diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:37:58 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:37:58 -0700 |
| commit | c6261d19828b0eae6d866ed61ea92a349685070a (patch) | |
| tree | deb08b368f1034f221fce14332eb87f15c46576a /28280.txt | |
Diffstat (limited to '28280.txt')
| -rw-r--r-- | 28280.txt | 11010 |
1 files changed, 11010 insertions, 0 deletions
diff --git a/28280.txt b/28280.txt new file mode 100644 index 0000000..ddabc9d --- /dev/null +++ b/28280.txt @@ -0,0 +1,11010 @@ +The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des +neuen Continents. Band 3. by Alexander von Humboldt + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3. + +Author: Alexander von Humboldt + +Release Date: , March 8, 2009 [Ebook #28280] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 3.*** + + + + + +Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3. + + +by Alexander von Humboldt + + + + +Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 8, 2009) + + + + + + In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff. + + Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers. + + Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache. + + ------------------ + + 1859 + + ------------------ + + Dritter Band + + + + + +INHALT + + +Achzehntes Kapitel. +Neunzehntes Kapitel. +Zwanzigstes Kapitel. +Einundzwanzigstes Kapitel. +Zweiundzwanzigstes Kapitel. +Dreiundzwanzigstes Kapitel. +Liste explizit genannter Werke +Anmerkungen des Korrekturlesers + + + + + + +ACHZEHNTES KAPITEL. + + + San Fernando de Apure. -- Verschlingungen und Gabeltheilungen der + Fluesse Apure und Arauca. -- Fahrt auf dem Rio Apure. + + +Bis in die zweite Haelfte des achtzehnten Jahrhunderts waren die grossen +Fluesse Apure, Payara, Arauea und Meta in Europa kaum dem Namen nach +bekannt, ja weniger als in den vorhergehenden Jahrhunderten, als der +tapfere Felipe de Urre und die Eroberer von Tocuyo durch die Llanos zogen, +um jenseits des Apure die grosse Stadt des Dorado und das reiche Land +Omaguas, das Tombuctu des neuen Continents, aufzusuchen. So kuehne Zuege +waren nur in voller Kriegsruestung auszufuehren. Auch wurden die Waffen, die +nur die neuen Ansiedler schuetzen sollten, bestaendig wider die +ungluecklichen Eingeborenen gekehrt. Als diesen Zeiten der Gewaltthaetigkeit +und der allgemeinen Noth friedlichere Zeiten folgten, machten sich zwei +maechtige indianische Volksstaemme, die Cabres und die Caraiben vom Orinoco, +zu Herren des Landes, welches die Conquistadoren jetzt nicht mehr +verheerten. Von nun an war es nur noch armen Moenchen gestattet, suedlich +von den Steppen den Fuss zu setzen. Jenseits des Uritucu begann fuer die +spanischen Ansiedler eine neue Welt, und die Nachkommen der +unerschrockenen Krieger, die von Peru bis zu den Kuesten von Neu-Grenada +und an den Amazonenstrom alles Land erobert hatten, kannten nicht die +Wege, die von Coro an den Rio Meta fuehren. Das Kuestenland von Venezuela +blieb isolirt, und mit den langsamen Eroberungen der Missionaere von der +Gesellschaft Jesu wollte es nur laengs der Ufer des Orinoco gluecken. Diese +Vaeter waren bereits bis ueber die Katarakten von Atures und Maypures +hinausgedrungen, als die andalusischen Kapuziner von der Kueste und den +Thaelern von Aragua aus kaum die Ebenen von Calabozo erreicht hatten. Aus +den verschiedenen Ordensregeln laesst sich ein solcher Contrast nicht wohl +erklaeren; vielmehr ist der Charakter des Landes ein Hauptmoment, ob die +Missionen raschere oder langsamere Fortschritte machen. Mitten im Lande, +in Gebirgen oder auf Steppen, ueberall, wo sie nicht am selben Flusse +fortgehen, dringen sie nur langsam vor. Man sollte es kaum glauben, dass +die Stadt San Fernando am Apure, die in gerader Linie nur fuenfzig Meilen +von dem am fruehesten bevoelkerten Kuestenstrich von Caracas liegt, erst im +Jahre 1789 gegruendet worden ist. Man zeigte uns ein Pergament voll +huebscher Malereien, die Stiftungsurkunde der kleinen Stadt. Dieselbe war +auf Ansuchen der Moenche aus Madrid gekommen, als man noch nichts sah als +ein paar Rohrhuetten um ein grosses, mitten im Flecken aufgerichtetes Kreuz. +Da die Missionaere und die weltlichen obersten Behoerden gleiches Interesse +haben, in Europa ihre Bemuehungen fuer Foerderung der Cultur und der +Bevoelkerung in den Provinzen ueber dem Meer in uebertriebenem Lichte +erscheinen zu lassen, so kommt es oft vor, dass Stadt- und Dorfnamen lange +vor der wirklichen Gruendung in der Liste der neuen *Eroberungen* +aufgefuehrt werden. Wir werden an den Ufern des Orinoco und des Cassiquiare +dergleichen Ortschaften nennen, die laengst projektirt waren, aber nie +anderswo standen als auf den in Rom und Madrid gestochenen Missionskarten. + +San Fernando, an einem grossen schiffbaren Strome, nahe bei der Einmuendung +eines andern, der die ganze Provinz Barinas durchzieht, ist fuer den Handel +ungemein guenstig gelegen. Alle Produkte dieser Provinz, Haeute, Cacao, +Baumwolle, der Indigo von Mijagual, der ausgezeichnet gut ist, gehen ueber +diese Stadt nach den Muendungen des Orinoco. In der Regenzeit kommen grosse +Fahrzeuge von Angostura nach San Francisco herauf, so wie auf dem Rio +Santo Domingo nach Torunos, dem Hafen der Stadt Barinas. Um diese Zeit +treten die Fluesse aus und zwischen dem Apure, dem Capanaparo und Sinaruco +bildet sich dann ein wahres Labyrinth von Verzweigungen, das ueber eine +Flaeche Landes von 400 Quadratmeilen reicht. Hier ist der Punkt, wo der +Orinoco, nicht wegen naher Berge, sondern durch das Gefaelle der Gegenhaenge +seinen Lauf aendert und sofort, statt wie bisher die Richtung eines +Meridians zu verfolgen, ostwaerts fliesst. Betrachtet man die Erdoberflaeche +als einen vielseitigen Koerper mit verschieden geneigten Flaechen, so +springt schon bei einem Blick auf die Karten in die Augen, dass zwischen +San Fernando am Apure, Caycara und der Muendung des Meta drei Gehaenge, die +gegen Nord, West und Sued ansteigen, sich durchschneiden, wodurch eine +bedeutende Bodensenkung entstehen musste. In diesem Becken steht in der +Regenzeit das Wasser 12--14 Fuss hoch auf den Grasfluren, so dass sie einem +maechtigen See gleichen. Die Doerfer und Hoefe, die gleichsam auf Untiefen +dieses Sees liegen, stehen kaum 2--3 Fuss ueber dem Wasser. Alles erinnert +hier an die Ueberschwemmung in Unteraegypten und an die Laguna de Xarayes, +die frueher bei den Geographen so vielberufen war, obgleich sie nur ein +paar Monate im Jahr besteht. Das Austreten der Fluesse Apure, Meta und +Orinoco ist ebenso an eine bestimmte Zeit gebunden. In der Regenzeit gehen +die Pferde, welche in der Savane wild leben, zu Hunderten zu Grunde, weil +sie die Plateaus oder die gewoelbten Erhoehungen in den Llanos nicht +erreichen konnten. Man sieht die Stuten, hinter ihnen ihre Fuellen, einen +Theil des Tags herumschwimmen und die Graeser abweiden, die nur mit den +Spitzen ueber das Wasser reichen. Sie werden dabei von Krokodilen +angefallen, und man sieht nicht selten Pferde, die an den Schenkeln Spuren +von den Zaehnen dieser fleischfressenden Reptilien aufzuweisen haben. Die +Aase von Pferden, Maulthieren und Kuehen ziehen zahllose Geier herbei. Die +*Zamuros* [_Vultur aura_] sind die Ibis oder vielmehr Percnopterus des +Landes. Sie haben ganz den Habitus des _'Huhns der Pharaonen'_ und leisten +den Bewohnern der Llanos dieselben Dienste, wie der _Vultur Percnopterus_ +den Egyptern. + +Ueberdenkt man die Wirkungen dieser Ueberschwemmungen, so kann man nicht +umhin, dabei zu verweilen, wie wunderbar biegsam die Organisation der +Thiere ist, die der Mensch seiner Herrschaft unterworfen hat. In Groenland +frisst der Hund die Abfaelle beim Fischfang, und gibt es keine Fische, so +naehrt er sich von Seegras. Der Esel und das Pferd, die aus den kalten, +duerren Ebenen Hochasiens stammen, begleiten den Menschen in die neue Welt, +treten hier in den wilden Zustand zurueck und fristen im heissen tropischen +Klima ihr Leben unter Unruhe und Beschwerden. Jetzt von uebermaessiger Duerre +und darauf von uebermaessiger Naesse geplagt, suchen sie bald, um ihren Durst +zu loeschen, eine Lache auf dem kahlen, staubigten Boden, bald fluechten sie +sich vor den Wassern der austretenden Fluesse, vor einem Feinde, der sie +von allen Seiten umzingelt. Den Tag ueber werden Pferde, Maulthiere und +Rinder von Bremsen und Moskitos gepeinigt, und bei Nacht von ungeheuren +Fledermaeusen angefallen, die sich in ihren Ruecken einkrallen und ihnen +desto schlimmere Wunden beibringen, da alsbald Milben und andere boesartige +Insekten in Menge hineinkommen. Zur Zeit der grossen Duerre benagen die +Maulthiere sogar den ganz mit Stacheln besetzten Melocactus,(1) um zum +erfrischenden Saft und so gleichsam zu einer vegetabilischen Wasserquelle +zu gelangen. Waehrend der grossen Ueberschwemmungen leben dieselben Thiere +wahrhaft amphibisch, in Gesellschaft von Krokodilen, Wasserschlangen und +Seekuehen. Und dennoch erhaelt sich, nach den unabaenderlichen Gesetzen der +Natur, ihre Stammart im Kampf mit den Elementen, mitten unter zahllosen +Plagen und Gefahren. Faellt das Wasser wieder, kehren die Fluesse in ihre +Betten zurueck, so ueberzieht sich die Savane mit zartem, angenehm duftendem +Gras, und im Herzen des heissen Landstrichs scheinen die Thiere des alten +Europas und Hochasiens in ihr Heimathland versetzt zu seyn und sich des +neuen Fruehlingsgruens zu freuen. + +Waehrend des hohen Wasserstandes gehen die Bewohner dieser Laender, um die +starke Stroemung und die gefaehrlichen Baumstaemme, die sie treibt, zu +vermeiden, in ihren Canoes nicht in den Flussbetten hinauf, sondern fahren +ueber die Grasfluren. Will man von San Fernando nach den Doerfern San Juan +de Payara, San Raphael de Atamaica oder San Francisco de Capanaparo, +wendet man sich gerade nach Sued, als fuehre man auf einem einzigen 20 +Meilen breiten Strome. Die Fluesse Guarico, Apure, Cabullare und Arauca +bilden da, wo sie sich in den Orinoco ergiessen, 160 Meilen von der Kueste +von Guyana, eine Art *Binnendelta*, dergleichen die Hydrographie in der +alten Welt wenige aufzuweisen hat. Nach der Hoehe des Quecksilbers im +Barometer hat der Apure von San Fernando bis zur See nur ein Gefaelle von +34 Toisen. Dieser Fall ist so unbedeutend als der von der Einmuendung des +Osageflusses und des Missouri in den Mississippi bis zur Barre desselben. +Die Savanen in Nieder-Louisiana erinnern ueberhaupt in allen Stuecken an die +Savanen am untern Orinoco. + +Wir hielten uns drei Tage in der kleinen Stadt San Francisco auf. Wir +wohnten beim Missionaer, einem sehr wohlhabenden Kapuziner. Wir waren vom +Bischof von Caracas an ihn empfohlen und er bewies uns die groesste +Aufmerksamkeit und Gefaelligkeit. Man hatte Uferbauten unternommen, damit +der Fluss den Boden, auf dem die Stadt liegt, nicht unterwuehlen koennte, und +er zog mich desshalb zu Rath. Durch den Einfluss der Portuguesa in den Apure +wird dieser nach Suedost gedraengt, und statt dem Fluss freieren Lauf zu +verschaffen, hatte man Daemme und Deiche gebaut, um ihn einzuengen. Es war +leicht vorauszusagen, dass, wenn die Fluesse stark austraten, diese Wehren +um so schneller weggeschwemmt werden mussten, da man das Erdreich zu den +Wasserbauten hinter dem Damme genommen und so das Ufer geschwaecht hatte. + +San Fernando ist beruechtigt wegen der unmaessigen Hitze, die hier den +groessten Theil des Jahres herrscht, und bevor ich von unserer langen Fahrt +auf den Stroemen berichte, fuehre ich hier einige Beobachtungen an, welche +fuer die Meteorologie der Tropenlaender nicht ohne Werth seyn moegen. Wir +begaben uns mit Thermometern aus das mit weissem Sand bedeckte Gestade am +Apure. Um 2 Uhr Nachmittags zeigte der Sand ueberall, wo er der Sonne +ausgesetzt war, 52 deg.,5 [42 deg. R]. In achtzehn Zoll Hoehe ueber dem Sand stand +der Thermometer auf 42 deg., in sechs Fuss Hoehe auf 38 deg.,7. Die Lufttemperatur +im Schatten eines Ceibabaums war 36 deg.,2. Diese Beobachtungen wurden bei +voellig stiller Luft gemacht. Sobald der Wind zu wehen anfing, stieg die +Temperatur der Luft um 3 Grad, und doch befanden wir uns in keinem +_'Sandwind'_. Es waren vielmehr Luftschichten, die mit einem stark +erhitzten Boden in Beruehrung gewesen, oder durch welche _'Sandhosen'_ +durchgegangen waren. Dieser westliche Strich der Llanos ist der heisseste, +weil ihm die Luft zugefuehrt wird, welche bereits ueber die ganze duerre +Steppe weggegangen ist. Denselben Unterschied hat man zwischen den +oestlichen und westlichen Strichen der afrikanischen Wuesten da bemerkt, wo +die Passate wehen. -- In der Regenzeit nimmt die Hitze in den Llanos +bedeutend zu, besonders im Juli, wenn der Himmel bedeckt ist und die +strahlende Waerme gegen den Erdboden zurueckwirft. In dieser Zeit hoert der +Seewind ganz auf, und nach POZO's guten thermometrischen Beobachtungen +steigt der Thermometer im Schatten auf 39--39 deg.,5 [31 deg.,2--31 deg.,6 R], und +zwar noch ueber 15 Fuss vom Boden. Je naeher wir den Fluessen Portugueza, +Apure und Apurito kamen, desto kuehler wurde die Luft, in Folge der +Verdunstung so ansehnlicher Wassermassen. Diess ist besonders bei +Sonnenaufgang fuehlbar; den Tag ueber werfen die mit weissem Sand bedeckten +Flussufer die Sonnenstrahlen auf unertraegliche Weise zurueck, mehr als der +gelbbraune Thonboden um Calabozo und Tisnao. + +Am 28. Maerz bei Sonnenaufgang befand ich mich am Ufer, um die Breite des +Apure zu messen. Sie betraegt 206 Toisen. Es donnerte von allen Seiten; es +war diess das erste Gewitter und der erste Regen der Jahreszeit. Der Fluss +schlug beim Ostwind starke Wellen, aber bald wurde die Luft wieder still, +und alsbald fingen grosse Cetaceen aus der Familie der Spritzfische, ganz +aehnlich den Delphinen unserer Meere, an sich in langen Reihen an der +Wasserflaeche zu tummeln. Die Krokodile, langsam und traege, schienen die +Naehe dieser laermenden, in ihren Bewegungen ungestuemen Thiere zu scheuen; +wir sahen sie untertauchen, wenn die Spritzfische ihnen nahe kamen. Dass +Cetaceen so weit von der Kueste vorkommen, ist sehr auffallend. Die Spanier +in den Missionen nennen sie, wie die Seedelphine, *Toninas*; ihr +indianischer Name ist _Orinucua_. Sie sind 3--4 Fuss lang und zeigen, wenn +sie den Ruecken kruemmen und mit dem Schwanz auf die untern Wasserschichten +schlagen, ein Stueck des Rueckens und der Rueckenflosse. Ich konnte keines +Stuecks habhaft werden, so oft ich auch Indianer aufforderte, mit Pfeilen +auf sie zu schiessen. Pater Gili versichert, die Guamos essen das Fleisch +derselben. Gehoeren diese Cetaceen den grossen Stroemen Suedamerikas +eigenthuemlich an, wie der Lamantin (die Seekuh), der nach CUVIER's +anatomischen Untersuchungen gleichfalls ein *Suesswassersaeugethier* ist, +oder soll man annehmen, dass sie aus der See gegen die Stroemung so weit +heraufkommen, wie in den asiatischen Fluessen der _Delphinapterus Beluga_ +zuweilen thut? Was mir letztere Vermuthung unwahrscheinlich macht, ist der +Umstand, dass wir im Rio Atabapo, oberhalb der grossen Faelle des Orinoco, +Toninas angetroffen haben. Sollten sie von der Muendung des Amazonenstroms +her durch die Verbindungen desselben mit dem Rio Negro, Cassiquiare und +Orinoco bis in das Herz von Suedamerika gekommen seyn? Man trifft sie dort +in allen Jahreszeiten an und keine Spur scheint anzudeuten, dass sie zu +bestimmten Zeiten wandern wie die Lachse. + +Waehrend es bereits rings um uns donnerte, zeigten sich am Himmel nur +einzelne Wolken, die langsam, und zwar in entgegengesetzter Richtung dem +Zenith zuzogen. DELUC's Hygrometer stand auf 53 deg., der Thermometer auf +23 deg.,7; der Elektrometer mit rauchendem Docht zeigte keine Spur von +Elektricitaet. Waehrend das Gewitter sich zusammenzog, wurde die Farbe des +Himmels zuerst dunkelblau und dann grau. Die Dunstblaeschen wurden sichtbar +und der Thermometer stieg um 3 Grad, wie fast immer unter den Tropen bei +bedecktem Himmel, weil dieser die strahlende Waerme des Bodens zurueckwirft. +Jetzt goss der Regen in Stroemen nieder. Wir waren hinlaenglich an das Klima +gewoehnt, um von einem tropischen Regen keinen Nachtheil fuerchten zu +duerfen; so blieben wir denn am Ufer, um den Gang des Elektrometers genau +zu beobachten. Ich hielt ihn 6 Fuss ueber dem Boden 20 Minuten lang in der +Hand und sah die Fliedermarkkuegelchen meist nur wenige Secunden vor dem +Blitz auseinander gehen, und zwar 4 Linien. Die elektrische Ladung blieb +sich mehrere Minuten lang gleich; wir hatten Zeit, mittelst einer +Siegellackstange die Art der Elektricitaet zu untersuchen, und so sah ich +hier, wie spaeter oft auf dem Ruecken der Anden waehrend eines Gewitters, dass +die Luftelektricitaet zuerst Positiv war, dann Null und endlich negativ +wurde. Dieser Wechsel zwischen Positiv und Negativ (zwischen Glas- und +Harzelektricitaet) wiederholte sich oefters. Indessen zeigte der +Elektrometer ein wenig vor dem Blitz immer nur Null oder positive +Elektricitaet, niemals negative. Gegen das Ende des Gewitters wurde der +Westwind sehr heftig. Die Wolken zerstreuten sich und der Thermometer fiel +auf 22 deg., in Folge der Verdunstung am Boden und der freieren Waermestrahlung +gegen den Himmel. + +Ich bin hier naeher auf Einzelnes ueber elektrische Spannung der Luft +eingegangen, weil die Reisenden sich meist darauf beschraenken, den +Eindruck zu beschreiben, den ein tropisches Gewitter auf einen neu +angekommenen Europaeer macht. In einem Land, wo das Jahr in zwei grosse +Haelften zerfaellt, in die trockene und in die nasse Jahreszeit, oder, wie +die Indianer in ihrer ausdrucksvollen Sprache sagen, in *Sonnenzeit* und +in *Regenzeit*, ist es von grossem Interesse, den Verlauf der +meteorologischen Erscheinungen beim Uebergang von einer Jahreszeit zur +andern zu verfolgen. Bereits seit dem 18. und 19. Februar hatten wir in +den Thaelern von Aragua mit Einbruch der Nacht Wolken aufziehen sehen. Mit +Anfang Maerz wurde die Anhaeufung sichtbarer Dunstblaeschen und damit die +Anzeichen von Luftelektricitaet von Tag zu Tag staerker. Wir sahen gegen Sued +wetterleuchten und der VOLTA'sche Elektrometer zeigte bei Sonnenuntergang +fortwaehrend Glaselektricitaet. Mit Einbruch der Nacht wichen die +Fliedermarkkuegelchen, die sich den Tag ueber nicht geruehrt, 3--4 Linien +auseinander, dreimal weiter, als ich in Europa mit demselben Instrument +bei heiterem Wetter in der Regel beobachtet. Vom 26. Mai an schien nun +aber das elektrische Gleichgewicht in der Luft voellig gestoert. Stundenlang +war die Elektricitaet Null, wurde dann sehr stark -- 4 bis 5 Linien -- und +bald daraus war sie wieder unmerklich. DELUC's Hygrometer zeigte +fortwaehrend grosse Trockenheit an, 33--35 deg., und dennoch schien die Luft +nicht mehr dieselbe. Waehrend dieses bestaendigen Schwankens der +Luftelektricitaet fingen die kahlen Baeume bereits an frische Blaetter zu +treiben, als haetten sie ein Vorgefuehl vom nahenden Fruehling. + +Der Witterungswechsel, den wir hier beschrieben, bezieht sich nicht etwa +auf ein einzelnes Jahr. In der Aequinoctialzone folgen alle Erscheinungen +in wunderbarer Einfoermigkeit auf einander, weil die lebendigen Kraefte der +Natur sich nach leicht erkennbaren Gesetzen beschraenken und im +Gleichgewicht halten. Im Binnenlande, ostwaerts von den Cordilleren von +Merida und Neu-Grenada, in den Llanos von Venezuela und am Rio Meta, +zwischen dem 4. und 10. Breitegrad, aller Orten, wo es vom Mai bis Oktober +bestaendig regnet und demnach die Zeit der groessten Hitze, die im Juli und +August eintritt, in die Regenzeit faellt, nehmen die atmosphaerischen +Erscheinungen folgenden Verlauf. + +Unvergleichlich ist die Reinheit der Luft vom December bis in den Februar. +Der Himmel ist bestaendig wolkenlos, und zieht je Gewoelk auf, so ist das +ein Phaenomen, das die ganze Einwohnerschaft beschaeftigt. Der Wind blaest +stark aus Ost und Ost-Nord-Ost. Da er bestaendig Luft von der gleichen +Temperatur herfuehrt, so koennen die Duenste nicht durch Abkuehlung sichtbar +werden. Gegen Ende Februar und zu Anfang Maerz ist das Blau des Himmels +nicht mehr so dunkel, der Hygrometer zeigt allmaehlig staerkere Feuchtigkeit +an, die Sterne sind zuweilen von einer feinen Dunstschicht umschleiert, +ihr Licht ist nicht mehr planetarisch ruhig, man sieht sie hin und wieder +bis zu 20 Grad ueber dem Horizont flimmern. Um diese Zeit wird der Wind +schwaecher, unregelmaessiger, und es tritt oefter als zuvor voellige Windstille +ein. In Sued-Sued-Ost ziehen Wolken auf. Sie erscheinen wie ferne Gebirge +mit sehr scharfen Umrissen. Von Zeit zu Zeit loesen sie sich vom Horizont +ab und laufen ueber das Himmelsgewoelbe mit einer Schnelligkeit, die mit dem +schwachen Wind in den untern Luftschichten ausser Verhaeltniss steht. Zu Ende +Maerz wird das suedliche Stueck des Himmels von kleinen, leuchtenden +elektrischen Entladungen durchzuckt, phosphorischen Ausleuchtungen, die +immer nur von Einer Dunstmasse auszugehen scheinen. Von nun an dreht sich +der Wind von Zeit zu Zeit und auf mehrere Stunden nach West und Suedwest. +Es ist diess ein sicheres Zeichen, dass die Regenzeit bevorsteht, die am +Orinoco gegen Ende April eintritt. Der Himmel faengt an sich zu beziehen, +das Blau verschwindet und macht einem gleichfoermigen Grau Platz. Zugleich +nimmt die Luftwaerme stetig zu, und nicht lange, so sind nicht mehr Wolken +am Himmel, sondern verdichtete Wasserduenste huellen ihn vollkommen ein. +Lange vor Sonnenaufgang erheben die Bruellaffen ihr klaegliches Geschrei. +Die Luftelektricitaet, die waehrend der grossen Duerre vom December bis Maerz +bei Tag fast bestaendig gleich 1,7--2 Linien am VOLTAschen Elektrometer +war, faengt mit dem Maerz an aeusserst veraenderlich zu werden. Ganze Tage lang +ist sie Null, und dann weichen wieder die Fliedermarkkuegelchen ein paar +Stunden lang 3--4 Linien auseinander. Die Luftelektricitaet, die in der +heissen wie in der gemaessigtenz Zone in der Regel Glaselektricitaet ist, +schlaegt auf 8--10 Minuten in Harzelektricitaet um. Die Regenzeit ist die +Zeit der Gewitter, und doch erscheint als Ergebniss meiner zahlreichen, +dreijaehrigen Beobachtungen, dass gerade in dieser Gewitterzeit die +elektrische Spannung in den tiefen Luftregionen geringer ist. Sind die +Gewitter die Folge dieser ungleichen Ladung der ueber einander gelagerten +Luftschichten? Was hindert die Elektricitaet in einer Luft, die schon seit +Merz feuchter geworden, auf den Boden herabzukommen? Um diese Zeit scheint +die Elektricitaet nicht durch die ganze Luft verbreitet, sondern auf der +aeussern Huelle, auf der Oberflaeche der Wolken angehaeuft zu seyn. Dass sich +das elektrische Fluidum an die Oberflaeche der Wolke zieht, ist, nach +GAY-LUSSAC, eben eine Folge der Wolkenbildung. In den Ebenen steigt das +Gewitter zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den Meridian aus, +also kurze Zeit nach dem Eintritt des taeglichen Waermemaximums unter den +Tropen. Im Binnenlande hoert man bei Nacht oder Morgens aeusserst selten +donnern; naechtliche Gewitter kommen nur in gewissen Flussthaelern vor, die +ein eigenthuemliches Klima haben. + +Auf welchen Ursachen beruht es nun, dass das Gleichgewicht in der +elektrischen Spannung der Luft gestoert wird, dass sich die Duenste +fortwaehrend zu Wasser verdichten, dass der Wind aufhoert, dass die Regenzeit +eintritt und so lange anhaelt? Ich bezweifle, dass die Elektricitaet bei +Bildung der Dunstblaeschen mitwirkt; durch diese Bildung wird vielmehr nur +die elektrische Spannung gesteigert und modificirt. Noerdlich und suedlich +vom Aequator kommen die Gewitter oder die grossen Entladungen in der +gemaessigten und in der aequinoctialen Zone um dieselbe Zeit vor. Besteht ein +Moment, das durch das grosse Luftmeer aus jener Zone gegen die Tropen her +wirkt? Wie laesst sich denken, dass in letzterem Himmelsstrich, wo die Sonne +sich immer so hoch ueber den Horizont erhebt, der Durchgang des Gestirns +durch das Zenith bedeutenden Einfluss auf die Vorgaenge in der Luft haben +sollte? Nach meiner Ansicht ist die Ursache, welche unter den Tropen das +Eintreten des Regens bedingt, keine oertliche, und das scheinbar so +verwickelte Problem wuerde sich wohl unschwer loesen, wenn wir mit den obern +Luftstroemungen besser bekannt waeren. Wir koennen nur beobachten, was in den +untern Luftschichten vorgeht. Ueber 2000 Toisen Meereshoehe sind die Anden +fast unbewohnt, und in dieser Hoehe aeussern die Naehe des Bodens und die +Gebirgsmassen, welche die *Untiefen* im Luftocean sind, bedeutenden +Einfluss auf die umgebende Luft. Was man auf der Hochebene am Antisana +beobachtet, ist etwas Anderes, als was man wahrnaehme, wenn man in +derselben Hoehe in einem Luftballon ueber den Llanos oder ueber der +Meeresflaeche schwebte. + +Wie wir gesehen haben, faellt in der noerdlichen Aequinoctialzone der Anfang +der Regenniederschlaege und Gewitter zusammen mit dem Durchgang der Sonne +durch das Zenith des Orts, mit dem Aufhoeren der See- oder Nordostwinde, +mit dem haeufigen Eintreten von Windstillen und _'Bendavales'_, das heisst +heftigen Suedost- und Suedwestwinden bei bedecktem Himmel. Vergegenwaertigt +man sich die allgemeinen Gesetze des Gleichgewichts, denen die Gasmassen, +aus denen unsere Atmosphaere besteht, gehorchen, so ist, nach meiner +Ansicht, in den Momenten, dass der Strom, der vom *gleichnamigen* Pol +herblaest, unterbrochen wird, dass die Luft in der heissen Zone sich nicht +mehr erneuert, und dass fortwaehrend ein feuchter Strom aufwaerts geht, +einfach die Ursache zu suchen, warum jene Erscheinungen zusammenfallen. So +lange noerdlich vom Aequator der Seewind aus Nordost mit voller Kraft +blaest, laesst er die Luft ueber den tropischen Laendern und Meeren sich nicht +mit Wasserdunst saettigen. Die heisse, trockene Luft dieser Erdstriche +steigt aufwaerts und fliesst den Polen zu ab, waehrend untere, trockenere und +kaeltere Luft herbeifuehrende Polarstroemungen jeden Augenblick die +aufsteigenden Luftsaeulen ersetzen. Bei diesem unaufhoerlichen Spiel zweier +entgegengesetzten Luftstroemungen kann sich die Feuchtigkeit in der +Aequatorialzone nicht anhaeufen, sondern wird kalten und gemaessigten +Regionen zugefuehrt. Waehrend dieser Zeit der Nordostwinde, wo sich die +Sonne in den suedlichen Zeichen befindet, bleibt der Himmel in der +noerdlichen Aequatorialzone bestaendig heiter. Die Dunstblaeschen verdichten +sich nicht, weil die bestaendig erneuerte Luft weit vom Saettigungspunkt +entfernt ist. Jemehr die Sonne nach ihrem Eintritt in die noerdlichen +Zeichen gegen das Zenith heraufrueckt, desto mehr legt sich der Nordostwind +und hoert nach und nach ganz auf. Der Temperaturunterschied zwischen den +Tropen und der noerdlichen gemaessigten Zone ist jetzt der kleinstmoegliche. +Es ist Sommer am Nordpol, und waehrend die mittlere Wintertemperatur unter +dem 42.--52. Grad der Breite um 20--26 Grad niedriger ist als die +Temperatur unter dem Aequator, betraegt der Unterschied im Sommer kaum 4--6 +Grad. Steht nun die Sonne im Zenith und hoert der Nordostwind auf, so +treten die Ursachen, welche Feuchtigkeit erzeugen und sie in der +noerdlichen Aequinoctialzone anhaeufen, zumal in vermehrte Wirksamkeit. Die +Luftsaeule ueber dieser Zone saettigt sich mit Wasserdampf, weil sie nicht +mehr durch den Polarstrom erneuert wird. In dieser gesaettigten und durch +die vereinten Wirkungen der Strahlung und der Ausdehnung beim Aufsteigen +erkalteten Luft bilden sich Wolken. Im Maass als diese Luft sich verduennt, +nimmt ihre Waermecapacitaet zu. Mit der Bildung und Zusammenballung der +Dunstblaeschen haeuft sich die Elektricitaet in den obern Luftregionen an. +Den Tag ueber schlagen sich die Duenste fortwaehrend nieder; bei Nacht hoert +diess meist auf, haeufig sogar schon nach Sonnenuntergang. Die Regenguesse +sind regelmaessig am staerksten und von elektrischen Entladungen begleitet, +kurze Zeit nachdem das Maximum der Tagestemperatur eingetreten ist. Dieser +Stand der Dinge dauert an, bis die Sonne in die suedlichen Zeichen tritt. +Jetzt beginnt in der noerdlichen gemaessigten Zone die kalte Witterung. Von +nun an tritt die Luftstroemung vom Nordpol her wieder ein, weil der +Unterschied zwischen den Waermegraden im tropischen und im gemaessigten +Erdstrich mit jedem Tage bedeutender wird. Der Nordostwind blaest stark, +die Luft unter den Tropen wird erneuert und kann den Saettigungspunkt nicht +mehr erreichen. Daher hoert es auf zu regnen, die Dunstblaeschen loesen sich +auf, der Himmel wird wieder rein und blau. Von elektrischen Entladungen +ist nichts mehr zu hoeren, ohne Zweifel weil die Elektricitaet in den hohen +Luftregionen jetzt keine Haufen von Dunstblaeschen, fast haette ich gesagt, +keine Wolkenhuellen mehr antrifft, auf denen sich das Fluidum anhaeufen +koennte. + +Wir haben das Aufhoeren des Nordostwinds als die Hauptursache der +tropischen Regen betrachtet. Diese Regen dauern in jeder Halbkugel nur so +lange, als die Sonne die der Halbkugel gleichnamige Abweichung hat. Es muss +hier aber noch bemerkt werden, dass, wenn der Nordost aufhoert, nicht immer +Windstille eintritt, sondern die Ruhe der Luft haeufig, besonders laengs den +Westkuesten von Amerika, durch _'Bendavales'_, d. h. Suedwest- und +Suedostwinde unterbrochen wird. Diese Erscheinung scheint darauf +hinzuweisen, dass die feuchten Luftsaeulen, die im noerdlichen aequatorialen +Erdstrich aufsteigen, zuweilen dem Suedpol zustroemen. In der That hat in +den Laendern der heissen Zone noerdlich und suedlich vom Aequator in ihrem +Sommer, wenn die Sonne durch ihr Zenith geht, der Unterschied zwischen +ihrer Temperatur und der am *ungleichnamigen* Pol sein Maximum erreicht. +Die suedliche gemaessigte Zone hat jetzt Winter, waehrend es noerdlich vom +Aequator regnet und die mittlere Temperatur um 5--6 Grad hoeher ist als in +der trockenen Jahreszeit, wo die Sonne am tiefsten steht. Dass der Regen +fortdauert, waehrend die Bendavales wehen, beweist, dass die Luftstroemungen +vom entfernteren Pol her in der noerdlichen Aequatorialzone nicht die +Wirkung aeussern wie die vom benachbarten Pole her, weil die +Suedpolarstroemung weit feuchter ist. Die Luft, welche diese Stroemung +herbeifuehrt, kommt aus einer fast ganz mit Wasser bedeckten Halbkugel; sie +geht, bevor sie zum achten Grad noerdlicher Breite gelangt, ueber die ganze +suedliche Aequinoctialzone weg, ist folglich nicht so trocken, nicht so +kalt als der Nordpolarstrom oder der Nordostwind, und somit auch weniger +geeignet, als *Gegenstrom* aufzutreten und die Luft unter den Tropen zu +erneuern. Wenn die Bendavales an manchen Kuesten, z. B. an denen von +Guatimala, als heftige Winde austreten, so ruehrt diess ohne Zweifel daher, +dass sie nicht Folge eines allmaehligen, regelmaessigen Absiusses der +tropischen Luft gegen den Suedpol sind, sondern mit Windstillen abwechseln, +von elektrischen Entladungen begleitet sind und ihr Charakter als wahre +Stosswinde daraus hinweist, dass im Luftmeer eine Rueckstauung, eine rasche, +voruebergehende Stoerung des Gleichgewichts stattgefunden hat. + +Wir haben hier eine der wichtigsten meteorologischen Erscheinungen unter +den Tropen aus einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet. Wie die Grenzen +der Passatwinde keine mit dem Aequator parallelen Kreise bilden, so aeussert +sich auch die Wirkung der Polarluftstroemungen unter verschiedenen +Meridianen verschieden. In derselben Halbkugel haben nicht selten die +Gebirgsketten und das Kuestenland entgegengesetzte Jahreszeiten. Wir werden +in der Folge Gelegenheit haben, mehrere Anomalien der Art zu erwaehnen; +will man aber zur Erkenntniss der Naturgesetze gelangen, so muss man, bevor +man sich nach den Ursachen lokaler Erscheinungen umsieht, den *mittleren +Zustand* der Atmosphaere und die bestaendige Norm ihrer Veraenderungen +kennen. + +Das Aussehen des Himmels, der Gang der Elektricitaet und der Regenguss am +28. Merz verkuendeten den Beginn der Regenzeit; man rieth uns indessen, von +San Fernando am Apure noch ueber San Francisco de Capanaparo, ueber den Rio +Sinaruco und den Hato San Antonio nach dem kuerzlich am Ufer des Meta +gegruendeten Dorfe der Otomaken zu gehen und uns auf dem Orinoco etwas +oberhalb Carichana einzuschiffen. Dieser Landweg fuehrt durch einen +ungesunden, von Fiebern heimgesuchten Strich. Ein alter Paechter, Don +Francisco Sanchez, bot sich uns gefaellig als Fuehrer an. Seine Tracht war +ein sprechendes Bild der grossen Sitteneinfalt in diesen entlegenen +Laendern. Er hatte ein Vermoegen von mehr als hunderttausend Piastern, und +doch stieg er mit nackten Fuessen, an die maechtige silberne Sporen +geschnallt waren, zu Pferde. Wir wussten aber aus mehrwoechentlicher +Erfahrung, wie traurig einfoermig die Vegetation auf den Llanos ist, und +schlugen daher lieber den laengeren Weg auf dem Rio Apure nach dem Orinoco +ein. Wir waehlten dazu eine der sehr breiten Piroguen, welche die Spanier +_'Lanchas'_ nennen; zur Bemannung waren ein Steuermann (_el patron_) und +vier Indianer hinreichend. Am Hintertheil wurde in wenigen Stunden eine +mit Coryphablaettern gedeckte Huette hergerichtet. Sie war so geraeumig, dass +Tisch und Baenke Platz darin fanden. Letztere bestanden aus ueber Rahmen von +Brasilholz straff gespannten und angenagelten Ochsenhaeuten. Ich fuehre +diese kleinen Umstaende an, um zu zeigen, wie gut wir es auf dem Apure +hatten, gegenueber dem Leben auf dem Orinoco in den schmalen elenden +Canoes. Wir nahmen in die Pirogue Lebensmittel auf einen Monat ein. In San +Fernando(2) gibt es Huehner, Eier, Bananen, Maniocmehl und Cacao im +Ueberfluss. Der gute Pater Kapuziner gab uns Xereswein, Orangen und +Tamarinden zu kuehlender Limonade. Es war vorauszusehen, dass ein Dach aus +Palmblaettern sich im breiten Flussbett, wo man fast immer den senkrechten +Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, sehr stark erhitzen musste. Die Indianer +rechneten weniger auf die Lebensmittel, die wir angeschafft, als auf ihre +Angeln und Netze. Wir nahmen auch einige Schiessgewehre mit, die wir bis zu +den Katarakten ziemlich verbreitet fanden, waehrend weiter nach Sueden die +Missionaere wegen der uebermaessigen Feuchtigkeit der Luft keine Feuerwaffen +mehr fuehren koennen. Im Rio Apure gibt es sehr viele Fische, Seekuehe und +Schildkroeten, deren Eier allerdings naehrend, aber keine sehr angenehme +Speise sind. Die Ufer sind mit unzaehligen Voegelschaaren bevoelkert. Die +erspriesslichsten fuer uns waren der Pauxi und die Guacharaca, die man den +Truthahn und den Fasan des Landes nennen koennte. Ihr Fleisch kam mir +haerter und nicht so weiss vor als das unserer huehnerartigen Voegel in +Europa, weil sie ihre Muskeln ungleich staerker brauchen. Neben dem +Mundvorrath, dem Geraethe zum Fischfang und den Waffen vergass man nicht ein +paar Faesser Branntwein zum Tauschhandel mit den Indianern am Orinoco +einzunehmen. + +Wir fuhren von San Fernando am 30. Merz, um vier Uhr Abends, bei sehr +starker Hitze ab; der Thermometer stand im Schatten auf 34 deg., obgleich der +Wind stark aus Suedost blies. Wegen dieses widrigen Windes konnten wir +keine Segel aufziehen. Auf der ganzen Fahrt auf dem Apure, dem Orinoco und +Rio Negro begleitete uns der Schwager des Statthalters der Provinz +Barinas, Don Nicolas Sotto, der erst kuerzlich von Cadix angekommen war und +einen Ausflug nach San Fernando gemacht hatte. Um Laender kennen zu lernen, +die ein wuerdiges Ziel fuer die Wissbegierde des Europaeers sind, entschloss er +sich, mit uns vier und siebzig Tage auf einem engen, von Moskitos +wimmelnden Canoe zuzubringen. Sein geistreiches, liebenswuerdiges Wesen und +seine muntere Laune haben uns oft die Beschwerden einer zuweilen nicht +gefahrlosen Fahrt vergessen helfen. Wir fuhren am Einfluss des Apurito +vorbei und an der Insel dieses Namens hin, die vom Apure und dem Guarico +gebildet wird. Diese Insel ist im Grunde nichts als ein ganz niedriger +Landstrich, der von zwei grossen Fluessen eingefasst wird, die sich in +geringer Entfernung von einander in den Orinoco ergiessen, nachdem sie +bereits unterhalb San Fernando durch eine erste Gabelung des Apure sich +vereinigt haben. Die *Isla* del Apurito ist 22 Meilen lang und 2--3 Meilen +breit. Sie wird durch den *Cano* de la Tigrera und den *Cano* del Manati +in drei Stuecke getheilt, wovon die beiden aeussersten Isla de Blanco und +Isla de las Garzilas heissen. Ich mache hier diese umstaendlichen Angaben, +weil alle bis jetzt erschienenen Karten den Lauf und die Verzweigungen der +Gewaesser zwischen dem Guarico und dem Meta aufs sonderbarste entstellen. +Unterhalb des Apurito ist das rechte Ufer des Apure etwas besser angebaut +als das linke, wo einige Huetten der Yaruros-Indianer aus Rohr und +Palmblattstielen stehen. Sie leben von Jagd und Fischfang und sind +besonders geuebt im Erlegen der Jaguars, daher die unter dem Namen +Tigerfelle bekannten Baelge vorzueglich durch sie in die spanischen Doerfer +kommen. Ein Theil dieser Indianer ist getauft, besucht aber niemals eine +christliche Kirche. Man betrachtet sie als Wilde, weil sie unabhaengig +bleiben wollen. Andere Staemme der Yaruros leben unter der Zucht der +Missionaere im Dorfe Achaguas, suedlich vom Rio Payara. Die Leute dieser +Nation, die ich am Orinoco zu sehen Gelegenheit gehabt, haben einige Zuege +von der faelschlich so genannten tartarischen Bildung, die manchen Zweigen +der mongolischen Race zukommt. Ihr Blick ist ernst, das Auge stark in die +Laenge gezogen, die Jochbeine hervorragend, die Nase aber der ganzen Laenge +nach vorspringend. Sie sind groesser, brauner und nicht so untersetzt wie +die Chaymas. Die Missionare ruehmen die geistigen Anlagen der Yaruros, die +frueher eine maechtige, zahlreiche Nation an den Ufern des Orinoco waren, +besonders in der Gegend von Caycara, oberhalb des Einflusses des Guarico. +Wir brachten die Nacht in *Diamante* zu, einer kleinen Zuckerpflanzung, +der Insel dieses Namens gegenueber. + +Auf meiner ganzen Reise von San Fernando nach San Carlos am Rio Negro und +von dort nach der Stadt Angostura war ich bemueht, Tag fuer Tag, sey es im +Canoe, sey es im Nachtlager, aufzuschreiben, was mir Bemerkenswerthes +vorgekommen. Durch den starken Regen und die ungeheure Menge Moskitos, von +denen die Luft am Orinoco und Cassiquiare wimmelt, hat diese Arbeit +nothwendig Luecken bekommen, die ich aber wenige Tage darauf ergaenzt habe. +Die folgenden Seiten sind ein Auszug aus diesem Tagebuch. Was im Angesicht +der geschilderten Gegenstaende niedergeschrieben ist, hat ein Gepraege von +Wahrhaftigkeit (ich moechte sagen von Individualitaet), das auch den +unbedeutendsten Dingen einen gewissen Reiz gibt. Um unnoethige +Wiederholungen zu vermeiden, habe ich hin und wieder in das Tagebuch +eingetragen, was ueber die beschriebenen Gegenstaende spaeter zu meiner +Kenntniss gelangt ist. Je gewaltiger und grossartiger die Natur in den von +ungeheuren Stroemen durchzogenen Waeldern erscheint, desto strenger muss man +bei den Naturschilderungen an der Einfachheit festhalten, die das +vornehmste, oft das einzige Verdienst eines ersten Entwurfes ist. + +Am 31. Maerz. Der widrige Wind noethigte uns, bis Mittag am Ufer zu bleiben. +Wir sahen die Zuckerfelder zum Theil durch einen Brand zerstoert, der sich +aus einem nahen Wald bis hieher fortgepflanzt hatte. Die wandernden +Indianer zuenden ueberall, wo sie Nachtlager gehalten, den Wald an, und in +der duerren Jahreszeit wuerden ganze Provinzen von diesen Braenden verheert, +wenn nicht das ausnehmend harte Holz die Baeume vor der gaenzlichen +Zerstoerung schuetzte. Wir fanden Staemme des Mahagonibaums (_caoba_) und von +Desmanthus, die kaum zwei Zoll tief verkohlt waren. + +Vom Diamante an betritt man ein Gebiet, das nur von Tigern, Krokodilen und +_Chiguire_, einer grossen Art von LINNEs Gattung Cavia, bewohnt ist. Hier +sahen wir dichtgedraengte Vogelschwaerme sich vom Himmel abheben, wie eine +schwaerzlichte Wolke, deren Umrisse sich jeden Augenblick veraendern. Der +Fluss wird allmaehlig breiter. Das eine Ufer ist meist duerr und sandigt, in +Folge der Ueberschwemmungen; das andere ist hoeher und mit hochstaemmigen +Baeumen bewachsen. Hin und wieder ist der Fluss zu beiden Seiten bewaldet +und bildet einen geraden, 150 Toisen breiten Canal. Die Stellung der Baeume +ist sehr merkwuerdig. Vorne sieht man Buesche von _Sauso_ (_Hermesia +castaneifolia_) die gleichsam eine vier Schuh hohe Hecke bilden, und es +ist, als waere diese kuenstlich beschnitten. Hinter dieser Hecke kommt ein +Gehoelz von Cedrela, Brasilholz und Gayac. Die Palmen sind ziemlich selten; +man sieht nur hie und da einen Stamm der Corozo- und der stachligten +Piritupalme. Die grossen Vierfuesser dieses Landstrichs, die Tiger, Tapire +und Pecarischweine, haben Durchgaenge in die eben beschriebene Sausohecke +gebrochen, durch die sie zum trinken an den Strom gehen. Da sie sich nicht +viel daraus machen, wenn ein Canoe herbeikommt, hat man den Genuss, sie +langsam am Ufer hinstreichen zu sehen, bis sie durch eine der schmalen +Luecken im Gebuesch im Walde verschwinden. Ich gestehe, diese Auftritte, so +oft sie vorkamen, behielten immer grossen Reiz fuer mich. Die Lust, die man +empfindet, beruht nicht allein auf dem Interesse des Naturforschers, +sondern daneben auf einer Empfindung, die allen im Schoosse der Cultur +aufgewachsenen Menschen gemein ist. Man sieht sich einer neuen Welt, einer +wilden, ungezaehmten Natur gegenueber. Bald zeigt sich am Gestade der +Jaguar, der schoene amerikanische Panther; bald wandelt der Hocco (_Crax +alector_) mit schwarzem Gefieder und dem Federbusch langsam an der +Uferhecke hin. Thiere der verschiedensten Classen loesen einander ab. "_es +como in el Paraiso_" (es ist wie im Paradies), sagte unser Steuermann, ein +alter Indianer aus den Missionen. Und wirklich, Alles erinnert hier an den +Urzustand der Welt, dessen Unschuld und Glueck uralte ehrwuerdige +Ueberlieferungen allen Voelkern vor Augen stellen; beobachtet man aber das +gegenseitige Verhalten der Thiere genau, so zeigt es sich, dass sie +einander fuerchten und meiden. Das goldene Zeitalter ist vorbei, und in +diesem Paradies der amerikanischen Waelder, wie aller Orten, hat lange +traurige Erfahrung alle Geschoepfe gelehrt, dass Sanftmuth und Staerke selten +beisammen sind. + +Wo das Gestade eine bedeutende Breite hat, bleibt die Reihe von +Sausobueschen weiter vom Strome weg. Auf diesem Zwischengebiet sieht man +Krokodile, oft ihrer acht und zehn, auf dem Sande liegen. Regungslos, die +Kinnladen unter rechtem Winkel aufgesperrt, ruhen sie neben einander, ohne +irgend ein Zeichen von Zuneigung, wie man sie sonst bei gesellig lebenden +Thieren bemerkt. Der Trupp geht auseinander, sobald er vom Ufer ausbricht, +und doch besteht er wahrscheinlich nur aus Einem maennlichen und vielen +weiblichen Thieren; denn, wie schon DESCOURTILS, der die Krokodile auf St. +Domingo so fleissig beobachtet, vor mir bemerkt hat, die Maennchen sind +ziemlich selten, weil sie in der Brunst mit einander kaempfen unds sich ums +Leben bringen. Diese gewaltigen Reptilien sind so zahlreich, dass auf dem +ganzen Stromlauf fast jeden Augenblick ihrer fuenf oder sechs zu sehen +waren, und doch fieng der Apure erst kaum merklich an zu steigen und +hunderte von Krokodilen lagen also noch im Schlamme der Savanen begraben. +Gegen vier Uhr Abends hielten wir an, um ein todtes Krokodil zumessen, das +der Strom ans Ufer geworfen. Es war nur 16 Fuss 8 Zoll lang; einige Tage +spaeter fand Bonpland ein anderes (maennliches), das 22 Fuss 3 Zoll mass. +Unter allen Zonen, in Amerika wie in Egypten, erreicht das Thier dieselbe +Groesse; auch ist die Art, die im Apure, im Orinoco und im Magdalenenstrom +so haeufig vorkommt,(3) kein Cayman oder Alligator, sondern ein wahres +Krokodil mit an den aeussern Raendern gezaehnten Fuessen, dem Nilkrokodil sehr +aehnlich. Bedenkt man, dass das maennliche Thier erst mit zehn Jahren mannbar +wird und dass es dann 8 Fuss lang ist, so laesst sich annehmen, dass das von +Bonpland gemessene Thier wenigstens 28 Jahre alt war. Die Indianer sagten +uns, in San Fernando vergehe nicht leicht ein Jahr, wo nicht zwei, drei +erwachsene Menschen, namentlich Weiber beim Wasserschoepfen am Fluss, von +diesen fleischfressenden Eidechsen zerrissen wuerden. Man erzaehlte uns die +Geschichte eines jungen Maedchens aus Uritucu, das sich durch seltene +Unerschrockenheit und Geistesgegenwart aus dem Rachen eines Krokodils +gerettet. Sobald sie sich gepackt fuehlte, griff sie nach den Augen des +Thiers und stiess ihre Finger mit solcher Gewalt hinein, dass das Krokodil +vor Schmerz sie fahren liess, nachdem es ihr den linken Vorderarm +abgerissen. Trotz des ungeheuern Blutverlusts gelangte die Indianerin, mit +der uebrig gebliebenen Hand schwimmend, gluecklich ans Ufer. In diesen +Einoeden, wo der Mensch in bestaendigem Kampfe mit der Natur liegt, +unterhaelt man sich taeglich von den Kunstgriffen, um einem Tiger, einer Boa +oder _Traga Venado_, einem Krokodil zu entgehen; jeder ruestet sich +gleichsam auf die bevorstehende Gefahr. "Ich wusste," sagte das junge +Maedchen in Uritucu gelassen, "dass der Cayman ablaesst, wenn man ihm die +Finger in die Augen drueckt." Lange nach meiner Rueckkehr nach Europa erfuhr +ich, dass die Neger im inneren Afrika dasselbe Mittel kennen und anwenden. +Wer erinnert sich nicht mit lebhafter Theilnahme, wie Isaaco, der Fuehrer +des ungluecklichen Mungo-Park, zweimal von einem Krokodil (bei Bulinkombu) +gepackt wurde, und zweimal aus dem Rachen des Ungeheuers entkam, weil es +ihm gelang, demselben unter dem Wasser die Finger in beide Augen zu +druecken! Der Afrikaner Isaaco und die junge Amerikanerin dankten ihre +Rettung derselben Geistesgegenwart, demselben Gedankengang. + +Das Krokodil im Apure bewegt sich sehr rasch und gewandt, wenn es +angreift, schleppt sich dagegen, wenn es nicht durch Zorn oder Hunger +aufgeregt ist, so langsam hin wie ein Salamander. Laeuft das Thier, so hoert +man ein trockenes Geraeusch, das von der Reibung seiner Hautplatten gegen +einander herzuruehren scheint. Bei dieser Bewegung kruemmt es den Ruecken und +erscheint hochbeinigter als in der Ruhe. Oft hoerten wir am Ufer dieses +Rauschen der Platten ganz in der Naehe; es ist aber nicht wahr, was die +Indianer behaupten, dass die alten Krokodile, gleich dem Schuppenthier, +"ihre Schuppen und ihre ganze Ruestung sollen ausrichten koennen." Die +Thiere bewegen sich allerdings meistens gerade aus, oder vielmehr wie ein +Pfeil, der von Strecke zu Strecke seine Richtung aenderte; aber trotz der +kleinen Anhaengsel von falschen Rippen, welche die Halswirbel verbinden und +die seitliche Bewegung zu beschraenken scheinen, wenden die Krokodile ganz +gut, wenn sie wollen. Ich habe oft Junge sich in den Schwanz beissen sehen; +Andere haben dasselbe bei erwachsenen Krokodilen beobachtet. Wenn ihre +Bewegung fast immer geradlinigt erscheint, so ruehrt diess daher, dass +dieselbe, wie bei unsern kleinen Eidechsen, stossweise erfolgt. Die +Krokodile schwimmen vortrefflich und ueberwinden leicht die staerkste +Stroemung. Es schien mir indessen, als ob sie, wenn sie flussabwaerts +schwimmen, nicht wohl rasch umwenden koennten. Eines Tags wurde ein grosser +Hund, der uns auf der Reise von Caracas an den Rio Negro begleitete, im +Fluss von einem ungeheuern Krokodil verfolgt; es war schon ganz nahe an ihm +und der Hund entging seinem Feinde nur dadurch, dass er umwandte und auf +einmal gegen den Strom schwamm. Das Krokodil fuehrte nun dieselbe Bewegung +aus, aber weit langsamer als der Hund, und dieser erreichte gluecklich das +Ufer. + +Die Krokodile im Apure finden reichliche Nahrung an den *Chiguire* (_Cavia +Capybara_; Wasserschwein), die in Rudeln von 50--60 Stuecken an den +Flussufern leben. Diese ungluecklichen Thiere, von der Groesse unserer +Schweine, besitzen keinerlei Waffe, sich zu wehren; sie schwimmen etwas +besser, als sie laufen; aber auf dem Wasser werden sie eine Beute der +Krokodile und am Lande werden sie von den Tigern gefressen. Man begreift +kaum, wie sie bei den Nachstellungen zweier gewaltigen Feinde so zahlreich +seyn koennen; sie vermehren sich aber so rasch, wie die Cobayes, oder +Meerschweinchen, die aus Brasilien zu uns gekommen sind. + +Unterhalb der Einmuendung des Cano de la Tigrera, in einer Bucht, *Vuelta +de Joval* genannt, legten wir an, um die Schnelligkeit der Stroemung an der +Oberflaeche zu messen; sie betrug nur 3-1/2 Fuss in der Secunde, was 2,56 +Fuss mittlere Geschwindigkeit ergibt.(4) Die Barometerhoehen ergaben, unter +Beruecksichtigung der kleinen stuendlichen Abweichungen, ein Gefaelle von +kaum 17 Zoll auf die Seemeile (zu 950 Toisen). Die Geschwindigkeit ist das +Produkt zweier Momente, des Falls des Bodens und des Steigens des Wassers +im obern Stromgebiet. Auch hier sahen wir uns von Chiguire umgeben, die +beim Schwimmen wie die Hunde Kopf und Hals aus dem Wasser strecken. Auf +dem Strand gegenueber sahen wir zu unserer Ueberraschung ein maechtiges +Krokodil mitten unter diesen Nagethieren regungslos daliegen und schlafen: +Es erwachte, als wir mit unserer Pirogue naeher kamen, und ging langsam dem +Wasser zu, ohne dass die Chiguire unruhig wurden. Unsere Indianer sahen den +Grund dieser Gleichgueltigkeit in der Dummheit des Thiers; wahrscheinlich +aber wissen die Chiguire aus langer Erfahrung, dass das Krokodil des Apure +und Orinoco auf dem Lande nicht angreift, der Gegenstand, den es packen +will, muesste ihm denn im Augenblick, wo es sich ins Wasser wirft, in den +Weg kommen. + +Beim *Joval* wird der Charakter der Landschaft grossartig wild. Hier sahen +wir den groessten Tiger, der uns je vorgekommen. Selbst die Indianer +erstaunten ueber seine ungeheure Laenge; er war groesser als alle indischen +Tiger, die ich in Europa in Menagerien gesehen. Das Thier lag im Schatten +eines grossen Zamang.(5) Es hatte eben einen Chiguire erlegt, aber seine +Beute noch nicht angebrochen; nur eine seiner Tatzen lag darauf. Die +Zamuros, eine Geierart, die wir oben mit dem Percnopterus in Unteregypten +verglichen haben, hatten sich in Schaaren versammelt, um die Reste vom +Mahle des Jaguars zu verzehren. Sie ergoetzten uns nicht wenig durch den +seltsamen Verein von Frechheit und Scheu. Sie wagten sich bis auf zwei Fuss +vom Jaguar vor, aber bei der leisesten Bewegung desselben wichen sie +zurueck. Um die Sitten dieser Thiere noch mehr in der Naehe zu beobachten, +bestiegen wir das kleine Canoe, das unsere Pirogue mit sich fuehrte. Sehr +selten greift der Tiger Kaehne an, indem er darnach schwimmt, und diess +kommt nur vor, wenn durch langen Hunger seine Wuth gereizt ist. Beim +Geraeusch unserer Ruder erhob sich das Thier langsam, um sich hinter den +Sausobueschen am Ufer zu verbergen. Den Augenblick, wo er abzog, wollten +sich die Geier zu Nutze machen, um den Chiguire zu verzehren; aber der +Tiger machte, trotz der Naehe unseres Canoe, einen Satz unter sie und +schleppte zornerfuellt, wie man an seinem Gang und am Schlagen seines +Schwanzes sah, seine Beute in den Wald. Die Indianer bedauerten, dass sie +ihre Lanzen nicht bei sich hatten, um landen und den Tiger angreifen zu +koennen. Sie sind an diese Waffe gewoehnt, und thaten wohl, sich nicht auf +unsere Gewehre zu verlassen, die in einer so ungemein feuchten Luft haeufig +versagten. + +Im Weiterfahren flussabwaerts sahen wir die grosse Heerde der Chiguire, die +der Tiger verjagt und aus der er sich ein Stueck geholt hatte. Die Thiere +sahen uns ganz ruhig landen. Manche sassen da und schienen uns zu +betrachten, wobei sie, wie die Kaninchen, die Oberlippe bewegten. Vor den +Menschen schienen sie sich nicht zu fuerchten, aber beim Anblick unseres +grossen Hundes ergriffen sie die Flucht. Da das Hintergestell bei ihnen +hoeher ist als das Vordergestell, so laufen sie im kurzen Galopp, kommen +aber dabei so wenig vorwaerts, dass wir zwei fangen konnten. Der Chiguire, +der sehr fertig schwimmt, laesst im Laufen ein leises Seufzen hoeren, als ob +ihm das Athmen beschwerlich wuerde. Er ist das groesste Thier in der Familie +der Nager; er setzt sich nur in der aeussersten Noth zur Wehr, wenn er +umringt und verwundet ist. Da seine Backzaehne, besonders die hinteren, +ausnehmend stark und ziemlich lang sind, so kann er mit seinem Biss einem +Tiger die Tatze oder einem Pferd den Fuss zerreissen. Sein Fleisch hat einen +ziemlich unangenehmen Moschusgeruch; man macht indessen im Lande Schinken +daraus, und diess rechtfertigt gewissermassen den Namen _'Wasserschwein'_, +den manche alte Naturgeschichtschreiber dem Chiguire beilegen. Die +geistlichen Missionare lassen sich in den Fasten diese Schinken ohne +Bedenken schmecken; in ihrem zoologischen System stehen das Guertelthier, +das Wasserschwein und der Lamantin oder die Seekuh neben den Schildkroeten; +ersteres, weil es mit einer harten Kruste, einer Art Schaale bedeckt ist, +die beiden andern, weil sie im Wasser wie auf dem Lande leben. An den +Ufern des Santo Domingo, Apure und Arauca, in den Suempfen und auf den +ueberschwemmten Savanen der Llanos kommen die Chiguire in solcher Menge +vor, dass die Weiden darunter leiden. Sie fressen das Kraut weg, von dem +die Pferde am fettesten werden, und das _Chiguirero_ (Kraut des Chiguire) +heisst. Sie fressen auch Fische, und wir sahen mit Verwunderung, dass das +Thier, wenn es, erschreckt durch ein nahendes Canoe, untertaucht, 8--10 +Minuten unter Wasser bleibt. + +Wir brachten die Nacht, wie immer, unter freiem Himmel zu, obgleich auf +einer *Pflanzung*, deren Besitzer die Tigerjagd trieb. Er war fast ganz +nackt und schwaerzlich braun wie ein Zambo, zaehlte sich aber nichts +destoweniger zum weissen Menschenschlag. Seine Frau und seine Tochter, die +so nackt waren wie er, nannte er Donna Isabela und Donna Manuela. Obgleich +er nie vom Ufer des Apure weggekommen, nahm er den lebendigsten Antheil +"an den Neuigkeiten aus Madrid, an den Kriegen, deren kein Ende abzusehen, +und an all den Geschichten dort drueben (_todas las cosas de alla_). Er +wusste, dass der Koenig von Spanien bald zum Besuche "Ihrer Herrlichkeiten im +Lande Caracas" herueber kommen wuerde, setzte aber scherzhaft hinzu: "Da die +Hofleute nur Weizenbrod essen koennen, werden sie nie ueber die Stadt +Valencia hinaus wollen, und wir werden sie hier nicht zu sehen bekommen." +Ich hatte einen Chiguire mitgebracht und wollte ihn braten lassen; aber +unser Wirth versicherte uns, _nos otros cavalleros blancos_ weisse Leute +wie er und ich, seyen nicht dazu gemacht, von solchem _'Indianerwildpret'_ +zu geniessen. Er bot uns Hirschfleisch an; er hatte Tags zuvor einen mit +dem Pfeil erlegt, denn er hatte weder Pulver noch Schiessgewehr. + +Wir glaubten nicht anders, als hinter einem Bananengehoelze liege die Huette +des Gehoeftes; aber dieser Mann, der sich auf seinen Adel und seine +Hautfarbe so viel einbildete, hatte sich nicht die Muehe gegeben, aus +Palmblaettern eine Ajoupa zu errichten. Er forderte uns auf, unsere +Haengematten neben den seinigen zwischen zwei Baeumen befestigen zu lassen, +und versicherte uns mit selbstgefaelliger Miene, wenn wir in der Regenzeit +den Fluss wieder heraufkaemen, wuerden wir ihn *unter Dach* (_baxo techo_) +finden. Wir kamen bald in den Fall, eine Philosophie zu verwuenschen, die +der Faulheit Vorschub leistet und den Menschen fuer alle Bequemlichkeiten +des Lebens gleichgueltig macht. Nach Mitternacht erhob sich ein furchtbarer +Sturmwind, Blitze durchzuckten den Horizont, der Donner rollte und wir +wurden bis auf die Haut durchnaesst. Waehrend des Ungewitters versetzte uns +ein seltsamer Vorfall auf eine Weile in gute Laune. Donna Isabelas Katze +hatte sich auf den Tamarindenbaum gesetzt, unter dem wir lagerten. Sie +fiel in die Haengematte eines unserer Begleiter, und der Mann, zerkratzt +von der Katze und aus dem tiefsten Schlafe aufgeschreckt, glaubte, ein +wildes Thier aus dem Walde habe ihn angefallen. Wir liefen auf sein +Geschrei hinzu und rissen ihn nur mit Muehe aus seinem Irrthum. Waehrend es +auf unsere Haengematten und unsere Instrumente, die wir ausgeschifft, in +Stroemen regnete, wuenschte uns Don Ignacio Glueck, dass wir nicht am Ufer +geschlafen, sondern uns auf seinem Gute befaenden, "_entre gento blanca y +de trato_" (unter Weissen und Leuten von Stande). Durchnaesst wie wir waren, +fiel es uns denn doch schwer, uns zu ueberzeugen, dass wir es hier so +besonders gut haben, und wir hoerten ziemlich widerwillig zu, wie unser +Wirth ein Langes und Breites von seinem sogenannten Kriegszuge an den Rio +Meta erzaehlte, wie tapfer er sich in einem blutigen Gefechte mit den +Guahibos gehalten, und "welche Dienste er Gott und seinem Koenig geleistet, +indem er den Eltern die Kinder (_los Indiecitos_) genommen und in die +Missionen vertheilt." Welch seltsamen Eindruck machte es, in dieser weiten +Einoede bei einem Manns der von europaeischer Abkunft zu seyn glaubt und +kein anderes Obdach kennt als den Schatten eines Baumes, alle eitle +Anmaassung, alle ererbten Vorurtheile, alle Verkehrtheiten einer alten +Cultur anzutreffen! + +Am 1. April. Mit Sonnenaufgang verabschiedeten wir uns von Senor Don +Ignacio und von Senora Donna Isabela, seiner Gemahlin. Die Luft war +abgekuehlt; der Thermometer, der bei Tag meist auf 30--35 deg. stand, war auf +24 deg. gefallen. Die Temperatur des Flusses blieb sich fast ganz gleich, sie +war fortwaehrend 26--27 deg.. Der Strom trieb eine ungeheure Menge Baumstaemme. +Man sollte meinen, auf einem voellig ebenen Boden, wo das Auge nicht die +geringste Erhoehung bemerkt, haette sich der Fluss durch die Gewalt seiner +Stroemung einen ganz geraden Canal graben muessen. Ein Blick auf die Carte, +die ich nach meinen Aufnahmen mit dem Compass entworfen, zeigt das +Gegentheil. Das abspuelende Wasser findet an beiden Ufern nicht denselben +Widerstand, und fast unmerkliche Bodenerhoehungen geben zu starken +Kruemmungen Anlass. Unterhalb des *Jovals*, wo das Flussbett etwas breiter +wird, bildet dasselbe wirklich einen Canal, der mit der Schnur gezogen +scheint und zu beiden Seiten von sehr hohen Baeumen beschattet ist. Dieses +Stueck des Flusses heisst _Cano ricco_; ich fand dasselbe 136 Toisen breit. +Wir kamen an einer niedrigen Insel vorueber, auf der Flamingos, +rosenfarbige Loeffelgaense, Reiher und Wasserhuehner, die das mannigfaltigste +Farbenspiel boten, zu Tausenden nisteten. Die Voegel waren so dicht an +einander gedraengt, dass man meinte, sie koennten sich gar nicht ruehren. Die +Insel heisst *Isla de Aves*. Weiterhin fuhren wir an der Stelle vorbei, wo +der Apure einen Arm (den Rio Arichuna) an den Cabullare abgibt und dadurch +bedeutend an Wasser verliert. Wir hielten am rechten Ufer bei einer +kleinen indianischen, vom Stamm der Guamos bewohnten Mission. Es standen +erst 16 bis 18 Huetten aus Palmblaettern; aber aus den statistischen +Tabellen, welche die Missionaere jaehrlich bei Hofe einreichen, wird diese +Gruppe von Huetten als das *Dorf Santa Barbara de Arichuna* aufgefuehrt. + +Die Guamos sind ein Indianerstamm, der sehr schwer sesshaft zu machen ist. +Sie haben in ihren Sitten Vieles mit den Achaguas, Guajibos und Otomacos +gemein, namentlich die Unreinlichkeit, die Rachsucht und die Liebe zum +wandernden Leben; aber ihre Sprachen weichen voellig von einander ab. Diese +vier Staemme leben groesstentheils von Fischfang und Jagd aus den haeufig +ueberschwemmten Ebenen zwischen dem Apure, dem Meta und dem Guaviare. Das +Wanderleben scheint hier durch die Beschaffenheit des Landes selbst +bedingt. Wir werden bald sehen, dass man, sobald man die Berge an den +Katarakten des Orinoco betritt, bei den Piraoas, Macos und Maquiritares +sanftere Sitten, Liebe zum Ackerbau und in den Huetten grosse Reinlichkeit +findet. Auf dem Ruecken der Gebirge, in undurchdringlichen Waeldern sieht +sich der Mensch genoethigt, sich fest niederzulassen und einen kleinen +Fleck Erde zu bebauen. Dazu bedarf es keiner grossen Anstrengung, wogegen +der Jaeger in einem Lande, durch das keine andern Wege fuehren als die +Fluesse, ein hartes, muehseliges Leben fuehrt. Die Guamos in der Mission +Santa Barbara konnten uns die Mundvorraethe, die wir gerne gehabt haetten, +nicht liefern; sie bauten nur etwas Manioc. Sie schienen indessen +gastfreundlich, und als wir in ihre Huetten traten, boten sie uns +getrocknete Fische und Wasser (in ihrer Sprache _Cub_) an. Das Wasser war +in poroesen Gefaessen abgekuehlt. + +Unterhalb der *Vuelta del Cochino roto* an einer Stelle, wo sich der Fluss +ein neues Bett gegraben hatte, uebernachteten wir auf einem duerren, sehr +breiten Gestade. In den dichten Wald war nicht zu kommen, und so brachten +wir nur mit Noth trockenes Holz zusammen, um Feuer anmachen zu koennen, +wobei man, wie die Indier glauben, vor dem naechtlichen Angriff des Tigers +sicher ist. Unsere eigene Erfahrung scheint diesen Glauben zu bestaetigen; +dagegen versichert AZARRO, zu seiner Zeit habe in Paraguay ein Tiger einen +Mann von einem Feuer in der Savane weggeholt. + +Die Nacht war still und heiter und der Mond schien herrlich. Die Krokodile +lagen am Ufer; sie hatten sich so gelegt, dass sie das Feuer sehen konnten. +Wir glauben bemerkt zu haben, dass der Glanz desselben sie herlockt, wie +die Fische, die Krebse und andere Wasserthiere. Die Indianer zeigten uns +im Sand die Faehrten dreier Tiger, darunter zweier ganz jungen. Ohne +Zweifel hatte hier ein Weibchen seine Jungen zum Trinken an den Fluss +gefuehrt. Da wir am Ufer keinen Baum fanden, steckten wir die Ruder in den +Boden und befestigten unsere Haengematten daran. Alles blieb ziemlich ruhig +bis um eilf Uhr Nachts; da aber erhob sich im benachbarten Wald ein so +furchtbarer Laerm, dass man beinahe kein Auge schliessen konnte. Unter den +vielen Stimmen wilder Thiere, die zusammen schrieen, erkannten unsere +Indianer nur diejenigen, die sich auch einzeln hoeren liessen, namentlich +die leisen Floetentoene der Sapajous, die Seufzer der Alouatos, das Bruellen +des Tigers und des Cuguars, oder amerikanischen Loewen ohne Maehne, das +Geschrei des Bisamschweins, des Faulthiers, des Hocco, des Parraqua und +einiger andern huehnerartigen Voegel. Wenn die Jaguars dem Waldrande sich +naeherten, so fing unser Hund, der bis dahin fortwaehrend gebellt hatte, an +zu heulen und suchte Schutz unter den Haengematten. Zuweilen, nachdem es +lange geschwiegen, erscholl das Bruellen der Tiger von den Baeumen herunter, +und dann folgte daraus das anhaltende schrille Pfeifen der Affen, die sich +wohl bei der drohenden Gefahr auf und davon machten. + +Ich schildere Zug fuer Zug diese naechtlichen Auftritte, weil wir zu Anfang +unserer Fahrt auf dem Apure noch nicht daran gewoehnt waren. Monate lang, +aller Orten, wo der Wald nahe an die Flussufer rueckt, hatten wir sie zu +erleben. Die Sorglosigkeit der Indianer macht dabei auch dem Reisenden +Muth. Man redet sich mit ihnen ein, die Tiger fuerchten alle das Feuer und +greifen niemals einen Menschen in seiner Haengematte an. Und solche +Angriffe kommen allerdings sehr selten vor und auf meinem langen +Aufenthalt in Suedamerika erinnere ich mich nur eines einzigen Falls, wo, +den Achaguas-Inseln gegenueber, ein Llanero in seiner Haengematte +zerfleischt gefunden wurde. + +Befragt man die Indianer, warum die Thiere des Waldes zu gewissen Stunden +einen so furchtbaren Laerm erheben, so geben sie die lustige Antwort: "Sie +feiern den Vollmond." Ich glaube, die Unruhe ruehrt meist daher, dass im +innern Walde sich irgendwo ein Kampf entsponnen hat. Die Jaguars zum +Beispiel machen Jagd auf die Bisamschweine und Tapirs, die nur Schutz +finden, wenn sie beisammenbleiben, und in gedraengten Rudeln fliehend das +Gebuesch, das ihnen in den Weg kommt, niederreissen. Die Affen, scheu und +furchtsam, erschrecken ob dieser Jagd und beantworten von den Baeumen herab +das Geschrei der grossen Thiere. Sie wecken die gesellig lebenden Voegel +auf, und nicht lange, so ist die ganze Menagerie in Aufruhr. Wir werden +bald sehen, dass dieser Laerm keineswegs nur bei schoenem Mondschein, sondern +vorzugsweise waehrend der Gewitter und starken Regenguesse unter den wilden +Thieren ausbricht. "Der Himmel verleihe ihnen eine ruhsame Nacht, wie uns +andern!" sprach der Moench, der uns an den Rio Negro begleitete, wenn er, +todtmuede von der Last des Tages, unser Nachtlager einrichten half. Es war +allerdings seltsam, dass man mitten im einsamen Wald sollte keine Ruhe +finden koennen. In den spanischen Herbergen fuerchtet man sich vor den +schrillen Toenen der Guitarren im anstossenden Zimmer; in denen am Orinoco, +das heisst auf offenem Gestade oder unter einem einzeln stehenden Baum, +besorgt man durch Stimmen aus dem Walde im Schlaf gestoert zu werden. + +Am 2. April. Wir gingen vor Sonnenaufgang unter Segel. Der Morgen war +schoen und kuehl, wie es Leuten vorkommt, die an die grosse Hitze in diesen +Laendern gewoehnt sind. Der Thermometer stand in der Luft nur auf 28 deg., aber +der trockene, weisse Sand am Gestade hatte trotz der Strahlung gegen einen +wolkenlosen Himmel eine Tempetatur von 36 deg. behalten. Die Delphine +(Toninas) zogen, in langen Reihen durch den Fluss und das Ufer war mit +fischfangenden Voegeln bedeckt. Manche machen sich das Flossholz, das den +Fluss herabtreibt, zu Nutze und ueberraschen die Fische, die sich mitten in +der Stroemung halten. Unser Canoe stiess im Laufe des Morgens mehrmals an. +Solche Stoesse, wenn sie sehr heftig sind, koennen schwache Fahrzeuge +zertruemmern. Wir fuhren an den Spitzen mehrerer grosser Baeume auf, die +Jahre lang in schiefer Richtung im Schlamm stecken bleiben. Diese Baeume +kommen beim Hochwasser aus dem Sarare herunter und verstopfen das Flussbett +dergestalt, dass die Piroguen stromaufwaerts haeufig zwischen den Untiefen +und ueberall, wo Wirbel sind, kaum durchkommen. Wir kamen an eine Stelle +bei der Insel Carizales, wo ungeheuer dicke Courbarilstaemme aus dem Wasser +ragten. Sie sassen voll Voegeln, einer Art Plotus, die der *Anhinga* sehr +nahe steht. Diese Voegel sitzen in Reihen auf, wie die Fasanen und die +Parraquas, und bleiben stundenlang, den Schnabel gen Himmel gestreckt, +regungslos, was ihnen ein ungemein dummes Aussehen gibt. + +Von der Insel Carizales an wurde die Abnahme des Wassers im Fluss desto +auffallender, da unterhalb der Gabelung bei der *Boca de Arichuna* kein +Arm, kein natuerlicher Abzugscanal mehr dem Apure Wasser entzieht. Der +Verlust ruehrt allein von der Verdunstung und Einsickerung auf sandigten, +durchnaessten Ufern her. Man kann sich vorstellen, wie viel diess ausmacht, +wenn man bedenkt, dass wir den trockenen Sand zu verschiedenen Tagesstunden +36--52, den Sand, ueber dem drei bis vier Zoll Wasser standen, noch 32 Grad +warm fanden. Das Flusswasser erwaermt sich dem Boden zu, so weit die +Sonnenstrahlen eindringen koennen, ohne beim Durchgang durch die ueber +einander gelagerten Wasserschichten zu sehr geschwaecht zu werden. Dabei +reicht die Einsickerung weit ueber das Flussbett hinaus und ist, so zu +sagen, seitlich. Das Gestade, das ganz trocken scheint, ist bis zur Hoehe +des Wasserspiegels mit Wasser getraenkt. Fuenfzig Toisen vom Fluss sahen wir +Wasser hervorquellen, so oft die Indianer die Ruder in den Boden steckten; +dieser unten feuchte, oben trockene und dem Sonnenstrahl ausgesetzte Sand +wirkt nun aber wie ein Schwamm. Er gibt jeden Augenblick durch Verdunstung +vom eingesickerten Wasser ab; der sich entwickelnde Wasserdampf zieht +durch die obere, stark erhitzte Sandschicht und wird sichtbar, wenn sich +am Abend die Luft abkuehlt. Im Maass, als das Gestade Wasser abgibt, zieht +es aus dem Strom neues an, und man sieht leicht, dass dieses fortwaehrende +Spiel von Verdunstung und seitlicher Einsaugung dem Fluss ungeheure +Wassermassen entziehen muss, nur dass der Verlust schwer genau zu berechnen +ist. Die Zunahme dieses Verlustes waere der Laenge des Stromlaufes +proportional, wenn die Fluesse von der Quelle bis zur Muendung ueberall +gleiche Ufer haetten; da aber diese von den Anschwemmungen herruehren, und +die Gewaesser, je weiter von der Quelle weg, desto langsamer fliessen und +somit nothwendig im untern Stromlauf mehr absetzen als im obern, so werden +viele Fluesse im heissen Erdstrich ihrer Muendung zu seichter. BARROW hat +diese auffallende Wirkung des Sandes im oestlichen Afrika an den Ufern des +Orangeflusses beobachtet. Sie gab sogar bei den verschiedenen Annahmen +ueber den Lauf des Nigers zu sehr wichtigen Eroerterungen Anlass. + +Bei der *Vuelta de Basilio*, wo wir ans Land gingen, um Pflanzen zu +sammeln, sahen wir oben auf einem Baum zwei huebsche kleine pechschwarze +Affen, von der Groesse des Sai, mit Wickelschwaenzen. Ihrem Gesicht und ihren +Bewegungen nach konnte es weder der Coaita, noch der Chamek, noch +ueberhaupt ein *Atele* seyn. Sogar unsere Indianer hatten nie dergleichen +gesehen. In diesen Waeldern gibt es eine Menge Sapajous, welche die +Zoologen in Europa noch nicht kennen, und da die Affen, besonders die in +Rudeln lebenden und darum ruehrigeren, zu gewissen Zeiten weit wandern, so +kommt es vor, dass bei Eintritt der Regenzeit die Eingeborenen bei ihren +Huetten welche ansichtig werden, die sie nie zuvor gesehen. Am selben Ufer +zeigten uns unsere Fuehrer ein Nest junger Leguans, die nur vier Zoll lang +waren. Sie waren kaum von einer gemeinen Eidechse zu unterscheiden. Die +Rueckenstacheln, die grossen ausgerichteten Schuppen, all die Anhaengsel, die +dem Leguan, wenn er 4 bis 5 Fuss lang ist, ein so ungeheuerliches Ansehen +geben, waren kaum in Rudimenten vorhanden. Das Fleisch dieser Eidechse +fanden wir in allen sehr trockenen Laendern von angenehmem Geschmack, +selbst zu Zeiten, wo es uns nicht an andern Nahrungsmitteln fehlte. Es ist +sehr weiss und nach dem Fleisch des Tatu oder Guertelthiers, das hier +_Cachicamo_ heisst, eines der besten, die man in den Huetten der +Eingeborenen findet. + +Gegen Abend regnete es; vor dem Regen strichen die Schwalben, die +vollkommen den unsrigen glichen, ueber die Wasserflaeche hin. Wir sahen +auch, wie ein Flug Papagayen von kleinen Habichten ohne Hauben verfolgt +wurden. Das durchdringende Geschrei der Papagayen stach vom Pfeifen der +Raubvoegel seltsam ab. Wir uebernachteten unter freiem Himmel am Gestade, in +der Naehe der Insel Carizales. Nicht weit standen mehrere indianische +Huetten auf Pflanzungen. Unser Steuermann kuendigte uns zum voraus an, dass +wir den Jaguar hier nicht wuerden bruellen hoeren, weil er, wenn er nicht +grossen Hunger hat, die Orte meidet, wo er nicht allein Herr ist. "Die +Menschen machen ihn uebellaunig," "_los hombres lo enfadan_" sagt das Volk +in den Missionen, ein spasshafter, naiver Ausdruck fuer eine richtige +Beobachtung. + +Am 3. April. Seit der Abfahrt von San Fernando ist uns kein einziges Canoe +auf dem schoenen Strome begegnet. Ringsum herrscht tiefe Einsamkeit. Am +Morgen fingen unsere Indianer mit der Angel den Fisch, der hier zu Lande +_Caribe_ oder _Caribito_ heisst, weil keiner so blutgierig ist. Er faellt +die Menschen beim Baden und Schwimmen an und reisst ihnen oft ansehnliche +Stuecke Fleisch ab. Ist man anfangs auch nur unbedeutend verletzt, so kommt +man doch nur schwer aus dem Wasser, ohne die schlimmsten Wunden davon zu +tragen. Die Indianer fuerchten diese Caraibenfische ungemein, und +verschiedene zeigten uns an Waden und Schenkeln vernarbte, sehr tiefe +Wunden, die von diesen kleinen Thieren herruehrten, die bei den Maypures +_Umati_ heissen. Sie leben auf dem Boden der Fluesse, giesst man aber ein +paar Tropfen Blut ins Wasser, so kommen sie zu Tausenden herauf. Bedenkt +man, wie zahlreich diese Fische sind, von denen die gefraessigsten und +blutgierigsten nur 4--5 Zoll lang werden, betrachtet man ihre dreiseitigen +schneidenden, spitzen Zaehne und ihr weites retractiles Maul, so wundert +man sich nicht, dass die Anwohner des Apure und des Orinoco den Caribe so +sehr fuerchten. An Stellen, wo der Fluss ganz klar und kein Fisch zu sehen +war, warfen wir kleine blutige Fleischstuecke ins Wasser. In wenigen +Minuten war ein ganzer Schwarm von Caraibenfischen da und stritt sich um +den Frass. Der Fisch hat einen kantigen, saegenfoermig gekerbten Bauch, ein +Merkmal, das mehreren Gattungen, den *Serra-Salmen*, den *Myleten* und den +*Pristigastern* zukommt. Nach dem Vorhandenseyn einer zweiten fetten +Rueckenflosse und der Form der von den Lippen bedeckten, auseinander +stehenden, in der untern Kinnlade groesseren Zaehne gehoert der Caribe zu den +Serra-Salmen. Er hat ein viel weiter gespaltenes Maul als CUVIERs Myleten. +Der Koerper ist am Ruecken aschgrau, ins Gruenliche spielend; aber Bauch, +Kiemen, Brust-, Bauch- und Afterflossen sind schoen orangegelb. Im Orinoco +kommen drei Arten (oder Spielarten?) vor, die man nach der Groesse +unterscheidet. Die mittlere scheint identisch mit MARCGRAVs mittlerer Art +des Piraya oder Piranha (_Salmo rhombeus_, LINNE). Ich habe sie an Ort und +Stelle gezeichnet. Der Caribito hat einen sehr angenehmen Geschmack. Weil +man nirgends zu baden wagt, wo er vorkommt, ist er als eine der groessten +Plagen dieser Landstriche zu betrachten, wo der Stich der Moskitos und der +Ueberreiz der Haut das Baden zu einem dringenden Beduerfniss machen. + +Wir hielten gegen Mittag an einem unbewohnten Ort, *Algodonal* genannt. +Ich trennte mich von meinen Gefaehrten, waehrend man das Fahrzeug ans Land +zog und das Mittagessen ruestete. Ich ging am Gestade hin, um in der Naehe +einen Trupp Krokodile zu beobachten, die in der Sonne schliefen, wobei sie +ihre mit breiten Platten belegten Schwaenze auf einander legten. Kleine +schneeweisse Reiher(6) liefen ihnen auf dem Ruecken, sogar auf dem Kopf +herum, als waeren es Baumstaemme. Die Krokodile waren graugruen, halb mit +trockenem Schlamm ueberzogen; ihrer Farbe und ihrer Regungslosigkeit nach +konnte man sie fuer Bronzebilder halten. Wenig fehlte aber, so waere mir der +Spaziergang uebel bekommen. Ich hatte immer nur nach dem Flusse hin +gesehen, aber indem ich Glimmerblaettchen aus dem Sande aufnahm, bemerkte +ich die frische Faehrte eines Tigers, die an ihrer Form und Groesse so leicht +zu erkennen ist. Das Thier war dem Walde zu gegangen, und als ich nun +dorthin blickte, sah ich achtzig Schritte von mir einen Jaguar unter dem +dichten Laub eines Ceiba liegen. Nie ist mir ein Tiger so gross +vorgekommen. + +Es gibt Vorfaelle im Leben, wo man vergeblich die Vernunft zu Huelfe ruft. +Ich war sehr erschrocken, indessen noch soweit Herr meiner selbst und +meiner Bewegungen, dass ich die Verhaltungsregeln befolgen konnte, die uns +die Indianer schon oft fuer dergleichen Faelle ertheilt hatten. Ich ging +weiter, lief aber nicht; ich vermied es, die Arme zu bewegen, und glaubte +zu bemerken, dass der Jaguar mit seinen Gedanken ganz bei einer Heerde +Capybaras war, die ueber den Fluss schwammen. Jetzt kehrte ich um und +beschrieb einen ziemlich weiten Bogen dem Ufer zu. Je weiter ich von ihm +weg kam, desto rascher glaubte ich gehen zu koennen. Wie oft war ich in +Versuchung, mich umzusehen, ob ich nicht verfolgt werde! Gluecklicherweise +gab ich diesem Drange erst sehr spaet nach. Der Jaguar war ruhig liegen +geblieben. Diese ungeheuren Katzen mit geflecktem Fell sind hier zu Lande, +wo es Capybaras, Bisamschweine und Hirsche im Ueberfluss gibt, so gut +genaehrt, dass sie selten einen Menschen anfallen. Ich kam athemlos beim +Schiffe an und erzaehlte den Indianern mein Abenteuer. Sie schienen nicht +viel daraus zu machen; indessen luden wir unsere Flinten und sie gingen +mit uns auf den Ceibabaum zu, unter dem der Jaguar gelegen. Wir trafen ihn +nicht mehr, und ihm in den Wald nachzugehen, war nicht gerathen, da man +sich zerstreuen oder in einer Reihe durch die verschlungenen Lianen gehen +muss. + +Abends kamen wir an der Muendung des *Cano del Manati* vorueber, so genannt +wegen der ungeheuern Menge Manatis oder Lamantins, die jaehrlich hier +gefangen werden. Dieses grasfressende Wassersaeugethier, das die Indianer +_Apcia_ und _Avia_ nennen, wird hier meist 10--12 Fuss lang und 500--800 +Pfund schwer. Wir sahen das Wasser mit dem Koth desselben bedeckt, der +sehr stinkend ist, aber ganz dem des Rindviehs gleicht. Es ist im Orinoco +unterhalb der Katarakten, im Meta und im Apure zwischen den beiden Inseln +Carizales und Conserva sehr haeufig. Wir fanden keine Spur von Naegeln auf +der aeussern Flaeche und am Rande der Schwimmflossen, die ganz glatt sind; +zieht man aber die Haut der Flosse ab, so zeigen sich an der dritten +Phalange kleine Naegelrudimente. Bei einem 9 Fuss langen Thier, das wir in +Carichana, einer Mission am Orinoco, zergliederten, sprang die Oberlippe +vier Zoll ueber die untere vor. Jene ist mit einer sehr zarten Haut +bekleidet und dient als Ruessel oder Fuehler zum Betasten der vorliegenden +Koerper. Die Mundhoehle, die beim frisch getoedteten Thier auffallend warm +ist, zeigt einen ganz eigenthuemlichen Bau. Die Zunge ist fast unbeweglich; +aber vor derselben befindet sich in jeder Kinnlade ein fleischiger Knopf +und eine mit sehr harter Haut ausgekleidete Hoehlung, die in einander +passen. Der Lamantin verschluckt so viel Gras, dass wir sowohl den in +mehrere Faecher getheilten Magen, als den 108 Fuss langen Darm ganz damit +angefuellt fanden. Schneidet man das Thier am Ruecken auf, so erstaunt man +ueber die Groesse, Gestalt und Lage seiner Lunge. Sie hat ungemein grosse +Zellen und gleicht ungeheuren Schwimmblasen; sie ist drei Fuss lang. Mit +Luft gefuellt hat sie ein Volumen von mehr als tausend Cubikzoll. Ich musste +mich nur wundern, dass der Lamantin mit so ansehnlichen Luftbehaeltern so +oft an die Wasserflaeche heraufkommt, um zu athmen. Sein Fleisch, das, aus +irgend einem Vorurtheil, fuer ungesund und _calenturioso_ (fiebererzeugend) +gilt, ist sehr schmackhaft; es schien mir mehr Aehnlichkeit mit +Schweinefleisch als mit Rindfleisch zu haben. Die Guamos und Otamacos +essen es am liebsten, daher geben sich auch diese zwei Staemme vorzugsweise +mit dem Seekuhfang ab. Das eingesalzene und an der Sonne gedoerrte Fleisch +wird das ganze Jahr aufbewahrt, und da dieses Saeugethier bei der Clerisei +fuer einen Fisch gilt, so ist es in den Fasten sehr gesucht. Der Lamantin +hat ein aeusserst zaehes Leben; man harpunirt ihn und bindet ihn sodann, +schlachtet ihn aber erst, nachdem er in die Pirogue geschafft worden. Diess +geschieht oft, wenn das Thier sehr gross ist, mitten auf dem Flusse, und +zwar so, dass man die Pirogue zu zwei Drittheilen mit Wasser fuellt, sie +unter das Thier schiebt und mit einer Kuerbissflasche wieder ausschoepft. Am +leichtesten sind sie am Ende der grossen Ueberschwemmungen zu fangen, wenn +sie aus den Stroemen in die umliegenden Seen und Suempfe gerathen sind und +das Wasser schnell faellt. Zur Zeit, wo die Jesuiten den Missionen am +untern Orinoco vorstanden, kamen diese alle Jahre in Cabruta unterhalb dem +Apure zusammen, um mit den Indianern aus ihren Missionen am Fusse des +Bergs, der. gegenwaertig *el Capuchino* heisst, eine grosse Seekuhjagd +anzustellen. Das Fett des Thiers, die _manteca de manati_ wird in den +Kirchenlampen gebrannt, und man kocht auch damit. Es hat nicht den +widrigen Geruch des Wallfischthrans, oder des Fetts anderer Cetaceen mit +Spritzloechern. Die Haut der Seekuh, die ueber anderthalb Zoll dick ist, +wird in Streifen zerschnitten und diese dienen in den Llanos, wie die +Streifen von Ochsenhaut, als Stricke. Kommt sie ins Wasser, so hat sie den +Fehler, dass sie zu faulen anfaengt. Man macht in den spanischen Colonien +Peitschen daraus, daher auch die Worte _latigo_ und _manati_ +gleichbedeutend sind. Diese Peitschen aus Seekuhhaut sind ein +schreckliches Werkzeug zur Zuechtigung der ungluecklichen Sklaven, ja der +Indianer in den Missionen, die nach den Gesetzen als freie Menschen +behandelt werden sollten. + +Wir uebernachteten der Insel Conserva gegenueber. Als wir am Waldsaume +hingingen, fiel uns ein ungeheurer, siebzig Fuss hoher, mit veraesteten +Dornen bedeckter Baum auf. Die Indianer nennen ihn _barba de tigre_. Es +ist vielleicht ein Baum aus der Familie der Berberideen oder Sauerdorne. +Die Indianer hatten unsere Feuer dicht am Wasser angezuendet; da fanden wir +wieder, dass sein Glanz die Krokodile herlockte, und sogar die Delphine +(Toninas), deren Laerm uns nicht schlafen liess, bis man das Feuer +ausloeschte. Wir wurden in dieser Nacht zweimal auf die Beine gebracht, was +ich nur anfuehre, weil es ein paar Zuege zum Bilde dieser Wildniss liefert. +Ein weiblicher Jaguar kam unserem Nachtlager nahe, um sein Junges am +Strome trinken zu lassen. Die Indianer verjagten ihn; aber noch geraume +Zeit hoerten wir das Geschrei des Jungen, das wie das Miauen einer jungen +Katze klang. Bald darauf wurde unsere grosse Dogge von ungeheuern +Fledermaeusen, die um unsere Haengematten flattevten, vorne an der Schnauze +gebissen, oder, wie die Eingeborenen sagen, *gestochen*. Sie hatten lange +Schwaenze wie die Molossen; ich glaube aber, dass es Phyllostomen waren, +deren mit Warzen besetzte Zunge ein Saugorgan ist, das sie bedeutend +verlaengern koennen. Die Wunde war ganz klein und rund. Der Hund heulte +klaeglich, sobald er den Biss fuehlte, aber nicht aus Schmerz, sondern weil +er ueber die Fledermaeuse, als sie unter unsern Haengematten hervorkamen, +erschrak. Dergleichen Faelle sind weit seltener, als man im Lande selbst +glaubt. Obgleich wir in Laendern, wo die Vampyre und aehnliche +Fledermausarten so haeufig sind, so manche Nacht unter freiem Himmel +geschlafen haben, sind wir doch nie von ihnen gebissen worden. Ueberdem +ist der *Stich* keineswegs gefaehrlich und der Schmerz meist so +unbedeutend, dass man erst aufwacht, wenn die Fledermaus sich bereits +davongemacht hat. + +Am 4. April. Diess war unser letzter Tag auf dem Apure. Der Pflanzenwuchs +an den Ufern wurde immer einfoermiger. Seit einigen Tagen, besonders seit +der Mission Arichuna, fingen wir an arg von den Insekten gequaelt zu +werden, die sich uns auf Gesicht und Haende setzten. Es waren keine +*Moskitos*, die den Habitus kleiner Muecken von der Gattung _Simulium_ +haben,(7) sondern *Zancudos*, aechte Schnacken, aber von unserem _Culex +pipiens_ ganz verschieden. Sie kommen erst nach Sonnenuntergang zum +Vorschein; ihr Saugruessel ist so lang, dass, wenn sie sich an die +Unterseite der Haengematte setzen, ihr Stachel durch die Haengematte und die +dicksten Kleider dringt. + +Wir wollten in der *Vuelta del Palmito* uebernachten, aber an diesem Strich +des Apure gibt es so viele Jaguars, dass unsere Indianer, als sie unsere +Haengematten befestigen wollten, ihrer zwei hinter einem Courbarilstamm +versteckt fanden. Man rieth uns, das Schiff wieder zu besteigen und unser +Nachtlager auf der Insel Apurito, ganz nahe beim Einfluss in den Orinoco, +aufzuschlagen. Dieser Theil der Insel gehoert zu der Provinz Caracas, +dagegen das rechte Ufer des Apure zu der Provinz Barinas und das rechte +Ufer des Orinoco zu spanisch Guyana. Wir fanden keine Baeume, um unsere +Haengematten zu befestigen, und mussten am Boden auf Ochsenhaeuten schlafen. +Die Canoes sind zu eng und wimmeln zu sehr von Zancudos, als dass man darin +uebernachten koennte. + +An der Stelle, wo wir unsere Instrumente ans Land gebracht hatten, war das +Ufer ziemlich steil, und da sahen wir denn einen neuen Beweis von der oben +besprochenen Traegheit der huehnerartigen Voegel unter den Tropen. Die Hoccos +und Pauxis(8) kommen immer mehrmals des Tags an den Fluss herunter, um +ihren Durst zu loeschen. Sie trinken viel und in kurzen Pausen. Eine Menge +dieser Voegel und ein Schwarm Parraquas-Fasanen hatten sich bei unserem +Nachtlager zusammengefunden. Es wurde ihnen sehr schwer, am abschuessigen +Ufer hinaufzukommen; sie versuchten es mehreremale, ohne ihre Fluegel zu +brauchen. Wir jagten sie vor uns her wie Schaafe. Die Zamurosgeier +entschliessen sich gleichfalls sehr schwer zum Auffliegen. + +Ich konnte nach Mitternacht eine gute Beobachtung der Meridianhoehe von {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} +des suedlichen Kreuzes anstellen. Der Einfluss des Apure liegt unter +7 deg. 36{~PRIME~} 23{~DOUBLE PRIME~} der Breite. Pater GUMILLA gibt 5 deg. 5{~PRIME~}, D'ANVILLE 7 deg. 3{~PRIME~}, CAULIN +7 deg. 26{~PRIME~} an. Die Laenge der *Boca* des Apure ist nach den Sonnenhoehen, die +ich am 5. April Morgens aufgenommen, 69 deg. 7{~PRIME~} 29{~DOUBLE PRIME~}, oder 1 deg. 12{~PRIME~} 41{~DOUBLE PRIME~} oestlich +vom Meridian von San Fernando. + +*Am 5. April*. Es fiel uns sehr auf, wie gering die Wassermasse ist, +welche der Apure in dieser Jahreszeit dem Orinoco zufuehrt. Derselbe Strom, +der nach meinen Messungen beim *Cano ricco* noch 136 Toisen breit war, mass +an seiner Ausmuendung nur zwischen 60 und 80.(9) Seine Tiefe betrug hier +nur 3--4 Toisen. Er verliert allerdings Wasser durch den Rio Arichuna und +den Cano del Manati, zwei Arme des Apure, die zum Payara und Guarico +laufen; aber der groesste Verlust scheint von der Einsickerung an den Ufern +herzuruehren, von der oben die Rede war. Die Geschwindigkeit der Stroemung +bei der Ausmuendung war nur 3 Fuss in der Secunde, so dass ich die ganze +Wassermasse leicht berechnen koennte, wenn mir durch Sondirungen in kurzen +Abstaenden alle Dimensionen des Querschnitts bekannt waeren. Der Barometer, +der in San Fernando, 28 Fuss ueber dem mittleren Wasserstand des Apure, um +9-1/2 Uhr Morgens 335,6 Linien hoch gestanden hatte, stand an der +Ausmuendung des Apure in den Orinoco 337,3 Linien hoch. Rechnet man die +ganze Laenge des Wegs (die Kruemmungen des Stroms mitgerechnet(10)) zu 94 +Seemeilen oder 893,000 Toisen und nimmt man die kleine, wegen der +stuendlichen Schwankung des Barometers vorzunehmende Correction in +Rechnung, so ergibt sich im Durchschnitt ein Gefaelle von 13 Zoll auf die +Seemeile von 950 Toisen. LA CONDAMINE und der gelehrte Major RENNEL +glauben, dass der Fall des Amazonenstroms und des Ganges durchschnittlich +kaum 4--5 Zoll auf die Seemeile betraegt. + +Wir fuhren, ehe wir in den Orinoco einliefen, mehrmals auf; die +Anschwemmungen sind beim Zusammenfluss der beiden Stroeme ungeheuer gross. +Wir mussten uns laengs des Ufers am Tau ziehen lassen. Welcher Contrast +zwischen diesem Zustand des Stroms unmittelbar vor dem Beginn der +Regenzeit, wo die Wirkungen der Trockenheit der Luft und der Verdunstung +ihr Maximum erreicht haben, und dem Stand im Herbste, wo der Apure gleich +einem Meeresarm, so weit das Auge reicht, ueber den Grasfluren steht! Gegen +Sued sahen wir die einzelnstehenden Huegel bei Coruato; im Osten fingen die +Granitfelsen von Curiquima, der Zuckerhut von Caycara und die *Cerros del +Tirano* an ueber den Horizont emporzusteigen. Mit einem gewissen Gefuehl der +Ruehrung sahen wir zum erstenmale, wornach wir uns so lange gesehnt, die +Gewaesser des Orinoco, an einem von der Meereskueste so weit entfernten +Punkte. + + ------------------ + + + + + + 1 Ganz besonders geschickt wissen die Esel sich die Feuchtigkeit im + Innern des _Cactus melocactus_ zu Nutze zu machen. Sie stossen die + Stacheln mit den Fuessen ab, und man sieht welche in Folge dieses + Verfahrens hinken. + + 2 Wir bezahlten von San Fernando de Apure bis Carichana am Orinoco + (acht Tagereisen) 10 Piaster fuer die Lancha, und ausserdem dem + Steuermann einen halben Piaster oder vier Realen und jedem der + indianischen Ruderer zwei Realen Taglohn. + + 3 Es ist diess der _Arue_ der Tamanaken, der _Amana_ der Maypuren, + CUVIERs _Crocodilus acutus_. + + 4 Um die Geschwindigkeit eines Stroms an der Oberflaeche zu ermitteln, + maass ich meist am Ufer eine Standlinie von 250 Fuss ab und bemerkte + mit dem Chronometer die Zeit, die ein frei im Strom schwimmender + Koerper brauchte, um dieselbe Strecke zurueckzulegen. + + 5 Eine Mimosenart. + +_ 6 Garzon Chico_. In Oberaegypten glaubt man, die Reiher haben eine + Zuneigung zum Krokodil, weil sie sich beim Fischfang den Umstand zu + Nutze machen, dass die Fische sich ueber das ungeheure Thier entsetzen + und sich vor ihm vom Grunde des Wassers an die Oberflaeche + herauffluechten; aber an den Ufern des Nils kommt der Reiher dem + Krokodil klueglich nicht zu nahe. + + 7 LATREILLE hat gefunden, dass die *Moustiques* in Sued-Carolina zur + Gattung _Simulium_ (_Atractocera_, Meigen) gehoeren. + + 8 Letzterer (_Crax Pauxi_) ist nicht so haeufig als ersterer. + + 9 Diess ist nicht ganz die Breite der Seine am Pontroyal, den Tuilerien + gegenueber. + + 10 Ich schaetzte sie auf ein Viertheil der geraden Entfernung. + + + + + +NEUNZEHNTES KAPITEL. + + + Zusammenfluss des Apure mit dem Orinoco. -- Die Gebirge von + Encaramada. -- Uruana. -- Baraguan. -- Carichana. -- Der Einfluss + des Meta. -- Die Insel Panumana. + + +Mit der Ausfahrt aus dem Apure sahen wir uns in ein ganz anderes Land +versetzt. So weit das Auge reichte, dehnte sich eine ungeheure +Wasserflaeche, einem See gleich, vor uns aus. Das durchdringende Geschrei +der Reiher, Flamingos und Loeffelgaense, wenn sie in langen Schwaermen von +einem Ufer zum andern ziehen, erfuellte nicht mehr die Luft. Vergeblich +sahen wir uns nach den Schwimmvoegeln um, deren gewerbsmaeszige Listen bei +jeder Sippe wieder andere sind. Die ganze Natur schien weniger belebt. +Kaum bemerkten wir in den Buchten der Wellen hie und da ein grosses +Krokodil, das mittelst seines langen Schwanzes die bewegte Wasserflaeche +schief durchschnitt. Der Horizont war von einem Waldguertel begrenzt, aber +nirgends traten die Waelder bis ans Strombett vor. Breite, bestaendig der +Sonnengluth ausgesetzte Ufer, kahl und duerr wie der Meeresstrand, glichen +in Folge der Luftspiegelung von weitem Lachen stehenden Wassers. Diese +sandigten Ufer verwischten vielmehr die Grenzen des Stromes, statt sie fuer +das Auge festzustellen; nach dem wechselnden Spiel der Strahlenbrechung +rueckten die Ufer bald nahe heran, bald wieder weit weg. + +Diese zerstreuten Landschaftszuege, dieses Gepraege von Einsamkeit und +Grossartigkeit kennzeichnen den Lauf des Orinoco, eines der gewaltigsten +Stroeme der neuen Welt. Aller Orten haben die Gewaesser wie das Land ihren +eigenthuemlichen, individuellen Charakter. Das Bett des Orinoco ist ganz +anders als die Betten des Meta, des Guaviare, des Rio Negro und des +Amazonenstroms. Diese Unterschiede ruehren nicht bloss von der Breite und +der Geschwindigkeit des Stromes her; sie beruhen auf einer Gesammtheit von +Verhaeltnissen, die an Ort und Stelle leichter aufzufassen, als genau zu +beschreiben sind. So erriethe ein erfahrener Schiffer schon an der Form +der Wogen, an der Farbe des Wassers, am Aussehen des Himmels und der +Wolken, ob er sich im atlantischen Meer, oder im Mittelmeer, oder im +tropischen Strich des grossen Oceans befindet. + +Der Wind wehte stark aus Ost-Nord-Ost; er war uns guenstig, um +stromaufwaerts nach der Mission Encaramada zu segeln; aber unsere Pirogue +leistete dem Wogenschlag so geringen Widerstand, dass, wer gewoehnlich +seekrank wurde, bei der heftigen Bewegung selbst auf dem Fluss sich sehr +unbehaglich fuehlte. Das Scholken ruehrt daher, dass die Gewaesser der beiden +Stroeme beider Bereinigung auf einander stossen. Dieser Stoss ist sehr stark, +aber lange nicht so gefaehrlich, als Pater GUMILLA behauptet. Wir fuhren an +der Punta Curiquima vorbei, einer einzeln stehenden Masse von quarzigem +Granit, einem kleinen, aus abgerundeten Bloecken bestehenden Vorgebirge. +Hier, auf dem rechten Ufer des Orinoco, hatte zur Zeit der Jesuiten Pater +Rotella unter den Palenques- und Biriviri-Indianern eine Mission angelegt. +Bei Hochwasser waren der Berg Curiquima und das Dorf am Fuss desselben +rings von Wasser umgeben. Wegen dieses grossen Uebelstandes und wegen der +Unzahl Moskitos und _'Niguas'_,(11) von denen Missionaere und Indianer +geplagt wurden, gab man den feuchten Ort auf. Jetzt ist er voellig +verlassen, waehrend gegenueber auf dem linken Ufer in den Huegeln von Coruato +herumziehende Indianer hausen, die entweder aus den Missionen oder aus +freien, den Moenchen nicht unterworfenen Staemmen ausgestossen worden sind. + +Die ungemeine Breite des Orinoco zwischen der Einmuendung des Apure und dem +Berge Curiquima fiel mir sehr auf; ich berechnete sie daher nach einer +Standlinie, die ich am westlichen Ufer zweimal abgemessen. Das Bett des +Orinoco war beim gegenwaertigen tiefen Wasserstand 1906 Toisen breit; aber +in der Regenzeit, wenn der Berg Curiquima und der Hof Capuchino beim Huegel +Pocopocori Inseln sind, moegen es 5517 Toisen werden. Zum starken +Anschwellen des Orinoco traegt auch der Druck der Wasser des Apure bei, der +nicht, wie andere Nebenfluesse, mit dem Obertheil des Hauptstroms einen +spitzen Winkel bildet, sondern unter einem rechten Winkel einmuendet. Wir +massen an verschiedenen Punkten des Bettes die Temperatur des Wassers; +mitten im Thalweg, wo die Stroemung am staerksten ist, betrug sie 28 deg.,3, in +der Naehe der Ufer 29 deg.,2. + +Wir fuhren zuerst gegen Suedwest hinaus bis zum Gestade der +Guaricotos-Indianer auf dem linken Ufer des Orinoco, und dann gegen Sued. +Der Strom ist so breit, dass die Berge von Encaramada aus dem Wasser +emporzusteigen scheinen, wie wenn man sie ueber dem Meereshorizont saehe. +Sie bilden eine ununterbrochene, von Ost nach West streichende Kette, und +je naeher man ihnen kommt, desto malerischer wird die Landschaft. Diese +Berge bestehen aus ungeheuren zerkluefteten, auf einander gethuermten +Granitbloecken. Die Theilung der Gebirgsmasse in Bloecke ist eine Folge der +Verwitterung. Zum Reiz der Gegend von Encaramada traegt besonders der +kraeftige Pflanzenwuchs bei, der die Felswaende bedeckt und nur die +abgerundeten Gipfel frei laesst. Man meint, altes Gemaeuer rage aus einem +Walde empor. Aus dem Berg, an den sich die Mission lehnt, dem *Tepupano* +der Tamanacos, stehen drei ungeheure Granitcylinder, von denen zwei +geneigt sind, waehrend der dritte, unten schmaelere und ueber 80 Fuss hohe, +senkrecht stehen geblieben ist. Dieser Felsen, dessen Form an die +*Schnarcher* im Harz oder an die *Orgeln von Actopan* in Mexico erinnert, +war frueher ein Stueck des runden Berggipfels. Zu allen Erdstrichen hat der +nicht geschichtete Granit das Eigenthuemliche, dass er durch Verwitterung in +prismatische, cylindrische oder saeulenfoermige Bloecke zerfaellt. + +Gegenueber dem Gestade der Guaricotos kamen wir in die Naehe eines andern, +ganz niedrigen, drei bis vier Toisen langen Felshaufens. Er steht mitten +in der Ebene und gleicht nicht sowohl einem Tumulus als den Granitmassen, +die man in Holland und Niederdeutschland _'Huenenbetten'_ nennt. Der +Ufersand an diesem Stueck des Orinoco ist nicht mehr reiner Quarzsand, er +besteht aus Thon und Glimmerblaettchen in sehr duennen Schichten, die meist +unter einen Winkel von 40--50 Grad fallen; er sieht aus wie verwitterter +Glimmerschiefer. Dieser Wechsel in der geologischen Beschaffenheit der +Ufer tritt schon weit oberhalb der Muendung des Apure ein; schon beim +Algodonal und beim Cano de Manati fingen wir in letzterem Flusse an +denselben zu bemerken. Die Glimmerblaettchen kommen ohne Zweifel von den +Granitbergen von Curiquima und Encaramada, denn weiter nach Nord und Ost +findet man nur Quarzsand, Sandstein, festen Kalkstein und Gyps. Dass +Anschwemmungen von Sued nach Nord gefuehrt werden, kann am Orinoco nicht +befremden; aber wie erklaert sich dieselbe Erscheinung im Bett des Apure, +sieben Meilen westwaerts von seiner Ausmuendung? Beim gegenwaertigen Zustand +der Dinge laeuft der Apure auch beim hoechsten Wasserstand des Orinoco nie +so weit rueckwaerts, und um sich von der Erscheinung Rechenschaft zu geben, +muss man annehmen, die Glimmerschichten haben sich zu einer Zeit +niedergeschlagen, wo der ganze, sehr tief gelegene Landstrich zwischen +Caycara, dem Algodonal und den Bergen von Encaramada ein Seebecken war. + +Wir verweilten einige Zeit im Hafen von Encaramada; es ist diess eine Art +Ladeplatz, wo die Schiffe zusammenkommen. Das Ufer besteht aus einem +40--50 Fuss hohen Felsen, wieder jenen aufeinander gethuermten +Granitbloecken, wie sie am Schneeberg in Franken und fast in allen +Granitgebirgen in Europa vorkommen. Manche dieser abgesonderten Massen +sind kugeligt; es sind aber keine Kugeln mit concentrischen Schichten, +sondern nur abgerundete Bloecke, Kerne, von denen das umhuellende Gestein +abgewittert ist. Der Granit ist bleigrau, oft schwarz, wie mit Manganoxyd +ueberzogen; aber diese Farbe dringt kaum 1/5 Linie tief ins Gestein, das +roethlich weiss, grobkoernig ist und keine Hornblende enthaelt. + +Die indianischen Namen der Mission *San Luis del ** Encaramada* sind +_Guaja_ und _Caramana_.(12) Es ist diess das kleine Dorf, das im Jahr 1749 +vom Jesuitenpater GILI, dem Verfasser der in Rom gedruckten _Storia dell +Orinoco_, gegruendet wurde. Dieser in den Indianersprachen sehr bewanderte +Mann lebte hier achtzehn Jahre in der Einsamkeit bis zur Vertreibung der +Jesuiten. Man bekommt einen Begriff davon, wie oede diese Landstriche sind, +wenn man hoert, dass Pater Gili von Carichana, das 40 Meilen von Encaramada +liegt, wie von einem weit entlegenen Orte spricht, und dass er nie bis zu +dem ersten Katarakt des Stromes gekommen ist, an dessen Beschreibung er +sich gewagt hat. + +Im Hafen von Encaramada trafen wir Caraiben aus Panapana. Es war ein +Cazike, der in seiner Pirogue zum beruehmten Schildkroeteneierfang den Fluss +hinausging. Seine Pirogue war gegen den Boden zugerundet wie ein *Bongo* +und fuehrte ein kleineres Canoe, _'Curiara'_ genannt, mit sich. Er sass +unter einer Art Zelt (_Toldo_), das, gleich dem Segel, aus Palmblaettern +bestand. Sein kalter, einsylbiger Ernst, die Ehrerbietung, die die +Seinigen ihm bezeugten, Alles zeigte, dass man einen grossen Herrn vor sich +hatte. Der Cazike trug sich uebrigens ganz wie seine Indianer; alle waren +nackt, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und mit *Onoto*, dem Farbestoff des +Rocou, bemalt. Haeuptling, Dienerschaft, Geraethe, Fahrzeug, Segel, Alles +war roth angestrichen. Diese Caraiben sind Menschen von fast athletischem +Wuchs; sie schienen uns weit hoeher gewachsen als die Indianer, die wir +bisher gesehen. Ihre glatten, dichten, auf der Stirne wie bei den +Chorknaben verschnittenen Haare, ihre schwarz gefaerbten Augenbrauen, ihr +finsterer und doch lebhafter Blick gaben ihrem Gesichtsausdruck etwas +ungemein Hartes. Wir hatten bis jetzt nur in den Cabineten in Europa ein +paar Caraibenschaedel von den Antillen gesehen und waren daher ueberrascht, +dass bei diesen Indianern von reinem Blute die Stirne weit gewoelbter war, +als man sie uns beschrieben. Die sehr grossen, aber ekelhaft schmutzigen +Weiber trugen ihre kleinen Kinder auf dem Ruecken. Die Ober- und +Unterschenkel der Kinder waren in gewissen Abstaenden mit breiten Binden +aus Baumwollenzeug eingeschnuert. Das Fleisch unter den Binden wird stark +zusammengepresst und quillt in den Zwischenraeumen heraus. Die Caraiben +verwenden meist auf ihr Aeusseres und ihren Putz so viel Sorgfalt, als +nackte und roth bemalte Menschen nur immer koennen. Sie legen bedeutenden +Werth auf gewisse Koerperformen, und eine Mutter wuerde gewissenloser +Gleichgueltigkeit gegen ihre Kinder beschuldigt, wenn sie ihnen nicht durch +kuenstliche Mittel die Waden nach der Landessitte formte. Da keiner unserer +Indianer vom Apure caraibisch sprach, konnten wir uns beim Caziken von +Panapana nicht nach den Lagerplaetzen erkundigen, wo man in dieser +Jahreszeit auf mehreren Inseln im Orinoco zum Sammeln der Schildkroeteneier +zusammenkommt. + +Bei Encaramada trennt eine sehr lange Insel den Strom in zwei Arme. Wir +uebernachteten in einer Felsenbucht, gegenueber der Einmuendung des Rio +Cabullare, zu dem der Payara und der Atamaica sich vereinigen, und den +manche als einen Zweig des Apure betrachten, weil er mit diesem durch den +Rio Arichuna in Verbindung steht. Der Abend war schoen; der Mond beschien +die Spitzen der Granitfelsen. Trotz der Feuchtigkeit der Luft war die +Waerme so gleichmaessig vertheilt, dass man kein Sternflimmern bemerkte, +selbst nicht 4 oder 5 Grad ueber dem Horizont. Das Licht der Planeten war +auffallend geschwaecht, und liesse mich nicht die Kleinheit des scheinbaren +Durchmessers Jupiters einen Irrthum in der Beobachtung fuerchten, so sagte +ich, wir alle glaubten hier zum erstenmal mit blossem Auge die Scheibe +Jupiters zu sehen. Gegen Mitternacht wurde der Nordostwind sehr heftig. Er +fuehrte keine Wolken heraus, aber der Himmel bezog sich mehr und mehr mit +Dunst. Es traten starke Windstoesse ein und machten uns fuer unsere Pirogue +besorgt. Wir hatten den ganzen Tag ueber nur sehr wenige Krokodile gesehen, +aber lauter ungewoehnlich grosse, 20--24 Fuss lange. Die Indianer +versicherten uns, die jungen Krokodile suchen lieber die Lachen und +weniger breite und tiefe Fluesse auf; besonders in den Canos sind sie in +Menge zu finden, und man koennte von ihnen sagen, was ABD-ALLATIF von den +Nilkrokodilen sagt, "sie wimmeln wie Wuermer an den seichten Stromstellen +und im Schutz der unbewohnten Inseln." + +Am 6. April. Wir fuhren erst gegen Sued, dann gegen Suedwest weiter den +Orinoco hinauf und bekamen den Suedabhang der *Serrania* oder der Bergkette +Encaramada zu Gesicht. Der dem Fluss am naechsten gelegene Strich ist nicht +mehr als 140--160 Toisen hoch, aber die steilen Abhaenge, die Lage mitten +in einer Savane; ihre in unfoermliche Prismen zerkluefteten Felsgipfel +lassen die Serrania auffallend hoch erscheinen. Ihre groesste Breite betraegt +nur drei Meilen; nach den Mittheilungen von Pareka-Indianern wird sie +gegen Ost bedeutend breiter. Die Gipfel der Encaramada bilden den +noerdlichsten Zug eines Bergstocks, welcher sich am rechten Ufer des +Orinoco zwischen dem 5. und 7-1/2 Grad der Breite, vom Einfluss des Rio +Zama bis zu dem des Cabullare hinzieht. Zwischen den verschiedenen Zuegen +dieses Bergstocks liegen kleine grasbewachsene Ebenen. Sie laufen einander +nicht ganz parallel, denn die noerdlichsten ziehen sich von West nach Ost, +die suedlichsten von Nordwest nach Suedost. Aus dieser verschiedenen +Richtung erklaert sich vollkommen, warum die Cordillere der Parime gegen +Ost, zwischen den Quellen des Orinoco und des Rio Paruspa, breiter wird. +Wenn wir einmal ueber die grossen Katarakten von Atures und Maypures hinauf +gelangt sind, werden wir hinter einander sieben Hauptketten erscheinen +sehen, die Berge Encaramada oder Sacuina, Chaviripa, Baraguan, Carichana, +Uniama, Calitamini und Sipapo. Diese Uebersicht mag einen allgemeinen +Begriff von der geologischen Beschaffenheit des Bodens geben. Ueberall auf +dem Erdball zeigen die Gebirge, wenn sie noch so unregelmaessig gruppirt +scheinen, eine Neigung zu regelmaessigen Formen. Jede Kette erscheint einem, +wenn man auf dem Orinoco faehrt, im Querschnitt als ein einzelner Berg, +aber die Isolirung ist nur scheinbar. Die Regelmaessigkeit im Streichen und +dem Auseinandertreten der Ketten scheint geringer zu werden, je weiter man +gegen Osten kommt. Die Berge der Encaramada haengen mit denen des Mato +zusammen, in welchen der Rio Asiveru oder Cuchivero entspringt; die Berge +von Chaviripe erstrecken sich durch ihre Auslaeufer, die Granitberge +Corosal, Amoco und Murcielago, bis zu den Quellen des Erevato und +Ventuari. + +Ueber diese Berge, die von sanftmuethigen, ackerbauenden Indianern bewohnt +sind, liess bei der Expedition an die Grenze General Iturriaga das Hornvieh +gehen, mit dem die neue Stadt San Fernando de Atobapo versorgt werden +sollte. Die Einwohner der Encaramada zeigten da den spanischen Soldaten +den Weg zum Rio Manapiari, der in den Ventuari muendet. Faehrt man diese +beiden Fluesse hinab, so gelangt man in den Orinoco und Atobapo, ohne ueber +die grossen Katarakten zu kommen, ueber welche Vieh hinaufzuschaffen so gut +wie unmoeglich waere. Der Unternehmungsgeist, der den Castilianern zur Zeit +der Entdeckung von Amerika in so vorzueglichem Grade eigen war, lebte in +der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf kurze Frist noch einmal auf, +als Koenig Ferdinand VI. die wahren Grenzen seiner ungeheuren Besitzungen +kennen lernen wollte, und in den Waeldern von Guyana, dem classischen Lande +der Luege und der maehrchenhaften Ueberlieferungen, die Arglist der Indianer +die chimaerische Vorstellung von den Schaetzen des Dorado, welche die +Einbildungskraft der ersten Eroberer so gewaltig beschaeftigt hatte, von +Neuem in Umlauf brachte. + +In diesen Bergen der Encaramada, die, wie der meiste grobkoernige Granit, +keine Gaenge enthalten, fragt man sich, wo die Goldgeschiebe herkommen, +welche Juan MARTINEZ(13) und RALEGH bei den Indianern am Orinoco in so +grosser Menge gesehen haben wollen. Nach meinen Beobachtungen in diesem +Theile von Amerika glaube ich, dass das Gold, wie das Zinn, zuweilen in +kaum sichtbaren Theilchen durch die ganze Masse des Granitgesteins +zerstreut ist, ohne dass man kleine veraestete und in einander verschlungene +Gaenge anzunehmen hat. Noch nicht lange fanden Indianer aus Encaramada in +der _Quebrada del tigre_ (Tigerschlucht) ein Goldkorn von zwei Linien +Durchmesser. Es war rund und schien im Wasser gerollt. Diese Entdeckung +war den Missionaeren noch wichtiger als den Indianern, aber sie blieb +alleinstehend. + +Ich kann dieses erste Glied des Bergstocks der Encaramada nicht verlassen, +ohne eines Umstandes zu erwaehnen, der Pater GILI nicht unbekannt geblieben +war und dessen man waehrend unseres Aufenthalts in den Missionen am Orinoco +haeufig gegen uns erwaehnte. Unter den Eingeborenen dieser Laender hat sich +die Sage erhalten, "beim grossen Wasser, als ihre Vaeter das Canoe besteigen +mussten, um der allgemeinen Ueberschwemmung zu entgehen, haben die Wellen +des Meeres die Felsen der Encaramada bespuelt." Diese Sage kommt nicht nur +bei einem einzelnen Volke, den Tamanaken vor, sie gehoert zu einem Kreise +geschichtlicher Ueberlieferungen, aus dem sich einzelne Vorstellungen bei +den Maypures an den grossen Katarakten, bei den Indianern am Rio Erevato, +der sich in den Caura ergiesst, und fast bei allen Staemmen am obern Orinoco +finden. Fragt man die Tamanaken, wie das Menschengeschlecht diese grosse +Katastrophe, die *Wasserzeit* der Mexicaner, ueberlebt habe, so sagen sie, +"ein Mann und ein Weib haben sich auf einen hohen Berg, Namens Tamanacu, +am Ufer des Asiveru, gefluechtet; da haben sie Fruechte der Mauritiapalme +hinter sich ueber ihre Koepfe geworfen, und aus den Kernen derselben seyen +Maennlein und Weiblein entsprossen, welche die Erde wieder bevoelkert." In +solch einfacher Gestalt lebt bei jetzt wilden Voelkern eine Sage, welche +von den Griechen mit allem Reiz der Einbildungskraft geschmueckt worden +ist. Ein paar Meilen von Encaramada steht mitten in der Savane ein Fels, +der sogenannte *Tepumereme*, *der gemalte Fels*. Man sieht darauf +Thierbilder und symbolische Zeichen, aehnlich denen, wie wir sie auf der +Rueckfahrt auf dem Orinoco nicht weit unterhalb Encaramada bei der Stadt +Caycara gesehen. In Afrika heissen dergleichen Felsen bei den Reisenden +_'Fetischsteine'_. Ich vermeide den Ausdruck, weil die Eingeborenen am +Orinoco von einem Fetischdienst nichts wissen, und weil die Bilder, die +wir an nunmehr unbewohnten Orten auf Felsen gefunden, Sterne, Sonnen, +Tiger, Krokodile, mir keineswegs Gegenstaende religioeser Verehrung +vorzustellen scheinen. Zwischen dem Cassiquiare und dem Orinoco, zwischen +Encaramada, Capuchino und Caycara sind diese hieroglyphische n Figuren +haeufig sehr hoch oben in Felswaende eingehauen, wohin man nur mittelst sehr +hoher Gerueste gelangen koennte. Fragt man nun die Eingeborenen, wie es +moeglich gewesen sey, die Bilder einzuhauen, so erwiedern sie laechelnd, als +spraechen sie eine Thatsache aus, mit der nur ein Weisser nicht bekannt seyn +kann, "zur Zeit des *grossen Wassers* seyen ihre Vaeter so hoch oben im +Canoe gefahren." + +Diese alten Sagen des Menschengeschlechts, die wir gleich Truemmern eines +grossen Schiffbruchs ueber den Erdball zerstreut finden, sind fuer die +Geschichtsphilosophie von hoechster Bedeutung. Wie gewisse Pflanzenfamilien +in allen Klimaten und in den verschiedensten Meereshoehen das Gepraege des +gemeinsamen Typus behalten, so haben die cosmogonischen Ueberlieferungen +der Voelker aller Orten denselben Charakter, eine Familienaehnlichkeit, die +uns in Erstaunen setzt. Im Grundgedanken hinsichtlich der Vernichtung der +lebendigen Schoepfung und der Erneuerung der Natur weichen die Sagen fast +gar nicht ab, aber jedes Volk gibt ihnen eine oertliche Faerbung. Auf den +grossen Festlaendern, wie auf den kleinsten Inseln im stillen Meer haben +sich die uebrig gebliebenen Menschen immer auf den hoechsten Berg in der +Naehe gefluechtet, und das Ereigniss erscheint desto neuer, je roher die +Voelker sind und je weniger, was sie von sich selbst wissen, weit +zurueckreicht. Untersucht man die mexicanischen Denkmale aus der Zeit vor +der Entdeckung der neuen Welt genau, dringt man in die Waelder am Orinoco, +sieht man, wie unbedeutend, wie vereinzelt die europaeischen +Niederlassungen sind und in welchen Zustaenden die unabhaengig gebliebenen +Staemme verharren, so kann man nicht daran denken, die eben besprochene +Uebereinstimmung dem Einfluss der Missionare und des Christenthums auf die +Volkssagen zuzuschreiben. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass die Voelker +am Orinoco durch den Umstand, dass sie Meeresprodukte hoch oben in den +Gebirgen gefunden, auf die Vorstellung vom grossen Wasser gekommen seyn +sollten, das eine Zeit lang die Keime des organischen Lebens auf der Erde +vernichtet habe. Das Land am rechten Ufer des Orinoco bis zum Cassiquiare +und Rio Negro besteht aus Urgebirge. Ich habe dort wohl eine kleine +Sandstein- oder Conglomeratsormation angetroffen, aber keinen secundaeren +Kalkstein, keine Spur von Versteinerungen. + +Der frische Nordostwind brachte uns mit vollen Segeln zur *Boca de la +Tortuga*. Gegen eilf Uhr Vormittags stiegen wir an einer Insel mitten im +Strome aus, welche die Indianer in der Mission Uruana als ihr Eigenthum +betrachten. Diese Insel ist beruehmt wegen des Schildkroetenfangs, oder, wie +man hier sagt, wegen der _Cosecha_ der *Eierernte*, die jaehrlich hier +gehalten wird. Wir fanden hier viele Indianer beisammen und unter Huetten +aus Palmblaettern gelagert. Das Lager war ueber dreihundert Koepfe stark. +Seit San Fernando am Apure waren wir nur an oede Gestade gewoehnt, und so +fiel uns das Leben, das hier herrschte, ungemein auf. Ausser den Guamos und +Otomacos aus Uruana, die beide fuer wilde, unzaehmbare Staemme gelten, waren +Caraiben und andere Indianer vom untern Orinoco da. Jeder Stamm lagerte +fuer sich und unterschied sich durch die Farbe, mit der die Haut bemalt +war. Wir fanden in diesem laermenden Haufen einige Weisse, namentlich +_'Pulperos'_ oder Kraemer aus Angostura, die den Fluss herausgekommen waren, +um von den Eingeborenen Schildkroeteneieroel zu kaufen. Wir trafen auch den +Missionaer von Uruana, der aus Alcala de Henarez gebuertig war. Der Mann +verwunderte sich nicht wenig, uns hier zu finden. Nachdem er unsere +Instrumente bewundert, entwarf er uns eine uebertriebene Schilderung von +den Beschwerden, denen wir uns nothwendig aussetzten, wenn wir auf dem +Orinoco bis ueber die Faelle hinaufgingen. Der Zweck unserer Reise schien +ihm in bedeutendes Dunkel gehuellt. "Wie soll einer glauben," sagte er, +"dass ihr euer Vaterland verlassen habt, um euch auf diesem Flusse von den +Moskitos auszehren zu lassen und Land zu vermessen, das euch nicht +gehoert?" Zum Glueck hatten wir Empfehlungen vom Pater Gardian der +Franciscaner-Missionen bei uns, und der Schwager des Statthalters von +Barinas, der bei uns war, machte bald den Bedenken ein Ende, die durch +unsere Tracht, unsern Accent und unsere Ankunft auf diesem sandigen Eiland +unter den Weissen aufgetaucht waren. Der Missionar lud uns zu seinem +frugalen Mahl aus Bananen und Fischen ein und erzaehlte uns, er sey mit den +Indianern ueber die "Eierernte" heruebergekommen, "um jeden Morgen unter +freiem Himmel die Messe zu lesen und sich das Oel fuer die Altarlampe zu +verschaffen, besonders aber um diese _republica de Indios y Castellanos_ +in Ordnung zu halten, in der jeder fuer sich allein haben wolle, was Gott +allen bescheert." + +Wir umgingen die Insel in Begleitung des Missionars und eines Pulpero, der +sich ruehmte, dass er seit zehn Jahren ins Lager der Indianer und zur _pesca +de Tortugas_ komme. Man besucht dieses Stueck des Orinoco, wie man bei uns +die Messen von Frankfurt und Beaucaire besucht. Wir befanden uns auf einem +ganz ebenen Sandstrich. Man sagte uns: "So weit das Auge an den Ufern hin +reicht, liegen Schildkroeteneier unter einer Erdschicht." Der Missionar +trug eine lange Stange in der Hand. Er zeigte uns, wie man mit der Stange +(_vera_) sondirt, um zu sehen, wie weit die Eier*schicht* reicht, wie der +Bergmann die Grenzen eines Lagers von Mergel, Raseneisenstein oder +Steinkohle ermittelt. Stoesst man die Vara senkrecht in den Boden, so spuert +man daran, dass der Widerstand auf einmal aufhoert, dass man in die Hoehlung +oder das lose Erdreich, in dem die Eier liegen, gedrungen ist. Wie wir +sahen, ist die Schicht im Ganzen so gleichfoermig verbreitet, dass die Sonde +in einem Halbmesser von 10 Toisen rings um einen gegebenen Punkt sicher +darauf stoesst. Auch spricht man hier nur von *Quadratstangen Eiern*, wie +wenn man ein Bodenstueck, unter dem Mineralien liegen, in Loose theilte und +ganz regelmaessig abbaute. Indessen bedeckt die Eierschicht bei weitem nicht +die ganze Insel; sie hoert ueberall auf, wo der Boden rasch ansteigt, weil +die Schildkroete auf diese kleinen Plateaus nicht hinaufkriechen kann. Ich +erzaehlte meinen Fuehrern von den hochtrabenden Beschreibungen Pater +GUMILLAs, wie die Ufer des Orinoco nicht soviel Sandkoerner enthalten, als +der Strom Schildkroeten, und wie diese Thiere die Schiffe in ihrem Lauf +aufhielten, wenn Menschen und Tiger nicht alljaehrlich so viele toedteten. +"_Son cuentos de frailes_" sagte der Kraemer aus Angostura leise, denn da +arme Missionaere hier zu Lande die einzigen Reisenden sind, so nennt man +hier "Pfaffenmaehrchen," was man in Europa den Reisenden ueberhaupt +aufbuerden wuerde. + +Die Indianer versicherten uns, von der Muendung des Orinoco bis zum Einfluss +des Apure herauf finde man keine einzige Insel und kein einziges Gestade, +wo man Schildkroeteneier in Masse sammeln koennte. Die grosse Schildkroete, +der Arrau (sprich Arra-u), meidet von Menschen bewohnte oder von +Fahrzeugen besuchte Orte. Es ist ein furchtsames, scheues Thier, das den +Kopf ueber das Wasser streckt und sich beim leisesten Geraeusch versteckt. +Die Uferstrecken, wo fast saemmtliche Schildkroeten des Orinoco sich +jaehrlich zusammenzufinden scheinen, liegen zwischen dem Zusammenfluss des +Orinoco und des Apure und den grossen Faellen oder *Raudales*, das heisst +zwischen Cabruta und der Mission Atures. Hier befinden sich die drei +beruehmten Fangplaetze Encaramada oder _boca del Cabullare_, Cucuruparu oder +_boca de la Tortugay_ und Pararuma, etwas unterhalb Carichana. Die +Arrau-Schildkroete geht, wie es scheint, nicht ueber die Faelle hinauf, und +wie man uns versichert, kommen oberhalb Atures und Maypures nur +*Terekay*-Schildkroeten vor. Es ist hier der Ort, einige Worte ueber diese +beiden Arten und ihr Verhaeltniss zu den verschiedenen Familien der +Schildkroeten zu sagen. + +Wir beginnen mit der Arrau-Schildkroete, welche die Spanier in den Colonien +kurzweg _'Tortuga'_ nennen, und deren Geschlecht fuer die Voelker am untern +Orinoco von so grosser Bedeutung ist. Es ist eine grosse +Suesswasserschildkroete, mit Schwimmfuessen, sehr plattem Kopf, zwei +fleischigen, sehr spitzen Anhaengen unter dem Kinn, mit fuenf Zehen an den +Vorder- und vier an den Hinterfuessen, die unterhalb gefurcht sind. Der +Schild hat 5 Platten in der Mitte, 8 seitliche und 24 Randplatten; er ist +oben schwarzgrau, unten orangegelb, die Fuesse sind gleichfalls orangegelb +und sehr lang. Zwischen den Augen ist eine sehr tiefe Furche. Die Naegel +sind sehr stark und gebogen. Die Afteroeffnung befindet sich am letzten +Fuenftheil des Schwanzes. Das erwachsene Thier wiegt 40--50 Pfund. Die +Eier, weit groesser als Taubeneier, sind nicht so laenglicht wie die Gier des +Terekay. Sie haben eine Kalkschaale und sollen so fest seyn, dass die +Kinder der Otomaken, die starke Ballspieler sind, sie einander zuwerfen +koennen. Kaeme der Arrau oberhalb der Kararakten im Strome vor, so gingen +die Indianer am obern Orinoco nicht so weit nach dem Fleisch und den Eiern +dieser Schildkroete; man sah aber frueher ganze Volksstaemme von den Fluessen +Atabapo und Cassiquiare ueber die Raudales herabkommen, um am Fang bei +Uruana Theil zu nehmen. + +Die *Terekays* sind kleiner als die Arrau. Sie haben meist nur 14 Zoll +Durchmesser. Ihr Schild hat gleichviel Platten, sie sind aber etwas anders +vertheilt. Ich zaehlte 4 im Mittelpunkt und zu jeder Seite 5 sechsseitige, +am Rand 24 vierseitige, stark gebogene. Der Schild ist schwarz, ins Gruene +spielend; Fuesse und Naegel sind wie beim Arrau. Das ganze Thier ist +olivengruen, hat aber oben auf dem Kopf zwei aus roth und gelb gemischte +Flecke. Auch der Hals ist gelb und hat einen stachligten Anhang. Die +Terekays thun sich nicht in grosse Schwaerme zusammen, wie die Arraus, um +ihre Eier mit einander auf demselben Ufer zu legen. Die Eier des Terekay +haben einen angenehmen Geschmack und sind bei den Bewohnern von spanisch +Guyana sehr gesucht. Sie kommen sowohl im obern Orinoco als unterhalb der +Faelle vor, ferner im Apure, Uritucu, Guarico und den kleinen Fluessen, +welche durch die Llanos von Caracas laufen. Nach der Bildung der Fuesse und +des Kopfs, nach den Anhaengen an Kinn und Hals und nach der Stellung der +Afteroeffnung scheint der Arrau und wahrscheinlich auch der Terekay eine +neue Untergattung zu bilden, die von den Emyden zu trennen waere. Durch die +Anhaenge und die Stellung des Afters naehern sie sich der _Emys nasuta_ +SCHWEIGGERs und dem *Matamata* in franzoesisch Guyana, unterscheiden sich +aber von letzterem durch die Form der Schildplatten, die keine +pyramidalischen Buckel haben. + +Die Zeit, wo die grosse Arrau-Schildkroete ihre Eier legt, faellt mit dem +niedrigsten Wasserstand zusammen. Da der Orinoco von der Fruehlings-Tag- +und Nachtgleiche an zu steigen anfaengt, so liegen von Anfang Januar bis +zum 20. oder 25. Maerz die tiefsten Uferstrecken trocken. Die Arraus +sammeln sich schon im Januar in grosse Schwaerme; sie gehen jetzt aus dem +Wasser und waermen sich auf dem Sand in der Sonne. Die Indianer glauben, +das Thier beduerfe zu seinem Wohlbefinden nothwendig starker Hitze und das +Liegen in der Sonne befoerdere das Eierlegen. Den ganzen Februar findet man +die Arraus fast den ganzen Tag aus dem Ufer. Zu Anfang Maerz vereinigen +sich die zerstreuten Haufen und schwimmen zu den wenigen Inseln, auf denen +sie gewoehnlich ihre Eier legen. Wahrscheinlich kommt dieselbe Schildkroete +jedes Jahr an dasselbe Ufer. Um diese Zeit, wenige Tage vor dem Legen, +erscheinen viele tausend Schildkroeten in langen Reihen an den Ufern der +Inseln Cucuruparu, Uruana und Pararuma, recken den Hals und halten den +Kopf ueber dem Wasser, ausschauend, ob nichts von Tigern oder Menschen zu +fuerchten ist. Die Indianer, denen viel daran liegt, dass die vereinigten +Schwaerme auch beisammen bleiben, dass sich die Schildkroeten nicht +zerstreuen und in aller Ruhe ihre Eier legen koennen, stellen laengs des +Ufers Wachen auf. Man bedeutet den Fahrzeugen, sich mitten im Strom zu +halten und die Schildkroeten nicht durch Geschrei zu verscheuchen. Die Eier +werden immer bei Nacht gelegt, aber gleich von Sonnenuntergang an. Das +Thier graebt mit seinen Hinterfuessen, die sehr lang sind und krumme Klauen +haben, ein drei Fuss weites und zwei Fuss tiefes Loch. Die Indianer +behaupten, um den Ufersand zu befestigen, benetze die Schildkroete +denselben mit ihrem Harn, und man glaubt solches am Geruch wahrzunehmen, +wenn man ein frisch gegrabenes Loch oder _'Eiernest'_, wie man hier sagt, +oeffnet. Der Drang der Thiere zum Eierlegen ist so stark, dass manche in die +von andern gegrabenen, noch nicht wieder mit Erde ausgefuellten Loecher +hinunter gehen und auf die frisch gelegte Eierschicht noch eine zweite +legen. Bei diesem stuermischen Durcheinander werden ungeheuer viele Eier +zerbrochen. Der Missionaer zeigte uns, indem er den Sand an mehreren +Stellen ausgrub, dass der Verlust ein Drittheil der ganzen Ernte betragen +mag. Durch das vertrocknende Gelb der zerbrochenen Eier backt der Sand +noch staerker zusammen, und wir fanden Quarzsand und zerbrochene +Eierschaalen in grossen Klumpen zusammengekittet. Der Thiere, welche in der +Nacht am Ufer graben, sind so unermesslich viele, dass manche der Tag +ueberrascht, ehe sie mit dem Legen fertig werden konnten. Da treibt sie der +doppelte Drang, ihre Eier los zu werden und die gegrabenen Loecher +zuzudecken, damit der Tiger sie nicht sehen moege. Die Schildkroeten, die +sich verspaetet haben, achten auf keine Gefahr, die ihnen selbst droht. Sie +arbeiten unter den Augen der Indianer, die frueh Morgens auf das Ufer +kommen. Man nennt sie _'naerrische Schildkroeten.'_ Trotz ihrer ungestuemen +Bewegungen faengt man sie leicht mit den Haenden. + +Die drei Indianerlager an den oben erwaehnten Orten werden Ende Maerz und in +den ersten Tagen Aprils eroeffnet. Die Eierernte geht das einemal vor sich +wie das andere, mit der Regelmaessigkeit, die bei Allem herrscht, was von +Moenchen ausgeht. Ehe die Missionaere an den Fluss kamen, beuteten die +Eingeborenen ein Produkt, das die Natur hier in so reicher Fuelle bietet, +in weit geringerem Maasse aus. Jeder Stamm durchwuehlte das Ufer nach seiner +eigenen Weise und es wurden unendlich viele Eier muthwillig zerbrochen, +weil man nicht vorsichtig grub und mehr Eier fand, als man mitnehmen +konnte. Es war, als wuerde eine Erzgrube von ungeschickten Haenden +ausgebeutet. Den Jesuiten gebuehrt das Verdienst, dass sie die Ausbeutung +geregelt haben, und die Franciskaner, welche die Jesuiten in den Missionen +am Orinoco abgeloest haben, ruehmen sich zwar, dass sie das Verfahren ihrer +Vorgaenger einhalten, gehen aber leider keineswegs mit der gehoerigen +Vorsicht zu Werke. Die Jesuiten gaben nicht zu, dass das ganze Ufer +ausgebeutet wurde; sie liessen ein Stueck unberuehrt liegen, weil sie +besorgten, die Arrau-Schildkroeten moechten, wenn nicht ausgerottet werden, +doch bedeutend abnehmen. Jetzt wuehlt man das ganze Ufer ruecksichtslos um, +und man meint auch zu bemerken, dass die *Ernten* von Jahr zu Jahr geringer +werden. + +Ist das Lager aufgeschlagen, so ernennt der Missionaer von Uruana seinen +Stellvertreter oder den _'Commissaer'_, der den Landstrich, wo die Eier +liegen, nach der Zahl der Indianerstaemme, die sich in die Ernte theilen, +in Loose zerlegt. Es sind lauter "Indianer aus den Missionen," aber so +nackt und versunken, wie die "Indianer aus den Waeldern;" man nennt sie +_reducidos_ und _neofitos_ weil sie zur Kirche gehen, wenn man die Glocke +zieht, und gelernt haben bei der Wandlung auf die Kniee zu fallen. + +Der _Comissionado del Padre_ beginnt das Geschaeft damit, dass er den Boden +sondirt. Mit einer langen hoelzernen Stange, wie oben bemerkt, oder mit +einem Bambusrohr untersucht er, wie weit die "Eierschicht" reicht. Nach +unsern Messungen erstreckt sich die Schicht bis zu 120 Fuss vom Ufer und +ist im Durchschnitt drei Fuss tief. Der Commissaer steckt ab, wie weit jeder +Stamm arbeiten darf. Mit Verwunderung hoert man den Ertrag der Eierernte +gerade wie den Ertrag eines Getreideackers schaetzen. Es kam vor, dass ein +Areal genau hundertzwanzig Fuss lang und dreissig breit hundert Kruege oder +fuer tausend Franken Oel gab. Die Indianer graben den Boden mit den Haenden +auf, legen die gesammelten Eier in kleine, _'Mappiri'_ genannte Koerbe, +tragen sie ins Lager und werfen sie in grosse mit Wasser gefuellte hoelzerne +Troege. In diesen Troegen werden die Eier mit Schaufeln zerdrueckt und +umgeruehrt und der Sonne ausgesetzt, bis das Eigelb (der oeligte Theil), das +obenauf schwimmt, dick geworden ist. Dieser oeligte Theil wird, wie er sich +auf dem Wasser sammelt, abgeschoepft und bei einem starken Feuer gekocht. +Dieses thierische Oel, das bei den Spaniern _manteca de tortugas_ heisst, +soll sich desto besser halten, je staerker es gekocht wird. Gut zubereitet +ist es ganz hell, geruchlos und kaum ein wenig gelb. Die Missionaere +schaetzen es dem besten Olivenoel gleich, und man braucht es nicht nur zum +Brennen, sondern auch, und zwar vorzugsweise, zum Kochen, da es den +Speisen keinerlei unangenehmen Geschmack gibt. Es haelt indessen schwer, +ganz reines Schildkroetenoel zu bekommen. Es hat meist einen fauligten +Geruch, der davon herruehrt, dass Eier darunter gerathen sind, in denen +sich, weil sie schon laenger der Sonne ausgesetzt gewesen, die jungen +Schildkroeten (_los tortuguillos_) bereits ausgebildet hatten. Diese +unangenehme Erfahrung machten wir namentlich auf der Rueckfahrt vom Rio +Negro, wo das fluessige Fett, das wir hatten, braun und uebelriechend +geworden war. Die Gefaesse hatten einen faserigen Bodensatz, und diess ist +das Kennzeichen des unreinen Schildkroetenoels. + +Ich theile hier einige statistische Angaben mit, die ich an Ort und Stelle +aus dem Munde des Missionaers von Uruana, seines Commissaers und der Kraemer +aus Angostura herhalten. Das Ufer von Uruana gibt jaehrlich tausend +Botijas(14) oder Kruege Oel (_manteca_). Der Krug gilt in der Hauptstadt +von Guyana, gemeinhin Angostura genannt, 2--2-1/2 Piaster. Der ganze +Ertrag der drei Uferstrecken, wo jaehrlich die _cosecha_ oder Ernte +gehalten wird, laesst sich auf 5000 Botijas anschlagen. Da nun 200 Eier eine +Weinflasche oder _'limeta'_ voll Oel geben, so kommen 5000 Eier auf einen +Krug oder eine Botija. Nimmt man an, jede Schildkroete gebe 100--116 Eier, +und ein Drittheil werde waehrend des Legens, namentlich von den +"naerrischen" Schildkroeten zerbrochen, so ergibt sich, dass, sollen jaehrlich +5000 Kruege Oel gewonnen werden, 330,000 Arrau-Schildkroeten, die zusammen +165,000 Centner wiegen, auf den drei Ernteplaetzen 33 Millionen Eier legen +muessen. Und mit dieser Rechnung bleibt man noch weit unter der wahren +Zahl. Viele Schildkroeten legen nur 60--70 Eier; viele werden im +Augenblick, wo sie aus dem Wasser gehen, von den Jaguars gefressen; die +Indianer nehmen viele Eier mit, um sie an der Sonne zu trocknen und zu +essen, und sie zerbrechen bei der Ernte sehr viele aus Fahrlaessigkeit. Die +Menge der Eier, die bereits ausgeschluepft sind, ehe der Mensch darueber +kommt, ist so ungeheuer, dass ich beim Lagerplatz von Uruana das ganze Ufer +des Orinoco von jungen, einen Zoll breiten Schildkroeten wimmeln sah, die +mit Noth den Kindern der Indianer entkamen, welche Jagd auf sie machten. +Nimmt man noch hinzu, dass nicht alle Arraus zu den drei Lagerplaetzen +kommen, dass viele zwischen der Muendung des Orinoco und dem Einfluss des +Apure einzeln und ein paar Wochen spaeter legen, so kommt man nothwendig +zum Schluss, dass sich die Zahl der Schildkroeten, welche jaehrlich an den +Ufern des untern Orinoco ihre Eier legen, nahezu auf eine Million belaeuft. +Diess ist ausnehmend viel fuer ein Thier von betraechtlicher Groesse, das einen +halben Centner schwer wird, und unter dessen Geschlecht der Mensch so +furchtbar aufraeumt. Im Allgemeinen pflanzt die Natur in der Thierwelt die +grossen Arten in geringerer Zahl fort als die kleinen. + +Das Erntegeschaeft und die Zubereitung des Oels waehren drei Wochen. Nur um +diese Zeit stehen die Missionen mit der Kueste und den benachbarten +civilisirten Laendern in Verkehr. Die Franciskaner, die suedlich von den +Katarakten leben, kommen zur Eierernte nicht sowohl, um sich Oel zu +verschaffen, als um *weisse Gesichter* zu sehen, wie sie sagen, und um zu +hoeren, "ob der Koenig sich im Escurial oder in San Ildefonso aufhaelt, ob +die Kloester in Frankreich noch immer aufgehoben sind, vor allem aber, ob +der Tuerke sich noch immer ruhig verhaelt." Das ist Alles, wofuer ein Moench +am Orinoco Sinn hat, Dinge, worueber die Kraemer aus Angostura, die in die +Lager kommen, nicht einmal genaue Auskunft geben koennen. In diesen weit +entlegenen Laendern wird eine Neuigkeit, die ein Weisser aus der Hauptstadt +bringt, niemals in Zweifel gezogen. Zweifeln ist fast so viel wie Denken, +und wie sollte man es nicht beschwerlich finden, den Kopf anzustrengen, +wenn man sein Lebenlang ueber die Hitze und die Stiche der Moskitos zu +klagen hat? + +Die Oelhaendler haben 70--80 Procent Gewinn; denn die Indianer verkaufen +den Krug oder die Botija fuer einen harten Piaster an sie und die +Transportkosten machen fuer den Krug nur Zweifuenftel Piaster. Die Indianer, +welche die _cosecha de huevos_ mitmachen, bringen auch ganze Massen an der +Sonne getrockneter oder leicht gesottener Eier nach Haus. Unsere Ruderer +hatten immer welche in Koerben oder kleinen Saecken von Baumwollenzeug. Der +Geschmack kam uns nicht unangenehm vor, wenn sie gut erhalten sind. Man +zeigte uns grosse, von Jaguars geleerte Schildkroetenpanzer. Die Tiger gehen +den Arraus auf die Uferstriche nach, wo sie legen wollen. Sie ueberfallen +sie auf dem Sand, und um sie gemaechlich verzehren zu koennen, kehren sie +sie um, so dass der Brustschild nach oben sieht. Aus dieser Lage koennen die +Schildkroeten sich nicht ausrichten, und da der Tiger ihrer weit mehr +umwendet, als er in der Nacht verzehren kann, so sachen sich die Indianer +haeufig seine List und seine boshafte Habsucht zu Nutze. + +Wenn man bedenkt, wie schwer der reisende Naturforscher den Koerper der +Schildkroete herausbringt, wenn er Ruecken- und Brustschild nicht trennen +will, so kann man die Gewandtheit des Tigers nicht genug bewundern, der +mit seiner Tatze den Doppelschild des Arrau leert, als waeren die Ansaetze +der Muskeln mit einem chirurgischen Instrumente losgetrennt. Der Tiger +verfolgt die Schildkroete sogar ine Wasser, wenn dieses nicht sehr tief +ist. Er graebt auch die Eier aus und ist nebst dem Krokodil, den Reihern +und dem Gallinazogeier der furchtbarste Feind der frisch ausgeschluepften +Schildkroeten. Im verflossenen Jahr wurde die Insel Pararuma waehrend der +Eierernte von so vielen Krokodilen heimgesucht, dass die Indianer in einer +einzigen Nacht ihrer achtzehn, 12--15 Fuss lange, mit hakenfoermigen Eisen +und Seekuhfleisch daran, fingen. Ausser den eben erwaehnten Waldthieren thun +auch die wilden Indianer der Oelbereitung bedeutenden Eintrag. Sobald die +ersten kleinen Regenschauer, von ihnen _'Schildkroetenregen'_ genannt, sich +einstellen, ziehen sie an die Ufer des Orinoco und toedten mit vergifteten +Pfeilen die Schildkroeten, die mit emporgerecktem Kopf und ausgestreckten +Tatzen sich sonnen. + +Die jungen Schildkroeten (_tortuguillos_) zerbrechen die Eischale bei Tag, +man sieht sie aber nie anders als bei Nacht aus dem Boden schluepfen. Die +Indianer behaupten, das junge Thier scheue die Sonnenhitze. Sie wollten +uns auch zeigen, wie der Tortuguillo, wenn man ihn in einem Sack weit weg +vom Ufer traegt und so an den Boden setzt, dass er dem Flusse den Ruecken +kehrt, alsbald den kuerzesten Weg zum Wasser einschlaegt. Ich gestehe, dass +dieses Experiment, von dem schon Pater GUMILLA spricht, nicht immer gleich +gut gelingt; meist aber schienen mir die kleinen Thiere sehr weit vom +Ufer, selbst auf einer Insel, mit aeusserst feinem Gefuehl zu spueren, von +woher die feuchteste Luft weht. Bedenkt man, wie weit sich die Eierschicht +fast ohne Unterbrechung am Ufer hin erstreckt, und wie viele tausende +kleiner Schildkroeten gleich nach dem Ausschluepfen dem Wasser zugehen, so +laesst sich nicht wohl annehmen, dass so viele Schildkroeten, die am selben +Ort ihre Nester gegraben, ihre Jungen herausfinden und sie, wie die +Krokodile thun, in die Lachen am Orinoco fuehren koennen. Soviel ist aber +gewiss, dass das Thier seine ersten Lebensjahre in den seichtesten Lachen +zubringt und erst, wenn es erwachsen ist, in das grosse Flussbett geht. Wie +finden nun die Tortuguillos diese Lachen? Werden sie von weiblichen +Schildkroeten hingefuehrt, die sich ihrer annehmen, wie sie ihnen aufstossen? +Die Krokodile, deren weit nicht so viele sind, legen ihre Eier in +abgesonderte Loecher, und wir werden bald sehen, dass in dieser +Eidechsenfamilie das Weibchen gegen das Ende der Brutzeit wieder hinkommt, +den Jungen ruft, die darauf antworten, und ihnen meist aus dem Boden +hilft. Die Arrau-Schildkroete erkennt sicher, so gut wie das Krokodil, den +Ort wieder, wo sie ihr Nest gemacht; da sie aber nicht wagt wieder zum +Ufer zu kommen, wo die Indianer ihr Lager aufgeschlagen haben, wie koennte +sie ihre Jungen von fremden Tortuguillos unterscheiden? Andererseits +wollen die Otomaken beim Hochwasser weibliche Schildkroeten gesehen haben, +die eine ganze Menge junger Schildkroeten hinter sich hatten. Diess waren +vielleicht Arraus, die allein an einem einsamen Ufer gelegt hatten, zu dem +sie wieder kommen konnten. Maennliche Thiere sind unter den Schildkroeten +sehr selten; unter mehreren Hunderten trifft man kaum Eines. Der Grund +dieser Erscheinung kann hier nicht derselbe seyn wie bei den Krokodilen, +die in der Brunst einander blutige Gefechte liefern. + +Unser Steuermann war in die *Playa de Huevos* eingelaufen, um einige +Mundvorraethe zu kaufen, die bei uns auf die Neige gingen. Wir fanden +daselbst frisches Fleisch, Reis aus Angostura, sogar Zwieback aus +Weizenmehl. Unsere Indianer fuellten die Pirogue zu ihrem eigenen Bedarf +mit jungen Schildkroeten und an der Sonne getrockneten Eiern. Nachdem wir +vom Missionaer, der uns sehr herzlich aufgenommen, uns verabschiedet +hatten, gingen wir gegen vier Uhr Abends unter Segel. Der Wind blies +frisch und in Stoessen. Seit wir uns im gebirgigen Theil des Landes +befanden, hatten wir die Bemerkung gemacht, dass unsere Pirogue ein sehr +schlechtes Segelwerk fuehre; aber der "Patron" wollte den Indianern, die am +Ufer beisammen standen, zeigen, dass er, wenn er sich dicht am Wind halte, +mit Einem Schlage mitten in den Strom kommen koenne. Aber eben, als er +seine Geschicklichkeit und die Kuehnheit seines Manoevers pries, fuhr der +Wind so heftig in das Segel, dass wir beinahe gesunken waeren. Der eine Bord +kam unter Wasser und dasselbe stuerzte mit solcher Gewalt herein, dass wir +bis zu den Knieen darin standen. Es lief ueber ein Tischchen weg, an dem +ich im Hintertheil des Fahrzeugs eben schrieb. Kaum rettete ich mein +Tagebuch, und im naechsten Augenblick sahen wir unsere Buecher, Papiere und +getrockneten Pflanzen umherschwimmen. Bonpland schlief mitten in der +Pirogue. Vom eindringenden Wasser und dem Geschrei der Indianer +aufgeschreckt, uebersah er unsere Lage sogleich mit der Kaltbluetigkeit, die +ihm unter allen Verhaeltnissen treu geblieben ist. Der im Wasser stehende +Bord hob sich waehrend der Windstoesse von Zeit zu Zeit wieder, und so gab er +das Fahrzeug nicht verloren. Sollte man es auch verlassen muessen, so +konnte man sich, glaubte er, durch Schwimmen retten, da sich kein Krokodil +blicken liess. Waehrend wir so aengstlich gespannt waren, riss auf einmal das +Tauwerk des Segels. Derselbe Sturm, der uns auf die Seite geworfen, half +uns jetzt ausrichten. Man machte sich alsbald daran, das Wasser mit den +Fruechten der _Crescentia Cujete_ auszuschoepfen; das Segel wurde +ausgebessert, und in weniger als einer halben Stunde konnten wir wieder +weiter fahren. Der Wind hatte sich etwas gelegt. Windstoesse, die mit +Windstillen wechseln, sind uebrigens hier, wo der Orinoco im Gebirge laeuft, +sehr haeufig und koennen ueberladenen Schiffen ohne Verdeck sehr gefaehrlich +werden. Wir waren wie durch ein Wunder gerettet worden. Der Steuermann +verschanzte sich hinter sein indianisches Phlegma, als man ihn heftig +schalt, dass er sich zu nahe am Wind gehalten. Er aeusserte kaltbluetig, "es +werde hier herum den weissen Leuten nicht an Sonne fehlen, um *ihre +Papiere* zu trocknen." Wir hatten nur ein einziges Buch eingebuesst, und +zwar den ersten Band von SCHREBERs _genera plantarum_ der ins Wasser +gefallen war. Dergleichen Verluste thun weh, wenn man auf so wenige +wissenschaftliche Werke beschraenkt ist. + +Mit Einbruch der Nacht schlugen wir unser Nachtlager auf einer kahlen +Insel mitten im Strome in der Naehe der Mission Uruana auf. Bei herrlichem +Mondschein, auf grossen Schildkroetenpanzern sitzend, die am Ufer lagen, +nahmen wir unser Abendessen ein. Wie herzlich freuten wir uns, dass wir +alle beisammen waren! Wir stellten uns vor, wie es einem ergangen waere, +der sich beim Schiffbruch allein gerettet haette, wie er am oeden Ufer auf +und ab irrte, wie er jeden Augenblick an ein Wasser kam, das in den +Orinoco laeuft und durch das er wegen der vielen Krokodile und +Caraibenfische nur mit Lebensgefahr schwimmen konnte. Und dieser Mann mit +gefuehlvollem Herzen weiss nicht, was aus seinen Ungluecksgefaehrten geworden +ist, und ihr Loos bekuemmert ihn mehr als das seine! Gerne ueberlaesst man +sich solchen wehmuethigen Vorstellungen, weil einen nach einer +ueberstandenen Gefahr unwillkuerlich nach starken Eindruecken fort verlangt. +Jeder von uns war innerlich mit dem beschaeftigt, was sich eben vor unsern +Augen zugetragen hatte. Es gibt Momente im Leben, wo einem, ohne dass man +gerade verzagte, vor der Zukunft banger ist als sonst. Wir waren erst drei +Tage auf dem Orinoco und vor uns lag eine dreimonatliche Fahrt auf Fluessen +voll Klippen, in Fahrzeugen, noch kleiner als das, mit dem wir beinahe zu +Grund gegangen waeren. + +Die Nacht war sehr schwuel. Wir lagen am Boden auf Haeuten, da wir keine +Baeume zum Befestigen der Haengematten fanden. Die Plage der Moskitos wurde +mit jedem Tag aerger. Wir bemerkten zu unserer Ueberraschung, dass die +Jaguars hier unsere Feuer nicht scheuten. Sie schwammen ueber den Flussarm, +der uns vom Lande trennte, und Morgens hoerten wir sie ganz in unserer Naehe +bruellen. Sie waren auf die Insel, wo wir die Nacht zubrachten, +heruebergekommen. Die Indianer sagten uns, waehrend der Eierernte zeigen +sich die Tiger an den Ufern hier immer haeufiger als sonst, und sie seyen +um diese Zeit auch am kecksten. + +Am 7. April. Im Weiterfahren lag uns zur Rechten die Einmuendung des grossen +Rio Arauca, der wegen der ungeheuern Menge von Voegeln beruehmt ist, die auf +ihm leben, zur Linken die Mission Uruana, gemeiniglich _Conception de +Uruana_ genannt. Das kleine Dorf von 500 Seelen wurde um das Jahr 1748 von +den Jesuiten gegruendet und daselbst Otomaken und Caveres- oder +Cabres-Indianer angesiedelt. Es liegt am Fusse eines aus Granitbloecken +bestehenden Berges, der, glaube ich, *Saraguaca* heisst. Durch die +Verwitterung von einander getrennte Steinmassen bilden hier Hoehlen, in +denen man unzweideutige Spuren einer. alten Cultur der Eingeborenen +findet. Man sieht hier hieroglyphische Bilder, sogar Zuege in Reihen +eingehauen. Ich bezweifle indessen, dass diesen Zuegen ein Alphabet zu +Grunde liegt. Wir besuchten die Mission Uruana auf der Rueckkehr vom Rio +Negro und sahen daselbst mit eigenen Augen die Erdmassen, welche die +Otomaken essen und ueber die in Europa so viel gestritten worden ist. + +Wir massen die Breite des Orinoco zwischen der Isla de Uruana und der Isla +de Manteca, und es ergaben sich, bei Hochwasser, 2694 Toisen, also beinahe +vier Seemeilen. Er ist demnach hier, 194 franzoesische Meilen von der +Muendung, achtmal breiter als der Nil bei Mansalout und Syout. Die +Temperatur des Wassers an der Oberflaeche war bei Uruana 27 deg.,8; den Zaire- +oder Congofluss in Afrika, in gleichem Abstand vom Aequator, fand Capitaen +TUCKEY im Juli und August nur 23 deg.,9--25 deg.,6 warm. Wir werden in der Folge +sehen, dass im Orinoco, sowohl in der Naehe der Ufer, wo er in dichtem +Schatten fliesst, als mitten im Strom, im Thalweg die Temperatur des +Wassers aus 29 deg.,5 [23 deg.,6 Reaumur] steigt und nicht unter 27 deg.,5 herabgeht; +die Lufttemperatur war aber auch damals, vom April bis Juni, bei Tag meist +28--30 deg., bei Nacht 24--26 deg., waehrend im Thal des Congo von acht Uhr Morgens +bis Mittag der Thermometer nur zwischen 20 deg.,6 und 26 deg.,7 stand. + +Das westliche Ufer des Orinoco bleibt flach bis ueber den Einfluss des Meta +hinaus, wogegen von der Mission Uruana an die Berge immer naeher an das +oestliche Ufer herantreten. Da die Stroemung staerker wird, je mehr das +Flussbett sich einengt, so kamen wir jetzt mit unserem Fahrzeug bedeutend +langsamer vorwaerts. Wir fuhren immer noch mit dem Segel stromaufwaerts, +aber das hohe, mit Wald bewachsene Land entzog uns den Wind, und dann +brachen wieder aus den engen Schluchten, an denen wir vorbeifuhren, +heftige, aber schnell voruebergehende Winde. Unterhalb des Einflusses des +Rio Arauca zeigten sich mehr Krokodile als bisher, besonders dem grossen +See Capanaparo gegenueber, der mit dem Orinoco in Verbindung steht, wie die +Lagune Cabularito zugleich in letzteren Fluss und in den Rio Arauca +ausmuendet. Die Indianer sagten uns, diese Krokodile kommen aus dem innern +Lande, wo sie im trockenen Schlamm der Savanen begraben gelegen. Sobald +sie bei den ersten Regenguessen aus ihrer Erstarrung erwachen, sammeln sie +sich in Rudel und ziehen dem Strome zu, auf dem sie sich wieder +zerstreuen. Hier, im tropischen Erdstrich, wachen sie auf, wenn es wieder +feuchter wird; dagegen in Georgien und in Florida, im gemaessigten +Erdstrich, reisst die wieder zunehmende Waerme die Thiere aus der Erstattung +oder dem Zustand von Nerven- und Muskelschwaeche, in dem der Athmungsprocess +unterbrochen oder doch sehr stark beschraenkt wird. Die Zeit der grossen +Trockenheit, uneigentlich der _'Sommer der heissen Zone'_ genannt, +entspricht dem Winter der gemaessigten Zone, und es ist physiologisch sehr +merkwuerdig, dass in Nordamerika die Alligators zur selben Zeit der Kaelte +wegen im *Winterschlaf* liegen, wo die Krokodile in den Llanos ihre +*Sommersiesta* halten. Erschiene es als wahrscheinlich, dass diese +derselben Familie angehoerenden Thiere einmal in einem noerdlicheren Lande +zusammen gelebt haetten, so koennte man glauben, sie fuehlen, auch naeher an +den Aequator versetzt, noch immer, nachdem sie sieben bis acht Monate ihre +Muskeln gebraucht, das Beduerfniss auszuruhen und bleiben auch unter einem +neuen Himmelsstrich ihrem Lebensgang treu, der aufs innigste mit ihrem +Koerperbau zusammenzuhaengen scheint. + +Nachdem wir an der Muendung der Kanaele, die zum See Capanaparo fuehren, +vorbeigefahren, betraten wir ein Stromstueck, wo das Bett durch die Berge +des *Baraguan* eingeengt ist. Es ist eine Art Engpass, der bis zum Einfluss +des Rio Suapure reicht. Nach den Granitbergen hier hatten die Indianer +frueher die Strecke des Orinoco zwischen dem Einfluss des Arauca und dem des +Atabapo den Fluss *Baraguan* genannt, wie denn bei wilden Voelkern grosse +Stroeme in verschiedenen Strecken ihres Laufs verschiedene Namen haben. Der +Pass von Baraguan ist ein recht malerischer Ort. Die Granitfelsen fallen +senkrecht ab, und da die Bergkette, die sie bilden, von Nordwest nach +Suedost streicht, und der Strom diesen Gebirgsdamm fast unter einem rechten +Winkel durchbricht, so stellen sich die Hoehen als freistehende Gipfel dar. +Die meisten sind nicht ueber 170 Toisen hoch, aber durch ihre Lage inmitten +einer kleinen Ebene, durch ihre steilen, kahlen Abhaenge erhalten sie etwas +Grossartiges. Auch hier sind wieder ungeheure, an den Raendern abgerundete +Granitmassen, in Form von Parallelipipeden, ueber einander gethuermt. Die +Bloecke sind haeufig 80 Fuss lang und 20--30 breit. Man muesste glauben, sie +seyen durch eine aeussere Gewalt uebereinander gehaeuft, wenn nicht ein ganz +gleichartiges, nicht in Bloecke getheiltes, aber von Gaengen durchzogenes +Gestein anstaende und deutlich verriethe, dass das Zerfallen in +Parallelipipede von atmosphaerischen Einfluessen herruehrt. Jene zwei bis +drei Zoll maechtigen Gaenge bestehen aus einem quarzreichen, feinkoernigen +Granit im grobkoernigen, fast porphyrartigen, an schoenen rothen +Feldspathkrystallen reichen Granit. Umsonst habe ich mich in der +Cordillere des Baraguan nach der Hornblende und den Specksteinmassen +umgesehen, die fuer mehrere Granite der Schweizer Alpen charakteristisch +sind. + +Mitten in der Stromenge beim Baraguan gingen wir ans Land, um dieselbe zu +messen. Die Felsen stehen so dicht am Fluss, dass ich nur mit Muehe eine +Standlinie von 80 Toisen abmessen konnte. Ich fand den Strom 889 Toisen +breit. Um begreiflich zu finden, wie man diese Strecke eine *Stromenge* +nennen kann, muss man bedenken, dass der Strom von Uruana bis zum Einfluss +des Meta meist 1500--2500 Toisen breit ist. Am selben, ausserordentlich +heissen und trockenen Punkt mass ich auch zwei ganz runde Granitgipfel, und +fand sie nur 110 und 85 Toisen hoch. Im Innern der Bergkette sind wohl +hoehere Gipfel, im Ganzen aber sind diese so wild aussehenden Berge lange +nicht so hoch, als die Missionaere angeben. + +In den Ritzen des Gesteins, das steil wie Mauern dasteht und Spuren von +Schichtung zeigt, suchten wir vergeblich nach Pflanzen. Wir fanden nichts +als einen alten Stamm der _Aubletia Tiburba_ mit grosser birnfoermiger +Frucht, und eine neue Art aus der Familie der Apocyneen (_Allamanda +salicifolia_). Das ganze Gestein war mit zahllosen Leguans und Geckos mit +breiten, haeutigen Zehen bedeckt. Regungslos, mit aufgerichtetem Kopf und +offenem Maul sassen die Eidechsen da und schienen sich von der heissen Luft +durchstroemen zu lassen. Der Thermometer, an die Felswand gehalten, stieg +auf 50 deg.,2 [40 deg.,1 R] Der Boden schien in Folge der Luftspiegelung auf und +ab zu schwanken, waehrend sich kein Lueftchen ruehrte. Die Sonne war nahe am +Zenith und ihr glaenzendes, vom Spiegel des Stromes zurueckgeworfenes Licht +stach scharf ab vom roethlichen Dunst, der alle Gegenstaende in der Naehe +umgab. Wie tief ist doch der Eindruck, den in diesen heissen Landstrichen +um die Mittagszeit die Stille der Natur auf uns macht! Die Waldthiere +verbergen sich im Dickicht, die Voegel schluepfen unter das Laub der Baeume +oder in Felsspalten. Horcht man aber in dieser scheinbaren tiefen Stille +auf die leisesten Laute, die die Luft an unser Ohr traegt, so vernimmt man +ein dumpfes Schwirren, ein bestaendiges Brausen und Summen der Insekten, +von denen alle untern Luftschichten wimmeln. Nichts kann dem Menschen +lebendiger vor die Seele fuehren, wie weit und wie gewaltig das Reich des +organischen Lebens ist. Myriaden Insekten kriechen aus dem Boden oder +umgaukeln die von der Sonnenhitze verbrannten Gewaechse. Ein wirres Getoene +dringt aus jedem Busch, aus faulen Baumstaemmen, aus den Felsspalten, aus +dem Boden, in dem Eidechsen, Tausendfuesse, Caecilien ihre Gaenge graben. Es +sind ebenso viele Stimmen, die uns zurufen, dass Alles in der Natur athmet, +dass in tausendfaeltiger Gestalt das Leben im staubigten, zerkluefteten Boden +waltet, so gut wie im Schoosse der Wasser und in der Luft, die uns umgibt. +Die Empfindungen, die ich hier andeute, sind keinem fremd, der zwar nicht +bis zum Aequator gekommen, aber doch in Italien, in Spanien oder in +Egypten gewesen ist. Dieser Contrast zwischen Regsamkeit und Stille, +dieses ruhige und doch wieder so bewegte Antlitz der Natur wirken lebhaft +auf die Einbildungskraft des Reisenden, sobald er das Becken des +Mittelmeers, die Zone der Olive, des Chamaerops und der Dattelpalme +betritt. + +Wir uebernachteten am oestlichen Ufer des Orinoco am Fusse eines +Granithuegels. An diesem oeden Fleck lag frueher die Mission San Regis. Gar +gerne haetten wir im Baraguan eine Quelle gefunden. Das Flusswasser hatte +einen Bisamgeruch und einen suesslichten, aeusserst unangenehmen Geschmack. +Beim Orinoco wie beim Apure ist es sehr auffallend, wie abweichend sich in +dieser Beziehung, am duerrsten Ufer, verschiedene Stellen im Strome +verhalten. Bald ist das Wasser ganz trinkbar, bald scheint es mit +gallertigen Stoffen beladen. "Das macht die Rinde (die lederartige +Hautdecke) der faulenden Caymans," sagen die Indianer. "Je aelter der +Cayman, desto bitterer ist seine Rinde." Ich bezweifle nicht, dass die Aase +dieser grossen Reptilien, die der Seekuehe, die 500 Pfund wiegen, und der +Umstand, dass die im Fluss lebenden Delphine eine schleimigte Haut haben, +das Wasser verderben moegen, zumal in Buchten, wo die Stroemung schwach ist. +Indessen waren die Punkte, wo man das uebelriechendste Wasser antraf, nicht +immer solche, wo wir viele todte Thiere am Ufer liegen sahen. Wenn man in +diesem heissen Klima, wo man fortwaehrend vom Durst geplagt ist, Flusswasser +mit einer Temperatur von 27--28 Grad trinken muss, so wuenscht man +natuerlich, dass ein so warmes, mit Sand verunreinigtes Wasser wenigstens +geruchlos seyn moechte. + +Am 8. April. Im Weiterfahren lagen gegen Ost die Einmuendungen des Suapure +oder Sivapuri und des Caripo, gegen West die des Sinaruco. Letzterer Fluss +ist nach dem Rio Arauca der bedeutendste zwischen Apure und Meta. Der +Suapure, der eine Menge kleiner Faelle bildet, ist bei den Indianern wegen +des vielen wilden Honigs beruehmt, den die Waldungen liefern. Die Meliponen +haengen dort ihre ungeheuren Stoecke an die Baumaeste. Pater GILI hat im Jahr +1766 den Suapure und den Turiva, der sich in jenen ergiesst, befahren. Er +fand dort Staemme der Nation der Areverier. Wir uebernachteten ein wenig +unterhalb der Insel Macupina. + +Am 9. April. Wir langten frueh Morgens am *Strande von Pararuma* an und +fanden daselbst ein Lager von Indianern, aehnlich dem, das wir an der _boca +de la Tortuga_ gesehen. Man war beisammen, um den Sand aufzugraben, die +Schildkroeteneier zu sammeln und das Oel zu gewinnen, aber man war leider +ein paar Tage zu spaet daran. Die jungen Schildkroeten waren ausgekrochen, +ehe die Indianer ihr Lager aufgeschlagen hatten. Auch hatten sich die +Krokodile und die *Garzes*, eine grosse weisse Reiherart, das Saeumniss zu +Nutze gemacht. Diese Thiere lieben das Fleisch der jungen Schildkroeten +sehr und verzehren unzaehlige. Sie gehen auf diesen Fang bei Nacht aus, da +die Tortuguillos erst nach der Abenddaemmerung aus dem Boden kriechen und +dem nahen Flusse zulaufen. Die Zamurosgeier sind zu traege [S. Band I. +Seite 402.], um nach Sonnenuntergang zu jagen. Bei Tag streifen sie an den +Ufern umher und kommen mitten ins Lager der Indianer herein, um Esswaaren +zu entwenden, und meist bleibt ihnen, um ihren Heisshunger zu stillen, +nichts uebrig, als auf dem Lande oder in seichtem Wasser junge, 7--8 Zoll +lange Krokodile anzugreifen. Es ist merkwuerdig anzusehen, wie schlau sich +die kleinen Thiere eine Zeitlang gegen die Geier wehren. Sobald sie einen +ansichtig werden, richten sie sich auf den Vorderfuessen auf, kruemmen den +Ruecken, strecken den Kopf aufwaerts und reissen den Rachen weit auf. +Fortwaehrend, wenn auch langsam, kehren sie sich dem Feinde zu und weisen +ihm die Zaehne, die bei den eben ausgeschluepften Thieren sehr lang und +spitz sind. Oft, waehrend so ein Zamuro ganz die Aufmerksamkeit des jungen +Krokodils in Anspruch nimmt, benuetzt ein anderer die gute Gelegenheit zu +einem unerwarteten Angriff. Er stoesst auf das Thier nieder, packt es am +Halse und steigt damit hoch in die Luft. Wir konnten diesem Kampfspiel +halbe Vormittage lang zusehen; in der Stadt Mompor am Magdalenenstrom +hatten wir mehr als 40 seit vierzehn Tagen bis drei Wochen ausgeschluepfte +Krokodile in einem grossen, mit einer Mauer umgebenen Hofe beisammen. + +Wir trafen in Pararuma unter den Indianern einige Weisse, die von Angostura +herauf gekommen waren, um _manteca de tortuga_ zu kaufen. Sie langweilten +uns mit ihren Klagen ueber die "schlechte Ernte" und den Schaden, den die +Tiger waehrend des Eierlegens angerichtet, und fuehrten uns endlich unter +eine Ajoupa mitten im Indianerlager. Hier sassen die Missionaere von +Carichana und von den Katarakten, Karten spielend und aus langen Pfeifen +rauchend am Boden. Mit ihren weiten blauen Kutten, geschorenen Koepfen und +langen Baerten haetten wir sie fuer Orientalen gehalten! Die armen +Ordensleute nahmen uns sehr freundlich auf und ertheilten uns alle +Auskunft, deren wir zur Weiterfahrt bedurften. Sie litten seit mehreren +Monaten am dreitaegigen Wechselfieber, und ihr blasses, abgezehrtes +Aussehen ueberzeugte uns unschwer, dass in den Laendern, die wir zu betreten +im Begriff standen, die Gesundheit des Reisenden allerdings gefaehrdet sey. + +Dem indianischen Steuermann, der uns von San Fernando am Apure bis zum +Strande von Pararuma gebracht hatte, war die Fahrt durch die +*Stromschnellen*(15) des Orinoco neu, und er wollte uns nicht weiter +fuehren. Wir mussten uns seinem Willen fuegen. Gluecklicherweise fand sich der +Missionaer von Carichana willig, uns zu sehr billigem Preise eine huebsche +Pirogue abzutreten; ja der Missionaer von Atures und Maypures bei den +grossen Katarakten, Pater Bernardo Zea, erbot sich, obgleich er krank war, +uns bis zur Grenze von Brasilien zu begleiten. Der Indianer, welche die +Canoes ueber die *Raudales* hinauf schaffen helfen, sind so wenige, dass +wir, haetten wir keinen Moench bei uns gehabt, Gefahr gelaufen waeren, +wochenlang an diesem feuchten, ungesunden Orte liegen bleiben zu muessen. +An den Ufern des Orinoco gelten die Waelder am Rio Negro fuer ein koestliches +Land. Wirklich ist auch die Luft dort frischer und gesunder, und es gibt +im Fluss fast keine Krokodile; man kann unbesorgt baden und ist bei Tag und +Nacht weniger als am Orinoco vom Insektenstich geplagt. Pater Zea hoffte, +wenn er die Missionen am Rio Negro besuchte, seine Gesundheit +wiederherzustellen. Er sprach von der dortigen Gegend mit der +Begeisterung, mit der man in den Colonien auf dem Festland Alles ansieht, +was in weiter Ferne liegt. + +Die Versammlung der Indianer bei Pararuma bot uns wieder ein Schauspiel, +wie es den Culturmenschen immer dazu anregt, den wilden Menschen und die +allmaehliche Entwicklung unserer Geisteskraefte zu beobachten. Man straeubt +sich gegen die Vorstellung, dass wir in diesem gesellschaftlichen +Kindheitszustand, in diesem Haufen truebseliger, schweigsamer, +theilnahmloser Indianer das urspruengliche Wesen unseres Geschlechts vor +uns haben sollen. Die Menschennatur tritt uns hier nicht im Gewande +liebenswuerdiger Einfalt entgegen, wie sie die Poesie in allen Sprachen so +hinreissend schildert. Der Wilde am Orinoco schien uns so widrig abstossend +als der Wilde am Mississippi, wie ihn der reisende Philosoph [VOLNEY], der +groesste Meister in der Schilderung des Menschen in verschiedenen Klimaten, +gezeichnet hat. Gar gerne redet man sich ein, diese Eingeborenen, wie sie +da, den Leib mit Erde und Fett beschmiert, um ihr Feuer hocken oder auf +grossen Schildkroetenpanzern sitzen und stundenlang mit dummen Gesichtern +auf das Getraenk glotzen, das sie bereiten, seyen keineswegs der +urspruengliche Typus unserer Gattung, vielmehr ein entartetes Geschlecht, +die schwachen Ueberreste von Voelkern, die versprengt lange in Waeldern +gelebt und am Ende in Barbarei zurueckgesunken. + +Die rothe Bemalung ist gleichsam die einzige Bekleidung der Indianer, und +es lassen sich zwei Arten derselben unterscheiden, nach der groesseren oder +geringeren Wohlhabenheit der Individuen. Die gemeine Schminke der +Caraiben, Otomaken und Jaruros ist der _'Onoto'_, von den Spaniern +_'Achote'_, von den Colonisten in Cayenne _'Rocou'_ genannt. Es ist der +Farbstoff, den man aus dem Fruchtfleisch der _Bixa orellana_ auszieht. +Wenn sie Onoto bereiten, werfen die indianischen Weiber die Samen der +Pflanze in eine Kufe mit Wasser, peitschen das Wasser eine Stunde lang und +lassen dann den Farbstoff, der lebhaft ziegelroth ist, sich ruhig +absetzen. Das Wasser wird abgegossen; der Bodensatz herausgenommen, mit +den Haenden ausgedrueckt, mit Schildkroeteneieroel geknetet und runde 3--4 +Unzen schwere Kuchen daraus geformt. In Ermanglung von Schildkroetenoel +vermengen einige Nationen den Onoto mit Krokodilfett. Ein anderer, weit +kostbarerer Farbstoff wird aus einer Pflanze aus der Familie der Bignonien +gewonnen, die Bonpland unter dem Namen _Bignonia Chica_ bekannt gemacht +hat. Die Tamanaken nennen dieselbe _'Craviri'_, die Maypures +_'Chirraviri'_. Sie klettert auf die hoechsten Baeume und heftet sich mit +Ranken an. Die zweilippigen Bluethen sind einen Zoll lang, schoen violett, +und stehen zu zweien oder dreien beisammen. Die doppelt gefiederten +Blaetter vertrocknen leicht und werden roethlich. Die Frucht ist eine zwei +Fuss lange Schote mit gefluegelten Samen. Diese Bignonie waechst bei Maypures +in Menge wild, ebenso noch weiter am Orinoco hinauf jenseits des +Einflusses des Guaviare, von Santa Barbara bis zum hohen Berge Duida, +besonders bei Esmeralda. Auch an den Ufern des Cassiquiare haben wir sie +gefunden. Der rothe Farbstoff des Chica wird nicht, wie der Onoto, aus der +Frucht gewonnen, sondern aus den im Wasser geweichten Blaettern. Er sondert +sich in Gestalt eines sehr leichten Pulvers ab. Man formt ihn, ohne ihn +mit Schildkroetenoel zu vermischen, zu kleinen 8--9 Zoll langen, 2--3 Zoll +hohen, an den Raendern abgerundeten Broden. Erwaermt verbreiten diese Brode +einen angenehmen Geruch, wie Benzoe. Bei der Destillation zeigt der Chica +keine merkbare Spur von Ammoniak; es ist kein stickstoffhaltiger Koerper +wie der Indigo. In Schwefel- und Salzsaeure, selbst in den Alkalien loest er +sich etwas auf. Mit Oel abgerieben, gibt der Chica eine rothe, dem Lack +aehnliche Farbe. Traenkt man Wolle damit, so koennte man sie mit Krapproth +verwechseln. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass der Chica, der vor +unserer Reise in Europa unbekannt war, sich technisch nuetzlich verwenden +liesse: Am Orinoco wird diese Farbe am besten von den Voelkerschaften der +Salivas, Guipunaves, Caveres und Piravas bereitet. Die meisten Voelker am +Orinoco koennen mit dem Infundiren und Maceriren gut umgehen. So treiben +die Maypures ihren Tauschhandel mit kleinen Broden von *Pucuma*, einem +Pflanzenmehl, das wie der Indigo getrocknet wird und eine sehr dauerhafte +gelbe Farbe liefert. Die Chemie des Wilden beschraenkt sich auf die +Bereitung von Farbstoffen und von Giften und auf das Aussuessen der +staerkmehlhaltigen Wurzeln der Arumarten und der Euphorbien. + +Die meisten Missionaere am obern und untern Orinoco gestatten den Indianern +in ihren Missionen, sich die Haut zu bemalen. Leider gibt es manche, die +auf die Nacktheit der Eingeborenen speculiren. Da die Moenche nicht +Leinwand und Kleider an sie verkaufen koennen, so handeln sie mit rother +Farbe, die bei den Eingeborenen so sehr gesucht ist. Oft sah ich in ihren +Huetten, die vornehm _Conventos_ heissen, Niederlagen von Chica. Der Kuchen, +die _turtu_, wird bis zu vier Franken verkauft. Um einen Begriff zu geben, +welchen Luxus die nackten Indianer mit ihrem Putze treiben, bemerke ich +hier, dass ein hochgewachsener Mann durch zwei woechentliche Arbeit kaum +genug verdient, um sich durch Tausch so viel Chica zu verschaffen, dass er +sich roth bemalen kann. Wie man daher in gemaessigten Laendern von einem +armen Menschen sagt, er habe nicht die Mittel, sich zu kleiden, so hoert +man die Indianer am Orinoco sagen: "Der Mensch ist so elend, dass er sich +den Leib nicht einmal halb malen kann." Der kleine Handel mit Chica wird +besonders mit den Staemmen am untern Orinoco getrieben, in deren Land die +Pflanze, die den kostbaren Stoff liefert, nicht waechst. Die Caraiben und +Otomaken faerben sich bloss Gesicht und Haare mit Chica, aber den Salives +steht die Farbe in solcher Menge zu Gebot, dass sie den ganzen Koerper damit +ueberziehen koennen. Wenn die Missionaere nach Angostura auf ihre Rechnung +kleine Sendungen von Cacao, Tabak und *Chiquichiqui*(16) vom Rio Negro +machen, so packen sie immer auch Chicakuchen, als einen sehr gesuchten +Artikel, bei. Manche Leute europaeischer Abkunft brauchen den Farbstoff, +mit Wasser angeruehrt, als ein vorzuegliches harntreibendes Mittel. + +Der Brauch, den Koerpers zu bemalen, ist nicht bei allen Voelkern am Orinoco +gleich alt. Erst seit den haeufigen Einfaellen der maechtigen Nation der +Caraiben in diese Laender ist derselbe allgemeiner geworden. Sieger und +Besiegte waren gleich nackt, und um dem Sieger gefaellig zu seyn, musste man +sich bemalen wie er und seine Farbe tragen. Jetzt ist es mit der Macht der +Caraiben vorbei, sie sind auf das Gebiet zwischen den Fluessen Carony, +Cuyuni und Paraguamuzi beschraenkt, aber die caraibische Mode, den ganzen +Koerper zu faerben, hat sich erhalten; der Brauch ist dauernder als die +Eroberung. + +Ist nun der Gebrauch des Onoto und des Chica ein Kind der bei wilden +Voelkern so haeufigen Gefallsucht und ihrer Liebe zum Putz, oder gruendet er +sich vielleicht auf die Beobachtung, dass ein Ueberzug von faerbenden und +oeligten Stoffen die Haut gegen den Stich der Moskitos schuetzt? In den +Missionen am Orinoco und ueberall, wo die Luft von giftigen Insekten +wimmelt, habe ich diese Frage sehr oft eroertern hoeren. Die Erfahrung +zeigt, dass der Caraibe und der Saliva, die roth bemalt sind, von Moskitos +und Zancudos so arg geplagt werden als die Indianer, die keine Farbe +aufgetragen haben. Bei beiden hat der Stich des Insects keine Geschwulst +zur Folge; fast nie bilden sich die Blasen oder kleinen Beulen, die frisch +angekommenen Europaeern ein so unertraegliches Jucken verursachen. So lange +aber das Insekt den Saugruessel nicht aus der Hautgezogen hat, schmerzt der +Stich den Eingeborenen und den Weissen gleich sehr. Nach tausend andern +nutzlosen Versuchen haben Bonpland und ich uns selbst Haende und Arme mit +Krokodilfett und Schildkroeteneieroel eingerieben und davon nie die +geringste Erleichterung gespuert; wir wurden gestochen nach wie vor. Ich +weiss wohl, dass Oel und Fett von den Lappen als die wirksamsten +Schutzmittel geruehmt werden; aber die scandinavischen Insekten und die am +Orinoco sind nicht von derselben Art. Der Tabaksrauch verscheucht unsere +Schnacken, gegen die Zancudos hilft er nichts. Wenn die Anwendung vom +fetten und adstringirenden Stoffen(17) die ungluecklichen Landeseinwohner +vor der Insektenplage schuetzte, wie Pater GUMILLA behauptet, warum waere +der Brauch sich zu bemalen hier zu Lande nicht ganz allgemein geworden? +wie koennten so viele nackte Voelker, die sich bloss das Gesicht bemalen, +dicht neben solchen wohnen, die den ganzen Koerper faerben? + +Es erscheint auffallend, dass die Indianer am Orinoco, wie die Eingeborenen +in Nordamerika, rothe Farbstoffe allen andern vorziehen. Ruehrt diese +Vorliebe davon her, dass der Wilde sich leicht ockerartige Erden oder das +Farbmehl des Rocou und des Chica verschafft? Das moechte ich sehr be- +zweifeln. In einem grossen Theil des tropischen Amerika waechst der Indigo +wild, und diese Pflanze, wie so viele andere Schotengewaechse, haetten den +Eingeborenen reichlich Mittel geboten, sich blau zu faerben wie die alten +Britannier, und doch sehen wir in Amerika keine mit Indigo bemalten +Staemme. Wenn die Amerikaner der rothen Farbe den Vorzug geben, so beruht +diess, wie schon oben bemerkt, wahrscheinlich auf dem Triebe der Voelker, +Alles, was sie nationell auszeichnet, schoen zu finden. Menschen, deren +Haut von Natur rothbraun ist, lieben die rothe Farbe. Kommen sie mit +niedriger Stirn, mit abgeplattetem Kopfe zur Welt, so suchen sie bei ihren +Kindern die Stirne niederzudruecken. Unterscheiden sie sich von andern +Voelkern durch sehr duennen Bart, so suchen sie die wenigen Haare, welche +die Natur ihnen wachsen lassen, auszuraufen. Sie halten sich fuer desto +schoener, je staerker sie die charakteristischen Zuege ihres Stammes oder +ihrer Nationalbildung hervortreten lassen. + +Im Lager auf Pararuma machten wir die auffallende Bemerkung, dass sehr alte +Weiber mit ihrem Putz sich mehr zu schaffen machten als die juengsten. Wir +sahen eine Indianerin vom Stamme der Otomaken, die sich die Haare mit +Schildkroetenoel einreiben und den Ruecken mit Onoto und *Caruto* bemalen +liess; zwei ihrer Toechter mussten dieses Geschaeft verrichten. Die Malerei +bestand in einer Art Gitter von schwarzen sich kreuzenden Linien auf +rothem Grund; in jedes kleine Viereck wurde mitten ein schwarzer Punkt +gemacht, eine Arbeit, zu der unglaubliche Geduld gehoerte. Wir hatten sehr +lange botanisirt, und als wir zurueckkamen, war die Malerei noch nicht halb +fertig. Man wundert sich ueber einen so umstaendlichen Putz um so mehr, wenn +man bedenkt, dass die Linien und Figuren nicht taetowirt werden, und dass das +so muehsam Aufgemalte sich verwischt,(18) wenn sich der Indianer +unvorsichtigerweise einem starken Regen aussetzt. Manche Nationen bemalen +sich nur, wenn sie Feste begehen, andere sind das ganze Jahr mit Farbe +angestrichen, und bei diesen ist der Gebrauch des Onoto so unumgaenglich, +dass Maenner und Weiber sich wohl weniger schaemten, wenn sie sich ohne +*Guayuco*, als wenn sie sich unbemalt blicken liessen. Die *Guayucos* +bestehen am Orinoco theils aus Baumrinde, theils aus Baumwollenzeug. Die +Maenner tragen sie breiter als die Weiber, die ueberhaupt (wie die +Missionaere behaupten) weniger Schamgefuehl haben. Schon Christoph Columbus +hat eine aehnliche Bemerkung gemacht. Sollte diese Gleichgueltigkeit der +Weiber, dieser ihr Mangel an Scham unter Voelkern, deren Sitten doch nicht +sehr verdorben sind, nicht daher ruehren, dass das andere Geschlecht in +Suedamerika durch Missbrauch der Gewalt von Seiten der Maenner so tief +herabgewuerdigt und zu Sklavendiensten verurtheilt ist? + +Ist in Europa von einem Eingeborenen von Guyana die Rede, so stellt man +sich einen Menschen vor, der an Kopf und Guertel mit schoenen Arras-, +Tucan-, Tangaras- und Colibrifedern geschmueckt ist. Von jeher gilt bei +unsern Malern und Bildhauern solcher Putz fuer das charakteristische +Merkmal eines Amerikaners. Zu unserer Ueberraschung sahen wir in den +Missionen der Chaymas, in den Lagern von Uruana und Pararuma, ja beinahe +am ganzen Orinoco und Cassiquiare nirgends jene schoenen Federbuesche, jene +Federschuerzen, wie sie die Reisenden so oft aus Cayenne und Demerary +heimbringen. Die meisten Voelkerschaften in Guyana, selbst die, deren +Geisteskraefte ziemlich entwickelt sind, die Ackerbau treiben und +Baumwollenzeug weben, sind so nackt, so arm, so schmucklos wie die +Neuhollaender. Bei der ungeheuren Hitze, beim starken Schweiss, der den +Koerper den ganzen Tag ueber und zum Theil auch bei Nacht bedeckt, ist jede +Bekleidung unertraeglich. Die Putzsachen, namentlich die Federbuesche werden +nur bei Tanz und Festlichkeit gebraucht. Die Federbuesche der Guaypunaves +sind wegen der Auswahl der schoenen Manakin- und Papagayenfedern die +beruehmtesten. + +Die Indianer bleiben nicht immer bei einem einfachen Farbenueberzug stehen; +zuweilen ahmen sie mit ihrer Hautmalerei in der wunderlichsten Weise den +Schnitt europaeischer Kleidungsstuecke nach. Wir sahen in Pararuma welche, +die sich blaue Jacken mit schwarzen Knoepfen malen liessen. Die Missionaere +erzaehlten uns sogar, die Guaynaves am Rio Caura faerben sich mit Onoto und +machen sich dem Koerper entlang breite Querstreifen, auf die sie +silberfarbige Glimmerblaettchen kleben. Von weitem sieht es aus, als truegen +die nackten Menschen mit Tressen besetzte Kleider. Waeren die *bemalten* +Voelker so scharf beobachtet worden, wie die *bekleideten*, so waere man zum +Schlusse gelangt, dass beim Bemalen, so gut wie bei der Bekleidung, der +Brauch von grosser Fruchtbarkeit der Einbildungskraft und starkem Wechsel +der Laune erzeugt wird. + +Das Bemalen und Taetowiren ist in beiden Welten weder auf Einen +Menschenstamm, noch auf Einen Erdstrich beschraenkt. Am haeufigsten kommen +diese Arten von Putz bei Voelkern malayischer und amerikanischer Race vor; +aber zur Zeit der Roemer bestand die Sitte auch bei der weissen Race im +Norden von Europa. Wenn Kleidung und Tracht im griechischen Archipel und +in Westasien am malerischsten sind, so sind Bemalung und Taetowirung bei +den Insulanern der Suedsee am hoechsten ausgebildet. Manche bekleideten +Voelker bemalen sich dabei doch Haende, Naegel und Gesicht. Die Bemalung +erscheint hier auf die Koerpertheile beschraenkt, die allein blos getragen +werden, und waehrend die Schminke, die an den wilden Zustand der Menschheit +erinnert, in Europa nach und nach verschwindet, meinen die Damen in +manchen Staedten der Provinz Peru ihre doch so feine und sehr weisse Haut +durch Auftragen von vegetabilischen Farbstoffen, von Staerke, Eiweiss und +Mehl schoener zu machen. Wenn man lange unter Menschen gelebt hat, die mit +Onoto und Chica bemalt sind, fallen einem diese Ueberreste alter Barbarei +inmitten aller Gebraeuche der gebildeten Welt nicht wenig auf. + +Im Lager von Pararuma hatten wir Gelegenheit, manche Thiere, die wir bis +dahin nur von den europaeischen Sammlungen her kannten, zum erstenmal +lebend zu sehen. Die Missionaere treiben mit dergleichen kleinen Thieren +Handel. Gegen Tabak, Maniharz, Chicafarbe, _'Gallitos'_ (Felshuehner), +*Titi-*, *Kapuziner-* und andere an den Kuesten sehr gesuchte Affen +tauschen sie Zeuge, Naegel, Aexte, Angeln und Stecknadeln ein. Die Producte +vom Orinoco werden den Indianern, die unter der Herrschaft der Moenche +leben, zu niedrigem Preise abgekauft, und dieselben Indianer kaufen dann +von den Moenchen, aber zu sehr hohen Preisen, mit dem Geld, das sie bei der +Eierernte erloesen, ihr Fischergeraethe und ihre Ackerwerkzeuge. Wir kauften +mehrere Thiere, die uns auf der uebrigen Stromfahrt begleiteten und deren +Lebensweise wir somit beobachten konnten. Ich habe diese Beobachtungen in +einem andern Werke bekannt gemacht; da ich aber einmal von denselben +Gegenstaenden zweimal handeln muss, beschraenke ich mich hier auf ganz kurze +Angaben und fuege Notizen bei, wie sie mir seitdem hier und da in meinen +Reisetagebuechern aufstiessen. + +Die *Gallitos* oder *Felshuehner*, die man in Pararuma in niedlichen +kleinen Bauern aus Palmblattstielen verkauft, sind an den Ufern des +Orinoco und im ganzen Norden und Westen des tropischen Amerika weit +seltener als in franzoesisch Guyana. Man fand sie bisher nur bei der +Mission Encaramada und in den *Raudales* oder Faellen von Maypures. Ich +sage ausdruecklich in den Faellen; denn diese Voegel nisten gewoehnlich in den +Hoehlungen der kleinen Granitfelsen, die sich durch den Orinoco ziehen und +so zahlreiche Wasserfaelle bilden. Wir sahen sie manchmal mitten im +Wasserschaum zum Vorschein kommen, ihrer Henne rufen und mit einander +kaempfen, wobei sie wie unsere Haehne den doppelten beweglichen Kamm, der +ihren Kopfschmuck bildet, zusammenfalten. Da die Indianer selten +erwachsene Gallitos fangen und in Europa nur die Maennchen geschaetzt sind, +die vom dritten Jahre an praechtig goldgelb werden, so muss der Kaeufer auf +der Hut seyn, um nicht statt junger Hahnen junge Hennen zu bekommen. Beide +sind olivenbraun; aber der _Pollo_ oder junge Hahn zeichnet sich schon +ganz jung durch seine Groesse und seine gelben Fuesse aus. Die Henne bleibt +ihr Lebenlang dunkelfarbig, braun, und nur die Spitzen und der Untertheil +der Fluegel sind bei ihr gelb. Soll der erwachsene Felshahn in unsern +Sammlungen die schoene Farbe seines Gefieders erhalten, so darf man +dasselbe nicht dem Licht aussetzen. Die Farbe bleicht weit schneller als +bei andern Gattungen sperlingsartiger Voegel. Die jungen Hahnen haben, wie +die meisten Thiere, das Gefieder der Mutter. Es wundert mich, wie ein so +ausgezeichneter Beobachter wie LE VAILLANT in Zweifel ziehen kann, ob die +Henne wirklich immer dunkelfarbig, olivenbraun bleibt. Die Indianer bei +den Raudales versicherten mich alle, niemals ein goldfarbiges Weibchen +gesehen zu haben. + +Unter den Affen, welche die Indianer in Paramara zu Markte gebracht, sahen +wir mehrere Spielarten des *Sai* [_Simia capucina_], der der kleinen +Gruppe der Winselaffen angehoert, die in den spanischen Colonien *Matchi* +heissen, ferner *Marimondas* [_Simia Belzebuth_] oder Atelen mit rothem +Bauch, *Titis* und *Viuditas*. Die beiden letzteren Arten interessirten +uns besonders, und wir kauften sie, um sie nach Europa zu schicken.(19) +BUFFONs *Ouistiti* [_Simia Jacchus_] ist AZZARAs Titi, der *Titi* [_Simia +Oedipus_] von Carthagena und Darien ist BUFFONs Pinche, und der *Titi* +[_Simia sciurea_] vom Orinoco ist der Saimiri der franzoesischen Zoologen, +und diese Thiere duerfen nicht verwechselt werden. In den verschiedenen +spanischen Colonien heissen *Titi* Affen, die drei verschiedenen +Untergattungen angehoeren und in der Zahl der Backzaehne von einander +abweichen. Nach dem eben Angefuehrten ist die Bemerkung fast ueberfluessig, +wie wuenschenswerth es waere, dass man in wissenschaftlichen Werken sich der +landesueblichen Namen enthielte, die durch unsere Orthographie entstellt +werden, die in jeder Provinz wieder anders lauten, und so die klaegliche +Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur vermehren. + +Der *Titi vom Orinoco* (_Simia sciurea_), bis jetzt schlecht abgebildet, +indessen in unsern Sammlungen sehr bekannt, heisst bei den +Maypures-Indianern _Bititeni_. Er kommt suedlich von den Katarakten sehr +haeufig vor. Er hat ein weisses Gesicht und ueber Mund und Nasenspitze weg +einen kleinen blauschwarzen Fleck. Die am zierlichsten gebauten und am +schoensten gefaerbten (der Pelz ist goldgelb) kommen von den Ufern des +Cassiquiare. Die man am Guaviare faengt, sind gross und schwer zu zaehmen. +Kein anderer Affe sieht im Gesicht einem Kinde so aehnlich wie der Titi; es +ist derselbe Ausdruck von Unschuld, dasselbe schalkhafte Laecheln: derselbe +rasche Uebergang von Freude zu Trauer. Seine grossen Augen fuellen sich mit +Thraenen, sobald er ueber etwas aengstlich wird. Er ist sehr luestern nach +Insekten, besonders nach Spinnen. Das kleine Thier ist so klug, dass ein +Titi, den wir aus unserem Canoe nach Angostura brachten, die Tafeln zu +CUVIERs _Tableau elementaire d'histoire naturelle_ ganz gut unterschied. +Diese Kupfer sind nicht colorirt, und doch streckte der Titi rasch die +kleine Hand aus, in der Hoffnung, eine Heuschrecke oder eine Wespe zu +erhaschen, so oft wir ihm die eilfte Tafel vorhielten, auf der diese +Insekten abgebildet sind. Zeigte man ihm Skelette oder Koepfe von +Saeugethieren, blieb er voellig gleichgueltig.(20) Setzt man mehrere dieser +kleinen Affen, die im selben Kaefigt beisammen sind, dem Regen aus, und +faellt die gewoehnliche Lufttemperatur rasch um 2--3 Grad, so schlingen sie +sich den Schwanz, der uebrigens kein Wickelschwanz ist, um den Hals und +verschraenken Arme und Beine, um sich gegenseitig zu erwaermen. Die +indianischen Jaeger erzaehlten uns, man finde in den Waeldern haeufig Haufen +von zehn, zwoelf solcher Affen, die erbaermlich schreien, weil die auswaerts +Stehenden in den Knaeuel hinein moechten, um Waerme und Schutz zu finden. +Schiesst man mit Pfeilen, die in _Curare destemplado_ (in verduenntes Gift) +getaucht sind, auf einen solchen Knaeuel, so faengt man viele junge Affen +auf einmal lebendig. Der junge Titi bleibt im Fallen an seiner Mutter +haengen, und wird er durch den Sturz nicht verletzt, so weicht er nicht von +Schulter und Hals des todten Thiers. Die meisten, die man in den Huetten +der Indianer lebend antrifft, sind auf diese Weise von den Leichen ihrer +Muetter gerissen worden. Erwachsene Thiere, wenn sie auch von leichten +Wunden genesen sind, gehen meist zu Grunde, ehe sie sich an den Zustand +der Gefangenschaft gewoehnt haben. Die Titis sind meist zarte, furchtsame +kleine Thiere. Sie sind aus den Missionen am Orinoco schwer an die Kuesten +von Cumana und Caracas zu bringen. Sobald man die Waldregion hinter sich +hat und die Llanos betritt, werden sie traurig und niedergeschlagen. Der +unbedeutenden Zunahme der Temperatur kann man diese Veraenderung nicht +zuschreiben, sie scheint vielmehr vom staerkeren Licht, von der geringeren +Feuchtigkeit und von irgend welcher chemischen Beschaffenheit der Luft an +der Kueste herzuruehren. + +Den Saimiris oder Titis vom Orinoco, den Atelen, Sajous und andern schon +lange in Europa bekannten Vierhaendern steht in scharfem Abstich, nach +Habitus und Lebensweise, der *Macavahu* [_Simia lugens_] gegenueber, den +die Missionaere _'Viudita'_ oder *Wittwe in Trauer* nennen. Das kleine +Thier hat feines, glaenzendes, schoen schwarzes Haar. Das Gesicht hat eine +weisslichte, ins Blaue spielende Larve, in der Augen, Nase und Mund stehen. +Die Ohren haben einen umgebogenen Rand, sind klein, wohlgebildet und fast +ganz nackt. Vorn am Halse hat die *Wittwe* einen weissen, zollbreiten +Strich, der ein halbes Halsband bildet. Die Hinterfuesse oder vielmehr Haende +sind schwarz wie der uebrige Koerper, aber die Vorderhaende sind aussen weiss +und innen glaenzend schwarz. Diese weissen Abzeichen deuten nun die +Missionare als Schleier, Halstuch und Handschuhe einer *Wittwe in Trauer*. +Die Gemuethsart dieses kleinen Affen, der sich nur beim Fressen auf den +Hinterbeinen ausrichtet, verraeth sich durch seine Haltung nur sehr wenig. +Er sieht sanft und schuechtern aus; haeufig beruehrt er das Fressen nicht, +das man ihm bietet, selbst wenn er starken Hunger hat. Er ist nicht gerne +in Gesellschaft anderer Affen; wenn er den kleinsten Samiri ansichtig +wird, laeuft er davon. Sein Auge verraeth grosse Lebhaftigkeit. Wir sahen ihn +stundenlang regungslos dasitzen, ohne dass er schlief, und auf Alles, was +um ihn vorging, achten. Aber diese Schuechternheit und Sanftmuth sind nur +scheinbar. Ist die Viudita allein, sich selbst ueberlassen, so wird sie +wuethend, sobald sie einen Vogel sieht. Sie klettert und laeuft dann mit +erstaunlicher Behendigkeit; sie macht einen Satz auf ihre Beute, wie die +Katze, und erwuergt, was sie erhaschen kann. Dieser sehr seltene und sehr +zaertliche Affe lebt auf dem rechten Ufer des Orinoco in den Granitgebirgen +hinter der Mission Santa Barbara, ferner am Guaviare bei San Fernando de +Atabapo. Die Viudita hat die ganze Reise auf dem Cassiquiare und Rio Negro +mitgemacht und ist zweimal mit uns ueber die Katarakten gegangen. Will man +die Sitten der Thiere genau beobachten, so ist es, nach meiner Meinung, +sehr vortheilhaft, wenn man sie Monate lang in freier Luft, nicht in +Haeusern, wo sie ihre natuerliche Lebhaftigkeit ganz verlieren, unter den +Augen hat. + +Die neue fuer uns bestimmte Pirogue wurde noch am Abend geladen. Es war, +wie alle indianischen Canoes, ein mit Axt und Feuer ausgehoehlter +Baumstamm, vierzig Fuss lang und drei breit. Drei Personen konnten nicht +neben einander darin sitzen. Diese Piroguen sind so beweglich, sie +erfordern, weil sie so wenig Widerstand leisten, eine so gleichmaessige +Vertheilung der Last, dass man, wenn man einen Augenblick aufstehen will, +den Ruderern (_bogas_) zurufen muss, sich auf die entgegengesetzte Seite zu +lehnen; ohne diese Vorsicht liefe das Wasser nothwendig ueber den geneigten +Bord. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, wie uebel man auf +einem solchen elenden Fahrzeug daran ist. + +Der Missionaer aus den *Raudales* betrieb die Zuruestungen zur Weiterfahrt +eifriger, als uns lieb war. Man besorgte nicht genug Macos- und +Guahibos-Indianer zur Hand zu haben, die mit dem Labyrinth von kleinen +Kanaelen und Wasserfaellen, welche die Raudales oder Katarakten bilden, +bekannt waeren; man legte daher die Nacht ueber zwei Indianer in den *Cepo*, +das heisst, man legte sie auf den Boden und steckte ihnen die Beine durch +zwei Holzstuecke mit Ausschnitten, um die man eine Kette mit Vorlegeschloss +legte. Am fruehen Morgen weckte uns das Geschrei eines jungen Mannes, den +man mit einem Seekuhriemen unbarmherzig peitschte. Es war *Zerepe*, ein +sehr verstaendiger Indianer, der uns in der Folge die besten Dienste +leistete, jetzt aber nicht mit uns gehen wollte. Er war aus der Mission +Atures gebuertig, sein Vater war ein Maco, seine Mutter vom Stamme der +Maypures; er war in die Waelder (_al monte_) entlaufen und hatte ein paar +Jahre unter nicht unterworfenen Indianern gelebt. Dadurch hatte er sich +mehrere Sprachen zu eigen gemacht, und der Missionaer brauchte ihn als +Dolmetscher. Nur mit Muehe brachten wir es dahin, dass der junge Mann +begnadigt wurde. "Ohne solche Strenge," hiess es, "wuerde es euch an Allem +fehlen. Die Indianer aus den Raudales und vom obern Orinoco sind ein +staerkerer und arbeitsamerer Menschenschlag als die am untern Orinoco. Sie +wissen wohl, dass sie in Angostura sehr gesucht sind. Liesse man sie machen, +so gingen sie alle den Fluss hinunter, um ihre Produkte zu verkaufen und in +voller Freiheit unter den Weissen zu leben, und die Missionen stuenden +leer." + +Diese Gruende moegen scheinbar etwas fuer sich haben, richtig sind sie nicht. +Will der Mensch der Vortheile des geselligen Lebens geniessen, so muss er +allerdings seine natuerlichen Rechte, seine fruehere Unabhaengigkeit zum +Theil zum Opfer bringen. Wird aber das Opfer, das man ihm auferlegt, nicht +durch die Vortheile der Civilisation aufgewogen, so naehrt der Wilde in +seiner verstaendigen Einfalt fort und fort den Wunsch, in die Waelder +zurueckzukehren, in denen er geboren worden. Weil der Indianer aus den +Waeldern in den meisten Missionen als ein Leibeigener behandelt wird, weil +er der Fruechte seiner Arbeit nicht froh wird, desshalb veroeden die +christlichen Niederlassungen am Orinoco. Ein Regiment, das sich auf die +Vernichtung der Freiheit der Eingeborenen gruendet, toedtet die +Geisteskraefte oder hemmt doch ihre Entwicklung. + +Wenn man sagt, der Wilde muesse wie das Kind unter strenger Zucht gehalten +werden, so ist diess ein unrichtiger Vergleich. Die Indianer am Orinoco +haben in den Aeusserungen ihrer Freude, im raschen Wechsel ihrer +Gemuethsbewegungen etwas Kindliches; sie sind aber keineswegs grosse Kinder, +sowenig als die armen Bauern im oestlichen Europa, die in der Barbarei des +Feudalsystems sich der tiefsten Verkommenheit nicht entringen koennen. +Zwang, als hauptsaechlichstes und einziges Mittel zur Sittigung des Wilden, +erscheint zudem als ein Grundsatz, der bei der Erziehung der Voelker und +bei der Erziehung der Jugend gleich falsch ist. Wie schwach, und wie tief +gesunken auch der Mensch seyn mag, keine Faehigkeit ist ganz erstorben. Die +menschliche Geisteskraft ist nur dem Grad und der Entwicklung nach +verschieden. Der Wilde, wie das Kind, vergleicht den gegenwaertigen Zustand +mit dem vergangenen; er bestimmt seine Handlungen nicht nach blindem +Instinkt, sondern nach Ruecksichten der Nuetzlichkeit. Unter allen Umstaenden +kann Vernunft durch Vernunft aufgeklaert werden; die Entwicklung derselben +wird aber desto mehr niedergehalten, je weiter diejenigen, die sich zur +Erziehung der Jugend oder zur Regierung der Voelker berufen glauben, im +hochmuethigen Gefuehl ihrer Ueberlegenheit auf die ihnen Untergebenen +herabblicken und Zwang und Gewalt brauchen, statt der sittlichen Mittel, +die allein keimende Faehigkeiten entwickeln, die aufgeregten Leidenschaften +saenftigen und die gesellschaftliche Ordnung befestigen koennen. + +Am 10. April. Wir konnten erst um zehn Uhr Morgens unter Segel gehen. Nur +schwer gewoehnten wir uns an die neue Pirogue, die uns eben ein neues +Gefaengniss war. Um an Breite zu gewinnen, hatte man auf dem Hintertheil des +Fahrzeugs aus Baumzweigen eine Art Gitter angebracht, das aus beiden +Seiten ueber den Bord hinausreichte. Leider war das Blaetterdach (_el +toldo_) darueber so niedrig, dass man gebueckt sitzen oder ausgestreckt +liegen musste, wo man dann nichts sah. Da man die Piroguen durch die +Stromschnellen, ja von einem Fluss zum andern schleppen muss, und weil man +dem Wind zu viel Flaeche boete, wenn man den _Toldo_ hoeher machte, so kann +auf den kleinen Fahrzeugen, die zum Rio Negro hinauf gehen, die Sache +nicht anders eingerichtet werden. Das Dach war fuer vier Personen bestimmt, +die auf dem Verdeck oder dem Gitter aus Baumzweigen lagen; aber die Beine +reichen weit ueber das Gitter hinaus, und wenn es regnet, wird man zum +halben Leib durchnaesst. Dabei liegt man auf Ochsenhaeuten oder Tigerfellen +und die Baumzweige darunter druecken einen durch die duenne Decke gewaltig. +Das Vordertheil des Fahrzeugs nahmen die indianischen Ruderer ein, die +drei Fuss lange, loeffelsoermige *Pagaies* fuehren. Sie sind ganz nackt, +sitzen paarweise und rudern im Takt, den sie merkwuerdig genau einhalten. +Ihr Gesang ist truebselig, eintoenig. Die kleinen Kaefige mit unsern Voegeln +und Affen, deren immer mehr wurden, je weiter wir kamen, waren theils am +Toldo, theils am Vordertheil aufgehaengt. Es war unsere Reisemenagerie. +Obgleich viele der kleinen Thiere durch Zufall, meist aber am Sonnenstich +zu Grunde gingen, hatten wir ihrer bei der Rueckkehr vom Cassiquiare noch +vierzehn. Naturaliensammler, die lebende Thiere nach Europa bringen +wollen, koennten sich in Angostura und Gran-Para, den beiden Hauptstaedten +am Orinoco und Amazonenstrom, eigens fuer ihren Zweck Piroguen bauen +lassen, wo im ersten Drittheil zwei Reihen gegen die Sonnengluth +geschuetzter Kaefige angebracht waeren. Wenn wir unser Nachtlager +aufschlugen, befanden sich die Menagerie und die Instrumente immer in der +Mitte; ringsum kamen sofort unsere Haengematten, dann die der Indianer, und +zu aeusserst die Feuer, die man fuer unentbehrlich hielt, um den Jaguar ferne +zu halten. Um Sonnenaufgang stimmten unsere Affen in das Geschrei der +Affen im Walde ein. Dieser Verkehr zwischen Thieren derselben Art, die +einander zugethan sind, ohne sich zu sehen, von denen die einen der +Freiheit geniessen, nach der die andern sich sehnen, hat etwas Wehmuethiges, +Ruehrendes. + +Auf der ueberfuellten, keine drei Fuss breiten Pirogue blieb fuer die +getrockneten Pflanzen, die Koffer, einen Sextanten, den Inclinationscompass +und die meteorologischen Instrumente kein Platz als der Raum unter dem +Gitter aus Zweigen, auf dem wir den groessten Theil des Tags ausgestreckt +liegen mussten. Wollte man irgend etwas aus einem Koffer holen oder ein +Instrument gebrauchen, musste man ans Ufer fahren und aussteigen. Zu diesen +Unbequemlichkeiten kam noch die Plage der Moskitos, die unter einem so +niedrigen Dache in Schaaren hausen, und die Hitze, welche die Palmblaetter +ausstrahlen, deren obere Flaeche bestaendig der Sonnengluth ausgesetzt ist. +Jeden Augenblick suchten wir uns unseres Lage ertraeglicher zu machen, und +immer vergeblich. Waehrend der eine sich unter ein Tuch steckte, um sich +vor den Insekten zu schuetzen, verlangte der andere, man solle gruenes Holz +unter dem Toldo anzuenden, um die Muecken durch den Rauch zu vertreiben. +Wegen des Brennens der Augen und der Steigerung der ohnehin erstickenden +Hitze war das eine Mittel so wenig anwendbar als das andere. Aber mit +einem muntern Geiste, bei gegenseitiger Herzlichkeit, bei offenem Sinn und +Auge fuer die grossartige Natur dieser weiten Stromthaeler faellt es den +Reisenden nicht schwer, Beschwerden zu ertragen, die zur Gewohnheit +werden. Wenn ich mich hier auf diese Kleinigkeiten eingelassen habe, +geschah es nur, um die Schifffahrt auf dem Orinoco zu schildern und +begreiflich zu machen, dass Bonpland und ich auf diesem Stueck unserer Reise +beim besten Willen lange nicht alle die Beobachtungen machen konnten, zu +denen uns die an wissenschaftlicher Ausbeute so reiche Naturumgebung +aufforderte. + +Unsere Indianer zeigten uns am rechten Ufer den Ort, wo frueher die ums +Jahr 1733 von den Jesuiten gegruendete Mission Pararuma gestanden. Eine +Pockenepidemie, die unter den Salivas-Indianern grosse Verheerungen +anrichtete, war der Hauptgrund, warum die Mission einging. Die wenigen +Einwohner, welche die schreckliche Seuche ueberlebten, wurden im Dorfe +Carichana aufgenommen, das wir bald besuchen werden. Hier bei Pararuma war +es, wo, nach Pater Nomans Aussage, gegen die Mitte des vorigen +Jahrhunderts bei einem starken Gewitter Hagel fiel. Diess ist so ziemlich +der einzige Fall, der meines Wissens in einer fast im Niveau des Meeres +liegenden Niederung vorgekommen; denn im Allgemeinen hagelt es unter den +Tropen nur in mehr als 300 Toisen Meereshoehe [S. Band II Seite 156]. +Bildet sich der Hagel in derselben Hoehe ueber Niederungen und Hochebenen, +so muss man annehmen, er schmelze bei seinem Durchgang durch die untersten +Luftschichten (zwischen 0 und 300 Toisen), deren mittlere Temperatur 27 deg.,5 +und 24 deg. betraegt. Ich gestehe indessen, dass es beim jetzigen Stande der +Meteorologie sehr schwer zu erklaeren ist, warum es in Philadelphia, Rom +und Montpellier in den heissesten Monaten mit einer mittleren Temperatur +von 25 bis 26 deg. hagelt, waehrend in Cumana, Guayra und ueberhaupt in den +Niederungen in der Naehe des Aequators die Erscheinung nicht vorkommt. In +den Vereinigten Staaten und im suedlichen Europa (unter dem 40--43. Grad +der Breite) ist die Temperatur auf den Niederungen im Sommer ungefaehr eben +so hoch als unter den Tropen. Auch die Waermeabnahme ist nach meinen +Untersuchungen nur wenig verschieden. Ruehrt nun der Umstand, dass in der +heissen Zone kein Hagel faellt, davon her, dass die Hagelkoerner beim +Durchgang durch die untern Luftschichten schmelzen, so muss man annehmen, +dass die Koerner im Moment der Bildung in der gemaessigten Zone groesser sind +als in der heissen. Wir kennen die Bedingungen, unter denen in unserem +Klima das Wasser in einer Gewitterwolke friert, noch so wenig, dass wir +nicht zu beurtheilen vermoegen, ob unter dem Aequator ueber den Niederungen +dieselben Bedingungen eintreten. Ich bezweifle, dass sich der Hagel immer +in einer Luftregion bildet, deren mittlere Temperatur gleich Null ist, und +die bei uns im Sommer 1500--1600 Toisen hoch liegt. Die Wolken, in denen +man die Hagelkoerner, bevor sie fallen, an einander schlagen hoert, und die +wagrecht ziehen, kamen mir immer lange nicht so hoch vor, und es erscheint +begreiflich, dass in solch geringerer Hoehe durch die Ausdehnung der +aufsteigenden Luft, welche an Waermecapacitaet zunimmt, durch Stroeme kalter +Luft aus einer hoeheren Breite, besonders aber (nach GAY-LUSSAC) durch die +Strahlung der obern Flaeche der Wolken, eine ungewoehnliche Erkaeltung +hervorgebracht wird. Ich werde Gelegenheit haben, auf diesen Punkt +zurueckzukommen, wenn von den verschiedenen Formen die Rede ist, unter +denen auf den Anden in 2000--2600 Toisen Meereshoehe Hagel und Graupen +auftreten, und die Frage eroertert wird, ob man die Wolken, welche die +Gebirge einhuellen, als eine horizontale Fortsetzung der Wolkenschicht +betrachten kann, die wir in den Niederungen gerade ueber uns sich bilden +sehen. + +Im Orinoco sind sehr viele Inseln und der Strom faengt jetzt an sich in +mehrere Arme zu theilen, deren westlichster in den Monaten Januar und +Februar trocken liegt. Der ganze Strom ist 2900--3000 Toisen breit. Der +Insel Javanavo gegenueber sahen wir gegen Ost die Muendung des *Cano* +Aujacoa. Zwischen diesem Cano und dem Rio Paruasi oder Paruati wird das +Land immer staerker bewaldet. Aus einem Palmenwald nicht weit vom Orinoco +steigt, ungemein malerisch, ein einzelner Fels empor, ein Granitpfeiler, +ein Prisma, dessen kahle, schroffe Waende gegen zweihundert Fuss hoch sind. +Den Gipfel, der ueber die hoechsten Waldbaeume emporragt, kroent eine ebene, +wagrechte Felsplatte. Auf diesem Gipfel, den die Missionaere Pic oder +_Mogote de Cocuyza_ nennen, stehen wieder Baeume. Dieses grossartig einfache +Naturdenkmal erinnert an die cyclopischen Bauwerke. Sein scharf +gezeichneter Umriss und oben darauf die Baeume und das Buschwerk heben sich +vom blauen Himmel ab, ein Wald ueber einem Walde. + +Weiterhin beim Einfluss des Paruasi wird der Orinoco wieder schmaler. Gegen +Osten sahen wir einen Berg mit plattem Gipfel, der wie ein Vorgebirge +herantritt. Er ist gegen 300 Fuss hoch und diente den Jesuiten als fester +Platz. Sie hatten ein kleines Fort darauf angelegt, das drei Batterien +entthielt und in dem bestaendig ein Militaerposten lag. In Carichana und +Atures sahen wir die Kanonen ohne Lafetten, halb im Sand begraben. Die +Jesuitenschanze (oder _Fortaleza de San Francisco Xavier_) wurde nach der +Aufhebung der Gesellschaft Jesu zerstoert, aber der Ort heisst noch el +Castillo. Auf einer in neuester Zeit in Caracas von einem Weltgeistlichen +entworfenen, nicht gestochenen Karte fuehrt derselbe den seltsamen Namen +_Trinchera del despotismo monacal_ (Schanze des Moenchsdespotismus). In +allen politischen Umwaelzungen spricht sich der Geist der Neuerung, der +ueber die Menge kommt, auch in der geographischen Nomenclatur aus. + +Die Besatzung, welche die Jesuiten auf diesem Felsen hatten, sollte nicht +allein die Missionen gegen die Einfaelle der Caraiben schuetzen, sie diente +auch zum Angriffskriege, oder, wie man hier sagt, zur Eroberung von Seelen +(_conquista de almas_). Die Soldaten, durch die ausgesetzten +Geldbelohnungen angefeuert, machten mit bewaffneter Hand Einfaelle oder +_Entradas_ auf das Gebiet unabhaengiger Indianer. Man brachte um, was +Widerstand zu leisten wagte, man brannte die Huetten nieder, zerstoerte die +Pflanzungen und schleppte Greise, Weiber und Kinder als Gefangene fort. +Die Gefangenen wurden sofort in die Missionen am Meta, Rio Negro und obern +Orinoco vertheilt. Man waehlte die entlegensten Orte, damit sie nicht in +Versuchung kaemen, wieder in ihr Heimathland zu entlaufen. Dieses +gewaltsame Mittel, *Seelen zu erobern*, war zwar nach spanischem Gesetz +verboten, wurde aber von den buergerlichen Behoerden geduldet und von den +Obern der *Gesellschaft*, als der Religion und dem Aufkommen der Missionen +foerderlich, hoechlich gepriesen. "Die Stimme des Evangeliums," sagt ein +Jesuit vom Orinoco in den "erbaulichen Briefen"(21) aeusserst naiv, "wird +nur da vernommen, wo die Indianer Pulver haben knallen hoeren (_el eco de +la polvora_). Sanftmuth ist ein gar langsames Mittel. Durch Zuechtigung +erleichtert man sich die Belehrung der Eingebornen." Dergleichen die +Menschheit schaendenden Grundsaetze wurden sicher nicht von allen Gliedern +einer Gesellschaft getheilt, die in der neuen Welt und ueberall, wo die +Erziehung ausschliesslich in den Haenden von Moenchen geblieben ist, der +Wissenschaft und der Cultur Dienste geleistet hat. Aber die *Entradas*, +die *geistlichen Eroberungen* mit dem Bajonett waren einmal ein von einem +Regiment, bei dem es nur auf rasche Ausbreitung der Missionen ankam, +unzertrennlicher Graeuel. Es thut dem Gemuethe wohl, dass die Franciskaner, +Dominikaner und Augustiner, welche gegenwaertig einen grossen Theil von +Suedamerika regieren und, je nachdem sie von milder oder roher Sinnesart +sind, auf das Geschick von vielen Tausenden von Eingeborenen den +maechtigsten Einfluss ueben, nicht nach jenem System verfahren. Die Einfaelle +mit bewaffneter Hand sind fast ganz abgestellt, und wo sie noch vorkommen, +werden sie von den Ordensobern missbilligt. Wir wollen hier nicht +ausmachen, ob diese Wendung des Moenchsregiments zum Bessern daher ruehrt, +dass die fruehere Thaetigkeit erschlafft ist und der Lauheit und Indolenz +Platz gemacht hat, oder ob man darin, was man so gerne thaete, einen Beweis +sehen soll, dass die Aufklaerung zunimmt und eine hoehere, dem wahren Geist +des Christenthums entsprechendere Gesinnung Platz greift. + +Vom Einfluss des Rio Paruasi an wird der Orinoco wieder schmaler. Er ist +voll Inseln und Granitklippen, und so entstehen hier die *Stromschnellen* +oder kleinen Faelle (_los remolinos_), die beim ersten Anblick wegen der +vielen Wirbel dem Reisenden bange machen koennen, aber in keiner Jahreszeit +den Schiffen gefaehrlich sind. Man muss wenig zu Schiffe gewesen seyn, wenn +man wie Pater GILI, der sonst so genau und verstaendig ist, sagen kann: "e +terrible pe molti scogli il tratto del fiume tral Castello e Caricciana." +Eine Reihe von Klippen, die fast ueber den ganzen Fluss laeuft, heisst *Raudal +de Marimara*. Wir legten sie ohne Schwierigkeit zurueck, und zwar in einem +schmalen Kanal, in dem das Wasser ungestuem, wie siedend, unter der *Piedra +de Marimara* heraufschiesst, einer compakten Granitmasse, 80 Fuss hoch und +300 im Umfang, ohne Spalten und ohne Spur von Schichtung. Der Fluss tritt +weit ins Land hinein und bildet in den Felsen weite Buchten. Eine dieser +Buchten zwischen zwei kahlen Vorgebirgen heisst der *Hafen von Carichana*. +Der Ort hat ein wildes Aussehen; das Felsenufer wirft Abends seine +maechtigen Schatten ueber den Wasserspiegel und das Wasser erscheint +schwarz, wenn sich diese Granitmassen darin spiegeln, die, wie schon +bemerkt, wegen der eigenen Faerbung ihrer Oberflaeche, bald wie Steinkohlen, +bald wie Bleierz aussehen. Wir uebernachteten im kleinen Dorfe Carichana, +wo wir auf die Empfehlung des guten Missionaers Fray Jose Antonio de Torre +im Pfarrhaus oder _'Convento'_ Aufnahme fanden. Wir hatten seit fast +vierzehn Tagen unter keinem Dache geschlafen. + +Am 11. April. Um die fuer die Gesundheit oft so nachtheiligen Folgen der +Ueberschwemmungen zu vermeiden, wurde die Mission Carichana dreiviertel +Meilen vom Fluss angelegt. Die Indianer sind vom Stamme der Salivas. Die +urspruenglichen Wohnsitze desselben scheinen auf dem westlichen Ufer des +Orinoco zwischen dem Rio Vichada und dem Guaviare, sowie zwischen dem Meta +und dem Rio Paute gewesen zu seyn. Gegenwaertig findet man Salivas nicht +nur in Carichana, sondern auch in den Missionen der Provinz Casanare, in +Cabapuna, Guanapalo, Cabiuna und Macuco. Letzteres im Jahr 1730 vom +Jesuiten Fray Manuel Roman gegruendete Dorf hat 1300 Einwohner. Die Salivas +sind ein geselliges, sanftes, fast schuechternes Volk, und leichter, ich +sage nicht zu civilisiren, aber in der Zucht zu halten als andere am +Orinoco, Um sich der Herrschaft der Caraiben zu entziehen, liessen die +Salivas sich leicht herbei, sich den ersten Jesuitenmissionen +anzuschliessen. Die Patres ruehmen aber auch in ihren Schriften durchgaengig +ihren Verstand und ihre Gelehrigkeit. Die Salivas haben grossen Hang zur +Musik; seit den aeltesten Zeiten blasen sie Trompeten aus gebrannter Erde, +die vier bis fuenf Fuss lang sind und mehrere kugelfoermige Erweiterungen +haben, die durch enge Roehren zusammenhaengen. Diese Trompeten geben sehr +klaegliche Toene. Die Jesuiten haben die natuerliche Neigung der Salivas zur +Instrumentalmusik mit Glueck ausgebildet, und auch nach der Aufhebung der +Gesellschaft Jesu haben die Missionare am Rio Meta in San Miguel de Macuco +die schoene Kirchenmusik und den musikalischen Unterricht der Jugend fort +gepflegt. Erst kuerzlich sah ein Reisender zu seiner Verwunderung die +Eingeborenen Violine, Violoncell, Triangel, Guitarre und Floete spielen. + +In den vereinzelten Missionen am Orinoco wirkt die Verwaltung nicht so +guenstig auf die Entwicklung der Cultur der Salivas und die Zunahme der +Bevoelkerung als das System, das die Augustiner auf den Ebenen am Casanare +und Meta befolgen. In Macuco haben die Eingeborenen durch den Verkehr mit +den Weissen im Dorf, die fast lauter _'Fluechtlinge von Socorro'_(22) sind, +sehr gewonnen. Zur Jesuitenzeit wurden die drei Doerfer am Orinoco, +Pararuma, Castillo oder Marumarutu und Carichana in Eines, Carichana, +verschmolzen, das damit eine sehr ansehnliche Mission wurde. Im Jahr 1759, +als die _Fortaleza de San Francisco Xavier_ und ihre drei Batterien noch +standen, zaehlte Pater Caulin in der Mission Carichana 400 Salivas; im Jahr +1800 fand ich ihrer kaum 150. Vom Dorfe ist nichts uebrig als einige +Lehmhuetten, die symmetrisch um ein ungeheuer hohes Kreuz herliegen. + +Wir trafen unter diesen Indianern eine Frau von weisser Abkunft, die +Schwester eines Jesuiten aus Neu-Grenada. Unbeschreiblich ist die Freude, +wenn man mitten unter Voelkern, deren Sprache man nicht versteht, einem +Wesen begegnet, mit dem man sich ohne Dolmetscher unterhalten kann. Jede +Mission hat zum wenigsten zwei solche Dolmetscher, _lenguarazes_. Es sind +Indianer, etwas weniger beschraenkt als die andern, mittelst deren die +Missionaere am Orinoco, die sich gegenwaertig nur selten die Muehe nehmen, +die Landessprachen kennen zu lernen, mit den Neugetauften verkehren. Diese +Dolmetscher begleiteten uns beim Botanisiren. Sie verstehen wohl spanisch, +aber sie koennen es nicht recht sprechen. In ihrer faulen Gleichgueltigkeit +geben sie, man mag fragen, was man will, wie auf Gerathewohl, aber immer +mit gefaelligem Laecheln zur Antwort: "Ja, Pater; nein, Pater." Man begreift +leicht, dass einem die Geduld ausgeht, wenn man Monate lang solche +Gespraeche zu fuehren hat, statt ueber Gegenstaende Auskunft zu erhalten, fuer +die man sich lebhaft interessirt. Nicht selten konnten wir nur mittelst +mehrerer Dolmetscher und so, dass derselbe Satz mehrmals uebersetzt wurde, +mit den Eingeborenen verkehren. + +"Von meiner Mission an," sagte der gute Ordensmann in Uruana, "werdet ihr +reisen wie Stumme." Und diese Vorhersagung ist so ziemlich in Erfuellung +gegangen, und um nicht um allen Nutzen zu kommen, den man aus dem Verkehr +selbst mit den versunkensten Indianern ziehen kann, griffen wir zuweilen +zur Zeichensprache. Sobald der Eingeborene merkt, dass man sich keines +Dolmetschers bedienen will, sobald man ihn unmittelbar befragt, indem man +auf die Gegenstaende deutet, so legt er seine gewoehnliche Stumpfheit ab und +weiss sich mit merkwuerdiger Gewandtheit verstaendlich zu machen. Er macht +Zeichen aller Art, er spricht die Worte langsam aus, er wiederholt sie +unaufgefordert. Es scheint seiner Eigenliebe zu schmeicheln, dass man ihn +beachtet und sich von ihm belehren laesst. Diese Leichtigkeit, sich +verstaendlich zu machen, zeigt sich besonders auffallend beim unabhaengigen +Indianer, und was die christlichen Niederlassungen betrifft, muss ich den +Reisenden den Rath geben, sich vorzugsweise an Eingeborene zu wenden, die +erst seit Kurzem *unterworfen* sind oder von Zeit zu Zeit wieder in den +Wald laufen, um ihrer frueheren Freiheit zu geniessen. Es unterliegt wohl +keinem Zweifel, dass der unmittelbare Verkehr mit den Eingeborenen +belehrender und sicherer ist, als der mittelst des Dolmetschers [S. +Band II. Seite 25--26], wenn man nur seine Fragen zu vereinfachen weiss und +dieselben hinter einander an mehrere Individuen in verschiedener Gestalt +richtet. Zudem sind der Mundarten, welche am Meta, Orinoco, Cassiquiare +und Rio Negro gesprochen werden, so unglaublich viele, dass der Reisende +selbst mit dem bedeutendsten Sprachtalent nie so viele derselben sich +aneignen koennte, um sich laengs der schiffbaren Stroeme von Angostura bis +zum Fort San Carlos am Rio Negro verstaendlich zu machen. In Peru und Quito +kommt man mit der Kenntniss der Oquichua- oder Incasprache aus, in Chili +mit dem Araucanischen, in Paraguay mit dem Guarany; man kann sich +wenigstens der Mehrzahl der Bevoelkerung verstaendlich machen. Ganz anders +in den Missionen in spanisch Guyana, wo im selben Dorf Voelker +verschiedenen Stammes unter einander wohnen. Hier waere es nicht einmal +genug, wenn man folgende Sprachen verstaende: Caraibisch oder Carina, +Guamo, Guahiva, Jaruro, Ottomaco, Maypure, Saliva, Marivitano, Maquiritare +und Guaica, zehn Sprachen, von denen es nur ganz rohe Sprachlehren gibt +und die unter einander weniger verwandt sind, als Griechisch, Deutsch und +Persisch. + +Die Umgegend der Mission Carichana schien uns ausgezeichnet schoen. Das +kleine Dorf liegt auf einer der grasbewachsenen Ebenen, wie sie von +Encaramada bis ueber die Katarakten von Maypures hinaus sich zwischen all +den Ketten der Granitberge hinziehen. Der Waldsaum zeigt sich nur in der +Ferne. Ringsum ist der Horizont von Bergen begrenzt, zum Theil bewaldet, +von duesterer Faerbung, zum Theil kahl, mit felsigten Gipfeln, die der +Strahl der untergehenden Sonne vergoldet. Einen ganz eigenthuemlichen +Charakter erhaelt die Gegend durch die fast ganz kahlen Felsbaenke, die oft +achthundert Fuss im Umfang haben und sich kaum ein paar Zoll ueber die +umgebende Grasflur erheben. Sie machen gegenwaertig einen Theil der Ebene +aus. Man fragt sich mit Verwunderung, ob hier ein ungewoehnliches +stuermisches Ereigniss Dammerde und Gewaechse weggerissen, oder ob der +Granitkern unseres Planeten hier nackt zu Tage tritt, weil sich die Keime +des Lebens noch nicht auf allen Punkten entwickelt haben. Dieselbe +Erscheinung scheint in *Shamo* zwischen der Mongolei und China +vorzukommen. Diese in der Wueste zerstreuten Felsbaenke heissen _'Tsy'_. Es +waeren, wie mir scheint, eigentliche Plateaus, waeren von der Ebene umher +der Sand und die Erde weg, welche das Wasser an den tiefsten Stellen +angeschwemmt hat. Aus den Felsplatten bei Carichana hat man, was sehr +interessant ist, den Gang der Vegetation von ihren Anfaengen durch die +verschiedenen Entwicklungsgrade vor Augen. Da sieht man Flechten, welche +das Gestein zerklueften und mehr oder weniger dicke Krusten bilden; wo ein +wenig Quarzsand sich angehaeuft hat, finden Saftpflanzen Nahrung; endlich +in Hoehlungen des Gesteins haben sich schwarze, aus zersetzten Wurzeln und +Blaettern sich bildende Erdschichten abgesetzt, auf denen immergruenes +Buschwerk waechst. Handelte es sich hier von grossartigen Natureffekten, so +kaeme ich nicht auf unsere Gaerten und die aengstlichen Kuensteleien der +Menschenhand; aber der Contrast zwischen Felsgestein und bluehendem +Gestraeuch, die Gruppen kleiner Baeume da und dort in der Savane erinnern +unwillkuerlich an die mannigfaltigsten und malerischsten Partien unserer +Parke. Es ist als haette hier der Mensch mit tiefem Gefuehl fuer +Naturschoenheit den herben, rauhen Charakter der Gegend mildern wollen. + +Zwei, drei Meilen von der Mission findet man auf diesen von Granitbergen +durchzogenen Ebenen eine ebenso ueppige als mannigfaltige Vegetation. Allen +Doerfern oberhalb der grossen Katarakten gegenueber kann man hier bei +Carichana auffallend leicht im Lande fortkommen, ohne dass man sich an die +Flussufer haelt und auf Waelder stoesst, in die nicht einzudringen ist. +Bonpland machte mehrere Ausfluege zu Pferd, auf denen er sehr viele +Gewaechse erbeutete. Ich erwaehne nur den Paraguatan, eine sehr schoene Art +von Macrocnemum, deren Rinde roth faerbt, den Guaricamo mit giftiger +Wurzel, die _Jacaranda obusifolia_ und den *Serrape* oder *Jape* der +Salivas-Indianer, AUBLETs Coumarouna, der in ganz Terra Firma wegen seiner +aromatischen Frucht beruehmt ist. Diese Frucht, die man in Caracas zwischen +die Waesche legt, waehrend man sie in Europa unter dem Namen *Tonca-* oder +*Tongobohne* unter den Schnupftabak mischt, wird fuer giftig gehalten. In +der Provinz Cumana glaubt man allgemein, das eigenthuemliche Arom des +vortrefflichen Liqueurs, der auf Martinique bereitet wird, komme vom +*Jape*; diess ist aber unrichtig. Derselbe heisst in den Missionen +*Simaruba*, ein Name, der zu argen Missgriffen Anlass geben kann, denn die +aechte *Simaruba* ist eine Quassiaart, eine Fieberrinde, und waechst in +spanisch Guyana nur im Thal des Rio Caura, wo die Paudacotos-Indianer sie +*Achechari* nennen. + +In Carichana, auf dem grossen Platz, fand ich die Inclination der +Magnetnadel gleich 33 deg.,70, die Intensitaet der magnetischen Kraft gleich +227 Schwingungen in zehn Zeitminuten, eine Steigerung, bei der oertliche +Anziehungen im Spiel seyn mochten. Die vom Wasser des Orinoco geschwaerzten +Granitbloecke wirken uebrigens nicht merkbar auf den Magnet. Der Barometer +stand um Mittag 336,6 Linien hoch, der Thermometer zeigte im Schatten +30 deg.,6. Bei Nacht fiel die Temperatur der Luft auf 26 deg.,2; der Delucsche +Hygrometer stand auf 46 deg.. + +Am 10. April war der Fluss um mehrere Zoll gestiegen; die Erscheinung war +den Eingeborenen auffallend, da sonst der Strom Anfangs fast unmerklich +steigt, und man ganz daran gewoehnt ist, dass er im April ein paar Tage lang +wieder faellt. Der Orinoco stand bereits drei Fuss ueber dem niedrigsten +Punkt. Die Indianer zeigten uns an einer Granitwand die Spuren der +gegenwaertigen Hochgewaesser; sie standen nach unserer Messung 42 Fuss hoch, +und diess ist doppelt so viel als durchschnittlich beim Nil. Aber dieses +Maass wurde an einem Ort genommen, wo das Strombett durch Felsen bedeutend +eingeengt ist, und ich konnte mich nur an die Angabe der Indianer halten. +Man sieht leicht, dass das Stromprofil, die Beschaffenheit der mehr oder +weniger hohen Ufer, die Zahl der Nebenfluesse, die das Regenwasser +hereinfuehren, und die Laenge der vom Fluss zurueckgelegten Strecke auf die +Wirkungen der Hochgewaesser und auf ihre Hoehe von bedeutendem Einfluss seyn +muessen. Unzweifelhaft ist, und es macht auf Jedermann im Lande einen +starken Eindruck, dass man bei Carichana, San Borja, Atures und Maypures, +wo sich der Strom durch die Berge Bahn gebrochen, hundert, zuweilen +hundert dreissig Fuss ueber dem hoechsten gegenwaertigen Wasserstand schwarze +Streifen und Auswaschungen sieht, die beweisen, dass das Wasser einmal so +hoch gestanden. So waere denn dieser Orinocostrom, der uns so grossartig und +gewaltig erscheint, nur ein schwacher Rest der ungeheuren Stroeme suessen +Wassers, die einst, geschwellt von Alpenschnee oder noch staerkeren +Regenniederschlaegen als den heutigen, ueberall von dichten Waeldern +beschattet, nirgends von flachen Ufern eingefasst, welche der Verdunstung +Vorschub leisten, das Land ostwaerts von den Anden gleich Armen von +Binnenmeeren durchzogen? In welchem Zustande muessen sich damals diese +Niederungen von Guyana befunden haben, die jetzt alle Jahre die +Ueberschwemmungen durchzumachen haben? Welch ungeheure Massen von +Krokodilen, Seekuehen und Boas muessen auf dem weiten Landstrich gelebt +haben, der dann wieder aus Lachen stehenden Wassers bestand, oder ein +ausgedoerrter, von Spruengen durchzogener Boden war! Der ruhigeren Welt, in +der wir leben, ist eine ungleich stuermischere vorangegangen. Auf den +Hochebenen der Anden finden sich Knochen von Mastodonten und +amerikanischen eigentlichen Elephanten, und auf den Ebenen am Uruguay +lebte das Megatherium. Graebt man tiefer in die Erde, so findet man in +hochgelegenen Thaelern, wo jetzt keine Palmen und Baumfarn mehr vorkommen, +Steinkohlenfloetze, in denen riesenhafte Reste monocotyledonischer Gewaechse +begraben liegen. Es war also lange vor der Jetztwelt eine Zeit, wo die +Familien der Gewaechse anders vertheilt, wo die Thiere groesser, die Stroeme +breiter und tiefer waren. Soviel und nicht mehr sagen uns die +Naturdenkmale, die wir vor Augen haben. Wir wissen nicht, ob das +Menschengeschlecht, das bei der Entdeckung von Amerika ostwaerts von den +Cordilleren kaum ein paar schwache Volksstaemme aufzuweisen hatte, bereits +auf die Ebenen herabgekommen war, oder ob die uralte Sage vom *grossen +Wasser*, die sich bei den Voelkern am Orinoco, Erevato und Caura findet, +andern Himmelsstrichen angehoert, aus denen sie in diesen Theil des neuen +Continents gewandert ist. + +Am 11. April. Nach unserer Abfahrt von Carichana um 2 Uhr Nachmittags +fanden wir im Bette immer mehr Granitbloecke, durch welche der Strom +aufgehalten wird. Wir liessen den Cano Orupe westwaerts und fuhren darauf am +grossen, unter dem Namen _Pieda del Tigre_ bekannten Felsen vorbei. Der +Strom ist hier so tief, dass ein Senkblei von 22 Faden den Grund nicht +erreicht. Gegen Abend wurde der Himmel bedeckt und duester, Windstoesse und +dazwischen ganz stille Luft verkuendeten, dass ein Gewitter im Anzug war. +Der Regen fiel in Stroemen und das Blaetterdach, unter dem wir lagen, bot +wenig Schutz. Zum Glueck vertrieben die Regenstroeme die Moskitos, die uns +den Tag ueber grausam geplagt, wenigstens auf eine Weile. Wir befanden uns +vor dem Katarakt von Cariven, und der Zug des Wassers war so stark, dass +wir nur mit Muehe ans Land kamen. Wir wurden immer wieder mitten in die +Stroemung geworfen. Endlich sprangen zwei Salivas, ausgezeichnete +Schwimmer, ins Wasser, zogen die Pirogue mit einem Strick ans Ufer und +banden sie an der _Piedra de Carichana vieja_ fest, einer nackten +Felsbank, auf der wir uebernachteten. Das Gewitter hielt lange in die Nacht +hinein an; der Fluss stieg bedeutend und man fuerchtete mehreremale, die +wilden Wogen moechten unser schwaches Fahrzeug vom Ufer losreissen. + +Der Granitfels, auf dem wir lagerten, ist einer von denen, auf welchen +Reisende zu Zeiten gegen Sonnenaufgang unterirdische Toene, wie Orgelklang, +vernommen haben. Die Missionare nennen dergleichen Steine _'laxas de +musica'_. "Es ist Hexenwerk" (_cosa de bruxas_) sagte unser junger +indianischer Steuermann, der castilianisch sprach. Wir selbst haben diese +geheimnissvollen Toene niemals gehoert, weder in Carichana, noch am obern +Orinoco; aber nach den Aussagen glaubwuerdiger Zeugen laesst sich die +Erscheinung wohl nicht in Zweifel ziehen, und sie scheint auf einem +gewissen Zustand der Luft zu beruhen. Die Felsbaenke sind voll feiner, sehr +tiefer Spalten und sie erhitzen sich bei Tag auf 48--50 Grad. Ich fand oft +ihre Temperatur bei Nacht an der Oberflaeche 39 deg., waehrend die der +umgebenden Luft 28 deg. betrug. Es leuchtet alsbald ein, dass der +Temperaturunterschied zwischen der unterirdischen und der aeussern Luft sein +Maximum um Sonnenaufgang erreicht, welcher Zeitpunkt sich zugleich vom +Maximum der Waerme am vorhergehenden Tage am weitesten entfernt. Sollten +nun die Orgeltoene, die man hoert, wenn man, das Ohr dicht am Gestein, auf +dem Fels schlaeft, nicht von einem Luftstrom herruehren, der aus den Spalten +dringt? Hilft nicht der Umstand, dass die Luft an die elastischen +Glimmerblaettchen stoesst, welche in den Spalten hervorstehen, die Toene +modificiren? Laesst sich nicht annehmen, dass die alten Egypter, die +bestaendig den Nil auf und ab fuhren, an gewissen Felsen in der Thebais +dieselbe Beobachtung gemacht, und dass _'die Musik der Felsen'_ +Veranlassung zu den Gaukeleien gegeben, welche die Priester mit der +Bildsaeule Memnons trieben? Wenn die "rosenfingerige Eos ihrem Sohn, dem +ruhmreichen Memnon, eine Stimme verlieh,"(23) so war diese Stimme +vielleicht die eines unter dem Fussgestell der Bildsaeule versteckten +Menschen, aber die Beobachtung der Eingeborenen am Orinoco, von der hier +die Rede ist, scheint ganz natuerlich zu erklaeren, was zu dem Glauben der +Egypter, ein Stein toene bei Sonnenaufgang, Anlass gegeben. + +Fast zur selben Zeit, da ich diese Vermuthungen einigen Gelehrten in +Europa mittheilte, kamen franzoesische Reisende, die Herrn JOMARD, JOLLOIS +und DEVILLIERS, auf aehnliche Gedanken. In einem Denkmal aus Granit, mitten +in den Tempelgebaeuden von Karnak, hoerten sie bei Sonnenaufgang ein +Geraeusch wie von einer reissenden Saite. Gerade denselben Vergleich +brauchen aber die Alten, wenn von der Stimme Memnons die Rede ist. Die +franzoesischen Reisenden sind mit mir der Ansicht, das Durchstreichen der +Luft durch die Spalten eines klingenden Steins habe wahrscheinlich die +egyptischen Priester auf die Gaukeleien im Memnonium gebracht. + +Am 12. April. Wir brachen um 4 Uhr Morgens auf. Der Missionaer sah voraus, +dass wir Noth haben wuerden, ueber die Stromschnellen und den Einfluss des +Meta wegzukommen. Die Indianer ruderten zwoelf und eine halbe Stunde ohne +Unterlass. Waehrend dieser Zeit nahmen sie nichts zu sich als Manioc und +Bananen. Bedenkt man, wie schwer es ist, die Gewalt der Stroemung zu +ueberwinden und die Katarakten hinauszufahren, und weiss man, dass die +Indianer am Orinoco und Amazonenstrom auf zweimonatlichen Flussfahrten in +dieser Weise ihre Muskeln anstrengen, so wundert man sich gleich sehr ueber +die Koerperkraft und ueber die Maessigkeit dieser Menschen. Staerkmehl- und +zuckerhaltige Stoffe, zuweilen Fische und Schildkroeteneierfett ersetzen +hier die Nahrung, welche die zwei ersten Thierklassen, Saeugethiere und +Voegel, Thiere mit rothem, warmem Blute, geben. + +Wir fanden das Flussbett auf einer Strecke von 600 Toisen voll +Granitbloecken; diess ist der sogenannte *Raudal de Cariven*. Wir liefen +durch Kanaele, die nicht fuenf Fuss breit waren, und manchmal stak unsere +Pirogue zwischen zwei Granitbloecken fest. Man suchte die Durchfahrten zu +vermeiden, durch die sich das Wasser mit furchtbarem Getoese stuerzt. Es ist +keine ernstliche Gefahr vorhanden, wenn man einen guten indianischen +Steuermann hat. Ist die Stroemung nicht zu ueberwinden, so springen die +Ruderer ins Wasser, binden ein Seil an die Felsspitzen und ziehen die +Pirogue heraus. Diess geht sehr langsam vor sich, und wir benuetzten +zuweilen die Gelegenheit und kletterten auf die Klippen, zwischen denen +wir staken. Es gibt ihrer von allen Groessen; sie sind abgerundet, ganz +schwarz, bleiglaenzend und ohne alle Vegetation. Es ist ein merkwuerdiger +Anblick, wenn man auf einem der groessten Stroeme der Erde gleichsam das +Wasser verschwinden sieht. Ja noch weit vom Ufer sahen wir die ungeheuern +Granitbloecke aus dem Boden steigen und sich an einander lehnen. In den +Stromschnellen sind die Kanaele zwischen den Felsen ueber 25 Faden tief, und +sie sind um so schwerer zu finden, da das Gestein nicht selten nach unten +eingezogen ist und eine Woelbung ueber dem Flussspiegel bildet. Im Raudal von +Cariven sahen wir keine Krokodile; die Thiere scheinen das Getoese der +Katarakten zu scheuen. + +Von Cabruta bis zum Einfluss des Rio Sinaruco, aus einer Strecke von fast +zwei Breitegraden, ist das linke Ufer des Orinoco voellig unbewohnt; aber +westlich vom Raudal de Cariven hat ein unternehmender Mann, Don Felix +Relinchon, Jaruros- und Otomacos-Indianer in einem kleinen Dorfe +zusammengebracht. Auf diesen Civilisationsversuch hatten die Moenche +unmittelbar keinen Einfluss. Es braucht kaum erwaehnt zu werden, dass Don +Felix mit den Missionaeren am rechten Ufer des Stroms in offener Fehde +lebt. Wir werden anderswo die wichtige Frage besprechen, ob, unter den +gegenwaertigen Verhaeltnissen in spanisch Amerika, dergleichen _'Capitanes +pobladores'_ und _'fundadores'_ an die Stelle der Moenche treten koennen, +und welche der beiden Regierungsarten, die gleich launenhaft und +willkuerlich. sind, fuer die armen Indianer die schlimmste ist. + +Um 9 Uhr langten wir an der Einmuendung des Meta an, gegenueber dem Platze, +wo frueher die von den Jesuiten gegruendete Mission Santa Teresa gestanden. +Der Meta ist nach dem Guaviare der bedeutendste unter den Nebenfluessen des +Orinoco. Man kann ihn der Donau vergleichen, nicht nach der Laenge des +Laufs, aber hinsichtlich der Wassermasse. Er ist durchschnittlich 34, oft +bis zu 84 Fuss tief. Die Vereinigung beider Stroeme gewaehrt einen aeusserst +grossartigen Anblick. Am oestlichen Ufer steigen einzelne Felsen empor, und +aufeinander gethuermte Granitbloecke sehen von ferne wie verfallene Burgen +aus. Breite sandigte Ufer legen sich zwischen den Strom und den Saum der +Waelder, aber mitten in diesen sieht man am Horizont auf den Berggipfeln +einzelne Palmen sich vom Himmel abheben. + +Wir brachten zwei Stunden auf einem grossen Felsen mitten im Orinoco zu, +auf der *Piedra de paciencia* so genannt, weil die Piroguen, die den Fluss +hinauf gehen, hier nicht selten zwei Tage brauchen, um aus dem Strudel +herauszukommen, der von diesem Felsen herruehrt. Es gelang mir meine +Instrumente darauf aufzustellen. Nach den Sonnenhoehen, die ich aufnahm, +liegt der Einfluss des Meta unter 70 deg. 4{~PRIME~} 29{~DOUBLE PRIME~} der Laenge. Nach dieser +chronometrischen Beobachtung ist D'ANVILLEs Karte von Suedamerika, was +diesen Punkt betrifft, in der Laenge fast ganz richtig, waehrend der Fehler +in der Breite einen ganzen Grad betraegt. + +Der Rio Meta durchzieht die weiten Ebenen von Casanare; er ist fast bis +zum Fuss der Anden von Neu-Grenada schiffbar und muss einmal fuer die +Bevoelkerung von Guyana und Venezuela politisch von grosser Bedeutung +werden. Aus dem *Golfo triste* und der *Boca del Dragon* kann eine +Flottille den Orinoco und Meta bis auf 15--20 Meilen von Santa Fe de +Bogota herauffahren. Auf demselben Wege kann das Mehl aus Neu-Grenada +hinunterkommen. Der Meta ist wie ein Schiffsahrtskanal zwischen Laendern +unter derselben Breite, die aber ihren Produkten nach so weit auseinander +sind als Frankreich und der Senegal. Durch diesen Umstand wird es von +Belang, dass man die Quellen des Flusses, der auf unsern Karten so schlecht +gezeichnet ist, genan kennen lernt. Der Meta entsteht durch die +Vereinigung zweier Fluesse, die von den Paramos von Chingasa und Suma Paz +herabkomrnen. Ersterer ist der Rio Negro, der weiter unten den Pachaquiaro +aufnimmt; der zweite ist der Rio _de aguas blancas_ oder Umadea. Sie +vereinigen sich in der Naehe des Hafens von Marayal. Vom Passo de la +Cabulla, wo man den Rio Negro verlaesst, bis zur Hauptstadt Santa Fe sind es +nur 8--10 Meilen. Ich habe diese interessanten Notizen, wie ich sie aus +dem Munde von Augenzeugen erhalten, in der ersten Ausgabe meiner Karte vom +Rio Meta benuetzt. Die _Reisebeschreibung_ des Canonicus DON JOSEF CORTES +MADARIAGA hat nicht allein meine erste Ansicht vom Laufe des Meta +bestaetigt, sondern mir auch schaetzbares Material zur Berichtigung meiner +Arbeit geliefert. Von den Doerfern Xiramena und Cabullaro bis zu den +Doerfern Guanapalo und Santa Rosalia de Cabapuna, auf einer Strecke von 60 +Meilen, sind die Ufer des Meta staerker bewohnt als die des Orinoco. Es +sind dort vierzehn zum Theil stark bevoelkerte christliche Niederlassungen, +aber vom Einfluss des Pauto und des Casanare an, ueber 50 Meilen weit, +machen die wilden Guahibos den Meta unsicher. + +Zur Jesuitenzeit, besonders aber zur Zeit von ITURIAGAs Expedition im Jahr +1756 war die Schifffahrt auf dem Strom weit staerker als jetzt. Missionaere +aus Einem Orden waren damals Herrn an den Ufern des Meta und des Orinoco. +Die Doerfer Macuco, Zurimena, Casimena einerseits, andererseits Uruana, +Encaramada, Carichana waren von den Jesuiten gegruendet. Die Patres gingen +damit um, vom Einfluss des Casanare in den Meta bis zum Einfluss des Meta in +den Orinoco eine Reihe von Missionen zu gruenden, so dass ein schmaler +Streif bebauten Landes ueber die weite Steppe zwischen den Waeldern von +Guyana und den Anden von Neu-Grenada gelaufen waere. Ausser dem Mehl von +Santa Fe gingen damals zur Zeit der "Schildkroeteneierernte" das Salz von +Chita, die Baumwollenzeuge von San Gil und die gedruckten Decken von +Socorro den Fluss herunter. Um den Kraemern, die diesen Binnenhandel +trieben, einigermassen Sicherheit zu verschaffen, machte man vom *Castillo* +oder Fort Carichana aus von Zeit zu Zeit einen Angriff auf die +Guahibos-Indianer. + +Da auf demselben Wege, der den Handel mit den Produkten von Neu-Grenada +foerderte, das geschmuggelte Gut von der Kueste von Guyana ins Land ging, so +setzte es der Handelsstand von Carthagena de Indias bei der Regierung +durch, dass der freie Handel auf dem Meta bedeutend beschraenkt wurde. +Derselbe Geist des Monopols schloss den Meta, den Rio Atracto und den +Amazonenstrom. Es ist doch eine wunderliche Politik von Seiten der +Mutterlaender, zu glauben, es sey vortheilhaft, Laender, wo die Natur Keime +der Fruchtbarkeit mit vollen Haenden ausgestreut, unangebaut liegen zu +lassen. Dass das Land nicht bewohnt ist, haben sich nun die wilden Indianer +aller Orten zu Nutze gemacht. Sie sind an die Fluesse herangerueckt, sie +machen Angriffe auf die Vorueberfahrenden, sie suchen *wiederzuerobern*, +was sie seit Jahrhunderten verloren. Um die Guahibos im Zaume zu halten, +wollten die Kapuziner, welche als Leiter der Missionen am Orinoco auf die +Jesuiten folgten, an der Ausmuendung des Meta unter dem Namen Villa de San +Carlos eine Stadt bauen. Traegheit und die Furcht vor dem dreitaegigen +Fieber liessen es nicht dazu kommen, und ein sauber gemaltes Wappen auf +einem Pergament und ein ungeheures Kreuz am Ufer des Meta ist Alles, was +von der Villa de San Carlos bestanden hat. Die Guahibos, deren Kopfzahl, +wie man behauptet, einige Tausende betraegt, sind so frech geworden, dass +sie, als wir nach Carichana kamen, dem Missionaer hatten ankuendigen lassen, +sie werden auf Floessen kommen und ihm sein Dorf anzuenden. Diese Floesse +(_valzas_), die wir zu sehen Gelegenheit hatten, sind kaum 3 Fuss breit und +12 lang. Es fahren nur zwei bis drei Indianer darauf, aber 15 bis 16 Floesse +werden mit den Stengeln von Paulinia, Dolichos und andern Rankengewaechsen +aneinander gebunden. Man begreift kaum, wie diese kleinen Fahrzeuge in den +Stromschnellen beisammen bleiben koennen. Viele aus den Doerfern am Casanare +und Apure entlaufene Indianer haben sich den Guahibos angeschlossen und +ihnen Geschmack am Rindfleisch und den Gebrauch des Leders beigebracht. +Die Hoefe San Vicente, Rubio und San Antonio haben durch die Einfaelle der +Indianer einen grossen Theil ihres Hornviehs eingebuesst. Ihretwegen koennen +auch die Reisenden, die den Meta hinaufgehen, bis zum Einfluss des Casanare +die Nacht nicht am Ufer zubringen. Bei niedrigem Wasser kommt es ziemlich +haeufig vor, dass Kraemer aus Neu-Grenada, die zuweilen noch das Lager bei +Pararuma besuchen, von den Guahibos mit vergifteten Pfeilen erschossen +werden. + +Vom Einfluss des Meta an erschien der Orinoco freier von Klippen und +Felsmassen. Wir fuhren auf einer 500 Toisen breiten offenen Stromstrecke. +Die Indianer ruderten fort, ohne die Pirogue zu schieben und zu ziehen und +uns dabei mit ihrem wilden Geschrei zu belaestigen. Gegen West lagen im +Vorbeifahren die Canos Uita und Endava, und es war bereits Nacht, als wir +vor dem *Raudal de Tabaje* hielten. Die Indianer wollten es nicht mehr +wagen, den Katarakt hinaufzufahren, und wir schliefen daher am Lande, an +einem hoechst unbequemen Ort, auf einer mehr als 18 Grad geneigten +Felsplatte, in deren Spalten Schaaren von Fledermaeusen staken. Die ganze +Nacht ueber hoerten wir den Jaguar ganz in der Naehe bruellen, und unser +grosser Hund antwortete darauf mit anhaltendem Geheul. Umsonst wartete ich, +ob nicht die Sterne zum Vorschein kaemen; der Himmel war grauenhaft +schwarz. Das dumpfe Tosen der Faelle des Orinoco stach scharf ab vom +Donner, der weit weg, dem Walde zu, sich hoeren liess. + +Am 13. April. Wir fuhren am fruehen Morgen die Stromschnellen von Tabaje +hinauf, bis wohin Pater GUMILLA auf seiner Fahrt gekommen war,(24) und +stiegen wieder aus. Unser Begleiter, Pater Zea, wollte in der neuen, seit +zwei Jahren bestehenden Mission San Borja die Messe lesen. Wir fanden +daselbst sechs von noch nicht catechisirten Guahibos bewohnte Haeuser. Sie +unterschieden sich in nichts von den wilden Indianern. Ihre ziemlich +grossen schwarzen Augen verriethen mehr Lebendigkeit als die der Indianer +in den uebrigen Missionen. Vergeblich boten wir ihnen Branntwein an; sie +wollten ihn nicht einmal kosten. Die Gesichter der jungen Maedchen waren +alle mit runden schwarzen Tupfen bemalt; dieselben nahmen sich aus wie die +Schoenpflaesterchen, mit denen frueher die Weiber in Europa die Weisse ihrer +Haut zu heben meinten. Am uebrigen Koerper waren die Guahibos nicht bemalt. +Mehrere hatten einen Bart; sie schienen stolz darauf, fassten uns am Kinn +und gaben uns durch Zeichen zu verstehen, sie seyen wie wir. Sie sind +meist ziemlich schlank gewachsen. Auch hier, wie bei den Salivas und +Macos, fiel mir wieder auf, wie wenig Aehnlichkeit die Indianer am Orinoco +in der Gesichtsbildung mit einander haben. Ihr Blick ist duester, +truebselig, aber weder streng noch wild. Sie haben keinen Begriff von den +christlichen Religionsgebraeuchen (der Missionaer von Carichana liest in San +Borja nur drei- oder viermal im Jahr Messe); dennoch benahmen sie sich in +der Kirche durchaus anstaendig. Die Indianer lieben es, sich ein Ansehen zu +geben; gerne dulden sie eine Weile Zwang und Unterwuerfigkeit aller Art, +wenn sie nur wissen, dass man auf sie sieht. Bei der Communion machten sie +einander Zeichen, dass jetzt der Priester den Kelch zum Munde fuehren werde. +Diese Geberde ausgenommen, sassen sie da, ohne sich zu ruehren, voellig +theilnahmlos. + +Die Theilnahme, mit der wir die armen Wilden betrachtet hatten, war +vielleicht Schuld daran, dass die Mission einging. Einige derselben, die +lieber umherzogen als das Land bauten, beredeten die andern, wieder auf +die Ebenen am Meta zu ziehen; sie sagten ihnen, die Weissen wuerden wieder +nach San Borja kommen und sie dann in ihren Canoes fortschleppen und in +Angostura als _'Poitos'_, als Sklaven verkaufen. Die Guahibos warteten, +bis sie hoerten, dass wir vom Rio Negro ueber den Cassiquiare zurueckkamen, +und als sie erfuhren, dass wir beim ersten grossen Katarakt, bei Apures, +angelangt seyen, liefen alle davon in die Savanen westlich vom Orinoco. Am +selben Platz und unter demselben Namen hatten schon die Jesuiten eine +Mission gegruendet. Kein Stamm ist schwerer sesshaft zu machen als die +Guahibos. Lieber leben sie von faulen Fischen, Tausendfuessen und Wuermern, +als dass sie ein kleines Stueck Land bebauen. Die andern Indianer sagen +daher spruechwoertlich: "Ein Guahibo isst Alles auf der Erde und unter der +Erde." + +Kommt man auf dem Orinoco weiter nach Sueden, so nimmt die Hitze keineswegs +zu, sondern wird im Gegentheil ertraeglicher. Die Lufttemperatur war bei +Tag 26--27 deg.,5 [20 deg.,18--22 deg. R], bei Nacht 23 deg.,7 [19 deg.6 R]. Das Wasser des +Stroms behielt seine gewoehnliche Temperatur von 27 deg.,7 [22 deg.,2 R]. Aber +trotz der Abnahme der Hitze nahm die Plage der Moskitos erschrecklich zu. +Nie hatten wir so arg gelitten als in San Borja. Man konnte nicht sprechen +oder das Gesicht entbloessen, ohne Mund und Nase voll Insekten zu bekommen. +Wir wunderten uns, dass wir den Thermometer nicht auf 35 oder 36 Grad +stehen sahen; beim schrecklichen Hautreiz schien uns die Luft zu gluehen. +Wir uebernachteten am Ufer bei Guaripo. Aus Furcht vor den kleinen +Caraibenfischen badeten wir nicht. Die Krokodile, die wir den Tag ueber +gesehen, waren alle ausserordentlich gross, 22--24 Fuss lang. + +Am 14. April. Die Plage der Zancudos veranlasste uns, schon um fuenf Uhr +Morgens aufzubrechen. In der Luftschicht ueber dem Fluss selbst sind weniger +Insekten als am Waldsaume. Zum Fruehstueck hielten wir an der Insel +Guachaco, wo eine Sandsteinformation oder ein Conglomerat unmittelbar auf +dem Granit lagert. Der Sandstein enthaelt Quarz-, sogar Feldspathtruemmer +und das Bindemittel ist verhaerteter Thon. Es befinden sich darin kleine +Gaenge von Brauneisenerz, das in liniendicken Schichten abblaettert. Wir +hatten dergleichen Blaetter bereits zwischen Encaramada und dem Baraguan am +Ufer gefunden, und die Missionaere hatten dieselben bald fuer Gold-, bald +fuer Zinnerz gehalten. Wahrscheinlich ist diese secundaere Bildung frueher +ungleich weiter verbreitet gewesen. Wir fuhren an der Muendung des Rio +Parueni vorueber, ueber welcher die Macos-Indianer wohnen, und uebernachteten +auf der Insel Panumana. Nicht ohne Muehe kam ich dazu, zur Bestimmung der +Laenge des Orts, bei dem der Fluss eine scharfe Wendung nach West macht, +Hoehenwinkel des Canopus zu messen. Die Insel Panumana ist sehr reich an +Pflanzen. Auch hier findet man wieder die kahlen Felsen, die +Melastomenbuesche, die kleinen Baumpartien, deren Gruppirung uns schon in +der Ebene bei Carichana aufgefallen war. Die Berge bei den grossen +Katarakten begrenzten den Horizont gegen Suedost. Je weiter wir hinauf +kamen, desto grossartiger und malerischer wurden die Ufer des Orinoco. + + ------------------ + + + + + + 11 Die Sandfloehe (_pulex penetrans_, LINNE) die sich beim Menschen und + Affen unter die Naegel der Zehen eingraben und daselbst ihre Eier + legen. + + 12 Die Namen der Missionen in Suedamerika bestehen saemmtlich aus zwei + Worten, von denen das erste nothwendig ein Heiligenname ist (der + Name des Schutzpatrons der Kirche), das zweite ein indianisches (der + Name des Volks, das hier lebt, und der Gegend, wo die Mission + liegt). So sagt man: _San Jose de Maypures_, _Santa Cruz de + Cachipo_, _San Juan-Nepomuceno de los Atures_ etc. Diese + zusammengesetzten Namen kommen aber nur in der amtlichen Sprache + vor; die Einwohner brauchen nur Einen, meist, wenn er wohlklingend + ist, den indianischen. Benachbarten Orten kommen oft dieselben + Heiligennamen zu, und dadurch entsteht in der Geographie eine + heillose Verwirrung. Die Namen San Juan, San Pedro, San Diego sind + wie auf Gerathewohl auf unsern Karten umhergestreut. + + 13 Der Begleiter des Diego de Ordaz. + + 14 Die Botija haelt 25 franzoesische Flaschen; sie hat 1000--1200 + Cubikzoll Inhalt. + + 15 Kleine Wasserfaelle, _chorros_, _raudalitos_. + + 16 Stricke aus den Blattstielen einer Palme mit gefiederten Blaettern, + von der unten die Rede seyn wird. + + 17 Das Fleisch des Rocou und auch der Chica sind adstringirend und + leicht abfuehrend. + + 18 Der schwarze, aetzende Farbstoff des *Caruto* (_Genipa americana_) + widersteht dem Wasser laenger, wie wir zu unserem grossen Verdruss an + uns selbst erfuhren. Wir scherzten eines Tags mit den Indianern und + machten uns mit Caruto Tupfen und Striche ins Gesicht, und man sah + dieselben noch, als wir schon wieder in Angostura, im Schoosse + europaeischer Cultur waren. + + 19 Einen schoenen Saimiri oder Titi vom Orinoco kauft man in Paramara + fuer 8 bis 9 Piaster; der Missionaer bezahlt dem Indianer, der den + Affen gefangen und gezaehmt, 1-1/2 Piaster. + + 20 Ich fuehre bei dieser Gelegenheit an, dass ich niemals bemerkt habe, + dass ein Gemaelde, auf dem Hasen und Rehe in natuerlicher Groesse und + vortrefflich abgebildet waren, auf Jagdhunde, bei denen doch der + Verstand sehr entwickelt schien, den mindesten Eindruck gemacht + haette. Gibt es einen beglaubigten Fall, wo ein Hund das Portraet + seines Herrn in ganzer Figur erkannt haette? In allen diesen Faellen + wird das Gesicht nicht vom Geruch unterstuetzt. + +_ 21 Cartas edificantes de la Compana de Jesus_, 1757 + + 22 Die Stadt Socorro, suedlich vom Rio Sogamoza und nord-nord-oestlich + von Santa Fe de Bogota, war der Hauptherd des Aufruhrs, der im Jahr + 1781 im Koenigreich Neu-Grenada unter dem Erzbischof Vicekoenig + Gongora wegen der Plackereien ausbrach, denen das Volk in Folge der + Einfuehrung der Tabakspacht ausgesetzt gewesen. Viele fleissige + Einwohner von Socorro wanderten damals in die Llanos am Meta aus, um + sich den Verfolgungen zu entziehen, welche der vom Madrider Hof + ertheilten allgemeinen Amnestie folgten. Diese Ausgewanderten heissen + in den Missionen _Socorrenos refugiados_. + + 23 So heisst es in einer Inschrift, die bezeugt, dass am 13. des Monats + Pachon im zehnten Regierungsjahr Antonins die Toene vernommen worden. + + 24 Und doch will Gumilla auf dem Guaviare gefahren seyn. Nach ihm liegt + der Raudal de Tabaje unter 1 deg. 4{~PRIME~} der Breite, was um 5 deg. 10{~PRIME~} zu wenig + ist. + + + + + +ZWANZIGSTES KAPITEL. + + + Die Muendung des Rio Anaveni. -- Der Pic Uniana. -- Die Mission + Atures. -- Der Katarakt oder Raudal Mapara. -- Die Inseln + Surupamana und Uirapuri. + + +Auf seinem Lauf von Sued nach Nord streicht ueber den Orinocostrom eine +Kette von Granitbergen. Zweimal in seinem Laufe gehemmt, bricht er sich +tosend an den Felsen, welche Staffeln und Querdaemme bilden. Nichts +grossartiger als dieses Landschaftsbild. Weder der Fall des Tequendama bei +Santa Fe de Bogota, noch die gewaltige Naturscenerie der Cordilleren +vermochten den Eindruck zu verwischen, den die Stromschnellen von Atures +und Maypures auf mich machten, als ich sie zum erstenmale sah. Steht man +so, dass man die ununterbrochene Reihe von Katarakten, die ungeheure, von +den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete Schaum- und Dunstflaeche +mit Einem Blicke uebersieht, so ist es, als saehe man den ganzen Strom ueber +seinem Bette haengen. + +So ausgezeichnete Naturbildungen mussten schon seit Jahrhunderten bei den +Bewohnern der neuen Welt Aufmerksamkeit erregen. Als Diego de Ordaz, +Alfonso de Herera und der unerschrockene RALEGH in der Muendung des Orinoco +vor Anker gingen, wurde ihnen Kunde von den grossen Katarakten aus dem +Munde von Indianern, die niemals dort gewesen; sie verwechsclten sie sogar +mit weiter ostwaerts, gelegenen Faellen. Wie sehr auch in der heissen Zone +die Ueppigkeit des Pflanzenwuchses dem Verkehr unter den Voelkern +hinderlich ist, Alles, was sich auf den Lauf der grossen Stroeme bezieht, +erlangt einen Ruf, der sich in ungeheure Fernen verbreitet. Gleich Armen +von Binnenmeeren durchziehen der Orinoco, Amazonenstrom und Uruguay einen +mit Waeldern bedeckten Landstrich, auf dem Voelker hausen, die zum Theil +Menschenfresser sind. Noch ist es nicht zwei Jahrhunderte her, seit die +Cultur und das sanfte Licht einer menschlicheren Religion an den Ufern +dieser uralten, von der Natur gegrabenen Kanaele aufwaerts ziehen; aber +lange vor Einfuehrung des Ackerbaus, ehe zwischen den zerstreuten, oft sich +befehdenden Horden ein Tauschverkehr zu Stande kam, verbreitete sich auf +tausend zufaelligen Wegen die Kunde von ausserordentlichen +Naturerscheinungen, von Wasserfaellen, vulkanischen Flammen, vom Schnee, +der vor der Hitze des Sommers nicht weicht. Dreihundert Meilen von den +Kuesten, im Herzen von Suedamerika, unter Voelkern, deren Wanderungen sich in +den Grenzen von drei Tagereisen halten, findet man die Kunde vom Ocean, +findet man Worte zur Bezeichnung einer Masse von Salzwasser, die sich +hinbreitet, soweit das Auge reicht. Verschiedene Vorfaelle, wie sie im +Leben des Wilden nicht selten sind, helfen zur Verbreitung solcher +Kenntnisse. In Folge der kleinen Kriege zwischen benachbarten Horden wird +ein Gefangener in ein fremdes Land geschleppt, wo er als _'Poito'_ oder +_'Mero'_, das heisst als Sklave behandelt wird. Nachdem er mehreremale +verkauft und wieder im Kriege gebraucht worden, entkommt er und kehrt zu +den Seinigen zurueck. Da erzaehlt er denn, was er gesehen, was er andere hat +erzaehlen hoeren, deren Sprache er hat lernen muessen. So kommt es, dass man, +wenn man eine Rippe findet, von den grossen Thieren weit im innern Lande +sprechen hoert; so kommt es, dass man, wenn man das Thal eines grossen +Flusses betritt, mit Ueberraschung sieht, wie viel die Wilden, die gar +nicht auf dem Wasser fahren, von weit entlegenen Dingen zu sagen wissen. +Auf den ersten Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung tritt in gewissem +Grade der Gedankenaustausch frueher ein als der Tausch von Erzeugnissen. + +Die beiden grossen Katarakten des Orinoco, die eines so ausgebreiteten, +uralten Rufs geniessen, entstehen dadurch, dass der Strom die Berge der +Parime durchbricht [S. Band II. Seite 374]. Bei den Eingeborenen heissen +sie *Mapara* und *Quittuna*; aber die Missionaere haben dafuer Atures und +Maypures gesetzt nach den Namen der beiden Staemme, die sie in den beiden +den Faellen zunaechst gelegenen Doerfern zusammengebracht. An den Kuesten von +Caracas nennt man die zwei grossen Katarakten einfach: die zwei +*Raudales*(25) (Stromschnellen), was darauf hindeutet, dass man die andern +Faelle, sogar die Stromschnellen von Camiseta und Carichana, gegenueber den +Katarakten von Apures und Maypures gar nicht der Beachtung werth findet. + +Letztere liegen unter dem 5. und 6. Grad noerdlicher Breite, hundert Meilen +westwaerts von den Cordilleren von Neu-Grenada, im Meridian von Porto +Cabello, und nur zwoelf Meilen von einander. Es ist sehr auffallend, dass +D'ANVILLE nichts von denselben gewusst hat, da er doch auf seiner schoenen +grossen Karte von Suedamerika die unbedeutenden Faelle von Marimara und San +Borja unter dem Namen Stromschnellen von Carichana und Tabaje angibt. Die +grossen Katarakten theilen die christlichen Niederlassungen in spanisch +Guyana in zwei ungleiche Haelften. *Missionen am untern Orinoco* heissen die +zwischen dem Raudal von Atures und der Strommuendung; unter den *Missionen +am obern Orinoco* sind die Doerfer zwischen dem Raudal von Maypures und den +Bergen des Duida verstanden. Der Lauf des untern Orinoco ist, wenn man mit +LA CONDAMINE die Kruemmungen auf ein Drittheil der geraden Richtung +schaetzt, 260 Seemeilen, der des obern Orinoco, die Quellen drei Grad +ostwaerts vom Duida angenommen, 167 Meilen lang. + +Jenseits der grossen Katarakten beginnt ein unbekanntes Land. Es ist ein +zum Theil gebirgigter, zum Theil ebener Landstrich, ueber den die +Nebenfluesse sowohl des Amazonenstroms als des Orinoco ziehen. Wegen des +leichten Verkehrs mit dem Rio Negro und Gran Para scheint derselbe +vielmehr Brasilien als den spanischen Colonien anzugehoeren. Keiner der +Missionaere, die vor mir den Orinoco beschrieben haben, die Patres GUMILLA, +GILI und CANLIN, ist ueber den Raudal von Maypures hinaufgekommen. +Letzterer hat allerdings eine ziemlich genaue Topographie vom obern +Orinoco und vom Cassiquiare geliefert, aber nur nach den Angaben von +Militaers, die SOLANOs Expedition mitgemacht. Oberhalb der grossen +Katarakten fanden wir laengs des Orinoco auf einer Strecke von hundert +Meilen nur drei christliche Niederlassungen, und in denselben waren kaum +sechs bis acht Weisse, das heisst Menschen europaeischer Abkunft. Es ist +nicht zu verwundern, dass ein so oedes Land von jeher der classische Boden +fuer Sagen und Wundergeschichten war. Hieher versetzten ernste Missionaere +die Voelker, die Ein Auge auf der Stirne, einen Hundskopf oder den Mund +unter dem Magen haben; hier fanden sie Alles wieder, was die Alten von den +Garamanten, den Arimaspen und den Hyperboraeern erzaehlen. Man thaete den +schlichten, zuweilen ein wenig rohen Missionaeren Unrecht, wenn man +glaubte, sie selbst haben diese uebertriebenen Maehren erfunden; sie haben +sie vielmehr grossentheils den Indianergeschichten entnommen. In den +Missionen erzaehlt man gern, wie zur See, wie im Orient, wie ueberall, wo +man sich langweilt. Ein Missionaer ist schon nach Standesgebuehr nicht zum +Sceptirismus geneigt; er praegt sich ein, was ihm die Eingeborenen so oft +vorgesagt, und kommt er nach Europa, in die civilisirte Welt zurueck, so +findet er eine Entschaedigung fuer seine Beschwerden in der Lust, durch die +Erzaehlung von Dingen, die er als Thatsachen aufgenommen, durch lebendige +Schilderung des im Raum so weit Entrueckten, die Leute in Verwunderung zu +setzen. Ja, diese _cuentos de viageros y frailes_ werden immer +unwahrscheinlicher, je weiter man von den Waeldern am Orinoco weg den +Kuesten zu kommt, wo die Weissen wohnen. Laesst man in Cumana, Nueva Barcelona +und in andern Seehaefen, die starken Verkehr mit den Missionen haben, +einigen Unglauben merken, so schliesst man einem den Mund mit den wenigen +Worten: "Die Patres haben es gesehen, aber weit ueber den grossen +Katarakten, _mos ariba de los Raudales._" + +Jetzt, da wir ein so selten besuchtes, von denen, die es bereist, nur zum +Theil beschriebenes Land betreten, habe ich mehrere Gruende, meine +Reisebeschreibung auch ferner in der Form eines Tagebuchs fortzusetzen. +Der Leser unterscheidet dabei leichter, was ich selbst beobachtet, und was +ich nach den Aussagen der Missionaere und Indianer berichte; er begleitet +die Reisenden bei ihren taeglichen Beschaeftigungen; er sieht zugleich, wie +wenig Zeit ihnen zu Gebot stand und mit welchen Schwierigkeiten sie zu +kaempfen hatten, und wird in seinem Urtheil nachsichtiger. + +Am 15. April. Wir brachen von der Insel Panumana um vier Uhr Morgens aus, +zwei Stunden vor Sonnenaufgang; der Himmel war grossentheils bedeckt und +durch dickes, ueber 40 Grad hoch stehendes Gewoelk fuhren Blitze. Wir +wunderten uns, dass wir nicht donnern hoerten: kam es daher, dass das +Gewitter so ausnehmend hoch stand? Es kam uns vor, als wuerden in Europa +die elektrischen Schimmer ohne Donner, das Wetterleuchten, wie man es mit +unbestimmtem Ausdruck nennt, in der Regel weit naeher am Horizont gesehen. +Beim bedeckten Himmel, der die strahlende Waerme des Bodens zurueckwarf, war +die Hitze erstickend; kein Lueftchen bewegte das Laub der Baeume. Wie +gewoehnlich waren die Jaguars ueber den Flussarm zwischen uns und dem Ufer +heruebergekommen, und wir hoerten sie ganz in unserer Naehe bruellen. Im Lauf +der Nacht hatten uns die Indianer gerathen, aus dem Bivouac in eine +verlassene Huette zu ziehen, die zu den _'Conucos'_ der Einwohner von +Apures gehoert; sie verrammelten den Eingang mit Brettern, was uns ziemlich +ueberfluessig vorkam. Die Tiger sind bei den Katarakten so haeufig, dass vor +zwei Jahren ein Indianer, der am Ende der Regenzeit, eben hier in den +Conucos von Panumana, seine Huette wieder aufsuchte, dieselbe von einem +Tigerweibchen mit zwei Jungen besetzt sand. Die Thiere hatten sich seit +mehreren Monaten hier aufgehalten; nur mit Muehe brachte man sie hinaus, +und erst nach hartnaeckigem Kampfe konnte der Eigenthuemer einziehen. Die +Jaguars ziehen sich gern in verlassene Bauten, und nach meiner Meinung +thut der einzelne Reisende meist klueger, unter freiem Himmel zwischen zwei +Feuern zu uebernachten, als in unbewohnten Huetten Schutz zu suchen. + +Bei der Abfahrt von der Insel Panumana sahen wir auf dem westlichen +Stromufer die Lagerfeuer wilder Guahibos; der Missionaer, der bei uns war, +liess einige blinde Schuesse abfeuern, um sie einzuschuechtern, sagte er, und +ihnen zu zeigen, dass wir uns wehren koennten. Die Wilden hatten ohne +Zweifel keine Canoes und wohl auch keine Lust, uns mitten auf dem Strom zu +Leibe zu gehen. Bei Sonnenaufgang kamen wir am Einfluss des Rio Anaveni +vorueber, der von den oestlichen Bergen herabkommt. Jetzt sind seine Ufer +verlassen; aber zur Jesuitenzeit hatte Pater Olmos hier Japuin- oder +Jaruro-Indianer in einem kleinen Dorfe zusammengebracht. Die Hitze am Tage +war so stark, dass wir lange an einem schattigen Platze hielten und mit der +Leine fischten. Wir konnten die Fische, die wir gefangen, kaum alle +fortbringen. Erst ganz spaet langten wir unmittelbar unter dem grossen +Katarakt in einer Bucht an, die der *untere Hafen* (_puerto de abaxo_) +heisst, und gingen, bei der dunkeln Nacht nicht ohne Beschwerde, auf +schmalem Fusspfad in die Mission Atures, eine Meile vom Flussufer. Man kommt +dabei ueber eine mit grossen Granitbloecken bedeckte Ebene. + +Das kleine Dorf *San Juan Nepomuceno de los Atures* wurde im Jahr 1748 vom +Jesuiten Pater Francisco Gonzales angelegt. Es ist stromaufwaerts die +letzte vom Orden des heiligen Ignatius gegruendete christliche +Niederlassung. Die weiter nach Sued gelegenen Niederlassungen am Atabapo, +Cassiquiare und Rio Negro ruehren von den dem Franciskanerorden +angehoerenden Observanten her. Wo jetzt das Dorf Atures steht, muss srueher +der Orinoco geflossen seyn, und die voellig, ebene Grasflur um das Dorf war +ohne Zweifel ein Stueck des Flussbetts. Oestlich von der Mission sah ich +eine Felsreihe, die mir das alte Flussufer zu seyn schien. Im Lauf der +Jahrhunderte wurde der Strom gegen West hinuebergedraengt, weil den +oestlichen Bergen zu, von denen viele Wildwasser herabkommen, die +Anschwemmungen staerker sind. Der Katarakt heisst, wie oben bemerkt, Mapara, +waehrend das Dorf nach dem Volke der Atures genannt ist, das man jetzt fuer +ausgestorben haelt. Auf den Karten des siebzehnten Jahrhunderts finde ich: +"Insel und Katarakt *Athule*;" diess ist *Atures* nach der Aussprache der +Tamanacas, die, wie so viele Voelker, die Consonanten l und r verwechseln. +Noch bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war dieses gebirgigte Land +in Europa so wenig bekannt, dass D'ANVILLE in der ersten Ausgabe seines +_Suedamerika_ beim *Salto de los Atures* vom Orinoco einen Arm abgehen +laesst, der sich in den Amazonenstrom ergiesst und der bei ihm Rio Negro +heisst. + +Die alten Karten, sowie Pater GUMILLA in seinem Werke, setzen die Mission +unter 1 deg. 30{~PRIME~} der Breite; der Abbe GILI gibt 3 deg. 30{~PRIME~} an. Nach Meridianhoehen +des Canopus und des {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des suedlichen Kreuzes fand ich 5 deg. 38{~PRIME~} 4{~DOUBLE PRIME~} Breite und +durch Uebertrag der Zeit 4 Stunden 41 Minuten 17 Secunden westliche Laenge +vom Pariser Meridian. Die Inclination der Magnetnadel war am 16. April +30 deg.25; 223 Schwingungen in 10 Zeitminuten gaben das Mass der Intensitaet der +magnetischen Kraft; in Paris sind es 245 Schwingungen. + +Wir fanden die kleine Mission in der klaeglichsten Verfassung. Zur Zeit von +SOLANOs Expedition, gewoehnlich _'die Grenzexpedition'_ genannt, waren noch +520 Indianer hier, und als wir ueber die Katarakten gingen, nur noch 47, +und der Missionaer versicherte uns, mit jedem Jahr werde die Abnahme +staerker. Er zeigte uns, dass in 32 Monaten nur eine einzige Ehe ins +Kirchenbuch eingetragen worden; zwei weitere Ehen waren von noch nicht +catechisirten Indianern vor dem indianischen *Governador* geschlossen und +damit, wie wir in Europa sagen, der Civilakt vollzogen worden. Bei der +Gruendung der Mission waren hier Atures, Maypures, Meyepures, Abanis und +Quirupas unter einander; statt dieser Staemme fanden wir nur Guahibos und +ein paar Familien vom Staemme der Macos. Die Atures sind fast voellig +verschwunden; man kennt sie nur noch von ihren Graebern in der Hoehle +Ataruipe her, die an die Grabstaetten der Guanchen aus Teneriffa erinnern. +Wir hoerten an Ort und Stelle, die Atures haben mit den Quaquas und den +Macos oder Piaroas dem grossen Voelkerstamme der *Salivas* angehoert, wogegen +die Maypures, Abanis, Parenis und Guaypunaves Einer Abkunft seyen mit den +*Cabres* oder Caveres, die wegen ihrer langen Kriege mit den Caraiben viel +genannt werden. In diesem Wirrwarr kleiner Voelkerschaften, die einander so +schroff gegenueberstehen, wie einst die Voelker in Latium, Kleinasien und +Sogdiana, laesst sich das Zusammengehoerige im Allgemeinsten nur an der +Sprachverwandtschaft erkennen. Die Sprachen sind die einzigen Denkmaeler, +die aus der Urzeit auf uns gekommen sind; nur sie, nicht an den Boden +gefesselt, beweglich und dauernd zugleich, sind so zu sagen durch Raum und +Zeit hindurchgegangen. So zaeh und ueber so viele Strecken verbreitet +erscheinen sie aber weit weniger bei erobernden und bei civilisirten +Voelkern, als bei wandernden, halbwilden Staemmen, die auf der Flucht vor +maechtigen Feinden in ihr tiefes Elend nichts mit sich nehmen als ihre +Weiber, ihre Kinder und die Mundart ihrer Vaeter. + +Zwischen dem vierten und achten Breitengrad bildet der Orinoco nicht nur +die Grenze zwischen dem grossen Walde der Parime und den kahlen Savanen am +Apure, Meta und Guaviare, er scheidet auch Horden von sehr verschiedener +Lebensweise. Im Westen ziehen auf den baumlosen Ebenen die Guahibos, +Chiricoas und Guamos herum, ekelhaft schmutzige Voelker, stolz auf ihre +wilde Unabhaengigkeit, schwer an den Boden zu fesseln und an regelmaessige +Arbeit zu gewoehnen. Die spanischen Missionaere bezeichnen sie ganz gut als +_Indios andantes_ (laufende, umherziehende Indianer). Oestlich vom +Orinoco, zwischen den einander nahe liegenden Quellen des Caura, des +Cataniapo und Ventuari, hausen die Macos, Salivas, Curacicanas, Parecas +und Maquiritares, sanftmuethige, ruhige, Ackerbau treibende, leicht der +Zucht in den Missionen zu unterwerfende Voelker. Der *Indianer der Ebene* +unterscheidet sich vom *Indianer der Waelder* durch Sprache, wie durch +Sitten und die ganze Geistesrichtung; beide haben eine an lebendigen, +kecken Wendungen reiche Sprache, aber die des ersteren ist rauher, kuerzer, +leidenschaftlicher; beim zweiten ist sie sanfter, weitschweifiger und +reicher an abgeleiteten Ausdruecken. + +In der Mission Atures, wie in den meisten Missionen am Orinoco zwischen +den Muendungen des Apure und des Atabapo, leben die eben erwaehnten beiden +Arten von Volksstaemmen neben einander; man trifft daselbst Indianer aus +den Waeldern und frueher nomadische Indianer (_Indios monteros_ und _Indios +andantes_ oder _llaneros_. Wir besuchten mit dem Missionaer die Huetten der +Macos, bei den Spaniern Piraoas genannt, und der Guahibos. In ersteren +zeigt sich mehr Sinn fuer Ordnung, mehr Reinlichkeit und Wohlstand. Die +unabhaengigen Macos (wilde moechte ich sie nicht nennen) haben ihre +_'Rochelas'_ oder festen Wohnplaetze zwei bis drei Tagereisen oestlich von +Atures bei den Quellen des kleinen Flusses Cataniapo. Sie sind sehr +zahlreich, bauen, wie die meisten Waldindianer, keinen Mais, sondern +Manioc, und leben im besten Einvernehmen mit den christlichen Indianern in +der Mission. Diese Eintracht hat der Franciskaner Pater Bernardo Zea +gestiftet und durch Klugheit erhalten. Der Alcade der *unterworfenen* +Macos verliess mit der Genehmigung des Missionaers jedes Jahr das Dorf +Atures, um ein paar Monate auf den Pflanzungen zuzubringen, die er mitten +in den Waeldern beim Dorfe der unabhaengigen Macos besass. In Folge dieses +friedlichen Verkehrs hatten sich vor einiger Zeit mehrere dieser _Indios +monteros_ in der Mission niedergelassen. Sie baten dringend um Messer, +Fischangeln und farbige Glasperlen, die trotz des ausdruecklichen Verbots +der Ordensleute nicht als Halsbaender, sondern zum Aufputz des *Guayuco* +(Guertels) dienen. Nachdem sie das Gewuenschte erhalten, gingen sie in die +Waelder zurueck, da ihnen die Zucht in der Mission schlecht behagte. +Epidemische Fieber, wie sie bei Eintritt der Regenzeit nicht selten heftig +auftreten, trugen viel zu der unerwarteten Ausreisserei bei. Im Jahr 1799 +war die Sterblichkeit in Carichana, am Ufer des Meta und im Raudal von +Atures sehr stark. Dem Waldindianer wird das Leben des civilisirten +Menschen zum Greuel, sobald seiner in der Mission lebenden Familie, ich +will nicht sagen ein Unglueck, sondern nur unerwartet irgend etwas Widriges +zustoesst. So sah man neubekehrte Indianer wegen herrschender grosser +Trockenheit fuer immer aus den christlichen Niederlassungen fortlaufen, als +ob das Unheil ihre Pflanzungen nicht ebenso betroffen haette, wenn sie +immer unabhaengig geblieben waeren. + +Welches sind die Ursachen der Fieber, die einen grossen Theil des Jahrs +hindurch in den Doerfern Atures und Maypures an den zwei grossen Katarakten +des Orinoco herrschen und die Gegend fuer den europaeischen Reisenden so +gefaehrlich machen? Die grosse Hitze im Verein mit der ausserordentlich +starken Feuchtigkeit der Luft, die schlechte Nahrung und, wenn man den +Eingeborenen glaubt, giftige Duenste, die sich aus den kahlen Felsen der +Raudales entwickeln. Diese Orinoco-Fieber kommen, wie es uns schien, +vollkommen mit denen ueberein, die alle Jahre in der Naehe des Meeres +zwischen Nueva-Barcelona, Guayra und Porto Cabello auftreten und oft in +adynamische Fieber ausarten. "Ich habe mein kleines Fieber (_mi +calenturita_) erst seit acht Monaten," sagte der gute Missionaer von +Atures, der uns an den Rio Negro begleitete; er sprach davon wie von einem +gewohnten, wohl zu ertragenden Leiden. Die Anfaelle waren heftig, aber von +kurzer Dauer; bald traten sie ein, wenn er in der Pirogue auf einem Gitter +von Baumzweigen lag, bald wenn er auf offenem Ufer der heissen Sonne +ausgesetzt war. Diese dreitaegigen Fieber sind mit bedeutender Schwaechung +des Muskelsystems verbunden; indessen sieht man am Orinoco arme +Ordensgeistliche sich jahrelang mit dieser _Calenturidas_ und _Tercianas_ +schleppen; die Wirkungen sind nicht so tief greifend und gefaehrlich als +bei kuerzer dauernden Fiebern in gemaessigten Himmelsstrichen. + +Ich erwaehnte eben, dass die Eingeborenen und sogar die Missionaere den +kahlen Felsen einen nachtheiligen Einfluss auf die Salubritaet der Luft +zuschreiben. Dieser Glaube verdient um so mehr Beachtung, da er mit einer +physikalischen Erscheinung zusammenhaengt, die kuerzlich in verschiedenen +Landstrichen beobachtet worden und noch nicht gehoerig erklaert ist. In den +Katarakten und ueberall, wo der Orinoco zwischen den Missionen Carichana +und Santa Barbara periodisch das Granitgestein bespuelt, ist dieses glatt, +dunkelfarbig, wie mit Wasserblei ueberzogen. Die faerbende Substanz dringt +nicht in den Stein ein, der ein grobkoerniger Granit ist, welcher hie und +da Hornblendecrystalle enthaelt. Der schwarze Ueberzug ist 3/10 Linien dick +und findet sich vorzueglich auf den quarzigen Stellen; die +Feldspathcrystalle haben zuweilen aeusserlich ihre roethlich weisse Farbe +behalten und springen aus der schwarzen Rinde vor. Zerschlaegt man das +Gestein mit dem Hammer, so ist es innen unversehrt, weiss, ohne Spur von +Zersetzung. Diese ungeheuren Steinmassen treten bald in viereckigten +Umrissen auf, bald in der halbkugligten Gestalt, wie sie dem Granitgestein +eigen ist, wenn es sich in Bloecke sondert. Sie geben der Gegend etwas +eigenthuemlich Duesteres, da ihre Farbe vom Wasserschaum, der sie bedeckt, +und vom Pflanzenwuchs um sie her scharf absticht. Die Indianer sagen, die +Felsen seyen "von der Sonnengluth verbrannt oder verkohlt." Wir sahen sie +nicht nur im Bett des Orinoco, sondern an manchen Punkten bis zu 500 +Toisen vom gegenwaertigen Ufer in Hoehen, bis wohin der Fluss beim hoechsten +Wasserstande jetzt nicht steigt. + +Was ist diese schwarzbraune Kruste, die diesen Felsen, wenn sie kugligt +sind, das Ansehen von Meteorsteinen gibt? Wie hat man sich die Wirkung des +Wassers bei diesem Niederschlag oder bei diesem auffallenden Farbwechsel +zu denken? Vor allem ist zu bemerken, dass die Erscheinung nicht auf die +Katarakten des Orinoco beschraenkt ist, sondern in beiden Hemisphaeren +vorkommt. Als ich, nach der Rueckkehr aus Mexico, im Jahr 1807 die Granite +von Atures und Maypures Roziere sehen liess, der das Nilthal, die Kueste des +rothen Meeres und den Berg Sinai bereist hat, so zeigte mir der gelehrte +Geolog, dass das Urgebirgsgestein bei den kleinen Katarakten von Syene, +gerade wie das am Orinoco, eine glaenzende, schwarzgraue, fast bleifarbige +Oberflaeche hat; manche Bruchstuecke sehen aus wie mit Theer ueberzogen. Erst +neuerlich, bei der ungluecklichen Expedition des Capitaen Tuckey, fiel +dieselbe Erscheinung englischen Naturforschern an den *Yellalas* +(Stromschnellen und Klippen) auf, welche den Congo- oder Zairefluss +verstopfen. Dr. KOeNIG hat im britischen Museum neben Syenite vom Congo +Granite von Atures gestellt, die einer Suite von Gebirgsarten entnommen +sind, die Bonpland und ich dem Praesidenten der Londoner koeniglichen +Gesellschaft ueberreicht hatten. "Diese Handstuecke," sagt Koenig, "sehen +beide aus wie Meteorsteine; bei beiden Gebirgsarten, bei der vom Orinoco +wie bei der afrikanischen, besteht die schwarze Rinde, nach der Analyse +von Children, aus Eisen- und Manganoxyd." + +Nach einigen Versuchen, die ich in Mexico in Verbindung mit del Rio +gemacht, kam ich auf die Vermuthung, das Gestein von Atures, welches das +Papier, in das es eingeschlagen ist, schwarz faerbt, moechte ausser dem +Manganoxyd Kohle und ueberkohlensaures Eisen enthalten. Am Orinoco sind +40--50 Fuss dicke Granitmassen gleichfoermig mit diesen Oxyden ueberzogen, +und so duenn diese Rinden erscheinen, enthalten sie doch ganz ansehnliche +Mengen Eisen und Mangan, da sie ueber eine Quadratmeile Flaeche haben. + +Es ist zu bemerken, dass alle diese Erscheinungen von Faerbung des Gesteins +bis jetzt nur in der heissen Zone beobachtet worden sind, an Fluessen, deren +Temperatur gewoehnlich 24--28 Grad betraegt und die nicht ueber Sandstein +oder Kalkstein, sondem ueber Granit, Gneiss und Hornblendegestein laufen. +Der Quarz und der Feldspath enthalten kaum 5--6 Tausendtheile Eisen- und +Manganoxyd; dagegen im Glimmer und in der Hornblende kommen diese Oxyde, +besonders das Eisenoxyd, nach KLAPROTH und HERRMANN, bis zu 15 und 20 +Procent vor. Die Hornblende enthaelt zudem Kohle, wie auch der lydische +Stein und der Kieselschiefer. Bildet sich nun diese schwarze Rinde durch +eine langsame Zersetzung des Granits unter dem doppelten Einfluss der +Feuchtigkeit und der Sonne der Tropen, wie soll man es erklaeren, dass die +Oxyde sich so gleichfoermig ueber die ganze Oberflaeche des Gesteins +verbreiten, dass um einen Glimmer- und Hornblendecrystall nicht mehr davon +liegt als ueber dem Feldspath und dem milchigten Quarz? Der eisenschuessige +Sandstein, der Granit, der Marmor, die aschfarbig, zuweilen braun werden, +haben ein ganz anderes Aussehen. Der Glanz und die gleiche Dicke der Rinde +lassen vielmehr vermuthen, dass der Stoff ein Niederschlag aus dem Wasser +des Orinoco ist, das in die Spalten des Gesteins gedrungen. Geht man von +dieser Voraussetzung aus, so fragt man sich, ob jene Oxyde im Fluss nur +suspendirt sind, wie der Sand und andere erdigten Substanzen, oder +wirklich chemisch ausgeloest? Der ersteren Annahme widerspricht der +Umstand, dass die Rinde voellig homogen ist und neben den Oxyden weder +Sandkoerner noch Glimmerblaettchen sich darin finden. Man muss daher +annehmen, dass chemische Aufloesung vorliegt, und die Vorgaenge, die wir +taeglich in unsern Laboratorien beobachten, widersprechen dieser +Voraussetzung durchaus nicht. Das Wasser grosser Fluesse enthaelt +Kohlensaeure, und waere es auch ganz rein, so koennte es doch immer in sehr +grossen Mengen einige Theilchen Metalloxyd oder Hydrat aufloesen, wenn +dieselben auch fuer unaufloeslich gelten. Im Nilschlamm, also im +Niederschlag der im Fluss suspendirten Stoffe, findet sich kein Mangan; er +enthaelt aber nach Reynaults Analyse 6 Procent Eisenoxyd und seine Anfangs +schwarze Farbe wird beim Trocknen und durch die Einwirkung der Luft +gelbbraun. Von diesem Schlamm kann also die schwarze Rinde an den Felsen +von Syene nicht herruehren. Auf meine Bitte hat BERZELIUS diese Rinde +untersucht; er fand darin Eisen und Mangan, wie in der auf den Graniten +vom Orinoco und Congo. Der beruehmte Chemiker ist der Ansicht, die Oxyde +werden von den Fluessen nicht dem Boden entzogen, ueber den sie laufen, sie +kommen ihnen vielmehr aus ihren unterirdischen Quellen zu und sie schlagen +dieselben auf das Gestein nieder, wie durch Caementation, in Folge +eigenthuemlicher Affinitaeten, vielleicht durch Einwirkung des Kali im +Feldspath. Nur durch einen langen Aufenthalt an den Katarakten des +Orinoco, des Nil und des Congoflusses und durch genaue Beobachtung der +Umstaende, unter denen die Faerbung auftritt, kann die Frage, die uns hier +beschaeftigt hat, ganz zur Entscheidung gebracht werden. Ist die +Erscheinung von der Beschaffenheit des Gesteins unabhaengig? Ich beschraenke +mich auf die allgemeine Bemerkung, dass weder Granitmassen, die weit vom +alten Bett des Orinoco liegen, aber in der Regenzeit abwechselnd +befeuchtet und von der Sonne erhitzt werden, noch der Granit, der von den +braeunlichen Wassern des Rio Negro bespuelt wird, aeusserlich den +Meteorsteinen aehnlich werden. Die Indianer sagen, "die Felsen seyen nur da +schwarz, wo das Wasser weiss ist." Sie sollten vielleicht weiter sagen: "wo +das Wasser eine grosse Geschwindigkeit erlangt hat und gegen das Gestein am +Ufer anprallt." Die Caementation scheint zu erklaeren, warum die Rinde so +duenn bleibt. + +Ob der in den Missionen am Orinoco herrschende Glaube, dass in der Naehe des +kahlen Gesteins, besonders der Felsmassen mit einer Rinde von Kohle, +Eisen- und Manganoxyd die Luft ungesund sey, grundlos ist, weiss ich nicht +zu sagen. In der heissen Zone werden noch mehr als anderswo die +krankheiterregenden Ursachen vom Volke willkuehrlich gehaeuft. Man scheut +sich dort im Freien zu schlafen, wenn einem der Vollmond ins Gesicht +schiene; ebenso haelt man es fuer bedenklich, sich nahe am Flusse auf Granit +zu lagern, und man erzaehlt viele Faelle, wo Leute nach einer auf dem +schwarzen kahlen Gestein zugebrachten Nacht Morgens mit einem starken +Fieberanfall erwacht sind. Wir schenkten nun zwar dieser Behauptung der +Missionaere und der Eingeborenen nicht unbedingt Glauben, mieden aber doch +die _laxas negras_ und lagerten uns auf mit weissem Sand bedeckten +Uferstrecken, wenn wir keine Baeume fanden, um unsere Haengematten zu +befestigen. In Carichana will man das Dorf abbrechen und verlegen, nur um +von den *schwarzen Felsen* wegzukommen, von einem Ort, wo auf einer +Strecke von mehr als 10,000 Quadrattoisen die Bodenflaeche aus kahlem +Granitgestein besteht. Aus aehnlichen Gruenden, die den Physikern in Europa +als blosse Einbildungen erscheinen muessen, versetzten die Jesuiten Olmo, +Forneri und Mellis ein Dorf der Jaruros an drei verschiedene Punkte +zwischen dem Raudal von Tabaje und dem Rio Anaveni. Ich glaubte diese +Dinge, ganz wie sie mir zu Ohren gekommen, anfuehren zu muessen, da wir so +gut wie gar nicht wissen, was eigentlich die Gasgemenge sind, wodurch die +Luft ungesund wird. Laesst sich annehmen, dass unter dem Einfluss starker +Hitze und bestaendiger Feuchtigkeit die schwarze Rinde des Gesteins auf die +umgebende Luft einwirkt und Miasmen, ternaere Verbindungen von Kohlenstoff, +Stickstoff und Wasserstoff erzeugt? Ich zweifle daran. Der Granit am +Orinoco enthaelt allerdings haeufig Hornblende, und praktische Bergleute +wissen wohl, dass die schlimmsten Schwaden sich in Stollen bilden, die +durch Syenit und Hornblendestein getrieben werden. Aber im Freien, wo die +Luft durch die kleinen Stroemungen fortwaehrend erneuert wird, kann die +Wirkung nicht dieselbe seyn wie in einer Grube. + +Wahrscheinlich ist es nur desshalb gefaehrlich, auf den _laxas negras_ zu +schlafen, weil das Gestein bei Nacht eine sehr hohe Temperatur behaelt. Ich +fand dieselbe bei Tag 48 deg., waehrend die Luft im Schatten 29 deg.,7 warm war; +bei Nacht zeigte der Thermometer, an das Gestein gelegt, 36 deg., die Luft nur +26 deg.. Wenn die Waermeanhaenfung in den Gesteinsmassen zum Stillstand gekommen +ist, so haben diese Massen zu denselben Stunden immer wieder ungefaehr +dieselbe Temperatur. Den Ueberschuss von Waerme, den sie bei Tag bekommen, +verlieren sie in der Nacht durch die Strahlung, deren Staerke von der +Beschaffenheit der Oberflaeche des strahlenden Koerpers, von der Anordnung +seiner Molecuele im Innern, besonders aber von der Reinheit des Himmels +abhaengt, das heisst davon, ob die Luft durchsichtig und wolkenlos ist. Wo +der Unterschied in der Abweichung der Sonne nur gering ist, geht von ihr +jeden Tag fast die gleiche Waermemenge aus und das Gestein ist am Ende des +Sommers nicht waermer als zu Anfang desselben. Es kann ein gewisses Maximum +nicht ueberschreiten, weil sich weder der Zustand seiner Oberflaeche, noch +seine Dichtigkeit, noch seine Waermecapacitaet veraendert hat. Steigt man am +Ufer des Orinoco bei Nacht aus der Haengematte und betritt den Felsboden +mit blossen Fuessen, so ist die Waerme, die man empfindet, sehr auffallend. +Wenn ich die Thermometerkugel an das nackte Gestein legte, fand ich fast +immer, dass die _laxas negras_ bei Tag waermer sind als der roethlich weisse +Granit weitab vom Ufer, dass aber letzterer sich bei Nacht nicht so schnell +abkuehlt als jener. Begreiflich geben Massen mit einem schwarzen Ueberzug +den Waermestoff rascher wieder ab als solche, in denen viele silberfarbige +Glimmerblaetter stecken. Geht man in Carichana, Atures oder Maypures +zwischen ein und drei Uhr Nachmittags unter diesen hoch ausgethuermten +Felsbloecken ohne alle Dammerde, so erstickt man beinahe, als staende man +vor der Muendung eines Schmelzofens. Der Wind (wenn man ihn je in diesen +bewaldeten Laendern spuert) bringt statt Kuehlung nur noch heissere Luft +herbei, da er ueber Steinschichten und aufgethuermte Granitkugeln +weggegangen ist. Durch diese Steigerung der Hitze wird das Klima noch +ungesunder, als es ohnehin ist. + +Unter den Ursachen der Entvoelkerung der Raudales habe ich die Blattern +nicht genannt, die in andern Strichen von Amerika so schreckliche +Verheerungen anrichten, dass die Eingeborenen, von Entsetzen ergriffen, +ihre Huetten anzuenden, ihre Kinder umbringen und alle Gemeinschaft fliehen. +Am obern Orinoco weiss man von dieser Geissel so gut wie nichts, und kaeme +sie je dahin, so ist zu hoffen, dass ihr die Kuhpockenimpfung, deren Segen +man auf den Kuesten von Terra Firma taeglich empfindet, alsbald Schranken +setzte. Die Ursachen der Entvoelkerung in den christlichen Niederlassungen +sind der Widerwillen der Indianer gegen die Zucht in den Missionen, das +ungesunde, zugleich heisse und feuchte Klima, die schlechte Nahrung, die +Verwahrlosung der Kinder, wenn sie krank sind, und die schaendliche Sitte +der Muetter, giftige Kraeuter zu gebrauchen, damit sie nicht schwanger +werden. Bei den barbarischen Voelkern in Guyana, wie bei den halb +civilisirten Bewohnern der Suedseeinseln gibt es viele junge Weiber, die +nicht Muetter werden wollen. Bekommen sie Kinder, so sind dieselben nicht +allein den Gefahren des Lebens in der Wildniss, sondern noch manchen andern +ausgesetzt, die aus dem abgeschmacktesten Aberglauben herfliessen. Sind es +Zwillinge, so verlangen verkehrte Begriffe von Anstand und Familienehre, +dass man eines der Kinder umbringe. "Zwillinge in die Welt setzen, heisst +sich dem allgemeinen Spott preisgeben, heisst es machen wie Ratten, +Beutelthiere und das niedrigste Gethier, das viele Junge zugleich wirft." +Aber noch mehr: "Zwei zugleich geborene Kinder koennen nicht von Einem +Vater seyn." Das ist ein Lehrsatz in der Physiologie der Salivas, und +unter allen Himmelsstrichen, auf allen Stufen der gesellschaftlichen +Entwicklung sieht man, dass das Volk, hat es sich einmal einen Satz der Art +zu eigen gemacht, zaeher daran festhaelt, als die Unterrichteten, die ihn +zuerst aufs Tapet gebracht. Um des Hausfriedens willen nehmen es alte +Basen der Mutter oder die _mure japoic-nei_ (Hebamme) auf sich, eines der +Kinder auf die Seite zu schaffen. Hat der Neugeborene, wenn er auch kein +Zwilling ist, irgend eine koerperliche Missbildung, so bringt ihn der Vater +auf der Stelle um. Man will nur wohlgebildete, kraeftige Kinder; denn bei +den Missbildungen hat der boese Geist *Joloquiamo* die Hand im Spiel, oder +der Vogel *Tikitiki*, der Feind des Menschengeschlechts. Zuweilen haben +auch bloss sehr schwaechliche Kinder dasselbe Loos. Fragt man einen Vater, +was aus einem seiner Soehne geworden sey, so thut er, als waere er ihm durch +einen natuerlichen Tod entrissen worden. Er verlaeugnet eine That, die er +fuer tadelnswerth, aber nicht fuer strafbar haelt. "Das arme _Mure_ (Kind)", +heisst es, "konnte nicht mit uns Schritt halten; man haette jeden Augenblick +auf es warten muessen; man hat nichts mehr von ihm gesehen, es ist nicht +dahin gekommen, wo wir geschlafen haben." Diess ist die Unschuld und +Sitteneinfalt, diess ist das gepriesene Glueck des Menschen *im Urzustand!* +Man bringt sein Kind um, um nicht wegen Zwillingen laecherlich zu werden, +um nicht langsamer wandern, um sich nicht eine kleine Entbehrung +auferlegen zu muessen. + +Grausamkeiten der Art sind nun allerdings nicht so haeufig, als man glaubt; +indessen kommen sie sogar in den Missionen vor, und zwar zur Zeit, wo die +Indianer aus dem Dorfe ziehen und sich auf den _'Conucos'_ in den nahen +Waeldern aushalten. Mit Unrecht schriebe man sie der Polygamie zu, in der +die nicht catechisirten Indianer leben. Bei der Vielweiberei ist +allerdings das haeusliche Glueck und der Frieden in den Familien gefaehrdet, +aber trotz dieses Brauchs, der ja auch ein Gesetz des Islams ist, lieben +die Morgenlaender ihre Kinder zaertlich. Bei den Indianern am Orinoco kommt +der Vater nur nach Hause, um zu essen und sich in seine Haengematte zu +legen; er liebkost weder seine kleinen Kinder, noch seine Weiber, die da +sind, ihn zu bedienen. Die vaeterliche Zuneigung kommt erst dann zum +Vorschein, wenn der Sohn so weit herangewachsen ist, dass er an der Jagd, +am Fischfang und an der Arbeit in den Pflanzungen Theil nehmen kann. + +Wenn nun aber auch der schaendliche Brauch, durch gewisse Traenke Kinder +abzutreiben, die Zahl der Geburten vermindert, so greifen diese Traenke die +Gesundheit nicht so sehr an, dass nicht die jungen Weiber in reiferen +Jahren wieder Muetter werden koennten. Diese physiologisch sehr merkwuerdige +Erscheinung ist den Moenchen in den Missionen laengst aufgefallen. Der +Jesuit GILI, der fuenfzehn Jahre lang die Indianer am Orinoco Beichte +gehoert hat und sich ruehmt, _i segreti delle donne maritate_ zu kennen, +aeussert sich darueber mit verwunderlicher Naivetaet. "In Europa," sagt er, +"fuerchten sich die Eheweiber vor dem Kinderbekommen, weil sie nicht +wissen, wie sie sie ernaehren, kleiden, ausstatten sollen. Von all diesen +Sorgen wissen die Weiber am Orinoco nichts. Sie waehlen die Zeit, wo sie +Muetter werden wollen, nach zwei gerade entgegengesetzten Systemen, je +nachdem sie von den Mitteln, sich frisch und schoen zu erhalten, diese oder +jene Vorstellung haben. Die einen behaupten, und diese Meinung ist die +vorherrschende, es sey besser, man fange spaet an Kinder zu bekommen, um +sich in den ersten Jahren der Ehe ohne Unterbrechung der Arbeit im Haus +und Feld widmen zu koennen. Andere glauben im Gegentheil, es staerke die +Gesundheit und verhelfe zu einem gluecklichen Alter, wenn man sehr jung +Mutter geworden sey. Je nachdem die Indianer das eine oder das andere +System haben, werden die Abtreibemittel in verschiedenen Lebensaltern +gebraucht." Sieht man hier, wie selbstsuechtig der Wilde seine Berechnungen +anstellt, so moechte man den civilisirten Voelkern in Europa Glueck wuenschen, +dass *Ecbolia*, die dem Anschein nach der Gesundheit so wenig schaden, +ihnen bis jetzt unbekannt geblieben sind. Durch die Einfuehrung von +dergleichen Traenken wuerde vielleicht die Sittenverderbniss in den Staedten +noch gesteigert, wo ein Viertheil der Kinder nur zur Welt kommt, um von +den Eltern verstossen zu werden. Leicht moeglich aber auch, dass die neuen +Abtreibemittel in unserem Klima so gefaehrlich waeren wie der Sevenbaum, die +Aloe und das fluechtige Zimmt- und Gewuerznelkenoel. Der kraeftige Koerper des +Wilden, in dem die verschiedenen organischen Systeme unabhaengiger von +einander sind, widersteht besser und laenger uebermaessigen Reizen und den +Gebrauch dem Leben feindlicher Substanzen, als die schwache Constitution +des civilisirten Menschen. Ich glaubte mich in diese nicht sehr +erfreulichen pathologischen Betrachtungen einlassen zu muessen, weil sie +auf eine der Ursachen hinweisen, aus denen im versunkensten Zustande +unseres Geschlechts, wie auf der hoechsten Stufe der Cultur, die +Bevoelkerung kaum merkbar zunimmt. + +Zu den eben bezeichneten Ursachen kommen andere wesentlich verschiedene. +Im Collegium fuer die Missionen von Piritu zu Nueva Barcelona hat man die +Bemerkung gemacht, dass in den an sehr trockenen Orten gelegenen +Indianerdoerfern immer auffallend mehr Kinder geboren werden als in den +Doerfern an Flussufern. Die Sitte der indianischen Weiber, mehreremal am +Tage, bei Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, also wenn die Luft am +kuehlsten ist, zu baden, scheint die Constitution zu schwaechen. + +Der Pater Gardian der Franciscaner sah mit Schrecken, wie rasch die +Bevoelkerung in den beiden Doerfern an den Katarakten abnahm und schlug +daher vor einigen Jahren dem Statthalter der Provinz in Angostura vor, die +Indianer durch Neger zu ersetzen. Bekanntlich dauert die afrikanische Race +in heissem und feuchtem Klima vortrefflich aus. Eine Niederlassung freier +Neger am ungesunden Ufer des Caura in der Mission San Luis Guaraguaraico +gedeiht ganz gut, und sie bekommen ausnehmend reiche Maisernten. Der Pater +Gardian beabsichtigte, einen Theil dieser schwarzen Colonisten an die +Katarakten des Orinoco zu verpflanzen, oder aber Sklaven aus den Antillen +zu kaufen und sie, wie man am Caura gethan, mit Negern, die aus Esquibo +entlaufen, anzusiedeln. Wahrscheinlich waere der Plan ganz gut gelungen. +Derselbe erinnerte im Kleinen an die Niederlassungen in Sierra Leone; es +war Aussicht vorhanden, dass der Zustand der Schwarzen sich damit +verbesserte und so das Christenthum zu seinem urspruenglichen Ziele, +Foerderung des Gluecks und der Freiheit der untersten Volksklassen, wieder +hingefuehrt wurde. Ein kleines Missverstaendniss vereitelte die Sache. Der +Statthalter erwiderte den Moenchen: "Da man fuer das Leben der Neger so +wenig buergen koenne, als fuer das der Indianer, so erscheine es nicht als +gerecht, jene zur Niederlassung in den Doerfern bei den Katarakten zu +zwingen." Gegenwaertig haengt die Existenz dieser Missionen so ziemlich an +zwei Guahibo- und Maco-Familien, den einzigen, bei denen man einige Spuren +von Civilisation findet und die das Leben auf eigenem Grund und Boden +lieben. Sterben diese Haushaltungen aus, so laufen die andern Indianer, +die der Missionszucht laengst muede sind, dem Pater Zea davon, und an einem +Punkt, den man als den Schluessel des Orinoco betrachten kann, finden dann +die Reisenden nichts mehr, was sie beduerfen, zumal keinen Steuermann, der +die Canoes durch die Stromschnellen schafft; der Verkehr zwischen dem Fort +am Rio Negro und der Hauptstadt Angostura waere, wo nicht unterbrochen, +doch ungemein erschwert. Es bedarf ganz genauer Kenntniss der +Oertlichkeiten, um sich in das Labyrinth von Klippen und Felsbloecken zu +wagen, die bei Atures und Maypures das Strombett verstopfen. + +Waehrend man unsere Pirogue auslud, betrachteten wir von allen Punkten, wo +wir ans Ufer gelangen konnten, in der Naehe das ergreifende Schauspiel +eines eingeengten und wie voellig in Schaum verwandelten grossen Stromes. +Ich versuche es, nicht unsere Empfindungen, sondern eine Oertlichkeit zu +schildern, die unter den Landschaften der neuen Welt so beruehmt ist. Je +grossartiger, majestaetischer die Gegenstaende sind, desto wichtiger ist es, +sie in ihren kleinsten Zuegen aufzufassen, die Umrisse des Gemaeldes, mit +dem man zur Einbildungslraft des Lesers sprechen will, fest zu zeichnen, +die bezeichnenden Merkmale der grossen, unvergaenglichen Denkmaeler der Natur +einfach zu schildern. + +Von seiner Muendung bis zum Einfluss des Anaveni, auf einer Strecke von 260 +Meilen, ist die Schifffahrt auf dem Orinoco durchaus ungehindert. Bei +Muitaco, in einer Bucht, _'Boca del infierno'_ genannt, sind Klippen und +Wirbel; bei Carichana und San Borja sind Stromschnellen (_Raudalitos_); +aber an allen diesen Punkten ist der Strom nie ganz gesperrt, es bleibt +eine Wasserstrasse, auf der die Fahrzeuge hinab- und hinauffahren koennen. + +Auf dieser ganzen Fahrt auf dem untern Orinoco wird dem Reisenden nur +Eines gefaehrlich, die natuerlichen Floesse aus Baeumen, die der Fluss +entwurzelt und bei Hochwasser forttreibt. Wehe den Piroguen, die bei Nacht +an solchem Gitterwerk aus Holz und Schlinggewaechsen auffahren! Dasselbe +ist mit Wasserpflanzen bedeckt und gleicht hier, wie auf dem Mississippi, +schwimmenden Wiesen, den *Chinampas*(26) der mexicanischen Seen. Wenn die +Indianer eine feindliche Horde ueberfallen wollen, binden sie mehrere +Canoes mit Stricken zusammen; bedecken sie mit Kraeutern und Baumzweigen +und bilden so die Haufen von Baeumen nach, die der Orinoco auf seinem +Thalweg abwaerts treibt. Man sagt den Caraiben nach, sie seyen frueher in +dieser Kriegslist ausgezeichnet gewesen, und gegenwaertig bedienen sich die +spanischen Schmuggler in der Naehe von Angostura desselben Mittels, um die +Zollaufseher hinter das Licht zu fuehren. + +Oberhalb des Rio Anaveni, zwischen den Bergen von Uniana und Sipapu, kommt +man zu den Katarakten von Mapara und Quittuna, oder, wie die Missionaere +gemeiniglich sagen, zu den Raudales von Atures und Maypures. Diese beiden +vom einen zum andern Ufer laufenden Stromsperren geben im Grossen ungefaehr +dasselbe Bild: zwischen zahllosen Inseln, Felsdaemmen, aufeinander +gethuermten, mit Palmen bewachsenen Granitbloecken loest sich einer der +groessten Stroeme der neuen Welt in Schaum auf. Trotz dieser Uebereinstimmung +im Aussehen hat jeder der Faelle seinen eigenthuemlichen Charakter. Der +erste, noerdliche, ist bei niedrigem Wasser leichter zu passiren; beim +zweiten, dem von Maypures, ist den Indianern die Zeit des Hochwassers +lieber. Oberhalb Maypures und der Einmuendung des Cano Cameji ist der +Orinoco wieder frei auf einer Strecke von mehr als 169 Meilen, bis in die +Naehe seiner Quellen, das heisst bis zum Raudalito der Guayaribos, ostwaerts +vom Cano Chiguire und den hohen Bergen von Yumariquin. + +Ich habe die beiden Becken des Orinoco und des Amazonenstroms besucht, und +es fiel mir ungemein auf, wie verschieden sie sich auf ihrem ungleich +langen Laufe verhalten. Beim Amazonenstrom, der gegen 980 Seemeilen (20 +auf den Grad) lang ist, sind die grossen Faelle ziemlich nahe bei den +Quellen, im ersten Sechstheil der ganzen Laenge; fuenf Sechstheile seines +Laufe sind vollkommen frei. Beim Orinoco sind die Faelle, weit unguenstiger +fuer die Schifffahrt, wenn nicht in der Mitte, doch unterhalb des ersten +Drittheils seiner Laenge gelegen. Bei beiden Stroemen werden die Faelle nicht +durch die Berge, nicht durch die Stufen der ueber einander liegenden +Plateaus, wo sie entspringen, gebildet, sondern durch andere Berge, durch +andere ueber einander gelagerte Stufen, durch die sich die Stroeme nach +langem friedlichen Lauf Bahn brechen muessen, wobei sie sich von Staffel zu +Staffel herabstuerzen. + +Der Amazonenstrom durchbricht keineswegs die Hauptkette der Anden, wie man +zu einer Zeit behauptete, wo man ohne Grund voraussetzte, dass ueberall, wo +sich die Gebirge in parallele Ketten theilen, die mittlere oder +Centralkette hoeher seyn muesse als die andern. Dieser grosse Strom +entspringt (und dieser Umstand ist geologisch nicht ohne Belang) ostwaerts +von der westlichen Kette, der einzigen, welche unter dieser Breite den +Namen einer hohen Andenkette verdient. Er entsteht aus der Vereinigung der +kleinen Fluesse Aguamiros und Chavinillo, welch letzterer aus dem See +Llauricocha kommt, der in einem Laengenthale zwischen der westlichen und +der mittleren Kette der Anden liegt. Um diese hydrographischen +Verhaeltnisse richtig aufzufassen, muss man sich vorstellen, dass der +colossale Gebirgsknoten von Pasco und Huanuco sich in drei Ketten theilt. +Die westlichste, hoechste streicht unter dem Namen _Cordillera real de +Nieve_ (zwischen Huary und Caxatambo, Guamachuco und Lucma, Micuipampa und +Guangamarca) ueber die *Nevados* von Viuda, Pelagatos, Moyopata und +Huaylillas, und die *Paramos* von Guamani und Guaringa gegen die Stadt +Loxa. Der mittlere Zug scheidet die Gewaesser des oberen Amazonenstroms und +des Guallaga und bleibt lange nur tausend Toisen hoch; erst suedlich von +Huanuco steigt er in der Cordillere von Sasaguanca ueber die Schneelinie +empor. Er streicht zuerst nach Nord ueber Huacrachuco, Chachapoyas, +Moyobamba und den Paramo von Piscoguanuna, dann faellt er allmaehlig ab, +Peca, Copallin und der Mission San Yago am oestlichen Ende der Provinz Jaen +de Bracamoros zu. Die dritte, oestlichste Kette zieht sich am rechten Ufer +des Rio Guallaga hin und laeuft unter dem 7. Grad der Breite in die +Niederung aus. So lange der Amazonenstrom von Sued nach Nord im Laengenthal +zwischen zwei Gebirgszuegen von ungleicher Hoehe laeuft (das heisst von den +Hoefen Quivilla und Guancaybamba, wo man auf hoelzernen Bruecken ueber den +Fluss geht, bis zum Einfluss des Rio Chinchipe), ist die Fahrt im Canoe +weder durch Felsen, noch durch sonst etwas gehemmt. Die Faelle fangen erst +da an, wo der Amazonenstrom sich gegen Ost wendet und durch die mittlere +Andenkette hindurchgeht, die gegen Norden bedeutend breiter wird. Er stoesst +auf die ersten Felsen von rothem Sandstein oder altem Conglomerat zwischen +Tambillo und dem *Pongo* Rentema, wo ich Breite, Tiefe und Geschwindigkeit +des Wassers gemessen habe; er tritt aus dem rothen Sandstein ostwaerts von +der vielberufenen Stromenge Manseriche beim Pongo Tayuchuc, wo die Huegel +sich nur noch 40--60 Toisen ueber den Flussspiegel erheben. Den oestlichen +Zug, der an den Pampas von Sacramento hinlaeuft, erreicht der Fluss nicht. +Von den Huegeln von Tayuchuc bis Gran-Para, auf einer Strecke von mehr als +750 franzoesischen Meilen, ist die Schifffahrt ganz frei. Aus dieser +raschen Uebersicht ergibt sich, dass der Maranon, haette er nicht das +Bergland zwischen San Yago und Tomependa, das zur Centralkette der Anden +gehoert, zu durchziehen, schiffbar waere von seinem Ausfluss ins Meer bis +Pumpo bei Piscobamba in der Provinz Conchucos, 43 Meilen von seiner +Quelle. + +Wir haben gesehen, dass sich beim Orinoco wie beim Amazonenstrom die grossen +Faelle nicht in der Naehe des Ursprungs befinden. Nach einem ruhigen Lauf +von mehr als 160 Meilen vom kleinen Raudal der Guaharibos, ostwaerts von +Esmeralda, bis zu den Bergen von Sipapu, und nachdem er sich durch die +Fluesse Jao, Ventuari, Atabapo und Guaviare verstaerkt, biegt der Orinoco +aus seiner bisherigen Richtung von Ost nach West rasch in die von Sued nach +Nord um und stoesst auf dem Lauf ueber die _'Land-Meerenge'_(27) in den +Niederungen am Meta auf die Auslaeufer der Cordillere der Parime. Und +dadurch entstehen nun Faelle, die weit staerker sind und der Schifffahrt +ungleich mehr Eintrag thun als alle *Pongos* im obern Maranon, weil sie, +wie wir oben auseinandergesetzt, der Muendung des Flusses verhaeltnissmaessig +naeher liegen. Ich habe mich in diese geographischen Details eingelassen, +um am Beispiel der groessten Stroeme der neuen Welt zu zeigen: 1) dass sich +nicht absolut eine gewisse Toisenzahl, eine gewisse Meereshoehe angeben +laesst, ueber welcher die Fluesse noch nicht schiffbar sind; 2) dass die +Stromschnellen keineswegs immer, wie in manchen Handbuechern der +allgemeinen Topographie behauptet wird, nur am Abhang der ersten +Bergschwellen, bei den ersten Hoehenzuegen vorkommen, ueber welche die +Gewaesser in der Naehe ihrer Quellen zu laufen haben. + +Nur der noerdliche der grossen Katarakten des Orinoco hat hohe Berge zu +beiden Seiten. Das linke Stromufer ist meist niedriger, gehoert aber zu +einem Landstrich, der westwaerts von Atures gegen den Pic Uniana ansteigt, +einen gegen 3000 Fuss hohen Bergkegel auf einer steil abfallenden +Felsmauer. Dadurch, dass er frei aus der Ebene aufsteigt, nimmt sich dieser +Pic noch grossartiger und majestaetischer aus. In der Naehe der Mission, auf +dem Landstrich am Kararakt nimmt die Landschaft bei jedem Schritt einen +andern Charakter an. Auf engem Raume findet man hier die rauhsten, +finstersten Naturgebilde neben freiem Feld, bebauten, lachenden Fluren. In +der aeussern Natur wie in unserem Innern ist der Gegensatz der Eindruecke, +das Nebeneinander des Grossartigen, Drohenden, und des Sanften, Friedlichen +eine reiche Quelle unserer Empfindungen und Genuesse. + +Ich nehme hier einige zerstreute Zuege einer Schilderung auf, die ich kurz +nach meiner Rueckkehr nach Europa in einem andern Buche entworfen.(28) Die +mit zarten Kraeutern und Graesern bewachsenen Savanen von Atures sind wahre +Praerien, aehnlich unsern europaeischen Wiesen; sie werden nie vom Flusse +ueberschwemmt und scheinen nur der Menschenhand zu harren, die sie +umbricht. Trotz ihrer bedeutenden Ausdehnung sind sie nicht so eintoenig +wie unsere Ebenen. Sie laufen um Felsgruppen, um uebereinander gethuermte +Granitbloecke her. Dicht am Rand dieser Ebenen, dieser offenen Fluren stoesst +man auf Schluchten, in die kaum ein Strahl der untergehenden Sonne dringt, +auf Gruende, wo einem aus dem feuchten, mit Arum, Heliconia und Lianen +dicht bewachsenen Boden bei jedem Schritte die wilde Ueppigkeit der Natur +entgegentritt. Ueberall kommen, dem Boden gleich, die ganz kahlen +Granitplatten zu Tage, wie ich sie bei Carichana beschrieben, und wie ich +sie in der alten Welt nirgends so ausnehmend breit gesehen habe wie im +Orinocothal. Da wo Quellen aus dem Schoosse dieses Gesteins vorbrechen, +haben sich Verrucarien, Psoren und Flechten an den verwitterten Granit +geheftet und Dammerde erzeugt. Kleine Euphorbien, Peperomien und andere +Saftpflanzen sind den cryptogamischen Gewaechsen gefolgt, und jetzt bildet +immergruenes Strauchwerk, Rhexien, Melastomen mit purpurrothen Bluethen, +gruene Eilande inmitten der oeden steinigten Ebene. Man kommt immer wieder +darauf zurueck: die Bodenbildung, die ueber die Savanen zerstreuten Boskette +aus kleinen Baeumen mit lederartigen, glaenzenden Blaettern, die kleinen +Baeche, die sich ein Bett im Fels graben und sich bald ueber fruchtbares +ebenes Land, bald ueber kahle Granitbaenke schlaengeln, Alles erinnert einen +hier an die reizendsten, malerischsten Parthien unserer Parkanlagen und +Pflanzungen. Man meint mitten in der wilden Landschaft menschlicher Kunst +und Spuren von Cultur zu begegnen. + +Aber nicht nur durch die Bodenbildung zunaechst bei der Mission Atures +erhaelt die Gegend eine so auffallende Physiognomie: die hohen Berge, +welche ringsum den Horizont begrenzen, tragen durch ihre Form und die Art +ihres Pflanzenwuchses das Ihrige dazu bei. Diese Berge erheben sich meist +nur 7--800 Fuss ueber die umgebenden Ebenen. Ihre Gipfel sind abgerundet, +wie in den meisten Granitgebirgen, und mit einem dichten Walde von +Laurineen bedeckt. Gruppen von Palmen (_el Cucurito_) deren gleich +Federbueschen gekraeuselte Blaetter unter einem Winkel von 70 Grad +majestaetisch emporsteigen, stehen mitten unter Baeumen mit wagerechten +Aesten; ihre nackten Staemme schiessen gleich hundert bis hundertzwanzig Fuss +hohen Saeulen in die Luft hinauf und heben sich vom blauen Himmel ab, "ein +Wald ueber dem Walde." Wenn der Mond den Bergen von Uniana zu unterging und +die roethliche Scheibe des Planeten sich hinter das gefiederte Laub der +Palmen versteckte und dann wieder im Luftstrich zwischen beiden Waeldern +zum Vorschein kam, so glaubte ich mich auf Augenblicke in die Einsiedelei +des Alten versetzt, die BERNARDIN DE SAINT PIERRE als eine der +herrlichsten Gegenden auf der Insel Bourbon schildert, und fuehlte so +recht, wie sehr die Gewaechse nach Wuchs und Gruppirung in beiden Welten +einander gleichen. Mit der Beschreibung eines kleinen Erdwinkels auf einer +Insel im indischen Ocean hat der unnachahmliche Verfasser von _Paul und +Virginie_ vom gewaltigen Bild der tropischen Landschaft eine Skizze +entworfen. Er wusste die Natur zu schildern, nicht weil er sie als Forscher +kannte, sondern weil er fuer all ihre harmonischen Verhaeltnisse in +Gestaltung, Farbe und innern Kraeften ein tiefes Gefuehl besass. + +Oestlich von Atures, neben jenen abgerundeten Bergen, auf denen. zwei +Waelder von Laurineen und Palmen ueber einander stehen, erheben sich andere +Berge von ganz verschiedenem Aussehen. Ihr Kamm ist mit gezackten Felsen +besetzt, die wie Pfeiler ueber die Baeume und das Gebuesch emporragen. Diese +Bildung kommt allen Granitplateaus zu, im Harz, im boehmischen Erzgebirge, +in Galizien, an der Grenze beider Castilien; sie wiederholt sich ueberall, +wo in unbedeutender Meereshoehe (400--600 Toisen) ein Granit neuerer +Formation zu Tage kommt. Die in Abstaenden sich erhebenden Felsen bestehen +entweder aus aufgethuermten Bloecken oder sind in regelmaessige, wagerechte +Baenke getheilt. Auf die ganz nahe am Orinoco stellen sich die Flamingos, +die *Soldados*(29) und andere fischfangende Voegel, und nehmen sich dann +aus wie Menschen, die Wache stehen. Diess ist zuweilen so taeuschend, dass, +wie mehrere Augenzeugen erzaehlen, die Einwohner von Angostura eines Tags +kurz nach der Gruendung der Stadt in die groesste Bestuerzung geriethen, als +sich auf einmal auf einem Berge gegen Sued Reiher, *Soldados* und *Garzas* +blicken liessen. Sie glaubten sich von einem Ueberfall der _Indios +monteros_ (der wilden Indianer) bedroht, und obgleich einige Leute, die +mit dieser Taeuschung bekannt waren, die Sache aufklaerten, beruhigte sich +das Volk nicht eher ganz, als bis die Voegel in die Luft stiegen und ihre +Wanderung der Muendung des Orinoco zu fortsetzten. + +Die schoene Vegetation der Berge ist, wo nur auf dem Felsboden Dammerde +liegt, auch ueber die Ebenen verbreitet. Meistens sieht man zwischen dieser +schwarzen, mit Pflanzenfasern gemischten Dammerde und dem Granitgestein +eine Schichte weissen Sandes. Der Missionaer versicherte uns, in der Naehe +der Wasserfaelle sey das Gruen bestaendig frisch, in Folge des vielen +Wasserdampfes, der aus dem auf einer Strecke von 3000--4000 Toisen in +Strudel und Wasserfaelle zerschlagenen Strom aussteigt. + +Kaum hatte man in Atures ein paarmal donnern hoeren, und bereits zeigte die +Vegetation aller Orten die kraeftige Fuelle und den Farbenglanz, wie man sie +auf den Kuesten erst zu Ende der Regenzeit findet. Die alten Baeume hingen +voll praechtiger Orchideen, gelber Bannisterien, Bignonien mit blauen +Bluethen, Peperomia, Arum, Pothos. Auf einem einzigen Baumstamm waren +mannigfaltigere Pflanzengebilde beisammen, als in unserem Klima auf einem +ansehnlichen Landstrich. Neben diesen den heissen Klimaten eigenen +Schmarotzergewaechsen sahen wir hier mitten in der heissen Zone und fast im +Niveau des Meeres zu unserer Ueberraschung Moose, die vollkommen den +europaeischen glichen. Beim grossen Katarakt von Atures pflueckten wir die +schoene Grimmia-Art mit Fontinalis-Blaettern, welche die Botaniker so sehr +beschaeftigt hat; sie haengt an den Aesten der hoechsten Baeume. Unter den +Phanerogamen herrschen in den bewaldeten Strichen Mimosen, Ficus und +Laurineen vor. Diess ist um so charakteristischer, als nach BROWNs +neuerlicher Beobachtung auf dem gegenueber liegenden Continent, im +tropischen Afrika, die Laurineen fast ganz zu fehlen scheinen. Gewaechse, +welche Feuchtigkeit lieben, schmuecken die Ufer am Wasserfall. Man findet +hier in den Niederungen Buesche von Heliconia und andern Scitamineen mit +breiten glaenzenden Blaettern, Bambusrohre, die drei Palmenarten *Murichi*, +*Jagua* und *Vadgiai*, deren jede besondere Gruppen bildet. Die +Murichipalme oder die Mauritia mit schuppigter Frucht ist die beruehmte +Sagopalme der Guaranos-Indianer; sie ist ein wirkliches geselliges +Gewaechs. Sie hat handfoermige Blaetter und waechst nicht unter den Palmen mit +gefiederten und gekraeuselten Blaettern, dem *Jagua*, der eine Art +Cocospalme zu seyn scheint, und dem *Vadgiai* oder *Cucurito*, den man +neben die schoene Gattung _Oreodoxa_ stellen kann. Der *Cucurito*, bei den +Faellen von Atures und Maypures die haeufigste Palme, ist durch seinen +Habitus ausgezeichnet. Seine Blaetter oder vielmehr Wedel stehen auf einem +80--100 Fuss hohen Stamm fast senkrecht, und zwar im jugendlichen Zustand +wie in der vollen Entwicklung; nur die Spitzen sind umgebogen. Es sind +wahre Federbuesche vom zartesten, frischesten Gruen. Der Cucurito, der Seje, +dessen Frucht der Aprikose gleicht, die _Oreodoxa regia_ oder _Palma real_ +von der Insel Cuba und das _Ceroxylon_ der hohen Anden sind im Wuchs die +grossartigsten Palmen der neuen Welt. Je naeher man der gemaessigten Zone +kommt, desto mehr nehmen die Gewaechse dieser Familie an Groesse und +Schoenheit ab. Welch ein Unterschied zwischen den eben erwaehnten Arten und +der orientalischen Dattelpalme, die bei den europaeischen Landschaftsmalern +leider der Typus der Palmenfamilie geworden ist! + +Es ist nicht zu verwundern, dass, wer nur das noerdliche Afrika, Sicilien +oder Murcia bereist hat, nicht begreifen kann, dass unter allen grossen +Baumgestalten die Gestalt der Palme die grossartigste und schoenste seyn +soll. Unzureichende Analogieen sind Schuld, dass sich der Europaeer keine +richtige Vorstellung vom Charakter der heissen Zone macht. Jedermann weiss +zum Beispiel, dass die Contraste des Baumlaubs, besonders aber die grosse +Menge von Gewaechsen mit gefiederten Blaettern ein Hauptschmuck dieser Zone +sind. Die Esche, der Vogelbeerbaum, die Inga, die Achazie der Vereinigten +Staaten, die Gleditsia, die Tamarinde, die Mimosen, die Desmanthus haben +alle gefiederte Blaetter mit mehr oder weniger grossen, duennen, lederartigen +und glaenzenden Blaettchen. Vermag nun aber desshalb eine Gruppe von Eschen, +Vogelbeerbaeumen oder Sumachbaeumen uns einen Begriff vom malerischen Effekt +zu geben, den das Laubdach der Tamarinden und Mimosen macht, wenn das +Himmelsblau zwischen ihren kleinen, duennen, zartgefiederten Blaettern +durchbricht? Diese Betrachtungen sind wichtiger, als sie auf den ersten +Blick scheinen. Die Gestalten der Gewaechse bestimmen die Physiognomie der +Natur, und diese Physiognomie wirkt zurueck auf die geistige Stimmung der +Voelker. Jeder Pflanzentypus zerfaellt in Arten, die im allgemeinen +Charakter mit einander uebereinkommen, aber sich dadurch unterscheiden, dass +dieselben Organe verschiedentlich entwickelt sind. Die Palmen, die +Scitamineen, die Malvaceen, die Baeume mit gefiederten Blaettern sind nicht +alle malerisch gleich schoen, und meist, im Pflanzenreich wie im +Thierreich, gehoeren die schoensten Arten eines jeden Typus dem tropischen +Erdstrich an. + +Die Protaceen, Croton, Agaven und die grosse Sippe der Cactus, die +ausschliesslich nur in der neuen Welt vorkommt, verschwinden allmaehlig, +wenn man auf dem Orinoco ueber die Muendungen des Apure und des Meta +hinaufkommt. Indessen ist vielmehr die Beschattung und die Feuchtigkeit, +als die Entfernung von den Kuesten daran Schuld, wenn die Cactus nicht +weiter nach Sueden gehen. Wir haben oestlich von den Anden, in der Provinz +Bracamoros, dem obern Amazonenstrom zu, ganze Cactuswaelder, mit Croton +dazwischen, grosse duerre Landstriche bedecken sehen. Die Baumfarn scheinen +an den Faellen des Orinoco ganz zu fehlen; wir fanden keine Art vor San +Fernando de Atabapo, das heisst vor dem Einfluss des Guaviare in den +Orinoco. + +Wir haben die Umgegend von Atures betrachtet, und ich habe jetzt noch von +den Stromschnellen selbst zu sprechen, die an einer Stelle des Thales +liegen, wo das tief eingeschnittene Flussbett fast unzugaengliche Ufer hat. +Nur an sehr wenigen Punkten konnten wir in den Orinoco gelangen, um +zwischen zwei Wasserfaellen, in Buchten, wo das Wasser langsam kreist, zu +baden. Auch wer sich in den Alpen, in den Pyrenaeen, selbst in den +Cordilleren aufgehalten hat, so vielberufen wegen der Zerrissenheit des +Bodens und der Spuren von Zerstoerung, denen man bei jedem Schritte +begegnet, vermoechte nach einer blossen Beschreibung sich vom Zustand des +Strombetts hier nur schwer eine Vorstellung zu machen. Auf einer Strecke +von mehr als fuenf Seemeilen laufen unzaehlige Felsdaemme quer darueber weg, +eben so viele natuerliche Wehre, eben so viele *Schwellen*, aehnlich denen +im Dnieper, welche bei den Alten _'Phragmoi'_ hiessen. Der Raum zwischen +den Felsdaemmen im Orinoco ist mit Inseln von verschiedener Groesse gefuellt; +manche sind huegligt, in verschiedene runde Erhoehungen getheilt und +200--300 Toisen lang, andere klein und niedrig, wie blosse Klippen. Diese +Inseln zerfaellen den Fluss in zahlreiche reissende Betten, in denen das +Wasser sich kochend an den Felsen bricht; alle sind mit Jagua- und +Cucuritopalmen mit federbuschfoermigem Laub bewachsen, ein Palmendickicht +mitten auf der schaeumenden Wasserflaeche. Die Indianer, welche die leeren +Piroguen durch die Raudales schaffen, haben fuer jede Staffel, fuer jeden +Felsen einen eigenen Namen. Von Sueden her kommt man zuerst zum *Salto del +Piapoco*, zum Sprung des Tucans; zwischen den Inseln Avaguri und +Javariveni ist der Raudal de Javariveni; hier verweilten wir auf unserer +Rueckkehr vom Rio Negro mehrere Stunden mitten in den Stromschnellen, um +unser Canoe zu erwarten. Der Strom scheint zu einem grossen Theil trocken +zu liegen. Granitbloecke sind auf einander gehaeuft, wie in den Moraenen, +welche die Gletscher in der Schweiz vor sich her schieben. Ueberall stuerzt +sich der Fluss in die Hoehlen hinab, und in einer dieser Hoehlen hoerten wir +das Wasser zugleich ueber unsern Koepfen und unter unsern Fuessen rauschen. +Der Orinoco ist wie in eine Menge Arme oder Sturzbaeche getheilt, deren +jeder sich durch die Felsen Bahn zu brechen sucht. Man muss nur staunen, +wie wenig Wasser man im Flussbett sieht, ueber die Menge Wasserstuerze, die +sich unter dem Boden verlieren, ueber den Donner der Wasser, die sich +schaeumend an den Felsen brechen. + +_ Cuncta fremunt undis; ac multo murmure montis _ +_ Spumens invictis canescit fluctibus amnis._(_30_)_ _ + +Ist man ueber den Raudal Javariveni weg (ich nenne hier nur die wichtigsten +der Faelle), so kommt man zum Raudal *Canucari*, der durch eine Felsbank +zwischen den Inseln Surupamana und Uirapuri gebildet wird. Sind die Daemme +oder natuerlichen Wehre nur zwei, drei Fuss hoch, so wagen es die Indianer +im Canoe hinabzufahren. Fluss aufwaerts schwimmen sie voraus, bringen nach +vielen vergeblichen Versuchen ein Seil um eine der Felsspitzen ueber dem +Damm und ziehen das Fahrzeug am Seil auf die Hoehe des Raudals. Waehrend +dieser muehseligen Arbeit fuellt sich das Fahrzeug haeufig mit Wasser; +anderemale zerschellt es an den Felsen, und die Indianer, mit +zerschlagenem, blutendem Koerper, reissen sich mit Noth aus dem Strudel und +schwimmen an die naechste Insel. Sind die Felsstaffeln oder Schwellen sehr +hoch und versperren sie den Strom ganz, so schafft man die leichten +Fahrzeuge ans Land, schiebt Baumaeste als Walzen darunter und schleppt sie +bis an den Punkt, wo der Fluss wieder schiffbar wird.(31) Bei Hochwasser +ist solches selten noethig. Spricht man von den Wasserfaellen des Orinoco, +so denkt man von selbst an die Art und Weise, wie man in alter Zeit ueber +die Katarakten des Nil herunterfuhr, wovon uns SENECA(32) eine +Beschreibung hinterlassen hat, die poetisch, aber schwerlich richtig ist. +Ich fuehre nur eine Stelle an, die vollkommen vergegenwaertigt, was man in +Atures, Maypures und in einigen *Pongos* des Amazonenstroms alle Tage +sieht. "Je zwei mit einander besteigen kleine Nachen, und einer lenkt das +Schiff, der andere schoepft es aus. Sodann, nachdem sie unter dem reissenden +Toben des Nil und den sich begegnenden Wellen tuechtig herumgeschaukelt +worden sind, halten sie sich endlich an die seichtesten Kanaele, durch die +sie den Engpaessen der Felsen entgehen, und mit der ganzen Stroemung +niederstuerzend, lenken sie den schiessenden Nachen." + +In den hydrographischen Beschreibungen der Laender werden meistens unter +den unbestimmten Benennungen: "_Saltos_, _Chorros_, _Pongos_, +_Cachoeiras_, _Raudales_; _Cataractes_, _Cascades_, _Chutes_, _Rapides_; +Wasserfaelle, Wasserstuerze, Stromschnellen," stuermische Bewegungen der +Wasser zusammengeworfen, die durch sehr verschiedene Bodenbildungen +hervorgebracht werden. Zuweilen stuerzt sich ein ganzer Fluss aus +bedeutender Hoehe in Einem Falle herunter, wodurch die Schifffahrt voellig +unterbrochen wird. Dahin gehoert der praechtige Fall des Rio Tequendama, den +ich in meinen _Vues des Cordilleres_ abgebildet habe; dahin die Faelle des +Niagara und der Rheinfall, die nicht sowohl durch ihre Hoehe als durch die +Wassermasse bedeutend sind. Anderemale liegen niedrige Steindaemme in +weiten Abstaenden hinter einander und bilden getrennte Wasserfaelle; dahin +gehoeren die _Cachoeiras_ des Rio Negro und des Rio de la Madeira, die +_Saltos_ des Rio Cauca und die meisten _Pongos_ im obern Amazonenstrom +zwischen dem Einfluss des Chinchipe und dem Dorfe San Borja. Der hoechste +und gefaehrlichste dieser Pongos, den man auf Floessen herunter faehrt, der +bei Mayafi, ist uebrigens nur drei Fuss hoch. Noch anderemale liegen kleine +Steindaemme so nahe an einander, dass sie auf mehrere Meilen Erstreckung +eine ununterbrochene Reihe von Faellen und Strudeln, _Chorros_ und +_Remolinos_ bilden, und diess nennt man eigentlich _Raudales_, _Rapides_, +Stromschnellen. Dahin gehoeren die *Yellalas*, die Stromschnellen des +Zaire- oder Congoflusses, mit denen uns Capitaen Tuckey kuerzlich bekannt +gemacht hat; die Stromschnellen des Orangeflusses in Afrika oberhalb +Pella, und die vier Meilen langen Faelle des Missouri da, wo der Fluss aus +den Rocky Mountains hervorbricht. Hieher gehoeren nun auch die Faelle von +Atures und Maypures, die einzigen, die, im tropischen Erdstrich der neuen +Welt gelegen, mit einer herrlichen Palmenvegetation geschmueckt sind. In +allen Jahreszeiten gewaehren sie den Anblick eigentlicher Wasserfaelle und +hemmen die Schifffahrt auf dem Orinoco in sehr bedeutendem Grade, waehrend +die Stromschnellen des Ohio und in Oberegypten zur Zeit der Hochgewaesser +kaum sichtbar sind. Ein vereinzelter Wasserfall, wie der Niagara oder der +Fall bei Terni, gibt ein herrliches Bild, aber nur Eines; er wird nur +anders, wenn der Zuschauer seinen Standpunkt veraendert; Stromschnellen +dagegen, namentlich wenn sie zu beiden Seiten mit grossen Baeumen besetzt +sind, machen eine Landschaft meilenweit schoen. Zuweilen ruehrt die +stuermische Bewegung des Wassers nur daher, dass die Strombetten sehr +eingeengt sind. Dahin gehoert die Angostura de Carare im Magdalenenfluss, +ein Engpass, der dem Verkehr zwischen Santa Fe de Bogota und der Kueste von +Carthagena Eintrag thut; dahin gehoert der Pongo von Manseriche im obern +Amazonenstrom, den LA CONDAMINE fuer weit gefaehrlicher gehalten hat, als er +in Wahrheit ist, und den der Pfarrer von San Borja hinauf muss, so oft er +im Dorfe San Yago eine Amtsverrichtung hat. + +Der Orinoco, der Rio Negro und fast alle Nebenfluesse des Amazonenstromes +oder Maranon haben Faelle oder Stromschnellen entweder in der Naehe ihres +Ursprungs durch Berge laufen, oder weil sie auf der mittleren Strecke +ihres Laufs auf andere Berge stossen. Wenn, wie oben bemerkt, die Wasser +des Amazonenstroms vom Pongo von Manseriche bis zu seiner Muendung, mehr +als 750 Meilen weit, nirgends heftig aufgeregt sind, so verdankt er diesen +ungemein grossen Vortheil dem Umstand, dass er immer die gleiche Richtung +einhaelt. Er fliesst von Ost nach West ueber eine weite Ebene, die gleichsam +ein Laengenthal zwischen der Bergkette der Parime und dem grossen +brasilianischen Gebirgsstock bildet. + +Zu meiner Ueberraschung ersah ich aus unmittelbarer Messung, dass die +Stromschnellen des Orinoco, deren Donner man ueber eine Meile weit hoert, +und die durch die mannigfaltige Vertheilung von Wasser, Palmbaeumen und +Felsen so ausnehmend malerisch sind, in ihrer ganzen Laenge schwerlich mehr +als 28 Fuss senkrechte Hoehe haben. Bei naeherer Ueberlegung zeigt es sich, +dass diess fuer Stromschnellen viel ist. waehrend es fuer einen einzelnen +Wasserfall sehr wenig waere. Bei den Yellalas im Congofluss, in der +Einschnuerung seines Bettes zwischen Banza Noki und Banza Inga, ist der +Hoehenunterschied zwischen den obern und den untern Staffeln weit +bedeutender; BARROW bemerkt aber, dass sich hier unter den vielen +Stromschnellen ein Fall findet, der allein 30 Fuss hoch ist. Andererseits +haben die vielberufenen Pongos im Amazonenstrom, wo die Bergfahrt so +gefaehrlich ist, die Faelle von Rentama, Escurrebragas und Mayasi, auch nur +ein paar Fuss senkrechte Hoehe. Wer sich mit Wasserbauten abgibt, weiss, +welche Wirkung in einem grossen Flusse eine Schwellung von 18--20 Zoll hat. +Das Toben des Wassers und die Wirbel werden ueberall keineswegs allein von +der Hoehe der einzelnen Faelle bedingt, sondern vielmehr davon, wie nahe die +Faelle hinter einander liegen, ferner vom Neigungswinkel der Felsendaemme, +von den sogenannten _'lames de reflexion'_ die in einander stossen und ueber +einander weggehen, von der Gestalt der Inseln und Klippen, von der +Richtung der Gegenstroemungen, von den Kruemmungen und engen Stellen in den +Kanaelen, durch die das Wasser von einer Staffel zur andern sich Bahn +bricht. Von zwei gleich breiten Fluessen kann der eine Faelle haben, die +nicht so hoch sind als die des andern, und doch weit gefaehrlicher und +tobender. + +Meine obige Angabe ueber die senkrechte Hoehe der Raudales des Orinoco +lautet nicht ganz bestimmt, und ich habe damit auch nur eine *Grenzzahl* +gegeben. Ich brachte den Barometer auf die kleine Ebene bei der Mission +Atures und den Katarakten, ich konnte aber keine constanten Unterschiede +beobachten. Bekanntlich wird die barometrische Messung sehr schwierig, +wenn es sich um ganz unbedeutenden Hoehenunterschied handelt. Durch kleine +Unregelmaessigkeiten in der stuendlichen Schwankung (Unregelmaessigkeiten, die +sich mehr auf das Maass der Schwankung als auf den Zeitpunkt beziehen) wird +das Ergebniss zweifelhaft, wenn man nicht an jedem der beiden Standpunkte +ein Barometer hat, und wenn man Unterschiede im Luftdruck von einer halben +Linie auffassen soll. + +Wahrscheinlich wird die Wassermasse des Stromes durch die Katarakten +geringer, nicht allein weil durch das Zerschlagen des Wassers in Tropfen +die Verdunstung gesteigert wird, sondern auch, und hauptsaechlich, weil +viel Wasser in unterirdische Hoehlungen versinkt. Dieser Verlust ist +uebrigens nicht sehr auffallend, wenn man die Wassermasse da, wo sie in die +Raudales eintritt, mit der vergleicht, welche beim Einfluss des Rio Anaveni +davon wegzieht. Durch eine solche Vergleichung hat man gefunden, dass unter +den Yelladas oder Raudales des Congoflusses unterirdische Hoehlungen liegen +muessen. Im Pongo von Manseriche, der vielmehr eine Stromenge als ein +Wasserfall heissen sollte, verschwindet auf eine noch nicht gehoerig +ermittelte Weise das Wasser des obern Amazonenstroms zum Theil mit all +seinem Treibholz. + +Sitzt man am Ufer des Orinoco und betrachtet die Felsdaemme, an denen sich +der Strom donnernd bricht, so fragt man sich, ob die Faelle im Lauf der +Jahrhunderte nach Gestaltung und Hoehe sich veraendern werden. Ich bin nicht +sehr geneigt, dem Stoss des Wassers gegen Granitbloecke und dem Zerfressen +kieselhaltigen Gesteins solche Wirkungen zuzuschreiben. Die nach unten +sich verengenden Loecher, die Trichter, wie man sie in den Raudales und bei +so vielen Wasserfaellen in Europa antrifft, entstehen nur durch die Reibung +des Sandes und das Rollen der Quarzgeschiebe. Wir haben solche Geschiebe +gesehen, welche die Stroemung am Boden der Trichter bestaendig herumwirbelt +und diese dadurch nach allen Durchmessern erweitert. Die Pongos des +Amazonenstroms sind leicht zerstoerlich, da die Felsdaemme nicht aus Granit +bestehen, sondern aus Conglomerat, aus rothem, grobkoernigem Sandstein. Der +Pongo von Rentama stuerzte vor 80 Jahren theilweise ein, und da sich das +Wasser hinter einem neu gebildeten Damm staute, so lag das Flussbett ein +paar Stunden trocken, zur grossen Verwunderung der Einwohner des Dorfes +Puyaya, sieben Meilen unter dem eingestuerzten Pongo. Die Indianer in +Atures versichern (und diese Aussage widerspricht der Ansicht des Paters +CAULIN), die Felsen im Raudal haben immer dasselbe Aussehen, aber die +einzelnen Stroemungen, in die der grosse Strom zerschlagen wird, aendern beim +Durchgang durch die aufgehaeuften Granitbloecke ihre Richtung und werfen +bald mehr, bald weniger Wasser gegen das eine oder das andere Ufer. Die +Ursachen dieses Wechsels koennen den Katarakten sehr ferne liegen; denn in +den Fluessen, die auf der Erdoberflaeche Leben verbreiten, wie die Adern in +den organischen Koerpern, pflanzen sich alle Bewegungen weithin fort. +Schwingungen, die Anfangs ganz lokal scheinen, wirken auf die ganze +fluessige Masse im Stamm und den vielen Verzweigungen desselben. + +Ich weiss wohl, dass, vergleicht man den heutigen Zustand der Stromschnellen +bei Syene, deren einzelne Staffeln kaum sechs Zoll hoch sind,(33) mit den +grossartigen Beschreibungen der Alten, man leicht geneigt ist, im Nilbett +die Wirkungen der Auswaschungen, ueberhaupt die gewaltigen Einfluesse des +stroemenden Wassers zu erblicken, aus denen man in der Geologie lange die +Bildung der Thaeler und die Zerrissenheit des Bodens in den Cordilleren +befriedigend erklaeren zu koennen meinte. Diese Ansicht wird durch den +Augenschein keineswegs unterstuetzt. Wir stellen nicht in Abrede, dass die +Stroeme, ueberhaupt fliessende Wasser, wo sie in zerreibliches Gestein, in +secundaere Gebirgsformationen einschneiden, bedeutende Wirkungen ausueben. +Aber die Granitfelsen bei Elephantine haben wahrscheinlich seit Tausenden +von Jahren an absoluter Hoehe so wenig abgenommen, als der Gipfel des +Montblanc und des Canigou. Hat man die grossen Naturscenerien in +verschiedenen Klimaten selbst gesehen, so sieht man sich zu der Anschauung +gedraengt, dass jene tiefen Spalten, jene hoch aufgerichteten Schichten, +jene zerstreuten Bloecke, all die Spuren einer allgemeinen Umwaelzung +Wirkungen aussergewoehnlicher Ursachen sind, die mit denen, welche im +gegenwaertigen Zustand der Ruhe und des Friedens an der Erdoberflaeche +thaetig sind, nichts gemein haben. Was das Wasser durch Auswaschung vom +Granit wegfuehrt, was die feuchte Luft am harten, nicht verwitterten +Gestein zerstoert, entzieht sich unsern Sinnen fast ganz, und ich kann +nicht glauben, dass, wie manche Geologen annehmen, die Gipfel der Alpen und +der Pyrenaeen niedriger werden, weil die Geschiebe sich in den Gruenden am +Fusse der Gebirge aufhaeufen. Im Nil wie im Orinoco koennen die +Stromschnellen einen geringeren Fall bekommen, ohne dass die Felsdaemme +merkbar anders werden. Die relative Hoehe der Faelle kann durch die +Anschwemmungen, die sich unterhalb der Stromschnellen bilden, abnehmen. + +Wenn auch diese Betrachtungen einiges Licht ueber die anziehende +Erscheinung der Katarakten verbreiten, so sind damit die uebertriebenen +Beschreibungen der Stromschnellen bei Syene, welche von den Alten(34) auf +uns gekommen, allerdings nicht begreiflich zu machen. Sollten sie aber +nicht vielleicht auf diesen untern Wasserfall uebertragen haben, was sie +vom Hoerensagen von den obern Faellen des Flusses in Nubien und Dongola +wussten, die zahlreicher und gefaehrlicher sind?(35) Syene lag an der Grenze +des roemischen Reichs,(36) fast an der Grenze der bekannten Welt, und im +Raume, wie in den Schoepfungen des menschlichen Geistes fangen die +phantastischen Vorstellungen an, wo die klaren Begriffe aufhoeren. + +Die Einwohner von Atures und Maypures werden, was auch die Missionaere in +ihren Schriften sagen moegen, vom Tosen der grossen Katarakte so wenig taub +als die Catadupen am Nil. Hoert man das Getoese auf der Ebene bei der +Mission, eine starke Meile weit, so glaubt man in der Naehe einer felsigten +Meereskueste mit starker Brandung zu seyn. Es ist bei Nacht dreimal staerker +als bei Tag und gibt dem einsamen Ort unaussprechlichen Reiz. Woher mag +wohl diese Verstaerkung des Schalls in einer Einoede ruehren, wo sonst +nichts. das Schweigen der Natur zu unterbrechen scheint? Die +Geschwindigkeit der Fortpflanzung des Schalls nimmt mit der Abnahme der +Temperatur nicht zu, sondern vielmehr ab. Der Schall wird schwaecher, wenn +ein der Richtung desselben entgegengesetzter Wind weht, ferner durch +Verduennung der Luft; der Schall ist schwaecher in hohen Luftregionen als in +tiefen, wo die Zahl der erschuetterten Lufttheilchen in jedem Strahl groesser +ist. Die Staerke desselben ist in trockener und in mit Wasserdunst +vermengter Luft gleich gross, aber in kohlensaurem Gas ist sie geringer als +in Gemengen von Stickstoff und Sauerstoff. Nach diesen Erfahrungssaetzen +(und es sind die einzigen einigermassen zuverlaessigen) haelt es schwer, eine +Erscheinung zu erklaeren, die man bei jedem Wasserfall in Europa +beobachtet, und die lange vor unserer Ankunft im Dorfe Atures Missionaeren +und Indianern aufgefallen war. Bei Nacht ist die Temperatur der Luft um +drei Grad niedriger als bei Tage; zugleich nimmt die merkbare Feuchtigkeit +bei Nacht zu und der Nebel, der auf den Katarakten liegt, wird dichter. +Wir haben aber eben gesehen, dass der hygroscopische Zustand der Luft aus +die Fortpflanzung des Schalls keinen Einfluss hat, und dass die Abkuehlung +der Luft die Geschwindigkeit vermindert. + +Man koennte meinen, auch an Orten, wo keine Menschen leben, bringe am Tag +das Sumsen der Insekten, der Gesang der Voegel, das Rauschen des Laubs beim +leisesten Luftzug ein verworrenes Getoene hervor, das wir um so weniger +wahrnehmen, da es sich immer gleich bleibt und es fortwaehrend zu unserem +Ohre dringt. Dieses Getoese, so unmerklich es seyn mag, kann nun allerdings +einen staerkeren Schall schwaechen, und diese Schwaechung kann wegfallen, +wenn in der Stille der Nacht der Gesang der Voegel, das Sumsen der Insekten +und die Wirkung des Windes auf das Laub aufhoeren. Waere aber diese +Folgerung auch richtig, so findet sie keine Anwendung auf die Waelder am +Orinoco, wo die Luft fortwaehrend von zahllosen Moskitoschwaermen erfuellt +ist, wo das Gesumse der Insekten bei Nacht weit staerker ist als bei Tag, +wo der Wind, wenn er je weht, sich erst, nach Sonnenuntergang aufmacht. + +Ich bin vielmehr der Ansicht, dass, so lange die Sonne am Himmel steht, der +Schall sich langsamer fortpflanzt und geschwaecht wird, weil die Luftstroeme +von verschiedener Dichtigkeit, die theilweisen Schwingungen der Atmosphaere +in Folge der ungleichen Erwaermung der verschiedenen Bodenstuecke, +Hindernisse bilden. In ruhiger Luft, sey sie nun trocken oder mit +gleichfoermig vertheilten Dunstblaeschen erfuellt, pflanzt sich die +Schallwelle ungehindert fort; wird aber die Luft nach allen Richtungen von +kleinen Stroemen waermerer Luft durchzogen, so theilt sich die Welle da, wo +die Dichtigkeit des Mittels rasch wechselt, in zwei Wellen; es bilden sich +lokale Echos, die den Schall schwaechen, weil eine der Wellen zuruecklaeuft: +es tritt die Theilung der Wellen ein, deren Theorie in juengster Zeit von +POISSON so scharfsinnig entwickelt worden ist. Nach unserer Anschauung +wird daher die Fortpflanzung der Schallwellen nicht dadurch gehemmt, dass +durch die Ortsveraenderung der im Luftstrome von unten nach oben +aufsteigenden Lufttheilchen, durch die kleinen schiefen Stroemungen ein +Stoss ausgeuebt wuerde. Ein Stoss auf die Oberflaeche einer Fluessigkeit bringt +Kreise um den Mittelpunkt der Erschuetterung hervor, selbst wenn die +Fluessigkeit in Bewegung ist. Mehrere Arten von Wellen koennen sich im +Wasser wie in der Luft kreuzen, ohne sich in ihrer Fortpflanzung zu +stoeren; kleine Bewegungen schieben sich uebereinander, und die wahre +Ursache der geringeren Staerke des Schalls bei Tag scheint der zu seyn, dass +das elastische Mittel dann nicht homogen ist. Bei Tag aendert sich die +Dichtigkeit rasch ueberall, wo kleine Luftzuege von hoher Temperatur ueber +ungleich erwaermten Bodenstuecken aussteigen. Die Schallwellen theilen sich, +wie die Lichtstrahlen sich brechen, und ueberall, wo Luftschichten von +verschiedener Dichtigkeit sich beruehren, tritt *Spiegelung* ein. Der +Schall pflanzt sich langsamer fort, wenn man in einer am einen Ende +geschlossenen Roehre eine Schicht Wasserstoffgas ueber eine Schicht +atmosphaerischer Luft aufsteigen laesst, und BIOT erklaert den Umstand, dass +ein Glas mit Champagner nicht hell klingt, so lange er perlt und die +Luftblasen im Wein aufsteigen, sehr gut eben daraus, dass die Blaeschen von +kohlensaurem Gas die Fluessigkeit ungleichfoermig machen. + +Fuer diese Ansichten koennte ich mich fast auf die Autoritaet eines +Philosophen berufen, den die Physiker noch immer sehr geringschaetzig +behandeln, waehrend die ausgezeichnetsten Zoologen seinem Scharfsinn als +Beobachter laengst volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. "Warum," sagt +ARISTOTELES in seiner merkwuerdigen Schrift von den _Problemen_, "hoert man +bei Nacht Alles besser als bei Tag? Weil Alles bei Nacht regungsloser ist, +da die Waerme fehlt. Dadurch wird ueberhaupt Alles ruhiger, denn die Sonne +ist es, die Alles bewegt."(37) Sicher schwebte Aristoteles die wahre +Ursache der Erscheinung als unbestimmte Ahnung vor; er schreibt aber die +Bewegung der Luft dem Stoss der kleinsten Theilchen derselben zu, was +vielmehr dem raschen Wechsel der Dichtigkeit in sich beruehrenden +Luftschichten zuzuschreiben seyn moechte. + +Am 16. April gegen Abend erhielten wir Nachricht, unsere Pirogue sey in +weniger als sechs Stunden ueber die Stromschnellen geschafft worden und +liege wohlbehalten in einer Bucht, *Puerto de ariba*, *der obere Hafen*, +genannt. "Eure Pirogue wird nicht in Stuecken gehen, weil ihr kein +Kaufmannsgut fuehrt und der Moench aus den Raudales mit euch reist," so +hatte im Lager von Pararuma ein kleiner brauner Mann, in dem wir an der +Mundart den Catalonier erkannten, boshaft gegen uns geaeussert. Es war ein +Schildkroetenoelhaendler, der mit den Indianern in den Missionen in Verkehr +und eben kein Freund der Missionare war. "Die Fahrzeuge, die leicht +zerbrechen," fuhr er fort, "sind die der *Catalonier*, die mit einem +Licenzschein vom Statthalter von Guyana, nicht aber mit der Genehmigung +des Praesidenten der Missionen jenseits Atures und Maypures Handel treiben +wollen. Man laesst unsere Piroguen in den Raudales, die der Schluessel sind +zu den Missionen am obern Orinoco, am Cassiquiare und Rio Negro, zu +Schanden gehen; man schafft uns dann durch die Indianer in Atures nach +Carichana zurueck und zwingt uns unsere Handelsspeculationen aufzugeben." +Als unpartheiischer Geschichtschreiber der von mir bereisten Laender kann +ich einer solchen, wohl etwas leichtfertig ausgesprochenen Meinung nicht +beitreten. Der gegenwaertige Missionar bei den Raudales ist nicht der Mann, +die Plackereien, ueber welche die catalonischen Kraemer klagen, sich zu +Schulden kommen zu lassen; man fragt sich aber, wesshalb das Regiment in +den Missionen sogar in den spanischen Colonien so gruendlich verhasst ist? +Verlaeumdete man nur reiche Leute, so waren die Missionare am obern Orinoco +vor dergleichen boshaften Angriffen sicher. Sie besitzen kein Pferd, keine +Ziege, kaum eine Kuh, waehrend ihre Ordensbrueder, die Kapuziner in den +Missionen am Carony, Heerden von 40000 Stuecken besitzen. Der Groll der +arbeitenden Classen unter den Colonisten gilt also nicht dem Wohlstand der +Observanten, sondern ihrem Prohibitivsystem, ihren beharrlichen +Bemuehungen, ihr Gebiet gegen die Weissen abzusperren, den Hindernissen, die +sie dem Austausch der Produkte in den Weg legen. Aller Orten empoert sich +das Volk gegen Monopole, nicht allein wenn sie auf den Handel und die +materiellen Lebensbeduerfnisse Einfluss aeussern, sondern auch wenn sich ein +Stand oder eine Schichte der Gesellschaft das Recht anmasst, allein die +Jugend zu erziehen oder die Wilden in der Zucht zu halten, um nicht zu +sagen zu civilisiren. + +Man zeigte uns in der kleinen Kirche von Atures einige Ueberbleibsel vom +einstigen Wohlstand der Jesuiten. Eine silberne Lampe von ansehnlichem +Gewicht lag, halb im Sand begraben, am Boden. Ein Gegenstand der Art wuerde +allerdings nirgends die Habsucht des Wilden reizen; ich muss aber hier zur +Ehre der Eingeborenen am Orinoco erwaehnen, dass sie keine Diebe sind, wie +die lange nicht so rohen Bewohner der Suedseeinseln. Jene haben grosse +Achtung vor dem Eigenthum; sie suchen nicht einmal Esswaaren, Fischangeln +und Aexte zu entwenden. In Maypures und Atures weiss man nichts von +Schloessern an den Thueren; sie werden eingefuehrt werden, sobald Weisse und +Mischlinge sich in den Missionen niederlassen. + +Die Indianer in Atures sind gutmuethig, leidenschaftslos, Dank ihrer +Traegheit an die groessten Entbehrungen gewoehnt Die Jesuiten frueher trieben +sie zur Arbeit an, und da fehlte es ihnen nie an Lebensunterhalt. Die +Patres bauten Mais, Bohnen und andere europaeische Gemuese; sie pflanzten um +das Dorf her sogar suesse Orangen und Tamarinden, sie besassen in den +Grasfluren von Atures und Carichana zwanzig bis dreissigtausend Pferde und +Stuecke Rindvieh. Sie hielten fuer die Heerden eine Menge Sklaven und +Knechte (_peones_). Gegenwaertig wird nichts gebaut als etwas Manioc und +Bananen. Und doch ist der Boden so fruchtbar, dass ich in Atures an einem +einzigen Pisangbueschel 108 Fruechte zaehlte, deren 4--5 fast zur taeglichen +Nahrung eines Menschen hinreichen. Der Maisbau wird gaenzlich +vernachlaessigt, Rosse und Kuehe sind verschwunden. Ein Uferstrich am Raudal +heisst noch *Passo del ganado* (Viehfurth), waehrend die Nachkommen der +Indianer, mit denen die Jesuiten die Mission gegruendet, vom Hornvieh wie +von einer ausgestorbenen Thiergattung sprechen. Auf unserer Fahrt den +Orinoco hinauf San Carlos am Rio Negro zu sahen wir in Carichana die +letzte Kuh. Die Patres Observanten, welche gegenwaertig diese weiten +Landstriche unter sich haben, kamen nicht unmittelbar auf die Jesuiten. +Waehrend eines achtzehnjaehrigen Interregnums wurden die Missionen nur von +Zeit zu Zeit besucht, und zwar von Kapuzinern. Unter dem Namen koeniglicher +Commissaere verwalteten weltliche Regierungsbeamte die _Hatos_ oder Hoefe +der Jesuiten, aber schaendlich liederlich. Man stach das Vieh, um die Haeute +zu verkaufen, viele juengere Thiere wurden von den Tigern gefressen, noch +viel mehr gingen an den Bissen der Fledermaeuse zu Grunde, die an den +Katarakten kleiner sind, aber kecker als in den Llanos. Zur Zeit der +Grenzexpedition wurden Pferde von Encaramada, Carichana und Atures bis San +Jose de Maravitanos am Rio Negro ausgefuehrt, weil die Portugiesen dort +Pferde, und noch dazu geringe, nur aus weiter Ferne auf dem Amazonenstrom +und dem Gran-Para beziehen konnten. Seit dem Jahr 1795 ist das Vieh der +Jesuiten gaenzlich verschwunden; als einziges Wahrzeichen des frueheren +Anbaus dieser Laender und der wirthschaftlichen Thaetigkeit der ersten +Missionare sieht man in den Savanen hie und da mitten unter wilden Baeumen +einen Orangen- oder Tamarindenstamm. + +Die Tiger oder Jaguars, die den Heerden weniger gefaehrlich sind als die +Fledermaeuse, kommen sogar ins Dorf herein und fressen den armen Indianern +die Schweine. Der Missionaer erzaehlte uns ein auffallendes Beispiel von der +Zuthulichkeit dieser sonst so wilden Thiere. Einige Monate vor unserer +Ankunft hatte ein Jaguar, den man fuer ein junges Thier hielt, obgleich er +gross war, ein Kind verwundet, mit dem er spielte; der Ausdruck mag +sonderbar scheinen, aber ich brauche ihn ohne Bedenken, da ich an Ort und +Stelle Thatsachen kennen lernen konnte, die fuer die Sittengeschichte der +Thiere nicht ohne Bedeutung sind. Zwei indianische Kinder von acht bis +neun Jahren, ein Knabe und ein Maedchen, sassen bei Atures mitten in einer +Savane, ueber die wir oft gegangen, im Gras. Es war zwei Uhr Nachmittags, +da kommt ein Jaguar aus dem Wald und auf die Kinder zu, die er springend +umkreist; bald versteckt er sich im hohen Gras, bald macht er mit +gekruemmtem Ruecken und gesenktem Kopf einen Sprung, gerade wie unsere +Katzen. Der kleine Junge ahnt nicht, in welcher Gefahr er schwebt, und +wird sie erst inne, als der Jaguar ihn mit der Tatze auf den Kopf schlaegt. +Erst schlaegt er sachte, dann immer staerker; die Krallen verwunden das Kind +und es blutet stark. Da nimmt das kleine Maedchen einen Baumzweig, schlaegt +das Thier, und dieses laeuft vor ihr davon. Auf das Schreien der Kinder +kommen die Indianer herbeigelaufen und sehen den Jaguar, der sichtbar an +keine Gegenwehr dachte, in Spruengen sich davon machen. + +Man fuehrte uns den Jungen vor, der lebendig und gescheit aussah. Die +Kralle des Jaguars hatte ihm unten ander Stirne die Haut abgestreift, und +eine zweite Narbe hatte er oben auf dem Kopf. Woher nun auf einmal diese +muntere Laune bei einem Thiere, das in unsern Menagerien nicht schwer zu +zaehmen, aber im Stand der Freiheit immer wild und grausam ist? Nimmt man +auch an, der Jaguar habe, sicher seiner Beute, mit dem kleinen Indianer +gespielt, wie unsere Katzen mit Voegeln mit beschnittenen Fluegeln spielen, +wie soll man es sich erklaeren, dass ein grosser Jaguar so duldsam ist, dass +er vor einem kleinen Maedchen davonlaeuft? Trieb den Jaguar der Hunger nicht +her, warum kam er auf die Kinder zu? In der Zuneigung und im Hass der +Thiere ist manches Geheimnissvolle. Wir haben gesehen, wie Loewen drei, vier +Hunde, die man in ihren Kaefigt setzte, umbrachten und einen fuenften, der +weniger furchtsam den Koenig der Thiere an der Maehne packte, vom ersten +Augenblick an liebkoste. Das sind eben Aeusserungen jenes Instinkts, der +dem Menschen ein Raethsel ist. Es ist als ob der Schwache desto mehr fuer +sich einnaehme, je zutraulicher er ist. + +Eben war von zahmen Schweinen die Rede, die von den Jaguars angefallen +werden. Ausser den gemeinen Schweinen von europaeischer Race gibt es in +diesen Laendern verschiedene Arten von Pecaris mit Druesen an den Leisten, +von denen nur zwei den europaeischen Zoologen bekannt sind. Die Indianer +nennen den kleinen Pecari (_Dicoteles torquatus_) auf Maypurisch +_Chacharo_; _Apida_ aber heisst bei ihnen ein Schwein, das keinen Beutel +haben soll und groesser, schwarzbraun und am Unterkiefer und den Bauch +entlang weiss ist. Der Chacharo, den man im Hause aufzieht, wird so zahm +wie unsere Schafe und Rehe. Sein sanftes Wesen erinnert an die anatomisch +nachgewiesene interessante Aehnlichkeit zwischen dem Bau der Pecaris und +dem der Wiederkaeuer. Der Apida, der ein Hausthier wird wie unsere +Schweine, zieht in Rudeln von mehreren hundert Stuecken. Man hoert es schon +von weitem, wenn solche Rudel herbeikommen, nicht nur an den dumpfen, +rauhen Lauten, die sie von sich geben, sondern noch mehr, weil sie +ungestuem das Gebuesch auf ihrem Wege zerknicken. Bonpland rief einmal beim +Botanisiren sein indianischer Fuehrer zu, er solle sich hinter einen Baum +verstecken, und da sah er denn diese Pecaris (_cochinos_ oder _puercos del +monte_) ganz nahe an sich vorueberkommen. Der Rudel zog in dicht gedraengten +Reihen, die maennlichen Thiere voran, jedes Mutterschwein mit seinen Jungen +hinter sich. Die Chacharos haben ein weichliches, nicht sehr angenehmes +Fleisch; sie werden uebrigens von den Indianern stark gegessen, die sie mit +kleinen an Stricke gebundenen Spiessen erlegen. Man versicherte uns in +Atures, der Tiger fuerchte sich im Walde unter einen solchen Rudel von +Wildschweinen zu gerathen, und suche sich, um nicht erdrueckt zu werden, +auf einen Baum zu fluechten. Ist das nun eine Jaegergeschichte oder eine +wirkliche Beobachtung? Wir werden bald sehen, dass in manchen Laendern von +Amerika die Jaeger an die Existenz eines _'Javali'_ oder einheimischen +Ebers mit nach aussen gekruemmten Hauern(38) glauben. Ich habe nie einen +gesehen, die amerikanischen Missionaere fuehren ihn aber in ihren Schriften +auf, und diese von unsern Zoologen zu wenig beachtete Quelle enthaelt neben +den plumpsten Uebertreibungen sehr interessante lokale Beobachtungen. + +Unter den Affen, die wir in der Mission Atures zu sehen bekamen, fanden +wir eine neue Art aus der Sippe der *Sais* oder *Sajous*, von den +Hispano-Amerikanern gewoehnlich _'Machis'_ genannt. Es ist diess der +*Ouavapavi* [_Simia albifrons_, HUMBOLDT.] mit grauem Pelz und blaeulichem +Gesicht. Augenraender und Stirne sind schneeweiss, und dadurch unterscheidet +er sich auf den ersten Blick von der _Simia capucina_, der _Simia apella_, +_Simia trepida_ und den andern Winselaffen, in deren Beschreibung bis +jetzt so grosse Verwirrung herrscht. Das kleine Thier ist so sanftmuethig +als haesslich. Jeden Tag sprang es im Hofe der Mission auf ein Schwein und +blieb auf demselben von Morgen bis Abend sitzen, waehrend es auf den +Grasfluren umherlief. Wir sahen es auch auf dem Ruecken einer grossen Katze, +die mit ihm im Hause des Pater Zea aufgezogen worden war. + +In den Katarakten hoerten wir auch zum erstenmal von dem behaarten +Waldmenschen, dem sogenannten *Salvaje* sprechen, der Weiber entfuehrt, +Huetten baut und zuweilen Menschenfleisch frisst. Die Tamanacas nennen ihn +_Achi_, die Maypures _Vasitri_ oder den grossen Teufel. Die Eingeborenen +und die Missionaere zweifeln nicht an der Existenz dieses menschenaehnlichen +Affen, vor dem sie sich sehr fuerchten. Pater GILI erzaehlt in vollem Ernst +eine Geschichte von einer Dame aus der Stadt San Carlos, welche dem +Waldmenschen wegen seiner Gutmuethigkeit und Zuvorkommenheit das beste +Zeugniss gab. Sie lebte mehrere Jahre sehr gut mit ihm und liess sich von +Jaegern nur desshalb wieder in den Schooss ihrer Familie bringen, "weil sie, +nebst ihren Kindern (die auch etwas behaart waren), der Kirche und der +heiligen Sacramente nicht langer entbehren mochte." Bei aller +Leichtglaeubigkeit gesteht dieser Schriftsteller, er habe keinen Indianer +auftreiben koennen, der ausdruecklich gesagt haette, er habe den *Salvaje* +mit eigenen Augen gesehen. Dieses Maehrchen, das ohne Zweifel von den +Missionaeren, den spanischen Colonisten und den Negern aus Afrika mit +verschiedenen Zuegen aus der Sittengeschichte des Orangoutang, Gibbon, Joko +oder Chimpanse und Pongo ausstaffirt worden ist, hat uns fuenf Jahre lang +in der noerdlichen wie in der suedlichen Halbkugel verfolgt, und ueberall, +selbst in den gebildetsten Kreisen, nahm man es uebel, dass wir allein uns +herausnahmen, daran zu zweifeln, dass es in Amerika einen grossen +menschenaehnlichen Affen gebe. Wir bemerken zunaechst, dass in gewissen +Gegenden dieser Glaube besonders stark unter dem Volk verbreitet ist, so +namentlich am obern Orinoco, im Thale Upar beim See Maracaybo, in den +Bergen von Santa Martha und Merida, im Distrikt von Quixos und am. +Amazonenstrom bei Tomependa. An allen diesen, soweit auseinander gelegenen +Orten kann man hoeren, den Salvaje erkenne man leicht an seinen Fussstapfen, +denn die Zehen seyen nach hinten gekehrt. Gibt es aber auf dem neuen +Continent einen Affen von ansehnlicher Groesse, wie kommt es, dass sich seit +dreihundert Jahren kein glaubwuerdiger Mann das Fell desselben hat +verschaffen koennen? Was zu einem so alten Irrthum oder Glauben Anlass +gegeben haben mag, darueber lassen sich mehrere Vermuthungen aufstellen. +Sollte der vielberufene Kapuzineraffe von Esmeralda [_Simia chiropotes_], +dessen Hundszaehne ueber sechs und eine halbe Linie lang sind, der ein viel +menschenaehnlicheres Gesicht hat als der Orangoutang,(39) der sich den Bart +mit der Hand streicht, wenn man ihn reizt, das Maehrchen vom Salvaje +veranlasst haben? Allerdings ist er nicht so gross als der Coaita (_Simia +paniscus_); wenn man ihn aber oben auf einem Baum und nur den Kopf von ihm +sieht, koennte man ihn leicht fuer ein menschliches Wesen halten. Es waere +auch moeglich (und diess scheint mir das wahrscheinlichste), dass der +Waldmensch einer der grossen Baeren ist, deren Fussspur der menschlichen +aehnlich ist und von denen man in allen Laendern glaubt, dass sie Weiber +anfallen. Das Thier, das zu meiner Zeit am Fuss der Berge von Merida +geschossen und als ein *Salvaje* dem Obristen Ungaro, Statthalter der +Provinz Varinas, geschickt wurde, war auch wirklich nichts als ein Baer mit +schwarzem, glaenzendem Pelz. Unser Reisegefaehrte Don Nicolas Sotto hat +denselben naeher untersucht. Die seltsame Vorstellung von einem +Sohlengaenger, bei dem die Zehen so stehen, als ob er rueckwaerts ginge, +sollte sie etwa daher ruehren, dass die wahren wilden Waldmenschen, die +schwaechsten, furchtsamsten Indianerstaemme, den Brauch haben, wenn sie in +den Wald oder ueber einen Uferstrich ziehen, ihre Feinde dadurch irre zu +machen, dass sie ihre Fussstapfen mit Sand bedecken oder rueckwaerts gehen? + +Ich habe angegeben, wesshalb zu bezweifeln ist, dass es eine unbekannte +grosse Affenart auf einem Continente gibt, wo gar keine Vierhaender aus der +Familie der Orangs, Cynocephali, Mandrils und Pongos vorzukommen scheinen. +Es ist aber nicht zu vergessen, dass jeder, auch der abgeschmackteste +Volksglaube auf wirklichen, nur unrichtig aufgefassten Naturverhaeltnissen +beruht. Wendet man sich von dergleichen Dingen mit Geringschaetzung ab, so +kann man, in der Physik wie in der Physiologie, leicht die Faehrte einer +Entdeckung verlieren. Wir erklaeren daher auch keineswegs mit einem +spanischen Schriftsteller das Maehrchen vom Waldmenschen fuer eine pfiffige +Erfindung der indianischen Weiber, die entfuehrt worden seyn wollen, wenn +sie hinter ihren Maennern lange ausgeblieben sind; vielmehr fordern wir die +Reisenden, die nach uns an den Orinoco kommen, auf, unsere Untersuchungen +hinsichtlich des Salvaje oder grossen Waldteufels wieder aufzunehmen und zu +ermitteln, ob eine unbekannte Baerenart oder ein sehr seltener, der _Simia +chiropotes_ oder _Simia Satanas_ aehnlicher Affe so seltsame Maehrchen +veranlasst haben mag. + +Nach zweitaegigem Aufenthalt am Katarakt von Atures waren wir sehr froh, +unsere Pirogue wieder laden und einen Ort verlassen zu koennen, wo der +Thermometer bei Tage meist auf 29, bei Nacht auf 26 Grad stand. Nach der +Hitze, die uns drueckte, kam uns die Temperatur noch weit hoeher vor. Wenn +die Angabe des Instruments und die Empfindung so wenig uebereinstimmten, so +ruehrte diess vom bestaendigen Hautreiz durch die Moskitos her. Eine von +giftigen Insekten wimmelnde Luft kommt einem immer weit heisser vor, als +sie wirklich ist. Das Saussuresche Hygrometer -- im Schatten beobachtet, +wie immer -- zeigte bei Tag, im Minimum (um drei Uhr Nachmittags), 78 deg.2; +bei Nacht, im Maximum, 81 deg.5. Diese Feuchtigkeit ist um 5 Grad geringer als +die mittlere Feuchtigkeit an der Kueste von Cumana, aber um 10 Grad staerker +als die mittlere Feuchtigkeit in den Llanos oder baumlosen Ebenen. Die +Wasserfaelle und die dichten Waelder steigern die Menge des in der Luft +enthaltenen Wasserdampfes. Den Tag ueber wurden wir von den Moskitos und +den *Jejen*, kleinen giftigen Muecken aus der Gattung _Simulium_ furchtbar +geplagt, bei Nacht von den *Zancudos*, einer grossen Schnakenart, vor denen +sich selbst die Eingeborenen fuerchten. Unsere Haende fingen an stark zu +schwellen und die Geschwulst nahm taeglich zu, bis wir an die Ufer des Temi +kamen. Die Mittel, durch die man die kleinen Thiere los zu werden sucht, +sind sehr merkwuerdig. Der gute Missionar Bernardo Zea, der sein Leben +unter den Qualen der Moskitos zubringt, hatte sich neben der Kirche auf +einem Gerueste von Palmstaemmen ein kleines Zimmer gebaut, in dem man freier +athmete. Abends stiegen wir mit einer Leiter in dasselbe hinauf, um unsere +Pflanzen zu trocknen und unser Tagebuch zu schreiben. Der Missionaer hatte +die richtige Beobachtung gemacht, dass die Insekten in der tiefsten +Luftschicht am Boden, 15--20 Fuss hoch, am haeufigsten sind. In Maypures +gehen die Indianer bei Nacht aus dem Dorf und schlafen auf kleinen Inseln +mitten in den Wasserfaellen. Sie finden dort einige Ruhe, da die Moskitos +eine mit Wasserdunst beladene Luft zu fliehen scheinen. Ueberall fanden +wir ihrer mitten im Strom weniger als an den Seiten; man hat daher auch +weniger zu leiden, wenn man den Orinoco hinab, als wenn man aufwaerts +faehrt. + +Wer die grossen Stroeme des tropischen Amerika, wie den Orinoco oder den +Magdalenenfluss nicht befahren hat, kann nicht begreifen, wie man ohne +Unterlass, jeden Augenblick im Leben von den Insekten, die in der Luft +schweben, gepeinigt werden, wie die Unzahl dieser kleinen Thiere weite +Landstrecken fast unbewohnbar machen kann. So sehr man auch gewoehnt seyn +mag, den Schmerz ohne Klage zu ertragen, so lebhaft einen auch der +Gegenstand, den man eben beobachtet, beschaeftigen mag, unvermeidlich wird +man immer wieder davon abgezogen, wenn *Moskitos*, *Zancudos*, *Jejen* und +*Tempraneros* einem Haende und Gesicht bedecken, einen mit ihrem +Saugruessel, der in einen Stachel auslaeuft, durch die Kleider durch +stechen, und in Nase und Mund kriechen, so dass man husten und niessen muss, +sobald man in freier Luft spricht. In den Missionen am Orinoco, in diesen +von unermesslichen Waeldern umgebenen Doerfern am Stromufer, ist aber auch +die _plaga de los moscos_ ein unerschoepflicher Stoff der Unterhaltung. +Begegnen sich Morgens zwei Leute, so sind ihre ersten Fragen: "_Que le han +parecido los zancudos de noche?_ Wie haben Sie die Zancudos heute Nacht +gefunden?" -- "_Como stamos hoy de mosquitos?_ Wie steht es heute mit den +Moskitos?" Diese Fragen erinnern an eine chinesische Hoeflichkeitsformel, +die auf den ehemaligen wilden Zustand des Landes, in dem sie entstanden +seyn mag, zurueckweist. Man begruesste sich frueher im himmlischen Reich mit +den Worten: _Vou-to-hou?_ seyd ihr diese Nacht von Schlangen beunruhigt +worden?" Wir werden bald sehen, dass am Tuamini, auf dem Magdalenenstrom, +besonders aber in Choco, im Gold- und Platinaland, neben dem +Moskitoscompliment auch das chinesische Schlangencompliment am Platze +waere. + +Es ist hier der Ort, von der *geographischen Vertheilung* dieser Insekten +aus der Familie der *Tipu1ae* zu sprechen, die ganz merkwuerdige +Erscheinungen darbietet. Dieselbe scheint keineswegs bloss von der Hitze, +der grossen Feuchtigkeit und den dichten Waeldern abzuhaengen, sondern auch +von schwer zu ermittelnden oertlichen Verhaeltnissen. Vorab ist zu bemerken, +dass die Plage der Moskitos und Zancudos in der heissen Zone nicht so +allgemein ist, als man gemeiniglich glaubt. Auf Hochebenen mehr als 400 +Toisen ueber dem Meeresspiegel; in sehr trockenen Niederungen weit von den +grossen Stroemen, z. B. in Cumana und Calabozo, gibt es nicht auffallend +mehr Schnaken als in dem am staerksten bevoelkerten Theile Europas. In Nueva +Barcelona dagegen und weiter westwaerts an der Kueste, die gegen Cap Codera +laeuft, nehmen sie ungeheuer zu. Zwischen dem kleinen Hafen von Higuerote +und der Muendung des Rio Unare haben die ungluecklichen Einwohner den +Brauch, sich bei Nacht auf die Erde zu legen und sich drei, vier Zoll tief +in den Sand zu begraben, so dass nur der Kopf frei bleibt, den sie mit +einem Tuch bedecken. Man leidet vom Insektenstich, doch so, dass es leicht +zu ertragen ist, wenn man den Orinoco von Cabruta gegen Angostura hinunter +und von Cabruta gegen Uruana hinauffaehrt, zwischen dem siebenten und +achten Grad der Breite. Aber ueber dem Einfluss des Rio Arauca, wenn man +durch den Engpass beim Baraguan kommt, wird es auf einmal anders, und von +nun an findet der Reisende keine Ruhe mehr. Hat er poetische Stellen aus +DANTE im Kopfe, so mag ihm zu Muthe seyn, als haette er die _'Citta +dolente'_ betreten, als staenden an den Felswaenden beim Baraguan die +merkwuerdigen Verse aus dem dritten Buch der Hoelle geschrieben: + +_ Noi sem venuti al luogo, ov'i't'ho detto _ +_ Che tu vedrai le genti dolorose. _ +[_Inferno_. C. III. 16.] + +Die tiefen Luftschichten vom Boden bis zu 15--20 Fuss Hoehe sind mit +giftigen Insekten wie mit einem dichten Dunste angefuellt. Stellt man sich +an einen dunkeln Ort, z. B. in die Hoehlen, die in den Katarakten durch die +aufgethuermten Granitbloecke gebildet werden, und blickt man gegen die von +der Sonne beleuchtete Oeffnung, so sieht man Wolken von Moskitos, die mehr +oder weniger dicht werden, je nachdem die Thierchen bei ihren langsamen +und taktmaessigen Bewegungen sich zusammen- oder auseinanderziehen. In der +Mission San Borja hat man schon mehr von den Moskitos zu leiden als in +Carichana; aber in den Raudales, in Atures, besonders aber in Maypures +erreicht die Plage so zu sagen ihr Maximum. Ich zweifle, dass es ein Land +auf Erden gibt, wo der Mensch grausamere Qualen zu erdulden hat als hier +in der Regenzeit. Kommt man ueber den fuenften Breitegrad hinaus, wird man +etwas weniger zerstochen, aber am obern Orinoco sind die Stiche +schmerzlicher, weil bei der Hitze und der voelligen Windstille die Luft +gluehender ist und die Haut, wo sie dieselbe beruehrt, mehr reizt. + +"Wie gut muss im Mond wohnen seyn!" sagte ein Saliva-Indianer zu Pater +Gumilla. "Er ist so schoen und hell, dass es dort gewiss keine Moskitos +gibt." Diese Worte, die dem Kindesalter eines Volkes angehoeren, sind sehr +merkwuerdig. Ueberall ist der Trabant der Erde fuer den wilden Amerikaner +der Wohnplatz der Seligen, das Land des Ueberflusses. Der Eskimo, fuer den +eine Planke, ein Baumstamm, den die Stroemung an eine pflanzenlose Kueste +geworfen, ein Schatz ist, sieht im Monde waldbedeckte Ebenen; der Indianer +in den Waeldern am Orinoco sieht darin kahle Savanen, deren Bewohner nie +von Moskitos gestochen werden. + +Weiterhin gegen Sued, wo das System der braungelben Gewaesser beginnt, +gemeinhin _'schwarze Wasser'_, _aguas __ negras_ genannt, an den Ufern des +Atabapo, Temi, Tuamini und des Rio Negro genossen wir einer Ruhe, ich +haette bald gesagt eines Gluecks, wie wir es gar nicht erwartet hatten. +Diese Fluesse laufen, wie der Orinoco, durch dichte Waelder; aber die +Schnaken wie die Krokodile halten sich von den _'schwarzen Wassern'_ +ferne. Kommen vielleicht die Larven und Nymphen der Tipulae und Schnaken, +die man als eigentliche Wasserthiere betrachten kann, in diesen Gewaessern, +die ein wenig kuehler sind als die weissen und sich chemisch anders +verhalten, nicht so gut fort? Einige kleine Fluesse, deren Wasser entweder +dunkelblau oder braungelb ist, der Toparo, Mataveni und Zama, machen eine +Ausnahme von der sonst ziemlich allgemeinen Regel, dass es ueber _'schwarzem +Wasser'_ keine Moskitos gibt. An jenen drei Fluessen wimmelt es davon, und +selbst die Indianer machten uns auf die raethselhafte Erscheinung +aufmerksam und liessen uns ueber deren Ursachen nachdenken. Beim Herabfahren +auf dem Rio Negro athmeten wir frei in den Doerfern Maroa, Davipe und San +Carlos an der brasilianischen Grenze; allein diese Erleichterung unserer +Lage war von kurzer Dauer und unsere Leiden begannen von neuem, sobald wir +in den Cassiquiare kamen. In Esmeralda, am oestlichen Ende des obern +Orinoco, wo die den Spaniern bekannte Welt ein Ende hat, sind die +Moskitowolken fast so dick wie bei den grossen Katarakten. In Mandavaca +fanden wir einen alten Missionaer, der mit jammervoller Miene gegen uns +aeusserte: *er habe seine zwanzig Moskitojahre auf dem Ruecken* (_ya tengo +mis vento anos de mosquitos_). Er forderte uns auf, seine Beine genau zu +betrachten, damit wir eines Tags _'por alla'_ (ueber dem Meer) davon zu +sagen wuessten, was die armen Missionaere in den Waeldern am Cassiquiare +auszustehen haben. Da jeder Stich einen kleinen schwarzbraunen Punkt +zuruecklaesst, waren seine Beine dergestalt gefleckt, dass man vor Flecken +geronnenen Blutes kaum die weisse Haut sah. Auf dem Cassiquiare, der +*weisses Wasser* hat, wimmelt es von Muecken aus der Gattung _Simulium_, +aber die *Zancudos*, der Gattung _Culex_ angehoerig, sind desto seltener; +man sieht fast keine, waehrend auf den Fluessen mit schwarzem Wasser meist +einige *Zancudos*, aber keine *Moskitos* vorkommen. Wir haben schon oben +bemerkt, dass wenn bei den kleinen Revolutionen im Schoosse des Ordens der +Observanten der Pater Gardian sich an einem Laienbruder raechen will, er +ihn nach Esmeralda schickt; er wird damit verbannt, oder, wie der muntere +Ausdruck der Ordensleute lautet, *zu den Moskitos verurtheilt*. + +Ich habe hier nach meinen eigenen Beobachtungen gezeigt, dass in diesem +Labyrinth weisser und schwarzer Wasser die geographische Vertheilung der +giftigen Insekten eine sehr ungleichfoermige ist. Es waere zu wuenschen, dass +ein tuechtiger Entomolog an Ort und Stelle die specifischen Unterschiede +dieser boesartigen Insekten, die trotz ihrer Kleinheit in der heissen Zone +eine bedeutende Rolle im Haushalt der Natur spielen, beobachten koennte. +Sehr merkwuerdig schien uns der Umstand, der auch allen Missionaeren wohl +bekannt ist, dass die verschiedenen Arten nicht unter einander fliegen, und +dass man zu verschiedenen Tagesstunden immer wieder von andern Arten +gestochen wird. So oft die Scene wechselt, und ehe, nach dem naiven +Ausdruck der Missionaere, andere Insekten "auf die Wache ziehen," hat man +ein paar Minuten, oft eine Viertelstunde Ruhe. Nach dem Abzug der einen +Insekten sind die Nachfolger nicht sogleich in gleicher Menge zur Stelle. +Von sechs ein halb Uhr Morgens bis fuenf Uhr Abends wimmelt die Luft von +Moskitos, die nicht, wie in manchen Reisebeschreibungen zu lesen ist, +unsern Schnaken,(40) sondern vielmehr einer kleinen Muecke gleichen. Es +sind diess Arten der Gattung _Simulium_ aus der Familie der Nemoceren nach +LATREILLEs System. Ihr Stich hinterlaesst einen kleinen braunrothen Punkt, +weil da, wo der Ruessel die Haut durchbohrt hat, Blut ausgetreten und +geronnen ist. Eine Stunde vor Sonnenuntergang werden die Moskitos von +einer kleinen Schnakenart abgeloest, _'Tempraneros'_(41) genannt, weil sie +sich auch bei Sonnenaufgang zeigen; sie bleiben kaum anderhalb Stunden und +verschwinden zwischen sechs und sieben Uhr Abends, oder, wie man hier +sagt, nach dem *Angelus* (_a la oration_). Nach einigen Minuten Ruhe fuehlt +man die Stiche der *Zancudos*, einer andern Schnakenart (_Culex_) mit sehr +langen Fuessen. Der Zancudo, dessen Ruessel eine stechende Saugroehre enthaelt, +verursacht die heftigsten Schmerzen und die Geschwulst, die dem Stiche +folgt, haelt mehrere Wochen an; sein Sumsen gleicht dem unserer +europaeischen Schnaken, nur ist es staerker und anhaltender. Die Indianer +wollen *Zancudos* und *Tempraneros* "am Gesang" unterscheiden koennen; +letztere sind wahre Daemmerungsinsekten, waehrend die Zancudos meist +*Nachtinsekten* sind und mit Sonnenaufgang verschwinden. + +Auf der Reise von Carthagena nach Santa Fe de Bogota machten wir die +Beobachtung, dass zwischen Mompox und Honda im Thal des grossen +Magdalenenflusses die Zancudos zwischen acht Uhr Abends und Mitternacht +die Luft verfinstern, gegen Mitternacht abnehmen, sich drei, vier Stunden +lang verkriechen und endlich gegen vier Uhr Morgens in Menge und voll +Heisshunger wieder erscheinen. Welches ist die Ursache dieses Wechsels von +Bewegung und Ruhe? Werden die Thiere vom langen Fliegen muede? Am Orinoco +sieht man bei Tag sehr selten wahre Schnaken, waehrend man auf dem +Magdalenenstrom Tag und Nacht von ihnen gestochen wird, nur nicht von +Mittag bis zwei Uhr. Ohne Zweifel sind die Zancudos beider Fluesse +verschiedene Arten; werden etwa die zusammengesetzten Augen der einen Art +vom starken Sonnenlicht mehr angegriffen als die der andern? + +Wir haben gesehen, dass die tropischen Insekten in den Zeitpunkten ihres +Auftretens und Verschwindens ueberall einen gewissen Typus befolgen. In +derselben Jahreszeit und unter derselben Breite erhaelt die Luft zu +bestimmten, nie wechselnden Stunden immer wieder eine andere Bevoelkerung; +und in einem Erdstrich, wo der Barometer zu einer Uhr wird,(42) wo Alles +mit so bewundernswuerdiger Regelmaessigkeit auf einander folgt, koennte man +beinahe am Sumsen der Insekten und an den Stichen, die je nach der Art des +Giftes, das jedes Insekt in der Wunde zuruecklaesst, wieder anders schmerzen, +Tag und Nacht mit verbundenen Augen errathen, welche Zeit es ist. + +Zur Zeit, da die Thier- und Pflanzengeographie noch keine Wissenschaft +war, warf man haeufig verwandte Arten aus verschiedenen Himmelsstrichen +zusammen. In Japan, auf dem Ruecken der Anden und an der Magellanschen +Meerenge glaubte man die Fichten und die Ranunkeln, die Hirsche, Ratten +und Schnaken des noerdlichen Europa wieder zu finden. Hochverdiente, +beruehmte Naturforscher glaubten, der Maringouin der heissen Zone sey die +Schnake unserer Suempfe, nur kraeftiger, gefraessiger, schaedlicher in Folge +des heissen Klimas; diess ist aber ein grosser Irrthum. Ich habe die +Zancudos, von denen man am aergsten gequaelt wird, an Ort und Stelle +sorgfaeltig untersucht und beschrieben. Im Magdalenenfluss und im Guayaquil +gibt es allein fuenf ganz verschiedene Arten. + +Die *Culex*arten in Suedamerika sind meist gefluegelt, Bruststueck und Fuesse +sind blau, geringelt, mit metallisch glaenzenden Flecken und daher +schillernd. Hier, wie in Europa, sind die Maennchen, die sich durch ihre +gefiederten Fuehlhoerner auszeichnen, sehr selten; man wird fast immer nur +von Weibchen gestochen. Aus dem grossen Uebergewicht dieses Geschlechts +erklaert sich die ungeheure Vermehrung der Art, da jedes Weibchen mehrere +hundert Eier legt. Faehrt man einen der grossen amerikanischen Stroeme +hinauf, so bemerkt man, dass sich aus dem Auftreten einer neuen Culexart +schliessen laesst, dass bald wieder ein Nebenfluss hereinkommt. Ich fuehre ein +Beispiel dieser merkwuerdigen Erscheinung an. Den _Culex lineatus_ dessen +Heimath der Cano Tamalameque ist, trifft man im Thal des Magdalenenstroms +nur bis auf eine Meile noerdlich vom Zusammenfluss der beiden Gewaesser an; +derselbe geht den grossen Strom hinauf, aber nicht hinab; in aehnlicher +Weise verkuendigt in einem Hauptgang das Auftreten einer neuen Substanz in +der Gangmasse dem Bergmann die Naehe eines secundaeren Ganges, der sich mit +jenem verbindet. + +Fassen wir die hier mitgetheilten Beobachtungen zusammen, so sehen wir, +dass unter den Tropen die Moskitos und Maringouins am Abhang der +Cordilleren(43) nicht in die gemaessigte Region hinausgehen, wo die mittlere +Temperatur weniger als 19--20 Grad betraegt;(44) dass sie mit wenigen +Ausnahmen die *schwarzen Gewaesser* und trockene, baumlose Landstriche +meiden. Am obern Orinoco finden sie sich weit massenhafter als am untern, +weil dort der Strom an seinen Ufern dicht bewaldet ist und kein weiter +kahler Uferstrich zwischen dem Fluss und dem Waldsaum liegt. Mit dem +Seichterwerden der Gewaesser und der Ausrodung der Waelder nehmen die +Moskitos auf dem neuen Continent ab; aber alle diese Momente sind in ihren +Wirkungen so langsam als die Fortschritte des Anbaus. Die Staedte +Angostura, Nueva Barcelona und Mompox, wo schlechte Polizei auf den +Strassen, den Plaetzen und in den Hoefen der Haeuser das Buschwerk wuchern +laesst, sind wegen der Menge ihrer Zancudos in trauriger Weise vielberufen. + +Alle im Lande Geborenen, Weisse, Mulatten, Neger, Indianer, haben vom +Insektenstich zu leiden; wie aber der Norden Europas trotz des Frostes +nicht unbewohnbar ist, so hindern auch die Moskitos den Menschen nicht, +sich in Laendern, welche stark davon heimgesucht sind, niederzulassen, wenn +anders durch Lage und Regierungsweise die Verhaeltnisse fuer Handel und +Gewerbfleiss guenstiger sind. Die Leute klagen ihr Lebenlang _de la plaga, +del insufrible tormento de las moscas_; aber trotz dieses bestaendigen +Jammerns ziehen sie doch, und zwar mit einer gewissen Vorliebe, in die +Handelsstaedte Angostura, Santa Martha und Rio la Hacha. So sehr gewoehnt +man sich an ein Uebel, das man zu jeder Tagesstunde zu erdulden hat, dass +die drei Missionen San Borja, Atures und Esmeralda, wo es, nach dem +hyperbolischen Ausdruck der Moenche, "mehr Muecken als Luft" gibt (_mas +moscas que ayre_), unzweifelhaft bluehende Staedte wuerden, wenn der Orinoco +den Colonisten zum Austausch der Produkte dieselben Vortheile gewaehrte, +wie der Ohio und der untere Mississippi. Wo es sehr viele Insekten gibt, +nimmt zwar die Bevoelkerung langsamer zu, aber gaenzlicher Stillstand tritt +desshalb doch nicht ein; die Weissen lassen sich aus diesem Grunde nur da +nicht nieder, wo bei den commerciellen und politischen Verhaeltnissen des +Landes kein erklecklicher Vortheil in Aussicht steht. + +Ich habe anderswo in diesem Werke des merkwuerdigen Umstandes Erwaehnung +gethan, dass die in der heissen Zone geborenen Weissen barfuss ungestraft in +demselben Zimmer herumgehen, in dem ein frisch angekommener Europaeer +Gefahr laeuft, *Niguas* oder *Chiques*, Sandfloehe (_Pulex penetrans_) zu +bekommen. Diese kaum sichtbaren Thiere graben sich unter die Zehennaegel +ein und werden, bei der raschen Entwicklung der in einem eigenen Sack am +Bauche des Insekts liegenden Eier, so gross wie eine kleine Erbse. Die +*Nigua* unterscheidet also, was die feinste chemische Analyse nicht +vermoechte, Zellgewebe und Blut eines Europaeers von dem eines weissen +Creolen. Anders bei den Stechfliegen. Trotz allem, was man darueber an den +Kuesten von Suedamerika hoert, fallen diese Insekten die Eingeborenen so gut +an wie die Europaeer; nur die Folgen des Stichs sind bei beiden +Menschenracen verschieden. Dieselbe giftige Fluessigkeit, in die Haut eines +kupferfarbigen Menschen von indianischer Race und eines frisch +angekommenen Weissen gebracht, bringt beim ersteren keine Geschwulst +hervor, beim letzteren dagegen harte, stark entzuendete Beulen, die mehrere +Tage schmerzen. So verschieden reagirt das Hautsystem, je nachdem die +Organe bei dieser oder jener Race, bei diesem oder jenem Individuum mehr +oder weniger reizbar sind. + +Ich gebe hier mehrere Beobachtungen, aus denen klar hervorgeht, dass die +Indianer, ueberhaupt alle Farbigen, so gut wie die Weissen Schmerz +empfinden, wenn auch vielleicht in geringerem Grade. Bei Tage, selbst +waehrend des Ruderns, schlagen sich die Indianer bestaendig mit der flachen +Hand heftig auf den Leib, um die Insekten zu verscheuchen. Im Schlaf +schlagen sie, ungestuem in allen ihren Bewegungen, auf sich und ihre +Schlafkameraden, wie es kommt. Bei ihren derben Hieben denkt man an das +persische Maehrchen vom Baeren, der mit seiner Tatze die Fliegen auf der +Stirne seines schlafenden Herrn todtschlaegt. Bei Maypures sahen wir junge +Indianer im Kreise sitzen und mit am Feuer getrockneter Baumrinde einander +grausam den Ruecken zerreiben. Mit einer Geduld, deren nur die +kupfersarbige Race faehig ist, waren indianische Weiber beschaeftigt, mit +einem spitzen Knochen die kleine Masse geronnenen Bluts in der Mitte jeden +Stichs, die der Haut ein geflecktes Aussehen gibt, auszustechen. Eines der +barbarischsten Voelker am Orinoco, die Ottomacas, kennt den Gebrauch der +_Mosquiteros_ (Fliegennetze), die aus den Fasern der Murichipalme gewoben +werden. Wir haben oben gesehen, dass die Farbigen in Higuerote an der Kueste +von Caracas sich zum Schlafen in den Sand graben. In den Doerfern am +Magdalenenfluss forderten uns die Indianer oft auf, uns mit ihnen bei der +Kirche auf der *plaza grande* auf Ochsenhaeute zu legen. Man hatte daselbst +alles Vieh aus der Umgegend zusammen getrieben, denn in der Naehe desselben +findet der Mensch ein wenig Ruhe. Wenn die Indianer am obern Orinoco und +am Cassiquiare sahen, dass Bonpland wegen der unaufhoerlichen Moskitoplage +seine Pflanzen nicht einlegen konnte, forderten sie ihn auf, in ihre +_Hornitos_ (Oefen) zu gehen. So heissen kleine Gemaecher ohne Thuere und +Fenster, in die man durch eine ganz niedrige Oeffnung auf dem Bauche +kriecht. Mittelst eines Feuers von feuchtem Strauchwerk, das viel Rauch +gibt, jagt man die Insekten hinaus und verschliesst dann die Oeffnung des +Ofens. Dass man jetzt die Moskitos los ist, erkauft man ziemlich theuer; +denn bei der stockenden Luft und dem Rauch einer Copalfackel, die den Ofen +beleuchtet, wird es entsetzlich heiss darin. Bonpland hat mit einem Muth +und einer Geduld, die das hoechste Lob verdienen, viele hundert Pflanzen in +diesen Hornitos der Indianer getrocknet. + +Die Muehe, die sich die Eingebornen geben, um die Insektenplage zu lindern, +beweist hinlaenglich, dass der kupferfarbige Mensch, trotz der verschiedenen +Organisation seiner Haut, fuer die Mueckenstiche empfindlich ist, so gut wie +der Weisse; aber, wir wiederholen es, beim ersteren scheint der Schmerz +nicht so stark zu seyn und der Stich hat nicht die Geschwulst zur Folge, +die mehrere Wochen lang fort und fort wiederkehrt, die Reizbarkeit der +Haut steigert und empfindliche Personen in den fieberhaften Zustand +versetzt, der allen Ausschlagskrankheiten eigen ist. Die im tropischen +Amerika geborenen Weissen und die Europaeer, die sehr lange in den Missionen +in der Naehe der Waelder und an den grossen Fluessen gelebt, haben weit mehr +zu leiden als die Indianer, aber unendlich weniger als frisch angekommene +Europaeer. Es kommt also nicht, wie manche Reisende behaupten, auf die +Dicke der Haut an, ob der Stich im Augenblick, wo man ihn erhaelt, mehr +oder weniger schmerzt, und bei den Indianern tritt nicht desshalb weniger +Geschwulst und Entzuendung ein, weil ihre Haut eigenthuemlich organisirt +ist; vielmehr haengen Grad und Dauer des Schmerzes von der Reizbarkeit des +Nervensystems der Haut ab. Die Reizbarkeit wird gesteigert durch sehr +warme Bekleidung, durch den Gebrauch geistiger Getraenke, durch das Kratzen +an den Stichwunden, endlich, und diese physiologische Bemerkung beruht auf +meiner eigenen Erfahrung, durch zu haeufiges Baden. An Orten, wo man in den +Fluss kann, weil keine Krokodile darin sind, machten Bonpland und ich die +Erfahrung, dass das Baden, wenn man es uebertreibt, zwar den Schmerz der +alten Schnakenstiche linderte, aber uns fuer neue Stiche weit empfindlicher +machte. Badet man mehr als zweimal taeglich, so versetzt man die Haut in +einen Zustand nervoeser Reizbarkeit, von dem man sich in Europa keinen +Begriff machen kann. Es ist einem, als zoege sich alle Empfindung in die +Hautdecken. + +Da die Moskitos und die Schnaken zwei Dritttheile ihres Lebens im Wasser +zubringen, so ist es nicht zu verwundern, dass in den von grossen Fluessen +durchzogenen Waeldern diese boesartigen Insekten, je weiter vom Ufer weg, +desto seltener werden. Sie scheinen sich am liebsten an den Orten +aufzuhalten, wo ihre Verwandlung vor sich gegangen ist und wo sie +ihrerseits bald ihre Eier legen werden. Daher gewoehnen sich auch die +wilden Indianer (_Indios monteros_) um so schwerer an das Leben in den +Missionen, da sie in den christlichen Niederlassungen eine Plage +auszustehen haben, von der sie daheim im innern Lande fast nichts wissen. +Man sah in Maypures, Atures, Esmeralda Eingeborene _al monte_ (in die +Waelder) laufen, einzig aus Furcht vor den Moskitos. Leider sind gleich +Anfangs alle Missionen am Orinoco zu nahe am Flusse angelegt worden. In +Esmeralda versicherten uns die Einwohner, wenn man das Dorf auf eine der +schoenen Ebenen um die hohen Berge des Duida und Maraguaca verlegte, so +koennten sie freier athmen und faenden einige Ruhe. _La nube de moscos_ die +Mueckenwolke -- so sagen die Moenche -- schwebt nur ueber dem Orinoco und +seinen Nebenfluessen; die Wolke zertheilt sich mehr und mehr, wenn man von +den Fluessen weggeht, und man machte sich eine ganz falsche Vorstellung von +Guyana und Brasilien, wenn man den grossen, 400 Meilen breiten Wald +zwischen den Quellen der Madeira und dem untern Orinoco nach den +Flussthaelern beurtheilte, die dadurch hinziehen. + +Man sagte mir, die kleinen Insekten aus der Familie der Nemoceren wandern +von Zeit zu Zeit, wie die gesellig lebenden Affen der Gruppe der Alouaten. +Man sieht an gewissen Orten mit dem Eintritt der Regenzeit Arten +erscheinen, deren Stich man bis dahin nicht empfunden. Auf dem +Magdalenenfluss erfuhren wir, in Simiti habe man frueher keine andere +Culexart gekannt als den *Jejen*. Man hatte bei Nacht Ruhe, weil der Jejen +kein Nachtinsekt ist. Seit dem Jahr 1801 aber ist die grosse Schnake mit +blauen Fluegeln (_Culex __ cyanopterus_) in solchen Massen erschienen, dass +die armen Einwohner von Simiti nicht wissen, wie sie sich Nachtruhe +verschaffen sollen. In den sumpfigten Kanaelen (_esteros_) auf der Insel +Baru bei Carthagena lebt eine kleine weisslichte Muecke, *Cafasi* genannt. +Sie ist mit dem blossen Auge kaum sichtbar und verursacht doch aeusserst +schmerzhafte Geschwuelste. Man muss die *Toldos* oder Baumwollengewebe, die +als Mueckennetze dienen, anfeuchten, damit der Cafasi nicht zwischen den +gekreuzten Faeden durchschluepfen kann. Dieses zum Glueck sonst ziemlich +seltene Insekt geht im Januar auf dem Kanal oder _Dique_ von Mahates bis +Morales hinauf. Als wir im Mai in dieses Dorf kamen, trafen wir Muecken der +Gattung _Simulium_ und Zancudos an, aber keine Jejen mehr. + +Kleine Abweichungen in Nahrung und Klima scheinen bei denselben Muecken- +und Schnakenarten auf die Wirksamkeit des Giftes, das die Thiere aus ihrem +schneidenden und am untern Ende gezahnten Saugruessel ergiessen, Einfluss zu +aeussern. Am Orinoco sind die laestigsten oder, wie die Creolen sagen, die +wildesten (_los mas feroces_) Insekten die an den grossen Katarakten, in +Esmeralda und Mandavaca. Im Magdalenenstrom ist der _Culex cyanopterus_ +besonders in Mompox, Chilloa und Tamalameque gefuerchtet. Er ist dort +groesser und staerker und seine Beine sind schwaerzer. Man kann sich des +Laechelns nicht enthalten, wenn man die Missionaere ueber Groesse und +Gefraessigkeit der Moskitos in verschiedenen Strichen desselben Flusses +streiten hoert. Mitten in einem Lande, wo man gar nicht weiss, was in der +uebrigen Welt vorgeht, ist diess das Lieblingsthema der Unterhaltung. "Wie +sehr bedaure ich Euch!" sagte beim Abschied der Missionaer aus den Raudales +zu dem am Cassiquiare. "Ihr seyd allein, wie ich, in diesem Lande der +Tiger und der Affen; Fische gibt es hier noch weniger, und heisser ist es +auch; was aber meine Muecken (_mis moscas_) anbelangt, so darf ich mich +ruehmen, dass ich mit Einer von den meinen drei von den Euren schlage." + +Diese Gefraessigkeit der Insekten an gewissen Orten, diese Blutgier, womit +sie den Menschen anfallen,(45) die ungleiche Wirksamkeit des Giftes bei +derselben Art sind sehr merkwuerdige Erscheinungen; es stellen sich ihnen +jedoch andere aus den Classen der grossen Thiere zur Seite. In Angostura +greift das Krokodil den Menschen an, waehrend man in Nueva Barcelona im Rio +Neveri mitten unter diesen fleischfressenden Reptilien ruhig badet. Die +Jaguars in Maturin, Cumanacoa und auf der Landenge von Panama sind feig +denen am obern Orinoco gegenueber. Die Indianer wissen recht gut, dass die +Affen aus diesem und jenem Thale leicht zu zaehmen sind, waehrend Individuen +derselben Art, die man anderswo faengt, lieber Hungers sterben, als sich in +die Gefangenschaft ergeben. + +Das Volk in Amerika hat sich hinsichtlich der Gesundheit der Gegenden und +der Krankheitserscheinungen Systeme gebildet, ganz wie die Gelehrten in +Europa, und diese Systeme widersprechen sich, gleichfalls wie bei uns, in +den verschiedenen Provinzen, in die der neue Continent zerfaellt, ganz und +gar. Am Magdalenenfluss findet man die vielen Moskitos laestig, aber sie +gelten fuer sehr gesund. "Diese Thiere," sagen die Leute, "machen uns +kleine Aderlaessen und schuetzen uns in einem so furchtbar heissen Land vor +dem _Tabardillo_, dem Scharlachfieber und andern entzuendlichen +Krankheiten." Am Orinoco, dessen Ufer hoechst ungesund sind, schreiben die +Kranken alle ihre Leiden den Moskitos zu. "Diese Insekten entstehen aus +der Faeulniss und vermehren sie; sie entzuenden das Blut (_vician y incienden +la sangre_)." Der Volksglaube, als wirkten die Moskitos durch oertliche +Blutentziehung heilsam, braucht hier nicht widerlegt zu werden. Sogar in +Europa wissen die Bewohner sumpfigter Laender gar wohl, dass die Insekten +das Hautsystem reizen, und durch das Gift, das sie in die Wunden bringen, +die Funktionen desselben steigern. Durch die Stiche wird der entzuendliche +Zustand der Hautbedeckung nicht nur nicht vermindert, sondern gesteigert. + +Die Menge der Schnaken und Muecken deutet nur insofern auf die Ungesundheit +einer Gegend hin, als Entwicklung und Vermehrung dieser Insekten von +denselben Ursachen abhaengen, aus denen Miasmen entstehen. Diese laestigen +Thiere lieben einen fruchtbaren, mit Pflanzen bewachsenen Boden, stehendes +Wasser, eine feuchte, niemals vom Winde bewegte Luft; statt freier Gegend +suchen sie den Schatten auf, das Halbdunkel, den mittleren Grad von Licht, +Waermestoff und Feuchtigkeit, der dem Spiel chemischer Affinitaeten Vorschub +leistet und damit die Faeulniss organischer Substanzen beschleunigt. Tragen +die Moskitos an sich zur Ungesundheit der Luft bei? Bedenkt man, dass bis +auf 3--4 Toisen vom Boden im Cubikfuss Luft haeufig eine Million gefluegelter +Insekten(46) enthalten ist, die eine aetzende, giftige Fluessigkeit bei sich +fuehren; dass mehrere Culexarten vom Kopf bis zum Ende des Bruststuecks (die +Fuesse ungerechnet) 1-1/5 Linien lang sind; endlich dass in dem Schnaken- und +Mueckenschwarm, der wie ein Rauch die Luft erfuellt, sich eine Menge todter +Insekten befinden, die durch den aufsteigenden Luftstrom, oder durch +seitliche, durch die ungleiche Erwaermung des Bodens erzeugte Stroeme +fortgerissen werden, so fragt man sich, ob eine solche Anhaeufung von +thierischen Stoffen in der Luft nicht zur oertlichen Bildung von Miasmen +Anlass geben muss? Ich glaube, diese Substanzen wirken anders auf die Luft +als Sand und Staub; man wird aber gut thun, in dieser Beziehung keine +Behauptung aufzustellen. Von den vielen Raethseln, welche das Ungesundseyn +der Luft uns aufgibt, hat die Chemie noch keines geloest; sie hat uns nur +soviel gelehrt, dass wir gar Vieles nicht wissen, was wir vor fuenfzehn +Jahren Dank den sinnreichen Traeumen der alten Eudiometrie zu wissen +meinten. + +Nicht so ungewiss und fast durch taegliche Erfahrung bestaetigt ist der +Umstand, dass am Orinoco, am Cassiquiare, am Rio Caura, ueberall wo die Luft +sehr ungesund ist, der Stich der Moskitos die Disposition der Organe zur +Aufnahme der Miasmen steigert. Wenn man Monatelang Tag und Nacht von den +Insekten gepeinigt wird, so erzeugt der bestaendige Hautreiz fieberhafte +Aufregung und schwaecht, in Folge des schon so fruehe erkannten Antagonismus +zwischen dem gastrischen und dem Hautsystem, die Verrichtung des Magens. +Man faengt an schwer zu verdauen, die Entzuendung der Haut veranlasst profuse +Schweisse, den Durst kann man nicht loeschen, und auf die bestaendig +zunehmende Unruhe folgt bei Personen von schwacher Constitution eine +geistige Niedergeschlagenheit, in der alle pathogenischen Ursachen sehr +heftig einwirken. Gegenwaertig sind es nicht mehr die Gefahren der +Schifffahrt in kleinen Canoes, nicht die wilden Indianer oder die +Schlangen, die Krokodile oder die Jaguars, was den Spaniern die Reise auf +dem Orinoco bedenklich macht, sondern nur, wie sie naiv sich ausdruecken, +_el sudar y las moscas_ (der Schweiss und die Muecken). Es ist zu hoffen, +dass der Mensch, indem er die Bodenflaeche umgestaltet, damit auch die +Beschaffenheit der Luft allmaelig umaendert. Die Insekten werden sich +vermindern, wenn einmal die alten Baeume im Wald verschwunden sind und man +in diesen oeden Laendern die Stromufer mit Doerfern besetzt, die Ebenen mit +Weiden und Fruchtfeldern bedeckt sieht. + +Wer lange in von Moskitos heimgesuchten Laendern gelebt hat, wird gleich +uns die Erfahrung gemacht haben, dass es gegen die Insektenplage kein +Radikalmittel gibt. Die mit Onoto, Bolus oder Schildkroetenfett +beschmierten Indianer klatschen sich jeden Augenblick mit der flachen Hand +auf Schultern, Ruecken und Beine, ungefaehr wie wenn sie gar nicht *bemalt* +waeren. Es ist ueberhaupt zweifelhaft, ob das Bemalen Erleichterung +verschafft; soviel ist aber gewiss, dass es nicht schuetzt. Die Europaeer, die +eben erst an den Orinoco, den Magdalenenstrom, den Guayaquil oder den Rio +Chagre kommen (ich nenne hier die vier Fluesse, wo die Insekten am +furchtbarsten sind), bedecken sich zuerst Gesichts und Haende; bald aber +fuehlen sie eine unertraegliche Hitze, die Langeweile, da sie gar nichts +thun koennen, drueckt sie nieder, und am Ende lassen sie Gesicht und Haende +frei. Wer bei der Flussschifffahrt auf jede Beschaeftigung verzichten +wollte, koennte aus Europa eine eigens verfertigte, sackfoermige Kleidung +mitbringen, in die er sich steckte und die er nur alle halbe Stunden +aufmachte; der Sack muesste durch Fischbeinreife ausgespannt seyn, denn eine +blosse Maske und Handschuhe waeren nicht zu ertragen. Da wir am Boden auf +Haeuten oder in Haengematten lagen, haetten wir uns auf dem Orinoco der +Fliegennetze (_toldos_) nicht bedienen koennen. Der Toldo leistet nur dann +gute Dienste, wenn er um das Lager ein so gut verschlossenes Zelt bildet, +dass auch nicht die kleinste Oeffnung bleibt, durch die eine Schnake +schluepfen koennte. Diese Bedingung ist aber schwer zu erfuellen, und gelingt +es auch (wie zum Beispiel bei der Bergfahrt auf dem Magdalenenstrom, wo +man mit einiger Bequemlichkeit reist), so muss man, um nicht vor Hitze zu +ersticken, den Toldo verlassen und sich in freier Luft ergehen. Ein +schwacher Wind, Rauch, starke Gerueche helfen an Orten, wo die Insekten +sehr zahlreich und gierig sind, so gut wie nichts. Faelschlich behauptet +man, die Thierchen fliehen vor dem eigenthuemlichen Geruch, den das +Krokodil verbreitet. In Bataillez auf dem Wege von Carthagena nach Honda +wurden wir jaemmerlich zerstochen, waehrend wir ein eilf Fuss langes Krokodil +zerlegten, das die Luft weit umher verpestete. Die Indianer loben sehr den +Dunst von brennendem Kuhmist. Ist der Wind sehr stark und regnet es dabei, +so verschwinden die Moskitos auf eine Weile; am grausamsten stechen sie, +wenn ein Gewitter im Anzug ist, besonders wenn auf die elektrischen +Entladungen keine Regenguesse folgen. + +Alles was um Kopf und Haende flattert, hilft die Insekten verscheuchen. "Je +mehr ihr euch ruehrt, desto weniger werdet ihr gestochen," sagen die +Missionaere. Der Zancudo summt lange umher, ehe er sich niedersetzt; hat er +dann einmal Vertrauen gefasst, hat er einmal angefangen, seinen Saugruessel +einzubohren und sich voll zu saugen, so kann man ihm die Fluegel beruehren, +ohne dass er sich verscheuchen laesst. Er streckt waehrend dessen seine beiden +Hinterfuesse in die Luft, und laesst man ihn ungestoert sich satt saugen, so +bekommt man keine Geschwulst, empfindet keinen Schmerz. Wir haben diesen +Versuch im Thale des Magdalenenstroms nach dem Rathe der Indianer oft an +uns selbst gemacht. Man fragt sich, ob das Insekt die reizende Fluessigkeit +erst im Augenblick ergiesst, wo es wegfliegt, wenn man es verjagt, oder ob +es die Fluessigkeit wieder aufpumpt, wenn man es saugen laesst, soviel es +will? Letztere Annahme scheint mir die wahrscheinlichere; denn haelt man +dem _Culex cyanopterus_ ruhig den Handruecken hin, so ist der Schmerz +anfangs sehr heftig, nimmt aber immer mehr ab, je mehr das Insekt +fortsaugt, und hoert ganz auf im Moment, wo es von selbst fortfliegt. Ich +habe mich auch mit einer Nadel in die Haut gestochen und die Stiche mit +zerdrueckten Moskitos (_mosquitos machucados_) gerieben, es folgte aber +keine Geschwulst darauf. Die reizende Fluessigkeit der _Diptera Nemocera_ +die nach den bisherigen chemischen Untersuchungen sich nicht wie eine +Saeure verhaelt, ist, wie bei den Ameisen und andern Hymenopteren, in +eigenen Druesen enthalten; dieselbe ist wahrscheinlich zu sehr verduennt und +damit zu schwach, wenn man die Haut mit dem ganzen zerdrueckten Thiere +reibt. + +Ich habe am Ende dieses Kapitels Alles zusammengestellt, was wir auf +unsern Reisen ueber Erscheinungen in Erfahrung bringen konnten, die bisher +von der Naturforschung auffallend vernachlaessigt wurden, obgleich sie auf +das Wohl der Bevoelkerung, die Gesundheit der Laender und die Gruendung neuer +Colonien an den Stroemen des tropischen Amerika von bedeutendem Einfluss +sind. Ich bedarf wohl keiner Rechtfertigung, dass ich diesen Gegenstand mit +einer Umstaendlichkeit behandelt habe, die kleinlich erscheinen koennte, +fiele nicht derselbe unter einen allgemeineren physiologischen +Gesichtspunkt. Unsere Einbildungskraft wird nur vom Grossen stark angeregt, +und so ist es Sache der Naturphilosophie, beim Kleinen zu verweilen. Wir +haben gesehen, wie gefluegelte, gesellig lebende Insekten, die in ihrem +Saugruessel eine die Haut reizende Fluessigkeit bergen, grosse Laender fast +unbewohnbar machen. Andere, gleichfalls kleine Insekten, die Termiten +(_Comejen_), setzen in mehreren heissen und gemaessigten Laendern des +tropischen Erdstrichs der Entwicklung der Cultur schwer zu besiegende +Hindernisse entgegen. Furchtbar rasch verzehren sie Papier, Pappe, +Pergament; sie zerstoeren Archive und Bibliotheken. In ganzen Provinzen von +spanisch Amerika gibt es keine geschriebene Urkunde, die hundert Jahre alt +waere. Wie soll sich die Cultur bei den Voelkern entwickeln, wenn nichts +Gegenwart und Vergangenheit verknuepft, wenn man die Niederlagen +menschlicher Kenntnisse oefters erneuern muss, wenn die geistige +Errungenschaft der Nachwelt nicht ueberliefert werden kann? + +Je weiter man gegen die Hochebene des Anden hinaufkommt, desto mehr +schwindet diese Plage. Dort athmet der Mensch eine frische, reine Luft, +und die Insekten stoeren nicht mehr Tagesarbeit und Nachtruhe. Dort kann +man Urkunden in Archiven niederlegen, ohne Furcht vor gefaehrlichen +Termiten. In 200 Toisen Meereshoehe fuerchtet man die Muecken nicht mehr; die +Termiten sind in 300 Toisen Hoehe noch sehr haeufig, aber in Mexico, Santa +Fe de Bogota und Quito kommen sie selten vor. In diesen grossen +Hauptstaedten auf dem Ruecken der Cordilleren findet man Bibliotheken und +Archive, die sich durch die Theilnahme gebildeter Bewohner taeglich +vermehren. Zu diesen Verhaeltnissen, die ich hier nur fluechtig beruehre, +kommen andere, welche der Alpenregion das moralische Uebergewicht ueber die +niedern Regionen des heissen Erdstrichs sichern. Nimmt man nach den uralten +Ueberlieferungen in beiden Welten an, in Folge der Erdumwaelzungen, die der +Erneuerung unseres Geschlechts vorangegangen, sey der Mensch von den +Gebirgen in die Niederungen herabgestiegen, so laesst sich noch weit +bestimmter annehmen, dass diese Berge, die Wiege so vieler und so +verschiedener Voelker, in der heissen Zone fuer alle Zeit der Mittelpunkt der +Gesittung bleiben werden. Von diesen fruchtbaren, gemaessigten Hochebenen, +von diesen Inseln im Ocean der Luft, werden sich Aufklaerung und der Segen +gesellschaftlicher Einrichtungen ueber die unermesslichen Waelder am Fusse der +Anden verbreiten, die jetzt noch von Staemmen bewohnt sind, welche eben die +Fuelle der Natur in Traegheit niedergehalten hat. + + ------------------ + + + + + + 25 Vom spanischen Wort _raudo_, schnell, _rapidus_. + + 26 Schwimmende Gaerten. + + 27 Diese Landenge, von der schon oefters die Rede war, wird von den + Cordilleren der Anden von Neu-Grenada und von der Cordillere der + Parime gebildet. S. Bd. II. Seite 378--379. + +_ 28 Ansichten der Natur_, 2. Auflage, 1826, Bd. 1. S. 181; 3. Auflage, + Bd. 1. S. 249. + + 29 Eine grosse Reiherart. + + 30 LUCAN., _Pharsal._ X. 132. + +* 31 Arastrando la Picagua*. Von diesem Wort _arastrar_ aus dem Boden + ziehen, kommt der spanische Ausdruck: _Arastradero_, Trageplatz, + Portage. + +_ 32 Nat. Quaest._ IV. c. 2. + + 33 Der *Chellal* zwischen Philae und Syene hat zehn Staffeln, die + zusammen einen 5 bis 7 Fuss hohen Fall bilden, je nach dem tiefen + oder hohen Wasserstand des Nil. Der Fall ist 500 Toisen lang. + + 34 Auszunehmen ist STRABO, dessen Beschreibung eben so einfach als + genau erscheint. Nach ihm haette seit dem ersten Jahrhundert vor + unserer Zeitrechnung die Schnelligkeit des Wassersturzes abgenommen + und seine Richtung sich veraendert. Damals ging man den Chellal auf + beiden Seiten hinauf, gegenwaertig ist nur auf Einer Seite eine + Wasserstrasse; der Katarakt ist also eher schwerer befahrbar + geworden. + + 35 Hatten wohl die Alten eine dunkle Kunde von den grossen Katarakten + des oestlichen oder blauen Nil zwischen Fazuclo und Alata, die ueber + 200 Fuss hoch sind? + +_ 36 Claustra imperii romani_ sagt TACITUS. Im Namen der Insel *Philae* + findet man das coptische Wort _phe-lakh_, Ende (Ende Egyptens) + wieder. + + 37 Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, dass, so mangelhaft noch die + Physik der Alten war, die Werke des Philosophen von Stagira ungleich + mehr scharfsinnige Beobachtungen enthalten, als die der andern + Philosophen. Vergeblich sucht man bei ARISTOXENES (_Liber de + musica_), bei THEOPHYLACTUS SIMOCATTA (_de quaestionibus physicis_), + im fuenften Buche von SENECAs _quaestiones naturales_ eine Erklaerung + der Verstaerkung des Schalls bei Nacht. Ein in den Schriften der + Alten sehr bewanderter Mann, Hr. Laurencit, hat mir eine Stelle des + PLUTARCH mitgetheilt (_Tischgespraeche_, Buch VIII. Frage 3), welche + die angefuehrte des Aristoteles unterstuetzt. -- Boethus, der erste + der Disputirenden, behauptet, die Kaelte bei Nacht ziehe die Luft + zusammen und verdichte sie, und man hoere den Schall bei Tag nicht so + gut, weil dann weniger Zwischenraeume zwischen den Atomen seyen. Der + zweite der Disputirenden, Ammonius, verwirft die leeren Raeume, wie + Boethus sie voraussetzt, und nimmt mit Anaxagoras an, die Luft werde + von der Sonne in eine zitternde und schwankende Bewegung versetzt; + man hoere bei Tag schlecht wegen der Staubtheile, die im Sonnenschein + herumtreiben und die ein gewisses Zischen und Geraeusch verursachen; + des Nachts aber hoere diese Bewegung auf und folglich auch das damit + verbundene Geraeusch. Boethus versichert, dass er keineswegs + Anaxagoras meistern wolle, meint aber, das Zischen der kleinsten + Theile muesse man wohl aufgeben, die zitternde Bewegung und das + Herumtreiben derselben im Sonnenschein sey schon hinreichend. Die + Luft macht den Koerper und die Substanz der Stimme aus; ist sie also + ruhig und bestaendig, so laesst sie auch die Theile und Schwingungen + des Schalls gerade, ungetheilt und ohne Hinderniss fortgehen und + befoerdert deren Verbreitung. Windstille ist dem Schalle guenstig, + Erschuetterung der Luft aber zuwider. Die Bewegung in der Luft + verhindert, dass von einer Stimme artikulirte und ausgebildete Toene + zu den Ohren gelangen, ob sie gleich immer von einer starken und + vielfachen ihnen etwas zuzufuehren pflegt. Die Sonne, dieser grosse + und maechtige Beherrscher des Himmels, bringt auch die kleinsten + Theile der Luft in Bewegung, und sobald er sich zeigt, erregt und + belebt er alle Wesen. -- (Auszug aus Kaltwassers Uebersetzung; + Humboldt hat die alte franzoesische Uebersetzung des Amyot + ausgezogen. Anm. des Herausgebers). + + 38 CORTES behauptet, er habe am Magdalenenfluss einen Eber mit + gekruemmten Hauern und Laengsstreifen auf dem Ruecken geschossen. + Sollte es dort verwilderte europaeische Schweine gehen? + + 39 Im Gesammtausdruck der Zuege, nicht der Stirne nach. + +_ 40 Culex pipiens_. Dieser Unterschied zwischen _Mosquito_ (kleine + Muecke, _Simulium_) und _Zancudo_ (Schnake, _Culex_) besteht in allen + spanischen Colonien. Das Wort _Zancudo_ bedeutet "Langfuss," _qui + tiene las zancas largas_. + + 41 "Die frueh auf sind," _temprano_. + + 42 Durch die ausnehmende Regelmaessigkeit im stuendlichen Wechsel des + Luftdrucks. + + 43 Der europaeische _Culex pipiens_ meidet das Gebirgsland nicht, wie + die Culexarten der heissen Zone Amerikas. GIESECKE wurde in Disco in + Groenland unter dem 70. Breitegrad von Schnaken geplagt. In Lappland + kommt die Schnake im Sommer in 300--400 Toisen Meereshoehe bei einer + mittleren Temperatur von 11--12 deg. vor. + + 44 Weniger als 15 deg.,2 und 16 deg. Reaumur. Das ist die mittlere Temperatur + von Montpellier und Rom. + + 45 Diese Gefraessigkeit, diese Blutgier bei kleinen Insekten, die sonst + von Pflanzensaeften in einem fast unbewohnten Lande leben, hat + allerdings etwas Auffallendes. "Was fraessen die Thiere, wenn wir + nicht hier vorueberkaemen?" sagen oft die Creolen auf dem Wege durch + ein Land, wo es nur mit einem Schuppenpanzer bedeckte Krokodile und + behaarte Affen gibt. + + 46 Bei dieser Gelegenheit soll nur daran erinnert werden, dass der + Cubikfuss 2,985,984 Cubiklinien enthaelt. + + + + + +EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL. + + + Der Raudal von Garcita. -- Maypures. -- Die Katarakten von + Quittuna. -- Der Einfluss des Vichada und Zama. -- Der Fels + Aricagua. -- Siquita. + + +Unsere Pirogue lag im *Puerto de arriba*, oberhalb des Katarakts von +Atures, dem Einfluss des Rio Cataniapo gegenueber; wir brachen dahin auf. +Auf dem schmalen Wege, der zum Landungsplatze fuehrt, sahen wir den Pic +Uniana zum letztenmal. Er erschien wie eine ueber dem Horizont der Ebenen +aufsteigende Wolke. Die Guahibos-Indianer ziehen am Fuss dieser Gebirge +umher und gehen bis zum Rio Vichada. Man zeigte uns von weitem rechts vom +Fluss die Felsen bei der Hoehle von Ataruipe; wir hatten aber nicht Zeit, +diese Grabstaette des ausgestorbenen Stammes der Atures zu besuchen. Wir +bedauerten diess um so mehr, da Pater Zea nicht muede wurde, uns von den mit +Onoto bemalten Skeletten in der Hoehle, von den grossen Gefaessen aus +gebrannter Erde, in welchen je die Gebeine einer Familie zu liegen +scheinen, und von vielen andern merkwuerdigen Dingen zu erzaehlen, so dass +wir uns vornahmen, dieselben auf der Rueckreise vom Rio Negro in +Augenschein zu nehmen. "Sie werden es kaum glauben," sagte der Missionaer, +"dass diese Gerippe, diese bemalten Toepfe, diese Dinge, von denen wir +meinten, kein Mensch in der Welt wisse davon, mir und meinem Nachbar, dem +Missionaer von Carichana, Unglueck gebracht haben. Sie haben gesehen, wie +elend ich in den Raudales lebe, von den Moskitos gefressen, oft nicht +einmal Bananen und Manioc im Hause! Und dennoch habe ich Neider in diesem +Lande gefunden. Ein Weisser, der auf den Weiden zwischen dem Meta und dem +Apure lebt, hat kuerzlich der *Audiencia* in Caracas die Anzeige gemacht, +ich habe einen Schatz, den ich mit dem Missionaer von Carichana gefunden, +unter den Graebern der Indianer versteckt. Man behauptet, die Jesuiten in +Santa Fe de Bogota haben zum voraus gewusst, dass die Gesellschaft werde +aufgehoben werden; da haben sie ihr Geld und ihre kostbaren Gefaesse bei +Seite schaffen wollen und dieselben auf dem Rio Meta oder auf dem Vichada +an den Orinoco geschickt, mit dem Befehl, sie auf den Inseln mitten in den +Raudales zu Verstecken. Diesen Schatz nun soll ich ohne Wissen meiner +Obern mir zugeeignet haben. Die Audiencia von Caracas fuehrte beim +Statthalter von Guyana Klage, und wir erhielten Befehl, persoenlich zu +erscheinen. Wir mussten ganz umsonst eine Reise von hundert fuenfzig Meilen +machen, und es half nichts, dass wir erklaerten, wir haben in den Hoehlen +nichts gefunden als Menschengebeine, Marder und vertrocknete Fledermaeuse; +man ernannte mit grosser Wichtigkeit Commissaere, die sich hieher begeben +und an Ort und Stelle inspiciren sollen, was noch vom Schatze der Jesuiten +vorhanden sey. Aber wir koennen lange auf die Commissaere warten. Wenn sie +auf dem Orinoco bis San Borja heraufkommen, werden sie vor den Moskitos +Angst bekommen und nicht weiter gehen. In der Mueckenwolke (_nube de +moscas_), in der wir in den Raudales stecken, ist man gut geborgen." + +Diese Geschichte des Missionaers wurde uns spaeter in Angostura aus dem +Munde des Statthalters vollkommen bestaetigt. Zufaellige Umstaende geben zu +den seltsamsten Vermuthungen Anlass. In den Hoehlen, wo die Mumien und +Skelette der Atures liegen, ja mitten in den Katarakten, auf den +unzugaenglichsten Inseln fanden die Indianer vor langer Zeit +eisenbeschlagene Kisten mit verschiedenen europaeischen Werkzeugen, Resten +von Kleidungsstuecken, Rosenkraenzen und Glaswaaren. Man vermuthete, die +Gegenstaende haben portugiesischen Handelsleuten vom Rio Negro und +Gran-Para angehoert, die vor der Niederlassung der Jesuiten am Orinoco ueber +Trageplaetze und die Flussverbindungen im Innern nach Atures heraufkamen und +mit den Eingeborenen Handel trieben. Die Portugiesen, glaubte man, seyen +den Seuchen, die in den Raudales so haeufig sind, erlegen und ihre Kisten +den Indianern in die Haende gefallen, die, wenn sie wohlhabend sind, sich +mit dem Kostbarsten, was sie im Leben besassen, beerdigen lassen. Nach +diesen zweifelhaften Geschichten wurde das Maehrchen von einem versteckten +Schaetze geschmiedet. Wie in den Anden von Quito jedes in Truemmern liegende +Bauwerk, sogar die Grundmauern der Pyramiden, welche die franzoesischen +Akademiker bei der Messung des Meridians errichtet, fuer ein _Inca pilca_, +das heisst fuer ein Werk des Inca gilt, so kann am Orinoco jeder verborgene +Schatz nur einem Orden gehoert haben, der ohne Zweifel die Missionen besser +verwaltet hat, als Kapuziner und Observanten, dessen Reichthum und dessen +Verdienste um die Civilisation der Indianer aber sehr uebertrieben worden +sind. Als die Jesuiten in Santa Fe verhaftet wurden, fand man bei ihnen +keineswegs die Haufen von Piastern, die Smaragde von Muzo, die Goldbarren +von Choco, die sie den Widersachern der Gesellschaft zufolge besitzen +sollten. Man zog daraus den falschen Schluss, die Schaetze seyen allerdings +vorhanden gewesen, aber treuen Indianern ueberantwortet und in den +Katarakten des Orinoco bis zur einstigen Wiederherstellung des Ordens +versteckt worden. Ich kann ein achtbares Zeugniss beibringen, aus dem +unzweifelhaft hervorgeht, dass der Vicekoenig von Neu-Grenada die Jesuiten +vor der ihnen drohenden Gefahr nicht gewarnt hatte. Don Vicente Orosco, +ein spanischer Genieofficier, erzaehlte mir in Angostura, er habe mit Don +Manuel Centurion den Auftrag gehabt, die Missionaere in Carichana zu +verhaften und dabei sey ihnen eine indianische Pirogue begegnet, die den +Rio Meta herabkam. Da dieses Fahrzeug mit Indianern bemannt war, die keine +der Landessprachen verstanden, so erregte sein Erscheinen Verdacht. Nach +langem fruchtlosem Suchen fand man eine Flasche mit einem Briefe, in dem +der in Santa Fe residirende Superior der Gesellschaft die Missionaere am +Orinoco von den Verfolgungen benachrichtigte, welche die Jesuiten in +Neu-Grenada zu erleiden gehabt. Der Brief forderte zu keinerlei +Vorsichtsmassregeln auf; er war kurz, unzweideutig und voll Respekt vor der +Regierung, deren Befehle mit unnoethiger, unvernuenftiger Strenge vollzogen +wurden. + +Acht Indianer von Atures hatten unsere Pirogue durch die Raudales +geschafft; sie schienen mit dem maessigen Lohne, der ihnen gereicht wurde +[kaum 30 Sous der Mann], gar wohl zufrieden. Das Geschaeft bringt ihnen +wenig ein, und um einen richtigen Begriff von den jaemmerlichen Zustaenden +und dem Darniederliegen des Handels in den Missionen am Orinoco zu geben, +merke ich hier an, dass der Missionar in drei Jahren, ausser den Fahrzeugen, +welche der Commandant von San Carlos am Rio Negro jaehrlich nach Angostura +schickt, um die Loehnung der Truppen zu holen, nicht mehr als fuenf Piroguen +vom obern Orinoco, die zur Schildkroeteneierernte fuhren, und acht mit +Handelsgut beladene Canoes sah. + +Am 17. April. Nach dreistuendigem Marsch kamen wir gegen eilf Uhr Morgens +bei unserem Fahrzeug an. Pater Zea liess mit unsern Instrumenten den +wenigen Mundvorrath einschiffen, den man fuer die Reise, die er mit uns +fortsetzen sollte, hatte auftreiben koennen: ein paar Bananenbueschel, +Manioc und Huehner. Dicht am Landungsplatz fuhren wir am Einfluss des +Cataniapo vorbei, eines kleinen Flusses, an dessen Ufern, drei Tagereisen +weit, die Macos oder Piaroas hausen, die zur grossen Familie der +Salivas-Voelker gehoeren. Wir haben oben Gelegenheit gehabt, ihre +Gutmuethigkeit und ihre Neigung zur Landwirthschaft zu ruehmen. + +Im Weiterfahren fanden wir den Orinoco frei von Klippen, und nach einigen +Stunden gingen wir ueber den Raudal von Garcita, dessen Stromschnellen bei +Hochwasser leicht zu ueberwinden sind. Im Osten kommt die kleine Bergkette +Cumadaminari zum Vorschein, die aus Gneiss, nicht aus geschichtetem Granit +besteht. Auffallend war uns eine Reihe grosser Loecher mehr als 180 Fuss ueber +dem jetzigen Spiegel des Orinoco, die dennoch vom Wasser ausgewaschen +scheinen. Wir werden spaeter sehen, dass diese Erscheinung beinahe in +derselben Hoehe an den Felsen neben den Katarakten von Maypures und 50 +Meilen gegen Ost beim Einfluss des Rio Jao vorkommt. Wir uebernachteten im +Freien am linken Stromufer unterhalb der Insel Tomo. Die Nacht war schoen +und hell, aber die Moskitoschicht nahe am Boden so dick, dass ich mit dem +Nivellement des kuenstlichen Horizonts nicht fertig werden konnte und um +die Sternbeobachtung kam. Ein Quecksilberhorizont waere mir auf dieser +Reise von grossem Nutzen gewesen. + +Am 18. April. Wir brachen um drei Uhr Morgens auf, um desto sicherer vor +Einbruch der Nacht den unter dem Namen *Raudal de Guahibos* bekannten +Katarakt zu erreichen. Wir legten am Einfluss des Rio Tomo an; die Indianer +lagerten sich am Ufer, um ihr Essen zu bereiten und ein wenig zu ruhen. Es +war gegen fuenf Uhr Abends, als wir vor dem Raudal ankamen. Es war keine +geringe Aufgabe, die Stroemung hinaufzukommen und eine Wassermasse zu +ueberwinden, die sich von einer mehrere Fuss hohen Gneissbank stuerzt. Ein +Indianer schwamm auf den Fels zu, der den Fall in zwei Haelften theilt; man +band ein Seil an die Spitze desselben, und nachdem man die Pirogue nahe +genug hingezogen, schiffte man mitten im Raudal unsere Instrumente, unsere +getrockneten Pflanzen und die wenigen Lebensmittel, die wir in Atures +hatten auftreiben koennen, aus. Zu unserer Ueberraschung sahen wir, dass auf +dem natuerlichen Wehr, ueber das sich der Strom stuerzt, ein betraechtliches +Stueck Boden trocken liegt. Hier blieben wir stehen und sahen unsere +Pirogue heraufschaffen. + +Der Gneissfels hat kreisrunde Loecher, von denen die groessten 4 Fuss tief und +18 Zoll weit sind. In diesen Trichtern liegen Quarzkiesel und sie scheinen +durch die Reibung vom Wasser umhergerollter Koerper entstanden zu seyn. +Unser Standpunkt mitten im Katarakt war sonderbar, aber durchaus nicht +gefaehrlich. Unser Begleiter, der Missionar, bekam seinen Fieberanfall. Um +ihm den quaelenden Durst zu loeschen, kamen wir auf den Einfall, ihm in +einem der Felsloecher einen kuehlenden Trank zu bereiten. Wir hatten von +Atures einen Mapire (indianischen Korb) mit Zucker, Citronen und +Grenadillen oder Fruechten der Passionsblumen, von den Spaniern _Parchas_ +genannt, mitgenommen. Da wir gar kein grosses Gefaess hatten, in dem man +Fluessigkeiten mischen konnte, so goss man mit einer _Tutuma_ (Frucht der +_Crescentia Cujete_) Flusswasser in eines der Loecher und that den Zucker +und den Saft der sauren Fruechte dazu. In wenigen Augenblicken hatten wir +ein treffliches Getraenke; es war das fast eine Schwelgerei am unwirthbaren +Ort; aber der Drang des Beduerfnisses machte uns von Tag zu Tag +erfinderischer. + +Nachdem wir unsern Durst geloescht, hatten wir grosse Lust zu baden. Wir +untersuchten genau den schmalen Felsdamm, auf dem wir standen, und +bemerkten, dass er in seinem obern Theile kleine Buchten bildete, in denen +das Wasser ruhig und klar war, und so badeten wir denn ganz behaglich beim +Getoese des Katarakts und dem Geschrei unserer Indianer. Ich erwaehne dieser +kleinen Umstaende, einmal weil sie unsere Art zu reisen lebendig schildern, +und dann weil sie allen, die grosse Reisen zu unternehmen gedenken, +augenscheinlich zeigen, wie man unter allen Umstaenden im Leben sich Genuss +verschaffen kann. + +Nach einer Stunde Harrens sahen wir endlich die Pirogue ueber den Raudal +heraufkommen. Man lud die Instrumente und Vorraethe wieder ein und wir +eilten vom Felsen der Guahibos wegzukommen. Es begann jetzt eine Fahrt, +die nicht ganz gefahrlos war. Der Fluss ist 800 Toisen breit, und wir +mussten oberhalb des Katarakts schief darueber fahren, an einem Punkt, wo +das Wasser, weil das Bett staerker faellt, dem Wehr zu, ueber das es sich +stuerzt, mit grosser Gewalt hinunterzieht. Wir wurden von einem Gewitter +ueberrascht, bei dem zum Glueck kein starker Wind ging, aber der Regen goss +in Stroemen nieder. Man ruderte bereits seit zwanzig Minuten und der +Steuermann behauptete immer, statt stroman kommen wir wieder dem Raudal +naeher. Diese Augenblicke der Spannung kamen uns gewaltig lang war. Die +Indianer sprachen nur leise, wie immer, wenn sie in einer verfaenglichen +Lage zu seyn glauben. Indessen verdoppelten sie ihre Anstrengungen, und +wir langten ohne Unfall mit Einbruch der Nacht im Hafen von Maypures an. + +Die Gewitter unter den Tropen sind eben so kurz als heftig. Zwei +Blitzschlaege waren ganz nahe an unserer Pirogue gefallen, und der Blitz +hatte dabei unzweifelhaft ins Wasser geschlagen. Ich fuehre diesen Fall an, +weil man in diesen Laendern ziemlich allgemein glaubt, die Wolken, die auf +ihrer Oberflaeche elektrisch geladen sind, stehen so hoch, dass der Blitz +seltener in den Boden schlage als in Europa. Die Nacht war sehr finster. +Wir hatten noch zwei Stunden Wegs zum Dorfe Maypures, und wir waren bis +auf die Haut durchnaesst. Wie der Regen nachliess, kamen auch die Zancudos +wieder mit dem Heisshunger, den die Schnaken nach einem Gewitter immer +zeigen. Meine Gefaehrten waren unschluessig, ob wir im Hafen im Freien +lagern oder trotz der dunkeln Nacht unsern Weg zu Fuss fortsetzen sollten. +Pater Zea, der in beiden Raudales Missionaer ist, wollte durchaus noch nach +Hause kommen; Er hatte angefangen sich durch die Indianer in der Mission +ein grosses Haus von zwei Stockwerken bauen zu lassen. "Sie finden dort," +meinte er naiv, "dieselbe Bequemlichkeit wie im Freien. Freilich habe ich +weder Tisch noch Bank, aber Sie haetten nicht so viel von den Muecken zu +leiden; denn so unverschaemt sind sie in der Mission doch nicht wie am +Fluss." + +Wir folgten dem Rath des Missionaers und er liess Copalfackeln anzuenden, von +denen oben die Rede war, drei Zoll dicke, mit Harz gefuellte Roehren von +Baumwurzeln. Wir gingen anfangs ueber kahle, glaette Felsbaenke und dann +kamen wir in sehr dichtes Palmgehoelz. Zweimal mussten wir auf Baumstaemmen +ueber einen Bach gehen. Bereits waren die Fackeln erloschen; dieselben sind +wunderlich zusammengesetzt (der hoelzerne Docht umgibt das Harz), geben +mehr Rauch als Licht und gehen leicht aus. Unser Gefaehrte, Don Nicolas +Soto, verlor das Gleichgewicht, als er auf einem runden Stamm ueber den +Sumpf ging. Wir waren anfangs sehr besorgt um ihn, da wir nicht wussten, +wie hoch er hinuntergefallen war. Zum Glueck war der Grund nicht tief und +er hatte sich nicht verletzt. Der indianische Steuermann, der sich +ziemlich fertig auf spanisch ausdrueckte, ermangelte nicht, davon zu +sprechen, dass wir leicht von Ottern, Wasserschlangen und Tigern +angegriffen werden koennten. Solches ist eigentlich die obligate +Unterhaltung, wenn man Nachts mit den Eingeborenen unterwegs ist. Die +Indianer glauben, wenn sie dem europaeischen Reisenden Angst einjagen, sich +nothwendiger zu machen und das Vertrauen des Fremden zu gewinnen. Der +plumpste Bursche in den Missionen ist mit den Kniffen bekannt, wie sie +ueberall im Schwange sind, wo Menschen von sehr verschiedenem Stand und +Bildungsgrad mit einander verkehren. Unter dem absoluten und hie und da +etwas quaelerischen Regiment der Moenche sucht er seine Lage durch die +kleinen Kunstgriffe zu verbessern, welche die Waffen der Kindheit und +jeder physischen und geistigen Schwaeche sind. + +Da wir in der Mission *San Jose de Maypures* in der Nacht ankamen, fiel +uns der Anblick und die Veroedung des Orts doppelt auf. Die Indianer lagen +im tiefsten Schlaf; man hoerte nichts als das Geschrei der Nachtvoegel und +das ferne Tosen des Katarakts. In der Stille der Nacht, in dieser tiefen +Ruhe der Natur hat das eintoenige Brausen eines Wasserfalls etwas +Niederschlagendes, Drohendes. Wir blieben drei Tage in Maypures, einem +kleinen Dorfe, das von Don Jose Solano bei der Grenzexpedition gegruendet +wurde, und das noch malerischer, man kann wohl sagen wundervoller liegt +als Atures. + +Der Raudal von Maypures, von den Indianern *Quittuna* genannt, entsteht, +wie alle Wasserfaelle, durch den Widerstand den der Fluss findet, indem er +sich durch einen Felsgrat oder eine Bergkette Bahn bricht. Wer den +Charakter des Orts kennen lernen will, den verweise ich auf den Plan, den +ich an Ort und Stelle aufgenommen, um dem Generalgouverneur von Caracas +den Beweis zu liefern, dass sich der Raudal umgehen und die Schifffahrt +bedeutend erleichtern liesse, wenn man zwischen zwei Nebenfluessen des +Orinoco, in einem Thal, das frueher das Strombett gewesen zu seyn scheint, +einen Canal anlegte. Die hohen Berge Cunavami und Calitamini, zwischen den +Quellen der Fluesse Cataniapo und Ventuari, laufen gegen West in eine Kette +von Granithuegeln aus. Von dieser Kette kommen drei Fluesschen herab, die den +Katarakt von Maypures gleichsam umfassen, naemlich am oestlichen Ufer der +Sanariapo, am westlichen der Cameji und der Toparo. Dem Dorfe Maypures +gegenueber ziehen sich die Berge in einem Bogen zurueck und bilden, wie eine +felsigte Kueste, eine nach Suedwest offene Bucht. Zwischen dem Einfluss des +Toparo und dem des Sanariapo, am westlichen Ende dieses grossartigen +Amphitheaters, ist der Durchbruch des Stromes erfolgt. + +Gegenwaertig fliesst der Orinoco am Fuss der oestlichen Bergkette. Vom +westlichen Landstrich hat er sich ganz weggezogen, und dort, in einem +tiefen Grunde, erkennt man noch leicht das alte Ufer. Eine Grasflur, kaum +dreissig Fuss ueber dem mittleren Wasserstand, breitet sich von diesem +trockenen Grunde bis zu den Katarakten aus. Hier steht aus Palmstaemmen die +kleine Kirche von Maypures und umher sieben oder acht Huetten. Im trockenen +Grund, der in gerader Linie von Sued nach Nord laeuft, vom Cameji zum +Toparo, liegen eine Menge einzeln stehender Granithuegel, ganz aehnlich +denen, die als Inseln und Klippen im jetzigen Strombett stehen. Diese ganz +aehnliche Gestaltung fiel mir auf, als ich die Felsen Keri und Oco im +verlassenen Strombett westlich von Maypures mit den Inseln Ouvitari und +Camanitamini verglich, die oestlich von der Mission gleich alten Burgen +mitten aus den Katarakten ragen. Der geologische Charakter der Gegend, das +inselhafte Ansehen auch der vom gegenwaertigen Stromufer entlegensten +Huegel, die Loecher, welche das Wasser im Felsen Oco ausgespuelt zu haben +scheint, und die genau im selben Niveau liegen (25--30 Toisen hoch) wie +die Hoehlungen an der Insel Ouvitari gegenueber -- alle diese Umstaende +zusammen beweisen, dass diese ganze, jetzt trockene Bucht ehemals unter +Wasser stand. Das Wasser bildete hier wahrscheinlich einen See, da es +wegen des Dammes gegen Nord nicht abfliessen konnte; als aber dieser Damm +durchbrochen wurde, erschien die Grasflur um die Mission zuerst als eine +ganz niedrige, von zwei Armen desselben Flusses umgebene Insel. Man kann +annehmen, der Orinoco habe noch eine Zeitlang den Grund ausgefuellt, den +wir nach dem Fels, der darin steht, den Keri-Grund nennen wollen; erst als +das Wasser allmaelig fiel, zog es sich ganz gegen die oestliche Kette und +liess den westlichen Stromarm trocken liegen. Streifen, deren schwarze +Farbe ohne Zweifel von Eisen- und Manganoxyden herruehrt, scheinen die +Richtigkeit dieser Ansicht zu beweisen. Man findet dieselben auf allem +Gestein, weit weg von der Mission, und sie weisen darauf hin, dass hier +einst das Wasser gestanden. Geht man den Fluss hinauf, so ladet man die +Fahrzeuge am Einfluss des Toparo in den Orinoco aus und uebergibt sie den +Eingeborenen, die den Raudal so genau kennen, dass sie fuer jede Staffel +einen besondern Namen haben. Sie bringen die Canoes bis zum Einfluss des +Cameji, wo die Gefahr fuer ueberstanden gilt. + +Der Katarakt von Quittuna oder Maypures stellt sich in den zwei +Zeitpunkten, in denen ich denselben beim Hinab- und beim Hinauffahren +beobachten konnte, unter folgendem Bilde dar. Er besteht, wie der von +Mapara oder Atures, aus einem Archipel von Inseln, die auf einer Strecke +von 3000 Toisen das Strombett verstopfen, und aus Felsdaemmen zwischen +diesen Inseln. Die berufensten unter diesen Daemmen oder natuerlichen Wehren +sind: *Purimarimi*, *Manimi* und der *Salto de la Sardina* (der +Sardellensprung). Ich nenne sie in der Ordnung, wie ich sie von Sued nach +Nord auf einander folgen sah. Die letztere dieser drei Staffeln ist gegen +neun Fuss hoch und bildet, ihrer Breite wegen, einen prachtvollen Fall. +Aber, ich muss das wiederholen: das Getoese, mit dem die Wasser +niederstuerzen, gegen einander stossen und zerstaeuben, haengt nicht sowohl +von der absoluten Hoehe jeder Staffel, jedes Querdammes ab, als vielmehr +von der Menge der Strudel, von der Stellung der Inseln und Klippen am Fuss +der Raudalitos oder partiellen Faelle, von der groesseren oder geringeren +Weite der Kanaele, in denen das Fahrwasser oft nur 20--30 Fuss breit ist. +Die oestliche Haelfte der Katarakten von Maypures ist weit gefaehrlicher als +die westliche, wesshalb auch die indianischen Steuerleute die Canoes +vorzugsweise am linken Ufer hinauf- und hinabschaffen. Leider liegt bei +niedrigem Wasser dieses Ufer zum Theil trocken, und dann muss man die +Piroguen *tragen*, das heisst auf Walzen oder runden Baumstaemmen schleppen. +Wir haben schon oben bemerkt, dass bei Hochwasser (aber nur dann) der +Raudal von Maypures leichter zu passiren ist als der von Atures. + +Um diese wilde Landschaft in ihrer ganzen Grossartigkeit mit Einem Blicke +zu umfassen, muss man sich auf den Huegel Manimi stellen, einen Granitgrat, +der noerdlich von der Missionskirche aus der Savane aufsteigt und nichts +ist als eine Fortsetzung der Staffeln, aus denen der Raudalito Manimi +besteht. Wir waren oft auf diesem Berge, denn man sieht sich nicht satt an +diesem ausserordentlichen Schauspiel in einem der entlegensten Erdwinkel. +Hat man den Gipfel des Felsen erreicht, so liegt auf einmal, eine Meile +weit, eine Schaumflaeche vor einem da, aus der ungeheure Steinmassen +eisenschwarz aufragen. Die einen sind, je zwei und zwei beisammen, +abgerundete Massen, Basalthuegeln aehnlich; andere gleichen Thuermen, +Castellen, zerfallenen Gebaeuden. Ihre duestere Faerbung hebt sich scharf vom +Silberglanze des Wasserschaums ab. Jeder Fels, jede Insel ist mit Gruppen +kraeftiger Baeume bewachsen. Vom Fuss dieser Felsen an schwebt, so weit das +Auge reicht, eine dichte Dunstmasse ueber dem Strom, und ueber den +weisslichen Nebel schiesst der Wipfel der hohen Palmen empor. Diese +grossartigen Gewaechse -- wie nennt man sie? Ich glaube es ist der +_Vadgiai_, eine neue Art der Gattung _Oreodoxa_, deren Stamm ueber 80 Fuss +hoch ist. Die einen Federbusch bildenden Blaetter dieser Palme sind sehr +glaenzend und steigen fast gerade himmelan. Zu jeder Tagesstunde nimmt sich +die Schaumflaeche wieder anders aus. Bald werfen die hohen Eilande und die +Palmen ihre gewaltigen Schatten darueber, bald bricht sich der Strahl der +untergehenden Sonne in der feuchten Wolke, die den Katarakt einhuellt. +Farbige Bogen bilden sich, verschwinden und erscheinen wieder, und im +Spiel der Luefte schwebt ihr Bild ueber der Flaeche. + +Solches ist der Charakter der Landschaft, wie sie auf dem Huegel Manimi vor +einem liegt, und die noch kein Reisender beschrieben hat. Ich wiederhole, +was ich schon einmal geaeussert: weder die Zeit, noch der Anblick der +Cordilleren und der Aufenthalt in den gemaessigten Thaelern von Mexico haben +den tiefen Eindruck verwischt, den das Schauspiel der Katarakten auf mich +gemacht. Lese ich eine Beschreibung indischer Landschaften, deren +Hauptreize stroemende Wasser und ein kraeftiger Pflanzenwuchs sind, so +schwebt mir ein Schaummeer vor, und Palmen, deren Kronen ueber einer +Dunstschicht emporragen. Es ist mit den grossartigen Naturscenen, wie mit +dem Hoechsten in Poesie und Kunst: sie lassen Erinnerungen zurueck, die +immer wieder wach werden und sich unser Lebenlang in unsere Empfindung +mischen, so oft etwas Grosses und Schoenes uns die Seele bewegt. + +Die Stille in der Luft und das Toben der Wasser bilden einen Gegensatz, +wie er diesem Himmelsstriche eigenthuemlich ist. Nie bewegt hier ein +Windhauch das Laub der Baeume, nie truebt eine Wolke den Glanz des blauen +Himmelsgewoelbes; eine gewaltige Lichtmasse ist durch die Luft verbreitet, +ueber dem Boden, den Gewaechse mit glaenzenden Blaettern bedecken, ueber dem +Strom, der sich unabsehbar hinbreitet. Dieser Anblick hat fuer den +Reisenden, der im Norden von Europa zu Hause ist, etwas ganz Befremdendes. +Stellt er sich eine wilde Landschaft vor, einen Strom, der von Fels zu +Fels niederstuerzt, so denkt er sich auch ein Klima dazu, in dem gar oft +der Donner aus dem Gewoelk mit dem Donner der Wasserfaelle sich mischt, wo +am duestern, nebligten Tage die Wolken in das Thal herunter steigen und in +den Wipfeln der Tannen haengen. In den Niederungen der Festlaender unter den +Tropen hat die Landschaft eine ganz eigene Physiognomie, eine +Grossartigkeit und eine Ruhe, die selbst da sich nicht verlaeugnet, wo eines +der Elemente mit unueberwindlichen Hindernissen zu kaempfen hat. In der Naehe +des Aequators kommen heftige Stuerme und Ungewitter nur auf den Inseln, in +pflanzenlosen Wuesten, kurz ueberall da vor, wo die Luft auf Flaechen mit +sehr abweichender Strahlung ruht. + +Der Huegel Manimi bildet die oestliche Grenze einer Ebene, aus der man +dieselben, fuer die Geschichte der Vegetation, das heisst ihrer allmaehligen +Entwicklung auf nackten, kahlen Bodenstrecken wichtigen Erscheinungen +beobachtet, wie wir sie oben beim Raudal von Atures beschrieben. In der +Regenzeit schwemmt das Wasser Dammerde aus dem Granitgestein zusammen, +dessen kahle Baenke wagerecht daliegen. Diese mit den schoensten, +wohlriechendsten Gewaechsen geschmueckten Landeilande gleichen den mit +Blumen bedeckten Granitbloecken, welche die Alpenbewohner Jardins oder +Courtils nennen, und die in Savoyen mitten aus den Gletschern emporragen. +Mitten in den Katarakten auf ziemlich schwer zugaenglichen Klippen waechst +die Vanille. Bonpland hat ungemein gewuerzreiche und ausserordentlich lange +Schoten gebrochen. + +An einem Platz, wo wir Tags zuvor gebadet hatten, am Fuss des Felsen +Manimi, schlugen die Indianer eine sieben und einen halben Fuss lange +Schlange todt, die wir mit Musse untersuchen konnten. Die Macos nannten sie +_Camudu_; der Ruecken hatte auf schoen gelbem Grunde theils schwarze, theils +braungruene Querstreifen, am Bauch waren die Streifen blau und bildeten +rautenfoermige Flecken. Es war ein schoenes, nicht giftiges Thier, das, wie +die Eingeborenen behaupten, ueber 15 Fuss lang wird. Ich hielt den Camudu +Anfangs fuer eine Boa, sah aber zu meiner Ueberraschung, dass bei ihm die +Platten unter dem Schwanze in zwei Reihen getheilt waren. Es war also eine +Natter, vielleicht ein *Python* des neuen Continents; ich sage vielleicht, +denn grosse Naturforscher (CUVIER) scheinen anzunehmen, dass alle Pythons +der alten, alle Boas der neuen Welt angehoeren. Da die Boa des Plinius(47) +eine afrikanische und suedeuropaeische Schlange war, so haette DAUDIN wohl +die amerikanischen Boas Pythons und die indischen Pythons Boas nennen +sollen. Die erste Kunde von einem ungeheuern Reptil, das Menschen, sogar +grosse Vierfuesser packt, sich um sie schlingt und ihnen so die Knochen +zerbricht, das Ziegen und Rehe verschlingt, kam uns zuerst aus Indien und +von der Kueste von Guinea zu. So wenig an Namen gelegen ist, so gewoehnt man +sich doch nur schwer daran, dass es in der Halbkugel, in der Virgil die +Qualen Laokoons besungen hat (die asiatischen Griechen hatten die Sage +weit suedlicheren Voelkern entlehnt), keine _Boa constrictor_ geben soll. +Ich will die Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur nicht durch neue +Vorschlaege zur Abaenderung vermehren, und bemerke nur, dass, wo nicht der +grosse Haufen der Colonisten in Guyana, doch die Missionaere und die +*latinisirten* Indianer in den Missionen [S. Bd. II. Seite 24] ganz gut +die _Traga Venadas_ (Zauberschlangen, aechte Boas mit einfachen +Afterschuppen) von den _Culebras de agua_, den dem Camudu aehnlichen +Wasserottern (Pythons mit doppelten Afterschuppen), unterscheiden. Die +Traga Venadas haben auf dem Ruecken keine Querstreifen, sondern eine Kette +rautenfoermiger oder sechseckiger Flecken. Manche Arten leben vorzugsweise +an ganz trockenen Orten, andere lieben das Wasser, wie die Pythons oder +_Culebras de agua_. + +Geht man nach Westen, so sieht man die runden Huegel oder Eilande im +verlassenen Orinocoarm mit denselben Palmen bewachsen, die auf den Felsen +in den Katarakten stehen. Einer dieser Felsen, der sogenannte Keri, ist im +Lande beruehmt wegen eines weissen, weithin glaenzenden Flecks, in dem die +Eingeborenen ein Bild des Vollmonds sehen wollen. Ich konnte die steile +Felswand nicht erklimmen, wahrscheinlich aber ist der weisse Fleck ein +maechtiger Quarzknoten, wie zusammenscharende Gaenge sie im Granit, der in +Gneiss uebergeht, haeufig bilden. Gegenueber dem Keri oder *Mondfelsen*, am +Zwillingshuegel Ouivitari, der ein Eiland mitten in den Katarakten ist, +zeigen einem die Indianer mit geheimnissvoller Wichtigkeit einen aehnlichen +weissen Fleck. Derselbe ist scheibenfoermig, und sie sagen, es sey das Bild +der Sonne, Camosi. Vielleicht hat die geographische Lage dieser beiden +Dinge Veranlassung gegeben, sie so zu benennen; Keri liegt gegen +Untergang, Camosi gegen Aufgang. Da die Sprachen die aeltesten +geschichtlichen Denkmaeler der Voelker sind, so haben die Sprachforscher die +Aehnlichkeit des amerikanischen Wortes _Camosi_ mit dem Worte _Camosch_, +das in einem semitischen Dialekt urspruenglich Sonne bedeutet zu haben +scheint, sehr auffallend gefunden. Diese Aehnlichkeit hat zu Hypothesen +Anlass gegeben, die mir zum wenigsten sehr gewagt scheinen.(48) Der Gott +der Moabiter, Chamos oder Camosch, der den Gelehrten so viel zu schaffen +gemacht hat, der Apollo Chomeus, von dem Strabo und Ammianus Marcellinus +sprechen, Beelphegor, Amun oder Hamon und Adonis bedeuten ohne Zweifel +alle die Sonne im Wintersolstitium; was will man aber aus einer einzelnen, +zufaelligen Lautaehnlichkeit in Sprachen schliessen, die sonst nichts mit +einander gemein haben? + +Betrachtet man die Namen der von den spanischen Moenchen gestifteten +Missionen, so irrt man sich leicht hinsichtlich der Bevoelkerungselemente, +mit denen sie gegruendet worden. Nach Encaramada und Atures brachten die +Jesuiten, als sie diese Doerfer erbauten, Maypures-Indianer, aber die +Mission Maypures selbst wurde nicht mit Indianern dieses Namens gegruendet, +vielmehr mit Guipunabis-Indianern, die von den Ufern des Irinida stammen +und nach der Sprachverwandtschaft, sammt den Maypures, Cabres, Avani und +vielleicht den Parent, demselben Zweig der Orinocovoelker angehoeren. Zur +Zeit der Jesuiten war die Mission am Raudal von Maypures sehr ansehnlich; +sie zaehlte 600 Einwohner, darunter mehrere weisse Familien. Unter der +Verwaltung der Observanten ist die Bevoelkerung auf weniger als 60 +herabgesunken. Man kann ueberhaupt annehmen, dass in diesem Theile von +Suedamerika die Cultur seit einem halben Jahrhundert zurueckgegangen ist, +waehrend wir jenseits der Waelder, in den Provinzen in der Naehe der See, +Doerfer mit 2000--3000 Indianern finden. Die Einwohner von Maypures sind +ein sanftmuethiges, maessiges Volk, das sich auch durch grosse Reinlichkeit +auszeichnet. Die meisten Wilden am Orinoco haben nicht den wuesten Hang zu +geistigen Getraenken, dem man in Nordamerika begegnet. Die Otomacos, +Jaruros, Achaguas und Caraiben berauschen sich allerdings oft durch den +uebermaessigen Genuss der _Chiza_ und so mancher andern gegohrenen Getraenke, +die sie aus Manioc, Mais und zuckerhaltigen Palmfruechten zu bereiten +wissen; die Reisenden haben aber, wie gewoehnlich, fuer allgemeine Sitte +ausgegeben, was nur einzelnen Staemmen zukommt. Sehr oft konnten wir +Guahibos oder Macos-Piaroas, die fuer uns arbeiteten und sehr erschoepft +schienen, nicht vermoegen, auch nur ein wenig Branntwein zu trinken. Die +Europaeer muessen erst laenger in diesen Laendern gesessen haben, ehe sich die +Laster ausbreiten, die unter den Indianern an den Kuesten bereits so gemein +sind. In Maypures fanden wir in den Huetten der Eingeborenen eine Ordnung +und eine Reinlichkeit, wie man denselben in den Haeusern der Missionaere +selten begegnet. + +Sie bauen Bananen und Manioc, aber keinen Mais. Siebzig bis achtzig Pfund +Manioc in Kuchen oder duennen Scheiben, das landesuebliche Brod, kosten +sechs Silberrealen, ungefaehr vier Franken. Wie die meisten Indianer am +Orinoco haben auch die in Maypures Getraenke, die man nahrhafte nennen +kann. Eines dieser Getraenke, das im Lande sehr beruehmt ist, wird von einer +Palme gewonnen, die in der Naehe der Mission, am Ufer des Auvana wild +waechst. Dieser Baum ist der Seje; ich habe an Einer Bluethentraube 44,000 +Bluethen geschaetzt; der Fruechte, die meist unreif abfallen, waren 8000. Es +ist eine kleine fleischigte Steinfrucht. Man wirft sie ein paar Minuten +lang in kochendes Wasser, damit sich der Kern vom Fleische trennt, das +zuckersuess ist, und sofort in einem grossen Gefaess mit Wasser zerstampft und +zerrieben wird. Der kalte Aufguss gibt eine gelblichte Fluessigkeit, die wie +Mandelmilch schmeckt. Man setzt manchmal _Papelon_ oder Rohzucker zu. Der +Missionar versichert, die Eingeborenen werden in den zwei bis drei +Monaten, wo sie Seje-Saft trinken, sichtlich fetter; sie brocken +Cassavekuchen hinein. Die _Piaches_, oder indianischen Gaukler, gehen in +die Waelder und blasen unter der Sejepalme auf dem _Botuto_ (der heiligen +Trompete). "Dadurch", sagen sie, "wird der Baum gezwungen im folgenden +Jahr reichen Ertrag zu geben." Das Volk bezahlt fuer diese Ceremonie, wie +man bei den Mongolen, Mauren, und manchen Voelkern noch naeher bei uns, +Schamanen, Marabouts und andere Arten von Priestern dafuer bezahlt, dass sie +mit Zauberspruechen oder Gebeten die weissen Ameisen und die Heuschrecken +vertreiben, oder lang anhaltendem Regen ein Ende machen und die Ordnung +der Jahreszeiten verkehren. + +"_Tengo en mi pueblo la fabrica de loza._" (ich habe in meinem Dorfe eine +Steingutfabrik), sprach Pater Zea und fuehrte uns zu einer indianischen +Familie, die beschaeftigt war, unter freiem Himmel an einem Feuer von +Strauchwerk grosse, zwei und einen halben Fuss hohe Thongefaesse zu brennen. +Dieses Gewerbe ist den verschiedenen Zweigen des grossen Volksstamms der +Maypures eigenthuemlich und sie scheinen dasselbe seit unvordenklicher Zeit +zu treiben. Ueberall in den Waeldern, weit von jedem menschlichen Wohnsitz, +stoesst man, wenn man den Boden aufgraebt, auf Scherben von Toepfen und +bemaltem Steingut. Die Liebhaberei fuer diese Arbeit scheint frueher unter +den Ureinwohnern Nord- und Suedamerikas gleich verbreitet gewesen zu seyn. +Im Norden von Mexico, am Rio Gila, in den Truemmern einer aztekischen +Stadt, in den Vereinigten Staaten bei den Grabhuegeln der Miamis, in +Florida und ueberall, wo sich Spuren einer alten Cultur finden, birgt der +Boden Scherben von bemalten Geschirren. Und hoechst auffallend ist die +durchgaengige grosse Aehnlichkeit der Verzierungen. Die wilden und solche +civilisirten Voelker, die durch ihre staatlichen und religioesen +Einrichtungen dazu verurtheilt sind, immer nur sich selbst zu copiren, +(49) treibt ein gewisser Instinkt, immer dieselben Formen zu wiederholen, +an einem eigenthuemlichen Typus oder Styl festzuhalten, immer nach +denselben Handgriffen und Methoden zu arbeiten, wie schon die Vorfahren +sie gekannt. In Nordamerika wurden Steingutscherben an den +Befestigungslinien und in den Ringwaellen gefunden, die von einem +unbekannten, gaenzlich ausgestorbenen Volke herruehren. Die Malereien auf +diesen Scherben haben die auffallendste Aehnlichkeit mit denen, welche die +Eingeborenen von Louisiana und Florida noch jetzt auf gebranntem Thon +anbringen. So malten denn auch die Indianer in Maypures unter unsern Augen +Verzierungen, ganz wie wir sie in der Hoehle von Ataruipe auf den Gefaessen +gesehen, in denen menschliche Gebeine aufbewahrt sind. Es sind wahre +"_'Grecques'_" Maeanderlinien, Figuren von Krokodilen, von Affen, und von +einem grossen vierfuessigen Thier, von dem ich nicht wusste, was es vorstellen +soll, das aber immer dieselbe plumpe Gestalt hat. Ich koennte bei dieser +Gelegenheit eines Kopfs mit einem Elephantenruessel gedenken, den ich im +Museum zu Velletri auf einem alten mexicanischen Gemaelde gefunden; ich +koennte keck die Hypothese aufstellen, das grosse vierfuessige Thier auf den +Toepfen der Maypures gehoere einem andern Lande an und der Typus desselben +habe sich auf der grossen Wanderung der amerikanischen Voelker von Nordwest +nach Sued und Suedost in der Erinnerung erhalten; wer wollte sich aber bei +so schwankenden, auf nichts sich stuetzenden Vermuthungen aufhalten? Ich +moechte vielmehr glauben, die Indianer am Orinoco haben einen Tapir +vorstellen wollen, und die verzeichnete Figur eines einheimischen Thiers +sey einer der Typen geworden, die sich forterben. Oft hat nur Ungeschick +und Zufall Figuren erzeugt, ueber deren Herkunft wir gar ernsthaft +verhandeln, weil wir nicht anders glauben, als es liege ihnen eine +Gedankenverbindung, eine absichtliche Nachahmung zu Grunde. + +Am geschicktesten fuehren die Maypures Verzierungen aus geraden, mannigfach +combinirten Linien aus, wie wir sie auf den grossgriechischen Vasen, auf +den mexicanischen Gebaeuden in Mitla und auf den Werken so vieler Voelker +sehen, die, ohne dass sie mit einander in Verkehr gestanden, eben gleiches +Vergnuegen daran finden, symmetrisch dieselben Formen zu wiederholen. Die +Arabesken, die Maeander vergnuegen unser Auge, weil die Elemente, aus denen +die Baender bestehen, in rhythmischer Folge an einander gereiht sind. Das +Auge verhaelt sich zu dieser Anordnung, zu dieser periodischen Wiederkehr +derselben Formen wie das Ohr zur taktmaessigen Aufeinanderfolge von Toenen +und Accorden. Kann man aber in Abrede ziehen, dass beim Menschen das Gefuehl +fuer den Rhythmus schon beim ersten Morgenroth der Cultur, in den rohesten +Anfaengen von Gesang und Poesie zum Ausdruck kommt? + +Die Eingeborenen in Maypures (und besonders die Weiber verfertigen das +Geschirr) reinigen den Thon durch wiederholtes Schlemmen, kneten ihn zu +Cylindern und arbeiten mit den Haenden die groessten Gefaesse aus; Der +amerikanische Indianer weiss nichts von der Toepferscheibe, die sich bei den +Voelkern des Orients aus dem fruehesten Alterthum herschreibt. Man kann sich +nicht wundern, dass die Missionaere die Eingeborenen am Orinoco nicht mit +diesem einfachen, nuetzlichen Werkzeug bekannt gemacht haben, wenn man +bedenkt, dass es nach drei Jahrhunderten noch nicht zu den Indianern auf +der Halbinsel Araya, dem Hafen von Cumana gegenueber, gedrungen ist.[S. +Bd. I. Seite 273] Die Farben der Maypures sind Eisen- und Manganoxyde, +besonders gelber und rother Ocker, der in Hoehlungen des Sandsteins +vorkommt. Zuweilen wendet man das Satzmehl der _Bignonia Chica_ an, +nachdem das Geschirr einem ganz schwachen Feuer ausgesetzt worden. Man +ueberzieht die Malerei mit einem Firniss von _Algarobo_, dem durchsichtigen +Harz der _Hymenaea Courbaril_. Die grossen Gefaesse zur Aufbewahrung der +_Chiza_ heissen _Ciamacu_, die kleineren _Mucra_, woraus die Spanier an der +Kueste _Murcura_ gemacht haben. Uebrigens weiss man am Orinoco nicht allein +von den Maypures, sondern auch von den Guaypunabis, Caraiben, Otomacos und +selbst von den Guamos, dass sie Geschirr mit Malereien verfertigen. Frueher +war dieses Gewerbe bis zum Amazonenstrom hin verbreitet. Schon ORELLANA +fielen die gemalten Verzierungen auf dem Geschirr der Omaguas aus, die zu +seiner Zeit ein zahlreiches, handeltreibendes Volk waren. + +Ehe ich von diesen Spuren eines keimenden Gewerbfleisses bei Voelkern, die +wir ohne Unterschied als Wilde bezeichnen, zu etwas Anderem uebergehe, +mache ich noch eine Bemerkung, die ueber die Geschichte der amerikanischen +Civilisation einiges Licht verbreiten kann. In den Vereinigten Staaten, +ostwaerts von den Alleghanis, besonders zwischen dem Ohio und den grossen +canadischen Seen, findet man im Boden fast ueberall bemalte Topfscherben +und daneben kupferne Werkzeuge. Diess erscheint auffallend in einem Lande, +wo die Eingeborenen bei der Ankunft der Europaeer mit dem Gebrauch der +Metalle unbekannt waren. In den Waeldern von Suedamerika, die sich vom +Aequator bis zum achten Grad noerdlicher Breite, das heisst vom Fusse der +Anden bis zum atlantischen Meer ausdehnen, findet man dasselbe bemalte +Toepfergeschirr an den einsamsten Orten; aber es kommen damit nur kuenstlich +durchbohrte Aexte aus Nephrit und anderem hartem Stein vor. Niemals hat +man dort im Boden Werkzeuge oder Schmucksachen aus Metall gefunden, +obgleich man in den Gebirgen an der Kueste und auf dem Ruecken der +Cordilleren Gold und Kupfer zu schmelzen und letzteres mit Zinn zur +Verfertigung von schneidenden Werkzeugen zu legiren verstand. Woher ruehrt +dieser scharfe Gegensatz zwischen der gemaessigten und der heissen Zone? Die +peruanischen Incas hatten ihre Eroberungen und Religionskriege bis an den +Napo und den Amazonenstrom ausgedehnt, und dort hatte sich auch ihre +Sprache auf einem beschraenkten Landstrich verbreitet; aber niemals scheint +die Cultur der Peruaner, der Bewohner von Quito und der Muyscas in +Neu-Grenada auf den moralischen Zustand der Voelker von Guyana irgend einen +merklichen Einfluss geaeussert zu haben. Noch mehr: in Nordamerika, zwischen +dem Ohio, dem Miami und den Seen, hat ein unbekanntes Volk, das die +Systematiker von den Tolteken und Azteken abstammen lassen moechten, aus +Erde, zuweilen sogar aus Steinen(50) ohne Moertel zehn bis fuenfzehn Fuss +hohe und sieben bis achttausend Fuss lange Mauern gebaut. Diese +raethselhaften Ringwaelle und Ringmauern umschliessen oft gegen 150 Morgen +Land. Bei den Niederungen am Orinoco, wie bei den Niederungen an der +Marietta, am Miami und Ohio liegt der Mittelpunkt einer alten Cultur +westwaerts auf dem Ruecken der Gebirge; aber der Orinoco und die Laender +zwischen diesem grossen Fluss und dem Amazonenstrom scheinen niemals von +Voelkern bewohnt gewesen zu seyn, deren Bauten dem Zahn der Zeit +widerstanden haetten. Sieht man dort auch symbolische Figuren ins haerteste +Felsgestein eingegraben, so hat man doch suedlich vom achten Breitengrade +bis jetzt nie weder einen Grabhuegel, noch einen Ringwall, noch Erddaemme +gefunden, wie sie weiter nordwaerts auf den Ebenen von Barinas und Canagua +vorkommen. Solches ist der Gegensatz zwischen den oestlichen Stuecken der +beiden Amerika, zwischen denen, die sich von der Hochebene von +Cundinamarca und den Gebirgen von Cayenne gegen das atlantische Meer +ausbreiten, und denen, die von den Anden von Neu-Spanien gegen die +Alleghanis hinstreichen. In der Cultur vorgeschrittene Voelker, deren +Spuren uns am Ufer des Sees Teguyo und in den *Casas grandes* am Rio Gila +entgegen treten, mochten einzelne Staemme gegen Ost in die offenen Fluren +am Missouri und Ohio vorschieben, wo das Klima nicht viel anders ist als +in Neu-Mexico; aber in Suedamerika, wo die grosse Voelkerstroemung von Nord +nach Sued ging, konnten Menschen, die schon so lange auf dem Ruecken der +tropischen Cordilleren einer milden Temperatur genossen, keine Lust haben, +in die gluehend heissen, mit Urwald bedeckten, periodisch von den Fluessen +ueberschwemmten Ebenen niederzusteigen. Man sieht leicht, wie in der heissen +Zone die Ueberfuelle des Pflanzenwuchses, die Beschaffenheit von Boden und +Klima die Wanderungen der Eingeborenen in starken Haufen beschraenkten, +Niederlassungen, die eines weiten freien Raumes beduerfen, nicht aufkommen +liessen, das Elend und die Versunkenheit der vereinzelten Horden +verewigten. + +Heutzutage geht die schwache Cultur, wie die spanischen Moenche sie +eingefuehrt, wieder rueckwaerts. PATER GILI berichtet, zur Zeit der +Grenzexpedition habe der Ackerbau am Orinoco angefangen Fortschritte zu +machen; das Vieh, besonders die Ziegen hatten sich in Maypures bedeutend +vermehrt. Wir haben weder in dieser Mission, noch sonst in einem Dorfe am +Orinoco mehr welche angetroffen; die Tiger haben die Ziegen gefressen. Nur +die schwarzen und weissen Schweine (letztere heissen franzoesische Schweine, +_puercos franceses_ weil man glaubt, sie seyen von den Antillen gekommen) +haben trotz der reissenden Thiere ausgedauert. Mit grossem Interesse sahen +wir um die Huetten der Indianer _'Guacamayas'_ oder zahme Aras, die auf den +Feldern herumflogen wie bei uns die Tauben. Es ist diess die groesste und +praechtigste Papagaienart mit nicht befiederten Wangen, die wir aus unsern +Reisen angetroffen. Sie misst mit dem Schwanz 2 Fuss 3 Zoll, und wir haben +sie auch am Atabapo, Temi und Rio Negro gefunden. Das Fleisch des _Cahuei_ +-- so heisst hier der Vogel -- das haeufig gegessen wird, ist schwarz und +etwas hart. Diese Aras, deren Gefieder in den brennendsten Farben, +purpurroth, blau und gelb, schimmert, sind eine grosse Zierde der +indianischen Huehnerhoefe. Sie stehen an Pracht den Pfauen, Goldfasanen, +Pauxis und Alectors nicht nach. Die Sitte, Papagaien, Voegel aus einer dem +Huehnergeschlecht so ferne stehenden Familie aufzuziehen, war schon +CHRISTOPH COLUMBUS aufgefallen. Gleich bei der Entdeckung Amerikas hatte +er beobachtet, dass die Eingeborenen auf den Antillen statt Huehner Aras +oder grosse Papagaien assen. + +Beim kleinen Dorfe Maypures waechst ein praechtiger, ueber 60 Fuss hoher Baum, +den die Colonisten _'Frutta de Burro'_ nennen. Es ist eine neue Gattung +_Unona_, die den Habitus von AUBLETs _Uvaria Zeylandica_ hat und die ich +frueher _Uvaria febrifuga_ benannt hatte. Ihre Zweige sind gerade und +stehen pyramidalisch aufwaerts, fast wie bei der Pappel vom Mississippi, +faelschlich italienische Pappel genannt. Der Baum ist beruehmt, weil seine +aromatischen Fruechte, als Ausguss gebraucht, ein wirksames Fiebermittel +sind. Die armen Missionare am Orinoco, die den groessten Theil des Jahres am +dreitaegigen Fieber leiden, reisen nicht leicht, ohne ein Saeckchen mit +_fruttas de Burro_ bei sich zu fuehren. Unter den Tropen braucht man meist +lieber aromatische Mittel, z. B. sehr starken Kaffee, _Croton Cascarilla_ +oder die Fruchthuelle unserer Unona, als die adstringirenden Rinden der +_Cinchona_ und der _Bonplandia trifoliata_ welch letztere die China von +Angostura ist. Das amerikanische Volk hat ein tief wurzelndes Vorurtheil +gegen den Gebrauch der verschiedenen Chinaarten, und in dem Lande, wo +dieses herrliche Heilmittel waechst, sucht man die Fieber durch Aufguesse +von _Scoparia dulcis_ _'abzuschneiden'_, oder auch durch warme Limonade +aus Zucker und der kleinen wilden Citrone, deren Rinde oeligt und +aromatisch zugleich ist. + +Das Wetter war astronomischen Beobachtungen nicht guenstig; indessen +erhielt ich doch am 20. April eine gute Reihe eorrespondirender +Sonnenhoehen, nach denen der Chronometer fuer die Mission Maypures +70 deg. 37{~PRIME~} 33{~DOUBLE PRIME~} Laenge ergab; die Breite wurde durch Beobachtung eines Sterns +gegen Norden gleich 59 deg. 13{~PRIME~} 57{~DOUBLE PRIME~} gefunden. Die neuesten Karten sind in der +Laenge um 1/2 Grad, in der Breite um 1/4 Grad unrichtig. Wie muehsam und +qualvoll diese naechtlichen Beobachtungen waren, vermoechte ich kaum zu +beschreiben. Nirgends war die Moskitowolke so dick wie hier. Sie bildete +ein paar Fuss ueber dem Boden gleichsam eine eigene Schicht und wurde immer +dichter, je naeher man gegen den kuenstlichen Horizont hinleuchtete. Die +meisten Einwohner von Maypures gehen aus dem Dorf und schlafen auf den +Inseln mitten in den Katarakten, wo es weniger Insekten gibt; andere +machen aus Strauchwerk Feuer in ihren Huetten an und haengen ihre Matten +mitten in den Rauch. Der Thermometer stand bei Nacht auf 27 und 29 deg., bei +Tag auf 30 deg.. Am 19. April fand ich um zwei Uhr Nachmittags einen losen, +grobkoernigen Granitsand 60 deg.,3 [48 deg.,2 Reaumur, Graeser von frischestem Gruen +wuchsen in diesem Sand], einen gleichfalls weissen, aber feinkoernigen und +dichteren Granitsand 52 deg.,5 heiss; die Temperatur eines kahlen Granitfelsen +war 47 deg.,6. Zu derselben Stunde zeigte der Thermometer 8 Fuss ueber dem Boden +im Schatten 29 deg.,6, in der Sonne 36 deg.,2. Eine Stunde nach Sonnenuntergang +zeigte der grobe Sand 32 deg., der Granitfels 38 deg.,8, die Luft 28 deg.,6, das +Wasser des Orinoco im Raudal, an der Oberflaeche, 27 deg.,6, das Wasser einer +schoenen Quelle, die hinter dem Haus der Missionare aus dem Granit kommt, +27 deg.,8. Es ist diess vielleicht etwas weniger als die mittlere +Jahrestemperatur der Luft in Maypures. Die Inclination der Magnetnadel in +Maypures betrug 31 deg.,10, also 1 deg.,15 weniger als im Dorfe Atures, das um +25 Minuten der Breite weiter nach Norden liegt. + +Am 21. April. Nach einem Aufenthalt von zwei und einem halben Tag im +kleinen Dorfe Maypures neben dem obern grossen Katarakt schifften wir uns +um zwei Uhr Nachmittags in derselben Pirogue wieder ein, die der Missionaer +von Carichana uns ueberlassen; sie war vom Schlagen an die Klippen und +durch die Unvorsichtigkeit der indianischen Schiffsleute ziemlich +beschaedigt; aber ihrer warteten noch groessere Fahrlichkeiten. Sie musste vom +Rio Tuamini zum Rio Negro ueber eine Landenge 36,000 Fuss weit geschleppt +werden, sie musste ueber den Cassiquiare wieder in den Orinoco herauf und +zum zweitenmal durch die beiden Raudales. Man untersuchte Boden und +Seitenwaende der Pirogue und meinte, sie sey stark genug, die lange Reise +auszuhalten. + +Sobald man ueber die grossen Katarakten weg ist, befindet man sich in einer +neuen Welt; man fuehlt es, man hat die Schranke hinter sich, welche die +Natur selbst zwischen den cultivirten Kuestenstrichen und den wilden, +unbekannten Laendern im Innern gezogen zu haben scheint. Gegen Ost in +blauer Ferne zeigte sich zum letztenmale die hohe Bergkette des Cunavami; +ihr langer wagerechter Kamm erinnert an die Gestalt der Mesa im Bergantin +bei Cumana, nur endigt sie mit einem abgestutzten Kegel. Der Pic +Calitamini (so heisst dieser Gipfel) ist bei Sonnenuntergang wie von +roethlichem Feuer bestrahlt, und zwar einen Tag wie den andern. Kein Mensch +ist je diesem Berge nahe gekommen, der nicht ueber 600 Toisen hoch ist.(51) +Ich glaube, dieser gewoehnlich roethliche, zuweilen silberweisse Schimmer ist +ein Reflex von grossen Talgblaettern oder von Gneiss, der in Glimmerschiefer +uebergeht. Das ganze Land besteht hier aus Granitgestein, dem da und dort, +auf kleinen Ebenen, unmittelbar ein thonigter Sandstein mit Quarztruemmern +und Brauneisenstein aufgelagert ist. + +Auf dem Wege zum Landungsplatz fingen wir auf einem Heveastamm [Einer der +Baeume, deren Milch Cautschuc gibt.] eine neue, durch ihre schoene Faerbung +ausgezeichnete Froschart. Der Bauch war gelb, Ruecken und Kopf schoen +sammtartig purpurfarb; ein einziger ganz schmaler weisser Streif lief von +der Spitze des Mauls zu den Hinterbeinen. Der Frosch war zwei Zoll lang, +nahe verwandt der _Rana tinctoria_, deren Blut (wie man behauptet), wenn +man es Papagaien da, wo man ihnen Federn ausgerauft, in die Haut einreibt, +macht, dass die neuen gelben oder rothen Federn scheckigt werden. Den Weg +entlang zeigten uns die Indianer etwas, was hier zu Land allerdings sehr +merkwuerdig ist, Raederspuren im Gestein. Sie sprachen, wie von einem +unbekannten Geschoepf, von den Thieren mit grossen Hoernern, welche zur Zeit +der Grenzexpedition die Fahrzeuge durch das Thal des Keri vom Rio Toparo +zum Rio Cameji gezogen, um die Katarakten zu umgehen und die Muehe des +Umladens zu ersparen. Ich glaube, diese armen Einwohner von Maypures +wunderten sich jetzt beim Anblick eines Ochsen von castilischer Race, wie +die Roemer ueber die _'lucanischen Ochsen'_ (die Elephanten im Heere des +Pyrrhus). + +Wenn man durch das Thal des Keri einen Canal zoege, der die kleinen Fluesse +Cameji und Toparo vereinigte, brauchten die Piroguen nicht mehr durch die +Raudales zu gehen. Auf diesem ganz einfachen Gedanken beruht der Plan, den +ich im ersten Entwurf durch den Generalcapitaen von Caracas, Guevara +Basconzelos, der spanischen Regierung habe vorlegen lassen. Beim Katarakt +von Maypures sind die Bodenverhaeltnisse so guenstig, wie man sie bei Atures +vergeblich suchte. Der Canal wuerde 2850 oder 1360 Toisen lang, je nachdem +man ihn nahe an der Muendung der beiden Fluesschen oder weiter ihren Quellen +zu anfangen liesse. Das Terrain scheint im Durchschnitt von Sued Sued Ost +nach Nord Nord West um 6--7 Toisen zu fallen, und im Thal des Keri ist der +Boden ganz eben, mit Ausnahme eines kleinen Kamms oder einer +Wasserscheide, welche im Parallel der Kirche von Maypures die beiden +Nebenfluesse des Stromes nach entgegengesetzten Seiten laufen laesst. Die +Ausfuehrung dieses Plans waere durchaus nicht kostspielig, da die Landenge +groesstentheils aus angeschwemmtem Boden besteht, und Pulver haette man dabei +gar nicht noethig. Dieser Canal, der nicht ueber zehn Fuss breit zu seyn +brauchte, waere als ein schiffbarer Arm des Orinoco zu betrachten. Es +beduerfte keiner Schleusse, und die Fahrzeuge, die in den obern Orinoco +gehen, wuerden nicht mehr wie jetzt durch die Reibung an den rauhen Klippen +im Raudal beschaedigt; man zoege sie hinauf, und da man die Waaren nicht +mehr auszuladen brauchte, wuerde viel Zeit erspart. Man hat die Frage +eroertert, wozu der von mir in Vorschlag gebrachte Canal dienen sollte. +Hier ist die Antwort, die ich im Jahr 1801 auf meiner Reise nach Quito dem +Ministerium ertheilt habe: "Auf den Bau eines Canals bei Maypures und +eines andern, von dem in der Folge die Rede seyn wird, lege ich nur in der +Voraussetzung Gewicht, dass die Regierung sich mit Handel und Gewerbfleiss +am obern Orinoco ernstlich beschaeftigen wollte. Unter den gegenwaertigen +Verhaeltnissen, da, wie es scheint, die Ufer des majestaetischen Stromes +gaenzlich vernachlaessigt bleiben sollen, waeren Canaele allerdings so gut wie +ueberfluessig." + +Nachdem wir uns im *Puerto de arriba* eingeschifft, gingen wir mit +ziemlicher Beschwerde ueber den Raudal de Cameji; diese Stelle gilt bei +sehr hohem Wasserstand fuer gefaehrlich. Jenseits des Raudals fanden wir den +Strom spiegelglatt. Wir uebernachteten auf einer felsigten Insel, genannt +Piedra Raton; sie ist gegen dreiviertel Meilen lang, und auch hier +wiederholt sich die interessante Erscheinung einer in der Entwicklung +begriffenen Vegetation, jener zerstreuten Gruppen von Buschwerk auf ebenem +Felsboden, wovon schon oefters die Rede war. Ich konnte in der Nacht +mehrere Sternbeobachtungen machen und fand die Breite der Insel gleich +5 deg. 4{~PRIME~} 51{~DOUBLE PRIME~}, ihre Laenge gleich 70 deg. 57{~PRIME~}. Ich konnte die im Strom reflektirten +Sternbilder benuetzen; obgleich wir uns mitten im Orinoco befanden, war die +Moskitowolke so dick, dass ich nicht die Geduld hatte, den kuenstlichen +Horizont zu richten. + +Am 22. April. Wir brachen anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang auf. Der +Morgen war feucht, aber herrlich; kein Lueftchen liess sich spueren, denn +suedlich von Atures und Maypures herrscht bestaendig Windstille. Am Rio +Negro und Cassiquiare, am Fuss des Cerro Duida in der Mission Santa Barbara +hoerten wir niemals das Rauschen des Laubs, das in heissen Laendern einen +ganz eigenthuemlichen Reiz hat. Die Kruemmungen des Stroms, die schuetzenden +Berge, die undurchdringlichen Waelder und der Regen, der einen bis zwei +Grade noerdlich vom Aequator fast gar nicht aussetzt, moegen diese +Erscheinung veranlassen, die den Missionen am Orinoco eigenthuemlich ist. + +In dem unter suedlicher Breite, aber eben so weit vom Aequator gelegenen +Thal des Amazonenstroms erhebt sich alle Tage, zwei Stunden nach der +Culmination der Sonne, ein sehr starker Wind. Derselbe weht immer gegen +die Stroemung und wird nur im Flussbett selbst gespuert. Unterhalb San Borja +ist es ein Ostwind; in Tomependa fand ich ihn zwischen Nord und Nord Nord +Ost. Es ist immer die Brise, der von der Umdrehung der Erde herruehrende +Wind, der aber durch kleine oertliche Verhaeltnisse bald diese, bald jene +Richtung bekommt. Mit diesem bestaendigen Wind segelt man von Gran Para bis +Tefe, 750 Meilen weit, den Amazonenstrom hinauf. In der Provinz Jaen de +Bracamoros, am Fuss des Westabhangs der Cordilleren, tritt dieser vom +atlantischen Meere herkommende Wind zuweilen als ein eigentlicher Sturm +auf. Wenn man auf das Flussufer zugeht, kann man sich kaum auf den Beinen +halten; so auffallend anders sind die Verhaeltnisse am obern Orinoco und am +obern Amazonenstrom. + +Sehr wahrscheinlich ist es diesem bestaendig wehenden Winde zuzuschreiben, +dass der Amazonenstrom so viel gesunder ist. In der stockenden Luft am +obern Orinoco sind die chemischen Affinitaeten eingreifender und es +entwickeln sich mehr schaedliche Miasmen. Die bewaldeten Ufer des +Amazonenstroms waeren eben so ungesund, wenn nicht der Fluss, gleich dem +Niger, seiner ungeheuren Laenge nach von West nach Ost, also in der +Richtung der Passatwinde, gerade fortliefe. Das Thal des Amazonenstroms +ist nur an seinem westlichen Ende, wo es der Cordillere der Anden nahe +rueckt, geschlossen. Gegen Ost, wo der Seewind auf den neuen Continent +trifft, erhebt sich das Gestade kaum ein paar Fuss ueber den Spiegel des +atlantischen Meeres. Der obere Orinoco laeuft Anfangs von Ost nach West, +und dann von Nord nach Sued. Da wo sein Lauf dem des Amazonenstroms +ziemlich parallel ist, liegt zwischen ihm und dem atlantischen Meer ein +sehr gebirgiges Land, der Gebirgsstock der Parime und des hollaendischen +und franzoesischen Guyana, und laesst den Rotationswind nicht nach Esmeralda +kommen; erst vom Einfluss des Apure an, von wo der untere Orinoco von West +nach Ost ueber eine weite, dem atlantischen Meer zu offene Ebene laeuft, +faengt der Wind an kraeftig aufzutreten; dieses Stromstueck ist daher auch +nicht so ungesund als der obere Orinoco. + +Als dritten Vergleichungspunkt fuehre ich das Thal des Magdalenenstromes +an. Derselbe behaelt, wie der Amazonenstrom, immer dieselbe Richtung, aber +sie ist unguenstig, weil sie nicht mit der des Seewinds zusammenfaellt, +sondern von Sued nach Nord geht. Obgleich im Striche der Passatwinde +gelegen, hat der Magdalenenstrom eine so stockende Luft wie der obere +Orinoco. Vom Canal Mahates bis Honda, namentlich suedlich von der Stadt +Mompox, spuerten wir niemals etwas von Wind, ausser beim Anzug naechtlicher +Gewitter. Kommt man dagegen auf dem Fluss ueber Honda hinauf, so findet man +die Luft ziemlich oft in Bewegung. Die sehr starken Winde, die sich im +Thale des Neiva verfangen, sind als ungemein heiss weit berufen. Man mag es +anfangs auffallend finden, dass die Windstille aufhoert, wenn man im obern +Stromlauf dem Gebirge naeher kommt; aber es erscheint erklaerlich, wenn man +bedenkt, dass die trockenen heissen Winde in den Llanos am Neiva von +niedergehenden Luftstroemungen herruehren. Kalte Luftsaeulen stuerzen von den +*Nevadas* von Quindiu und Guanacas in das Thal nieder und jagen die untern +Luftschichten vor sich her. Ueberall unter den Tropen, wie in der +gemaessigten Zone, entstehen durch die ungleiche Erwaermung des Bodens und +durch die Naehe schneebedeckter Gebirge oertliche Luftstroemungen. Jene sehr +starken Winde am Neiva kommen nicht daher, dass die Passatwinde +zurueckgeworfen wuerden; sie entstehen vielmehr da, wohin der Seewind nicht +gelangen kann, und wenn die meist ganz mit Baeumen bewachsenen Berge am +obern Orinoco hoeher waeren, so wuerden sie in der Luft dieselben raschen +Gleichgewichtsstoerungen hervorbringen, wie wir sie in den Gebirgen von +Peru, Abyssinien und Tibet beobachten. Dieser genaue ursachliche +Zusammenhang zwischen der Richtung der Stroeme, der Hoehe und Stellung der +anliegenden Gebirge, den Bewegungen der Atmosphaere und der Salubritaet des +Klima verdient die groesste Aufmerksamkeit. Wie ermuedend und unfruchtbar +waere doch das Studium der Erdoberflaeche und ihrer Unebenheiten, wenn es +nicht aus allgemeinen Gesichtspunkten aufgefasst wuerde! + +Sechs Meilen von der Insel Piedra Raton kam zuerst ostwaerts die Muendung +des Rio Sipapo, den die Indianer Tipapu nennen, dann westwaerts die Muendung +des Rio Vichada. In der Naehe der letzteren bilden Felsen ganz unter Wasser +einen kleinen Fall, einen _'Raudalito'_. Der Rio Sipapo, den PATER GILI im +Jahr 1757 hinauffuhr und der nach ihm zweimal breiter ist als der Tiber, +kommt aus einer ziemlich bedeutenden Bergkette. Im suedlichen Theil traegt +dieselbe den Namen des Flusses und verbindet sich mit dem Bergstock des +Calitamini und Cunavami. Nach dem Pic von Duida, der ueber der Mission +Esmeralda aufsteigt, schienen mir die Cerros de Sipapo die hoechsten in der +ganzen Cordillere der Parime. Sie bilden eine ungeheure Felsmauer, die +schroff aus der Ebene aussteigt und deren von Sued Sued Ost nach Nord Nord +West gerichteter Kamm ausgezackt ist. Ich denke, aufgethuermte Granitbloecke +bringen diese Einschnitte, diese Auszackung hervor, die man auch am +Sandstein des Montserrat in Catalonien beobachtet. Jede Stunde war der +Anblick der Cerros de Sipapo wieder ein anderer. Bei Sonnenaufgang gibt +der dichte Pflanzenwuchs den Bergen die dunkelgruene, ins Braeunlichte +spielende Farbe, wie sie Landstrichen eigen ist, wo Baeume mit lederartigen +Blaettern vorherrschen. Breite, scharfe Schatten fallen ueber die anstossende +Ebene und stechen ab vom glaenzenden Licht, das auf dem Boden, in der Luft +und auf der Wasserflaeche verbreitet ist. Aber um die Mitte des Tages, wenn +die Sonne das Zenith erreicht, verschwinden diese kraeftigen Schatten +allmaehlig und die ganze Kette huellt sich in einen leisen Dust, der weit +satter blau ist als der niedrige Strich des Himmelsgewoelbes. In diesem um +den Felskamm schwebenden Dust verschwimmen halb die Umrisse, werden die +Lichteffekte gedaempft, und so erhaelt die Landschaft das Gepraege der Ruhe +und des Friedens, das in der Natur, wie in den Werken CLAUDE LORRAINs und +POUSSINs, aus der Harmonie zwischen Form und Farbe entspringt. + +Hinter diesen Bergen am Sipapo lebte lange Cruzero, der maechtige Haeuptling +der Guaypunabis, nachdem er mit seiner kriegerischen Horde von den Ebenen +zwischen dem Rio Irinida und dem Chamochiquini abgezogen war. Die Indianer +versicherten uns, in den Waeldern am Sipapo wachse in Menge der _'Vehuco de +Maimure'_. Dieses Schlinggewaechs ist den Indianern sehr wichtig, weil sie +Koerbe und Matten daraus verfertigen. Die Waelder am Sipapo sind voellig +unbekannt, und die Missionaere versetzen hieher das Volk der _'Rayas'_,(52) +"die den Mund am Nabel haben." Ein alter Indianer, den wir in Carichana +antrafen und der sich ruehmte oft Menschenfleisch gegessen zu haben, hatte +diese kopflosen Menschen "mit eigenen Augen" gesehen. Diese abgeschmackten +Maehrchen haben sich auch in den Llanos verbreitet, und dort ist es nicht +immer gerathen, die Existenz der Rayas-Indianer in Zweifel zu ziehen. In +allen Himmelsstrichen ist Unduldsamkeit die Gefaehrtin der +Leichtglaeubigkeit, und man koennte meinen, die Hirngespinnste der alten +Erdbeschreiber seyen aus der einen Halbkugel in die andere gewandert, wenn +man nicht wuesste, dass die seltsamsten Ausgeburten der Phantasie, gerade wie +die Naturbildungen, ueberall in Aussehen und Gestaltung eine gewisse +Aehnlichkeit zeigen. + +Bei der Muendung des Rio Vichada oder Visata stiegen wir aus, um die +Pflanzen des Landstrichs zu untersuchen. Die Gegend ist hoechst merkwuerdig; +der Wald ist nicht sehr dicht und eine Unzahl kleiner Felsen steht frei +auf der Ebene. Es sind prismatische Steinmassen und sie sehen wie +verfallene Pfeiler, wie einzeln stehende fuenfzehn bis zwanzig Fuss hohe +Thuermchen aus. Die einen sind von den Baeumen des Waldes beschattet, bei +andern ist der Gipfel von Palmen gekroent. Die Felsen sind Granit, der in +Gneiss uebergeht. Befaende man sich hier nicht im Bereich des Urgebirgs, man +glaubte sich in die Felsen von Adersbach in Boehmen oder von Streitberg und +Fantasie in Franken versetzt. Sandstein und secundaerer Kalkstein koennen +keine groteskeren Formen annehmen. An der Muendung des Vichada sind die +Granitfelsen, und was noch weit auffallender ist, der Boden selbst mit +Moosen und Flechten bedeckt. Letztere haben den Habitus von _Cladonia +pyxidata_ und _Lichen rangiferinus_, die im noerdlichen Europa so haeufig +vorkommen. Wir konnten kaum glauben, dass wir uns keine hundert Toisen ueber +dem Meer, unter dem fuenften Breitegrad mitten in der heissen Zone befanden, +von der man so lange glaubte, dass keine kryptogamischen Gewaechse in ihr +vorkommen. Die mittlere Temperatur dieses schattigen feuchten Ortes +betraegt wahrscheinlich ueber 26 Grad des hunderttheiligen Thermometers. In +Betracht des wenigen Regens, der bis jetzt gefallen war, wunderten wir uns +ueber das schoene Gruen der Waelder. Dieser Umstand ist fuer das obere +Orinocothal charakteristisch; an der Kueste von Caracas und in den Llanos +werfen die Baeume ihr Laub im Winter(53) ab und man sieht am Boden nur +gelbes, vertrocknetes Gras. Zwischen den eben beschriebenen freistehenden +Felsen wuchsen mehrere grosse Staemme Saeulencactus (_Cactus +septemangularis_), was suedlich von den Katarakten von Atures und Maypures +eine grosse Seltenheit ist. + +Am selben malerischen Ort hatte Bonpland das Glueck, mehrere Staemme von +_Laurus cinnamomoides_ anzutreffen, eines sehr gewuerzreichen Zimmtbaumes, +der am Orinoco unter dem Namen _'Varimacu'_ und _'Canelilla'_ bekannt +ist.(54) Dieses kostbare Produkt kommt auch im Thale des Rio Caura, wie +bei Esmeralda und oestlich von den grossen Katarakten vor. Der Jesuit +FRANCISCO DE OLMA scheint die Canelilla im Lande der Piaroas bei den +Quellen des Cataniapo entdeckt zu haben. Der Missionar GILI, der nicht bis +in die Gegend kam, von der hier die Rede ist, scheint den *Varimacu* oder +*Guarimacu* mit der Myristica oder dem amerikanischen Muskatbaum zu +verwechseln. Diese gewuerzhaften Rinden und Fruechte, der Zimmt, die +Muskatnuss, _Myrtus Pimenta_ und _Laurus pucheri_ waeren wichtige +Handelsartikel geworden, wenn nicht Europa bei der Entdeckung von Amerika +bereits an die Gewuerze und Wohlgerueche Ostindiens gewoehnt gewesen waere. +Der Zimmt vom Orinoco und der aus den Missionen der Andaquies, dessen +Anbau Mutis in Mariquita in Neu-Grenada eingefuehrt hat, sind uebrigens +weniger gewuerzhaft als der Ceylonzimmt, und waeren solches selbst dann, +wenn sie ganz so getrocknet und zubereitet wuerden. + +Jede Halbkugel hat ihre eigenen Arten von Gewaechsen, und es erklaert sich +keineswegs aus der Verschiedenheit der Klimate, warum das tropische Afrika +keine Laurineen, die neue Welt keine Heidekraeuter hervorbringt, warum es +in der suedlichen Halbkugel keine Calceolarien gibt, warum auf dem +indischen Festlande das Gefieder der Voegel nicht so glaenzend ist wie in +den heissen Landstrichen Amerikas, endlich warum der Tiger nur Asien, das +Schnabelthier nur Neuholland eigen ist? Die Ursachen der Vertheilung der +Arten im Pflanzen- wie im Thierreich gehoeren zu den Raethseln, welche die +Naturphilosophie nicht zu loesen im Stande ist. Mit dem Ursprung der Wesen +hat diese Wissenschaft nichts zu thun, sondern nur mit den Gesetzen, nach +denen die Wesen ueber den Erdball vertheilt sind. Sie untersucht das, was +ist, die Pflanzen- und Thierbildungen, wie sie unter jeder Breite, in +verschiedenen Hoehen und bei verschiedenen Waermegraden neben einander +vorkommen; sie erforscht die Verhaeltnisse, unter denen sich dieser oder +jener Organismus kraeftiger entwickelt, sich vermehrt oder sich umwandelt; +aber sie ruehrt nicht an Fragen, die unmoeglich zu loesen sind, weil sie mit +der Herkunft, mit dem Uranfang eines Lebenskeimes zusammenhaengen. Ferner +ist zu bemerken, dass die Versuche, die Vertheilung der Arten auf dem +Erdball allein aus dem Einfluss der Klimate zu erklaeren, einer Zeit +angehoeren, wo die physische Geographie noch in der Wiege lag, wo man +fortwaehrend an vermeintlichen Gegensaetzen beider Welten festhielt und sich +vorstellte, ganz Afrika und Amerika gleichen den Wuesten Egyptens und den +Suempfen Cayennes. Seit man den Sachverhalt nicht nach einem willkuehrlich +angenommenen Typus, sondern nach positiven Kenntnissen beurtheilt, weiss +man auch, dass die beiden Continente in ihrer unermesslichen Ausdehnung +Bodenstuecke mit voellig uebereinstimmenden Naturverhaeltnissen aufzuweisen +haben. Amerika hat so duerre und gluehend heisse Landstriche als das innere +Afrika. Die Inseln, welche die indischen Gewuerze erzeugen, zeichnen sich +keineswegs durch Trockenheit aus, und die Feuchtigkeit des Klimas ist +durchaus nicht, wie in neueren Werken behauptet wird, die Ursache, warum +auf dem neuen Continent die schoenen Laurineen- und Myristiceenarten nicht +vorkommen, die im indischen Archipel in einem kleinen Erdwinkel neben +einander wachsen. Seit einigen Jahren wird in mehreren Laendern des neuen +Continents der aechte Zimmtbaum mit Erfolg gebaut, und ein Landstrich, auf +dem der Coumarouna (die Tongabohne), die Vanille, der Pucheri, die Ananas, +_Myrtus pimenta_, der Tolubalsam, _Myroxylon peruvianum_, die Crotonarten, +die Citrosmen, der Pejoa (_Gaultheria odorata_), der Incienso der Silla +von Caracas [_Trixis nereifolia_. S. Bd. II Seite 183], der Quereme, die +Pancratium-Arten und so viele herrliche Lilienarten wachsen, kann nicht +fuer einen gelten, dem es an Aromen fehlt. Zudem ist Trockenheit der Luft +der Entwicklung aromatischer und reizender Eigenschaften nur bei gewissen +Pflanzenarten foerderlich. Die heftigsten Gifte werden im feuchtesten +Landstrich Amerikas erzeugt, und gerade unter dem Einfluss der anhaltenden +tropischen Regen gedeiht der amerikanische Pfeffer (_capsicum baccatum_) +am besten, dessen Frucht haeufig so scharf und beissend ist als der +ostindische Pfeffer. Aus diesen Betrachtungen geht Folgendes hervor: 1) +Der neue Continent besitzt sehr starke Gewuerze, Arome und vegetabilische +Gifte, die ihm allein angehoeren, sich aber specifisch von denen der alten +Welt unterscheiden; 2) die urspruengliche Vertheilung der Arten in der +heissen Zone ist allein aus dem Einfluss des Klimas, aus der Vertheilung der +Waerme, wie sie im gegenwaertigen Zustand unseres Planeten stattfindet, +nicht zu erklaeren, aber diese Verschiedenheit der Klimate macht es uns +begreiflich, warum ein gegebener organischer Typus sich an der einen +Oertlichkeit kraeftiger entwickelt als an der andern. Wir begreifen von +einigen wenigen Pflanzenfamilien, wie von den Musen und Palmen, dass sie +wegen ihres innern Baus und der Wichtigkeit gewisser Organe unmoeglich sehr +kalten Landstrichen angehoeren koennen; wir vermoegen aber nicht zu erklaeren, +warum keine Art aus der Familie der Melastomeen noerdlich vom dreissigsten +Breitegrad waechst, warum keine einzige Rosenart der suedlichen Halbkugel +angehoert. Haeufig sind auf beiden Continenten die Klimate analog, ohne dass +die Erzeugnisse gleichartig waeren. + +Der Rio Vichada (Vichada), der bei seinem Zusammenfluss mit dem Orinoco +einen kleinen Raudal hat, schien mir nach dem Meta und dem Guaviare der +bedeutendste unter den aus Westen kommenden Fluessen. Seit vierzig Jahren +hat kein Europaeer den Vichada befahren. Ueber seine Quellen habe ich +nichts in Erfahrung bringen koennen; ich vermuthe sie mit denen des Tomo +auf den Ebenen suedwaerts von Casimena. Wenigstens ist wohl nicht +zweifelhaft, dass die fruehesten Missionen an den Ufern des Vichada von +Jesuiten aus den Missionen am Casanare gegruendet worden sind. Noch in +neuester Zeit sah man fluechtige Indianer von Santa Rosalia de Cabapuna, +einem Dorf am Meta, ueber den Rio Vichada an den Katarakt von Maypures +kommen, was darauf hinweist, dass die Quellen desselben nicht sehr weit vom +Meta seyn koennen. Pater GUMILLA hat uns die Namen mehrerer deutscher und +spanischer Jesuiten aufbewahrt, die im Jahr 1734 an den jetzt oeden Ufern +des Vichada von der Hand der Caraiben als Opfer ihres religioesen Eifers +fielen. + +Nachdem wir zuerst gegen Ost am Cano Pirajavi, sodann gegen West an einem +kleinen Fluss voruebergekommen, der nach der Aussage der Indianer aus einem +See Namens Nao entspringt, uebernachteten wir am Ufer des Orinoco, beim +Einfluss des Zama, eines sehr ansehnlichen Flusses, der so unbekannt ist +als der Rio Vichada. Trotz des schwarzen Wassers des Zama hatten wir viel +von den Insekten auszustehen. Die Nacht war schoen; in den niedern +Luftregionen wehte kein Lueftchen, aber gegen zwei Uhr sahen wir dicke +Wolken rasch von Ost nach West durch das Zenith gehen. Als sie beim +Niedergehen gegen den Horizont vor die grossen Nebelflecken im Schuetzen +oder im Schiff traten, erschienen sie schwarzblau. Die Nebelflecken sind +nie lichtstaerker, als wenn sie zum Theil von Wolkenstreifen bedeckt sind. +Wir beobachten in Europa dieselbe Erscheinung an der Milchstrasse, beim +Nordlicht, wenn es im Silberlicht strahlt, endlich bei Sonnenauf- und +Untergang an dem Stueck des Himmels, das weiss wird aus Ursachen, welche die +Physik noch nicht gehoerig ermittelt hat. + +Kein Mensch kennt den weiten Landstrich zwischen Meta, Vichada und +Guaviare weiter als auf eine Meile vom Ufer. Man glaubt, dass hier wilde +Indianer vom Stamm der Chiricoas hausen, die gluecklicherweise keine Canoes +bauen. Frueher, als noch die Caraiben und ihre Feinde, die Cabres, mit +ihren Geschwadern von Floessen und Piroguen hier umherzogen, waere es +unvorsichtig gewesen, an der Muendung eines Flusses zu uebernachten, der aus +Westen kommt. Gegenwaertig, da die kleinen Niederlassungen der Europaeer die +unabhaengigen Indianer von den Ufern des obern Orinoco verdraengt haben, ist +dieser Landstrich so oede, dass uns von Carichana bis Javita und von +Esmeralda bis San Fernando de Atabapo auf einer Stromfahrt von 180 Meilen +nicht ein einziges Fahrzeug begegnete. + +Mit der Muendung des Rio Zama betraten wir ein Flusssystem, das grosse +Aufmerksamkeit verdient. Der Zama, der Mataveni, der Atabapo, der Tuamini, +der Temi, der Guainia haben *schwarzes Wasser* (_aguas negras_), das +heisst, ihr Wasser, in grossen Massen gesehen, erscheint kaffeebraun oder +gruenlich schwarz, und doch sind es die schoensten, klarsten, +wohlschmeckendsten Wasser. Ich habe schon oben erwaehnt, dass die Krokodile +und, wenn auch nicht die Zancudos, doch die Moskitos fast ueberall die +schwarzen Wasser meiden. Das Volk behauptet ferner, diese Wasser braeunen +das Gestein nicht, und die weissen Fluesse haben schwarze, die schwarzen +Fluesse weisse Ufer. Und allerdings sieht man am Gestade des Guainia, den +die Europaeer unter dem Namen *Rio Negro* kennen, haeufig blendend weisse +Quarzmassen aus dem Granit hervorstehen. Im Glase ist das Wasser des +Mataveni ziemlich weiss, das des Atabapo aber behaelt einen braungelblichen +Schein. Wenn ein gelinder Wind den Spiegel dieser _'schwarzen Fluesse'_ +kraeuselt, so erscheinen sie schoen wiesengruen wie die Schweizer Seen. Im +Schatten sind der Zama, der Atabapo, der Guainia schwarz wie Kaffeesatz. +Diese Erscheinungen sind so auffallend, dass die Indianer aller Orten die +Gewaesser in schwarze und weisse eintheilen. Erstere haben mir haeufig als +kuenstlicher Horizont gedient; sie werfen die Sternbilder wunderbar scharf +zurueck. + +Die Farbe des Quellwassers, Flusswassers und Seewassers gehoert zu den +physikalischen Problemen, die durch unmittelbare Versuche schwer oder gar +nicht zu loesen sind. Die Farben bei reflektirtem Licht sind meist ganz +andere als bei durchgehendem, besonders wenn es durch eine grosse Masse +Fluessigkeit durchgeht. Faende keine Absorption der Strahlen statt, so haette +das durchgehende Licht immer die Farbe, welche die complementaere des +reflektirten Lichtes waere, und meist beurtheilt man bei einem Wasser in +einem nicht tiefen Glase mit enger Oeffnung das durchgehende Licht falsch. +Bei einem Flusse gelangt das reflektirte farbige Licht immer von den +innern Schichten der Fluessigkeit zu uns, nicht von der obersten Schicht +derselben. + +Beruehmte Physiker, welche das reinste Gletscherwasser untersucht haben, so +wie das, welches aus mit ewigem Schnee bedeckten Bergen entspringt, wo +keine vegetabilischen Reste sich in der Erde finden, sind der Meinung, die +eigenthuemliche Farbe des Wassers moechte blau oder gruen seyn. In der That +ist durch nichts erwiesen, dass das Wasser von Natur weiss ist und immer ein +Farbstoff im Spiele seyn muss, wenn dasselbe, bei reflektirtem Licht +gesehen, eine Faerbung zeigt. Wo Fluesse wirklich einen faerbenden Stoff +enthalten, ist derselbe meist in so geringer Menge, dass er sich jeder +chemischen Untersuchung entzieht. Die Faerbung des Meeres scheint haeufig +weder von der Beschaffenheit des Grundes, noch vom Reflex des Himmels und +der Wolken abzuhaengen. Ein grosser Physiker, DAVY, soll der Ansicht seyn, +die verschiedene Faerbung der Meere koennte daher ruehren, dass das Jod in +verschiedenen Verhaeltnissen darin enthalten ist. + +Aus den alten Erdbeschreibern ersehen wir, dass bereits den Griechen die +blauen Wasser der Thermopylen, die rothen bei Joppe, die schwarzen der +heissen Baeder von Astyra, Lesbos gegenueber, aufgefallen waren. Manche +Fluesse, z. B. die Rhone bei Genf, haben eine entschieden blaue Farbe. Das +Schneewasser in den Schweizeralpen soll zuweilen smaragdgruen seyn, in +wiesengruen uebergehend. Mehrere Seen in Savoyen und Peru sind braeunlich, ja +fast schwarz. Die meisten dergleichen Farbenerscheinungen kommen bei +Gewaessern vor, welche fuer die reinsten gelten, und man wird sich vielmehr +an auf Analogien gegruendete Schluesse als an die unmittelbare Analyse +halten muessen, um ueber diesen noch sehr dunkeln Punkt einiges Licht zu +verbreiten. In dem weit ausgedehnten Flusssystem, das wir bereist -- und +dieser Umstand scheint mir sehr auffallend -- kommen die _'schwarzen +Wasser'_ vorzugsweise nur in dem Strich in der Naehe des Aequators vor. Um +den fuenften Grad noerdlicher Breite faengt man an sie anzutreffen, und sie +sind ueber den Aequator hinaus bis gegen den zweiten Grad suedlicher Breite +sehr haeufig. Die Muendung des Rio Negro liegt sogar unter dem 3 deg. 9{~PRIME~} der +Breite; aber auf diesem ganzen Landstrich kommen in den Waeldern und auf +den Grasfluren weisse und schwarze Wasser dergestalt unter einander vor, +dass man nicht weiss, welcher Ursache man die Faerbung des Wassers +zuschreiben soll. Der Cassiquiare, der sich in den Rio Negro ergiesst, hat +weisses Wasser wie der Orinoco, aus dem er entspringt. Von zwei +Nebenfluessen des Cassiquiare nahe bei einander, Siapa und Pacimony, ist +der eine weiss, der andere schwarz. + +Fragt man die Indianer nach den Ursachen dieser sonderbaren Faerbung, so +lautet ihre Antwort, wie nicht selten auch in Europa, wenn es sich von +physischen und physiolologischen Fragen handelt: sie wiederholen das +Faktum mit andern Worten. Wendet man sich an die Missionaere, so sprechen +sie, als haetten sie die strengsten Beweise fuer ihre Behauptung, "das +Wasser faerbe sich, wenn es ueber Sarsaparillewurzeln laufe." Die Smilaceen +sind allerdings am Rio Negro, Pacimony und Cababury sehr haeufig, und ihre +Wurzeln geben in Wasser eingeweicht einen braunen, bittern, schleimigten +Extraktivstoff; aber wie viele Smilaxbuesche haben wir an Orten gesehen, wo +die Wasser ganz weiss sind! Wie kommt es, dass wir im sumpfigten Wald, durch +den wir unsere Pirogue vom Rio Tuamini zum Cano Pimichin und an den Rio +Negro schleppen mussten, auf demselben Landstrich jetzt durch Baeche mit +weissem, jetzt durch andere mit schwarzem Wasser wateten? Warum hat man +niemals einen Fluss gefunden, der seiner Quelle zu weiss und im untern Stueck +seines Laufes schwarz war? Ich weiss nicht, ob der Rio Negro seine +braungelbe Farbe bis zur Muendung behaelt, obgleich ihm durch den +Cassiquiare und den Rio Blanco sehr viel weisses Wasser zufliesst. Da LA +CONDAMINE den Fluss nordwaerts vom Aequator nicht sah, konnte er vom +Unterschied in der Farbe nicht urtheilen. + +Die Vegetation ist wegen der Regenfuelle ganz in der Naehe des Aequators +allerdings kraeftiger als 8--10 Grad gegen Nord und gegen Sued; es laesst sich +aber keineswegs behaupten, dass die Fluesse mit schwarzem Wasser +vorzugsweise in den dichtesten, schattigsten Waeldern entspringen. Im +Gegentheil kommen sehr viele _aguas negras_ aus den offenen Grasfluren, +die sich vom Meta jenseits des Guaviare gegen den Caqueta hinziehen. Auf +einer Reise, die ich zur Zeit der Ueberschwemmung mit Herrn von Montufar +vom Hafen von Guyaquil nach den Bodegas de Babaojo machte, fiel es mir +auf, dass die weiten Savanen am *Invernadero del Carzal* und am *Lagartero* +ganz aehnlich gefaerbt waren wie der Rio Negro und der Atabapo. Diese zum +Theil seit drei Monaten unter Wasser stehenden Grasfluren bestehen aus +Paspalum, Eriochloa und mehreren Cyperaceen. Wir fuhren in vier bis fuenf +Fuss tiefem Wasser; dasselbe war bei Tag 33--34 Grad warm; es roch stark +nach Schwefelwasserstoff, was ohne Zweifel zum Theil von den faulenden +Arum- und Heliconienstauden herruehrte, die auf den Lachen schwammen. Das +Wasser des Lagartero sah bei durchgehendem Licht goldgelb, bei +reflektirtem kaffeebraun aus. Die Farbe ruehrt ohne Zweifel von gekohltem +Wasserstoff her. Man sieht etwas Aehnliches am Duengerwasser, das unsere +Gaertner bereiten, und am Wasser, das aus Torfgruben abfliesst. Laesst sich +demnach nicht annehmen, dass auch die schwarzen Fluesse, der Atabapo, der +Zama, der Mataveni, der Guainia, von einer Kohlen- und +Wasserstoffverbindung, von einem Pflanzenextraktivstoff gefaerbt werden? +Der starke Regen unter dem Aequator traegt ohne Zweifel zur Faerbung bei, +indem das Wasser durch einen dichten Grasfilz sickert. Ich gebe diese +Gedanken nur als Vermuthung. Die faerbende Substanz scheint in sehr +geringer Menge im Wasser enthalten; denn wenn man Wasser aus dem Guainia +oder Rio Negro sieden laesst, sah ich es nicht braun werden wie andere +Fluessigkeiten, welche viel Kohlenwasserstoff enthalten. + +Es erscheint uebrigens sehr merkwuerdig, dass diese _'schwarzen Wasser'_, von +denen man glauben sollte, sie seyen auf die Niederungen der heissen Zone +beschraenkt, gleichfalls, wenn auch sehr selten, auf den Hochebenen der +Anden vorkommen. Wir fanden die Stadt Cuenca im Koenigreich Quito von drei +Baechen umgeben, dem Machangara, dem Rio del Matadero und dem Yanuncai. Die +zwei ersteren sind weiss, letzterer hat schwarzes Wasser. Dasselbe ist, wie +das des Atabapo, kaffeebraun bei reflektirtem, blassgelb bei durchgehendem +Licht. Es ist sehr schoen, und die Einwohner von Cuenca, die es +vorzugsweise trinken, schreiben die Farbe ohne weiteres der Sarsaparille +zu, die am Rio Yanuncai sehr haeufig wachsen soll. + +Am 23. April. Wir brachen von der Muendung des Zama um drei Uhr Morgens +auf. Auf beiden Seiten lief fortwaehrend dicker Wald am Strom hin. Die +Berge im Osten schienen immer weiter wegzuruecken. Wir kamen zuerst am +Einfluss des Rio Mataveni, und dann an einer merkwuerdig gestalteten Insel +vorbei. Ein viereckigter Granitfels steigt wie eine Kiste gerade aus dem +Wasser empor; die Missionaere nennen ihn el Castillito. Aus schwarzen +Streifen daran sollte man schliessen, dass der Orinoco, wenn er anschwillt, +an dieser Stelle nicht ueber 8 Fuss steigt, und dass die hohen Wasserstaende, +die wir weiter unten beobachtet, von den Nebenfluessen herruehren, die +noerdlich von den Katarakten von Atures und Maypures hereinkommen. Wir +uebernachteten am rechten Ufer, der Muendung des Rio Siucurivapu gegenueber, +bei einem Felsen, der Aricagua heisst. In der Nacht kamen zahllose +Fledermaeuse aus den Felsspalten und schwirrten um unsere Haengematten. Ich +habe frueher von dem Schaden gesprochen, den diese Thiere unter den Heerden +anrichten. Sie vermehren sich besonders stark in sehr trockenen Jahren. + +Am 24. April. Ein starker Regen zwang uns, schon sehr frueh Morgens die +Pirogue wieder zu besteigen. Wir fuhren um zwei Uhr ab und mussten einige +Buecher zuruecklassen, die wir in der finstern Nacht auf dem Felsen Aricagua +nicht finden konnten. Der Strom laeuft ganz gerade von Sued nach Nord; die +Ufer sind niedrig und zu beiden Seiten von dichten Waeldern beschattet. Wir +kamen an den Muendungen des Ucata, des Arapa und des Caranaveni vorueber. +Gegen vier Uhr Abends stiegen wir bei den _'Conucos de Siquita'_ aus, +Pflanzungen von Indianern aus der Mission San Fernando. Die guten Leute +haetten uns gern behalten, aber wir fuhren weiter gegen den Strom, der in +der Secunde fuenf Fuss zuruecklegt. Diess ist das Ergebniss einer Messung, bei +der ich die Zeit schaetzte, die ein schwimmender Koerper braucht, um eine +gegebene Strecke zurueckzulegen. Wir liefen bei finsterer Nacht in die +Muendung des Guaviare ein, fuhren ueber den Zusammenfluss des Atabapo mit dem +Guaviare hinaus und langten nach Mitternacht in der Mission an. Wir +erhielten unsere Wohnung, wie immer, im Kloster, das heisst im Hause des +Missionaers, der von unserem unerwarteten Besuch hoechlich ueberrascht war, +uns aber nichts desto weniger mit der liebenswuerdigsten Gastlichkeit +aufnahm. + + ------------------ + + + + + + 47 War es _Coluber Elaphis_ oder _Coluber Aesculapii_ oder ein Python, + aehnlich dem, der vom Heere des Regulus getoedtet worden? + + 48 Im Jahr 1806 erschien in Leipzig ein Buch unter dem Titel: + _Untersuchungen, ueber die von Humboldt am Orinoco entdeckten Spuren + der phoenicischen Sprache_. + + 49 Die Hindus, die Tibetaner, die Chinesen, die alten Egypter, die + Azteken, die Peruaner, bei denen der Trieb zur Massencultur die + freie Entwicklung der Geistesthaetigkeit in den Individuen + niederhielt. + + 50 Aus kieselhaltigem Kalkstein in Pique am grossen Miami, aus Sandstein + am Paint Creek zehn Meilen von Chillicothe, wo die Mauer 1500 Toisen + lang ist. + + 51 Er erscheint in Maypures unter einem Winkel von 1 Grad 27 Minuten. + +* 52 Rochen*, wegen der angeblichen Aehnlichkeit mit dem Fisch dieses + Namens, bei dem der Mund am Koerper herabgerueckt scheint. + + 53 In der Jahreszeit, die man in Suedamerika noerdlich vom Aequator + Sommer heisst. + + 54 Diminutiv des spanischen Worts _Canela_, das _Cinnamomum_ + (_Kinnamomon_ der Griechen) bedeutet. Letzteres Wort gehoert zu den + wenigen, die seit dem hoechsten Alterthum aus dem Phoenicischen (einer + semitischen Sprache) in die abendlaendischen Sprachen uebergegangen + sind. + + + + + +ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL. + + + San Fernando de Atabapo. -- San Baltasar. -- Die Fluesse Temi und + Tuamini. -- Javita. -- Trageplatz zwischen dem Tuamini und dem Rio + Negro. + + +Wir hatten in der Nacht fast unvermerkt die Gewaesser des Orinoco verlassen +und sahen uns bei Sonnenaufgang wie in ein anderes Land versetzt, am Ufer +eines Flusses, dessen Namen wir fast noch nie hatten aussprechen hoeren, +und auf dem wir ueber den Trageplatz am Pimichin zum Rio Negro an der +Grenze Brasiliens gelangen sollten. "Sie muessen," sagte uns der Praesident +der Missionen, der in San Fernando seinen Sitz hat, "zuerst den Atabapo, +dann den Temi, endlich den Tuamini hinauffahren. Koennen Sie bei der +starken Stroemung der *schwarzen Wasser* nicht mehr weiter kommen, so fuehrt +man Sie vom Flussbett weg durch die Waelder, die Sie unter Wasser finden +werden. Auf diesem wuesten Landstrich zwischen Orinoco und Rio Negro leben +nur zwei Moenche, aber in Javita finden Sie die Mittel, um Ihre Pirogue +vier Tagereisen weit ueber Land zum Cano Pimichin ziehen zu zu lassen. +Zerbricht sie nicht, so fahren Sie ohne Anstand den Rio Negro (von +Nordwest nach Suedost) hinunter bis zur Schanze San Carlos, sodann den +Cassiquiare (von Sued nach Nord) herauf und kommen in Monatsfrist ueber den +obern Orinoco (von Ost nach West) wieder nach San Fernando." Diesen Plan +entwarf man uns fuer unsere Flussfahrt, und wir fuehrten ihn, nicht ohne +Beschwerden, aber immer leicht und ohne Gefahr in drei und dreissig Tagen +aus. Die Kruemmungen in diesem Flusslabyrinth sind so stark, dass man sich +ohne die Reisekarte, die ich entworfen, vom Wege, auf dem wir von der +Kueste von Caracas durch das innere Land an die Grenzen der Capitania +General von Gran-Para gelangt sind, so gut als keine Vorstellung machen +koennte. Fuer diejenigen, welche nicht gerne in Karten blicken, auf denen +viele schwer zu behaltende Namen stehen, bemerke ich nochmals, dass der +Orinoco von seinen Quellen, oder doch von Esmeralda an von Ost nach West, +von San Fernando, also vom Zusammenfluss des Atabapo und des Guaviare an, +bis zum Einfluss des Apure von Sued nach Nord fliesst und auf dieser Strecke +die grossen Katarakten bildet, dass er endlich vom Einfluss des Apure bis +Angostura und zur Seekueste von West nach Ost laeuft. Auf der ersten +Strecke, auf dem Lauf von Ost nach West, bildet er die beruehmte Gabelung, +welche die Geographen so oft in Abrede gezogen und deren Lage ich zuerst +durch astronomische Beobachtungen bestimmen konnte. Ein Arm des Orinoco, +der Cassiquiare, der von Nord nach Sued fliesst, ergiesst sich in den Guainia +oder Rio Negro, der seinerseits in den Maragnon oder Amazonenstrom faellt. +Der natuerlichste Weg zu Wasser von Angostura nach Gran-Para waere also den +Orinoco hinauf bis Esmeralda, und dann den Cassiquiare, Rio Negro und +Amazonenstrom hinunter; da aber der Rio Negro auf seinem oberen Lauf sich +sehr den Quellen einiger Fluesse naehert, die sich bei San Fernando de +Atabapo in den Orinoco ergiessen (am Punkte, wo der Orinoco aus der +Richtung von Ost nach West rasch in die von Sued nach Nord umbiegt), so +kann man in den Rio Negro gelangen, ohne die Flussstrecke zwischen San +Fernando und Esmeralda hinaufzufahren. Man geht bei der Mission San +Fernando vom Orinoco ab, faehrt die zusammenhaengenden kleinen schwarzen +Fluesse (Atabapo, Temi und Tuamini) hinauf, und laesst die Pirogue ueber eine +6000 Toisen breite Landenge an das Ufer eines Baches (Cano Pimichin) +tragen, der in den Rio Negro faellt. Dieser Weg, den wir einschlugen, und +der besonders seit der Zeit, da Don Manuel Centurion Statthalter von +Guyana war, gebraeuchlich geworden, ist so kurz, dass jetzt ein Bote von San +Carlos am Rio Negro nach Angostura Briefschaften in 24 Tagen bringt, +waehrend er frueher ueber den Cassiquiare herauf 50--60 brauchte. Man kann +also ueber den Atabapo aus dem Amazonenstrom in den Orinoco kommen, ohne +den Cassiquiare herauf zu fahren, der wegen der starken Stroemung, des +Mangels an Lebensmitteln und der Moskitos gemieden wird. Fuer franzoesische +Leser fuehre ich hier ein Beispiel aus der hydrographischen Karte +Frankreichs an. Wer von Nevers an der Loire nach Montereau an der Seine +will, koennte, statt auf dem Canal von Orleans zu fahren, der, wie der +Cassiquiare, zwei Flusssysteme verbindet, von den Zufluessen der Loire zu +denen der Seine sein Fahrzeug tragen lassen; er koennte die Nievre +hinauffahren, ueber eine Landenge beim Dorfe Menou gehen und sofort die +Yonne hinab in die Seine gelangen. + +Wir werden bald sehen, welche Vortheile es haette, wenn man ueber den +sumpfigten Landstrich zwischen dem Tuamini und dem Pimichin einen Canal +zoege. Kaeme dieser Plan einmal zur Ausfuehrung, so haette die Fahrt vom Fort +San Carlos nach Angostura, der Hauptstadt von Guyana, nur noch den Rio +Negro herauf bis zur Mission Maroa einige Schwierigkeit; von da ginge es +auf dem Tuamini, dem Temi, Atabapo und Orinoco abwaerts. Ueber den +Cassiquiare ist der Weg von San Carlos nach San Fernando am Atabapo weit +unangenehmer und um die Haelfte laenger als ueber Javita und den Cano +Pimichin. Auf diesem Landstrich, in den zur Zeit der Grenzexpedition kein +astronomisches Werkzeug gekommen war, habe ich mit Louis Berthouds +Chronometer und durch Meridianhoehen von Gestirnen Laenge und Breite von San +Balthasar am Atabapo, Javita, San Carlos am Rio Negro, des Felsen +Culimacari und der Mission Esmeralda bestimmt; die von mir entworfene +Karte hat somit die Zweifel ueber die gegenseitigen Entfernungen der +christlichen Niederlassungen gehoben. Wenn es keinen andern Weg gibt, als +auf vielgekruemmten, verschlungenen Gewaessern, wenn in dichten Waeldern nur +kleine Doerfer stecken, wenn auf voellig ebenem Lande kein Berg, kein +erhabener Gegenstand von zwei Punkten zugleich sichtbar ist, kann man nur +am Himmel lesen, wo man sich auf Erden befindet. In den wildesten Laendern +der heissen Zone fuehlt man mehr als anderswo das Beduerfniss astronomischer +Beobachtungen. Dieselben sind dort nicht allein nuetzliche Huelfsmittel, um +Karten zu vollenden und zu verbessern: sie sind vielmehr zur Aufnahme des +Terrains von vorne herein unerlaesslich. + +Der Missionaer von San Fernando, bei dem wir zwei Tage verweilten, fuehrt +den Titel eines Praesidenten der Missionen am Orinoco. Die sechs und +zwanzig Ordensgeistlichen, die am Rio Negro, Cassiquiare, Atabapo, Caura +und Orinoco leben, stehen unter ihm und er seinerseits steht unter dem +Gardian des Klosters in Nueva Barcelona, oder, wie man hier sagt, des +_'Colegio de la purissima Conception de Propaganda Fide'_. Sein Dorf sah +etwas wohlhabender aus, als die wir bis jetzt auf unserem Wege +angetroffen, indessen hatte es doch nur 266 Einwohner. Ich habe schon +oefters bemerkt, dass die Missionen in der Naehe der Kuesten, die gleichfalls +unter den Observanten stehen, z. B. Pilar, Caigua, Huere und Cupapui, +zwischen 800 und 2000 Einwohnern zaehlen. Es sind groessere und schoenere +Doerfer als in den cultivirtesten Laendern Europas. Man versicherte uns, die +Mission San Fernando habe unmittelbar nach der Gruendung eine staerkere +Bevoelkerung gehabt als jetzt. Da wir auf der Rueckreise vom Rio Negro noch +einmal an den Ort kamen, so stelle ich hier die Beobachtungen zusammen, +die wir an einem Punkte des Orinoco gemacht, der einmal fuer den Handel und +die Gewerbe der Colonien von grosser Bedeutung werden kann. + +San Fernando de Atabapo liegt an der Stelle, wo drei grosse Fluesse, der +Orinoco, der Guaviare und der Atabapo sich vereinigen. Die Lage ist +aehnlich wie die von St. Louis oder Neu-Madrid am Einfluss des Missouri und +des Ohio in den Mississippi. Je groesseren Aufschwung der Handel in diesen +von ungeheuren Stroemen durchzogenen Laendern nimmt, desto mehr werden die +Staedte, die an zwei Fluessen liegen, von selbst Schiffsstationen, +Stapelplaetze fuer die Handelsgueter, wahre Mittelpunkte der Cultur. Pater +GUMILLA gesteht, dass zu seiner Zeit kein Mensch vom Laufe des Orinoco +oberhalb des Einflusses des Guaviare etwas gewusst habe. Er sagt ferner +sehr naiv, er habe sich an Einwohner von Timana und Pasto um einige, noch +dazu unsichere Auskunft ueber den obern Orinoco wenden muessen. Heutzutage +erkundigt man sich allerdings nicht in den Anden von Popayan nach einem +Flusse, der am Westabhang der Gebirge von Cayenne entspringt. Pater +Gumilla verwechselte zwar nicht, wie man ihm Schuld gegeben, die Quellen +des Guaviare und die des Orinoco; da er aber das Stueck des letzteren +Flusses, das von Esmeralda San Fernando zu von Ost nach West gerichtet +ist, nicht kannte, so setzt er voraus, man muesse, um oberhalb der +Katarakten und der Einmuendungen des Vichada und Guaviare den Orinoco +weiter hinaufzukommen, sich nach Suedwest wenden. Zu jener Zeit hatten die +Geographen die Quellen des Orinoco in die Naehe der Quellen des Putumayo +und Caqueta an den oestlichen Abhang der Anden von Pasto und Popayan +gesetzt, also nach meinen Laengenbestimmungen auf dem Ruecken der +Cordilleren und in Esmeralda, 240 Meilen vom richtigen Punkt. Unrichtige +Angaben LA CONDAMINEs ueber die Verzweigungen des Caqueta, wodurch SANSONs +Annahmen Bestaetigung zu finden schienen, haben Irrthuemer verbreiten +helfen, die sich Jahrhunderte lang erhalten haben. In der ersten Ausgabe +seiner grossen Karte von Suedamerika (eine sehr seltene Ausgabe, die ich auf +der grossen Pariser Bibliothek gefunden habe) zeichnete D'ANVILLE den Rio +Negro als einen Arm des Orinoco, der vom Hauptstrom zwischen den +Einfluessen des Meta und des Vichada, in der Naehe des Katarakts von *los +Astures* (Atures) abgeht. Diesem grossen Geographen war damals die Existenz +des Cassiquiare und des Atabapo ganz unbekannt, und er liess den Orinoco +oder Rio Paragua, den Japura und den Putumayo aus drei Zweigen des Caqueta +entspringen. Erst durch die Grenzexpedition unter dem Befehl Ituriagas und +SOLANOs wurde das wahre Verhaeltniss bekannt. Solano war als Ingenieur bei +der Expedition und ging im Jahr 1756 ueber die grossen Katarakten bis zum +Einfluss des Guaviare hinauf. Er sah, dass man, um auf dem Orinoco weiter +hinaufzukommen, sich ostwaerts wenden muesse, und dass die Wasser des +Guaviare, der zwei Meilen weiter oben den Atabapo aufgenommen hat, da +hereinkommen, wo der Strom unter 4 deg. 4{~PRIME~} der Breite die grosse Wendung macht. +Da Solano daran gelegen war, den portugiesischen Besitzungen so nahe als +moeglich zu kommen, so entschloss er sich, gegen Sued vorzudringen. Er fand +am Zusammenfluss des Atabapo und Guaviare Indianer von der kriegerischen +Nation der Guaypunabis angesiedelt. Er lockte sie durch Geschenke an sich +und gruendete mit ihnen die Mission San Fernando, die er, in der Hoffnung +sich beim Ministerium in Madrid wichtig zu machen, emphatisch *Villa* +betitelte. + +Um die politische Bedeutung dieser Niederlassung zu wuerdigen, muss man die +damaligen Machtverhaeltnisse zwischen den kleinen Indianerstaemmen in Guyana +ins Auge fassen. Die Ufer des untern Orinoco waren lange der Schauplatz +der blutigen Kaempfe zwischen zwei maechtigen Voelkern, den Cabres und den +Caraiben, gewesen. Letztere, deren eigentliche Wohnsitze seit dem Ende des +siebzehnten Jahrhunderts zwischen den Quellen des Carony, des Esquibo, des +Orinoco und des Rio Parime liegen, waren nicht allein bis zu den grossen +Katarakten Herren des Landes, sie machten auch Einfaelle in die Laender am +obern Orinoco, und zwar ueber die *Trageplaetze* zwischen dem Paruspa und +dem Caura, dem Eredato und dem Ventuari, dem Conorichite und dem Atacavi. +Niemand wusste so gut, wie sich die Fluesse verzweigen, wo die Nebenfluesse +zur Hand sind, wie man auf dem kuerzesten Wege ans Ziel kommt. Die Caraiben +hatten die Cabres geschlagen und beinahe ausgerottet; waren sie jetzt aber +Herren am untern Orinoco, so stiessen sie auf Widerstand bei den +Guaypunabis, die sich am obern Orinoco die Herrschaft errungen hatten und +neben den Cabres, Manitivitanos und Parenis die aergsten Anthropophagen in +diesem Landstrich sind. Sie waren urspruenglich am grossen Fluss Inirida bei +seiner Vereinigung mit dem Chamochiquini und im Gebirgslande von Mabicore +zu Hause. Um das Jahr 1744 hiess ihr Haeuptling oder, wie die Eingeborenen +sagen, ihr _'Apoto'_ (Koenig), Macapu, ein Mann durch Geisteskraft und Muth +gleich ausgezeichnet. Er war mit einem Theil seiner Nation an den Atabapo +gekommen, und als der Jesuit Roman seinen merkwuerdigen Zug vom Orinoco an +den Rio Negro machte, gestattete Macapu, dass der Missionar einige Familien +Guaypunabis mitnahm, um sie in Uriana und beim Katarakt von Maypures +anzusiedeln. Diese Nation gehoert der Sprache nach dem grossen Volksstamm +der Maypures an; sie ist gewerbfleissiger, man koennte beinahe sagen, +civilisirter als die andern Voelker am obern Orinoco. Nach dem Bericht der +Missionaere waren die Guaypunabis, als sie in diesen Laendern die Herren +spielten, fast alle bekleidet und besassen ansehnliche Doerfer. Nach Macapus +Tode ging das Regiment auf einen andern Krieger ueber, auf Cuseru, von den +Spaniern Capitaen Cruzero genannt. Er hatte am Inirida Vertheidigungslinien +und eine Art Fort aus Erde und Holz angelegt. Die Pfaehle waren ueber +sechzehn Fuss hoch und umgaben das Haus des _Apoto_, sowie eine Niederlage +von Bogen und Pfeilen. Pater FORNERI beschreibt diese in einem sonst so +wilden Lande merkwuerdigen Anlagen. + +Am Rio Negro waren die Staemme der Marepizanas und Manitivitanos die +maechtigsten. Die Haeuptlinge der ersteren waren ums Jahr 175O zwei Krieger +Namens Imu und Cajamu; der Koenig der Manitivitanos war Cocuy, vielberufen +wegen seiner Grausamkeit und seiner raffinirten Schwelgerei. Zu meiner +Zeit lebte noch seine Schwester in der Naehe der Mission Maypure. Man +laechelt, wenn man hoert, dass Maenner wie Cuseru, Imu und Cocuy hier zu Lande +so beruehmt sind, wie in Indien die Holkar, Tippo und die maechtigsten +Fuersten. Die Haeuptlinge der Guaypunabis und Manitivitanos fochten mit +kleinen Haufen von zwei bis dreihundert Mann; aber in der langen Fehde +verwuesteten sie die Missionen, wo die armen Ordensleute nur fuenfzehn bis +zwanzig spanische Soldaten zur Verfuegung hatten. Horden, wegen ihrer +Kopfzahl und ihrer Vertheidigungsmittel gleich veraechtlich, verbreiteten +einen Schrecken, als waeren es Heere. Den Patres Jesuiten gelang es nur +dadurch, ihre Missionen zu retten, dass sie List wider Gewalt setzten. Sie +zogen einige maechtige Haeuptlinge in ihr Interesse und schwaechten die +Indianer durch Entzweiung. Als Ituriaga und Solano auf ihrem Zuge an den +Orinoco kamen, hatten die Missionen von den Einfaellen der Caraiben nichts +mehr zu befuerchten. Cusaru hatte sich hinter den Granitbergen von Sipapo +niedergelassen; er war der Freund der Jesuiten; aber andere Voelker vom +obern Orinoco und Rio Negro, die Matepizanos, Amuizanos und Manitivitanos, +fielen unter Imus, Cajamus und Cocuys Fuehrung von Zeit zu Zeit in das Land +nordwaerts von den grossen Katarakten ein. Sie hatten andere Beweggruende zur +Feindseligkeit als Hass. Sie trieben *Menschenjagd*, wie es frueher bei den +Caraiben Brauch gewesen und wie es in Afrika noch Brauch ist. Bald +lieferten sie Sklaven (_poitos_) den Hollaendern oder _Paranaquiri_ +(*Meerbewohner*); bald verkauften sie dieselben an die Portugiesen oder +_Jaranavi_ (*Musikantensoehne*.)(55) In Amerika wie in Afrika hat die +Habsucht der Europaeer gleiches Unheil gestiftet; sie hat die Eingebornen +gereizt, sich zu bekriegen, um Gefangene zu bekommen [S. Bd. I. Seite 251] +Ueberall fuehrt der Verkehr zwischen Voelkern auf sehr verschiedenen +Bildungsstufen zum Missbrauch der physischen Gewalt und der geistigen +Ueberlegenheit. Phoenizien und Karthago suchten einst ihre Sklaven in +Europa; heutzutage liegt dagegen die Hand Europas schwer auf den Laendern, +wo es die ersten Keime seines Wissens geholt, wie auf denen, wo es +dieselben, so ziemlich wider Willen, verbreitet, indem es ihnen die +Erzeugnisse seines Gewerbfleisses zufuehrt. + +Ich habe hier treu berichtet, was ich ueber die Zustaende eines Landes in +Erfahrung bringen konnte, wo die besiegten Voelker nach und nach absterben +und keine andere Spur ihres Daseyns hinterlassen, als ein paar Worte ihrer +Sprache, welche die siegenden Voelker in die ihrige aufnehmen. Wir haben +gesehen, dass im Norden, jenseits der Katarakten, die Caraiben und die +Cabres, suedwaerts am obern Orinoco die Guaypunabis, am Rio Negro die +Marepizanos und Manitivitanos die maechtigsten Nationen waren. Der lange +Widerstand, den die unter einem tapfern Fuehrer vereinigten Cabres den +Caraiben geleistet, hatte jenen nach dem Jahr 1720 zum Verderben gereicht. +Sie hatten ihre Feinde an der Muendung des Rio Caura geschlagen; eine Menge +Caraiben wurden auf ihrer eiligen Flucht zwischen den Stromschnellen des +Torno und der Isla del Infierno erschlagen. Die Gefangenen wurden +verzehrt; aber mit jener raffinirten Verschlagenheit und Grausamkeit, wie +sie den Voelkern Sued- wie Nordamerikas eigen ist, liessen sie Einen Caraiben +am Leben, der, um Zeuge des barbarischen Auftritts zu seyn, auf einen Baum +steigen und sofort den Geschlagenen die Kunde davon ueberbringen musste. Der +Siegesrausch Teps, des Haeuptlings der Cabres, war von kurzer Dauer. Die +Caraiben kamen in solcher Masse wieder, dass nur kuemmerliche Reste der +menschenfressenden Cabres am Rio Cuchivero uebrig blieben. + +Am obern Orinoco lagen Cocuy und Cuseru im erbittertsten Kampf gegen +einander, als Solano an der Muendung des Guaviare erschien. Ersterer hatte +fuer die Portugiesen Partei ergriffen; der letztere, ein Freund der +Jesuiten, that es diesen immer zu wissen, wenn die Manitivitanos gegen die +christlichen Niederlassungen in Atures und Carichana im Anzug waren. +Cuseru wurde erst wenige Tage vor seinem Tode Christ; er hatte aber im +Gefecht an seine linke Huefte ein Crucifix gebunden, das die Missionaere ihm +geschenkt und mit dem er sich fuer unverletzlich hielt. Man erzaehlte uns +eine Anekdote, in der sich ganz seine wilde Leidenschaftlichkeit +ausspricht. Er hatte die Tochter eines indianischen Haeuptlings vom Rio +Temi geheirathet. Bei einem Ausbruch von Groll gegen seinen Schwiegervater +erklaerte er seinem Weibe, er ziehe aus, sich mit ihm zu messen. Das Weib +gab ihm zu bedenken, wie tapfer und ausnehmend stark ihr Vater sey; da +nahm Cuseru, ohne ein Wort weiter zu sprechen, einen vergifteten Pfeil und +schoss ihr ihn durch die Brust. Im Jahr 1756 versetzte die Ankunft einer +kleinen Abtheilung spanischer Truppen unter Solanos Befehl diesen +Haeuptling der Guaypunabis in ueble Stimmung. Er stand im Begriff, es auf +ein Gefecht ankommen zu lassen, da gaben ihm die Patres Jesuiten zu +verstehen, wie es sein Vortheil waere, sich mit den Christen zu vertragen. +Cuseru speiste am Tisch des spanischen Generals; man koederte ihn mit +Versprechungen, namentlich mit der Aussicht, dass man naechstens seinen +Feinden den Garaus machen werde. Er war Koenig gewesen, nunmehr ward er +Dorfschulze und liess sich dazu herbei, sich mit den Seinigen in der neuen +Mission San Fernando de Atabapos niederzulassen. Ein solch trauriges Ende +nahmen meist jene Haeuptlinge, welche bei Reisenden und Missionaeren +indianische Fuersten heissen. "In meiner Mission," sagt der gute Pater GILI, +"hatte ich fuenf _'Neyecillos'_ (kleine Koenige) der Tamanacos, Avarigotos, +Parecas, Quaquas und Maypures. In der Kirche setzte ich alle neben +einander auf Eine Bank, ermangelte aber nicht, den ersten Platz Monaiti, +dem Koenige der Tamanacos, anzuweisen, weil er mich bei der Gruendung des +Dorfs unterstuetzt hatte. Er schien ganz stolz auf die Auszeichnung." Wir +sind auch Pater Gili's Meinung, dass ehemalige, von ihrer Hoehe +herabgesunkene Gewalthaber selten mit so Wenigem zufrieden zu stellen +sind. + +Als Cuseru, der Haeuptling der Guaypunabis, die spanischen Truppen durch +die Katarakten ziehen sah, rieth er Don Jose Solano, die Niederlassung am +Atabapo noch ein ganzes Jahr aufzuschieben; er prophezeite Unheil, das +denn auch nicht ausblieb. "Lasst mich," sagte Cuseru zu den Jesuiten, "mit +den Meinigen arbeiten und das Land umbrechen; ich pflanze Manioc, und so +habt ihr spaeter mit so vielen Leuten zu leben." Solano, in seiner +Ungeduld, weiter vorzudringen, hoerte nicht auf den Rath des indianischen +Haeuptlings. Die neuen Ansiedler in San Fernando verfielen allen +Schrecknissen der Hungersnoth. Man liess mit grossen Kosten zu Schiff auf +dem Meta und dem Vichada Mehl aus Neu-Grenada kommen. Die Vorraethe langten +aber zu spaet an, und viele Europaeer und Indianer erlagen den Krankheiten, +die in allen Himmelsstrichen Folgen des Mangels und der gesunkenen +moralischen Kraft sind. + +Man sieht in San Fernando noch einige Spuren von Anbau; jeder Indianer hat +eine kleine Pflanzung von Cacaobaeumen. Die Baeume tragen vom fuenften Jahr +an reichlich, aber sie hoeren damit frueher auf als in den Thaelern von +Aragua. Die Bohne ist klein und von vorzueglicher Guete. Gin _Almuda_, deren +zehn auf eine Fanega gehen, kostet in San Fernando 6 Realen, etwa +4 Franken, an den Kuesten wenigstens 20--25 Franken; aber die ganze Mission +erzeugt kaum 80 Fanegas im Jahr, und da, nach einem alten Missbrauch, die +Missionaere am Orinoco und Rio Negro allein mit Cacao Handel treiben, so +wird der Indianer nicht aufgemuntert, einen Culturzweig zu erweitern, von +dem er so gut wie keinen Nutzen hat. Es gibt bei San Fernando ein paar +Savanen und gute Weiden; man sieht aber kaum sieben oder acht Kuehe darauf, +Ueberbleibsel der ansehnlichen Heerde, welche die Grenzexpedition ins Land +gebracht. Die Indianer sind etwas civilisirter als in den andern +Missionen. Zu unserer Ueberraschung trafen wir einen Schmied von der +eingeborenen Race. + +Was uns in der Mission San Fernando am meisten auffiel und was der +Landschaft einen eigenthuemlichen Charakter gibt, das ist die _'Pihiguao'_- +oder _'Pirijao'_-Palme. Der mit Stacheln bewehrte Stamm ist ueber sechzig +Fuss hoch; die Blaetter sind gefiedert, sehr schmal, wellenfoermig und an den +Spitzen gekraeuselt. Hoechst merkwuerdig sind die Fruechte des Baumes; jede +Traube traegt 50 bis 80; sie sind gelb wie Apfel, werden beim Reifen roth, +sind zwei bis drei Zoll dick und der Fruchtkern kommt meist nicht zur +Entwicklung. Unter den 80--90 Palmenarten, die ausschliesslich der neuen +Welt angehoeren und die ich in den _nova genera plantarum aequinoctialium_ +aufgezaehlt, ist bei keiner das Fruchtfleisch so ausserordentlich stark +entwickelt. Die Frucht des Pirijao enthaelt einen mehligten, eigelben, +nicht stark suessen, sehr nahrhaften Stoff. Man isst sie wie die Banane und +die Kartoffel, gesotten oder in der Asche gebraten; es ist ein eben so +gesundes als angenehmes Nahrungsmittel. Indianer und Missionaere erschoepfen +sich im Lobe dieser herrlichen Palme, die man die _'Pfirsichpalme'_ nennen +koennte und die in San Fernando, San Balthasar, Santa Barbara, ueberall, +wohin wir nach Sued und Ost am Atabapo und obern Orinoco kamen, in Menge +angebaut fanden. In diesen Landstrichen erinnert man sich unwillkuehrlich +der Behauptung LINNEs, die Palmenregion sey die urspruengliche Heimath +unseres Geschlechts, der Mensch sey eigentlich ein +_'Palmfruchtesser'_.(56) Mustert man die Vorraethe in den Huetten der +Indianer, so sieht man, dass mehrere Monate im Jahr die mehligte Frucht des +Pirijao fuer sie so gut ein Hauptnahrungsmittel ist als der Manioc und die +Banane. Der Baum traegt nur einmal im Jahr, aber oft drei Trauben, also +150--200 Fruechte. + +San Fernando de Atabapo, San Carlos und San Francisco Solano sind die +bedeutendsten Missionen am obern Orinoco. In San Fernando, wie in den +benachbarten Doerfern San Balthasar und Javita, fanden wir huebsche +Pfarrhaeuser, mit Schlingpflanzen bewachsen und mit Gaerten umgeben. Die +schlanken Staemme der Pirijaopalme waren in unsern Augen die Hauptzierde +dieser Pflanzungen. Auf unsern Spaziergaengen erzaehlte uns der Pater +Praesident sehr lebhaft von seinen Fahrten auf dem Rio Guaviare. Er sprach +davon, wie sehr sich die Indianer auf Zuege "zur Eroberung von Seelen" +freuen; jedermann, selbst Weiber und Greise wollen daran Theil nehmen. +Unter dem nichtigen Vorwand, man verfolge Neubekehrte, die aus dem Dorf +entlaufen, schleppt man dabei acht- bis zehnjaehrige Kinder fort und +vertheilt sie an die Indianer in den Missionen als Leibeigene oder +_Poitos_. Die Reisetagebuecher, die Pater BARTHOLOMEO MANCILLA uns gefaellig +mittheilte, enthalten sehr wichtiges geographisches Material. Weiter +unten, wenn von den Hauptnebenfluessen des Orinoco die Rede wird, vom +Guaviare, Ventuari, Meta, Caura und Carony, gebe ich eine Uebersicht +dieser Entdeckungen. Hier nur soviel, dass es, nach meinen astronomischen +Beobachtungen am Atabapo und auf dem westlichen Abhang der Cordillere der +Anden beim Paramo de la Suma Paz, von San Fernando bis zu den ersten +Doerfern in den Provinzen Caguan und San Juan de los Llanos nicht mehr als +107 Meilen ist. Auch versicherten mich Indianer, die frueher westlich von +der Insel Amanaveni, jenseits des Einflusses des Rio Supavi, gelebt, sie +haben auf einer Lustfahrt im Canoe (was die Wilden so heissen) auf dem +Guaviare bis ueber die _Angostura_ (den Engpass) und den Hauptwasserfall +hinauf, in drei Tagereisen Entfernung baertige und bekleidete Maenner +getroffen, welche Eier der Terekey-Schildkroete suchten. Darueber waren die +Indianer so erschrocken, dass sie in aller Eile umkehrten und den Guaviare +wieder hinunterfuhren. Wahrscheinlich kamen diese weissen, baertigen Maenner +aus den Doerfern Aroma und San Martin, da sich die zwei Fluesse Ariari und +Guayavero zum Guaviare vereinigen. Es ist nicht zu verwundern, dass die +Missionare am Orinoco und Atabapo fast keine Ahnung davon haben, wie nahe +sie bei den Missionaeren von Mocoa, am Rio Fragua und Caguan leben. In +diesen oeden Landstrichen kann man nur durch Laengenbeobachtungen die wahren +Entfernungen kennen lernen, und nur nach astronomischen Ermittlungen und +den Erkundigungen, die ich in den Kloestern zu Popayan und Pasto westwaerts +von den Cordilleren der Anden eingezogen, erhielt ich einen richtigen +Begriff von der gegenseitigen Lage der christlichen Niederlassungen am +Atabapo, Guayavero und Caqueta. + +So bald man das Bett des Atabapo betritt, ist Alles anders, die +Beschaffenheit der Luft, die Farbe des Wassers, die Gestalt der Baeume am +Ufer. Bei Tage hat man von den Moskitos nicht mehr zu leiden; die Schnaken +mit langen Fuessen (_zancudos_) werden bei Nacht sehr selten, ja oberhalb +der Mission San Fernando verschwinden diese Nachtinsekten ganz. Das Wasser +des Orinoco ist truebe, voll erdigter Stoffe, und in den Buchten hat es +wegen der vielen todten Krokodile und anderer faulender Koerper einen +bisamartigen, suesslichten Geruch. Um dieses Wasser trinken zu koennen, +mussten wir es nicht selten durch ein Tuch seihen. Das Wasser des Atabapo +dagegen ist rein, von angenehmem Geschmack, ohne eine Spur von Geruch, bei +reflektirtem Licht braeunlich, bei durchgehendem gelblich. Das Volk nennt +dasselbe "leicht," im Gegensatz zum trueben, schweren Orinocowasser. Es ist +meist um 2 deg., der Einmuendung des Rio Temi zu um 3 deg. kuehler als der obere +Orinoco. Wenn man ein ganzes Jahr lang Wasser von 27--28 Grad +[22 deg.,4--22 deg.,8 Reaumur] trinken muss, hat man schon bei ein paar Graden +weniger ein aeusserst angenehmes Gefuehl. Diese geringere Temperatur ruehrt +wohl daher, dass der Fluss nicht so breit ist, dass er keine sandigten Ufer +hat, die sich am Orinoco bei Tag auf 50 Grad erhitzen, und dass der +Atabapo, Temi, Tuamini und der Rio Negro von dichten Waeldern beschattet +sind. + +Dass die schwarzen Wasser ungemein rein seyn muessen, das zeigt ihre +Klarheit und Durchsichtigkeit und die Deutlichkeit, mit der sich die +umgebenden Gegenstaende nach Umriss und Faerbung darin spiegeln. Auf 20--30 +Fuss tief sieht man die kleinsten Fische darin und meist blickt man bis auf +den Grund des Flusses hinunter. Und dieser ist nicht etwa Schlamm von der +Farbe des Flusses, gelblich oder braeunlich, sondern blendend weisser Quarz- +und Granitsand. Nichts geht ueber die Schoenheit der Ufer des Atabapo; ihr +ueppiger Pflanzenwuchs, ueber den Palmen mit Federbuschlaub hoch in die Luft +steigen, spiegelt sich im Fluss. Das Gruen am reflektirten Bilde ist ganz so +satt als am direkt gesehenen Gegenstand, so glatt und eben ist die +Wasserflaeche, so frei von suspendirtem Sand und organischen Truemmern, die +auf der Oberflaeche minder heller Fluesse Streifen und Unebenheiten bilden. + +Wo man vom Orinoco abfaehrt, kommt man, aber ohne alle Gefahr, ueber mehrere +kleine Stromschnellen. Mitten in diesen _Raudalitos_ ergiesst sich, wie die +Missionaere annehmen, der Atabapo in den Orinoco. Nach meiner Ansicht +ergiesst sich aber der Atabapo vielmehr in den Guaviare, und diesen Namen +sollte man der Flussstrecke vom Orinoco bis zur Mission San Fernando geben. +Der Rio Guaviare ist weit breiter als der Atabapo, hat weisses Wasser und +der ganze Anblick seiner Ufer, seine gefiederten Fischsaenger, seine +Fische, die grossen Krokodile, die darin hausen, machen, dass er dem Orinoco +weit mehr gleicht als der Theil dieses Flusses, der von Esmeralda +herkommt. Wenn sich ein Strom durch die Vereinigung zweier fast gleich +breiten Fluesse bildet, so ist schwer zu sagen, welchen derselben man als +die Quelle zu betrachten hat. Die Indianer in San Fernando haben noch +heute eine Anschauung, die der der Geographen gerade zuwider laeuft. Sie +behaupten, der Orinoco entspringe aus zwei Fluessen, aus dem Guaviare und +dem Rio Paragua. Unter letzterem Namen verstehen sie den obern Orinoco von +San Fernando und Santa Barbara bis ueber Esmeralda hinauf. Dieser Annahme +zufolge ist ihnen der Cassiquiare kein Arm des Orinoco, sondern des Rio +Paragua. Ein Blick auf die von mir entworfene Karte zeigt, dass diese +Benennungen voellig willkuehrlich sind. Ob man dem Rio Paragua den Namen +Orinoco abstreitet, daran ist wenig gelegen, wenn man nur den Lauf der +Fluesse naturgetreu zeichnet, und nicht, wie man vor meiner Reise gethan, +Fluesse, die unter einander zusammenhaengen und Ein System bilden, durch +eine Gebirgskette getrennt seyn laesst. Will man einen der beiden Zweige, +die einen grossen Fluss bilden, nach dem letzteren benennen, so muss man den +Namen dem wasserreichsten derselben beilegen. In den beiden Jahreszeiten, +wo ich den Guaviare und den obern Orinoco oder Rio Paragua (zwischen +Esmeralda und San Fernando) gesehen, kam es mir nun aber vor, als waere +letzterer nicht so breit als der Guaviare. Die Vereinigung des obern +Mississippi mit dem Missouri und Ohio, die des Maragnon mit dem Guallaga +und Ucayale, die des Indus mit dem Chumab und Gurra oder Sutledge haben +bei den reisenden Geographen ganz dieselben Bedenken erregt. Um die rein +willkuehrlich angenommene Flussnomenclatur nicht noch mehr zu verwirren, +schlage ich keine neuen Venennungen vor. Ich nenne mit Pater CAULIN und +den spanischen Geographen den Fluss bei Esmeralda auch ferner Orinoco oder +obern Orinoco, bemerke aber, dass, wenn man den Orinoco von San Fernando de +Atabapo bis zum Delta, das er der Insel Trinidad gegenueber bildet, als +eine Fortsetzung des Rio Guaviare und das Stueck des obern Orinoco zwischen +Esmeralda und der Mission San Fernando als einen Nebenfluss betrachtete, +der Orinoco von den Savanen von San Juan de los Llanos und dem Ostabhang +der Anden bis zu seiner Muendung eine gleichfoermigere und natuerlichere +Richtung von Suedwest nach Nordost haette. + +Der Rio Paragua, oder das Stueck des Orinoco, auf dem man ostwaerts von der +Muendung des Guaviare hinauffaehrt, hat klareres, durchsichtigeres und +reineres Wasser als das Stueck unterhalb San Fernando. Das Wasser des +Guaviare dagegen ist weiss und trueb; es hat, nach dem Ausspruch der +Indianer, deren Sinne sehr scharf und sehr geuebt sind, denselben Geschmack +wie das Wasser des Orinoco in den grossen Katarakten. "Gebt mir," sagte ein +alter Indianer aus der Mission Javita zu uns, "Wasser aus drei, vier +grossen Fluessen des Landes, so sage ich euch nach dem Geschmack +zuverlaessig, wo das Wasser geschoepft worden, ob aus einem weissen oder +einem schwarzen Fluss, ob aus dem Orinoco oder dem Atabapo, dem Paragua +oder dem Guaviare." Auch die grossen Krokodile und die Delphine (Toninas) +haben der Guaviare und der untere Orinoco mit einander gemein; diese +Thiere kommen, wie man uns sagte, im Rio Paragua (oder obern Orinoco +zwischen San Fernando und Esmeralda) gar nicht vor. Diess sind doch sehr +auffallende Verschiedenheiten hinsichtlich der Beschaffenheit der Gewaesser +und der Vertheilung der Thiere. Die Indianer verfehlen nicht, sie +aufzuzaehlen, wenn sie den Reisenden beweisen wollen, dass der obere Orinoco +oestlich von San Fernando ein eigener, sich in den Orinoco ergiessender +Fluss, und der wahre Ursprung des letzteren in den Quellen des Guaviare zu +suchen sey. Die europaeischen Geographen haben sicher unrecht, dass sie die +Anschauung der Indianer nicht theilen, welche die natuerlichen Geographen +ihres Landes sind; aber bei Nomenclatur und Orthographie thut man nicht +selten gut, eine Unrichtigkeit, auf die man aufmerksam gemacht, dennoch +selbst beizubehalten. + +Meine astronomischen Beobachtungen in der Nacht des 25. April gaben mir +die Breite nicht so bestimmt, als zu wuenschen war. Der Himmel war bewoelkt +und ich konnte nur ein paar Hoehen von {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} im Centaur und dem schoenen Stern +am Fuss des suedlichen Kreuzes nehmen. Nach diesen Hoehen schien mir die +Breite der Mission San Fernando gleich 4 deg. 2{~PRIME~} 48{~DOUBLE PRIME~}; Pater CAULIN gibt auf +der Karte, die SOLANOs Beobachtungen im Jahr 1756 zu Grunde legt, +4 deg. 4{~PRIME~} an. Diese Uebereinstimmung spricht fuer die Richtigkeit meiner +Beobachtung, obgleich sich dieselbe nur auf Hoehen ziemlich weit vom +Meridian gruendet. Eine gute Sternbeobachtung in Guapasoso ergibt mir fuer +San Fernando 4 deg. 2{~PRIME~}. (GUMILLA setzte den Zusammenfluss des Atabapo und +Guaviare unter 0 deg. 30{~PRIME~}, D'ANVILLE unter 2 deg. 51{~PRIME~}). Die Laenge konnte ich auf +der Fahrt zum Rio Negro und auf dem Rueckweg von diesem Fluss sehr genau +bestimmen: sie ist 70 deg. 30{~PRIME~} 46{~DOUBLE PRIME~} (oder 4 deg. 0{~PRIME~} westlich vom Meridian von +Cumana). Der Gang des Chronometers war waehrend der Fahrt im Canoe so +regelmaessig, dass er vom 16. April bis 9. Juli nur um 27,9 bis 28,5 Secunden +abwich. In San Fernando fand ich die sehr sorgfaeltig rectificirte +Inclination der Magnetnadel gleich 29 deg. 70, die Intensitaet der Kraft 219. +Der Winkel und die Schwingungen waren also seit Maypures bei einem +Breitenunterschied von 1 deg. 11{~PRIME~} betraechtlich kleiner und weniger geworden. +Das anstehende Gestein war nicht mehr eisenschuessiger Sandstein, sondern +Granit, in Gneiss uebergehend. + +Am 26. April. Wir legten nur zwei oder drei Meilen zurueck und lagerten zur +Nacht auf einem Felsen in der Naehe der indianischen Pflanzungen oder +Conucos von Guapasoso. Da man das eigentliche Ufer nicht sieht, und der +Fluss, wenn er anschwillt, sich in die Waelder verlaeuft, kann man nur da +landen, wo ein Fels oder ein kleines Plateau sich ueber das Wasser erhebt. +Der Atabapo hat ueberall ein eigenthuemliches Ansehen; das eigentliche Ufer, +das aus einer acht bis zehn Fuss hohen Bank besteht, sieht man nirgends; es +versteckt sich hinter einer Reihe von Palmen und kleinen Baeumen mit sehr +duennen Staemmen, deren Wurzeln vom Wasser bespuelt werden. Vom Punkt, wo man +vom Orinoco abgeht, bis zur Mission San Fernando gibt es viele Krokodile, +und dieser Umstand beweist, wie oben bemerkt, dass dieses Flussstueck zum +Guaviare, nicht zum Atabapo gehoert. Im eigentlichen Bett des letzteren +oberhalb San Fernando gibt es keine Krokodile mehr; man trifft hie und da +einen *Bava* an und viele *Suesswasser-Delphine*, aber keine Seekuehe. Man +sucht hier auch vergeblich den Chiguire, die Araguatos oder grossen +Bruellaffen, den Zamuro oder _Vultur aura_ und den Fasanen mit der Haube, +den sogenannten _'Guacharaca'_. Ungeheure Wassernattern, im Habitus der +*Boa* gleich, sind leider sehr haeufig und werden den Indianern beim Baden +gefaehrlich. Gleich in den ersten Tagen sahen wir welche neben unserer +Pirogue herschwimmen, die 12--14 Fuss lang waren. Die Jaguars am Atabapo +und Temi sind gross und gut genaehrt, sie sollen aber lange nicht so keck +seyn als die am Orinoco. + +Am 27. April. Die Nacht war schoen, schwaerzlichte Wolken liefen von Zeit zu +Zeit ungemein rasch durch das Zenith. In den untern Schichten der +Atmosphaere regte sich kein Lueftchen, der allgemeine Ostwind wehte erst in +tausend Toisen Hoehe. Ich betone diesen Umstand: die Bewegung, die wir +bemerkten, war keine Folge von Gegenstroemungen (von West nach Ost), wie +man sie zuweilen in der heissen Zone auf den hoechsten Gebirgen der +Cordilleren wahrzunehmen glaubt, sie ruehrte vielmehr von einer +eigentlichen Brise, vom Ostwind her. Ich konnte die Meridianhoehe von {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} im +suedlichen Kreuz gut beobachten; die einzelnen Resultate schwankten nur um +8--10 Secunden um das Mittel. Die Breite von Guapasoso ist 3 deg. 53{~PRIME~} 55{~DOUBLE PRIME~}. Das +schwarze Wasser des Flusses diente mir als Horizont, und diese +Beobachtungen machten mir desto mehr Vergnuegen, als wir auf den Fluessen +mit weissem Wasser, auf dem Apure und Orinoco von den Insekten furchtbar +zerstochen worden waren, waehrend Bonpland die Zeit am Chronometer +beobachtete und ich den Horizont richtete. Wir brachen um zwei Uhr von den +Conucos von Guapasoso aus. Wir fuhren immer nach Sueden hinauf und sahen +den Fluss oder vielmehr den von Baeumen freien Theil seines Bettes immer +schmaler werden. Gegen Sonnenaufgang fing es an zu regnen. Wir waren an +diese Waelder, in denen es weniger Thiere gibt als am Orinoco, noch nicht +gewoehnt, und so wunderten wir uns beinahe, dass wir die Araguatos nicht +mehr bruellen hoerten. Die Delphine oder Toninas spielten um unser Canoe. +Nach COLEBROOKE begleitet der _Delphinus gangetius_, der Suesswasser-Delphin +der alten Welt, gleichfalls die Fahrzeuge, die nach Benares hinaufgehen; +aber von Benares bis zum Punkt, wo Salzwasser in den Ganges kommt, sind es +nur 200 Meilen, von Atabapo aber an die Muendung des Orinoco ueber 320. + +Gegen Mittag lag gegen Ost die Muendung des kleinen Flusses Ipurichapano, +und spaeter kamen wir am Granithuegel vorbei, der unter dem Namen *piedra +del Tigre* bekannt ist. Dieser einzeln stehende Fels ist nur 60 Fuss hoch +und doch im Lande weit berufen. Zwischen dem vierten und fuenften Grad der +Breite, etwas suedlich von den Bergen von Sipapo, erreicht man das suedliche +Ende der *Kette der Katarakten*, fuer die ich in einer im Jahr 1800 +veroeffentlichten Abhandlung den Namen _'Kette der Parime'_ in Vorschlag +gebracht habe. Unter 4 deg. 20{~PRIME~} streicht sie vom rechten Orinocoufer gegen Ost +und Ost-Sued-Ost. Der ganze Landstrich zwischen den Bergen der Parime und +dem Amazonenstrom, ueber den der Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro ziehen, +ist eine ungeheure, zum Theil mit Wald, zum Theil mit Gras bewachsene +Ebene. Kleine Felsen erheben sich da und dort, wie feste Schloesser. Wir +bereuten es, unser Nachtlager nicht beim Tigerfelsen aufgeschlagen zu +haben; denn wir fanden den Atabapo hinauf nur sehr schwer ein trockenes, +freies Stueck Land, gross genug, um unser Feuer anzuenden und unsere +Instrumente und Haengematten unterbringen zu koennen. + +Am 28. April. Der Regen goss seit Sonnenuntergang in Stroemen; wir +fuerchteten unsere Sammlungen moechten beschaedigt werden. Der arme Missionaer +bekam seinen Anfall von Tertianfieber und bewog uns, bald nach Mitternacht +weiter zu fahren. Wir kamen mit Tagesanbruch an die Piedra und den +Raudalito von Guarinuma. Der Fels, auf dem oestlichen Ufer, ist eine kahle, +mit Psora, Cladonia und andern Flechten bedeckte Granitbank. Ich glaubte +mich in das noerdliche Europa versetzt, auf den Kamm der Gneiss- und +Granitberge zwischen Freiberg und Marienberg in Sachsen. Die Cladonien +schienen mir identisch mit dem _Lichen rangiferinus_, dem _L. pyxidatus_ +und _L. polymorphus_ Linnes. Als wir die Stromschnellen von Guarinuma +hinter uns hatten, zeigten uns die Indianer mitten im Wald zu unserer +Rechten die Truemmer der seit lange verlassenen Mission Mendaxari. Auf dem +andern, oestlichen Ufer, beim kleinen Felsen Kemarumo, wurden wir auf einen +riesenhaften Kaesebaum (_Bombax Ceiba_) aufmerksam, der mitten in den +Pflanzungen der Indianer stand. Wir stiegen aus, um ihn zu messen: er war +gegen 120 Fuss hoch und hatte 14--15 Fuss Durchmesser. Ein so +ausserordentliches Wachsthum fiel uns um so mehr auf, da wir bisher am +Atabapo nur kleine Baeume mit duennem Stamm, von weitem jungen Kirschbaeumen +aehnlich, gesehen hatten. Nach den Aussagen der Indianer bilden diese +kleinen Baeume eine nur wenig verbreitete Gewaechsgruppe. Sie werden durch +das Austreten des Flusses im Wachsthum gehemmt; auf den trockenen Strichen +am Atabapo, Temi und Tuamini waechst dagegen vortreffliches Bauholz. Diese +Waelder (und dieser Umstand ist wichtig, wenn man sich von den *Ebenen +unter dem Aequator am Rio Negro und Amazonenstrom* eine richtige +Vorstellung machen will), diese Waelder erstrecken sich nicht ohne +Unterbrechung ostwaerts und westwaerts bis zum Cassiquiare und Guaviare: es +liegen vielmehr die kahlen Savanen von Manuteso und am Rio Inirida +dazwischen. Am Abend kamen wir nur mit Muehe gegen die Stroemung vorwaerts, +und wir uebernachteten in einem Gehoelz etwas oberhalb Mendaxari. Hier ist +wieder ein Granitfels, durch den eine Quarzschicht laeuft; wir fanden eine +Gruppe schoener schwarzer Schoerlkrystalle darin. + +Am 29. April. Die Luft war kuehler; keine Zancudos, aber der Himmel +fortwaehrend bedeckt und sternlos. Ich fing an mich wieder auf den untern +Orinoco zu wuenschen. Bei der starken Stroemung kamen wir wieder nur langsam +vorwaerts. Einen grossen Theil des Tages hielten wir an, um Pflanzen zu +suchen, und es war Nacht, als wir in der Mission San Balthasar ankamen, +oder, wie die Moenche sagen (da Balthasar nur der Name eines indianischen +Haeuptlings ist), in der Mission _'la divina Pastora de Balthasar de +Atabapo'_. Wir wohnten bei einem catalonischen Missionaer, einem muntern +liebenswuerdigen Mann, der hier in der Wildniss ganz die seinem Volksstamm +eigenthuemliche Thaetigkeit entwickelte. Er hatte einen schoenen Garten +angelegt, wo der europaeische Feigenbaum der Persea, der Citronenbaum dem +Mamei zur Seite stand. Das Dorf war nach einem regelmaessigen Plan gebaut, +wie man es in Norddeutschland und im protestantischen Amerika bei den +Gemeinden der maehrischen Brueder sieht. Die Pflanzungen der Indianer +schienen uns besser gehalten als anderswo. Hier sahen wir zum erstenmal +den weissen, schwammigten Stoff, den ich unter dem Namen _'Dapicho'_ und +_'Zapis'_ bekannt gemacht habe. Wir sahen gleich, dass derselbe mit dem +"elastischen Harz" Aehnlichkeit hat; da uns aber die Indianer durch +Zeichen bedeuteten, man finde denselben in der Erde, so vermutheten wir, +bis wir in die Mission Javita kamen, das *Dapicho* moechte ein *fossiles +Cautschuc* seyn, wenn auch abweichend vom *elastischen Bitumen* in +Derbyshire. In der Huette des Missionaers sass ein Poimisano-Indianer an +einem Feuer und verwandelte das Dapicho in schwarzes Cautschuc. Er hatte +mehrere Stuecke auf ein duennes Holz gespiesst und briet dieselben wie +Fleisch. Je weicher und elastischer das Dapicho wird, desto mehr schwaerzt +es sich. Nach dem harzigen, aromatischen Geruch, der die Huette erfuellte, +ruehrt dieses Schwarzwerden wahrscheinlich davon her, dass eine Verbindung +von Kohlenstoff und Wasserstoff zersetzt und der Kohlenstoff frei wird, +waehrend der Wasserstoff bei gelinder Hitze verbrennt. Der Indianer klopfte +die erweichte schwarze Masse mit einem vorne keulenfoermigen Stueck +Brasilholz, knetete dann den Dapicho zu Kugeln von 3--4 Zoll Durchmesser +und liess ihn erkalten. Diese Kugeln gleichen vollkommen dem Cautschuc, wie +es in den Handel kommt, sie bleiben jedoch aussen meist etwas klebrig. Man +braucht sie in San Balthasar nicht zum indianischen Ballspiel, das bei den +Einwohnern von Uruana und Encaramada in so hohem Ansehen steht; man +schneidet sie cylindrisch zu, um sie als Stoepsel zu gebrauchen, die noch +weit besser sind als Korkstoepsel. Diese Anwendung des Cautschuc war uns +desto interessanter, da uns der Mangel europaeischer Stoepsel oft in grosse +Verlegenheit gesetzt hatte. Wie ungemein nuetzlich der Kork ist, fuehlt man +erst in Laendern, wohin er durch den Handel nicht kommt. In Suedamerika +kommt nirgends, selbst nicht auf dem Ruecken der Anden, eine Eichenart vor, +die dem _Quercus suber_ nahe staende, und weder das leichte Holz der +Bombax- und Ochroma-Arten und anderer Malvaceen, noch die Maisspindeln, +deren sich die Indianer bedienen, ersetzen unsere Stoepsel vollkommen. Der +Missionaer zeigte uns vor der _'Casa de los Solteros'_ (Haus, wo sich die +jungen, nicht verheiratheten Leute versammeln) eine Trommel, die aus einem +zwei Fuss langen und achtzehn Zoll dicken hohlen Cylinder bestand. Man +schlug dieselbe mit grossen Stuecken Dapicho, wie mit Trommelschlaegeln; sie +hatte Loecher, die man mit der Hand schliessen konnte, um hoehere oder +tiefere Toene hervorzubringen, und hing an zwei leichten Stuetzen. Wilde +Voelker lieben rauschende Musik. Die Trommel und die _Botutos_ oder +Trompeten aus gebrannter Erde, 3--4 Fuss lange Roehren, die sich an mehreren +Stellen zu Hohlkugeln erweitern, sind bei den Indianern unentbehrliche +Instrumente, wenn es sich davon handelt, mit Musik Effekt zu machen. + +Am 30. April. Die Nacht war ziemlich schoen, so dass ich die Meridianhoehen +des {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} im suedlichen Kreuz und der zwei grossen Sterne in den Fuessen des +Centauren beobachten konnte. Ich fand fuer San Balthasar eine Breite von +3 deg. 14{~PRIME~} 23{~DOUBLE PRIME~}. Als Laenge ergab sich aus Stundenwinkeln der Sonne nach dem +Chronometer 70 deg. 14{~PRIME~} 21{~DOUBLE PRIME~}. Die Inclination der Magnetnadel war 27{~PRIME~} 80. Wir +verliessen die Mission Morgens ziemlich spaet und fuhren den Atabapo noch +fuenf Meilen hinauf; statt ihm aber weiter seiner Quelle zu gegen Osten, wo +er Atacavi heisst, zu folgen, liefen wir jetzt in den Rio Temi ein. Ehe wir +an die Muendung desselben kamen, beim Einfluss des Guasacavi, wurden wir auf +eine Granitkuppe am westlichen Ufer aufmerksam. Dieselbe heisst der *Fels +der Guahiba-Indianerin*, oder der Fels der Mutter, _Piedra de la madre_. +Wir fragten nach dem Grund einer so sonderbaren Benennung. Pater Zea +konnte unsere Neugier nicht befriedigen, aber einige Wochen spaeter +erzaehlte uns ein anderer Missionaer einen Vorfall, den ich in meinem +Tagebuch aufgezeichnet und der den schmerzlichsten Eindruck auf uns +machte. Wenn der Mensch in diesen Einoeden kaum eine Spur seines Daseyns +hinter sich laesst, so ist es fuer den Europaeer doppelt demuethigend, dass +durch den Namen eines Felsen, durch eines der unvergaenglichen Denkmale der +Natur, das Andenken an die sittliche Verworfenheit unseres Geschlechts, an +den Gegensatz zwischen der Tugend des Wilden und der Barbarei des +civilisirten Menschen verewigt wird. + +Der Missionaer von San Fernando(57) war mit seinen Indianern an den +Guaviare gezogen, um einen jener feindlichen Einfaelle zu machen, welche +sowohl die Religion als die spanischen Gesetze verbieten. Man fand in +einer Huette eine Mutter vom Stamme der Guahibos mit drei Kindern, von +denen zwei noch nicht erwachsen waren. Sie bereiteten Maniocmehl. An +Widerstand war nicht zu denken; der Vater war auf dem Fischfang, und so +suchte die Mutter mit ihren Kindern sich durch die Flucht zu retten. Kaum +hatte sie die Savane erreicht, so wurde sie von den Indianern aus der +Mission eingeholt, die auf die *Menschenjagd* gehen, wie die Weissen und +die Neger in Afrika. Mutter und Kinder wurden gebunden und an den Fluss +geschleppt. Der Ordensmann sass in seinem Boot, des Ausgangs der Expedition +harrend, die fuer ihn sehr gefahrlos war. Haette sich die Mutter zu stark +gewehrt, so waere sie von den Indianern umgebracht worden; Alles ist +erlaubt, wenn man auf die _conquista espiritual_ auszieht, und man will +besonders der Kinder habhaft werden, die man dann in der Mission als +Poitos oder Sklaven der Christen behandelt. Man brachte die Gefangenen +nach San Fernando und meinte, die Mutter koennte zu Land sich nicht wieder +in ihre Heimath zurueckfinden. Durch die Trennung von den Kindern, die am +Tage ihrer Entfuehrung den Vater begleitet hatten, gerieth das Weib in die +hoechste Verzweiflung. Sie beschloss, die Kinder, die in der Gewalt des +Missionaers waren, zur Familie zurueckzubringen; sie lief mit ihnen mehrere +male von San Fernando fort, wurde aber immer wieder von den Indianern +gepackt, und nachdem der Missionaer sie unbarmherzig hatte peitschen +lassen, fasste er den grausamen Entschluss, die Mutter von den beiden +Kindern, die mit ihr gefangen worden, zu trennen. Man fuehrte sie allein +den Atabapo hinauf, den Missionen am Rio Negro zu. Leicht gebunden sass sie +auf dem Vordertheil des Fahrzeugs. Man hatte ihr nicht gesagt, welches +Loos ihrer wartete, aber nach der Richtung der Sonne sah sie wohl, dass sie +immer weiter von ihrer Huette und ihrer Heimath wegkam. Es gelang ihr, sich +ihrer Bande zu entledigen, sie sprang in den Fluss und schwamm dem linken +Ufer des Atabapo zu. Die Stroemung trug sie an eine Felsbank, die noch +heute ihren Namen traegt. Sie ging hier ans Land und lief ins Holz; aber +der Praesident der Missionen befahl den Indianern, ans Ufer zu fahren und +den Spuren der Guahiba zu folgen. Am Abend wurde sie zurueckgebracht, auf +den Fels (_piedra de la madre_) gelegt und mit einem Seekuhriemen, die +hier zu Lande als Peitschen dienen und mit denen die Alcaden immer +versehen sind, unbarmherzig gepeitscht. Man band dem ungluecklichen Weibe +mit starken Mavacureranken die Haende aus den Ruecken und brachte sie in die +Mission Javita. + +Man sperrte sie hier in eines der Caravanserais, die man _Cases del Rey_ +nennt. Es war in der Regenzeit und die Nacht ganz finster. Waelder, die man +bis da fuer undurchdringlich gehalten, liegen, 25 Meilen in gerader Linie +breit, zwischen Javita und San Fernando. Man kennt keinen andern Weg als +die Fluesse. Niemals hat ein Mensch versucht zu Land von einem Dorf zum +andern zu gehen, und laegen sie auch nur ein paar Meilen aus einander. Aber +solche Schwierigkeiten halten eine Mutter, die man von ihren Kindern +getrennt, nicht auf. Ihre Kinder sind in San Fernando am Atabapo; sie muss +zu ihnen, sie muss sie aus den Haenden der Christen befreien, sie muss sie +dem Vater am Guaviare wieder bringen. Die Guahiba ist im Caravanserai +nachlaessig bewacht, und da ihre Arme ganz blutig waren, hatten ihr die +Indianer von Javita ohne Vorwissen des Missionaers und des Alcaden die +Bande gelockert. Es gelingt ihr, sie mit den Zaehnen vollends loszumachen, +und sie verschwindet in der Nacht. Und als die Sonne zum vierten mal +aufgeht, sieht man sie in der Mission San Fernando um die Huette +schleichen, wo ihre Kinder eingesperrt sind. "Was dieses Weib ausgefuehrt", +sagte der Missionaer, der uns diese traurige Geschichte erzaehlte, "der +kraeftigste Indianer haette sich nicht getraut es zu unternehmen." Sie ging +durch die Waelder in einer Jahreszeit, wo der Himmel immer mit Wolken +bedeckt ist und die Sonne Tage lang nur auf wenige Minuten zum Vorschein +kommt. Hatte sie sich nach dem Lauf der Wasser gerichtet? Aber da Alles +ueberschwemmt war, musste sie sich weit von den Flussufern, mitten in den +Waeldern halten, wo man das Wasser fast gar nicht laufen sieht. Wie oft +mochte sie von den stachligten Lianen aufgehalten worden sehn, welche um +die von ihnen umschlungenen Staemme ein Gitterwerk bilden! Wie oft musste +sie ueber die Baeche schwimmen, die sich in den Atabapo ergiessen! Man fragte +das unglueckliche Weib, von was sie sich vier Tage lang genaehrt; sie sagte, +voellig erschoepft habe sie sich keine andere Nahrung verschaffen koennen als +die grossen schwarzen Ameisen, _Vachacos_ genannt, die in langen Zuegen an +den Baeumen hinaufkriechen, um ihre harzigten Nester daran zu haengen. Wir +wollten durchaus vom Missionaer wissen, ob jetzt die Guahiba in Ruhe des +Glueckes habe geniessen koennen, um ihre Kinder zu seyn, ob man doch endlich +bereut habe, dass man sich so masslos vergangen? Er fand nicht fuer gut, +unsere Neugierde zu befriedigen; aber auf der Rueckreise vom Rio Negro +hoerten wir, man habe der Indianerin nicht Zeit gelassen, von ihren Wunden +zu genesen, sondern sie wieder von ihren Kindern getrennt und in eine +Mission am obern Orinoco gebracht. Dort wies sie alle Nahrung von sich und +starb, wie die Indianer in grossem Jammer thun. + +Diess ist die Geschichte, deren Andenken an diesem unseligen Gestein, an +der _Piedra de la madre_ haftet. Es ist mit in dieser meiner +Reisebeschreibung nicht darum zu thun, bei der Schilderung einzelner +Ungluecksscenen zu verweilen. Dergleichen Jammer kommt ueberall vor, wo es +Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europaeer unter versunkenen Voelkern +leben, wo Priester mit unumschraenkter Gewalt ueber unwissende, wehrlose +Menschen herrschen. Als Geschichtschreiber der Laender, die ich bereist, +beschraenke ich mich meist darauf, anzudeuten, was in den buergerlichen und +religioesen Einrichtungen mangelhaft oder der Menschheit verderblich +erscheint. Wenn ich beim *Fels der Guahiba* laenger verweilt habe, geschah +es nur, um ein ruehrendes Beispiel von Mutterliebe bei einer Menschenart +beizubringen, die man so lange verlaeumdet hat, und weil es mir nicht ohne +Nutzen schien, einen Vorfall zu veroeffentlichen, den ich aus dem Munde von +Franciskanern habe, und der beweist, wie nothwendig es ist, dass das Auge +des Gesetzgebers ueber dem Regiment der Missionaere wacht. + +Oberhalb dem Einfluss des Guasacavi liefen wir in den Rio Temi ein, der von +Sued nach Nord laeuft. Waeren wir den Atabapo weiter hinaufgefahren, so waeren +wir gegen Ost-Sued-Ost vom Guainia oder Rio Negro abgekommen. Der Temi ist +nur 80--90 Toisen breit, und in jedem andern Lande als Guyana waere diess +noch immer ein bedeutender Fluss. Das Land ist aeusserst einfoermig, nichts +als Wald auf voellig ebenem Boden. Die schoene Pirijaopalme mit Fruechten wie +Pfirsiche, und eine neue Art *Bache* oder Mauritia mit stachlichtem Stamm +ragen hoch ueber den kleineren Baeumen, deren Wachsthum, wie es scheint, +durch das lange Stehen unter Wasser niedergehalten wird. Diese _Mauritia +aculeata_ heisst bei den Indianern _Juria_ oder _Cauvaja_. Sie hat +faecherfoermige, gegen den Boden gesenkte Blaetter; auf jedem Blatte sieht +man gegen die Mitte, wahrscheinlich in Folge einer Krankheit des +Parenchyms, concentrische, abwechselnd gelbe und blaue Kreise; gegen die +Mitte herrscht das Gelb vor. Diese Erscheinung fiel uns sehr auf. Diese +wie ein Pfauenschweif gefaerbten Blaetter sitzen auf kurzen, sehr dicken +Staemmen. Die Stacheln sind nicht lang und duenn, wie beim Corozo und andern +stachligten Palmen; sie sind im Gegentheil stark holzigt, kurz, gegen die +Basis breiter, wie die Stacheln der _Hura crepitans_. An den Ufern des +Atabapo und Temi steht diese Palme in Gruppen von zwoelf bis fuenfzehn +Staemmen, die sich so nah an einander draengen, als kaemen sie aus Einer +Wurzel. Im Habitus, in der Form und der geringen Zahl der Blaetter gleichen +diese Baeume den Faecherpalmen und Chamaerops der alten Welt. Wir bemerkten, +dass einige Juriastaemme gar keine Fruechte trugen, waehrend andere davon ganz +voll hingen; diess scheint auf eine Palme mit getrennten Geschlechtern zu +deuten. + +Ueberall wo der Temi Schlingen bildet, steht der Wald ueber eine halbe +Quadratmeile weit unter Wasser. Um die Kruemmungen zu vermeiden und +schneller vorwaerts zu kommen, wird die Schifffahrt hier ganz seltsam +betrieben. Die Indianer bogen aus dem Flussbett ab, und wir fuhren suedwaerts +durch den Wald auf sogenannten _'Sendas'_, das heisst vier bis fuenf Fuss +breiten, offenen Canaelen. Das Wasser ist selten ueber einen halben Faden +tief. Diese *Sendas* bilden sich im ueberschwemmten Wald, wie auf trockenem +Boden die Fusssteige. Die Indianer schlagen von einer Mission zur andern +mit ihren Canoes wo moeglich immer denselben Weg ein; da aber der Verkehr +gering ist, so stoesst man bei der ueppigen Vegetation zuweilen unerwartet +auf Hindernisse. Desshalb stand ein Indianer mit einem Machette (ein grosses +Messer mit vierzehn Zoll langer Klinge) vorne auf unserem Fahrzeug und +hieb fortwaehrend die Zweige ab, die sich von beiden Seiten des Canals +kreuzten. Im dicksten Walde vernahmen wir mit Ueberraschung einen +sonderbaren Laerm. Wir schlugen an die Buesche, und da kam ein Schwarm vier +Fuss langer *Toninas* (Suesswasserdelphine) zum Vorschein und umgab unser +Fahrzeug. Die Thiere waren unter den Aesten eines Kaesebaums oder _Bombax +Ceiba_ versteckt gewesen. Sie machten sich durch den Wald davon und warfen +dabei die Strahlen Wasser und comprimirter Luft, nach denen sie in allen +Sprachen Blasefische oder Spritzfische, _souffleurs_ u. s. w. heissen. Ein +sonderbarer Anblick mitten im Lande, drei- und vierhundert Meilen von den +Muendungen des Orinoco und des Amazonenstroms! Ich weiss wohl, dass Fische +von der Familie Pleuronectes [_Limanda_] aus dem atlantischen Meer in der +Loire bis Orleans heraufgehen; aber ich bin immer noch der Ansicht, dass +die Delphine im Temi, wie die im Ganges und wie die Rochen im Orinoco, von +den Seerochen und Seedelphinen ganz verschiedene Arten sind. In den +ungeheuren Stroemen Suedamerikas und in den grossen Seen Nordamerikas scheint +die Natur mehrere Typen von Seethieren zu wiederholen. Der Nil hat keine +Delphine;(58) sie gehen aus dem Meer im Delta nicht ueber Biana und +Metonbis, Selamoun zu, hinauf. + +Gegen fuenf Uhr Abends gingen wir nicht ohne Muehe in das eigentliche +Flussbett zurueck. Unsere Pirogue blieb ein paar Minuten lang zwischen zwei +Baumstaemmen stecken. Kaum war sie wieder losgemacht, kamen wir an eine +Stelle, wo mehrere Wasserpfade oder kleine Canaele sich kreuzten, und der +Steuermann wusste nicht gleich, welches der befahrenste Weg war. Wir haben +oben gesehen, dass man in der Provinz Varinas im Canoe ueber die offenen +Savanen von San Fernando am Apure bis an den Arauca faehrt; hier fuhren wir +durch einen Wald, der so dicht ist, dass man sich weder nach der Sonne noch +nach den Sternen orientiren kann. Heute fiel es uns wieder recht auf, dass +es in diesem Landstrich keine baumartigen Farn mehr gibt. Sie nehmen vom +sechsten Grad noerdlicher Breite an sichtbar ab, wogegen die Palmen dem +Aequator zu ungeheuer zunehmen. Die eigentliche Heimath der baumartigen +Farn ist ein nicht so heisses Klima, ein etwas bergigter Boden, Plateaus +von 300 Toisen Hoehe. Nur wo Berge sind, gehen diese prachtvollen Gewaechse +gegen die Niederungen herab; ganz ebenes Land, wie das, ueber welches der +Cassiquiare, der Temi, der Inirida und der Rio Negro ziehen, scheinen sie +zu meiden. Wir uebernachteten an einem Felsen, den die Missionaere Piedra de +Astor nennen. Von der Muendung des Guaviare an ist der geologische +Charakter des Bodens derselbe. Es ist eine weite aus Granit bestehende +Ebene, auf der jede Meile einmal das Gestein zu Tage kommt und keine +Huegel, sondern kleine senkrechte Massen bildet, die Pfeilern oder +zerfallenen Gebaeuden gleichen. + +Am ersten Mai. Die Indianer wollten lange vor Sonnenaufgang aufbrechen. +Wir waren vor ihnen auf den Beinen, weil ich vergeblich auf einen Stern +wartete, der im Begriff war durch den Meridian zu gehen. Auf diesem +nassen, dicht bewaldeten Landstrich wurden die Naechte immer finsterer, je +naeher wir dem Rio Negro und dem innern Brasilien kamen. Wir blieben im +Flussbett, bis der Tag anbrach; man haette besorgen muessen, sich unter den +Baeumen zu verirren. Sobald die Sonne aufgegangen war, ging es wieder, um +der starken Stroemung auszuweichen, durch den ueberschwemmten Wald. So kamen +wir an den Zusammenfluss des Temi mit einem andern kleinen Fluss, dem +Tuamini, dessen Wasser gleichfalls schwarz ist, und gingen den letzteren +gegen Suedwest hinauf. Damit kamen wir auf die Mission Javita zu, die am +Tuamini liegt. In dieser christlichen Niederlassung sollten wir die +erforderlichen Mittel finden, um unsere Pirogue zu Land an den Rio Negro +schaffen zu lassen. Wir kamen in *San Antonio de Javita* erst um elf Uhr +Vormittags an. Ein an sich unbedeutender Vorfall, der aber zeigt, wie +ungemein furchtsam die kleinen Sagoins sind, hatte uns an der Muendung des +Tuamini eine Zeitlang aufgehalten. Der Laerm, den die Spritzfische machen, +hatte unsere Affen erschreckt, und einer war ins Wasser gefallen. Da diese +Affenart, vielleicht weil sie ungemein mager ist, sehr schlecht schwimmt, +so kostete es Muehe, ihn zu retten. + +Zu unserer Freude trafen wir in Javita einen sehr geisteslebendigen, +vernuenftigen und gefaelligen Moench. Wir mussten uns vier bis fuenf Tage in +seinem Hause aufhalten, da so lange zum Transport unseres Fahrzeugs ueber +den *Trageplatz* am Pimichin erforderlich war; wir benuetzten diese Zeit +nicht allein, um uns in der Gegend umzusehen, sondern auch um uns von +einem Uebel zu befreien, an dem wir seit zwei Tagen litten. Wir hatten +sehr starkes Jucken in den Fingergelenken und auf dem Handruecken. Der +Missionaer sagte uns, das seyen _aradores_ (Ackerer), die sich in die Haut +gegraben. Mit der Loupe sahen wir nur Streifen, parallele weisslichte +Furchen. Wegen der Form dieser Furchen heisst das Insekt der *Ackerer*. Man +liess eine Mulattin kommen, die sich ruehmte, all die kleinen Thiere, welche +sich in die Haut des Menschen graben, die *Nigua*, den *Nuche*, die *Coya* +und den *Ackerer*, aus dem Fundament zu kennen; es war die _'Curandera'_, +der Dorfarzt. Sie versprach uns die Insekten, die uns so schreckliches +Jucken verursachten, eines um das andere herauszuholen. Sie erhitzte an +der Lampe die Spitze eines kleinen Splitters sehr harten Holzes und bohrte +damit in den Furchen, die auf der Haut sichtbar waren. Nach langem Suchen +verkuendete sie mit dem pedantischen Ernst, der den Farbigen eigen ist, da +sey bereits ein Arador. Ich sah einen kleinen runden Sack, der mir das Ei +einer Milbe schien. Wenn die Mulattin einmal drei, vier solche Aradores +heraus haette, sollte ich mich erleichtert fuehlen. Da ich an beiden Haenden +die Haut voll Acariden hatte, ging mir die Geduld ueber der Operation aus, +die bereits bis tief in die Nacht gedauert hatte. Am andern Tag heilte uns +ein Indianer aus Javita radical und ueberraschend schnell. Er brachte uns +einen Zweig von einem Strauch, genannt *Uzao*, mit kleinen, denen der +Cassia aehnlichen, stark lederartigen, glaenzenden Blaettern. Er machte von +der Rinde einen kalten Aufguss, der blaeulich aussah und wie Suessholz +(_Glycyrrhiza_) schmeckte und geschlagen starken Schaum gab. Auf einfaches +Waschen mit dem Uzaowasser hoerte das Jucken von den Aradores auf. Wir +konnten vom Uzao weder Bluethe noch Frucht auftreiben. Der Strauch scheint +der Familie der Schotengewaechse anzugehoeren, deren chemische Eigenschaften +so auffallend ungleichartig sind. Der Schmerz, den wir auszustehen gehabt, +hatte uns so aengstlich gemacht, dass wir bis San Carlos immer ein paar +Uzaozweige im Canoe mitfuehrten; der Strauch waechst am Pimichin in Menge. +Warum hat man kein Mittel gegen das Jucken entdeckt, das von den Stichen +der Zancudos herruehrt, wie man eines gegen das Jucken hat, das die +_Aradores_ oder mikroskopischen Acariden verursachen? + +Im Jahr 1755, vor der Grenzexpedition, gewoehnlich Solanos Expedition +genannt, wurde dieser Landstrich zwischen den Missionen Javita und San +Balthasar als zu Brasilien gehoerig betrachtet. Die Portugiesen waren vom +Rio Negro ueber den Trageplatz beim Cano Pimichin bis an den Temi +vorgedrungen. Ein indianischer Haeuptling, Javita, beruehmt wegen seines +Muthes und seines Unternehmungsgeistes, war mit den Portugiesen verbuendet. +Seine Streifzuege gingen vom Rio Jupura oder Caqueta, einem der grossen +Nebenfluesse des Amazonenstromes ueber den Rio Uaupe und Xie, bis zu den +schwarzen Gewaessern des Temi und Tuamini, ueber hundert Meilen weit. Er war +mit einem Patent versehen, das ihn ermaechtigte, "Indianer aus dem Wald zu +holen, zur Eroberung der Seelen." Er machte von dieser Befugniss +reichlichen Gebrauch; aber er bezweckte mit seinen Einfaellen etwas, das +nicht so ganz geistlich war, Sklaven (_poitos_) zu machen und sie an die +Portugiesen zu verkaufen. Als Solano, der zweite Befehlshaber bei der +Grenzexpedition, nach San Fernando de Atabapo kam, liess er Capitaen Javita +aus einem seiner Streifzuege am Temi festnehmen. Er behandelte ihn +freundlich und es gelang ihm, ihn durch Versprechungen, die nicht gehalten +wurden, fuer die spanische Regierung zu gewinnen. Die Portugiesen, die +bereits einige feste Niederlassungen im Lande gegruendet hatten, wurden bis +an den untern Rio Negro zurueckgedraengt, und die Mission San Antonio, die +gewoehnlich nach ihrem indianischen Gruender Javita heisst, weiter noerdlich +von den Quellen des Tuamini, dahin verlegt, wo sie jetzt liegt. Der alte +Capitaen Javita lebte noch, als wir an den Rio Negro gingen. Er ist ein +Indianer von bedeutender Geistes- und Koerperkraft. Er spricht gelaeufig +spanisch und hat einen gewissen Einfluss auf die benachbarten Voelker +behalten. Er begleitete uns immer beim Botanisiren und ertheilte uns +mancherlei Auskunft, die wir desto mehr schaetzten, da die Missionaere ihn +fuer sehr zuverlaessig halten. Er versichert, er habe in seiner Jugend fast +alle Indianerstaemme, welche auf dem grossen Landstrich zwischen dem obern +Orinoco, dem Rio Negro, dem Irinida und Jupura wohnen, Menschenfleisch +essen sehen. Er haelt die Daricavanas, Puchirinavis und Manitibitanos fuer +die staerksten Anthropophagen. Er haelt diesen abscheulichen Brauch bei +ihnen nur fuer ein Stueck systematischer Rachsucht: sie essen nur Feinde, +die im Gefecht in ihre Haende gefallen. Die Beispiele, wo der Indianer in +der Grausamkeit so weit geht, dass er seine Naechsten, sein Weib, eine +ungetreue Geliebte verzehrt, sind, wie wir weiter unten sehen werden, sehr +selten. Auch weiss man am Orinoco nichts von der seltsamen Sitte der +scythischen und massagetischen Voelker, der Capanaguas am Rio Ucayale und +der alten Bewohner der Antillen, welche dem Todten zu Ehren die Leiche zum +Theil assen. Auf beiden Continenten kommt dieser Brauch nur bei Voelkern +vor, welche das Fleisch eines Gefangenen verabscheuen. Der Indianer auf +Haiti (St. Domingo) haette geglaubt dem Andenken eines Angehoerigen die +Achtung zu versagen, wenn er nicht ein wenig von der gleich einer +Guanchenmumie getrockneten und gepulverten Leiche in sein Getraenk geworfen +haette. Da kann man wohl mit einem orientalischen Dichter sagen, "am +seltsamsten in seinen Sitten, am ausschweifendsten in seinen Trieben sey +von allen Thieren der Mensch." + +Das Klima in San Antonio de Javita ist ungemein regnerisch. Sobald man +ueber den dritten Breitegrad hinunter dem Aequator zu kommt, findet man +selten Gelegenheit Sonne und Gestirne zu beobachten. Es regnet fast das +ganze Jahr und der Himmel ist bestaendig bedeckt. Da in diesem +unermesslichen Urwald von Guyana der Ostwind nicht zu spueren ist und die +Polarstroeme nicht hieher reichen, so wird die Luftsaeule, die auf dieser +Waldregion liegt, nicht durch trockenere Schichten ersetzt. Der +Wasserdunst, mit dem sie gesaettigt ist, verdichtet sich zu aequatorialen +Regenguessen. Der Missionaer versicherte uns, er habe hier oft vier, fuenf +Monate ohne Unterbrechung regnen sehen. Ich mass den Regen, der am ersten +Mai innerhalb fuenf Stunden fiel: er stand 21 Linien hoch, und am dritten +Mai bekam ich sogar 14 Linien in drei Stunden Und zwar, was wohl zu +beachten, wurden diese Beobachtungen nicht bei starkem, sondern bei ganz +gewoehnlichem Regen angestellt. Bekanntlich fallen in Paris in ganzen +Monaten, selbst in den nassesten, Maerz, Juli und September, nur 28 bis 30 +Linien Wasser. Allerdings kommen auch bei uns Regenguesse vor, bei denen in +der Stunde ueber einen Zoll Wasser faellt, man darf aber nur den mittleren +Zustand der Atmosphaere in der gemaessigten und in der heissen Zone +vergleichen. Aus den Beobachtungen, die ich hinter einander im Hafen von +Guayaquil an der Suedsee und in der Stadt Quito in 1492 Toisen Meereshoehe +angestellt, scheint hervorzugehen, dass gewoehnlich auf dem Ruecken der Anden +in der Stunde zwei- bis dreimal weniger Wasser faellt als im Niveau des +Meeres. Es regnet im Gebirge oefter, dabei faellt aber in einer gegebenen +Zeit weniger Wasser. Am Rio Negro in Maroa und San Carlos ist der Himmel +bedeutend heiterer als in Javita und am Temi. Dieser Unterschied ruehrt +nach meiner Ansicht daher, dass dort die Savanen am untern Rio Negro in der +Naehe liegen, ueber die der Ostwind frei wehen kann, und die durch ihre +Strahlung einen staerkeren aufsteigenden Luftstrom verursachen als +bewaldetes Land. + +Es ist in Javita kuehler als in Maypures, aber bedeutend heisser als am Rio +Negro. Der hunderttheilige Thermometer stand bei Tag auf 26--27 deg., bei +Nacht auf 21 deg.; noerdlich von den Katarakten, besonders noerdlich von der +Muendung des Meta, war die Temperatur bei Tag meist 28--30 deg., bei Nacht +25--26 deg.. Diese Abnahme der Waerme am Atabapo, Tuamini und Rio Negro ruehrt +ohne Zweifel davon her, dass bei dem bestaendig bedeckten Himmel die Sonne +so wenig scheint und die Verdunstung aus dem nassen Boden so stark ist. +Ich spreche nicht vom erkaeltenden Einfluss der Waelder, wo die zahllosen +Blaetter eben so viele duenne Flaechen sind, die sich durch Strahlung gegen +den Himmel abkuehlen. Bei dem mit Wolken umzogenen Himmel kann dieses +Moment nicht viel ausmachen. Auch scheint die Meereshoehe von Javita etwas +dazu beizutragen, dass die Temperatur niedriger ist. Maypures liegt +wahrscheinlich 60--70, San Fernando de Atabapo 122, Javita 166 Toisen ueber +dem Meer. Da die kleine atmosphaerische Ebbe und Fluth an der Kueste (in +Cumana) von einem Tag zum andern um 0,8 bis 2 Linien variirt, und ich das +Unglueck hatte, das Instrument zu zerbrechen, ehe ich wieder an die See +kam, so sind diese Resultate nicht ganz zuverlaessig. Als ich in Javita die +stuendlichen Variationen des Luftdrucks beobachtete, bemerkte ich, dass eine +kleine Luftblase die Quecksilbersaeule zum Theil sperrte(59) und durch ihre +thermometrische Ausdehnung auf das Steigen und Fallen Einfluss aeusserte. Auf +den elenden Fahrzeugen, in die wir eingezwaengt waren, liess sich der +Barometer fast unmoeglich senkrecht oder doch stark aufwaerts geneigt +halten. Ich benuetzte unsern Aufenthalt in Javita, um das Instrument +auszubessern und zu berichtigen. Nachdem ich das Niveau gehoerig +rertificirt, stand der Thermometer bei 23 deg.,4 Temperatur Morgens 11 1/2 Uhr +325,4 Linien hoch. Ich lege einiges Gewicht auf diese Beobachtung, da es +fuer die Kenntniss der Bodenbildung eines Continents von groesserem Belang +ist, die Meereshoehe der Ebenen zwei- bis dreihundert Meilen von der Kueste +zu bestimmen, als die Gipfel der Cordilleren zu messen. Barometrische +Beobachtungen in Sego am Niger, in Bornou oder auf den Hochebenen von +Khoten und Hami waeren fuer die Geologie wichtiger als die Bestimmung der +Hoehe der Gebirge in Abyssinien und im Musart. Die stuendlichen Variationen +des Barometers treten in Javita zu denselben Stunden ein wie an den Kuesten +und im Hof Antisana, wo mein Instrument in 2104 Toisen Meereshoehe hing. +Sie betrugen von 9 Uhr Morgens bis 4 Uhr Abends 1,6 Linien, am vierten Mai +sogar fast 2 Linien. Der Deluc'sche auf den Saussure'schen reducirte +Hygrometer stand fortwaehrend im Schatten zwischen 84 und 92 deg., wobei nur +die Beobachtungen gerechnet sind, die gemacht wurden, so lange es nicht +regnete. Die Feuchtigkeit hatte somit seit den grossen Katarakten bedeutend +zugenommen: sie war mitten in einem stark beschatteten, von +Aequatorialregen ueberflutheten Lande fast so gross wie auf der See. + +Vom 29. April bis 4. Mai konnte ich keines Sterns im Meridian ansichtig +werden, um die Laenge zu bestimmen. Ich blieb ganze Naechte wach, um die +Methode der doppelten Hoehen anzuwenden; all mein Bemuehen war vergeblich. +Die Nebel im noerdlichen Europa sind nicht anhaltender, als hier in Guyana +in der Naehe des Aequators. Am 4. Mai kam die Sonne auf einige Minuten zum +Vorschein. Ich fand mit dem Chronometer und mittelst Stundenwinkeln die +Laenge von Javita gleich 70 deg. 22{~PRIME~} oder 1 deg. 1{~PRIME~} 5{~DOUBLE PRIME~} weiter nach West als die +Laenge der Einmuendung des Apure in den Orinoco. Dieses Ergebniss ist von +Bedeutung, weil wir damit aus unsern Karten die Lage des gaenzlich +unbekannten Landes zwischen dem Xie und den Quellen des Issana angeben +koennen, die auf demselben Meridian wie die Mission Javita liegen. Die +Inclination der Magnetnadel war in der Mission 26 deg.,40; sie hatte demnach +seit dem grossen noerdlichen Katarakt, bei einem Breitenunterschied von +3 deg. 50{~PRIME~}, um 5 deg. 85 abgenommen. Die Abnahme der Intensitaet der magnetischen +Kraft war ebenso bedeutend. Die Kraft entsprach in Atures 223, in Javita +nur 218 Schwingungen in 10 Zeitminuten. + +Die Indianer in Javita, 160 an der Zahl, sind gegenwaertig groesstentheils +Poimisanos, Echinavis und Paraginis, und treiben Schiffbau. Man nimmt dazu +Staemme einer grossen Lorbeerart, von den Missionaeren _'Sassafras'_(60) +genannt, die man mit Feuer und Axt zugleich aushoehlt. Diese Baeume sind +ueber hundert Fuss hoch; das Holz ist gelb, harzigt, verdirbt fast nie im +Wasser und hat einen sehr angenehmen Geruch. Wir sahen es in San Fernando, +in Javita, besonders aber in Esmeralda, wo die meisten Piroguen fuer den +Orinoco gebaut werden, weil die benachbarten Waelder die dicksten +Sassafrasstaemme liefern. Man bezahlt den Indianern fuer die halbe Toise +oder *Vara* vom Boden der Pirogue, das heisst fuer den untern, +hauptsaechlichen Theil (der aus einem ausgehoehlten Stamm besteht), einen +harten Piaster, so dass ein 16 Varas langes Canoe, Holz und Arbeitslohn des +Zimmerers, nur 16 Piaster kostet; aber mit den Naegeln und den +Seitenwaenden, durch die man das Fahrzeug geraeumiger macht, kommt es +doppelt so hoch. Auf dem obern Orinoco sah ich 40 Piaster oder 200 Franken +fuer eine 48 Fuss lange Pirogue bezahlen. + +Im Walde zwischen Javita und dem Cano Pimichin waechst eine erstaunliche +Menge riesenhafter Baumarten, Ocoteen und aechte Lorbeeren (die dritte +Gruppe der Laurineen, die Persea, ist wild nur in mehr als 1000 Toisen +Meereshoehe gefunden worden), die _Amasonia arborea_, das _Retiniphyllum +secundiflorum_ der Curvana, der Jacio, der Jacifate, dessen Holz roth ist +wie Brasilholz, der Guamufate mit schoenen, 7--8 Zoll langen, denen des +Calophyllum aehnlichen Blaettern, die _Amyris Caranna_ und der Mani. Alle +diese Baeume (mit Ausnahme unserer neuen Gattung _Retiniphyllum_) waren +hundert bis hundert zehn Fuss hoch. Da die Aeste erst in der Naehe des +Wipfels vom Stamme abgehen, so kostete es Muehe, sich Blaetter und Bluethen +zu verschaffen. Letztere lagen haeufig unter den Baeumen am Boden; da aber +in diesen Waeldern Arten verschiedener Familien durch einander wachsen und +jeder Baum mit Schlingpflanzen bedeckt ist, so schien es bedenklich, sich +allein auf die Aussage der Indianer zu verlassen, wenn diese uns +versicherten, die Bluethen gehoeren diesem oder jenem Baum an. In der Fuelle +der Naturschaetze machte uns das Botanisiren mehr Verdruss als Vergnuegen. +Was wir uns aneignen konnten, schien uns von wenig Belang gegen das, was +wir nicht zu erreichen vermochten. Es regnete seit mehreren Monaten +unaufhoerlich und Bonpland gingen die Exemplare, die er mit kuenstlicher +Waerme zu trocknen suchte, groesstentheils zu Grunde. Unsere Indianer kauten +erst, wie sie gewoehnlich thun, das Holz, und nannten dann den Baum. Die +Blaetter wussten sie besser zu unterscheiden als Bluethen und Fruechte. Da sie +nur Bauholz (Staemme zu Piroguen) suchen, kuemmern sie sich wenig um den +Bluethenstand. "Alle diese grossen Baeume tragen weder Bluethen noch Fruechte," +so lautete fortwaehrend ihr Bescheid. Gleich den Kraeuterkennern im +Alterthum ziehen sie in Abrede, was sie nicht der Muehe werth gesunden zu +untersuchen. Wenn unsere Fragen sie langweilten, so machten sie ihrerseits +uns aergerlich. + +Wir haben schon oben die Bemerkung gemacht, dass zuweilen dieselben +chemischen Eigenschaften denselben Organen in verschiedenen +Pflanzenfamilien zukommen, so dass diese Familien in verschiedenen Klimaten +einander ersetzen. Die Einwohner des tropischen Amerika und Afrika +gewinnen von mehreren Palmenarten das Oel, das uns der Olivenbaum gibt. +Was die Nadelhoelzer fuer die gemaessigte Zone, das sind die Terebenthaceen +und Guttiferen fuer die heisse. In diesen Waeldern des heissen Erdstrichs, wo +es keine Fichte, keine Tuya, kein Taxodium, nicht einmal einen Podocarpus +gibt, kommen Harze, Balsame, aromatisches Gummi von den Maronobea-, +Icica-, Amyrisarten. Das Einsammeln dieser Gummi und Harze ist ein +Erwerbszweig fuer das Dorf Javita. Das beruehmteste Harz heisst *Mani*; wir +sahen mehrere Centner schwere Klumpen desselben, die Colophonium oder +Mastix glichen. Der Baum, den die Paraginis-Indianer *Mani* nennen, und +den Bonpland fuer die _Moronobea coccinea_ haelt, liefert nur einen sehr +kleinen Theil der Masse, die in den Handel von Angostura kommt. Das meiste +kommt vom *Mararo* oder *Caragna*, der eine Amyris ist. Es ist ziemlich +auffallend, dass der Name *Mani*, den AUBLET aus dem Munde der +Galibis-Indianer in Cayenne gehoert hat, uns in Javita, 300 Meilen von +franzoesisch Guyana, wieder begegnete. Die Moronobea oder Symphonia bei +Javita gibt ein gelbes Harz, der *Caragna* ein stark riechendes, +schneeweisses Harz, das gelb wird, wo es innen an alter Rinde sitzt. + +Wir gingen jeden Tag in den Wald, um zu sehen, ob es mit dem Transport +unseres Fahrzeugs zu Land vorwaerts ging. Drei und zwanzig Indianer waren +angestellt, dasselbe zu schleppen, wobei sie nach einander Baumaeste als +Walzen unterlegten. Ein kleines Canoe gelangt in einem oder anderthalb +Tagen aus dem Tuamini in den Cano Pimichin, der in den Rio Negro faellt; +aber unsere Pirogue war sehr gross, und da sie noch einmal durch die +Katarakten musste, bedurfte es besonderer Vorsichtsmassregeln, um die +Reibung am Boden zu vermindern. Der Transport waehrte auch ueber vier Tage. +Erst seit dem Jahr 1795 ist ein Weg durch den Wald angelegt. Die Indianer +in Javita haben denselben zur Haelfte vollendet, die andere Haelfte haben +die Indianer in Maroa, Davipe und San Carlos herzustellen. Pater Eugenio +Cereso mass den Weg mit einem hundert Varas [Eine Vara ist gleich +0,83 Meter] langen Strick und fand denselben 17,180 Varas lang. Legte man +statt des "Trageplatzes" einen Canal an, wie ich dem Ministerium Koenig +Karls IV. vorgeschlagen, so wuerde die Verbindung zwischen dem Rio Negro +und Angostura, zwischen dem spanischen Orinoco und den portugiesischen +Besitzungen am Amazonenstrom ungemein erleichtert. Die Fahrzeuge gingen +dann von San Carlos nicht mehr ueber den Cassiquiare, der eine Menge +Kruemmungen hat und wegen der starken Stroemung gerne gemieden wird; sie +gingen nicht mehr den Orinoco von seiner Gabeltheilung bis San Fernando de +Atabapo hinunter. Die Bergfahrt waere ueber den Rio Negro und den Cano +Pimichin um die Haelfte kuerzer. Vom neuen Canal bei Javita an ginge es ueber +den Tuamini, Temi, Atabapo und Orinoco abwaerts bis Angostura. Ich glaube, +man koennte auf diese Weise von der brasilianischen Grenze in die +Hauptstadt von Guyana leicht in 24--26 Tagen gelangen; man brauchte unter +gewoehnlichen Umstaenden 10 Tage weniger und der Weg waere fuer die Ruderer +(Bogas) weniger beschwerlich, weil man nur halb so lang gegen die Stroemung +anfahren muss, als auf dem Cassiquiare. Faehrt man aber den Orinoco herauf, +geht man von Angostura an den Rio Negro, so betraegt der Unterschied in der +Zeit kaum ein paar Tage; denn ueber den Pimichin muss man dann die kleinen +Fluesse hinauf, waehrend man auf dem alten Wege den Cassiquiare hinunter +faehrt. Wie lange die Fahrt von der Muendung des Orinoco nach San Carlos +dauert, haengt begreiflich von mehreren wechselnden Umstaenden ab, ob die +Brise zwischen Angostura und Carichana staerker oder schwaecher weht, wie in +den Katarakten von Atures und Maypures und in den Fluessen ueberhaupt der +Wasserstand ist. Im November und December ist die Brise ziemlich kraeftig +und die Stroemung des Orinoco nicht stark, aber die kleinen Fluesse haben +dann so wenig Wasser, dass man jeden Augenblick Gefahr laeuft aufzufahren. +Die Missionaere reisen am liebsten im April, zur Zeit der +Schildkroeteneierernte, durch die an ein paar Uferstriche des Orinoco +einiges Leben kommt. Man fuerchtet dann auch die Moskitos weniger, der +Strom ist halb voll, die Brise kommt einem noch zu gute und man kommt +leicht durch die grossen Katarakten. + +Aus den Barometerhoehen, die ich in Javita und beim Landungsplatz am +Pimichin beobachtet, geht hervor, dass der Canal im Durchschnitt von Nord +nach Sued einen Fall von 30--40 Toisen haette. Daher laufen auch die vielen +Baeche, ueber die man die Piroguen schleppen muss, alle dem Pimichin zu. Wir +bemerkten mit Ueberraschung, dass unter diesen Baechen mit schwarzem Wasser +sich einige befanden, deren Wasser bei reflektirtem Licht so weiss war als +das Orinocowasser. Woher mag dieser Unterschied ruehren? Alle diese Quellen +entspringen auf denselben Savanen, aus denselben Suempfen im Walde. Pater +Cereso hat bei seiner Messung nicht die gerade Linie eingehalten und ist +zu weit nach Ost gekommen, der Canal wuerde daher nicht 6000 Toisen lang. +Ich steckte den kuerzesten Weg mittelst des Compasses ab und man hieb hie +und da in die aeltesten Waldbaeume Marken. Der Boden ist voellig eben; auf +fuenf Meilen in der Runde findet sich nicht die kleinste Erhoehung. Wie die +Verhaeltnisse jetzt sind, sollte man das "Tragen" wenigstens dadurch +erleichtern, dass man den Weg besserte, die Piroguen auf Wagen fuehrte und +Bruecken ueber die Baeche schluege, durch welche die Indianer oft Tage lang +aufgehalten werden. + +In diesem Walde erhielten wir endlich auch genaue Auskunft ueber das +vermeintliche fossile Cautschuc, das die Indianer *Dapicho* nennen. Der +alte Kapitaen Javita fuehrte uns an einen Bach, der in den Tuamini faellt. Er +zeigte uns, wie man, um diese Substanz zu bekommen, im sumpfigten Erdreich +zwei, drei Fuss zwischen den Wurzeln zweier Baeume, des *Jacio* und des +*Curvana* graben muss. Ersterer ist AUBLETs Hevea oder die Siphonia der +neueren Botaniker, von der, wie man weiss, das Cautschuc kommt, das in +Cayenne und Gran Para im Handel ist; der zweite hat gefiederte Blaetter; +sein Saft ist milchigt, aber sehr duenn und fast gar nicht klebrigt. Das +Dapicho scheint sich nun dadurch zu bilden, dass der Saft aus den Wurzeln +austritt, und diess geschieht besonders, wenn die Baeume sehr alt sind und +der Stamm hohl zu werden anfaengt. Rinde und Splint bekommen Risse, und so +erfolgt auf natuerlichem Wege, was der Mensch kuenstlich thut, um den +Milchsaft der Hevea, der Castilloa und der Cautschuc gehenden Feigenbaeume +in Menge zu sammeln. Nach AUBLETs Bericht machen die Galibis und Garipons +in Cayenne zuerst unten am Stamm einen tiefen Schnitt bis ins Holz; bald +darauf machen sie senkrechte und schiefe Einschnitte, so dass diese von +oben am Stamm bis nahe ueber der Wurzel in jenen horizontalen Einschnitt +zusammenlaufen. Alle diese Rinnen leiten den Milchsaft der Stelle zu, wo +das Thongefaess steht, in dem das Cautschuc aufgefangen wird. Die Indianer +in Carichana sahen wir ungefaehr eben so verfahren. + +Wenn, wie ich vermuthe, die Anhaeufung und das Austreten der Milch beim +*Jacio* und *Curvana* eine pathologische Erscheinung ist, so muss der +Process zuweilen durch die Spitzen der laengsten Wurzeln vor sich gehen; +denn wir fanden zwei Fuss breite und vier Zoll dicke Massen Dapicho acht +Fuss vom Stamm entfernt. Oft sucht man unter abgestorbenen Baeumen +vergebens, andere male findet man Dapicho unter noch gruenenden Hevea- oder +Jaciostaemmen. Die Substanz ist weiss, korkartig, zerbrechlich und gleicht +durch die aufeinander liegenden Blaetter und die gewellten Raender dem +_Boletus igniarius_. Vielleicht ist zur Bildung des Dapicho lange Zeit +erforderlich; der Hergang dabei ist wahrscheinlich der, dass in Folge eines +eigenthuemlichen Zustandes des vegetabilischen Gewebes der Saft sich +verdickt, austritt und im feuchten Boden ohne Zutritt von Licht gerinnt; +es ist ein eigenthuemlich beschaffenes, ich moechte fast sagen "vergeiltes" +Cautschuc. Aus der Feuchtigkeit des Bodens scheint sich das welligte +Ansehen der Raender des Dapicho und seine Blaetterung zu erklaeren. + +Ich habe in Peru oft beobachtet, dass, wenn man den Milchsaft der Hevea +oder den Saft der Carica langsam in vieles Wasser giesst, das Gerinsel +wellenfoermige Umrisse zeigt. Das Dapicho kommt sicher nicht bloss in dem +Walde zwischen Javita und dem Pimichin vor, obgleich es bis jetzt nur hier +gefunden worden ist. Ich zweifle nicht, dass man in franzoesisch Guyana, +wenn man unter den Wurzeln und alten Staemmen der Hevea nachsuchte, +zuweilen gleichfalls solche ungeheure Klumpen von korkartigem Cautschuc +faende, wie wir sie eben beschrieben. In Europa macht man die Beobachtung, +dass, wenn die Blaetter fallen, der Saft sich gegen die Wurzeln zieht; es +waere interessant zu untersuchen, ob etwa unter den Tropen die Milchsaefte +der Urticeen, der Euphorbien, und der Apocyneen in gewissen Jahreszeiten +gleichfalls abwaerts gehen. Trotz der grossen Gleichfoermigkeit der +Temperatur durchlaufen die Baeume in der heissen Zone einen +Vegetationscyclus, unterliegen Veraenderungen mit periodischer Wiederkehr. +Das Dapicho ist wichtiger fuer die Pflanzenphysiologie als fuer die +organische Chemie. Wir haben eine Abhandlung ALLENs ueber den Unterschied +zwischen dem Cautschuc in seinem gewoehnlichen Zustande und der bei Javita +gefundenen Substanz, von der ich Sir Joseph Banks gesendet hatte. +Gegenwaertig kommt im Handel ein gelblich weisses Cautschuc vor, das man +leicht vom Dapicho unterscheidet, da es weder trocken wie Kork, noch +zerreiblich ist, sondern sehr elastisch, glaenzend und seifenartig. Ich sah +kuerzlich in London ansehnliche Massen, die zwischen 6 und 15 Francs das +Pfund im Preise standen. Dieses weisse, fett anzufuehlende Cautschuc kommt +aus Ostindien. Es hat den thierischen, nauseosen Geruch, den ich weiter +oben von einer Mischung von Kaesestoff und Eiweissstoff abgeleitet habe. +Wenn man bedenkt, wie unendlich viele und mannigfaltige tropische Gewaechse +Cautschuc geben, so muss man bedauern, dass dieser so nuetzliche Stoff bei +uns nicht wohlfeiler ist. Man brauchte die Baeume mit Milchsaft gar nicht +kuenstlich zu pflanzen; allein in den Missionen am Orinoco liesse sich so +viel Cautschuc gewinnen, als das civilisirte Europa immer beduerfen mag. Im +Koenigreich Neu-Grenada ist hie und da mit Glueck versucht worden, aus +dieser Substanz Stiefeln und Schuhe ohne Nath zu machen. Unter den +amerikanischen Voelkern verstehen sich die Omaguas am Amazonenstrom am +besten auf die Verarbeitung des Cautschuc. + +Bereits waren vier Tage verflossen und unsere Pirogue hatte den +Landungsplatz am Rio Pimichin immer noch nicht erreicht. "Es fehlt Ihnen +an nichts in meiner Mission," sagte Pater Cereso; "Sie haben Bananen und +Fische, bei Nacht werden Sie nicht von den Moskitos gestochen, und je +laenger Sie bleiben, desto wahrscheinlicher ist es, dass Ihnen auch noch die +Gestirne meines Landes zu Gesicht kommen. Zerbricht Ihr Fahrzeug beim +"Tragen", so geben wir Ihnen ein anderes, und mir wird es so gut, dass ich +ein paar Wochen _con gente blanca y de razon_ lebe."(61) Trotz unserer +Ungeduld, hoerten wir die Schilderungen des guten Missionaers mit grossem +Interesse an. Er bestaetigte Alles, was wir bereits ueber die sittlichen +Zustaende der Eingeborenen dieser Landstriche vernommen hatten. Sie leben +in einzelnen Horden von 40 bis 50 Koepfen unter einem Familienhaupte; einen +gemeinsamen Haeuptling (_apoto_, _sibierene_) erkennen sie nur an, sobald +sie mit ihren Nachbarn in Fehde gerathen. Das gegenseitige Misstrauen ist +bei diesen Horden um so staerker, da selbst die, welche einander zunaechst +hausen, gaenzlich verschiedene Sprachen sprechen. Auf offenen Ebenen oder +in Laendern mit Grasfluren halten sich die Voelkerschaften gerne nach der +Stammverwandtschaft, nach der Aehnlichkeit der Gebraeuche und Mundarten +zusammen. Auf dem tartarischen Hochland wie in Nordamerika sah man grosse +Voelkerfamilien in mehreren Marschcolonnen ueber schwach bewaldete, leicht +zugaengliche Laender fortziehen. Der Art waren die Zuege der toltekischen und +aztekischen Race ueber die Hochebenen von Mexiko vom sechsten bis zum +eilften Jahrhundert unserer Zeitrechnung; der Art war vermuthlich auch die +Voelkerstroemung, in der sich die kleinen Staemme in Canada, die Mengwe +(Irokesen) oder fuenf Nationen, die Algonkins oder Lenni-Lenapes, die +Chikesaws und die Muskohgees vereinigten. Da aber der unermessliche +Landstrich zwischen dem Aequator und dem achten Breitengrad nur Ein Wald +ist, so zerstreuten sich darin die Horden, indem sie den Flussverzweigungen +nachzogen, und die Beschaffenheit des Bodens noethigte sie mehr oder +weniger Ackerbauer zu werden. So wirr ist das Labyrinth der Fluesse, dass +die Familien sich niederliessen, ohne zu wissen, welche Menschenart +zunaechst neben ihnen wohnte. In spanisch Guyana trennt zuweilen ein Berg, +ein eine halbe Meile breiter Forst Horden, die zwei Tage zu Wasser fahren +muessten, um zusammenzukommen. So wirken denn in offenen oder in der Cultur +schon vorgeschrittenen Laendern Flussverbindungen maechtig auf Verschmelzung +der Sprachen, der Sitten und der politischen Einrichtungen; dagegen in den +undurchdringlichen Waeldern des heissen Landstrichs, wie im rohen Urzustand +unseres Geschlechts, zerschlagen sie grosse Voelker in Bruchstuecke, lassen +sie Dialekte zu Sprachen werden, die wie grundverschieden aussehen, naehren +sie das Misstrauen und den Hass unter den Voelkern. Zwischen dem Caura und +dem Padamo traegt Alles den Stempel der Zwietracht und der Schwaeche. Die +Menschen fliehen einander, weil sie einander nicht verstehen; sie hassen +sich, weil sie einander fuerchten. + +Betrachtet man dieses wilde Gebiet Amerikas mit Aufmerksamkeit, so glaubt +man sich in die Urzeit versetzt, wo die Erde sich allmaehlig bevoelkerte; +man meint die fruehesten gesellschaftlichen Bildungen vor seinen Augen +entstehen zu sehen. In der alten Welt sehen wir, wie das Hirtenleben die +Jaegervoelker zum Leben des Ackerbauers erzieht. In der neuen sehen wir uns +vergeblich nach dieser allmaehligen Culturentwicklung um, nach diesen Ruhe- +und Haltpunkten im Leben der Voelker. Der ueppige Pflanzenwuchs ist den +Indianern bei ihren Jagden hinderlich; da die Stroeme Meeresarmen gleichen, +so hoert des tiefen Wassers wegen der Fischfang Monate lang auf. Die Arten +von Wiederkaeuern, die der kostbarste Besitz der Voelker der alten Welt +sind, fehlen in der neuen; der Bison und der Moschusochse sind niemals +Hausthiere geworden. Die Vermehrung der Llamas und Guanacos fuehrte nicht +zu den Sitten des Hirtenlebens. In der gemaessigten Zone, an den Ufern des +Missouri wie auf dem Hochland von Neu-Mexico, ist der Amerikaner ein +Jaeger; in der heissen Zone dagegen, in den Waeldern von Guyana pflanzt er +Manioc, Bananen, zuweilen Mais. Die Natur ist so ueberschwenglich +freigebig, dass die Ackerflur des Eingeborenen ein Fleckchen Boden ist, dass +das Urbarmachen darin besteht, dass man die Straeucher wegbrennt, das Ackern +darin, dass man ein paar Samen oder Steckreiser dem Boden anvertraut. So +weit man sich in Gedanken in der Zeit zurueckversetzt, nie kann man in +diesen dicken Waeldern die Voelker anders denken als so, dass ihnen der Boden +vorzugsweise die Nahrung lieferte; da aber dieser Boden auf der kleinsten +Flaeche fast ohne Arbeit so reichlich traegt, so hat man sich wiederum +vorzustellen, dass diese Voelker immer einem und demselben Gewaesser entlang +haeufig ihre Wohnplaetze wechselten: Und der Eingeborene am Orinoco wandert +ja mit seinem Saatkorn noch heute, und legt wandernd seine Pflanzung +(_conuco_) an, wie der Araber sein Zelt aufschlaegt rund die Weide +wechselt. Die Menge von Culturgewaechsen, die man mitten im Walde wild +findet, weisen deutlich auf ein ackerbauendes Volk mit nomadischer +Lebensweise hin. Kann man sich wundern, dass bei solchen Sitten vom Segen +der festen Niederlassung, des Getreidebaus, der weite Flaechen und viel +mehr Arbeit erfordert, so gut wie nichts uebrig bleibt? + +Die Voelker am obern Orinoco, am Atabapo und Inirida verehren, gleich den +alten Germanen und Persern, keine andern Gottheiten als die Naturkraefte. +Das gute Princip nennen sie *Cachimana*; das ist der Manitu, der grosse +Geist, der die Jahreszeiten regiert und die Fruechte reifen laesst. Neben dem +Cachimana steht ein boeses Princip, der *Jolokiamo*, der nicht so maechtig +ist, aber schlauer und besonders ruehriger. Die Indianer aus den Waeldern, +wenn sie zuweilen in die Missionen kommen, koennen sich von einem Tempel +oder einem Bilde sehr schwer einen Begriff machen. "Die guten Leute," +sagte der Missionaer, "lieben Processionen nur im Freien. Juengst beim Fest +meines Dorfpatrons, des heiligen Antonius, wohnten die Indianer von +Inirida der Messe bei. Da sagten sie zu mir: "Euer Gott schliesst sich in +ein Haus ein, als waere er alt und krank; der unsrige ist im Wald, auf dem +Feld, auf den Sipapubergen, woher der Regen kommt." Bei zahlreicheren und +eben desshalb weniger barbarischen Voelkerschaften bilden sich seltsame +religioese Vereine. Ein paar alte Indianer wollen in die goettlichen Dinge +tiefer eingeweiht seyn als die andern, und diese haben das beruehmte +*Botuto* in Verwahrung, von dem oben die Rede war, und das unter den +Palmen geblasen wird, damit sie reichlich Fruechte tragen. An den Ufern des +Orinoco gibt es kein Goetzenbild, wie bei allen Voelkern, die beim +urspruenglichen Naturgottesdienst stehen geblieben sind; aber der *Botuto*, +die heilige Trompete, ist zum Gegenstand der Verehrung geworden. Um in die +Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muss man rein von Sitten und +unbeweibt seyn. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geisselung, dem +Fasten und andern angreifenden Andachtsuebungen. Dieser heiligen Trompeten +sind nur ganz wenige und die altberuehmteste befindet sich auf einem Huegel +beim Zusammenfluss des Tomo mit dem Rio Negro. Sie soll zugleich am Tuamini +und in der Mission San Miguel de Davipe, zehn Meilen weit, gehoert werden. +Nach Pater Ceresos Bericht sprechen die Indianer von diesem Botuto am Rio +Tomo so, als waere derselbe fuer mehrere Voelkerschaften in der Naehe ein +Gegenstand der Verehrung. Man stellt Fruechte und berauschende Getraenke +neben die heilige Trompete. Bald blaest der Grosse Geist (Cachimana) selbst +die Trompete, bald laesst er nur seinen Willen durch den kund thun, der das +heilige Werkzeug in Verwahrung hat. Da diese Gaukeleien sehr alt sind (von +den Vaetern unserer Vaeter her, sagen die Indianer), so ist es nicht zu +verwundern, dass es bereits Menschen gibt, die nicht mehr daran glauben; +aber diese Unglaeubigen aeussern nur ganz leise, was sie von den Mysterien +des Botuto halten. Die Weiber duerfen das wunderbare Instrument gar nicht +sehen; sie sind ueberhaupt von jedem Gottesdienste ausgeschlossen. Hat eine +das Unglueck, die Trompete zu erblicken, so wird sie ohne Gnade umgebracht. +Der Missionaer erzaehlte uns, im Jahr 1798 habe er das Glueck gehabt, ein +junges Maedchen zu retten, der ein eifersuechtiger, rachsuechtiger Liebhaber +Schuld gegeben, sie sey aus Vorwitz den Indianern nachgeschlichen, die in +den Pflanzungen den Botuto bliesen. "Oeffentlich haette man sie nicht +umgebracht," sagte Pater Cereso, "aber wie sollte man sie vor dem +Fanatismus der Eingebornen schuetzen, da es hier zu Lande so leicht ist, +einem Gift beizubringen? Das Maedchen aeusserte solche Besorgniss gegen mich +und ich schickte sie in eine Mission am untern Orinoco." Waeren die Voelker +in Guyana Herren dieses grossen Landes geblieben, koennten sie, ungehindert +von den christlichen Niederlassungen, ihre barbarischen Gebraeuche frei +entwickeln, " so erhielte der Botutodienst ohne Zweifel eine politische +Bedeutung. Dieser geheimnissvolle Verein von Eingeweihten, diese Hueter der +heiligen Trompete wuerden zu einer maechtigen Priesterkaste und das Orakel +am Rio Tomo schlaenge nach und nach ein Band um benachbarte Voelker. Auf +diese Weise sind durch gemeinsame Gottesverehrung (_communia sacra_), +durch religioese Gebraeuche und Mysterien so viele Voelker der alten Welt +einander naeher gebracht, mit einander versoehnt und vielleicht der +Gesittung zugefuehrt worden. + +Am vierten Mai Abends meldete man uns, ein Indianer, der beim Schleppen +unserer Pirogue an den Pimichin beschaeftigt war, sey von einer Natter +gebissen worden. Der grosse starke Mann wurde in sehr bedenklichem Zustand +in die Mission gebracht. Er war bewusstlos ruecklings zu Boden gestuerzt, und +auf die Ohnmacht waren Uebligkeit, Schwindel, Congestionen gegen den Kopf +gefolgt. Die Liane *Vejuco de Guaco*, die durch MUTIS so beruehmt geworden, +und die das sicherste Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen ist, war +hier zu Lande noch nicht bekannt. Viele Indianer liefen zur Huette des +Kranken und man heilte ihn mit dem Aufguss von *Raiz de Mato*. Wir koennen +nicht mit Bestimmtheit angeben, von welcher Pflanze dieses Gegengift +kommt. Der reisende Botaniker hat nur zu oft den Verdruss, dass er von den +nutzbarsten Gewaechsen weder Bluethe noch Frucht zu Gesicht bekommt, waehrend +er so viele Arten, die sich durch keine besondern Eigenschaften +rauszeichnen, taeglich mit allen Fructificationsorganen vor Augen hat. Die +*Raiz de Mato* ist vermuthlich eine Apocynee, vielleicht die _Cerbera +thevetia_ welche die Einwohner von Cumana _Lengua de Mato_ oder +_Contra-Culebra_ nennen und gleichfalls gegen Schlangenbiss brauchen. Eine +der Cerbera sehr nahe stehende Gattung (_Ophioxylon serpentinum_) leistet +in Indien denselben Dienst. Ziemlich haeufig findet man in derselben +Pflanzenfamilie vegetabilische Gifte und Gegengifte gegen den Biss der +Reptilien. Da viele tonische und narkotische Mittel mehr oder minder +wirksame Gegengifte sind, so kommen diese in weit auseinanderstehenden +Familien vor, bei den Aristolochien, Apocyneen, Gentianen, Polygalen, +Solaneen, Malvaceen, Drymyrhizeen, bei den Pflanzen mit zusammengesetzten +Bluethen, und was noch auffallender ist, sogar bei den Palmen. + +In der Huette des Indianers, der von einer Natter gebissen worden, fanden +wir 2--3 Zoll grosse Kugeln eines erdigten, unreinen Salzes, _'Chivi'_ +genannt, das von den Eingeborenen sehr sorgfaeltig zubereitet wird. In +Maypures verbrennt man eine Conferve, die der Orinoco, wenn er nach dem +Hochgewaesser in sein Bett zurueckkehrt, auf dem Gestein sitzen laesst. In +Javita bereitet man Salz durch Einaescherung des Bluethenkolbens und der +Fruechte der *Seje* oder *Chimupalme*. Diese schoene Palme, die am Ufer des +Auvena beim Katarakt Guarinuma und zwischen Javita und dem Pimichin sehr +haeufig vorkommt, scheint eine neue Art Cocospalme zu seyn. Bekanntlich ist +das in der gemeinen Cocosnuss eingeschlossene Wasser haeufig salzigt, selbst +wenn der Baum weit von der Meereskueste waechst. Auf Madagascar gewinnt man +Salz aus dem Saft einer Palme Namens *Cira*. Ausser den Bluethenkolben und +den Fruechten der Sejepalme laugen die Indianer in Javita auch die Asche +des vielberufenen Schlinggewaechses *Cupana* aus. Es ist diess eine neue Art +der Gattung Paullinia, also eine von LINNEs Cupania sehr verschiedene +Pflanze. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, dass ein Missionaer selten auf +die Reise geht, ohne den zubereiteten Samen der Liane Cupana mitzunehmen. +Diese Zubereitung erfordert grosse Sorgfalt. Die Indianer zerreiben den +Samen, mischen ihn mit Maniocmehl, wickeln die Masse in Bananenblaetter und +lassen sie im Wasser gaehren, bis sie safrangelb wird. Dieser gelbe Teig +wird an der Sonne getrocknet, und mit Wasser angegossen geniesst man ihn +Morgens statt Thee. Das Getraenk ist bitter und magenstaerkend, ich fand +aber den Geschmack sehr widrig. + +Am Niger und in einem grossen Theile des innern Afrika, wo das Salz sehr +selten ist, heisst es von einem reichen Mann: "Es geht ihm so gut, dass er +Salz zu seinen Speisen isst." Dieses Wohlergehen ist auch im Innern Guyanas +nicht allzu haeufig. Nur die Weissen, besonders die Soldaten im Fort San +Carlos, wissen sich reines Salz zu verschaffen, entweder von der Kueste von +Caracas oder von Chita, am Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada, aus +dem Rio Meta. Hier, wie in ganz Amerika, essen die Indianer wenig Fleisch +und verbrauchen fast kein Salz. Daher traegt auch die Salzsteuer aller +Orten, wo die Zahl der Eingeborenen bedeutend vorschlaegt, wie in Mexico +und Guatimala, der Staatskasse wenig ein. Der *Chivi* in Javita ist ein +Gemenge von salzsaurem Kali und salzsaurem Natron, Aetzkalk und +verschiedenen erdigten Salzen. Man loest ein ganz klein wenig davon in +Wasser auf, fuellt mit der Aufloesung ein duetenfoermig aufgewickeltes +Heliconienblatt und laesst wie aus der Spitze eines Filtrums ein paar +Tropfen auf die Speisen fallen. + +Am 5. Mai machten wir uns zu Fuss aus den Weg, um unsere Pirogue +einzuholen, die endlich ueber den Trageplatz im Cano Pimichin angelangt +war. Wir mussten ueber eine Menge Baeche waten, und es ist dabei wegen der +Nattern, von denen die Suempfe wimmeln, einige Vorsicht noethig. Die +Indianer zeigten uns auf dem nassen Thon die Faehrte der kleinen schwarzen +Baeren, die am Temi so haeufig vorkommen. Sie unterscheiden sich wenigstens +in der Groesse vom _Ursus americanus_; die Missionaere nennen sie _Osso +carnicero_ zum Unterschied vom _Osso palmero_ (_Myrmecophaga jubata_) und +dem _Osso hormigero_ oder Tamandua-Ameisenfresser. Diese Thiere sind nicht +uebel zu essen; die beiden erstgenannten setzen sich zur Wehr und stellen +sich dabei auf die Hinterbeine. BUFFONs Tamanoir heisst bei den Indianern +*Uaraca*; er ist reizbar und beherzt, was bei einem zahnlosen Thier +ziemlich auffallend erscheint. Im Weitergehen kamen wir auf einige +Lichtungen im Wald, der uns desto reicher erschien, je zugaenglicher er +wurde. Wir fanden neue Arten von Coffea (die amerikanische Gruppe mit +Bluethen in Rispen bildet wahrscheinlich eine Gattung fuer sich), die +_Galega piscatorum_, deren, sowie der Jacquinia und einer Pflanze mit +zusammengesetzter Bluethe vom Rio Temi [_Bailliera Barbasco_], die Indianer +sich als *Barbasco* bedienen, um die Fische zu betaeuben, endlich die hier +*Vejuco de Mavacure* genannte Liane, von der das vielberufene Gift +*Curare* kommt. Es ist weder ein _Phyllanthus_, noch eine _Coriaria_ wie +WILLDENOW gemeint, sondern nach KUNTHs Untersuchungen sehr wahrscheinlich +ein _Strychnos_. Wir werden unten Gelegenheit haben, von dieser giftigen +Substanz zu sprechen, die bei den Wilden ein wichtiger Handelsartikel ist. +Wenn ein Reisender, der sich gleich uns durch die Gastfreundschaft der +Missionaere gefoerdert saehe, ein Jahr am Atabapo, Tuamini und Rio Negro, und +ein weiteres Iahr in den Bergen bei Esmeralda und am obern Orinoco +zubraechte, koennte er gewiss die Zahl der von AUBLET und RICHARD +beschriebenen Gattungen verdreifachen. + +Auch im Walde am Pimichin haben die Baeume die riesige Hoehe von 80--120 +Fuss. Es sind diess die Laurineen und Amyris, die in diesen heissen +Himmelsstrichen das schoene Bauholz liefern, das man an der Nordwestkueste +von Amerika, in den Bergen, wo im Winter der Thermometer auf 20 Grad unter +Null faellt, in der Familie der Nadelhoelzer findet. In Amerika ist unter +allen Himmelsstrichen und in allen Pflanzenfamilien die Vegetationskraft +so ausnehmend stark, dass unter dem 57 Grad noerdlicher Breite, auf +derselben Isotherme wie Petersburg und die Orkneyinseln, _Pinus +canadensis_ 150 Fuss hohe und 6 Fuss dicke Staemme hat.(62) Wir kamen gegen +Nacht in einem kleinen Hofe an, dem *Puerto* oder Landungsplatz am +Pimichin. Man zeigte uns ein Kreuz am Wege, das die Stelle bezeichnet, "wo +ein armer Missionaer, ein Kapuziner, von den Wespen umgebracht worden." Ich +spreche diess dem Moench in Javita und den Indianern nach. Man spricht hier +zu Lande viel von giftigen Wespen und Ameisen; wir konnten aber keines von +diesen beiden Insekten auftreiben. Bekanntlich verursachen im heissen +Erdstrich unbedeutende Stiche nicht selten Fieberanfaelle fast so heftig +wie die, welche bei uns bei sehr bedeutenden organischen Verletzungen +eintreten. Der Tod des armen Moenchs wird wohl eher eine Folge der +Erschoepfung und der Feuchtigkeit gewesen seyn, als des Giftes im Stachel +der Wespen, vor deren Stich die nackten Indianer grosse Furcht haben. Diese +Wespen bei Javita sind nicht mit den Honigbienen zu verwechseln, welche +die Spanier *Engelchen* nennen [S. Bd. II Seite 192] und die sich auf dem +Gipfel der Silla bei Caracas uns haufenweise auf Gesicht und Haende +setzten. + +Der Landungsplatz am Pimichin liegt in einer kleinen Pflanzung von +Cacaobaeumen. Die Baeume sind sehr kraeftig und hier wie am Altabapo und Rio +Negro in allen Jahreszeiten mit Bluethen und Fruechten bedeckt. Sie fangen +im vierten Jahr an zu tragen, auf der Kueste von Caracas erst im sechsten +bis achten. Der Boden ist am Tuamini und Pimichin ueberall, wo er nicht +sumpfigt ist, leichter Sandboden, aber ungemein fruchtbar. Bedenkt man, +dass der Cacaobaum in diesen Waeldern der Parime, suedlich vom sechsten +Breitengrad, eigentlich zu Hause ist, und dass das nasse Klima am obern +Orinoco diesem kostbaren Baume weit besser zusagt als die Luft in den +Provinzen Caracas und Barcelona, die von Jahr zu Jahr trockener wird, so +muss man bedauern, dass dieses schoene Stueck Erde in den Haenden von Moenchen +ist, von denen keinerlei Cultur befoerdert wird. Die Missionen der +Observanten allein koennten 50,000 Fanegas(63) Cacao in den Handel bringen, +dessen Werth sich in Europa auf mehr als sechs Millionen Franken beliefe. +Um die Conugos am Pimichin waechst wild der *Igua*, ein Baum, aehnlich dem +_Caryocar nuciferum_ den man in hollaendisch und franzoesisch Guyana baut, +und von dem neben dem Almendron von Mariquita (_Caryocar amygdaliferum_), +dem Juvia von Esmeralda (_Bertholletia excelsa_) und der _Geoffraea_ vom +Amazonenstrom die gesuchtesten Mandeln in Suedamerika kommen. Die Fruechte +des Igua kommen hier gar nicht in den Handel; dagegen sah ich an den +Kuesten von Terra Firma Fahrzeuge, die aus Demerary die Fruechte des +_Caryocar tomentosum_, AUBLETs _Pecea tuberculosa_, einfuehrten. Diese +Baeume werden hundert Fuss hoch und nehmen sich mit ihrer schoenen +Blumenkrone und ihren vielen Staubfaeden prachtvoll aus. Ich muesste den +Leser ermueden, wollte ich die Wunder der Pflanzenwelt, welche diese grossen +Waelder auszuweisen haben, noch weiter herzaehlen. Ihre erstaunliche +Mannigfaltigkeit ruehrt daher, dass hier auf kleiner Bodenflaeche so viele +Pflanzenfamilien neben einander vorkommen, und dass bei dem maechtigen Reiz +von Licht und Waerme die Saefte, die in diesen riesenhaften Gewaechsen +circuliren, so vollkommen ausgearbeitet werden. + +Wir uebernachteten in einer Huette, welche erst seit kurzem verlassen stand. +Eine indianische Familie hatte darin Fischergeraethe zurueckgelassen, +irdenes Geschirr, aus Palmblattstielen geflochtene Matten, den ganzen +Hausrath dieser sorglosen, um Eigenthum wenig bekuemmerten Menschenart. +Grosse Vorraethe von *Mani* (eine Mischung vom Harz der _Moronobea_ und der +_Amyris_ Carana) lagen um die Huette. Die Indianer bedienen sich desselben +hier wie in Cayenne zum Theeren der Piroguen und zum Befestigen des +knoechernen Stachels der Rochen an die Pfeile. Wir fanden ferner Naepfe voll +vegetabilischer Milch, die zum Firnissen dient und in den Missionen als +_leche para pindar_ viel genannt wird. Man bestreicht mit diesem +klebrichten Saft das Geraethe, dem man eine schoene weisse Farbe geben will. +An der Luft verdickt er sich, ohne gelb zu werden, und nimmt einen +bedeutenden Glanz an. Wie oben bemerkt worden [S. Bd. II. Seite 337], ist +das Cautschuc der fette Theil, die Butter in jeder Pflanzenmilch. Dieses +Gerinsel nun, diese weisse Haut, die glaenzt, als waere sie mit Copalfirniss +ueberzogen, ist ohne Zweifel eine eigene Form des Cautschuc. Koennte man +diesem milchigten Firniss verschiedene Farben geben, so haette man damit, +sollte ich meinen, ein Mittel, um unsere Kutschenkasten rasch, in Einer +Handlung zu bemalen und zu firnissen. Je genauer man die chemischen +Verhaeltnisse der Gewaechse der heissen Zone kennen lernt, desto mehr wird +man hie und da an abgelegenen, aber dem europaeischen Handel zugaenglichen +Orten in den Organen gewisser Gewaechse halbfertige Stoffe entdecken, die +nach der bisherigen Ansicht nur dem Thierreich angehoeren, oder die wir auf +kuenstlichem, zwar sicherem, oft aber langem und muehsamem Wege +hervorbringen. So hat man bereits das Wachs gefunden, das den Palmbaum der +Anden von Quindiu ueberzieht, die Seide der Mocoapalme, die nahrhafte Milch +des Palo de Vaca, den afrikanischen Butterbaum, den kaeseartigen Stoff im +fast animalischen Safte der _Carica Papaya_. Dergleichen Entdeckungen +werden sich haeufen, wenn, wie nach den gegenwaertigen politischen +Verhaeltnissen in der Welt wahrscheinlich ist, die europaeische Cultur +grossentheils in die Aequinoctiallaender des neuen Continents ueberfliesst. + +Wie ich oben erwaehnt, ist die sumpfigte Ebene zwischen Javita und dem +Landungsplatz am Pimichin wegen ihrer vielen Nattern im Lande beruechtigt. +Bevor wir von der verlassenen Huette Besitz nahmen, schlugen die Indianer +zwei grosse, 4--5 Fuss lange *Mapanare*-Schlangen todt. Sie schienen mir von +derselben Art wie die vom Rio Magdalena, die ich beschrieben habe. Es ist +ein schoenes, aber sehr giftiges Thier, am Bauch weiss, auf dem Ruecken braun +und roth gefleckt. Da in der Huette eine Menge Kraut lag und wir am Boden +schliefen (die Haengematten liessen sich nicht befestigen), so war man in +der Nacht nicht ohne Besorgniss; auch fand man Morgens, als man das +Jaguarfell aushob, unter dem einer unserer Diener am Boden gelegen, eine +grosse Natter. Wie die Indianer sagen, sind diese Reptilien langsam in +ihren Bewegungen, wenn sie nicht verfolgt werden, und machen sich an den +Menschen, weil sie der Waerme nachgehen. Am Magdalenenstrom kam wirklich +eine Schlange zu einem unserer Reisebegleiter ins Bett und brachte einen +Theil der Nacht darin zu, ohne ihm etwas zu Leide zu thun. Ich will hier +keineswegs Nattern und Klapperschlangen das Wort reden, aber das laesst sich +behaupten, waeren diese giftigen Thiere so angriffslustig, als man glaubt, +so haette in manchen Strichen Amerikas, z. B. am Orinoco und in den +feuchten Bergen von Choco, der Mensch ihrer Unzahl erliegen muessen. + +Am 6. Mai. Wir schifften uns bei Sonnenaufgang ein, nachdem wir den Boden +unserer Pirogue genau untersucht hatten. Er war beim "Tragen" wohl duenner +geworden, aber nicht gesprungen. Wir dachten, das Fahrzeug koenne die +dreihundert Meilen, die wir den Rio Negro hinab, den Cassiquiare hinauf +und den Orinoco wieder hinab bis Angostura noch zu machen hatten, wohl +aushalten. Der Pimichin, der hier ein Bach (Cano) heisst, ist so breit wie +die Seine, der Galerie der Tuilerien gegenueber, aber kleine, gerne im +Wasser wachsende Baeume, Corossols (Anona) und Achras, engen sein Bett so +ein, dass nur ein 15--20 Toisen breites Fahrwasser offen bleibt. Er gehoert +mit dem Rio Chagre zu den Gewaessern, die in Amerika wegen ihrer Kruemmungen +beruechtigt sind. Man zaehlt deren 85, wodurch die Fahrt bedeutend +verlaengert wird. Sie bilden oft rechte Winkel und liegen auf einer Strecke +von 2--3 Meilen hinter einander. Um den Laengenunterschied zwischen dem +Ladungsplatz und dem Punkt, wo wir in den Rio Negro einliefen, zu +bestimmen, nahm ich mit dem Compass den Lauf des Cano Pimichin auf und +bemerkte, wie lange wir in derselben Richtung fuhren. Die Stroemung war nur +2,4 Fuss in der Sekunde, aber unsere Pirogue legte beim Rudern 4,6 Fuss +zurueck. Meiner Schaetzung nach liegt der Landungsplatz am Pimichin 1100 +Toisen westwaerts von seiner Muendung und 0 deg. 2{~PRIME~} westwaerts von der Mission +Javita. Der Cano ist das ganze Jahr schiffbar; er hat nur einen einzigen +*Raudal*, ueber den ziemlich schwer heraufzukommen ist; seine Ufer sind +niedrig, aber felsigt. Nachdem wir fuenftehalb Stunden lang den Kruemmungen +des schmalen Fahrwassers gefolgt waren, liefen wir endlich in den Rio +Negro ein. + +Der Morgen war kuehl und schoen. Sechs und dreissig Tage waren wir in einem +schmalen Canoe eingesperrt gewesen, das so unstet war, dass es umgeschlagen +haette, waere man unvorsichtig aufgestanden, ohne den Ruderern am andern +Bord zuzurufen, sich ueberzulehnen und das Gleichgewicht herzustellen. Wir +hatten vom Insektenstich furchtbar gelitten, aber das ungesunde Klima +hatte uns nichts angehabt; wir waren, ohne umzuschlagen, ueber eine ganze +Menge Wasserfaelle und Flussdaemme gekommen, welche die Stromfahrt sehr +beschwerlich und oft gefaehrlicher machen als lange Seereisen. Nach allem, +was wir bis jetzt durchgemacht, wird es mir hoffentlich gestattet seyn +auszusprechen, wie herzlich froh wir waren, dass wir die Nebenfluesse des +Amazonenstroms erreicht, dass wir die Landenge zwischen zwei grossen +Flusssystemen hinter uns hatten und nunmehr mit Zuversicht der Erreichung +des Hauptzwecks unserer Reise entgegensehen konnten, der astronomischen +Aufnahme jenes Arms des Orinoco, der sich in den Rio Negro ergiesst, und +dessen Existenz seit einem halben Jahrhundert bald bewiesen, bald wieder +in Abrede gezogen worden. Ein Gegenstand, den man lange vor dem innern +Auge gehabt, waechst uns an Bedeutung, je naeher wir ihm kommen. Jene +unbewohnten, mit Wald bedeckten, geschichtslosen Ufer des Cassiquiare +beschaeftigten damals meine Einbildungskraft, wie die in der Geschichte der +Culturvoelker hochberuehmten Ufer des Euphrat und des Oxus. Hier, inmitten +des neuen Continents, gewoehnt man sich beinahe daran, den Menschen als +etwas zu betrachten, das nicht nothwendig zur Naturordnung gehoert. Der +Boden ist dicht bedeckt mit Gewaechsen, und ihre freie Entwicklung findet +nirgends ein Hinderniss. Eine maechtige Schicht Dammerde weist darauf hin, +dass die organischen Kraefte hier ohne Unterbrechung fort und fort gewaltet +haben. Krokodile und Boas sind die Herren des Stroms; der Jaguar, der +Pecari, der Tapir und die Affen streifen durch den Wald, ohne Furcht und +ohne Gefaehrde; sie hausen hier wie auf ihrem angestammten Erbe. Dieser +Anblick der lebendigen Natur, in der der Mensch nichts ist, hat etwas +Befremdendes und Niederschlagendes. Selbst auf dem Ocean und im Sande +Afrika's gewoehnt man sich nur schwer daran, wenn einem auch da, wo nichts +an unsere Felder, unsere Gehoelze und Baeche erinnert, die weite Einoede, +durch die man sich bewegt, nicht so stark auffaellt. Hier, in einem +fruchtbaren Lande, geschmueckt mit unvergaenglichem Gruen, sieht man sich +umsonst nach einer Spur von der Wirksamkeit des Menschen um; man, glaubt +sich in eine andere Welt versetzt, als die uns geboren. Ein Soldat, der +sein ganzes Leben in den Missionen am obern Orinoco zugebracht hatte, war +einmal mit uns am Strome gelagert. Es war ein gescheiter Mensch, und in +der ruhigen, heitern Nacht richtete er an mich Frage um Frage ueber die +Groesse der Sterne, ueber die Mondsbewohner, ueber tausend Dinge, von denen +ich so viel wusste als er. Meine Antworten konnten seiner Neugier nicht +genuegen, und so sagte er in zuversichtlichem Tone: "Was die Menschen +anlangt, so glaube ich, es gibt da oben nicht mehr, als ihr angetroffen +haettet, wenn ihr zu Land von Javita an den Cassiquiare gegangen waeret. In +den Sternen, meine ich, ist eben wie hier eine weite Ebene mit hohem Gras +und ein Wald (_mucho monte_), durch den ein Strom fliesst." Mit diesen +Worten ist ganz der Eindruck geschildert, den der eintoenige Anblick dieser +Einoede hervorbringt. Moechte diese Eintoenigkeit nicht auch auf das Tagebuch +unserer Flussfahrt uebergehen! Moechten Leser, die an die Beschreibung der +Landschaften und an die geschichtlichen Erinnerungen des alten Continents +gewoehnt sind, es nicht ermuedend finden! + + ------------------ + + + + + + 55 Die wilden Voelker bezeichnen jedes europaeische Handelsvolk mit + Beinamen, die ganz zufaellig entstanden zu seyn scheinen. Ich habe + schon oben bemerkt, dass die Spanier vorzugsweise *bekleidete + Menschen*, _gheme_ oder _Uavemi_ heissen. + +_ 56 Homo __habitat__ inter tropicos, vescitur Palmis, Lotophagus; + __hospitatur__ entre tropicos sub novercante Cerere, carnivorus._ + + 57 Einer der Vorgaenger des Geistlichen, den wir in San Fernando als + Praesidenten der Missionen fanden. + + 58 Die Delphine, welche in die Nilmuendung kommen, fielen indessen den + Alten so auf, dass sie auf einer Bueste des Flussgottes aus Syenit im + Pariser Museum halb versteckt im wallenden Barte dargestellt sind. + + 59 Ich fuehre diesen geringfuegigen Umstand hier an, um die Reisenden + darauf aufmerksam zu machen, wie noethig es ist, nur solche Barometer + zu haben, bei denen die Roehre der ganzen Laenge nach sichtbar ist. + Eine ganz kleine Luftblase kann das Quecksilber zum Theil oder ganz + sperren, ohne dass der Ton beim Anschlagen des Quecksllbers am Ende + der Roehre sich veraenderte. + +_ 60 Ocotea cymbarum_, sehr verschieden vom _Laurus Sassafras_ in + Nordamerika. + + 61 "Mit weissen und vernuenftigen Menschen." Die europaeische Eigenliebe + stellt gemeiniglich die _gente de razon_ und die _gente parda_ + einander gegenueber. + + 62 LANGSDORF sah bei den Bewohnern der Norfolkbucht Canoes aus Einem + Stueck 50 Fuss lang, 4 1/2 :breit und an den Raendern 3 Fuss hoch; sie + fassten 30 Menschen. Auch _Populus balsamifera_ wird auf den Bergen + um Norfolkbucht ungeheuer hoch. + + 63 Die Fanega wiegt 110 spanische Pfund. + + + + + +DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL. + + + Der Rio Negro. -- Die brasilianische Grenze. + + +Der Rio Negro ist dem Amazonenstrom, dem Rio de la Plata und dem Orinoco +gegenueber nur ein Fluss zweiten Ranges. Der Besitz desselben war aber seit +Jahrhunderten fuer die spanische Regierung von grosser politischer +Wichtigkeit, weil er fuer einen eifersuechtigen Nachbar, fuer Portugal, eine +offene Strasse ist, um sich in die Missionen in Guyana einzudraengen und die +suedlichen Grenzen der _Capitania general_ von Caracas zu beunruhigen. +Dreihundert Jahre verflossen ueber zu nichts fuehrenden Grenzstreitigkeiten. +Je nach dem Geist der Zeiten und dem Culturgrad der Voelker hielt man sich +bald an die Autoritaet des heiligen Vaters, bald an die Huelfsmittel der +Astronomie. Da man es meist vortheilhafter fand, den Streit zu +verschleppen, als ihm ein Ende zu machen, so haben nur die Nautik und die +Geographie des neuen Continents bei diesem endlosen Process gewonnen. Es +ist bekannt, dass durch die Bullen der Paepste Nicolaus V. und +Alexander VI., durch den Vertrag von Tordesillas und die Nothwendigkeit, +eine feste Grenzlinie zu ziehen, der Eifer, das Problem der Laengen zu +loesen, die Ephemeriden zu verbessern und die Instrumente zu +vervollkommnen, bedeutend gestachelt worden ist. Als die Haendel in +Paraguay und der Besitz der Colonie am Sacramento fuer die beiden Hoefe zu +Madrid und Lissabon Sachen von grossem Belang wurden, schickte man +Grenzcommissaere an den Orinoco, an den Amazonenstrom und an den Rio de la +Plata. + +Unter den Muessiggaengern, welche die Archive mit Verrechnungen und +Protokollen fuellten, fand sich hie und da auch ein unterrichteter +Ingenieur, ein Marineofficier, der mit den Methoden, nach denen man weit +von den Kuesten Ortsbestimmungen vornehmen kann, Bescheid wusste. Das +Wenige, was wir am Schluss des vorigen Jahrhunderts von der astronomischen +Geographie des neuen Continents wussten, verdankt man diesen achtbaren, +fleissigen Maennern, den franzoesischen und spanischen Akademikern, die in +Quito den Meridian gemessen, und Officieren, welche von Valparaiso nach +Buenos Ayres gegangen waren, um sich Malaspinas Expedition anzuschliessen. +Mit Befriedigung gedenkt man, wie sehr die Wissenschaften fast zufaellig +durch jene "Grenzcommissionen" gefoerdert worden sind, die fuer den Staat +eine grosse Last waren und von denen, die sie ins Leben gerufen, noch oefter +vergessen als ausgeloest wurden. + +Weiss man, wie unzuverlaessig die Karten von Amerika sind, kennt man aus +eigener Anschauung die unbewohnten Landstriche zwischen dem Jupura und Rio +Negro, dem Madeira und Ucayale, dem Rio Branco und der Kueste von Cayenne, +die man sich in Europa bis auf diesen Tag allen Ernstes streitig gemacht, +so kann man sich ueber die Beharrlichkeit, mit der man sich um ein paar +Quadratmeilen zankte, nicht genug wundern. Zwischen diesem streitigen +Gebiet und den angebauten Strichen der Colonien liegen meist Wuesten, deren +Ausdehnung ganz unbekannt ist. Auf den beruehmten Conferenzen in Puente de +Caya (vom 4. November 1681 bis 22. Januar 1682) wurde die Frage +verhandelt, ob der Papst, als er die Demarcationslinie 370 spanische +Meilen [Oder 22 Grad 14 Minuten, auf dem Aequator gezaehlt.] westwaerts von +den Inseln des gruenen Vorgebirges zog, gemeint habe, der erste Meridian +solle vom Mittelpunkt der Insel St. Nicolas aus, oder aber (wie der +portugiesische Hof behauptete) vom westlichen Ende der kleinen Insel San +Antonio gezaehlt werden. Im Jahr 1754, zur Zeit von Ituriagas und Solanos +Expedition, unterhandelte man ueber den Besitz der damals voellig +unbewohnten Ufer des Tuamini und um ein Stueck Sumpfland, ueber das wir +zwischen Javita und dem Pimichin an Einem Abend gegangen. Noch in neuester +Zeit wollten die spanischen Commissaere die Scheidungslinie an die +Einmuendung des Apoporis in den Jupura legen, waehrend die portugiesischen +Astronomen sie bis zum Salto Grande zurueckschoben. Die Missionaere und das +Publikum ueberhaupt betheiligten sich sehr lebhaft an diesen +Grenzstreitigkeiten. In den spanischen wie in den portugiesischen Colonien +beschuldigt man die Regierung der Gleichgueltigkeit und Laessigkeit. +Ueberall wo die Voelker keine Verfassung haben, deren Grundlage die +Freiheit ist, gerathen die Gemuether nur dann in Aufregung, wenn es sich +davon handelt, die Grenzen des Landes weiter oder enger zu machen. + +Der Rio Negro und der Jupura sind zwei Nebenfluesse des Amazonenstromes, +die in Laenge der Donau wenig nachgeben, und deren oberer Lauf den Spaniern +gehoert, waehrend der untere in den Haenden der Portugiesen ist. An diesen +zwei majestaetischen Stroemen hat sich die Bevoelkerung nur in der Naehe des +aeltesten Mittelpunktes der Cultur bedeutend vermehrt. Die Ufer des obern +Jupura oder Caqueta wurden von Missionaeren cultivirt, die aus den +Cordilleren von Popayan und Neiva gekommen waren. Von Macoa bis zum +Einfluss des Caguan gibt es sehr viele christliche Niederlassungen, waehrend +am untern Jupura die Portugiesen kaum ein paar Doerfer gegruendet haben. Am +Rio Negro dagegen konnten es die Spanier ihren Nachbarn nicht gleich thun. +Wie kann man sich auf eine Bevoelkerung stuetzen, wenn sie so weit abliegt +als die in der Provinz Caracas? Fast voellig unbewohnte Steppen und Waelder +liegen, 160 Meilen breit, zwischen dem angebauten Kuestenstrich und den +vier Missionen Macoa, Tomo, Davipe und San Carlos, den einzigen, welche +die spanischen Franciscaner laengs des Rio Negro zu Stande gebracht. Bei +den Portugiesen in Brasilien hat das militaerische Regiment, das System der +_Presides_ und _Capitanes pobladores_ dem Missionsregiment gegenueber die +Oberhand gewonnen. Von Gran-Para ist es allerdings sehr weit zur +Einmuendung des Rio Negro [In gerader Linie 150 Meilen.], aber bei der +bequemen Schifffahrt auf dem Amazonenstrom, der wie ein ungeheurer Canal +von West nach Ost gerade fortlaeuft, konnte sich die portugiesische +Bevoelkerung laengs des Stromes rasch ausbreiten. Die Ufer des untern +Amazonenstroms von Vistoza bis Serpa, so wie die des Rio Negro von Forte +da Bara bis San Jose de Marabitanos sind geschmueckt mit reichem Anbau und +mit zahlreichen Staedten und ansehnlichen Doerfern bedeckt. + +An diese Betrachtungen ueber die oertlichen Verhaeltnisse reihen sich andere +an, die sich auf die moralische Verfassung der Voelker beziehen. Auf der +Nordwestkueste Amerikas sind bis auf diesen Tag keine festen +Niederlassungen ausser den russischen und den spanischen Colonien. Noch ehe +die Bevoelkerung der Vereinigten Staaten auf ihrem Zuge von Ost nach West +den Kuestenstrich erreicht hatte, der zwischen dem 41. bis 50. Breitengrad +lange die castilianischen Moenche und die sibirischen Jaeger(64) getrennt, +liessen sich letztere suedlich vom Rio Colombia nieder. So waren denn in +Neucalifornien die Missionaere vom Orden des heiligen Franz, deren +Lebenswandel und deren Eifer fuer den Ackerbau alle Achtung verdienen, +nicht wenig erstaunt, als sie hoerten, in ihrer Nachbarschaft seyen +griechische Priester eingetroffen, so dass die beiden Voelker, welche das +Ost- und das Westende von Europa bewohnen, auf den Kuesten Amerikas, China +gegenueber, Nachbarn geworden waren. Anders wiederum gestalteten sich die +Verhaeltnisse in Guyana. Hier fanden die Spanier an ihren Grenzen dieselben +Portugiesen wieder, die mit ihnen durch Sprache und Gemeindeverfassung +einen der edelsten Reste des roemischen Europa bilden, die aber durch das +Misstrauen, wie es aus Ungleichheit der Kraefte und allzu naher Beruehrung +geflossen, zu einer nicht selten feindseligen, immer aber eifersuechtigen +Macht geworden waren. Geht man von der Kueste von Venezuela (wo, wie in der +Havana und auf den Antillen ueberhaupt, die europaeische Handelpolitik der +taegliche Gegenstand des Interesses ist) nach Sued, so fuehlt man sich mit +jedem Tage mehr und mit wachsender Geschwindigkeit Allem entrueckt, was mit +dem Mutterlande zusammenhaengt. Mitten in den Steppen oder Llanos, in den +mit Ochsenhaeuten gedeckten Huetten inmitten wilder Heerden unterhaelt man +sich von nichts als von der Pflege des Viehs, von der Trockenheit des +Landes, die den Weiden Eintrag thut, vom Schaden, den die Fledermaeuse an +Faersen und Fuellen angerichtet. Kommt man aus dem Orinoco in die Missionen +in den Waeldern, so findet man die Einwohnerschaft wieder mit andern Dingen +beschaeftigt, mit der Unzuverlaessigkeit der Indianer, die aus den Doerfern +fortlaufen, mit der mehr oder minder reichen Ernte der Schildkroeteneier, +mit den Beschwerden eines heissen, ungesunden Klimas. Kommen die Moenche +ueber der Plage der Moskitos noch zu einem andern Gedanken, so beklagt man +sich leise ueber den Praesidenten der Missionen, so seufzt man ueber die +Verblendung der Leute, die im naechsten Capitel den Gardian des Klosters in +Nueva Barcelona wieder waehlen wollen. Alles hat hier ein rein oertliches +Interesse, und zwar beschraenkt sich dasselbe auf die Angelegenheiten des +Ordens, "auf diese Waelder, wie die Moenche sagen, _estas selvas_, die Gott +uns zum Wohnsitz angewiesen." Dieser etwas enge, aber ziemlich truebselige +Ideenkreis erweitert sich, wenn man vom obern Orinoco an den Rio Negro +kommt und sich der Grenze Brasiliens naehert. Hier scheinen alle Koepfe vom +Daemon europaeischer Politik besessen. Das Nachbarland jenseits des +Amazonenstroms heisst in der Sprache der spanischen Missionen weder +Brasilien, noch _Capitania general_ von Gran-Para, sondern *Portugal*; die +kupferfarbigen Indianer, die halbschwarzen Mulatten, die ich von Barcelos +zur spanischen Schanze San Carlos herauskommen sah, sind *Portugiesen*. +Diese Namen sind im Munde des Volkes bis an die Kueste von Cumana, und mit +Behagen erzaehlt man den Reisenden, welche Verwirrung sie im Kopfe eines +alten, aus den Bergen von Bierzo gebuertigen Commandanten von Vieja Guayana +angerichtet hatten. Der alte Kriegsmann beschwerte sich, dass er zur See +habe an den Orinoco kommen muessen. "Ist es wahr," sprach er, "wie ich hier +hoere, dass spanisch Guyana, diese grosse Provinz, sich bis nach Portugal +erstreckt (zu _los Portugueses_), so moechte ich wissen, warum der Hof mich +in Cadix sich hat einschiffen lassen? Ich haette gerne ein paar Meilen +weiter zu Lande gemacht." Diese Aeusserung von naiver Unwissenheit erinnert +an eine verwunderliche Meinung des Cardinals LORENZANA. Dieser Praelat, der +uebrigens in der Geschichte ganz zu Hause ist, sagt in einem in neuerer +Zeit in Mexico gedruckten Buche, die Besitzungen des Koenigs von Spanien in +Neu-Californien und Neu-Mexico (ihr noerdliches Ende liegt unter 37 deg. 48{~PRIME~} +der Breite) "haengen ueber Land mit Sibirien zusammen." + +Wenn zwei Voelker, die in Europa neben einander wohnen, Spanier und +Portugiesen, auch auf dem neuen Continent Nachbarn geworden sind, so +verdanken sie dieses Verhaeltniss, um nicht zu sagen diesen Uebelstand, dem +Unternehmungsgeist, dem kecken Thatendrang, den beide zur Zeit ihres +kriegerischen Ruhmes und ihrer politischen Groesse entwickelt. Die +castilianische Sprache wird gegenwaertig in Sued- und Nordamerika auf einer +1900 Meilen langen Strecke gesprochen; betrachtet man aber Suedamerika fuer +sich, so zeigt sich, dass das Portugiesische ueber einen groesseren +Flaechenraum verbreitet ist, aber von nicht so vielen Menschen gesprochen +wird, als das Castilianische. Das innige Band, das die schoenen Sprachen +eines Camoens und Lope de Vega verknuepft, hat, sollte man meinen, Voelker, +die widerwillig Nachbarn geworden, nur noch weiter auseinander gebracht. +Der Nationalhass richtet sich keineswegs nur nach der Verschiedenheit in +Abstammung, Sitten und Culturstufe; ueberall, wo er sehr stark +ausgesprochen ist, erscheint er als die Folge geographischer Verhaeltnisse +und der damit gegebenen widerstreitenden Interessen. Man verabscheut sich +etwas weniger, wenn man weit auseinander ist und bei wesentlich +Verschiedenen Sprachen gar nicht in Versuchung kommt, mit einander zu +verkehren. Diese Abstufungen in der gegenseitigen Stimmung neben +einander-lebender Voelker fallen Jedem auf, der Neucalifornien, die innern +Provinzen von Mexico und die Nordgrenzen Brasiliens bereist. + +Als ich mich am spanischen Rio Negro befand, war, in Folge der auseinander +gehenden Politik der beiden Hoefe von Lissabon und Madrid, das +systematische Misstrauen, dem die Commandanten der benachbarten kleinen +Forts auch in den ruhigsten Zeiten gerne Nahrung geben, noch staerker als +gewoehnlich. Die Canoes kamen von Barcelos bis zu den spanischen Missionen +herauf, aber der Verkehr war gering. Der Befehlshaber einer +Truppenabtheilung von 16 bis 18 Mann plagte "die Garnison" mit +Sicherheitsmassregeln, welche "der Ernst der Lage" erforderlich machte, und +im Fall eines Angriffs hoffte er "den Feind zu umzingeln." Sprachen wir +davon, dass die portugiesische Regierung in Europa die vier kleinen Doerfer, +welche die Franciscaner am obern Rio Negro angelegt, ohne Zweifel sehr +wenig beachte, so fuehlten sich die Leute durch die Gruende, mit denen wir +sie beruhigen wollten, nur verletzt. Voelkern, die durch alle Wechsel im +Lauf von Jahrhunderten ihren Nationalhass ungeschwaecht erhalten haben, ist +jede Gelegenheit erwuenscht, die demselben neue Nahrung gibt. Dem Menschen +ist bei Allein wohl, was sein Gemueth aufregt, was ihm eine lebhafte +Empfindung zum Bewusstseyn bringt, sey es nun ein Gefuehl der Zuneigung, +oder jener eifersuechtige Neid, wie er aus althergebrachten Vorurtheilen +entspringt. Die ganze Persoenlichkeit der Voelker ist aus dem Mutterlande in +die entlegensten Colonien uebergegangen, und der gegenseitige Widerwille +der Nationen hat nicht einmal da ein Ende, wo der Einfluss der gleichen +Sprache wegfaellt. Wir wissen aus KRUSENSTERNs anziehendem Reisebericht, +dass der Hass zweier fluechtigen Matrosen, eines Franzosen und eines +Englaenders, zu einem langen Krieg zwischen den Bewohnern der +Marquesasinseln Anlass gab. Am Amazonenstrom und Rio Negro koennen die +Indianer in den benachbarten portugiesischen und spanischen Doerfern +einander nicht ausstehen. Diese armen Menschen sprechen nur amerikanische +Sprachen, sie wissen gar nicht, was "am andern Ufer des Oceans, drueben +ueber der grossen Salzlache" vorgeht; aber die Kutten ihrer Missionaere sind +von verschiedener Farbe, und diess missfaellt ihnen im hoechsten Grade. + +Ich habe bei der Schilderung der Folgen des Nationalhasses verweilt, den +kluge Beamte zu mildern suchten, ohne ihn ganz beschwichtigen zu koennen. +Diese Eifersucht ist nicht ohne Einfluss auf den Umstand gewesen, dass +unsere geographische Kunde von den Nebenfluessen des Amazonenstromes bis +jetzt so mangelhaft ist. Wenn der Verkehr unter den Eingeborenen gehemmt +ist, und die eine Nation an der Muendung, die andere im obern Flussgebiet +sitzt, so faellt es den Kartenzeichnern sehr schwer, genaue Erkundigungen +einzuziehen. Die periodischen Ueberschwemmungen, besonders aber die +Trageplaetze, ueber die man die Canoes von einem Nebenfluss zum andern +schafft, dessen Quellen in der Naehe liegen, verleiten zur Annahme von +Gabelungen und Verzweigungen der Fluesse, die in Wahrheit nicht bestehen. +Die Indianer in den portugiesischen Missionen zum Beispiel schleichen sich +(wie ich an Ort und Stelle erfahren) einerseits auf dem Rio Guaicia und +Rio Tomo in den spanischen Rio Negro, andererseits ueber die Trageplaetze +zwischen dem Cababuri, dem Pasimoni, dem Idapa und dem Mavaca in den obern +Orinoco, um hinter Esmeralda den aromatischen Samen des Pucherylorbeers zu +sammeln. Die Eingeborenen, ich wiederhole es, sind vortreffliche +Geographen; sie umgehen den Feind trotz der Grenzen, wie sie auf den +Karten gezogen sind, trotz der Schanzen und Estacamentos, und wenn die +Missionaere sie von so weither, und zwar in verschiedenen Jahreszeiten +kommen sehen, so machen sie sich daran, Hypothesen ueber vermeintliche +Flussverbindungen zu schmieden. Jeder Theil hat ein Interesse dabei, nicht +zu sagen, was er ganz gut weiss, und der Hang zu allem Geheimnissvollen, der +bei rohen Menschen so gemein und so lebendig ist, thut das Seinige dazu, +um die Sache im Dunkeln zu lassen. Noch mehr, die verschiedenen +Indianerstaemme, welche dieses Wasserlabyrinth befahren, geben den Fluessen +ganz verschiedene Namen, und diese Namen werden durch Endungen, welche +"Wasser, grosses Wasser, Stroemung" bedeuten, unkenntlich gemacht und +verlaengert. Wie oft bin ich beim nothwendigen Geschaeft, die Synonymie der +Fluesse ins Reine zu bringen, in groesster Verlegenheit gewesen, wenn ich die +gescheitesten Indianer vor mir hatte und sie mittelst eines Dolmetschers +ueber die Zahl der Nebenfluesse, die Quellen und die Trageplaetze befragte! +Da in derselben Mission drei, vier Sprachen gesprochen werden, so haelt es +sehr schwer, die Aussagen in Uebereinstimmung zu bringen. Unsere Karten +wimmeln von willkuerlich abgekuerzten oder entstellten Namen. Um +herauszubringen, was darauf richtig ist, muss man sich von der +geographischen Lage der Nebenfluesse, fast moechte ich sagen von einem +gewissen etymologischen Takt leiten lassen. Der Rio Uaupe oder Uapes der +portugiesischen Karten ist der Guapue der spanischen und der Ucayari der +Eingeborenen. Der Anava der aelteren Geographen ist ARROWSMITHs Anauahu, +und der Unanauhau oder Guanauhu der Indianer. Man liess nicht gerne einen +leeren Raum auf den Karten, damit sie recht genau aussehen moechten, und so +erschuf man Fluesse und legte ihnen Namen bei, ohne zu wissen, dass +dieselben nur Synonyme waren. Erst in der neuesten Zeit haben die +Reisenden in Amerika, in Persien und Indien eingesehen, wie viel darauf +ankommt, dass man in der Namengebung correkt ist. Liest man die Reise des +beruehmten RALEGH, so ist es eben nicht leicht, im See Mrecabo den See +Maracaybo und im Marquis Paraco den Namen Pizarros, des Zerstoerers des +Reichs der Incas, zu erkennen. + +Die grossen Nebenfluesse des Amazonenstroms heissen, selbst bei den +Missionaeren von europaeischer Abstammung, in ihrem obern Lauf anders als im +untern. Der Jca heisst weiter oben Putumayo; der Jupura fuehrt seinen +Quellen zu den Namen Caqueta. Wenn man in den Missionen der Andaquies sich +nach dem wahren Ursprung des Rio Negro umsah, so konnte diess um so weniger +zu etwas fuehren, da man den indianischen Namen des Flusses nicht kannte. +In Javita, Maroa und San Carlos hoerte ich ihn *Guainia* nennen. SOUTHEY, +der gelehrte Geschichtschreiber Brasiliens, den ich ueberall sehr genau +fand, wo ich seine geographischen Angaben mit dem, was ich selbst aus +meinen Reisen gesammelt, vergleichen konnte, sagt ausdruecklich, der Rio +Negro heisse auf seinem untern Laufe bei den Eingeborenen Guiari oder +Curana, aus seinem obern Lauf *Ueneya*. Das ist soviel wie Gueneya statt +Guainia; denn die Indianer in diesen Landstrichen sprechen ohne +Unterschied Guanaracua und Uanaracua, Guarapo und Uarapo. Aus dem +letzteren haben HONDIUS [Auf seiner Karte zu Raleghs Reise.] und alle +alten Geographen durch ein komisches Missverstaendniss ihren _'Europa +fluvius'_ gemacht. + +Es ist hier der Ort, von den Quellen des Rio Negro zu sprechen, ueber +welche die Geographen schon so lange im Streit liegen. Diese Frage +erscheint nicht allein darum wichtig, weil es sich vom Ursprung eines +maechtigen Stromes handelt, was ja immer von Interesse ist; sie haengt mit +einer Menge anderer Fragen zusammen, mit den angeblichen Gabelungen des +Caqueta, mit den Verbindungen zwischen dem Rio Negro und dem Orinoco, und +mit dem *oertlichen Mythus* vom Dorado, frueher Enim oder das Reich des +Grossen Paytiti geheissen. Studirt man die alten Karten dieser Laender und +die Geschichte der geographischen Irrthuemer genau, so sieht man, wie der +Mythus vom Dorado mit den Quellen des Orinoco allmaehlich nach Westen +rueckt. Er entstand auf dem Ostabhang der Anden und setzte sich zuerst, wie +ich spaeter nachweisen werde, im Suedwesten vom Rio Negro fest. Der tapfere +PHILIPP DE URRE ging, um die grosse Stadt Manoa zu entdecken, ueber den +Guaviare. Noch jetzt erzaehlen die Indianer in San Jose de Maravitanos, +"fahre man vierzehn Tage lang auf dem Guape oder Uaupe nach Nordost, so +komme man zu einer beruehmten *Laguna de Oro*, die von Bergen umgeben und +so gross sey, dass man das Ufer gegenueber nicht sehen koenne. Ein wildes +Volk, die Guanes, leide nicht, dass man im Sandboden um den See Gold +sammle." Pater ACUNA setzt den See Manoa oder Yenefiti zwischen den Japura +und den Rio Negro. Manaos-Indianer (diess ist das Wort Manoa mit +Verschiebung der Vokale, was bei so vielen amerikanischen Voelkern +vorkommt) brachten dem Pater FRITZ im Jahr 1687 viele Blaetter geschlagenen +Goldes. Diese Nation, deren Namen noch heute am Urarira zwischen Lamalonga +und Moreira bekannt ist, sass am Jurubesh (Yurubech, Yurubets). LA +CONDAMINE sagt mit Recht, dieses Mesopotamien zwischen dem Caqueta, dem +Rio Negro, dem Jurubesh und dem Iquiare sey der erste Schauplatz des +Dorado. Wo soll man aber die Namen Jurubesh und Iquiare der Patres Acuna +und Fritz suchen? Ich glaube sie in den Fluessen Urubaxi und Iguari der +handschriftlichen portugiesischen Karten wieder zu finden, die ich besitze +und die im hydrographischen Depot zu Rio Janeiro gezeichnet wurden. Seit +vielen Jahren habe ich nach den aeltesten Karten und einem ansehnlichen, +von mir gesammelten, nicht veroeffentlichten Material mit anhaltendem Eifer +Untersuchungen ueber die Geographie Suedamerikas noerdlich vom Amazonenstrom +angestellt. Da ich meinem Werke den Charakter eines wissenschaftlichen +Werkes bewahren moechte, darf ich mich nicht scheuen, von Gegenstaenden zu +handeln, ueber die ich hoffen kann einiges Licht zu verbreiten, naemlich von +den Quellen des Rio Negro und des Orinoco, von der Verbindung dieser +Fluesse mit dem Amazonenstrom, und vom Problem vom Goldlande, das den +Bewohnern der neuen Welt so viel Blut und so viel Thraenen gekostet hat. +Ich werde diese Fragen nach einander behandeln, wie ich in meinem +Reisetagebuche an die Orte komme, wo sie von den Einwohnern selbst am +lebhaftesten besprochen werden. Da ich aber sehr ins Einzelne gehen muesste, +wenn ich alle Beweise fuer meine Ausstellungen beibringen wollte, so +beschraenke ich mich hier darauf, die hauptsaechlichsten Ergebnisse +mitzutheilen, und verschiebe die weitere Ausfuehrung auf die "_Analyse des +Cartes_" und den "_Essai sur la geographie astronomique du +Nouveau-Continent_", welche den geographischen Atlas eroeffnen sollen. + +Diese meine Untersuchungen fuehren zum allgemeinen Schluss, dass die Natur +bei der Vertheilung der fliessenden Gewaesser auf der Erdoberflaeche, wie +beim Bau der organischen Koerper, lange nicht nach einem so verwickelten +Plane verfahren ist, als man unter dem Einfluss unbestimmter Anschauungen +und des Hangs zum Wunderbaren geglaubt hat. Es geht auch daraus hervor, +dass alle jene Anomalien, alle jene Ausnahmen von den Gesetzen der +Hydrographie, die im Innern Amerikas vorkommen, nur scheinbar sind; dass in +der alten Welt beim Lauf fliessender Gewaesser gleich ausserordentliche +Erscheinungen vorkommen, dass aber diese Erscheinungen vermoege ihres +unbedeutenden Umfangs den Reisenden weniger aufgefallen sind. Wenn +ungeheure Stroeme betrachtet werden koennen als aus mehreren, unter einander +parallelen, aber ungleich tiefen Rinnen bestehend, wenn diese Stroeme nicht +in Thaeler eingeschlossen sind, und wenn das Innere eines grossen Festlandes +so eben ist als bei uns das Meeresufer, so muessen die Verzweigungen, die +Gabelungen, die netzfoermigen Verschlingungen sich ins Unendliche haeufen. +Nach Allem, was wir vom Gleichgewicht der Meere wissen, kann ich nicht +glauben, dass die neue Welt spaeter als die alte dem Schooss des Wassers +entstiegen, dass das organische Leben in ihr juenger, frischer seyn sollte; +wenn man aber auch keine Gegensaetze zwischen den zwei Halbkugeln desselben +Planeten gelten laesst, so begreift sich doch, dass auf derjenigen, welche +die groesste Wasserfuelle hat, die verschiedenen Flusssysteme laengere Zeit +gebraucht haben, sich von einander zu scheiden, sich gegenseitig voellig +unabhaengig zu machen. Die Anschwemmungen, die sich ueberall bilden, wo +fliessendes Wasser an Geschwindigkeit abnimmt, tragen allerdings dazu bei, +die grossen Strombetten zu erhoehen und die Ueberschwemmungen staerker zu +machen; aber auf die Laenge werden die Flussarme und schmalen Kanaele, welche +benachbarte Fluesse mit einander verbinden, durch diese Anschwemmungen ganz +verstopft. Was das Regenwasser zusammenspuelt, bildet, indem es sich +aushaeuft, Schwellen, _'isthmes d'atterissement'_, Wasserscheiden, die +zuvor nicht vorhanden waren. Die Folge davon ist, dass die natuerlichen, +urspruenglichen Verbindungscanaele nach und nach in zwei Wasserlaeufe +zerfallen, und durch die Aufhoehung des Bodens in der Quere zwei Gefaelle +nach entgegengesetzten Richtungen erhalten. Ein Theil ihres Wassers faellt +in den Hauptwasserbehaelter zurueck, und zwischen zwei parallelen Becken +erhebt sich eine Boeschung, so dass die ehemalige Verbindung spurlos +verschwindet. Sofort bestehen zwischen verschiedenen Flusssystemen keine +Gabelungen mehr, und wo sie zur Zeit der grossen Ueberschwemmungen noch +immer vorhanden sind, tritt das Wasser vom Hauptbehaelter nur weg, um nach +groesseren oder kleineren Umwegen wieder dahin zurueckzukehren. Die Gebiete, +deren Grenzen anfangs schwankend durcheinander liefen, schliessen sich nach +und nach ab, und im Laufe der Jahrhunderte wirkt Alles, was an der +Erdoberflaeche beweglich ist, Wasser, Schwemmung und Sand, zusammen, um die +Flussbetten zu trennen, wie die grossen Seen in mehrere zerfallen und die +Binnenmeere ihre alten Verbindungen verlieren.(65) + +Da die Geographen schon im sechzehnten Jahrhundert die Ueberzeugung +gewonnen hatten, dass in Suedamerika zwischen verschiedenen Flusssystemen +Gabeltheilungen bestehen, die sie gegenseitig von einander abhaengig +machen, so nahmen sie an, dass die fuenf grossen Nebenfluesse des Orinoco und +des Amazonenstromes, Guaviare, Inirida, Rio Negro, Caqueta oder Hyapura, +und Putumayo oder Ica unter einander zusammenhaengen. Diese Hypothesen, +welche auf unsern Karten in verschiedenen Gestalten dargestellt sind, +entstanden zum Theil in den Missionen in den Ebenen, zum Theil auf dem +Ruecken der Cordilleren der Anden. Reist man von Santa Fe de Bogota ueber +Fusagafuga nach Popayan und Pasto, so hoert man die Gebirgsbewohner +behaupten, am Ostabhang der _Paramos de la Suma Paz_ (des ewigen +Friedens), des Iscance und Aponte entspringen alle Fluesse, die zwischen +dem Meta und dem Putumayo durch die Waelder von Guyana ziehen. Da man die +Nebenfluesse fuer den Hauptstrom haelt und man alle Fluesse rueckwaerts bis zur +Bergkette reichen laesst, so wirft man dort die Quellen des Orinoco, des Rio +Negro und des Guaviare zusammen. Am steilen Ostabhang der Anden ist sehr +schwer herunterzukommen, eine engherzige Politik hat dem Handel mit den +Llanos am Meta, am San Juan und Caguan Fesseln angelegt, man hat wenig +Interesse, die Fluesse zu verfolgen, um ihre Verzweigungen kennen zu +lernen: durch all diese Umstaende ist die geographische Verwirrung noch +groesser geworden. Als ich in Santa Fe de Bogota war, kannte man kaum den +Weg, der ueber die Doerfer Usme, Ubaque und Caqueza nach Apiay und zum +Landungsplatz am Rio Meta fuehrt. Erst in neuester Zeit konnte ich die +Karte dieses Flusses nach den _Reisetagebuechern_ des CANONICUS CORTES +MADARIAGA und nach den Ermittlungen waehrend des Unabhaengigkeitskriegs in +Venezuela berichtigen. + +Ueber die Lage der Quellen am Fuss der Cordilleren zwischen dem 4 deg. 20{~PRIME~} und +1 deg. 10{~PRIME~} noerdlicher Breite wissen wir zuverlaessig, was folgt. Hinter dem +Paramo de la Suma Paz, den ich von Pandi an aufnehmen konnte, entspringt +der Rio de Aguas Blancas, der mit dem Pachaquiaro oder Rio Negro von Apiay +den *Meta* bildet; weiter nach Sueden kommt der Rio Ariari, ein Nebenfluss +des *Guaviare*, dessen Muendung ich bei San Fernando de Atabapo gesehen. +Geht man auf dem Ruecken der Cordillere weiter gegen Ceja und den Paramo +von Aponte zu, so kommt man an den Rio Guayavero, der am Dorfe Aramo +vorbeilaeuft und sich mit dem Ariari verbindet; unterhalb ihrer Vereinigung +bekommen die Fluesse den Namen *Guaviare*. Suedwestlich vom Paramo de Aponte +entspringen am Fuss der Berge bei Santa Rosa der Rio Caqueta, und auf der +Cordillere selbst der Rio de Mocoa, der in der Geschichte der Eroberung +eine grosse Rolle spielt. Diese beiden Fluesse, die sich etwas oberhalb der +Mission San Augustin de Nieto vereinigen, bilden den *Japura* oder +*Caqueta*. Der Cerro del Portachuelo, ein Berg, der sich auf der Hochebene +der Cordilleren selbst erhebt, liegt zwischen den Quellen des Mocoa und +dem See Sebondoy, aus dem der Rio *Putumayo* oder Jca entspringt. Der +Meta, der Guaviare, der Caqueta und der Putumayo sind also die einzigen +grossen Fluesse, die unmittelbar am Ostabhang der Anden von Santa Fe, +Popayan und Pasto entspringen. Der Vichada, der Zama, der Inirida, der Rio +Negro, der Uaupe und der Apoporis, die unsere Karten gleichfalls westwaerts +bis zum Gebirge fortfuehren, entspringen weit weg von demselben entweder in +den Savanen zwischen Meta und Guaviare oder im bergigten Land, das, nach +den Aussagen der Eingeborenen, fuenf, sechs Tagereisen westwaerts von den +Missionen am Javita und Maroa anfaengt und sich als Sierra Tunuhy jenseits +des Xie dem Issana zu erstreckt. + +Es erscheint ziemlich auffallend, dass dieser Kamm der Cordillere, dem so +viele majestaetische Fluesse entspringen (Meta, Guaviare, Caqueta, +Putumayo), so wenig mit Schnee bedeckt ist als die abyssinischen Gebirge, +aus denen der blaue Nil kommt; dagegen trifft man, wenn man die Gewaesser, +die ueber die Ebenen ziehen, hinausgeht, bevor man an die Cordillere der +Anden kommt, einen noch thaetigen Vulkan. Derselbe wurde erst in neuester +Zeit von den Franciscanern entdeckt, die von Ceja ueber den Rio Fragua an +den Caqueta herunterkommen. Nordoestlich von der Mission Santa Rosa, +westlich vom Puerto del Pescado, liegt ein einzeln stehender Huegel, der +Tag und Nacht Rauch ausstoesst. Es ruehrt diess von einem Seitenausbruch der +Vulkane von Popayan und Pasto her, wie der Guacamayo und der Sangay, die +gleichfalls am Fuss des Ostabhangs der Anden liegen, von Seitenausbruechen +des Vulkansystems von Quito herruehren. Ist man mit den Ufern des Orinoco +und des Rio Negro bekannt, wo ueberall das Granitgestein zu Tage kommt, +bedenkt man, dass in Brasilien, in Guyana, auf dem Kuestenland von +Venezuela, vielleicht auf dem ganzen Continent ostwaerts von den Anden, +sich gar kein Feuerschlund findet, so erscheinen die drei thaetigen Vulkane +an den Quellen des Caqueta, des Napo und des Rio Macas oder Morona sehr +interessant. + +Die imposante Groesse des Rio Negro fiel schon ORELLANA auf, der ihn im Jahr +1539 bei seinem Einfluss in den Amazonenstrom sah, _undas nigras spargens_; +aber erst ein Jahrhundert spaeter suchten die Geographen seine Quellen am +Abhang der Cordilleren auf. ACUNAs Reise gab Anlass zu Hypothesen, die sich +bis auf unsere Zeit erhalten haben und von LA CONDAMINE und D'ANVILLE +masslos gehaeuft wurden. ACUNA hatte im Jahr 1638 an der Einmuendung des Rio +Negro gehoert, einer seiner Zweige stehe mit einem andern grossen Strom in +Verbindung, an dem die Hollaender sich niedergelassen. SOUTHEY bemerkt +scharfsinnig, dass man so etwas in so ungeheurer Entfernung von der Kueste +gewusst, beweise, wie stark und vielfach damals der Verkehr unter den +barbarischen Voelkern dieser Laender (besonders unter denen von caraibischem +Stamme) gewesen. Es bleibt unentschieden, ob die Indianer, die Acuna Rede +standen, den Cassiquiare meinten, den natuerlichen Canal zwischen Orinoco +und Rio Negro, den ich von San Carlos nach Esmeralda hinaufgefahren bin, +oder ob sie ihm nur unbestimmt die Trageplaetze zwischen den Quellen des +Rio Branco(66) und des Rio Essequebo andeuten wollten. Acuna selbst dachte +nicht daran, dass der grosse Strom, dessen Muendung die Hollaender besassen, +der Orinoco sey; er nahm vielmehr eine Verbindung mit dem Rio San Felipe +an, der westlich vom Cap Nord ins Meer faellt, und auf dem nach seiner +Ansicht der Tyrann Lopez de Aguirre seine lange Flussfahrt beschlossen +hatte. Letztere Annahme scheint mir sehr gewagt, wenn auch der Tyrann in +seinem naerrischen Briefe an Philipp II. selbst gesteht, "er wisse nicht, +wie er und die Seinigen aus der grossen Wassermasse herausgekommen." [S. +Bd. I. Seite 233]. + +Bis zu Acunas Reise und den schwankenden Angaben, die er ueber Verbindungen +mit einem andern grossen Fluss nordwaerts vom Amazonenstrom erhielt, sahen +die unterrichtetsten Missionare den Orinoco fuer eine Fortsetzung des +Caqueta (Kaqueta, Caketa) an. "Dieser Strom," sagte Fray PEDRO SIMON im +Jahr 1625, "entspringt am Westabhang des Paramo d'Iscance. Er nimmt den +Papamene auf, der von den Anden von Neiva herkommt, und heisst nach +einander Rio Iscance, Tama (wegen des angrenzenden Gebiets der +Tamas-Indianer), Guayare, Baraguan und Orinoco." Nach der Lage des Paramo +d'Iscance, eines hohen Kegelbergs, den ich auf der Hochebene von Mamendoy +und an den schoenen Ufern des Mayo gesehen, muss in dieser Beschreibung der +Caqueta gemeint seyn. Der Rio Papamene ist der Rio de la Fragua, der mit +dem Rio Mocoa ein Hauptzweig des Caqueta ist; wir kennen denselben von den +ritterlichen Zuegen Georgs von Speier und Philipps von Hutten her.(67) Die +beiden Kriegsmaenner kamen an den Papamene erst, nachdem sie ueber den +Ariari und den Guayavero gegangen. Die Tamas-Indianer sind noch jetzt am +noerdlichen Ufer des Caqueta eine der staerksten Nationen; es ist also nicht +zu verwundern, dass, wie Fray Pedro Simon sagt, dieser Fluss Rio Tama +genannt wurde. Da die Quellen der Nebenfluesse des Caqueta und die +Nebenfluesse des Guaviare nahe beisammen liegen, und da dieser einer der +grossen Fluesse ist, die in den Orinoco fallen, so bildete sich mit dem +Anfang des siebzehnten Jahrhunderts die irrige Ansicht, Caqueta (Rio de +Iscance und Papamene), Guaviare (Guayare) und Orinoco seyen ein und +derselbe Fluss. Niemand war den Caqueta dem Amazonenstrom zu hinabgefahren, +sonst haette man gesehen, dass der Fluss, der weiter unten Jupupa heisst, eben +der Caqueta ist. Eine Sage, die sich bis jetzt unter der Bevoelkerung +dieses Landstrichs erhalten hat, derzusolge ein Arm des Caqueta oberhalb +des Einflusses des Caguan und des Payoya zum Irinida und Rio Negro geht, +muss auch zu der Meinung beigetragen haben, dass der Orinoco am Abhang der +Gebirge von Pasto entspringe. + +Wie wir gesehen, setzte man in Neu-Grenada voraus, die Wasser des Caqueta +laufen, wie die des Ariari, Meta und Apure, dem grossen Orinocobecken zu. +Haette man genauer auf die Richtung dieser Nebenfluesse geachtet, so waere +man gewahr geworden, dass allerdings das ganze Land im Grossen nach Osten +abfaellt, dass aber die Bodenpolyeder, aus denen die Niederungen bestehen, +schiefe Flaechen zweiter Ordnung bilden, die nach Nordost und Suedost +geneigt sind. Eine fast unmerkliche Wasserscheide laeuft unter dem zweiten +Breitengrad von den Anden von Timana zu der Landenge zwischen Javita und +dem Cano Pimichin, ueber die unsere Pirogue geschafft worden. Noerdlich vom +Parallel von Timana laufen die Gewaesser [Inirida, Guaviare, Vichada, Zama, +Meta, Casanare, Apure.] nach Nordost und Ost: es sind die Nebenfluesse des +Orinoco oder die Nebenfluesse seiner Nebenfluesse. Aber suedlich vom Parallel +von Timana, aus den Ebenen, welche denen von San Juan vollkommen zu +gleichen scheinen, laufen der Caqueta oder Jupura, der Putumayo oder Jca, +der Napo, der Pastaca und der Morona nach Suedost und Sued-Suedost und +ergiessen sich ins Becken des Amazonenstroms. Dabei ist sehr merkwuerdig, +dass diese Wasserscheide selbst nur als eine Fortsetzung derjenigen +erscheint, die ich in den Cordilleren auf dem Wege von Popayan nach Pasto +gefunden. Zieht man den Landhoehen nach eine Linie ueber Ceja (etwas suedlich +von Timana) und den Paramo de las Papas zum Alto del Noble, zwischen +1 deg. 45{~PRIME~} und 2 deg. 20{~PRIME~} der Breite, in 970 Toisen Meereshoehe, so findet man die +_'divortia aquarum'_ zwischen dem Meere der Antillen und dem stillen +Ocean. + +Vor Acunas Reise herrschte bei den Missionaeren die Ansicht, Caqueta, +Guaviare und Orinoco seyen nur verschiedene Benennungen desselben Flusses; +aber der Geograph SANSON liess auf den Karten, die er nach ACUNAs +Beobachtungen entwarf, den Caqueta sich in zwei Arme theilen, deren einer +der Orinoco, der andere der Rio Negro oder Curiguacuru seyn sollte. Diese +Gabeltheilung unter rechtem Winkel erscheint auf allen Karten von SANSON, +CORONELLI, DU VAL und DE L'ISLE von 1656 bis 1730. Man glaubte auf diese +Weise die Verbindungen zwischen den grossen Stroemen zu erklaeren, von denen +Acuna die erste Kunde von der Muendung des Rio Negro mitgebracht, und man +ahnte nicht, dass der Jupura die Fortsetzung des Caqueta sey. Zuweilen liess +man den Namen Caqueta ganz weg und nannte den Fluss, der sich gabelt, Rio +Paria oder Yuyapari, wie der Orinoco ehemals hiess. DE L'ISLE liess in +seiner letzten Zeit den Caqueta sich nicht mehr gabeln, zum grossen Verdruss +LA CONDAMINES; er machte den Putumayo, den Jupura und Rio Negro zu voellig +unabhaengigen Fluessen, und als wollte er alle Aussicht auf eine Verbindung +zwischen Orinoco und Rio Negro abschneiden, zeichnete er zwischen beiden +Stroemen eine hohe Bergkette. Bereits Pater FRITZ hatte dasselbe System und +zur Zeit des Hondius galt es fuer das wahrscheinlichste. + +LA CONDAMINEs Reise, die ueber verschiedene Striche Amerikas so viel Licht +verbreitet, hat in die ganze Angelegenheit vom Laufe des Caqueta, Orinoco +und Rio Negro nur noch mehr Verwirrung gebracht. Der beruehmte Gelehrte sah +allerdings wohl, dass der Caqueta (bei Mocoa) der Fluss ist, der am +Amazonenstrom Jupura heisst; dennoch nahm er nicht allein SANSONs Hypothese +an, er brachte die Zahl der Gabeltheilungen des Caqueta sogar auf drei. +Durch die erste gibt der Caqueta einen Arm (den Jaoya) an den Putumayo ab; +eine zweite bildet den Rio Jupura und den Rio Paragua; in einer dritten +theilt sich der Rio Paragua wiederum in zwei Fluesse, den Orinoco und den +Rio Negro. Dieses rein ersonnene System sieht man in der ersten Ausgabe +von D'ANVILLEs schoener Karte von Amerika dargestellt. Es ergibt sich +daraus, dass der Rio Negro vom Orinoco unterhalb der grossen Katarakten +abgeht, und dass man, um an die Muendung des Guaviare zu kommen, den Caqueta +ueber die Gabelung, aus der der Rio Jupura entspringt, hinauf muss. Als LA +CONDAMINE erfuhr, dass der Orinoco keineswegs am Fuss der Anden von Pasto, +sondern auf der Rueckseite der Berge von Cayenne entspringe, aenderte er +seine Vorstellungen auf sehr sinnreiche Weise ab. Der Rio Negro geht jetzt +nicht mehr vom Orinoco ab; Guaviare, Atabapo, Cassiquiare und die Muendung +des Inirida (unter dem Namen Iniricha) erschienen auf D'ANVILLES zweiter +Karte ungefaehr in ihrer wahren Gestalt, aber aus der dritten Gabelung des +Caqueta entstehen der Inirida und der Rio Negro; Dieses System wurde von +Pater CAULIN gut geheissen, auf der Karte von LA CRUZ dargestellt und auf +allen Karten bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts copirt. Diese +Namen: Caqueta, Orinoco, Inirida, haben allerdings nicht so viel +Anziehendes, wie die Fluesse im Innern Nigritiens; es knuepfen sich eben +keine geschichtlichen Erinnerungen daran; aber die mannigfaltigen +Combinationen der Geographen der neuen Welt erinnern an die krausen +Zeichnungen vom Laufe des Niger, des weissen Nil, des Gambaro, des Joliba +und des Zaire. Von Jahr zu Jahr nimmt das Bereich der Hypothesen an Umfang +ab; die Probleme sind buendiger gefasst und das alte Stueck Geographie, das +man speculative, um nicht zu sagen divinatorische Geographie nennen +koennte, zieht sich in immer engere Grenzen zusammen. + +Also nicht am Caqueta, sondern am Guainia oder Rio Negro kann man genaue +Auskunft ueber die Quellen des letzteren Flusses erhalten. Die Indianer in +den Missionen Maroa, Tomo und San Carlos wissen nichts von einer oberen +Verbindung des Guainia mit dem Jupura. Ich habe seine Breite bei der +Schanze San Agostino gemessen; es ergaben sich 292 Toisen;(68) die +mittlere Breite war 200--250 Toisen. LA CONDAMINE schaetzt dieselbe in der +Naehe der Ausmuendung in den Amazonenstrom an der schmalsten Stelle auf 1200 +Toisen; der Fluss waere also auf einem Lauf von 10 Grad in gerader Linie um +1000 Toisen breiter geworden. Obgleich die Wassermasse, wie wir sie +zwischen Maroa und San Carlos gesehen, schon ziemlich bedeutend ist, +versichern die Indianer dennoch, der Guainia entspringe fuenf Tagereisen zu +Wasser nordwestwaerts von der Muendung des Pimichin in einem bergigten +Landstrich, wo auch die Quellen des Inirida liegen. Da man den Cassiquiare +von San Carlos bis zum Punkt der Gabeltheilung am Orinoco in 10--11 Tagen +hinauffaehrt, so kann man fuenf Tage Bergfahrt gegen eine lange nicht so +starke Stroemung zu etwas ueber einen Grad 20 Minuten in gerader Richtung +annehmen, womit die Quellen des Guainia, nach meinen Laengenbeobachtungen +in Javita und San Carlos, unter 71 deg. 35{~PRIME~} westlich vom Meridian von Paris zu +liegen kaemen. Obgleich die Aussagen der Eingeborenen vollkommen +uebereinstimmten, liegen die Quellen wohl noch weiter nach Westen, da die +Canoes nur so weit hinaufkommen, als das Flussbett es gestattet. Nach der +Analogie der europaeischen Fluesse laesst sich das Verhaeltniss zwischen der +Breite und Laenge des obern Flussstuecks(69) nicht bestimmt beurtheilen. In +Amerika nimmt haeufig die Wassermasse in den Fluessen auf kurzen Strecken +sehr auffallend zu. + +Der Guainia ist in seinem obern Lauf vorzueglich dadurch ausgezeichnet, dass +er keine Kruemmungen hat; er erscheint wie ein breiter Kanal, der durch +einen dichten Wald gezogen ist. So oft der Fluss die Richtung veraendert, +liegt eine gleich lange Wasserstrecke vor dem Auge. Die Ufer sind hoch, +aber eben und selten felsigt. Der Granit, den ungeheure Quarzgaenge +durchsetzen, kommt meist nur mitten im Bett zu Tage. Faehrt man den Guainia +nach Nordwest hinauf, so wird die Stroemung mit jeder Tagreise reissender. +Die Flussufer sind unbewohnt; erst in der Naehe der Quellen (_las +cavezeras_), im bergigten Land, hausen die Manivas- oder +Poignaves-Indianer. Die Quellen des Inirida (Iniricha) liegen, nach der +Aussage der Indianer, nur 2--3 Meilen von denen des Guainia und es liesse +sich dort ein Trageplatz anlegen. Pater Caulin hoerte in Cabruta aus dem +Munde eines indianischen Haeuptlings Namens Tapo, der Inirida sey sehr nahe +beim Patavita (Paddavida auf der Karte von LA CRUZ), der ein Nebenfluss des +Rio Negro ist. Die Eingeborenen am obern Guainia kennen diesen Namen +nicht, so wenig als den eines Sees (_laguna del Rio Negro_), der auf alten +portugiesischen Karten vorkommt. Dieser angebliche Rio Patavita ist +wahrscheinlich nichts als der Guainia der Indianer in Maroa; denn so lange +die Geographen an die Gabeltheilung des Caqueta glaubten, liessen sie den +Rio Negro aus diesem Arm und einem Flusse entstehen, den sie Patavita +nannten. Nach dem Bericht der Eingeborenen sind die Berge bei den Quellen +des Inirida und Guainia nicht hoeher als der Baraguan, der nach meiner +Messung 120 Toisen hoch ist. + +Portugiesische handschriftliche Karten, die in neuester Zeit im +hydrographischen Depot zu Rio Janeiro entworfen worden sind, bestaetigen, +was ich an Ort und Stelle in Erfahrung gebracht. Sie geben keine der vier +Verbindungen des Caqueta oder Japura mit dem Guainia (Rio Negro), dem +Inirida, dem Uaupes (Guapue) und dem Putumayo an; sie stellen jeden dieser +Nebenfluesse als einen unabhaengigen Strom dar; sie lassen den Rio Patavita +weg und setzen die Quellen des Guainia nur 2 deg. 15{~PRIME~} westwaerts vom Meridian +von Javita. Der Rio Uaupes, ein Nebenfluss des Guainia, scheint viel weiter +aus Westen herzukommen als der Guainia selbst; und seine Richtung ist so, +dass kein Arm des Caqueta in den obern Guainia kommen koennte, ohne ihn zu +schneiden. Ich bringe zum Schluss dieser Eroerterung einen Beweis bei, der +direkt gegen die Annahme spricht, nach welcher der Guainia, wie der +Guaviare und der Caqueta, am Ostabhang der Cordilleren der Anden +entspringen soll. + +Waehrend meines Aufenthalts in Popayan machte mir der Gardian des +Franciskanerklosters, Fray Francisco Pugnet, ein liebenswuerdiger, +verstaendiger Mann, zuverlaessige Mittheilungen ueber die Missionen der +Adaquies, in denen er lange gelebt hat. Der Pater hatte eine beschwerliche +Reise vom Caqueta zum Guaviare unternommen. Seit Philipp von Hutten (Urre) +und den ersten Zeiten der Eroberung war kein Europaeer durch dieses +unbekannte Land gekommen. Pater Pugnet kam von der Mission Caguan am +Flusse dieses Namens, der in den Caqueta faellt, ueber eine unermessliche, +voellig baumlose Savane, in deren oestlichem Striche die Tamas- und +Coreguajes-Indianer hausen. Nach sechstaegigem Marsch nordwaerts kam er in +einen kleinen Ort Namens Aramo am Guayavero, etwa 15 Meilen westlich vom +Punkt, wo der Guayavero und der Ariari den grossen Guaviarestrom bilden. +Aramo ist das am weitesten nach West gelegene Dorf der Missionen von San +Juan de los Llanos. Pater Pugnet hoerte dort von den grossen Katarakten des +Rio Guaviare (ohne Zweifel denselben, die der Praesident der Missionen am +Orinoco auf seiner Fahrt von San Fernando de Apure den Guaviare hinauf +gesehen, s. Bd. III. Seite 296), aber er kam zwischen Caguan und Aramo +ueber keinen Fluss. Es ist also erwiesen, dass unter dem 75. Grad der Laenge, +auf 40 Meilen vom Abhang der Cordilleren, mitten in den Llanos weder Rio +Negro (Patavita, Guainia), noch Guapue (Uaupe), noch Inirida zu finden +sind und dass diese drei Fluesse ostwaerts von diesem Meridian entspringen. +Diese Angaben sind von grossem Werth; denn im innern Afrika ist die +Geographie kaum so verworren als hier zwischen dem Atabapo und den Quellen +des Meta, Guaviare und Caqueta. "Man glaubt es kaum," sagt CALDAS in einer +wissenschaftlichen Zeitschrift, die in Santa Fe de Bogota erscheint, "dass +wir noch keine Karte von den Ebenen besitzen, die am Ostabhang der Gebirge +beginnen, die wir taeglich vor Augen haben und auf denen die Kapellen +Guadeloupe und Monserrate stehen. Kein Mensch weiss, wie breit die +Cordilleren sind, noch wie die Fluesse laufen, die in den Orinoco und in +den Amazonenstrom fallen, und doch werden einst in besseren Zeiten eben +auf diesen Nebenfluessen, dem Meta, dem Guaviare, dem Rio Negro, dem +Caqueta, die Einwohner von Cundinamarca mit Brasilien und Paraguay +verkehren." + +Ich weiss wohl, dass in den Missionen der Andaquies ziemlich allgemein der +Glaube herrscht, der Caqueta gebe zwischen dem Einfluss des Rio Fragua und +des Caguan einen Arm an den Putumayo, und weiter unten, unterhalb der +Einmuendung des Rio Payoya, einen andern an den Orinoco ab; aber diese +Meinung stuetzt sich nur auf eine unbestimmte Sage der Indianer, welche +haeufig Trageplaetze und Gabeltheilungen verwechseln. Wegen der Katarakten +an der Muendung des Payoya und der wilden Huaques-Indianer, auch +"Murcielagos" (Fledermaeuse) genannt, weil sie den Gefangenen das Blut +aussaugen, koennen die spanischen Missionaere nicht den Caqueta hinabfahren. +Nie hat ein weisser Mensch den Weg von San Miguel de Mocoa zum Einfluss des +Caqueta in den Amazonenstrom gemacht. Bei der letzten Grenzcommission +fuhren die portugiesischen Astronomen zuerst den Caqueta bis zu 0 deg. 36{~PRIME~} +suedlicher Breite, dann den Rio de los Enganos (den truegerischen Fluss) und +den Rio Cunare, die in den Caqueta fallen, bis zu 0 deg. 28{~PRIME~} noerdlicher Breite +hinauf. Auf dieser Fahrt sahen sie nordwaerts keinen Arm vom Caqueta +abgehen. Der Amu und der Yabilla, deren Quellen sie genau untersucht, sind +Fluesschen, die in den Rio de los Enganos und mit diesem in den Caqueta +fallen. Findet also wirklich eine Gabeltheilung statt, so waere sie nur auf +der ganz kurzen Strecke zwischen dem Einfluss des Payoya und dem zweiten +Katarakt oberhalb des Einflusses des Rio de los Enganos zu suchen; aber, +ich wiederhole es, wegen dieses Flusses, wegen des Cunare, des Apoporis +und des Uaupes koennte dieser angebliche Arm des Caqueta gar nicht zum +obern Guainia gelangen. Alles scheint vielmehr darauf hinzuweisen, dass +zwischen den Zufluessen des Caqueta und denen des Uaupes und Rio Negro eine +Wasserscheide ist. Noch mehr: durch barometrische Beobachtung haben wir +fuer das Ufer des Pimichin 130 Toisen Meereshoehe gefunden. Vorausgesetzt, +das bergigte Land an den Quellen des Guainia liege 50 Toisen ueber Javita, +so folgt daraus, dass das Bett des Flusses in seinem oberen Lauf wenigstens +200 Toisen ueber dem Meere liegt, also nur so hoch, als wir mit dem +Barometer das Ufer des Amazonenstroms bei Tomependa in der Provinz Jaen de +Bracamoros gefunden. Bedenkt man nun, wie stark dieser ungeheure Strom von +Tomependa bis zum Meridian von 75 deg. faellt und wie weit es von den Missionen +am Rio Caguan bis zur Cordillere ist, so bleibt kein Zweifel, dass das Bett +des Caqueta unterhalb der Muendungen des Caguan und des Payoya viel tiefer +liegt als das Bett des obern Guainia, an den er einen Theil seines Wassers +abgeben soll. Ueberdiess ist das Wasser des Caqueta durchaus weiss, das des +Guainia dagegen schwarz oder kaffeebraun; man hat aber kein Beispiel, dass +ein weisser Fluss auf seinem Laufe schwarz wuerde. Der obere Guainia kann +also kein Arm des Caqueta seyn. Ich zweifle sogar, dass man Grund hat +anzunehmen, dem Guainia, als vornehmsten und unabhaengigen Wasserbehaelter, +komme suedwaerts durch einen Seitenzweig einiges Wasser zu. + +Die kleine Berggruppe an den Quellen des Guainia, die wir haben kennen +lernen, ist um so interessanter, da sie einzeln in der Ebene liegt, die +sich suedwestlich vom Orinoco ausdehnt. Nach der Laenge, unter der sie +liegt, koennte man vermuthen, von ihr gehe ein Kamm ab, der zuerst die +Stromenge (Angostura) des Guaviare und dann die grossen Katarakten des +Uaupes und des Jupura bildet. Kommt vielleicht dort, wo die Gebirgsart +wahrscheinlich, wie im Osten, Granit ist, Gold in kleinen Theilen im Boden +vor? Gibt es vielleicht weiter nach Sueden, dem Uaupes zu, am Iquiare +(Iguiari, Iguari) und am Yurubesh (Yurubach, Urubaxi) Goldwaeschen? Dort +suchte PHILIPP VON HUTTEN zuerst den Dorado und lieferte mit einer +Handvoll Leute den Omaguas das im sechzehnten Jahrhundert vielberufene +Gefecht. Entkleidet man die Berichte der Conquistadoren des Fabelhaften, +so erkennt man an den erhaltenen Ortsnamen immerhin, dass geschichtliche +Wahrheit zu Grunde liegt. Man folgt dem Zuge Huttens ueber den Guaviare und +den Caqueta; man erkennt in den *Guaypes* unter dem Caziken von Macatoa +die Anwohner des Uaupes, der auch *Guape* oder Guapue heisst; man erinnert +sich, dass Pater Acuna den Iquiari (Quiguiare) einen *Goldfluss* nennt, und +dass fuenfzig Jahre spaeter Pater FRITZ, ein sehr glaubwuerdiger Missionaer, in +seiner Mission Yurimaguas von den Manaos (Manoas) besucht wurde, die mit +Goldblechen geputzt waren und aus dem Landstrich zwischen dem Uaupe und +dem Caqueta oder Jupura kamen. Die Fluesse, die am Ostabhang der Anden +entspringen, (z. B. der Napo) fuehren viel Gold, auch wenn ihre Quellen im +Trachytgestein liegen: warum sollte es ostwaerts von den Cordilleren nicht +so gut goldhaltiges aufgeschwemmtes Land geben, wie westwaerts bei Sonora, +Choco und Barbacoas? Ich bin weit entfernt, den Reichthum dieses +Landstrichs uebertreiben zu wollen; aber ich halte mich nicht fuer +berechtigt, das Vorkommen edler Metalle im Urgebirge von Guyana nur +desshalb in Abrede zu ziehen, weil wir auf unserer Reise durch das Land +keinen Erzgang gefunden haben. Es ist auffallend, dass die Eingeborenen am +Orinoco in ihren Sprachen ein Wort fuer Gold haben (caraibisch Carucuru, +tamanakisch *Caricuri*, maypurisch *Cavitta*), waehrend das Wort, das sie +fuer Silber gebrauchen, *Prata*, offenbar dem Spanischen entlehnt ist. Die +Nachrichten ueber Goldwaeschen suedlich und noerdlich vom Rio Uaupes, die +Acuna, Pater Fritz und La Condamine gesammelt, stimmen mit dem ueberein, +was ich ueber die Goldlager in diesem Landstrich in Erfahrung gebracht. So +stark man sich auch den Verkehr unter den Voelkern am Orinoco vor der +Ankunft der Europaeer denken mag, so haben sie doch ihr Gold gewiss nicht +vom Ostabhang der Cordilleren geholt. Dieser Abhang ist arm an Erzgruben, +zumal an solchen, die schon von Alters her in Betrieb waren; er besteht in +den Provinzen Popayan, Pasto und Quito fast ganz aus vulkanischem Gestein. +Wahrscheinlich kam das Gold nach Guyana aus dem Lande ostwaerts von den +Anden. Noch zu unserer Zeit wurde in einer Schlucht bei der Mission +Encaramada ein Goldgeschiebe gefunden, und man darf sich nicht wundern, +dass man, sobald sich Europaeer in diesen Einoeden niederlassen, weniger von +Goldblech, Goldstaub und Amuletten aus Nephrit sprechen hoert, die man sich +frueher von den Caraiben und andern umherziehenden Voelkern im Tauschhandel +verschaffen konnte. Die edlen Metalle waren am Orinoco, Rio Negro und +Amazonenstrom nie sehr haeufig, und sie verschwinden fast ganz, sobald die +Zucht in den Missionen dem Verkehr der Eingeborenen ueber weite Strecken +ein Ende macht. + +Am obern Guainia ist das Klima nicht so heiss, vielleicht auch etwas +weniger feucht als am Tuamini. Ich fand das Wasser des Rio Negro im Mai +23 deg.,9 [19 deg.,2 Reaumur] warm, waehrend der Thermometer in der Luft bei Tag +auf 22 deg.,7, bei Nacht auf 21 deg.,8 stand. Diese Kuehle des Wassers, die fast +ebenso beim Congofluss beobachtet wird, ist so nahe beim Aequator (1 deg. 53{~PRIME~} +bis 2 deg. 15{~PRIME~} noerdliche Breite) sehr auffallend. Der Orinoco ist zwischen dem +vierten und achten Grad der Breite meist 27 deg.,5 bis 29 deg.,5 warm. Die +Quellen, die bei Maypures aus dem Granit kommen, haben 27 deg.,8. Diese +Abnahme der Waerme dem Aequator zu stimmt merkwuerdig mit den Hypothesen +einiger Physiker des Alterthums;(70) es ist indessen nur eine oertliche +Erscheinung und nicht sowohl eine Folge der Meereshoehe, des Landstrichs, +als vielmehr des bestaendig bedeckten, regnerischen Himmels, der +Feuchtigkeit des Bodens, der dichten Waelder, der starken Ausduenstung der +Gewaechse und des Umstandes, dass kein sandiges Ufer den Waermestoff anzieht +und durch Strahlung wieder von sich gibt. Der Einfluss eines bezogenen +Himmels zeigt sich recht deutlich am Kuestenstrich in Peru, wo niemals +Regen faellt und die Sonne einen grossen Theil des Jahres, zur Zeit der +*Garua* (Nebel), dem blossen Auge wie die Mondscheibe erscheint. Dort, +zwischen dem 10. und 12. Grad suedlicher Breite ist die mittlere Temperatur +kaum hoeher als in Algier und Cairo. Am Rio Negro regnet es fast das ganze +Jahr, December und Januar ausgenommen, und selbst in der trockenen +Jahreszeit sieht man das Blau des Himmels selten zwei, drei Tage hinter +einander. Bei heiterer Luft erscheint die Hitze desto groesser, da sonst das +Jahr ueber die Einwohner sich bei Nacht ueber Frost beklagen, obgleich die +Temperatur immer noch 21 deg. betraegt. Ich stellte in San Carlos, wie frueher +in Javita, Beobachtungen ueber die Regenmenge an, die in einer gegebenen +Zeit faellt. Diese Untersuchungen sind von Belang, wenn es sich davon +handelt, die ungeheure Anschwellung der Fluesse in der Naehe des Aequators +zu erklaeren, von denen man lange glaubte, sie werden von den Cordilleren +mit Schneewasser gespeist. Ich sah zu verschiedenen Zeiten in 2 Stunden +7,5 Linien, in 3 Stunden 18 Linien, in 9 Stunden 48,2 Linien Regen fallen. +Da es unaufhoerlich fort regnet (der Regen ist fein, aber sehr dicht), so +koennen, glaube ich, in diesen Waeldern jaehrlich nicht wohl unter 90 bis 100 +Zoll Wasser fallen. So ausserordentlich viel diess auch scheinen mag, so +wird diese Schaetzung doch durch die sorgfaeltigen Beobachtungen des +Ingenieurobristen COSTANZO in Neuspanien bestaetigt. In Vera-Cruz fielen +allein in den Monaten Juli, August und September 35 Zoll 2 Linien, im +ganzen Jahr 62 Zoll 2 Linien Regenwasser; aber zwischen dem Klima der +duerren, kahlen mexicanischen Kuesten und dem Klima in den Waeldern ist ein +grosser Unterschied. Auf jenen Kuesten faellt in den Monaten December und +Januar kein Tropfen Regen und im Februar, April und Mai meist nur +2--2,3 Zoll; in San Carlos dagegen ist es neun, zehn Monate hinter +einander, als ob die Luft sich in Wasser aufloeste. In diesem nassen +Himmelsstriche wuerde ohne die Verdunstung und den Abzug der Wasser der +Boden im Verlauf eines Jahres mit einer 8 Fuss hohen Wasserschicht bedeckt. +Diese Aequatorialregen, welche die majestaetischen Stroeme Amerikas speisen, +sind von elektrischen Entladungen begleitet, und waehrend man am Ende +desselben Continents, auf der Westkueste von Groenland,(71) in fuenf und +sechs Jahren nicht Einmal donnern hoert, toben in der Naehe des Aequators +die Gewitter fast Tag fuer Tag. Die Gleichzeitigkeit der elektrischen +Entladungen und der Regenguesse unterstuetzt uebrigens keineswegs die alte +Hypothese, nach der sich in der Luft durch Verbindung von Sauerstoff und +Wasserstoff Wasser bildet. Man hat bis zu 3600 Toisen Hoehe vergeblich +Wasserstoff gesucht. Die Menge des in der gesaettigten Luft enthaltenen +Wassers nimmt von 20 bis 25 Grad weit rascher zu als von 10 bis 15 Grad. +Unter der heissen Zone bildet sich daher, wenn sich die Luft um einen +einzigen Grad abkuehlt, weit mehr sichtbarer Wasserdunst als in der +gemaessigten. Eine durch die Stroemungen fortwaehrend erneuerte Luft kann +somit alles Wasser liefern, das bei den Aequatorialregen faellt und dem +Physiker so erstaunlich gross duenkt. + +Das Wasser des Rio Negro ist (bei reflektirtem Licht) dunkler von Farbe +als das des Atabapo und des Tuamini. Ja die Masse weissen Wassers, die der +Cassiquiare hereinbringt, aendert unterhalb der Schanze San Carlos so wenig +an der Farbe, dass es mir auffiel. Der Verfasser der _Chorographie moderne +du Bresil_ sagt ganz richtig, der Fluss habe ueberall, wo er nicht tief sey, +eine Bernsteinfarbe, wo das Wasser aber sehr tief sey, erscheine es +schwarzbraun, wie Kaffeesatz. Auch bedeutet *Curana*, wie die Eingeborenen +den untern Guainia nennen, schwarzes Wasser. Die Vereinigung des Guainia +oder Rio Negro mit dem Amazonenstrom gilt in der Statthalterschaft +Gran-Para fuer ein so wichtiges Moment, dass der Rio das Amazonas westlich +vom Rio Negro seinen Namen ablegt und fortan Rio dos Solimoees heisst +(eigentlich Sorimoees, mit Anspielung auf das Gift der Nation der +Sorimans). Westlich von Ucayale nimmt der Amazonenstrom den Namen Rio +Maranhao oder Maranon an. Die Ufer des obern Guainia sind im Ganzen +ungleich weniger von Wasservoegeln bevoelkert als die des Cassiquiare, Meta +und Arauca, wo die Ornithologen die reichste Ausbeute fuer die europaeischen +Sammlungen finden. Dass diese Thiere so selten sind, ruehrt ohne Zweifel +daher, dass der Strom keine Untiefen und keine offenen Gestade hat, so wie +von der Beschaffenheit des schwarzen Wassers, in dem (gerade wegen seiner +Reinheit) Wasserinsekten und Fische weniger Nahrung finden. Trotz dem +naehren sich die Indianer in diesem Landstrich zweimal im Jahr von +Zugvoegeln, die auf ihrer langen Wanderung am Ufer des Rio Negro ausruhen. +Wenn der Orinoco zu steigen anfaengt, also nach der Fruehlings-Tag- und +Nachtgleiche, ziehen die Enten (_Patos careteros_) in ungeheuern Schwaermen +vom 8. bis 3. Grad noerdlicher zum 1. bis 4. Grad suedlicher Breite gegen +Sued-Sued-Ost. Diese Thiere verlassen um diese Zeit das Thal des Orinoco, +ohne Zweifel weil sie, wenn das Wasser steigt und die Gestade ueberfluthet, +keine Fische, Wasserinsekten und Wuermer mehr fangen koennen. Man erlegt sie +zu Tausenden, wenn sie ueber den Rio Negro ziehen. Auf der Wanderung zum +Aequator sind sie sehr fett und wohlschmeckend, aber im September, wenn +der Orinoco faellt und in sein Bett zuruecktritt, ziehen die Enten, ob sie +nun der Ruf der erfahrensten Zugvoegel dazu antreibt, oder jenes innere +Gefuehl, das man Instinkt nennt, weil es nicht zu erklaeren ist, vom +Amazonenstrom und Rio Branco wieder nach Norden. Sie sind zu mager, als +dass die Indianer am Rio Negro luestern darnach waeren, und sie entgehen +ihren Nachstellungen um so eher, da eine Reiherart (Gavanes) mit ihnen +wandert, die ein vortreffliches Nahrungsmittel abgibt. So essen denn die +Eingeborenen im Maerz Enten, im September Reiher. Sie konnten uns nicht +sagen, was aus den *Gavanes* wird, wenn der Orinoco ausgetreten ist, und +warum sie die Patos careteros auf ihrer Wanderung vom Orinoco an den Rio +Branco nicht begleiten. Dieses regelmaessige Ziehen der Voegel aus einem +Striche der Tropen in den andern, in einer Zone, die das ganze Jahr ueber +dieselbe Temperatur hat, sind eine ziemlich auffallende Erscheinung. So +kommen auch jedes Jahr, wenn in Terra Firma die grossen Fluesse austreten, +viele Schwaerme von Wasservoegeln vom Orinoco und seinen Nebenfluessen an die +Suedkuesten der Antillen. Man muss annehmen, dass unter den Tropen der Wechsel +von Trockenheit und Naesse auf die Sitten der Thiere denselben Einfluss hat, +wie in unserem Himmelsstrich bedeutende Temperaturwechsel. Die Sonnenwaerme +und die Insektenjagd locken in den noerdlichen Laendern der Vereinigten +Staaten und in Canada die Colibris bis zur Breite von Paris und Berlin +herauf; gleicherweise zieht der leichtere Fischfang die Schwimmvoegel und +die Stelzenlaeufer von Nord nach Sued, vom Orinoco zum Amazonenstrom. Nichts +ist wunderbarer, und in geographischer Beziehung noch so dunkel als die +Wanderungen der Voegel nach ihrer Richtung, ihrer Ausdehnung und ihrem +Endziel. + +Sobald wir aus dem Pimichin in den Rio Negro gelangt und durch den kleinen +Katarakt am Zusammenfluss gegangen waren, lag auf eine Viertelmeile die +Mission Maroa vor uns. Dieses Dorf mit 150 Indianern sieht so sauber und +wohlhabend aus, dass es angenehm auffaellt. Wir kauften daselbst schoene +lebende Exemplare einiger Tucanarten (_Piapoco_), muthiger Voegel, bei +denen sich die Intelligenz wie bei unsern zahmen Raben entwickelt. +Oberhalb Maroa kamen wir zuerst rechts am Einfluss des Aquio, dann an dem +des Tomo vorbei; an letzterem Flusse wohnen die Cheruvichahenas-Indianer, +von denen ich in San Francisko Solano ein paar Familien gesehen habe. +Derselbe ist ferner dadurch interessant, dass er den heimlichen Verkehr mit +den portugiesischen Besitzungen vermitteln hilft. Der Tomo kommt auf +seinem Lauf dem Rio Guaicia (Xie) sehr nahe, und auf diesem Wege gelangen +zuweilen fluechtige Indianer vom untern Rio Negro in die Mission Tomo. Wir +betraten die Mission nicht, Pater Zea erzaehlte uns aber laechelnd, die +Indianer in Tomo und in Maroa seyen einmal in vollem Aufruhr gewesen, weil +man sie zwingen wollte, den vielberufenen "Teufelstanz" zu tanzen. Der +Missionaer hatte den Einfall gehabt, die Ceremonien, womit die *Piaches*, +die Priester, Aerzte und Zauberer zugleich sind, den boesen Geist +*Jolokiamo* beschwoeren, in burleskem Styl darstellen zu lassen. Er hielt +den "Teufelstanz" fuer ein treffliches Mittel, seinen Neubekehrten +darzuthun, dass Jolokiamo keine Gewalt mehr ueber sie habe. Einige junge +Indianer liessen sich durch die Versprechungen des Missionaers bewegen, die +Teufel vorzustellen, und sie hatten sich bereits mit schwarzen und gelben +Federn geputzt und die Jaguarfelle mit lang nachschleppenden Schwaenzen +umgenommen. Die Soldaten, die in den Missionen liegen, um die Ermahnungen +der Ordensleute eindringlicher zu machen, stellte man um den Platz vor der +Kirche auf und fuehrte die Indianer zur Festlichkeit herbei, die aber +hinsichtlich der Folgen des Tanzes und der Ohnmacht des boesen Geistes +nicht so ganz beruhigt waren. Die Partei der Alten und Furchtsamen gewann +die Oberhand; eine aberglaeubische Angst kam ueber sie, alle wollten _al +monte_ laufen, und der Missionaer legte seinen Plan, den Teufel der +Eingeborenen laecherlich zu machen, zurueck. Was fuer wunderliche Einfaelle +doch einem muessigen Moenche kommen, der sein Leben in den Waeldern zubringt, +fern von Allem, was ihn an menschliche Cultur mahnen koennte! Dass man in +Tomo den geheimnissvollen Teufelstanz mit aller Gewalt oeffentlich wollte +auffuehren lassen, ist um so auffallender, da in allen von Missionaeren +geschriebenen Buechern davon die Rede ist, wie sie sich bemueht, das; keine +Taenze aufgefuehrt werden, keine "Todtentaenze", keine "Taenze der heiligen +Trompete," auch nicht der alte "Schlangentanz", der _'Queti'_, bei dem +vorgestellt wird, wie diese listigen Thiere aus dem Wald kommen und mit +den Menschen trinken, um sie zu hintergehen und ihnen die Weiber zu +entfuehren. + +Nach zweistuendiger Fahrt kamen wir von der Muendung des Tomo zu der kleinen +Mission San Miguel de Davipe, die im Jahr 1775 nicht von Moenchen, sondern +von einem Milizlieutenant, Don Francisco Bobadilla, gegruendet worden. Der +Missionaer Pater Morillo, bei dem wir ein paar Stunden verweilten, nahm uns +sehr gastfreundlich auf und setzte uns sogar Maderawein vor. Als +Tafelluxus waere uns Weizenbrod lieber gewesen. Auf die Laenge faellt es +einem weit schwerer, das Brod zu entbehren, als geistige Getraenke. Durch +die Portugiesen am Amazonenstrom kommt hie und da etwas Maderawein an den +Rio Negro, und da *Madera* auf Spanisch *Holz* bedeutet, so hatten schon +arme, in der Geographie nicht sehr bewanderte Missionaere Bedenken, ob sie +mit Maderawein das Messopfer verrichten duerften; sie hielten denselben fuer +ein irgend einem Baume abgezapftes gegohrenes Getraenk, wie Palmwein, und +forderten den Gardian der Missionen auf, sich darueber auszusprechen, ob +der _vino de Madera_ Wein aus Trauben _de uvas_) sey oder aber der Saft +eines Baumes (_vino de algun palo_). Schon zu Anfang der Eroberung war die +Frage aufgeworfen worden, ob es den Priestern gestattet sey, mit einem +gegohrenen, dem Traubenwein aehnlichen Saft das Messopfer zu verrichten. Wie +vorauszusehen, wurde die Frage verneint. + +Wir kauften in Davipe einigen Mundvorrath, namentlich Huehner und ein +Schwein. Dieser Einkauf war unsern Indianern sehr wichtig, da sie schon +lange kein Fleisch mehr gegessen hatten. Sie draengten zum Aufbruch, damit +wir zeitig auf die Insel Dapa kaemen, wo das Schwein geschlachtet und in +der Nacht gebraten werden sollte. Kaum hatten wir Zeit, im Kloster +(_convento_) grosse Haufen *Maniharz* zu betrachten, sowie Seilwerk aus der +Chiquichiqui-Palme, das in Europa besser bekannt zu seyn verdiente. +Dasselbe ist ausnehmend leicht, schwimmt auf dem Wasser und ist auf der +Flussfahrt dauerhafter als Tauwerk aus Hanf. Zur See muss man es, wenn es +halten soll, oefter anfeuchten und es nicht oft der tropischen Sonne +aussetzen. DON ANTONIO SANTOS, der im Lande wegen seiner Reise zur +Auffindung des Parimesees viel genannt wird, lehrte die Indianer am +spanischen Rio Negro die Blattstiele des Chiquichiqui benuetzen, einer +Palme mit gefiederten Blaettern, von der wir weder Bluethen noch Fruechte zu +Gesicht bekommen haben. Dieser Officier ist der einzige weisse Mensch, der, +um von Angostura nach Gran-Para zu kommen, von den Quellen des Rio Carony +zu denen des Rio Branco den Landweg gemacht hat. Er hatte sich in den +portugiesischen Colonien mit der Fabrikation der Chiquichiqui-Taue bekannt +gemacht und fuehrte, als er vom Amazonenstrom zurueckkam, den Gewerbszweig +in den Missionen in Guyana ein. Es waere zu wuenschen, dass am Rio Negro und +Cassiquiare grosse Seilbahnen angelegt werden koennten, um diese Taue in den +europaeischen Handel zu bringen. Etwas Weniges wird bereits von Angostura +auf die Antillen ausgefuehrt. Sie kosten dort 50 bis 60 Procent weniger als +Hanftaue.(72) Da man nur junge Palmen benuetzt, muessten sie angepflanzt und +cultivirt werden. + +Etwas oberhalb der Mission Davipe nimmt der Rio Negro einen Arm des +Cassiquiare auf, der in der Geschichte der Flussverzweigungen eine +merkwuerdige Erscheinung ist. Dieser Arm geht noerdlich von Vasiva unter dem +Namen Itinivini vom Cassiquiare ab, laeuft 25 Meilen lang durch ein ebenes, +fast ganz unbewohntes Land und faellt unter dem Namen Conorichite in den +Rio Negro. Er schien mir an der Muendung ueber 120 Toisen breit und bringt +eine bedeutende Masse weissen Wassers in das schwarze Gewaesser. Obgleich +die Stroemung im Conorichite sehr stark ist, kuerzt dieser natuerliche Kanal +dennoch die Fahrt von Davipe nach Esmeralda um drei Tage ab. Eine doppelte +Verbindung zwischen Cassiquiare und Rio Negro kann nicht auffallen, wenn +man weiss, wie viele Fluesse in Amerika beim Zusammenfluss mit andern Delta's +bilden. So ergiessen sich der Rio Branco und der Jupura mit zahlreichen +Armen in den Rio Negro und in den Amazonenstrom. Beim Einfluss des Jupura +kommt noch etwas weit Auffallenderes vor. Ehe dieser Fluss sich mit dem +Amazonenstrom vereinigt, schickt dieser, der Hauptwasserbehaelter, drei +Arme, genannt Uaranapu, Manhama und Avateperana, zum Jupura, also zum +Nebenfluss. Der portugiesische Astronom RIBEIRO hat diesen Umstand ausser +Zweifel gesetzt. Der Amazonenstrom gibt Wasser an den Jupura ab, ehe er +diesen seinen Nebenfluss selbst aufnimmt. + +Der Rio Conorichite oder Itinivini spielte frueher im Sklavenhandel, den +die Portugiesen auf spanischem Gebiet trieben, eine bedeutende Rolle. Die +Sklavenhaendler fuhren auf dem Cassiquiare und dem Cano Mee in den +Conorichite hinauf, schleppten von da ihre Piroguen ueber einen Trageplatz +zu den *Rochelas* von Manuteso und kamen so in den Atabapo. Ich habe +diesen Weg auf meiner Reisekarte des Orinoco angegeben. Dieser schaendliche +Handel dauerte bis um das Jahr 1756. Solanos Expedition und die Errichtung +der Missionen am Rio Negro machten demselben ein Ende. Alte Gesetze von +Carl V. und Philipp III. verboten unter Androhung der schwersten Strafen +(wie Verlust buergerlicher Aemter und 2000 Piaster Geldbusse), "Eingeborene +durch gewaltsame Mittel zu bekehren und Bewaffnete gegen sie zu schicken;" +aber diesen weisen, menschenfreundlichen Gesetzen zum Trotz hatte der Rio +Negro noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, wie sich LA CONDAMINE +ausdrueckt, fuer die europaeische Politik nur in sofern Interesse, als er die +*Entradas* oder feindlichen Einfaelle erleichterte und dem Sklavenhandel +Vorschub that. Die Caraiben, ein kriegerisches Handelsvolk, erhielten von +den Portugiesen und den Hollaendern Messer, Fischangeln, kleine Spiegel und +Glaswaaren aller Art. Dafuer hetzten sie die indianischen Haeuptlinge gegen +einander auf, so dass es zum Kriege kam; sie kauften ihnen die Gefangenen +ab und schleppten selbst mit List oder mit Gewalt Alles fort, was ihnen in +den Weg kam. Diese Streifzuege der Caraiben erstreckten sich ueber ein +ungeheures Gebiet. Dieselben gingen vom Essequebo und Carony aus auf dem +Rupunuri und dem Paraguamuzi einerseits gerade nach Sued dem Rio Branco zu, +andererseits nach Suedwest ueber die Trageplaetze zwischen dem Rio Paragua, +dem Caura und dem Ventuario. Waren sie einmal bei den zahlreichen +Voelkerschaften am obern Orinoco, so theilten sie sich in mehrere Banden +und kamen ueber den Cassiquiare, Cababury, Itinivini und Atabapo an vielen +Punkten zugleich an den Guainia oder Rio Negro und trieben mit den +Portugiesen Sklavenhandel. So empfanden die ungluecklichen Eingeborenen die +Nachbarschaft der Europaeer schwer, lange ehe sie mit diesen selbst in +Beruehrung kamen. Dieselben Ursachen haben ueberall dieselben Folgen. Der +barbarische Handel, den die civilisirten Voelker an der afrikanischen Kueste +trieben und zum Theil noch treiben, wirkt Verderben bringend bis in Laender +zurueck, wo man vom Daseyn weisser Menschen gar nichts weiss. + +Nachdem wir von der Muendung des Conorichite und der Mission Davipe +aufgebrochen, langten wir bei Sonnenuntergang bei der Insel Dapa an, die +ungemein malerisch mitten im Strome liegt. Wir fanden daselbst zu unserer +nicht geringen Verwunderung einige angebaute Grundstuecke und auf einem +kleinen Huegel eine indianische Huette. Vier Eingeborene sassen um ein Feuer +von Buschwerk und assen eine Art weissen, schwarz gefleckten Teigs, der +unsere Neugierde nicht wenig reizte. Es waren *Vachacos*, grosse Ameisen, +deren Hintertheil einem Fettknopf gleicht. Sie waren am Feuer getrocknet +und vom Rauch geschwaerzt. Wir sahen mehrere Saecke voll ueber dem Feuer +haengen. Die guten Leute achteten wenig auf uns, und doch lagen in der +engen Huette mehr als vierzehn Menschen ganz nackt in Haengematten ueber +einander. Als aber Pater Zea erschien, wurde er mit grossen +Freudenbezeugungen empfangen. Am Rio Negro stehen wegen der Grenzwache +mehr Soldaten als am Orinoco, und ueberall, wo Soldaten und Moenche sich die +Herrschaft ueber die Indianer streitig machen, haben diese mehr Zuneigung +zu den Moenchen. Zwei junge Weiber stiegen aus den Haengematten, um uns +Casavekuchen zu bereiten. Man fragte sie durch einen Dollmetscher, ob der +Boden der Insel fruchtbar sey; sie erwiederten, der Manioc gerathe +schlecht, dagegen sey es ein *gutes Ameisenland*, man habe gut zu leben. +Diese *Vachacos* dienen den Indianern am Nio Negro wirklich zur Nahrung. +Man isst die Ameisen nicht aus Leckerei, sondern weil, wie die Missionaere +sagen, das *Ameisenfett* (der weisse Theil des Unterleibs) sehr nahrhaft +ist. Als die Casavekuchen fertig waren, liess sich Pater Zea, bei dem das +Fieber die Esslust vielmehr zu reizen als zu schwaechen schien, einen +kleinen Sack voll geraeucherter Vachacos geben. Er mischte die zerdrueckten +Insekten mit Maniocmehl und liess nicht nach, bis wir davon kosteten. Es +schmeckte ungefaehr wie ranzige Butter, mit Brodkrumen geknetet. Der Manioc +schmeckte nicht sauer, es klebte uns aber noch soviel europaeisches +Vorurtheil an, dass wir mit dem guten Missionaer, wenn er das Ding eine +vortreffliche *Ameisenpaste* nannte, nicht einverstanden seyn konnten. + +Da der Regen in Stroemen herabgoss, mussten wir in der ueberfuellten Huette +uebernachten. Die Indianer schliefen nur von acht bis zwei Uhr; die uebrige +Zeit schwatzten sie in ihren Haengematten, bereiteten ihr bitteres Getraenk +Cupana, schuerten das Feuer und klagten ueber die Kaelte, obgleich die +Lufttemperatur 21 Grad war. Diese Sitte, vier, fuenf Stunden Vor +Sonnenaufgang wach, ja auf den Beinen zu seyn, herrscht bei den Indianern +in Guyana allgemein. Wenn man daher bei den "Entradas" die Eingeborenen +ueberraschen will, waehlt man dazu die Zeit, wo sie im ersten Schlafe +liegen, von neun Uhr bis Mitternacht. + +Wir verliessen die Insel Dapa lange vor der Morgendaemmerung und kamen trotz +der starken Stroemung und des Fleisses unserer Ruderer erst nach +zwoelfstuendiger Fahrt bei der Schanze San Carlos del Rio Negro an. Links +liessen wir die Einmuendung des Cassiquiare, rechts die kleine Insel +Cumarai. Man glaubt im Lande, die Schanze liege gerade unter dem Aequator; +aber nach meinen Beobachtungen am Felsen Culimacari liegt sie unter +1 deg. 54{~PRIME~} 11{~DOUBLE PRIME~}. Jede Nation hat die Neigung, den Flaechenraum ihrer Besitzungen +auf den Karten zu vergroessern und die Grenzen hinauszuruecken. Da man es +versaeumt, die Reiseentfernungen auf Entfernungen in gerader Linie zu +reduciren, so sind immer die Grenzen am meisten verunstaltet. Die +Portugiesen setzen, vom Amazonenstrom ausgehend, San Carlos und San Jose +de Maravitanos zu weit nach Nord, wogegen die Spanier, die von der Kueste +von Caracas aus rechnen, die Orte zu weit nach Sued schieben. Diess gilt von +allen Karten der Colonieen. Weiss man, wo sie gezeichnet worden und in +welcher Richtung man an die Grenzen gekommen, so weiss man zum voraus, nach +welcher Seite hin die Irrthuemer in Laenge und Breite laufen. + +In San Carlos fanden wir Quartier beim Commandanten des Forts, einem +Milizlieutenant. Von einer Galerie des Hauses hatte man eine sehr huebsche +Aussicht auf drei sehr lange, dicht bewachsene Inseln. Der Strom laeuft +geradeaus von Nord nach Sued, als waere sein Bett von Menschenhand gegraben. +Der bestaendig bedeckte Himmel gibt den Landschaften hier einen ernsten, +finstern Charakter. Wir fanden im Dorfe ein paar Juviastaemme; es ist diess +das majestaetische Gewaechs, von dem die dreieckigten Mandeln kommen, die +man in Europa Mandeln vom Amazonenstrom nennt. Wir haben dasselbe unter +dem Namen _ __Bertholletia__ excelsa_ bekannt gemacht. Die Baeume werden in +acht Jahren dreissig Fuss hoch. + +Die bewaffnete Macht an der Grenze hier bestand aus siebzehn Mann, wovon +zehn zum Schutz der Missionaere in der Nachbarschaft detachirt waren. Die +Luft ist so feucht, dass nicht vier Gewehre schussfertig sind. Die +Portugiesen haben fuenf und zwanzig bis dreissig besser gekleidete und +bewaffnete Leute in der Schanze San Jose de Maravitanos. In der Mission +San Carlos fanden wir nur eine *Garita*, ein viereckigtes Gebaeude aus +ungebrannten Backsteinen, in dem sechs Feldstuecke standen. Die Schanze, +oder, wie man hier gerne sagt, das *Castillo de San Felipe* liegt San +Carlos gegenueber am westlichen Ufer des Rio Negro. Der Commandant trug +Bedenken, Bonpland und mich die *Fortalezza* sehen zu lassen; in unsern +Paessen stand wohl, dass ich sollte Berge messen und ueberall im Lande, wo es +mir gefiele, trigonometrische Operationen vornehmen duerfen, aber vom +Besehen fester Plaetze stand nichts darin. Unser Reisebegleiter, Don +Nicolas Soto, war als spanischer Offizier gluecklicher als wir. Man +erlaubte ihm, ueber den Fluss zu gehen, und er fand auf einer kleinen +abgeholzten Ebene die Anfaenge eines Erdwerkes, das, wenn es vollendet +waere, zur Vertheidigung 500 Mann erforderte. Es ist eine Viereckigte +Verschanzung mit kaum sichtbarem Graben. Die Brustwehr ist fuenf Fuss hoch +und mit grossen Steinen verstaerkt. Dem Flusse zu liegen zwei Bastionen, in +denen man vier bis fuenf Stuecke aufstellen koennte. Im ganzen Werk sind +14--15 Geschuetze, meist ohne Lafetten und von zwei Mann bewacht. Um die +Schanze her stehen drei oder vier indianische Huetten. Diess heisst das Dorf +San Felipe, und damit das Ministerium in Madrid Wunder meine, wie sehr +diese christlichen Niederlassungen gedeihen, fuehrt man fuer das angebliche +Dorf ein eigenes Kirchenbuch. Abends nach dem Angelus wurde dem +Commandanten Rapport erstattet und sehr ernsthaft gemeldet, dass es ueberall +um die Festung ruhig scheine; diess erinnerte mich an die Schanzen an der +Kueste von Guinea, von denen man in Reisebeschreibungen liest, die zum +Schutz der europaeischen Faktoreien dienen sollen und in denen vier bis +fuenf Mann Garnison liegen. Die Soldaten in San Carlos sind nicht besser +daran als die in den afrikanischen Faktoreien, denn. ueberall an so +entlegenen Punkten herrschen dieselben Missbraeuche in der +Militaerverwaltung. Nach einem Brauche, der schon sehr lange geduldet wird, +bezahlen die Commandanten die Truppen nicht in Geld, sondern liefern ihnen +zu hohen Preisen Kleidung (Ropa), Salz und Lebensmittel. In Angostura +fuerchtet man sich so sehr davor, in die Missionen am Carony, Caura und Rio +Negro detachirt oder vielmehr verbannt zu werden, dass die Truppen sehr +schwer zu rekrutiren sind. Die Lebensmittel sind am Rio Negro sehr theuer, +weil man nur wenig Manioc und Bananen baut und der Strom (wie alle +schwarzen, klaren Gewaesser) wenig Fische hat. Die beste Zufuhr kommt von +den portugiesischen Niederlassungen am Rio Negro, wo die Indianer regsamer +und wohlhabender sind. Indessen werden bei diesem Handel mit den +Portugiesen jaehrlich kaum fuer 3000 Piaster Waaren eingefuehrt. + +Die Ufer des obern Rio Negro werden mehr ertragen, wenn einmal mit +Ausrodung der Waelder die uebermaessige Feuchtigkeit der Luft und des Bodens +abnimmt und die Insekten, welche Wurzeln und Blaetter der krautartigen +Gewaechse verzehren, sich vermindern. Beim gegenwaertigen Zustand des +Ackerbaus kommt der Mais fast gar nicht fort; der Tabak, der auf den +Kuesten von Caracas von ausgezeichneter Guete und sehr gesucht ist, kann +eigentlich nur aus alten Baustaetten, bei zerfallenen Huetten, bei _'pueblo +viejo'_ gebaut werden. In Folge der nomadischen Lebensweise der +Eingeborenen fehlt es nun nicht an solchen Baustaetten, wo der Boden +umgebrochen worden und der Luft ausgesetzt gewesen, ohne dass etwas darauf +wuchs. Der Tabak, der in frisch ausgerodeten Waeldern gepflanzt wird, ist +waessrigt und ohne Arom. Bei den Doerfern Maroa, Davipe und Tomo ist der +Indigo verwildert. Unter einer andern Verwaltung, als wir sie im Lande +getroffen, wird der Rio Negro eines Tags Indigo, Kaffee, Cacao, Mais und +Reis im Ueberfluss erzeugen. + +Da man von der Muendung des Rio Negro nach Gran-Para in 20--25 Tagen faehrt, +so haetten wir den Amazonenstrom hinab bis zur Kueste von Brasilien nicht +viel mehr Zeit gebraucht, als um ueber den Cassiquiare und den Orinoco an +die Nordkueste von Caracas zurueckzukehren. Wir hoerten in San Carlos, der +politischen Verhaeltnisse wegen sey im Augenblick aus den spanischen +Besitzungen schwer in die portugiesischen zu kommen; aber erst nach +unserer Rueckkehr nach Europa sahen wir in vollem Umfang, welcher Gefahr +wir uns ausgesetzt haetten, wenn wir bis Barcellos hinabgegangen waeren. Man +hatte in Brasilien, vielleicht aus den Zeitungen, deren wohlwollender, +unueberlegter Eifer schon manchem Reisenden Unheil gebracht hat, erfahren, +ich werde in die Missionen am Rio Negro kommen und den natuerlichen Canal +untersuchen, der zwei grosse Stromsysteme verbindet. In diesen oeden Waeldern +hatte man Instrumente nie anders als in den Haenden der Grenzcommission +gesehen, und die Unterbeamten der portugiesischen Regierung hatten bis +dahin so wenig als der gute Missionaer, von dem in einem frueheren Capitel +die Rede war, einen Begriff davon, wie ein vernuenftiger Mensch eine lange +beschwerliche Reise unternehmen kann, "um Land zu vermessen, das nicht +sein gehoert." Es war der Befehl ergangen, sich meiner Person und meiner +Instrumente zu versichern, ganz besonders aber der Verzeichnisse +astronomischer tz Beobachtungen, welche die Sicherheit der Staaten so +schwer gefaehrden koennten. Man haette uns auf dem Amazonenfluss nach +Gran-Para gefuehrt und uns von dort nach Lissabon geschickt. Diese +Absichten, die, waeren sie in Erfuellung gegangen, eine aus fuenf Jahre +berechnete Reise stark gefaehrdet haetten, erwaehne ich hier nur, um zu +zeigen, wie in den Colonialregierungen meist ein ganz anderer Geist +herrscht als an der Spitze der Verwaltung im Mutterland. Sobald das +Ministerium in Lissabon vom Diensteifer seiner Untergebenen Kunde erhielt, +erliess es den Befehl, mich in meinen Arbeiten nicht zu stoeren, im +Gegentheil sollte man mir hilfreich an die Hand gehen, wenn ich durch +einen Theil der portugiesischen Besitzungen kaeme. Von diesem aufgeklaerten +Ministerium selbst wurde mir kundgethan, welch freundliche Ruecksicht man +mir zugedacht, um die ich mich in so grosser Entfernung nicht hatte +bewerben koennen. Unter den Portugiesen, die wir in San Carlos trafen, +befanden sich mehrere Officiere, welche die Reise von Barcellos nach +Gran-Para gemacht hatten. Ich stelle hier Alles zusammen, was ich ueber den +Lauf des Rio Negro in Erfahrung bringen konnte. Selten kommt man aus dem +Amazonenstrom ueber den Einfluss des Cababuri herauf, der wegen der +Sarsaparill-Ernte weitberufen ist, und so ist Alles, was in neuerer Zeit +ueber die Geographie dieser Laender veroeffentlicht worden, selbst was von +Rio Janeiro ausgeht, in hohem Grade verworren. + +Weiter den Rio Negro hinab laesst man rechts den Cano Maliapo, links die +Canos Dariba und Guy. Fuenf Meilen weiter, also etwa unter 1 deg. 38{~PRIME~} +noerdlicher Breite, liegt die Insel San Josef, die provisorisch (denn in +diesem endlosen Grenzprocess ist Alles provisorisch) als suedlicher Endpunkt +der spanischen Besitzungen gilt. Etwas unterhalb dieser Insel, an einem +Ort, wo es viele verwilderte Orangebaeume gibt, zeigt man einen kleinen, +200 Fuss hohen Felsen mit einer Hoehle, welche bei den Missionaeren "Cocuys +*Glorieta*" heisst. Dieser *Lustort*, denn solches bedeutet das Wort +Glorieta im Spanischen, weckt nicht die angenehmsten Erinnerungen. Hier +hatte Cocuy, der Haeuptling der Manitivitanos, von dem oben die Rede war +[S. Bd. III. Seite 277.], sein *Harem*, und hier verspeiste er -- um Alles +zu sagen -- aus besonderer Vorliebe die schoensten und fettesten seiner +Weiber. Ich zweifle nicht, dass Cocuy allerdings ein wenig ein +Menschenfresser war; "es ist diess," sagt Pater Gili mit der Naivitaet eines +amerikanischen Missionaers, "eine ueble Gewohnheit dieser Voelker in Guyana, +die sonst so sanft und gutmuethig sind;" aber zur Steuer der Wahrheit muss +ich hinzufuegen, dass die Sage vom Harem und den abscheulichen +Ausschweifungen Cocuys am untern Orinoco weit verbreiteter ist als am Rio +Negro. Ja in San Carlos laesst man nicht einmal den Verdacht gelten, als +haette er eine die Menschheit entehrende Handlung begangen; geschieht +solches vielleicht, weil Cocuys Sohn, der Christ geworden und der mir ein +verstaendiger, civilisirter Mensch schien, gegenwaertig Hauptmann der +Indianer in San Carlos ist? + +Unterhalb der Glorieta kommen auf portugiesischem Gebiet das Fort San +Josef de Maravitanos, die Doerfer Joam Baptista de Mabbe, San Marcellino +(beim Einfluss des Guaisia oder Uexie, von dem oben die Rede war), Nossa +Senhora da Guya, Boavista am Rio Icanna, San Felipe, San Joaquin de Coanne +beim Einfluss des vielberufenen Rio Guape [S. Bd. III. Seite 348--367], +Calderon, San Miguel de Iparanna mit einer Schanze, San Francisco de las +Caculbaes, und endlich die Festung San Gabriel de Cachoeiras. Ich zaehle +diese Ortsnamen absichtlich auf, um zu zeigen, wie viele Niederlassungen +die portugiesische Regierung sogar in diesem abgelegenen Winkel von +Brasilien gegruendet hat. Auf einer Strecke von 25 Meilen liegen eilf +Doerfer, und bis zum Ausfluss des Rio Negro kenne ich noch neunzehn weitere, +ausser den sechs Doerfern Thomare, Moreira (am Rio Demenene oder Uaraca, wo +ehmals die Guayannas-Indianer wohnten), Barcellos, San Miguel del Rio +Branco, am Flusse desselben Namens, der in den Fabeln vom Dorado eine so +grosse Rolle spielt, Moura und Villa de Rio Negro. Die Ufer dieses +Nebenflusses des Amazonenstroms allein sind daher zehnmal bevoelkerter als +die Ufer des obern und des untern Orinoco, des Cassiquiare, des Atabapo +und des spanischen Rio Negro zusammen. Dieser Gegensatz beruht keineswegs +bloss auf dem Unterschied in der Fruchtbarkeit des Bodens, noch darauf, dass +der Rio Negro, weil er fortwaehrend von Nordwest nach Suedost laeuft, +leichter zu befahren ist; er ist vielmehr Folge der politischen +Einrichtungen. Nach der Colonialverfassung der Portugiesen stehen die +Indianer unter Civil- und Militaerbehoerden und unter den Moenchen vom Berge +Carmel zumal. Es ist eine gemischte Regierung, wobei die weltliche Gewalt +sich unabhaengig erhaelt. Die Observanten dagegen, unter denen die Missionen +am Orinoco stehen, vereinigen alle Gewalten in Einer Hand. Die eine wie +die andere dieser Regierungsweisen ist drueckend in mehr als Einer +Beziehung; aber in den portugiesischen Colonien wird fuer den Verlust der +Freiheit wenigstens durch etwas mehr Wohlstand und Cultur Ersatz +geleistet. + +Unter den Zufluessen, die der Rio Negro von Norden her erhaelt, nehmen drei +besonders unsere Aufmerksamkeit in Anspruch, weil sie wegen ihrer +Verzweigungen, ihrer Trageplaetze und der Lage ihrer Quellen bei der so oft +verhandelten Frage nach dem Ursprung des Orinoco stark in Betracht kommen. +Die am weitesten suedwaerts gelegenen dieser Nebenfluesse sind der Rio +Branco, von dem man lange glaubte, er entspringe mit dem Orinoco aus dem +Parimesee, und der Rio Padaviri, der mittelst eines Trageplatzes mit dem +Mavaca und somit mit dem obern Orinoco ostwaerts von der Mission Esmeralda +in Verbindung steht. Wir werden Gelegenheit haben, vom Rio Branco und dem +Padaviri zu sprechen, wenn wir in der letztgenannten Mission angelangt +sind; hier brauchen wir nur beim dritten Nebenfluss des Rio Negro, dem +Cababuri, zu verweilen, dessen Verzweigungen mit dem Cassiquiare in +hydrographischer Beziehung und fuer den Sarsaparillehandel gleich wichtig +sind. Von den hohen Gebirgen der Parime, die am Nordufer des Orinoco in +seinem obern Lauf oberhalb Esmeralda hinstreichen, geht ein Zug nach Sueden +ab, in dem der Cerro de Unturan einer der Hauptgipfel ist. Dieser +gebirgigte Landstrich ist nicht sehr gross, aber reich an vegetabilischen +Produkten, besonders an *Mavacure*-Lianen, die zur Bereitung des +Curaregiftes dienen, an Mandelbaeumen (Juvia oder _Bertholletia excelsa_), +aromatischem *Puchery* und wildem Cacao, und bildet eine Wasserscheide +zwischen den Gewaessern, die in den Orinoco, in den Cassiquiare und in den +Rio Negro gehen. Gegen Norden oder dem Orinoco zu fliessen der Mavaca und +der Daracapo, nach Westen oder zum Cassiquiare der Idapa und der Pacimoni, +nach Sueden oder zum Rio Negro der Padaviri und der Cababuri. Der letztere +theilt sich in der Naehe seiner Quelle in zwei Arme, von denen der +westlichste unter dem Namen Baria bekannt ist. In der Mission San +Francisco Solano gaben uns die Indianer die umstaendlichsten Nachrichten +ueber seinen Lauf. Er verzweigt sich, was sehr selten vorkommt, so, dass zu +einem untern Zufluss das Wasser eines obern nicht herunterkommt, sondern +dass im Gegentheil jener diesem einen Theil seines Wassers in einer der +Richtung des Hauptwasserbehaelters entgegengesetzten Richtung zusendet. Ich +habe mehrere Beispiele dieser Verzweigungen mit Gegenstroemungen, dieses +scheinbaren Wasserlaufs bergan, dieser Flussgabelungen, deren Kenntniss fuer +die Hydrographen von Interesse ist, auf Einer Tafel meines Atlas +zusammengestellt. Dieselbe mag ihnen zeigen, dass man nicht geradezu Alles +fuer Fabel erklaeren darf, was von dem Typus abweicht, den wir uns nach +Beobachtungen gebildet, die einen zu unbedeutenden Theil der Erdoberflaeche +umfassen. + +Der Cababuri faellt bei der Mission Nossa Senhora das Caldas in den Rio +Negro; aber die Fluesse Ya und Dimity, die weiter oben hereinkommen, stehen +auch mit dem Cababuri in Verbindung, so dass von der Schanze San Gabriel de +Cachoeiras an bis San Antonio de Castanheira die Indianer aus den +portugiesischen Besitzungen auf dem Baria und dem Pacimoni auf das Gebiet +der spanischen Missionen sich einschleichen koennen. Wenn ich sage Gebiet, +so brauche ich den ungewoehnlichen Ausdruck der Observanten. Es ist schwer +zu sagen, aus was sich das Eigenthumsrecht in unbewohnten Laendern gruendet, +deren natuerliche Grenzen man nicht kennt, und die man nicht zu cultiviren +versucht hat. In den portugiesischen Missionen behaupten die Leute, ihr +Gebiet erstrecke sich ueberall so weit, als sie im Canoe auf einem Fluss, +dessen Muendung in portugiesischem Besitz ist, gelangen koennen. Aber +Besitzergreifung ist eine Handlung, die durchaus nicht immer ein +Eigenthumsrecht begruendet, und nach den obigen Bemerkungen ueber die +vielfachen Verzweigungen der Fluesse duerfte es fuer die Hoefe von Madrid und +Lissabon gleich gefaehrlich seyn, diesen seltsamen Satz der +Missions-Jurisprudenz gelten zu lassen. + +Der Hauptzweck bei den Einfaellen auf dem Rio Cababuri ist, Sarsaparille +und die aromatischen Samen des Puchery-Lorbeers (_Laurus pichurim_) zu +sammeln. Man geht dieser kostbaren Produkte wegen bis auf zwei Tagereisen +von Esmeralda an einen See noerdlich vom Cerro Unturan hinauf, und zwar +ueber die Trageplaetze zwischen dem Pacimoni und Idapa, und dem Idapa und +dem Mavaca, nicht weit vom See desselben Namens. Die Sarsaparille von +diesem Landstrich steht in Gran-Para, in Angostura, Cumana, Nueva +Barcelona und andern Orten von Terra Firma unter dem Namen _'Zarza del Rio +Negro'_ in hohem Ruf. Es ist die wirksamste von allen, die man kennt; man +zieht sie der *Zarza* aus der Provinz Caracas und von den Bergen von +Merida weit vor. Sie wird sehr sorgfaeltig getrocknet und absichtlich dem +Rauch ausgesetzt, damit sie schwaerzer wird. Diese Schlingpflanze waechst in +Menge an den feuchten Abhaengen der Berge Unturan und Achivaquery. DE +CANDOLLE vermuthet mit Recht, dass verschiedene Arten von Smilax unter dem +Namen Sarsaparille gesammelt werden. Wir fanden zwoelf neue Arten, von +denen _Smilax syphilitica_ vom Cassiquiare und _Smilax officinalis_ vom +Magdalenenstrom wegen ihrer harntreibenden Eigenschaften die gesuchtesten +sind. Da syphilitische Uebel hier zu Lande unter Weissen und Farbigen so +gemein als gutartig sind, so wird in den spanischen Colonien eine sehr +bedeutende Menge Sarsaparille als Hausmittel verbraucht. Wir ersehen aus +den Werken des CLUSIUS, dass Europa in den ersten Zeiten der Eroberung +diese heilsame Arznei von der mexicanischen Kueste bei Honduras und aus dem +Hafen von Guayaquil bezog. Gegenwaertig ist der Handel mit *Zarza* +lebhafter in den Haefen, die mit dem Orinoco, Rio Negro und Amazonenstrom +Verbindungen haben. + +Versuche, die in mehreren botanischen Gaerten in Europa angestellt worden, +thun dar, dass _Smilax glauca_ aus Virginien, die man fuer LINNE _Smilax +Sarsaparilla_ erklaert, ueberall im Freien gebaut werden kann, wo die +mittlere Temperatur des Winters mehr als 6 bis 7 Grad des hunderttheiligen +Thermometers betraegt;(73) aber die wirksamsten Arten gehoeren +ausschliesslich der heissen Zone an und verlangen einen weit hoeheren +Waermegrad. Wenn man des CLUSIUS Werke liest, begreift man nicht, warum in +unsern Handbuechern der _materia medica_ ein Gewaechs der Vereinigten +Staaten fuer den aeltesten Typus der officinellen Smilaxarten gilt. + +Wir fanden bei den Indianern am Rio Negro einige der gruenen Steine, die +unter dem Namen *Amazonensteine* bekannt sind, weil die Indianer nach +einer alten Sage behaupten, sie kommen aus dem Lande der "Weiber ohne +Maenner" (_Cougnantainsecouima_ oder _Aikeambenano_ -- Weiber, die allein +leben). In San Carlos und den benachbarten Doerfern nannte man uns die +Quellen des Orinoco oestlich von Esmeralda, in den Missionen am Carony und +in Angostura die Quellen des Rio Branco als die natuerlichen Lagerstaetten +der gruenen Steine. Diese Angaben bestaetigen den Bericht eines alten +Soldaten von der Garnison von Cayenne, von dem LA CONDAMINE spricht, und +demzufolge diese Mineralien aus dem *Lande der Weiber* westwaerts von den +Stromschnellen des Oyapoc kommen. Die Indianer im Fort Topayos am +Amazonenstrom, 5 Grad ostwaerts vom Einfluss des Rio Negro, besassen frueher +ziemlich viele Steine der Art. Hatten sie dieselben von Norden her +bekommen, das heisst aus dem Lande, das die Indianer am Rio Negro angeben, +und das sich von den Bergen von Cayenne bis an die Quellen des Essequebo, +des Carony, des Orinoco, des Parime und des Rio Trombetas erstreckt, oder +sind diese Steine aus dem Sueden gekommen, ueber den Rio Topayos, der von +der grossen Hochebene der Campos Parecis herabkommt? Der Aberglaube legt +diesen Steinen grosse Wichtigkeit bei; man traegt sie als Amulette am Hals, +denn sie schuetzen nach dem Volksglauben vor Nervenleiden, Fiebern und dem +Biss giftiger Schlangen. Sie waren daher auch seit Jahrhunderten bei den +Eingeborenen noerdlich und suedlich vom Orinoco ein Handelsartikel. Durch +die Caraiben, die fuer die Bokharen der neuen Welt gelten koennen, lernte +man sie an der Kueste von Guyana kennen, und da dieselben Steine, gleich +dem umlaufenden Geld, in entgegengesetzten Richtungen von Nation zu Nation +gewandert sind, so kann es wohl seyn, dass sie sich nicht vermehren und dass +man ihre Lagerstaette nicht verheimlicht, sondern gar nicht kennt. Vor +wenigen Jahren wurden mitten im hochgebildeten Europa, aus Anlass eines +lebhaften Streites ueber die einheimische China, allen Ernstes die gruenen +Steine vom Orinoco als ein kraeftiges Fiebermittel in Vorschlag gebracht; +wenn man der Leichtglaeubigkeit der Europaeer soviel zutraut, kann es nicht +Wunder nehmen, wenn die spanischen Colonisten auf diese Amulette so viel +halten als die Indianer, und sie zu sehr bedeutenden Preisen verkauft +werden.(74) Gewoehnlich gibt man ihnen die Form der der Laenge nach +durchbohrten und mit Inschriften und Bildwerk bedeckten persepolitanischen +Cylinder. Aber nicht die heutigen Indianer, nicht diese so tief +versunkenen Eingeborenen am Orinoco und Amazonenstrom haben so harte +Koerper durchbohrt und Figuren von Thieren und Fruechten daraus geschnitten. +Dergleichen Arbeiten, wie auch die durchbohrten und geschnittenen +Smaragde, die in den Cordilleren von Neu-Grenada und Quito vorkommen, +weisen auf eine fruehere Cultur zurueck. Die gegenwaertigen Bewohner dieser +Laender, besonders der heissen Zone, haben so wenig einen Begriff davon, wie +man harte Steine (Smaragd, Nephrit, dichten Feldspath und Bergkrystall) +schneiden kann, dass sie sich vorstellen, der "gruene Stein" komme +urspruenglich weich aus dem Boden und werde erst hart, nachdem er +bearbeitet worden. + +Aus dem hier Angefuehrten erhellt, dass der Amazonenstein nicht im Thale des +Amazonenstromes selbst vorkommt, und dass er keineswegs von diesem Flusse +den Namen hat, sondern, wie dieser selbst, von einem Volke kriegerischer +Weiber, welche Pater Acuna und Oviedo in seinem Brief an den Cardinal +Bembo mit den Amazonen der alten Welt vergleichen. Was man in unsern +Sammlungen unter dem falschen Namen "Amazonenstein" sieht, ist weder +Nephrit noch dichter Feldspath, sondern gemeiner apfelgruener Feldspath, +der vom Ural am Onegasee in Russland kommt und den ich im Granitgebirg von +Guyana niemals gesehen habe. Zuweilen verwechselt man auch mit dem so +seltenen und so harten Amazonenstein Werners *Beilstein*,(75) der lange +nicht so zaeh ist. Das Mineral, das ich aus der Hand der Indianer habe, ist +zum *Saussurit*(76) zu stellen, zum eigentlichen Nephrit, der sich +oryctognostisch dem dichten Feldspath naehert und ein Bestandtheil des +*Verde de Corsica* oder des Gabbro ist. Er nimmt eine schoene Politur an +und geht vom Apfelgruenen ins Smaragdgruene ueber; er ist an den Raendern +durchscheinend, ungemein zaeh und klingend, so dass von den Eingeborenen in +alter Zeit geschliffene, sehr duenne, in, der Mitte durchbohrte Platten, +wenn man sie an einem Faden aufhaengt . und mit einem andern harten +Koerper(77) anschlaegt, fast einen metallischen Ton geben. + +Bei den Voelkern beider Welten finden wir auf der ersten Stufe der +erwachenden Cultur eine besondere Vorliebe fuer gewisse Steine, nicht +allein fuer solche, die dem Menschen wegen ihrer Haerte als schneidende +Werkzeuge dienen koennen, sondern auch fuer Mineralien, die der Mensch wegen +ihrer Farbe oder wegen ihrer natuerlichen Form mit organischen +Verrichtungen, ja mit psychischen Vorgaengen verknuepft glaubt. Dieser +uralte Steincultus, dieser Glaube an die heilsamen Wirkungen des Nephrits +und des Blutsteins kommen den Wilden Amerikas zu, wie den Bewohnern der +Waelder Thraciens, die wir wegen der ehrwuerdigen Institutionen des Orpheus +und des Ursprungs der Mysterien nicht wohl als Wilde ansprechen koennen. +Der Mensch, so lange er seiner Wiege noch naeher steht, empfindet sich als +Autochthone; er fuehlt sich wie gefesselt an die Erde und die Stoffe, die +sie in ihrem Schoosse birgt. Die Naturkraefte, und mehr noch die +zerstoerenden als die erhaltenden, sind die fruehesten Gegenstaende seiner +Verehrung. Und diese Kraefte offenbaren sich nicht allein im Gewitter, im +Getoese, das dem Erdbeben vorangeht, im Feuer der Vulkane; der leblose +Fels, die glaenzenden, harten Steine, die gewaltigen, frei aufsteigenden +Berge wirken auf die jugendlichen Gemuether mit einer Gewalt, von der wir +bei vorgeschrittener Cultur keinen Begriff mehr haben. Besteht dieser +Steincultus einmal, so erhaelt er sich auch fort neben spaeteren +Cultusformen, und aus einem Gegenstand religioeser Verehrung wird ein +Gegenstand aberglaeubischen Vertrauens. Aus Goettersteinen werden Amulette, +die vor allen Leiden Koerpers und der Seele bewahren. Obgleich zwischen dem +Amazonenstrom und dem Orinoco und der mexicanischen Hochebene fuenfhundert +Meilen liegen, obgleich die Geschichte von keinem Zusammenhang zwischen +den wilden Voelkern von Guyana und den civilisirten von Anahuac weiss, fand +doch in der ersten Zeit der Eroberung der Moench BERNHARD VON SAHAGUN in +Cholula *gruene Steine*, die einst Quetzalcohuatl angehoert, und die als +Reliquien aufbewahrt wurden. Diese geheimnissvolle Person ist der Buddha +der Mexicaner; er trat auf im Zeitalter der Tolteken, stiftete die ersten +religioesen Vereine und fuehrte eine Regierungsweise ein, die mit der in +Meroe und Japan Aehnlichkeit hat. + +Die Geschichte des Nephrits oder gruenen Steins in Guyana steht in inniger +Verbindung mit der Geschichte der kriegerischen Weiber, welche die +Reisenden des sechzehnten Jahrhunderts die Amazonen der neuen Welt nennen. +LA CONDAMINE bringt viele Zeugnisse zur Unterstuetzung dieser Sage bei. +Seit meiner Rueckkehr vom Orinoco und Amazonenstrom bin ich in Paris oft +gefragt worden, ob ich die Ansicht dieses Gelehrten theile, oder ob ich +mit mehreren Zeitgenossen desselben glaube, er habe den +_'Cougnantainsecouima'_ den unabhaengigen Weibern, die nur im Monat April +Maenner unter sich aufnahmen, nur desshalb das Wort geredet, um in einer +oeffentlichen Sitzung der Akademie einer Versammlung, die gar nicht ungern +etwas Neues hoert, sich angenehm zu machen. Es ist hier der Ort, mich offen +ueber eine Sage auszusprechen, die einen so romantischen Anstrich hat, um +so mehr, als LA CONDAMINE behauptet, die Amazonen vom Rio Cayame seyen +ueber den Maragnon gegangen und haben sich am Rio Negro niedergelassen. Der +Hang zum Wunderbaren und das Verlangen, die Beschreibungen der neuen Welt +hie und da mit einem Zuge aus dem classischen Alterthum aufzuputzen, haben +ohne Zweifel dazu beigetragen, dass ORELLANAs erste Berichte so wichtig +genommen wurden. Liest man die Schriften des VESPUCCI, FERDINAND COLUMBUS, +GERALDINI, OVIEDO, PETER MARTYR VON ANGHIERA, so begegnet man ueberall der +Neigung der Schriftsteller des sechzehnten Jahrhunderts, bei neu +entdeckten Voelkern Alles wieder zu finden, was uns die Griechen vom ersten +Zeitalter der Welt und von den Sitten der barbarischen Scythen und +Afrikaner erzaehlen. An der Hand dieser Reisenden, die uns in eine andere +Halbkugel versetzen, glauben wir durch Zeiten zu wandern, die laengst dahin +sind; denn die amerikanischen Horden in ihrer primitiven Einfalt sind ja +fuer Europa "eine Art Alterthum, dem wir fast als Zeitgenossen gegenueber +stehen." Was damals nur Stylblume und Geistesergoetzlichkeit war, ist +heutzutage zum Gegenstand ernster Eroerterungen geworden. In einer in +Louisiana erschienenen Abhandlung wird die ganze griechische Mythologie, +die Amazonen eingeschlossen, aus den Oertlichkeiten am Nicaraguasee und +einigen andern Gegenden in Amerika entwickelt. + +Wenn Oviedo in seinen Briefen an Cardinal Bembo dem Geschmack eines mit +dem Studium des Alterthums so vertrauten Mannes schmeicheln zu muessen +glaubte, so hatte der Seefahrer Sir WALTHER RALEGH einen minder poetischen +Zweck. Ihm war es darum zu thun, die Aufmerksamkeit der Koenigin Elisabeth +auf das grosse *Reich Guyana* zu lenken, das nach seinem Plan England +erobern sollte. Er beschrieb die Morgentoilette des *vergoldeten Koenigs* +(_'el dorado'_)(78), wie ihn jeden Tag seine Kammerherren mit +wohlriechenden Oelen salben und ihm dann aus langen Blaserohren den +Goldstaub auf den Leibblasen; nichts musste aber die Einbildungskraft +Elisabeths mehr ansprechen als die kriegerische Republik der Weiber ohne +Maenner, die sich gegen die castilianischen Helden wehrten. Ich deute +hiemit die Gruende an, welche die Schriftsteller, die die amerikanischen +Amazonen vorzugsweise in Ruf gebracht, zur Uebertreibung verfuehrt haben; +aber diese Gruende berechtigen uns nach meiner Ansicht nicht, eine Sage, +die bei verschiedenen, in gar keinem Verkehr mit einander stehenden +Voelkern verbreitet ist, gaenzlich zu verwerfen. + +Die Zeugnisse, die LA CONDAMINE gesammelt, sind sehr merkwuerdig; er hat +dieselben sehr umstaendlich bekannt gemacht, und mit Vergnuegen bemerke ich +noch, dass dieser Reisende, wenn er in Frankreich und England fuer einen +Mann von der unermuedlichsten Neugier galt, in Quito, im Lande, das er +beschrieben, im Ruf des redlichsten, wahrheitsliebendsten Mannes steht. +Dreissig Jahre nach La Condamine hat ein portugiesischer Astronom, der den +Amazonenstrom und seine noerdlichen Nebenfluesse befahren, RIBEIRO, Alles, +was der gelehrte Franzose vorgebracht, an Ort und Stelle bestaetigt +gefunden. Er fand bei den Indianern dieselben Sagen und sammelte sie desto +unparteiischer, da er selbst nicht an Amazonen glaubt, die eine besondere +Voelkerschaft gebildet haetten. Da ich keine der Sprachen verstehe, die am +Orinoco und Rio Negro gesprochen werden, so konnte ich hinsichtlich der +Volkssagen von den *Weibern ohne Maenner* und der Herkunft der *gruenen +Steine*, die damit in genauer Verbindung stehen sollen, nichts Sicheres in +Erfahrung bringen. Ich fuehre aber ein neueres Zeugniss an, das nicht ohne +Gewicht ist, das des Pater GILI. Dieser gebildete Missionaer sagt: "Ich +fragte einen Quaqua-Indianer, welche Voelker am Rio Cuchivero lebten, und +er nannte mir die Achirigotos, Pajuros und Aikeam-benanos. Da ich gut +tamanakisch verstand, war mir gleich der Sinn des letzteren Wortes klar: +es ist ein zusammengesetztes Wort und bedeutet: *Weiber, die allein +leben*. Der Indianer bestaetigte diess auch und erzaehlte, die Aikeam-benanos +seyen eine Gesellschaft von Weibern, die lange Blaserohre und anderes +Kriegsgeraethe verfertigten. Sie nehmen nur einmal im Jahre Maenner vom +anwohnenden Stamme der Vokearos bei sich auf und machen ihnen zum Abschied +Blaserohre zum Geschenk. Alle maennlichen Kinder, welche in dieser +Weiberhorde zur Welt kommen, werden ganz jung umgebracht." Diese +Geschichte erscheint wie eine Copie der Sagen, welche bei den Indianern am +Maragnon und bei den Caraiben in Umlauf sind. Der Quaqua-Indianer, von dem +Pater Gili spricht, verstand aber nicht spanisch; er hatte niemals mit +Weissen verkehrt und wusste sicher nicht, dass es suedlich vom Orinoco einen +andern Fluss gibt, der der Fluss der Aikeam-benanos oder der Amazonen heisst. + +Was folgt aus diesem Bericht des alten Missionaers von Encaramada? +Keineswegs, dass es am Cuchivero Amazonen gibt, wohl aber, dass in +verschiedenen Landstrichen Amerikas Weiber, muede der Sklavendienste, zu +denen die Maenner sie verurtheilen, sich wie die fluechtigen Neger in ein +*Palenque* zusammengethan; dass der Trieb, sich die Unabhaengigkeit zu +erhalten, sie kriegerisch gemacht; dass sie von einer befreundeten Horde in +der Naehe Besuche bekamen, nur vielleicht nicht ganz so methodisch als in +der Sage. Ein solcher Weiberverein durfte nur irgendwo in Guyana einmal zu +einer gewissen Festigkeit gediehen seyn, so wurden sehr einfache Vorfaelle, +wie sie an verschiedenen Orten vorkommen mochten, nach Einem Muster +gemodelt und uebertrieben. Diess ist ja der eigentliche Charakter der Sage, +und haette der grosse Sklavenaufstand, von dem oben die Rede war [S. Bd. II. +Seite 354.], nicht auf der Kueste von Venezuela, sondern mitten im +Continent stattgefunden, so haette das leichtglaeubige Volk in jedem +*Palenque* von Marronnegern den Hof des Koenigs Miguel, seinen Staatsrath +und den schwarzen Bischof von Buria gesehen. Die Caraiben in Terra Firma +standen mit denen auf den Inseln in Verkehr, und hoechst wahrscheinlich +haben sich auf diesem Wege die Sagen vom Maragnon und Orinoco gegen Norden +verbreitet. Schon vor Orellanas Flussfahrt glaubte Christoph Columbus auf +den Antillen Amazonen gefunden zu haben. Man erzaehlte dem grossen Manne, +die kleine Insel Madanino (Montserrate) sey von kriegerischen Weibern +bewohnt, die den groessten Theil des Jahrs keinen Verkehr mit Maennern +haetten. Anderemale sahen die Conquistadoren einen Amazonenfreistaat, wo +sie nur Weiber vor sich hatten, die in Abwesenheit der Maenner ihre Huetten +vertheidigten, oder auch -- und dieses Missverstaendniss ist schwerer zu +entschuldigen -- jene religioesen Vereine, jene Kloester mexicanischer +Jungfrauen, die zu keiner Zeit im Jahre Maenner bei sich aufnahmen, sondern +nach der strengen Regel Quetzalcohuatls lebten. Die allgemeine Stimmung +brachte es mit sich, dass von den vielen Reisenden, die nach einander in +der neuen Welt Entdeckungen machten und von den Wundern derselben +berichteten, jeder auch gesehen haben wollte, was seine Vorgaenger gemeldet +hatten. + +Wir brachten in San Carlos del Rio Negro drei Naechte zu. Ich zaehle die +Naechte, weil ich sie in der Hoffnung, den Durchgang eines Sterns durch den +Meridian beobachten zu koennen, fast ganz durchwachte. Um mir keinen +Vorwurf machen zu duerfen, waren die Instrumente immer zur Beobachtung +hergerichtet; ich konnte aber nicht einmal doppelte Hoehen bekommen, um +nach der Methode von Douwes die Breite zu berechnen. Welch ein Contrast +zwischen zwei Strichen derselben Zone! dort der Himmel Cumanas, ewig +heiter wie in Persien und Arabien, und hier der Himmel am Rio Negro, dick +umzogen wie auf den Faroeerinseln, ohne Sonne, Mond und Sterne! Ich verliess +die Schanze San Carlos mit desto groesserem Verdruss, da ich keine Aussicht +hatte, in der Naehe des Orts eine gute Breitenbeobachtung machen zu koennen. +Die Inclination der Magnetnadel fand ich in San Carlos gleich 20 deg. 60; 216 +Schwingungen in zehn Zeitminuten gaben das Maass der magnetischen Kraft. Da +die magnetischen Parallelen gegen West aufwaerts gehen und ich auf dem +Ruecken der Cordilleren zwischen Santa Fe de Bogota und Popayan dieselben +Inclinationswinkel beobachtet habe wie am obern Orinoco und am Rio Negro, +so sind diese Beobachtungen fuer die Theorie der *Linien von gleicher ** +Intensitaet* oder *isodynamischen Linien* von grosser Bedeutung geworden. +Die Zahl der Schwingungen ist in Javita und Quito dieselbe, und doch ist +die magnetische Inclination am ersteren Ort 26 deg. 40, am zweiten 14 deg. 85. +Nimmt man die Kraft unter dem magnetischen Aequator (in Peru) gleich eins +an, so ergibt sich fuer Cumana 1,1779, fuer Carichana 1,1575, fuer Javita +1,0675, fuer San Carlos 1,0480. In diesem Verhaeltniss nimmt die Kraft von +Nord nach Sued auf 8 Breitengraden zwischen dem 66 1/2 und 69sten Grad +westlicher Laenge von Paris ab. Ich gebe absichtlich die +Meridian-Unterschiede an; denn ein Mathematiker, der auf dem Gebiete des +Erdmagnetismus grosse Erfahrung besitzt, HANSTEEN, hat meine +*isodynamischen Beobachtungen* einer neuen Pruefung unterworfen und +gefunden, dass die Intensitaet der Kraft auf demselben magnetischen Parallel +nach sehr constanten Gesetzen wechselt, und dass die scheinbaren Anomalien +der Erscheinung groesstentheils verschwinden, wenn man diese Gesetze kennt. +Im Allgemeinen steht fest, was fuer mich aus der ganzen Reihe meiner +Beobachtungen hervorgeht, dass die Intensitaet der Kraft vom magnetischen +Aequator gegen den Pol zunimmt; aber diese Zunahme scheint unter +verschiedenen Meridianen mit ungleicher Geschwindigkeit zu erfolgen. Wenn +zwei Orte dieselbe Inclination haben, so ist die Intensitaet westwaerts vom +Meridian, der mitten durch Suedamerika laeuft, am staerksten, und sie nimmt +unter demselben Parallel ostwaerts, Europa zu ab. In der suedlichen +Halbkugel scheint sie ihr Minimum an der Ostkueste von Afrika zu erreichen; +sie nimmt dann unter demselben magnetischen Parallel gegen Neuholland hin +wieder zu. Ich fand die Intensitaet der Kraft in Mexico beinahe so gross wie +in Paris, aber der Unterschied in der Inclination betraegt mehr als 31 +Grad. Meine Nadel, die unter dem magnetischen Aequator (in Peru) 211 mal +schwang, haette unter demselben Aequator auf dem Meridian der Philippinen +nur 202 oder 203 mal geschwungen. Dieser auffallende Unterschied ergibt +sich aus der Zusammenstellung meiner Beobachtungen der Intensitaet in Santa +Cruz auf Teneriffa mit denen, die ROSSEL daselbst sieben Jahre frueher +gemacht. + +Die magnetischen Beobachtungen am Rio Negro sind unter allen, die auf +einem grossen Festland bekannt geworden, die naechsten am magnetischen +Aequator. Sie dienten somit dazu, die Lage dieses Aequators zu bestimmen, +ueber den ich weiter westwaerts auf dem Kamm der Anden zwischen Micuipampa +und Caxamarca unter dem 7. Grad suedlicher Breite gegangen bin. Der +magnetische Parallel von San Carlos (der von 22 deg. 60) laeuft durch Popayan +und in die Suedsee an einem Punkt (unter 3 deg. 12{~PRIME~} noerdlicher Breite und +89 deg. 36{~PRIME~} westlicher Laenge), wo ich so gluecklich war, bei ganz stiller Luft +beobachten zu koennen. + + ------------------ + + + + + + 64 Diese Jaeger gehoeren zu Militaerposten und haengen von der russischen + Gesellschaft ab, deren Hauptactionaere in Irkutsk sind. Im Jahr 1804 + war die kleine Festung (Crepoft) in der Bucht von Jakutal noch 600 + Meilen von den noerdlichslen mexicanischen Besitzungen entfernt. + + 65 Die geologische Bodenbeschaffenheit scheint, trotz der gegenwaertigen + Verschiedenheit in der Hoehe des Wasserspiegels, darauf hinzudeuten, + dass in vorgeschichtlicher Zeit das schwarze Meer, das caspische Meer + und der Aralsee mit einander in Verbindung gestanden haben. Der + Ausfluss des Arals in das caspische Meer scheint zum Theil sogar + juenger und unabhaengig von der Gabeltheilung des Gihon (Oxus), ueber + die einer der gelehrtesten Geographen unserer Zeit, RITTER, neues + Licht verbreitet hat. + + 66 Diess ist der Rio Parime, Rio Blanco, Rio de Aguas Blancas unserer + Karten, der unterhalb Barcellos in den Rio Negro faellt. + + 67 Den beruehmten Namen Hutten erkennt man in den spanischen + Geschichtschreibern kaum wieder. Sie nennen Philipp von Hutten, mit + Wegwerfung des aspirirten H, Felipe de Uten, de Urre, oder de Utre. + + 68 Diess ist dreimal die Breite der Seine beim _Jardin des plantes_ + + 69 Bei Seine und Marne z. B. sind es von Paris bis zu den Quellen in + gerader Richtung mehr als zwei Grade. + + 70 Geminus, Isagoge in Aratum cap. 13. STRABO, _lib. II_ + + 71 Der Ritter Giseke, der sieben Jahre unter dem 70sten Breitegrad + gelebt hat, sah in der langen Verbannung, der er sich aus Liebe zur + Wissenschaft unterzogen, nur ein einzigesmal blitzen. Auf der Kueste + von Groenland verwechselt man haeufig das Getoese der Lawinen oder + stuerzender Eismassen mit dem Donner. + + 72 Ein Chiquichiqui-Tau, 66 Varas (171 Fuss) lang und 5 Zoll 4 Linien im + Durchmesser, kostet den Missionaer 12 harte Piaster und es wird in + Angostura fuer 25 Piaster verkauft. Ein Stueck von einem Zoll + Durchmesser, 70 Varas (182 Fuss) lang, wird in den Missionen fuer + 3 Piaster, an der Kueste fuer 5 verkauft. + + 73 Wintertemperatur in London und Paris 4 deg.,2 und 3 deg.,7, in Montpellier + 7 deg.,7, in Rom 7 deg.,7, in dem Theile von Mexico und Terra Firma, wo wir + die wirksamsten Sarsaparille-Arten (diejenigen, welche aus den + spanischen und portugiesischen Colonien in den Handel kommen) haben + wachsen sehen, 20--26 deg.. + + 74 Ein zwei Zoll langer Cylinder kostet 12--15 Piaster. + + 75 Punamuftein, _Jade axinien_. Die Steinaexte, die man in Amerika, + z. B. in Mexico findet, sind kein Beilstein, sondern dichter + Feldspath. + +_ 76 Jade de Saussure_ nach BRONGNIARTs System, _Jade tenace_ und + _Feldspath compacte tenace_ nach HAILY, einige Varietaeten des + Varioliths nach WERNER. + + 77 Brongniart, dem ich nach meiner Rueckkehr nach Europa solche Platten + zeigte, verglich diese Nephrite aus der Parime ganz richtig mit den + klingenden Steinen, welche die Chinesen zu ihren musikalischen + Instrumenten, den sogenannten King, verwenden. + +* 78 Dorado* ist nicht der Name eines Landes; es bedeutet nur den + *Vergoldeten*, _'el rey dorado'_ + + + + + + +LISTE EXPLIZIT GENANNTER WERKE + + +Die folgenden Werke werden von Humboldt im Text in Kurzform genannt. + +ACUNA, CHRISTOBAL DE Christian Edschlager Fernandez, Juan Patricio _ +Nachricht von dem grossen Strom Derer Amazonen in der neuen Welt. Darinnen +enthalten seynd alle eintzele Begebenheiten der Reise, welche P. +Christophorus de Acunna, aus der Gesellschaft Jesu im Jahr 1639. auf +Befehl Philippi des vierdten Koenigs in Spanien verrichtet. Gezogen aus der +Spanischen Schrifft P. de Acunna selbst, und mit andern Nachrichten zu +besserer Erlaeuterung vermehret._ _Erbauliche und angenehme Geschichten +derer Chiqvitos, und anderer von denen Patribus der Gesellschafft Jesu in +Paraquaria neubekehrten Voelcker, samt einem ausfuehrlichen Bericht von dem +Amazonen-Strom/ wie auch einigen Nachrichten von der Landschaft Guiana, in +der neuen Welt. Alles aus dem Spanisch- und Franzoesischen in das Teutsche +uebersetzet/ von einem aus erwehnter Gesellschaft_ Wien Paul Straub 1729 +551-772 +ACUNA, CHRISTOBAL DE _ Nvevo Descvbrimento del Gran Rio de las Amazonas. +Por el Padre Chrstoval de Acuna, Religioso de la Compania de Iesus, y +Calificador de la Suprema General Inquisicion, al qval fue, y se hizo por +Orden de su Magestad, el ano de 1639. Por la Provincia de Qvito en los +Reynos del Peru al Excelentissimo Senor Conde Duque de Oliuares (Escudo de +la Compania de Jesus, llevado por dos angelitos)._ Madrid Imprenta del +Reyno 1641 +CAULIN, ANTONIO _Historia Coro-Graphica Natural y Evangelica de la Nueva +Andalucia, Provincias de Cumana, Guayana y Vertientes del Rio Orinoco, +Dedicada al Rei N.S. D. Carlos III Por el M. R. P. fr. Antonio Caulin, dos +vezes Prov.l de los Observantes de Granada. Dada a luz de orden y a +Expensas de S. M. ano de 1779._ Madrid Juan de San Martin 1779 +GILIJ, PHILIPPE SALVATORE _Nachrichten von dem Lande Guiana; dem +Oronocoflus und den dortigen Wilden._ _Aus dem Italienischen des Abt +Philip Salvator Gilii Auszugsweise uebersetzt._ Matthias Christian Sprengel +Hamburg 1785 Bohn XVI, 528 S. +GILIJ, PHILIPPE SALVATORE _Saggio di Storia Americana o sia Storia +naturale, civile, e sacra De regni, e delle provincie Spagnuole di +Terra-ferma nell? America meridionale descritta dall? Abbate Filippo +Salvadore Gilij._ Rom 1780--1784 T.1-4 +GUMILLA, JOSE _ El Orinoco Ilustrado, y Defendido, Historia Natural, Civil +y Geografica de este gran Rio, y de sus Caudalosas vertientes: Govierno, +Usos y Costumbres de los Indios sus habitadores, con nuevas y utiles +noticias de Animales, Arboles, Frutos, Aceytes, Resinas, Yervas y Raices +medicinales; y sobre todo, se hallaran conversiones muy singulares a N. +Santa Fe, y casos de mucha edificacion. Escrita por el Padre Joseph +Gumilla, de la Compania de Jesus, Missionero, y Superior de las Misiones +del Orinoco, Meta, y Casanare, Calificador, y Consultor del Santo Tribunal +de la Inquisicion de Cartagena de Indias, y Examinador Synodal del Mismo +Obispado, Provincial que fue de su Provincia del Nuevo Reyno de Granada, y +actual Procurador a emtrambas Curias, por sus dichas Missiones y +Provincia. Segunda Impression, revista y aumentada por su mismo Autor y +dividida en dos partes. (Dos volumenes)._ Madrid Por Manuel Fernandez, +Impressor de el Supremo Consejo de la Inquisicion, y de la Reverenda +Camara Apostolica, en la Caba Baxa. 1745 +LA CONDAMINE, CHARLES-MARIE DE _Geschichte der zehenjaehrigen Reisen der +Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Paris vornemlich des Herrn +de la Condamine nach Peru in America in den Jahren 1735 bis 1745 worinne +ausser verschiedenen Nachrichten von der gegenwaertigen Beschaffenheit der +spanischen Colonien in America, und einer vollstaendigen Beschreibung des +beruehmten Amazonenflusses, auch noch verschiedene und besondere +Anmerkungen zur Aufnahme der Sternkunde, Erdbeschreibung und Naturlehre +befindlich sind, herausgegeben und mit einigen Beylagen und Kupfern +begleitet von J. C. S._ Erfurt Johann Friedrich Hartung 1763 +LA CONDAMINE, CHARLES-MARIE DE _Relation abregee d?un Voyage fait dans +l?Interieur de l?Amerique Meridionale. Depuis la Cote de la Mer du Sud, +jusqu? aux Cotes du Bresil & de la Guiane, en descendant La Riviere des +Amazones; Lue a l?Assemblee publique de l?Academie des Sciences, le 28. +Avril 1745. Par M. de la Condamine, de la meme Academie._ Paris la Veuve +Pissot 1745 +OVIEDO Y BANOS, JOSEPH DE _Historia de la Conquista, y Poblacion de la +Provincia de Venezuela. Escrita por D. Joseph de Oviedo y Banos Vecino de +la Ciudad de Santiago de Leon de Caracas. Quien la Consagra, y dedica a su +Hermano el Senor D. Diego Antonio de Oviedo y Banos, Oydor de las reales +Audiencias de Santo Domingo, Guatemala, y Mexico, del Consejo de su +Magestad en el Real, y Supremo de las Indias. Primera parte. Con +Privilegio._ Madrid en la Imprenta de D. Gregorio Hermosilla, en la calle +de los Jardines 1723 +SAINT PIERRE, BERNARDIN DE _Paul et Virginie_ 1788 +RALEGH, SIR WALTER _Die Fuenffte Kurtze Wunderbare Beschreibung dess +Goldreichen Koenigsreichs Guianae in America oder newen Welt unter der linea +AEquinoctiali gelegen: So newlich Anno 1594. 1595. vnd 1596. von dem +Wolgebornen Hern, Hern Walthero Raleigh einem Engelischen Ritter, besucht +worden: Erstlich auf Befehl seiner Gnaden in zweyen Buechlein beschrieben, +darauss Jodocus Hondius, eine schoene Landt Tafel, mit einer +Niderlaendischen Erklaerung gemacht. Jetzt aber ins Hochteutsch gebracht, +vnd auss vnterschiedlichen Authoribus erklaeret._ Frankfurt (Main) Leuini +Hulsii Wittibe 1612 +RALEGH, SIR WALTER _The Discoverie of the Large, Rich, And Beavtifvl +Empire of Gviana, With a relation of the great and Golden Citie of Manoa, +(which the Spanyards call El Dorado) And of the Prouinces of Emeria, +Arromaia, Amapaia, and other Countries, with their riuers adioyning. +Performed in the yeare 1595. by Sir W. Ralegh Knight, Captaine of her +Maiesties Guard, Lo. Warden of the Scanneries, and her Highnesse +Lieutenant generall of the Countie of Cornewall._ London Robert Robinson +1598 +THEOPHYLACTUS SIMOCATTA _Theophylacti Simocatae Quaestiones physicae nunquam +antehac editae. Eiusdem, Epistolae morales, rusticae, amatoriae. Cassii +Quaestiones medicae. Iuliani Imp. Galli Caes. Basilij, & Greg. Nazianzeni +Epistolae aliquot nunc primu?m editae; opera Bon. Vulcanii Brugensis._ +Lugduni Batauorum Ex officina Ioannis Balduini. M.D. XCVII. + + + + + +ANMERKUNGEN DES KORREKTURLESERS + + +Vom Korrekturleser wurden mehrere Aenderungen am Originaltext vorgenommen. +Inkonsistente Schreibweisen, die nichts an der Aussprache des Wortes +aendern, wurden im Text belassen. + +Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden +geaenderten Fassung. + + + + die beruehmte Sagopalme der Guaraons-Indianer; + die beruehmte Sagopalme der Guaranos-Indianer; + + wenn es sich von ganz unbedeutenden Hoehenunterschieden handelt. + wenn es sich um ganz unbedeutenden Hoehenunterschied handelt. + + trafen wir Muecken der Gattung Simulium und Zanducos an, + trafen wir Muecken der Gattung Simulium und Zancudos an, + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 3.*** + + + + +CREDITS + + +March 8, 2009 + + Project Gutenberg TEI edition 01 + R. Stephan + + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 28280.txt or 28280.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/2/8/2/8/28280/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered +trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you +receive specific permission. If you do not charge anything for copies of +this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook +for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, +performances and research. They may be modified and printed and given away +-- you may do practically *anything* with public domain eBooks. +Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE + + +*Please read this before you distribute or use this work.* + +To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work (or +any other work associated in any way with the phrase Project Gutenberg), +you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + + +Section 1. + + +General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works + + +1.A. + + +By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work, +you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the +terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) +agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this +agreement, you must cease using and return or destroy all copies of +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee +for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work +and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may +obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set +forth in paragraph 1.E.8. + + +1.B. + + +Project Gutenberg is a registered trademark. It may only be used on or +associated in any way with an electronic work by people who agree to be +bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can +do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying +with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are +a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you +follow the terms of this agreement and help preserve free future access to +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below. + + +1.C. + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (the Foundation or +PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an individual +work is in the public domain in the United States and you are located in +the United States, we do not claim a right to prevent you from copying, +distributing, performing, displaying or creating derivative works based on +the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of +course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of +promoting free access to electronic works by freely sharing Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works in compliance with the terms of this agreement for +keeping the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} name associated with the work. You can +easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License when you +share it without charge with others. + + +1.D. + + +The copyright laws of the place where you are located also govern what you +can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant +state of change. If you are outside the United States, check the laws of +your country in addition to the terms of this agreement before +downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating +derivative works based on this work or any other Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work. +The Foundation makes no representations concerning the copyright status of +any work in any country outside the United States. + + +1.E. + + +Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + + +1.E.1. + + +The following sentence, with active links to, or other immediate access +to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever +any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase +Project Gutenberg appears, or with which the phrase Project Gutenberg is +associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or +distributed: + + + This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with + almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away + or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License + included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org + + +1.E.2. + + +If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the +public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with +permission of the copyright holder), the work can be copied and +distributed to anyone in the United States without paying any fees or +charges. If you are redistributing or providing access to a work with the +phrase Project Gutenberg associated with or appearing on the work, you +must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 +or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. + + +1.E.3. + + +If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the +permission of the copyright holder, your use and distribution must comply +with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed +by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the +copyright holder found at the beginning of this work. + + +1.E.4. + + +Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License +terms from this work, or any files containing a part of this work or any +other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}. + + +1.E.5. + + +Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic +work, or any part of this electronic work, without prominently displaying +the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate +access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License. + + +1.E.6. + + +You may convert to and distribute this work in any binary, compressed, +marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word +processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than +Plain Vanilla ASCII or other format used in the official version posted on +the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org), you +must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a copy, a +means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon request, of +the work in its original Plain Vanilla ASCII or other form. Any alternate +format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as specified in +paragraph 1.E.1. + + +1.E.7. + + +Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing, +copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply +with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + + +1.E.8. + + +You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works provided that + + - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to + the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to + donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60 + days following each date on which you prepare (or are legally + required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments + should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4, + Information about donations to the Project Gutenberg Literary + Archive Foundation. + + You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License. + You must require such a user to return or destroy all copies of the + works possessed in a physical medium and discontinue all use of and + all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works. + + You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + + You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works. + + +1.E.9. + + +If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic +work or group of works on different terms than are set forth in this +agreement, you must obtain permission in writing from both the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in +Section 3 below. + + +1.F. + + +1.F.1. + + +Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to +identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain +works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these +efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they +may be stored, may contain Defects, such as, but not limited to, +incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright +or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk +or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot +be read by your equipment. + + +1.F.2. + + +LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the Right of +Replacement or Refund described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for +damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE +NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH +OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE +FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT +WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, +PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY +OF SUCH DAMAGE. + + +1.F.3. + + +LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this +electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund +of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to +the person you received the work from. If you received the work on a +physical medium, you must return the medium with your written explanation. +The person or entity that provided you with the defective work may elect +to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the +work electronically, the person or entity providing it to you may choose +to give you a second opportunity to receive the work electronically in +lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a +refund in writing without further opportunities to fix the problem. + + +1.F.4. + + +Except for the limited right of replacement or refund set forth in +paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + + +1.F.5. + + +Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the +exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or +limitation set forth in this agreement violates the law of the state +applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make +the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state +law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement +shall not void the remaining provisions. + + +1.F.6. + + +INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark +owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and +any volunteers associated with the production, promotion and distribution +of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs +and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from +any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of +this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect +you cause. + + + +Section 2. + + + Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} + + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic +works in formats readable by the widest variety of computers including +obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring +that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + +Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation's web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + + +Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are +particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United States. +Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable +effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these +requirements. We do not solicit donations in locations where we have not +received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or +determine the status of compliance for any particular state visit +http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we have +not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against +accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us +with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make any +statements concerning tax treatment of donations received from outside the +United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods +and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including +checks, online payments and credit card donations. To donate, please +visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + + + +Section 5. + + + General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. + + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected *editions* of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. The replaced older file is renamed. +*Versions* based on separate sources are treated as new eBooks receiving +new filenames and etext numbers. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + + http://www.gutenberg.org + + +This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how +to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, +how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email +newsletter to hear about new eBooks. + + + + + + +***FINIS*** +
\ No newline at end of file |
