgemessen. Das Bett des
+Orinoco war beim gegenwaertigen tiefen Wasserstand 1906 Toisen breit; aber
+in der Regenzeit, wenn der Berg Curiquima und der Hof Capuchino beim Huegel
+Pocopocori Inseln sind, moegen es 5517 Toisen werden. Zum starken
+Anschwellen des Orinoco traegt auch der Druck der Wasser des Apure bei, der
+nicht, wie andere Nebenfluesse, mit dem Obertheil des Hauptstroms einen
+spitzen Winkel bildet, sondern unter einem rechten Winkel einmuendet. Wir
+massen an verschiedenen Punkten des Bettes die Temperatur des Wassers;
+mitten im Thalweg, wo die Stroemung am staerksten ist, betrug sie 28 deg.,3, in
+der Naehe der Ufer 29 deg.,2.
+
+Wir fuhren zuerst gegen Suedwest hinaus bis zum Gestade der
+Guaricotos-Indianer auf dem linken Ufer des Orinoco, und dann gegen Sued.
+Der Strom ist so breit, dass die Berge von Encaramada aus dem Wasser
+emporzusteigen scheinen, wie wenn man sie ueber dem Meereshorizont saehe.
+Sie bilden eine ununterbrochene, von Ost nach West streichende Kette, und
+je naeher man ihnen kommt, desto malerischer wird die Landschaft. Diese
+Berge bestehen aus ungeheuren zerkluefteten, auf einander gethuermten
+Granitbloecken. Die Theilung der Gebirgsmasse in Bloecke ist eine Folge der
+Verwitterung. Zum Reiz der Gegend von Encaramada traegt besonders der
+kraeftige Pflanzenwuchs bei, der die Felswaende bedeckt und nur die
+abgerundeten Gipfel frei laesst. Man meint, altes Gemaeuer rage aus einem
+Walde empor. Aus dem Berg, an den sich die Mission lehnt, dem *Tepupano*
+der Tamanacos, stehen drei ungeheure Granitcylinder, von denen zwei
+geneigt sind, waehrend der dritte, unten schmaelere und ueber 80 Fuss hohe,
+senkrecht stehen geblieben ist. Dieser Felsen, dessen Form an die
+*Schnarcher* im Harz oder an die *Orgeln von Actopan* in Mexico erinnert,
+war frueher ein Stueck des runden Berggipfels. Zu allen Erdstrichen hat der
+nicht geschichtete Granit das Eigenthuemliche, dass er durch Verwitterung in
+prismatische, cylindrische oder saeulenfoermige Bloecke zerfaellt.
+
+Gegenueber dem Gestade der Guaricotos kamen wir in die Naehe eines andern,
+ganz niedrigen, drei bis vier Toisen langen Felshaufens. Er steht mitten
+in der Ebene und gleicht nicht sowohl einem Tumulus als den Granitmassen,
+die man in Holland und Niederdeutschland _'Huenenbetten'_ nennt. Der
+Ufersand an diesem Stueck des Orinoco ist nicht mehr reiner Quarzsand, er
+besteht aus Thon und Glimmerblaettchen in sehr duennen Schichten, die meist
+unter einen Winkel von 40--50 Grad fallen; er sieht aus wie verwitterter
+Glimmerschiefer. Dieser Wechsel in der geologischen Beschaffenheit der
+Ufer tritt schon weit oberhalb der Muendung des Apure ein; schon beim
+Algodonal und beim Cano de Manati fingen wir in letzterem Flusse an
+denselben zu bemerken. Die Glimmerblaettchen kommen ohne Zweifel von den
+Granitbergen von Curiquima und Encaramada, denn weiter nach Nord und Ost
+findet man nur Quarzsand, Sandstein, festen Kalkstein und Gyps. Dass
+Anschwemmungen von Sued nach Nord gefuehrt werden, kann am Orinoco nicht
+befremden; aber wie erklaert sich dieselbe Erscheinung im Bett des Apure,
+sieben Meilen westwaerts von seiner Ausmuendung? Beim gegenwaertigen Zustand
+der Dinge laeuft der Apure auch beim hoechsten Wasserstand des Orinoco nie
+so weit rueckwaerts, und um sich von der Erscheinung Rechenschaft zu geben,
+muss man annehmen, die Glimmerschichten haben sich zu einer Zeit
+niedergeschlagen, wo der ganze, sehr tief gelegene Landstrich zwischen
+Caycara, dem Algodonal und den Bergen von Encaramada ein Seebecken war.
+
+Wir verweilten einige Zeit im Hafen von Encaramada; es ist diess eine Art
+Ladeplatz, wo die Schiffe zusammenkommen. Das Ufer besteht aus einem
+40--50 Fuss hohen Felsen, wieder jenen aufeinander gethuermten
+Granitbloecken, wie sie am Schneeberg in Franken und fast in allen
+Granitgebirgen in Europa vorkommen. Manche dieser abgesonderten Massen
+sind kugeligt; es sind aber keine Kugeln mit concentrischen Schichten,
+sondern nur abgerundete Bloecke, Kerne, von denen das umhuellende Gestein
+abgewittert ist. Der Granit ist bleigrau, oft schwarz, wie mit Manganoxyd
+ueberzogen; aber diese Farbe dringt kaum 1/5 Linie tief ins Gestein, das
+roethlich weiss, grobkoernig ist und keine Hornblende enthaelt.
+
+Die indianischen Namen der Mission *San Luis del ** Encaramada* sind
+_Guaja_ und _Caramana_.(12) Es ist diess das kleine Dorf, das im Jahr 1749
+vom Jesuitenpater GILI, dem Verfasser der in Rom gedruckten _Storia dell
+Orinoco_, gegruendet wurde. Dieser in den Indianersprachen sehr bewanderte
+Mann lebte hier achtzehn Jahre in der Einsamkeit bis zur Vertreibung der
+Jesuiten. Man bekommt einen Begriff davon, wie oede diese Landstriche sind,
+wenn man hoert, dass Pater Gili von Carichana, das 40 Meilen von Encaramada
+liegt, wie von einem weit entlegenen Orte spricht, und dass er nie bis zu
+dem ersten Katarakt des Stromes gekommen ist, an dessen Beschreibung er
+sich gewagt hat.
+
+Im Hafen von Encaramada trafen wir Caraiben aus Panapana. Es war ein
+Cazike, der in seiner Pirogue zum beruehmten Schildkroeteneierfang den Fluss
+hinausging. Seine Pirogue war gegen den Boden zugerundet wie ein *Bongo*
+und fuehrte ein kleineres Canoe, _'Curiara'_ genannt, mit sich. Er sass
+unter einer Art Zelt (_Toldo_), das, gleich dem Segel, aus Palmblaettern
+bestand. Sein kalter, einsylbiger Ernst, die Ehrerbietung, die die
+Seinigen ihm bezeugten, Alles zeigte, dass man einen grossen Herrn vor sich
+hatte. Der Cazike trug sich uebrigens ganz wie seine Indianer; alle waren
+nackt, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und mit *Onoto*, dem Farbestoff des
+Rocou, bemalt. Haeuptling, Dienerschaft, Geraethe, Fahrzeug, Segel, Alles
+war roth angestrichen. Diese Caraiben sind Menschen von fast athletischem
+Wuchs; sie schienen uns weit hoeher gewachsen als die Indianer, die wir
+bisher gesehen. Ihre glatten, dichten, auf der Stirne wie bei den
+Chorknaben verschnittenen Haare, ihre schwarz gefaerbten Augenbrauen, ihr
+finsterer und doch lebhafter Blick gaben ihrem Gesichtsausdruck etwas
+ungemein Hartes. Wir hatten bis jetzt nur in den Cabineten in Europa ein
+paar Caraibenschaedel von den Antillen gesehen und waren daher ueberrascht,
+dass bei diesen Indianern von reinem Blute die Stirne weit gewoelbter war,
+als man sie uns beschrieben. Die sehr grossen, aber ekelhaft schmutzigen
+Weiber trugen ihre kleinen Kinder auf dem Ruecken. Die Ober- und
+Unterschenkel der Kinder waren in gewissen Abstaenden mit breiten Binden
+aus Baumwollenzeug eingeschnuert. Das Fleisch unter den Binden wird stark
+zusammengepresst und quillt in den Zwischenraeumen heraus. Die Caraiben
+verwenden meist auf ihr Aeusseres und ihren Putz so viel Sorgfalt, als
+nackte und roth bemalte Menschen nur immer koennen. Sie legen bedeutenden
+Werth auf gewisse Koerperformen, und eine Mutter wuerde gewissenloser
+Gleichgueltigkeit gegen ihre Kinder beschuldigt, wenn sie ihnen nicht durch
+kuenstliche Mittel die Waden nach der Landessitte formte. Da keiner unserer
+Indianer vom Apure caraibisch sprach, konnten wir uns beim Caziken von
+Panapana nicht nach den Lagerplaetzen erkundigen, wo man in dieser
+Jahreszeit auf mehreren Inseln im Orinoco zum Sammeln der Schildkroeteneier
+zusammenkommt.
+
+Bei Encaramada trennt eine sehr lange Insel den Strom in zwei Arme. Wir
+uebernachteten in einer Felsenbucht, gegenueber der Einmuendung des Rio
+Cabullare, zu dem der Payara und der Atamaica sich vereinigen, und den
+manche als einen Zweig des Apure betrachten, weil er mit diesem durch den
+Rio Arichuna in Verbindung steht. Der Abend war schoen; der Mond beschien
+die Spitzen der Granitfelsen. Trotz der Feuchtigkeit der Luft war die
+Waerme so gleichmaessig vertheilt, dass man kein Sternflimmern bemerkte,
+selbst nicht 4 oder 5 Grad ueber dem Horizont. Das Licht der Planeten war
+auffallend geschwaecht, und liesse mich nicht die Kleinheit des scheinbaren
+Durchmessers Jupiters einen Irrthum in der Beobachtung fuerchten, so sagte
+ich, wir alle glaubten hier zum erstenmal mit blossem Auge die Scheibe
+Jupiters zu sehen. Gegen Mitternacht wurde der Nordostwind sehr heftig. Er
+fuehrte keine Wolken heraus, aber der Himmel bezog sich mehr und mehr mit
+Dunst. Es traten starke Windstoesse ein und machten uns fuer unsere Pirogue
+besorgt. Wir hatten den ganzen Tag ueber nur sehr wenige Krokodile gesehen,
+aber lauter ungewoehnlich grosse, 20--24 Fuss lange. Die Indianer
+versicherten uns, die jungen Krokodile suchen lieber die Lachen und
+weniger breite und tiefe Fluesse auf; besonders in den Canos sind sie in
+Menge zu finden, und man koennte von ihnen sagen, was ABD-ALLATIF von den
+Nilkrokodilen sagt, "sie wimmeln wie Wuermer an den seichten Stromstellen
+und im Schutz der unbewohnten Inseln."
+
+Am 6. April. Wir fuhren erst gegen Sued, dann gegen Suedwest weiter den
+Orinoco hinauf und bekamen den Suedabhang der *Serrania* oder der Bergkette
+Encaramada zu Gesicht. Der dem Fluss am naechsten gelegene Strich ist nicht
+mehr als 140--160 Toisen hoch, aber die steilen Abhaenge, die Lage mitten
+in einer Savane; ihre in unfoermliche Prismen zerkluefteten Felsgipfel
+lassen die Serrania auffallend hoch erscheinen. Ihre groesste Breite betraegt
+nur drei Meilen; nach den Mittheilungen von Pareka-Indianern wird sie
+gegen Ost bedeutend breiter. Die Gipfel der Encaramada bilden den
+noerdlichsten Zug eines Bergstocks, welcher sich am rechten Ufer des
+Orinoco zwischen dem 5. und 7-1/2 Grad der Breite, vom Einfluss des Rio
+Zama bis zu dem des Cabullare hinzieht. Zwischen den verschiedenen Zuegen
+dieses Bergstocks liegen kleine grasbewachsene Ebenen. Sie laufen einander
+nicht ganz parallel, denn die noerdlichsten ziehen sich von West nach Ost,
+die suedlichsten von Nordwest nach Suedost. Aus dieser verschiedenen
+Richtung erklaert sich vollkommen, warum die Cordillere der Parime gegen
+Ost, zwischen den Quellen des Orinoco und des Rio Paruspa, breiter wird.
+Wenn wir einmal ueber die grossen Katarakten von Atures und Maypures hinauf
+gelangt sind, werden wir hinter einander sieben Hauptketten erscheinen
+sehen, die Berge Encaramada oder Sacuina, Chaviripa, Baraguan, Carichana,
+Uniama, Calitamini und Sipapo. Diese Uebersicht mag einen allgemeinen
+Begriff von der geologischen Beschaffenheit des Bodens geben. Ueberall auf
+dem Erdball zeigen die Gebirge, wenn sie noch so unregelmaessig gruppirt
+scheinen, eine Neigung zu regelmaessigen Formen. Jede Kette erscheint einem,
+wenn man auf dem Orinoco faehrt, im Querschnitt als ein einzelner Berg,
+aber die Isolirung ist nur scheinbar. Die Regelmaessigkeit im Streichen und
+dem Auseinandertreten der Ketten scheint geringer zu werden, je weiter man
+gegen Osten kommt. Die Berge der Encaramada haengen mit denen des Mato
+zusammen, in welchen der Rio Asiveru oder Cuchivero entspringt; die Berge
+von Chaviripe erstrecken sich durch ihre Auslaeufer, die Granitberge
+Corosal, Amoco und Murcielago, bis zu den Quellen des Erevato und
+Ventuari.
+
+Ueber diese Berge, die von sanftmuethigen, ackerbauenden Indianern bewohnt
+sind, liess bei der Expedition an die Grenze General Iturriaga das Hornvieh
+gehen, mit dem die neue Stadt San Fernando de Atobapo versorgt werden
+sollte. Die Einwohner der Encaramada zeigten da den spanischen Soldaten
+den Weg zum Rio Manapiari, der in den Ventuari muendet. Faehrt man diese
+beiden Fluesse hinab, so gelangt man in den Orinoco und Atobapo, ohne ueber
+die grossen Katarakten zu kommen, ueber welche Vieh hinaufzuschaffen so gut
+wie unmoeglich waere. Der Unternehmungsgeist, der den Castilianern zur Zeit
+der Entdeckung von Amerika in so vorzueglichem Grade eigen war, lebte in
+der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf kurze Frist noch einmal auf,
+als Koenig Ferdinand VI. die wahren Grenzen seiner ungeheuren Besitzungen
+kennen lernen wollte, und in den Waeldern von Guyana, dem classischen Lande
+der Luege und der maehrchenhaften Ueberlieferungen, die Arglist der Indianer
+die chimaerische Vorstellung von den Schaetzen des Dorado, welche die
+Einbildungskraft der ersten Eroberer so gewaltig beschaeftigt hatte, von
+Neuem in Umlauf brachte.
+
+In diesen Bergen der Encaramada, die, wie der meiste grobkoernige Granit,
+keine Gaenge enthalten, fragt man sich, wo die Goldgeschiebe herkommen,
+welche Juan MARTINEZ(13) und RALEGH bei den Indianern am Orinoco in so
+grosser Menge gesehen haben wollen. Nach meinen Beobachtungen in diesem
+Theile von Amerika glaube ich, dass das Gold, wie das Zinn, zuweilen in
+kaum sichtbaren Theilchen durch die ganze Masse des Granitgesteins
+zerstreut ist, ohne dass man kleine veraestete und in einander verschlungene
+Gaenge anzunehmen hat. Noch nicht lange fanden Indianer aus Encaramada in
+der _Quebrada del tigre_ (Tigerschlucht) ein Goldkorn von zwei Linien
+Durchmesser. Es war rund und schien im Wasser gerollt. Diese Entdeckung
+war den Missionaeren noch wichtiger als den Indianern, aber sie blieb
+alleinstehend.
+
+Ich kann dieses erste Glied des Bergstocks der Encaramada nicht verlassen,
+ohne eines Umstandes zu erwaehnen, der Pater GILI nicht unbekannt geblieben
+war und dessen man waehrend unseres Aufenthalts in den Missionen am Orinoco
+haeufig gegen uns erwaehnte. Unter den Eingeborenen dieser Laender hat sich
+die Sage erhalten, "beim grossen Wasser, als ihre Vaeter das Canoe besteigen
+mussten, um der allgemeinen Ueberschwemmung zu entgehen, haben die Wellen
+des Meeres die Felsen der Encaramada bespuelt." Diese Sage kommt nicht nur
+bei einem einzelnen Volke, den Tamanaken vor, sie gehoert zu einem Kreise
+geschichtlicher Ueberlieferungen, aus dem sich einzelne Vorstellungen bei
+den Maypures an den grossen Katarakten, bei den Indianern am Rio Erevato,
+der sich in den Caura ergiesst, und fast bei allen Staemmen am obern Orinoco
+finden. Fragt man die Tamanaken, wie das Menschengeschlecht diese grosse
+Katastrophe, die *Wasserzeit* der Mexicaner, ueberlebt habe, so sagen sie,
+"ein Mann und ein Weib haben sich auf einen hohen Berg, Namens Tamanacu,
+am Ufer des Asiveru, gefluechtet; da haben sie Fruechte der Mauritiapalme
+hinter sich ueber ihre Koepfe geworfen, und aus den Kernen derselben seyen
+Maennlein und Weiblein entsprossen, welche die Erde wieder bevoelkert." In
+solch einfacher Gestalt lebt bei jetzt wilden Voelkern eine Sage, welche
+von den Griechen mit allem Reiz der Einbildungskraft geschmueckt worden
+ist. Ein paar Meilen von Encaramada steht mitten in der Savane ein Fels,
+der sogenannte *Tepumereme*, *der gemalte Fels*. Man sieht darauf
+Thierbilder und symbolische Zeichen, aehnlich denen, wie wir sie auf der
+Rueckfahrt auf dem Orinoco nicht weit unterhalb Encaramada bei der Stadt
+Caycara gesehen. In Afrika heissen dergleichen Felsen bei den Reisenden
+_'Fetischsteine'_. Ich vermeide den Ausdruck, weil die Eingeborenen am
+Orinoco von einem Fetischdienst nichts wissen, und weil die Bilder, die
+wir an nunmehr unbewohnten Orten auf Felsen gefunden, Sterne, Sonnen,
+Tiger, Krokodile, mir keineswegs Gegenstaende religioeser Verehrung
+vorzustellen scheinen. Zwischen dem Cassiquiare und dem Orinoco, zwischen
+Encaramada, Capuchino und Caycara sind diese hieroglyphische n Figuren
+haeufig sehr hoch oben in Felswaende eingehauen, wohin man nur mittelst sehr
+hoher Gerueste gelangen koennte. Fragt man nun die Eingeborenen, wie es
+moeglich gewesen sey, die Bilder einzuhauen, so erwiedern sie laechelnd, als
+spraechen sie eine Thatsache aus, mit der nur ein Weisser nicht bekannt seyn
+kann, "zur Zeit des *grossen Wassers* seyen ihre Vaeter so hoch oben im
+Canoe gefahren."
+
+Diese alten Sagen des Menschengeschlechts, die wir gleich Truemmern eines
+grossen Schiffbruchs ueber den Erdball zerstreut finden, sind fuer die
+Geschichtsphilosophie von hoechster Bedeutung. Wie gewisse Pflanzenfamilien
+in allen Klimaten und in den verschiedensten Meereshoehen das Gepraege des
+gemeinsamen Typus behalten, so haben die cosmogonischen Ueberlieferungen
+der Voelker aller Orten denselben Charakter, eine Familienaehnlichkeit, die
+uns in Erstaunen setzt. Im Grundgedanken hinsichtlich der Vernichtung der
+lebendigen Schoepfung und der Erneuerung der Natur weichen die Sagen fast
+gar nicht ab, aber jedes Volk gibt ihnen eine oertliche Faerbung. Auf den
+grossen Festlaendern, wie auf den kleinsten Inseln im stillen Meer haben
+sich die uebrig gebliebenen Menschen immer auf den hoechsten Berg in der
+Naehe gefluechtet, und das Ereigniss erscheint desto neuer, je roher die
+Voelker sind und je weniger, was sie von sich selbst wissen, weit
+zurueckreicht. Untersucht man die mexicanischen Denkmale aus der Zeit vor
+der Entdeckung der neuen Welt genau, dringt man in die Waelder am Orinoco,
+sieht man, wie unbedeutend, wie vereinzelt die europaeischen
+Niederlassungen sind und in welchen Zustaenden die unabhaengig gebliebenen
+Staemme verharren, so kann man nicht daran denken, die eben besprochene
+Uebereinstimmung dem Einfluss der Missionare und des Christenthums auf die
+Volkssagen zuzuschreiben. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass die Voelker
+am Orinoco durch den Umstand, dass sie Meeresprodukte hoch oben in den
+Gebirgen gefunden, auf die Vorstellung vom grossen Wasser gekommen seyn
+sollten, das eine Zeit lang die Keime des organischen Lebens auf der Erde
+vernichtet habe. Das Land am rechten Ufer des Orinoco bis zum Cassiquiare
+und Rio Negro besteht aus Urgebirge. Ich habe dort wohl eine kleine
+Sandstein- oder Conglomeratsormation angetroffen, aber keinen secundaeren
+Kalkstein, keine Spur von Versteinerungen.
+
+Der frische Nordostwind brachte uns mit vollen Segeln zur *Boca de la
+Tortuga*. Gegen eilf Uhr Vormittags stiegen wir an einer Insel mitten im
+Strome aus, welche die Indianer in der Mission Uruana als ihr Eigenthum
+betrachten. Diese Insel ist beruehmt wegen des Schildkroetenfangs, oder, wie
+man hier sagt, wegen der _Cosecha_ der *Eierernte*, die jaehrlich hier
+gehalten wird. Wir fanden hier viele Indianer beisammen und unter Huetten
+aus Palmblaettern gelagert. Das Lager war ueber dreihundert Koepfe stark.
+Seit San Fernando am Apure waren wir nur an oede Gestade gewoehnt, und so
+fiel uns das Leben, das hier herrschte, ungemein auf. Ausser den Guamos und
+Otomacos aus Uruana, die beide fuer wilde, unzaehmbare Staemme gelten, waren
+Caraiben und andere Indianer vom untern Orinoco da. Jeder Stamm lagerte
+fuer sich und unterschied sich durch die Farbe, mit der die Haut bemalt
+war. Wir fanden in diesem laermenden Haufen einige Weisse, namentlich
+_'Pulperos'_ oder Kraemer aus Angostura, die den Fluss herausgekommen waren,
+um von den Eingeborenen Schildkroeteneieroel zu kaufen. Wir trafen auch den
+Missionaer von Uruana, der aus Alcala de Henarez gebuertig war. Der Mann
+verwunderte sich nicht wenig, uns hier zu finden. Nachdem er unsere
+Instrumente bewundert, entwarf er uns eine uebertriebene Schilderung von
+den Beschwerden, denen wir uns nothwendig aussetzten, wenn wir auf dem
+Orinoco bis ueber die Faelle hinaufgingen. Der Zweck unserer Reise schien
+ihm in bedeutendes Dunkel gehuellt. "Wie soll einer glauben," sagte er,
+"dass ihr euer Vaterland verlassen habt, um euch auf diesem Flusse von den
+Moskitos auszehren zu lassen und Land zu vermessen, das euch nicht
+gehoert?" Zum Glueck hatten wir Empfehlungen vom Pater Gardian der
+Franciscaner-Missionen bei uns, und der Schwager des Statthalters von
+Barinas, der bei uns war, machte bald den Bedenken ein Ende, die durch
+unsere Tracht, unsern Accent und unsere Ankunft auf diesem sandigen Eiland
+unter den Weissen aufgetaucht waren. Der Missionar lud uns zu seinem
+frugalen Mahl aus Bananen und Fischen ein und erzaehlte uns, er sey mit den
+Indianern ueber die "Eierernte" heruebergekommen, "um jeden Morgen unter
+freiem Himmel die Messe zu lesen und sich das Oel fuer die Altarlampe zu
+verschaffen, besonders aber um diese _republica de Indios y Castellanos_
+in Ordnung zu halten, in der jeder fuer sich allein haben wolle, was Gott
+allen bescheert."
+
+Wir umgingen die Insel in Begleitung des Missionars und eines Pulpero, der
+sich ruehmte, dass er seit zehn Jahren ins Lager der Indianer und zur _pesca
+de Tortugas_ komme. Man besucht dieses Stueck des Orinoco, wie man bei uns
+die Messen von Frankfurt und Beaucaire besucht. Wir befanden uns auf einem
+ganz ebenen Sandstrich. Man sagte uns: "So weit das Auge an den Ufern hin
+reicht, liegen Schildkroeteneier unter einer Erdschicht." Der Missionar
+trug eine lange Stange in der Hand. Er zeigte uns, wie man mit der Stange
+(_vera_) sondirt, um zu sehen, wie weit die Eier*schicht* reicht, wie der
+Bergmann die Grenzen eines Lagers von Mergel, Raseneisenstein oder
+Steinkohle ermittelt. Stoesst man die Vara senkrecht in den Boden, so spuert
+man daran, dass der Widerstand auf einmal aufhoert, dass man in die Hoehlung
+oder das lose Erdreich, in dem die Eier liegen, gedrungen ist. Wie wir
+sahen, ist die Schicht im Ganzen so gleichfoermig verbreitet, dass die Sonde
+in einem Halbmesser von 10 Toisen rings um einen gegebenen Punkt sicher
+darauf stoesst. Auch spricht man hier nur von *Quadratstangen Eiern*, wie
+wenn man ein Bodenstueck, unter dem Mineralien liegen, in Loose theilte und
+ganz regelmaessig abbaute. Indessen bedeckt die Eierschicht bei weitem nicht
+die ganze Insel; sie hoert ueberall auf, wo der Boden rasch ansteigt, weil
+die Schildkroete auf diese kleinen Plateaus nicht hinaufkriechen kann. Ich
+erzaehlte meinen Fuehrern von den hochtrabenden Beschreibungen Pater
+GUMILLAs, wie die Ufer des Orinoco nicht soviel Sandkoerner enthalten, als
+der Strom Schildkroeten, und wie diese Thiere die Schiffe in ihrem Lauf
+aufhielten, wenn Menschen und Tiger nicht alljaehrlich so viele toedteten.
+"_Son cuentos de frailes_" sagte der Kraemer aus Angostura leise, denn da
+arme Missionaere hier zu Lande die einzigen Reisenden sind, so nennt man
+hier "Pfaffenmaehrchen," was man in Europa den Reisenden ueberhaupt
+aufbuerden wuerde.
+
+Die Indianer versicherten uns, von der Muendung des Orinoco bis zum Einfluss
+des Apure herauf finde man keine einzige Insel und kein einziges Gestade,
+wo man Schildkroeteneier in Masse sammeln koennte. Die grosse Schildkroete,
+der Arrau (sprich Arra-u), meidet von Menschen bewohnte oder von
+Fahrzeugen besuchte Orte. Es ist ein furchtsames, scheues Thier, das den
+Kopf ueber das Wasser streckt und sich beim leisesten Geraeusch versteckt.
+Die Uferstrecken, wo fast saemmtliche Schildkroeten des Orinoco sich
+jaehrlich zusammenzufinden scheinen, liegen zwischen dem Zusammenfluss des
+Orinoco und des Apure und den grossen Faellen oder *Raudales*, das heisst
+zwischen Cabruta und der Mission Atures. Hier befinden sich die drei
+beruehmten Fangplaetze Encaramada oder _boca del Cabullare_, Cucuruparu oder
+_boca de la Tortugay_ und Pararuma, etwas unterhalb Carichana. Die
+Arrau-Schildkroete geht, wie es scheint, nicht ueber die Faelle hinauf, und
+wie man uns versichert, kommen oberhalb Atures und Maypures nur
+*Terekay*-Schildkroeten vor. Es ist hier der Ort, einige Worte ueber diese
+beiden Arten und ihr Verhaeltniss zu den verschiedenen Familien der
+Schildkroeten zu sagen.
+
+Wir beginnen mit der Arrau-Schildkroete, welche die Spanier in den Colonien
+kurzweg _'Tortuga'_ nennen, und deren Geschlecht fuer die Voelker am untern
+Orinoco von so grosser Bedeutung ist. Es ist eine grosse
+Suesswasserschildkroete, mit Schwimmfuessen, sehr plattem Kopf, zwei
+fleischigen, sehr spitzen Anhaengen unter dem Kinn, mit fuenf Zehen an den
+Vorder- und vier an den Hinterfuessen, die unterhalb gefurcht sind. Der
+Schild hat 5 Platten in der Mitte, 8 seitliche und 24 Randplatten; er ist
+oben schwarzgrau, unten orangegelb, die Fuesse sind gleichfalls orangegelb
+und sehr lang. Zwischen den Augen ist eine sehr tiefe Furche. Die Naegel
+sind sehr stark und gebogen. Die Afteroeffnung befindet sich am letzten
+Fuenftheil des Schwanzes. Das erwachsene Thier wiegt 40--50 Pfund. Die
+Eier, weit groesser als Taubeneier, sind nicht so laenglicht wie die Gier des
+Terekay. Sie haben eine Kalkschaale und sollen so fest seyn, dass die
+Kinder der Otomaken, die starke Ballspieler sind, sie einander zuwerfen
+koennen. Kaeme der Arrau oberhalb der Kararakten im Strome vor, so gingen
+die Indianer am obern Orinoco nicht so weit nach dem Fleisch und den Eiern
+dieser Schildkroete; man sah aber frueher ganze Volksstaemme von den Fluessen
+Atabapo und Cassiquiare ueber die Raudales herabkommen, um am Fang bei
+Uruana Theil zu nehmen.
+
+Die *Terekays* sind kleiner als die Arrau. Sie haben meist nur 14 Zoll
+Durchmesser. Ihr Schild hat gleichviel Platten, sie sind aber etwas anders
+vertheilt. Ich zaehlte 4 im Mittelpunkt und zu jeder Seite 5 sechsseitige,
+am Rand 24 vierseitige, stark gebogene. Der Schild ist schwarz, ins Gruene
+spielend; Fuesse und Naegel sind wie beim Arrau. Das ganze Thier ist
+olivengruen, hat aber oben auf dem Kopf zwei aus roth und gelb gemischte
+Flecke. Auch der Hals ist gelb und hat einen stachligten Anhang. Die
+Terekays thun sich nicht in grosse Schwaerme zusammen, wie die Arraus, um
+ihre Eier mit einander auf demselben Ufer zu legen. Die Eier des Terekay
+haben einen angenehmen Geschmack und sind bei den Bewohnern von spanisch
+Guyana sehr gesucht. Sie kommen sowohl im obern Orinoco als unterhalb der
+Faelle vor, ferner im Apure, Uritucu, Guarico und den kleinen Fluessen,
+welche durch die Llanos von Caracas laufen. Nach der Bildung der Fuesse und
+des Kopfs, nach den Anhaengen an Kinn und Hals und nach der Stellung der
+Afteroeffnung scheint der Arrau und wahrscheinlich auch der Terekay eine
+neue Untergattung zu bilden, die von den Emyden zu trennen waere. Durch die
+Anhaenge und die Stellung des Afters naehern sie sich der _Emys nasuta_
+SCHWEIGGERs und dem *Matamata* in franzoesisch Guyana, unterscheiden sich
+aber von letzterem durch die Form der Schildplatten, die keine
+pyramidalischen Buckel haben.
+
+Die Zeit, wo die grosse Arrau-Schildkroete ihre Eier legt, faellt mit dem
+niedrigsten Wasserstand zusammen. Da der Orinoco von der Fruehlings-Tag-
+und Nachtgleiche an zu steigen anfaengt, so liegen von Anfang Januar bis
+zum 20. oder 25. Maerz die tiefsten Uferstrecken trocken. Die Arraus
+sammeln sich schon im Januar in grosse Schwaerme; sie gehen jetzt aus dem
+Wasser und waermen sich auf dem Sand in der Sonne. Die Indianer glauben,
+das Thier beduerfe zu seinem Wohlbefinden nothwendig starker Hitze und das
+Liegen in der Sonne befoerdere das Eierlegen. Den ganzen Februar findet man
+die Arraus fast den ganzen Tag aus dem Ufer. Zu Anfang Maerz vereinigen
+sich die zerstreuten Haufen und schwimmen zu den wenigen Inseln, auf denen
+sie gewoehnlich ihre Eier legen. Wahrscheinlich kommt dieselbe Schildkroete
+jedes Jahr an dasselbe Ufer. Um diese Zeit, wenige Tage vor dem Legen,
+erscheinen viele tausend Schildkroeten in langen Reihen an den Ufern der
+Inseln Cucuruparu, Uruana und Pararuma, recken den Hals und halten den
+Kopf ueber dem Wasser, ausschauend, ob nichts von Tigern oder Menschen zu
+fuerchten ist. Die Indianer, denen viel daran liegt, dass die vereinigten
+Schwaerme auch beisammen bleiben, dass sich die Schildkroeten nicht
+zerstreuen und in aller Ruhe ihre Eier legen koennen, stellen laengs des
+Ufers Wachen auf. Man bedeutet den Fahrzeugen, sich mitten im Strom zu
+halten und die Schildkroeten nicht durch Geschrei zu verscheuchen. Die Eier
+werden immer bei Nacht gelegt, aber gleich von Sonnenuntergang an. Das
+Thier graebt mit seinen Hinterfuessen, die sehr lang sind und krumme Klauen
+haben, ein drei Fuss weites und zwei Fuss tiefes Loch. Die Indianer
+behaupten, um den Ufersand zu befestigen, benetze die Schildkroete
+denselben mit ihrem Harn, und man glaubt solches am Geruch wahrzunehmen,
+wenn man ein frisch gegrabenes Loch oder _'Eiernest'_, wie man hier sagt,
+oeffnet. Der Drang der Thiere zum Eierlegen ist so stark, dass manche in die
+von andern gegrabenen, noch nicht wieder mit Erde ausgefuellten Loecher
+hinunter gehen und auf die frisch gelegte Eierschicht noch eine zweite
+legen. Bei diesem stuermischen Durcheinander werden ungeheuer viele Eier
+zerbrochen. Der Missionaer zeigte uns, indem er den Sand an mehreren
+Stellen ausgrub, dass der Verlust ein Drittheil der ganzen Ernte betragen
+mag. Durch das vertrocknende Gelb der zerbrochenen Eier backt der Sand
+noch staerker zusammen, und wir fanden Quarzsand und zerbrochene
+Eierschaalen in grossen Klumpen zusammengekittet. Der Thiere, welche in der
+Nacht am Ufer graben, sind so unermesslich viele, dass manche der Tag
+ueberrascht, ehe sie mit dem Legen fertig werden konnten. Da treibt sie der
+doppelte Drang, ihre Eier los zu werden und die gegrabenen Loecher
+zuzudecken, damit der Tiger sie nicht sehen moege. Die Schildkroeten, die
+sich verspaetet haben, achten auf keine Gefahr, die ihnen selbst droht. Sie
+arbeiten unter den Augen der Indianer, die frueh Morgens auf das Ufer
+kommen. Man nennt sie _'naerrische Schildkroeten.'_ Trotz ihrer ungestuemen
+Bewegungen faengt man sie leicht mit den Haenden.
+
+Die drei Indianerlager an den oben erwaehnten Orten werden Ende Maerz und in
+den ersten Tagen Aprils eroeffnet. Die Eierernte geht das einemal vor sich
+wie das andere, mit der Regelmaessigkeit, die bei Allem herrscht, was von
+Moenchen ausgeht. Ehe die Missionaere an den Fluss kamen, beuteten die
+Eingeborenen ein Produkt, das die Natur hier in so reicher Fuelle bietet,
+in weit geringerem Maasse aus. Jeder Stamm durchwuehlte das Ufer nach seiner
+eigenen Weise und es wurden unendlich viele Eier muthwillig zerbrochen,
+weil man nicht vorsichtig grub und mehr Eier fand, als man mitnehmen
+konnte. Es war, als wuerde eine Erzgrube von ungeschickten Haenden
+ausgebeutet. Den Jesuiten gebuehrt das Verdienst, dass sie die Ausbeutung
+geregelt haben, und die Franciskaner, welche die Jesuiten in den Missionen
+am Orinoco abgeloest haben, ruehmen sich zwar, dass sie das Verfahren ihrer
+Vorgaenger einhalten, gehen aber leider keineswegs mit der gehoerigen
+Vorsicht zu Werke. Die Jesuiten gaben nicht zu, dass das ganze Ufer
+ausgebeutet wurde; sie liessen ein Stueck unberuehrt liegen, weil sie
+besorgten, die Arrau-Schildkroeten moechten, wenn nicht ausgerottet werden,
+doch bedeutend abnehmen. Jetzt wuehlt man das ganze Ufer ruecksichtslos um,
+und man meint auch zu bemerken, dass die *Ernten* von Jahr zu Jahr geringer
+werden.
+
+Ist das Lager aufgeschlagen, so ernennt der Missionaer von Uruana seinen
+Stellvertreter oder den _'Commissaer'_, der den Landstrich, wo die Eier
+liegen, nach der Zahl der Indianerstaemme, die sich in die Ernte theilen,
+in Loose zerlegt. Es sind lauter "Indianer aus den Missionen," aber so
+nackt und versunken, wie die "Indianer aus den Waeldern;" man nennt sie
+_reducidos_ und _neofitos_ weil sie zur Kirche gehen, wenn man die Glocke
+zieht, und gelernt haben bei der Wandlung auf die Kniee zu fallen.
+
+Der _Comissionado del Padre_ beginnt das Geschaeft damit, dass er den Boden
+sondirt. Mit einer langen hoelzernen Stange, wie oben bemerkt, oder mit
+einem Bambusrohr untersucht er, wie weit die "Eierschicht" reicht. Nach
+unsern Messungen erstreckt sich die Schicht bis zu 120 Fuss vom Ufer und
+ist im Durchschnitt drei Fuss tief. Der Commissaer steckt ab, wie weit jeder
+Stamm arbeiten darf. Mit Verwunderung hoert man den Ertrag der Eierernte
+gerade wie den Ertrag eines Getreideackers schaetzen. Es kam vor, dass ein
+Areal genau hundertzwanzig Fuss lang und dreissig breit hundert Kruege oder
+fuer tausend Franken Oel gab. Die Indianer graben den Boden mit den Haenden
+auf, legen die gesammelten Eier in kleine, _'Mappiri'_ genannte Koerbe,
+tragen sie ins Lager und werfen sie in grosse mit Wasser gefuellte hoelzerne
+Troege. In diesen Troegen werden die Eier mit Schaufeln zerdrueckt und
+umgeruehrt und der Sonne ausgesetzt, bis das Eigelb (der oeligte Theil), das
+obenauf schwimmt, dick geworden ist. Dieser oeligte Theil wird, wie er sich
+auf dem Wasser sammelt, abgeschoepft und bei einem starken Feuer gekocht.
+Dieses thierische Oel, das bei den Spaniern _manteca de tortugas_ heisst,
+soll sich desto besser halten, je staerker es gekocht wird. Gut zubereitet
+ist es ganz hell, geruchlos und kaum ein wenig gelb. Die Missionaere
+schaetzen es dem besten Olivenoel gleich, und man braucht es nicht nur zum
+Brennen, sondern auch, und zwar vorzugsweise, zum Kochen, da es den
+Speisen keinerlei unangenehmen Geschmack gibt. Es haelt indessen schwer,
+ganz reines Schildkroetenoel zu bekommen. Es hat meist einen fauligten
+Geruch, der davon herruehrt, dass Eier darunter gerathen sind, in denen
+sich, weil sie schon laenger der Sonne ausgesetzt gewesen, die jungen
+Schildkroeten (_los tortuguillos_) bereits ausgebildet hatten. Diese
+unangenehme Erfahrung machten wir namentlich auf der Rueckfahrt vom Rio
+Negro, wo das fluessige Fett, das wir hatten, braun und uebelriechend
+geworden war. Die Gefaesse hatten einen faserigen Bodensatz, und diess ist
+das Kennzeichen des unreinen Schildkroetenoels.
+
+Ich theile hier einige statistische Angaben mit, die ich an Ort und Stelle
+aus dem Munde des Missionaers von Uruana, seines Commissaers und der Kraemer
+aus Angostura herhalten. Das Ufer von Uruana gibt jaehrlich tausend
+Botijas(14) oder Kruege Oel (_manteca_). Der Krug gilt in der Hauptstadt
+von Guyana, gemeinhin Angostura genannt, 2--2-1/2 Piaster. Der ganze
+Ertrag der drei Uferstrecken, wo jaehrlich die _cosecha_ oder Ernte
+gehalten wird, laesst sich auf 5000 Botijas anschlagen. Da nun 200 Eier eine
+Weinflasche oder _'limeta'_ voll Oel geben, so kommen 5000 Eier auf einen
+Krug oder eine Botija. Nimmt man an, jede Schildkroete gebe 100--116 Eier,
+und ein Drittheil werde waehrend des Legens, namentlich von den
+"naerrischen" Schildkroeten zerbrochen, so ergibt sich, dass, sollen jaehrlich
+5000 Kruege Oel gewonnen werden, 330,000 Arrau-Schildkroeten, die zusammen
+165,000 Centner wiegen, auf den drei Ernteplaetzen 33 Millionen Eier legen
+muessen. Und mit dieser Rechnung bleibt man noch weit unter der wahren
+Zahl. Viele Schildkroeten legen nur 60--70 Eier; viele werden im
+Augenblick, wo sie aus dem Wasser gehen, von den Jaguars gefressen; die
+Indianer nehmen viele Eier mit, um sie an der Sonne zu trocknen und zu
+essen, und sie zerbrechen bei der Ernte sehr viele aus Fahrlaessigkeit. Die
+Menge der Eier, die bereits ausgeschluepft sind, ehe der Mensch darueber
+kommt, ist so ungeheuer, dass ich beim Lagerplatz von Uruana das ganze Ufer
+des Orinoco von jungen, einen Zoll breiten Schildkroeten wimmeln sah, die
+mit Noth den Kindern der Indianer entkamen, welche Jagd auf sie machten.
+Nimmt man noch hinzu, dass nicht alle Arraus zu den drei Lagerplaetzen
+kommen, dass viele zwischen der Muendung des Orinoco und dem Einfluss des
+Apure einzeln und ein paar Wochen spaeter legen, so kommt man nothwendig
+zum Schluss, dass sich die Zahl der Schildkroeten, welche jaehrlich an den
+Ufern des untern Orinoco ihre Eier legen, nahezu auf eine Million belaeuft.
+Diess ist ausnehmend viel fuer ein Thier von betraechtlicher Groesse, das einen
+halben Centner schwer wird, und unter dessen Geschlecht der Mensch so
+furchtbar aufraeumt. Im Allgemeinen pflanzt die Natur in der Thierwelt die
+grossen Arten in geringerer Zahl fort als die kleinen.
+
+Das Erntegeschaeft und die Zubereitung des Oels waehren drei Wochen. Nur um
+diese Zeit stehen die Missionen mit der Kueste und den benachbarten
+civilisirten Laendern in Verkehr. Die Franciskaner, die suedlich von den
+Katarakten leben, kommen zur Eierernte nicht sowohl, um sich Oel zu
+verschaffen, als um *weisse Gesichter* zu sehen, wie sie sagen, und um zu
+hoeren, "ob der Koenig sich im Escurial oder in San Ildefonso aufhaelt, ob
+die Kloester in Frankreich noch immer aufgehoben sind, vor allem aber, ob
+der Tuerke sich noch immer ruhig verhaelt." Das ist Alles, wofuer ein Moench
+am Orinoco Sinn hat, Dinge, worueber die Kraemer aus Angostura, die in die
+Lager kommen, nicht einmal genaue Auskunft geben koennen. In diesen weit
+entlegenen Laendern wird eine Neuigkeit, die ein Weisser aus der Hauptstadt
+bringt, niemals in Zweifel gezogen. Zweifeln ist fast so viel wie Denken,
+und wie sollte man es nicht beschwerlich finden, den Kopf anzustrengen,
+wenn man sein Lebenlang ueber die Hitze und die Stiche der Moskitos zu
+klagen hat?
+
+Die Oelhaendler haben 70--80 Procent Gewinn; denn die Indianer verkaufen
+den Krug oder die Botija fuer einen harten Piaster an sie und die
+Transportkosten machen fuer den Krug nur Zweifuenftel Piaster. Die Indianer,
+welche die _cosecha de huevos_ mitmachen, bringen auch ganze Massen an der
+Sonne getrockneter oder leicht gesottener Eier nach Haus. Unsere Ruderer
+hatten immer welche in Koerben oder kleinen Saecken von Baumwollenzeug. Der
+Geschmack kam uns nicht unangenehm vor, wenn sie gut erhalten sind. Man
+zeigte uns grosse, von Jaguars geleerte Schildkroetenpanzer. Die Tiger gehen
+den Arraus auf die Uferstriche nach, wo sie legen wollen. Sie ueberfallen
+sie auf dem Sand, und um sie gemaechlich verzehren zu koennen, kehren sie
+sie um, so dass der Brustschild nach oben sieht. Aus dieser Lage koennen die
+Schildkroeten sich nicht ausrichten, und da der Tiger ihrer weit mehr
+umwendet, als er in der Nacht verzehren kann, so sachen sich die Indianer
+haeufig seine List und seine boshafte Habsucht zu Nutze.
+
+Wenn man bedenkt, wie schwer der reisende Naturforscher den Koerper der
+Schildkroete herausbringt, wenn er Ruecken- und Brustschild nicht trennen
+will, so kann man die Gewandtheit des Tigers nicht genug bewundern, der
+mit seiner Tatze den Doppelschild des Arrau leert, als waeren die Ansaetze
+der Muskeln mit einem chirurgischen Instrumente losgetrennt. Der Tiger
+verfolgt die Schildkroete sogar ine Wasser, wenn dieses nicht sehr tief
+ist. Er graebt auch die Eier aus und ist nebst dem Krokodil, den Reihern
+und dem Gallinazogeier der furchtbarste Feind der frisch ausgeschluepften
+Schildkroeten. Im verflossenen Jahr wurde die Insel Pararuma waehrend der
+Eierernte von so vielen Krokodilen heimgesucht, dass die Indianer in einer
+einzigen Nacht ihrer achtzehn, 12--15 Fuss lange, mit hakenfoermigen Eisen
+und Seekuhfleisch daran, fingen. Ausser den eben erwaehnten Waldthieren thun
+auch die wilden Indianer der Oelbereitung bedeutenden Eintrag. Sobald die
+ersten kleinen Regenschauer, von ihnen _'Schildkroetenregen'_ genannt, sich
+einstellen, ziehen sie an die Ufer des Orinoco und toedten mit vergifteten
+Pfeilen die Schildkroeten, die mit emporgerecktem Kopf und ausgestreckten
+Tatzen sich sonnen.
+
+Die jungen Schildkroeten (_tortuguillos_) zerbrechen die Eischale bei Tag,
+man sieht sie aber nie anders als bei Nacht aus dem Boden schluepfen. Die
+Indianer behaupten, das junge Thier scheue die Sonnenhitze. Sie wollten
+uns auch zeigen, wie der Tortuguillo, wenn man ihn in einem Sack weit weg
+vom Ufer traegt und so an den Boden setzt, dass er dem Flusse den Ruecken
+kehrt, alsbald den kuerzesten Weg zum Wasser einschlaegt. Ich gestehe, dass
+dieses Experiment, von dem schon Pater GUMILLA spricht, nicht immer gleich
+gut gelingt; meist aber schienen mir die kleinen Thiere sehr weit vom
+Ufer, selbst auf einer Insel, mit aeusserst feinem Gefuehl zu spueren, von
+woher die feuchteste Luft weht. Bedenkt man, wie weit sich die Eierschicht
+fast ohne Unterbrechung am Ufer hin erstreckt, und wie viele tausende
+kleiner Schildkroeten gleich nach dem Ausschluepfen dem Wasser zugehen, so
+laesst sich nicht wohl annehmen, dass so viele Schildkroeten, die am selben
+Ort ihre Nester gegraben, ihre Jungen herausfinden und sie, wie die
+Krokodile thun, in die Lachen am Orinoco fuehren koennen. Soviel ist aber
+gewiss, dass das Thier seine ersten Lebensjahre in den seichtesten Lachen
+zubringt und erst, wenn es erwachsen ist, in das grosse Flussbett geht. Wie
+finden nun die Tortuguillos diese Lachen? Werden sie von weiblichen
+Schildkroeten hingefuehrt, die sich ihrer annehmen, wie sie ihnen aufstossen?
+Die Krokodile, deren weit nicht so viele sind, legen ihre Eier in
+abgesonderte Loecher, und wir werden bald sehen, dass in dieser
+Eidechsenfamilie das Weibchen gegen das Ende der Brutzeit wieder hinkommt,
+den Jungen ruft, die darauf antworten, und ihnen meist aus dem Boden
+hilft. Die Arrau-Schildkroete erkennt sicher, so gut wie das Krokodil, den
+Ort wieder, wo sie ihr Nest gemacht; da sie aber nicht wagt wieder zum
+Ufer zu kommen, wo die Indianer ihr Lager aufgeschlagen haben, wie koennte
+sie ihre Jungen von fremden Tortuguillos unterscheiden? Andererseits
+wollen die Otomaken beim Hochwasser weibliche Schildkroeten gesehen haben,
+die eine ganze Menge junger Schildkroeten hinter sich hatten. Diess waren
+vielleicht Arraus, die allein an einem einsamen Ufer gelegt hatten, zu dem
+sie wieder kommen konnten. Maennliche Thiere sind unter den Schildkroeten
+sehr selten; unter mehreren Hunderten trifft man kaum Eines. Der Grund
+dieser Erscheinung kann hier nicht derselbe seyn wie bei den Krokodilen,
+die in der Brunst einander blutige Gefechte liefern.
+
+Unser Steuermann war in die *Playa de Huevos* eingelaufen, um einige
+Mundvorraethe zu kaufen, die bei uns auf die Neige gingen. Wir fanden
+daselbst frisches Fleisch, Reis aus Angostura, sogar Zwieback aus
+Weizenmehl. Unsere Indianer fuellten die Pirogue zu ihrem eigenen Bedarf
+mit jungen Schildkroeten und an der Sonne getrockneten Eiern. Nachdem wir
+vom Missionaer, der uns sehr herzlich aufgenommen, uns verabschiedet
+hatten, gingen wir gegen vier Uhr Abends unter Segel. Der Wind blies
+frisch und in Stoessen. Seit wir uns im gebirgigen Theil des Landes
+befanden, hatten wir die Bemerkung gemacht, dass unsere Pirogue ein sehr
+schlechtes Segelwerk fuehre; aber der "Patron" wollte den Indianern, die am
+Ufer beisammen standen, zeigen, dass er, wenn er sich dicht am Wind halte,
+mit Einem Schlage mitten in den Strom kommen koenne. Aber eben, als er
+seine Geschicklichkeit und die Kuehnheit seines Manoevers pries, fuhr der
+Wind so heftig in das Segel, dass wir beinahe gesunken waeren. Der eine Bord
+kam unter Wasser und dasselbe stuerzte mit solcher Gewalt herein, dass wir
+bis zu den Knieen darin standen. Es lief ueber ein Tischchen weg, an dem
+ich im Hintertheil des Fahrzeugs eben schrieb. Kaum rettete ich mein
+Tagebuch, und im naechsten Augenblick sahen wir unsere Buecher, Papiere und
+getrockneten Pflanzen umherschwimmen. Bonpland schlief mitten in der
+Pirogue. Vom eindringenden Wasser und dem Geschrei der Indianer
+aufgeschreckt, uebersah er unsere Lage sogleich mit der Kaltbluetigkeit, die
+ihm unter allen Verhaeltnissen treu geblieben ist. Der im Wasser stehende
+Bord hob sich waehrend der Windstoesse von Zeit zu Zeit wieder, und so gab er
+das Fahrzeug nicht verloren. Sollte man es auch verlassen muessen, so
+konnte man sich, glaubte er, durch Schwimmen retten, da sich kein Krokodil
+blicken liess. Waehrend wir so aengstlich gespannt waren, riss auf einmal das
+Tauwerk des Segels. Derselbe Sturm, der uns auf die Seite geworfen, half
+uns jetzt ausrichten. Man machte sich alsbald daran, das Wasser mit den
+Fruechten der _Crescentia Cujete_ auszuschoepfen; das Segel wurde
+ausgebessert, und in weniger als einer halben Stunde konnten wir wieder
+weiter fahren. Der Wind hatte sich etwas gelegt. Windstoesse, die mit
+Windstillen wechseln, sind uebrigens hier, wo der Orinoco im Gebirge laeuft,
+sehr haeufig und koennen ueberladenen Schiffen ohne Verdeck sehr gefaehrlich
+werden. Wir waren wie durch ein Wunder gerettet worden. Der Steuermann
+verschanzte sich hinter sein indianisches Phlegma, als man ihn heftig
+schalt, dass er sich zu nahe am Wind gehalten. Er aeusserte kaltbluetig, "es
+werde hier herum den weissen Leuten nicht an Sonne fehlen, um *ihre
+Papiere* zu trocknen." Wir hatten nur ein einziges Buch eingebuesst, und
+zwar den ersten Band von SCHREBERs _genera plantarum_ der ins Wasser
+gefallen war. Dergleichen Verluste thun weh, wenn man auf so wenige
+wissenschaftliche Werke beschraenkt ist.
+
+Mit Einbruch der Nacht schlugen wir unser Nachtlager auf einer kahlen
+Insel mitten im Strome in der Naehe der Mission Uruana auf. Bei herrlichem
+Mondschein, auf grossen Schildkroetenpanzern sitzend, die am Ufer lagen,
+nahmen wir unser Abendessen ein. Wie herzlich freuten wir uns, dass wir
+alle beisammen waren! Wir stellten uns vor, wie es einem ergangen waere,
+der sich beim Schiffbruch allein gerettet haette, wie er am oeden Ufer auf
+und ab irrte, wie er jeden Augenblick an ein Wasser kam, das in den
+Orinoco laeuft und durch das er wegen der vielen Krokodile und
+Caraibenfische nur mit Lebensgefahr schwimmen konnte. Und dieser Mann mit
+gefuehlvollem Herzen weiss nicht, was aus seinen Ungluecksgefaehrten geworden
+ist, und ihr Loos bekuemmert ihn mehr als das seine! Gerne ueberlaesst man
+sich solchen wehmuethigen Vorstellungen, weil einen nach einer
+ueberstandenen Gefahr unwillkuerlich nach starken Eindruecken fort verlangt.
+Jeder von uns war innerlich mit dem beschaeftigt, was sich eben vor unsern
+Augen zugetragen hatte. Es gibt Momente im Leben, wo einem, ohne dass man
+gerade verzagte, vor der Zukunft banger ist als sonst. Wir waren erst drei
+Tage auf dem Orinoco und vor uns lag eine dreimonatliche Fahrt auf Fluessen
+voll Klippen, in Fahrzeugen, noch kleiner als das, mit dem wir beinahe zu
+Grund gegangen waeren.
+
+Die Nacht war sehr schwuel. Wir lagen am Boden auf Haeuten, da wir keine
+Baeume zum Befestigen der Haengematten fanden. Die Plage der Moskitos wurde
+mit jedem Tag aerger. Wir bemerkten zu unserer Ueberraschung, dass die
+Jaguars hier unsere Feuer nicht scheuten. Sie schwammen ueber den Flussarm,
+der uns vom Lande trennte, und Morgens hoerten wir sie ganz in unserer Naehe
+bruellen. Sie waren auf die Insel, wo wir die Nacht zubrachten,
+heruebergekommen. Die Indianer sagten uns, waehrend der Eierernte zeigen
+sich die Tiger an den Ufern hier immer haeufiger als sonst, und sie seyen
+um diese Zeit auch am kecksten.
+
+Am 7. April. Im Weiterfahren lag uns zur Rechten die Einmuendung des grossen
+Rio Arauca, der wegen der ungeheuern Menge von Voegeln beruehmt ist, die auf
+ihm leben, zur Linken die Mission Uruana, gemeiniglich _Conception de
+Uruana_ genannt. Das kleine Dorf von 500 Seelen wurde um das Jahr 1748 von
+den Jesuiten gegruendet und daselbst Otomaken und Caveres- oder
+Cabres-Indianer angesiedelt. Es liegt am Fusse eines aus Granitbloecken
+bestehenden Berges, der, glaube ich, *Saraguaca* heisst. Durch die
+Verwitterung von einander getrennte Steinmassen bilden hier Hoehlen, in
+denen man unzweideutige Spuren einer. alten Cultur der Eingeborenen
+findet. Man sieht hier hieroglyphische Bilder, sogar Zuege in Reihen
+eingehauen. Ich bezweifle indessen, dass diesen Zuegen ein Alphabet zu
+Grunde liegt. Wir besuchten die Mission Uruana auf der Rueckkehr vom Rio
+Negro und sahen daselbst mit eigenen Augen die Erdmassen, welche die
+Otomaken essen und ueber die in Europa so viel gestritten worden ist.
+
+Wir massen die Breite des Orinoco zwischen der Isla de Uruana und der Isla
+de Manteca, und es ergaben sich, bei Hochwasser, 2694 Toisen, also beinahe
+vier Seemeilen. Er ist demnach hier, 194 franzoesische Meilen von der
+Muendung, achtmal breiter als der Nil bei Mansalout und Syout. Die
+Temperatur des Wassers an der Oberflaeche war bei Uruana 27 deg.,8; den Zaire-
+oder Congofluss in Afrika, in gleichem Abstand vom Aequator, fand Capitaen
+TUCKEY im Juli und August nur 23 deg.,9--25 deg.,6 warm. Wir werden in der Folge
+sehen, dass im Orinoco, sowohl in der Naehe der Ufer, wo er in dichtem
+Schatten fliesst, als mitten im Strom, im Thalweg die Temperatur des
+Wassers aus 29 deg.,5 [23 deg.,6 Reaumur] steigt und nicht unter 27 deg.,5 herabgeht;
+die Lufttemperatur war aber auch damals, vom April bis Juni, bei Tag meist
+28--30 deg., bei Nacht 24--26 deg., waehrend im Thal des Congo von acht Uhr Morgens
+bis Mittag der Thermometer nur zwischen 20 deg.,6 und 26 deg.,7 stand.
+
+Das westliche Ufer des Orinoco bleibt flach bis ueber den Einfluss des Meta
+hinaus, wogegen von der Mission Uruana an die Berge immer naeher an das
+oestliche Ufer herantreten. Da die Stroemung staerker wird, je mehr das
+Flussbett sich einengt, so kamen wir jetzt mit unserem Fahrzeug bedeutend
+langsamer vorwaerts. Wir fuhren immer noch mit dem Segel stromaufwaerts,
+aber das hohe, mit Wald bewachsene Land entzog uns den Wind, und dann
+brachen wieder aus den engen Schluchten, an denen wir vorbeifuhren,
+heftige, aber schnell voruebergehende Winde. Unterhalb des Einflusses des
+Rio Arauca zeigten sich mehr Krokodile als bisher, besonders dem grossen
+See Capanaparo gegenueber, der mit dem Orinoco in Verbindung steht, wie die
+Lagune Cabularito zugleich in letzteren Fluss und in den Rio Arauca
+ausmuendet. Die Indianer sagten uns, diese Krokodile kommen aus dem innern
+Lande, wo sie im trockenen Schlamm der Savanen begraben gelegen. Sobald
+sie bei den ersten Regenguessen aus ihrer Erstarrung erwachen, sammeln sie
+sich in Rudel und ziehen dem Strome zu, auf dem sie sich wieder
+zerstreuen. Hier, im tropischen Erdstrich, wachen sie auf, wenn es wieder
+feuchter wird; dagegen in Georgien und in Florida, im gemaessigten
+Erdstrich, reisst die wieder zunehmende Waerme die Thiere aus der Erstattung
+oder dem Zustand von Nerven- und Muskelschwaeche, in dem der Athmungsprocess
+unterbrochen oder doch sehr stark beschraenkt wird. Die Zeit der grossen
+Trockenheit, uneigentlich der _'Sommer der heissen Zone'_ genannt,
+entspricht dem Winter der gemaessigten Zone, und es ist physiologisch sehr
+merkwuerdig, dass in Nordamerika die Alligators zur selben Zeit der Kaelte
+wegen im *Winterschlaf* liegen, wo die Krokodile in den Llanos ihre
+*Sommersiesta* halten. Erschiene es als wahrscheinlich, dass diese
+derselben Familie angehoerenden Thiere einmal in einem noerdlicheren Lande
+zusammen gelebt haetten, so koennte man glauben, sie fuehlen, auch naeher an
+den Aequator versetzt, noch immer, nachdem sie sieben bis acht Monate ihre
+Muskeln gebraucht, das Beduerfniss auszuruhen und bleiben auch unter einem
+neuen Himmelsstrich ihrem Lebensgang treu, der aufs innigste mit ihrem
+Koerperbau zusammenzuhaengen scheint.
+
+Nachdem wir an der Muendung der Kanaele, die zum See Capanaparo fuehren,
+vorbeigefahren, betraten wir ein Stromstueck, wo das Bett durch die Berge
+des *Baraguan* eingeengt ist. Es ist eine Art Engpass, der bis zum Einfluss
+des Rio Suapure reicht. Nach den Granitbergen hier hatten die Indianer
+frueher die Strecke des Orinoco zwischen dem Einfluss des Arauca und dem des
+Atabapo den Fluss *Baraguan* genannt, wie denn bei wilden Voelkern grosse
+Stroeme in verschiedenen Strecken ihres Laufs verschiedene Namen haben. Der
+Pass von Baraguan ist ein recht malerischer Ort. Die Granitfelsen fallen
+senkrecht ab, und da die Bergkette, die sie bilden, von Nordwest nach
+Suedost streicht, und der Strom diesen Gebirgsdamm fast unter einem rechten
+Winkel durchbricht, so stellen sich die Hoehen als freistehende Gipfel dar.
+Die meisten sind nicht ueber 170 Toisen hoch, aber durch ihre Lage inmitten
+einer kleinen Ebene, durch ihre steilen, kahlen Abhaenge erhalten sie etwas
+Grossartiges. Auch hier sind wieder ungeheure, an den Raendern abgerundete
+Granitmassen, in Form von Parallelipipeden, ueber einander gethuermt. Die
+Bloecke sind haeufig 80 Fuss lang und 20--30 breit. Man muesste glauben, sie
+seyen durch eine aeussere Gewalt uebereinander gehaeuft, wenn nicht ein ganz
+gleichartiges, nicht in Bloecke getheiltes, aber von Gaengen durchzogenes
+Gestein anstaende und deutlich verriethe, dass das Zerfallen in
+Parallelipipede von atmosphaerischen Einfluessen herruehrt. Jene zwei bis
+drei Zoll maechtigen Gaenge bestehen aus einem quarzreichen, feinkoernigen
+Granit im grobkoernigen, fast porphyrartigen, an schoenen rothen
+Feldspathkrystallen reichen Granit. Umsonst habe ich mich in der
+Cordillere des Baraguan nach der Hornblende und den Specksteinmassen
+umgesehen, die fuer mehrere Granite der Schweizer Alpen charakteristisch
+sind.
+
+Mitten in der Stromenge beim Baraguan gingen wir ans Land, um dieselbe zu
+messen. Die Felsen stehen so dicht am Fluss, dass ich nur mit Muehe eine
+Standlinie von 80 Toisen abmessen konnte. Ich fand den Strom 889 Toisen
+breit. Um begreiflich zu finden, wie man diese Strecke eine *Stromenge*
+nennen kann, muss man bedenken, dass der Strom von Uruana bis zum Einfluss
+des Meta meist 1500--2500 Toisen breit ist. Am selben, ausserordentlich
+heissen und trockenen Punkt mass ich auch zwei ganz runde Granitgipfel, und
+fand sie nur 110 und 85 Toisen hoch. Im Innern der Bergkette sind wohl
+hoehere Gipfel, im Ganzen aber sind diese so wild aussehenden Berge lange
+nicht so hoch, als die Missionaere angeben.
+
+In den Ritzen des Gesteins, das steil wie Mauern dasteht und Spuren von
+Schichtung zeigt, suchten wir vergeblich nach Pflanzen. Wir fanden nichts
+als einen alten Stamm der _Aubletia Tiburba_ mit grosser birnfoermiger
+Frucht, und eine neue Art aus der Familie der Apocyneen (_Allamanda
+salicifolia_). Das ganze Gestein war mit zahllosen Leguans und Geckos mit
+breiten, haeutigen Zehen bedeckt. Regungslos, mit aufgerichtetem Kopf und
+offenem Maul sassen die Eidechsen da und schienen sich von der heissen Luft
+durchstroemen zu lassen. Der Thermometer, an die Felswand gehalten, stieg
+auf 50 deg.,2 [40 deg.,1 R] Der Boden schien in Folge der Luftspiegelung auf und
+ab zu schwanken, waehrend sich kein Lueftchen ruehrte. Die Sonne war nahe am
+Zenith und ihr glaenzendes, vom Spiegel des Stromes zurueckgeworfenes Licht
+stach scharf ab vom roethlichen Dunst, der alle Gegenstaende in der Naehe
+umgab. Wie tief ist doch der Eindruck, den in diesen heissen Landstrichen
+um die Mittagszeit die Stille der Natur auf uns macht! Die Waldthiere
+verbergen sich im Dickicht, die Voegel schluepfen unter das Laub der Baeume
+oder in Felsspalten. Horcht man aber in dieser scheinbaren tiefen Stille
+auf die leisesten Laute, die die Luft an unser Ohr traegt, so vernimmt man
+ein dumpfes Schwirren, ein bestaendiges Brausen und Summen der Insekten,
+von denen alle untern Luftschichten wimmeln. Nichts kann dem Menschen
+lebendiger vor die Seele fuehren, wie weit und wie gewaltig das Reich des
+organischen Lebens ist. Myriaden Insekten kriechen aus dem Boden oder
+umgaukeln die von der Sonnenhitze verbrannten Gewaechse. Ein wirres Getoene
+dringt aus jedem Busch, aus faulen Baumstaemmen, aus den Felsspalten, aus
+dem Boden, in dem Eidechsen, Tausendfuesse, Caecilien ihre Gaenge graben. Es
+sind ebenso viele Stimmen, die uns zurufen, dass Alles in der Natur athmet,
+dass in tausendfaeltiger Gestalt das Leben im staubigten, zerkluefteten Boden
+waltet, so gut wie im Schoosse der Wasser und in der Luft, die uns umgibt.
+Die Empfindungen, die ich hier andeute, sind keinem fremd, der zwar nicht
+bis zum Aequator gekommen, aber doch in Italien, in Spanien oder in
+Egypten gewesen ist. Dieser Contrast zwischen Regsamkeit und Stille,
+dieses ruhige und doch wieder so bewegte Antlitz der Natur wirken lebhaft
+auf die Einbildungskraft des Reisenden, sobald er das Becken des
+Mittelmeers, die Zone der Olive, des Chamaerops und der Dattelpalme
+betritt.
+
+Wir uebernachteten am oestlichen Ufer des Orinoco am Fusse eines
+Granithuegels. An diesem oeden Fleck lag frueher die Mission San Regis. Gar
+gerne haetten wir im Baraguan eine Quelle gefunden. Das Flusswasser hatte
+einen Bisamgeruch und einen suesslichten, aeusserst unangenehmen Geschmack.
+Beim Orinoco wie beim Apure ist es sehr auffallend, wie abweichend sich in
+dieser Beziehung, am duerrsten Ufer, verschiedene Stellen im Strome
+verhalten. Bald ist das Wasser ganz trinkbar, bald scheint es mit
+gallertigen Stoffen beladen. "Das macht die Rinde (die lederartige
+Hautdecke) der faulenden Caymans," sagen die Indianer. "Je aelter der
+Cayman, desto bitterer ist seine Rinde." Ich bezweifle nicht, dass die Aase
+dieser grossen Reptilien, die der Seekuehe, die 500 Pfund wiegen, und der
+Umstand, dass die im Fluss lebenden Delphine eine schleimigte Haut haben,
+das Wasser verderben moegen, zumal in Buchten, wo die Stroemung schwach ist.
+Indessen waren die Punkte, wo man das uebelriechendste Wasser antraf, nicht
+immer solche, wo wir viele todte Thiere am Ufer liegen sahen. Wenn man in
+diesem heissen Klima, wo man fortwaehrend vom Durst geplagt ist, Flusswasser
+mit einer Temperatur von 27--28 Grad trinken muss, so wuenscht man
+natuerlich, dass ein so warmes, mit Sand verunreinigtes Wasser wenigstens
+geruchlos seyn moechte.
+
+Am 8. April. Im Weiterfahren lagen gegen Ost die Einmuendungen des Suapure
+oder Sivapuri und des Caripo, gegen West die des Sinaruco. Letzterer Fluss
+ist nach dem Rio Arauca der bedeutendste zwischen Apure und Meta. Der
+Suapure, der eine Menge kleiner Faelle bildet, ist bei den Indianern wegen
+des vielen wilden Honigs beruehmt, den die Waldungen liefern. Die Meliponen
+haengen dort ihre ungeheuren Stoecke an die Baumaeste. Pater GILI hat im Jahr
+1766 den Suapure und den Turiva, der sich in jenen ergiesst, befahren. Er
+fand dort Staemme der Nation der Areverier. Wir uebernachteten ein wenig
+unterhalb der Insel Macupina.
+
+Am 9. April. Wir langten frueh Morgens am *Strande von Pararuma* an und
+fanden daselbst ein Lager von Indianern, aehnlich dem, das wir an der _boca
+de la Tortuga_ gesehen. Man war beisammen, um den Sand aufzugraben, die
+Schildkroeteneier zu sammeln und das Oel zu gewinnen, aber man war leider
+ein paar Tage zu spaet daran. Die jungen Schildkroeten waren ausgekrochen,
+ehe die Indianer ihr Lager aufgeschlagen hatten. Auch hatten sich die
+Krokodile und die *Garzes*, eine grosse weisse Reiherart, das Saeumniss zu
+Nutze gemacht. Diese Thiere lieben das Fleisch der jungen Schildkroeten
+sehr und verzehren unzaehlige. Sie gehen auf diesen Fang bei Nacht aus, da
+die Tortuguillos erst nach der Abenddaemmerung aus dem Boden kriechen und
+dem nahen Flusse zulaufen. Die Zamurosgeier sind zu traege [S. Band I.
+Seite 402.], um nach Sonnenuntergang zu jagen. Bei Tag streifen sie an den
+Ufern umher und kommen mitten ins Lager der Indianer herein, um Esswaaren
+zu entwenden, und meist bleibt ihnen, um ihren Heisshunger zu stillen,
+nichts uebrig, als auf dem Lande oder in seichtem Wasser junge, 7--8 Zoll
+lange Krokodile anzugreifen. Es ist merkwuerdig anzusehen, wie schlau sich
+die kleinen Thiere eine Zeitlang gegen die Geier wehren. Sobald sie einen
+ansichtig werden, richten sie sich auf den Vorderfuessen auf, kruemmen den
+Ruecken, strecken den Kopf aufwaerts und reissen den Rachen weit auf.
+Fortwaehrend, wenn auch langsam, kehren sie sich dem Feinde zu und weisen
+ihm die Zaehne, die bei den eben ausgeschluepften Thieren sehr lang und
+spitz sind. Oft, waehrend so ein Zamuro ganz die Aufmerksamkeit des jungen
+Krokodils in Anspruch nimmt, benuetzt ein anderer die gute Gelegenheit zu
+einem unerwarteten Angriff. Er stoesst auf das Thier nieder, packt es am
+Halse und steigt damit hoch in die Luft. Wir konnten diesem Kampfspiel
+halbe Vormittage lang zusehen; in der Stadt Mompor am Magdalenenstrom
+hatten wir mehr als 40 seit vierzehn Tagen bis drei Wochen ausgeschluepfte
+Krokodile in einem grossen, mit einer Mauer umgebenen Hofe beisammen.
+
+Wir trafen in Pararuma unter den Indianern einige Weisse, die von Angostura
+herauf gekommen waren, um _manteca de tortuga_ zu kaufen. Sie langweilten
+uns mit ihren Klagen ueber die "schlechte Ernte" und den Schaden, den die
+Tiger waehrend des Eierlegens angerichtet, und fuehrten uns endlich unter
+eine Ajoupa mitten im Indianerlager. Hier sassen die Missionaere von
+Carichana und von den Katarakten, Karten spielend und aus langen Pfeifen
+rauchend am Boden. Mit ihren weiten blauen Kutten, geschorenen Koepfen und
+langen Baerten haetten wir sie fuer Orientalen gehalten! Die armen
+Ordensleute nahmen uns sehr freundlich auf und ertheilten uns alle
+Auskunft, deren wir zur Weiterfahrt bedurften. Sie litten seit mehreren
+Monaten am dreitaegigen Wechselfieber, und ihr blasses, abgezehrtes
+Aussehen ueberzeugte uns unschwer, dass in den Laendern, die wir zu betreten
+im Begriff standen, die Gesundheit des Reisenden allerdings gefaehrdet sey.
+
+Dem indianischen Steuermann, der uns von San Fernando am Apure bis zum
+Strande von Pararuma gebracht hatte, war die Fahrt durch die
+*Stromschnellen*(15) des Orinoco neu, und er wollte uns nicht weiter
+fuehren. Wir mussten uns seinem Willen fuegen. Gluecklicherweise fand sich der
+Missionaer von Carichana willig, uns zu sehr billigem Preise eine huebsche
+Pirogue abzutreten; ja der Missionaer von Atures und Maypures bei den
+grossen Katarakten, Pater Bernardo Zea, erbot sich, obgleich er krank war,
+uns bis zur Grenze von Brasilien zu begleiten. Der Indianer, welche die
+Canoes ueber die *Raudales* hinauf schaffen helfen, sind so wenige, dass
+wir, haetten wir keinen Moench bei uns gehabt, Gefahr gelaufen waeren,
+wochenlang an diesem feuchten, ungesunden Orte liegen bleiben zu muessen.
+An den Ufern des Orinoco gelten die Waelder am Rio Negro fuer ein koestliches
+Land. Wirklich ist auch die Luft dort frischer und gesunder, und es gibt
+im Fluss fast keine Krokodile; man kann unbesorgt baden und ist bei Tag und
+Nacht weniger als am Orinoco vom Insektenstich geplagt. Pater Zea hoffte,
+wenn er die Missionen am Rio Negro besuchte, seine Gesundheit
+wiederherzustellen. Er sprach von der dortigen Gegend mit der
+Begeisterung, mit der man in den Colonien auf dem Festland Alles ansieht,
+was in weiter Ferne liegt.
+
+Die Versammlung der Indianer bei Pararuma bot uns wieder ein Schauspiel,
+wie es den Culturmenschen immer dazu anregt, den wilden Menschen und die
+allmaehliche Entwicklung unserer Geisteskraefte zu beobachten. Man straeubt
+sich gegen die Vorstellung, dass wir in diesem gesellschaftlichen
+Kindheitszustand, in diesem Haufen truebseliger, schweigsamer,
+theilnahmloser Indianer das urspruengliche Wesen unseres Geschlechts vor
+uns haben sollen. Die Menschennatur tritt uns hier nicht im Gewande
+liebenswuerdiger Einfalt entgegen, wie sie die Poesie in allen Sprachen so
+hinreissend schildert. Der Wilde am Orinoco schien uns so widrig abstossend
+als der Wilde am Mississippi, wie ihn der reisende Philosoph [VOLNEY], der
+groesste Meister in der Schilderung des Menschen in verschiedenen Klimaten,
+gezeichnet hat. Gar gerne redet man sich ein, diese Eingeborenen, wie sie
+da, den Leib mit Erde und Fett beschmiert, um ihr Feuer hocken oder auf
+grossen Schildkroetenpanzern sitzen und stundenlang mit dummen Gesichtern
+auf das Getraenk glotzen, das sie bereiten, seyen keineswegs der
+urspruengliche Typus unserer Gattung, vielmehr ein entartetes Geschlecht,
+die schwachen Ueberreste von Voelkern, die versprengt lange in Waeldern
+gelebt und am Ende in Barbarei zurueckgesunken.
+
+Die rothe Bemalung ist gleichsam die einzige Bekleidung der Indianer, und
+es lassen sich zwei Arten derselben unterscheiden, nach der groesseren oder
+geringeren Wohlhabenheit der Individuen. Die gemeine Schminke der
+Caraiben, Otomaken und Jaruros ist der _'Onoto'_, von den Spaniern
+_'Achote'_, von den Colonisten in Cayenne _'Rocou'_ genannt. Es ist der
+Farbstoff, den man aus dem Fruchtfleisch der _Bixa orellana_ auszieht.
+Wenn sie Onoto bereiten, werfen die indianischen Weiber die Samen der
+Pflanze in eine Kufe mit Wasser, peitschen das Wasser eine Stunde lang und
+lassen dann den Farbstoff, der lebhaft ziegelroth ist, sich ruhig
+absetzen. Das Wasser wird abgegossen; der Bodensatz herausgenommen, mit
+den Haenden ausgedrueckt, mit Schildkroeteneieroel geknetet und runde 3--4
+Unzen schwere Kuchen daraus geformt. In Ermanglung von Schildkroetenoel
+vermengen einige Nationen den Onoto mit Krokodilfett. Ein anderer, weit
+kostbarerer Farbstoff wird aus einer Pflanze aus der Familie der Bignonien
+gewonnen, die Bonpland unter dem Namen _Bignonia Chica_ bekannt gemacht
+hat. Die Tamanaken nennen dieselbe _'Craviri'_, die Maypures
+_'Chirraviri'_. Sie klettert auf die hoechsten Baeume und heftet sich mit
+Ranken an. Die zweilippigen Bluethen sind einen Zoll lang, schoen violett,
+und stehen zu zweien oder dreien beisammen. Die doppelt gefiederten
+Blaetter vertrocknen leicht und werden roethlich. Die Frucht ist eine zwei
+Fuss lange Schote mit gefluegelten Samen. Diese Bignonie waechst bei Maypures
+in Menge wild, ebenso noch weiter am Orinoco hinauf jenseits des
+Einflusses des Guaviare, von Santa Barbara bis zum hohen Berge Duida,
+besonders bei Esmeralda. Auch an den Ufern des Cassiquiare haben wir sie
+gefunden. Der rothe Farbstoff des Chica wird nicht, wie der Onoto, aus der
+Frucht gewonnen, sondern aus den im Wasser geweichten Blaettern. Er sondert
+sich in Gestalt eines sehr leichten Pulvers ab. Man formt ihn, ohne ihn
+mit Schildkroetenoel zu vermischen, zu kleinen 8--9 Zoll langen, 2--3 Zoll
+hohen, an den Raendern abgerundeten Broden. Erwaermt verbreiten diese Brode
+einen angenehmen Geruch, wie Benzoe. Bei der Destillation zeigt der Chica
+keine merkbare Spur von Ammoniak; es ist kein stickstoffhaltiger Koerper
+wie der Indigo. In Schwefel- und Salzsaeure, selbst in den Alkalien loest er
+sich etwas auf. Mit Oel abgerieben, gibt der Chica eine rothe, dem Lack
+aehnliche Farbe. Traenkt man Wolle damit, so koennte man sie mit Krapproth
+verwechseln. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass der Chica, der vor
+unserer Reise in Europa unbekannt war, sich technisch nuetzlich verwenden
+liesse: Am Orinoco wird diese Farbe am besten von den Voelkerschaften der
+Salivas, Guipunaves, Caveres und Piravas bereitet. Die meisten Voelker am
+Orinoco koennen mit dem Infundiren und Maceriren gut umgehen. So treiben
+die Maypures ihren Tauschhandel mit kleinen Broden von *Pucuma*, einem
+Pflanzenmehl, das wie der Indigo getrocknet wird und eine sehr dauerhafte
+gelbe Farbe liefert. Die Chemie des Wilden beschraenkt sich auf die
+Bereitung von Farbstoffen und von Giften und auf das Aussuessen der
+staerkmehlhaltigen Wurzeln der Arumarten und der Euphorbien.
+
+Die meisten Missionaere am obern und untern Orinoco gestatten den Indianern
+in ihren Missionen, sich die Haut zu bemalen. Leider gibt es manche, die
+auf die Nacktheit der Eingeborenen speculiren. Da die Moenche nicht
+Leinwand und Kleider an sie verkaufen koennen, so handeln sie mit rother
+Farbe, die bei den Eingeborenen so sehr gesucht ist. Oft sah ich in ihren
+Huetten, die vornehm _Conventos_ heissen, Niederlagen von Chica. Der Kuchen,
+die _turtu_, wird bis zu vier Franken verkauft. Um einen Begriff zu geben,
+welchen Luxus die nackten Indianer mit ihrem Putze treiben, bemerke ich
+hier, dass ein hochgewachsener Mann durch zwei woechentliche Arbeit kaum
+genug verdient, um sich durch Tausch so viel Chica zu verschaffen, dass er
+sich roth bemalen kann. Wie man daher in gemaessigten Laendern von einem
+armen Menschen sagt, er habe nicht die Mittel, sich zu kleiden, so hoert
+man die Indianer am Orinoco sagen: "Der Mensch ist so elend, dass er sich
+den Leib nicht einmal halb malen kann." Der kleine Handel mit Chica wird
+besonders mit den Staemmen am untern Orinoco getrieben, in deren Land die
+Pflanze, die den kostbaren Stoff liefert, nicht waechst. Die Caraiben und
+Otomaken faerben sich bloss Gesicht und Haare mit Chica, aber den Salives
+steht die Farbe in solcher Menge zu Gebot, dass sie den ganzen Koerper damit
+ueberziehen koennen. Wenn die Missionaere nach Angostura auf ihre Rechnung
+kleine Sendungen von Cacao, Tabak und *Chiquichiqui*(16) vom Rio Negro
+machen, so packen sie immer auch Chicakuchen, als einen sehr gesuchten
+Artikel, bei. Manche Leute europaeischer Abkunft brauchen den Farbstoff,
+mit Wasser angeruehrt, als ein vorzuegliches harntreibendes Mittel.
+
+Der Brauch, den Koerpers zu bemalen, ist nicht bei allen Voelkern am Orinoco
+gleich alt. Erst seit den haeufigen Einfaellen der maechtigen Nation der
+Caraiben in diese Laender ist derselbe allgemeiner geworden. Sieger und
+Besiegte waren gleich nackt, und um dem Sieger gefaellig zu seyn, musste man
+sich bemalen wie er und seine Farbe tragen. Jetzt ist es mit der Macht der
+Caraiben vorbei, sie sind auf das Gebiet zwischen den Fluessen Carony,
+Cuyuni und Paraguamuzi beschraenkt, aber die caraibische Mode, den ganzen
+Koerper zu faerben, hat sich erhalten; der Brauch ist dauernder als die
+Eroberung.
+
+Ist nun der Gebrauch des Onoto und des Chica ein Kind der bei wilden
+Voelkern so haeufigen Gefallsucht und ihrer Liebe zum Putz, oder gruendet er
+sich vielleicht auf die Beobachtung, dass ein Ueberzug von faerbenden und
+oeligten Stoffen die Haut gegen den Stich der Moskitos schuetzt? In den
+Missionen am Orinoco und ueberall, wo die Luft von giftigen Insekten
+wimmelt, habe ich diese Frage sehr oft eroertern hoeren. Die Erfahrung
+zeigt, dass der Caraibe und der Saliva, die roth bemalt sind, von Moskitos
+und Zancudos so arg geplagt werden als die Indianer, die keine Farbe
+aufgetragen haben. Bei beiden hat der Stich des Insects keine Geschwulst
+zur Folge; fast nie bilden sich die Blasen oder kleinen Beulen, die frisch
+angekommenen Europaeern ein so unertraegliches Jucken verursachen. So lange
+aber das Insekt den Saugruessel nicht aus der Hautgezogen hat, schmerzt der
+Stich den Eingeborenen und den Weissen gleich sehr. Nach tausend andern
+nutzlosen Versuchen haben Bonpland und ich uns selbst Haende und Arme mit
+Krokodilfett und Schildkroeteneieroel eingerieben und davon nie die
+geringste Erleichterung gespuert; wir wurden gestochen nach wie vor. Ich
+weiss wohl, dass Oel und Fett von den Lappen als die wirksamsten
+Schutzmittel geruehmt werden; aber die scandinavischen Insekten und die am
+Orinoco sind nicht von derselben Art. Der Tabaksrauch verscheucht unsere
+Schnacken, gegen die Zancudos hilft er nichts. Wenn die Anwendung vom
+fetten und adstringirenden Stoffen(17) die ungluecklichen Landeseinwohner
+vor der Insektenplage schuetzte, wie Pater GUMILLA behauptet, warum waere
+der Brauch sich zu bemalen hier zu Lande nicht ganz allgemein geworden?
+wie koennten so viele nackte Voelker, die sich bloss das Gesicht bemalen,
+dicht neben solchen wohnen, die den ganzen Koerper faerben?
+
+Es erscheint auffallend, dass die Indianer am Orinoco, wie die Eingeborenen
+in Nordamerika, rothe Farbstoffe allen andern vorziehen. Ruehrt diese
+Vorliebe davon her, dass der Wilde sich leicht ockerartige Erden oder das
+Farbmehl des Rocou und des Chica verschafft? Das moechte ich sehr be-
+zweifeln. In einem grossen Theil des tropischen Amerika waechst der Indigo
+wild, und diese Pflanze, wie so viele andere Schotengewaechse, haetten den
+Eingeborenen reichlich Mittel geboten, sich blau zu faerben wie die alten
+Britannier, und doch sehen wir in Amerika keine mit Indigo bemalten
+Staemme. Wenn die Amerikaner der rothen Farbe den Vorzug geben, so beruht
+diess, wie schon oben bemerkt, wahrscheinlich auf dem Triebe der Voelker,
+Alles, was sie nationell auszeichnet, schoen zu finden. Menschen, deren
+Haut von Natur rothbraun ist, lieben die rothe Farbe. Kommen sie mit
+niedriger Stirn, mit abgeplattetem Kopfe zur Welt, so suchen sie bei ihren
+Kindern die Stirne niederzudruecken. Unterscheiden sie sich von andern
+Voelkern durch sehr duennen Bart, so suchen sie die wenigen Haare, welche
+die Natur ihnen wachsen lassen, auszuraufen. Sie halten sich fuer desto
+schoener, je staerker sie die charakteristischen Zuege ihres Stammes oder
+ihrer Nationalbildung hervortreten lassen.
+
+Im Lager auf Pararuma machten wir die auffallende Bemerkung, dass sehr alte
+Weiber mit ihrem Putz sich mehr zu schaffen machten als die juengsten. Wir
+sahen eine Indianerin vom Stamme der Otomaken, die sich die Haare mit
+Schildkroetenoel einreiben und den Ruecken mit Onoto und *Caruto* bemalen
+liess; zwei ihrer Toechter mussten dieses Geschaeft verrichten. Die Malerei
+bestand in einer Art Gitter von schwarzen sich kreuzenden Linien auf
+rothem Grund; in jedes kleine Viereck wurde mitten ein schwarzer Punkt
+gemacht, eine Arbeit, zu der unglaubliche Geduld gehoerte. Wir hatten sehr
+lange botanisirt, und als wir zurueckkamen, war die Malerei noch nicht halb
+fertig. Man wundert sich ueber einen so umstaendlichen Putz um so mehr, wenn
+man bedenkt, dass die Linien und Figuren nicht taetowirt werden, und dass das
+so muehsam Aufgemalte sich verwischt,(18) wenn sich der Indianer
+unvorsichtigerweise einem starken Regen aussetzt. Manche Nationen bemalen
+sich nur, wenn sie Feste begehen, andere sind das ganze Jahr mit Farbe
+angestrichen, und bei diesen ist der Gebrauch des Onoto so unumgaenglich,
+dass Maenner und Weiber sich wohl weniger schaemten, wenn sie sich ohne
+*Guayuco*, als wenn sie sich unbemalt blicken liessen. Die *Guayucos*
+bestehen am Orinoco theils aus Baumrinde, theils aus Baumwollenzeug. Die
+Maenner tragen sie breiter als die Weiber, die ueberhaupt (wie die
+Missionaere behaupten) weniger Schamgefuehl haben. Schon Christoph Columbus
+hat eine aehnliche Bemerkung gemacht. Sollte diese Gleichgueltigkeit der
+Weiber, dieser ihr Mangel an Scham unter Voelkern, deren Sitten doch nicht
+sehr verdorben sind, nicht daher ruehren, dass das andere Geschlecht in
+Suedamerika durch Missbrauch der Gewalt von Seiten der Maenner so tief
+herabgewuerdigt und zu Sklavendiensten verurtheilt ist?
+
+Ist in Europa von einem Eingeborenen von Guyana die Rede, so stellt man
+sich einen Menschen vor, der an Kopf und Guertel mit schoenen Arras-,
+Tucan-, Tangaras- und Colibrifedern geschmueckt ist. Von jeher gilt bei
+unsern Malern und Bildhauern solcher Putz fuer das charakteristische
+Merkmal eines Amerikaners. Zu unserer Ueberraschung sahen wir in den
+Missionen der Chaymas, in den Lagern von Uruana und Pararuma, ja beinahe
+am ganzen Orinoco und Cassiquiare nirgends jene schoenen Federbuesche, jene
+Federschuerzen, wie sie die Reisenden so oft aus Cayenne und Demerary
+heimbringen. Die meisten Voelkerschaften in Guyana, selbst die, deren
+Geisteskraefte ziemlich entwickelt sind, die Ackerbau treiben und
+Baumwollenzeug weben, sind so nackt, so arm, so schmucklos wie die
+Neuhollaender. Bei der ungeheuren Hitze, beim starken Schweiss, der den
+Koerper den ganzen Tag ueber und zum Theil auch bei Nacht bedeckt, ist jede
+Bekleidung unertraeglich. Die Putzsachen, namentlich die Federbuesche werden
+nur bei Tanz und Festlichkeit gebraucht. Die Federbuesche der Guaypunaves
+sind wegen der Auswahl der schoenen Manakin- und Papagayenfedern die
+beruehmtesten.
+
+Die Indianer bleiben nicht immer bei einem einfachen Farbenueberzug stehen;
+zuweilen ahmen sie mit ihrer Hautmalerei in der wunderlichsten Weise den
+Schnitt europaeischer Kleidungsstuecke nach. Wir sahen in Pararuma welche,
+die sich blaue Jacken mit schwarzen Knoepfen malen liessen. Die Missionaere
+erzaehlten uns sogar, die Guaynaves am Rio Caura faerben sich mit Onoto und
+machen sich dem Koerper entlang breite Querstreifen, auf die sie
+silberfarbige Glimmerblaettchen kleben. Von weitem sieht es aus, als truegen
+die nackten Menschen mit Tressen besetzte Kleider. Waeren die *bemalten*
+Voelker so scharf beobachtet worden, wie die *bekleideten*, so waere man zum
+Schlusse gelangt, dass beim Bemalen, so gut wie bei der Bekleidung, der
+Brauch von grosser Fruchtbarkeit der Einbildungskraft und starkem Wechsel
+der Laune erzeugt wird.
+
+Das Bemalen und Taetowiren ist in beiden Welten weder auf Einen
+Menschenstamm, noch auf Einen Erdstrich beschraenkt. Am haeufigsten kommen
+diese Arten von Putz bei Voelkern malayischer und amerikanischer Race vor;
+aber zur Zeit der Roemer bestand die Sitte auch bei der weissen Race im
+Norden von Europa. Wenn Kleidung und Tracht im griechischen Archipel und
+in Westasien am malerischsten sind, so sind Bemalung und Taetowirung bei
+den Insulanern der Suedsee am hoechsten ausgebildet. Manche bekleideten
+Voelker bemalen sich dabei doch Haende, Naegel und Gesicht. Die Bemalung
+erscheint hier auf die Koerpertheile beschraenkt, die allein blos getragen
+werden, und waehrend die Schminke, die an den wilden Zustand der Menschheit
+erinnert, in Europa nach und nach verschwindet, meinen die Damen in
+manchen Staedten der Provinz Peru ihre doch so feine und sehr weisse Haut
+durch Auftragen von vegetabilischen Farbstoffen, von Staerke, Eiweiss und
+Mehl schoener zu machen. Wenn man lange unter Menschen gelebt hat, die mit
+Onoto und Chica bemalt sind, fallen einem diese Ueberreste alter Barbarei
+inmitten aller Gebraeuche der gebildeten Welt nicht wenig auf.
+
+Im Lager von Pararuma hatten wir Gelegenheit, manche Thiere, die wir bis
+dahin nur von den europaeischen Sammlungen her kannten, zum erstenmal
+lebend zu sehen. Die Missionaere treiben mit dergleichen kleinen Thieren
+Handel. Gegen Tabak, Maniharz, Chicafarbe, _'Gallitos'_ (Felshuehner),
+*Titi-*, *Kapuziner-* und andere an den Kuesten sehr gesuchte Affen
+tauschen sie Zeuge, Naegel, Aexte, Angeln und Stecknadeln ein. Die Producte
+vom Orinoco werden den Indianern, die unter der Herrschaft der Moenche
+leben, zu niedrigem Preise abgekauft, und dieselben Indianer kaufen dann
+von den Moenchen, aber zu sehr hohen Preisen, mit dem Geld, das sie bei der
+Eierernte erloesen, ihr Fischergeraethe und ihre Ackerwerkzeuge. Wir kauften
+mehrere Thiere, die uns auf der uebrigen Stromfahrt begleiteten und deren
+Lebensweise wir somit beobachten konnten. Ich habe diese Beobachtungen in
+einem andern Werke bekannt gemacht; da ich aber einmal von denselben
+Gegenstaenden zweimal handeln muss, beschraenke ich mich hier auf ganz kurze
+Angaben und fuege Notizen bei, wie sie mir seitdem hier und da in meinen
+Reisetagebuechern aufstiessen.
+
+Die *Gallitos* oder *Felshuehner*, die man in Pararuma in niedlichen
+kleinen Bauern aus Palmblattstielen verkauft, sind an den Ufern des
+Orinoco und im ganzen Norden und Westen des tropischen Amerika weit
+seltener als in franzoesisch Guyana. Man fand sie bisher nur bei der
+Mission Encaramada und in den *Raudales* oder Faellen von Maypures. Ich
+sage ausdruecklich in den Faellen; denn diese Voegel nisten gewoehnlich in den
+Hoehlungen der kleinen Granitfelsen, die sich durch den Orinoco ziehen und
+so zahlreiche Wasserfaelle bilden. Wir sahen sie manchmal mitten im
+Wasserschaum zum Vorschein kommen, ihrer Henne rufen und mit einander
+kaempfen, wobei sie wie unsere Haehne den doppelten beweglichen Kamm, der
+ihren Kopfschmuck bildet, zusammenfalten. Da die Indianer selten
+erwachsene Gallitos fangen und in Europa nur die Maennchen geschaetzt sind,
+die vom dritten Jahre an praechtig goldgelb werden, so muss der Kaeufer auf
+der Hut seyn, um nicht statt junger Hahnen junge Hennen zu bekommen. Beide
+sind olivenbraun; aber der _Pollo_ oder junge Hahn zeichnet sich schon
+ganz jung durch seine Groesse und seine gelben Fuesse aus. Die Henne bleibt
+ihr Lebenlang dunkelfarbig, braun, und nur die Spitzen und der Untertheil
+der Fluegel sind bei ihr gelb. Soll der erwachsene Felshahn in unsern
+Sammlungen die schoene Farbe seines Gefieders erhalten, so darf man
+dasselbe nicht dem Licht aussetzen. Die Farbe bleicht weit schneller als
+bei andern Gattungen sperlingsartiger Voegel. Die jungen Hahnen haben, wie
+die meisten Thiere, das Gefieder der Mutter. Es wundert mich, wie ein so
+ausgezeichneter Beobachter wie LE VAILLANT in Zweifel ziehen kann, ob die
+Henne wirklich immer dunkelfarbig, olivenbraun bleibt. Die Indianer bei
+den Raudales versicherten mich alle, niemals ein goldfarbiges Weibchen
+gesehen zu haben.
+
+Unter den Affen, welche die Indianer in Paramara zu Markte gebracht, sahen
+wir mehrere Spielarten des *Sai* [_Simia capucina_], der der kleinen
+Gruppe der Winselaffen angehoert, die in den spanischen Colonien *Matchi*
+heissen, ferner *Marimondas* [_Simia Belzebuth_] oder Atelen mit rothem
+Bauch, *Titis* und *Viuditas*. Die beiden letzteren Arten interessirten
+uns besonders, und wir kauften sie, um sie nach Europa zu schicken.(19)
+BUFFONs *Ouistiti* [_Simia Jacchus_] ist AZZARAs Titi, der *Titi* [_Simia
+Oedipus_] von Carthagena und Darien ist BUFFONs Pinche, und der *Titi*
+[_Simia sciurea_] vom Orinoco ist der Saimiri der franzoesischen Zoologen,
+und diese Thiere duerfen nicht verwechselt werden. In den verschiedenen
+spanischen Colonien heissen *Titi* Affen, die drei verschiedenen
+Untergattungen angehoeren und in der Zahl der Backzaehne von einander
+abweichen. Nach dem eben Angefuehrten ist die Bemerkung fast ueberfluessig,
+wie wuenschenswerth es waere, dass man in wissenschaftlichen Werken sich der
+landesueblichen Namen enthielte, die durch unsere Orthographie entstellt
+werden, die in jeder Provinz wieder anders lauten, und so die klaegliche
+Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur vermehren.
+
+Der *Titi vom Orinoco* (_Simia sciurea_), bis jetzt schlecht abgebildet,
+indessen in unsern Sammlungen sehr bekannt, heisst bei den
+Maypures-Indianern _Bititeni_. Er kommt suedlich von den Katarakten sehr
+haeufig vor. Er hat ein weisses Gesicht und ueber Mund und Nasenspitze weg
+einen kleinen blauschwarzen Fleck. Die am zierlichsten gebauten und am
+schoensten gefaerbten (der Pelz ist goldgelb) kommen von den Ufern des
+Cassiquiare. Die man am Guaviare faengt, sind gross und schwer zu zaehmen.
+Kein anderer Affe sieht im Gesicht einem Kinde so aehnlich wie der Titi; es
+ist derselbe Ausdruck von Unschuld, dasselbe schalkhafte Laecheln: derselbe
+rasche Uebergang von Freude zu Trauer. Seine grossen Augen fuellen sich mit
+Thraenen, sobald er ueber etwas aengstlich wird. Er ist sehr luestern nach
+Insekten, besonders nach Spinnen. Das kleine Thier ist so klug, dass ein
+Titi, den wir aus unserem Canoe nach Angostura brachten, die Tafeln zu
+CUVIERs _Tableau elementaire d'histoire naturelle_ ganz gut unterschied.
+Diese Kupfer sind nicht colorirt, und doch streckte der Titi rasch die
+kleine Hand aus, in der Hoffnung, eine Heuschrecke oder eine Wespe zu
+erhaschen, so oft wir ihm die eilfte Tafel vorhielten, auf der diese
+Insekten abgebildet sind. Zeigte man ihm Skelette oder Koepfe von
+Saeugethieren, blieb er voellig gleichgueltig.(20) Setzt man mehrere dieser
+kleinen Affen, die im selben Kaefigt beisammen sind, dem Regen aus, und
+faellt die gewoehnliche Lufttemperatur rasch um 2--3 Grad, so schlingen sie
+sich den Schwanz, der uebrigens kein Wickelschwanz ist, um den Hals und
+verschraenken Arme und Beine, um sich gegenseitig zu erwaermen. Die
+indianischen Jaeger erzaehlten uns, man finde in den Waeldern haeufig Haufen
+von zehn, zwoelf solcher Affen, die erbaermlich schreien, weil die auswaerts
+Stehenden in den Knaeuel hinein moechten, um Waerme und Schutz zu finden.
+Schiesst man mit Pfeilen, die in _Curare destemplado_ (in verduenntes Gift)
+getaucht sind, auf einen solchen Knaeuel, so faengt man viele junge Affen
+auf einmal lebendig. Der junge Titi bleibt im Fallen an seiner Mutter
+haengen, und wird er durch den Sturz nicht verletzt, so weicht er nicht von
+Schulter und Hals des todten Thiers. Die meisten, die man in den Huetten
+der Indianer lebend antrifft, sind auf diese Weise von den Leichen ihrer
+Muetter gerissen worden. Erwachsene Thiere, wenn sie auch von leichten
+Wunden genesen sind, gehen meist zu Grunde, ehe sie sich an den Zustand
+der Gefangenschaft gewoehnt haben. Die Titis sind meist zarte, furchtsame
+kleine Thiere. Sie sind aus den Missionen am Orinoco schwer an die Kuesten
+von Cumana und Caracas zu bringen. Sobald man die Waldregion hinter sich
+hat und die Llanos betritt, werden sie traurig und niedergeschlagen. Der
+unbedeutenden Zunahme der Temperatur kann man diese Veraenderung nicht
+zuschreiben, sie scheint vielmehr vom staerkeren Licht, von der geringeren
+Feuchtigkeit und von irgend welcher chemischen Beschaffenheit der Luft an
+der Kueste herzuruehren.
+
+Den Saimiris oder Titis vom Orinoco, den Atelen, Sajous und andern schon
+lange in Europa bekannten Vierhaendern steht in scharfem Abstich, nach
+Habitus und Lebensweise, der *Macavahu* [_Simia lugens_] gegenueber, den
+die Missionaere _'Viudita'_ oder *Wittwe in Trauer* nennen. Das kleine
+Thier hat feines, glaenzendes, schoen schwarzes Haar. Das Gesicht hat eine
+weisslichte, ins Blaue spielende Larve, in der Augen, Nase und Mund stehen.
+Die Ohren haben einen umgebogenen Rand, sind klein, wohlgebildet und fast
+ganz nackt. Vorn am Halse hat die *Wittwe* einen weissen, zollbreiten
+Strich, der ein halbes Halsband bildet. Die Hinterfuesse oder vielmehr Haende
+sind schwarz wie der uebrige Koerper, aber die Vorderhaende sind aussen weiss
+und innen glaenzend schwarz. Diese weissen Abzeichen deuten nun die
+Missionare als Schleier, Halstuch und Handschuhe einer *Wittwe in Trauer*.
+Die Gemuethsart dieses kleinen Affen, der sich nur beim Fressen auf den
+Hinterbeinen ausrichtet, verraeth sich durch seine Haltung nur sehr wenig.
+Er sieht sanft und schuechtern aus; haeufig beruehrt er das Fressen nicht,
+das man ihm bietet, selbst wenn er starken Hunger hat. Er ist nicht gerne
+in Gesellschaft anderer Affen; wenn er den kleinsten Samiri ansichtig
+wird, laeuft er davon. Sein Auge verraeth grosse Lebhaftigkeit. Wir sahen ihn
+stundenlang regungslos dasitzen, ohne dass er schlief, und auf Alles, was
+um ihn vorging, achten. Aber diese Schuechternheit und Sanftmuth sind nur
+scheinbar. Ist die Viudita allein, sich selbst ueberlassen, so wird sie
+wuethend, sobald sie einen Vogel sieht. Sie klettert und laeuft dann mit
+erstaunlicher Behendigkeit; sie macht einen Satz auf ihre Beute, wie die
+Katze, und erwuergt, was sie erhaschen kann. Dieser sehr seltene und sehr
+zaertliche Affe lebt auf dem rechten Ufer des Orinoco in den Granitgebirgen
+hinter der Mission Santa Barbara, ferner am Guaviare bei San Fernando de
+Atabapo. Die Viudita hat die ganze Reise auf dem Cassiquiare und Rio Negro
+mitgemacht und ist zweimal mit uns ueber die Katarakten gegangen. Will man
+die Sitten der Thiere genau beobachten, so ist es, nach meiner Meinung,
+sehr vortheilhaft, wenn man sie Monate lang in freier Luft, nicht in
+Haeusern, wo sie ihre natuerliche Lebhaftigkeit ganz verlieren, unter den
+Augen hat.
+
+Die neue fuer uns bestimmte Pirogue wurde noch am Abend geladen. Es war,
+wie alle indianischen Canoes, ein mit Axt und Feuer ausgehoehlter
+Baumstamm, vierzig Fuss lang und drei breit. Drei Personen konnten nicht
+neben einander darin sitzen. Diese Piroguen sind so beweglich, sie
+erfordern, weil sie so wenig Widerstand leisten, eine so gleichmaessige
+Vertheilung der Last, dass man, wenn man einen Augenblick aufstehen will,
+den Ruderern (_bogas_) zurufen muss, sich auf die entgegengesetzte Seite zu
+lehnen; ohne diese Vorsicht liefe das Wasser nothwendig ueber den geneigten
+Bord. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, wie uebel man auf
+einem solchen elenden Fahrzeug daran ist.
+
+Der Missionaer aus den *Raudales* betrieb die Zuruestungen zur Weiterfahrt
+eifriger, als uns lieb war. Man besorgte nicht genug Macos- und
+Guahibos-Indianer zur Hand zu haben, die mit dem Labyrinth von kleinen
+Kanaelen und Wasserfaellen, welche die Raudales oder Katarakten bilden,
+bekannt waeren; man legte daher die Nacht ueber zwei Indianer in den *Cepo*,
+das heisst, man legte sie auf den Boden und steckte ihnen die Beine durch
+zwei Holzstuecke mit Ausschnitten, um die man eine Kette mit Vorlegeschloss
+legte. Am fruehen Morgen weckte uns das Geschrei eines jungen Mannes, den
+man mit einem Seekuhriemen unbarmherzig peitschte. Es war *Zerepe*, ein
+sehr verstaendiger Indianer, der uns in der Folge die besten Dienste
+leistete, jetzt aber nicht mit uns gehen wollte. Er war aus der Mission
+Atures gebuertig, sein Vater war ein Maco, seine Mutter vom Stamme der
+Maypures; er war in die Waelder (_al monte_) entlaufen und hatte ein paar
+Jahre unter nicht unterworfenen Indianern gelebt. Dadurch hatte er sich
+mehrere Sprachen zu eigen gemacht, und der Missionaer brauchte ihn als
+Dolmetscher. Nur mit Muehe brachten wir es dahin, dass der junge Mann
+begnadigt wurde. "Ohne solche Strenge," hiess es, "wuerde es euch an Allem
+fehlen. Die Indianer aus den Raudales und vom obern Orinoco sind ein
+staerkerer und arbeitsamerer Menschenschlag als die am untern Orinoco. Sie
+wissen wohl, dass sie in Angostura sehr gesucht sind. Liesse man sie machen,
+so gingen sie alle den Fluss hinunter, um ihre Produkte zu verkaufen und in
+voller Freiheit unter den Weissen zu leben, und die Missionen stuenden
+leer."
+
+Diese Gruende moegen scheinbar etwas fuer sich haben, richtig sind sie nicht.
+Will der Mensch der Vortheile des geselligen Lebens geniessen, so muss er
+allerdings seine natuerlichen Rechte, seine fruehere Unabhaengigkeit zum
+Theil zum Opfer bringen. Wird aber das Opfer, das man ihm auferlegt, nicht
+durch die Vortheile der Civilisation aufgewogen, so naehrt der Wilde in
+seiner verstaendigen Einfalt fort und fort den Wunsch, in die Waelder
+zurueckzukehren, in denen er geboren worden. Weil der Indianer aus den
+Waeldern in den meisten Missionen als ein Leibeigener behandelt wird, weil
+er der Fruechte seiner Arbeit nicht froh wird, desshalb veroeden die
+christlichen Niederlassungen am Orinoco. Ein Regiment, das sich auf die
+Vernichtung der Freiheit der Eingeborenen gruendet, toedtet die
+Geisteskraefte oder hemmt doch ihre Entwicklung.
+
+Wenn man sagt, der Wilde muesse wie das Kind unter strenger Zucht gehalten
+werden, so ist diess ein unrichtiger Vergleich. Die Indianer am Orinoco
+haben in den Aeusserungen ihrer Freude, im raschen Wechsel ihrer
+Gemuethsbewegungen etwas Kindliches; sie sind aber keineswegs grosse Kinder,
+sowenig als die armen Bauern im oestlichen Europa, die in der Barbarei des
+Feudalsystems sich der tiefsten Verkommenheit nicht entringen koennen.
+Zwang, als hauptsaechlichstes und einziges Mittel zur Sittigung des Wilden,
+erscheint zudem als ein Grundsatz, der bei der Erziehung der Voelker und
+bei der Erziehung der Jugend gleich falsch ist. Wie schwach, und wie tief
+gesunken auch der Mensch seyn mag, keine Faehigkeit ist ganz erstorben. Die
+menschliche Geisteskraft ist nur dem Grad und der Entwicklung nach
+verschieden. Der Wilde, wie das Kind, vergleicht den gegenwaertigen Zustand
+mit dem vergangenen; er bestimmt seine Handlungen nicht nach blindem
+Instinkt, sondern nach Ruecksichten der Nuetzlichkeit. Unter allen Umstaenden
+kann Vernunft durch Vernunft aufgeklaert werden; die Entwicklung derselben
+wird aber desto mehr niedergehalten, je weiter diejenigen, die sich zur
+Erziehung der Jugend oder zur Regierung der Voelker berufen glauben, im
+hochmuethigen Gefuehl ihrer Ueberlegenheit auf die ihnen Untergebenen
+herabblicken und Zwang und Gewalt brauchen, statt der sittlichen Mittel,
+die allein keimende Faehigkeiten entwickeln, die aufgeregten Leidenschaften
+saenftigen und die gesellschaftliche Ordnung befestigen koennen.
+
+Am 10. April. Wir konnten erst um zehn Uhr Morgens unter Segel gehen. Nur
+schwer gewoehnten wir uns an die neue Pirogue, die uns eben ein neues
+Gefaengniss war. Um an Breite zu gewinnen, hatte man auf dem Hintertheil des
+Fahrzeugs aus Baumzweigen eine Art Gitter angebracht, das aus beiden
+Seiten ueber den Bord hinausreichte. Leider war das Blaetterdach (_el
+toldo_) darueber so niedrig, dass man gebueckt sitzen oder ausgestreckt
+liegen musste, wo man dann nichts sah. Da man die Piroguen durch die
+Stromschnellen, ja von einem Fluss zum andern schleppen muss, und weil man
+dem Wind zu viel Flaeche boete, wenn man den _Toldo_ hoeher machte, so kann
+auf den kleinen Fahrzeugen, die zum Rio Negro hinauf gehen, die Sache
+nicht anders eingerichtet werden. Das Dach war fuer vier Personen bestimmt,
+die auf dem Verdeck oder dem Gitter aus Baumzweigen lagen; aber die Beine
+reichen weit ueber das Gitter hinaus, und wenn es regnet, wird man zum
+halben Leib durchnaesst. Dabei liegt man auf Ochsenhaeuten oder Tigerfellen
+und die Baumzweige darunter druecken einen durch die duenne Decke gewaltig.
+Das Vordertheil des Fahrzeugs nahmen die indianischen Ruderer ein, die
+drei Fuss lange, loeffelsoermige *Pagaies* fuehren. Sie sind ganz nackt,
+sitzen paarweise und rudern im Takt, den sie merkwuerdig genau einhalten.
+Ihr Gesang ist truebselig, eintoenig. Die kleinen Kaefige mit unsern Voegeln
+und Affen, deren immer mehr wurden, je weiter wir kamen, waren theils am
+Toldo, theils am Vordertheil aufgehaengt. Es war unsere Reisemenagerie.
+Obgleich viele der kleinen Thiere durch Zufall, meist aber am Sonnenstich
+zu Grunde gingen, hatten wir ihrer bei der Rueckkehr vom Cassiquiare noch
+vierzehn. Naturaliensammler, die lebende Thiere nach Europa bringen
+wollen, koennten sich in Angostura und Gran-Para, den beiden Hauptstaedten
+am Orinoco und Amazonenstrom, eigens fuer ihren Zweck Piroguen bauen
+lassen, wo im ersten Drittheil zwei Reihen gegen die Sonnengluth
+geschuetzter Kaefige angebracht waeren. Wenn wir unser Nachtlager
+aufschlugen, befanden sich die Menagerie und die Instrumente immer in der
+Mitte; ringsum kamen sofort unsere Haengematten, dann die der Indianer, und
+zu aeusserst die Feuer, die man fuer unentbehrlich hielt, um den Jaguar ferne
+zu halten. Um Sonnenaufgang stimmten unsere Affen in das Geschrei der
+Affen im Walde ein. Dieser Verkehr zwischen Thieren derselben Art, die
+einander zugethan sind, ohne sich zu sehen, von denen die einen der
+Freiheit geniessen, nach der die andern sich sehnen, hat etwas Wehmuethiges,
+Ruehrendes.
+
+Auf der ueberfuellten, keine drei Fuss breiten Pirogue blieb fuer die
+getrockneten Pflanzen, die Koffer, einen Sextanten, den Inclinationscompass
+und die meteorologischen Instrumente kein Platz als der Raum unter dem
+Gitter aus Zweigen, auf dem wir den groessten Theil des Tags ausgestreckt
+liegen mussten. Wollte man irgend etwas aus einem Koffer holen oder ein
+Instrument gebrauchen, musste man ans Ufer fahren und aussteigen. Zu diesen
+Unbequemlichkeiten kam noch die Plage der Moskitos, die unter einem so
+niedrigen Dache in Schaaren hausen, und die Hitze, welche die Palmblaetter
+ausstrahlen, deren obere Flaeche bestaendig der Sonnengluth ausgesetzt ist.
+Jeden Augenblick suchten wir uns unseres Lage ertraeglicher zu machen, und
+immer vergeblich. Waehrend der eine sich unter ein Tuch steckte, um sich
+vor den Insekten zu schuetzen, verlangte der andere, man solle gruenes Holz
+unter dem Toldo anzuenden, um die Muecken durch den Rauch zu vertreiben.
+Wegen des Brennens der Augen und der Steigerung der ohnehin erstickenden
+Hitze war das eine Mittel so wenig anwendbar als das andere. Aber mit
+einem muntern Geiste, bei gegenseitiger Herzlichkeit, bei offenem Sinn und
+Auge fuer die grossartige Natur dieser weiten Stromthaeler faellt es den
+Reisenden nicht schwer, Beschwerden zu ertragen, die zur Gewohnheit
+werden. Wenn ich mich hier auf diese Kleinigkeiten eingelassen habe,
+geschah es nur, um die Schifffahrt auf dem Orinoco zu schildern und
+begreiflich zu machen, dass Bonpland und ich auf diesem Stueck unserer Reise
+beim besten Willen lange nicht alle die Beobachtungen machen konnten, zu
+denen uns die an wissenschaftlicher Ausbeute so reiche Naturumgebung
+aufforderte.
+
+Unsere Indianer zeigten uns am rechten Ufer den Ort, wo frueher die ums
+Jahr 1733 von den Jesuiten gegruendete Mission Pararuma gestanden. Eine
+Pockenepidemie, die unter den Salivas-Indianern grosse Verheerungen
+anrichtete, war der Hauptgrund, warum die Mission einging. Die wenigen
+Einwohner, welche die schreckliche Seuche ueberlebten, wurden im Dorfe
+Carichana aufgenommen, das wir bald besuchen werden. Hier bei Pararuma war
+es, wo, nach Pater Nomans Aussage, gegen die Mitte des vorigen
+Jahrhunderts bei einem starken Gewitter Hagel fiel. Diess ist so ziemlich
+der einzige Fall, der meines Wissens in einer fast im Niveau des Meeres
+liegenden Niederung vorgekommen; denn im Allgemeinen hagelt es unter den
+Tropen nur in mehr als 300 Toisen Meereshoehe [S. Band II Seite 156].
+Bildet sich der Hagel in derselben Hoehe ueber Niederungen und Hochebenen,
+so muss man annehmen, er schmelze bei seinem Durchgang durch die untersten
+Luftschichten (zwischen 0 und 300 Toisen), deren mittlere Temperatur 27 deg.,5
+und 24 deg. betraegt. Ich gestehe indessen, dass es beim jetzigen Stande der
+Meteorologie sehr schwer zu erklaeren ist, warum es in Philadelphia, Rom
+und Montpellier in den heissesten Monaten mit einer mittleren Temperatur
+von 25 bis 26 deg. hagelt, waehrend in Cumana, Guayra und ueberhaupt in den
+Niederungen in der Naehe des Aequators die Erscheinung nicht vorkommt. In
+den Vereinigten Staaten und im suedlichen Europa (unter dem 40--43. Grad
+der Breite) ist die Temperatur auf den Niederungen im Sommer ungefaehr eben
+so hoch als unter den Tropen. Auch die Waermeabnahme ist nach meinen
+Untersuchungen nur wenig verschieden. Ruehrt nun der Umstand, dass in der
+heissen Zone kein Hagel faellt, davon her, dass die Hagelkoerner beim
+Durchgang durch die untern Luftschichten schmelzen, so muss man annehmen,
+dass die Koerner im Moment der Bildung in der gemaessigten Zone groesser sind
+als in der heissen. Wir kennen die Bedingungen, unter denen in unserem
+Klima das Wasser in einer Gewitterwolke friert, noch so wenig, dass wir
+nicht zu beurtheilen vermoegen, ob unter dem Aequator ueber den Niederungen
+dieselben Bedingungen eintreten. Ich bezweifle, dass sich der Hagel immer
+in einer Luftregion bildet, deren mittlere Temperatur gleich Null ist, und
+die bei uns im Sommer 1500--1600 Toisen hoch liegt. Die Wolken, in denen
+man die Hagelkoerner, bevor sie fallen, an einander schlagen hoert, und die
+wagrecht ziehen, kamen mir immer lange nicht so hoch vor, und es erscheint
+begreiflich, dass in solch geringerer Hoehe durch die Ausdehnung der
+aufsteigenden Luft, welche an Waermecapacitaet zunimmt, durch Stroeme kalter
+Luft aus einer hoeheren Breite, besonders aber (nach GAY-LUSSAC) durch die
+Strahlung der obern Flaeche der Wolken, eine ungewoehnliche Erkaeltung
+hervorgebracht wird. Ich werde Gelegenheit haben, auf diesen Punkt
+zurueckzukommen, wenn von den verschiedenen Formen die Rede ist, unter
+denen auf den Anden in 2000--2600 Toisen Meereshoehe Hagel und Graupen
+auftreten, und die Frage eroertert wird, ob man die Wolken, welche die
+Gebirge einhuellen, als eine horizontale Fortsetzung der Wolkenschicht
+betrachten kann, die wir in den Niederungen gerade ueber uns sich bilden
+sehen.
+
+Im Orinoco sind sehr viele Inseln und der Strom faengt jetzt an sich in
+mehrere Arme zu theilen, deren westlichster in den Monaten Januar und
+Februar trocken liegt. Der ganze Strom ist 2900--3000 Toisen breit. Der
+Insel Javanavo gegenueber sahen wir gegen Ost die Muendung des *Cano*
+Aujacoa. Zwischen diesem Cano und dem Rio Paruasi oder Paruati wird das
+Land immer staerker bewaldet. Aus einem Palmenwald nicht weit vom Orinoco
+steigt, ungemein malerisch, ein einzelner Fels empor, ein Granitpfeiler,
+ein Prisma, dessen kahle, schroffe Waende gegen zweihundert Fuss hoch sind.
+Den Gipfel, der ueber die hoechsten Waldbaeume emporragt, kroent eine ebene,
+wagrechte Felsplatte. Auf diesem Gipfel, den die Missionaere Pic oder
+_Mogote de Cocuyza_ nennen, stehen wieder Baeume. Dieses grossartig einfache
+Naturdenkmal erinnert an die cyclopischen Bauwerke. Sein scharf
+gezeichneter Umriss und oben darauf die Baeume und das Buschwerk heben sich
+vom blauen Himmel ab, ein Wald ueber einem Walde.
+
+Weiterhin beim Einfluss des Paruasi wird der Orinoco wieder schmaler. Gegen
+Osten sahen wir einen Berg mit plattem Gipfel, der wie ein Vorgebirge
+herantritt. Er ist gegen 300 Fuss hoch und diente den Jesuiten als fester
+Platz. Sie hatten ein kleines Fort darauf angelegt, das drei Batterien
+entthielt und in dem bestaendig ein Militaerposten lag. In Carichana und
+Atures sahen wir die Kanonen ohne Lafetten, halb im Sand begraben. Die
+Jesuitenschanze (oder _Fortaleza de San Francisco Xavier_) wurde nach der
+Aufhebung der Gesellschaft Jesu zerstoert, aber der Ort heisst noch el
+Castillo. Auf einer in neuester Zeit in Caracas von einem Weltgeistlichen
+entworfenen, nicht gestochenen Karte fuehrt derselbe den seltsamen Namen
+_Trinchera del despotismo monacal_ (Schanze des Moenchsdespotismus). In
+allen politischen Umwaelzungen spricht sich der Geist der Neuerung, der
+ueber die Menge kommt, auch in der geographischen Nomenclatur aus.
+
+Die Besatzung, welche die Jesuiten auf diesem Felsen hatten, sollte nicht
+allein die Missionen gegen die Einfaelle der Caraiben schuetzen, sie diente
+auch zum Angriffskriege, oder, wie man hier sagt, zur Eroberung von Seelen
+(_conquista de almas_). Die Soldaten, durch die ausgesetzten
+Geldbelohnungen angefeuert, machten mit bewaffneter Hand Einfaelle oder
+_Entradas_ auf das Gebiet unabhaengiger Indianer. Man brachte um, was
+Widerstand zu leisten wagte, man brannte die Huetten nieder, zerstoerte die
+Pflanzungen und schleppte Greise, Weiber und Kinder als Gefangene fort.
+Die Gefangenen wurden sofort in die Missionen am Meta, Rio Negro und obern
+Orinoco vertheilt. Man waehlte die entlegensten Orte, damit sie nicht in
+Versuchung kaemen, wieder in ihr Heimathland zu entlaufen. Dieses
+gewaltsame Mittel, *Seelen zu erobern*, war zwar nach spanischem Gesetz
+verboten, wurde aber von den buergerlichen Behoerden geduldet und von den
+Obern der *Gesellschaft*, als der Religion und dem Aufkommen der Missionen
+foerderlich, hoechlich gepriesen. "Die Stimme des Evangeliums," sagt ein
+Jesuit vom Orinoco in den "erbaulichen Briefen"(21) aeusserst naiv, "wird
+nur da vernommen, wo die Indianer Pulver haben knallen hoeren (_el eco de
+la polvora_). Sanftmuth ist ein gar langsames Mittel. Durch Zuechtigung
+erleichtert man sich die Belehrung der Eingebornen." Dergleichen die
+Menschheit schaendenden Grundsaetze wurden sicher nicht von allen Gliedern
+einer Gesellschaft getheilt, die in der neuen Welt und ueberall, wo die
+Erziehung ausschliesslich in den Haenden von Moenchen geblieben ist, der
+Wissenschaft und der Cultur Dienste geleistet hat. Aber die *Entradas*,
+die *geistlichen Eroberungen* mit dem Bajonett waren einmal ein von einem
+Regiment, bei dem es nur auf rasche Ausbreitung der Missionen ankam,
+unzertrennlicher Graeuel. Es thut dem Gemuethe wohl, dass die Franciskaner,
+Dominikaner und Augustiner, welche gegenwaertig einen grossen Theil von
+Suedamerika regieren und, je nachdem sie von milder oder roher Sinnesart
+sind, auf das Geschick von vielen Tausenden von Eingeborenen den
+maechtigsten Einfluss ueben, nicht nach jenem System verfahren. Die Einfaelle
+mit bewaffneter Hand sind fast ganz abgestellt, und wo sie noch vorkommen,
+werden sie von den Ordensobern missbilligt. Wir wollen hier nicht
+ausmachen, ob diese Wendung des Moenchsregiments zum Bessern daher ruehrt,
+dass die fruehere Thaetigkeit erschlafft ist und der Lauheit und Indolenz
+Platz gemacht hat, oder ob man darin, was man so gerne thaete, einen Beweis
+sehen soll, dass die Aufklaerung zunimmt und eine hoehere, dem wahren Geist
+des Christenthums entsprechendere Gesinnung Platz greift.
+
+Vom Einfluss des Rio Paruasi an wird der Orinoco wieder schmaler. Er ist
+voll Inseln und Granitklippen, und so entstehen hier die *Stromschnellen*
+oder kleinen Faelle (_los remolinos_), die beim ersten Anblick wegen der
+vielen Wirbel dem Reisenden bange machen koennen, aber in keiner Jahreszeit
+den Schiffen gefaehrlich sind. Man muss wenig zu Schiffe gewesen seyn, wenn
+man wie Pater GILI, der sonst so genau und verstaendig ist, sagen kann: "e
+terrible pe molti scogli il tratto del fiume tral Castello e Caricciana."
+Eine Reihe von Klippen, die fast ueber den ganzen Fluss laeuft, heisst *Raudal
+de Marimara*. Wir legten sie ohne Schwierigkeit zurueck, und zwar in einem
+schmalen Kanal, in dem das Wasser ungestuem, wie siedend, unter der *Piedra
+de Marimara* heraufschiesst, einer compakten Granitmasse, 80 Fuss hoch und
+300 im Umfang, ohne Spalten und ohne Spur von Schichtung. Der Fluss tritt
+weit ins Land hinein und bildet in den Felsen weite Buchten. Eine dieser
+Buchten zwischen zwei kahlen Vorgebirgen heisst der *Hafen von Carichana*.
+Der Ort hat ein wildes Aussehen; das Felsenufer wirft Abends seine
+maechtigen Schatten ueber den Wasserspiegel und das Wasser erscheint
+schwarz, wenn sich diese Granitmassen darin spiegeln, die, wie schon
+bemerkt, wegen der eigenen Faerbung ihrer Oberflaeche, bald wie Steinkohlen,
+bald wie Bleierz aussehen. Wir uebernachteten im kleinen Dorfe Carichana,
+wo wir auf die Empfehlung des guten Missionaers Fray Jose Antonio de Torre
+im Pfarrhaus oder _'Convento'_ Aufnahme fanden. Wir hatten seit fast
+vierzehn Tagen unter keinem Dache geschlafen.
+
+Am 11. April. Um die fuer die Gesundheit oft so nachtheiligen Folgen der
+Ueberschwemmungen zu vermeiden, wurde die Mission Carichana dreiviertel
+Meilen vom Fluss angelegt. Die Indianer sind vom Stamme der Salivas. Die
+urspruenglichen Wohnsitze desselben scheinen auf dem westlichen Ufer des
+Orinoco zwischen dem Rio Vichada und dem Guaviare, sowie zwischen dem Meta
+und dem Rio Paute gewesen zu seyn. Gegenwaertig findet man Salivas nicht
+nur in Carichana, sondern auch in den Missionen der Provinz Casanare, in
+Cabapuna, Guanapalo, Cabiuna und Macuco. Letzteres im Jahr 1730 vom
+Jesuiten Fray Manuel Roman gegruendete Dorf hat 1300 Einwohner. Die Salivas
+sind ein geselliges, sanftes, fast schuechternes Volk, und leichter, ich
+sage nicht zu civilisiren, aber in der Zucht zu halten als andere am
+Orinoco, Um sich der Herrschaft der Caraiben zu entziehen, liessen die
+Salivas sich leicht herbei, sich den ersten Jesuitenmissionen
+anzuschliessen. Die Patres ruehmen aber auch in ihren Schriften durchgaengig
+ihren Verstand und ihre Gelehrigkeit. Die Salivas haben grossen Hang zur
+Musik; seit den aeltesten Zeiten blasen sie Trompeten aus gebrannter Erde,
+die vier bis fuenf Fuss lang sind und mehrere kugelfoermige Erweiterungen
+haben, die durch enge Roehren zusammenhaengen. Diese Trompeten geben sehr
+klaegliche Toene. Die Jesuiten haben die natuerliche Neigung der Salivas zur
+Instrumentalmusik mit Glueck ausgebildet, und auch nach der Aufhebung der
+Gesellschaft Jesu haben die Missionare am Rio Meta in San Miguel de Macuco
+die schoene Kirchenmusik und den musikalischen Unterricht der Jugend fort
+gepflegt. Erst kuerzlich sah ein Reisender zu seiner Verwunderung die
+Eingeborenen Violine, Violoncell, Triangel, Guitarre und Floete spielen.
+
+In den vereinzelten Missionen am Orinoco wirkt die Verwaltung nicht so
+guenstig auf die Entwicklung der Cultur der Salivas und die Zunahme der
+Bevoelkerung als das System, das die Augustiner auf den Ebenen am Casanare
+und Meta befolgen. In Macuco haben die Eingeborenen durch den Verkehr mit
+den Weissen im Dorf, die fast lauter _'Fluechtlinge von Socorro'_(22) sind,
+sehr gewonnen. Zur Jesuitenzeit wurden die drei Doerfer am Orinoco,
+Pararuma, Castillo oder Marumarutu und Carichana in Eines, Carichana,
+verschmolzen, das damit eine sehr ansehnliche Mission wurde. Im Jahr 1759,
+als die _Fortaleza de San Francisco Xavier_ und ihre drei Batterien noch
+standen, zaehlte Pater Caulin in der Mission Carichana 400 Salivas; im Jahr
+1800 fand ich ihrer kaum 150. Vom Dorfe ist nichts uebrig als einige
+Lehmhuetten, die symmetrisch um ein ungeheuer hohes Kreuz herliegen.
+
+Wir trafen unter diesen Indianern eine Frau von weisser Abkunft, die
+Schwester eines Jesuiten aus Neu-Grenada. Unbeschreiblich ist die Freude,
+wenn man mitten unter Voelkern, deren Sprache man nicht versteht, einem
+Wesen begegnet, mit dem man sich ohne Dolmetscher unterhalten kann. Jede
+Mission hat zum wenigsten zwei solche Dolmetscher, _lenguarazes_. Es sind
+Indianer, etwas weniger beschraenkt als die andern, mittelst deren die
+Missionaere am Orinoco, die sich gegenwaertig nur selten die Muehe nehmen,
+die Landessprachen kennen zu lernen, mit den Neugetauften verkehren. Diese
+Dolmetscher begleiteten uns beim Botanisiren. Sie verstehen wohl spanisch,
+aber sie koennen es nicht recht sprechen. In ihrer faulen Gleichgueltigkeit
+geben sie, man mag fragen, was man will, wie auf Gerathewohl, aber immer
+mit gefaelligem Laecheln zur Antwort: "Ja, Pater; nein, Pater." Man begreift
+leicht, dass einem die Geduld ausgeht, wenn man Monate lang solche
+Gespraeche zu fuehren hat, statt ueber Gegenstaende Auskunft zu erhalten, fuer
+die man sich lebhaft interessirt. Nicht selten konnten wir nur mittelst
+mehrerer Dolmetscher und so, dass derselbe Satz mehrmals uebersetzt wurde,
+mit den Eingeborenen verkehren.
+
+"Von meiner Mission an," sagte der gute Ordensmann in Uruana, "werdet ihr
+reisen wie Stumme." Und diese Vorhersagung ist so ziemlich in Erfuellung
+gegangen, und um nicht um allen Nutzen zu kommen, den man aus dem Verkehr
+selbst mit den versunkensten Indianern ziehen kann, griffen wir zuweilen
+zur Zeichensprache. Sobald der Eingeborene merkt, dass man sich keines
+Dolmetschers bedienen will, sobald man ihn unmittelbar befragt, indem man
+auf die Gegenstaende deutet, so legt er seine gewoehnliche Stumpfheit ab und
+weiss sich mit merkwuerdiger Gewandtheit verstaendlich zu machen. Er macht
+Zeichen aller Art, er spricht die Worte langsam aus, er wiederholt sie
+unaufgefordert. Es scheint seiner Eigenliebe zu schmeicheln, dass man ihn
+beachtet und sich von ihm belehren laesst. Diese Leichtigkeit, sich
+verstaendlich zu machen, zeigt sich besonders auffallend beim unabhaengigen
+Indianer, und was die christlichen Niederlassungen betrifft, muss ich den
+Reisenden den Rath geben, sich vorzugsweise an Eingeborene zu wenden, die
+erst seit Kurzem *unterworfen* sind oder von Zeit zu Zeit wieder in den
+Wald laufen, um ihrer frueheren Freiheit zu geniessen. Es unterliegt wohl
+keinem Zweifel, dass der unmittelbare Verkehr mit den Eingeborenen
+belehrender und sicherer ist, als der mittelst des Dolmetschers [S.
+Band II. Seite 25--26], wenn man nur seine Fragen zu vereinfachen weiss und
+dieselben hinter einander an mehrere Individuen in verschiedener Gestalt
+richtet. Zudem sind der Mundarten, welche am Meta, Orinoco, Cassiquiare
+und Rio Negro gesprochen werden, so unglaublich viele, dass der Reisende
+selbst mit dem bedeutendsten Sprachtalent nie so viele derselben sich
+aneignen koennte, um sich laengs der schiffbaren Stroeme von Angostura bis
+zum Fort San Carlos am Rio Negro verstaendlich zu machen. In Peru und Quito
+kommt man mit der Kenntniss der Oquichua- oder Incasprache aus, in Chili
+mit dem Araucanischen, in Paraguay mit dem Guarany; man kann sich
+wenigstens der Mehrzahl der Bevoelkerung verstaendlich machen. Ganz anders
+in den Missionen in spanisch Guyana, wo im selben Dorf Voelker
+verschiedenen Stammes unter einander wohnen. Hier waere es nicht einmal
+genug, wenn man folgende Sprachen verstaende: Caraibisch oder Carina,
+Guamo, Guahiva, Jaruro, Ottomaco, Maypure, Saliva, Marivitano, Maquiritare
+und Guaica, zehn Sprachen, von denen es nur ganz rohe Sprachlehren gibt
+und die unter einander weniger verwandt sind, als Griechisch, Deutsch und
+Persisch.
+
+Die Umgegend der Mission Carichana schien uns ausgezeichnet schoen. Das
+kleine Dorf liegt auf einer der grasbewachsenen Ebenen, wie sie von
+Encaramada bis ueber die Katarakten von Maypures hinaus sich zwischen all
+den Ketten der Granitberge hinziehen. Der Waldsaum zeigt sich nur in der
+Ferne. Ringsum ist der Horizont von Bergen begrenzt, zum Theil bewaldet,
+von duesterer Faerbung, zum Theil kahl, mit felsigten Gipfeln, die der
+Strahl der untergehenden Sonne vergoldet. Einen ganz eigenthuemlichen
+Charakter erhaelt die Gegend durch die fast ganz kahlen Felsbaenke, die oft
+achthundert Fuss im Umfang haben und sich kaum ein paar Zoll ueber die
+umgebende Grasflur erheben. Sie machen gegenwaertig einen Theil der Ebene
+aus. Man fragt sich mit Verwunderung, ob hier ein ungewoehnliches
+stuermisches Ereigniss Dammerde und Gewaechse weggerissen, oder ob der
+Granitkern unseres Planeten hier nackt zu Tage tritt, weil sich die Keime
+des Lebens noch nicht auf allen Punkten entwickelt haben. Dieselbe
+Erscheinung scheint in *Shamo* zwischen der Mongolei und China
+vorzukommen. Diese in der Wueste zerstreuten Felsbaenke heissen _'Tsy'_. Es
+waeren, wie mir scheint, eigentliche Plateaus, waeren von der Ebene umher
+der Sand und die Erde weg, welche das Wasser an den tiefsten Stellen
+angeschwemmt hat. Aus den Felsplatten bei Carichana hat man, was sehr
+interessant ist, den Gang der Vegetation von ihren Anfaengen durch die
+verschiedenen Entwicklungsgrade vor Augen. Da sieht man Flechten, welche
+das Gestein zerklueften und mehr oder weniger dicke Krusten bilden; wo ein
+wenig Quarzsand sich angehaeuft hat, finden Saftpflanzen Nahrung; endlich
+in Hoehlungen des Gesteins haben sich schwarze, aus zersetzten Wurzeln und
+Blaettern sich bildende Erdschichten abgesetzt, auf denen immergruenes
+Buschwerk waechst. Handelte es sich hier von grossartigen Natureffekten, so
+kaeme ich nicht auf unsere Gaerten und die aengstlichen Kuensteleien der
+Menschenhand; aber der Contrast zwischen Felsgestein und bluehendem
+Gestraeuch, die Gruppen kleiner Baeume da und dort in der Savane erinnern
+unwillkuerlich an die mannigfaltigsten und malerischsten Partien unserer
+Parke. Es ist als haette hier der Mensch mit tiefem Gefuehl fuer
+Naturschoenheit den herben, rauhen Charakter der Gegend mildern wollen.
+
+Zwei, drei Meilen von der Mission findet man auf diesen von Granitbergen
+durchzogenen Ebenen eine ebenso ueppige als mannigfaltige Vegetation. Allen
+Doerfern oberhalb der grossen Katarakten gegenueber kann man hier bei
+Carichana auffallend leicht im Lande fortkommen, ohne dass man sich an die
+Flussufer haelt und auf Waelder stoesst, in die nicht einzudringen ist.
+Bonpland machte mehrere Ausfluege zu Pferd, auf denen er sehr viele
+Gewaechse erbeutete. Ich erwaehne nur den Paraguatan, eine sehr schoene Art
+von Macrocnemum, deren Rinde roth faerbt, den Guaricamo mit giftiger
+Wurzel, die _Jacaranda obusifolia_ und den *Serrape* oder *Jape* der
+Salivas-Indianer, AUBLETs Coumarouna, der in ganz Terra Firma wegen seiner
+aromatischen Frucht beruehmt ist. Diese Frucht, die man in Caracas zwischen
+die Waesche legt, waehrend man sie in Europa unter dem Namen *Tonca-* oder
+*Tongobohne* unter den Schnupftabak mischt, wird fuer giftig gehalten. In
+der Provinz Cumana glaubt man allgemein, das eigenthuemliche Arom des
+vortrefflichen Liqueurs, der auf Martinique bereitet wird, komme vom
+*Jape*; diess ist aber unrichtig. Derselbe heisst in den Missionen
+*Simaruba*, ein Name, der zu argen Missgriffen Anlass geben kann, denn die
+aechte *Simaruba* ist eine Quassiaart, eine Fieberrinde, und waechst in
+spanisch Guyana nur im Thal des Rio Caura, wo die Paudacotos-Indianer sie
+*Achechari* nennen.
+
+In Carichana, auf dem grossen Platz, fand ich die Inclination der
+Magnetnadel gleich 33 deg.,70, die Intensitaet der magnetischen Kraft gleich
+227 Schwingungen in zehn Zeitminuten, eine Steigerung, bei der oertliche
+Anziehungen im Spiel seyn mochten. Die vom Wasser des Orinoco geschwaerzten
+Granitbloecke wirken uebrigens nicht merkbar auf den Magnet. Der Barometer
+stand um Mittag 336,6 Linien hoch, der Thermometer zeigte im Schatten
+30 deg.,6. Bei Nacht fiel die Temperatur der Luft auf 26 deg.,2; der Delucsche
+Hygrometer stand auf 46 deg..
+
+Am 10. April war der Fluss um mehrere Zoll gestiegen; die Erscheinung war
+den Eingeborenen auffallend, da sonst der Strom Anfangs fast unmerklich
+steigt, und man ganz daran gewoehnt ist, dass er im April ein paar Tage lang
+wieder faellt. Der Orinoco stand bereits drei Fuss ueber dem niedrigsten
+Punkt. Die Indianer zeigten uns an einer Granitwand die Spuren der
+gegenwaertigen Hochgewaesser; sie standen nach unserer Messung 42 Fuss hoch,
+und diess ist doppelt so viel als durchschnittlich beim Nil. Aber dieses
+Maass wurde an einem Ort genommen, wo das Strombett durch Felsen bedeutend
+eingeengt ist, und ich konnte mich nur an die Angabe der Indianer halten.
+Man sieht leicht, dass das Stromprofil, die Beschaffenheit der mehr oder
+weniger hohen Ufer, die Zahl der Nebenfluesse, die das Regenwasser
+hereinfuehren, und die Laenge der vom Fluss zurueckgelegten Strecke auf die
+Wirkungen der Hochgewaesser und auf ihre Hoehe von bedeutendem Einfluss seyn
+muessen. Unzweifelhaft ist, und es macht auf Jedermann im Lande einen
+starken Eindruck, dass man bei Carichana, San Borja, Atures und Maypures,
+wo sich der Strom durch die Berge Bahn gebrochen, hundert, zuweilen
+hundert dreissig Fuss ueber dem hoechsten gegenwaertigen Wasserstand schwarze
+Streifen und Auswaschungen sieht, die beweisen, dass das Wasser einmal so
+hoch gestanden. So waere denn dieser Orinocostrom, der uns so grossartig und
+gewaltig erscheint, nur ein schwacher Rest der ungeheuren Stroeme suessen
+Wassers, die einst, geschwellt von Alpenschnee oder noch staerkeren
+Regenniederschlaegen als den heutigen, ueberall von dichten Waeldern
+beschattet, nirgends von flachen Ufern eingefasst, welche der Verdunstung
+Vorschub leisten, das Land ostwaerts von den Anden gleich Armen von
+Binnenmeeren durchzogen? In welchem Zustande muessen sich damals diese
+Niederungen von Guyana befunden haben, die jetzt alle Jahre die
+Ueberschwemmungen durchzumachen haben? Welch ungeheure Massen von
+Krokodilen, Seekuehen und Boas muessen auf dem weiten Landstrich gelebt
+haben, der dann wieder aus Lachen stehenden Wassers bestand, oder ein
+ausgedoerrter, von Spruengen durchzogener Boden war! Der ruhigeren Welt, in
+der wir leben, ist eine ungleich stuermischere vorangegangen. Auf den
+Hochebenen der Anden finden sich Knochen von Mastodonten und
+amerikanischen eigentlichen Elephanten, und auf den Ebenen am Uruguay
+lebte das Megatherium. Graebt man tiefer in die Erde, so findet man in
+hochgelegenen Thaelern, wo jetzt keine Palmen und Baumfarn mehr vorkommen,
+Steinkohlenfloetze, in denen riesenhafte Reste monocotyledonischer Gewaechse
+begraben liegen. Es war also lange vor der Jetztwelt eine Zeit, wo die
+Familien der Gewaechse anders vertheilt, wo die Thiere groesser, die Stroeme
+breiter und tiefer waren. Soviel und nicht mehr sagen uns die
+Naturdenkmale, die wir vor Augen haben. Wir wissen nicht, ob das
+Menschengeschlecht, das bei der Entdeckung von Amerika ostwaerts von den
+Cordilleren kaum ein paar schwache Volksstaemme aufzuweisen hatte, bereits
+auf die Ebenen herabgekommen war, oder ob die uralte Sage vom *grossen
+Wasser*, die sich bei den Voelkern am Orinoco, Erevato und Caura findet,
+andern Himmelsstrichen angehoert, aus denen sie in diesen Theil des neuen
+Continents gewandert ist.
+
+Am 11. April. Nach unserer Abfahrt von Carichana um 2 Uhr Nachmittags
+fanden wir im Bette immer mehr Granitbloecke, durch welche der Strom
+aufgehalten wird. Wir liessen den Cano Orupe westwaerts und fuhren darauf am
+grossen, unter dem Namen _Pieda del Tigre_ bekannten Felsen vorbei. Der
+Strom ist hier so tief, dass ein Senkblei von 22 Faden den Grund nicht
+erreicht. Gegen Abend wurde der Himmel bedeckt und duester, Windstoesse und
+dazwischen ganz stille Luft verkuendeten, dass ein Gewitter im Anzug war.
+Der Regen fiel in Stroemen und das Blaetterdach, unter dem wir lagen, bot
+wenig Schutz. Zum Glueck vertrieben die Regenstroeme die Moskitos, die uns
+den Tag ueber grausam geplagt, wenigstens auf eine Weile. Wir befanden uns
+vor dem Katarakt von Cariven, und der Zug des Wassers war so stark, dass
+wir nur mit Muehe ans Land kamen. Wir wurden immer wieder mitten in die
+Stroemung geworfen. Endlich sprangen zwei Salivas, ausgezeichnete
+Schwimmer, ins Wasser, zogen die Pirogue mit einem Strick ans Ufer und
+banden sie an der _Piedra de Carichana vieja_ fest, einer nackten
+Felsbank, auf der wir uebernachteten. Das Gewitter hielt lange in die Nacht
+hinein an; der Fluss stieg bedeutend und man fuerchtete mehreremale, die
+wilden Wogen moechten unser schwaches Fahrzeug vom Ufer losreissen.
+
+Der Granitfels, auf dem wir lagerten, ist einer von denen, auf welchen
+Reisende zu Zeiten gegen Sonnenaufgang unterirdische Toene, wie Orgelklang,
+vernommen haben. Die Missionare nennen dergleichen Steine _'laxas de
+musica'_. "Es ist Hexenwerk" (_cosa de bruxas_) sagte unser junger
+indianischer Steuermann, der castilianisch sprach. Wir selbst haben diese
+geheimnissvollen Toene niemals gehoert, weder in Carichana, noch am obern
+Orinoco; aber nach den Aussagen glaubwuerdiger Zeugen laesst sich die
+Erscheinung wohl nicht in Zweifel ziehen, und sie scheint auf einem
+gewissen Zustand der Luft zu beruhen. Die Felsbaenke sind voll feiner, sehr
+tiefer Spalten und sie erhitzen sich bei Tag auf 48--50 Grad. Ich fand oft
+ihre Temperatur bei Nacht an der Oberflaeche 39 deg., waehrend die der
+umgebenden Luft 28 deg. betrug. Es leuchtet alsbald ein, dass der
+Temperaturunterschied zwischen der unterirdischen und der aeussern Luft sein
+Maximum um Sonnenaufgang erreicht, welcher Zeitpunkt sich zugleich vom
+Maximum der Waerme am vorhergehenden Tage am weitesten entfernt. Sollten
+nun die Orgeltoene, die man hoert, wenn man, das Ohr dicht am Gestein, auf
+dem Fels schlaeft, nicht von einem Luftstrom herruehren, der aus den Spalten
+dringt? Hilft nicht der Umstand, dass die Luft an die elastischen
+Glimmerblaettchen stoesst, welche in den Spalten hervorstehen, die Toene
+modificiren? Laesst sich nicht annehmen, dass die alten Egypter, die
+bestaendig den Nil auf und ab fuhren, an gewissen Felsen in der Thebais
+dieselbe Beobachtung gemacht, und dass _'die Musik der Felsen'_
+Veranlassung zu den Gaukeleien gegeben, welche die Priester mit der
+Bildsaeule Memnons trieben? Wenn die "rosenfingerige Eos ihrem Sohn, dem
+ruhmreichen Memnon, eine Stimme verlieh,"(23) so war diese Stimme
+vielleicht die eines unter dem Fussgestell der Bildsaeule versteckten
+Menschen, aber die Beobachtung der Eingeborenen am Orinoco, von der hier
+die Rede ist, scheint ganz natuerlich zu erklaeren, was zu dem Glauben der
+Egypter, ein Stein toene bei Sonnenaufgang, Anlass gegeben.
+
+Fast zur selben Zeit, da ich diese Vermuthungen einigen Gelehrten in
+Europa mittheilte, kamen franzoesische Reisende, die Herrn JOMARD, JOLLOIS
+und DEVILLIERS, auf aehnliche Gedanken. In einem Denkmal aus Granit, mitten
+in den Tempelgebaeuden von Karnak, hoerten sie bei Sonnenaufgang ein
+Geraeusch wie von einer reissenden Saite. Gerade denselben Vergleich
+brauchen aber die Alten, wenn von der Stimme Memnons die Rede ist. Die
+franzoesischen Reisenden sind mit mir der Ansicht, das Durchstreichen der
+Luft durch die Spalten eines klingenden Steins habe wahrscheinlich die
+egyptischen Priester auf die Gaukeleien im Memnonium gebracht.
+
+Am 12. April. Wir brachen um 4 Uhr Morgens auf. Der Missionaer sah voraus,
+dass wir Noth haben wuerden, ueber die Stromschnellen und den Einfluss des
+Meta wegzukommen. Die Indianer ruderten zwoelf und eine halbe Stunde ohne
+Unterlass. Waehrend dieser Zeit nahmen sie nichts zu sich als Manioc und
+Bananen. Bedenkt man, wie schwer es ist, die Gewalt der Stroemung zu
+ueberwinden und die Katarakten hinauszufahren, und weiss man, dass die
+Indianer am Orinoco und Amazonenstrom auf zweimonatlichen Flussfahrten in
+dieser Weise ihre Muskeln anstrengen, so wundert man sich gleich sehr ueber
+die Koerperkraft und ueber die Maessigkeit dieser Menschen. Staerkmehl- und
+zuckerhaltige Stoffe, zuweilen Fische und Schildkroeteneierfett ersetzen
+hier die Nahrung, welche die zwei ersten Thierklassen, Saeugethiere und
+Voegel, Thiere mit rothem, warmem Blute, geben.
+
+Wir fanden das Flussbett auf einer Strecke von 600 Toisen voll
+Granitbloecken; diess ist der sogenannte *Raudal de Cariven*. Wir liefen
+durch Kanaele, die nicht fuenf Fuss breit waren, und manchmal stak unsere
+Pirogue zwischen zwei Granitbloecken fest. Man suchte die Durchfahrten zu
+vermeiden, durch die sich das Wasser mit furchtbarem Getoese stuerzt. Es ist
+keine ernstliche Gefahr vorhanden, wenn man einen guten indianischen
+Steuermann hat. Ist die Stroemung nicht zu ueberwinden, so springen die
+Ruderer ins Wasser, binden ein Seil an die Felsspitzen und ziehen die
+Pirogue heraus. Diess geht sehr langsam vor sich, und wir benuetzten
+zuweilen die Gelegenheit und kletterten auf die Klippen, zwischen denen
+wir staken. Es gibt ihrer von allen Groessen; sie sind abgerundet, ganz
+schwarz, bleiglaenzend und ohne alle Vegetation. Es ist ein merkwuerdiger
+Anblick, wenn man auf einem der groessten Stroeme der Erde gleichsam das
+Wasser verschwinden sieht. Ja noch weit vom Ufer sahen wir die ungeheuern
+Granitbloecke aus dem Boden steigen und sich an einander lehnen. In den
+Stromschnellen sind die Kanaele zwischen den Felsen ueber 25 Faden tief, und
+sie sind um so schwerer zu finden, da das Gestein nicht selten nach unten
+eingezogen ist und eine Woelbung ueber dem Flussspiegel bildet. Im Raudal von
+Cariven sahen wir keine Krokodile; die Thiere scheinen das Getoese der
+Katarakten zu scheuen.
+
+Von Cabruta bis zum Einfluss des Rio Sinaruco, aus einer Strecke von fast
+zwei Breitegraden, ist das linke Ufer des Orinoco voellig unbewohnt; aber
+westlich vom Raudal de Cariven hat ein unternehmender Mann, Don Felix
+Relinchon, Jaruros- und Otomacos-Indianer in einem kleinen Dorfe
+zusammengebracht. Auf diesen Civilisationsversuch hatten die Moenche
+unmittelbar keinen Einfluss. Es braucht kaum erwaehnt zu werden, dass Don
+Felix mit den Missionaeren am rechten Ufer des Stroms in offener Fehde
+lebt. Wir werden anderswo die wichtige Frage besprechen, ob, unter den
+gegenwaertigen Verhaeltnissen in spanisch Amerika, dergleichen _'Capitanes
+pobladores'_ und _'fundadores'_ an die Stelle der Moenche treten koennen,
+und welche der beiden Regierungsarten, die gleich launenhaft und
+willkuerlich. sind, fuer die armen Indianer die schlimmste ist.
+
+Um 9 Uhr langten wir an der Einmuendung des Meta an, gegenueber dem Platze,
+wo frueher die von den Jesuiten gegruendete Mission Santa Teresa gestanden.
+Der Meta ist nach dem Guaviare der bedeutendste unter den Nebenfluessen des
+Orinoco. Man kann ihn der Donau vergleichen, nicht nach der Laenge des
+Laufs, aber hinsichtlich der Wassermasse. Er ist durchschnittlich 34, oft
+bis zu 84 Fuss tief. Die Vereinigung beider Stroeme gewaehrt einen aeusserst
+grossartigen Anblick. Am oestlichen Ufer steigen einzelne Felsen empor, und
+aufeinander gethuermte Granitbloecke sehen von ferne wie verfallene Burgen
+aus. Breite sandigte Ufer legen sich zwischen den Strom und den Saum der
+Waelder, aber mitten in diesen sieht man am Horizont auf den Berggipfeln
+einzelne Palmen sich vom Himmel abheben.
+
+Wir brachten zwei Stunden auf einem grossen Felsen mitten im Orinoco zu,
+auf der *Piedra de paciencia* so genannt, weil die Piroguen, die den Fluss
+hinauf gehen, hier nicht selten zwei Tage brauchen, um aus dem Strudel
+herauszukommen, der von diesem Felsen herruehrt. Es gelang mir meine
+Instrumente darauf aufzustellen. Nach den Sonnenhoehen, die ich aufnahm,
+liegt der Einfluss des Meta unter 70 deg. 4{~PRIME~} 29{~DOUBLE PRIME~} der Laenge. Nach dieser
+chronometrischen Beobachtung ist D'ANVILLEs Karte von Suedamerika, was
+diesen Punkt betrifft, in der Laenge fast ganz richtig, waehrend der Fehler
+in der Breite einen ganzen Grad betraegt.
+
+Der Rio Meta durchzieht die weiten Ebenen von Casanare; er ist fast bis
+zum Fuss der Anden von Neu-Grenada schiffbar und muss einmal fuer die
+Bevoelkerung von Guyana und Venezuela politisch von grosser Bedeutung
+werden. Aus dem *Golfo triste* und der *Boca del Dragon* kann eine
+Flottille den Orinoco und Meta bis auf 15--20 Meilen von Santa Fe de
+Bogota herauffahren. Auf demselben Wege kann das Mehl aus Neu-Grenada
+hinunterkommen. Der Meta ist wie ein Schiffsahrtskanal zwischen Laendern
+unter derselben Breite, die aber ihren Produkten nach so weit auseinander
+sind als Frankreich und der Senegal. Durch diesen Umstand wird es von
+Belang, dass man die Quellen des Flusses, der auf unsern Karten so schlecht
+gezeichnet ist, genan kennen lernt. Der Meta entsteht durch die
+Vereinigung zweier Fluesse, die von den Paramos von Chingasa und Suma Paz
+herabkomrnen. Ersterer ist der Rio Negro, der weiter unten den Pachaquiaro
+aufnimmt; der zweite ist der Rio _de aguas blancas_ oder Umadea. Sie
+vereinigen sich in der Naehe des Hafens von Marayal. Vom Passo de la
+Cabulla, wo man den Rio Negro verlaesst, bis zur Hauptstadt Santa Fe sind es
+nur 8--10 Meilen. Ich habe diese interessanten Notizen, wie ich sie aus
+dem Munde von Augenzeugen erhalten, in der ersten Ausgabe meiner Karte vom
+Rio Meta benuetzt. Die _Reisebeschreibung_ des Canonicus DON JOSEF CORTES
+MADARIAGA hat nicht allein meine erste Ansicht vom Laufe des Meta
+bestaetigt, sondern mir auch schaetzbares Material zur Berichtigung meiner
+Arbeit geliefert. Von den Doerfern Xiramena und Cabullaro bis zu den
+Doerfern Guanapalo und Santa Rosalia de Cabapuna, auf einer Strecke von 60
+Meilen, sind die Ufer des Meta staerker bewohnt als die des Orinoco. Es
+sind dort vierzehn zum Theil stark bevoelkerte christliche Niederlassungen,
+aber vom Einfluss des Pauto und des Casanare an, ueber 50 Meilen weit,
+machen die wilden Guahibos den Meta unsicher.
+
+Zur Jesuitenzeit, besonders aber zur Zeit von ITURIAGAs Expedition im Jahr
+1756 war die Schifffahrt auf dem Strom weit staerker als jetzt. Missionaere
+aus Einem Orden waren damals Herrn an den Ufern des Meta und des Orinoco.
+Die Doerfer Macuco, Zurimena, Casimena einerseits, andererseits Uruana,
+Encaramada, Carichana waren von den Jesuiten gegruendet. Die Patres gingen
+damit um, vom Einfluss des Casanare in den Meta bis zum Einfluss des Meta in
+den Orinoco eine Reihe von Missionen zu gruenden, so dass ein schmaler
+Streif bebauten Landes ueber die weite Steppe zwischen den Waeldern von
+Guyana und den Anden von Neu-Grenada gelaufen waere. Ausser dem Mehl von
+Santa Fe gingen damals zur Zeit der "Schildkroeteneierernte" das Salz von
+Chita, die Baumwollenzeuge von San Gil und die gedruckten Decken von
+Socorro den Fluss herunter. Um den Kraemern, die diesen Binnenhandel
+trieben, einigermassen Sicherheit zu verschaffen, machte man vom *Castillo*
+oder Fort Carichana aus von Zeit zu Zeit einen Angriff auf die
+Guahibos-Indianer.
+
+Da auf demselben Wege, der den Handel mit den Produkten von Neu-Grenada
+foerderte, das geschmuggelte Gut von der Kueste von Guyana ins Land ging, so
+setzte es der Handelsstand von Carthagena de Indias bei der Regierung
+durch, dass der freie Handel auf dem Meta bedeutend beschraenkt wurde.
+Derselbe Geist des Monopols schloss den Meta, den Rio Atracto und den
+Amazonenstrom. Es ist doch eine wunderliche Politik von Seiten der
+Mutterlaender, zu glauben, es sey vortheilhaft, Laender, wo die Natur Keime
+der Fruchtbarkeit mit vollen Haenden ausgestreut, unangebaut liegen zu
+lassen. Dass das Land nicht bewohnt ist, haben sich nun die wilden Indianer
+aller Orten zu Nutze gemacht. Sie sind an die Fluesse herangerueckt, sie
+machen Angriffe auf die Vorueberfahrenden, sie suchen *wiederzuerobern*,
+was sie seit Jahrhunderten verloren. Um die Guahibos im Zaume zu halten,
+wollten die Kapuziner, welche als Leiter der Missionen am Orinoco auf die
+Jesuiten folgten, an der Ausmuendung des Meta unter dem Namen Villa de San
+Carlos eine Stadt bauen. Traegheit und die Furcht vor dem dreitaegigen
+Fieber liessen es nicht dazu kommen, und ein sauber gemaltes Wappen auf
+einem Pergament und ein ungeheures Kreuz am Ufer des Meta ist Alles, was
+von der Villa de San Carlos bestanden hat. Die Guahibos, deren Kopfzahl,
+wie man behauptet, einige Tausende betraegt, sind so frech geworden, dass
+sie, als wir nach Carichana kamen, dem Missionaer hatten ankuendigen lassen,
+sie werden auf Floessen kommen und ihm sein Dorf anzuenden. Diese Floesse
+(_valzas_), die wir zu sehen Gelegenheit hatten, sind kaum 3 Fuss breit und
+12 lang. Es fahren nur zwei bis drei Indianer darauf, aber 15 bis 16 Floesse
+werden mit den Stengeln von Paulinia, Dolichos und andern Rankengewaechsen
+aneinander gebunden. Man begreift kaum, wie diese kleinen Fahrzeuge in den
+Stromschnellen beisammen bleiben koennen. Viele aus den Doerfern am Casanare
+und Apure entlaufene Indianer haben sich den Guahibos angeschlossen und
+ihnen Geschmack am Rindfleisch und den Gebrauch des Leders beigebracht.
+Die Hoefe San Vicente, Rubio und San Antonio haben durch die Einfaelle der
+Indianer einen grossen Theil ihres Hornviehs eingebuesst. Ihretwegen koennen
+auch die Reisenden, die den Meta hinaufgehen, bis zum Einfluss des Casanare
+die Nacht nicht am Ufer zubringen. Bei niedrigem Wasser kommt es ziemlich
+haeufig vor, dass Kraemer aus Neu-Grenada, die zuweilen noch das Lager bei
+Pararuma besuchen, von den Guahibos mit vergifteten Pfeilen erschossen
+werden.
+
+Vom Einfluss des Meta an erschien der Orinoco freier von Klippen und
+Felsmassen. Wir fuhren auf einer 500 Toisen breiten offenen Stromstrecke.
+Die Indianer ruderten fort, ohne die Pirogue zu schieben und zu ziehen und
+uns dabei mit ihrem wilden Geschrei zu belaestigen. Gegen West lagen im
+Vorbeifahren die Canos Uita und Endava, und es war bereits Nacht, als wir
+vor dem *Raudal de Tabaje* hielten. Die Indianer wollten es nicht mehr
+wagen, den Katarakt hinaufzufahren, und wir schliefen daher am Lande, an
+einem hoechst unbequemen Ort, auf einer mehr als 18 Grad geneigten
+Felsplatte, in deren Spalten Schaaren von Fledermaeusen staken. Die ganze
+Nacht ueber hoerten wir den Jaguar ganz in der Naehe bruellen, und unser
+grosser Hund antwortete darauf mit anhaltendem Geheul. Umsonst wartete ich,
+ob nicht die Sterne zum Vorschein kaemen; der Himmel war grauenhaft
+schwarz. Das dumpfe Tosen der Faelle des Orinoco stach scharf ab vom
+Donner, der weit weg, dem Walde zu, sich hoeren liess.
+
+Am 13. April. Wir fuhren am fruehen Morgen die Stromschnellen von Tabaje
+hinauf, bis wohin Pater GUMILLA auf seiner Fahrt gekommen war,(24) und
+stiegen wieder aus. Unser Begleiter, Pater Zea, wollte in der neuen, seit
+zwei Jahren bestehenden Mission San Borja die Messe lesen. Wir fanden
+daselbst sechs von noch nicht catechisirten Guahibos bewohnte Haeuser. Sie
+unterschieden sich in nichts von den wilden Indianern. Ihre ziemlich
+grossen schwarzen Augen verriethen mehr Lebendigkeit als die der Indianer
+in den uebrigen Missionen. Vergeblich boten wir ihnen Branntwein an; sie
+wollten ihn nicht einmal kosten. Die Gesichter der jungen Maedchen waren
+alle mit runden schwarzen Tupfen bemalt; dieselben nahmen sich aus wie die
+Schoenpflaesterchen, mit denen frueher die Weiber in Europa die Weisse ihrer
+Haut zu heben meinten. Am uebrigen Koerper waren die Guahibos nicht bemalt.
+Mehrere hatten einen Bart; sie schienen stolz darauf, fassten uns am Kinn
+und gaben uns durch Zeichen zu verstehen, sie seyen wie wir. Sie sind
+meist ziemlich schlank gewachsen. Auch hier, wie bei den Salivas und
+Macos, fiel mir wieder auf, wie wenig Aehnlichkeit die Indianer am Orinoco
+in der Gesichtsbildung mit einander haben. Ihr Blick ist duester,
+truebselig, aber weder streng noch wild. Sie haben keinen Begriff von den
+christlichen Religionsgebraeuchen (der Missionaer von Carichana liest in San
+Borja nur drei- oder viermal im Jahr Messe); dennoch benahmen sie sich in
+der Kirche durchaus anstaendig. Die Indianer lieben es, sich ein Ansehen zu
+geben; gerne dulden sie eine Weile Zwang und Unterwuerfigkeit aller Art,
+wenn sie nur wissen, dass man auf sie sieht. Bei der Communion machten sie
+einander Zeichen, dass jetzt der Priester den Kelch zum Munde fuehren werde.
+Diese Geberde ausgenommen, sassen sie da, ohne sich zu ruehren, voellig
+theilnahmlos.
+
+Die Theilnahme, mit der wir die armen Wilden betrachtet hatten, war
+vielleicht Schuld daran, dass die Mission einging. Einige derselben, die
+lieber umherzogen als das Land bauten, beredeten die andern, wieder auf
+die Ebenen am Meta zu ziehen; sie sagten ihnen, die Weissen wuerden wieder
+nach San Borja kommen und sie dann in ihren Canoes fortschleppen und in
+Angostura als _'Poitos'_, als Sklaven verkaufen. Die Guahibos warteten,
+bis sie hoerten, dass wir vom Rio Negro ueber den Cassiquiare zurueckkamen,
+und als sie erfuhren, dass wir beim ersten grossen Katarakt, bei Apures,
+angelangt seyen, liefen alle davon in die Savanen westlich vom Orinoco. Am
+selben Platz und unter demselben Namen hatten schon die Jesuiten eine
+Mission gegruendet. Kein Stamm ist schwerer sesshaft zu machen als die
+Guahibos. Lieber leben sie von faulen Fischen, Tausendfuessen und Wuermern,
+als dass sie ein kleines Stueck Land bebauen. Die andern Indianer sagen
+daher spruechwoertlich: "Ein Guahibo isst Alles auf der Erde und unter der
+Erde."
+
+Kommt man auf dem Orinoco weiter nach Sueden, so nimmt die Hitze keineswegs
+zu, sondern wird im Gegentheil ertraeglicher. Die Lufttemperatur war bei
+Tag 26--27 deg.,5 [20 deg.,18--22 deg. R], bei Nacht 23 deg.,7 [19 deg.6 R]. Das Wasser des
+Stroms behielt seine gewoehnliche Temperatur von 27 deg.,7 [22 deg.,2 R]. Aber
+trotz der Abnahme der Hitze nahm die Plage der Moskitos erschrecklich zu.
+Nie hatten wir so arg gelitten als in San Borja. Man konnte nicht sprechen
+oder das Gesicht entbloessen, ohne Mund und Nase voll Insekten zu bekommen.
+Wir wunderten uns, dass wir den Thermometer nicht auf 35 oder 36 Grad
+stehen sahen; beim schrecklichen Hautreiz schien uns die Luft zu gluehen.
+Wir uebernachteten am Ufer bei Guaripo. Aus Furcht vor den kleinen
+Caraibenfischen badeten wir nicht. Die Krokodile, die wir den Tag ueber
+gesehen, waren alle ausserordentlich gross, 22--24 Fuss lang.
+
+Am 14. April. Die Plage der Zancudos veranlasste uns, schon um fuenf Uhr
+Morgens aufzubrechen. In der Luftschicht ueber dem Fluss selbst sind weniger
+Insekten als am Waldsaume. Zum Fruehstueck hielten wir an der Insel
+Guachaco, wo eine Sandsteinformation oder ein Conglomerat unmittelbar auf
+dem Granit lagert. Der Sandstein enthaelt Quarz-, sogar Feldspathtruemmer
+und das Bindemittel ist verhaerteter Thon. Es befinden sich darin kleine
+Gaenge von Brauneisenerz, das in liniendicken Schichten abblaettert. Wir
+hatten dergleichen Blaetter bereits zwischen Encaramada und dem Baraguan am
+Ufer gefunden, und die Missionaere hatten dieselben bald fuer Gold-, bald
+fuer Zinnerz gehalten. Wahrscheinlich ist diese secundaere Bildung frueher
+ungleich weiter verbreitet gewesen. Wir fuhren an der Muendung des Rio
+Parueni vorueber, ueber welcher die Macos-Indianer wohnen, und uebernachteten
+auf der Insel Panumana. Nicht ohne Muehe kam ich dazu, zur Bestimmung der
+Laenge des Orts, bei dem der Fluss eine scharfe Wendung nach West macht,
+Hoehenwinkel des Canopus zu messen. Die Insel Panumana ist sehr reich an
+Pflanzen. Auch hier findet man wieder die kahlen Felsen, die
+Melastomenbuesche, die kleinen Baumpartien, deren Gruppirung uns schon in
+der Ebene bei Carichana aufgefallen war. Die Berge bei den grossen
+Katarakten begrenzten den Horizont gegen Suedost. Je weiter wir hinauf
+kamen, desto grossartiger und malerischer wurden die Ufer des Orinoco.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 11 Die Sandfloehe (_pulex penetrans_, LINNE) die sich beim Menschen und
+ Affen unter die Naegel der Zehen eingraben und daselbst ihre Eier
+ legen.
+
+ 12 Die Namen der Missionen in Suedamerika bestehen saemmtlich aus zwei
+ Worten, von denen das erste nothwendig ein Heiligenname ist (der
+ Name des Schutzpatrons der Kirche), das zweite ein indianisches (der
+ Name des Volks, das hier lebt, und der Gegend, wo die Mission
+ liegt). So sagt man: _San Jose de Maypures_, _Santa Cruz de
+ Cachipo_, _San Juan-Nepomuceno de los Atures_ etc. Diese
+ zusammengesetzten Namen kommen aber nur in der amtlichen Sprache
+ vor; die Einwohner brauchen nur Einen, meist, wenn er wohlklingend
+ ist, den indianischen. Benachbarten Orten kommen oft dieselben
+ Heiligennamen zu, und dadurch entsteht in der Geographie eine
+ heillose Verwirrung. Die Namen San Juan, San Pedro, San Diego sind
+ wie auf Gerathewohl auf unsern Karten umhergestreut.
+
+ 13 Der Begleiter des Diego de Ordaz.
+
+ 14 Die Botija haelt 25 franzoesische Flaschen; sie hat 1000--1200
+ Cubikzoll Inhalt.
+
+ 15 Kleine Wasserfaelle, _chorros_, _raudalitos_.
+
+ 16 Stricke aus den Blattstielen einer Palme mit gefiederten Blaettern,
+ von der unten die Rede seyn wird.
+
+ 17 Das Fleisch des Rocou und auch der Chica sind adstringirend und
+ leicht abfuehrend.
+
+ 18 Der schwarze, aetzende Farbstoff des *Caruto* (_Genipa americana_)
+ widersteht dem Wasser laenger, wie wir zu unserem grossen Verdruss an
+ uns selbst erfuhren. Wir scherzten eines Tags mit den Indianern und
+ machten uns mit Caruto Tupfen und Striche ins Gesicht, und man sah
+ dieselben noch, als wir schon wieder in Angostura, im Schoosse
+ europaeischer Cultur waren.
+
+ 19 Einen schoenen Saimiri oder Titi vom Orinoco kauft man in Paramara
+ fuer 8 bis 9 Piaster; der Missionaer bezahlt dem Indianer, der den
+ Affen gefangen und gezaehmt, 1-1/2 Piaster.
+
+ 20 Ich fuehre bei dieser Gelegenheit an, dass ich niemals bemerkt habe,
+ dass ein Gemaelde, auf dem Hasen und Rehe in natuerlicher Groesse und
+ vortrefflich abgebildet waren, auf Jagdhunde, bei denen doch der
+ Verstand sehr entwickelt schien, den mindesten Eindruck gemacht
+ haette. Gibt es einen beglaubigten Fall, wo ein Hund das Portraet
+ seines Herrn in ganzer Figur erkannt haette? In allen diesen Faellen
+ wird das Gesicht nicht vom Geruch unterstuetzt.
+
+_ 21 Cartas edificantes de la Compana de Jesus_, 1757
+
+ 22 Die Stadt Socorro, suedlich vom Rio Sogamoza und nord-nord-oestlich
+ von Santa Fe de Bogota, war der Hauptherd des Aufruhrs, der im Jahr
+ 1781 im Koenigreich Neu-Grenada unter dem Erzbischof Vicekoenig
+ Gongora wegen der Plackereien ausbrach, denen das Volk in Folge der
+ Einfuehrung der Tabakspacht ausgesetzt gewesen. Viele fleissige
+ Einwohner von Socorro wanderten damals in die Llanos am Meta aus, um
+ sich den Verfolgungen zu entziehen, welche der vom Madrider Hof
+ ertheilten allgemeinen Amnestie folgten. Diese Ausgewanderten heissen
+ in den Missionen _Socorrenos refugiados_.
+
+ 23 So heisst es in einer Inschrift, die bezeugt, dass am 13. des Monats
+ Pachon im zehnten Regierungsjahr Antonins die Toene vernommen worden.
+
+ 24 Und doch will Gumilla auf dem Guaviare gefahren seyn. Nach ihm liegt
+ der Raudal de Tabaje unter 1 deg. 4{~PRIME~} der Breite, was um 5 deg. 10{~PRIME~} zu wenig
+ ist.
+
+
+
+
+
+ZWANZIGSTES KAPITEL.
+
+
+ Die Muendung des Rio Anaveni. -- Der Pic Uniana. -- Die Mission
+ Atures. -- Der Katarakt oder Raudal Mapara. -- Die Inseln
+ Surupamana und Uirapuri.
+
+
+Auf seinem Lauf von Sued nach Nord streicht ueber den Orinocostrom eine
+Kette von Granitbergen. Zweimal in seinem Laufe gehemmt, bricht er sich
+tosend an den Felsen, welche Staffeln und Querdaemme bilden. Nichts
+grossartiger als dieses Landschaftsbild. Weder der Fall des Tequendama bei
+Santa Fe de Bogota, noch die gewaltige Naturscenerie der Cordilleren
+vermochten den Eindruck zu verwischen, den die Stromschnellen von Atures
+und Maypures auf mich machten, als ich sie zum erstenmale sah. Steht man
+so, dass man die ununterbrochene Reihe von Katarakten, die ungeheure, von
+den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete Schaum- und Dunstflaeche
+mit Einem Blicke uebersieht, so ist es, als saehe man den ganzen Strom ueber
+seinem Bette haengen.
+
+So ausgezeichnete Naturbildungen mussten schon seit Jahrhunderten bei den
+Bewohnern der neuen Welt Aufmerksamkeit erregen. Als Diego de Ordaz,
+Alfonso de Herera und der unerschrockene RALEGH in der Muendung des Orinoco
+vor Anker gingen, wurde ihnen Kunde von den grossen Katarakten aus dem
+Munde von Indianern, die niemals dort gewesen; sie verwechsclten sie sogar
+mit weiter ostwaerts, gelegenen Faellen. Wie sehr auch in der heissen Zone
+die Ueppigkeit des Pflanzenwuchses dem Verkehr unter den Voelkern
+hinderlich ist, Alles, was sich auf den Lauf der grossen Stroeme bezieht,
+erlangt einen Ruf, der sich in ungeheure Fernen verbreitet. Gleich Armen
+von Binnenmeeren durchziehen der Orinoco, Amazonenstrom und Uruguay einen
+mit Waeldern bedeckten Landstrich, auf dem Voelker hausen, die zum Theil
+Menschenfresser sind. Noch ist es nicht zwei Jahrhunderte her, seit die
+Cultur und das sanfte Licht einer menschlicheren Religion an den Ufern
+dieser uralten, von der Natur gegrabenen Kanaele aufwaerts ziehen; aber
+lange vor Einfuehrung des Ackerbaus, ehe zwischen den zerstreuten, oft sich
+befehdenden Horden ein Tauschverkehr zu Stande kam, verbreitete sich auf
+tausend zufaelligen Wegen die Kunde von ausserordentlichen
+Naturerscheinungen, von Wasserfaellen, vulkanischen Flammen, vom Schnee,
+der vor der Hitze des Sommers nicht weicht. Dreihundert Meilen von den
+Kuesten, im Herzen von Suedamerika, unter Voelkern, deren Wanderungen sich in
+den Grenzen von drei Tagereisen halten, findet man die Kunde vom Ocean,
+findet man Worte zur Bezeichnung einer Masse von Salzwasser, die sich
+hinbreitet, soweit das Auge reicht. Verschiedene Vorfaelle, wie sie im
+Leben des Wilden nicht selten sind, helfen zur Verbreitung solcher
+Kenntnisse. In Folge der kleinen Kriege zwischen benachbarten Horden wird
+ein Gefangener in ein fremdes Land geschleppt, wo er als _'Poito'_ oder
+_'Mero'_, das heisst als Sklave behandelt wird. Nachdem er mehreremale
+verkauft und wieder im Kriege gebraucht worden, entkommt er und kehrt zu
+den Seinigen zurueck. Da erzaehlt er denn, was er gesehen, was er andere hat
+erzaehlen hoeren, deren Sprache er hat lernen muessen. So kommt es, dass man,
+wenn man eine Rippe findet, von den grossen Thieren weit im innern Lande
+sprechen hoert; so kommt es, dass man, wenn man das Thal eines grossen
+Flusses betritt, mit Ueberraschung sieht, wie viel die Wilden, die gar
+nicht auf dem Wasser fahren, von weit entlegenen Dingen zu sagen wissen.
+Auf den ersten Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung tritt in gewissem
+Grade der Gedankenaustausch frueher ein als der Tausch von Erzeugnissen.
+
+Die beiden grossen Katarakten des Orinoco, die eines so ausgebreiteten,
+uralten Rufs geniessen, entstehen dadurch, dass der Strom die Berge der
+Parime durchbricht [S. Band II. Seite 374]. Bei den Eingeborenen heissen
+sie *Mapara* und *Quittuna*; aber die Missionaere haben dafuer Atures und
+Maypures gesetzt nach den Namen der beiden Staemme, die sie in den beiden
+den Faellen zunaechst gelegenen Doerfern zusammengebracht. An den Kuesten von
+Caracas nennt man die zwei grossen Katarakten einfach: die zwei
+*Raudales*(25) (Stromschnellen), was darauf hindeutet, dass man die andern
+Faelle, sogar die Stromschnellen von Camiseta und Carichana, gegenueber den
+Katarakten von Apures und Maypures gar nicht der Beachtung werth findet.
+
+Letztere liegen unter dem 5. und 6. Grad noerdlicher Breite, hundert Meilen
+westwaerts von den Cordilleren von Neu-Grenada, im Meridian von Porto
+Cabello, und nur zwoelf Meilen von einander. Es ist sehr auffallend, dass
+D'ANVILLE nichts von denselben gewusst hat, da er doch auf seiner schoenen
+grossen Karte von Suedamerika die unbedeutenden Faelle von Marimara und San
+Borja unter dem Namen Stromschnellen von Carichana und Tabaje angibt. Die
+grossen Katarakten theilen die christlichen Niederlassungen in spanisch
+Guyana in zwei ungleiche Haelften. *Missionen am untern Orinoco* heissen die
+zwischen dem Raudal von Atures und der Strommuendung; unter den *Missionen
+am obern Orinoco* sind die Doerfer zwischen dem Raudal von Maypures und den
+Bergen des Duida verstanden. Der Lauf des untern Orinoco ist, wenn man mit
+LA CONDAMINE die Kruemmungen auf ein Drittheil der geraden Richtung
+schaetzt, 260 Seemeilen, der des obern Orinoco, die Quellen drei Grad
+ostwaerts vom Duida angenommen, 167 Meilen lang.
+
+Jenseits der grossen Katarakten beginnt ein unbekanntes Land. Es ist ein
+zum Theil gebirgigter, zum Theil ebener Landstrich, ueber den die
+Nebenfluesse sowohl des Amazonenstroms als des Orinoco ziehen. Wegen des
+leichten Verkehrs mit dem Rio Negro und Gran Para scheint derselbe
+vielmehr Brasilien als den spanischen Colonien anzugehoeren. Keiner der
+Missionaere, die vor mir den Orinoco beschrieben haben, die Patres GUMILLA,
+GILI und CANLIN, ist ueber den Raudal von Maypures hinaufgekommen.
+Letzterer hat allerdings eine ziemlich genaue Topographie vom obern
+Orinoco und vom Cassiquiare geliefert, aber nur nach den Angaben von
+Militaers, die SOLANOs Expedition mitgemacht. Oberhalb der grossen
+Katarakten fanden wir laengs des Orinoco auf einer Strecke von hundert
+Meilen nur drei christliche Niederlassungen, und in denselben waren kaum
+sechs bis acht Weisse, das heisst Menschen europaeischer Abkunft. Es ist
+nicht zu verwundern, dass ein so oedes Land von jeher der classische Boden
+fuer Sagen und Wundergeschichten war. Hieher versetzten ernste Missionaere
+die Voelker, die Ein Auge auf der Stirne, einen Hundskopf oder den Mund
+unter dem Magen haben; hier fanden sie Alles wieder, was die Alten von den
+Garamanten, den Arimaspen und den Hyperboraeern erzaehlen. Man thaete den
+schlichten, zuweilen ein wenig rohen Missionaeren Unrecht, wenn man
+glaubte, sie selbst haben diese uebertriebenen Maehren erfunden; sie haben
+sie vielmehr grossentheils den Indianergeschichten entnommen. In den
+Missionen erzaehlt man gern, wie zur See, wie im Orient, wie ueberall, wo
+man sich langweilt. Ein Missionaer ist schon nach Standesgebuehr nicht zum
+Sceptirismus geneigt; er praegt sich ein, was ihm die Eingeborenen so oft
+vorgesagt, und kommt er nach Europa, in die civilisirte Welt zurueck, so
+findet er eine Entschaedigung fuer seine Beschwerden in der Lust, durch die
+Erzaehlung von Dingen, die er als Thatsachen aufgenommen, durch lebendige
+Schilderung des im Raum so weit Entrueckten, die Leute in Verwunderung zu
+setzen. Ja, diese _cuentos de viageros y frailes_ werden immer
+unwahrscheinlicher, je weiter man von den Waeldern am Orinoco weg den
+Kuesten zu kommt, wo die Weissen wohnen. Laesst man in Cumana, Nueva Barcelona
+und in andern Seehaefen, die starken Verkehr mit den Missionen haben,
+einigen Unglauben merken, so schliesst man einem den Mund mit den wenigen
+Worten: "Die Patres haben es gesehen, aber weit ueber den grossen
+Katarakten, _mos ariba de los Raudales._"
+
+Jetzt, da wir ein so selten besuchtes, von denen, die es bereist, nur zum
+Theil beschriebenes Land betreten, habe ich mehrere Gruende, meine
+Reisebeschreibung auch ferner in der Form eines Tagebuchs fortzusetzen.
+Der Leser unterscheidet dabei leichter, was ich selbst beobachtet, und was
+ich nach den Aussagen der Missionaere und Indianer berichte; er begleitet
+die Reisenden bei ihren taeglichen Beschaeftigungen; er sieht zugleich, wie
+wenig Zeit ihnen zu Gebot stand und mit welchen Schwierigkeiten sie zu
+kaempfen hatten, und wird in seinem Urtheil nachsichtiger.
+
+Am 15. April. Wir brachen von der Insel Panumana um vier Uhr Morgens aus,
+zwei Stunden vor Sonnenaufgang; der Himmel war grossentheils bedeckt und
+durch dickes, ueber 40 Grad hoch stehendes Gewoelk fuhren Blitze. Wir
+wunderten uns, dass wir nicht donnern hoerten: kam es daher, dass das
+Gewitter so ausnehmend hoch stand? Es kam uns vor, als wuerden in Europa
+die elektrischen Schimmer ohne Donner, das Wetterleuchten, wie man es mit
+unbestimmtem Ausdruck nennt, in der Regel weit naeher am Horizont gesehen.
+Beim bedeckten Himmel, der die strahlende Waerme des Bodens zurueckwarf, war
+die Hitze erstickend; kein Lueftchen bewegte das Laub der Baeume. Wie
+gewoehnlich waren die Jaguars ueber den Flussarm zwischen uns und dem Ufer
+heruebergekommen, und wir hoerten sie ganz in unserer Naehe bruellen. Im Lauf
+der Nacht hatten uns die Indianer gerathen, aus dem Bivouac in eine
+verlassene Huette zu ziehen, die zu den _'Conucos'_ der Einwohner von
+Apures gehoert; sie verrammelten den Eingang mit Brettern, was uns ziemlich
+ueberfluessig vorkam. Die Tiger sind bei den Katarakten so haeufig, dass vor
+zwei Jahren ein Indianer, der am Ende der Regenzeit, eben hier in den
+Conucos von Panumana, seine Huette wieder aufsuchte, dieselbe von einem
+Tigerweibchen mit zwei Jungen besetzt sand. Die Thiere hatten sich seit
+mehreren Monaten hier aufgehalten; nur mit Muehe brachte man sie hinaus,
+und erst nach hartnaeckigem Kampfe konnte der Eigenthuemer einziehen. Die
+Jaguars ziehen sich gern in verlassene Bauten, und nach meiner Meinung
+thut der einzelne Reisende meist klueger, unter freiem Himmel zwischen zwei
+Feuern zu uebernachten, als in unbewohnten Huetten Schutz zu suchen.
+
+Bei der Abfahrt von der Insel Panumana sahen wir auf dem westlichen
+Stromufer die Lagerfeuer wilder Guahibos; der Missionaer, der bei uns war,
+liess einige blinde Schuesse abfeuern, um sie einzuschuechtern, sagte er, und
+ihnen zu zeigen, dass wir uns wehren koennten. Die Wilden hatten ohne
+Zweifel keine Canoes und wohl auch keine Lust, uns mitten auf dem Strom zu
+Leibe zu gehen. Bei Sonnenaufgang kamen wir am Einfluss des Rio Anaveni
+vorueber, der von den oestlichen Bergen herabkommt. Jetzt sind seine Ufer
+verlassen; aber zur Jesuitenzeit hatte Pater Olmos hier Japuin- oder
+Jaruro-Indianer in einem kleinen Dorfe zusammengebracht. Die Hitze am Tage
+war so stark, dass wir lange an einem schattigen Platze hielten und mit der
+Leine fischten. Wir konnten die Fische, die wir gefangen, kaum alle
+fortbringen. Erst ganz spaet langten wir unmittelbar unter dem grossen
+Katarakt in einer Bucht an, die der *untere Hafen* (_puerto de abaxo_)
+heisst, und gingen, bei der dunkeln Nacht nicht ohne Beschwerde, auf
+schmalem Fusspfad in die Mission Atures, eine Meile vom Flussufer. Man kommt
+dabei ueber eine mit grossen Granitbloecken bedeckte Ebene.
+
+Das kleine Dorf *San Juan Nepomuceno de los Atures* wurde im Jahr 1748 vom
+Jesuiten Pater Francisco Gonzales angelegt. Es ist stromaufwaerts die
+letzte vom Orden des heiligen Ignatius gegruendete christliche
+Niederlassung. Die weiter nach Sued gelegenen Niederlassungen am Atabapo,
+Cassiquiare und Rio Negro ruehren von den dem Franciskanerorden
+angehoerenden Observanten her. Wo jetzt das Dorf Atures steht, muss srueher
+der Orinoco geflossen seyn, und die voellig, ebene Grasflur um das Dorf war
+ohne Zweifel ein Stueck des Flussbetts. Oestlich von der Mission sah ich
+eine Felsreihe, die mir das alte Flussufer zu seyn schien. Im Lauf der
+Jahrhunderte wurde der Strom gegen West hinuebergedraengt, weil den
+oestlichen Bergen zu, von denen viele Wildwasser herabkommen, die
+Anschwemmungen staerker sind. Der Katarakt heisst, wie oben bemerkt, Mapara,
+waehrend das Dorf nach dem Volke der Atures genannt ist, das man jetzt fuer
+ausgestorben haelt. Auf den Karten des siebzehnten Jahrhunderts finde ich:
+"Insel und Katarakt *Athule*;" diess ist *Atures* nach der Aussprache der
+Tamanacas, die, wie so viele Voelker, die Consonanten l und r verwechseln.
+Noch bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war dieses gebirgigte Land
+in Europa so wenig bekannt, dass D'ANVILLE in der ersten Ausgabe seines
+_Suedamerika_ beim *Salto de los Atures* vom Orinoco einen Arm abgehen
+laesst, der sich in den Amazonenstrom ergiesst und der bei ihm Rio Negro
+heisst.
+
+Die alten Karten, sowie Pater GUMILLA in seinem Werke, setzen die Mission
+unter 1 deg. 30{~PRIME~} der Breite; der Abbe GILI gibt 3 deg. 30{~PRIME~} an. Nach Meridianhoehen
+des Canopus und des {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des suedlichen Kreuzes fand ich 5 deg. 38{~PRIME~} 4{~DOUBLE PRIME~} Breite und
+durch Uebertrag der Zeit 4 Stunden 41 Minuten 17 Secunden westliche Laenge
+vom Pariser Meridian. Die Inclination der Magnetnadel war am 16. April
+30 deg.25; 223 Schwingungen in 10 Zeitminuten gaben das Mass der Intensitaet der
+magnetischen Kraft; in Paris sind es 245 Schwingungen.
+
+Wir fanden die kleine Mission in der klaeglichsten Verfassung. Zur Zeit von
+SOLANOs Expedition, gewoehnlich _'die Grenzexpedition'_ genannt, waren noch
+520 Indianer hier, und als wir ueber die Katarakten gingen, nur noch 47,
+und der Missionaer versicherte uns, mit jedem Jahr werde die Abnahme
+staerker. Er zeigte uns, dass in 32 Monaten nur eine einzige Ehe ins
+Kirchenbuch eingetragen worden; zwei weitere Ehen waren von noch nicht
+catechisirten Indianern vor dem indianischen *Governador* geschlossen und
+damit, wie wir in Europa sagen, der Civilakt vollzogen worden. Bei der
+Gruendung der Mission waren hier Atures, Maypures, Meyepures, Abanis und
+Quirupas unter einander; statt dieser Staemme fanden wir nur Guahibos und
+ein paar Familien vom Staemme der Macos. Die Atures sind fast voellig
+verschwunden; man kennt sie nur noch von ihren Graebern in der Hoehle
+Ataruipe her, die an die Grabstaetten der Guanchen aus Teneriffa erinnern.
+Wir hoerten an Ort und Stelle, die Atures haben mit den Quaquas und den
+Macos oder Piaroas dem grossen Voelkerstamme der *Salivas* angehoert, wogegen
+die Maypures, Abanis, Parenis und Guaypunaves Einer Abkunft seyen mit den
+*Cabres* oder Caveres, die wegen ihrer langen Kriege mit den Caraiben viel
+genannt werden. In diesem Wirrwarr kleiner Voelkerschaften, die einander so
+schroff gegenueberstehen, wie einst die Voelker in Latium, Kleinasien und
+Sogdiana, laesst sich das Zusammengehoerige im Allgemeinsten nur an der
+Sprachverwandtschaft erkennen. Die Sprachen sind die einzigen Denkmaeler,
+die aus der Urzeit auf uns gekommen sind; nur sie, nicht an den Boden
+gefesselt, beweglich und dauernd zugleich, sind so zu sagen durch Raum und
+Zeit hindurchgegangen. So zaeh und ueber so viele Strecken verbreitet
+erscheinen sie aber weit weniger bei erobernden und bei civilisirten
+Voelkern, als bei wandernden, halbwilden Staemmen, die auf der Flucht vor
+maechtigen Feinden in ihr tiefes Elend nichts mit sich nehmen als ihre
+Weiber, ihre Kinder und die Mundart ihrer Vaeter.
+
+Zwischen dem vierten und achten Breitengrad bildet der Orinoco nicht nur
+die Grenze zwischen dem grossen Walde der Parime und den kahlen Savanen am
+Apure, Meta und Guaviare, er scheidet auch Horden von sehr verschiedener
+Lebensweise. Im Westen ziehen auf den baumlosen Ebenen die Guahibos,
+Chiricoas und Guamos herum, ekelhaft schmutzige Voelker, stolz auf ihre
+wilde Unabhaengigkeit, schwer an den Boden zu fesseln und an regelmaessige
+Arbeit zu gewoehnen. Die spanischen Missionaere bezeichnen sie ganz gut als
+_Indios andantes_ (laufende, umherziehende Indianer). Oestlich vom
+Orinoco, zwischen den einander nahe liegenden Quellen des Caura, des
+Cataniapo und Ventuari, hausen die Macos, Salivas, Curacicanas, Parecas
+und Maquiritares, sanftmuethige, ruhige, Ackerbau treibende, leicht der
+Zucht in den Missionen zu unterwerfende Voelker. Der *Indianer der Ebene*
+unterscheidet sich vom *Indianer der Waelder* durch Sprache, wie durch
+Sitten und die ganze Geistesrichtung; beide haben eine an lebendigen,
+kecken Wendungen reiche Sprache, aber die des ersteren ist rauher, kuerzer,
+leidenschaftlicher; beim zweiten ist sie sanfter, weitschweifiger und
+reicher an abgeleiteten Ausdruecken.
+
+In der Mission Atures, wie in den meisten Missionen am Orinoco zwischen
+den Muendungen des Apure und des Atabapo, leben die eben erwaehnten beiden
+Arten von Volksstaemmen neben einander; man trifft daselbst Indianer aus
+den Waeldern und frueher nomadische Indianer (_Indios monteros_ und _Indios
+andantes_ oder _llaneros_. Wir besuchten mit dem Missionaer die Huetten der
+Macos, bei den Spaniern Piraoas genannt, und der Guahibos. In ersteren
+zeigt sich mehr Sinn fuer Ordnung, mehr Reinlichkeit und Wohlstand. Die
+unabhaengigen Macos (wilde moechte ich sie nicht nennen) haben ihre
+_'Rochelas'_ oder festen Wohnplaetze zwei bis drei Tagereisen oestlich von
+Atures bei den Quellen des kleinen Flusses Cataniapo. Sie sind sehr
+zahlreich, bauen, wie die meisten Waldindianer, keinen Mais, sondern
+Manioc, und leben im besten Einvernehmen mit den christlichen Indianern in
+der Mission. Diese Eintracht hat der Franciskaner Pater Bernardo Zea
+gestiftet und durch Klugheit erhalten. Der Alcade der *unterworfenen*
+Macos verliess mit der Genehmigung des Missionaers jedes Jahr das Dorf
+Atures, um ein paar Monate auf den Pflanzungen zuzubringen, die er mitten
+in den Waeldern beim Dorfe der unabhaengigen Macos besass. In Folge dieses
+friedlichen Verkehrs hatten sich vor einiger Zeit mehrere dieser _Indios
+monteros_ in der Mission niedergelassen. Sie baten dringend um Messer,
+Fischangeln und farbige Glasperlen, die trotz des ausdruecklichen Verbots
+der Ordensleute nicht als Halsbaender, sondern zum Aufputz des *Guayuco*
+(Guertels) dienen. Nachdem sie das Gewuenschte erhalten, gingen sie in die
+Waelder zurueck, da ihnen die Zucht in der Mission schlecht behagte.
+Epidemische Fieber, wie sie bei Eintritt der Regenzeit nicht selten heftig
+auftreten, trugen viel zu der unerwarteten Ausreisserei bei. Im Jahr 1799
+war die Sterblichkeit in Carichana, am Ufer des Meta und im Raudal von
+Atures sehr stark. Dem Waldindianer wird das Leben des civilisirten
+Menschen zum Greuel, sobald seiner in der Mission lebenden Familie, ich
+will nicht sagen ein Unglueck, sondern nur unerwartet irgend etwas Widriges
+zustoesst. So sah man neubekehrte Indianer wegen herrschender grosser
+Trockenheit fuer immer aus den christlichen Niederlassungen fortlaufen, als
+ob das Unheil ihre Pflanzungen nicht ebenso betroffen haette, wenn sie
+immer unabhaengig geblieben waeren.
+
+Welches sind die Ursachen der Fieber, die einen grossen Theil des Jahrs
+hindurch in den Doerfern Atures und Maypures an den zwei grossen Katarakten
+des Orinoco herrschen und die Gegend fuer den europaeischen Reisenden so
+gefaehrlich machen? Die grosse Hitze im Verein mit der ausserordentlich
+starken Feuchtigkeit der Luft, die schlechte Nahrung und, wenn man den
+Eingeborenen glaubt, giftige Duenste, die sich aus den kahlen Felsen der
+Raudales entwickeln. Diese Orinoco-Fieber kommen, wie es uns schien,
+vollkommen mit denen ueberein, die alle Jahre in der Naehe des Meeres
+zwischen Nueva-Barcelona, Guayra und Porto Cabello auftreten und oft in
+adynamische Fieber ausarten. "Ich habe mein kleines Fieber (_mi
+calenturita_) erst seit acht Monaten," sagte der gute Missionaer von
+Atures, der uns an den Rio Negro begleitete; er sprach davon wie von einem
+gewohnten, wohl zu ertragenden Leiden. Die Anfaelle waren heftig, aber von
+kurzer Dauer; bald traten sie ein, wenn er in der Pirogue auf einem Gitter
+von Baumzweigen lag, bald wenn er auf offenem Ufer der heissen Sonne
+ausgesetzt war. Diese dreitaegigen Fieber sind mit bedeutender Schwaechung
+des Muskelsystems verbunden; indessen sieht man am Orinoco arme
+Ordensgeistliche sich jahrelang mit dieser _Calenturidas_ und _Tercianas_
+schleppen; die Wirkungen sind nicht so tief greifend und gefaehrlich als
+bei kuerzer dauernden Fiebern in gemaessigten Himmelsstrichen.
+
+Ich erwaehnte eben, dass die Eingeborenen und sogar die Missionaere den
+kahlen Felsen einen nachtheiligen Einfluss auf die Salubritaet der Luft
+zuschreiben. Dieser Glaube verdient um so mehr Beachtung, da er mit einer
+physikalischen Erscheinung zusammenhaengt, die kuerzlich in verschiedenen
+Landstrichen beobachtet worden und noch nicht gehoerig erklaert ist. In den
+Katarakten und ueberall, wo der Orinoco zwischen den Missionen Carichana
+und Santa Barbara periodisch das Granitgestein bespuelt, ist dieses glatt,
+dunkelfarbig, wie mit Wasserblei ueberzogen. Die faerbende Substanz dringt
+nicht in den Stein ein, der ein grobkoerniger Granit ist, welcher hie und
+da Hornblendecrystalle enthaelt. Der schwarze Ueberzug ist 3/10 Linien dick
+und findet sich vorzueglich auf den quarzigen Stellen; die
+Feldspathcrystalle haben zuweilen aeusserlich ihre roethlich weisse Farbe
+behalten und springen aus der schwarzen Rinde vor. Zerschlaegt man das
+Gestein mit dem Hammer, so ist es innen unversehrt, weiss, ohne Spur von
+Zersetzung. Diese ungeheuren Steinmassen treten bald in viereckigten
+Umrissen auf, bald in der halbkugligten Gestalt, wie sie dem Granitgestein
+eigen ist, wenn es sich in Bloecke sondert. Sie geben der Gegend etwas
+eigenthuemlich Duesteres, da ihre Farbe vom Wasserschaum, der sie bedeckt,
+und vom Pflanzenwuchs um sie her scharf absticht. Die Indianer sagen, die
+Felsen seyen "von der Sonnengluth verbrannt oder verkohlt." Wir sahen sie
+nicht nur im Bett des Orinoco, sondern an manchen Punkten bis zu 500
+Toisen vom gegenwaertigen Ufer in Hoehen, bis wohin der Fluss beim hoechsten
+Wasserstande jetzt nicht steigt.
+
+Was ist diese schwarzbraune Kruste, die diesen Felsen, wenn sie kugligt
+sind, das Ansehen von Meteorsteinen gibt? Wie hat man sich die Wirkung des
+Wassers bei diesem Niederschlag oder bei diesem auffallenden Farbwechsel
+zu denken? Vor allem ist zu bemerken, dass die Erscheinung nicht auf die
+Katarakten des Orinoco beschraenkt ist, sondern in beiden Hemisphaeren
+vorkommt. Als ich, nach der Rueckkehr aus Mexico, im Jahr 1807 die Granite
+von Atures und Maypures Roziere sehen liess, der das Nilthal, die Kueste des
+rothen Meeres und den Berg Sinai bereist hat, so zeigte mir der gelehrte
+Geolog, dass das Urgebirgsgestein bei den kleinen Katarakten von Syene,
+gerade wie das am Orinoco, eine glaenzende, schwarzgraue, fast bleifarbige
+Oberflaeche hat; manche Bruchstuecke sehen aus wie mit Theer ueberzogen. Erst
+neuerlich, bei der ungluecklichen Expedition des Capitaen Tuckey, fiel
+dieselbe Erscheinung englischen Naturforschern an den *Yellalas*
+(Stromschnellen und Klippen) auf, welche den Congo- oder Zairefluss
+verstopfen. Dr. KOeNIG hat im britischen Museum neben Syenite vom Congo
+Granite von Atures gestellt, die einer Suite von Gebirgsarten entnommen
+sind, die Bonpland und ich dem Praesidenten der Londoner koeniglichen
+Gesellschaft ueberreicht hatten. "Diese Handstuecke," sagt Koenig, "sehen
+beide aus wie Meteorsteine; bei beiden Gebirgsarten, bei der vom Orinoco
+wie bei der afrikanischen, besteht die schwarze Rinde, nach der Analyse
+von Children, aus Eisen- und Manganoxyd."
+
+Nach einigen Versuchen, die ich in Mexico in Verbindung mit del Rio
+gemacht, kam ich auf die Vermuthung, das Gestein von Atures, welches das
+Papier, in das es eingeschlagen ist, schwarz faerbt, moechte ausser dem
+Manganoxyd Kohle und ueberkohlensaures Eisen enthalten. Am Orinoco sind
+40--50 Fuss dicke Granitmassen gleichfoermig mit diesen Oxyden ueberzogen,
+und so duenn diese Rinden erscheinen, enthalten sie doch ganz ansehnliche
+Mengen Eisen und Mangan, da sie ueber eine Quadratmeile Flaeche haben.
+
+Es ist zu bemerken, dass alle diese Erscheinungen von Faerbung des Gesteins
+bis jetzt nur in der heissen Zone beobachtet worden sind, an Fluessen, deren
+Temperatur gewoehnlich 24--28 Grad betraegt und die nicht ueber Sandstein
+oder Kalkstein, sondem ueber Granit, Gneiss und Hornblendegestein laufen.
+Der Quarz und der Feldspath enthalten kaum 5--6 Tausendtheile Eisen- und
+Manganoxyd; dagegen im Glimmer und in der Hornblende kommen diese Oxyde,
+besonders das Eisenoxyd, nach KLAPROTH und HERRMANN, bis zu 15 und 20
+Procent vor. Die Hornblende enthaelt zudem Kohle, wie auch der lydische
+Stein und der Kieselschiefer. Bildet sich nun diese schwarze Rinde durch
+eine langsame Zersetzung des Granits unter dem doppelten Einfluss der
+Feuchtigkeit und der Sonne der Tropen, wie soll man es erklaeren, dass die
+Oxyde sich so gleichfoermig ueber die ganze Oberflaeche des Gesteins
+verbreiten, dass um einen Glimmer- und Hornblendecrystall nicht mehr davon
+liegt als ueber dem Feldspath und dem milchigten Quarz? Der eisenschuessige
+Sandstein, der Granit, der Marmor, die aschfarbig, zuweilen braun werden,
+haben ein ganz anderes Aussehen. Der Glanz und die gleiche Dicke der Rinde
+lassen vielmehr vermuthen, dass der Stoff ein Niederschlag aus dem Wasser
+des Orinoco ist, das in die Spalten des Gesteins gedrungen. Geht man von
+dieser Voraussetzung aus, so fragt man sich, ob jene Oxyde im Fluss nur
+suspendirt sind, wie der Sand und andere erdigten Substanzen, oder
+wirklich chemisch ausgeloest? Der ersteren Annahme widerspricht der
+Umstand, dass die Rinde voellig homogen ist und neben den Oxyden weder
+Sandkoerner noch Glimmerblaettchen sich darin finden. Man muss daher
+annehmen, dass chemische Aufloesung vorliegt, und die Vorgaenge, die wir
+taeglich in unsern Laboratorien beobachten, widersprechen dieser
+Voraussetzung durchaus nicht. Das Wasser grosser Fluesse enthaelt
+Kohlensaeure, und waere es auch ganz rein, so koennte es doch immer in sehr
+grossen Mengen einige Theilchen Metalloxyd oder Hydrat aufloesen, wenn
+dieselben auch fuer unaufloeslich gelten. Im Nilschlamm, also im
+Niederschlag der im Fluss suspendirten Stoffe, findet sich kein Mangan; er
+enthaelt aber nach Reynaults Analyse 6 Procent Eisenoxyd und seine Anfangs
+schwarze Farbe wird beim Trocknen und durch die Einwirkung der Luft
+gelbbraun. Von diesem Schlamm kann also die schwarze Rinde an den Felsen
+von Syene nicht herruehren. Auf meine Bitte hat BERZELIUS diese Rinde
+untersucht; er fand darin Eisen und Mangan, wie in der auf den Graniten
+vom Orinoco und Congo. Der beruehmte Chemiker ist der Ansicht, die Oxyde
+werden von den Fluessen nicht dem Boden entzogen, ueber den sie laufen, sie
+kommen ihnen vielmehr aus ihren unterirdischen Quellen zu und sie schlagen
+dieselben auf das Gestein nieder, wie durch Caementation, in Folge
+eigenthuemlicher Affinitaeten, vielleicht durch Einwirkung des Kali im
+Feldspath. Nur durch einen langen Aufenthalt an den Katarakten des
+Orinoco, des Nil und des Congoflusses und durch genaue Beobachtung der
+Umstaende, unter denen die Faerbung auftritt, kann die Frage, die uns hier
+beschaeftigt hat, ganz zur Entscheidung gebracht werden. Ist die
+Erscheinung von der Beschaffenheit des Gesteins unabhaengig? Ich beschraenke
+mich auf die allgemeine Bemerkung, dass weder Granitmassen, die weit vom
+alten Bett des Orinoco liegen, aber in der Regenzeit abwechselnd
+befeuchtet und von der Sonne erhitzt werden, noch der Granit, der von den
+braeunlichen Wassern des Rio Negro bespuelt wird, aeusserlich den
+Meteorsteinen aehnlich werden. Die Indianer sagen, "die Felsen seyen nur da
+schwarz, wo das Wasser weiss ist." Sie sollten vielleicht weiter sagen: "wo
+das Wasser eine grosse Geschwindigkeit erlangt hat und gegen das Gestein am
+Ufer anprallt." Die Caementation scheint zu erklaeren, warum die Rinde so
+duenn bleibt.
+
+Ob der in den Missionen am Orinoco herrschende Glaube, dass in der Naehe des
+kahlen Gesteins, besonders der Felsmassen mit einer Rinde von Kohle,
+Eisen- und Manganoxyd die Luft ungesund sey, grundlos ist, weiss ich nicht
+zu sagen. In der heissen Zone werden noch mehr als anderswo die
+krankheiterregenden Ursachen vom Volke willkuehrlich gehaeuft. Man scheut
+sich dort im Freien zu schlafen, wenn einem der Vollmond ins Gesicht
+schiene; ebenso haelt man es fuer bedenklich, sich nahe am Flusse auf Granit
+zu lagern, und man erzaehlt viele Faelle, wo Leute nach einer auf dem
+schwarzen kahlen Gestein zugebrachten Nacht Morgens mit einem starken
+Fieberanfall erwacht sind. Wir schenkten nun zwar dieser Behauptung der
+Missionaere und der Eingeborenen nicht unbedingt Glauben, mieden aber doch
+die _laxas negras_ und lagerten uns auf mit weissem Sand bedeckten
+Uferstrecken, wenn wir keine Baeume fanden, um unsere Haengematten zu
+befestigen. In Carichana will man das Dorf abbrechen und verlegen, nur um
+von den *schwarzen Felsen* wegzukommen, von einem Ort, wo auf einer
+Strecke von mehr als 10,000 Quadrattoisen die Bodenflaeche aus kahlem
+Granitgestein besteht. Aus aehnlichen Gruenden, die den Physikern in Europa
+als blosse Einbildungen erscheinen muessen, versetzten die Jesuiten Olmo,
+Forneri und Mellis ein Dorf der Jaruros an drei verschiedene Punkte
+zwischen dem Raudal von Tabaje und dem Rio Anaveni. Ich glaubte diese
+Dinge, ganz wie sie mir zu Ohren gekommen, anfuehren zu muessen, da wir so
+gut wie gar nicht wissen, was eigentlich die Gasgemenge sind, wodurch die
+Luft ungesund wird. Laesst sich annehmen, dass unter dem Einfluss starker
+Hitze und bestaendiger Feuchtigkeit die schwarze Rinde des Gesteins auf die
+umgebende Luft einwirkt und Miasmen, ternaere Verbindungen von Kohlenstoff,
+Stickstoff und Wasserstoff erzeugt? Ich zweifle daran. Der Granit am
+Orinoco enthaelt allerdings haeufig Hornblende, und praktische Bergleute
+wissen wohl, dass die schlimmsten Schwaden sich in Stollen bilden, die
+durch Syenit und Hornblendestein getrieben werden. Aber im Freien, wo die
+Luft durch die kleinen Stroemungen fortwaehrend erneuert wird, kann die
+Wirkung nicht dieselbe seyn wie in einer Grube.
+
+Wahrscheinlich ist es nur desshalb gefaehrlich, auf den _laxas negras_ zu
+schlafen, weil das Gestein bei Nacht eine sehr hohe Temperatur behaelt. Ich
+fand dieselbe bei Tag 48 deg., waehrend die Luft im Schatten 29 deg.,7 warm war;
+bei Nacht zeigte der Thermometer, an das Gestein gelegt, 36 deg., die Luft nur
+26 deg.. Wenn die Waermeanhaenfung in den Gesteinsmassen zum Stillstand gekommen
+ist, so haben diese Massen zu denselben Stunden immer wieder ungefaehr
+dieselbe Temperatur. Den Ueberschuss von Waerme, den sie bei Tag bekommen,
+verlieren sie in der Nacht durch die Strahlung, deren Staerke von der
+Beschaffenheit der Oberflaeche des strahlenden Koerpers, von der Anordnung
+seiner Molecuele im Innern, besonders aber von der Reinheit des Himmels
+abhaengt, das heisst davon, ob die Luft durchsichtig und wolkenlos ist. Wo
+der Unterschied in der Abweichung der Sonne nur gering ist, geht von ihr
+jeden Tag fast die gleiche Waermemenge aus und das Gestein ist am Ende des
+Sommers nicht waermer als zu Anfang desselben. Es kann ein gewisses Maximum
+nicht ueberschreiten, weil sich weder der Zustand seiner Oberflaeche, noch
+seine Dichtigkeit, noch seine Waermecapacitaet veraendert hat. Steigt man am
+Ufer des Orinoco bei Nacht aus der Haengematte und betritt den Felsboden
+mit blossen Fuessen, so ist die Waerme, die man empfindet, sehr auffallend.
+Wenn ich die Thermometerkugel an das nackte Gestein legte, fand ich fast
+immer, dass die _laxas negras_ bei Tag waermer sind als der roethlich weisse
+Granit weitab vom Ufer, dass aber letzterer sich bei Nacht nicht so schnell
+abkuehlt als jener. Begreiflich geben Massen mit einem schwarzen Ueberzug
+den Waermestoff rascher wieder ab als solche, in denen viele silberfarbige
+Glimmerblaetter stecken. Geht man in Carichana, Atures oder Maypures
+zwischen ein und drei Uhr Nachmittags unter diesen hoch ausgethuermten
+Felsbloecken ohne alle Dammerde, so erstickt man beinahe, als staende man
+vor der Muendung eines Schmelzofens. Der Wind (wenn man ihn je in diesen
+bewaldeten Laendern spuert) bringt statt Kuehlung nur noch heissere Luft
+herbei, da er ueber Steinschichten und aufgethuermte Granitkugeln
+weggegangen ist. Durch diese Steigerung der Hitze wird das Klima noch
+ungesunder, als es ohnehin ist.
+
+Unter den Ursachen der Entvoelkerung der Raudales habe ich die Blattern
+nicht genannt, die in andern Strichen von Amerika so schreckliche
+Verheerungen anrichten, dass die Eingeborenen, von Entsetzen ergriffen,
+ihre Huetten anzuenden, ihre Kinder umbringen und alle Gemeinschaft fliehen.
+Am obern Orinoco weiss man von dieser Geissel so gut wie nichts, und kaeme
+sie je dahin, so ist zu hoffen, dass ihr die Kuhpockenimpfung, deren Segen
+man auf den Kuesten von Terra Firma taeglich empfindet, alsbald Schranken
+setzte. Die Ursachen der Entvoelkerung in den christlichen Niederlassungen
+sind der Widerwillen der Indianer gegen die Zucht in den Missionen, das
+ungesunde, zugleich heisse und feuchte Klima, die schlechte Nahrung, die
+Verwahrlosung der Kinder, wenn sie krank sind, und die schaendliche Sitte
+der Muetter, giftige Kraeuter zu gebrauchen, damit sie nicht schwanger
+werden. Bei den barbarischen Voelkern in Guyana, wie bei den halb
+civilisirten Bewohnern der Suedseeinseln gibt es viele junge Weiber, die
+nicht Muetter werden wollen. Bekommen sie Kinder, so sind dieselben nicht
+allein den Gefahren des Lebens in der Wildniss, sondern noch manchen andern
+ausgesetzt, die aus dem abgeschmacktesten Aberglauben herfliessen. Sind es
+Zwillinge, so verlangen verkehrte Begriffe von Anstand und Familienehre,
+dass man eines der Kinder umbringe. "Zwillinge in die Welt setzen, heisst
+sich dem allgemeinen Spott preisgeben, heisst es machen wie Ratten,
+Beutelthiere und das niedrigste Gethier, das viele Junge zugleich wirft."
+Aber noch mehr: "Zwei zugleich geborene Kinder koennen nicht von Einem
+Vater seyn." Das ist ein Lehrsatz in der Physiologie der Salivas, und
+unter allen Himmelsstrichen, auf allen Stufen der gesellschaftlichen
+Entwicklung sieht man, dass das Volk, hat es sich einmal einen Satz der Art
+zu eigen gemacht, zaeher daran festhaelt, als die Unterrichteten, die ihn
+zuerst aufs Tapet gebracht. Um des Hausfriedens willen nehmen es alte
+Basen der Mutter oder die _mure japoic-nei_ (Hebamme) auf sich, eines der
+Kinder auf die Seite zu schaffen. Hat der Neugeborene, wenn er auch kein
+Zwilling ist, irgend eine koerperliche Missbildung, so bringt ihn der Vater
+auf der Stelle um. Man will nur wohlgebildete, kraeftige Kinder; denn bei
+den Missbildungen hat der boese Geist *Joloquiamo* die Hand im Spiel, oder
+der Vogel *Tikitiki*, der Feind des Menschengeschlechts. Zuweilen haben
+auch bloss sehr schwaechliche Kinder dasselbe Loos. Fragt man einen Vater,
+was aus einem seiner Soehne geworden sey, so thut er, als waere er ihm durch
+einen natuerlichen Tod entrissen worden. Er verlaeugnet eine That, die er
+fuer tadelnswerth, aber nicht fuer strafbar haelt. "Das arme _Mure_ (Kind)",
+heisst es, "konnte nicht mit uns Schritt halten; man haette jeden Augenblick
+auf es warten muessen; man hat nichts mehr von ihm gesehen, es ist nicht
+dahin gekommen, wo wir geschlafen haben." Diess ist die Unschuld und
+Sitteneinfalt, diess ist das gepriesene Glueck des Menschen *im Urzustand!*
+Man bringt sein Kind um, um nicht wegen Zwillingen laecherlich zu werden,
+um nicht langsamer wandern, um sich nicht eine kleine Entbehrung
+auferlegen zu muessen.
+
+Grausamkeiten der Art sind nun allerdings nicht so haeufig, als man glaubt;
+indessen kommen sie sogar in den Missionen vor, und zwar zur Zeit, wo die
+Indianer aus dem Dorfe ziehen und sich auf den _'Conucos'_ in den nahen
+Waeldern aushalten. Mit Unrecht schriebe man sie der Polygamie zu, in der
+die nicht catechisirten Indianer leben. Bei der Vielweiberei ist
+allerdings das haeusliche Glueck und der Frieden in den Familien gefaehrdet,
+aber trotz dieses Brauchs, der ja auch ein Gesetz des Islams ist, lieben
+die Morgenlaender ihre Kinder zaertlich. Bei den Indianern am Orinoco kommt
+der Vater nur nach Hause, um zu essen und sich in seine Haengematte zu
+legen; er liebkost weder seine kleinen Kinder, noch seine Weiber, die da
+sind, ihn zu bedienen. Die vaeterliche Zuneigung kommt erst dann zum
+Vorschein, wenn der Sohn so weit herangewachsen ist, dass er an der Jagd,
+am Fischfang und an der Arbeit in den Pflanzungen Theil nehmen kann.
+
+Wenn nun aber auch der schaendliche Brauch, durch gewisse Traenke Kinder
+abzutreiben, die Zahl der Geburten vermindert, so greifen diese Traenke die
+Gesundheit nicht so sehr an, dass nicht die jungen Weiber in reiferen
+Jahren wieder Muetter werden koennten. Diese physiologisch sehr merkwuerdige
+Erscheinung ist den Moenchen in den Missionen laengst aufgefallen. Der
+Jesuit GILI, der fuenfzehn Jahre lang die Indianer am Orinoco Beichte
+gehoert hat und sich ruehmt, _i segreti delle donne maritate_ zu kennen,
+aeussert sich darueber mit verwunderlicher Naivetaet. "In Europa," sagt er,
+"fuerchten sich die Eheweiber vor dem Kinderbekommen, weil sie nicht
+wissen, wie sie sie ernaehren, kleiden, ausstatten sollen. Von all diesen
+Sorgen wissen die Weiber am Orinoco nichts. Sie waehlen die Zeit, wo sie
+Muetter werden wollen, nach zwei gerade entgegengesetzten Systemen, je
+nachdem sie von den Mitteln, sich frisch und schoen zu erhalten, diese oder
+jene Vorstellung haben. Die einen behaupten, und diese Meinung ist die
+vorherrschende, es sey besser, man fange spaet an Kinder zu bekommen, um
+sich in den ersten Jahren der Ehe ohne Unterbrechung der Arbeit im Haus
+und Feld widmen zu koennen. Andere glauben im Gegentheil, es staerke die
+Gesundheit und verhelfe zu einem gluecklichen Alter, wenn man sehr jung
+Mutter geworden sey. Je nachdem die Indianer das eine oder das andere
+System haben, werden die Abtreibemittel in verschiedenen Lebensaltern
+gebraucht." Sieht man hier, wie selbstsuechtig der Wilde seine Berechnungen
+anstellt, so moechte man den civilisirten Voelkern in Europa Glueck wuenschen,
+dass *Ecbolia*, die dem Anschein nach der Gesundheit so wenig schaden,
+ihnen bis jetzt unbekannt geblieben sind. Durch die Einfuehrung von
+dergleichen Traenken wuerde vielleicht die Sittenverderbniss in den Staedten
+noch gesteigert, wo ein Viertheil der Kinder nur zur Welt kommt, um von
+den Eltern verstossen zu werden. Leicht moeglich aber auch, dass die neuen
+Abtreibemittel in unserem Klima so gefaehrlich waeren wie der Sevenbaum, die
+Aloe und das fluechtige Zimmt- und Gewuerznelkenoel. Der kraeftige Koerper des
+Wilden, in dem die verschiedenen organischen Systeme unabhaengiger von
+einander sind, widersteht besser und laenger uebermaessigen Reizen und den
+Gebrauch dem Leben feindlicher Substanzen, als die schwache Constitution
+des civilisirten Menschen. Ich glaubte mich in diese nicht sehr
+erfreulichen pathologischen Betrachtungen einlassen zu muessen, weil sie
+auf eine der Ursachen hinweisen, aus denen im versunkensten Zustande
+unseres Geschlechts, wie auf der hoechsten Stufe der Cultur, die
+Bevoelkerung kaum merkbar zunimmt.
+
+Zu den eben bezeichneten Ursachen kommen andere wesentlich verschiedene.
+Im Collegium fuer die Missionen von Piritu zu Nueva Barcelona hat man die
+Bemerkung gemacht, dass in den an sehr trockenen Orten gelegenen
+Indianerdoerfern immer auffallend mehr Kinder geboren werden als in den
+Doerfern an Flussufern. Die Sitte der indianischen Weiber, mehreremal am
+Tage, bei Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, also wenn die Luft am
+kuehlsten ist, zu baden, scheint die Constitution zu schwaechen.
+
+Der Pater Gardian der Franciscaner sah mit Schrecken, wie rasch die
+Bevoelkerung in den beiden Doerfern an den Katarakten abnahm und schlug
+daher vor einigen Jahren dem Statthalter der Provinz in Angostura vor, die
+Indianer durch Neger zu ersetzen. Bekanntlich dauert die afrikanische Race
+in heissem und feuchtem Klima vortrefflich aus. Eine Niederlassung freier
+Neger am ungesunden Ufer des Caura in der Mission San Luis Guaraguaraico
+gedeiht ganz gut, und sie bekommen ausnehmend reiche Maisernten. Der Pater
+Gardian beabsichtigte, einen Theil dieser schwarzen Colonisten an die
+Katarakten des Orinoco zu verpflanzen, oder aber Sklaven aus den Antillen
+zu kaufen und sie, wie man am Caura gethan, mit Negern, die aus Esquibo
+entlaufen, anzusiedeln. Wahrscheinlich waere der Plan ganz gut gelungen.
+Derselbe erinnerte im Kleinen an die Niederlassungen in Sierra Leone; es
+war Aussicht vorhanden, dass der Zustand der Schwarzen sich damit
+verbesserte und so das Christenthum zu seinem urspruenglichen Ziele,
+Foerderung des Gluecks und der Freiheit der untersten Volksklassen, wieder
+hingefuehrt wurde. Ein kleines Missverstaendniss vereitelte die Sache. Der
+Statthalter erwiderte den Moenchen: "Da man fuer das Leben der Neger so
+wenig buergen koenne, als fuer das der Indianer, so erscheine es nicht als
+gerecht, jene zur Niederlassung in den Doerfern bei den Katarakten zu
+zwingen." Gegenwaertig haengt die Existenz dieser Missionen so ziemlich an
+zwei Guahibo- und Maco-Familien, den einzigen, bei denen man einige Spuren
+von Civilisation findet und die das Leben auf eigenem Grund und Boden
+lieben. Sterben diese Haushaltungen aus, so laufen die andern Indianer,
+die der Missionszucht laengst muede sind, dem Pater Zea davon, und an einem
+Punkt, den man als den Schluessel des Orinoco betrachten kann, finden dann
+die Reisenden nichts mehr, was sie beduerfen, zumal keinen Steuermann, der
+die Canoes durch die Stromschnellen schafft; der Verkehr zwischen dem Fort
+am Rio Negro und der Hauptstadt Angostura waere, wo nicht unterbrochen,
+doch ungemein erschwert. Es bedarf ganz genauer Kenntniss der
+Oertlichkeiten, um sich in das Labyrinth von Klippen und Felsbloecken zu
+wagen, die bei Atures und Maypures das Strombett verstopfen.
+
+Waehrend man unsere Pirogue auslud, betrachteten wir von allen Punkten, wo
+wir ans Ufer gelangen konnten, in der Naehe das ergreifende Schauspiel
+eines eingeengten und wie voellig in Schaum verwandelten grossen Stromes.
+Ich versuche es, nicht unsere Empfindungen, sondern eine Oertlichkeit zu
+schildern, die unter den Landschaften der neuen Welt so beruehmt ist. Je
+grossartiger, majestaetischer die Gegenstaende sind, desto wichtiger ist es,
+sie in ihren kleinsten Zuegen aufzufassen, die Umrisse des Gemaeldes, mit
+dem man zur Einbildungslraft des Lesers sprechen will, fest zu zeichnen,
+die bezeichnenden Merkmale der grossen, unvergaenglichen Denkmaeler der Natur
+einfach zu schildern.
+
+Von seiner Muendung bis zum Einfluss des Anaveni, auf einer Strecke von 260
+Meilen, ist die Schifffahrt auf dem Orinoco durchaus ungehindert. Bei
+Muitaco, in einer Bucht, _'Boca del infierno'_ genannt, sind Klippen und
+Wirbel; bei Carichana und San Borja sind Stromschnellen (_Raudalitos_);
+aber an allen diesen Punkten ist der Strom nie ganz gesperrt, es bleibt
+eine Wasserstrasse, auf der die Fahrzeuge hinab- und hinauffahren koennen.
+
+Auf dieser ganzen Fahrt auf dem untern Orinoco wird dem Reisenden nur
+Eines gefaehrlich, die natuerlichen Floesse aus Baeumen, die der Fluss
+entwurzelt und bei Hochwasser forttreibt. Wehe den Piroguen, die bei Nacht
+an solchem Gitterwerk aus Holz und Schlinggewaechsen auffahren! Dasselbe
+ist mit Wasserpflanzen bedeckt und gleicht hier, wie auf dem Mississippi,
+schwimmenden Wiesen, den *Chinampas*(26) der mexicanischen Seen. Wenn die
+Indianer eine feindliche Horde ueberfallen wollen, binden sie mehrere
+Canoes mit Stricken zusammen; bedecken sie mit Kraeutern und Baumzweigen
+und bilden so die Haufen von Baeumen nach, die der Orinoco auf seinem
+Thalweg abwaerts treibt. Man sagt den Caraiben nach, sie seyen frueher in
+dieser Kriegslist ausgezeichnet gewesen, und gegenwaertig bedienen sich die
+spanischen Schmuggler in der Naehe von Angostura desselben Mittels, um die
+Zollaufseher hinter das Licht zu fuehren.
+
+Oberhalb des Rio Anaveni, zwischen den Bergen von Uniana und Sipapu, kommt
+man zu den Katarakten von Mapara und Quittuna, oder, wie die Missionaere
+gemeiniglich sagen, zu den Raudales von Atures und Maypures. Diese beiden
+vom einen zum andern Ufer laufenden Stromsperren geben im Grossen ungefaehr
+dasselbe Bild: zwischen zahllosen Inseln, Felsdaemmen, aufeinander
+gethuermten, mit Palmen bewachsenen Granitbloecken loest sich einer der
+groessten Stroeme der neuen Welt in Schaum auf. Trotz dieser Uebereinstimmung
+im Aussehen hat jeder der Faelle seinen eigenthuemlichen Charakter. Der
+erste, noerdliche, ist bei niedrigem Wasser leichter zu passiren; beim
+zweiten, dem von Maypures, ist den Indianern die Zeit des Hochwassers
+lieber. Oberhalb Maypures und der Einmuendung des Cano Cameji ist der
+Orinoco wieder frei auf einer Strecke von mehr als 169 Meilen, bis in die
+Naehe seiner Quellen, das heisst bis zum Raudalito der Guayaribos, ostwaerts
+vom Cano Chiguire und den hohen Bergen von Yumariquin.
+
+Ich habe die beiden Becken des Orinoco und des Amazonenstroms besucht, und
+es fiel mir ungemein auf, wie verschieden sie sich auf ihrem ungleich
+langen Laufe verhalten. Beim Amazonenstrom, der gegen 980 Seemeilen (20
+auf den Grad) lang ist, sind die grossen Faelle ziemlich nahe bei den
+Quellen, im ersten Sechstheil der ganzen Laenge; fuenf Sechstheile seines
+Laufe sind vollkommen frei. Beim Orinoco sind die Faelle, weit unguenstiger
+fuer die Schifffahrt, wenn nicht in der Mitte, doch unterhalb des ersten
+Drittheils seiner Laenge gelegen. Bei beiden Stroemen werden die Faelle nicht
+durch die Berge, nicht durch die Stufen der ueber einander liegenden
+Plateaus, wo sie entspringen, gebildet, sondern durch andere Berge, durch
+andere ueber einander gelagerte Stufen, durch die sich die Stroeme nach
+langem friedlichen Lauf Bahn brechen muessen, wobei sie sich von Staffel zu
+Staffel herabstuerzen.
+
+Der Amazonenstrom durchbricht keineswegs die Hauptkette der Anden, wie man
+zu einer Zeit behauptete, wo man ohne Grund voraussetzte, dass ueberall, wo
+sich die Gebirge in parallele Ketten theilen, die mittlere oder
+Centralkette hoeher seyn muesse als die andern. Dieser grosse Strom
+entspringt (und dieser Umstand ist geologisch nicht ohne Belang) ostwaerts
+von der westlichen Kette, der einzigen, welche unter dieser Breite den
+Namen einer hohen Andenkette verdient. Er entsteht aus der Vereinigung der
+kleinen Fluesse Aguamiros und Chavinillo, welch letzterer aus dem See
+Llauricocha kommt, der in einem Laengenthale zwischen der westlichen und
+der mittleren Kette der Anden liegt. Um diese hydrographischen
+Verhaeltnisse richtig aufzufassen, muss man sich vorstellen, dass der
+colossale Gebirgsknoten von Pasco und Huanuco sich in drei Ketten theilt.
+Die westlichste, hoechste streicht unter dem Namen _Cordillera real de
+Nieve_ (zwischen Huary und Caxatambo, Guamachuco und Lucma, Micuipampa und
+Guangamarca) ueber die *Nevados* von Viuda, Pelagatos, Moyopata und
+Huaylillas, und die *Paramos* von Guamani und Guaringa gegen die Stadt
+Loxa. Der mittlere Zug scheidet die Gewaesser des oberen Amazonenstroms und
+des Guallaga und bleibt lange nur tausend Toisen hoch; erst suedlich von
+Huanuco steigt er in der Cordillere von Sasaguanca ueber die Schneelinie
+empor. Er streicht zuerst nach Nord ueber Huacrachuco, Chachapoyas,
+Moyobamba und den Paramo von Piscoguanuna, dann faellt er allmaehlig ab,
+Peca, Copallin und der Mission San Yago am oestlichen Ende der Provinz Jaen
+de Bracamoros zu. Die dritte, oestlichste Kette zieht sich am rechten Ufer
+des Rio Guallaga hin und laeuft unter dem 7. Grad der Breite in die
+Niederung aus. So lange der Amazonenstrom von Sued nach Nord im Laengenthal
+zwischen zwei Gebirgszuegen von ungleicher Hoehe laeuft (das heisst von den
+Hoefen Quivilla und Guancaybamba, wo man auf hoelzernen Bruecken ueber den
+Fluss geht, bis zum Einfluss des Rio Chinchipe), ist die Fahrt im Canoe
+weder durch Felsen, noch durch sonst etwas gehemmt. Die Faelle fangen erst
+da an, wo der Amazonenstrom sich gegen Ost wendet und durch die mittlere
+Andenkette hindurchgeht, die gegen Norden bedeutend breiter wird. Er stoesst
+auf die ersten Felsen von rothem Sandstein oder altem Conglomerat zwischen
+Tambillo und dem *Pongo* Rentema, wo ich Breite, Tiefe und Geschwindigkeit
+des Wassers gemessen habe; er tritt aus dem rothen Sandstein ostwaerts von
+der vielberufenen Stromenge Manseriche beim Pongo Tayuchuc, wo die Huegel
+sich nur noch 40--60 Toisen ueber den Flussspiegel erheben. Den oestlichen
+Zug, der an den Pampas von Sacramento hinlaeuft, erreicht der Fluss nicht.
+Von den Huegeln von Tayuchuc bis Gran-Para, auf einer Strecke von mehr als
+750 franzoesischen Meilen, ist die Schifffahrt ganz frei. Aus dieser
+raschen Uebersicht ergibt sich, dass der Maranon, haette er nicht das
+Bergland zwischen San Yago und Tomependa, das zur Centralkette der Anden
+gehoert, zu durchziehen, schiffbar waere von seinem Ausfluss ins Meer bis
+Pumpo bei Piscobamba in der Provinz Conchucos, 43 Meilen von seiner
+Quelle.
+
+Wir haben gesehen, dass sich beim Orinoco wie beim Amazonenstrom die grossen
+Faelle nicht in der Naehe des Ursprungs befinden. Nach einem ruhigen Lauf
+von mehr als 160 Meilen vom kleinen Raudal der Guaharibos, ostwaerts von
+Esmeralda, bis zu den Bergen von Sipapu, und nachdem er sich durch die
+Fluesse Jao, Ventuari, Atabapo und Guaviare verstaerkt, biegt der Orinoco
+aus seiner bisherigen Richtung von Ost nach West rasch in die von Sued nach
+Nord um und stoesst auf dem Lauf ueber die _'Land-Meerenge'_(27) in den
+Niederungen am Meta auf die Auslaeufer der Cordillere der Parime. Und
+dadurch entstehen nun Faelle, die weit staerker sind und der Schifffahrt
+ungleich mehr Eintrag thun als alle *Pongos* im obern Maranon, weil sie,
+wie wir oben auseinandergesetzt, der Muendung des Flusses verhaeltnissmaessig
+naeher liegen. Ich habe mich in diese geographischen Details eingelassen,
+um am Beispiel der groessten Stroeme der neuen Welt zu zeigen: 1) dass sich
+nicht absolut eine gewisse Toisenzahl, eine gewisse Meereshoehe angeben
+laesst, ueber welcher die Fluesse noch nicht schiffbar sind; 2) dass die
+Stromschnellen keineswegs immer, wie in manchen Handbuechern der
+allgemeinen Topographie behauptet wird, nur am Abhang der ersten
+Bergschwellen, bei den ersten Hoehenzuegen vorkommen, ueber welche die
+Gewaesser in der Naehe ihrer Quellen zu laufen haben.
+
+Nur der noerdliche der grossen Katarakten des Orinoco hat hohe Berge zu
+beiden Seiten. Das linke Stromufer ist meist niedriger, gehoert aber zu
+einem Landstrich, der westwaerts von Atures gegen den Pic Uniana ansteigt,
+einen gegen 3000 Fuss hohen Bergkegel auf einer steil abfallenden
+Felsmauer. Dadurch, dass er frei aus der Ebene aufsteigt, nimmt sich dieser
+Pic noch grossartiger und majestaetischer aus. In der Naehe der Mission, auf
+dem Landstrich am Kararakt nimmt die Landschaft bei jedem Schritt einen
+andern Charakter an. Auf engem Raume findet man hier die rauhsten,
+finstersten Naturgebilde neben freiem Feld, bebauten, lachenden Fluren. In
+der aeussern Natur wie in unserem Innern ist der Gegensatz der Eindruecke,
+das Nebeneinander des Grossartigen, Drohenden, und des Sanften, Friedlichen
+eine reiche Quelle unserer Empfindungen und Genuesse.
+
+Ich nehme hier einige zerstreute Zuege einer Schilderung auf, die ich kurz
+nach meiner Rueckkehr nach Europa in einem andern Buche entworfen.(28) Die
+mit zarten Kraeutern und Graesern bewachsenen Savanen von Atures sind wahre
+Praerien, aehnlich unsern europaeischen Wiesen; sie werden nie vom Flusse
+ueberschwemmt und scheinen nur der Menschenhand zu harren, die sie
+umbricht. Trotz ihrer bedeutenden Ausdehnung sind sie nicht so eintoenig
+wie unsere Ebenen. Sie laufen um Felsgruppen, um uebereinander gethuermte
+Granitbloecke her. Dicht am Rand dieser Ebenen, dieser offenen Fluren stoesst
+man auf Schluchten, in die kaum ein Strahl der untergehenden Sonne dringt,
+auf Gruende, wo einem aus dem feuchten, mit Arum, Heliconia und Lianen
+dicht bewachsenen Boden bei jedem Schritte die wilde Ueppigkeit der Natur
+entgegentritt. Ueberall kommen, dem Boden gleich, die ganz kahlen
+Granitplatten zu Tage, wie ich sie bei Carichana beschrieben, und wie ich
+sie in der alten Welt nirgends so ausnehmend breit gesehen habe wie im
+Orinocothal. Da wo Quellen aus dem Schoosse dieses Gesteins vorbrechen,
+haben sich Verrucarien, Psoren und Flechten an den verwitterten Granit
+geheftet und Dammerde erzeugt. Kleine Euphorbien, Peperomien und andere
+Saftpflanzen sind den cryptogamischen Gewaechsen gefolgt, und jetzt bildet
+immergruenes Strauchwerk, Rhexien, Melastomen mit purpurrothen Bluethen,
+gruene Eilande inmitten der oeden steinigten Ebene. Man kommt immer wieder
+darauf zurueck: die Bodenbildung, die ueber die Savanen zerstreuten Boskette
+aus kleinen Baeumen mit lederartigen, glaenzenden Blaettern, die kleinen
+Baeche, die sich ein Bett im Fels graben und sich bald ueber fruchtbares
+ebenes Land, bald ueber kahle Granitbaenke schlaengeln, Alles erinnert einen
+hier an die reizendsten, malerischsten Parthien unserer Parkanlagen und
+Pflanzungen. Man meint mitten in der wilden Landschaft menschlicher Kunst
+und Spuren von Cultur zu begegnen.
+
+Aber nicht nur durch die Bodenbildung zunaechst bei der Mission Atures
+erhaelt die Gegend eine so auffallende Physiognomie: die hohen Berge,
+welche ringsum den Horizont begrenzen, tragen durch ihre Form und die Art
+ihres Pflanzenwuchses das Ihrige dazu bei. Diese Berge erheben sich meist
+nur 7--800 Fuss ueber die umgebenden Ebenen. Ihre Gipfel sind abgerundet,
+wie in den meisten Granitgebirgen, und mit einem dichten Walde von
+Laurineen bedeckt. Gruppen von Palmen (_el Cucurito_) deren gleich
+Federbueschen gekraeuselte Blaetter unter einem Winkel von 70 Grad
+majestaetisch emporsteigen, stehen mitten unter Baeumen mit wagerechten
+Aesten; ihre nackten Staemme schiessen gleich hundert bis hundertzwanzig Fuss
+hohen Saeulen in die Luft hinauf und heben sich vom blauen Himmel ab, "ein
+Wald ueber dem Walde." Wenn der Mond den Bergen von Uniana zu unterging und
+die roethliche Scheibe des Planeten sich hinter das gefiederte Laub der
+Palmen versteckte und dann wieder im Luftstrich zwischen beiden Waeldern
+zum Vorschein kam, so glaubte ich mich auf Augenblicke in die Einsiedelei
+des Alten versetzt, die BERNARDIN DE SAINT PIERRE als eine der
+herrlichsten Gegenden auf der Insel Bourbon schildert, und fuehlte so
+recht, wie sehr die Gewaechse nach Wuchs und Gruppirung in beiden Welten
+einander gleichen. Mit der Beschreibung eines kleinen Erdwinkels auf einer
+Insel im indischen Ocean hat der unnachahmliche Verfasser von _Paul und
+Virginie_ vom gewaltigen Bild der tropischen Landschaft eine Skizze
+entworfen. Er wusste die Natur zu schildern, nicht weil er sie als Forscher
+kannte, sondern weil er fuer all ihre harmonischen Verhaeltnisse in
+Gestaltung, Farbe und innern Kraeften ein tiefes Gefuehl besass.
+
+Oestlich von Atures, neben jenen abgerundeten Bergen, auf denen. zwei
+Waelder von Laurineen und Palmen ueber einander stehen, erheben sich andere
+Berge von ganz verschiedenem Aussehen. Ihr Kamm ist mit gezackten Felsen
+besetzt, die wie Pfeiler ueber die Baeume und das Gebuesch emporragen. Diese
+Bildung kommt allen Granitplateaus zu, im Harz, im boehmischen Erzgebirge,
+in Galizien, an der Grenze beider Castilien; sie wiederholt sich ueberall,
+wo in unbedeutender Meereshoehe (400--600 Toisen) ein Granit neuerer
+Formation zu Tage kommt. Die in Abstaenden sich erhebenden Felsen bestehen
+entweder aus aufgethuermten Bloecken oder sind in regelmaessige, wagerechte
+Baenke getheilt. Auf die ganz nahe am Orinoco stellen sich die Flamingos,
+die *Soldados*(29) und andere fischfangende Voegel, und nehmen sich dann
+aus wie Menschen, die Wache stehen. Diess ist zuweilen so taeuschend, dass,
+wie mehrere Augenzeugen erzaehlen, die Einwohner von Angostura eines Tags
+kurz nach der Gruendung der Stadt in die groesste Bestuerzung geriethen, als
+sich auf einmal auf einem Berge gegen Sued Reiher, *Soldados* und *Garzas*
+blicken liessen. Sie glaubten sich von einem Ueberfall der _Indios
+monteros_ (der wilden Indianer) bedroht, und obgleich einige Leute, die
+mit dieser Taeuschung bekannt waren, die Sache aufklaerten, beruhigte sich
+das Volk nicht eher ganz, als bis die Voegel in die Luft stiegen und ihre
+Wanderung der Muendung des Orinoco zu fortsetzten.
+
+Die schoene Vegetation der Berge ist, wo nur auf dem Felsboden Dammerde
+liegt, auch ueber die Ebenen verbreitet. Meistens sieht man zwischen dieser
+schwarzen, mit Pflanzenfasern gemischten Dammerde und dem Granitgestein
+eine Schichte weissen Sandes. Der Missionaer versicherte uns, in der Naehe
+der Wasserfaelle sey das Gruen bestaendig frisch, in Folge des vielen
+Wasserdampfes, der aus dem auf einer Strecke von 3000--4000 Toisen in
+Strudel und Wasserfaelle zerschlagenen Strom aussteigt.
+
+Kaum hatte man in Atures ein paarmal donnern hoeren, und bereits zeigte die
+Vegetation aller Orten die kraeftige Fuelle und den Farbenglanz, wie man sie
+auf den Kuesten erst zu Ende der Regenzeit findet. Die alten Baeume hingen
+voll praechtiger Orchideen, gelber Bannisterien, Bignonien mit blauen
+Bluethen, Peperomia, Arum, Pothos. Auf einem einzigen Baumstamm waren
+mannigfaltigere Pflanzengebilde beisammen, als in unserem Klima auf einem
+ansehnlichen Landstrich. Neben diesen den heissen Klimaten eigenen
+Schmarotzergewaechsen sahen wir hier mitten in der heissen Zone und fast im
+Niveau des Meeres zu unserer Ueberraschung Moose, die vollkommen den
+europaeischen glichen. Beim grossen Katarakt von Atures pflueckten wir die
+schoene Grimmia-Art mit Fontinalis-Blaettern, welche die Botaniker so sehr
+beschaeftigt hat; sie haengt an den Aesten der hoechsten Baeume. Unter den
+Phanerogamen herrschen in den bewaldeten Strichen Mimosen, Ficus und
+Laurineen vor. Diess ist um so charakteristischer, als nach BROWNs
+neuerlicher Beobachtung auf dem gegenueber liegenden Continent, im
+tropischen Afrika, die Laurineen fast ganz zu fehlen scheinen. Gewaechse,
+welche Feuchtigkeit lieben, schmuecken die Ufer am Wasserfall. Man findet
+hier in den Niederungen Buesche von Heliconia und andern Scitamineen mit
+breiten glaenzenden Blaettern, Bambusrohre, die drei Palmenarten *Murichi*,
+*Jagua* und *Vadgiai*, deren jede besondere Gruppen bildet. Die
+Murichipalme oder die Mauritia mit schuppigter Frucht ist die beruehmte
+Sagopalme der Guaranos-Indianer; sie ist ein wirkliches geselliges
+Gewaechs. Sie hat handfoermige Blaetter und waechst nicht unter den Palmen mit
+gefiederten und gekraeuselten Blaettern, dem *Jagua*, der eine Art
+Cocospalme zu seyn scheint, und dem *Vadgiai* oder *Cucurito*, den man
+neben die schoene Gattung _Oreodoxa_ stellen kann. Der *Cucurito*, bei den
+Faellen von Atures und Maypures die haeufigste Palme, ist durch seinen
+Habitus ausgezeichnet. Seine Blaetter oder vielmehr Wedel stehen auf einem
+80--100 Fuss hohen Stamm fast senkrecht, und zwar im jugendlichen Zustand
+wie in der vollen Entwicklung; nur die Spitzen sind umgebogen. Es sind
+wahre Federbuesche vom zartesten, frischesten Gruen. Der Cucurito, der Seje,
+dessen Frucht der Aprikose gleicht, die _Oreodoxa regia_ oder _Palma real_
+von der Insel Cuba und das _Ceroxylon_ der hohen Anden sind im Wuchs die
+grossartigsten Palmen der neuen Welt. Je naeher man der gemaessigten Zone
+kommt, desto mehr nehmen die Gewaechse dieser Familie an Groesse und
+Schoenheit ab. Welch ein Unterschied zwischen den eben erwaehnten Arten und
+der orientalischen Dattelpalme, die bei den europaeischen Landschaftsmalern
+leider der Typus der Palmenfamilie geworden ist!
+
+Es ist nicht zu verwundern, dass, wer nur das noerdliche Afrika, Sicilien
+oder Murcia bereist hat, nicht begreifen kann, dass unter allen grossen
+Baumgestalten die Gestalt der Palme die grossartigste und schoenste seyn
+soll. Unzureichende Analogieen sind Schuld, dass sich der Europaeer keine
+richtige Vorstellung vom Charakter der heissen Zone macht. Jedermann weiss
+zum Beispiel, dass die Contraste des Baumlaubs, besonders aber die grosse
+Menge von Gewaechsen mit gefiederten Blaettern ein Hauptschmuck dieser Zone
+sind. Die Esche, der Vogelbeerbaum, die Inga, die Achazie der Vereinigten
+Staaten, die Gleditsia, die Tamarinde, die Mimosen, die Desmanthus haben
+alle gefiederte Blaetter mit mehr oder weniger grossen, duennen, lederartigen
+und glaenzenden Blaettchen. Vermag nun aber desshalb eine Gruppe von Eschen,
+Vogelbeerbaeumen oder Sumachbaeumen uns einen Begriff vom malerischen Effekt
+zu geben, den das Laubdach der Tamarinden und Mimosen macht, wenn das
+Himmelsblau zwischen ihren kleinen, duennen, zartgefiederten Blaettern
+durchbricht? Diese Betrachtungen sind wichtiger, als sie auf den ersten
+Blick scheinen. Die Gestalten der Gewaechse bestimmen die Physiognomie der
+Natur, und diese Physiognomie wirkt zurueck auf die geistige Stimmung der
+Voelker. Jeder Pflanzentypus zerfaellt in Arten, die im allgemeinen
+Charakter mit einander uebereinkommen, aber sich dadurch unterscheiden, dass
+dieselben Organe verschiedentlich entwickelt sind. Die Palmen, die
+Scitamineen, die Malvaceen, die Baeume mit gefiederten Blaettern sind nicht
+alle malerisch gleich schoen, und meist, im Pflanzenreich wie im
+Thierreich, gehoeren die schoensten Arten eines jeden Typus dem tropischen
+Erdstrich an.
+
+Die Protaceen, Croton, Agaven und die grosse Sippe der Cactus, die
+ausschliesslich nur in der neuen Welt vorkommt, verschwinden allmaehlig,
+wenn man auf dem Orinoco ueber die Muendungen des Apure und des Meta
+hinaufkommt. Indessen ist vielmehr die Beschattung und die Feuchtigkeit,
+als die Entfernung von den Kuesten daran Schuld, wenn die Cactus nicht
+weiter nach Sueden gehen. Wir haben oestlich von den Anden, in der Provinz
+Bracamoros, dem obern Amazonenstrom zu, ganze Cactuswaelder, mit Croton
+dazwischen, grosse duerre Landstriche bedecken sehen. Die Baumfarn scheinen
+an den Faellen des Orinoco ganz zu fehlen; wir fanden keine Art vor San
+Fernando de Atabapo, das heisst vor dem Einfluss des Guaviare in den
+Orinoco.
+
+Wir haben die Umgegend von Atures betrachtet, und ich habe jetzt noch von
+den Stromschnellen selbst zu sprechen, die an einer Stelle des Thales
+liegen, wo das tief eingeschnittene Flussbett fast unzugaengliche Ufer hat.
+Nur an sehr wenigen Punkten konnten wir in den Orinoco gelangen, um
+zwischen zwei Wasserfaellen, in Buchten, wo das Wasser langsam kreist, zu
+baden. Auch wer sich in den Alpen, in den Pyrenaeen, selbst in den
+Cordilleren aufgehalten hat, so vielberufen wegen der Zerrissenheit des
+Bodens und der Spuren von Zerstoerung, denen man bei jedem Schritte
+begegnet, vermoechte nach einer blossen Beschreibung sich vom Zustand des
+Strombetts hier nur schwer eine Vorstellung zu machen. Auf einer Strecke
+von mehr als fuenf Seemeilen laufen unzaehlige Felsdaemme quer darueber weg,
+eben so viele natuerliche Wehre, eben so viele *Schwellen*, aehnlich denen
+im Dnieper, welche bei den Alten _'Phragmoi'_ hiessen. Der Raum zwischen
+den Felsdaemmen im Orinoco ist mit Inseln von verschiedener Groesse gefuellt;
+manche sind huegligt, in verschiedene runde Erhoehungen getheilt und
+200--300 Toisen lang, andere klein und niedrig, wie blosse Klippen. Diese
+Inseln zerfaellen den Fluss in zahlreiche reissende Betten, in denen das
+Wasser sich kochend an den Felsen bricht; alle sind mit Jagua- und
+Cucuritopalmen mit federbuschfoermigem Laub bewachsen, ein Palmendickicht
+mitten auf der schaeumenden Wasserflaeche. Die Indianer, welche die leeren
+Piroguen durch die Raudales schaffen, haben fuer jede Staffel, fuer jeden
+Felsen einen eigenen Namen. Von Sueden her kommt man zuerst zum *Salto del
+Piapoco*, zum Sprung des Tucans; zwischen den Inseln Avaguri und
+Javariveni ist der Raudal de Javariveni; hier verweilten wir auf unserer
+Rueckkehr vom Rio Negro mehrere Stunden mitten in den Stromschnellen, um
+unser Canoe zu erwarten. Der Strom scheint zu einem grossen Theil trocken
+zu liegen. Granitbloecke sind auf einander gehaeuft, wie in den Moraenen,
+welche die Gletscher in der Schweiz vor sich her schieben. Ueberall stuerzt
+sich der Fluss in die Hoehlen hinab, und in einer dieser Hoehlen hoerten wir
+das Wasser zugleich ueber unsern Koepfen und unter unsern Fuessen rauschen.
+Der Orinoco ist wie in eine Menge Arme oder Sturzbaeche getheilt, deren
+jeder sich durch die Felsen Bahn zu brechen sucht. Man muss nur staunen,
+wie wenig Wasser man im Flussbett sieht, ueber die Menge Wasserstuerze, die
+sich unter dem Boden verlieren, ueber den Donner der Wasser, die sich
+schaeumend an den Felsen brechen.
+
+_ Cuncta fremunt undis; ac multo murmure montis _
+_ Spumens invictis canescit fluctibus amnis._(_30_)_ _
+
+Ist man ueber den Raudal Javariveni weg (ich nenne hier nur die wichtigsten
+der Faelle), so kommt man zum Raudal *Canucari*, der durch eine Felsbank
+zwischen den Inseln Surupamana und Uirapuri gebildet wird. Sind die Daemme
+oder natuerlichen Wehre nur zwei, drei Fuss hoch, so wagen es die Indianer
+im Canoe hinabzufahren. Fluss aufwaerts schwimmen sie voraus, bringen nach
+vielen vergeblichen Versuchen ein Seil um eine der Felsspitzen ueber dem
+Damm und ziehen das Fahrzeug am Seil auf die Hoehe des Raudals. Waehrend
+dieser muehseligen Arbeit fuellt sich das Fahrzeug haeufig mit Wasser;
+anderemale zerschellt es an den Felsen, und die Indianer, mit
+zerschlagenem, blutendem Koerper, reissen sich mit Noth aus dem Strudel und
+schwimmen an die naechste Insel. Sind die Felsstaffeln oder Schwellen sehr
+hoch und versperren sie den Strom ganz, so schafft man die leichten
+Fahrzeuge ans Land, schiebt Baumaeste als Walzen darunter und schleppt sie
+bis an den Punkt, wo der Fluss wieder schiffbar wird.(31) Bei Hochwasser
+ist solches selten noethig. Spricht man von den Wasserfaellen des Orinoco,
+so denkt man von selbst an die Art und Weise, wie man in alter Zeit ueber
+die Katarakten des Nil herunterfuhr, wovon uns SENECA(32) eine
+Beschreibung hinterlassen hat, die poetisch, aber schwerlich richtig ist.
+Ich fuehre nur eine Stelle an, die vollkommen vergegenwaertigt, was man in
+Atures, Maypures und in einigen *Pongos* des Amazonenstroms alle Tage
+sieht. "Je zwei mit einander besteigen kleine Nachen, und einer lenkt das
+Schiff, der andere schoepft es aus. Sodann, nachdem sie unter dem reissenden
+Toben des Nil und den sich begegnenden Wellen tuechtig herumgeschaukelt
+worden sind, halten sie sich endlich an die seichtesten Kanaele, durch die
+sie den Engpaessen der Felsen entgehen, und mit der ganzen Stroemung
+niederstuerzend, lenken sie den schiessenden Nachen."
+
+In den hydrographischen Beschreibungen der Laender werden meistens unter
+den unbestimmten Benennungen: "_Saltos_, _Chorros_, _Pongos_,
+_Cachoeiras_, _Raudales_; _Cataractes_, _Cascades_, _Chutes_, _Rapides_;
+Wasserfaelle, Wasserstuerze, Stromschnellen," stuermische Bewegungen der
+Wasser zusammengeworfen, die durch sehr verschiedene Bodenbildungen
+hervorgebracht werden. Zuweilen stuerzt sich ein ganzer Fluss aus
+bedeutender Hoehe in Einem Falle herunter, wodurch die Schifffahrt voellig
+unterbrochen wird. Dahin gehoert der praechtige Fall des Rio Tequendama, den
+ich in meinen _Vues des Cordilleres_ abgebildet habe; dahin die Faelle des
+Niagara und der Rheinfall, die nicht sowohl durch ihre Hoehe als durch die
+Wassermasse bedeutend sind. Anderemale liegen niedrige Steindaemme in
+weiten Abstaenden hinter einander und bilden getrennte Wasserfaelle; dahin
+gehoeren die _Cachoeiras_ des Rio Negro und des Rio de la Madeira, die
+_Saltos_ des Rio Cauca und die meisten _Pongos_ im obern Amazonenstrom
+zwischen dem Einfluss des Chinchipe und dem Dorfe San Borja. Der hoechste
+und gefaehrlichste dieser Pongos, den man auf Floessen herunter faehrt, der
+bei Mayafi, ist uebrigens nur drei Fuss hoch. Noch anderemale liegen kleine
+Steindaemme so nahe an einander, dass sie auf mehrere Meilen Erstreckung
+eine ununterbrochene Reihe von Faellen und Strudeln, _Chorros_ und
+_Remolinos_ bilden, und diess nennt man eigentlich _Raudales_, _Rapides_,
+Stromschnellen. Dahin gehoeren die *Yellalas*, die Stromschnellen des
+Zaire- oder Congoflusses, mit denen uns Capitaen Tuckey kuerzlich bekannt
+gemacht hat; die Stromschnellen des Orangeflusses in Afrika oberhalb
+Pella, und die vier Meilen langen Faelle des Missouri da, wo der Fluss aus
+den Rocky Mountains hervorbricht. Hieher gehoeren nun auch die Faelle von
+Atures und Maypures, die einzigen, die, im tropischen Erdstrich der neuen
+Welt gelegen, mit einer herrlichen Palmenvegetation geschmueckt sind. In
+allen Jahreszeiten gewaehren sie den Anblick eigentlicher Wasserfaelle und
+hemmen die Schifffahrt auf dem Orinoco in sehr bedeutendem Grade, waehrend
+die Stromschnellen des Ohio und in Oberegypten zur Zeit der Hochgewaesser
+kaum sichtbar sind. Ein vereinzelter Wasserfall, wie der Niagara oder der
+Fall bei Terni, gibt ein herrliches Bild, aber nur Eines; er wird nur
+anders, wenn der Zuschauer seinen Standpunkt veraendert; Stromschnellen
+dagegen, namentlich wenn sie zu beiden Seiten mit grossen Baeumen besetzt
+sind, machen eine Landschaft meilenweit schoen. Zuweilen ruehrt die
+stuermische Bewegung des Wassers nur daher, dass die Strombetten sehr
+eingeengt sind. Dahin gehoert die Angostura de Carare im Magdalenenfluss,
+ein Engpass, der dem Verkehr zwischen Santa Fe de Bogota und der Kueste von
+Carthagena Eintrag thut; dahin gehoert der Pongo von Manseriche im obern
+Amazonenstrom, den LA CONDAMINE fuer weit gefaehrlicher gehalten hat, als er
+in Wahrheit ist, und den der Pfarrer von San Borja hinauf muss, so oft er
+im Dorfe San Yago eine Amtsverrichtung hat.
+
+Der Orinoco, der Rio Negro und fast alle Nebenfluesse des Amazonenstromes
+oder Maranon haben Faelle oder Stromschnellen entweder in der Naehe ihres
+Ursprungs durch Berge laufen, oder weil sie auf der mittleren Strecke
+ihres Laufs auf andere Berge stossen. Wenn, wie oben bemerkt, die Wasser
+des Amazonenstroms vom Pongo von Manseriche bis zu seiner Muendung, mehr
+als 750 Meilen weit, nirgends heftig aufgeregt sind, so verdankt er diesen
+ungemein grossen Vortheil dem Umstand, dass er immer die gleiche Richtung
+einhaelt. Er fliesst von Ost nach West ueber eine weite Ebene, die gleichsam
+ein Laengenthal zwischen der Bergkette der Parime und dem grossen
+brasilianischen Gebirgsstock bildet.
+
+Zu meiner Ueberraschung ersah ich aus unmittelbarer Messung, dass die
+Stromschnellen des Orinoco, deren Donner man ueber eine Meile weit hoert,
+und die durch die mannigfaltige Vertheilung von Wasser, Palmbaeumen und
+Felsen so ausnehmend malerisch sind, in ihrer ganzen Laenge schwerlich mehr
+als 28 Fuss senkrechte Hoehe haben. Bei naeherer Ueberlegung zeigt es sich,
+dass diess fuer Stromschnellen viel ist. waehrend es fuer einen einzelnen
+Wasserfall sehr wenig waere. Bei den Yellalas im Congofluss, in der
+Einschnuerung seines Bettes zwischen Banza Noki und Banza Inga, ist der
+Hoehenunterschied zwischen den obern und den untern Staffeln weit
+bedeutender; BARROW bemerkt aber, dass sich hier unter den vielen
+Stromschnellen ein Fall findet, der allein 30 Fuss hoch ist. Andererseits
+haben die vielberufenen Pongos im Amazonenstrom, wo die Bergfahrt so
+gefaehrlich ist, die Faelle von Rentama, Escurrebragas und Mayasi, auch nur
+ein paar Fuss senkrechte Hoehe. Wer sich mit Wasserbauten abgibt, weiss,
+welche Wirkung in einem grossen Flusse eine Schwellung von 18--20 Zoll hat.
+Das Toben des Wassers und die Wirbel werden ueberall keineswegs allein von
+der Hoehe der einzelnen Faelle bedingt, sondern vielmehr davon, wie nahe die
+Faelle hinter einander liegen, ferner vom Neigungswinkel der Felsendaemme,
+von den sogenannten _'lames de reflexion'_ die in einander stossen und ueber
+einander weggehen, von der Gestalt der Inseln und Klippen, von der
+Richtung der Gegenstroemungen, von den Kruemmungen und engen Stellen in den
+Kanaelen, durch die das Wasser von einer Staffel zur andern sich Bahn
+bricht. Von zwei gleich breiten Fluessen kann der eine Faelle haben, die
+nicht so hoch sind als die des andern, und doch weit gefaehrlicher und
+tobender.
+
+Meine obige Angabe ueber die senkrechte Hoehe der Raudales des Orinoco
+lautet nicht ganz bestimmt, und ich habe damit auch nur eine *Grenzzahl*
+gegeben. Ich brachte den Barometer auf die kleine Ebene bei der Mission
+Atures und den Katarakten, ich konnte aber keine constanten Unterschiede
+beobachten. Bekanntlich wird die barometrische Messung sehr schwierig,
+wenn es sich um ganz unbedeutenden Hoehenunterschied handelt. Durch kleine
+Unregelmaessigkeiten in der stuendlichen Schwankung (Unregelmaessigkeiten, die
+sich mehr auf das Maass der Schwankung als auf den Zeitpunkt beziehen) wird
+das Ergebniss zweifelhaft, wenn man nicht an jedem der beiden Standpunkte
+ein Barometer hat, und wenn man Unterschiede im Luftdruck von einer halben
+Linie auffassen soll.
+
+Wahrscheinlich wird die Wassermasse des Stromes durch die Katarakten
+geringer, nicht allein weil durch das Zerschlagen des Wassers in Tropfen
+die Verdunstung gesteigert wird, sondern auch, und hauptsaechlich, weil
+viel Wasser in unterirdische Hoehlungen versinkt. Dieser Verlust ist
+uebrigens nicht sehr auffallend, wenn man die Wassermasse da, wo sie in die
+Raudales eintritt, mit der vergleicht, welche beim Einfluss des Rio Anaveni
+davon wegzieht. Durch eine solche Vergleichung hat man gefunden, dass unter
+den Yelladas oder Raudales des Congoflusses unterirdische Hoehlungen liegen
+muessen. Im Pongo von Manseriche, der vielmehr eine Stromenge als ein
+Wasserfall heissen sollte, verschwindet auf eine noch nicht gehoerig
+ermittelte Weise das Wasser des obern Amazonenstroms zum Theil mit all
+seinem Treibholz.
+
+Sitzt man am Ufer des Orinoco und betrachtet die Felsdaemme, an denen sich
+der Strom donnernd bricht, so fragt man sich, ob die Faelle im Lauf der
+Jahrhunderte nach Gestaltung und Hoehe sich veraendern werden. Ich bin nicht
+sehr geneigt, dem Stoss des Wassers gegen Granitbloecke und dem Zerfressen
+kieselhaltigen Gesteins solche Wirkungen zuzuschreiben. Die nach unten
+sich verengenden Loecher, die Trichter, wie man sie in den Raudales und bei
+so vielen Wasserfaellen in Europa antrifft, entstehen nur durch die Reibung
+des Sandes und das Rollen der Quarzgeschiebe. Wir haben solche Geschiebe
+gesehen, welche die Stroemung am Boden der Trichter bestaendig herumwirbelt
+und diese dadurch nach allen Durchmessern erweitert. Die Pongos des
+Amazonenstroms sind leicht zerstoerlich, da die Felsdaemme nicht aus Granit
+bestehen, sondern aus Conglomerat, aus rothem, grobkoernigem Sandstein. Der
+Pongo von Rentama stuerzte vor 80 Jahren theilweise ein, und da sich das
+Wasser hinter einem neu gebildeten Damm staute, so lag das Flussbett ein
+paar Stunden trocken, zur grossen Verwunderung der Einwohner des Dorfes
+Puyaya, sieben Meilen unter dem eingestuerzten Pongo. Die Indianer in
+Atures versichern (und diese Aussage widerspricht der Ansicht des Paters
+CAULIN), die Felsen im Raudal haben immer dasselbe Aussehen, aber die
+einzelnen Stroemungen, in die der grosse Strom zerschlagen wird, aendern beim
+Durchgang durch die aufgehaeuften Granitbloecke ihre Richtung und werfen
+bald mehr, bald weniger Wasser gegen das eine oder das andere Ufer. Die
+Ursachen dieses Wechsels koennen den Katarakten sehr ferne liegen; denn in
+den Fluessen, die auf der Erdoberflaeche Leben verbreiten, wie die Adern in
+den organischen Koerpern, pflanzen sich alle Bewegungen weithin fort.
+Schwingungen, die Anfangs ganz lokal scheinen, wirken auf die ganze
+fluessige Masse im Stamm und den vielen Verzweigungen desselben.
+
+Ich weiss wohl, dass, vergleicht man den heutigen Zustand der Stromschnellen
+bei Syene, deren einzelne Staffeln kaum sechs Zoll hoch sind,(33) mit den
+grossartigen Beschreibungen der Alten, man leicht geneigt ist, im Nilbett
+die Wirkungen der Auswaschungen, ueberhaupt die gewaltigen Einfluesse des
+stroemenden Wassers zu erblicken, aus denen man in der Geologie lange die
+Bildung der Thaeler und die Zerrissenheit des Bodens in den Cordilleren
+befriedigend erklaeren zu koennen meinte. Diese Ansicht wird durch den
+Augenschein keineswegs unterstuetzt. Wir stellen nicht in Abrede, dass die
+Stroeme, ueberhaupt fliessende Wasser, wo sie in zerreibliches Gestein, in
+secundaere Gebirgsformationen einschneiden, bedeutende Wirkungen ausueben.
+Aber die Granitfelsen bei Elephantine haben wahrscheinlich seit Tausenden
+von Jahren an absoluter Hoehe so wenig abgenommen, als der Gipfel des
+Montblanc und des Canigou. Hat man die grossen Naturscenerien in
+verschiedenen Klimaten selbst gesehen, so sieht man sich zu der Anschauung
+gedraengt, dass jene tiefen Spalten, jene hoch aufgerichteten Schichten,
+jene zerstreuten Bloecke, all die Spuren einer allgemeinen Umwaelzung
+Wirkungen aussergewoehnlicher Ursachen sind, die mit denen, welche im
+gegenwaertigen Zustand der Ruhe und des Friedens an der Erdoberflaeche
+thaetig sind, nichts gemein haben. Was das Wasser durch Auswaschung vom
+Granit wegfuehrt, was die feuchte Luft am harten, nicht verwitterten
+Gestein zerstoert, entzieht sich unsern Sinnen fast ganz, und ich kann
+nicht glauben, dass, wie manche Geologen annehmen, die Gipfel der Alpen und
+der Pyrenaeen niedriger werden, weil die Geschiebe sich in den Gruenden am
+Fusse der Gebirge aufhaeufen. Im Nil wie im Orinoco koennen die
+Stromschnellen einen geringeren Fall bekommen, ohne dass die Felsdaemme
+merkbar anders werden. Die relative Hoehe der Faelle kann durch die
+Anschwemmungen, die sich unterhalb der Stromschnellen bilden, abnehmen.
+
+Wenn auch diese Betrachtungen einiges Licht ueber die anziehende
+Erscheinung der Katarakten verbreiten, so sind damit die uebertriebenen
+Beschreibungen der Stromschnellen bei Syene, welche von den Alten(34) auf
+uns gekommen, allerdings nicht begreiflich zu machen. Sollten sie aber
+nicht vielleicht auf diesen untern Wasserfall uebertragen haben, was sie
+vom Hoerensagen von den obern Faellen des Flusses in Nubien und Dongola
+wussten, die zahlreicher und gefaehrlicher sind?(35) Syene lag an der Grenze
+des roemischen Reichs,(36) fast an der Grenze der bekannten Welt, und im
+Raume, wie in den Schoepfungen des menschlichen Geistes fangen die
+phantastischen Vorstellungen an, wo die klaren Begriffe aufhoeren.
+
+Die Einwohner von Atures und Maypures werden, was auch die Missionaere in
+ihren Schriften sagen moegen, vom Tosen der grossen Katarakte so wenig taub
+als die Catadupen am Nil. Hoert man das Getoese auf der Ebene bei der
+Mission, eine starke Meile weit, so glaubt man in der Naehe einer felsigten
+Meereskueste mit starker Brandung zu seyn. Es ist bei Nacht dreimal staerker
+als bei Tag und gibt dem einsamen Ort unaussprechlichen Reiz. Woher mag
+wohl diese Verstaerkung des Schalls in einer Einoede ruehren, wo sonst
+nichts. das Schweigen der Natur zu unterbrechen scheint? Die
+Geschwindigkeit der Fortpflanzung des Schalls nimmt mit der Abnahme der
+Temperatur nicht zu, sondern vielmehr ab. Der Schall wird schwaecher, wenn
+ein der Richtung desselben entgegengesetzter Wind weht, ferner durch
+Verduennung der Luft; der Schall ist schwaecher in hohen Luftregionen als in
+tiefen, wo die Zahl der erschuetterten Lufttheilchen in jedem Strahl groesser
+ist. Die Staerke desselben ist in trockener und in mit Wasserdunst
+vermengter Luft gleich gross, aber in kohlensaurem Gas ist sie geringer als
+in Gemengen von Stickstoff und Sauerstoff. Nach diesen Erfahrungssaetzen
+(und es sind die einzigen einigermassen zuverlaessigen) haelt es schwer, eine
+Erscheinung zu erklaeren, die man bei jedem Wasserfall in Europa
+beobachtet, und die lange vor unserer Ankunft im Dorfe Atures Missionaeren
+und Indianern aufgefallen war. Bei Nacht ist die Temperatur der Luft um
+drei Grad niedriger als bei Tage; zugleich nimmt die merkbare Feuchtigkeit
+bei Nacht zu und der Nebel, der auf den Katarakten liegt, wird dichter.
+Wir haben aber eben gesehen, dass der hygroscopische Zustand der Luft aus
+die Fortpflanzung des Schalls keinen Einfluss hat, und dass die Abkuehlung
+der Luft die Geschwindigkeit vermindert.
+
+Man koennte meinen, auch an Orten, wo keine Menschen leben, bringe am Tag
+das Sumsen der Insekten, der Gesang der Voegel, das Rauschen des Laubs beim
+leisesten Luftzug ein verworrenes Getoene hervor, das wir um so weniger
+wahrnehmen, da es sich immer gleich bleibt und es fortwaehrend zu unserem
+Ohre dringt. Dieses Getoese, so unmerklich es seyn mag, kann nun allerdings
+einen staerkeren Schall schwaechen, und diese Schwaechung kann wegfallen,
+wenn in der Stille der Nacht der Gesang der Voegel, das Sumsen der Insekten
+und die Wirkung des Windes auf das Laub aufhoeren. Waere aber diese
+Folgerung auch richtig, so findet sie keine Anwendung auf die Waelder am
+Orinoco, wo die Luft fortwaehrend von zahllosen Moskitoschwaermen erfuellt
+ist, wo das Gesumse der Insekten bei Nacht weit staerker ist als bei Tag,
+wo der Wind, wenn er je weht, sich erst, nach Sonnenuntergang aufmacht.
+
+Ich bin vielmehr der Ansicht, dass, so lange die Sonne am Himmel steht, der
+Schall sich langsamer fortpflanzt und geschwaecht wird, weil die Luftstroeme
+von verschiedener Dichtigkeit, die theilweisen Schwingungen der Atmosphaere
+in Folge der ungleichen Erwaermung der verschiedenen Bodenstuecke,
+Hindernisse bilden. In ruhiger Luft, sey sie nun trocken oder mit
+gleichfoermig vertheilten Dunstblaeschen erfuellt, pflanzt sich die
+Schallwelle ungehindert fort; wird aber die Luft nach allen Richtungen von
+kleinen Stroemen waermerer Luft durchzogen, so theilt sich die Welle da, wo
+die Dichtigkeit des Mittels rasch wechselt, in zwei Wellen; es bilden sich
+lokale Echos, die den Schall schwaechen, weil eine der Wellen zuruecklaeuft:
+es tritt die Theilung der Wellen ein, deren Theorie in juengster Zeit von
+POISSON so scharfsinnig entwickelt worden ist. Nach unserer Anschauung
+wird daher die Fortpflanzung der Schallwellen nicht dadurch gehemmt, dass
+durch die Ortsveraenderung der im Luftstrome von unten nach oben
+aufsteigenden Lufttheilchen, durch die kleinen schiefen Stroemungen ein
+Stoss ausgeuebt wuerde. Ein Stoss auf die Oberflaeche einer Fluessigkeit bringt
+Kreise um den Mittelpunkt der Erschuetterung hervor, selbst wenn die
+Fluessigkeit in Bewegung ist. Mehrere Arten von Wellen koennen sich im
+Wasser wie in der Luft kreuzen, ohne sich in ihrer Fortpflanzung zu
+stoeren; kleine Bewegungen schieben sich uebereinander, und die wahre
+Ursache der geringeren Staerke des Schalls bei Tag scheint der zu seyn, dass
+das elastische Mittel dann nicht homogen ist. Bei Tag aendert sich die
+Dichtigkeit rasch ueberall, wo kleine Luftzuege von hoher Temperatur ueber
+ungleich erwaermten Bodenstuecken aussteigen. Die Schallwellen theilen sich,
+wie die Lichtstrahlen sich brechen, und ueberall, wo Luftschichten von
+verschiedener Dichtigkeit sich beruehren, tritt *Spiegelung* ein. Der
+Schall pflanzt sich langsamer fort, wenn man in einer am einen Ende
+geschlossenen Roehre eine Schicht Wasserstoffgas ueber eine Schicht
+atmosphaerischer Luft aufsteigen laesst, und BIOT erklaert den Umstand, dass
+ein Glas mit Champagner nicht hell klingt, so lange er perlt und die
+Luftblasen im Wein aufsteigen, sehr gut eben daraus, dass die Blaeschen von
+kohlensaurem Gas die Fluessigkeit ungleichfoermig machen.
+
+Fuer diese Ansichten koennte ich mich fast auf die Autoritaet eines
+Philosophen berufen, den die Physiker noch immer sehr geringschaetzig
+behandeln, waehrend die ausgezeichnetsten Zoologen seinem Scharfsinn als
+Beobachter laengst volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. "Warum," sagt
+ARISTOTELES in seiner merkwuerdigen Schrift von den _Problemen_, "hoert man
+bei Nacht Alles besser als bei Tag? Weil Alles bei Nacht regungsloser ist,
+da die Waerme fehlt. Dadurch wird ueberhaupt Alles ruhiger, denn die Sonne
+ist es, die Alles bewegt."(37) Sicher schwebte Aristoteles die wahre
+Ursache der Erscheinung als unbestimmte Ahnung vor; er schreibt aber die
+Bewegung der Luft dem Stoss der kleinsten Theilchen derselben zu, was
+vielmehr dem raschen Wechsel der Dichtigkeit in sich beruehrenden
+Luftschichten zuzuschreiben seyn moechte.
+
+Am 16. April gegen Abend erhielten wir Nachricht, unsere Pirogue sey in
+weniger als sechs Stunden ueber die Stromschnellen geschafft worden und
+liege wohlbehalten in einer Bucht, *Puerto de ariba*, *der obere Hafen*,
+genannt. "Eure Pirogue wird nicht in Stuecken gehen, weil ihr kein
+Kaufmannsgut fuehrt und der Moench aus den Raudales mit euch reist," so
+hatte im Lager von Pararuma ein kleiner brauner Mann, in dem wir an der
+Mundart den Catalonier erkannten, boshaft gegen uns geaeussert. Es war ein
+Schildkroetenoelhaendler, der mit den Indianern in den Missionen in Verkehr
+und eben kein Freund der Missionare war. "Die Fahrzeuge, die leicht
+zerbrechen," fuhr er fort, "sind die der *Catalonier*, die mit einem
+Licenzschein vom Statthalter von Guyana, nicht aber mit der Genehmigung
+des Praesidenten der Missionen jenseits Atures und Maypures Handel treiben
+wollen. Man laesst unsere Piroguen in den Raudales, die der Schluessel sind
+zu den Missionen am obern Orinoco, am Cassiquiare und Rio Negro, zu
+Schanden gehen; man schafft uns dann durch die Indianer in Atures nach
+Carichana zurueck und zwingt uns unsere Handelsspeculationen aufzugeben."
+Als unpartheiischer Geschichtschreiber der von mir bereisten Laender kann
+ich einer solchen, wohl etwas leichtfertig ausgesprochenen Meinung nicht
+beitreten. Der gegenwaertige Missionar bei den Raudales ist nicht der Mann,
+die Plackereien, ueber welche die catalonischen Kraemer klagen, sich zu
+Schulden kommen zu lassen; man fragt sich aber, wesshalb das Regiment in
+den Missionen sogar in den spanischen Colonien so gruendlich verhasst ist?
+Verlaeumdete man nur reiche Leute, so waren die Missionare am obern Orinoco
+vor dergleichen boshaften Angriffen sicher. Sie besitzen kein Pferd, keine
+Ziege, kaum eine Kuh, waehrend ihre Ordensbrueder, die Kapuziner in den
+Missionen am Carony, Heerden von 40000 Stuecken besitzen. Der Groll der
+arbeitenden Classen unter den Colonisten gilt also nicht dem Wohlstand der
+Observanten, sondern ihrem Prohibitivsystem, ihren beharrlichen
+Bemuehungen, ihr Gebiet gegen die Weissen abzusperren, den Hindernissen, die
+sie dem Austausch der Produkte in den Weg legen. Aller Orten empoert sich
+das Volk gegen Monopole, nicht allein wenn sie auf den Handel und die
+materiellen Lebensbeduerfnisse Einfluss aeussern, sondern auch wenn sich ein
+Stand oder eine Schichte der Gesellschaft das Recht anmasst, allein die
+Jugend zu erziehen oder die Wilden in der Zucht zu halten, um nicht zu
+sagen zu civilisiren.
+
+Man zeigte uns in der kleinen Kirche von Atures einige Ueberbleibsel vom
+einstigen Wohlstand der Jesuiten. Eine silberne Lampe von ansehnlichem
+Gewicht lag, halb im Sand begraben, am Boden. Ein Gegenstand der Art wuerde
+allerdings nirgends die Habsucht des Wilden reizen; ich muss aber hier zur
+Ehre der Eingeborenen am Orinoco erwaehnen, dass sie keine Diebe sind, wie
+die lange nicht so rohen Bewohner der Suedseeinseln. Jene haben grosse
+Achtung vor dem Eigenthum; sie suchen nicht einmal Esswaaren, Fischangeln
+und Aexte zu entwenden. In Maypures und Atures weiss man nichts von
+Schloessern an den Thueren; sie werden eingefuehrt werden, sobald Weisse und
+Mischlinge sich in den Missionen niederlassen.
+
+Die Indianer in Atures sind gutmuethig, leidenschaftslos, Dank ihrer
+Traegheit an die groessten Entbehrungen gewoehnt Die Jesuiten frueher trieben
+sie zur Arbeit an, und da fehlte es ihnen nie an Lebensunterhalt. Die
+Patres bauten Mais, Bohnen und andere europaeische Gemuese; sie pflanzten um
+das Dorf her sogar suesse Orangen und Tamarinden, sie besassen in den
+Grasfluren von Atures und Carichana zwanzig bis dreissigtausend Pferde und
+Stuecke Rindvieh. Sie hielten fuer die Heerden eine Menge Sklaven und
+Knechte (_peones_). Gegenwaertig wird nichts gebaut als etwas Manioc und
+Bananen. Und doch ist der Boden so fruchtbar, dass ich in Atures an einem
+einzigen Pisangbueschel 108 Fruechte zaehlte, deren 4--5 fast zur taeglichen
+Nahrung eines Menschen hinreichen. Der Maisbau wird gaenzlich
+vernachlaessigt, Rosse und Kuehe sind verschwunden. Ein Uferstrich am Raudal
+heisst noch *Passo del ganado* (Viehfurth), waehrend die Nachkommen der
+Indianer, mit denen die Jesuiten die Mission gegruendet, vom Hornvieh wie
+von einer ausgestorbenen Thiergattung sprechen. Auf unserer Fahrt den
+Orinoco hinauf San Carlos am Rio Negro zu sahen wir in Carichana die
+letzte Kuh. Die Patres Observanten, welche gegenwaertig diese weiten
+Landstriche unter sich haben, kamen nicht unmittelbar auf die Jesuiten.
+Waehrend eines achtzehnjaehrigen Interregnums wurden die Missionen nur von
+Zeit zu Zeit besucht, und zwar von Kapuzinern. Unter dem Namen koeniglicher
+Commissaere verwalteten weltliche Regierungsbeamte die _Hatos_ oder Hoefe
+der Jesuiten, aber schaendlich liederlich. Man stach das Vieh, um die Haeute
+zu verkaufen, viele juengere Thiere wurden von den Tigern gefressen, noch
+viel mehr gingen an den Bissen der Fledermaeuse zu Grunde, die an den
+Katarakten kleiner sind, aber kecker als in den Llanos. Zur Zeit der
+Grenzexpedition wurden Pferde von Encaramada, Carichana und Atures bis San
+Jose de Maravitanos am Rio Negro ausgefuehrt, weil die Portugiesen dort
+Pferde, und noch dazu geringe, nur aus weiter Ferne auf dem Amazonenstrom
+und dem Gran-Para beziehen konnten. Seit dem Jahr 1795 ist das Vieh der
+Jesuiten gaenzlich verschwunden; als einziges Wahrzeichen des frueheren
+Anbaus dieser Laender und der wirthschaftlichen Thaetigkeit der ersten
+Missionare sieht man in den Savanen hie und da mitten unter wilden Baeumen
+einen Orangen- oder Tamarindenstamm.
+
+Die Tiger oder Jaguars, die den Heerden weniger gefaehrlich sind als die
+Fledermaeuse, kommen sogar ins Dorf herein und fressen den armen Indianern
+die Schweine. Der Missionaer erzaehlte uns ein auffallendes Beispiel von der
+Zuthulichkeit dieser sonst so wilden Thiere. Einige Monate vor unserer
+Ankunft hatte ein Jaguar, den man fuer ein junges Thier hielt, obgleich er
+gross war, ein Kind verwundet, mit dem er spielte; der Ausdruck mag
+sonderbar scheinen, aber ich brauche ihn ohne Bedenken, da ich an Ort und
+Stelle Thatsachen kennen lernen konnte, die fuer die Sittengeschichte der
+Thiere nicht ohne Bedeutung sind. Zwei indianische Kinder von acht bis
+neun Jahren, ein Knabe und ein Maedchen, sassen bei Atures mitten in einer
+Savane, ueber die wir oft gegangen, im Gras. Es war zwei Uhr Nachmittags,
+da kommt ein Jaguar aus dem Wald und auf die Kinder zu, die er springend
+umkreist; bald versteckt er sich im hohen Gras, bald macht er mit
+gekruemmtem Ruecken und gesenktem Kopf einen Sprung, gerade wie unsere
+Katzen. Der kleine Junge ahnt nicht, in welcher Gefahr er schwebt, und
+wird sie erst inne, als der Jaguar ihn mit der Tatze auf den Kopf schlaegt.
+Erst schlaegt er sachte, dann immer staerker; die Krallen verwunden das Kind
+und es blutet stark. Da nimmt das kleine Maedchen einen Baumzweig, schlaegt
+das Thier, und dieses laeuft vor ihr davon. Auf das Schreien der Kinder
+kommen die Indianer herbeigelaufen und sehen den Jaguar, der sichtbar an
+keine Gegenwehr dachte, in Spruengen sich davon machen.
+
+Man fuehrte uns den Jungen vor, der lebendig und gescheit aussah. Die
+Kralle des Jaguars hatte ihm unten ander Stirne die Haut abgestreift, und
+eine zweite Narbe hatte er oben auf dem Kopf. Woher nun auf einmal diese
+muntere Laune bei einem Thiere, das in unsern Menagerien nicht schwer zu
+zaehmen, aber im Stand der Freiheit immer wild und grausam ist? Nimmt man
+auch an, der Jaguar habe, sicher seiner Beute, mit dem kleinen Indianer
+gespielt, wie unsere Katzen mit Voegeln mit beschnittenen Fluegeln spielen,
+wie soll man es sich erklaeren, dass ein grosser Jaguar so duldsam ist, dass
+er vor einem kleinen Maedchen davonlaeuft? Trieb den Jaguar der Hunger nicht
+her, warum kam er auf die Kinder zu? In der Zuneigung und im Hass der
+Thiere ist manches Geheimnissvolle. Wir haben gesehen, wie Loewen drei, vier
+Hunde, die man in ihren Kaefigt setzte, umbrachten und einen fuenften, der
+weniger furchtsam den Koenig der Thiere an der Maehne packte, vom ersten
+Augenblick an liebkoste. Das sind eben Aeusserungen jenes Instinkts, der
+dem Menschen ein Raethsel ist. Es ist als ob der Schwache desto mehr fuer
+sich einnaehme, je zutraulicher er ist.
+
+Eben war von zahmen Schweinen die Rede, die von den Jaguars angefallen
+werden. Ausser den gemeinen Schweinen von europaeischer Race gibt es in
+diesen Laendern verschiedene Arten von Pecaris mit Druesen an den Leisten,
+von denen nur zwei den europaeischen Zoologen bekannt sind. Die Indianer
+nennen den kleinen Pecari (_Dicoteles torquatus_) auf Maypurisch
+_Chacharo_; _Apida_ aber heisst bei ihnen ein Schwein, das keinen Beutel
+haben soll und groesser, schwarzbraun und am Unterkiefer und den Bauch
+entlang weiss ist. Der Chacharo, den man im Hause aufzieht, wird so zahm
+wie unsere Schafe und Rehe. Sein sanftes Wesen erinnert an die anatomisch
+nachgewiesene interessante Aehnlichkeit zwischen dem Bau der Pecaris und
+dem der Wiederkaeuer. Der Apida, der ein Hausthier wird wie unsere
+Schweine, zieht in Rudeln von mehreren hundert Stuecken. Man hoert es schon
+von weitem, wenn solche Rudel herbeikommen, nicht nur an den dumpfen,
+rauhen Lauten, die sie von sich geben, sondern noch mehr, weil sie
+ungestuem das Gebuesch auf ihrem Wege zerknicken. Bonpland rief einmal beim
+Botanisiren sein indianischer Fuehrer zu, er solle sich hinter einen Baum
+verstecken, und da sah er denn diese Pecaris (_cochinos_ oder _puercos del
+monte_) ganz nahe an sich vorueberkommen. Der Rudel zog in dicht gedraengten
+Reihen, die maennlichen Thiere voran, jedes Mutterschwein mit seinen Jungen
+hinter sich. Die Chacharos haben ein weichliches, nicht sehr angenehmes
+Fleisch; sie werden uebrigens von den Indianern stark gegessen, die sie mit
+kleinen an Stricke gebundenen Spiessen erlegen. Man versicherte uns in
+Atures, der Tiger fuerchte sich im Walde unter einen solchen Rudel von
+Wildschweinen zu gerathen, und suche sich, um nicht erdrueckt zu werden,
+auf einen Baum zu fluechten. Ist das nun eine Jaegergeschichte oder eine
+wirkliche Beobachtung? Wir werden bald sehen, dass in manchen Laendern von
+Amerika die Jaeger an die Existenz eines _'Javali'_ oder einheimischen
+Ebers mit nach aussen gekruemmten Hauern(38) glauben. Ich habe nie einen
+gesehen, die amerikanischen Missionaere fuehren ihn aber in ihren Schriften
+auf, und diese von unsern Zoologen zu wenig beachtete Quelle enthaelt neben
+den plumpsten Uebertreibungen sehr interessante lokale Beobachtungen.
+
+Unter den Affen, die wir in der Mission Atures zu sehen bekamen, fanden
+wir eine neue Art aus der Sippe der *Sais* oder *Sajous*, von den
+Hispano-Amerikanern gewoehnlich _'Machis'_ genannt. Es ist diess der
+*Ouavapavi* [_Simia albifrons_, HUMBOLDT.] mit grauem Pelz und blaeulichem
+Gesicht. Augenraender und Stirne sind schneeweiss, und dadurch unterscheidet
+er sich auf den ersten Blick von der _Simia capucina_, der _Simia apella_,
+_Simia trepida_ und den andern Winselaffen, in deren Beschreibung bis
+jetzt so grosse Verwirrung herrscht. Das kleine Thier ist so sanftmuethig
+als haesslich. Jeden Tag sprang es im Hofe der Mission auf ein Schwein und
+blieb auf demselben von Morgen bis Abend sitzen, waehrend es auf den
+Grasfluren umherlief. Wir sahen es auch auf dem Ruecken einer grossen Katze,
+die mit ihm im Hause des Pater Zea aufgezogen worden war.
+
+In den Katarakten hoerten wir auch zum erstenmal von dem behaarten
+Waldmenschen, dem sogenannten *Salvaje* sprechen, der Weiber entfuehrt,
+Huetten baut und zuweilen Menschenfleisch frisst. Die Tamanacas nennen ihn
+_Achi_, die Maypures _Vasitri_ oder den grossen Teufel. Die Eingeborenen
+und die Missionaere zweifeln nicht an der Existenz dieses menschenaehnlichen
+Affen, vor dem sie sich sehr fuerchten. Pater GILI erzaehlt in vollem Ernst
+eine Geschichte von einer Dame aus der Stadt San Carlos, welche dem
+Waldmenschen wegen seiner Gutmuethigkeit und Zuvorkommenheit das beste
+Zeugniss gab. Sie lebte mehrere Jahre sehr gut mit ihm und liess sich von
+Jaegern nur desshalb wieder in den Schooss ihrer Familie bringen, "weil sie,
+nebst ihren Kindern (die auch etwas behaart waren), der Kirche und der
+heiligen Sacramente nicht langer entbehren mochte." Bei aller
+Leichtglaeubigkeit gesteht dieser Schriftsteller, er habe keinen Indianer
+auftreiben koennen, der ausdruecklich gesagt haette, er habe den *Salvaje*
+mit eigenen Augen gesehen. Dieses Maehrchen, das ohne Zweifel von den
+Missionaeren, den spanischen Colonisten und den Negern aus Afrika mit
+verschiedenen Zuegen aus der Sittengeschichte des Orangoutang, Gibbon, Joko
+oder Chimpanse und Pongo ausstaffirt worden ist, hat uns fuenf Jahre lang
+in der noerdlichen wie in der suedlichen Halbkugel verfolgt, und ueberall,
+selbst in den gebildetsten Kreisen, nahm man es uebel, dass wir allein uns
+herausnahmen, daran zu zweifeln, dass es in Amerika einen grossen
+menschenaehnlichen Affen gebe. Wir bemerken zunaechst, dass in gewissen
+Gegenden dieser Glaube besonders stark unter dem Volk verbreitet ist, so
+namentlich am obern Orinoco, im Thale Upar beim See Maracaybo, in den
+Bergen von Santa Martha und Merida, im Distrikt von Quixos und am.
+Amazonenstrom bei Tomependa. An allen diesen, soweit auseinander gelegenen
+Orten kann man hoeren, den Salvaje erkenne man leicht an seinen Fussstapfen,
+denn die Zehen seyen nach hinten gekehrt. Gibt es aber auf dem neuen
+Continent einen Affen von ansehnlicher Groesse, wie kommt es, dass sich seit
+dreihundert Jahren kein glaubwuerdiger Mann das Fell desselben hat
+verschaffen koennen? Was zu einem so alten Irrthum oder Glauben Anlass
+gegeben haben mag, darueber lassen sich mehrere Vermuthungen aufstellen.
+Sollte der vielberufene Kapuzineraffe von Esmeralda [_Simia chiropotes_],
+dessen Hundszaehne ueber sechs und eine halbe Linie lang sind, der ein viel
+menschenaehnlicheres Gesicht hat als der Orangoutang,(39) der sich den Bart
+mit der Hand streicht, wenn man ihn reizt, das Maehrchen vom Salvaje
+veranlasst haben? Allerdings ist er nicht so gross als der Coaita (_Simia
+paniscus_); wenn man ihn aber oben auf einem Baum und nur den Kopf von ihm
+sieht, koennte man ihn leicht fuer ein menschliches Wesen halten. Es waere
+auch moeglich (und diess scheint mir das wahrscheinlichste), dass der
+Waldmensch einer der grossen Baeren ist, deren Fussspur der menschlichen
+aehnlich ist und von denen man in allen Laendern glaubt, dass sie Weiber
+anfallen. Das Thier, das zu meiner Zeit am Fuss der Berge von Merida
+geschossen und als ein *Salvaje* dem Obristen Ungaro, Statthalter der
+Provinz Varinas, geschickt wurde, war auch wirklich nichts als ein Baer mit
+schwarzem, glaenzendem Pelz. Unser Reisegefaehrte Don Nicolas Sotto hat
+denselben naeher untersucht. Die seltsame Vorstellung von einem
+Sohlengaenger, bei dem die Zehen so stehen, als ob er rueckwaerts ginge,
+sollte sie etwa daher ruehren, dass die wahren wilden Waldmenschen, die
+schwaechsten, furchtsamsten Indianerstaemme, den Brauch haben, wenn sie in
+den Wald oder ueber einen Uferstrich ziehen, ihre Feinde dadurch irre zu
+machen, dass sie ihre Fussstapfen mit Sand bedecken oder rueckwaerts gehen?
+
+Ich habe angegeben, wesshalb zu bezweifeln ist, dass es eine unbekannte
+grosse Affenart auf einem Continente gibt, wo gar keine Vierhaender aus der
+Familie der Orangs, Cynocephali, Mandrils und Pongos vorzukommen scheinen.
+Es ist aber nicht zu vergessen, dass jeder, auch der abgeschmackteste
+Volksglaube auf wirklichen, nur unrichtig aufgefassten Naturverhaeltnissen
+beruht. Wendet man sich von dergleichen Dingen mit Geringschaetzung ab, so
+kann man, in der Physik wie in der Physiologie, leicht die Faehrte einer
+Entdeckung verlieren. Wir erklaeren daher auch keineswegs mit einem
+spanischen Schriftsteller das Maehrchen vom Waldmenschen fuer eine pfiffige
+Erfindung der indianischen Weiber, die entfuehrt worden seyn wollen, wenn
+sie hinter ihren Maennern lange ausgeblieben sind; vielmehr fordern wir die
+Reisenden, die nach uns an den Orinoco kommen, auf, unsere Untersuchungen
+hinsichtlich des Salvaje oder grossen Waldteufels wieder aufzunehmen und zu
+ermitteln, ob eine unbekannte Baerenart oder ein sehr seltener, der _Simia
+chiropotes_ oder _Simia Satanas_ aehnlicher Affe so seltsame Maehrchen
+veranlasst haben mag.
+
+Nach zweitaegigem Aufenthalt am Katarakt von Atures waren wir sehr froh,
+unsere Pirogue wieder laden und einen Ort verlassen zu koennen, wo der
+Thermometer bei Tage meist auf 29, bei Nacht auf 26 Grad stand. Nach der
+Hitze, die uns drueckte, kam uns die Temperatur noch weit hoeher vor. Wenn
+die Angabe des Instruments und die Empfindung so wenig uebereinstimmten, so
+ruehrte diess vom bestaendigen Hautreiz durch die Moskitos her. Eine von
+giftigen Insekten wimmelnde Luft kommt einem immer weit heisser vor, als
+sie wirklich ist. Das Saussuresche Hygrometer -- im Schatten beobachtet,
+wie immer -- zeigte bei Tag, im Minimum (um drei Uhr Nachmittags), 78 deg.2;
+bei Nacht, im Maximum, 81 deg.5. Diese Feuchtigkeit ist um 5 Grad geringer als
+die mittlere Feuchtigkeit an der Kueste von Cumana, aber um 10 Grad staerker
+als die mittlere Feuchtigkeit in den Llanos oder baumlosen Ebenen. Die
+Wasserfaelle und die dichten Waelder steigern die Menge des in der Luft
+enthaltenen Wasserdampfes. Den Tag ueber wurden wir von den Moskitos und
+den *Jejen*, kleinen giftigen Muecken aus der Gattung _Simulium_ furchtbar
+geplagt, bei Nacht von den *Zancudos*, einer grossen Schnakenart, vor denen
+sich selbst die Eingeborenen fuerchten. Unsere Haende fingen an stark zu
+schwellen und die Geschwulst nahm taeglich zu, bis wir an die Ufer des Temi
+kamen. Die Mittel, durch die man die kleinen Thiere los zu werden sucht,
+sind sehr merkwuerdig. Der gute Missionar Bernardo Zea, der sein Leben
+unter den Qualen der Moskitos zubringt, hatte sich neben der Kirche auf
+einem Gerueste von Palmstaemmen ein kleines Zimmer gebaut, in dem man freier
+athmete. Abends stiegen wir mit einer Leiter in dasselbe hinauf, um unsere
+Pflanzen zu trocknen und unser Tagebuch zu schreiben. Der Missionaer hatte
+die richtige Beobachtung gemacht, dass die Insekten in der tiefsten
+Luftschicht am Boden, 15--20 Fuss hoch, am haeufigsten sind. In Maypures
+gehen die Indianer bei Nacht aus dem Dorf und schlafen auf kleinen Inseln
+mitten in den Wasserfaellen. Sie finden dort einige Ruhe, da die Moskitos
+eine mit Wasserdunst beladene Luft zu fliehen scheinen. Ueberall fanden
+wir ihrer mitten im Strom weniger als an den Seiten; man hat daher auch
+weniger zu leiden, wenn man den Orinoco hinab, als wenn man aufwaerts
+faehrt.
+
+Wer die grossen Stroeme des tropischen Amerika, wie den Orinoco oder den
+Magdalenenfluss nicht befahren hat, kann nicht begreifen, wie man ohne
+Unterlass, jeden Augenblick im Leben von den Insekten, die in der Luft
+schweben, gepeinigt werden, wie die Unzahl dieser kleinen Thiere weite
+Landstrecken fast unbewohnbar machen kann. So sehr man auch gewoehnt seyn
+mag, den Schmerz ohne Klage zu ertragen, so lebhaft einen auch der
+Gegenstand, den man eben beobachtet, beschaeftigen mag, unvermeidlich wird
+man immer wieder davon abgezogen, wenn *Moskitos*, *Zancudos*, *Jejen* und
+*Tempraneros* einem Haende und Gesicht bedecken, einen mit ihrem
+Saugruessel, der in einen Stachel auslaeuft, durch die Kleider durch
+stechen, und in Nase und Mund kriechen, so dass man husten und niessen muss,
+sobald man in freier Luft spricht. In den Missionen am Orinoco, in diesen
+von unermesslichen Waeldern umgebenen Doerfern am Stromufer, ist aber auch
+die _plaga de los moscos_ ein unerschoepflicher Stoff der Unterhaltung.
+Begegnen sich Morgens zwei Leute, so sind ihre ersten Fragen: "_Que le han
+parecido los zancudos de noche?_ Wie haben Sie die Zancudos heute Nacht
+gefunden?" -- "_Como stamos hoy de mosquitos?_ Wie steht es heute mit den
+Moskitos?" Diese Fragen erinnern an eine chinesische Hoeflichkeitsformel,
+die auf den ehemaligen wilden Zustand des Landes, in dem sie entstanden
+seyn mag, zurueckweist. Man begruesste sich frueher im himmlischen Reich mit
+den Worten: _Vou-to-hou?_ seyd ihr diese Nacht von Schlangen beunruhigt
+worden?" Wir werden bald sehen, dass am Tuamini, auf dem Magdalenenstrom,
+besonders aber in Choco, im Gold- und Platinaland, neben dem
+Moskitoscompliment auch das chinesische Schlangencompliment am Platze
+waere.
+
+Es ist hier der Ort, von der *geographischen Vertheilung* dieser Insekten
+aus der Familie der *Tipu1ae* zu sprechen, die ganz merkwuerdige
+Erscheinungen darbietet. Dieselbe scheint keineswegs bloss von der Hitze,
+der grossen Feuchtigkeit und den dichten Waeldern abzuhaengen, sondern auch
+von schwer zu ermittelnden oertlichen Verhaeltnissen. Vorab ist zu bemerken,
+dass die Plage der Moskitos und Zancudos in der heissen Zone nicht so
+allgemein ist, als man gemeiniglich glaubt. Auf Hochebenen mehr als 400
+Toisen ueber dem Meeresspiegel; in sehr trockenen Niederungen weit von den
+grossen Stroemen, z. B. in Cumana und Calabozo, gibt es nicht auffallend
+mehr Schnaken als in dem am staerksten bevoelkerten Theile Europas. In Nueva
+Barcelona dagegen und weiter westwaerts an der Kueste, die gegen Cap Codera
+laeuft, nehmen sie ungeheuer zu. Zwischen dem kleinen Hafen von Higuerote
+und der Muendung des Rio Unare haben die ungluecklichen Einwohner den
+Brauch, sich bei Nacht auf die Erde zu legen und sich drei, vier Zoll tief
+in den Sand zu begraben, so dass nur der Kopf frei bleibt, den sie mit
+einem Tuch bedecken. Man leidet vom Insektenstich, doch so, dass es leicht
+zu ertragen ist, wenn man den Orinoco von Cabruta gegen Angostura hinunter
+und von Cabruta gegen Uruana hinauffaehrt, zwischen dem siebenten und
+achten Grad der Breite. Aber ueber dem Einfluss des Rio Arauca, wenn man
+durch den Engpass beim Baraguan kommt, wird es auf einmal anders, und von
+nun an findet der Reisende keine Ruhe mehr. Hat er poetische Stellen aus
+DANTE im Kopfe, so mag ihm zu Muthe seyn, als haette er die _'Citta
+dolente'_ betreten, als staenden an den Felswaenden beim Baraguan die
+merkwuerdigen Verse aus dem dritten Buch der Hoelle geschrieben:
+
+_ Noi sem venuti al luogo, ov'i't'ho detto _
+_ Che tu vedrai le genti dolorose. _
+[_Inferno_. C. III. 16.]
+
+Die tiefen Luftschichten vom Boden bis zu 15--20 Fuss Hoehe sind mit
+giftigen Insekten wie mit einem dichten Dunste angefuellt. Stellt man sich
+an einen dunkeln Ort, z. B. in die Hoehlen, die in den Katarakten durch die
+aufgethuermten Granitbloecke gebildet werden, und blickt man gegen die von
+der Sonne beleuchtete Oeffnung, so sieht man Wolken von Moskitos, die mehr
+oder weniger dicht werden, je nachdem die Thierchen bei ihren langsamen
+und taktmaessigen Bewegungen sich zusammen- oder auseinanderziehen. In der
+Mission San Borja hat man schon mehr von den Moskitos zu leiden als in
+Carichana; aber in den Raudales, in Atures, besonders aber in Maypures
+erreicht die Plage so zu sagen ihr Maximum. Ich zweifle, dass es ein Land
+auf Erden gibt, wo der Mensch grausamere Qualen zu erdulden hat als hier
+in der Regenzeit. Kommt man ueber den fuenften Breitegrad hinaus, wird man
+etwas weniger zerstochen, aber am obern Orinoco sind die Stiche
+schmerzlicher, weil bei der Hitze und der voelligen Windstille die Luft
+gluehender ist und die Haut, wo sie dieselbe beruehrt, mehr reizt.
+
+"Wie gut muss im Mond wohnen seyn!" sagte ein Saliva-Indianer zu Pater
+Gumilla. "Er ist so schoen und hell, dass es dort gewiss keine Moskitos
+gibt." Diese Worte, die dem Kindesalter eines Volkes angehoeren, sind sehr
+merkwuerdig. Ueberall ist der Trabant der Erde fuer den wilden Amerikaner
+der Wohnplatz der Seligen, das Land des Ueberflusses. Der Eskimo, fuer den
+eine Planke, ein Baumstamm, den die Stroemung an eine pflanzenlose Kueste
+geworfen, ein Schatz ist, sieht im Monde waldbedeckte Ebenen; der Indianer
+in den Waeldern am Orinoco sieht darin kahle Savanen, deren Bewohner nie
+von Moskitos gestochen werden.
+
+Weiterhin gegen Sued, wo das System der braungelben Gewaesser beginnt,
+gemeinhin _'schwarze Wasser'_, _aguas __ negras_ genannt, an den Ufern des
+Atabapo, Temi, Tuamini und des Rio Negro genossen wir einer Ruhe, ich
+haette bald gesagt eines Gluecks, wie wir es gar nicht erwartet hatten.
+Diese Fluesse laufen, wie der Orinoco, durch dichte Waelder; aber die
+Schnaken wie die Krokodile halten sich von den _'schwarzen Wassern'_
+ferne. Kommen vielleicht die Larven und Nymphen der Tipulae und Schnaken,
+die man als eigentliche Wasserthiere betrachten kann, in diesen Gewaessern,
+die ein wenig kuehler sind als die weissen und sich chemisch anders
+verhalten, nicht so gut fort? Einige kleine Fluesse, deren Wasser entweder
+dunkelblau oder braungelb ist, der Toparo, Mataveni und Zama, machen eine
+Ausnahme von der sonst ziemlich allgemeinen Regel, dass es ueber _'schwarzem
+Wasser'_ keine Moskitos gibt. An jenen drei Fluessen wimmelt es davon, und
+selbst die Indianer machten uns auf die raethselhafte Erscheinung
+aufmerksam und liessen uns ueber deren Ursachen nachdenken. Beim Herabfahren
+auf dem Rio Negro athmeten wir frei in den Doerfern Maroa, Davipe und San
+Carlos an der brasilianischen Grenze; allein diese Erleichterung unserer
+Lage war von kurzer Dauer und unsere Leiden begannen von neuem, sobald wir
+in den Cassiquiare kamen. In Esmeralda, am oestlichen Ende des obern
+Orinoco, wo die den Spaniern bekannte Welt ein Ende hat, sind die
+Moskitowolken fast so dick wie bei den grossen Katarakten. In Mandavaca
+fanden wir einen alten Missionaer, der mit jammervoller Miene gegen uns
+aeusserte: *er habe seine zwanzig Moskitojahre auf dem Ruecken* (_ya tengo
+mis vento anos de mosquitos_). Er forderte uns auf, seine Beine genau zu
+betrachten, damit wir eines Tags _'por alla'_ (ueber dem Meer) davon zu
+sagen wuessten, was die armen Missionaere in den Waeldern am Cassiquiare
+auszustehen haben. Da jeder Stich einen kleinen schwarzbraunen Punkt
+zuruecklaesst, waren seine Beine dergestalt gefleckt, dass man vor Flecken
+geronnenen Blutes kaum die weisse Haut sah. Auf dem Cassiquiare, der
+*weisses Wasser* hat, wimmelt es von Muecken aus der Gattung _Simulium_,
+aber die *Zancudos*, der Gattung _Culex_ angehoerig, sind desto seltener;
+man sieht fast keine, waehrend auf den Fluessen mit schwarzem Wasser meist
+einige *Zancudos*, aber keine *Moskitos* vorkommen. Wir haben schon oben
+bemerkt, dass wenn bei den kleinen Revolutionen im Schoosse des Ordens der
+Observanten der Pater Gardian sich an einem Laienbruder raechen will, er
+ihn nach Esmeralda schickt; er wird damit verbannt, oder, wie der muntere
+Ausdruck der Ordensleute lautet, *zu den Moskitos verurtheilt*.
+
+Ich habe hier nach meinen eigenen Beobachtungen gezeigt, dass in diesem
+Labyrinth weisser und schwarzer Wasser die geographische Vertheilung der
+giftigen Insekten eine sehr ungleichfoermige ist. Es waere zu wuenschen, dass
+ein tuechtiger Entomolog an Ort und Stelle die specifischen Unterschiede
+dieser boesartigen Insekten, die trotz ihrer Kleinheit in der heissen Zone
+eine bedeutende Rolle im Haushalt der Natur spielen, beobachten koennte.
+Sehr merkwuerdig schien uns der Umstand, der auch allen Missionaeren wohl
+bekannt ist, dass die verschiedenen Arten nicht unter einander fliegen, und
+dass man zu verschiedenen Tagesstunden immer wieder von andern Arten
+gestochen wird. So oft die Scene wechselt, und ehe, nach dem naiven
+Ausdruck der Missionaere, andere Insekten "auf die Wache ziehen," hat man
+ein paar Minuten, oft eine Viertelstunde Ruhe. Nach dem Abzug der einen
+Insekten sind die Nachfolger nicht sogleich in gleicher Menge zur Stelle.
+Von sechs ein halb Uhr Morgens bis fuenf Uhr Abends wimmelt die Luft von
+Moskitos, die nicht, wie in manchen Reisebeschreibungen zu lesen ist,
+unsern Schnaken,(40) sondern vielmehr einer kleinen Muecke gleichen. Es
+sind diess Arten der Gattung _Simulium_ aus der Familie der Nemoceren nach
+LATREILLEs System. Ihr Stich hinterlaesst einen kleinen braunrothen Punkt,
+weil da, wo der Ruessel die Haut durchbohrt hat, Blut ausgetreten und
+geronnen ist. Eine Stunde vor Sonnenuntergang werden die Moskitos von
+einer kleinen Schnakenart abgeloest, _'Tempraneros'_(41) genannt, weil sie
+sich auch bei Sonnenaufgang zeigen; sie bleiben kaum anderhalb Stunden und
+verschwinden zwischen sechs und sieben Uhr Abends, oder, wie man hier
+sagt, nach dem *Angelus* (_a la oration_). Nach einigen Minuten Ruhe fuehlt
+man die Stiche der *Zancudos*, einer andern Schnakenart (_Culex_) mit sehr
+langen Fuessen. Der Zancudo, dessen Ruessel eine stechende Saugroehre enthaelt,
+verursacht die heftigsten Schmerzen und die Geschwulst, die dem Stiche
+folgt, haelt mehrere Wochen an; sein Sumsen gleicht dem unserer
+europaeischen Schnaken, nur ist es staerker und anhaltender. Die Indianer
+wollen *Zancudos* und *Tempraneros* "am Gesang" unterscheiden koennen;
+letztere sind wahre Daemmerungsinsekten, waehrend die Zancudos meist
+*Nachtinsekten* sind und mit Sonnenaufgang verschwinden.
+
+Auf der Reise von Carthagena nach Santa Fe de Bogota machten wir die
+Beobachtung, dass zwischen Mompox und Honda im Thal des grossen
+Magdalenenflusses die Zancudos zwischen acht Uhr Abends und Mitternacht
+die Luft verfinstern, gegen Mitternacht abnehmen, sich drei, vier Stunden
+lang verkriechen und endlich gegen vier Uhr Morgens in Menge und voll
+Heisshunger wieder erscheinen. Welches ist die Ursache dieses Wechsels von
+Bewegung und Ruhe? Werden die Thiere vom langen Fliegen muede? Am Orinoco
+sieht man bei Tag sehr selten wahre Schnaken, waehrend man auf dem
+Magdalenenstrom Tag und Nacht von ihnen gestochen wird, nur nicht von
+Mittag bis zwei Uhr. Ohne Zweifel sind die Zancudos beider Fluesse
+verschiedene Arten; werden etwa die zusammengesetzten Augen der einen Art
+vom starken Sonnenlicht mehr angegriffen als die der andern?
+
+Wir haben gesehen, dass die tropischen Insekten in den Zeitpunkten ihres
+Auftretens und Verschwindens ueberall einen gewissen Typus befolgen. In
+derselben Jahreszeit und unter derselben Breite erhaelt die Luft zu
+bestimmten, nie wechselnden Stunden immer wieder eine andere Bevoelkerung;
+und in einem Erdstrich, wo der Barometer zu einer Uhr wird,(42) wo Alles
+mit so bewundernswuerdiger Regelmaessigkeit auf einander folgt, koennte man
+beinahe am Sumsen der Insekten und an den Stichen, die je nach der Art des
+Giftes, das jedes Insekt in der Wunde zuruecklaesst, wieder anders schmerzen,
+Tag und Nacht mit verbundenen Augen errathen, welche Zeit es ist.
+
+Zur Zeit, da die Thier- und Pflanzengeographie noch keine Wissenschaft
+war, warf man haeufig verwandte Arten aus verschiedenen Himmelsstrichen
+zusammen. In Japan, auf dem Ruecken der Anden und an der Magellanschen
+Meerenge glaubte man die Fichten und die Ranunkeln, die Hirsche, Ratten
+und Schnaken des noerdlichen Europa wieder zu finden. Hochverdiente,
+beruehmte Naturforscher glaubten, der Maringouin der heissen Zone sey die
+Schnake unserer Suempfe, nur kraeftiger, gefraessiger, schaedlicher in Folge
+des heissen Klimas; diess ist aber ein grosser Irrthum. Ich habe die
+Zancudos, von denen man am aergsten gequaelt wird, an Ort und Stelle
+sorgfaeltig untersucht und beschrieben. Im Magdalenenfluss und im Guayaquil
+gibt es allein fuenf ganz verschiedene Arten.
+
+Die *Culex*arten in Suedamerika sind meist gefluegelt, Bruststueck und Fuesse
+sind blau, geringelt, mit metallisch glaenzenden Flecken und daher
+schillernd. Hier, wie in Europa, sind die Maennchen, die sich durch ihre
+gefiederten Fuehlhoerner auszeichnen, sehr selten; man wird fast immer nur
+von Weibchen gestochen. Aus dem grossen Uebergewicht dieses Geschlechts
+erklaert sich die ungeheure Vermehrung der Art, da jedes Weibchen mehrere
+hundert Eier legt. Faehrt man einen der grossen amerikanischen Stroeme
+hinauf, so bemerkt man, dass sich aus dem Auftreten einer neuen Culexart
+schliessen laesst, dass bald wieder ein Nebenfluss hereinkommt. Ich fuehre ein
+Beispiel dieser merkwuerdigen Erscheinung an. Den _Culex lineatus_ dessen
+Heimath der Cano Tamalameque ist, trifft man im Thal des Magdalenenstroms
+nur bis auf eine Meile noerdlich vom Zusammenfluss der beiden Gewaesser an;
+derselbe geht den grossen Strom hinauf, aber nicht hinab; in aehnlicher
+Weise verkuendigt in einem Hauptgang das Auftreten einer neuen Substanz in
+der Gangmasse dem Bergmann die Naehe eines secundaeren Ganges, der sich mit
+jenem verbindet.
+
+Fassen wir die hier mitgetheilten Beobachtungen zusammen, so sehen wir,
+dass unter den Tropen die Moskitos und Maringouins am Abhang der
+Cordilleren(43) nicht in die gemaessigte Region hinausgehen, wo die mittlere
+Temperatur weniger als 19--20 Grad betraegt;(44) dass sie mit wenigen
+Ausnahmen die *schwarzen Gewaesser* und trockene, baumlose Landstriche
+meiden. Am obern Orinoco finden sie sich weit massenhafter als am untern,
+weil dort der Strom an seinen Ufern dicht bewaldet ist und kein weiter
+kahler Uferstrich zwischen dem Fluss und dem Waldsaum liegt. Mit dem
+Seichterwerden der Gewaesser und der Ausrodung der Waelder nehmen die
+Moskitos auf dem neuen Continent ab; aber alle diese Momente sind in ihren
+Wirkungen so langsam als die Fortschritte des Anbaus. Die Staedte
+Angostura, Nueva Barcelona und Mompox, wo schlechte Polizei auf den
+Strassen, den Plaetzen und in den Hoefen der Haeuser das Buschwerk wuchern
+laesst, sind wegen der Menge ihrer Zancudos in trauriger Weise vielberufen.
+
+Alle im Lande Geborenen, Weisse, Mulatten, Neger, Indianer, haben vom
+Insektenstich zu leiden; wie aber der Norden Europas trotz des Frostes
+nicht unbewohnbar ist, so hindern auch die Moskitos den Menschen nicht,
+sich in Laendern, welche stark davon heimgesucht sind, niederzulassen, wenn
+anders durch Lage und Regierungsweise die Verhaeltnisse fuer Handel und
+Gewerbfleiss guenstiger sind. Die Leute klagen ihr Lebenlang _de la plaga,
+del insufrible tormento de las moscas_; aber trotz dieses bestaendigen
+Jammerns ziehen sie doch, und zwar mit einer gewissen Vorliebe, in die
+Handelsstaedte Angostura, Santa Martha und Rio la Hacha. So sehr gewoehnt
+man sich an ein Uebel, das man zu jeder Tagesstunde zu erdulden hat, dass
+die drei Missionen San Borja, Atures und Esmeralda, wo es, nach dem
+hyperbolischen Ausdruck der Moenche, "mehr Muecken als Luft" gibt (_mas
+moscas que ayre_), unzweifelhaft bluehende Staedte wuerden, wenn der Orinoco
+den Colonisten zum Austausch der Produkte dieselben Vortheile gewaehrte,
+wie der Ohio und der untere Mississippi. Wo es sehr viele Insekten gibt,
+nimmt zwar die Bevoelkerung langsamer zu, aber gaenzlicher Stillstand tritt
+desshalb doch nicht ein; die Weissen lassen sich aus diesem Grunde nur da
+nicht nieder, wo bei den commerciellen und politischen Verhaeltnissen des
+Landes kein erklecklicher Vortheil in Aussicht steht.
+
+Ich habe anderswo in diesem Werke des merkwuerdigen Umstandes Erwaehnung
+gethan, dass die in der heissen Zone geborenen Weissen barfuss ungestraft in
+demselben Zimmer herumgehen, in dem ein frisch angekommener Europaeer
+Gefahr laeuft, *Niguas* oder *Chiques*, Sandfloehe (_Pulex penetrans_) zu
+bekommen. Diese kaum sichtbaren Thiere graben sich unter die Zehennaegel
+ein und werden, bei der raschen Entwicklung der in einem eigenen Sack am
+Bauche des Insekts liegenden Eier, so gross wie eine kleine Erbse. Die
+*Nigua* unterscheidet also, was die feinste chemische Analyse nicht
+vermoechte, Zellgewebe und Blut eines Europaeers von dem eines weissen
+Creolen. Anders bei den Stechfliegen. Trotz allem, was man darueber an den
+Kuesten von Suedamerika hoert, fallen diese Insekten die Eingeborenen so gut
+an wie die Europaeer; nur die Folgen des Stichs sind bei beiden
+Menschenracen verschieden. Dieselbe giftige Fluessigkeit, in die Haut eines
+kupferfarbigen Menschen von indianischer Race und eines frisch
+angekommenen Weissen gebracht, bringt beim ersteren keine Geschwulst
+hervor, beim letzteren dagegen harte, stark entzuendete Beulen, die mehrere
+Tage schmerzen. So verschieden reagirt das Hautsystem, je nachdem die
+Organe bei dieser oder jener Race, bei diesem oder jenem Individuum mehr
+oder weniger reizbar sind.
+
+Ich gebe hier mehrere Beobachtungen, aus denen klar hervorgeht, dass die
+Indianer, ueberhaupt alle Farbigen, so gut wie die Weissen Schmerz
+empfinden, wenn auch vielleicht in geringerem Grade. Bei Tage, selbst
+waehrend des Ruderns, schlagen sich die Indianer bestaendig mit der flachen
+Hand heftig auf den Leib, um die Insekten zu verscheuchen. Im Schlaf
+schlagen sie, ungestuem in allen ihren Bewegungen, auf sich und ihre
+Schlafkameraden, wie es kommt. Bei ihren derben Hieben denkt man an das
+persische Maehrchen vom Baeren, der mit seiner Tatze die Fliegen auf der
+Stirne seines schlafenden Herrn todtschlaegt. Bei Maypures sahen wir junge
+Indianer im Kreise sitzen und mit am Feuer getrockneter Baumrinde einander
+grausam den Ruecken zerreiben. Mit einer Geduld, deren nur die
+kupfersarbige Race faehig ist, waren indianische Weiber beschaeftigt, mit
+einem spitzen Knochen die kleine Masse geronnenen Bluts in der Mitte jeden
+Stichs, die der Haut ein geflecktes Aussehen gibt, auszustechen. Eines der
+barbarischsten Voelker am Orinoco, die Ottomacas, kennt den Gebrauch der
+_Mosquiteros_ (Fliegennetze), die aus den Fasern der Murichipalme gewoben
+werden. Wir haben oben gesehen, dass die Farbigen in Higuerote an der Kueste
+von Caracas sich zum Schlafen in den Sand graben. In den Doerfern am
+Magdalenenfluss forderten uns die Indianer oft auf, uns mit ihnen bei der
+Kirche auf der *plaza grande* auf Ochsenhaeute zu legen. Man hatte daselbst
+alles Vieh aus der Umgegend zusammen getrieben, denn in der Naehe desselben
+findet der Mensch ein wenig Ruhe. Wenn die Indianer am obern Orinoco und
+am Cassiquiare sahen, dass Bonpland wegen der unaufhoerlichen Moskitoplage
+seine Pflanzen nicht einlegen konnte, forderten sie ihn auf, in ihre
+_Hornitos_ (Oefen) zu gehen. So heissen kleine Gemaecher ohne Thuere und
+Fenster, in die man durch eine ganz niedrige Oeffnung auf dem Bauche
+kriecht. Mittelst eines Feuers von feuchtem Strauchwerk, das viel Rauch
+gibt, jagt man die Insekten hinaus und verschliesst dann die Oeffnung des
+Ofens. Dass man jetzt die Moskitos los ist, erkauft man ziemlich theuer;
+denn bei der stockenden Luft und dem Rauch einer Copalfackel, die den Ofen
+beleuchtet, wird es entsetzlich heiss darin. Bonpland hat mit einem Muth
+und einer Geduld, die das hoechste Lob verdienen, viele hundert Pflanzen in
+diesen Hornitos der Indianer getrocknet.
+
+Die Muehe, die sich die Eingebornen geben, um die Insektenplage zu lindern,
+beweist hinlaenglich, dass der kupferfarbige Mensch, trotz der verschiedenen
+Organisation seiner Haut, fuer die Mueckenstiche empfindlich ist, so gut wie
+der Weisse; aber, wir wiederholen es, beim ersteren scheint der Schmerz
+nicht so stark zu seyn und der Stich hat nicht die Geschwulst zur Folge,
+die mehrere Wochen lang fort und fort wiederkehrt, die Reizbarkeit der
+Haut steigert und empfindliche Personen in den fieberhaften Zustand
+versetzt, der allen Ausschlagskrankheiten eigen ist. Die im tropischen
+Amerika geborenen Weissen und die Europaeer, die sehr lange in den Missionen
+in der Naehe der Waelder und an den grossen Fluessen gelebt, haben weit mehr
+zu leiden als die Indianer, aber unendlich weniger als frisch angekommene
+Europaeer. Es kommt also nicht, wie manche Reisende behaupten, auf die
+Dicke der Haut an, ob der Stich im Augenblick, wo man ihn erhaelt, mehr
+oder weniger schmerzt, und bei den Indianern tritt nicht desshalb weniger
+Geschwulst und Entzuendung ein, weil ihre Haut eigenthuemlich organisirt
+ist; vielmehr haengen Grad und Dauer des Schmerzes von der Reizbarkeit des
+Nervensystems der Haut ab. Die Reizbarkeit wird gesteigert durch sehr
+warme Bekleidung, durch den Gebrauch geistiger Getraenke, durch das Kratzen
+an den Stichwunden, endlich, und diese physiologische Bemerkung beruht auf
+meiner eigenen Erfahrung, durch zu haeufiges Baden. An Orten, wo man in den
+Fluss kann, weil keine Krokodile darin sind, machten Bonpland und ich die
+Erfahrung, dass das Baden, wenn man es uebertreibt, zwar den Schmerz der
+alten Schnakenstiche linderte, aber uns fuer neue Stiche weit empfindlicher
+machte. Badet man mehr als zweimal taeglich, so versetzt man die Haut in
+einen Zustand nervoeser Reizbarkeit, von dem man sich in Europa keinen
+Begriff machen kann. Es ist einem, als zoege sich alle Empfindung in die
+Hautdecken.
+
+Da die Moskitos und die Schnaken zwei Dritttheile ihres Lebens im Wasser
+zubringen, so ist es nicht zu verwundern, dass in den von grossen Fluessen
+durchzogenen Waeldern diese boesartigen Insekten, je weiter vom Ufer weg,
+desto seltener werden. Sie scheinen sich am liebsten an den Orten
+aufzuhalten, wo ihre Verwandlung vor sich gegangen ist und wo sie
+ihrerseits bald ihre Eier legen werden. Daher gewoehnen sich auch die
+wilden Indianer (_Indios monteros_) um so schwerer an das Leben in den
+Missionen, da sie in den christlichen Niederlassungen eine Plage
+auszustehen haben, von der sie daheim im innern Lande fast nichts wissen.
+Man sah in Maypures, Atures, Esmeralda Eingeborene _al monte_ (in die
+Waelder) laufen, einzig aus Furcht vor den Moskitos. Leider sind gleich
+Anfangs alle Missionen am Orinoco zu nahe am Flusse angelegt worden. In
+Esmeralda versicherten uns die Einwohner, wenn man das Dorf auf eine der
+schoenen Ebenen um die hohen Berge des Duida und Maraguaca verlegte, so
+koennten sie freier athmen und faenden einige Ruhe. _La nube de moscos_ die
+Mueckenwolke -- so sagen die Moenche -- schwebt nur ueber dem Orinoco und
+seinen Nebenfluessen; die Wolke zertheilt sich mehr und mehr, wenn man von
+den Fluessen weggeht, und man machte sich eine ganz falsche Vorstellung von
+Guyana und Brasilien, wenn man den grossen, 400 Meilen breiten Wald
+zwischen den Quellen der Madeira und dem untern Orinoco nach den
+Flussthaelern beurtheilte, die dadurch hinziehen.
+
+Man sagte mir, die kleinen Insekten aus der Familie der Nemoceren wandern
+von Zeit zu Zeit, wie die gesellig lebenden Affen der Gruppe der Alouaten.
+Man sieht an gewissen Orten mit dem Eintritt der Regenzeit Arten
+erscheinen, deren Stich man bis dahin nicht empfunden. Auf dem
+Magdalenenfluss erfuhren wir, in Simiti habe man frueher keine andere
+Culexart gekannt als den *Jejen*. Man hatte bei Nacht Ruhe, weil der Jejen
+kein Nachtinsekt ist. Seit dem Jahr 1801 aber ist die grosse Schnake mit
+blauen Fluegeln (_Culex __ cyanopterus_) in solchen Massen erschienen, dass
+die armen Einwohner von Simiti nicht wissen, wie sie sich Nachtruhe
+verschaffen sollen. In den sumpfigten Kanaelen (_esteros_) auf der Insel
+Baru bei Carthagena lebt eine kleine weisslichte Muecke, *Cafasi* genannt.
+Sie ist mit dem blossen Auge kaum sichtbar und verursacht doch aeusserst
+schmerzhafte Geschwuelste. Man muss die *Toldos* oder Baumwollengewebe, die
+als Mueckennetze dienen, anfeuchten, damit der Cafasi nicht zwischen den
+gekreuzten Faeden durchschluepfen kann. Dieses zum Glueck sonst ziemlich
+seltene Insekt geht im Januar auf dem Kanal oder _Dique_ von Mahates bis
+Morales hinauf. Als wir im Mai in dieses Dorf kamen, trafen wir Muecken der
+Gattung _Simulium_ und Zancudos an, aber keine Jejen mehr.
+
+Kleine Abweichungen in Nahrung und Klima scheinen bei denselben Muecken-
+und Schnakenarten auf die Wirksamkeit des Giftes, das die Thiere aus ihrem
+schneidenden und am untern Ende gezahnten Saugruessel ergiessen, Einfluss zu
+aeussern. Am Orinoco sind die laestigsten oder, wie die Creolen sagen, die
+wildesten (_los mas feroces_) Insekten die an den grossen Katarakten, in
+Esmeralda und Mandavaca. Im Magdalenenstrom ist der _Culex cyanopterus_
+besonders in Mompox, Chilloa und Tamalameque gefuerchtet. Er ist dort
+groesser und staerker und seine Beine sind schwaerzer. Man kann sich des
+Laechelns nicht enthalten, wenn man die Missionaere ueber Groesse und
+Gefraessigkeit der Moskitos in verschiedenen Strichen desselben Flusses
+streiten hoert. Mitten in einem Lande, wo man gar nicht weiss, was in der
+uebrigen Welt vorgeht, ist diess das Lieblingsthema der Unterhaltung. "Wie
+sehr bedaure ich Euch!" sagte beim Abschied der Missionaer aus den Raudales
+zu dem am Cassiquiare. "Ihr seyd allein, wie ich, in diesem Lande der
+Tiger und der Affen; Fische gibt es hier noch weniger, und heisser ist es
+auch; was aber meine Muecken (_mis moscas_) anbelangt, so darf ich mich
+ruehmen, dass ich mit Einer von den meinen drei von den Euren schlage."
+
+Diese Gefraessigkeit der Insekten an gewissen Orten, diese Blutgier, womit
+sie den Menschen anfallen,(45) die ungleiche Wirksamkeit des Giftes bei
+derselben Art sind sehr merkwuerdige Erscheinungen; es stellen sich ihnen
+jedoch andere aus den Classen der grossen Thiere zur Seite. In Angostura
+greift das Krokodil den Menschen an, waehrend man in Nueva Barcelona im Rio
+Neveri mitten unter diesen fleischfressenden Reptilien ruhig badet. Die
+Jaguars in Maturin, Cumanacoa und auf der Landenge von Panama sind feig
+denen am obern Orinoco gegenueber. Die Indianer wissen recht gut, dass die
+Affen aus diesem und jenem Thale leicht zu zaehmen sind, waehrend Individuen
+derselben Art, die man anderswo faengt, lieber Hungers sterben, als sich in
+die Gefangenschaft ergeben.
+
+Das Volk in Amerika hat sich hinsichtlich der Gesundheit der Gegenden und
+der Krankheitserscheinungen Systeme gebildet, ganz wie die Gelehrten in
+Europa, und diese Systeme widersprechen sich, gleichfalls wie bei uns, in
+den verschiedenen Provinzen, in die der neue Continent zerfaellt, ganz und
+gar. Am Magdalenenfluss findet man die vielen Moskitos laestig, aber sie
+gelten fuer sehr gesund. "Diese Thiere," sagen die Leute, "machen uns
+kleine Aderlaessen und schuetzen uns in einem so furchtbar heissen Land vor
+dem _Tabardillo_, dem Scharlachfieber und andern entzuendlichen
+Krankheiten." Am Orinoco, dessen Ufer hoechst ungesund sind, schreiben die
+Kranken alle ihre Leiden den Moskitos zu. "Diese Insekten entstehen aus
+der Faeulniss und vermehren sie; sie entzuenden das Blut (_vician y incienden
+la sangre_)." Der Volksglaube, als wirkten die Moskitos durch oertliche
+Blutentziehung heilsam, braucht hier nicht widerlegt zu werden. Sogar in
+Europa wissen die Bewohner sumpfigter Laender gar wohl, dass die Insekten
+das Hautsystem reizen, und durch das Gift, das sie in die Wunden bringen,
+die Funktionen desselben steigern. Durch die Stiche wird der entzuendliche
+Zustand der Hautbedeckung nicht nur nicht vermindert, sondern gesteigert.
+
+Die Menge der Schnaken und Muecken deutet nur insofern auf die Ungesundheit
+einer Gegend hin, als Entwicklung und Vermehrung dieser Insekten von
+denselben Ursachen abhaengen, aus denen Miasmen entstehen. Diese laestigen
+Thiere lieben einen fruchtbaren, mit Pflanzen bewachsenen Boden, stehendes
+Wasser, eine feuchte, niemals vom Winde bewegte Luft; statt freier Gegend
+suchen sie den Schatten auf, das Halbdunkel, den mittleren Grad von Licht,
+Waermestoff und Feuchtigkeit, der dem Spiel chemischer Affinitaeten Vorschub
+leistet und damit die Faeulniss organischer Substanzen beschleunigt. Tragen
+die Moskitos an sich zur Ungesundheit der Luft bei? Bedenkt man, dass bis
+auf 3--4 Toisen vom Boden im Cubikfuss Luft haeufig eine Million gefluegelter
+Insekten(46) enthalten ist, die eine aetzende, giftige Fluessigkeit bei sich
+fuehren; dass mehrere Culexarten vom Kopf bis zum Ende des Bruststuecks (die
+Fuesse ungerechnet) 1-1/5 Linien lang sind; endlich dass in dem Schnaken- und
+Mueckenschwarm, der wie ein Rauch die Luft erfuellt, sich eine Menge todter
+Insekten befinden, die durch den aufsteigenden Luftstrom, oder durch
+seitliche, durch die ungleiche Erwaermung des Bodens erzeugte Stroeme
+fortgerissen werden, so fragt man sich, ob eine solche Anhaeufung von
+thierischen Stoffen in der Luft nicht zur oertlichen Bildung von Miasmen
+Anlass geben muss? Ich glaube, diese Substanzen wirken anders auf die Luft
+als Sand und Staub; man wird aber gut thun, in dieser Beziehung keine
+Behauptung aufzustellen. Von den vielen Raethseln, welche das Ungesundseyn
+der Luft uns aufgibt, hat die Chemie noch keines geloest; sie hat uns nur
+soviel gelehrt, dass wir gar Vieles nicht wissen, was wir vor fuenfzehn
+Jahren Dank den sinnreichen Traeumen der alten Eudiometrie zu wissen
+meinten.
+
+Nicht so ungewiss und fast durch taegliche Erfahrung bestaetigt ist der
+Umstand, dass am Orinoco, am Cassiquiare, am Rio Caura, ueberall wo die Luft
+sehr ungesund ist, der Stich der Moskitos die Disposition der Organe zur
+Aufnahme der Miasmen steigert. Wenn man Monatelang Tag und Nacht von den
+Insekten gepeinigt wird, so erzeugt der bestaendige Hautreiz fieberhafte
+Aufregung und schwaecht, in Folge des schon so fruehe erkannten Antagonismus
+zwischen dem gastrischen und dem Hautsystem, die Verrichtung des Magens.
+Man faengt an schwer zu verdauen, die Entzuendung der Haut veranlasst profuse
+Schweisse, den Durst kann man nicht loeschen, und auf die bestaendig
+zunehmende Unruhe folgt bei Personen von schwacher Constitution eine
+geistige Niedergeschlagenheit, in der alle pathogenischen Ursachen sehr
+heftig einwirken. Gegenwaertig sind es nicht mehr die Gefahren der
+Schifffahrt in kleinen Canoes, nicht die wilden Indianer oder die
+Schlangen, die Krokodile oder die Jaguars, was den Spaniern die Reise auf
+dem Orinoco bedenklich macht, sondern nur, wie sie naiv sich ausdruecken,
+_el sudar y las moscas_ (der Schweiss und die Muecken). Es ist zu hoffen,
+dass der Mensch, indem er die Bodenflaeche umgestaltet, damit auch die
+Beschaffenheit der Luft allmaelig umaendert. Die Insekten werden sich
+vermindern, wenn einmal die alten Baeume im Wald verschwunden sind und man
+in diesen oeden Laendern die Stromufer mit Doerfern besetzt, die Ebenen mit
+Weiden und Fruchtfeldern bedeckt sieht.
+
+Wer lange in von Moskitos heimgesuchten Laendern gelebt hat, wird gleich
+uns die Erfahrung gemacht haben, dass es gegen die Insektenplage kein
+Radikalmittel gibt. Die mit Onoto, Bolus oder Schildkroetenfett
+beschmierten Indianer klatschen sich jeden Augenblick mit der flachen Hand
+auf Schultern, Ruecken und Beine, ungefaehr wie wenn sie gar nicht *bemalt*
+waeren. Es ist ueberhaupt zweifelhaft, ob das Bemalen Erleichterung
+verschafft; soviel ist aber gewiss, dass es nicht schuetzt. Die Europaeer, die
+eben erst an den Orinoco, den Magdalenenstrom, den Guayaquil oder den Rio
+Chagre kommen (ich nenne hier die vier Fluesse, wo die Insekten am
+furchtbarsten sind), bedecken sich zuerst Gesichts und Haende; bald aber
+fuehlen sie eine unertraegliche Hitze, die Langeweile, da sie gar nichts
+thun koennen, drueckt sie nieder, und am Ende lassen sie Gesicht und Haende
+frei. Wer bei der Flussschifffahrt auf jede Beschaeftigung verzichten
+wollte, koennte aus Europa eine eigens verfertigte, sackfoermige Kleidung
+mitbringen, in die er sich steckte und die er nur alle halbe Stunden
+aufmachte; der Sack muesste durch Fischbeinreife ausgespannt seyn, denn eine
+blosse Maske und Handschuhe waeren nicht zu ertragen. Da wir am Boden auf
+Haeuten oder in Haengematten lagen, haetten wir uns auf dem Orinoco der
+Fliegennetze (_toldos_) nicht bedienen koennen. Der Toldo leistet nur dann
+gute Dienste, wenn er um das Lager ein so gut verschlossenes Zelt bildet,
+dass auch nicht die kleinste Oeffnung bleibt, durch die eine Schnake
+schluepfen koennte. Diese Bedingung ist aber schwer zu erfuellen, und gelingt
+es auch (wie zum Beispiel bei der Bergfahrt auf dem Magdalenenstrom, wo
+man mit einiger Bequemlichkeit reist), so muss man, um nicht vor Hitze zu
+ersticken, den Toldo verlassen und sich in freier Luft ergehen. Ein
+schwacher Wind, Rauch, starke Gerueche helfen an Orten, wo die Insekten
+sehr zahlreich und gierig sind, so gut wie nichts. Faelschlich behauptet
+man, die Thierchen fliehen vor dem eigenthuemlichen Geruch, den das
+Krokodil verbreitet. In Bataillez auf dem Wege von Carthagena nach Honda
+wurden wir jaemmerlich zerstochen, waehrend wir ein eilf Fuss langes Krokodil
+zerlegten, das die Luft weit umher verpestete. Die Indianer loben sehr den
+Dunst von brennendem Kuhmist. Ist der Wind sehr stark und regnet es dabei,
+so verschwinden die Moskitos auf eine Weile; am grausamsten stechen sie,
+wenn ein Gewitter im Anzug ist, besonders wenn auf die elektrischen
+Entladungen keine Regenguesse folgen.
+
+Alles was um Kopf und Haende flattert, hilft die Insekten verscheuchen. "Je
+mehr ihr euch ruehrt, desto weniger werdet ihr gestochen," sagen die
+Missionaere. Der Zancudo summt lange umher, ehe er sich niedersetzt; hat er
+dann einmal Vertrauen gefasst, hat er einmal angefangen, seinen Saugruessel
+einzubohren und sich voll zu saugen, so kann man ihm die Fluegel beruehren,
+ohne dass er sich verscheuchen laesst. Er streckt waehrend dessen seine beiden
+Hinterfuesse in die Luft, und laesst man ihn ungestoert sich satt saugen, so
+bekommt man keine Geschwulst, empfindet keinen Schmerz. Wir haben diesen
+Versuch im Thale des Magdalenenstroms nach dem Rathe der Indianer oft an
+uns selbst gemacht. Man fragt sich, ob das Insekt die reizende Fluessigkeit
+erst im Augenblick ergiesst, wo es wegfliegt, wenn man es verjagt, oder ob
+es die Fluessigkeit wieder aufpumpt, wenn man es saugen laesst, soviel es
+will? Letztere Annahme scheint mir die wahrscheinlichere; denn haelt man
+dem _Culex cyanopterus_ ruhig den Handruecken hin, so ist der Schmerz
+anfangs sehr heftig, nimmt aber immer mehr ab, je mehr das Insekt
+fortsaugt, und hoert ganz auf im Moment, wo es von selbst fortfliegt. Ich
+habe mich auch mit einer Nadel in die Haut gestochen und die Stiche mit
+zerdrueckten Moskitos (_mosquitos machucados_) gerieben, es folgte aber
+keine Geschwulst darauf. Die reizende Fluessigkeit der _Diptera Nemocera_
+die nach den bisherigen chemischen Untersuchungen sich nicht wie eine
+Saeure verhaelt, ist, wie bei den Ameisen und andern Hymenopteren, in
+eigenen Druesen enthalten; dieselbe ist wahrscheinlich zu sehr verduennt und
+damit zu schwach, wenn man die Haut mit dem ganzen zerdrueckten Thiere
+reibt.
+
+Ich habe am Ende dieses Kapitels Alles zusammengestellt, was wir auf
+unsern Reisen ueber Erscheinungen in Erfahrung bringen konnten, die bisher
+von der Naturforschung auffallend vernachlaessigt wurden, obgleich sie auf
+das Wohl der Bevoelkerung, die Gesundheit der Laender und die Gruendung neuer
+Colonien an den Stroemen des tropischen Amerika von bedeutendem Einfluss
+sind. Ich bedarf wohl keiner Rechtfertigung, dass ich diesen Gegenstand mit
+einer Umstaendlichkeit behandelt habe, die kleinlich erscheinen koennte,
+fiele nicht derselbe unter einen allgemeineren physiologischen
+Gesichtspunkt. Unsere Einbildungskraft wird nur vom Grossen stark angeregt,
+und so ist es Sache der Naturphilosophie, beim Kleinen zu verweilen. Wir
+haben gesehen, wie gefluegelte, gesellig lebende Insekten, die in ihrem
+Saugruessel eine die Haut reizende Fluessigkeit bergen, grosse Laender fast
+unbewohnbar machen. Andere, gleichfalls kleine Insekten, die Termiten
+(_Comejen_), setzen in mehreren heissen und gemaessigten Laendern des
+tropischen Erdstrichs der Entwicklung der Cultur schwer zu besiegende
+Hindernisse entgegen. Furchtbar rasch verzehren sie Papier, Pappe,
+Pergament; sie zerstoeren Archive und Bibliotheken. In ganzen Provinzen von
+spanisch Amerika gibt es keine geschriebene Urkunde, die hundert Jahre alt
+waere. Wie soll sich die Cultur bei den Voelkern entwickeln, wenn nichts
+Gegenwart und Vergangenheit verknuepft, wenn man die Niederlagen
+menschlicher Kenntnisse oefters erneuern muss, wenn die geistige
+Errungenschaft der Nachwelt nicht ueberliefert werden kann?
+
+Je weiter man gegen die Hochebene des Anden hinaufkommt, desto mehr
+schwindet diese Plage. Dort athmet der Mensch eine frische, reine Luft,
+und die Insekten stoeren nicht mehr Tagesarbeit und Nachtruhe. Dort kann
+man Urkunden in Archiven niederlegen, ohne Furcht vor gefaehrlichen
+Termiten. In 200 Toisen Meereshoehe fuerchtet man die Muecken nicht mehr; die
+Termiten sind in 300 Toisen Hoehe noch sehr haeufig, aber in Mexico, Santa
+Fe de Bogota und Quito kommen sie selten vor. In diesen grossen
+Hauptstaedten auf dem Ruecken der Cordilleren findet man Bibliotheken und
+Archive, die sich durch die Theilnahme gebildeter Bewohner taeglich
+vermehren. Zu diesen Verhaeltnissen, die ich hier nur fluechtig beruehre,
+kommen andere, welche der Alpenregion das moralische Uebergewicht ueber die
+niedern Regionen des heissen Erdstrichs sichern. Nimmt man nach den uralten
+Ueberlieferungen in beiden Welten an, in Folge der Erdumwaelzungen, die der
+Erneuerung unseres Geschlechts vorangegangen, sey der Mensch von den
+Gebirgen in die Niederungen herabgestiegen, so laesst sich noch weit
+bestimmter annehmen, dass diese Berge, die Wiege so vieler und so
+verschiedener Voelker, in der heissen Zone fuer alle Zeit der Mittelpunkt der
+Gesittung bleiben werden. Von diesen fruchtbaren, gemaessigten Hochebenen,
+von diesen Inseln im Ocean der Luft, werden sich Aufklaerung und der Segen
+gesellschaftlicher Einrichtungen ueber die unermesslichen Waelder am Fusse der
+Anden verbreiten, die jetzt noch von Staemmen bewohnt sind, welche eben die
+Fuelle der Natur in Traegheit niedergehalten hat.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 25 Vom spanischen Wort _raudo_, schnell, _rapidus_.
+
+ 26 Schwimmende Gaerten.
+
+ 27 Diese Landenge, von der schon oefters die Rede war, wird von den
+ Cordilleren der Anden von Neu-Grenada und von der Cordillere der
+ Parime gebildet. S. Bd. II. Seite 378--379.
+
+_ 28 Ansichten der Natur_, 2. Auflage, 1826, Bd. 1. S. 181; 3. Auflage,
+ Bd. 1. S. 249.
+
+ 29 Eine grosse Reiherart.
+
+ 30 LUCAN., _Pharsal._ X. 132.
+
+* 31 Arastrando la Picagua*. Von diesem Wort _arastrar_ aus dem Boden
+ ziehen, kommt der spanische Ausdruck: _Arastradero_, Trageplatz,
+ Portage.
+
+_ 32 Nat. Quaest._ IV. c. 2.
+
+ 33 Der *Chellal* zwischen Philae und Syene hat zehn Staffeln, die
+ zusammen einen 5 bis 7 Fuss hohen Fall bilden, je nach dem tiefen
+ oder hohen Wasserstand des Nil. Der Fall ist 500 Toisen lang.
+
+ 34 Auszunehmen ist STRABO, dessen Beschreibung eben so einfach als
+ genau erscheint. Nach ihm haette seit dem ersten Jahrhundert vor
+ unserer Zeitrechnung die Schnelligkeit des Wassersturzes abgenommen
+ und seine Richtung sich veraendert. Damals ging man den Chellal auf
+ beiden Seiten hinauf, gegenwaertig ist nur auf Einer Seite eine
+ Wasserstrasse; der Katarakt ist also eher schwerer befahrbar
+ geworden.
+
+ 35 Hatten wohl die Alten eine dunkle Kunde von den grossen Katarakten
+ des oestlichen oder blauen Nil zwischen Fazuclo und Alata, die ueber
+ 200 Fuss hoch sind?
+
+_ 36 Claustra imperii romani_ sagt TACITUS. Im Namen der Insel *Philae*
+ findet man das coptische Wort _phe-lakh_, Ende (Ende Egyptens)
+ wieder.
+
+ 37 Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, dass, so mangelhaft noch die
+ Physik der Alten war, die Werke des Philosophen von Stagira ungleich
+ mehr scharfsinnige Beobachtungen enthalten, als die der andern
+ Philosophen. Vergeblich sucht man bei ARISTOXENES (_Liber de
+ musica_), bei THEOPHYLACTUS SIMOCATTA (_de quaestionibus physicis_),
+ im fuenften Buche von SENECAs _quaestiones naturales_ eine Erklaerung
+ der Verstaerkung des Schalls bei Nacht. Ein in den Schriften der
+ Alten sehr bewanderter Mann, Hr. Laurencit, hat mir eine Stelle des
+ PLUTARCH mitgetheilt (_Tischgespraeche_, Buch VIII. Frage 3), welche
+ die angefuehrte des Aristoteles unterstuetzt. -- Boethus, der erste
+ der Disputirenden, behauptet, die Kaelte bei Nacht ziehe die Luft
+ zusammen und verdichte sie, und man hoere den Schall bei Tag nicht so
+ gut, weil dann weniger Zwischenraeume zwischen den Atomen seyen. Der
+ zweite der Disputirenden, Ammonius, verwirft die leeren Raeume, wie
+ Boethus sie voraussetzt, und nimmt mit Anaxagoras an, die Luft werde
+ von der Sonne in eine zitternde und schwankende Bewegung versetzt;
+ man hoere bei Tag schlecht wegen der Staubtheile, die im Sonnenschein
+ herumtreiben und die ein gewisses Zischen und Geraeusch verursachen;
+ des Nachts aber hoere diese Bewegung auf und folglich auch das damit
+ verbundene Geraeusch. Boethus versichert, dass er keineswegs
+ Anaxagoras meistern wolle, meint aber, das Zischen der kleinsten
+ Theile muesse man wohl aufgeben, die zitternde Bewegung und das
+ Herumtreiben derselben im Sonnenschein sey schon hinreichend. Die
+ Luft macht den Koerper und die Substanz der Stimme aus; ist sie also
+ ruhig und bestaendig, so laesst sie auch die Theile und Schwingungen
+ des Schalls gerade, ungetheilt und ohne Hinderniss fortgehen und
+ befoerdert deren Verbreitung. Windstille ist dem Schalle guenstig,
+ Erschuetterung der Luft aber zuwider. Die Bewegung in der Luft
+ verhindert, dass von einer Stimme artikulirte und ausgebildete Toene
+ zu den Ohren gelangen, ob sie gleich immer von einer starken und
+ vielfachen ihnen etwas zuzufuehren pflegt. Die Sonne, dieser grosse
+ und maechtige Beherrscher des Himmels, bringt auch die kleinsten
+ Theile der Luft in Bewegung, und sobald er sich zeigt, erregt und
+ belebt er alle Wesen. -- (Auszug aus Kaltwassers Uebersetzung;
+ Humboldt hat die alte franzoesische Uebersetzung des Amyot
+ ausgezogen. Anm. des Herausgebers).
+
+ 38 CORTES behauptet, er habe am Magdalenenfluss einen Eber mit
+ gekruemmten Hauern und Laengsstreifen auf dem Ruecken geschossen.
+ Sollte es dort verwilderte europaeische Schweine gehen?
+
+ 39 Im Gesammtausdruck der Zuege, nicht der Stirne nach.
+
+_ 40 Culex pipiens_. Dieser Unterschied zwischen _Mosquito_ (kleine
+ Muecke, _Simulium_) und _Zancudo_ (Schnake, _Culex_) besteht in allen
+ spanischen Colonien. Das Wort _Zancudo_ bedeutet "Langfuss," _qui
+ tiene las zancas largas_.
+
+ 41 "Die frueh auf sind," _temprano_.
+
+ 42 Durch die ausnehmende Regelmaessigkeit im stuendlichen Wechsel des
+ Luftdrucks.
+
+ 43 Der europaeische _Culex pipiens_ meidet das Gebirgsland nicht, wie
+ die Culexarten der heissen Zone Amerikas. GIESECKE wurde in Disco in
+ Groenland unter dem 70. Breitegrad von Schnaken geplagt. In Lappland
+ kommt die Schnake im Sommer in 300--400 Toisen Meereshoehe bei einer
+ mittleren Temperatur von 11--12 deg. vor.
+
+ 44 Weniger als 15 deg.,2 und 16 deg. Reaumur. Das ist die mittlere Temperatur
+ von Montpellier und Rom.
+
+ 45 Diese Gefraessigkeit, diese Blutgier bei kleinen Insekten, die sonst
+ von Pflanzensaeften in einem fast unbewohnten Lande leben, hat
+ allerdings etwas Auffallendes. "Was fraessen die Thiere, wenn wir
+ nicht hier vorueberkaemen?" sagen oft die Creolen auf dem Wege durch
+ ein Land, wo es nur mit einem Schuppenpanzer bedeckte Krokodile und
+ behaarte Affen gibt.
+
+ 46 Bei dieser Gelegenheit soll nur daran erinnert werden, dass der
+ Cubikfuss 2,985,984 Cubiklinien enthaelt.
+
+
+
+
+
+EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
+
+
+ Der Raudal von Garcita. -- Maypures. -- Die Katarakten von
+ Quittuna. -- Der Einfluss des Vichada und Zama. -- Der Fels
+ Aricagua. -- Siquita.
+
+
+Unsere Pirogue lag im *Puerto de arriba*, oberhalb des Katarakts von
+Atures, dem Einfluss des Rio Cataniapo gegenueber; wir brachen dahin auf.
+Auf dem schmalen Wege, der zum Landungsplatze fuehrt, sahen wir den Pic
+Uniana zum letztenmal. Er erschien wie eine ueber dem Horizont der Ebenen
+aufsteigende Wolke. Die Guahibos-Indianer ziehen am Fuss dieser Gebirge
+umher und gehen bis zum Rio Vichada. Man zeigte uns von weitem rechts vom
+Fluss die Felsen bei der Hoehle von Ataruipe; wir hatten aber nicht Zeit,
+diese Grabstaette des ausgestorbenen Stammes der Atures zu besuchen. Wir
+bedauerten diess um so mehr, da Pater Zea nicht muede wurde, uns von den mit
+Onoto bemalten Skeletten in der Hoehle, von den grossen Gefaessen aus
+gebrannter Erde, in welchen je die Gebeine einer Familie zu liegen
+scheinen, und von vielen andern merkwuerdigen Dingen zu erzaehlen, so dass
+wir uns vornahmen, dieselben auf der Rueckreise vom Rio Negro in
+Augenschein zu nehmen. "Sie werden es kaum glauben," sagte der Missionaer,
+"dass diese Gerippe, diese bemalten Toepfe, diese Dinge, von denen wir
+meinten, kein Mensch in der Welt wisse davon, mir und meinem Nachbar, dem
+Missionaer von Carichana, Unglueck gebracht haben. Sie haben gesehen, wie
+elend ich in den Raudales lebe, von den Moskitos gefressen, oft nicht
+einmal Bananen und Manioc im Hause! Und dennoch habe ich Neider in diesem
+Lande gefunden. Ein Weisser, der auf den Weiden zwischen dem Meta und dem
+Apure lebt, hat kuerzlich der *Audiencia* in Caracas die Anzeige gemacht,
+ich habe einen Schatz, den ich mit dem Missionaer von Carichana gefunden,
+unter den Graebern der Indianer versteckt. Man behauptet, die Jesuiten in
+Santa Fe de Bogota haben zum voraus gewusst, dass die Gesellschaft werde
+aufgehoben werden; da haben sie ihr Geld und ihre kostbaren Gefaesse bei
+Seite schaffen wollen und dieselben auf dem Rio Meta oder auf dem Vichada
+an den Orinoco geschickt, mit dem Befehl, sie auf den Inseln mitten in den
+Raudales zu Verstecken. Diesen Schatz nun soll ich ohne Wissen meiner
+Obern mir zugeeignet haben. Die Audiencia von Caracas fuehrte beim
+Statthalter von Guyana Klage, und wir erhielten Befehl, persoenlich zu
+erscheinen. Wir mussten ganz umsonst eine Reise von hundert fuenfzig Meilen
+machen, und es half nichts, dass wir erklaerten, wir haben in den Hoehlen
+nichts gefunden als Menschengebeine, Marder und vertrocknete Fledermaeuse;
+man ernannte mit grosser Wichtigkeit Commissaere, die sich hieher begeben
+und an Ort und Stelle inspiciren sollen, was noch vom Schatze der Jesuiten
+vorhanden sey. Aber wir koennen lange auf die Commissaere warten. Wenn sie
+auf dem Orinoco bis San Borja heraufkommen, werden sie vor den Moskitos
+Angst bekommen und nicht weiter gehen. In der Mueckenwolke (_nube de
+moscas_), in der wir in den Raudales stecken, ist man gut geborgen."
+
+Diese Geschichte des Missionaers wurde uns spaeter in Angostura aus dem
+Munde des Statthalters vollkommen bestaetigt. Zufaellige Umstaende geben zu
+den seltsamsten Vermuthungen Anlass. In den Hoehlen, wo die Mumien und
+Skelette der Atures liegen, ja mitten in den Katarakten, auf den
+unzugaenglichsten Inseln fanden die Indianer vor langer Zeit
+eisenbeschlagene Kisten mit verschiedenen europaeischen Werkzeugen, Resten
+von Kleidungsstuecken, Rosenkraenzen und Glaswaaren. Man vermuthete, die
+Gegenstaende haben portugiesischen Handelsleuten vom Rio Negro und
+Gran-Para angehoert, die vor der Niederlassung der Jesuiten am Orinoco ueber
+Trageplaetze und die Flussverbindungen im Innern nach Atures heraufkamen und
+mit den Eingeborenen Handel trieben. Die Portugiesen, glaubte man, seyen
+den Seuchen, die in den Raudales so haeufig sind, erlegen und ihre Kisten
+den Indianern in die Haende gefallen, die, wenn sie wohlhabend sind, sich
+mit dem Kostbarsten, was sie im Leben besassen, beerdigen lassen. Nach
+diesen zweifelhaften Geschichten wurde das Maehrchen von einem versteckten
+Schaetze geschmiedet. Wie in den Anden von Quito jedes in Truemmern liegende
+Bauwerk, sogar die Grundmauern der Pyramiden, welche die franzoesischen
+Akademiker bei der Messung des Meridians errichtet, fuer ein _Inca pilca_,
+das heisst fuer ein Werk des Inca gilt, so kann am Orinoco jeder verborgene
+Schatz nur einem Orden gehoert haben, der ohne Zweifel die Missionen besser
+verwaltet hat, als Kapuziner und Observanten, dessen Reichthum und dessen
+Verdienste um die Civilisation der Indianer aber sehr uebertrieben worden
+sind. Als die Jesuiten in Santa Fe verhaftet wurden, fand man bei ihnen
+keineswegs die Haufen von Piastern, die Smaragde von Muzo, die Goldbarren
+von Choco, die sie den Widersachern der Gesellschaft zufolge besitzen
+sollten. Man zog daraus den falschen Schluss, die Schaetze seyen allerdings
+vorhanden gewesen, aber treuen Indianern ueberantwortet und in den
+Katarakten des Orinoco bis zur einstigen Wiederherstellung des Ordens
+versteckt worden. Ich kann ein achtbares Zeugniss beibringen, aus dem
+unzweifelhaft hervorgeht, dass der Vicekoenig von Neu-Grenada die Jesuiten
+vor der ihnen drohenden Gefahr nicht gewarnt hatte. Don Vicente Orosco,
+ein spanischer Genieofficier, erzaehlte mir in Angostura, er habe mit Don
+Manuel Centurion den Auftrag gehabt, die Missionaere in Carichana zu
+verhaften und dabei sey ihnen eine indianische Pirogue begegnet, die den
+Rio Meta herabkam. Da dieses Fahrzeug mit Indianern bemannt war, die keine
+der Landessprachen verstanden, so erregte sein Erscheinen Verdacht. Nach
+langem fruchtlosem Suchen fand man eine Flasche mit einem Briefe, in dem
+der in Santa Fe residirende Superior der Gesellschaft die Missionaere am
+Orinoco von den Verfolgungen benachrichtigte, welche die Jesuiten in
+Neu-Grenada zu erleiden gehabt. Der Brief forderte zu keinerlei
+Vorsichtsmassregeln auf; er war kurz, unzweideutig und voll Respekt vor der
+Regierung, deren Befehle mit unnoethiger, unvernuenftiger Strenge vollzogen
+wurden.
+
+Acht Indianer von Atures hatten unsere Pirogue durch die Raudales
+geschafft; sie schienen mit dem maessigen Lohne, der ihnen gereicht wurde
+[kaum 30 Sous der Mann], gar wohl zufrieden. Das Geschaeft bringt ihnen
+wenig ein, und um einen richtigen Begriff von den jaemmerlichen Zustaenden
+und dem Darniederliegen des Handels in den Missionen am Orinoco zu geben,
+merke ich hier an, dass der Missionar in drei Jahren, ausser den Fahrzeugen,
+welche der Commandant von San Carlos am Rio Negro jaehrlich nach Angostura
+schickt, um die Loehnung der Truppen zu holen, nicht mehr als fuenf Piroguen
+vom obern Orinoco, die zur Schildkroeteneierernte fuhren, und acht mit
+Handelsgut beladene Canoes sah.
+
+Am 17. April. Nach dreistuendigem Marsch kamen wir gegen eilf Uhr Morgens
+bei unserem Fahrzeug an. Pater Zea liess mit unsern Instrumenten den
+wenigen Mundvorrath einschiffen, den man fuer die Reise, die er mit uns
+fortsetzen sollte, hatte auftreiben koennen: ein paar Bananenbueschel,
+Manioc und Huehner. Dicht am Landungsplatz fuhren wir am Einfluss des
+Cataniapo vorbei, eines kleinen Flusses, an dessen Ufern, drei Tagereisen
+weit, die Macos oder Piaroas hausen, die zur grossen Familie der
+Salivas-Voelker gehoeren. Wir haben oben Gelegenheit gehabt, ihre
+Gutmuethigkeit und ihre Neigung zur Landwirthschaft zu ruehmen.
+
+Im Weiterfahren fanden wir den Orinoco frei von Klippen, und nach einigen
+Stunden gingen wir ueber den Raudal von Garcita, dessen Stromschnellen bei
+Hochwasser leicht zu ueberwinden sind. Im Osten kommt die kleine Bergkette
+Cumadaminari zum Vorschein, die aus Gneiss, nicht aus geschichtetem Granit
+besteht. Auffallend war uns eine Reihe grosser Loecher mehr als 180 Fuss ueber
+dem jetzigen Spiegel des Orinoco, die dennoch vom Wasser ausgewaschen
+scheinen. Wir werden spaeter sehen, dass diese Erscheinung beinahe in
+derselben Hoehe an den Felsen neben den Katarakten von Maypures und 50
+Meilen gegen Ost beim Einfluss des Rio Jao vorkommt. Wir uebernachteten im
+Freien am linken Stromufer unterhalb der Insel Tomo. Die Nacht war schoen
+und hell, aber die Moskitoschicht nahe am Boden so dick, dass ich mit dem
+Nivellement des kuenstlichen Horizonts nicht fertig werden konnte und um
+die Sternbeobachtung kam. Ein Quecksilberhorizont waere mir auf dieser
+Reise von grossem Nutzen gewesen.
+
+Am 18. April. Wir brachen um drei Uhr Morgens auf, um desto sicherer vor
+Einbruch der Nacht den unter dem Namen *Raudal de Guahibos* bekannten
+Katarakt zu erreichen. Wir legten am Einfluss des Rio Tomo an; die Indianer
+lagerten sich am Ufer, um ihr Essen zu bereiten und ein wenig zu ruhen. Es
+war gegen fuenf Uhr Abends, als wir vor dem Raudal ankamen. Es war keine
+geringe Aufgabe, die Stroemung hinaufzukommen und eine Wassermasse zu
+ueberwinden, die sich von einer mehrere Fuss hohen Gneissbank stuerzt. Ein
+Indianer schwamm auf den Fels zu, der den Fall in zwei Haelften theilt; man
+band ein Seil an die Spitze desselben, und nachdem man die Pirogue nahe
+genug hingezogen, schiffte man mitten im Raudal unsere Instrumente, unsere
+getrockneten Pflanzen und die wenigen Lebensmittel, die wir in Atures
+hatten auftreiben koennen, aus. Zu unserer Ueberraschung sahen wir, dass auf
+dem natuerlichen Wehr, ueber das sich der Strom stuerzt, ein betraechtliches
+Stueck Boden trocken liegt. Hier blieben wir stehen und sahen unsere
+Pirogue heraufschaffen.
+
+Der Gneissfels hat kreisrunde Loecher, von denen die groessten 4 Fuss tief und
+18 Zoll weit sind. In diesen Trichtern liegen Quarzkiesel und sie scheinen
+durch die Reibung vom Wasser umhergerollter Koerper entstanden zu seyn.
+Unser Standpunkt mitten im Katarakt war sonderbar, aber durchaus nicht
+gefaehrlich. Unser Begleiter, der Missionar, bekam seinen Fieberanfall. Um
+ihm den quaelenden Durst zu loeschen, kamen wir auf den Einfall, ihm in
+einem der Felsloecher einen kuehlenden Trank zu bereiten. Wir hatten von
+Atures einen Mapire (indianischen Korb) mit Zucker, Citronen und
+Grenadillen oder Fruechten der Passionsblumen, von den Spaniern _Parchas_
+genannt, mitgenommen. Da wir gar kein grosses Gefaess hatten, in dem man
+Fluessigkeiten mischen konnte, so goss man mit einer _Tutuma_ (Frucht der
+_Crescentia Cujete_) Flusswasser in eines der Loecher und that den Zucker
+und den Saft der sauren Fruechte dazu. In wenigen Augenblicken hatten wir
+ein treffliches Getraenke; es war das fast eine Schwelgerei am unwirthbaren
+Ort; aber der Drang des Beduerfnisses machte uns von Tag zu Tag
+erfinderischer.
+
+Nachdem wir unsern Durst geloescht, hatten wir grosse Lust zu baden. Wir
+untersuchten genau den schmalen Felsdamm, auf dem wir standen, und
+bemerkten, dass er in seinem obern Theile kleine Buchten bildete, in denen
+das Wasser ruhig und klar war, und so badeten wir denn ganz behaglich beim
+Getoese des Katarakts und dem Geschrei unserer Indianer. Ich erwaehne dieser
+kleinen Umstaende, einmal weil sie unsere Art zu reisen lebendig schildern,
+und dann weil sie allen, die grosse Reisen zu unternehmen gedenken,
+augenscheinlich zeigen, wie man unter allen Umstaenden im Leben sich Genuss
+verschaffen kann.
+
+Nach einer Stunde Harrens sahen wir endlich die Pirogue ueber den Raudal
+heraufkommen. Man lud die Instrumente und Vorraethe wieder ein und wir
+eilten vom Felsen der Guahibos wegzukommen. Es begann jetzt eine Fahrt,
+die nicht ganz gefahrlos war. Der Fluss ist 800 Toisen breit, und wir
+mussten oberhalb des Katarakts schief darueber fahren, an einem Punkt, wo
+das Wasser, weil das Bett staerker faellt, dem Wehr zu, ueber das es sich
+stuerzt, mit grosser Gewalt hinunterzieht. Wir wurden von einem Gewitter
+ueberrascht, bei dem zum Glueck kein starker Wind ging, aber der Regen goss
+in Stroemen nieder. Man ruderte bereits seit zwanzig Minuten und der
+Steuermann behauptete immer, statt stroman kommen wir wieder dem Raudal
+naeher. Diese Augenblicke der Spannung kamen uns gewaltig lang war. Die
+Indianer sprachen nur leise, wie immer, wenn sie in einer verfaenglichen
+Lage zu seyn glauben. Indessen verdoppelten sie ihre Anstrengungen, und
+wir langten ohne Unfall mit Einbruch der Nacht im Hafen von Maypures an.
+
+Die Gewitter unter den Tropen sind eben so kurz als heftig. Zwei
+Blitzschlaege waren ganz nahe an unserer Pirogue gefallen, und der Blitz
+hatte dabei unzweifelhaft ins Wasser geschlagen. Ich fuehre diesen Fall an,
+weil man in diesen Laendern ziemlich allgemein glaubt, die Wolken, die auf
+ihrer Oberflaeche elektrisch geladen sind, stehen so hoch, dass der Blitz
+seltener in den Boden schlage als in Europa. Die Nacht war sehr finster.
+Wir hatten noch zwei Stunden Wegs zum Dorfe Maypures, und wir waren bis
+auf die Haut durchnaesst. Wie der Regen nachliess, kamen auch die Zancudos
+wieder mit dem Heisshunger, den die Schnaken nach einem Gewitter immer
+zeigen. Meine Gefaehrten waren unschluessig, ob wir im Hafen im Freien
+lagern oder trotz der dunkeln Nacht unsern Weg zu Fuss fortsetzen sollten.
+Pater Zea, der in beiden Raudales Missionaer ist, wollte durchaus noch nach
+Hause kommen; Er hatte angefangen sich durch die Indianer in der Mission
+ein grosses Haus von zwei Stockwerken bauen zu lassen. "Sie finden dort,"
+meinte er naiv, "dieselbe Bequemlichkeit wie im Freien. Freilich habe ich
+weder Tisch noch Bank, aber Sie haetten nicht so viel von den Muecken zu
+leiden; denn so unverschaemt sind sie in der Mission doch nicht wie am
+Fluss."
+
+Wir folgten dem Rath des Missionaers und er liess Copalfackeln anzuenden, von
+denen oben die Rede war, drei Zoll dicke, mit Harz gefuellte Roehren von
+Baumwurzeln. Wir gingen anfangs ueber kahle, glaette Felsbaenke und dann
+kamen wir in sehr dichtes Palmgehoelz. Zweimal mussten wir auf Baumstaemmen
+ueber einen Bach gehen. Bereits waren die Fackeln erloschen; dieselben sind
+wunderlich zusammengesetzt (der hoelzerne Docht umgibt das Harz), geben
+mehr Rauch als Licht und gehen leicht aus. Unser Gefaehrte, Don Nicolas
+Soto, verlor das Gleichgewicht, als er auf einem runden Stamm ueber den
+Sumpf ging. Wir waren anfangs sehr besorgt um ihn, da wir nicht wussten,
+wie hoch er hinuntergefallen war. Zum Glueck war der Grund nicht tief und
+er hatte sich nicht verletzt. Der indianische Steuermann, der sich
+ziemlich fertig auf spanisch ausdrueckte, ermangelte nicht, davon zu
+sprechen, dass wir leicht von Ottern, Wasserschlangen und Tigern
+angegriffen werden koennten. Solches ist eigentlich die obligate
+Unterhaltung, wenn man Nachts mit den Eingeborenen unterwegs ist. Die
+Indianer glauben, wenn sie dem europaeischen Reisenden Angst einjagen, sich
+nothwendiger zu machen und das Vertrauen des Fremden zu gewinnen. Der
+plumpste Bursche in den Missionen ist mit den Kniffen bekannt, wie sie
+ueberall im Schwange sind, wo Menschen von sehr verschiedenem Stand und
+Bildungsgrad mit einander verkehren. Unter dem absoluten und hie und da
+etwas quaelerischen Regiment der Moenche sucht er seine Lage durch die
+kleinen Kunstgriffe zu verbessern, welche die Waffen der Kindheit und
+jeder physischen und geistigen Schwaeche sind.
+
+Da wir in der Mission *San Jose de Maypures* in der Nacht ankamen, fiel
+uns der Anblick und die Veroedung des Orts doppelt auf. Die Indianer lagen
+im tiefsten Schlaf; man hoerte nichts als das Geschrei der Nachtvoegel und
+das ferne Tosen des Katarakts. In der Stille der Nacht, in dieser tiefen
+Ruhe der Natur hat das eintoenige Brausen eines Wasserfalls etwas
+Niederschlagendes, Drohendes. Wir blieben drei Tage in Maypures, einem
+kleinen Dorfe, das von Don Jose Solano bei der Grenzexpedition gegruendet
+wurde, und das noch malerischer, man kann wohl sagen wundervoller liegt
+als Atures.
+
+Der Raudal von Maypures, von den Indianern *Quittuna* genannt, entsteht,
+wie alle Wasserfaelle, durch den Widerstand den der Fluss findet, indem er
+sich durch einen Felsgrat oder eine Bergkette Bahn bricht. Wer den
+Charakter des Orts kennen lernen will, den verweise ich auf den Plan, den
+ich an Ort und Stelle aufgenommen, um dem Generalgouverneur von Caracas
+den Beweis zu liefern, dass sich der Raudal umgehen und die Schifffahrt
+bedeutend erleichtern liesse, wenn man zwischen zwei Nebenfluessen des
+Orinoco, in einem Thal, das frueher das Strombett gewesen zu seyn scheint,
+einen Canal anlegte. Die hohen Berge Cunavami und Calitamini, zwischen den
+Quellen der Fluesse Cataniapo und Ventuari, laufen gegen West in eine Kette
+von Granithuegeln aus. Von dieser Kette kommen drei Fluesschen herab, die den
+Katarakt von Maypures gleichsam umfassen, naemlich am oestlichen Ufer der
+Sanariapo, am westlichen der Cameji und der Toparo. Dem Dorfe Maypures
+gegenueber ziehen sich die Berge in einem Bogen zurueck und bilden, wie eine
+felsigte Kueste, eine nach Suedwest offene Bucht. Zwischen dem Einfluss des
+Toparo und dem des Sanariapo, am westlichen Ende dieses grossartigen
+Amphitheaters, ist der Durchbruch des Stromes erfolgt.
+
+Gegenwaertig fliesst der Orinoco am Fuss der oestlichen Bergkette. Vom
+westlichen Landstrich hat er sich ganz weggezogen, und dort, in einem
+tiefen Grunde, erkennt man noch leicht das alte Ufer. Eine Grasflur, kaum
+dreissig Fuss ueber dem mittleren Wasserstand, breitet sich von diesem
+trockenen Grunde bis zu den Katarakten aus. Hier steht aus Palmstaemmen die
+kleine Kirche von Maypures und umher sieben oder acht Huetten. Im trockenen
+Grund, der in gerader Linie von Sued nach Nord laeuft, vom Cameji zum
+Toparo, liegen eine Menge einzeln stehender Granithuegel, ganz aehnlich
+denen, die als Inseln und Klippen im jetzigen Strombett stehen. Diese ganz
+aehnliche Gestaltung fiel mir auf, als ich die Felsen Keri und Oco im
+verlassenen Strombett westlich von Maypures mit den Inseln Ouvitari und
+Camanitamini verglich, die oestlich von der Mission gleich alten Burgen
+mitten aus den Katarakten ragen. Der geologische Charakter der Gegend, das
+inselhafte Ansehen auch der vom gegenwaertigen Stromufer entlegensten
+Huegel, die Loecher, welche das Wasser im Felsen Oco ausgespuelt zu haben
+scheint, und die genau im selben Niveau liegen (25--30 Toisen hoch) wie
+die Hoehlungen an der Insel Ouvitari gegenueber -- alle diese Umstaende
+zusammen beweisen, dass diese ganze, jetzt trockene Bucht ehemals unter
+Wasser stand. Das Wasser bildete hier wahrscheinlich einen See, da es
+wegen des Dammes gegen Nord nicht abfliessen konnte; als aber dieser Damm
+durchbrochen wurde, erschien die Grasflur um die Mission zuerst als eine
+ganz niedrige, von zwei Armen desselben Flusses umgebene Insel. Man kann
+annehmen, der Orinoco habe noch eine Zeitlang den Grund ausgefuellt, den
+wir nach dem Fels, der darin steht, den Keri-Grund nennen wollen; erst als
+das Wasser allmaelig fiel, zog es sich ganz gegen die oestliche Kette und
+liess den westlichen Stromarm trocken liegen. Streifen, deren schwarze
+Farbe ohne Zweifel von Eisen- und Manganoxyden herruehrt, scheinen die
+Richtigkeit dieser Ansicht zu beweisen. Man findet dieselben auf allem
+Gestein, weit weg von der Mission, und sie weisen darauf hin, dass hier
+einst das Wasser gestanden. Geht man den Fluss hinauf, so ladet man die
+Fahrzeuge am Einfluss des Toparo in den Orinoco aus und uebergibt sie den
+Eingeborenen, die den Raudal so genau kennen, dass sie fuer jede Staffel
+einen besondern Namen haben. Sie bringen die Canoes bis zum Einfluss des
+Cameji, wo die Gefahr fuer ueberstanden gilt.
+
+Der Katarakt von Quittuna oder Maypures stellt sich in den zwei
+Zeitpunkten, in denen ich denselben beim Hinab- und beim Hinauffahren
+beobachten konnte, unter folgendem Bilde dar. Er besteht, wie der von
+Mapara oder Atures, aus einem Archipel von Inseln, die auf einer Strecke
+von 3000 Toisen das Strombett verstopfen, und aus Felsdaemmen zwischen
+diesen Inseln. Die berufensten unter diesen Daemmen oder natuerlichen Wehren
+sind: *Purimarimi*, *Manimi* und der *Salto de la Sardina* (der
+Sardellensprung). Ich nenne sie in der Ordnung, wie ich sie von Sued nach
+Nord auf einander folgen sah. Die letztere dieser drei Staffeln ist gegen
+neun Fuss hoch und bildet, ihrer Breite wegen, einen prachtvollen Fall.
+Aber, ich muss das wiederholen: das Getoese, mit dem die Wasser
+niederstuerzen, gegen einander stossen und zerstaeuben, haengt nicht sowohl
+von der absoluten Hoehe jeder Staffel, jedes Querdammes ab, als vielmehr
+von der Menge der Strudel, von der Stellung der Inseln und Klippen am Fuss
+der Raudalitos oder partiellen Faelle, von der groesseren oder geringeren
+Weite der Kanaele, in denen das Fahrwasser oft nur 20--30 Fuss breit ist.
+Die oestliche Haelfte der Katarakten von Maypures ist weit gefaehrlicher als
+die westliche, wesshalb auch die indianischen Steuerleute die Canoes
+vorzugsweise am linken Ufer hinauf- und hinabschaffen. Leider liegt bei
+niedrigem Wasser dieses Ufer zum Theil trocken, und dann muss man die
+Piroguen *tragen*, das heisst auf Walzen oder runden Baumstaemmen schleppen.
+Wir haben schon oben bemerkt, dass bei Hochwasser (aber nur dann) der
+Raudal von Maypures leichter zu passiren ist als der von Atures.
+
+Um diese wilde Landschaft in ihrer ganzen Grossartigkeit mit Einem Blicke
+zu umfassen, muss man sich auf den Huegel Manimi stellen, einen Granitgrat,
+der noerdlich von der Missionskirche aus der Savane aufsteigt und nichts
+ist als eine Fortsetzung der Staffeln, aus denen der Raudalito Manimi
+besteht. Wir waren oft auf diesem Berge, denn man sieht sich nicht satt an
+diesem ausserordentlichen Schauspiel in einem der entlegensten Erdwinkel.
+Hat man den Gipfel des Felsen erreicht, so liegt auf einmal, eine Meile
+weit, eine Schaumflaeche vor einem da, aus der ungeheure Steinmassen
+eisenschwarz aufragen. Die einen sind, je zwei und zwei beisammen,
+abgerundete Massen, Basalthuegeln aehnlich; andere gleichen Thuermen,
+Castellen, zerfallenen Gebaeuden. Ihre duestere Faerbung hebt sich scharf vom
+Silberglanze des Wasserschaums ab. Jeder Fels, jede Insel ist mit Gruppen
+kraeftiger Baeume bewachsen. Vom Fuss dieser Felsen an schwebt, so weit das
+Auge reicht, eine dichte Dunstmasse ueber dem Strom, und ueber den
+weisslichen Nebel schiesst der Wipfel der hohen Palmen empor. Diese
+grossartigen Gewaechse -- wie nennt man sie? Ich glaube es ist der
+_Vadgiai_, eine neue Art der Gattung _Oreodoxa_, deren Stamm ueber 80 Fuss
+hoch ist. Die einen Federbusch bildenden Blaetter dieser Palme sind sehr
+glaenzend und steigen fast gerade himmelan. Zu jeder Tagesstunde nimmt sich
+die Schaumflaeche wieder anders aus. Bald werfen die hohen Eilande und die
+Palmen ihre gewaltigen Schatten darueber, bald bricht sich der Strahl der
+untergehenden Sonne in der feuchten Wolke, die den Katarakt einhuellt.
+Farbige Bogen bilden sich, verschwinden und erscheinen wieder, und im
+Spiel der Luefte schwebt ihr Bild ueber der Flaeche.
+
+Solches ist der Charakter der Landschaft, wie sie auf dem Huegel Manimi vor
+einem liegt, und die noch kein Reisender beschrieben hat. Ich wiederhole,
+was ich schon einmal geaeussert: weder die Zeit, noch der Anblick der
+Cordilleren und der Aufenthalt in den gemaessigten Thaelern von Mexico haben
+den tiefen Eindruck verwischt, den das Schauspiel der Katarakten auf mich
+gemacht. Lese ich eine Beschreibung indischer Landschaften, deren
+Hauptreize stroemende Wasser und ein kraeftiger Pflanzenwuchs sind, so
+schwebt mir ein Schaummeer vor, und Palmen, deren Kronen ueber einer
+Dunstschicht emporragen. Es ist mit den grossartigen Naturscenen, wie mit
+dem Hoechsten in Poesie und Kunst: sie lassen Erinnerungen zurueck, die
+immer wieder wach werden und sich unser Lebenlang in unsere Empfindung
+mischen, so oft etwas Grosses und Schoenes uns die Seele bewegt.
+
+Die Stille in der Luft und das Toben der Wasser bilden einen Gegensatz,
+wie er diesem Himmelsstriche eigenthuemlich ist. Nie bewegt hier ein
+Windhauch das Laub der Baeume, nie truebt eine Wolke den Glanz des blauen
+Himmelsgewoelbes; eine gewaltige Lichtmasse ist durch die Luft verbreitet,
+ueber dem Boden, den Gewaechse mit glaenzenden Blaettern bedecken, ueber dem
+Strom, der sich unabsehbar hinbreitet. Dieser Anblick hat fuer den
+Reisenden, der im Norden von Europa zu Hause ist, etwas ganz Befremdendes.
+Stellt er sich eine wilde Landschaft vor, einen Strom, der von Fels zu
+Fels niederstuerzt, so denkt er sich auch ein Klima dazu, in dem gar oft
+der Donner aus dem Gewoelk mit dem Donner der Wasserfaelle sich mischt, wo
+am duestern, nebligten Tage die Wolken in das Thal herunter steigen und in
+den Wipfeln der Tannen haengen. In den Niederungen der Festlaender unter den
+Tropen hat die Landschaft eine ganz eigene Physiognomie, eine
+Grossartigkeit und eine Ruhe, die selbst da sich nicht verlaeugnet, wo eines
+der Elemente mit unueberwindlichen Hindernissen zu kaempfen hat. In der Naehe
+des Aequators kommen heftige Stuerme und Ungewitter nur auf den Inseln, in
+pflanzenlosen Wuesten, kurz ueberall da vor, wo die Luft auf Flaechen mit
+sehr abweichender Strahlung ruht.
+
+Der Huegel Manimi bildet die oestliche Grenze einer Ebene, aus der man
+dieselben, fuer die Geschichte der Vegetation, das heisst ihrer allmaehligen
+Entwicklung auf nackten, kahlen Bodenstrecken wichtigen Erscheinungen
+beobachtet, wie wir sie oben beim Raudal von Atures beschrieben. In der
+Regenzeit schwemmt das Wasser Dammerde aus dem Granitgestein zusammen,
+dessen kahle Baenke wagerecht daliegen. Diese mit den schoensten,
+wohlriechendsten Gewaechsen geschmueckten Landeilande gleichen den mit
+Blumen bedeckten Granitbloecken, welche die Alpenbewohner Jardins oder
+Courtils nennen, und die in Savoyen mitten aus den Gletschern emporragen.
+Mitten in den Katarakten auf ziemlich schwer zugaenglichen Klippen waechst
+die Vanille. Bonpland hat ungemein gewuerzreiche und ausserordentlich lange
+Schoten gebrochen.
+
+An einem Platz, wo wir Tags zuvor gebadet hatten, am Fuss des Felsen
+Manimi, schlugen die Indianer eine sieben und einen halben Fuss lange
+Schlange todt, die wir mit Musse untersuchen konnten. Die Macos nannten sie
+_Camudu_; der Ruecken hatte auf schoen gelbem Grunde theils schwarze, theils
+braungruene Querstreifen, am Bauch waren die Streifen blau und bildeten
+rautenfoermige Flecken. Es war ein schoenes, nicht giftiges Thier, das, wie
+die Eingeborenen behaupten, ueber 15 Fuss lang wird. Ich hielt den Camudu
+Anfangs fuer eine Boa, sah aber zu meiner Ueberraschung, dass bei ihm die
+Platten unter dem Schwanze in zwei Reihen getheilt waren. Es war also eine
+Natter, vielleicht ein *Python* des neuen Continents; ich sage vielleicht,
+denn grosse Naturforscher (CUVIER) scheinen anzunehmen, dass alle Pythons
+der alten, alle Boas der neuen Welt angehoeren. Da die Boa des Plinius(47)
+eine afrikanische und suedeuropaeische Schlange war, so haette DAUDIN wohl
+die amerikanischen Boas Pythons und die indischen Pythons Boas nennen
+sollen. Die erste Kunde von einem ungeheuern Reptil, das Menschen, sogar
+grosse Vierfuesser packt, sich um sie schlingt und ihnen so die Knochen
+zerbricht, das Ziegen und Rehe verschlingt, kam uns zuerst aus Indien und
+von der Kueste von Guinea zu. So wenig an Namen gelegen ist, so gewoehnt man
+sich doch nur schwer daran, dass es in der Halbkugel, in der Virgil die
+Qualen Laokoons besungen hat (die asiatischen Griechen hatten die Sage
+weit suedlicheren Voelkern entlehnt), keine _Boa constrictor_ geben soll.
+Ich will die Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur nicht durch neue
+Vorschlaege zur Abaenderung vermehren, und bemerke nur, dass, wo nicht der
+grosse Haufen der Colonisten in Guyana, doch die Missionaere und die
+*latinisirten* Indianer in den Missionen [S. Bd. II. Seite 24] ganz gut
+die _Traga Venadas_ (Zauberschlangen, aechte Boas mit einfachen
+Afterschuppen) von den _Culebras de agua_, den dem Camudu aehnlichen
+Wasserottern (Pythons mit doppelten Afterschuppen), unterscheiden. Die
+Traga Venadas haben auf dem Ruecken keine Querstreifen, sondern eine Kette
+rautenfoermiger oder sechseckiger Flecken. Manche Arten leben vorzugsweise
+an ganz trockenen Orten, andere lieben das Wasser, wie die Pythons oder
+_Culebras de agua_.
+
+Geht man nach Westen, so sieht man die runden Huegel oder Eilande im
+verlassenen Orinocoarm mit denselben Palmen bewachsen, die auf den Felsen
+in den Katarakten stehen. Einer dieser Felsen, der sogenannte Keri, ist im
+Lande beruehmt wegen eines weissen, weithin glaenzenden Flecks, in dem die
+Eingeborenen ein Bild des Vollmonds sehen wollen. Ich konnte die steile
+Felswand nicht erklimmen, wahrscheinlich aber ist der weisse Fleck ein
+maechtiger Quarzknoten, wie zusammenscharende Gaenge sie im Granit, der in
+Gneiss uebergeht, haeufig bilden. Gegenueber dem Keri oder *Mondfelsen*, am
+Zwillingshuegel Ouivitari, der ein Eiland mitten in den Katarakten ist,
+zeigen einem die Indianer mit geheimnissvoller Wichtigkeit einen aehnlichen
+weissen Fleck. Derselbe ist scheibenfoermig, und sie sagen, es sey das Bild
+der Sonne, Camosi. Vielleicht hat die geographische Lage dieser beiden
+Dinge Veranlassung gegeben, sie so zu benennen; Keri liegt gegen
+Untergang, Camosi gegen Aufgang. Da die Sprachen die aeltesten
+geschichtlichen Denkmaeler der Voelker sind, so haben die Sprachforscher die
+Aehnlichkeit des amerikanischen Wortes _Camosi_ mit dem Worte _Camosch_,
+das in einem semitischen Dialekt urspruenglich Sonne bedeutet zu haben
+scheint, sehr auffallend gefunden. Diese Aehnlichkeit hat zu Hypothesen
+Anlass gegeben, die mir zum wenigsten sehr gewagt scheinen.(48) Der Gott
+der Moabiter, Chamos oder Camosch, der den Gelehrten so viel zu schaffen
+gemacht hat, der Apollo Chomeus, von dem Strabo und Ammianus Marcellinus
+sprechen, Beelphegor, Amun oder Hamon und Adonis bedeuten ohne Zweifel
+alle die Sonne im Wintersolstitium; was will man aber aus einer einzelnen,
+zufaelligen Lautaehnlichkeit in Sprachen schliessen, die sonst nichts mit
+einander gemein haben?
+
+Betrachtet man die Namen der von den spanischen Moenchen gestifteten
+Missionen, so irrt man sich leicht hinsichtlich der Bevoelkerungselemente,
+mit denen sie gegruendet worden. Nach Encaramada und Atures brachten die
+Jesuiten, als sie diese Doerfer erbauten, Maypures-Indianer, aber die
+Mission Maypures selbst wurde nicht mit Indianern dieses Namens gegruendet,
+vielmehr mit Guipunabis-Indianern, die von den Ufern des Irinida stammen
+und nach der Sprachverwandtschaft, sammt den Maypures, Cabres, Avani und
+vielleicht den Parent, demselben Zweig der Orinocovoelker angehoeren. Zur
+Zeit der Jesuiten war die Mission am Raudal von Maypures sehr ansehnlich;
+sie zaehlte 600 Einwohner, darunter mehrere weisse Familien. Unter der
+Verwaltung der Observanten ist die Bevoelkerung auf weniger als 60
+herabgesunken. Man kann ueberhaupt annehmen, dass in diesem Theile von
+Suedamerika die Cultur seit einem halben Jahrhundert zurueckgegangen ist,
+waehrend wir jenseits der Waelder, in den Provinzen in der Naehe der See,
+Doerfer mit 2000--3000 Indianern finden. Die Einwohner von Maypures sind
+ein sanftmuethiges, maessiges Volk, das sich auch durch grosse Reinlichkeit
+auszeichnet. Die meisten Wilden am Orinoco haben nicht den wuesten Hang zu
+geistigen Getraenken, dem man in Nordamerika begegnet. Die Otomacos,
+Jaruros, Achaguas und Caraiben berauschen sich allerdings oft durch den
+uebermaessigen Genuss der _Chiza_ und so mancher andern gegohrenen Getraenke,
+die sie aus Manioc, Mais und zuckerhaltigen Palmfruechten zu bereiten
+wissen; die Reisenden haben aber, wie gewoehnlich, fuer allgemeine Sitte
+ausgegeben, was nur einzelnen Staemmen zukommt. Sehr oft konnten wir
+Guahibos oder Macos-Piaroas, die fuer uns arbeiteten und sehr erschoepft
+schienen, nicht vermoegen, auch nur ein wenig Branntwein zu trinken. Die
+Europaeer muessen erst laenger in diesen Laendern gesessen haben, ehe sich die
+Laster ausbreiten, die unter den Indianern an den Kuesten bereits so gemein
+sind. In Maypures fanden wir in den Huetten der Eingeborenen eine Ordnung
+und eine Reinlichkeit, wie man denselben in den Haeusern der Missionaere
+selten begegnet.
+
+Sie bauen Bananen und Manioc, aber keinen Mais. Siebzig bis achtzig Pfund
+Manioc in Kuchen oder duennen Scheiben, das landesuebliche Brod, kosten
+sechs Silberrealen, ungefaehr vier Franken. Wie die meisten Indianer am
+Orinoco haben auch die in Maypures Getraenke, die man nahrhafte nennen
+kann. Eines dieser Getraenke, das im Lande sehr beruehmt ist, wird von einer
+Palme gewonnen, die in der Naehe der Mission, am Ufer des Auvana wild
+waechst. Dieser Baum ist der Seje; ich habe an Einer Bluethentraube 44,000
+Bluethen geschaetzt; der Fruechte, die meist unreif abfallen, waren 8000. Es
+ist eine kleine fleischigte Steinfrucht. Man wirft sie ein paar Minuten
+lang in kochendes Wasser, damit sich der Kern vom Fleische trennt, das
+zuckersuess ist, und sofort in einem grossen Gefaess mit Wasser zerstampft und
+zerrieben wird. Der kalte Aufguss gibt eine gelblichte Fluessigkeit, die wie
+Mandelmilch schmeckt. Man setzt manchmal _Papelon_ oder Rohzucker zu. Der
+Missionar versichert, die Eingeborenen werden in den zwei bis drei
+Monaten, wo sie Seje-Saft trinken, sichtlich fetter; sie brocken
+Cassavekuchen hinein. Die _Piaches_, oder indianischen Gaukler, gehen in
+die Waelder und blasen unter der Sejepalme auf dem _Botuto_ (der heiligen
+Trompete). "Dadurch", sagen sie, "wird der Baum gezwungen im folgenden
+Jahr reichen Ertrag zu geben." Das Volk bezahlt fuer diese Ceremonie, wie
+man bei den Mongolen, Mauren, und manchen Voelkern noch naeher bei uns,
+Schamanen, Marabouts und andere Arten von Priestern dafuer bezahlt, dass sie
+mit Zauberspruechen oder Gebeten die weissen Ameisen und die Heuschrecken
+vertreiben, oder lang anhaltendem Regen ein Ende machen und die Ordnung
+der Jahreszeiten verkehren.
+
+"_Tengo en mi pueblo la fabrica de loza._" (ich habe in meinem Dorfe eine
+Steingutfabrik), sprach Pater Zea und fuehrte uns zu einer indianischen
+Familie, die beschaeftigt war, unter freiem Himmel an einem Feuer von
+Strauchwerk grosse, zwei und einen halben Fuss hohe Thongefaesse zu brennen.
+Dieses Gewerbe ist den verschiedenen Zweigen des grossen Volksstamms der
+Maypures eigenthuemlich und sie scheinen dasselbe seit unvordenklicher Zeit
+zu treiben. Ueberall in den Waeldern, weit von jedem menschlichen Wohnsitz,
+stoesst man, wenn man den Boden aufgraebt, auf Scherben von Toepfen und
+bemaltem Steingut. Die Liebhaberei fuer diese Arbeit scheint frueher unter
+den Ureinwohnern Nord- und Suedamerikas gleich verbreitet gewesen zu seyn.
+Im Norden von Mexico, am Rio Gila, in den Truemmern einer aztekischen
+Stadt, in den Vereinigten Staaten bei den Grabhuegeln der Miamis, in
+Florida und ueberall, wo sich Spuren einer alten Cultur finden, birgt der
+Boden Scherben von bemalten Geschirren. Und hoechst auffallend ist die
+durchgaengige grosse Aehnlichkeit der Verzierungen. Die wilden und solche
+civilisirten Voelker, die durch ihre staatlichen und religioesen
+Einrichtungen dazu verurtheilt sind, immer nur sich selbst zu copiren,
+(49) treibt ein gewisser Instinkt, immer dieselben Formen zu wiederholen,
+an einem eigenthuemlichen Typus oder Styl festzuhalten, immer nach
+denselben Handgriffen und Methoden zu arbeiten, wie schon die Vorfahren
+sie gekannt. In Nordamerika wurden Steingutscherben an den
+Befestigungslinien und in den Ringwaellen gefunden, die von einem
+unbekannten, gaenzlich ausgestorbenen Volke herruehren. Die Malereien auf
+diesen Scherben haben die auffallendste Aehnlichkeit mit denen, welche die
+Eingeborenen von Louisiana und Florida noch jetzt auf gebranntem Thon
+anbringen. So malten denn auch die Indianer in Maypures unter unsern Augen
+Verzierungen, ganz wie wir sie in der Hoehle von Ataruipe auf den Gefaessen
+gesehen, in denen menschliche Gebeine aufbewahrt sind. Es sind wahre
+"_'Grecques'_" Maeanderlinien, Figuren von Krokodilen, von Affen, und von
+einem grossen vierfuessigen Thier, von dem ich nicht wusste, was es vorstellen
+soll, das aber immer dieselbe plumpe Gestalt hat. Ich koennte bei dieser
+Gelegenheit eines Kopfs mit einem Elephantenruessel gedenken, den ich im
+Museum zu Velletri auf einem alten mexicanischen Gemaelde gefunden; ich
+koennte keck die Hypothese aufstellen, das grosse vierfuessige Thier auf den
+Toepfen der Maypures gehoere einem andern Lande an und der Typus desselben
+habe sich auf der grossen Wanderung der amerikanischen Voelker von Nordwest
+nach Sued und Suedost in der Erinnerung erhalten; wer wollte sich aber bei
+so schwankenden, auf nichts sich stuetzenden Vermuthungen aufhalten? Ich
+moechte vielmehr glauben, die Indianer am Orinoco haben einen Tapir
+vorstellen wollen, und die verzeichnete Figur eines einheimischen Thiers
+sey einer der Typen geworden, die sich forterben. Oft hat nur Ungeschick
+und Zufall Figuren erzeugt, ueber deren Herkunft wir gar ernsthaft
+verhandeln, weil wir nicht anders glauben, als es liege ihnen eine
+Gedankenverbindung, eine absichtliche Nachahmung zu Grunde.
+
+Am geschicktesten fuehren die Maypures Verzierungen aus geraden, mannigfach
+combinirten Linien aus, wie wir sie auf den grossgriechischen Vasen, auf
+den mexicanischen Gebaeuden in Mitla und auf den Werken so vieler Voelker
+sehen, die, ohne dass sie mit einander in Verkehr gestanden, eben gleiches
+Vergnuegen daran finden, symmetrisch dieselben Formen zu wiederholen. Die
+Arabesken, die Maeander vergnuegen unser Auge, weil die Elemente, aus denen
+die Baender bestehen, in rhythmischer Folge an einander gereiht sind. Das
+Auge verhaelt sich zu dieser Anordnung, zu dieser periodischen Wiederkehr
+derselben Formen wie das Ohr zur taktmaessigen Aufeinanderfolge von Toenen
+und Accorden. Kann man aber in Abrede ziehen, dass beim Menschen das Gefuehl
+fuer den Rhythmus schon beim ersten Morgenroth der Cultur, in den rohesten
+Anfaengen von Gesang und Poesie zum Ausdruck kommt?
+
+Die Eingeborenen in Maypures (und besonders die Weiber verfertigen das
+Geschirr) reinigen den Thon durch wiederholtes Schlemmen, kneten ihn zu
+Cylindern und arbeiten mit den Haenden die groessten Gefaesse aus; Der
+amerikanische Indianer weiss nichts von der Toepferscheibe, die sich bei den
+Voelkern des Orients aus dem fruehesten Alterthum herschreibt. Man kann sich
+nicht wundern, dass die Missionaere die Eingeborenen am Orinoco nicht mit
+diesem einfachen, nuetzlichen Werkzeug bekannt gemacht haben, wenn man
+bedenkt, dass es nach drei Jahrhunderten noch nicht zu den Indianern auf
+der Halbinsel Araya, dem Hafen von Cumana gegenueber, gedrungen ist.[S.
+Bd. I. Seite 273] Die Farben der Maypures sind Eisen- und Manganoxyde,
+besonders gelber und rother Ocker, der in Hoehlungen des Sandsteins
+vorkommt. Zuweilen wendet man das Satzmehl der _Bignonia Chica_ an,
+nachdem das Geschirr einem ganz schwachen Feuer ausgesetzt worden. Man
+ueberzieht die Malerei mit einem Firniss von _Algarobo_, dem durchsichtigen
+Harz der _Hymenaea Courbaril_. Die grossen Gefaesse zur Aufbewahrung der
+_Chiza_ heissen _Ciamacu_, die kleineren _Mucra_, woraus die Spanier an der
+Kueste _Murcura_ gemacht haben. Uebrigens weiss man am Orinoco nicht allein
+von den Maypures, sondern auch von den Guaypunabis, Caraiben, Otomacos und
+selbst von den Guamos, dass sie Geschirr mit Malereien verfertigen. Frueher
+war dieses Gewerbe bis zum Amazonenstrom hin verbreitet. Schon ORELLANA
+fielen die gemalten Verzierungen auf dem Geschirr der Omaguas aus, die zu
+seiner Zeit ein zahlreiches, handeltreibendes Volk waren.
+
+Ehe ich von diesen Spuren eines keimenden Gewerbfleisses bei Voelkern, die
+wir ohne Unterschied als Wilde bezeichnen, zu etwas Anderem uebergehe,
+mache ich noch eine Bemerkung, die ueber die Geschichte der amerikanischen
+Civilisation einiges Licht verbreiten kann. In den Vereinigten Staaten,
+ostwaerts von den Alleghanis, besonders zwischen dem Ohio und den grossen
+canadischen Seen, findet man im Boden fast ueberall bemalte Topfscherben
+und daneben kupferne Werkzeuge. Diess erscheint auffallend in einem Lande,
+wo die Eingeborenen bei der Ankunft der Europaeer mit dem Gebrauch der
+Metalle unbekannt waren. In den Waeldern von Suedamerika, die sich vom
+Aequator bis zum achten Grad noerdlicher Breite, das heisst vom Fusse der
+Anden bis zum atlantischen Meer ausdehnen, findet man dasselbe bemalte
+Toepfergeschirr an den einsamsten Orten; aber es kommen damit nur kuenstlich
+durchbohrte Aexte aus Nephrit und anderem hartem Stein vor. Niemals hat
+man dort im Boden Werkzeuge oder Schmucksachen aus Metall gefunden,
+obgleich man in den Gebirgen an der Kueste und auf dem Ruecken der
+Cordilleren Gold und Kupfer zu schmelzen und letzteres mit Zinn zur
+Verfertigung von schneidenden Werkzeugen zu legiren verstand. Woher ruehrt
+dieser scharfe Gegensatz zwischen der gemaessigten und der heissen Zone? Die
+peruanischen Incas hatten ihre Eroberungen und Religionskriege bis an den
+Napo und den Amazonenstrom ausgedehnt, und dort hatte sich auch ihre
+Sprache auf einem beschraenkten Landstrich verbreitet; aber niemals scheint
+die Cultur der Peruaner, der Bewohner von Quito und der Muyscas in
+Neu-Grenada auf den moralischen Zustand der Voelker von Guyana irgend einen
+merklichen Einfluss geaeussert zu haben. Noch mehr: in Nordamerika, zwischen
+dem Ohio, dem Miami und den Seen, hat ein unbekanntes Volk, das die
+Systematiker von den Tolteken und Azteken abstammen lassen moechten, aus
+Erde, zuweilen sogar aus Steinen(50) ohne Moertel zehn bis fuenfzehn Fuss
+hohe und sieben bis achttausend Fuss lange Mauern gebaut. Diese
+raethselhaften Ringwaelle und Ringmauern umschliessen oft gegen 150 Morgen
+Land. Bei den Niederungen am Orinoco, wie bei den Niederungen an der
+Marietta, am Miami und Ohio liegt der Mittelpunkt einer alten Cultur
+westwaerts auf dem Ruecken der Gebirge; aber der Orinoco und die Laender
+zwischen diesem grossen Fluss und dem Amazonenstrom scheinen niemals von
+Voelkern bewohnt gewesen zu seyn, deren Bauten dem Zahn der Zeit
+widerstanden haetten. Sieht man dort auch symbolische Figuren ins haerteste
+Felsgestein eingegraben, so hat man doch suedlich vom achten Breitengrade
+bis jetzt nie weder einen Grabhuegel, noch einen Ringwall, noch Erddaemme
+gefunden, wie sie weiter nordwaerts auf den Ebenen von Barinas und Canagua
+vorkommen. Solches ist der Gegensatz zwischen den oestlichen Stuecken der
+beiden Amerika, zwischen denen, die sich von der Hochebene von
+Cundinamarca und den Gebirgen von Cayenne gegen das atlantische Meer
+ausbreiten, und denen, die von den Anden von Neu-Spanien gegen die
+Alleghanis hinstreichen. In der Cultur vorgeschrittene Voelker, deren
+Spuren uns am Ufer des Sees Teguyo und in den *Casas grandes* am Rio Gila
+entgegen treten, mochten einzelne Staemme gegen Ost in die offenen Fluren
+am Missouri und Ohio vorschieben, wo das Klima nicht viel anders ist als
+in Neu-Mexico; aber in Suedamerika, wo die grosse Voelkerstroemung von Nord
+nach Sued ging, konnten Menschen, die schon so lange auf dem Ruecken der
+tropischen Cordilleren einer milden Temperatur genossen, keine Lust haben,
+in die gluehend heissen, mit Urwald bedeckten, periodisch von den Fluessen
+ueberschwemmten Ebenen niederzusteigen. Man sieht leicht, wie in der heissen
+Zone die Ueberfuelle des Pflanzenwuchses, die Beschaffenheit von Boden und
+Klima die Wanderungen der Eingeborenen in starken Haufen beschraenkten,
+Niederlassungen, die eines weiten freien Raumes beduerfen, nicht aufkommen
+liessen, das Elend und die Versunkenheit der vereinzelten Horden
+verewigten.
+
+Heutzutage geht die schwache Cultur, wie die spanischen Moenche sie
+eingefuehrt, wieder rueckwaerts. PATER GILI berichtet, zur Zeit der
+Grenzexpedition habe der Ackerbau am Orinoco angefangen Fortschritte zu
+machen; das Vieh, besonders die Ziegen hatten sich in Maypures bedeutend
+vermehrt. Wir haben weder in dieser Mission, noch sonst in einem Dorfe am
+Orinoco mehr welche angetroffen; die Tiger haben die Ziegen gefressen. Nur
+die schwarzen und weissen Schweine (letztere heissen franzoesische Schweine,
+_puercos franceses_ weil man glaubt, sie seyen von den Antillen gekommen)
+haben trotz der reissenden Thiere ausgedauert. Mit grossem Interesse sahen
+wir um die Huetten der Indianer _'Guacamayas'_ oder zahme Aras, die auf den
+Feldern herumflogen wie bei uns die Tauben. Es ist diess die groesste und
+praechtigste Papagaienart mit nicht befiederten Wangen, die wir aus unsern
+Reisen angetroffen. Sie misst mit dem Schwanz 2 Fuss 3 Zoll, und wir haben
+sie auch am Atabapo, Temi und Rio Negro gefunden. Das Fleisch des _Cahuei_
+-- so heisst hier der Vogel -- das haeufig gegessen wird, ist schwarz und
+etwas hart. Diese Aras, deren Gefieder in den brennendsten Farben,
+purpurroth, blau und gelb, schimmert, sind eine grosse Zierde der
+indianischen Huehnerhoefe. Sie stehen an Pracht den Pfauen, Goldfasanen,
+Pauxis und Alectors nicht nach. Die Sitte, Papagaien, Voegel aus einer dem
+Huehnergeschlecht so ferne stehenden Familie aufzuziehen, war schon
+CHRISTOPH COLUMBUS aufgefallen. Gleich bei der Entdeckung Amerikas hatte
+er beobachtet, dass die Eingeborenen auf den Antillen statt Huehner Aras
+oder grosse Papagaien assen.
+
+Beim kleinen Dorfe Maypures waechst ein praechtiger, ueber 60 Fuss hoher Baum,
+den die Colonisten _'Frutta de Burro'_ nennen. Es ist eine neue Gattung
+_Unona_, die den Habitus von AUBLETs _Uvaria Zeylandica_ hat und die ich
+frueher _Uvaria febrifuga_ benannt hatte. Ihre Zweige sind gerade und
+stehen pyramidalisch aufwaerts, fast wie bei der Pappel vom Mississippi,
+faelschlich italienische Pappel genannt. Der Baum ist beruehmt, weil seine
+aromatischen Fruechte, als Ausguss gebraucht, ein wirksames Fiebermittel
+sind. Die armen Missionare am Orinoco, die den groessten Theil des Jahres am
+dreitaegigen Fieber leiden, reisen nicht leicht, ohne ein Saeckchen mit
+_fruttas de Burro_ bei sich zu fuehren. Unter den Tropen braucht man meist
+lieber aromatische Mittel, z. B. sehr starken Kaffee, _Croton Cascarilla_
+oder die Fruchthuelle unserer Unona, als die adstringirenden Rinden der
+_Cinchona_ und der _Bonplandia trifoliata_ welch letztere die China von
+Angostura ist. Das amerikanische Volk hat ein tief wurzelndes Vorurtheil
+gegen den Gebrauch der verschiedenen Chinaarten, und in dem Lande, wo
+dieses herrliche Heilmittel waechst, sucht man die Fieber durch Aufguesse
+von _Scoparia dulcis_ _'abzuschneiden'_, oder auch durch warme Limonade
+aus Zucker und der kleinen wilden Citrone, deren Rinde oeligt und
+aromatisch zugleich ist.
+
+Das Wetter war astronomischen Beobachtungen nicht guenstig; indessen
+erhielt ich doch am 20. April eine gute Reihe eorrespondirender
+Sonnenhoehen, nach denen der Chronometer fuer die Mission Maypures
+70 deg. 37{~PRIME~} 33{~DOUBLE PRIME~} Laenge ergab; die Breite wurde durch Beobachtung eines Sterns
+gegen Norden gleich 59 deg. 13{~PRIME~} 57{~DOUBLE PRIME~} gefunden. Die neuesten Karten sind in der
+Laenge um 1/2 Grad, in der Breite um 1/4 Grad unrichtig. Wie muehsam und
+qualvoll diese naechtlichen Beobachtungen waren, vermoechte ich kaum zu
+beschreiben. Nirgends war die Moskitowolke so dick wie hier. Sie bildete
+ein paar Fuss ueber dem Boden gleichsam eine eigene Schicht und wurde immer
+dichter, je naeher man gegen den kuenstlichen Horizont hinleuchtete. Die
+meisten Einwohner von Maypures gehen aus dem Dorf und schlafen auf den
+Inseln mitten in den Katarakten, wo es weniger Insekten gibt; andere
+machen aus Strauchwerk Feuer in ihren Huetten an und haengen ihre Matten
+mitten in den Rauch. Der Thermometer stand bei Nacht auf 27 und 29 deg., bei
+Tag auf 30 deg.. Am 19. April fand ich um zwei Uhr Nachmittags einen losen,
+grobkoernigen Granitsand 60 deg.,3 [48 deg.,2 Reaumur, Graeser von frischestem Gruen
+wuchsen in diesem Sand], einen gleichfalls weissen, aber feinkoernigen und
+dichteren Granitsand 52 deg.,5 heiss; die Temperatur eines kahlen Granitfelsen
+war 47 deg.,6. Zu derselben Stunde zeigte der Thermometer 8 Fuss ueber dem Boden
+im Schatten 29 deg.,6, in der Sonne 36 deg.,2. Eine Stunde nach Sonnenuntergang
+zeigte der grobe Sand 32 deg., der Granitfels 38 deg.,8, die Luft 28 deg.,6, das
+Wasser des Orinoco im Raudal, an der Oberflaeche, 27 deg.,6, das Wasser einer
+schoenen Quelle, die hinter dem Haus der Missionare aus dem Granit kommt,
+27 deg.,8. Es ist diess vielleicht etwas weniger als die mittlere
+Jahrestemperatur der Luft in Maypures. Die Inclination der Magnetnadel in
+Maypures betrug 31 deg.,10, also 1 deg.,15 weniger als im Dorfe Atures, das um
+25 Minuten der Breite weiter nach Norden liegt.
+
+Am 21. April. Nach einem Aufenthalt von zwei und einem halben Tag im
+kleinen Dorfe Maypures neben dem obern grossen Katarakt schifften wir uns
+um zwei Uhr Nachmittags in derselben Pirogue wieder ein, die der Missionaer
+von Carichana uns ueberlassen; sie war vom Schlagen an die Klippen und
+durch die Unvorsichtigkeit der indianischen Schiffsleute ziemlich
+beschaedigt; aber ihrer warteten noch groessere Fahrlichkeiten. Sie musste vom
+Rio Tuamini zum Rio Negro ueber eine Landenge 36,000 Fuss weit geschleppt
+werden, sie musste ueber den Cassiquiare wieder in den Orinoco herauf und
+zum zweitenmal durch die beiden Raudales. Man untersuchte Boden und
+Seitenwaende der Pirogue und meinte, sie sey stark genug, die lange Reise
+auszuhalten.
+
+Sobald man ueber die grossen Katarakten weg ist, befindet man sich in einer
+neuen Welt; man fuehlt es, man hat die Schranke hinter sich, welche die
+Natur selbst zwischen den cultivirten Kuestenstrichen und den wilden,
+unbekannten Laendern im Innern gezogen zu haben scheint. Gegen Ost in
+blauer Ferne zeigte sich zum letztenmale die hohe Bergkette des Cunavami;
+ihr langer wagerechter Kamm erinnert an die Gestalt der Mesa im Bergantin
+bei Cumana, nur endigt sie mit einem abgestutzten Kegel. Der Pic
+Calitamini (so heisst dieser Gipfel) ist bei Sonnenuntergang wie von
+roethlichem Feuer bestrahlt, und zwar einen Tag wie den andern. Kein Mensch
+ist je diesem Berge nahe gekommen, der nicht ueber 600 Toisen hoch ist.(51)
+Ich glaube, dieser gewoehnlich roethliche, zuweilen silberweisse Schimmer ist
+ein Reflex von grossen Talgblaettern oder von Gneiss, der in Glimmerschiefer
+uebergeht. Das ganze Land besteht hier aus Granitgestein, dem da und dort,
+auf kleinen Ebenen, unmittelbar ein thonigter Sandstein mit Quarztruemmern
+und Brauneisenstein aufgelagert ist.
+
+Auf dem Wege zum Landungsplatz fingen wir auf einem Heveastamm [Einer der
+Baeume, deren Milch Cautschuc gibt.] eine neue, durch ihre schoene Faerbung
+ausgezeichnete Froschart. Der Bauch war gelb, Ruecken und Kopf schoen
+sammtartig purpurfarb; ein einziger ganz schmaler weisser Streif lief von
+der Spitze des Mauls zu den Hinterbeinen. Der Frosch war zwei Zoll lang,
+nahe verwandt der _Rana tinctoria_, deren Blut (wie man behauptet), wenn
+man es Papagaien da, wo man ihnen Federn ausgerauft, in die Haut einreibt,
+macht, dass die neuen gelben oder rothen Federn scheckigt werden. Den Weg
+entlang zeigten uns die Indianer etwas, was hier zu Land allerdings sehr
+merkwuerdig ist, Raederspuren im Gestein. Sie sprachen, wie von einem
+unbekannten Geschoepf, von den Thieren mit grossen Hoernern, welche zur Zeit
+der Grenzexpedition die Fahrzeuge durch das Thal des Keri vom Rio Toparo
+zum Rio Cameji gezogen, um die Katarakten zu umgehen und die Muehe des
+Umladens zu ersparen. Ich glaube, diese armen Einwohner von Maypures
+wunderten sich jetzt beim Anblick eines Ochsen von castilischer Race, wie
+die Roemer ueber die _'lucanischen Ochsen'_ (die Elephanten im Heere des
+Pyrrhus).
+
+Wenn man durch das Thal des Keri einen Canal zoege, der die kleinen Fluesse
+Cameji und Toparo vereinigte, brauchten die Piroguen nicht mehr durch die
+Raudales zu gehen. Auf diesem ganz einfachen Gedanken beruht der Plan, den
+ich im ersten Entwurf durch den Generalcapitaen von Caracas, Guevara
+Basconzelos, der spanischen Regierung habe vorlegen lassen. Beim Katarakt
+von Maypures sind die Bodenverhaeltnisse so guenstig, wie man sie bei Atures
+vergeblich suchte. Der Canal wuerde 2850 oder 1360 Toisen lang, je nachdem
+man ihn nahe an der Muendung der beiden Fluesschen oder weiter ihren Quellen
+zu anfangen liesse. Das Terrain scheint im Durchschnitt von Sued Sued Ost
+nach Nord Nord West um 6--7 Toisen zu fallen, und im Thal des Keri ist der
+Boden ganz eben, mit Ausnahme eines kleinen Kamms oder einer
+Wasserscheide, welche im Parallel der Kirche von Maypures die beiden
+Nebenfluesse des Stromes nach entgegengesetzten Seiten laufen laesst. Die
+Ausfuehrung dieses Plans waere durchaus nicht kostspielig, da die Landenge
+groesstentheils aus angeschwemmtem Boden besteht, und Pulver haette man dabei
+gar nicht noethig. Dieser Canal, der nicht ueber zehn Fuss breit zu seyn
+brauchte, waere als ein schiffbarer Arm des Orinoco zu betrachten. Es
+beduerfte keiner Schleusse, und die Fahrzeuge, die in den obern Orinoco
+gehen, wuerden nicht mehr wie jetzt durch die Reibung an den rauhen Klippen
+im Raudal beschaedigt; man zoege sie hinauf, und da man die Waaren nicht
+mehr auszuladen brauchte, wuerde viel Zeit erspart. Man hat die Frage
+eroertert, wozu der von mir in Vorschlag gebrachte Canal dienen sollte.
+Hier ist die Antwort, die ich im Jahr 1801 auf meiner Reise nach Quito dem
+Ministerium ertheilt habe: "Auf den Bau eines Canals bei Maypures und
+eines andern, von dem in der Folge die Rede seyn wird, lege ich nur in der
+Voraussetzung Gewicht, dass die Regierung sich mit Handel und Gewerbfleiss
+am obern Orinoco ernstlich beschaeftigen wollte. Unter den gegenwaertigen
+Verhaeltnissen, da, wie es scheint, die Ufer des majestaetischen Stromes
+gaenzlich vernachlaessigt bleiben sollen, waeren Canaele allerdings so gut wie
+ueberfluessig."
+
+Nachdem wir uns im *Puerto de arriba* eingeschifft, gingen wir mit
+ziemlicher Beschwerde ueber den Raudal de Cameji; diese Stelle gilt bei
+sehr hohem Wasserstand fuer gefaehrlich. Jenseits des Raudals fanden wir den
+Strom spiegelglatt. Wir uebernachteten auf einer felsigten Insel, genannt
+Piedra Raton; sie ist gegen dreiviertel Meilen lang, und auch hier
+wiederholt sich die interessante Erscheinung einer in der Entwicklung
+begriffenen Vegetation, jener zerstreuten Gruppen von Buschwerk auf ebenem
+Felsboden, wovon schon oefters die Rede war. Ich konnte in der Nacht
+mehrere Sternbeobachtungen machen und fand die Breite der Insel gleich
+5 deg. 4{~PRIME~} 51{~DOUBLE PRIME~}, ihre Laenge gleich 70 deg. 57{~PRIME~}. Ich konnte die im Strom reflektirten
+Sternbilder benuetzen; obgleich wir uns mitten im Orinoco befanden, war die
+Moskitowolke so dick, dass ich nicht die Geduld hatte, den kuenstlichen
+Horizont zu richten.
+
+Am 22. April. Wir brachen anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang auf. Der
+Morgen war feucht, aber herrlich; kein Lueftchen liess sich spueren, denn
+suedlich von Atures und Maypures herrscht bestaendig Windstille. Am Rio
+Negro und Cassiquiare, am Fuss des Cerro Duida in der Mission Santa Barbara
+hoerten wir niemals das Rauschen des Laubs, das in heissen Laendern einen
+ganz eigenthuemlichen Reiz hat. Die Kruemmungen des Stroms, die schuetzenden
+Berge, die undurchdringlichen Waelder und der Regen, der einen bis zwei
+Grade noerdlich vom Aequator fast gar nicht aussetzt, moegen diese
+Erscheinung veranlassen, die den Missionen am Orinoco eigenthuemlich ist.
+
+In dem unter suedlicher Breite, aber eben so weit vom Aequator gelegenen
+Thal des Amazonenstroms erhebt sich alle Tage, zwei Stunden nach der
+Culmination der Sonne, ein sehr starker Wind. Derselbe weht immer gegen
+die Stroemung und wird nur im Flussbett selbst gespuert. Unterhalb San Borja
+ist es ein Ostwind; in Tomependa fand ich ihn zwischen Nord und Nord Nord
+Ost. Es ist immer die Brise, der von der Umdrehung der Erde herruehrende
+Wind, der aber durch kleine oertliche Verhaeltnisse bald diese, bald jene
+Richtung bekommt. Mit diesem bestaendigen Wind segelt man von Gran Para bis
+Tefe, 750 Meilen weit, den Amazonenstrom hinauf. In der Provinz Jaen de
+Bracamoros, am Fuss des Westabhangs der Cordilleren, tritt dieser vom
+atlantischen Meere herkommende Wind zuweilen als ein eigentlicher Sturm
+auf. Wenn man auf das Flussufer zugeht, kann man sich kaum auf den Beinen
+halten; so auffallend anders sind die Verhaeltnisse am obern Orinoco und am
+obern Amazonenstrom.
+
+Sehr wahrscheinlich ist es diesem bestaendig wehenden Winde zuzuschreiben,
+dass der Amazonenstrom so viel gesunder ist. In der stockenden Luft am
+obern Orinoco sind die chemischen Affinitaeten eingreifender und es
+entwickeln sich mehr schaedliche Miasmen. Die bewaldeten Ufer des
+Amazonenstroms waeren eben so ungesund, wenn nicht der Fluss, gleich dem
+Niger, seiner ungeheuren Laenge nach von West nach Ost, also in der
+Richtung der Passatwinde, gerade fortliefe. Das Thal des Amazonenstroms
+ist nur an seinem westlichen Ende, wo es der Cordillere der Anden nahe
+rueckt, geschlossen. Gegen Ost, wo der Seewind auf den neuen Continent
+trifft, erhebt sich das Gestade kaum ein paar Fuss ueber den Spiegel des
+atlantischen Meeres. Der obere Orinoco laeuft Anfangs von Ost nach West,
+und dann von Nord nach Sued. Da wo sein Lauf dem des Amazonenstroms
+ziemlich parallel ist, liegt zwischen ihm und dem atlantischen Meer ein
+sehr gebirgiges Land, der Gebirgsstock der Parime und des hollaendischen
+und franzoesischen Guyana, und laesst den Rotationswind nicht nach Esmeralda
+kommen; erst vom Einfluss des Apure an, von wo der untere Orinoco von West
+nach Ost ueber eine weite, dem atlantischen Meer zu offene Ebene laeuft,
+faengt der Wind an kraeftig aufzutreten; dieses Stromstueck ist daher auch
+nicht so ungesund als der obere Orinoco.
+
+Als dritten Vergleichungspunkt fuehre ich das Thal des Magdalenenstromes
+an. Derselbe behaelt, wie der Amazonenstrom, immer dieselbe Richtung, aber
+sie ist unguenstig, weil sie nicht mit der des Seewinds zusammenfaellt,
+sondern von Sued nach Nord geht. Obgleich im Striche der Passatwinde
+gelegen, hat der Magdalenenstrom eine so stockende Luft wie der obere
+Orinoco. Vom Canal Mahates bis Honda, namentlich suedlich von der Stadt
+Mompox, spuerten wir niemals etwas von Wind, ausser beim Anzug naechtlicher
+Gewitter. Kommt man dagegen auf dem Fluss ueber Honda hinauf, so findet man
+die Luft ziemlich oft in Bewegung. Die sehr starken Winde, die sich im
+Thale des Neiva verfangen, sind als ungemein heiss weit berufen. Man mag es
+anfangs auffallend finden, dass die Windstille aufhoert, wenn man im obern
+Stromlauf dem Gebirge naeher kommt; aber es erscheint erklaerlich, wenn man
+bedenkt, dass die trockenen heissen Winde in den Llanos am Neiva von
+niedergehenden Luftstroemungen herruehren. Kalte Luftsaeulen stuerzen von den
+*Nevadas* von Quindiu und Guanacas in das Thal nieder und jagen die untern
+Luftschichten vor sich her. Ueberall unter den Tropen, wie in der
+gemaessigten Zone, entstehen durch die ungleiche Erwaermung des Bodens und
+durch die Naehe schneebedeckter Gebirge oertliche Luftstroemungen. Jene sehr
+starken Winde am Neiva kommen nicht daher, dass die Passatwinde
+zurueckgeworfen wuerden; sie entstehen vielmehr da, wohin der Seewind nicht
+gelangen kann, und wenn die meist ganz mit Baeumen bewachsenen Berge am
+obern Orinoco hoeher waeren, so wuerden sie in der Luft dieselben raschen
+Gleichgewichtsstoerungen hervorbringen, wie wir sie in den Gebirgen von
+Peru, Abyssinien und Tibet beobachten. Dieser genaue ursachliche
+Zusammenhang zwischen der Richtung der Stroeme, der Hoehe und Stellung der
+anliegenden Gebirge, den Bewegungen der Atmosphaere und der Salubritaet des
+Klima verdient die groesste Aufmerksamkeit. Wie ermuedend und unfruchtbar
+waere doch das Studium der Erdoberflaeche und ihrer Unebenheiten, wenn es
+nicht aus allgemeinen Gesichtspunkten aufgefasst wuerde!
+
+Sechs Meilen von der Insel Piedra Raton kam zuerst ostwaerts die Muendung
+des Rio Sipapo, den die Indianer Tipapu nennen, dann westwaerts die Muendung
+des Rio Vichada. In der Naehe der letzteren bilden Felsen ganz unter Wasser
+einen kleinen Fall, einen _'Raudalito'_. Der Rio Sipapo, den PATER GILI im
+Jahr 1757 hinauffuhr und der nach ihm zweimal breiter ist als der Tiber,
+kommt aus einer ziemlich bedeutenden Bergkette. Im suedlichen Theil traegt
+dieselbe den Namen des Flusses und verbindet sich mit dem Bergstock des
+Calitamini und Cunavami. Nach dem Pic von Duida, der ueber der Mission
+Esmeralda aufsteigt, schienen mir die Cerros de Sipapo die hoechsten in der
+ganzen Cordillere der Parime. Sie bilden eine ungeheure Felsmauer, die
+schroff aus der Ebene aussteigt und deren von Sued Sued Ost nach Nord Nord
+West gerichteter Kamm ausgezackt ist. Ich denke, aufgethuermte Granitbloecke
+bringen diese Einschnitte, diese Auszackung hervor, die man auch am
+Sandstein des Montserrat in Catalonien beobachtet. Jede Stunde war der
+Anblick der Cerros de Sipapo wieder ein anderer. Bei Sonnenaufgang gibt
+der dichte Pflanzenwuchs den Bergen die dunkelgruene, ins Braeunlichte
+spielende Farbe, wie sie Landstrichen eigen ist, wo Baeume mit lederartigen
+Blaettern vorherrschen. Breite, scharfe Schatten fallen ueber die anstossende
+Ebene und stechen ab vom glaenzenden Licht, das auf dem Boden, in der Luft
+und auf der Wasserflaeche verbreitet ist. Aber um die Mitte des Tages, wenn
+die Sonne das Zenith erreicht, verschwinden diese kraeftigen Schatten
+allmaehlig und die ganze Kette huellt sich in einen leisen Dust, der weit
+satter blau ist als der niedrige Strich des Himmelsgewoelbes. In diesem um
+den Felskamm schwebenden Dust verschwimmen halb die Umrisse, werden die
+Lichteffekte gedaempft, und so erhaelt die Landschaft das Gepraege der Ruhe
+und des Friedens, das in der Natur, wie in den Werken CLAUDE LORRAINs und
+POUSSINs, aus der Harmonie zwischen Form und Farbe entspringt.
+
+Hinter diesen Bergen am Sipapo lebte lange Cruzero, der maechtige Haeuptling
+der Guaypunabis, nachdem er mit seiner kriegerischen Horde von den Ebenen
+zwischen dem Rio Irinida und dem Chamochiquini abgezogen war. Die Indianer
+versicherten uns, in den Waeldern am Sipapo wachse in Menge der _'Vehuco de
+Maimure'_. Dieses Schlinggewaechs ist den Indianern sehr wichtig, weil sie
+Koerbe und Matten daraus verfertigen. Die Waelder am Sipapo sind voellig
+unbekannt, und die Missionaere versetzen hieher das Volk der _'Rayas'_,(52)
+"die den Mund am Nabel haben." Ein alter Indianer, den wir in Carichana
+antrafen und der sich ruehmte oft Menschenfleisch gegessen zu haben, hatte
+diese kopflosen Menschen "mit eigenen Augen" gesehen. Diese abgeschmackten
+Maehrchen haben sich auch in den Llanos verbreitet, und dort ist es nicht
+immer gerathen, die Existenz der Rayas-Indianer in Zweifel zu ziehen. In
+allen Himmelsstrichen ist Unduldsamkeit die Gefaehrtin der
+Leichtglaeubigkeit, und man koennte meinen, die Hirngespinnste der alten
+Erdbeschreiber seyen aus der einen Halbkugel in die andere gewandert, wenn
+man nicht wuesste, dass die seltsamsten Ausgeburten der Phantasie, gerade wie
+die Naturbildungen, ueberall in Aussehen und Gestaltung eine gewisse
+Aehnlichkeit zeigen.
+
+Bei der Muendung des Rio Vichada oder Visata stiegen wir aus, um die
+Pflanzen des Landstrichs zu untersuchen. Die Gegend ist hoechst merkwuerdig;
+der Wald ist nicht sehr dicht und eine Unzahl kleiner Felsen steht frei
+auf der Ebene. Es sind prismatische Steinmassen und sie sehen wie
+verfallene Pfeiler, wie einzeln stehende fuenfzehn bis zwanzig Fuss hohe
+Thuermchen aus. Die einen sind von den Baeumen des Waldes beschattet, bei
+andern ist der Gipfel von Palmen gekroent. Die Felsen sind Granit, der in
+Gneiss uebergeht. Befaende man sich hier nicht im Bereich des Urgebirgs, man
+glaubte sich in die Felsen von Adersbach in Boehmen oder von Streitberg und
+Fantasie in Franken versetzt. Sandstein und secundaerer Kalkstein koennen
+keine groteskeren Formen annehmen. An der Muendung des Vichada sind die
+Granitfelsen, und was noch weit auffallender ist, der Boden selbst mit
+Moosen und Flechten bedeckt. Letztere haben den Habitus von _Cladonia
+pyxidata_ und _Lichen rangiferinus_, die im noerdlichen Europa so haeufig
+vorkommen. Wir konnten kaum glauben, dass wir uns keine hundert Toisen ueber
+dem Meer, unter dem fuenften Breitegrad mitten in der heissen Zone befanden,
+von der man so lange glaubte, dass keine kryptogamischen Gewaechse in ihr
+vorkommen. Die mittlere Temperatur dieses schattigen feuchten Ortes
+betraegt wahrscheinlich ueber 26 Grad des hunderttheiligen Thermometers. In
+Betracht des wenigen Regens, der bis jetzt gefallen war, wunderten wir uns
+ueber das schoene Gruen der Waelder. Dieser Umstand ist fuer das obere
+Orinocothal charakteristisch; an der Kueste von Caracas und in den Llanos
+werfen die Baeume ihr Laub im Winter(53) ab und man sieht am Boden nur
+gelbes, vertrocknetes Gras. Zwischen den eben beschriebenen freistehenden
+Felsen wuchsen mehrere grosse Staemme Saeulencactus (_Cactus
+septemangularis_), was suedlich von den Katarakten von Atures und Maypures
+eine grosse Seltenheit ist.
+
+Am selben malerischen Ort hatte Bonpland das Glueck, mehrere Staemme von
+_Laurus cinnamomoides_ anzutreffen, eines sehr gewuerzreichen Zimmtbaumes,
+der am Orinoco unter dem Namen _'Varimacu'_ und _'Canelilla'_ bekannt
+ist.(54) Dieses kostbare Produkt kommt auch im Thale des Rio Caura, wie
+bei Esmeralda und oestlich von den grossen Katarakten vor. Der Jesuit
+FRANCISCO DE OLMA scheint die Canelilla im Lande der Piaroas bei den
+Quellen des Cataniapo entdeckt zu haben. Der Missionar GILI, der nicht bis
+in die Gegend kam, von der hier die Rede ist, scheint den *Varimacu* oder
+*Guarimacu* mit der Myristica oder dem amerikanischen Muskatbaum zu
+verwechseln. Diese gewuerzhaften Rinden und Fruechte, der Zimmt, die
+Muskatnuss, _Myrtus Pimenta_ und _Laurus pucheri_ waeren wichtige
+Handelsartikel geworden, wenn nicht Europa bei der Entdeckung von Amerika
+bereits an die Gewuerze und Wohlgerueche Ostindiens gewoehnt gewesen waere.
+Der Zimmt vom Orinoco und der aus den Missionen der Andaquies, dessen
+Anbau Mutis in Mariquita in Neu-Grenada eingefuehrt hat, sind uebrigens
+weniger gewuerzhaft als der Ceylonzimmt, und waeren solches selbst dann,
+wenn sie ganz so getrocknet und zubereitet wuerden.
+
+Jede Halbkugel hat ihre eigenen Arten von Gewaechsen, und es erklaert sich
+keineswegs aus der Verschiedenheit der Klimate, warum das tropische Afrika
+keine Laurineen, die neue Welt keine Heidekraeuter hervorbringt, warum es
+in der suedlichen Halbkugel keine Calceolarien gibt, warum auf dem
+indischen Festlande das Gefieder der Voegel nicht so glaenzend ist wie in
+den heissen Landstrichen Amerikas, endlich warum der Tiger nur Asien, das
+Schnabelthier nur Neuholland eigen ist? Die Ursachen der Vertheilung der
+Arten im Pflanzen- wie im Thierreich gehoeren zu den Raethseln, welche die
+Naturphilosophie nicht zu loesen im Stande ist. Mit dem Ursprung der Wesen
+hat diese Wissenschaft nichts zu thun, sondern nur mit den Gesetzen, nach
+denen die Wesen ueber den Erdball vertheilt sind. Sie untersucht das, was
+ist, die Pflanzen- und Thierbildungen, wie sie unter jeder Breite, in
+verschiedenen Hoehen und bei verschiedenen Waermegraden neben einander
+vorkommen; sie erforscht die Verhaeltnisse, unter denen sich dieser oder
+jener Organismus kraeftiger entwickelt, sich vermehrt oder sich umwandelt;
+aber sie ruehrt nicht an Fragen, die unmoeglich zu loesen sind, weil sie mit
+der Herkunft, mit dem Uranfang eines Lebenskeimes zusammenhaengen. Ferner
+ist zu bemerken, dass die Versuche, die Vertheilung der Arten auf dem
+Erdball allein aus dem Einfluss der Klimate zu erklaeren, einer Zeit
+angehoeren, wo die physische Geographie noch in der Wiege lag, wo man
+fortwaehrend an vermeintlichen Gegensaetzen beider Welten festhielt und sich
+vorstellte, ganz Afrika und Amerika gleichen den Wuesten Egyptens und den
+Suempfen Cayennes. Seit man den Sachverhalt nicht nach einem willkuehrlich
+angenommenen Typus, sondern nach positiven Kenntnissen beurtheilt, weiss
+man auch, dass die beiden Continente in ihrer unermesslichen Ausdehnung
+Bodenstuecke mit voellig uebereinstimmenden Naturverhaeltnissen aufzuweisen
+haben. Amerika hat so duerre und gluehend heisse Landstriche als das innere
+Afrika. Die Inseln, welche die indischen Gewuerze erzeugen, zeichnen sich
+keineswegs durch Trockenheit aus, und die Feuchtigkeit des Klimas ist
+durchaus nicht, wie in neueren Werken behauptet wird, die Ursache, warum
+auf dem neuen Continent die schoenen Laurineen- und Myristiceenarten nicht
+vorkommen, die im indischen Archipel in einem kleinen Erdwinkel neben
+einander wachsen. Seit einigen Jahren wird in mehreren Laendern des neuen
+Continents der aechte Zimmtbaum mit Erfolg gebaut, und ein Landstrich, auf
+dem der Coumarouna (die Tongabohne), die Vanille, der Pucheri, die Ananas,
+_Myrtus pimenta_, der Tolubalsam, _Myroxylon peruvianum_, die Crotonarten,
+die Citrosmen, der Pejoa (_Gaultheria odorata_), der Incienso der Silla
+von Caracas [_Trixis nereifolia_. S. Bd. II Seite 183], der Quereme, die
+Pancratium-Arten und so viele herrliche Lilienarten wachsen, kann nicht
+fuer einen gelten, dem es an Aromen fehlt. Zudem ist Trockenheit der Luft
+der Entwicklung aromatischer und reizender Eigenschaften nur bei gewissen
+Pflanzenarten foerderlich. Die heftigsten Gifte werden im feuchtesten
+Landstrich Amerikas erzeugt, und gerade unter dem Einfluss der anhaltenden
+tropischen Regen gedeiht der amerikanische Pfeffer (_capsicum baccatum_)
+am besten, dessen Frucht haeufig so scharf und beissend ist als der
+ostindische Pfeffer. Aus diesen Betrachtungen geht Folgendes hervor: 1)
+Der neue Continent besitzt sehr starke Gewuerze, Arome und vegetabilische
+Gifte, die ihm allein angehoeren, sich aber specifisch von denen der alten
+Welt unterscheiden; 2) die urspruengliche Vertheilung der Arten in der
+heissen Zone ist allein aus dem Einfluss des Klimas, aus der Vertheilung der
+Waerme, wie sie im gegenwaertigen Zustand unseres Planeten stattfindet,
+nicht zu erklaeren, aber diese Verschiedenheit der Klimate macht es uns
+begreiflich, warum ein gegebener organischer Typus sich an der einen
+Oertlichkeit kraeftiger entwickelt als an der andern. Wir begreifen von
+einigen wenigen Pflanzenfamilien, wie von den Musen und Palmen, dass sie
+wegen ihres innern Baus und der Wichtigkeit gewisser Organe unmoeglich sehr
+kalten Landstrichen angehoeren koennen; wir vermoegen aber nicht zu erklaeren,
+warum keine Art aus der Familie der Melastomeen noerdlich vom dreissigsten
+Breitegrad waechst, warum keine einzige Rosenart der suedlichen Halbkugel
+angehoert. Haeufig sind auf beiden Continenten die Klimate analog, ohne dass
+die Erzeugnisse gleichartig waeren.
+
+Der Rio Vichada (Vichada), der bei seinem Zusammenfluss mit dem Orinoco
+einen kleinen Raudal hat, schien mir nach dem Meta und dem Guaviare der
+bedeutendste unter den aus Westen kommenden Fluessen. Seit vierzig Jahren
+hat kein Europaeer den Vichada befahren. Ueber seine Quellen habe ich
+nichts in Erfahrung bringen koennen; ich vermuthe sie mit denen des Tomo
+auf den Ebenen suedwaerts von Casimena. Wenigstens ist wohl nicht
+zweifelhaft, dass die fruehesten Missionen an den Ufern des Vichada von
+Jesuiten aus den Missionen am Casanare gegruendet worden sind. Noch in
+neuester Zeit sah man fluechtige Indianer von Santa Rosalia de Cabapuna,
+einem Dorf am Meta, ueber den Rio Vichada an den Katarakt von Maypures
+kommen, was darauf hinweist, dass die Quellen desselben nicht sehr weit vom
+Meta seyn koennen. Pater GUMILLA hat uns die Namen mehrerer deutscher und
+spanischer Jesuiten aufbewahrt, die im Jahr 1734 an den jetzt oeden Ufern
+des Vichada von der Hand der Caraiben als Opfer ihres religioesen Eifers
+fielen.
+
+Nachdem wir zuerst gegen Ost am Cano Pirajavi, sodann gegen West an einem
+kleinen Fluss voruebergekommen, der nach der Aussage der Indianer aus einem
+See Namens Nao entspringt, uebernachteten wir am Ufer des Orinoco, beim
+Einfluss des Zama, eines sehr ansehnlichen Flusses, der so unbekannt ist
+als der Rio Vichada. Trotz des schwarzen Wassers des Zama hatten wir viel
+von den Insekten auszustehen. Die Nacht war schoen; in den niedern
+Luftregionen wehte kein Lueftchen, aber gegen zwei Uhr sahen wir dicke
+Wolken rasch von Ost nach West durch das Zenith gehen. Als sie beim
+Niedergehen gegen den Horizont vor die grossen Nebelflecken im Schuetzen
+oder im Schiff traten, erschienen sie schwarzblau. Die Nebelflecken sind
+nie lichtstaerker, als wenn sie zum Theil von Wolkenstreifen bedeckt sind.
+Wir beobachten in Europa dieselbe Erscheinung an der Milchstrasse, beim
+Nordlicht, wenn es im Silberlicht strahlt, endlich bei Sonnenauf- und
+Untergang an dem Stueck des Himmels, das weiss wird aus Ursachen, welche die
+Physik noch nicht gehoerig ermittelt hat.
+
+Kein Mensch kennt den weiten Landstrich zwischen Meta, Vichada und
+Guaviare weiter als auf eine Meile vom Ufer. Man glaubt, dass hier wilde
+Indianer vom Stamm der Chiricoas hausen, die gluecklicherweise keine Canoes
+bauen. Frueher, als noch die Caraiben und ihre Feinde, die Cabres, mit
+ihren Geschwadern von Floessen und Piroguen hier umherzogen, waere es
+unvorsichtig gewesen, an der Muendung eines Flusses zu uebernachten, der aus
+Westen kommt. Gegenwaertig, da die kleinen Niederlassungen der Europaeer die
+unabhaengigen Indianer von den Ufern des obern Orinoco verdraengt haben, ist
+dieser Landstrich so oede, dass uns von Carichana bis Javita und von
+Esmeralda bis San Fernando de Atabapo auf einer Stromfahrt von 180 Meilen
+nicht ein einziges Fahrzeug begegnete.
+
+Mit der Muendung des Rio Zama betraten wir ein Flusssystem, das grosse
+Aufmerksamkeit verdient. Der Zama, der Mataveni, der Atabapo, der Tuamini,
+der Temi, der Guainia haben *schwarzes Wasser* (_aguas negras_), das
+heisst, ihr Wasser, in grossen Massen gesehen, erscheint kaffeebraun oder
+gruenlich schwarz, und doch sind es die schoensten, klarsten,
+wohlschmeckendsten Wasser. Ich habe schon oben erwaehnt, dass die Krokodile
+und, wenn auch nicht die Zancudos, doch die Moskitos fast ueberall die
+schwarzen Wasser meiden. Das Volk behauptet ferner, diese Wasser braeunen
+das Gestein nicht, und die weissen Fluesse haben schwarze, die schwarzen
+Fluesse weisse Ufer. Und allerdings sieht man am Gestade des Guainia, den
+die Europaeer unter dem Namen *Rio Negro* kennen, haeufig blendend weisse
+Quarzmassen aus dem Granit hervorstehen. Im Glase ist das Wasser des
+Mataveni ziemlich weiss, das des Atabapo aber behaelt einen braungelblichen
+Schein. Wenn ein gelinder Wind den Spiegel dieser _'schwarzen Fluesse'_
+kraeuselt, so erscheinen sie schoen wiesengruen wie die Schweizer Seen. Im
+Schatten sind der Zama, der Atabapo, der Guainia schwarz wie Kaffeesatz.
+Diese Erscheinungen sind so auffallend, dass die Indianer aller Orten die
+Gewaesser in schwarze und weisse eintheilen. Erstere haben mir haeufig als
+kuenstlicher Horizont gedient; sie werfen die Sternbilder wunderbar scharf
+zurueck.
+
+Die Farbe des Quellwassers, Flusswassers und Seewassers gehoert zu den
+physikalischen Problemen, die durch unmittelbare Versuche schwer oder gar
+nicht zu loesen sind. Die Farben bei reflektirtem Licht sind meist ganz
+andere als bei durchgehendem, besonders wenn es durch eine grosse Masse
+Fluessigkeit durchgeht. Faende keine Absorption der Strahlen statt, so haette
+das durchgehende Licht immer die Farbe, welche die complementaere des
+reflektirten Lichtes waere, und meist beurtheilt man bei einem Wasser in
+einem nicht tiefen Glase mit enger Oeffnung das durchgehende Licht falsch.
+Bei einem Flusse gelangt das reflektirte farbige Licht immer von den
+innern Schichten der Fluessigkeit zu uns, nicht von der obersten Schicht
+derselben.
+
+Beruehmte Physiker, welche das reinste Gletscherwasser untersucht haben, so
+wie das, welches aus mit ewigem Schnee bedeckten Bergen entspringt, wo
+keine vegetabilischen Reste sich in der Erde finden, sind der Meinung, die
+eigenthuemliche Farbe des Wassers moechte blau oder gruen seyn. In der That
+ist durch nichts erwiesen, dass das Wasser von Natur weiss ist und immer ein
+Farbstoff im Spiele seyn muss, wenn dasselbe, bei reflektirtem Licht
+gesehen, eine Faerbung zeigt. Wo Fluesse wirklich einen faerbenden Stoff
+enthalten, ist derselbe meist in so geringer Menge, dass er sich jeder
+chemischen Untersuchung entzieht. Die Faerbung des Meeres scheint haeufig
+weder von der Beschaffenheit des Grundes, noch vom Reflex des Himmels und
+der Wolken abzuhaengen. Ein grosser Physiker, DAVY, soll der Ansicht seyn,
+die verschiedene Faerbung der Meere koennte daher ruehren, dass das Jod in
+verschiedenen Verhaeltnissen darin enthalten ist.
+
+Aus den alten Erdbeschreibern ersehen wir, dass bereits den Griechen die
+blauen Wasser der Thermopylen, die rothen bei Joppe, die schwarzen der
+heissen Baeder von Astyra, Lesbos gegenueber, aufgefallen waren. Manche
+Fluesse, z. B. die Rhone bei Genf, haben eine entschieden blaue Farbe. Das
+Schneewasser in den Schweizeralpen soll zuweilen smaragdgruen seyn, in
+wiesengruen uebergehend. Mehrere Seen in Savoyen und Peru sind braeunlich, ja
+fast schwarz. Die meisten dergleichen Farbenerscheinungen kommen bei
+Gewaessern vor, welche fuer die reinsten gelten, und man wird sich vielmehr
+an auf Analogien gegruendete Schluesse als an die unmittelbare Analyse
+halten muessen, um ueber diesen noch sehr dunkeln Punkt einiges Licht zu
+verbreiten. In dem weit ausgedehnten Flusssystem, das wir bereist -- und
+dieser Umstand scheint mir sehr auffallend -- kommen die _'schwarzen
+Wasser'_ vorzugsweise nur in dem Strich in der Naehe des Aequators vor. Um
+den fuenften Grad noerdlicher Breite faengt man an sie anzutreffen, und sie
+sind ueber den Aequator hinaus bis gegen den zweiten Grad suedlicher Breite
+sehr haeufig. Die Muendung des Rio Negro liegt sogar unter dem 3 deg. 9{~PRIME~} der
+Breite; aber auf diesem ganzen Landstrich kommen in den Waeldern und auf
+den Grasfluren weisse und schwarze Wasser dergestalt unter einander vor,
+dass man nicht weiss, welcher Ursache man die Faerbung des Wassers
+zuschreiben soll. Der Cassiquiare, der sich in den Rio Negro ergiesst, hat
+weisses Wasser wie der Orinoco, aus dem er entspringt. Von zwei
+Nebenfluessen des Cassiquiare nahe bei einander, Siapa und Pacimony, ist
+der eine weiss, der andere schwarz.
+
+Fragt man die Indianer nach den Ursachen dieser sonderbaren Faerbung, so
+lautet ihre Antwort, wie nicht selten auch in Europa, wenn es sich von
+physischen und physiolologischen Fragen handelt: sie wiederholen das
+Faktum mit andern Worten. Wendet man sich an die Missionaere, so sprechen
+sie, als haetten sie die strengsten Beweise fuer ihre Behauptung, "das
+Wasser faerbe sich, wenn es ueber Sarsaparillewurzeln laufe." Die Smilaceen
+sind allerdings am Rio Negro, Pacimony und Cababury sehr haeufig, und ihre
+Wurzeln geben in Wasser eingeweicht einen braunen, bittern, schleimigten
+Extraktivstoff; aber wie viele Smilaxbuesche haben wir an Orten gesehen, wo
+die Wasser ganz weiss sind! Wie kommt es, dass wir im sumpfigten Wald, durch
+den wir unsere Pirogue vom Rio Tuamini zum Cano Pimichin und an den Rio
+Negro schleppen mussten, auf demselben Landstrich jetzt durch Baeche mit
+weissem, jetzt durch andere mit schwarzem Wasser wateten? Warum hat man
+niemals einen Fluss gefunden, der seiner Quelle zu weiss und im untern Stueck
+seines Laufes schwarz war? Ich weiss nicht, ob der Rio Negro seine
+braungelbe Farbe bis zur Muendung behaelt, obgleich ihm durch den
+Cassiquiare und den Rio Blanco sehr viel weisses Wasser zufliesst. Da LA
+CONDAMINE den Fluss nordwaerts vom Aequator nicht sah, konnte er vom
+Unterschied in der Farbe nicht urtheilen.
+
+Die Vegetation ist wegen der Regenfuelle ganz in der Naehe des Aequators
+allerdings kraeftiger als 8--10 Grad gegen Nord und gegen Sued; es laesst sich
+aber keineswegs behaupten, dass die Fluesse mit schwarzem Wasser
+vorzugsweise in den dichtesten, schattigsten Waeldern entspringen. Im
+Gegentheil kommen sehr viele _aguas negras_ aus den offenen Grasfluren,
+die sich vom Meta jenseits des Guaviare gegen den Caqueta hinziehen. Auf
+einer Reise, die ich zur Zeit der Ueberschwemmung mit Herrn von Montufar
+vom Hafen von Guyaquil nach den Bodegas de Babaojo machte, fiel es mir
+auf, dass die weiten Savanen am *Invernadero del Carzal* und am *Lagartero*
+ganz aehnlich gefaerbt waren wie der Rio Negro und der Atabapo. Diese zum
+Theil seit drei Monaten unter Wasser stehenden Grasfluren bestehen aus
+Paspalum, Eriochloa und mehreren Cyperaceen. Wir fuhren in vier bis fuenf
+Fuss tiefem Wasser; dasselbe war bei Tag 33--34 Grad warm; es roch stark
+nach Schwefelwasserstoff, was ohne Zweifel zum Theil von den faulenden
+Arum- und Heliconienstauden herruehrte, die auf den Lachen schwammen. Das
+Wasser des Lagartero sah bei durchgehendem Licht goldgelb, bei
+reflektirtem kaffeebraun aus. Die Farbe ruehrt ohne Zweifel von gekohltem
+Wasserstoff her. Man sieht etwas Aehnliches am Duengerwasser, das unsere
+Gaertner bereiten, und am Wasser, das aus Torfgruben abfliesst. Laesst sich
+demnach nicht annehmen, dass auch die schwarzen Fluesse, der Atabapo, der
+Zama, der Mataveni, der Guainia, von einer Kohlen- und
+Wasserstoffverbindung, von einem Pflanzenextraktivstoff gefaerbt werden?
+Der starke Regen unter dem Aequator traegt ohne Zweifel zur Faerbung bei,
+indem das Wasser durch einen dichten Grasfilz sickert. Ich gebe diese
+Gedanken nur als Vermuthung. Die faerbende Substanz scheint in sehr
+geringer Menge im Wasser enthalten; denn wenn man Wasser aus dem Guainia
+oder Rio Negro sieden laesst, sah ich es nicht braun werden wie andere
+Fluessigkeiten, welche viel Kohlenwasserstoff enthalten.
+
+Es erscheint uebrigens sehr merkwuerdig, dass diese _'schwarzen Wasser'_, von
+denen man glauben sollte, sie seyen auf die Niederungen der heissen Zone
+beschraenkt, gleichfalls, wenn auch sehr selten, auf den Hochebenen der
+Anden vorkommen. Wir fanden die Stadt Cuenca im Koenigreich Quito von drei
+Baechen umgeben, dem Machangara, dem Rio del Matadero und dem Yanuncai. Die
+zwei ersteren sind weiss, letzterer hat schwarzes Wasser. Dasselbe ist, wie
+das des Atabapo, kaffeebraun bei reflektirtem, blassgelb bei durchgehendem
+Licht. Es ist sehr schoen, und die Einwohner von Cuenca, die es
+vorzugsweise trinken, schreiben die Farbe ohne weiteres der Sarsaparille
+zu, die am Rio Yanuncai sehr haeufig wachsen soll.
+
+Am 23. April. Wir brachen von der Muendung des Zama um drei Uhr Morgens
+auf. Auf beiden Seiten lief fortwaehrend dicker Wald am Strom hin. Die
+Berge im Osten schienen immer weiter wegzuruecken. Wir kamen zuerst am
+Einfluss des Rio Mataveni, und dann an einer merkwuerdig gestalteten Insel
+vorbei. Ein viereckigter Granitfels steigt wie eine Kiste gerade aus dem
+Wasser empor; die Missionaere nennen ihn el Castillito. Aus schwarzen
+Streifen daran sollte man schliessen, dass der Orinoco, wenn er anschwillt,
+an dieser Stelle nicht ueber 8 Fuss steigt, und dass die hohen Wasserstaende,
+die wir weiter unten beobachtet, von den Nebenfluessen herruehren, die
+noerdlich von den Katarakten von Atures und Maypures hereinkommen. Wir
+uebernachteten am rechten Ufer, der Muendung des Rio Siucurivapu gegenueber,
+bei einem Felsen, der Aricagua heisst. In der Nacht kamen zahllose
+Fledermaeuse aus den Felsspalten und schwirrten um unsere Haengematten. Ich
+habe frueher von dem Schaden gesprochen, den diese Thiere unter den Heerden
+anrichten. Sie vermehren sich besonders stark in sehr trockenen Jahren.
+
+Am 24. April. Ein starker Regen zwang uns, schon sehr frueh Morgens die
+Pirogue wieder zu besteigen. Wir fuhren um zwei Uhr ab und mussten einige
+Buecher zuruecklassen, die wir in der finstern Nacht auf dem Felsen Aricagua
+nicht finden konnten. Der Strom laeuft ganz gerade von Sued nach Nord; die
+Ufer sind niedrig und zu beiden Seiten von dichten Waeldern beschattet. Wir
+kamen an den Muendungen des Ucata, des Arapa und des Caranaveni vorueber.
+Gegen vier Uhr Abends stiegen wir bei den _'Conucos de Siquita'_ aus,
+Pflanzungen von Indianern aus der Mission San Fernando. Die guten Leute
+haetten uns gern behalten, aber wir fuhren weiter gegen den Strom, der in
+der Secunde fuenf Fuss zuruecklegt. Diess ist das Ergebniss einer Messung, bei
+der ich die Zeit schaetzte, die ein schwimmender Koerper braucht, um eine
+gegebene Strecke zurueckzulegen. Wir liefen bei finsterer Nacht in die
+Muendung des Guaviare ein, fuhren ueber den Zusammenfluss des Atabapo mit dem
+Guaviare hinaus und langten nach Mitternacht in der Mission an. Wir
+erhielten unsere Wohnung, wie immer, im Kloster, das heisst im Hause des
+Missionaers, der von unserem unerwarteten Besuch hoechlich ueberrascht war,
+uns aber nichts desto weniger mit der liebenswuerdigsten Gastlichkeit
+aufnahm.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 47 War es _Coluber Elaphis_ oder _Coluber Aesculapii_ oder ein Python,
+ aehnlich dem, der vom Heere des Regulus getoedtet worden?
+
+ 48 Im Jahr 1806 erschien in Leipzig ein Buch unter dem Titel:
+ _Untersuchungen, ueber die von Humboldt am Orinoco entdeckten Spuren
+ der phoenicischen Sprache_.
+
+ 49 Die Hindus, die Tibetaner, die Chinesen, die alten Egypter, die
+ Azteken, die Peruaner, bei denen der Trieb zur Massencultur die
+ freie Entwicklung der Geistesthaetigkeit in den Individuen
+ niederhielt.
+
+ 50 Aus kieselhaltigem Kalkstein in Pique am grossen Miami, aus Sandstein
+ am Paint Creek zehn Meilen von Chillicothe, wo die Mauer 1500 Toisen
+ lang ist.
+
+ 51 Er erscheint in Maypures unter einem Winkel von 1 Grad 27 Minuten.
+
+* 52 Rochen*, wegen der angeblichen Aehnlichkeit mit dem Fisch dieses
+ Namens, bei dem der Mund am Koerper herabgerueckt scheint.
+
+ 53 In der Jahreszeit, die man in Suedamerika noerdlich vom Aequator
+ Sommer heisst.
+
+ 54 Diminutiv des spanischen Worts _Canela_, das _Cinnamomum_
+ (_Kinnamomon_ der Griechen) bedeutet. Letzteres Wort gehoert zu den
+ wenigen, die seit dem hoechsten Alterthum aus dem Phoenicischen (einer
+ semitischen Sprache) in die abendlaendischen Sprachen uebergegangen
+ sind.
+
+
+
+
+
+ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
+
+
+ San Fernando de Atabapo. -- San Baltasar. -- Die Fluesse Temi und
+ Tuamini. -- Javita. -- Trageplatz zwischen dem Tuamini und dem Rio
+ Negro.
+
+
+Wir hatten in der Nacht fast unvermerkt die Gewaesser des Orinoco verlassen
+und sahen uns bei Sonnenaufgang wie in ein anderes Land versetzt, am Ufer
+eines Flusses, dessen Namen wir fast noch nie hatten aussprechen hoeren,
+und auf dem wir ueber den Trageplatz am Pimichin zum Rio Negro an der
+Grenze Brasiliens gelangen sollten. "Sie muessen," sagte uns der Praesident
+der Missionen, der in San Fernando seinen Sitz hat, "zuerst den Atabapo,
+dann den Temi, endlich den Tuamini hinauffahren. Koennen Sie bei der
+starken Stroemung der *schwarzen Wasser* nicht mehr weiter kommen, so fuehrt
+man Sie vom Flussbett weg durch die Waelder, die Sie unter Wasser finden
+werden. Auf diesem wuesten Landstrich zwischen Orinoco und Rio Negro leben
+nur zwei Moenche, aber in Javita finden Sie die Mittel, um Ihre Pirogue
+vier Tagereisen weit ueber Land zum Cano Pimichin ziehen zu zu lassen.
+Zerbricht sie nicht, so fahren Sie ohne Anstand den Rio Negro (von
+Nordwest nach Suedost) hinunter bis zur Schanze San Carlos, sodann den
+Cassiquiare (von Sued nach Nord) herauf und kommen in Monatsfrist ueber den
+obern Orinoco (von Ost nach West) wieder nach San Fernando." Diesen Plan
+entwarf man uns fuer unsere Flussfahrt, und wir fuehrten ihn, nicht ohne
+Beschwerden, aber immer leicht und ohne Gefahr in drei und dreissig Tagen
+aus. Die Kruemmungen in diesem Flusslabyrinth sind so stark, dass man sich
+ohne die Reisekarte, die ich entworfen, vom Wege, auf dem wir von der
+Kueste von Caracas durch das innere Land an die Grenzen der Capitania
+General von Gran-Para gelangt sind, so gut als keine Vorstellung machen
+koennte. Fuer diejenigen, welche nicht gerne in Karten blicken, auf denen
+viele schwer zu behaltende Namen stehen, bemerke ich nochmals, dass der
+Orinoco von seinen Quellen, oder doch von Esmeralda an von Ost nach West,
+von San Fernando, also vom Zusammenfluss des Atabapo und des Guaviare an,
+bis zum Einfluss des Apure von Sued nach Nord fliesst und auf dieser Strecke
+die grossen Katarakten bildet, dass er endlich vom Einfluss des Apure bis
+Angostura und zur Seekueste von West nach Ost laeuft. Auf der ersten
+Strecke, auf dem Lauf von Ost nach West, bildet er die beruehmte Gabelung,
+welche die Geographen so oft in Abrede gezogen und deren Lage ich zuerst
+durch astronomische Beobachtungen bestimmen konnte. Ein Arm des Orinoco,
+der Cassiquiare, der von Nord nach Sued fliesst, ergiesst sich in den Guainia
+oder Rio Negro, der seinerseits in den Maragnon oder Amazonenstrom faellt.
+Der natuerlichste Weg zu Wasser von Angostura nach Gran-Para waere also den
+Orinoco hinauf bis Esmeralda, und dann den Cassiquiare, Rio Negro und
+Amazonenstrom hinunter; da aber der Rio Negro auf seinem oberen Lauf sich
+sehr den Quellen einiger Fluesse naehert, die sich bei San Fernando de
+Atabapo in den Orinoco ergiessen (am Punkte, wo der Orinoco aus der
+Richtung von Ost nach West rasch in die von Sued nach Nord umbiegt), so
+kann man in den Rio Negro gelangen, ohne die Flussstrecke zwischen San
+Fernando und Esmeralda hinaufzufahren. Man geht bei der Mission San
+Fernando vom Orinoco ab, faehrt die zusammenhaengenden kleinen schwarzen
+Fluesse (Atabapo, Temi und Tuamini) hinauf, und laesst die Pirogue ueber eine
+6000 Toisen breite Landenge an das Ufer eines Baches (Cano Pimichin)
+tragen, der in den Rio Negro faellt. Dieser Weg, den wir einschlugen, und
+der besonders seit der Zeit, da Don Manuel Centurion Statthalter von
+Guyana war, gebraeuchlich geworden, ist so kurz, dass jetzt ein Bote von San
+Carlos am Rio Negro nach Angostura Briefschaften in 24 Tagen bringt,
+waehrend er frueher ueber den Cassiquiare herauf 50--60 brauchte. Man kann
+also ueber den Atabapo aus dem Amazonenstrom in den Orinoco kommen, ohne
+den Cassiquiare herauf zu fahren, der wegen der starken Stroemung, des
+Mangels an Lebensmitteln und der Moskitos gemieden wird. Fuer franzoesische
+Leser fuehre ich hier ein Beispiel aus der hydrographischen Karte
+Frankreichs an. Wer von Nevers an der Loire nach Montereau an der Seine
+will, koennte, statt auf dem Canal von Orleans zu fahren, der, wie der
+Cassiquiare, zwei Flusssysteme verbindet, von den Zufluessen der Loire zu
+denen der Seine sein Fahrzeug tragen lassen; er koennte die Nievre
+hinauffahren, ueber eine Landenge beim Dorfe Menou gehen und sofort die
+Yonne hinab in die Seine gelangen.
+
+Wir werden bald sehen, welche Vortheile es haette, wenn man ueber den
+sumpfigten Landstrich zwischen dem Tuamini und dem Pimichin einen Canal
+zoege. Kaeme dieser Plan einmal zur Ausfuehrung, so haette die Fahrt vom Fort
+San Carlos nach Angostura, der Hauptstadt von Guyana, nur noch den Rio
+Negro herauf bis zur Mission Maroa einige Schwierigkeit; von da ginge es
+auf dem Tuamini, dem Temi, Atabapo und Orinoco abwaerts. Ueber den
+Cassiquiare ist der Weg von San Carlos nach San Fernando am Atabapo weit
+unangenehmer und um die Haelfte laenger als ueber Javita und den Cano
+Pimichin. Auf diesem Landstrich, in den zur Zeit der Grenzexpedition kein
+astronomisches Werkzeug gekommen war, habe ich mit Louis Berthouds
+Chronometer und durch Meridianhoehen von Gestirnen Laenge und Breite von San
+Balthasar am Atabapo, Javita, San Carlos am Rio Negro, des Felsen
+Culimacari und der Mission Esmeralda bestimmt; die von mir entworfene
+Karte hat somit die Zweifel ueber die gegenseitigen Entfernungen der
+christlichen Niederlassungen gehoben. Wenn es keinen andern Weg gibt, als
+auf vielgekruemmten, verschlungenen Gewaessern, wenn in dichten Waeldern nur
+kleine Doerfer stecken, wenn auf voellig ebenem Lande kein Berg, kein
+erhabener Gegenstand von zwei Punkten zugleich sichtbar ist, kann man nur
+am Himmel lesen, wo man sich auf Erden befindet. In den wildesten Laendern
+der heissen Zone fuehlt man mehr als anderswo das Beduerfniss astronomischer
+Beobachtungen. Dieselben sind dort nicht allein nuetzliche Huelfsmittel, um
+Karten zu vollenden und zu verbessern: sie sind vielmehr zur Aufnahme des
+Terrains von vorne herein unerlaesslich.
+
+Der Missionaer von San Fernando, bei dem wir zwei Tage verweilten, fuehrt
+den Titel eines Praesidenten der Missionen am Orinoco. Die sechs und
+zwanzig Ordensgeistlichen, die am Rio Negro, Cassiquiare, Atabapo, Caura
+und Orinoco leben, stehen unter ihm und er seinerseits steht unter dem
+Gardian des Klosters in Nueva Barcelona, oder, wie man hier sagt, des
+_'Colegio de la purissima Conception de Propaganda Fide'_. Sein Dorf sah
+etwas wohlhabender aus, als die wir bis jetzt auf unserem Wege
+angetroffen, indessen hatte es doch nur 266 Einwohner. Ich habe schon
+oefters bemerkt, dass die Missionen in der Naehe der Kuesten, die gleichfalls
+unter den Observanten stehen, z. B. Pilar, Caigua, Huere und Cupapui,
+zwischen 800 und 2000 Einwohnern zaehlen. Es sind groessere und schoenere
+Doerfer als in den cultivirtesten Laendern Europas. Man versicherte uns, die
+Mission San Fernando habe unmittelbar nach der Gruendung eine staerkere
+Bevoelkerung gehabt als jetzt. Da wir auf der Rueckreise vom Rio Negro noch
+einmal an den Ort kamen, so stelle ich hier die Beobachtungen zusammen,
+die wir an einem Punkte des Orinoco gemacht, der einmal fuer den Handel und
+die Gewerbe der Colonien von grosser Bedeutung werden kann.
+
+San Fernando de Atabapo liegt an der Stelle, wo drei grosse Fluesse, der
+Orinoco, der Guaviare und der Atabapo sich vereinigen. Die Lage ist
+aehnlich wie die von St. Louis oder Neu-Madrid am Einfluss des Missouri und
+des Ohio in den Mississippi. Je groesseren Aufschwung der Handel in diesen
+von ungeheuren Stroemen durchzogenen Laendern nimmt, desto mehr werden die
+Staedte, die an zwei Fluessen liegen, von selbst Schiffsstationen,
+Stapelplaetze fuer die Handelsgueter, wahre Mittelpunkte der Cultur. Pater
+GUMILLA gesteht, dass zu seiner Zeit kein Mensch vom Laufe des Orinoco
+oberhalb des Einflusses des Guaviare etwas gewusst habe. Er sagt ferner
+sehr naiv, er habe sich an Einwohner von Timana und Pasto um einige, noch
+dazu unsichere Auskunft ueber den obern Orinoco wenden muessen. Heutzutage
+erkundigt man sich allerdings nicht in den Anden von Popayan nach einem
+Flusse, der am Westabhang der Gebirge von Cayenne entspringt. Pater
+Gumilla verwechselte zwar nicht, wie man ihm Schuld gegeben, die Quellen
+des Guaviare und die des Orinoco; da er aber das Stueck des letzteren
+Flusses, das von Esmeralda San Fernando zu von Ost nach West gerichtet
+ist, nicht kannte, so setzt er voraus, man muesse, um oberhalb der
+Katarakten und der Einmuendungen des Vichada und Guaviare den Orinoco
+weiter hinaufzukommen, sich nach Suedwest wenden. Zu jener Zeit hatten die
+Geographen die Quellen des Orinoco in die Naehe der Quellen des Putumayo
+und Caqueta an den oestlichen Abhang der Anden von Pasto und Popayan
+gesetzt, also nach meinen Laengenbestimmungen auf dem Ruecken der
+Cordilleren und in Esmeralda, 240 Meilen vom richtigen Punkt. Unrichtige
+Angaben LA CONDAMINEs ueber die Verzweigungen des Caqueta, wodurch SANSONs
+Annahmen Bestaetigung zu finden schienen, haben Irrthuemer verbreiten
+helfen, die sich Jahrhunderte lang erhalten haben. In der ersten Ausgabe
+seiner grossen Karte von Suedamerika (eine sehr seltene Ausgabe, die ich auf
+der grossen Pariser Bibliothek gefunden habe) zeichnete D'ANVILLE den Rio
+Negro als einen Arm des Orinoco, der vom Hauptstrom zwischen den
+Einfluessen des Meta und des Vichada, in der Naehe des Katarakts von *los
+Astures* (Atures) abgeht. Diesem grossen Geographen war damals die Existenz
+des Cassiquiare und des Atabapo ganz unbekannt, und er liess den Orinoco
+oder Rio Paragua, den Japura und den Putumayo aus drei Zweigen des Caqueta
+entspringen. Erst durch die Grenzexpedition unter dem Befehl Ituriagas und
+SOLANOs wurde das wahre Verhaeltniss bekannt. Solano war als Ingenieur bei
+der Expedition und ging im Jahr 1756 ueber die grossen Katarakten bis zum
+Einfluss des Guaviare hinauf. Er sah, dass man, um auf dem Orinoco weiter
+hinaufzukommen, sich ostwaerts wenden muesse, und dass die Wasser des
+Guaviare, der zwei Meilen weiter oben den Atabapo aufgenommen hat, da
+hereinkommen, wo der Strom unter 4 deg. 4{~PRIME~} der Breite die grosse Wendung macht.
+Da Solano daran gelegen war, den portugiesischen Besitzungen so nahe als
+moeglich zu kommen, so entschloss er sich, gegen Sued vorzudringen. Er fand
+am Zusammenfluss des Atabapo und Guaviare Indianer von der kriegerischen
+Nation der Guaypunabis angesiedelt. Er lockte sie durch Geschenke an sich
+und gruendete mit ihnen die Mission San Fernando, die er, in der Hoffnung
+sich beim Ministerium in Madrid wichtig zu machen, emphatisch *Villa*
+betitelte.
+
+Um die politische Bedeutung dieser Niederlassung zu wuerdigen, muss man die
+damaligen Machtverhaeltnisse zwischen den kleinen Indianerstaemmen in Guyana
+ins Auge fassen. Die Ufer des untern Orinoco waren lange der Schauplatz
+der blutigen Kaempfe zwischen zwei maechtigen Voelkern, den Cabres und den
+Caraiben, gewesen. Letztere, deren eigentliche Wohnsitze seit dem Ende des
+siebzehnten Jahrhunderts zwischen den Quellen des Carony, des Esquibo, des
+Orinoco und des Rio Parime liegen, waren nicht allein bis zu den grossen
+Katarakten Herren des Landes, sie machten auch Einfaelle in die Laender am
+obern Orinoco, und zwar ueber die *Trageplaetze* zwischen dem Paruspa und
+dem Caura, dem Eredato und dem Ventuari, dem Conorichite und dem Atacavi.
+Niemand wusste so gut, wie sich die Fluesse verzweigen, wo die Nebenfluesse
+zur Hand sind, wie man auf dem kuerzesten Wege ans Ziel kommt. Die Caraiben
+hatten die Cabres geschlagen und beinahe ausgerottet; waren sie jetzt aber
+Herren am untern Orinoco, so stiessen sie auf Widerstand bei den
+Guaypunabis, die sich am obern Orinoco die Herrschaft errungen hatten und
+neben den Cabres, Manitivitanos und Parenis die aergsten Anthropophagen in
+diesem Landstrich sind. Sie waren urspruenglich am grossen Fluss Inirida bei
+seiner Vereinigung mit dem Chamochiquini und im Gebirgslande von Mabicore
+zu Hause. Um das Jahr 1744 hiess ihr Haeuptling oder, wie die Eingeborenen
+sagen, ihr _'Apoto'_ (Koenig), Macapu, ein Mann durch Geisteskraft und Muth
+gleich ausgezeichnet. Er war mit einem Theil seiner Nation an den Atabapo
+gekommen, und als der Jesuit Roman seinen merkwuerdigen Zug vom Orinoco an
+den Rio Negro machte, gestattete Macapu, dass der Missionar einige Familien
+Guaypunabis mitnahm, um sie in Uriana und beim Katarakt von Maypures
+anzusiedeln. Diese Nation gehoert der Sprache nach dem grossen Volksstamm
+der Maypures an; sie ist gewerbfleissiger, man koennte beinahe sagen,
+civilisirter als die andern Voelker am obern Orinoco. Nach dem Bericht der
+Missionaere waren die Guaypunabis, als sie in diesen Laendern die Herren
+spielten, fast alle bekleidet und besassen ansehnliche Doerfer. Nach Macapus
+Tode ging das Regiment auf einen andern Krieger ueber, auf Cuseru, von den
+Spaniern Capitaen Cruzero genannt. Er hatte am Inirida Vertheidigungslinien
+und eine Art Fort aus Erde und Holz angelegt. Die Pfaehle waren ueber
+sechzehn Fuss hoch und umgaben das Haus des _Apoto_, sowie eine Niederlage
+von Bogen und Pfeilen. Pater FORNERI beschreibt diese in einem sonst so
+wilden Lande merkwuerdigen Anlagen.
+
+Am Rio Negro waren die Staemme der Marepizanas und Manitivitanos die
+maechtigsten. Die Haeuptlinge der ersteren waren ums Jahr 175O zwei Krieger
+Namens Imu und Cajamu; der Koenig der Manitivitanos war Cocuy, vielberufen
+wegen seiner Grausamkeit und seiner raffinirten Schwelgerei. Zu meiner
+Zeit lebte noch seine Schwester in der Naehe der Mission Maypure. Man
+laechelt, wenn man hoert, dass Maenner wie Cuseru, Imu und Cocuy hier zu Lande
+so beruehmt sind, wie in Indien die Holkar, Tippo und die maechtigsten
+Fuersten. Die Haeuptlinge der Guaypunabis und Manitivitanos fochten mit
+kleinen Haufen von zwei bis dreihundert Mann; aber in der langen Fehde
+verwuesteten sie die Missionen, wo die armen Ordensleute nur fuenfzehn bis
+zwanzig spanische Soldaten zur Verfuegung hatten. Horden, wegen ihrer
+Kopfzahl und ihrer Vertheidigungsmittel gleich veraechtlich, verbreiteten
+einen Schrecken, als waeren es Heere. Den Patres Jesuiten gelang es nur
+dadurch, ihre Missionen zu retten, dass sie List wider Gewalt setzten. Sie
+zogen einige maechtige Haeuptlinge in ihr Interesse und schwaechten die
+Indianer durch Entzweiung. Als Ituriaga und Solano auf ihrem Zuge an den
+Orinoco kamen, hatten die Missionen von den Einfaellen der Caraiben nichts
+mehr zu befuerchten. Cusaru hatte sich hinter den Granitbergen von Sipapo
+niedergelassen; er war der Freund der Jesuiten; aber andere Voelker vom
+obern Orinoco und Rio Negro, die Matepizanos, Amuizanos und Manitivitanos,
+fielen unter Imus, Cajamus und Cocuys Fuehrung von Zeit zu Zeit in das Land
+nordwaerts von den grossen Katarakten ein. Sie hatten andere Beweggruende zur
+Feindseligkeit als Hass. Sie trieben *Menschenjagd*, wie es frueher bei den
+Caraiben Brauch gewesen und wie es in Afrika noch Brauch ist. Bald
+lieferten sie Sklaven (_poitos_) den Hollaendern oder _Paranaquiri_
+(*Meerbewohner*); bald verkauften sie dieselben an die Portugiesen oder
+_Jaranavi_ (*Musikantensoehne*.)(55) In Amerika wie in Afrika hat die
+Habsucht der Europaeer gleiches Unheil gestiftet; sie hat die Eingebornen
+gereizt, sich zu bekriegen, um Gefangene zu bekommen [S. Bd. I. Seite 251]
+Ueberall fuehrt der Verkehr zwischen Voelkern auf sehr verschiedenen
+Bildungsstufen zum Missbrauch der physischen Gewalt und der geistigen
+Ueberlegenheit. Phoenizien und Karthago suchten einst ihre Sklaven in
+Europa; heutzutage liegt dagegen die Hand Europas schwer auf den Laendern,
+wo es die ersten Keime seines Wissens geholt, wie auf denen, wo es
+dieselben, so ziemlich wider Willen, verbreitet, indem es ihnen die
+Erzeugnisse seines Gewerbfleisses zufuehrt.
+
+Ich habe hier treu berichtet, was ich ueber die Zustaende eines Landes in
+Erfahrung bringen konnte, wo die besiegten Voelker nach und nach absterben
+und keine andere Spur ihres Daseyns hinterlassen, als ein paar Worte ihrer
+Sprache, welche die siegenden Voelker in die ihrige aufnehmen. Wir haben
+gesehen, dass im Norden, jenseits der Katarakten, die Caraiben und die
+Cabres, suedwaerts am obern Orinoco die Guaypunabis, am Rio Negro die
+Marepizanos und Manitivitanos die maechtigsten Nationen waren. Der lange
+Widerstand, den die unter einem tapfern Fuehrer vereinigten Cabres den
+Caraiben geleistet, hatte jenen nach dem Jahr 1720 zum Verderben gereicht.
+Sie hatten ihre Feinde an der Muendung des Rio Caura geschlagen; eine Menge
+Caraiben wurden auf ihrer eiligen Flucht zwischen den Stromschnellen des
+Torno und der Isla del Infierno erschlagen. Die Gefangenen wurden
+verzehrt; aber mit jener raffinirten Verschlagenheit und Grausamkeit, wie
+sie den Voelkern Sued- wie Nordamerikas eigen ist, liessen sie Einen Caraiben
+am Leben, der, um Zeuge des barbarischen Auftritts zu seyn, auf einen Baum
+steigen und sofort den Geschlagenen die Kunde davon ueberbringen musste. Der
+Siegesrausch Teps, des Haeuptlings der Cabres, war von kurzer Dauer. Die
+Caraiben kamen in solcher Masse wieder, dass nur kuemmerliche Reste der
+menschenfressenden Cabres am Rio Cuchivero uebrig blieben.
+
+Am obern Orinoco lagen Cocuy und Cuseru im erbittertsten Kampf gegen
+einander, als Solano an der Muendung des Guaviare erschien. Ersterer hatte
+fuer die Portugiesen Partei ergriffen; der letztere, ein Freund der
+Jesuiten, that es diesen immer zu wissen, wenn die Manitivitanos gegen die
+christlichen Niederlassungen in Atures und Carichana im Anzug waren.
+Cuseru wurde erst wenige Tage vor seinem Tode Christ; er hatte aber im
+Gefecht an seine linke Huefte ein Crucifix gebunden, das die Missionaere ihm
+geschenkt und mit dem er sich fuer unverletzlich hielt. Man erzaehlte uns
+eine Anekdote, in der sich ganz seine wilde Leidenschaftlichkeit
+ausspricht. Er hatte die Tochter eines indianischen Haeuptlings vom Rio
+Temi geheirathet. Bei einem Ausbruch von Groll gegen seinen Schwiegervater
+erklaerte er seinem Weibe, er ziehe aus, sich mit ihm zu messen. Das Weib
+gab ihm zu bedenken, wie tapfer und ausnehmend stark ihr Vater sey; da
+nahm Cuseru, ohne ein Wort weiter zu sprechen, einen vergifteten Pfeil und
+schoss ihr ihn durch die Brust. Im Jahr 1756 versetzte die Ankunft einer
+kleinen Abtheilung spanischer Truppen unter Solanos Befehl diesen
+Haeuptling der Guaypunabis in ueble Stimmung. Er stand im Begriff, es auf
+ein Gefecht ankommen zu lassen, da gaben ihm die Patres Jesuiten zu
+verstehen, wie es sein Vortheil waere, sich mit den Christen zu vertragen.
+Cuseru speiste am Tisch des spanischen Generals; man koederte ihn mit
+Versprechungen, namentlich mit der Aussicht, dass man naechstens seinen
+Feinden den Garaus machen werde. Er war Koenig gewesen, nunmehr ward er
+Dorfschulze und liess sich dazu herbei, sich mit den Seinigen in der neuen
+Mission San Fernando de Atabapos niederzulassen. Ein solch trauriges Ende
+nahmen meist jene Haeuptlinge, welche bei Reisenden und Missionaeren
+indianische Fuersten heissen. "In meiner Mission," sagt der gute Pater GILI,
+"hatte ich fuenf _'Neyecillos'_ (kleine Koenige) der Tamanacos, Avarigotos,
+Parecas, Quaquas und Maypures. In der Kirche setzte ich alle neben
+einander auf Eine Bank, ermangelte aber nicht, den ersten Platz Monaiti,
+dem Koenige der Tamanacos, anzuweisen, weil er mich bei der Gruendung des
+Dorfs unterstuetzt hatte. Er schien ganz stolz auf die Auszeichnung." Wir
+sind auch Pater Gili's Meinung, dass ehemalige, von ihrer Hoehe
+herabgesunkene Gewalthaber selten mit so Wenigem zufrieden zu stellen
+sind.
+
+Als Cuseru, der Haeuptling der Guaypunabis, die spanischen Truppen durch
+die Katarakten ziehen sah, rieth er Don Jose Solano, die Niederlassung am
+Atabapo noch ein ganzes Jahr aufzuschieben; er prophezeite Unheil, das
+denn auch nicht ausblieb. "Lasst mich," sagte Cuseru zu den Jesuiten, "mit
+den Meinigen arbeiten und das Land umbrechen; ich pflanze Manioc, und so
+habt ihr spaeter mit so vielen Leuten zu leben." Solano, in seiner
+Ungeduld, weiter vorzudringen, hoerte nicht auf den Rath des indianischen
+Haeuptlings. Die neuen Ansiedler in San Fernando verfielen allen
+Schrecknissen der Hungersnoth. Man liess mit grossen Kosten zu Schiff auf
+dem Meta und dem Vichada Mehl aus Neu-Grenada kommen. Die Vorraethe langten
+aber zu spaet an, und viele Europaeer und Indianer erlagen den Krankheiten,
+die in allen Himmelsstrichen Folgen des Mangels und der gesunkenen
+moralischen Kraft sind.
+
+Man sieht in San Fernando noch einige Spuren von Anbau; jeder Indianer hat
+eine kleine Pflanzung von Cacaobaeumen. Die Baeume tragen vom fuenften Jahr
+an reichlich, aber sie hoeren damit frueher auf als in den Thaelern von
+Aragua. Die Bohne ist klein und von vorzueglicher Guete. Gin _Almuda_, deren
+zehn auf eine Fanega gehen, kostet in San Fernando 6 Realen, etwa
+4 Franken, an den Kuesten wenigstens 20--25 Franken; aber die ganze Mission
+erzeugt kaum 80 Fanegas im Jahr, und da, nach einem alten Missbrauch, die
+Missionaere am Orinoco und Rio Negro allein mit Cacao Handel treiben, so
+wird der Indianer nicht aufgemuntert, einen Culturzweig zu erweitern, von
+dem er so gut wie keinen Nutzen hat. Es gibt bei San Fernando ein paar
+Savanen und gute Weiden; man sieht aber kaum sieben oder acht Kuehe darauf,
+Ueberbleibsel der ansehnlichen Heerde, welche die Grenzexpedition ins Land
+gebracht. Die Indianer sind etwas civilisirter als in den andern
+Missionen. Zu unserer Ueberraschung trafen wir einen Schmied von der
+eingeborenen Race.
+
+Was uns in der Mission San Fernando am meisten auffiel und was der
+Landschaft einen eigenthuemlichen Charakter gibt, das ist die _'Pihiguao'_-
+oder _'Pirijao'_-Palme. Der mit Stacheln bewehrte Stamm ist ueber sechzig
+Fuss hoch; die Blaetter sind gefiedert, sehr schmal, wellenfoermig und an den
+Spitzen gekraeuselt. Hoechst merkwuerdig sind die Fruechte des Baumes; jede
+Traube traegt 50 bis 80; sie sind gelb wie Apfel, werden beim Reifen roth,
+sind zwei bis drei Zoll dick und der Fruchtkern kommt meist nicht zur
+Entwicklung. Unter den 80--90 Palmenarten, die ausschliesslich der neuen
+Welt angehoeren und die ich in den _nova genera plantarum aequinoctialium_
+aufgezaehlt, ist bei keiner das Fruchtfleisch so ausserordentlich stark
+entwickelt. Die Frucht des Pirijao enthaelt einen mehligten, eigelben,
+nicht stark suessen, sehr nahrhaften Stoff. Man isst sie wie die Banane und
+die Kartoffel, gesotten oder in der Asche gebraten; es ist ein eben so
+gesundes als angenehmes Nahrungsmittel. Indianer und Missionaere erschoepfen
+sich im Lobe dieser herrlichen Palme, die man die _'Pfirsichpalme'_ nennen
+koennte und die in San Fernando, San Balthasar, Santa Barbara, ueberall,
+wohin wir nach Sued und Ost am Atabapo und obern Orinoco kamen, in Menge
+angebaut fanden. In diesen Landstrichen erinnert man sich unwillkuehrlich
+der Behauptung LINNEs, die Palmenregion sey die urspruengliche Heimath
+unseres Geschlechts, der Mensch sey eigentlich ein
+_'Palmfruchtesser'_.(56) Mustert man die Vorraethe in den Huetten der
+Indianer, so sieht man, dass mehrere Monate im Jahr die mehligte Frucht des
+Pirijao fuer sie so gut ein Hauptnahrungsmittel ist als der Manioc und die
+Banane. Der Baum traegt nur einmal im Jahr, aber oft drei Trauben, also
+150--200 Fruechte.
+
+San Fernando de Atabapo, San Carlos und San Francisco Solano sind die
+bedeutendsten Missionen am obern Orinoco. In San Fernando, wie in den
+benachbarten Doerfern San Balthasar und Javita, fanden wir huebsche
+Pfarrhaeuser, mit Schlingpflanzen bewachsen und mit Gaerten umgeben. Die
+schlanken Staemme der Pirijaopalme waren in unsern Augen die Hauptzierde
+dieser Pflanzungen. Auf unsern Spaziergaengen erzaehlte uns der Pater
+Praesident sehr lebhaft von seinen Fahrten auf dem Rio Guaviare. Er sprach
+davon, wie sehr sich die Indianer auf Zuege "zur Eroberung von Seelen"
+freuen; jedermann, selbst Weiber und Greise wollen daran Theil nehmen.
+Unter dem nichtigen Vorwand, man verfolge Neubekehrte, die aus dem Dorf
+entlaufen, schleppt man dabei acht- bis zehnjaehrige Kinder fort und
+vertheilt sie an die Indianer in den Missionen als Leibeigene oder
+_Poitos_. Die Reisetagebuecher, die Pater BARTHOLOMEO MANCILLA uns gefaellig
+mittheilte, enthalten sehr wichtiges geographisches Material. Weiter
+unten, wenn von den Hauptnebenfluessen des Orinoco die Rede wird, vom
+Guaviare, Ventuari, Meta, Caura und Carony, gebe ich eine Uebersicht
+dieser Entdeckungen. Hier nur soviel, dass es, nach meinen astronomischen
+Beobachtungen am Atabapo und auf dem westlichen Abhang der Cordillere der
+Anden beim Paramo de la Suma Paz, von San Fernando bis zu den ersten
+Doerfern in den Provinzen Caguan und San Juan de los Llanos nicht mehr als
+107 Meilen ist. Auch versicherten mich Indianer, die frueher westlich von
+der Insel Amanaveni, jenseits des Einflusses des Rio Supavi, gelebt, sie
+haben auf einer Lustfahrt im Canoe (was die Wilden so heissen) auf dem
+Guaviare bis ueber die _Angostura_ (den Engpass) und den Hauptwasserfall
+hinauf, in drei Tagereisen Entfernung baertige und bekleidete Maenner
+getroffen, welche Eier der Terekey-Schildkroete suchten. Darueber waren die
+Indianer so erschrocken, dass sie in aller Eile umkehrten und den Guaviare
+wieder hinunterfuhren. Wahrscheinlich kamen diese weissen, baertigen Maenner
+aus den Doerfern Aroma und San Martin, da sich die zwei Fluesse Ariari und
+Guayavero zum Guaviare vereinigen. Es ist nicht zu verwundern, dass die
+Missionare am Orinoco und Atabapo fast keine Ahnung davon haben, wie nahe
+sie bei den Missionaeren von Mocoa, am Rio Fragua und Caguan leben. In
+diesen oeden Landstrichen kann man nur durch Laengenbeobachtungen die wahren
+Entfernungen kennen lernen, und nur nach astronomischen Ermittlungen und
+den Erkundigungen, die ich in den Kloestern zu Popayan und Pasto westwaerts
+von den Cordilleren der Anden eingezogen, erhielt ich einen richtigen
+Begriff von der gegenseitigen Lage der christlichen Niederlassungen am
+Atabapo, Guayavero und Caqueta.
+
+So bald man das Bett des Atabapo betritt, ist Alles anders, die
+Beschaffenheit der Luft, die Farbe des Wassers, die Gestalt der Baeume am
+Ufer. Bei Tage hat man von den Moskitos nicht mehr zu leiden; die Schnaken
+mit langen Fuessen (_zancudos_) werden bei Nacht sehr selten, ja oberhalb
+der Mission San Fernando verschwinden diese Nachtinsekten ganz. Das Wasser
+des Orinoco ist truebe, voll erdigter Stoffe, und in den Buchten hat es
+wegen der vielen todten Krokodile und anderer faulender Koerper einen
+bisamartigen, suesslichten Geruch. Um dieses Wasser trinken zu koennen,
+mussten wir es nicht selten durch ein Tuch seihen. Das Wasser des Atabapo
+dagegen ist rein, von angenehmem Geschmack, ohne eine Spur von Geruch, bei
+reflektirtem Licht braeunlich, bei durchgehendem gelblich. Das Volk nennt
+dasselbe "leicht," im Gegensatz zum trueben, schweren Orinocowasser. Es ist
+meist um 2 deg., der Einmuendung des Rio Temi zu um 3 deg. kuehler als der obere
+Orinoco. Wenn man ein ganzes Jahr lang Wasser von 27--28 Grad
+[22 deg.,4--22 deg.,8 Reaumur] trinken muss, hat man schon bei ein paar Graden
+weniger ein aeusserst angenehmes Gefuehl. Diese geringere Temperatur ruehrt
+wohl daher, dass der Fluss nicht so breit ist, dass er keine sandigten Ufer
+hat, die sich am Orinoco bei Tag auf 50 Grad erhitzen, und dass der
+Atabapo, Temi, Tuamini und der Rio Negro von dichten Waeldern beschattet
+sind.
+
+Dass die schwarzen Wasser ungemein rein seyn muessen, das zeigt ihre
+Klarheit und Durchsichtigkeit und die Deutlichkeit, mit der sich die
+umgebenden Gegenstaende nach Umriss und Faerbung darin spiegeln. Auf 20--30
+Fuss tief sieht man die kleinsten Fische darin und meist blickt man bis auf
+den Grund des Flusses hinunter. Und dieser ist nicht etwa Schlamm von der
+Farbe des Flusses, gelblich oder braeunlich, sondern blendend weisser Quarz-
+und Granitsand. Nichts geht ueber die Schoenheit der Ufer des Atabapo; ihr
+ueppiger Pflanzenwuchs, ueber den Palmen mit Federbuschlaub hoch in die Luft
+steigen, spiegelt sich im Fluss. Das Gruen am reflektirten Bilde ist ganz so
+satt als am direkt gesehenen Gegenstand, so glatt und eben ist die
+Wasserflaeche, so frei von suspendirtem Sand und organischen Truemmern, die
+auf der Oberflaeche minder heller Fluesse Streifen und Unebenheiten bilden.
+
+Wo man vom Orinoco abfaehrt, kommt man, aber ohne alle Gefahr, ueber mehrere
+kleine Stromschnellen. Mitten in diesen _Raudalitos_ ergiesst sich, wie die
+Missionaere annehmen, der Atabapo in den Orinoco. Nach meiner Ansicht
+ergiesst sich aber der Atabapo vielmehr in den Guaviare, und diesen Namen
+sollte man der Flussstrecke vom Orinoco bis zur Mission San Fernando geben.
+Der Rio Guaviare ist weit breiter als der Atabapo, hat weisses Wasser und
+der ganze Anblick seiner Ufer, seine gefiederten Fischsaenger, seine
+Fische, die grossen Krokodile, die darin hausen, machen, dass er dem Orinoco
+weit mehr gleicht als der Theil dieses Flusses, der von Esmeralda
+herkommt. Wenn sich ein Strom durch die Vereinigung zweier fast gleich
+breiten Fluesse bildet, so ist schwer zu sagen, welchen derselben man als
+die Quelle zu betrachten hat. Die Indianer in San Fernando haben noch
+heute eine Anschauung, die der der Geographen gerade zuwider laeuft. Sie
+behaupten, der Orinoco entspringe aus zwei Fluessen, aus dem Guaviare und
+dem Rio Paragua. Unter letzterem Namen verstehen sie den obern Orinoco von
+San Fernando und Santa Barbara bis ueber Esmeralda hinauf. Dieser Annahme
+zufolge ist ihnen der Cassiquiare kein Arm des Orinoco, sondern des Rio
+Paragua. Ein Blick auf die von mir entworfene Karte zeigt, dass diese
+Benennungen voellig willkuehrlich sind. Ob man dem Rio Paragua den Namen
+Orinoco abstreitet, daran ist wenig gelegen, wenn man nur den Lauf der
+Fluesse naturgetreu zeichnet, und nicht, wie man vor meiner Reise gethan,
+Fluesse, die unter einander zusammenhaengen und Ein System bilden, durch
+eine Gebirgskette getrennt seyn laesst. Will man einen der beiden Zweige,
+die einen grossen Fluss bilden, nach dem letzteren benennen, so muss man den
+Namen dem wasserreichsten derselben beilegen. In den beiden Jahreszeiten,
+wo ich den Guaviare und den obern Orinoco oder Rio Paragua (zwischen
+Esmeralda und San Fernando) gesehen, kam es mir nun aber vor, als waere
+letzterer nicht so breit als der Guaviare. Die Vereinigung des obern
+Mississippi mit dem Missouri und Ohio, die des Maragnon mit dem Guallaga
+und Ucayale, die des Indus mit dem Chumab und Gurra oder Sutledge haben
+bei den reisenden Geographen ganz dieselben Bedenken erregt. Um die rein
+willkuehrlich angenommene Flussnomenclatur nicht noch mehr zu verwirren,
+schlage ich keine neuen Venennungen vor. Ich nenne mit Pater CAULIN und
+den spanischen Geographen den Fluss bei Esmeralda auch ferner Orinoco oder
+obern Orinoco, bemerke aber, dass, wenn man den Orinoco von San Fernando de
+Atabapo bis zum Delta, das er der Insel Trinidad gegenueber bildet, als
+eine Fortsetzung des Rio Guaviare und das Stueck des obern Orinoco zwischen
+Esmeralda und der Mission San Fernando als einen Nebenfluss betrachtete,
+der Orinoco von den Savanen von San Juan de los Llanos und dem Ostabhang
+der Anden bis zu seiner Muendung eine gleichfoermigere und natuerlichere
+Richtung von Suedwest nach Nordost haette.
+
+Der Rio Paragua, oder das Stueck des Orinoco, auf dem man ostwaerts von der
+Muendung des Guaviare hinauffaehrt, hat klareres, durchsichtigeres und
+reineres Wasser als das Stueck unterhalb San Fernando. Das Wasser des
+Guaviare dagegen ist weiss und trueb; es hat, nach dem Ausspruch der
+Indianer, deren Sinne sehr scharf und sehr geuebt sind, denselben Geschmack
+wie das Wasser des Orinoco in den grossen Katarakten. "Gebt mir," sagte ein
+alter Indianer aus der Mission Javita zu uns, "Wasser aus drei, vier
+grossen Fluessen des Landes, so sage ich euch nach dem Geschmack
+zuverlaessig, wo das Wasser geschoepft worden, ob aus einem weissen oder
+einem schwarzen Fluss, ob aus dem Orinoco oder dem Atabapo, dem Paragua
+oder dem Guaviare." Auch die grossen Krokodile und die Delphine (Toninas)
+haben der Guaviare und der untere Orinoco mit einander gemein; diese
+Thiere kommen, wie man uns sagte, im Rio Paragua (oder obern Orinoco
+zwischen San Fernando und Esmeralda) gar nicht vor. Diess sind doch sehr
+auffallende Verschiedenheiten hinsichtlich der Beschaffenheit der Gewaesser
+und der Vertheilung der Thiere. Die Indianer verfehlen nicht, sie
+aufzuzaehlen, wenn sie den Reisenden beweisen wollen, dass der obere Orinoco
+oestlich von San Fernando ein eigener, sich in den Orinoco ergiessender
+Fluss, und der wahre Ursprung des letzteren in den Quellen des Guaviare zu
+suchen sey. Die europaeischen Geographen haben sicher unrecht, dass sie die
+Anschauung der Indianer nicht theilen, welche die natuerlichen Geographen
+ihres Landes sind; aber bei Nomenclatur und Orthographie thut man nicht
+selten gut, eine Unrichtigkeit, auf die man aufmerksam gemacht, dennoch
+selbst beizubehalten.
+
+Meine astronomischen Beobachtungen in der Nacht des 25. April gaben mir
+die Breite nicht so bestimmt, als zu wuenschen war. Der Himmel war bewoelkt
+und ich konnte nur ein paar Hoehen von {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} im Centaur und dem schoenen Stern
+am Fuss des suedlichen Kreuzes nehmen. Nach diesen Hoehen schien mir die
+Breite der Mission San Fernando gleich 4 deg. 2{~PRIME~} 48{~DOUBLE PRIME~}; Pater CAULIN gibt auf
+der Karte, die SOLANOs Beobachtungen im Jahr 1756 zu Grunde legt,
+4 deg. 4{~PRIME~} an. Diese Uebereinstimmung spricht fuer die Richtigkeit meiner
+Beobachtung, obgleich sich dieselbe nur auf Hoehen ziemlich weit vom
+Meridian gruendet. Eine gute Sternbeobachtung in Guapasoso ergibt mir fuer
+San Fernando 4 deg. 2{~PRIME~}. (GUMILLA setzte den Zusammenfluss des Atabapo und
+Guaviare unter 0 deg. 30{~PRIME~}, D'ANVILLE unter 2 deg. 51{~PRIME~}). Die Laenge konnte ich auf
+der Fahrt zum Rio Negro und auf dem Rueckweg von diesem Fluss sehr genau
+bestimmen: sie ist 70 deg. 30{~PRIME~} 46{~DOUBLE PRIME~} (oder 4 deg. 0{~PRIME~} westlich vom Meridian von
+Cumana). Der Gang des Chronometers war waehrend der Fahrt im Canoe so
+regelmaessig, dass er vom 16. April bis 9. Juli nur um 27,9 bis 28,5 Secunden
+abwich. In San Fernando fand ich die sehr sorgfaeltig rectificirte
+Inclination der Magnetnadel gleich 29 deg. 70, die Intensitaet der Kraft 219.
+Der Winkel und die Schwingungen waren also seit Maypures bei einem
+Breitenunterschied von 1 deg. 11{~PRIME~} betraechtlich kleiner und weniger geworden.
+Das anstehende Gestein war nicht mehr eisenschuessiger Sandstein, sondern
+Granit, in Gneiss uebergehend.
+
+Am 26. April. Wir legten nur zwei oder drei Meilen zurueck und lagerten zur
+Nacht auf einem Felsen in der Naehe der indianischen Pflanzungen oder
+Conucos von Guapasoso. Da man das eigentliche Ufer nicht sieht, und der
+Fluss, wenn er anschwillt, sich in die Waelder verlaeuft, kann man nur da
+landen, wo ein Fels oder ein kleines Plateau sich ueber das Wasser erhebt.
+Der Atabapo hat ueberall ein eigenthuemliches Ansehen; das eigentliche Ufer,
+das aus einer acht bis zehn Fuss hohen Bank besteht, sieht man nirgends; es
+versteckt sich hinter einer Reihe von Palmen und kleinen Baeumen mit sehr
+duennen Staemmen, deren Wurzeln vom Wasser bespuelt werden. Vom Punkt, wo man
+vom Orinoco abgeht, bis zur Mission San Fernando gibt es viele Krokodile,
+und dieser Umstand beweist, wie oben bemerkt, dass dieses Flussstueck zum
+Guaviare, nicht zum Atabapo gehoert. Im eigentlichen Bett des letzteren
+oberhalb San Fernando gibt es keine Krokodile mehr; man trifft hie und da
+einen *Bava* an und viele *Suesswasser-Delphine*, aber keine Seekuehe. Man
+sucht hier auch vergeblich den Chiguire, die Araguatos oder grossen
+Bruellaffen, den Zamuro oder _Vultur aura_ und den Fasanen mit der Haube,
+den sogenannten _'Guacharaca'_. Ungeheure Wassernattern, im Habitus der
+*Boa* gleich, sind leider sehr haeufig und werden den Indianern beim Baden
+gefaehrlich. Gleich in den ersten Tagen sahen wir welche neben unserer
+Pirogue herschwimmen, die 12--14 Fuss lang waren. Die Jaguars am Atabapo
+und Temi sind gross und gut genaehrt, sie sollen aber lange nicht so keck
+seyn als die am Orinoco.
+
+Am 27. April. Die Nacht war schoen, schwaerzlichte Wolken liefen von Zeit zu
+Zeit ungemein rasch durch das Zenith. In den untern Schichten der
+Atmosphaere regte sich kein Lueftchen, der allgemeine Ostwind wehte erst in
+tausend Toisen Hoehe. Ich betone diesen Umstand: die Bewegung, die wir
+bemerkten, war keine Folge von Gegenstroemungen (von West nach Ost), wie
+man sie zuweilen in der heissen Zone auf den hoechsten Gebirgen der
+Cordilleren wahrzunehmen glaubt, sie ruehrte vielmehr von einer
+eigentlichen Brise, vom Ostwind her. Ich konnte die Meridianhoehe von {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} im
+suedlichen Kreuz gut beobachten; die einzelnen Resultate schwankten nur um
+8--10 Secunden um das Mittel. Die Breite von Guapasoso ist 3 deg. 53{~PRIME~} 55{~DOUBLE PRIME~}. Das
+schwarze Wasser des Flusses diente mir als Horizont, und diese
+Beobachtungen machten mir desto mehr Vergnuegen, als wir auf den Fluessen
+mit weissem Wasser, auf dem Apure und Orinoco von den Insekten furchtbar
+zerstochen worden waren, waehrend Bonpland die Zeit am Chronometer
+beobachtete und ich den Horizont richtete. Wir brachen um zwei Uhr von den
+Conucos von Guapasoso aus. Wir fuhren immer nach Sueden hinauf und sahen
+den Fluss oder vielmehr den von Baeumen freien Theil seines Bettes immer
+schmaler werden. Gegen Sonnenaufgang fing es an zu regnen. Wir waren an
+diese Waelder, in denen es weniger Thiere gibt als am Orinoco, noch nicht
+gewoehnt, und so wunderten wir uns beinahe, dass wir die Araguatos nicht
+mehr bruellen hoerten. Die Delphine oder Toninas spielten um unser Canoe.
+Nach COLEBROOKE begleitet der _Delphinus gangetius_, der Suesswasser-Delphin
+der alten Welt, gleichfalls die Fahrzeuge, die nach Benares hinaufgehen;
+aber von Benares bis zum Punkt, wo Salzwasser in den Ganges kommt, sind es
+nur 200 Meilen, von Atabapo aber an die Muendung des Orinoco ueber 320.
+
+Gegen Mittag lag gegen Ost die Muendung des kleinen Flusses Ipurichapano,
+und spaeter kamen wir am Granithuegel vorbei, der unter dem Namen *piedra
+del Tigre* bekannt ist. Dieser einzeln stehende Fels ist nur 60 Fuss hoch
+und doch im Lande weit berufen. Zwischen dem vierten und fuenften Grad der
+Breite, etwas suedlich von den Bergen von Sipapo, erreicht man das suedliche
+Ende der *Kette der Katarakten*, fuer die ich in einer im Jahr 1800
+veroeffentlichten Abhandlung den Namen _'Kette der Parime'_ in Vorschlag
+gebracht habe. Unter 4 deg. 20{~PRIME~} streicht sie vom rechten Orinocoufer gegen Ost
+und Ost-Sued-Ost. Der ganze Landstrich zwischen den Bergen der Parime und
+dem Amazonenstrom, ueber den der Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro ziehen,
+ist eine ungeheure, zum Theil mit Wald, zum Theil mit Gras bewachsene
+Ebene. Kleine Felsen erheben sich da und dort, wie feste Schloesser. Wir
+bereuten es, unser Nachtlager nicht beim Tigerfelsen aufgeschlagen zu
+haben; denn wir fanden den Atabapo hinauf nur sehr schwer ein trockenes,
+freies Stueck Land, gross genug, um unser Feuer anzuenden und unsere
+Instrumente und Haengematten unterbringen zu koennen.
+
+Am 28. April. Der Regen goss seit Sonnenuntergang in Stroemen; wir
+fuerchteten unsere Sammlungen moechten beschaedigt werden. Der arme Missionaer
+bekam seinen Anfall von Tertianfieber und bewog uns, bald nach Mitternacht
+weiter zu fahren. Wir kamen mit Tagesanbruch an die Piedra und den
+Raudalito von Guarinuma. Der Fels, auf dem oestlichen Ufer, ist eine kahle,
+mit Psora, Cladonia und andern Flechten bedeckte Granitbank. Ich glaubte
+mich in das noerdliche Europa versetzt, auf den Kamm der Gneiss- und
+Granitberge zwischen Freiberg und Marienberg in Sachsen. Die Cladonien
+schienen mir identisch mit dem _Lichen rangiferinus_, dem _L. pyxidatus_
+und _L. polymorphus_ Linnes. Als wir die Stromschnellen von Guarinuma
+hinter uns hatten, zeigten uns die Indianer mitten im Wald zu unserer
+Rechten die Truemmer der seit lange verlassenen Mission Mendaxari. Auf dem
+andern, oestlichen Ufer, beim kleinen Felsen Kemarumo, wurden wir auf einen
+riesenhaften Kaesebaum (_Bombax Ceiba_) aufmerksam, der mitten in den
+Pflanzungen der Indianer stand. Wir stiegen aus, um ihn zu messen: er war
+gegen 120 Fuss hoch und hatte 14--15 Fuss Durchmesser. Ein so
+ausserordentliches Wachsthum fiel uns um so mehr auf, da wir bisher am
+Atabapo nur kleine Baeume mit duennem Stamm, von weitem jungen Kirschbaeumen
+aehnlich, gesehen hatten. Nach den Aussagen der Indianer bilden diese
+kleinen Baeume eine nur wenig verbreitete Gewaechsgruppe. Sie werden durch
+das Austreten des Flusses im Wachsthum gehemmt; auf den trockenen Strichen
+am Atabapo, Temi und Tuamini waechst dagegen vortreffliches Bauholz. Diese
+Waelder (und dieser Umstand ist wichtig, wenn man sich von den *Ebenen
+unter dem Aequator am Rio Negro und Amazonenstrom* eine richtige
+Vorstellung machen will), diese Waelder erstrecken sich nicht ohne
+Unterbrechung ostwaerts und westwaerts bis zum Cassiquiare und Guaviare: es
+liegen vielmehr die kahlen Savanen von Manuteso und am Rio Inirida
+dazwischen. Am Abend kamen wir nur mit Muehe gegen die Stroemung vorwaerts,
+und wir uebernachteten in einem Gehoelz etwas oberhalb Mendaxari. Hier ist
+wieder ein Granitfels, durch den eine Quarzschicht laeuft; wir fanden eine
+Gruppe schoener schwarzer Schoerlkrystalle darin.
+
+Am 29. April. Die Luft war kuehler; keine Zancudos, aber der Himmel
+fortwaehrend bedeckt und sternlos. Ich fing an mich wieder auf den untern
+Orinoco zu wuenschen. Bei der starken Stroemung kamen wir wieder nur langsam
+vorwaerts. Einen grossen Theil des Tages hielten wir an, um Pflanzen zu
+suchen, und es war Nacht, als wir in der Mission San Balthasar ankamen,
+oder, wie die Moenche sagen (da Balthasar nur der Name eines indianischen
+Haeuptlings ist), in der Mission _'la divina Pastora de Balthasar de
+Atabapo'_. Wir wohnten bei einem catalonischen Missionaer, einem muntern
+liebenswuerdigen Mann, der hier in der Wildniss ganz die seinem Volksstamm
+eigenthuemliche Thaetigkeit entwickelte. Er hatte einen schoenen Garten
+angelegt, wo der europaeische Feigenbaum der Persea, der Citronenbaum dem
+Mamei zur Seite stand. Das Dorf war nach einem regelmaessigen Plan gebaut,
+wie man es in Norddeutschland und im protestantischen Amerika bei den
+Gemeinden der maehrischen Brueder sieht. Die Pflanzungen der Indianer
+schienen uns besser gehalten als anderswo. Hier sahen wir zum erstenmal
+den weissen, schwammigten Stoff, den ich unter dem Namen _'Dapicho'_ und
+_'Zapis'_ bekannt gemacht habe. Wir sahen gleich, dass derselbe mit dem
+"elastischen Harz" Aehnlichkeit hat; da uns aber die Indianer durch
+Zeichen bedeuteten, man finde denselben in der Erde, so vermutheten wir,
+bis wir in die Mission Javita kamen, das *Dapicho* moechte ein *fossiles
+Cautschuc* seyn, wenn auch abweichend vom *elastischen Bitumen* in
+Derbyshire. In der Huette des Missionaers sass ein Poimisano-Indianer an
+einem Feuer und verwandelte das Dapicho in schwarzes Cautschuc. Er hatte
+mehrere Stuecke auf ein duennes Holz gespiesst und briet dieselben wie
+Fleisch. Je weicher und elastischer das Dapicho wird, desto mehr schwaerzt
+es sich. Nach dem harzigen, aromatischen Geruch, der die Huette erfuellte,
+ruehrt dieses Schwarzwerden wahrscheinlich davon her, dass eine Verbindung
+von Kohlenstoff und Wasserstoff zersetzt und der Kohlenstoff frei wird,
+waehrend der Wasserstoff bei gelinder Hitze verbrennt. Der Indianer klopfte
+die erweichte schwarze Masse mit einem vorne keulenfoermigen Stueck
+Brasilholz, knetete dann den Dapicho zu Kugeln von 3--4 Zoll Durchmesser
+und liess ihn erkalten. Diese Kugeln gleichen vollkommen dem Cautschuc, wie
+es in den Handel kommt, sie bleiben jedoch aussen meist etwas klebrig. Man
+braucht sie in San Balthasar nicht zum indianischen Ballspiel, das bei den
+Einwohnern von Uruana und Encaramada in so hohem Ansehen steht; man
+schneidet sie cylindrisch zu, um sie als Stoepsel zu gebrauchen, die noch
+weit besser sind als Korkstoepsel. Diese Anwendung des Cautschuc war uns
+desto interessanter, da uns der Mangel europaeischer Stoepsel oft in grosse
+Verlegenheit gesetzt hatte. Wie ungemein nuetzlich der Kork ist, fuehlt man
+erst in Laendern, wohin er durch den Handel nicht kommt. In Suedamerika
+kommt nirgends, selbst nicht auf dem Ruecken der Anden, eine Eichenart vor,
+die dem _Quercus suber_ nahe staende, und weder das leichte Holz der
+Bombax- und Ochroma-Arten und anderer Malvaceen, noch die Maisspindeln,
+deren sich die Indianer bedienen, ersetzen unsere Stoepsel vollkommen. Der
+Missionaer zeigte uns vor der _'Casa de los Solteros'_ (Haus, wo sich die
+jungen, nicht verheiratheten Leute versammeln) eine Trommel, die aus einem
+zwei Fuss langen und achtzehn Zoll dicken hohlen Cylinder bestand. Man
+schlug dieselbe mit grossen Stuecken Dapicho, wie mit Trommelschlaegeln; sie
+hatte Loecher, die man mit der Hand schliessen konnte, um hoehere oder
+tiefere Toene hervorzubringen, und hing an zwei leichten Stuetzen. Wilde
+Voelker lieben rauschende Musik. Die Trommel und die _Botutos_ oder
+Trompeten aus gebrannter Erde, 3--4 Fuss lange Roehren, die sich an mehreren
+Stellen zu Hohlkugeln erweitern, sind bei den Indianern unentbehrliche
+Instrumente, wenn es sich davon handelt, mit Musik Effekt zu machen.
+
+Am 30. April. Die Nacht war ziemlich schoen, so dass ich die Meridianhoehen
+des {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} im suedlichen Kreuz und der zwei grossen Sterne in den Fuessen des
+Centauren beobachten konnte. Ich fand fuer San Balthasar eine Breite von
+3 deg. 14{~PRIME~} 23{~DOUBLE PRIME~}. Als Laenge ergab sich aus Stundenwinkeln der Sonne nach dem
+Chronometer 70 deg. 14{~PRIME~} 21{~DOUBLE PRIME~}. Die Inclination der Magnetnadel war 27{~PRIME~} 80. Wir
+verliessen die Mission Morgens ziemlich spaet und fuhren den Atabapo noch
+fuenf Meilen hinauf; statt ihm aber weiter seiner Quelle zu gegen Osten, wo
+er Atacavi heisst, zu folgen, liefen wir jetzt in den Rio Temi ein. Ehe wir
+an die Muendung desselben kamen, beim Einfluss des Guasacavi, wurden wir auf
+eine Granitkuppe am westlichen Ufer aufmerksam. Dieselbe heisst der *Fels
+der Guahiba-Indianerin*, oder der Fels der Mutter, _Piedra de la madre_.
+Wir fragten nach dem Grund einer so sonderbaren Benennung. Pater Zea
+konnte unsere Neugier nicht befriedigen, aber einige Wochen spaeter
+erzaehlte uns ein anderer Missionaer einen Vorfall, den ich in meinem
+Tagebuch aufgezeichnet und der den schmerzlichsten Eindruck auf uns
+machte. Wenn der Mensch in diesen Einoeden kaum eine Spur seines Daseyns
+hinter sich laesst, so ist es fuer den Europaeer doppelt demuethigend, dass
+durch den Namen eines Felsen, durch eines der unvergaenglichen Denkmale der
+Natur, das Andenken an die sittliche Verworfenheit unseres Geschlechts, an
+den Gegensatz zwischen der Tugend des Wilden und der Barbarei des
+civilisirten Menschen verewigt wird.
+
+Der Missionaer von San Fernando(57) war mit seinen Indianern an den
+Guaviare gezogen, um einen jener feindlichen Einfaelle zu machen, welche
+sowohl die Religion als die spanischen Gesetze verbieten. Man fand in
+einer Huette eine Mutter vom Stamme der Guahibos mit drei Kindern, von
+denen zwei noch nicht erwachsen waren. Sie bereiteten Maniocmehl. An
+Widerstand war nicht zu denken; der Vater war auf dem Fischfang, und so
+suchte die Mutter mit ihren Kindern sich durch die Flucht zu retten. Kaum
+hatte sie die Savane erreicht, so wurde sie von den Indianern aus der
+Mission eingeholt, die auf die *Menschenjagd* gehen, wie die Weissen und
+die Neger in Afrika. Mutter und Kinder wurden gebunden und an den Fluss
+geschleppt. Der Ordensmann sass in seinem Boot, des Ausgangs der Expedition
+harrend, die fuer ihn sehr gefahrlos war. Haette sich die Mutter zu stark
+gewehrt, so waere sie von den Indianern umgebracht worden; Alles ist
+erlaubt, wenn man auf die _conquista espiritual_ auszieht, und man will
+besonders der Kinder habhaft werden, die man dann in der Mission als
+Poitos oder Sklaven der Christen behandelt. Man brachte die Gefangenen
+nach San Fernando und meinte, die Mutter koennte zu Land sich nicht wieder
+in ihre Heimath zurueckfinden. Durch die Trennung von den Kindern, die am
+Tage ihrer Entfuehrung den Vater begleitet hatten, gerieth das Weib in die
+hoechste Verzweiflung. Sie beschloss, die Kinder, die in der Gewalt des
+Missionaers waren, zur Familie zurueckzubringen; sie lief mit ihnen mehrere
+male von San Fernando fort, wurde aber immer wieder von den Indianern
+gepackt, und nachdem der Missionaer sie unbarmherzig hatte peitschen
+lassen, fasste er den grausamen Entschluss, die Mutter von den beiden
+Kindern, die mit ihr gefangen worden, zu trennen. Man fuehrte sie allein
+den Atabapo hinauf, den Missionen am Rio Negro zu. Leicht gebunden sass sie
+auf dem Vordertheil des Fahrzeugs. Man hatte ihr nicht gesagt, welches
+Loos ihrer wartete, aber nach der Richtung der Sonne sah sie wohl, dass sie
+immer weiter von ihrer Huette und ihrer Heimath wegkam. Es gelang ihr, sich
+ihrer Bande zu entledigen, sie sprang in den Fluss und schwamm dem linken
+Ufer des Atabapo zu. Die Stroemung trug sie an eine Felsbank, die noch
+heute ihren Namen traegt. Sie ging hier ans Land und lief ins Holz; aber
+der Praesident der Missionen befahl den Indianern, ans Ufer zu fahren und
+den Spuren der Guahiba zu folgen. Am Abend wurde sie zurueckgebracht, auf
+den Fels (_piedra de la madre_) gelegt und mit einem Seekuhriemen, die
+hier zu Lande als Peitschen dienen und mit denen die Alcaden immer
+versehen sind, unbarmherzig gepeitscht. Man band dem ungluecklichen Weibe
+mit starken Mavacureranken die Haende aus den Ruecken und brachte sie in die
+Mission Javita.
+
+Man sperrte sie hier in eines der Caravanserais, die man _Cases del Rey_
+nennt. Es war in der Regenzeit und die Nacht ganz finster. Waelder, die man
+bis da fuer undurchdringlich gehalten, liegen, 25 Meilen in gerader Linie
+breit, zwischen Javita und San Fernando. Man kennt keinen andern Weg als
+die Fluesse. Niemals hat ein Mensch versucht zu Land von einem Dorf zum
+andern zu gehen, und laegen sie auch nur ein paar Meilen aus einander. Aber
+solche Schwierigkeiten halten eine Mutter, die man von ihren Kindern
+getrennt, nicht auf. Ihre Kinder sind in San Fernando am Atabapo; sie muss
+zu ihnen, sie muss sie aus den Haenden der Christen befreien, sie muss sie
+dem Vater am Guaviare wieder bringen. Die Guahiba ist im Caravanserai
+nachlaessig bewacht, und da ihre Arme ganz blutig waren, hatten ihr die
+Indianer von Javita ohne Vorwissen des Missionaers und des Alcaden die
+Bande gelockert. Es gelingt ihr, sie mit den Zaehnen vollends loszumachen,
+und sie verschwindet in der Nacht. Und als die Sonne zum vierten mal
+aufgeht, sieht man sie in der Mission San Fernando um die Huette
+schleichen, wo ihre Kinder eingesperrt sind. "Was dieses Weib ausgefuehrt",
+sagte der Missionaer, der uns diese traurige Geschichte erzaehlte, "der
+kraeftigste Indianer haette sich nicht getraut es zu unternehmen." Sie ging
+durch die Waelder in einer Jahreszeit, wo der Himmel immer mit Wolken
+bedeckt ist und die Sonne Tage lang nur auf wenige Minuten zum Vorschein
+kommt. Hatte sie sich nach dem Lauf der Wasser gerichtet? Aber da Alles
+ueberschwemmt war, musste sie sich weit von den Flussufern, mitten in den
+Waeldern halten, wo man das Wasser fast gar nicht laufen sieht. Wie oft
+mochte sie von den stachligten Lianen aufgehalten worden sehn, welche um
+die von ihnen umschlungenen Staemme ein Gitterwerk bilden! Wie oft musste
+sie ueber die Baeche schwimmen, die sich in den Atabapo ergiessen! Man fragte
+das unglueckliche Weib, von was sie sich vier Tage lang genaehrt; sie sagte,
+voellig erschoepft habe sie sich keine andere Nahrung verschaffen koennen als
+die grossen schwarzen Ameisen, _Vachacos_ genannt, die in langen Zuegen an
+den Baeumen hinaufkriechen, um ihre harzigten Nester daran zu haengen. Wir
+wollten durchaus vom Missionaer wissen, ob jetzt die Guahiba in Ruhe des
+Glueckes habe geniessen koennen, um ihre Kinder zu seyn, ob man doch endlich
+bereut habe, dass man sich so masslos vergangen? Er fand nicht fuer gut,
+unsere Neugierde zu befriedigen; aber auf der Rueckreise vom Rio Negro
+hoerten wir, man habe der Indianerin nicht Zeit gelassen, von ihren Wunden
+zu genesen, sondern sie wieder von ihren Kindern getrennt und in eine
+Mission am obern Orinoco gebracht. Dort wies sie alle Nahrung von sich und
+starb, wie die Indianer in grossem Jammer thun.
+
+Diess ist die Geschichte, deren Andenken an diesem unseligen Gestein, an
+der _Piedra de la madre_ haftet. Es ist mit in dieser meiner
+Reisebeschreibung nicht darum zu thun, bei der Schilderung einzelner
+Ungluecksscenen zu verweilen. Dergleichen Jammer kommt ueberall vor, wo es
+Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europaeer unter versunkenen Voelkern
+leben, wo Priester mit unumschraenkter Gewalt ueber unwissende, wehrlose
+Menschen herrschen. Als Geschichtschreiber der Laender, die ich bereist,
+beschraenke ich mich meist darauf, anzudeuten, was in den buergerlichen und
+religioesen Einrichtungen mangelhaft oder der Menschheit verderblich
+erscheint. Wenn ich beim *Fels der Guahiba* laenger verweilt habe, geschah
+es nur, um ein ruehrendes Beispiel von Mutterliebe bei einer Menschenart
+beizubringen, die man so lange verlaeumdet hat, und weil es mir nicht ohne
+Nutzen schien, einen Vorfall zu veroeffentlichen, den ich aus dem Munde von
+Franciskanern habe, und der beweist, wie nothwendig es ist, dass das Auge
+des Gesetzgebers ueber dem Regiment der Missionaere wacht.
+
+Oberhalb dem Einfluss des Guasacavi liefen wir in den Rio Temi ein, der von
+Sued nach Nord laeuft. Waeren wir den Atabapo weiter hinaufgefahren, so waeren
+wir gegen Ost-Sued-Ost vom Guainia oder Rio Negro abgekommen. Der Temi ist
+nur 80--90 Toisen breit, und in jedem andern Lande als Guyana waere diess
+noch immer ein bedeutender Fluss. Das Land ist aeusserst einfoermig, nichts
+als Wald auf voellig ebenem Boden. Die schoene Pirijaopalme mit Fruechten wie
+Pfirsiche, und eine neue Art *Bache* oder Mauritia mit stachlichtem Stamm
+ragen hoch ueber den kleineren Baeumen, deren Wachsthum, wie es scheint,
+durch das lange Stehen unter Wasser niedergehalten wird. Diese _Mauritia
+aculeata_ heisst bei den Indianern _Juria_ oder _Cauvaja_. Sie hat
+faecherfoermige, gegen den Boden gesenkte Blaetter; auf jedem Blatte sieht
+man gegen die Mitte, wahrscheinlich in Folge einer Krankheit des
+Parenchyms, concentrische, abwechselnd gelbe und blaue Kreise; gegen die
+Mitte herrscht das Gelb vor. Diese Erscheinung fiel uns sehr auf. Diese
+wie ein Pfauenschweif gefaerbten Blaetter sitzen auf kurzen, sehr dicken
+Staemmen. Die Stacheln sind nicht lang und duenn, wie beim Corozo und andern
+stachligten Palmen; sie sind im Gegentheil stark holzigt, kurz, gegen die
+Basis breiter, wie die Stacheln der _Hura crepitans_. An den Ufern des
+Atabapo und Temi steht diese Palme in Gruppen von zwoelf bis fuenfzehn
+Staemmen, die sich so nah an einander draengen, als kaemen sie aus Einer
+Wurzel. Im Habitus, in der Form und der geringen Zahl der Blaetter gleichen
+diese Baeume den Faecherpalmen und Chamaerops der alten Welt. Wir bemerkten,
+dass einige Juriastaemme gar keine Fruechte trugen, waehrend andere davon ganz
+voll hingen; diess scheint auf eine Palme mit getrennten Geschlechtern zu
+deuten.
+
+Ueberall wo der Temi Schlingen bildet, steht der Wald ueber eine halbe
+Quadratmeile weit unter Wasser. Um die Kruemmungen zu vermeiden und
+schneller vorwaerts zu kommen, wird die Schifffahrt hier ganz seltsam
+betrieben. Die Indianer bogen aus dem Flussbett ab, und wir fuhren suedwaerts
+durch den Wald auf sogenannten _'Sendas'_, das heisst vier bis fuenf Fuss
+breiten, offenen Canaelen. Das Wasser ist selten ueber einen halben Faden
+tief. Diese *Sendas* bilden sich im ueberschwemmten Wald, wie auf trockenem
+Boden die Fusssteige. Die Indianer schlagen von einer Mission zur andern
+mit ihren Canoes wo moeglich immer denselben Weg ein; da aber der Verkehr
+gering ist, so stoesst man bei der ueppigen Vegetation zuweilen unerwartet
+auf Hindernisse. Desshalb stand ein Indianer mit einem Machette (ein grosses
+Messer mit vierzehn Zoll langer Klinge) vorne auf unserem Fahrzeug und
+hieb fortwaehrend die Zweige ab, die sich von beiden Seiten des Canals
+kreuzten. Im dicksten Walde vernahmen wir mit Ueberraschung einen
+sonderbaren Laerm. Wir schlugen an die Buesche, und da kam ein Schwarm vier
+Fuss langer *Toninas* (Suesswasserdelphine) zum Vorschein und umgab unser
+Fahrzeug. Die Thiere waren unter den Aesten eines Kaesebaums oder _Bombax
+Ceiba_ versteckt gewesen. Sie machten sich durch den Wald davon und warfen
+dabei die Strahlen Wasser und comprimirter Luft, nach denen sie in allen
+Sprachen Blasefische oder Spritzfische, _souffleurs_ u. s. w. heissen. Ein
+sonderbarer Anblick mitten im Lande, drei- und vierhundert Meilen von den
+Muendungen des Orinoco und des Amazonenstroms! Ich weiss wohl, dass Fische
+von der Familie Pleuronectes [_Limanda_] aus dem atlantischen Meer in der
+Loire bis Orleans heraufgehen; aber ich bin immer noch der Ansicht, dass
+die Delphine im Temi, wie die im Ganges und wie die Rochen im Orinoco, von
+den Seerochen und Seedelphinen ganz verschiedene Arten sind. In den
+ungeheuren Stroemen Suedamerikas und in den grossen Seen Nordamerikas scheint
+die Natur mehrere Typen von Seethieren zu wiederholen. Der Nil hat keine
+Delphine;(58) sie gehen aus dem Meer im Delta nicht ueber Biana und
+Metonbis, Selamoun zu, hinauf.
+
+Gegen fuenf Uhr Abends gingen wir nicht ohne Muehe in das eigentliche
+Flussbett zurueck. Unsere Pirogue blieb ein paar Minuten lang zwischen zwei
+Baumstaemmen stecken. Kaum war sie wieder losgemacht, kamen wir an eine
+Stelle, wo mehrere Wasserpfade oder kleine Canaele sich kreuzten, und der
+Steuermann wusste nicht gleich, welches der befahrenste Weg war. Wir haben
+oben gesehen, dass man in der Provinz Varinas im Canoe ueber die offenen
+Savanen von San Fernando am Apure bis an den Arauca faehrt; hier fuhren wir
+durch einen Wald, der so dicht ist, dass man sich weder nach der Sonne noch
+nach den Sternen orientiren kann. Heute fiel es uns wieder recht auf, dass
+es in diesem Landstrich keine baumartigen Farn mehr gibt. Sie nehmen vom
+sechsten Grad noerdlicher Breite an sichtbar ab, wogegen die Palmen dem
+Aequator zu ungeheuer zunehmen. Die eigentliche Heimath der baumartigen
+Farn ist ein nicht so heisses Klima, ein etwas bergigter Boden, Plateaus
+von 300 Toisen Hoehe. Nur wo Berge sind, gehen diese prachtvollen Gewaechse
+gegen die Niederungen herab; ganz ebenes Land, wie das, ueber welches der
+Cassiquiare, der Temi, der Inirida und der Rio Negro ziehen, scheinen sie
+zu meiden. Wir uebernachteten an einem Felsen, den die Missionaere Piedra de
+Astor nennen. Von der Muendung des Guaviare an ist der geologische
+Charakter des Bodens derselbe. Es ist eine weite aus Granit bestehende
+Ebene, auf der jede Meile einmal das Gestein zu Tage kommt und keine
+Huegel, sondern kleine senkrechte Massen bildet, die Pfeilern oder
+zerfallenen Gebaeuden gleichen.
+
+Am ersten Mai. Die Indianer wollten lange vor Sonnenaufgang aufbrechen.
+Wir waren vor ihnen auf den Beinen, weil ich vergeblich auf einen Stern
+wartete, der im Begriff war durch den Meridian zu gehen. Auf diesem
+nassen, dicht bewaldeten Landstrich wurden die Naechte immer finsterer, je
+naeher wir dem Rio Negro und dem innern Brasilien kamen. Wir blieben im
+Flussbett, bis der Tag anbrach; man haette besorgen muessen, sich unter den
+Baeumen zu verirren. Sobald die Sonne aufgegangen war, ging es wieder, um
+der starken Stroemung auszuweichen, durch den ueberschwemmten Wald. So kamen
+wir an den Zusammenfluss des Temi mit einem andern kleinen Fluss, dem
+Tuamini, dessen Wasser gleichfalls schwarz ist, und gingen den letzteren
+gegen Suedwest hinauf. Damit kamen wir auf die Mission Javita zu, die am
+Tuamini liegt. In dieser christlichen Niederlassung sollten wir die
+erforderlichen Mittel finden, um unsere Pirogue zu Land an den Rio Negro
+schaffen zu lassen. Wir kamen in *San Antonio de Javita* erst um elf Uhr
+Vormittags an. Ein an sich unbedeutender Vorfall, der aber zeigt, wie
+ungemein furchtsam die kleinen Sagoins sind, hatte uns an der Muendung des
+Tuamini eine Zeitlang aufgehalten. Der Laerm, den die Spritzfische machen,
+hatte unsere Affen erschreckt, und einer war ins Wasser gefallen. Da diese
+Affenart, vielleicht weil sie ungemein mager ist, sehr schlecht schwimmt,
+so kostete es Muehe, ihn zu retten.
+
+Zu unserer Freude trafen wir in Javita einen sehr geisteslebendigen,
+vernuenftigen und gefaelligen Moench. Wir mussten uns vier bis fuenf Tage in
+seinem Hause aufhalten, da so lange zum Transport unseres Fahrzeugs ueber
+den *Trageplatz* am Pimichin erforderlich war; wir benuetzten diese Zeit
+nicht allein, um uns in der Gegend umzusehen, sondern auch um uns von
+einem Uebel zu befreien, an dem wir seit zwei Tagen litten. Wir hatten
+sehr starkes Jucken in den Fingergelenken und auf dem Handruecken. Der
+Missionaer sagte uns, das seyen _aradores_ (Ackerer), die sich in die Haut
+gegraben. Mit der Loupe sahen wir nur Streifen, parallele weisslichte
+Furchen. Wegen der Form dieser Furchen heisst das Insekt der *Ackerer*. Man
+liess eine Mulattin kommen, die sich ruehmte, all die kleinen Thiere, welche
+sich in die Haut des Menschen graben, die *Nigua*, den *Nuche*, die *Coya*
+und den *Ackerer*, aus dem Fundament zu kennen; es war die _'Curandera'_,
+der Dorfarzt. Sie versprach uns die Insekten, die uns so schreckliches
+Jucken verursachten, eines um das andere herauszuholen. Sie erhitzte an
+der Lampe die Spitze eines kleinen Splitters sehr harten Holzes und bohrte
+damit in den Furchen, die auf der Haut sichtbar waren. Nach langem Suchen
+verkuendete sie mit dem pedantischen Ernst, der den Farbigen eigen ist, da
+sey bereits ein Arador. Ich sah einen kleinen runden Sack, der mir das Ei
+einer Milbe schien. Wenn die Mulattin einmal drei, vier solche Aradores
+heraus haette, sollte ich mich erleichtert fuehlen. Da ich an beiden Haenden
+die Haut voll Acariden hatte, ging mir die Geduld ueber der Operation aus,
+die bereits bis tief in die Nacht gedauert hatte. Am andern Tag heilte uns
+ein Indianer aus Javita radical und ueberraschend schnell. Er brachte uns
+einen Zweig von einem Strauch, genannt *Uzao*, mit kleinen, denen der
+Cassia aehnlichen, stark lederartigen, glaenzenden Blaettern. Er machte von
+der Rinde einen kalten Aufguss, der blaeulich aussah und wie Suessholz
+(_Glycyrrhiza_) schmeckte und geschlagen starken Schaum gab. Auf einfaches
+Waschen mit dem Uzaowasser hoerte das Jucken von den Aradores auf. Wir
+konnten vom Uzao weder Bluethe noch Frucht auftreiben. Der Strauch scheint
+der Familie der Schotengewaechse anzugehoeren, deren chemische Eigenschaften
+so auffallend ungleichartig sind. Der Schmerz, den wir auszustehen gehabt,
+hatte uns so aengstlich gemacht, dass wir bis San Carlos immer ein paar
+Uzaozweige im Canoe mitfuehrten; der Strauch waechst am Pimichin in Menge.
+Warum hat man kein Mittel gegen das Jucken entdeckt, das von den Stichen
+der Zancudos herruehrt, wie man eines gegen das Jucken hat, das die
+_Aradores_ oder mikroskopischen Acariden verursachen?
+
+Im Jahr 1755, vor der Grenzexpedition, gewoehnlich Solanos Expedition
+genannt, wurde dieser Landstrich zwischen den Missionen Javita und San
+Balthasar als zu Brasilien gehoerig betrachtet. Die Portugiesen waren vom
+Rio Negro ueber den Trageplatz beim Cano Pimichin bis an den Temi
+vorgedrungen. Ein indianischer Haeuptling, Javita, beruehmt wegen seines
+Muthes und seines Unternehmungsgeistes, war mit den Portugiesen verbuendet.
+Seine Streifzuege gingen vom Rio Jupura oder Caqueta, einem der grossen
+Nebenfluesse des Amazonenstromes ueber den Rio Uaupe und Xie, bis zu den
+schwarzen Gewaessern des Temi und Tuamini, ueber hundert Meilen weit. Er war
+mit einem Patent versehen, das ihn ermaechtigte, "Indianer aus dem Wald zu
+holen, zur Eroberung der Seelen." Er machte von dieser Befugniss
+reichlichen Gebrauch; aber er bezweckte mit seinen Einfaellen etwas, das
+nicht so ganz geistlich war, Sklaven (_poitos_) zu machen und sie an die
+Portugiesen zu verkaufen. Als Solano, der zweite Befehlshaber bei der
+Grenzexpedition, nach San Fernando de Atabapo kam, liess er Capitaen Javita
+aus einem seiner Streifzuege am Temi festnehmen. Er behandelte ihn
+freundlich und es gelang ihm, ihn durch Versprechungen, die nicht gehalten
+wurden, fuer die spanische Regierung zu gewinnen. Die Portugiesen, die
+bereits einige feste Niederlassungen im Lande gegruendet hatten, wurden bis
+an den untern Rio Negro zurueckgedraengt, und die Mission San Antonio, die
+gewoehnlich nach ihrem indianischen Gruender Javita heisst, weiter noerdlich
+von den Quellen des Tuamini, dahin verlegt, wo sie jetzt liegt. Der alte
+Capitaen Javita lebte noch, als wir an den Rio Negro gingen. Er ist ein
+Indianer von bedeutender Geistes- und Koerperkraft. Er spricht gelaeufig
+spanisch und hat einen gewissen Einfluss auf die benachbarten Voelker
+behalten. Er begleitete uns immer beim Botanisiren und ertheilte uns
+mancherlei Auskunft, die wir desto mehr schaetzten, da die Missionaere ihn
+fuer sehr zuverlaessig halten. Er versichert, er habe in seiner Jugend fast
+alle Indianerstaemme, welche auf dem grossen Landstrich zwischen dem obern
+Orinoco, dem Rio Negro, dem Irinida und Jupura wohnen, Menschenfleisch
+essen sehen. Er haelt die Daricavanas, Puchirinavis und Manitibitanos fuer
+die staerksten Anthropophagen. Er haelt diesen abscheulichen Brauch bei
+ihnen nur fuer ein Stueck systematischer Rachsucht: sie essen nur Feinde,
+die im Gefecht in ihre Haende gefallen. Die Beispiele, wo der Indianer in
+der Grausamkeit so weit geht, dass er seine Naechsten, sein Weib, eine
+ungetreue Geliebte verzehrt, sind, wie wir weiter unten sehen werden, sehr
+selten. Auch weiss man am Orinoco nichts von der seltsamen Sitte der
+scythischen und massagetischen Voelker, der Capanaguas am Rio Ucayale und
+der alten Bewohner der Antillen, welche dem Todten zu Ehren die Leiche zum
+Theil assen. Auf beiden Continenten kommt dieser Brauch nur bei Voelkern
+vor, welche das Fleisch eines Gefangenen verabscheuen. Der Indianer auf
+Haiti (St. Domingo) haette geglaubt dem Andenken eines Angehoerigen die
+Achtung zu versagen, wenn er nicht ein wenig von der gleich einer
+Guanchenmumie getrockneten und gepulverten Leiche in sein Getraenk geworfen
+haette. Da kann man wohl mit einem orientalischen Dichter sagen, "am
+seltsamsten in seinen Sitten, am ausschweifendsten in seinen Trieben sey
+von allen Thieren der Mensch."
+
+Das Klima in San Antonio de Javita ist ungemein regnerisch. Sobald man
+ueber den dritten Breitegrad hinunter dem Aequator zu kommt, findet man
+selten Gelegenheit Sonne und Gestirne zu beobachten. Es regnet fast das
+ganze Jahr und der Himmel ist bestaendig bedeckt. Da in diesem
+unermesslichen Urwald von Guyana der Ostwind nicht zu spueren ist und die
+Polarstroeme nicht hieher reichen, so wird die Luftsaeule, die auf dieser
+Waldregion liegt, nicht durch trockenere Schichten ersetzt. Der
+Wasserdunst, mit dem sie gesaettigt ist, verdichtet sich zu aequatorialen
+Regenguessen. Der Missionaer versicherte uns, er habe hier oft vier, fuenf
+Monate ohne Unterbrechung regnen sehen. Ich mass den Regen, der am ersten
+Mai innerhalb fuenf Stunden fiel: er stand 21 Linien hoch, und am dritten
+Mai bekam ich sogar 14 Linien in drei Stunden Und zwar, was wohl zu
+beachten, wurden diese Beobachtungen nicht bei starkem, sondern bei ganz
+gewoehnlichem Regen angestellt. Bekanntlich fallen in Paris in ganzen
+Monaten, selbst in den nassesten, Maerz, Juli und September, nur 28 bis 30
+Linien Wasser. Allerdings kommen auch bei uns Regenguesse vor, bei denen in
+der Stunde ueber einen Zoll Wasser faellt, man darf aber nur den mittleren
+Zustand der Atmosphaere in der gemaessigten und in der heissen Zone
+vergleichen. Aus den Beobachtungen, die ich hinter einander im Hafen von
+Guayaquil an der Suedsee und in der Stadt Quito in 1492 Toisen Meereshoehe
+angestellt, scheint hervorzugehen, dass gewoehnlich auf dem Ruecken der Anden
+in der Stunde zwei- bis dreimal weniger Wasser faellt als im Niveau des
+Meeres. Es regnet im Gebirge oefter, dabei faellt aber in einer gegebenen
+Zeit weniger Wasser. Am Rio Negro in Maroa und San Carlos ist der Himmel
+bedeutend heiterer als in Javita und am Temi. Dieser Unterschied ruehrt
+nach meiner Ansicht daher, dass dort die Savanen am untern Rio Negro in der
+Naehe liegen, ueber die der Ostwind frei wehen kann, und die durch ihre
+Strahlung einen staerkeren aufsteigenden Luftstrom verursachen als
+bewaldetes Land.
+
+Es ist in Javita kuehler als in Maypures, aber bedeutend heisser als am Rio
+Negro. Der hunderttheilige Thermometer stand bei Tag auf 26--27 deg., bei
+Nacht auf 21 deg.; noerdlich von den Katarakten, besonders noerdlich von der
+Muendung des Meta, war die Temperatur bei Tag meist 28--30 deg., bei Nacht
+25--26 deg.. Diese Abnahme der Waerme am Atabapo, Tuamini und Rio Negro ruehrt
+ohne Zweifel davon her, dass bei dem bestaendig bedeckten Himmel die Sonne
+so wenig scheint und die Verdunstung aus dem nassen Boden so stark ist.
+Ich spreche nicht vom erkaeltenden Einfluss der Waelder, wo die zahllosen
+Blaetter eben so viele duenne Flaechen sind, die sich durch Strahlung gegen
+den Himmel abkuehlen. Bei dem mit Wolken umzogenen Himmel kann dieses
+Moment nicht viel ausmachen. Auch scheint die Meereshoehe von Javita etwas
+dazu beizutragen, dass die Temperatur niedriger ist. Maypures liegt
+wahrscheinlich 60--70, San Fernando de Atabapo 122, Javita 166 Toisen ueber
+dem Meer. Da die kleine atmosphaerische Ebbe und Fluth an der Kueste (in
+Cumana) von einem Tag zum andern um 0,8 bis 2 Linien variirt, und ich das
+Unglueck hatte, das Instrument zu zerbrechen, ehe ich wieder an die See
+kam, so sind diese Resultate nicht ganz zuverlaessig. Als ich in Javita die
+stuendlichen Variationen des Luftdrucks beobachtete, bemerkte ich, dass eine
+kleine Luftblase die Quecksilbersaeule zum Theil sperrte(59) und durch ihre
+thermometrische Ausdehnung auf das Steigen und Fallen Einfluss aeusserte. Auf
+den elenden Fahrzeugen, in die wir eingezwaengt waren, liess sich der
+Barometer fast unmoeglich senkrecht oder doch stark aufwaerts geneigt
+halten. Ich benuetzte unsern Aufenthalt in Javita, um das Instrument
+auszubessern und zu berichtigen. Nachdem ich das Niveau gehoerig
+rertificirt, stand der Thermometer bei 23 deg.,4 Temperatur Morgens 11 1/2 Uhr
+325,4 Linien hoch. Ich lege einiges Gewicht auf diese Beobachtung, da es
+fuer die Kenntniss der Bodenbildung eines Continents von groesserem Belang
+ist, die Meereshoehe der Ebenen zwei- bis dreihundert Meilen von der Kueste
+zu bestimmen, als die Gipfel der Cordilleren zu messen. Barometrische
+Beobachtungen in Sego am Niger, in Bornou oder auf den Hochebenen von
+Khoten und Hami waeren fuer die Geologie wichtiger als die Bestimmung der
+Hoehe der Gebirge in Abyssinien und im Musart. Die stuendlichen Variationen
+des Barometers treten in Javita zu denselben Stunden ein wie an den Kuesten
+und im Hof Antisana, wo mein Instrument in 2104 Toisen Meereshoehe hing.
+Sie betrugen von 9 Uhr Morgens bis 4 Uhr Abends 1,6 Linien, am vierten Mai
+sogar fast 2 Linien. Der Deluc'sche auf den Saussure'schen reducirte
+Hygrometer stand fortwaehrend im Schatten zwischen 84 und 92 deg., wobei nur
+die Beobachtungen gerechnet sind, die gemacht wurden, so lange es nicht
+regnete. Die Feuchtigkeit hatte somit seit den grossen Katarakten bedeutend
+zugenommen: sie war mitten in einem stark beschatteten, von
+Aequatorialregen ueberflutheten Lande fast so gross wie auf der See.
+
+Vom 29. April bis 4. Mai konnte ich keines Sterns im Meridian ansichtig
+werden, um die Laenge zu bestimmen. Ich blieb ganze Naechte wach, um die
+Methode der doppelten Hoehen anzuwenden; all mein Bemuehen war vergeblich.
+Die Nebel im noerdlichen Europa sind nicht anhaltender, als hier in Guyana
+in der Naehe des Aequators. Am 4. Mai kam die Sonne auf einige Minuten zum
+Vorschein. Ich fand mit dem Chronometer und mittelst Stundenwinkeln die
+Laenge von Javita gleich 70 deg. 22{~PRIME~} oder 1 deg. 1{~PRIME~} 5{~DOUBLE PRIME~} weiter nach West als die
+Laenge der Einmuendung des Apure in den Orinoco. Dieses Ergebniss ist von
+Bedeutung, weil wir damit aus unsern Karten die Lage des gaenzlich
+unbekannten Landes zwischen dem Xie und den Quellen des Issana angeben
+koennen, die auf demselben Meridian wie die Mission Javita liegen. Die
+Inclination der Magnetnadel war in der Mission 26 deg.,40; sie hatte demnach
+seit dem grossen noerdlichen Katarakt, bei einem Breitenunterschied von
+3 deg. 50{~PRIME~}, um 5 deg. 85 abgenommen. Die Abnahme der Intensitaet der magnetischen
+Kraft war ebenso bedeutend. Die Kraft entsprach in Atures 223, in Javita
+nur 218 Schwingungen in 10 Zeitminuten.
+
+Die Indianer in Javita, 160 an der Zahl, sind gegenwaertig groesstentheils
+Poimisanos, Echinavis und Paraginis, und treiben Schiffbau. Man nimmt dazu
+Staemme einer grossen Lorbeerart, von den Missionaeren _'Sassafras'_(60)
+genannt, die man mit Feuer und Axt zugleich aushoehlt. Diese Baeume sind
+ueber hundert Fuss hoch; das Holz ist gelb, harzigt, verdirbt fast nie im
+Wasser und hat einen sehr angenehmen Geruch. Wir sahen es in San Fernando,
+in Javita, besonders aber in Esmeralda, wo die meisten Piroguen fuer den
+Orinoco gebaut werden, weil die benachbarten Waelder die dicksten
+Sassafrasstaemme liefern. Man bezahlt den Indianern fuer die halbe Toise
+oder *Vara* vom Boden der Pirogue, das heisst fuer den untern,
+hauptsaechlichen Theil (der aus einem ausgehoehlten Stamm besteht), einen
+harten Piaster, so dass ein 16 Varas langes Canoe, Holz und Arbeitslohn des
+Zimmerers, nur 16 Piaster kostet; aber mit den Naegeln und den
+Seitenwaenden, durch die man das Fahrzeug geraeumiger macht, kommt es
+doppelt so hoch. Auf dem obern Orinoco sah ich 40 Piaster oder 200 Franken
+fuer eine 48 Fuss lange Pirogue bezahlen.
+
+Im Walde zwischen Javita und dem Cano Pimichin waechst eine erstaunliche
+Menge riesenhafter Baumarten, Ocoteen und aechte Lorbeeren (die dritte
+Gruppe der Laurineen, die Persea, ist wild nur in mehr als 1000 Toisen
+Meereshoehe gefunden worden), die _Amasonia arborea_, das _Retiniphyllum
+secundiflorum_ der Curvana, der Jacio, der Jacifate, dessen Holz roth ist
+wie Brasilholz, der Guamufate mit schoenen, 7--8 Zoll langen, denen des
+Calophyllum aehnlichen Blaettern, die _Amyris Caranna_ und der Mani. Alle
+diese Baeume (mit Ausnahme unserer neuen Gattung _Retiniphyllum_) waren
+hundert bis hundert zehn Fuss hoch. Da die Aeste erst in der Naehe des
+Wipfels vom Stamme abgehen, so kostete es Muehe, sich Blaetter und Bluethen
+zu verschaffen. Letztere lagen haeufig unter den Baeumen am Boden; da aber
+in diesen Waeldern Arten verschiedener Familien durch einander wachsen und
+jeder Baum mit Schlingpflanzen bedeckt ist, so schien es bedenklich, sich
+allein auf die Aussage der Indianer zu verlassen, wenn diese uns
+versicherten, die Bluethen gehoeren diesem oder jenem Baum an. In der Fuelle
+der Naturschaetze machte uns das Botanisiren mehr Verdruss als Vergnuegen.
+Was wir uns aneignen konnten, schien uns von wenig Belang gegen das, was
+wir nicht zu erreichen vermochten. Es regnete seit mehreren Monaten
+unaufhoerlich und Bonpland gingen die Exemplare, die er mit kuenstlicher
+Waerme zu trocknen suchte, groesstentheils zu Grunde. Unsere Indianer kauten
+erst, wie sie gewoehnlich thun, das Holz, und nannten dann den Baum. Die
+Blaetter wussten sie besser zu unterscheiden als Bluethen und Fruechte. Da sie
+nur Bauholz (Staemme zu Piroguen) suchen, kuemmern sie sich wenig um den
+Bluethenstand. "Alle diese grossen Baeume tragen weder Bluethen noch Fruechte,"
+so lautete fortwaehrend ihr Bescheid. Gleich den Kraeuterkennern im
+Alterthum ziehen sie in Abrede, was sie nicht der Muehe werth gesunden zu
+untersuchen. Wenn unsere Fragen sie langweilten, so machten sie ihrerseits
+uns aergerlich.
+
+Wir haben schon oben die Bemerkung gemacht, dass zuweilen dieselben
+chemischen Eigenschaften denselben Organen in verschiedenen
+Pflanzenfamilien zukommen, so dass diese Familien in verschiedenen Klimaten
+einander ersetzen. Die Einwohner des tropischen Amerika und Afrika
+gewinnen von mehreren Palmenarten das Oel, das uns der Olivenbaum gibt.
+Was die Nadelhoelzer fuer die gemaessigte Zone, das sind die Terebenthaceen
+und Guttiferen fuer die heisse. In diesen Waeldern des heissen Erdstrichs, wo
+es keine Fichte, keine Tuya, kein Taxodium, nicht einmal einen Podocarpus
+gibt, kommen Harze, Balsame, aromatisches Gummi von den Maronobea-,
+Icica-, Amyrisarten. Das Einsammeln dieser Gummi und Harze ist ein
+Erwerbszweig fuer das Dorf Javita. Das beruehmteste Harz heisst *Mani*; wir
+sahen mehrere Centner schwere Klumpen desselben, die Colophonium oder
+Mastix glichen. Der Baum, den die Paraginis-Indianer *Mani* nennen, und
+den Bonpland fuer die _Moronobea coccinea_ haelt, liefert nur einen sehr
+kleinen Theil der Masse, die in den Handel von Angostura kommt. Das meiste
+kommt vom *Mararo* oder *Caragna*, der eine Amyris ist. Es ist ziemlich
+auffallend, dass der Name *Mani*, den AUBLET aus dem Munde der
+Galibis-Indianer in Cayenne gehoert hat, uns in Javita, 300 Meilen von
+franzoesisch Guyana, wieder begegnete. Die Moronobea oder Symphonia bei
+Javita gibt ein gelbes Harz, der *Caragna* ein stark riechendes,
+schneeweisses Harz, das gelb wird, wo es innen an alter Rinde sitzt.
+
+Wir gingen jeden Tag in den Wald, um zu sehen, ob es mit dem Transport
+unseres Fahrzeugs zu Land vorwaerts ging. Drei und zwanzig Indianer waren
+angestellt, dasselbe zu schleppen, wobei sie nach einander Baumaeste als
+Walzen unterlegten. Ein kleines Canoe gelangt in einem oder anderthalb
+Tagen aus dem Tuamini in den Cano Pimichin, der in den Rio Negro faellt;
+aber unsere Pirogue war sehr gross, und da sie noch einmal durch die
+Katarakten musste, bedurfte es besonderer Vorsichtsmassregeln, um die
+Reibung am Boden zu vermindern. Der Transport waehrte auch ueber vier Tage.
+Erst seit dem Jahr 1795 ist ein Weg durch den Wald angelegt. Die Indianer
+in Javita haben denselben zur Haelfte vollendet, die andere Haelfte haben
+die Indianer in Maroa, Davipe und San Carlos herzustellen. Pater Eugenio
+Cereso mass den Weg mit einem hundert Varas [Eine Vara ist gleich
+0,83 Meter] langen Strick und fand denselben 17,180 Varas lang. Legte man
+statt des "Trageplatzes" einen Canal an, wie ich dem Ministerium Koenig
+Karls IV. vorgeschlagen, so wuerde die Verbindung zwischen dem Rio Negro
+und Angostura, zwischen dem spanischen Orinoco und den portugiesischen
+Besitzungen am Amazonenstrom ungemein erleichtert. Die Fahrzeuge gingen
+dann von San Carlos nicht mehr ueber den Cassiquiare, der eine Menge
+Kruemmungen hat und wegen der starken Stroemung gerne gemieden wird; sie
+gingen nicht mehr den Orinoco von seiner Gabeltheilung bis San Fernando de
+Atabapo hinunter. Die Bergfahrt waere ueber den Rio Negro und den Cano
+Pimichin um die Haelfte kuerzer. Vom neuen Canal bei Javita an ginge es ueber
+den Tuamini, Temi, Atabapo und Orinoco abwaerts bis Angostura. Ich glaube,
+man koennte auf diese Weise von der brasilianischen Grenze in die
+Hauptstadt von Guyana leicht in 24--26 Tagen gelangen; man brauchte unter
+gewoehnlichen Umstaenden 10 Tage weniger und der Weg waere fuer die Ruderer
+(Bogas) weniger beschwerlich, weil man nur halb so lang gegen die Stroemung
+anfahren muss, als auf dem Cassiquiare. Faehrt man aber den Orinoco herauf,
+geht man von Angostura an den Rio Negro, so betraegt der Unterschied in der
+Zeit kaum ein paar Tage; denn ueber den Pimichin muss man dann die kleinen
+Fluesse hinauf, waehrend man auf dem alten Wege den Cassiquiare hinunter
+faehrt. Wie lange die Fahrt von der Muendung des Orinoco nach San Carlos
+dauert, haengt begreiflich von mehreren wechselnden Umstaenden ab, ob die
+Brise zwischen Angostura und Carichana staerker oder schwaecher weht, wie in
+den Katarakten von Atures und Maypures und in den Fluessen ueberhaupt der
+Wasserstand ist. Im November und December ist die Brise ziemlich kraeftig
+und die Stroemung des Orinoco nicht stark, aber die kleinen Fluesse haben
+dann so wenig Wasser, dass man jeden Augenblick Gefahr laeuft aufzufahren.
+Die Missionaere reisen am liebsten im April, zur Zeit der
+Schildkroeteneierernte, durch die an ein paar Uferstriche des Orinoco
+einiges Leben kommt. Man fuerchtet dann auch die Moskitos weniger, der
+Strom ist halb voll, die Brise kommt einem noch zu gute und man kommt
+leicht durch die grossen Katarakten.
+
+Aus den Barometerhoehen, die ich in Javita und beim Landungsplatz am
+Pimichin beobachtet, geht hervor, dass der Canal im Durchschnitt von Nord
+nach Sued einen Fall von 30--40 Toisen haette. Daher laufen auch die vielen
+Baeche, ueber die man die Piroguen schleppen muss, alle dem Pimichin zu. Wir
+bemerkten mit Ueberraschung, dass unter diesen Baechen mit schwarzem Wasser
+sich einige befanden, deren Wasser bei reflektirtem Licht so weiss war als
+das Orinocowasser. Woher mag dieser Unterschied ruehren? Alle diese Quellen
+entspringen auf denselben Savanen, aus denselben Suempfen im Walde. Pater
+Cereso hat bei seiner Messung nicht die gerade Linie eingehalten und ist
+zu weit nach Ost gekommen, der Canal wuerde daher nicht 6000 Toisen lang.
+Ich steckte den kuerzesten Weg mittelst des Compasses ab und man hieb hie
+und da in die aeltesten Waldbaeume Marken. Der Boden ist voellig eben; auf
+fuenf Meilen in der Runde findet sich nicht die kleinste Erhoehung. Wie die
+Verhaeltnisse jetzt sind, sollte man das "Tragen" wenigstens dadurch
+erleichtern, dass man den Weg besserte, die Piroguen auf Wagen fuehrte und
+Bruecken ueber die Baeche schluege, durch welche die Indianer oft Tage lang
+aufgehalten werden.
+
+In diesem Walde erhielten wir endlich auch genaue Auskunft ueber das
+vermeintliche fossile Cautschuc, das die Indianer *Dapicho* nennen. Der
+alte Kapitaen Javita fuehrte uns an einen Bach, der in den Tuamini faellt. Er
+zeigte uns, wie man, um diese Substanz zu bekommen, im sumpfigten Erdreich
+zwei, drei Fuss zwischen den Wurzeln zweier Baeume, des *Jacio* und des
+*Curvana* graben muss. Ersterer ist AUBLETs Hevea oder die Siphonia der
+neueren Botaniker, von der, wie man weiss, das Cautschuc kommt, das in
+Cayenne und Gran Para im Handel ist; der zweite hat gefiederte Blaetter;
+sein Saft ist milchigt, aber sehr duenn und fast gar nicht klebrigt. Das
+Dapicho scheint sich nun dadurch zu bilden, dass der Saft aus den Wurzeln
+austritt, und diess geschieht besonders, wenn die Baeume sehr alt sind und
+der Stamm hohl zu werden anfaengt. Rinde und Splint bekommen Risse, und so
+erfolgt auf natuerlichem Wege, was der Mensch kuenstlich thut, um den
+Milchsaft der Hevea, der Castilloa und der Cautschuc gehenden Feigenbaeume
+in Menge zu sammeln. Nach AUBLETs Bericht machen die Galibis und Garipons
+in Cayenne zuerst unten am Stamm einen tiefen Schnitt bis ins Holz; bald
+darauf machen sie senkrechte und schiefe Einschnitte, so dass diese von
+oben am Stamm bis nahe ueber der Wurzel in jenen horizontalen Einschnitt
+zusammenlaufen. Alle diese Rinnen leiten den Milchsaft der Stelle zu, wo
+das Thongefaess steht, in dem das Cautschuc aufgefangen wird. Die Indianer
+in Carichana sahen wir ungefaehr eben so verfahren.
+
+Wenn, wie ich vermuthe, die Anhaeufung und das Austreten der Milch beim
+*Jacio* und *Curvana* eine pathologische Erscheinung ist, so muss der
+Process zuweilen durch die Spitzen der laengsten Wurzeln vor sich gehen;
+denn wir fanden zwei Fuss breite und vier Zoll dicke Massen Dapicho acht
+Fuss vom Stamm entfernt. Oft sucht man unter abgestorbenen Baeumen
+vergebens, andere male findet man Dapicho unter noch gruenenden Hevea- oder
+Jaciostaemmen. Die Substanz ist weiss, korkartig, zerbrechlich und gleicht
+durch die aufeinander liegenden Blaetter und die gewellten Raender dem
+_Boletus igniarius_. Vielleicht ist zur Bildung des Dapicho lange Zeit
+erforderlich; der Hergang dabei ist wahrscheinlich der, dass in Folge eines
+eigenthuemlichen Zustandes des vegetabilischen Gewebes der Saft sich
+verdickt, austritt und im feuchten Boden ohne Zutritt von Licht gerinnt;
+es ist ein eigenthuemlich beschaffenes, ich moechte fast sagen "vergeiltes"
+Cautschuc. Aus der Feuchtigkeit des Bodens scheint sich das welligte
+Ansehen der Raender des Dapicho und seine Blaetterung zu erklaeren.
+
+Ich habe in Peru oft beobachtet, dass, wenn man den Milchsaft der Hevea
+oder den Saft der Carica langsam in vieles Wasser giesst, das Gerinsel
+wellenfoermige Umrisse zeigt. Das Dapicho kommt sicher nicht bloss in dem
+Walde zwischen Javita und dem Pimichin vor, obgleich es bis jetzt nur hier
+gefunden worden ist. Ich zweifle nicht, dass man in franzoesisch Guyana,
+wenn man unter den Wurzeln und alten Staemmen der Hevea nachsuchte,
+zuweilen gleichfalls solche ungeheure Klumpen von korkartigem Cautschuc
+faende, wie wir sie eben beschrieben. In Europa macht man die Beobachtung,
+dass, wenn die Blaetter fallen, der Saft sich gegen die Wurzeln zieht; es
+waere interessant zu untersuchen, ob etwa unter den Tropen die Milchsaefte
+der Urticeen, der Euphorbien, und der Apocyneen in gewissen Jahreszeiten
+gleichfalls abwaerts gehen. Trotz der grossen Gleichfoermigkeit der
+Temperatur durchlaufen die Baeume in der heissen Zone einen
+Vegetationscyclus, unterliegen Veraenderungen mit periodischer Wiederkehr.
+Das Dapicho ist wichtiger fuer die Pflanzenphysiologie als fuer die
+organische Chemie. Wir haben eine Abhandlung ALLENs ueber den Unterschied
+zwischen dem Cautschuc in seinem gewoehnlichen Zustande und der bei Javita
+gefundenen Substanz, von der ich Sir Joseph Banks gesendet hatte.
+Gegenwaertig kommt im Handel ein gelblich weisses Cautschuc vor, das man
+leicht vom Dapicho unterscheidet, da es weder trocken wie Kork, noch
+zerreiblich ist, sondern sehr elastisch, glaenzend und seifenartig. Ich sah
+kuerzlich in London ansehnliche Massen, die zwischen 6 und 15 Francs das
+Pfund im Preise standen. Dieses weisse, fett anzufuehlende Cautschuc kommt
+aus Ostindien. Es hat den thierischen, nauseosen Geruch, den ich weiter
+oben von einer Mischung von Kaesestoff und Eiweissstoff abgeleitet habe.
+Wenn man bedenkt, wie unendlich viele und mannigfaltige tropische Gewaechse
+Cautschuc geben, so muss man bedauern, dass dieser so nuetzliche Stoff bei
+uns nicht wohlfeiler ist. Man brauchte die Baeume mit Milchsaft gar nicht
+kuenstlich zu pflanzen; allein in den Missionen am Orinoco liesse sich so
+viel Cautschuc gewinnen, als das civilisirte Europa immer beduerfen mag. Im
+Koenigreich Neu-Grenada ist hie und da mit Glueck versucht worden, aus
+dieser Substanz Stiefeln und Schuhe ohne Nath zu machen. Unter den
+amerikanischen Voelkern verstehen sich die Omaguas am Amazonenstrom am
+besten auf die Verarbeitung des Cautschuc.
+
+Bereits waren vier Tage verflossen und unsere Pirogue hatte den
+Landungsplatz am Rio Pimichin immer noch nicht erreicht. "Es fehlt Ihnen
+an nichts in meiner Mission," sagte Pater Cereso; "Sie haben Bananen und
+Fische, bei Nacht werden Sie nicht von den Moskitos gestochen, und je
+laenger Sie bleiben, desto wahrscheinlicher ist es, dass Ihnen auch noch die
+Gestirne meines Landes zu Gesicht kommen. Zerbricht Ihr Fahrzeug beim
+"Tragen", so geben wir Ihnen ein anderes, und mir wird es so gut, dass ich
+ein paar Wochen _con gente blanca y de razon_ lebe."(61) Trotz unserer
+Ungeduld, hoerten wir die Schilderungen des guten Missionaers mit grossem
+Interesse an. Er bestaetigte Alles, was wir bereits ueber die sittlichen
+Zustaende der Eingeborenen dieser Landstriche vernommen hatten. Sie leben
+in einzelnen Horden von 40 bis 50 Koepfen unter einem Familienhaupte; einen
+gemeinsamen Haeuptling (_apoto_, _sibierene_) erkennen sie nur an, sobald
+sie mit ihren Nachbarn in Fehde gerathen. Das gegenseitige Misstrauen ist
+bei diesen Horden um so staerker, da selbst die, welche einander zunaechst
+hausen, gaenzlich verschiedene Sprachen sprechen. Auf offenen Ebenen oder
+in Laendern mit Grasfluren halten sich die Voelkerschaften gerne nach der
+Stammverwandtschaft, nach der Aehnlichkeit der Gebraeuche und Mundarten
+zusammen. Auf dem tartarischen Hochland wie in Nordamerika sah man grosse
+Voelkerfamilien in mehreren Marschcolonnen ueber schwach bewaldete, leicht
+zugaengliche Laender fortziehen. Der Art waren die Zuege der toltekischen und
+aztekischen Race ueber die Hochebenen von Mexiko vom sechsten bis zum
+eilften Jahrhundert unserer Zeitrechnung; der Art war vermuthlich auch die
+Voelkerstroemung, in der sich die kleinen Staemme in Canada, die Mengwe
+(Irokesen) oder fuenf Nationen, die Algonkins oder Lenni-Lenapes, die
+Chikesaws und die Muskohgees vereinigten. Da aber der unermessliche
+Landstrich zwischen dem Aequator und dem achten Breitengrad nur Ein Wald
+ist, so zerstreuten sich darin die Horden, indem sie den Flussverzweigungen
+nachzogen, und die Beschaffenheit des Bodens noethigte sie mehr oder
+weniger Ackerbauer zu werden. So wirr ist das Labyrinth der Fluesse, dass
+die Familien sich niederliessen, ohne zu wissen, welche Menschenart
+zunaechst neben ihnen wohnte. In spanisch Guyana trennt zuweilen ein Berg,
+ein eine halbe Meile breiter Forst Horden, die zwei Tage zu Wasser fahren
+muessten, um zusammenzukommen. So wirken denn in offenen oder in der Cultur
+schon vorgeschrittenen Laendern Flussverbindungen maechtig auf Verschmelzung
+der Sprachen, der Sitten und der politischen Einrichtungen; dagegen in den
+undurchdringlichen Waeldern des heissen Landstrichs, wie im rohen Urzustand
+unseres Geschlechts, zerschlagen sie grosse Voelker in Bruchstuecke, lassen
+sie Dialekte zu Sprachen werden, die wie grundverschieden aussehen, naehren
+sie das Misstrauen und den Hass unter den Voelkern. Zwischen dem Caura und
+dem Padamo traegt Alles den Stempel der Zwietracht und der Schwaeche. Die
+Menschen fliehen einander, weil sie einander nicht verstehen; sie hassen
+sich, weil sie einander fuerchten.
+
+Betrachtet man dieses wilde Gebiet Amerikas mit Aufmerksamkeit, so glaubt
+man sich in die Urzeit versetzt, wo die Erde sich allmaehlig bevoelkerte;
+man meint die fruehesten gesellschaftlichen Bildungen vor seinen Augen
+entstehen zu sehen. In der alten Welt sehen wir, wie das Hirtenleben die
+Jaegervoelker zum Leben des Ackerbauers erzieht. In der neuen sehen wir uns
+vergeblich nach dieser allmaehligen Culturentwicklung um, nach diesen Ruhe-
+und Haltpunkten im Leben der Voelker. Der ueppige Pflanzenwuchs ist den
+Indianern bei ihren Jagden hinderlich; da die Stroeme Meeresarmen gleichen,
+so hoert des tiefen Wassers wegen der Fischfang Monate lang auf. Die Arten
+von Wiederkaeuern, die der kostbarste Besitz der Voelker der alten Welt
+sind, fehlen in der neuen; der Bison und der Moschusochse sind niemals
+Hausthiere geworden. Die Vermehrung der Llamas und Guanacos fuehrte nicht
+zu den Sitten des Hirtenlebens. In der gemaessigten Zone, an den Ufern des
+Missouri wie auf dem Hochland von Neu-Mexico, ist der Amerikaner ein
+Jaeger; in der heissen Zone dagegen, in den Waeldern von Guyana pflanzt er
+Manioc, Bananen, zuweilen Mais. Die Natur ist so ueberschwenglich
+freigebig, dass die Ackerflur des Eingeborenen ein Fleckchen Boden ist, dass
+das Urbarmachen darin besteht, dass man die Straeucher wegbrennt, das Ackern
+darin, dass man ein paar Samen oder Steckreiser dem Boden anvertraut. So
+weit man sich in Gedanken in der Zeit zurueckversetzt, nie kann man in
+diesen dicken Waeldern die Voelker anders denken als so, dass ihnen der Boden
+vorzugsweise die Nahrung lieferte; da aber dieser Boden auf der kleinsten
+Flaeche fast ohne Arbeit so reichlich traegt, so hat man sich wiederum
+vorzustellen, dass diese Voelker immer einem und demselben Gewaesser entlang
+haeufig ihre Wohnplaetze wechselten: Und der Eingeborene am Orinoco wandert
+ja mit seinem Saatkorn noch heute, und legt wandernd seine Pflanzung
+(_conuco_) an, wie der Araber sein Zelt aufschlaegt rund die Weide
+wechselt. Die Menge von Culturgewaechsen, die man mitten im Walde wild
+findet, weisen deutlich auf ein ackerbauendes Volk mit nomadischer
+Lebensweise hin. Kann man sich wundern, dass bei solchen Sitten vom Segen
+der festen Niederlassung, des Getreidebaus, der weite Flaechen und viel
+mehr Arbeit erfordert, so gut wie nichts uebrig bleibt?
+
+Die Voelker am obern Orinoco, am Atabapo und Inirida verehren, gleich den
+alten Germanen und Persern, keine andern Gottheiten als die Naturkraefte.
+Das gute Princip nennen sie *Cachimana*; das ist der Manitu, der grosse
+Geist, der die Jahreszeiten regiert und die Fruechte reifen laesst. Neben dem
+Cachimana steht ein boeses Princip, der *Jolokiamo*, der nicht so maechtig
+ist, aber schlauer und besonders ruehriger. Die Indianer aus den Waeldern,
+wenn sie zuweilen in die Missionen kommen, koennen sich von einem Tempel
+oder einem Bilde sehr schwer einen Begriff machen. "Die guten Leute,"
+sagte der Missionaer, "lieben Processionen nur im Freien. Juengst beim Fest
+meines Dorfpatrons, des heiligen Antonius, wohnten die Indianer von
+Inirida der Messe bei. Da sagten sie zu mir: "Euer Gott schliesst sich in
+ein Haus ein, als waere er alt und krank; der unsrige ist im Wald, auf dem
+Feld, auf den Sipapubergen, woher der Regen kommt." Bei zahlreicheren und
+eben desshalb weniger barbarischen Voelkerschaften bilden sich seltsame
+religioese Vereine. Ein paar alte Indianer wollen in die goettlichen Dinge
+tiefer eingeweiht seyn als die andern, und diese haben das beruehmte
+*Botuto* in Verwahrung, von dem oben die Rede war, und das unter den
+Palmen geblasen wird, damit sie reichlich Fruechte tragen. An den Ufern des
+Orinoco gibt es kein Goetzenbild, wie bei allen Voelkern, die beim
+urspruenglichen Naturgottesdienst stehen geblieben sind; aber der *Botuto*,
+die heilige Trompete, ist zum Gegenstand der Verehrung geworden. Um in die
+Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muss man rein von Sitten und
+unbeweibt seyn. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geisselung, dem
+Fasten und andern angreifenden Andachtsuebungen. Dieser heiligen Trompeten
+sind nur ganz wenige und die altberuehmteste befindet sich auf einem Huegel
+beim Zusammenfluss des Tomo mit dem Rio Negro. Sie soll zugleich am Tuamini
+und in der Mission San Miguel de Davipe, zehn Meilen weit, gehoert werden.
+Nach Pater Ceresos Bericht sprechen die Indianer von diesem Botuto am Rio
+Tomo so, als waere derselbe fuer mehrere Voelkerschaften in der Naehe ein
+Gegenstand der Verehrung. Man stellt Fruechte und berauschende Getraenke
+neben die heilige Trompete. Bald blaest der Grosse Geist (Cachimana) selbst
+die Trompete, bald laesst er nur seinen Willen durch den kund thun, der das
+heilige Werkzeug in Verwahrung hat. Da diese Gaukeleien sehr alt sind (von
+den Vaetern unserer Vaeter her, sagen die Indianer), so ist es nicht zu
+verwundern, dass es bereits Menschen gibt, die nicht mehr daran glauben;
+aber diese Unglaeubigen aeussern nur ganz leise, was sie von den Mysterien
+des Botuto halten. Die Weiber duerfen das wunderbare Instrument gar nicht
+sehen; sie sind ueberhaupt von jedem Gottesdienste ausgeschlossen. Hat eine
+das Unglueck, die Trompete zu erblicken, so wird sie ohne Gnade umgebracht.
+Der Missionaer erzaehlte uns, im Jahr 1798 habe er das Glueck gehabt, ein
+junges Maedchen zu retten, der ein eifersuechtiger, rachsuechtiger Liebhaber
+Schuld gegeben, sie sey aus Vorwitz den Indianern nachgeschlichen, die in
+den Pflanzungen den Botuto bliesen. "Oeffentlich haette man sie nicht
+umgebracht," sagte Pater Cereso, "aber wie sollte man sie vor dem
+Fanatismus der Eingebornen schuetzen, da es hier zu Lande so leicht ist,
+einem Gift beizubringen? Das Maedchen aeusserte solche Besorgniss gegen mich
+und ich schickte sie in eine Mission am untern Orinoco." Waeren die Voelker
+in Guyana Herren dieses grossen Landes geblieben, koennten sie, ungehindert
+von den christlichen Niederlassungen, ihre barbarischen Gebraeuche frei
+entwickeln, " so erhielte der Botutodienst ohne Zweifel eine politische
+Bedeutung. Dieser geheimnissvolle Verein von Eingeweihten, diese Hueter der
+heiligen Trompete wuerden zu einer maechtigen Priesterkaste und das Orakel
+am Rio Tomo schlaenge nach und nach ein Band um benachbarte Voelker. Auf
+diese Weise sind durch gemeinsame Gottesverehrung (_communia sacra_),
+durch religioese Gebraeuche und Mysterien so viele Voelker der alten Welt
+einander naeher gebracht, mit einander versoehnt und vielleicht der
+Gesittung zugefuehrt worden.
+
+Am vierten Mai Abends meldete man uns, ein Indianer, der beim Schleppen
+unserer Pirogue an den Pimichin beschaeftigt war, sey von einer Natter
+gebissen worden. Der grosse starke Mann wurde in sehr bedenklichem Zustand
+in die Mission gebracht. Er war bewusstlos ruecklings zu Boden gestuerzt, und
+auf die Ohnmacht waren Uebligkeit, Schwindel, Congestionen gegen den Kopf
+gefolgt. Die Liane *Vejuco de Guaco*, die durch MUTIS so beruehmt geworden,
+und die das sicherste Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen ist, war
+hier zu Lande noch nicht bekannt. Viele Indianer liefen zur Huette des
+Kranken und man heilte ihn mit dem Aufguss von *Raiz de Mato*. Wir koennen
+nicht mit Bestimmtheit angeben, von welcher Pflanze dieses Gegengift
+kommt. Der reisende Botaniker hat nur zu oft den Verdruss, dass er von den
+nutzbarsten Gewaechsen weder Bluethe noch Frucht zu Gesicht bekommt, waehrend
+er so viele Arten, die sich durch keine besondern Eigenschaften
+rauszeichnen, taeglich mit allen Fructificationsorganen vor Augen hat. Die
+*Raiz de Mato* ist vermuthlich eine Apocynee, vielleicht die _Cerbera
+thevetia_ welche die Einwohner von Cumana _Lengua de Mato_ oder
+_Contra-Culebra_ nennen und gleichfalls gegen Schlangenbiss brauchen. Eine
+der Cerbera sehr nahe stehende Gattung (_Ophioxylon serpentinum_) leistet
+in Indien denselben Dienst. Ziemlich haeufig findet man in derselben
+Pflanzenfamilie vegetabilische Gifte und Gegengifte gegen den Biss der
+Reptilien. Da viele tonische und narkotische Mittel mehr oder minder
+wirksame Gegengifte sind, so kommen diese in weit auseinanderstehenden
+Familien vor, bei den Aristolochien, Apocyneen, Gentianen, Polygalen,
+Solaneen, Malvaceen, Drymyrhizeen, bei den Pflanzen mit zusammengesetzten
+Bluethen, und was noch auffallender ist, sogar bei den Palmen.
+
+In der Huette des Indianers, der von einer Natter gebissen worden, fanden
+wir 2--3 Zoll grosse Kugeln eines erdigten, unreinen Salzes, _'Chivi'_
+genannt, das von den Eingeborenen sehr sorgfaeltig zubereitet wird. In
+Maypures verbrennt man eine Conferve, die der Orinoco, wenn er nach dem
+Hochgewaesser in sein Bett zurueckkehrt, auf dem Gestein sitzen laesst. In
+Javita bereitet man Salz durch Einaescherung des Bluethenkolbens und der
+Fruechte der *Seje* oder *Chimupalme*. Diese schoene Palme, die am Ufer des
+Auvena beim Katarakt Guarinuma und zwischen Javita und dem Pimichin sehr
+haeufig vorkommt, scheint eine neue Art Cocospalme zu seyn. Bekanntlich ist
+das in der gemeinen Cocosnuss eingeschlossene Wasser haeufig salzigt, selbst
+wenn der Baum weit von der Meereskueste waechst. Auf Madagascar gewinnt man
+Salz aus dem Saft einer Palme Namens *Cira*. Ausser den Bluethenkolben und
+den Fruechten der Sejepalme laugen die Indianer in Javita auch die Asche
+des vielberufenen Schlinggewaechses *Cupana* aus. Es ist diess eine neue Art
+der Gattung Paullinia, also eine von LINNEs Cupania sehr verschiedene
+Pflanze. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, dass ein Missionaer selten auf
+die Reise geht, ohne den zubereiteten Samen der Liane Cupana mitzunehmen.
+Diese Zubereitung erfordert grosse Sorgfalt. Die Indianer zerreiben den
+Samen, mischen ihn mit Maniocmehl, wickeln die Masse in Bananenblaetter und
+lassen sie im Wasser gaehren, bis sie safrangelb wird. Dieser gelbe Teig
+wird an der Sonne getrocknet, und mit Wasser angegossen geniesst man ihn
+Morgens statt Thee. Das Getraenk ist bitter und magenstaerkend, ich fand
+aber den Geschmack sehr widrig.
+
+Am Niger und in einem grossen Theile des innern Afrika, wo das Salz sehr
+selten ist, heisst es von einem reichen Mann: "Es geht ihm so gut, dass er
+Salz zu seinen Speisen isst." Dieses Wohlergehen ist auch im Innern Guyanas
+nicht allzu haeufig. Nur die Weissen, besonders die Soldaten im Fort San
+Carlos, wissen sich reines Salz zu verschaffen, entweder von der Kueste von
+Caracas oder von Chita, am Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada, aus
+dem Rio Meta. Hier, wie in ganz Amerika, essen die Indianer wenig Fleisch
+und verbrauchen fast kein Salz. Daher traegt auch die Salzsteuer aller
+Orten, wo die Zahl der Eingeborenen bedeutend vorschlaegt, wie in Mexico
+und Guatimala, der Staatskasse wenig ein. Der *Chivi* in Javita ist ein
+Gemenge von salzsaurem Kali und salzsaurem Natron, Aetzkalk und
+verschiedenen erdigten Salzen. Man loest ein ganz klein wenig davon in
+Wasser auf, fuellt mit der Aufloesung ein duetenfoermig aufgewickeltes
+Heliconienblatt und laesst wie aus der Spitze eines Filtrums ein paar
+Tropfen auf die Speisen fallen.
+
+Am 5. Mai machten wir uns zu Fuss aus den Weg, um unsere Pirogue
+einzuholen, die endlich ueber den Trageplatz im Cano Pimichin angelangt
+war. Wir mussten ueber eine Menge Baeche waten, und es ist dabei wegen der
+Nattern, von denen die Suempfe wimmeln, einige Vorsicht noethig. Die
+Indianer zeigten uns auf dem nassen Thon die Faehrte der kleinen schwarzen
+Baeren, die am Temi so haeufig vorkommen. Sie unterscheiden sich wenigstens
+in der Groesse vom _Ursus americanus_; die Missionaere nennen sie _Osso
+carnicero_ zum Unterschied vom _Osso palmero_ (_Myrmecophaga jubata_) und
+dem _Osso hormigero_ oder Tamandua-Ameisenfresser. Diese Thiere sind nicht
+uebel zu essen; die beiden erstgenannten setzen sich zur Wehr und stellen
+sich dabei auf die Hinterbeine. BUFFONs Tamanoir heisst bei den Indianern
+*Uaraca*; er ist reizbar und beherzt, was bei einem zahnlosen Thier
+ziemlich auffallend erscheint. Im Weitergehen kamen wir auf einige
+Lichtungen im Wald, der uns desto reicher erschien, je zugaenglicher er
+wurde. Wir fanden neue Arten von Coffea (die amerikanische Gruppe mit
+Bluethen in Rispen bildet wahrscheinlich eine Gattung fuer sich), die
+_Galega piscatorum_, deren, sowie der Jacquinia und einer Pflanze mit
+zusammengesetzter Bluethe vom Rio Temi [_Bailliera Barbasco_], die Indianer
+sich als *Barbasco* bedienen, um die Fische zu betaeuben, endlich die hier
+*Vejuco de Mavacure* genannte Liane, von der das vielberufene Gift
+*Curare* kommt. Es ist weder ein _Phyllanthus_, noch eine _Coriaria_ wie
+WILLDENOW gemeint, sondern nach KUNTHs Untersuchungen sehr wahrscheinlich
+ein _Strychnos_. Wir werden unten Gelegenheit haben, von dieser giftigen
+Substanz zu sprechen, die bei den Wilden ein wichtiger Handelsartikel ist.
+Wenn ein Reisender, der sich gleich uns durch die Gastfreundschaft der
+Missionaere gefoerdert saehe, ein Jahr am Atabapo, Tuamini und Rio Negro, und
+ein weiteres Iahr in den Bergen bei Esmeralda und am obern Orinoco
+zubraechte, koennte er gewiss die Zahl der von AUBLET und RICHARD
+beschriebenen Gattungen verdreifachen.
+
+Auch im Walde am Pimichin haben die Baeume die riesige Hoehe von 80--120
+Fuss. Es sind diess die Laurineen und Amyris, die in diesen heissen
+Himmelsstrichen das schoene Bauholz liefern, das man an der Nordwestkueste
+von Amerika, in den Bergen, wo im Winter der Thermometer auf 20 Grad unter
+Null faellt, in der Familie der Nadelhoelzer findet. In Amerika ist unter
+allen Himmelsstrichen und in allen Pflanzenfamilien die Vegetationskraft
+so ausnehmend stark, dass unter dem 57 Grad noerdlicher Breite, auf
+derselben Isotherme wie Petersburg und die Orkneyinseln, _Pinus
+canadensis_ 150 Fuss hohe und 6 Fuss dicke Staemme hat.(62) Wir kamen gegen
+Nacht in einem kleinen Hofe an, dem *Puerto* oder Landungsplatz am
+Pimichin. Man zeigte uns ein Kreuz am Wege, das die Stelle bezeichnet, "wo
+ein armer Missionaer, ein Kapuziner, von den Wespen umgebracht worden." Ich
+spreche diess dem Moench in Javita und den Indianern nach. Man spricht hier
+zu Lande viel von giftigen Wespen und Ameisen; wir konnten aber keines von
+diesen beiden Insekten auftreiben. Bekanntlich verursachen im heissen
+Erdstrich unbedeutende Stiche nicht selten Fieberanfaelle fast so heftig
+wie die, welche bei uns bei sehr bedeutenden organischen Verletzungen
+eintreten. Der Tod des armen Moenchs wird wohl eher eine Folge der
+Erschoepfung und der Feuchtigkeit gewesen seyn, als des Giftes im Stachel
+der Wespen, vor deren Stich die nackten Indianer grosse Furcht haben. Diese
+Wespen bei Javita sind nicht mit den Honigbienen zu verwechseln, welche
+die Spanier *Engelchen* nennen [S. Bd. II Seite 192] und die sich auf dem
+Gipfel der Silla bei Caracas uns haufenweise auf Gesicht und Haende
+setzten.
+
+Der Landungsplatz am Pimichin liegt in einer kleinen Pflanzung von
+Cacaobaeumen. Die Baeume sind sehr kraeftig und hier wie am Altabapo und Rio
+Negro in allen Jahreszeiten mit Bluethen und Fruechten bedeckt. Sie fangen
+im vierten Jahr an zu tragen, auf der Kueste von Caracas erst im sechsten
+bis achten. Der Boden ist am Tuamini und Pimichin ueberall, wo er nicht
+sumpfigt ist, leichter Sandboden, aber ungemein fruchtbar. Bedenkt man,
+dass der Cacaobaum in diesen Waeldern der Parime, suedlich vom sechsten
+Breitengrad, eigentlich zu Hause ist, und dass das nasse Klima am obern
+Orinoco diesem kostbaren Baume weit besser zusagt als die Luft in den
+Provinzen Caracas und Barcelona, die von Jahr zu Jahr trockener wird, so
+muss man bedauern, dass dieses schoene Stueck Erde in den Haenden von Moenchen
+ist, von denen keinerlei Cultur befoerdert wird. Die Missionen der
+Observanten allein koennten 50,000 Fanegas(63) Cacao in den Handel bringen,
+dessen Werth sich in Europa auf mehr als sechs Millionen Franken beliefe.
+Um die Conugos am Pimichin waechst wild der *Igua*, ein Baum, aehnlich dem
+_Caryocar nuciferum_ den man in hollaendisch und franzoesisch Guyana baut,
+und von dem neben dem Almendron von Mariquita (_Caryocar amygdaliferum_),
+dem Juvia von Esmeralda (_Bertholletia excelsa_) und der _Geoffraea_ vom
+Amazonenstrom die gesuchtesten Mandeln in Suedamerika kommen. Die Fruechte
+des Igua kommen hier gar nicht in den Handel; dagegen sah ich an den
+Kuesten von Terra Firma Fahrzeuge, die aus Demerary die Fruechte des
+_Caryocar tomentosum_, AUBLETs _Pecea tuberculosa_, einfuehrten. Diese
+Baeume werden hundert Fuss hoch und nehmen sich mit ihrer schoenen
+Blumenkrone und ihren vielen Staubfaeden prachtvoll aus. Ich muesste den
+Leser ermueden, wollte ich die Wunder der Pflanzenwelt, welche diese grossen
+Waelder auszuweisen haben, noch weiter herzaehlen. Ihre erstaunliche
+Mannigfaltigkeit ruehrt daher, dass hier auf kleiner Bodenflaeche so viele
+Pflanzenfamilien neben einander vorkommen, und dass bei dem maechtigen Reiz
+von Licht und Waerme die Saefte, die in diesen riesenhaften Gewaechsen
+circuliren, so vollkommen ausgearbeitet werden.
+
+Wir uebernachteten in einer Huette, welche erst seit kurzem verlassen stand.
+Eine indianische Familie hatte darin Fischergeraethe zurueckgelassen,
+irdenes Geschirr, aus Palmblattstielen geflochtene Matten, den ganzen
+Hausrath dieser sorglosen, um Eigenthum wenig bekuemmerten Menschenart.
+Grosse Vorraethe von *Mani* (eine Mischung vom Harz der _Moronobea_ und der
+_Amyris_ Carana) lagen um die Huette. Die Indianer bedienen sich desselben
+hier wie in Cayenne zum Theeren der Piroguen und zum Befestigen des
+knoechernen Stachels der Rochen an die Pfeile. Wir fanden ferner Naepfe voll
+vegetabilischer Milch, die zum Firnissen dient und in den Missionen als
+_leche para pindar_ viel genannt wird. Man bestreicht mit diesem
+klebrichten Saft das Geraethe, dem man eine schoene weisse Farbe geben will.
+An der Luft verdickt er sich, ohne gelb zu werden, und nimmt einen
+bedeutenden Glanz an. Wie oben bemerkt worden [S. Bd. II. Seite 337], ist
+das Cautschuc der fette Theil, die Butter in jeder Pflanzenmilch. Dieses
+Gerinsel nun, diese weisse Haut, die glaenzt, als waere sie mit Copalfirniss
+ueberzogen, ist ohne Zweifel eine eigene Form des Cautschuc. Koennte man
+diesem milchigten Firniss verschiedene Farben geben, so haette man damit,
+sollte ich meinen, ein Mittel, um unsere Kutschenkasten rasch, in Einer
+Handlung zu bemalen und zu firnissen. Je genauer man die chemischen
+Verhaeltnisse der Gewaechse der heissen Zone kennen lernt, desto mehr wird
+man hie und da an abgelegenen, aber dem europaeischen Handel zugaenglichen
+Orten in den Organen gewisser Gewaechse halbfertige Stoffe entdecken, die
+nach der bisherigen Ansicht nur dem Thierreich angehoeren, oder die wir auf
+kuenstlichem, zwar sicherem, oft aber langem und muehsamem Wege
+hervorbringen. So hat man bereits das Wachs gefunden, das den Palmbaum der
+Anden von Quindiu ueberzieht, die Seide der Mocoapalme, die nahrhafte Milch
+des Palo de Vaca, den afrikanischen Butterbaum, den kaeseartigen Stoff im
+fast animalischen Safte der _Carica Papaya_. Dergleichen Entdeckungen
+werden sich haeufen, wenn, wie nach den gegenwaertigen politischen
+Verhaeltnissen in der Welt wahrscheinlich ist, die europaeische Cultur
+grossentheils in die Aequinoctiallaender des neuen Continents ueberfliesst.
+
+Wie ich oben erwaehnt, ist die sumpfigte Ebene zwischen Javita und dem
+Landungsplatz am Pimichin wegen ihrer vielen Nattern im Lande beruechtigt.
+Bevor wir von der verlassenen Huette Besitz nahmen, schlugen die Indianer
+zwei grosse, 4--5 Fuss lange *Mapanare*-Schlangen todt. Sie schienen mir von
+derselben Art wie die vom Rio Magdalena, die ich beschrieben habe. Es ist
+ein schoenes, aber sehr giftiges Thier, am Bauch weiss, auf dem Ruecken braun
+und roth gefleckt. Da in der Huette eine Menge Kraut lag und wir am Boden
+schliefen (die Haengematten liessen sich nicht befestigen), so war man in
+der Nacht nicht ohne Besorgniss; auch fand man Morgens, als man das
+Jaguarfell aushob, unter dem einer unserer Diener am Boden gelegen, eine
+grosse Natter. Wie die Indianer sagen, sind diese Reptilien langsam in
+ihren Bewegungen, wenn sie nicht verfolgt werden, und machen sich an den
+Menschen, weil sie der Waerme nachgehen. Am Magdalenenstrom kam wirklich
+eine Schlange zu einem unserer Reisebegleiter ins Bett und brachte einen
+Theil der Nacht darin zu, ohne ihm etwas zu Leide zu thun. Ich will hier
+keineswegs Nattern und Klapperschlangen das Wort reden, aber das laesst sich
+behaupten, waeren diese giftigen Thiere so angriffslustig, als man glaubt,
+so haette in manchen Strichen Amerikas, z. B. am Orinoco und in den
+feuchten Bergen von Choco, der Mensch ihrer Unzahl erliegen muessen.
+
+Am 6. Mai. Wir schifften uns bei Sonnenaufgang ein, nachdem wir den Boden
+unserer Pirogue genau untersucht hatten. Er war beim "Tragen" wohl duenner
+geworden, aber nicht gesprungen. Wir dachten, das Fahrzeug koenne die
+dreihundert Meilen, die wir den Rio Negro hinab, den Cassiquiare hinauf
+und den Orinoco wieder hinab bis Angostura noch zu machen hatten, wohl
+aushalten. Der Pimichin, der hier ein Bach (Cano) heisst, ist so breit wie
+die Seine, der Galerie der Tuilerien gegenueber, aber kleine, gerne im
+Wasser wachsende Baeume, Corossols (Anona) und Achras, engen sein Bett so
+ein, dass nur ein 15--20 Toisen breites Fahrwasser offen bleibt. Er gehoert
+mit dem Rio Chagre zu den Gewaessern, die in Amerika wegen ihrer Kruemmungen
+beruechtigt sind. Man zaehlt deren 85, wodurch die Fahrt bedeutend
+verlaengert wird. Sie bilden oft rechte Winkel und liegen auf einer Strecke
+von 2--3 Meilen hinter einander. Um den Laengenunterschied zwischen dem
+Ladungsplatz und dem Punkt, wo wir in den Rio Negro einliefen, zu
+bestimmen, nahm ich mit dem Compass den Lauf des Cano Pimichin auf und
+bemerkte, wie lange wir in derselben Richtung fuhren. Die Stroemung war nur
+2,4 Fuss in der Sekunde, aber unsere Pirogue legte beim Rudern 4,6 Fuss
+zurueck. Meiner Schaetzung nach liegt der Landungsplatz am Pimichin 1100
+Toisen westwaerts von seiner Muendung und 0 deg. 2{~PRIME~} westwaerts von der Mission
+Javita. Der Cano ist das ganze Jahr schiffbar; er hat nur einen einzigen
+*Raudal*, ueber den ziemlich schwer heraufzukommen ist; seine Ufer sind
+niedrig, aber felsigt. Nachdem wir fuenftehalb Stunden lang den Kruemmungen
+des schmalen Fahrwassers gefolgt waren, liefen wir endlich in den Rio
+Negro ein.
+
+Der Morgen war kuehl und schoen. Sechs und dreissig Tage waren wir in einem
+schmalen Canoe eingesperrt gewesen, das so unstet war, dass es umgeschlagen
+haette, waere man unvorsichtig aufgestanden, ohne den Ruderern am andern
+Bord zuzurufen, sich ueberzulehnen und das Gleichgewicht herzustellen. Wir
+hatten vom Insektenstich furchtbar gelitten, aber das ungesunde Klima
+hatte uns nichts angehabt; wir waren, ohne umzuschlagen, ueber eine ganze
+Menge Wasserfaelle und Flussdaemme gekommen, welche die Stromfahrt sehr
+beschwerlich und oft gefaehrlicher machen als lange Seereisen. Nach allem,
+was wir bis jetzt durchgemacht, wird es mir hoffentlich gestattet seyn
+auszusprechen, wie herzlich froh wir waren, dass wir die Nebenfluesse des
+Amazonenstroms erreicht, dass wir die Landenge zwischen zwei grossen
+Flusssystemen hinter uns hatten und nunmehr mit Zuversicht der Erreichung
+des Hauptzwecks unserer Reise entgegensehen konnten, der astronomischen
+Aufnahme jenes Arms des Orinoco, der sich in den Rio Negro ergiesst, und
+dessen Existenz seit einem halben Jahrhundert bald bewiesen, bald wieder
+in Abrede gezogen worden. Ein Gegenstand, den man lange vor dem innern
+Auge gehabt, waechst uns an Bedeutung, je naeher wir ihm kommen. Jene
+unbewohnten, mit Wald bedeckten, geschichtslosen Ufer des Cassiquiare
+beschaeftigten damals meine Einbildungskraft, wie die in der Geschichte der
+Culturvoelker hochberuehmten Ufer des Euphrat und des Oxus. Hier, inmitten
+des neuen Continents, gewoehnt man sich beinahe daran, den Menschen als
+etwas zu betrachten, das nicht nothwendig zur Naturordnung gehoert. Der
+Boden ist dicht bedeckt mit Gewaechsen, und ihre freie Entwicklung findet
+nirgends ein Hinderniss. Eine maechtige Schicht Dammerde weist darauf hin,
+dass die organischen Kraefte hier ohne Unterbrechung fort und fort gewaltet
+haben. Krokodile und Boas sind die Herren des Stroms; der Jaguar, der
+Pecari, der Tapir und die Affen streifen durch den Wald, ohne Furcht und
+ohne Gefaehrde; sie hausen hier wie auf ihrem angestammten Erbe. Dieser
+Anblick der lebendigen Natur, in der der Mensch nichts ist, hat etwas
+Befremdendes und Niederschlagendes. Selbst auf dem Ocean und im Sande
+Afrika's gewoehnt man sich nur schwer daran, wenn einem auch da, wo nichts
+an unsere Felder, unsere Gehoelze und Baeche erinnert, die weite Einoede,
+durch die man sich bewegt, nicht so stark auffaellt. Hier, in einem
+fruchtbaren Lande, geschmueckt mit unvergaenglichem Gruen, sieht man sich
+umsonst nach einer Spur von der Wirksamkeit des Menschen um; man, glaubt
+sich in eine andere Welt versetzt, als die uns geboren. Ein Soldat, der
+sein ganzes Leben in den Missionen am obern Orinoco zugebracht hatte, war
+einmal mit uns am Strome gelagert. Es war ein gescheiter Mensch, und in
+der ruhigen, heitern Nacht richtete er an mich Frage um Frage ueber die
+Groesse der Sterne, ueber die Mondsbewohner, ueber tausend Dinge, von denen
+ich so viel wusste als er. Meine Antworten konnten seiner Neugier nicht
+genuegen, und so sagte er in zuversichtlichem Tone: "Was die Menschen
+anlangt, so glaube ich, es gibt da oben nicht mehr, als ihr angetroffen
+haettet, wenn ihr zu Land von Javita an den Cassiquiare gegangen waeret. In
+den Sternen, meine ich, ist eben wie hier eine weite Ebene mit hohem Gras
+und ein Wald (_mucho monte_), durch den ein Strom fliesst." Mit diesen
+Worten ist ganz der Eindruck geschildert, den der eintoenige Anblick dieser
+Einoede hervorbringt. Moechte diese Eintoenigkeit nicht auch auf das Tagebuch
+unserer Flussfahrt uebergehen! Moechten Leser, die an die Beschreibung der
+Landschaften und an die geschichtlichen Erinnerungen des alten Continents
+gewoehnt sind, es nicht ermuedend finden!
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 55 Die wilden Voelker bezeichnen jedes europaeische Handelsvolk mit
+ Beinamen, die ganz zufaellig entstanden zu seyn scheinen. Ich habe
+ schon oben bemerkt, dass die Spanier vorzugsweise *bekleidete
+ Menschen*, _gheme_ oder _Uavemi_ heissen.
+
+_ 56 Homo __habitat__ inter tropicos, vescitur Palmis, Lotophagus;
+ __hospitatur__ entre tropicos sub novercante Cerere, carnivorus._
+
+ 57 Einer der Vorgaenger des Geistlichen, den wir in San Fernando als
+ Praesidenten der Missionen fanden.
+
+ 58 Die Delphine, welche in die Nilmuendung kommen, fielen indessen den
+ Alten so auf, dass sie auf einer Bueste des Flussgottes aus Syenit im
+ Pariser Museum halb versteckt im wallenden Barte dargestellt sind.
+
+ 59 Ich fuehre diesen geringfuegigen Umstand hier an, um die Reisenden
+ darauf aufmerksam zu machen, wie noethig es ist, nur solche Barometer
+ zu haben, bei denen die Roehre der ganzen Laenge nach sichtbar ist.
+ Eine ganz kleine Luftblase kann das Quecksilber zum Theil oder ganz
+ sperren, ohne dass der Ton beim Anschlagen des Quecksllbers am Ende
+ der Roehre sich veraenderte.
+
+_ 60 Ocotea cymbarum_, sehr verschieden vom _Laurus Sassafras_ in
+ Nordamerika.
+
+ 61 "Mit weissen und vernuenftigen Menschen." Die europaeische Eigenliebe
+ stellt gemeiniglich die _gente de razon_ und die _gente parda_
+ einander gegenueber.
+
+ 62 LANGSDORF sah bei den Bewohnern der Norfolkbucht Canoes aus Einem
+ Stueck 50 Fuss lang, 4 1/2 :breit und an den Raendern 3 Fuss hoch; sie
+ fassten 30 Menschen. Auch _Populus balsamifera_ wird auf den Bergen
+ um Norfolkbucht ungeheuer hoch.
+
+ 63 Die Fanega wiegt 110 spanische Pfund.
+
+
+
+
+
+DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
+
+
+ Der Rio Negro. -- Die brasilianische Grenze.
+
+
+Der Rio Negro ist dem Amazonenstrom, dem Rio de la Plata und dem Orinoco
+gegenueber nur ein Fluss zweiten Ranges. Der Besitz desselben war aber seit
+Jahrhunderten fuer die spanische Regierung von grosser politischer
+Wichtigkeit, weil er fuer einen eifersuechtigen Nachbar, fuer Portugal, eine
+offene Strasse ist, um sich in die Missionen in Guyana einzudraengen und die
+suedlichen Grenzen der _Capitania general_ von Caracas zu beunruhigen.
+Dreihundert Jahre verflossen ueber zu nichts fuehrenden Grenzstreitigkeiten.
+Je nach dem Geist der Zeiten und dem Culturgrad der Voelker hielt man sich
+bald an die Autoritaet des heiligen Vaters, bald an die Huelfsmittel der
+Astronomie. Da man es meist vortheilhafter fand, den Streit zu
+verschleppen, als ihm ein Ende zu machen, so haben nur die Nautik und die
+Geographie des neuen Continents bei diesem endlosen Process gewonnen. Es
+ist bekannt, dass durch die Bullen der Paepste Nicolaus V. und
+Alexander VI., durch den Vertrag von Tordesillas und die Nothwendigkeit,
+eine feste Grenzlinie zu ziehen, der Eifer, das Problem der Laengen zu
+loesen, die Ephemeriden zu verbessern und die Instrumente zu
+vervollkommnen, bedeutend gestachelt worden ist. Als die Haendel in
+Paraguay und der Besitz der Colonie am Sacramento fuer die beiden Hoefe zu
+Madrid und Lissabon Sachen von grossem Belang wurden, schickte man
+Grenzcommissaere an den Orinoco, an den Amazonenstrom und an den Rio de la
+Plata.
+
+Unter den Muessiggaengern, welche die Archive mit Verrechnungen und
+Protokollen fuellten, fand sich hie und da auch ein unterrichteter
+Ingenieur, ein Marineofficier, der mit den Methoden, nach denen man weit
+von den Kuesten Ortsbestimmungen vornehmen kann, Bescheid wusste. Das
+Wenige, was wir am Schluss des vorigen Jahrhunderts von der astronomischen
+Geographie des neuen Continents wussten, verdankt man diesen achtbaren,
+fleissigen Maennern, den franzoesischen und spanischen Akademikern, die in
+Quito den Meridian gemessen, und Officieren, welche von Valparaiso nach
+Buenos Ayres gegangen waren, um sich Malaspinas Expedition anzuschliessen.
+Mit Befriedigung gedenkt man, wie sehr die Wissenschaften fast zufaellig
+durch jene "Grenzcommissionen" gefoerdert worden sind, die fuer den Staat
+eine grosse Last waren und von denen, die sie ins Leben gerufen, noch oefter
+vergessen als ausgeloest wurden.
+
+Weiss man, wie unzuverlaessig die Karten von Amerika sind, kennt man aus
+eigener Anschauung die unbewohnten Landstriche zwischen dem Jupura und Rio
+Negro, dem Madeira und Ucayale, dem Rio Branco und der Kueste von Cayenne,
+die man sich in Europa bis auf diesen Tag allen Ernstes streitig gemacht,
+so kann man sich ueber die Beharrlichkeit, mit der man sich um ein paar
+Quadratmeilen zankte, nicht genug wundern. Zwischen diesem streitigen
+Gebiet und den angebauten Strichen der Colonien liegen meist Wuesten, deren
+Ausdehnung ganz unbekannt ist. Auf den beruehmten Conferenzen in Puente de
+Caya (vom 4. November 1681 bis 22. Januar 1682) wurde die Frage
+verhandelt, ob der Papst, als er die Demarcationslinie 370 spanische
+Meilen [Oder 22 Grad 14 Minuten, auf dem Aequator gezaehlt.] westwaerts von
+den Inseln des gruenen Vorgebirges zog, gemeint habe, der erste Meridian
+solle vom Mittelpunkt der Insel St. Nicolas aus, oder aber (wie der
+portugiesische Hof behauptete) vom westlichen Ende der kleinen Insel San
+Antonio gezaehlt werden. Im Jahr 1754, zur Zeit von Ituriagas und Solanos
+Expedition, unterhandelte man ueber den Besitz der damals voellig
+unbewohnten Ufer des Tuamini und um ein Stueck Sumpfland, ueber das wir
+zwischen Javita und dem Pimichin an Einem Abend gegangen. Noch in neuester
+Zeit wollten die spanischen Commissaere die Scheidungslinie an die
+Einmuendung des Apoporis in den Jupura legen, waehrend die portugiesischen
+Astronomen sie bis zum Salto Grande zurueckschoben. Die Missionaere und das
+Publikum ueberhaupt betheiligten sich sehr lebhaft an diesen
+Grenzstreitigkeiten. In den spanischen wie in den portugiesischen Colonien
+beschuldigt man die Regierung der Gleichgueltigkeit und Laessigkeit.
+Ueberall wo die Voelker keine Verfassung haben, deren Grundlage die
+Freiheit ist, gerathen die Gemuether nur dann in Aufregung, wenn es sich
+davon handelt, die Grenzen des Landes weiter oder enger zu machen.
+
+Der Rio Negro und der Jupura sind zwei Nebenfluesse des Amazonenstromes,
+die in Laenge der Donau wenig nachgeben, und deren oberer Lauf den Spaniern
+gehoert, waehrend der untere in den Haenden der Portugiesen ist. An diesen
+zwei majestaetischen Stroemen hat sich die Bevoelkerung nur in der Naehe des
+aeltesten Mittelpunktes der Cultur bedeutend vermehrt. Die Ufer des obern
+Jupura oder Caqueta wurden von Missionaeren cultivirt, die aus den
+Cordilleren von Popayan und Neiva gekommen waren. Von Macoa bis zum
+Einfluss des Caguan gibt es sehr viele christliche Niederlassungen, waehrend
+am untern Jupura die Portugiesen kaum ein paar Doerfer gegruendet haben. Am
+Rio Negro dagegen konnten es die Spanier ihren Nachbarn nicht gleich thun.
+Wie kann man sich auf eine Bevoelkerung stuetzen, wenn sie so weit abliegt
+als die in der Provinz Caracas? Fast voellig unbewohnte Steppen und Waelder
+liegen, 160 Meilen breit, zwischen dem angebauten Kuestenstrich und den
+vier Missionen Macoa, Tomo, Davipe und San Carlos, den einzigen, welche
+die spanischen Franciscaner laengs des Rio Negro zu Stande gebracht. Bei
+den Portugiesen in Brasilien hat das militaerische Regiment, das System der
+_Presides_ und _Capitanes pobladores_ dem Missionsregiment gegenueber die
+Oberhand gewonnen. Von Gran-Para ist es allerdings sehr weit zur
+Einmuendung des Rio Negro [In gerader Linie 150 Meilen.], aber bei der
+bequemen Schifffahrt auf dem Amazonenstrom, der wie ein ungeheurer Canal
+von West nach Ost gerade fortlaeuft, konnte sich die portugiesische
+Bevoelkerung laengs des Stromes rasch ausbreiten. Die Ufer des untern
+Amazonenstroms von Vistoza bis Serpa, so wie die des Rio Negro von Forte
+da Bara bis San Jose de Marabitanos sind geschmueckt mit reichem Anbau und
+mit zahlreichen Staedten und ansehnlichen Doerfern bedeckt.
+
+An diese Betrachtungen ueber die oertlichen Verhaeltnisse reihen sich andere
+an, die sich auf die moralische Verfassung der Voelker beziehen. Auf der
+Nordwestkueste Amerikas sind bis auf diesen Tag keine festen
+Niederlassungen ausser den russischen und den spanischen Colonien. Noch ehe
+die Bevoelkerung der Vereinigten Staaten auf ihrem Zuge von Ost nach West
+den Kuestenstrich erreicht hatte, der zwischen dem 41. bis 50. Breitengrad
+lange die castilianischen Moenche und die sibirischen Jaeger(64) getrennt,
+liessen sich letztere suedlich vom Rio Colombia nieder. So waren denn in
+Neucalifornien die Missionaere vom Orden des heiligen Franz, deren
+Lebenswandel und deren Eifer fuer den Ackerbau alle Achtung verdienen,
+nicht wenig erstaunt, als sie hoerten, in ihrer Nachbarschaft seyen
+griechische Priester eingetroffen, so dass die beiden Voelker, welche das
+Ost- und das Westende von Europa bewohnen, auf den Kuesten Amerikas, China
+gegenueber, Nachbarn geworden waren. Anders wiederum gestalteten sich die
+Verhaeltnisse in Guyana. Hier fanden die Spanier an ihren Grenzen dieselben
+Portugiesen wieder, die mit ihnen durch Sprache und Gemeindeverfassung
+einen der edelsten Reste des roemischen Europa bilden, die aber durch das
+Misstrauen, wie es aus Ungleichheit der Kraefte und allzu naher Beruehrung
+geflossen, zu einer nicht selten feindseligen, immer aber eifersuechtigen
+Macht geworden waren. Geht man von der Kueste von Venezuela (wo, wie in der
+Havana und auf den Antillen ueberhaupt, die europaeische Handelpolitik der
+taegliche Gegenstand des Interesses ist) nach Sued, so fuehlt man sich mit
+jedem Tage mehr und mit wachsender Geschwindigkeit Allem entrueckt, was mit
+dem Mutterlande zusammenhaengt. Mitten in den Steppen oder Llanos, in den
+mit Ochsenhaeuten gedeckten Huetten inmitten wilder Heerden unterhaelt man
+sich von nichts als von der Pflege des Viehs, von der Trockenheit des
+Landes, die den Weiden Eintrag thut, vom Schaden, den die Fledermaeuse an
+Faersen und Fuellen angerichtet. Kommt man aus dem Orinoco in die Missionen
+in den Waeldern, so findet man die Einwohnerschaft wieder mit andern Dingen
+beschaeftigt, mit der Unzuverlaessigkeit der Indianer, die aus den Doerfern
+fortlaufen, mit der mehr oder minder reichen Ernte der Schildkroeteneier,
+mit den Beschwerden eines heissen, ungesunden Klimas. Kommen die Moenche
+ueber der Plage der Moskitos noch zu einem andern Gedanken, so beklagt man
+sich leise ueber den Praesidenten der Missionen, so seufzt man ueber die
+Verblendung der Leute, die im naechsten Capitel den Gardian des Klosters in
+Nueva Barcelona wieder waehlen wollen. Alles hat hier ein rein oertliches
+Interesse, und zwar beschraenkt sich dasselbe auf die Angelegenheiten des
+Ordens, "auf diese Waelder, wie die Moenche sagen, _estas selvas_, die Gott
+uns zum Wohnsitz angewiesen." Dieser etwas enge, aber ziemlich truebselige
+Ideenkreis erweitert sich, wenn man vom obern Orinoco an den Rio Negro
+kommt und sich der Grenze Brasiliens naehert. Hier scheinen alle Koepfe vom
+Daemon europaeischer Politik besessen. Das Nachbarland jenseits des
+Amazonenstroms heisst in der Sprache der spanischen Missionen weder
+Brasilien, noch _Capitania general_ von Gran-Para, sondern *Portugal*; die
+kupferfarbigen Indianer, die halbschwarzen Mulatten, die ich von Barcelos
+zur spanischen Schanze San Carlos herauskommen sah, sind *Portugiesen*.
+Diese Namen sind im Munde des Volkes bis an die Kueste von Cumana, und mit
+Behagen erzaehlt man den Reisenden, welche Verwirrung sie im Kopfe eines
+alten, aus den Bergen von Bierzo gebuertigen Commandanten von Vieja Guayana
+angerichtet hatten. Der alte Kriegsmann beschwerte sich, dass er zur See
+habe an den Orinoco kommen muessen. "Ist es wahr," sprach er, "wie ich hier
+hoere, dass spanisch Guyana, diese grosse Provinz, sich bis nach Portugal
+erstreckt (zu _los Portugueses_), so moechte ich wissen, warum der Hof mich
+in Cadix sich hat einschiffen lassen? Ich haette gerne ein paar Meilen
+weiter zu Lande gemacht." Diese Aeusserung von naiver Unwissenheit erinnert
+an eine verwunderliche Meinung des Cardinals LORENZANA. Dieser Praelat, der
+uebrigens in der Geschichte ganz zu Hause ist, sagt in einem in neuerer
+Zeit in Mexico gedruckten Buche, die Besitzungen des Koenigs von Spanien in
+Neu-Californien und Neu-Mexico (ihr noerdliches Ende liegt unter 37 deg. 48{~PRIME~}
+der Breite) "haengen ueber Land mit Sibirien zusammen."
+
+Wenn zwei Voelker, die in Europa neben einander wohnen, Spanier und
+Portugiesen, auch auf dem neuen Continent Nachbarn geworden sind, so
+verdanken sie dieses Verhaeltniss, um nicht zu sagen diesen Uebelstand, dem
+Unternehmungsgeist, dem kecken Thatendrang, den beide zur Zeit ihres
+kriegerischen Ruhmes und ihrer politischen Groesse entwickelt. Die
+castilianische Sprache wird gegenwaertig in Sued- und Nordamerika auf einer
+1900 Meilen langen Strecke gesprochen; betrachtet man aber Suedamerika fuer
+sich, so zeigt sich, dass das Portugiesische ueber einen groesseren
+Flaechenraum verbreitet ist, aber von nicht so vielen Menschen gesprochen
+wird, als das Castilianische. Das innige Band, das die schoenen Sprachen
+eines Camoens und Lope de Vega verknuepft, hat, sollte man meinen, Voelker,
+die widerwillig Nachbarn geworden, nur noch weiter auseinander gebracht.
+Der Nationalhass richtet sich keineswegs nur nach der Verschiedenheit in
+Abstammung, Sitten und Culturstufe; ueberall, wo er sehr stark
+ausgesprochen ist, erscheint er als die Folge geographischer Verhaeltnisse
+und der damit gegebenen widerstreitenden Interessen. Man verabscheut sich
+etwas weniger, wenn man weit auseinander ist und bei wesentlich
+Verschiedenen Sprachen gar nicht in Versuchung kommt, mit einander zu
+verkehren. Diese Abstufungen in der gegenseitigen Stimmung neben
+einander-lebender Voelker fallen Jedem auf, der Neucalifornien, die innern
+Provinzen von Mexico und die Nordgrenzen Brasiliens bereist.
+
+Als ich mich am spanischen Rio Negro befand, war, in Folge der auseinander
+gehenden Politik der beiden Hoefe von Lissabon und Madrid, das
+systematische Misstrauen, dem die Commandanten der benachbarten kleinen
+Forts auch in den ruhigsten Zeiten gerne Nahrung geben, noch staerker als
+gewoehnlich. Die Canoes kamen von Barcelos bis zu den spanischen Missionen
+herauf, aber der Verkehr war gering. Der Befehlshaber einer
+Truppenabtheilung von 16 bis 18 Mann plagte "die Garnison" mit
+Sicherheitsmassregeln, welche "der Ernst der Lage" erforderlich machte, und
+im Fall eines Angriffs hoffte er "den Feind zu umzingeln." Sprachen wir
+davon, dass die portugiesische Regierung in Europa die vier kleinen Doerfer,
+welche die Franciscaner am obern Rio Negro angelegt, ohne Zweifel sehr
+wenig beachte, so fuehlten sich die Leute durch die Gruende, mit denen wir
+sie beruhigen wollten, nur verletzt. Voelkern, die durch alle Wechsel im
+Lauf von Jahrhunderten ihren Nationalhass ungeschwaecht erhalten haben, ist
+jede Gelegenheit erwuenscht, die demselben neue Nahrung gibt. Dem Menschen
+ist bei Allein wohl, was sein Gemueth aufregt, was ihm eine lebhafte
+Empfindung zum Bewusstseyn bringt, sey es nun ein Gefuehl der Zuneigung,
+oder jener eifersuechtige Neid, wie er aus althergebrachten Vorurtheilen
+entspringt. Die ganze Persoenlichkeit der Voelker ist aus dem Mutterlande in
+die entlegensten Colonien uebergegangen, und der gegenseitige Widerwille
+der Nationen hat nicht einmal da ein Ende, wo der Einfluss der gleichen
+Sprache wegfaellt. Wir wissen aus KRUSENSTERNs anziehendem Reisebericht,
+dass der Hass zweier fluechtigen Matrosen, eines Franzosen und eines
+Englaenders, zu einem langen Krieg zwischen den Bewohnern der
+Marquesasinseln Anlass gab. Am Amazonenstrom und Rio Negro koennen die
+Indianer in den benachbarten portugiesischen und spanischen Doerfern
+einander nicht ausstehen. Diese armen Menschen sprechen nur amerikanische
+Sprachen, sie wissen gar nicht, was "am andern Ufer des Oceans, drueben
+ueber der grossen Salzlache" vorgeht; aber die Kutten ihrer Missionaere sind
+von verschiedener Farbe, und diess missfaellt ihnen im hoechsten Grade.
+
+Ich habe bei der Schilderung der Folgen des Nationalhasses verweilt, den
+kluge Beamte zu mildern suchten, ohne ihn ganz beschwichtigen zu koennen.
+Diese Eifersucht ist nicht ohne Einfluss auf den Umstand gewesen, dass
+unsere geographische Kunde von den Nebenfluessen des Amazonenstromes bis
+jetzt so mangelhaft ist. Wenn der Verkehr unter den Eingeborenen gehemmt
+ist, und die eine Nation an der Muendung, die andere im obern Flussgebiet
+sitzt, so faellt es den Kartenzeichnern sehr schwer, genaue Erkundigungen
+einzuziehen. Die periodischen Ueberschwemmungen, besonders aber die
+Trageplaetze, ueber die man die Canoes von einem Nebenfluss zum andern
+schafft, dessen Quellen in der Naehe liegen, verleiten zur Annahme von
+Gabelungen und Verzweigungen der Fluesse, die in Wahrheit nicht bestehen.
+Die Indianer in den portugiesischen Missionen zum Beispiel schleichen sich
+(wie ich an Ort und Stelle erfahren) einerseits auf dem Rio Guaicia und
+Rio Tomo in den spanischen Rio Negro, andererseits ueber die Trageplaetze
+zwischen dem Cababuri, dem Pasimoni, dem Idapa und dem Mavaca in den obern
+Orinoco, um hinter Esmeralda den aromatischen Samen des Pucherylorbeers zu
+sammeln. Die Eingeborenen, ich wiederhole es, sind vortreffliche
+Geographen; sie umgehen den Feind trotz der Grenzen, wie sie auf den
+Karten gezogen sind, trotz der Schanzen und Estacamentos, und wenn die
+Missionaere sie von so weither, und zwar in verschiedenen Jahreszeiten
+kommen sehen, so machen sie sich daran, Hypothesen ueber vermeintliche
+Flussverbindungen zu schmieden. Jeder Theil hat ein Interesse dabei, nicht
+zu sagen, was er ganz gut weiss, und der Hang zu allem Geheimnissvollen, der
+bei rohen Menschen so gemein und so lebendig ist, thut das Seinige dazu,
+um die Sache im Dunkeln zu lassen. Noch mehr, die verschiedenen
+Indianerstaemme, welche dieses Wasserlabyrinth befahren, geben den Fluessen
+ganz verschiedene Namen, und diese Namen werden durch Endungen, welche
+"Wasser, grosses Wasser, Stroemung" bedeuten, unkenntlich gemacht und
+verlaengert. Wie oft bin ich beim nothwendigen Geschaeft, die Synonymie der
+Fluesse ins Reine zu bringen, in groesster Verlegenheit gewesen, wenn ich die
+gescheitesten Indianer vor mir hatte und sie mittelst eines Dolmetschers
+ueber die Zahl der Nebenfluesse, die Quellen und die Trageplaetze befragte!
+Da in derselben Mission drei, vier Sprachen gesprochen werden, so haelt es
+sehr schwer, die Aussagen in Uebereinstimmung zu bringen. Unsere Karten
+wimmeln von willkuerlich abgekuerzten oder entstellten Namen. Um
+herauszubringen, was darauf richtig ist, muss man sich von der
+geographischen Lage der Nebenfluesse, fast moechte ich sagen von einem
+gewissen etymologischen Takt leiten lassen. Der Rio Uaupe oder Uapes der
+portugiesischen Karten ist der Guapue der spanischen und der Ucayari der
+Eingeborenen. Der Anava der aelteren Geographen ist ARROWSMITHs Anauahu,
+und der Unanauhau oder Guanauhu der Indianer. Man liess nicht gerne einen
+leeren Raum auf den Karten, damit sie recht genau aussehen moechten, und so
+erschuf man Fluesse und legte ihnen Namen bei, ohne zu wissen, dass
+dieselben nur Synonyme waren. Erst in der neuesten Zeit haben die
+Reisenden in Amerika, in Persien und Indien eingesehen, wie viel darauf
+ankommt, dass man in der Namengebung correkt ist. Liest man die Reise des
+beruehmten RALEGH, so ist es eben nicht leicht, im See Mrecabo den See
+Maracaybo und im Marquis Paraco den Namen Pizarros, des Zerstoerers des
+Reichs der Incas, zu erkennen.
+
+Die grossen Nebenfluesse des Amazonenstroms heissen, selbst bei den
+Missionaeren von europaeischer Abstammung, in ihrem obern Lauf anders als im
+untern. Der Jca heisst weiter oben Putumayo; der Jupura fuehrt seinen
+Quellen zu den Namen Caqueta. Wenn man in den Missionen der Andaquies sich
+nach dem wahren Ursprung des Rio Negro umsah, so konnte diess um so weniger
+zu etwas fuehren, da man den indianischen Namen des Flusses nicht kannte.
+In Javita, Maroa und San Carlos hoerte ich ihn *Guainia* nennen. SOUTHEY,
+der gelehrte Geschichtschreiber Brasiliens, den ich ueberall sehr genau
+fand, wo ich seine geographischen Angaben mit dem, was ich selbst aus
+meinen Reisen gesammelt, vergleichen konnte, sagt ausdruecklich, der Rio
+Negro heisse auf seinem untern Laufe bei den Eingeborenen Guiari oder
+Curana, aus seinem obern Lauf *Ueneya*. Das ist soviel wie Gueneya statt
+Guainia; denn die Indianer in diesen Landstrichen sprechen ohne
+Unterschied Guanaracua und Uanaracua, Guarapo und Uarapo. Aus dem
+letzteren haben HONDIUS [Auf seiner Karte zu Raleghs Reise.] und alle
+alten Geographen durch ein komisches Missverstaendniss ihren _'Europa
+fluvius'_ gemacht.
+
+Es ist hier der Ort, von den Quellen des Rio Negro zu sprechen, ueber
+welche die Geographen schon so lange im Streit liegen. Diese Frage
+erscheint nicht allein darum wichtig, weil es sich vom Ursprung eines
+maechtigen Stromes handelt, was ja immer von Interesse ist; sie haengt mit
+einer Menge anderer Fragen zusammen, mit den angeblichen Gabelungen des
+Caqueta, mit den Verbindungen zwischen dem Rio Negro und dem Orinoco, und
+mit dem *oertlichen Mythus* vom Dorado, frueher Enim oder das Reich des
+Grossen Paytiti geheissen. Studirt man die alten Karten dieser Laender und
+die Geschichte der geographischen Irrthuemer genau, so sieht man, wie der
+Mythus vom Dorado mit den Quellen des Orinoco allmaehlich nach Westen
+rueckt. Er entstand auf dem Ostabhang der Anden und setzte sich zuerst, wie
+ich spaeter nachweisen werde, im Suedwesten vom Rio Negro fest. Der tapfere
+PHILIPP DE URRE ging, um die grosse Stadt Manoa zu entdecken, ueber den
+Guaviare. Noch jetzt erzaehlen die Indianer in San Jose de Maravitanos,
+"fahre man vierzehn Tage lang auf dem Guape oder Uaupe nach Nordost, so
+komme man zu einer beruehmten *Laguna de Oro*, die von Bergen umgeben und
+so gross sey, dass man das Ufer gegenueber nicht sehen koenne. Ein wildes
+Volk, die Guanes, leide nicht, dass man im Sandboden um den See Gold
+sammle." Pater ACUNA setzt den See Manoa oder Yenefiti zwischen den Japura
+und den Rio Negro. Manaos-Indianer (diess ist das Wort Manoa mit
+Verschiebung der Vokale, was bei so vielen amerikanischen Voelkern
+vorkommt) brachten dem Pater FRITZ im Jahr 1687 viele Blaetter geschlagenen
+Goldes. Diese Nation, deren Namen noch heute am Urarira zwischen Lamalonga
+und Moreira bekannt ist, sass am Jurubesh (Yurubech, Yurubets). LA
+CONDAMINE sagt mit Recht, dieses Mesopotamien zwischen dem Caqueta, dem
+Rio Negro, dem Jurubesh und dem Iquiare sey der erste Schauplatz des
+Dorado. Wo soll man aber die Namen Jurubesh und Iquiare der Patres Acuna
+und Fritz suchen? Ich glaube sie in den Fluessen Urubaxi und Iguari der
+handschriftlichen portugiesischen Karten wieder zu finden, die ich besitze
+und die im hydrographischen Depot zu Rio Janeiro gezeichnet wurden. Seit
+vielen Jahren habe ich nach den aeltesten Karten und einem ansehnlichen,
+von mir gesammelten, nicht veroeffentlichten Material mit anhaltendem Eifer
+Untersuchungen ueber die Geographie Suedamerikas noerdlich vom Amazonenstrom
+angestellt. Da ich meinem Werke den Charakter eines wissenschaftlichen
+Werkes bewahren moechte, darf ich mich nicht scheuen, von Gegenstaenden zu
+handeln, ueber die ich hoffen kann einiges Licht zu verbreiten, naemlich von
+den Quellen des Rio Negro und des Orinoco, von der Verbindung dieser
+Fluesse mit dem Amazonenstrom, und vom Problem vom Goldlande, das den
+Bewohnern der neuen Welt so viel Blut und so viel Thraenen gekostet hat.
+Ich werde diese Fragen nach einander behandeln, wie ich in meinem
+Reisetagebuche an die Orte komme, wo sie von den Einwohnern selbst am
+lebhaftesten besprochen werden. Da ich aber sehr ins Einzelne gehen muesste,
+wenn ich alle Beweise fuer meine Ausstellungen beibringen wollte, so
+beschraenke ich mich hier darauf, die hauptsaechlichsten Ergebnisse
+mitzutheilen, und verschiebe die weitere Ausfuehrung auf die "_Analyse des
+Cartes_" und den "_Essai sur la geographie astronomique du
+Nouveau-Continent_", welche den geographischen Atlas eroeffnen sollen.
+
+Diese meine Untersuchungen fuehren zum allgemeinen Schluss, dass die Natur
+bei der Vertheilung der fliessenden Gewaesser auf der Erdoberflaeche, wie
+beim Bau der organischen Koerper, lange nicht nach einem so verwickelten
+Plane verfahren ist, als man unter dem Einfluss unbestimmter Anschauungen
+und des Hangs zum Wunderbaren geglaubt hat. Es geht auch daraus hervor,
+dass alle jene Anomalien, alle jene Ausnahmen von den Gesetzen der
+Hydrographie, die im Innern Amerikas vorkommen, nur scheinbar sind; dass in
+der alten Welt beim Lauf fliessender Gewaesser gleich ausserordentliche
+Erscheinungen vorkommen, dass aber diese Erscheinungen vermoege ihres
+unbedeutenden Umfangs den Reisenden weniger aufgefallen sind. Wenn
+ungeheure Stroeme betrachtet werden koennen als aus mehreren, unter einander
+parallelen, aber ungleich tiefen Rinnen bestehend, wenn diese Stroeme nicht
+in Thaeler eingeschlossen sind, und wenn das Innere eines grossen Festlandes
+so eben ist als bei uns das Meeresufer, so muessen die Verzweigungen, die
+Gabelungen, die netzfoermigen Verschlingungen sich ins Unendliche haeufen.
+Nach Allem, was wir vom Gleichgewicht der Meere wissen, kann ich nicht
+glauben, dass die neue Welt spaeter als die alte dem Schooss des Wassers
+entstiegen, dass das organische Leben in ihr juenger, frischer seyn sollte;
+wenn man aber auch keine Gegensaetze zwischen den zwei Halbkugeln desselben
+Planeten gelten laesst, so begreift sich doch, dass auf derjenigen, welche
+die groesste Wasserfuelle hat, die verschiedenen Flusssysteme laengere Zeit
+gebraucht haben, sich von einander zu scheiden, sich gegenseitig voellig
+unabhaengig zu machen. Die Anschwemmungen, die sich ueberall bilden, wo
+fliessendes Wasser an Geschwindigkeit abnimmt, tragen allerdings dazu bei,
+die grossen Strombetten zu erhoehen und die Ueberschwemmungen staerker zu
+machen; aber auf die Laenge werden die Flussarme und schmalen Kanaele, welche
+benachbarte Fluesse mit einander verbinden, durch diese Anschwemmungen ganz
+verstopft. Was das Regenwasser zusammenspuelt, bildet, indem es sich
+aushaeuft, Schwellen, _'isthmes d'atterissement'_, Wasserscheiden, die
+zuvor nicht vorhanden waren. Die Folge davon ist, dass die natuerlichen,
+urspruenglichen Verbindungscanaele nach und nach in zwei Wasserlaeufe
+zerfallen, und durch die Aufhoehung des Bodens in der Quere zwei Gefaelle
+nach entgegengesetzten Richtungen erhalten. Ein Theil ihres Wassers faellt
+in den Hauptwasserbehaelter zurueck, und zwischen zwei parallelen Becken
+erhebt sich eine Boeschung, so dass die ehemalige Verbindung spurlos
+verschwindet. Sofort bestehen zwischen verschiedenen Flusssystemen keine
+Gabelungen mehr, und wo sie zur Zeit der grossen Ueberschwemmungen noch
+immer vorhanden sind, tritt das Wasser vom Hauptbehaelter nur weg, um nach
+groesseren oder kleineren Umwegen wieder dahin zurueckzukehren. Die Gebiete,
+deren Grenzen anfangs schwankend durcheinander liefen, schliessen sich nach
+und nach ab, und im Laufe der Jahrhunderte wirkt Alles, was an der
+Erdoberflaeche beweglich ist, Wasser, Schwemmung und Sand, zusammen, um die
+Flussbetten zu trennen, wie die grossen Seen in mehrere zerfallen und die
+Binnenmeere ihre alten Verbindungen verlieren.(65)
+
+Da die Geographen schon im sechzehnten Jahrhundert die Ueberzeugung
+gewonnen hatten, dass in Suedamerika zwischen verschiedenen Flusssystemen
+Gabeltheilungen bestehen, die sie gegenseitig von einander abhaengig
+machen, so nahmen sie an, dass die fuenf grossen Nebenfluesse des Orinoco und
+des Amazonenstromes, Guaviare, Inirida, Rio Negro, Caqueta oder Hyapura,
+und Putumayo oder Ica unter einander zusammenhaengen. Diese Hypothesen,
+welche auf unsern Karten in verschiedenen Gestalten dargestellt sind,
+entstanden zum Theil in den Missionen in den Ebenen, zum Theil auf dem
+Ruecken der Cordilleren der Anden. Reist man von Santa Fe de Bogota ueber
+Fusagafuga nach Popayan und Pasto, so hoert man die Gebirgsbewohner
+behaupten, am Ostabhang der _Paramos de la Suma Paz_ (des ewigen
+Friedens), des Iscance und Aponte entspringen alle Fluesse, die zwischen
+dem Meta und dem Putumayo durch die Waelder von Guyana ziehen. Da man die
+Nebenfluesse fuer den Hauptstrom haelt und man alle Fluesse rueckwaerts bis zur
+Bergkette reichen laesst, so wirft man dort die Quellen des Orinoco, des Rio
+Negro und des Guaviare zusammen. Am steilen Ostabhang der Anden ist sehr
+schwer herunterzukommen, eine engherzige Politik hat dem Handel mit den
+Llanos am Meta, am San Juan und Caguan Fesseln angelegt, man hat wenig
+Interesse, die Fluesse zu verfolgen, um ihre Verzweigungen kennen zu
+lernen: durch all diese Umstaende ist die geographische Verwirrung noch
+groesser geworden. Als ich in Santa Fe de Bogota war, kannte man kaum den
+Weg, der ueber die Doerfer Usme, Ubaque und Caqueza nach Apiay und zum
+Landungsplatz am Rio Meta fuehrt. Erst in neuester Zeit konnte ich die
+Karte dieses Flusses nach den _Reisetagebuechern_ des CANONICUS CORTES
+MADARIAGA und nach den Ermittlungen waehrend des Unabhaengigkeitskriegs in
+Venezuela berichtigen.
+
+Ueber die Lage der Quellen am Fuss der Cordilleren zwischen dem 4 deg. 20{~PRIME~} und
+1 deg. 10{~PRIME~} noerdlicher Breite wissen wir zuverlaessig, was folgt. Hinter dem
+Paramo de la Suma Paz, den ich von Pandi an aufnehmen konnte, entspringt
+der Rio de Aguas Blancas, der mit dem Pachaquiaro oder Rio Negro von Apiay
+den *Meta* bildet; weiter nach Sueden kommt der Rio Ariari, ein Nebenfluss
+des *Guaviare*, dessen Muendung ich bei San Fernando de Atabapo gesehen.
+Geht man auf dem Ruecken der Cordillere weiter gegen Ceja und den Paramo
+von Aponte zu, so kommt man an den Rio Guayavero, der am Dorfe Aramo
+vorbeilaeuft und sich mit dem Ariari verbindet; unterhalb ihrer Vereinigung
+bekommen die Fluesse den Namen *Guaviare*. Suedwestlich vom Paramo de Aponte
+entspringen am Fuss der Berge bei Santa Rosa der Rio Caqueta, und auf der
+Cordillere selbst der Rio de Mocoa, der in der Geschichte der Eroberung
+eine grosse Rolle spielt. Diese beiden Fluesse, die sich etwas oberhalb der
+Mission San Augustin de Nieto vereinigen, bilden den *Japura* oder
+*Caqueta*. Der Cerro del Portachuelo, ein Berg, der sich auf der Hochebene
+der Cordilleren selbst erhebt, liegt zwischen den Quellen des Mocoa und
+dem See Sebondoy, aus dem der Rio *Putumayo* oder Jca entspringt. Der
+Meta, der Guaviare, der Caqueta und der Putumayo sind also die einzigen
+grossen Fluesse, die unmittelbar am Ostabhang der Anden von Santa Fe,
+Popayan und Pasto entspringen. Der Vichada, der Zama, der Inirida, der Rio
+Negro, der Uaupe und der Apoporis, die unsere Karten gleichfalls westwaerts
+bis zum Gebirge fortfuehren, entspringen weit weg von demselben entweder in
+den Savanen zwischen Meta und Guaviare oder im bergigten Land, das, nach
+den Aussagen der Eingeborenen, fuenf, sechs Tagereisen westwaerts von den
+Missionen am Javita und Maroa anfaengt und sich als Sierra Tunuhy jenseits
+des Xie dem Issana zu erstreckt.
+
+Es erscheint ziemlich auffallend, dass dieser Kamm der Cordillere, dem so
+viele majestaetische Fluesse entspringen (Meta, Guaviare, Caqueta,
+Putumayo), so wenig mit Schnee bedeckt ist als die abyssinischen Gebirge,
+aus denen der blaue Nil kommt; dagegen trifft man, wenn man die Gewaesser,
+die ueber die Ebenen ziehen, hinausgeht, bevor man an die Cordillere der
+Anden kommt, einen noch thaetigen Vulkan. Derselbe wurde erst in neuester
+Zeit von den Franciscanern entdeckt, die von Ceja ueber den Rio Fragua an
+den Caqueta herunterkommen. Nordoestlich von der Mission Santa Rosa,
+westlich vom Puerto del Pescado, liegt ein einzeln stehender Huegel, der
+Tag und Nacht Rauch ausstoesst. Es ruehrt diess von einem Seitenausbruch der
+Vulkane von Popayan und Pasto her, wie der Guacamayo und der Sangay, die
+gleichfalls am Fuss des Ostabhangs der Anden liegen, von Seitenausbruechen
+des Vulkansystems von Quito herruehren. Ist man mit den Ufern des Orinoco
+und des Rio Negro bekannt, wo ueberall das Granitgestein zu Tage kommt,
+bedenkt man, dass in Brasilien, in Guyana, auf dem Kuestenland von
+Venezuela, vielleicht auf dem ganzen Continent ostwaerts von den Anden,
+sich gar kein Feuerschlund findet, so erscheinen die drei thaetigen Vulkane
+an den Quellen des Caqueta, des Napo und des Rio Macas oder Morona sehr
+interessant.
+
+Die imposante Groesse des Rio Negro fiel schon ORELLANA auf, der ihn im Jahr
+1539 bei seinem Einfluss in den Amazonenstrom sah, _undas nigras spargens_;
+aber erst ein Jahrhundert spaeter suchten die Geographen seine Quellen am
+Abhang der Cordilleren auf. ACUNAs Reise gab Anlass zu Hypothesen, die sich
+bis auf unsere Zeit erhalten haben und von LA CONDAMINE und D'ANVILLE
+masslos gehaeuft wurden. ACUNA hatte im Jahr 1638 an der Einmuendung des Rio
+Negro gehoert, einer seiner Zweige stehe mit einem andern grossen Strom in
+Verbindung, an dem die Hollaender sich niedergelassen. SOUTHEY bemerkt
+scharfsinnig, dass man so etwas in so ungeheurer Entfernung von der Kueste
+gewusst, beweise, wie stark und vielfach damals der Verkehr unter den
+barbarischen Voelkern dieser Laender (besonders unter denen von caraibischem
+Stamme) gewesen. Es bleibt unentschieden, ob die Indianer, die Acuna Rede
+standen, den Cassiquiare meinten, den natuerlichen Canal zwischen Orinoco
+und Rio Negro, den ich von San Carlos nach Esmeralda hinaufgefahren bin,
+oder ob sie ihm nur unbestimmt die Trageplaetze zwischen den Quellen des
+Rio Branco(66) und des Rio Essequebo andeuten wollten. Acuna selbst dachte
+nicht daran, dass der grosse Strom, dessen Muendung die Hollaender besassen,
+der Orinoco sey; er nahm vielmehr eine Verbindung mit dem Rio San Felipe
+an, der westlich vom Cap Nord ins Meer faellt, und auf dem nach seiner
+Ansicht der Tyrann Lopez de Aguirre seine lange Flussfahrt beschlossen
+hatte. Letztere Annahme scheint mir sehr gewagt, wenn auch der Tyrann in
+seinem naerrischen Briefe an Philipp II. selbst gesteht, "er wisse nicht,
+wie er und die Seinigen aus der grossen Wassermasse herausgekommen." [S.
+Bd. I. Seite 233].
+
+Bis zu Acunas Reise und den schwankenden Angaben, die er ueber Verbindungen
+mit einem andern grossen Fluss nordwaerts vom Amazonenstrom erhielt, sahen
+die unterrichtetsten Missionare den Orinoco fuer eine Fortsetzung des
+Caqueta (Kaqueta, Caketa) an. "Dieser Strom," sagte Fray PEDRO SIMON im
+Jahr 1625, "entspringt am Westabhang des Paramo d'Iscance. Er nimmt den
+Papamene auf, der von den Anden von Neiva herkommt, und heisst nach
+einander Rio Iscance, Tama (wegen des angrenzenden Gebiets der
+Tamas-Indianer), Guayare, Baraguan und Orinoco." Nach der Lage des Paramo
+d'Iscance, eines hohen Kegelbergs, den ich auf der Hochebene von Mamendoy
+und an den schoenen Ufern des Mayo gesehen, muss in dieser Beschreibung der
+Caqueta gemeint seyn. Der Rio Papamene ist der Rio de la Fragua, der mit
+dem Rio Mocoa ein Hauptzweig des Caqueta ist; wir kennen denselben von den
+ritterlichen Zuegen Georgs von Speier und Philipps von Hutten her.(67) Die
+beiden Kriegsmaenner kamen an den Papamene erst, nachdem sie ueber den
+Ariari und den Guayavero gegangen. Die Tamas-Indianer sind noch jetzt am
+noerdlichen Ufer des Caqueta eine der staerksten Nationen; es ist also nicht
+zu verwundern, dass, wie Fray Pedro Simon sagt, dieser Fluss Rio Tama
+genannt wurde. Da die Quellen der Nebenfluesse des Caqueta und die
+Nebenfluesse des Guaviare nahe beisammen liegen, und da dieser einer der
+grossen Fluesse ist, die in den Orinoco fallen, so bildete sich mit dem
+Anfang des siebzehnten Jahrhunderts die irrige Ansicht, Caqueta (Rio de
+Iscance und Papamene), Guaviare (Guayare) und Orinoco seyen ein und
+derselbe Fluss. Niemand war den Caqueta dem Amazonenstrom zu hinabgefahren,
+sonst haette man gesehen, dass der Fluss, der weiter unten Jupupa heisst, eben
+der Caqueta ist. Eine Sage, die sich bis jetzt unter der Bevoelkerung
+dieses Landstrichs erhalten hat, derzusolge ein Arm des Caqueta oberhalb
+des Einflusses des Caguan und des Payoya zum Irinida und Rio Negro geht,
+muss auch zu der Meinung beigetragen haben, dass der Orinoco am Abhang der
+Gebirge von Pasto entspringe.
+
+Wie wir gesehen, setzte man in Neu-Grenada voraus, die Wasser des Caqueta
+laufen, wie die des Ariari, Meta und Apure, dem grossen Orinocobecken zu.
+Haette man genauer auf die Richtung dieser Nebenfluesse geachtet, so waere
+man gewahr geworden, dass allerdings das ganze Land im Grossen nach Osten
+abfaellt, dass aber die Bodenpolyeder, aus denen die Niederungen bestehen,
+schiefe Flaechen zweiter Ordnung bilden, die nach Nordost und Suedost
+geneigt sind. Eine fast unmerkliche Wasserscheide laeuft unter dem zweiten
+Breitengrad von den Anden von Timana zu der Landenge zwischen Javita und
+dem Cano Pimichin, ueber die unsere Pirogue geschafft worden. Noerdlich vom
+Parallel von Timana laufen die Gewaesser [Inirida, Guaviare, Vichada, Zama,
+Meta, Casanare, Apure.] nach Nordost und Ost: es sind die Nebenfluesse des
+Orinoco oder die Nebenfluesse seiner Nebenfluesse. Aber suedlich vom Parallel
+von Timana, aus den Ebenen, welche denen von San Juan vollkommen zu
+gleichen scheinen, laufen der Caqueta oder Jupura, der Putumayo oder Jca,
+der Napo, der Pastaca und der Morona nach Suedost und Sued-Suedost und
+ergiessen sich ins Becken des Amazonenstroms. Dabei ist sehr merkwuerdig,
+dass diese Wasserscheide selbst nur als eine Fortsetzung derjenigen
+erscheint, die ich in den Cordilleren auf dem Wege von Popayan nach Pasto
+gefunden. Zieht man den Landhoehen nach eine Linie ueber Ceja (etwas suedlich
+von Timana) und den Paramo de las Papas zum Alto del Noble, zwischen
+1 deg. 45{~PRIME~} und 2 deg. 20{~PRIME~} der Breite, in 970 Toisen Meereshoehe, so findet man die
+_'divortia aquarum'_ zwischen dem Meere der Antillen und dem stillen
+Ocean.
+
+Vor Acunas Reise herrschte bei den Missionaeren die Ansicht, Caqueta,
+Guaviare und Orinoco seyen nur verschiedene Benennungen desselben Flusses;
+aber der Geograph SANSON liess auf den Karten, die er nach ACUNAs
+Beobachtungen entwarf, den Caqueta sich in zwei Arme theilen, deren einer
+der Orinoco, der andere der Rio Negro oder Curiguacuru seyn sollte. Diese
+Gabeltheilung unter rechtem Winkel erscheint auf allen Karten von SANSON,
+CORONELLI, DU VAL und DE L'ISLE von 1656 bis 1730. Man glaubte auf diese
+Weise die Verbindungen zwischen den grossen Stroemen zu erklaeren, von denen
+Acuna die erste Kunde von der Muendung des Rio Negro mitgebracht, und man
+ahnte nicht, dass der Jupura die Fortsetzung des Caqueta sey. Zuweilen liess
+man den Namen Caqueta ganz weg und nannte den Fluss, der sich gabelt, Rio
+Paria oder Yuyapari, wie der Orinoco ehemals hiess. DE L'ISLE liess in
+seiner letzten Zeit den Caqueta sich nicht mehr gabeln, zum grossen Verdruss
+LA CONDAMINES; er machte den Putumayo, den Jupura und Rio Negro zu voellig
+unabhaengigen Fluessen, und als wollte er alle Aussicht auf eine Verbindung
+zwischen Orinoco und Rio Negro abschneiden, zeichnete er zwischen beiden
+Stroemen eine hohe Bergkette. Bereits Pater FRITZ hatte dasselbe System und
+zur Zeit des Hondius galt es fuer das wahrscheinlichste.
+
+LA CONDAMINEs Reise, die ueber verschiedene Striche Amerikas so viel Licht
+verbreitet, hat in die ganze Angelegenheit vom Laufe des Caqueta, Orinoco
+und Rio Negro nur noch mehr Verwirrung gebracht. Der beruehmte Gelehrte sah
+allerdings wohl, dass der Caqueta (bei Mocoa) der Fluss ist, der am
+Amazonenstrom Jupura heisst; dennoch nahm er nicht allein SANSONs Hypothese
+an, er brachte die Zahl der Gabeltheilungen des Caqueta sogar auf drei.
+Durch die erste gibt der Caqueta einen Arm (den Jaoya) an den Putumayo ab;
+eine zweite bildet den Rio Jupura und den Rio Paragua; in einer dritten
+theilt sich der Rio Paragua wiederum in zwei Fluesse, den Orinoco und den
+Rio Negro. Dieses rein ersonnene System sieht man in der ersten Ausgabe
+von D'ANVILLEs schoener Karte von Amerika dargestellt. Es ergibt sich
+daraus, dass der Rio Negro vom Orinoco unterhalb der grossen Katarakten
+abgeht, und dass man, um an die Muendung des Guaviare zu kommen, den Caqueta
+ueber die Gabelung, aus der der Rio Jupura entspringt, hinauf muss. Als LA
+CONDAMINE erfuhr, dass der Orinoco keineswegs am Fuss der Anden von Pasto,
+sondern auf der Rueckseite der Berge von Cayenne entspringe, aenderte er
+seine Vorstellungen auf sehr sinnreiche Weise ab. Der Rio Negro geht jetzt
+nicht mehr vom Orinoco ab; Guaviare, Atabapo, Cassiquiare und die Muendung
+des Inirida (unter dem Namen Iniricha) erschienen auf D'ANVILLES zweiter
+Karte ungefaehr in ihrer wahren Gestalt, aber aus der dritten Gabelung des
+Caqueta entstehen der Inirida und der Rio Negro; Dieses System wurde von
+Pater CAULIN gut geheissen, auf der Karte von LA CRUZ dargestellt und auf
+allen Karten bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts copirt. Diese
+Namen: Caqueta, Orinoco, Inirida, haben allerdings nicht so viel
+Anziehendes, wie die Fluesse im Innern Nigritiens; es knuepfen sich eben
+keine geschichtlichen Erinnerungen daran; aber die mannigfaltigen
+Combinationen der Geographen der neuen Welt erinnern an die krausen
+Zeichnungen vom Laufe des Niger, des weissen Nil, des Gambaro, des Joliba
+und des Zaire. Von Jahr zu Jahr nimmt das Bereich der Hypothesen an Umfang
+ab; die Probleme sind buendiger gefasst und das alte Stueck Geographie, das
+man speculative, um nicht zu sagen divinatorische Geographie nennen
+koennte, zieht sich in immer engere Grenzen zusammen.
+
+Also nicht am Caqueta, sondern am Guainia oder Rio Negro kann man genaue
+Auskunft ueber die Quellen des letzteren Flusses erhalten. Die Indianer in
+den Missionen Maroa, Tomo und San Carlos wissen nichts von einer oberen
+Verbindung des Guainia mit dem Jupura. Ich habe seine Breite bei der
+Schanze San Agostino gemessen; es ergaben sich 292 Toisen;(68) die
+mittlere Breite war 200--250 Toisen. LA CONDAMINE schaetzt dieselbe in der
+Naehe der Ausmuendung in den Amazonenstrom an der schmalsten Stelle auf 1200
+Toisen; der Fluss waere also auf einem Lauf von 10 Grad in gerader Linie um
+1000 Toisen breiter geworden. Obgleich die Wassermasse, wie wir sie
+zwischen Maroa und San Carlos gesehen, schon ziemlich bedeutend ist,
+versichern die Indianer dennoch, der Guainia entspringe fuenf Tagereisen zu
+Wasser nordwestwaerts von der Muendung des Pimichin in einem bergigten
+Landstrich, wo auch die Quellen des Inirida liegen. Da man den Cassiquiare
+von San Carlos bis zum Punkt der Gabeltheilung am Orinoco in 10--11 Tagen
+hinauffaehrt, so kann man fuenf Tage Bergfahrt gegen eine lange nicht so
+starke Stroemung zu etwas ueber einen Grad 20 Minuten in gerader Richtung
+annehmen, womit die Quellen des Guainia, nach meinen Laengenbeobachtungen
+in Javita und San Carlos, unter 71 deg. 35{~PRIME~} westlich vom Meridian von Paris zu
+liegen kaemen. Obgleich die Aussagen der Eingeborenen vollkommen
+uebereinstimmten, liegen die Quellen wohl noch weiter nach Westen, da die
+Canoes nur so weit hinaufkommen, als das Flussbett es gestattet. Nach der
+Analogie der europaeischen Fluesse laesst sich das Verhaeltniss zwischen der
+Breite und Laenge des obern Flussstuecks(69) nicht bestimmt beurtheilen. In
+Amerika nimmt haeufig die Wassermasse in den Fluessen auf kurzen Strecken
+sehr auffallend zu.
+
+Der Guainia ist in seinem obern Lauf vorzueglich dadurch ausgezeichnet, dass
+er keine Kruemmungen hat; er erscheint wie ein breiter Kanal, der durch
+einen dichten Wald gezogen ist. So oft der Fluss die Richtung veraendert,
+liegt eine gleich lange Wasserstrecke vor dem Auge. Die Ufer sind hoch,
+aber eben und selten felsigt. Der Granit, den ungeheure Quarzgaenge
+durchsetzen, kommt meist nur mitten im Bett zu Tage. Faehrt man den Guainia
+nach Nordwest hinauf, so wird die Stroemung mit jeder Tagreise reissender.
+Die Flussufer sind unbewohnt; erst in der Naehe der Quellen (_las
+cavezeras_), im bergigten Land, hausen die Manivas- oder
+Poignaves-Indianer. Die Quellen des Inirida (Iniricha) liegen, nach der
+Aussage der Indianer, nur 2--3 Meilen von denen des Guainia und es liesse
+sich dort ein Trageplatz anlegen. Pater Caulin hoerte in Cabruta aus dem
+Munde eines indianischen Haeuptlings Namens Tapo, der Inirida sey sehr nahe
+beim Patavita (Paddavida auf der Karte von LA CRUZ), der ein Nebenfluss des
+Rio Negro ist. Die Eingeborenen am obern Guainia kennen diesen Namen
+nicht, so wenig als den eines Sees (_laguna del Rio Negro_), der auf alten
+portugiesischen Karten vorkommt. Dieser angebliche Rio Patavita ist
+wahrscheinlich nichts als der Guainia der Indianer in Maroa; denn so lange
+die Geographen an die Gabeltheilung des Caqueta glaubten, liessen sie den
+Rio Negro aus diesem Arm und einem Flusse entstehen, den sie Patavita
+nannten. Nach dem Bericht der Eingeborenen sind die Berge bei den Quellen
+des Inirida und Guainia nicht hoeher als der Baraguan, der nach meiner
+Messung 120 Toisen hoch ist.
+
+Portugiesische handschriftliche Karten, die in neuester Zeit im
+hydrographischen Depot zu Rio Janeiro entworfen worden sind, bestaetigen,
+was ich an Ort und Stelle in Erfahrung gebracht. Sie geben keine der vier
+Verbindungen des Caqueta oder Japura mit dem Guainia (Rio Negro), dem
+Inirida, dem Uaupes (Guapue) und dem Putumayo an; sie stellen jeden dieser
+Nebenfluesse als einen unabhaengigen Strom dar; sie lassen den Rio Patavita
+weg und setzen die Quellen des Guainia nur 2 deg. 15{~PRIME~} westwaerts vom Meridian
+von Javita. Der Rio Uaupes, ein Nebenfluss des Guainia, scheint viel weiter
+aus Westen herzukommen als der Guainia selbst; und seine Richtung ist so,
+dass kein Arm des Caqueta in den obern Guainia kommen koennte, ohne ihn zu
+schneiden. Ich bringe zum Schluss dieser Eroerterung einen Beweis bei, der
+direkt gegen die Annahme spricht, nach welcher der Guainia, wie der
+Guaviare und der Caqueta, am Ostabhang der Cordilleren der Anden
+entspringen soll.
+
+Waehrend meines Aufenthalts in Popayan machte mir der Gardian des
+Franciskanerklosters, Fray Francisco Pugnet, ein liebenswuerdiger,
+verstaendiger Mann, zuverlaessige Mittheilungen ueber die Missionen der
+Adaquies, in denen er lange gelebt hat. Der Pater hatte eine beschwerliche
+Reise vom Caqueta zum Guaviare unternommen. Seit Philipp von Hutten (Urre)
+und den ersten Zeiten der Eroberung war kein Europaeer durch dieses
+unbekannte Land gekommen. Pater Pugnet kam von der Mission Caguan am
+Flusse dieses Namens, der in den Caqueta faellt, ueber eine unermessliche,
+voellig baumlose Savane, in deren oestlichem Striche die Tamas- und
+Coreguajes-Indianer hausen. Nach sechstaegigem Marsch nordwaerts kam er in
+einen kleinen Ort Namens Aramo am Guayavero, etwa 15 Meilen westlich vom
+Punkt, wo der Guayavero und der Ariari den grossen Guaviarestrom bilden.
+Aramo ist das am weitesten nach West gelegene Dorf der Missionen von San
+Juan de los Llanos. Pater Pugnet hoerte dort von den grossen Katarakten des
+Rio Guaviare (ohne Zweifel denselben, die der Praesident der Missionen am
+Orinoco auf seiner Fahrt von San Fernando de Apure den Guaviare hinauf
+gesehen, s. Bd. III. Seite 296), aber er kam zwischen Caguan und Aramo
+ueber keinen Fluss. Es ist also erwiesen, dass unter dem 75. Grad der Laenge,
+auf 40 Meilen vom Abhang der Cordilleren, mitten in den Llanos weder Rio
+Negro (Patavita, Guainia), noch Guapue (Uaupe), noch Inirida zu finden
+sind und dass diese drei Fluesse ostwaerts von diesem Meridian entspringen.
+Diese Angaben sind von grossem Werth; denn im innern Afrika ist die
+Geographie kaum so verworren als hier zwischen dem Atabapo und den Quellen
+des Meta, Guaviare und Caqueta. "Man glaubt es kaum," sagt CALDAS in einer
+wissenschaftlichen Zeitschrift, die in Santa Fe de Bogota erscheint, "dass
+wir noch keine Karte von den Ebenen besitzen, die am Ostabhang der Gebirge
+beginnen, die wir taeglich vor Augen haben und auf denen die Kapellen
+Guadeloupe und Monserrate stehen. Kein Mensch weiss, wie breit die
+Cordilleren sind, noch wie die Fluesse laufen, die in den Orinoco und in
+den Amazonenstrom fallen, und doch werden einst in besseren Zeiten eben
+auf diesen Nebenfluessen, dem Meta, dem Guaviare, dem Rio Negro, dem
+Caqueta, die Einwohner von Cundinamarca mit Brasilien und Paraguay
+verkehren."
+
+Ich weiss wohl, dass in den Missionen der Andaquies ziemlich allgemein der
+Glaube herrscht, der Caqueta gebe zwischen dem Einfluss des Rio Fragua und
+des Caguan einen Arm an den Putumayo, und weiter unten, unterhalb der
+Einmuendung des Rio Payoya, einen andern an den Orinoco ab; aber diese
+Meinung stuetzt sich nur auf eine unbestimmte Sage der Indianer, welche
+haeufig Trageplaetze und Gabeltheilungen verwechseln. Wegen der Katarakten
+an der Muendung des Payoya und der wilden Huaques-Indianer, auch
+"Murcielagos" (Fledermaeuse) genannt, weil sie den Gefangenen das Blut
+aussaugen, koennen die spanischen Missionaere nicht den Caqueta hinabfahren.
+Nie hat ein weisser Mensch den Weg von San Miguel de Mocoa zum Einfluss des
+Caqueta in den Amazonenstrom gemacht. Bei der letzten Grenzcommission
+fuhren die portugiesischen Astronomen zuerst den Caqueta bis zu 0 deg. 36{~PRIME~}
+suedlicher Breite, dann den Rio de los Enganos (den truegerischen Fluss) und
+den Rio Cunare, die in den Caqueta fallen, bis zu 0 deg. 28{~PRIME~} noerdlicher Breite
+hinauf. Auf dieser Fahrt sahen sie nordwaerts keinen Arm vom Caqueta
+abgehen. Der Amu und der Yabilla, deren Quellen sie genau untersucht, sind
+Fluesschen, die in den Rio de los Enganos und mit diesem in den Caqueta
+fallen. Findet also wirklich eine Gabeltheilung statt, so waere sie nur auf
+der ganz kurzen Strecke zwischen dem Einfluss des Payoya und dem zweiten
+Katarakt oberhalb des Einflusses des Rio de los Enganos zu suchen; aber,
+ich wiederhole es, wegen dieses Flusses, wegen des Cunare, des Apoporis
+und des Uaupes koennte dieser angebliche Arm des Caqueta gar nicht zum
+obern Guainia gelangen. Alles scheint vielmehr darauf hinzuweisen, dass
+zwischen den Zufluessen des Caqueta und denen des Uaupes und Rio Negro eine
+Wasserscheide ist. Noch mehr: durch barometrische Beobachtung haben wir
+fuer das Ufer des Pimichin 130 Toisen Meereshoehe gefunden. Vorausgesetzt,
+das bergigte Land an den Quellen des Guainia liege 50 Toisen ueber Javita,
+so folgt daraus, dass das Bett des Flusses in seinem oberen Lauf wenigstens
+200 Toisen ueber dem Meere liegt, also nur so hoch, als wir mit dem
+Barometer das Ufer des Amazonenstroms bei Tomependa in der Provinz Jaen de
+Bracamoros gefunden. Bedenkt man nun, wie stark dieser ungeheure Strom von
+Tomependa bis zum Meridian von 75 deg. faellt und wie weit es von den Missionen
+am Rio Caguan bis zur Cordillere ist, so bleibt kein Zweifel, dass das Bett
+des Caqueta unterhalb der Muendungen des Caguan und des Payoya viel tiefer
+liegt als das Bett des obern Guainia, an den er einen Theil seines Wassers
+abgeben soll. Ueberdiess ist das Wasser des Caqueta durchaus weiss, das des
+Guainia dagegen schwarz oder kaffeebraun; man hat aber kein Beispiel, dass
+ein weisser Fluss auf seinem Laufe schwarz wuerde. Der obere Guainia kann
+also kein Arm des Caqueta seyn. Ich zweifle sogar, dass man Grund hat
+anzunehmen, dem Guainia, als vornehmsten und unabhaengigen Wasserbehaelter,
+komme suedwaerts durch einen Seitenzweig einiges Wasser zu.
+
+Die kleine Berggruppe an den Quellen des Guainia, die wir haben kennen
+lernen, ist um so interessanter, da sie einzeln in der Ebene liegt, die
+sich suedwestlich vom Orinoco ausdehnt. Nach der Laenge, unter der sie
+liegt, koennte man vermuthen, von ihr gehe ein Kamm ab, der zuerst die
+Stromenge (Angostura) des Guaviare und dann die grossen Katarakten des
+Uaupes und des Jupura bildet. Kommt vielleicht dort, wo die Gebirgsart
+wahrscheinlich, wie im Osten, Granit ist, Gold in kleinen Theilen im Boden
+vor? Gibt es vielleicht weiter nach Sueden, dem Uaupes zu, am Iquiare
+(Iguiari, Iguari) und am Yurubesh (Yurubach, Urubaxi) Goldwaeschen? Dort
+suchte PHILIPP VON HUTTEN zuerst den Dorado und lieferte mit einer
+Handvoll Leute den Omaguas das im sechzehnten Jahrhundert vielberufene
+Gefecht. Entkleidet man die Berichte der Conquistadoren des Fabelhaften,
+so erkennt man an den erhaltenen Ortsnamen immerhin, dass geschichtliche
+Wahrheit zu Grunde liegt. Man folgt dem Zuge Huttens ueber den Guaviare und
+den Caqueta; man erkennt in den *Guaypes* unter dem Caziken von Macatoa
+die Anwohner des Uaupes, der auch *Guape* oder Guapue heisst; man erinnert
+sich, dass Pater Acuna den Iquiari (Quiguiare) einen *Goldfluss* nennt, und
+dass fuenfzig Jahre spaeter Pater FRITZ, ein sehr glaubwuerdiger Missionaer, in
+seiner Mission Yurimaguas von den Manaos (Manoas) besucht wurde, die mit
+Goldblechen geputzt waren und aus dem Landstrich zwischen dem Uaupe und
+dem Caqueta oder Jupura kamen. Die Fluesse, die am Ostabhang der Anden
+entspringen, (z. B. der Napo) fuehren viel Gold, auch wenn ihre Quellen im
+Trachytgestein liegen: warum sollte es ostwaerts von den Cordilleren nicht
+so gut goldhaltiges aufgeschwemmtes Land geben, wie westwaerts bei Sonora,
+Choco und Barbacoas? Ich bin weit entfernt, den Reichthum dieses
+Landstrichs uebertreiben zu wollen; aber ich halte mich nicht fuer
+berechtigt, das Vorkommen edler Metalle im Urgebirge von Guyana nur
+desshalb in Abrede zu ziehen, weil wir auf unserer Reise durch das Land
+keinen Erzgang gefunden haben. Es ist auffallend, dass die Eingeborenen am
+Orinoco in ihren Sprachen ein Wort fuer Gold haben (caraibisch Carucuru,
+tamanakisch *Caricuri*, maypurisch *Cavitta*), waehrend das Wort, das sie
+fuer Silber gebrauchen, *Prata*, offenbar dem Spanischen entlehnt ist. Die
+Nachrichten ueber Goldwaeschen suedlich und noerdlich vom Rio Uaupes, die
+Acuna, Pater Fritz und La Condamine gesammelt, stimmen mit dem ueberein,
+was ich ueber die Goldlager in diesem Landstrich in Erfahrung gebracht. So
+stark man sich auch den Verkehr unter den Voelkern am Orinoco vor der
+Ankunft der Europaeer denken mag, so haben sie doch ihr Gold gewiss nicht
+vom Ostabhang der Cordilleren geholt. Dieser Abhang ist arm an Erzgruben,
+zumal an solchen, die schon von Alters her in Betrieb waren; er besteht in
+den Provinzen Popayan, Pasto und Quito fast ganz aus vulkanischem Gestein.
+Wahrscheinlich kam das Gold nach Guyana aus dem Lande ostwaerts von den
+Anden. Noch zu unserer Zeit wurde in einer Schlucht bei der Mission
+Encaramada ein Goldgeschiebe gefunden, und man darf sich nicht wundern,
+dass man, sobald sich Europaeer in diesen Einoeden niederlassen, weniger von
+Goldblech, Goldstaub und Amuletten aus Nephrit sprechen hoert, die man sich
+frueher von den Caraiben und andern umherziehenden Voelkern im Tauschhandel
+verschaffen konnte. Die edlen Metalle waren am Orinoco, Rio Negro und
+Amazonenstrom nie sehr haeufig, und sie verschwinden fast ganz, sobald die
+Zucht in den Missionen dem Verkehr der Eingeborenen ueber weite Strecken
+ein Ende macht.
+
+Am obern Guainia ist das Klima nicht so heiss, vielleicht auch etwas
+weniger feucht als am Tuamini. Ich fand das Wasser des Rio Negro im Mai
+23 deg.,9 [19 deg.,2 Reaumur] warm, waehrend der Thermometer in der Luft bei Tag
+auf 22 deg.,7, bei Nacht auf 21 deg.,8 stand. Diese Kuehle des Wassers, die fast
+ebenso beim Congofluss beobachtet wird, ist so nahe beim Aequator (1 deg. 53{~PRIME~}
+bis 2 deg. 15{~PRIME~} noerdliche Breite) sehr auffallend. Der Orinoco ist zwischen dem
+vierten und achten Grad der Breite meist 27 deg.,5 bis 29 deg.,5 warm. Die
+Quellen, die bei Maypures aus dem Granit kommen, haben 27 deg.,8. Diese
+Abnahme der Waerme dem Aequator zu stimmt merkwuerdig mit den Hypothesen
+einiger Physiker des Alterthums;(70) es ist indessen nur eine oertliche
+Erscheinung und nicht sowohl eine Folge der Meereshoehe, des Landstrichs,
+als vielmehr des bestaendig bedeckten, regnerischen Himmels, der
+Feuchtigkeit des Bodens, der dichten Waelder, der starken Ausduenstung der
+Gewaechse und des Umstandes, dass kein sandiges Ufer den Waermestoff anzieht
+und durch Strahlung wieder von sich gibt. Der Einfluss eines bezogenen
+Himmels zeigt sich recht deutlich am Kuestenstrich in Peru, wo niemals
+Regen faellt und die Sonne einen grossen Theil des Jahres, zur Zeit der
+*Garua* (Nebel), dem blossen Auge wie die Mondscheibe erscheint. Dort,
+zwischen dem 10. und 12. Grad suedlicher Breite ist die mittlere Temperatur
+kaum hoeher als in Algier und Cairo. Am Rio Negro regnet es fast das ganze
+Jahr, December und Januar ausgenommen, und selbst in der trockenen
+Jahreszeit sieht man das Blau des Himmels selten zwei, drei Tage hinter
+einander. Bei heiterer Luft erscheint die Hitze desto groesser, da sonst das
+Jahr ueber die Einwohner sich bei Nacht ueber Frost beklagen, obgleich die
+Temperatur immer noch 21 deg. betraegt. Ich stellte in San Carlos, wie frueher
+in Javita, Beobachtungen ueber die Regenmenge an, die in einer gegebenen
+Zeit faellt. Diese Untersuchungen sind von Belang, wenn es sich davon
+handelt, die ungeheure Anschwellung der Fluesse in der Naehe des Aequators
+zu erklaeren, von denen man lange glaubte, sie werden von den Cordilleren
+mit Schneewasser gespeist. Ich sah zu verschiedenen Zeiten in 2 Stunden
+7,5 Linien, in 3 Stunden 18 Linien, in 9 Stunden 48,2 Linien Regen fallen.
+Da es unaufhoerlich fort regnet (der Regen ist fein, aber sehr dicht), so
+koennen, glaube ich, in diesen Waeldern jaehrlich nicht wohl unter 90 bis 100
+Zoll Wasser fallen. So ausserordentlich viel diess auch scheinen mag, so
+wird diese Schaetzung doch durch die sorgfaeltigen Beobachtungen des
+Ingenieurobristen COSTANZO in Neuspanien bestaetigt. In Vera-Cruz fielen
+allein in den Monaten Juli, August und September 35 Zoll 2 Linien, im
+ganzen Jahr 62 Zoll 2 Linien Regenwasser; aber zwischen dem Klima der
+duerren, kahlen mexicanischen Kuesten und dem Klima in den Waeldern ist ein
+grosser Unterschied. Auf jenen Kuesten faellt in den Monaten December und
+Januar kein Tropfen Regen und im Februar, April und Mai meist nur
+2--2,3 Zoll; in San Carlos dagegen ist es neun, zehn Monate hinter
+einander, als ob die Luft sich in Wasser aufloeste. In diesem nassen
+Himmelsstriche wuerde ohne die Verdunstung und den Abzug der Wasser der
+Boden im Verlauf eines Jahres mit einer 8 Fuss hohen Wasserschicht bedeckt.
+Diese Aequatorialregen, welche die majestaetischen Stroeme Amerikas speisen,
+sind von elektrischen Entladungen begleitet, und waehrend man am Ende
+desselben Continents, auf der Westkueste von Groenland,(71) in fuenf und
+sechs Jahren nicht Einmal donnern hoert, toben in der Naehe des Aequators
+die Gewitter fast Tag fuer Tag. Die Gleichzeitigkeit der elektrischen
+Entladungen und der Regenguesse unterstuetzt uebrigens keineswegs die alte
+Hypothese, nach der sich in der Luft durch Verbindung von Sauerstoff und
+Wasserstoff Wasser bildet. Man hat bis zu 3600 Toisen Hoehe vergeblich
+Wasserstoff gesucht. Die Menge des in der gesaettigten Luft enthaltenen
+Wassers nimmt von 20 bis 25 Grad weit rascher zu als von 10 bis 15 Grad.
+Unter der heissen Zone bildet sich daher, wenn sich die Luft um einen
+einzigen Grad abkuehlt, weit mehr sichtbarer Wasserdunst als in der
+gemaessigten. Eine durch die Stroemungen fortwaehrend erneuerte Luft kann
+somit alles Wasser liefern, das bei den Aequatorialregen faellt und dem
+Physiker so erstaunlich gross duenkt.
+
+Das Wasser des Rio Negro ist (bei reflektirtem Licht) dunkler von Farbe
+als das des Atabapo und des Tuamini. Ja die Masse weissen Wassers, die der
+Cassiquiare hereinbringt, aendert unterhalb der Schanze San Carlos so wenig
+an der Farbe, dass es mir auffiel. Der Verfasser der _Chorographie moderne
+du Bresil_ sagt ganz richtig, der Fluss habe ueberall, wo er nicht tief sey,
+eine Bernsteinfarbe, wo das Wasser aber sehr tief sey, erscheine es
+schwarzbraun, wie Kaffeesatz. Auch bedeutet *Curana*, wie die Eingeborenen
+den untern Guainia nennen, schwarzes Wasser. Die Vereinigung des Guainia
+oder Rio Negro mit dem Amazonenstrom gilt in der Statthalterschaft
+Gran-Para fuer ein so wichtiges Moment, dass der Rio das Amazonas westlich
+vom Rio Negro seinen Namen ablegt und fortan Rio dos Solimoees heisst
+(eigentlich Sorimoees, mit Anspielung auf das Gift der Nation der
+Sorimans). Westlich von Ucayale nimmt der Amazonenstrom den Namen Rio
+Maranhao oder Maranon an. Die Ufer des obern Guainia sind im Ganzen
+ungleich weniger von Wasservoegeln bevoelkert als die des Cassiquiare, Meta
+und Arauca, wo die Ornithologen die reichste Ausbeute fuer die europaeischen
+Sammlungen finden. Dass diese Thiere so selten sind, ruehrt ohne Zweifel
+daher, dass der Strom keine Untiefen und keine offenen Gestade hat, so wie
+von der Beschaffenheit des schwarzen Wassers, in dem (gerade wegen seiner
+Reinheit) Wasserinsekten und Fische weniger Nahrung finden. Trotz dem
+naehren sich die Indianer in diesem Landstrich zweimal im Jahr von
+Zugvoegeln, die auf ihrer langen Wanderung am Ufer des Rio Negro ausruhen.
+Wenn der Orinoco zu steigen anfaengt, also nach der Fruehlings-Tag- und
+Nachtgleiche, ziehen die Enten (_Patos careteros_) in ungeheuern Schwaermen
+vom 8. bis 3. Grad noerdlicher zum 1. bis 4. Grad suedlicher Breite gegen
+Sued-Sued-Ost. Diese Thiere verlassen um diese Zeit das Thal des Orinoco,
+ohne Zweifel weil sie, wenn das Wasser steigt und die Gestade ueberfluthet,
+keine Fische, Wasserinsekten und Wuermer mehr fangen koennen. Man erlegt sie
+zu Tausenden, wenn sie ueber den Rio Negro ziehen. Auf der Wanderung zum
+Aequator sind sie sehr fett und wohlschmeckend, aber im September, wenn
+der Orinoco faellt und in sein Bett zuruecktritt, ziehen die Enten, ob sie
+nun der Ruf der erfahrensten Zugvoegel dazu antreibt, oder jenes innere
+Gefuehl, das man Instinkt nennt, weil es nicht zu erklaeren ist, vom
+Amazonenstrom und Rio Branco wieder nach Norden. Sie sind zu mager, als
+dass die Indianer am Rio Negro luestern darnach waeren, und sie entgehen
+ihren Nachstellungen um so eher, da eine Reiherart (Gavanes) mit ihnen
+wandert, die ein vortreffliches Nahrungsmittel abgibt. So essen denn die
+Eingeborenen im Maerz Enten, im September Reiher. Sie konnten uns nicht
+sagen, was aus den *Gavanes* wird, wenn der Orinoco ausgetreten ist, und
+warum sie die Patos careteros auf ihrer Wanderung vom Orinoco an den Rio
+Branco nicht begleiten. Dieses regelmaessige Ziehen der Voegel aus einem
+Striche der Tropen in den andern, in einer Zone, die das ganze Jahr ueber
+dieselbe Temperatur hat, sind eine ziemlich auffallende Erscheinung. So
+kommen auch jedes Jahr, wenn in Terra Firma die grossen Fluesse austreten,
+viele Schwaerme von Wasservoegeln vom Orinoco und seinen Nebenfluessen an die
+Suedkuesten der Antillen. Man muss annehmen, dass unter den Tropen der Wechsel
+von Trockenheit und Naesse auf die Sitten der Thiere denselben Einfluss hat,
+wie in unserem Himmelsstrich bedeutende Temperaturwechsel. Die Sonnenwaerme
+und die Insektenjagd locken in den noerdlichen Laendern der Vereinigten
+Staaten und in Canada die Colibris bis zur Breite von Paris und Berlin
+herauf; gleicherweise zieht der leichtere Fischfang die Schwimmvoegel und
+die Stelzenlaeufer von Nord nach Sued, vom Orinoco zum Amazonenstrom. Nichts
+ist wunderbarer, und in geographischer Beziehung noch so dunkel als die
+Wanderungen der Voegel nach ihrer Richtung, ihrer Ausdehnung und ihrem
+Endziel.
+
+Sobald wir aus dem Pimichin in den Rio Negro gelangt und durch den kleinen
+Katarakt am Zusammenfluss gegangen waren, lag auf eine Viertelmeile die
+Mission Maroa vor uns. Dieses Dorf mit 150 Indianern sieht so sauber und
+wohlhabend aus, dass es angenehm auffaellt. Wir kauften daselbst schoene
+lebende Exemplare einiger Tucanarten (_Piapoco_), muthiger Voegel, bei
+denen sich die Intelligenz wie bei unsern zahmen Raben entwickelt.
+Oberhalb Maroa kamen wir zuerst rechts am Einfluss des Aquio, dann an dem
+des Tomo vorbei; an letzterem Flusse wohnen die Cheruvichahenas-Indianer,
+von denen ich in San Francisko Solano ein paar Familien gesehen habe.
+Derselbe ist ferner dadurch interessant, dass er den heimlichen Verkehr mit
+den portugiesischen Besitzungen vermitteln hilft. Der Tomo kommt auf
+seinem Lauf dem Rio Guaicia (Xie) sehr nahe, und auf diesem Wege gelangen
+zuweilen fluechtige Indianer vom untern Rio Negro in die Mission Tomo. Wir
+betraten die Mission nicht, Pater Zea erzaehlte uns aber laechelnd, die
+Indianer in Tomo und in Maroa seyen einmal in vollem Aufruhr gewesen, weil
+man sie zwingen wollte, den vielberufenen "Teufelstanz" zu tanzen. Der
+Missionaer hatte den Einfall gehabt, die Ceremonien, womit die *Piaches*,
+die Priester, Aerzte und Zauberer zugleich sind, den boesen Geist
+*Jolokiamo* beschwoeren, in burleskem Styl darstellen zu lassen. Er hielt
+den "Teufelstanz" fuer ein treffliches Mittel, seinen Neubekehrten
+darzuthun, dass Jolokiamo keine Gewalt mehr ueber sie habe. Einige junge
+Indianer liessen sich durch die Versprechungen des Missionaers bewegen, die
+Teufel vorzustellen, und sie hatten sich bereits mit schwarzen und gelben
+Federn geputzt und die Jaguarfelle mit lang nachschleppenden Schwaenzen
+umgenommen. Die Soldaten, die in den Missionen liegen, um die Ermahnungen
+der Ordensleute eindringlicher zu machen, stellte man um den Platz vor der
+Kirche auf und fuehrte die Indianer zur Festlichkeit herbei, die aber
+hinsichtlich der Folgen des Tanzes und der Ohnmacht des boesen Geistes
+nicht so ganz beruhigt waren. Die Partei der Alten und Furchtsamen gewann
+die Oberhand; eine aberglaeubische Angst kam ueber sie, alle wollten _al
+monte_ laufen, und der Missionaer legte seinen Plan, den Teufel der
+Eingeborenen laecherlich zu machen, zurueck. Was fuer wunderliche Einfaelle
+doch einem muessigen Moenche kommen, der sein Leben in den Waeldern zubringt,
+fern von Allem, was ihn an menschliche Cultur mahnen koennte! Dass man in
+Tomo den geheimnissvollen Teufelstanz mit aller Gewalt oeffentlich wollte
+auffuehren lassen, ist um so auffallender, da in allen von Missionaeren
+geschriebenen Buechern davon die Rede ist, wie sie sich bemueht, das; keine
+Taenze aufgefuehrt werden, keine "Todtentaenze", keine "Taenze der heiligen
+Trompete," auch nicht der alte "Schlangentanz", der _'Queti'_, bei dem
+vorgestellt wird, wie diese listigen Thiere aus dem Wald kommen und mit
+den Menschen trinken, um sie zu hintergehen und ihnen die Weiber zu
+entfuehren.
+
+Nach zweistuendiger Fahrt kamen wir von der Muendung des Tomo zu der kleinen
+Mission San Miguel de Davipe, die im Jahr 1775 nicht von Moenchen, sondern
+von einem Milizlieutenant, Don Francisco Bobadilla, gegruendet worden. Der
+Missionaer Pater Morillo, bei dem wir ein paar Stunden verweilten, nahm uns
+sehr gastfreundlich auf und setzte uns sogar Maderawein vor. Als
+Tafelluxus waere uns Weizenbrod lieber gewesen. Auf die Laenge faellt es
+einem weit schwerer, das Brod zu entbehren, als geistige Getraenke. Durch
+die Portugiesen am Amazonenstrom kommt hie und da etwas Maderawein an den
+Rio Negro, und da *Madera* auf Spanisch *Holz* bedeutet, so hatten schon
+arme, in der Geographie nicht sehr bewanderte Missionaere Bedenken, ob sie
+mit Maderawein das Messopfer verrichten duerften; sie hielten denselben fuer
+ein irgend einem Baume abgezapftes gegohrenes Getraenk, wie Palmwein, und
+forderten den Gardian der Missionen auf, sich darueber auszusprechen, ob
+der _vino de Madera_ Wein aus Trauben _de uvas_) sey oder aber der Saft
+eines Baumes (_vino de algun palo_). Schon zu Anfang der Eroberung war die
+Frage aufgeworfen worden, ob es den Priestern gestattet sey, mit einem
+gegohrenen, dem Traubenwein aehnlichen Saft das Messopfer zu verrichten. Wie
+vorauszusehen, wurde die Frage verneint.
+
+Wir kauften in Davipe einigen Mundvorrath, namentlich Huehner und ein
+Schwein. Dieser Einkauf war unsern Indianern sehr wichtig, da sie schon
+lange kein Fleisch mehr gegessen hatten. Sie draengten zum Aufbruch, damit
+wir zeitig auf die Insel Dapa kaemen, wo das Schwein geschlachtet und in
+der Nacht gebraten werden sollte. Kaum hatten wir Zeit, im Kloster
+(_convento_) grosse Haufen *Maniharz* zu betrachten, sowie Seilwerk aus der
+Chiquichiqui-Palme, das in Europa besser bekannt zu seyn verdiente.
+Dasselbe ist ausnehmend leicht, schwimmt auf dem Wasser und ist auf der
+Flussfahrt dauerhafter als Tauwerk aus Hanf. Zur See muss man es, wenn es
+halten soll, oefter anfeuchten und es nicht oft der tropischen Sonne
+aussetzen. DON ANTONIO SANTOS, der im Lande wegen seiner Reise zur
+Auffindung des Parimesees viel genannt wird, lehrte die Indianer am
+spanischen Rio Negro die Blattstiele des Chiquichiqui benuetzen, einer
+Palme mit gefiederten Blaettern, von der wir weder Bluethen noch Fruechte zu
+Gesicht bekommen haben. Dieser Officier ist der einzige weisse Mensch, der,
+um von Angostura nach Gran-Para zu kommen, von den Quellen des Rio Carony
+zu denen des Rio Branco den Landweg gemacht hat. Er hatte sich in den
+portugiesischen Colonien mit der Fabrikation der Chiquichiqui-Taue bekannt
+gemacht und fuehrte, als er vom Amazonenstrom zurueckkam, den Gewerbszweig
+in den Missionen in Guyana ein. Es waere zu wuenschen, dass am Rio Negro und
+Cassiquiare grosse Seilbahnen angelegt werden koennten, um diese Taue in den
+europaeischen Handel zu bringen. Etwas Weniges wird bereits von Angostura
+auf die Antillen ausgefuehrt. Sie kosten dort 50 bis 60 Procent weniger als
+Hanftaue.(72) Da man nur junge Palmen benuetzt, muessten sie angepflanzt und
+cultivirt werden.
+
+Etwas oberhalb der Mission Davipe nimmt der Rio Negro einen Arm des
+Cassiquiare auf, der in der Geschichte der Flussverzweigungen eine
+merkwuerdige Erscheinung ist. Dieser Arm geht noerdlich von Vasiva unter dem
+Namen Itinivini vom Cassiquiare ab, laeuft 25 Meilen lang durch ein ebenes,
+fast ganz unbewohntes Land und faellt unter dem Namen Conorichite in den
+Rio Negro. Er schien mir an der Muendung ueber 120 Toisen breit und bringt
+eine bedeutende Masse weissen Wassers in das schwarze Gewaesser. Obgleich
+die Stroemung im Conorichite sehr stark ist, kuerzt dieser natuerliche Kanal
+dennoch die Fahrt von Davipe nach Esmeralda um drei Tage ab. Eine doppelte
+Verbindung zwischen Cassiquiare und Rio Negro kann nicht auffallen, wenn
+man weiss, wie viele Fluesse in Amerika beim Zusammenfluss mit andern Delta's
+bilden. So ergiessen sich der Rio Branco und der Jupura mit zahlreichen
+Armen in den Rio Negro und in den Amazonenstrom. Beim Einfluss des Jupura
+kommt noch etwas weit Auffallenderes vor. Ehe dieser Fluss sich mit dem
+Amazonenstrom vereinigt, schickt dieser, der Hauptwasserbehaelter, drei
+Arme, genannt Uaranapu, Manhama und Avateperana, zum Jupura, also zum
+Nebenfluss. Der portugiesische Astronom RIBEIRO hat diesen Umstand ausser
+Zweifel gesetzt. Der Amazonenstrom gibt Wasser an den Jupura ab, ehe er
+diesen seinen Nebenfluss selbst aufnimmt.
+
+Der Rio Conorichite oder Itinivini spielte frueher im Sklavenhandel, den
+die Portugiesen auf spanischem Gebiet trieben, eine bedeutende Rolle. Die
+Sklavenhaendler fuhren auf dem Cassiquiare und dem Cano Mee in den
+Conorichite hinauf, schleppten von da ihre Piroguen ueber einen Trageplatz
+zu den *Rochelas* von Manuteso und kamen so in den Atabapo. Ich habe
+diesen Weg auf meiner Reisekarte des Orinoco angegeben. Dieser schaendliche
+Handel dauerte bis um das Jahr 1756. Solanos Expedition und die Errichtung
+der Missionen am Rio Negro machten demselben ein Ende. Alte Gesetze von
+Carl V. und Philipp III. verboten unter Androhung der schwersten Strafen
+(wie Verlust buergerlicher Aemter und 2000 Piaster Geldbusse), "Eingeborene
+durch gewaltsame Mittel zu bekehren und Bewaffnete gegen sie zu schicken;"
+aber diesen weisen, menschenfreundlichen Gesetzen zum Trotz hatte der Rio
+Negro noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, wie sich LA CONDAMINE
+ausdrueckt, fuer die europaeische Politik nur in sofern Interesse, als er die
+*Entradas* oder feindlichen Einfaelle erleichterte und dem Sklavenhandel
+Vorschub that. Die Caraiben, ein kriegerisches Handelsvolk, erhielten von
+den Portugiesen und den Hollaendern Messer, Fischangeln, kleine Spiegel und
+Glaswaaren aller Art. Dafuer hetzten sie die indianischen Haeuptlinge gegen
+einander auf, so dass es zum Kriege kam; sie kauften ihnen die Gefangenen
+ab und schleppten selbst mit List oder mit Gewalt Alles fort, was ihnen in
+den Weg kam. Diese Streifzuege der Caraiben erstreckten sich ueber ein
+ungeheures Gebiet. Dieselben gingen vom Essequebo und Carony aus auf dem
+Rupunuri und dem Paraguamuzi einerseits gerade nach Sued dem Rio Branco zu,
+andererseits nach Suedwest ueber die Trageplaetze zwischen dem Rio Paragua,
+dem Caura und dem Ventuario. Waren sie einmal bei den zahlreichen
+Voelkerschaften am obern Orinoco, so theilten sie sich in mehrere Banden
+und kamen ueber den Cassiquiare, Cababury, Itinivini und Atabapo an vielen
+Punkten zugleich an den Guainia oder Rio Negro und trieben mit den
+Portugiesen Sklavenhandel. So empfanden die ungluecklichen Eingeborenen die
+Nachbarschaft der Europaeer schwer, lange ehe sie mit diesen selbst in
+Beruehrung kamen. Dieselben Ursachen haben ueberall dieselben Folgen. Der
+barbarische Handel, den die civilisirten Voelker an der afrikanischen Kueste
+trieben und zum Theil noch treiben, wirkt Verderben bringend bis in Laender
+zurueck, wo man vom Daseyn weisser Menschen gar nichts weiss.
+
+Nachdem wir von der Muendung des Conorichite und der Mission Davipe
+aufgebrochen, langten wir bei Sonnenuntergang bei der Insel Dapa an, die
+ungemein malerisch mitten im Strome liegt. Wir fanden daselbst zu unserer
+nicht geringen Verwunderung einige angebaute Grundstuecke und auf einem
+kleinen Huegel eine indianische Huette. Vier Eingeborene sassen um ein Feuer
+von Buschwerk und assen eine Art weissen, schwarz gefleckten Teigs, der
+unsere Neugierde nicht wenig reizte. Es waren *Vachacos*, grosse Ameisen,
+deren Hintertheil einem Fettknopf gleicht. Sie waren am Feuer getrocknet
+und vom Rauch geschwaerzt. Wir sahen mehrere Saecke voll ueber dem Feuer
+haengen. Die guten Leute achteten wenig auf uns, und doch lagen in der
+engen Huette mehr als vierzehn Menschen ganz nackt in Haengematten ueber
+einander. Als aber Pater Zea erschien, wurde er mit grossen
+Freudenbezeugungen empfangen. Am Rio Negro stehen wegen der Grenzwache
+mehr Soldaten als am Orinoco, und ueberall, wo Soldaten und Moenche sich die
+Herrschaft ueber die Indianer streitig machen, haben diese mehr Zuneigung
+zu den Moenchen. Zwei junge Weiber stiegen aus den Haengematten, um uns
+Casavekuchen zu bereiten. Man fragte sie durch einen Dollmetscher, ob der
+Boden der Insel fruchtbar sey; sie erwiederten, der Manioc gerathe
+schlecht, dagegen sey es ein *gutes Ameisenland*, man habe gut zu leben.
+Diese *Vachacos* dienen den Indianern am Nio Negro wirklich zur Nahrung.
+Man isst die Ameisen nicht aus Leckerei, sondern weil, wie die Missionaere
+sagen, das *Ameisenfett* (der weisse Theil des Unterleibs) sehr nahrhaft
+ist. Als die Casavekuchen fertig waren, liess sich Pater Zea, bei dem das
+Fieber die Esslust vielmehr zu reizen als zu schwaechen schien, einen
+kleinen Sack voll geraeucherter Vachacos geben. Er mischte die zerdrueckten
+Insekten mit Maniocmehl und liess nicht nach, bis wir davon kosteten. Es
+schmeckte ungefaehr wie ranzige Butter, mit Brodkrumen geknetet. Der Manioc
+schmeckte nicht sauer, es klebte uns aber noch soviel europaeisches
+Vorurtheil an, dass wir mit dem guten Missionaer, wenn er das Ding eine
+vortreffliche *Ameisenpaste* nannte, nicht einverstanden seyn konnten.
+
+Da der Regen in Stroemen herabgoss, mussten wir in der ueberfuellten Huette
+uebernachten. Die Indianer schliefen nur von acht bis zwei Uhr; die uebrige
+Zeit schwatzten sie in ihren Haengematten, bereiteten ihr bitteres Getraenk
+Cupana, schuerten das Feuer und klagten ueber die Kaelte, obgleich die
+Lufttemperatur 21 Grad war. Diese Sitte, vier, fuenf Stunden Vor
+Sonnenaufgang wach, ja auf den Beinen zu seyn, herrscht bei den Indianern
+in Guyana allgemein. Wenn man daher bei den "Entradas" die Eingeborenen
+ueberraschen will, waehlt man dazu die Zeit, wo sie im ersten Schlafe
+liegen, von neun Uhr bis Mitternacht.
+
+Wir verliessen die Insel Dapa lange vor der Morgendaemmerung und kamen trotz
+der starken Stroemung und des Fleisses unserer Ruderer erst nach
+zwoelfstuendiger Fahrt bei der Schanze San Carlos del Rio Negro an. Links
+liessen wir die Einmuendung des Cassiquiare, rechts die kleine Insel
+Cumarai. Man glaubt im Lande, die Schanze liege gerade unter dem Aequator;
+aber nach meinen Beobachtungen am Felsen Culimacari liegt sie unter
+1 deg. 54{~PRIME~} 11{~DOUBLE PRIME~}. Jede Nation hat die Neigung, den Flaechenraum ihrer Besitzungen
+auf den Karten zu vergroessern und die Grenzen hinauszuruecken. Da man es
+versaeumt, die Reiseentfernungen auf Entfernungen in gerader Linie zu
+reduciren, so sind immer die Grenzen am meisten verunstaltet. Die
+Portugiesen setzen, vom Amazonenstrom ausgehend, San Carlos und San Jose
+de Maravitanos zu weit nach Nord, wogegen die Spanier, die von der Kueste
+von Caracas aus rechnen, die Orte zu weit nach Sued schieben. Diess gilt von
+allen Karten der Colonieen. Weiss man, wo sie gezeichnet worden und in
+welcher Richtung man an die Grenzen gekommen, so weiss man zum voraus, nach
+welcher Seite hin die Irrthuemer in Laenge und Breite laufen.
+
+In San Carlos fanden wir Quartier beim Commandanten des Forts, einem
+Milizlieutenant. Von einer Galerie des Hauses hatte man eine sehr huebsche
+Aussicht auf drei sehr lange, dicht bewachsene Inseln. Der Strom laeuft
+geradeaus von Nord nach Sued, als waere sein Bett von Menschenhand gegraben.
+Der bestaendig bedeckte Himmel gibt den Landschaften hier einen ernsten,
+finstern Charakter. Wir fanden im Dorfe ein paar Juviastaemme; es ist diess
+das majestaetische Gewaechs, von dem die dreieckigten Mandeln kommen, die
+man in Europa Mandeln vom Amazonenstrom nennt. Wir haben dasselbe unter
+dem Namen _ __Bertholletia__ excelsa_ bekannt gemacht. Die Baeume werden in
+acht Jahren dreissig Fuss hoch.
+
+Die bewaffnete Macht an der Grenze hier bestand aus siebzehn Mann, wovon
+zehn zum Schutz der Missionaere in der Nachbarschaft detachirt waren. Die
+Luft ist so feucht, dass nicht vier Gewehre schussfertig sind. Die
+Portugiesen haben fuenf und zwanzig bis dreissig besser gekleidete und
+bewaffnete Leute in der Schanze San Jose de Maravitanos. In der Mission
+San Carlos fanden wir nur eine *Garita*, ein viereckigtes Gebaeude aus
+ungebrannten Backsteinen, in dem sechs Feldstuecke standen. Die Schanze,
+oder, wie man hier gerne sagt, das *Castillo de San Felipe* liegt San
+Carlos gegenueber am westlichen Ufer des Rio Negro. Der Commandant trug
+Bedenken, Bonpland und mich die *Fortalezza* sehen zu lassen; in unsern
+Paessen stand wohl, dass ich sollte Berge messen und ueberall im Lande, wo es
+mir gefiele, trigonometrische Operationen vornehmen duerfen, aber vom
+Besehen fester Plaetze stand nichts darin. Unser Reisebegleiter, Don
+Nicolas Soto, war als spanischer Offizier gluecklicher als wir. Man
+erlaubte ihm, ueber den Fluss zu gehen, und er fand auf einer kleinen
+abgeholzten Ebene die Anfaenge eines Erdwerkes, das, wenn es vollendet
+waere, zur Vertheidigung 500 Mann erforderte. Es ist eine Viereckigte
+Verschanzung mit kaum sichtbarem Graben. Die Brustwehr ist fuenf Fuss hoch
+und mit grossen Steinen verstaerkt. Dem Flusse zu liegen zwei Bastionen, in
+denen man vier bis fuenf Stuecke aufstellen koennte. Im ganzen Werk sind
+14--15 Geschuetze, meist ohne Lafetten und von zwei Mann bewacht. Um die
+Schanze her stehen drei oder vier indianische Huetten. Diess heisst das Dorf
+San Felipe, und damit das Ministerium in Madrid Wunder meine, wie sehr
+diese christlichen Niederlassungen gedeihen, fuehrt man fuer das angebliche
+Dorf ein eigenes Kirchenbuch. Abends nach dem Angelus wurde dem
+Commandanten Rapport erstattet und sehr ernsthaft gemeldet, dass es ueberall
+um die Festung ruhig scheine; diess erinnerte mich an die Schanzen an der
+Kueste von Guinea, von denen man in Reisebeschreibungen liest, die zum
+Schutz der europaeischen Faktoreien dienen sollen und in denen vier bis
+fuenf Mann Garnison liegen. Die Soldaten in San Carlos sind nicht besser
+daran als die in den afrikanischen Faktoreien, denn. ueberall an so
+entlegenen Punkten herrschen dieselben Missbraeuche in der
+Militaerverwaltung. Nach einem Brauche, der schon sehr lange geduldet wird,
+bezahlen die Commandanten die Truppen nicht in Geld, sondern liefern ihnen
+zu hohen Preisen Kleidung (Ropa), Salz und Lebensmittel. In Angostura
+fuerchtet man sich so sehr davor, in die Missionen am Carony, Caura und Rio
+Negro detachirt oder vielmehr verbannt zu werden, dass die Truppen sehr
+schwer zu rekrutiren sind. Die Lebensmittel sind am Rio Negro sehr theuer,
+weil man nur wenig Manioc und Bananen baut und der Strom (wie alle
+schwarzen, klaren Gewaesser) wenig Fische hat. Die beste Zufuhr kommt von
+den portugiesischen Niederlassungen am Rio Negro, wo die Indianer regsamer
+und wohlhabender sind. Indessen werden bei diesem Handel mit den
+Portugiesen jaehrlich kaum fuer 3000 Piaster Waaren eingefuehrt.
+
+Die Ufer des obern Rio Negro werden mehr ertragen, wenn einmal mit
+Ausrodung der Waelder die uebermaessige Feuchtigkeit der Luft und des Bodens
+abnimmt und die Insekten, welche Wurzeln und Blaetter der krautartigen
+Gewaechse verzehren, sich vermindern. Beim gegenwaertigen Zustand des
+Ackerbaus kommt der Mais fast gar nicht fort; der Tabak, der auf den
+Kuesten von Caracas von ausgezeichneter Guete und sehr gesucht ist, kann
+eigentlich nur aus alten Baustaetten, bei zerfallenen Huetten, bei _'pueblo
+viejo'_ gebaut werden. In Folge der nomadischen Lebensweise der
+Eingeborenen fehlt es nun nicht an solchen Baustaetten, wo der Boden
+umgebrochen worden und der Luft ausgesetzt gewesen, ohne dass etwas darauf
+wuchs. Der Tabak, der in frisch ausgerodeten Waeldern gepflanzt wird, ist
+waessrigt und ohne Arom. Bei den Doerfern Maroa, Davipe und Tomo ist der
+Indigo verwildert. Unter einer andern Verwaltung, als wir sie im Lande
+getroffen, wird der Rio Negro eines Tags Indigo, Kaffee, Cacao, Mais und
+Reis im Ueberfluss erzeugen.
+
+Da man von der Muendung des Rio Negro nach Gran-Para in 20--25 Tagen faehrt,
+so haetten wir den Amazonenstrom hinab bis zur Kueste von Brasilien nicht
+viel mehr Zeit gebraucht, als um ueber den Cassiquiare und den Orinoco an
+die Nordkueste von Caracas zurueckzukehren. Wir hoerten in San Carlos, der
+politischen Verhaeltnisse wegen sey im Augenblick aus den spanischen
+Besitzungen schwer in die portugiesischen zu kommen; aber erst nach
+unserer Rueckkehr nach Europa sahen wir in vollem Umfang, welcher Gefahr
+wir uns ausgesetzt haetten, wenn wir bis Barcellos hinabgegangen waeren. Man
+hatte in Brasilien, vielleicht aus den Zeitungen, deren wohlwollender,
+unueberlegter Eifer schon manchem Reisenden Unheil gebracht hat, erfahren,
+ich werde in die Missionen am Rio Negro kommen und den natuerlichen Canal
+untersuchen, der zwei grosse Stromsysteme verbindet. In diesen oeden Waeldern
+hatte man Instrumente nie anders als in den Haenden der Grenzcommission
+gesehen, und die Unterbeamten der portugiesischen Regierung hatten bis
+dahin so wenig als der gute Missionaer, von dem in einem frueheren Capitel
+die Rede war, einen Begriff davon, wie ein vernuenftiger Mensch eine lange
+beschwerliche Reise unternehmen kann, "um Land zu vermessen, das nicht
+sein gehoert." Es war der Befehl ergangen, sich meiner Person und meiner
+Instrumente zu versichern, ganz besonders aber der Verzeichnisse
+astronomischer tz Beobachtungen, welche die Sicherheit der Staaten so
+schwer gefaehrden koennten. Man haette uns auf dem Amazonenfluss nach
+Gran-Para gefuehrt und uns von dort nach Lissabon geschickt. Diese
+Absichten, die, waeren sie in Erfuellung gegangen, eine aus fuenf Jahre
+berechnete Reise stark gefaehrdet haetten, erwaehne ich hier nur, um zu
+zeigen, wie in den Colonialregierungen meist ein ganz anderer Geist
+herrscht als an der Spitze der Verwaltung im Mutterland. Sobald das
+Ministerium in Lissabon vom Diensteifer seiner Untergebenen Kunde erhielt,
+erliess es den Befehl, mich in meinen Arbeiten nicht zu stoeren, im
+Gegentheil sollte man mir hilfreich an die Hand gehen, wenn ich durch
+einen Theil der portugiesischen Besitzungen kaeme. Von diesem aufgeklaerten
+Ministerium selbst wurde mir kundgethan, welch freundliche Ruecksicht man
+mir zugedacht, um die ich mich in so grosser Entfernung nicht hatte
+bewerben koennen. Unter den Portugiesen, die wir in San Carlos trafen,
+befanden sich mehrere Officiere, welche die Reise von Barcellos nach
+Gran-Para gemacht hatten. Ich stelle hier Alles zusammen, was ich ueber den
+Lauf des Rio Negro in Erfahrung bringen konnte. Selten kommt man aus dem
+Amazonenstrom ueber den Einfluss des Cababuri herauf, der wegen der
+Sarsaparill-Ernte weitberufen ist, und so ist Alles, was in neuerer Zeit
+ueber die Geographie dieser Laender veroeffentlicht worden, selbst was von
+Rio Janeiro ausgeht, in hohem Grade verworren.
+
+Weiter den Rio Negro hinab laesst man rechts den Cano Maliapo, links die
+Canos Dariba und Guy. Fuenf Meilen weiter, also etwa unter 1 deg. 38{~PRIME~}
+noerdlicher Breite, liegt die Insel San Josef, die provisorisch (denn in
+diesem endlosen Grenzprocess ist Alles provisorisch) als suedlicher Endpunkt
+der spanischen Besitzungen gilt. Etwas unterhalb dieser Insel, an einem
+Ort, wo es viele verwilderte Orangebaeume gibt, zeigt man einen kleinen,
+200 Fuss hohen Felsen mit einer Hoehle, welche bei den Missionaeren "Cocuys
+*Glorieta*" heisst. Dieser *Lustort*, denn solches bedeutet das Wort
+Glorieta im Spanischen, weckt nicht die angenehmsten Erinnerungen. Hier
+hatte Cocuy, der Haeuptling der Manitivitanos, von dem oben die Rede war
+[S. Bd. III. Seite 277.], sein *Harem*, und hier verspeiste er -- um Alles
+zu sagen -- aus besonderer Vorliebe die schoensten und fettesten seiner
+Weiber. Ich zweifle nicht, dass Cocuy allerdings ein wenig ein
+Menschenfresser war; "es ist diess," sagt Pater Gili mit der Naivitaet eines
+amerikanischen Missionaers, "eine ueble Gewohnheit dieser Voelker in Guyana,
+die sonst so sanft und gutmuethig sind;" aber zur Steuer der Wahrheit muss
+ich hinzufuegen, dass die Sage vom Harem und den abscheulichen
+Ausschweifungen Cocuys am untern Orinoco weit verbreiteter ist als am Rio
+Negro. Ja in San Carlos laesst man nicht einmal den Verdacht gelten, als
+haette er eine die Menschheit entehrende Handlung begangen; geschieht
+solches vielleicht, weil Cocuys Sohn, der Christ geworden und der mir ein
+verstaendiger, civilisirter Mensch schien, gegenwaertig Hauptmann der
+Indianer in San Carlos ist?
+
+Unterhalb der Glorieta kommen auf portugiesischem Gebiet das Fort San
+Josef de Maravitanos, die Doerfer Joam Baptista de Mabbe, San Marcellino
+(beim Einfluss des Guaisia oder Uexie, von dem oben die Rede war), Nossa
+Senhora da Guya, Boavista am Rio Icanna, San Felipe, San Joaquin de Coanne
+beim Einfluss des vielberufenen Rio Guape [S. Bd. III. Seite 348--367],
+Calderon, San Miguel de Iparanna mit einer Schanze, San Francisco de las
+Caculbaes, und endlich die Festung San Gabriel de Cachoeiras. Ich zaehle
+diese Ortsnamen absichtlich auf, um zu zeigen, wie viele Niederlassungen
+die portugiesische Regierung sogar in diesem abgelegenen Winkel von
+Brasilien gegruendet hat. Auf einer Strecke von 25 Meilen liegen eilf
+Doerfer, und bis zum Ausfluss des Rio Negro kenne ich noch neunzehn weitere,
+ausser den sechs Doerfern Thomare, Moreira (am Rio Demenene oder Uaraca, wo
+ehmals die Guayannas-Indianer wohnten), Barcellos, San Miguel del Rio
+Branco, am Flusse desselben Namens, der in den Fabeln vom Dorado eine so
+grosse Rolle spielt, Moura und Villa de Rio Negro. Die Ufer dieses
+Nebenflusses des Amazonenstroms allein sind daher zehnmal bevoelkerter als
+die Ufer des obern und des untern Orinoco, des Cassiquiare, des Atabapo
+und des spanischen Rio Negro zusammen. Dieser Gegensatz beruht keineswegs
+bloss auf dem Unterschied in der Fruchtbarkeit des Bodens, noch darauf, dass
+der Rio Negro, weil er fortwaehrend von Nordwest nach Suedost laeuft,
+leichter zu befahren ist; er ist vielmehr Folge der politischen
+Einrichtungen. Nach der Colonialverfassung der Portugiesen stehen die
+Indianer unter Civil- und Militaerbehoerden und unter den Moenchen vom Berge
+Carmel zumal. Es ist eine gemischte Regierung, wobei die weltliche Gewalt
+sich unabhaengig erhaelt. Die Observanten dagegen, unter denen die Missionen
+am Orinoco stehen, vereinigen alle Gewalten in Einer Hand. Die eine wie
+die andere dieser Regierungsweisen ist drueckend in mehr als Einer
+Beziehung; aber in den portugiesischen Colonien wird fuer den Verlust der
+Freiheit wenigstens durch etwas mehr Wohlstand und Cultur Ersatz
+geleistet.
+
+Unter den Zufluessen, die der Rio Negro von Norden her erhaelt, nehmen drei
+besonders unsere Aufmerksamkeit in Anspruch, weil sie wegen ihrer
+Verzweigungen, ihrer Trageplaetze und der Lage ihrer Quellen bei der so oft
+verhandelten Frage nach dem Ursprung des Orinoco stark in Betracht kommen.
+Die am weitesten suedwaerts gelegenen dieser Nebenfluesse sind der Rio
+Branco, von dem man lange glaubte, er entspringe mit dem Orinoco aus dem
+Parimesee, und der Rio Padaviri, der mittelst eines Trageplatzes mit dem
+Mavaca und somit mit dem obern Orinoco ostwaerts von der Mission Esmeralda
+in Verbindung steht. Wir werden Gelegenheit haben, vom Rio Branco und dem
+Padaviri zu sprechen, wenn wir in der letztgenannten Mission angelangt
+sind; hier brauchen wir nur beim dritten Nebenfluss des Rio Negro, dem
+Cababuri, zu verweilen, dessen Verzweigungen mit dem Cassiquiare in
+hydrographischer Beziehung und fuer den Sarsaparillehandel gleich wichtig
+sind. Von den hohen Gebirgen der Parime, die am Nordufer des Orinoco in
+seinem obern Lauf oberhalb Esmeralda hinstreichen, geht ein Zug nach Sueden
+ab, in dem der Cerro de Unturan einer der Hauptgipfel ist. Dieser
+gebirgigte Landstrich ist nicht sehr gross, aber reich an vegetabilischen
+Produkten, besonders an *Mavacure*-Lianen, die zur Bereitung des
+Curaregiftes dienen, an Mandelbaeumen (Juvia oder _Bertholletia excelsa_),
+aromatischem *Puchery* und wildem Cacao, und bildet eine Wasserscheide
+zwischen den Gewaessern, die in den Orinoco, in den Cassiquiare und in den
+Rio Negro gehen. Gegen Norden oder dem Orinoco zu fliessen der Mavaca und
+der Daracapo, nach Westen oder zum Cassiquiare der Idapa und der Pacimoni,
+nach Sueden oder zum Rio Negro der Padaviri und der Cababuri. Der letztere
+theilt sich in der Naehe seiner Quelle in zwei Arme, von denen der
+westlichste unter dem Namen Baria bekannt ist. In der Mission San
+Francisco Solano gaben uns die Indianer die umstaendlichsten Nachrichten
+ueber seinen Lauf. Er verzweigt sich, was sehr selten vorkommt, so, dass zu
+einem untern Zufluss das Wasser eines obern nicht herunterkommt, sondern
+dass im Gegentheil jener diesem einen Theil seines Wassers in einer der
+Richtung des Hauptwasserbehaelters entgegengesetzten Richtung zusendet. Ich
+habe mehrere Beispiele dieser Verzweigungen mit Gegenstroemungen, dieses
+scheinbaren Wasserlaufs bergan, dieser Flussgabelungen, deren Kenntniss fuer
+die Hydrographen von Interesse ist, auf Einer Tafel meines Atlas
+zusammengestellt. Dieselbe mag ihnen zeigen, dass man nicht geradezu Alles
+fuer Fabel erklaeren darf, was von dem Typus abweicht, den wir uns nach
+Beobachtungen gebildet, die einen zu unbedeutenden Theil der Erdoberflaeche
+umfassen.
+
+Der Cababuri faellt bei der Mission Nossa Senhora das Caldas in den Rio
+Negro; aber die Fluesse Ya und Dimity, die weiter oben hereinkommen, stehen
+auch mit dem Cababuri in Verbindung, so dass von der Schanze San Gabriel de
+Cachoeiras an bis San Antonio de Castanheira die Indianer aus den
+portugiesischen Besitzungen auf dem Baria und dem Pacimoni auf das Gebiet
+der spanischen Missionen sich einschleichen koennen. Wenn ich sage Gebiet,
+so brauche ich den ungewoehnlichen Ausdruck der Observanten. Es ist schwer
+zu sagen, aus was sich das Eigenthumsrecht in unbewohnten Laendern gruendet,
+deren natuerliche Grenzen man nicht kennt, und die man nicht zu cultiviren
+versucht hat. In den portugiesischen Missionen behaupten die Leute, ihr
+Gebiet erstrecke sich ueberall so weit, als sie im Canoe auf einem Fluss,
+dessen Muendung in portugiesischem Besitz ist, gelangen koennen. Aber
+Besitzergreifung ist eine Handlung, die durchaus nicht immer ein
+Eigenthumsrecht begruendet, und nach den obigen Bemerkungen ueber die
+vielfachen Verzweigungen der Fluesse duerfte es fuer die Hoefe von Madrid und
+Lissabon gleich gefaehrlich seyn, diesen seltsamen Satz der
+Missions-Jurisprudenz gelten zu lassen.
+
+Der Hauptzweck bei den Einfaellen auf dem Rio Cababuri ist, Sarsaparille
+und die aromatischen Samen des Puchery-Lorbeers (_Laurus pichurim_) zu
+sammeln. Man geht dieser kostbaren Produkte wegen bis auf zwei Tagereisen
+von Esmeralda an einen See noerdlich vom Cerro Unturan hinauf, und zwar
+ueber die Trageplaetze zwischen dem Pacimoni und Idapa, und dem Idapa und
+dem Mavaca, nicht weit vom See desselben Namens. Die Sarsaparille von
+diesem Landstrich steht in Gran-Para, in Angostura, Cumana, Nueva
+Barcelona und andern Orten von Terra Firma unter dem Namen _'Zarza del Rio
+Negro'_ in hohem Ruf. Es ist die wirksamste von allen, die man kennt; man
+zieht sie der *Zarza* aus der Provinz Caracas und von den Bergen von
+Merida weit vor. Sie wird sehr sorgfaeltig getrocknet und absichtlich dem
+Rauch ausgesetzt, damit sie schwaerzer wird. Diese Schlingpflanze waechst in
+Menge an den feuchten Abhaengen der Berge Unturan und Achivaquery. DE
+CANDOLLE vermuthet mit Recht, dass verschiedene Arten von Smilax unter dem
+Namen Sarsaparille gesammelt werden. Wir fanden zwoelf neue Arten, von
+denen _Smilax syphilitica_ vom Cassiquiare und _Smilax officinalis_ vom
+Magdalenenstrom wegen ihrer harntreibenden Eigenschaften die gesuchtesten
+sind. Da syphilitische Uebel hier zu Lande unter Weissen und Farbigen so
+gemein als gutartig sind, so wird in den spanischen Colonien eine sehr
+bedeutende Menge Sarsaparille als Hausmittel verbraucht. Wir ersehen aus
+den Werken des CLUSIUS, dass Europa in den ersten Zeiten der Eroberung
+diese heilsame Arznei von der mexicanischen Kueste bei Honduras und aus dem
+Hafen von Guayaquil bezog. Gegenwaertig ist der Handel mit *Zarza*
+lebhafter in den Haefen, die mit dem Orinoco, Rio Negro und Amazonenstrom
+Verbindungen haben.
+
+Versuche, die in mehreren botanischen Gaerten in Europa angestellt worden,
+thun dar, dass _Smilax glauca_ aus Virginien, die man fuer LINNE _Smilax
+Sarsaparilla_ erklaert, ueberall im Freien gebaut werden kann, wo die
+mittlere Temperatur des Winters mehr als 6 bis 7 Grad des hunderttheiligen
+Thermometers betraegt;(73) aber die wirksamsten Arten gehoeren
+ausschliesslich der heissen Zone an und verlangen einen weit hoeheren
+Waermegrad. Wenn man des CLUSIUS Werke liest, begreift man nicht, warum in
+unsern Handbuechern der _materia medica_ ein Gewaechs der Vereinigten
+Staaten fuer den aeltesten Typus der officinellen Smilaxarten gilt.
+
+Wir fanden bei den Indianern am Rio Negro einige der gruenen Steine, die
+unter dem Namen *Amazonensteine* bekannt sind, weil die Indianer nach
+einer alten Sage behaupten, sie kommen aus dem Lande der "Weiber ohne
+Maenner" (_Cougnantainsecouima_ oder _Aikeambenano_ -- Weiber, die allein
+leben). In San Carlos und den benachbarten Doerfern nannte man uns die
+Quellen des Orinoco oestlich von Esmeralda, in den Missionen am Carony und
+in Angostura die Quellen des Rio Branco als die natuerlichen Lagerstaetten
+der gruenen Steine. Diese Angaben bestaetigen den Bericht eines alten
+Soldaten von der Garnison von Cayenne, von dem LA CONDAMINE spricht, und
+demzufolge diese Mineralien aus dem *Lande der Weiber* westwaerts von den
+Stromschnellen des Oyapoc kommen. Die Indianer im Fort Topayos am
+Amazonenstrom, 5 Grad ostwaerts vom Einfluss des Rio Negro, besassen frueher
+ziemlich viele Steine der Art. Hatten sie dieselben von Norden her
+bekommen, das heisst aus dem Lande, das die Indianer am Rio Negro angeben,
+und das sich von den Bergen von Cayenne bis an die Quellen des Essequebo,
+des Carony, des Orinoco, des Parime und des Rio Trombetas erstreckt, oder
+sind diese Steine aus dem Sueden gekommen, ueber den Rio Topayos, der von
+der grossen Hochebene der Campos Parecis herabkommt? Der Aberglaube legt
+diesen Steinen grosse Wichtigkeit bei; man traegt sie als Amulette am Hals,
+denn sie schuetzen nach dem Volksglauben vor Nervenleiden, Fiebern und dem
+Biss giftiger Schlangen. Sie waren daher auch seit Jahrhunderten bei den
+Eingeborenen noerdlich und suedlich vom Orinoco ein Handelsartikel. Durch
+die Caraiben, die fuer die Bokharen der neuen Welt gelten koennen, lernte
+man sie an der Kueste von Guyana kennen, und da dieselben Steine, gleich
+dem umlaufenden Geld, in entgegengesetzten Richtungen von Nation zu Nation
+gewandert sind, so kann es wohl seyn, dass sie sich nicht vermehren und dass
+man ihre Lagerstaette nicht verheimlicht, sondern gar nicht kennt. Vor
+wenigen Jahren wurden mitten im hochgebildeten Europa, aus Anlass eines
+lebhaften Streites ueber die einheimische China, allen Ernstes die gruenen
+Steine vom Orinoco als ein kraeftiges Fiebermittel in Vorschlag gebracht;
+wenn man der Leichtglaeubigkeit der Europaeer soviel zutraut, kann es nicht
+Wunder nehmen, wenn die spanischen Colonisten auf diese Amulette so viel
+halten als die Indianer, und sie zu sehr bedeutenden Preisen verkauft
+werden.(74) Gewoehnlich gibt man ihnen die Form der der Laenge nach
+durchbohrten und mit Inschriften und Bildwerk bedeckten persepolitanischen
+Cylinder. Aber nicht die heutigen Indianer, nicht diese so tief
+versunkenen Eingeborenen am Orinoco und Amazonenstrom haben so harte
+Koerper durchbohrt und Figuren von Thieren und Fruechten daraus geschnitten.
+Dergleichen Arbeiten, wie auch die durchbohrten und geschnittenen
+Smaragde, die in den Cordilleren von Neu-Grenada und Quito vorkommen,
+weisen auf eine fruehere Cultur zurueck. Die gegenwaertigen Bewohner dieser
+Laender, besonders der heissen Zone, haben so wenig einen Begriff davon, wie
+man harte Steine (Smaragd, Nephrit, dichten Feldspath und Bergkrystall)
+schneiden kann, dass sie sich vorstellen, der "gruene Stein" komme
+urspruenglich weich aus dem Boden und werde erst hart, nachdem er
+bearbeitet worden.
+
+Aus dem hier Angefuehrten erhellt, dass der Amazonenstein nicht im Thale des
+Amazonenstromes selbst vorkommt, und dass er keineswegs von diesem Flusse
+den Namen hat, sondern, wie dieser selbst, von einem Volke kriegerischer
+Weiber, welche Pater Acuna und Oviedo in seinem Brief an den Cardinal
+Bembo mit den Amazonen der alten Welt vergleichen. Was man in unsern
+Sammlungen unter dem falschen Namen "Amazonenstein" sieht, ist weder
+Nephrit noch dichter Feldspath, sondern gemeiner apfelgruener Feldspath,
+der vom Ural am Onegasee in Russland kommt und den ich im Granitgebirg von
+Guyana niemals gesehen habe. Zuweilen verwechselt man auch mit dem so
+seltenen und so harten Amazonenstein Werners *Beilstein*,(75) der lange
+nicht so zaeh ist. Das Mineral, das ich aus der Hand der Indianer habe, ist
+zum *Saussurit*(76) zu stellen, zum eigentlichen Nephrit, der sich
+oryctognostisch dem dichten Feldspath naehert und ein Bestandtheil des
+*Verde de Corsica* oder des Gabbro ist. Er nimmt eine schoene Politur an
+und geht vom Apfelgruenen ins Smaragdgruene ueber; er ist an den Raendern
+durchscheinend, ungemein zaeh und klingend, so dass von den Eingeborenen in
+alter Zeit geschliffene, sehr duenne, in, der Mitte durchbohrte Platten,
+wenn man sie an einem Faden aufhaengt . und mit einem andern harten
+Koerper(77) anschlaegt, fast einen metallischen Ton geben.
+
+Bei den Voelkern beider Welten finden wir auf der ersten Stufe der
+erwachenden Cultur eine besondere Vorliebe fuer gewisse Steine, nicht
+allein fuer solche, die dem Menschen wegen ihrer Haerte als schneidende
+Werkzeuge dienen koennen, sondern auch fuer Mineralien, die der Mensch wegen
+ihrer Farbe oder wegen ihrer natuerlichen Form mit organischen
+Verrichtungen, ja mit psychischen Vorgaengen verknuepft glaubt. Dieser
+uralte Steincultus, dieser Glaube an die heilsamen Wirkungen des Nephrits
+und des Blutsteins kommen den Wilden Amerikas zu, wie den Bewohnern der
+Waelder Thraciens, die wir wegen der ehrwuerdigen Institutionen des Orpheus
+und des Ursprungs der Mysterien nicht wohl als Wilde ansprechen koennen.
+Der Mensch, so lange er seiner Wiege noch naeher steht, empfindet sich als
+Autochthone; er fuehlt sich wie gefesselt an die Erde und die Stoffe, die
+sie in ihrem Schoosse birgt. Die Naturkraefte, und mehr noch die
+zerstoerenden als die erhaltenden, sind die fruehesten Gegenstaende seiner
+Verehrung. Und diese Kraefte offenbaren sich nicht allein im Gewitter, im
+Getoese, das dem Erdbeben vorangeht, im Feuer der Vulkane; der leblose
+Fels, die glaenzenden, harten Steine, die gewaltigen, frei aufsteigenden
+Berge wirken auf die jugendlichen Gemuether mit einer Gewalt, von der wir
+bei vorgeschrittener Cultur keinen Begriff mehr haben. Besteht dieser
+Steincultus einmal, so erhaelt er sich auch fort neben spaeteren
+Cultusformen, und aus einem Gegenstand religioeser Verehrung wird ein
+Gegenstand aberglaeubischen Vertrauens. Aus Goettersteinen werden Amulette,
+die vor allen Leiden Koerpers und der Seele bewahren. Obgleich zwischen dem
+Amazonenstrom und dem Orinoco und der mexicanischen Hochebene fuenfhundert
+Meilen liegen, obgleich die Geschichte von keinem Zusammenhang zwischen
+den wilden Voelkern von Guyana und den civilisirten von Anahuac weiss, fand
+doch in der ersten Zeit der Eroberung der Moench BERNHARD VON SAHAGUN in
+Cholula *gruene Steine*, die einst Quetzalcohuatl angehoert, und die als
+Reliquien aufbewahrt wurden. Diese geheimnissvolle Person ist der Buddha
+der Mexicaner; er trat auf im Zeitalter der Tolteken, stiftete die ersten
+religioesen Vereine und fuehrte eine Regierungsweise ein, die mit der in
+Meroe und Japan Aehnlichkeit hat.
+
+Die Geschichte des Nephrits oder gruenen Steins in Guyana steht in inniger
+Verbindung mit der Geschichte der kriegerischen Weiber, welche die
+Reisenden des sechzehnten Jahrhunderts die Amazonen der neuen Welt nennen.
+LA CONDAMINE bringt viele Zeugnisse zur Unterstuetzung dieser Sage bei.
+Seit meiner Rueckkehr vom Orinoco und Amazonenstrom bin ich in Paris oft
+gefragt worden, ob ich die Ansicht dieses Gelehrten theile, oder ob ich
+mit mehreren Zeitgenossen desselben glaube, er habe den
+_'Cougnantainsecouima'_ den unabhaengigen Weibern, die nur im Monat April
+Maenner unter sich aufnahmen, nur desshalb das Wort geredet, um in einer
+oeffentlichen Sitzung der Akademie einer Versammlung, die gar nicht ungern
+etwas Neues hoert, sich angenehm zu machen. Es ist hier der Ort, mich offen
+ueber eine Sage auszusprechen, die einen so romantischen Anstrich hat, um
+so mehr, als LA CONDAMINE behauptet, die Amazonen vom Rio Cayame seyen
+ueber den Maragnon gegangen und haben sich am Rio Negro niedergelassen. Der
+Hang zum Wunderbaren und das Verlangen, die Beschreibungen der neuen Welt
+hie und da mit einem Zuge aus dem classischen Alterthum aufzuputzen, haben
+ohne Zweifel dazu beigetragen, dass ORELLANAs erste Berichte so wichtig
+genommen wurden. Liest man die Schriften des VESPUCCI, FERDINAND COLUMBUS,
+GERALDINI, OVIEDO, PETER MARTYR VON ANGHIERA, so begegnet man ueberall der
+Neigung der Schriftsteller des sechzehnten Jahrhunderts, bei neu
+entdeckten Voelkern Alles wieder zu finden, was uns die Griechen vom ersten
+Zeitalter der Welt und von den Sitten der barbarischen Scythen und
+Afrikaner erzaehlen. An der Hand dieser Reisenden, die uns in eine andere
+Halbkugel versetzen, glauben wir durch Zeiten zu wandern, die laengst dahin
+sind; denn die amerikanischen Horden in ihrer primitiven Einfalt sind ja
+fuer Europa "eine Art Alterthum, dem wir fast als Zeitgenossen gegenueber
+stehen." Was damals nur Stylblume und Geistesergoetzlichkeit war, ist
+heutzutage zum Gegenstand ernster Eroerterungen geworden. In einer in
+Louisiana erschienenen Abhandlung wird die ganze griechische Mythologie,
+die Amazonen eingeschlossen, aus den Oertlichkeiten am Nicaraguasee und
+einigen andern Gegenden in Amerika entwickelt.
+
+Wenn Oviedo in seinen Briefen an Cardinal Bembo dem Geschmack eines mit
+dem Studium des Alterthums so vertrauten Mannes schmeicheln zu muessen
+glaubte, so hatte der Seefahrer Sir WALTHER RALEGH einen minder poetischen
+Zweck. Ihm war es darum zu thun, die Aufmerksamkeit der Koenigin Elisabeth
+auf das grosse *Reich Guyana* zu lenken, das nach seinem Plan England
+erobern sollte. Er beschrieb die Morgentoilette des *vergoldeten Koenigs*
+(_'el dorado'_)(78), wie ihn jeden Tag seine Kammerherren mit
+wohlriechenden Oelen salben und ihm dann aus langen Blaserohren den
+Goldstaub auf den Leibblasen; nichts musste aber die Einbildungskraft
+Elisabeths mehr ansprechen als die kriegerische Republik der Weiber ohne
+Maenner, die sich gegen die castilianischen Helden wehrten. Ich deute
+hiemit die Gruende an, welche die Schriftsteller, die die amerikanischen
+Amazonen vorzugsweise in Ruf gebracht, zur Uebertreibung verfuehrt haben;
+aber diese Gruende berechtigen uns nach meiner Ansicht nicht, eine Sage,
+die bei verschiedenen, in gar keinem Verkehr mit einander stehenden
+Voelkern verbreitet ist, gaenzlich zu verwerfen.
+
+Die Zeugnisse, die LA CONDAMINE gesammelt, sind sehr merkwuerdig; er hat
+dieselben sehr umstaendlich bekannt gemacht, und mit Vergnuegen bemerke ich
+noch, dass dieser Reisende, wenn er in Frankreich und England fuer einen
+Mann von der unermuedlichsten Neugier galt, in Quito, im Lande, das er
+beschrieben, im Ruf des redlichsten, wahrheitsliebendsten Mannes steht.
+Dreissig Jahre nach La Condamine hat ein portugiesischer Astronom, der den
+Amazonenstrom und seine noerdlichen Nebenfluesse befahren, RIBEIRO, Alles,
+was der gelehrte Franzose vorgebracht, an Ort und Stelle bestaetigt
+gefunden. Er fand bei den Indianern dieselben Sagen und sammelte sie desto
+unparteiischer, da er selbst nicht an Amazonen glaubt, die eine besondere
+Voelkerschaft gebildet haetten. Da ich keine der Sprachen verstehe, die am
+Orinoco und Rio Negro gesprochen werden, so konnte ich hinsichtlich der
+Volkssagen von den *Weibern ohne Maenner* und der Herkunft der *gruenen
+Steine*, die damit in genauer Verbindung stehen sollen, nichts Sicheres in
+Erfahrung bringen. Ich fuehre aber ein neueres Zeugniss an, das nicht ohne
+Gewicht ist, das des Pater GILI. Dieser gebildete Missionaer sagt: "Ich
+fragte einen Quaqua-Indianer, welche Voelker am Rio Cuchivero lebten, und
+er nannte mir die Achirigotos, Pajuros und Aikeam-benanos. Da ich gut
+tamanakisch verstand, war mir gleich der Sinn des letzteren Wortes klar:
+es ist ein zusammengesetztes Wort und bedeutet: *Weiber, die allein
+leben*. Der Indianer bestaetigte diess auch und erzaehlte, die Aikeam-benanos
+seyen eine Gesellschaft von Weibern, die lange Blaserohre und anderes
+Kriegsgeraethe verfertigten. Sie nehmen nur einmal im Jahre Maenner vom
+anwohnenden Stamme der Vokearos bei sich auf und machen ihnen zum Abschied
+Blaserohre zum Geschenk. Alle maennlichen Kinder, welche in dieser
+Weiberhorde zur Welt kommen, werden ganz jung umgebracht." Diese
+Geschichte erscheint wie eine Copie der Sagen, welche bei den Indianern am
+Maragnon und bei den Caraiben in Umlauf sind. Der Quaqua-Indianer, von dem
+Pater Gili spricht, verstand aber nicht spanisch; er hatte niemals mit
+Weissen verkehrt und wusste sicher nicht, dass es suedlich vom Orinoco einen
+andern Fluss gibt, der der Fluss der Aikeam-benanos oder der Amazonen heisst.
+
+Was folgt aus diesem Bericht des alten Missionaers von Encaramada?
+Keineswegs, dass es am Cuchivero Amazonen gibt, wohl aber, dass in
+verschiedenen Landstrichen Amerikas Weiber, muede der Sklavendienste, zu
+denen die Maenner sie verurtheilen, sich wie die fluechtigen Neger in ein
+*Palenque* zusammengethan; dass der Trieb, sich die Unabhaengigkeit zu
+erhalten, sie kriegerisch gemacht; dass sie von einer befreundeten Horde in
+der Naehe Besuche bekamen, nur vielleicht nicht ganz so methodisch als in
+der Sage. Ein solcher Weiberverein durfte nur irgendwo in Guyana einmal zu
+einer gewissen Festigkeit gediehen seyn, so wurden sehr einfache Vorfaelle,
+wie sie an verschiedenen Orten vorkommen mochten, nach Einem Muster
+gemodelt und uebertrieben. Diess ist ja der eigentliche Charakter der Sage,
+und haette der grosse Sklavenaufstand, von dem oben die Rede war [S. Bd. II.
+Seite 354.], nicht auf der Kueste von Venezuela, sondern mitten im
+Continent stattgefunden, so haette das leichtglaeubige Volk in jedem
+*Palenque* von Marronnegern den Hof des Koenigs Miguel, seinen Staatsrath
+und den schwarzen Bischof von Buria gesehen. Die Caraiben in Terra Firma
+standen mit denen auf den Inseln in Verkehr, und hoechst wahrscheinlich
+haben sich auf diesem Wege die Sagen vom Maragnon und Orinoco gegen Norden
+verbreitet. Schon vor Orellanas Flussfahrt glaubte Christoph Columbus auf
+den Antillen Amazonen gefunden zu haben. Man erzaehlte dem grossen Manne,
+die kleine Insel Madanino (Montserrate) sey von kriegerischen Weibern
+bewohnt, die den groessten Theil des Jahrs keinen Verkehr mit Maennern
+haetten. Anderemale sahen die Conquistadoren einen Amazonenfreistaat, wo
+sie nur Weiber vor sich hatten, die in Abwesenheit der Maenner ihre Huetten
+vertheidigten, oder auch -- und dieses Missverstaendniss ist schwerer zu
+entschuldigen -- jene religioesen Vereine, jene Kloester mexicanischer
+Jungfrauen, die zu keiner Zeit im Jahre Maenner bei sich aufnahmen, sondern
+nach der strengen Regel Quetzalcohuatls lebten. Die allgemeine Stimmung
+brachte es mit sich, dass von den vielen Reisenden, die nach einander in
+der neuen Welt Entdeckungen machten und von den Wundern derselben
+berichteten, jeder auch gesehen haben wollte, was seine Vorgaenger gemeldet
+hatten.
+
+Wir brachten in San Carlos del Rio Negro drei Naechte zu. Ich zaehle die
+Naechte, weil ich sie in der Hoffnung, den Durchgang eines Sterns durch den
+Meridian beobachten zu koennen, fast ganz durchwachte. Um mir keinen
+Vorwurf machen zu duerfen, waren die Instrumente immer zur Beobachtung
+hergerichtet; ich konnte aber nicht einmal doppelte Hoehen bekommen, um
+nach der Methode von Douwes die Breite zu berechnen. Welch ein Contrast
+zwischen zwei Strichen derselben Zone! dort der Himmel Cumanas, ewig
+heiter wie in Persien und Arabien, und hier der Himmel am Rio Negro, dick
+umzogen wie auf den Faroeerinseln, ohne Sonne, Mond und Sterne! Ich verliess
+die Schanze San Carlos mit desto groesserem Verdruss, da ich keine Aussicht
+hatte, in der Naehe des Orts eine gute Breitenbeobachtung machen zu koennen.
+Die Inclination der Magnetnadel fand ich in San Carlos gleich 20 deg. 60; 216
+Schwingungen in zehn Zeitminuten gaben das Maass der magnetischen Kraft. Da
+die magnetischen Parallelen gegen West aufwaerts gehen und ich auf dem
+Ruecken der Cordilleren zwischen Santa Fe de Bogota und Popayan dieselben
+Inclinationswinkel beobachtet habe wie am obern Orinoco und am Rio Negro,
+so sind diese Beobachtungen fuer die Theorie der *Linien von gleicher **
+Intensitaet* oder *isodynamischen Linien* von grosser Bedeutung geworden.
+Die Zahl der Schwingungen ist in Javita und Quito dieselbe, und doch ist
+die magnetische Inclination am ersteren Ort 26 deg. 40, am zweiten 14 deg. 85.
+Nimmt man die Kraft unter dem magnetischen Aequator (in Peru) gleich eins
+an, so ergibt sich fuer Cumana 1,1779, fuer Carichana 1,1575, fuer Javita
+1,0675, fuer San Carlos 1,0480. In diesem Verhaeltniss nimmt die Kraft von
+Nord nach Sued auf 8 Breitengraden zwischen dem 66 1/2 und 69sten Grad
+westlicher Laenge von Paris ab. Ich gebe absichtlich die
+Meridian-Unterschiede an; denn ein Mathematiker, der auf dem Gebiete des
+Erdmagnetismus grosse Erfahrung besitzt, HANSTEEN, hat meine
+*isodynamischen Beobachtungen* einer neuen Pruefung unterworfen und
+gefunden, dass die Intensitaet der Kraft auf demselben magnetischen Parallel
+nach sehr constanten Gesetzen wechselt, und dass die scheinbaren Anomalien
+der Erscheinung groesstentheils verschwinden, wenn man diese Gesetze kennt.
+Im Allgemeinen steht fest, was fuer mich aus der ganzen Reihe meiner
+Beobachtungen hervorgeht, dass die Intensitaet der Kraft vom magnetischen
+Aequator gegen den Pol zunimmt; aber diese Zunahme scheint unter
+verschiedenen Meridianen mit ungleicher Geschwindigkeit zu erfolgen. Wenn
+zwei Orte dieselbe Inclination haben, so ist die Intensitaet westwaerts vom
+Meridian, der mitten durch Suedamerika laeuft, am staerksten, und sie nimmt
+unter demselben Parallel ostwaerts, Europa zu ab. In der suedlichen
+Halbkugel scheint sie ihr Minimum an der Ostkueste von Afrika zu erreichen;
+sie nimmt dann unter demselben magnetischen Parallel gegen Neuholland hin
+wieder zu. Ich fand die Intensitaet der Kraft in Mexico beinahe so gross wie
+in Paris, aber der Unterschied in der Inclination betraegt mehr als 31
+Grad. Meine Nadel, die unter dem magnetischen Aequator (in Peru) 211 mal
+schwang, haette unter demselben Aequator auf dem Meridian der Philippinen
+nur 202 oder 203 mal geschwungen. Dieser auffallende Unterschied ergibt
+sich aus der Zusammenstellung meiner Beobachtungen der Intensitaet in Santa
+Cruz auf Teneriffa mit denen, die ROSSEL daselbst sieben Jahre frueher
+gemacht.
+
+Die magnetischen Beobachtungen am Rio Negro sind unter allen, die auf
+einem grossen Festland bekannt geworden, die naechsten am magnetischen
+Aequator. Sie dienten somit dazu, die Lage dieses Aequators zu bestimmen,
+ueber den ich weiter westwaerts auf dem Kamm der Anden zwischen Micuipampa
+und Caxamarca unter dem 7. Grad suedlicher Breite gegangen bin. Der
+magnetische Parallel von San Carlos (der von 22 deg. 60) laeuft durch Popayan
+und in die Suedsee an einem Punkt (unter 3 deg. 12{~PRIME~} noerdlicher Breite und
+89 deg. 36{~PRIME~} westlicher Laenge), wo ich so gluecklich war, bei ganz stiller Luft
+beobachten zu koennen.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 64 Diese Jaeger gehoeren zu Militaerposten und haengen von der russischen
+ Gesellschaft ab, deren Hauptactionaere in Irkutsk sind. Im Jahr 1804
+ war die kleine Festung (Crepoft) in der Bucht von Jakutal noch 600
+ Meilen von den noerdlichslen mexicanischen Besitzungen entfernt.
+
+ 65 Die geologische Bodenbeschaffenheit scheint, trotz der gegenwaertigen
+ Verschiedenheit in der Hoehe des Wasserspiegels, darauf hinzudeuten,
+ dass in vorgeschichtlicher Zeit das schwarze Meer, das caspische Meer
+ und der Aralsee mit einander in Verbindung gestanden haben. Der
+ Ausfluss des Arals in das caspische Meer scheint zum Theil sogar
+ juenger und unabhaengig von der Gabeltheilung des Gihon (Oxus), ueber
+ die einer der gelehrtesten Geographen unserer Zeit, RITTER, neues
+ Licht verbreitet hat.
+
+ 66 Diess ist der Rio Parime, Rio Blanco, Rio de Aguas Blancas unserer
+ Karten, der unterhalb Barcellos in den Rio Negro faellt.
+
+ 67 Den beruehmten Namen Hutten erkennt man in den spanischen
+ Geschichtschreibern kaum wieder. Sie nennen Philipp von Hutten, mit
+ Wegwerfung des aspirirten H, Felipe de Uten, de Urre, oder de Utre.
+
+ 68 Diess ist dreimal die Breite der Seine beim _Jardin des plantes_
+
+ 69 Bei Seine und Marne z. B. sind es von Paris bis zu den Quellen in
+ gerader Richtung mehr als zwei Grade.
+
+ 70 Geminus, Isagoge in Aratum cap. 13. STRABO, _lib. II_
+
+ 71 Der Ritter Giseke, der sieben Jahre unter dem 70sten Breitegrad
+ gelebt hat, sah in der langen Verbannung, der er sich aus Liebe zur
+ Wissenschaft unterzogen, nur ein einzigesmal blitzen. Auf der Kueste
+ von Groenland verwechselt man haeufig das Getoese der Lawinen oder
+ stuerzender Eismassen mit dem Donner.
+
+ 72 Ein Chiquichiqui-Tau, 66 Varas (171 Fuss) lang und 5 Zoll 4 Linien im
+ Durchmesser, kostet den Missionaer 12 harte Piaster und es wird in
+ Angostura fuer 25 Piaster verkauft. Ein Stueck von einem Zoll
+ Durchmesser, 70 Varas (182 Fuss) lang, wird in den Missionen fuer
+ 3 Piaster, an der Kueste fuer 5 verkauft.
+
+ 73 Wintertemperatur in London und Paris 4 deg.,2 und 3 deg.,7, in Montpellier
+ 7 deg.,7, in Rom 7 deg.,7, in dem Theile von Mexico und Terra Firma, wo wir
+ die wirksamsten Sarsaparille-Arten (diejenigen, welche aus den
+ spanischen und portugiesischen Colonien in den Handel kommen) haben
+ wachsen sehen, 20--26 deg..
+
+ 74 Ein zwei Zoll langer Cylinder kostet 12--15 Piaster.
+
+ 75 Punamuftein, _Jade axinien_. Die Steinaexte, die man in Amerika,
+ z. B. in Mexico findet, sind kein Beilstein, sondern dichter
+ Feldspath.
+
+_ 76 Jade de Saussure_ nach BRONGNIARTs System, _Jade tenace_ und
+ _Feldspath compacte tenace_ nach HAILY, einige Varietaeten des
+ Varioliths nach WERNER.
+
+ 77 Brongniart, dem ich nach meiner Rueckkehr nach Europa solche Platten
+ zeigte, verglich diese Nephrite aus der Parime ganz richtig mit den
+ klingenden Steinen, welche die Chinesen zu ihren musikalischen
+ Instrumenten, den sogenannten King, verwenden.
+
+* 78 Dorado* ist nicht der Name eines Landes; es bedeutet nur den
+ *Vergoldeten*, _'el rey dorado'_
+
+
+
+
+
+
+LISTE EXPLIZIT GENANNTER WERKE
+
+
+Die folgenden Werke werden von Humboldt im Text in Kurzform genannt.
+
+ACUNA, CHRISTOBAL DE Christian Edschlager Fernandez, Juan Patricio _
+Nachricht von dem grossen Strom Derer Amazonen in der neuen Welt. Darinnen
+enthalten seynd alle eintzele Begebenheiten der Reise, welche P.
+Christophorus de Acunna, aus der Gesellschaft Jesu im Jahr 1639. auf
+Befehl Philippi des vierdten Koenigs in Spanien verrichtet. Gezogen aus der
+Spanischen Schrifft P. de Acunna selbst, und mit andern Nachrichten zu
+besserer Erlaeuterung vermehret._ _Erbauliche und angenehme Geschichten
+derer Chiqvitos, und anderer von denen Patribus der Gesellschafft Jesu in
+Paraquaria neubekehrten Voelcker, samt einem ausfuehrlichen Bericht von dem
+Amazonen-Strom/ wie auch einigen Nachrichten von der Landschaft Guiana, in
+der neuen Welt. Alles aus dem Spanisch- und Franzoesischen in das Teutsche
+uebersetzet/ von einem aus erwehnter Gesellschaft_ Wien Paul Straub 1729
+551-772
+ACUNA, CHRISTOBAL DE _ Nvevo Descvbrimento del Gran Rio de las Amazonas.
+Por el Padre Chrstoval de Acuna, Religioso de la Compania de Iesus, y
+Calificador de la Suprema General Inquisicion, al qval fue, y se hizo por
+Orden de su Magestad, el ano de 1639. Por la Provincia de Qvito en los
+Reynos del Peru al Excelentissimo Senor Conde Duque de Oliuares (Escudo de
+la Compania de Jesus, llevado por dos angelitos)._ Madrid Imprenta del
+Reyno 1641
+CAULIN, ANTONIO _Historia Coro-Graphica Natural y Evangelica de la Nueva
+Andalucia, Provincias de Cumana, Guayana y Vertientes del Rio Orinoco,
+Dedicada al Rei N.S. D. Carlos III Por el M. R. P. fr. Antonio Caulin, dos
+vezes Prov.l de los Observantes de Granada. Dada a luz de orden y a
+Expensas de S. M. ano de 1779._ Madrid Juan de San Martin 1779
+GILIJ, PHILIPPE SALVATORE _Nachrichten von dem Lande Guiana; dem
+Oronocoflus und den dortigen Wilden._ _Aus dem Italienischen des Abt
+Philip Salvator Gilii Auszugsweise uebersetzt._ Matthias Christian Sprengel
+Hamburg 1785 Bohn XVI, 528 S.
+GILIJ, PHILIPPE SALVATORE _Saggio di Storia Americana o sia Storia
+naturale, civile, e sacra De regni, e delle provincie Spagnuole di
+Terra-ferma nell? America meridionale descritta dall? Abbate Filippo
+Salvadore Gilij._ Rom 1780--1784 T.1-4
+GUMILLA, JOSE _ El Orinoco Ilustrado, y Defendido, Historia Natural, Civil
+y Geografica de este gran Rio, y de sus Caudalosas vertientes: Govierno,
+Usos y Costumbres de los Indios sus habitadores, con nuevas y utiles
+noticias de Animales, Arboles, Frutos, Aceytes, Resinas, Yervas y Raices
+medicinales; y sobre todo, se hallaran conversiones muy singulares a N.
+Santa Fe, y casos de mucha edificacion. Escrita por el Padre Joseph
+Gumilla, de la Compania de Jesus, Missionero, y Superior de las Misiones
+del Orinoco, Meta, y Casanare, Calificador, y Consultor del Santo Tribunal
+de la Inquisicion de Cartagena de Indias, y Examinador Synodal del Mismo
+Obispado, Provincial que fue de su Provincia del Nuevo Reyno de Granada, y
+actual Procurador a emtrambas Curias, por sus dichas Missiones y
+Provincia. Segunda Impression, revista y aumentada por su mismo Autor y
+dividida en dos partes. (Dos volumenes)._ Madrid Por Manuel Fernandez,
+Impressor de el Supremo Consejo de la Inquisicion, y de la Reverenda
+Camara Apostolica, en la Caba Baxa. 1745
+LA CONDAMINE, CHARLES-MARIE DE _Geschichte der zehenjaehrigen Reisen der
+Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Paris vornemlich des Herrn
+de la Condamine nach Peru in America in den Jahren 1735 bis 1745 worinne
+ausser verschiedenen Nachrichten von der gegenwaertigen Beschaffenheit der
+spanischen Colonien in America, und einer vollstaendigen Beschreibung des
+beruehmten Amazonenflusses, auch noch verschiedene und besondere
+Anmerkungen zur Aufnahme der Sternkunde, Erdbeschreibung und Naturlehre
+befindlich sind, herausgegeben und mit einigen Beylagen und Kupfern
+begleitet von J. C. S._ Erfurt Johann Friedrich Hartung 1763
+LA CONDAMINE, CHARLES-MARIE DE _Relation abregee d?un Voyage fait dans
+l?Interieur de l?Amerique Meridionale. Depuis la Cote de la Mer du Sud,
+jusqu? aux Cotes du Bresil & de la Guiane, en descendant La Riviere des
+Amazones; Lue a l?Assemblee publique de l?Academie des Sciences, le 28.
+Avril 1745. Par M. de la Condamine, de la meme Academie._ Paris la Veuve
+Pissot 1745
+OVIEDO Y BANOS, JOSEPH DE _Historia de la Conquista, y Poblacion de la
+Provincia de Venezuela. Escrita por D. Joseph de Oviedo y Banos Vecino de
+la Ciudad de Santiago de Leon de Caracas. Quien la Consagra, y dedica a su
+Hermano el Senor D. Diego Antonio de Oviedo y Banos, Oydor de las reales
+Audiencias de Santo Domingo, Guatemala, y Mexico, del Consejo de su
+Magestad en el Real, y Supremo de las Indias. Primera parte. Con
+Privilegio._ Madrid en la Imprenta de D. Gregorio Hermosilla, en la calle
+de los Jardines 1723
+SAINT PIERRE, BERNARDIN DE _Paul et Virginie_ 1788
+RALEGH, SIR WALTER _Die Fuenffte Kurtze Wunderbare Beschreibung dess
+Goldreichen Koenigsreichs Guianae in America oder newen Welt unter der linea
+AEquinoctiali gelegen: So newlich Anno 1594. 1595. vnd 1596. von dem
+Wolgebornen Hern, Hern Walthero Raleigh einem Engelischen Ritter, besucht
+worden: Erstlich auf Befehl seiner Gnaden in zweyen Buechlein beschrieben,
+darauss Jodocus Hondius, eine schoene Landt Tafel, mit einer
+Niderlaendischen Erklaerung gemacht. Jetzt aber ins Hochteutsch gebracht,
+vnd auss vnterschiedlichen Authoribus erklaeret._ Frankfurt (Main) Leuini
+Hulsii Wittibe 1612
+RALEGH, SIR WALTER _The Discoverie of the Large, Rich, And Beavtifvl
+Empire of Gviana, With a relation of the great and Golden Citie of Manoa,
+(which the Spanyards call El Dorado) And of the Prouinces of Emeria,
+Arromaia, Amapaia, and other Countries, with their riuers adioyning.
+Performed in the yeare 1595. by Sir W. Ralegh Knight, Captaine of her
+Maiesties Guard, Lo. Warden of the Scanneries, and her Highnesse
+Lieutenant generall of the Countie of Cornewall._ London Robert Robinson
+1598
+THEOPHYLACTUS SIMOCATTA _Theophylacti Simocatae Quaestiones physicae nunquam
+antehac editae. Eiusdem, Epistolae morales, rusticae, amatoriae. Cassii
+Quaestiones medicae. Iuliani Imp. Galli Caes. Basilij, & Greg. Nazianzeni
+Epistolae aliquot nunc primu?m editae; opera Bon. Vulcanii Brugensis._
+Lugduni Batauorum Ex officina Ioannis Balduini. M.D. XCVII.
+
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN DES KORREKTURLESERS
+
+
+Vom Korrekturleser wurden mehrere Aenderungen am Originaltext vorgenommen.
+Inkonsistente Schreibweisen, die nichts an der Aussprache des Wortes
+aendern, wurden im Text belassen.
+
+Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden
+geaenderten Fassung.
+
+
+
+ die beruehmte Sagopalme der Guaraons-Indianer;
+ die beruehmte Sagopalme der Guaranos-Indianer;
+
+ wenn es sich von ganz unbedeutenden Hoehenunterschieden handelt.
+ wenn es sich um ganz unbedeutenden Hoehenunterschied handelt.
+
+ trafen wir Muecken der Gattung Simulium und Zanducos an,
+ trafen wir Muecken der Gattung Simulium und Zancudos an,
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 3.***
+
+
+
+
+CREDITS
+
+
+March 8, 2009
+
+ Project Gutenberg TEI edition 01
+ R. Stephan
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+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
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+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
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+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
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+
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+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
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+paragraph 1.E.1.
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+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
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+Section 2.
+
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+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
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+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
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+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+
+Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
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+with offers to donate.
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
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+
+
+
+Section 5.
+
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+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
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