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+The Project Gutenberg EBook of Heilige Zeiten, by Ludwig Speidel
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Heilige Zeiten
+ Weihnachtsblätter
+
+Author: Ludwig Speidel
+
+Release Date: February 17, 2009 [EBook #28100]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEILIGE ZEITEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Austrian Literature
+Online.)
+
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+
+ Heilige Zeiten
+
+ _Weihnachtsblätter_
+
+ von
+
+ Ludwig Speidel
+
+
+ 1911
+ Bei Meyer & Jessen
+ _Berlin_
+
+
+ Neuntes Tausend
+
+
+
+
+Vorbemerkung
+
+
+Die folgenden Aufsätze sind alle aus der erhöhten Familienstimmung des
+»großen Kindertages« entstanden, alle für Weihnachten geschrieben
+worden. Nicht gerade in kirchlichem Geiste. Aus gut katholischem Hause,
+war Ludwig Speidel für die eigene Person in keiner der anerkannten
+Konfessionen unterzubringen. Der offizielle Gottesglaube hielt sich
+nicht lange in seiner jugendlichen Seele, und der Himmel, wie er gleich
+im ersten Aufsatz erklärt, hatte sich ihm frühzeitig zu einem
+unendlichen Spielraum natürlicher Kräfte erweitert. Man wird also in
+diesen »Heiligen Zeiten« manchen unheiligen Gedanken zu lesen bekommen,
+schließlich aber doch den Eindruck davontragen, daß dieses Büchlein ganz
+durchweht ist von einem tief religiösen Gefühl, das nur an ein
+bestimmtes Glaubensbekenntnis sich schlechterdings nicht binden läßt.
+Wir gewinnen hier Einblick in die Schätze eines echt frommen Gemütes.
+Meister Ludwig war kein Mann der flüssigen Rede, keiner von jenen, die
+ihr schönes Herz selbstgefällig auf der flachen Hand tragen. Was ihn am
+mächtigsten bewegte, davon schwieg er am beharrlichsten, als fürchtete
+er, seine Empfindung könnte durch das ausgesprochene Wort entweiht
+werden. Hin und wieder bloß -- und dies eben waren seine »heiligen
+Zeiten« -- übermannte ihn der Drang, seinen Lieben mitzuteilen, was sie
+ihm galten. Auch dann sagte er es ihnen nicht ins Gesicht, auch dann
+übertrug er sein Persönlichstes ins Allgemeine, schrieb über die Frauen
+überhaupt, über die Kinder im weitesten Umkreis, so innig freilich und
+mit so tief heraufgeholten Herzenstönen, daß man wohl merkte, wie hier
+die Liebe zu der eigenen Frau, zu den eigenen Kindern zwischen den
+Zeilen mitklang. Dieser persönliche Einschlag verlieh solchen
+Aufzeichnungen ihren wundersamen Reiz, ihre anheimelnde Wärme, ihren
+außerordentlichen Erfolg. Ein Weihnachtsblättchen von Ludwig Speidel!
+Mancher Wiener dürfte sich erinnern, wie man sich einst alljährlich auf
+dieses Christgeschenk freute, mit welcher Andacht man Satz um Satz die
+seltene Gabe verkostete, und wir sind überzeugt, die jüngeren Leser von
+heute werden jene älteren nicht Lügen strafen.
+
+_Wien_, im November 1910.
+
+ _Der Herausgeber._
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+Zu Weihnachten 1
+
+Einsame Spatzen 12
+
+Alte Mädchen 17
+
+Frauenalter 23
+
+'s Rickele von Munterkingen 29
+
+Die Kunst, arm zu werden 43
+
+Zwei Kinder 49
+
+Ohne Mutter 58
+
+Mutter und Kinder 64
+
+Aus der Kinderwelt 70
+
+Aus der Kinderstube 79
+
+Märchenhaftes 87
+
+Spiegelbilder 94
+
+Das Ammergauer Krippenspiel 101
+
+Das Heimatsgefühl der Brüder Grimm 114
+
+
+
+
+Zu Weihnachten
+
+
+Ich habe viele Weihnachtsbäume gesehen in meinem Leben, aber keiner
+gefiel mir so gut und gefällt mir mit jedem Jahre besser, als der Baum,
+den ich meinen Kindern aufrichte. Gewiß waren es selige Tage, da man mit
+seinem kleinen kindlichen Herzen noch an Wunder und Zeichen glaubte, wo
+im Advent noch Engel an die Fenster pochten und in der Stube, durch
+welche sie geflogen, Tannenzapfen und Stücke von Rauschgold
+zurückließen, bis endlich das Knäblein von Bethlehem als Heiland der
+kleinen Kinder sich persönlich ins Haus bemühte, um mit freigebiger Hand
+die Fülle seiner Gaben auszubreiten. Freilich hielt solche arglose
+Gläubigkeit, zumal in Ländern mit Schulzwang, nicht lange vor. Der
+Schulmeister ist der geborene Feind jeder Romantik und sein ABC die
+schwarze Kunst, welche Himmel und Hölle zwingt. Wie tief mußte der
+unbeschränkte Kredit, den man der alten Firma Gott Vater, Sohn und
+Heiliger Geist geschenkt, erschüttert werden, wenn eines schönen
+Weihnachtsabends ein freches Schuljungen-Auge an dem ledernen Hanswurst
+den Preiszettel mit dem Stempel: »Simon Mayer und Sohn« entdeckte und
+entzifferte? Wer lesen kann, ist schon halb des Teufels, und vollends
+wer schreibt, der gehört ihm mit Haut und Haar. Und doch wandelt uns die
+Aufklärung nicht völlig um, denn während sie uns die unklaren
+Vorstellungen zerstört, rührt sie kaum an die dunklen Empfindungen, aus
+welchen jene Vorstellungen hervorgegangen. Sie nimmt den Zahn und läßt
+die Wurzeln stehen. So kann es denn auch geschehen, daß sonst nüchterne
+Männer, die bereits das Schwabenalter überschritten haben und dem
+kirchlichen Weihrauch gründlich abhold sind, durch den Duftfaden einer
+ausgelöschten Wachskerze oder den Geruch eines angebrannten Tannenwedels
+in eine Strömung des Empfindens hineingezogen werden, die sich von dem
+Ergusse religiöser Gefühle nicht allzu weit entfernt. Und solche
+Gefühlsweise begleitet uns in die Fremde und erwacht hier um die
+Weihnachtszeit mit doppelter Lebendigkeit. Der Weihnachtsbaum der Fremde
+findet uns als ein sehnsuchtsvolles, dummes Kind. Kein trübseligeres
+Los, als in fremder Stadt die Gassen einsam durchwandeln und ohne
+gemütliche Beziehung mit ansehen zu müssen, wie in den Fenstern ein Baum
+nach dem andern aufleuchtet und wieder finster wird, als ob uns das
+alles nichts anginge. Daher segnen wir die guten Menschen, die den
+Junggesellen an ihrer Weihnachtsfreude teilnehmen lassen, ihm auf
+Augenblicke eine Familie vortäuschen. Wohl wird ihm die Täuschung
+fühlbar werden, und seine Gedanken werden, die Illusion der Gegenwart
+überspringend, zurückschweifen in die Kindheit und das Elternhaus; er
+gedenkt vielleicht einer geliebten toten Mutter, eines alternden Vaters,
+der Geschwister, die Liebe oder anderes Schicksal nach allen Winden
+zerstreut hat. Anders als früher treffen sein Auge die funkelnden
+Lichter des grünen Lustbaumes; sie brechen sich in dunkleren Farben
+nach innen, der Ernst des Lebens, seine wechselnden Geschicke tauchen am
+Horizont der Seele auf. Er ist nicht mehr Kind, und er hat noch keine
+Kinder. Erst wenn er das geliebte Weib heimgeführt, wenn sie ihm Pfänder
+der Liebe geschenkt, dann blüht ihm eine zweite Jugend zu, und er wird
+wieder mit vollem Verständnis vor dem Weihnachtsbaum stehen. Die Welt
+ist ihm freilich mittlerweile klar geworden. Der Himmel hat sich ihm zu
+einem unendlichen Spielraum natürlicher Kräfte erweitert, aber lächelnd
+und nicht ohne Rührung sieht er die religiösen Vorstellungen als
+Spielzeug in den Händen seiner Kleinen. Den Weihnachtsbaum durch die
+Augen dieser kleinen Weltbürger zu betrachten, ist das seligste
+Vergnügen, und darum gefällt mir von allen Weihnachtsbäumen gerade der
+Baum am besten, den ich meinen Kindern aufrichte.
+
+Ja, Weihnachten ist der große Kindertag des Jahres, und es ziemt sich
+wohl eine Betrachtung darüber, was uns diese kleinen Geschöpfe sind. Ich
+möchte Frauen darüber befragen, denn sie stehen den Kindern um so viel
+näher als wir, daß wir doch immer ein wenig uns ähnlich ausnehmen, wie
+der gute Joseph, der die Gruppe der heiligen Familie bilden hilft. Aber
+vielleicht stehen die Frauen den Kindern allzu nahe, sind in einem
+gewissen Sinne selbst zu viel Kinder, als daß sie über ihre eigene Sache
+beredsam werden könnten. Der Mann nimmt sich auch hier wie anderwärts
+das Wort heraus. Nun sprudeln dem Manne zwei lebendige Quellen der
+Verjüngung: die Frauen und die Kinder, zu welchen ich als dritte noch
+die Tiere, als die ewig minderjährigen Geschwister des Menschen, zählen
+möchte. Die Frauen zu preisen, zu wiederholen, daß sie die geborene
+Liebe und Anmut, daß sie Heldinnen sind im Ertragen von Leiden und in
+der selbstlosen Hingabe und Aufopferung, wäre ein eitles Beginnen, da
+der Preis der Frauen durch alle Zeiten und Zungen klingt und die Poeten
+heute wie gestern nicht müde werden, die bezauberndste Erscheinung der
+Natur in zarten Worten und Weisen zu feiern. Das Kind aber sitzt wie ein
+neuer Schmuck und Reiz der Weiblichkeit auf dem Schoße der Mutter, und
+selten nimmt es der Dichter von diesem seligen Ruhesitz auf, um es in
+die Arme zu schließen und es zu herzen und zu küssen. Und doch, welche
+Macht übt solch kleines Gewächs über uns aus, wie greift es ein in den
+Gang unseres Lebens! Es ist die hochmütigste Täuschung, wenn wir uns
+erhaben dünken über diese zapplige, vielbegehrliche Brut, denn wenn wir
+es genau überschlagen, sind wir in den meisten Fällen die Kinder unserer
+Kinder, wenn nicht noch schlimmer, ihre Narren. Wir glauben Kinder zu
+machen und werden von ihnen gemacht, wir glauben Kinder zu erziehen und
+werden von ihnen erzogen. Und dies letztere zwar in einem ganz guten
+Sinne. In unsere künstlichen Verhältnisse hinein wird uns plötzlich ein
+so kleiner Naturbursche geboren. Wie nackt, wie ungezogen, wie
+unschicklich nach unserem verfeinerten Begriffe ist solch ein
+Persönchen, wie eigensinnig, wie despotisch macht es seine Wünsche
+geltend! Von der Brust der Mutter nimmt es Besitz wie von einem ewigen
+Menschenrechte und erfüllt die Luft mit einem Geschrei, als ob außer ihm
+kein Mensch auf der Welt wäre. Aber eben dieses unwidersprechliche
+Gebahren macht uns dieses kleine Ding lieb und wert; es tritt uns als
+eine Natur entgegen, als ein gebieterischer Wille, dessen Vernunft wir
+einsehen. Wie sich in diesem anfangs blinden Willen die Geisteskräfte
+regen, wie das Auge sehend wird, das Ohr hörend, und wie der Wunsch nach
+und nach das Wort findet, das ist mit jedem neugeborenen Kinde ein neues
+Wunder und für den liebend beobachtenden Menschen ein Schauspiel, dessen
+Reize sich niemals erschöpfen. Diese geschlossen und sicher vordringende
+Natur des Kindes und diese liebevolle Versenkung in sein Wesen machen
+die Tatsache begreiflich, daß nach dem Urteile der Eltern jedes Kind das
+schönste und gescheiteste ist. Auch der gemeine Mann spürt aus dem Kinde
+die aus einer ungeschulten, unzerstreuten Natur entspringende Genialität
+heraus, und den Nüchternsten macht sein kleines Mädchen, das nach dem
+Monde greift, auf Augenblicke zum Poeten. Die Kinder machen und erhalten
+uns jung, und selbst der Kummer und die Sorgen, die sie uns bereiten,
+idealisieren unser Leben.
+
+Wenn wir daher Weihnachtsbäume aufputzen und sie mit Lichtern
+bestecken, so tragen wir unseren kleinen Erziehern in gewissem Sinne den
+Zoll unseres Dankes ab. Ich möchte heute in viele Fenster hineinsehen
+und den Wetteifer des Glückes auf den Gesichtern der Kleinen und Großen
+lesen; den lärmenden Drang in kindervollen Stuben möchte ich belauschen,
+wie die stillere Seligkeit von Eltern, die nur ein einziges Kind -- ein
+»zitterndes Glück« -- ihr eigen nennen. An kranke Kinder darf ich gar
+nicht denken zur Weihnachtszeit, noch weniger mag ich mir vorstellen,
+daß der Tod irgendwo angeklopft und ein junges Seelchen flügge gemacht
+hat. Ich kann keinen Trost bringen, wo ich ihn selbst entbehren müßte.
+Aber eurer möchte ich gedenken, ihr gedrückten Wesen, die ihr den hellen
+Schein der Kerzen scheut und euch in einen Winkel des Zimmers drückt.
+Was ist es denn, das euch Kümmernis bereitet? Daß du auf dem linken Bein
+ein wenig hinkst, du guter Junge, laß dich's nicht anfechten; deine
+Beine sind gerade genug, um deine Pflicht zu tun. Und du, mit deinen
+blonden Zöpfen, du verständiges Gesicht, gräme dich nicht allzusehr, daß
+dir die eine Schulter verschoben ist; du hast Humor und zugreifendes
+Geschick, du wirst geraden Schultern zum Trotz einst als guter Geist des
+Haushaltes walten. Ihr werdet zutraulicher, ihr Bresthaften, und kommt
+alle nach und nach aus dem Winkel hervor. Seht, ich habe nichts, euch zu
+trösten, als guten Willen und gute Worte. Sind wir im allgemeinen
+Ebenbilder Gottes, so zeigt sich in euch der verstauchte, der verrenkte
+Gott. Er erträgt es, und ihr solltet es nicht ertragen können? Wollt
+ihr aber wissen, welche köstlichen Geheimnisse ihr in euren bresthaften
+Gliedmaßen berget, so will ich euch ein Märchen erzählen, welches so
+wahr ist wie das große Märchen von der Weltschöpfung und Weltregierung,
+und vielleicht wahrer, weil es sich einfach als Märchen gibt. Zwar nicht
+ich selbst, so sehr ich es wollte, habe dieses Märchen erfunden, sondern
+ein anderer deutscher Mann, der im jüngsten großen Völkerkampfe vor
+Paris gelegen und in den Mußestunden, die ihm seine harte Arbeit ließ,
+ein Bändchen »Träumereien an französischen Kaminen« für Weib und Kinder
+zusammengeschrieben hat. Ein junger Doktor der Weltweisheit aus Schwaben
+hat dieses kleine Buch meinen Kindern im vorigen Sommer als Gastgeschenk
+zurückgelassen. »'s ischt a schön's Büchle,« sagte er in seiner
+traulichen Mundart, »für das ich begeischtert bin, und für das ich von
+jedem rechtschaffenen Menschen Begeischterung fordere.« Ich ließ es mir
+von meinen Kindern vorlesen, und so ist mir das Buch, in welchem neben
+dem sinnigen Menschen ein arger Schalk steckt, recht ans Herz gewachsen.
+Ich versprach also meiner lieben Gemeinde von bresthaften Kindern, ein
+Märchen daraus mitzuteilen, muß jedoch früher von ihr Abschied nehmen,
+denn wer wollte mich noch lesen, wenn der Dichter gesprochen hat? Auch
+fürchte ich einen Regen und trübe Augen und mag nicht gern dabei sein,
+wenn Menschen gerührt sind. Das schöne Märchen heißt also und lautet:
+
+
+Das kleine bucklige Mädchen.
+
+Es war einmal eine Frau, die hatte ein einziges Töchterchen, das war
+sehr klein und blaß und wohl etwas anders wie andere Kinder. Denn wenn
+die Frau mit ihm ausging, blieben oft die Leute stehen, sahen dem Kinde
+nach und raunten sich etwas zu. Wenn dann das kleine Mädchen seine
+Mutter fragte, weshalb die Leute es so sonderbar ansähen, entgegnete die
+Mutter jedesmal: »Weil du ein so wunderhübsches neues Kleidchen anhast.«
+Darauf gab sich die Kleine zufrieden. Kamen sie jedoch nach Hause
+zurück, so nahm die Mutter ihr Töchterchen auf die Arme, küßte es wieder
+und immer wieder und sagte: »Du lieber, süßer Herzensengel, was soll aus
+dir werden, wenn ich einmal tot bin? Kein Mensch weiß es, was du für ein
+lieber Engel bist, nicht einmal dein Vater!«
+
+Nach einiger Zeit wurde die Mutter plötzlich krank, und am neunten Tage
+starb sie. Da warf sich der Vater des kleinen Mädchens verzweifelt auf
+das Totenbett und wollte sich mit seiner Frau begraben lassen. Seine
+Freunde jedoch redeten ihm zu und trösteten ihn; da ließ er es, und nach
+einem Jahre nahm er sich eine andere Frau, schöner, jünger und reicher
+als die erste, aber so gut war sie lange nicht.
+
+Und das kleine Mädchen hatte die ganze Zeit, seit seine Mutter gestorben
+war, jeden Tag von früh bis abends in der Stube auf dem Fensterbrett
+gesessen; denn es fand sich niemand, der mit ihm ausgehen wollte. Es
+war noch blässer geworden, und gewachsen war es in dem letzten Jahre gar
+nicht.
+
+Als nun die neue Mutter ins Haus kam, dachte es: »Jetzt wirst du wieder
+spazieren gehen, vor die Stadt, im lustigen Sonnenschein auf den
+hübschen Wegen, an denen die schönen Sträucher und Blumen stehen, und wo
+die vielen geputzten Menschen sind.« Denn es wohnte in einem kleinen,
+engen Gäßchen, in welches die Sonne nur selten hineinschien; und wenn
+man auf dem Fensterbrett saß, sah man nur ein Stückchen blauen Himmels,
+so groß wie ein Taschentuch. Die neue Mutter ging auch jeden Tag aus,
+vormittags und nachmittags. Dazu zog sie jedesmal ein wunderschönes
+buntes Kleid an, viel schöner als die alte Mutter je eins besessen
+hatte. Doch das kleine Mädchen nahm sie nie mit sich.
+
+Da faßte sich das letztere endlich ein Herz, und eines Tages bat es sie
+recht inständig, sie möchte es doch mitnehmen. Allein die neue Mutter
+schlug es ihr rund ab, indem sie sagte: »Du bist wohl nicht recht
+gescheit! Was sollen wohl die Leute denken, wenn ich mich mit dir sehen
+lasse? Du bist ja ganz bucklig. Bucklige Kinder gehen nie spazieren, die
+bleiben immer zu Hause.«
+
+Darauf wurde das kleine Mädchen ganz still, und sobald die neue Mutter
+das Haus verlassen, stellte es sich auf einen Stuhl und besah sich im
+Spiegel; und wirklich, es war bucklig, sehr bucklig! Da setzte es sich
+wieder auf sein Fensterbrett und sah hinab auf die Straße, und dachte
+an seine gute alte Mutter, die es doch jeden Tag mitgenommen hatte. Dann
+dachte es wieder an seinen Buckel:
+
+»Was nur da drin ist?« sagte es zu sich selbst, »es muß doch etwas in so
+einem Buckel drin sein.«
+
+Und der Sommer verging, und als der Winter kam, war das kleine Mädchen
+noch blässer und so schwach geworden, daß es sich gar nicht mehr auf das
+Fensterbrett setzen konnte, sondern stets im Bett liegen mußte. Und als
+die Schneeglöckchen ihre ersten grünen Spitzchen aus der Erde
+hervorstreckten, kam eines Nachts die alte gute Mutter zu ihm und
+erzählte ihm, wie golden und herrlich es im Himmel aussähe.
+
+Am andern Morgen war das kleine Mädchen tot.
+
+»Weine nicht, Mann!« sagte die neue Mutter; »es ist für das arme Kind so
+am besten!« Und der Mann erwiderte kein Wort, sondern nickte stumm mit
+dem Kopfe.
+
+Als nun das kleine Mädchen begraben war, kam ein Engel mit großen,
+weißen Schwanenflügeln vom Himmel herabgeflogen, setzte sich neben das
+Grab und klopfte daran, als wenn es eine Tür wäre. Alsbald kam das
+kleine Mädchen aus dem Grabe hervor, und der Engel erzählte ihm, er sei
+gekommen, um es zu seiner Mutter in den Himmel zu holen. Da fragte das
+kleine Mädchen schüchtern, ob denn bucklige Kinder auch in den Himmel
+kämen. Es könne sich das gar nicht vorstellen, weil es doch im Himmel so
+schön und vornehm wäre.
+
+Jedoch der Engel erwiderte: »Du gutes, liebes Kind, du bist ja gar
+nicht mehr bucklig!« und berührte ihm den Rücken mit seiner weißen Hand.
+Da fiel der alte garstige Buckel ab wie eine große hohle Schale. Und was
+war darin?
+
+Zwei herrliche, weiße Engelflügel! Die spannte es aus, als wenn es schon
+immer fliegen gekonnt hätte, und flog mit dem Engel durch den blitzenden
+Sonnenschein in den blauen Himmel hinauf. Auf dem höchsten Platze im
+Himmel aber saß seine gute alte Mutter und breitete ihm die Arme
+entgegen. Der flog es gerade auf den Schoß.
+
+ (Am 25. Dezember 1872)
+
+
+
+
+Einsame Spatzen
+
+
+Es gibt einen grauen Vogel mit scharfen Augen und spitzem Schnabel, der
+in der Naturgeschichte des Volkes der einsame Spatz genannt wird, und
+der trotz seines angriffigen Wesens eine Fülle von Gesang und Wohllaut
+in sich birgt. Er hat es gerne, wenn er gereizt wird, ja gerade der
+Herausforderung gegenüber, der er sich mit Vergnügen stellt, schlägt er
+seine tapfersten Töne und kecksten Weisen an. Will man ihn aber besser
+und ganz kennen lernen, so muß man sich in einen Hinterhalt stellen, ihn
+belauschen. Ferner Lärm, zumal das wunderlich zusammengesetzte
+Weltgeräusch, in welchem hinter dem Wagengerassel alle Freuden und
+Leiden der Kreatur nachhallen, regt ihn an, macht ihn mitteilsam. Dann
+zieht er wundersame Klangfäden aus seiner Kehle, mißt den Umfang seiner
+Stimme, ergeht sich, alle Stärkegrade des Tones versuchend, im Flüstern,
+im Anschwellen, im Schmettern, und indem er sich in seinem eigenen
+Gesange berauscht, scheint er mit sich selbst zu wetteifern. Die Welt,
+von der ihn sein Käfig trennt, blüht in seinen Liedern auf.
+
+Der graue Vogel, den wir an die Wand gemalt, treibt auch in der
+menschlichen Gesellschaft sein Wesen. Wir brauchen ihn nicht zu nennen,
+es nennt ihn sofort jeder selbst: der Junggeselle, der Hagestolz. Wir
+meinen natürlich nicht die Junggesellen, die, nur sich selbst kennend,
+zu Egoisten versteinert sind, noch jene Hagestolzen, die, als wahre
+Familienverderber, sich in ein fremdes Nest setzen und sich an einem
+Feuer wärmen, das ein anderer angezündet hat. Die Junggesellen, die wir
+meinen, sind vielmehr jene redlichen Leute, welche, durch Mißgeschick
+oder Ungeschick vereinsamt, die Bestimmung des Menschen nur einseitig
+haben erfüllen können und diese Halbheit zeitlebens als einen Mangel
+fühlen. Um es kurz zu sagen: ihrem Leben fehlt das Weib, das Kind, mögen
+sie es nun eingestehen oder in unbewachten Augenblicken nur sich selbst
+bekennen. Kein Wunder daher, daß die großen allgemeinen Familienfeste,
+die der Jahreslauf mit sich bringt, für sie die schlimmsten Tage sind.
+Besonders zu Weihnachten, wenn der grüne Wald ins Haus wächst und die
+großen Kinderaugen noch heller leuchten, als die Wachskerzen auf den
+herabnickenden Tannenzweigen, wird diesen verlassenen Menschen weh ums
+Gemüt, und sie fühlen es stärker als je, daß sie bei solchen
+Gelegenheiten, wo selbst auf die Dienstmagd ein Strahl des allgemeinen
+Glückes fällt, so recht vor der Tür stehen. Und niemand möge es
+versuchen, einen Junggesellen an einem solchen Tage zu trösten. Der
+echte Junggeselle will nicht getröstet sein, er will, einmal
+unglücklich, auch den Genuß seines Unglücks haben. Wenn er merkt, daß
+der Weihnachtsbaum angezündet wird -- die Helligkeit beißt ihm in die
+Augen -- schleicht er die Gassen entlang und verschwindet in einem Hause,
+von dessen Tor herab ein Tannenzweig die Vorübergehenden grüßt. Es ist
+eine Weinstube.
+
+Der verstimmte Weltflüchtling setzt sich in eine Ecke, von welcher aus
+er den Schanktisch überblickt. Die Stube ist leer und erscheint noch
+leerer, weil sie hell erleuchtet ist. Die Wanduhr pendelt scharf und
+bestimmt, wie das Gewissen der Zeit; nur manchmal scheint sie in
+Gedanken anzuhalten, aber dem weiter ausgeholten Pendelschlage folgt ein
+beschleunigter, und das Gleichgewicht ist wieder hergestellt. Der Ofen
+wärmt den einsamen Gast wohltuend an. Eine Flasche Wein! Nachdenklich
+leert er das erste Glas, das zweite rascher. Der Schanktisch fesselt
+seinen Blick, wo zu oberst die blanken Weinkühler glänzen, die einen in
+geradlinigen Lichtern, die anderen mit der ganzen Fläche; das Auge
+gleitet zu einigen geschliffenen Kristallgläsern herab, die das Licht
+buntfarbig und so unruhig brechen, als hätten sie etwas mitzuteilen. Ein
+Glas und wieder ein Glas! Während der stille Zecher den Schanktisch
+nicht aus dem Auge läßt, ohne indessen den Glanz der funkelnden
+Geschirre mehr wahrzunehmen, vernimmt er das ferne Rollen eines Wagens,
+welches sein Ohr für das stets in der Luft webende Geräusch, das man
+Weltgeräusch nennen kann, erschließt. Er horcht tiefer und tiefer hinein
+in dieses Geräusch, er will es in seinen einzelnen Bestandteilen
+erraten, erkennen. Nach und nach scheinen sich Töne loszulösen aus
+diesem Chaos, ein Ton, zwei Töne, drei -- ein zusammengestimmter
+Dreiklang von wohlbekannten Stimmen. Der erste Ton kommt aus einem
+lebendigen Munde; er klingt so warm, so tief, so zum Herzen sprechend,
+und siehe, da erscheint sie ja selbst, die Mutter, wie er sie in seinen
+jungen Jahren gekannt. Sie nimmt ihn bei der Hand, hebt ihn auf den Arm,
+küßt ihn. Dann trägt sie ihn zu einem kleinen Bette, worin ein kleines
+rosiges Mädchen liegt und lacht. Es ist seine Schwester, der zweite Ton,
+den er gehört. Nun umfängt ihn eine Atmosphäre, wie er sie lange nicht
+empfunden: eine gemütliche Wärmestrahlung, eine humanisierte Luft -- die
+Atmosphäre der Familie. Er steht vor dem Weihnachtsbaum; er holt rote
+Ostereier unter dem Bette hervor; er betrachtet die Birkenrute über dem
+Spiegel mit geheimem Respekt. Er hört den Vater abwechselnd freundlich
+und strenge reden -- er sieht ihn nicht, denn der Vater ist jung
+gestorben. Dann die schönen Stunden und Tage mit seiner Schwester: diese
+rückhaltlose Mitteilung, diese unschuldige Zärtlichkeit, diese Liebe
+ohne Nebengedanken -- ja, denkt sich der stille Zecher, der wieder ein
+Glas leert, wen der Himmel liebt, dem gibt er eine Schwester ... Und die
+dritte Stimme, die höchste des Dreiklangs? Der einsame Gast blickt
+sinnend in sein Weinglas. Wie Weihrauchduft steigt es auf, und er glaubt
+in der Kirche zu sein. Eine Trauung wird vollzogen; aber das Mädchen, an
+dessen reizender Gestalt sein Auge hängt, reicht einem fremden Manne die
+Hand. Dieses Ja aus geliebtem Munde, wie hat es geschmerzt, wie schmerzt
+es noch! Ein Wort zur unrechten Zeit, wie das meinige, das sie mir
+entfremdet! Und wieder leerte er ein Glas, seufzte und fuhr mit der Hand
+über die Stirne. Der schöne Dreiklang begann abzuklingen, herab vom
+höchsten Tone an, und nur der Grundton, der von der Mutter kam, hielt
+länger an, bis er sich in das allgemein summende Geräusch auflöste, das
+von dem Rollen eines vorüberfahrenden Wagens verschlungen wurde. Wieder
+glänzten die Weinkühler über dem Schanktische, und die Kristallgläser
+fingen das Licht auf und brachen es in bunten Strahlen. Auf der Wanduhr,
+die geräuschvoll ausholte, schlug es 1 Uhr.
+
+Durch einsame Gassen schlich der stille Zecher nach Hause. In seiner
+Stube angekommen, stellte er das Licht vor einen großen Käfig, in
+welchem ein grauer Vogel, ein einsamer Spatz saß. Er reizte ihn mit den
+Fingern, und das muntere Tier flog mit hellem Pfiff auf ihn los. »Armer
+Kerl!« rief er dem Vogel zu, »wo hast du dein Weibchen?« Und statt aller
+Antwort fing der Spatz so schön zu singen an, daß der Frager wie gebannt
+stand und horchte. »Du hast recht, gutes Tier, wer nicht lieben darf,
+muß singen. Und habe ich heute nicht auch auf meine Weise gesungen,
+innerlich, wenn auch tonlos? Und überdies, ich habe es doch viel besser
+als du, abgesehen von den vielen darbenden Mädchenherzen, denen doch die
+Liebe alles sein sollte. Ich bin ein Mann, und dem Manne gehört die
+ganze Welt.«
+
+ (Am 25. Dezember 1883)
+
+
+
+
+Alte Mädchen
+
+
+Wie gewöhnlich, wenn die Weihnachtszeit herannaht, habe ich wieder die
+Nase voll Tannenduft, und diese von der Kindheit her vererbte angenehme
+Gewohnheit, die ich noch jetzt in jedem Sinne grün nennen möchte, stimmt
+mich mitteilsam, soweit ein von Natur so kurz angebundener Mensch auf
+solche freigebige Bezeichnung Anspruch machen darf. Doch schäme sich des
+Kindes in ihm, wer da will -- wir wollen nicht die Philister sein, die
+altklug von der Höhe ihrer Weisheit herabschauen, wenn unseren Kindern
+der Wald ins Haus wächst und in jedem Tannenwedel das Harz sich rührt
+und das warme Gemach mit Wohlgeruch erfüllt. Das ist der wahre Duft der
+Seligkeit, die Atmosphäre des Kinderhimmels. Das riecht nach Glück und
+bringt es auch, erschiene es nun in Gestalt von funkelnden Diamanten
+oder vergoldeten Walnüssen. Ich höre es wieder in den Wänden rieseln,
+als ob tausend geschäftige Geister ihr Wesen trieben; die Türklinke
+knackt leise, ohne daß jemand in die Stube tritt, und ein Rascheln und
+Flüstern geht durch das Haus, welches man nicht allein dem geschüttelten
+Rauschgold zuschreiben möchte. Die Familiengeister gehen um, zumal der
+hundertfältig sich teilende Geist der Mutter, der jedes Bedürfnis kennt
+und wahrt, vom aufgezogenen Saume des zu langen Unterröckchens bis zum
+Seelenheile des kleinen Naturheiden, der ihrem Schoße entsprossen.
+Zwischendurch, wenn eine ferne Tür aufgeht, erschallt frisches
+Kindergelächter, oder ein zärtlich fortgescholtenes neugieriges Gesicht
+guckt in das Zimmer herein. Aber die heranwachsenden Mädchen sind schon
+vom Geiste der Mutter beseelt, denn während die Gute selbst, jeden
+Wunsch bedenkend, den Familienbaum rüstet, putzen sie für arme Kinder
+eine kleine Tanne, auf deren Spitze sie ein nacktes Knäblein setzen,
+welches sehr gesund aussieht, und von dem in kindlichen Kreisen die Sage
+geht, daß es die Welt erlöst habe. Und die Sage hat recht. Kinder,
+kleine wie große -- wenn sie groß geworden, heißt man sie Genies --
+erlösen die Welt noch täglich, und am heutigen Kindertage, ihr Kleinen,
+ist unsere Seligkeit nur ein Abglanz der eurigen. Die kleinen Heilande
+blicken uns aus ihren großen Kinderaugen erstaunt an; sie kennen die
+arge Welt noch nicht und spielen lächelnd mit einer Passionsblume.
+
+Wenn ich aber bei den Kindern dankbar zu Gast sitze und mich an ihrer
+Seligkeit sonne, so muß ich jedesmal der Stiefkinder des Glückes
+gedenken, denen der Himmel nur graue Tage und öde Nächte beschert. Ich
+will nicht von den Armen reden, denn was ist arm und reich? Wir sind nie
+reich genug, um den hohen Flug unserer Wünsche zu erreichen, und selten
+so arm, daß wir nicht täglich einen Sonnenstrahl der Freude einfangen
+könnten. Ich will von wahrhaft armen Wesen sprechen, die so oft, wenn
+alles sich freut, traurig beiseite stehen, traurig und unbeachtet, wenn
+nicht gar verachtet. Diese Aschenbrödel der bürgerlichen Gesellschaft,
+am Weihnachtstage, als dem Feste der Kinder, doppelte Aschenbrödel, sind
+-- das Wort will kaum aus der Feder -- die alten Mädchen. Alte Mädchen!
+Mädchen und alt! Es besteht ein solcher Widerspruch zwischen diesen
+beiden Wörtern, daß sie selbst erstaunt sind, so hart nebeneinander zu
+stehen. _Mädchen_ -- ein Geschöpf voll Verheißung, eine blühende
+Anweisung auf Leben, Genuß und Glück! Und _alt_ -- der Abgrund alles
+Unwünschenswerten!
+
+So grausam aber diese Bezeichnung auch sein mag, sie ist nicht grausamer
+als das Geschick der damit Bezeichneten. Ein altes Mädchen sein, heißt
+ein Schicksal tragen, an welchem eigene Verschuldung nur in den
+seltensten Fällen einen bedeutenden Anteil hat. Man ist meistens ein
+altes Mädchen, wie man ein Genie ist: ohne Verdienst oder Schuld, nur
+mit dem schneidenden Unterschied, daß dem Genie, weil es das
+selbstverständlich Göttliche ist, alles als Verdienst, dem alten Mädchen
+aber, weil es ein schicksalsvolles Unglück trägt, alles als Schuld
+angerechnet wird. Es gibt im strengsten Sinne notwendigerweise alte
+Mädchen: Natur und gesellschaftliche Verhältnisse wollen es so; was aber
+notwendig ist, gerade das an mir verspottet und verlacht zu sehen, ist
+das unbarmherzigste und unerträglichste. Ein altes Mädchen fordert, wenn
+nicht Mitleid, doch Mitgefühl heraus.
+
+Schon in frühen Zeiten hat die Frage der alten Mädchen die Geister
+beschäftigt. Mit seiner heiteren Anschaulichkeit schildert der Vater
+der Geschichte eine babylonische Sitte, die es mit unserem Gegenstande
+zu tun hat. »In jedem Dorfe,« erzählt Herodot, »wird alle Jahre einmal
+also getan: Wenn die Mädchen mannbar geworden, so mußten sie alle
+zusammengebracht und auf einen Haufen geführt werden. Ringsumher stand
+die Schar der Männer. Sodann hieß der Ausrufer eine nach der andern
+aufstehen und versteigerte sie. Zuerst die allerschönste; dann, sobald
+diese um vieles Geld erstanden war, rief er eine andere aus, welche
+nächst dieser die schönste war, aber alle mit dem Beding, daß sie
+geehelicht würden. Was nun die Reichen unter den Babyloniern waren, die
+da heiraten wollten, die überboten einander, um die Schönste zu
+bekommen; was aber gemeine Leute waren, denen es nicht um Schönheit zu
+tun war, die bekamen die häßlichen Mädchen und noch Geld dazu. Denn wenn
+der Ausrufer alle schönen Mädchen verkauft hatte, so mußte die
+Häßlichste aufstehen, und nun rief er diese aus, bis sie dem
+Mindestfordernden zugeschlagen wurde. Das Geld aber kam ein von den
+schönen Mädchen, und auf diese Art brachten die schönen die häßlichen an
+den Mann ...« So weit Herodot. Dieser babylonischen Methode, eine
+soziale Frage zu lösen, hängt doch, vom übrigen Bedenklichen abgesehen,
+ein großer Fehler an: sie legt einen schwankenden Maßstab zugrunde. Denn
+was ist häßlich? Es gibt immer noch eine Häßlichere, also keine
+unbedingt Häßliche. Häßlich sein, ist noch kein Hindernis, reizend zu
+sein, und wie oft -- es gehört zu den Geheimnissen der Liebe -- werden
+die schönsten Männer von häßlichen Frauen beseligt. Häßliche Mädchen,
+die ihre schöne Seele nicht an den Mann gebracht haben, sind die
+Minderzahl unter den alten Mädchen.
+
+Man wird aus allen möglichen Gründen ein altes Mädchen, aber zumeist,
+weil die Natur die Geschlechter ungleich verteilt hat und weil die
+Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft nicht danach angetan sind,
+das gesamte Liebeskapital der Mädchen fruchtbringend anzulegen. So sind
+die meisten alten Mädchen reine Opfer. Alle die verschiedensten
+menschlichen Motive spielen zwischendurch. Das alte Mädchen ist oft
+aller Romantik voll. Sie hat einen Roman gehabt, einen erlebten oder
+einen erträumten. Er ist ihr gestorben, er hat sie für eine andere
+verlassen, oder er hat ihr stilles Werben nicht bemerkt. Sie hat ihr
+Glück vielleicht versäumt, es unbedacht ausgeschlagen, oder es ist nie
+so nahe an sie herangetreten, daß sie es mit der Hand erreichen konnte.
+Sie sieht sich von der höchsten Aufgabe der Frauen ausgeschlossen, und
+der Kummer darüber geht ihr zeitlebens nach, wenn sie nicht zufällig
+eine Amazone oder eine Heilige ist. Manche nennen sie glücklich, denn
+wenn sie die Freude nicht habe, so fehle ihr dafür auch das Leid. Daß
+sie aber auch die Freude des Leids nicht hat, das vergessen die meisten.
+Glück im höchsten Sinne zu gewähren, ist ihr benommen. Frauen können so
+beglücken, daß in ihnen selbst, sogar unter Kummer und Sorgen, eine
+Fülle des Glücks wohnen muß. Oder ist nur diese überschwengliche
+Fähigkeit, beglücken zu können, ihr wahres Glück? Ein unberührter Schatz
+von Liebe ruht oft in dem Herzen alter Mädchen und geht ungenützt mit
+ihnen zu Grabe. Ihre verfehlte Bestimmung können sie nicht vergessen,
+selbst wenn sie ihr Leid ins Kloster tragen. Die Nonne noch spielt mit
+der Liebe, mit der Ehe. Da ihr das Nächste nicht erreichbar gewesen,
+streckt sie die Arme nach dem Fernsten aus; aber nur, um es ihren
+Bräutigam zu nennen. Schöner sieht man alte Mädchen in irdischer
+Tätigkeit walten, indem sie, wenn auch innerlich verblutend und ihre
+Tränen verschluckend, zu Schutzgenien ihrer jüngeren Geschwister, ihrer
+Familie oder gar fremder Kinder werden. Würden sie hassen, so hätten sie
+ihr Los verdient.
+
+Ich sehe etwas Heiliges in guten alten Mädchen, wie überhaupt im
+Unglück, wo über der eigenen Verschuldung, falls sie vorhanden, eine
+höhere Macht entscheidend gewaltet hat. Man wird mich wohl am Ende als
+den Pindar der alten Jungfern verlachen. Sei es drum! Tausende mögen
+mich verspotten, wenn ich am heutigen Freudentage nur einem jener Wesen,
+die zu den Opfern der Gesellschaft gehören, mit einem einzigen Worte
+wohlgetan habe.
+
+ (Am 25. Dezember 1876)
+
+
+
+
+Frauenalter
+
+
+So weit ich die Frauen kenne, ist es der sehnlichste ihrer Wünsche,
+gleich den olympischen Göttern in ewig blühender Jugend zu leben, und
+die schwerste ihrer Kümmernisse, einem reizlosen Alter anheimzufallen.
+Der Kampf, den eine Frau gegen das auf sie eindringende Alter besteht,
+ist in keinem Heldengedicht verzeichnet, obwohl er hartnäckiger und
+erbitterter sein kann als irgendein anderer Kampf; er hat seine
+wechselnden Erfolge, sein Hin- und Widerschwanken, seine Ausfälle und
+Ratschläge, und schließlich, da das Alter doch unbesiegbar scheint,
+seine stumme, gramvolle Niederlage. Nichts gleicht an schmerzlicher
+Kraft den stillen Tränen, den erwürgten Seufzern, dem innerlichen
+Verbluten einer stolzen Frau, deren welker Hand das Zepter entfällt, mit
+dem sie über die Herzen zu gebieten lange gewohnt war. Solches Schicksal
+scheint bitterer zu sein als der Tod, denn es verlangt von dem Menschen,
+daß er sich selbst überlebe. Wenn sich die Frauen gegen das Alter
+sträuben, so haben sie ihre guten Gründe. Der Abschied von der Jugend,
+zuletzt von dem Schein der Jugend, den auf die Wange festzubannen alle
+Spezereien Arabiens nicht mehr vermögend sind, verurteilt sie in den
+Augen der Welt zu einer geradezu beschämenden Rolle; lange gelebt zu
+haben, wird ihnen als eine Art Verbrechen ausgelegt, und zwei Worte, die
+man vor Frauen nie aussprechen sollte, die Worte: alt und häßlich,
+werden ihnen mehr oder minder deutlich zu verkosten gegeben, ja die
+Reigenführer solcher Unart sind zumeist alte Männer. Welcher Undank in
+dieser schnöden Auffassung des Frauenalters liegt, braucht man wohl kaum
+zu sagen. Für wen werden sie denn alt, als für uns und unsere Kinder?
+Was erschöpft ihre Jugend, als die großherzige Freigebigkeit, mit
+welcher sie Freuden gewähren und Schmerzen übernehmen? Wie oft sind die
+frühzeitigen Falten in ihrem Gesicht nichts anderes als die Furchen des
+Kummers, den ihnen die Ihrigen bereitet, als das Rinnsal der Tränen, die
+sie um uns geweint haben? Wir vernichten sie und verachten sie -- eine
+Barbarei, deren nicht einmal der vom Himmel vergessene Mann fähig sein
+sollte, welcher junge Frauenliebe nur flüchtig genossen und nicht ihre
+mit den Jahren wachsende Kraft und Innigkeit an sich erprobt hat. Was
+man einmal recht von Herzen geliebt, das, sollte man meinen, könnte
+nicht altern, und die älter werdenden Augen müßten es immer jung
+erblicken. »Ihr blüht!« müßte man zu den weißen Haaren sagen, und zu der
+Falte um den Mund: »Du lächelst!« und das ist keine Lüge, sondern nur
+das Wunder der Liebe. Dieses Wunder häufiger zu machen, liegt zu einem
+guten Teil in der Hand der Frauen, und wenn ich zuerst die Männer
+angeklagt habe, so mögen es auch die Frauen dulden, wenn ich sie -- nicht
+etwa gleichfalls anklage, sondern nur ein klein wenig ins Gebet nehme.
+Da möchte ich nun sagen, daß viele Frauen die Kunst nicht verstehen,
+mit dem Alter sich auf einen freundschaftlichen Fuß zu setzen, daß sie
+bald zu alt sind für ihre Jahre, bald zu jugendlich (nicht etwa zu jung)
+für ihr Alter. Ferne sei es von mir, den Schulmeister zu spielen, wozu
+mir die Natur jede Anlage versagt hat, und den Schulmeister vollends
+gegenüber den Frauen, die einen Pedanten höchstens heiraten, aber nie
+von ihm lernen; ich will nur einige Meinungen mitteilen, die sich um das
+angeschlagene Thema drehen -- Meinungen, die ebenso schlicht als
+unmaßgeblich sind. Es ist heute Weihnachtsabend, das Fest der Kinder und
+jungen Leute, und wenn ich von meinem Papier aufsehe, erblicke ich, in
+Gläser gestellt, schlanke Barbarazweige, welche die grünen Augen öffnen,
+und die rührende Jerichorose, die, gestern noch dürr und kahl, im Wasser
+aufquillt und ihre Dolden füllt. Ich kann heute an nichts Altes glauben,
+am wenigsten an das Alter der Frauen.
+
+Als die natürlichen Verwalterinnen der Schönheit und der Anmut glauben
+die meisten Frauen ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen zu sein, sobald
+die Jugend von ihnen gewichen ist, und sie lassen sich entweder fallen
+oder bilden sich eine künstliche Jugend an. Beides ist falsch und
+entstellt die Frauen. Was nicht einmal in der Dichtung und Kunst gültig
+ist, wo jedes Alter seine ihm eigentümliche Schönheit entfaltet, wie
+kann das Geltung haben auf dem der Sinnlichkeit doch mehr entfremdeten
+sittlichen Gebiete? Auch im Wohlwollen und in der Güte kann Schönheit
+und Anmut liegen, und man spricht nicht umsonst von einer sittlichen
+Grazie. Es ist mein Lieblingswort, daß jedes Alter seine Jugend habe und
+daß es nur darauf ankomme, sich aus der einen Jugend in die andere
+hinüberzuretten. Ein reifes Mädchen wird eine junge Mutter, und sie kann
+jung bleiben bis hinauf zur Großmutter und Urgroßmutter. Das
+Entscheidende liegt nur immer darin, daß man die Gesinnung seines Alters
+habe (#l'esprit de son âge#). Man muß sich gegen die anrückenden Jahre
+weder trotzig stemmen, noch ihnen feige weichen; wer sich ihnen
+widersetzt, den schleppen sie bei den Haaren mit sich; wer ihnen aber
+freundlich entgegengeht, den führen sie freundlich an der Hand. Das
+schlimmste aber ist und den Männern gegenüber das allerunklugste, wenn
+eine Frau vor dem Alter sofort die Waffen streckt; das macht am
+ältesten, denn die Frau, die sich gegen ihren Feind verzweifelt wehrt,
+wird wenigstens für kurze Zeit, freilich mit einem um so heftigeren
+Rückschlag, die Schönheit der Energie besitzen. In vielen Fällen ist es
+die Angst vor dem Alter, welches die Frauen altern macht; sie verzehrt
+das Kapital der gegenwärtigen Kraft und macht leichtsinnig Anlehen bei
+einer späteren Altersstufe. Die Jugend in das Alter hineinzuziehen oder
+das Alter vorwegzunehmen, kleidet eine Frau gleich übel. Gefallend kann,
+ja muß sie immer sein; Gefallsucht aber macht das Alter älter. Die Kunst
+der Einfachheit sollte sich mit der größeren Reife immer mehr
+vervollkommnen. Keine Koketterie haben, ist auch eine, und vielleicht
+die feinste. Damit kann sich ein Zug von Mädchenhaftigkeit verbinden,
+eine bei aller Erfahrung erhaltene Unschuld und Frische der Seele, die
+ich schon bei siebzigjährigen Frauen angetroffen und bewundert habe. Daß
+das Alter schlechter macht, könnte man gewissen Erscheinungen gegenüber
+wohl glauben; aber man kann mit derselben Berechtigung wohl sagen, daß
+es besser mache. Das Wahre an der Sache wird aber wohl sein, daß das
+Alter weder schlechter noch besser macht, sondern einfach alle
+Geheimnisse des Charakters aus dem Menschen heraustreibt. Die Aufgabe
+der Frau wird es sein, solche hervorschießende Spitzen des Charakters an
+sich und anderen umzubiegen. Um sich aber unter allen Umständen jung zu
+erhalten, pflege sie bei sich eine Liebe, ein Interesse, welches sie für
+die Welt nicht absterben läßt. Ein Weib ohne Liebe gibt sich selbst auf,
+denn ob sie jünger oder älter sei, die Liebe ist das große Geschäft
+ihres Lebens. Auch höheren geistigen Interessen, die doch das Salz der
+Seele sind, bleibe sie nicht fremd, und was in Literatur, Kunst und im
+großen Weltleben sich regt, trete immerhin an sie heran. Die Feder
+benütze sie nur zum Briefschreiben, worin die Frauen Meister sind; denn
+literarische Hervorbringungen sind mit einer Verletzung der weiblichen
+Schamhaftigkeit verknüpft, welche kaum durch die große Bedeutung des
+Hervorgebrachten entschuldigt wird. Eine gute und anmutige Frau, welche
+nicht dichtet, steht mir höher als eine dichtende Frau, denn sie ist
+selber ein Gedicht.
+
+Das sind nur einige Schlagworte zur Kunst, jung zu bleiben; aber ich
+werfe sie getrosten Mutes aus, daß sie als gesunder Samen in den Herzen
+der Frauen wuchern mögen. Ich kann nicht weiterschreiben, denn ich höre
+das Rauschen des Tannenbaumes, und der ahnungsvolle Duft der Wachskerzen
+zieht mich vom Schreibtisch. Das ist ja das schöne Fest der Jugend und
+der Alten, die jung geblieben sind.
+
+ (Am 25. Dezember 1875)
+
+
+
+
+'s Rickele von Munterkingen
+
+Ein philologisches Idyll
+
+
+#Dr.# Conrad Schwälble, ein schwäbischer Privatgelehrter, der von der
+Theologie hergekommen -- denn damals war jeder gebildete Württemberger
+Theologe oder Theologe wenigstens gewesen -- hatte von einer Stuttgarter
+Verlagsbuchhandlung die Aufgabe übernommen, den Text von Schillers
+Werken zu säubern, in sorgsamer Abwägung des Wertes der verschiedenen
+Lesarten eine sogenannte kritische Ausgabe herzustellen. Zu diesem
+Behufe hatte er in dem benachbarten Cannstatt eine kleine, stille
+Wohnung gemietet, die nahe unter dem Dache lag und nur mit einem schräg
+angebrachten Guckfenster auf den vorüberfließenden Neckar hinaussah.
+Überdies hatte er sich sein Bäschen Friederike, kurzweg 's Rickele
+genannt, aus ihrem gemeinsamen Geburtsorte Munterkingen als Gehilfin
+verschrieben, ein blühendes Mädchen von achtzehn Jahren, ganz in der
+heimatlichen Mundart groß geworden, aber mit einem ausgesprochenen Sinn
+für das Höhere und Edlere, wie es in den Büchern zu finden ist. Da sie,
+frühzeitig verwaist, von jung auf das bittere Brot der Fremde
+geschmeckt, folgte sie freudig dem Rufe des verwandten Mannes. Als sie
+bei dem gelehrten Vetter einzog, brachte sie die volle ländliche
+Atmosphäre mit sich, und sie selbst sah so dorfgeschichtlich aus, daß
+Schwälble sie mit einigem Befremden willkommen hieß. Die
+hinaufgestrichenen Haare krönte ein steiles, spitzes Häubchen, von
+welchem lange breite Bänder, schwarz und an den Rändern ausgezackt, über
+den ganzen Rücken bis an die Gangadern herabflossen, den anmutigen Busen
+hielt ein verschnürtes Mieder mit weißen Spitzen, und der Rock war so
+kurz bemessen, daß er die Knöchel sehen ließ. Jeder andere, als
+Schwälble, wäre von dieser freundlichen Mädchenerscheinung gerührt
+gewesen; da er sich aber selbst aus bäuerlichen Verhältnissen
+herausgearbeitet, wollte er an das »Kafferntum«, wie er sich studentisch
+ausdrückte, nicht gern erinnert sein. Als er daher sein Bäschen zu ihrem
+künftigen Berufe, der darin bestand, ihm bei der Herstellung kritischer
+Texte behilflich zu sein, vorbereitete, legte er ihr den Wunsch nahe,
+sie in städtischer Tracht um sich zu sehen, die sich nicht nur für
+Cannstatt, sondern auch für Schiller besser schicke. »Du mußt auch die
+Toilette deiner höheren Aufgabe tragen!« rief der Philolog aus, um den
+Ehrgeiz des Mädchens zu stacheln. Wie nun das andere Geschlecht die
+Veränderung und die Maskerade liebt, war Friederike nicht besonders
+schwer zu bewegen, ihre bisherige Hülle abzustreifen und moderne
+Kleidung anzulegen, in die sie -- von einer gewissen steifen Grazie
+abgesehen -- rascher, als man hätte glauben sollen, hineinwuchs; doch in
+bezug auf das, was er ihre künftige Aufgabe nannte, stieß er auf einigen
+Widerstand von ihrer Seite. Ihre literarische Kunde beschränkte sich
+auf Bibel, Gesangbuch und auf die Gedichte und Schauspiele Schillers,
+die sie jahrelang mit steigender Begeisterung gelesen hatte, wenn sie,
+in fremdem Dienste, unartige oder kranke Kinder auf ihren Armen
+beruhigte oder einschläferte. Nun konnte sie mit ihrem Enthusiasmus, der
+ins Große und Ganze ging, die scheinbar kleinlichen Bemühungen ihres
+Vetters nicht vereinigen, die darauf hinausliefen, jedes einzelne Wort
+Schillers, das je geschrieben oder gedruckt worden, aufs Korn zu nehmen
+und auf seine Richtigkeit zu prüfen. Schreibfehler, Druckfehler -- welche
+Kleinigkeit einem Genie gegenüber, das uns ja gerade über alle Grenzen
+des Verstandes hinausreißt! Schon einmal sei man bestrebt gewesen, ihr
+den Schiller zu verleiden. Sie habe sich aus seinen Dichtungen ein
+persönliches Bild von ihm gemacht, so schön, so glänzend, wie das keines
+andern Mannes. Nun habe ihr eines Tages der Barbier von Munterkingen,
+als er einem ihrer Pfleglinge Blutegel setzte, mit einer gewissen
+boshaften Beflissenheit mitgeteilt, daß Schiller ein langer,
+unbeholfener Mensch mit schlottrigen Knien gewesen, daß er rotes Haar,
+Sommersprossen, entzündliche Augen gehabt und daß er leidenschaftlich
+Tabak geschnupft habe. »Himmel und Erde,« habe ich ausgerufen, »das ist
+nicht wahr, und hab' es auch nie wahr sein lassen. _Meinen_ Schiller
+trägt der italienische Figurenmann auf dem Kopfe herum, _mein_ Schiller
+steht auf dem Alten Schloßplatze in Stuttgart, gar net davon zu reden,
+wie fescht er steht in meinem Innerschten. Ich brauch' keinen Schiller
+für Bartputzer und Knochenhauer!...« So konnte Friederike, als die echte
+Landsmännin des jugendlichen Schiller, zum Verdrusse und Schrecken ihres
+Vetters blitzen und wettern. Man kann sich denken, wie sie sich als arme
+Sünderin und verdammte Seele fühlte, wenn Schwälble aus einem
+Manuskripte oder einer ersten Ausgabe Schillers vorlas und sie, ihm
+gegenüber in einer andern Ausgabe nachlesend, von allen Unterschieden
+der Interpunktion und Schreibung Rechenschaft geben mußte. Sie hieß
+dieses Geschäft zum größten Ärger ihres Vetters »die Purpurgewänder
+Schillers auftrennen«. »Was Ypsilon oder I,« konnte sie dann erzürnt
+ausrufen, »was Strichpunkt oder Doppelpunkt -- der Dichter bleibt der
+Dichter, und ein verdächtiges Wort -- verschrieben oder verdruckt -- macht
+uns selbst zum Dichter! Wenn ich einmal verheiratet bin, schaffe ich mir
+einen Reutlinger Nachdruck Schillers an, und ich freue mich schon im
+voraus, wie ich mich an diesem saftigen Unkraut erholen werde ...«
+Solchen leidenschaftlichen Ausbrüchen gegenüber, denen er freilich, ganz
+im Hintergrunde seines Wesens, eine gewisse Berechtigung nicht
+absprechen konnte, ließ sich Schwälble mit Salbung über die Würde des
+Textkritikers aus, und gerne bezeichnete er mit den Worten des größten
+deutschen Meisters dieser Wissenschaft und Kunst als die Aufgabe der
+philologischen Kritik: »den Schriftsteller selbst sich so ähnlich als
+möglich zu machen«. Dergleichen Worte glitten an dem Bäschen spurlos ab,
+der er ins Gesicht sagte, daß sie keinen Wahrheitssinn habe. Das ließ
+sie einfach auf sich beruhen, doch brachten es Zeit und Gewohnheit mit
+sich, daß sie sich mit ihrer Beschäftigung aussöhnte und sie mit nicht
+mehr Aufwand von Gedanken betrieb, als Nähen und Stricken. Auch sprach
+sie von beendigten Bänden als von fertig gestrickten Strümpfen.
+
+So waren sie vom frühesten Frühling an bis in den Sommer hinein fleißig
+gesessen und hatten Schillers Gedichte und Dramen sämtlich ins Reine
+gebracht. Nun nahmen sie die Prosa-Schriften in Angriff. Es war an einem
+heißen Juli-Nachmittag, als sie Schillers Abhandlung: »Von den
+notwendigen Grenzen des Schönen, besonders im Vortrage philosophischer
+Wahrheiten«, zu lesen begannen. Auf dem Tische von Friederike, die dem
+Guckfenster gegenübersaß, stand eine Schüssel saurer Milch, und daneben
+hatte sie sich, wenn etwa Durst und Hunger mahnten, dünne Schnitten von
+Hausbrot zum Eintunken zurechtgelegt. Schwälble seinerseits machte sich
+mit einer mächtigen Tabakspfeife, einem sogenannten System, zu schaffen:
+langes Weichselrohr, Porzellankopf mit ausgeschweiftem Wassersack,
+beweglicher Schlauch und unendlicher Mundspitz. Er hatte sie mit gelbem
+Knaster gestopft und paffte jedesmal, so oft er ein Komma fehlen ließ
+oder einen Schlußpunkt markierte; wenn eine Stelle längeres Nachdenken
+in Anspruch nahm, ließ er den Rauch langsam durch die Nase streichen. So
+begann Schwälble mit breitem Behagen zu lesen, und das Bäschen
+unterbrach ihn, wo die beiden Lesarten nicht stimmten. Darauf schrieb
+er, um die echte Lesart in den Text aufzunehmen und die unrichtige oder
+verdächtige in die Anmerkungen zu verweisen. Kaum aber hatten sie ihre
+Arbeit aufgenommen, als vom Neckar herauf laute Stimmen erschollen, die
+im Chorus das Lied sangen: »Und der Reutelinger Wein ist ein guter,
+guter Wein, denselben wollen wir trinken und eineweg lustig sein!«
+Friederike, die den Blick sofort durch das Guckfenster schießen ließ,
+gewahrte unten ein Schiff voll Tübinger Studenten, von denen einer auf
+das Vorderteil des Fahrzeuges gesprungen war und die Mütze gegen ihr
+Fenster schwenkte. Sie wurde rot und schlug die Augen nieder. Schwälble
+aber, dem bei dem Gesange der alte Student ins Blut geschossen war,
+schaute vom Buche auf und murmelte vor sich hin: »Eineweg lustig sein!«
+Dann las er weiter und weiter, ohne zu bemerken, daß die Bemerkungen des
+Bäschens immer seltener wurden und zuletzt ganz aufhörten. Er kam zu der
+Stelle der Schillerschen Abhandlung: »Bei dem wissenschaftlichen
+Vortrage werden die Sinne ganz und gar abgewiesen, bei dem schönen
+werden sie ins Interesse gezogen. Was wird die Folge davon sein? Man
+verschlingt eine solche Schrift, eine solche Unterhaltung mit Anteil,
+aber wird man um Resultate gefragt, so ist man kaum imstande,
+Rechenschaft davon zu geben. Und sehr natürlich! denn die Begriffe
+dringen zu ganzen Massen in die Seele, und der Verstand erkennt nur, wo
+er unterscheidet; das Gemüt verhält sich während der Lektüre viel mehr
+leidend als tätig, und der Geist besitzt nichts, als was er tut ...« Und
+Schwälble wiederholte mit Nachdruck: »Als was er tut,« indem er von
+Friederike eine Gegenäußerung erwartete. »Bäsle,« fragte er sie endlich,
+»hast du in deinem Text _tut_ oder _tat_?« Da keine Antwort erfolgte und
+er nach ihr schaute, sah er sie zu seinem Schrecken eingenickt und die
+vollen Schlummerrosen auf ihren Wangen blühen.
+
+»Du schläfst?« rief Schwälble scharf aus, indem er das Mädchen beim Arme
+ergriff. Und als sie, sich ermunternd, ihre treuherzigen braunen Augen
+weit aufschlug, wiederholte er mit dem Ausdrucke tiefsten Unglückes: »Du
+schläfst!« Hierauf, als sich ihm in seiner philologischen Angst das Bild
+seines Stuttgarter Auftraggebers plötzlich stellte, faßte er seinen
+Schmerz in die Worte zusammen: »O Rickele, was wird der Herr von Cotta
+sagen!«
+
+An der Ruhe der anmutigen Sünderin entzündete sich Schwälbles Zorn, und
+in der Aufregung seines Gemütes trat der volle Schwabe auf seine Lippen.
+»Noi, noi,« brach er los, indem er vom Stuhle aufsprang und die Stube
+mit starken Schritten maß, »noi, d' Weibsbilder hent koi
+wisseschaftlichs G'wisse! Was wißt ihr, mit euren Zöpfen und
+verhimmelten Augen, wie es einem Philologen zumut ist! Mir geht ein
+unterdrückter Doppelpunkt, ein unterschlagenes Ausrufungszeichen im
+Wachen und Traume nach, wie einem Mörder das Gespenst eines
+Erschlagenen. Ein Buchstabe zu viel oder zu wenig versalzt mir die
+Suppe, vergällt mir den Wein. Für solche Gemütsleiden habt ihr kein
+Verständnis, kein Gefühl!«
+
+In ihrer Verlegenheit hatte Friederike eine Brotschnitte in die Milch
+getaucht und aß sie langsam ab. Schwälbles Donnerwetter ging nach einer
+Weile in einem warmen Regen nieder. Er setzte sich wieder zu Friederike,
+und indem er seine Hand auf die ihrige legte, fragte er sie mit
+freundlicher Stimme: »Sag, Bäsle, wo hast du denn hingedacht?« Und sie
+erzählte ihm hierauf, daß ihr bei seinem Lesen nach und nach die Sinne
+vergangen seien; daß sie an einem murmelnden Bache zu sitzen meinte, der
+manchmal aufrauschte und manchmal schwieg, und wie sie im Halbschlummer
+einen warmen Hauch in ihrem Gesichte fühlte, und wie dann, als sie die
+Augen öffnete, ein Mann von ihr gegangen und, schön wie eine
+überirdische Erscheinung, mit leuchtendem Haupte in der Abenddämmerung
+verschwunden sei. Schwälble lachte auf und meinte, der Engel habe wohl
+ausgesehen wie ein Tübinger Stiftler in den Ferien: schwarz und weiß
+gewürfelte weite Beinkleider mit hängenden Quasten und eine bunte Mütze
+auf dem Kopfe. Ein »forscher« Himmelsbürger! »Er wird wohl aus
+Munterkingen gebürtig sein und Fritz geheißen haben.« Friederike, die
+leicht errötete, sagte nicht nein, und da der Bann einmal gebrochen und
+der Name ihres lieben Munterkinger Kameraden, der sie erst noch vorhin
+vom Neckar heraufgegrüßt hatte, genannt war, rückte sie mit einer Bitte
+heraus, die ihr schon lange auf dem Herzen gelegen. »Du, Vetter,« sagte
+sie, »sei nicht bös; aber der Staudenmayer Fritz hat mir einen Spruch in
+mein Stammbuch geschrieben, den ich nicht lesen kann. Er sieht so dumm
+aus, er muß griechisch oder gar hebräisch sein.« Sie reichte dem Vetter
+das aufgeschlagene Buch, worin geschrieben stand:
+
+ _Munterkingen_, 1. Mai 1846.
+
+ [Greek: ... nyni de menei pistis, elpis, agapê,
+ ta tria tauta; meizôn de touton hê agapê.]
+
+ _Friedrich Staudenmayer_,
+ #Cand. theol.#
+
+Schwälble las mit Wohlgefallen an dem Klang der Worte: #Nyni de menei
+pistis, elpis, agape, ta tria tauta; meizon de tuton he agape.# »Diesen
+Spruch, Bäsle, mußt du dir, deines Leichtsinns wegen, ein wenig
+verdienen. Sprich mir nach und übersetze mit mir! Also: #Nyni# nun, #de#
+aber -- oh, könnt' ich dir die Bedeutung der Wörtchen #men--de#
+auseinandersetzen, die im Griechischen so schmuck und beziehungsreich
+sind, wie eure Ohrgehänge und Schürzenbänder. Doch weiter im Text! Also:
+#pischtis# -- sprich nur herzhaft #_pisch_tis# aus, obgleich die
+gezierten Norddeutschen #pistis# sagen. Was meinst du: wenn die alten
+Griechen die Wahl gehabt zwischen Berlin und Stuttgart, hätten sie nicht
+Stuttgart vorgezogen, schon um der fröhlichen Lage und des lieblichen
+Weines willen? Neckerwein, Schleckerwein! #Pischtis#, #elpis#, #agape#,
+Glaube, Hoffnung, Liebe; #ta# die, #tria# drei, #tauta# diese, zu
+deutsch: diese drei. #Meizon de#, das größere aber, oder sagen wir
+gleich: das größte aber --« »Halt,« fiel ihm hier Friederike ins Wort,
+»halt, ich hab's! Das Größte aber ist die Liebe. Das ist Paulisch'
+erster Brief an die Korinther, Kapitel dreizehn.« Und dann begann sie
+feierlich die ewigen Worte zu sagen: »Wenn ich mit Menschen- und
+Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes
+Erz oder eine klingende Schelle.« »Und wenn ich weissagen könnte,« fiel
+der Philolog ein, »und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis, und
+hätte allen Glauben, also, daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe
+nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe,
+und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir
+nichts nütze.« »Die Liebe ist langmütig und freundlich,« setzte wieder
+Friederike ein, »die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht
+Mutwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellt sich nicht ungebärdig, sie
+suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie trachtet nicht
+nach Schaden.« »Sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit,« fuhr der
+Vetter kräftig fort, »sie freuet sich aber der Wahrheit; sie verträgt
+alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.« Den
+Schlußvers aber ließ sich Friederike nicht nehmen: »Nun aber bleibet
+Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größeste
+unter ihnen!...« Die beiden guten Menschen hatten sich ganz warm
+gesprochen und ließen ruhig und selig ihre hohe Stimmung ausklingen. Es
+war so ruhig in der Stube, daß man den leisen Pulsschlag der Stille zu
+vernehmen meinte. Endlich brach Schwälble das Schweigen, indem er, wie
+für niemanden gesprochen, vor sich hinsagte: »Das ist ein Evangelium
+über dem Evangelium. Wenn auch sämtliche Kirchtürme stumm geworden, so
+werden diese Worte noch immer die Welt erschüttern und beglücken. Streut
+sie unter die Menge, und Religion wird euch entgegenwachsen.«
+
+Indessen ging in der Stube des Gelehrten die gewohnte Beschäftigung
+ihren ruhigen Gang, nur Friederike war trauriger gestimmt, als
+gewöhnlich, weil der Fritz aus Munterkingen, der sich doch vor etlichen
+Tagen so fröhlich gemeldet, nicht zum Vorschein kommen wollte. Sie hing
+trüben Gedanken nach, und als sie mit dem Vetter Schillers Briefe über
+die ästhetische Erziehung des Menschen kritisch säuberte, sagte sie
+sich, bei einer entstehenden Pause, ganz innerlich das melancholische
+Liedchen vor:
+
+ 's ischt no net lang,
+ Daß g'regnet hat,
+ Die Bäumle tröpflet no;
+ I han amal a Schätzle ghat,
+ I wollt, i hätt' es no --
+
+und siehe, das Liedchen wirkte wie eine Zauberformel. Es klopft, und
+Fritz Staudenmayer steht, ganz schwarz gekleidet, vor ihnen und lädt
+die Freunde zu seiner ersten Predigt ein, die er als Vikar in
+Munterkingen hält. #Dr.# Conrad Schwälble, der als Theologe das in
+Schwaben übliche Trauerspiel im Gemüte gehabt und als Geistlicher seine
+Erfahrungen gemacht hatte, ging nicht gern in die Kirche und versprach
+dem jüngeren Freunde, das Bäschen zu schicken, an dem ihm, wie er
+glaube, ohnehin mehr liege, als an ihm. Fritz und Friederike sahen
+einander errötend an. Schwälble hielt Wort, und Friederike saß in der
+Kirche, als Fritz zum ersten Male predigte. Er predigte über den Text:
+»Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe; aber die Liebe ist die
+größeste unter ihnen.« Ihr klangen die Ohren, und der junge Geistliche
+wußte mit seiner Beredsamkeit alles Menschliche in ihrem Gemüte dermaßen
+aufzuregen, daß sie vor Glück weinte. Nach der Predigt schlich sie
+seitwärts an den Bach, um mit ihrem vollen Herzen allein zu sein. Fritz
+ging ihr nach. Er traf sie an ihrem Lieblingsplätzchen, wo das Murmeln
+des Wassers sie diesmal an ihren lesenden Vetter erinnerte, der ihr leid
+tat, weil er die Gehilfin vermißte. Fritz sah ernst aus und sprach
+heiter, und in ihr, die ebenso ernst gestimmt war, brach wider ihr
+Gefühl der Mutwillen aus, und sie warf dem geliebten Manne die rasch
+erschnappten griechischen Brocken hin: #»Nyni de menei pischtis.«# --
+»Was, du kannst Griechisch?« rief er erstaunt aus. -- »O nein, Fritz, ich
+bin bloß der Papagei meines Vetters; aber wenn du es willst, so lerne
+ich Griechisch.« -- »Geh, Rickele, du bischt mehr wert, als der beschte
+griechische Klassiker ...!« So legte der Scherz den Ernst nahe, und
+Fritz fragte das erglühende Mädchen zum ersten Male, ob sie ihm für das
+Leben angehören wolle. Sie kämpfte mit sich selbst und brachte nur
+schwer die Worte hervor: »Fritz, ich muß dir etwas sagen, das ich dir
+bis jetzt verheimlicht habe. Ich habe ... im Schlaf ... im Traum ... ein
+Mannsbild ... geküßt. Nein, er hat mich geküßt ... aber ... ich habe
+rasch nachgeküßt. Ich habe treulos an dir gehandelt.« -- »Aber so besinne
+dich ein wenig, Rickele. War es nicht hier am Bach?« -- »Ja!« -- »Vor
+einem Jahre, zur Sommerszeit?« -- »Ja!« -- »In der Abenddämmerung?« --
+»Ja!« -- »O du liebes Kind, da bin ich der Sünder. Ich bin dir damals
+nachgeschlichen, habe dir halb schalkhaft, halb schüchtern einen Kuß
+geraubt und bin dann als ein glücklicher Betrüger davongegangen.« --
+»Gottlob!« rief Friederike erleichtert aus. »Da hat doch wieder einmal
+der Vetter recht gehabt: Der Engel ist ein Tübinger Stiftler gewesen.«
+Und an den jungen Mann sich wendend, fragte sie zärtlich: »Du, Fritzle,
+hascht me au a bissele lieb?« -- »O viel und ewig,« rief Fritz, indem er
+das Mädchen umarmte.
+
+Mit Schiller ging es ziemlich rasch zur Neige. Sie lasen und säuberten
+noch zusammen den Aufstand der Niederlande und den Dreißigjährigen
+Krieg; dann, während an der kritischen Ausgabe gedruckt wurde, arbeitete
+Friederike an der durch Schiller bezahlten Aussteuer. Als sie ihren
+ersten Knaben zum ersten Male ins Freie trug, kam auf der Post ein
+großes Paket an. Als es die Frau öffnete, fiel ein starker Band heraus,
+auf welchem zu lesen war: »Schillers sämtliche Werke. Historisch-kritische
+Ausgabe, besorgt von #Dr.# Conrad Schwälble« -- »und Friederike
+Staudenmayer« hatte der schalkhafte Vetter mit Bleistift dazu
+geschrieben. Die junge Mutter sah lächelnd zu ihrem Knaben auf.
+
+ (Am 24. Dezember 1882)
+
+
+
+
+Die Kunst, arm zu werden
+
+
+Als mein alter Kanarienvogel kurz vor Weihnachten wieder zu singen
+begann, dachte ich bei mir selbst: Das muß doch eine fröhliche Zeit
+sein, wenn selbst dieser betagte Herr, kaum einer gründlichen Mauser
+entgangen, sich ein neues goldenes Gefieder wachsen läßt und in die
+Stube hineinschmettert, daß einem die vier Wände fast zu eng werden. Und
+als ich ihm vollends ein duftiges Tannenreis in den Käfig steckte, da
+sang er immer heftiger, wobei er auf der hölzernen Sprosse langsam
+tanzte und seinen blaßgelben Flederwisch wie trillernd bewegte. Nach
+diesem Vogel zu schließen, sieht es in der Welt unendlich heiter aus.
+Freilich, er hat seinen Hanfsamen, sein frisches Wasser, sein Stückchen
+Zucker, und somit seine glückseligen Feiertage; aber für uns Menschen,
+wenigstens für die Mehrheit, ist er kein Verkünder gegenwärtigen
+Glückes, höchstens ein Prophet der Zukunft. Denn wenn man den Leuten
+durch das Fenster schaut -- nicht aus schnöder Neugier, sondern aus
+Teilnahme -- wird man leicht gewahr, daß die Weihnachtsfreude nicht aus
+dem Vollen schöpft. Es fehlen Äste an den Tannenbäumen, und die
+vorhandenen sind nicht so schwer behängt wie sonst; die Wachslichter
+scheinen nicht so lustig wie ehemals zu flimmern, und ihr Qualm legt
+sich wie beengend und beängstigend auf die Brust. Hinter dem Lächeln der
+Erwachsenen lauert die Sorge, und selbst die Kinder streifen mit
+scheuem Blick die Gaben des Festes, um fragend in die Augen der Alten zu
+schauen. Braucht man erst noch zu sagen, woher diese bängliche Stimmung
+kommt? Man kennt die alte Sage, wie das Gold sich in Kohle verwandelt.
+Die Sage ist zur Wirklichkeit geworden, daher der Kummer. In feuerfestem
+Verschluß sind die meisten Werte über Nacht verkohlt und verbrannt, und
+als man morgens öffnete, fand sich nur noch ein Häuflein Staub vor, der
+vor dem ersten Hauch in die Lüfte flog. Seit jenem Augenblick hängt es
+wie eine Aschenwolke über diesem Lande, und in diesem trüben,
+aussichtslosen Dunstkreis will das Volk fast verzagen. Mit verschränkten
+Armen steht die Staatsweisheit da und scheint über dieses Trauerspiel zu
+lächeln; sie gibt sich die Miene eines unschuldigen Kindleins und
+verläßt ihre bequeme Stellung nur, um mit ausgestrecktem Finger auf die
+Schuldigen zu deuten. Man spricht von einzelnen schuldigen Häuptern,
+wenn die beredsame Predigerin Not laut um Hilfe ruft! Man weist eine
+über den Dilettantismus hinausgehende ausgiebige Staatshilfe als ein
+sozialistisches Mittel zurück, während doch Handel und Wandel des ganzen
+Volkes daniederliegt! Was ist denn der Staat, wenn nicht die
+Gemeinsamkeit des Volkes? Und wenn der Staat dem notleidenden Volke
+beispringt, wem hilft er denn als sich selbst?... Ich überlasse die
+praktische Beantwortung dieser Fragen der Zukunft, indem ich zur
+Linderung der Not oder doch wenigstens zur Milderung der
+pessimistischen Anschauungen ein Hilfsmittel mehr moralischer als
+politischer Art empfehlen möchte. Dieses Hilfsmittel ist die Kunst, arm
+zu werden.
+
+Arm sein ist keine Kunst: man ist es eben, wie man blond ist oder braun;
+aber arm werden, oder vielmehr ärmer werden, sich mit einer Art Genuß
+von der Höhe des Wohlstandes herabgleiten lassen, indem man das Werk der
+Notwendigkeit in einen freien Entschluß verwandelt -- das ist eine Kunst,
+welche nur die wenigsten verstehen. Ich habe es als ein Mittel gegen die
+Seekrankheit erprobt, die Bewegungen des Schiffes mitzumachen, als ob es
+die eigenen wären. So auch bei einem empfindlichen Glückswechsel; man
+muß sich nicht gegen den Rhythmus einer solchen Veränderung stemmen,
+sondern ihm willig folgen. Um dieses zu können, dazu gehört freilich
+einiges, aber nicht gar zu viel: man muß das Talent besitzen, die Dinge
+mehr auf ihren inneren Wert als auf ihren Preis anzusehen. Wer die Welt
+mit so hellen Augen betrachtet, wird erfahren, daß er bei vielen, ja bei
+den meisten Einkäufen noch Geld übrig behält. Man kann kleines Kapital
+innerlich potenzieren, es fruchtbarer machen, indem man billigen Sachen
+einen Affektionswert beilegt. Dazu braucht man einige Phantasie des
+Herzens und jenen idealisierenden Blick, der nicht etwa übertreibt,
+sondern nur durch die Schale den Kern sieht. Wenn ich meine Seele in das
+geringste Ding hineinlege, so kann ich seinen Wert hundert- und
+tausendfach steigern. Das ist das Geheimnis der Liebe. Ich habe Wälder
+und Felder von unabsehbarer Ausdehnung verloren, aber mein Hausgärtchen
+ist mir geblieben mit seinem Lindenbaum und seinen Rosenhecken und
+seinen Salatbeeten; ich übersehe es leichter, ich kann es lieben, weil
+ich es umfassen kann. Ja, ich habe mein Hausgärtchen verloren, aber was
+hindert mich daran, den beglückten kleinen Großgrundbesitzer zu spielen,
+wenn ich die Blumen vor meinem Fenster begieße? Ein verschwundenes Glück
+läßt immer ein anderes nach, vielleicht kleiner als das vorige, aber nur
+klein und lieb wie die Kinder, und diese Perspektive des verkleinerten,
+aber nicht verminderten Glückes ist unendlich.
+
+Der moralische Zug unserer Zeit bewegt sich freilich nicht in der
+Richtung dieser Bescheidenheit und Selbstbescheidung. Das letzte
+Jahrzehnt hat eine verderbliche Krankheit ausgebrütet, welche die
+Gemüter auszudorren und jede sittliche Kraft zu lähmen drohte. Es ist
+die krankhafte Neigung, um jeden Preis Millionär werden zu wollen. »Das
+Vergnügen beginnt erst bei der zweiten Million,« konnte man wie oft
+sagen hören, während doch nach vielfacher Erfahrung die zweite Million
+die geborene Feindin der ersten ist. Aber man mußte nicht nur eine
+Million, man mußte Millionen haben, um auch die Sprößlinge des
+Millionärs zu Millionären machen zu können. Die Kinder so reich wie
+möglich in die Welt zu entlassen, das war fast der einzige
+Erziehungsgrundsatz. Als ich nach der bekannten Krisis mit einer Dame
+sprach, deren Vermögen einige Einbuße erlitten, zeigte sie sich um ihrer
+Kinder willen ganz aufgelöst und untröstlich. »Wo ich gehe und stehe,«
+sagte sie, »im Wachen und Schlafe ist es mir, als hörte ich meine kleine
+Marie bitterlich weinen!« Die arme Marie, sie wird sich schlimmstenfalls
+nur mit einer halben Million behelfen müssen! Aber so tief steckte die
+Millionärkrankheit den Leuten in den Gliedern, daß es sie unglücklich
+machte, ihre Nachkommen nicht als Millionäre durch die Zukunft schreiten
+zu sehen. Für den Unsegen der Million hatten sie keine Augen. Wie sie zu
+blindem Genuß trieb, alle Dinge dieser Welt nach dem Preiskurant
+taxierte, die Familienbande lockerte, davon wollte man nichts sehen; die
+größten Verwüstungen geschahen auf dem Felde der Liebe. Was allgemein
+begafft und bewundert wurde, eine Schauspielerin, eine Sängerin, eine
+Tänzerin, das mußte der Mann mit der gespickten Tasche sein eigen
+nennen. Nach den Reizen, die alle Welt kennt, stand sein Sinn; von dem
+Glück, ein Weib, einen Schatz zu besitzen, dessen Reize mein und nur
+mein heiliges Geheimnis sind, hatte er keine Ahnung. Und doch, wenn man
+den goldigen Schmetterling etwas näher betrachtete, besaß er denn in den
+meisten Fällen das leibliche und geistige Vermögen, um auch nur ein
+weibliches Wesen in seiner natürlichen und gemütlichen Tiefe und Fülle
+von Grund aus zu erkennen?
+
+Daß solche widerliche Erscheinungen vermindert worden, kann man als
+einen Segen der Krisis preisen. Die Kunst, arm zu werden, ist an den
+soeben geschilderten Leuten verloren. Ich denke mir als Zöglinge dieser
+Kunst ernstere, feinfühligere, bessere Naturen, welche begreifen, daß im
+Reichtum etwas wie eine Schuld liegt, und daß der Verlust des
+Überflüssigen eine Sühne für das noch Erhaltene bildet. Man muß sich auf
+kleineren und reineren Fuß einrichten und den verlorenen äußeren Glanz
+durch Herzensklugheit und einige Kunstgriffe des Gemüts zu ersetzen
+suchen. Und dann bleibt ja noch die Arbeit, dieses heroische Mittel, die
+Sorge zu vergessen und sie in ihren Wurzeln zu zerstören. Und soll
+Eigentum durchaus Diebstahl sein, so wollen wir es mehren durch redliche
+Arbeit und dabei uns denken: Ehrlich stiehlt am längsten ...
+
+Während ich aber so weise rede, hebt mein Kanarienvogel wieder zu singen
+an. Er läßt sich sein Recht nicht nehmen, fröhlich zu sein, und wie er
+die Lichter auf dem Weihnachtsbaum aufblitzen sieht, meint er, es werde
+Tag, und jubiliert wie eine Lerche. Am Ende hat dieser gute dumme Vogel
+doch recht. Wir sollen, das Notwendige mit Anmut tragend, uns freuen an
+diesem Festabend der kleinen und großen Kinder; wir sollen uns, schon um
+der lieben Frauen willen, zusammennehmen und die Sorge auf morgen
+vertagen. Es ist ja nicht der letzte Weihnachtsabend auf dieser Welt.
+Auch wir erleben bald wieder einen, wo wir singen und jubeln werden.
+
+ (Am 25. Dezember 1874)
+
+
+
+
+Zwei Kinder
+
+
+»Schau, Franzel,« sagte die kleine Marie zu ihrem noch kleineren
+Brüderchen, indem sie ihn am Fenster emporhob, bis er auf dem Sims
+stehen konnte, »schau, da drüben fliegt das Christkind, läßt einen
+Tannenzweig und ein Blättchen Gold fallen, und wo es fliegt, da wird es
+licht.« Und die beiden Kleinen sahen, warm aneinandergeschmiegt, in den
+schneefeuchten Abend hinaus, wo die Laternen trüb und schläfrig
+brannten, während am Rande des Himmels eine düstere Röte hing, die
+beständig zitterte und bald flammender aufschoß, bald wieder auf sich
+selbst zurückkehrte. Die Kinder weideten ihre Neugier an dem schönen
+Schauspiele, zwitscherten vergnügt wie die Vögel und brachen hin und
+wieder, wenn eine Funkengarbe in die Höhe prasselte, in ein helles
+Freudengeschrei aus. »Aber wenn das Christkind so lange da drüben
+bleibt,« sagte nach einer geraumen Weile der Knabe, »so kann es am Ende
+gar nicht zu uns kommen.« -- »O du dummer Franz,« erwiderte das Mädchen
+mit Überlegenheit, »das Christkind hat ja Flügel, und kaum hast du's
+gedacht, so ist es auch schon da.« Endlich taten den beiden Geschwistern
+die Augen weh vom vielen Schauen; Marie hob den Bruder, der am Fenster
+mit seinen Händen wie eine Klette hing, vom Sims herab, und sie kehrten
+wieder zum Tische zurück, auf dem sie, im freundlichen Scheine einer
+Hängelampe, ihr Spielzeug ausgebreitet hatten. Zwei Tage zuvor war St.
+Nikolaus gewesen, der sich in Deutschland auf die Bauerndörfer
+zurückgezogen, in Wien aber nie ohne Bescherung vorübergeht. Franz hatte
+seinem Nikolo mit der goldenen Bischofsmütze und einem dem seinigen
+ähnlichen Flachshaar schon ein Bein ausgerissen, um nachzusehen, wie es
+denn um das Fußwerk von so einem Heiligen stehe; seine braune Schwester
+dagegen -- feurig und treu, wie es die Brünetten zu sein pflegen --
+behandelte ihren pelzverbrämten Krampus, den sie schon morgens im Bette,
+da er wie vom Himmel gefallen neben ihr lag, mit einem zärtlichen »du
+schiecher Kerl!« begrüßt hatte, mit all der Hochachtung, die ein zwar
+häßlicher, aber in allen Stücken tüchtiger Mann allezeit verdient. Als
+sie so saßen und ihre beiden Mannsbilder eifersüchtig miteinander
+verglichen, faßte ein derber Windstoß das Haus, daß es bebte, und jagte
+das Ofenfeuer mit Flamme und nachqualmendem Rauche in die Stube. Die
+Kinder fuhren auf, und da das Feuer im Ofen zu summen und zu brummen
+anfing, was bekanntlich einen Familienverdruß bedeutet, so lief die
+kluge Marie nach der Salzbüchse und streute eine Handvoll Salz auf die
+Glut, die sich unter ihrem Zuspruche: »Nicht schelten, nicht zanken!«
+langsam beruhigte. Franz stand mit gespreizten Beinen und die Hände auf
+dem Rücken, wie er es oft von seinem Vater gesehen, dabei und sagte mit
+einem Tone, der so tief war, als er ihn aus seiner kleinen Brust
+heraufholen konnte: »Du dummes Feuer!«
+
+Vom Spiel ermüdet, bat Franz, indem er halbschläfrig in das Licht
+blinzelte, sein Schwesterchen, ihm eine Geschichte vorzulesen, da er
+wohl wußte, daß ihm dann der Schlaf ganz gelingen würde. Marie begann zu
+lesen: »Vorzeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden
+Tag: 'Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!' und kriegten immer keins ...«
+Kaum hatte Marie diesen Satz gelesen, als eine so blendende Helle zum
+Fenster hereinkam, daß die Amsel, die in einer Ecke im Käfig
+schlummerte, aufwachte und stark zu schlagen begann. Die Katze, die gute
+Troll, kam vom Ofen hervor und gähnte. Franz aber rief: »Das Christkind!
+Das Christ ...« Sein Ruf wurde durch einen gellen Schrei der Schwester
+erstickt, die zum Fenster gelaufen und von dem Anblicke und dem Lärm der
+Straße bis in die Füße hinab erschrocken war. Sie hielt sich krampfhaft
+am Fensterbrette, starrte einen Augenblick wie versteinert hinaus, wo
+sich auf der Gasse die Leute drängten, fieberhaft dahinrollende Wagen
+rasselten, gellende Signale erschollen und, wie immer, wo sich Haufen
+sammeln, ein schriller Pfiff dem andern antwortete; dort aber, wo ihr
+noch vor kurzem eine fröhliche Abendröte aufgegangen war, sah sie die
+Balken und Sparren eines mächtigen Dachstuhles brennen. »Es brennt,
+Franzel!« rief sie aus, als der Bruder sich in seiner Angst an ihren
+Rock gehängt. »Und ach!« fuhr sie fort, indem ihre Stimme zum Weinen
+herabsank, »wo wird die Mutter jetzt sein?« Nach dem Vater fragte sie
+nicht, denn den Vater dachte sie sich immer zusammen mit der Mutter.
+»Sie sind ja ins Theater gegangen,« sagte Franz, »und im Theater ist es
+ja so schön.« Aber auch ihm schon ging es, als wollte das Weinen kommen,
+bitter durch die Nase, und als die Schwester, durch das Wort »Theater«
+aufgeschreckt, mit einem raschen Gedanken nach der Gegend des Brandes
+schaute, ergriff sie eine namenlose Angst, und sie brach mit dem kleinen
+Bruder, der an ihr hinaufschaute, in ein heftiges Weinen aus.
+
+Jetzt erst merkten sie, daß sie allein waren. Sie riefen nach der Magd --
+sie war nicht zugegen; sie versuchten sich an der Haustür -- sie war
+geschlossen; es half nichts, daß sie gegen die Tür schlugen -- niemand
+hörte sie. Da öffnete Marie ein Fenster und rief die Vorübergehenden um
+Hilfe an. Endlich befreite sie ein fremder Mann, der die Tür eingedrückt
+hatte und, da er Geschäfte hatte, rasch wieder von dannen ging. Die
+Kinder waren frei, und ihr erster Gedanke war, ihre Mutter zu suchen. Da
+gingen diese zwei armen Wiener Kinder barhäuptig hinaus auf die Straße.
+Es fiel ein regnichter Schnee, der rasch auf der Erde zerging und einen
+naßkalten Schauer aufsteigen ließ, der bis ins Mark drang. Die
+Geschwister, fest Hand in Hand, schoben sich durch die drängenden Haufen
+und gelangten, von der allgemeinen Strömung mitgenommen, in die Nähe der
+Brandstätte. Am Schottenring, wo die hohen Häuser wie im Feuer
+vergoldet standen, fragte die kleine Marie, die als echtes Stadtkind im
+allgemeinen Lärm und Gedränge den Mut wiedergefunden hatte, einen Mann,
+dessen Seitengewehr ihr Achtung einflößte, ob er ihre Mutter nicht
+gesehen hätte. Sie sei drinnen im Theater, sagte das Kind, er möge sie
+herausholen und ihr sagen, daß die Marie und der Franz da seien. Allein
+der Mann mit dem achtungswürdigen Seitengewehr ließ die Kleinen hart an,
+indem er meinte, es brenne da nur ein Haus und Menschen seien nicht
+darin. Als die Kleinen von einer hohen Obrigkeit so schnöde abgefertigt
+wurden, näherte sich ihnen ein ältlicher Mann und eine ältliche Frau,
+und nachdem sie sich erkundigt, auf welchem Stadtgrunde die Kinder
+daheim seien, nahm der Mann das Mädchen, die Frau den Knaben bei der
+Hand und führten sie aus dem Gedränge in ihre Straße und Wohnung zurück.
+Die Haustür war noch offen, und während der Mann Erkundigungen über die
+Eltern einzog, brachte die Frau die beiden Kinder, die vor Frost
+zitterten und fieberten, zu Bett. Ein Arzt wurde geholt, die Kinder
+schliefen ein. Die beiden Fremden, zwei Wiener Bürgersleute voll
+Rechtschaffenheit und Güte, wachten bei den Kleinen. Es war eine lange,
+bange Nacht. Niemand kam nach Hause, auch nicht die Magd. Nach einer
+unbegreiflichen Sicherheit schwirrten unheilvolle Gerüchte durch die
+Luft, und bald wurden Tatsachen bekannt, die Trauer, Angst und Schrecken
+durch die Stadt trugen. Zuletzt kein Zweifel mehr, daß hundert
+Menschen, ja Hunderte von Menschen im Ringtheater ihr Flammengrab
+gefunden.
+
+Da die Kinder ernstlich krank wurden, richteten sich Herr und Frau Huber
+-- so hießen die guten Leute -- in der Wohnung ein. Wie sie nun zusammen
+am Bette der Kranken saßen, so erinnerten sie sich, wie sie auch einst
+einen Buben und ein Mädchen gehabt, die ihnen aber jung gestorben, und
+bei aller Empfindung für das Unglück ihrer Schutzbefohlenen tat es doch
+ihren alten Herzen wohl, daß sie wieder Kinder hatten; denn daß sie von
+diesen Waisen nicht mehr verlassen würden, war vom ersten Augenblicke an
+eine nicht anders zu denkende Sache. Sie saßen am Bette, lachten und
+weinten, küßten bald die Kinder, bald einander selbst, und so wurden sie
+ihre eigentlichen Kinder. Als Marie und Franz sich wieder erholten,
+teilte ihnen Frau Huber mit, daß ihre Eltern auf einer Reise begriffen
+wären, und daß die Kinder, bis zur Zurückkunft von Vater und Mutter, zu
+ihren Pflegeeltern übersiedeln müßten. Marie machte große Augen, und
+indem sie nach der Tür sah, weinte sie still vor sich hin. Sie drückte
+der guten Frau die Hand. »Und du, Franzel,« sprach die Frau zu dem
+Knaben, »bin ich nicht deine Mutter?« -- »Du meine Mutter,« antwortete
+er, »du hast ja graue Haare und Falten im Gesichte, und meine Mutter
+hatte braune Haare und rote Backen.« Die gute Frau lächelte und küßte
+den Knaben, der es sich gefallen ließ.
+
+In der neuen Wohnung war Franz bald zu Hause. Altes Spielzeug, welches
+Frau Huber noch von ihren Kindern her aufgehoben hatte und immer um die
+Weihnachtszeit zur Erinnerung hervorholte, nahm seine ganze
+Aufmerksamkeit in Anspruch. Zu jung, um ein gutes Gedächtnis zu haben,
+lebte er ganz in der Gegenwart. Mit Vorliebe bestieg und tummelte er das
+Steckenpferd, und da die Kindertrompete den Ton verloren hatte, so
+schrie er ihn in sie hinein, und mit Begeisterung blies er das Wiener
+Feuersignal, wie er es in jener schaurigen Dezembernacht gehört hatte.
+Marie dagegen, älter, gescheiter und schon des Lesens kundig, ward immer
+stiller und nachdenksamer. Eines Abends war ihr von der brennenden Kerze
+ein Funke auf den Rücken der Hand gefallen; sie ließ ihn ruhig und ohne
+einen Augenblick zu zucken auf der Haut verglimmen und sann nach über
+den Schmerz, den es verursachte, und dachte an ihre Mutter, die nicht
+zurückkehren wollte. Das Mädchen kränkelte innerlich; ein Licht konnte
+sie erschrecken, das Prasseln eines Zündhölzchens konnte ihr Angst
+einflößen. Endlich machte sie ein Traum ruhiger und heiterer. Sie war in
+einem festlich erleuchteten, großen Raume, in welchem viele Menschen
+saßen. Plötzlich war der Raum von Flammen erfüllt, daß man vor Helle
+nicht mehr sah, und ebenso plötzlich trat einen Augenblick nachher eine
+so tiefe Finsternis ein, daß das Feuer aus den Augen zu fahren schien.
+Marie fühlte sich von einer oft stockenden Menschenströmung fort- und
+abwärts, dann wieder aufwärts getragen. Als sie dann einen engen,
+finstern Gang entlang ging -- und die Finsternis wurde dick, wie zum
+Greifen -- hörte sie etwas, das das Ohr vor Entsetzen kaum zu fassen
+vermochte: ein Stöhnen und Wimmern, als ob Tausende hingewürgt würden.
+Sie ging langsam weiter, wie wenn Blei in ihren Gliedern wäre, denn es
+biß wie unendlicher Rauch in die Augen, und die Luft war schwer und
+säuerlich und trieb den Atem in die Brust zurück. Am Ende des Ganges
+schlug ihr himmelhohe Feuerlohe entgegen, und als sie, sich versengt
+fühlend und am ganzen Leibe glühend, eben sich zurückwenden wollte,
+hörte sie eine Stimme, die süßer klang, als keine auf der Welt. Sie rief
+sie mit Namen: »Marie! Marie!« Und Marie eilte durch die Flammen, sah
+vom Feuer umgeben die Mutter, stürzte sich in ihre ausgebreiteten Arme,
+und als das Kind in den Mutterarmen lag, fächelten die Flammen ihr
+Kühlung zu, und nichts brannte, als der süße Mutterkuß auf dem Munde des
+armen und seligen Kindes ...
+
+Von dieser Stunde an ward Marie ruhiger und gelassener. Sie fing an,
+sich an ihre guten Pflegeeltern inniger anzuschließen, und der
+leichtherzige Franz fand an ihr wieder seine Spielkameradin. Als die
+guten Leute den Christbaum anzündeten und der Franz vor Wonne jauchzte,
+stand auch Marie mit freundlichem Anteil dabei. Sinnend und sinnig sah
+sie zu, wie die Lichter am Baume mit den grünen Nadeln spielten und
+spitzige Flämmchen in die Luft bliesen. Sie weinte nicht, aber die
+Augen wurden ihr feucht.
+
+Die braven Wiener Bürgersleute herzten und küßten die Kleinen, und indem
+sie in heißem Gebete zum Himmel flehten, er möge künftighin ihre
+geliebte Vaterstadt nicht mehr mit Feuer heimsuchen, priesen sie die
+Vorsehung, die es verstanden, mitten aus dem Unheile heraus für ihre
+alten darbenden Herzen ein unerwartetes Glück zu schaffen.
+
+ (Am 25. Dezember 1881)
+
+
+
+
+Ohne Mutter
+
+
+Als ich heuer den ersten Schnee fallen sah und sommerlich gekleidete,
+leicht beschuhte Kinder erblickte, die blaß und bekümmert über die
+Straße wateten, summte mir unaufhörlich die Erinnerung an ein rührendes
+Ereignis durch den Sinn, das in meiner Knabenzeit großes Aufsehen erregt
+hatte, um, wie das selbst bei den wichtigsten Dingen zu geschehen
+pflegt, rasch wieder vergessen zu werden. Es war die Geschichte eines
+Zwillingspaares, eines Knaben und eines Mädchens, die zur Winterszeit
+auszogen, eine Mutter zu suchen, und nach einigen Tagen im Walde
+erfroren aufgefunden wurden. Ich habe die beiden Geschwister wohl
+gekannt, die braune Mali, die so schwere dunkle Zöpfe auf dem Rücken
+trug, und den blonden Conrad mit den schlichten Haaren und den
+treuherzigen blauen Augen. Ich bin oft mit ihnen in die Erdbeeren
+gegangen, habe mit ihnen Schmetterlinge gejagt, und im Winter haben wir
+einander mit Schneeballen geneckt und sind dem edlen Sport des
+Schlittenfahrens mit Leidenschaft obgelegen. Da sie hübsch und artig
+waren, obgleich von ärmlichem Ansehen, hatte sie jedermann gerne. Die
+Mutter war bei der Geburt der Zwillinge gestorben, und der Vater -- ein
+Taglöhner, der zumeist von Holzspalten lebte -- war ein rauher Mann, der
+im Verdruß über seine üblen Umstände, und dadurch sie immer
+verschlimmernd, der Flasche mehr als billig zusprach. Als eines Morgens
+der Vater tot im Bette gefunden wurde, ward es den Kindern recht
+unheimlich zumute. Fröstelnd in der ungeheizten Stube, saßen sie an dem
+Tische, auf dem sonst die Wassersuppe als Frühstück gestanden, und
+ratschlagten in ihrem kindlichen Sinne, was nun anzufangen sei. Oft
+hatten sie schon die Leute sagen hören: Ja, Kinder, wenn ihr eine Mutter
+hättet! Und die braune Mali -- wie ja die Mädchen stets klüger sind, als
+die Knaben -- hatte einmal eine Nachbarin gefragt: was das denn sei, eine
+Mutter? Die Nachbarin antwortete dem neugierigen Mädchen: eine Mutter
+sei eine Frau, welche die Kinder hüte wie ihren eigenen Augapfel; man
+könne nie frieren, sondern habe immer warm, wenn man eine Mutter
+besitze. Dieses Wort der Nachbarin trug das sinnige Mädchen mit sich
+herum, und als sie mit ihrem Brüderchen frierend am leeren Tische saß,
+fiel es ihr ganz warm auf die Seele, und sie fing an: »Weißt du was,
+Conrad? Der Vater ist tot, und niemand kümmert sich mehr um uns, als die
+böse alte Hanne. Wir wollen miteinander fortgehen und uns eine Mutter
+suchen. Es gibt ja so viele Mütter auf der Welt, es wird wohl auch eine
+für uns darunter sein.« Conrad hatte nichts einzuwenden gegen diesen
+Vorschlag, und so machten sich Bruder und Schwester in leichten
+Kleidchen auf, Conrad ohne viel Vorbereitung, Mali aber erst, nachdem
+sie ein Stück Brot in die Tasche gesteckt und einen an Schnüren
+befestigten baumwollenen Muff umgehängt hatte. So gingen die beiden
+Kinder Hand in Hand zum Tore hinaus, erst der Straße nach, dann auf
+Fußsteigen durch Felder und Wiesen dem Walde zu. Sie waren von
+Bauersleuten gesehen und auch wohl angeredet worden; als einer sie
+verwundert fragte, wie es denn komme, daß sie bei diesem Schnee und
+dieser Kälte über Feld gingen, antworteten sie ganz gelassen, daß sie
+eine Mutter suchten. Der Mann sah ihnen eine Weile kopfschüttelnd nach,
+dann verschwanden sie hinter Bäumen; allein der allgegenwärtige
+Märchengeist des Volkes hat sie begleitet bis zu ihrem letzten Worte und
+bis zu ihrem letzten Atemzuge. Als sie in den Wald hineinkamen und die
+Tannen im Winterschmucke glitzern und blitzen sahen, meinten sie, hier
+sei es ja schon Weihnachten und ganz so schön wie bei den vornehmen
+Leuten. Sie konnten sich nicht satt sehen an dieser Pracht und
+Herrlichkeit; sie gingen von Baum zu Baum, schüttelten wohl auch an
+einer schlanken Fichte und lachten, wenn ihnen der nasse Staub in die
+Augen fiel. Als sie ihre Lust gebüßt hatten, gingen sie wieder fürbaß,
+nur Mali hielt zuweilen an und rief in den Wald hinein: »Mutter!
+Mutter!« -- aber bloß ihre eigene Stimme kam ihr zurück, oder ein
+geschreckter Specht flog auf, und unter ihm stob der Schnee vom Aste.
+Als die beiden Kinder weit auf der Höhe an eine Wegscheide kamen und
+schon der Abendschein die Baumgipfel vergoldete, fühlten sie sich müde
+und setzten sich unter eine Tanne. Mali nahm das Brot aus der Tasche und
+fütterte damit den Bruder, der willig den Mund aufsperrte. Ein Frost
+überkam sie, und Mali steckte die Hände Conrads in ihren Muff. Sie
+konnten sich des Schlafes, der schwer auf sie fiel, nicht erwehren, und
+sie schlummerten Hand in Hand und Wange an Wange ein. An einem plötzlich
+aufstrahlenden Wärmegefühle wurde Mali wach; sie weckte ihren Bruder und
+sagte zu ihm: »Conrad, mir ist so leicht und warm, das muß die Mutter
+sein!« -- »Ja,« antwortete Conrad, »das ist die Mutter!« Und sich enger
+aneinanderschmiegend, entschlummerten sie lächelnd und wachten nicht
+wieder auf. Unser aller Mutter, die Erde, in deren scheinbar harten
+Entschließungen wir die Liebe nur ahnen können, hatte die armen
+Zwillinge mitleidig in ihre Arme genommen.
+
+Wie diese zwei Kinder, so suchen viele Menschen ihre Mutter, sei es nun,
+daß sie erfahren haben, was eine Mutter ist, sei es, daß sie eine Mutter
+nie besessen. Die Sehnsucht nach dem nur Geahnten ist so stark, wie die
+Sehnsucht nach dem verlorenen Besitze. Wer keine Mutter hat, der geht
+doch nur betteln und lebt vom Almosen der Liebe. Denn es gibt nichts
+Köstlicheres als Mutterliebe, und ihre Macht und ihr Segen sind
+unerschöpflich. Wie arbeitet und bildet die Mutter an dem zappelnden und
+schreienden Geschöpf, das in den Windeln liegt -- selbst bedürfnislos und
+für alle Bedürfnisse des Kindes sorgend. Groß wie die Natur, deren
+Priesterin sie ist, kennt sie keinen Wertunterschied der Dinge, und wo
+sie liebt, wandelt sich ihr selbst der Kot zu lauterem Golde. Was ihre
+Hand berührt, veredelt sie. Sie vermittelt das edelste Besitztum,
+welches ein Volk kennt: die Sprache wird uns mit der Milch eingeflößt,
+mit Küssen eingeschmeichelt. Wir sagen: unsere _Mutter_sprache, um den
+traulichsten Reiz unserer Sprache zu bezeichnen und unsere tiefste und
+herzlichste Freude an ihr zu bezeugen. Wir hören durch unsere Sprache
+hindurch die Kinderstimme der Mutter, den naiven Laut der Liebe. Die
+Kinderstube ist eine sprachliche Werkstatt, wo die Kosenamen und
+Verkleinerungsformen geschaffen werden, und wie ohne Zweifel bedeutende
+Männer gewisse Wortformen erfunden haben, so haben auch bedeutende
+Frauen und Mütter bei der Formenschöpfung und bei der Bestimmung des
+Geschlechtes der Wörter ihre Hand mit im Spiele gehabt. Wenn nicht
+Liebende den Dual, der mit einem Worte zwei Wesen bezeichnet, erfunden
+haben, so hat es gewiß die Mutter getan, die sich nicht getrennt denken
+konnte von ihrem Kinde. Ja, so wenig trennt sie sich von ihrem Kinde,
+daß dem Verbrecher nichts mehr bleibt als die Mutter, wenn die übrigen
+Menschen sich von ihm abwenden: über alle Gräuel hinweg waltet noch die
+Mutterliebe als ein unzerstörbares sittliches Naturgesetz. Es gehört zu
+den großen Zügen unseres Zeitalters, daß die Enterbten der Menschheit
+(#proles sine matre creata#) nach der Mutter suchen, die ihnen mild und
+liebend entgegenkommt.
+
+Wenn es möglich ist, daß der Mensch aus dem Tode zurückkehrt, so kann es
+vor allen anderen die Mutter. Im deutschen Märchen besucht die tote
+Königin jede Nacht ihr Kind. »Sie nahm das Kind aus der Wiege, legte es
+in ihren Arm und gab ihm zu trinken. Dann schüttelte sie ihm sein
+Kißchen, legte es wieder hinein und deckte es mit dem Deckbettchen zu.«
+Und steht nicht geschrieben in dem Buche der Bücher: »Man höret eine
+klagende Stimme und bitteres Weinen auf der Höhe vor Bethlehem, wo
+Jacobs Weib begraben liegt: Rahel weinet über ihre Kinder und will sich
+nicht trösten lassen über ihre Kinder, denn es ist aus mit ihnen« -- und
+ach, wann könnte Rahel bitterlicher weinen als heutzutage?
+
+Die Mütter sind überall zugegen, und müßten sie das Grabgewölbe
+durchbrechen. Ihre Seele, ihr sorgendes Gemüt umschwebt uns allerwärts.
+Und wenn es in einem mutterlosen Hause um den Weihnachtsbaum lichter und
+wärmer wird -- haltet es nur für sicher, das rührt von einer heiligen
+Gegenwart her: es ist der Atem und es sind die Augen der verstorbenen
+Mutter.
+
+ (1884)
+
+
+
+
+Mutter und Kinder
+
+
+Wenn der Mann des Gespräches mit Männern satt ist, so rettet er sich zu
+den Frauen, hat er sich aber auch mit den Frauen ausgesprochen, dann
+geht er, als zu einer letzten Zuflucht, unter die Kinder. Was der Mann,
+aus der kühlen, verdünnten Luft des Denkens herabsteigend, sucht, wonach
+er sich herzlich sehnt, das ist der warme Atem der Natur, der ihm
+nirgends voller und würziger entgegenquillt als aus dem Munde des
+Kindes. Wie will er aber den Frauen entgehen? Sie sind überall, und wo
+ein Kind ist, da sind sie erst recht. Das Kind schreit nach der Mutter,
+wie in der Wirklichkeit, so auch dem Sinne nach. Das Kind hat in ihr
+gewohnt, es hat mit ihr geatmet, gegessen und getrunken; als es für die
+anderen noch gar nicht da war, hat ihm schon die Sorge der Mutter
+gegolten. Sie sind nicht voneinander zu trennen, und wenn das Leben sie
+trennt, wenn eines von beiden allein bleibt, gibt es ein Leid, dem kaum
+ein anderes gleicht. Es ist das stärkste Heimweh, das es gibt. Daher
+sind Mutter und Kind eines der ältesten Bilder, das die Menschen kennen,
+das sie nicht erfunden, sondern nur gefunden haben. Der Schein des
+Überirdischen haftet nur nebensächlich an ihm oder ist aus dem an sich
+heiligen natürlichen Verhältnisse erst geholt worden. Das Bild bedarf
+keiner Verklärung, es verklärt sich selbst. Wie rührend ist eine junge
+Mutter, die selbst noch ein halbes Kind ist, und die trotz Entzückungen
+und Schmerzen an ihre Mutterschaft noch nicht recht glauben kann und sie
+mit einer Mischung von Scham und Stolz trägt. Wie fest und schwer aber,
+eine nicht wegzuleugnende Wirklichkeit, sitzt das Kind auf ihrem Schoße,
+und der kleine Bengel (sie selbst sagt Engel) langt ihr dreist nach dem
+Busen, den er ohne weiteres als sein natürliches Besitztum in Anspruch
+nimmt. Sie küßt das Kind, das sie gestillt, und mit ihm küßt sie den
+geliebten Mann, ja sich selbst, denn es hat ihren Mund und schaut sie
+aus ihren eigenen Augen an. Alle Seligkeit, die sie kennt, sitzt auf
+ihrem Schoße, ruht an ihrer Brust, schlummert in ihren Armen. Die
+gereiftere Mutter genießt ihr Glück ruhiger, stolzer, nachdenksamer,
+wenn auch nicht weniger tief; sie kennt die Welt und ihre Sorgen. Und
+wieder ein reizendes Bild gewährt die Großmutter, welche die Kinder
+ihrer Kinder um sich versammelt. Sie scheint voll lieblicher
+Erinnerungen zu sein, wenn ihre Enkel zu ihr kommen, und wenn sie die
+Kleinen streichelt, wenn sie selbst ihr schön tun, ihr schmeicheln, sie
+küssen, ist sie überglücklich und lächelt aus allen ihren Falten. Die
+Kinder ahnen in ihr selbst das Kind und spielen mit ihr wie mit einem
+älteren Kinde.
+
+Die Kinderstube ist eine große Sache. In ihr kriecht und trippelt, lärmt
+und tobt die Weltgeschichte in kleinem Maßstabe, sie ist eine
+Pflanzstätte mächtiger Dinge. Eines der wichtigsten Stücke in der
+Kindererziehung ist offenbar, dem Kinde, unbeschadet aller geistigen
+Entwicklung, seine ursprüngliche Kindlichkeit zu bewahren. Das Kind im
+Menschen ist das Genie, unbefangen in seinen Anschauungen, naiv in
+seinem Egoismus, und so die Wurzel alles bedeutenden Schaffens. In
+diesem Sinne ist das Kind der Dichter, der Künstler, der Erfinder, der
+Gesetzgeber, weil es den Schleier des Vorurteils zerreißt und einen
+unbefangenen Blick in die Dinge selbst tut. Diese Kindlichkeit dem Kinde
+zu wahren, sie namentlich gegen den Schulmeister zu schützen, ist die
+Mutter am geeignetsten. Sie ist ja -- selbst in der Stimme -- ein großes
+Kind, ein Genie an Takt und Klugheit und, solange sie unverdorben ist,
+nicht geneigt, den ihr von der Natur angewiesenen Berufskreis zu
+überschreiten. Schon durch ihr bloßes Dasein, ihre natürliche
+Beschaffenheit übt sie die stärksten Wirkungen aus. Neidlos teilt sie
+dem Kinde ihre Genialität mit, stolz darauf, im Sohne fortzuleben. Sie
+will, in ihrer reinsten Art, weder Dichter noch Gelehrter sein, und ein
+Wort Latein oder Griechisch erschiene ihr als ein Flecken auf ihrer
+geistigen Toilette. Gespräch und Brief, also unmittelbare Äußerung von
+Person zu Person, sind das Feld ihrer geistigen Meisterschaft. Frau von
+Sévignés Briefe wird man noch immer mit Vergnügen lesen, wenn längst
+alle Welt die wenig schmeichelhafte Meinung des großen Napoleon über die
+Schriften der Frau von Staël teilen wird. Übrigens kann man kaum
+ermessen, was die Frauen durch die Erfindung des Spinnens, Webens,
+Strickens, Knüpfens für die Entwicklung der Kultur getan haben. Die
+ganze Oberfläche des Lebens und der Kunst zeigt die Spuren ihrer
+erfindsamen und sinnigen Hand. Auch die Schöpfung der Sprache führt zu
+den mitteilsamen Frauen und in die Kinderstube hinein. Wer hat in der
+Sprache den zwischen Einzahl und Mehrzahl schwebenden Dual erfunden, die
+schöne alte Form, wo Zwei sprechen und doch nur Eines -- sind es
+verliebte Paare oder ist es die Mutter mit ihrem Kinde gewesen? Die
+Grammatik als eine Erfindung der Liebe wäre gewiß eine Erleichterung des
+Lernens für Mädchenschulen.
+
+Was die Kinder ihrer Mutter verdanken, erfährt das Kind erst, wenn es
+selbst Mutter wird -- der Mann also gar nie oder nur ahnungsweise und
+lückenhaft. Die Opferfähigkeit der Mutter ist unbegrenzt. Das Leben,
+sonst das höchste Besitztum des Menschen, achtet sie, sobald das Wohl
+ihres Kindes ins Spiel kommt, keiner Nadel wert. Die Sage von dem Vogel
+Pelikan, der sich die Brust aufreißt, um seine hungernden Jungen zu
+ätzen, scheint eigens für die Mutter erfunden zu sein. Beispiele liefert
+jeder Tag. Allein nicht eigentlich das äußerste, sondern das tagtägliche
+Opfer, die Sorgfalt und Liebe, die kein Ende hat, nimmt unsere
+Bewunderung in Anspruch. Wer betrachtet nicht manchmal mit einem mehr
+als flüchtigen Blicke die kleinen Kinder, die zur Schule gehen oder aus
+der Schule kommen? Man sucht gern hinter jedem Kinde seine Mutter, weil
+es die Mutter nicht verleugnen kann. Es trägt seine Mutter mit sich
+herum. Kinder aus wohlhabender oder reicher Familie gewähren weniger
+Interesse als arme Kinder. Arme Kinder sind rechte Mutterkinder, die
+Hand der Mutter ist sichtbar an ihnen. Kopf und Fuß der armen Wiener
+Schulkinder sind meistens auf das sauberste gepflegt. An den Kleidern,
+so dürftig sie sein mögen, sieht man den guten Willen, die Liebe der
+Mutter. Sie hat sie selbst verfertigt. Für ihr Kind wird sie alles:
+Putzmacherin, Mädchen- und Knabenschneiderin, ja selbst Schusterin, wenn
+eine neugierige Kinderzehe durch das Schuhleder brechen will. Aus den
+abgelegten Beinkleidern des Vaters macht sie Wams und Hosen für den
+Knaben, aus ihren abgelegten Fähnchen Anzüge für das Mädchen. Und
+rührend ist es, zu sehen, wie die Mutterhand noch mit der Not spielt und
+ihr gleichsam ein Lächeln entlockt. Den Kragen des armseligen
+Mäntelchens besetzt sie mit einem dunkleren Stoff, daß man Pelz zu sehen
+meint, und am Busen fehlt nicht die Schleife und im Haar nicht das bunte
+Band. Diese fröhliche Armut ist das Werk guter Mütter.
+
+Freilich reicht in ärmeren Kreisen der gute Wille auch der besten Mütter
+nicht aus, wenn ihre Kinder aus Mangel an Nahrung, guter Luft und freier
+Bewegung dahinkränkeln. Die Ärzte kennen ja das Hauptleiden der armen
+Kinder, das in Wien wie in jeder großen Stadt daheim ist: die Blutarmut
+mit allen ihren bedenklichen Folgen. Staat und bürgerliche Gesellschaft,
+wie sie gegenwärtig bestehen, können in dieser Sache nur wenig tun; man
+ist angewiesen auf die Mildtätigkeit der einzelnen, die allerdings viel
+vermögen, wenn sie sich aneinander anschließen. Vor geraumer Zeit haben
+Louise Meißner und Engelbert Keßler einen Wiener Ferien-Kolonien-Verein
+für Kinder ins Leben gerufen. Großherzige Wiener Frauen, wie die
+gegenwärtige Vize-Präsidentin des Vereins, Frau Marie Schönecker,
+geborene Bösendorfer, haben sich an die Spitze des schönen Unternehmens
+gestellt und bisher die schönsten Erfolge gewonnen. Nun handelt es sich
+darum, in einer Vorstadt von Wien ein Kinderheim zu schaffen, den
+leidenden Kleinen ein Haus mit einem großen Garten aufzuschließen. Wird
+Wien sich spotten lassen, wenn man an es herantritt mit der Bitte um
+milde Beiträge? Wer möchte nicht bitten für leidende Kinder, und wer
+möchte es über sich bringen, ihnen eine Gabe zu versagen? Es gilt ja,
+für die Gesundheit und Tüchtigkeit der nächsten Generation zu sorgen.
+
+Wer glückliche Mutter ist, und wer des Glückes entbehrt, Mutter zu sein
+-- beider Gedanken sind ja doch nur bei den Kindern. Es ist der Wunsch
+trefflicher Mütter, daß es fremden Kindern so gut ergehen möge, wie
+ihren eigenen, und nicht minder der Wunsch kinderloser Frauen, daß es
+fremde Kinder so gut haben möchten, als ob es ihre eigenen wären. In der
+Mildtätigkeit drückt sich dieser schöne Gedanke praktisch aus.
+
+ (Am 24. Dezember 1893)
+
+
+
+
+Aus der Kinderwelt
+
+
+Wieder ist der Wald in der Stube, und der Geruch des Tannenbaumes, von
+dem wir doch alle wissen, daß er nichts weiter ist, als flüchtiges Harz,
+schmeckt uns wie überirdisches Labsal. Es ist die Freude der Kinder, die
+uns die Sinne so verklärt, die uns das sonst Gleichgültige zum
+Bedeutsamen erhöht, denn wir sehen heute mit ihren hellen Augen, riechen
+mit ihren neugierigen kleinen Nasen. Wir Alten werden selbst wieder
+grün, und unsere grauen Haare sind nur mißverstandene Blüten, und unsere
+Falten hat die Sorge nur für ein glückseliges Lächeln gegraben. Wie auch
+das Leben sonst mit uns spielen mag, heute dürfen wir ein Glück
+genießen, wenn auch nur ein Glück, welches eine Kinderhand umspannt. Der
+Anblick der glücklichen Kleinen stillt unser unruhiges Begehren, läßt
+uns auf einen Augenblick unser fieberhaftes Streben und Haschen nach
+allem Möglichen und Unmöglichen vergessen. Wie das Kind seine Ideale
+erreicht, sehen wir vor uns. Sein Ideal ist ein saftiger Apfel, eine
+schimmernde Nuß, und wenn es hochgeht, ein bunter Hansel oder eine
+aufgedonnerte Gretel. Die Sorge -- auch für uns einst eine große Sorge --
+nämlich ob der Hans und die Grete einander bekommen, ficht das
+Kindergemüt noch nicht an. Das Kind schaut sich nicht um nach der
+Quelle, es läßt sich im behaglichen Gefühl des Daseins und der Gegenwart
+ruhig dahintreiben, als ob das immer so gewesen wäre und immer so sein
+müßte. Das Paradies in diesem Paradiese ist ihm aber Weihnachten, wo an
+den Zweigen des Tannenbaumes -- keines Baumes der Erkenntnis, sondern der
+Unschuld -- die Erfüllung seiner kühnsten Wünsche hängt. Jede brennende
+Kerze beleuchtet eine Freude, ist selbst eine Freude. Die Mutter spart
+daher nicht mit Lichtern (hat sich doch die Biene für uns bemüht!), und
+ich sehe eine Frau, die zuletzt noch zwei Kerzen für »entflogene Seelen«
+aufsteckt, die eine für den Vater, der den Kindern fehlt, die andere für
+das Kind, das ihr der Himmel aufbewahrt. Die Kleinen schauen sie
+verwundert an, wie sie weint, und sie gedenkt des Glückes, das sie
+genossen, sieht das Glück, das ihr geblieben, und über ihre von Tränen
+genetzten Wangen gleitet ein dankbares Lächeln. Weihnachten, das Fest
+der Kinder, die ein Genie für das Glück und eine große Gabe des
+Beglückens haben, nimmt auch dem Schmerz seine äußerste Bitterkeit.
+
+Die Kinder -- sie sind in der Tat das größte Thema der Welt. Man wird mit
+ihnen nicht fertig, weder im Leben, noch im Denken und Dichten. Indem
+ich daran dachte, ihnen zu Weihnachten an diesem Orte ein Geschenk zu
+machen, sah ich mein Unvermögen sofort deutlich ein. Wäre ich ein
+Rothschild, ich würde ihnen ein Bergwerk von Lebkuchen verschreiben;
+wäre ich ein Dichter, ich würde ihnen ein Märchen erzählen. Aber eines
+wenigstens kann ich tun im Interesse der Kleinen, ich kann den Vätern
+und Müttern einen bei uns nicht viel gelesenen Dichter verraten, der
+von den Kindern in der schönsten und würdigsten Weise spricht. Der
+Dichter ist zwar ein Franzose und hat in Herzenssachen das Vorurteil
+wider sich; aber schlagt es nur auf, sein Buch, das von den Kindern
+handelt, und ihr werdet sehen, daß Gemüt und Sinnigkeit nicht
+ausschließlich ein Gut der germanischen Völker ist. Der Dichter ist kein
+anderer als Victor Hugo, und das Buch, das ich meine, ist betitelt: »Die
+Kunst, Großvater zu sein« (#»L'art d'être grandpère«#). Es ist im
+vorigen Sommer erschienen und hat mir zur Winterszeit Haus und Herz
+gewärmt, und ich denke, es ist eine gute Tat, diesem Buche den Weg in
+die deutsche Familie zu vermitteln. Ohne Umschweif gesagt: es ist ein
+reizendes und zugleich ein großartiges Buch, reizend durch das zarte
+Eingehen in das Kinderleben und großartig durch die Gesinnung, in
+welcher es geschrieben oder vielmehr gedichtet ist. Denn es sind
+Gedichte, die den mannigfaltigsten Ton anschlagen, von der näselnden
+Kindertrompete bis zu den tragischen Donnern der Weltgeschichte. Von
+Victor Hugo kann man lernen, daß man in der Kinderstube nicht notwendig
+versimpeln muß, daß man kein Philister zu sein braucht, um an den
+kleinsten Familienereignissen innigen Anteil zu nehmen. Ein Mann, dem
+kein Gedanke zu hoch schwebt, daß er ihn nicht im Fluge einholte, dem,
+wenn seine Leidenschaft erregt wird, kein Denken und Empfinden zu kühn
+ist, er kann stundenlang an der Wiege seiner Enkelin, eines kleinen
+Geschöpfes von zehn Monaten, weilen, um den Duft ihrer Unschuld
+einzuatmen, um ihre Bewegungen und Träume mit liebevollem Auge zu
+überwachen. Er liebt die Wiegen, diese »Nester aus Seide und aus
+Spitzen«; ihn, den Genius, zieht das Genie des Kindes an; ihr Lallen,
+ihr Stammeln, ihr »Zwitschern« -- wie er es nennt -- deutet er als tiefe
+Offenbarungen der Natur. Es ist rührend, zu sehen, wie dieser Mann, ein
+Revolutionär als Dichter und als Politiker, mit dieser unendlich kleinen
+Enkelin spielt, wie sie ihm wichtig wird über alles, wie er vor dieser
+winzigen Probe der Göttlichkeit im Geiste kniet. Er, der die Sprache oft
+schleudert, wie ein Titan die Felsblöcke, findet dann die schlichtesten
+Laute, ja, ihm kommen Worte von einer Einfalt in den Mund, die man
+diesem wiehernden Phrasenhengst -- denn auch in der Phrase ist er
+zuweilen groß -- nicht im mindesten zutrauen würde. Die »schlafende
+Jeanne« ist ein Thema, das Victor Hugo nicht müde wird, immer wieder
+aufs neue abzuwandeln. Jeanne schläft. Sie läßt, der arme verbannte
+Engel, ihre Seele sich im Unendlichen ergehen; so flieht der Sperling in
+die Kirschenhecke. Bevor sie an dem bittern Kelch des Lebens nippt,
+versucht sie noch einmal mit dem Himmel anzuknüpfen. Heiliger Friede!
+Ihre Haare, ihr Atem, ihre blühende Haut, ihre unverständlichen
+Gebärden, ihre Ruhe, wie ist das alles auserlesen! Der alte Großvater,
+ein glücklicher Sklave, ein erobertes Land (#pays conquis#), betrachtet
+sie. Dieses Geschöpf ist hienieden das geringste und das höchste. Um
+ihren Mund spielt ein keusches, rätselhaftes Lächeln; wie schön sie ist!
+Sie hat Fettfalten (wir sagen hierzulande »Schnuzen«) am Halse; sie
+duftet wie eine Blume. Eine Puppe liegt neben ihr, und das Kind drückt
+sie zuweilen an das Herz ... Oh, weckt sie nicht! Das schlummert wie
+eine Rose. Jeanne denkt und fügt sich im Schlafe etwas Himmlischeres als
+den Himmel zusammen. Von Lilie zu Lilie, von Traum zu Traum sammelt sich
+der Honig, und die Seele des Kindes arbeitet in den Träumen, wie die
+Biene in den Blumen ... Victor Hugo verfügt über eine Masse kleiner
+Züge, die ebenso glücklich beobachtet als poetisch sind. Er läßt der
+einschlafenden Jeanne seinen Finger, der ihre ganze Hand füllt; ihre
+kleinen Arme sind kaum noch Arme, sondern Flügel; da sie erwacht,
+erschließt sie das Augenlid, streckt sie einen lieblichen Arm aus,
+bewegt erst -- wie reizend gesehen und einfach gesagt! -- den einen Fuß,
+dann den andern und fängt so himmlisch zu lallen und zu zwitschern an,
+daß sich aus der Höhe Köpfe herniederneigen, um sie zu hören. Die Mutter
+aber sucht nach dem zärtlichsten Ausdrucke für ihre Liebe und sagt zu
+dem Kinde: Bist du wach, du Ungeheuer?
+
+Victor Hugo ist der zärtlichste, der hingebendste Großvater, und nie
+haben Enkel eine solche Liebe erfahren, wie George und Jeanne, die
+verwaisten Kinder seines älteren Sohnes. Er ist ein Parteigänger seiner
+Enkel, der Kinder überhaupt. In dieser Rolle ist er der Schrecken der
+vernünftigen Leute, da er durch unberechenbar weitgehendes Mitgefühl
+ihr Erziehungssystem über den Haufen zu werfen droht. Er ist hier
+Revolutionär wie überall, Revolutionär aus überquellender Seelengüte. Er
+macht sich zum Mitschuldigen der kleinen Naschmäuler, indem er
+Süßigkeiten, die für den Nachtisch bestimmt sind, den Enkeln ausliefert
+und zu dieser Leckerei arme Kinder von der Straße einladet. Ist ein Kind
+wegen irgendeines Verbrechens auf trockenes Brot gesetzt, so gesellt er
+sich zu ihm und spielt ihm den Topf mit eingemachten Früchten in die
+Hände. Die großen Leute klagen ihm: so könne man das Regiment nicht
+aufrechterhalten, wenn er alle gesetzlichen Schranken niederwerfe. Er
+sei ein gemeinschädlicher Mensch, ein Ungeheuer aus Liebe. Halb gibt er
+es zu, halb wieder nicht. Ein Kind um eines Apfels willen züchtigen?
+Nein! Nimm deine Rechte mehr in acht, o Bauer, als deine Apfelbäume, und
+wirf kein Ja in die Urne, wo ein Nein deine verfluchte Pflicht und
+Schuldigkeit wäre. Hier springt er als kinderliebender Sophist und
+Verächter des Bonapartismus in die Politik über. Und aus der Politik
+kehrt er wieder zurück zu den Kindern. Er sitzt wieder an Jeannes Wiege.
+Seine Kämpfe gegen Thron und Kanzel stürmen ihm in der Erinnerung durch
+die Seele; mit gerechtem Selbstgefühl gedenkt er seiner Reime, die wie
+Taten gewirkt. In diesen Kämpfen sei er vierzig Jahre hindurch stolz,
+unbezwungen, siegreich gewesen; und nun -- mit einem Blick auf Jeanne --
+habe ihn ein Kind besiegt, ein kleines Kind. Hier ist er biegsam,
+schwach, ein Held im Gehorchen und Erdulden. Kinderliebe ist ihm
+Religion. Er hat da merkwürdige Worte: Die Söhne unserer Söhne tun es
+uns an; ein Kind kann mich dumm machen, und ich habe deren zwei: George
+und Jeanne; das eine ist mein Führer, das andere mein Licht. Aber diese
+zwei machen ihn zum Freunde aller Kinder. In dem herrlichen Gedichte:
+»Die unbefleckte Empfängnis«, das aus dem zartesten Geplauder zu einem
+mächtigen Zorneston anschwillt, entwirft Victor Hugo das folgende
+köstliche Bild: Überall Kinder. Wir sind im Tuileriengarten. Mehrere
+George, mehrere Johannen, mehrere Marien: der eine trinkt an der Brust,
+der andere schläft. Im Baum eine Nachtigall. Ein Mädchen versucht seine
+Zähne an einem Apfel. Die ganze heilige Morgenfrühe der Menschheit. Man
+schwätzt, man lacht; man plaudert mit seiner Puppe, die viel Geist
+entwickelt; man ißt Kuchen und springt über die Schnur. Man verlangt von
+mir einen Sou für einen Armen, ich gewähre einen Frank: Danke,
+Großvater, und man kehrt zum Spiele zurück. Und man klettert, man tanzt,
+man singt. Oh, blauer Himmel! -- Du bist das Pferd. Gut. Du ziehst am
+Wagen, und ich bin der Kutscher. Hist, hott, halt! Spielen wir
+Plätzewechseln: Schneider, leih' mir dein' Scher'! Nein, Blindekuh ...
+Das alles ist reizend, sage ich. Und ihr sagt: Das ist abscheulich, das
+ist die Sünde!... Und nun von Seite des Dichters welches Donnerwetter
+über jenes Dogma! Man muß das lesen, aber (aus Gründen) nicht hier,
+sondern im Buche selbst. Und die starken Worte, die er hier gegen die
+Kirche und einen falsch verstandenen Himmel schleudert, schließen das
+tiefste religiöse Gefühl nicht aus. Es macht sich am schönsten Luft in
+dem Gedichte: »Die armen Kinder«. Man solle fein säuberlich fahren mit
+diesen kleinen Wesen, den Kindern; es sei etwas Großes an ihnen, sie
+schließen Gott ein. Sie sind seine Gabe, in ihr Lächeln lege er seine
+Weisheit, in ihren Kuß seine Vergebung. Das Glück sei ihr angeborenes
+Recht: »Wenn sie hungern, weint das Paradies; wenn sie frieren, zittert
+der Himmel. Oh, welch ein Grollen des Donners in den Himmelsräumen, wenn
+Gott, der uns die Kinder mit Flügeln gesendet, sie in Lumpen gehüllt
+wiederfindet!«
+
+Man sieht, kein Sozialismus, nur die reine menschliche Empfindung. Aber
+seiner politischen Anschauung, seinem Widerwillen und Zorn gegen die
+Widersacher seiner Meinung läßt Victor Hugo überall die Zügel schießen.
+Häufig in seinen Kinderliedern kommt der Politiker zur Erscheinung, und
+am Schlusse des Buches stehen noch einige Gedichte, die er den Kindern
+zu lesen empfiehlt, wenn sie einst erwachsen seien. So soll man aus der
+Kinderstube kommen: ein ganzer Mann und ein ganzer Bürger. Vaterland,
+Freiheit -- die großen heiligen Klänge, die an jedes gute Herz mit
+Zaubergewalt schlagen, läßt Victor Hugo in diesen Versen mächtig
+erklingen. Wir streiten nicht mit ihm über seine poetische Behandlung
+der Deutschen -- er ist Franzose; aber unsere Poeten könnten von ihm
+lernen, wie man ein großer Dichter sein kann, ohne vor den Gewaltigen
+dieser Welt den Rücken zu beugen, und daß die zarteste Empfindung
+stolze, trotzige Männlichkeit nicht auszuschließen braucht. Haben sie
+dies einmal begriffen und diese Einsicht in Gesinnung verwandelt, so
+kann auch einmal unsern Weihnachtstisch ein Buch in deutscher Zunge
+schmücken, das mit dem schönen Buche von Victor Hugo um den Preis der
+Zartheit und Männlichkeit streitet.
+
+ (Am 25. Dezember 1877)
+
+
+
+
+Aus der Kinderstube
+
+Geschrieben am Weihnachtsabend 1864
+
+
+»Oh, wäre ich ein wenig allmächtig und unendlich, ich wollte mir ein
+besonderes Weltkügelchen schaffen und es unter die mildeste Sonne
+hängen, ein Weltchen, worauf ich nichts setzte, als lauter dergleichen
+liebe Kinderlein, und die niedlichen Dinger ließ ich gar nicht wachsen,
+sondern ewig spielen.« Den ganzen Weihnachtsabend summen mir diese
+traulichen Worte durch den Sinn, die der treuherzige Walt in den
+»Flegeljahren« spricht, und ich mußte meinen grün gebundenen, in Gold
+gepreßten Jean Paul vom Bücherbrett holen, um mich des Wortlautes der
+gemütvollen Stelle zu versichern. Die Feder will mir aber schier den
+Dienst versagen, denn alle guten Geister der Weihnachtszeit rumoren
+durch das Haus. Das ist ein Flüstern und Kichern, ein leises Klopfen an
+die Wände, ein Huschen und Rascheln und Rauschen, daß man fast an einen
+Spuk glauben möchte; dazwischen tönen liebliche Kinderstimmen, von
+freudiger Erwartung und kleiner Ungeduld geschwellt. Auch riecht es im
+Hause wie harziger Waldesduft, und ein Rauchfaden von Wachskerzen zieht
+sich ahnungsvoll durch die allzu rasch wieder geschlossene Tür. Geduld
+ihr Kinder, wißt ihr denn nicht, daß alles Zögern nur den Sinn hat, euch
+zu überraschen? Ihr seid ja die Könige dieses Festes, und nie sind
+einem Machthaber der Welt treuere und mehr von Herzen gehende
+Vasallendienste geleistet worden, als euch. Wenn ihr, liebliche
+Tyrannen, die unumschränkte Gewalt kennen würdet, die ihr über unsere
+Gemüter übt! Stärkere Bande, als welche Kinder zwischen Menschen
+knüpfen, gibt es nicht auf dieser Erde. Man hat euch Unterpfänder der
+Liebe genannt, und ihr seid's, denn wie oft, wenn der Rausch der
+Leidenschaft verraucht ist und die Nüchternheit ihr Grau in Grau zu
+malen beginnt, zieht ihr wieder goldene Fäden zwischen den einander
+entfremdeten Herzen, ja wenn ihr hingestorben seid in frühem Alter,
+schwebt ihr noch als einende Schutzengel über Mann und Weib. Ihr seid
+der nie versiegende Jungbrunnen der Liebe, in den man kein einziges Mal
+ohne die kräftigste Herzstärkung steigt. Die alte schöne Legende vom
+langen Christoph erzählt von euch und uns, wie dieser baumstarke Heide
+ausging in die Welt, um den mächtigsten Herrn zu suchen, und nachdem er
+selbst den Teufel als zu schwach befunden, einem Kinde den Nacken
+beugte. In dieser Geschichte sehen wir uns alle versinnbildet. Wem alle
+Herrlichkeiten hienieden nichts anzuhaben vermochten, wen selbst das
+Auserlesenste dieser Welt: ein schönes und gutes Weib nicht zu bändigen
+wußte -- vor einem Kinde, das ihn mit unschuldsvollen Augen anschaut, das
+ihm die hilflosen Händchen entgegenstreckt, wird er klein und demütig.
+Solch ein schwaches Geschöpf, das ein Windhauch umwirft, bändigt den
+wildesten Mann, und wäre ich ein Poet, ich wollte euch die Geschichte
+von einem Vater erzählen, der von seinem Kinde erzogen wird, und die
+euch gewiß rühren müßte. Aber selbst hilflos wie ein Kind, schlummert
+sie mir im Gemüt, und ich kann sie, ob mich auch tausend Wehen plagen,
+nicht entbinden. An solchen Tagen, wie der heutige ist, kann es einen
+schmerzen, kein Dichter zu sein.
+
+Und da ich nun nicht fliegen kann, gehe ich gut bürgerlich zu Fuße und
+schaffe mir einen Stock, auf den ich mich stütze. Mir sind allerhand
+Bilder durch die Hand gelaufen, die sich als Weihnachtsgeschenke
+empfehlen. Da halte ich einen säuberlich gearbeiteten Kupferstich fest,
+der mich als ein Idyll der deutschen Familie aufs lieblichste anmutet.
+Es ist das Bild: »Nach der Taufe,« von Ludwig Knaus. Wie ich die grauen
+Schatten anblicke, werden sie warm und lebendig, und da blüht das früher
+geschaute Werk in heiteren Farben vor mir auf, gleich wie eine dürre
+Jerichorose, im Advent ins Wasser gestellt, um Weihnachten wieder
+lebendigen Trieb in sich verspürt.
+
+Ein Fatschenkindlein, kaum vierzehn Tage alt, ist der Held dieses
+liebenswürdigen Gemäldes. Es wird nach Jahren einmal erfahren, daß es
+heute getauft worden, und wie hoch es bei dieser Gelegenheit
+hergegangen. Wie es jetzt daliegt, in rot geränderten Flanell gebunden,
+mit einer von blauen Seidenbändern besetzten Haube angetan, hat es keine
+Ahnung, daß es dem natürlichen Heidentum, welches wir alle mit auf die
+Welt bringen, soeben abgesagt und Glied einer höheren Gemeinschaft
+geworden, ja es weiß ebenso wenig wie wir, die ihm neugierig ins Gesicht
+gaffen, ob es ein Mägdlein ist oder ein Knabe. Die Wahrheit zu sagen:
+Das Ding schaut herzlich dumm, und als ob es von einem scharfen
+Lichtstrahl geblendet wäre, in die Welt hinein, und gewiß ist die ganze
+unergründliche Mutterliebe oder das eifersüchtige Selbstgefühl des
+Vaters vonnöten, um diese Kinderzüge, welche die Natur kaum aus dem
+Groben herausgearbeitet, schön zu finden. Wie bedenklich ist die tief
+eingesattelte Nase noch in Unordnung, wie unreif Mund und Stirne, und
+wie notdürftig kann der innere Mensch zu den Augen, den lieblichen
+Fenstern der Seele, herausschauen! Und doch ist es schon mehr als acht
+Tage her, seit der mittelbare Urheber dem Neugeborenen den ersten Kuß
+(ein ausschließlich im Rausch der Vaterfreude genießbares Glück) auf den
+Mund gedrückt. Dem jungen Geschöpf kommt unsere kalte Welt bei jedem
+Atemzuge noch untröstlich vor, denn es träumt noch von der schönen
+Wärme, die es -- dem dunklen Gefühl muß es wie eine Ewigkeit vorkommen --
+mütterlich umhüllte. Aber siehe, für das verlorene sonnenwarme Eden
+winkt hinten in der Bauernstube als mächtiger Tröster der grüne
+Kachelofen, und was mehr bedeutet als alle grünen Kachelöfen der Welt --
+Teilnahme und Liebe kommt dem Kinde von allen Seiten entgegen. Ja wir
+fürchten, dem armen Wurm droht mehr Liebe, als ihm gesund sein wird. Der
+treffliche Pfarrer des Ortes, der seine gedeihlichen etliche und
+sechzig Jahre mit behäbiger Gelassenheit trägt, schaukelt, inmitten der
+Stube sitzend, den jungen Weltbürger auf seinen Armen und ist in
+liebevolles Anschauen des kleinen Meerwunders dermaßen vertieft, daß wir
+ungeladenen Gäste des Taufschmauses nicht einmal seine gemütvollen Augen
+(denn gemütvoll müssen sie sein) erschauen können. Dem Pfarrer zur
+Rechten steht ein altes Bäuerlein, dem die Augen vor lauter Wollust des
+Schauens schier aus dem Kopfe fallen wollen, und zur Linken des
+geistlichen Herrn beugt sich ein mit einer schwarzen Florhaube
+aufgeputztes Mütterchen über das Antlitz des Kindes, als wollte es sich
+selbst (man kennt den Zauber) im Wasserspiegel eines Kübels sehen. Wir
+hören das liebe Geschwätz der guten alten Leute: wie das Kind dem Vater
+gleichsieht! meint die Alte -- nein, der Mutter! wirft das graue
+Bäuerlein ein, und beide meinen das Gegenteil des Geschlechtes, nämlich
+im Grunde jedes sich selbst. Mit nichten, sagt gelassen der geistliche
+Herr, die Nase hat das Kind vom Vater, von der Mutter aber die Augen --
+und Hochwürden bedenken nicht, daß besagtes Kind fast noch keine Nase
+und kaum etwas, das ein Christ Augen nennen wird, im Kopfe hat. Wie dem
+auch sei, jene zwei alten Bauersleute sind die schlimmsten Feinde des
+gefeierten Täuflings, sie sind seine Großeltern. Sie werden mit der Zeit
+die Erziehungsmethode der Eltern kreuzen, dem Kind Zuckerwerk zustecken
+und es verhätscheln, als gäbe es keine Schwerkraft in der Welt, keine
+Rippenstöße und Ohrfeigen. Ach, die Gebeine der guten Alten werden
+längst modern, und du, o Kindlein, seiest du nun ein Bub oder Mädchen,
+wirst dann erfahren müssen, welch ein hartes und herbes Ding das sei,
+was man Leben nennt. Wir gönnen dir deinen Kindheitshimmel, mögest du
+nicht allzu jäh auf die Erde fallen!
+
+Doch hast du einen Schutzengel, einen holdseligeren kann man sich kaum
+wünschen. Es ist die lieblich erblühende Jungfrau, rotes Häubchen auf
+blondem Haare, die jenem alten Strobelkopf -- deinem Großvater -- über die
+Achsel schaut. Wie alle geistig gesunden Mädchen sich als künftige
+Mütter denken oder träumen, so scheint auch diese bäuerliche Schönheit,
+indem ihr Blick auf dem Täufling ruht, mit ahnungsvoller Seele über
+jenen rätselhaften Brunnen, aus welchem die Kinder geschöpft werden, zu
+schweben. Ein holdes Unschuldsgesicht, in welchem die Geheimnisse der
+Liebe traumhaft aufdämmern. Sie ist die Schwester der Mutter und Pate
+des Kindes. Ihr Schützling wird viel Liebe bei ihr finden, doch nicht
+übertrieben, denn Klugheit und Energie können ihre Züge nicht
+verleugnen; nur steht zu befürchten, daß sie zu rasch aus dem Haus
+heiraten werde, denn jetzt schon laufen ihr die jungen Bursche des
+Dorfes auf Tritt und Schritt nach ...
+
+Diese ganze Gruppe, deren Mittelpunkt das Wickelkind, nimmt die
+rückwärtige Langseite der zum Taufschmaus hergerichteten Tafel ein. Auf
+der Bank gegenüber, den Rücken gegen unser Auge gekehrt, sitzt sehr
+nachlässig (denn die Gouvernante weilt noch in Genf) ein junges Mädchen,
+die Ellbogen auf den Tisch gestemmt und gleichgültig dreinschauend; der
+wohlbeschlagene Schuh ist ihr vom rechten Fuß gefallen, so daß man
+letzteren in seiner naturwüchsigen Schönheit durch den eng anliegenden
+Strumpf hindurch bewundern mag. Neben ihr, aus dem lang herabfallenden
+Tischtuch, taucht ein schwarzer Rattenfänger auf, der vor lauter Haaren
+kaum aus den Augen schauen kann; aber die weit heraushängende
+scharlachrote Zunge predigt überzeugend genug die von Kaffeegeruch und
+Kuchenduft aufgestachelte Gier nach Fraß. Was dieses aufgeregte Tier
+gern tun möchte, vollbringt in reichlichem Maße sein Tischnachbar, ein
+junger, kräftiger Bauernbursch, welcher, völlig unberührt von der
+feierlichen Gelegenheit, seinem Kaffee und dem stattlich aufgegangenen,
+von Rosinen durchspickten Gugelhupf tüchtig zusetzt. Nicht einmal die
+neben ihm zur Tür hereintretenden neuen Gäste vermögen ihn in seiner
+eifrigen Arbeit zu stören.
+
+Und Vater und Mutter? wird man fragen. In einem Lehnstuhle sitzt die
+Wöchnerin, eine liebliche schlanke Gestalt, und wendet kein Auge von
+ihrem Jüngstgeborenen. Ihr Gesicht erstrahlt im höchsten und
+verführerischsten Glanze weiblicher Schönheit, der immer vorhanden, wo
+ursprünglich edle, aber durch physische Leiden alterierte Züge von einer
+innigen Gemütsfreude verklärt werden. Nur glauben wir, daß diese an sich
+so schöne und erquickliche Frauengestalt durch einen Mißgriff in diese
+Bauernhütte geraten sei; sie scheint mehr Bildung zu besitzen, als ihre
+bescheidene Lage mit sich bringt: den Auerbach hat sie jedenfalls
+gelesen und vielleicht auch den Schiller. Desto bauernhafter und fast in
+unerlaubter Weise uninteressant ist der betreffende Vater. Von seinem
+neuen Glücke scheint er fast nichts zu wissen, er beschäftigt sich mit
+einem älteren Töchterchen, das er in den Armen hält, und welchem er
+Backwerk in den Kaffee tunkt. Vater und Mutter, sowohl jedes für sich
+als in ihrem Gegensatze betrachtet, zerreißen ein wenig die glückliche
+Stimmung des übrigen Bildes, und der die Stube erfüllende Kaffeeduft,
+welcher, gleich einem Atem der Behaglichkeit, aus den bunt geblümten
+Geschirren raucht, hat viel Mühe, die Einheit der Stimmung wieder
+herzustellen. Einiges zu diesem Behufe tut auch die in der Behausung
+vorhandene Literatur, eine Bibel und ein Kalender -- Schriftwerk genug,
+um den Bedürfnissen sowohl der Welt als der Ewigkeit zu genügen.
+
+Wie aber hätte ich Zeit und Raum, die aufdringliche alte Schwiegermutter
+Kritik zu Wort kommen zu lassen? Hinter mir brennt schon der
+Weihnachtsbaum, und wenn ich nicht rasch abbreche, stürmen mir die
+Kinder den Schreibtisch.
+
+ (Am 28. Dezember 1864)
+
+
+
+
+Märchenhaftes
+
+Friedrich Mitterwurzer
+
+
+Man soll Märchen nicht dichten wollen. Märchen dichten sich selbst! So
+dachte und sagte man zu einer Zeit, da in Sitte und Recht, in Mythus und
+Dichtung die naturwüchsige Entwicklung als Grundgesetz für Menschen und
+Dinge galt. Das hinderte aber die Leute keineswegs, neue Sitten
+einzuführen, neue Gesetze zu machen, neue Glaubenssätze zu prägen und
+neue Märchen zu erfinden. Das Leben ist aber stärker als die Lehre. Was
+neue Märchen betrifft, so spielt uns der Zufall gerade zu dieser Kinder-
+und Hausmärchenzeit ein zierlich gebundenes und gepreßtes Bändchen in
+die Hand: »König Drosselbart«, ein Gedicht von E. Bügner (Wien, Carl
+Gerolds Sohn). Die sinnige Behandlung, welche die Umwandlung der
+hochmütigen Königstochter aus äußeren Umständen mehr in das Gemüt
+hineinverlegt, verrät eine Damenhand, und die ungewöhnliche
+Sprachgewandtheit, die hier waltet, läßt auf literarische
+Blutsverwandtschaft schließen. In dem Namen Bügner klingen fast
+sämtliche Konsonanten und der sie beherrschende Vokal des Namens eines
+berühmten Wiener Historikers wieder, der einst mit jugendlich starker
+Hand die Grundlinien der Geschichte Österreichs gezogen und in diesen
+Jahren das alte historische Märchen von dem edelgesinnten und
+mißhandelten Königssohne Don Carlos zerstört hat. König Philipp und
+König Drosselbart! Unsere Töchter sorgen dafür, daß die Märchen nicht
+aussterben ... Märchen, die sich selbst gedichtet haben -- Volksmärchen --
+und Märchen, die gedichtet worden sind -- Kunstmärchen -- werden übrigens
+immer noch in gewisser Weise auseinandergehalten. Ob Friedrich
+Mitterwurzer, als er die Wiener wiederholt zu seinen Märchenvorlesungen
+einlud, an diesen Unterschied gedacht hat, ist sehr zweifelhaft. Sein
+genialer Kollege Bernhard Baumeister wies letzthin einen doktrinären
+Schauspieler, der ihn durch gelehrte Dokumente von seiner eigenen
+Künstlermeinung abbringen wollte, mit den Worten zurück: »Gehen Sie nur
+mit solchen Floskeln und Flausen! Ich bin ein alter Puppenspieler und
+spiele einfach, was in meiner Rolle steht.« So im besten Sinne
+gedankenlos mag auch Mitterwurzer gehandelt haben, als er auf sein
+Programm zweierlei Märchen setzte: ein gedichtetes und ein gewachsenes.
+Das gedichtete Märchen »Vom unsichtbaren Königreich« entnahm er Richard
+Leanders »Träumereien an französischen Kaminen«, und das gewachsene »Von
+einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« holte er sich aus der
+Märchensammlung der Brüder Grimm. Mit dem Buche in der Hand stand
+Mitterwurzer vor der Hörerschaft, aus der Knaben und Mädchen bis herab
+zu einem Alter von vier Jahren ihre neugierigen Köpfe reckten. Er las,
+wenn man das lesen nennen kann. Lesen, erzählend lesen, war wohl der
+Grundcharakter des Vortrages, aber über dem Lesen entwickelte sich ein
+lebendiges Spiel, das sich, begleitet von mehr andeutenden als
+ausgeführten Mienen und Gebärden, auf der ganzen Tonleiter der Sprache
+hin und her bewegte. Man fand in ihm wieder den hochbegabten Künstler,
+der uns die alten Figuren des Benedixschen Lustspiels wieder
+nahegebracht, der die Gestalten von Ibsen und Sudermann beseelt, der uns
+einen König Philipp vorgeführt, welcher nicht Tyrann, sondern Mensch
+war, und der überhaupt die halb eingeschlummerte Schaulust des
+Burgtheater-Publikums wieder geweckt und befeuert hat. Er schlug bei
+seinen Märchenvorlesungen einen traulichen, treuherzigen Ton an, traf
+die Stimmung jeder Situation und hob mit Vorliebe die dramatischen
+Momente hervor. Ein ganz eigenes Talent entwickelte er in der
+Landschaftsschilderung, die erst im modernen, im gedichteten Märchen
+ihre Stelle gefunden hat. Im Märchen »Vom unsichtbaren Königreiche« wird
+ein Flußtal geschildert, in das der Mond scheint: Wellen und Wald
+rauschen und erzählen seltsame Sachen. Durch gedehnte Worte eröffnet uns
+der Vorleser die Aussicht in das lange Tal; er läßt im Worte die Musik
+der Landschaft widerklingen, man sieht hörend die Natur. Die
+Beschreibung schließt mit dem Satze: »Es war ein wunderbares Tal!« Da
+nimmt sich Mitterwurzer das Wort »wunderbar« heraus. Er läßt das schöne
+Wort musikalisch wirken, er läßt es klingen, ohne daß er singt. Aus dem
+dunkleren »u« bricht das helle »a« wie ein Tag aus der Dämmerung. Wir
+haben nie eine herrlichere Wortmusik gehört.
+
+In der Pause zwischen den beiden Märchen dachten wir uns in unsere
+Knabenzeit zurück. In unserem Hause war eine Magd, die rote Hanne, die
+aus ihrem Geburtsort Wiesensteig im Filstale einen sprudelnden Reichtum
+von Märchen mitgebracht hatte. Ihr Gedächtnis war erstaunlich, und es
+machte ihr Vergnügen, aus der Fülle ihrer Erinnerungen mitzuteilen. Sie
+konnte sich wohl messen mit der berühmten hessischen Märchenfrau der
+Brüder Grimm. An Winterabenden, wenn sie spinnend am Ofen saß, den
+Flachs von dem Rocken zog und die gedrehte Spindel tanzen ließ -- denn
+damals spann man sich die Leinwand noch selbst, schickte das Garn zum
+Weber, die Weben auf die Bleiche -- dann begann die Magd zu erzählen und
+tat es so lange, bis nicht sie, sondern wir Kinder erschöpft waren. Dann
+hörten wir die Spindel wohl noch in den Halbschlummer herein surren und
+freuten uns schon auf den nächsten Abend. Die rote Hanne sprach nicht
+ganz so, wie Mitterwurzer las. Ihre Erzählung hatte mehr epischen Fluß,
+arbeitete das Gespräch und die dramatischen Momente nicht so stark
+hervor. Mitterwurzers Methode hat aber auch ihren Vorteil, besonders dem
+modernen Märchen gegenüber. Es ist, wie wenn ein Diamant aus seiner
+Fassung springt und nun auch an den Stellen, die früher bedeckt waren,
+zu funkeln beginnt. Das echte Volksmärchen, wie das »Von einem, der
+auszog, das Fürchten zu lernen«, wehrt sich vielleicht ein wenig gegen
+diese Behandlung, weil die Erzählung hier ohne subjektive Zutat ist. Ein
+heiterer Ton geht durch dieses köstliche Märchen, der gleich im Anfang
+angeschlagen wird. »Immer sagen sie: es gruselt mir, es gruselt mir! Mir
+gruselts nicht. Das wird wohl eine Kunst sein, von der ich auch nichts
+verstehe.« Hinter dieser Heiterkeit scheint sich aber ein stolzes
+Nationalgefühl zu bergen, das mit Bismarck sagen kann: »Wir fürchten uns
+vor niemand!« Ja, hinter diesen scherzenden Märchen sehen wir die
+Deutschen, wie sie kämpfend in die Weltgeschichte treten, kämpfend nicht
+bloß aus Not, sondern auch aus Lust am Kampfe, daher sie in Byzanz und
+Rom Verfechter fremder Sachen sind und heute noch in ihren bunten
+Wämsern, treu und schlagfertig, in den Vorhöfen des Vatikans stehen.
+
+Die deutschen Märchen, die sich selbst gedichtet haben -- die
+Volksmärchen -- sollen uraltes Nationalgut sein. Die Gestalten, die darin
+auftreten, werden als heruntergekommene heidnische Götter betrachtet,
+die sich vor christlicher Verfolgung in die Märchentracht versteckt
+haben. Es gibt wohl welche unter den deutschen Märchen, die dieser
+Ansicht entsprechen, beispielsweise unser allerliebstes Dornröschen.
+Wodan, der durch die Strahlengluten reitet, um die schlafende Sonne zu
+wecken, Siegfried, der durch die wabernde Lohe dringt, um Brünhild zu
+befreien, der junge Königssohn, der durch die Hecken bricht, um
+Dornröschen zu holen, sie sind wahrscheinlich eine und dieselbe Gestalt:
+zuerst als Gott, dann als Held, zuletzt als Märchenprinz. So kann nun
+jeder deutsche Mann, der ein Weib erwirbt, als Gott, als Held, als
+Märchenprinz empfinden. Aber nur wenige von den deutschen Märchen sind
+so bequem auszulegen wie Dornröschen, und selbst die nationale
+Ursprünglichkeit der deutschen Märchen wird bedenklich, wenn man
+dieselben Märchen, wie die deutschen, unter verschiedenen
+Himmelsstrichen und Völkerschaften verbreitet findet. Man kann sagen,
+das beweise nichts gegen die nationale Ursprünglichkeit der deutschen
+Märchen. Am Fuße des Himalaya blüht ein Gänseblümchen auf, in einem Tale
+des Wienerwaldes ein anderes Gänseblümchen, die beide nichts voneinander
+wissen. Oder nüchterner ausgedrückt: ähnliche Notlagen erzeugen ähnliche
+Gedanken und Erfindungen, ähnliche Gemütslagen bringen ähnliche
+Dichtungen hervor. Allein die Ähnlichkeit häufte sich in dem Maße, daß
+man an Entlehnung denken mußte, und ein deutscher Gelehrter (Theodor
+Benfey) machte die merkwürdige Entdeckung, daß der größte Teil unserer
+abendländischen Märchen und Novellen in Indien erfunden ist, woher sie
+uns auf verschiedenen Umwegen durch Mongolen, Islamiten und Juden
+zugemittelt worden. So leben wir auch nach dieser Seite hin geistig von
+den Erfindungen des Orients. Und das letzte: daß Dichtungen sich selbst
+dichten, ist in der Wissenschaft ein schon fast verschollenes Märchen.
+Überall, wo etwas Bedeutendes geleistet wird, sei es in der Dichtung, in
+der Wissenschaft, in der Technik, überall steckt ein einzelner Kopf
+dahinter, den man freilich nicht immer sieht. Selbst die Sprache, in
+ihrem Ursprunge das dunkelste Gebiet, ist gewiß durch geniale Griffe
+einzelner Menschen vorwärts gebracht worden, wobei die Frauen, in deren
+Mund die Rede so leicht und geschmeidig wird, keineswegs auszuschließen
+sind. Als der Streit um die Verfasser der deutschen Volksepen im
+Schwange war, hat Ludwig Uhland das in seiner Anmut so tiefe Wort
+geschrieben: »Die ganze Masse (des Volkes) ist noch, wie ein Zug von
+Wandervögeln, in der poetischen Schwebung begriffen, und die einzelnen
+fliegen abwechselnd an der Spitze.«
+
+Friedrich Mitterwurzer, der stets anregende Künstler, hat uns durch
+seine Märchenvorlesungen auf diese angenehmen Abwege gebracht, von denen
+zurückkehrend wir ihn noch einmal dankbar begrüßen.
+
+ (Am 25. Dezember 1895)
+
+
+
+
+Spiegelbilder
+
+
+Es war an einem heiteren Sommermorgen, als eine Schar vorüberziehender
+Landleute, die eben im Begriffe standen, vor das Dorf zu gehen, um ihre
+Weingärten zu bestellen, aus einem an der Straße liegenden Landhause
+einen ungewöhnlichen Lärm vernahmen, in welchem sie die stark
+hervorgestoßenen Rufe einer Männerstimme unterschieden, denen ein
+klirrendes Geräusch, wie von auseinanderfliegenden Glasscherben
+herrührend, nachfolgte. Sie standen eine Weile betroffen stille, indem
+sie gegen die Fenster des sonst so ruhigen Hauses emporblickten, und
+zogen kopfschüttelnd weiter, als der Lärm sich gelegt hatte. In dem
+Hause, das rückwärts an einen ausgedehnten Obstgarten stieß, wohnte
+Hanns Geißelreiter, ein bemittelter junger Gelehrter, der, von einem
+tiefen Hange nach Erkenntnis der Dinge beseelt, die Wissenschaft zu
+seiner eigenen Befriedigung pflegte. Vor kaum einem halben Jahre hatte
+er seine Frau begraben, und mit ihm wohnten seine zwei Kinder und eine
+Schwägerin, die ihm den Haushalt besorgte. An jenem Sommermorgen war es
+in dieser kleinen Familie zu einem ungewöhnlichen Auftritte gekommen.
+Sie nahmen in dem Bücherzimmer, das zugleich als Speiseraum diente, das
+Frühstück ein. Als Geißelreiter sich mit schmeichelnden Worten zu seinem
+jüngeren Töchterchen wendete und von seiner dampfenden Tasse aufsah,
+bemerkte er an dem Wandpfeiler gegenüber einen großen venezianischen
+Spiegel, welchen ihm die Schwägerin zu seinem heutigen Geburtstage
+beschert hat, und aus welchem ihm in diesem Augenblicke sein eigenes
+Bild mit scharfer Deutlichkeit entgegenwinkte. Kaum hatte er das
+Spiegelbild erblickt, als ein grimmiger Schmerz seine Züge verzerrte; er
+sprang rasch auf, und indem er den so freundlich gemeinten Einfall
+seiner Schwägerin mit heftigen Worten verwünschte, trat er auf den
+Spiegel zu und schlug ihn mit geballter Faust mitten entzwei. Der starke
+Schlag auf den spröden Stoff hatte seine Zorngeister einigermaßen
+abgeleitet, obgleich er die verhundertfachte Spiegelung seines Bildes in
+den herabklirrenden Glasscherben wie einen persönlichen Hohn empfand.
+Die beiden Kinder waren in eine Ecke der Stube geflohen und ließen,
+indem sie sich an den Händen faßten, ihren Tränen freien Lauf. Die
+Schwägerin, erst von Schreck gelähmt, holte nun ein Waschbecken mit
+Wasser herbei, in welches Geißelreiter seine aus vielen kleinen Wunden
+blutende Hand steckte. Er sah mit einem gewissen Vergnügen das Blut aus
+der Hand rinnen, denn er fühlte seine Brust wie durch einen Aderlaß
+erleichtert. Eine dumpfe Schwüle lag über das Zimmer gebreitet; leise
+weinten die Kinder fort, ein nicht ganz bewältigtes Schluchzen verriet
+die innere Bewegung der armen Schwägerin, dazwischen hörte man das
+gleichmütige Ticken der Schwarzwälderuhr und ihren die volle Stunde
+ankündigenden Kuckucksruf. Die Erinnerung an die Zeit und den Tageslauf
+führte die durch einen gewaltsamen Zwischenfall aufgeregten Geister in
+das alltägliche Geleise nach und nach zurück. Geißelreiter schwieg zwar
+noch immer, als aber die sorgsame Schwägerin die Glassplitter aus seiner
+Hand entfernte und einen Verband angelegt hatte, fühlte er sich doch zu
+einigen entschuldigenden Worten gedrängt. Sie möge seine Heftigkeit
+entschuldigen; aber sie wisse ja, daß er sich selbst nicht leiden
+könnte, daß er sich zu entfliehen trachte und daß es ihm bei dieser
+Gesinnung unmöglich eine Freude machen könne, sein Bild sich gegenüber
+zu sehen. Er hasse seine eigenen Züge, sie seien ihm aufs tiefste
+widerwärtig; wenn er sich einmal zufällig selbst erblicke, sei ihm der
+Tag und die Woche verdorben. Der Spiegel sei daher sein größter Feind
+... Nach diesen Worten, die er nicht ohne Selbstüberwindung und ein
+gewisses Schamgefühl mehr hervorgestoßen als gesprochen hatte, zog er
+sich auf sein Studierzimmer zurück und ließ sich trotz der dringenden
+Bitten seiner Kinder, die wiederholt an seine Tür pochten, an diesem
+Tage nicht mehr blicken.
+
+Wie allen übertriebenen Empfindungen und Zuständen der Menschen, so lag
+auch dem Selbsthasse und der Selbstquälerei unseres wunderlichen
+Philosophen ein sehr menschliches Motiv zugrunde. Als er auf
+Freiersfüßen ging, besuchte er das Haus einer Witwe, die zwei Töchter
+hatte, von denen er eigentlich die jüngere, seine jetzige Schwägerin,
+liebte. Die ältere aber benützte die Liebesstimmung des jungen Mannes,
+wußte sich ihm durch hundert Rücksichten und Gefälligkeiten
+anzuschmeicheln, und die jüngere Tochter, welche nur in geringem Maße
+die Gabe besaß, ihren Gefühlen das rechte Wort zu leihen, ließ er
+beiseite liegen, obgleich er es als einen Schmerz empfand, ihr nicht
+näherkommen zu können. Da nun vollends die Mutter, wie fast sämtliche
+Mütter, sich von der Pedanterie nicht losreißen konnte, die Töchter nach
+der Altersklasse zu verheiraten, kam eine Ehe zustande, die den
+Absichten des jungen Gatten nicht eigentlich entsprach. Sobald er sich
+besann, mußte er sich aufrichtig bekennen, daß, wenn er auch die ältere
+heimführte, sein Herz doch eigentlich der jüngeren gehörte. Doch
+behauptete der einmal vorhandene Zustand seine gebieterischen Rechte.
+Man fand sich bei der im Grunde guten Gemütsart der jungen Frau leidlich
+zurecht, und als sich vollends der Kindersegen einstellte und die
+zärtliche Mutter nacheinander zwei wohlgestaltete Mädchen in die Arme
+des glücklichen Gatten legte, schien eine zufriedene Zukunft gesichert
+zu sein. Leider fing die Frau zu kränkeln an. Eine Brustkrankheit, wie
+sie sich bei zarten, schlanken Blondinen nicht selten einstellt, zehrte
+die Frau, ohne daß sie empfindlich zu leiden schien, langsam auf. Nicht
+ohne Bewegung stand der junge Witwer an ihrem Grabe, denn die Gewohnheit
+der Lebensgemeinschaft ist ein Band, das manchmal stärker hält, als die
+heftigste Liebe. Mathilde war tot, und Leonie, die junge Schwägerin,
+übernahm die Aufgabe, die Kinder zu pflegen und das Haus zu führen.
+Rasch verdunkelte sich dem Witwer das Bild seiner verstorbenen Frau,
+weil sie ihn durch Gegenwart und tätiges Eingreifen nicht mehr an sich
+selbst erinnern konnte und eine innigere Empfindung sie nie verbunden
+hatte; dagegen machten sich die nie aufgegebenen, nur vertagten alten
+Herzensrechte auf Leonie wieder geltend. Das mußte er selbst in
+Gegenwart seiner Kinder empfinden. Das jüngere Töchterchen, schwarz, mit
+feurigen Augen wie Leonie, war sein entschiedener Liebling, auf den er
+alle seine Zärtlichkeit übertrug; die ältere dagegen, ihm an Zügen
+ähnlich, mit dem blonden Haare und den blauen Augen der Mutter,
+betrachtete er mit einer gewissen Abneigung, die er nur schwer besiegen
+konnte. Dann aber faßte er die Kleine beim Kopfe, drückte ihr einen
+heftigen Kuß auf den Mund und leistete dem armen Kinde im stillen
+Abbitte. Da er aber der geliebten Schwägerin gegenüber sich im Innersten
+gebunden fand und vergebens nach Worten rang, um ihr sein Empfinden
+kundzutun, und ebenso sie selbst, eine verschlossene, schamhafte Natur,
+sein Wesen, Tun und Lassen bloß mit den Augen verfolgte und ihre Liebe
+im übrigen nur werktätig bekundete, zog sich der junge Gelehrte auf sich
+selbst und seine Bücher zurück, wobei sich bei ihm jene Abneigung gegen
+sich selbst ausbildete, die sich in der Zertrümmerung des Spiegels so
+gewaltsam Luft gemacht hatte. Er schloß sich geistig jener
+vielverbreiteten Zeitrichtung an, die sich mitten im Tatendrang unserer
+Tage und recht im Gegensatz zu dem üblichen frechen Vordringen der
+eigenen lieben Persönlichkeit, in der Neigung gefällt, das eigene
+Selbst herabzudrücken und es, als etwas für sich Unbedeutendes und
+Nichtssagendes, in dem allgemeinen Fluß der Dinge aufzulösen. Er
+huldigte dieser großen Eitelkeit einer sich selbst bespiegelnden
+Selbstvernichtung. Leidenschaftlich verfolgte er das Bestreben, sein Ich
+auszulöschen, seine Persönlichkeit zu vertilgen. Mit unseren
+abendländischen Mitteln der Selbstzerstörung nicht zufrieden, rief er
+die nun überall bereitwillig sprudelnden Hilfsquellen des indischen
+Denkens zu seinem Dienste herbei. Die in ihrer Art grandiose
+Vedantalehre, die, von der Angst der ewigen Wiedergeburt des Daseins
+hervorgerufen, die lastende Schwere des Menschenlebens durch bloße
+Selbsterkenntnis und Entzauberung des Welträtsels vom Rücken schüttelt,
+schlug in seinem Denken mächtige Wellen. Er konnte sich hinuntertauchen
+in dieses selige Nichts, das doch alles sein soll.
+
+Allein der Genius der Menschheit lächelt über dergleichen
+Verstiegenheiten des Denkens und Wollens. Spielend löst er diesen
+Krampf, und das holdselige Lächeln eines Mädchens hat schon manchen
+Weltweisen, der das Weib für die Verkörperung des Bösen hielt, zu
+milderer Anschauung bekehrt. Hanns Geißelreiter, der ländliche Philosoph
+des Pessimismus, wurde gleichfalls auf diesen andern Weg geführt und aus
+einem unglücklichen ein glücklicher Mann. Seine Schwägerin Leonie fand
+die Mittel, ihm anzudeuten, daß sie ihn liebe, und Hanns kam ihr auf
+halbem Wege entgegen. Zu ihrem nächsten Geburtstage schenkte er ihr
+einen Spiegel. Er selbst fand wieder Wohlgefallen an seinem Gesichte,
+seit es einem lieben Mädchen gefiel, und dieser Spiegel trog nicht. Als
+die Weihnachtszeit herannahte, huschten gute Geister durch das Haus. Am
+Weihnachtsabend kam das Lieblingstöchterchen Geißelreiters mit roten
+Backen aus dem Garten herauf und erzählte ihrem Vater, indem sie ihm den
+Schößling eines Kirschenbaumes reichte: »Sieh, Vater, ich habe einen
+dürren Zweig vom Baume gebrochen, und als ich ihn knickte, war er innen
+grün ...« »O, mein Kind!« rief der glückliche Vater aus, »ich danke dir
+für deine frohe Botschaft.« Dann nahm er das Kind auf und herzte und
+küßte es; aber auch die blonde Schwester, das geschreckte Kind, umarmte
+er mit überfließender Zärtlichkeit. Abends aber führte Leonie den
+bekehrten Hanns in das von Glanz erfüllte Bescherungszimmer. Sie hielt
+ihm beim Eintreten die Hände vor die Augen und ließ ihn erst frei, als
+sie vor einem großen venezianischen Spiegel standen. Die Lichter des
+Weihnachtsbaumes brannten ihnen daraus entgegen, aber weit schöner
+überrascht war er, als er das geliebte Mädchen, Wange an Wange mit ihm,
+aus dem Glas herausschauen sah. Die beiden Kinder kletterten an ihnen
+empor und vollendeten mit ihren lieben Gesichtern das reizende
+Spiegelbild. »Ich bin so übel nicht,« sagte Hanns lächelnd zu Leonie und
+drückte ihr einen heißen Kuß auf den Mund. Der Kuckuck aber in der
+Schwarzwälder Wanduhr rief eine glückliche Stunde.
+
+ (Am 25. Dezember 1887)
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+
+
+
+Das Ammergauer Krippenspiel
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+
+Nie kann ich eine Tanne, die zu Weihnachten unsere Wohnungen ziert,
+betrachten, ohne zurückzudenken, von wannen sie kommt, ohne ihr
+gleichsam eine Wurzel zu leihen. Hinter dem Baume höre ich den Wald
+rauschen, und der Harzgeruch, den die grünen Nadeln sehnsüchtig
+ausströmen, zieht den Sinn, der doch gerade an diesem Tage an Haus und
+Herd haften möchte, träumerisch in die Ferne. Zuerst muß ich heuer dein
+gedenken, du traulicher Wienerwald, der du mir zur heißen Sommerszeit
+gastlichen Schatten geboten hast, und dann denke ich weit und weiter,
+von der Donau hinauf an die Isar, an deren Ufer bis in die Hundstage
+hinein so heftige Schlachten geschlagen wurden. Kunstschlachten,
+Dunstschlachten, auf den Brettern geliefert, nicht auf den Feldern,
+Schlachten aber, die, bei dem Theatersinne der Deutschen, die Gemüter
+lebhaft erregten und schließlich eine Erbitterung hervorriefen, die noch
+heute in verschiedenen Blättern und Blättchen nachzittert.
+Glücklicherweise liegt auch hinter München Wald und Gebirge, und damals
+wurde viel Wunders erzählt von dem großen Krippenspiel, genannt
+Passionsspiel, welches die ländliche Gemeinde von Oberammergau den
+Sommer hindurch allwöchentlich ins Werk zu setzen pflegte. Da der
+Schauplatz einladend nahe lag und ein Heraustreten ans dem schwülen
+Münchener Dunstkreise, der sich durch wahrhaft rasende Abendgewitter
+vergebens abzukühlen suchte, wünschenswert war, so stellte sich der
+Gedanke von selbst ein, mit ein paar Freunden, dem allgemeinen Weltzug
+folgend, nach Oberammergau zu wallfahrten. Kaum je habe ich die ragenden
+Zwillingstürme der Münchener Frauenkirche fröhlicheren Sinnes hinter mir
+gelassen, als da ich, das saure Vergnügen des Gesamtgastspiels
+unterbrechend, an einem dumpfen Julitage dem Hochgebirge zustrebte, um
+nach so viel Kunst und Künstelei an dem dramatischen Naturspiel der
+Ammergauer die müde Seele zu laben. Nach einer unerquicklichen
+Eisenbahnfahrt kamen wir endlich in Murnau an, wo schon das Umsteigen
+aus einem überfüllten Waggon in ein offenes Gefährt eine Wohltat war.
+Aus dem Knäuel der verschiedenartigsten Fahrgelegenheiten hatten wir uns
+rasch losgewunden, ein freundliches Gasthaus bot im Vorüberflug Speise
+und Trank. Wir waren in unserem Wagen lauter gute Bekannte: ein sanfter
+Wiener Kollege semitisch-madjarischer Abkunft mit seiner lebhaften
+geistreichen Schwester; ein liebenswürdiger königlich bayerischer
+Hauptmann, der seine pfälzische Mundart so eilfertig sprach, daß die
+eigene Zunge kaum nachkommen konnte, und neben dem Kutscher saß ein
+junger Bruder Franziskaner, gleichsam ein Feldwebel im Reich der Gnade,
+der sich durch Heiligenbildchen bei der Dame eingeschmeichelt hatte und
+von seinem eigensinnigen Vorsatz, unsere Fahrgelegenheit mitzubenutzen,
+nicht abzubringen gewesen. Trotz geistlichen Beistandes ging die Fahrt
+ohne besonderen Unfall vonstatten. Das Fahrzeug trug uns sachte hinein
+in das Hochgebirge, das immer gewaltiger aufstieg, bis wir uns selbst in
+die Berge verloren. Scherzworte, die zwischen Bock und Wagen, wie
+zwischen Himmel und Erde hin- und wiederflogen, würzten und kürzten die
+Zeit. Der steile Ettaler Berg, der zu Fuß erstiegen sein will, war bald
+genommen, und gegen Abend rollten wir, die freundlichen Ufer der Amper
+entlang, hinunter nach dem berühmten Bildschnitzer- und
+Schauspielerdorfe, das wir von einem kosmopolitischen Völkergewimmel
+erfüllt fanden. Es war der Abend vor dem Sonntagsspiele. An ein
+Unterkommen, an Sitze für die nächste Vorstellung war nicht zu denken.
+Wir hatten einen redseligen Berliner in einer Hühnersteige einquartiert
+gefunden, ein Engländer nächtigte in einem Großvaterstuhle, ein
+geschmeidiger Junge aus New York schlief auf einer schmalen Küchenbank.
+Zunächst suchten wir ein Obdach in der Nachbarschaft und sicherten uns
+Einlaßkarten für die Montagsvorstellung. Uns ward ein köstlicher freier
+Sonntag, an dem wir zu Wagen und zu Fuß durch das Ammergauer Tal
+streiften, entzückt von der Schönheit der Landschaft, von der
+erquickenden sonnigen Luft und von der erstaunlichen Frische des
+Pflanzenwuchses. Als wir den Hollunderbusch und die Linde blühen sahen,
+die in der Ebene unten längst Frucht angesetzt hatten, war es uns so
+wunderlich zumute, als ob wir in die frühere Jahreszeit zurückgingen,
+und sofort dämmerte die täuschende Hoffnung auf, daß es Möglichkeit und
+Mittel geben könnte, die verschollenen Jugendtage noch einmal zu
+erleben. Doch ließ das kräftige Gefühl der Gegenwart solche empfindsame
+Gedanken nicht um sich greifen; wir schöpften den Tag gründlich aus, und
+erst um Mitternacht suchten wir das Lager auf, um der heiligen Frühe,
+die uns das ungeduldig erwartete Krippenspiel bringen sollte,
+entgegenzuschlummern.
+
+Endlich saßen wir dem Theater gegenüber, das nach den Bergen hingestellt
+ist: ein Holzbau, die Bauglieder farbig hervorgehoben, mit einem Bild im
+Giebelfeld. Die Bühne selbst ist in drei Schauplätze geteilt: Der
+mittlere größere Raum mit der Aussicht auf Jerusalem, links und rechts
+eine schmälere Gasse mit den Häusern des römischen Landpflegers und des
+Hohenpriesters turmähnlich flankiert. Schon füllt sich die Gasse rechts
+mit allerlei Volk, das jauchzend quer durch den mittleren Raum zieht und
+durch die Gasse links, während der Heiland, von Hosianna umtönt, auf dem
+Esel reitet, auf die geräumige Vorbühne ausmündet. Der Aufzug gewährt
+das überzeugendste Bild einer großen Volksbewegung, die sich, durch die
+sinnreiche Bühneneinrichtung, bald drängt, bald erweitert, bis sie sich
+in voller Breite ergießt. Durch häufige und nur allzu häufige lebende
+Bilder nach dem Alten Testamente, die für das Christentum vorbildlich
+sein sollen, unterbrochen, rückt die Handlung nur träge vorwärts. Man
+gewinnt damit Zeit und Antrieb, das zweite Schauspiel, welches die
+Naturszenerie und das Publikum gewährt, näher zu betrachten. Tausende
+von Zuschauern, über deren Köpfe man hinblickt, sitzen hier mehr oder
+weniger unter freiem Himmel, alle schaulustig und gespannt, aber doch
+auch leiblichen Bedürfnissen unterworfen. Selbst nicht vor dem Bilde des
+Höchsten und Heiligen schweigt, mit Homer zu reden, »die Wut des
+leidigen Magens«. Mächtige Brottrümmer kommen zum Vorschein, schmächtige
+Butterbemmchen verschwinden neben ungezählten Knackwürsten und blühenden
+Speckseiten. Man hört Stöpsel springen und das Glucksen sich
+entleerender Flaschen. Dazwischen Stöhnen und Schluchzen und das
+prosaische Nachspiel des Weinens -- das Schneuzen. Man irrt aber, wenn
+man meint, irgendeines dieser Dinge störe die Stimmung des Zuschauers.
+Die Größe, die Mannhaftigkeit besitzt eine reinigende Kraft, wie ja auch
+das Meer nie schmutzig erscheint. Dann ist es die Gegenwart der freien
+Natur, die jeden kleinlichen Gedanken aus der Seele drängt. Ich sehe den
+Himmel über mir mit seiner ewigen Leuchte, eine vorüberziehende Wolke
+entlädt sich unter Blitz und Donner; dann blinken uns von den Halden die
+Wiesen entgegen, und weiter hinauf winkt der grüne Wald. Hier
+lustwandeln fröhliche Dirnen, dort recht ein Bauer das Heu zusammen; man
+hört die Hähne krähen und das Girren der Tauben. Und hier zwischen
+Zuschauerraum und Bühne fliegen die Schwalben und schreien die
+Sperlinge. Die Natur läßt sich nicht stören durch die Meinungen und
+Veranstaltungen der Menschen; während dem Heiland die Nägel durch die
+Hand getrieben werden, suchen zwei Schmetterlinge einander zu haschen.
+Da mag man wohl lächelnd an das Wort des Apostels Paulus denken: »Wir
+wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstet sich noch
+immerdar« -- was von manchen so ausgelegt wird, daß auch die übrige Natur
+außer dem Menschen in das Erlösungswerk mit einbezogen sei. Die Natur
+aber ist eine uralte Heidin und wird eine Heidin bleiben; erst mit dem
+Menschen beginnt das Heilsbedürfnis. Da ist es nun eine wunderbare
+Erscheinung, und gerade Ammergau legt diesen Gedanken nahe, wie das
+Christentum, aus den höchsten Geistesquellen des Altertums entspringend,
+bis zu dem gemeinen Mann herabfließen und noch den Weihkessel der Armen
+und Elenden mit seinem Segen füllen konnte. Heraklits Oben und Unten,
+die Trennung von Leib und Seele, die platonische Lehre vom Vater und
+Sohne, von der Allgegenwart der Idee, die jüdisch-griechische
+Philosophie mit ihrer vermittelnden Tätigkeit, die universalistische
+Tendenz des römischen Geistes -- alle diese dialektischen Verstandes- und
+Gemütsprozesse mußten vorhergehen, bevor die Kirche ihr Brot backen und
+ihren Wein schenken, bevor die Heilslehre Eingang finden konnte in die
+Seele und in den Mund eines deutschen Bauern. Der Logos, das Wort ist
+Fleisch geworden -- ein Gedanke, mit dem nur wenige von den Zeitgenossen
+des Perikles einen Sinn hätten verbinden können, er ist ein Gemeingut
+unserer Landleute und wird von den Ammergauer Bildschnitzern vor aller
+Welt dramatisch dargestellt.
+
+Das dramatische Evangelium der Oberammergauer, ihr Buch zum
+Krippenspiel, trägt den Charakter der Aufklärungszeit, in der es
+entstanden. Man hat in der jüngsten Zeit nach der ältesten Gestalt des
+Ammergauer Bühnenspieles geforscht und glaubt es in einem geistlichen
+Spiele des Klosters St. Ulrich und Afra in Augsburg gefunden zu haben.
+Die Sprache dieses Spieles weist in das fünfzehnte Jahrhundert zurück.
+Das Gedicht springt auch nicht mehr aus der Quelle, sondern führt in
+seinem Rinnsal das getrübte Wasser und Gerölle der Jahrhunderte mit
+sich. Selten gewinnt es plastische Gestalt, nur wenn Maria auftritt,
+wird es lebendiger und wärmer. »Nun helfet mir mein Kind beklagen,« ruft
+Maria an dem Grabe des Heilands aus; »ihr wisset ja, wie lieb sie sind!«
+(nämlich die Kinder.) Dieses einzige Wort wiegt das ganze Passionsspiel
+des Augsburger Meistersingers Sebastian Wild auf, aus welchem die ältere
+Fassung des Ammergauer Buches hervorgegangen. Hier weicht die Mutter
+Gottes, wahrscheinlich unter dem Einflusse der Reformation, auffallend
+zurück, und das Ganze ist eine handwerksmäßige Arbeit, die sich blind an
+den Endreimen fortgreift. Das gegenwärtige Buch der Ammergauer ist, wie
+gesagt, rationalistisch gefärbt und ohne volkstümliche Ader. Es fehlt
+der trauliche Ton, und die logischen Gelenke der Sprache treten stark
+hervor. »Was übrigens die Vollziehung des Urteils anbelangt,« sagt
+beispielsweise Kaiphas, »so wird es wohl das Sicherste sein, wenn wir es
+beim Landpfleger durchsetzen könnten, daß _er_ ihn zum Tode brächte --
+dann wären wir ohne alle Verantwortung.« Oder Petrus, der aus dem Grabe
+des Heilands kommt, sagt zu Johannes: »Sieh selbst, wie ordentlich die
+Leintücher zusammengelegt sind. Alles ist im Grabe so geordnet, wie wenn
+jemand, der vom Schlafe aufsteht, seine Nachtkleider an den bestimmten
+Ort legt.« Doch bringt es selbst diese nüchterne Bezeichnung der Dinge
+manchmal zu ergreifender Wirkung, wie zum Beispiel, wenn Jesus, von
+seiner Mutter Abschied nehmend, ausruft: »Mutter! Mutter! Für die
+zärtliche Liebe und mütterliche Sorgfalt, die du mir in den
+dreiunddreißig Jahren meines Lebens erwiesen hast, empfange den heißen
+Dank deines Sohnes.« Freilich greift hier die unwiderstehlich packende
+Situation über das Wort hinüber. Im ganzen bekundet das Buch einen guten
+Sinn für wirksame Situation.
+
+Das Anregendste am Ammergauer Krippenspiel ist wohl der Schauplatz
+selbst, das geräumige, sinnreich gegliederte Theater, welches den
+Schauspieler nicht unvermittelt aus der Kulisse fallen läßt und jene
+Volksaufzüge ermöglicht, die an Wirkung weit hinausreichen über das
+Spiel der einzelnen. Ein ähnliches Theater scheint dem maßlosen Grabbe
+vorgeschwebt zu haben, wenn er in den »Hundert Tagen« etwa vorschreibt:
+»Zwei Schwadronen rücken vor«. Das Volk, die »Turba«, wie es in den
+Passionsmusiken heißt, ist der große Schauspieler von Ammergau, den
+freilich die Meininger nicht zu fürchten haben. Über die einzelnen und
+hervorragenden unter den Schauspielern hat sich kein klares Urteil
+festgestellt. Die Kritiker setzten sich gewöhnlich in ein gemütliches
+Verhältnis zu den Spielern, und so verloren sie ihre Unbefangenheit. Sie
+haben mit Judas in dieselbe Schüssel getaucht, mit dem Heiland einen
+Schoppen getrunken und mit der Mutter Gottes unter einem Dache
+geschlafen. Dieser schlichte Mensch, heißt es dann, welch ein
+Schauspieler! Nun ist es keine Frage, daß, von den Frauen abgesehen, die
+durchaus abscheulich spielten, manche der Mitspielenden Treffliches
+leisteten. Allen voran steht der Darsteller des Christus. Er ist eine
+schöne männliche Erscheinung, »unnachahmlich« gewachsen, wie eine
+Engländerin meinte, in allem Sichtbaren, was Gang, Stellung und Gebärde
+betrifft, geradezu bewunderungswürdig. Man merkt wohl den Bildschnitzer
+durch, und er hat sich, nach seiner eigenen Äußerung, an Führichs
+Kreuzgang geschult. Wie er vor Pilatus erscheint, wie er am Kreuze
+hängt, das ist eine wahre Augenweide. Leider liegen seine Augen zu
+versteckt, und in seiner hohen Tenorlage spricht er mitten hindurch
+zwischen dem Schulmeister und dem Geistlichen. Außerdem ist er grimmig
+ernst; er hat nichts von der Ironie des Heilands, der doch, ganz Mensch
+und ganz Gott, die höchste Ironie darstellt. In seiner allzu passiven
+Haltung trägt er wesentlich bei zu der Verstimmung, die sich dem brutal
+mißhandelten Christus gegenüber des Zuschauers bemächtigt. Für den
+Gläubigen ist das Wasser auf die Mühle; wer aber dramatisch genießen
+will, dem ist mit einem so absolut duldenden Helden nicht gedient. Alles
+rein Menschliche in den Situationen, wie etwa die Szene auf dem Ölberge,
+wird dann zum Genusse. Im ganzen leidet das Ammergauer Krippenspiel an
+einem Hauptfehler: es ist nicht mehr Naivität und noch nicht Kunst. In
+dieser schwankenden Mitte wird der Zuschauer hin und her geschaukelt.
+
+Andere, darunter selbst Schauspieler, urteilen milder. Vielleicht wird
+es dem Leser angenehm sein, in diesem Zusammenhange das Urteil eines
+großen Schauspielers zu hören. In einem Briefwechsel, in welchem es sich
+um die Schauspielkunst handelte, schrieb mir Adolph Sonnenthal:
+
+»Also meine Ammergauer Eindrücke wünschen Sie zu wissen? Nun, ich hatte
+deren, und zwar mächtige Eindrücke, die aber leider durch die oftmals in
+die Länge gezogene Handlung, durch das störende Spiel einzelner, wie des
+Judas und der Magdalena, wieder paralysiert wurden; und dennoch brachte
+mich der Darsteller des Christus immer wieder in die richtige Stimmung,
+so daß ich in der Hauptaktion, in der Kreuzigung, aufs tiefste ergriffen
+war und beim Verlassen des Spieles nur den einen Gedanken hatte: ob
+irgendein Schauspieler die Rolle so perfekt darstellen könnte. Sprechen
+würde er sie unbedingt besser, aber agieren? Ich glaube nicht. Die
+Aktion des Abendmahles und der Tod könnten jedem großen Künstler von
+Beruf zur Ehre gereichen. Die Hoheit und Milde, und ich möchte sagen die
+Grazie, mit welcher dieser Mensch den Jüngern die Füße wusch, hat mich
+geradezu in Erstaunen gesetzt. Die Inkarnation des Leidens im Ausdrucke
+und dabei die übermenschliche Duldermiene am Kreuze, die letzten
+Momente, wenn ihm das Auge bricht und der Kopf schwer auf die Brust
+sinkt und noch mit gebrochenem Auge seine Mutter sucht -- ich wüßte
+keinen Schauspieler, der es besser machen könnte, und daß dieser Mann
+eben kein Schauspieler, sondern ein einfacher Mensch und Holzschnitzer
+ist, das hat mir mehr als einen künstlerischen, das hat mir einen
+weihevollen Eindruck gemacht. Diesen Eindruck empfing ich auch bei dem
+Einzuge Christus in Jerusalem, bei der Kreuztragung, und wenn nur die
+anderen Mitspielenden annähernd die natürliche Begabung Mayers hätten,
+dann wäre der Eindruck ein allgemeiner. Man sprach zu viel davon, und
+Sie erwarteten ein künstlerisches Ensemble. Das ist es nicht und soll es
+meiner Ansicht nach auch nicht sein, wenn es wirklich eine religiöse
+Wirkung hervorbringen soll. Es darf nur nicht geradezu störend sein, wie
+Judas und Magdalena. Ich habe mir manches sogar noch naiver, noch
+natürlicher gewünscht. Die künstlerischen Eingriffe der Münchener
+Künstler in den letzten Jahren haben dem Wesen der Sache offenbar
+geschadet; man wird dadurch hin und wieder doch an das Theater erinnert,
+und zwar an ein schlechtes Theater, und das ist vom Nachteil. Ihr
+Eindruck ist übrigens nicht vereinzelt; ich habe viele gesprochen, die
+Ihre Empfindung ganz und gar teilen. Vor einigen Tagen war ich in
+Königswart bei der Fürstin Metternich; während des Diners wird über
+Oberammergau gesprochen, und die Fürstin erwartete einen Brief ihrer
+Tochter, der Fürstin Oettingen, die auch dem Passionsspiele beigewohnt
+und die ihr versprach, darüber zu schreiben, denn sie selbst war nicht
+dort. Nach Tisch traf dieser Brief richtig ein, und die Fürstin las ihn
+uns vor. Im allgemeinen sprach sie nun Ihre Ansicht aus; aber eine
+geistreiche Bemerkung machte sie über Christus, die sehr bezeichnend
+ist. Sie sagte: er spielte zu demütig, #comme s'il n'était pas digne
+d'être Jésus!# Ich mußte ihr widersprechen, denn gerade die Auffassung,
+wenn hier von Auffassung die Rede sein kann, das rein Menschliche, hat
+mich diesem Gottmenschen näher gebracht und -- lächeln Sie nicht, ich
+habe an ihn geglaubt, allerdings nur bis zu dem Moment, wo er aus dem
+Grabe auferstand. Hier wurde ich wieder zu sehr an die Komödie gemahnt.
+Ich habe noch nichts über die Einrichtung des Theaters gesagt, dies fand
+ich geradezu sublim. Sie doch auch? Die Szene des Gerichts. Pontius auf
+dem Balkon, unter demselben der gefesselte Christus, zur Rechten das
+Volk, zur Linken die Priester, das war doch ein großartiger Eindruck.
+Was ließe sich auf solch einem Theater mit großen klassischen Stücken
+machen -- etwa mit den Königsdramen oder »Götz«? Diese beiden
+Seitenbühnen sind eine geniale Erfindung. Denken Sie sich die
+Volksszene im »Julius Cäsar«, in der Mitte das Forum, das Volk zu beiden
+Seiten, die ganze Tiefe der Bühne -- es müßte hinreißend wirken. Der Chor
+und die Musik, die mir anfangs gefielen, wirken auf die Länge durch ihre
+Monotonie etwas einschläfernd; doch hat mir wieder der Chorführer, wenn
+Sie ihn noch im Gedächtnisse haben (und zwar der vom Zuschauer rechts),
+außerordentlich gefallen. Wie edel sich der Mensch bewegte, wie
+geschickt er immer auftrat und abging. Das ist nämlich sehr schwer, so
+eine breite Bühne entlang ruhig und schön zu gehen. Wenn Sie nun alle
+diese Einzelheiten summieren, so werden Sie es begreiflich finden, daß
+das Schauspiel nicht ohne Eindruck an mir vorübergehen konnte, und ich
+bereue es nicht einen Augenblick, dort gewesen zu sein.«
+
+Nach einer solchen Autorität in schauspielerischen Dingen kann man schon
+schweigen. Ohnedies wird es allzu lebendig um mich her, und auf das
+große Krippenspiel folgt das kleine. Ein einziges Kind ist mächtiger als
+ein ganzes Publikum. Eine kleine Hand führt mich zu dem flimmernden
+Baume hin, in welchem ein ganzer Wald von Seligkeit rauscht.
+
+ (Am 25. Dezember 1880)
+
+
+
+
+Das Heimatsgefühl der Brüder Grimm
+
+Ein Weihnachtsblättchen
+
+
+Die Brüder Grimm, Jakob und Wilhelm, kennt die ganze deutsche Welt, von
+den obersten Höhen geistiger Bildung durch das Frauengemach hindurch bis
+herab in die Kinder- und Schulstube. Sie haben die Kinder- und
+Hausmärchen gesammelt aus dem Munde des Volkes, ja nicht nur gesammelt,
+sondern, indem sie mit dichterischem Sinne die epischen Gesetze dieser
+Gattung durchfühlten und erkannten, haben sie uns die Märchen weich,
+warm und traulich an das Herz gelegt. Wer diese Märchen in sich
+aufgenommen, kann Deutsch, und auch das tiefe Gefühl, woraus sämtliche
+Werke der Brüder Grimm hervorgegangen: das Heimatsgefühl, wird er aus
+ihnen kennen gelernt haben. Die prächtigen Worte Vaterlandsliebe und
+Patriotismus möchten wir, wenn wir von den Brüdern Grimm sprechen, nicht
+in Anwendung bringen, weil bei ihnen das Gefühl für ihr Volk im Engen
+und Engsten wurzelt, in dem kleinen Lande, dem sie angehören, in dem
+heimatlichen Winkel, wo sie geboren, in der Stadt und Stube, da sie
+gelebt haben. Selbst wenn sie sich zur höchsten Vaterlandsliebe
+aufgeschwungen, kehren sie gern in ihre Furche zurück und vollenden da,
+der Lerche gleich, den Lobgesang eines Liedes, das sie in der Höhe
+geschmettert haben. Zumal an Jakob, dem stärkeren, mutigeren,
+vordringenderen der beiden Brüder, fällt diese Sitte auf, und Wilhelm
+läßt sich nur durch den älteren, aber feurigeren Bruder zu kräftigeren
+Kundgebungen der Gesinnung mit fortreißen. In Leben und Wissenschaft ist
+Jakob die trotzigere und bahnbrechende Natur. Wo er den Pflug ansetzt,
+drückt Jakob ihn tiefer ein, so daß der Brodem der Erde hervorbricht und
+sich die Schollen schwer und langsam, als wollten sie sich eine Weile
+besinnen, zu beiden Seiten niederlegen. Ein Bahnbrecher, schaltet Jakob
+mit Axt und Pflugschar, während Wilhelm mehr eine Gärtnernatur ist, die
+auf dem schon gerodeten Erdreiche ihre zierlichen Beete anlegt, sie
+sorgsam wartet und still begießt. Jakob wühlt neue Schöpfungen aus dem
+Boden hervor, eine Grammatik, die Mythologie, die Rechtsaltertümer,
+Wilhelm läßt gewissen alten Lieblingsautoren seine peinliche Pflege
+angedeihen und schreibt, bedächtig suchend und das Gefundene geduldig
+zusammenfügend, die Geschichte der Heldensage, die ihren Gegenstand
+durch Zeugnisse und eigene Entwicklung von außen und innen beleuchtet.
+Alle diese Arbeiten und Werke gehen aber aus dem tiefen Grunde des
+Heimatsgefühls, aus der starken Empfindung hervor, daß es für den
+Menschen nichts Anziehenderes und Wertvolleres gebe, als was schon die
+Heimat an lebendigem Besitz und nachklingender Überlieferung
+entgegenbringe. Rührend neben so eindringlichen wissenschaftlichen
+Taten ist bei den Brüdern Grimm der kindliche Ausdruck ihrer
+Anhänglichkeit an die Heimat. So wenn Wilhelm, im Hinblick auf den
+Aufenthalt seines Sohnes in Italien, in die Worte ausbricht: »Ich könnte
+auf die Länge nicht an einem anderen Orte leben, so hänge ich an meinem
+Vaterlande,« oder wenn Jakob sich statt aller Herrlichkeit des Südens
+den blühenden Apfelbaum lobt und den Finken darauf.
+
+Das Kleine groß empfinden ist eine Kunst Jakob Grimms. Er und sein
+Bruder haben die Gabe des Dichterauges, das sämtliche Dinge, sie mögen
+noch so gewohnt und vergriffen sein, stets zum ersten Male sieht und
+einen Strahl der Verwunderung und des Wiedererkennens darauf fallen
+läßt. Jakob Grimm sagt einmal: »Alles, was der Mensch betrachtet, ist
+wunderbar, Sprache, Wort und Laut«. Diese Anschauung zieht sich in einem
+breiten Bande durch seine deutsche Grammatik, die so vorteilhaft
+abweicht von allem, was man bis dahin Grammatik genannt hat, daß sie uns
+alle zu Grammatikern macht. Sie lehrt nicht, sie schulmeistert nicht,
+sie zeigt bloß, wie die Dinge sind. Oft geht Grimm von unwillkürlichen
+Jugendeindrücken aus, die nun wissenschaftlich reif geworden sind, wie
+die sinnlichen Freuden an dem Lautdreiklang #a#, #i#, #u#, der mit
+seinem Vokalgesang die ganze deutsche Sprache durchwaltet. Wenn wir
+sagen: binde, band, gebunden, so ist das ein einzelner Fall, dem man in
+der deutschen Sprache auf Schritt und Tritt begegnet. Jeder Knabe,
+jedes Mädchen, das eine Volksschule besucht, weiß heute, daß ein
+Zeitwort, welches mit diesem Klangschmuck und Wohllaut abgewandelt wird,
+ein starkes Zeitwort heißt, während das schwache Zeitwort dieser Zierden
+entbehrt. Vor Grimm hieß ganz verkehrt das schwache Zeitwort regelmäßig,
+das starke aber, das doch äußere Anhängsel verschmäht und die
+verschiedenen Zeiten durch einen mächtigen inneren Trieb aus sich selbst
+erzeugt, unregelmäßig. Jakob Grimm hat hier den Schulmeistern ein Licht
+aufgezündet, bei dem sie das sahen und erkannten, woran sie sich bisher
+nur gestoßen hatten. Manches andere noch hat Grimm in diesem bisher so
+trockenen Buchstabenwesen entdeckt. Immer mächtiger drang er in seiner
+Grammatik vor, stets, wie bei allen seinen Untersuchungen, von einem
+starken Heimatsgefühl geleitet. Sein Volk wollte er erkennen in seiner
+Sprache. Er zeigte, wie die deutsche Sprache den großen Gegensatz der
+Geschlechter, der die Menschen scheidet und bindet, auch auf die übrige
+Schöpfung durch ein eigentümliches Einbildungsvermögen ausdehnt; er
+schüttete die ganze deutsche Sprache auf, um die Vorstellungen und
+sittlichen Richtungen des deutschen Geistes darzustellen, gleichsam
+Vorelemente zu einer deutschen Psychologie und nationalen Ethik
+herbeizufördern. Er brachte dadurch auch Klarheit in die deutschen
+Personennamen, in welchen sich das deutsche Wesen, als man die Bedeutung
+des Wortes noch verstand oder durchfühlte, so mannigfaltig und deutlich
+aussprach. Ein Name, den man einem Kinde beilegt, ist ein Wunsch oder
+gar die Fülle des Wunsches: ein Ideal. Grimm ist in diese Untersuchungen
+ohne vorgefaßte Gedanken oder heimliche Tendenz hineingegangen. Wilhelm
+Scherer ist gescheitert, und in einem schmerzlichen Bekenntnisse hat er
+selbst eingestanden, gescheitert zu sein, als er gewissen
+geschichtlichen Erscheinungen der deutschen Sprache ethische Beweggründe
+unterschob, Lautverschiebung und Lautänderung, anstatt sie mechanisch
+aus dem Spiele der Sprechwerkzeuge zu erklären, vielmehr aus
+Charaktereigenschaft des deutschen Geistes ableitete.
+
+Jakob Grimm hing so fest an der Scholle, daß er Kassel und sein
+geliebtes Hessen nur ungern verließ, und so weit schien ihm die
+Entfernung, daß er zum Antritt seiner Professur an der Göttinger
+Hochschule das Heimweh zum Redethema wählte. Nach altem Brauche mußte er
+die Rede lateinisch halten. Seltsam genug nimmt sich ein so
+grunddeutsches Wort und eine so grunddeutsche Sache in der fremden
+Kleidung aus. Wie umständlich und nüchtern ist die lateinische
+Umschreibung des Wortes (#De desiderio patriae#), wie sonderbar, wenn
+Grimm bei gehobenen Stellen sich der Redeweise römischer Dichter
+bedient. Nostalgia gäbe ganz den Sinn des deutschen »Heimweh«, allein es
+ist ein spätes Wort, das wie eine Übersetzung klingt. Zwar die Sache
+haben die Griechen gekannt -- Zeugnis dafür die Odyssee, das ewige Lied
+des Heimwehs, Zeugnis dafür aus geschichtlicher Zeit die rückkehrenden,
+das Meer erblickenden Landsknechte des Xenophon, denen Laute entfahren,
+die man als deutsch ansprechen könnte, wenn sie für deutsche
+Eichenherzen nicht zu sehr ins Weiche gingen. Grimms lateinische Rede
+über das Heimweh kann uns an das Walthari-Lied erinnern, das trotz der
+Abfassung in römischen Versen rechte Funken deutschen Heldentumes wirft.
+In römischer Zunge eifert Grimm gegen den Mißbrauch der lateinischen
+Sprache, und einmal, als er das Lateinische »wert, teuer sein«, das an
+Gewicht und Geld erinnert, von der Heimat gebraucht, glaubt man schon,
+ihm würde das herzliche Wort »lieb haben« von den Lippen springen. Ihm
+übrigens Heimweh zu erwecken, trugen die unerquicklichen politischen
+Zustände in Hannover bei. Der König hatte die Verfassung aufgehoben,
+Grimm hatte auf die Verfassung geschworen. Er hielt seinen Schwur, wurde
+entlassen, und als er mit seinem Bruder nach Kassel zurückkehrte, paßte
+jeden Tag ein Polizeimann vor ihrer Wohnung, als ob sie gemeine
+Spitzbuben wären. In der Schrift über seine Entlassung fragte er mit dem
+Siegfried im Nibelungenliede: Wohin sind die Eide gekommen? Von da an
+ist den Gebrüdern Grimm die Politik, obgleich sie keine Politiker waren,
+nachgegangen. Jakob ist im Frankfurter Parlament gesessen, er hat tapfer
+teilgenommen an der schleswig-holsteinischen Frage. Das Heimatsgefühl
+steigert sich zur vaterländischen Gesinnung. Jakob schreibt an einen
+dänischen Gelehrten: »Ich träume von einem großen Verein zwischen
+Deutschen und Skandinaven ... Ich schätze zwar keines der übrigen
+mitlebenden Völker gering, möchte aber doch nicht die Eigentümlichkeit
+meines Volkes und der uns urverwandten preisgeben gegenüber einem
+unserer ganzen Art fremden und von uns abweichenden. Der gemeine Russe
+ist kräftig und praktisch, voll Verstand und Begabung, allein höheren
+Zielen der menschlichen Entwicklung strebt er nicht eben zu; alle
+Beamten sind in hohem Grade verderbt und bestechlich, die vornehmen
+Stände durch frühreife Treibhauskultur im voraus fast zugrunde
+gerichtet. Wer möchte wünschen, daß diesem mit breiter plumper Gewalt in
+der Weltgeschichte wie fast kein anderes auftretenden Volke noch ein
+größerer Spielraum zuteil werde ... Diese Russen sind natürliche Feinde
+alles dessen, was Deutschland da oder anderwärts stark machen würde.
+Aber ich begreife dein dänisches Gefühl, das Russen den Deutschen
+vorzöge ...« Jakob Grimm, der in einem geeinigten und freien Deutschland
+die Gewähr für den Frieden und die Wohlfahrt Europas erblickt, hat das
+neue Deutschland, nach dem er sich so sehr gesehnt, nicht mehr erlebt.
+Aber einen merkwürdigen Blick in die Zukunft hat er getan, als er im
+Jahre 1844 in Italien reiste. Er schreibt in seinen Reiseerinnerungen:
+»Das heutige Italien fühlt sich in Schmach und Erniedrigung liegen; ich
+las es auf dem Antlitz blühender, schuldloser Jünglinge. Was auch
+kommender Zeiten Schoß in sich berge, die Macht, deren Flamme wir noch
+aufflackern sehen, wird nicht ewig über ihm lasten, und wenn Friede und
+Heil des ganzen Weltteiles auf Deutschlands Stärke und Freiheit beruhen,
+so muß sogar diese durch eine in dem Knoten der Politik noch nicht
+abzusehende, aber dennoch mögliche Wiederherstellung Italiens bedingt
+erscheinen.«
+
+Wie weit und scharf Jakob Grimm über den lebendigen Zaun seiner
+Heimatsliebe späht, ist aus den angeführten Worten zu ersehen. In diesen
+Stücken bleibt Wilhelm hinter dem Bruder zurück; aber Jakob zieht ihn
+nach, und Wilhelm geht geistweise mit. Sind sie doch im Leben und in der
+Wissenschaft immer miteinander gegangen und haben sich nie verlassen.
+Sie waren einander treu, wie sie ihrem Volke treu waren -- treu wie Gras.
+Man möchte fast vermuten, daß sich einmal, wenn ihre Bücher verschollen
+sind, die Volksphantasie dieser beiden rührenden und großen Gestalten
+bemächtigen werde. Wir können uns denken, daß man auf der Bank vor dem
+Hause sich einmal erzählt:
+
+
+_Die Brüder Grimm._
+
+Ein deutsches Kinder- und Hausmärchen.
+
+Es wird etwa beginnen: »Es waren einmal zwei Brüder, der eine hieß
+Jakob, der jüngere Wilhelm.« Was aber wird das Märchen von ihnen
+erzählen? Die Geschichte vom Dornröschen, nur daß die schlafende
+Königstochter das deutsche Volk mit der versunkenen Heimlichkeit seiner
+Sprache und Sitte sein wird, und die beiden Knaben, Jakob voran,
+Wilhelm hintendrein, brechen durch die Dornenhecke und erlösen durch
+ihren Kuß das schlafende schöne Kind. Dann werden in den Zuhörern alle
+guten Geister des Heimatsgefühls aufwachen, und sie werden die beiden
+Knaben, die das Wunder vollbracht haben, preisen und segnen.
+
+ (Am 25. Dezember 1891)
+
+
+
+
+ Gedruckt in der Buchdruckerei von Herrosé & Ziemsen, G. m. b. H.
+ in Wittenberg. Titel und Einband zeichnete Lucian Bernhard, Berlin
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1911 bei Meyer & Jessen erschienenen Ausgabe (neuntes
+Tausend) erstellt; es bildet den dritten Band von Ludwig Speidels
+Schriften.
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den Anfang gestellt.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from an edition
+published in 1911 by Meyer & Jessen (ninth thousand), forming the third
+volume of Ludwig Speidel's works.
+
+The table of contents has been moved from the back of the book to the
+front.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Heilige Zeiten, by Ludwig Speidel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEILIGE ZEITEN ***
+
+***** This file should be named 28100-8.txt or 28100-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/8/1/0/28100/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Austrian Literature
+Online.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ of receipt of the work.
+
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+
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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