summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/28083-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '28083-8.txt')
-rw-r--r--28083-8.txt11420
1 files changed, 11420 insertions, 0 deletions
diff --git a/28083-8.txt b/28083-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..075cb4d
--- /dev/null
+++ b/28083-8.txt
@@ -0,0 +1,11420 @@
+The Project Gutenberg EBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Semper der Jüngling
+
+Author: Otto Ernst
+
+Release Date: February 14, 2009 [EBook #28083]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+ Semper
+ der Jüngling
+
+
+ Ein Bildungsroman
+
+ von
+
+ Otto Ernst
+
+
+ Sechsundfünfzigstes bis sechzigstes Tausend
+
+
+ Leipzig - Verlag von L. Staackmann - 1914
+
+
+
+
+ Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte
+ Der Schlaf hervor.
+ Schon raunte mir die ersten, leisen Worte
+ Der Traum ins Ohr.
+ Da klang von nahen Zweigen
+ Ein tiefer Freudenschall
+ Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen.
+ In meinen Traum sang eine Nachtigall.
+
+ Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume
+ Im Traum, im Traum.
+ Nur fern, o fern, durch mitternächt’gen Bäume
+ Ein lichter Saum.
+ Doch horch: von jenen Röten
+ Ein süß geheimer Hall,
+ Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten!
+ In meinen Traum sang eine Nachtigall.
+
+ Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme
+ Von je erklang
+ Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme
+ Voll Hoffnung sang.
+ Ein Land des Lichtes träumen
+ Wir armen Seelen all!
+ Ich aber höre Klang aus jenen Räumen:
+ In meinen Traum singt eine Nachtigall.
+
+
+
+
+Erstes Buch
+
+Spiel und Arbeit
+
+
+
+
+I. Kapitel.
+
+Handelt von Balladen und Präparanden, Gendarmen und hebräischen
+Handschriften, zum Glück auch von Präparandinnen.
+
+
+Asmus Semper, der halbwegs sechzehnjährige Schüler des Hamburger
+Präparandeums, schwamm bis über die Augenbrauen in Seligkeit. Vor
+seinen Blicken wogte eine warme, goldene Flut. Herr Tönnings, der
+Ordinarius, der genau so aussah wie die Geometrie mit einem Stehkragen
+und von dem ein Gerücht ging, daß er vor sieben Jahren den einen
+Mundwinkel zu dem Versuch eines Lächelns verzogen habe, Herr Tönnings
+also hatte soeben verkündet, daß u. a. auch Asmus Semper eine
+Hospitantenstelle erhalten solle. Man denke, was das heißt: eine
+Hospitantenstelle! Jeden Morgen von 8-12 Uhr sollte er in einer
+Volksschule dem Unterricht der Kleinen zuhören dürfen, und dafür bekam
+er noch obendrein ein jährliches Gehalt von dreihundertundsechzig
+Mark! Jeden Morgen sollt’ er aus nächster Nähe hineinhorchen dürfen in
+die Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis; das hohe
+Wunder sollt’ er nun begreifen: wie der Geist des Menschen Nahrung
+aufnimmt, wächst und sich vollendet!
+
+Und noch dreihundertundsechzig Mark! Er hatte ja nichts von dem Geld,
+wollte auch keinen Pfennig davon, haha – aber auf das Gesicht seiner
+Eltern freute er sich, daß ihm die Augen heiß wurden. Er wollt’ es
+ihnen nicht eher sagen, als bis er sie beide beisammen hatte, und dann
+wollte er die Wirkung beobachten; aber die kleine Wohnung der Semper
+betrat man durch die Küche, und in der Küche briet Frau Rebekka die
+Abendkartoffeln, und als er seine Mutter sah, konnte Asmus sich nicht
+mehr halten, und weil er wußte, was seine Mutter am meisten freute,
+rief er: »Ich kriege dreihundertundsechzig Mark das Jahr!«
+
+Im nächsten Augenblicke war Frau Rebekka schon in der anstoßenden
+Zigarrenmacherstube, schwang das Messer, mit dem sie die Kartoffeln
+umgerührt hatte, hoch in der Luft und rief: »Freude war in Trojas
+Hallen!« Aber da stand auch schon Asmus neben ihr, und damit sie ihm
+nicht zuvorkommen könne, rief er: »Laß, Mutter, laß, ich will es Vater
+sagen! – Ich krieg’ eine Hospitantenstelle mit dreihundertundsechzig
+Mark das Jahr!«
+
+Und da hatte Asmus wieder den Anblick, der ihm vielleicht von allen
+auf der Welt der liebste war: in dem weißumwallten Jupiterantlitz
+Ludwig Sempers gingen zwei Sonnen auf und verbreiteten Licht durch die
+ganze Welt.
+
+»Ach nein – es ist ja wohl nicht möglich!« rief der Vater, indem er
+den Kopf zurückwarf.
+
+»Ganz gewiß!« rief Asmus. »Nun verdiene ich mehr, als wenn ich
+Handwerker geworden wäre. Seht mal, wenn ich Tischler oder Hutmacher
+lernte, dann kriegte ich das erste Jahr gar nichts oder vielleicht
+drei Mark die Woche, und dies sind beinahe sieben Mark die Woche, und
+das geb’ ich natürlich alles euch!«
+
+Da schlug Ludwig Semper heftig das linke Bein über das rechte, wie er
+immer tat, wenn er in seinem Innern sehr zornig oder sehr lustig war,
+und redete fast den ganzen Rest des Abends mit stumm bewegten Lippen
+zu sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht laut und hell
+auf, ohne daß man einen Ton gehört hätte, und unzählige Tabakblätter
+verschnitt er an diesem Abend und warf sie in die Abfallschürze, weil
+er mit seinem Messer immer wieder sausend über die sonnigen Felder und
+Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er hatte ja auch studieren sollen;
+aber dann war der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters gekommen,
+und dann die Sorge, dann der Krieg mit den Dänen, dann seine Träumerei
+und sein erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und dann immer ein
+Kind nach dem andern. Und so machte er mit 58 Jahren noch immer
+Zigarren. Aber mit einem Schlage war jetzt seine Jugend wieder da – da
+stand sie vor ihm, fünfzehnjährig, rotwangig – nichts war verloren;
+denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus studierte, das war ja vollkommen
+dasselbe.
+
+Rebekka aber, als sie von »sieben Mark die Woche« hörte, vergaß all
+ihre Sparsamkeit, lief in die Küche und schob noch ein Stück
+Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie auch da noch ziemlich
+trocken ausschauten, griff sie leichtsinnig nach dem Teekessel und goß
+einen gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, daß eine mächtige Wolke
+wie eines Dankopfers zu den Himmlischen emporstieg.
+
+Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und sieben Semper versammelten sich
+andächtig um das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund, das sah
+man an den Bewegungen der Gabeln; aber Adalbert, der Jüngste, war so
+gesund, daß Frau Rebekka nach einer Weile ausrief: »Halt, mein Junge,
+du hast jetzt genug. Es wird kein Fresser geboren, es wird einer
+gemacht!«
+
+Adalbert wollte sich melancholisch zurückziehen, da sprach der Vater:
+»Laß doch den Jungen essen!« und trat seine Ansprüche an die
+Allgemeinheit ab.
+
+Und nach dem Essen – obwohl die Semper über das Abendbrot hinaus bis
+gegen Mitternacht zu arbeiten pflegten – warf Ludwig Semper Messer,
+Tabak und Rollklotz in die Ecke, holte den stark zerlesenen und
+vergilbten »Faust« vom Bücherbrett und las und warf das linke Bein
+über das rechte und bewegte die Lippen und lächelte. Und alle waren
+still, und Asmus wußte: Nun kommt eine heilige Stunde. Und wirklich,
+es währte nicht lange, da klang es durch den Raum:
+
+ »Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
+ Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
+ Dein Angesicht im Feuer zugewendet. –«
+
+– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
+
+In einem wunderlieben Dorfe, das sich jetzt zu einer großen, häßlichen
+Vorstadt Hamburgs ausgewachsen hat, damals aber noch im heitern
+Frieden seiner Kindheit lag, in einem Garten mit Rosen und Apfelbäumen
+fand Asmus die Schule, an der er hospitieren sollte. »Ich habe zuviel
+Glück,« dachte er, als er sie nach einstündiger Wanderung vor sich
+liegen sah. Gewöhnlich, wenn er solch ein stummes Dankgebet in den
+Himmel hinaufsandte, zog ihm gleich darauf das Glück etwas ab, als
+wenn es dächte: Der ist auch mit weniger zufrieden. Das erste nämlich,
+was er tun mußte, war: sich im Portal der Schule aufstellen und alle
+Schüler aufschreiben, die zu spät kamen. So hatte sich Asmus das
+Belauschen der Kindesseele nicht gedacht. Aber da es nun einmal sein
+Amt war, so notierte er gewissenhaft alles, was an Buben oder Mädchen
+den letzten Glockenschlag versäumte, obwohl es ihm bei den Mädchen
+mitunter schwer wurde. Anfangs empfand er wohl so etwas wie die Würde
+einer obrigkeitlichen Stellung, namentlich als ein Vater, der mit dem
+Schulgeld im Rückstande war, an ihn herantrat und bat, daß man noch
+ein wenig Geduld mit ihm haben möchte, und ihm heimlich ein paar
+Zigarren in die Hand drücken wollte. Asmus wich zwar ängstlich zurück
+und rief: »Darüber habe ich leider gar nichts zu sagen!« – aber als
+deutscher Jüngling fühlte er sich doch geschmeichelt, daß man ihn für
+eine Behörde hielt. Diese Reize indessen verflüchtigten sich schon
+nach wenigen Tagen. Dann kam eines Morgens ein blasses, frierendes,
+von Regen durchnäßtes Mägdelein, das weinte.
+
+»Warum weinst du?« fragte Asmus.
+
+»Ich konnte nicht eher kommen; mein Vater hat meine Mutter
+’rausgeschmissen.«
+
+»Warum das denn?«
+
+»Och, er is all wieder duhn (betrunken).«
+
+»So früh schon?«
+
+»Ja, er säuft immer ’rum.«
+
+Asmus erschrak. Gab es Kinder, die so über ihren Vater reden konnten?
+
+»Geh’ nur zu,« sagte er. Das war ja selbstverständlich, daß man die
+nicht aufschrieb. Er sah ihr nach und dachte daran, daß sie fror. Und
+dachte, wie er als Junge gefroren, wenn ihm der Wind unter die dünne
+Jacke fuhr.
+
+Von nun an fragte er öfter nach dem Grunde der Verspätung, und er
+notierte immer weniger. Und eines Tages sagte er sich: Entweder man
+muß alle aufschreiben oder keinen. Und nun ließ er alle vorbeilaufen
+und arbeitete an seiner ersten Ballade, die handelte von einem
+Fischer, der aufs Meer fuhr, um seinen Sohn zu retten, und der dann
+mit seinem Sohne ertrank. Das Schönste an dieser Ballade war eine
+Refrainstrophe, die mit den Zeilen schloß:
+
+ »Drunten klingt verworrner Klang,
+ Tönt es nicht wie Grabgesang?«
+
+Alles, was nach Grab und Unglück klang, das fand der glückliche Asmus
+jener Tage ohne weiteres schön.
+
+»Warum notieren Sie nicht die Zuspätkommenden?« fragte schließlich der
+Oberlehrer.
+
+»Ich mag das nicht,« sagte Asmus verlegen.
+
+»Ja, danach geht es nicht,« rief der Vorgesetzte. Aber bald darauf
+wurde die ganze Einrichtung aufgehoben, und der Posten des
+Kulturgendarmen wurde eingezogen.
+
+Der Oberlehrer schätzte den jungen Semper wegen anderer Fähigkeiten.
+Leider, dachte Asmus. Denn wenn die Wache am Portal vorüber war, mußte
+er im Amtszimmer des Schulleiters dickleibige Schülerregister anlegen
+und auf dem Laufenden halten, Schulgeldrechnungen schreiben, sie mit
+den Hebeprotokollen »kollationieren« und endlose Kolonnen von
+Schulgeldern addieren. Auch das führte den Begierigen nicht in die
+Tiefen der Kindesseele. Es waren fünf Präparanden da: zwei junge
+Mädchen und drei junge »Männer«, sie alle mußten Protokolle schreiben
+und Rechnungen addieren. Unter den jungen Herren war aber einer,
+dessen Handschrift man zunächst immer für hebräische Schriftzeichen
+hielt; erst nach und nach kam man dahinter, daß es die bekannten
+deutschen Buchstaben sein sollten. Da Claus Münz überdies ohne jedes
+Schamgefühl addierte, so wurde er schon nach drei Tagen in die Klassen
+zum Hospitieren geschickt. Asmus hingegen, weil er eine gute
+Handschrift hatte, seine Rechnungen sogar mit einem gewissen
+Schönheitsbedürfnis schrieb und es nicht über sich gewann, falsch zu
+addieren, Asmus durfte im Bureau sitzen bleiben. Ihm fielen die
+Verheißungen des Herrn Rösing, seines alten Lehrers ein, der jeden
+Morgen gesagt hatte: »Jungens, schafft euch ’ne schöne Handschrift an;
+wer ’ne schöne Handschrift hat, kommt überall fort!«
+
+Freilich: sein Schönheitsbedürfnis hatte auch schon in den ersten
+Tagen das Glück herausgefunden, das auch mit dieser Schreibstube
+wieder verbunden war, und dieses Glück war eine der Präparandinnen,
+die sehr hübsch war und noch obendrein brünett. Asmus schrieb und
+addierte den ganzen Morgen mit einer selig-schmerzlichen Spannung in
+der Brust, und der Schmerz kam daher, daß er sich sagte: Ich kann ja
+noch lange nicht heiraten. Und wenn ich heiraten kann, hat sie ein
+anderer geholt. Die andern beiden Jünglinge kokettierten in
+unschuldiger, aber fleißiger Weise mit den beiden Mädchen. Asmus
+dachte nicht daran, auch nur den Versuch zu wagen, weil er von seiner
+vollkommenen Tölpelhaftigkeit in dieser Hinsicht durchaus überzeugt
+war. Und eines Tages machte er dennoch den Versuch, zu imponieren. Das
+Zimmer war überheizt, wie alle Schreibstuben, und man klagte darüber.
+»Ja,« sagte Asmus, der nahe dem Ofen saß, »hier sitzt man wie die Sau
+am Spieß; denn er hatte das Gefühl, daß eine kraftvolle Ausdrucksweise
+den Mann verrate. Aber, o weh: die Damen fuhren wie wild mit den
+Köpfen in ihre Arbeit und kicherten, wie nur Backfische kichern
+können. Sie denken: das ist ein Bauerntölpel, sagte sich Asmus, und
+fühlte, daß er von den Haarwurzeln bis unter den Halskragen erröte.
+Und die männlichen Kollegen Asmussens, Herr Münz und Herr Morieux,
+betrachteten ihn mit überlegen-mitleidigen Blicken, als wollten sie
+sagen: Ist das ein ungebildeter Mensch. Aber als wenige Tage darauf
+von Rousseaus »Emile« die Rede war, da zeigte sich, daß nur Asmus
+wußte, was wirklich darin steht, und die Braune hielt ihre braunen
+Augen so lange auf ihn gerichtet, als wenn sie ihn heute zum ersten
+Male sehe.
+
+
+
+
+II. Kapitel.
+
+Wie Asmus im Vorhof der Pädagogik weilen durfte, wie er eine andere
+Religion bekam, auf den Spuren Aglaias wandelte und Herrn Rothgrün
+nicht hinaustrampeln wollte.
+
+
+Endlich, als einmal alle Rechnungen geschrieben waren und auch das
+letzte Protokoll »auf dem Laufenden« war, durften auch die übrigen
+Präparanden in die Klasse gehen und hospitieren. Welch’ ein Glück,
+dachte Asmus, und mit weihevollem Herzen ging er der erhofften
+Offenbarung entgegen. Aber zunächst kam er an einen Lehrer, der es
+liebte, die Kinder so still zu beschäftigen, daß sie ihn möglichst wenig
+belästigten, und der sich, während die Schüler schrieben und rechneten,
+mit dem jungen Semper über Gehalts- und Anstellungsverhältnisse, über
+seine Frau, über Bismarck, oder über den letzten Raubmord unterhielt.
+Das war ja nun recht unterhaltend und wenig anstrengend; aber es war
+nicht das, was Asmus gesucht hatte. Er kam zu einem andern Lehrer, der
+hatte das ganze Einmaleins auf Reime und Bilder gebracht: die Bilder
+hatte er auf die Wandtafel gezeichnet, und nun mußten die Kinder die
+zugehörigen Verse hersagen, z. B.:
+
+ 6×6 sind 36
+ In die große Schlackwurst beiß’ ich
+
+oder
+
+ 8×9 sind 72
+ Dieser Knabe übergibt sich,
+
+aber der gute Mann bedachte gar nicht, daß sich die Worte »beiß’ ich«
+ebensogut auf 32 wie auf 36 reimen, und wenn dann ein Schüler die
+falsche Zahl nannte, so schalt ihn der Lehrer in komischer
+Verwechslung einen Esel, zerriß sich vor Aufregung und ließ die
+kunstreichen Verse bis zum vollkommenen Stumpfsinn wiederholen.
+
+»Bei dem kann ich auch nichts lernen,« sagte Asmus zu jenem
+Mitpräparanden mit der hebräischen Handschrift, und dieser sah ihn ob
+solcher Anmaßung mit grenzenloser Verwunderung an.
+
+Und schließlich fand Asmus doch einen, der auf manchen stillen Wegen
+der Kindesseele heimisch war, der mit den Kindern in ihrer Sprache zu
+reden verstand und sie, wenn auch nicht immer, so doch manchmal, aus
+wirrer Dunkelheit den Weg zur Klarheit führen konnte. Er war kein
+hoher und starker Geist, dieser Mann; aber er war sein Lebenlang mit
+einem Fuß im Kinderlande stehen geblieben, und so verstand er
+unbewußt die Regungen der Kindesseele. Hier befiel nun den Hospitanten
+eine andere Not: er brannte vor Ungeduld, sich selbst vor den Kindern
+zu versuchen; ja, manchmal schien es ihm, als wisse er einen Ausweg,
+wenn der Lehrer in der Wirrnis des Kindergeistes stecken blieb. Aber
+er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als vor diesem Manne
+dergleichen laut werden zu lassen. Und alles Wippen von einem Fuß auf
+den andern, wenn er am Fenster stand und horchte und nicht einmal
+Finken und Apfelblüte seine Sinne nach außen zu locken vermochten,
+alle Ungeduld half ihm nichts; er mußte warten.
+
+Inzwischen feierte er jeden Nachmittag und jeden Abend hohe Feste. Er
+hatte ja in der Präparandenanstalt eines der herrlichsten Geschenke
+seines Lebens empfangen: da war ein Religionslehrer, der sagte nicht:
+Das muß man glauben, sonst ist man verdammt; der fragte überhaupt
+nicht, was man glaube; der trug Stunde für Stunde vor, was die
+Wissenschaft zu den Berichten der Bibel sagt. Gleich in der ersten
+Stunde, im Schöpfungsbericht, trennte er die Erzählung des Jehovisten
+von der des ersten Elohisten und von der des zweiten Elohisten, und
+vor den Augen des jungen Semper zerriß ein vieljähriger Nebel. Also
+hatte nicht Moses diese Dinge geschrieben, also war es nicht
+unfehlbares Gotteswort. Sie hatten ihn bedrückt wie eine dumpfe Last,
+hatten ihn gequält, geängstigt; aber er hatte keinen Ausweg gewußt.
+Mit einem Male gab ihm dieser Mann eine Waffe und ein Licht. Und mit
+solchem Licht und solcher Waffe durchwanderte der Mann die ganze
+Bibel, festen Schrittes und unablenkbar; was nur die menschliche
+Wissenschaft zur Bibel zu sagen wußte, das kannte er, und er trug es
+frei aus dem Kopfe vor. So fest hing Asmus an seinen Lippen, daß er
+kein Wort zu schreiben wagte, aus Furcht, es möchte ihm ein Wort des
+Redenden entgehen. Und sieh: wenn er am Abend daheim saß, dann konnte
+er den ganzen Vortrag von Anfang bis Ende niederschreiben; so fest
+hing alles mit ehernen Klammern zusammen.
+
+Ein merkwürdiger Mann, dieser Herr Stahmer. Er sprach außer seinen
+Vorträgen kaum ein Wort zu seinen Schülern; er verlängerte fast jede
+Stunde um die ganze folgende Erholungspause – ein Ding, das Schüler
+nicht lieben – er verlangte viel und verschonte weder Trägheit noch
+Dummheit. Aber er bedurfte keiner Disziplinarmittel. Von diesen jungen
+Leuten, unter denen manch ein dreister Gelbschnabel war, hätte nicht
+einer ein unehrerbietiges Wort gegen ihn gewagt; instinktiv verehrten
+sie in ihm das lautere Gefäß einer großen Kraft. Während zweier Jahre
+brauchte er wohl nie die Worte »Wahrheit« und »Gerechtigkeit«, und
+doch war das die stumme Lehre seines ganzen Wirkens: Wer Wissenschaft
+will, der muß wahrhaftig und gerecht sein, und wenn es das Leben
+gilt. Kein Gottesdienst hatte je das Herz des Asmus erhoben wie
+dieser.
+
+Leider gab es davon nur zwei Stunden die Woche. In seiner Dorfschule
+waren es wöchentlichen sieben bis acht Stunden gewesen. Und welchen
+Erfolg hatten die gehabt? Mit einem leidenschaftlichen Haß gegen diese
+sogenannte »Religion« hatte er die Schule verlassen. In dieser Schule
+hatte die »Religion« die ganze Naturgeschichte aufgefressen. Ein
+einziges Mal hatte Herr Cremer von den Giftpflanzen gesprochen und
+Bilder dazu gezeigt, nicht etwa die Pflanzen selbst, und ein andres
+Mal hatte ein anderer Lehrer ganz unmotiviert die Feigwurz behandelt.
+Die Giftpflanzen und #Ranunculus ficaria# – das war die
+Naturgeschichte, mit der Asmus Semper, ein Kind der darwinischen Zeit,
+das Präparandeum bezog. Aber da stapfte nun zweimal wöchentlich mit
+drolligen Koboldschritten der naturselige »Papa Hamann« herein; er
+schleppte jedesmal eine Botanisierdose, die so groß war wie er selbst,
+und sein Gesicht glänzte wie ein Pfannkuchen, wenn er mit anstoßender
+Zunge sagte: »Heute meine Herren, hab’ ich Ihnen etwath[1] ganth
+Bethondereth mitgebracht!«
+
+ [Fußnote 1: th sprich wie das englische #th#.]
+
+Und dann kramte er aus mit dem Gesicht eines Vaters, der seine Kinder
+zur Weihnacht überrascht, und Asmus hörte zum erstenmal vom Bau und
+vom Leben der Pflanze, und wenn man ihn sah, so konnte man glauben, er
+wolle die Pflanzen im wörtlichsten Sinne verschlingen, so versessen
+war er auf dies neue Erkennen. Freilich blieb die Wissenschaft des
+guten Papas einigermaßen an der Oberfläche; er sprach allerlei vom
+Chlorophyll; aber was es für eine Bedeutung habe, wußte er eigentlich
+selbst nicht. Für den ausgehungerten Geist des kleinen Semper aber war
+alles, was er ihm bot, Gewinn, und überdies war die Lehrweise des
+Alten so väterlich und fröhlich und mit so wundervollen Redeblumen
+geschmückt!
+
+»Eth mag wohl funfthehn Jahre thein,« sagte Papa Hamann zum Beispiel,
+»dath ich dath Vergnügen hatte, den Schwanth eineth Walfischeth von
+Angethicht zu Angethicht zu thehen!«
+
+Oder wenn er zu den Damen von den Pflanzen einer bestimmten Familie
+sprach, so sagte er:
+
+»Einige von ihnen, meine Damen, thind ganth reitthende Pfläntthchen;
+andere dagegen thind häthlich und widerlich!«
+
+Und darin hatte er recht, einige von diesen Präparandinnen, die in
+einer anstoßenden Straße unterrichtet wurden, waren wirklich ganz
+reizende Pflänzchen, und Asmus und ein paar Bürschchen mit ihm ließen
+es sich nicht nehmen, dreien von ihnen, die auf gleichem Wege
+heimwärts wandelten, an laulichen Abenden in respektvoller Entfernung
+zu folgen und sich ihnen durch lautgesprochene Galanterien und
+wundervolle Witze bemerklich zu machen. Bald schon taufte Asmus die
+drei auf die Namen Aglaia, Euphrosyne und Thalia, und die eine von
+ihnen – es war Aglaia – verehrte Asmus viele Monde hindurch, ohne
+jemals ihre Vorderseite gesehen zu haben. Aber sie hatte einen
+anmutsvollen Gang, und ein schöner Gang griff Asmussen ans Herz.
+
+Auf andern Wegen schwärmten andre Herzen, und nach den drei Grazien zu
+urteilen, schien den jungen Damen der schüchterne Kultus der Jünglinge
+durchaus nicht zu mißfallen; sie verfielen wenigstens aus einer
+zeitweiligen entrüsteten Gangart immer wieder in Kichern, Lachen und
+träumendes Hinschlendern; aber sei es nun, daß irgendwo ein Jüngling
+dem Drange seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, daß sich
+unter den verfolgten Unschulden ein strenges oder ein eifersüchtiges
+Herz befand – eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor ein,
+und dieser Mann hatte aus seinem heimischen Preußen und aus dem
+französischen Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, einige
+üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt eine donnernde Standrede und
+nannte die ritterlichen Präparanden »grüne Jungen«. Man war sich
+sofort darüber einig, daß man sich das mit fünfzehn bis sechzehn
+Jahren nicht mehr bieten lassen könne und daß der einmütige Austritt
+aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort auf diese Roheit sei.
+Am folgenden Tage dachte man milder über die Sache; man bedurfte ja
+der Einwilligung der Eltern zum Austritt, und man hielt es im stillen
+für möglich, daß die Eltern sich von der Auffassung des Direktors
+nicht wesentlich entfernen möchten. Am dritten Tage endlich beschloß
+man, die unqualifizierbare Äußerung des Direktors auf dessen
+preußische Unbildung zurückzuführen und ihn zu verachten.
+
+Nur ein pathetisches Herz vermochte sich nicht zu bezwingen. Der
+Träger dieses Herzens war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die
+Wandtafel einen Pfahl, der einen preußischen Adler trug, und dazu eine
+Kanone, die sich gegen das flügelspreizende Wappentier entlud. Der
+Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich lächelnd den schwarzweißen
+Stachelbart, tickte dann mit den Fingern auf den Adler und sagte zur
+Klasse: »Da können Se lange schießen, bis Se den runterkriegen ...«
+und wandte sich seinen Geschäften zu.
+
+Und als diese erledigt waren, trat in breiter Aufmachung Herr
+Rothgrün, der Lehrer der Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgrün
+auftrat, so sah das immer aus wie: Jetzt beginnt eine neue Epoche der
+Wissenschaft. Und Herr Rothgrün begann, Geschichtszahlen zu
+repetieren. Er nannte das Ereignis, und der Schüler mußte die Zahl
+nennen:
+
+»Amenemha III.?«
+
+»2200.«
+
+»Vertreibung der Hyksos?«
+
+»1580.«
+
+»Durch wen?«
+
+»Durch Thutmosis.«
+
+»Amenophis?«
+
+»1500.«
+
+Oder Herr Rothgrün nannte die Zahl und der Schüler das geschichtliche
+Faktum, was genau ebenso bildend und interessant war. So ging es die
+ganze Stunde hindurch; denn fortfahren in der Geschichte konnte Herr
+Rothgrün nicht, weil er heute nichts wußte.
+
+»Er war wieder mal nicht präpariert,« sagten die Präparanden, als er
+fort war.
+
+In der nächsten Geschichtsstunde begann Herr Rothgrün nach
+effektvollem Eintritt und imperatorenhafter Besteigung des Katheders
+von neuem:
+
+»Phul?«
+
+»770.«
+
+»Tiglat Pilesar?«
+
+»740.«
+
+Und so fort über Ägypter, Phönizier, Israeliten, Meder, Perser,
+Griechen und Römer bis zu den Franken und Merowingern. Wer die Zahl
+wußte, war gescheit, wer sie nicht wußte, dumm.
+
+Als auch diese Stunde der Pein vorüber war, ward es abgemacht: Wenn er
+die nächste Stunde wieder Zahlen büffelt, dann trampeln wir. Aber
+keiner darf sich melden! Man kannte Herrn Rothgrün schon als einen
+langatmigen Hasser, der sich auch bei den spätesten Examinibus derer
+erinnerte, die ihm einmal mißfallen hatten. Asmus und einige andere
+waren gegen dieses heimliche Verfahren. Das sei »unmännlich«. Man
+solle eine Abordnung zu Herrn Rothgrün schicken und sich über seinen
+Unterricht beschweren.
+
+»Ja, willst _du_ das tun?« riefen einige höhnend.
+
+»Ich gehe mit,« sagte Asmus. Aber die andern wollten nicht, und da
+sagte Asmus: »Allein will ich auch nicht.«
+
+»Semper will artig Kind spielen,« spottete einer.
+
+»Du bist ein Esel!« rief Asmus. »Trampeln tu ich nicht. Aber die
+Folgen trage ich natürlich mit.«
+
+
+
+
+III. Kapitel.
+
+Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit und wie
+sie die Dinge der lebendigen Welt sahen, und wie er darum mit diesen
+Augen zum Arzt mußte.
+
+
+Die nächste Geschichtsstunde erschien, und Herr Rothgrün begann:
+»Tiglat Pilesar?«
+
+»740,« sagte der Gefragte, und dann ging ein Trampeln durch die
+Klasse, das wie grollender Donner klang.
+
+Herr Rothgrün wurde weiß.
+
+»Was soll das?« rief er.
+
+Keine Antwort.
+
+»Was soll das heißen?«
+
+Eisiges Schweigen.
+
+»Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen und zu sagen, was
+das bedeuten soll?« schrie der Lehrer.
+
+Niemand rührte sich.
+
+»Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Herrn Direktor Korn zu
+melden, daß ich durch ein unerklärliches Geräusch im Unterricht
+gestört worden bin.«
+
+Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor keine Meldung; denn er
+wußte wohl, daß der einen sehr direkten Schluß auf seinen Unterricht
+ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze: »Unterrichtet nur
+gut; dann kommt der Respekt der Schüler von selbst.« Auch erklärte
+sich Herr Rothgrün das »unerklärliche Geräusch« sehr schnell und
+richtig; er begann sofort zu erzählen; diesmal erzählte er freilich
+noch mangelhaft, weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen
+beherrschte, aber von der nächsten Stunde an vorzüglich; denn wenn er
+wollte, so konnte er’s vielleicht am besten von allen Lehrern der
+Anstalt.
+
+Geschichte hören oder Geschichte lesen, das gab Asmus immer besondere
+Freuden. Nicht, daß er an die Geschichte geglaubt hätte, – er glaubte
+die profane Geschichte so wenig wie die biblische. Aus seiner
+»Faust«-Lektüre wußte er sehr wohl:
+
+ »Die Zeiten der Vergangenheit
+ Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
+ Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
+ Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
+ Darin die Zeiten sich bespiegeln.«
+
+und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um wirklich zu wissen, mußte
+man von all den Fürsten, Feldherren und Priestern, mußte man vor allem
+von der Menge des Volkes wissen, was sie bei ihren Handlungen dachten,
+fühlten, beabsichtigten und wünschten, und davon hörte man so gut wie
+nichts. Kaum daß einmal durch einen glücklichen Zufall ein Lichtschein
+in diese ewig versunkene Welt fiel, wie ein Sonnenstrahl in eine
+Kammer einer verschütteten Stadt. Und die Menschen der Geschichte
+waren ihm wie die Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die
+menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen erkennen lassen. Daß
+man aus der Geschichte etwas lernen könne, das glaubte er nicht. Aber
+lange Zeitläufte der Geschichte formten sich ihm zu riesigen Bildern
+von wunderbarer Gewalt, und in diese Bilder versank er mit
+aufgerissenen Augen und horchender Seele, wenn er hörte und las. Er
+sah ein Jahrhundert, da stille Mönche in stiller Zelle saßen und vom
+Virgil oder Cassiodor den Blick erhoben und durchs Fenster voll
+gläubiger Hoffnung schauten über weites, unbesiedeltes deutsches Land,
+indessen andere, das Kreuz in der Hand, durch unerforschte Wälder
+schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein oder eine Kapelle
+errichteten. Er sah ein Jahrhundert voll Weihrauch und Meßgewänder, da
+königliche Väter büßend vor unnatürlichen Söhnen knieten und lange
+Sündenregister, vom Priester singenden Tones verlesen, bekannten, und
+das ganze neunte Jahrhundert ward ihm zum »Lügenfeld«. Dann gab es
+eine lange Zeit, deren Angesicht in die bunte Glut des Ostens schaute
+und blinkende Ritter und düstere Mönche, Männer und Weiber, Greise und
+Kinder in jahrhundertelangen Zügen nach den ewigen Spuren des
+Nazareners wandern sah. Das ernste Jahrhundert des Wittenberger
+Mönches baute sich ihm auf mit den strengen und nüchternen Säulen
+eines lutherischen Gotteshauses, aus dem die streitbaren
+Glaubensgesänge hinausklangen in einen grauen und feuchten
+Novembertag; dann kam ein Jahrhundert, das lag verborgen unter den
+Brand- und Blutwolken eines endlosen Krieges, und so nah zogen die
+Wolken über den Erdboden dahin, daß die Menschen nur gebückt
+dahinschlichen. Aber das achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz
+aller Kriege und aller großen Revolution wie eine friedsame Stadt mit
+winkelig-sauberen Gäßchen, wo aus schnurrig gegiebelten Häusern
+Gelehrte mit Zöpfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam über die
+Straße schritten zum Nachbar von drüben, um mit ihm über die Schriften
+Voltaires oder über das neueste Werk des erstaunlichen Königsberger
+Professors zu streiten.
+
+So hörte, so sah er die Geschichtserzählungen des Herrn Rothgrün. Aber
+dann mußte dieser Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten werden,
+und die Vertretung übernahm Herr Stahmer, der Religionslehrer. Und
+wieder empfing Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer behandelte während
+eines ganzen Semesters einen Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte
+die Geschichte bis in die Kabinette von Wien, Berlin und Petersburg
+hinein und erzählte so ziemlich alles, was man über die zehn Jahre
+wußte. Und mit einem Male ward dem Jüngling die Geschichte zur
+Wissenschaft. Die rohe, unverdauliche Masse der Tatsachen, wie sie
+Herr Rothgrün und wie sie die üblichen Lehrbücher aufhäuften,
+absonderlich die Großtaten der Kriegesfürsten, die mit dem Schwerte
+die Welt durchzogen, waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig und
+langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male ahnte er etwas von
+geschichtlichen Zusammenhängen. Bei Herrn Stahmer sah er keine
+visionären Bilder; aber er sah das Leben, und eine andere, neue Freude
+wärmte ihm das Herz. Wieder verschlang er jedes Wort, fast eh’ es der
+Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des Abends im stillen Hause mit
+fliegender Feder zwanzig, dreißig Quartseiten voll, und wohl zehnmal
+mußte ihm sein Vater mit milde mahnendem Finger auf die Schulter
+tupfen, er möge sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer sagte sich
+Asmus: In der Geschichte muß man alles wissen, sonst weiß man nichts.
+Und etwas Größeres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar nichts; aber
+_eine_ Sache _ganz wissen_, das ist Aufklärung, Befreiung. Dann wird
+Wissen zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, die uns umgeben,
+ein Guckloch nach der Außenwelt. Als er später in der »Systematischen
+Pädagogik« das »#non multa sed multum#« bis zum Ekel wiederkäuen
+mußte, da begriff er nicht, warum man dies Wort immer wiederholte und
+niemals befolgte.
+
+Das und manches andere im heiligen Tempel des Präparandeums war nun
+wohl gut und schön; aber es gab auch gefürchtete Stunden, und die
+gefürchtetsten waren die Zeichenstunden, die in einer weit entlegenen
+Gewerbeschule genommen werden mußten. Sie waren so schlecht, daß sie
+sogar den Charakter verdarben.
+
+Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! Von früher Kindheit an
+hatte er gezeichnet, und in den Berg- und Waldlandschaften, die er
+kopiert hatte, hatte er ein frommes und seliges Leben gelebt. Selbst
+der kümmerliche Zeichenunterricht seiner Dorfschule hatte ihm noch
+Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male in dem riesigen Zeichensaal,
+der so viel mit der Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines
+Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da setzte ihm Herr Semmelhaack
+ein dreiseitiges Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig den
+Holzklotz und wartete die Wiederkunft des Lehrers ab.
+
+Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine Seitenfläche. (Bis
+dahin hatte es auf einer Grundfläche gestanden.)
+
+Asmus zeichnete den Klotz in der neuen Stellung und erwartete den
+Lehrer.
+
+Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine andere
+Seitenfläche.
+
+Asmus dachte: Aller Anfang ist öde, und zeichnete den Klotz zum
+dritten Male.
+
+Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung einiges auszusetzen und legte
+dann den Klotz auf die große Seitenfläche.
+
+Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind bitter; aber ihre Früchte
+sind süß, und porträtierte das interessante Holz zum vierten Male.
+
+Jetzt bin ich mit dem verdammten Klotz durch, dachte Asmus; da kam der
+Lehrer und stellte das Prisma etwas nach rechts.
+
+Asmus richtete einen langen Blick auf Herrn Semmelhaack und zeichnete
+dann das rechtsstehende Prisma.
+
+Danach kam Herr Semmelhaack und stellte der Abwechslung wegen das
+Prisma etwas nach links.
+
+#Per aspera ad astra#, dachte Semper und machte auch das.
+
+Hierauf nahm der »Lehrer« das Prisma und stellte es Sempern wieder
+gerade vor die Nase, aber »über Eck«, so daß man drei Flächen auf
+einmal sah.
+
+»Es ist allerdings etwas Anderes und Neues,« sagte sich Asmus,
+betrachtete Herrn Semmelhaack mit einem noch viel längeren Blick und
+machte sich wieder an seinen vertrauten Klotz.
+
+In verzweifelten Momenten schaute Asmus sich sehnenden Blickes um; es
+gab überall nur Holz und Gips. Der größte Künstler unter den Schülern
+zeichnete einen pompösen Blumenstrauß – von Gips. In der ganzen
+Anstalt, soweit er hineinblicken konnte, sah er kein lebendiges,
+erfreuendes Objekt.
+
+Er traute seinen Augen nicht, als Herr Semmelhaack eines Tages das
+dreiseitige Prisma wegnahm und einen neuen Klotz brachte. Dieser Klotz
+bestand aus zwei vierseitigen Prismen, die im rechten Winkel aneinander
+saßen. O, damit konnte man nun die tollsten und interessantesten, die
+bizarrsten und perversesten Dinge vornehmen; bis zum jüngsten Gericht
+konnte man das immer anders aufstellen. Als Asmus bei der siebenten
+Stellung war, da lag der Winkelklotz da wie eine Sphinx, die ihre Arme
+breit über die ganze lange Bank legte, den Kopf in die Hände stützte und
+ihn anglotzte und angähnte, und dann sagte die Sphinx, indem sie immer
+zwischen zwei Worten gähnte: »Ich kann – dreihundertfünfundneunzig
+Millionen – Stellungen – einnehmen – huu – ja.«
+
+»Das hält kein Nilpferd aus,« antwortete Asmus.
+
+»Sagten Sie etwas?« fragte Herr Semmelhaack.
+
+»Ja. Ich kann nicht mehr zeichnen. Ich habe Augenschmerzen.«
+
+Zum nächsten Unterricht ging er überhaupt nicht; er entschuldigte sich
+mit Augenschmerzen.
+
+Das ging nun wohl einmal, ging auch zweimal; dann aber sagte Herr
+Tönnings mit dem steifen Halskragen: »Ja, dann müssen Sie ein
+ärztliches Attest beibringen.«
+
+Also mußte Asmus zum Vertrauensarzt der Schulbehörde.
+
+
+
+
+IV. Kapitel.
+
+Asmus befreit sich aus einem Hungerturm und studiert in einem
+Taubenschlag.
+
+
+Von allen Qualen des Lebens hielt Asmus zwei für die unerträglichsten:
+Zahnschmerzen und Langeweile. Lieber als in dieser Kunstkaserne
+wöchentlich zwei Stunden, das heißt zwei Jahrhunderte an einen Klotz
+geschmiedet zu sein, lieber wollte er ein schlechter Mensch werden.
+Und so rieb er sich im Vorzimmer des Arztes tüchtig die Augen und
+kniff sie ein Dutzend Mal zusammen.
+
+»Die Augen tränen,« sagte der Arzt, und er schrieb ein Attest, daß der
+Patient wegen tränender Augen sechs Wochen lang nicht zeichnen dürfe.
+
+Asmus barg das kostbare Blatt sorgfältig wie eine Banknote in der
+Tasche, fühlte unterwegs mehrmals nach, ob er’s auch noch habe, und
+überreichte es frohen, tränenlosen Blickes Herrn Tönnings.
+
+Herr Tönnings vertrat mit Recht die exaktesten Wissenschaften. Man
+weiß, wie es zugeht, wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes
+Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder saust die Ramme herab,
+immer wieder, hundertmal, tausendmal, stundenlang, tagelang. So
+unterrichtete Herr Tönnings: immer wieder auf denselben Pfahl, immer
+wieder drauf. Dann aber saß er auch für die Ewigkeit, und man konnte
+ein Haus drauf bauen. Was man bei ihm gelernt hatte, vergaß man
+niemals wieder. Aber leider vergaß er ebensowenig. Und also sprach
+genau nach sechs Wochen Herr Tönnings, der niemals Lächelnde: »Ihr
+Attest ist abgelaufen.«
+
+Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und rieb rechtzeitig seine Augen.
+
+»Die Augen tränen noch immer,« konstatierte der Arzt sehr richtig und
+dispensierte den Kranken »bis auf weiteres« vom Zeichenunterricht.
+
+»Ja, damit müssen Sie wohl zum Direktor gehen,« sagte Herr Tönnings.
+
+Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er los: »Das jibt’s nicht.
+Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben!« Er durchbohrte Asmus mehrere Male
+mit Blicken und wartete, ob er etwas sagen werde. Aber Asmus wußte
+schon Bescheid: er sagte nichts. »’n Lehrer, der nicht sehen kann,
+können wir nicht brauchen!« schrie Herr Direktor Korn, durchbohrte mit
+seinen glitzernden Brillenaugen den jungen Semper noch ein paar Mal
+und wartete auf eine Erwiderung. Aber der sagte nichts. Es war in der
+Anstalt alte Überlieferung: man muß ihn ein paar Minuten kochen
+lassen, dann wird er genießbar. »Dann müssen Sie die Anstalt
+verlassen!« stieß der Direktor hervor, kratzte sich hörbar seine
+silbernen Bartstacheln und durchbohrte Sempern noch drei- bis viermal.
+Semper sagte nichts. »Wie heißen Sie noch?« Direktor Korn warf einen
+Blick ins Attest. »Semper?«
+
+»Jawohl, Herr Direktor!«
+
+»Waren Sie das nicht, der neulich den ‘Erlkönig’ vortrug, als ich
+hospitierte?«
+
+»Jawohl, Herr Direktor!«
+
+»Na. – Das war jut. – Kennen Sie denn sonst noch was von Joethe?«
+
+Asmus wurde lebendig. Er begann aufzuzählen.
+
+»Na, das ist ja so ziemlich alles. Haben Sie denn auch alles
+verstanden?«
+
+»Das – wohl kaum!«
+
+»Welche Dichter haben Sie denn noch jelesen?«
+
+Asmus nannte eine lange Reihe.
+
+»Haben Sie Jean Paul jelesen?« Doktor Korn hatte ein ganz sonniges
+Gesicht bekommen. Das war sein Liebling.
+
+Asmus nannte ein paar Romane Jean Pauls.
+
+»Na, Sie haben ja ’ne janze Masse jelesen. Dabei haben S’ sich wohl
+die Augen verdorben?«
+
+»Die Augen?« wollte Asmus schon verwundert fragen; da fiel sein Blick
+noch rechtzeitig auf das Attest. Er blieb stumm und errötete tief; so
+viel Freundlichkeit konnte er nicht mit offenen Augen anlügen.
+
+»’s is jut. Sie können jehen,« sagte der Herr Direktor. Und Asmus
+betrat das Holzmagazin niemals wieder. Der Direktor mochte eine Ahnung
+haben von den Schrecken jenes Hungerturms, wo der Geist an einen Klotz
+geschmiedet und mit Gips ernährt wurde.
+
+Viktoria! Nun konnte er wöchentlich noch zwei Stunden länger in
+seinem Arbeitszimmer sitzen und sich immer tiefer in den Kuchenberg
+des Weltalls hineinessen. Ja, das Weltall war ein Kuchenberg,
+nahrhaft und süß, und das Leben ein Schlaraffenland und sein
+Arbeitszimmer eine heilige Halle, obwohl es eigentlich kein Zimmer,
+sondern ein Tisch mit zwei Beinen war, den man mit der einen Seite
+an die Wand genagelt hatte. Dieser Tisch stand in der allgemeinen
+Arbeitsstube, wo der Tabak zubereitet und die Zigarren gemacht
+wurden; denn im Winter durfte der Sparsamkeit halber nur ein Raum
+geheizt werden, und als der Sommer kam, war es Asmussen eine liebe
+Gewohnheit geworden, unter den schwatzenden, lachenden und sich
+streitenden Arbeitern seine Quadratwurzeln auszuziehen, Vokabeln zu
+lernen und Aufsätze zu schreiben. In diesem bescheidenen Raume saßen
+Ludwig Semper, der Vater, Johannes, sein Sohn und Gehilfe, zwei
+andere Gehilfen, ein Tabakzurichter, gewöhnlich auch Rebekka, die
+Mutter, beim Tabak helfend oder mit einer häuslichen Verrichtung
+beschäftigt, und endlich der Präparand Semper. Das war der
+Personenstand in ruhigen Zeiten. Aber das Arbeitszimmer der Semper
+war ein Taubenschlag, wo es von seltsamem Geflügel immer aus- und
+einflog. Da kamen sozialdemokratische Parteihäupter, die mit
+Johannes Semper wichtige Dinge von aufgelösten und anzumeldenden
+Versammlungen zu beraten hatten. Da kam der Kontrolleur des
+Fabrikanten, der nachschauen mußte, ob die Zigarren gut und nicht zu
+schwer gemacht würden, ein ernster, steifer Mann, der aber jedesmal
+warm wurde, wenn Ludwig Semper mit ihm vom Theater sprach, und der
+diesem angelegentlichst empfahl, er möchte sich doch einmal den
+»Lohengrin« anhören. Ludwig Semper faßte denn auch um diese Zeit zum
+ersten Male den Entschluß, in den »Lohengrin« zu gehen.
+
+Da kam schrecklicherweise auch der Barbier Ludwig Sempers, der drei
+Minuten rasierte und dann zwei Stunden schwatzte; er glich in Miene
+und Gestalt, in seiner Stimme und seiner Schwatzhaftigkeit einem alten
+Weibe; nur seine Hand und sein Messer lasteten schwer auf der Wange
+seiner Opfer wie die Keule des Herkules.
+
+»Ein schrecklicher Zwirnbeutel,« sagte Ludwig Semper, wenn er gegangen
+war, und das war ein treffender Vergleich. Wie man aus dem Nähbeutel
+einer unordentlichen alten Dame, in dem sich die Garnknäuel vieler
+Generationen verwirrt und verfitzt haben, nur nach stundenlanger Mühe
+einen Faden hervorholt, so holte er aus seinem Erinnerungssack seine
+zwirndünnen Geschichten hervor; jede auftretende Person verfolgte er
+bis in ihre entferntesten Verwandtschaften; er entwickelte die
+Genealogien der unbekanntesten Milchleute und der gleichgültigsten
+Grünwarenhändler.
+
+»Und geschnitten hat er mich auch wieder,« pflegte Ludwig nach solchen
+Besuchen zu sagen.
+
+»Ja, mein Gott,« rief Frau Rebekka erregt, »warum schaffst du ihn denn
+nicht ab!«
+
+»Ach, das mag ich nicht,« sagte Ludwig lächelnd, »er schneidet mich
+nun schon so viele Jahre.«
+
+Nicht der Geringste aber von allen, die da kamen, war Heinrich
+Moldenhuber, genannt der »Wolkenschieber«, weil er lieber Wolken schob
+als Zigarren machte und lieber hoch oben auf der Galerie des
+Stadttheaters saß als in der Tabakstube. Wie ein Komet schoß er von
+Zeit zu Zeit in die Arbeitsstube der Semper, und in der Tat, für Asmus
+war dieser Mann wie ein Stern der Kinderzeit; er erinnerte ihn an
+manche Feierstunde voll Gedanken und Träume, und jedesmal mußte er
+nach den hinteren Rocktaschen des Wolkenschiebers blicken, aus denen
+er einmal einen Apfel und ein Bilderbuch hatte hervorholen dürfen.
+
+Aber wenn er wollte, so konnte er auch im zehnten Teil einer Sekunde
+eine hundert Fuß dicke und tausend Fuß hohe Mauer um sich aufrichten,
+durch die kein Ton und Bild der Kommenden und Gehenden, der
+Plappernden und Klappernden hindurchdrang. Wenn er wollte, so konnte
+er jeden Augenblick allein sein, ganz allein, wie in einem Grabe.
+
+Aber wahrlich nicht wie in einem Grabe war es in dieser Stille. Es war
+wie in einer wuchernden Waldwildnis voll wirren Gezweigs, voll Blätter
+und Blumen, voll Duft und tropfenden Lichts, voll jenes ewigen
+Summens, das aus dem inneren Getriebe der Welt zu kommen scheint. Wie
+er sich als Knabe in das innerste Dickicht eines Gehölzes verkrochen
+und dort stundenlang gehockt und nur geschaut und gehorcht hatte, als
+müss’ er eines Tages etwas vernehmen wie den _Atem der Welt_, so
+konnte er sich in die innerste Einsamkeit seiner Seele zurückziehen
+und selig sein. Aber freilich: schöner noch als am Alltag war es am
+Sonntag, wenn die Arbeit der andern ruhte und nur sein Vater,
+schweigend und nimmermüde, den Tabak für die kommende Woche
+vorbereitete. Dann war Sonntag außen und innen, Sonntag lag in allen
+Büchern, wo man sie auch aufschlug, selbst die Logarithmen hatten
+Sonntag, und, wenn er’s auch gar nicht sah, Asmus wußt’ es immer, wann
+die warmen Augen seines Vaters auf ihm ruhten, und er war glücklich
+unter dem Glanz dieser Sterne.
+
+
+
+
+V. Kapitel.
+
+Ob der Mensch schlafen muß oder nicht. Von stummer Liebe und von
+stygischen Gewässern.
+
+
+Der Präparand hatte ein kindliches Vergnügen daran, wenn die Bücher
+sich neben ihm aufhäuften. An Faust mußte er denken, der hatte auch
+»über Büchern und Papier« gesessen. Faust hatte alle Fakultäten
+durchstudiert und sagte dann, er sei so klug als wie zuvor. Aber das
+war im 16. Jahrhundert! Jetzt war die Sache schon anders. Asmus wollte
+auch alles studieren, alles! Und dann wollte er doch sehen! Er wollt’
+es schon herausbekommen,
+
+ »was die Welt
+ Im Innersten zusammenhält«!
+
+Und er konnte dem Famulus eigentlich nicht so unwirsch begegnen, wie
+es Faust tat. Freilich:
+
+ »Man sieht sich bald an Wald und Feldern satt;
+ Des Vogels Fittig werd’ ich nie beneiden«
+
+das war natürlich Torheit, oder, wie Asmus in jugendlicher Kraft
+sagte: »Blödsinn«; aber was dann folgte, das war doch wahr und schön!
+
+ »Wie anders tragen uns des Geistes Freuden
+ Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
+ Da werden Winternächte hold und schön,
+ Ein selig Leben wärmet alle Glieder –«
+
+Ja, ja, ja, so war es, da hatte der »trockne Schleicher« dennoch
+recht! Und zuweilen fragte sich Asmus, ob es nicht das schönste Leben
+wäre, immer am Tische zu sitzen, links Bücher und rechts Bücher, vor
+sich Bücher und hinter sich Bücher, und gar nicht wieder aufzustehen
+und niemals schlafen zu gehen. Wenn Ludwig Semper ihm mit leisem
+Finger auf die Schulter klopfte und sagte: »Du mußt zu Bett gehen,«
+dann fragte sich Asmus immer: »Warum geht man eigentlich schlafen? Ich
+werde noch einmal beweisen, daß man überhaupt nicht zu schlafen
+braucht.«
+
+Er hatte den Gang und die Haltung seines Vaters geerbt; sein Vater
+aber ging mit großen Schritten und mit gesenktem Kopf.
+
+»Jung’, geh’ doch grade!« rief seine Mutter; »grad auf wie ich, sagte
+der schiefe Tanzmeister,« so rief sie viele hundert Male, und dann
+richtete Asmus den Kopf empor und trug ihn über eine Minute lang hoch in
+den Lüften; dann aber sank er langsam, langsam wieder hinab, dem Tal der
+Träume zu.
+
+Wer aber nun gefürchtet hätte, daß Asmus Semper ein Bücherwurm und
+Stubenhocker werden könnte, der würde doch nur den vierten Teil seines
+Wesens gekannt haben. Wie er als Knabe zu seinen Einkaufgängen immer
+mehr Zeit gebraucht hatte, als der Weg eigentlich erforderte, so fand
+er noch immer auf seinen Schul- und Heimwegen an diesem wunderbaren,
+ewig sich wandelnden Panorama der Welt ein unermeßliches Vergnügen. Da
+war zum Beispiel ein hübsches Mädchen, das ihm jeden Morgen begegnete.
+Sie war sehr einfach, aber ordentlich gekleidet und schien eine etwas
+bessere Stellung in einer Fabrik zu haben. Eines Morgens trafen sich
+ihre Blicke. Und von da ab traf es sich jeden Morgen, daß sie ihm in
+die Augen sah und er ihr. Das traf sich wohl monatelang so. Zuletzt
+fanden sich ihre Blicke schon ganz von weitem, auf zwanzig Schritte,
+und blieben so lange ineinander haften, bis die beiden Morgenwanderer
+aneinander vorbei waren. Und eines Morgens – war es möglich? war es
+denkbar? – eines Morgens schien sie leise zu nicken. Asmus griff an
+den Hut; aber weil er so verwirrt war, tat er es erst, als sie schon
+vorüber war. Dann fragte er sich auch, ob es nicht eine kolossale
+Dreistigkeit wäre, sie zu grüßen. Aber am nächsten Morgen nickte sie
+schon ganz deutlich, und tief zog Asmus den Hut, als wäre sie die
+Königin Semiramis. Und nach und nach nickte sie immer deutlicher und
+lächelte dabei, und Asmus zog den Hut und lächelte ebenfalls. Er mußte
+an Don Juan denken, der auch mit allen Mädchen angebunden hatte. Als
+aber nun die Semper auf Frau Rebekkas Betreiben wieder einmal
+umgezogen waren und Asmus einen andern Weg zur Schule nehmen mußte,
+da hörten die Begegnungen auf. Es wußte wohl keiner vom andern, wer er
+sei, und ob ihm ein Glück vorübergegangen oder ein Unglück. Langsam,
+wie der Regenbogen aus dem Grau hervorgetreten war, ward er wieder
+aufgesogen vom Grau.
+
+Er ging durch manche graue Straße und manchen grauen Tag; denn der
+Himmel Hamburgs verhüllt sich oft wochenlang. Aber immer war er
+erstaunt, wenn er die andern seufzen hörte: »Nun haben wir in drei
+Wochen die Sonne nicht gesehen!« Brauchte man denn die Sonne? Gewiß,
+wenn sie am Himmel stand, dann war die Welt über alles Begreifen
+schön; aber konnte man nicht auch ohne Sonne fröhlich, glücklich und
+begeistert sein? »Drei Wochen keine Sonne?« fragte er ungläubig. Er
+hatte sie nicht vermißt. Ihm war es, als wäre eben noch Sonnenschein
+gewesen. Unter seiner Hirnschale wölbte sich ein ewig heiterer Himmel.
+Aber merkwürdigerweise sah man ihm das nicht an. Er schaute meistens
+mit einem ernsten Gesicht in die Welt, wohl darum, weil er sie über
+alles Erwarten schön fand.
+
+Und in warmem Behagen stapfte er durch den tagelangen, wochenlangen
+Nebel und den »fisselnden« Regen Hamburgs und schaute mit Behagen in
+die grauen Kanäle und mit Behagen empor an den altersgrauen Häusern
+der ehrwürdigen Stadt. Jedes dieser Häuser sah anders aus und guckte
+einen an wie ein Mensch und sagte: »Hier ist sicheres und behagliches
+Wohnen.« Und seltsam, obwohl die Straßen schmal und dunkel waren,
+glaubte man’s doch, während man draußen durch die neuen Viertel seines
+heißgeliebten Oldensund, wo die wachsende Industrie eine Mietskaserne
+nach der andern aufwarf, nur mit Ekel und Grauen ging. Asmus Semper
+hatte sich nie eine Vorstellung von der Hölle machen können; seitdem
+er diese neuen Arbeiterviertel, diese rauchbeschmutzten
+Kasernenreihen, diese Kolumbarien, diese vierstöckigen Hundehütten –
+nein, Hundehütten waren gewöhnlich hübscher – seitdem er die freche
+Prosa, die schamlose Häßlichkeit dieser Zementkisten gesehen hatte,
+seitdem konnte er sich ein Bild machen von einem Ort der ewigen
+Verdammnis. Seine Seele hatte ja Millionen von Saugfäden, die selbst
+aus dem ärmsten und dunkelsten Winkel noch Schönheit und Freude sogen;
+auch in seiner Tabak- und Studierstube fand er noch Schönheit und
+Freude; aber vor dem gemeinen Blick dieser Häuser zogen sich alle
+Fäden seiner Seele schaudernd zurück, und nie empfand er ein
+grimmigeres Mitleid mit den Armen, als wenn er durch diese Straßen
+ging.
+
+O, wie hatte er’s dagegen wieder gut getroffen mit seiner neuen
+Wohnung in der roten Twiete. Diesmal hatte die quecksilberne Frau
+Rebekka einen guten Griff getan, und sie triumphierte in hellen Tönen.
+Das Haus selbst war freilich auch nur eine Mietskaserne; aber
+gegenüber lag ein Park mit uralten Bäumen, und davor stand eine
+unbewohnte, strohbedeckte Hütte, und neben dem Park öffnete sich unter
+hohen Baumkronen, schmal und schattenheimlich, wie ein Weg zur
+Unterwelt, der Philosophenweg. O nein, es fiel dem Präparanden Semper
+gar nicht ein, um der Bücher willen solche Dinge stehen und liegen zu
+lassen; er durchkostete den Park bis in seine fernsten, zartesten
+Wipfel, wenn auch nur mit den Augen – denn im Klettern hatte er’s
+niemals weit gebracht – er bevölkerte die Strohdachhütte mit den
+Gestalten Pestalozzis und Jeremias Gotthelfs, Berthold Auerbachs und
+Fritz Reuters; am Eingange des Philosophenweges aber sah er den
+Laertiaden Odysseus die Opferbräuche vollziehen, die den Schatten des
+Teiresias dem Hades entlocken sollten. Er war schon hundertmal durch
+diesen Philosophenweg gegangen und wußte ganz genau, daß nur ein
+kümmerliches Rinnsal ihn begleitete und daß er auf eine
+Goldleistenfabrik mündete – aber wenn er von seinem Bett aus durchs
+Fenster nach dem Eingang des Weges sah, dann war es der Ort,
+
+ »Wo in den Acheron sich der Pyriphlegethon stürzet
+ Und der Strom Kokytos, ein Arm der stygischen Wasser.«
+
+daran hätten siebzigtausend Goldleistenfabriken nichts zu ändern
+vermocht.
+
+
+
+
+VI. Kapitel.
+
+Fortsetzung des Beweises, daß Asmus kein Bücherwurm, sondern ein
+Sklave irdischer Lust ist.
+
+
+Aber auch derbere Freuden verschmähte Asmus nicht; der Welt- und
+Sinnenlust war er ergeben wie in seiner Kindheit. Nicht jeden Sonntag
+und nicht den ganzen Sonntag verbrachte er bei den Büchern, nein,
+gewöhnlich suchte er am Sonntag nachmittag seine Freunde Knapp und
+Diepenbrock auf, die ehemaligen Mitdirektoren seines Puppentheaters.
+Zunächst ging er zu Knapp, den er gewöhnlich mit seinem Vater zusammen
+im Garten beschäftigt fand. Einmal waren sie bei der Mohrrübenernte,
+da sagte der alte Knapp:
+
+»Na, Asmus, haust du deine Jungens auch fix?«
+
+»Nein,« rief Asmus lachend, »ich unterrichte überhaupt noch gar
+nicht.«
+
+»Ja, hauen mußt du sie, sons wird da nix aus.«
+
+Und dann zog der alte Knapp eine Mohrrübe aus und gab sie Asmussen.
+
+»Da – muß deine Kinder mitnehmen un muß sie sagen: »So wächsen die
+Worzeln.«
+
+Asmus sah den Bildungswert dieses Verfahrens nicht ohne weiteres ein;
+aber er dankte höflich und steckte die Wurzel ein.
+
+Und wenn die beiden dann zu Diepenbrock kamen, dessen Eltern ein
+Logier- und Speisehaus hatten, dann sah er da einen interessanten Mann
+auf dem Sofa liegen. Er hieß Zöllner, war Zigarrenmacher und lag jeden
+Sonntag, den Gott werden ließ, auf dem Sofa und las. Er besaß nicht
+nur den großen Meyer, sondern auch sämtliche Klassiker und
+Halbklassiker in prächtigen Einbänden. Und wenn er zwölf Sonntage
+hintereinander auf dem Sofa gelegen und gelesen hatte, dann ging er am
+dreizehnten hin und betrank sich so vollständig und andauernd, daß er
+eine Woche lang nicht aus dem Rausche herauskam; dann kehrte er wieder
+zu Meyer und den Klassikern zurück. Diepenbrock hatte viele Messer und
+Gabeln zu putzen, und Ewald Knapp und Asmus Semper halfen ihm dabei,
+damit er schneller fertig werde; aber Asmus mußte zwischendurch immer
+wieder nach dem Mann auf dem Sofa blicken, der ein schönes, vornehmes
+Gesicht mit einem langen braunen Bart hatte.
+
+Wenn sie dann endlich fertig waren, gingen die drei fast eine Stunde
+weit nach der Hamburgischen Vorstadt St. Pauli, nach diesem St. Pauli,
+das in der ganzen Welt bekannt war als ein Stapelplatz irdischer Genüsse
+und Seligkeiten für Anspruchslose. Da gab es nicht nur Kuchenbuden,
+Obstbuden, Bücherkarren, Karren mit Spielsachen, mit Kokusnüssen, die
+vor den Augen des Publikums geöffnet wurden, mit ambulantem Käse, der
+sich alle Düfte der Vorstadt unterwarf, mit Limonaden und Likören, da
+gab es auch Kasperletheater, Mordgeschichtenbilder, fliegende Museen,
+Naturalienhandlungen, Wachsfigurenkabinette, Theater, Singspielhallen –
+o, diese Singspielhallen! Am Abend waren die Portale mit hunderten von
+bunten Lichtern umkränzt, und wenn eine Tür aufging, sah man durch
+Rauchwolken wunderschöne Frauen tanzen – »wenn ich Lehrer bin und viel
+Geld verdiene, da geh ich auch hinein,« sagte sich Asmus.
+
+Das erste aber, was die drei taten, war regelmäßig, daß sie – immer
+bei demselben »Konditor« – einen Eisenbahnkuchen kauften. Das war ein
+Gemisch von zerriebenem Schwarzbrot und Syrup mit einer Zuckerglasur
+darüber und war vielleicht eher zu den Laxiermitteln als zur Gattung
+der Kuchen zu rechnen; aber es schmeckte um so schöner, als es für 5
+Pfennige einen halben Kubikdezimeter gab. Dann gaben sie sich
+zufrieden dem Genuß des Schauens, Kauens und Staunens hin.
+
+»Der siebenfache Raub- und Elternmörder Timm Thode, das größte
+Scheusal in Menschengestalt!« schrie ein dickes Weib und schlug mit
+einem Rohrstock klatschend gegen ein 12teiliges »Gemälde«, das die
+Leistungen des Gefeierten im einzelnen zur Darstellung brachte. Schon
+von weitem schlug Asmus einen andern Weg ein, er wußte auf der Welt
+nichts Widerwärtigeres als diese Bilder und die erklärenden Gesänge
+der Schausteller.
+
+Aber dann gab es einen Mann auf dem »Spielbudenplatze«, der war am
+ganzen Leibe mit Musik bewaffnet. Mit dem Fuße schlug er Becken und
+Triangel, mit dem Ellbogen eine große Trommel, mit der rechten drehte
+er einen Leierkasten, mit dem Munde blies er eine Panflöte, und wenn
+er den Kopf schüttelte, erklangen von seinem Hute, der einer
+chinesischen Pagode glich, eine Menge von Glöcklein. Die Musik war
+gewiß scheußlich; aber die Fertigkeit des schwitzenden Mannes blieb
+bewundernswert. Er hatte denn auch immer ein Rudel von Jungen um sich,
+und darum mußte er die linke Hand frei behalten.
+
+»Käupt, Lüd, käupt!« schrie mit furchtbarer Schnapsstimme, die dem
+Bellen eines heiseren Wüstenwolfes glich, ein Mann, der Datteln
+verkaufte. Aber es waren keine Datteln mehr, es war nur noch ein
+unerklärbares Mus, das zu Klumpen geballt auf der Karre lag. »Tein
+Penn dat Pund, Lüd!« schrie der Mann. »Ick verkäup se mit Schoden,
+Lüd; ick sett dor noch bi too! Blos ut Schobernack käupt mi wat af,
+Lüd!«
+
+Und einmal kam Asmus an eine Bude, auf deren Vorderseite ein Schwein
+mit Menschenaugen abgebildet war. Das Tier hatte einen seelenvollen
+Blick und schien darüber nachzusinnen, ob es ein Mensch oder ein
+Schwein sei. Was es in seinem Zweifel noch bestärken konnte, war der
+Umstand, daß es an den Hinterfüßen fünf menschliche Zehen hatte. Wohl
+hundertmal drehte Asmus sein Zehnpfennigstück in den Händen herum;
+aber dann sagte er sich, daß ein zukünftiger Lehrer seiner Bildung
+jedes Opfer bringen müsse; er gab es hin und trat ein. Er fand in
+einem Glashafen voll Spiritus ein kleines totes Ferkel, das genau wie
+jedes andere Ferkel aussah. Der Schausteller, ein großer Kerl in
+Hemdärmeln, erklärte ihm, das Ferkelauge sei ein vollkommenes
+Menschenauge, und die hinteren Zehen seien Menschenzehen. Asmus
+blickte schon lange nicht mehr auf das Ferkel im Glashafen, sondern
+auf den Mann in Hemdärmeln; er sah ihn mit staunenden Blicken an; denn
+er begriff nicht, daß ein Mensch so unverschämt sein könne.
+
+»Das ist ja alles Schwindel!« sagte Asmus. Im nächsten Augenblick
+fühlte er sich unsanft vor die Bude befördert, und wenig fehlte, so
+wäre er die Stiege, die zum Eingang hinaufführte, hinuntergefallen. Es
+war nicht die erste Erfahrung dieser Art, die er im »Kampfe gegen das
+Unrecht« machte; aber noch viel, viel weniger war es die letzte.
+
+Nach solchen Erlebnissen gab es einen Wirbel in seinem Kopfe. Wie
+konnte so etwas geschehen! _Das war doch Unrecht!_ Und Unrecht
+brauchte man sich doch nicht gefallen zu lassen! Unrecht _durfte_ man
+sich gar nicht gefallen lassen ...
+
+Wenn es sich aber traf, daß die drei sich männlich aufgelegt fühlten,
+so wandten sie den kindlichen Freuden des Spielbudenplatzes nach
+gründlicher Betrachtung mit kritisch geschürzten Lippen den Rücken und
+gingen noch dreiviertel Stunden weiter nach Hamburg hinein. Dort gab
+es nämlich eine Wirtschaft, wo man ein ganzes Seidel »echtes
+Kulmbacher« für fünfzehn Pfennige verzapfte und sechzehnjährige Männer
+mit Hochachtung behandelte. Sie saßen dort eine Stunde lang bei einem
+Glase und übten Kritik nach Art der Jugend, das heißt sie rezensierten
+die Bälle der Billardspieler, ohne von diesem Spiel etwas zu kennen.
+Auch das Billardspiel war ein #pium desiderium# Asmussens; aber ach,
+zu all dergleichen gehörte ein Lehrergehalt. Ja, wenn man 1200 Mark
+verdiente – nach einem vorzüglichen Examen bekam man sogar 1300 Mark
+das Jahr – dann ließen sich alle Sehnsüchte kühlen.
+
+Wenn sie mehr Geld als gewöhnlich hatten, so gingen sie in ein
+Vorstadttheater, wo die Vorstellung 7 Stunden dauerte. Da gab es Musik,
+Couplets, Liedervorträge, Männer, die abgeschossene Kanonenkugeln
+auffingen, wunderschöne Trapezkünstlerinnen in Trikots und dazu noch ganze
+Dramen in fünf oder mehr Akten, z. B. Anna Field, die Frau in Weiß oder ein
+Opfer der Liebe von Charlotte Birch-Pfeiffer. Aus den Stücken machte sich
+Asmus nicht viel; aber der jugendliche Held und Liebhaber gefiel ihm über
+die Maßen. Asmussens Vater behauptete, diesen Mann schon vor dreißig Jahren
+als jugendlichen Liebhaber gesehen zu haben, und taxierte ihn auf sechzig
+Jahre. Aber er hatte sich aus besseren Tagen in Spiel und Stimme einen
+edlen Rest bewahrt, und dieser genügte, um Asmus zu entflammen. Vor allem
+diese Sprache! Das mußte auch in Wirklichkeit ein edler, seelenguter Mensch
+sein, davon war Asmus tief überzeugt. Und die Liebhaberinnen verehrte und
+liebte er ohne Ausnahme; denn er war etwas kurzsichtig und saß auf einem
+billigen Platze weit hinten. Eine sanfte Stimme und ein weißes Gewand
+genügten, um ihn von der heiligen Unschuld einer Heldin zu überzeugen. Er
+war in jenem Alter, wo die Ästhetik der jungen Leute immer dem andern
+Geschlechte recht zu geben pflegt.
+
+Wenn sie aber sehr viel Geld hatten, fünfzig Pfennige oder noch mehr,
+dann gingen sie in ein »richtiges« Theater, wie Asmus es nannte, das
+heißt ins Stadt- oder Thaliatheater. Einmal erwischte Asmus auf der
+höchsten Galerie einen Platz, von dem aus er nur dann die Bühne
+erblicken konnte, wenn er seinen Körper in einen fast rechten Winkel
+bog. Man gab Don Carlos, ein Stück, das zwischen sechs- und
+siebentausend Verse hat. In den Zwischenakten hatte er beachtenswerte
+Kreuzschmerzen; aber sobald der Vorhang wieder aufging, waren sie
+verschwunden. Es war eine Begeisterung mit Hindernissen; aber so stark
+war sie, daß die Jünglinge noch stundenlang im Regen spazieren gingen
+und sich nur in Ausrufungssätzen über den Don Carlos und seinen
+Dichter unterhielten. An solchen Abenden hatte Asmus stärker denn je
+das Gefühl: Warum geht man eigentlich zu Bett? Man verliert ja die
+Hälfte des Lebens, die Hälfte der Welt! Und als er eines Tages bei
+Grabbe die Worte fand: »Die Zeit, die man nicht schläft, heiß ich dem
+Tode abgewonnen,« da jauchzte er förmlich auf: Ja, das ist mein Mann.
+
+
+
+
+VII. Kapitel.
+
+Wie Asmus sang, trank, lachte, weinte und prustete.
+
+
+Es muß andrerseits gesagt werden, daß er dasselbe Gefühl auch beim
+Biertrinken hatte, und das Biertrinken studierte er außer anderem bei
+Herrn Bockholm. Franz Bockholm war ein blindgeborener Orgel- und
+Klaviervirtuos und wohnte, obwohl er ein ziemlich wohlhabender Mann
+war, in einer winzigen, obskuren Arbeiterkneipe, die innen und außen
+vom Ruß der nahen Glashütten geschwärzt war. Asmus wurde eines Tages
+durch einen Zigarrenarbeiter, dem er Privatstunden gab und der das
+Honorar für das abgelaufene Vierteljahr in einem Glase Bier erlegen
+wollte, dorthin geführt. Natürlich genoß der blinde Künstler in diesen
+Räumen die Verehrung eines weißen Elefanten, und Asmus empfand eine
+tiefe Ehrerbietung, als er ihm in aller Form vorgestellt wurde. Schon
+vor dem Unglück der Blindheit allein empfand er eine heilige
+Ehrfurcht; als sich nun aber der Blinde gar ans Klavier setzte und
+wunderschön aus der »Zauberflöte« phantasierte, da vergaß er »in
+diesen heiligen Hallen« vollends, daß es eine Schnaps- und Bierschenke
+war. Dann unterhielt man sich, und Asmus fiel es auf, daß Herr
+Bockholm den Kopf neigte und horchte.
+
+»Donnerwetter!« schrie plötzlich der Blinde, »Donnerwetter! Sie müssen
+doch singen können!«
+
+Asmus stotterte verlegen, daß er nur ein bißchen singen könne –
+»eigentlich gar nicht!« rief er schnell; denn er hatte Angst.
+
+»Kommen Sie, kommen Sie!« rief Bockholm, und schon saß er wieder am
+Klavier. »Sie haben einen Bariton. Was können Sie singen?«
+
+Asmus begann mit bebendem Herzen das Lied des Zaren »Einst spielt’ ich
+mit Zepter«, und als er das beendet hatte, schrie Herr Bockholm:
+»Weiter, was können Sie noch?«
+
+Und nun sang Asmus, kühner geworden:
+
+ »Horch auf den Klang der Zither.«
+
+»Verflucht!« schrie der Blinde, sprang auf, schlug sich auf den
+Schenkel und lachte übers ganze Gesicht, »verflucht! Er hat eine
+Stimme wie Krückl!« Das war ein Bariton, der am Stadttheater den
+Mozartschen Almaviva und den Rossinischen Figaro sang.
+
+»Frau Piefke, Bier!!« brüllte der Musiker mit vehementer Lustigkeit,
+und nun mußte Asmus auf seine Kosten eins trinken und noch eins und
+noch eins. Noch am selben Abend mußte Asmus mit dem weißen Elefanten
+auf du und du trinken, obwohl dieser ein viertel Jahrhundert älter
+war, und dann wurde nicht weniger abgemacht als dies: Asmus solle
+jeden Tag kommen und bei Bockholm das Klavierspiel lernen und solle
+sich Gesangsnoten verschaffen, z. B. die Balladen von Löwe, und zum
+Entgelt solle er dem Blinden hin und wieder etwas vorlesen.
+
+Und ungefähr so geschah es. Asmus kam, wenn auch nicht täglich, so
+doch oft, lernte Klavierspielen, sang den »Archibald Douglas« – »darin
+steckt mehr als in mancher großen Oper,« schrie Bockholm mitten im
+Spiel – las seinem Lehrer die Zeitung bis in den Inseratenteil vor –
+denn der Blinde wollte alles wissen – und übte sich im Biertrinken.
+
+In dieser Kunst leistete der Meister noch mehr als in der Musik; ein
+Seidel voll schien auf einen Schluck, wie in einer Klappe, zu
+verschwinden, und er hatte begnadete Tage, wo er es auf dreißig Seidel
+brachte. Das sah nun Asmus freilich mit Staunen und mit Grauen; aber
+er hielt es doch für Ehrensache, es auf vier oder fünf zu bringen.
+Zuweilen allerdings kam ihm die ganze Atmosphäre etwas trüb und
+traurig vor; es kamen da Gesellen, bei denen er sich wunderte, daß
+Bockholm ihnen vorspielte und mit ihnen trank; aber dann kamen auch
+wieder Leute, ungebildete Arbeiter, in berußten Blusen und
+kalkbefleckten Kitteln, die mit einer schier leidenschaftlichen
+Begierde und mit innerster Teilnahme zuhörten. Und Kerle mit Humor
+kamen da! Eines Tages, als Bockholm ein Bravourstück mit ungeheurer
+Fingerfertigkeit gespielt hatte, sagte ein Steinbrügger:
+
+»Junge – wenn ick den sin’n Kopp harr!« und ein anderer versetzte
+langsam und gedankenvoll:
+
+»Djä – – un wenn du denn so dumm wärs wie jetz, denn nütz di dat ook
+nix.«
+
+»Och,« sagte dann wieder der erste, »wenn ick man din Mul harr, denn
+gung dat woll,« und dann stießen sie miteinander an und lachten.
+
+Ja, das war doch auch wieder etwas, wobei einem das Herz ganz frei und
+warm wurde!
+
+Gewöhnlich wollten die Arbeiter unzählige Seidel Bier für den Künstler
+zahlen; aber das nahm er nur unter der Bedingung an, daß er sich
+revanchieren dürfe, und so kam er immer häufiger auf die dreißig
+Seidel und mit jedem Tage seinem frühen Ende um zwei Tage näher.
+
+Die Privatstunden im Biertrinken kamen Asmus zu statten bei den
+heimlichen Zusammenkünften der Albingia. Die Albingia war eine
+heimliche Präparandenverbindung mit Burschenbändern, Zereviskappen und
+allem Zubehör eines regelrechten Komments. Durch ein bemoostes Haupt,
+das die Geheimnisse der Albingia mit dem furchtbaren Ernste des
+Verschwörers behandelte und an ein Sakrament der Kneipe zu glauben
+schien, wurde Asmus in diesen nächtlichen Zirkel eingeführt. Gleich
+bei der ersten Kneipe hieß es: »Semper muß aus ’m Faust rezitieren,«
+und Asmus ließ sich vom Kellner ein Fläschchen voll braunen Saftes
+und ein Glas bringen und bestieg die kleine Bühne am Ende des Saales.
+Er sprach die ersten Monologe des Faust bis zum Anbruch des
+Ostermorgens, und als er an die Stelle kam:
+
+ »Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen;
+ Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen;
+ Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht.
+ Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle;
+ Den ich bereitet, den ich wähle,
+ Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele
+ Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht!«
+
+da goß Asmus den Inhalt des Fläschchens in das Glas. Der Saft war
+nichts anderes als Bier; aber nicht nur Asmus, nein, die ganze
+Versammlung würde den mit ewiger Verachtung belegt haben, der darüber
+gelacht hätte.
+
+Sonst aber lachte er lieber als alle anderen. Er fand es ungemein
+possierlich, daß er als Fuchs den andern Bier einzapfen und ihnen die
+lange Pfeife anzünden mußte, und er war glücklich und stolz, als er
+endlich »entschwänzt« wurde und in der Biertaufe den Namen »Dr. Faust«
+erhielt. Er war noch gewohnt, alle Dinge des Lebens tief zu nehmen,
+und hielt es für heilige Pflicht, einen »Kuhschluck« und einen
+»Bierjungen« genau so ernst zu nehmen wie die Gedanken Rousseaus und
+die Entstehung des Pentateuchs. Er konnt’ es nicht begreifen, wie man
+trotz der Ermahnungen des Vorsitzenden, auszuharren, dennoch um drei
+Uhr morgens aufbrechen konnte, wo es doch die einfachste deutsche
+Treue gebot, den Präsidenten nicht im Stich zu lassen. Und am
+wenigsten konnt’ er begreifen, daß sie nicht lustiger waren, daß sie
+all diese fidelen Bräuche, diese köstlichen Lieder und Schnurren, von
+denen das Kommersbuch förmlich platzte, für gewöhnlich so frostig,
+gleichsam geschäftsmäßig abmachten. Mein Gott – als er sich das
+Kommersbuch zu Hause vornahm – da lachten und schwärmten ja ganze
+Jahrhunderte daraus hervor; die Romantik, der Übermut, der
+Jugendglaube von zwanzig Generationen zogen durch seine Brust; alle
+Augenblick mußt’ er aufspringen, mit den Fingern schnalzen,
+Tanzsprünge durchs Zimmer machen; auf seinen Wangen mischten sich
+Lachtränen und Weintränen – o, wie mußte das über alle Begriffe
+herrlich sein, wenn solch ein Lied durch den Saal brauste, wie
+göttlich lustig mußte das sein, wenn sie alle mit Leichenbittermienen
+sangen:
+
+ O wie bimmel, bammel, bummelt,
+ O wie bimmel, bammel, bummelt,
+ O wie bummelt mir mein Frack!
+ Ich hab noch nie einen Frack gehabt,
+ der mir so sehr gebimmelbammelt hat –
+
+aber wenn dann die Kneipe da war, ja, da gab es wohl zuweilen lustige
+Stunden; aber es war nicht das, was er gehofft hatte; es fehlte ein
+Duft – ein Glanz – eine unnennbare Weihe – es fehlten die rosigen,
+silbernen Wolken über der Versammlung – – –!
+
+Er begriff überhaupt nicht, warum die Menschen nicht öfter lachten und
+nicht öfter weinten, da doch die Welt so reichen Anlaß dazu bot. Als
+er einmal eine Molieresche Komödie sah und die Situation auf der Bühne
+plötzlich eine künftige Situation von großer Komik ahnen ließ, da
+schoß ihm ein so gewaltiges Lachen in die Nase, daß er es nicht
+zurückhalten konnte; da er es aber dennoch zurückhalten wollte, so kam
+ein eigentümlicher Prust-, Schnupf- und Grunzlaut zustande, über den
+das ganze Publikum in laute Heiterkeit ausbrach. So hatte sich Asmus
+vermutlich noch nie geschämt wie in diesem Augenblick; es ist
+anzunehmen, daß er bis in die Zehenspitzen errötete; aber nachher
+mußte er sich doch fragen: Warum habe ich denn allein gelacht? Warum
+lachten nicht alle?
+
+
+
+
+VIII. Kapitel.
+
+Warum Ludwig Semper nicht in den »Lohengrin« ging und Asmus mit einem
+Windhund verkehrte.
+
+
+Wenn er von der monatlichen Kneipe der Albingia einmal spät nach Hause
+kam, so schüttelte Frau Rebekka den Kopf und äußerte ihre Besorgnisse;
+aber Ludwig Semper lachte vergnügt in sich hinein und sagte: »Laß ihn;
+das gehört dazu.« Auch er hatte zu Schleswig seine heimlichen
+Gymnasiastenkneipen gefeiert und den Landesvater gesungen, und
+manchesmal, wenn das Vergangene in ihm erwachte, hatte er, am
+Tabakstische sitzend und das blanke Zigarrenmesser schwingend,
+gesungen:
+
+ »Seht ihn blinken
+ In der Linken
+ Diesen Schläger, nie entweiht!
+ Ich durchbohr den Hut und schwöre:
+ Halten will ich stets auf Ehre,
+ Stets ein braver Bursche sein!«
+
+Dagegen hatte Ludwig Semper für eine andere Neigung seines Sohnes
+durchaus kein Verständnis: Er begriff nicht, wie man ohne Not einen
+Weg von mehr als einer Viertel- oder gar halben Stunde machen konnte.
+Wenn Asmus in den Ferien Spaziergänge von vier Stunden machte, so
+schüttelte Ludwig andauernd den Kopf; bei einem acht- oder
+zehnstündigen Ausflug aber wurde er sozusagen böse, warf das linke
+Bein über das rechte und murmelte: »Verrückt!« Er schien das für
+gesundheitsschädlich zu halten, und einer der Gründe, weshalb er noch
+immer nicht den Lohengrin gehört hatte, war der, daß man ins Hamburger
+Stadttheater eine Stunde zu gehen hatte. Asmus hingegen hatte Seume
+gelesen, und einer seiner Träume war es, einen Spaziergang nach
+Syrakus zu machen, wie ihn dieser etwas nüchterne, etwas trockene,
+aber in seiner Unabhängigkeit, Kraft und Lauterkeit dennoch poetische
+Mann gemacht hatte.
+
+Unter den Studiengenossen, mit denen Asmus seine botanisch-zoologisch-
+mineralogisch-poetisch-politisch-philosophisch-cerealisch-bacchischen
+Ausflüge – denn das Frühstück spielt bei Siebzehnjährigen eine genau
+so große Rolle wie der Idealismus – zu unternehmen pflegte, waren es
+besonders zwei, zu denen er in ein näheres Verhältnis trat. Der eine
+war sein Mithospitant Morieux, und dieser hatte Eigenschaften, die
+wohl auf einen französischen Vorfahren schließen lassen konnten. Er
+war ein hübscher, schlanker, geschmeidiger Bursche mit dunklem Haar
+und einem famosen schwarzen Schnurrbärtchen und zeigte in Sprache und
+Gebärden eine überschießende, ja, in seinen Mienen nicht selten eine
+fratzenhafte Lebhaftigkeit. Die Jugend urteilt wie die Frauen und wie
+das Publikum mit Vorliebe nach dem Instinkt und trifft damit
+gewöhnlich das Richtige. So erhielt denn auch Morieux in der Biertaufe
+den Namen Fritz Triddelfitz, mit der Begründung, daß er ein
+»langschinkiger, dünnrippiger Windhund« sei. Von den Windhunden sagt
+man, daß sie selbstsüchtig und wenig treu seien, und das stimmte bei
+Morieux insofern, als er nur eine halbe Treue besaß. Wenn Asmus in der
+Klasse irgend einen größeren Erfolg erzielt hatte, so beglückwünschte
+ihn Morieux mit fulminanten Worten und war dabei blaß bis in die
+Lippen, und Asmus sah mit vollkommener Gewißheit, daß der Neid, ja der
+Haß ihn innerlich zerwühlten. Aber er sah auch, daß Morieux mit diesem
+Neide kämpfte, daß er sich die Lippen fast blutig biß. Und immer
+wieder kehrte er zu Asmus zurück und zog seinen Umgang jedem anderen
+vor. Er überhäufte den Freund mit Ausdrücken einer so schwärmerischen,
+überschwenglichen Bewunderung, daß Asmus abwechselnd rot und blaß
+wurde und an die Aufrichtigkeit dieser Apotheosen niemals glauben
+konnte, und doch wußte er, daß Morieux in derselben Weise zu andern
+über ihn sprach. Auch Asmussens Eltern hatte er solchermaßen den Ruhm
+ihres Sohnes verkündet, und Frau Rebekka hatte alles geglaubt und mit
+Entrüstung ausgerufen: »Der dumme Bengel! Und davon sagt er zu Hause
+kein Wort!« Im innersten Herzen fühlte sich Asmus von diesem Freunde
+wohl mehr abgestoßen als angezogen; aber eines besaß dieser Freund,
+was ihn festhielt, und das war seine außerordentliche musikalische
+Begabung, im besonderen sein vorzügliches Geigenspiel. Morieux ließ
+nicht locker, bis sich Asmus von ihm die Anfangsgründe des
+Geigenspiels zeigen ließ, und alsbald traktierte der junge Semper mit
+solcher Versessenheit das schwierige Instrument, daß sie nach einigen
+Wochen schon leichte Duette spielten. Dieses Band hielt sie zusammen
+und zog sie bald zu einem Bratschisten und einem Cellisten hin und
+geleitete ihren jugendlichen Wagemut endlich zu den Quartetten Haydns,
+Mozarts, Beethovens und Schuberts.
+
+Aber leider hatte der langschinkige, dünnrippige Windhund eine fatale
+Neigung, andere Leute aufzuziehen. Er hielt sich für so gescheit, daß
+er allen andern etwas aufbinden könne; er gab sich bei den gemeinsamen
+Ausflügen den einfachen Landbewohnern gegenüber für einen
+ausstudierten Lehrer, für einen Arzt, für einen höheren Beamten oder
+dergleichen aus, nur um ihnen allerlei Abenteuer und Räubergeschichten
+aufzubinden und sich an ihrer Leichtgläubigkeit zu weiden. Nun
+schlummert freilich hinter den träumerisch-gutmütigen Augen des
+Schleswig-Holsteiners eine feine und stattliche Klugheit, die nur
+dann vollends aufwacht, wenn es durchaus notwendig ist, und
+gelegentlich wurde der Aufschneider wohl durch ein ironisches Lächeln
+oder ein spöttisches Wort zurückgewiesen; aber manchmal fand er auch
+Gläubige, und solch ein Mißbrauch eines freundlichen Vertrauens
+verdroß Asmus jedesmal über die Maßen. Am wenigsten konnte er’s
+vertragen, daß alte Leute in weißen Haaren gefoppt wurden, und wie
+wurde ihm nun gar zumute, als Morieux sich eines Tages einfallen ließ,
+seine Eltern, seine Mutter Rebekka Semper, seinen Vater Ludwig Semper
+anzulügen und zu hänseln. Als hätte man ihm mit der Peitsche ins
+Gesicht geschlagen, so war es ihm. Um seine Eltern nichts merken zu
+lassen, machte er gute Miene zum bösen Spiel und lenkte mit einer
+gewaltsamen Anstrengung das Gespräch geschwind auf einen anderen
+Gegenstand: nachher aber, beim Abschied vor der Tür, weigerte er dem
+Frevler die Hand und sagte:
+
+»Du brauchst mich nicht wieder zu besuchen. Wir sind geschiedene
+Leute.«
+
+Morieux ging lächelnd und mit einem höhnischen Achselzucken davon.
+
+
+
+
+IX. Kapitel.
+
+Ein Afrikaforscher, der nicht revanchelüstern ist.
+
+
+Ganz, ganz anders war Sempers zweiter Wandergenosse. Er war hager,
+sehnig und steif, von scharfgeschnittenem Gesicht, und sein
+silberweißes kurzgeschorenes Haar stand senkrecht aufgerichtet wie
+Nägel. Eigentlich hieß er Herrig; aber nach einem Vororte Hamburgs, wo
+die Insassen einer gewissen Anstalt gezwungenermaßen kurzgeschoren
+gingen, nannte der liebevolle Witz seiner Klassengenossen ihn
+»Fuhlsbüttel«. Weit davon entfernt, musikalisch zu sein, sang er, wenn
+er die Wacht am Rhein singen wollte, die Lorelei, die aber auch noch
+falsch. Er war überhaupt vom Kopf bis zu den Füßen amusisch, und unter
+allen Kunst- und Literaturschätzen der Welt gab es nichts, was seinen
+Herzschlag beschleunigen konnte. Allein auch er hatte etwas, was ihn
+Sempern interessant machte: nämlich eine grammatische Nase, und in der
+Analyse knifflicher Satzgebilde galten er und Asmus für Rivalen. Auch
+kannte er eine Menge Pflanzen und Insekten bei Namen, und Asmus, den
+seine Dorfschule in dieser Hinsicht mit wahrhaft imposanten Lücken
+ausgestattet hatte, ergriff mit Freuden die Gelegenheit, sich aus dem
+»Thesaurus« seines Freundes zu bereichern. Dafür bereicherte sich John
+Herrig, wie man sehen wird, aus einem anderen Schatze seines Freundes
+Asmus.
+
+Zunächst freilich war es eine Bereicherung von zweifelhaftem Wert. Sie
+unterhielten sich auf ihren Wanderungen stundenlang mit bitterem Ernst
+über Fragen der Politik, der Volkswirtschaft, der Gesellschaftsmoral,
+der Philosophie, kurz #de omnibus rebus et quibusdam aliis#. (Morieux
+war immer nach zwei Minuten auf eine Hanswursterei abgesprungen.)
+Dabei sprachen sie auch von ihrer Zukunft.
+
+»Ich bleibe nicht Lehrer,« sagte Herrig, »ich werde Afrikaforscher.«
+Da war es Asmussen, als ob plötzlich eine unbekannte Gewalt, von der
+er nie gewußt, die gar nicht aus seinem Innern, sondern aus einer
+weiten Zukunft zu kommen schien, ihm ein Wort auf die Lippen legte:
+
+»Ich – ich –« sprach er zögernd, »ich _möchte_ ja wohl Dichter
+werden!« Und schnell setzte er hinzu: »Aber das ist ja natürlich
+Unsinn.«
+
+Dann gab es einen Tag, da gingen John und Asmus lange schweigend
+nebeneinander her.
+
+»Warum reden wir eigentlich nichts?« sagte Asmus endlich.
+
+»Hm,« machte Herrig, »weil wir nichts mehr zu streiten haben. Ich habe
+nach und nach alle deine Anschauungen angenommen.«
+
+Asmus erschrak fast, als Herrig so nüchtern den wahren Sachverhalt
+feststellte. Er hatte recht: das innere Freundschaftsverhältnis war
+eigentlich abgestorben. Anschauungen aber, die man von einem anderen
+angenommen hat, weil man nichts mehr zu erwidern wußte, sind immer ein
+zweifelhafter Reichtum gewesen.
+
+Asmus indessen ertrug es nicht, einen toten Freund mit sich
+herumzuschleppen. Er versuchte, von seinem Blut in die Adern seines
+kalten, blaßhaarigen Freundes hinüberzuleiten. Sie wollten an den
+herrlichen Sonnabend-Feierabenden etwas zusammen arbeiten. Und er
+holte Schillers Briefe über ästhetische Erziehung hervor, an denen er
+sich schon einmal geärgert hatte, weil er sie nicht verstand.
+Vielleicht gelang es, sie mit zwei Köpfen zu bewältigen. Aber nach
+einigen Briefen mußten sie’s abermals aufgeben. Nun studierten sie
+Latein zusammen und lasen den Gallischen Krieg. Auch andere römische
+Autoren lasen sie; wenn sie ihnen lateinisch zu schwer waren, dann in
+Übersetzungen, und in den anschließenden Unterhaltungen fanden die
+alten Herren eine mehr oder weniger endgültige Beurteilung.
+
+»Dieser Ovid ist doch ein fürchterlicher Quatschkopp!« rief Herrig
+eines Abends aus.
+
+Das ärgerte Asmus und er versetzte:
+
+»Und dein Sueton ist ein altes Waschweib.«
+
+Auf solche Weise erwärmte sich nach und nach wieder das
+Freundschaftsverhältnis; bald aber sollte es trotzdem für immer
+erkalten.
+
+John Herrig schöpfte nämlich aus seinem Freunde noch einen reelleren
+Reichtum als den der Weltanschauung. Wenn sie auf ihren Ausflügen
+einkehrten, um zu ihrem mitgenommenen Frühstück ein Glas Bier zu
+trinken, so zahlte Asmus regelmäßig die Zeche und teilte die vom Vater
+erhaltenen Zigarren mit seinem Freunde. Er sagte sich nämlich: Wenn er
+Geld hat, so wird er sich natürlich revanchieren; wenn er keins hat,
+versteht es sich von selbst, daß der bezahlt, der etwas hat. Und Asmus
+erwischte hin und wieder Privatstunden, die mit 50 Pfg. bezahlt
+wurden.
+
+Und wenn sie rückkehrend, hungrig, durstig und müde von der
+Sonnenhitze, in Oldensund eintrafen, dann fand es Asmus unmenschlich,
+den Freund noch eine Stunde weit nach seinem Mittagessen gehen zu
+lassen, und er sagte: »Komm mit und iß mit mir; meine Mutter wird wohl
+soviel haben.«
+
+Und Frau Rebekka, die für sieben Menschen kochte, darunter für fünf
+Söhne, deren Appetit täglich wuchs und sich nach oben hin jedem
+Voranschlag entzog, hatte auch noch genug für einen achten, und sie,
+die nach einem Worte ihres Gatten so sparsam war, »daß sie den Flicken
+eines Flickens flickte«, und das so akkurat, daß Herr Aufderhardt,
+der Schneider, ausrief: »Das ist so schön gemacht, daß _ich_ es nicht
+besser kann!« – sie, die aus einem Rock eine Weste, aus der Weste eine
+Mütze, aus der Mütze einen Handschuh, aus dem Handschuh einen
+Putzlappen machte, und so das arme Tuch in Wahrheit zu Tode hetzte, um
+es zuletzt noch an den Lumpenhändler zu verkaufen, – sie strahlte von
+Heiterkeit und Stolz, wenn ein Gast an ihrem Tische saß und tüchtig
+einhieb. Das war eben eine der leichtsinnigen Anmaßungen, die sie von
+ihrem Gatten übernommen hatte, daß sie sich für berechtigt hielt,
+unbeschränkte Gastfreundschaft zu üben. Wer im Augenblick einer
+Mahlzeit als Freund das Semperische Haus betrat, der wurde an den
+Tisch gebeten, das war eine Überlieferung von Semperischen Urvätern
+her.
+
+Und nun merkte Asmus eines Tages, daß dieser Satan, dieser Herrig,
+_doch_ Geld hatte! Und daß es ihm gleichwohl gar nicht einfiel, sich
+zu »revanchieren«. Diese Entdeckung machte Asmussen von oben bis unten
+gefrieren. Von allen Lastern, soweit er sie bis jetzt kennen gelernt
+hatte, war ihm eins immer als das häßlichste erschienen: der Geiz. Und
+mit einem Schlage war er aufgetaut, und aus dem Grunde seines Herzens
+atmete er auf, als Herrig bald darauf, nachdem er den Freund für die
+nächste gemeinsame Arbeit in seine Wohnung geladen hatte, hinzufügte:
+»Du kannst ja dann bei mir zu Abend essen.«
+
+Gott sei Dank, dachte Asmus, er ist doch nicht geizig.
+
+Als Asmus am nächsten Sonnabend in die Stube seines Freundes trat,
+fiel ihm sofort dessen Verlegenheit auf. Nach einiger Zeit stotterte
+Herrig:
+
+»Abend – Abendbrot hast du wohl schon gegessen!«
+
+»Ja,« sagte Asmus, »Adieu!« Und nun war er sich klar über John Herrig.
+
+Er hatte vorläufig kein Glück mit den »Freunden« unter seinen
+Studiengenossen.
+
+
+
+
+X. Kapitel.
+
+Asmus als Königsmörder und Galeerensträfling, als Gallo und Petrarca.
+Er erneuert eine gewisse, für die Folge nicht unwichtige
+Bekanntschaft.
+
+
+Ob er den Freund in seinem andern Mithospitanten, jenem Jüngling mit
+der hebräischen Handschrift finden sollte, der seit einiger Zeit mit
+ihm denselben Weg zur Schule ging? Claus Münz war ein guter Kerl; aber
+er redete zu viel von seinen Muskeln. Er war nämlich vierschrötig und
+starkknochig wie ein Arbeitspferd, und wenn er Sempern die Hand gab,
+drückte er sie zum Beweise seiner Heldennatur so stark, daß Asmus das
+Gesicht verzog, und dann wieherte Claus Münz aus vollem Halse wie ein
+Roß. Er entblößte täglich einmal seinen Arm, um den Bizeps zu zeigen,
+und hatte den sehnlichen Wunsch, einmal mit einem Athleten vom
+Spezialitätentheater ringen zu dürfen. Es sei ein Jammer, sagte er,
+daß er als Schulmeister nur sechs Wochen dienen könne, sonst würde er
+zu den Gardehusaren kommen, und dann hätte er vielleicht einmal
+tüchtig in die Franzosen einhauen können. Er hatte als Knabe jenen
+Geschichtsunterricht empfangen, nach dem die Franzosen Lumpenhunde
+sind, die Deutschen hingegen bieder und treu. Asmus machte sich
+anfangs ein Vergnügen daraus, die Franzosen auf jede Weise
+herauszustreichen; aber bald ward ihm dieser Streit zu dumm. Claus
+Münz war auch in allen Muskeln und Knochen königstreu; Asmus hingegen
+war überzeugter Tyrannenmörder. Zwar konnte er kein Tier, geschweige
+denn einen Menschen leiden sehen, und sein schlimmster Feind hörte
+auf, sein Feind zu sein, sobald er litt; aber so sehr er Cäsarn
+bewunderte und liebte, an den Iden des März und bei Philippi hatte
+er’s mit Brutus gehalten, sein Herz hatte den Möros, den Harmodius und
+Aristogeiton, den Tell und ihren Genossen gehört. Nun war es
+geschehen, daß ein Mann namens Nobiling auf den Kaiser Wilhelm
+geschossen und ihn verwundet hatte. Claus Münz war außer sich vor
+Entrüstung. Asmus, der in der Arbeitsstube der Zigarrenmacher den
+ersten Wilhelm kaum anders als »Kartätschenprinz« hatte nennen hören,
+hatte ein lebhaftes Mitgefühl mit dem alten Manne, wenn er ihn sich
+auf seinem Schmerzenslager dachte, und beklagte die Tat des Mörders;
+aber er ersuchte doch auch den mit allen Muskeln wütenden Freund,
+gefälligst nicht zu vergessen, daß Wilhelm I. und Bismarck Tyrannen
+seien. Er war der Meinung, daß es Fürsten und Minister, Herrschende
+und Besitzende durchaus in der Hand hätten, dem Volke Brot und
+Freiheit zu geben, und daß nur Herrschsucht und Habsucht sie daran
+hinderten. Die Erkenntnis, daß wir alle unter dem Zwange der
+Notwendigkeit stehen und daß es keine abhängigeren Menschen gibt als
+die Herrschenden, daß wir alle an Händen und Füßen, die Herrschenden
+aber an jedem Finger und jedem Haar von Fäden gezogen und geleitet
+werden, die aus dem Unendlichen kommen, es sollte noch lange währen,
+bis ihm diese Erkenntnis aufging. Die Geschichtsstunden des Herrn
+Stahmer hatten wohl ein leises Ahnen von der ehernen Verkettung der
+Dinge in ihm erweckt; aber dieser Unterricht war zu kurz gewesen und
+hätte wohl auch, wenn er länger gewährt, aus den jungen Keimen einer
+Jünglingsseele – einer Kindesseele fast – keine Bäume machen können.
+Die Geisteskräfte des guten Claus Münz aber waren vollends nicht dazu
+geschaffen, den jungen Semper zu überwältigen; dieser gab es sogar
+vollständig auf, zu streiten, weil Claus Münz immer nur muskulöse
+Behauptungen vorbrachte, und Asmus schleppte geduldig, aber gemartert,
+jeden Morgen den Geist des Claus Münz hinter sich her wie die Kugel
+eines Galeerensträflings.
+
+Aber wie schon oft, so sollte er auch jetzt Erquickung und Trost
+finden bei den Frauen. Die Schule, an der er jeden Morgen hospitierte,
+hatte sich vergrößert und unter anderen Lehrkräften auch drei neue
+Lehrerinnen bekommen. Unter diesen war eine musikalische Dame von
+einer weichen und sanften Schönheit, und es dauerte natürlich keine
+zwei Tage, bis Asmus sie heimlich besang und in seinem Gedicht
+versicherte, daß die heilige Cäcilie unter den Irdischen wandle. Sie
+hatte oft eine Gefährtin bei sich, der Asmus eines Tages »die
+bezauberte Rose« von Ernst Schulze lieh, die ihm das Buch aber schon
+am folgenden Tage zurückgab, weil sie es nicht lesen könne, so fromm
+und tugendsam war sie. Asmus war empört und schwärmte ihr nun recht
+zum Trotz von Rousseau und Voltaire. Morieux hatte den beiden Damen
+mit Grimassen und schlenkernden Armen verraten, daß Semper Gedichte
+mache, »wunderbare, großartige Gedichte!« Und nun, wenn die Schule
+vorüber war, saßen die beiden Damen auf dem Pult wie auf einem Thron,
+und Morieux und Semper saßen auf den Kinderbänken zu ihren Füßen;
+Morieux geigte und Asmus las, fremde Gedichte und eigene; er hatte der
+Ballade vom ertrunkenen Fischer noch eine Ballade von einer
+gespenstischen Burgruine hinzugefügt, und Asmus dachte: So war es am
+Musenhof zu Ferrara oder Avignon.
+
+Noch einen stärkeren Widerhall aber fand Asmus bei einer Frauenseele,
+von der man kaum begriff, daß sie in ihrem Körper Platz habe. Das war
+die Seele des Fräulein Wieselin, einer 38jährigen Jungfrau, Lehrerin
+und Dichterin. Sie war so klein und dünn, daß sie sozusagen nur eine
+Nadel war, in die der Herrgott einen Lebensfaden gezogen hatte, und
+diese Nadel fuhr unablässig auf und ab und verarbeitete ihren
+Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und Opfersinn. Im Gesicht sah
+sie aus wie ein Geheimrat, der immer in einem überheizten Zimmer
+gesessen hat und darum etwas eingetrocknet ist. Tausend Mark Gehalt
+erhielt sie im Jahr, und davon ernährte sie sich und ihre Mutter und
+unterstützte sie die Familie eines kranken Bruders. Sie war damals
+schon fünfzehn Jahre Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher,
+und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten der Kleinen; die
+Kleinsten zu lehren ist aber größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher,
+die sie las, mußte sie sich leihen; denn kaufen konnte sie sich keine;
+aber als sie nach fünfunddreißig Jahren der Mühsal ihr Ende nahen
+fühlte, da sagte sie: »Ich kann ja zufrieden sterben; ich habe ja ein
+reiches Leben gehabt.«
+
+In ihren seltenen Mußestunden machte sie auch Verse, kleine,
+unbedeutende Gelegenheitssächlein; aber da Asmus sie nicht loben
+konnte, so sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen sprach viel
+von den seinigen, rühmte sie und sprach ihre Verwunderung darüber aus,
+daß er gleich mit epischen Gedichten anfange, während die jungen Leute
+sonst immer mit allgemeinen Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel
+leichter sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: »Ich habe
+immer das Gefühl, daß Sie kein Lehrer werden, daß wir Sie noch ’mal
+auf ganz anderen Pfaden wandeln sehen!«
+
+»Vielleicht heirate ich auch die!« dachte Asmus.
+
+Die dritte der neuangestellten Damen hieß Hilde Chavonne, war eine
+schlanke Brünette mit großen, schmachtenden braunen Augen und einem
+sanften Stolz der Bewegungen und trotz alledem eine Hamburgerin. Sie
+und Asmus schenkten einander zu Anfang nur wenig Beachtung,
+unvergleichlich viel weniger als später. Aber doch mußte er darüber
+nachdenken, wo er sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war die
+»Dame in Trauer«, die Seminaristin, die einmal ganz zu Beginn seiner
+Präparandenzeit mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges zusammen
+gegangen war. Daß er ihr schon viel, viel früher einmal begegnet war,
+das konnte er nicht mehr wissen.
+
+
+
+
+XI. Kapitel.
+
+Wie Asmus plötzlich eine glänzende Karriere machte und dabei auf den
+Hund kam.
+
+
+Zu diesen ganzen und halben Freunden gewann Asmus endlich eine ganze
+Schar von kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre seines
+Präparandentums eines Morgens in die Schule kam, ließ ihn der
+Oberlehrer in sein Zimmer rufen. »Herr Dohrmann hat sich krank
+gemeldet,« sagte er, »und wird voraussichtlich in acht Wochen nicht
+kommen können. Ich habe Sie zu seiner Vertretung ausersehen.
+Übernehmen Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen
+rechtfertigen werden.« Asmus konnte vor Überraschung nicht sprechen;
+er nickte nur stumm und verließ das Zimmer.
+
+Als er draußen stand, war sein erstes Gefühl ein wirbelnder Jubel.
+Lehrer! Er sollte Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er
+vorstehen, er ganz allein! Er wußte im nächsten Augenblick selbst
+nicht, wie er die drei Treppen zum obersten Stockwerk hinaufgekommen
+war. Und als er vor der Klassentür stand und die führerlosen Kinder
+lärmen hörte, da stak ihm das Herz, das noch eben so hoch geflogen
+war, tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, der kleinste und
+jüngste von den drei Präparanden, den kranken Lehrer vertreten? Warum
+nicht Morieux, der ein ganzes Jahr länger an der Schule war als er?
+Warum nicht Claus Münz, der Große und Starke, der den Kindern gewiß
+mehr imponierte als er? Er kannte ja nichts vom Unterrichten, rein gar
+nichts. Ach ja, er wußte wohl: alle in der Schule hielten ihn für
+außerordentlich ernst und gesetzt. Die Leiden, die Verfolgungen, die
+er als Knabe erduldet, hatten seinem Gesicht, seinem ganzen Wesen
+einen zusammengerafften, entschlossenen Ernst gegeben, und wer ihn
+nicht in vertrauten Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daß
+hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne stand. Er hatte gerade
+um jene Zeit auf Menschen solcher Art in schwerhinwandelnden Versen
+ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte er »Erscheinung«.
+
+ Eine düstre Wolke seh’ ich schwimmen
+ Durch den abendlichen Himmelsraum.
+ Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen
+ Zarte Lichter wie ein Flockensaum.
+
+ Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen
+ Ragt die Wolke hoch in den Azur,
+ Doch um ihre Stirne lichtgetroffen
+ Hängt des Alpenglühens Rosenflur.
+
+ Denn verborgen hinter jener Mauer
+ Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts,
+ Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer,
+ Blickt nach dort verklärten Angesichts.
+
+ Also sah ich düstre Menschenstirnen
+ In den Grenzen dieser Erde auch:
+ Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen
+ Eines fremden Lichtes leiser Hauch.
+
+ Augen sah ich, die dem Hier entrinnen,
+ Das mit Tränenschatten sie umhüllt;
+ Doch versunken war ihr Blick nach innen
+ Und von dort mit sel’gem Glanz erfüllt. –
+
+Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten Blick, ein
+überirdisches Angesicht, weil er das für erhabener hielt und er damals
+gerade ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler werden wollte; in
+Wirklichkeit aber sprang seine Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens
+mit frischen Jugendbeinen auf der Erde umher. Das wußten die in der
+Schule nicht. Sie schrieben ihm auch weit größere Kenntnisse und
+Fähigkeiten zu, als er besaß, und das machte ihm Unbehagen, weil es
+ihm vorkam, als täuschte er sie, als müßte er seine Kenntnisse einmal
+alle aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch legen, damit sie
+sähen, wie wenig er wisse und könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben
+stand er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der Unberufenheit.
+
+Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er endlich die Klassentür auf. Er
+stand vor den Kindern.
+
+Sie verstummten vor Überraschung. Was will _der_ denn, dachten sie.
+Asmus gebot ihnen, ihre Sachen unter den Tisch zu legen und sich
+ordentlich hinzusetzen. Sie gehorchten; aber einige duckten sich
+hinter den Rücken des Vordermannes und kicherten, weil der kleine
+Schreiber aus dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister sein wollte. Da
+steckte Asmus von seinen ernsten Gesichtern das allerernsteste auf und
+sah den Aufsässigen ruhig in die Augen – da saßen sie still und ohne
+Laut. Das fühlte er sofort, die Zügel in der Hand behalten, das war
+nicht so schwer; aber das Unterrichten!
+
+Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für die einfachste Sache von
+der Welt. Man sagt den Kindern, was sie wissen sollen, und dann wissen
+sie’s ja! Aber man soll ihnen gar nichts sagen, das ist’s ja gerade!
+Alles sollen sie selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll man’s
+aus ihnen herausholen; so verlangt es das »erotematische« oder
+»katechetische« oder »heuristische« Lehrverfahren. Asmus kannte diese
+gelehrten Vorschriften wohl; aber als er nun vor den sechzig
+Gesichtern stand, wußte er nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle
+er den Kindern über ein meilenbreites Wasser die Hand reichen. Und
+wenn ihm vorher das Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er
+jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den Schuhen, eines im Halse,
+das ihn würgte, eines in der Brust, das ihm wehtat und eines in der
+Darmgegend. Und nun kamen überdies noch Münz und Morieux herein; denn
+es war Brauch, daß, wenn ein Präparand unterrichtete, die andern
+zuhörten und hernach ihre Kritik übten. Wie ein Doppelbeckmesser
+mußten sie aufpassen, ob auch alle Fragen des Katecheten mit »#W#«
+anfingen (denn so verlangt es das »System«), ob Asmus auch keine
+»Wahlfragen« stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja oder Nein
+zu antworten brauchte, die also die Schüler zum Raten verleiteten, ob
+er auch rechtzeitig zusammenfasse und wiederhole, ob er auch alle
+Kinder gefragt habe, bevor er eins zum zweitenmal frage, ob er auch
+tadle, wenn ein Schüler beim Fingerzeigen aus der Bank trete, ob er
+auch bemerkt habe, daß Müller sich in vereinfachter Manier die Nase
+geputzt habe usw.
+
+Asmus sollte zunächst eine Anschauungsstunde geben, und er holte sich
+aus dem kleinen Schulmuseum einen ausgestopften Fuchs, der aber dank
+der Kunst des Ausstopfers den Hinterleib einer feisten Katze hatte.
+
+»Was ist das?« fragte Asmus.
+
+»Das ist ein Hund,« antwortete ein Schüler; denn die Stadtkinder
+kannten keinen Fuchs.
+
+Statt nun an diese nicht ganz unrichtige Antwort anzuknüpfen und den
+Fuchs zunächst als Hund zu behandeln, oder aber mit Eleganz darüber
+hinwegzugehen und einen anderen zu fragen, biß sich Asmus sofort in
+diese Antwort fest.
+
+»Nein, ein Hund ist das nicht,« sagte er, »woran sieht man, daß es
+kein Hund ist?«
+
+»Er hat gar keinen Maulkorb um!« rief ein kleiner Bursche.
+
+»Haben denn alle Hunde Maulkörbe?« fragte der junge Präzeptor. (O weh,
+eine »Wahlfrage!«)
+
+»Nein,« riefen viele Kinder. (O weh, der Präzeptor duldete, daß die
+Schüler im Chor antworteten, ohne es zu tadeln! Münz und Morieux
+notierten eifrig in ihren Heften.)
+
+»Wozu gehört der Maulkorb also gar nicht?«
+
+»Der Maulkorb gehört gar nicht zum Hund,« sagte ein Schüler.
+
+Das genügte Asmus nicht so ganz. Er wollte den Irrtum beseitigen, daß
+der Maulkorb ein organischer Bestandteil des Hundes sei (er wußte, daß
+die Kinder auch das Hufeisen für einen Teil des Pferdehufes halten),
+er wollte die Antwort: »Der Maulkorb gehört nicht zum Körper des
+Hundes;« aber wie sollte er aus diesen Kleinen das Wort »Körper«
+herauskatechisieren? Sollte er fragen: »Ist der Maulkorb etwa ein
+Körperteil des Hundes?« Nein, das durfte er nicht, das war eine »Ja-
+und Nein-Frage«. Er versuchte es auf mancherlei Weise; denn er meinte,
+jeder auftauchende Irrtum müsse sofort und gründlich beseitigt
+werden; aber das ersehnte Wort kam nicht. So biß er sich im Maulkorb
+des Hundes fest und war noch immer nicht beim Fuchs, obwohl er schon
+am ganzen Körper schwitzte.
+
+Endlich mußte er das Rätsel doch aufgeben, und so war Zeit und Mühe
+verloren.
+
+»Also ein Hund ist das nicht. Woran sieht man das?«
+
+Da stand ein Genie auf und sagte:
+
+»’n Hund hat nicht solchen Schwanz!«
+
+»Na also!« jubelte Asmus, und in seiner Freude über das erlösende Wort
+vergaß er, daß das Genie »’n Hund« statt »ein Hund« gesagt hatte. Münz
+und Morieux notierten das.
+
+
+
+
+XII. Kapitel.
+
+Asmus ringt gewaltig mit einem Schüler wegen eines Frosches: er
+empfängt Rippenstöße, und der gewisse Seybold besteht das Examen.
+
+
+Aber schon von der nächsten Stunde ab mußten Münz und Morieux wieder
+Listen und Protokolle schreiben, und Asmus sprach mit seinen Schülern,
+wie ihm der Schnabel gewachsen war. Und sieh, mit einem Male ging
+alles freier und besser. Wenn er sich nun aus dem Schulmuseum einen
+Hasen geholt hatte, so erinnerte er sich jenes Lehrers, bei dem er
+gern gehorcht hatte und der auch nicht immer im Stechschritt des
+Systems gegangen war. Er sang ihnen vor allen Dingen Lieder vom Hasen
+vor:
+
+ »Als der Mond schien helle,
+ Kam ein Häslein schnelle«
+
+und
+
+ »Gestern abend ging ich aus,
+ Ging wohl in den Wald hinaus«
+
+und
+
+ »Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal
+ Saßen einst zwei Hasen«
+
+und nachdem ihnen Herr Lampe mit so vorzüglichen Empfehlungen
+vorgestellt war, schauten sie ihn mit ganz anderen Augen an. Und als
+Asmus heraushaben wollte, daß der Hase ein Säugetier sei, da fragte er
+sie:
+
+»Was für ein Vogel ist denn der Hase?« Halloh, da gingen sie fast über
+die Bänke vor Lachen und Weisheit und riefen: »Das ist ja gar kein
+Vogel!« und erklärten ihm mit Begeisterung, warum der Hase kein Vogel
+sei! O Gott, wenn Münz und Morieux, und gar der Herr Oberlehrer
+dagewesen wären! Überhaupt fand er, daß es den Kindern ein besonderes
+Vergnügen bereitete, wenn er sich recht dumm stellte und sich dann von
+ihnen aufklären ließ. Der alte Sokrates kannte seine Leute.
+
+Natürlich stieß er trotzdem noch täglich, ach, stündlich in seinem
+Fahrwasser auf Klippen, Untiefen und Stromschnellen. Da hatte er ihnen
+das Märchen vom Froschkönig und dem eisernen Heinrich erzählt. Der
+Frosch hatte der Königstochter ihren goldenen Ball aus dem Brunnen
+geholt unter der Bedingung, daß er mit ihr an einem Tische essen und
+in einem Bettchen schlafen dürfe. Und sie hatte es ihm doch hoch und
+heilig versprochen. Als nun der Frosch ins Schloß kam, wollte sie ihr
+Königswort nicht halten. Das ist mit Königsworten öfters so, ist aber
+unsittlich. Und Asmus wollte entwickeln, daß man sein Wort halten
+müsse, und wenn es auch noch so schwer sei.
+
+»Warum wollte sie denn nicht mit dem Frosch zu Bett gehen?« fragte
+Asmus einen Schüler.
+
+»Ich weiß nicht,« sagte der.
+
+»Möchtest Du denn einen Frosch im Bett haben?«
+
+»Ja!« rief das Bürschchen begeistert.
+
+Hm. Das war ein unerwartetes Hindernis. Aber Asmus besann sich.
+Vielleicht sprach das Kind so aus ethischen Erwägungen. Es meinte wohl
+im stillen: wenn ich es versprochen hätte.
+
+»Schön,« fuhr der Magister fort, »du möchtest also bei einem Frosch
+schlafen. _Aber doch nur wann?_«
+
+»Immer!« versetzte strahlend der Gefragte.
+
+Hm, hm. Wie sollte man diesem perversen Individuum die Moral der
+Geschichte begreiflich machen? Man mußte einfach die Segel streichen.
+Der kluge Magister begriff erst später die Freude der Kinder an allem
+Spiel mit den Tieren.
+
+Aber solche und ernstere Schwierigkeiten erhöhten gerade die Lust an
+der Arbeit, und er widmete sich ihr auch mit so viel körperlichem
+Eifer, daß er infolge des vielen Sprechens von einer Heiserkeit in die
+andere fiel. Überdies kam der erkrankte Lehrer nicht wieder, aus den
+acht Wochen wurde ein Vierteljahr, aus dem Vierteljahr ein halbes.
+Asmus hatte morgens eine Stunde weit zur Schule und ging mittags
+denselben Weg zurück. Dann aß er eilig zu Mittag und ging abermals zur
+Schule, um den Nachmittagsunterricht zu erteilen. Danach begab er
+sich von der Schule ins Präparandeum, und abends hatte er eine gute
+Stunde nach Hause. Dann erst konnte er an seine Präparationen für
+Schule und Präparandeum gehen. Das machte etwa elf Stunden Arbeit und
+fünf Stunden Marsch. Aber Asmus war noch immer tief davon
+durchdrungen, daß der Schlaf ein eingebildetes Bedürfnis sei, eine
+Überzeugung, die er bald genug ablegen sollte. Einstweilen aber ging
+er nicht nur jeden Sonnabend zu Bockholm ans Klavier, er machte auf
+seinen Wanderungen auch noch Gedichte, die den Beifall Lauras, nämlich
+Fräulein Wieselins, und der beiden Leonoren fanden.
+
+Nur einen Menschen gab es, dem die vielfältige Beschäftigung Asmussens
+Sorge machte, und das war seine Mutter. Nicht, daß sie für seine
+Gesundheit gefürchtet hätte, – seine vollen, roten Wangen ließen
+solche Befürchtungen nicht aufkommen, – nein, sie bangte wegen des
+bevorstehenden Abgangs-Examens. Im nahen März sollte Asmus ins Seminar
+übergehen, und sie fürchtete, daß er sich bei so viel Arbeit nicht
+ordentlich vorbereiten könne und dann womöglich durchfalle. Und sie
+schickte heimlich einen Seminaristen aus der Bekanntschaft ab, der
+sich bei einem Lehrer des Präparandeums nach den Aussichten ihres
+Sohnes erkundigen sollte. »Zu Hause sagt der Bengel ja nichts,« klagte
+sie. »Er macht auch Gedichte; aber meinen Sie, er zeigt sie uns? Wenn
+ich nicht mal eins in seiner Schublade finde, erfahren wir nichts
+davon.«
+
+Seine Gedichte zu Hause zeigen, – nein, das brachte Asmus nicht über
+sich. Eine Scham, die er sich selbst nicht deuten konnte, hielt ihn
+davon zurück. Wir mögen auf der Gasse nicht im Nachtgewand und daheim
+nicht in der #Toga palmata# erscheinen.
+
+Jener geheime Emissär geriet an den Lehrer für deutsche Sprache und
+Literatur, einen großen Mann mit einer prachtvollen Römerglatze und
+energischen Zügen, die lieber dem Spott als der Liebenswürdigkeit
+dienten. Er maß den Frager von oben bis unten mit höhnischem Blick und
+sagte dann: »Ja, wenn wir den durchfallen ließen, wen sollten wir dann
+bestehen lassen?«
+
+Dieser Bescheid beruhigte Frau Rebekka einigermaßen, aber keineswegs
+vollständig. Als der erste Tag des schriftlichen Examens anbrach,
+strich sie unaufhörlich mit liebkosenden Händen an ihrem Sohne auf und
+ab, als ginge er den Weg zum Schafott und kehre nicht mehr zurück. Als
+ihn acht Tage später der Mann mit der Römerglatze auf die Seite
+genommen und mit spöttischem Lächeln gesagt hatte: »Ich gratuliere
+Ihnen. Sie haben den besten Aufsatz geschrieben,« da brachte er
+fliegenden Laufes wie der Bote von Marathon seiner Mutter die
+Nachricht, damit sie sich beruhige. Und wirklich wurde sie etwas
+ruhiger.
+
+Ludwig Semper konnte zu der Unrast Rebekkens immer nur lächeln. »Du
+bist nicht gescheit,« sagte er kopfschüttelnd und blickte zum Fenster
+hinaus in die Ferne.
+
+Asmus aber war aus Sicherheit und Unruhe wunderbar gemischt. Er
+pflegte weder sich noch anderen Demutsflausen vorzumachen und sagte
+sich wohl: »So viel wie die anderen weiß ich auch«; aber alles Leben,
+das er noch nicht kannte, stellte er sich als Wunder vor, als gutes
+oder schlimmes Wunder, und das Examen rechnete er vorläufig zu den
+schlimmen. Er dacht’ es sich im Grunde als eine Lotterie, die der
+Zufall entschied; er stellte sich vor, daß Dr. Korn, der als Direktor
+natürlich alles wußte, oder Herr Stahmer, der ebensoviel wußte, ihm
+die abenteuerlichsten Fragen vorlegen könnten, die schwersten Fragen,
+an die er nie gedacht, und dann war ihm ungefähr zumut wie dem armen
+Gretchen beim #dies irae#.
+
+ #Quid sum miser tunc dicturus
+ »Quem patronum rogaturus?«#
+
+Vielleicht war er der unruhigste von allen Examinanden. Sein
+Platznachbar Seybold z. B. schrieb im schriftlichen Examen einfach
+alles nach, was er mit seinen vortrefflichen Augen von Sempers
+Schriftstücken ablas, und war darum viel ruhiger als dieser. Ja,
+dieser Jüngling setzte ein so heiteres Vertrauen in die Kräfte seines
+Nebenmannes, daß er noch unmittelbar vor der naturgeschichtlichen
+Prüfung im Bücherschrank der Klasse von möglichst dicken Wälzern nach
+dem System »Mausefalle« einen babylonischen Turm errichtete, der bei
+der geringsten Erschütterung durch die angelehnte Schranktür ins
+Zimmer stürzen mußte. Der Campanile brach denn auch mit wunderbarer
+Präzision und furchtbarem Getöse zusammen, als Papa Hamann gerade die
+Frage von den Monocotyledonen und den Dicotyledonen diktierte.
+Natürlich mußte Asmus Semper wieder prusten, und als Papa Hamann ihn
+lachen sah, sagte er:
+
+»Themper, thie gehen mit einem geradethu thträflichen Leichtthinn inth
+Ekthamen!«
+
+In der mündlichen Prüfung war Seybold freilich erheblich unruhiger,
+und wenn der Examinator sich seinem Platze näherte, stieß er Sempern
+so heftig in die Rippen und trat ihm so deutlich auf den Fuß, damit er
+ihm aushelfe, daß Asmus noch drei Tage nachher die blauen Flecke
+beobachten konnte. Nun konnte er zwar nicht einblasen, wenn er sich
+nicht selbst ans Messer liefern wollte; aber der gute Seybold bestand
+trotzdem, und Asmus stellte ernste Erwägungen darüber an, warum man
+eigentlich Examina vornähme, wenn auch die Seybolde durchkämen.
+
+
+
+
+XIII. Kapitel.
+
+Frühlings- und Ferienlust; Wiederauftreten des Herrn Morieux; ein
+längerer Blick der »Dame in Trauer«, ein Aufstieg ins Gebirge und ein
+Gärtner mit einer Schere.
+
+
+In der Tat, das einzige Gute, das solche Prüfungen haben, sind die
+Ferien, die sich ihnen gewöhnlich anschließen. Drei Wochen hatte er
+nun frei – er warf sich daheim aufs Sofa und streckte die Beine, als
+wenn er sie gleich durch die ganzen drei Wochen hindurchstrecken
+wollte. Und auch gefeiert wurde er! Frau Rebekka, die nun endlich ganz
+beruhigt war, fragte ihn feierlich, was er denn heute essen wolle. Das
+war noch nicht dagewesen. Und Asmus nahm seinen Flug bis zum Gipfel
+der Imagination und sagte nach einigem Erwägen: »Pfannkuchen mit
+Pflaumenmus.« »Sollst du haben,« sagte Frau Rebekka und flog in die
+Küche an den Herd.
+
+Was sein Vater ihm gab, war anderer Art. Asmus saß mit einem Buch an
+seinem gewohnten »Schreibtisch«, und Ludwig Semper saß an seinem
+Arbeitstisch und machte Zigarren. Und obwohl Asmus ihn nicht ansah,
+wußte er wieder ganz genau, daß die Augen seines Vaters auf ihm
+ruhten, und er hütete sich wohl, den Blick zu erheben und die
+zärtlichen, sommerwarmen Augen seines Vaters zu verscheuchen. Er las
+nicht mehr, er sah immer auf dasselbe Wort und dehnte sich in der
+Juliwärme dieses Blickes, dehnte sich langsam, kaum merklich, aus
+Furcht, die Sonne möcht’ es merken und sich verhüllen; er fühlte sich
+von einem heiligen Licht umflossen und sah in diesem Licht wie goldene
+Stäubchen die Millionen seligen Erinnerungen seiner Kindheit wirbeln.
+
+Und noch ein andres Herzensglück sollten diese Tage ihm bringen. Als
+Asmus eines warmen Frühlingstages am Fenster stand und auf seiner Zehn
+Marks-Geige nach einer Notenschrift in den Wolken fantasierte, wurde
+heftig geklopft. Im selben Augenblick sprang auch schon die Tür auf,
+und wer trat herein? Morieux. Morieux mit bleichem, verzerrtem Gesicht
+und weit vorgestreckter Hand.
+
+»Ich wollte dir die Hand zur Versöhnung bieten,« sagte er.
+
+»Bravo!« rief Asmus, indem er klatschend einschlug, »wie geht’s dir?
+Was machst du? Komm, setz’ dich ins Sofa! Steck’ dir eine Zigarre an,
+eine feine Brasil. Trinkst du lieber Bier oder Kaffee?«
+
+Er war nahe daran, seinem Freunde Kost und Logis für drei Monate
+anzubieten; denn er mußte reden, um seiner Gemütsbewegung Herr zu
+werden. Er schämte sich viel mehr als sein Freund; er war über und
+über rot geworden, lief planlos im Zimmer hin und her und stellte
+seinem Gast die beiden besten Stühle hin, obwohl er ihn ins Sofa
+gebeten hatte.
+
+Morieux fing an, von seinem Verschulden zu sprechen.
+
+»Aber ich bitte dich!« rief Asmus, »sprich nicht davon. Wenn ich mich
+vertrage, hab’ ich alles Vergangene vergessen. Ich hatt’ es sowieso
+schon vergessen. Da – hier – spiel’ mir was vor!« Er drückte ihm die
+Geige in die Hand. »Bitte, bitte, die F-Dur-Romanze!«
+
+Und Beethovens Töne schwemmten alle Kleinigkeiten hinweg.
+
+Drei Wochen sollte er so genießen! Was konnte man da für Spaziergänge
+machen, für Bücher lesen, für Duette spielen, für Gedichte machen – es
+war nicht auszudenken! Ganze Epopöen konnte man dichten! Er begann
+auch sofort mit einer breit angelegten Dichtung »Niobe«, in der die
+vierzehn Kinder der bejammernswerten Tantalstochter einzeln starben.
+Ach ja, Ferien waren doch noch schöner als die schönsten
+Unterrichtsstunden! Auch als Junge war er – wenn seine Mitschüler ihn
+nicht peinigten – mit Lust zur Schule gegangen, ja, die Geschichts-
+und Geographie- und Physikstunden des Herrn Cremer waren ihm zuzeiten
+das Liebste auf der Welt gewesen; aber das Allerliebste blieben doch
+die Ferien. Als er noch in der Klasse des Herrn Rösing gewesen war, da
+war eines Morgens ein Lehrer gekommen und hatte gesagt:
+
+»Ihr könnt wieder nach Hause gehen, Herr Rösing ist krank.«
+
+»Hurra!« hatte die ganze Klasse geschrien. Da hatte der Lehrer
+gerufen: »Jungens, seid ihr des Teufels? Wenn euer Lehrer krank ist,
+brüllt ihr Hurra?«
+
+Aber das war eine tendenziöse Zusammenstellung. Sie dachten gar nicht
+an die Krankheit des Herrn Rösing; sie dachten nur an ihre Freiheit.
+Sie gönnten dem Lehrer jedes Wohlbefinden, wenn er nur nicht kommen
+wollte. Und auch Asmus hatte Hurra geschrien ...
+
+Aber seine Ferien waren noch nicht ganz; einige Tage mußte er noch in
+die Schule zum Unterrichten, und dann mußte er noch eine Prüfung
+ablegen: prüfend sollte er geprüft werden. Da der kranke Lehrer noch
+immer nicht wieder erschienen war, so mußte Asmus »seine« Klasse bei
+der öffentlichen Prüfung vorreiten. Das war wieder eine bange Stunde;
+denn hinter ihm, neben ihm, an den Wänden entlang und auf den Bänken
+der Kinder saßen und standen sämtliche Damen und Herren des
+Kollegiums. Auch Laura war natürlich da und die beiden Leonoren; und
+ganz hinten auf der letzten Bank saß Beatrice, oder, wie sie
+eigentlich hieß: Hilde Chavonne. Sie hatte zum ersten Male die Trauer
+abgelegt, wenn auch nur in ihren Kleidern; sie trug ein leuchtend
+braunes Kleid, und in diesem Kleide, mit ihrem reichen braunen Haar
+und ihren melancholisch-braunen Augen war sie brünetter, hübscher und
+stolzer denn je. Und mit einem Male sprang in Asmussens Seele ein
+Imperativ empor: dieser Stolzen sollst du imponieren. Den Blick dieses
+Mädchens wählte er sich zum Leitstern durch die schwere Stunde, und
+nichts gibt der Arbeit eines Siebzehnjährigen einen feurigeren
+Aufschwung, als wenn auf ihr der Blick eines Weibes ruht.
+
+Als die Prüfung vorüber war, sagte der Oberlehrer nichts; er wiegte
+nur wohlwollend auf und ab das Haupt. Als die Damen das Zimmer
+verließen, sah Asmus, daß Fräulein Chavonne sich mit einer Kollegin
+über ihn unterhielt; denn diese blickte ihn wiederholt von der Seite
+an; Hilde Chavonne aber heftete, bevor sie hinausschritt, noch einmal
+den Blick auf ihn, als habe sie den kleinen Herrn erst heute kennen
+gelernt, und was das Merkwürdige war: sie wandte den Blick nicht weg,
+wie es sonst die Mädchen zu tun pflegen, wenn der Blick eines
+Jünglings ihrem beobachtenden Auge begegnet; nein: offen, fest und
+ernst blickte sie ihm ins Auge.
+
+Nach völlig beendigter Prüfung wollte Semper sich von den Herren des
+Kollegiums verabschieden.
+
+»Was fällt Ihnen ein!« rief einer der Herren, »Sie müssen mit uns.«
+
+Asmus erklärte, er könne nicht, er habe »furchtbar viel zu tun,« und
+als der joviale Herr ihn nicht lassen wollte, sagte er leise: »Ich
+habe kein Geld.«
+
+»Wofür halten Sie mich denn?« rief der Lehrer lachend, »wenn ich Sie
+einlade, brauchen Sie doch kein Geld.«
+
+Nun ging es in eine halbländliche Kneipe, wo man in Lauben saß und der
+Wirt noch ein Käppchen trug. Asmus war glücklich und stolz; die Herren
+behandelten ihn nicht nur als Kollegen, sie nannten ihn sogar so. Und
+sie waren über die Maßen lustig und erzählten sich in seiner Gegenwart
+die ausgelassensten Schnurren. Asmus saß mit weit offenen, lachenden
+Augen da. Er hatte mit jener scheuen Ehrfurcht, die er vor allem
+Unbekannten hegte, diese Herren für Halbgötter gehalten, die hoch über
+der Lust gewöhnlicher Sterblicher dahinwandelten. Die Entdeckung, daß
+sie fröhliche Menschen waren, war ihm ein fröhliches Wunder. So
+gefielen sie ihm noch viel besser.
+
+Einer der Herren zog Asmus in ein Gespräch über Rousseau. Er meinte,
+das Leben Rousseaus sei tadelnswert und seine Theorien seien nicht
+ausführbar. Aber Asmus war schon beim dritten Glas und verteidigte
+seinen Liebling wie eine Löwin ihr Junges. Rousseau sei der beste der
+Menschen gewesen, und alle seine Ideen seien ausführbar, wenn man nur
+wolle.
+
+»Na, Herr Semper,« warf ein etwas eingetrockneter Herr aus der Runde
+ein, »darüber können Sie doch wohl noch nicht urteilen.«
+
+»Wissen Sie, was Schiller sagt?« rief Asmus.
+
+»Nee,« sagte der Herr.
+
+Und Asmus rezitierte mit hochgeröteten Wangen:
+
+ »Monument von unsrer Zeiten Schande,
+ Ew’ge Schmachschrift deiner Mutterlande,
+ Rousseaus Grab, gegrüßet seist du mir!
+ Fried’ und Ruh’ den Trümmern deines Lebens!
+ Fried’ und Ruhe suchtest du vergebens;
+ Fried’ und Ruhe fand’st du hier.
+
+ Wann wird doch die alte Wunde narben?
+ Einst war’s finster, und die Weisen starben;
+ Nun ist’s lichter, und der Weise stirbt.
+ Sokrates ging unter durch Sophisten,
+ Rousseau leidet, Rousseau fällt durch Christen,
+ Rousseau – der aus Christen Menschen wirbt.«
+
+Die Worte »Schande«, »Schmachschrift«, »Sophisten« und »Christen«
+hatte Asmus mit anzüglicher Betonung hervorgehoben.
+
+»Ja, das ist ja sehr formvollendet,« sagte der Gedörrte mit einer
+empörenden Kälte, »aber Schiller ist für mich auch nicht maßgebend.«
+
+»Was? Schiller –?«
+
+Asmus wollte aufspringen; aber jener andere Herr legte ihm die Hand
+auf die Schulter und sagte: »Ich werde Ihnen mal Rousseaus
+»Bekenntnisse« leihen; die werden Sie interessieren.«
+
+»O ja! Herzlichen Dank!« rief Asmus, und am nächsten Tage stürzte er
+sich in die »Bekenntnisse«.
+
+Das war Öl ins Feuer. Den Kopf in beide Hände vergraben, las er
+stundenlang mit heißen und heißeren Wangen. Da plötzlich sprang er
+auf, warf die Arme nach beiden Seiten und rief ganz laut: »O Gott – o
+Gott!« Er hatte die Stelle gelesen, wo Rousseau sich vor dem Leser zu
+jenem Diebstahl bekennt, den er hartnäckig geleugnet hat. Wohl eine
+Stunde lang stürmte Asmus im Zimmer auf und ab, oder er warf sich ins
+Sofa, vergrub das Gesicht in beide Hände und atmete schwer. Welch ein
+Mut, welch ein Wahrheitsmut! Welch eine erschütternde Liebe zur
+Wahrheit! Asmus wollte weiterlesen; aber kaum hatte er das Buch
+berührt, so schlug er es heftig zu. Er konnte nicht weiterlesen; eine
+geheimnisvolle Macht verwehrte ihm, die heiligste, größte Stunde
+seiner Jugend selbst zu töten. Er lief ins Freie, rannte durch Felder
+und Wiesen und sah von Feldern und Wiesen nichts; er füllte nur eine
+unaufhörliche Brandung gegen die Wände seines Herzens schlagen. Gegen
+Abend kehrte er ruhiger nach Hause zurück. Wieder schlug er das Buch
+auf, und langsam, zärtlich, mit ferngewandtem Blick machte er es
+wieder zu. Wie der Bergwanderer, der einen höchsten Grat erstiegen und
+nun die freie und reine Herrlichkeit der Täler und Gipfel erschaut,
+sich nicht entschließen kann, wieder dort hinabzusteigen, wo alles das
+ihm entschwinden wird, so konnte es Asmus nicht über sich gewinnen,
+die Höhe zu verlassen, wo himmlische Luft sein Herz durchbraust hatte.
+
+Und zu diesem Rousseau würde nun bald im Seminar Pestalozzi kommen und
+Comenius und die Alten: Plato, Aristoteles, die Kirchenväter – er
+hatte Einblick in den Lehrplan des Seminars bekommen – ach: was gab es
+da nicht alles in der Psychologie, in der Logik, in der Methodik, in
+Literatur und Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften – ihm
+lief das Wasser im Munde zusammen wie einem Schlemmer, der vom
+Gastmahl des Trimalchion liest, von einem jener römischen Gelage, wo
+ganze Ochsen und Eber auf goldenen Wagen herangefahren wurden und
+Speisen und Getränke aus der Decke, aus den Wänden und aus dem Boden
+hervorkamen. Das alles, was da in dem Lehrplan stand, sollte er
+studieren dürfen, bis in die tiefsten Schachte der Wissenschaft
+hinein, und zu Hause würde er noch Zeit haben, noch ebensoviel dazu zu
+lernen –
+
+ »O Erd’, o Sonne,
+ O Glück, o Lust!«
+
+das war der tägliche Text seines Herzschlages, die immer
+wiederkehrende Melodie seines Gedankenreigens. Was sich draußen golden
+und grün über Felder und Hecken breitete und was sich golden und grün
+über unendliche Fluren in seinem Herzen dehnte: es war derselbe
+Frühling, derselbe lerchenfrohe Lebensmorgen.
+
+Der alte Moor fiel ihm ein, der, seines Erstgeborenen gedenkend,
+erzählt: »Da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel und
+rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?«
+
+Im Übermute seines Herzens mußte er es still in sich hineinrufen: Bin
+ich nicht ein glücklicher Mann?
+
+Freilich: der alte Moor war dann nichts weniger als glücklich
+geworden.
+
+»Aber ich bin glücklich!« rief Asmus in sich hinein »und ich werde
+glücklich sein, ich weiß es.«
+
+Mit solchen Empfindungen überschritt er an einem Aprilmorgen zum
+ersten Male die Schwelle des Seminars.
+
+Er hörte nicht die Schere klingen, die Schere des Gärtners, der
+herankam, sein Glück zu beschneiden.
+
+
+
+
+Zweites Buch
+
+Arbeit und Kampf
+
+
+
+
+XIV. Kapitel.
+
+Der Gärtner beginnt, seine Schere zu handhaben.
+
+
+Asmus war erst wenige Tage im Seminar, als er sich auf dem Heimwege,
+auf demselben Spielbudenplatze, der seine sonntäglichen Schwelgereien
+in nun vergangenen Tagen gesehen hatte, von einer weiblichen Stimme
+anrufen hörte.
+
+»Asmus, sei man nich so stolz!« rief die weibliche Stimme.
+
+Er fuhr aus seinen Gedanken auf und starrte in das Gesicht einer Frau,
+die ein Kind auf dem Arme trug.
+
+Ja, war’s denn möglich – das war ja Adolfine Moses, die mütterliche
+Gespielin früherer Jahre, die treffliche Sibylle, in deren Hexenküche
+er so manchen Buchweizenkloß gegessen hatte, die ihm die erste
+Nachricht vom Ausbruch des Krieges mit Frankreich gebracht hatte.
+
+»Kenns mich woll ganich mehr?« rief Adolfine und verzog lachend den
+Mund bis an beide Ohren.
+
+»Aber natürlich, Adolfine, natürlich kenn ich dich!« rief Asmus. Ihre
+Häßlichkeit war im wesentlichen nicht anders geworden, nur reifer.
+
+»Wie geht’s dir denn?«
+
+»Och, ich bin jetz verheirat’t. Dies is mein Jung; mags ihn leiden?«
+
+»Ja, natürlich,« sagte Asmus.
+
+»Was bist du denn geworden,« forschte Adolfine.
+
+»Ich will Lehrer werden,« antwortete Asmus.
+
+Da klaffte Adolfinens Mund wie eine Löwengrube, und sie lachte, daß es
+über den ganzen Platz hallte.
+
+»Bis woll verrückt!« schrie sie.
+
+Asmus sah sich unwillkürlich um. »Schrei doch nicht so!« rief er.
+»Natürlich werd’ ich Lehrer.«
+
+Aber es kostete viel Mühe, sie daran glauben zu machen. Und langsam
+und gradweise, wie sie ihm Glauben schenkte, öffnete sich wieder ihr
+Mund.
+
+»Kanns das denn alles in’n Kopf behalten?« fragte Adolfine. Sie dachte
+an ihre eigene Schulzeit.
+
+»Jaa – ziemlich,« versetzte er langsam. »Aber jetzt muß ich weiter.
+Adieu, laß dir’s gut gehen!«
+
+Er gab ihr die Hand; aber sie war jetzt sprachlos, und als er schon
+fünfzig Schritte weit war, stand ihr Mund noch immer offen. – –
+
+Hinter der Satyrmaske Adolfinens war das Schicksal verborgen gewesen
+und hatte gerufen: »Du bist wohl verrückt!« – – – –
+
+Das drohende Tabakmonopol und später die erhöhte Tabaksteuer lasteten
+schwer auf dem Gewerbe der Zigarrenmacher; wenigstens hatten die
+Fabrikanten die ohnedies bescheidenen Arbeitslöhne noch herabgesetzt.
+Der Urheber der Steuer nannte sich Bismarck, und dieser Bismarck wurde
+in den Stuben der Zigarrenarbeiter um dessen willen nicht geliebt.
+Aber dieser Bismarck hatte noch etwas anderes hervorgebracht, und das
+war das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie. Asmussens Bruder
+Johannes aber war leidenschaftlicher Sozialdemokrat. Nicht als Redner
+trat er hervor; aber er war im Vorstand der Ortsgruppe und wirkte
+still und begeistert für die Organisation. In harter Winterzeit machte
+er Agitationsreisen ins unberührteste Schleswig-Holstein, dorthin, wo
+die Landbevölkerung den »Dezimalkroaten« Unterkunft und Nahrung
+weigerte und sie nicht selten mit Hofhunden an Leib und Leben
+bedrohte.
+
+Einmal aber trat Heinrich Moldenhuber, der »Wolkenschieber« oder, wie
+ihn Ludwig Semper ob seiner sturmgeschwellten Rockschöße gewöhnlich
+nannte: Heinrich der Seefahrer ins Arbeitszimmer der Semper und sagte
+mit stoischem Lächeln:
+
+»Ich bin ausgewiesen.«
+
+Man glaubte anfangs, er scherze. Aber er zeigte lächelnd den
+Ausweisungsbefehl. Und man begriff noch immer nicht. Wie? Dieses
+neunundzwanzigjährige Kinderherz sollte »gemeingefährlich« sein? Wie?
+dachte Asmus, dieser Mann, der zu den besten Stücken meiner Jugend und
+meiner Heimat gehört – den verbannt man aus seiner Heimat? Gewiß würde
+Moldenhuber auch auf der Barrikade seine Schuldigkeit getan haben;
+aber nie würde er aufgefordert haben, eine zu bauen; er würde viel
+mehr versucht haben, den Fürsten Bismarck oder den das Standrecht
+ausübenden General von seinem Irrtum und von der Richtigkeit der
+sozialistischen Lehre zu überzeugen.
+
+Aber alles Verwundern half nichts gegenüber der brutalen Tatsache.
+
+»Wohin willst du denn?« fragte Ludwig Semper.
+
+»Nach Amerika,« antwortete Moldenhuber ruhig.
+
+Nach Amerika! Der Wolkenschieber nach Amerika! Das war so, als wenn
+Hölderlin auf die Hamburger Börse gegangen wäre, um hinfort in Kaffee
+zu spekulieren. Ludwig Semper riet ihm dringend ab; aber der Seefahrer
+war heiter entschlossen. Fast schien es, als ob ihm die
+Schicksalswendung willkommen wäre und er sich auf die Entdeckung
+Amerikas durch Heinrich den Seefahrer freue. Was konnte ihm geschehen?
+Nahm er nicht seine Dichter und Philosophen überallhin im Kopfe mit?
+Und für eine Bücherkiste war wohl auch noch Platz im Zwischendeck.
+
+Amerika! Asmussens Brüdern, Johannes und Alfred, hatte dies Land schon
+oft vor der Seele gestanden als ein Bereich, wo man aus dem ewigen
+Schuften und Sorgen herauskomme, wo brauchbare Arbeit einen
+reichlichen Lohn finde. Der Entschluß, dahin auszuwandern, war immer
+wieder verschoben worden; denn diese Heimat mit all ihrem Schuften und
+Sorgen übte ihre stille Kraft. Aber die Polizei kam ihrer
+Unentschlossenheit zur Hilfe. Ein Beamter, der Ludwig Sempern
+freundlich gesinnt war, teilte ihm unter der Hand mit, daß auch sein
+Sohn Johannes auf der Proskriptionsliste stehe und demnächst
+»drankomme«. Vielleicht ziehe er es vor, noch vordem auszuwandern.
+
+Das gab einen Aufruhr im Hause Semper! Frau Rebekka sprach sich über
+Thron und Altar, über Bismarck und die Polizei in einer Weise aus, die
+ihr gegebenen Falles 100 Jahre Gefängnis gesichert hätten, und im
+stillen weinte sie. Ludwig Semper trug das Unglück schweigend wie
+immer, nur warf er öfter als sonst das linke Bein über das rechte und
+bewegte heftig die Lippen, und nur einmal rief er: »Die Narren, wenn
+sie glauben, daß ihnen das was hilft!«
+
+Am muntersten nahm Alfred die Neuigkeit auf. Er wollte sofort mit
+seinem Bruder nach Amerika, obwohl ihn niemand forttrieb und obwohl
+er sich ein Sümmchen erspart hatte. Aber er wollt’ es »zu was bringen«
+und erbot sich, seinem Bruder das Geld für die Überfahrt zu leihen.
+
+Und Johannes schlug ein. Entschlossen, nach Amerika zu gehen, war auch
+er. Aber seine Entschlossenheit hatte zwei Gesichter, die in den
+nächsten acht Tagen oft miteinander wechselten. Das eine pflegte mit
+unternehmendem Blick durchs Fenster nach Westen zu sehen, das andere
+die Blicke wandern zu lassen über Wände und Winkel, Gassen und Felder
+in Haus und Heimat, von denen er scheiden sollte.
+
+
+
+
+XV. Kapitel.
+
+Asmus hört ein französisches Lied von deutschem Heimweh, gibt
+Privatstunden bei Lachtauben und Häschen und erhält sein erstes
+Dichterhonorar.
+
+
+Schon acht Tage später bewegte sich durch die Straßen von Oldensund
+und Altenberg ein Trupp von Auswanderern dem Hamburger Hafen zu. Außer
+Moldenhuber und Johannes Semper waren noch andere ausgewiesen worden;
+Europamüde hatten sich ihnen angeschlossen, und zahlreiche Verwandte
+und Freunde gaben ihnen das Geleite bis zu den Landungsbrücken. Man
+war auf gewisse Weise heiter; einige hatten ihrer Heiterkeit mit
+Alkohol auf die müden Beine geholfen. Man konnt’ es Heiterkeit nennen,
+wie man es Sonnenschein nennen kann, wenn durch unaufhörlich ziehende
+Wolken hin und wieder auf Minuten die Sonne mit stechendem Glanze
+hindurchblickt. Man sang sogar, man sang lustige Lieder; aber kein
+Mensch nahm sie lustig. Asmus ging eine Weile allein neben seinem
+Bruder Johannes. Sie sangen beide nicht mit; aber plötzlich sang etwas
+in Asmus. Er hatte es oft, daß plötzlich eine Melodie in ihm
+aufwachte, die er nur einmal gehört und die er dann wochenlang,
+monatelang vergeblich in seiner Erinnerung gesucht hatte. Vor mehr als
+einem Vierteljahr hatte er mit dem blinden Pianisten zusammen die
+»Fantastische Symphonie, op. 14« von Berlioz gehört. Und da hatte ganz
+besonders ein Gesang gedämpfter Geigen sich wie ein weicher, warmer
+Herbsttag ihm in das Herz gelegt. Er hatte sich die Worte gemerkt, die
+den Komponisten zu diesem Gesange angeregt hatten; aber die Melodie
+hatte er doch vergessen. Heute mit einem Male schlug jene wundersame,
+süß-traurige Weise die Augen auf.
+
+[Illustration:
+#/Largo./#
+
+Musiknoten
+
+Liedtext:
+#Je vais donc quitter pour jamais, mon doux pays, ma douce amie!#]
+
+sang es in ihm. Dann hörte er seinen Bruder sprechen.
+
+»Sobald ich drüben bin, schick’ ich meine Adresse; dann mußt du mir
+fleißig schreiben.«
+
+»Gewiß,« sagte Asmus.
+
+»Schreib mir sobald als möglich, wie es Vater und Mutter geht – sie
+werden allmählich alt.«
+
+»Ja, ja,« sagte Asmus nachdenklich.
+
+»Mach’ ihnen nur recht viel Freude. Sowie ich etwas übrig habe,
+schick’ ich auch Geld.«
+
+»Aber überarbeite dich auch nicht,« fügte Johannes noch hinzu. Dann
+schwiegen sie wieder. Und wieder hub in Asmus die sanfte, traurige
+Weise an:
+
+ #Je vais donc quitter pour jamais
+ Mon doux pays# – – –
+
+Endlich waren sie am Landungsplatz, und da griff der Anblick der
+vielen Hunderte von Zwischendeckspassagieren wie mit Krallen in
+Asmussens Herz. Er wußte ja von all diesen Leuten gar nicht, warum sie
+auswanderten, ob sie es gern oder ungern taten, was sie erhofften und
+was sie verließen; aber er sah in dieser ganzen Masse von Männern,
+Weibern und Kindern mit ihrer in Bündel geschnürten Habe nur ein
+großes Elend, ein großes, bitteres Elend, und zum ersten Male in
+diesen Tagen des Abschieds traten ihm heiße, reichliche Tränen ins
+Auge. Er trocknete sie schnell; denn es galt, Abschied zu nehmen und
+den Brüdern ein fröhliches, ermunterndes Gesicht zu zeigen. Der guten
+Frau Rebekka wollte fast das Herz brechen, und sie empfahl ihren
+Söhnen noch hundert Dinge, die sie nicht vergessen sollten; sie
+knöpfte Alfred den Rock zu und knotete Johannes den Schal fester um
+den Hals, um sie gegen die rauhe Seeluft zu schützen, die indessen von
+Hamburg noch fünf Stunden weit entfernt ist. Endlich fuhr das Schiff
+unter Hurrarufen und Winken der Zurückbleibenden davon.
+
+Als Asmus wieder daheim war, ging er heimlich ins Schlafzimmer, wie er
+von jeher getan, wenn er mit sich allein sein wollte. Er trat ans
+Fenster und blickte nach Westen. Wo werden sie jetzt sein, dachte er.
+
+ #Je vais donc quitter – – –#
+
+Die Melodie schlang sich wie ein Gewinde von Orangenblüten durch alle
+seine Gedanken.
+
+ #Je vais donc quitter pour jamais
+ Mon doux pays, ma douce amie!
+ Loin d’eux je vais trainer ma vie
+ Dans les pleurs et dans les regrets.#
+
+Das Lied paßte ja eigentlich gar nicht so recht zu diesem Tage: es war
+ein französisches Lied, und hier handelte es sich um eine deutsche
+Heimat; auch der Sinn der Worte paßte nur halb; aber die Töne, die
+Töne sangen ein wunderbares Heimweh, und sie folgten ihm bis in den
+Traum und bis in manchen folgenden Tag.
+
+Viel Zeit war indessen für wehmütige Stimmungen und Gedankenspiele
+nicht übrig; das Leben schickte sich an, unserm Seminaristen mit
+realen Forderungen hart auf den Leib zu rücken. Mit den beiden Söhnen
+hatten die alten Semper zwar zwei beträchtliche Esser, zugleich aber
+einen für ihren Haushalt noch beträchtlicheren Geldzuschuß verloren.
+Vorübergehende Arbeitslosigkeit kam hinzu, und die fetten Jahre der
+dreihundertundsechzig Mark #pro anno# waren vorbei; im ersten
+Seminarjahr gab es nur einhundertundzwanzig Mark Stipendien, im
+zweiten zweihundert, im dritten zweihundertundvierzig. Aber wie
+sollten nun die Semper ihren Studenten durch drei endlose Jahre
+hindurchschleppen?!
+
+Frau Rebekka verzagte an diesem Unternehmen. Durch den Spalt einer
+angelehnten Tür belauschte Asmus eines Tages ein Gespräch seiner
+Eltern.
+
+»Dann muß er eben den Lehrer an den Nagel hängen und Zigarrenmacher
+werden,« sagte die Mutter.
+
+»Ach, Unsinn!« klang die Stimme Ludwig Sempers.
+
+»Ja, Unsinn! Weißt du, woher das Geld kommen soll? Ich weiß es nicht.
+Wir riechen nach Geld wie die Gänse nach Franzbranntwein.«
+
+»Na ja, das findet sich,« sagte Ludwig.
+
+»Ja, das sagst du immer,« meinte Rebekka. »Wozu auch?« fuhr sie fort.
+»Die anderen Kinder sind auch alle begabt und sind auch keine Lehrer
+geworden.«
+
+Sie sagte das nicht lieblos; sie sagte es mit jener Resignation des
+Armen, der das Gefühl hat, daß das Talent für den Mittellosen ein
+Unglück ist.
+
+Aber obwohl sie das Wort nicht lieblos gesprochen hatte, ging es
+Asmussen wie ein Messer durch’s Herz. Sie hatte Wahrheit gesprochen,
+die Mutter. Seine Brüder waren wohl ebenso begabt wie er, vielleicht
+begabter, und mußten Zigarren drehen. Sollte er seinen Eltern, die
+sich von Sorge zu Sorge schleppten, drei Jahre lang auf der Tasche
+liegen? Nein.
+
+Asmus beschloß, seinen Unterhalt durch Privatstunden selbst zu
+verdienen. Dazu waren freilich nicht wenige solcher Stunden nötig.
+
+Er ging dreimal in der Woche zu den Kindern eines Fettwarenhändlers,
+drei allerliebsten, wohlerzogenen Kindern, zwei Mädeln und einem
+Buben. Die Älteste war ein Lachtäubchen, und wenn Asmus über eine
+seltsame Aufgabenlösung ein humoristisches Augenrollen vollführte,
+wollte sie sich unter den Tisch kichern; nur wenn er die Frage an das
+etwas »thumbe« Brüderlein richtete, machte sie ein bekümmertes
+Muttergottesgesichtchen. Die Stunden wurden glänzend bezahlt, mit 75
+Pfennigen, und jeden Monat zählte der blendend weiß beschürzte Vater
+mit verbindlichstem Dank und höflichen Komplimenten die blanken
+Silberstücke auf die Ladenbank. Hier war alles warm und gut.
+
+Auch mit dem einzigen Kinde des Gelehrten, zu dem er sechsmal die
+Woche ging, lebte er gute und feine Stunden. Freilich nicht von Anfang
+an. Als er bei dem sechsjährigen Bürschchen mit dem Unterricht
+beginnen wollte, bemerkte er, daß es kaum die Entwicklung eines
+Vierjährigen hatte. Infolge von Krankheit oder Verzärtelung war es so
+zurückgeblieben, daß es fast gar nicht sprechen konnte, und wenn es
+nach vielen Ermunterungen und Mühen endlich den Mund auftat, so sagte
+es »trein« statt »klein« und »Josche« statt »Rose«. O, o, oh, dachte
+Asmus, was fang ich da an. Zudem war der Kleine furchtsam wie ein
+Häslein; er starrte seinen Lehrmeister nach Wochen noch an wie einen
+bösen Mann und war durch die zündendsten »Witze« und die komischsten
+Gesichter nicht ins Lachen zu bringen. Hundertmal, tausendmal sprach
+ihm Asmus die richtigen Laute vergeblich vor – das konnte nicht immer
+kurzweilig und fröhlich sein; dem Kleinen traten dicke Tränen ins
+Auge, und dann war alles vorbei ... Dann mußte Asmus aufspringen und
+ein paarmal auf und ab gehen und sich sagen, daß er die Geschichte vom
+Sisyphos bisher immer viel zu leichtfertig und teilnahmlos aufgefaßt
+habe. Endlich, nach sechs Wochen, sagte das Bübchen plötzlich ganz
+richtig »klein« und »Klavier«. Asmus traute seinen Ohren nicht.
+
+»Sag’ mal Klaus!« – »Klaus.«
+
+»Klemme!« – »Klemme!«
+
+»Klosett!« – »Klosett!«
+
+»Hurra« brüllte Asmus, »hurra, er kann es!« und er sprang – er konnte
+nicht anders – er sprang über einen Stuhl. Da lachte das Bürschchen
+zum ersten Male laut auf, und nun kam Sonnenschein ins Werk. Von nun
+an ging es vorwärts, und nach einem halben Jahre streckte sich aus
+den verhutzelten Hüllblättchen der kleinen Menschenknospe ein
+vollkommen helles und frisches Geistchen hervor.
+
+Die Wirksamkeit in diesem Hause hatte für Asmus noch ein anderes
+Ergebnis. Irgend jemand hatte dem Vater seines Schülers gesteckt, daß
+der junge Herr Semper auch dichte, und eines Tages erbat der Vater von
+seinem Hauslehrer ein Lied für eine Naturforscherversammlung. Asmus
+sagte zu und dichtete etwas hervorragend Ungeeignetes. Der Doktor
+hatte sich ein munteres Kneiplied gedacht; Asmussens Werk aber war mit
+mehreren Zentnern Naturphilosophie befrachtet. Der Gelehrte, ein
+Gentleman, fragte gleichwohl mit verbindlichem Dank nach seiner
+Schuldigkeit. Vor Asmussens Phantasie stieg wie eine Leuchtkugel ein
+funkelndes Fünfmarkstück auf; aber er ließ sich grundsätzlich nicht
+übergentlemannen und sagte, es sei eine Gefälligkeit, für die er kein
+Honorar beanspruche.
+
+»Nun, dann werd’ ich es auf andere Weise gutzumachen versuchen,« sagte
+der Doktor.
+
+Und von nun an erschien in jeder Unterrichtsstunde eine Tasse Kaffee,
+ein wundervoller Kaffee, nicht mit Zichorien wie zu Hause. Und da er
+ein Jahr lang im Hause des Gelehrten wirkte, so kamen Hunderte von
+Tassen Kaffee heraus, und sie waren sein erstes Dichterhonorar, ein so
+hohes, wie er es viele Jahre später noch nicht erreichen sollte.
+
+
+
+
+XVI. Kapitel.
+
+Handelt von sonderbaren Studenten und von einem unvergleichlichen
+Architekten.
+
+
+Soweit waren die Privatstunden gut und schön. Mit den zwei Kaufleuten
+aber ging es schon anders. Das waren zwei Kompagnons, die Englisch
+lernen wollten. Aber nicht das Englisch der Schulgrammatik, des
+Landpredigers von Wakefield und des Verlorenen Paradieses, sondern das
+Englisch der Butter-, Eier- und Buckskinhändler. Also kaufte sich
+Asmus eine Grammatik der englischen Kaufmanns- und Gewerbesprache und
+studierte mit Volldampf englische Tratten, Rimessen, Konnossemente,
+Fakturen, Beschwerden über unbefriedigende Hosenstoffe und
+Insolvenzerklärungen. Die beiden Schüler waren so ungleich wie nur
+denkbar; der eine begriff nichts, der andere alles, und das mochte
+diesen bewogen haben, sich mit jenem zu assoziieren. Wie sollte man
+mit zwei solchen Pferden vorwärts kommen! Und obendrein mußte man doch
+noch immer auf der Hut sein, den verstopften Geist seine
+Beschränktheit allzu beschämend fühlen zu lassen! Aber die Qual
+sollte nicht allzulange dauern. Als Asmus nach zehn Unterrichtsstunden
+zur elften erschien, erklärte ihm die Frau, bei der die beiden
+Junggesellen gewohnt hatten, daß seine Schüler verzogen seien
+»unbekannt, wohin«. Sein Honorar hatten die Kompagnons mitgenommen.
+Asmus stand eine Weile sinnend vor dem Hause und betrachtete beim
+Schein der Gaslaterne die Grammatik für Kaufmannsenglisch, die vier
+Mark gekostet hatte und für die er nie im Leben wieder Verwendung
+finden sollte.
+
+Mit diesen Stunden hatte er besonders gerechnet. Er verdiente
+allgemach so viel, daß er seinen Eltern Kost und Wohnung vergüten
+konnte, und diese Stunden sollten es ihm endlich ermöglichen, von
+seinem Verdienst ein weniges für sich zu behalten. Wenn die Stunden
+eine Weile fortgingen, wollte er sich ein Klavier mieten! Und auf
+diesem einst zu mietenden Klavier hatte Ludwig Sempers Sohn auf
+Spaziergängen und an stillen Feierabenden schon manches #Adagio
+cantabile# und manches #Presto furioso# gespielt. Denn er war
+vielleicht der größte und kühnste Luftschloßarchitekt seines
+Jahrhunderts. Aus einem einzigen Stein baute er ein Schloß; aber er
+ließ es nicht etwa, wie die meisten dieser Künstler, bei dem Gerüst
+oder bei der Fassade bewenden; nein, er führte es durch und hinauf bis
+zu den letzten Fialen und Türmchen, die mit den Mondstrahlen stritten
+an Feinheit und Glanz; er baute es aus von der Halle bis ins
+verschwiegenste Gemach, von der breitschimmernden Treppe bis in die
+Kammer des Türmers, vom lauschigen Erker bis zum lachenden Balkon, der
+in prangende Gärten hinabsah. Denn was wäre ein Schloß ohne einen Park
+mit Brücken und Lauben, mit singenden Wassern und horchenden
+Steinbildern, mit hundert Abgründen für den Traum und hundert Grotten
+und Höhlen für die Erinnerung?
+
+Aber das merkwürdigste war, daß er, wenn das Schloß nun plötzlich im
+leeren Grau verschwand, nur drei Sekunden brauchte, um sich mit dieser
+vollendeten Tatsache abzufinden. Er galt bei denen, die ihn kannten,
+für einen Menschen von Talent; aber sein größtes Talent kannten weder
+sie noch er selbst: sein unerhörtes Talent, glücklich zu sein. In
+einem heimlichen Schubfach seines Herzens lagen tausend Baupläne zu
+neuen Luftschlössern; hinter seiner Stirn brannte wie ein wandelloser
+Stern die Hoffnung: Einmal bau ich mir doch ein Schloß, ein Schloß aus
+wirklichem Glück, und so viele, so herrliche Schlösser ihm versinken
+mochten – er versöhnte sich mit jeder Notwendigkeit und kannte nichts
+Unsinnigeres als Trauer um das Unabänderliche.
+
+Und so schob er denn die Grammatik der englischen Handelssprache unter
+den Arm und sagte sich: »Ich habe doch meine Kenntnis des Englischen
+erweitert und einen gewissen Einblick in geschäftliche Dinge bekommen
+– wer weiß, ob ich sonst jemals dazu gekommen wäre.« Damit waren die
+Kompagnons erledigt.
+
+Die Lust, etwas zu lernen, ist unter den Menschen weit verbreitet, die
+Lust, sich darum anzustrengen, nicht. Es gab wohl allerlei Leute, die
+Privatstunden haben wollten; aber sie gaben sie gewöhnlich schnell
+wieder auf, wenn sie merkten, daß das Lernen bei aller Milde der
+Methoden doch etwas anderes ist als eine schmerzlose Einspritzung ins
+Gehirn. So gingen allerlei Leute durch Asmussens Hände: ein
+Opernsänger, der fast so begabt war wie der beschränkte Kompagnon,
+aber nicht singen konnte; ein Franzose, der Deutsch lernen wollte, der
+– #ayant oublié son porte-monnaie# Asmussen um drei Mark anpumpte und
+dann nicht wiederkam; ein Gastwirt, der eine feinere Wirtschaft
+übernahm und darum Bildung lernen wollte, und manche andere; es gab
+Wochen, in denen »das Geschäft blühte«; aber sie wechselten mit
+Monaten, Vierteljahren, an denen es darniederlag. Und wenn den
+Glückspilz Asmus Semper etwas andauernd unglücklich machen konnte, so
+war es das Gefühl, seinen Eltern zur Last zu liegen, und die Furcht,
+in den Augen seiner Mutter den stummen Vorwurf zu lesen, daß er seinen
+Eltern Opfer und Sorgen auferlege, die keines der anderen Kinder
+verlangt habe.
+
+
+
+
+XVII. Kapitel.
+
+Das Schicksal führt uns zu wunderlichen Tischgenossen.
+
+
+In solcher Zeit ward ihm einmal Hilfe durch einen Lehrer, der ihm in
+»feinen Häusern« drei Freitische verschaffte. Asmus jubelte, erstens
+weil er seinen Eltern drei Mittagsmahle ersparte, und zweitens, weil
+ihm ein Klassenkollege und Freitischler auf Spaziergängen zu
+wiederholten Malen die Leckerbissen geschildert hatte, die es in
+solchen Häusern gebe. Schneebälle zum Beispiel, Schneebälle zum
+Nachtisch, man denke! Asmus freute sich wie ein Kind auf die zu
+erwartenden Festgerichte und ahnte nicht, womit sie gewürzt waren. Und
+bei dem Architekten war es wirklich schön! Die kinderlosen, noch
+jungen Eheleute behandelten ihn ganz wie einen Gast; das Mädchen
+servierte erst der gnädigen Frau, dann ihm und dann erst dem
+Hausherrn, und die gnädige Frau schanzte ihm immer besonders gute
+Bissen zu und schälte und zerlegte ihm mit eigenen Händen Äpfel und
+Apfelsinen. Asmus war von dieser reinen Güte so beschämt, daß er
+anfangs vor Beklommenheit nicht reden und nicht essen konnte. Aber
+die ungezwungene Freundlichkeit der Wirte, die keine seiner
+Verlegenheiten und Unbeholfenheiten zu bemerken schien, half ihm über
+alle Ängste hinweg; der Hausherr schenkte ihm immer wieder ein,
+behandelte ihn als alten Kneipgesellen und neckte bei aller Zartheit
+seine Frau so lustig und unbefangen, als wäre niemand zugegen denn ein
+alter Freund!
+
+»Greifen Sie zu, Herr Semper, greifen Sie zu!« rief er. »Meine Frau
+hofft natürlich, daß von dem Eis was nachbleibt – sie nascht nämlich;
+aber wir sind für ihre Gesundheit verantwortlich; es darf nichts übrig
+bleiben.«
+
+Dann drohte die sanfte Frau ihrem Gatten lächelnd mit dem Finger und
+schob Asmussen die Eistorte zu mit einem Glanz in den Augen, als
+pflege sie in dem kleinen Seminaristen ihr ersehntes Kind.
+
+Wie ganz anders ging es da »bei Stadtrats« zu. Da kam Asmus gleich
+beim ersten Male neben einer pompösen Dame zu sitzen; sie hieß »Frau
+Senator«, und er war sozusagen ihr Tischherr. Zwischen ihr und ihm
+stand auf dem Tisch eine Flasche Rotwein. Als der erste Gang nach der
+Suppe aufgetragen war, sagte die dicke Frau in einem bösen Tone:
+
+»Na, wenn _Sie_ keinen Wein mögen, _ich mag_ Wein!« nahm heftig den
+Stöpsel von der Flasche und schenkte sich ein.
+
+Asmus war’s, als ob ihm siedendes Wasser über den ganzen Leib liefe.
+Wie sollte er denn dazu kommen, sich an einer Flasche Wein zu
+vergreifen, die andern Leuten gehörte, und diesen Wein einer Dame
+anzubieten, einer Dame »furchtbar prächtig wie blutiger
+Nordlichtschein«! Wenn er auch in der Theorie noch Königsmörder war
+und wußte, daß es schlechte Könige und Minister gebe, in der Praxis
+glaubte er noch fest, daß ein Mensch, der »Frau Senator« heiße, auch
+wirklich etwas Hervorragendes und Feines sein müsse.
+
+Da war aber auch noch jedesmal ein Kandidat, der bei jeder passenden
+und unpassenden Gelegenheit auf die Juden schimpfte, sonst aber keine
+geistige Regsamkeit erkennen ließ. In Asmussens Herzen war die Stelle
+noch sonnenwarm, an die er vor Jahren Lessings Gedicht von Nathan dem
+Weisen gedrückt hatte. Der Kandidat war ihm furchtbar zuwider. Er
+konnt’ es begreifen, daß man einzelne Menschen haßte, wenn sie
+schlecht waren; auch er konnte hassen, o gewiß, leidenschaftlich, wenn
+auch nicht lange; aber daß man eine ganze Menschenklasse hassen,
+verdammen, beschimpfen und ihr alles Leid an den Hals wünschen konnte,
+das empörte ihn wie eine Roheit des Herzens, und diese Empörung
+schwoll eines Tages so gewaltig in ihm auf, daß er, über und über
+errötend, dem Kandidaten erwiderte:
+
+»Vergessen Sie doch nicht, wie man die Juden behandelt hat.«
+
+»O, das war nicht so schlimm,« meinte der Gottesgelehrte spöttisch.
+
+»So? Haben Sie Freytags »Bilder aus der Deutschen Vergangenheit«
+gelesen?«
+
+»Nee.«
+
+»Nun, da können Sie’s nachlesen; Freytag ist gewiß unparteiisch. Und
+ich muß sagen: Wenn man mich so behandelte, würde ich nur eine Antwort
+kennen: Haß, unauslöschlichen Haß.«
+
+Man ging schnell über die Taktlosigkeit des Freitischlers hinweg, und
+als Asmus zehn Minuten später eine bescheidene Bemerkung an die »Frau
+Senator« richtete, tat sie, als hätte sie nichts gehört.
+
+Das nächste Mal war ein Professor von der Familie zugegen. Er zog den
+jungen Semper sehr wohlwollend in ein Gespräch über die Schule, und im
+Laufe dieses Gesprächs erklärte Asmus die allgemeine Volksschule für
+sein Ideal.
+
+»Ja, mein lieber Herr – Semler, nicht wahr?«
+
+»Semper.«
+
+»Semper! Pardon! – sehen Sie, das macht sich in der Theorie ja alles
+sehr schön; aber wie wollen Sie das durchführen? Wir können doch
+unsere Kinder nicht mit Krethi und Plethi zusammen erziehen lassen.
+Wenn unsere Töchter mit den Töchtern unseres Grünhökers auf derselben
+Schulbank sitzen, woher sollen wir denn unsere Frauen nehmen?«
+
+Asmus empfand eine deutliche Ohrfeige. Für Krethi und Plethi und
+Grünhöker konnte man auch »Zigarrendreher« sagen. Übrigens hatte der
+Professor Asmussen nicht nur eine feine Zigarre gereicht, sondern ihm
+sogar Feuer gegeben.
+
+Als der Seminarist eine Viertelstunde später die mit dicken Teppichen
+belegte Treppe hinabstieg und das Dienstmädchen ihm mit Herablassung
+den Überzieher reichte, fragte er sich: Durfte ich dazu nun schweigen?
+Durfte ich sozusagen meine Eltern beschimpfen lassen für ein feines
+Diner? Darf ich überhaupt zu all diesen schrecklichen Ansichten
+schweigen und den Anschein erwecken, daß ich sie teile?
+
+Natürlich mußte er schweigen; denn dreinzureden wäre sehr unbescheiden
+gewesen. Aber er konnte das nicht mit anhören, ohne jeden Augenblick
+aufzuzucken. Und ihm fiel das schöne Aristokratenwort seines
+Landsmannes Th. Storm ein:
+
+ »Wo zum Weib du nicht die Tochter
+ Wagen würdest zu begehren,
+ Halte dich zu wert, um gastlich
+ In dem Hause zu verkehren.«
+
+Der Kopfhänger Asmus richtete sich hoch auf, und zu Hause angelangt,
+schrieb er sofort an »Stadtratens«, daß er durch Privatstunden und
+andere Pflichten leider verhindert sei, fernerhin zum Essen zu kommen,
+und daß er für die erwiesene Güte danke.
+
+Bei dem reichen Lederhändler aber, der Senator werden wollte, hielt
+er’s nur eine einzige Mahlzeit aus. Als man zum Essen ging, wollte
+Asmus schon seinen Stuhl vom Tische abrücken, um sich darauf zu
+setzen, da bemerkte er, daß alle hinter ihren Stühlen stehen blieben
+zum Gebet. Er trat schnell ebenfalls hinter seinen Stuhl, faltete aber
+weder die Hände noch senkte er den Kopf, um nicht den Anschein zu
+erwecken, daß er mitbete. Der Hausvater tat, als habe er nichts
+bemerkt; aber gegen Ende der Mahlzeit flocht er in sein erbauliches
+Gespräch ein Sprüchlein ein, das lautete:
+
+ »Wer ungebetet zu Tische geht
+ Und ungebetet vom Tisch aufsteht,
+ Der ist dem Öchs- und Eslein gleich
+ Und hat nicht teil am Himmelreich.«
+
+Durch diese liebevolle Weltanschauung fühlte sich indessen Asmus nicht
+einmal so weit überzeugt, daß er beim Gebet nach Tisch die Hände
+faltete, vielmehr sagte er sich auf dem Nachhausewege: »Kann ich
+erwarten, daß die Leute meinetwegen nicht beten? Ganz gewiß nicht.
+Können sie verlangen, daß ich aus Dankbarkeit für das Mittagessen
+mitbete? Ebensowenig. Ich bete nicht. _So_ nicht. _So_ nicht!« rief
+der Jüngling, der nach der Ansicht des Lederhändlers keinen Teil am
+Himmelreich hatte, laut vor sich hin, so laut, daß ein kleiner Junge
+ihn anstarrte und ihm eine Weile nachschaute. Und merkwürdig, wieder
+fiel ihm ein steifnackiges Wort Theodor Storms ein:
+
+ »Auch bleib der Priester meinem Grabe fern;
+ Zwar sind es Worte, die der Wind verweht;
+ Doch will es sich nicht schicken, daß Protest
+ Gepredigt werde dem, was ich gewesen,
+ Indes ich ruh im Bann des ew’gen Schweigens!«
+
+
+
+
+XVIII. Kapitel.
+
+Wie Asmus schlafwandelte und die Gedankenwelt des Herrn Quasebarth
+auf den Kopf stellte.
+
+
+Als obendrein der Architekt nach Süddeutschland übersiedelte und auch
+diese Speisung ihr Ende fand, sah Asmus sich wieder ganz auf dem alten
+Punkte. Es galt, eifriger denn je nach Privatstunden auszuschauen, und
+er fand auch immer wieder neue; aber da sie meistens schlecht bezahlt
+wurden, so mußte er ihrer so viele geben, daß er an gewissen Tagen mit
+einer dreiviertelstündigen Unterbrechung von sieben Uhr morgens bis
+elf Uhr abends bei der Arbeit oder auf dem Marsche war. Um sechs Uhr
+abends kam er dann zum Mittagessen. Das Diner war in zehn Minuten
+erledigt, und dann lehnte er sich ins Sofa zurück, um 35 Minuten lang
+nichts, gar nichts zu tun. Solche Bedürfnisse hatte er früher nicht
+gekannt. Mit dem Blick auf die Uhr genoß er die Minuten einzeln, und
+die Zeit schien dadurch länger zu werden. »Noch sieben schöne
+Minuten,« dachte er, »noch sechs, noch vier,« und die letzten Minuten
+kostete er, wie man Tropfen eines kostbaren Weines einzeln auf der
+Zunge zergehen läßt. O weh, dann war er doch ins Träumen geraten und
+hatte fünf Minuten über die Zeit genossen! Nun hieß es rennen.
+
+Eines Abends auf dem Heimwege stieß er mit dem Kopfe gegen den
+Mauerpfeiler eines Gartenportals. Wie konnte denn das angehen? Hatte
+er denn im Gehen geschlafen? Nein, das war nicht möglich. Er blutete
+an der Wange, und am andern Tage neckte man ihn in der Klasse, er sei
+bekneipt gewesen.
+
+Wenige Tage später, auf demselben Wege, erwachte er plötzlich auf
+einem freien Platze. Er mußte sich lange besinnen, eh’ er begriff, wo
+er war. Er war in einer ganz verkehrten Richtung gegangen und hatte
+nun einen noch weiteren Weg nach Hause als sonst. Er war so erschöpft,
+daß er nach zehn Schritten immer wieder einschlief; aber der
+einstündige Weg mußte gemacht werden, da half nichts. Er nahm ein
+heftiges Tempo an und stampfte den Boden wie ein Grenadier beim
+Parademarsch; aber nach wenigen Minuten wurden seine Schritte
+langsamer – langsamer – langsamer. Am andern Morgen erinnerte er sich
+nicht, wie er nach Hause gekommen.
+
+Und noch einige Tage später erwachte er auf demselben Heimwege von
+einem trappelnden Geräusch. Verstört blickte er auf und fand, daß er
+vor zwei sich bäumenden Pferden stand, die um seinetwillen nicht
+weiter wollten. Er sprang zur Seite, und der Kutscher fuhr fluchend
+weiter und schimpfte etwas von »Besoffenheit« vor sich hin.
+
+Dieser Schreck war von so nachhaltiger Wirkung, daß Asmus nicht wieder
+im Gehen einschlief. Die Theorie, daß der Mensch eigentlich überhaupt
+keinen Schlaf brauche, hatte er aufgegeben.
+
+Manchesmal in dieser Zeit mußte er an Adolfinen denken, wie sie
+lachend ihren großen Mund aufriß und rief: »Du willst Lehrer werden?
+Du bist wohl verrückt!« – – – –
+
+Und wer wußte, ob er nicht wirklich eines Tages die Flinte ins Korn
+warf und ans Zigarrenbrett ging! Aber da war Ludwig Semper, sein
+Vater. Je älter Ludwig wurde, desto früher stand er auf; er schlief
+nur wenige Stunden in der Nacht. Und in der Frühe des Morgens
+bereitete er seinem Sohne den Kaffee und strich ihm sein Brot. Und
+wenn Asmus seine bescheidene Toilette beendet und sich zum Frühtrunk
+gesetzt hatte, dann wußte er, ohne aufzublicken, daß der Blick seines
+Vaters auf ihm ruhte. »Er freut sich, daß es mir schmeckt,« dachte
+Asmus. »Und er freut sich, daß ich ins Seminar gehen kann und etwas
+werde, was er nicht werden durfte.«
+
+O ja, zu Hause schmeckte ihm noch das Brot; aber er mußte auch den Tag
+über von Brot leben, weil er erst um 5 oder um 6 Uhr zum Mittagessen
+kam, und wenn er in der Mittagspause im Seminar sein Frühstück
+auswickelte, dann schauderte er oft zurück und wickelte es wieder ein.
+Die Luft dieser alten Schulkasernen belegt alle Luft- und Speisewege
+wie mit einer übelschmeckenden Schicht; bis in den Magen hinein fühlte
+man diese Luft; er mußte sich Gewalt antun, wenn er einen Bissen
+hinunterwürgen wollte, und wenn einem Achtzehnjährigen der Appetit
+fehlt, so fehlt ihm ein Stück Jugend. Und eines Morgens fragte ihn
+Herr Rothgrün in der Geschichtsstunde:
+
+»Stehen Sie morgens so früh auf?«
+
+»Ich – o nein,« sagte Asmus ohne Verständnis.
+
+»Sie schliefen nämlich eben,« fuhr Herr Rothgrün pikierten Tones fort.
+
+»Ich? Nein!« erklärte Asmus wie alle Leute, die der Schlaf wider
+Willen überfällt, und in der Tat war der Schlaf nur wie ein leises
+Wölkchen vor seinen Augen vorübergezogen. Er hatte Herrn Rothgrün noch
+vom zweiten Samniterkriege sprechen hören, und jetzt sprach er vom
+dritten, also konnte nicht viel Zeit verstrichen sein; denn Herr
+Rothgrün erledigte solche Sachen sehr schnell. Und in eben dieser
+Aufmachung interessierten Asmus die Samniterkriege nur äußerst
+schwach.
+
+Da ihn sein fröhlichstes Gefühl, sein Kraftgefühl in diesen Zeiten
+verließ, fühlte er sich ernstlich unglücklich. Daß er in der Klasse
+eingeschlafen war, empfand er bei seinem peinlichen Ehrgefühl als
+eine Schmach, und daß er Herrn Rothgrün in seiner Eitelkeit verletzt
+hatte, war nicht gut; denn Herr Rothgrün vergaß dergleichen schwer;
+aber das alles bedeutete nichts gegen einen anderen Schmerz.
+
+Das war kein Studieren mehr, was er jetzt trieb! Das war nichts als ein
+Aufschnappen und Wiederfahrenlassen im Husch und Hui. Er war es gewohnt,
+zu dem, was das Seminar ihm gab, wenigstens ebensoviel durch eigene
+Arbeit hinzuzutun. Bei wichtigen Fragen und Aufgaben – und seinem
+Feuereifer schien fast alles wichtig – holte er sich alle Darstellungen
+und Behandlungen herbei, die ihm Neues bieten konnten, und durchackerte
+sie; aber nie beruhigte er sich bei den Büchern; er zwang sich, die
+Ideen eines Bacon, eines Comenius, eines Pestalozzi und Herbart, die
+Abhandlungen eines Schiller und Lessing, die Darstellungen eines Ranke
+und Mommsen unabhängig vom Buch, in eigener Form zu rekonstruieren, ihre
+Zusammenhänge, da, wo sie ihm fehlten, selbst zu finden; er hielt sich
+gleichsam selbst Vorträge; ja, er diskutierte im Schlafzimmer laut mit
+sich selbst und stellte Grund und Gegengrund sozusagen im
+kontradiktorischen Verfahren einander gegenüber, so daß Frau Rebekka,
+die für den Frieden eines Studierzimmers nicht allzuviel Verständnis
+hatte, zuweilen lächelnd hereinkam und rief: »Junge, du priesterst ja
+wieder ordentlich.« Er hatte nun einmal dies leidenschaftliche
+Bedürfnis nach Klarheit; es war, als ob eine Stimme in ihm rief: Nichts
+Dunkles hinter dir zurücklassen, sonst verwirrt sich alles Künftige, und
+er hatte den heiligen Glauben, daß, wer sich bei keinem unklaren
+Gedanken beruhige, endlich auch die letzten Rätsel lösen müsse. Er war
+in der Mathematik nicht zufrieden damit, die Lehrsätze zu beweisen und
+die Aufgaben zu lösen, er wollte auch die Axiome beweisen und begründen.
+Daß jede Größe sich selbst gleich ist – natürlich, die Wahrheit dieses
+Satzes begriff er intuitiv wie jeder normale Mensch; aber er wollte sie
+auch beweisen, und das konnte man nicht, und die ihm in späteren Jahren
+das bedrückte Herz befreien sollten: die intuitiven Gewißheiten, sie
+machten ihm in diesen Jahren Pein. Aber noch mehr: alles, was er logisch
+begriffen hatte, wollte er auch sinnlich erfassen. Es war der Künstler
+in ihm, der sich nicht beim Abstrakten beruhigen wollte. Den Satz des
+Menelaos von der Transversale, die die Seiten eines Dreiecks schneidet,
+logisch begreifen und beweisen, das konnte ein Kind; aber er wollte auch
+_sehen_, daß die Produkte der nicht anstoßenden Abschnitte einander
+gleich seien. Und das konnte man nicht. Ja, man konnt’ es ja ausrechnen,
+aber das war kein _Sehen_! Und nun kam noch hinzu, daß er mit einem
+Mangel in seiner Anlage zu kämpfen hatte: in gewissen Dingen der Physik,
+der Anatomie, der Botanik und so weiter machte ihm das dreidimensionale
+Vorstellen Schwierigkeiten. Wenn er sich den Längsdurchschnitt des
+menschlichen Körpers oder einer Maschine oder eines pflanzlichen
+Gefäßsystems vorstellte, so ward es ihm bitter schwer, sich zugleich den
+Querdurchschnitt vorzustellen, und er grub die Nägel in die Stirnhaut,
+daß es schmerzte, bis er die rechte Anschauung gewann. Er hatte das
+Gefühl, als könne er sein Gehirn anspannen, wie die Muskeln seiner
+geballten Faust. Daß die Molekularbewegung und das Atomgewicht, der
+Magnetismus, die Elektrizität und vieles andere ihm Sorge machten, ist
+selbstverständlich. Warum wirkte am doppeltlangen Hebelarm das halbe
+Pfund genau so stark wie das ganze Pfund am einfachen, warum, in drei
+Teufels Namen warum? Es war so leicht, zu lernen, und so schwer, zu
+erkennen. Und er fand in seinem Seelendrange nicht immer Unterstützung.
+Um sich im raschen und klaren Erfassen geometrischer Verhältnisse zu
+üben, liebte es Asmus, die Figuren nicht mechanisch, sondern mit den
+möglichen Veränderungen in Konstruktion und Lage zu wiederholen, und
+bekanntlich ist es der Geometrie fabelhaft gleichgültig, ob das
+Hypothenusenquadrat oben oder unten, rechts oder links liegt, dieweilen
+sie von oben und unten, rechts und links überhaupt nichts weiß. Aber
+Herr Quasebarth, der Lehrer der Mathematik, dachte nicht so
+vorurteilslos, und als Asmus eines Tages fünf Konstruktionsaufgaben
+einreichte, die nicht so standen, wie es Herr Quasebarth seit
+siebenundzwanzig Jahren gewohnt war, sondern auf dem Bauche oder auf dem
+Rücken lagen oder auf dem Kopfe standen, da schrieb er mit Wucht
+darunter »falsch« und eine Vier, das schlechteste Zeugnis; denn er
+durchflog die Hefte seiner Schüler wie ein Schnellzug, der unterwegs
+nicht hält. Asmus machte ihn darauf aufmerksam, daß alle Aufgaben
+zweifellos richtig gelöst seien und nur sozusagen andere Hosen anhätten
+als sonst. Herr Quasebarth sagte höhnisch: »So« und dann sah er ins Heft
+und sagte: »Die« – und dann sagte er unsicheren Tones: »Das« – und
+nachdem er noch »Hm« gesagt hatte, rief er ärgerlich: »Ja, richtig sind
+sie wohl; aber was sollen die Veränderungen: machen Sie es doch, wie es
+alle anderen machen!« und er nahm die Feder und erhöhte das Zeugnis –
+um einen halben Grad. Er wollte damit ausdrücken, daß der Schüler
+richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen recht habe.
+
+
+
+
+XIX. Kapitel.
+
+Asmus klagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und wird in Verruf
+erklärt.
+
+
+Ja, die Gesetze des Hebels und die Wunder des Spektrums und vor allem
+jener fatale Abgrund, der zwischen Körperwelt und Gedankenwelt klafft,
+jener Abgrund, den wir immerfort überspringen, ohne ihn jemals zu
+sehen, sie hatten seinem bohrenden Geiste wilde Sorgen gemacht; aber
+es waren holde Sorgen gewesen, fröhliche Sorgen, Sorgen, die man nicht
+scheuchte, sondern suchte; denn das ist das göttliche Wunder in allem
+geistigen Ringen, daß auch die Niederlagen uns stärker und freier
+machen, solange uns Hoffnung bleibt.
+
+Die schöne Zeit dieser Sorgen war dahin. Bei den vielen Privatstunden
+konnte er nur das Notdürftigste pauken, konnte er eigentlich nur für
+den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er eine Reihe von Regeln oder
+Vokabeln oder eine Biographie oder einen Geschichtsabschnitt einmal
+durchgelesen hatte, so wußte er sie, aber für wie lange? Und was hatte
+dies oberflächliche »Wissen« für einen Wert? Was sollte das für ein
+Wissensgebäude werden, das so schwindelhaft gebaute Partien aufwies.
+In der Tat: er kam sich vor wie ein gewissenloser Baumeister, der
+schadhafte Mauern unterm Putz verbirgt, und dies Bewußtsein einer Art
+Unredlichkeit peinigte ihn mehr als alles andre, obgleich niemand mehr
+von ihm verlangte, als er leistete, das ließen seine Zeugnisse
+deutlich erkennen.
+
+Mit diesen Zeugnissen hatte er gleich nach dem ersten Quartal ein
+Malheur gehabt, das von eigenartigen Folgen sein sollte. Am
+Quartalsschluß hatte nämlich der Ordinarius gesprochen: »Das Kollegium
+ist einstimmig der Ansicht, daß die Klasse sich nicht in dem Maße
+anspannt, wie sie es könnte, und hat darum beschlossen, die höchste
+Zensur im Fleiß mit einer einzigen Ausnahme nicht zu vergeben. Diese
+Ausnahme bildet Semper; ihm ist eine Eins zuerkannt worden.«
+
+Das war ehrenvoll und sehr gefährlich. Asmus empfand sofort mit jenem
+Tastgefühl, das weit über die Grenzen des Körpers hinausreicht, daß
+seine Klassenkollegen ihm anders begegneten als sonst. Es waren wohl
+manche da, die es ihm freudig gönnten; aber die andern waren in der
+Mehrzahl. Unter diesen andern war Wiedemann, ein langer Jüngling mit
+der Stimme einer alten Tante, den Bewegungen einer Raupe und
+feuchtkalten Händen. Asmussens Hände waren trocken und sehr warm,
+fast heiß. Zwischen solchen Menschen steht etwas, was nicht zu
+überwinden ist. Asmus konnte gegen diesen Kameraden nicht freundlich
+tun; aber Wiedemann tat freundlich. Es gab in der Klasse einen
+vorzüglichen Mathematiker, der es namentlich im Rechnen allen andern
+zuvortat.
+
+»Der Mollwitz ist doch ein großartiger Mathematiker, was?« sagte
+Wiedemann mit lauerndem Lächeln zu Semper.
+
+»Das ist er,« versetzte dieser.
+
+»Ich halte ihn für den besten Mathematiker in der ganzen Klasse,« fuhr
+der Lauernde fort.
+
+»Ich auch,« erklärte Semper und begriff nicht recht, was Wiedemann mit
+diesen Selbstverständlichkeiten beabsichtigte.
+
+Wiedemann war enttäuscht.
+
+Es gab aber auch einen Seminaristen namens Frey, der ein klarer,
+tüchtiger Kopf war und auch einen guten Stil schrieb.
+
+Eines Tages schob sich die Raupe wieder heran.
+
+»Der Frey schreibt doch ’n großartigen Aufsatz, was?« forschte
+Wiedemann.
+
+»Er schreibt ’n guten Aufsatz, ja,« sagte Asmus.
+
+»Na, das mußt du doch auch sagen, seinen Aufsatz macht ihm doch keiner
+nach!«
+
+»Soo?« machte Semper.
+
+»Ja, bist du nicht der Meinung?«
+
+»Nein,« erwiderte Asmus kalt. Er wußte ganz genau, daß er’s besser
+konnte. Das sagte er zwar nicht; aber er sah auch nicht den
+geringsten Anlaß, das Gegenteil zu lügen.
+
+Wiedemann machte noch immer ein lammfreundliches Gesicht mit Ausnahme
+der Augen. Augen sind Löcher, die der Herrgott im Menschenkörper
+gelassen hat wie die Gucklöcher in einer Verbrecherzelle, damit der
+Mensch nicht allzu ungehindert heucheln könne. Augen heucheln nicht
+mit. Wiedemanns Antlitz und Stimme streichelten; aber seine Augen
+stachen, als er nun fragte:
+
+»Wer schreibt hier denn einen besseren Aufsatz?«
+
+Und obwohl ihm Asmus jetzt durch die grünglimmernden Augen bis in die
+Nieren schaute, sagte er:
+
+»Du nicht.«
+
+In solchen Augenblicken kam etwas wie Husarengeist über ihn. Wiedemann
+ging erquickt von dannen.
+
+Und er ging aus wie ein Säemann, zu säen seinen Samen, und verbreitete
+die Kunde, Semper habe sich für den besten Aufsatzschreiber der ganzen
+Klasse erklärt, er halte sich überhaupt für den Klügsten von allen und
+finde die Arbeiten Freys nur »so ziemlich«. Dies sagte er besonders zu
+Frey. Seltsamerweise blieben aber Frey und Semper die besten Freunde.
+
+Sonst aber fiel Wiedemanns Samen auf gutes, fruchtbares Land, und
+Asmus fühlte wohl, daß die Stimmung gegen ihn wuchs.
+
+Sollten sich hier die Leiden aus der Knabenschule wiederholen? O, sie
+sollten es nicht nur hier!
+
+Unter den Giftpflanzen ist eine, die keines Samens und keines Keimes
+bedarf, die auch aus Nichts entstehen kann wie die Schöpfung Jahwehs,
+das ist die Verleumdung. Sie braucht nur einen guten Boden, dann
+erzeugt sie sich aus nichts.
+
+Eines Tages wurde Asmus von Seybold gestellt, von demselben Seybold,
+der bei der Präparandenprüfung einen so sichern Blick für Sempers
+Arbeiten und eine so lebhafte Teilnahme an seinen Erfolgen bekundet
+hatte. Er war von einer ganzen Korona von Seminaristen umgeben und hub
+also an:
+
+»Hier wird behauptet, du hättest dem Direktor angezeigt, daß Müller
+und Warncke nach der letzten Kneipe den Unterricht geschwänzt und im
+Botanischen Garten ihren Kater spazieren geführt hätten.«
+
+Wäre nun Asmus Semper irgend ein anderer gewesen, so würde er
+vielleicht gesagt haben:
+
+»Bemühe dich bitte sofort mit mir zum Direktor, damit wir die
+vollkommene Unwahrheit dieser Behauptung feststellen.«
+
+Oder er würde wie jener Yankee gesprochen haben, den jemand einen
+Schurken nannte und der freundlich erwiderte:
+
+»Damit, mein Verehrtester, daß Sie es behaupten, ist es noch lange
+nicht bewiesen.« Aber wär’ er besonnen gewesen, so wäre er nicht der
+Semper gewesen, und also erwiderte er:
+
+»Wer das sagt, ist entweder ein Lump oder ein Idiot.« Das Blut seiner
+Mutter schlug mit Flammen zum Dach hinaus.
+
+Auch diese Antwort war ja richtig; aber ihre Richtigkeit wurde nicht
+zugestanden.
+
+»Hahaaa,« johlte die Korona, »da haben wir’s, wir sind alle Lumpen und
+Idioten!«
+
+Wäre Asmus jener Yankee gewesen, so hätte er gesagt: »Dieser Schluß
+entbehrt durchaus der logischen Richtigkeit«; statt dessen verzog er
+das bleiche Gesicht zu einem Ausdruck grenzenloser Verachtung und
+sagte:
+
+»Bitte, ich sagte: oder«.
+
+Sie stutzten einen Augenblick, und als sie diese Antwort begriffen
+hatten, tobten sie und erklärten Asmus Semper wegen seines »Hochmuts«,
+seiner »Frechheit« und seiner »Inkollegialität« in Verruf. Die
+Inkollegialität bestand darin, daß er mehr wußte und konnte als
+Seybold, Wiedemann und Kompanie und dies in seinen Arbeiten schamlos
+zu erkennen gab.
+
+Vor Asmussens Augen stand sein alter herrlicher Schulmeister, Herr
+Cremer, wie er dem Quintus Fabius nachahmte. Er pflegte zwei Falten in
+seinen Rock zu machen und zu sagen: »So stand Quintus Fabius vor der
+karthagischen Ratsversammlung und sagte: Hier in den Falten meiner
+Toga habe ich Krieg und Frieden – wählt!« So hatte das Schicksal in
+Gestalt der Seybold, Wiedemann und Genossen vor ihm gestanden, und
+genau wie die Karthager hatte er geantwortet: »Gebt, was ihr wollt.«
+Und Quintus Fabius Seybold hatte gesagt: So hab denn Krieg.
+
+Und so war es also Krieg.
+
+Ja, wenn es noch ein richtiger, ehrlicher Krieg gewesen wäre. Aber es
+war die bekannte Guerilla böser Schikanen, in deren Erfindung die
+Jugend so grausam ist und in der das »Zwanzig gegen Einen« durchaus
+nicht für unehrenhaft gilt. Wenn er des Morgens kam – gerade jetzt
+wieder in einem geschenkten Rock, der ihm viel zu weit war – dann
+bildeten sie Spalier, erwiesen ihm höhnische Ehren und spotteten über
+seinen Rock.
+
+»Der Kerl is ’n richtiges Originaol!« rief der Bauernsohn Rohweder,
+der seinen heimischen Akzent nicht abzulegen vermochte. Er hielt
+»Original« für etwas sehr Schimpfliches.
+
+Oder sie lösten ihm von der Milchflasche, die in seinem Bücherfach lag
+und deren Inhalt sein Frühstück ausmachte, wenn das Brot nicht
+schmecken wollte, den Stöpsel, so daß die Milch über seine Hefte und
+Bücher floß und ihm seine sorgfältigen Ausarbeitungen verdarb. Daß er
+dann nichts zu trinken hatte, war schlimm: daß seine Arbeiten
+beschmutzt waren, war schlimmer; aber das Schlimmste war die
+Niedrigkeit, die sich in solchen Tücken zu erkennen gab: sie
+beschmutzte ihm sein Weltbild. Den Haß nahm er hin als etwas
+Gleichgültiges; er liebte den geselligen Verkehr mit Menschen, aber er
+brauchte ihn nicht; wie sein Vater, so war er, wenn es sein mußte,
+sich selber Gesellschaft genug. Aber Niedrigkeiten konnten ihn in eine
+heilige Wut und dann in eine tiefe, vollkommene Niedergeschlagenheit
+versetzen. Wenn so etwas in der Welt möglich war, dann ..... Er
+verfolgte den Gedanken nicht weiter; er wollte ihn nicht weiter
+verfolgen.
+
+Er wußte sehr wohl, daß die Hauptursache ihrer Feindseligkeit der Neid
+war. Aber auch andere Schüler gaben wohl einmal Anlaß zum Neide; warum
+kam der Haß nicht auch gegen sie zum Ausbruch, oder wenn er zum
+Ausbruch kam, in so viel harmloserer Form? Er hatte nicht die Gabe,
+die Menschen im ersten Ansturm zu gewinnen, das wußte er. Er war nicht
+schön, wenn auch Flora, die verführerische Nachbarstochter, und jenes
+kleine Fräulein, mit dem zusammen er einmal Komödie gespielt hatte,
+ihn unverkennbar gern gehabt und ihm dies keineswegs verborgen hatten;
+er hatte keine Liebenswürdigkeiten, die schnell bezaubern. Aber hatte
+er denn etwas Abstoßendes, etwas, das ihm Feinde machen mußte?
+
+Er hatte es, ohne es zu wissen und zu wollen.
+
+Das Wort des Polonius an seinen Sohn:
+
+ »Härte deine Hand nicht durch den Druck
+ Von jedem neu geheckten Bruder«
+
+hatte ihm deshalb immer so gut gefallen, weil es seinem Wesen so gut
+entsprach. Oft empfand er gleich bei der ersten Begegnung mit einem
+Menschen Zuneigung oder Abneigung, und wo er Abneigung empfand, hatte
+er sogleich etwas von einer schroffen Wand, an der nicht
+hinaufzukommen war. Das nehmen die Menschen sehr übel und nennen es
+hochfahrend oder arrogant. Und er war viel zu jung, um sich objektiv
+zu betrachten und diesen Zug an sich selbst zu erkennen.
+
+Immerhin hatte er eine Minorität auf seiner Seite. Sofort bei Ausbruch
+des Konfliktes hatte sich Morieux mit tausend heroischen Gesichts- und
+Körperverrenkungen zu Semper geschlagen, etwa wie Herzog Ernst zu
+Werner von Kiburg, wenn er ruft:
+
+ »Hin fahr ich, ein zwiefach Geächteter,
+ An meine Fersen heftet sich der Tod,
+ Und unter Flüchen krachet mein Genick.
+ Vom Werner laß ich nicht!«
+
+und sieben oder acht Beherzte hatten sich ihm angeschlossen. Das war
+nun die Fraktion Semper; bei den Feinden aber hießen sie »die
+Schäflein«, weil sie nach deren Meinung im allgemeinen ein unrühmlich
+gesittetes Betragen zeigten.
+
+
+
+
+XX. Kapitel.
+
+Asmus ist trotz seiner trüben Erfahrungen anderer Meinung als
+Schiller und verfällt in eine unglückliche Liebe.
+
+
+Die Schäflein hätten nun nicht deutsche Jünglinge sein müssen, wenn
+sie sich nicht sofort zu einem Verein zusammengeschlossen hätten. Der
+Verein erhielt den Namen »Treue von 1880«, womit aber nicht gesagt
+sein sollte, daß dies für die Treue ein besonders guter Jahrgang sei;
+man wollte nur, da der Bund doch zweifellos bis in die Zeiten des
+jüngsten Gerichts dauern würde, den nachlebenden Geschlechtern das
+Gründungsjahr ein für allemal einprägen. Den acht oder neun
+Seminaristen gesellten sich bald einige Musiker, junge Kaufleute und
+Beamte zu, und nun ging es an die höchsten und tiefsten Probleme der
+Kunst und des Lebens, und Fragen wurden gelöst, die vorher und
+merkwürdigerweise auch noch nachher die stärksten Geister in Bewegung
+gesetzt haben. Semper wurde Präses und sprach heute über den
+Gralstempel bei Albrecht von Scharfenberg und den gotischen Baustil,
+das nächste Mal über Meteore und Meteorite, und wieder das nächste Mal
+knüpfte er kühne Gedanken an Schillers Gedicht »Der Antritt des neuen
+Jahrhunderts«, dessen resigniertem Pessimismus er sich natürlich als
+Achtzehnjähriger nicht anschließen konnte. Seine Glanznummer aber war
+der »Faust«, den er aus dem Kopfe vortrug, und nur das eine betrübte
+ihn ein wenig, daß seine Freunde, so beifällig sie auch die ernsten
+Partien der Dichtung aufnahmen, doch immer am unbändigsten über die
+Sauferei in Auerbachs Keller und über das »verdammte Aas« und die
+»verfluchte Sau« in der Hexenküche jubelten. Fühlten sie denn nicht,
+daß der Prolog im Himmel, die Monologe, die Gretchenlieder, die
+Kerkerszene viel gewaltiger und schöner waren? Das Schlimmste war aber
+doch, daß bei einem Vereinsfeste, bei dem auch Gäste zugegen waren,
+ein dicker Magazinverwalter auf ihn zutrat und sagte:
+
+»Djunger Mann, Sie haob’n jao’n kullosaoles Gedächtnis! Mit dem
+Gedächtnis können Sie ’ne Frau mit achtzigtausend Mark kriegen.«
+
+Er dachte sich dies Gedächtnis in einem Magazin angestellt. Und das,
+nachdem Asmus den Tasso rezitiert hatte – man denke: den Tasso!
+
+In etwa siebenundzwanzig Vorträgen sprach Morieux – sehr stilvoller
+Weise – über Voltaire, und bei jeder Spitzbüberei des Herrn Arouet
+mußte er vor unbezähmbarem Vergnügen feixen. Die Vorträge und
+Rezitationen wechselten mit Musik, gesungen, gegeigt und gehämmert,
+und unter den Musikanten waren solche, die einstmals echte und
+namhafte Künstler werden sollten und in diesen Stunden, wenn nicht ihr
+Bestes, so vielleicht ihr Heiligstes gaben. Auch gemeinsame Ausflüge
+unternahmen sie, und einer dieser Ausflüge führte sie in den
+Sachsenwald.
+
+Bismarck, der Johannes Semper und Heinrich den Seefahrer verbannt
+hatte, war in Berlin, und das war Asmussen eben recht; er hätte ihm
+damals nicht begegnen mögen. Aber im Sachsenwalde war ein Förster, der
+eines Mitgliedes Onkel war. Dieses Mitglied hatte einmal »Das Blatt im
+Buche« in durchaus ernsthafter Absicht deklamiert und damit eine
+komische Wirkung erzielt, die durch keine Selbstbeherrschung zu
+unterdrücken war. »Ich hab’ eine alte Muhme«, so beginnt das Gedicht,
+und genau das Organ einer alten Muhme hatte der Deklamator. Aber den
+Sachsenwald kannte der Deklamator; er kannte jeden Weg und Steg, und
+Asmus wollte ihm schon seine Bewunderung aussprechen, als sie
+plötzlich vor dem Försterhause standen und aus dem Hause die
+Försterstochter ihnen zur Begrüßung entgegentrat. Jetzt wunderte sich
+Asmus nicht mehr, daß das »geschätzte Mitglied« hier herum Weg und
+Steg kannte; denn diese Försterstochter war wohl das Hübscheste, was
+der Sachsenwald zu geben hatte. Sogleich empfand Asmus in der
+Herzgegend ein so süßes Weh, daß er bei dem bald darauf aufgetragenen
+Mahle nur Flüssiges genießen konnte und den Deklamator des »Blattes im
+Buche« mit argwöhnisch brennenden Blicken ansah. Nach dem Essen sollte
+Asmus rezitieren, und zwar die Szene zwischen dem Patriarchen und dem
+Tempelherrn, weil es Morieux »kolossal« fand, wie er zugleich das edle
+Ungestüm des Ritters und die bornierte Heimtücke des Pfaffen zum
+Ausdruck bringe, sogar im Gesicht! Und Asmussens Herz stieg wie das
+Roß eines Ritters, der in die Schranken reitet und vom Balkon die
+Farben seiner Dame winken sieht. Er machte seine Sache auch gewiß so
+gut wie je, und als er geendet hatte, klatschte auch die
+Försterstochter mit den Händen, aber nur ein einziges Mal; sie hatte
+nämlich eine Motte gefangen, die sie schon minutenlang mit den Augen
+verfolgt und nur aus Rücksicht auf die Kunst so lange verschont hatte.
+Unmittelbar nach Semper erhob sich, wenn auch unaufgefordert, der
+Führer durch den Sachsenwald, um »das Blatt im Buche« zu rezitieren.
+Da die Vereinsmitglieder an die Schrecken dieser Deklamation schon
+gewöhnt waren, so ging es mit einigen zerbissenen Lippen und
+zerrungenen Händen ab; nur Morieux explodierte natürlich in einem
+jähen Nasenlaut, den er durch ein heftig gezogenes Taschentuch in ein
+dringend nötiges Ausschnupfen maskierte. Die Tochter des Waldes aber
+blickte strahlend auf den Handlungsgehilfen, als wollte sie sagen:
+»Ein Künstler bist du _auch_ noch?«
+
+»So’n Syrupskringel!« knirscht Asmus in sich hinein, und damit
+meinte er nur den Handlungsgehilfen, obwohl es in gewissem Sinne
+auch auf die Tochter des Waldes paßte. Asmus hatte ja bald heraus,
+daß sie zu den höheren Dingen keine Beziehungen unterhielt; aber
+doch blieb er ganz in ihr gefangen; sie war eine Brezel, die der
+himmlische Menschenbäcker mit unendlich vielem Syrup bestrichen
+hatte. Und als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und »Dritten
+abschlagen« spielten, da traf es sich merkwürdig oft so, daß die
+Försterstochter vor dem alten Muhmen-Deklamator stand, und dann
+legte er – dieser Frechling – ganz ungeniert, wie im Eifer des
+Spiels die Hände um die Taille des hochatmenden wonnigen Geschöpfes.
+»Der Schuft,« dachte Asmus, und die Treue von 1880 wankte in ihren
+Grundfesten. Er fragte sich, ob er es auch wagen würde, ihr die
+Hände um die Hüften zu legen. »Nie,« sagte er sich. Wenn sie es ihm
+verwiesen hätte, wäre er vor Scham und Stolz gestorben. Und als es
+das Spiel so fügte, daß sie beide vor ihm standen und er als
+»Dritter« den Platz räumen mußte, um nicht »abgeschlagen« zu werden,
+da nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol. Beim Abendbrot
+holte er dann nach, was er mittags versäumt hatte; in seiner
+grollenden Versunkenheit fraß er alles in sich hinein, was ihm
+vorkam: Schinken, Rühreier, Schwarzbrot und Liebesgram. Beim
+Abschied wollte er erst ohne Gruß verschwinden; aber sie sollte sich
+nicht einbilden, daß sie ihn verwundet habe, und mit blutendem
+Herzen gab er ihr lächelnd die Hand, und wie die andern winkte er,
+im Waldesdunkel langsam verschwindend, noch lange mit Lächeln
+zurück. Zu Hause verfiel er sofort in vierfüßige Trochäen, und das
+dauerte auch den folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht wohl
+an tausend Füße hatte, fühlte er sich bedeutend ruhiger. Und als er
+nach dreien Tagen in einem uralten Exemplar von Herders »Ideen zur
+Philosophie der Geschichte der Menschheit« las und plötzlich aus
+einer Waldwirrnis von Gedanken die hübsche Försterstochter
+auftauchte, da war der Generalsuperintendent aus Weimar schon
+stärker als die Blume des Waldes. Das blutende Herz war geheilt wie
+eine Stecknadelwunde.
+
+Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch eine bessere Liebe und eine
+tiefere Herzenswunde bringen.
+
+
+
+
+XXI. Kapitel.
+
+Wie Asmus eine bessere Liebe fand.
+
+
+Alfred Sturm, ein junger Kaufmann, war dem Verein beigetreten an jenem
+Abend, als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers mit
+bemerkenswerter Kühnheit optimistische Gedanken geknüpft hatte. »Als ich
+deinen Vortrag über Schillers »Antritt des neuen Jahrhunderts« gehört
+hatte, war ich dir für immer verfallen,« sagte Sturm in vertrauter
+Stunde. Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht weniger tief,
+und sie bildeten einen stillen Bund im Bunde, bildeten innerhalb der
+»Treue von 1880« eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit. Asmus fand bei
+seinem Freunde etwas Köstliches, das die Deutschen nur verschwindend
+selten besitzen und niemals zu würdigen wissen. Die Deutschen haben
+eigentlich nur zwei Humore, den behäbigen Bier- und Tabakhumor, der noch
+ihr bester ist, und den mit spitzen Lippen säuerlich-lächelnden
+Geheimratshumor, von dem die Milch gerinnt und der Lachen für unfein
+hält; was sie fast nie haben und auch bei Shakespeare – obwohl sie’s
+heucheln nicht zu schätzen wissen, das ist der genial-groteske Ulk, der
+tiefsinnige Clownhumor. Die Spitznäsigen nennen ihn »blödsinnig«, und
+die Knoten heißen ihn »unvornehm«. Diesen Humor nun, wie alle kräftigen
+Humore, liebte Asmus aus innerster Seele, und den besaß Sturm. Wenn
+Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler darstellte, oder aus dem
+Stegreif eine Hintertreppen-Familientragödie mimte, oder einen
+Volksredner oder auch die Ilsebill aus dem Märchen »vom Fischer un syner
+Fru« verkörperte, dann lachten zwar die andern auch; aber Asmus lachte
+so, daß er endlich rufen mußte: »Hör’ auf, ich sterbe!« Aber dieser
+Humor würde vielleicht doch nicht das ganze Herz des Asmus eingenommen
+haben, wenn sich damit nicht ein merkwürdig leidenschaftlicher
+Aufwärtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs- und Vervollkommnungsstreben
+verbunden hätte. Diese beiden Eigenschaften, die immer wie Gegensätze
+aussehen und die doch durchaus keine Gegensätze sind, ließen Asmus in
+diesem Jüngling den Freund erkennen, den er unbewußt gesucht hatte.
+Sturm dagegen sah in dem jungen Semper den Menschen, der ihm endlich zu
+jedem ersehnten Aufschwung verhelfen könne, und wenn Asmus solche
+enthusiastischen Überschätzungen mit Händen und Füßen ängstlich
+abwehrte, so ging Sturm mit dem Lächeln des Besserwissenden darüber
+hinweg und sang aus dem damals oft gespielten Boccaccio:
+
+ »Hab ich nur deine Liebe,
+ Die »Treue« brauch ich nicht.«
+
+Aber das quälte ihn, daß er diese Liebe nicht ganz zu besitzen
+glaubte; er war eifersüchtig. Eifersüchtig auf Morieux. Mit dem sollte
+Semper sich nicht einlassen.
+
+»Wie kannst du nur so viel mit dem Morieux verkehren! Morieux! Auf dem
+Dom[2] gab es früher ein Affentheater von »Morieux«. Das paßt. Dieser
+ganze Morieux ist ein Affentheater, das von morgens bis abends
+Vorstellungen gibt. Das ist doch kein Charakter!«
+
+ [Fußnote 2: Der Hamburger Weihnachtsmarkt wird »Dom« genannt.]
+
+»Nein, das ist er nicht,« räumte Semper ein. »Er ist oft ein
+unangenehmer Kerl. Der Schöpfer aller Dinge hat ihn aus Resten
+gemacht, die zu ganzen Menschen nicht mehr ausreichten. Er hat ein
+blaues Bein und ein gelbes, eine halb rote und halb grüne Jacke, wie
+ein Harlekin. Aber aus allen Schlacken und Aschen seiner Seele
+schlagen doch zuweilen reine Flammen auf. Er hat sich in einem
+schweren Streit und gegen eine große Übermacht auf meine Seite
+gestellt; er hat um mich gelitten; das kann ich doch nicht einfach
+vergessen.«
+
+Dann setzte Sturm sich schweigend, aber unzufrieden ans Klavier und
+introduzierte ein neues Lied; denn singen mußte Asmus zu seiner
+Begleitung, sobald ein Klavier in erreichbarer Nähe war. Eines Tages
+aber, als sie am Abend vorher in der »Treue« wieder die schönsten und
+die verrücktesten Dinge getrieben hatten – Asmus saß wieder in seiner
+engen Klause und übersetzte Byron – da klopfte jemand. Auf Asmussens
+»Herein« trat Alfred Sturm ein, um sogleich auf einen Stuhl neben der
+Tür zu sinken und in Tränen auszubrechen. Sein Gesicht war aschfahl;
+in der Hand hielt er eine gelbe Rose. Er hatte soeben in Gemeinschaft
+mit seinem Vater seine Mutter in eine Anstalt für Geisteskranke
+bringen müssen.
+
+»Ich hoffte bei dir ein wenig Trost zu finden,« sprach er unter
+Schluchzen. Und diese Erwartung erschütterte Sempern fast so sehr wie
+die Unglücksnachricht. Trost suchte sein Freund bei ihm! Bei einem
+Neunzehnjährigen! Der nichts erfahren hatte! Sein Freund war ja älter
+als er! Aber sein Freund suchte Trost, und also mußte er ihn finden.
+Er wuchs über sein Alter hinaus. Er dachte an den Tag, da er seinen
+Bruder Leonhard durch den Tod verloren hatte. Und sogleich wußte er
+eins: Sprechen, mit Worten trösten, wäre in diesem Augenblick Roheit.
+Und er legte den Arm um seinen Freund, klopfte ihm langsam und leise,
+wie eine tröstende Mutter, die Schulter und ließ ihn weinen. Und
+wirklich: der Unglückliche beruhigte sich zusehends. Dann sagte Asmus
+mit sanftem Tone: »Ich habe einen Weg zu machen; es wäre riesig nett
+von Dir, wenn du mich begleiten wolltest.«
+
+Sturm nickte nur.
+
+»Da,« sagte er, »die Rose solltest du haben – jetzt ist sie verwelkt.
+Na – ist ja alles einerlei!« – und er wollte sie zum Fenster
+hinauswerfen.
+
+»Gib!« rief Asmus und nahm ihm die Blume aus der Hand. »Sie wird sich
+erholen.« Und er stellte sie in ein Wasserglas.
+
+Und dann führte er den Freund zu seinem eigenen großen Tröster, führte
+ihn an den Elbstrom unterhalb Oldenfunds, bis Blankenese und darüber
+hinaus, wo die Flut immer breiter und breiter sich dehnt, daß das
+jenseitige Ufer dem Blick entschwindet, und wo der sinnende Wanderer
+oder der still hintreibende Segler ahnt und fühlt, daß alles Sehnen
+und Sorgen in einem großen Meere endet. Dorthin führte er den Freund,
+wo er von je auf Wiesen und Wellen wie eine himmlische Stadt die
+künftige Welt gesehen hatte, die künftige Welt, wo alles größer und
+heller und freier war, wo die Gedanken größer waren und die Gefühle,
+wo die Menschen trotz allen Schaffens und Ringens einander mit offenem
+Lächeln begegneten und das Leben immer mehr ein Sonntag und Sonnentag
+wurde.
+
+Sturm hatte ausführlicher von seiner Mutter erzählt, und Asmus hatte
+erwidert, daß eine Schwermut, wie sie die fünfzigjährige Frau befallen
+habe, doch schon oft geheilt worden sei. Unter anderen Beispielen fiel
+ihm Gutzkow ein, der schwer gemütskrank gewesen sei und danach wieder
+produziert habe. Durch Gutzkow kamen sie von selbst in die Literatur
+hinein, und von der Literatur ganz sachte in die Musik. Alfred Sturm
+war fanatischer Wagnerianer; nach zwei Takten schwamm er schon »auf
+wolkigen Höh’n«; Asmus folgte ihm darin nicht einmal bis über die
+Bäume. Da kam ihm nun eine köstliche List. Er brachte das Gespräch auf
+Wagner und ließ sich in weniger als zehn Minuten bekehren. Nicht ganz,
+damit es nicht auffiel, aber doch zu sieben Achteln. Sturm war
+glückselig und lächelte wieder; es war ein höheres, ein verklärtes
+Lächeln. Sein Freund erkannte die Größe Wagners – nun konnte man es
+wirklich wieder mit dem Leben versuchen! Beim Abschied hielt er die
+Hand des Asmus fest.
+
+»Du –« sagte er. »Ich habe dich zuweilen gelangweilt mit diesem
+Morieux. Vergiß es, es war furchtbar kleinlich von mir. Was ist
+Morieux an solchem Abend, du lieber Gott! Diesen Abend vergeß ich dir
+nicht, _solange ich lebe_!«
+
+Dann kam der Zug; Sturm stieg ein und blieb auch dann noch am Fenster
+stehen, als der Zug schon fuhr. Und durch die tiefe Dämmerung des
+Abends sah Asmus noch lange das erdfahle Gesicht am Wagenfenster. Als
+er wieder in seinem Zimmer war, fiel sein Blick auf die gelbe Rose.
+Sie hatte sich nicht erholt.
+
+
+
+
+XXII. Kapitel.
+
+Wie Asmus verlor, was er gefunden.
+
+
+Diesen Abend nicht zu vergessen – es sollte dem armen Sturm nicht
+schwer werden. Wohl erholte seine Mutter sich nach einigen Wochen
+zusehends; aber dann kam Schlimmeres. Es sollte gerade wieder das
+»Stiftungsfest« der »Treue« begangen werden, und Sturm und Semper
+gedachten durch »Adelaide«, »Das Lied an den Abendstern«, »Tom der
+Reimer« und andere Kostbarkeiten die Welt in Erstaunen zu versetzen,
+da kam am Morgen des großen Tages der Vater Sturms zu Asmus ins
+Seminar und bat mit seiner leisen, höflichen Stimme um Entschuldigung
+für seinen Sohn, der heute nicht kommen könne, weil er einen Blutsturz
+gehabt habe. Es habe wohl nichts Schlimmes zu bedeuten; aber er müsse
+natürlich im Bette bleiben.
+
+Asmus nahm an den folgenden Stunden ohne Aufmerksamkeit teil und eilte
+sofort nach Schluß des Seminars an das Bett des Freundes. Sein Gesicht
+war fahler denn je, die Augen groß und feucht. Aber von Krankheit
+wollte er nichts wissen. Die Eltern erzählten, daß er durchaus am
+Abend zum Stiftungsfest wolle und beschworen Semper um seinen
+Beistand. »Was Sie sagen, das tut er,« meinten sie. Asmus bezweifelte
+das, behandelte aber dem Kranken gegenüber den Besuch des Festes als
+etwas selbstverständlich Unmögliches. Da wurde Sturm, der sich anfangs
+über Sempers Anwesenheit gefreut hatte, bitter und verbissen; mit
+einem zürnenden Blick sagte er: »Du bist wie alle andern« und kehrte
+sich zur Wand. Asmus streichelte ihm leise die Hand und ging.
+
+Am Abend erschien Alfred Sturm auf dem Stiftungsfest, heiter und
+humorvoll, und was Asmus auch einwenden mochte, Sturm wollte ihn auf
+dem Klavier begleiten. »Soll vielleicht Morieux dich begleiten?«
+fragte er mit einem krankhaften Feuer in den Augen. Man mußte ihn
+gewähren lassen. Aber als die Lieder gesungen waren, war seine
+Munterkeit wie abgeschnitten; ohne das Mahl und den Tanz abzuwarten,
+hüllte er sich in seinen Überzieher, legte sorgsam und glatt, wie es
+einem eleganten jungen Kaufmann geziemt, das seidene Tuch um den Hals
+und ging heim.
+
+Der Exzeß schien ihm nichts geschadet zu haben; nach acht Tagen saß er
+wieder im Kontor. Aber schon nach vier Wochen streckte ein neuer,
+heftigerer Anfall ihn nieder.
+
+»Ich möchte mich zerfleischen,« sagte er zu dem Freunde, der an seinem
+Bette saß. »Ich bin abscheulich gegen meine Eltern und meine
+Geschwister, und dabei opfern sie sich für mich auf. Das weiß ich ganz
+genau, und doch kann ich nicht anders. Mich ärgert alles, was ich
+sehe, und wenn ich allein bin, heul’ ich vor Reue wie ein dummer
+Junge.«
+
+Er rappelte sich abermals heraus und zog nun ans Elbufer; von der Luft
+dort hoffte er Genesung. Zu einer weiteren Reise langten die Mittel
+nicht. Dort hatten die beiden in Ritschers Garten noch einen schönen,
+sonnigen Nachmittag.
+
+»Ich hab’ in einer Ewigkeit keine Zigarre geraucht,« sagte Sturm leise
+vor sich hin, »ob ich’s mal wieder riskiere?«
+
+Asmus riet ihm ab. »Wart’ noch ’n bißchen, dann kannst du rauchen,
+soviel du willst.«
+
+»Meinst du wirklich, daß ich wieder ganz gesund werden kann?« fragte
+Sturm schnell, eifrig, mit sehnsüchtig-heiteren Blicken. Das Licht der
+untergehenden Sonne stand in seinen Augen.
+
+Asmus lachte laut auf über diesen Zweifel an etwas
+Selbstverständlichem. Und Sturm lächelte glücklich und glaubte dem
+Freunde alle Versicherungen, die er sonst zurückgewiesen hatte.
+
+Und nach einem glücklichen Schweigen sagte er:
+
+»Du – gib mir _doch_ eine Zigarre.«
+
+»Ich hab’ leider keine mehr bei mir,« log Asmus.
+
+»Das ist nicht wahr; ich habe ja gesehen, daß du noch mehrere hast.
+Daran seh’ ich, was du in Wahrheit von meiner Gesundheit hältst.«
+
+»Na, lieber Freund, wer nicht rauchen darf, ist deshalb doch noch kein
+Todeskandidat; bedenk’ doch, daß du erst –«
+
+»Ach, laß nur,« machte Sturm und erhob sich. Seine Hoffnung war
+erloschen wie ein Licht von einem Windstoß. Auf dem Heimwege fielen
+nur ein paar nichtssagende Worte. Asmus machte wohl einen Versuch, den
+Freund wieder zu ermuntern; aber dieser sah ihn nur mit großen ernsten
+Augen von der Seite an und schwieg. In seiner Verlegenheit und in
+seinem Kummer tat Asmus das Verkehrteste, was er tun konnte, er zog
+die Zigarrentasche und sagte: »Willst du eine Zigarre haben?«
+
+Sturm lachte kurz auf. »Nein, ich danke, jetzt nicht mehr.«
+
+Als Asmus ihn nach drei Tagen besuchen wollte, vernahm er, daß Alfred
+Sturm »seit gestern« im Hamburger Krankenhause liege, und als Asmus
+dorthin kam, durfte der Kranke nur ganz wenig und im leisesten
+Flüstertone sprechen.
+
+»Wie geht’s?« fragte Asmus.
+
+»Sehr gut, ich darf nur nicht sprechen,« flüsterte der Kranke. Und
+Asmus erzählte von diesem und jenem, wie vernünftig es sei, ins
+Krankenhaus zu gehen, wo die Pflege natürlich viel umfassender sein
+könne als zu Hause, und wie sehr man den Freund in der »Treue«
+vermisse; aber es schien ihm, als ob der Patient nur mit halber
+Aufmerksamkeit zuhöre und als ob er um einen Entschluß kämpfe. Endlich
+zog er unter der Bettdecke ein Blatt Papier hervor und hielt es dem
+Freunde hin:
+
+»Da – es ist natürlich Unsinn – aber ich wollt’ es dir doch geben –.«
+Asmus nahm das Blatt und las:
+
+ »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
+ Den müden Geist zu dichterischem Flug,
+ Und schon seit langem streb’ ich ernst genug,
+ Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen ..«
+
+Es war ein Sonett, in dem der Verfasser den Freund mit aller
+schwärmenden Begeisterung der Jugend pries.
+
+»Ich hab’ – ’ne ganze Nacht – daran gezimmert,« hauchte der Kranke mit
+ironischem Lächeln. »Du wirst darüber lachen ....«
+
+Die Wärterin erschien und mahnte mit einem Blick, der keinen
+Widerspruch duldete, zum Aufbruch. Asmus ergriff die Hand des Freundes
+und beugte sich über ihn, und sie hatten in diesem Augenblick beide
+dasselbe Gefühl: der Freund kam ihm mit mühsam erhobenem Haupte
+entgegen, und sie küßten sich auf den Mund.
+
+Das ist unter niederdeutschen Jünglingen etwas Seltenes und Heiliges.
+Asmus pflegte nicht einmal seine Geschwister, nicht einmal seine
+Eltern zu küssen; er hatte nicht einmal seine Brüder geküßt, als sie
+nach Amerika gingen. Die Menschen dieses Himmelsstrichs, wenn sie
+Abschied nehmen, tun es mit einem Händedruck und mit dem Verlangen
+nach einer Umarmung; aber sie geben diesem Verlangen keinen Ausdruck.
+
+Schon am folgenden Tage erhielt Asmus die Todesnachricht.
+
+Bei dem Begräbnis ging es ihm wie bisher bei fast allen Begräbnissen;
+er konnte nicht andächtig und traurig sein. Dieses herkömmliche
+Bestattungszeremoniell mit seinem zelotischen Pfaffengesicht (»Jetzt
+haben wir dich, du Sünder«) mit seiner tristen Banalität war ihm so
+unsäglich zuwider, daß er zu keinem reinen Gedanken an den Freund
+kommen konnte. Erst zu Hause dehnte sich wieder das Herz. Er zog sich
+in sein Zimmer zurück – für die wärmere Jahreszeit war er nun doch mit
+seinen Studien aus der Zigarrenstube in das Wohnzimmer übergesiedelt –
+und ging viele Stunden lang auf und ab; nur hin und wieder blieb er am
+Fenster stehen und blickte nach der Richtung, wo sein Freund nun in
+der Erde lag. Trauriger Wahn, dachte er, auch den toten Menschen noch
+an die finstere Erde zu kerkern, statt ihn den freien, seligen Lüften
+zu geben.
+
+Von dem endlosen Wandern erschöpft, fiel er endlich aufs Sofa und
+wußte nicht, warum er so erschöpft sei. Als er sich erholt hatte, zog
+er die Lampe näher heran, desgleichen Tinte und Papier und begann zu
+schreiben:
+
+ _An meinen toten Freund A. S._
+
+ »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
+ Den müden Geist zu dichterischem Flug,
+ Und schon seit langem streb’ ich ernst genug,
+ Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.«
+
+ So schriebst Du jüngst nach qualerfülltem Ringen,
+ Als nächtens nach des Schlummers mildem Trug
+ Dein brennend Aug’ umsonst Verlangen trug,
+ Und heute hör’ ich’s noch im Herzen klingen.
+
+ Begnüge Dich! Du trägst nach heißem Ringen
+ Ins Reich der Geister ungetrübt von hinnen
+ Die hehre Poesie der Herzensreinheit.
+
+ Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
+ Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen,
+ So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit.
+
+ * * * * *
+
+ Auf Deinen Sarg fällt manche Träne nieder
+ Und bange Seufzer irren durch die Luft.
+ Ich starre trocknen Auges in die Gruft;
+ Kein warmer Tropfen quillt durch meine Lider.
+
+ Ich steh’ betäubt, von Schmerz gelähmt die Glieder,
+ Und faß es nicht, daß unter Glanz und Duft
+ So holder Blumen gähnt die düstre Kluft ...
+ Ich kann nicht weinen. Doch ich kehre wieder!
+
+ Wenn ich die Menschheit jammernd höre sagen:
+ »Die Besten müssen früh von hinnen gehen!«
+ Dann wird zu Dir mich die Erinnrung tragen.
+
+ An Deiner Gruft werd’ ich im Geiste stehen,
+ Und von der Menschheit angsterfülltem Klagen
+ Wird auch ein Hauch um diese Stätte wehen.
+
+ * * * * *
+
+Aber tiefer und sehrender, als es aus diesen pathetischen
+Jünglingsversen klang, wurde das Weh, als nun die Tage kamen und
+gingen ohne den Freund und als er in der nächsten Versammlung der
+»Treue« das Gesicht des Besten vergebens suchte. Er war einsilbig und
+ernst und ging lange vor der gewohnten Zeit nach Hause.
+
+
+
+
+XXIII. Kapitel.
+
+Asmus als Verteidiger zweifelhafter Unschulden und Adolfine Moles als
+Seminardirektor.
+
+
+Das gigantische Schicksal, das immer vornehm bleibt, hat eine kleine
+schieläugige, bucklige und boshafte Schwester, die ein Vergnügen daran
+findet, den Verfolgten und Leidenden im Augenblick ihres größten
+Unglücks noch einen kleinen Extraprügel zwischen die Beine zu werfen,
+oder sie durch einen heimlich angefügten Zettel lächerlich zu machen,
+oder ihnen just in dem Augenblick, da ihr Recht an den Tag kommen
+soll, eine kleine Schuld vor die Füße zu rollen, daß sie straucheln.
+Wenn ein Lump und ein Ehrenmann vor dem Richter stehen, dann wird im
+Gerichtssaal immer ein Steinchen liegen, an dem der Redliche sich den
+Fuß verstaucht. So gingen denn zu der Zeit, als Semper den eben
+verlorenen Freund betrauerte und der »Klassenkampf« zwischen den
+Seybolden und den »Schäflein« (ein ewiger Klassenkampf!) den höchsten
+Hitzegrad erreicht hatte, Morieux, Semper und zwei andere Schäflein,
+Namens Klöhn und Wackerbarth, über den »Dragonerstall« durch das
+Holstentor. Morieux hatte gerade einen kolossalen Witz erzählt, und
+alle vier Jünglinge lachten laut, als ihnen ein langer, grauer Pastor
+in den Weg kam.
+
+»Halloh, Pastor Zump!« rief Klöhn nicht eben laut, aber doch laut
+genug für das Ohr des Geistlichen, und da die vier einmal im Lachen
+waren, so lachten sie weiter. Es war eine Art Backfischgekicher ins
+Jungenhafte übersetzt. Asmus kannte keinen Pastor Zump und fragte: Wer
+ist das? und bemerkte den Mann erst, als er vorüber war. Er hatte rein
+nach dem Gesetz der Beharrung weitergelacht. Aber »langgebeint, mit
+langen Sätzen« kam der Mann alsbald zurück.
+
+»Wie heißen Sie?« fuhr er Morieux an.
+
+»Wieso?« fragte der.
+
+»Wollen Sie mir Ihren Namen nennen?«
+
+»Nein. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.«
+
+»Wollen _Sie_ mir Ihren Namen nennen?« wandte er sich an Wackerbarth.
+
+»Ja, das kann ich ja tun,« sagte der, »ich heiße Wackerbarth.«
+
+Das genügte dem Geistlichen. Als er gegangen war, erfuhr Asmus, daß
+Herr Zump ein hochorthodoxer, ja pietistischer Geistlicher sei, der
+ein ganz frommes Blättchen herausgebe und mit diesem Blättchen oft in
+der liberalen Presse verspottet werde.
+
+Am andern Morgen wurde Wackerbarth zum Direktor zitiert, und dem mußte
+er die »Mitschuldigen« nennen. Semper nannte er nicht mit, weil er ihn
+für gänzlich unbeteiligt hielt. Eine Stunde später schnob und stob
+Herr #Dr.# Korn zur Klasse herein und stellte sich am Katheder auf.
+
+»Wackerbarth!« rief er.
+
+»Hier.«
+
+»Klöhn.«
+
+»Hier.«
+
+»Morieux!«
+
+»Hier.«
+
+»Sie haben jestern einen Geistlichen auf offener Straße verhöhnt...
+Was woll’n Sie?« schnauzte er Sempern an, der aufgestanden war.
+
+»Ich war auch mit dabei,« sagte Semper. Der »Pfaffe« reizte seinen
+Zorn.
+
+Der Direktor schnappte. Was? Semper? Der Musterknabe? Er war einen
+Augenblick sprachlos. Aber dann fuhr er los mit gedoppelter Kraft:
+
+»Also: man sollt’s kaum jlauben! Vier junge Leute, die sich zu den
+jebildeten rechnen, _die Lehrer werden wollen_! (hier brüllte der gute
+Korn förmlich) betragen sich wie der Janhagel und insultieren auf
+offener Straße einen Jeistlichen unserer Vaterstadt! Und als der Mann
+den einen um seinen Namen fragt, hat der die Impertinenz, zu sagen:
+‘Ick habe die Ehre, Sie nich zu kennen!’«
+
+Semper und Morieux erhoben sich wie zwei abgeschossene Raketen.
+
+»Wat woll’n Sie?« schrie der Direktor Morieux an.
+
+»Das habe ich _nicht_ gesagt,« rief Morieux, der in der Erregung die
+wunderbarsten Fratzen schnitt.
+
+»Wat woll’n _Sie_?« heulte der Direktor gegen Asmus.
+
+»Ich will bezeugen, daß Morieux das _nicht_ gesagt hat. Er hat gesagt:
+»Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.« Und dann erzählte Asmus den
+ganzen Vorgang, wie er sich zugetragen hatte.
+
+»So,« machte Korn und schnappte wieder. »Na, ick sage Ihnen soviel:
+Sie jehen noch heute alle mit’nander hin zu dem Mann. Nimmt er Ihre
+Erklärung an, is’s jut. Tut er’s nicht, dann sind Se hier fertig. Dann
+werden Sie eliminiert.« Und damit stampfte er aus der Klasse.
+
+Da war er ja in eine hübsche Affäre hineingeraten! Und dabei hatte er
+wirklich nicht über Seine Hochwürden gelacht, sondern über den Witz.
+Aber sollte er sich jetzt, da sie in der Klemme waren, von den
+Gefährten, die ihm Treue gehalten, trennen und wie ein Bübchen rufen:
+»Ich bin es nicht gewesen!?« Das würde wie Feigheit aussehen, und
+darum war es ausgeschlossen.
+
+Die drei ernannten Sempern zu ihrem Sprecher, und vier Mann hoch
+zogen sie im Studierzimmer Sr. Hochwürden auf. Es war ein so langer
+Pastor, daß Asmus, wenn er die Augen geradeaus richtete, genau auf den
+Magen des Gottesmannes blickte. Und da es ihm unnatürlich war, den
+Kopf in den Nacken zu legen, so richtete er seine Ansprache
+schließlich nur noch an den Bauch des Herrn Pastors.
+
+»Der Herr Direktor verlangt,« sagte Asmus, »daß wir Ihnen eine
+Erklärung unseres Verhaltens geben. Mein Freund hat uns ein Wortspiel
+erzählt, und darüber haben wir gelacht. Mitten im Gelächter hat dann
+einer gesagt: ‘Da kommt Pastor Zump!’ Wir haben aber nicht über Sie
+gelacht.«
+
+Das stimmte nun nicht recht; aber Asmus als erwählter Führer hielt es
+für Ehrenpflicht, seine Kameraden herauszupauken.
+
+Der Geistliche antwortete im schönsten Kanzelton:
+
+»Sie erwarten doch wohl nicht, daß ich diese Erklärung annehme. Ich
+habe den Herrn Direktor gebeten, Sie nicht zu bestrafen (das stimmte)
+und wenn Sie kommen, um Verzeihung zu bitten, so ist die Sache für
+mich erledigt; wenn Sie aber erklären, Sie hätten nicht über mich,
+sondern über ein Wortspiel gelacht – #quod non#!«
+
+»Wir können nichts anderes sagen,« bemerkte Asmus gegen den Bauch des
+Herrn Zump.
+
+»Und Sie?« wandte Zump sich an Klöhn. »Können Sie mir auch nichts
+anderes sagen? Sie waren es doch, der da rief: ‘Halloh, Pastor Zump’
+und höhnisch dazu lachte.«
+
+»Das hat er nicht getan!« rief Asmus.
+
+»Schweigen Sie doch!« rief der Pastor zornig, »wie können Sie das
+wissen?«
+
+»Weil ich meinen Freund kenne; dergleichen tut er nicht,« versetzte
+Asmus als Eideshelfer.
+
+»Ich rede überhaupt nicht mehr mit Ihnen!« eiferte Zump gegen Sempern
+und wandte sich an Morieux.
+
+»Und Sie? Haben Sie etwa nicht gesagt: »Ich habe die Ehre, Sie nicht
+zu kennen!« (Das schien der Pastor also wirklich gehört zu haben.)
+
+»Nein,« rief Morieux mit diabolischen Gesichtsverzerrungen, »ich habe
+gesagt, daß ich nicht die Ehre hätte, Sie zu kennen.«
+
+»Jawohl, das hat er gesagt,« erklärte Asmus mit Nachdruck, und die
+andern stimmten zu.
+
+Pastor Zump warf einen Blick auf ihn wie der Prophet Elisa auf jene
+Knaben, die er von zween Bären zerreißen ließ, dieweil sie gerufen
+hatten: »Kahlkopf, komm herauf!«
+
+Und dann machte er eine große Armbewegung über alle vier Köpfe hin und
+sagte: »Ich bin fertig mit Ihnen, Adieu.« Aber als sie nahe der Tür
+waren, sprach er mit einem besonderen Blick für die drei anderen
+(Asmussen würdigte er keines Blickes mehr): »Wenn der eine oder der
+andere von Ihnen mir etwas anzuvertrauen hat, so werde ich ihn gern
+empfangen.«
+
+Er mochte wohl hoffen, daß einer von den dreien vor Unterleibsschwäche
+abfallen und reumütiges Bekenntnis ablegen werde, und das war nicht
+fein von ihm. Nach vielen Jahren erst erfuhr Asmus aus wahrem Munde,
+daß dieser Pastor Zump ein guter, hilfsbereiter und opferfreudiger
+Mann gewesen sei. Seine Verfolgung der vier Jünglinge war vermutlich
+auch so ein Steinchen gewesen, das ihm die bucklige Schwester des
+Schicksals unter die Füße gerollt hatte.
+
+Einstweilen war er für Asmussen der rachsüchtige Pfaffe, der
+Hoogstraten und Peter Arbues, den er nie in seinem Leben um Verzeihung
+bitten würde. Dann aber kam die Relegation. Dann war alle Mühe und
+Sorge von viertehalb Jahren dahin, dann konnte er alle seine
+Frühlingshoffnungen begraben und Zigarrenmacher werden. Das Geld, ihn
+auf einem auswärtigen Seminar zu erhalten, konnten weder er noch seine
+Eltern aufbringen. Ihm war übel ums Herz, und er verbrachte eine
+schlaflose Nacht.
+
+Das Schlimmste war, daß das Herz nicht ganz frei war. Er selbst hatte
+zwar den Mann nicht verlacht; aber er hatte die andern unbedingt in
+Schutz genommen, und das war doch gewiß: zum mindesten Klöhn hatte
+eine starke Ungezogenheit begangen. Wenn man wahr sein wollte, mußte
+man das eingestehen. Aber darum Buße tun in Sack und Asche, wie Uriel
+Acosta, vor diesem »hochmütigen, intriganten Priester«?! Asmus fuhr
+mit einem kurzen Lachen von seinem Bett empor und warf sich wuchtig
+wieder zurück auf das zerwühlte Lager. Aber übel war ihm zu Sinn; es
+ist schlimm, wenn eine Wunde nicht ganz rein ist.
+
+Erst nahe vor Morgen verfiel er in einen leisen Halbschlaf. Der
+Direktor stand vor ihm und sagte: »_Sie_ wollen Lehrer werden? Sie
+sind wohl verrückt!« Und dabei hatte er vollkommen das Gesicht von
+Adolfine Moses.
+
+
+
+
+XXIV. Kapitel.
+
+Die Bucklige lacht: aber die Schlanke macht es wieder gut. – Der
+Schiffbrüchige von Salas y Gomez als Mittler zwischen den Parteien.
+
+
+Zwei Stunden später traten die vier im Gänsemarsch bei dem Direktor
+ein, Semper wieder voran.
+
+»Wir haben dem Herrn Pastor erklärt, daß unser Lachen nicht ihm
+gegolten habe; aber er will diese Erklärung nicht annehmen,«
+berichtete Asmus und erwartete das Vernichtungsurteil.
+
+Der Direktor ging einmal das Zimmer auf und ab und durchstach dann
+alle vier, jeden einzeln, mit einem Blick. Dann ging er noch einmal
+auf und ab und durchstach hierauf Asmussen mit einem besonders langen
+Blick. Und dann sagte er:
+
+»Sie können jeh’n.«
+
+Die Angelegenheit war erledigt. Sie war erledigt für den Direktor und
+den Pastor; keiner kam wieder darauf zurück.
+
+Aber nicht erledigt war sie für die Seybolde und Wiedemänner. Das war
+ja köstlich! Das war ja erbaulich! Also so waren die »Schäflein«, wenn
+sie unter sich waren! Dann betrugen sie sich wie die Gassenbuben und
+bewarfen Geistliche (im Ornat! versicherte einer) mit Steinen! mit
+Schmutz! Das waren also die Leutchen, die eine Eins bekamen, wenn
+andere nur eine Zwei kriegten! Das waren die Herren, die mit
+hochmütiger Verachtung erwiderten, wenn man ihnen vorhielt, daß sie
+ihre Kollegen beim Direktor verraten hätten! Für die Schäflein, und
+sonderlich natürlich für Asmussen, kamen schlimme Tage, und die kleine
+schieläugige Schwester des Schicksals lachte, daß ihr der Buckel
+tanzte und rief:
+
+»Du glaubst, wer recht hat, müsse obendrein auch noch Recht
+_bekommen_? Du bist wohl verrückt?!«
+
+In dieser Zeit, da ihm die Welt ein ausgesucht widerwärtiges Gesicht
+machte, sollte er etwas erleben, was nach »Duplizität der Ereignisse«
+aussah. Wie sich ihm nämlich einst, da er noch ein Knabe war, aus
+dunklem Bangen ein Weg ins Licht gezeigt hatte, als er zwischen den
+Bahndämmen in der Rainstraße, vor der Tür einer Schenke, einem lieben
+braunen Mädchen begegnet war, so sollte er auch jetzt wieder bei einem
+braunen Mädchen Erhebung und Erheiterung des Herzens finden. Herr
+Mansfeld, ein befreundeter Lehrer, hatte ihn zum Abendbrot eingeladen,
+und als Asmus nun die Treppen zur Wohnung des Gastfreundes
+emporstieg, stand da auf einem Absatz eine rankgewachsene Brünette und
+blickte nachdenklich auf einen Koffer ihr zu Füßen, der nicht allzu
+leicht sein mochte. Es war Fräulein Hilde Chavonne, seine ehemalige
+Kollegin. Sie stand im Begriff, zu eben den Lehrersleuten, die Asmus
+geladen hatten, in Pension zu gehen, und Asmus bat bescheidentlich um
+die Erlaubnis, ihr den Koffer hinauftragen zu dürfen. Das gewährte sie
+mit einem gnädigen Lächeln, und als man droben war, halfen Asmus und
+Herr Mansfeld beim Auspacken der Bücher, die der Koffer enthielt.
+Dabei schlug sich von selbst ein starkes, längliches Heft auf, das mit
+der Hand gezeichnete und kolorierte Landkarten enthielt.
+
+»O, wie famos!« rief Asmus. »Haben Sie die gezeichnet?«
+
+Hilde klappte schnell das Heft zu. »Machen Sie sich nicht lustig
+darüber!« rief sie ängstlich. »Sie können es gewiß tausendmal besser.«
+
+»Ich? Ich kann gar nichts, ich kann überhaupt nicht zeichnen,« sagte
+Asmus.
+
+Sie sah ihn zweifelnd an; aber als sie in seine Augen sah, glaubte sie
+ihm, und nun schlug sie langsam selbst das Heft wieder auf, und von
+Blatt zu Blatt, wie er staunte und lobte, wurde sie heiterer und
+stolzer. Sie stand dicht neben ihm, und dabei geschah es, als er sich
+über das Heft bückte, daß der Ärmel ihres Kleides seine Wange
+streifte. Von diesem Augenblick an war Asmus wieder glücklich.
+
+Sie erschien nicht beim Abendbrot, weil sie müde war, und überhaupt
+blieb es auf lange Zeit hinaus bei dieser flüchtigen Begegnung.
+
+Merkwürdig, dachte er im Nachhausegehen: ein ganz ähnliches Gefühl hab
+ich schon einmal gehabt – ganz so wie jetzt war die Welt schon einmal
+– nicht die gewöhnliche Welt, aber die andre, die immer über ihr
+schwebt wie Morgenduft über den Hügeln, die war schon einmal so,
+damals, als ich zwischen den Bahndämmen »am Rain« mit dem kleinen
+braunen Mädchen geplaudert hatte, mit der »Königin der Mainotten«. Und
+was noch merkwürdiger ist, die beiden haben in gewisser Hinsicht etwas
+Übereinstimmendes – nicht nur, daß sie beide braunes Haar und braune
+Augen haben, das will nichts sagen – auch der Teint und das ganze
+Aussehen – auch das Fräulein Chavonne hat etwas Fremdländisches – so –
+so etwas Französisches – übrigens ist ja auch ihr Name französisch.
+Aber ihr Wesen ist – gewiß: es ist deutsch – und doch wieder so ganz
+anders als das des fürchterlichen »deutschen Weibes« mit der
+Häkelnadel. Wenn man sie zu Pferde sähe, dachte er, mit wehendem
+Schleier, den Falken auf der Faust, auf dieser seinen, schmalen Faust
+– es würde keinen Augenblick überraschen.
+
+ »Wie sitzest du zu Pferde
+ So königlich und schlank!«
+
+sang er vor sich hin, daß ein vorübergehender Bürger stutzte und ihn
+anstarrte....
+
+Seit diesem Abend fühlte sich Asmus auf eine wunderbare Weise frei und
+leicht, und er trug das Leben wieder mit aufgerichteten Schultern. Er
+hätte nicht sagen können, woher das kam; es kam aber einfach daher,
+daß ihn in dieser armen, bürgerlichen Lehrerin ein adliger Mensch
+berührt hatte, und das hatte um so wundersamer gewirkt, als es
+menschlicher Pöbel war, der sein Leben verfinstert hatte.
+
+Seybold und Wiedemann waren ganz unzweifelhaft Pöbel; daß aber unter
+den anderen Feinden auch anderes Material war, das sollte er bald
+erfahren. Zunächst freilich schienen die Gegensätze noch
+unversöhnlich. Herr Quasebarth brachte eines Tages die Rede auf den
+die Klasse zerspaltenden Streit und sprach sein Bedauern aus.
+
+»Ja,« rief eines der Antischäflein, »die andere Partei macht ja auch
+nicht den geringsten Versuch zu einer Annäherung.«
+
+Da lachte Asmus laut auf, daß es durch die Klasse scholl.
+
+Seit vielen Monaten geschah ihnen Unrecht auf Unrecht – und da sollten
+sie etwa noch um Frieden betteln? Lieber »Kampf bis zur Vernichtung«.
+
+Seiner Jugend erschien die Welt als ein ehrenhaftes Geschäft, bei dem
+man eine berechtigte Forderung nur zu präsentieren brauche, um sofort
+Zahlung zu erhalten. Er ahnte noch nicht, daß dieses allerdings reelle
+Geschäft eine sehr weitsichtige Buchführung hat und daß seine Bilanzen
+oft erst nach zehn, nach fünfzig, nach hundert Jahren oder später
+erscheinen, je nach der Größe des Gegenstandes. Man kann diese Welt
+auch ein Gericht nennen und das Leben einen Prozeß, der durch hundert
+oder tausend Instanzen geht. Man bekommt gewöhnlich sein Recht, aber
+oft mit einer Begründung, die man nicht erwartet hat, und manchmal,
+wenn man das Urteil erhält, ist man tot.
+
+Bald darauf, in der Rezitationsstunde trug Asmus aus dem Kopfe »Salas
+y Gomez« vor, mit sämtlichen drei Schiefertafeln. Als er nach dieser
+Stunde über den Korridor ging, stieß er auf Herrn Rothgrün, der in der
+Nachbarklasse Sempers Freudenschrei:
+
+ »Ein Schiff! Ein Schiff! Mit vollen Segeln lenkt
+ Es herwärts seinen Lauf, mit vollem Winde!«
+
+vernommen hatte. Und Rothgrün meinte mit wohlwollendem Lächeln:
+»Glauben Sie wohl, daß der Mann noch eine so starke Stimme hatte,
+nachdem er jahrelang bloß von Eiern gelebt hatte?« Rothgrün war eben
+Kritiker. Anders aber war der Seminarist Blankenburg. Er trat nach
+dieser Stunde an einige Häupter seiner Partei heran und sagte:
+
+»Ich finde, es geht nicht länger. Wir können den Verruf nicht weiter
+aufrechterhalten. Im Grunde war es ja doch nur Neid. Daß er Kollegen
+beim Direktor verpetzen könnte, glaubt ja längst kein Mensch mehr. Wir
+blamieren uns. Und _wir_ müssen wieder anfangen.«
+
+Und in den andern wachte die Hochherzigkeit des Jünglingsalters
+freudig wieder auf, und es wurde beschlossen, auf dem bevorstehenden
+Bergfeste die feierliche Versöhnung zu begehen.
+
+
+
+
+XXV. Kapitel.
+
+Was eigentlich ein Bergfest ist, und warum Dr. Korn den ersten Toast
+bekam.
+
+
+Das Bergfest! Wenn von den sechs Seminarsemestern drei verflossen
+waren und also der Berg des Ärgernisses bis zum Gipfel überwunden war,
+pflegte man das »Bergfest« zu feiern. Und diesmal sollten der Direktor
+und alle Lehrer dazu geladen werden.
+
+Vor der nächsten psychologischen Stunde hub der Herr Direktor also an:
+»’n Bergfest woll’n Se feiern. Ich habe erst jar nicht verstanden, was
+das sein soll. Ich habe jedacht: wieso woll’n denn Seminaristen des
+Flachlandes ’n »Bergfest« feiern! Schließlich hab ich mir’s erklären
+lassen. Das heißt: »Jott sei Dank, nu sind wir über’n Berg!« Ick will
+Ihnen mal wat sagen: Freu’n Se sich, wenn Se noch Zeit und Jelegenheit
+haben, wat zu lernen; später wird’s anders! Wenn Se Ihr Examen jemacht
+haben, feiern Se meinetwegen Feste, aber _den_ Unsinn mach’ ick nich
+mit!«
+
+Er fing immer ziemlich hochdeutsch an, aber je länger er sprach,
+desto berlinerischer wurde er und desto mehr würzte er seinen Vortrag
+mit Berliner Anekdoten. Wenn er mit einem Vortrag über Zeit und Raum
+begonnen hatte, so war er nach einer Viertelstunde bei Bismarck oder
+Moltke oder bei seinen Lehrern Lazarus und Steinthal (»der Steinthal
+is man so’n janz kleenes Männeken mit’n Zahntuch um’n Kopp – wenn
+man’n auf der Straße sieht, möcht’ man ihm ’n Jroschen schenken« – und
+dann pries er ihn in begeisterten Erinnerungen) oder er kam auf die
+Berliner Schutzleute oder auf Eugen Richter.
+
+»Wenn man den Richter nachts aufweckt und sagt: Richter, halt mal ’ne
+Rede! denn kann er’s, un wenn man sagt: Richter, nu halt mal eine
+dajegen! denn kann er’s ooch. Aber ’n janzer Kerl is er doch!«
+
+Das Bergfest wurde also ohne Direktor und ohne Lehrer,
+nichtsdestoweniger aber mit Glanz gefeiert. Niemand rührte mit Wort
+oder Miene an das Vergangene; Schäflein und Wölfe benahmen sich gleich
+taktvoll; nur Morieux zog einmal Sempern auf die Seite und flüsterte
+erregt:
+
+»Du mußt eine Rede halten!«
+
+»Ich? Worüber?«
+
+»Na – zum Dank für die Einladung!«
+
+Asmus brach in ein schallendes Gelächter aus.
+
+»Das könnte mir fehlen! Nein, mein Junge, ich bin sehr vergnügt und
+feire das Fest ohne jeden Hintergedanken – aber auch noch »danke«
+sagen –? Das mach du nur selber! Das heißt, wenn du’s tust, erschlage
+ich dich!« fügte er schnell hinzu.
+
+Und zu den hübschesten Dingen dieses Festes gehörte es, daß der erste
+Trinkspruch, den der Präside ausbrachte, dem Direktor galt. Er hatte
+sie auch bei dieser Gelegenheit nicht eben liebenswürdig behandelt;
+aber sie liebten ihn alle; denn er hatte das eine, für das die Jugend
+ein so besonders feines und lebhaftes Empfinden besitzt:
+Gerechtigkeitsgefühl. Die Jugend versöhnt sich mit dem strengsten
+Zuchtmeister, wenn er gerecht ist, und sie verachtet, sie haßt den
+willfährigsten Lenker, wenn er das Recht beugt. Sie wußten es alle:
+dieser #Dr.# Korn hatte ein Rückgrat nach oben und nach unten, und
+wenn es in einem Konflikt zwischen Lehrer und Schüler zu entscheiden
+galt, so waren sie ihm nicht Lehrer und Schüler, sondern Menschen. In
+aller Gedächtnis strahlte mit unauslöschlichem Glanze ein
+Richterspruch des »Alten«. Ein Religionslehrer hatte mit allerlei
+verfänglichen Fragen einen verdächtigen Jüngling auf seine
+Rechtgläubigkeit untersucht. Der Jüngling beschwerte sich bei dem
+Direktor über diese Belästigungen, und Korn, als er beide Parteien
+gehört hatte, sagte: »Herr Doktor, Sie haben sich aller
+Jewissensfragen zu enthalten. Wir sind hier tolerant.«
+
+Es war zu jener Zeit, als der leise schreitende Einfluß der
+Geistlichkeit noch nicht überall war und die oberen Stellen nicht mit
+den Günstlingen der Kirche, sondern mit den Günstlingen Minervens
+besetzt wurden.
+
+Von der orthodoxen Theologie war der Mann allerdings weit entfernt; er
+war Philolog und Philosoph und liebte das Zeitalter der Aufklärung und
+der Enzyklopädisten, das er mit sprühendem Geist, lebendig und groß
+darzustellen wußte, so groß, daß Asmus, wenn ihm später der banale
+Aufkläricht in seiner ganzen Schrecknis begegnete, nie mehr vergessen
+konnte, wie die Gedanken, die klein sind in den kleinen Köpfen, groß
+gewesen in den großen. Wenn er ein Kapitel des christlichen Glaubens
+behandelte, etwa die Dreieinigkeit, so trug er es genau nach der
+Dogmatik vor, ohne Kritik und ohne Polemik, und wenn er fertig war,
+sagte er aufatmend:
+
+»So. Das lehrt die Kirche. Was Sie davon jlauben wollen, steht bei
+Ihnen.«
+
+Diesen Grundsatz bewährte er nach jeder Richtung. Der Gläubige atmete
+unter ihm so frei wie der Zweifler.
+
+Und obwohl Asmus das Brandenburgisch-Preußische sonst nicht liebte, –
+die Schleswig-Holsteiner sind keine Kommißnaturen, – so sagte er sich
+doch, daß der Geist dieses Mannes das Beste am ganzen Seminar, ja, daß
+er beinahe das einzige Gute an dieser Anstalt war. Sein goldener
+Präparandentraum vom reich besetzten Tisch der Wissenschaften und
+Künste hatte einer großen Ernüchterung Platz gemacht; aus der Hochzeit
+des Kamacho, wo die Rinder, Hammel und Hasen und die Schläuche Weines
+nicht zu zählen gewesen, war ein Gastmahl des Harpagon geworden. Von
+einem, der studieren will, sagen die plattdeutschen Bauern: »he will
+studeern leern« und sprechen damit, ohne es zu wissen, ein feines
+Wort. In drei oder vier Jahren kann man nicht viel studieren; aber man
+kann studieren _lernen_, und das ist viel mehr. Bei Korn lernte man
+studieren. Nach seinen Vorträgen rief es in Asmus mit tausend
+Begierden: Mehr! mehr! und ihm war, als müßte er mit Armen des Geistes
+das ganze Firmament der Gedanken umspannen und in seine Brust
+herabziehen. Nach den Stunden der andern hatte man immer genug, und
+wußte doch, daß es nichts war. Sie gaben trockenes Brot, das schnell
+satt macht, oder sie gaben Steine statt des Brotes, oder sie gaben
+nicht einmal Steine. Ein Glück noch, wenn sie komisch waren, wie der
+gute Mister Belly, und wenigstens auf solche Art die Jugendlust
+lebendig erhielten.
+
+
+
+
+XXVI. Kapitel.
+
+Mister Belly und der geheimnisvolle Zimmermann.
+
+
+Mister Bellys Stunden waren freilich in einer gewissen Hinsicht lauter
+Feste. Mister Belly war eines jener Wunderkinder gewesen, die schon
+mit drei Jahren Englisch sprechen, weil sie in England geboren sind,
+und das war sein Hauptverdienst. Zu diesem Englisch hatte er nur noch
+zweierlei hinzugelernt: ein Französisch mit englischer Aussprache und
+Betonung und ein für einen Ausländer recht passables Deutsch. Auf
+weitere Anforderungen aber reagierte er nicht. Es ist nie ans Licht
+gekommen, ob er von Goethe, Schiller und Lessing irgend etwas kannte;
+das aber stand fest, daß er von der nachgoethischen Literatur nur den
+»Königsleutnant« von Gutzkow kannte. Ein Engländer gesteht dergleichen
+ganz kaltblütig ein und hält es für Nationalbewußtsein. Von Zeit zu
+Zeit fragten ihn die Seminaristen:
+
+»Mister Belly, wie heißt noch das deutsche Drama, das Sie kennen?« und
+dann antwortete er mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt:
+
+»Also mal »The King’s Lieutenant«, denn er leitete jeden Satz mit den
+Worten »also mal« ein.
+
+Wenn nun aber auch Mr. Belly recht gut deutsch sprach, so sprachen es
+die deutschen Seminaristen doch besser, und als Lehrer ohne
+imponierende Kräfte unter übermütige Kinder einer fremden Sprache
+versetzt sein, das ist gerade so schön, wie als Taubstummer unter
+Kannibalen geraten. Da beim englischen Unterricht eine Grammatik von
+Gurcke gebraucht wurde, so sagte der unglückliche Belly eines Tages:
+»Bringen Sie zur nächsten Stunde Ihre Gurke mit« und an solchen und
+ähnlichen Gurken hatte der Gute natürlich lange zu kauen. Unter der
+gütigen Leitung Mr. Bellys mußte unser Asmus etwa hundertmal die
+Geschichte von Robin Hood lesen (Mr. Belly wollte auf solche Weise bei
+seinen Schülern eine gute Aussprache erzielen); aber dennoch brachte
+jede Stunde eine Abwechslung. Heute war es ein Hampelmann, der hinter
+Mr. Belly an der Wand hing und durch einen dünnen, bei dem
+Seminaristen Stelling endigenden Faden dirigiert wurde, morgen war es
+ein Seminarist, der in den Kartenschrank eingesperrt wurde und dort
+während der Stunde gespenstische Geräusche hervorbringen mußte,
+übermorgen ein Seminarist, der aus Turnjacken, Turnhosen, Turnschuhen
+und einer Mütze hergestellt, dann in ein kleines Kabinett gesetzt und
+für »eingeschlafen« erklärt wurde, so daß Mr. Belly hinging, um ihn
+zu wecken, und so mit und ohne Grazie ins Unendliche. Ein Rouleau, das
+hochgezogen werden sollte, entwickelte sich regelmäßig zu einer ganzen
+komischen Oper; denn natürlich fiel der Vorhang, wenn er endlich nach
+langen Mühen aufgewickelt war, mit furchtbarem Gerassel wieder herab,
+und je mehr hilfreiche Hände herbeikamen, desto unmöglicher erschien
+natürlich die Bändigung des heimtückischen Vorhangs. Der eigentliche
+Belly-Spezialist aber war jener Stelling.
+
+Stelling war ein glänzend begabter Bursche, der aber am Unterricht
+eigentlich nur als wohlwollender Zuhörer teilnahm und eine
+unüberwindliche Abneigung gegen Bücher und Hefte hegte. Was er an
+solchen Dingen mit sich führte, beschränkte sich für gewöhnlich auf
+ein kleines Heftchen, das er, um seine ganze Verachtung des Buchstaben
+zu zeigen, zusammengerollt in der hinteren Hosentasche trug. Kraft
+seiner vorzüglichen Anlagen war er trotzdem immer so ziemlich auf dem
+Laufenden; nur in der »Charakterbildung« schien er sich auf der Stufe
+des »großen Jungen« so wohl zu fühlen, daß er an einen Fortschritt
+nicht dachte.
+
+Eines drückend heißen Sommertages brachte der nämliche Stelling einen
+Hammer mit in die Klasse, und gerade las ein Schüler mit halb
+entschlummerter Stimme die erschütternden Verse:
+
+ #»Here underneath this little stone
+ Lies Robert Earl of Huntingdone;
+ Ne’er archer was as he so good,
+ And people called him Robin Hood ...#
+
+als in der Gegend Stellings ein ungemein rhythmisches Klopfen ertönte.
+
+»Also mal: was ist das?« fragte Mr. Belly.
+
+Stelling trat an das offene Fenster, neben dem er saß, und sagte
+trocken:
+
+»Das ist also mal ein Zimmermann, Mr. Belly.«
+
+»Also mal: ist gut, setzen Sie sich,« sagte Belly, dem schon schwül
+wurde, wenn Stelling sich einer Sache annahm.
+
+Stelling setzte sich und klopfte.
+
+»Das ist aber doch sehr störend!« rief jetzt der Nachbar Stellings mit
+einem abgefeimten Lerneifer im Gesicht.
+
+»Soll ich den Mann also mal bitten, daß er also mal aufhört?« fragte
+Stelling bescheiden.
+
+Belly, der der suggestiven Frechheit dieses Jünglings nicht gewachsen
+war, sagte: »Also mal: bitte, wenn Sie durchaus wollen –?«
+
+Stelling trat wieder ans Fenster und rief mit der Stimme eines
+versoffenen Feldwebels: »Hören Sie auf!!!«
+
+»Also mal bitte, was ist das für ein Ton!« rief Mr. Belly erschrocken;
+»also seien Sie mal höflich, nicht wahr?«
+
+»Ganz, wie Sie wünschen, Herr Belly,« erwiderte Stelling und begann zu
+singen:
+
+ »Wackrer Zimmermann,
+ Hast ja Freude dran,
+
+aber uns stört es; möchten Sie nicht die Gewogenheit zeitigen, mit
+diesem frevelhaften Geballer aufzuhören? – Wie meinen Sie?«
+
+Stelling wandte sich wieder ins Zimmer zurück und sagte mit dem
+ruhigsten Gesicht:
+
+»Er antwortet: ’Pett di man keen Hoor in’n Foot!’«
+
+»Also mal, das ist Plattdeutsch,« bemerkte Belly sehr richtig, »was
+heißt das?«
+
+»Das heißt: #Don’t run a hair into your foot!#«
+
+»Also mal: Das versteh’ ich nicht.«
+
+»Das verstehen Sie also mal nicht? Das ist eine Beleidigung! – Wie
+heißen Sie?!« schrie Stelling zum Fenster hinaus mit zornrotem
+Gesicht.
+
+»Also mal bitte: seien Sie nicht so erregt!« rief Belly ängstlich.
+
+»Er sagt, er heißt Hummel!«[3] berichtete Stelling. »Was soll ich ihm
+sagen?« Natürlich wollte die Klasse sterben vor Lachen.
+
+ [Fußnote 3: Name eines in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts
+ in Hamburg verstorbenen komischen Originals. Die Hamburger pflegen
+ auf den Zuruf »Hummel« mit einem sehr derben Ausruf zu antworten.]
+
+Mr. Belly erhob sich endlich, um selbst mit dem Manne zu sprechen.
+
+»Da – eben geht er ins Haus!« rief Stelling. »Vor Ihnen hat er
+natürlich Angst.«
+
+Als Mr. Belly an sein Pult zurückgekehrt war und das Klopfen von neuem
+anhub, sprang Stelling auf und schritt nach der Tür: »Ich werde also
+mal hinuntergehen und mit dem Mann sprechen.«
+
+»Also mal: Stelling, bleiben Sie also mal hier,« sagte Mr. Belly.
+
+»Ja aber, Herr Belly, soll man sich denn das gefallen lassen?«
+
+»Also mal: wollen Sie sich jetzt setzen?«
+
+»#Yes, mister#« sagte Stelling und ging an seinen Platz.
+
+»Also mal: Sie sagen: »#Yes, mister!#« Heißt es so?«
+
+»#Yes, gentleman!#«
+
+»Also mal: Sie _wollen_ es nicht richtig sagen! Sie sind also ein
+Heuchler!«
+
+»Herr Belly,« sagte Stelling kaltblütig, »ich nehme an, daß Sie die
+wahre Bedeutung dieses Wortes gar nicht kennen, sonst würde ich Sie
+fordern.«
+
+»Aber, Herr Belly,« riefen jetzt viele durcheinander, »wie konnten Sie
+so etwas sagen: das ist ja eine tödliche Beleidigung!«
+
+»Also mal: ich habe Sie nicht beleidigen wollen,« lenkte Belly ein, es
+heißt also mal: #Yes, Sir!#«
+
+»Na ja, wenn einem das in Güte und Freundlichkeit gesagt wird ....«
+
+Inzwischen war aber in Mr. Bellys Kopfe etwas wie Morgendämmerung
+angebrochen, und als das Klopfen wieder ertönte, belauerte er den
+Übeltäter und sah ihn schnell etwas unter den Tisch legen.
+
+Nun ging er ruhigen Schrittes auf Stellings Platz zu, klappte den
+Tischdeckel hoch, nahm den Hammer, ging damit wieder nach vorn, legte
+ihn auf’s Pult und sagte: »Lesen Sie weiter, Müller.« Er tat das alles
+ohne jedes Zeichen der Erregung, nur mit dem Ausdruck einer stoischen
+Geringschätzung, ja, einer leisen Verachtung im Gesicht. Und diese
+Art, dergleichen Bubenstreiche abzutun wie Dinge, die an die Würde
+eines Gentleman nicht heranreichen, diese Art, die der guten
+englischen Erziehungsregel: #Be a gentleman!# entspringt, nahm Asmus
+doch immer wieder für ihn ein. Man sah es dem guten Belly an, daß
+solche Ruchlosigkeiten ihm weh taten, daß sie ihm aber zu kindisch
+waren für seinen Zorn, und das ging nicht nur Asmus, es ging
+schließlich auch anderen Jünglingen zu Herzen. In einer Pause fand
+eine feierliche Beratung statt mit dem Ergebnis: Da Mr. Belly nicht
+imstande sei, Disziplin zu halten, so müsse man selbst für Disziplin
+sorgen, und von nun an wolle man sich vernünftig benehmen. Das ging
+auch einige Stunden ganz gut. Als aber ein Seminarist einen Stiefel
+ausgezogen hatte, weil er ihn drückte, und sein Nachbar diesen Stiefel
+mit einem kräftigen Stoß nach vorn befördert hatte, Mr. Belly den
+Stiefel als #corpus delicti# konfiszierte und damit die Klasse
+verließ, der Einstiefler, der von Natur eine rote Nase hatte, ihm
+protestierend nachhumpelte und Mr. Belly endlich sagte: »Also mal: Sie
+verfolgen mich: Sie haben eine rote Nase, also Sie sind ein Nihilist!«
+da brachen ob dieser rätselhaften Ideenverbindung alle Dämme der guten
+Zucht zusammen, und der jugendliche Übermut nahm wieder freien Lauf.
+
+
+
+
+XXVII. Kapitel.
+
+Handelt von würdigen und unwürdigen Kollegen Mister Bellys.
+
+
+Es gab an diesem Seminar wohl Lehrer, die noch untauglicher waren als
+Mr. Belly; aber sie waren höchstens für eine satirische Beleuchtung
+amüsant. Zu einer solchen Betrachtung zwang Asmussen wider seinen
+Willen der Herr Pastor Dinnebeil, der eine Zeitlang den
+Religionsunterricht erteilte.
+
+Einstmals Stahmer und jetzt Dinnebeil! Das war wie David Friedrich
+Strauß und Hengstenberg. Nur war Hengstenberg ein Gelehrter, was
+Dinnebeil, wenn er es war, geschickt zu verbergen wußte. Er
+plätscherte unaufhörlich im laulichen Wasser jener fürchterlichen
+Traktätchen-Terminologie, die in drei Sekunden mit sieben Synonymen
+hantiert, nach Art der Jongleure, die mit Teller, Ei und Schnupftuch
+so geschwinde Fangball spielen, daß man nicht mehr weiß, was Teller,
+was Ei und was Schnupftuch ist. Diesen Hamburger Jünglingen, diesen
+Schülern des vortrefflichen Herrn Stahmer, wollte Pastor Dinnebeil die
+abgelagertsten Dogmen einreden, wollte er eine Art Christentum für
+Papuas beibringen. Er versuchte es in einem Tone, der aus Huld und
+Würde lieblich gemenget war. Anfangs hörten die verblüfften
+Seminaristen diesem Phrasenschwall, der wie ein Landregen von Schmalz
+und Honig niederging, mit offenem Munde zu; aber schon nach der
+dritten Stunde war die Langeweile so ins Unendliche gewachsen, daß man
+beschloß, sich einen Spaß zu machen und auf die Fragen des Mannes
+immer abwechselnd zu antworten: »Der Glaube« und »Die Liebe«.
+
+Das geschah denn auch und paßte fast immer, und wenn es nicht paßte,
+so nahm es Pastor Dinnebeil doch wohlwollend hin als das Zeugnis eines
+frommen Sinnes. Nur zwei machten sich dem Späherauge Dinnebeils
+verdächtig: Stelling und Semper. Asmus hatte schon tausend Zweifel und
+Einwürfe ins Dunkel seiner Brust hinabgeduckt; als aber Dinnebeil
+allen Ernstes die Worte im Matthäus 28, 19: »Gehet hin und lehret alle
+Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des
+heiligen Geistes« als Beweis für die Dreieinigkeit ausgab, da hielt es
+Asmussen doch nicht länger, und als er gerade am Wort war, sprach er:
+
+»Verzeihung, Herr Pastor, aber ist das nicht ein späterer,
+tendenziöser Zusatz?«
+
+»Was? Wieso?« fragte Hochwürden indigniert.
+
+»Nun, die Jünger vertraten doch noch auf dem Jerusalemer
+Apostel-Konvent im Jahre 52 Paulus gegenüber den Grundsatz, daß nur
+den Juden das Evangelium gepredigt werden dürfe; das wäre doch
+ausgeschlossen, wenn Christus denselben Jüngern befohlen hätte, alle
+Völker zu seinen Jüngern zu machen. Ferner wurde bis zur Mitte des
+zweiten Jahrhunderts doch nur auf den Namen Jesu getauft; es ist da
+undenkbar, daß die Jünger den Befehl empfangen hätten, auf drei Namen
+zu taufen. Und da das Evangelium nach Matthäus im letzten Viertel des
+ersten Jahrhunderts geschrieben wurde, so werden die Worte 28, 19 ein
+späterer Zusatz sein; sie ...«
+
+»Ach was, klauben Sie mir nicht immer an der Bibel herum!« rief
+Dinnebeil sittlich entrüstet. »Fahren Sie fort, Seybold!«
+
+Asmus war wirklich erschrocken. Er hatte bis dahin geglaubt, ein
+Lehrer müsse sich freuen, wenn es seinen Schülern ernst sei um ihre
+Überzeugung; aber dieser wurde gereizt, wenn man nachdachte und
+forschte. Er ließ einfach »fortfahren«. Fortfahren war allerdings das
+Leichteste. Von nun an »klaubte« Asmus nicht mehr; aber er »glaubte«
+noch weniger, zum mindesten dem Herrn Dinnebeil. Er nahm nun auch die
+Sache humoristisch und ließ die Sermones des jungen Mannes über sich
+ergehen wie das Geräusch einer Wasserleitung, und wenn Herr Dinnebeil
+ihn durch eine Frage aufschreckte, so rief er: »Der Glaube!!« oder
+»Die Liebe!!«
+
+Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrer, ein anderer Mann! Der
+war auch fromm, köhlerfromm, sozusagen; aber er war ein Mensch. Sie
+hatten einer am andern einen Narren gefressen, Bruhn und Semper, ja,
+Meister Bruhn begegnete dem Jüngling mit einer Art von Verehrung, und
+zu dieser Verehrung war Asmus so billig wie nur möglich gekommen. Die
+Hochachtung des Lehrers gründete sich auf Asmussens Zuverlässigkeit
+und auf sein Wissen. Mit der Zuverlässigkeit hatte es folgende
+Bewandtnis.
+
+Alljährlich veranstalteten die Seminaristen mit hohem direktorialen
+Privilegio eine Konzert- und Theater-Aufführung, und vor dem Konzert
+hatte Meister Bruhn, der mit Johannes Brahms zusammen studiert und
+dessen Kompositionen Liszt und Rubinstein zu spielen für wert gefunden
+hatten, regelmäßig ein Lampenfieber von mindestens vierzig Grad. Er
+ordnete deshalb an, daß alle Mitspielenden zwei Stunden vor Beginn der
+Aufführung da sein möchten, damit er selbst alle Instrumente
+wiederholt durchstimmen könne. Man lächelte über diese Ängstlichkeit,
+auch Asmus lächelte; aber weil er den alten Herrn lieb hatte und ihn
+nicht ängstigen wollte, ging er rechtzeitig hin. Meister Bruhn lief
+schon erregt auf und ab und trocknete sich mit immer neuen
+Taschentüchern den Todesschweiß.
+
+»Nu seh’n Se, lieber Semper!« rief er, »die Uhr is sechs und Sie sind
+der Einz’che! Sie sind der einz’che Zuverläß’che von der kanzen
+Kesellschaft! Keben Se her die Cheiche.«
+
+Er fuhr mit dem Bogen darüber und sagte: »Nu ja, se stimmt. Aber das
+is immer so: die’s _nich_ nöt’ch haben, die kommen; aber die’s nöt’ch
+haben, die kommen _nich_.« Und er legte väterlich den Arm um Semper
+und sagte:
+
+»Mein lieber Semper, klauben Sie’s mir: darauf kommt’s an im Leben:
+auf Zuverläß’chkeit. Sie sind ä zuverläß’cher Mensch.«
+
+Das war also billig. Aber noch viel billiger war es, bei Bruhn in den
+Ruf der Gelehrsamkeit zu kommen, und da er in den Konferenzen
+natürlich vernommen hatte, daß Asmus Semper zu den Begabteren gehöre,
+so hielt er ihn für eine Art Casaubon oder Leibniz. Meister Bruhn
+pflegte, wenn er eine Frage stellte, gleich die schwierige Hälfte der
+Antwort selbst zu geben, etwa so:
+
+»Nun, Semper, welcher Ton muß also hier folchen? Gi – gi –?«
+
+»Gis«, antwortete Asmus, und dann rief Meister Bruhn: »Der weiß
+alles!«
+
+Diese Meinung teilte Asmus nun freilich nicht; aber doch ward es ihm
+wohl und warm bei Meister Bruhn und seinen Sonnabendstunden, die im
+Winter bis in das Dunkel des Abends hineinreichten.
+
+Dem »Musiksaale« gegenüber lag ein Haus mit einer
+Schneiderinnenstube, und die Seminaristen stellten sich gern ans
+Fenster, warfen schwärmende Blicke hinüber zu den Mädchen und strichen
+so gefühlvoll dazu die Saiten wie der Geiger von Gmünd vor dem
+Marienbilde. Und die fünf oder sechs Marien nickten so fleißig
+herüber, als hätten sie gern einen Schuh und mehr dahingegeben. Wenn
+Meister Bruhn das sah, dann lächelte er mild-ironisch und sagte:
+»Müller, sehn Se beim Spielen hierher; die nehmen doch lieber Keld als
+Muszik.« Und das ernüchterte.
+
+
+
+
+XXVIII. Kapitel.
+
+Ein Kapitel, in dem aber auch rein gar nichts geschieht und das der
+gewöhnliche Leser wütend überschlagen wird.
+
+
+Asmus Semper hatte nicht das Geringste gegen hübsche
+Schneidermamsellen; aber ob sie hübsch waren, eben das konnte er nicht
+feststellen, weil seine Augen für eine so große Entfernung nicht
+ausreichten. So schützte, wie es wohl öfter kommen mag, die
+Kurzsichtigkeit seine Tugend. Aber wenn er auch die Schneiderinnen
+deutlich hätte erkennen können, würde er wohl wenig nach ihnen
+ausgeschaut haben, weil es innerhalb des düsteren, kahlen Musiksaales
+weit Schöneres zu sehen gab. In diesem Musiksaal wurden alle
+Volkslieder gesungen und gegeigt, die je von deutschem Kindermund
+erklungen sind; denn was sie die Kinder lehren sollten, das mußten die
+künftigen Lehrer selber spielen und singen können. Wenn er diese
+Lieder hörte, stützte Asmus den Ellenbogen aufs Knie und den Kopf in
+die Hand und sah in einen dunklen Winkel des Saales, und seine
+kurzsichtigen Augen wurden fernsichtig.
+
+Da sah er hinein in jahrtausendtiefen Wald und hörte aus einem fernen
+Jahrhundert den dämmergrünen Grund herauf ein fröhliches Blasen:
+
+ Ein Jäger aus Kurpfalz,
+ Der reitet durch den grünen Wald,
+ Er schießt das Wild daher,
+ Gleichwie es ihm gefallt.
+ Ju ja, Ju ja
+ gar lustig ist die Jägerei
+ Allhier auf grüner Heid’.
+
+Aber das zweite »Ju ja« hallte leise aus wunderbaren Fernen her.
+
+Und langsam schritt er tiefer in den Wald hinein, dorthin, wo im
+ewigen Dunkel zwischen Moos und Stein ein Waldelf sitzt und seit
+hunderttausend Jahren in die Quelle starrt, um ihr Geheimnis zu
+ergründen. Und Asmus neigte das Ohr und horchte dem murmelnden
+Selbstgespräch der Quelle, und immer war’s ihm, nun müßt’ er’s gleich
+verstehen, und verstand es doch nie. Und wie er noch lauschte, winkte
+ihm aus tauigem Dunkel ein purpurner Schein.
+
+ Ein Männlein steht im Walde
+ Ganz still und stumm,
+ Es hat von lauter Purpur
+ Ein Mäntlein um.
+
+Das Lied hatte ihn sogleich angelacht wie ein rotwangiger Apfel, da
+er’s in früher Kindheit zum ersten Male gehört. Nun aber strahlte
+durch die braunen Stämme ein goldener Glanz; er ging darauf zu und
+wußte nicht: ist es goldene Sonne, oder goldenes Korn? Und als er am
+Feldrain stand, war es goldenes Korn in goldener Sonne.
+
+ Horch, wie schallt’s dorten so lieblich hervor!
+ Fürchte Gott!
+ Fürchte Gott!
+ Ruft mir die Wachtel ins Ohr.
+ Sitzend im Grünen, von Halmen umhüllt,
+ Mahnt sie den Horcher am Saatengefild:
+ Liebe Gott!
+ Liebe Gott!
+ Er ist so gütig und mild!
+
+Die Hitze hatte drohende Wolken gebraut, und die fernsten Ähren
+standen schon in graublauer Luft.
+
+ Schreckt dich im Wetter der Herr der Natur:
+ Bitte Gott!
+ Bitte Gott!
+ Und er verschonet die Flur.
+ Machen die künftigen Tage dir bang,
+ Tröste dich wieder der Wachtel Gesang:
+ Traue Gott!
+ Traue Gott!
+ Deutet ihr lieblicher Klang.
+
+Was war das für eine Zeit gewesen, da die Menschen mit solchen
+Empfindungen durch die Felder gingen? Lichte Zeit? Dunkle Zeit? Eine
+heimelnde Zeit gewiß. War sie je gewesen? Würde sie jemals sein? Er
+grübelte nach, da klang aus dem verlassenen Walde her ein zauberischer
+Schall.
+
+ Wie lieblich schallt
+ Durch Busch und Wald
+ Des Waldhorns süßer Klang!
+ Der Widerhall
+ Im Eichental
+ Hallt’s nach so lang – so lang!
+
+Ja, wahrlich, – himmelsfern und himmelsleise klang der Widerhall aus
+einem Tal, das seine Augen nicht sahen – das keine Augen jemals sehen.
+Lange, lange klang der Widerhall, bis in die Abendröte hinein, in
+deren Glut er sich verlor.
+
+ Goldne Abendsonne,
+ Wie bist du so schön!
+ Nie kann ohne Wonne
+ Deinen Glanz ich seh’n.
+
+ Schon in früher Jugend
+ Sah ich gern nach dir,
+ Und der Trieb zur Tugend
+ Glühte mehr in mir.
+
+Das hatten wohl schon die Urgroßeltern gesungen, und doch war es noch
+immer so: unendlich groß und unendlich gut müßte ein Herz sein, um
+solcher heiligen Schönheit wert zu sein! Und es möchte groß sein, das
+Herz, groß wie der Glanz der Abendsonne, und es schwillt auf und
+drängt und tut weh. Da ist es fast Erlösung, ist es Friede, wenn sie
+sinkt und graue Dämmerung aus den Feldern steigt.
+
+ Willkommen, o seliger Abend
+ Dem Herzen, das froh dich genießt!
+ Du bist so erquickend, so labend,
+ Drum sei uns recht herzlich gegrüßt!
+
+Das Lied kam aus jener Zeit, da es noch einen Abend gab und die
+Menschen am Tagesende sich fanden in Ruhe, Sammlung und Genügen.
+Damals war der Mond noch ein Hausfreund der Menschen, der sich zu
+ihnen gesellte, wenn sie am Abend plaudernd vor der Tür ihrer Hütte
+saßen.
+
+ Guter Mond, du gehst so stille
+ Durch die Abendwolken hin,
+ Labest nach des Tages Schwüle
+ Durch dein freundlich Licht den Sinn.
+
+ Leuchte freundlich jedem Müden
+ In das stille Kämmerlein!
+ Und dein Schimmer gieße Frieden
+ Ins bedrängte Herz hinein!
+
+Damals waren überall noch Wiesen, wo jetzt Häuser stehen; auf allen
+Wiesen gingen weidende Herden, und auch der Mond war ein Schäfer. Das
+war, als die Mütter noch sangen.
+
+ Wer hat die schönsten Schäfchen?
+ Die hat der goldne Mond,
+ Der hinter unsern Bäumen, Bäumen,
+ Am Himmel droben wohnt.
+
+Und bei dem »Bäumen-Bäumen« hörte Asmus eine Wiege gehn und sah er ein
+Händchen nach den Schäflein des Mondes greifen. Das Kind tastete noch
+auf dem Deckkissen nach den Schäflein, als es schon schlief, und die
+Leute traten fröstelnd ins Haus zurück, und es war Nacht. Asmus stand
+wieder allein und schaute über Felder und Äcker hinaus nach anderen
+Äckern, wo ihm Freund und Bruder lagen.
+
+ Ein getreues Herze wissen
+ Hat des höchsten Schatzes Preis;
+ Der ist selig zu begrüßen,
+ Der ein solches Kleinod weiß.
+ Mir ist wohl bei höchstem Schmerz;
+ Denn ich weiß ein treues Herz.
+
+Wußte er solch ein Herz? Er hatte Eltern und Geschwister; aber das war
+angeborener Besitz, kein erworbener. Ein Mensch muß ein erworbenes
+Herz wissen, sonst ist er dennoch einsam. Eines hatte er gewußt; aber
+das war tot. Gewiß: es waren ihm manche Herzen freundlich gesinnt;
+aber:
+
+ Ein getreues Herz hilft streiten
+ Wider alles, was ist feind.
+
+solch ein Herz war nicht darunter. Ja, wenn die schlanke, braune Hilde
+Chavonne – – ach, die stand hoch über menschlichen Wünschen. Da hörte
+er hinter einer Wand von dreizehn Jahren eine holde Jugendweise:
+
+ Der beste Freund ist in dem Himmel,
+ Auf Erden sind nicht Freunde viel,
+ Und in dem falschen Weltgetümmel
+ Ist Redlichkeit oft auf dem Spiel.
+ Drum hab’ ich’s immer so gemeint:
+ Im Himmel ist der beste Freund.
+
+Er sah die Dorfschule, in der er gesessen, sah seinen ersten Lehrer,
+wie er die Geige unter den braunen Bart schob, sah sich selbst als
+siebenjährigen Knaben, wie er das Lied sang und dabei mit staunenden
+Augen auf die Geige wie auf ein Wunder starrte. Was das Lied
+versicherte, glaubte er ja nicht. Er glaubte, daß es auf dieser Erde
+nie Größeres und Schöneres gegeben habe als Jesus von Nazareth; aber
+er glaubte nicht an seine Göttlichkeit; er glaubte überhaupt an keinen
+»Freund im Himmel«. Aber an dies Lied glaubte er und an den Glauben
+seines Sängers. Denn einen ebensolchen Glauben hatte er ja selbst,
+nicht denselben Glauben, aber einen ebensolchen. Und er hatte den
+Freund, den besten Freund: nicht Jesus hieß er – er hatte keinen Namen
+– nicht im Himmel war er – er war überall. Er sehnte sich nach einem
+menschlichen Freunde; aber den großen, übermenschlichen Freund hatte
+er längst, hatte er immer. Wer hätte ihn sonst ermuntert und erquickt
+in seinen Kämpfen, ihm über die Schulter so freundlich zugeflüstert in
+seinen Mühen und Sorgen: »Halt aus, du siegst!?« Dies treue Lied hatte
+grüne Tage seiner Kindheit umklungen, darum war es ihm ewig verknüpft
+mit allem Frühen und Morgendlichen, mit allem Keimen und Hoffen.
+
+ »Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele –«
+
+wie dem lebenssatten Faust, so hätte ihm dieses Lied den Todesbecher
+mit Gewalt vom Munde gezogen.
+
+ »Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!«
+
+so rief auch Faust, – aber doch zog ihn das Lied vom Tod ins Leben
+zurück.
+
+Und die Nacht, die Asmus umgeben hatte, bei diesem Lied aus
+Morgentagen hatte sie sich im Osten leise gelichtet. Und er sah, wie
+das weite Feld, in dem er noch immer stand, ein wundersames Leben
+erfüllte: er sah – undeutlich – menschliche Gestalten wie Nebelriesen
+um düstre Lagerfeuer liegen und stehen, hörte Stampfen und Klirren und
+sah Pferde den weißen Hauch in die Kühle des Herbstmorgens schnauben,
+und von einem fernen Lagerfeuer her hörte er ein Lied wie Sieges- und
+Todesgewißheit: Ein Morgen des Sieges wird kommen; aber wir werden
+ihn nicht mehr sehen.
+
+ Erhebt euch von der Erde,
+ Ihr Schläfer, aus der Ruh!
+ Schon wiehern uns die Pferde
+ Den guten Morgen zu.
+ Die lieben Waffen glänzen
+ So hell im Morgenrot;
+ Man träumt von Siegeskränzen,
+ Man denkt auch an den Tod. – –
+
+ Ein Morgen soll noch kommen,
+ Ein Morgen mild und klar;
+ Sein harren alle Frommen,
+ Ihn schaut der Engel Schar.
+ Bald scheint er sonder Hülle
+ Auf jeden deutschen Mann:
+ O brich, du Tag der Fülle,
+ Du Freiheitstag, brich an!
+
+Diese Zeit des deutschen Leides, wie groß, wie heilig und rein mußte
+sie gewesen sein! Und als nun von einem Lagerfeuer die Stimme Meister
+Bruhns erklang:
+
+»Nun, Semper, was wollen Sie uns denn heute vorspielen?« da schnellte
+Asmus hoch, schob die Geige unters Kinn und strich die Saiten mit
+Wucht und Sturm:
+
+ Freiheit, die ich meine,
+ Die mein Herz erfüllt,
+ Komm mit deinem Scheine,
+ Süßes Engelsbild!
+
+ Magst du nie dich zeigen
+ Der bedrängten Welt?
+ Führest deinen Reigen
+ Nur am Sternenzelt?
+
+Asmus Semper betete. Er wollte die Freiheit vom Himmel herabbeten:
+aber er dachte unter Freiheit nicht nur die Erlösung von fremden und
+heimischen Tyrannen, von Pfaffen und Geldsäcken; er dachte unter
+Freiheit alles Große und Herrliche, das sehnenden Menschenseelen in
+künftigen Welten aufgehoben ist für jenen Tag, der kommen wird. Sein
+Geigenspiel war ein Gebet aus bebendem, glühendem Herzen, und jener
+Lederhändler, der die bei Tische nicht betenden Mitmenschen zu den
+»Öchslein und Eselein« stellte, würde seltsame Augen gemacht haben,
+wenn er in diesem Augenblick in das semperische Herz geblickt hätte.
+
+Im deutschen Liede sah er das deutsche Land. Er hatte ja mit
+leiblichen Augen nichts davon gesehen als seine engere Heimat; aber –
+o, was für ein Land mußte das sein! Jahre, bevor er nach Amerika ging,
+war sein Bruder Johannes durch Deutschland und die Schweiz gewandert,
+hatte Briefe und Bilder von Burgen und Bergen und Trauben vom Rhein
+geschickt; aber das Schönste, was er dann mit nach Hause gebracht, war
+ein Lied gewesen, das Asmus damals noch nicht kannte.
+
+ An der Saale hellem Strande
+ Stehen Burgen stolz und kühn.
+ Ihre Dächer sind zerfallen,
+ Und der Wind streicht durch die Hallen;
+ Wolken ziehen drüber hin.
+
+Auch dieses Lied spielte Asmus; denn er hörte alles darin, was der
+Deutsche ist oder was er von Herzen gern sein möchte: tapfer und mild,
+erfindungsreich und träumerisch, zärtlich und gedankenvoll. Dies Lied
+kam aus einem Land voll großer Geschichte und tiefsinniger Sage, aus
+einem Land der singenden Wälder und klingenden Ströme. Daß man solch
+ein Land liebte – nicht, wie Mutter oder Bruder, nicht wie ein Mädchen
+– nein, mit einer Liebe, die es nur einmal gibt, die seltsam und ganz
+eigen ist – das war ja selbstverständlich. Daß man für ein Land, dem
+solche Lieder entblühen, freudig sterben kann, das war ihm
+selbstverständlich.
+
+Gewiß waren andere Länder ebenso schön oder schöner; aber ein zweites
+Deutschland gab es dennoch nicht. Gewiß hatte kein Land solche
+Weihnachtslieder wie Deutschland. Da war ein Lied, das war klein und
+groß, wie eine deutsche Hütte, darin eine Mutter mit ihrem Kinde
+liegt. Da kommen die Töne behutsam herein auf leisesten Sohlen und
+knien wie Kinder vor der Wiege in stumm zitternder Seligkeit, und
+halten den Atem, halten den Schlag des Herzens an, das zerspringen
+will vor heiliger Erwartung, weil es das Kindlein sehen soll!
+
+ Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all,
+ Zur Krippe her kommet in Betlehems Stall
+ Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
+ Der Vater im Himmel für Freude euch macht!
+
+»Das ist doch eigentlich ein ziemlich triviales Lied,« meinte der
+Seminarist Gärtner.
+
+»Mein lieber Kärtner,« versetzte Meister Bruhn mit seinem
+mild-ironischen Lächeln, »mein lieber Kärtner, wenn ich das Lied
+k’macht hätte, denn kuckt’ ich Sie karnicht an!«
+
+»Das ist das feinste, lieblichste Weihnachtslied, das ich kenne!« rief
+Asmus begeistert.
+
+»Ja, ja, mein lieber Semper, awer solche Sachen macht man heutz’tache
+nich mehr.«
+
+»Warum nicht?« forschte Asmus begierig.
+
+»Weil man den Klauben haben muß, um so was machen zu können; die
+jetz’che Zeit hat awer keinen Klauben mehr.«
+
+»O!« machte Semper.
+
+»Ja ja, lieber Freund, Se können’s mir klauben. In einer Zeit, wo
+David Friedrich Strauß herrscht, da macht man solche Lieder nich.«
+
+»Haben Sie Strauß gelesen?« rief Asmus.
+
+»Nee, nee!« rief Bruhn ängstlich und flüchtete sich in die Musik,
+indem er auf dem »Klafier« zu präludieren begann.
+
+»Ja, David Strauß ist mein Mann!« rief Asmus.
+
+Bruhn sah ihn erschrocken von der Seite an und präludierte
+ängstlicher.
+
+»Aber darum hab’ ich doch all diese herrlichen Lieder gern, auch die
+frommen, die wunderschönen Choräle, z. B. »Befiehl du deine Wege« und
+»Ein feste Burg« und »Wachet auf, ruft uns die Stimme« und »In allen
+meinen Taten« und »Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’«. Er hätte noch
+lange fortfahren können; aber Bruhn starrte ihn immer hilfloser an und
+spielte jetzt bereits #forte#. Aber dann brach er ab.
+
+»Nee, lieber Semper, es ist so,« sprach er, »wenn der kalte,
+mathemat’sche Verstand dazukommt, denn is es mit’m Klauben und mit der
+Kunst vorbei.«
+
+»Das wäre ja schrecklich!« rief Asmus. »Aber es ist ja gar nicht so!
+Der Verstand ist ja gar nicht kalt! Und die Mathematik ebensowenig!«
+Er mußte an die Stunden denken, da er zu Hause über mathematischen
+Aufgaben gesessen hatte. Aufgesprungen war er oft, durchs Zimmer war
+er getanzt und den Fensterpfosten hatte er umarmt, so wohl und warm
+war ihm gewesen. Eine warme, fröhliche Sonnenklarheit war um ihn her
+gewesen!
+
+Er wurde immer eifriger, und er suchte nach Worten; denn was er
+meinte, war schwer zu sagen. Plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke.
+
+»Das ist, wie ich es mal in einem Theater gesehen habe!« rief er. »Da
+gingen immer neue Vorhänge hoch, immer einer nach dem andern, und es
+wurde immer heller, und jedesmal bekam man Neues zu sehen, und das
+Neue bildete mit dem Alten zusammen immer schönere Bilder. Nur daß es
+auf dem Theater ein Ende hatte; in der Welt hat es kein Ende.«
+
+Bruhn, der sich inzwischen wieder in ein #forte fortissimo#
+hineingespielt hatte, brach wiederum ab und sah den Jüngling lange mit
+forschenden Blicken an. Dann sagte er: »Nu’ ja, es mag ja sein – aber
+nu müssen wir weiter.« Und der Unterricht nahm seinen Fortgang.
+
+Auf dem ganzen Heimweg verließ ihn das Problem nicht. Das hatte er nun
+so oft gehört: ein ungehemmter, schrankenloser Gebrauch des Verstandes
+vernichte die Blüten des Herzens. Und immer hatte ihn diese Behauptung
+gequält, geschmerzt, geärgert, ja erzürnt; denn er hatte das Gegenteil
+erfahren. Je mehr sich sein Wissen und sein Gedankenkreis erweitert
+hatten, ein desto heißeres Glühen hatte sich in seiner Brust
+entzündet. Wie, weil man alte Irrtümer und alte Dogmen überwand und
+abtat, deshalb sollte das Herz veröden? Nein, und tausendmal nein!
+Gedanken können Gedanken töten, niemals aber unsterbliche Lieder und
+Gestalten. Und selbst wenn die Lieder und Träume vergangener Zeiten
+erfrieren müßten in der kalten Gipfelluft verwegenster Gedanken, das
+Herz wird immer wieder blühen, sonst wär’ es kein Herz. Aber sie
+erfrieren nicht, die alten Blüten und Früchte! Wie innig liebte er
+diese alten, frommen Lieder mit ihrer lieblichen Einfalt, ihrem
+rührenden Vertrauen, ihrem seligen Frieden. Warum sollte er sie nicht
+lieben? Der Glaube vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte war so
+schön und so köstlich wie aller Glaube kommender Zeiten, weil er
+Glaube war. Warum sollte er ihn nicht lieben?
+
+Durch ein anderes Erlebnis sollte seine Überzeugung bald darauf eine
+tiefe Befestigung erfahren.
+
+
+
+
+XXIX. Kapitel.
+
+Asmus hört eine feierliche Messe und zieht mit den Juden durch die
+Wüste, und Rebekka Semper hält Kant für überflüssig.
+
+
+Doch im letzten Seminarjahr bekam Asmus einen anderen Direktor;
+#Dr.# Korn war zum Schulrat ernannt worden – »ich habe mich nie um ein
+Amt beworben,« konnte er mit Stolz in seiner Abschiedsrede sagen – und
+an seine Stelle war Herr Murow getreten, ein breiter, hünenhafter Mann
+und liberaler Theologe, der in seiner Antrittsrede seine Heimat sehr
+deutlich verriet, als er erklärte, daß »das Wark des Lahrers nur
+jäde–ihen könne, wenn das Harz dabei wäre.«
+
+Murow und Semper waren nach wenigen Wochen Freunde, und eines Morgens
+winkte der Direktor den Jüngling mit heimlichem Lächeln auf die Seite.
+
+»Hier hab’ ich ’n Konzartbillet – #Missa solemnis# von Cherubini –
+sahr jute Musik – haben Sie Lust?« Und er reichte ihm die Karte hin.
+
+Ob Asmus Lust hatte! Er wußte gar nicht, was er sagen sollte, und
+stammelte etwas hervor, was ein Dank sein sollte.
+
+Am Abend saß er in der Petrikirche in Hamburg, auf einem Platze, wo er
+weder Sänger, noch Orgel, noch Orchester sehen konnte. Das war’s, was
+er brauchte. Denn seine Musik kam von andern Orten her, als dorther,
+wo sie erzeugt wurde. Sein Theater und sein Konzert war immer noch
+anderswo als auf der Bühne und auf dem Podium – über einem Baumwipfel
+des Hintergrundes, in einem Winkel des Saales, im Lichtkreis einer
+einsamen Lampe sah er weit hinter dem Geschehen der Bühne, hörte er
+hoch über den Klängen der Musik Erlebtes und – nie Erlebtes, fühlte er
+ein Leben – ach, das man nur in solchen Stunden erleben kann, das man
+nie in Wirklichkeit erleben wird. Wo, in welchen nie geahnten Kammern
+seiner Seele hatten diese Bilder geschlummert, die für Sekunden
+erwachten und dann verschwanden, um niemals wieder zu erscheinen?
+Waren es Erinnerungen aus einem vergangenen Leben – Ahnungen eines
+künftigen Seins? War es das Unentwickelte, Unerwachte, das in der Welt
+ist und das aus dem Traume sprach? .....
+
+Und es kam ein Orgelbrausen und ein Frauengesang, der ging über alle
+Winkel und Lichter der Kirchenhalle hinaus, das war ein Strom, für den
+die Gewölbe des Hauses zu niedrig waren; wie ein ungeheurer
+Flammenstrom fuhr er durch alle Schranken von Stein und Erz hinauf in
+den unendlichen Himmel. Da betete Asmus Semper abermals. Er betete,
+daß er einst, wenn er wirklich ein Dichter werde, eine Dichtung
+schaffen wolle, deren Held ein König des Verstandes sein solle. Vor
+der klaren Schärfe seines Verstandes sollte verjährter Wahn und Glaube
+zergehen wie Nebel vor der Sonne. Und die Menge sollte ihn hassen,
+verfolgen, ihn steinigen, weil er ihre Welt entgöttert habe. Und das
+würde das tragische Schicksal dieses Zertrümmerers sein: die andern
+würden nicht wissen, nicht ahnen, daß er ein Mensch war, der beim
+Klingen einer Quelle lachen und weinen konnte, daß seine Brust ein Dom
+war, der von tausend Orgel- und Engelstimmen klang und hinter dessen
+bunten Fenstern alle süßen Farben und alle heiligen Dämmerungen des
+Lebens wohnten; niemand sollte es verstehen, daß er das zarteste Herz
+von allen besaß.
+
+Als Asmus unter einem klaren, sternenreichen Winterhimmel nach Hause
+ging, war er sich klar darüber, daß es nichts sei mit Meister Bruhns
+Anschauungen über Verstand und Gemüt. Aber trotz dieser und noch weit
+größer Meinungsverschiedenheiten schauten sie einander doch mit
+Freundschaft und Liebe in die Augen an jenen wahren Sonnabenden, da
+die Sonne des Abends aufs Klavier schien und der Meister zu Asmussens
+Geige die Begleitung spielte oder – die strenge Pflicht auf eine Weile
+vergessend – ganz von selbst in einen Beethoven oder Bach überging.
+
+Der Weg nach Hause führte Asmus regelmäßig durch einen Stadtteil, der
+stark, wenn nicht vorwiegend von Juden bewohnt war, und wenn er nun
+von den sonnabendlichen Feierstunden bei Meister Bruhn heimkehrte,
+paßte es immer sonderlich gut zu seiner Stimmung, wenn ihm die Juden
+in Festtagskleidung begegneten und in ihrem Gang und ihren Mienen den
+Sabbath erkennen ließen. Er fand es schön, den Feiertag am Abend zu
+beginnen mit dem Blick in ein heiliges »Morgen«; auch sein Sonntag
+begann immer am Samstagabend, begann oft schon in der Musikstunde,
+wenn er deutsche Lieder hörte, begann manchmal schon mit der Vorfreude
+auf diese Stunde. Aber nicht fand er es schön, wie es die Juden taten,
+den Feiertag auch am Abend mit Sonnenuntergang zu beschließen. Er
+wenigstens konnte aus den heiligen Geheimnissen des Sabbats nicht
+zurückfinden in den Alltag, wenn nicht ein langer, tiefer Schlaf
+dazwischen lag. Immer und immer riefen ihm diese festlich gekleideten
+Juden die Kindheit zurück, die unvergeßliche Zeit, da er mitten im
+verschneiten Winter das sonnige Land Abrahams gesehen und mit Elieser
+um Rebekka geworben hatte, am Brunnen der Stadt Nahors. Wenn er sie
+aber gar am Laubhüttenfest mit dem Paradiesapfel und mit Myrten,
+Palmen und Weiden nach der Synagoge wandeln sah, dann verwandelte
+sich der Weg nach Oldensund in die vierzigjährige Wüstenwanderung vom
+bitteren Wasser zu Mara und der Oase Elim bis zu dem Tage, da Jericho
+fiel unterm Hall der Posaunen, dann sah er die ährensammelnde Ruth auf
+dem Acker des Boas und sah die Harfe Israels hangen an den Weiden
+Babylons.
+
+Schön wie die Kindheit war nun nach allen Sorgen und Kämpfen die Zeit
+des Seminarbesuchs geworden, als sie sich ihrem Ende zuneigte. Ludwig
+Sempers Verdienst hatte sich ein wenig erhöht; Asmussens Stipendium
+war auf zweihundertundvierzig Mark im Jahre gestiegen; ein paar gute
+Privatstunden taten ein übriges, eine Zeitschrift hatte ein paar
+Gedichte von Asmus Semper angenommen, und aus Amerika kamen gute
+Nachrichten.
+
+Aber unter alledem war noch nicht das Beste. Das, was die ganze Welt
+so heilig und schön machte, war das Studium. Nicht das Studium fürs
+Seminar; bei dem war immer noch nicht viel Freude zu holen. Nein, das
+Studium, das niemand von ihm verlangte als er selbst. Und darum war
+der Sonnabend so unaussprechlich schön, weil er nun den ganzen Sonntag
+über studieren konnte, was er wollte. Freilich hatte Frau Rebekka ihre
+Bedenken. Das Examen nahte wieder heran, und ob Kant und Spinoza und
+Gedichtemachen und Hamletdeklamieren dazu nötig sei, darüber hegte sie
+schüchterne Zweifel. Sie gab diesen Zweifeln auch Ausdruck und
+meinte, ob er sich nicht zu sehr zersplittere.
+
+»Ich hab’ da neulich in so’n Buch von Kant hineingeguckt, – das ist
+ja’n fürchterlicher Schnack; daraus wird ja kein Deubel klug.«
+
+»Ja, mitunter ist es sehr schwer,« sagte Asmus.
+
+»Ja, ist denn das notwendig, daß du das lernst?«
+
+»Ja, Mutter, das ist sehr notwendig.«
+
+»Wenigstens solltest du das Dichten aufschieben, bis du mehr Zeit
+hast, das strengt dich doch auch an.«
+
+»Na ja, wenn es mich anstrengt, werd ich es aufgeben«, versicherte
+Asmus und lächelte nach innen.
+
+
+
+
+XXX. Kapitel.
+
+Das unlesbarste Kapitel des ganzen Buches: Asmus prügelt sich mit
+Kant und Spinoza und verrenkt sich mehrere Hüften.
+
+
+»Jung, du verschmierst ja all die schönen Bücher!« rief Frau Rebekka
+eines anderen Tages erschrocken, als sie ihm über die Schulter in die
+»Kritik der reinen Vernunft« hineinblickte.
+
+Ja, das tat er freilich. Wenn er ein Buch wirklich las, so
+durchackerte er es mit dem Bleistift und warf jede Scholle herum und
+erquickte sich an dem frischen Ackerduft, der dann emporstieg; alle
+Bedenken, alle Zweifel, alle Widersprüche, die ihm aufstiegen, schrieb
+er an den Rand, und das gab einen wunderlichen Buchschmuck. Gar oft
+ging es ihm wie seinem geliebten Faust:
+
+ »Hier stock ich schon und kann nicht weiter fort;
+ Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
+ Ich muß es anders übersetzen,
+ Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin ...«
+
+und das war immer der schlimmste Zweifel: ob er vom Geiste _recht_
+erleuchtet war. Er balgte sich mit dem dürren Königsberger Männchen
+wie wahnsinnig; aber er wußte wohl, daß er mit einem Gottessohne rang
+wie Jakob an der Stätte Pniel, und daß man sich dabei die Hüfte
+verrenken konnte. Er verrenkte sie sich mehr als einmal und mußte
+manchmal einsehen, daß er nur deshalb widersprochen hatte, weil er
+nicht richtig verstanden hatte; das beschämte ihn wohl, aber hielt ihn
+von immer erneutem Ringen nicht ab. Nichts lag ihm ferner als
+Überhebung; seine Pietät gegen das Genie war eher zu groß als zu
+klein, und selbst solche Sätze wie:
+
+ »Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegenprobe der
+ Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer
+ Vernunfterkenntnis #a priori#«
+
+konnten in ihm nicht den Verdacht erwecken, daß es dem
+»Alleszermalmer« denn doch wohl hin und wieder recht sehr an der
+Fähigkeit gemangelt habe, seine Gedanken gut und klar zum Ausdruck zu
+bringen. Es war einige Jahre später, daß er bei Schopenhauer an den
+Rand schrieb: Ach, hätte doch der Kant so schreiben können wie der
+Schopenhauer! Selbst, wo er für den Augenblick das sichere Gefühl
+hatte, gegen Kant oder Spinoza im Recht zu sein, zweifelte er nicht,
+daß ein späterer Tag ihm die Einsicht seines Irrtums bringen werde.
+Einstweilen war er überzeugt – und er blieb es auch später – daß der
+Monismus Spinozas kein Monismus sei; der Parallelismus von Bewegungs-
+und Bewußtseinsvorgängen war nur ein umschriebener Dualismus. Denn
+warum und wozu war diese Maschine »Mensch« so gebaut, daß ihr derselbe
+Vorgang als »Ausdehnung« und »Denken« erschien? Der Dualismus war in
+den Menschen verlegt – das war alles. Und Körper und Seele aus der
+Welt schaffen, indem man sie einfach als Attribute _einer_ Substanz
+auffasste – was war damit getan? Das Verfahren konnte man bei jedem
+unbequemen Gegensatze anwenden, und die »Substanz« war wie »das Ding
+an sich« ein Nichts, aus dem man alles machen konnte.
+
+Sein Denken wurzelte fest im Empirischen, und so gern seine Seele ihr
+Haupt in transzendenten Lüften wiegte – ihren Boden wollte sie nicht
+ohne Not verlassen. So hatte er die Ideenlehre Platos wunderschön
+gefunden; aber sogleich hatte er sich gesagt: das ist Dichtung, ist
+Glaube, nicht Erkennen.
+
+Gegen den strengen Gedanken von der Notwendigkeit alles Geschehens,
+dem der Mann sich unterwarf, lehnte der Jüngling sich auf. Sein die
+Arme reckender und streckender Wille verlangte nach Willensfreiheit,
+und doch schien ihm die transzendentale Willensfreiheit Kants nur eine
+Ausflucht. Gegen diesen Immanuel Kant, dessen Leben er mehr bewunderte
+als liebte, hatte er noch gar manches auf dem Herzen.
+
+Da stand:
+
+ »daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist
+ gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen
+ sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch
+ Gegenstände, die unsere Sinne assizieren ...«
+
+und an anderer Stelle hieß es:
+
+ »Daß es nun dergleichen notwendige und im strengsten Sinne
+ allgemeine, mithin reine Urteile a priori im menschlichen
+ Erkenntnis wirklich gebe, ist leicht zu zeigen ...«
+
+und wiederum:
+
+ »Von den Erkenntnissen #a priori# heißen aber diejenigen rein,
+ denen gar nichts Empirisches beigemischt ist ...«
+
+War das nicht unreimbarer Widerspruch? Und wenn es dann gar hieß:
+
+ »So ist z. B. der Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache,
+ ein Satz a priori, allein nicht rein, weil Veränderung ein
+ Begriff ist, der nur aus der Erfahrung gezogen werden kann«.
+
+Was sollte man dazu sagen? Der Begriff der Ursache war entweder genau
+so gut aus der Erfahrung gezogen wie der der Veränderung oder sie
+waren beide gleich »rein«. Unzweifelhaft hatten sie aber beide
+»empirische Beimischung«. Und was sollte es heißen, wenn nun Kant als
+ein Beispiel für »dergleichen notwendige und im strengsten Sinne
+allgemeine, mithin reine Urteile #a priori#« die Mathematik aufführte?
+Die Mathematik war doch menschlich konstruierte Realität, nicht von
+der Natur gegeben, wie Kant in der Einleitung an dem »ersten
+Demonstrator des gleichschenkligen Dreiecks« selbst zugegeben hatte.
+So waren die Sätze der Mathematik zwar allgemein und notwendig (daß
+das zweierlei sei, wollte Sempern auch nicht in den Sinn); aber sie
+waren auch für die Erkenntnis des Weltwesens vollkommen wertlos, wenn
+man sich nicht zu den Pythagoreern gesellte. Und was sollte man
+endlich gar dazu sagen, wenn Kant, ganz im Widerspruch zu dem
+Vorhergehenden, fortfuhr:
+
+ »will man ein Beispiel aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, so
+ kann der Satz, daß alle Veränderung eine Ursache haben müsse,
+ dazu dienen ...«
+
+und dann gegen Hume polemisierte, der diesen Satz
+
+ »von einer öfteren Beigesellung dessen, was geschieht, mit dem,
+ was vorhergeht, und einer daraus entspringenden Gewohnheit,
+ Vorstellungen zu verknüpfen, ableiten wollte.«
+
+Asmus hielt es ganz entschieden mit Hume und war der Überzeugung, daß
+jedes Naturgesetz der empirischen Wissenschaften genau so »allgemein
+und notwendig, mithin rein #a priori#« oder genau so bloß komparativ
+allgemein und #a posteriori# sei wie der Satz von der Veränderung und
+ihrer Ursache.
+
+Ach, schon diese Einteilung der Urteile in analytische und
+synthetische! Asmussens Bleistift wurde temperamentvoll und machte
+schwungvolle Fragezeichen und wuchtige Ausrufungszeichen! Warum sollte
+denn das Urteil »Alle Körper sind ausgedehnt« analytisch und dagegen
+das andere »Alle Körper sind schwer« synthetisch sein? Das Merkmal der
+Schwere war doch für den Körper genau so wesentlich wie das der
+Ausdehnung und war also genau so gut wie dieses im Begriff des Körpers
+schon gegeben! Wieso bedurfte es da der Synthese? Und gesetzt: man
+entdeckte ein wesentliches Merkmal eines Begriffes, das man bisher
+nicht gekannt hatte, so konnte man im Augenblick der Entdeckung
+allenfalls von einer »Synthese« sprechen und konnte das neue Urteil
+ein synthetisches nennen; aber sobald man wußte, daß das neue Merkmal
+zum Wesen des Begriffes gehöre, war es doch auch mit diesem Begriff
+gegeben, und das Urteil war so »analytisch« wie irgend ein anderes. O,
+wenn Asmus damals gewußt hätte, daß auch andere Leute, und zwar höchst
+gelehrte und gescheite Männer diese Unterscheidung für verworren und
+zwecklos hielten! So aber sagte er sich: »Daß Kant so unklar gedacht
+habe, ist ausgeschlossen; also tappe ich im Dunkeln, also ist mit
+dieser Unterscheidung noch etwas andres gemeint, das ich nicht
+verstehe« – und das setzte ihm zu mit harter Pein.
+
+Und endlich dieses berühmte »Ding an sich«. Man könne es nicht
+erkennen, hieß es. Aber es »affizierte« uns durch Erscheinungen, stand
+also in Beziehung zu uns, machte uns Mitteilungen! Wozu machte es uns
+diese Mitteilungen? Nur um uns zu foppen? Dann war freilich alles
+Denken und Leben Unfug. Oder verrieten uns diese Mitteilungen, wie es
+jede Mitteilung tut, etwas vom Wesen des Mitteilenden? Doch wohl; Kant
+verwahrte sich ja auch selbst dagegen, daß man die »Erscheinung« als
+»Schein« verstehe. Warum nun affizierte uns das Ding an sich so, wie
+es uns affiziert, und nicht anders. Es mußte zu seinem Wesen gehören,
+uns so zu affizieren und nicht anders. Dann aber _wußten_ wir etwas
+von seinem Wesen, und wenn wir _etwas_ wußten, warum sollten wir dann
+nicht mehr wissen können? »Hier ist ein Wirbel«, sagte sich Asmus.
+Sein Bleistift fragte in aller Bescheidenheit: Was nötigt uns, hinter
+der »schönen grünen Weide« der Erscheinungen ein unerkennbares Ding an
+sich anzunehmen, und wer hat etwas von diesem Ding an sich? Die
+Beschränktheit menschlicher Erkenntnis leuchtet auch so ein. Daß wir
+nicht Zentrum der Welt sind, daß der Mensch, der kleine Fußsoldat,
+unmöglich den Plan kennen kann, nach dem der »Herr der Heerscharen«
+die Weltenschlacht schlagen läßt, – das wissen wir seit Kopernikus
+auch so. Also warum soll der Pfahl, an dem ich mir die Nase blutig
+stoße, durchaus Erscheinung und nicht Ding an sich sein? Und warum
+setzen wir diese Skepsis nicht ins Grenzenlose fort? Es setzte Sempern
+in großes Erstaunen, als er las:
+
+ »Was es für eine Bewandtnis mit den Gegenständen an sich ...
+ haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts als
+ unsere Art, sie wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch
+ nicht notwendig jedem Wesen, _obzwar jedem Menschen_ zukommen
+ muß.«
+
+Das »obzwar jedem Menschen« war es, was ihn in Staunen versetzte.
+
+»Wirklich?« schrieb er an den Rand. »Könnte der Welturheber den Spaß
+dieses Sommernachtstraumes nicht noch weiter ausgedehnt haben und die
+Menschen Verschiedenes wahrnehmen lassen, wenn sie dasselbe nennen,
+und Verschiedenes nennen lassen, wenn sie dasselbe wahrnehmen?« Und er
+hatte eine herzliche Freude, als er später las, daß Fichte den
+kantischen Zweifel an der Dinglichkeit der Erscheinungswelt zu Ende
+geführt, das Ding an sich als widersinnig verworfen und erklärt habe:
+Außer mir gibt es nur Vorstellungen und sonst nichts. Mit einem
+wunderschön weichen, tiefschwarzen Bleistift schrieb Asmus in
+Riesenbuchstaben dazu:
+
+»_Gott sei Dank!! Das ist wenigstens konsequent!!_«
+
+
+
+
+XXXI. Kapitel.
+
+Der Mensch ist ein fliegender Holländer, und Asmus bekommt das
+Lampenfieber.
+
+
+In diesen Sonntagsstudien gab es Minuten, Stunden, Tage der Klarheit,
+die er für nichts auf der Welt dahingegeben hätte.
+
+ »Das ist ein Augenblick der Seligkeit,
+ Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke
+ Das Hirn durchzuckt und so die Seele faßt,
+ Daß sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke!
+
+ Da wähnt das Aug, es sähe groß und klar
+ Den Geist des Alls durch Erd’ und Himmel wandeln;
+ Aufatmend spricht das Herz: Ich bin getrost;
+ Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.«
+
+Aber oft währte die Klarheit nicht von einem Sonntag zum andern,
+manchmal nicht von einer Minute zur andern. Stellt ein Glas voll
+reinsten Quellwassers hin, das durchsichtiger ist als Kristall – mit
+jeder Stunde schwindet von selbst seine Klarheit dahin. Hängt einen
+Spiegel auf so rein und eben, wie ihr ihn finden mögt – in wenig Stund
+wird er sich trüben vom Anhauch des Lebens.
+
+ »Gewißheit – schöner Wahn des Augenblicks!
+ Bald wieder wird der alte Zweifel nagen;
+ Der feste Boden weicht – dir schwindelt – weit
+ Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen.
+
+ Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer
+ In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre,
+ Bis endlich deinem Fuß das Schicksal gönnt,
+ Daß er der Heimat festen Grund gewahre.
+ Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht
+ Der Wind am hohen Mast die weißen Linnen:
+ Kaum hast du noch des Ufers Sand geküßt,
+ So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.«
+
+In einem ganz eigenen Sinne tauchte ihm die Geschichte von Herkules
+wieder auf, der die Hydra schlug. Wenn man triumphierend einem Zweifel
+den Kopf abschlug, so wuchsen zwei wieder aus dem Rumpf hervor. Und
+eine sonderbare Beobachtung glaubte er zu machen. Wenn er sich einer
+Wahrheit recht nah fühlte und ihr nun mit starrenden Augen immer näher
+auf den Leib rückte, dann _sah er_ förmlich, wie sie plötzlich
+zurückwich und dichte Nebelschleier um sich schlug, wie ein Weib, das
+nicht gesehen sein _wollte_! Noch eben jetzt hatte er sie klar zu
+sehen vermeint, und plötzlich stand er in lauter Nebeln. Und seltsam:
+weibliche Gestalten mischten sich jetzt so oft in seine Vorstellungen
+und Gedanken; ja, es war, als hätten diese Gedanken und Vorstellungen
+selbst etwas von weiblichem Wesen und weiblichem Reiz, und alles, was
+er suchte, suchte er mit unerklärlicher leiser Wonne und mit leisem
+Schmerz. Auf dem Wege zum Seminar gab es Läden, in denen Bilder von
+weiblichen Schönheiten in halber oder nahezu ganzer Enthüllung
+ausgestellt waren. Vier Jahre lang und darüber war er an diesen Läden
+ohne jegliches Interesse vorübergegangen; seit einiger Zeit sah er
+diese Bilder mit anderen Augen an, und er verweilte mit seiner
+Betrachtung auch bei solchen, von denen er sich sagen konnte, daß sie
+nicht gerade in künstlerischer und überhaupt nicht in der allerbesten
+Absicht dorthin gelegt seien. Und als er in dieser Zeit von der
+höchsten Galerie des Theaters den »Lohengrin« hörte und als Elsa mit
+wundersüßer Stimme und ergreifendem Glauben sang:
+
+ »Kehr’ bei mir ein! Laß mich dich lehren,
+ Wie süß die Wonne reinster Treu!
+ Laß zu dem Glauben dich bekehren:
+ Es gibt ein Glück, das ohne Reu!«
+
+da brach in seiner Brust ein Damm von einer langgestauten Flut, da
+entstürzten Tränen seinen Augen; denn sie hatte nicht nur die holde
+Schönheit weiblichen Wesens, hatte nicht nur das Glück der Liebe
+gesungen; sie hatte von allem Triumphe alles Hohen gesungen; sie hatte
+ihm gesungen: Es gibt ein Wissen ohne Trug, es gibt ein Leben ohne
+Haß, es gibt eine Welt ohne Leid.
+
+Und wenn er auch jenen Versen die Überschrift »Menschenlos« gegeben
+und wenn er sie auch mit den verzweifelten Worten gekrönt hatte:
+
+ »Und dies bleibt immer deines Denkens Los:
+ Wenn dich ein Strahl aus höchstem Himmel grüßte,
+ Er bleibt nicht dein; er schwindet hin in Nacht,
+ Wie die Morgana schwindet in der Wüste.«
+
+so war es ihm damit nur auf Stunden ernst, und es war darin ein gut
+Teil von jenem wunderlichen Komödiantentum der Jugend, das sich bei
+roten Wangen in düsteren Gebärden gefällt und nicht nur die Ansprüche,
+sondern auch die Resignation der reifen Jahre vorwegzunehmen liebt.
+Hatte er doch auch gesungen:
+
+ »Dich hieß ich wie kein andres Weib willkommen;
+ Laut schlug mein Herz – du hast es nicht vernommen.«
+
+und hatte dabei an Hilde Chavonne gedacht und war doch um so weniger
+berechtigt, dem guten Mädchen daraus einen Vorwurf zu machen, als er
+selbst nicht genau wußte, ob sein Herz für Hilde oder für das Weib im
+allgemeinen schlug. Nein, mochten seine »Gewißheiten« zuweilen nur ein
+Minutenleben haben, seine Niedergeschlagenheiten lebten meistens nur
+Sekunden; auf dem Grunde seiner Natur mußte eine Feder sein, die mit
+unversiegbarer Kraft wieder emporschnellte, wenn der schwerste Druck
+nur einen Augenblick nachließ. Die Absolutheit der Sittengesetze, der
+doch die menschliche Schwäche in diesem Leben nicht genügen konnte,
+erforderte nach Kant die Unsterblichkeit der Seele. Dann war also auch
+das Leben nach dem Tode ein Entwicklungsgang; denn es hätte keinen
+Sinn, wenn wir aus dem Tode einfach als vollkommene Wesen erwachten.
+Und wenn die Unbefriedigung unseres Gewissens ein künftiges Leben
+verlangte, so verlangte die immer strebende Unbefriedigung des Geistes
+ein Gleiches. Wo Fortschritt der Sittlichkeit möglich war, da mußte
+auch Fortschritt der Erkenntnis möglich sein, und wenn in einem
+künftigen Leben, so auch im gegenwärtigen.
+
+Und er glaubte an den Fortschritt mit aller Gewalt seiner sehnenden
+Seele; er glaubte nicht an die ewig gleich geartete Seligkeit des
+Kirchenhimmels; er konnte sie sich nicht vorstellen; aber er glaubte
+an die ewig wachsende Seligkeit des Werdens und sich Vollendens; die
+begriff er, die hatte er in Stunden unnennbarer Weihe selber gefühlt.
+Und in wenigen Monaten sollte er nun ein Führer werden auf solchen
+Wegen des Werdens, sollte sich ihm ein Beruf auftun, der ihn Hunderte,
+Tausende von jungen Seelen die rechten Wege zur Vervollkommnung weisen
+hieß. Er ein Führer! Er, der es wußte, wie sehr er selbst noch der
+Führung bedurfte! Wenn er an diese nahe Wendung dachte, wurde ihm, er
+wußte selbst nicht, wie. Eine hohe, berauschende Freude überlief ihn;
+aber gleich darauf überfiel ihn immer ein herzstockendes Bangen; es
+war wohl höhere Freude, aber auch tieferes Bangen als damals, da er
+vor der Klassentür gestanden und den erkrankten Herrn Dohrmann hatte
+vertreten sollen. Denn er war reifer und klüger geworden und verstand
+tiefer als damals, um was es sich handle.
+
+Bevor er jedoch diesen Beruf ergriff, lernte er schnell noch einen
+anderen kennen, nämlich den des Schauspielers.
+
+
+
+
+XXXII. Kapitel.
+
+Semper der Jüngling als Heldenvater und Liebhaber.
+
+
+Kurz nach Weihnachten sollte wieder Konzert und Theater sein, und zwar
+sollte Gutzkows »Zopf und Schwert« gegeben werden. Obwohl Asmus im
+Seminar weder als Mime noch als Regisseur jemals irgend einen Posten
+bekleidet hatte, war man doch einstimmig der Meinung, daß er den König
+Friedrich Wilhelm I. geben und die Regie führen müsse. Man glaubte,
+Rezitieren und Komödie spielen sei dasselbe.
+
+Die Proben im Musiksaal begannen, und Asmus stürzte sich mit
+Begeisterung in seinen neuen Beruf. Er hatte harte Arbeit; denn unter
+den Mitwirkenden gab es einige übertriebene Talentlosigkeiten. Da war
+einer, der die Prinzessin geben sollte, – denn auch die weiblichen
+Rollen mußten der Feuersicherheit wegen von Jünglingen gespielt
+werden, ein Zopf, den der neue Direktor im Jahre darauf mit einem
+Schwertstreich abhieb, – und dieser Prinzessinnendarsteller hatte
+offenbar beim Spielen das Gefühl, daß er mindestens acht Hände habe,
+von denen er dann immer zwei in die Hosentaschen steckte.
+
+»Mensch,« rief Asmus, »bedenk doch, daß du als Prinzessin nicht die
+Hände in die Hosentaschen stecken kannst!«
+
+Und dann zog Lau, so hieß er, die Hände wieder heraus; aber beim
+nächsten Satze staken sie schon wieder drin. Asmus gab ihm endlich
+eine kleinere Rolle und dann eine noch kleinere; aber es half nichts;
+Laus starke Persönlichkeit brach sich durch jede Rolle Bahn; er war
+ein penetrantes Talent.
+
+Aber es waren auch zweifellose Begabungen darunter, und im ganzen
+fühlte sich Asmus in dieser ganz ungewohnten Tätigkeit unbeschreiblich
+wohl. Er hätte seinen Zustand mit einem Champagnerrausch vergleichen
+können, wenn er die für diesen Vergleich erforderlichen Kenntnisse
+gehabt hätte. Als der Abend der Aufführung herangekommen war, ging es
+ihm genau wie Meister Bruhn: er war zwei Stunden vor Beginn zur Stelle
+und hatte nach zehn Minuten schon auf sämtlichen Stühlen gesessen,
+aber auf keinem länger als zwei Sekunden; er mußte gehen, gehen wie
+immer, wenn er erregt war, immer auf und ab, wie der Tiger des
+Zoologischen Gartens im Käfig. Dabei hatte er das Gefühl, daß er fest
+auftreten müsse, damit ihn nicht ein Lufthauch davontrage. Und wog
+doch gewiß seine 120 Pfund. Er war nervös wie ein sichernder Hirsch,
+der ein Knacken im Gezweig vernommen hat; aber es war eine wohlige,
+prickelnde Nervosität. Der König hat seinen ersten Auftritt hinter der
+Szene zu sprechen, und das war gut; denn wenn er an das Auditorium
+dachte, dann war es, als ob plötzlich etwas furchtbar Schweres
+furchtbar tief in seinen Leib hinunterfiele und ein Emporfliegen war
+dann nicht mehr zu fürchten.
+
+Der Vorhang ging endlich auf, und schon nach den ersten Szenen war der
+Erfolg des ersten Aktes gesichert; denn der Darsteller der Königin
+hatte in der Erregung unter den königlichen Kleidern seine männlichen
+Dessous und seine Zugstiefeletten anbehalten, und das genügte für den
+1. Akt. Jedesmal, wenn die hohe Frau sich setzte und ihr Reifrock sich
+hob, brauste ein Sturm des Entzückens durch das vollbesetzte Haus.
+Asmus lief wie besessen hinter der Szene auf und ab.
+
+»Was hat das Publikum? Was hat das Publikum?« flüsterte er. Stelling,
+der hinter der ersten Kulisse stand, rief:
+
+»Kneist hat die Stiefeletten anbehalten« und wollte bersten vor
+Lachen. Er konnte lachen; über dies schwere Unglück konnte er lachen.
+Asmus war außer sich, und als Ihre Majestät die Bühne verlassen hatte
+und ihm in den Wurf kam, da fluchte er wie ein altgedienter
+Oberregisseur.
+
+»Eine Schlamperei ist das einfach, eine skandalöse Schlamperei!«
+flüsterte er; denn laut durfte er ja nicht werden; aber er flüsterte
+sehr vehement.
+
+»Gott, was ist denn dabei?« versetzte Kneist, die Königin, mit
+bewundernswerter Ruhe. »Das Ganze ist doch nur ’n Spaß.« Das verschlug
+Asmussen die Rede allerdings gründlich. Gegen eine so bodenlos frivole
+Auffassung von der Kunst war er nicht gewappnet. Er war so verstört ob
+dieser Antwort, daß er fast seinen Auftritt versäumt hätte. Als er
+dann mit seinen Worten beim Publikum Heiterkeit erweckte, sagte er
+sich: Gott sei Dank, deinem Aussehen kann das nicht gelten; sie sehen
+dich ja gar nicht.
+
+Aber auch als sie ihn sahen, hörten sie ihm freundlich und mit öfterem
+Lachen zu, und als er in der Szene des Tabakkollegiums zu den Worten
+gekommen war:
+
+ »Die Kreaturen zittern? – Ich will allein
+ sein.«
+
+da war das Auditorium eine einzige Stille, und als er dann im nächsten
+Akte wieder auftrat, bekam er einen großen Schreck; denn sie empfingen
+ihn mit stürmischem Händeklatschen. Ja, ein großer Schreck war es;
+aber es war der freudigste, den er empfangen hatte seit jenem
+Weihnachtabend, als er plötzlich vor dem Puppentheater, dem Geschenk
+seines Bruders Johannes, gestanden hatte. O ja, ja, es mußte herrlich
+sein, so jeden Abend, vom Beifall der Menge umbraust, auf der Bühne zu
+stehen! Der Beruf des Schauspielers war ihm immer in einem
+märchenhaften Glanze erschienen; jetzt war er tief davon überzeugt,
+daß es keinen freudenreicheren, verlockenderen gebe als ihn.
+
+Er sollte auch für den Rest des Abends aus diesem kindlichen Wahne
+nicht aufgeschreckt werden. Murow, der Direktor, kam ihm mit beiden
+dargebotenen Händen entgegen und rief:
+
+»Alle Watter, mein lieber Samper, harzlichen Glückwunsch! Sie sind ja
+der jäborne Haldenvater!«
+
+»Na, dazu reicht doch wohl meine Länge nicht,« meinte Asmus zaghaft.
+
+»Nu – es hat auch kleine Haldenväter jäjäben! Sie sind ’n
+Napoleon-Darstaller! Überhaupt, mein lieber Samper« – und dabei legte
+er seine mächtige Hand auf die Schulter des Jünglings – »Talant
+ersatzt jede Körperlänge.« Und mit behaglichem Lachen schritt er
+weiter, um auch den andern Darstellern freundliche Worte zu sagen;
+denn er war als preußischer Landtagsabgeordneter beim Reichskanzler
+und bei Hofe gewesen und verstand sich auf die Courtoisie eines
+Herrschers.
+
+Als aber Asmus nun auf Flügeln des Triumphes weiter durch den Saal
+schritt, da erblickte er gar an einem Tische hinten im Winkel neben
+ihren Logisgebern Hilde Chavonne. _Sie_ war also da! Sie hatte ihn
+spielen sehen! O, wenn er das gewußt hätte, dann hätte er noch ganz
+anders gespielt! Er bildete sich ein, daß er dann besser gespielt
+hätte; aber sehr wahrscheinlich würde er dann den Gamaschenkönig mit
+dem tanzenden Krückstock als Romeo gespielt haben. Er wußte noch immer
+nicht, ob er irgendein Mädchen auf der Welt »liebe«; er war noch ganz
+in jenem dunklen Vorstadium der Liebe, wo die Jünglinge den Jungfrauen
+im allgemeinen imponieren wollen und die Jungfrauen den Jünglingen im
+allgemeinen gefallen möchten. Dieser Hilde Chavonne zu imponieren,
+hielt er freilich für einen besonders berechtigten Ehrgeiz; denn sie
+war hübsch und vornehm und stellte hohe Ansprüche, die höchsten
+allerdings an sich selbst. Und dieser Asmus Semper, dieser
+unglaubliche Tölpel, merkte nichts, als ihm das Fräulein nun ein
+kleines Veilchenbukett, das sie im Haar getragen hatte, zum Geschenk
+machte und errötend hinzufügte: »Für den König!« Er nahm es für eine
+Ehre, der Dummkopf, für eine Ehre! Er freute sich unendlich über
+dieses Sträußchen; aber er hatte keine Ahnung davon, daß es eine hohe
+Gunst des Herzens ist, wenn ein Mädchen sich eines Blumenschmucks
+beraubt und ihn einem jungen Manne schenkt. So unheilbar beschränkt
+war er, daß er nicht einmal die Verstimmung merkte, die das Mädchen
+darüber empfand, daß seine Gabe nicht so aufgenommen wurde, wie sie es
+erwarten konnte. Du lieber Gott, was sollte Asmus von jungen Mädchen
+wissen! Seine beiden Schwestern waren schon bei fremden Leuten
+gewesen, als er noch auf dem Fußboden spielte und den hölzernen
+Schemel voll tausend Nägel schlug. Als größerer Knabe hatte er dann
+freilich öfters mit Mädchen gespielt, und jede, mit der er gespielt,
+hatte er auch geliebt, ja, jenes braune Kind, das er einst vor dem
+Wirtshause zwischen den Bahndämmen gefunden hatte, hatte er sogar mit
+schmerzlichem Sehnen geliebt; aber es war doch Kinderliebe gewesen.
+Und nun, als Präparand und Seminarist, hatte er fast ein mönchisches
+Dasein geführt. Gewiß: er hatte Präparandinnen und Lehrerinnen gesehen
+und hatte alle diese Leonoren, Lauren und Beatricen selbstverständlich
+geliebt; aber keiner einzigen war er gesellschaftlich näher getreten.
+Die Damen des Lehrberufs haben meistens keine den Mann ermunternden
+Gewohnheiten, und für Asmus war nun vollends alles Weibliche eine
+unnahbare Welt. Die germanische Ehrfurcht vor dem Weibe lag ihm tief
+im Blut, und seine Armut machte diese Ehrfurcht zur Schüchternheit.
+Wenn er aus den Liebesromanen sah, daß zur Anbahnung eines
+Liebesverhältnisses eine längere Liebeserklärung gehöre, noch dazu
+eine im schwierigeren Periodenbau, auf den er sich sonst wohl
+verstand, dann sagte er sich: »Das wird mir nie gelingen, nie; ich
+werde wohl Junggeselle bleiben.«
+
+Zum Glück hatte Hilde Chavonne kein Gänseherz, sondern ein ganz echtes
+großes Mädchenherz, und so vergaß sie bald ihre Verstimmung und
+unterhielt sich mit Asmussen so lebhaft und gutherzig wie immer.
+
+»Wissen Sie, was Sie von den andern unterschied?« sagte sie.
+
+»Nun?«
+
+»Sie spielten immer, auch wenn Sie nichts zu sprechen hatten; die
+andern spielten nur, während sie sprachen. Auch wenn Sie kein Glied
+rührten, sah man, daß Sie ununterbrochen mit der Handlung gingen. Ja,
+sogar, wenn Sie dem Publikum den Rücken kehrten, sah man, daß Sie
+innerlich spielten. Ich habe einmal von »durchsichtigen Schauspielern«
+gehört. Das Wort trifft auf Sie zu.«
+
+Asmus war so glücklich, daß er nur eine ganz banale
+Bescheidenheitsphrase stottern konnte. Er war glücklich wegen der
+»Ehre«. Daß sie ihn sehr genau und sehr andauernd beobachtet haben
+müsse, darauf verfiel er nicht. Als sie noch sprachen, kam eilends ein
+Seminarist auf Sempern zu. »Du möchtest mal zu Herrn Doktor Kieselberg
+kommen.«
+
+Doktor Kieselberg hatte den Literaturunterricht; bei ihm hatte Semper
+die längsten und schönsten Sachen rezitiert.
+
+»Hören Sie, lieber Semper, wenn es Ihnen recht ist, schreib’ ich über
+Sie an Cheri Maurice. Maurice muß Sie kennen lernen. Sie müssen für
+die Bühne gerettet werden. Die Jungens unterrichten, das können
+schließlich viele andere Leute auch. Aber so spielen, das können
+nicht viele. Also soll ich ihm schreiben?«
+
+»Wenn Sie die Güte haben wollen, dann bitte ich darum.«
+
+»Gut. Meine Frau läßt Sie bitten, morgen mit uns zu speisen. Zwei Uhr,
+bitte. Sind Sie noch frei?«
+
+Du lieber Gott! Ob er noch frei war! Für sämtliche Mittage seines
+Lebens war er noch frei.
+
+Also Schauspieler! Bei der bekannten Geschwindigkeit, mit der er seine
+Schlösser baute, spielte er schon im nächsten Augenblick den »Faust«
+auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Und bei einem seiner Lehrer
+eingeladen zum Essen! Was konnte das Leben einem noch mehr bieten! Er
+schwamm in der vollen, naiven Freude eines ersten öffentlichen
+Erfolges. Ihm war, als ob alle Menschen aller Länder ihm hold gesinnt
+wären und ihm von Herzen das Beste wünschten. Er hatte nicht die
+leiseste Ahnung davon, daß Lau erzählte, Semper habe ihm die Rolle der
+Prinzessin nur aus Neid weggenommen, und wenn ihm jemand gesagt hätte,
+daß Lau das erzähle, so würde er gesagt haben: »Du lügst.«
+
+Als er sich wieder dem Platze Hildens näherte, war sie nicht da. Er
+ließ die Blicke durch den Saal schweifen – da – sie tanzte! O weh, sie
+tanzte!
+
+
+
+
+XXXIII. Kapitel.
+
+Asmus gibt fernere Beweise von seiner Dummheit, baut ein Schloß und
+eine Kirche und landet schließlich in einer Zelle.
+
+
+Merkwürdig, es war ihm nicht ganz recht, daß sie tanzte. Warum sollte
+sie nicht tanzen? Es war doch selbstverständlich, daß sie tanzte; sie
+hatte sich ja auch zum Tanze angekleidet, sehr geschmackvoll, wie
+immer, sehr einfach, und doch – so besonders. Er verstand nicht das
+Geringste von Frauengarderoben; aber daß sie mit ihren neunhundert
+Mark Gehalt keine kostbaren Gewänder kaufen konnte, war ihm klar. Und
+doch – sie hatte immer etwas Besonderes und Nobles in ihrer
+Erscheinung.
+
+Tanzen! Ja, das war auch so eine Mauer, die ihn vom weiblichen
+Geschlechte trennte. Frauen wollen tanzen, und er konnte nicht tanzen.
+Die Semper konnten ihren Kindern keine Tanzstunden geben lassen. Nicht
+einmal Schlittschuhlaufen hatte er gelernt; denn als Knabe war er nie
+so reich gewesen, ein Paar Schlittschuhe erwerben zu können, und als
+Jüngling hatte er keine Zeit mehr dazu gefunden. Als Achtjähriger
+hatte er einmal getanzt, auf einem sogenannten »Kindergrün«, mit einer
+siebenjährigen Dame, fünf Stunden lang war er herumgesprungen wie ein
+Heupferdchen, immer mit derselben Dame, und es war herrlich gewesen.
+Er sah es so unendlich gern, wenn ein Paar sich mit Anmut im Tanze
+drehte. Nie glaubte er fester an eine schönere Welt, als wenn er
+Menschen in anmutiger Bewegung sah. Und Hilde Chavonne tanzte schön.
+Wenn er sie aufforderte....
+
+Hahahahaaaa! Er wußte wohl eine ganze Reihe junger Leute, die
+ungeniert eine Dame aufforderten, obwohl sie nicht tanzen konnten, und
+dann so lange mit Todesverachtung herumhopsten, bis sie’s heraus
+hatten. Woher sie den Mut nahmen, einer Dame dergleichen zuzumuten,
+das blieb ihm ein Rätsel.
+
+Sobald er sein Lehrergehalt bezog, wollte er tanzen lernen. Sein
+Lehrergehalt? Er wollte ja Schauspieler werden.....
+
+»Tanzen Sie nicht?« fragte ihn Hilde.
+
+»Ich kann nicht tanzen,« sagte er. Und er erzählte ihr, daß er
+Schauspieler werden solle. Sie war aber sehr dagegen; mit auffallender
+Lebhaftigkeit riet sie ihm ab. Was sie denn dagegen habe, fragte er
+verwundert. Da wurde sie rot und sehr verlegen. Schließlich sagte sie,
+sie habe immer gehört, daß auch das Los der größten und berühmtesten
+Bühnenkünstler nur ein glänzendes Elend sei. Überhaupt habe er doch noch
+ganz andere Fähigkeiten. Er müsse Dichter werden.
+
+Jetzt machte er riesengroße Augen, und das Rotwerden war an ihm.
+»Woher wissen Sie denn, daß ich dichte?«
+
+»Sie haben doch Fräulein Wieselin erlaubt daß sie sich Ihre Balladen
+abschrieb –«
+
+»Und die haben Sie gelesen?« rief Asmus erschrocken.
+
+»Die haben alle an der Schule gelesen –«
+
+Asmus hätte in den Boden sinken mögen. »Das ist aber sehr unrecht von
+Fräulein Wieselin,« rief er.
+
+»Warum?« fragte Hilde erstaunt. »Durfte sie sie nicht zeigen?«
+
+»Aber ich bitte Sie! Diesen Schund! Diesen Unsinn! Das ist ja
+törichtes, kindisches Zeug –.«
+
+Hilde schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das glaube ich nicht,« sagte
+sie. »Unreif mögen diese Gedichte sein, – aber es ist etwas drin.«
+
+Als ein Tänzer kam und sich vor Hilde verbeugte, lehnte sie ab. Sie
+lehnte auch alle folgenden Einladungen ab, und bis zum Ende des Balles
+saßen sie beide an demselben Tisch und plauderten. Er fühlte sich wohl
+und glücklich; aber er merkte nichts.
+
+Und als das ganze »Künstlervolk« mit seinem Anhang nach dem letzten
+Tanze in ein Café schwärmte, – morgens um vier Uhr in ein Café! Asmus
+kam sich wie ein Roué vor, als er sich eine Schokolade bestellte, – da
+schienen es beide selbstverständlich zu finden, daß sie wieder
+beieinander saßen. Es war etwas Seltsames um ihre Unterhaltung. Sie
+sagten natürlich »Sie« zueinander und »Herr Semper« und »Fräulein
+Chavonne« (denn das »gnädige Fräulein« war damals noch nicht Mode),
+und was sie sprachen, hatte die höfliche und respektvolle Form, die
+unter wenig Bekannten zweierlei Geschlechts gebräuchlich ist; aber in
+ihren Herzen war ein Glauben und Vertrauen, von dem sie selbst noch
+nichts wußten; ihre Herzen sagten »Lieber Herr Semper« und »Liebes
+Fräulein Chavonne«, ohne daß sie selber es hörten, und dieser
+Gegensatz zwischen fremden Worten und vertrauter Meinung erfüllte
+Asmussens Herz mit jener wohligen Spannung, wie sie in frühen Knospen
+sein mag. Aber so dunkel, so wenig bewußt war dieses Gefühl, daß er
+sich keinen Augenblick nach seiner Ursache fragte, es vielmehr ohne
+Nachdenken genoß wie die Sonne eines Maientags.
+
+Als er früh gegen sechs eine Stunde weit nach Hause ging, fühlte er
+nicht die leiseste Ermüdung; denn er war jung und war König. Aber als
+er die ruhigen Atemzüge seiner schlafenden Eltern hörte, und als er
+die Ärmlichkeit des elterlichen Hausrats betrachtete, da fiel es ihm
+schwer aufs Herz, daß er Schauspieler werden sollte.
+
+Gleichwohl sprach er davon zu seinem Vater. Obwohl Ludwig Semper seit
+längerem wieder von seinem alten asthmatischen Leiden geplagt wurde,
+war doch seit Monaten Heiterkeit in all seinem Reden und Tun, ja
+selbst in seinen Hustenanfällen und Atemängsten gewesen; denn nun war
+seine zärtlichste Hoffnung der Erfüllung nah; in kurzem sollte Asmus
+Lehrer sein und das Geschlecht der Semper sollte wieder emporkommen.
+Wie die lächelnde Wehmut eines Sonnenunterganges ging es über Ludwig
+Sempers Gesicht, als er hörte, daß Asmus, nahe dem Ziele seiner Bahn,
+einen ganz neuen Weg voll jahrelangen Mühens betreten solle, und
+obwohl er fühlte, daß er dann den Aufstieg seines Sohnes nicht erleben
+werde, sagte er lächelnd:
+
+»Ja, – wenn Du meinst, daß Du Schauspieler werden mußt, – ich habe
+nichts dagegen.«
+
+Und in dem Lächeln des schönen Angesichts war ein Scheiden vom
+Liebsten und Letzten. Das Herz flog Asmus in den Hals, und er hatte
+Mühe, die Tränen zurückzudrängen, als er rief:
+
+»Nicht doch, Vater, nicht doch! Ich werde ja nicht darauf eingehen!
+Ich denke ja nicht daran!«
+
+Seiner Mutter sprach er nicht erst davon. Er mußte lächeln, wenn er
+sich ihr ökonomisches Entsetzen ausmalte. Und sie hatte ja recht.
+
+Am Nachmittage sagte er es Dr. Kieselberg, seinem Wirte: »Meine Eltern
+haben mich fünf Jahre lang unter den größten Sorgen und Mühen
+erhalten, wenigstens zum großen Teil erhalten; jetzt ist es höchste
+Zeit, daß ich sie unterstütze. Als Lehrer bekomme ich ein Gehalt von
+1200 oder 1300 Mark, dann kann ich ihnen helfen; als Schauspieler
+verdiente ich vorläufig wenig oder nichts. Ich würde die Hoffnung
+meiner Eltern vernichten, und das ist ausgeschlossen.«
+
+»Nun, dagegen kann ich natürlich nichts sagen,« erwiderte Kieselberg.
+»Ich hatte das Gefühl einer Pflicht; ich glaubte ein Unrecht zu
+begehen, wenn ich Sie nicht auf den Weg zur Bühne wiese; aber wenn die
+Dinge so stehen – das ist natürlich etwas anderes.«
+
+Als Asmus durch die wunderschönen Alleen vor dem Dammtor nach Hause
+ging, war der Bühnentraum erloschen; das Schloß aus Rampenlicht und
+Lorbeerduft war versunken, und an seiner Stelle ragte schon ein
+anderes. Ein Wort seines Lehrers hatte ihn gestern befremdet. Er hatte
+gesagt:
+
+»Jungens unterrichten, das können die andern auch.«
+
+War Unterrichten denn wirklich etwas, was jeder Beliebige konnte,
+wenn er nur nicht allzu dumm war? Waren Schulmeister nicht genau so
+gut Künstler wie Schauspieler? Konnte man nicht auch so unterrichten,
+daß man unersetzlich war, so unersetzlich wie ein Künstler? So
+wenigstens hatte er sich’s immer geträumt. Was war denn ein Lehrer,
+wenn er nicht ein Künstler war?
+
+Und in den Wolken strahlte ein Schloß, das war aus Morgenlicht und
+Kinderlächeln gebaut.
+
+Er blickte in die ragenden Bäume hinauf und dachte: Welch ein
+wunderschöner Tag! Ein wahrer Sonntag! Zuerst beim Lehrer zu Mittag
+gegessen – die fremde Küche hatte ihm zwar nicht geschmeckt, aber was
+sagte das? Es war herrlich gewesen! – Nun dieser Weg unter hohen, von
+weißem, weißem Schnee bedeckten Bäumen! Diese Kirche wird nur an
+seltensten Feiertagen geöffnet. Ihr Altar ist die sinkende Sonne, und
+ihr Gesang ist das Schweigen. Er dichtete im Gehen:
+
+ Ich weiß es nun gewiß:
+ Es schwebt ein selig Leben
+ Schon über dieser Welt
+ Und ist uns schon gegeben.
+
+ Ich weiß seit diesem Tag:
+ Es tönt Gesang und Reigen
+ Aus einer reinen Welt
+ In jedes tiefe Schweigen.
+
+Und endlich, wenn er zu Hause war, wollte er seinen Pestalozzi lesen.
+Er kam heim und schlug ihn auf bei der »Abendstunde eines
+Einsiedlers«.
+
+»O, meine Zelle, Wonne um dich her!«
+
+Das fügte sich gut zu dieser Stunde. Er schaute sich um in seiner
+Kammer und dachte:
+
+O, meine Zelle, Wonne um dich her!
+
+
+
+
+XXXIV. Kapitel.
+
+Bewegt sich zwischen Pestalozzi und Herrn Quasebarth.
+
+
+Und er vergrub den Kopf in beide Hände und versenkte sich in die
+heiligen Träumereien dieses unschuldsvollen Einsiedlers und Poeten,
+den er liebte, wie man sonst nur lebendige Menschen liebt. Ja, das war
+wahrhaftig ein Einsiedler unter den Tagesmenschen! Schon wiederholt
+hatte Asmus diese Schrift gelesen, und immer hatte ihn eine
+eigentümliche Scheu gehindert, tiefer in ihr Dunkel einzudringen, wie
+man sich scheut, in ein Dickicht einzudringen, aus dem die Nachtigall
+schlägt. Heute war die Nachtigall fortgeflogen, und er drang ein und
+fand hinter dem Rankengewirr eine köstliche Architektur, die die
+einfachen, großzügigen Grundlinien eines wunderbaren Baues zeigte. Da
+stand, daß Leben und Menschsein ganz dasselbe ist in der Hütte und auf
+dem Thron. Das aber haben die Menschen vergessen. Sie erziehen und
+unterrichten nach tausenderlei äußeren und Tagesbedürfnissen, nach
+Berufs- und Standesrücksichten, nach Eitelkeit und Vorteil. Und
+vergessen, daß ein Mensch zuvor zum Menschen gebildet sein muß, eh’ er
+etwas anderes wird. Aber zum Menschen kann man ihn nur von _seiner_
+Natur aus, von seiner Individualität aus machen, nicht von einer
+allgemeingültigen Schablone aus.
+
+Das also war es: Nicht sollt ihr zum Kinde sagen: Das sollst Du werden
+und das will ich aus Dir machen wie aus allen Deinen Genossen, sondern
+ihr sollt fragen: Wer bist Du? Wie mach’ ich Dich zum Menschen? Welche
+Wege sind in _Deiner_ Natur vorgezeichnet, die zu jenem Menschentum
+führen, das _allen_ gemeinsam ist und aus dem alles andere von selbst
+entsprießt?
+
+Das schälte sich heraus aus dem Aphorismengewirr des krausen und
+dennoch geraden Denkers, und in diesem Geiste wollte Asmus sein Amt
+führen. Im Geiste dieser Schrift wollte er wirken, dieser Schrift, die
+in einem innigen, treuen Gottesglauben gipfelte, der nicht der
+Gottesglaube der Semper war. An den sorgenden Vater glaubten die
+Semper nicht. Aber das hatte Asmus seit langem empfunden, daß alle
+Menschen an einen Gott glauben, wie verschieden sie ihn auch nennen.
+
+ Es sagen’s allerorten
+ Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,
+
+und Asmus hatte nie begriffen, warum man von den Atheisten glaubte,
+sie hätten keinen Gott und könnten nicht fromm sein.
+
+So stellte er denn auch in dem bald beginnenden schriftlichen Examen
+seinen Aufsatz nicht auf die Basis theistischer Frömmigkeit, die sonst
+über so manche Prüfungen hinweghilft. Die jungen Leute sollten über
+das Thema schreiben:
+
+ »Vor jedem steht ein Bild dess’, das er werden soll;
+ So lang’ er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.«
+
+und die meisten Jünglinge erklärten Jesus Christus für das Idealbild,
+das vor ihnen stehe. Nun gab es unter den Abiturienten gewiß keinen,
+der den natürlich erzeugten Gottessohn von Nazareth inniger liebte als
+er; aber den Ruf, daß er ein Jesus Christus oder etwas ihm Ähnliches
+werden solle, vernahm er in seinem Herzen nicht. Er glaubte nicht, daß
+die Welt durch Leiden erlöst werden könne; er fühlte wenigstens, wenn
+er sich ehrlich fragte, daß er nicht gemacht sei, ohne Widerstand zu
+leiden. Er knüpfte an die Ideenlehre Platos an und erklärte den
+Unfrieden des Menschen aus der Sehnsucht nach seiner »Idee«, und er
+setzte auseinander, was er für seine Idee, für die Idee des Menschen
+im allgemeinen und für die des Asmus Semper im besonderen halte. Er
+fand damit bei der vorurteilslosen Prüfungskommission nicht nur
+vollste Anerkennung, sondern er hatte noch den Erfolg, daß ein
+Mitglied dieser Kommission, ein alter Jurist, zu Beginn der mündlichen
+Prüfung die Brille aufsetzte und rief:
+
+»Wo ist Herr Semper?«
+
+»Das ist nämlich ein Philosoph!« rief er den andern Herren zu.
+
+Asmus war hervorgetreten.
+
+»Sie sind Herr Semper?«
+
+»Jawohl!«
+
+»Sie sind ein Philosoph, mein junger Freund; ich habe Ihre Arbeit mit
+herzlicher Freude gelesen; ich danke Ihnen.«
+
+Im übrigen ging es ihm wie »auf der Fortuna ihrem Schiff«, will sagen:
+auf und ab. In der Lehrprobe vergriff er sich. Er sollte Ägypten
+behandeln, dasselbe Ägypten, das er als kleiner Junge für eine Wiese
+mit Störchen gehalten hatte. Und er verfuhr ganz nach der Regel:
+Geographische Lage, Grenzen, Gestalt, Größe, Einwohnerzahl usw. usw.
+Zum Nil kam er in der halben Stunde des praktischen Examens überhaupt
+nicht. Als er fertig war, nahm ihn Murow, der Riese, beiseite.
+
+»Nun, me–in lieber Samper, wann man Äjüpten behandeln will, womit
+fängt man dann wohl am basten an?«
+
+Da wußte er’s sofort. »Mit dem Nil,« sagte er. Und er hätte sich
+ohrfeigen mögen, daß er, der die Schablone haßte, sich ihr so
+gedankenlos und träge unterworfen hatte. Der Nil! das war der
+Schöpfer des Landes, war eigentlich das Land selbst; der Nil war die
+Individualität Ägyptens, von der man ausgehen mußte, wenn man sich
+rühmte, ein Jünger Pestalozzis zu sein! Er empfand eine tiefe Scham
+darüber, daß er so ahnungslos in Ketten ging, deren er gespottet
+hatte.
+
+Und im schriftlichen Chemie-Examen hatte er eine Arbeit von grotesker
+Unzulänglichkeit geliefert. Er hatte einst die Chemie mit allem Feuer
+der Jugend geliebt; aber Herrn Quasebarths Chemie hatte darin
+bestanden, daß er aus einem ehrwürdigen Heft ablas, dessen verblaßte
+Schrift er zuweilen selbst nicht mehr entziffern konnte. »Man nehme
+einen Probierzylinder und fülle ihn zur Hälfte mit Braunstein –« las
+Herr Quasebarth; aber er nahm keinen. Stelling, der Skrupellose, hatte
+ihm eines Tages einen furchtbaren Limburger Käse unter den Pultdeckel
+gelegt, so daß seine Nase jedesmal, wenn sie ins Heft tauchen wollte,
+entsetzt zurückfuhr. Nachdem er sich wiederholt vergeblich erkundigt
+hatte, woher der »abscheuliche Geruch« stamme, und Stelling bemerkt
+hatte, daß er ihn sich auch nicht erklären könne, »da hier doch nie
+experimentiert werde«, entdeckte er schließlich die Ursache; aber er
+ging ungeheilt von dannen.
+
+So hatte denn Asmus seit langem nicht mehr zugehört, in der
+Chemiestunde lieber Gedichte gemacht und beim Examen einen fast
+unberührten weißen Bogen abgeliefert. Das war aber Herrn Quasebarth
+in die Glieder gefahren; denn er sagte sich, daß der chemische
+Durchfall eines Schülers wie Asmus Semper vom Prüfungs-Kollegium als
+ein Durchfall des Herrn Quasebarth empfunden werden müsse. Er beschwor
+also Sempern in einer vertraulichen Unterredung, doch ja bis zum
+mündlichen Examen noch »tüchtig zu repetieren«, damit er die Scharte
+auswetze. Semper genierte diese Scharte gar nicht; denn er hatte sich
+längst vorgenommen, später auf eigene Hand Chemie zu treiben; aber er
+versprach sein Möglichstes.
+
+Und wiederum hob ihn das Schiff der Fortuna in der Mathematik so hoch,
+daß er die erste Zensur erwischte, während Mollwitz, der Magister
+Matheseos, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde: »das einseitige
+Prisma«, durch einen reinen Zufall nur den zweiten Grad errang. Dieses
+Erfolges konnte Asmus nicht recht froh werden; denn die Sache war
+nicht ganz in der Ordnung. Daß Glücksgüter vom Zufall verteilt wurden,
+das wußte er; aber auch geistige Ehren? Kam das auch sonst im Leben
+vor? Das _sollte_ nicht vorkommen.
+
+Aber er sollte noch was ganz anderes erleben. Am Abend vor der
+mündlichen Prüfung entschloß er sich nach schwerem Zögern, ein
+Lehrbuch der Chemie zur Hand zu nehmen, damit Quasebarth nicht wieder
+durchfalle. Er las auch das Kapitel von der Methylwasserstoffreihe,
+dann aber griff er energisch nach Zolas Conquête de Plassans, die er
+wesentlich anziehender fand. Denn sich ein Wortwissen ohne Anschauung
+und Übung in den Kopf zu pfropfen, das war ihm von jeher ein Greuel
+gewesen.
+
+Die Stunde der chemischen Prüfung kam und mit ihr Herr Quasebarth, der
+an Leib und Seele immer denselben grauen Rock trug.
+
+»Na, mein lieber Semper,« sagte er mit einem lockenden Lächeln,
+»erzählen Sie uns mal, was sie von den Methylwasserstoffen wissen!«
+
+Und siehe da: Asmus Semper redete wie ein junger Liebig; denn heute
+wußte er noch sehr gut, was er gestern gelesen hatte.
+
+
+
+
+XXXV. Kapitel.
+
+Asmus wird im Examen gepufft und getreten und ist unzufrieden, aber
+sehr glücklich.
+
+
+Und so kam er denn mit allen Ehren und ohne Schaden durch das Examen,
+wenn man von einigen blauen Flecken an seinem linken Fuße und in der
+linken Rippengegend absah. Diese Flecke rührten wieder von Seybold
+her, von demselben Seybold, der ihn als »Schäflein« wegen seiner
+»Inkollegialität« und seiner »Anmaßung« so bieder gehaßt hatte. Das
+mathematische Examen hatte Seybold sehr glatt bestanden. Seybold
+konnte nicht einmal ein Dreieck berechnen; aber während der
+schriftlichen Prüfung wandelte einen Freund von ihm ein Bedürfnis an,
+und der Freund ging hinunter und deponierte an einem dunklen Orte die
+Lösung aller Aufgaben. Nach einer halben Stunde hatte Seybold
+merkwürdigerweise auch ein Bedürfnis.
+
+»Muß es denn sein?« fragte argwöhnisch der die Aufsicht führende Herr
+Rothgrün.
+
+»Ja, ich hab’n Durchfall,« erklärte Seybold.
+
+»Aber damit hätt’ es ja noch Zeit gehabt,« schmunzelte Herr Rothgrün
+wohlwollend. »Nun, gehen Sie nur.«
+
+Seybold ging hinunter, »fand die Lösung«, dachte »Heureka«,
+beantwortete solchermaßen durch Vorspiegelungen der Verdauungsorgane
+Fragen, die eigentlich an das Gehirn gerichtet waren, und half sich
+mittels eines Durchfalls durchs Examen. Zunächst durchs mathematische.
+
+Bei den Klausuraufsätzen saß Seybold wieder neben Semper, und als
+dieser gelegentlich einen Blick in die Papiere seines Nachbarn warf,
+sah er, daß dieser wörtlich von ihm abschrieb.
+
+»Mensch, bist du des Teufels?« flüsterte Asmus. »Das muß ja
+herauskommen. Schreib’ wenigstens auch von anderen ab.«
+
+Seybold sah das ein und schrieb die andere Hälfte der Arbeit von
+seinem Vordermann ab; denn er hatte einen weiten Blick.
+
+»Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben,« hatte Korn gesagt.
+
+Nur dies verdammte mündliche Examen! Da konnte man nicht sagen:
+»Erlauben Sie, daß ich austrete!« Und wenn Asmus blind und taub
+gewesen wäre, so würde er das Nahen des Examinators doch immer
+rechtzeitig erfahren haben; denn wenn dieser noch drei Schüler weit
+entfernt war, begann Seybold schon wie ein Räder-, Walzen- und
+Kolbenwerk zu treten, zu puffen und zu zischen: »Sag’ mir zu! Sag’ mir
+zu!« und so trug Asmus Semper Seyboldens Reifezeugnis auf dem Leibe
+davon.
+
+Auch Seybold bestand wiederum das Examen, und der ganze praktische
+Unterschied bestand darin, daß er ein Anfangsgehalt von 1200 Mark,
+Asmus aber ein solches von 1300 Mark erhielt, worin Seybold eine große
+Ungerechtigkeit erblickte.
+
+1300 Mark! Insofern war Asmus sehr zufrieden; denn unbegrenzte
+Möglichkeiten lagen in dieser Summe. Aber wenn er den verflossenen
+Lebensabschnitt überblickte – was rechtfertigte eigentlich das
+»glänzende Examen«, das er nach der allgemeinen Ansicht gemacht hatte?
+Die Kollegen hatten ihm erzählt, was der Schulrat Korn vor einer
+anderen Abteilung der Prüflinge über ihn gesagt hatte, und darüber
+freute er sich zwar von Herzen; aber eigentlich war ihm alles das ein
+großes Rätsel, ein Wunder: denn ihm waren diese verflossenen drei
+Jahre eine zerstörte Illusion. Was hatte er sich von diesen Jahren
+versprochen an geistigem Aufschwung! Und wie bitter-bitter-wenig hatte
+er vor sich gebracht. Er hatte überhaupt nicht das Gefühl, daß er
+geistig gewachsen wäre. Wiederum hatte er, wie schon öfter, die
+Empfindung, daß die Menschen merkwürdig wenig von ihm verlangten,
+viel, viel weniger, als er selbst von sich zu fordern pflegte.
+
+Nur wenn er die beiden »Alten« betrachtete, war er _ganz_ glücklich.
+Die solltens jetzt besser haben. Frau Rebekka lief mit ihren
+sechzigjährigen Beinen wie ein Wiesel immer von einem Zimmer ins
+andere und sang:
+
+ »Nach Sevilla, nach Sevilla!
+ Wo die letzten Häuser stehen,
+ Sich die Nachbarn freundlich grüßen,
+ Mädchen aus dem Fenster sehen,
+ Ihre Blumen zu begießen,
+ Ach, da sehnt mein Herz sich hin!«
+
+und wie in seiner früheren Kindheit sah Asmus bei dem Wort »Sevilla«
+einen freien Platz mit Häusern, auf den eine unendlich goldene Sonne
+und ein unendlich helles, unendlich stummes Feiertagsglück
+herabschien.
+
+Und dabei dachte Rebekkens Herz gar nicht an Sevilla, was schon daraus
+hervorging, daß sie im nächsten Augenblick sang:
+
+ »Herr Junker, lat hee mit tofred’n,
+ rudiridiridirallalla,
+ Ick mutt min Swin to freten ge’m,
+ rudiridiridirallalla!
+
+Das war nämlich das Bruchstück eines Liedes, in dem ein Junker seiner
+Magd mit Liebesanträgen nachstellt, die diese dann mit der
+einleuchtenden Begründung zurückweist, daß sie ihren Schweinen zu
+fressen geben müsse. Die Schweine gehen vor, das mußte der Junker
+einsehen. Aber auch an Junker, Magd und Schweine dachte das singende
+Herz der Rebekka nicht; es dachte an den Triumph des Sohnes, an den
+leckeren Pfannkuchen, den sie ihm backen wollte, und an den besseren
+Rock, den ihr Gatte nun bekommen sollte; denn es gab ihr einen Stich
+ins Herz, wenn der stattliche Mann in abgetragenem Gewande ging. »Er
+fragt ja nichts danach,« klagte sie kopfschüttelnd.
+
+Aber auch Ludwig Semper wollte sich diesmal einen Extragenuß
+vergönnen. Heute war Dienstag, und am Freitag gab es »Lohengrin« im
+Theater. Diesmal wollte er _wirklich_ hin.
+
+»Aber nun tu’s auch!« riefen Asmus und Rebekka wie aus einem Munde.
+
+»Ja, ja – natürlich!« beteuerte Ludwig.
+
+Am Mittwoch sagten Asmus und seine Mutter wieder: »Geh nun aber auch
+wirklich hin!«
+
+»Gewiß, gewiß!« sagte Ludwig.
+
+Am Donnerstag sagten sie: »Wirst du nun auch nicht wieder sagen: ’Ach,
+wozu soll ich hingehen?’«
+
+»Nein, nein – wenn ich’s doch sage!«
+
+Er war auch am Freitag mittag noch fest entschlossen und freute sich.
+Als er um sechs Uhr noch keine Miene zum Aufbruch machte, rief Frau
+Rebekka:
+
+»Du, du – du mußt jetzt gehen.«
+
+»Ach, ich hab mir’s anders überlegt,« sagte Ludwig. »Was soll ich da.«
+
+Ja, was sollte er da.
+
+Erstens war sein Asmus nun am Ziel, und das war ein Glück, das
+eigentlich für den Rest seines Lebens allein ausreichte und das er
+jedesmal neu genoß, wenn Asmus den Blick wegwandte und er ihn
+ungestört betrachten konnte.
+
+Zweitens hatte er am Lohengrin schon so viel Vorfreude genossen, daß
+eine Steigerung nicht mehr denkbar war.
+
+Und drittens tauchten auf der grauen Wand vor seinem Zigarrentische,
+sobald er befahl, alle Sagen der Vorwelt auf, nicht die vom
+Schwanenritter allein, und belebte sich der stauberfüllte Raum mit
+Klängen, die an kein irdisches Instrument und keine menschliche
+Schrift gebunden waren.
+
+Frau Rebekka war gründlich böse und schalt. »Ich versteh den Mann
+nicht,« rief sie.
+
+Asmus verstand ihn. Er dachte daran, daß er nun bald als Lehrer vor 60
+Kindern stehen werde; er blickte von der Seite her in des Vaters Auge,
+in dem die Abendsonne liebend verweilte, und er verstand es, daß man
+selig sein kann im Glück seiner Träume.
+
+
+
+
+Drittes Buch
+
+Kampf und Liebe
+
+
+
+
+XXXVI. Kapitel.
+
+Was für ein Mann Herr Drögemüller war und was für Lieder deutsche
+Kinder singen.
+
+
+Der erste Eindruck, den Asmus Semper von Herrn Drögemüller, seinem
+Hauptlehrer und Vorgesetzten, empfing, war nicht übertrieben
+verlockend. Der Kopf des Mannes glich einer stark vergrößerten
+Billardkugel, der man einen Rettichschwanz als Bart angeheftet und die
+man im übrigen noch mit einer blauen Brille geschmückt hat. Nase, Mund
+und Stirn wären in jedem Signalement als gewöhnlich bezeichnet worden.
+Herr Drögemüller kanzelte gerade einen kleinen, kümmerlich
+dreinschauenden Buben ab, weil er auf Holzpantoffeln zur Schule kam.
+Er behandelte das gleichsam wie einen moralischen Defekt, dessen man
+sich zu schämen habe, und erklärte dem verschüchtert dastehenden
+Kinde, wenn das noch einmal vorkomme, werde er ihm einen »Tadel in
+Ordnung« geben.
+
+»Wenn man das hingehen läßt,« sagte Herr Drögemüller, »dann kommen
+immer mehr mit Holzpantoffeln, und man kann das Geklapper auf den
+Treppen nicht mehr aushalten.«
+
+Asmus hatte auf der Zunge, zu sagen: »Aus Übermut trägt wohl der
+Mensch keine Holzklötze an den Füßen; Stiefel sind ihm ohne Zweifel
+bequemer, wenn er sie hat«; aber er wollte sich nicht gleich
+opponierend einführen und sagte deshalb nur:
+
+»Gibt es nicht einen Verein, der solche Kinder mit Stiefeln versorgt?«
+
+»Gewiß!« versetzte der Hauptlehrer; »ich könnte ihm ein Paar Stiefel
+anweisen; aber seine Mutter, das ist eine ganz Renitente. Als ich ihr
+sagte, sie solle den Jungen doch taufen lassen – getauft ist er
+nämlich auch nicht – da sagte sie, das täte ihr Mann nicht, und was
+ihr Mann wolle, daß wolle sie auch.«
+
+»Hm,« machte Asmus. Ein Pestalozzi war dieser Mann nicht, das war
+schon festgestellt.
+
+Er unterschied sich insofern vorteilhaft von dem »Schulmeister von
+Stanz«, als er sauber und ordentlich gekleidet war; aber es war
+Ordnung ohne Geschmack und Gefälligkeit, eine Ordnung mit
+schlechtsitzenden Hosen und kreuzweis geknoteten Bindeschlipsen, und
+als Asmus wie hypnotisiert die Karrees des grauen Rockes betrachtete,
+da las er unaufhörlich 1 × 1 × 1 × 1 × 1 × 1 ....
+
+Nein, ein Dichter, wie der unordentliche Verfasser von »Lienhard und
+Gertrud« war dieser Mann gewiß nicht, »Abendstunden eines Einsiedlers«
+träumte er sicherlich nicht; aber das konnte man auch schließlich
+nicht verlangen, und als er die Papiere des ihm von der Behörde
+zugewiesenen Jünglings eingesehen hatte, bemerkte er sogar
+liebenswürdig, er beglückwünsche sich, einen Mann von solchen
+Fähigkeiten gerade an der »ihm unterstellten« Schule angestellt zu
+sehen.
+
+Wie ganz anders ward Asmussen ums Herz, als er sich wenige Tage später
+mitten in einen Garten von sechzig jungen Menschenpflanzen gestellt
+sah, wo sechzig lebendige Brünnlein aus roten Lippen sprangen. In
+einem Punkte freilich hinkte der Vergleich mit einem Garten
+bedenklich: die Pflanzen haben die gute Gewohnheit, ihren Ort nicht
+willkürlich zu verändern; diese Menge von Kindern aber war in ihren
+Bewegungen höchst willkürlich, und Asmussen kam es vor, als habe er
+einen Topf voll Mäuse zu hüten und müsse aufpassen, daß keine über den
+Rand springe. Einige zwar saßen bang und verschüchtert da; sie mochten
+ein unerhört Neues, ein fürchterlich Geheimnisvolles erwarten und
+waren vielleicht mit der Vorstellung gekommen, daß der Bakel
+unaufhörlich durch die Schulstube sause wie die Sense des Mähers übers
+Feld; denn es gibt Eltern, die die Arbeit des Lehrers liebevoll
+vorbereiten, indem sie Kindern, die sie nicht bändigen können, mit der
+Aussicht drohen: »Na, warte nur, wenn du zur Schule kommst! Der Lehrer
+wird dich schon bläuen.« Aber sobald diese Beklommenen merkten, daß
+der »Herr Lerrer« kein Menschenfresser sei und sogar großartigen
+»Spaß« mache, zogen gerade sie die weitesten Konsequenzen und gingen
+über Tisch und Bänke. Und sieh, da schritt schon einer festen
+Schrittes auf die Tür zu.
+
+»Wohin?« fragte Asmus.
+
+»Ich will’n büschen ’raus!« versetzte das Bürschchen unbefangen.
+
+»Was willst du denn draußen?«
+
+»Och, ’n büschen spielen.«
+
+»Ja, Mensch, so allein spielen, das macht doch keinen Spaß. Wart’ nur
+noch einen Augenblick, dann gehen wir alle hinaus und spielen »Jäger
+und Hund«.
+
+Das leuchtete dem Flüchtling ein. »O djä!« rief er, senkte beide
+Fäustchen in die Hosentaschen und ging wieder auf seinen Platz.
+
+»Du, ich hab’ Limburger Käse aufs Brot!« rief eine Stimme aus dem
+Hintergrunde. Asmus ging hin und äußerte seine teilnehmende
+Begeisterung über den Limburger Käse. Natürlich mußte er jetzt den
+Inhalt zahlloser Frühstücksdosen bewundern.
+
+»Ich hab’ Leberwurst auf’m Brot!« »Ich hab’ ’ne Apfelsine!« »Ich hab’
+Schokolade!« schrie es durcheinander.
+
+»Ihr könnt wohl lachen!« sagte Asmus. »Meine Mutter hat mir keine
+Schokolade mitgegeben.«
+
+»Da!« Ein Junge sprang aus der Bank und hielt ihm ein Stück Schokolade
+hin.
+
+Asmus dankte gerührt, löste das Papier von der Schokolade und wollte
+sie dem Geber in den Mund schieben; der aber lehnte entschieden ab.
+
+Da sah Asmus zwei brennende Augen in verzehrendem Verlangen auf sich
+gerichtet; es waren die Augen eines dürftig gekleideten, blassen
+Bürschchens.
+
+»Soll _er_ sie haben?« fragte Asmus den Spender.
+
+Der nickte eifrig ja, und begierig griff der Verlangende nach der
+köstlichen Leckerei.
+
+Um den Schwarm endlich zu beruhigen, sagte Asmus: »Soll ich euch mal
+’ne Geschichte erzählen?«
+
+»O ja, man zu, man zu!« schrien sie durcheinander. Und er erzählte
+ihnen das Ur- und Anfangsmärchen vom Rotkäppchen, das sie alle
+verstehen und das sie beim hundertsten Male ebenso gern hören wie beim
+ersten Male.
+
+Als er mitten im Erzählen war, kam ein Junge aus der Bank heraus, ging
+auf Asmussen zu, ergriff dessen Hand und sagte:
+
+»Du, ich mag dir gerne leiden.«
+
+»Soo?« sagte Asmus; »Junge, das ist ja prachtvoll; ich dich auch; aber
+dann mußt du jetzt auch ganz still sitzen bleiben und zuhören!«
+
+»Ja,« erklärte der Kleine überzeugt und ging ruhig wieder an seinen
+Platz.
+
+Für einen andern aber hatte Asmussens Erzählung offenbar keinen Reiz.
+Er erhob sich und steuerte geraden Wegs auf die Tür zu.
+
+»Was willst du denn?« fragte Asmus.
+
+»Ick will noh Hus,« lautete die sehr entschiedene Antwort.
+
+»Jä, dat geiht ober nich; du muß noch’n bitten hierblieben.«
+
+Der kleine dicke Bursche explodierte in einem furchtbaren Geheul.
+
+»Ick will ober noh Huuus!« brüllte er.
+
+»Wat wullt du denn dor?«
+
+»Ick will bi min Mudder sin!«
+
+»Minsch, de Klüten (Klöße) sünd jo noch gornich fertig.«
+
+Der Kleine nahm die Fäuste von den Augen und starrte ihn sprachlos an.
+
+»Du wullt wull gern Klüten un Plum’n (Pflaumen) eeten, wat?« fragte
+Asmus.
+
+»Jo,« versetzte der Kleine, von so viel Verständnis seiner Seele
+überrascht.
+
+»Jä, Hein, de sünd jo noch gornich gor! Bliev man noch’n bitten
+sitten; ich segg Di denn Bescheed, wenn din Mudder se fertig hett.«
+
+Auf diesen Kontrakt ging Heinrich Lohmann ein und verfügte sich
+langsam wieder an seinen Platz.
+
+Als die Geschichte zu Ende war und die Geisterchen wieder nach allen
+Himmelsrichtungen anseinanderfielen, sprach er:
+
+»Nun paßt aber mal auf, was jetzt kommt!«
+
+Sie waren plötzlich still.
+
+Mit geheimnisvollen Mienen ging Asmus an einen Schrank.
+
+»Was ich wohl hier im Schrank habe!« sagte er.
+
+»Frühstück!«
+
+»Nein.«
+
+»Schokolade!«
+
+»Nein.«
+
+»’n Bilderbuch!«
+
+»Nein. In diesem Schrank hab’ ich einen Vogel; wenn man den
+streichelt, dann singt er.«
+
+»Oooh – laß ihn mal ’raus!« riefen einige.
+
+»Ja, ich will ihn mal herauslassen.« Er öffnete den Schrank und nahm
+einen Geigenkasten heraus.
+
+»O, ich weiß, Herr Lehrer, ich weiß!« riefen ein paar Gescheite.
+
+»Pst! Nichts verraten! Das ist das Vogelbauer. Paßt gut auf, daß er
+nicht herausfliegt,« sagte er zu den Nächsten, und sie spreizten die
+Händchen und öffneten die Mäulchen, als wollten sie den Flüchtling mit
+Mund und Händen auffangen. Die Hintensitzenden stiegen auf die Tische
+und reckten die Hälse. Asmus öffnete den Kasten und nahm Geige und
+Bogen heraus.
+
+»Hurra – hallo,« schrien sie alle; aber dann wurden sie noch stiller
+als zuvor, und nun hatten alle die Schnäbel offen.
+
+Asmus setzte den Bogen an und spielte einen raschen Lauf vom kleinen #g#
+bis zum dreigestrichenen.
+
+Da waren sie plötzlich wie »voll süßen Weins«, sie gingen über Tisch
+und Bänke, hopsten, sprangen und faßten sich an und tanzten.
+
+»Was soll ich nun ’mal spielen« fragte Asmus.
+
+Ach, was mußte er da für Erfahrungen machen! Einige nannten ein paar
+Spiellieder, die sie in einem Kindergarten gelernt hatten; die meisten
+aber nannten Gassenhauer und Operettenmelodien, die auf die Drehorgel
+gekommen waren. Ein rechtes, gutes Volkslied nannte nicht einer; denn
+das deutsche Volkslied wird im deutschen Hause nicht mehr gesungen.
+
+Asmus erzählte ihnen von dem Häslein, das der Jäger totschießen
+wollte, und dann sang er:
+
+ Als der Mond schien helle,
+ Kam ein Häslein schnelle,
+ Suchte sich sein Abendbrot,
+ Hu, ein Jäger schoß mit Schrot.
+
+Er sang, wie das Häslein den Mond bat, sein Licht auszulöschen, und
+wie es dem Jäger entkam.
+
+ Häslein ging zur Ruhe,
+ Zog aus Rock und Schuhe,
+ Legte sich ins weiche Moos,
+ Schlief wie auf der Mutter Schoß.
+
+und die Lieblichkeit von Wort und Weise, die Unschuld der Kindertage,
+da er sie zuerst gesungen, die Schönheit der Stunden, da er sie bei
+Meister Bruhn gehört und gegeigt, und die saugende Andacht all dieser
+reinen Augen, die durstig an seinen Lippen hingen, überströmten sein
+Herz mit einem so überschwenglichen Glück, daß ihm die Augen feucht
+wurden.
+
+»Nun will ich’s einmal spielen,« sprach er und spielte das Lied.
+
+»Wollt ihr jetzt ’mal mitsingen?«
+
+Jubelnd ergriffen sie diesen Vorschlag.
+
+Und alle sangen sie mit. Ei, ei, ei, war das eine Musik! Es klang noch
+ganz furchtbar. Aber sie fanden es schön, und am eifrigsten sang Peter
+Brandenburg, dessen Gehör und Stimme nur einen einzigen Ton hatten,
+und der klang wie das Surren einer Hummel, die man in eine Schachtel
+eingesperrt hat.
+
+»Wer will mir nun ’mal was vorsingen?« fragte Asmus.
+
+Manche getrauten sich nicht; aber die meisten hielten mit ihrem Talent
+nicht zurück und sangen frisch von der Leber weg.
+
+ »Denke dir, mein Liebchen,
+ Was ich im Traume geseh’n«
+
+oder
+
+ »Dat Scheunste, wat man hett,
+ Dat is so’n Zigarett’«
+
+oder
+
+ »Ach, mein Schreck, ach, mein Schreck!
+ Meine teure Hulda ist weg!«
+
+nein, so viel Asmus auch horchte und forschte und hoffte, er hörte
+nichts Gutes, Schönes, Gesundes. Wohl aber begann ein Bürschlein
+frisch und frei ein ausgesprochenes Zotenlied zu singen.
+
+»Genug, genug!« rief Asmus und hieß das Kind schweigen. Dies Lied, von
+frischen Kinderlippen ahnungslos gesungen, hatte ihm einen furchtbaren
+Eindruck gemacht. Die Schule lag in der Hafengegend; unter ihrem
+Publikum gab es mancherlei Armut und Verwahrlosung, und unter den
+Schülern waren auch Kinder »anrüchiger« Straßen.
+
+
+
+
+XXXVII. Kapitel.
+
+Herr Drögemüller als Einkassierer des Schicksals.
+
+
+So groß sein Mitgefühl mit den Kindern der Enterbten und Verachteten
+war, so schien ihm doch seine Aufgabe um so schöner und lockender, je
+schwieriger sie war. Die wohlgepflegten Kinder reicher und »guter«
+Familien erziehen, das war keine Kunst – so dachte er wenigstens
+damals; er sollte noch anders darüber denken lernen – aber hier galt
+es, Knoten zu lösen und Hindernisse zu überwinden. Und schon nach
+wenigen Tagen sollte ihn ein »Riesenerfolg« in seinem Glauben an sein
+Werk bestärken. Am vierten oder fünften Tage seines Lehrertums kam
+Herr Drögemüller mit einer Liste in die Klasse und fragte: »Ist
+Heinrich Lohmann hier?«
+
+Jawohl, Heinrich Lohmann war _da_; es war derselbe, den am ersten Tage
+die Sehnsucht nach den Klößen seiner Mutter ergriffen hatte und der
+dies Gefühl in reinstem Plattdeutsch unverhohlen zum Ausdruck gebracht
+hatte. Er gehörte in eine Nachbarschule und war irrtümlich in Sempers
+Klasse gekommen.
+
+»Du gehörst in eine andere Schule, mein Sohn,« sagte Herr Drögemüller.
+»Pack’ deine Sachen und komm mit.«
+
+»Nee,« sagte Heinrich Lohmann munter, »ick will hier blieben.« Selbst
+Herr Drögemüller mußte lachen.
+
+»Ja, mein Junge, das geht nicht,« sagte er, »komm nur schnell.«
+
+»Ick will ober leever hier blieben,« wandte Lohmann mit schwächerem
+Widerstande ein.
+
+»Na, nu’ mach flink, Junge, mach flink!« drängte der Hauptlehrer.
+
+Lohmann packte widerstrebend seine Sachen und folgte Herrn
+Drögemüller; aber als er nun Sempern die Hand zum Abschied geben
+sollte, warf er alles, was er trug, auf den Boden, umklammerte
+Asmussens Bein und schrie: »Ick will bi di blieben! Ick will bi di
+blieben!«
+
+Asmussen wurde es wunderlich ums Herz.
+
+»Kann er denn nicht hier bleiben?« fragte er den Hauptlehrer.
+»Vielleicht kann ja ein anderer – –?«
+
+»Nein, das geht nicht!« versetzte Drögemüller kurz. »Er wohnt ja nicht
+in unserm Bezirk. – Jetz komm, Junge, sonst – –«
+
+Asmus klopfte dem Kleinen die Wangen und sagte: »Na, Heinrich, dann
+geh nur mit. Wenn die Schule aus ist, besuchst du mich mal, was? Und
+ich besuch’ dich auch mal, ja?«
+
+Da gab sich Heinrich Lohmann zufrieden, sammelte unter Tränen seine
+Bibliothek zusammen und schlich davon.
+
+Asmus Semper war glücklich. Also schien ihm die Kraft gegeben zu sein,
+die Herzen der Kinder zu gewinnen, und darüber war er unsäglich froh.
+Überhaupt lebte er wie in einem Rausche. Diese tausendfältigen,
+rückhaltlosen Offenbarungen der Kindesseele überwältigten seine
+Beobachtungskraft; er wußte nicht, wie er diesen Reichtum in die
+Scheuern bringen und verwerten sollte. Und viel zu früh schloß er den
+Kindern den Mund durch regelrechten Unterricht; seine Taten hinkten
+noch weit hinter seinen Ideen her. Er hätte noch länger die Eigenart
+jedes einzelnen Kindes hervorlocken sollen, wenn er den Wegen
+Pestalozzis folgen wollte; aber er fürchtete, die Kinder würden nicht
+lernen, was sie nach dem »Pensum der Klasse« lernen sollten, wenn er
+nicht den stundenplanmäßigen Unterricht beginne. Herr Drögemüller
+hatte sich ohnedies schon bemerkbar gemacht. Als Asmus eines Tages
+einen Knaben ein Märchen erzählen ließ, war Herr Drögemüller, der es
+nicht für ein Gebot der Höflichkeit hielt, anzuklopfen, in die Klasse
+getreten, hatte durch seine blaue Brille auf den an der Wand hängenden
+Stundenplan geblickt und gesagt:
+
+»Sie haben jetzt eigentlich Rechnen, nicht wahr?«
+
+»Jawohl,« hatte Asmus gesagt.
+
+»Hm,« hatte dann Herr Drögemüller gesagt, und er war wieder
+hinausgegangen. – – Ja, Asmus war glücklich; aber wie es das Schicksal
+gewöhnlich mit ihm gehalten hatte, so tat es auch diesmal; von dem
+vollen, hundertprozentigen Glück, das es ihm gegeben, zog es neunzig
+Prozent Wucherzinsen ab, und der Exekutor, der die neunzig Prozent
+einkassierte, war diesmal Herr Drögemüller.
+
+Herr Drögemüller war Junggeselle, und so hatte er zu viel Zeit für
+seinen Beruf. Man hat immer dann zu viel Zeit für seinen Beruf, wenn
+man sie zur Auffindung neuer und fruchtbarer Gedanken aus einem
+gewissen inneren Mangel nicht anwenden kann, sie vielmehr mit der
+Erfindung immer neuer Reglements-Paragraphen verbringen muß. Jedesmal,
+wenn Herr Drögemüller ein paar freie Stunden gehabt hatte, trug
+alsbald danach ein Knabe durch alle Klassen eine Verfügung, unter die
+jeder Lehrer sein »#Vidi#« setzen mußte. Herr Drögemüller wußte aus
+der Arithmetik, daß, wenn man unablässig addiert, zuletzt eine hohe
+Summe herauskommen muß, und so hoffte er durch unermüdliche
+Hinzufügung von »Verbesserungen« seine Schule auf den Gipfel der
+Vollendung zu bringen. Wenn ihm aber jemand mit umwälzenden Methoden
+oder gar mit neuen Lehrzielen kam, dann bekam er Entrüstung mit
+Fieber. Welche Anmaßung, wenn ein Lehrer es besser wissen wollte als
+Drögemüllers Seminardirektor! Seine Berufsanschauung ruhte auf drei
+Axiomen als auf drei unerschütterlichen Säulen:
+
+ 1. Die Alten sind klüger als die Jungen.
+
+ 2. Die Toten sind klüger als die Lebendigen.
+
+ 3. Die Vorgesetzten sind klüger als alle.
+
+und seine Berufsanschauung war auch seine Weltanschauung; denn er war
+der Meinung, ein Lehrer habe sich weder um Kunst und Literatur, noch
+um Politik, noch sonst um etwas anderes als allein um seinen Beruf zu
+kümmern.
+
+Er verbrachte denn auch seine Tage am Schreibtisch seines Bureaus;
+seine Wohnung war eigentlich nur Schlafstelle, und in seiner
+bescheidenen Bibliothek stand kein neues Buch. Trotzdem hielt er sich
+für einen gewissenhaften Beamten.
+
+Daß er mit diesem Mann nicht lange in Frieden leben werde, davon hatte
+Asmus eine deutliche Ahnung. Schon wenn er ihn sprechen hörte, wurde
+ihm unbehaglich. Er war immer so empfindlich gewesen für menschliche
+Stimmen; die Stimme war ihm der Mensch, und besonders wahr und schön
+war’s ihm immer erschienen, daß der wahnsinnige Lear von der Stimme
+der toten Cordelia sprach. Drögemüller aber heulte durch die Nase und
+sprach, als wenn er einen zu schmal gewölbten Gaumen hätte.
+
+Gleich am ersten Tage sah Asmus etwas, was ihn geradezu erschreckte.
+Kinder während der Schulpause – das war ihm immer ein Bild befreiter,
+sprudelnder Jugendlust gewesen. Es war ihm gar nicht der Gedanke
+gekommen, daß das anders aussehen könne. Und hier sah er die Kinder,
+zu Vieren geordnet, langsam hintereinander hertappen, wie Gefangene,
+die man gerade so viel lüftet, wie zur Erzielung einer guten
+Gesundheitsstatistik unbedingt erforderlich ist. Und in der Mitte des
+Schulhofs ging ein Lehrer auf und ab, der darauf achten mußte, daß
+keiner aus der Reihe trat. Nun bemerkte Asmus freilich bald, daß der
+größere Teil des Kollegiums die Verfügung des Chefs nicht mehr
+sonderlich ernst nahm; die Herren ließen denn auch den spazierenden
+Kindern die Zügel leidlich locker. Dann freilich tauchte gelegentlich
+Herr Drögemüller auf und verwies laut scheltend die zuchtlosen
+Elemente in ihre Reihen zurück, um dem Aufseher zu demonstrieren, daß
+er seine Pflicht verletze. Die Herren, meistens ältere, wohlverdiente
+und zum Teil ihrem Chef bei weitem überlegene Männer, aßen ihr
+Frühstück ruhig weiter und taten nach wie vor, was sie für gut
+hielten. Aber jetzt waren drei junge Herren ins Kollegium gekommen,
+und die wollte Herr Drögemüller gleich richtig an die Kandare nehmen,
+damit sie ihm nicht über den Kopf wüchsen.
+
+Als Asmus zum erstenmal die Aufsicht führte, freute er sich über
+jeden, der die Ordnung der Sektionen verließ. Aber siehe, schon war
+Herr Drögemüller da und heulte durch die Nase und trieb die
+Schwarmgeister an ihren Platz.
+
+»Das geht aber nicht, Herr Semper; achten Sie bitte strenge darauf,
+daß die Schüler zu vieren gehen.«
+
+»Ja, da kann dann freilich von Erholung nicht mehr die Rede sein,«
+bemerkte Asmus.
+
+»Ooh, das wollen wir doch nicht sagen!«
+
+»Ja, für siebzigjährige Spittelleute mag das ja eine genügende
+Erholung sein; aber junge Körper, wenn sie stundenlang in der Bank
+gesessen haben, wollen sich gehörig tummeln und die Lungen
+reinpumpen.«
+
+»Herr Semper, wenn wir das einreißen ließen, dann würden wir jeden Tag
+blutige Nasen und gebrochene Gliedmaßen und hinterher die Klagen der
+Eltern haben.«
+
+»Herr Drögemüller, wir haben uns als Jungen auf dem Schulhof
+geschlagen wie Hunnen und Nibelungen, und blutige Nasen habe ich mehr
+als eine davongetragen; ich habe aber Blut genug übrig behalten,
+vielleicht noch zuviel. Nach Ihren Grundsätzen müßte man den Kindern
+das Spiel überhaupt verbieten; denn Unfälle, sogar tödliche, sind
+freilich niemals ausgeschlossen.«
+
+»Was anderswo passiert, ist mir einerlei, in _meiner_ Schule soll aber
+so etwas nicht vorkommen, und darum muß ich darauf dringen, daß meine
+Anordnungen befolgt werden.«
+
+In Asmus wirbelte etwas empor; aber der Vorgesetzte hatte bereits den
+Rücken gewandt und war gegangen.
+
+
+
+
+XXXVIII. Kapitel.
+
+Schon wieder gibt es einen Zusammenstoß.
+
+
+Sempern erfüllte ein seltsam unbehagliches Gefühl. Sollte ein Lehrer
+sich wie ein Handlanger traktieren lassen? Sein aufbrausendes Blut,
+das sich schnell über jedes Unrecht empörte, wollte ihn zu offener
+Auflehnung fortreißen. Dazu kam, daß seine Jugend, wenn auch nicht von
+revolutionärem Sinn, so doch von revolutionären Gedanken genährt war.
+Er hielt es noch immer mit den Tyrannenmördern und Volksbefreiern.
+Aber andrerseits hatte er zu viel klaren Verstand, um an eine Welt
+ohne Regierung und Gesetz zu glauben. Jeder mußte sich unterordnen,
+das wußte er wohl. Und wenn ein Vorgesetzter schwach war, – die, die
+ihn eingesetzt hatten, waren Menschen und dem Irrtum unterworfen wie
+er selbst. Aber wenn die Obrigkeit in der Wahl der Oberen gar zu
+töricht oder gewissenlos war, dann war Auflehnung so natürlich und
+notwendig wie sonst die Unterordnung, dann war Widerstand Pflicht, vor
+allem der Kinder wegen. Aus diesem Zwiespalt kam er nicht heraus.
+
+Andere Skrupel und Sorgen kamen hinzu. Er mußte den Kleinen
+Religionsunterricht geben. Waren nun diese biblischen Geschichten
+geoffenbartes Gotteswort, dessen Wahrheit sich auch dem kaum erwachten
+kindlichen Geiste auf wunderbar intuitiven Wegen erschloß? Nein, das
+glaubte er nicht, konnte er also auch nicht lehren. Sollte er also die
+Geschichte der Juden und das Leben Jesu kritisch, rationalistisch,
+liberal-theologisch behandeln? Der Hamburgische Staat nahm es im
+Gegensatz zu andern deutschen Staaten mit der Gewissensfreiheit
+leidlich ernst und schrieb seinen Lehrern nicht vor, wie sie die Bibel
+zu behandeln hätten. Aber wenn dies alles nicht zweifellose, der
+kindlichen Seele ohne weiteres zugängliche göttliche Wahrheit war –
+dann war es ja heller Unsinn, diese Materien mit sechs- bis
+siebenjährigen Kindern zu behandeln, dann waren es Materien für reife
+Jünglinge und Männer. Diese religiösen Bedenken verfitzten sich mit
+pädagogischen und künstlerischen. Die biblischen Historien mit den
+Worten der Bibel erzählen, das hieß nach seiner Meinung, die armen
+kleinen Kerle mit unverständlichen Worten und Begriffen quälen und war
+also unmöglich. Die alten Berichte aber mit eigenen, modernen Worten
+erzählen, dagegen sträubte sich alles in ihm, das schien ihm eine
+unerhörte vandalische Versündigung gegen die erhabene, ehrwürdige
+Kraft und Schönheit dieser Mythen. Man konnte ja auch den »Faust« mit
+anderen Worten erzählen; aber war das der »Faust«?
+
+Aber das Allerschlimmste war doch, daß diese Geschichten unzweifelhaft
+einen persönlichen Gott annahmen und von einem Jesus berichteten, der
+Wunder tat, vom Tode auferstand und gen Himmel fuhr. Sich mit leeren
+Worten um diese Fragen herumdrücken, war unwürdig, war ihm unmöglich.
+Freilich, er konnte es machen wie #Dr.# Korn; er konnte den Kindern
+sagen: So berichtet die Bibel; was ihr glauben wollt, ist eure Sache.
+Aber das konnte man vor Jünglingen tun, nicht vor sechs- bis
+siebenjährigen Knäblein. Die konnten noch nicht sondern und wählen;
+die hingen mit dem treuen Blick des Glaubens an seinem Munde; die
+glaubten alles, was er sagte, und ahnten noch nicht, daß ein Lehrer
+etwas sagen könne, was er selbst nicht glaube.
+
+Endlich blieb noch der Ausweg, sich als »Beamten« zu fühlen, der ein
+Amt und keine Meinung habe. Er konnte diese Dinge einfach nach der
+orthodoxen Dogmatik behandeln und zum Beispiel die Stelle von der
+Schlange, die »denselbigen in die Ferse stechen werde«, als
+messianische Weissagung hinstellen, am Ende des Monats sein Gehalt
+einstreichen und die Verantwortung denen überlassen, die den
+Religionsunterricht verlangten, das war das sicherste. Aber diese
+handwerkerliche Auffassung von seinem Beruf konnte er sich eben nicht
+angewöhnen, so selbstverständlich sie auch Herrn Drögemüller schien.
+Denn diese sechzig Kinder wurden einmal sechzig Menschen, und was er
+als winziges Körnchen in ihre Seele warf, war vielleicht nach zwanzig
+Jahren ein Baum, ein nährender Fruchtbaum oder ein Giftbaum oder ein
+leeres Gestrüpp. Der Arzt, der nach bestem Wissen und Können in einen
+lebendigen Menschen hineinschnitt, konnte auch nicht zur Verantwortung
+gezogen werden; aber es war doch ein verteufeltes Gefühl, einen
+Menschen unter dem Messer zu haben.
+
+Er beschloß bei sich, diesen Unterricht so bald wie möglich abzugeben,
+und fand, daß der Modus seines ehemaligen Direktors noch der
+redlichste und erträglichste sei. Er trug den Kindern die Bibel vor,
+wie sie war, und enthielt sich jeder kritischen Beleuchtung. Nur sagte
+er dann nicht: Ihr könnt’s glauben, könnt’s auch lassen, sondern
+getröstete sich der Hoffnung, daß sie sich bei wachsender Reife in der
+Stille ihres Herzens wohl selbst mit diesen Dingen abfinden würden.
+
+Ein herzlicher Unterricht konnte das freilich nur in solchen
+Augenblicken werden, wo die Naivität der biblischen Geschichten mit
+der Naivität der Kindesseele zusammenfiel; und in solchen Augenblicken
+atmete das Herz des jungen Schulmeisters erleichtert und beglückt. Und
+eine Fülle der Freuden quoll fast aus allen andern Stunden. Nur
+stampfte ihm Herr Drögemüller eines Tages auch in den Leseunterricht
+hinein. Herr Drögemüller dachte es sich wunderschön, wenn alle drei
+neuangestellten Lehrer den Leseunterricht auf völlig gleiche Weise
+erteilen würden, und zwar auf ebendieselbe Weise, die er vor 25 Jahren
+auf dem Seminar erlernt habe. In seiner Schule sollte alles ordentlich
+hergehen: alle sollten auf Schuhen kommen, alle sollten Schulgeld
+zahlen, alle denselben Glauben haben und auf dieselbe Weise »gebildet«
+werden.
+
+Einer der neuen Herren tat ihm auch den Gefallen; Asmus aber und der
+andere gingen ihre eigenen Wege. Herr Drögemüller bemerkte das mit
+Mißfallen.
+
+»Machen Sie es nicht so, wie ich es Ihnen neulich gezeigt habe, Herr
+Semper?« fragte er.
+
+»Nein,« lautete die ebenso kurze wie unzweideutige Antwort.
+
+»Warum denn nicht?«
+
+»Weil ich meine Weise für richtiger halte.«
+
+»Aber Herr Semper – Sie werden wohl zugeben, daß ich mehr Erfahrung
+habe als Sie –.«
+
+»Das mag sein; aber ich muß meine Methode selber finden, und nur nach
+der Methode, die meiner Überzeugung entspringt, kann ich unterrichten.
+Wenn es die Jungen immer machen müßten wie die Alten, dann könnten Sie
+und ich überhaupt noch nicht lesen.«
+
+»Das ist ja wohl sehr geistreich, Herr Semper; aber gleichwohl muß ich
+Sie bitten, meine Wünsche zu respektieren.«
+
+»Mit Recht sagen Sie »Wünsche«, Herr Drögemüller, und nicht »Befehle«.
+Denn »Befehle« gibt es hier nicht. Ich bin nur verpflichtet, meine
+Schüler zu fördern. Welche Methoden ich dabei anwende, ist ganz allein
+meine Sache.«
+
+Drögemüller war bleigrau im Gesicht geworden und schnappte, als wenn
+er Luft für einen längeren Satz einnehme; er entschied sich dann aber
+nur für ein: »Na, wenn Sie meinen –« und ging mit rachsüchtig
+geschwungenen Beinen hinaus. Als er draußen war, stenographierte er
+etwas sehr Langes in sein Notizbuch. Die Methode ist frei, dachte
+Drögemüller, darin hat er recht; aber ich werde schon andere Pfeifen
+schnitzen, nach denen er tanzen soll.
+
+Zunächst indessen sollte Asmus ein wenig nach den Pfeifen des
+Exerzierplatzes tanzen. Bei der Generalmusterung im Sommer war er
+endgültig »gezogen« worden, und nun war die Order gekommen, daß er
+sich am 1. Oktober auf dem Altenberger Kasernenhofe einzufinden habe.
+
+
+
+
+XXXIX. Kapitel.
+
+Ist teilweise im Kasernenstil geschrieben und belehrt uns durch die
+Güte des Herrn Schieß-Unteroffiziers, was für ein Mensch dieser Asmus
+Semper eigentlich ist.
+
+
+Was ihm an diesen Musterungs- und Gestellungsbefehlen aufgefallen war,
+das war die Ängstlichkeit, mit der auch der leiseste Verdacht einer
+höflichen Gesinnung vermieden war. Er fand, daß dieselben Befehle mit
+derselben Entschiedenheit in einer Form gegeben werden könnten, die
+mehr nach menschlicher Gesellschaft klang. Sie berührten ihn, als
+wären sie mit Absicht so schroff wie möglich formuliert, um das
+persönliche Selbstbewußtsein von vornherein auf den Nullpunkt
+zurückzutreiben. Überhaupt begann er diese sechs Wochen, die er als
+»Schulamtskandidat« unter Waffen zubringen sollte, nicht mit gehobenen
+Gefühlen. Ludwig Semper freilich sprach noch immer von seinen
+Soldaten- und Kriegsjahren als von einer frischen, fröhlichen Zeit;
+aber »beim Preußen« war’s anders, und die vielen und abscheulichen
+Soldatenmißhandlungen, von denen die Zeitungen berichteten, hatten
+Asmussen immer mit Zorn und Entsetzen erfüllt. Frau Rebekka schwankte
+zwischen Stolz und Bangen. Sie war stolz, daß man ihren Sohn für
+tauglich befunden hatte, und sie bangte, daß man ihn mißhandeln und
+überanstrengen könne.
+
+Und gleich der ganze erste Tag war eine Mißhandlung, aber keine
+böswillige. Die Herren Schulamtskandidaten standen nämlich mit kleinen
+Unterbrechungen von morgens acht bis abends sieben Uhr auf dem
+Kasernenhof und warteten. Einmal erschien ein Feldwebel und rief ihre
+Namen auf, und dann warteten sie wieder sechs Stunden. Einmal
+beobachtete Asmus einen Haufen Offiziere, und ein sehr temperamentvoller
+Herr unter ihnen schrie: »Denken Sie, der Seckendorff läßt sich wegen
+Krankheit beurlauben und verzehrt ein großes Beefsteak mit
+Spiegeleiern.« Asmus fand dies merkwürdig, aber für einen Tag war es
+nicht Unterhaltung genug. Er gehörte sonst zu den Menschen, die man wohl
+langweilen kann, die sich aber niemals selbst langweilen, weil die
+Gedankenmühle von selber geht wie ein #perpetuum mobile#. Aber so auf
+einem Fleck stehend und immer wartend, konnte man weder Gedichte machen,
+noch Gedankenspiele treiben; er litt Höllenqualen der Langenweile.
+Endlich, um sieben Uhr abends erschien ein Sergeant und erklärte ihnen,
+sie könnten nach Hause gehen. Denn die Schulamtskandidaten durften zu
+Hause schlafen und essen.
+
+Am andern Morgen ging es endlich los. Der Sergeant Greifenberg trat
+vor die Front von Asmussens Abteilung und hielt eine Rede.
+
+»Meine Herren,« sagte er, »ick hoffe, dat Sie als jebildete Herren mir
+meine Arbeit so leicht wie möglich machen wer’n. Ick werde Se nu mal
+ausbild’n. Wenn Se ooch noch so jelehrt sind, hier müssen Se doch noch
+wat zulernen. Sie sind Lehrers; aber ick bin der Lehrer von die
+Lehrers. Schtilljeschtanden!«
+
+»Un denn merken Se sick jleich,« sagte Herr Greifenberg, indem er auf
+einen der Kandidaten losging, »jelacht wird nich im Jliede. Wat ick
+sage, is nich zum Lachen; de Sache is sehr ernst.«
+
+Und nun begannen die Übungen; aber Herr Greifenberg stellte keine
+unmenschlichen Anforderungen, und Herr von Birkenfeld, der ausbildende
+Leutnant, noch weniger. Furchtsame Gemüter konnte freilich Herr von
+Birkenfeld zunächst abschrecken; denn er markierte den rauhen
+Kriegsmann, der weder Teufel noch Kognak fürchtet und »Sauerei« und
+»Schweinekram« für verblümte Redensarten hält. Wenn ihm die Richtung
+eines Gliedes nicht gefiel, so sagte er, in einem milden, väterlichen
+Tone beginnend:
+
+»Ei, ei, ei, das Glied steht ja schweinemäßig! Der rechte Flügelmann,
+nehmen Sie den Bauch herein, ins drei Deubels Namen! Der Kerl taugt
+zum Flügelmann wie der Igel zum Schnupftuch!« Er sagte aber nicht
+»Schnupftuch«, sondern ganz etwas anderes, und wenn er von den
+unteren menschlichen Extremitäten sprach, so gebrauchte er eine
+Bezeichnung, die man nur unter Männern wiederholen kann, wenn keine
+Theologen zugegen sind. Im übrigen hatte er mit dem Flügelmann nicht
+unrecht. Der Schulamtskandidat Plambeck war der längste und dickste
+von allen; aber als er ein Gewehr mit einer Platzpatrone darin
+abdrücken sollte, da versagte er.
+
+»Warum drücken Sie nicht ab?« rief Herr von Birkenfeld.
+
+Plambeck hob den Kolben wieder an die bleiche Wange und setzte wieder
+ab.
+
+»Na, wollen Sie jetzt vielleicht die Liebenswürdigkeit haben,
+abzudrücken?« schrie der Leutnant.
+
+Plambeck hob schlotternd das Gewehr und ließ es abermals sinken.
+
+Jetzt trat Birkenfeld nahe an Plambeck heran und sagte ruhig:
+
+»Sagen Sie, fürchten Sie sich?«
+
+»Ja,« versetzte Plambeck ehrlich.
+
+»Na, Sie sehen doch, die andern haben auch geschossen und sind auch
+ganz geblieben. Ich werde jetzt kommandieren und Sie werden schießen.
+Legt an! – Feuer!«
+
+I, keine Spur von Feuer.
+
+»Heiliges Astloch!« schrie Birkenfeld. »So was ist mir denn doch noch
+nicht vorgekommen! Sagen Sie mal, wie denken Sie sich das eigentlich,
+’n Soldat, der nich schießt! ’n Soldat, der sich vor seiner Knarre
+fürchtet! Was wollen Se denn eigentlich machen, wenn –«
+
+»Bums!« Plambeck hatte abgedrückt und lächelte stolz.
+
+»Himmel, Schnaps und Wolkenbruch! Jetzt schießt mir der Kerl gleich in
+die Visage!« schrie Birkenfeld. »Herrrr, ich werde Sie ins Loch
+stecken, Herrrr!«
+
+Aber er steckte niemanden ins Loch, nicht einmal Büsing, der es doch
+einigermaßen verdient hatte. Büsing hatte morgens bei der Schießübung
+zu viel »Zielwasser« getrunken; die Kneipe lag in allzu verlockender
+Nähe des Schießstandes. Herr von Birkenfeld, der eine verständnisvolle
+Leber besaß, hatte gesagt: »Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie
+aus.« Das hatte Büsing so gründlich besorgt, daß er nachmittags eine
+Stunde zu spät zum Dienst gekommen war. Büsing war das aber noch immer
+nicht des Frevels genug gewesen; er hatte sich lächelnden Mundes bei
+dem Herrn Leutnant gemeldet mit den Worten:
+
+»Vom Ausschlafen zurück!«
+
+Da hatte ihm Birkenfeld zwar drei Tage aufgebrummt; aber er hatte sie
+ihm noch am selben Tage erlassen. Wenn er fluchend und wetternd und
+mit gezücktem Degen den Parademarsch abnahm und sein breiter blonder
+Bart im Winde wehte, dann sah er aus wie ein Eisenfresser, und doch
+war er ein vom Grund des Herzens humaner Mann, für den die Worte
+»gutes, kameradschaftliches Verhalten« nicht nur auf dem Papier
+standen und der im gemeinen Soldaten den gleichwertigen Menschen und
+Waffengenossen sah. Einmal hatte er aber doch etwas zu saftig
+geschimpft. Als der Schulamtskandidat Thölemann, der wie ein künftiger
+Pastor aussah, sprach und fühlte, gleich einer nassen Unterhose am
+Reck hing und ebensowenig wie dieses Kleidungsstück einen Klimmzug zu
+machen imstande war, da schrie Birkenfeld:
+
+»Herrrr, sei’n Se nich so schlapp, Herrrr! Deubel noch’n mal! Kerl hat
+natürlich die ganze Nacht bei Wachtmann ’rumgeh–t!«
+
+»Wachtmann« war ein ziemlich unethisches Tanz- und Nachtlokal, und das
+wollte sich Thölemann nicht bieten lassen. Er wollte sich über
+Birkenfeld beschweren. Und es war das beste Zeugnis für diesen
+Leutnant, daß die Kameraden Thölemannen abrieten, weil man die
+Schimpfreden Birkenfelds nicht tragisch nehmen dürfe, und nicht am
+wenigsten trat Asmus für den Beleidiger ein. Er liebte solche
+Menschen, die sich von Temperament und Leidenschaft fortreißen ließen
+und es im Grunde des Herzens doch gut meinten; er fühlte sich ihnen
+verwandt. Übrigens überlegte sich Birkenfeld seine Diagnose noch
+einmal, bat Thölemann um Entschuldigung, und die Sache war erledigt.
+
+Daß Schimpfen und Schimpfen zweierlei ist, das bewies Asmussen Seine
+Exzellenz der Herr Schießunteroffizier. Asmus hatte durch irgendeinen
+Zufall keine Exerzierpatronen erhalten und sollte sie sich vom
+Schießunteroffizier holen. Er suchte den Herrn auf, nahm die
+vorschriftsmäßige Haltung ein und sagte:
+
+»Darf ich bitten um meine Exerzierpatronen?«
+
+Da sah der Herr Schießunteroffizier Asmus Sempern mit einem langen
+Blick sprachloser Entrüstung an. Endlich aber fand er Worte und sprach
+den gewichtigen Satz:
+
+»Mensch, Sie sind doch ebenso dumm wie frech!«
+
+Die grenzenlose Dummheit und Frechheit Asmussens lag nämlich darin,
+daß er annahm, der Herr Schießunteroffizier werde jetzt, außerhalb der
+Empfangszeit, Lust haben, ihm die Patronen zu geben.
+
+Asmus, der über die erfahrene Beschimpfung bis hinter die Ohren
+errötet war, sah dem Manne scharf in die Augen und sagte nur:
+
+»Der Herr Leutnant schickt mich.«
+
+Keineswegs behauptete jetzt der Herr Unteroffizier, daß der Leutnant
+ebenso dumm wie frech sei; er beeilte sich vielmehr, Sempern die
+Patronen zu verabfolgen. Es war derselbe avancierte Bauernbursche, der
+einen Schulamtskandidaten darüber belehrt hatte, daß es nicht
+»Serschant«, sondern »Schersant« und nicht »Premjé-Leutnant«, sondern
+»Premihr-Leutnant« heiße.
+
+Als Asmus mit seinen Patronen auf den Kasernenhof zurückkehrte und
+sich die empfangene Charakteristik wiederholte, da mußte er laut
+auflachen über die Komik der Situation. Aber als er der Physiognomie
+dieses Menschen gegenübergestanden hatte, da war es ihm doch heiß ins
+Gehirn geschossen, dem Lümmel hinter die Ohren zu schlagen; denn aus
+diesen kaltfrechen Augen hatte ihn die machttrunkene Brutalität der
+emporgekommenen Roheit, hatte ihn der Typus des Soldatenschinders
+angestarrt.
+
+Und doch war der Schießunteroffizier noch lieb im Vergleich zu dem
+Assistenzarzt Dr. Rheinland.
+
+
+
+
+XL. Kapitel.
+
+Was? Hinkt der Kerl auf einem Fuß? Asmus lernt einen dummen und einen
+klugen Doktor kennen.
+
+
+Asmus vertrug sich mit seinem Dienste ausgezeichnet; der »langsame
+Schritt« und die Gewehrgriffe waren ja nicht brennend interessant und
+mit Rousseau- oder Kantlektüre nicht zu vergleichen; aber er sagte sich,
+das Leben kann nicht immer kurzweilig sein, und wenn er eine Arbeit
+anfaßte, so machte er sie so gut wie möglich. Er hatte denn auch die
+ausdrückliche Anerkennung des Herrn von Birkenfeld und des #magister
+magistorum# Greifenberg gefunden. Und die Marsch- und Felddienstübungen
+waren nun geradezu ein Vergnügen und eine Lust. Sie lehrten ihn seine
+körperliche Kraft und Ausdauer kennen, die er weit unterschätzt hatte.
+Wenn er sah, daß er es bei voller feldmarschmäßiger Belastung im Laufen
+und Springen hügelauf und hügelab den Längsten und Dicksten gleichtat,
+ja länger aushielt als mancher Schlagetot – denn die Größten sind nicht
+die Stärksten – dann hob seine Brust ein unaussprechliches Glücksgefühl,
+das Gefühl eines Siegers, der sich selbst überwand und seine ganze
+eigene Welt beherrscht. Oft klopfte ihm wild das Herz, und nicht immer
+ward es ihm leicht, dies Vorwärtsstürmen und Niederwerfen und
+Wiederaufspringen und Wiedervorwärtsstürmen; aber wie ein Rausch
+entzückte ihn das Gefühl, seine Kraft bis auf den letzten Rest und aus
+den verborgensten Quellen hervorzurufen und durch ein bloßes »Ich
+_will_« jede Schwierigkeit zu überwinden. Und zu allem hatte noch dies
+Kriegsspiel, dies Streifen durch Feld und Heide, dies auf Feldwache
+liegen und Patrouillengehen seine Schönheit, seinen Zauber, seine
+Poesie. Aber trotz alledem lahmte er eines Morgens; er hatte es mit dem
+langsamen Schritt und Parademarsch so gut gemeint, daß er sich eine
+Zerrung der Achillessehne am linken Fuße zugezogen hatte. Gleichwohl
+versuchte er regelrecht zu marschieren und den Schmerz zu verbeißen;
+aber er machte es damit nur schlimmer.
+
+»Melden Sie sich revierkrank!« sagte Herr v. Birkenfeld.
+
+Im Revier saß der Assistenzarzt Dr. Rheinland. Er würdigte die kranken
+Partien der Patienten kaum eines Blicks, im übrigen sah er sie
+überhaupt nicht an. Er kurierte ohne Ansehen der Person. Er drückte
+kräftig mit dem Finger auf die geschwollene Ferse des Musketiers
+Semper, und dieser zuckte zusammen.
+
+»Was fällt Ihnen ein!« schnauzte der Herr Doktor. Asmus wußte noch
+nicht, daß ein Soldat niemals zuckt. Er wußte freilich auch nicht,
+wie der Arzt sonst von seinen Schmerzen erfahren sollte, da er weder
+fragte, noch sich irgendwie auf eine weitere Untersuchung einließ. Er
+erklärte Sempern für dienstfähig; denn er gehörte zu jenen
+Militärärzten, die die Krankheiten wegmachen, ehe sie sie erkannt
+haben. Man macht auf diese Weise einen schneidigen Eindruck, schreckt
+die Simulanten ab, erzielt eine gute Gesundheitsstatistik und reicht
+weiter mit seinen Kenntnissen.
+
+Natürlich hinkte Asmus weiter.
+
+»Semper, hol’ Sie der Deubel! Sie hinken ja noch immer!« schrie der
+Leutnant.
+
+Asmus berichtete, wie es ihm ergangen.
+
+»Treten Sie aus und gehen Sie morgen wieder hin!« entschied
+Birkenfeld.
+
+Am andern Morgen erschien Asmus wieder im Revier. Diesmal drückte Herr
+Rheinland nicht einmal mit dem Finger; er warf einen verächtlichen
+Blick auf die gemeine Soldatenferse und schrieb, daß der Musketier
+Semper dienstfähig sei.
+
+Beim Parademarsch exerzierte der Musketier Semper genau wie ein
+Musketier Hephästos oder Mephistopheles.
+
+»Semper!« brüllte v. Birkenfeld. »Herr Semper, ich befehle Ihnen, daß
+Sie das Hinken lassen; ich verbiete Ihnen einfach das Hinken,
+Herrrr!«
+
+Die Befehle des Herrn Leutnants waren aber der Achillessehne nicht
+maßgebend.
+
+»Musketier Semper!« schrie Herr v. Birkenfeld. Asmus faßte das Gewehr
+an und lief hinkend zu seinem Vorgesetzten. »Was hat denn der Arzt
+gesagt?«
+
+»Er hat mich ohne Untersuchung und ohne ein Wort zu sprechen,
+dienstfähig geschrieben.«
+
+»Also geh’n Sie nach Hause, legen Sie sich aufs Sofa und fragen Sie ’n
+studierten Mediziner. Wegtreten!«
+
+Das tat Asmus. Der »studierte Mediziner« legte einen Verband an, und
+in zwei Tagen war die Sehne geheilt.
+
+Im übrigen schied er von dieser Zeit mit unvergleichlich
+freundlicheren Gefühlen, als er sie beim Eintritt empfunden hatte.
+Freilich, das Leben in der Kaserne hatte er nur sehr flüchtig kennen
+gelernt und wenn er sich vorstellte: drei Jahre in der schrecklichen
+Banalität dieser Räume, in der erdrosselnden Prosa dieses »inneren
+Dienstes« verbringen – dann lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter.
+Aber wenn er gerecht sein wollte, dann mußte er bekennen, daß in
+_seiner_ Erfahrung die guten und heilsamen Eindrücke überwogen. Nicht
+wenig trug zu dieser Stimmung ein gehobenes Gesundheitsgefühl bei. Er
+war immer ein gesunder Mensch gewesen; aber jetzt ward ihm seine
+Gesundheit förmlich bewußt; er fühlte wie in einem Rausch seine Adern
+strotzen und seine Muskeln schwellen. Von trüben Seminarzeiten
+abgesehen, hatte er auch immer einen gesegneten Appetit bekundet; aber
+nie hatte er solche Wonnen verzehrender Andacht empfunden, wie nach
+strammem Dienste vor den Würsten und Bierflaschen der Kantine. Wenn er
+nach vierstündigem Marsche solch eine Literflasche voll Braunbier an
+den Mund hob – denn der Soldat hat nicht immer ein Glas zur Hand – und
+minutenlang nicht wieder absetzte, dann schloß er fromm die Augen, und
+auch das war ein brünstiges Dankgebet an die Macht, die ihn gesund
+erschaffen und solcher Freuden fähig gemacht hatte. Überhaupt waren
+diese sechs Wochen ein Leben im Fleische; ihn interessierte nur
+Körperliches, und wenn er an sein Bücherbrett trat und auf den Rücken
+der Bände Namen wie »Lessing«, »Comenius« und »Euripides« las, dann
+kamen ihm diese Zivilisten wie Leute vor, von denen er in längst
+vergangenen Zeiten einmal hatte reden hören; der Gedanke, ein Buch
+herauszunehmen und zu lesen, erschien ihm vollkommen absurd. Der
+Körper ließ dem Geiste nur so viel Kraft übrig, als zu einer sanften
+Verblödung unbedingt nötig war: Asmus vegetierte in diesen sechs
+Wochen, und daran änderte selbst das geistige Moment des Dienstes, die
+Instruktionsstunden über Gewehrputzen, Rangverhältnisse und
+Kriegsartikel nichts Wesentliches, so schön sie auch manchmal sein
+mochten. Sergeant Greifenberg, der Lehrer von die Lehrers, wußte
+selbst die einfachsten Dinge für die gescheitesten Köpfe unklar zu
+machen, und wenn er über das Schloß des Infanteriegewehres Modell 71
+instruierte, dann hätte der Erfinder des Schlosses, wenn er zugehört
+hätte, seine eigene Erfindung nicht mehr verstanden. Herr von
+Birkenfeld hingegen betrieb die subtilsten logischen Sonderungen,
+besonders wenn er Kognak geladen hatte.
+
+»Was ist Mut und was ist Tapferkeit?« fragte er eines Tages den
+Musketier Semper.
+
+Asmus mußte sich einen Augenblick besinnen und sagte dann: »Mut und
+Tapferkeit sind wohl im wesentlichen dasselbe; eine Gemütsstimmung,
+die sich durch eine erkannte Gefahr nicht schrecken läßt. Man könnte
+sagen, daß der Mut mehr eine Sache persönlicher Veranlagung und mehr
+impulsiver Natur ist, während die Tapferkeit ein pflichtbewußtes
+Ausdauern in der Gefahr in sich schließt .....!«
+
+»Nee, nee, das is nichts,« rief Herr von Birkenfeld abwinkend.
+»Gemütsstimmung, was Gemütsstimmung! Der Soldat hat keine
+Gemütsstimmungen! Wenn es heißt: die Mauer da muß hinuntergesprungen
+werden, dann springt er, und das ist _Mut_. Tapferkeit is hingegen ganz
+was andres. _Tapferkeit_ zeigt der Soldat den feindlichen Kugeln und
+Bajonetten gegenüber!«
+
+Von solchen Stunden kam Asmus immer sehr vergnügt nach Hause, und wenn
+dann seine Brüder Reinhold und Adalbert dastanden und Front machten,
+dann dankte er ganz von oben herunter, etwa wie ein alleroberster
+Kriegsherr oder wie der Assistenzarzt Rheinland, wenn man ihm eine
+Achillesferse zeigte. Dann schrien Reinhold und Adalbert: »Seht den
+Hanswurst, er spielt sich auf!« Und dann zog Asmus das Seitengewehr
+und rief: »Bei Angriffen auf seine Soldatenehre darf der Soldat von
+der Waffe Gebrauch machen!« und nahm Aufstellung zum Brudermord.
+
+Und noch an einem der letzten Nachmittage seiner Dienstzeit machte
+Asmus eine höchst sympathische Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve
+erläuterte Plan und Idee der am Morgen unternommenen Felddienstübung,
+und er machte das so fein, so frisch und so klar, daß Asmussens
+Schulmeisterherz vor Freuden hüpfte. »Wenn das kein Schulmeister ist,
+so will ich Erzbischof sein,« dachte Asmus, und als die Entladung aus
+dem Dienste in der Kantine mit einem gemeinsamen Trunk gefeiert wurde,
+kam Asmus in die Nachbarschaft desselben Leutnants, der sich bald als
+Gymnasiallehrer #Dr.# Rumolt zu erkennen gab.
+
+Man sang das gefühl- und weihevolle Lied:
+
+ »Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja!
+ Erwarten euch die himmlischen Freuden, ja!«
+
+»Ja, ja, die himmlischen Freuden!« sagte Rumolt. »Jetzt geht’s wieder
+in die Schulstube.«
+
+»Ja!« versetzte Asmus mit Fröhlichkeit.
+
+»Freuen Sie sich darauf?«
+
+»O ja!«
+
+»Dann sind Sie ein glücklicher Mensch.«
+
+»Sind Sie nicht gern Lehrer?«
+
+»O,« machte Rumolt, »ich wüßte nichts Schöneres als Lehrer sein – wenn
+man es nur sein könnte.«
+
+»Wie meinen Sie das?« fragte Asmus begierig, und nun kamen sie in ein
+Gespräch über moderne Erziehung, und Asmus machte in diesem Manne
+einen Fund, der ihm in den kommenden Kämpfen mit dem System
+Drögemüller ein Labsal werden sollte.
+
+
+
+
+XLI. Kapitel.
+
+Die Schule am Wiesenhang.
+
+
+Und die Kämpfe mit diesem System nahmen bald wieder ihren
+frisch-fröhlichen Anfang, und in Asmussen stiegen lebhafte Zweifel
+darüber auf, ob es sich angenehmer unter dem Korporalstock oder unter
+dem Federhalter eines Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen,
+Drögemüller hatte meistens den Buchstaben des Gesetzes für sich, und
+es gab viele Gesetze mit vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten
+erträglich sein in der Hand eines Mannes, der den Geist vom Buchstaben
+zu sondern wußte; er aber verschärfte diese Gesetze noch durch seine
+Persönlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen suchte, daß der Lehrer ein
+Künstler sei, der zu seinem Werk der freien Bewegung, der guten Laune
+und einer schaffensfröhlichen Stimmung bedürfe, den man deshalb mit
+Liberalität und mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln müsse, dann
+zeigte Drögemüllers Angesicht ein irres, aber überlegenes Lächeln, als
+spräche man Chinesisch zu ihm und als verstünde er das Chinesische
+besser. Wenn die Verordnung vier schriftliche Hausarbeiten in der
+Woche vorschrieb und nur drei gemacht waren, dann kümmerte es
+Drögemüller nicht, daß der Verbrecher mit aufopfernder Begeisterung
+und treustem Eifer zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit
+fortgeschritten war wie irgendeine – er kannte keine Scham vor dem
+Geiste und bestand auf seinem Schein. Nicht das Geschaffene zu
+würdigen und zu mehren, sondern auf Übertretungen zu fahnden – darin
+erkannte er seinen göttlichen Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er
+überall mit seinem Notizbuch umher, zu diesem Zwecke horchte er sogar
+an den Türen, und es verbesserte seine Stimmung gegen Asmussen nicht,
+als dieser eines Tages eine Tür, hinter der er Herrn Drögemüller
+ahnte, mit großer Kraft öffnete und dabei den spitzesten Ellbogen des
+Vorgesetzten traf.
+
+»Pardon,« sagte Asmus, »ich konnte nicht ahnen, daß Sie hinter der Tür
+ständen.«
+
+Wenn sich nun auch Asmus bewußt war, daß er alles leistete, was eine
+menschliche Behörde von ihm verlangen konnte, so verdarb ihm doch
+diese Aufpasserei einen Teil seiner besten Kraft. Ihm war dabei zumute
+wie dem Reisenden, der eine geweihte Stätte besucht und der aus allen
+Winkeln trinkgeldsaugende Blicke auf sich gerichtet sieht; eine große,
+freie Bewegung des Herzens konnte nicht aufkommen. So war es denn
+Trost und Erquickung, mit #Dr.# Rumolt, seinem neuen Freunde, in
+freien Abendstunden von der Schule der Zukunft wenigstens reden zu
+können.
+
+Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste Landstraße der
+Welt, hinuntergewandert, waren in einen zum Flußufer hinabführenden
+Engpaß eingebogen und hatten sich auf einer Bank in halber Höhe des
+Weges niedergelassen. Vor ihnen breitete sich ein beblümter
+Wiesenhang, von Gebüsch umkränzt, und über die Büsche hinweg sah man
+den großen, stillen, majestätischen Strom. Die Wiese gehörte zu einem
+Mühlengehöft, und die alte Mühle drehte schläfrig ihre Flügel.
+
+»Sehen Sie,« sagte Rumolt, »das wär’ eine Schulstube, gelt? Was meinen
+Sie: auf dieser Wiese mit seinen Jungens oder Mädels liegen und von
+Gras und Blumen sprechen, von Frosch und Schmetterling, von Busch und
+Baum, von Rind und Schaf, von Müller und Mühle, von Schiff und
+Seefahrt, von den Flotten der Hansa und von Störtebekers
+Räuberfahrten, und dann mit Jungen oder Mädchen hinunterrudern oder
+-segeln und ihnen zeigen, wo die Helden der Gudrunsage auf dem
+Wulpensande kämpften und wo Hettel von Hegelingen gewohnt. Meinen Sie
+nicht, daß ihnen da eine andere Welt aufgehen würde als die, die ihnen
+zwischen vier Mauern als »Welt« vorgetäuscht wird?«
+
+»Das meine ich allerdings.«
+
+»Hinaus ins Freie! – Das ist das ganze Geheimnis der Pädagogik. Die
+Welt anschauen und anfassen, das ist alles. Sie nennen es bei Gott
+Anschauung, wenn sie Bilder und Präparate im Zimmer vorzeigen. Das
+ist, wie wenn jemand einen Vortrag übers Meer halten und zur
+Veranschaulichung ein paar Tropfen Seewasser in einem Probiergläschen
+vorzeigen wollte. Sie zeigen ein paar Tropfen vom Meere des Lebens. –
+Sehen Sie hier, diese Wiese, dieses Gehöft, dieser Strom, so weit wir
+ihn sehen, dieser Himmel, sie umschließen nahezu alles menschliche
+Wissen und Erkennen. Auf diesem Fleckchen könnte man eigentlich alles
+lernen, was der Mensch wissen und brauchen kann.«
+
+»Aber auf die Dauer würde es Ihren Schülern langweilig werden.«
+
+»Gewiß, wir wollen ja auch von Ort zu Ort wandern. Ich will ja nur
+zeigen, daß die Natur überall Millionen Anknüpfungspunkte bietet, die
+in der Schulstube nur in der Einbildung vorhanden sind. Denn das
+Wissen der Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist Können; nur was man
+kann, das weiß man auch. Selbst handeln, selbst schaffen muß das Kind,
+wenn es lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf wäre, so müßten
+meine Schüler ohne Ausnahme Ackerbau treiben. Nicht, daß sie alle
+Landleute würden, bewahre; viele würden ja gar kein Talent dazu haben
+– aber der Ackerbau umfaßt nahezu den ganzen Kreis des menschlichen
+Wissens und Könnens, und er lehrt dieses Wissen und Können durch
+_Tat_!«
+
+»Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken,« sagte Asmus, »würde
+allerdings eine wesentlich kleinere Schülerzahl voraussetzen.«
+
+»Gewiß,« fuhr Rumolt fort. »Ich denke, ein Lehrer kann nur so viele
+Kinder wirklich erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann, und
+zwölf, die ehrwürdige Patriarchenzahl, erscheint mir da als das
+äußerste Maß.«
+
+»Da brauchen wir viele Lehrer, und zwar Männer von außerordentlich
+vielseitiger Bildung.«
+
+»Daß unsere Lehrer eine bessere Bildung empfangen könnten, als sie
+auf Seminaren und Universitäten meistens finden, daß sie ihre beste
+Kraft in einem öden Datenwissen verzehren und verzetteln müssen, das
+wissen Sie so gut wie ich. Im übrigen aber dürfen Sie sich meinen
+Lehrer nicht wie einen allwissenden Magister von heute vorstellen.
+Er wird sich nicht schämen, ein Lernender mit Lernenden zu sein, und
+wird keinen Augenblick zaudern, zu sagen: ‘Das weiß ich nicht, ich
+werde mich zu unterrichten suchen’, oder ‘Forscht selber nach, und wer
+es gefunden hat, der sag es uns’.«
+
+»Der banalste Einwand ist der gewichtigste,« meinte Asmus, »das Geld.
+Der Staat müßte sich einen ganz andern Schulsäckel zulegen als den
+heutigen.«
+
+»Ja – hahahaha – das müßte er,« lachte Rumolt. »Er müßte sich an den
+eigentlich doch recht naheliegenden Gedanken gewöhnen, daß er keine
+höhere Aufgabe hat als die Erziehung seiner Bürger, daß er gar nicht
+besser für seinen eigenen Bestand sorgen kann als durch die Erziehung
+seiner Bürger, und daß er darum kein größeres Budget haben sollte als
+sein Erziehungsbudget.«
+
+»Statt dessen macht er das Einjährigen-Zeugnis zum Erziehungsideal,«
+bemerkte Asmus.
+
+»Ja!« Rumolt schlug ihm lachend aufs Knie. »Ist eigentlich eine ärgere
+Posse denkbar? Eine militärische Vergünstigung als Speck in der
+Seelenfalle! Und nach diesem Zeugnis müssen sie nun alle ohne
+Unterschied streben – die das Geld dazu haben, natürlich – und alle,
+die im Leben »etwas Besseres« werden wollen, müssen dasselbe famose
+Abiturium machen. Da schimpfen sie auf die Gleichmacherei der
+Kommunisten und Sozialdemokraten – aber gibt es eigentlich eine
+schlimmere Gleichmacherei als unsere Prüfungsvorschriften? Da hab ich
+einen Burschen in der Untersekunda, einen Prachtbengel, vorzüglich
+begabt in der Mathematik und allen Naturwissenschaften, von merkwürdigem
+Geschick in allem Technischen – was er anfaßt, gelingt ihm, und
+obendrein noch hochmusikalisch. Aber auf dem Kriegsfuß mit allem, was
+fremde Sprachen heißt. Nun sitzt er das zweite Jahr in meiner Klasse,
+und wenn seine fremdsprachlichen Leistungen nicht besser werden – und
+dazu ist keine Hoffnung – dann bleibt er zu Ostern wieder sitzen und
+erreicht nicht einmal das Einjährigen-Zeugnis. Und ich halt es für sehr
+wohl möglich, daß er nach sieben Jahren der Angst und Mühe hingeht und
+sich erschießt. Nun frage ich Sie: warum soll dieser Mensch _nicht_ auf
+die Universität gehen und Naturwissenschaften studieren, warum soll er
+_nicht_ aufs Polytechnikum gehen und Ingenieur werden dürfen? Wäre nicht
+denkbar, daß er einmal von seinem Laboratorium aus die Welt aus den
+Angeln höbe, ohne den Beistand der Herren Xenophon, Ovid und Victor
+Hugo? Doch –« Rumolt zeigte nach Westen –
+
+ »Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn
+ nicht verkümmern! – Sie rückt, sie weicht, der Tag ist überlebt!«
+
+Was denken Sie, wenn man bei solchem Anblick mit seinen Schülern von
+der Sonne spräche, nicht von ihrer chemischen Zusammensetzung und
+ihrem Kubikinhalt – das würd’ ich am Tage tun –, aber von den Ländern,
+denen sie jetzt das erste Licht bringt, von der Sonne als Gottheit und
+Symbol, von Karl Moors Wehmut: ‘So stirbt ein Held’ und von Faustens
+Sehnsucht, ihr zu folgen? Müßten da nicht in den Seelen der Kinder und
+Jünglinge wie von selbst die Ewigkeitsgedanken erwachen?«
+
+
+
+
+XLII. Kapitel.
+
+Der Skat und die Metaphysik, das Billard und Emilia Galotti, Herr
+Strecker und die deutsche Treue, Herr Drögemüller und ein Krach.
+
+
+Erholung und Stütze fand Asmus auch bei den Herren seiner Schule, und
+es hatte nicht lange gewährt, bis er, einen einzigen ausgenommen, zu
+allen in das beste kollegiale Verhältnis kam. Wie natürlich, hatte
+aber sein Herz unter diesen Männern eine engere Wahl getroffen und am
+besten hatten ihm zwei gefallen, Fritz Goers, ein wohlbeleibter,
+jovialer Riese, der Asmussens Vater sein konnte, und Klaus Heide, ein
+sehniger, knorriger Dithmarscher. Und wenn es nun in den Konferenzen
+etwas Gutes und Neues durchzusetzen galt, zogen diese Triumvirn an
+_einem_ Strang.
+
+Aber sie zogen nicht nur an einem Strang, sie sogen auch oft an
+_einem_ Trank, der bei Herrn Kuhlmann besonders kühl und frisch
+verzapft wurde. Herr Kuhlmann hieß Akademos, und sein Garten wurde die
+Akademie genannt. Es war für Asmus zunächst eine Skat- und
+Billard-Akademie. Dem Skat vermochte er keinen Geschmack
+abzugewinnen; er gewann es nicht über sich, diese Kunst mit dem
+strengen, sittlichen Ernste zu üben, den sie verlangte; er dachte
+immer an irgend etwas andres, »wimmelte« Aß und Zehn in die Stiche des
+Gegners hinein und hatte außer fortgesetzten Verweisen wegen
+Unaufmerksamkeit nichts davon als die Ehre, bezahlen zu dürfen.
+Dagegen entwickelte er unter Goehrs, des Riesen mildväterlicher
+Führung das Billardspiel zur Leidenschaft. Um Mitternacht begann dann
+die pädagogisch-ästhetisch-philosophische Sitzung, die Heide
+gewöhnlich durch irgendein wildes Paradoxon eröffnete, welches
+Paradoxon dem Asmus Semper alsbald wie eine Rakete durch den Leib
+fuhr. Damit es an Meinungen und Temperament nicht fehle, kam
+gewöhnlich noch Heides Freund, der kleine Stockelsdorf hinzu, und in
+der Regel endeten diese schweren Verhandlungen morgens um sechs Uhr
+unter einer Straßenlaterne, mit einem Streit über die Frage, ob Raum
+und Zeit Anschauungen #a posteriori# oder #a priori# seien, oder über
+ähnliche Bagatellfragen, und die vorübergehenden Milch- und Brotleute
+pflegten sich über die Erregung der Herren baß zu verwundern. Eines
+herbstlichen Abends aber, als sie auf dem Hamburger Gänsemarkt, dem
+Lessing-Denkmal gegenüber, in einem Café saßen, ward Asmus plötzlich
+stumm.
+
+»Was hast du?« fragte Heide, der Dithmarscher.
+
+»Ich betrachte schon eine ganze Zeit lang dies wunderbare Licht da auf
+dem Scheitel des Lessing,« sagte Asmus, »und kann mir nicht erklären,
+woher dieser rötliche Schein kommt. Diese Erscheinung hat für mich
+etwas Ergreifendes.«
+
+Die andern bestätigten seine Beobachtung und zerbrachen sich den Kopf,
+wo dieses magische Licht seinen Ursprung haben möge.
+
+»Das ist die Sonne,« sagte der Kellner, der eben eine Runde Grog
+brachte.
+
+»Wieso Sonne?« rief Asmus. »Die Mitternachtssonne, was?«
+
+»Es ist sechs Uhr,« sagte der Kellner.
+
+Die vier zogen gleichzeitig die Uhr. Es war sechs. Sie hatten in ihrer
+Unschuld gemeint, es sei ein bißchen nach Mitternacht.
+
+Jetzt tranken sie ihren Grog aus, traten auf den Markt hinaus und
+hatten vor dem Lessing-Denkmal noch einen dreiviertelstündigen Streit
+darüber, ob Emilia Galotti den Prinzen liebe oder nicht; dann
+schlenderten sie in die Vorstadt hinaus und befriedigten auf dem Wege
+unaufhörlich metaphysische Bedürfnisse.
+
+»Wie kann ein Volk wie das französische ohne Metaphysik leben!« krähte
+Stockelsdorf um die Wette mit einem Hahn, der aus einem nahen Stalle
+seinen Weckruf erschallen ließ.
+
+Und Asmus, der nicht ohne Metaphysik leben konnte, bewies
+Stockelsdorfen, daß man sehr gut ohne Metaphysik leben könne; denn es
+war in diesem Kreise stillschweigendes Gesetz, daß keine Behauptung
+unwiderlegt bleiben dürfe. Das war eine gute Übung; denn was sie dabei
+an Unsinn produziert hatten, das fiel ihnen am andern Tage von selbst
+ein und war eine wohltätige Verschärfung ihres Katers.
+
+Trotz dieser außerordentlichen Anstrengungen schnitt Asmussens Klasse
+bei der Osterprüfung vortrefflich ab, und ein angesehener Spezialist
+des Rechenunterrichts sagte: »Die Klasse rechnet besser als die
+meine.« Auch Herr Drögemüller fand nicht das geringste zu erinnern;
+aber Frieden konnte er darum doch nicht halten. Der Bund der Triumvirn
+war ihm ein Pfahl im Fleische; denn die Festigkeit der Dreie steifte
+auch andern Herren den Nacken. Freilich hatte er einen gewissen Trost
+und eine stille Freude an Herrn Strecker. Herr Strecker war ein Mann,
+der wiederholt nicht nur vor dem ökonomischen, sondern vor allen
+möglichen anderen Bankrotten gestanden hatte. Als es am schlimmsten um
+ihn stand, hatte er Buß’ und Reu’ in sich erweckt; fromme Hände, die
+gewöhnlich mächtig sind, hatten ihm unter die Arme gegriffen und ihn
+vor der Katastrophe bewahrt, und nun suchte er den oberen Stellen
+seine Schönheit zu beweisen durch strotzende Religiosität, heftigen
+Patriotismus mit gelegentlicher Denunziation von Majestätsbeleidigern
+und durch lackierte Pflichterfüllung. Seine Schüler sprangen wie ein
+Mann auf die Füße, wenn der Herr Hauptlehrer eintrat, gingen auf dem
+Hofe immer genau zu Vieren, und jeden Morgen eröffnete er mit Gebet
+und Choral. Zwar kam er manchmal zu spät; aber seine Schüler konnten
+ihn schon von weitem die Straße heraufkommen sehen, und wenn er dann
+den Schirm hob, setzten sie sofort ein mit
+
+ »Dich seh’ ich wieder, Morgenlicht! –«
+
+so vorzüglich waren sie geschult. Seine Hefte waren immer richtig
+korrigiert; er hatte aber auch für die Korrektur der Hefte, die größte
+Plage des Lehrers, ein ingeniöses, zeit- und nervensparendes Verfahren
+erfunden. Der Präparand nämlich, der bei ihm hospitieren und die Kunst
+des Unterrichtens erlauschen sollte, stand hinter einer geöffneten
+Schranktür, hatte im Schrank die Hefte und die rote Tinte vor sich und
+korrigierte. Wenn dann Herr Drögemüller zur Tür hereintrat, rief Herr
+Strecker:
+
+»Rieffelstahl! Sitz gerade!« oder
+
+»Rieffelstahl! Schau hierher!«
+
+und »Rieffelstahl!« war immer das Zeichen, daß der Präparand die
+Schranktür unauffällig schließen und mit einem sittlich reinen
+Angesichte hervortreten solle. Solche Mannen wie Strecker – »ich bin
+ein deutscher Mann«, pflegte er zu sagen, – sind nun freilich keine
+starken Helfer im offenen Streit; aber er trug seinem Hauptlehrer
+manche schätzenswerte Nachricht über seine Kollegen zu; auch er führte
+ein Notizbuch. Und so berichtete er Herrn Drögemüller unter anderem,
+daß Herr Semper im Zeichenunterricht allerlei Allotria treibe, die gar
+nicht im Lehrplan dieses Unterrichts stünden.
+
+Asmussens Schüler hatten nämlich schweigend, aber deutlich gezeigt,
+daß sie die unaufhörliche Fabrikation von senkrechten, wagerechten und
+schrägen Strichen, von Vierecken, Dreiecken, Sechsecken und ähnlichen
+schönen Figuren betäubend langweilig fänden, und Asmus hatte ihnen
+darin von Herzen zugestimmt. Er ließ sie darum im letzten Teil der
+Stunde allerlei Dinge zeichnen, die ihnen Vergnügen machten und die
+sie mit Feuereifer nachzubilden suchten. Er verfolgte damit ein
+Prinzip, von dem ihm schien, daß jeder vernünftige Unterricht es zum
+Ausgang nehmen solle. Da kam Herr Drögemüller in die Stunde, ging
+zwischen den Bänken umher und entbot dann Herrn Semper für die nächste
+Pause in sein Kontor.
+
+»Herr Semper, ich muß Sie abermals ersuchen, sich in Ihren Stunden
+durchaus an den Lehrplan zu halten.«
+
+Asmus zwang sich zur Ruhe und versuchte, seinem Chef in höflichster
+Form seine Beweggründe mitzuteilen. Um gerade Striche machen zu
+lernen, sei es doch nicht nötig, daß man ununterbrochen gerade Striche
+nebeneinander setze; man könne das doch auch an Figuren lernen, die
+dem Leben entnommen seien: oberstes Gesetz sei doch, daß der
+Unterricht lebendig und interessant sei; Striche und Quadrate seien
+aber weder lebendig noch interessant für kleine Kinder ...
+
+Aber das waren sozusagen Gedanken, und auf Gedanken ließ sich
+Drögemüller, um kein Präjudiz zu schaffen, niemals ein.
+
+»O, Herr Semper,« rief er, »Quadrate sind wohl interessant, wenn Sie
+sie nur vorher mit den Kindern ausführlich besprechen, wie ich es
+Ihnen gezeigt habe.«
+
+»Was Sie mir gezeigt haben, ist Geometrie und gehört – da Sie doch
+immer auf den Lehrplan pochen – in eine höhere Klasse. Das würde mich
+nun zwar nicht hindern; aber eine lange und breite Besprechung des
+Quadrats würde die Kinder schon deshalb öden, weil sie gar nicht
+begreifen würden, was ein Quadrat sie überhaupt angehe.«
+
+Mit dem Hinweis auf den Lehrplan hatte dieser fatale Semper recht, und
+darum wurde Drögemüller jetzt ganz unangenehm.
+
+»Herr Semper,« heulte er nach Art einer Schiffsirene, »ich frage Sie
+formell und dienstlich, ob Sie sich meinen Anordnungen fügen wollen
+oder nicht!«
+
+»In diesem Falle nein,« versetzte Asmus.
+
+»Gut. Dann werde ich dem Herrn Schulrat Bericht erstatten.«
+
+»Ich auch,« sagte Asmus und ging.
+
+Nach drei Tagen hatte er die Vorladung vor den Schulrat #Dr.# Korn.
+
+
+
+
+XLIII. Kapitel.
+
+Von zweierlei Schulräten.
+
+
+Als er am Abend mit Doktor Rumolt spazierte, zeigte er ihm die
+Vorladung und erzählte, was vorhergegangen.
+
+»Haha« – Rumolt lachte bitter auf, und dann fuhr er wehmütigen Tones
+fort: »Das wird Ihnen noch oft begegnen, lieber Freund. Nirgends ist
+der Fortschritt verhaßter, nirgends werden neue Ideen feindseliger
+befehdet als in der Pädagogik. Denken Sie z. B. an unsern braven
+Valentin Ickelsamer. Der fand zu Luthers Zeiten, daß es ein Unsinn
+sei, die Kinder nach Buchstabennamen lesen zu lehren, man müsse das
+Wort in seine wirklichen Laute zerlegen und die Kinder lautierend
+lesen lassen. Er machte das damals schon so klar, daß es ein
+Schwachkopf begreifen konnte. Und in der zweiten Hälfte des
+neunzehnten Jahrhunderts entschloß die Schule sich wirklich, diesen
+einfachen und darum freilich genialen Gedanken zur Ausführung zu
+bringen. Aber das ist ein Beispiel von fabelhafter Geschwindigkeit. In
+den Klosterschulen des Mittelalters bildete man den Geist am
+Griechischen und Lateinischen, weil man nichts Besseres hatte; heute
+bildet man den Geist unserer Jugend am Griechischen und Lateinischen
+mit der ernsten Gesichtes abgegebenen Versicherung, daß man nichts
+Besseres habe. Der typische Scholarch weist jede ernste und gründliche
+Neuerung mit einem durch die kommenden Jahrhunderte gestreckten Arme
+von sich, und wenn er im Gegensatz zu einem Vorgänger den Aorist _vor_
+dem Perfekt behandelt, hält er sich für einen Umstürzler. Ich habe ein
+Buch erscheinen lassen ‘Das Recht des Schülers’ –«
+
+»Ich kenne es,« sagte Asmus, »und freue mich, daß es so großen Anklang
+gefunden hat.«
+
+»Anklang, ja aber bei den Kollegen war der Anklang nur schwach, der
+Widerspruch um so stärker. Das ist kein Unglück, soweit es offener und
+durchdachter Widerspruch ist. Aber was muß ich erleben? Kaum ein Tag
+vergeht, daß ich nicht im Konferenzzimmer, recht auffällig auf den
+Tisch gelegt, irgend eine abfällige Kritik meines Buches finde, in der
+die Kraftstellen mit roter Tinte angestrichen sind. Kein Gespräch
+verläuft ohne hämische Seitenhiebe gegen mich und meine Ideen; keine
+Wochenrede meines Direktors geht zu Ende ohne einige Fußtritte, bei
+denen die Schüler sich zuraunen: ‘Das geht auf Rumolt.’ Die Herren
+glauben, daß ihre Kritik mich verletze, und haben keine Ahnung, daß es
+ihr Wesen ist, das mich verwundet. Ich habe keinen frohen Tag mehr,
+und da ich von meinen Ideen und ihrer Verkündung nicht lassen kann, so
+werde ich über kurz oder lang das Spiel verlaufen müssen.«
+
+»Das ist traurig,« sagte Asmus gedankenvoll, »traurig und schrecklich.
+Ich gestehe Ihnen offen, daß auch ich gegen Ihre Schrift manches
+einzuwenden habe; aber das Ganze Ihrer Gedanken und Forderungen
+erschien mir wahr und herrlich. Und sollten nun nicht die Menschen
+jubelnd herbeieilen und rufen: Hier ist etwas Neues und Köstliches –
+es ist noch nicht vollkommen – aber kommt alle herbei, es zu hegen und
+zu fördern, etwa so wie die Verwandten sich fröhlich um eine Wiege
+scharen und sich geloben, das Neugeborene zu schützen und zu pflegen,
+daß es groß und stark werde?«
+
+»Lassen Sie sich zur Antwort darauf erzählen, daß mein Direktor mich
+seit Wochen an allen Ecken und Enden inspiziert und zurechtweist,
+obwohl er ganz genau weiß, daß ich meine Pflicht tue. Er will mir zu
+Gemüte führen, wie vermessen es von einem fehlbaren Menschen
+gewesen, gegen den von Gott geoffenbarten Gymnasialunterricht zu
+schreiben. Und gestern war auch richtig der Herr Regierungs- und
+Schulrat da und hospitierte vier Stunden hintereinander bei mir.
+‘Suchet, so werdet Ihr finden,’ sagt der rachsüchtige Gerichtsdiener
+bei Hebbel. Und natürlich wurde was gefunden. ‘Gebt mir zwei Worte
+von einem Menschen, und ich will ihn an den Galgen bringen.’ Laßt
+einen Schulmeister fünf Minuten unterrichten, und ich will ihm den
+Hals brechen. Zwar den Hals konnte mir der Herr Regierungsrat nicht
+brechen; aber hundert Nadelstiche erzielen ja mit der Zeit denselben
+Effekt. ‘Sie haben die und die Gesänge der Odyssee nicht behandelt.’
+– ‘Sie haben am 13. April das vorgeschriebene Extemporale ausfallen
+lassen.’ – ‘Sie sind mit dem Geschichtspensum im Rückstand’ usw. usw. Es
+stimmte alles. Und wenn der Mann gesagt hätte: Ihr ganzer Unterricht
+taugt nichts, so würde er für jenen Tag gewiß und vielleicht
+überhaupt recht gehabt haben; denn wenn man in den Zwiespalt
+zwischen Altem und Neuem gestellt ist, kann man nichts Ganzes
+schaffen. Nach meinen Ideen _darf_ ich nicht arbeiten, und nach den
+alten _kann_ ich nicht arbeiten, weil es gegen das Herz ist.«
+
+»Aber forschte er denn nicht vor allen Dingen, ob Ihre Schüler geistig
+frisch und lebendig seien, ob sie einen neuen Stoff mit Begierde und
+Klarheit ergriffen, ob sie in sittlicher Hinsicht lauter, ehrlich,
+wahrhaftig seien –«
+
+»Vielleicht tat er das im stillen – ich sah ihn freilich keine
+Anstrengungen machen. Dazu war er ja auch nicht geholt und geschickt.
+‘Rumolt soll stranguliert werden,’ flüsterten sich die Schüler zu.
+Die Jugend hat jenes intuitive Auge, das durch die Hüllen dringt.«
+
+Die Stimmung, mit der Asmus dem Besuch beim Schulrat entgegensah, war
+durch das Gespräch nicht gehoben worden. Um so fester war er
+entschlossen, sich nichts Unwürdiges bieten zu lassen.
+
+Als er ins Amtszimmer des Schulrats gerufen wurde, saß Drögemüller
+schon da. Asmus verbeugte sich vor dem Schulrat, und dieser rief:
+
+»Juten Tag, Herr Semper. Setzen Sie sich.«
+
+»Herr Drögemüller,« begann alsdann der Schulrat, »hat allerlei Klagen
+jegen Sie vorjebracht. Meistens handelt es sich um Kleinigkeiten, die
+ich nich berühren will. Aber Herr Drögemüller beschuldigt Sie der
+fortgesetzten Renitenz; was haben Sie dazu zu sagen.«
+
+»Herr Schulrat,« sagte Asmus, »ich kann Sie ja selbst als Zeugen
+darüber anrufen, ob ich in den vierundeinhalb Jahren, da ich Ihr
+Schüler war, eine renitente Veranlagung bekundet habe –«
+
+»Det haben Se _nich_,« sagte Korn mit Nachdruck.
+
+»Ich bin auch nicht so töricht, zu meinen, daß ein Hauptlehrer lauter
+vortreffliche Anordnungen treffen müsse und daß ein Lehrer berechtigt
+sei, sich gegen jede Verfügung, die ihm verfehlt erscheint,
+aufzulehnen. Ich füge mich gern, soweit es möglich ist, wenn man mir
+mit Vertrauen begegnet und wenn man mich nicht in meinen besten
+Kräften lahmlegt. Das tut aber Herr Drögemüller. Gleich zu Anfang
+schon verlangte Herr Drögemüller von uns drei neuangestellten Lehrern,
+daß wir alle auf dieselbe Weise den Leseunterricht erteilen sollten,
+und zwar auf die von ihm vorgeschriebene Weise –«
+
+»Aber Herr Semper,« lachte Korn, »det müssen Se mißverstanden haben;
+sonst müßte ja Herr Drögemüller (er deutete auf seine Stirn) hier nich
+janz richtig sein!«
+
+Drögemüller erblaßte sehr tief. »Ich habe es keineswegs befohlen,«
+stammelte er, »ich habe es nur gewünscht –«
+
+»Warum?« fragte Korn.
+
+»Weil – weil es doch wünschenswert ist, daß der Unterricht an einer
+Schule gleichmäßig erteilt wird.«
+
+»Warum?« fragte Korn.
+
+»Nun – es ist dann doch – alles – übersichtlicher –.« Drögemüller
+machte eine vage Handbewegung.
+
+»Wieso?« forschte der grausame Korn.
+
+»Man kann doch dann die Fortschritte besser kontrollieren.«
+
+»So. Na, dann weiß ich schon Bescheid. Wat woll’n Sie sagen, Herr
+Semper?«
+
+»Herr Drögemüller hat allerdings die Form des Wunsches, aber den Ton
+des Befehls gewählt, und da ich diesen Wünschen nicht nachkomme,
+verfolgt er mich mit Aufpassereien, die mich ärgern und kränken
+müssen und die mir die Lust an der Arbeit vernichten.«
+
+»Na ja, zum Aufpassen ist Herr Drögemüller ja da,« sagte Korn, der das
+Gefühl hatte, daß er den zusammengesunkenen Drögemüller ein wenig
+wieder aufrichten müsse; »es gibt leider auch faule und unfähige
+Lehrer, die einen Aufpasser brauchen. _Aber schikaniert wird hier
+keiner_«, fuhr er mit erhobener Stimme und mit einem Seitenblick auf
+den Ankläger fort. »_Wenn ein Lehrer was kann und was will, dann soll
+er jede mögliche Freiheit jenießen und nicht mit Quisquilien behelligt
+werden._ Aber verjessen Se nich, Herr Semper, dat Se Beamter sind, den
+Rat jebe ich Ihnen. – Sie können jehen, Herr Drögemüller. Sie bleiben
+noch, Herr Semper.«
+
+»Soll ick Sie an die Seminarschule versetzen?« fragte Korn, als sie
+allein waren.
+
+Das war sozusagen eine Beförderung; denn es stand fest, daß die Lehrer
+an der Seminarschule schneller avancierten als die anderen. Mit dieser
+Kenntnis hatte Asmus immer die Vorstellung von Karrierenluft
+verbunden, und diese bloße Vorstellung genügte, ihn zurückzuschrecken.
+Es mußte ja Aufpasser geben in der Welt; aber er mochte keiner sein.
+Und wo man Karriere machte, da paßten gar die Strebenden einer auf den
+andern! Er fand es ungleich schöner, immer in unmittelbarer
+Verbindung mit den Kindern zu bleiben. Konnte man sich Pestalozzi als
+inspizierenden Oberlehrer denken? Asmus sah ihn immer nur unter
+Kindern.
+
+»Ich danke Ihnen sehr, Herr Schulrat,« sagte Asmus, »aber ich möchte
+die Kinder, die ich nun einigermaßen kenne, noch einige Jahre
+weiterführen. Und dann hab’ ich in meinem Kollegium so liebe Freunde
+gefunden, daß ich mich ungern von ihnen trennen würde –«
+
+»Na, wenn Se nich wollen –« rief Korn in halber Verstimmung, »denn
+sehn Se zu, wie Sie sich mit dem Drögemüller vertragen. Mit’m Kopp
+durch die Wand kann keiner, und jefallen lassen müssen wir uns alle
+was. Ich auch. Adieu!«
+
+»Adieu, Herr Schulrat. Herzlichen Dank!«
+
+Asmus verließ das Gebäude der Oberschulbehörde mit dem frohen Gefühl,
+daß es Männer gebe, denen alle hierarchische Rangordnung nichts gelte,
+wenn es sich um Recht und Billigkeit handle. Er war fest überzeugt,
+daß die Welt überhaupt so eingerichtet sei, und daß man, wenn man sich
+nur nicht beim Unrecht beruhige, immer zuletzt den Ort finden müsse,
+wo das Recht in smaragdener Schale ausgehoben und gehütet sei wie das
+heilige Blut der Welt. So blickte er gläubig und heiter in den schönen
+Frühlingstag, während zu Hause auf seinem Tische das Schicksal lag und
+lauerte, um ihm die Krallen ins Fleisch zu schlagen.
+
+
+
+
+XLIV. Kapitel.
+
+Zwei Briefe, und jeder ein Schlag.
+
+
+Er hatte seinen Eltern nichts von der Vorladung vor den Schulrat
+gesagt, um sie nicht zu beunruhigen; er sagte ihnen auch nichts von
+dem Ausgange; denn seine Mutter würde doch Bemerkungen über seinen
+»Hitzkopf« gemacht haben. Eben weil sie so hitzköpfig war, verurteilte
+sie alle Hitzköpfigkeit.
+
+»Drinnen auf’m Tisch liegen zwei Briefe für dich,« sagte Frau Rebekka.
+
+Eilig ging er hinein, öffnete den einen der Briefe und las:
+
+ Hilde Chavonne
+ Hermann Kiefer
+ Verlobte.
+
+Hamburg, den – – – – –
+
+Das Blatt war seinen Händen entfallen.
+
+Er sah nach der Tür – sie war noch offen – schnell ging er hin und
+drückte sie ins Schloß. Nur allein sein. Dann ließ er sich auf einen
+Stuhl fallen.
+
+Merkwürdig, wie ihn das traf. War es denn nicht selbstverständlich,
+daß Hilde Chavonne sich einmal verlobte? Und hatte er denn je
+geglaubt, sie werde sich mit ihm verloben? Nein, nicht einmal im Traum
+hatte er das gehofft. Darum hatte er ja auch nie die geringste
+Anstrengung gemacht, sie zu gewinnen. Er war ihr während des letzten
+Jahres fast völlig ferngeblieben, nicht eigentlich mit Absicht; aber
+da es sich so gefügt hatte, daß sie sich nur selten und flüchtig
+sahen, war es ihm recht gewesen. Vor einem Vierteljahr hatte er sie
+zuletzt gesehen, an einem Festabend der »Treue von 1880«, als er mit
+einem hübschen Mädchen zusammen ein Duett gesungen hatte. Das Fräulein
+Chavonne war an jenem Abend sehr still, sehr ernst, und obwohl
+freundlich, doch sehr zurückhaltend gewesen.
+
+Und jetzt – verlobt! –
+
+Er war längst wieder aufgesprungen und hatte instinktiv zu seinem
+Beruhigungsmittel gegriffen: zum Wandern. Auf und ab gehen, immer auf
+und ab, dann hat man das Gefühl der Bewegung, das Gefühl: Es geht
+vorüber – es geht vorüber.
+
+Sie ist verlobt! Wie konnte sie ihm das antun! Haha – im selben
+Augenblick mußte er laut auflachen. Hatte sie denn die geringste
+Verpflichtung, auf ihn zu warten, auf _ihn_? Hatte er ihr das
+geringste Zeichen gegeben, daß sie auf ihn warten solle? Hatte er
+überhaupt ans Heiraten gedacht? Nein, er, der als Präparand alles
+heiraten wollte, was ihm in den Weg kam, er hatte in den letzten
+Jahren das Heiraten als ein Ding angesehen, das noch in weiter Ferne
+liege; ja, es war ihm eine gewisse Beruhigung gewesen, daß es mit dem
+Kniefall und mit der langen Liebeserklärung in Periodenform noch gute
+Weile habe. Seine Arbeit, sein Beruf hatten sein ganzes Interesse
+aufgesogen.
+
+Jetzt, jetzt mit einem Male wußte er’s: Nur an Hilde hatte er gedacht,
+wenn er überhaupt an eine Frau gedacht hatte. Wenn er sich das Weib an
+sich gedacht hatte, das hehre Weib, das edle Weib, das holde Weib –
+nur an Hilde Chavonne hatte er gedacht, nur an sie. Wenn er
+Liebesgedichte gemacht hatte, platonisch-elegische Liebesgedichte in
+weinenden Odenstrophen – hatte er an sie gedacht. Jetzt wußte er’s,
+daß er sich nur eine als sein Weib denken konnte: Hilde – und er
+begriff nicht, daß er das nicht gewußt hatte, bevor er diesen Brief
+geöffnet. Er begriff es nicht, weil er sich seiner Unreife nicht
+bewußt war. In ehrlicher Gedankenarbeit war sein Hirn über seine Jahre
+gereift; aber sein Herz war noch unreif wie ein Apfel im Frühling, und
+unreif wie der Same in solch einem Apfel war die Liebe in diesem
+Herzen. Jetzt, da das Schicksal einen tiefen Schnitt in dieses Herz
+getan hatte, entdeckte er die Liebe darinnen.
+
+So fühlte er nicht den rasenden Schmerz des Betrogenen,
+Zurückgestoßenen; denn er hatte nicht die rasende Lust des Liebenden
+und Hoffenden gefühlt; er empfand die Wehmut eines Mannes, der eines
+Morgens ein zartes Bäumchen seines Gartens erfroren findet und
+erkennt, daß es sein schönstes Bäumchen gewesen; er empfand eine
+Trauer, wie sie junge Eltern empfinden, denen ein kaum Geborenes
+gestorben ist; er empfand den dumpfen, unbefreiten Schmerz um ein
+Werdendes, das, zu großer Schönheit bestimmt, im Keime vernichtet war.
+
+Mechanisch griff er nach dem zweiten Briefe; mechanisch öffnete er ihn
+– er war von Rumolt – mechanisch überflog er die ersten Zeilen, aber
+nur die ersten.
+
+ »Mein lieber Freund!
+
+ Von Ihnen hätte ich mündlich Abschied nehmen mögen. Aber es durfte
+ nicht sein; denn Sie würden versucht haben, mich zurückzuhalten. Sie
+ sind von festerem Stoff als ich und werden, das weiß ich, den Kampf
+ besser bestehen, den Kampf gegen der Menschen Stumpfsinn, Trägheit und
+ Niedrigkeit. Meiner Hand entsinken die Waffen. Damit Sie es nicht in
+ gehässiger Entstellung hören, was mich zu meinem Scheiden veranlaßt,
+ will ich es Ihnen selbst sagen. Ich habe einem meiner Schüler – ich
+ glaube, ich habe Ihnen von ihm gesprochen – einem Untersekundaner, der
+ zum zweiten Male hoffnungslos vor dem Examen stand und dessen Qualen
+ ich nicht mehr mit ansehen mochte, in unerlaubter Weise geholfen, habe
+ ihm die Examenaufgaben vorher mitgeteilt. In seiner Freude hat es der
+ Junge nachher selbst ausgeplaudert. So bracht’ die Sonn’ es an den
+ Tag. Hätte er das Examen nicht bestanden, wär’ er aus der Welt
+ gegangen; nun gehe ich, und das ist besser. Leben Sie wohl, teurer
+ Freund; unsere Freundschaft war kurz, aber wahr. Ich danke Ihnen
+ schöne Stunden, von denen ich dort erzählen will, wohin ich gehe.
+
+ Rumolt.«
+
+Asmus hatte die letzten Zeilen mit fliegendem Atem gelesen; jetzt
+sprang er nach der Tür.
+
+»Wo willst du hin?« rief Frau Rebekka, »dein Essen ist fertig!«
+
+»Ich esse nichts – ich muß –«
+
+»Junge, du hast ja keinen Hut auf! Was ist denn los –?«
+
+Er entriß ihr den dargebotenen Hut und stürmte mit dem Rufe: »Ich muß
+weg!« hinaus.
+
+Ohne Besinnen stürzte er über Stock und Stein nach Rumolts Wohnung.
+Die Wirtin bestätigte ihm weinend das Schreckliche. Am Ufer des
+Kanals hatte man Rock und Hut gefunden, die Leiche war noch nicht
+gefunden worden.
+
+Aber am nächsten Tage fand man auch sie. –
+
+Das war eine denkwürdige Post gewesen. Zwei Briefe, und jeder ein
+Schlag. An einem Tage Freund und Geliebte verloren; denn von nun an
+war sie ihm Geliebte.
+
+
+
+
+XLV. Kapitel.
+
+Wenn’s kommt, dann kommt’s in Haufen.
+
+
+Was wird nun kommen? dachte Asmus. Denn er glaubte an sein
+heimatliches Sprichwort: »Wenn’t kummt, denn kummt’t in Hupen.«
+
+Und ein drittes Unglück kam, aber nicht von außen, sondern ganz
+heimtückisch aus dem tiefsten Innern richtete es sich auf wie eine
+Natter aus dunklem Dickicht. Ihm kamen Zweifel am Wert seines Berufes.
+
+Mit dem jähen Optimismus der Jugend war er an diesen Beruf
+herangetreten. Jeder Jüngling, auch der bescheidenste, hat, wenn auch
+kaum bewußt, das Gefühl: Wenn ich in die Welt eingreife, wird es
+anders, wird es schneller vorwärtsgehen – wie ein ungestümer
+Reisender, dem der Zug zu langsam fährt, das Gefühl hat: Könnt’ ich
+aussteigen und nachschieben!
+
+ »Hätt’ ich tausend Arme zu rühren!
+ Könnt’ ich brausend die Räder führen!
+ Könnt’ ich wehen durch die Haine!
+ Könnt’ ich drehen alle Steine!«
+
+und wenn er sich auch sagt, daß vor und mit ihm Bessere und Stärkere
+wirken und gewirkt haben – er glaubt nicht, daß einer so viel Lust und
+Mut gehabt wie er, vor allem nicht, daß einer so viel Glück gehabt,
+wie _er_ haben wird!
+
+Und nun erreichte er nicht mehr als die andern! Nun ja, er leistete
+vielleicht etwas mehr als dieser und jener, und seine Kollegen und
+Freunde rühmten zuweilen seine Leistungen; aber ganz etwas anderes
+hatte er gehofft, ganz etwas anderes! Er wußte ja freilich von früher
+her, daß Unterrichten kein ununterbrochener Sieges- und Eroberungszug
+sei; aber doch hatte er sich Erziehung und Unterricht im stillen als
+eine Fleischwerdung des Lehrwortes gedacht. Aber das Wort ward _nicht_
+Fleisch: Seine Jungen konnten am Ende des Jahres etwas mehr als zu
+Anfang; aber sie waren dieselben Menschen geblieben, wenigsten merkte
+er keine Änderung. Die Guten, Offenen, Zarten waren zwar offen, zart
+und gut geblieben; aber die Rohen, Hinterhältigen, Unwahrhaftigen
+waren sich nicht minder treu geblieben. Es schien ihm auch, daß die
+Klugen zwar klug blieben, die Dummen aber auch dumm. Und gerade die
+Dummen waren das ewige Ziel seiner Mühen; zu ihnen kehrte er, wie
+magnetisch gezogen, immer wieder zurück; denn daß die Klugen etwas
+begriffen hatten, bedeutete ihm nichts, solange die Dummen im Dunkel
+saßen. Das schien ihm die furchtbarste Ungleichheit und
+Ungerechtigkeit der Welt, daß die einen spielend und lachend
+erhaschten, was die andern mit Ängsten und Mühen nicht erringen
+konnten. Und die Welt kommt nicht vorwärts, wenn die Dummen nicht
+mitkommen, dachte er. Und er machte es sich zur tollkühnen Aufgabe,
+aus den Dummen Kluge zu machen; alle sollten alles lernen; in seiner
+Schar sollte keiner zurückbleiben. Herr Drögemüller hielt ihm vor, daß
+er im Pensum zurück sei, und das war deshalb, weil es ihn immer wieder
+zu den Schwächsten hinzog, weil ihn immer wieder dies wunderbare
+Geheimnis der Dummheit lockte. Er konnte sich Viertelstunden, halbe
+Stunden lang mit solch einem verschlossenen Geiste einkapseln und das
+verworrene, zerrissene Gespinst seiner Vorstellungen mit langsam
+tastenden Fragen zu ordnen und zu entwirren suchen; er gab in einer
+Oberklasse den geographischen Unterricht, und er setzte sich vor,
+nicht zu ruhen, bis alle die Entstehung der Jahreszeiten aus der
+Stellung der Erdachse zur Ekliptik begriffen hätten, und zuweilen
+sprang plötzlich aus solch einem leeren Auge ein Funke wie aus einem
+toten Stein, und dann kam aus Asmussens Augen ein Strahl, und Licht
+floß zusammen mit Licht und machte die Erde selig und schön – aber
+wenn das Hirn sich dem einen erschlossen hatte, verschloß es sich dem
+andern um so fester, und ob Asmus auch mit zusammengebissenen Zähnen
+rang und bohrte – er mußte daran zweifeln, allen seinen Schülern den
+auf- und abschwebenden Jahresreigen von Licht und Schatten
+verständlich zu machen.
+
+Dabei quälte ihn mit Recht der Gedanke, daß er über den Schwachen die
+Starken vernachlässige und sie durch den langsamen Gang des
+Unterrichts langweilen und unlustig machen müsse. Aber konnte er sich
+denn überhaupt allen so hingeben, wie es geschehen müßte, wenn man ihm
+fünfzig, ja sechzig Menschenkinder auf den Hals lud? Es konnte ja
+alles nur oberflächliche Husch- und Pfuscharbeit, nur äußerlicher
+Bildungsaufputz werden. Es bemächtigte sich seiner das Gefühl, daß
+überhaupt alles töricht und falsch sei, was er da treibe, und zwar von
+der Wurzel aus falsch; von einem tieferen Grunde her müsse alles
+anders angefaßt, müsse auch ganz anderes erstrebt werden. Er erinnerte
+sich, daß sein bestes Lernen immer ein Erleben gewesen sei. Aber dies
+Lernen in der Schule, wie er es nach dem herrschenden Formalismus
+betreiben mußte, war kein Erleben. Es drang nicht zum Innersten und
+Tiefsten des Menschen hinab. Und er dachte sich einen Menschen, mitten
+in den Kampf des Lebens gestellt. Was er da brauchte – gab ihm das die
+Schule? #Non scholae sed vitae#! hatte es im Seminar geheißen. Leerer
+Schall! Das Meiste, was er den Kindern geben mußte, war nicht
+Lebensbrot, waren nicht Lebensworte, nicht Lebenswerte.
+
+So hoch ihn sein Optimismus getragen hatte, so tief versank er jetzt
+in Mißmut und Verzagen, und Melancholie bog seinen Mut »wie eine junge
+Weide bis an den Rand des Lebens«. Jene unversiegliche Federkraft aus
+tiefstem Lebensgrunde – nun schien sie dennoch versiegt.
+
+Öfter als sonst bezog er in Gemeinschaft mit Heide, Goers und
+Stockelsdorf die Akademie des Herrn Kuhlmann und war dann nicht selten
+der Ausgelassenste von allen; aber seine Scherze hatten eine
+Bitterkeit und Schärfe, die die Freunde oft erstaunt und befremdet
+aufblicken ließ. Manchmal verstummte er mitten in der tollsten
+Lustigkeit, mitten im eifrigsten Diskurs und sprach dann den ganzen
+Abend kein Wort mehr. Dann hatte ihn das Gefühl überfallen: Was soll
+der ganze Unsinn? Darum ging er auch noch öfter allein ins Wirtshaus.
+Er hatte ein abgelegenes Hotel entdeckt, in dessen Speisesaal er ganz
+allein den Abend verbringen konnte. Das liebte er jetzt: ganz allein
+mit einer Flasche in einem möglichst großen Saale sitzen und sinnen
+und träumen. Nur wenn der Kellner kam, unterhielt er sich gern eine
+Weile mit ihm. Es hatte ihn immer schwer geärgert, wenn er einen
+Kellner schlecht und geringschätzig behandelt sah, wie es ihm
+überhaupt so schien, als wenn die Menschen diejenigen, die ihnen die
+härtesten und lästigsten Arbeiten abnahmen, am verächtlichsten
+behandelten. Er suchte, es an seinem Teile gutzumachen, behandelt die
+Kellner nun extra als Gentlemen und gab ihnen so reichliche
+Trinkgelder, daß einige, allerdings wenige von ihnen zuweilen eine
+abwehrende Gebärde machten und sagten: »Ooh – lassen Sie doch – ich
+habe ja erst vorher bekommen!« Sie nahmen es aber immer.
+
+
+
+
+XLVI. Kapitel.
+
+Angetrunkene Einfälle, die bei jedem vernünftigen Menschen nur
+Kopfschütteln erregen können. Im übrigen ein Beweis, daß die
+Optimisten nicht immer Optimisten sind.
+
+
+Wenn er dann so ganz mit sich allein war, dann war er vom Kopf bis zu
+den Füßen sein Vater Ludwig Semper. Er bemalte dann die hohen Wände
+des Saales mit ganzen Epochen der Geschichte, mit Werken der
+Dichtkunst und der Malerei, ließ sich von einem verdeckten Orchester
+Symphonien und Ouvertüren vorspielen, sah sein ganzes Leben durch den
+Lichtkreis der einsamen Lampe wandern, kämpfte mit Schopenhauer gegen
+Hegel, gab Unterrichtsstunden, zog plötzlich ein Kuvert oder eine
+Rechnung oder sonst einen Zettel aus der Tasche und notierte sich die
+Idee zu einem wundervollen Gedicht oder Drama, das er schreiben
+wollte. Auch Gedanken notierte er sich, die ihm des Aufhebens wert
+dünkten, und wenn er nach Tagen oder Wochen bei einem zufälligen Griff
+in die Tasche die Zettel wieder hervorholte, knäulte er sie ingrimmig
+zusammen und warf sie mit einem gemurmelten »Blech« oder derberen
+Worten in den Ofen. Je weiter der Abend fortschritt und je öfter der
+Kellner aufgetreten war, desto eigenwilliger wurden natürlich seine
+Gedanken; sie kümmerten sich schließlich gar nicht mehr um diesen
+Herrn Semper, dem sie angeblich entsprungen sein sollten, und
+schnitten Gesichter wie losgelassene Buben. Einige von diesen
+Aphorismen, die sich weniger durch dauerhaften Wert als durch den
+Zufall erhalten haben, mögen hier Platz finden und zeigen, welche Art
+von Luftblasen in jenen Tagen aus den trüben Wirbeln der Semperischen
+Seele aufstiegen.
+
+ *
+
+Wir nehmen den Sonnenaufgang für ein Bild des siegenden Lichtes, der
+erfüllten Hoffnung! Aber die Sonne blieb, wo sie war; nur wir drehten
+uns – um uns selbst.
+
+ *
+
+Ein Goldstück fiel ins Wasser und ging unter. »Das kommt davon, wenn
+man nicht den beständigen Trieb nach oben in sich hat, wie ich!« rief
+ein schwimmender Kork.
+
+ *
+
+Wie sie sich blähen, die »Praktischen«, die »sich nicht mit vagen
+Zukunftsideen abgeben«! Fressen sich voll und grinsen über die, die
+dafür sorgen, daß auch morgen zu essen da ist.
+
+ *
+
+So ist alle Arbeit auf der Welt auf das weiseste verteilt: der eine
+hält edle Reden, und der andere handelt darnach.
+
+ *
+
+Wer klug ist und dennoch gut, der ist wahrhaft gut. Das heißt die
+Gefahr kennen und dennoch tapfer sein.
+
+ *
+
+Der Sonntag ist so schön, weil er in sieben Tagen nur einmal kommt. Er
+ist schön wie das Lächeln eines ernsten Menschen.
+
+ *
+
+Man sagt von etwas Unpassendem: »Das paßt wie die Faust aufs Auge«,
+und die paßt doch mitunter so gut dahin!
+
+ *
+
+Das Leben ist ein langsamer Vergiftungsprozeß.
+
+ *
+
+Dumm und schlecht, – in einer Stunde der Selbsterkenntnis fand der
+Mensch für diese Verbindung das Wort »gemein«.
+
+ *
+
+Aus den Augen des Menschen blickt zuweilen ein gequältes Tier, das
+nicht reden kann.
+
+ *
+
+Die Erde ist eine alte Metze, die sich in jedem Frühling wieder das
+Gesicht bemalt.
+
+ *
+
+Man muß Ambos oder Hammer sein, und wer keins von beiden sein will,
+kommt zwischen beide. Armer Rumolt!
+
+ *
+
+Wenn die Dummköpfe auf Geist stoßen, so grinsen sie überlegen.
+
+ *
+
+Manche Brust ist ein Eisschrank, in dem sich die Gefühle vortrefflich
+konservieren.
+
+ *
+
+Beethovens fünfte Symphonie, letzter Satz: Donner der Seligkeit aus
+aufgerissenen Himmeln.
+
+ *
+
+Die Welt besteht durch Gehorsam; aber weitergekommen ist sie immer nur
+durch Ungehorsam.
+
+ *
+
+»Er ist ein enorm gebildeter Mensch,« sagen die Leute und meinen
+damit: Er weiß dasselbe, was ich weiß.
+
+ *
+
+Was fliegt, ist beliebt; was kriecht, ist verhaßt. Selbst der Floh ist
+angesehener als die Laus; denn er springt.
+
+ *
+
+Ein richtiger Neidhammel beneidet auch eine erfolgreiche Ballerine,
+wenn er selbst Professor der Ethik ist.
+
+ *
+
+Man soll die Menschen aufklären, gewiß; aber es gibt Geister, die
+durch Rippenstöße geweckt sein wollen.
+
+ *
+
+Wenn man seine Dummheiten bei der Obrigkeit rechtzeitig als
+Heiligtümer anmeldet, genießen sie gesetzlichen Schutz.
+
+ *
+
+Auf dem Lande gibt es Kollegen, die sich ein Schwein fett machen. Ich
+will aufs Land gehen und mir einen borstigen Menschenhaß fett machen.
+
+ *
+
+Selbst Herkules hat nur die Ställe des Augias ausgemistet.
+
+ *
+
+Der Ochse, der tausendmal auf die Weide getrieben wurde, sammelt
+freilich »Erfahrungen«. Aber weniger in der Botanik als im Fressen.
+
+ *
+
+»Endlich wird mir Genugtuung!« rief die Distel, da hatte der Blitz die
+Eiche zerschmettert.
+
+ *
+
+Keine Tiergattung, die so viele und so verschiedene Varietäten
+aufweist wie der Hund. Grenzenloses Akkomodationsvermögen ist ein
+Merkmal der Hundenatur.
+
+ *
+
+Ich habe Professoren und Schulmeister kennen gelernt, die
+bereitwilligst zugaben, daß Goethe die Formgewandtheit vor ihnen
+voraus habe.
+
+ *
+
+Wenn die Könige bau’n und wenn sie niederreißen, – ein rechter
+Karrenschieber findet immer sein Brot.
+
+ *
+
+Das Leben ist das allmähliche Erwachen eines Gefangenen, der von der
+Freiheit träumte.
+
+ *
+
+Man kann die größten Dummheiten mit der Ruhe des Weisen sprechen.
+
+ *
+
+Es gibt Künstler, die ihr Talent in schmale Riemen zerschneiden, um es
+auszubeuten. Sie können es, wie Dido, zu einem ansehnlichen
+Grundbesitz bringen.
+
+ *
+
+Es war ein kleines Mädchen, dessen Mutter hatte man ins Irrenhaus
+bringen müssen. Und man stopfte ihm die Hände voll Äpfel und Backwerk,
+daß es nicht mehr an die Mutter denken sollte. Aber es konnte die
+Mutter nicht vergessen.
+
+ *
+
+Wenn ein Mandrill den Husten hat, so vergißt man seine Häßlichkeit,
+oder man ist ein Ästhet und Hallunke.
+
+ *
+
+Niemand ist vor seinem Tode ein Goethe, sagte der Professor.
+
+ *
+
+Schon bei der Geburt tritt der Mensch in etwas, das man Leben nennt.
+
+ *
+
+Italien scheint mir ein alter, zerfallener Gorgonzola unter einer
+wunderschönen Kristallglocke zu sein.
+
+ *
+
+O, dieses Korsett! Man glaubt ein Weib zu umarmen und man umarmt einen
+Hummer.
+
+ *
+
+Die Ratte hat keinen Freund – das könnte mich zu ihrem Freunde machen.
+
+ *
+
+Bei jedem schweren Gange sage dir dies: Bei Abschied und Wiederkehr
+sind die Leute da mit Hurra und Trara – den langen, bittern Weg mußt
+du allein gehen.
+
+
+
+
+XLVII. Kapitel.
+
+Asmus wird stutzig und entsagt der sündigen Gewohnheit, aber mit Maß.
+Er erfährt eine überraschende Neuigkeit.
+
+
+Wohl kam ihm in besinnlicheren Augenblicken der Gedanke, ob dies
+verwegene Spiel mit seiner Kraft auch gesund sei; aber dann zog er
+einfach einen Zettel aus der Tasche und schrieb darauf:
+
+»Was wären wir, wenn wir immer unserer Gesundheit lebten! Nicht einmal
+gesund!« und dann war diese Angelegenheit einstweilen erledigt. Auch
+erwog er öfters den Gedanken, ob es nicht köstlicher, lohnender,
+vernünftiger sei, langsam und fröhlich zu verlumpen, als in dieser
+Welt zu wirken und zu streben.
+
+»Ich fuhr einmal auf einer Rutschbahn,« schrieb er, »und das sausende
+Fahrzeug glitt zuletzt in die hochaufschäumenden Wasser eines Sees. So
+köstlich ist der Leichtsinn: die Sinne schwindelt’s, die Gedanken
+vergehen, und hochauf spritzen und schäumen die Fluten des Lebens!«
+
+Und wenn das Fahrzeug ein bißchen zu tief eintauchte und umschlug –
+war’s denn schlimm? Er sah seinen toten Bruder vor sich, seinen
+Bruder Leonhard, der an seinem Leichtsinn zugrunde gegangen war. Aber
+gewiß hatte er auch manche schäumende, tanzende, wirbelnde Stunde
+genossen! Es kam darauf an, was das Gescheitere war. »Sehen Sie, das
+ist so verschieden,« hatte eines Morgens ein Mann in einem verruchten
+Nachtlokal zu ihm gesagt, »der eine ißt gern Rebhühner und der andere
+möchte gern ein Ehrenmann sein.« Der Mann, der das sagte, war ihm
+freilich zuwider gewesen.
+
+Im Geschlecht der Semper tauchte hie und da ein Hang zur Verschwendung
+auf. Wie wär’s, wenn man sich selbst verschwendete! Sich selbst mit
+Bewußtsein langsam zerstören und mit forschenden Augen alle Schauer
+und Schönheit, alle Tollheit und Tragik des eigenen Unterganges
+kosten! Da müßte man in sich und in den andern Dinge sehen, die auf
+der Hauptstraße des Lebens nicht gezeigt wurden. Es machen wie jener
+Zöllner, den er bei seinem Freunde Diepenbrock auf dem Sofa hatte
+liegen sehen: wochenlang immer trinken und sinken, trinken und sinken
+ins Bodenlose hinab, und dann wieder emporsteigen zu Goethe,
+Shakespeare und Dante! Hinabsteigen in alle Tiefen des Lumpentums; mit
+Laster und Verbrechen auf du und du stehen und im Innersten doch der
+bleiben, der man war, bis zum Tod! Das müßte sein wie eine
+Entdeckungsfahrt von gefahrumwitterter Romantik. Das waren seine
+Gedanken, wenn er durchs Kneipenfenster in die aufzuckende Morgenröte
+starrte und immer noch ein neues Glas bestellte. Und im Graus des
+Sinkens und Untergehens zuweilen an _sie_ denken, die er vor kurzem am
+Arm ihres Verlobten lachend über die Straße hatte gehen sehen! Dann
+mischte sich Morgengrauen und Morgenröte, wie in der traurigen Freude
+dieser Morgenstunden, wenn er zurückgelehnten Hauptes in den Himmel
+starrte. Mit der steigenden Sonne aber überfiel ihn oft ein
+plötzliches Frösteln, dann fühlte er sich namenlos elend, und einmal
+in solch einer Stunde machte ein Gedanke ihn stutzig. Im Rausch fühlte
+er sich glücklich, stolz, von Kraft geschwellt und leicht wie auf
+Schwingen, zu jeder großen Tat bereit und zu jedem herrlichen Werke
+geschickt. Wenn er sich aber am nachfolgenden Tage die Freuden seines
+Rausches erinnernd zurückrufen wollte, so fehlte ihm jede Vorstellung,
+jede Freude an der Freude; die Stunden des Rausches waren ihm eine
+leere, tote Zeit. Er wußte wohl, daß er sich gefreut hatte an dem
+Kaleidoskop seiner Phantasien; aber er konnte diese Freude nicht
+zurückrufen. Warum war das nicht so mit andern Freuden, mit den
+Freuden der Kindheitsspiele, des Studierzimmers, der Kunst, der
+Wanderung in Feld und Flur? Da war jede Freude ein anderer Genius mit
+anderem Angesicht, mit Augen, die schöner werden mit jeder Erinnerung,
+da war jede Freude ein unverlierbarer, ein wachsender Besitz! Und
+nachdenklich zog er die Rechnung, auf der seine Zeche stand, aus der
+Tasche und schrieb auf die Rückseite:
+
+»Der Rausch ist ein liebloser Gastfreund; er spendet nicht das
+Gastgeschenk der Erinnerung.«
+
+Und als er bald darauf eines Morgens unmittelbar von der Schenke in
+die Schule ging – er blieb immer Herr seines Handelns und gab nach
+solchen Nächten oft seine besten Stunden – aber als er nun mit einem
+aus Hohlheit und Übersättigung gemachten Gefühle vor den Kindern stand
+und in rotwangige Gesichter, in klare Augen sah, die in der Schönheit
+und Hoffnung des jungen Morgens zu ihm kamen, da sagte er leise, aber
+ihm selbst hörbar, vor sich hin:
+
+»Nun ist es genug.«
+
+Nein, man blieb nicht, der man war, und die Romantik der Verlumpung
+war eine Lüge. Er hatte Abschied von ihr genommen.
+
+Frau Rebekka hatte über seine nächtlichen Ausflüge genug geklagt und
+gejammert; ihre Gardinenpredigten konnten sich neben den besten ihrer
+Gattung hören lassen, und mütterliche Gardinenpredigten mögen wohl
+noch eindringlicher sein als eheliche, weil sie aus selbstloseren
+Gründen entspringen. Rebekkens Bemühungen, auch ihren Gatten zu
+solchen Predigten aufzumuntern, blieben freilich ganz erfolglos.
+Ludwig antwortete im Geiste seiner Philosophie:
+
+»Laß ihn, was soll ich ihm sagen!«
+
+»Ja, wenn ich dir das erst sagen soll – wenn du das nicht selbst weißt
+–!« rief Frau Rebekka. »Merkwürdig! ’n Mann, der den Kopf voll
+Gelehrsamkeit hat und alle Sprachen spricht –«
+
+»Nicht alle,« versetzte Ludwig trocken –
+
+»– und verlangt von mir, daß ich ihm sage, was er sagen soll!«
+
+»Ja, ich bin zu dumm dazu,« sagte Ludwig mit seinem Lächeln.
+
+»Ach Gott, mit dir ist ja kein Auskommen!« rief Rebekka, lief in die
+Küche hinaus und klagte laut den Tellern und Töpfen ihr Leid.
+
+Ludwig und Asmus Semper verband nun einmal aus Vordaseinszeiten her
+ein Vertrauen, das die sorgende Frau Rebekka nicht begreifen konnte.
+
+Übrigens beabsichtigte Asmus keineswegs, die Welt- und Fleischeslust
+in sich zu ertöten und auf die Freuden eines geselligen Trunkes
+prinzipiell zu verzichten. Und er hatte es nicht zu bereuen, daß er an
+einem vielverheißenden Vorfrühlingstage in die Kuhlmännische Akademie
+ging. Er traf dort seinen Kollegen Mansfeld, eben jenen Herrn, der
+eine Pensionärin Namens Hilde Chavonne im Hause hatte. Asmus
+schwankte, ob er sich zu ihm setzen solle; aber eine eigentümliche
+Gewalt zog ihn fast gegen seinen Willen an denselben Tisch.
+
+»Sie sollten sich mal mein neuestes Bild ansehen,« sagte Mansfeld, der
+in seinen Mußestunden malte, im Laufe des Gesprächs. »Kommen Sie mit
+und essen Sie mit uns zu Abend. Meine Frau wird sich freuen.«
+
+»O,« stammelte Asmus, »das ist sehr liebenswürdig, ich komme natürlich
+gern einmal – aber heute hab’ ich eine wichtige Sitzung, bei der ich
+auf keinen Fall fehlen darf.«
+
+»Das ist was anderes,« sagte Mansfeld.
+
+Die Rede kam aber doch bald auf die Pensionärin, und Asmus fragte mit
+glänzend aufgepuffter Munterkeit und mit einem sehr kunstreichen
+Lächeln:
+
+»Na, wie geht’s ihr denn?«
+
+»Na, – soso lala!«
+
+»Wieso?« rief Asmus erblassend. »Ist sie nicht glücklich?«
+
+»Dscha – wie man’s nehmen will. Ihre Verlobung ist ja zurückgegangen,
+das wissen Sie doch?«
+
+»Zurück –?« Asmus war aufgesprungen. »Zurückgegangen? Ich weiß kein
+Wort. Ich bitte Sie – warum?« Er hatte sich wieder gesetzt.
+
+»Gott – das arme Kind – sie hat eine schwere, traurige Kindheit
+verlebt und von den Menschen nicht viel Gutes erfahren. Vater und
+Mutter sind tot; als ihr da einer von Liebe sprach, schmolz ihr das
+weiche Herz und sie glaubte, das Glück wär’ endlich da!«
+
+»Nun – und? Was weiter?« Asmus bog sich immer weiter über den Tisch.
+
+»Nach wenigen Wochen erkannte sie, daß sie sich geirrt hatte,
+vollkommen geirrt. Übrigens ein braver, ordentlicher Kerl, aber nicht
+das, was das Herz einer Hilde Chavonne braucht. Entschlossen und
+mutig, wie sie bei all ihrer Milde ist, trug sie ihrem Verlobten die
+Lösung des Verhältnisses an. Und er, wie er kein Mann für sie war,
+hatte wohl auch nicht erkannt, was er an ihr besaß; er erklärte sich
+schließlich einverstanden.«
+
+Und so weit Asmus sich vorgebeugt hatte, so weit lehnte er sich jetzt
+zurück und blickte schweigend vor sich hin.
+
+Wenn eine lange getragene Last von uns abfällt, fühlen wir erst, wie
+schwer sie gewesen ist. Auf seinen Soldatenmärschen hatte er Mantel und
+Tornister, Helm, Patronen und Waffen als etwas Selbstverständliches ohne
+Murren getragen; aber wenn er, in die Kaserne zurückgekehrt, alles
+abgelegt hatte, dann hatte er gefühlt, wie schwer die Bürde gewesen.
+Ganz so war es ihm jetzt, ganz so; denn es war ihm, als habe es ihm auf
+Hirn, auf Nacken und Schultern gedrückt.
+
+»Übrigens,« rief er ganz unvermittelt und wurde über und über rot, »da
+fällt mir ein: die Sitzung ist ja erst morgen. (Ein Geschickterer
+würde vielleicht gesagt haben: In acht Tagen!) Wenn Sie Ihre Einladung
+nicht bereuen, nehm’ ich sie jetzt noch an.«
+
+Mansfeld unterdrückte ein Lächeln und erklärte, daß ihm nichts
+erfreulicher sein könne als dieser Entschluß. Und Asmus ging mit.
+
+
+
+
+XLVIII. Kapitel.
+
+»Wiederum tanzt eine Salome: wiederum heischt sie das Haupt des
+Johannes.« Johannes Chrysostomos
+
+
+Als die beiden Männer in das Wohnzimmer traten, fanden sie Frau
+Mansfeld mit einer Handarbeit, Fräulein Chavonne mit den
+Vorbereitungen zum Unterricht des folgenden Tages beschäftigt. Die
+junge Dame saß mit dem Rücken gegen das Licht; aber gleichwohl glaubte
+Asmus zu bemerken, daß sie erschrecke und erblasse. Zwar lächelte sie,
+als sie ihm dann die Hand gab; er zweifelte aber doch nicht daran, daß
+er ihr unangenehm und unwillkommen sei. Mansfeld holte sein Bild
+hervor, und Asmus nahm es in Augenschein; wäre er verpflichtetes
+Mitglied einer Jury gewesen, so würde der gute Mansfeld wohl nicht
+allzuviel Schmeichelhaftes zu hören bekommen haben; aber abgesehen
+davon, daß Asmus sich durchaus nicht als Kenner fühlte, gehörte er
+nicht zu jenen »unentwegten« Bekennern, die die Wahrheit auch dann
+sagen, wenn sie nur verletzt und keinem nützt; er machte also dem
+harmlosen Dilettantismus Mansfeldens neben einigen Ausstellungen ein
+paar balsamische Komplimente.
+
+Nach dem Abendessen sagte Mansfeld: »Ich habe Sie so lange nicht
+gehört – möchten Sie nicht ein Gedicht sprechen?«
+
+Asmus, ohne sich zu zieren, stand auf und sprach, zwar in Hinblick auf
+die Anwesenheit der Damen mit einiger Befangenheit, »Des Sängers
+Fluch«. Frau Mansfeld war eine überaus fleißige und praktische Frau
+und ließ auch während des furchtbarsten Fluches die Häkelnadel nicht
+ruhen; Hilde aber, die inzwischen zu einer Stickerei gegriffen hatte,
+ließ schon nach den ersten Versen die Hände in den Schoß sinken und
+horchte mit großen Augen. Nun schlug Mansfeld vor, man möchte doch
+jede Woche einmal zusammenkommen und etwas Gutes lesen, namentlich
+Dramatisches; er komme fast nie ins Theater, und Asmus setzte für
+nächsten Mittwoch »Emilia Galotti« aufs Repertoire. Frau Mansfeld
+indessen, die die Claudia lesen sollte, lehnte jede Beteiligung
+entschieden ab; sie wollte mit dem Theater nichts zu tun haben. Sie
+konnte sich nicht verstellen; sie war Frau Mansfeld aus Hamburg und
+nicht Claudia Galotti aus Italien, und überdies wußte sie ganz gut,
+daß in dem Stück ein junges Mädchen verführt werden sollte. So etwas
+paßte sich nicht für eine Lehrersfrau, und im Grunde ihres Herzens
+mochte sie es etwas »frei« von dem Fräulein Chavonne finden, daß es
+sich auf Asmussens Bitte bereit erklärte, sogar das zu verführende
+Mädchen selbst zu verkörpern. Asmus las den Prinzen und Appiani,
+Mansfeld den Marinelli und den Odoardo; aber es ging doch nicht.
+Dieser las nämlich den Marinelli wie einen stellungsuchenden
+Schneidergesellen, und sein Odoardo wäre durch ein gutes Glas Bier mit
+Leichtigkeit zu besänftigen gewesen. Er sah das auch selbst ein, und
+Asmus widersprach seiner Selbstkritik mit keinem Wort. Einig waren
+alle darin, daß Fräulein Chavonne die Angst Emiliens und die
+Eifersucht der Gräfin Orfina vorzüglich gelesen habe. Asmus war
+überrascht: hatte sie schon einmal Eifersucht empfunden? Es war etwas
+Echtes und Elementares in ihrem Vortrag gewesen.
+
+Von nun an mußte Asmus allein lesen, und als man dahinter gekommen
+war, daß er plattdeutsch reden könne wie ein Oldensunder Bauernjunge
+und wie ein Hamburger Ewerführer, da mußte er Groth und Reuter lesen.
+Und als er die nun las, da machte er eine wundersame Entdeckung: Hilde
+Chavonne konnte lachen! Natürlich hatte er sie auch sonst schon lachen
+sehen; aber immer hatte nur ein Teil ihres Wesens gelacht, und nur ein
+kleinerer Teil; der tiefe, fast traurige Ernst ihres Wesens hatte
+immer das Übergewicht behalten; es war immer ein Lachen mit ernstem
+Grundton gewesen, nicht jenes Lachen des ganzen Menschen, das aus dem
+Mittelpunkt unseres Wesens elementar hervorbricht und alle unsere
+Seelen- und Körperteile kräftig durcheinander zu schütteln scheint.
+Und sie selbst schien beseligt, berauscht von der Entdeckung dieser
+Kraft wie ein Kind, dem man zur Weihnacht beschert; wenn er den Blick
+vom Buche erhob und in ihr lachendes Gesicht sah, dann glühten ihn
+zwei jauchzende Augen an, und niemand hätte sagen können, ob es Lust
+oder Dankbarkeit sei, was ihnen den feuchten Schimmer gab. Wenn er
+aber von traurigen Dingen las und – anfangs zufällig, bald mit Absicht
+– die Augen über den Rand des Buches hinausgehen ließ, dann sah er
+ihre Augen auf sich ruhen, als wäre es _sein_ Leid und _sein_ Kummer,
+von dem er gelesen. Und obgleich die beiden Mansfeld ein dankbares
+Publikum waren, dachte er bald bei allem, was er las, nur das eine:
+Wie wird es _ihr_ in die Seele klingen? fühlte er bei jedem Wort den
+unhörbaren Widerhall _ihres_ Herzens.
+
+Es ist klar, daß ein Ereignis oder eine Erwägung, die ihn von den
+Mittwoch-Besuchen hätte zurückhalten können, bald zu den undenkbaren
+Dingen gehörte. Zu Hause und unter den Freunden, in Konzert und Theater,
+in Wissenschaft und Kunst gab es keine Freuden, und am allerwenigsten
+gab es unter dem himmlischen Gezelte Naturerscheinungen, die ihn hätten
+hindern können, am Mittwoch nachmittag nach dem ländlichen Vororte
+hinauszupilgern, in dem die Mansfelds wohnten. Die altgeheiligte
+Ordnung des Wochenreigens hatte sich verkehrt; der Mittwoch war zum
+Sonntag geworden. Sehr schlau bemerkte Frau Rebekka eines Tages mit dem
+Scharfblick des Weibes und der Mutter: »Da bei den Mansfelds, da muß ein
+Magnet sein.«
+
+Mit dem Magnet hatte es seine Richtigkeit. Wenn der Sommernachmittag
+gar zu verlockend ins Fenster lachte, ließen sie Bücher Bücher sein,
+wanderten zu vieren hinaus nach Eppendorf, Lokstedt oder Niendorf und
+ergaben sich auf einer Wiese dem Reifenspiel. Von den Freundinnen
+Hildes hatte er gehört, daß ihr Turnlehrer sie immer vor allen gerühmt
+habe wegen ihrer Anmut; eines Tages, als sie sich zu schwach gefühlt
+und sich von der kaum erfaßten Reckstange wieder hatte fallen lassen,
+da hatte der Lehrer gerufen: »Fräulein Chavonne fällt sogar mit Grazie
+vom Reck!« Asmus konnte dem Manne nur von ganzem Herzen recht geben,
+und wie der »Magnet« beim Lesen seine Blicke, seine Stimme, seine
+Gedanken anzog, so flogen ihm jetzt die meisten der Reifen zu, die
+Asmus zu versenden hatte, wenn er auch galant genug war, sich hin und
+wieder der gnädigen Frau zu erinnern.
+
+Ein Spiel auf grünem Rasen in heller Sommerluft, das war nun ohnehin
+für das Herz des Asmus ein ununterbrochener Freudentanz; als er nun
+aber auch noch das liebliche Mädchen mit seinen schmalen Füßen, in
+flatterndem Gewande über den sonnengrünen Teppich hüpfen sah, da
+schien ihm, daß die Welt wohl überhaupt schön sei, daß sie aber noch
+nie so schön gewesen sei wie an diesem Tage. Anmut der Bewegung und
+körperliche Geschicklichkeit waren nicht seine Stärke; aber mit dem,
+was er konnte, kokettierte er redlich, und er hatte das Gefühl, daß er
+plötzlich mehr könne, als er sich zugetraut. Freilich, bei einem
+unparteiischen Zuschauer würde auch Hilde Chavonne den Verdacht
+erweckt haben, daß ihr der Eindruck ihrer Sprünge und Tanzschrittchen
+nicht gleichgültig sei, und daß sie wie jedes junge, schöne, tanzende
+Weib um den Kopf eines Mannes tanze.
+
+Und gewiß hätte Asmus ihr lieber seinen Kopf auf einer Schüssel
+entgegengetragen, als ihr von Liebe zu sprechen. Wenn es sich auf dem
+Heimwege traf, daß sie allein nebeneinander gingen, dann begann wieder
+jenes wunderlich-närrische Doppelspiel von Lippen und Herzen, das sie
+schon damals, nach Asmussens einmaligem Auftreten als König getrieben
+hatten. Sie sprachen über einen Roman oder über eine Schulverordnung
+oder über ein Sonnentaugewächs, das sie gefunden, oder über eine
+Wolkenbildung, und mit allem, was sie sagten, meinten sie: »Ich liebe
+dich – ich liebe dich!« Es war eine Chiffresprache, die sie redeten.
+»Dieser Weg führt nach Bahrenfeld,« bedeutete soviel wie: »Du bist
+ein entzückendes Geschöpf!« »Die Linden haben ausgeblüht« sollte
+heißen: »Ich möchte dich küssen;« aber keiner hatte den Schlüssel zur
+Sprache des andern. Das Herz des Asmus drängte, raunte, flüsterte ihm
+zu wie ein eifriger Souffleur: »Sag’ es ihr, sag’ es ihr, tu den Mund
+auf – es ist gar nicht schwer – und sag: »Süße Hilde, ich hab’ dich
+lieb!« – »Wie kann ich denn ‘du’ zu ihr sagen!« erwiderte Asmus.
+»Meinetwegen sag’ ‘Sie’«, entgegnete das Herz, »aber sag’ etwas!«, und
+dann tat Asmus wirklich den Mund auf und sagte: »Jetzt wird ja auch
+bald der neue Bahnhof eröffnet.« Sie war doch zu hoch, zu heilig; sie
+_konnte_ sich an einem Menschen wie ihm nicht genügen lassen. Sie
+hatte es ja auch bewiesen, als sie sich verlobte. An ihm war sie
+vorbeigegangen.
+
+Endlich, endlich kam eine prächtige Gelegenheit, dem Herzen Luft zu
+machen. Mansfeld hatte mit seinen Schülern einen Ferien-Ausflug
+unternommen, und Asmus und die Damen hatten sich angeschlossen. In
+einer hübschen Gartenwirtschaft, die den freundlichen Namen »Zum
+Morgenstern« führte, hielt man Rast, und Hilde hatte sich daran
+gemacht, die gepflückten Feldblumen zu einem Strauße zu ordnen, als
+Asmus zu ihr trat. Mansfeld und Frau waren abseits mit den Kindern
+beschäftigt.
+
+
+
+
+XLIX. Kapitel.
+
+Asmus Semper wird streitsüchtig, wettet, lügt, vergreift sich an
+Goethe und benimmt sich feige.
+
+
+»Wo haben Sie die Calluna gepflückt?« fragte Asmus, indem er einen
+Zweig der Glockenheide aufnahm.
+
+»Im Moor. Aber das ist nicht Calluna, das ist Erika.«
+
+»Das ist Calluna.«
+
+»Das ist Erika.«
+
+»Das ist Calluna.«
+
+»Das ist Erika.« Sie lachten beide.
+
+»Das Heidekraut ist Erika, und Calluna ist die Glockenheide,« sagte
+Asmus. Er hatte sich’s inzwischen überlegt und wußte, daß sie recht
+habe; aber er fand es viel hübscher, mit ihr zu streiten.
+
+»Im Gegenteil,« lachte sie, »die Glockenheide heißt Erika.«
+
+»Wetten?« rief Asmus.
+
+»Ja!« Ihre Augen leuchteten.
+
+»Um was?«
+
+Sie machte plötzlich ein ernstes Gesicht und sagte zögernd:
+
+»Wenn Sie verlieren, müssen Sie mir ein Gedicht schenken. Das ist wohl
+schrecklich unbescheiden, nicht wahr?« fügte sie schnell hinzu.
+
+»Ich fürchte, es ist nur allzu bescheiden,« sagte Asmus. »Und was
+geben Sie mir, wenn ich rechte habe?«
+
+»Das – weiß ich noch nicht – das findet sich dann,« sagte sie
+errötend.
+
+Am Abend hatte er es fast eilig, von ihr fort zu kommen, damit er zum
+Dichten komme. Sie wollte ein Gedicht von ihm! War das nicht ein
+Zeichen von Liebe? Ach nein, ach nein. Andere Damen hatten ihn auch
+schon darum gebeten, sicherlich, ohne ihn zu lieben. Die Mädchen
+prunken gern mit dergleichen – so weit kannte er die Mädchen auch.
+Freilich: so war _sie_ nun eigentlich nicht....
+
+Einen Augenblick dachte er, er wolle ein Akrostichon auf ihren Namen
+machen, weil das so schön deutlich sei. Aber er schalt sich sofort
+darüber aus: »Erstens ist es läppisch und keine Dichtung, und zweitens
+wäre es nicht mehr deutlich, sondern frech.« Er nahm nun eine Maske
+vor, die Maske eines Mannes, der sich aus dieser Welt des Alltags nach
+der Welt der Romantik, nach der Zeit der schönen Melusinen, der
+Minnesinger und der Ritter sonder Furcht und Tadel sehnt, und schloß
+sein Ottaverimengebäude also:
+
+ »Wie schlüg’ ich gern, ein schwertgewandter Ritter,
+ Mit leichtem Mut mein Leben in die Schanze,
+ Wie schwäng’ ich gern im Schlachtenungewitter
+ Für der Bedrückten Recht die wucht’ge Lanze!
+ Vor Raubverließen sprengt’ ich Wall und Gitter
+ Und kehrte heim mit wohlverdientem Kranze.
+ Dann blühte mir, die Frucht von blut’gen Saaten,
+ In starker Brust das stolze Glück der Taten.
+
+ Wie gern ... doch still! Es öffnen sich die Zweige –
+ Ein leises Knistern über meinem Haupte –
+ Ich forsche, daß der süße Mund sich zeige,
+ Der so verstohlen-leisen Kuß mir raubte –
+ Du bist’s Geliebte! Komm hervor und neige
+ Dein Haupt mir zu, das frühlingsgrün-umlaubte!
+ Verlassen hat ein schöner Traum die Lider –
+ Die schön’re Wirklichkeit erkenn’ ich wieder!
+
+ Mich trog ein alter Wahn – bis ich erwachte
+ In deinem Arm, im heimatlichen Walde! –
+ Ob je so schön wie heut’ herüberlachte
+ Der Silberstrom, die farbenreiche Halde? –
+ Auch heut’ bekämpf’ ich kühn, was ich verachte,
+ Zwar nicht als Ritter, doch als freier Skalde;
+ O sieh zum Horizont die Sonne gleiten:
+ Noch lebt die Schönheit wie in alten Zeiten!«
+
+Ob das zu kühn war? Ach nein – jedenfalls: vor dem Tintenfaß hatte er
+Mut; er schrieb es auf sein schönstes Papier, schob es in einen feinen
+Briefumschlag, liebkoste jeden Buchstaben ihres Namens mit den Augen,
+als er die Adresse schrieb, und ging zum Briefkasten. Als der Brief
+schon halb in der Spalte des Kastens steckte, zauderte er einen
+Augenblick. Sollte er’s wagen? Aber ein höherer Wille stieß ihm an den
+Ellbogen, und der Brief fiel hinein.
+
+Asmus seufzte tief auf. Das war ein entscheidender Schritt, dachte er. –
+
+Schon am übernächsten Morgen hatte er einen Brief.
+
+ »Sehr geehrter Herr Semper!
+
+ Haben Sie innigsten Dank für das wunderschöne Gedicht! Ich hab’ es
+ schon viele Male gelesen, und jedesmal gefällt es mir besser. Aber
+ wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen; denn solchen Einsätzen vermag
+ ich nichts entgegenzustellen.
+
+ Ich werde Ihr Gedicht an sicherer Stelle verwahren.
+
+ Mit schönsten Grüßen
+ Ihre sehr ergebene
+ Hilde Chavonne.«
+
+Beim ersten Lesen schien ihm der Brief eine feurige Liebeserklärung;
+beim zweiten schien er ihm nur noch eine Liebeserklärung, und je
+öfter er ihn las, desto mehr wurde er sich klar, daß diesen Brief
+auch jede andere Dame geschrieben haben könnte. Jede? Nun ja, er war
+sehr freundschaftlich gehalten; aber gute Freunde waren sie ja
+schließlich wohl. »Ich werde Ihr Gedicht an sichrer Stelle verwahren!«
+das konnte heißen: Ich werde es am Busen tragen – es konnte aber auch
+heißen: Ich werde es in meiner Kommode verschließen. Und dann der
+Satz: »Aber wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen!« Sie gab ihm zwar
+eine sehr bescheidene Begründung; aber konnte nicht auch ein feiner
+Verweis darin liegen: Du bist zu dreist gewesen!? Freilich: da stand:
+»Mit _schönsten_ Grüßen Ihre _sehr_ ergebene.« Das war sehr viel! Aber
+eine steife, »zippe« Hamburgerin, die den Herren nur die Fingerspitzen
+reicht und beim Gruß nur mit der Hutfeder nickt, war sie ja überhaupt
+nicht, obwohl sie in Hamburg geboren war. Und »Ihre _ganz_ ergebene«
+stand nicht da ...
+
+Als er sie wiedersah – es war an einem Sonntagmorgen – fühlte er wohl
+bald an ihrem Dank und ihrem Geplauder, daß sie an einen »Verweis«
+nicht gedacht haben könne; aber sie trug ein weißes Morgenkleid mit
+rosa Bändern, und darin sah sie nun aus wie eine Königin der Lilien!
+Ach, armer Asmus! Du hast im Ernste geglaubt, solch ein Weib könnte
+für _dich_ blühen? Dies Kleid schlug all seine Hoffnungen nieder.
+
+Und so war er denn genau so weit wie vordem. Zum Glück ließ die
+Wirkung des Kleides, als er die Trägerin nicht mehr vor Augen hatte,
+nach, und er gelangte zu dem Ergebnis: Ich muß noch einmal mit ihr
+wetten!
+
+Er traf sie bei seinem nächsten Besuch mit einer zierlichen Arbeit
+beschäftigt. Auf ein weißes Blatt legte sie in mehreren Schichten
+nacheinander schöne Blätter der verschiedensten Pflanzen, und nach
+jeder Lage besprengte sie das Ganze mit einer dünnen Sepialösung. Wenn
+alles beendigt war, kam ein anmutiges Bukett der reizendsten
+Blattformen zum Vorschein. Es war eine Arbeit, die nicht viel Kunst,
+wohl aber Sorgfalt und Geschmack erforderte.
+
+Als sie nahezu beendet war, betrachtete Hilde ihr Werk mit geneigtem
+Kopfe und sagte:
+
+»Die Grazien sind leider ausgeblieben.«
+
+Halt, dachte Asmus, das ist eine Gelegenheit.
+
+»Sagt Schiller,« fügte er hinzu. Er wußte ganz genau, daß er sich an
+Goethe vergriff.
+
+»Ist das nicht von Goethe?« fragte sie, einen Augenblick durch seine
+Bestimmtheit unsicher gemacht.
+
+»Nein, von Schiller.« Da wurde er doch rot.
+
+»Doch – es ist aus »Tasso!« rief sie.
+
+»Keine Spur. Von Schiller ist es.«
+
+Sie lachte: »Fangen Sie schon wieder an?«
+
+»Wollen wir wetten, daß es von Schiller ist?« rief er.
+
+Sie wurde purpurrot und rief: »Ja!«
+
+»Um was?«
+
+»Wenn Sie unrecht haben – nein, es wäre zu unbescheiden!«
+
+»Sie können nicht unbescheiden sein.«
+
+»Ein Gedicht? Wollen Sie?«
+
+»Mit Freuden. Und wenn Sie unrecht haben?«
+
+»Was verlangen Sie dann?«
+
+Asmus hob die eben vollendete Arbeit auf. »Dieses Blatt!«
+
+»Nicht dies, aber ein besseres!«
+
+Dann holte sie den Tasso vom Bücherbrett, konnte aber die Stelle nicht
+sofort finden.
+
+»Darf ich?« fragte Asmus. »_Wenn_ es drinsteht, werd’ ich es bald
+finden.« Er blätterte einen Augenblick. »Wahrhaftig, Sie haben recht!
+Tasso sagt es vom Antonio.«
+
+Sie triumphierte. – – –
+
+Diesmal fiel sein Gedicht deutlicher aus. Es war etwas herkömmlich im
+Ton, etwas heine-geibelig sozusagen; aber deutlich war es.
+
+ »Wir standen auf hoher Warte
+ In klarer Sommerluft;
+ Tief unten lag die Erde
+ In lauter Glanz und Duft.
+
+ Und über unsern Häuptern
+ Der Himmel hoch und hehr
+ Ein unergründlich tiefes,
+ Ein weites, blaues Meer!
+
+ Es strebte mein Geist zum Himmel
+ Und strebte zur Erde auch:
+ Ihn lockte die himmlische Reine,
+ Der irdische Wonnenhauch.
+
+ Fern waren Erd’ und Himmel;
+ Du aber warst bei mir,
+ Und haften blieb mein Auge,
+ Das sehnende – an dir. –
+
+ Du bringst mir irdische Wonnen
+ Auf rosigen Lippen dar;
+ Es fließt der Schönheit Zauber
+ Von deinem goldnen Haar.
+
+ Du trägst des Himmels Reinheit
+ Und Frieden im Angesicht;
+ Treu glänzen deine Augen
+ Wie seiner Sterne Licht.
+
+ Vergessen die prangende Erde,
+ Vergessen das himmlische Zelt!
+ In dir halt ich umfangen
+ Den Himmel, die Erde – die Welt!«
+
+Er hatte erst schreiben wollen:
+
+ »Von deinem _braunen_ Haar«
+
+aber das schien ihm denn doch zu deutlich, und er machte ein goldenes
+Haar daraus; dann konnte sie das ganze Gedicht auch auf eine andere
+beziehen. Daß man hübschen jungen Mädchen keine solchen Gedichte
+schenkt, wenn sie sich auf andere beziehen, das fiel ihm nicht ein.
+Seine geistige Begabung lag auf anderen Gebieten.
+
+Als er den Briefumschlag mit der Zunge feuchtete, hielt er plötzlich
+inne und starrte vor sich hin. War es nicht eigentlich unwürdig, ihr
+das Gedicht so hinterrücks durch den Postboten zuzustellen? War es
+nicht männlicher, einfach vor sie hinzutreten und zu sagen: Hier ist
+das Gedicht!? Aber, wenn Sie’s dann las – nein, nein, nein, nein! Dann
+war es noch männlicher, ihr ins Gesicht zu sagen: »Hilde Chavonne, ich
+liebe dich!« und das konnte er eben nicht. War das Feigheit? O, wenn
+es nicht Hilde, wenn es Drögemüller wäre, dann wollte er schon zeigen,
+daß er offen und mutig die Stirn zeigen konnte. Aber Hilde – – wenn
+das feige war, dann war es eben feige, daran war nichts zu ändern. Er
+schloß den Brief und steckte ihn ein. Aber als er ihn fallen hörte, da
+war’s ihm, als höre er auch sein Herz in den Kasten fallen. Es war
+doch eine Riesenkühnheit. Wenn sie jetzt zürnte – nun, dann liebte sie
+ihn nicht, dann war alle Hoffnung zu Ende.
+
+Wenn sie ihm aber nicht zürnte – was war damit bewiesen?
+
+Eigentlich nichts. – Nun, man würde ja sehen.
+
+
+
+
+L. Kapitel.
+
+Der Verfasser durchbricht aus Wut über seinen Helden die Kunstform.
+
+
+Der nächste Tag war ein Mittwoch; mit klopfendem Herzen trat er zu den
+Mansfeld ins Zimmer – sie war nicht da. Ein schlimmes Zeichen. Sonst
+war sie immer dagewesen. Das Gespräch mit den Mansfeld wollte nicht in
+Gang kommen. Endlich, nach einer Viertelstunde, die Sempern zu einer
+Ewigkeit angeschwollen war, trat das Fräulein herein. Sie wollte
+unbefangen erscheinen; aber alle Anstrengung half ihr nichts; sie
+wurde blutrot und senkte den Blick, als sie Asmussen die Hand gab und
+ihm sagte:
+
+»Ich danke Ihnen _sehr_!«
+
+Dann flog ein Engel durchs Zimmer. Und noch einer. Und noch einer.
+Hilfreiche Engel waren es nicht; denn sie halfen dem blutschwitzenden
+Asmus auch nicht mit einem Wörtchen aus. Endlich half er sich selbst,
+indem er heftig das linke Bein über das rechte schlug (genau wie
+Ludwig Semper). Das half.
+
+»Sonnabend wird der ‘Freischütz’ gegeben, in einer vorzüglichen
+Besetzung,« rief er, und wußte selbst nicht, warum er so laut sprach.
+Man kam überein, daß man gemeinsam hingehen wolle; die Unterhaltung
+kam in Fluß; Hilde nahm daran teil und sprach auch mit Asmus, sogar
+unter freundlichem Lächeln. Böse war sie nicht, das stand nach diesem
+Lächeln fest; aber sonst –
+
+Ja, sonst war er immer noch auf dem alten Fleck. Wie konnt’ es auch
+anders sein. Konnte sie nach diesem Gedicht zu ihm kommen und sagen:
+»Ihr Antrag ehrt mich« oder: »Ich teile vollkommen Ihre Gefühle; hier
+ist meine Hand?« Es war eine ganz verteufelte Sache. _Sie_ mußte einmal
+eine Wette verlieren, und dann würde sich ja zeigen, was _sie_ ihm
+schenkte! Als er daheim in seiner Zelle diesen Gedanken erwog, brachte
+ihm der Postbote ein dünnes Paket.
+
+Ihre Handschrift!
+
+Er riß die Umhüllung herunter und fand eine Mappe, die auf beiden
+Deckeln allerliebste Blattsträuße in zahlreichen und zarten
+Abstufungen von Sepia-Braun zeigte. Ein Briefchen dabei!
+
+ Werter Herr Semper!
+
+ Da Sie Gefallen an der Spielerei fanden, so sende ich Ihnen diese
+ Mappe, die sich vielleicht durch Aufbewahrung von Notizen und dergl.
+ nützlich machen kann. Sie soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein;
+ eine solche Gabe zu lohnen, bin ich leider außerstande.
+
+ Mit den herzlichsten Grüßen
+ Ihre dankbare
+ Hilde Chavonne.«
+
+»Sie liebt mich!« jubilierte Asmus in seinem Herzen. »Sie beschenkt
+mich! Und wie beschenkt sie mich! Wie reich, mit welcher Sorgfalt ist
+das gemacht! Mit Goldpapierstreifen umrändert! Mit weißseidenen
+Bändern gebunden!« Und wie zärtlich schrieb sie, wie liebevoll!
+
+Er nahm den Brief wieder her – ein ganz zarter Duft ging mit diesen
+Zeilen, ein kaum merkbarer, aber ein feiner, milder, warmer Duft!
+»_Werter_ Herr Semper« schrieb sie. Also er war ihr wert! Und »Sie
+soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; eine solche Gabe zu
+lohnen, bin ich leider außerstande – –!«
+
+Hm. Es fiel ihm plötzlich auf, daß das zweierlei bedeuten könne. Es
+konnte heißen: Das Gedicht ist so schön, daß ich ihm nichts
+Gleichwertiges gegenüberstellen kann, wie man den Wert eines echten
+Kunstwerks (»wenn dies eins wäre!« klammerte Asmus ein) überhaupt
+nicht mit materiellen Gütern ausmessen kann. Aber die Liebe eines
+Menschen war doch gewiß etwas Gleichwertiges, ja, war unendlich viel
+mehr – sollte das bedeuten: »Den Lohn, du dir denkst – meine Liebe –
+kann ich dir nicht gewähren«? – O, o, o, wie der ganze Brief gleich
+anders aussah! »_Werter_ Herr Semper,« das war viel legerer als »_Sehr
+geehrter_ Herr Semper«, viel weniger achtungsvoll. – Und »Da Sie
+Gefallen an der Spielerei fanden« – sie legte der ganzen Sache keinen
+Wert bei; es war ein Nichts – warum sollte sie es ihm nicht schenken –
+dann waren sie quitt, und sie war ihm nichts mehr schuldig –
+
+O diese verteufelte Auslegung, o diese verwetterten Ausleger! Sie
+verhunzen die frischesten Offenbarungen der Menschenseele! Durch
+»Exegese« verhunzte er sich dieses Geschenk eines Mädchens, das mit
+vor Bangen, vor Eifer, vor Freude bebenden Händen Tage und Nächte an
+diesem Kunstwerk gebaut hatte, bei jeder Linie, jedem Bändchen voll
+Hoffnung, daß sie ihm gefallen, voll Sorge, daß sie ihm mißfallen
+möchten!
+
+Freilich: Mädchenbriefe wie dieser sind geschrieben, um Liebe ganz zu
+offenbaren und ganz zu verbergen, und es war kein Wunder, daß Asmus
+diese Sprache noch nicht verstand. Er ahnte zum Beispiel nicht, daß
+das Wort »Notizen« mit »Gedichte« zu übersetzen war und daß der ganze
+Satz bedeuten sollte: »Wenn du Verse geschrieben hast, leg’ sie in
+diese Mappe; das wird mir sein, als dürft’ ich selbst sie hegen.«
+
+Das Schicksal war dem Zauderer günstiger, als er es eigentlich
+verdiente. Am »Freischütz«-Abend folgten die Mansfeld einer Einladung,
+die sie nicht ablehnen konnten, und Asmus saß allein neben der
+Stillgeliebten! Er saß neben ihr, und da die billigen Plätze sehr
+schmal waren, saß er sogar recht dicht neben ihr, in beständiger
+Berührung mit ihrem Kleid, und einmal, als ihr der Zettel entfallen
+war und sie ihn aufheben wollte, streifte sogar ihr Haar, ihr
+köstliches Haar seine Wange! Solche weihevollen Berührungen entzückten
+ihn tief und entmutigten ihn ganz. Denn je herrlicher sie war, desto
+weniger wagte er sie zu begehren; ihm war, als solle er in einen
+hochumgitterten Schloßgarten gehen und dort die seltenste Blume
+brechen. Eine tiefe Demütigung müßte die Folge sein.
+
+Aber schon ungestört mit ihr zu plaudern, war warmes, heimliches
+Glück. Er erzählte ihr, wie er als Knabe auf seinem Puppentheater den
+»Freischütz« gespielt habe und wie ihm das Liebste daran die
+Wolfsschlucht mit dem feurigen Rad und allem Teufelsspuk gewesen sei.
+
+»Wenn ich ehrlich sein soll,« sagte er, »ich freue mich noch heute auf
+die Wolfsschlucht, und jeden Tag möcht’ ich mir wieder ein
+Puppentheater bauen und damit spielen. Freilich: auf die Musik freu’
+ich mich noch ganz anders. Wenn die ganze deutsche Nation zugrunde
+ginge und nur der »Freischütz« erhalten bliebe, könnte man aus dieser
+Oper alle Eigentümlichkeiten der deutschen Seele erkennen.«
+
+Sie hatte den »Freischütz« noch nicht gehört, war überhaupt noch nicht
+oft im Theater gewesen; ihre Kindheit hatte ihr solche Freuden nicht
+gewährt, und nun beglückte es ihn, wie sie mit frommer Begierde Musik,
+Wort und Bild in sich einsog, und er war grenzenlos stolz, ihr Führer
+sein zu dürfen.
+
+Als sie den Heimweg durchs Dunkel antraten, bot er ihr seinen Arm. Das
+durfte man wagen. Wie leicht sie an seinem Arme hing! Er hätte
+gewünscht, daß sie sich ganz auf ihn stützte, sich ganz von ihm tragen
+ließe. Während er ihr von Oberon, Euryanthe und Preziosa erzählte,
+dachte er ununterbrochen: Soll ich ihr’s jetzt sagen? Nein, nein,
+lautete die Antwort. Wenn es sie erschreckte, bekümmerte, beleidigte?
+In welcher Pein würde das arme Mädchen den Rest des Weges zurücklegen;
+in welche Pein würdest du dich selber stürzen! Du hast heute die
+Pflicht des Ritters, du hast dafür zu sorgen, daß sie unbehelligt und
+auf möglichst angenehme Weise nach Hause komme – es wäre ein unzarter
+Mißbrauch der Gelegenheit, sie jetzt mit einer Liebeserklärung zu
+überfallen. Beim Abschied vor ihrer Tür, dann willst du’s ihr sagen.
+Und beim Abschied sagte er:
+
+»Haben Sie tausend, tausend Dank für den wunderschönen Abend!«
+
+»Ich habe Ihnen zu danken!« rief sie. »Der Abend wird mir unvergeßlich
+sein.« Sie zögerte einen Augenblick. – »Gute Nacht.«
+
+»– Gute Nacht.«
+
+Unmittelbar darauf dachte er: Das war eine Gelegenheit! Sie ist
+unwiederbringlich verpaßt.
+
+Unwiederbringlich? Wie er es zuvor mit der Methode der Wetten versucht
+hatte, so versuchte er es jetzt mit der Methode des gemeinsamen
+Theaterbesuchs. Eine Woche später sollte der »Vampyr« von Marschner
+gegeben werden. Er hatte eine Schwäche für diese Oper, gerade wegen
+ihres verschrieenen schaurig-romantischen Stoffes. Er liebte das
+Düstre, Grauenvolle wie das Sonnig-Behagliche, das starrend Erhabene
+wie das Komisch-Gemütliche, bis zum Putzigen und Ulkigen herab, wie er
+alle Tage und Nächte, alle Lichter und Schatten der Welt liebte. Er
+liebte Dante Alighieri und Fritz Reuter, und er haßte die
+flachköpfigen Ästhetiker, die beim Aufbau ihrer Systeme immer eines
+vergaßen, entweder den Dante oder den Reuter.
+
+Frau Mansfeld mocht’ es im stillen unpassend finden, daß ein junges
+Mädchen mit einem ihm nicht verlobten jungen Manne allein ins Theater
+ging und sich von ihm nach Hause geleiten ließ. Aber solche Ängste
+kannte Hilde nicht; sie hatte nur die feine Erziehung, die ein feines
+Herz gibt. Also holte sie jubelnd ihr Portemonnaie und zahlte Asmussen
+eine Mark zwanzig auf den Tisch; denn soviel kostete der Eintritt zum
+dritten Rang.
+
+Aber der »Vampyr« hatte genau dieselbe Wirkung wie der »Freischütz«,
+insofern, als Asmus sich wieder vor Hildens Tür mit nichts als einem
+(zwar bewegten Herzens gesprochenen) Danke verabschiedete und sich
+dann auf dem einsamen Heimwege mit Vorwürfen und nicht gerade
+schonenden Titulaturen überhäufte.
+
+Und auch der Verfasser kann nicht umhin, hier zum Entsetzen aller
+Literaturaufseher »die Kunstform zu durchbrechen« und der Leserin zu
+versichern, daß er ihre Entrüstung über diesen Herrn Semper vollkommen
+teilt. Aber was soll der Verfasser tun? Er kann seinen Helden nicht
+anders machen, als er ist.
+
+Endlich brachte ein trüber, wolkenschwerer Novemberabend die
+Entscheidung.
+
+
+
+
+LI. Kapitel.
+
+Von rauschenden Bächen im Winter.
+
+
+»Heute _soll_ es sich entscheiden,« hatte sich Asmus gesagt. Er hatte
+sie eingeladen, mit ihm in Zacharias Werners »Martin Luther oder die
+Weihe der Kraft« zu gehen. Er liebte das Stück durchaus nicht, fand es
+schwülstig, verworren und langweilig; aber jetzt war ihm schon jedes
+Mittel recht; er wäre mit ihr ins Theater gegangen, und wenn man dort
+den Jahresbericht der Handelskammer rezitiert hätte. Auf dem Heimwege
+sprachen sie nur wenig; jede Unterhaltung kam bald ins Stocken; wie
+eine Vorahnung lag es auf beiden. Sie waren der Wohnung Hildens schon
+ziemlich nahe, als Asmus, das Herz im Halse, mit leiser Stimme fragte:
+
+»Sind Sie mir eigentlich böse, Fräulein Chavonne?«
+
+»Warum sollte ich Ihnen böse sein?« fragte sie ebenso leise, mit
+starren Augen geradeausblickend. Und alles, was sie noch sprachen,
+klang leise wie der Regen, der gleichmäßig herabtroff und gegen den
+sie keinen Schutz begehrten.
+
+»Sie haben mir eigentlich kein Wort über mein letztes Gedicht gesagt,«
+begann Asmus wieder. »Da glaubte ich, daß Sie mir zürnten.«
+
+»Wie wäre das möglich?« sprach sie noch leiser, mit bebender Stimme.
+
+Wiederum schwiegen sie eine kurze Weile.
+
+Ihr Kopftuch hatte sich verschoben, und um es zu ordnen, zog sie leise
+ihren Arm aus dem seinen. Im selben Augenblick ließ er seinen Arm
+sinken; ihre Hände berührten sich, und Asmus faßte Hildens Hand.
+
+Nun ist es ein seltsames Ding: Arm in Arm gehen die fremdesten
+Menschen miteinander; aber Hand in Hand gehen nur Kinder und Liebende.
+Ein höherer Wille hatte ihre Hände ineinander gelegt und gesagt: Ich
+will, daß ihr euch findet.
+
+Das gab Asmus Sempern einen heiligen Mut, und zitternd sprach er:
+
+»Fräulein Chavonne – haben Sie mich lieb?«
+
+Sie blieb stehen und schien zu wanken. Sie konnte nicht sprechen.
+
+Da legte er den Arm um sie, damit er sie stütze, und sprach noch
+leiser:
+
+»Hilde, hast du mich lieb?«
+
+Ihr Kopf sank an seine Schulter, und sie sagte: »Ja.«
+
+Und er wagte nicht, ihr den Kopf aufzuheben; denn es schien ihm, daß
+sie ruhte. Aber dann hob sie von selbst den Kopf und sah ihn aus
+leuchtenden, weinenden Augen an. Und er zog sie fester an sich und
+preßte seine Lippen in einem langen, langen Kusse auf ihren edlen,
+frischen, roten Mund.
+
+Sie waren nur noch zehn Minuten von Hildens Hause entfernt; aber sie
+brauchten zu diesem Wege noch zwei Stunden. Denn immer wieder gingen
+sie in weitem Bogen um das Haus herum, obwohl ein unaufhörlicher
+feiner Regen herabrieselte. Sie freuten sich unbewußt dieses Regens;
+er kam herab wie sanfte Linderung einer langen Sehnsucht. Es schien
+ihnen auch, als brauche man nun um nichts mehr zu sorgen, als hätten
+sie nun des Glückes genug und brauchten nichts mehr als solch ein
+stilles, seliges ewiges Wandern.
+
+Sie sprachen nur wenig, und wenn sie sprachen, so war es fast immer
+dasselbe:
+
+»Hast du mich lieb, hast du mich wirklich, wirklich lieb?«
+
+»Ja, ich hab’ dich lieb – so lange schon, ach, wie lange schon.«
+
+Ganz, ganz anders waren sie schon wenige Tage darauf. Frost und Schnee
+waren hereingebrochen mit Macht, und Asmus schlug ihr einen Ausflug
+»ins Grüne« vor. Nach dem »Quellental« wollten sie wandern und die
+Elbe hinab. Ludwig Semper würde zu diesem Ausflug »bei dieser Kälte«
+lange den Kopf geschüttelt haben, wenn er darum gewußt hätte; aber
+darin folgte sein Sohn ihm nicht; Winterwanderungen, die liebte er vor
+allen andern; da gab es einen Kampf mit Frost und Wind, und wenn er
+dann durchgekämpft war, dann glühte in Wangen und Herzen eine ganz
+besondere, eine ganz wundersame Wärme auf, die war ganz anders als
+Lenz- und Sommerglut. Es war eigenes, selbstentzündetes Feuer! Und wie
+heilig schön die Winterwelt! Seltsam: die ersten Lieder, die der
+Zauber der Natur ihm entrungen hatte, waren Winterlieder gewesen. Aber
+er sang sie nicht in Wehmut und Trauer; der Winter war ihm Andacht und
+Stille, niemals Tod; denn in seinem Herzen glomm wie eine ewige Lampe
+die Gewißheit des Frühlings. So kam es denn ganz von selbst, daß
+Asmus, als sie auf frostklingenden Wegen dahinschritten und sein
+schüchternes Schnurrbärtchen von lauter Eisnadeln starrte, also zu
+singen anhob:
+
+ Die linden Lüfte sind erwacht,
+ Sie säuseln und weben Tag und Nacht;
+ Sie schaffen an allen Enden.
+
+und daß er erschrak, als Hilde in ein lautes Lachen ausbrach.
+
+»Herr Professor, Herr Professor, es ist Winter!« rief sie; da verstand
+er sie und lachte nun auch aus vollem Halse; weil sie aber so ganz
+besonders schön lachte, küßte er sie sieben Mal auf den
+winterfrischen Mund, und dabei lachten sie, weil das Lied so gar nicht
+paßte, und ihre Augen wurden feucht, weil es doch so gut paßte.
+
+Nun fand er Gefallen an dieser Antithese, und während der Schnee unter
+ihren Füßen knirschte, sang er:
+
+ Wie herrlich leuchtet
+ Mir die Natur,
+ Wie glänzt die Sonne,
+ Wie lacht die Flur!
+
+ Es dringen Blüten
+ Aus jedem Zweig
+ Und tausend Stimmen
+ Aus dem Gesträuch!
+
+und dann warf er ihr ganz sachte und heimtückisch ein Häuflein Schnee
+zwischen Hals und Kragen.
+
+Sie kreischte auf und schüttelte sich, und dann sah sie ihn mit einem
+langen Blick, mit einem Lächeln voll Wehmut und Staunen in die Augen.
+Sie bestaunte dies Wunder einer Fröhlichkeit, die sie in ihrem Leben
+noch nie gesehen hatte, die sie auch bei ihm nicht vermutet hatte;
+denn er war ihr meistens in ernster Stimmung entgegengetreten. Diese
+Lustigkeit berauschte sie, daß sie mit beiden Händen seinen Kopf
+ergriff und ihm das Gesicht mit Küssen bedeckte. – –
+
+ Ich hört’ ein Bächlein rauschen
+ Wohl aus dem Felsenquell
+
+sang er.
+
+»Wo?« rief sie lachend.
+
+Da legte er wieder den Arm um sie und sagte: »Überall. Überall hör’
+ich Quellen rauschen. Hörst du sie _nicht_?«
+
+Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt und die Augen geschlossen.
+»Hier laß mich liegen bleiben und träumen und immerfort deine Stimme
+hören und gar nicht wieder aufwachen.«
+
+Er neigte sich zu ihrem Ohr, wiegte sie sanft in seinen Armen hin und
+her und sang mit leiser, leiser Stimme:
+
+ Horch, horch, die Lerch’ im Ätherblau!
+ Und Phöbus, neu erweckt,
+ Tränkt seine Rosse mit dem Tau,
+ Der Blumenkelche deckt,
+ Der Ringelblume Knospe schleußt
+ Die hellen Äuglein auf:
+ Mit allem, was da reizend ist,
+ Du süße Maid, wach auf!
+
+Da machte sie langsam – weit – weit die Augen auf, und ihre Augen
+waren tiefernst.
+
+»Du bist ein böser Mensch,« sagte sie. »Weißt du, daß du ein böser
+Mensch bist? Ein Zauberer bist du!« und sie riß sich fast ängstlich
+von ihm los und lief ein groß Stück Weges voraus.
+
+Kurz vor dem Quellental hatte er sie wieder eingeholt und den Arm um
+ihre Hüfte gelegt. Und so schritten sie andächtig hinein in einen
+kristallenen Dom von uralten Bäumen.
+
+Hier wohnt ein Gedicht, dachte Asmus; denn die Gedichte wohnten ihm
+wie Dryas und Oreas in Bergen, Bäumen und Grotten, in Wiesen und
+Quellen. Wenn es sich zeigen wollte, dachte er. Da hauchte es ihm ins
+Ohr:
+
+ Wo vom nahen Strauch ein Vöglein schwebt
+ Stummen Fluges durch die träge Luft,
+ Und vom kaum gebog’nen Zweig der Schnee
+ Lautlos fällt auf Schnee .....
+
+Und Asmus lächelte dankbar und heimlich. Dann kamen sie vor die auf
+geringer Erhöhung liegende Mooshütte mit der Inschrift: »#Hoc erat in
+votis#« und gingen hinein. Aber es war ihnen zu warm und dumpfig
+drinnen; sie mußten wieder hinaus. Und bei der eingefrorenen Quelle,
+die am Abhang der kleinen Erhöhung entspringt, warf er seinen Mantel
+in den Schnee, lud sie zum Niedersitzen und setzte sich ihr zu Füßen.
+Er mußte heute immerfort singen. Und während von den Zweigen
+ringsherum von Zeit zu Zeit der Schnee in silbernen Trauben fiel, sang
+er:
+
+ Der Reimer Thomas lag am Bach,
+ Am Kieselbach bei Huntley-Schloß.
+ Da sah er eine blonde Frau,
+ Die saß auf einem weißen Roß.
+
+»Eine braune Frau!« rief sie mit anmutig gespieltem Schmollen.
+
+»Eine blonde Frau,« versetzte er.
+
+»Eine braune Frau.«
+
+»Eine blonde Frau.«
+
+»Hast du schon einmal eine blonde Frau geliebt?« fragte sie ängstlich
+forschend.
+
+»Ich habe keine Frau geliebt vor dir.«
+
+Dann sah sie lange vor sich hin und sagte:
+
+»Wie schrecklich dumm bin ich gewesen.«
+
+»Du?«
+
+»Ja. Weißt du, daß ich einmal furchtbar eifersüchtig gewesen bin?«
+
+»Eifersüchtig?«
+
+»Ja, auf das reizende blonde Mädchen, mit dem du zusammen sangst, auf
+dem Fest in der ‘Treue’ –«
+
+»Auf die kleine Lizzy?«
+
+»Ja. Ich hatte ja immer geglaubt, daß ich dir gleichgültig sei; aber
+als ich euch sah und singen hörte, mit solcher Begeisterung, und als
+eure Stimmen so innig zusammenklangen – das gab mir den Gnadenstoß.
+Bald darauf verlobte ich mich, weil ich mich von allen verlassen
+fühlte – aus Trauer – aus Bangigkeit – aus Trotz – ich weiß es nicht
+mehr.«
+
+»Auch aus Trotz?« fragte er.
+
+»Ja, ja, – o, du darfst mich um des Himmels willen nicht für so gut
+halten wie du es tust – ich bin lange nicht so gut, wie du glaubst –«
+
+»Du?« sagte er langsam, indem er das edle Oval ihres Gesichtes mit
+schwärmenden Blicken umschrieb:
+
+ Du bist die Himmelskönigin,
+ Du bist von dieser Erde nicht.
+
+Da lachte sie laut auf, und mit warnend erhobenem Finger sang sie:
+
+ Ich bin die Himmelsjungfrau nicht,
+ Ich bin die Elfenkönigin.
+ Nimm deine Harf’ und spiel und sing
+ Und laß dein schönstes Lied erschall’n!
+ Doch wenn du meine Lippe küßt,
+ Bist du mir sieben Jahr verfall’n.
+
+Asmus sprang auf und warf sich auf die Knie:
+
+ Wohl, sieben Jahr zu dienen dir,
+ O Königin, das schreckt mich kaum!
+
+ Er küßte sie –
+
+da küßte er sie –
+
+ sie küßte ihn –
+
+da küßte sie ihn.
+
+»Kein Vogel singt im Eschenbaum,« rief Asmus, »aber das schadet
+nichts; wir können’s ja selbst.«
+
+Dann sprangen sie auf; Asmus schüttelte seinen Mantel, daß die Flocken
+stoben, warf ihn sich um und stürmte im Galopp den abschüssigen Weg
+hinab ins dichtere Gehölz hinein, und im Galoppieren sang er laut:
+
+ Sie ritten durch den grünen Wald,
+ Wie glücklich da der Reimer war!
+ Sie ritten durch den grünen Wald
+ Bei Vogelsang und Sonnenschein –
+
+und als sie ihn einholte und von hinten her die Arme um seinen Hals
+schlang, da legte er den Kopf zurück, daß Wange an Wange lag, und
+sang:
+
+ Und wenn sie leis am Zügel zog,
+ Dann klangen hell die Glöckelein.
+
+
+
+
+LII. Kapitel.
+
+Hilde verliebt sich in Semper den Älteren, bekennt sich zu Chamisso
+und entpuppt sich als eine alte Bekannte.
+
+
+Mit der Bekanntmachung ihrer Verlobung hatten sie es nicht im
+geringsten eilig; ob die Welt sie für Brautleute hielt oder nicht, war
+ihnen beiden grenzenlos gleichgültig. Aber seinen Eltern wollt’ er’s
+nicht länger verbergen, obwohl ihn Zweifel befielen, wie sie es
+aufnehmen würden. Eigentlich zweifelte er nur an dem Beifall seiner
+Mutter. Ludwig Semper, das wußte er, so leer ihm das Haus ohne seinen
+Asmus werden mochte, würde Asmussens Erwählte willkommen heißen, bevor
+er sie gesehen; aber Rebekka –? Mütter sind eifersüchtig, und überdies
+war er erst 23 Jahre! Sie wird schelten, dachte er. Aber sie schalt
+nicht; sie schüttelte nur den Kopf und sagte: »Junge, Junge, du bist
+ja noch so jung!«
+
+»Aber Mutter!« rief Asmus lachend und faßte sie bei beiden Schultern,
+»du hast ja auch jung geheiratet!«
+
+»Ja, das war damals auch ganz anders!« rief sie.
+
+Ludwig Semper konnte dieser Geschichtsauffassung nicht beipflichten;
+er wußte noch, wie junge Herzen schlagen, und sagte, Asmus möge seine
+Braut am Sonntag nur mitbringen.
+
+Und an diesem Sonntag feuchtete er keinen Tabak an und grübelte er
+nicht; er hatte seinen guten schwarzen Rock angezogen und ein feines
+weißes Tuch umgelegt – denn ein gesteifter Kragen durfte ihm nicht an
+den Hals kommen – und ging munter und aufgeräumt im Hause umher, und
+wenn er sich allein wußte, sah er mit strahlenden Augen in die Ferne
+und summte vor sich hin: »Tränen, vom Freunde getrocknet.« Und als es
+hieß: »Sie kommen!« und die Tür aufging und Asmus rief: »Da ist meine
+Braut!« da stand Ludwig Semper da wie ein herrlicher, gütiger
+Nordlandskönig, dem sein Erbe die junge Königin zuführt; er streckte
+seine warme kräftige Hand aus und sagte nichts als:
+
+»Seien Sie uns herzlich willkommen!«
+
+Aber als sie sein Lächeln sah, mußte sie ihm entgegenlächeln wie sein
+eigenes Kind, war alle Befangenheit von ihr gefallen wie ein Schleier,
+wußte sie ganz, daß sie aufgenommen sei in den Frieden des Hauses.
+Rebekkas Willkommen war ganz anders. Sie rannte geschäftig hin und her
+und bemühte sich um den Gast, als sei er von einer mehrjährigen
+Nordpolfahrt heimgekehrt und müsse mit allen erfindbaren Mitteln
+aufgetaut, gewärmt, getränkt und gespeist werden. Ein bißchen
+Eifersucht saß ihr wohl trotzdem im Herzen; aber schon beim dritten
+Besuche Hildens sagte sie ganz von selbst:
+
+»Du bist ein süßes Geschöpf!«
+
+Hilde aber sagte schon nach ihrem ersten Besuche auf dem Heimwege zu
+Asmus:
+
+»Du, ich will dich nicht mehr; ich will deinen Vater heiraten.«
+
+»Nun ja,« sagte Asmus trocken, »sprechen Sie mit meiner Mutter. Sie
+ist nun wohl gute vierzig Jahre mit ihm verheiratet und ist mit ihm
+nie auf einen grünen Zweig gekommen; aber ich glaube nicht, daß sie
+ihn losläßt.«
+
+»Da hat sie recht,« sprach Hilde, »den gäbe ich auch nicht her.«
+
+Nach einiger Zeit bat sie um die Erlaubnis, »Vater« und »Mutter« sagen
+zu dürfen, und Ludwig und Rebekka waren froh und stolz, zu ihren acht
+Kindern noch ein so feines und liebes hinzu zu bekommen. Sie hatten
+inzwischen noch eine Tochter bekommen, ohne sie zu kennen. Johannes
+Semper hatte aus Amerika geschrieben, daß er dort ein Weib genommen.
+Das hatte die Alten gefreut; aber Rebekka hatte dazu geweint und
+gesagt: »Nun werden wir ihn wohl nicht wiedersehen.« Asmussen schnitt
+es durchs Herz, als er das hörte.
+
+Bald darauf erfuhr er, warum Hilde sich nach einer Mutter und fast
+mehr noch nach einem Vater sehnte.
+
+Sie sahen sich zwei- oder dreimal die Woche; und wenn sie nicht
+spazieren gingen, saßen sie in Hildens Zimmer stundenlang beieinander
+und waren plaudernd und schweigend miteinander glücklich. Sie
+bereitete vor seinen Augen den Tee und das Abendbrot, und jedesmal war
+es ihm, als ob ihre schlanken, weißen und geschickten Hände das
+einfache Brot und Fleisch in die erlesensten Leckerbissen verwandle.
+Zu Hause aß er wie ein Schulmeister von energischem Appetit; hier
+soupierte er bei denselben Speisen wie ein Gourmet.
+
+In manchen Stunden ergötzte er sich daran, ihr die langen, schweren
+Zöpfe aufzulösen, daß das Haar sie bis zu den Hüften wie ein
+goldbrauner Mantel umfloß, und im duftig-warmen Schatten ihres Haares
+küßte er sie, oder er schmiegte sich eine breite Strähne ihres Haares
+um Hals und Wange und las ihr so ein Gedicht vor, daß er ihr
+mitgebracht. Selten kam er ohne neue Verse zu ihr, und sie war sein
+empfänglichstes und unbestechlichstes Publikum. Wenn er geendet hatte
+und sie ihm freundlich zunickte, dann wußte er, daß das eine
+vernichtende Kritik war. Wenn ihm etwas Rechtes gelungen war, sah sie
+ihn mit großen, ernsten Augen und mit zuckendem Munde an, nahm ihm
+leise das Blatt aus der Hand und las es noch einmal. Und dann bedeckte
+sie das Blatt mit Küssen, und dann seinen Mund, seine Wangen, seine
+Augen mit Küssen, und dann barg sie das Blatt auf ihrer Brust, und er
+wußte, daß sie es wochenlang auf ihrem Herzen trug wie ein Amulett,
+bis es von einem andern abgelöst ward.
+
+Manchmal auch sangen sie, einzeln oder zu zweien, und dann sang er die
+Oberstimme, und sie sang mit einem vollen weichen Alt die
+Begleitstimme; so klang es besser als umgekehrt. Und einmal, als sie
+allein sang, sang sie:
+
+ Er, der Herrlichste von allen,
+ Wie so milde, wie so gut ...
+
+Als sie geendet hatte, fragte er: »Liebst du das Lied?«
+
+»Ja. Ich liebe den ganzen Zyklus unbeschreiblich.«
+
+»Die Verse oder die Musik?«
+
+»Beides. Aber die Verse noch weit mehr als die Musik. Sie sind nach
+meiner Meinung das Schönste, was von der Frau gesungen werden kann.«
+
+»Ja. Mir scheint auch, er hat die Frau nicht besungen, er hat sie
+gesungen. Das Weib, das in diesen Versen dasteht, überragt Gretchen
+und Klärchen an Schönheit, Lieblichkeit und Größe; es ist von
+klassischer Hoheit, aber es ist nicht antike, es ist deutsche Klassik.
+Wir haben überhaupt nur wenig so deutsche Dichter wie diesen
+Franzosen. Da fällt mir ein: ich wollte dich immer schon fragen, woher
+dein französischer Name stammt.«
+
+»Meine Urgroßeltern väterlicherseits wohnten im Elsaß.«
+
+»Ah – daher dein französisches Aussehen.«
+
+»Hast du’s nicht gern?«
+
+»Ich glaube, den Beweis erbracht zu haben. Du bringst das Kunststück
+fertig, pikant und deutsch zu sein.« Und dann rezitierte er leise:
+
+ Wandle, wandle deine Bahnen;
+ Nur betrachten deinen Schein,
+ Nur in Demut ihn betrachten,
+ Selig nur und traurig sein!
+
+ Höre nicht mein stilles Beten,
+ Deinem Glücke nur geweiht;
+ Darfst mich niedre Magd nicht kennen,
+ Hoher Stern der Herrlichkeit.
+
+ Nur die Würdigste von allen
+ Soll beglücken deine Wahl,
+ Und ich will die Hohe segnen,
+ Segnen viele tausendmal.
+
+»Heute gibt es nicht wenig Frauen, die darüber lachen und höhnen,«
+sprach er.
+
+»Kann man anders empfinden, wenn man liebt?« fragte sie. »Ich
+wenigstens kann mir keine andere Liebe denken.«
+
+»Und eine Frau, die so empfindet,« fuhr er fort, »wird im Hause des
+Mannes die stolzeste der Frauen sein, _sie_ wird der ‘Stern der
+Herrlichkeit’ sein, zu dem Mann und Kinder in der Stille ihres Herzen
+beten, zu dem sie aufblicken, wenn sie den Glauben an die Welt
+verloren haben und wiederfinden möchten.«
+
+»Muß sie dann nicht eine Heilige sein?«
+
+»Nein, so wenig wie je ein Mann die Verehrung verdienen kann, die aus
+den Frauenliedern Chamissos klingt. Nicht das entscheidet ja, was wir
+sind – du lieber Gott, wo bliebe ich! –, sondern wie sehr wir geliebt
+werden, das entscheidet. Das ist die Wahrheit des Christentums, daß
+uns Liebe erlöst.«
+
+»Asmus,« rief sie ängstlich, »ich zittere und bange, wenn du mich über
+dich erhebst. Wenn du wüßtest, wie wenig ich das verdiene –«
+
+»Zittere und bange nur,« rief er, »ich habe Mut, wenn ich dich ansehe,
+einen Mut, einen Mut –«
+
+Er riß sie jauchzend an sich und küßte sie, daß sie aufschrie.
+
+Und einmal, als er so bei ihr saß, in ihrem Nähkästchen kramte und mit
+allerlei zierlichen Büchschen und Kästchen spielte, die er darin fand,
+holte er einen Glasmarmel daraus hervor, eine durchsichtige Glaskugel,
+in der man eine geflügelte Gestalt, eine Fortuna, wie es schien,
+erblickte.
+
+»Sieh da,« sagte er, »genau solch einen Marmel hab’ ich auch einmal
+besessen. Eigentlich ein hübsches Symbol, wenn ich es jetzt betrachte.
+Die Glücksgöttin nicht über der Welt, sondern in der Welt, sie selbst
+nur ein Stück der rollenden Notwendigkeit ...«
+
+»Ich weiß eigentlich selbst nicht,« sagte sie lächelnd, »warum ich ihn
+immer aufgehoben habe. Wenn man solch ein Ding lange bei sich verwahrt
+hat, ist es gerade, als hätt’ es ein Recht an uns erworben, und wenn
+man es wegwerfen will, ist es, als säh es einen vorwurfsvoll an, und
+man kann es nicht aus den Fingern loswerden. Ich hab’ ihn vor vielen
+Jahren von einem kleinen Jungen bekommen.«
+
+Sie sagte das, indem sie sich auf ihre Näharbeit bückte; aber es war
+ihr, als zöge eine geheime Kraft ihren Kopf empor, und als sie
+aufblickte – wirklich, da starrte Asmus sie an mit einem Blick, der
+aus der Ferne einer längst vergangenen Zeit zu kommen schien.
+
+»Von einem kleinen Jungen hast du ihn bekommen?« sprach er langsam.
+»Wann? Wo?«
+
+»Ja, wenn ich das noch wüßte! – Was hast du? Warum bist du –«
+
+»Bitte, frag’ mich jetzt nicht – sag’, wann es war und wo?«
+
+»Ja – zwölf Jahre ist es zum mindesten her – ich weiß nur noch: ich
+saß auf der steinernen Treppe vor einer Gastwirtschaft und wartete auf
+meinen Vater, der erledigte drinnen ein Geschäft, da kam der kleine
+Junge und schenkte mir den Marmel.«
+
+»Hilde,« rief Asmus mit seltsam leuchtenden Blicken, »sah der Junge
+aus wie ein kleiner, dicker Asmus Semper?«
+
+Hilde starrte ihn sprachlos an.
+
+»Hilde,« rief er, »du hast einen Onkel in Griechenland –«
+
+»Ich hatte ihn – er ist tot –«
+
+»Den nannte man den ‘König der Mainotten’!«
+
+»Ja!«
+
+»Hilde! Wir haben uns also vor zwölf Jahren schon gesehen! Der kleine
+Junge war ich! Vor zwölf Jahren schon sind wir uns begegnet.« Er war
+so bewegt, daß er aufspringen und auf und ab gehen mußte. Und er
+erzählte ihr, wie wundersam ihn damals die Begegnung mit dem
+lieblichen, traurigen Kinde ergriffen habe, wie er wochenlang fast
+täglich nach der Wirtschaft zwischen den Bahndämmen in Oldensund
+gelaufen sei, um die »Königin der Mainotten« wiederzufinden – denn sie
+hatte erzählt, der Onkel wolle sie zu seiner »Königin« machen – wie er
+sie niemals wiedergesehen, aber wie ihre Erscheinung und ihr Wesen ihn
+mit einem jahrelang nachleuchtenden, tröstenden Licht erfüllt habe.
+
+»Hilde! Hilde!« – –
+
+Und ihr Gespräch ward ein leises, trauliches Fragen und Erzählen; sie
+erzählte ihm die Geschichte ihres Lebens. Was sie nicht erzählte, das
+ergänzte er sich leicht aus dem Zwange der Tatsachen und aus dem, was
+er früher von ihr und von andern gehört. Und immer wieder fühlte Asmus
+mit Beschämung, wie sehr ihn von je das Glück begünstigt habe, schon
+dadurch, daß er bis heute zwei liebende und geliebte Eltern besessen,
+und wieviel mehr der Kraft, des Mutes, der Liebe das Leben von ihr
+gefordert hatte als von ihm!
+
+
+
+
+LIII. Kapitel.
+
+Enthält die Geschichte Hildens vom Marschall Davoust an bis zu
+Fräulein Paulsen.
+
+
+Napoleon und sein Marschall Davoust hatten den Urgroßeltern Hildens
+ihr Glück zerstört. Diese hatten zu den 20 000 gehört, die man zu den
+Toren Hamburgs in Hunger und Kälte hinausgejagt, und Hildens
+Urgroßvater war unter denen gewesen, die auf dem Wege nach Oldensund
+zugrunde gegangen. Die seelenstarke Frau hatte selbst den toten
+Gatten bis nach Oldensund getragen, und dort hatte er teilgenommen an
+jenem ewig klagenden Grabe, das Friedrich Rückert besungen hat.
+
+ Wo finden wir Kost und Kleider,
+ Wir zwanzigtausend an Zahl?
+ Die andern schleppten sich weiter,
+ Wir blieben hier zumal.
+
+ Wir konnten nicht weiter keuchen,
+ Erschöpft war unsere Kraft:
+ Frost, Hunger, Elend und Seuchen
+ Sie haben uns hingerafft.
+
+ Ein ungeheurer Knäuel,
+ Zwölfhundert oder mehr,
+ Es zieht sich über den Greuel
+ Ein dünner Rasen her.
+
+Über diesen Rasen war Asmus in früher Kindheit spielend
+dahingesprungen – wie manchesmal!
+
+Die arme gute Großmutter, die das Elend der Eltern schaudernd
+miterlebt und früh den Gatten verloren hatte, war ein Stern in Hildens
+Jugend gewesen. Eine kindlich-fromme Frau, die ihren Glauben nicht als
+eine Tugend, sondern als ein Geschenk ihres Heilandes empfand, lehrte
+sie ihre Enkelkinder beten und geistliche Lieder singen. Aber nicht
+nur geistliche Lieder sang sie, sie sang:
+
+ Ich denk an euch, ihr himmlisch schönen Tage
+ Der seligen Vergangenheit!
+ Komm Götterkind, o Phantasie, und trage
+ Mein sehnend Herz zu seiner Blütezeit!
+
+und sobald sie das sang, stand die kleine großäugige Hilde an ihren
+Knien und trank ihr das Lied von den Lippen, und sie wußte, wenn die
+Großmutter das sang, dann erzählte sie auch bald von der Franzosenzeit
+und von lieben Toten. Unter dem Herzen dieser Frau hatte Hildens
+Mutter gelegen, und die grenzenlose Güte dieses Herzens war auf die
+Tochter übergegangen, nicht aber seine Festigkeit und Stärke. Hildens
+Mutter gehörte zu jenen Menschen, die aus Gutmütigkeit heiraten können
+und ihr Mitgefühl mit dem Werbenden für Liebe nehmen. Sie war wehrlos
+in der Hand ihres Mannes.
+
+Dieser Mann war der schwere, ewig lastende Schatten in Hildens
+Kindheit. Er war ein Selbstling von jener Art, die in Gegenwart eines
+vor Hunger Sterbenden einen Kapaun mit Genuß verzehren kann, die
+vielleicht ein Stückchen hergeben würde, wenn man sie daran erinnerte,
+aber nie von selbst auf diesen Gedanken verfällt. Als »Kaufmann« – er
+vertrieb als eine Art Stadtreisender allerlei Dinge für andere
+Geschäfte – dejeunierte, dinierte und soupierte er in besseren
+Restaurants und empfand es wie eine Niedertracht von seiner Frau, daß
+sie immer wieder Mittel für den Haushalt verlangte. Die wenigen Bissen
+aber, die er den Seinen hinwarf, würzte er ihnen mit hämischen,
+kränkenden Reden, und wenn er vollends angetrunken nach Hause kam,
+dann konnte er stundenlang immer in derselben Sofaecke sitzen und
+immer dieselben peinigenden Bosheiten wiederholen.
+
+Es war ein schlimmer, schlimmer Tag gewesen, als aus diesem Hause die
+Großmutter für immer geschieden war. Und nicht zu mahnen brauchte man
+die Kleine, daß sie hingehe und die Blumen auf dem Grabe der
+Heimgegangenen begieße! An jedem Tage der milderen Jahreszeit machte
+sie sich unaufgefordert auf den Weg nach dem Friedhof. Und wenn sie
+ihr frommes Werk getan hatte, setzte sie sich auf das Gitter des
+Grabes und dachte daran, wie schön die Großmutter gesungen hatte:
+
+ Umglänze mich, du Unschuld früher Jahre,
+ Du mein verlor’nes Paradies!
+ Du süße Hoffnung, die mir bis zur Bahre
+ Nur Sonnenschein und Blumenwege wies.
+
+Und bei dem Wort »Bahre« sah sie immer die Großmutter auf der Bahre
+liegen, und dann mußte sie weinen. – Neben der Großmutter lag auch die
+Tante Romona, die wunderschöne Spanierin Romona Viego, die mit 24
+Jahren schon acht Kinder gehabt hatte, und das jüngste lag ihr im Arm.
+Das war eine gefeierte Sängerin gewesen, und als die kleine Hilde
+einmal die herrliche Frau gesehen hatte, auf dem Divan liegend, ganz
+in weißen Gewändern und eine Zigarette rauchend, da war sie ihr als
+die oberste und heiligste aller Frauen erschienen. Das Grab der Tante
+Romona pflegte sie auch, und dann wandelte sie oft stundenlang
+zwischen den Hügeln des Friedhofes schauend und sinnend umher und
+fühlte sich heimischer als in der Gegenwart ihres Vaters.
+
+Zwischen diesem Manne und seiner ältesten Tochter war ein Gegensatz
+von Ewigkeiten her. Ihr Wesen war von jenem Adel getragen, dem am
+letzten Ende doch mit aller Brutalität nicht beizukommen ist, der wie
+eine uneinnehmbare innere Festung das Herz umgibt. Das aber ärgerte
+ihn, reizte ihn, und er schalt sie hochmütig, übergeschnappt und
+verhöhnte ihren regen Bildungstrieb. Sie duldete tapfer an der Seite
+ihrer Mutter und half ihr heimlich, soviel sie konnte, in ihren
+Ängsten und Nöten. Ihrem stolzen, wahrheitsliebenden Wesen war alle
+Heimlichkeit zuwider; aber sie begriff, daß es gegen einen gemeinsamen
+Feind zusammenzustehen galt. Und sie fürchtete ihn; er hatte sie
+wiederholt geschlagen. Einmal hatte er sie geschlagen, als sie bis
+spät in die Nacht das Haus hatte hüten müssen und eingeschlafen und
+durch langes Klopfen und Rütteln an der geschlossenen Haustür nicht zu
+erwecken gewesen war. Da, als sie wieder einhüten sollte und der Vater
+ihr streng befohlen hatte, weder zu schlafen noch sich einzuschließen,
+setzte sie sich an die Haustür, lehnte den Kopf dagegen und schlief
+beruhigt ein. Wenn die Haustür aufging, mußte sie ihren Kopf treffen,
+und dann mußte sie sicher erwachen. Als die Eltern sie so fanden,
+erklärte die Mutter, daß sie nicht wieder ausgehen werde, wenn das
+Kind nicht zu Bett gehen dürfe, was ihrem Gatten zu sehr ausgedehnten
+und sehr ironischen Bemerkungen Anlaß gab.
+
+Nur nach langen Kämpfen und unter verletzend spöttischen Glossen hatte
+er zugegeben, daß Hilde dem dringenden Rat ihrer Lehrer folge und ins
+Präparandeum eintrete. Und bald nachdem dies geschehen, hatte er
+seine Familie verlassen. Er gab ihnen keinen Pfennig zu ihrem
+Unterhalt; aber dennoch wünschten sie ihn nicht zurück; trotz allem
+Mangel und aller Sorge schien es ihnen, als wäre der Himmel heiterer
+geworden. Mit treu vereinten Kräften schlugen sie sich durch. Aber
+dann wurde die Mutter krank und kränker, und endlich lag sie ein
+ganzes Jahr lang auf dem Schmerzenslager. Nun mußten sie den Gatten
+und Vater doch an seine Pflicht gemahnen, und auf Mahnen und Drängen
+kam er ihr halbwegs und mit Verwünschungen nach. Hätte Hilde nicht
+eine Freundin gehabt, die ihr oft geholfen, so hätte sie das Seminar
+verlassen und einen Dienst annehmen müssen. Aber es kam der Tag, da
+sie mit drei kleineren Geschwistern am Sarge der Mutter stand. Da
+plötzlich erschien auch eine Tante mit ihren Töchtern und mit
+Trauerkränzen, und siehe, sie erhoben ein mehrstimmiges, schallendes
+Klagegeheul.
+
+»Geht hinaus!« sagte Hilde.
+
+Die Tante glaubte nicht recht zu hören.
+
+»Drei Jahre hat sie gelitten, und Ihr habt Euch nicht um sie und nicht
+um ihre Kinder gekümmert. Geht hinaus und nehmt Eure Kränze mit.«
+
+Und die Klageweiber schlichen betreten mit ihren Kränzen davon.
+
+Ein Bruder ihrer Mutter gab ihnen nun das Notdürftigste zum Leben. Die
+Verstorbene hatte immer darauf gehalten, daß ihre Kinder, wenn es
+irgend zu erschwingen war, am Sonntag einen Kuchen bekämen. Und eines
+Sonntags kaufte Hilde ihren Geschwistern für wenige Pfennige ein paar
+Kuchen, weil sie die verlangenden Blicke der Kleinen nicht ertragen
+konnte. Das hörte der Onkel und überhäufte sie mit Vorwürfen, daß sie
+nichts verdiene und fremdes Geld noch obendrein vergeude. Da beschloß
+sie, ein Ende zu machen. Sie ging zum Armenpfleger und sorgte dafür,
+daß ihre Geschwister bei wackeren Leuten ihrer Bekanntschaft
+untergebracht würden. Und dann ging sie zum Seminardirektor, um ihren
+Austritt aus dem Seminar anzumelden. Sie wollte einen Dienst annehmen,
+und wenn es der niedrigste wäre. Nur nicht mehr von der Gnade der
+Menschen abhängen!
+
+Herr Direktor #Dr.# Korn war noch im Schlafrock und Pantoffeln; aber
+er dachte nicht daran, diese Toilette einer jungen Dame wegen zu
+ändern.
+
+»Was wünschen Se?« fragte er unwirsch.
+
+Sie erklärte, daß sie auszutreten wünsche.
+
+Er starrte sie an und sagte: »Se sind wohl nicht recht jescheit.
+Jetzt, wo Se ’n halbes Jahr vor der Prüfung stehen?«
+
+Sie erklärte ihm, daß sie müsse und warum sie müsse.
+
+»Hm. Und wat woll’n Se denn jetzt anfangen?«
+
+»Irgendeinen Dienst annehmen.«
+
+»I Jott bewahre. Det jiebt’s nich. Wir lassen Se nich los. Wir jeben
+Ihnen in einem unserer Schulhäuser ’ne Wohnung, umsonst, mit Feurung.
+Für’s Essen wird sich auch Rat finden. Und vielleicht läßt sich auch
+noch irgendwo ’n kleines Stipendium losmachen.«
+
+Hilde hatte Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken.
+
+»Also austreten is nich. Det schlagen S’ sick man aus’m Kopf.«
+
+»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Direktor,« stotterte
+Hilde.
+
+»Is auch jar nich nötig. Halten Se man’n Kopf hoch.«
+
+»Vielen, vielen Dank, Herr Direktor.«
+
+»Bitte« sagte Korn _nicht_; all dergleichen Überflüssigkeiten
+verachtete er.
+
+So war nun der äußersten Not gewehrt, aber freilich nur der äußersten.
+Wohl hatte sie sechs Freitische: aber die Woche hatte noch immer
+sieben Tage, und auch am Morgen und am Abend empfindet der Mensch ein
+Bedürfnis nach Nahrung. Damit nun ihre Mitschülerinnen nicht auf den
+Gedanken verfielen, daß sie nichts zu essen habe, versagte sie sich
+das Abendbrot: dann hatte sie ein paar Groschen für ein Frühstück.
+Auch war es für ein siebzehnjähriges Mädchen ein unheimliches Wohnen
+hoch oben in dem verlassenen Schulhause, und in verzweifelten
+Augenblicken flüchtete sie sich in den Keller, an den Herd der
+Schuldienerfamilie. Aber es kam die Prüfung, die sie mit Auszeichnung
+bestand, und mit ihr kam das befreiende Gehalt von achthundert Mark
+#pro anno#. Als sie die erste Vierteljahrsrate empfangen hatte, zahlte
+sie zunächst alle ihre Schulden, und dann ging sie hin und kaufte für
+die Schuldienerfrau ein Geschenk, weil sie der Meinung war, daß man
+erwiesene Freundlichkeiten vergelten müsse, sobald man die Mittel dazu
+habe. Ihre Sympathie mit Ludwig Semper war nicht ohne einen tiefen
+Grund.
+
+Inzwischen aber war der reiche Onkel in Griechenland gestorben, der
+Besitzer großer Marmorbrüche, der »König der Mainotten«, der einmal
+gesagt hatte, wenn Hilde groß sei, solle sie seine Königin werden. Wie
+ein Meteor war er damals aufgetaucht und verschwunden. Nun war er tot,
+und alle Verwandten reisten nach Griechenland, um die Erbschaft in
+Empfang zu nehmen, nur die Chavonnes nicht; denn die hatten kein Geld
+zum Reisen. Und nach einiger Zeit hieß es, die Chavonnes seien bei der
+Erbschaft ausgefallen, der Onkel habe sie in seinem Testament nicht
+bedacht. Um ihrer Geschwister willen ging Hilde zu einem Anwalt, und
+der erklärte, wenn man viel Geld habe, könne man nach Griechenland
+prozessieren. »Das haben wir nicht,« sagte Hilde und ging mit dem
+ruhigsten Herzen von der Welt von dannen. Sie war ja imstande, sich
+selbst zu helfen; ihre Schwestern hatten ihr Auskommen, und ihren
+Bruder, der ein Handwerk lernte, konnte sie immerhin mit Taschengeld
+versorgen. In solcher Vermögenslage sich mit den Verwandten um Geld
+schlagen? Wozu?
+
+Auch bekam sie ja Privatstunden, mehrere Privatstunden an der Schule
+einer unglaublich frommen Schulvorsteherin. Aber Hilde hatte nicht
+mehr die Frömmigkeit der Großmutter; eine andere Frömmigkeit war in
+ihr emporgewachsen. Und als die gute alte Dame, die die junge Lehrerin
+ob ihres Wissens und ihres Lehrgeschicks nicht genug rühmen konnte,
+ihr auch den Geschichtsunterricht übertragen wollte, da lehnte sie ab.
+
+»Das kann ich nicht,« sagte sie. »Ich habe gehört, wie Sie
+den Geschichtsunterricht erteilen. Sie geben einen frommen
+Geschichtsunterricht; überall sehen Sie Gottes Fügung. Das – das kann
+ich nicht. Wenigstens _so_ nicht.«
+
+Da sah das kleine alte Fräulein Paulsen geraden Blickes hinauf in
+Hilde Chavonnes weit offene, dunkelleuchtende Augen und sagte: »Geben
+Sie nur ruhig den Geschichtsunterricht. Was Sie tun, kann nicht
+schlecht sein.«
+
+
+
+
+LIV. Kapitel.
+
+Asmus ringt mit höheren Töchtern und besteht ein schweres Examen nur
+mangelhaft.
+
+
+Als Hilde geendet hatte, ergriff Asmus leise ihre Hand und bedeckte
+sie mit langen, andächtigen Küssen. Das viele Leid, das sie erlitten,
+hatte sie ihm zwiefach geheiligt. Er unterschied sich insofern gewiß
+nicht von anderen Menschen, als ihm Geld und Gut keineswegs zu den
+unnötigen und unerfreulichen Dingen gehörten; aber doch schien es ihm,
+daß er dies Mädchen um seiner Armut und seiner Kämpfe willen nun
+doppelt und dreifach liebe. Auch war die Armut etwas, das nun mit
+jedem Tage mehr schwinden mußte. Nächste Ostern bekam er schon 1600
+Mark Gehalt; dann wollten sie heiraten.
+
+»Was? Ostern wollt ihr schon heiraten?« rief Frau Rebekka.
+
+»Bald nach Ostern, ja.«
+
+Das schien gar nicht nach Rebekkens Sinne zu sein.
+
+»Ich laß euch deshalb ja nicht im Stich,« sagte Asmus. »Hab’ deshalb
+nur keine Sorge.« Von den 1600 Mark und von den 200 Mark, die er mit
+Privatstunden verdiente, konnte er seinen Eltern ja leicht noch
+abgeben, ohne daß er und sein Weib Mangel litten.
+
+Die 200 Mark waren allerdings ein hartes Brot. Wenn er in seiner
+Schule fertig war, hastete er nach einer »Höheren Töchterschule«, um
+dort im Singen und im deutschen Aufsatz zu unterrichten. Es waren
+richtige »höhere« Töchter, das heißt sie hatten das Bewußtsein, zu den
+höheren Dingen zu gehören. In den sogenannten besseren Hamburger
+Familien ist der Klassendünkel nicht selten bis zur vollkommenen
+Verblendung entwickelt, und dieser traditionelle Geist oder Ungeist
+überträgt sich auf die Kinder. Es waren wohl liebe und gescheite
+Mädchen darunter; eine große Anzahl aber ging von dem Grundsatze aus:
+»Wie kämen wir dazu, zu antworten und uns anzustrengen; unser Vater
+bezahlt ja.« Asmus kam bald dahinter, daß seine Meinung, die
+wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« Familien zu unterrichten und
+zu erziehen, sei keine Kunst, ein ganz erheblicher Irrtum gewesen war.
+Im Gegenteil; er stieß hier gelegentlich auf raffinierte
+Niederträchtigkeiten und herzlose Tücken, die weit betrübender und
+hoffnungsloser waren als die Roheiten seiner Schüler aus der
+Hafengegend. Dazu waren die Machtmittel des Lehrers hier geringer.
+Einen Lümmel unter den Jungen nahm man, wenn’s not tat, beim Ohr oder
+versetzte ihm eine Ohrfeige – er hielt den Körper eines Schlingels
+nicht für unantastbar und erinnerte sich sehr gut, daß manche der
+Schläge, die er als Junge empfangen, ebenso begründet als nützlich
+gewesen waren – aber dergleichen Mittel waren bei Mädchen freilich
+ausgeschlossen. Obendrein standen die meisten seiner Schülerinnen im
+zwölften oder dreizehnten Lebensjahre, das will sagen: in den
+weiblichen Flegeljahren. Er bemühte sich, seinen Unterricht so
+anziehend wie möglich zu gestalten; aber eine ganze Reihe dieser Damen
+war gleichwohl von der Existenzberechtigung eines Lehrers nicht zu
+überzeugen. Endlich fand er dennoch ein Mittel, sie zu bändigen. Wenn
+eine sich mit besonderer Wohligkeit auf den passiven Widerstand
+verlegte, so las er einfach der Klasse ihren Aufsatz vor. Das half.
+Wenn er las:
+
+»Antigone hatte sich an dem zarten Bande ihres Schleiers
+emporgeknüpft,« oder »Schiller setzte dem wackeren Pfarrer Moser in
+seinen »Räubern« ein Denkmal, indem er den Räuberhauptmann nach ihm
+benannte,« oder »Er konnte den unbequemen Laut seines Innern nicht zum
+Schweigen bringen«; und wenn dann alles in stürmische Heiterkeit
+ausbrach (auch die, die Schlimmeres geschrieben hatten), dann fühlten
+sie doch etwas wie das Walten einer Nemesis. Asmus hatte entdeckt, daß
+die weibliche Seele außerordentlich empfindlich ist gegen den Spott,
+und von nun an brauchte er nur zu sagen:
+
+»Bertha Klapp, ich werde nächstens wieder einen Aufsatz vorlesen –«
+dann wurde Bertha ohne weiteres umgänglich.
+
+Von solchen und anderen Strapazen erholte er sich, indem er sich unter
+Hildens Oberaufsicht zum zweiten Examen vorbereitete, zu jenem Examen,
+das die feste Anstellung gewährleistete. Es war die lustigste und
+erfrischendste Büffelei von der Welt. Sie pilgerten hinaus in jenen
+anmutigen Garten »Zum Morgenstern«, wo sie sich um Erika und Calluna
+gestritten hatten, setzten sich in eine Laube und tranken Kaffee. Dann
+gab er ihr den betreffenden Schmöker in die Hand, und sie fragte ihn
+mit redlichem Eifer, was darin stand. Es war eine der schwersten
+Prüfungen, die man sich denken kann, viel schwerer als die
+gewöhnlichen; denn gewöhnlich haben die Examinatoren nicht solche
+Augen, solche Nase, solche Wangen, solchen Mund, solches Haar, solche
+Stimme! Eine Stunde wohl und länger gab er ihr treulich auf alles
+Bescheid, bis ihm die Sache doch zu unnatürlich wurde.
+
+»Einen Schluß nach Celarent,« verlangte sie von ihm.
+
+»Einen Schluß nach Celarent? #Bon!#«
+
+Kein Weib ist schön (nach Schopenhauer)!
+
+Alle Hilden sind Weiber.
+
+Also keine Hilde ist schön.«
+
+Sie drohte mit dem Finger. »Herr Semper? Ich werde Sie durchfallen
+lassen!«
+
+»Ach bitte, Herr Professor, lassen Sie mich nicht durchfallen, ich
+möchte so gern heiraten!«
+
+»Haha, heiraten wollen Sie? Wen denn?«
+
+»Ein entzückendes, ein wonniges, ach Gott, ein – Sie haben ja keine
+Ahnung, Herr Professor. Erlauben Sie, daß ich Sie küsse –«
+
+»Was fällt Ihnen ein!« Sie stieß ihn auf seinen Platz zurück. »Bilden
+Sie einen Schluß nach Darii!«
+
+»Nach Darii? Wie Sie wollen.
+
+Alle Basen färben rotes Lackmuspapier blau.
+
+Hilde ist eine Base.
+
+Also färbt Hilde rotes Lackmuspapier blau.«
+
+Dann sah sie wohl ein, daß mit ihm nichts mehr anzufangen sei; sie
+klappte lachend das Buch zusammen und schlug ihm damit auf die Finger.
+
+»Lieber, süßer Professor,« rief er, »die Logik, die Sie mir da
+abfragen, ist ja der gottvergessenste formalistische Quatsch, ist ja
+das blankste scholastische Blech von der Welt! Bevor ich etwas davon
+wußte, hab’ ich genau so konsequent gedacht wie jetzt, oder
+konsequenter. Ach bitte, Herr Professor, tun Sie Ihr Täschchen auf und
+geben Sie mir vom Brote des Lebens.«
+
+Dann verzehrten sie den Proviant, den Hilde mitgebracht und den sie
+mit gewohnter Delikatesse bereitet hatte; er ließ es sich mit Ausdauer
+schmecken und meinte: »Die Brotgelehrten haben doch nicht so ganz
+unrecht.«
+
+Zu solchen Stunden brachte er wohl auch trotz aller Examenbüffelei ein
+Gedicht mit, und eines Tages brachte er ihr eins, das eine
+»hartnäckige Liebe« besang.
+
+ Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht.
+ Er rettete damals die beiden Dänen,
+ Ihr wißt wohl – es wollte keiner dran –
+ Er riß sie dem blanken Hans aus den Zähnen.
+
+ Nun war da die Antje Nissen – ei ja,
+ Die mochte dem starken Jan wohl taugen!
+ Schmuck war sie, alles was recht ist – man bloß:
+ Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen.
+
+ Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts.
+ Und so freit’ er um Antje. Sie ziert’ sich nicht lange
+ Und sagte Ja und ward seine Braut.
+ Aber als sie’s war, da ward ihm doch bange.
+
+ Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg!
+ Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen,
+ Dann ist die Hochzeit. Sie läßt mich nicht los.
+ Aber sie ist ein Stachelrochen.
+
+ Da – denkt euch – da kommt ihm Hilf’ in der Not!
+ Bei Südsüdost wird Jan Reimers verschlagen –
+ Er rennt auf die Klippen – das Schiff zerkracht –
+ Eine Planke hat ihn nach England getragen.
+
+ Sein erster Gedanke war: »Jung, wat’n Glück,
+ Nu bin ick verschollen! Das ’s Gottes Wille!«
+ Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag
+ Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille.
+
+ Sein Ewer freilich war Grus und Mus.
+ »Na ja,« denkt Jan, »wat is dor Slimm’s bi!
+ Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.«
+ Und er lebte drei Jahre vergnügt in Grimsby.
+
+ Aber die Welt ist ein Rattenloch.
+ Ein Landsmann muß ihn gesehen haben. –
+ Jan bummelt am Hafen, die Fäust’ in der Tasch’,
+ Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben –
+
+ Da hört er plötzlich – ihm schießt’s in die Knie –
+ Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme:
+ »Jan Reimers! Jan Reimers!« Ihm war’s als rief
+ Des jüngsten Tages Posaun’ ihn mit Grimme!
+
+ Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub!
+ Da ruft Antje Nissen: »Du solltest dich schämen!
+ Nun tu’ doch nicht so, als wenn du nicht hörst.
+ Du Feigling, du!«
+ Da mußt’ er sie nehmen.
+
+Sie lachte, als er geendet hatte, und dann nahm er noch einmal das
+Blatt und schrieb mit Bleistift oben über das Gedicht:
+
+ »Meiner Antje Nissen
+ In Schauern der Ehrfurcht gewidmet.«
+
+Da lachte sie noch herzlicher, und ihr Lachen führte immer unfehlbar
+zum Küssen. Vom Küssen kamen sie dann wieder ins Lachen, kurz, es war
+der alte wohlbekannte #circulus vitiosus# der ja in der Logik eine
+wichtige Rolle spielt.
+
+Es kann nicht von allen Szenen dieser Art berichtet werden, um so
+weniger, als sie für den älteren Leser eher ärgerlich als unterhaltend
+sind. Nur so viel sei gesagt: Sie liebten sich so zärtlich, daß sie
+die zärtlichen Worte und Kosenamen unseres Sprachschatzes längst
+verbraucht hatten und, wenn sie ihre ganze Liebe in ein recht von
+Grund aus erschöpfendes Wort pressen wollten, zu Injurien greifen
+mußten. Wenn er sie zu hart angefaßt hatte, rief sie mit einem
+goldenen Lachen in den Augen: »Du Gassenjunge du, du Rowdy!« und er
+flüsterte mit überquellendem Jubel: »Du Hexe du, du Teufelsweib!« und
+meistens, wenn sie dergleichen gesagt hatten, kam gerade der Kellner.
+Asmus Semper war damals noch recht unbekannt, sonst würde gewiß eines
+Tages in den Zeitungen gestanden haben, daß er und seine Braut sich
+»Hexe« und »Gassenjunge« schimpften.
+
+Wenn sie dann nach der hochnotpeinlichen Prüfung an die Elbe
+hinunterwanderten, sich in den Sand streckten und die Schiffe kommen
+und gehen sahen, wenn Hilde heimlich herbeischlich, ihr Gesicht leise
+über das seine neigte und ihn küßte, wenn dann alles Glück der
+Kindheitserinnerung mit dem Glück der Gegenwart in Asmussens Herzen
+zusammenschmolz, dann mußte er laut oder schweigend ein Dankgebet
+sprechen. Er, dem in trüben und schweren Tagen nie der Gedanke an
+einen persönlichen, väterlich waltenden Gott kam, in Augenblicken
+überwältigenden Glückes hatte er das Bedürfnis nach irgendeinem Wesen,
+dem er danken könne, und unter Lachen und Tränen rief er stumm oder
+mit lautem Jubel in den Himmel hinauf: »Herrgott, du verwöhnst mich,
+du verwöhnst mich entschieden! Lieber Gott, laß mich nicht ersticken
+in meinem Glück!«
+
+
+
+
+LV. Kapitel.
+
+Zeichnet sich durch Kürze aus, die aber nicht Schuld des Verfassers
+ist.
+
+
+Nach dem zweiten Examen wollte Murow, der Seminardirektor, ihn an die
+Seminarschule ziehen. Aber Asmus lehnte abermals dankend ab.
+
+Und bald darauf machten die beiden sich auf, eine Wohnung zu suchen.
+In einer westlichen Vorstadt Hamburgs, in einem Hinterhäuschen, fanden
+sie zwei Zimmer, eine Kammer und eine Küche. Als sie diese Räume
+sahen, waren sie mit einem einzigen Blicke einverstanden: Hier kann
+das Glück wohnen. Als Asmus dem Hauswirt den »Gottespfennig« in die
+Hand drückte, war der erstaunt über die Größe des Geldstücks. Es war
+ein Taler. Heute konnte Asmus es sich leisten, Grundeigentümer zu
+beschenken. Er war dem Manne so dankbar, daß er ihm die reizende
+Wohnung abgelassen hatte!
+
+Als er aber für einen Aufsatz, den er in einer Zeitschrift
+veröffentlicht hatte, ein ansehnliches Honorar empfangen hatte,
+schenkte er der Geliebten ein Kleid von weißer Seide, und ihre
+Kolleginnen und Freundinnen schenkten ihr dazu einen Einsatz von
+köstlicher Stickerei. Wie eine Königin sollte sie aussehen.
+
+Die Ausstattung der künftigen Wohnung war ein ununterbrochenes Fest.
+Jeder Stuhl und jedes Kissen war eine Freude für sich, und wenn sie
+ein Dutzend Teller kauften, so waren es zwölf Freuden auf einmal. Als
+aber am Abend vor der Hochzeit die Freundinnen zu Hilden in das
+künftige Heim kamen, um die letzte Hand an den Brautputz zu legen,
+siehe, da hatte der treuherzige Handwerksmann die längst versprochenen
+Sitzmöbel noch immer nicht geliefert. Kurz entschlossen setzten sich
+die Mädchen in einem Kreis um Hilden herum auf den Fußboden und
+durchflochten ihr heiteres Werk mit Lachen und Singen.
+
+In einem Gartenlokal am Elbufer sollte die Hochzeit gefeiert werden.
+Nicht umsonst zog es ihn in heiligen Tagen seines Lebens immer wieder
+an diesen Strom; auf seinen Fluten war die Seele des Knaben und des
+Jünglings von je in alle Fernen der Hoffnung gewandert.
+
+Mit Wolken und leisem Regen begann der Hochzeitstag, und auch, als sie
+aus dem Wagen stiegen, regnete es ein wenig. »Es regnet in die
+Brautkrone,« sagte eine abergläubische Verwandte, »das bedeutet
+Glück«. Und dann ward es ein stiller, wolkenloser, in seiner eigenen
+Schönheit seliger Maientag.
+
+Ludwig Semper und Goers der Riese waren Trauzeugen gewesen, und als
+nun Goers, der Gütige, sich zu einem Trinkspruch auf das Brautpaar
+erhob und ihm aus treuem, lauterem Herzen eine Schar von blühenden
+Kindern wünschte, da errötete Hilde wohl, aber nicht in Unwillen,
+sondern in einem wirbelnden Gefühl von Scham und Glück.
+
+Und als sie noch beim bescheidenen Mahle saßen, erklang plötzlich ein
+langer, sanfter Geigenton; die Türen des kleinen Saales taten sich
+auf, wie von Geisterhand geöffnet, und von einem feinen und sauberen
+Streichquartett klang es herein:
+
+ Treulich geführt, ziehet dahin,
+ Wo euch der Segen der Liebe bewahr’!
+ Siegreicher Mut, Minnegewinn
+ Eint euch in Treue zum seligsten Paar.
+
+Und am Pulte des ersten Geigers saß niemand anders als Morieux.
+
+Asmus war aufs freudigste ergriffen von diesem zarten Geschenk; die
+Streicher wurden im Triumph an den Tisch geholt, und als alle genug
+gegessen und getrunken hatten, erhob man sich zum Tanz. Asmus und
+Hilde aber bestiegen den lange schon wartenden Wagen zur
+Hochzeitsreise nach dem Hinterhäuschen in der westlichen Vorstadt.
+
+Als sie an seinem Elternhause vorüberfuhren, neigte er sich ans
+Wagenfenster und sah so lange hinaus, bis das Haus seinen Blicken
+entschwunden war. In diesem Augenblick fuhr ihm wie ein Blitz ein
+künftiges Gedicht durchs Herz, und einige Tage später schrieb er es
+auf.
+
+ _Am Hochzeitstage._
+
+ Laut rollt der Hochzeitswagen durch die Gasse.
+ Wir ruhen drin, zu stillem Glück geeint.
+ Sieh, wie die Sonne glänzt durch Regenwolken:
+ Die Hoffnung lacht – und die Erinn’rung weint.
+
+ So ist’s ein Fest der Wonne wie der Trauer.
+ Ich fühl’s, da neue Liebe mich beglückt,
+ Wie lang genoss’ne, unvergoltne Liebe
+ Mit schwerem Vorwurf meine Seele drückt.
+
+ Der Eltern denk’ ich, der verlass’nen, alten,
+ Und während mich dein Zauber sanft umgibt,
+ Erfaßt es mich mit wehmutsvoller Mahnung,
+ Wie zärtlich sie mich je und je geliebt.
+
+ Sie ließen mich den Traum der Jugend träumen,
+ Leicht schlug mein Herz! – ihr Haupt war sorgenschwer.
+ So zweifle nicht, wenn sich mein Auge feuchtet.
+ Der Sommer prangt; ein Frühling kommt nicht mehr.
+
+ Wie rasch der Wagen rollt! Wir fliegen selig
+ Und zukunftstrunken in die Welt hinaus.
+ Euch Sternen meiner Jugend send’ ich Grüße
+ Ins abendrotumkränzte, stille Haus.
+
+ Verzeiht dem heißen Drang der jungen Seelen,
+ Der euch des vielgeliebten Sohns beraubt.
+ Unsterbliches Gedächtnis eurer Liebe
+ Und Segen über euer greises Haupt!
+
+
+
+
+LVI. Kapitel.
+
+Ein längeres Kapitel, weil darin von einem Leuchtturm, einer
+Nachtigall, einem Kinde, einem Rosenberg und von noch einem Kinde
+berichtet werden muß.
+
+
+Wenn Semper der Ehemann sich einen neuen, herzerquickenden Kunstgenuß
+bereiten wollte, dann lustwandelte er durch seine zwei Stuben, seine
+eine Kammer und seine Küche. Sie schimmerten und flimmerten, daß er
+sich nicht satt schauen konnte, und der phantasievolle Schloßherr der
+bayrischen Königsschlösser konnte mit seinen ungezählten Millionen
+keine tiefere Befriedigung gewonnen haben als der junge Schloßherr in
+der westlichen Vorstadt. Als Knabe hatte er einst geträumt, wenn er
+reich werde, wolle er sich ein großes Schloß bauen mit hohen
+Bogenfenstern und Marmorsäulen und Marmortreppen. Das war nun
+Wirklichkeit geworden, ohne Marmor und Bogenfenster, und doch alle
+Luftschlösser übertreffend. Wenn er auf dem Sofa lag und die Blicke
+über Wand und Decke, Schrank und Bücherbrett wandern ließ, und wenn er
+sich dann den ärmlichen Hausrat des Elternhauses vorstellte, dann
+dachte er: ich bin ein Emporkömmling; mit rasender Geschwindigkeit bin
+ich emporgekommen. Er erinnerte sich, gelesen zu haben, daß innerhalb
+desselben Geschlechtes nach einem Aufstieg mit einer gewissen
+Regelmäßigkeit eine »Decadence« der folgenden Generationen eintrete,
+und mit Wehmut erfüllte ihn der Gedanke, daß spätere Nachkommen von
+ihm gezwungen sein könnten, diese strahlende Höhe wieder zu verlassen.
+Er wußte freilich noch gar nicht, ob er überhaupt Nachkommen haben
+werde.
+
+Nun war aber an seiner ganzen Wohnstatt ganz gewiß nichts Kostbares im
+alltäglichen Sinne, und manche Frau trug in einem Ohrläppchen ein weit
+größeres Vermögen, als dieses ganze Schmuckkästchen mit allem, was
+darin war, gekostet hatte. Was dieser Heimstatt für die Seele des
+jungen Mannes den unnennbaren Glanz gab, das war sein Glück; was ihr
+aber auch für das Auge Schönheit verlieh, das war Hildens Hand. Nicht
+umsonst war sie die Jahre hindurch, als die Mutter krank lag, das
+alles umsorgende, alle betreuende Hausmütterchen gewesen. Und die
+Mutter war wie die Mutter des Goetheschen Gretchens gewesen. »Bei der
+Frau Chavonne kann man vom Fußboden essen,« hatte es bei den
+Nachbarinnen geheißen, und Nachbarinnen sind streng. Diese Tradition
+hielt Hilde aufrecht. Und wie es nun einmal wahr ist, daß die Grazien
+den, den sie lieben, in keiner Lage und zu keiner Stunde verlassen,
+so blieb ihre Anmut ihr auch bei den gröbsten Verrichtungen treu. Und
+sie durfte vor grober Arbeit nicht zurückscheuen; denn fremde Dienste
+konnten sich die jungen Semper nur als seltene Aushilfe gestatten.
+Aber sie dachte auch nicht daran, vor irgendeiner Arbeit
+zurückzuschrecken; in lächelnder Ruhe stand sie über jedem
+beschränkten Hochmut. Arbeit hatte sie geadelt, und sie adelte die
+Arbeit.
+
+Und wenn man nun bedenkt, daß jeden Abend, wenn sie zur Ruhe gegangen,
+die Nachtigall in ihr Geplauder, in ihre Träume, in ihren ersten
+Schlummer sang! Hinter den Fenstern ihres Schlafgemaches standen
+blühende Apfelbäume und andere Bäume, auch ein Goldregen, dessen
+Blüten herabhingen wie goldene Lampen in einem dämmergrünen Dom. Und
+aus einem der Bäume sang Abend für Abend die Nachtigall. Mitten in
+ihrem Liebesgeplauder verstummten sie oft entzückt und sagten: »Hör’
+nur – hör’ nur!« Ja, oft horchten sie fast erschrocken auf; denn es
+hatte geklungen wie eines Menschen weinende, schwellende, verhauchende
+Klage; dann wieder war es wie ein plätschernder Quell, durch den das
+Mondlicht glänzt. Alle Vögel haben ihre wiederkehrende Weise, dachte
+Asmus; nur sie hat immer neue Weisen; nie singt sie zweimal dasselbe;
+sie ist das Genie, dem die Welt immer neu erscheint, das immer Neues
+erkennt und Neues singt. Aller Vogelgesang ist lieblich; aber sie
+allein hat Kraft und Milde, sie allein hat Lust und Tiefe zugleich.
+Darum ist sie die Sängerin der Liebenden. Denn mit Sinnenkraft und
+Herzensmilde die Welt ergreifen, von höchster Geisteswonne bis zu
+tiefen Zuges trinkender Sinnlichkeit die Welt ausmessen: das ist
+Liebe. »Horch,« sagte Asmus, »wie langsam und klagend sie auch ihr
+Lied beginnen mag, immer endet sie mit jubelndem Geschmetter. Sie ist
+eine Optimistin; sie glaubt an das Leben. Glaubst du auch daran?«
+
+Ja, wenn sie bei ihm war, glaubte sie daran; wenn sie allein war,
+konnte sie noch immer nicht fassen, daß das Leben nicht mehr ihr Feind
+sei. Sie konnte noch immer dem neuen Gesicht des Lebens nicht trauen;
+ihr Vertrauen war in einem langen Winter bis auf den Grund gefroren,
+und jahrelangen Sonnenscheins bedurfte es, diesen See wieder bis zum
+Grunde zu erwärmen.
+
+Noch blieb ihnen die Sonne treu. Herrgott, wie es sich arbeitete in
+diesen ewig sonntäglichen Räumen! Und als er eines Mittags aus der
+Schule kam, sah er es Hildens Gesicht an, daß etwas Gutes passiert
+sei.
+
+»Wieviel erwartest du noch vom »Leuchtturm«? fragte sie gespannt.
+
+»Fünfundsiebzig Mark.«
+
+»Er schickt hundert!« Asmus riß den Begleitbrief auf und las: »Es
+entfallen auf Ihren Beitrag eigentlich nur fünfundsiebzig Mark; aber
+wir schicken Ihnen mit Vergnügen hundert, wenn Sie uns bald wieder
+bedenken wollen.« Er schlang Hilden den Arm um die Taille und tanzte
+mit ihr durchs Zimmer. In solchen Augenblicken tanzte er sogar gut.
+
+Fünfundzwanzig Mark wie vom Himmel gefallen! Sie kamen ja noch immer
+so eben, eben aus; aber sie konnten es schon brauchen.
+
+Aber es war doch noch eine ganz winzige Freude, eine wahre
+Lumpenfreude gegen die Freude eines andern Tages, jenes Tages, da sie
+ihm verriet, sie habe sichere Anzeichen dafür, daß sie nicht immer
+allein bleiben würden. Da tanzte er nicht mit ihr, da zog er sie sacht
+auf seine Knie herab und hielt lange, lange ihren Kopf an seiner
+Brust, als müßt’ er sie nun behüten auch vor dem leisesten Leid der
+Welt.
+
+Ja, das Schicksal war ihm in diesen Tagen hold gesinnt, und manchmal
+schon hatte er sich im stillen gefragt, wieviel es ihm abziehen werde,
+und was, und wann? Aber es schien an keinen Abzug zu denken; im
+Gegenteil; es schenkte ihm in dieser Zeit zu allem Glück noch einen
+neuen und echten Freund. Er hatte in einem Lehrerverein einen Vortrag
+über Hamerling gehalten und damit unter anderen den Beifall eines
+jüdischen Lehrers gefunden, der ihm nach dem Vortrag als #Dr.#
+Rosenberg vorgestellt wurde. Asmus fand sofort an dem ganzen Manne ein
+großes Gefallen, an seinem sympathischen Gesicht, an seinem offenen
+und doch bescheidenen und bei aller bescheidenen Zurückhaltung
+dennoch bewußten Wesen, an seinen Interessen und seinen Erlebnissen.
+Rosenberg war Philologe, war in Paris und London gewesen und erzählte,
+wie er in London lange vergeblich seinen Unterhalt durch Stundengeben
+gesucht und wie, als er eines Tages wieder von einem vergeblichen
+Gange heimgekehrt sei und auf dem Rücken eines Buches den Namen
+»Schiller« gelesen habe, bei diesem Namen die Tränen des bittersten
+Heimwehs unaufhaltsam hervorgebrochen seien. Es war der erste Jude,
+mit dem Asmus in nähere persönliche Berührung kam, und diese Begegnung
+war ihm so interessant und erfreulich, daß er den neuen Bekannten
+einlud, ihn zu besuchen. Rosenberg kam; Asmus erwiderte den Besuch,
+und auf die lebendigste Weise erwuchs nun ein Freundschaftsverhältnis,
+das fast alle früheren Freundschaften Asmussens an Dauerhaftigkeit
+übertreffen sollte.
+
+Als Rosenberg zum ersten Male bei Sempers gewesen war und die junge
+Frau Semper nur flüchtig gesehen hatte, da hatte er, wie er später
+gestand, im stillen gedacht: Er hätte doch so jung nicht heiraten
+sollen. Beim zweiten Besuche lernte er ganz anders denken und sah doch
+die junge Frau überhaupt nicht. Und das hatte alles seine guten
+Gründe.
+
+Als Rosenberg seinen zweiten Besuch machte, war es wieder ein
+Maientag, der Tag vor Pfingsten, und in grauender Frühe dieses Tages
+hatte Hilde ihren Gatten geweckt und ihn gebeten, daß er die Wehmutter
+hole. Und dann folgte ein Tag, für Asmus wohl nicht viel leichter als
+für Hilden. Er wanderte in seinem Zimmer rastlos auf und ab, und am
+Nachmittag war er so weit, es laut vor sich hinzusprechen: »Ich will
+lieber kein Kind haben – wenn sie nur nicht mehr zu leiden braucht.«
+Ein furchtbares Gewitter brach los; unmittelbar über dem Hause war ein
+unablässiges Flammen und Krachen, und jeder Schlag traf ihn, weil er
+daran dachte, wie es sie erschrecken müsse. Er hatte ihr angeboten,
+bei ihr zu sein; aber sie wollte mit der Wehmutter allein sein. Und
+erst um 7 Uhr des Abends vernahm er das Schreien eines Kindes; Isolde
+Semper war zur Welt gekommen. Als die Wärterin der jungen Mutter das
+Kind zeigte, rief sie: »O, das ist ja Mutter Rebekka!« und sank in die
+Kissen zurück.
+
+Auf den Fußspitzen war Asmus hereingekommen; er beugte sich über sie
+und küßte sie leise, leise auf die Stirn. Sie schlug die Augen auf,
+große, feuchte Augen und hauchte: »Du armer Mann, jetzt kann ich nicht
+für dich sorgen.«
+
+»Du närrischer Engel,« flüsterte er, »willst du gleich schweigen und
+schlafen?« und küßte ihr die Augen zu. Aber sie öffnete sie wieder und
+sah ihn an mit einem Blick voll übermenschlichen Glücks. Dann hob sie
+behutsam die Decke von dem Kindlein, das in ihren Armen lag.
+
+»Sieht sie nicht ganz aus wie Mutter Semper?« flüsterte sie. Er nickte
+»Ja«, obwohl er nichts dergleichen sah; er dachte nicht an das Kind:
+er dachte nur an sie. Die weise Frau versicherte ihm, daß alles gut
+verlaufen sei; da schlich er hinaus, nahm seinen Hut und ging auf die
+Straße. Er mußte Himmel über sich sehen.
+
+Als er nach einer halben Stunde heimkehrte, war Rosenberg dagewesen.
+Die junge Mutter hatte jemand kommen hören, hatte vernommen, wer es
+sei, und der Wärterin gesagt: »Sorgen Sie bitte dafür, daß der Herr
+eine Erfrischung bekommt.« Und Rosenberg erfuhr von der Wärterin, daß
+die junge Frau Semper vor kaum einer Stunde Mutter geworden sei und
+daß sie selbst den Trunk für ihn befohlen habe. Da dachte er: »Das muß
+eine seltene Frau sein.« Nie vergaß er ihr diesen Trunk, und schon bei
+einem nächsten Besuch, als sie selbst ihn bewirtete, dachte er: »Er
+hat keineswegs zu früh geheiratet.«
+
+In den folgenden Wachen und Monaten kam Asmussen seine Erziehung durch
+die Tabakstube, wo er unter unablässigen Gesprächen und Geräuschen die
+subtilsten Sachen studiert hatte, vorzüglich zustatten. Denn die
+Stimme Isoldens war vernehmlich und ausdauernd. Sie vollbrachte
+Leistungen, gegen die die Partie der Wagnerschen Isolde als Episode
+erscheint. Aber das störte ihn nicht. Er gehörte nicht zu den
+geistigen Arbeitern, die auf eine Meile im Umkreis Asphaltpflaster und
+Strohschütten brauchen. Der Platz vor seinem Hause war ein beliebter
+Spielplatz der ganzen nachbarlichen Kinderschar, und er schloß das
+Fenster nicht, wenn ihr Geschrei hereinklang; denn es war ihm wie ein
+fröhlicher Gruß des Lebens, das zum Wirken und Schaffen rief. Auch
+besaß er im Notfall noch immer die Kraft, eine Mauer um sich zu bauen;
+wenn er nicht wollte, so hörte er selbst Isolden nicht. Auch als
+Dichter gehörte er nicht zu denen, die nur auf persischen Teppichen
+und vor perlgrauen Seidentapeten dichten können, und die mancherlei
+kleinen Banalitäten, die ein enger Haushalt unweigerlich mit sich
+bringt, die selbst einer Hilde Hand nicht immer zu bannen vermag,
+verstimmten nicht sein Saitenspiel. Er verstand es so gut, daß
+Schiller in einem Zimmer, das nichts als einen halben Tisch, einen
+Stuhl und eine Schütte Kartoffeln enthielt, die »Louise Millerin«
+schreiben konnte. Was mußte das für ein Dichter sein, der die
+Ausstattung seines Zimmers, der seine Gesellschaft nicht jeden
+Augenblick selbst beschaffen, der nicht jeden Augenblick seine Zelle
+in das Boudoir der Lady Milford oder in den Hafen von Genua verwandeln
+konnte?!
+
+Und so erzog er in unbekümmertem Frohsinn neben der kleinen Isolde
+noch ein zweites, stilleres Kind, sein erstes Buch. Unbekümmert war
+dieser Frohsinn freilich nur in Hinsicht der äußeren Störungen; was
+die inneren Hemmnisse anlangt, war es ein oft unterbrochener Frohsinn.
+Nie hat jemand besser den Künstler beschrieben als Goethe, da er die
+liebende Seele beschrieb: »himmelhoch jauchzend – zum Tode betrübt«.
+Der Künstler wäre kein Künstler, der nicht himmelhoch jauchzte über
+ein gelungenes Werk und der nicht zum Tode betrübt sein könnte über
+dasselbe Werk. Und als ihn nun gar die Banalität der Druckkorrekturen
+überfiel, als er seine eigenen Verse immer wiederkäuen mußte, da
+übermannte ihn ein tiefes Verzagen. Aber Rosenberg riß seinen Mut
+wieder empor; Rosenberg war begeistert von diesen Versen. »Ich lege
+meine Hand dafür ins Feuer, daß Sie Anerkennung finden werden«,
+prophezeite er. Und wirklich fanden die »Gedichte« von Asmus Semper,
+als sie endlich erschienen waren, die freundlichste Aufnahme; denn da
+die Lyrik nichts einbringt, so erfährt sie oft eine sehr wohlwollende
+Beurteilung.
+
+
+
+
+LVII. Kapitel.
+
+Fängt fröhlich an und endet traurig; das Schicksal fordert seinen
+Zoll.
+
+
+Zu allen diesen Freuden schenkte das Schicksal, das ihn verziehen zu
+wollen schien, unserm Asmus noch eine sonnige Weihnacht. Schon zur
+vorigen Weihnacht hatte er die bisherige Ordnung der Dinge auf den
+Kopf gestellt und seinen Eltern den Tannenbaum geschmückt; diesmal, da
+er wieder ein feistes Honorar von siebzig Mark errungen hatte, sollten
+sie das zu essen bekommen, was in seinem Elternhause immer als das
+Weihnachtsgericht der Reichen gegolten hatte: Karpfen! Und Weißwein
+sollte dazu getrunken werden, ja Weißwein! Unmittelbar vor der
+allgemeinen Bescherung aber winkte Hilde ihren Gatten auf die Seite,
+zog ihn ins andere Zimmer, schlang die Arme um seinen Hals und
+flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn du lieb bist, hab’ ich noch ein
+besonderes Geschenk für dich – freilich noch nicht heute.« Er sah ihr
+mit jähem, frohem, fragendem Staunen ins Gesicht.
+
+»Ja??!«
+
+Sie nickte eifrig.
+
+»Wann denn?«
+
+»Ich denke, im Juli oder August.«
+
+Da küßte er sie unzählige Male und zog sie in das Weihnachtszimmer und
+war, noch bevor er den Weißwein genossen hatte, so trunken, daß er die
+Lichter des Tannenbaumes nicht doppelt, nein siebenfach, nein
+hundertfach sah.
+
+Rebekka Semper fand den Karpfen köstlich, fand überhaupt, daß Hilde
+eine »gebor’ne Köchin« sei, und Ludwig Semper lächelte sein stillstes
+und innigstes Lächeln, als habe er den Weg zurückgefunden zu den
+strahlenden Tannenbäumen seines Elternhauses. Er sprach mit Asmus von
+dessen Gedichten und nannte die, die ihm besonders gefallen hatten,
+und obwohl eines Vaters Beifall zu den Werken seines Sohnes vor der
+Welt keinen Klang hat, so wußte Asmus doch, daß ihm nie ein schönerer
+Lorbeer gedeihen könne als dieses schweigsamen Mannes Lob und Lächeln.
+Diesem großen und stillen Herzen zu gefallen, das war ein großer und
+stiller Ruhm. Aber nur ein Semper konnte das wissen.
+
+Ludwig Semper war aufgeräumt und gesprächig wie seit langem nicht; er
+erzählte, wie Asmus einst mit kleinen Kinderschrittchen neben ihm über
+die Wiese getrippelt sei und gerufen habe: »O Vater, hier ist es
+gerade so wie dein Geburtstag!« wie der Kleine unzählige Male an
+seinen Arbeitstisch gekommen sei und ihm nach Wunsch aus dem
+»Freischütz«, aus der »Nachtwandlerin« und wohl aus zwanzig andern
+Opern vorgeblasen, was er aufgefangen habe, ja, Ludwig Semper stieg
+weit in die eigene Kindheit hinab und sprach von seinem Vater, dem
+Kaufmann Carsten Semper, auf dessen Diele jeder Besucher Schinken
+essen und Kornschnaps trinken konnte, ohne zu bezahlen, und von dem
+Tage, da der Justizrat quer über die Straße auf seinen Vater
+zugelaufen kam und rief: »Wissen Sie schon, Herr Semper, Goethe ist
+tot!« Es war wie Sammlung und Rückblick in diesen Reden Ludwig
+Sempers; aber die Seinen merkten es nicht. Wohl war ihnen aufgefallen,
+daß er die Speisen kaum berührt hatte, selbst die Karpfen nicht; aber
+da er ihre Besorgnis mit Lachen zurückwies, so hatten sie sich
+beruhigt. Freilich hatte Frau Rebekka erklärt, daß er schon länger an
+Appetitlosigkeit leide und daß sie ihn »natürlich« nicht zum Arzt
+kriegen könne.
+
+Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage besuchte, hörte er, daß sein
+Vater sich von der Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach Hause
+geschleppt habe. »Ich werde den Weg nicht wieder machen können,« sagte
+Ludwig Semper mit wehmütigem Lächeln. »Ei was!« rief Asmus, »dann
+holen wir euch einfach in der Droschke; wir haben’s ja!« Und er dachte
+sich, welch eine Lust es sein werde, die »Alten« im Triumph
+einzuholen, zu Wagen, wie ein Fürstenpaar! Und noch einmal ging er
+beruhigt heim.
+
+Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater zum Schlimmen verändert. Er
+konnte nicht mehr arbeiten, saß in seinem alten Lehnstuhl und mochte
+nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war grau geworden, und wie Frau
+Rebekka mit Kümmernis erzählte, schlief er den größten Teil des Tages.
+Sein Appetit war nicht zurückgekehrt.
+
+Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal davon. Sollte das Schicksal –?
+Nein, einen so harten Zoll konnt’ es nicht fordern; so grausam konnt’
+es sein Glück nicht verkürzen wollen! Ja, wenn es ein achtzig-,
+neunzigjähriger Greis wäre, dann müßte man sich mit der Notwendigkeit
+versöhnen. Aber mit siebenundsechzig Jahren konnte das Schicksal
+diesen Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann nicht! Selbst völlig
+fremde Menschen mußten dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als Asmus
+vor nicht langer Zeit im Lehrerverein geredet und die Kunst als
+Erzieherin proklamiert hatte und auch sein Vater als Gast zugegen
+gewesen war, da hatte die Versammlung dem Redner ein Hoch gebracht.
+Gleich darauf aber hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen:
+»Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn ich in dem ehrwürdigen Manne, der
+unserm Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.« Und dann hatte
+er mit kühner, launiger und geschickter Psychologie aus dem Wesen des
+Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und hatte diesen Vater
+gefeiert, und mit brausendem Hurra hatte die Versammlung ihm
+zugestimmt. Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt und hatte
+gesehen, wie er sich freute, und daß dieser Mann, der sein ganzes
+reiches Pfund in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun doch einmal
+vor aller Welt die Ehren genoß, die ihm gebührten, das war doch von
+allen Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen.
+
+Und sollte das die letzte große Freude im Leben Ludwig Sempers gewesen
+sein? Nein, nicht die letzte.
+
+Als Asmus wieder nach Oldensund kam, waren Hilde und die kleine Isolde
+mit ihm. Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, saß er schlafend
+im Lehnstuhl; er erwachte auch nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten
+Herzens hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem Weinen berichtete.
+Er schlafe fast den ganzen Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und
+verstehe oft gar nicht, was man zu ihm sage. Während sie noch sprach,
+öffnete der Kranke die Augen; immer weiter öffnete er sie, bis sie so
+groß und freundlich waren wie in seinen besten Tagen.
+
+»Wem gehört das allerliebste Kind?« fragte er leise, mit frohem
+Staunen.
+
+Sie sagten ihm, daß es ja Isolde sei, Asmussens und Hildens Kind und
+seine eigene Enkelin.
+
+Da verbreitete sich noch einmal von diesen Augen aus über das ganze
+Gesicht des Leidenden das große, unerschöpflich gütige Lächeln, das
+über Asmussens ganzer Kindheit wie eine treulich wiederkehrende Sonne
+geleuchtet hatte, und dann schlossen sich die Augen wieder, und der
+Kranke war wieder entschlummert.
+
+Die Besucher schlichen hinaus, und draußen nahm Asmus seine Mutter auf
+die Seite und fragte: »Was sagt denn der Arzt?«
+
+Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten: laut jammernd rief sie: »Ach
+Gott, der schreckliche Mensch sagt, es wäre vielleicht Magenkrebs, –
+ich werd’ ja verrückt, wenn ich bloß daran denke!«
+
+Das machte Asmus vom Kopf bis zu den Füßen erstarren. Über all seine
+Befürchtungen hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es werde
+vorübergehen. Dieser Schlag betäubte ihn. Aber nur für einen
+Augenblick. Er schickte Hilden und das Kind nach Hause und rannte zum
+Arzt.
+
+»Ja,« sagte der, »alle Anzeichen sprechen dafür. Ich habe keine
+Magensäure gefunden, das ist das sicherste Symptom.«
+
+»Herr Doktor,« stammelte Asmus, »Sie dürfen mir nicht zürnen, – Sie
+sind ja auch nur ein Mensch, – Sie müssen sich in meine Lage
+versetzen, – es ist mein Vater, – würden Sie es mir übelnehmen, wenn
+ich noch einen zweiten Arzt befragte?«
+
+»Durchaus nicht,« versetzte der Arzt, »Sie machen sich freilich
+unnötige Kosten; aber wenn es Sie beruhigt –«
+
+Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der ihm als besonders tüchtig
+empfohlen war. Der ließ ihn kühl an. Wer denn seinen Vater behandle?
+
+Der Doktor Soundso.
+
+Ja, das sei ja ein sehr tüchtiger Arzt. Er wisse nicht, was er da
+solle.
+
+Asmus flehte ihn an, er möchte doch kommen.
+
+»Nun ja, ich kann ja hinkommen.«
+
+Und Asmus ging mit neuer Hoffnung: Der wird vielleicht zu einem
+anderen Ergebnis kommen.
+
+Als er andern Tages ins Elternhaus kam, war der zweite Arzt noch nicht
+dagewesen. Der Kranke aber delirierte und konnte nur mit größter Mühe
+im Bette festgehalten werden. Da kam Asmussen der Gedanke: Ins
+Krankenhaus. Hier, in diesen ärmlichen, beschränkten Verhältnissen
+konnte ja der Vater nicht gepflegt werden wie im Krankenhause, und
+wenn eine Operation nötig war, mußte er doch dorthin. Und dort waren
+die besten Ärzte. Er besorgte die Aufnahme ins Krankenhaus, nahm eine
+Droschke und fuhr vors Elternhaus. Nun holte er seinen Vater in der
+Droschke! Aber nicht im Triumph, ach Gott, nicht im Triumph!
+Ohnmächtig lag ihm sein Vater im Arm wie ein Kind, und als er so mit
+seinem Vater im Wagen allein war, rannen seine Tränen unaufhörlich.
+Als er den Vater endlich wohlgebettet sah, eilte er zum Arzt des
+Krankenhauses und erstattete ihm Bericht über den Kranken. Dieser Arzt
+war ein feiner und milder Mann; er hörte den Sohn, aus dessen Worten
+er wohl die fliegende Angst des Herzens vernahm, mit großer Teilnahme
+an und entließ ihn mit neuer Hoffnung. Nun kann noch alles gut werden,
+dachte Asmus. Dieser Arzt ist ein vortrefflicher Mann, und im
+Krankenhause hat man alles zur Hand, was man zur Pflege eines schwer
+Erkrankten braucht.
+
+Andern Mittags, als er aus der Schule heimkam, war sein erstes Wort:
+
+»Ist Nachricht vom Krankenhause da?«
+
+»Ja,« sagte Hilde ernst, »der Bote war hier.«
+
+»Und?« rief er begierig.
+
+»Du weißt es doch schon, nicht wahr?« sprach Hilde sanft. Er starrte
+sie an. »Ist er –?« Er brachte das Wort nicht heraus.
+
+Sie nickte stumm und legte den Arm um seinen Hals. Er aber fiel mit
+einem einzigen, lauten Aufschluchzen in die Sofaecke.
+
+Das also hatte er mit allen Mühen und Ängsten erreicht, daß sein Vater
+nun einsam gestorben war. Zwar: Ludwig Semper war nach dem Bericht
+der Wärter nicht wieder zum Bewußtsein erwacht, und morgens um zwei
+Uhr war er gestorben. Aber wenn er nun doch noch einen lichten
+Augenblick gehabt und wenn er Weib und Kinder gesucht hatte – mit
+diesem Gedanken zerfleischte sich Asmus das Herz, während er durch die
+Straßen rannte und die Formalitäten für die Bestattung erledigte.
+Dabei lief er oft stundenlang durch Gegenden, in denen er nichts zu
+suchen hatte; er wußte nicht, womit er sonst seine Zeit ausfüllen
+sollte.
+
+Als er dann an der Bahre seines Vaters stand und den starren,
+tränenlosen Blick auf das weiße Haupt des Toten heftete, da mußte er
+unaufhörlich denken: König Lear – König Lear. Dieser Mann hatte nicht
+aus Torheit ein Kind verstoßen, war kein Tyrann gewesen – und war
+seine Liebe vergolten worden, wie sie’s verdiente? Die Liebe eines
+Vaters kann man nicht vergelten, dachte er; jeder Vater ist ein König
+Lear. Und als er seine arme, gebeugte Mutter sah, als er daran dachte,
+daß ihre Kinder von ihr gegangen waren und das beste Teil ihres
+Herzens an andere gegeben hatten, da fügte er hinzu: und jede Mutter
+ist eine Niobe.
+
+Er riß sich gewaltsam empor aus seinem Brüten und sah sich um. Von
+seinen Freunden war nur einer erschienen: #Dr.# Rosenberg. Und das war
+die erste Freude in all diesem Leid.
+
+Als er am Grabe stand, war es wieder wie immer; er konnte nicht
+weinen. Er dachte, was müssen die Menschen von dir denken, daß du am
+Grabe deines Vaters ohne eine Träne stehst. Aber als er das dachte,
+konnte er um so weniger weinen. Er hatte seit jenem Aufschluchzen in
+Hildens Armen nicht geweint; auch als er heimgekommen war, weinte er
+nicht. Erst am Abend des folgenden Tages, als Hilde zu einer Besorgung
+das Haus verlassen hatte und er allein an seinem Schreibtisch saß,
+legte er den Kopf in den Sessel zurück und weinte, weinte unaufhaltsam
+wie ein kleines Kind, das im Gewühl und Gedränge der Menschen die Hand
+des Vaters verloren hat.
+
+
+
+
+LVIII. und letztes Kapitel.
+
+Asmus bekommt einen Preis, einen Wolfram und eine Weltanschauung, und
+da dies dem Verfasser genug dünkt, übrigens auch die Weltanschauung
+den Mann macht, so schließt er diese Geschichte eines Jünglings.
+
+
+Warum suchte denn Asmus in diesen schweren Tagen nicht Trost bei seiner
+Hilde? Wer am Schlusse dieses Buches noch so fragen würde, der würde das
+Wesen von Ludwig Sempers Sohn nicht ganz verstanden haben. Leute wie
+dieser Asmus können den Trost nicht bei anderen, sondern immer nur in
+sich selbst finden, und wenn sie auf den Trost anderer hören, so ist es,
+weil sie ihn schon in sich selbst gefunden haben. Zunächst suchte er
+auch keinen Trost; er wühlte vielmehr in seiner Wunde. Nicht alle
+Menschen rufen im Schmerze sofort nach Linderung wie das Kind nach dem
+Schnuller. Er fand es recht und gut, daß er litt, wo sein Vater so
+schwer und so lange geduldet hatte; er bildete sich nicht ein, ein
+Anrecht auf ein schmerzloses Dasein zu haben, wenn solche Menschen
+litten. Dann aber, als er sich recht in Ruhe und Einsamkeit sattgeweint
+hatte, trat seine angeborene Philosophie wieder in ihr Recht: Mit
+unabänderlichen Tatsachen nicht zu hadern und den Kampf des Lebens in
+Hoffnung und Vertrauen immer wieder aufzunehmen. War es doch inzwischen
+eine Hoffnung und ein Vertrauen geworden, die weit über den Kreis eines
+Einzeldaseins hinausreichten.
+
+So oft er auch an den frühen Hingang seines Vaters mit Schmerzen
+gedenken mochte – er konnte dessen auch in weit, weit späteren Jahren
+nur mit tiefer Wehmut gedenken – dieser Verlust gehörte, als er mit
+ihm abgeschlossen hatte, nicht mehr zu den Dingen, die sein Wirken und
+seine Entwicklung hemmen konnten. Er hätte auch keine Zeit gehabt zu
+melancholischen Meditationen; er erfuhr wieder einmal den Fluch und
+den Segen der Armut. Er hatte schließlich doch einsehen müssen, daß
+1800 Mark und selbst 2000 Mark nicht ausreichten, wenn man Eltern
+davon unterstützen und außerdem drei Menschen erhalten wollte, von
+denen zwei doch etwas mehr verlangten als Stillung des Hungers. Und
+seine Schriftstellerei war noch ein völlig unsicheres Brot; Arbeiten,
+die ihm später mit Kußhand abgenommen wurden, mußte er in diesen
+Jahren wie saures Bier an Dutzende von Blättern vergeblich ausbieten.
+Dazu stand die Geburt des zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg,
+der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht lesen mochte, hatte ihm in
+zartester Weise seine Hilfe angeboten; »ich verdiene weit mehr, als
+ich brauche,« hatte er gesagt, »und ich bin froh, wenn ich mein Geld
+so gut anwenden kann.« Aber Asmus hatte vorläufig mit Dank und Rührung
+abgelehnt. Er wußte, daß dieser Mann ihn niemals drängen würde; aber
+er hatte vor Schulden ein tiefes Grauen; sie waren das einzige
+gewesen, das die heiter gütige Seele seines Vaters verbittern konnte.
+So griff er denn zu einer Häufung der Privatstunden; er bereitete
+Lehrer und Lehrerinnen auf das zweite Examen vor. Die Nachbarinnen
+steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Was tun denn die jungen
+Damen immer bei Herrn Semper?« Dann sagte der Hauswirt: »Sie lernen
+bei ihm das Dichten.«
+
+Es war ein Glück, daß ihm in seiner regelmäßigen Tätigkeit eine große
+Wohltat geschehen war. Er war nun schließlich doch versetzt worden,
+und an dem Leiter dieser neuen Schule erkannte Asmus so recht, wie
+unsere Worte und Handlungen das Gesicht der Persönlichkeit tragen, aus
+der sie fließen. Auch dieser Chef legte zuweilen auf kleine Dinge
+einen Wert, der ihnen nicht zukam; aber er war ein jovialer Gentleman,
+der in seinen Kollegen bis zum Beweise des Gegenteils Gentlemen
+erblickte, und so bedeuteten alle Kleinigkeiten nichts auf dem großen
+Grunde des gegenseitigen Vertrauens. Kein Mißton trübte das Verhältnis
+zwischen diesem Manne und dem renitenten Herrn Semper.
+
+Und als er eines Mittags von diesem freieren und froheren Dienste nach
+Hause kam, da sah er an Hildens Gesicht, daß etwas Ähnliches geschehen
+sein müsse, wie damals mit den hundert Mark vom »Leuchtturm«, aber
+etwas noch weit Froheres. Auf ihrem schönen Gesicht, das ihm einst nur
+für den Ernst und die Trauer geschaffen schien, zuckten tausend
+Lichter des Frohsinns, und in ihrer Hand hatte sie einen Brief.
+
+»Du darfst nicht böse sein!« rief sie, »ich konnt’ es nicht aushalten
+– ich hab’ ihn geöffnet, als ich sah, woher er kam! Da lies selbst!«
+
+Er las, und als er gelesen hatte, wollt’ er sie wieder umarmen und mit
+ihr tanzen; aber nein – das durfte sie ja nicht! Da drückte er ihr
+Gesicht mit beiden Händen und zerknüllte dabei den Brief und dessen
+Inhalt vollständig und küßte sie, bis ihr der Atem verging; aber er
+mußte doch tanzen, er mußte tanzen, und er umarmte einen Stuhl und
+tanzte mit dem durch beide Zimmer.
+
+In einer süddeutschen Stadt gab es eine Schillerstiftung, die von Zeit
+zu Zeit an Versdichter einen Schillerpreis von 200 Mark verteilte.
+Dieser Preis war nun den »Gedichten von Asmus Semper« zuerkannt
+worden.
+
+Als er den Brief noch einmal gelesen und die beiden Hundertmarkscheine
+geglättet und genau betrachtet hatte, ob es auch richtige Banknoten
+und nicht etwa Ehrendiplome oder dergleichen wären, da drehte er sich
+auf einem Beine mehrmals um sich selbst. Aber plötzlich hielt er inne,
+ließ sich auf einen Stuhl fallen und wurde tiefernst. Und Hilde kniete
+zu ihm nieder und sagte:
+
+»Ich weiß, was du denkst!«
+
+»Ja, Hilde? Weißt du das? – Hilde! Wenn _er_ das noch erlebt hätte!
+Mein Gott, wenn _er_ das noch erlebt hätte! Das wäre ihm wie eine
+Krönung seines Lebens gewesen.« – – –
+
+So wenig sich Frau Hilde in den Gedanken ihres Mannes verrechnet
+hatte, so sehr hatte sie sich in der Zeit ihrer Erwartung verrechnet.
+Einen vollen Monat später, als sie gehofft, erschien das zweite Kind;
+dafür aber war es ein richtiger Junge. Der junge Herr Wolfram schrie
+genau so kraftvoll wie seine Schwester.
+
+Als Asmus seinem Freunde Rosenberg die Nachricht brachte, da rief der:
+»Nun, da muß man wahrhaftig sagen: Ein volles Glück! Mensch, Sie sind
+ein Liebling der Götter! Sie haben ein herrliches Weib, eine Tochter,
+einen Sohn und alle sind gesund, und Sie haben Glück und Freude _an_
+Ihrer Kunst und _in_ Ihrer Kunst! Bei Gott, ein volles Glück, ein
+volles Glück!«
+
+Er sprach es ohne Neid, obwohl ihm selbst eine frühe Hoffnung
+verhagelt war.
+
+Und doch ahnte der Freund bei weitem nicht den ganzen Umfang von
+Sempers Glück; er _konnt’_ es nicht kennen in seiner ganzen Fülle.
+Asmus hatte in den letzten Monden Kämpfe durchgerungen, von denen
+niemand wissen konnte. Er hatte für seinen frohen, hoffenden Glauben
+an das Leben nach einem tieferen und festeren Grunde gesucht und hatte
+ihn gefunden, für viele Jahre wenigstens gefunden.
+
+Wenn selbst ein Faust ausrief:
+
+ O glücklich, wer noch hoffen kann,
+ Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!
+
+und wenn Asmus dennoch hoffte, so fragte er sich: »Bin ich ein
+Wagner?« Nein, ein Wagner war er nicht, das durfte er sich zuerkennen.
+Nur in halbkindlichen Jahren hatte er geglaubt, daß ein Mensch viel
+wisse und daß er alles wissen könne. Auch war er nie so gemein
+gewesen, die Welt für vortrefflich zu halten, weil es ihm gut erging.
+Aber doch hatte er sich die Harmonie der Welt schon in engeren
+Kreisen, ach, schon im Bezirk eines Einzellebens vollendet gedacht.
+Daran war er irre geworden und hatte nun die Landmarken seiner
+Hoffnung weiter gesteckt, in die Jahrhunderttausende, in die
+Jahrmillionen hinein. Auf diesem langen Wege bedurft’ es eines starken
+Glaubens, nein, eines starken Wissens, und das hatte er gefunden.
+Nicht nur die unmittelbare Gewißheit des Sittengesetzes war ihm
+aufgegangen, er fühlte auch unmittelbare Gewißheit im Denken und im
+Schaffen, und er nannte dies Gefühl, das die Entwicklung des Menschen
+begleitet, das Richtungsgefühl. Trotz aller Schuld, alles Irrtums und
+alles Mißlings weiß der Mensch, in welcher Richtung Ausgang und Ende
+des Entwicklungsstromes liegen; in seiner Brust ist ein Magnet, der
+trotz allen Zitterns und allen Abirrens den Weg zur Vollendung weist.
+
+An einem köstlich milden Septemberabend, als er mit der froh genesenen
+Hilde am Fenster saß und noch ein letzter Hauch der Sonne auf den
+Bäumen lag, sprach er zu ihr:
+
+»Ich hab’ was geschrieben – willst du’s hören?«
+
+Mit der Freude eines Kindes ergriff sie seine Hand und drückte sie an
+ihr Herz und ließ sich dann zu seinen Füßen nieder. Er entfaltete ein
+Blatt und las:
+
+ _Chidhr._
+
+ Ein wunderbarer Traum hat mich besucht.
+ Ich saß an eines Berges Hang und schaute.
+ In einer flüchtigen Minute Raum
+ Gedrängt, den Daseinswechsel langer Zeiten.
+ Im Tal zu meinen Füßen sah ich Blumen
+ Auf Blumen sich erschließen und vergehn,
+ Sah’ Bäum’ und Sträucher keimen ich und sprossen
+ Und wachsen, blühen, welken und vermodern,
+ Und sah ich Menschen von der Wiege bis
+ Zum Sarg des Lebens kurzen Tag durchwandeln.
+ Ich sah sie lachen, weinen – weinen, lachen,
+ Sah sie verzweifeln, hoffen und – verzweifeln,
+ Sah, wie das Glück dem Unglück reicht die Rechte,
+ Wie Unglück seine Rechte reicht dem Glück
+ In ewiger Kette.
+
+ Namenlose Trauer
+ Sank mir mit schweren Schatten in die Seele.
+ »Wann endlich,« dacht’ ich, »sinnlos-blödes Spiel,
+ Wirst du dich enden? Auf und ab und auf
+ Wiegt seit Äonen sich die Lebensschaukel
+ – Auf einer Seite staunend sitzt das Leben,
+ Und auf der andern grinsend wippt der Tod –
+ Und auf und ab, stumpfsinnig, wird die Wippe
+ Durch Ewigkeiten gehn. Wo lebt der Gott,
+ Den dieses grause Einerlei vergnügt?
+ Der ärmste Menschengeist, er hätte längst
+ Voll Überdruß und Ekel dieses Spielzeug
+ Zertrümmert –!«
+
+ Wie ich also bei mir dachte,
+ Sah ich am Boden plötzlich einen Schatten –
+ Ich hob den Blick, und einen Jüngling sah ich
+ Mit himmelsheit’rer Stirn, wie junge Rosen
+ Der frohe Mund, das Auge sonnentief.
+ Er hob den Arm und winkte freundlich »Komm!«
+ »Wer bist du?« rief ich. Er drauf: »Chidhr bin ich,
+ Der Grüne, Ewigjunge, der im Lande
+ Der Finsternis des Lebens Quellen hütet.
+ Komm, folge mir.«
+
+ Und Falterflug des Traumes
+ Entführte mich auf lautlos dunklen Schwingen
+ In eine schreckendüstre Felsenwelt.
+ Doch sieh, aus tiefem Spalt granit’ner Berge
+ Sprang bläulich silbern einer Quelle Strahl,
+ Der wie ein ewig junges Lachen klang.
+ Und Chidhr sprach: »In hundert Jahren furcht
+ Der ruhlos rege Quell sein hartes Bette
+ Um eines Fingers Breite. Alexander,
+ Den bis nach Indien trug der Siegeswagen,
+ Stand einst wie du an diesem Lebensquell.
+ Seit jenem Tage grub der Silberstrang
+ Um einen Fuß sich tiefer ins Gestein.
+ Und einst wird diese Quelle im Verein
+ Mit ihren Schwestern diese Felsen wandeln
+ In ein begrüntes Tal, wie du’s verlassen.
+ Hier maß der göttergleiche Alexander
+ Sein Werk und seinen Ruhm am Maß der Welt
+ Und ging von diesem Ort zerstörten Herzens.
+ Und du, der schwach und klein ist bei den Menschen,
+ Kannst, wenn du willst, ein Gott von hinnen geh’n.
+
+ Wohl ihm, dem Freude sprüht aus dieser Quelle,
+ Wohl ihm, der ihr geheimes Lied versteht.
+ Wohl bleichen ihm die Lichtlein, die den Pfad
+ Ihm durch ein enges Leben schwach erhellten,
+ Die Lichtlein Ruhm, Unsterblichkeit und Macht.
+ Doch hinter weltenweiten Finsternissen
+ Geht eine Sonn’ ihm auf, die alle Sonnen
+ Und Sonnenchöre selig überstrahlt.
+ Er fühlt, wie klein der Mensch, und fühlt, wie groß,
+ Wie unbegreiflich schön, wie über alles
+ Verdienst und Ahnen göttlich sein Beruf,
+ Und aus dem Klang der Quelle trinkt sein Herz
+ Zwei Kräfte wundersam: Geduld und Sehnsucht.
+ Geduld, die heiß und tief verlangt, und Sehnsucht,
+ Die sich am Glanz des Zieles still getröstet.
+
+ O Menschen, habt Geduld, und tut es nicht
+ Den Kindlein gleich, die in den Boden kaum
+ Den Samen senkten und nach Blumen schon
+ Und reifen Früchten späh’n! Taucht die Gedanken
+ Ins märchengraue Alter dieser Welt
+ Und steigt empor dann und erkennt, daß gestern
+ Der Mörder Kain seinen Bruder schlug.
+
+ Du dachtest recht, mein Freund: wär’ diese Welt
+ Ein Einerlei, die Macht, die sie erschaffen,
+ Sie hätte längst zerstört ihr blödes Spiel.
+ Doch sieh, soweit in diesem Reich des Lebens
+ Die Wasser wandern, hat noch nie ein Quell,
+ Noch nie ein Strom den Weg zurückgenommen –
+ So glaube: auch der Strom des Lebens nicht.
+ »Vorwärts zum Licht!« das ist der Sinn der Quellen,
+ »Vorwärts zum Licht!« das ist der Ströme Sinn,
+ Die deine Seele, deinen Leib durchrinnen.
+ Er, der die Welt gewollt und dessen Namen
+ Kein endlich Wesen nennen darf noch kann,
+ Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen
+ Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s _wißt_!«
+
+ So sprach der Ewigjunge. Oder sprach’s
+ Der Quell? Im Silberklange rann zusammen,
+ Was Chidhr sprach und was die Quelle sang.
+ Und Falterflug des Traumes hob mich lautlos
+ Von dannen, und vom Tageslicht geblendet,
+ Erwacht’ ich jäh.
+ Am Waldesrand erwacht’ ich,
+ Wo singend aus dem Fels die Quelle springt,
+ Wo Morgenlicht von tausend Himmeln floß.
+
+Sie nahm Ihm leise das Blatt aus der Hand und suchte darin eine
+Stelle, und als sie sie gefunden hatte, sprach sie langsam und leise:
+
+ Er, der die Welt gewollt und dessen Namen
+ Kein endlich Wesen nennen darf noch kann,
+ Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen
+ Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s _wißt_!
+
+Wie immer hatte sie ihn verstanden. Und als sie nun die dunklen Augen in
+heiligem Ernste zu ihm erhob, und als sein froher Blick in diese Augen
+selig versank, da sprach Asmus Semper in seinem Herzen:
+
+»Ein volles Glück – bei Gott, ein volles Glück.«
+
+
+ +Ende.+
+
+
+ * * * * *
+
+
+Von demselben Verfasser erschien im gleichen Verlage:
+
+
+ +Asmus Sempers Jugendland+
+
+ Der Roman einer Kindheit
+
+ 86. bis 100. Tausend
+
+ Brosch. M 3.50, geb. M. 4.50
+
+ 100. Tausend Jubiläumsausgabe in Leder geb. M. 10.–
+
+
+Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in fremde Sprachen,
+vorbehalten
+
+#Published on the 19th of March 1908. Privilege of copyright in the
+United States of North America reserved under the act approved March 3,
+1905, by Otto Ernst.#
+
+ * * * * *
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen.
+
+Die Werbung für »Asmus Sempers Jugendland« von Otto Ernst wurde vom
+Anfang des Buches an das Ende verschoben.
+
+Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
+
+ S. 154: [Bindestrich entfernt] aus-dem Märchen -> aus dem Märchen
+ S. 287: In Amus wirbelte -> In Asmus wirbelte
+ S. 363: [Anführungszeichen nach ‘Sie’ ergänzt] »Meinetwegen
+ sag’ ‘Sie’«
+ S. 375: [‘ durch » ersetzt] ‘Werter Herr Semper«
+ -> »Werter Herr Semper«
+ S. 381: in Winter -> im Winter
+ S. 386: und lief ein groß Stück Weges vorauf. -> und lief ein groß
+ Stück Weges voraus. [vorauf -> voraus]
+
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+ Sperrung: _gesperrter Text_
+ Antiquaschrift: #Antiqua#
+ (In Antiqua gesetzte römische Ziffern wurden nicht gekennzeichnet.)
+ Fettgedruckter Text: +Text+
+ Kursivtext: /Text/
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING ***
+
+***** This file should be named 28083-8.txt or 28083-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/8/0/8/28083/
+
+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.