diff options
Diffstat (limited to '28100-8.txt')
| -rw-r--r-- | 28100-8.txt | 3223 |
1 files changed, 3223 insertions, 0 deletions
diff --git a/28100-8.txt b/28100-8.txt new file mode 100644 index 0000000..545011a --- /dev/null +++ b/28100-8.txt @@ -0,0 +1,3223 @@ +The Project Gutenberg EBook of Heilige Zeiten, by Ludwig Speidel + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Heilige Zeiten + Weihnachtsblätter + +Author: Ludwig Speidel + +Release Date: February 17, 2009 [EBook #28100] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEILIGE ZEITEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made +from scans of public domain material at Austrian Literature +Online.) + + + + + + + + + Heilige Zeiten + + _Weihnachtsblätter_ + + von + + Ludwig Speidel + + + 1911 + Bei Meyer & Jessen + _Berlin_ + + + Neuntes Tausend + + + + +Vorbemerkung + + +Die folgenden Aufsätze sind alle aus der erhöhten Familienstimmung des +»großen Kindertages« entstanden, alle für Weihnachten geschrieben +worden. Nicht gerade in kirchlichem Geiste. Aus gut katholischem Hause, +war Ludwig Speidel für die eigene Person in keiner der anerkannten +Konfessionen unterzubringen. Der offizielle Gottesglaube hielt sich +nicht lange in seiner jugendlichen Seele, und der Himmel, wie er gleich +im ersten Aufsatz erklärt, hatte sich ihm frühzeitig zu einem +unendlichen Spielraum natürlicher Kräfte erweitert. Man wird also in +diesen »Heiligen Zeiten« manchen unheiligen Gedanken zu lesen bekommen, +schließlich aber doch den Eindruck davontragen, daß dieses Büchlein ganz +durchweht ist von einem tief religiösen Gefühl, das nur an ein +bestimmtes Glaubensbekenntnis sich schlechterdings nicht binden läßt. +Wir gewinnen hier Einblick in die Schätze eines echt frommen Gemütes. +Meister Ludwig war kein Mann der flüssigen Rede, keiner von jenen, die +ihr schönes Herz selbstgefällig auf der flachen Hand tragen. Was ihn am +mächtigsten bewegte, davon schwieg er am beharrlichsten, als fürchtete +er, seine Empfindung könnte durch das ausgesprochene Wort entweiht +werden. Hin und wieder bloß -- und dies eben waren seine »heiligen +Zeiten« -- übermannte ihn der Drang, seinen Lieben mitzuteilen, was sie +ihm galten. Auch dann sagte er es ihnen nicht ins Gesicht, auch dann +übertrug er sein Persönlichstes ins Allgemeine, schrieb über die Frauen +überhaupt, über die Kinder im weitesten Umkreis, so innig freilich und +mit so tief heraufgeholten Herzenstönen, daß man wohl merkte, wie hier +die Liebe zu der eigenen Frau, zu den eigenen Kindern zwischen den +Zeilen mitklang. Dieser persönliche Einschlag verlieh solchen +Aufzeichnungen ihren wundersamen Reiz, ihre anheimelnde Wärme, ihren +außerordentlichen Erfolg. Ein Weihnachtsblättchen von Ludwig Speidel! +Mancher Wiener dürfte sich erinnern, wie man sich einst alljährlich auf +dieses Christgeschenk freute, mit welcher Andacht man Satz um Satz die +seltene Gabe verkostete, und wir sind überzeugt, die jüngeren Leser von +heute werden jene älteren nicht Lügen strafen. + +_Wien_, im November 1910. + + _Der Herausgeber._ + + + + +Inhalt + + +Zu Weihnachten 1 + +Einsame Spatzen 12 + +Alte Mädchen 17 + +Frauenalter 23 + +'s Rickele von Munterkingen 29 + +Die Kunst, arm zu werden 43 + +Zwei Kinder 49 + +Ohne Mutter 58 + +Mutter und Kinder 64 + +Aus der Kinderwelt 70 + +Aus der Kinderstube 79 + +Märchenhaftes 87 + +Spiegelbilder 94 + +Das Ammergauer Krippenspiel 101 + +Das Heimatsgefühl der Brüder Grimm 114 + + + + +Zu Weihnachten + + +Ich habe viele Weihnachtsbäume gesehen in meinem Leben, aber keiner +gefiel mir so gut und gefällt mir mit jedem Jahre besser, als der Baum, +den ich meinen Kindern aufrichte. Gewiß waren es selige Tage, da man mit +seinem kleinen kindlichen Herzen noch an Wunder und Zeichen glaubte, wo +im Advent noch Engel an die Fenster pochten und in der Stube, durch +welche sie geflogen, Tannenzapfen und Stücke von Rauschgold +zurückließen, bis endlich das Knäblein von Bethlehem als Heiland der +kleinen Kinder sich persönlich ins Haus bemühte, um mit freigebiger Hand +die Fülle seiner Gaben auszubreiten. Freilich hielt solche arglose +Gläubigkeit, zumal in Ländern mit Schulzwang, nicht lange vor. Der +Schulmeister ist der geborene Feind jeder Romantik und sein ABC die +schwarze Kunst, welche Himmel und Hölle zwingt. Wie tief mußte der +unbeschränkte Kredit, den man der alten Firma Gott Vater, Sohn und +Heiliger Geist geschenkt, erschüttert werden, wenn eines schönen +Weihnachtsabends ein freches Schuljungen-Auge an dem ledernen Hanswurst +den Preiszettel mit dem Stempel: »Simon Mayer und Sohn« entdeckte und +entzifferte? Wer lesen kann, ist schon halb des Teufels, und vollends +wer schreibt, der gehört ihm mit Haut und Haar. Und doch wandelt uns die +Aufklärung nicht völlig um, denn während sie uns die unklaren +Vorstellungen zerstört, rührt sie kaum an die dunklen Empfindungen, aus +welchen jene Vorstellungen hervorgegangen. Sie nimmt den Zahn und läßt +die Wurzeln stehen. So kann es denn auch geschehen, daß sonst nüchterne +Männer, die bereits das Schwabenalter überschritten haben und dem +kirchlichen Weihrauch gründlich abhold sind, durch den Duftfaden einer +ausgelöschten Wachskerze oder den Geruch eines angebrannten Tannenwedels +in eine Strömung des Empfindens hineingezogen werden, die sich von dem +Ergusse religiöser Gefühle nicht allzu weit entfernt. Und solche +Gefühlsweise begleitet uns in die Fremde und erwacht hier um die +Weihnachtszeit mit doppelter Lebendigkeit. Der Weihnachtsbaum der Fremde +findet uns als ein sehnsuchtsvolles, dummes Kind. Kein trübseligeres +Los, als in fremder Stadt die Gassen einsam durchwandeln und ohne +gemütliche Beziehung mit ansehen zu müssen, wie in den Fenstern ein Baum +nach dem andern aufleuchtet und wieder finster wird, als ob uns das +alles nichts anginge. Daher segnen wir die guten Menschen, die den +Junggesellen an ihrer Weihnachtsfreude teilnehmen lassen, ihm auf +Augenblicke eine Familie vortäuschen. Wohl wird ihm die Täuschung +fühlbar werden, und seine Gedanken werden, die Illusion der Gegenwart +überspringend, zurückschweifen in die Kindheit und das Elternhaus; er +gedenkt vielleicht einer geliebten toten Mutter, eines alternden Vaters, +der Geschwister, die Liebe oder anderes Schicksal nach allen Winden +zerstreut hat. Anders als früher treffen sein Auge die funkelnden +Lichter des grünen Lustbaumes; sie brechen sich in dunkleren Farben +nach innen, der Ernst des Lebens, seine wechselnden Geschicke tauchen am +Horizont der Seele auf. Er ist nicht mehr Kind, und er hat noch keine +Kinder. Erst wenn er das geliebte Weib heimgeführt, wenn sie ihm Pfänder +der Liebe geschenkt, dann blüht ihm eine zweite Jugend zu, und er wird +wieder mit vollem Verständnis vor dem Weihnachtsbaum stehen. Die Welt +ist ihm freilich mittlerweile klar geworden. Der Himmel hat sich ihm zu +einem unendlichen Spielraum natürlicher Kräfte erweitert, aber lächelnd +und nicht ohne Rührung sieht er die religiösen Vorstellungen als +Spielzeug in den Händen seiner Kleinen. Den Weihnachtsbaum durch die +Augen dieser kleinen Weltbürger zu betrachten, ist das seligste +Vergnügen, und darum gefällt mir von allen Weihnachtsbäumen gerade der +Baum am besten, den ich meinen Kindern aufrichte. + +Ja, Weihnachten ist der große Kindertag des Jahres, und es ziemt sich +wohl eine Betrachtung darüber, was uns diese kleinen Geschöpfe sind. Ich +möchte Frauen darüber befragen, denn sie stehen den Kindern um so viel +näher als wir, daß wir doch immer ein wenig uns ähnlich ausnehmen, wie +der gute Joseph, der die Gruppe der heiligen Familie bilden hilft. Aber +vielleicht stehen die Frauen den Kindern allzu nahe, sind in einem +gewissen Sinne selbst zu viel Kinder, als daß sie über ihre eigene Sache +beredsam werden könnten. Der Mann nimmt sich auch hier wie anderwärts +das Wort heraus. Nun sprudeln dem Manne zwei lebendige Quellen der +Verjüngung: die Frauen und die Kinder, zu welchen ich als dritte noch +die Tiere, als die ewig minderjährigen Geschwister des Menschen, zählen +möchte. Die Frauen zu preisen, zu wiederholen, daß sie die geborene +Liebe und Anmut, daß sie Heldinnen sind im Ertragen von Leiden und in +der selbstlosen Hingabe und Aufopferung, wäre ein eitles Beginnen, da +der Preis der Frauen durch alle Zeiten und Zungen klingt und die Poeten +heute wie gestern nicht müde werden, die bezauberndste Erscheinung der +Natur in zarten Worten und Weisen zu feiern. Das Kind aber sitzt wie ein +neuer Schmuck und Reiz der Weiblichkeit auf dem Schoße der Mutter, und +selten nimmt es der Dichter von diesem seligen Ruhesitz auf, um es in +die Arme zu schließen und es zu herzen und zu küssen. Und doch, welche +Macht übt solch kleines Gewächs über uns aus, wie greift es ein in den +Gang unseres Lebens! Es ist die hochmütigste Täuschung, wenn wir uns +erhaben dünken über diese zapplige, vielbegehrliche Brut, denn wenn wir +es genau überschlagen, sind wir in den meisten Fällen die Kinder unserer +Kinder, wenn nicht noch schlimmer, ihre Narren. Wir glauben Kinder zu +machen und werden von ihnen gemacht, wir glauben Kinder zu erziehen und +werden von ihnen erzogen. Und dies letztere zwar in einem ganz guten +Sinne. In unsere künstlichen Verhältnisse hinein wird uns plötzlich ein +so kleiner Naturbursche geboren. Wie nackt, wie ungezogen, wie +unschicklich nach unserem verfeinerten Begriffe ist solch ein +Persönchen, wie eigensinnig, wie despotisch macht es seine Wünsche +geltend! Von der Brust der Mutter nimmt es Besitz wie von einem ewigen +Menschenrechte und erfüllt die Luft mit einem Geschrei, als ob außer ihm +kein Mensch auf der Welt wäre. Aber eben dieses unwidersprechliche +Gebahren macht uns dieses kleine Ding lieb und wert; es tritt uns als +eine Natur entgegen, als ein gebieterischer Wille, dessen Vernunft wir +einsehen. Wie sich in diesem anfangs blinden Willen die Geisteskräfte +regen, wie das Auge sehend wird, das Ohr hörend, und wie der Wunsch nach +und nach das Wort findet, das ist mit jedem neugeborenen Kinde ein neues +Wunder und für den liebend beobachtenden Menschen ein Schauspiel, dessen +Reize sich niemals erschöpfen. Diese geschlossen und sicher vordringende +Natur des Kindes und diese liebevolle Versenkung in sein Wesen machen +die Tatsache begreiflich, daß nach dem Urteile der Eltern jedes Kind das +schönste und gescheiteste ist. Auch der gemeine Mann spürt aus dem Kinde +die aus einer ungeschulten, unzerstreuten Natur entspringende Genialität +heraus, und den Nüchternsten macht sein kleines Mädchen, das nach dem +Monde greift, auf Augenblicke zum Poeten. Die Kinder machen und erhalten +uns jung, und selbst der Kummer und die Sorgen, die sie uns bereiten, +idealisieren unser Leben. + +Wenn wir daher Weihnachtsbäume aufputzen und sie mit Lichtern +bestecken, so tragen wir unseren kleinen Erziehern in gewissem Sinne den +Zoll unseres Dankes ab. Ich möchte heute in viele Fenster hineinsehen +und den Wetteifer des Glückes auf den Gesichtern der Kleinen und Großen +lesen; den lärmenden Drang in kindervollen Stuben möchte ich belauschen, +wie die stillere Seligkeit von Eltern, die nur ein einziges Kind -- ein +»zitterndes Glück« -- ihr eigen nennen. An kranke Kinder darf ich gar +nicht denken zur Weihnachtszeit, noch weniger mag ich mir vorstellen, +daß der Tod irgendwo angeklopft und ein junges Seelchen flügge gemacht +hat. Ich kann keinen Trost bringen, wo ich ihn selbst entbehren müßte. +Aber eurer möchte ich gedenken, ihr gedrückten Wesen, die ihr den hellen +Schein der Kerzen scheut und euch in einen Winkel des Zimmers drückt. +Was ist es denn, das euch Kümmernis bereitet? Daß du auf dem linken Bein +ein wenig hinkst, du guter Junge, laß dich's nicht anfechten; deine +Beine sind gerade genug, um deine Pflicht zu tun. Und du, mit deinen +blonden Zöpfen, du verständiges Gesicht, gräme dich nicht allzusehr, daß +dir die eine Schulter verschoben ist; du hast Humor und zugreifendes +Geschick, du wirst geraden Schultern zum Trotz einst als guter Geist des +Haushaltes walten. Ihr werdet zutraulicher, ihr Bresthaften, und kommt +alle nach und nach aus dem Winkel hervor. Seht, ich habe nichts, euch zu +trösten, als guten Willen und gute Worte. Sind wir im allgemeinen +Ebenbilder Gottes, so zeigt sich in euch der verstauchte, der verrenkte +Gott. Er erträgt es, und ihr solltet es nicht ertragen können? Wollt +ihr aber wissen, welche köstlichen Geheimnisse ihr in euren bresthaften +Gliedmaßen berget, so will ich euch ein Märchen erzählen, welches so +wahr ist wie das große Märchen von der Weltschöpfung und Weltregierung, +und vielleicht wahrer, weil es sich einfach als Märchen gibt. Zwar nicht +ich selbst, so sehr ich es wollte, habe dieses Märchen erfunden, sondern +ein anderer deutscher Mann, der im jüngsten großen Völkerkampfe vor +Paris gelegen und in den Mußestunden, die ihm seine harte Arbeit ließ, +ein Bändchen »Träumereien an französischen Kaminen« für Weib und Kinder +zusammengeschrieben hat. Ein junger Doktor der Weltweisheit aus Schwaben +hat dieses kleine Buch meinen Kindern im vorigen Sommer als Gastgeschenk +zurückgelassen. »'s ischt a schön's Büchle,« sagte er in seiner +traulichen Mundart, »für das ich begeischtert bin, und für das ich von +jedem rechtschaffenen Menschen Begeischterung fordere.« Ich ließ es mir +von meinen Kindern vorlesen, und so ist mir das Buch, in welchem neben +dem sinnigen Menschen ein arger Schalk steckt, recht ans Herz gewachsen. +Ich versprach also meiner lieben Gemeinde von bresthaften Kindern, ein +Märchen daraus mitzuteilen, muß jedoch früher von ihr Abschied nehmen, +denn wer wollte mich noch lesen, wenn der Dichter gesprochen hat? Auch +fürchte ich einen Regen und trübe Augen und mag nicht gern dabei sein, +wenn Menschen gerührt sind. Das schöne Märchen heißt also und lautet: + + +Das kleine bucklige Mädchen. + +Es war einmal eine Frau, die hatte ein einziges Töchterchen, das war +sehr klein und blaß und wohl etwas anders wie andere Kinder. Denn wenn +die Frau mit ihm ausging, blieben oft die Leute stehen, sahen dem Kinde +nach und raunten sich etwas zu. Wenn dann das kleine Mädchen seine +Mutter fragte, weshalb die Leute es so sonderbar ansähen, entgegnete die +Mutter jedesmal: »Weil du ein so wunderhübsches neues Kleidchen anhast.« +Darauf gab sich die Kleine zufrieden. Kamen sie jedoch nach Hause +zurück, so nahm die Mutter ihr Töchterchen auf die Arme, küßte es wieder +und immer wieder und sagte: »Du lieber, süßer Herzensengel, was soll aus +dir werden, wenn ich einmal tot bin? Kein Mensch weiß es, was du für ein +lieber Engel bist, nicht einmal dein Vater!« + +Nach einiger Zeit wurde die Mutter plötzlich krank, und am neunten Tage +starb sie. Da warf sich der Vater des kleinen Mädchens verzweifelt auf +das Totenbett und wollte sich mit seiner Frau begraben lassen. Seine +Freunde jedoch redeten ihm zu und trösteten ihn; da ließ er es, und nach +einem Jahre nahm er sich eine andere Frau, schöner, jünger und reicher +als die erste, aber so gut war sie lange nicht. + +Und das kleine Mädchen hatte die ganze Zeit, seit seine Mutter gestorben +war, jeden Tag von früh bis abends in der Stube auf dem Fensterbrett +gesessen; denn es fand sich niemand, der mit ihm ausgehen wollte. Es +war noch blässer geworden, und gewachsen war es in dem letzten Jahre gar +nicht. + +Als nun die neue Mutter ins Haus kam, dachte es: »Jetzt wirst du wieder +spazieren gehen, vor die Stadt, im lustigen Sonnenschein auf den +hübschen Wegen, an denen die schönen Sträucher und Blumen stehen, und wo +die vielen geputzten Menschen sind.« Denn es wohnte in einem kleinen, +engen Gäßchen, in welches die Sonne nur selten hineinschien; und wenn +man auf dem Fensterbrett saß, sah man nur ein Stückchen blauen Himmels, +so groß wie ein Taschentuch. Die neue Mutter ging auch jeden Tag aus, +vormittags und nachmittags. Dazu zog sie jedesmal ein wunderschönes +buntes Kleid an, viel schöner als die alte Mutter je eins besessen +hatte. Doch das kleine Mädchen nahm sie nie mit sich. + +Da faßte sich das letztere endlich ein Herz, und eines Tages bat es sie +recht inständig, sie möchte es doch mitnehmen. Allein die neue Mutter +schlug es ihr rund ab, indem sie sagte: »Du bist wohl nicht recht +gescheit! Was sollen wohl die Leute denken, wenn ich mich mit dir sehen +lasse? Du bist ja ganz bucklig. Bucklige Kinder gehen nie spazieren, die +bleiben immer zu Hause.« + +Darauf wurde das kleine Mädchen ganz still, und sobald die neue Mutter +das Haus verlassen, stellte es sich auf einen Stuhl und besah sich im +Spiegel; und wirklich, es war bucklig, sehr bucklig! Da setzte es sich +wieder auf sein Fensterbrett und sah hinab auf die Straße, und dachte +an seine gute alte Mutter, die es doch jeden Tag mitgenommen hatte. Dann +dachte es wieder an seinen Buckel: + +»Was nur da drin ist?« sagte es zu sich selbst, »es muß doch etwas in so +einem Buckel drin sein.« + +Und der Sommer verging, und als der Winter kam, war das kleine Mädchen +noch blässer und so schwach geworden, daß es sich gar nicht mehr auf das +Fensterbrett setzen konnte, sondern stets im Bett liegen mußte. Und als +die Schneeglöckchen ihre ersten grünen Spitzchen aus der Erde +hervorstreckten, kam eines Nachts die alte gute Mutter zu ihm und +erzählte ihm, wie golden und herrlich es im Himmel aussähe. + +Am andern Morgen war das kleine Mädchen tot. + +»Weine nicht, Mann!« sagte die neue Mutter; »es ist für das arme Kind so +am besten!« Und der Mann erwiderte kein Wort, sondern nickte stumm mit +dem Kopfe. + +Als nun das kleine Mädchen begraben war, kam ein Engel mit großen, +weißen Schwanenflügeln vom Himmel herabgeflogen, setzte sich neben das +Grab und klopfte daran, als wenn es eine Tür wäre. Alsbald kam das +kleine Mädchen aus dem Grabe hervor, und der Engel erzählte ihm, er sei +gekommen, um es zu seiner Mutter in den Himmel zu holen. Da fragte das +kleine Mädchen schüchtern, ob denn bucklige Kinder auch in den Himmel +kämen. Es könne sich das gar nicht vorstellen, weil es doch im Himmel so +schön und vornehm wäre. + +Jedoch der Engel erwiderte: »Du gutes, liebes Kind, du bist ja gar +nicht mehr bucklig!« und berührte ihm den Rücken mit seiner weißen Hand. +Da fiel der alte garstige Buckel ab wie eine große hohle Schale. Und was +war darin? + +Zwei herrliche, weiße Engelflügel! Die spannte es aus, als wenn es schon +immer fliegen gekonnt hätte, und flog mit dem Engel durch den blitzenden +Sonnenschein in den blauen Himmel hinauf. Auf dem höchsten Platze im +Himmel aber saß seine gute alte Mutter und breitete ihm die Arme +entgegen. Der flog es gerade auf den Schoß. + + (Am 25. Dezember 1872) + + + + +Einsame Spatzen + + +Es gibt einen grauen Vogel mit scharfen Augen und spitzem Schnabel, der +in der Naturgeschichte des Volkes der einsame Spatz genannt wird, und +der trotz seines angriffigen Wesens eine Fülle von Gesang und Wohllaut +in sich birgt. Er hat es gerne, wenn er gereizt wird, ja gerade der +Herausforderung gegenüber, der er sich mit Vergnügen stellt, schlägt er +seine tapfersten Töne und kecksten Weisen an. Will man ihn aber besser +und ganz kennen lernen, so muß man sich in einen Hinterhalt stellen, ihn +belauschen. Ferner Lärm, zumal das wunderlich zusammengesetzte +Weltgeräusch, in welchem hinter dem Wagengerassel alle Freuden und +Leiden der Kreatur nachhallen, regt ihn an, macht ihn mitteilsam. Dann +zieht er wundersame Klangfäden aus seiner Kehle, mißt den Umfang seiner +Stimme, ergeht sich, alle Stärkegrade des Tones versuchend, im Flüstern, +im Anschwellen, im Schmettern, und indem er sich in seinem eigenen +Gesange berauscht, scheint er mit sich selbst zu wetteifern. Die Welt, +von der ihn sein Käfig trennt, blüht in seinen Liedern auf. + +Der graue Vogel, den wir an die Wand gemalt, treibt auch in der +menschlichen Gesellschaft sein Wesen. Wir brauchen ihn nicht zu nennen, +es nennt ihn sofort jeder selbst: der Junggeselle, der Hagestolz. Wir +meinen natürlich nicht die Junggesellen, die, nur sich selbst kennend, +zu Egoisten versteinert sind, noch jene Hagestolzen, die, als wahre +Familienverderber, sich in ein fremdes Nest setzen und sich an einem +Feuer wärmen, das ein anderer angezündet hat. Die Junggesellen, die wir +meinen, sind vielmehr jene redlichen Leute, welche, durch Mißgeschick +oder Ungeschick vereinsamt, die Bestimmung des Menschen nur einseitig +haben erfüllen können und diese Halbheit zeitlebens als einen Mangel +fühlen. Um es kurz zu sagen: ihrem Leben fehlt das Weib, das Kind, mögen +sie es nun eingestehen oder in unbewachten Augenblicken nur sich selbst +bekennen. Kein Wunder daher, daß die großen allgemeinen Familienfeste, +die der Jahreslauf mit sich bringt, für sie die schlimmsten Tage sind. +Besonders zu Weihnachten, wenn der grüne Wald ins Haus wächst und die +großen Kinderaugen noch heller leuchten, als die Wachskerzen auf den +herabnickenden Tannenzweigen, wird diesen verlassenen Menschen weh ums +Gemüt, und sie fühlen es stärker als je, daß sie bei solchen +Gelegenheiten, wo selbst auf die Dienstmagd ein Strahl des allgemeinen +Glückes fällt, so recht vor der Tür stehen. Und niemand möge es +versuchen, einen Junggesellen an einem solchen Tage zu trösten. Der +echte Junggeselle will nicht getröstet sein, er will, einmal +unglücklich, auch den Genuß seines Unglücks haben. Wenn er merkt, daß +der Weihnachtsbaum angezündet wird -- die Helligkeit beißt ihm in die +Augen -- schleicht er die Gassen entlang und verschwindet in einem Hause, +von dessen Tor herab ein Tannenzweig die Vorübergehenden grüßt. Es ist +eine Weinstube. + +Der verstimmte Weltflüchtling setzt sich in eine Ecke, von welcher aus +er den Schanktisch überblickt. Die Stube ist leer und erscheint noch +leerer, weil sie hell erleuchtet ist. Die Wanduhr pendelt scharf und +bestimmt, wie das Gewissen der Zeit; nur manchmal scheint sie in +Gedanken anzuhalten, aber dem weiter ausgeholten Pendelschlage folgt ein +beschleunigter, und das Gleichgewicht ist wieder hergestellt. Der Ofen +wärmt den einsamen Gast wohltuend an. Eine Flasche Wein! Nachdenklich +leert er das erste Glas, das zweite rascher. Der Schanktisch fesselt +seinen Blick, wo zu oberst die blanken Weinkühler glänzen, die einen in +geradlinigen Lichtern, die anderen mit der ganzen Fläche; das Auge +gleitet zu einigen geschliffenen Kristallgläsern herab, die das Licht +buntfarbig und so unruhig brechen, als hätten sie etwas mitzuteilen. Ein +Glas und wieder ein Glas! Während der stille Zecher den Schanktisch +nicht aus dem Auge läßt, ohne indessen den Glanz der funkelnden +Geschirre mehr wahrzunehmen, vernimmt er das ferne Rollen eines Wagens, +welches sein Ohr für das stets in der Luft webende Geräusch, das man +Weltgeräusch nennen kann, erschließt. Er horcht tiefer und tiefer hinein +in dieses Geräusch, er will es in seinen einzelnen Bestandteilen +erraten, erkennen. Nach und nach scheinen sich Töne loszulösen aus +diesem Chaos, ein Ton, zwei Töne, drei -- ein zusammengestimmter +Dreiklang von wohlbekannten Stimmen. Der erste Ton kommt aus einem +lebendigen Munde; er klingt so warm, so tief, so zum Herzen sprechend, +und siehe, da erscheint sie ja selbst, die Mutter, wie er sie in seinen +jungen Jahren gekannt. Sie nimmt ihn bei der Hand, hebt ihn auf den Arm, +küßt ihn. Dann trägt sie ihn zu einem kleinen Bette, worin ein kleines +rosiges Mädchen liegt und lacht. Es ist seine Schwester, der zweite Ton, +den er gehört. Nun umfängt ihn eine Atmosphäre, wie er sie lange nicht +empfunden: eine gemütliche Wärmestrahlung, eine humanisierte Luft -- die +Atmosphäre der Familie. Er steht vor dem Weihnachtsbaum; er holt rote +Ostereier unter dem Bette hervor; er betrachtet die Birkenrute über dem +Spiegel mit geheimem Respekt. Er hört den Vater abwechselnd freundlich +und strenge reden -- er sieht ihn nicht, denn der Vater ist jung +gestorben. Dann die schönen Stunden und Tage mit seiner Schwester: diese +rückhaltlose Mitteilung, diese unschuldige Zärtlichkeit, diese Liebe +ohne Nebengedanken -- ja, denkt sich der stille Zecher, der wieder ein +Glas leert, wen der Himmel liebt, dem gibt er eine Schwester ... Und die +dritte Stimme, die höchste des Dreiklangs? Der einsame Gast blickt +sinnend in sein Weinglas. Wie Weihrauchduft steigt es auf, und er glaubt +in der Kirche zu sein. Eine Trauung wird vollzogen; aber das Mädchen, an +dessen reizender Gestalt sein Auge hängt, reicht einem fremden Manne die +Hand. Dieses Ja aus geliebtem Munde, wie hat es geschmerzt, wie schmerzt +es noch! Ein Wort zur unrechten Zeit, wie das meinige, das sie mir +entfremdet! Und wieder leerte er ein Glas, seufzte und fuhr mit der Hand +über die Stirne. Der schöne Dreiklang begann abzuklingen, herab vom +höchsten Tone an, und nur der Grundton, der von der Mutter kam, hielt +länger an, bis er sich in das allgemein summende Geräusch auflöste, das +von dem Rollen eines vorüberfahrenden Wagens verschlungen wurde. Wieder +glänzten die Weinkühler über dem Schanktische, und die Kristallgläser +fingen das Licht auf und brachen es in bunten Strahlen. Auf der Wanduhr, +die geräuschvoll ausholte, schlug es 1 Uhr. + +Durch einsame Gassen schlich der stille Zecher nach Hause. In seiner +Stube angekommen, stellte er das Licht vor einen großen Käfig, in +welchem ein grauer Vogel, ein einsamer Spatz saß. Er reizte ihn mit den +Fingern, und das muntere Tier flog mit hellem Pfiff auf ihn los. »Armer +Kerl!« rief er dem Vogel zu, »wo hast du dein Weibchen?« Und statt aller +Antwort fing der Spatz so schön zu singen an, daß der Frager wie gebannt +stand und horchte. »Du hast recht, gutes Tier, wer nicht lieben darf, +muß singen. Und habe ich heute nicht auch auf meine Weise gesungen, +innerlich, wenn auch tonlos? Und überdies, ich habe es doch viel besser +als du, abgesehen von den vielen darbenden Mädchenherzen, denen doch die +Liebe alles sein sollte. Ich bin ein Mann, und dem Manne gehört die +ganze Welt.« + + (Am 25. Dezember 1883) + + + + +Alte Mädchen + + +Wie gewöhnlich, wenn die Weihnachtszeit herannaht, habe ich wieder die +Nase voll Tannenduft, und diese von der Kindheit her vererbte angenehme +Gewohnheit, die ich noch jetzt in jedem Sinne grün nennen möchte, stimmt +mich mitteilsam, soweit ein von Natur so kurz angebundener Mensch auf +solche freigebige Bezeichnung Anspruch machen darf. Doch schäme sich des +Kindes in ihm, wer da will -- wir wollen nicht die Philister sein, die +altklug von der Höhe ihrer Weisheit herabschauen, wenn unseren Kindern +der Wald ins Haus wächst und in jedem Tannenwedel das Harz sich rührt +und das warme Gemach mit Wohlgeruch erfüllt. Das ist der wahre Duft der +Seligkeit, die Atmosphäre des Kinderhimmels. Das riecht nach Glück und +bringt es auch, erschiene es nun in Gestalt von funkelnden Diamanten +oder vergoldeten Walnüssen. Ich höre es wieder in den Wänden rieseln, +als ob tausend geschäftige Geister ihr Wesen trieben; die Türklinke +knackt leise, ohne daß jemand in die Stube tritt, und ein Rascheln und +Flüstern geht durch das Haus, welches man nicht allein dem geschüttelten +Rauschgold zuschreiben möchte. Die Familiengeister gehen um, zumal der +hundertfältig sich teilende Geist der Mutter, der jedes Bedürfnis kennt +und wahrt, vom aufgezogenen Saume des zu langen Unterröckchens bis zum +Seelenheile des kleinen Naturheiden, der ihrem Schoße entsprossen. +Zwischendurch, wenn eine ferne Tür aufgeht, erschallt frisches +Kindergelächter, oder ein zärtlich fortgescholtenes neugieriges Gesicht +guckt in das Zimmer herein. Aber die heranwachsenden Mädchen sind schon +vom Geiste der Mutter beseelt, denn während die Gute selbst, jeden +Wunsch bedenkend, den Familienbaum rüstet, putzen sie für arme Kinder +eine kleine Tanne, auf deren Spitze sie ein nacktes Knäblein setzen, +welches sehr gesund aussieht, und von dem in kindlichen Kreisen die Sage +geht, daß es die Welt erlöst habe. Und die Sage hat recht. Kinder, +kleine wie große -- wenn sie groß geworden, heißt man sie Genies -- +erlösen die Welt noch täglich, und am heutigen Kindertage, ihr Kleinen, +ist unsere Seligkeit nur ein Abglanz der eurigen. Die kleinen Heilande +blicken uns aus ihren großen Kinderaugen erstaunt an; sie kennen die +arge Welt noch nicht und spielen lächelnd mit einer Passionsblume. + +Wenn ich aber bei den Kindern dankbar zu Gast sitze und mich an ihrer +Seligkeit sonne, so muß ich jedesmal der Stiefkinder des Glückes +gedenken, denen der Himmel nur graue Tage und öde Nächte beschert. Ich +will nicht von den Armen reden, denn was ist arm und reich? Wir sind nie +reich genug, um den hohen Flug unserer Wünsche zu erreichen, und selten +so arm, daß wir nicht täglich einen Sonnenstrahl der Freude einfangen +könnten. Ich will von wahrhaft armen Wesen sprechen, die so oft, wenn +alles sich freut, traurig beiseite stehen, traurig und unbeachtet, wenn +nicht gar verachtet. Diese Aschenbrödel der bürgerlichen Gesellschaft, +am Weihnachtstage, als dem Feste der Kinder, doppelte Aschenbrödel, sind +-- das Wort will kaum aus der Feder -- die alten Mädchen. Alte Mädchen! +Mädchen und alt! Es besteht ein solcher Widerspruch zwischen diesen +beiden Wörtern, daß sie selbst erstaunt sind, so hart nebeneinander zu +stehen. _Mädchen_ -- ein Geschöpf voll Verheißung, eine blühende +Anweisung auf Leben, Genuß und Glück! Und _alt_ -- der Abgrund alles +Unwünschenswerten! + +So grausam aber diese Bezeichnung auch sein mag, sie ist nicht grausamer +als das Geschick der damit Bezeichneten. Ein altes Mädchen sein, heißt +ein Schicksal tragen, an welchem eigene Verschuldung nur in den +seltensten Fällen einen bedeutenden Anteil hat. Man ist meistens ein +altes Mädchen, wie man ein Genie ist: ohne Verdienst oder Schuld, nur +mit dem schneidenden Unterschied, daß dem Genie, weil es das +selbstverständlich Göttliche ist, alles als Verdienst, dem alten Mädchen +aber, weil es ein schicksalsvolles Unglück trägt, alles als Schuld +angerechnet wird. Es gibt im strengsten Sinne notwendigerweise alte +Mädchen: Natur und gesellschaftliche Verhältnisse wollen es so; was aber +notwendig ist, gerade das an mir verspottet und verlacht zu sehen, ist +das unbarmherzigste und unerträglichste. Ein altes Mädchen fordert, wenn +nicht Mitleid, doch Mitgefühl heraus. + +Schon in frühen Zeiten hat die Frage der alten Mädchen die Geister +beschäftigt. Mit seiner heiteren Anschaulichkeit schildert der Vater +der Geschichte eine babylonische Sitte, die es mit unserem Gegenstande +zu tun hat. »In jedem Dorfe,« erzählt Herodot, »wird alle Jahre einmal +also getan: Wenn die Mädchen mannbar geworden, so mußten sie alle +zusammengebracht und auf einen Haufen geführt werden. Ringsumher stand +die Schar der Männer. Sodann hieß der Ausrufer eine nach der andern +aufstehen und versteigerte sie. Zuerst die allerschönste; dann, sobald +diese um vieles Geld erstanden war, rief er eine andere aus, welche +nächst dieser die schönste war, aber alle mit dem Beding, daß sie +geehelicht würden. Was nun die Reichen unter den Babyloniern waren, die +da heiraten wollten, die überboten einander, um die Schönste zu +bekommen; was aber gemeine Leute waren, denen es nicht um Schönheit zu +tun war, die bekamen die häßlichen Mädchen und noch Geld dazu. Denn wenn +der Ausrufer alle schönen Mädchen verkauft hatte, so mußte die +Häßlichste aufstehen, und nun rief er diese aus, bis sie dem +Mindestfordernden zugeschlagen wurde. Das Geld aber kam ein von den +schönen Mädchen, und auf diese Art brachten die schönen die häßlichen an +den Mann ...« So weit Herodot. Dieser babylonischen Methode, eine +soziale Frage zu lösen, hängt doch, vom übrigen Bedenklichen abgesehen, +ein großer Fehler an: sie legt einen schwankenden Maßstab zugrunde. Denn +was ist häßlich? Es gibt immer noch eine Häßlichere, also keine +unbedingt Häßliche. Häßlich sein, ist noch kein Hindernis, reizend zu +sein, und wie oft -- es gehört zu den Geheimnissen der Liebe -- werden +die schönsten Männer von häßlichen Frauen beseligt. Häßliche Mädchen, +die ihre schöne Seele nicht an den Mann gebracht haben, sind die +Minderzahl unter den alten Mädchen. + +Man wird aus allen möglichen Gründen ein altes Mädchen, aber zumeist, +weil die Natur die Geschlechter ungleich verteilt hat und weil die +Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft nicht danach angetan sind, +das gesamte Liebeskapital der Mädchen fruchtbringend anzulegen. So sind +die meisten alten Mädchen reine Opfer. Alle die verschiedensten +menschlichen Motive spielen zwischendurch. Das alte Mädchen ist oft +aller Romantik voll. Sie hat einen Roman gehabt, einen erlebten oder +einen erträumten. Er ist ihr gestorben, er hat sie für eine andere +verlassen, oder er hat ihr stilles Werben nicht bemerkt. Sie hat ihr +Glück vielleicht versäumt, es unbedacht ausgeschlagen, oder es ist nie +so nahe an sie herangetreten, daß sie es mit der Hand erreichen konnte. +Sie sieht sich von der höchsten Aufgabe der Frauen ausgeschlossen, und +der Kummer darüber geht ihr zeitlebens nach, wenn sie nicht zufällig +eine Amazone oder eine Heilige ist. Manche nennen sie glücklich, denn +wenn sie die Freude nicht habe, so fehle ihr dafür auch das Leid. Daß +sie aber auch die Freude des Leids nicht hat, das vergessen die meisten. +Glück im höchsten Sinne zu gewähren, ist ihr benommen. Frauen können so +beglücken, daß in ihnen selbst, sogar unter Kummer und Sorgen, eine +Fülle des Glücks wohnen muß. Oder ist nur diese überschwengliche +Fähigkeit, beglücken zu können, ihr wahres Glück? Ein unberührter Schatz +von Liebe ruht oft in dem Herzen alter Mädchen und geht ungenützt mit +ihnen zu Grabe. Ihre verfehlte Bestimmung können sie nicht vergessen, +selbst wenn sie ihr Leid ins Kloster tragen. Die Nonne noch spielt mit +der Liebe, mit der Ehe. Da ihr das Nächste nicht erreichbar gewesen, +streckt sie die Arme nach dem Fernsten aus; aber nur, um es ihren +Bräutigam zu nennen. Schöner sieht man alte Mädchen in irdischer +Tätigkeit walten, indem sie, wenn auch innerlich verblutend und ihre +Tränen verschluckend, zu Schutzgenien ihrer jüngeren Geschwister, ihrer +Familie oder gar fremder Kinder werden. Würden sie hassen, so hätten sie +ihr Los verdient. + +Ich sehe etwas Heiliges in guten alten Mädchen, wie überhaupt im +Unglück, wo über der eigenen Verschuldung, falls sie vorhanden, eine +höhere Macht entscheidend gewaltet hat. Man wird mich wohl am Ende als +den Pindar der alten Jungfern verlachen. Sei es drum! Tausende mögen +mich verspotten, wenn ich am heutigen Freudentage nur einem jener Wesen, +die zu den Opfern der Gesellschaft gehören, mit einem einzigen Worte +wohlgetan habe. + + (Am 25. Dezember 1876) + + + + +Frauenalter + + +So weit ich die Frauen kenne, ist es der sehnlichste ihrer Wünsche, +gleich den olympischen Göttern in ewig blühender Jugend zu leben, und +die schwerste ihrer Kümmernisse, einem reizlosen Alter anheimzufallen. +Der Kampf, den eine Frau gegen das auf sie eindringende Alter besteht, +ist in keinem Heldengedicht verzeichnet, obwohl er hartnäckiger und +erbitterter sein kann als irgendein anderer Kampf; er hat seine +wechselnden Erfolge, sein Hin- und Widerschwanken, seine Ausfälle und +Ratschläge, und schließlich, da das Alter doch unbesiegbar scheint, +seine stumme, gramvolle Niederlage. Nichts gleicht an schmerzlicher +Kraft den stillen Tränen, den erwürgten Seufzern, dem innerlichen +Verbluten einer stolzen Frau, deren welker Hand das Zepter entfällt, mit +dem sie über die Herzen zu gebieten lange gewohnt war. Solches Schicksal +scheint bitterer zu sein als der Tod, denn es verlangt von dem Menschen, +daß er sich selbst überlebe. Wenn sich die Frauen gegen das Alter +sträuben, so haben sie ihre guten Gründe. Der Abschied von der Jugend, +zuletzt von dem Schein der Jugend, den auf die Wange festzubannen alle +Spezereien Arabiens nicht mehr vermögend sind, verurteilt sie in den +Augen der Welt zu einer geradezu beschämenden Rolle; lange gelebt zu +haben, wird ihnen als eine Art Verbrechen ausgelegt, und zwei Worte, die +man vor Frauen nie aussprechen sollte, die Worte: alt und häßlich, +werden ihnen mehr oder minder deutlich zu verkosten gegeben, ja die +Reigenführer solcher Unart sind zumeist alte Männer. Welcher Undank in +dieser schnöden Auffassung des Frauenalters liegt, braucht man wohl kaum +zu sagen. Für wen werden sie denn alt, als für uns und unsere Kinder? +Was erschöpft ihre Jugend, als die großherzige Freigebigkeit, mit +welcher sie Freuden gewähren und Schmerzen übernehmen? Wie oft sind die +frühzeitigen Falten in ihrem Gesicht nichts anderes als die Furchen des +Kummers, den ihnen die Ihrigen bereitet, als das Rinnsal der Tränen, die +sie um uns geweint haben? Wir vernichten sie und verachten sie -- eine +Barbarei, deren nicht einmal der vom Himmel vergessene Mann fähig sein +sollte, welcher junge Frauenliebe nur flüchtig genossen und nicht ihre +mit den Jahren wachsende Kraft und Innigkeit an sich erprobt hat. Was +man einmal recht von Herzen geliebt, das, sollte man meinen, könnte +nicht altern, und die älter werdenden Augen müßten es immer jung +erblicken. »Ihr blüht!« müßte man zu den weißen Haaren sagen, und zu der +Falte um den Mund: »Du lächelst!« und das ist keine Lüge, sondern nur +das Wunder der Liebe. Dieses Wunder häufiger zu machen, liegt zu einem +guten Teil in der Hand der Frauen, und wenn ich zuerst die Männer +angeklagt habe, so mögen es auch die Frauen dulden, wenn ich sie -- nicht +etwa gleichfalls anklage, sondern nur ein klein wenig ins Gebet nehme. +Da möchte ich nun sagen, daß viele Frauen die Kunst nicht verstehen, +mit dem Alter sich auf einen freundschaftlichen Fuß zu setzen, daß sie +bald zu alt sind für ihre Jahre, bald zu jugendlich (nicht etwa zu jung) +für ihr Alter. Ferne sei es von mir, den Schulmeister zu spielen, wozu +mir die Natur jede Anlage versagt hat, und den Schulmeister vollends +gegenüber den Frauen, die einen Pedanten höchstens heiraten, aber nie +von ihm lernen; ich will nur einige Meinungen mitteilen, die sich um das +angeschlagene Thema drehen -- Meinungen, die ebenso schlicht als +unmaßgeblich sind. Es ist heute Weihnachtsabend, das Fest der Kinder und +jungen Leute, und wenn ich von meinem Papier aufsehe, erblicke ich, in +Gläser gestellt, schlanke Barbarazweige, welche die grünen Augen öffnen, +und die rührende Jerichorose, die, gestern noch dürr und kahl, im Wasser +aufquillt und ihre Dolden füllt. Ich kann heute an nichts Altes glauben, +am wenigsten an das Alter der Frauen. + +Als die natürlichen Verwalterinnen der Schönheit und der Anmut glauben +die meisten Frauen ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen zu sein, sobald +die Jugend von ihnen gewichen ist, und sie lassen sich entweder fallen +oder bilden sich eine künstliche Jugend an. Beides ist falsch und +entstellt die Frauen. Was nicht einmal in der Dichtung und Kunst gültig +ist, wo jedes Alter seine ihm eigentümliche Schönheit entfaltet, wie +kann das Geltung haben auf dem der Sinnlichkeit doch mehr entfremdeten +sittlichen Gebiete? Auch im Wohlwollen und in der Güte kann Schönheit +und Anmut liegen, und man spricht nicht umsonst von einer sittlichen +Grazie. Es ist mein Lieblingswort, daß jedes Alter seine Jugend habe und +daß es nur darauf ankomme, sich aus der einen Jugend in die andere +hinüberzuretten. Ein reifes Mädchen wird eine junge Mutter, und sie kann +jung bleiben bis hinauf zur Großmutter und Urgroßmutter. Das +Entscheidende liegt nur immer darin, daß man die Gesinnung seines Alters +habe (#l'esprit de son âge#). Man muß sich gegen die anrückenden Jahre +weder trotzig stemmen, noch ihnen feige weichen; wer sich ihnen +widersetzt, den schleppen sie bei den Haaren mit sich; wer ihnen aber +freundlich entgegengeht, den führen sie freundlich an der Hand. Das +schlimmste aber ist und den Männern gegenüber das allerunklugste, wenn +eine Frau vor dem Alter sofort die Waffen streckt; das macht am +ältesten, denn die Frau, die sich gegen ihren Feind verzweifelt wehrt, +wird wenigstens für kurze Zeit, freilich mit einem um so heftigeren +Rückschlag, die Schönheit der Energie besitzen. In vielen Fällen ist es +die Angst vor dem Alter, welches die Frauen altern macht; sie verzehrt +das Kapital der gegenwärtigen Kraft und macht leichtsinnig Anlehen bei +einer späteren Altersstufe. Die Jugend in das Alter hineinzuziehen oder +das Alter vorwegzunehmen, kleidet eine Frau gleich übel. Gefallend kann, +ja muß sie immer sein; Gefallsucht aber macht das Alter älter. Die Kunst +der Einfachheit sollte sich mit der größeren Reife immer mehr +vervollkommnen. Keine Koketterie haben, ist auch eine, und vielleicht +die feinste. Damit kann sich ein Zug von Mädchenhaftigkeit verbinden, +eine bei aller Erfahrung erhaltene Unschuld und Frische der Seele, die +ich schon bei siebzigjährigen Frauen angetroffen und bewundert habe. Daß +das Alter schlechter macht, könnte man gewissen Erscheinungen gegenüber +wohl glauben; aber man kann mit derselben Berechtigung wohl sagen, daß +es besser mache. Das Wahre an der Sache wird aber wohl sein, daß das +Alter weder schlechter noch besser macht, sondern einfach alle +Geheimnisse des Charakters aus dem Menschen heraustreibt. Die Aufgabe +der Frau wird es sein, solche hervorschießende Spitzen des Charakters an +sich und anderen umzubiegen. Um sich aber unter allen Umständen jung zu +erhalten, pflege sie bei sich eine Liebe, ein Interesse, welches sie für +die Welt nicht absterben läßt. Ein Weib ohne Liebe gibt sich selbst auf, +denn ob sie jünger oder älter sei, die Liebe ist das große Geschäft +ihres Lebens. Auch höheren geistigen Interessen, die doch das Salz der +Seele sind, bleibe sie nicht fremd, und was in Literatur, Kunst und im +großen Weltleben sich regt, trete immerhin an sie heran. Die Feder +benütze sie nur zum Briefschreiben, worin die Frauen Meister sind; denn +literarische Hervorbringungen sind mit einer Verletzung der weiblichen +Schamhaftigkeit verknüpft, welche kaum durch die große Bedeutung des +Hervorgebrachten entschuldigt wird. Eine gute und anmutige Frau, welche +nicht dichtet, steht mir höher als eine dichtende Frau, denn sie ist +selber ein Gedicht. + +Das sind nur einige Schlagworte zur Kunst, jung zu bleiben; aber ich +werfe sie getrosten Mutes aus, daß sie als gesunder Samen in den Herzen +der Frauen wuchern mögen. Ich kann nicht weiterschreiben, denn ich höre +das Rauschen des Tannenbaumes, und der ahnungsvolle Duft der Wachskerzen +zieht mich vom Schreibtisch. Das ist ja das schöne Fest der Jugend und +der Alten, die jung geblieben sind. + + (Am 25. Dezember 1875) + + + + +'s Rickele von Munterkingen + +Ein philologisches Idyll + + +#Dr.# Conrad Schwälble, ein schwäbischer Privatgelehrter, der von der +Theologie hergekommen -- denn damals war jeder gebildete Württemberger +Theologe oder Theologe wenigstens gewesen -- hatte von einer Stuttgarter +Verlagsbuchhandlung die Aufgabe übernommen, den Text von Schillers +Werken zu säubern, in sorgsamer Abwägung des Wertes der verschiedenen +Lesarten eine sogenannte kritische Ausgabe herzustellen. Zu diesem +Behufe hatte er in dem benachbarten Cannstatt eine kleine, stille +Wohnung gemietet, die nahe unter dem Dache lag und nur mit einem schräg +angebrachten Guckfenster auf den vorüberfließenden Neckar hinaussah. +Überdies hatte er sich sein Bäschen Friederike, kurzweg 's Rickele +genannt, aus ihrem gemeinsamen Geburtsorte Munterkingen als Gehilfin +verschrieben, ein blühendes Mädchen von achtzehn Jahren, ganz in der +heimatlichen Mundart groß geworden, aber mit einem ausgesprochenen Sinn +für das Höhere und Edlere, wie es in den Büchern zu finden ist. Da sie, +frühzeitig verwaist, von jung auf das bittere Brot der Fremde +geschmeckt, folgte sie freudig dem Rufe des verwandten Mannes. Als sie +bei dem gelehrten Vetter einzog, brachte sie die volle ländliche +Atmosphäre mit sich, und sie selbst sah so dorfgeschichtlich aus, daß +Schwälble sie mit einigem Befremden willkommen hieß. Die +hinaufgestrichenen Haare krönte ein steiles, spitzes Häubchen, von +welchem lange breite Bänder, schwarz und an den Rändern ausgezackt, über +den ganzen Rücken bis an die Gangadern herabflossen, den anmutigen Busen +hielt ein verschnürtes Mieder mit weißen Spitzen, und der Rock war so +kurz bemessen, daß er die Knöchel sehen ließ. Jeder andere, als +Schwälble, wäre von dieser freundlichen Mädchenerscheinung gerührt +gewesen; da er sich aber selbst aus bäuerlichen Verhältnissen +herausgearbeitet, wollte er an das »Kafferntum«, wie er sich studentisch +ausdrückte, nicht gern erinnert sein. Als er daher sein Bäschen zu ihrem +künftigen Berufe, der darin bestand, ihm bei der Herstellung kritischer +Texte behilflich zu sein, vorbereitete, legte er ihr den Wunsch nahe, +sie in städtischer Tracht um sich zu sehen, die sich nicht nur für +Cannstatt, sondern auch für Schiller besser schicke. »Du mußt auch die +Toilette deiner höheren Aufgabe tragen!« rief der Philolog aus, um den +Ehrgeiz des Mädchens zu stacheln. Wie nun das andere Geschlecht die +Veränderung und die Maskerade liebt, war Friederike nicht besonders +schwer zu bewegen, ihre bisherige Hülle abzustreifen und moderne +Kleidung anzulegen, in die sie -- von einer gewissen steifen Grazie +abgesehen -- rascher, als man hätte glauben sollen, hineinwuchs; doch in +bezug auf das, was er ihre künftige Aufgabe nannte, stieß er auf einigen +Widerstand von ihrer Seite. Ihre literarische Kunde beschränkte sich +auf Bibel, Gesangbuch und auf die Gedichte und Schauspiele Schillers, +die sie jahrelang mit steigender Begeisterung gelesen hatte, wenn sie, +in fremdem Dienste, unartige oder kranke Kinder auf ihren Armen +beruhigte oder einschläferte. Nun konnte sie mit ihrem Enthusiasmus, der +ins Große und Ganze ging, die scheinbar kleinlichen Bemühungen ihres +Vetters nicht vereinigen, die darauf hinausliefen, jedes einzelne Wort +Schillers, das je geschrieben oder gedruckt worden, aufs Korn zu nehmen +und auf seine Richtigkeit zu prüfen. Schreibfehler, Druckfehler -- welche +Kleinigkeit einem Genie gegenüber, das uns ja gerade über alle Grenzen +des Verstandes hinausreißt! Schon einmal sei man bestrebt gewesen, ihr +den Schiller zu verleiden. Sie habe sich aus seinen Dichtungen ein +persönliches Bild von ihm gemacht, so schön, so glänzend, wie das keines +andern Mannes. Nun habe ihr eines Tages der Barbier von Munterkingen, +als er einem ihrer Pfleglinge Blutegel setzte, mit einer gewissen +boshaften Beflissenheit mitgeteilt, daß Schiller ein langer, +unbeholfener Mensch mit schlottrigen Knien gewesen, daß er rotes Haar, +Sommersprossen, entzündliche Augen gehabt und daß er leidenschaftlich +Tabak geschnupft habe. »Himmel und Erde,« habe ich ausgerufen, »das ist +nicht wahr, und hab' es auch nie wahr sein lassen. _Meinen_ Schiller +trägt der italienische Figurenmann auf dem Kopfe herum, _mein_ Schiller +steht auf dem Alten Schloßplatze in Stuttgart, gar net davon zu reden, +wie fescht er steht in meinem Innerschten. Ich brauch' keinen Schiller +für Bartputzer und Knochenhauer!...« So konnte Friederike, als die echte +Landsmännin des jugendlichen Schiller, zum Verdrusse und Schrecken ihres +Vetters blitzen und wettern. Man kann sich denken, wie sie sich als arme +Sünderin und verdammte Seele fühlte, wenn Schwälble aus einem +Manuskripte oder einer ersten Ausgabe Schillers vorlas und sie, ihm +gegenüber in einer andern Ausgabe nachlesend, von allen Unterschieden +der Interpunktion und Schreibung Rechenschaft geben mußte. Sie hieß +dieses Geschäft zum größten Ärger ihres Vetters »die Purpurgewänder +Schillers auftrennen«. »Was Ypsilon oder I,« konnte sie dann erzürnt +ausrufen, »was Strichpunkt oder Doppelpunkt -- der Dichter bleibt der +Dichter, und ein verdächtiges Wort -- verschrieben oder verdruckt -- macht +uns selbst zum Dichter! Wenn ich einmal verheiratet bin, schaffe ich mir +einen Reutlinger Nachdruck Schillers an, und ich freue mich schon im +voraus, wie ich mich an diesem saftigen Unkraut erholen werde ...« +Solchen leidenschaftlichen Ausbrüchen gegenüber, denen er freilich, ganz +im Hintergrunde seines Wesens, eine gewisse Berechtigung nicht +absprechen konnte, ließ sich Schwälble mit Salbung über die Würde des +Textkritikers aus, und gerne bezeichnete er mit den Worten des größten +deutschen Meisters dieser Wissenschaft und Kunst als die Aufgabe der +philologischen Kritik: »den Schriftsteller selbst sich so ähnlich als +möglich zu machen«. Dergleichen Worte glitten an dem Bäschen spurlos ab, +der er ins Gesicht sagte, daß sie keinen Wahrheitssinn habe. Das ließ +sie einfach auf sich beruhen, doch brachten es Zeit und Gewohnheit mit +sich, daß sie sich mit ihrer Beschäftigung aussöhnte und sie mit nicht +mehr Aufwand von Gedanken betrieb, als Nähen und Stricken. Auch sprach +sie von beendigten Bänden als von fertig gestrickten Strümpfen. + +So waren sie vom frühesten Frühling an bis in den Sommer hinein fleißig +gesessen und hatten Schillers Gedichte und Dramen sämtlich ins Reine +gebracht. Nun nahmen sie die Prosa-Schriften in Angriff. Es war an einem +heißen Juli-Nachmittag, als sie Schillers Abhandlung: »Von den +notwendigen Grenzen des Schönen, besonders im Vortrage philosophischer +Wahrheiten«, zu lesen begannen. Auf dem Tische von Friederike, die dem +Guckfenster gegenübersaß, stand eine Schüssel saurer Milch, und daneben +hatte sie sich, wenn etwa Durst und Hunger mahnten, dünne Schnitten von +Hausbrot zum Eintunken zurechtgelegt. Schwälble seinerseits machte sich +mit einer mächtigen Tabakspfeife, einem sogenannten System, zu schaffen: +langes Weichselrohr, Porzellankopf mit ausgeschweiftem Wassersack, +beweglicher Schlauch und unendlicher Mundspitz. Er hatte sie mit gelbem +Knaster gestopft und paffte jedesmal, so oft er ein Komma fehlen ließ +oder einen Schlußpunkt markierte; wenn eine Stelle längeres Nachdenken +in Anspruch nahm, ließ er den Rauch langsam durch die Nase streichen. So +begann Schwälble mit breitem Behagen zu lesen, und das Bäschen +unterbrach ihn, wo die beiden Lesarten nicht stimmten. Darauf schrieb +er, um die echte Lesart in den Text aufzunehmen und die unrichtige oder +verdächtige in die Anmerkungen zu verweisen. Kaum aber hatten sie ihre +Arbeit aufgenommen, als vom Neckar herauf laute Stimmen erschollen, die +im Chorus das Lied sangen: »Und der Reutelinger Wein ist ein guter, +guter Wein, denselben wollen wir trinken und eineweg lustig sein!« +Friederike, die den Blick sofort durch das Guckfenster schießen ließ, +gewahrte unten ein Schiff voll Tübinger Studenten, von denen einer auf +das Vorderteil des Fahrzeuges gesprungen war und die Mütze gegen ihr +Fenster schwenkte. Sie wurde rot und schlug die Augen nieder. Schwälble +aber, dem bei dem Gesange der alte Student ins Blut geschossen war, +schaute vom Buche auf und murmelte vor sich hin: »Eineweg lustig sein!« +Dann las er weiter und weiter, ohne zu bemerken, daß die Bemerkungen des +Bäschens immer seltener wurden und zuletzt ganz aufhörten. Er kam zu der +Stelle der Schillerschen Abhandlung: »Bei dem wissenschaftlichen +Vortrage werden die Sinne ganz und gar abgewiesen, bei dem schönen +werden sie ins Interesse gezogen. Was wird die Folge davon sein? Man +verschlingt eine solche Schrift, eine solche Unterhaltung mit Anteil, +aber wird man um Resultate gefragt, so ist man kaum imstande, +Rechenschaft davon zu geben. Und sehr natürlich! denn die Begriffe +dringen zu ganzen Massen in die Seele, und der Verstand erkennt nur, wo +er unterscheidet; das Gemüt verhält sich während der Lektüre viel mehr +leidend als tätig, und der Geist besitzt nichts, als was er tut ...« Und +Schwälble wiederholte mit Nachdruck: »Als was er tut,« indem er von +Friederike eine Gegenäußerung erwartete. »Bäsle,« fragte er sie endlich, +»hast du in deinem Text _tut_ oder _tat_?« Da keine Antwort erfolgte und +er nach ihr schaute, sah er sie zu seinem Schrecken eingenickt und die +vollen Schlummerrosen auf ihren Wangen blühen. + +»Du schläfst?« rief Schwälble scharf aus, indem er das Mädchen beim Arme +ergriff. Und als sie, sich ermunternd, ihre treuherzigen braunen Augen +weit aufschlug, wiederholte er mit dem Ausdrucke tiefsten Unglückes: »Du +schläfst!« Hierauf, als sich ihm in seiner philologischen Angst das Bild +seines Stuttgarter Auftraggebers plötzlich stellte, faßte er seinen +Schmerz in die Worte zusammen: »O Rickele, was wird der Herr von Cotta +sagen!« + +An der Ruhe der anmutigen Sünderin entzündete sich Schwälbles Zorn, und +in der Aufregung seines Gemütes trat der volle Schwabe auf seine Lippen. +»Noi, noi,« brach er los, indem er vom Stuhle aufsprang und die Stube +mit starken Schritten maß, »noi, d' Weibsbilder hent koi +wisseschaftlichs G'wisse! Was wißt ihr, mit euren Zöpfen und +verhimmelten Augen, wie es einem Philologen zumut ist! Mir geht ein +unterdrückter Doppelpunkt, ein unterschlagenes Ausrufungszeichen im +Wachen und Traume nach, wie einem Mörder das Gespenst eines +Erschlagenen. Ein Buchstabe zu viel oder zu wenig versalzt mir die +Suppe, vergällt mir den Wein. Für solche Gemütsleiden habt ihr kein +Verständnis, kein Gefühl!« + +In ihrer Verlegenheit hatte Friederike eine Brotschnitte in die Milch +getaucht und aß sie langsam ab. Schwälbles Donnerwetter ging nach einer +Weile in einem warmen Regen nieder. Er setzte sich wieder zu Friederike, +und indem er seine Hand auf die ihrige legte, fragte er sie mit +freundlicher Stimme: »Sag, Bäsle, wo hast du denn hingedacht?« Und sie +erzählte ihm hierauf, daß ihr bei seinem Lesen nach und nach die Sinne +vergangen seien; daß sie an einem murmelnden Bache zu sitzen meinte, der +manchmal aufrauschte und manchmal schwieg, und wie sie im Halbschlummer +einen warmen Hauch in ihrem Gesichte fühlte, und wie dann, als sie die +Augen öffnete, ein Mann von ihr gegangen und, schön wie eine +überirdische Erscheinung, mit leuchtendem Haupte in der Abenddämmerung +verschwunden sei. Schwälble lachte auf und meinte, der Engel habe wohl +ausgesehen wie ein Tübinger Stiftler in den Ferien: schwarz und weiß +gewürfelte weite Beinkleider mit hängenden Quasten und eine bunte Mütze +auf dem Kopfe. Ein »forscher« Himmelsbürger! »Er wird wohl aus +Munterkingen gebürtig sein und Fritz geheißen haben.« Friederike, die +leicht errötete, sagte nicht nein, und da der Bann einmal gebrochen und +der Name ihres lieben Munterkinger Kameraden, der sie erst noch vorhin +vom Neckar heraufgegrüßt hatte, genannt war, rückte sie mit einer Bitte +heraus, die ihr schon lange auf dem Herzen gelegen. »Du, Vetter,« sagte +sie, »sei nicht bös; aber der Staudenmayer Fritz hat mir einen Spruch in +mein Stammbuch geschrieben, den ich nicht lesen kann. Er sieht so dumm +aus, er muß griechisch oder gar hebräisch sein.« Sie reichte dem Vetter +das aufgeschlagene Buch, worin geschrieben stand: + + _Munterkingen_, 1. Mai 1846. + + [Greek: ... nyni de menei pistis, elpis, agapê, + ta tria tauta; meizôn de touton hê agapê.] + + _Friedrich Staudenmayer_, + #Cand. theol.# + +Schwälble las mit Wohlgefallen an dem Klang der Worte: #Nyni de menei +pistis, elpis, agape, ta tria tauta; meizon de tuton he agape.# »Diesen +Spruch, Bäsle, mußt du dir, deines Leichtsinns wegen, ein wenig +verdienen. Sprich mir nach und übersetze mit mir! Also: #Nyni# nun, #de# +aber -- oh, könnt' ich dir die Bedeutung der Wörtchen #men--de# +auseinandersetzen, die im Griechischen so schmuck und beziehungsreich +sind, wie eure Ohrgehänge und Schürzenbänder. Doch weiter im Text! Also: +#pischtis# -- sprich nur herzhaft #_pisch_tis# aus, obgleich die +gezierten Norddeutschen #pistis# sagen. Was meinst du: wenn die alten +Griechen die Wahl gehabt zwischen Berlin und Stuttgart, hätten sie nicht +Stuttgart vorgezogen, schon um der fröhlichen Lage und des lieblichen +Weines willen? Neckerwein, Schleckerwein! #Pischtis#, #elpis#, #agape#, +Glaube, Hoffnung, Liebe; #ta# die, #tria# drei, #tauta# diese, zu +deutsch: diese drei. #Meizon de#, das größere aber, oder sagen wir +gleich: das größte aber --« »Halt,« fiel ihm hier Friederike ins Wort, +»halt, ich hab's! Das Größte aber ist die Liebe. Das ist Paulisch' +erster Brief an die Korinther, Kapitel dreizehn.« Und dann begann sie +feierlich die ewigen Worte zu sagen: »Wenn ich mit Menschen- und +Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes +Erz oder eine klingende Schelle.« »Und wenn ich weissagen könnte,« fiel +der Philolog ein, »und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis, und +hätte allen Glauben, also, daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe +nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, +und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir +nichts nütze.« »Die Liebe ist langmütig und freundlich,« setzte wieder +Friederike ein, »die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht +Mutwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellt sich nicht ungebärdig, sie +suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie trachtet nicht +nach Schaden.« »Sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit,« fuhr der +Vetter kräftig fort, »sie freuet sich aber der Wahrheit; sie verträgt +alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.« Den +Schlußvers aber ließ sich Friederike nicht nehmen: »Nun aber bleibet +Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größeste +unter ihnen!...« Die beiden guten Menschen hatten sich ganz warm +gesprochen und ließen ruhig und selig ihre hohe Stimmung ausklingen. Es +war so ruhig in der Stube, daß man den leisen Pulsschlag der Stille zu +vernehmen meinte. Endlich brach Schwälble das Schweigen, indem er, wie +für niemanden gesprochen, vor sich hinsagte: »Das ist ein Evangelium +über dem Evangelium. Wenn auch sämtliche Kirchtürme stumm geworden, so +werden diese Worte noch immer die Welt erschüttern und beglücken. Streut +sie unter die Menge, und Religion wird euch entgegenwachsen.« + +Indessen ging in der Stube des Gelehrten die gewohnte Beschäftigung +ihren ruhigen Gang, nur Friederike war trauriger gestimmt, als +gewöhnlich, weil der Fritz aus Munterkingen, der sich doch vor etlichen +Tagen so fröhlich gemeldet, nicht zum Vorschein kommen wollte. Sie hing +trüben Gedanken nach, und als sie mit dem Vetter Schillers Briefe über +die ästhetische Erziehung des Menschen kritisch säuberte, sagte sie +sich, bei einer entstehenden Pause, ganz innerlich das melancholische +Liedchen vor: + + 's ischt no net lang, + Daß g'regnet hat, + Die Bäumle tröpflet no; + I han amal a Schätzle ghat, + I wollt, i hätt' es no -- + +und siehe, das Liedchen wirkte wie eine Zauberformel. Es klopft, und +Fritz Staudenmayer steht, ganz schwarz gekleidet, vor ihnen und lädt +die Freunde zu seiner ersten Predigt ein, die er als Vikar in +Munterkingen hält. #Dr.# Conrad Schwälble, der als Theologe das in +Schwaben übliche Trauerspiel im Gemüte gehabt und als Geistlicher seine +Erfahrungen gemacht hatte, ging nicht gern in die Kirche und versprach +dem jüngeren Freunde, das Bäschen zu schicken, an dem ihm, wie er +glaube, ohnehin mehr liege, als an ihm. Fritz und Friederike sahen +einander errötend an. Schwälble hielt Wort, und Friederike saß in der +Kirche, als Fritz zum ersten Male predigte. Er predigte über den Text: +»Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe; aber die Liebe ist die +größeste unter ihnen.« Ihr klangen die Ohren, und der junge Geistliche +wußte mit seiner Beredsamkeit alles Menschliche in ihrem Gemüte dermaßen +aufzuregen, daß sie vor Glück weinte. Nach der Predigt schlich sie +seitwärts an den Bach, um mit ihrem vollen Herzen allein zu sein. Fritz +ging ihr nach. Er traf sie an ihrem Lieblingsplätzchen, wo das Murmeln +des Wassers sie diesmal an ihren lesenden Vetter erinnerte, der ihr leid +tat, weil er die Gehilfin vermißte. Fritz sah ernst aus und sprach +heiter, und in ihr, die ebenso ernst gestimmt war, brach wider ihr +Gefühl der Mutwillen aus, und sie warf dem geliebten Manne die rasch +erschnappten griechischen Brocken hin: #»Nyni de menei pischtis.«# -- +»Was, du kannst Griechisch?« rief er erstaunt aus. -- »O nein, Fritz, ich +bin bloß der Papagei meines Vetters; aber wenn du es willst, so lerne +ich Griechisch.« -- »Geh, Rickele, du bischt mehr wert, als der beschte +griechische Klassiker ...!« So legte der Scherz den Ernst nahe, und +Fritz fragte das erglühende Mädchen zum ersten Male, ob sie ihm für das +Leben angehören wolle. Sie kämpfte mit sich selbst und brachte nur +schwer die Worte hervor: »Fritz, ich muß dir etwas sagen, das ich dir +bis jetzt verheimlicht habe. Ich habe ... im Schlaf ... im Traum ... ein +Mannsbild ... geküßt. Nein, er hat mich geküßt ... aber ... ich habe +rasch nachgeküßt. Ich habe treulos an dir gehandelt.« -- »Aber so besinne +dich ein wenig, Rickele. War es nicht hier am Bach?« -- »Ja!« -- »Vor +einem Jahre, zur Sommerszeit?« -- »Ja!« -- »In der Abenddämmerung?« -- +»Ja!« -- »O du liebes Kind, da bin ich der Sünder. Ich bin dir damals +nachgeschlichen, habe dir halb schalkhaft, halb schüchtern einen Kuß +geraubt und bin dann als ein glücklicher Betrüger davongegangen.« -- +»Gottlob!« rief Friederike erleichtert aus. »Da hat doch wieder einmal +der Vetter recht gehabt: Der Engel ist ein Tübinger Stiftler gewesen.« +Und an den jungen Mann sich wendend, fragte sie zärtlich: »Du, Fritzle, +hascht me au a bissele lieb?« -- »O viel und ewig,« rief Fritz, indem er +das Mädchen umarmte. + +Mit Schiller ging es ziemlich rasch zur Neige. Sie lasen und säuberten +noch zusammen den Aufstand der Niederlande und den Dreißigjährigen +Krieg; dann, während an der kritischen Ausgabe gedruckt wurde, arbeitete +Friederike an der durch Schiller bezahlten Aussteuer. Als sie ihren +ersten Knaben zum ersten Male ins Freie trug, kam auf der Post ein +großes Paket an. Als es die Frau öffnete, fiel ein starker Band heraus, +auf welchem zu lesen war: »Schillers sämtliche Werke. Historisch-kritische +Ausgabe, besorgt von #Dr.# Conrad Schwälble« -- »und Friederike +Staudenmayer« hatte der schalkhafte Vetter mit Bleistift dazu +geschrieben. Die junge Mutter sah lächelnd zu ihrem Knaben auf. + + (Am 24. Dezember 1882) + + + + +Die Kunst, arm zu werden + + +Als mein alter Kanarienvogel kurz vor Weihnachten wieder zu singen +begann, dachte ich bei mir selbst: Das muß doch eine fröhliche Zeit +sein, wenn selbst dieser betagte Herr, kaum einer gründlichen Mauser +entgangen, sich ein neues goldenes Gefieder wachsen läßt und in die +Stube hineinschmettert, daß einem die vier Wände fast zu eng werden. Und +als ich ihm vollends ein duftiges Tannenreis in den Käfig steckte, da +sang er immer heftiger, wobei er auf der hölzernen Sprosse langsam +tanzte und seinen blaßgelben Flederwisch wie trillernd bewegte. Nach +diesem Vogel zu schließen, sieht es in der Welt unendlich heiter aus. +Freilich, er hat seinen Hanfsamen, sein frisches Wasser, sein Stückchen +Zucker, und somit seine glückseligen Feiertage; aber für uns Menschen, +wenigstens für die Mehrheit, ist er kein Verkünder gegenwärtigen +Glückes, höchstens ein Prophet der Zukunft. Denn wenn man den Leuten +durch das Fenster schaut -- nicht aus schnöder Neugier, sondern aus +Teilnahme -- wird man leicht gewahr, daß die Weihnachtsfreude nicht aus +dem Vollen schöpft. Es fehlen Äste an den Tannenbäumen, und die +vorhandenen sind nicht so schwer behängt wie sonst; die Wachslichter +scheinen nicht so lustig wie ehemals zu flimmern, und ihr Qualm legt +sich wie beengend und beängstigend auf die Brust. Hinter dem Lächeln der +Erwachsenen lauert die Sorge, und selbst die Kinder streifen mit +scheuem Blick die Gaben des Festes, um fragend in die Augen der Alten zu +schauen. Braucht man erst noch zu sagen, woher diese bängliche Stimmung +kommt? Man kennt die alte Sage, wie das Gold sich in Kohle verwandelt. +Die Sage ist zur Wirklichkeit geworden, daher der Kummer. In feuerfestem +Verschluß sind die meisten Werte über Nacht verkohlt und verbrannt, und +als man morgens öffnete, fand sich nur noch ein Häuflein Staub vor, der +vor dem ersten Hauch in die Lüfte flog. Seit jenem Augenblick hängt es +wie eine Aschenwolke über diesem Lande, und in diesem trüben, +aussichtslosen Dunstkreis will das Volk fast verzagen. Mit verschränkten +Armen steht die Staatsweisheit da und scheint über dieses Trauerspiel zu +lächeln; sie gibt sich die Miene eines unschuldigen Kindleins und +verläßt ihre bequeme Stellung nur, um mit ausgestrecktem Finger auf die +Schuldigen zu deuten. Man spricht von einzelnen schuldigen Häuptern, +wenn die beredsame Predigerin Not laut um Hilfe ruft! Man weist eine +über den Dilettantismus hinausgehende ausgiebige Staatshilfe als ein +sozialistisches Mittel zurück, während doch Handel und Wandel des ganzen +Volkes daniederliegt! Was ist denn der Staat, wenn nicht die +Gemeinsamkeit des Volkes? Und wenn der Staat dem notleidenden Volke +beispringt, wem hilft er denn als sich selbst?... Ich überlasse die +praktische Beantwortung dieser Fragen der Zukunft, indem ich zur +Linderung der Not oder doch wenigstens zur Milderung der +pessimistischen Anschauungen ein Hilfsmittel mehr moralischer als +politischer Art empfehlen möchte. Dieses Hilfsmittel ist die Kunst, arm +zu werden. + +Arm sein ist keine Kunst: man ist es eben, wie man blond ist oder braun; +aber arm werden, oder vielmehr ärmer werden, sich mit einer Art Genuß +von der Höhe des Wohlstandes herabgleiten lassen, indem man das Werk der +Notwendigkeit in einen freien Entschluß verwandelt -- das ist eine Kunst, +welche nur die wenigsten verstehen. Ich habe es als ein Mittel gegen die +Seekrankheit erprobt, die Bewegungen des Schiffes mitzumachen, als ob es +die eigenen wären. So auch bei einem empfindlichen Glückswechsel; man +muß sich nicht gegen den Rhythmus einer solchen Veränderung stemmen, +sondern ihm willig folgen. Um dieses zu können, dazu gehört freilich +einiges, aber nicht gar zu viel: man muß das Talent besitzen, die Dinge +mehr auf ihren inneren Wert als auf ihren Preis anzusehen. Wer die Welt +mit so hellen Augen betrachtet, wird erfahren, daß er bei vielen, ja bei +den meisten Einkäufen noch Geld übrig behält. Man kann kleines Kapital +innerlich potenzieren, es fruchtbarer machen, indem man billigen Sachen +einen Affektionswert beilegt. Dazu braucht man einige Phantasie des +Herzens und jenen idealisierenden Blick, der nicht etwa übertreibt, +sondern nur durch die Schale den Kern sieht. Wenn ich meine Seele in das +geringste Ding hineinlege, so kann ich seinen Wert hundert- und +tausendfach steigern. Das ist das Geheimnis der Liebe. Ich habe Wälder +und Felder von unabsehbarer Ausdehnung verloren, aber mein Hausgärtchen +ist mir geblieben mit seinem Lindenbaum und seinen Rosenhecken und +seinen Salatbeeten; ich übersehe es leichter, ich kann es lieben, weil +ich es umfassen kann. Ja, ich habe mein Hausgärtchen verloren, aber was +hindert mich daran, den beglückten kleinen Großgrundbesitzer zu spielen, +wenn ich die Blumen vor meinem Fenster begieße? Ein verschwundenes Glück +läßt immer ein anderes nach, vielleicht kleiner als das vorige, aber nur +klein und lieb wie die Kinder, und diese Perspektive des verkleinerten, +aber nicht verminderten Glückes ist unendlich. + +Der moralische Zug unserer Zeit bewegt sich freilich nicht in der +Richtung dieser Bescheidenheit und Selbstbescheidung. Das letzte +Jahrzehnt hat eine verderbliche Krankheit ausgebrütet, welche die +Gemüter auszudorren und jede sittliche Kraft zu lähmen drohte. Es ist +die krankhafte Neigung, um jeden Preis Millionär werden zu wollen. »Das +Vergnügen beginnt erst bei der zweiten Million,« konnte man wie oft +sagen hören, während doch nach vielfacher Erfahrung die zweite Million +die geborene Feindin der ersten ist. Aber man mußte nicht nur eine +Million, man mußte Millionen haben, um auch die Sprößlinge des +Millionärs zu Millionären machen zu können. Die Kinder so reich wie +möglich in die Welt zu entlassen, das war fast der einzige +Erziehungsgrundsatz. Als ich nach der bekannten Krisis mit einer Dame +sprach, deren Vermögen einige Einbuße erlitten, zeigte sie sich um ihrer +Kinder willen ganz aufgelöst und untröstlich. »Wo ich gehe und stehe,« +sagte sie, »im Wachen und Schlafe ist es mir, als hörte ich meine kleine +Marie bitterlich weinen!« Die arme Marie, sie wird sich schlimmstenfalls +nur mit einer halben Million behelfen müssen! Aber so tief steckte die +Millionärkrankheit den Leuten in den Gliedern, daß es sie unglücklich +machte, ihre Nachkommen nicht als Millionäre durch die Zukunft schreiten +zu sehen. Für den Unsegen der Million hatten sie keine Augen. Wie sie zu +blindem Genuß trieb, alle Dinge dieser Welt nach dem Preiskurant +taxierte, die Familienbande lockerte, davon wollte man nichts sehen; die +größten Verwüstungen geschahen auf dem Felde der Liebe. Was allgemein +begafft und bewundert wurde, eine Schauspielerin, eine Sängerin, eine +Tänzerin, das mußte der Mann mit der gespickten Tasche sein eigen +nennen. Nach den Reizen, die alle Welt kennt, stand sein Sinn; von dem +Glück, ein Weib, einen Schatz zu besitzen, dessen Reize mein und nur +mein heiliges Geheimnis sind, hatte er keine Ahnung. Und doch, wenn man +den goldigen Schmetterling etwas näher betrachtete, besaß er denn in den +meisten Fällen das leibliche und geistige Vermögen, um auch nur ein +weibliches Wesen in seiner natürlichen und gemütlichen Tiefe und Fülle +von Grund aus zu erkennen? + +Daß solche widerliche Erscheinungen vermindert worden, kann man als +einen Segen der Krisis preisen. Die Kunst, arm zu werden, ist an den +soeben geschilderten Leuten verloren. Ich denke mir als Zöglinge dieser +Kunst ernstere, feinfühligere, bessere Naturen, welche begreifen, daß im +Reichtum etwas wie eine Schuld liegt, und daß der Verlust des +Überflüssigen eine Sühne für das noch Erhaltene bildet. Man muß sich auf +kleineren und reineren Fuß einrichten und den verlorenen äußeren Glanz +durch Herzensklugheit und einige Kunstgriffe des Gemüts zu ersetzen +suchen. Und dann bleibt ja noch die Arbeit, dieses heroische Mittel, die +Sorge zu vergessen und sie in ihren Wurzeln zu zerstören. Und soll +Eigentum durchaus Diebstahl sein, so wollen wir es mehren durch redliche +Arbeit und dabei uns denken: Ehrlich stiehlt am längsten ... + +Während ich aber so weise rede, hebt mein Kanarienvogel wieder zu singen +an. Er läßt sich sein Recht nicht nehmen, fröhlich zu sein, und wie er +die Lichter auf dem Weihnachtsbaum aufblitzen sieht, meint er, es werde +Tag, und jubiliert wie eine Lerche. Am Ende hat dieser gute dumme Vogel +doch recht. Wir sollen, das Notwendige mit Anmut tragend, uns freuen an +diesem Festabend der kleinen und großen Kinder; wir sollen uns, schon um +der lieben Frauen willen, zusammennehmen und die Sorge auf morgen +vertagen. Es ist ja nicht der letzte Weihnachtsabend auf dieser Welt. +Auch wir erleben bald wieder einen, wo wir singen und jubeln werden. + + (Am 25. Dezember 1874) + + + + +Zwei Kinder + + +»Schau, Franzel,« sagte die kleine Marie zu ihrem noch kleineren +Brüderchen, indem sie ihn am Fenster emporhob, bis er auf dem Sims +stehen konnte, »schau, da drüben fliegt das Christkind, läßt einen +Tannenzweig und ein Blättchen Gold fallen, und wo es fliegt, da wird es +licht.« Und die beiden Kleinen sahen, warm aneinandergeschmiegt, in den +schneefeuchten Abend hinaus, wo die Laternen trüb und schläfrig +brannten, während am Rande des Himmels eine düstere Röte hing, die +beständig zitterte und bald flammender aufschoß, bald wieder auf sich +selbst zurückkehrte. Die Kinder weideten ihre Neugier an dem schönen +Schauspiele, zwitscherten vergnügt wie die Vögel und brachen hin und +wieder, wenn eine Funkengarbe in die Höhe prasselte, in ein helles +Freudengeschrei aus. »Aber wenn das Christkind so lange da drüben +bleibt,« sagte nach einer geraumen Weile der Knabe, »so kann es am Ende +gar nicht zu uns kommen.« -- »O du dummer Franz,« erwiderte das Mädchen +mit Überlegenheit, »das Christkind hat ja Flügel, und kaum hast du's +gedacht, so ist es auch schon da.« Endlich taten den beiden Geschwistern +die Augen weh vom vielen Schauen; Marie hob den Bruder, der am Fenster +mit seinen Händen wie eine Klette hing, vom Sims herab, und sie kehrten +wieder zum Tische zurück, auf dem sie, im freundlichen Scheine einer +Hängelampe, ihr Spielzeug ausgebreitet hatten. Zwei Tage zuvor war St. +Nikolaus gewesen, der sich in Deutschland auf die Bauerndörfer +zurückgezogen, in Wien aber nie ohne Bescherung vorübergeht. Franz hatte +seinem Nikolo mit der goldenen Bischofsmütze und einem dem seinigen +ähnlichen Flachshaar schon ein Bein ausgerissen, um nachzusehen, wie es +denn um das Fußwerk von so einem Heiligen stehe; seine braune Schwester +dagegen -- feurig und treu, wie es die Brünetten zu sein pflegen -- +behandelte ihren pelzverbrämten Krampus, den sie schon morgens im Bette, +da er wie vom Himmel gefallen neben ihr lag, mit einem zärtlichen »du +schiecher Kerl!« begrüßt hatte, mit all der Hochachtung, die ein zwar +häßlicher, aber in allen Stücken tüchtiger Mann allezeit verdient. Als +sie so saßen und ihre beiden Mannsbilder eifersüchtig miteinander +verglichen, faßte ein derber Windstoß das Haus, daß es bebte, und jagte +das Ofenfeuer mit Flamme und nachqualmendem Rauche in die Stube. Die +Kinder fuhren auf, und da das Feuer im Ofen zu summen und zu brummen +anfing, was bekanntlich einen Familienverdruß bedeutet, so lief die +kluge Marie nach der Salzbüchse und streute eine Handvoll Salz auf die +Glut, die sich unter ihrem Zuspruche: »Nicht schelten, nicht zanken!« +langsam beruhigte. Franz stand mit gespreizten Beinen und die Hände auf +dem Rücken, wie er es oft von seinem Vater gesehen, dabei und sagte mit +einem Tone, der so tief war, als er ihn aus seiner kleinen Brust +heraufholen konnte: »Du dummes Feuer!« + +Vom Spiel ermüdet, bat Franz, indem er halbschläfrig in das Licht +blinzelte, sein Schwesterchen, ihm eine Geschichte vorzulesen, da er +wohl wußte, daß ihm dann der Schlaf ganz gelingen würde. Marie begann zu +lesen: »Vorzeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden +Tag: 'Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!' und kriegten immer keins ...« +Kaum hatte Marie diesen Satz gelesen, als eine so blendende Helle zum +Fenster hereinkam, daß die Amsel, die in einer Ecke im Käfig +schlummerte, aufwachte und stark zu schlagen begann. Die Katze, die gute +Troll, kam vom Ofen hervor und gähnte. Franz aber rief: »Das Christkind! +Das Christ ...« Sein Ruf wurde durch einen gellen Schrei der Schwester +erstickt, die zum Fenster gelaufen und von dem Anblicke und dem Lärm der +Straße bis in die Füße hinab erschrocken war. Sie hielt sich krampfhaft +am Fensterbrette, starrte einen Augenblick wie versteinert hinaus, wo +sich auf der Gasse die Leute drängten, fieberhaft dahinrollende Wagen +rasselten, gellende Signale erschollen und, wie immer, wo sich Haufen +sammeln, ein schriller Pfiff dem andern antwortete; dort aber, wo ihr +noch vor kurzem eine fröhliche Abendröte aufgegangen war, sah sie die +Balken und Sparren eines mächtigen Dachstuhles brennen. »Es brennt, +Franzel!« rief sie aus, als der Bruder sich in seiner Angst an ihren +Rock gehängt. »Und ach!« fuhr sie fort, indem ihre Stimme zum Weinen +herabsank, »wo wird die Mutter jetzt sein?« Nach dem Vater fragte sie +nicht, denn den Vater dachte sie sich immer zusammen mit der Mutter. +»Sie sind ja ins Theater gegangen,« sagte Franz, »und im Theater ist es +ja so schön.« Aber auch ihm schon ging es, als wollte das Weinen kommen, +bitter durch die Nase, und als die Schwester, durch das Wort »Theater« +aufgeschreckt, mit einem raschen Gedanken nach der Gegend des Brandes +schaute, ergriff sie eine namenlose Angst, und sie brach mit dem kleinen +Bruder, der an ihr hinaufschaute, in ein heftiges Weinen aus. + +Jetzt erst merkten sie, daß sie allein waren. Sie riefen nach der Magd -- +sie war nicht zugegen; sie versuchten sich an der Haustür -- sie war +geschlossen; es half nichts, daß sie gegen die Tür schlugen -- niemand +hörte sie. Da öffnete Marie ein Fenster und rief die Vorübergehenden um +Hilfe an. Endlich befreite sie ein fremder Mann, der die Tür eingedrückt +hatte und, da er Geschäfte hatte, rasch wieder von dannen ging. Die +Kinder waren frei, und ihr erster Gedanke war, ihre Mutter zu suchen. Da +gingen diese zwei armen Wiener Kinder barhäuptig hinaus auf die Straße. +Es fiel ein regnichter Schnee, der rasch auf der Erde zerging und einen +naßkalten Schauer aufsteigen ließ, der bis ins Mark drang. Die +Geschwister, fest Hand in Hand, schoben sich durch die drängenden Haufen +und gelangten, von der allgemeinen Strömung mitgenommen, in die Nähe der +Brandstätte. Am Schottenring, wo die hohen Häuser wie im Feuer +vergoldet standen, fragte die kleine Marie, die als echtes Stadtkind im +allgemeinen Lärm und Gedränge den Mut wiedergefunden hatte, einen Mann, +dessen Seitengewehr ihr Achtung einflößte, ob er ihre Mutter nicht +gesehen hätte. Sie sei drinnen im Theater, sagte das Kind, er möge sie +herausholen und ihr sagen, daß die Marie und der Franz da seien. Allein +der Mann mit dem achtungswürdigen Seitengewehr ließ die Kleinen hart an, +indem er meinte, es brenne da nur ein Haus und Menschen seien nicht +darin. Als die Kleinen von einer hohen Obrigkeit so schnöde abgefertigt +wurden, näherte sich ihnen ein ältlicher Mann und eine ältliche Frau, +und nachdem sie sich erkundigt, auf welchem Stadtgrunde die Kinder +daheim seien, nahm der Mann das Mädchen, die Frau den Knaben bei der +Hand und führten sie aus dem Gedränge in ihre Straße und Wohnung zurück. +Die Haustür war noch offen, und während der Mann Erkundigungen über die +Eltern einzog, brachte die Frau die beiden Kinder, die vor Frost +zitterten und fieberten, zu Bett. Ein Arzt wurde geholt, die Kinder +schliefen ein. Die beiden Fremden, zwei Wiener Bürgersleute voll +Rechtschaffenheit und Güte, wachten bei den Kleinen. Es war eine lange, +bange Nacht. Niemand kam nach Hause, auch nicht die Magd. Nach einer +unbegreiflichen Sicherheit schwirrten unheilvolle Gerüchte durch die +Luft, und bald wurden Tatsachen bekannt, die Trauer, Angst und Schrecken +durch die Stadt trugen. Zuletzt kein Zweifel mehr, daß hundert +Menschen, ja Hunderte von Menschen im Ringtheater ihr Flammengrab +gefunden. + +Da die Kinder ernstlich krank wurden, richteten sich Herr und Frau Huber +-- so hießen die guten Leute -- in der Wohnung ein. Wie sie nun zusammen +am Bette der Kranken saßen, so erinnerten sie sich, wie sie auch einst +einen Buben und ein Mädchen gehabt, die ihnen aber jung gestorben, und +bei aller Empfindung für das Unglück ihrer Schutzbefohlenen tat es doch +ihren alten Herzen wohl, daß sie wieder Kinder hatten; denn daß sie von +diesen Waisen nicht mehr verlassen würden, war vom ersten Augenblicke an +eine nicht anders zu denkende Sache. Sie saßen am Bette, lachten und +weinten, küßten bald die Kinder, bald einander selbst, und so wurden sie +ihre eigentlichen Kinder. Als Marie und Franz sich wieder erholten, +teilte ihnen Frau Huber mit, daß ihre Eltern auf einer Reise begriffen +wären, und daß die Kinder, bis zur Zurückkunft von Vater und Mutter, zu +ihren Pflegeeltern übersiedeln müßten. Marie machte große Augen, und +indem sie nach der Tür sah, weinte sie still vor sich hin. Sie drückte +der guten Frau die Hand. »Und du, Franzel,« sprach die Frau zu dem +Knaben, »bin ich nicht deine Mutter?« -- »Du meine Mutter,« antwortete +er, »du hast ja graue Haare und Falten im Gesichte, und meine Mutter +hatte braune Haare und rote Backen.« Die gute Frau lächelte und küßte +den Knaben, der es sich gefallen ließ. + +In der neuen Wohnung war Franz bald zu Hause. Altes Spielzeug, welches +Frau Huber noch von ihren Kindern her aufgehoben hatte und immer um die +Weihnachtszeit zur Erinnerung hervorholte, nahm seine ganze +Aufmerksamkeit in Anspruch. Zu jung, um ein gutes Gedächtnis zu haben, +lebte er ganz in der Gegenwart. Mit Vorliebe bestieg und tummelte er das +Steckenpferd, und da die Kindertrompete den Ton verloren hatte, so +schrie er ihn in sie hinein, und mit Begeisterung blies er das Wiener +Feuersignal, wie er es in jener schaurigen Dezembernacht gehört hatte. +Marie dagegen, älter, gescheiter und schon des Lesens kundig, ward immer +stiller und nachdenksamer. Eines Abends war ihr von der brennenden Kerze +ein Funke auf den Rücken der Hand gefallen; sie ließ ihn ruhig und ohne +einen Augenblick zu zucken auf der Haut verglimmen und sann nach über +den Schmerz, den es verursachte, und dachte an ihre Mutter, die nicht +zurückkehren wollte. Das Mädchen kränkelte innerlich; ein Licht konnte +sie erschrecken, das Prasseln eines Zündhölzchens konnte ihr Angst +einflößen. Endlich machte sie ein Traum ruhiger und heiterer. Sie war in +einem festlich erleuchteten, großen Raume, in welchem viele Menschen +saßen. Plötzlich war der Raum von Flammen erfüllt, daß man vor Helle +nicht mehr sah, und ebenso plötzlich trat einen Augenblick nachher eine +so tiefe Finsternis ein, daß das Feuer aus den Augen zu fahren schien. +Marie fühlte sich von einer oft stockenden Menschenströmung fort- und +abwärts, dann wieder aufwärts getragen. Als sie dann einen engen, +finstern Gang entlang ging -- und die Finsternis wurde dick, wie zum +Greifen -- hörte sie etwas, das das Ohr vor Entsetzen kaum zu fassen +vermochte: ein Stöhnen und Wimmern, als ob Tausende hingewürgt würden. +Sie ging langsam weiter, wie wenn Blei in ihren Gliedern wäre, denn es +biß wie unendlicher Rauch in die Augen, und die Luft war schwer und +säuerlich und trieb den Atem in die Brust zurück. Am Ende des Ganges +schlug ihr himmelhohe Feuerlohe entgegen, und als sie, sich versengt +fühlend und am ganzen Leibe glühend, eben sich zurückwenden wollte, +hörte sie eine Stimme, die süßer klang, als keine auf der Welt. Sie rief +sie mit Namen: »Marie! Marie!« Und Marie eilte durch die Flammen, sah +vom Feuer umgeben die Mutter, stürzte sich in ihre ausgebreiteten Arme, +und als das Kind in den Mutterarmen lag, fächelten die Flammen ihr +Kühlung zu, und nichts brannte, als der süße Mutterkuß auf dem Munde des +armen und seligen Kindes ... + +Von dieser Stunde an ward Marie ruhiger und gelassener. Sie fing an, +sich an ihre guten Pflegeeltern inniger anzuschließen, und der +leichtherzige Franz fand an ihr wieder seine Spielkameradin. Als die +guten Leute den Christbaum anzündeten und der Franz vor Wonne jauchzte, +stand auch Marie mit freundlichem Anteil dabei. Sinnend und sinnig sah +sie zu, wie die Lichter am Baume mit den grünen Nadeln spielten und +spitzige Flämmchen in die Luft bliesen. Sie weinte nicht, aber die +Augen wurden ihr feucht. + +Die braven Wiener Bürgersleute herzten und küßten die Kleinen, und indem +sie in heißem Gebete zum Himmel flehten, er möge künftighin ihre +geliebte Vaterstadt nicht mehr mit Feuer heimsuchen, priesen sie die +Vorsehung, die es verstanden, mitten aus dem Unheile heraus für ihre +alten darbenden Herzen ein unerwartetes Glück zu schaffen. + + (Am 25. Dezember 1881) + + + + +Ohne Mutter + + +Als ich heuer den ersten Schnee fallen sah und sommerlich gekleidete, +leicht beschuhte Kinder erblickte, die blaß und bekümmert über die +Straße wateten, summte mir unaufhörlich die Erinnerung an ein rührendes +Ereignis durch den Sinn, das in meiner Knabenzeit großes Aufsehen erregt +hatte, um, wie das selbst bei den wichtigsten Dingen zu geschehen +pflegt, rasch wieder vergessen zu werden. Es war die Geschichte eines +Zwillingspaares, eines Knaben und eines Mädchens, die zur Winterszeit +auszogen, eine Mutter zu suchen, und nach einigen Tagen im Walde +erfroren aufgefunden wurden. Ich habe die beiden Geschwister wohl +gekannt, die braune Mali, die so schwere dunkle Zöpfe auf dem Rücken +trug, und den blonden Conrad mit den schlichten Haaren und den +treuherzigen blauen Augen. Ich bin oft mit ihnen in die Erdbeeren +gegangen, habe mit ihnen Schmetterlinge gejagt, und im Winter haben wir +einander mit Schneeballen geneckt und sind dem edlen Sport des +Schlittenfahrens mit Leidenschaft obgelegen. Da sie hübsch und artig +waren, obgleich von ärmlichem Ansehen, hatte sie jedermann gerne. Die +Mutter war bei der Geburt der Zwillinge gestorben, und der Vater -- ein +Taglöhner, der zumeist von Holzspalten lebte -- war ein rauher Mann, der +im Verdruß über seine üblen Umstände, und dadurch sie immer +verschlimmernd, der Flasche mehr als billig zusprach. Als eines Morgens +der Vater tot im Bette gefunden wurde, ward es den Kindern recht +unheimlich zumute. Fröstelnd in der ungeheizten Stube, saßen sie an dem +Tische, auf dem sonst die Wassersuppe als Frühstück gestanden, und +ratschlagten in ihrem kindlichen Sinne, was nun anzufangen sei. Oft +hatten sie schon die Leute sagen hören: Ja, Kinder, wenn ihr eine Mutter +hättet! Und die braune Mali -- wie ja die Mädchen stets klüger sind, als +die Knaben -- hatte einmal eine Nachbarin gefragt: was das denn sei, eine +Mutter? Die Nachbarin antwortete dem neugierigen Mädchen: eine Mutter +sei eine Frau, welche die Kinder hüte wie ihren eigenen Augapfel; man +könne nie frieren, sondern habe immer warm, wenn man eine Mutter +besitze. Dieses Wort der Nachbarin trug das sinnige Mädchen mit sich +herum, und als sie mit ihrem Brüderchen frierend am leeren Tische saß, +fiel es ihr ganz warm auf die Seele, und sie fing an: »Weißt du was, +Conrad? Der Vater ist tot, und niemand kümmert sich mehr um uns, als die +böse alte Hanne. Wir wollen miteinander fortgehen und uns eine Mutter +suchen. Es gibt ja so viele Mütter auf der Welt, es wird wohl auch eine +für uns darunter sein.« Conrad hatte nichts einzuwenden gegen diesen +Vorschlag, und so machten sich Bruder und Schwester in leichten +Kleidchen auf, Conrad ohne viel Vorbereitung, Mali aber erst, nachdem +sie ein Stück Brot in die Tasche gesteckt und einen an Schnüren +befestigten baumwollenen Muff umgehängt hatte. So gingen die beiden +Kinder Hand in Hand zum Tore hinaus, erst der Straße nach, dann auf +Fußsteigen durch Felder und Wiesen dem Walde zu. Sie waren von +Bauersleuten gesehen und auch wohl angeredet worden; als einer sie +verwundert fragte, wie es denn komme, daß sie bei diesem Schnee und +dieser Kälte über Feld gingen, antworteten sie ganz gelassen, daß sie +eine Mutter suchten. Der Mann sah ihnen eine Weile kopfschüttelnd nach, +dann verschwanden sie hinter Bäumen; allein der allgegenwärtige +Märchengeist des Volkes hat sie begleitet bis zu ihrem letzten Worte und +bis zu ihrem letzten Atemzuge. Als sie in den Wald hineinkamen und die +Tannen im Winterschmucke glitzern und blitzen sahen, meinten sie, hier +sei es ja schon Weihnachten und ganz so schön wie bei den vornehmen +Leuten. Sie konnten sich nicht satt sehen an dieser Pracht und +Herrlichkeit; sie gingen von Baum zu Baum, schüttelten wohl auch an +einer schlanken Fichte und lachten, wenn ihnen der nasse Staub in die +Augen fiel. Als sie ihre Lust gebüßt hatten, gingen sie wieder fürbaß, +nur Mali hielt zuweilen an und rief in den Wald hinein: »Mutter! +Mutter!« -- aber bloß ihre eigene Stimme kam ihr zurück, oder ein +geschreckter Specht flog auf, und unter ihm stob der Schnee vom Aste. +Als die beiden Kinder weit auf der Höhe an eine Wegscheide kamen und +schon der Abendschein die Baumgipfel vergoldete, fühlten sie sich müde +und setzten sich unter eine Tanne. Mali nahm das Brot aus der Tasche und +fütterte damit den Bruder, der willig den Mund aufsperrte. Ein Frost +überkam sie, und Mali steckte die Hände Conrads in ihren Muff. Sie +konnten sich des Schlafes, der schwer auf sie fiel, nicht erwehren, und +sie schlummerten Hand in Hand und Wange an Wange ein. An einem plötzlich +aufstrahlenden Wärmegefühle wurde Mali wach; sie weckte ihren Bruder und +sagte zu ihm: »Conrad, mir ist so leicht und warm, das muß die Mutter +sein!« -- »Ja,« antwortete Conrad, »das ist die Mutter!« Und sich enger +aneinanderschmiegend, entschlummerten sie lächelnd und wachten nicht +wieder auf. Unser aller Mutter, die Erde, in deren scheinbar harten +Entschließungen wir die Liebe nur ahnen können, hatte die armen +Zwillinge mitleidig in ihre Arme genommen. + +Wie diese zwei Kinder, so suchen viele Menschen ihre Mutter, sei es nun, +daß sie erfahren haben, was eine Mutter ist, sei es, daß sie eine Mutter +nie besessen. Die Sehnsucht nach dem nur Geahnten ist so stark, wie die +Sehnsucht nach dem verlorenen Besitze. Wer keine Mutter hat, der geht +doch nur betteln und lebt vom Almosen der Liebe. Denn es gibt nichts +Köstlicheres als Mutterliebe, und ihre Macht und ihr Segen sind +unerschöpflich. Wie arbeitet und bildet die Mutter an dem zappelnden und +schreienden Geschöpf, das in den Windeln liegt -- selbst bedürfnislos und +für alle Bedürfnisse des Kindes sorgend. Groß wie die Natur, deren +Priesterin sie ist, kennt sie keinen Wertunterschied der Dinge, und wo +sie liebt, wandelt sich ihr selbst der Kot zu lauterem Golde. Was ihre +Hand berührt, veredelt sie. Sie vermittelt das edelste Besitztum, +welches ein Volk kennt: die Sprache wird uns mit der Milch eingeflößt, +mit Küssen eingeschmeichelt. Wir sagen: unsere _Mutter_sprache, um den +traulichsten Reiz unserer Sprache zu bezeichnen und unsere tiefste und +herzlichste Freude an ihr zu bezeugen. Wir hören durch unsere Sprache +hindurch die Kinderstimme der Mutter, den naiven Laut der Liebe. Die +Kinderstube ist eine sprachliche Werkstatt, wo die Kosenamen und +Verkleinerungsformen geschaffen werden, und wie ohne Zweifel bedeutende +Männer gewisse Wortformen erfunden haben, so haben auch bedeutende +Frauen und Mütter bei der Formenschöpfung und bei der Bestimmung des +Geschlechtes der Wörter ihre Hand mit im Spiele gehabt. Wenn nicht +Liebende den Dual, der mit einem Worte zwei Wesen bezeichnet, erfunden +haben, so hat es gewiß die Mutter getan, die sich nicht getrennt denken +konnte von ihrem Kinde. Ja, so wenig trennt sie sich von ihrem Kinde, +daß dem Verbrecher nichts mehr bleibt als die Mutter, wenn die übrigen +Menschen sich von ihm abwenden: über alle Gräuel hinweg waltet noch die +Mutterliebe als ein unzerstörbares sittliches Naturgesetz. Es gehört zu +den großen Zügen unseres Zeitalters, daß die Enterbten der Menschheit +(#proles sine matre creata#) nach der Mutter suchen, die ihnen mild und +liebend entgegenkommt. + +Wenn es möglich ist, daß der Mensch aus dem Tode zurückkehrt, so kann es +vor allen anderen die Mutter. Im deutschen Märchen besucht die tote +Königin jede Nacht ihr Kind. »Sie nahm das Kind aus der Wiege, legte es +in ihren Arm und gab ihm zu trinken. Dann schüttelte sie ihm sein +Kißchen, legte es wieder hinein und deckte es mit dem Deckbettchen zu.« +Und steht nicht geschrieben in dem Buche der Bücher: »Man höret eine +klagende Stimme und bitteres Weinen auf der Höhe vor Bethlehem, wo +Jacobs Weib begraben liegt: Rahel weinet über ihre Kinder und will sich +nicht trösten lassen über ihre Kinder, denn es ist aus mit ihnen« -- und +ach, wann könnte Rahel bitterlicher weinen als heutzutage? + +Die Mütter sind überall zugegen, und müßten sie das Grabgewölbe +durchbrechen. Ihre Seele, ihr sorgendes Gemüt umschwebt uns allerwärts. +Und wenn es in einem mutterlosen Hause um den Weihnachtsbaum lichter und +wärmer wird -- haltet es nur für sicher, das rührt von einer heiligen +Gegenwart her: es ist der Atem und es sind die Augen der verstorbenen +Mutter. + + (1884) + + + + +Mutter und Kinder + + +Wenn der Mann des Gespräches mit Männern satt ist, so rettet er sich zu +den Frauen, hat er sich aber auch mit den Frauen ausgesprochen, dann +geht er, als zu einer letzten Zuflucht, unter die Kinder. Was der Mann, +aus der kühlen, verdünnten Luft des Denkens herabsteigend, sucht, wonach +er sich herzlich sehnt, das ist der warme Atem der Natur, der ihm +nirgends voller und würziger entgegenquillt als aus dem Munde des +Kindes. Wie will er aber den Frauen entgehen? Sie sind überall, und wo +ein Kind ist, da sind sie erst recht. Das Kind schreit nach der Mutter, +wie in der Wirklichkeit, so auch dem Sinne nach. Das Kind hat in ihr +gewohnt, es hat mit ihr geatmet, gegessen und getrunken; als es für die +anderen noch gar nicht da war, hat ihm schon die Sorge der Mutter +gegolten. Sie sind nicht voneinander zu trennen, und wenn das Leben sie +trennt, wenn eines von beiden allein bleibt, gibt es ein Leid, dem kaum +ein anderes gleicht. Es ist das stärkste Heimweh, das es gibt. Daher +sind Mutter und Kind eines der ältesten Bilder, das die Menschen kennen, +das sie nicht erfunden, sondern nur gefunden haben. Der Schein des +Überirdischen haftet nur nebensächlich an ihm oder ist aus dem an sich +heiligen natürlichen Verhältnisse erst geholt worden. Das Bild bedarf +keiner Verklärung, es verklärt sich selbst. Wie rührend ist eine junge +Mutter, die selbst noch ein halbes Kind ist, und die trotz Entzückungen +und Schmerzen an ihre Mutterschaft noch nicht recht glauben kann und sie +mit einer Mischung von Scham und Stolz trägt. Wie fest und schwer aber, +eine nicht wegzuleugnende Wirklichkeit, sitzt das Kind auf ihrem Schoße, +und der kleine Bengel (sie selbst sagt Engel) langt ihr dreist nach dem +Busen, den er ohne weiteres als sein natürliches Besitztum in Anspruch +nimmt. Sie küßt das Kind, das sie gestillt, und mit ihm küßt sie den +geliebten Mann, ja sich selbst, denn es hat ihren Mund und schaut sie +aus ihren eigenen Augen an. Alle Seligkeit, die sie kennt, sitzt auf +ihrem Schoße, ruht an ihrer Brust, schlummert in ihren Armen. Die +gereiftere Mutter genießt ihr Glück ruhiger, stolzer, nachdenksamer, +wenn auch nicht weniger tief; sie kennt die Welt und ihre Sorgen. Und +wieder ein reizendes Bild gewährt die Großmutter, welche die Kinder +ihrer Kinder um sich versammelt. Sie scheint voll lieblicher +Erinnerungen zu sein, wenn ihre Enkel zu ihr kommen, und wenn sie die +Kleinen streichelt, wenn sie selbst ihr schön tun, ihr schmeicheln, sie +küssen, ist sie überglücklich und lächelt aus allen ihren Falten. Die +Kinder ahnen in ihr selbst das Kind und spielen mit ihr wie mit einem +älteren Kinde. + +Die Kinderstube ist eine große Sache. In ihr kriecht und trippelt, lärmt +und tobt die Weltgeschichte in kleinem Maßstabe, sie ist eine +Pflanzstätte mächtiger Dinge. Eines der wichtigsten Stücke in der +Kindererziehung ist offenbar, dem Kinde, unbeschadet aller geistigen +Entwicklung, seine ursprüngliche Kindlichkeit zu bewahren. Das Kind im +Menschen ist das Genie, unbefangen in seinen Anschauungen, naiv in +seinem Egoismus, und so die Wurzel alles bedeutenden Schaffens. In +diesem Sinne ist das Kind der Dichter, der Künstler, der Erfinder, der +Gesetzgeber, weil es den Schleier des Vorurteils zerreißt und einen +unbefangenen Blick in die Dinge selbst tut. Diese Kindlichkeit dem Kinde +zu wahren, sie namentlich gegen den Schulmeister zu schützen, ist die +Mutter am geeignetsten. Sie ist ja -- selbst in der Stimme -- ein großes +Kind, ein Genie an Takt und Klugheit und, solange sie unverdorben ist, +nicht geneigt, den ihr von der Natur angewiesenen Berufskreis zu +überschreiten. Schon durch ihr bloßes Dasein, ihre natürliche +Beschaffenheit übt sie die stärksten Wirkungen aus. Neidlos teilt sie +dem Kinde ihre Genialität mit, stolz darauf, im Sohne fortzuleben. Sie +will, in ihrer reinsten Art, weder Dichter noch Gelehrter sein, und ein +Wort Latein oder Griechisch erschiene ihr als ein Flecken auf ihrer +geistigen Toilette. Gespräch und Brief, also unmittelbare Äußerung von +Person zu Person, sind das Feld ihrer geistigen Meisterschaft. Frau von +Sévignés Briefe wird man noch immer mit Vergnügen lesen, wenn längst +alle Welt die wenig schmeichelhafte Meinung des großen Napoleon über die +Schriften der Frau von Staël teilen wird. Übrigens kann man kaum +ermessen, was die Frauen durch die Erfindung des Spinnens, Webens, +Strickens, Knüpfens für die Entwicklung der Kultur getan haben. Die +ganze Oberfläche des Lebens und der Kunst zeigt die Spuren ihrer +erfindsamen und sinnigen Hand. Auch die Schöpfung der Sprache führt zu +den mitteilsamen Frauen und in die Kinderstube hinein. Wer hat in der +Sprache den zwischen Einzahl und Mehrzahl schwebenden Dual erfunden, die +schöne alte Form, wo Zwei sprechen und doch nur Eines -- sind es +verliebte Paare oder ist es die Mutter mit ihrem Kinde gewesen? Die +Grammatik als eine Erfindung der Liebe wäre gewiß eine Erleichterung des +Lernens für Mädchenschulen. + +Was die Kinder ihrer Mutter verdanken, erfährt das Kind erst, wenn es +selbst Mutter wird -- der Mann also gar nie oder nur ahnungsweise und +lückenhaft. Die Opferfähigkeit der Mutter ist unbegrenzt. Das Leben, +sonst das höchste Besitztum des Menschen, achtet sie, sobald das Wohl +ihres Kindes ins Spiel kommt, keiner Nadel wert. Die Sage von dem Vogel +Pelikan, der sich die Brust aufreißt, um seine hungernden Jungen zu +ätzen, scheint eigens für die Mutter erfunden zu sein. Beispiele liefert +jeder Tag. Allein nicht eigentlich das äußerste, sondern das tagtägliche +Opfer, die Sorgfalt und Liebe, die kein Ende hat, nimmt unsere +Bewunderung in Anspruch. Wer betrachtet nicht manchmal mit einem mehr +als flüchtigen Blicke die kleinen Kinder, die zur Schule gehen oder aus +der Schule kommen? Man sucht gern hinter jedem Kinde seine Mutter, weil +es die Mutter nicht verleugnen kann. Es trägt seine Mutter mit sich +herum. Kinder aus wohlhabender oder reicher Familie gewähren weniger +Interesse als arme Kinder. Arme Kinder sind rechte Mutterkinder, die +Hand der Mutter ist sichtbar an ihnen. Kopf und Fuß der armen Wiener +Schulkinder sind meistens auf das sauberste gepflegt. An den Kleidern, +so dürftig sie sein mögen, sieht man den guten Willen, die Liebe der +Mutter. Sie hat sie selbst verfertigt. Für ihr Kind wird sie alles: +Putzmacherin, Mädchen- und Knabenschneiderin, ja selbst Schusterin, wenn +eine neugierige Kinderzehe durch das Schuhleder brechen will. Aus den +abgelegten Beinkleidern des Vaters macht sie Wams und Hosen für den +Knaben, aus ihren abgelegten Fähnchen Anzüge für das Mädchen. Und +rührend ist es, zu sehen, wie die Mutterhand noch mit der Not spielt und +ihr gleichsam ein Lächeln entlockt. Den Kragen des armseligen +Mäntelchens besetzt sie mit einem dunkleren Stoff, daß man Pelz zu sehen +meint, und am Busen fehlt nicht die Schleife und im Haar nicht das bunte +Band. Diese fröhliche Armut ist das Werk guter Mütter. + +Freilich reicht in ärmeren Kreisen der gute Wille auch der besten Mütter +nicht aus, wenn ihre Kinder aus Mangel an Nahrung, guter Luft und freier +Bewegung dahinkränkeln. Die Ärzte kennen ja das Hauptleiden der armen +Kinder, das in Wien wie in jeder großen Stadt daheim ist: die Blutarmut +mit allen ihren bedenklichen Folgen. Staat und bürgerliche Gesellschaft, +wie sie gegenwärtig bestehen, können in dieser Sache nur wenig tun; man +ist angewiesen auf die Mildtätigkeit der einzelnen, die allerdings viel +vermögen, wenn sie sich aneinander anschließen. Vor geraumer Zeit haben +Louise Meißner und Engelbert Keßler einen Wiener Ferien-Kolonien-Verein +für Kinder ins Leben gerufen. Großherzige Wiener Frauen, wie die +gegenwärtige Vize-Präsidentin des Vereins, Frau Marie Schönecker, +geborene Bösendorfer, haben sich an die Spitze des schönen Unternehmens +gestellt und bisher die schönsten Erfolge gewonnen. Nun handelt es sich +darum, in einer Vorstadt von Wien ein Kinderheim zu schaffen, den +leidenden Kleinen ein Haus mit einem großen Garten aufzuschließen. Wird +Wien sich spotten lassen, wenn man an es herantritt mit der Bitte um +milde Beiträge? Wer möchte nicht bitten für leidende Kinder, und wer +möchte es über sich bringen, ihnen eine Gabe zu versagen? Es gilt ja, +für die Gesundheit und Tüchtigkeit der nächsten Generation zu sorgen. + +Wer glückliche Mutter ist, und wer des Glückes entbehrt, Mutter zu sein +-- beider Gedanken sind ja doch nur bei den Kindern. Es ist der Wunsch +trefflicher Mütter, daß es fremden Kindern so gut ergehen möge, wie +ihren eigenen, und nicht minder der Wunsch kinderloser Frauen, daß es +fremde Kinder so gut haben möchten, als ob es ihre eigenen wären. In der +Mildtätigkeit drückt sich dieser schöne Gedanke praktisch aus. + + (Am 24. Dezember 1893) + + + + +Aus der Kinderwelt + + +Wieder ist der Wald in der Stube, und der Geruch des Tannenbaumes, von +dem wir doch alle wissen, daß er nichts weiter ist, als flüchtiges Harz, +schmeckt uns wie überirdisches Labsal. Es ist die Freude der Kinder, die +uns die Sinne so verklärt, die uns das sonst Gleichgültige zum +Bedeutsamen erhöht, denn wir sehen heute mit ihren hellen Augen, riechen +mit ihren neugierigen kleinen Nasen. Wir Alten werden selbst wieder +grün, und unsere grauen Haare sind nur mißverstandene Blüten, und unsere +Falten hat die Sorge nur für ein glückseliges Lächeln gegraben. Wie auch +das Leben sonst mit uns spielen mag, heute dürfen wir ein Glück +genießen, wenn auch nur ein Glück, welches eine Kinderhand umspannt. Der +Anblick der glücklichen Kleinen stillt unser unruhiges Begehren, läßt +uns auf einen Augenblick unser fieberhaftes Streben und Haschen nach +allem Möglichen und Unmöglichen vergessen. Wie das Kind seine Ideale +erreicht, sehen wir vor uns. Sein Ideal ist ein saftiger Apfel, eine +schimmernde Nuß, und wenn es hochgeht, ein bunter Hansel oder eine +aufgedonnerte Gretel. Die Sorge -- auch für uns einst eine große Sorge -- +nämlich ob der Hans und die Grete einander bekommen, ficht das +Kindergemüt noch nicht an. Das Kind schaut sich nicht um nach der +Quelle, es läßt sich im behaglichen Gefühl des Daseins und der Gegenwart +ruhig dahintreiben, als ob das immer so gewesen wäre und immer so sein +müßte. Das Paradies in diesem Paradiese ist ihm aber Weihnachten, wo an +den Zweigen des Tannenbaumes -- keines Baumes der Erkenntnis, sondern der +Unschuld -- die Erfüllung seiner kühnsten Wünsche hängt. Jede brennende +Kerze beleuchtet eine Freude, ist selbst eine Freude. Die Mutter spart +daher nicht mit Lichtern (hat sich doch die Biene für uns bemüht!), und +ich sehe eine Frau, die zuletzt noch zwei Kerzen für »entflogene Seelen« +aufsteckt, die eine für den Vater, der den Kindern fehlt, die andere für +das Kind, das ihr der Himmel aufbewahrt. Die Kleinen schauen sie +verwundert an, wie sie weint, und sie gedenkt des Glückes, das sie +genossen, sieht das Glück, das ihr geblieben, und über ihre von Tränen +genetzten Wangen gleitet ein dankbares Lächeln. Weihnachten, das Fest +der Kinder, die ein Genie für das Glück und eine große Gabe des +Beglückens haben, nimmt auch dem Schmerz seine äußerste Bitterkeit. + +Die Kinder -- sie sind in der Tat das größte Thema der Welt. Man wird mit +ihnen nicht fertig, weder im Leben, noch im Denken und Dichten. Indem +ich daran dachte, ihnen zu Weihnachten an diesem Orte ein Geschenk zu +machen, sah ich mein Unvermögen sofort deutlich ein. Wäre ich ein +Rothschild, ich würde ihnen ein Bergwerk von Lebkuchen verschreiben; +wäre ich ein Dichter, ich würde ihnen ein Märchen erzählen. Aber eines +wenigstens kann ich tun im Interesse der Kleinen, ich kann den Vätern +und Müttern einen bei uns nicht viel gelesenen Dichter verraten, der +von den Kindern in der schönsten und würdigsten Weise spricht. Der +Dichter ist zwar ein Franzose und hat in Herzenssachen das Vorurteil +wider sich; aber schlagt es nur auf, sein Buch, das von den Kindern +handelt, und ihr werdet sehen, daß Gemüt und Sinnigkeit nicht +ausschließlich ein Gut der germanischen Völker ist. Der Dichter ist kein +anderer als Victor Hugo, und das Buch, das ich meine, ist betitelt: »Die +Kunst, Großvater zu sein« (#»L'art d'être grandpère«#). Es ist im +vorigen Sommer erschienen und hat mir zur Winterszeit Haus und Herz +gewärmt, und ich denke, es ist eine gute Tat, diesem Buche den Weg in +die deutsche Familie zu vermitteln. Ohne Umschweif gesagt: es ist ein +reizendes und zugleich ein großartiges Buch, reizend durch das zarte +Eingehen in das Kinderleben und großartig durch die Gesinnung, in +welcher es geschrieben oder vielmehr gedichtet ist. Denn es sind +Gedichte, die den mannigfaltigsten Ton anschlagen, von der näselnden +Kindertrompete bis zu den tragischen Donnern der Weltgeschichte. Von +Victor Hugo kann man lernen, daß man in der Kinderstube nicht notwendig +versimpeln muß, daß man kein Philister zu sein braucht, um an den +kleinsten Familienereignissen innigen Anteil zu nehmen. Ein Mann, dem +kein Gedanke zu hoch schwebt, daß er ihn nicht im Fluge einholte, dem, +wenn seine Leidenschaft erregt wird, kein Denken und Empfinden zu kühn +ist, er kann stundenlang an der Wiege seiner Enkelin, eines kleinen +Geschöpfes von zehn Monaten, weilen, um den Duft ihrer Unschuld +einzuatmen, um ihre Bewegungen und Träume mit liebevollem Auge zu +überwachen. Er liebt die Wiegen, diese »Nester aus Seide und aus +Spitzen«; ihn, den Genius, zieht das Genie des Kindes an; ihr Lallen, +ihr Stammeln, ihr »Zwitschern« -- wie er es nennt -- deutet er als tiefe +Offenbarungen der Natur. Es ist rührend, zu sehen, wie dieser Mann, ein +Revolutionär als Dichter und als Politiker, mit dieser unendlich kleinen +Enkelin spielt, wie sie ihm wichtig wird über alles, wie er vor dieser +winzigen Probe der Göttlichkeit im Geiste kniet. Er, der die Sprache oft +schleudert, wie ein Titan die Felsblöcke, findet dann die schlichtesten +Laute, ja, ihm kommen Worte von einer Einfalt in den Mund, die man +diesem wiehernden Phrasenhengst -- denn auch in der Phrase ist er +zuweilen groß -- nicht im mindesten zutrauen würde. Die »schlafende +Jeanne« ist ein Thema, das Victor Hugo nicht müde wird, immer wieder +aufs neue abzuwandeln. Jeanne schläft. Sie läßt, der arme verbannte +Engel, ihre Seele sich im Unendlichen ergehen; so flieht der Sperling in +die Kirschenhecke. Bevor sie an dem bittern Kelch des Lebens nippt, +versucht sie noch einmal mit dem Himmel anzuknüpfen. Heiliger Friede! +Ihre Haare, ihr Atem, ihre blühende Haut, ihre unverständlichen +Gebärden, ihre Ruhe, wie ist das alles auserlesen! Der alte Großvater, +ein glücklicher Sklave, ein erobertes Land (#pays conquis#), betrachtet +sie. Dieses Geschöpf ist hienieden das geringste und das höchste. Um +ihren Mund spielt ein keusches, rätselhaftes Lächeln; wie schön sie ist! +Sie hat Fettfalten (wir sagen hierzulande »Schnuzen«) am Halse; sie +duftet wie eine Blume. Eine Puppe liegt neben ihr, und das Kind drückt +sie zuweilen an das Herz ... Oh, weckt sie nicht! Das schlummert wie +eine Rose. Jeanne denkt und fügt sich im Schlafe etwas Himmlischeres als +den Himmel zusammen. Von Lilie zu Lilie, von Traum zu Traum sammelt sich +der Honig, und die Seele des Kindes arbeitet in den Träumen, wie die +Biene in den Blumen ... Victor Hugo verfügt über eine Masse kleiner +Züge, die ebenso glücklich beobachtet als poetisch sind. Er läßt der +einschlafenden Jeanne seinen Finger, der ihre ganze Hand füllt; ihre +kleinen Arme sind kaum noch Arme, sondern Flügel; da sie erwacht, +erschließt sie das Augenlid, streckt sie einen lieblichen Arm aus, +bewegt erst -- wie reizend gesehen und einfach gesagt! -- den einen Fuß, +dann den andern und fängt so himmlisch zu lallen und zu zwitschern an, +daß sich aus der Höhe Köpfe herniederneigen, um sie zu hören. Die Mutter +aber sucht nach dem zärtlichsten Ausdrucke für ihre Liebe und sagt zu +dem Kinde: Bist du wach, du Ungeheuer? + +Victor Hugo ist der zärtlichste, der hingebendste Großvater, und nie +haben Enkel eine solche Liebe erfahren, wie George und Jeanne, die +verwaisten Kinder seines älteren Sohnes. Er ist ein Parteigänger seiner +Enkel, der Kinder überhaupt. In dieser Rolle ist er der Schrecken der +vernünftigen Leute, da er durch unberechenbar weitgehendes Mitgefühl +ihr Erziehungssystem über den Haufen zu werfen droht. Er ist hier +Revolutionär wie überall, Revolutionär aus überquellender Seelengüte. Er +macht sich zum Mitschuldigen der kleinen Naschmäuler, indem er +Süßigkeiten, die für den Nachtisch bestimmt sind, den Enkeln ausliefert +und zu dieser Leckerei arme Kinder von der Straße einladet. Ist ein Kind +wegen irgendeines Verbrechens auf trockenes Brot gesetzt, so gesellt er +sich zu ihm und spielt ihm den Topf mit eingemachten Früchten in die +Hände. Die großen Leute klagen ihm: so könne man das Regiment nicht +aufrechterhalten, wenn er alle gesetzlichen Schranken niederwerfe. Er +sei ein gemeinschädlicher Mensch, ein Ungeheuer aus Liebe. Halb gibt er +es zu, halb wieder nicht. Ein Kind um eines Apfels willen züchtigen? +Nein! Nimm deine Rechte mehr in acht, o Bauer, als deine Apfelbäume, und +wirf kein Ja in die Urne, wo ein Nein deine verfluchte Pflicht und +Schuldigkeit wäre. Hier springt er als kinderliebender Sophist und +Verächter des Bonapartismus in die Politik über. Und aus der Politik +kehrt er wieder zurück zu den Kindern. Er sitzt wieder an Jeannes Wiege. +Seine Kämpfe gegen Thron und Kanzel stürmen ihm in der Erinnerung durch +die Seele; mit gerechtem Selbstgefühl gedenkt er seiner Reime, die wie +Taten gewirkt. In diesen Kämpfen sei er vierzig Jahre hindurch stolz, +unbezwungen, siegreich gewesen; und nun -- mit einem Blick auf Jeanne -- +habe ihn ein Kind besiegt, ein kleines Kind. Hier ist er biegsam, +schwach, ein Held im Gehorchen und Erdulden. Kinderliebe ist ihm +Religion. Er hat da merkwürdige Worte: Die Söhne unserer Söhne tun es +uns an; ein Kind kann mich dumm machen, und ich habe deren zwei: George +und Jeanne; das eine ist mein Führer, das andere mein Licht. Aber diese +zwei machen ihn zum Freunde aller Kinder. In dem herrlichen Gedichte: +»Die unbefleckte Empfängnis«, das aus dem zartesten Geplauder zu einem +mächtigen Zorneston anschwillt, entwirft Victor Hugo das folgende +köstliche Bild: Überall Kinder. Wir sind im Tuileriengarten. Mehrere +George, mehrere Johannen, mehrere Marien: der eine trinkt an der Brust, +der andere schläft. Im Baum eine Nachtigall. Ein Mädchen versucht seine +Zähne an einem Apfel. Die ganze heilige Morgenfrühe der Menschheit. Man +schwätzt, man lacht; man plaudert mit seiner Puppe, die viel Geist +entwickelt; man ißt Kuchen und springt über die Schnur. Man verlangt von +mir einen Sou für einen Armen, ich gewähre einen Frank: Danke, +Großvater, und man kehrt zum Spiele zurück. Und man klettert, man tanzt, +man singt. Oh, blauer Himmel! -- Du bist das Pferd. Gut. Du ziehst am +Wagen, und ich bin der Kutscher. Hist, hott, halt! Spielen wir +Plätzewechseln: Schneider, leih' mir dein' Scher'! Nein, Blindekuh ... +Das alles ist reizend, sage ich. Und ihr sagt: Das ist abscheulich, das +ist die Sünde!... Und nun von Seite des Dichters welches Donnerwetter +über jenes Dogma! Man muß das lesen, aber (aus Gründen) nicht hier, +sondern im Buche selbst. Und die starken Worte, die er hier gegen die +Kirche und einen falsch verstandenen Himmel schleudert, schließen das +tiefste religiöse Gefühl nicht aus. Es macht sich am schönsten Luft in +dem Gedichte: »Die armen Kinder«. Man solle fein säuberlich fahren mit +diesen kleinen Wesen, den Kindern; es sei etwas Großes an ihnen, sie +schließen Gott ein. Sie sind seine Gabe, in ihr Lächeln lege er seine +Weisheit, in ihren Kuß seine Vergebung. Das Glück sei ihr angeborenes +Recht: »Wenn sie hungern, weint das Paradies; wenn sie frieren, zittert +der Himmel. Oh, welch ein Grollen des Donners in den Himmelsräumen, wenn +Gott, der uns die Kinder mit Flügeln gesendet, sie in Lumpen gehüllt +wiederfindet!« + +Man sieht, kein Sozialismus, nur die reine menschliche Empfindung. Aber +seiner politischen Anschauung, seinem Widerwillen und Zorn gegen die +Widersacher seiner Meinung läßt Victor Hugo überall die Zügel schießen. +Häufig in seinen Kinderliedern kommt der Politiker zur Erscheinung, und +am Schlusse des Buches stehen noch einige Gedichte, die er den Kindern +zu lesen empfiehlt, wenn sie einst erwachsen seien. So soll man aus der +Kinderstube kommen: ein ganzer Mann und ein ganzer Bürger. Vaterland, +Freiheit -- die großen heiligen Klänge, die an jedes gute Herz mit +Zaubergewalt schlagen, läßt Victor Hugo in diesen Versen mächtig +erklingen. Wir streiten nicht mit ihm über seine poetische Behandlung +der Deutschen -- er ist Franzose; aber unsere Poeten könnten von ihm +lernen, wie man ein großer Dichter sein kann, ohne vor den Gewaltigen +dieser Welt den Rücken zu beugen, und daß die zarteste Empfindung +stolze, trotzige Männlichkeit nicht auszuschließen braucht. Haben sie +dies einmal begriffen und diese Einsicht in Gesinnung verwandelt, so +kann auch einmal unsern Weihnachtstisch ein Buch in deutscher Zunge +schmücken, das mit dem schönen Buche von Victor Hugo um den Preis der +Zartheit und Männlichkeit streitet. + + (Am 25. Dezember 1877) + + + + +Aus der Kinderstube + +Geschrieben am Weihnachtsabend 1864 + + +»Oh, wäre ich ein wenig allmächtig und unendlich, ich wollte mir ein +besonderes Weltkügelchen schaffen und es unter die mildeste Sonne +hängen, ein Weltchen, worauf ich nichts setzte, als lauter dergleichen +liebe Kinderlein, und die niedlichen Dinger ließ ich gar nicht wachsen, +sondern ewig spielen.« Den ganzen Weihnachtsabend summen mir diese +traulichen Worte durch den Sinn, die der treuherzige Walt in den +»Flegeljahren« spricht, und ich mußte meinen grün gebundenen, in Gold +gepreßten Jean Paul vom Bücherbrett holen, um mich des Wortlautes der +gemütvollen Stelle zu versichern. Die Feder will mir aber schier den +Dienst versagen, denn alle guten Geister der Weihnachtszeit rumoren +durch das Haus. Das ist ein Flüstern und Kichern, ein leises Klopfen an +die Wände, ein Huschen und Rascheln und Rauschen, daß man fast an einen +Spuk glauben möchte; dazwischen tönen liebliche Kinderstimmen, von +freudiger Erwartung und kleiner Ungeduld geschwellt. Auch riecht es im +Hause wie harziger Waldesduft, und ein Rauchfaden von Wachskerzen zieht +sich ahnungsvoll durch die allzu rasch wieder geschlossene Tür. Geduld +ihr Kinder, wißt ihr denn nicht, daß alles Zögern nur den Sinn hat, euch +zu überraschen? Ihr seid ja die Könige dieses Festes, und nie sind +einem Machthaber der Welt treuere und mehr von Herzen gehende +Vasallendienste geleistet worden, als euch. Wenn ihr, liebliche +Tyrannen, die unumschränkte Gewalt kennen würdet, die ihr über unsere +Gemüter übt! Stärkere Bande, als welche Kinder zwischen Menschen +knüpfen, gibt es nicht auf dieser Erde. Man hat euch Unterpfänder der +Liebe genannt, und ihr seid's, denn wie oft, wenn der Rausch der +Leidenschaft verraucht ist und die Nüchternheit ihr Grau in Grau zu +malen beginnt, zieht ihr wieder goldene Fäden zwischen den einander +entfremdeten Herzen, ja wenn ihr hingestorben seid in frühem Alter, +schwebt ihr noch als einende Schutzengel über Mann und Weib. Ihr seid +der nie versiegende Jungbrunnen der Liebe, in den man kein einziges Mal +ohne die kräftigste Herzstärkung steigt. Die alte schöne Legende vom +langen Christoph erzählt von euch und uns, wie dieser baumstarke Heide +ausging in die Welt, um den mächtigsten Herrn zu suchen, und nachdem er +selbst den Teufel als zu schwach befunden, einem Kinde den Nacken +beugte. In dieser Geschichte sehen wir uns alle versinnbildet. Wem alle +Herrlichkeiten hienieden nichts anzuhaben vermochten, wen selbst das +Auserlesenste dieser Welt: ein schönes und gutes Weib nicht zu bändigen +wußte -- vor einem Kinde, das ihn mit unschuldsvollen Augen anschaut, das +ihm die hilflosen Händchen entgegenstreckt, wird er klein und demütig. +Solch ein schwaches Geschöpf, das ein Windhauch umwirft, bändigt den +wildesten Mann, und wäre ich ein Poet, ich wollte euch die Geschichte +von einem Vater erzählen, der von seinem Kinde erzogen wird, und die +euch gewiß rühren müßte. Aber selbst hilflos wie ein Kind, schlummert +sie mir im Gemüt, und ich kann sie, ob mich auch tausend Wehen plagen, +nicht entbinden. An solchen Tagen, wie der heutige ist, kann es einen +schmerzen, kein Dichter zu sein. + +Und da ich nun nicht fliegen kann, gehe ich gut bürgerlich zu Fuße und +schaffe mir einen Stock, auf den ich mich stütze. Mir sind allerhand +Bilder durch die Hand gelaufen, die sich als Weihnachtsgeschenke +empfehlen. Da halte ich einen säuberlich gearbeiteten Kupferstich fest, +der mich als ein Idyll der deutschen Familie aufs lieblichste anmutet. +Es ist das Bild: »Nach der Taufe,« von Ludwig Knaus. Wie ich die grauen +Schatten anblicke, werden sie warm und lebendig, und da blüht das früher +geschaute Werk in heiteren Farben vor mir auf, gleich wie eine dürre +Jerichorose, im Advent ins Wasser gestellt, um Weihnachten wieder +lebendigen Trieb in sich verspürt. + +Ein Fatschenkindlein, kaum vierzehn Tage alt, ist der Held dieses +liebenswürdigen Gemäldes. Es wird nach Jahren einmal erfahren, daß es +heute getauft worden, und wie hoch es bei dieser Gelegenheit +hergegangen. Wie es jetzt daliegt, in rot geränderten Flanell gebunden, +mit einer von blauen Seidenbändern besetzten Haube angetan, hat es keine +Ahnung, daß es dem natürlichen Heidentum, welches wir alle mit auf die +Welt bringen, soeben abgesagt und Glied einer höheren Gemeinschaft +geworden, ja es weiß ebenso wenig wie wir, die ihm neugierig ins Gesicht +gaffen, ob es ein Mägdlein ist oder ein Knabe. Die Wahrheit zu sagen: +Das Ding schaut herzlich dumm, und als ob es von einem scharfen +Lichtstrahl geblendet wäre, in die Welt hinein, und gewiß ist die ganze +unergründliche Mutterliebe oder das eifersüchtige Selbstgefühl des +Vaters vonnöten, um diese Kinderzüge, welche die Natur kaum aus dem +Groben herausgearbeitet, schön zu finden. Wie bedenklich ist die tief +eingesattelte Nase noch in Unordnung, wie unreif Mund und Stirne, und +wie notdürftig kann der innere Mensch zu den Augen, den lieblichen +Fenstern der Seele, herausschauen! Und doch ist es schon mehr als acht +Tage her, seit der mittelbare Urheber dem Neugeborenen den ersten Kuß +(ein ausschließlich im Rausch der Vaterfreude genießbares Glück) auf den +Mund gedrückt. Dem jungen Geschöpf kommt unsere kalte Welt bei jedem +Atemzuge noch untröstlich vor, denn es träumt noch von der schönen +Wärme, die es -- dem dunklen Gefühl muß es wie eine Ewigkeit vorkommen -- +mütterlich umhüllte. Aber siehe, für das verlorene sonnenwarme Eden +winkt hinten in der Bauernstube als mächtiger Tröster der grüne +Kachelofen, und was mehr bedeutet als alle grünen Kachelöfen der Welt -- +Teilnahme und Liebe kommt dem Kinde von allen Seiten entgegen. Ja wir +fürchten, dem armen Wurm droht mehr Liebe, als ihm gesund sein wird. Der +treffliche Pfarrer des Ortes, der seine gedeihlichen etliche und +sechzig Jahre mit behäbiger Gelassenheit trägt, schaukelt, inmitten der +Stube sitzend, den jungen Weltbürger auf seinen Armen und ist in +liebevolles Anschauen des kleinen Meerwunders dermaßen vertieft, daß wir +ungeladenen Gäste des Taufschmauses nicht einmal seine gemütvollen Augen +(denn gemütvoll müssen sie sein) erschauen können. Dem Pfarrer zur +Rechten steht ein altes Bäuerlein, dem die Augen vor lauter Wollust des +Schauens schier aus dem Kopfe fallen wollen, und zur Linken des +geistlichen Herrn beugt sich ein mit einer schwarzen Florhaube +aufgeputztes Mütterchen über das Antlitz des Kindes, als wollte es sich +selbst (man kennt den Zauber) im Wasserspiegel eines Kübels sehen. Wir +hören das liebe Geschwätz der guten alten Leute: wie das Kind dem Vater +gleichsieht! meint die Alte -- nein, der Mutter! wirft das graue +Bäuerlein ein, und beide meinen das Gegenteil des Geschlechtes, nämlich +im Grunde jedes sich selbst. Mit nichten, sagt gelassen der geistliche +Herr, die Nase hat das Kind vom Vater, von der Mutter aber die Augen -- +und Hochwürden bedenken nicht, daß besagtes Kind fast noch keine Nase +und kaum etwas, das ein Christ Augen nennen wird, im Kopfe hat. Wie dem +auch sei, jene zwei alten Bauersleute sind die schlimmsten Feinde des +gefeierten Täuflings, sie sind seine Großeltern. Sie werden mit der Zeit +die Erziehungsmethode der Eltern kreuzen, dem Kind Zuckerwerk zustecken +und es verhätscheln, als gäbe es keine Schwerkraft in der Welt, keine +Rippenstöße und Ohrfeigen. Ach, die Gebeine der guten Alten werden +längst modern, und du, o Kindlein, seiest du nun ein Bub oder Mädchen, +wirst dann erfahren müssen, welch ein hartes und herbes Ding das sei, +was man Leben nennt. Wir gönnen dir deinen Kindheitshimmel, mögest du +nicht allzu jäh auf die Erde fallen! + +Doch hast du einen Schutzengel, einen holdseligeren kann man sich kaum +wünschen. Es ist die lieblich erblühende Jungfrau, rotes Häubchen auf +blondem Haare, die jenem alten Strobelkopf -- deinem Großvater -- über die +Achsel schaut. Wie alle geistig gesunden Mädchen sich als künftige +Mütter denken oder träumen, so scheint auch diese bäuerliche Schönheit, +indem ihr Blick auf dem Täufling ruht, mit ahnungsvoller Seele über +jenen rätselhaften Brunnen, aus welchem die Kinder geschöpft werden, zu +schweben. Ein holdes Unschuldsgesicht, in welchem die Geheimnisse der +Liebe traumhaft aufdämmern. Sie ist die Schwester der Mutter und Pate +des Kindes. Ihr Schützling wird viel Liebe bei ihr finden, doch nicht +übertrieben, denn Klugheit und Energie können ihre Züge nicht +verleugnen; nur steht zu befürchten, daß sie zu rasch aus dem Haus +heiraten werde, denn jetzt schon laufen ihr die jungen Bursche des +Dorfes auf Tritt und Schritt nach ... + +Diese ganze Gruppe, deren Mittelpunkt das Wickelkind, nimmt die +rückwärtige Langseite der zum Taufschmaus hergerichteten Tafel ein. Auf +der Bank gegenüber, den Rücken gegen unser Auge gekehrt, sitzt sehr +nachlässig (denn die Gouvernante weilt noch in Genf) ein junges Mädchen, +die Ellbogen auf den Tisch gestemmt und gleichgültig dreinschauend; der +wohlbeschlagene Schuh ist ihr vom rechten Fuß gefallen, so daß man +letzteren in seiner naturwüchsigen Schönheit durch den eng anliegenden +Strumpf hindurch bewundern mag. Neben ihr, aus dem lang herabfallenden +Tischtuch, taucht ein schwarzer Rattenfänger auf, der vor lauter Haaren +kaum aus den Augen schauen kann; aber die weit heraushängende +scharlachrote Zunge predigt überzeugend genug die von Kaffeegeruch und +Kuchenduft aufgestachelte Gier nach Fraß. Was dieses aufgeregte Tier +gern tun möchte, vollbringt in reichlichem Maße sein Tischnachbar, ein +junger, kräftiger Bauernbursch, welcher, völlig unberührt von der +feierlichen Gelegenheit, seinem Kaffee und dem stattlich aufgegangenen, +von Rosinen durchspickten Gugelhupf tüchtig zusetzt. Nicht einmal die +neben ihm zur Tür hereintretenden neuen Gäste vermögen ihn in seiner +eifrigen Arbeit zu stören. + +Und Vater und Mutter? wird man fragen. In einem Lehnstuhle sitzt die +Wöchnerin, eine liebliche schlanke Gestalt, und wendet kein Auge von +ihrem Jüngstgeborenen. Ihr Gesicht erstrahlt im höchsten und +verführerischsten Glanze weiblicher Schönheit, der immer vorhanden, wo +ursprünglich edle, aber durch physische Leiden alterierte Züge von einer +innigen Gemütsfreude verklärt werden. Nur glauben wir, daß diese an sich +so schöne und erquickliche Frauengestalt durch einen Mißgriff in diese +Bauernhütte geraten sei; sie scheint mehr Bildung zu besitzen, als ihre +bescheidene Lage mit sich bringt: den Auerbach hat sie jedenfalls +gelesen und vielleicht auch den Schiller. Desto bauernhafter und fast in +unerlaubter Weise uninteressant ist der betreffende Vater. Von seinem +neuen Glücke scheint er fast nichts zu wissen, er beschäftigt sich mit +einem älteren Töchterchen, das er in den Armen hält, und welchem er +Backwerk in den Kaffee tunkt. Vater und Mutter, sowohl jedes für sich +als in ihrem Gegensatze betrachtet, zerreißen ein wenig die glückliche +Stimmung des übrigen Bildes, und der die Stube erfüllende Kaffeeduft, +welcher, gleich einem Atem der Behaglichkeit, aus den bunt geblümten +Geschirren raucht, hat viel Mühe, die Einheit der Stimmung wieder +herzustellen. Einiges zu diesem Behufe tut auch die in der Behausung +vorhandene Literatur, eine Bibel und ein Kalender -- Schriftwerk genug, +um den Bedürfnissen sowohl der Welt als der Ewigkeit zu genügen. + +Wie aber hätte ich Zeit und Raum, die aufdringliche alte Schwiegermutter +Kritik zu Wort kommen zu lassen? Hinter mir brennt schon der +Weihnachtsbaum, und wenn ich nicht rasch abbreche, stürmen mir die +Kinder den Schreibtisch. + + (Am 28. Dezember 1864) + + + + +Märchenhaftes + +Friedrich Mitterwurzer + + +Man soll Märchen nicht dichten wollen. Märchen dichten sich selbst! So +dachte und sagte man zu einer Zeit, da in Sitte und Recht, in Mythus und +Dichtung die naturwüchsige Entwicklung als Grundgesetz für Menschen und +Dinge galt. Das hinderte aber die Leute keineswegs, neue Sitten +einzuführen, neue Gesetze zu machen, neue Glaubenssätze zu prägen und +neue Märchen zu erfinden. Das Leben ist aber stärker als die Lehre. Was +neue Märchen betrifft, so spielt uns der Zufall gerade zu dieser Kinder- +und Hausmärchenzeit ein zierlich gebundenes und gepreßtes Bändchen in +die Hand: »König Drosselbart«, ein Gedicht von E. Bügner (Wien, Carl +Gerolds Sohn). Die sinnige Behandlung, welche die Umwandlung der +hochmütigen Königstochter aus äußeren Umständen mehr in das Gemüt +hineinverlegt, verrät eine Damenhand, und die ungewöhnliche +Sprachgewandtheit, die hier waltet, läßt auf literarische +Blutsverwandtschaft schließen. In dem Namen Bügner klingen fast +sämtliche Konsonanten und der sie beherrschende Vokal des Namens eines +berühmten Wiener Historikers wieder, der einst mit jugendlich starker +Hand die Grundlinien der Geschichte Österreichs gezogen und in diesen +Jahren das alte historische Märchen von dem edelgesinnten und +mißhandelten Königssohne Don Carlos zerstört hat. König Philipp und +König Drosselbart! Unsere Töchter sorgen dafür, daß die Märchen nicht +aussterben ... Märchen, die sich selbst gedichtet haben -- Volksmärchen -- +und Märchen, die gedichtet worden sind -- Kunstmärchen -- werden übrigens +immer noch in gewisser Weise auseinandergehalten. Ob Friedrich +Mitterwurzer, als er die Wiener wiederholt zu seinen Märchenvorlesungen +einlud, an diesen Unterschied gedacht hat, ist sehr zweifelhaft. Sein +genialer Kollege Bernhard Baumeister wies letzthin einen doktrinären +Schauspieler, der ihn durch gelehrte Dokumente von seiner eigenen +Künstlermeinung abbringen wollte, mit den Worten zurück: »Gehen Sie nur +mit solchen Floskeln und Flausen! Ich bin ein alter Puppenspieler und +spiele einfach, was in meiner Rolle steht.« So im besten Sinne +gedankenlos mag auch Mitterwurzer gehandelt haben, als er auf sein +Programm zweierlei Märchen setzte: ein gedichtetes und ein gewachsenes. +Das gedichtete Märchen »Vom unsichtbaren Königreich« entnahm er Richard +Leanders »Träumereien an französischen Kaminen«, und das gewachsene »Von +einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« holte er sich aus der +Märchensammlung der Brüder Grimm. Mit dem Buche in der Hand stand +Mitterwurzer vor der Hörerschaft, aus der Knaben und Mädchen bis herab +zu einem Alter von vier Jahren ihre neugierigen Köpfe reckten. Er las, +wenn man das lesen nennen kann. Lesen, erzählend lesen, war wohl der +Grundcharakter des Vortrages, aber über dem Lesen entwickelte sich ein +lebendiges Spiel, das sich, begleitet von mehr andeutenden als +ausgeführten Mienen und Gebärden, auf der ganzen Tonleiter der Sprache +hin und her bewegte. Man fand in ihm wieder den hochbegabten Künstler, +der uns die alten Figuren des Benedixschen Lustspiels wieder +nahegebracht, der die Gestalten von Ibsen und Sudermann beseelt, der uns +einen König Philipp vorgeführt, welcher nicht Tyrann, sondern Mensch +war, und der überhaupt die halb eingeschlummerte Schaulust des +Burgtheater-Publikums wieder geweckt und befeuert hat. Er schlug bei +seinen Märchenvorlesungen einen traulichen, treuherzigen Ton an, traf +die Stimmung jeder Situation und hob mit Vorliebe die dramatischen +Momente hervor. Ein ganz eigenes Talent entwickelte er in der +Landschaftsschilderung, die erst im modernen, im gedichteten Märchen +ihre Stelle gefunden hat. Im Märchen »Vom unsichtbaren Königreiche« wird +ein Flußtal geschildert, in das der Mond scheint: Wellen und Wald +rauschen und erzählen seltsame Sachen. Durch gedehnte Worte eröffnet uns +der Vorleser die Aussicht in das lange Tal; er läßt im Worte die Musik +der Landschaft widerklingen, man sieht hörend die Natur. Die +Beschreibung schließt mit dem Satze: »Es war ein wunderbares Tal!« Da +nimmt sich Mitterwurzer das Wort »wunderbar« heraus. Er läßt das schöne +Wort musikalisch wirken, er läßt es klingen, ohne daß er singt. Aus dem +dunkleren »u« bricht das helle »a« wie ein Tag aus der Dämmerung. Wir +haben nie eine herrlichere Wortmusik gehört. + +In der Pause zwischen den beiden Märchen dachten wir uns in unsere +Knabenzeit zurück. In unserem Hause war eine Magd, die rote Hanne, die +aus ihrem Geburtsort Wiesensteig im Filstale einen sprudelnden Reichtum +von Märchen mitgebracht hatte. Ihr Gedächtnis war erstaunlich, und es +machte ihr Vergnügen, aus der Fülle ihrer Erinnerungen mitzuteilen. Sie +konnte sich wohl messen mit der berühmten hessischen Märchenfrau der +Brüder Grimm. An Winterabenden, wenn sie spinnend am Ofen saß, den +Flachs von dem Rocken zog und die gedrehte Spindel tanzen ließ -- denn +damals spann man sich die Leinwand noch selbst, schickte das Garn zum +Weber, die Weben auf die Bleiche -- dann begann die Magd zu erzählen und +tat es so lange, bis nicht sie, sondern wir Kinder erschöpft waren. Dann +hörten wir die Spindel wohl noch in den Halbschlummer herein surren und +freuten uns schon auf den nächsten Abend. Die rote Hanne sprach nicht +ganz so, wie Mitterwurzer las. Ihre Erzählung hatte mehr epischen Fluß, +arbeitete das Gespräch und die dramatischen Momente nicht so stark +hervor. Mitterwurzers Methode hat aber auch ihren Vorteil, besonders dem +modernen Märchen gegenüber. Es ist, wie wenn ein Diamant aus seiner +Fassung springt und nun auch an den Stellen, die früher bedeckt waren, +zu funkeln beginnt. Das echte Volksmärchen, wie das »Von einem, der +auszog, das Fürchten zu lernen«, wehrt sich vielleicht ein wenig gegen +diese Behandlung, weil die Erzählung hier ohne subjektive Zutat ist. Ein +heiterer Ton geht durch dieses köstliche Märchen, der gleich im Anfang +angeschlagen wird. »Immer sagen sie: es gruselt mir, es gruselt mir! Mir +gruselts nicht. Das wird wohl eine Kunst sein, von der ich auch nichts +verstehe.« Hinter dieser Heiterkeit scheint sich aber ein stolzes +Nationalgefühl zu bergen, das mit Bismarck sagen kann: »Wir fürchten uns +vor niemand!« Ja, hinter diesen scherzenden Märchen sehen wir die +Deutschen, wie sie kämpfend in die Weltgeschichte treten, kämpfend nicht +bloß aus Not, sondern auch aus Lust am Kampfe, daher sie in Byzanz und +Rom Verfechter fremder Sachen sind und heute noch in ihren bunten +Wämsern, treu und schlagfertig, in den Vorhöfen des Vatikans stehen. + +Die deutschen Märchen, die sich selbst gedichtet haben -- die +Volksmärchen -- sollen uraltes Nationalgut sein. Die Gestalten, die darin +auftreten, werden als heruntergekommene heidnische Götter betrachtet, +die sich vor christlicher Verfolgung in die Märchentracht versteckt +haben. Es gibt wohl welche unter den deutschen Märchen, die dieser +Ansicht entsprechen, beispielsweise unser allerliebstes Dornröschen. +Wodan, der durch die Strahlengluten reitet, um die schlafende Sonne zu +wecken, Siegfried, der durch die wabernde Lohe dringt, um Brünhild zu +befreien, der junge Königssohn, der durch die Hecken bricht, um +Dornröschen zu holen, sie sind wahrscheinlich eine und dieselbe Gestalt: +zuerst als Gott, dann als Held, zuletzt als Märchenprinz. So kann nun +jeder deutsche Mann, der ein Weib erwirbt, als Gott, als Held, als +Märchenprinz empfinden. Aber nur wenige von den deutschen Märchen sind +so bequem auszulegen wie Dornröschen, und selbst die nationale +Ursprünglichkeit der deutschen Märchen wird bedenklich, wenn man +dieselben Märchen, wie die deutschen, unter verschiedenen +Himmelsstrichen und Völkerschaften verbreitet findet. Man kann sagen, +das beweise nichts gegen die nationale Ursprünglichkeit der deutschen +Märchen. Am Fuße des Himalaya blüht ein Gänseblümchen auf, in einem Tale +des Wienerwaldes ein anderes Gänseblümchen, die beide nichts voneinander +wissen. Oder nüchterner ausgedrückt: ähnliche Notlagen erzeugen ähnliche +Gedanken und Erfindungen, ähnliche Gemütslagen bringen ähnliche +Dichtungen hervor. Allein die Ähnlichkeit häufte sich in dem Maße, daß +man an Entlehnung denken mußte, und ein deutscher Gelehrter (Theodor +Benfey) machte die merkwürdige Entdeckung, daß der größte Teil unserer +abendländischen Märchen und Novellen in Indien erfunden ist, woher sie +uns auf verschiedenen Umwegen durch Mongolen, Islamiten und Juden +zugemittelt worden. So leben wir auch nach dieser Seite hin geistig von +den Erfindungen des Orients. Und das letzte: daß Dichtungen sich selbst +dichten, ist in der Wissenschaft ein schon fast verschollenes Märchen. +Überall, wo etwas Bedeutendes geleistet wird, sei es in der Dichtung, in +der Wissenschaft, in der Technik, überall steckt ein einzelner Kopf +dahinter, den man freilich nicht immer sieht. Selbst die Sprache, in +ihrem Ursprunge das dunkelste Gebiet, ist gewiß durch geniale Griffe +einzelner Menschen vorwärts gebracht worden, wobei die Frauen, in deren +Mund die Rede so leicht und geschmeidig wird, keineswegs auszuschließen +sind. Als der Streit um die Verfasser der deutschen Volksepen im +Schwange war, hat Ludwig Uhland das in seiner Anmut so tiefe Wort +geschrieben: »Die ganze Masse (des Volkes) ist noch, wie ein Zug von +Wandervögeln, in der poetischen Schwebung begriffen, und die einzelnen +fliegen abwechselnd an der Spitze.« + +Friedrich Mitterwurzer, der stets anregende Künstler, hat uns durch +seine Märchenvorlesungen auf diese angenehmen Abwege gebracht, von denen +zurückkehrend wir ihn noch einmal dankbar begrüßen. + + (Am 25. Dezember 1895) + + + + +Spiegelbilder + + +Es war an einem heiteren Sommermorgen, als eine Schar vorüberziehender +Landleute, die eben im Begriffe standen, vor das Dorf zu gehen, um ihre +Weingärten zu bestellen, aus einem an der Straße liegenden Landhause +einen ungewöhnlichen Lärm vernahmen, in welchem sie die stark +hervorgestoßenen Rufe einer Männerstimme unterschieden, denen ein +klirrendes Geräusch, wie von auseinanderfliegenden Glasscherben +herrührend, nachfolgte. Sie standen eine Weile betroffen stille, indem +sie gegen die Fenster des sonst so ruhigen Hauses emporblickten, und +zogen kopfschüttelnd weiter, als der Lärm sich gelegt hatte. In dem +Hause, das rückwärts an einen ausgedehnten Obstgarten stieß, wohnte +Hanns Geißelreiter, ein bemittelter junger Gelehrter, der, von einem +tiefen Hange nach Erkenntnis der Dinge beseelt, die Wissenschaft zu +seiner eigenen Befriedigung pflegte. Vor kaum einem halben Jahre hatte +er seine Frau begraben, und mit ihm wohnten seine zwei Kinder und eine +Schwägerin, die ihm den Haushalt besorgte. An jenem Sommermorgen war es +in dieser kleinen Familie zu einem ungewöhnlichen Auftritte gekommen. +Sie nahmen in dem Bücherzimmer, das zugleich als Speiseraum diente, das +Frühstück ein. Als Geißelreiter sich mit schmeichelnden Worten zu seinem +jüngeren Töchterchen wendete und von seiner dampfenden Tasse aufsah, +bemerkte er an dem Wandpfeiler gegenüber einen großen venezianischen +Spiegel, welchen ihm die Schwägerin zu seinem heutigen Geburtstage +beschert hat, und aus welchem ihm in diesem Augenblicke sein eigenes +Bild mit scharfer Deutlichkeit entgegenwinkte. Kaum hatte er das +Spiegelbild erblickt, als ein grimmiger Schmerz seine Züge verzerrte; er +sprang rasch auf, und indem er den so freundlich gemeinten Einfall +seiner Schwägerin mit heftigen Worten verwünschte, trat er auf den +Spiegel zu und schlug ihn mit geballter Faust mitten entzwei. Der starke +Schlag auf den spröden Stoff hatte seine Zorngeister einigermaßen +abgeleitet, obgleich er die verhundertfachte Spiegelung seines Bildes in +den herabklirrenden Glasscherben wie einen persönlichen Hohn empfand. +Die beiden Kinder waren in eine Ecke der Stube geflohen und ließen, +indem sie sich an den Händen faßten, ihren Tränen freien Lauf. Die +Schwägerin, erst von Schreck gelähmt, holte nun ein Waschbecken mit +Wasser herbei, in welches Geißelreiter seine aus vielen kleinen Wunden +blutende Hand steckte. Er sah mit einem gewissen Vergnügen das Blut aus +der Hand rinnen, denn er fühlte seine Brust wie durch einen Aderlaß +erleichtert. Eine dumpfe Schwüle lag über das Zimmer gebreitet; leise +weinten die Kinder fort, ein nicht ganz bewältigtes Schluchzen verriet +die innere Bewegung der armen Schwägerin, dazwischen hörte man das +gleichmütige Ticken der Schwarzwälderuhr und ihren die volle Stunde +ankündigenden Kuckucksruf. Die Erinnerung an die Zeit und den Tageslauf +führte die durch einen gewaltsamen Zwischenfall aufgeregten Geister in +das alltägliche Geleise nach und nach zurück. Geißelreiter schwieg zwar +noch immer, als aber die sorgsame Schwägerin die Glassplitter aus seiner +Hand entfernte und einen Verband angelegt hatte, fühlte er sich doch zu +einigen entschuldigenden Worten gedrängt. Sie möge seine Heftigkeit +entschuldigen; aber sie wisse ja, daß er sich selbst nicht leiden +könnte, daß er sich zu entfliehen trachte und daß es ihm bei dieser +Gesinnung unmöglich eine Freude machen könne, sein Bild sich gegenüber +zu sehen. Er hasse seine eigenen Züge, sie seien ihm aufs tiefste +widerwärtig; wenn er sich einmal zufällig selbst erblicke, sei ihm der +Tag und die Woche verdorben. Der Spiegel sei daher sein größter Feind +... Nach diesen Worten, die er nicht ohne Selbstüberwindung und ein +gewisses Schamgefühl mehr hervorgestoßen als gesprochen hatte, zog er +sich auf sein Studierzimmer zurück und ließ sich trotz der dringenden +Bitten seiner Kinder, die wiederholt an seine Tür pochten, an diesem +Tage nicht mehr blicken. + +Wie allen übertriebenen Empfindungen und Zuständen der Menschen, so lag +auch dem Selbsthasse und der Selbstquälerei unseres wunderlichen +Philosophen ein sehr menschliches Motiv zugrunde. Als er auf +Freiersfüßen ging, besuchte er das Haus einer Witwe, die zwei Töchter +hatte, von denen er eigentlich die jüngere, seine jetzige Schwägerin, +liebte. Die ältere aber benützte die Liebesstimmung des jungen Mannes, +wußte sich ihm durch hundert Rücksichten und Gefälligkeiten +anzuschmeicheln, und die jüngere Tochter, welche nur in geringem Maße +die Gabe besaß, ihren Gefühlen das rechte Wort zu leihen, ließ er +beiseite liegen, obgleich er es als einen Schmerz empfand, ihr nicht +näherkommen zu können. Da nun vollends die Mutter, wie fast sämtliche +Mütter, sich von der Pedanterie nicht losreißen konnte, die Töchter nach +der Altersklasse zu verheiraten, kam eine Ehe zustande, die den +Absichten des jungen Gatten nicht eigentlich entsprach. Sobald er sich +besann, mußte er sich aufrichtig bekennen, daß, wenn er auch die ältere +heimführte, sein Herz doch eigentlich der jüngeren gehörte. Doch +behauptete der einmal vorhandene Zustand seine gebieterischen Rechte. +Man fand sich bei der im Grunde guten Gemütsart der jungen Frau leidlich +zurecht, und als sich vollends der Kindersegen einstellte und die +zärtliche Mutter nacheinander zwei wohlgestaltete Mädchen in die Arme +des glücklichen Gatten legte, schien eine zufriedene Zukunft gesichert +zu sein. Leider fing die Frau zu kränkeln an. Eine Brustkrankheit, wie +sie sich bei zarten, schlanken Blondinen nicht selten einstellt, zehrte +die Frau, ohne daß sie empfindlich zu leiden schien, langsam auf. Nicht +ohne Bewegung stand der junge Witwer an ihrem Grabe, denn die Gewohnheit +der Lebensgemeinschaft ist ein Band, das manchmal stärker hält, als die +heftigste Liebe. Mathilde war tot, und Leonie, die junge Schwägerin, +übernahm die Aufgabe, die Kinder zu pflegen und das Haus zu führen. +Rasch verdunkelte sich dem Witwer das Bild seiner verstorbenen Frau, +weil sie ihn durch Gegenwart und tätiges Eingreifen nicht mehr an sich +selbst erinnern konnte und eine innigere Empfindung sie nie verbunden +hatte; dagegen machten sich die nie aufgegebenen, nur vertagten alten +Herzensrechte auf Leonie wieder geltend. Das mußte er selbst in +Gegenwart seiner Kinder empfinden. Das jüngere Töchterchen, schwarz, mit +feurigen Augen wie Leonie, war sein entschiedener Liebling, auf den er +alle seine Zärtlichkeit übertrug; die ältere dagegen, ihm an Zügen +ähnlich, mit dem blonden Haare und den blauen Augen der Mutter, +betrachtete er mit einer gewissen Abneigung, die er nur schwer besiegen +konnte. Dann aber faßte er die Kleine beim Kopfe, drückte ihr einen +heftigen Kuß auf den Mund und leistete dem armen Kinde im stillen +Abbitte. Da er aber der geliebten Schwägerin gegenüber sich im Innersten +gebunden fand und vergebens nach Worten rang, um ihr sein Empfinden +kundzutun, und ebenso sie selbst, eine verschlossene, schamhafte Natur, +sein Wesen, Tun und Lassen bloß mit den Augen verfolgte und ihre Liebe +im übrigen nur werktätig bekundete, zog sich der junge Gelehrte auf sich +selbst und seine Bücher zurück, wobei sich bei ihm jene Abneigung gegen +sich selbst ausbildete, die sich in der Zertrümmerung des Spiegels so +gewaltsam Luft gemacht hatte. Er schloß sich geistig jener +vielverbreiteten Zeitrichtung an, die sich mitten im Tatendrang unserer +Tage und recht im Gegensatz zu dem üblichen frechen Vordringen der +eigenen lieben Persönlichkeit, in der Neigung gefällt, das eigene +Selbst herabzudrücken und es, als etwas für sich Unbedeutendes und +Nichtssagendes, in dem allgemeinen Fluß der Dinge aufzulösen. Er +huldigte dieser großen Eitelkeit einer sich selbst bespiegelnden +Selbstvernichtung. Leidenschaftlich verfolgte er das Bestreben, sein Ich +auszulöschen, seine Persönlichkeit zu vertilgen. Mit unseren +abendländischen Mitteln der Selbstzerstörung nicht zufrieden, rief er +die nun überall bereitwillig sprudelnden Hilfsquellen des indischen +Denkens zu seinem Dienste herbei. Die in ihrer Art grandiose +Vedantalehre, die, von der Angst der ewigen Wiedergeburt des Daseins +hervorgerufen, die lastende Schwere des Menschenlebens durch bloße +Selbsterkenntnis und Entzauberung des Welträtsels vom Rücken schüttelt, +schlug in seinem Denken mächtige Wellen. Er konnte sich hinuntertauchen +in dieses selige Nichts, das doch alles sein soll. + +Allein der Genius der Menschheit lächelt über dergleichen +Verstiegenheiten des Denkens und Wollens. Spielend löst er diesen +Krampf, und das holdselige Lächeln eines Mädchens hat schon manchen +Weltweisen, der das Weib für die Verkörperung des Bösen hielt, zu +milderer Anschauung bekehrt. Hanns Geißelreiter, der ländliche Philosoph +des Pessimismus, wurde gleichfalls auf diesen andern Weg geführt und aus +einem unglücklichen ein glücklicher Mann. Seine Schwägerin Leonie fand +die Mittel, ihm anzudeuten, daß sie ihn liebe, und Hanns kam ihr auf +halbem Wege entgegen. Zu ihrem nächsten Geburtstage schenkte er ihr +einen Spiegel. Er selbst fand wieder Wohlgefallen an seinem Gesichte, +seit es einem lieben Mädchen gefiel, und dieser Spiegel trog nicht. Als +die Weihnachtszeit herannahte, huschten gute Geister durch das Haus. Am +Weihnachtsabend kam das Lieblingstöchterchen Geißelreiters mit roten +Backen aus dem Garten herauf und erzählte ihrem Vater, indem sie ihm den +Schößling eines Kirschenbaumes reichte: »Sieh, Vater, ich habe einen +dürren Zweig vom Baume gebrochen, und als ich ihn knickte, war er innen +grün ...« »O, mein Kind!« rief der glückliche Vater aus, »ich danke dir +für deine frohe Botschaft.« Dann nahm er das Kind auf und herzte und +küßte es; aber auch die blonde Schwester, das geschreckte Kind, umarmte +er mit überfließender Zärtlichkeit. Abends aber führte Leonie den +bekehrten Hanns in das von Glanz erfüllte Bescherungszimmer. Sie hielt +ihm beim Eintreten die Hände vor die Augen und ließ ihn erst frei, als +sie vor einem großen venezianischen Spiegel standen. Die Lichter des +Weihnachtsbaumes brannten ihnen daraus entgegen, aber weit schöner +überrascht war er, als er das geliebte Mädchen, Wange an Wange mit ihm, +aus dem Glas herausschauen sah. Die beiden Kinder kletterten an ihnen +empor und vollendeten mit ihren lieben Gesichtern das reizende +Spiegelbild. »Ich bin so übel nicht,« sagte Hanns lächelnd zu Leonie und +drückte ihr einen heißen Kuß auf den Mund. Der Kuckuck aber in der +Schwarzwälder Wanduhr rief eine glückliche Stunde. + + (Am 25. Dezember 1887) + + + + +Das Ammergauer Krippenspiel + + +Nie kann ich eine Tanne, die zu Weihnachten unsere Wohnungen ziert, +betrachten, ohne zurückzudenken, von wannen sie kommt, ohne ihr +gleichsam eine Wurzel zu leihen. Hinter dem Baume höre ich den Wald +rauschen, und der Harzgeruch, den die grünen Nadeln sehnsüchtig +ausströmen, zieht den Sinn, der doch gerade an diesem Tage an Haus und +Herd haften möchte, träumerisch in die Ferne. Zuerst muß ich heuer dein +gedenken, du traulicher Wienerwald, der du mir zur heißen Sommerszeit +gastlichen Schatten geboten hast, und dann denke ich weit und weiter, +von der Donau hinauf an die Isar, an deren Ufer bis in die Hundstage +hinein so heftige Schlachten geschlagen wurden. Kunstschlachten, +Dunstschlachten, auf den Brettern geliefert, nicht auf den Feldern, +Schlachten aber, die, bei dem Theatersinne der Deutschen, die Gemüter +lebhaft erregten und schließlich eine Erbitterung hervorriefen, die noch +heute in verschiedenen Blättern und Blättchen nachzittert. +Glücklicherweise liegt auch hinter München Wald und Gebirge, und damals +wurde viel Wunders erzählt von dem großen Krippenspiel, genannt +Passionsspiel, welches die ländliche Gemeinde von Oberammergau den +Sommer hindurch allwöchentlich ins Werk zu setzen pflegte. Da der +Schauplatz einladend nahe lag und ein Heraustreten ans dem schwülen +Münchener Dunstkreise, der sich durch wahrhaft rasende Abendgewitter +vergebens abzukühlen suchte, wünschenswert war, so stellte sich der +Gedanke von selbst ein, mit ein paar Freunden, dem allgemeinen Weltzug +folgend, nach Oberammergau zu wallfahrten. Kaum je habe ich die ragenden +Zwillingstürme der Münchener Frauenkirche fröhlicheren Sinnes hinter mir +gelassen, als da ich, das saure Vergnügen des Gesamtgastspiels +unterbrechend, an einem dumpfen Julitage dem Hochgebirge zustrebte, um +nach so viel Kunst und Künstelei an dem dramatischen Naturspiel der +Ammergauer die müde Seele zu laben. Nach einer unerquicklichen +Eisenbahnfahrt kamen wir endlich in Murnau an, wo schon das Umsteigen +aus einem überfüllten Waggon in ein offenes Gefährt eine Wohltat war. +Aus dem Knäuel der verschiedenartigsten Fahrgelegenheiten hatten wir uns +rasch losgewunden, ein freundliches Gasthaus bot im Vorüberflug Speise +und Trank. Wir waren in unserem Wagen lauter gute Bekannte: ein sanfter +Wiener Kollege semitisch-madjarischer Abkunft mit seiner lebhaften +geistreichen Schwester; ein liebenswürdiger königlich bayerischer +Hauptmann, der seine pfälzische Mundart so eilfertig sprach, daß die +eigene Zunge kaum nachkommen konnte, und neben dem Kutscher saß ein +junger Bruder Franziskaner, gleichsam ein Feldwebel im Reich der Gnade, +der sich durch Heiligenbildchen bei der Dame eingeschmeichelt hatte und +von seinem eigensinnigen Vorsatz, unsere Fahrgelegenheit mitzubenutzen, +nicht abzubringen gewesen. Trotz geistlichen Beistandes ging die Fahrt +ohne besonderen Unfall vonstatten. Das Fahrzeug trug uns sachte hinein +in das Hochgebirge, das immer gewaltiger aufstieg, bis wir uns selbst in +die Berge verloren. Scherzworte, die zwischen Bock und Wagen, wie +zwischen Himmel und Erde hin- und wiederflogen, würzten und kürzten die +Zeit. Der steile Ettaler Berg, der zu Fuß erstiegen sein will, war bald +genommen, und gegen Abend rollten wir, die freundlichen Ufer der Amper +entlang, hinunter nach dem berühmten Bildschnitzer- und +Schauspielerdorfe, das wir von einem kosmopolitischen Völkergewimmel +erfüllt fanden. Es war der Abend vor dem Sonntagsspiele. An ein +Unterkommen, an Sitze für die nächste Vorstellung war nicht zu denken. +Wir hatten einen redseligen Berliner in einer Hühnersteige einquartiert +gefunden, ein Engländer nächtigte in einem Großvaterstuhle, ein +geschmeidiger Junge aus New York schlief auf einer schmalen Küchenbank. +Zunächst suchten wir ein Obdach in der Nachbarschaft und sicherten uns +Einlaßkarten für die Montagsvorstellung. Uns ward ein köstlicher freier +Sonntag, an dem wir zu Wagen und zu Fuß durch das Ammergauer Tal +streiften, entzückt von der Schönheit der Landschaft, von der +erquickenden sonnigen Luft und von der erstaunlichen Frische des +Pflanzenwuchses. Als wir den Hollunderbusch und die Linde blühen sahen, +die in der Ebene unten längst Frucht angesetzt hatten, war es uns so +wunderlich zumute, als ob wir in die frühere Jahreszeit zurückgingen, +und sofort dämmerte die täuschende Hoffnung auf, daß es Möglichkeit und +Mittel geben könnte, die verschollenen Jugendtage noch einmal zu +erleben. Doch ließ das kräftige Gefühl der Gegenwart solche empfindsame +Gedanken nicht um sich greifen; wir schöpften den Tag gründlich aus, und +erst um Mitternacht suchten wir das Lager auf, um der heiligen Frühe, +die uns das ungeduldig erwartete Krippenspiel bringen sollte, +entgegenzuschlummern. + +Endlich saßen wir dem Theater gegenüber, das nach den Bergen hingestellt +ist: ein Holzbau, die Bauglieder farbig hervorgehoben, mit einem Bild im +Giebelfeld. Die Bühne selbst ist in drei Schauplätze geteilt: Der +mittlere größere Raum mit der Aussicht auf Jerusalem, links und rechts +eine schmälere Gasse mit den Häusern des römischen Landpflegers und des +Hohenpriesters turmähnlich flankiert. Schon füllt sich die Gasse rechts +mit allerlei Volk, das jauchzend quer durch den mittleren Raum zieht und +durch die Gasse links, während der Heiland, von Hosianna umtönt, auf dem +Esel reitet, auf die geräumige Vorbühne ausmündet. Der Aufzug gewährt +das überzeugendste Bild einer großen Volksbewegung, die sich, durch die +sinnreiche Bühneneinrichtung, bald drängt, bald erweitert, bis sie sich +in voller Breite ergießt. Durch häufige und nur allzu häufige lebende +Bilder nach dem Alten Testamente, die für das Christentum vorbildlich +sein sollen, unterbrochen, rückt die Handlung nur träge vorwärts. Man +gewinnt damit Zeit und Antrieb, das zweite Schauspiel, welches die +Naturszenerie und das Publikum gewährt, näher zu betrachten. Tausende +von Zuschauern, über deren Köpfe man hinblickt, sitzen hier mehr oder +weniger unter freiem Himmel, alle schaulustig und gespannt, aber doch +auch leiblichen Bedürfnissen unterworfen. Selbst nicht vor dem Bilde des +Höchsten und Heiligen schweigt, mit Homer zu reden, »die Wut des +leidigen Magens«. Mächtige Brottrümmer kommen zum Vorschein, schmächtige +Butterbemmchen verschwinden neben ungezählten Knackwürsten und blühenden +Speckseiten. Man hört Stöpsel springen und das Glucksen sich +entleerender Flaschen. Dazwischen Stöhnen und Schluchzen und das +prosaische Nachspiel des Weinens -- das Schneuzen. Man irrt aber, wenn +man meint, irgendeines dieser Dinge störe die Stimmung des Zuschauers. +Die Größe, die Mannhaftigkeit besitzt eine reinigende Kraft, wie ja auch +das Meer nie schmutzig erscheint. Dann ist es die Gegenwart der freien +Natur, die jeden kleinlichen Gedanken aus der Seele drängt. Ich sehe den +Himmel über mir mit seiner ewigen Leuchte, eine vorüberziehende Wolke +entlädt sich unter Blitz und Donner; dann blinken uns von den Halden die +Wiesen entgegen, und weiter hinauf winkt der grüne Wald. Hier +lustwandeln fröhliche Dirnen, dort recht ein Bauer das Heu zusammen; man +hört die Hähne krähen und das Girren der Tauben. Und hier zwischen +Zuschauerraum und Bühne fliegen die Schwalben und schreien die +Sperlinge. Die Natur läßt sich nicht stören durch die Meinungen und +Veranstaltungen der Menschen; während dem Heiland die Nägel durch die +Hand getrieben werden, suchen zwei Schmetterlinge einander zu haschen. +Da mag man wohl lächelnd an das Wort des Apostels Paulus denken: »Wir +wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstet sich noch +immerdar« -- was von manchen so ausgelegt wird, daß auch die übrige Natur +außer dem Menschen in das Erlösungswerk mit einbezogen sei. Die Natur +aber ist eine uralte Heidin und wird eine Heidin bleiben; erst mit dem +Menschen beginnt das Heilsbedürfnis. Da ist es nun eine wunderbare +Erscheinung, und gerade Ammergau legt diesen Gedanken nahe, wie das +Christentum, aus den höchsten Geistesquellen des Altertums entspringend, +bis zu dem gemeinen Mann herabfließen und noch den Weihkessel der Armen +und Elenden mit seinem Segen füllen konnte. Heraklits Oben und Unten, +die Trennung von Leib und Seele, die platonische Lehre vom Vater und +Sohne, von der Allgegenwart der Idee, die jüdisch-griechische +Philosophie mit ihrer vermittelnden Tätigkeit, die universalistische +Tendenz des römischen Geistes -- alle diese dialektischen Verstandes- und +Gemütsprozesse mußten vorhergehen, bevor die Kirche ihr Brot backen und +ihren Wein schenken, bevor die Heilslehre Eingang finden konnte in die +Seele und in den Mund eines deutschen Bauern. Der Logos, das Wort ist +Fleisch geworden -- ein Gedanke, mit dem nur wenige von den Zeitgenossen +des Perikles einen Sinn hätten verbinden können, er ist ein Gemeingut +unserer Landleute und wird von den Ammergauer Bildschnitzern vor aller +Welt dramatisch dargestellt. + +Das dramatische Evangelium der Oberammergauer, ihr Buch zum +Krippenspiel, trägt den Charakter der Aufklärungszeit, in der es +entstanden. Man hat in der jüngsten Zeit nach der ältesten Gestalt des +Ammergauer Bühnenspieles geforscht und glaubt es in einem geistlichen +Spiele des Klosters St. Ulrich und Afra in Augsburg gefunden zu haben. +Die Sprache dieses Spieles weist in das fünfzehnte Jahrhundert zurück. +Das Gedicht springt auch nicht mehr aus der Quelle, sondern führt in +seinem Rinnsal das getrübte Wasser und Gerölle der Jahrhunderte mit +sich. Selten gewinnt es plastische Gestalt, nur wenn Maria auftritt, +wird es lebendiger und wärmer. »Nun helfet mir mein Kind beklagen,« ruft +Maria an dem Grabe des Heilands aus; »ihr wisset ja, wie lieb sie sind!« +(nämlich die Kinder.) Dieses einzige Wort wiegt das ganze Passionsspiel +des Augsburger Meistersingers Sebastian Wild auf, aus welchem die ältere +Fassung des Ammergauer Buches hervorgegangen. Hier weicht die Mutter +Gottes, wahrscheinlich unter dem Einflusse der Reformation, auffallend +zurück, und das Ganze ist eine handwerksmäßige Arbeit, die sich blind an +den Endreimen fortgreift. Das gegenwärtige Buch der Ammergauer ist, wie +gesagt, rationalistisch gefärbt und ohne volkstümliche Ader. Es fehlt +der trauliche Ton, und die logischen Gelenke der Sprache treten stark +hervor. »Was übrigens die Vollziehung des Urteils anbelangt,« sagt +beispielsweise Kaiphas, »so wird es wohl das Sicherste sein, wenn wir es +beim Landpfleger durchsetzen könnten, daß _er_ ihn zum Tode brächte -- +dann wären wir ohne alle Verantwortung.« Oder Petrus, der aus dem Grabe +des Heilands kommt, sagt zu Johannes: »Sieh selbst, wie ordentlich die +Leintücher zusammengelegt sind. Alles ist im Grabe so geordnet, wie wenn +jemand, der vom Schlafe aufsteht, seine Nachtkleider an den bestimmten +Ort legt.« Doch bringt es selbst diese nüchterne Bezeichnung der Dinge +manchmal zu ergreifender Wirkung, wie zum Beispiel, wenn Jesus, von +seiner Mutter Abschied nehmend, ausruft: »Mutter! Mutter! Für die +zärtliche Liebe und mütterliche Sorgfalt, die du mir in den +dreiunddreißig Jahren meines Lebens erwiesen hast, empfange den heißen +Dank deines Sohnes.« Freilich greift hier die unwiderstehlich packende +Situation über das Wort hinüber. Im ganzen bekundet das Buch einen guten +Sinn für wirksame Situation. + +Das Anregendste am Ammergauer Krippenspiel ist wohl der Schauplatz +selbst, das geräumige, sinnreich gegliederte Theater, welches den +Schauspieler nicht unvermittelt aus der Kulisse fallen läßt und jene +Volksaufzüge ermöglicht, die an Wirkung weit hinausreichen über das +Spiel der einzelnen. Ein ähnliches Theater scheint dem maßlosen Grabbe +vorgeschwebt zu haben, wenn er in den »Hundert Tagen« etwa vorschreibt: +»Zwei Schwadronen rücken vor«. Das Volk, die »Turba«, wie es in den +Passionsmusiken heißt, ist der große Schauspieler von Ammergau, den +freilich die Meininger nicht zu fürchten haben. Über die einzelnen und +hervorragenden unter den Schauspielern hat sich kein klares Urteil +festgestellt. Die Kritiker setzten sich gewöhnlich in ein gemütliches +Verhältnis zu den Spielern, und so verloren sie ihre Unbefangenheit. Sie +haben mit Judas in dieselbe Schüssel getaucht, mit dem Heiland einen +Schoppen getrunken und mit der Mutter Gottes unter einem Dache +geschlafen. Dieser schlichte Mensch, heißt es dann, welch ein +Schauspieler! Nun ist es keine Frage, daß, von den Frauen abgesehen, die +durchaus abscheulich spielten, manche der Mitspielenden Treffliches +leisteten. Allen voran steht der Darsteller des Christus. Er ist eine +schöne männliche Erscheinung, »unnachahmlich« gewachsen, wie eine +Engländerin meinte, in allem Sichtbaren, was Gang, Stellung und Gebärde +betrifft, geradezu bewunderungswürdig. Man merkt wohl den Bildschnitzer +durch, und er hat sich, nach seiner eigenen Äußerung, an Führichs +Kreuzgang geschult. Wie er vor Pilatus erscheint, wie er am Kreuze +hängt, das ist eine wahre Augenweide. Leider liegen seine Augen zu +versteckt, und in seiner hohen Tenorlage spricht er mitten hindurch +zwischen dem Schulmeister und dem Geistlichen. Außerdem ist er grimmig +ernst; er hat nichts von der Ironie des Heilands, der doch, ganz Mensch +und ganz Gott, die höchste Ironie darstellt. In seiner allzu passiven +Haltung trägt er wesentlich bei zu der Verstimmung, die sich dem brutal +mißhandelten Christus gegenüber des Zuschauers bemächtigt. Für den +Gläubigen ist das Wasser auf die Mühle; wer aber dramatisch genießen +will, dem ist mit einem so absolut duldenden Helden nicht gedient. Alles +rein Menschliche in den Situationen, wie etwa die Szene auf dem Ölberge, +wird dann zum Genusse. Im ganzen leidet das Ammergauer Krippenspiel an +einem Hauptfehler: es ist nicht mehr Naivität und noch nicht Kunst. In +dieser schwankenden Mitte wird der Zuschauer hin und her geschaukelt. + +Andere, darunter selbst Schauspieler, urteilen milder. Vielleicht wird +es dem Leser angenehm sein, in diesem Zusammenhange das Urteil eines +großen Schauspielers zu hören. In einem Briefwechsel, in welchem es sich +um die Schauspielkunst handelte, schrieb mir Adolph Sonnenthal: + +»Also meine Ammergauer Eindrücke wünschen Sie zu wissen? Nun, ich hatte +deren, und zwar mächtige Eindrücke, die aber leider durch die oftmals in +die Länge gezogene Handlung, durch das störende Spiel einzelner, wie des +Judas und der Magdalena, wieder paralysiert wurden; und dennoch brachte +mich der Darsteller des Christus immer wieder in die richtige Stimmung, +so daß ich in der Hauptaktion, in der Kreuzigung, aufs tiefste ergriffen +war und beim Verlassen des Spieles nur den einen Gedanken hatte: ob +irgendein Schauspieler die Rolle so perfekt darstellen könnte. Sprechen +würde er sie unbedingt besser, aber agieren? Ich glaube nicht. Die +Aktion des Abendmahles und der Tod könnten jedem großen Künstler von +Beruf zur Ehre gereichen. Die Hoheit und Milde, und ich möchte sagen die +Grazie, mit welcher dieser Mensch den Jüngern die Füße wusch, hat mich +geradezu in Erstaunen gesetzt. Die Inkarnation des Leidens im Ausdrucke +und dabei die übermenschliche Duldermiene am Kreuze, die letzten +Momente, wenn ihm das Auge bricht und der Kopf schwer auf die Brust +sinkt und noch mit gebrochenem Auge seine Mutter sucht -- ich wüßte +keinen Schauspieler, der es besser machen könnte, und daß dieser Mann +eben kein Schauspieler, sondern ein einfacher Mensch und Holzschnitzer +ist, das hat mir mehr als einen künstlerischen, das hat mir einen +weihevollen Eindruck gemacht. Diesen Eindruck empfing ich auch bei dem +Einzuge Christus in Jerusalem, bei der Kreuztragung, und wenn nur die +anderen Mitspielenden annähernd die natürliche Begabung Mayers hätten, +dann wäre der Eindruck ein allgemeiner. Man sprach zu viel davon, und +Sie erwarteten ein künstlerisches Ensemble. Das ist es nicht und soll es +meiner Ansicht nach auch nicht sein, wenn es wirklich eine religiöse +Wirkung hervorbringen soll. Es darf nur nicht geradezu störend sein, wie +Judas und Magdalena. Ich habe mir manches sogar noch naiver, noch +natürlicher gewünscht. Die künstlerischen Eingriffe der Münchener +Künstler in den letzten Jahren haben dem Wesen der Sache offenbar +geschadet; man wird dadurch hin und wieder doch an das Theater erinnert, +und zwar an ein schlechtes Theater, und das ist vom Nachteil. Ihr +Eindruck ist übrigens nicht vereinzelt; ich habe viele gesprochen, die +Ihre Empfindung ganz und gar teilen. Vor einigen Tagen war ich in +Königswart bei der Fürstin Metternich; während des Diners wird über +Oberammergau gesprochen, und die Fürstin erwartete einen Brief ihrer +Tochter, der Fürstin Oettingen, die auch dem Passionsspiele beigewohnt +und die ihr versprach, darüber zu schreiben, denn sie selbst war nicht +dort. Nach Tisch traf dieser Brief richtig ein, und die Fürstin las ihn +uns vor. Im allgemeinen sprach sie nun Ihre Ansicht aus; aber eine +geistreiche Bemerkung machte sie über Christus, die sehr bezeichnend +ist. Sie sagte: er spielte zu demütig, #comme s'il n'était pas digne +d'être Jésus!# Ich mußte ihr widersprechen, denn gerade die Auffassung, +wenn hier von Auffassung die Rede sein kann, das rein Menschliche, hat +mich diesem Gottmenschen näher gebracht und -- lächeln Sie nicht, ich +habe an ihn geglaubt, allerdings nur bis zu dem Moment, wo er aus dem +Grabe auferstand. Hier wurde ich wieder zu sehr an die Komödie gemahnt. +Ich habe noch nichts über die Einrichtung des Theaters gesagt, dies fand +ich geradezu sublim. Sie doch auch? Die Szene des Gerichts. Pontius auf +dem Balkon, unter demselben der gefesselte Christus, zur Rechten das +Volk, zur Linken die Priester, das war doch ein großartiger Eindruck. +Was ließe sich auf solch einem Theater mit großen klassischen Stücken +machen -- etwa mit den Königsdramen oder »Götz«? Diese beiden +Seitenbühnen sind eine geniale Erfindung. Denken Sie sich die +Volksszene im »Julius Cäsar«, in der Mitte das Forum, das Volk zu beiden +Seiten, die ganze Tiefe der Bühne -- es müßte hinreißend wirken. Der Chor +und die Musik, die mir anfangs gefielen, wirken auf die Länge durch ihre +Monotonie etwas einschläfernd; doch hat mir wieder der Chorführer, wenn +Sie ihn noch im Gedächtnisse haben (und zwar der vom Zuschauer rechts), +außerordentlich gefallen. Wie edel sich der Mensch bewegte, wie +geschickt er immer auftrat und abging. Das ist nämlich sehr schwer, so +eine breite Bühne entlang ruhig und schön zu gehen. Wenn Sie nun alle +diese Einzelheiten summieren, so werden Sie es begreiflich finden, daß +das Schauspiel nicht ohne Eindruck an mir vorübergehen konnte, und ich +bereue es nicht einen Augenblick, dort gewesen zu sein.« + +Nach einer solchen Autorität in schauspielerischen Dingen kann man schon +schweigen. Ohnedies wird es allzu lebendig um mich her, und auf das +große Krippenspiel folgt das kleine. Ein einziges Kind ist mächtiger als +ein ganzes Publikum. Eine kleine Hand führt mich zu dem flimmernden +Baume hin, in welchem ein ganzer Wald von Seligkeit rauscht. + + (Am 25. Dezember 1880) + + + + +Das Heimatsgefühl der Brüder Grimm + +Ein Weihnachtsblättchen + + +Die Brüder Grimm, Jakob und Wilhelm, kennt die ganze deutsche Welt, von +den obersten Höhen geistiger Bildung durch das Frauengemach hindurch bis +herab in die Kinder- und Schulstube. Sie haben die Kinder- und +Hausmärchen gesammelt aus dem Munde des Volkes, ja nicht nur gesammelt, +sondern, indem sie mit dichterischem Sinne die epischen Gesetze dieser +Gattung durchfühlten und erkannten, haben sie uns die Märchen weich, +warm und traulich an das Herz gelegt. Wer diese Märchen in sich +aufgenommen, kann Deutsch, und auch das tiefe Gefühl, woraus sämtliche +Werke der Brüder Grimm hervorgegangen: das Heimatsgefühl, wird er aus +ihnen kennen gelernt haben. Die prächtigen Worte Vaterlandsliebe und +Patriotismus möchten wir, wenn wir von den Brüdern Grimm sprechen, nicht +in Anwendung bringen, weil bei ihnen das Gefühl für ihr Volk im Engen +und Engsten wurzelt, in dem kleinen Lande, dem sie angehören, in dem +heimatlichen Winkel, wo sie geboren, in der Stadt und Stube, da sie +gelebt haben. Selbst wenn sie sich zur höchsten Vaterlandsliebe +aufgeschwungen, kehren sie gern in ihre Furche zurück und vollenden da, +der Lerche gleich, den Lobgesang eines Liedes, das sie in der Höhe +geschmettert haben. Zumal an Jakob, dem stärkeren, mutigeren, +vordringenderen der beiden Brüder, fällt diese Sitte auf, und Wilhelm +läßt sich nur durch den älteren, aber feurigeren Bruder zu kräftigeren +Kundgebungen der Gesinnung mit fortreißen. In Leben und Wissenschaft ist +Jakob die trotzigere und bahnbrechende Natur. Wo er den Pflug ansetzt, +drückt Jakob ihn tiefer ein, so daß der Brodem der Erde hervorbricht und +sich die Schollen schwer und langsam, als wollten sie sich eine Weile +besinnen, zu beiden Seiten niederlegen. Ein Bahnbrecher, schaltet Jakob +mit Axt und Pflugschar, während Wilhelm mehr eine Gärtnernatur ist, die +auf dem schon gerodeten Erdreiche ihre zierlichen Beete anlegt, sie +sorgsam wartet und still begießt. Jakob wühlt neue Schöpfungen aus dem +Boden hervor, eine Grammatik, die Mythologie, die Rechtsaltertümer, +Wilhelm läßt gewissen alten Lieblingsautoren seine peinliche Pflege +angedeihen und schreibt, bedächtig suchend und das Gefundene geduldig +zusammenfügend, die Geschichte der Heldensage, die ihren Gegenstand +durch Zeugnisse und eigene Entwicklung von außen und innen beleuchtet. +Alle diese Arbeiten und Werke gehen aber aus dem tiefen Grunde des +Heimatsgefühls, aus der starken Empfindung hervor, daß es für den +Menschen nichts Anziehenderes und Wertvolleres gebe, als was schon die +Heimat an lebendigem Besitz und nachklingender Überlieferung +entgegenbringe. Rührend neben so eindringlichen wissenschaftlichen +Taten ist bei den Brüdern Grimm der kindliche Ausdruck ihrer +Anhänglichkeit an die Heimat. So wenn Wilhelm, im Hinblick auf den +Aufenthalt seines Sohnes in Italien, in die Worte ausbricht: »Ich könnte +auf die Länge nicht an einem anderen Orte leben, so hänge ich an meinem +Vaterlande,« oder wenn Jakob sich statt aller Herrlichkeit des Südens +den blühenden Apfelbaum lobt und den Finken darauf. + +Das Kleine groß empfinden ist eine Kunst Jakob Grimms. Er und sein +Bruder haben die Gabe des Dichterauges, das sämtliche Dinge, sie mögen +noch so gewohnt und vergriffen sein, stets zum ersten Male sieht und +einen Strahl der Verwunderung und des Wiedererkennens darauf fallen +läßt. Jakob Grimm sagt einmal: »Alles, was der Mensch betrachtet, ist +wunderbar, Sprache, Wort und Laut«. Diese Anschauung zieht sich in einem +breiten Bande durch seine deutsche Grammatik, die so vorteilhaft +abweicht von allem, was man bis dahin Grammatik genannt hat, daß sie uns +alle zu Grammatikern macht. Sie lehrt nicht, sie schulmeistert nicht, +sie zeigt bloß, wie die Dinge sind. Oft geht Grimm von unwillkürlichen +Jugendeindrücken aus, die nun wissenschaftlich reif geworden sind, wie +die sinnlichen Freuden an dem Lautdreiklang #a#, #i#, #u#, der mit +seinem Vokalgesang die ganze deutsche Sprache durchwaltet. Wenn wir +sagen: binde, band, gebunden, so ist das ein einzelner Fall, dem man in +der deutschen Sprache auf Schritt und Tritt begegnet. Jeder Knabe, +jedes Mädchen, das eine Volksschule besucht, weiß heute, daß ein +Zeitwort, welches mit diesem Klangschmuck und Wohllaut abgewandelt wird, +ein starkes Zeitwort heißt, während das schwache Zeitwort dieser Zierden +entbehrt. Vor Grimm hieß ganz verkehrt das schwache Zeitwort regelmäßig, +das starke aber, das doch äußere Anhängsel verschmäht und die +verschiedenen Zeiten durch einen mächtigen inneren Trieb aus sich selbst +erzeugt, unregelmäßig. Jakob Grimm hat hier den Schulmeistern ein Licht +aufgezündet, bei dem sie das sahen und erkannten, woran sie sich bisher +nur gestoßen hatten. Manches andere noch hat Grimm in diesem bisher so +trockenen Buchstabenwesen entdeckt. Immer mächtiger drang er in seiner +Grammatik vor, stets, wie bei allen seinen Untersuchungen, von einem +starken Heimatsgefühl geleitet. Sein Volk wollte er erkennen in seiner +Sprache. Er zeigte, wie die deutsche Sprache den großen Gegensatz der +Geschlechter, der die Menschen scheidet und bindet, auch auf die übrige +Schöpfung durch ein eigentümliches Einbildungsvermögen ausdehnt; er +schüttete die ganze deutsche Sprache auf, um die Vorstellungen und +sittlichen Richtungen des deutschen Geistes darzustellen, gleichsam +Vorelemente zu einer deutschen Psychologie und nationalen Ethik +herbeizufördern. Er brachte dadurch auch Klarheit in die deutschen +Personennamen, in welchen sich das deutsche Wesen, als man die Bedeutung +des Wortes noch verstand oder durchfühlte, so mannigfaltig und deutlich +aussprach. Ein Name, den man einem Kinde beilegt, ist ein Wunsch oder +gar die Fülle des Wunsches: ein Ideal. Grimm ist in diese Untersuchungen +ohne vorgefaßte Gedanken oder heimliche Tendenz hineingegangen. Wilhelm +Scherer ist gescheitert, und in einem schmerzlichen Bekenntnisse hat er +selbst eingestanden, gescheitert zu sein, als er gewissen +geschichtlichen Erscheinungen der deutschen Sprache ethische Beweggründe +unterschob, Lautverschiebung und Lautänderung, anstatt sie mechanisch +aus dem Spiele der Sprechwerkzeuge zu erklären, vielmehr aus +Charaktereigenschaft des deutschen Geistes ableitete. + +Jakob Grimm hing so fest an der Scholle, daß er Kassel und sein +geliebtes Hessen nur ungern verließ, und so weit schien ihm die +Entfernung, daß er zum Antritt seiner Professur an der Göttinger +Hochschule das Heimweh zum Redethema wählte. Nach altem Brauche mußte er +die Rede lateinisch halten. Seltsam genug nimmt sich ein so +grunddeutsches Wort und eine so grunddeutsche Sache in der fremden +Kleidung aus. Wie umständlich und nüchtern ist die lateinische +Umschreibung des Wortes (#De desiderio patriae#), wie sonderbar, wenn +Grimm bei gehobenen Stellen sich der Redeweise römischer Dichter +bedient. Nostalgia gäbe ganz den Sinn des deutschen »Heimweh«, allein es +ist ein spätes Wort, das wie eine Übersetzung klingt. Zwar die Sache +haben die Griechen gekannt -- Zeugnis dafür die Odyssee, das ewige Lied +des Heimwehs, Zeugnis dafür aus geschichtlicher Zeit die rückkehrenden, +das Meer erblickenden Landsknechte des Xenophon, denen Laute entfahren, +die man als deutsch ansprechen könnte, wenn sie für deutsche +Eichenherzen nicht zu sehr ins Weiche gingen. Grimms lateinische Rede +über das Heimweh kann uns an das Walthari-Lied erinnern, das trotz der +Abfassung in römischen Versen rechte Funken deutschen Heldentumes wirft. +In römischer Zunge eifert Grimm gegen den Mißbrauch der lateinischen +Sprache, und einmal, als er das Lateinische »wert, teuer sein«, das an +Gewicht und Geld erinnert, von der Heimat gebraucht, glaubt man schon, +ihm würde das herzliche Wort »lieb haben« von den Lippen springen. Ihm +übrigens Heimweh zu erwecken, trugen die unerquicklichen politischen +Zustände in Hannover bei. Der König hatte die Verfassung aufgehoben, +Grimm hatte auf die Verfassung geschworen. Er hielt seinen Schwur, wurde +entlassen, und als er mit seinem Bruder nach Kassel zurückkehrte, paßte +jeden Tag ein Polizeimann vor ihrer Wohnung, als ob sie gemeine +Spitzbuben wären. In der Schrift über seine Entlassung fragte er mit dem +Siegfried im Nibelungenliede: Wohin sind die Eide gekommen? Von da an +ist den Gebrüdern Grimm die Politik, obgleich sie keine Politiker waren, +nachgegangen. Jakob ist im Frankfurter Parlament gesessen, er hat tapfer +teilgenommen an der schleswig-holsteinischen Frage. Das Heimatsgefühl +steigert sich zur vaterländischen Gesinnung. Jakob schreibt an einen +dänischen Gelehrten: »Ich träume von einem großen Verein zwischen +Deutschen und Skandinaven ... Ich schätze zwar keines der übrigen +mitlebenden Völker gering, möchte aber doch nicht die Eigentümlichkeit +meines Volkes und der uns urverwandten preisgeben gegenüber einem +unserer ganzen Art fremden und von uns abweichenden. Der gemeine Russe +ist kräftig und praktisch, voll Verstand und Begabung, allein höheren +Zielen der menschlichen Entwicklung strebt er nicht eben zu; alle +Beamten sind in hohem Grade verderbt und bestechlich, die vornehmen +Stände durch frühreife Treibhauskultur im voraus fast zugrunde +gerichtet. Wer möchte wünschen, daß diesem mit breiter plumper Gewalt in +der Weltgeschichte wie fast kein anderes auftretenden Volke noch ein +größerer Spielraum zuteil werde ... Diese Russen sind natürliche Feinde +alles dessen, was Deutschland da oder anderwärts stark machen würde. +Aber ich begreife dein dänisches Gefühl, das Russen den Deutschen +vorzöge ...« Jakob Grimm, der in einem geeinigten und freien Deutschland +die Gewähr für den Frieden und die Wohlfahrt Europas erblickt, hat das +neue Deutschland, nach dem er sich so sehr gesehnt, nicht mehr erlebt. +Aber einen merkwürdigen Blick in die Zukunft hat er getan, als er im +Jahre 1844 in Italien reiste. Er schreibt in seinen Reiseerinnerungen: +»Das heutige Italien fühlt sich in Schmach und Erniedrigung liegen; ich +las es auf dem Antlitz blühender, schuldloser Jünglinge. Was auch +kommender Zeiten Schoß in sich berge, die Macht, deren Flamme wir noch +aufflackern sehen, wird nicht ewig über ihm lasten, und wenn Friede und +Heil des ganzen Weltteiles auf Deutschlands Stärke und Freiheit beruhen, +so muß sogar diese durch eine in dem Knoten der Politik noch nicht +abzusehende, aber dennoch mögliche Wiederherstellung Italiens bedingt +erscheinen.« + +Wie weit und scharf Jakob Grimm über den lebendigen Zaun seiner +Heimatsliebe späht, ist aus den angeführten Worten zu ersehen. In diesen +Stücken bleibt Wilhelm hinter dem Bruder zurück; aber Jakob zieht ihn +nach, und Wilhelm geht geistweise mit. Sind sie doch im Leben und in der +Wissenschaft immer miteinander gegangen und haben sich nie verlassen. +Sie waren einander treu, wie sie ihrem Volke treu waren -- treu wie Gras. +Man möchte fast vermuten, daß sich einmal, wenn ihre Bücher verschollen +sind, die Volksphantasie dieser beiden rührenden und großen Gestalten +bemächtigen werde. Wir können uns denken, daß man auf der Bank vor dem +Hause sich einmal erzählt: + + +_Die Brüder Grimm._ + +Ein deutsches Kinder- und Hausmärchen. + +Es wird etwa beginnen: »Es waren einmal zwei Brüder, der eine hieß +Jakob, der jüngere Wilhelm.« Was aber wird das Märchen von ihnen +erzählen? Die Geschichte vom Dornröschen, nur daß die schlafende +Königstochter das deutsche Volk mit der versunkenen Heimlichkeit seiner +Sprache und Sitte sein wird, und die beiden Knaben, Jakob voran, +Wilhelm hintendrein, brechen durch die Dornenhecke und erlösen durch +ihren Kuß das schlafende schöne Kind. Dann werden in den Zuhörern alle +guten Geister des Heimatsgefühls aufwachen, und sie werden die beiden +Knaben, die das Wunder vollbracht haben, preisen und segnen. + + (Am 25. Dezember 1891) + + + + + Gedruckt in der Buchdruckerei von Herrosé & Ziemsen, G. m. b. H. + in Wittenberg. Titel und Einband zeichnete Lucian Bernhard, Berlin + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1911 bei Meyer & Jessen erschienenen Ausgabe (neuntes +Tausend) erstellt; es bildet den dritten Band von Ludwig Speidels +Schriften. + +Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den Anfang gestellt. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from an edition +published in 1911 by Meyer & Jessen (ninth thousand), forming the third +volume of Ludwig Speidel's works. + +The table of contents has been moved from the back of the book to the +front. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Heilige Zeiten, by Ludwig Speidel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEILIGE ZEITEN *** + +***** This file should be named 28100-8.txt or 28100-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/8/1/0/28100/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made +from scans of public domain material at Austrian Literature +Online.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
