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Staackmann - 1914 + + + + + Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte + Der Schlaf hervor. + Schon raunte mir die ersten, leisen Worte + Der Traum ins Ohr. + Da klang von nahen Zweigen + Ein tiefer Freudenschall + Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen. + In meinen Traum sang eine Nachtigall. + + Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume + Im Traum, im Traum. + Nur fern, o fern, durch mitternächt’gen Bäume + Ein lichter Saum. + Doch horch: von jenen Röten + Ein süß geheimer Hall, + Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten! + In meinen Traum sang eine Nachtigall. + + Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme + Von je erklang + Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme + Voll Hoffnung sang. + Ein Land des Lichtes träumen + Wir armen Seelen all! + Ich aber höre Klang aus jenen Räumen: + In meinen Traum singt eine Nachtigall. + + + + +Erstes Buch + +Spiel und Arbeit + + + + +I. Kapitel. + +Handelt von Balladen und Präparanden, Gendarmen und hebräischen +Handschriften, zum Glück auch von Präparandinnen. + + +Asmus Semper, der halbwegs sechzehnjährige Schüler des Hamburger +Präparandeums, schwamm bis über die Augenbrauen in Seligkeit. Vor +seinen Blicken wogte eine warme, goldene Flut. Herr Tönnings, der +Ordinarius, der genau so aussah wie die Geometrie mit einem Stehkragen +und von dem ein Gerücht ging, daß er vor sieben Jahren den einen +Mundwinkel zu dem Versuch eines Lächelns verzogen habe, Herr Tönnings +also hatte soeben verkündet, daß u. a. auch Asmus Semper eine +Hospitantenstelle erhalten solle. Man denke, was das heißt: eine +Hospitantenstelle! Jeden Morgen von 8-12 Uhr sollte er in einer +Volksschule dem Unterricht der Kleinen zuhören dürfen, und dafür bekam +er noch obendrein ein jährliches Gehalt von dreihundertundsechzig +Mark! Jeden Morgen sollt’ er aus nächster Nähe hineinhorchen dürfen in +die Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis; das hohe +Wunder sollt’ er nun begreifen: wie der Geist des Menschen Nahrung +aufnimmt, wächst und sich vollendet! + +Und noch dreihundertundsechzig Mark! Er hatte ja nichts von dem Geld, +wollte auch keinen Pfennig davon, haha – aber auf das Gesicht seiner +Eltern freute er sich, daß ihm die Augen heiß wurden. Er wollt’ es +ihnen nicht eher sagen, als bis er sie beide beisammen hatte, und dann +wollte er die Wirkung beobachten; aber die kleine Wohnung der Semper +betrat man durch die Küche, und in der Küche briet Frau Rebekka die +Abendkartoffeln, und als er seine Mutter sah, konnte Asmus sich nicht +mehr halten, und weil er wußte, was seine Mutter am meisten freute, +rief er: »Ich kriege dreihundertundsechzig Mark das Jahr!« + +Im nächsten Augenblicke war Frau Rebekka schon in der anstoßenden +Zigarrenmacherstube, schwang das Messer, mit dem sie die Kartoffeln +umgerührt hatte, hoch in der Luft und rief: »Freude war in Trojas +Hallen!« Aber da stand auch schon Asmus neben ihr, und damit sie ihm +nicht zuvorkommen könne, rief er: »Laß, Mutter, laß, ich will es Vater +sagen! – Ich krieg’ eine Hospitantenstelle mit dreihundertundsechzig +Mark das Jahr!« + +Und da hatte Asmus wieder den Anblick, der ihm vielleicht von allen +auf der Welt der liebste war: in dem weißumwallten Jupiterantlitz +Ludwig Sempers gingen zwei Sonnen auf und verbreiteten Licht durch die +ganze Welt. + +»Ach nein – es ist ja wohl nicht möglich!« rief der Vater, indem er +den Kopf zurückwarf. + +»Ganz gewiß!« rief Asmus. »Nun verdiene ich mehr, als wenn ich +Handwerker geworden wäre. Seht mal, wenn ich Tischler oder Hutmacher +lernte, dann kriegte ich das erste Jahr gar nichts oder vielleicht +drei Mark die Woche, und dies sind beinahe sieben Mark die Woche, und +das geb’ ich natürlich alles euch!« + +Da schlug Ludwig Semper heftig das linke Bein über das rechte, wie er +immer tat, wenn er in seinem Innern sehr zornig oder sehr lustig war, +und redete fast den ganzen Rest des Abends mit stumm bewegten Lippen +zu sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht laut und hell +auf, ohne daß man einen Ton gehört hätte, und unzählige Tabakblätter +verschnitt er an diesem Abend und warf sie in die Abfallschürze, weil +er mit seinem Messer immer wieder sausend über die sonnigen Felder und +Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er hatte ja auch studieren sollen; +aber dann war der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters gekommen, +und dann die Sorge, dann der Krieg mit den Dänen, dann seine Träumerei +und sein erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und dann immer ein +Kind nach dem andern. Und so machte er mit 58 Jahren noch immer +Zigarren. Aber mit einem Schlage war jetzt seine Jugend wieder da – da +stand sie vor ihm, fünfzehnjährig, rotwangig – nichts war verloren; +denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus studierte, das war ja vollkommen +dasselbe. + +Rebekka aber, als sie von »sieben Mark die Woche« hörte, vergaß all +ihre Sparsamkeit, lief in die Küche und schob noch ein Stück +Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie auch da noch ziemlich +trocken ausschauten, griff sie leichtsinnig nach dem Teekessel und goß +einen gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, daß eine mächtige Wolke +wie eines Dankopfers zu den Himmlischen emporstieg. + +Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und sieben Semper versammelten sich +andächtig um das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund, das sah +man an den Bewegungen der Gabeln; aber Adalbert, der Jüngste, war so +gesund, daß Frau Rebekka nach einer Weile ausrief: »Halt, mein Junge, +du hast jetzt genug. Es wird kein Fresser geboren, es wird einer +gemacht!« + +Adalbert wollte sich melancholisch zurückziehen, da sprach der Vater: +»Laß doch den Jungen essen!« und trat seine Ansprüche an die +Allgemeinheit ab. + +Und nach dem Essen – obwohl die Semper über das Abendbrot hinaus bis +gegen Mitternacht zu arbeiten pflegten – warf Ludwig Semper Messer, +Tabak und Rollklotz in die Ecke, holte den stark zerlesenen und +vergilbten »Faust« vom Bücherbrett und las und warf das linke Bein +über das rechte und bewegte die Lippen und lächelte. Und alle waren +still, und Asmus wußte: Nun kommt eine heilige Stunde. Und wirklich, +es währte nicht lange, da klang es durch den Raum: + + »Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, + Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst + Dein Angesicht im Feuer zugewendet. –« + +– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – + +In einem wunderlieben Dorfe, das sich jetzt zu einer großen, häßlichen +Vorstadt Hamburgs ausgewachsen hat, damals aber noch im heitern +Frieden seiner Kindheit lag, in einem Garten mit Rosen und Apfelbäumen +fand Asmus die Schule, an der er hospitieren sollte. »Ich habe zuviel +Glück,« dachte er, als er sie nach einstündiger Wanderung vor sich +liegen sah. Gewöhnlich, wenn er solch ein stummes Dankgebet in den +Himmel hinaufsandte, zog ihm gleich darauf das Glück etwas ab, als +wenn es dächte: Der ist auch mit weniger zufrieden. Das erste nämlich, +was er tun mußte, war: sich im Portal der Schule aufstellen und alle +Schüler aufschreiben, die zu spät kamen. So hatte sich Asmus das +Belauschen der Kindesseele nicht gedacht. Aber da es nun einmal sein +Amt war, so notierte er gewissenhaft alles, was an Buben oder Mädchen +den letzten Glockenschlag versäumte, obwohl es ihm bei den Mädchen +mitunter schwer wurde. Anfangs empfand er wohl so etwas wie die Würde +einer obrigkeitlichen Stellung, namentlich als ein Vater, der mit dem +Schulgeld im Rückstande war, an ihn herantrat und bat, daß man noch +ein wenig Geduld mit ihm haben möchte, und ihm heimlich ein paar +Zigarren in die Hand drücken wollte. Asmus wich zwar ängstlich zurück +und rief: »Darüber habe ich leider gar nichts zu sagen!« – aber als +deutscher Jüngling fühlte er sich doch geschmeichelt, daß man ihn für +eine Behörde hielt. Diese Reize indessen verflüchtigten sich schon +nach wenigen Tagen. Dann kam eines Morgens ein blasses, frierendes, +von Regen durchnäßtes Mägdelein, das weinte. + +»Warum weinst du?« fragte Asmus. + +»Ich konnte nicht eher kommen; mein Vater hat meine Mutter +’rausgeschmissen.« + +»Warum das denn?« + +»Och, er is all wieder duhn (betrunken).« + +»So früh schon?« + +»Ja, er säuft immer ’rum.« + +Asmus erschrak. Gab es Kinder, die so über ihren Vater reden konnten? + +»Geh’ nur zu,« sagte er. Das war ja selbstverständlich, daß man die +nicht aufschrieb. Er sah ihr nach und dachte daran, daß sie fror. Und +dachte, wie er als Junge gefroren, wenn ihm der Wind unter die dünne +Jacke fuhr. + +Von nun an fragte er öfter nach dem Grunde der Verspätung, und er +notierte immer weniger. Und eines Tages sagte er sich: Entweder man +muß alle aufschreiben oder keinen. Und nun ließ er alle vorbeilaufen +und arbeitete an seiner ersten Ballade, die handelte von einem +Fischer, der aufs Meer fuhr, um seinen Sohn zu retten, und der dann +mit seinem Sohne ertrank. Das Schönste an dieser Ballade war eine +Refrainstrophe, die mit den Zeilen schloß: + + »Drunten klingt verworrner Klang, + Tönt es nicht wie Grabgesang?« + +Alles, was nach Grab und Unglück klang, das fand der glückliche Asmus +jener Tage ohne weiteres schön. + +»Warum notieren Sie nicht die Zuspätkommenden?« fragte schließlich der +Oberlehrer. + +»Ich mag das nicht,« sagte Asmus verlegen. + +»Ja, danach geht es nicht,« rief der Vorgesetzte. Aber bald darauf +wurde die ganze Einrichtung aufgehoben, und der Posten des +Kulturgendarmen wurde eingezogen. + +Der Oberlehrer schätzte den jungen Semper wegen anderer Fähigkeiten. +Leider, dachte Asmus. Denn wenn die Wache am Portal vorüber war, mußte +er im Amtszimmer des Schulleiters dickleibige Schülerregister anlegen +und auf dem Laufenden halten, Schulgeldrechnungen schreiben, sie mit +den Hebeprotokollen »kollationieren« und endlose Kolonnen von +Schulgeldern addieren. Auch das führte den Begierigen nicht in die +Tiefen der Kindesseele. Es waren fünf Präparanden da: zwei junge +Mädchen und drei junge »Männer«, sie alle mußten Protokolle schreiben +und Rechnungen addieren. Unter den jungen Herren war aber einer, +dessen Handschrift man zunächst immer für hebräische Schriftzeichen +hielt; erst nach und nach kam man dahinter, daß es die bekannten +deutschen Buchstaben sein sollten. Da Claus Münz überdies ohne jedes +Schamgefühl addierte, so wurde er schon nach drei Tagen in die Klassen +zum Hospitieren geschickt. Asmus hingegen, weil er eine gute +Handschrift hatte, seine Rechnungen sogar mit einem gewissen +Schönheitsbedürfnis schrieb und es nicht über sich gewann, falsch zu +addieren, Asmus durfte im Bureau sitzen bleiben. Ihm fielen die +Verheißungen des Herrn Rösing, seines alten Lehrers ein, der jeden +Morgen gesagt hatte: »Jungens, schafft euch ’ne schöne Handschrift an; +wer ’ne schöne Handschrift hat, kommt überall fort!« + +Freilich: sein Schönheitsbedürfnis hatte auch schon in den ersten +Tagen das Glück herausgefunden, das auch mit dieser Schreibstube +wieder verbunden war, und dieses Glück war eine der Präparandinnen, +die sehr hübsch war und noch obendrein brünett. Asmus schrieb und +addierte den ganzen Morgen mit einer selig-schmerzlichen Spannung in +der Brust, und der Schmerz kam daher, daß er sich sagte: Ich kann ja +noch lange nicht heiraten. Und wenn ich heiraten kann, hat sie ein +anderer geholt. Die andern beiden Jünglinge kokettierten in +unschuldiger, aber fleißiger Weise mit den beiden Mädchen. Asmus +dachte nicht daran, auch nur den Versuch zu wagen, weil er von seiner +vollkommenen Tölpelhaftigkeit in dieser Hinsicht durchaus überzeugt +war. Und eines Tages machte er dennoch den Versuch, zu imponieren. Das +Zimmer war überheizt, wie alle Schreibstuben, und man klagte darüber. +»Ja,« sagte Asmus, der nahe dem Ofen saß, »hier sitzt man wie die Sau +am Spieß; denn er hatte das Gefühl, daß eine kraftvolle Ausdrucksweise +den Mann verrate. Aber, o weh: die Damen fuhren wie wild mit den +Köpfen in ihre Arbeit und kicherten, wie nur Backfische kichern +können. Sie denken: das ist ein Bauerntölpel, sagte sich Asmus, und +fühlte, daß er von den Haarwurzeln bis unter den Halskragen erröte. +Und die männlichen Kollegen Asmussens, Herr Münz und Herr Morieux, +betrachteten ihn mit überlegen-mitleidigen Blicken, als wollten sie +sagen: Ist das ein ungebildeter Mensch. Aber als wenige Tage darauf +von Rousseaus »Emile« die Rede war, da zeigte sich, daß nur Asmus +wußte, was wirklich darin steht, und die Braune hielt ihre braunen +Augen so lange auf ihn gerichtet, als wenn sie ihn heute zum ersten +Male sehe. + + + + +II. Kapitel. + +Wie Asmus im Vorhof der Pädagogik weilen durfte, wie er eine andere +Religion bekam, auf den Spuren Aglaias wandelte und Herrn Rothgrün +nicht hinaustrampeln wollte. + + +Endlich, als einmal alle Rechnungen geschrieben waren und auch das +letzte Protokoll »auf dem Laufenden« war, durften auch die übrigen +Präparanden in die Klasse gehen und hospitieren. Welch’ ein Glück, +dachte Asmus, und mit weihevollem Herzen ging er der erhofften +Offenbarung entgegen. Aber zunächst kam er an einen Lehrer, der es +liebte, die Kinder so still zu beschäftigen, daß sie ihn möglichst wenig +belästigten, und der sich, während die Schüler schrieben und rechneten, +mit dem jungen Semper über Gehalts- und Anstellungsverhältnisse, über +seine Frau, über Bismarck, oder über den letzten Raubmord unterhielt. +Das war ja nun recht unterhaltend und wenig anstrengend; aber es war +nicht das, was Asmus gesucht hatte. Er kam zu einem andern Lehrer, der +hatte das ganze Einmaleins auf Reime und Bilder gebracht: die Bilder +hatte er auf die Wandtafel gezeichnet, und nun mußten die Kinder die +zugehörigen Verse hersagen, z. B.: + + 6×6 sind 36 + In die große Schlackwurst beiß’ ich + +oder + + 8×9 sind 72 + Dieser Knabe übergibt sich, + +aber der gute Mann bedachte gar nicht, daß sich die Worte »beiß’ ich« +ebensogut auf 32 wie auf 36 reimen, und wenn dann ein Schüler die +falsche Zahl nannte, so schalt ihn der Lehrer in komischer +Verwechslung einen Esel, zerriß sich vor Aufregung und ließ die +kunstreichen Verse bis zum vollkommenen Stumpfsinn wiederholen. + +»Bei dem kann ich auch nichts lernen,« sagte Asmus zu jenem +Mitpräparanden mit der hebräischen Handschrift, und dieser sah ihn ob +solcher Anmaßung mit grenzenloser Verwunderung an. + +Und schließlich fand Asmus doch einen, der auf manchen stillen Wegen +der Kindesseele heimisch war, der mit den Kindern in ihrer Sprache zu +reden verstand und sie, wenn auch nicht immer, so doch manchmal, aus +wirrer Dunkelheit den Weg zur Klarheit führen konnte. Er war kein +hoher und starker Geist, dieser Mann; aber er war sein Lebenlang mit +einem Fuß im Kinderlande stehen geblieben, und so verstand er +unbewußt die Regungen der Kindesseele. Hier befiel nun den Hospitanten +eine andere Not: er brannte vor Ungeduld, sich selbst vor den Kindern +zu versuchen; ja, manchmal schien es ihm, als wisse er einen Ausweg, +wenn der Lehrer in der Wirrnis des Kindergeistes stecken blieb. Aber +er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als vor diesem Manne +dergleichen laut werden zu lassen. Und alles Wippen von einem Fuß auf +den andern, wenn er am Fenster stand und horchte und nicht einmal +Finken und Apfelblüte seine Sinne nach außen zu locken vermochten, +alle Ungeduld half ihm nichts; er mußte warten. + +Inzwischen feierte er jeden Nachmittag und jeden Abend hohe Feste. Er +hatte ja in der Präparandenanstalt eines der herrlichsten Geschenke +seines Lebens empfangen: da war ein Religionslehrer, der sagte nicht: +Das muß man glauben, sonst ist man verdammt; der fragte überhaupt +nicht, was man glaube; der trug Stunde für Stunde vor, was die +Wissenschaft zu den Berichten der Bibel sagt. Gleich in der ersten +Stunde, im Schöpfungsbericht, trennte er die Erzählung des Jehovisten +von der des ersten Elohisten und von der des zweiten Elohisten, und +vor den Augen des jungen Semper zerriß ein vieljähriger Nebel. Also +hatte nicht Moses diese Dinge geschrieben, also war es nicht +unfehlbares Gotteswort. Sie hatten ihn bedrückt wie eine dumpfe Last, +hatten ihn gequält, geängstigt; aber er hatte keinen Ausweg gewußt. +Mit einem Male gab ihm dieser Mann eine Waffe und ein Licht. Und mit +solchem Licht und solcher Waffe durchwanderte der Mann die ganze +Bibel, festen Schrittes und unablenkbar; was nur die menschliche +Wissenschaft zur Bibel zu sagen wußte, das kannte er, und er trug es +frei aus dem Kopfe vor. So fest hing Asmus an seinen Lippen, daß er +kein Wort zu schreiben wagte, aus Furcht, es möchte ihm ein Wort des +Redenden entgehen. Und sieh: wenn er am Abend daheim saß, dann konnte +er den ganzen Vortrag von Anfang bis Ende niederschreiben; so fest +hing alles mit ehernen Klammern zusammen. + +Ein merkwürdiger Mann, dieser Herr Stahmer. Er sprach außer seinen +Vorträgen kaum ein Wort zu seinen Schülern; er verlängerte fast jede +Stunde um die ganze folgende Erholungspause – ein Ding, das Schüler +nicht lieben – er verlangte viel und verschonte weder Trägheit noch +Dummheit. Aber er bedurfte keiner Disziplinarmittel. Von diesen jungen +Leuten, unter denen manch ein dreister Gelbschnabel war, hätte nicht +einer ein unehrerbietiges Wort gegen ihn gewagt; instinktiv verehrten +sie in ihm das lautere Gefäß einer großen Kraft. Während zweier Jahre +brauchte er wohl nie die Worte »Wahrheit« und »Gerechtigkeit«, und +doch war das die stumme Lehre seines ganzen Wirkens: Wer Wissenschaft +will, der muß wahrhaftig und gerecht sein, und wenn es das Leben +gilt. Kein Gottesdienst hatte je das Herz des Asmus erhoben wie +dieser. + +Leider gab es davon nur zwei Stunden die Woche. In seiner Dorfschule +waren es wöchentlichen sieben bis acht Stunden gewesen. Und welchen +Erfolg hatten die gehabt? Mit einem leidenschaftlichen Haß gegen diese +sogenannte »Religion« hatte er die Schule verlassen. In dieser Schule +hatte die »Religion« die ganze Naturgeschichte aufgefressen. Ein +einziges Mal hatte Herr Cremer von den Giftpflanzen gesprochen und +Bilder dazu gezeigt, nicht etwa die Pflanzen selbst, und ein andres +Mal hatte ein anderer Lehrer ganz unmotiviert die Feigwurz behandelt. +Die Giftpflanzen und #Ranunculus ficaria# – das war die +Naturgeschichte, mit der Asmus Semper, ein Kind der darwinischen Zeit, +das Präparandeum bezog. Aber da stapfte nun zweimal wöchentlich mit +drolligen Koboldschritten der naturselige »Papa Hamann« herein; er +schleppte jedesmal eine Botanisierdose, die so groß war wie er selbst, +und sein Gesicht glänzte wie ein Pfannkuchen, wenn er mit anstoßender +Zunge sagte: »Heute meine Herren, hab’ ich Ihnen etwath[1] ganth +Bethondereth mitgebracht!« + + [Fußnote 1: th sprich wie das englische #th#.] + +Und dann kramte er aus mit dem Gesicht eines Vaters, der seine Kinder +zur Weihnacht überrascht, und Asmus hörte zum erstenmal vom Bau und +vom Leben der Pflanze, und wenn man ihn sah, so konnte man glauben, er +wolle die Pflanzen im wörtlichsten Sinne verschlingen, so versessen +war er auf dies neue Erkennen. Freilich blieb die Wissenschaft des +guten Papas einigermaßen an der Oberfläche; er sprach allerlei vom +Chlorophyll; aber was es für eine Bedeutung habe, wußte er eigentlich +selbst nicht. Für den ausgehungerten Geist des kleinen Semper aber war +alles, was er ihm bot, Gewinn, und überdies war die Lehrweise des +Alten so väterlich und fröhlich und mit so wundervollen Redeblumen +geschmückt! + +»Eth mag wohl funfthehn Jahre thein,« sagte Papa Hamann zum Beispiel, +»dath ich dath Vergnügen hatte, den Schwanth eineth Walfischeth von +Angethicht zu Angethicht zu thehen!« + +Oder wenn er zu den Damen von den Pflanzen einer bestimmten Familie +sprach, so sagte er: + +»Einige von ihnen, meine Damen, thind ganth reitthende Pfläntthchen; +andere dagegen thind häthlich und widerlich!« + +Und darin hatte er recht, einige von diesen Präparandinnen, die in +einer anstoßenden Straße unterrichtet wurden, waren wirklich ganz +reizende Pflänzchen, und Asmus und ein paar Bürschchen mit ihm ließen +es sich nicht nehmen, dreien von ihnen, die auf gleichem Wege +heimwärts wandelten, an laulichen Abenden in respektvoller Entfernung +zu folgen und sich ihnen durch lautgesprochene Galanterien und +wundervolle Witze bemerklich zu machen. Bald schon taufte Asmus die +drei auf die Namen Aglaia, Euphrosyne und Thalia, und die eine von +ihnen – es war Aglaia – verehrte Asmus viele Monde hindurch, ohne +jemals ihre Vorderseite gesehen zu haben. Aber sie hatte einen +anmutsvollen Gang, und ein schöner Gang griff Asmussen ans Herz. + +Auf andern Wegen schwärmten andre Herzen, und nach den drei Grazien zu +urteilen, schien den jungen Damen der schüchterne Kultus der Jünglinge +durchaus nicht zu mißfallen; sie verfielen wenigstens aus einer +zeitweiligen entrüsteten Gangart immer wieder in Kichern, Lachen und +träumendes Hinschlendern; aber sei es nun, daß irgendwo ein Jüngling +dem Drange seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, daß sich +unter den verfolgten Unschulden ein strenges oder ein eifersüchtiges +Herz befand – eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor ein, +und dieser Mann hatte aus seinem heimischen Preußen und aus dem +französischen Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, einige +üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt eine donnernde Standrede und +nannte die ritterlichen Präparanden »grüne Jungen«. Man war sich +sofort darüber einig, daß man sich das mit fünfzehn bis sechzehn +Jahren nicht mehr bieten lassen könne und daß der einmütige Austritt +aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort auf diese Roheit sei. +Am folgenden Tage dachte man milder über die Sache; man bedurfte ja +der Einwilligung der Eltern zum Austritt, und man hielt es im stillen +für möglich, daß die Eltern sich von der Auffassung des Direktors +nicht wesentlich entfernen möchten. Am dritten Tage endlich beschloß +man, die unqualifizierbare Äußerung des Direktors auf dessen +preußische Unbildung zurückzuführen und ihn zu verachten. + +Nur ein pathetisches Herz vermochte sich nicht zu bezwingen. Der +Träger dieses Herzens war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die +Wandtafel einen Pfahl, der einen preußischen Adler trug, und dazu eine +Kanone, die sich gegen das flügelspreizende Wappentier entlud. Der +Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich lächelnd den schwarzweißen +Stachelbart, tickte dann mit den Fingern auf den Adler und sagte zur +Klasse: »Da können Se lange schießen, bis Se den runterkriegen ...« +und wandte sich seinen Geschäften zu. + +Und als diese erledigt waren, trat in breiter Aufmachung Herr +Rothgrün, der Lehrer der Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgrün +auftrat, so sah das immer aus wie: Jetzt beginnt eine neue Epoche der +Wissenschaft. Und Herr Rothgrün begann, Geschichtszahlen zu +repetieren. Er nannte das Ereignis, und der Schüler mußte die Zahl +nennen: + +»Amenemha III.?« + +»2200.« + +»Vertreibung der Hyksos?« + +»1580.« + +»Durch wen?« + +»Durch Thutmosis.« + +»Amenophis?« + +»1500.« + +Oder Herr Rothgrün nannte die Zahl und der Schüler das geschichtliche +Faktum, was genau ebenso bildend und interessant war. So ging es die +ganze Stunde hindurch; denn fortfahren in der Geschichte konnte Herr +Rothgrün nicht, weil er heute nichts wußte. + +»Er war wieder mal nicht präpariert,« sagten die Präparanden, als er +fort war. + +In der nächsten Geschichtsstunde begann Herr Rothgrün nach +effektvollem Eintritt und imperatorenhafter Besteigung des Katheders +von neuem: + +»Phul?« + +»770.« + +»Tiglat Pilesar?« + +»740.« + +Und so fort über Ägypter, Phönizier, Israeliten, Meder, Perser, +Griechen und Römer bis zu den Franken und Merowingern. Wer die Zahl +wußte, war gescheit, wer sie nicht wußte, dumm. + +Als auch diese Stunde der Pein vorüber war, ward es abgemacht: Wenn er +die nächste Stunde wieder Zahlen büffelt, dann trampeln wir. Aber +keiner darf sich melden! Man kannte Herrn Rothgrün schon als einen +langatmigen Hasser, der sich auch bei den spätesten Examinibus derer +erinnerte, die ihm einmal mißfallen hatten. Asmus und einige andere +waren gegen dieses heimliche Verfahren. Das sei »unmännlich«. Man +solle eine Abordnung zu Herrn Rothgrün schicken und sich über seinen +Unterricht beschweren. + +»Ja, willst _du_ das tun?« riefen einige höhnend. + +»Ich gehe mit,« sagte Asmus. Aber die andern wollten nicht, und da +sagte Asmus: »Allein will ich auch nicht.« + +»Semper will artig Kind spielen,« spottete einer. + +»Du bist ein Esel!« rief Asmus. »Trampeln tu ich nicht. Aber die +Folgen trage ich natürlich mit.« + + + + +III. Kapitel. + +Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit und wie +sie die Dinge der lebendigen Welt sahen, und wie er darum mit diesen +Augen zum Arzt mußte. + + +Die nächste Geschichtsstunde erschien, und Herr Rothgrün begann: +»Tiglat Pilesar?« + +»740,« sagte der Gefragte, und dann ging ein Trampeln durch die +Klasse, das wie grollender Donner klang. + +Herr Rothgrün wurde weiß. + +»Was soll das?« rief er. + +Keine Antwort. + +»Was soll das heißen?« + +Eisiges Schweigen. + +»Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen und zu sagen, was +das bedeuten soll?« schrie der Lehrer. + +Niemand rührte sich. + +»Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Herrn Direktor Korn zu +melden, daß ich durch ein unerklärliches Geräusch im Unterricht +gestört worden bin.« + +Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor keine Meldung; denn er +wußte wohl, daß der einen sehr direkten Schluß auf seinen Unterricht +ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze: »Unterrichtet nur +gut; dann kommt der Respekt der Schüler von selbst.« Auch erklärte +sich Herr Rothgrün das »unerklärliche Geräusch« sehr schnell und +richtig; er begann sofort zu erzählen; diesmal erzählte er freilich +noch mangelhaft, weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen +beherrschte, aber von der nächsten Stunde an vorzüglich; denn wenn er +wollte, so konnte er’s vielleicht am besten von allen Lehrern der +Anstalt. + +Geschichte hören oder Geschichte lesen, das gab Asmus immer besondere +Freuden. Nicht, daß er an die Geschichte geglaubt hätte, – er glaubte +die profane Geschichte so wenig wie die biblische. Aus seiner +»Faust«-Lektüre wußte er sehr wohl: + + »Die Zeiten der Vergangenheit + Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln. + Was ihr den Geist der Zeiten heißt, + Das ist im Grund der Herren eigner Geist, + Darin die Zeiten sich bespiegeln.« + +und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um wirklich zu wissen, mußte +man von all den Fürsten, Feldherren und Priestern, mußte man vor allem +von der Menge des Volkes wissen, was sie bei ihren Handlungen dachten, +fühlten, beabsichtigten und wünschten, und davon hörte man so gut wie +nichts. Kaum daß einmal durch einen glücklichen Zufall ein Lichtschein +in diese ewig versunkene Welt fiel, wie ein Sonnenstrahl in eine +Kammer einer verschütteten Stadt. Und die Menschen der Geschichte +waren ihm wie die Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die +menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen erkennen lassen. Daß +man aus der Geschichte etwas lernen könne, das glaubte er nicht. Aber +lange Zeitläufte der Geschichte formten sich ihm zu riesigen Bildern +von wunderbarer Gewalt, und in diese Bilder versank er mit +aufgerissenen Augen und horchender Seele, wenn er hörte und las. Er +sah ein Jahrhundert, da stille Mönche in stiller Zelle saßen und vom +Virgil oder Cassiodor den Blick erhoben und durchs Fenster voll +gläubiger Hoffnung schauten über weites, unbesiedeltes deutsches Land, +indessen andere, das Kreuz in der Hand, durch unerforschte Wälder +schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein oder eine Kapelle +errichteten. Er sah ein Jahrhundert voll Weihrauch und Meßgewänder, da +königliche Väter büßend vor unnatürlichen Söhnen knieten und lange +Sündenregister, vom Priester singenden Tones verlesen, bekannten, und +das ganze neunte Jahrhundert ward ihm zum »Lügenfeld«. Dann gab es +eine lange Zeit, deren Angesicht in die bunte Glut des Ostens schaute +und blinkende Ritter und düstere Mönche, Männer und Weiber, Greise und +Kinder in jahrhundertelangen Zügen nach den ewigen Spuren des +Nazareners wandern sah. Das ernste Jahrhundert des Wittenberger +Mönches baute sich ihm auf mit den strengen und nüchternen Säulen +eines lutherischen Gotteshauses, aus dem die streitbaren +Glaubensgesänge hinausklangen in einen grauen und feuchten +Novembertag; dann kam ein Jahrhundert, das lag verborgen unter den +Brand- und Blutwolken eines endlosen Krieges, und so nah zogen die +Wolken über den Erdboden dahin, daß die Menschen nur gebückt +dahinschlichen. Aber das achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz +aller Kriege und aller großen Revolution wie eine friedsame Stadt mit +winkelig-sauberen Gäßchen, wo aus schnurrig gegiebelten Häusern +Gelehrte mit Zöpfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam über die +Straße schritten zum Nachbar von drüben, um mit ihm über die Schriften +Voltaires oder über das neueste Werk des erstaunlichen Königsberger +Professors zu streiten. + +So hörte, so sah er die Geschichtserzählungen des Herrn Rothgrün. Aber +dann mußte dieser Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten werden, +und die Vertretung übernahm Herr Stahmer, der Religionslehrer. Und +wieder empfing Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer behandelte während +eines ganzen Semesters einen Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte +die Geschichte bis in die Kabinette von Wien, Berlin und Petersburg +hinein und erzählte so ziemlich alles, was man über die zehn Jahre +wußte. Und mit einem Male ward dem Jüngling die Geschichte zur +Wissenschaft. Die rohe, unverdauliche Masse der Tatsachen, wie sie +Herr Rothgrün und wie sie die üblichen Lehrbücher aufhäuften, +absonderlich die Großtaten der Kriegesfürsten, die mit dem Schwerte +die Welt durchzogen, waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig und +langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male ahnte er etwas von +geschichtlichen Zusammenhängen. Bei Herrn Stahmer sah er keine +visionären Bilder; aber er sah das Leben, und eine andere, neue Freude +wärmte ihm das Herz. Wieder verschlang er jedes Wort, fast eh’ es der +Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des Abends im stillen Hause mit +fliegender Feder zwanzig, dreißig Quartseiten voll, und wohl zehnmal +mußte ihm sein Vater mit milde mahnendem Finger auf die Schulter +tupfen, er möge sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer sagte sich +Asmus: In der Geschichte muß man alles wissen, sonst weiß man nichts. +Und etwas Größeres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar nichts; aber +_eine_ Sache _ganz wissen_, das ist Aufklärung, Befreiung. Dann wird +Wissen zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, die uns umgeben, +ein Guckloch nach der Außenwelt. Als er später in der »Systematischen +Pädagogik« das »#non multa sed multum#« bis zum Ekel wiederkäuen +mußte, da begriff er nicht, warum man dies Wort immer wiederholte und +niemals befolgte. + +Das und manches andere im heiligen Tempel des Präparandeums war nun +wohl gut und schön; aber es gab auch gefürchtete Stunden, und die +gefürchtetsten waren die Zeichenstunden, die in einer weit entlegenen +Gewerbeschule genommen werden mußten. Sie waren so schlecht, daß sie +sogar den Charakter verdarben. + +Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! Von früher Kindheit an +hatte er gezeichnet, und in den Berg- und Waldlandschaften, die er +kopiert hatte, hatte er ein frommes und seliges Leben gelebt. Selbst +der kümmerliche Zeichenunterricht seiner Dorfschule hatte ihm noch +Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male in dem riesigen Zeichensaal, +der so viel mit der Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines +Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da setzte ihm Herr Semmelhaack +ein dreiseitiges Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig den +Holzklotz und wartete die Wiederkunft des Lehrers ab. + +Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine Seitenfläche. (Bis +dahin hatte es auf einer Grundfläche gestanden.) + +Asmus zeichnete den Klotz in der neuen Stellung und erwartete den +Lehrer. + +Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine andere +Seitenfläche. + +Asmus dachte: Aller Anfang ist öde, und zeichnete den Klotz zum +dritten Male. + +Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung einiges auszusetzen und legte +dann den Klotz auf die große Seitenfläche. + +Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind bitter; aber ihre Früchte +sind süß, und porträtierte das interessante Holz zum vierten Male. + +Jetzt bin ich mit dem verdammten Klotz durch, dachte Asmus; da kam der +Lehrer und stellte das Prisma etwas nach rechts. + +Asmus richtete einen langen Blick auf Herrn Semmelhaack und zeichnete +dann das rechtsstehende Prisma. + +Danach kam Herr Semmelhaack und stellte der Abwechslung wegen das +Prisma etwas nach links. + +#Per aspera ad astra#, dachte Semper und machte auch das. + +Hierauf nahm der »Lehrer« das Prisma und stellte es Sempern wieder +gerade vor die Nase, aber ȟber Eck«, so daß man drei Flächen auf +einmal sah. + +»Es ist allerdings etwas Anderes und Neues,« sagte sich Asmus, +betrachtete Herrn Semmelhaack mit einem noch viel längeren Blick und +machte sich wieder an seinen vertrauten Klotz. + +In verzweifelten Momenten schaute Asmus sich sehnenden Blickes um; es +gab überall nur Holz und Gips. Der größte Künstler unter den Schülern +zeichnete einen pompösen Blumenstrauß – von Gips. In der ganzen +Anstalt, soweit er hineinblicken konnte, sah er kein lebendiges, +erfreuendes Objekt. + +Er traute seinen Augen nicht, als Herr Semmelhaack eines Tages das +dreiseitige Prisma wegnahm und einen neuen Klotz brachte. Dieser Klotz +bestand aus zwei vierseitigen Prismen, die im rechten Winkel aneinander +saßen. O, damit konnte man nun die tollsten und interessantesten, die +bizarrsten und perversesten Dinge vornehmen; bis zum jüngsten Gericht +konnte man das immer anders aufstellen. Als Asmus bei der siebenten +Stellung war, da lag der Winkelklotz da wie eine Sphinx, die ihre Arme +breit über die ganze lange Bank legte, den Kopf in die Hände stützte und +ihn anglotzte und angähnte, und dann sagte die Sphinx, indem sie immer +zwischen zwei Worten gähnte: »Ich kann – dreihundertfünfundneunzig +Millionen – Stellungen – einnehmen – huu – ja.« + +»Das hält kein Nilpferd aus,« antwortete Asmus. + +»Sagten Sie etwas?« fragte Herr Semmelhaack. + +»Ja. Ich kann nicht mehr zeichnen. Ich habe Augenschmerzen.« + +Zum nächsten Unterricht ging er überhaupt nicht; er entschuldigte sich +mit Augenschmerzen. + +Das ging nun wohl einmal, ging auch zweimal; dann aber sagte Herr +Tönnings mit dem steifen Halskragen: »Ja, dann müssen Sie ein +ärztliches Attest beibringen.« + +Also mußte Asmus zum Vertrauensarzt der Schulbehörde. + + + + +IV. Kapitel. + +Asmus befreit sich aus einem Hungerturm und studiert in einem +Taubenschlag. + + +Von allen Qualen des Lebens hielt Asmus zwei für die unerträglichsten: +Zahnschmerzen und Langeweile. Lieber als in dieser Kunstkaserne +wöchentlich zwei Stunden, das heißt zwei Jahrhunderte an einen Klotz +geschmiedet zu sein, lieber wollte er ein schlechter Mensch werden. +Und so rieb er sich im Vorzimmer des Arztes tüchtig die Augen und +kniff sie ein Dutzend Mal zusammen. + +»Die Augen tränen,« sagte der Arzt, und er schrieb ein Attest, daß der +Patient wegen tränender Augen sechs Wochen lang nicht zeichnen dürfe. + +Asmus barg das kostbare Blatt sorgfältig wie eine Banknote in der +Tasche, fühlte unterwegs mehrmals nach, ob er’s auch noch habe, und +überreichte es frohen, tränenlosen Blickes Herrn Tönnings. + +Herr Tönnings vertrat mit Recht die exaktesten Wissenschaften. Man +weiß, wie es zugeht, wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes +Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder saust die Ramme herab, +immer wieder, hundertmal, tausendmal, stundenlang, tagelang. So +unterrichtete Herr Tönnings: immer wieder auf denselben Pfahl, immer +wieder drauf. Dann aber saß er auch für die Ewigkeit, und man konnte +ein Haus drauf bauen. Was man bei ihm gelernt hatte, vergaß man +niemals wieder. Aber leider vergaß er ebensowenig. Und also sprach +genau nach sechs Wochen Herr Tönnings, der niemals Lächelnde: »Ihr +Attest ist abgelaufen.« + +Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und rieb rechtzeitig seine Augen. + +»Die Augen tränen noch immer,« konstatierte der Arzt sehr richtig und +dispensierte den Kranken »bis auf weiteres« vom Zeichenunterricht. + +»Ja, damit müssen Sie wohl zum Direktor gehen,« sagte Herr Tönnings. + +Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er los: »Das jibt’s nicht. +Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben!« Er durchbohrte Asmus mehrere Male +mit Blicken und wartete, ob er etwas sagen werde. Aber Asmus wußte +schon Bescheid: er sagte nichts. »’n Lehrer, der nicht sehen kann, +können wir nicht brauchen!« schrie Herr Direktor Korn, durchbohrte mit +seinen glitzernden Brillenaugen den jungen Semper noch ein paar Mal +und wartete auf eine Erwiderung. Aber der sagte nichts. Es war in der +Anstalt alte Überlieferung: man muß ihn ein paar Minuten kochen +lassen, dann wird er genießbar. »Dann müssen Sie die Anstalt +verlassen!« stieß der Direktor hervor, kratzte sich hörbar seine +silbernen Bartstacheln und durchbohrte Sempern noch drei- bis viermal. +Semper sagte nichts. »Wie heißen Sie noch?« Direktor Korn warf einen +Blick ins Attest. »Semper?« + +»Jawohl, Herr Direktor!« + +»Waren Sie das nicht, der neulich den ‘Erlkönig’ vortrug, als ich +hospitierte?« + +»Jawohl, Herr Direktor!« + +»Na. – Das war jut. – Kennen Sie denn sonst noch was von Joethe?« + +Asmus wurde lebendig. Er begann aufzuzählen. + +»Na, das ist ja so ziemlich alles. Haben Sie denn auch alles +verstanden?« + +»Das – wohl kaum!« + +»Welche Dichter haben Sie denn noch jelesen?« + +Asmus nannte eine lange Reihe. + +»Haben Sie Jean Paul jelesen?« Doktor Korn hatte ein ganz sonniges +Gesicht bekommen. Das war sein Liebling. + +Asmus nannte ein paar Romane Jean Pauls. + +»Na, Sie haben ja ’ne janze Masse jelesen. Dabei haben S’ sich wohl +die Augen verdorben?« + +»Die Augen?« wollte Asmus schon verwundert fragen; da fiel sein Blick +noch rechtzeitig auf das Attest. Er blieb stumm und errötete tief; so +viel Freundlichkeit konnte er nicht mit offenen Augen anlügen. + +»’s is jut. Sie können jehen,« sagte der Herr Direktor. Und Asmus +betrat das Holzmagazin niemals wieder. Der Direktor mochte eine Ahnung +haben von den Schrecken jenes Hungerturms, wo der Geist an einen Klotz +geschmiedet und mit Gips ernährt wurde. + +Viktoria! Nun konnte er wöchentlich noch zwei Stunden länger in +seinem Arbeitszimmer sitzen und sich immer tiefer in den Kuchenberg +des Weltalls hineinessen. Ja, das Weltall war ein Kuchenberg, +nahrhaft und süß, und das Leben ein Schlaraffenland und sein +Arbeitszimmer eine heilige Halle, obwohl es eigentlich kein Zimmer, +sondern ein Tisch mit zwei Beinen war, den man mit der einen Seite +an die Wand genagelt hatte. Dieser Tisch stand in der allgemeinen +Arbeitsstube, wo der Tabak zubereitet und die Zigarren gemacht +wurden; denn im Winter durfte der Sparsamkeit halber nur ein Raum +geheizt werden, und als der Sommer kam, war es Asmussen eine liebe +Gewohnheit geworden, unter den schwatzenden, lachenden und sich +streitenden Arbeitern seine Quadratwurzeln auszuziehen, Vokabeln zu +lernen und Aufsätze zu schreiben. In diesem bescheidenen Raume saßen +Ludwig Semper, der Vater, Johannes, sein Sohn und Gehilfe, zwei +andere Gehilfen, ein Tabakzurichter, gewöhnlich auch Rebekka, die +Mutter, beim Tabak helfend oder mit einer häuslichen Verrichtung +beschäftigt, und endlich der Präparand Semper. Das war der +Personenstand in ruhigen Zeiten. Aber das Arbeitszimmer der Semper +war ein Taubenschlag, wo es von seltsamem Geflügel immer aus- und +einflog. Da kamen sozialdemokratische Parteihäupter, die mit +Johannes Semper wichtige Dinge von aufgelösten und anzumeldenden +Versammlungen zu beraten hatten. Da kam der Kontrolleur des +Fabrikanten, der nachschauen mußte, ob die Zigarren gut und nicht zu +schwer gemacht würden, ein ernster, steifer Mann, der aber jedesmal +warm wurde, wenn Ludwig Semper mit ihm vom Theater sprach, und der +diesem angelegentlichst empfahl, er möchte sich doch einmal den +»Lohengrin« anhören. Ludwig Semper faßte denn auch um diese Zeit zum +ersten Male den Entschluß, in den »Lohengrin« zu gehen. + +Da kam schrecklicherweise auch der Barbier Ludwig Sempers, der drei +Minuten rasierte und dann zwei Stunden schwatzte; er glich in Miene +und Gestalt, in seiner Stimme und seiner Schwatzhaftigkeit einem alten +Weibe; nur seine Hand und sein Messer lasteten schwer auf der Wange +seiner Opfer wie die Keule des Herkules. + +»Ein schrecklicher Zwirnbeutel,« sagte Ludwig Semper, wenn er gegangen +war, und das war ein treffender Vergleich. Wie man aus dem Nähbeutel +einer unordentlichen alten Dame, in dem sich die Garnknäuel vieler +Generationen verwirrt und verfitzt haben, nur nach stundenlanger Mühe +einen Faden hervorholt, so holte er aus seinem Erinnerungssack seine +zwirndünnen Geschichten hervor; jede auftretende Person verfolgte er +bis in ihre entferntesten Verwandtschaften; er entwickelte die +Genealogien der unbekanntesten Milchleute und der gleichgültigsten +Grünwarenhändler. + +»Und geschnitten hat er mich auch wieder,« pflegte Ludwig nach solchen +Besuchen zu sagen. + +»Ja, mein Gott,« rief Frau Rebekka erregt, »warum schaffst du ihn denn +nicht ab!« + +»Ach, das mag ich nicht,« sagte Ludwig lächelnd, »er schneidet mich +nun schon so viele Jahre.« + +Nicht der Geringste aber von allen, die da kamen, war Heinrich +Moldenhuber, genannt der »Wolkenschieber«, weil er lieber Wolken schob +als Zigarren machte und lieber hoch oben auf der Galerie des +Stadttheaters saß als in der Tabakstube. Wie ein Komet schoß er von +Zeit zu Zeit in die Arbeitsstube der Semper, und in der Tat, für Asmus +war dieser Mann wie ein Stern der Kinderzeit; er erinnerte ihn an +manche Feierstunde voll Gedanken und Träume, und jedesmal mußte er +nach den hinteren Rocktaschen des Wolkenschiebers blicken, aus denen +er einmal einen Apfel und ein Bilderbuch hatte hervorholen dürfen. + +Aber wenn er wollte, so konnte er auch im zehnten Teil einer Sekunde +eine hundert Fuß dicke und tausend Fuß hohe Mauer um sich aufrichten, +durch die kein Ton und Bild der Kommenden und Gehenden, der +Plappernden und Klappernden hindurchdrang. Wenn er wollte, so konnte +er jeden Augenblick allein sein, ganz allein, wie in einem Grabe. + +Aber wahrlich nicht wie in einem Grabe war es in dieser Stille. Es war +wie in einer wuchernden Waldwildnis voll wirren Gezweigs, voll Blätter +und Blumen, voll Duft und tropfenden Lichts, voll jenes ewigen +Summens, das aus dem inneren Getriebe der Welt zu kommen scheint. Wie +er sich als Knabe in das innerste Dickicht eines Gehölzes verkrochen +und dort stundenlang gehockt und nur geschaut und gehorcht hatte, als +müss’ er eines Tages etwas vernehmen wie den _Atem der Welt_, so +konnte er sich in die innerste Einsamkeit seiner Seele zurückziehen +und selig sein. Aber freilich: schöner noch als am Alltag war es am +Sonntag, wenn die Arbeit der andern ruhte und nur sein Vater, +schweigend und nimmermüde, den Tabak für die kommende Woche +vorbereitete. Dann war Sonntag außen und innen, Sonntag lag in allen +Büchern, wo man sie auch aufschlug, selbst die Logarithmen hatten +Sonntag, und, wenn er’s auch gar nicht sah, Asmus wußt’ es immer, wann +die warmen Augen seines Vaters auf ihm ruhten, und er war glücklich +unter dem Glanz dieser Sterne. + + + + +V. Kapitel. + +Ob der Mensch schlafen muß oder nicht. Von stummer Liebe und von +stygischen Gewässern. + + +Der Präparand hatte ein kindliches Vergnügen daran, wenn die Bücher +sich neben ihm aufhäuften. An Faust mußte er denken, der hatte auch +ȟber Büchern und Papier« gesessen. Faust hatte alle Fakultäten +durchstudiert und sagte dann, er sei so klug als wie zuvor. Aber das +war im 16. Jahrhundert! Jetzt war die Sache schon anders. Asmus wollte +auch alles studieren, alles! Und dann wollte er doch sehen! Er wollt’ +es schon herausbekommen, + + »was die Welt + Im Innersten zusammenhält«! + +Und er konnte dem Famulus eigentlich nicht so unwirsch begegnen, wie +es Faust tat. Freilich: + + »Man sieht sich bald an Wald und Feldern satt; + Des Vogels Fittig werd’ ich nie beneiden« + +das war natürlich Torheit, oder, wie Asmus in jugendlicher Kraft +sagte: »Blödsinn«; aber was dann folgte, das war doch wahr und schön! + + »Wie anders tragen uns des Geistes Freuden + Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt! + Da werden Winternächte hold und schön, + Ein selig Leben wärmet alle Glieder –« + +Ja, ja, ja, so war es, da hatte der »trockne Schleicher« dennoch +recht! Und zuweilen fragte sich Asmus, ob es nicht das schönste Leben +wäre, immer am Tische zu sitzen, links Bücher und rechts Bücher, vor +sich Bücher und hinter sich Bücher, und gar nicht wieder aufzustehen +und niemals schlafen zu gehen. Wenn Ludwig Semper ihm mit leisem +Finger auf die Schulter klopfte und sagte: »Du mußt zu Bett gehen,« +dann fragte sich Asmus immer: »Warum geht man eigentlich schlafen? Ich +werde noch einmal beweisen, daß man überhaupt nicht zu schlafen +braucht.« + +Er hatte den Gang und die Haltung seines Vaters geerbt; sein Vater +aber ging mit großen Schritten und mit gesenktem Kopf. + +»Jung’, geh’ doch grade!« rief seine Mutter; »grad auf wie ich, sagte +der schiefe Tanzmeister,« so rief sie viele hundert Male, und dann +richtete Asmus den Kopf empor und trug ihn über eine Minute lang hoch in +den Lüften; dann aber sank er langsam, langsam wieder hinab, dem Tal der +Träume zu. + +Wer aber nun gefürchtet hätte, daß Asmus Semper ein Bücherwurm und +Stubenhocker werden könnte, der würde doch nur den vierten Teil seines +Wesens gekannt haben. Wie er als Knabe zu seinen Einkaufgängen immer +mehr Zeit gebraucht hatte, als der Weg eigentlich erforderte, so fand +er noch immer auf seinen Schul- und Heimwegen an diesem wunderbaren, +ewig sich wandelnden Panorama der Welt ein unermeßliches Vergnügen. Da +war zum Beispiel ein hübsches Mädchen, das ihm jeden Morgen begegnete. +Sie war sehr einfach, aber ordentlich gekleidet und schien eine etwas +bessere Stellung in einer Fabrik zu haben. Eines Morgens trafen sich +ihre Blicke. Und von da ab traf es sich jeden Morgen, daß sie ihm in +die Augen sah und er ihr. Das traf sich wohl monatelang so. Zuletzt +fanden sich ihre Blicke schon ganz von weitem, auf zwanzig Schritte, +und blieben so lange ineinander haften, bis die beiden Morgenwanderer +aneinander vorbei waren. Und eines Morgens – war es möglich? war es +denkbar? – eines Morgens schien sie leise zu nicken. Asmus griff an +den Hut; aber weil er so verwirrt war, tat er es erst, als sie schon +vorüber war. Dann fragte er sich auch, ob es nicht eine kolossale +Dreistigkeit wäre, sie zu grüßen. Aber am nächsten Morgen nickte sie +schon ganz deutlich, und tief zog Asmus den Hut, als wäre sie die +Königin Semiramis. Und nach und nach nickte sie immer deutlicher und +lächelte dabei, und Asmus zog den Hut und lächelte ebenfalls. Er mußte +an Don Juan denken, der auch mit allen Mädchen angebunden hatte. Als +aber nun die Semper auf Frau Rebekkas Betreiben wieder einmal +umgezogen waren und Asmus einen andern Weg zur Schule nehmen mußte, +da hörten die Begegnungen auf. Es wußte wohl keiner vom andern, wer er +sei, und ob ihm ein Glück vorübergegangen oder ein Unglück. Langsam, +wie der Regenbogen aus dem Grau hervorgetreten war, ward er wieder +aufgesogen vom Grau. + +Er ging durch manche graue Straße und manchen grauen Tag; denn der +Himmel Hamburgs verhüllt sich oft wochenlang. Aber immer war er +erstaunt, wenn er die andern seufzen hörte: »Nun haben wir in drei +Wochen die Sonne nicht gesehen!« Brauchte man denn die Sonne? Gewiß, +wenn sie am Himmel stand, dann war die Welt über alles Begreifen +schön; aber konnte man nicht auch ohne Sonne fröhlich, glücklich und +begeistert sein? »Drei Wochen keine Sonne?« fragte er ungläubig. Er +hatte sie nicht vermißt. Ihm war es, als wäre eben noch Sonnenschein +gewesen. Unter seiner Hirnschale wölbte sich ein ewig heiterer Himmel. +Aber merkwürdigerweise sah man ihm das nicht an. Er schaute meistens +mit einem ernsten Gesicht in die Welt, wohl darum, weil er sie über +alles Erwarten schön fand. + +Und in warmem Behagen stapfte er durch den tagelangen, wochenlangen +Nebel und den »fisselnden« Regen Hamburgs und schaute mit Behagen in +die grauen Kanäle und mit Behagen empor an den altersgrauen Häusern +der ehrwürdigen Stadt. Jedes dieser Häuser sah anders aus und guckte +einen an wie ein Mensch und sagte: »Hier ist sicheres und behagliches +Wohnen.« Und seltsam, obwohl die Straßen schmal und dunkel waren, +glaubte man’s doch, während man draußen durch die neuen Viertel seines +heißgeliebten Oldensund, wo die wachsende Industrie eine Mietskaserne +nach der andern aufwarf, nur mit Ekel und Grauen ging. Asmus Semper +hatte sich nie eine Vorstellung von der Hölle machen können; seitdem +er diese neuen Arbeiterviertel, diese rauchbeschmutzten +Kasernenreihen, diese Kolumbarien, diese vierstöckigen Hundehütten – +nein, Hundehütten waren gewöhnlich hübscher – seitdem er die freche +Prosa, die schamlose Häßlichkeit dieser Zementkisten gesehen hatte, +seitdem konnte er sich ein Bild machen von einem Ort der ewigen +Verdammnis. Seine Seele hatte ja Millionen von Saugfäden, die selbst +aus dem ärmsten und dunkelsten Winkel noch Schönheit und Freude sogen; +auch in seiner Tabak- und Studierstube fand er noch Schönheit und +Freude; aber vor dem gemeinen Blick dieser Häuser zogen sich alle +Fäden seiner Seele schaudernd zurück, und nie empfand er ein +grimmigeres Mitleid mit den Armen, als wenn er durch diese Straßen +ging. + +O, wie hatte er’s dagegen wieder gut getroffen mit seiner neuen +Wohnung in der roten Twiete. Diesmal hatte die quecksilberne Frau +Rebekka einen guten Griff getan, und sie triumphierte in hellen Tönen. +Das Haus selbst war freilich auch nur eine Mietskaserne; aber +gegenüber lag ein Park mit uralten Bäumen, und davor stand eine +unbewohnte, strohbedeckte Hütte, und neben dem Park öffnete sich unter +hohen Baumkronen, schmal und schattenheimlich, wie ein Weg zur +Unterwelt, der Philosophenweg. O nein, es fiel dem Präparanden Semper +gar nicht ein, um der Bücher willen solche Dinge stehen und liegen zu +lassen; er durchkostete den Park bis in seine fernsten, zartesten +Wipfel, wenn auch nur mit den Augen – denn im Klettern hatte er’s +niemals weit gebracht – er bevölkerte die Strohdachhütte mit den +Gestalten Pestalozzis und Jeremias Gotthelfs, Berthold Auerbachs und +Fritz Reuters; am Eingange des Philosophenweges aber sah er den +Laertiaden Odysseus die Opferbräuche vollziehen, die den Schatten des +Teiresias dem Hades entlocken sollten. Er war schon hundertmal durch +diesen Philosophenweg gegangen und wußte ganz genau, daß nur ein +kümmerliches Rinnsal ihn begleitete und daß er auf eine +Goldleistenfabrik mündete – aber wenn er von seinem Bett aus durchs +Fenster nach dem Eingang des Weges sah, dann war es der Ort, + + »Wo in den Acheron sich der Pyriphlegethon stürzet + Und der Strom Kokytos, ein Arm der stygischen Wasser.« + +daran hätten siebzigtausend Goldleistenfabriken nichts zu ändern +vermocht. + + + + +VI. Kapitel. + +Fortsetzung des Beweises, daß Asmus kein Bücherwurm, sondern ein +Sklave irdischer Lust ist. + + +Aber auch derbere Freuden verschmähte Asmus nicht; der Welt- und +Sinnenlust war er ergeben wie in seiner Kindheit. Nicht jeden Sonntag +und nicht den ganzen Sonntag verbrachte er bei den Büchern, nein, +gewöhnlich suchte er am Sonntag nachmittag seine Freunde Knapp und +Diepenbrock auf, die ehemaligen Mitdirektoren seines Puppentheaters. +Zunächst ging er zu Knapp, den er gewöhnlich mit seinem Vater zusammen +im Garten beschäftigt fand. Einmal waren sie bei der Mohrrübenernte, +da sagte der alte Knapp: + +»Na, Asmus, haust du deine Jungens auch fix?« + +»Nein,« rief Asmus lachend, »ich unterrichte überhaupt noch gar +nicht.« + +»Ja, hauen mußt du sie, sons wird da nix aus.« + +Und dann zog der alte Knapp eine Mohrrübe aus und gab sie Asmussen. + +»Da – muß deine Kinder mitnehmen un muß sie sagen: »So wächsen die +Worzeln.« + +Asmus sah den Bildungswert dieses Verfahrens nicht ohne weiteres ein; +aber er dankte höflich und steckte die Wurzel ein. + +Und wenn die beiden dann zu Diepenbrock kamen, dessen Eltern ein +Logier- und Speisehaus hatten, dann sah er da einen interessanten Mann +auf dem Sofa liegen. Er hieß Zöllner, war Zigarrenmacher und lag jeden +Sonntag, den Gott werden ließ, auf dem Sofa und las. Er besaß nicht +nur den großen Meyer, sondern auch sämtliche Klassiker und +Halbklassiker in prächtigen Einbänden. Und wenn er zwölf Sonntage +hintereinander auf dem Sofa gelegen und gelesen hatte, dann ging er am +dreizehnten hin und betrank sich so vollständig und andauernd, daß er +eine Woche lang nicht aus dem Rausche herauskam; dann kehrte er wieder +zu Meyer und den Klassikern zurück. Diepenbrock hatte viele Messer und +Gabeln zu putzen, und Ewald Knapp und Asmus Semper halfen ihm dabei, +damit er schneller fertig werde; aber Asmus mußte zwischendurch immer +wieder nach dem Mann auf dem Sofa blicken, der ein schönes, vornehmes +Gesicht mit einem langen braunen Bart hatte. + +Wenn sie dann endlich fertig waren, gingen die drei fast eine Stunde +weit nach der Hamburgischen Vorstadt St. Pauli, nach diesem St. Pauli, +das in der ganzen Welt bekannt war als ein Stapelplatz irdischer Genüsse +und Seligkeiten für Anspruchslose. Da gab es nicht nur Kuchenbuden, +Obstbuden, Bücherkarren, Karren mit Spielsachen, mit Kokusnüssen, die +vor den Augen des Publikums geöffnet wurden, mit ambulantem Käse, der +sich alle Düfte der Vorstadt unterwarf, mit Limonaden und Likören, da +gab es auch Kasperletheater, Mordgeschichtenbilder, fliegende Museen, +Naturalienhandlungen, Wachsfigurenkabinette, Theater, Singspielhallen – +o, diese Singspielhallen! Am Abend waren die Portale mit hunderten von +bunten Lichtern umkränzt, und wenn eine Tür aufging, sah man durch +Rauchwolken wunderschöne Frauen tanzen – »wenn ich Lehrer bin und viel +Geld verdiene, da geh ich auch hinein,« sagte sich Asmus. + +Das erste aber, was die drei taten, war regelmäßig, daß sie – immer +bei demselben »Konditor« – einen Eisenbahnkuchen kauften. Das war ein +Gemisch von zerriebenem Schwarzbrot und Syrup mit einer Zuckerglasur +darüber und war vielleicht eher zu den Laxiermitteln als zur Gattung +der Kuchen zu rechnen; aber es schmeckte um so schöner, als es für 5 +Pfennige einen halben Kubikdezimeter gab. Dann gaben sie sich +zufrieden dem Genuß des Schauens, Kauens und Staunens hin. + +»Der siebenfache Raub- und Elternmörder Timm Thode, das größte +Scheusal in Menschengestalt!« schrie ein dickes Weib und schlug mit +einem Rohrstock klatschend gegen ein 12teiliges »Gemälde«, das die +Leistungen des Gefeierten im einzelnen zur Darstellung brachte. Schon +von weitem schlug Asmus einen andern Weg ein, er wußte auf der Welt +nichts Widerwärtigeres als diese Bilder und die erklärenden Gesänge +der Schausteller. + +Aber dann gab es einen Mann auf dem »Spielbudenplatze«, der war am +ganzen Leibe mit Musik bewaffnet. Mit dem Fuße schlug er Becken und +Triangel, mit dem Ellbogen eine große Trommel, mit der rechten drehte +er einen Leierkasten, mit dem Munde blies er eine Panflöte, und wenn +er den Kopf schüttelte, erklangen von seinem Hute, der einer +chinesischen Pagode glich, eine Menge von Glöcklein. Die Musik war +gewiß scheußlich; aber die Fertigkeit des schwitzenden Mannes blieb +bewundernswert. Er hatte denn auch immer ein Rudel von Jungen um sich, +und darum mußte er die linke Hand frei behalten. + +»Käupt, Lüd, käupt!« schrie mit furchtbarer Schnapsstimme, die dem +Bellen eines heiseren Wüstenwolfes glich, ein Mann, der Datteln +verkaufte. Aber es waren keine Datteln mehr, es war nur noch ein +unerklärbares Mus, das zu Klumpen geballt auf der Karre lag. »Tein +Penn dat Pund, Lüd!« schrie der Mann. »Ick verkäup se mit Schoden, +Lüd; ick sett dor noch bi too! Blos ut Schobernack käupt mi wat af, +Lüd!« + +Und einmal kam Asmus an eine Bude, auf deren Vorderseite ein Schwein +mit Menschenaugen abgebildet war. Das Tier hatte einen seelenvollen +Blick und schien darüber nachzusinnen, ob es ein Mensch oder ein +Schwein sei. Was es in seinem Zweifel noch bestärken konnte, war der +Umstand, daß es an den Hinterfüßen fünf menschliche Zehen hatte. Wohl +hundertmal drehte Asmus sein Zehnpfennigstück in den Händen herum; +aber dann sagte er sich, daß ein zukünftiger Lehrer seiner Bildung +jedes Opfer bringen müsse; er gab es hin und trat ein. Er fand in +einem Glashafen voll Spiritus ein kleines totes Ferkel, das genau wie +jedes andere Ferkel aussah. Der Schausteller, ein großer Kerl in +Hemdärmeln, erklärte ihm, das Ferkelauge sei ein vollkommenes +Menschenauge, und die hinteren Zehen seien Menschenzehen. Asmus +blickte schon lange nicht mehr auf das Ferkel im Glashafen, sondern +auf den Mann in Hemdärmeln; er sah ihn mit staunenden Blicken an; denn +er begriff nicht, daß ein Mensch so unverschämt sein könne. + +»Das ist ja alles Schwindel!« sagte Asmus. Im nächsten Augenblick +fühlte er sich unsanft vor die Bude befördert, und wenig fehlte, so +wäre er die Stiege, die zum Eingang hinaufführte, hinuntergefallen. Es +war nicht die erste Erfahrung dieser Art, die er im »Kampfe gegen das +Unrecht« machte; aber noch viel, viel weniger war es die letzte. + +Nach solchen Erlebnissen gab es einen Wirbel in seinem Kopfe. Wie +konnte so etwas geschehen! _Das war doch Unrecht!_ Und Unrecht +brauchte man sich doch nicht gefallen zu lassen! Unrecht _durfte_ man +sich gar nicht gefallen lassen ... + +Wenn es sich aber traf, daß die drei sich männlich aufgelegt fühlten, +so wandten sie den kindlichen Freuden des Spielbudenplatzes nach +gründlicher Betrachtung mit kritisch geschürzten Lippen den Rücken und +gingen noch dreiviertel Stunden weiter nach Hamburg hinein. Dort gab +es nämlich eine Wirtschaft, wo man ein ganzes Seidel »echtes +Kulmbacher« für fünfzehn Pfennige verzapfte und sechzehnjährige Männer +mit Hochachtung behandelte. Sie saßen dort eine Stunde lang bei einem +Glase und übten Kritik nach Art der Jugend, das heißt sie rezensierten +die Bälle der Billardspieler, ohne von diesem Spiel etwas zu kennen. +Auch das Billardspiel war ein #pium desiderium# Asmussens; aber ach, +zu all dergleichen gehörte ein Lehrergehalt. Ja, wenn man 1200 Mark +verdiente – nach einem vorzüglichen Examen bekam man sogar 1300 Mark +das Jahr – dann ließen sich alle Sehnsüchte kühlen. + +Wenn sie mehr Geld als gewöhnlich hatten, so gingen sie in ein +Vorstadttheater, wo die Vorstellung 7 Stunden dauerte. Da gab es Musik, +Couplets, Liedervorträge, Männer, die abgeschossene Kanonenkugeln +auffingen, wunderschöne Trapezkünstlerinnen in Trikots und dazu noch ganze +Dramen in fünf oder mehr Akten, z. B. Anna Field, die Frau in Weiß oder ein +Opfer der Liebe von Charlotte Birch-Pfeiffer. Aus den Stücken machte sich +Asmus nicht viel; aber der jugendliche Held und Liebhaber gefiel ihm über +die Maßen. Asmussens Vater behauptete, diesen Mann schon vor dreißig Jahren +als jugendlichen Liebhaber gesehen zu haben, und taxierte ihn auf sechzig +Jahre. Aber er hatte sich aus besseren Tagen in Spiel und Stimme einen +edlen Rest bewahrt, und dieser genügte, um Asmus zu entflammen. Vor allem +diese Sprache! Das mußte auch in Wirklichkeit ein edler, seelenguter Mensch +sein, davon war Asmus tief überzeugt. Und die Liebhaberinnen verehrte und +liebte er ohne Ausnahme; denn er war etwas kurzsichtig und saß auf einem +billigen Platze weit hinten. Eine sanfte Stimme und ein weißes Gewand +genügten, um ihn von der heiligen Unschuld einer Heldin zu überzeugen. Er +war in jenem Alter, wo die Ästhetik der jungen Leute immer dem andern +Geschlechte recht zu geben pflegt. + +Wenn sie aber sehr viel Geld hatten, fünfzig Pfennige oder noch mehr, +dann gingen sie in ein »richtiges« Theater, wie Asmus es nannte, das +heißt ins Stadt- oder Thaliatheater. Einmal erwischte Asmus auf der +höchsten Galerie einen Platz, von dem aus er nur dann die Bühne +erblicken konnte, wenn er seinen Körper in einen fast rechten Winkel +bog. Man gab Don Carlos, ein Stück, das zwischen sechs- und +siebentausend Verse hat. In den Zwischenakten hatte er beachtenswerte +Kreuzschmerzen; aber sobald der Vorhang wieder aufging, waren sie +verschwunden. Es war eine Begeisterung mit Hindernissen; aber so stark +war sie, daß die Jünglinge noch stundenlang im Regen spazieren gingen +und sich nur in Ausrufungssätzen über den Don Carlos und seinen +Dichter unterhielten. An solchen Abenden hatte Asmus stärker denn je +das Gefühl: Warum geht man eigentlich zu Bett? Man verliert ja die +Hälfte des Lebens, die Hälfte der Welt! Und als er eines Tages bei +Grabbe die Worte fand: »Die Zeit, die man nicht schläft, heiß ich dem +Tode abgewonnen,« da jauchzte er förmlich auf: Ja, das ist mein Mann. + + + + +VII. Kapitel. + +Wie Asmus sang, trank, lachte, weinte und prustete. + + +Es muß andrerseits gesagt werden, daß er dasselbe Gefühl auch beim +Biertrinken hatte, und das Biertrinken studierte er außer anderem bei +Herrn Bockholm. Franz Bockholm war ein blindgeborener Orgel- und +Klaviervirtuos und wohnte, obwohl er ein ziemlich wohlhabender Mann +war, in einer winzigen, obskuren Arbeiterkneipe, die innen und außen +vom Ruß der nahen Glashütten geschwärzt war. Asmus wurde eines Tages +durch einen Zigarrenarbeiter, dem er Privatstunden gab und der das +Honorar für das abgelaufene Vierteljahr in einem Glase Bier erlegen +wollte, dorthin geführt. Natürlich genoß der blinde Künstler in diesen +Räumen die Verehrung eines weißen Elefanten, und Asmus empfand eine +tiefe Ehrerbietung, als er ihm in aller Form vorgestellt wurde. Schon +vor dem Unglück der Blindheit allein empfand er eine heilige +Ehrfurcht; als sich nun aber der Blinde gar ans Klavier setzte und +wunderschön aus der »Zauberflöte« phantasierte, da vergaß er »in +diesen heiligen Hallen« vollends, daß es eine Schnaps- und Bierschenke +war. Dann unterhielt man sich, und Asmus fiel es auf, daß Herr +Bockholm den Kopf neigte und horchte. + +»Donnerwetter!« schrie plötzlich der Blinde, »Donnerwetter! Sie müssen +doch singen können!« + +Asmus stotterte verlegen, daß er nur ein bißchen singen könne – +»eigentlich gar nicht!« rief er schnell; denn er hatte Angst. + +»Kommen Sie, kommen Sie!« rief Bockholm, und schon saß er wieder am +Klavier. »Sie haben einen Bariton. Was können Sie singen?« + +Asmus begann mit bebendem Herzen das Lied des Zaren »Einst spielt’ ich +mit Zepter«, und als er das beendet hatte, schrie Herr Bockholm: +»Weiter, was können Sie noch?« + +Und nun sang Asmus, kühner geworden: + + »Horch auf den Klang der Zither.« + +»Verflucht!« schrie der Blinde, sprang auf, schlug sich auf den +Schenkel und lachte übers ganze Gesicht, »verflucht! Er hat eine +Stimme wie Krückl!« Das war ein Bariton, der am Stadttheater den +Mozartschen Almaviva und den Rossinischen Figaro sang. + +»Frau Piefke, Bier!!« brüllte der Musiker mit vehementer Lustigkeit, +und nun mußte Asmus auf seine Kosten eins trinken und noch eins und +noch eins. Noch am selben Abend mußte Asmus mit dem weißen Elefanten +auf du und du trinken, obwohl dieser ein viertel Jahrhundert älter +war, und dann wurde nicht weniger abgemacht als dies: Asmus solle +jeden Tag kommen und bei Bockholm das Klavierspiel lernen und solle +sich Gesangsnoten verschaffen, z. B. die Balladen von Löwe, und zum +Entgelt solle er dem Blinden hin und wieder etwas vorlesen. + +Und ungefähr so geschah es. Asmus kam, wenn auch nicht täglich, so +doch oft, lernte Klavierspielen, sang den »Archibald Douglas« – »darin +steckt mehr als in mancher großen Oper,« schrie Bockholm mitten im +Spiel – las seinem Lehrer die Zeitung bis in den Inseratenteil vor – +denn der Blinde wollte alles wissen – und übte sich im Biertrinken. + +In dieser Kunst leistete der Meister noch mehr als in der Musik; ein +Seidel voll schien auf einen Schluck, wie in einer Klappe, zu +verschwinden, und er hatte begnadete Tage, wo er es auf dreißig Seidel +brachte. Das sah nun Asmus freilich mit Staunen und mit Grauen; aber +er hielt es doch für Ehrensache, es auf vier oder fünf zu bringen. +Zuweilen allerdings kam ihm die ganze Atmosphäre etwas trüb und +traurig vor; es kamen da Gesellen, bei denen er sich wunderte, daß +Bockholm ihnen vorspielte und mit ihnen trank; aber dann kamen auch +wieder Leute, ungebildete Arbeiter, in berußten Blusen und +kalkbefleckten Kitteln, die mit einer schier leidenschaftlichen +Begierde und mit innerster Teilnahme zuhörten. Und Kerle mit Humor +kamen da! Eines Tages, als Bockholm ein Bravourstück mit ungeheurer +Fingerfertigkeit gespielt hatte, sagte ein Steinbrügger: + +»Junge – wenn ick den sin’n Kopp harr!« und ein anderer versetzte +langsam und gedankenvoll: + +»Djä – – un wenn du denn so dumm wärs wie jetz, denn nütz di dat ook +nix.« + +»Och,« sagte dann wieder der erste, »wenn ick man din Mul harr, denn +gung dat woll,« und dann stießen sie miteinander an und lachten. + +Ja, das war doch auch wieder etwas, wobei einem das Herz ganz frei und +warm wurde! + +Gewöhnlich wollten die Arbeiter unzählige Seidel Bier für den Künstler +zahlen; aber das nahm er nur unter der Bedingung an, daß er sich +revanchieren dürfe, und so kam er immer häufiger auf die dreißig +Seidel und mit jedem Tage seinem frühen Ende um zwei Tage näher. + +Die Privatstunden im Biertrinken kamen Asmus zu statten bei den +heimlichen Zusammenkünften der Albingia. Die Albingia war eine +heimliche Präparandenverbindung mit Burschenbändern, Zereviskappen und +allem Zubehör eines regelrechten Komments. Durch ein bemoostes Haupt, +das die Geheimnisse der Albingia mit dem furchtbaren Ernste des +Verschwörers behandelte und an ein Sakrament der Kneipe zu glauben +schien, wurde Asmus in diesen nächtlichen Zirkel eingeführt. Gleich +bei der ersten Kneipe hieß es: »Semper muß aus ’m Faust rezitieren,« +und Asmus ließ sich vom Kellner ein Fläschchen voll braunen Saftes +und ein Glas bringen und bestieg die kleine Bühne am Ende des Saales. +Er sprach die ersten Monologe des Faust bis zum Anbruch des +Ostermorgens, und als er an die Stelle kam: + + »Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen; + Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen; + Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht. + Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle; + Den ich bereitet, den ich wähle, + Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele + Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht!« + +da goß Asmus den Inhalt des Fläschchens in das Glas. Der Saft war +nichts anderes als Bier; aber nicht nur Asmus, nein, die ganze +Versammlung würde den mit ewiger Verachtung belegt haben, der darüber +gelacht hätte. + +Sonst aber lachte er lieber als alle anderen. Er fand es ungemein +possierlich, daß er als Fuchs den andern Bier einzapfen und ihnen die +lange Pfeife anzünden mußte, und er war glücklich und stolz, als er +endlich »entschwänzt« wurde und in der Biertaufe den Namen »Dr. Faust« +erhielt. Er war noch gewohnt, alle Dinge des Lebens tief zu nehmen, +und hielt es für heilige Pflicht, einen »Kuhschluck« und einen +»Bierjungen« genau so ernst zu nehmen wie die Gedanken Rousseaus und +die Entstehung des Pentateuchs. Er konnt’ es nicht begreifen, wie man +trotz der Ermahnungen des Vorsitzenden, auszuharren, dennoch um drei +Uhr morgens aufbrechen konnte, wo es doch die einfachste deutsche +Treue gebot, den Präsidenten nicht im Stich zu lassen. Und am +wenigsten konnt’ er begreifen, daß sie nicht lustiger waren, daß sie +all diese fidelen Bräuche, diese köstlichen Lieder und Schnurren, von +denen das Kommersbuch förmlich platzte, für gewöhnlich so frostig, +gleichsam geschäftsmäßig abmachten. Mein Gott – als er sich das +Kommersbuch zu Hause vornahm – da lachten und schwärmten ja ganze +Jahrhunderte daraus hervor; die Romantik, der Übermut, der +Jugendglaube von zwanzig Generationen zogen durch seine Brust; alle +Augenblick mußt’ er aufspringen, mit den Fingern schnalzen, +Tanzsprünge durchs Zimmer machen; auf seinen Wangen mischten sich +Lachtränen und Weintränen – o, wie mußte das über alle Begriffe +herrlich sein, wenn solch ein Lied durch den Saal brauste, wie +göttlich lustig mußte das sein, wenn sie alle mit Leichenbittermienen +sangen: + + O wie bimmel, bammel, bummelt, + O wie bimmel, bammel, bummelt, + O wie bummelt mir mein Frack! + Ich hab noch nie einen Frack gehabt, + der mir so sehr gebimmelbammelt hat – + +aber wenn dann die Kneipe da war, ja, da gab es wohl zuweilen lustige +Stunden; aber es war nicht das, was er gehofft hatte; es fehlte ein +Duft – ein Glanz – eine unnennbare Weihe – es fehlten die rosigen, +silbernen Wolken über der Versammlung – – –! + +Er begriff überhaupt nicht, warum die Menschen nicht öfter lachten und +nicht öfter weinten, da doch die Welt so reichen Anlaß dazu bot. Als +er einmal eine Molieresche Komödie sah und die Situation auf der Bühne +plötzlich eine künftige Situation von großer Komik ahnen ließ, da +schoß ihm ein so gewaltiges Lachen in die Nase, daß er es nicht +zurückhalten konnte; da er es aber dennoch zurückhalten wollte, so kam +ein eigentümlicher Prust-, Schnupf- und Grunzlaut zustande, über den +das ganze Publikum in laute Heiterkeit ausbrach. So hatte sich Asmus +vermutlich noch nie geschämt wie in diesem Augenblick; es ist +anzunehmen, daß er bis in die Zehenspitzen errötete; aber nachher +mußte er sich doch fragen: Warum habe ich denn allein gelacht? Warum +lachten nicht alle? + + + + +VIII. Kapitel. + +Warum Ludwig Semper nicht in den »Lohengrin« ging und Asmus mit einem +Windhund verkehrte. + + +Wenn er von der monatlichen Kneipe der Albingia einmal spät nach Hause +kam, so schüttelte Frau Rebekka den Kopf und äußerte ihre Besorgnisse; +aber Ludwig Semper lachte vergnügt in sich hinein und sagte: »Laß ihn; +das gehört dazu.« Auch er hatte zu Schleswig seine heimlichen +Gymnasiastenkneipen gefeiert und den Landesvater gesungen, und +manchesmal, wenn das Vergangene in ihm erwachte, hatte er, am +Tabakstische sitzend und das blanke Zigarrenmesser schwingend, +gesungen: + + »Seht ihn blinken + In der Linken + Diesen Schläger, nie entweiht! + Ich durchbohr den Hut und schwöre: + Halten will ich stets auf Ehre, + Stets ein braver Bursche sein!« + +Dagegen hatte Ludwig Semper für eine andere Neigung seines Sohnes +durchaus kein Verständnis: Er begriff nicht, wie man ohne Not einen +Weg von mehr als einer Viertel- oder gar halben Stunde machen konnte. +Wenn Asmus in den Ferien Spaziergänge von vier Stunden machte, so +schüttelte Ludwig andauernd den Kopf; bei einem acht- oder +zehnstündigen Ausflug aber wurde er sozusagen böse, warf das linke +Bein über das rechte und murmelte: »Verrückt!« Er schien das für +gesundheitsschädlich zu halten, und einer der Gründe, weshalb er noch +immer nicht den Lohengrin gehört hatte, war der, daß man ins Hamburger +Stadttheater eine Stunde zu gehen hatte. Asmus hingegen hatte Seume +gelesen, und einer seiner Träume war es, einen Spaziergang nach +Syrakus zu machen, wie ihn dieser etwas nüchterne, etwas trockene, +aber in seiner Unabhängigkeit, Kraft und Lauterkeit dennoch poetische +Mann gemacht hatte. + +Unter den Studiengenossen, mit denen Asmus seine botanisch-zoologisch- +mineralogisch-poetisch-politisch-philosophisch-cerealisch-bacchischen +Ausflüge – denn das Frühstück spielt bei Siebzehnjährigen eine genau +so große Rolle wie der Idealismus – zu unternehmen pflegte, waren es +besonders zwei, zu denen er in ein näheres Verhältnis trat. Der eine +war sein Mithospitant Morieux, und dieser hatte Eigenschaften, die +wohl auf einen französischen Vorfahren schließen lassen konnten. Er +war ein hübscher, schlanker, geschmeidiger Bursche mit dunklem Haar +und einem famosen schwarzen Schnurrbärtchen und zeigte in Sprache und +Gebärden eine überschießende, ja, in seinen Mienen nicht selten eine +fratzenhafte Lebhaftigkeit. Die Jugend urteilt wie die Frauen und wie +das Publikum mit Vorliebe nach dem Instinkt und trifft damit +gewöhnlich das Richtige. So erhielt denn auch Morieux in der Biertaufe +den Namen Fritz Triddelfitz, mit der Begründung, daß er ein +»langschinkiger, dünnrippiger Windhund« sei. Von den Windhunden sagt +man, daß sie selbstsüchtig und wenig treu seien, und das stimmte bei +Morieux insofern, als er nur eine halbe Treue besaß. Wenn Asmus in der +Klasse irgend einen größeren Erfolg erzielt hatte, so beglückwünschte +ihn Morieux mit fulminanten Worten und war dabei blaß bis in die +Lippen, und Asmus sah mit vollkommener Gewißheit, daß der Neid, ja der +Haß ihn innerlich zerwühlten. Aber er sah auch, daß Morieux mit diesem +Neide kämpfte, daß er sich die Lippen fast blutig biß. Und immer +wieder kehrte er zu Asmus zurück und zog seinen Umgang jedem anderen +vor. Er überhäufte den Freund mit Ausdrücken einer so schwärmerischen, +überschwenglichen Bewunderung, daß Asmus abwechselnd rot und blaß +wurde und an die Aufrichtigkeit dieser Apotheosen niemals glauben +konnte, und doch wußte er, daß Morieux in derselben Weise zu andern +über ihn sprach. Auch Asmussens Eltern hatte er solchermaßen den Ruhm +ihres Sohnes verkündet, und Frau Rebekka hatte alles geglaubt und mit +Entrüstung ausgerufen: »Der dumme Bengel! Und davon sagt er zu Hause +kein Wort!« Im innersten Herzen fühlte sich Asmus von diesem Freunde +wohl mehr abgestoßen als angezogen; aber eines besaß dieser Freund, +was ihn festhielt, und das war seine außerordentliche musikalische +Begabung, im besonderen sein vorzügliches Geigenspiel. Morieux ließ +nicht locker, bis sich Asmus von ihm die Anfangsgründe des +Geigenspiels zeigen ließ, und alsbald traktierte der junge Semper mit +solcher Versessenheit das schwierige Instrument, daß sie nach einigen +Wochen schon leichte Duette spielten. Dieses Band hielt sie zusammen +und zog sie bald zu einem Bratschisten und einem Cellisten hin und +geleitete ihren jugendlichen Wagemut endlich zu den Quartetten Haydns, +Mozarts, Beethovens und Schuberts. + +Aber leider hatte der langschinkige, dünnrippige Windhund eine fatale +Neigung, andere Leute aufzuziehen. Er hielt sich für so gescheit, daß +er allen andern etwas aufbinden könne; er gab sich bei den gemeinsamen +Ausflügen den einfachen Landbewohnern gegenüber für einen +ausstudierten Lehrer, für einen Arzt, für einen höheren Beamten oder +dergleichen aus, nur um ihnen allerlei Abenteuer und Räubergeschichten +aufzubinden und sich an ihrer Leichtgläubigkeit zu weiden. Nun +schlummert freilich hinter den träumerisch-gutmütigen Augen des +Schleswig-Holsteiners eine feine und stattliche Klugheit, die nur +dann vollends aufwacht, wenn es durchaus notwendig ist, und +gelegentlich wurde der Aufschneider wohl durch ein ironisches Lächeln +oder ein spöttisches Wort zurückgewiesen; aber manchmal fand er auch +Gläubige, und solch ein Mißbrauch eines freundlichen Vertrauens +verdroß Asmus jedesmal über die Maßen. Am wenigsten konnte er’s +vertragen, daß alte Leute in weißen Haaren gefoppt wurden, und wie +wurde ihm nun gar zumute, als Morieux sich eines Tages einfallen ließ, +seine Eltern, seine Mutter Rebekka Semper, seinen Vater Ludwig Semper +anzulügen und zu hänseln. Als hätte man ihm mit der Peitsche ins +Gesicht geschlagen, so war es ihm. Um seine Eltern nichts merken zu +lassen, machte er gute Miene zum bösen Spiel und lenkte mit einer +gewaltsamen Anstrengung das Gespräch geschwind auf einen anderen +Gegenstand: nachher aber, beim Abschied vor der Tür, weigerte er dem +Frevler die Hand und sagte: + +»Du brauchst mich nicht wieder zu besuchen. Wir sind geschiedene +Leute.« + +Morieux ging lächelnd und mit einem höhnischen Achselzucken davon. + + + + +IX. Kapitel. + +Ein Afrikaforscher, der nicht revanchelüstern ist. + + +Ganz, ganz anders war Sempers zweiter Wandergenosse. Er war hager, +sehnig und steif, von scharfgeschnittenem Gesicht, und sein +silberweißes kurzgeschorenes Haar stand senkrecht aufgerichtet wie +Nägel. Eigentlich hieß er Herrig; aber nach einem Vororte Hamburgs, wo +die Insassen einer gewissen Anstalt gezwungenermaßen kurzgeschoren +gingen, nannte der liebevolle Witz seiner Klassengenossen ihn +»Fuhlsbüttel«. Weit davon entfernt, musikalisch zu sein, sang er, wenn +er die Wacht am Rhein singen wollte, die Lorelei, die aber auch noch +falsch. Er war überhaupt vom Kopf bis zu den Füßen amusisch, und unter +allen Kunst- und Literaturschätzen der Welt gab es nichts, was seinen +Herzschlag beschleunigen konnte. Allein auch er hatte etwas, was ihn +Sempern interessant machte: nämlich eine grammatische Nase, und in der +Analyse knifflicher Satzgebilde galten er und Asmus für Rivalen. Auch +kannte er eine Menge Pflanzen und Insekten bei Namen, und Asmus, den +seine Dorfschule in dieser Hinsicht mit wahrhaft imposanten Lücken +ausgestattet hatte, ergriff mit Freuden die Gelegenheit, sich aus dem +»Thesaurus« seines Freundes zu bereichern. Dafür bereicherte sich John +Herrig, wie man sehen wird, aus einem anderen Schatze seines Freundes +Asmus. + +Zunächst freilich war es eine Bereicherung von zweifelhaftem Wert. Sie +unterhielten sich auf ihren Wanderungen stundenlang mit bitterem Ernst +über Fragen der Politik, der Volkswirtschaft, der Gesellschaftsmoral, +der Philosophie, kurz #de omnibus rebus et quibusdam aliis#. (Morieux +war immer nach zwei Minuten auf eine Hanswursterei abgesprungen.) +Dabei sprachen sie auch von ihrer Zukunft. + +»Ich bleibe nicht Lehrer,« sagte Herrig, »ich werde Afrikaforscher.« +Da war es Asmussen, als ob plötzlich eine unbekannte Gewalt, von der +er nie gewußt, die gar nicht aus seinem Innern, sondern aus einer +weiten Zukunft zu kommen schien, ihm ein Wort auf die Lippen legte: + +»Ich – ich –« sprach er zögernd, »ich _möchte_ ja wohl Dichter +werden!« Und schnell setzte er hinzu: »Aber das ist ja natürlich +Unsinn.« + +Dann gab es einen Tag, da gingen John und Asmus lange schweigend +nebeneinander her. + +»Warum reden wir eigentlich nichts?« sagte Asmus endlich. + +»Hm,« machte Herrig, »weil wir nichts mehr zu streiten haben. Ich habe +nach und nach alle deine Anschauungen angenommen.« + +Asmus erschrak fast, als Herrig so nüchtern den wahren Sachverhalt +feststellte. Er hatte recht: das innere Freundschaftsverhältnis war +eigentlich abgestorben. Anschauungen aber, die man von einem anderen +angenommen hat, weil man nichts mehr zu erwidern wußte, sind immer ein +zweifelhafter Reichtum gewesen. + +Asmus indessen ertrug es nicht, einen toten Freund mit sich +herumzuschleppen. Er versuchte, von seinem Blut in die Adern seines +kalten, blaßhaarigen Freundes hinüberzuleiten. Sie wollten an den +herrlichen Sonnabend-Feierabenden etwas zusammen arbeiten. Und er +holte Schillers Briefe über ästhetische Erziehung hervor, an denen er +sich schon einmal geärgert hatte, weil er sie nicht verstand. +Vielleicht gelang es, sie mit zwei Köpfen zu bewältigen. Aber nach +einigen Briefen mußten sie’s abermals aufgeben. Nun studierten sie +Latein zusammen und lasen den Gallischen Krieg. Auch andere römische +Autoren lasen sie; wenn sie ihnen lateinisch zu schwer waren, dann in +Übersetzungen, und in den anschließenden Unterhaltungen fanden die +alten Herren eine mehr oder weniger endgültige Beurteilung. + +»Dieser Ovid ist doch ein fürchterlicher Quatschkopp!« rief Herrig +eines Abends aus. + +Das ärgerte Asmus und er versetzte: + +»Und dein Sueton ist ein altes Waschweib.« + +Auf solche Weise erwärmte sich nach und nach wieder das +Freundschaftsverhältnis; bald aber sollte es trotzdem für immer +erkalten. + +John Herrig schöpfte nämlich aus seinem Freunde noch einen reelleren +Reichtum als den der Weltanschauung. Wenn sie auf ihren Ausflügen +einkehrten, um zu ihrem mitgenommenen Frühstück ein Glas Bier zu +trinken, so zahlte Asmus regelmäßig die Zeche und teilte die vom Vater +erhaltenen Zigarren mit seinem Freunde. Er sagte sich nämlich: Wenn er +Geld hat, so wird er sich natürlich revanchieren; wenn er keins hat, +versteht es sich von selbst, daß der bezahlt, der etwas hat. Und Asmus +erwischte hin und wieder Privatstunden, die mit 50 Pfg. bezahlt +wurden. + +Und wenn sie rückkehrend, hungrig, durstig und müde von der +Sonnenhitze, in Oldensund eintrafen, dann fand es Asmus unmenschlich, +den Freund noch eine Stunde weit nach seinem Mittagessen gehen zu +lassen, und er sagte: »Komm mit und iß mit mir; meine Mutter wird wohl +soviel haben.« + +Und Frau Rebekka, die für sieben Menschen kochte, darunter für fünf +Söhne, deren Appetit täglich wuchs und sich nach oben hin jedem +Voranschlag entzog, hatte auch noch genug für einen achten, und sie, +die nach einem Worte ihres Gatten so sparsam war, »daß sie den Flicken +eines Flickens flickte«, und das so akkurat, daß Herr Aufderhardt, +der Schneider, ausrief: »Das ist so schön gemacht, daß _ich_ es nicht +besser kann!« – sie, die aus einem Rock eine Weste, aus der Weste eine +Mütze, aus der Mütze einen Handschuh, aus dem Handschuh einen +Putzlappen machte, und so das arme Tuch in Wahrheit zu Tode hetzte, um +es zuletzt noch an den Lumpenhändler zu verkaufen, – sie strahlte von +Heiterkeit und Stolz, wenn ein Gast an ihrem Tische saß und tüchtig +einhieb. Das war eben eine der leichtsinnigen Anmaßungen, die sie von +ihrem Gatten übernommen hatte, daß sie sich für berechtigt hielt, +unbeschränkte Gastfreundschaft zu üben. Wer im Augenblick einer +Mahlzeit als Freund das Semperische Haus betrat, der wurde an den +Tisch gebeten, das war eine Überlieferung von Semperischen Urvätern +her. + +Und nun merkte Asmus eines Tages, daß dieser Satan, dieser Herrig, +_doch_ Geld hatte! Und daß es ihm gleichwohl gar nicht einfiel, sich +zu »revanchieren«. Diese Entdeckung machte Asmussen von oben bis unten +gefrieren. Von allen Lastern, soweit er sie bis jetzt kennen gelernt +hatte, war ihm eins immer als das häßlichste erschienen: der Geiz. Und +mit einem Schlage war er aufgetaut, und aus dem Grunde seines Herzens +atmete er auf, als Herrig bald darauf, nachdem er den Freund für die +nächste gemeinsame Arbeit in seine Wohnung geladen hatte, hinzufügte: +»Du kannst ja dann bei mir zu Abend essen.« + +Gott sei Dank, dachte Asmus, er ist doch nicht geizig. + +Als Asmus am nächsten Sonnabend in die Stube seines Freundes trat, +fiel ihm sofort dessen Verlegenheit auf. Nach einiger Zeit stotterte +Herrig: + +»Abend – Abendbrot hast du wohl schon gegessen!« + +»Ja,« sagte Asmus, »Adieu!« Und nun war er sich klar über John Herrig. + +Er hatte vorläufig kein Glück mit den »Freunden« unter seinen +Studiengenossen. + + + + +X. Kapitel. + +Asmus als Königsmörder und Galeerensträfling, als Gallo und Petrarca. +Er erneuert eine gewisse, für die Folge nicht unwichtige +Bekanntschaft. + + +Ob er den Freund in seinem andern Mithospitanten, jenem Jüngling mit +der hebräischen Handschrift finden sollte, der seit einiger Zeit mit +ihm denselben Weg zur Schule ging? Claus Münz war ein guter Kerl; aber +er redete zu viel von seinen Muskeln. Er war nämlich vierschrötig und +starkknochig wie ein Arbeitspferd, und wenn er Sempern die Hand gab, +drückte er sie zum Beweise seiner Heldennatur so stark, daß Asmus das +Gesicht verzog, und dann wieherte Claus Münz aus vollem Halse wie ein +Roß. Er entblößte täglich einmal seinen Arm, um den Bizeps zu zeigen, +und hatte den sehnlichen Wunsch, einmal mit einem Athleten vom +Spezialitätentheater ringen zu dürfen. Es sei ein Jammer, sagte er, +daß er als Schulmeister nur sechs Wochen dienen könne, sonst würde er +zu den Gardehusaren kommen, und dann hätte er vielleicht einmal +tüchtig in die Franzosen einhauen können. Er hatte als Knabe jenen +Geschichtsunterricht empfangen, nach dem die Franzosen Lumpenhunde +sind, die Deutschen hingegen bieder und treu. Asmus machte sich +anfangs ein Vergnügen daraus, die Franzosen auf jede Weise +herauszustreichen; aber bald ward ihm dieser Streit zu dumm. Claus +Münz war auch in allen Muskeln und Knochen königstreu; Asmus hingegen +war überzeugter Tyrannenmörder. Zwar konnte er kein Tier, geschweige +denn einen Menschen leiden sehen, und sein schlimmster Feind hörte +auf, sein Feind zu sein, sobald er litt; aber so sehr er Cäsarn +bewunderte und liebte, an den Iden des März und bei Philippi hatte +er’s mit Brutus gehalten, sein Herz hatte den Möros, den Harmodius und +Aristogeiton, den Tell und ihren Genossen gehört. Nun war es +geschehen, daß ein Mann namens Nobiling auf den Kaiser Wilhelm +geschossen und ihn verwundet hatte. Claus Münz war außer sich vor +Entrüstung. Asmus, der in der Arbeitsstube der Zigarrenmacher den +ersten Wilhelm kaum anders als »Kartätschenprinz« hatte nennen hören, +hatte ein lebhaftes Mitgefühl mit dem alten Manne, wenn er ihn sich +auf seinem Schmerzenslager dachte, und beklagte die Tat des Mörders; +aber er ersuchte doch auch den mit allen Muskeln wütenden Freund, +gefälligst nicht zu vergessen, daß Wilhelm I. und Bismarck Tyrannen +seien. Er war der Meinung, daß es Fürsten und Minister, Herrschende +und Besitzende durchaus in der Hand hätten, dem Volke Brot und +Freiheit zu geben, und daß nur Herrschsucht und Habsucht sie daran +hinderten. Die Erkenntnis, daß wir alle unter dem Zwange der +Notwendigkeit stehen und daß es keine abhängigeren Menschen gibt als +die Herrschenden, daß wir alle an Händen und Füßen, die Herrschenden +aber an jedem Finger und jedem Haar von Fäden gezogen und geleitet +werden, die aus dem Unendlichen kommen, es sollte noch lange währen, +bis ihm diese Erkenntnis aufging. Die Geschichtsstunden des Herrn +Stahmer hatten wohl ein leises Ahnen von der ehernen Verkettung der +Dinge in ihm erweckt; aber dieser Unterricht war zu kurz gewesen und +hätte wohl auch, wenn er länger gewährt, aus den jungen Keimen einer +Jünglingsseele – einer Kindesseele fast – keine Bäume machen können. +Die Geisteskräfte des guten Claus Münz aber waren vollends nicht dazu +geschaffen, den jungen Semper zu überwältigen; dieser gab es sogar +vollständig auf, zu streiten, weil Claus Münz immer nur muskulöse +Behauptungen vorbrachte, und Asmus schleppte geduldig, aber gemartert, +jeden Morgen den Geist des Claus Münz hinter sich her wie die Kugel +eines Galeerensträflings. + +Aber wie schon oft, so sollte er auch jetzt Erquickung und Trost +finden bei den Frauen. Die Schule, an der er jeden Morgen hospitierte, +hatte sich vergrößert und unter anderen Lehrkräften auch drei neue +Lehrerinnen bekommen. Unter diesen war eine musikalische Dame von +einer weichen und sanften Schönheit, und es dauerte natürlich keine +zwei Tage, bis Asmus sie heimlich besang und in seinem Gedicht +versicherte, daß die heilige Cäcilie unter den Irdischen wandle. Sie +hatte oft eine Gefährtin bei sich, der Asmus eines Tages »die +bezauberte Rose« von Ernst Schulze lieh, die ihm das Buch aber schon +am folgenden Tage zurückgab, weil sie es nicht lesen könne, so fromm +und tugendsam war sie. Asmus war empört und schwärmte ihr nun recht +zum Trotz von Rousseau und Voltaire. Morieux hatte den beiden Damen +mit Grimassen und schlenkernden Armen verraten, daß Semper Gedichte +mache, »wunderbare, großartige Gedichte!« Und nun, wenn die Schule +vorüber war, saßen die beiden Damen auf dem Pult wie auf einem Thron, +und Morieux und Semper saßen auf den Kinderbänken zu ihren Füßen; +Morieux geigte und Asmus las, fremde Gedichte und eigene; er hatte der +Ballade vom ertrunkenen Fischer noch eine Ballade von einer +gespenstischen Burgruine hinzugefügt, und Asmus dachte: So war es am +Musenhof zu Ferrara oder Avignon. + +Noch einen stärkeren Widerhall aber fand Asmus bei einer Frauenseele, +von der man kaum begriff, daß sie in ihrem Körper Platz habe. Das war +die Seele des Fräulein Wieselin, einer 38jährigen Jungfrau, Lehrerin +und Dichterin. Sie war so klein und dünn, daß sie sozusagen nur eine +Nadel war, in die der Herrgott einen Lebensfaden gezogen hatte, und +diese Nadel fuhr unablässig auf und ab und verarbeitete ihren +Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und Opfersinn. Im Gesicht sah +sie aus wie ein Geheimrat, der immer in einem überheizten Zimmer +gesessen hat und darum etwas eingetrocknet ist. Tausend Mark Gehalt +erhielt sie im Jahr, und davon ernährte sie sich und ihre Mutter und +unterstützte sie die Familie eines kranken Bruders. Sie war damals +schon fünfzehn Jahre Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher, +und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten der Kleinen; die +Kleinsten zu lehren ist aber größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher, +die sie las, mußte sie sich leihen; denn kaufen konnte sie sich keine; +aber als sie nach fünfunddreißig Jahren der Mühsal ihr Ende nahen +fühlte, da sagte sie: »Ich kann ja zufrieden sterben; ich habe ja ein +reiches Leben gehabt.« + +In ihren seltenen Mußestunden machte sie auch Verse, kleine, +unbedeutende Gelegenheitssächlein; aber da Asmus sie nicht loben +konnte, so sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen sprach viel +von den seinigen, rühmte sie und sprach ihre Verwunderung darüber aus, +daß er gleich mit epischen Gedichten anfange, während die jungen Leute +sonst immer mit allgemeinen Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel +leichter sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: »Ich habe +immer das Gefühl, daß Sie kein Lehrer werden, daß wir Sie noch ’mal +auf ganz anderen Pfaden wandeln sehen!« + +»Vielleicht heirate ich auch die!« dachte Asmus. + +Die dritte der neuangestellten Damen hieß Hilde Chavonne, war eine +schlanke Brünette mit großen, schmachtenden braunen Augen und einem +sanften Stolz der Bewegungen und trotz alledem eine Hamburgerin. Sie +und Asmus schenkten einander zu Anfang nur wenig Beachtung, +unvergleichlich viel weniger als später. Aber doch mußte er darüber +nachdenken, wo er sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war die +»Dame in Trauer«, die Seminaristin, die einmal ganz zu Beginn seiner +Präparandenzeit mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges zusammen +gegangen war. Daß er ihr schon viel, viel früher einmal begegnet war, +das konnte er nicht mehr wissen. + + + + +XI. Kapitel. + +Wie Asmus plötzlich eine glänzende Karriere machte und dabei auf den +Hund kam. + + +Zu diesen ganzen und halben Freunden gewann Asmus endlich eine ganze +Schar von kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre seines +Präparandentums eines Morgens in die Schule kam, ließ ihn der +Oberlehrer in sein Zimmer rufen. »Herr Dohrmann hat sich krank +gemeldet,« sagte er, »und wird voraussichtlich in acht Wochen nicht +kommen können. Ich habe Sie zu seiner Vertretung ausersehen. +Übernehmen Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen +rechtfertigen werden.« Asmus konnte vor Überraschung nicht sprechen; +er nickte nur stumm und verließ das Zimmer. + +Als er draußen stand, war sein erstes Gefühl ein wirbelnder Jubel. +Lehrer! Er sollte Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er +vorstehen, er ganz allein! Er wußte im nächsten Augenblick selbst +nicht, wie er die drei Treppen zum obersten Stockwerk hinaufgekommen +war. Und als er vor der Klassentür stand und die führerlosen Kinder +lärmen hörte, da stak ihm das Herz, das noch eben so hoch geflogen +war, tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, der kleinste und +jüngste von den drei Präparanden, den kranken Lehrer vertreten? Warum +nicht Morieux, der ein ganzes Jahr länger an der Schule war als er? +Warum nicht Claus Münz, der Große und Starke, der den Kindern gewiß +mehr imponierte als er? Er kannte ja nichts vom Unterrichten, rein gar +nichts. Ach ja, er wußte wohl: alle in der Schule hielten ihn für +außerordentlich ernst und gesetzt. Die Leiden, die Verfolgungen, die +er als Knabe erduldet, hatten seinem Gesicht, seinem ganzen Wesen +einen zusammengerafften, entschlossenen Ernst gegeben, und wer ihn +nicht in vertrauten Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daß +hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne stand. Er hatte gerade +um jene Zeit auf Menschen solcher Art in schwerhinwandelnden Versen +ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte er »Erscheinung«. + + Eine düstre Wolke seh’ ich schwimmen + Durch den abendlichen Himmelsraum. + Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen + Zarte Lichter wie ein Flockensaum. + + Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen + Ragt die Wolke hoch in den Azur, + Doch um ihre Stirne lichtgetroffen + Hängt des Alpenglühens Rosenflur. + + Denn verborgen hinter jener Mauer + Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts, + Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer, + Blickt nach dort verklärten Angesichts. + + Also sah ich düstre Menschenstirnen + In den Grenzen dieser Erde auch: + Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen + Eines fremden Lichtes leiser Hauch. + + Augen sah ich, die dem Hier entrinnen, + Das mit Tränenschatten sie umhüllt; + Doch versunken war ihr Blick nach innen + Und von dort mit sel’gem Glanz erfüllt. – + +Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten Blick, ein +überirdisches Angesicht, weil er das für erhabener hielt und er damals +gerade ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler werden wollte; in +Wirklichkeit aber sprang seine Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens +mit frischen Jugendbeinen auf der Erde umher. Das wußten die in der +Schule nicht. Sie schrieben ihm auch weit größere Kenntnisse und +Fähigkeiten zu, als er besaß, und das machte ihm Unbehagen, weil es +ihm vorkam, als täuschte er sie, als müßte er seine Kenntnisse einmal +alle aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch legen, damit sie +sähen, wie wenig er wisse und könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben +stand er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der Unberufenheit. + +Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er endlich die Klassentür auf. Er +stand vor den Kindern. + +Sie verstummten vor Überraschung. Was will _der_ denn, dachten sie. +Asmus gebot ihnen, ihre Sachen unter den Tisch zu legen und sich +ordentlich hinzusetzen. Sie gehorchten; aber einige duckten sich +hinter den Rücken des Vordermannes und kicherten, weil der kleine +Schreiber aus dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister sein wollte. Da +steckte Asmus von seinen ernsten Gesichtern das allerernsteste auf und +sah den Aufsässigen ruhig in die Augen – da saßen sie still und ohne +Laut. Das fühlte er sofort, die Zügel in der Hand behalten, das war +nicht so schwer; aber das Unterrichten! + +Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für die einfachste Sache von +der Welt. Man sagt den Kindern, was sie wissen sollen, und dann wissen +sie’s ja! Aber man soll ihnen gar nichts sagen, das ist’s ja gerade! +Alles sollen sie selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll man’s +aus ihnen herausholen; so verlangt es das »erotematische« oder +»katechetische« oder »heuristische« Lehrverfahren. Asmus kannte diese +gelehrten Vorschriften wohl; aber als er nun vor den sechzig +Gesichtern stand, wußte er nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle +er den Kindern über ein meilenbreites Wasser die Hand reichen. Und +wenn ihm vorher das Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er +jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den Schuhen, eines im Halse, +das ihn würgte, eines in der Brust, das ihm wehtat und eines in der +Darmgegend. Und nun kamen überdies noch Münz und Morieux herein; denn +es war Brauch, daß, wenn ein Präparand unterrichtete, die andern +zuhörten und hernach ihre Kritik übten. Wie ein Doppelbeckmesser +mußten sie aufpassen, ob auch alle Fragen des Katecheten mit »#W#« +anfingen (denn so verlangt es das »System«), ob Asmus auch keine +»Wahlfragen« stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja oder Nein +zu antworten brauchte, die also die Schüler zum Raten verleiteten, ob +er auch rechtzeitig zusammenfasse und wiederhole, ob er auch alle +Kinder gefragt habe, bevor er eins zum zweitenmal frage, ob er auch +tadle, wenn ein Schüler beim Fingerzeigen aus der Bank trete, ob er +auch bemerkt habe, daß Müller sich in vereinfachter Manier die Nase +geputzt habe usw. + +Asmus sollte zunächst eine Anschauungsstunde geben, und er holte sich +aus dem kleinen Schulmuseum einen ausgestopften Fuchs, der aber dank +der Kunst des Ausstopfers den Hinterleib einer feisten Katze hatte. + +»Was ist das?« fragte Asmus. + +»Das ist ein Hund,« antwortete ein Schüler; denn die Stadtkinder +kannten keinen Fuchs. + +Statt nun an diese nicht ganz unrichtige Antwort anzuknüpfen und den +Fuchs zunächst als Hund zu behandeln, oder aber mit Eleganz darüber +hinwegzugehen und einen anderen zu fragen, biß sich Asmus sofort in +diese Antwort fest. + +»Nein, ein Hund ist das nicht,« sagte er, »woran sieht man, daß es +kein Hund ist?« + +»Er hat gar keinen Maulkorb um!« rief ein kleiner Bursche. + +»Haben denn alle Hunde Maulkörbe?« fragte der junge Präzeptor. (O weh, +eine »Wahlfrage!«) + +»Nein,« riefen viele Kinder. (O weh, der Präzeptor duldete, daß die +Schüler im Chor antworteten, ohne es zu tadeln! Münz und Morieux +notierten eifrig in ihren Heften.) + +»Wozu gehört der Maulkorb also gar nicht?« + +»Der Maulkorb gehört gar nicht zum Hund,« sagte ein Schüler. + +Das genügte Asmus nicht so ganz. Er wollte den Irrtum beseitigen, daß +der Maulkorb ein organischer Bestandteil des Hundes sei (er wußte, daß +die Kinder auch das Hufeisen für einen Teil des Pferdehufes halten), +er wollte die Antwort: »Der Maulkorb gehört nicht zum Körper des +Hundes;« aber wie sollte er aus diesen Kleinen das Wort »Körper« +herauskatechisieren? Sollte er fragen: »Ist der Maulkorb etwa ein +Körperteil des Hundes?« Nein, das durfte er nicht, das war eine »Ja- +und Nein-Frage«. Er versuchte es auf mancherlei Weise; denn er meinte, +jeder auftauchende Irrtum müsse sofort und gründlich beseitigt +werden; aber das ersehnte Wort kam nicht. So biß er sich im Maulkorb +des Hundes fest und war noch immer nicht beim Fuchs, obwohl er schon +am ganzen Körper schwitzte. + +Endlich mußte er das Rätsel doch aufgeben, und so war Zeit und Mühe +verloren. + +»Also ein Hund ist das nicht. Woran sieht man das?« + +Da stand ein Genie auf und sagte: + +»’n Hund hat nicht solchen Schwanz!« + +»Na also!« jubelte Asmus, und in seiner Freude über das erlösende Wort +vergaß er, daß das Genie »’n Hund« statt »ein Hund« gesagt hatte. Münz +und Morieux notierten das. + + + + +XII. Kapitel. + +Asmus ringt gewaltig mit einem Schüler wegen eines Frosches: er +empfängt Rippenstöße, und der gewisse Seybold besteht das Examen. + + +Aber schon von der nächsten Stunde ab mußten Münz und Morieux wieder +Listen und Protokolle schreiben, und Asmus sprach mit seinen Schülern, +wie ihm der Schnabel gewachsen war. Und sieh, mit einem Male ging +alles freier und besser. Wenn er sich nun aus dem Schulmuseum einen +Hasen geholt hatte, so erinnerte er sich jenes Lehrers, bei dem er +gern gehorcht hatte und der auch nicht immer im Stechschritt des +Systems gegangen war. Er sang ihnen vor allen Dingen Lieder vom Hasen +vor: + + »Als der Mond schien helle, + Kam ein Häslein schnelle« + +und + + »Gestern abend ging ich aus, + Ging wohl in den Wald hinaus« + +und + + »Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal + Saßen einst zwei Hasen« + +und nachdem ihnen Herr Lampe mit so vorzüglichen Empfehlungen +vorgestellt war, schauten sie ihn mit ganz anderen Augen an. Und als +Asmus heraushaben wollte, daß der Hase ein Säugetier sei, da fragte er +sie: + +»Was für ein Vogel ist denn der Hase?« Halloh, da gingen sie fast über +die Bänke vor Lachen und Weisheit und riefen: »Das ist ja gar kein +Vogel!« und erklärten ihm mit Begeisterung, warum der Hase kein Vogel +sei! O Gott, wenn Münz und Morieux, und gar der Herr Oberlehrer +dagewesen wären! Überhaupt fand er, daß es den Kindern ein besonderes +Vergnügen bereitete, wenn er sich recht dumm stellte und sich dann von +ihnen aufklären ließ. Der alte Sokrates kannte seine Leute. + +Natürlich stieß er trotzdem noch täglich, ach, stündlich in seinem +Fahrwasser auf Klippen, Untiefen und Stromschnellen. Da hatte er ihnen +das Märchen vom Froschkönig und dem eisernen Heinrich erzählt. Der +Frosch hatte der Königstochter ihren goldenen Ball aus dem Brunnen +geholt unter der Bedingung, daß er mit ihr an einem Tische essen und +in einem Bettchen schlafen dürfe. Und sie hatte es ihm doch hoch und +heilig versprochen. Als nun der Frosch ins Schloß kam, wollte sie ihr +Königswort nicht halten. Das ist mit Königsworten öfters so, ist aber +unsittlich. Und Asmus wollte entwickeln, daß man sein Wort halten +müsse, und wenn es auch noch so schwer sei. + +»Warum wollte sie denn nicht mit dem Frosch zu Bett gehen?« fragte +Asmus einen Schüler. + +»Ich weiß nicht,« sagte der. + +»Möchtest Du denn einen Frosch im Bett haben?« + +»Ja!« rief das Bürschchen begeistert. + +Hm. Das war ein unerwartetes Hindernis. Aber Asmus besann sich. +Vielleicht sprach das Kind so aus ethischen Erwägungen. Es meinte wohl +im stillen: wenn ich es versprochen hätte. + +»Schön,« fuhr der Magister fort, »du möchtest also bei einem Frosch +schlafen. _Aber doch nur wann?_« + +»Immer!« versetzte strahlend der Gefragte. + +Hm, hm. Wie sollte man diesem perversen Individuum die Moral der +Geschichte begreiflich machen? Man mußte einfach die Segel streichen. +Der kluge Magister begriff erst später die Freude der Kinder an allem +Spiel mit den Tieren. + +Aber solche und ernstere Schwierigkeiten erhöhten gerade die Lust an +der Arbeit, und er widmete sich ihr auch mit so viel körperlichem +Eifer, daß er infolge des vielen Sprechens von einer Heiserkeit in die +andere fiel. Überdies kam der erkrankte Lehrer nicht wieder, aus den +acht Wochen wurde ein Vierteljahr, aus dem Vierteljahr ein halbes. +Asmus hatte morgens eine Stunde weit zur Schule und ging mittags +denselben Weg zurück. Dann aß er eilig zu Mittag und ging abermals zur +Schule, um den Nachmittagsunterricht zu erteilen. Danach begab er +sich von der Schule ins Präparandeum, und abends hatte er eine gute +Stunde nach Hause. Dann erst konnte er an seine Präparationen für +Schule und Präparandeum gehen. Das machte etwa elf Stunden Arbeit und +fünf Stunden Marsch. Aber Asmus war noch immer tief davon +durchdrungen, daß der Schlaf ein eingebildetes Bedürfnis sei, eine +Überzeugung, die er bald genug ablegen sollte. Einstweilen aber ging +er nicht nur jeden Sonnabend zu Bockholm ans Klavier, er machte auf +seinen Wanderungen auch noch Gedichte, die den Beifall Lauras, nämlich +Fräulein Wieselins, und der beiden Leonoren fanden. + +Nur einen Menschen gab es, dem die vielfältige Beschäftigung Asmussens +Sorge machte, und das war seine Mutter. Nicht, daß sie für seine +Gesundheit gefürchtet hätte, – seine vollen, roten Wangen ließen +solche Befürchtungen nicht aufkommen, – nein, sie bangte wegen des +bevorstehenden Abgangs-Examens. Im nahen März sollte Asmus ins Seminar +übergehen, und sie fürchtete, daß er sich bei so viel Arbeit nicht +ordentlich vorbereiten könne und dann womöglich durchfalle. Und sie +schickte heimlich einen Seminaristen aus der Bekanntschaft ab, der +sich bei einem Lehrer des Präparandeums nach den Aussichten ihres +Sohnes erkundigen sollte. »Zu Hause sagt der Bengel ja nichts,« klagte +sie. »Er macht auch Gedichte; aber meinen Sie, er zeigt sie uns? Wenn +ich nicht mal eins in seiner Schublade finde, erfahren wir nichts +davon.« + +Seine Gedichte zu Hause zeigen, – nein, das brachte Asmus nicht über +sich. Eine Scham, die er sich selbst nicht deuten konnte, hielt ihn +davon zurück. Wir mögen auf der Gasse nicht im Nachtgewand und daheim +nicht in der #Toga palmata# erscheinen. + +Jener geheime Emissär geriet an den Lehrer für deutsche Sprache und +Literatur, einen großen Mann mit einer prachtvollen Römerglatze und +energischen Zügen, die lieber dem Spott als der Liebenswürdigkeit +dienten. Er maß den Frager von oben bis unten mit höhnischem Blick und +sagte dann: »Ja, wenn wir den durchfallen ließen, wen sollten wir dann +bestehen lassen?« + +Dieser Bescheid beruhigte Frau Rebekka einigermaßen, aber keineswegs +vollständig. Als der erste Tag des schriftlichen Examens anbrach, +strich sie unaufhörlich mit liebkosenden Händen an ihrem Sohne auf und +ab, als ginge er den Weg zum Schafott und kehre nicht mehr zurück. Als +ihn acht Tage später der Mann mit der Römerglatze auf die Seite +genommen und mit spöttischem Lächeln gesagt hatte: »Ich gratuliere +Ihnen. Sie haben den besten Aufsatz geschrieben,« da brachte er +fliegenden Laufes wie der Bote von Marathon seiner Mutter die +Nachricht, damit sie sich beruhige. Und wirklich wurde sie etwas +ruhiger. + +Ludwig Semper konnte zu der Unrast Rebekkens immer nur lächeln. »Du +bist nicht gescheit,« sagte er kopfschüttelnd und blickte zum Fenster +hinaus in die Ferne. + +Asmus aber war aus Sicherheit und Unruhe wunderbar gemischt. Er +pflegte weder sich noch anderen Demutsflausen vorzumachen und sagte +sich wohl: »So viel wie die anderen weiß ich auch«; aber alles Leben, +das er noch nicht kannte, stellte er sich als Wunder vor, als gutes +oder schlimmes Wunder, und das Examen rechnete er vorläufig zu den +schlimmen. Er dacht’ es sich im Grunde als eine Lotterie, die der +Zufall entschied; er stellte sich vor, daß Dr. Korn, der als Direktor +natürlich alles wußte, oder Herr Stahmer, der ebensoviel wußte, ihm +die abenteuerlichsten Fragen vorlegen könnten, die schwersten Fragen, +an die er nie gedacht, und dann war ihm ungefähr zumut wie dem armen +Gretchen beim #dies irae#. + + #Quid sum miser tunc dicturus + »Quem patronum rogaturus?«# + +Vielleicht war er der unruhigste von allen Examinanden. Sein +Platznachbar Seybold z. B. schrieb im schriftlichen Examen einfach +alles nach, was er mit seinen vortrefflichen Augen von Sempers +Schriftstücken ablas, und war darum viel ruhiger als dieser. Ja, +dieser Jüngling setzte ein so heiteres Vertrauen in die Kräfte seines +Nebenmannes, daß er noch unmittelbar vor der naturgeschichtlichen +Prüfung im Bücherschrank der Klasse von möglichst dicken Wälzern nach +dem System »Mausefalle« einen babylonischen Turm errichtete, der bei +der geringsten Erschütterung durch die angelehnte Schranktür ins +Zimmer stürzen mußte. Der Campanile brach denn auch mit wunderbarer +Präzision und furchtbarem Getöse zusammen, als Papa Hamann gerade die +Frage von den Monocotyledonen und den Dicotyledonen diktierte. +Natürlich mußte Asmus Semper wieder prusten, und als Papa Hamann ihn +lachen sah, sagte er: + +»Themper, thie gehen mit einem geradethu thträflichen Leichtthinn inth +Ekthamen!« + +In der mündlichen Prüfung war Seybold freilich erheblich unruhiger, +und wenn der Examinator sich seinem Platze näherte, stieß er Sempern +so heftig in die Rippen und trat ihm so deutlich auf den Fuß, damit er +ihm aushelfe, daß Asmus noch drei Tage nachher die blauen Flecke +beobachten konnte. Nun konnte er zwar nicht einblasen, wenn er sich +nicht selbst ans Messer liefern wollte; aber der gute Seybold bestand +trotzdem, und Asmus stellte ernste Erwägungen darüber an, warum man +eigentlich Examina vornähme, wenn auch die Seybolde durchkämen. + + + + +XIII. Kapitel. + +Frühlings- und Ferienlust; Wiederauftreten des Herrn Morieux; ein +längerer Blick der »Dame in Trauer«, ein Aufstieg ins Gebirge und ein +Gärtner mit einer Schere. + + +In der Tat, das einzige Gute, das solche Prüfungen haben, sind die +Ferien, die sich ihnen gewöhnlich anschließen. Drei Wochen hatte er +nun frei – er warf sich daheim aufs Sofa und streckte die Beine, als +wenn er sie gleich durch die ganzen drei Wochen hindurchstrecken +wollte. Und auch gefeiert wurde er! Frau Rebekka, die nun endlich ganz +beruhigt war, fragte ihn feierlich, was er denn heute essen wolle. Das +war noch nicht dagewesen. Und Asmus nahm seinen Flug bis zum Gipfel +der Imagination und sagte nach einigem Erwägen: »Pfannkuchen mit +Pflaumenmus.« »Sollst du haben,« sagte Frau Rebekka und flog in die +Küche an den Herd. + +Was sein Vater ihm gab, war anderer Art. Asmus saß mit einem Buch an +seinem gewohnten »Schreibtisch«, und Ludwig Semper saß an seinem +Arbeitstisch und machte Zigarren. Und obwohl Asmus ihn nicht ansah, +wußte er wieder ganz genau, daß die Augen seines Vaters auf ihm +ruhten, und er hütete sich wohl, den Blick zu erheben und die +zärtlichen, sommerwarmen Augen seines Vaters zu verscheuchen. Er las +nicht mehr, er sah immer auf dasselbe Wort und dehnte sich in der +Juliwärme dieses Blickes, dehnte sich langsam, kaum merklich, aus +Furcht, die Sonne möcht’ es merken und sich verhüllen; er fühlte sich +von einem heiligen Licht umflossen und sah in diesem Licht wie goldene +Stäubchen die Millionen seligen Erinnerungen seiner Kindheit wirbeln. + +Und noch ein andres Herzensglück sollten diese Tage ihm bringen. Als +Asmus eines warmen Frühlingstages am Fenster stand und auf seiner Zehn +Marks-Geige nach einer Notenschrift in den Wolken fantasierte, wurde +heftig geklopft. Im selben Augenblick sprang auch schon die Tür auf, +und wer trat herein? Morieux. Morieux mit bleichem, verzerrtem Gesicht +und weit vorgestreckter Hand. + +»Ich wollte dir die Hand zur Versöhnung bieten,« sagte er. + +»Bravo!« rief Asmus, indem er klatschend einschlug, »wie geht’s dir? +Was machst du? Komm, setz’ dich ins Sofa! Steck’ dir eine Zigarre an, +eine feine Brasil. Trinkst du lieber Bier oder Kaffee?« + +Er war nahe daran, seinem Freunde Kost und Logis für drei Monate +anzubieten; denn er mußte reden, um seiner Gemütsbewegung Herr zu +werden. Er schämte sich viel mehr als sein Freund; er war über und +über rot geworden, lief planlos im Zimmer hin und her und stellte +seinem Gast die beiden besten Stühle hin, obwohl er ihn ins Sofa +gebeten hatte. + +Morieux fing an, von seinem Verschulden zu sprechen. + +»Aber ich bitte dich!« rief Asmus, »sprich nicht davon. Wenn ich mich +vertrage, hab’ ich alles Vergangene vergessen. Ich hatt’ es sowieso +schon vergessen. Da – hier – spiel’ mir was vor!« Er drückte ihm die +Geige in die Hand. »Bitte, bitte, die F-Dur-Romanze!« + +Und Beethovens Töne schwemmten alle Kleinigkeiten hinweg. + +Drei Wochen sollte er so genießen! Was konnte man da für Spaziergänge +machen, für Bücher lesen, für Duette spielen, für Gedichte machen – es +war nicht auszudenken! Ganze Epopöen konnte man dichten! Er begann +auch sofort mit einer breit angelegten Dichtung »Niobe«, in der die +vierzehn Kinder der bejammernswerten Tantalstochter einzeln starben. +Ach ja, Ferien waren doch noch schöner als die schönsten +Unterrichtsstunden! Auch als Junge war er – wenn seine Mitschüler ihn +nicht peinigten – mit Lust zur Schule gegangen, ja, die Geschichts- +und Geographie- und Physikstunden des Herrn Cremer waren ihm zuzeiten +das Liebste auf der Welt gewesen; aber das Allerliebste blieben doch +die Ferien. Als er noch in der Klasse des Herrn Rösing gewesen war, da +war eines Morgens ein Lehrer gekommen und hatte gesagt: + +»Ihr könnt wieder nach Hause gehen, Herr Rösing ist krank.« + +»Hurra!« hatte die ganze Klasse geschrien. Da hatte der Lehrer +gerufen: »Jungens, seid ihr des Teufels? Wenn euer Lehrer krank ist, +brüllt ihr Hurra?« + +Aber das war eine tendenziöse Zusammenstellung. Sie dachten gar nicht +an die Krankheit des Herrn Rösing; sie dachten nur an ihre Freiheit. +Sie gönnten dem Lehrer jedes Wohlbefinden, wenn er nur nicht kommen +wollte. Und auch Asmus hatte Hurra geschrien ... + +Aber seine Ferien waren noch nicht ganz; einige Tage mußte er noch in +die Schule zum Unterrichten, und dann mußte er noch eine Prüfung +ablegen: prüfend sollte er geprüft werden. Da der kranke Lehrer noch +immer nicht wieder erschienen war, so mußte Asmus »seine« Klasse bei +der öffentlichen Prüfung vorreiten. Das war wieder eine bange Stunde; +denn hinter ihm, neben ihm, an den Wänden entlang und auf den Bänken +der Kinder saßen und standen sämtliche Damen und Herren des +Kollegiums. Auch Laura war natürlich da und die beiden Leonoren; und +ganz hinten auf der letzten Bank saß Beatrice, oder, wie sie +eigentlich hieß: Hilde Chavonne. Sie hatte zum ersten Male die Trauer +abgelegt, wenn auch nur in ihren Kleidern; sie trug ein leuchtend +braunes Kleid, und in diesem Kleide, mit ihrem reichen braunen Haar +und ihren melancholisch-braunen Augen war sie brünetter, hübscher und +stolzer denn je. Und mit einem Male sprang in Asmussens Seele ein +Imperativ empor: dieser Stolzen sollst du imponieren. Den Blick dieses +Mädchens wählte er sich zum Leitstern durch die schwere Stunde, und +nichts gibt der Arbeit eines Siebzehnjährigen einen feurigeren +Aufschwung, als wenn auf ihr der Blick eines Weibes ruht. + +Als die Prüfung vorüber war, sagte der Oberlehrer nichts; er wiegte +nur wohlwollend auf und ab das Haupt. Als die Damen das Zimmer +verließen, sah Asmus, daß Fräulein Chavonne sich mit einer Kollegin +über ihn unterhielt; denn diese blickte ihn wiederholt von der Seite +an; Hilde Chavonne aber heftete, bevor sie hinausschritt, noch einmal +den Blick auf ihn, als habe sie den kleinen Herrn erst heute kennen +gelernt, und was das Merkwürdige war: sie wandte den Blick nicht weg, +wie es sonst die Mädchen zu tun pflegen, wenn der Blick eines +Jünglings ihrem beobachtenden Auge begegnet; nein: offen, fest und +ernst blickte sie ihm ins Auge. + +Nach völlig beendigter Prüfung wollte Semper sich von den Herren des +Kollegiums verabschieden. + +»Was fällt Ihnen ein!« rief einer der Herren, »Sie müssen mit uns.« + +Asmus erklärte, er könne nicht, er habe »furchtbar viel zu tun,« und +als der joviale Herr ihn nicht lassen wollte, sagte er leise: »Ich +habe kein Geld.« + +»Wofür halten Sie mich denn?« rief der Lehrer lachend, »wenn ich Sie +einlade, brauchen Sie doch kein Geld.« + +Nun ging es in eine halbländliche Kneipe, wo man in Lauben saß und der +Wirt noch ein Käppchen trug. Asmus war glücklich und stolz; die Herren +behandelten ihn nicht nur als Kollegen, sie nannten ihn sogar so. Und +sie waren über die Maßen lustig und erzählten sich in seiner Gegenwart +die ausgelassensten Schnurren. Asmus saß mit weit offenen, lachenden +Augen da. Er hatte mit jener scheuen Ehrfurcht, die er vor allem +Unbekannten hegte, diese Herren für Halbgötter gehalten, die hoch über +der Lust gewöhnlicher Sterblicher dahinwandelten. Die Entdeckung, daß +sie fröhliche Menschen waren, war ihm ein fröhliches Wunder. So +gefielen sie ihm noch viel besser. + +Einer der Herren zog Asmus in ein Gespräch über Rousseau. Er meinte, +das Leben Rousseaus sei tadelnswert und seine Theorien seien nicht +ausführbar. Aber Asmus war schon beim dritten Glas und verteidigte +seinen Liebling wie eine Löwin ihr Junges. Rousseau sei der beste der +Menschen gewesen, und alle seine Ideen seien ausführbar, wenn man nur +wolle. + +»Na, Herr Semper,« warf ein etwas eingetrockneter Herr aus der Runde +ein, »darüber können Sie doch wohl noch nicht urteilen.« + +»Wissen Sie, was Schiller sagt?« rief Asmus. + +»Nee,« sagte der Herr. + +Und Asmus rezitierte mit hochgeröteten Wangen: + + »Monument von unsrer Zeiten Schande, + Ew’ge Schmachschrift deiner Mutterlande, + Rousseaus Grab, gegrüßet seist du mir! + Fried’ und Ruh’ den Trümmern deines Lebens! + Fried’ und Ruhe suchtest du vergebens; + Fried’ und Ruhe fand’st du hier. + + Wann wird doch die alte Wunde narben? + Einst war’s finster, und die Weisen starben; + Nun ist’s lichter, und der Weise stirbt. + Sokrates ging unter durch Sophisten, + Rousseau leidet, Rousseau fällt durch Christen, + Rousseau – der aus Christen Menschen wirbt.« + +Die Worte »Schande«, »Schmachschrift«, »Sophisten« und »Christen« +hatte Asmus mit anzüglicher Betonung hervorgehoben. + +»Ja, das ist ja sehr formvollendet,« sagte der Gedörrte mit einer +empörenden Kälte, »aber Schiller ist für mich auch nicht maßgebend.« + +»Was? Schiller –?« + +Asmus wollte aufspringen; aber jener andere Herr legte ihm die Hand +auf die Schulter und sagte: »Ich werde Ihnen mal Rousseaus +»Bekenntnisse« leihen; die werden Sie interessieren.« + +»O ja! Herzlichen Dank!« rief Asmus, und am nächsten Tage stürzte er +sich in die »Bekenntnisse«. + +Das war Öl ins Feuer. Den Kopf in beide Hände vergraben, las er +stundenlang mit heißen und heißeren Wangen. Da plötzlich sprang er +auf, warf die Arme nach beiden Seiten und rief ganz laut: »O Gott – o +Gott!« Er hatte die Stelle gelesen, wo Rousseau sich vor dem Leser zu +jenem Diebstahl bekennt, den er hartnäckig geleugnet hat. Wohl eine +Stunde lang stürmte Asmus im Zimmer auf und ab, oder er warf sich ins +Sofa, vergrub das Gesicht in beide Hände und atmete schwer. Welch ein +Mut, welch ein Wahrheitsmut! Welch eine erschütternde Liebe zur +Wahrheit! Asmus wollte weiterlesen; aber kaum hatte er das Buch +berührt, so schlug er es heftig zu. Er konnte nicht weiterlesen; eine +geheimnisvolle Macht verwehrte ihm, die heiligste, größte Stunde +seiner Jugend selbst zu töten. Er lief ins Freie, rannte durch Felder +und Wiesen und sah von Feldern und Wiesen nichts; er füllte nur eine +unaufhörliche Brandung gegen die Wände seines Herzens schlagen. Gegen +Abend kehrte er ruhiger nach Hause zurück. Wieder schlug er das Buch +auf, und langsam, zärtlich, mit ferngewandtem Blick machte er es +wieder zu. Wie der Bergwanderer, der einen höchsten Grat erstiegen und +nun die freie und reine Herrlichkeit der Täler und Gipfel erschaut, +sich nicht entschließen kann, wieder dort hinabzusteigen, wo alles das +ihm entschwinden wird, so konnte es Asmus nicht über sich gewinnen, +die Höhe zu verlassen, wo himmlische Luft sein Herz durchbraust hatte. + +Und zu diesem Rousseau würde nun bald im Seminar Pestalozzi kommen und +Comenius und die Alten: Plato, Aristoteles, die Kirchenväter – er +hatte Einblick in den Lehrplan des Seminars bekommen – ach: was gab es +da nicht alles in der Psychologie, in der Logik, in der Methodik, in +Literatur und Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften – ihm +lief das Wasser im Munde zusammen wie einem Schlemmer, der vom +Gastmahl des Trimalchion liest, von einem jener römischen Gelage, wo +ganze Ochsen und Eber auf goldenen Wagen herangefahren wurden und +Speisen und Getränke aus der Decke, aus den Wänden und aus dem Boden +hervorkamen. Das alles, was da in dem Lehrplan stand, sollte er +studieren dürfen, bis in die tiefsten Schachte der Wissenschaft +hinein, und zu Hause würde er noch Zeit haben, noch ebensoviel dazu zu +lernen – + + »O Erd’, o Sonne, + O Glück, o Lust!« + +das war der tägliche Text seines Herzschlages, die immer +wiederkehrende Melodie seines Gedankenreigens. Was sich draußen golden +und grün über Felder und Hecken breitete und was sich golden und grün +über unendliche Fluren in seinem Herzen dehnte: es war derselbe +Frühling, derselbe lerchenfrohe Lebensmorgen. + +Der alte Moor fiel ihm ein, der, seines Erstgeborenen gedenkend, +erzählt: »Da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel und +rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?« + +Im Übermute seines Herzens mußte er es still in sich hineinrufen: Bin +ich nicht ein glücklicher Mann? + +Freilich: der alte Moor war dann nichts weniger als glücklich +geworden. + +»Aber ich bin glücklich!« rief Asmus in sich hinein »und ich werde +glücklich sein, ich weiß es.« + +Mit solchen Empfindungen überschritt er an einem Aprilmorgen zum +ersten Male die Schwelle des Seminars. + +Er hörte nicht die Schere klingen, die Schere des Gärtners, der +herankam, sein Glück zu beschneiden. + + + + +Zweites Buch + +Arbeit und Kampf + + + + +XIV. Kapitel. + +Der Gärtner beginnt, seine Schere zu handhaben. + + +Asmus war erst wenige Tage im Seminar, als er sich auf dem Heimwege, +auf demselben Spielbudenplatze, der seine sonntäglichen Schwelgereien +in nun vergangenen Tagen gesehen hatte, von einer weiblichen Stimme +anrufen hörte. + +»Asmus, sei man nich so stolz!« rief die weibliche Stimme. + +Er fuhr aus seinen Gedanken auf und starrte in das Gesicht einer Frau, +die ein Kind auf dem Arme trug. + +Ja, war’s denn möglich – das war ja Adolfine Moses, die mütterliche +Gespielin früherer Jahre, die treffliche Sibylle, in deren Hexenküche +er so manchen Buchweizenkloß gegessen hatte, die ihm die erste +Nachricht vom Ausbruch des Krieges mit Frankreich gebracht hatte. + +»Kenns mich woll ganich mehr?« rief Adolfine und verzog lachend den +Mund bis an beide Ohren. + +»Aber natürlich, Adolfine, natürlich kenn ich dich!« rief Asmus. Ihre +Häßlichkeit war im wesentlichen nicht anders geworden, nur reifer. + +»Wie geht’s dir denn?« + +»Och, ich bin jetz verheirat’t. Dies is mein Jung; mags ihn leiden?« + +»Ja, natürlich,« sagte Asmus. + +»Was bist du denn geworden,« forschte Adolfine. + +»Ich will Lehrer werden,« antwortete Asmus. + +Da klaffte Adolfinens Mund wie eine Löwengrube, und sie lachte, daß es +über den ganzen Platz hallte. + +»Bis woll verrückt!« schrie sie. + +Asmus sah sich unwillkürlich um. »Schrei doch nicht so!« rief er. +»Natürlich werd’ ich Lehrer.« + +Aber es kostete viel Mühe, sie daran glauben zu machen. Und langsam +und gradweise, wie sie ihm Glauben schenkte, öffnete sich wieder ihr +Mund. + +»Kanns das denn alles in’n Kopf behalten?« fragte Adolfine. Sie dachte +an ihre eigene Schulzeit. + +»Jaa – ziemlich,« versetzte er langsam. »Aber jetzt muß ich weiter. +Adieu, laß dir’s gut gehen!« + +Er gab ihr die Hand; aber sie war jetzt sprachlos, und als er schon +fünfzig Schritte weit war, stand ihr Mund noch immer offen. – – + +Hinter der Satyrmaske Adolfinens war das Schicksal verborgen gewesen +und hatte gerufen: »Du bist wohl verrückt!« – – – – + +Das drohende Tabakmonopol und später die erhöhte Tabaksteuer lasteten +schwer auf dem Gewerbe der Zigarrenmacher; wenigstens hatten die +Fabrikanten die ohnedies bescheidenen Arbeitslöhne noch herabgesetzt. +Der Urheber der Steuer nannte sich Bismarck, und dieser Bismarck wurde +in den Stuben der Zigarrenarbeiter um dessen willen nicht geliebt. +Aber dieser Bismarck hatte noch etwas anderes hervorgebracht, und das +war das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie. Asmussens Bruder +Johannes aber war leidenschaftlicher Sozialdemokrat. Nicht als Redner +trat er hervor; aber er war im Vorstand der Ortsgruppe und wirkte +still und begeistert für die Organisation. In harter Winterzeit machte +er Agitationsreisen ins unberührteste Schleswig-Holstein, dorthin, wo +die Landbevölkerung den »Dezimalkroaten« Unterkunft und Nahrung +weigerte und sie nicht selten mit Hofhunden an Leib und Leben +bedrohte. + +Einmal aber trat Heinrich Moldenhuber, der »Wolkenschieber« oder, wie +ihn Ludwig Semper ob seiner sturmgeschwellten Rockschöße gewöhnlich +nannte: Heinrich der Seefahrer ins Arbeitszimmer der Semper und sagte +mit stoischem Lächeln: + +»Ich bin ausgewiesen.« + +Man glaubte anfangs, er scherze. Aber er zeigte lächelnd den +Ausweisungsbefehl. Und man begriff noch immer nicht. Wie? Dieses +neunundzwanzigjährige Kinderherz sollte »gemeingefährlich« sein? Wie? +dachte Asmus, dieser Mann, der zu den besten Stücken meiner Jugend und +meiner Heimat gehört – den verbannt man aus seiner Heimat? Gewiß würde +Moldenhuber auch auf der Barrikade seine Schuldigkeit getan haben; +aber nie würde er aufgefordert haben, eine zu bauen; er würde viel +mehr versucht haben, den Fürsten Bismarck oder den das Standrecht +ausübenden General von seinem Irrtum und von der Richtigkeit der +sozialistischen Lehre zu überzeugen. + +Aber alles Verwundern half nichts gegenüber der brutalen Tatsache. + +»Wohin willst du denn?« fragte Ludwig Semper. + +»Nach Amerika,« antwortete Moldenhuber ruhig. + +Nach Amerika! Der Wolkenschieber nach Amerika! Das war so, als wenn +Hölderlin auf die Hamburger Börse gegangen wäre, um hinfort in Kaffee +zu spekulieren. Ludwig Semper riet ihm dringend ab; aber der Seefahrer +war heiter entschlossen. Fast schien es, als ob ihm die +Schicksalswendung willkommen wäre und er sich auf die Entdeckung +Amerikas durch Heinrich den Seefahrer freue. Was konnte ihm geschehen? +Nahm er nicht seine Dichter und Philosophen überallhin im Kopfe mit? +Und für eine Bücherkiste war wohl auch noch Platz im Zwischendeck. + +Amerika! Asmussens Brüdern, Johannes und Alfred, hatte dies Land schon +oft vor der Seele gestanden als ein Bereich, wo man aus dem ewigen +Schuften und Sorgen herauskomme, wo brauchbare Arbeit einen +reichlichen Lohn finde. Der Entschluß, dahin auszuwandern, war immer +wieder verschoben worden; denn diese Heimat mit all ihrem Schuften und +Sorgen übte ihre stille Kraft. Aber die Polizei kam ihrer +Unentschlossenheit zur Hilfe. Ein Beamter, der Ludwig Sempern +freundlich gesinnt war, teilte ihm unter der Hand mit, daß auch sein +Sohn Johannes auf der Proskriptionsliste stehe und demnächst +»drankomme«. Vielleicht ziehe er es vor, noch vordem auszuwandern. + +Das gab einen Aufruhr im Hause Semper! Frau Rebekka sprach sich über +Thron und Altar, über Bismarck und die Polizei in einer Weise aus, die +ihr gegebenen Falles 100 Jahre Gefängnis gesichert hätten, und im +stillen weinte sie. Ludwig Semper trug das Unglück schweigend wie +immer, nur warf er öfter als sonst das linke Bein über das rechte und +bewegte heftig die Lippen, und nur einmal rief er: »Die Narren, wenn +sie glauben, daß ihnen das was hilft!« + +Am muntersten nahm Alfred die Neuigkeit auf. Er wollte sofort mit +seinem Bruder nach Amerika, obwohl ihn niemand forttrieb und obwohl +er sich ein Sümmchen erspart hatte. Aber er wollt’ es »zu was bringen« +und erbot sich, seinem Bruder das Geld für die Überfahrt zu leihen. + +Und Johannes schlug ein. Entschlossen, nach Amerika zu gehen, war auch +er. Aber seine Entschlossenheit hatte zwei Gesichter, die in den +nächsten acht Tagen oft miteinander wechselten. Das eine pflegte mit +unternehmendem Blick durchs Fenster nach Westen zu sehen, das andere +die Blicke wandern zu lassen über Wände und Winkel, Gassen und Felder +in Haus und Heimat, von denen er scheiden sollte. + + + + +XV. Kapitel. + +Asmus hört ein französisches Lied von deutschem Heimweh, gibt +Privatstunden bei Lachtauben und Häschen und erhält sein erstes +Dichterhonorar. + + +Schon acht Tage später bewegte sich durch die Straßen von Oldensund +und Altenberg ein Trupp von Auswanderern dem Hamburger Hafen zu. Außer +Moldenhuber und Johannes Semper waren noch andere ausgewiesen worden; +Europamüde hatten sich ihnen angeschlossen, und zahlreiche Verwandte +und Freunde gaben ihnen das Geleite bis zu den Landungsbrücken. Man +war auf gewisse Weise heiter; einige hatten ihrer Heiterkeit mit +Alkohol auf die müden Beine geholfen. Man konnt’ es Heiterkeit nennen, +wie man es Sonnenschein nennen kann, wenn durch unaufhörlich ziehende +Wolken hin und wieder auf Minuten die Sonne mit stechendem Glanze +hindurchblickt. Man sang sogar, man sang lustige Lieder; aber kein +Mensch nahm sie lustig. Asmus ging eine Weile allein neben seinem +Bruder Johannes. Sie sangen beide nicht mit; aber plötzlich sang etwas +in Asmus. Er hatte es oft, daß plötzlich eine Melodie in ihm +aufwachte, die er nur einmal gehört und die er dann wochenlang, +monatelang vergeblich in seiner Erinnerung gesucht hatte. Vor mehr als +einem Vierteljahr hatte er mit dem blinden Pianisten zusammen die +»Fantastische Symphonie, op. 14« von Berlioz gehört. Und da hatte ganz +besonders ein Gesang gedämpfter Geigen sich wie ein weicher, warmer +Herbsttag ihm in das Herz gelegt. Er hatte sich die Worte gemerkt, die +den Komponisten zu diesem Gesange angeregt hatten; aber die Melodie +hatte er doch vergessen. Heute mit einem Male schlug jene wundersame, +süß-traurige Weise die Augen auf. + +[Illustration: +#/Largo./# + +Musiknoten + +Liedtext: +#Je vais donc quitter pour jamais, mon doux pays, ma douce amie!#] + +sang es in ihm. Dann hörte er seinen Bruder sprechen. + +»Sobald ich drüben bin, schick’ ich meine Adresse; dann mußt du mir +fleißig schreiben.« + +»Gewiß,« sagte Asmus. + +»Schreib mir sobald als möglich, wie es Vater und Mutter geht – sie +werden allmählich alt.« + +»Ja, ja,« sagte Asmus nachdenklich. + +»Mach’ ihnen nur recht viel Freude. Sowie ich etwas übrig habe, +schick’ ich auch Geld.« + +»Aber überarbeite dich auch nicht,« fügte Johannes noch hinzu. Dann +schwiegen sie wieder. Und wieder hub in Asmus die sanfte, traurige +Weise an: + + #Je vais donc quitter pour jamais + Mon doux pays# – – – + +Endlich waren sie am Landungsplatz, und da griff der Anblick der +vielen Hunderte von Zwischendeckspassagieren wie mit Krallen in +Asmussens Herz. Er wußte ja von all diesen Leuten gar nicht, warum sie +auswanderten, ob sie es gern oder ungern taten, was sie erhofften und +was sie verließen; aber er sah in dieser ganzen Masse von Männern, +Weibern und Kindern mit ihrer in Bündel geschnürten Habe nur ein +großes Elend, ein großes, bitteres Elend, und zum ersten Male in +diesen Tagen des Abschieds traten ihm heiße, reichliche Tränen ins +Auge. Er trocknete sie schnell; denn es galt, Abschied zu nehmen und +den Brüdern ein fröhliches, ermunterndes Gesicht zu zeigen. Der guten +Frau Rebekka wollte fast das Herz brechen, und sie empfahl ihren +Söhnen noch hundert Dinge, die sie nicht vergessen sollten; sie +knöpfte Alfred den Rock zu und knotete Johannes den Schal fester um +den Hals, um sie gegen die rauhe Seeluft zu schützen, die indessen von +Hamburg noch fünf Stunden weit entfernt ist. Endlich fuhr das Schiff +unter Hurrarufen und Winken der Zurückbleibenden davon. + +Als Asmus wieder daheim war, ging er heimlich ins Schlafzimmer, wie er +von jeher getan, wenn er mit sich allein sein wollte. Er trat ans +Fenster und blickte nach Westen. Wo werden sie jetzt sein, dachte er. + + #Je vais donc quitter – – –# + +Die Melodie schlang sich wie ein Gewinde von Orangenblüten durch alle +seine Gedanken. + + #Je vais donc quitter pour jamais + Mon doux pays, ma douce amie! + Loin d’eux je vais trainer ma vie + Dans les pleurs et dans les regrets.# + +Das Lied paßte ja eigentlich gar nicht so recht zu diesem Tage: es war +ein französisches Lied, und hier handelte es sich um eine deutsche +Heimat; auch der Sinn der Worte paßte nur halb; aber die Töne, die +Töne sangen ein wunderbares Heimweh, und sie folgten ihm bis in den +Traum und bis in manchen folgenden Tag. + +Viel Zeit war indessen für wehmütige Stimmungen und Gedankenspiele +nicht übrig; das Leben schickte sich an, unserm Seminaristen mit +realen Forderungen hart auf den Leib zu rücken. Mit den beiden Söhnen +hatten die alten Semper zwar zwei beträchtliche Esser, zugleich aber +einen für ihren Haushalt noch beträchtlicheren Geldzuschuß verloren. +Vorübergehende Arbeitslosigkeit kam hinzu, und die fetten Jahre der +dreihundertundsechzig Mark #pro anno# waren vorbei; im ersten +Seminarjahr gab es nur einhundertundzwanzig Mark Stipendien, im +zweiten zweihundert, im dritten zweihundertundvierzig. Aber wie +sollten nun die Semper ihren Studenten durch drei endlose Jahre +hindurchschleppen?! + +Frau Rebekka verzagte an diesem Unternehmen. Durch den Spalt einer +angelehnten Tür belauschte Asmus eines Tages ein Gespräch seiner +Eltern. + +»Dann muß er eben den Lehrer an den Nagel hängen und Zigarrenmacher +werden,« sagte die Mutter. + +»Ach, Unsinn!« klang die Stimme Ludwig Sempers. + +»Ja, Unsinn! Weißt du, woher das Geld kommen soll? Ich weiß es nicht. +Wir riechen nach Geld wie die Gänse nach Franzbranntwein.« + +»Na ja, das findet sich,« sagte Ludwig. + +»Ja, das sagst du immer,« meinte Rebekka. »Wozu auch?« fuhr sie fort. +»Die anderen Kinder sind auch alle begabt und sind auch keine Lehrer +geworden.« + +Sie sagte das nicht lieblos; sie sagte es mit jener Resignation des +Armen, der das Gefühl hat, daß das Talent für den Mittellosen ein +Unglück ist. + +Aber obwohl sie das Wort nicht lieblos gesprochen hatte, ging es +Asmussen wie ein Messer durch’s Herz. Sie hatte Wahrheit gesprochen, +die Mutter. Seine Brüder waren wohl ebenso begabt wie er, vielleicht +begabter, und mußten Zigarren drehen. Sollte er seinen Eltern, die +sich von Sorge zu Sorge schleppten, drei Jahre lang auf der Tasche +liegen? Nein. + +Asmus beschloß, seinen Unterhalt durch Privatstunden selbst zu +verdienen. Dazu waren freilich nicht wenige solcher Stunden nötig. + +Er ging dreimal in der Woche zu den Kindern eines Fettwarenhändlers, +drei allerliebsten, wohlerzogenen Kindern, zwei Mädeln und einem +Buben. Die Älteste war ein Lachtäubchen, und wenn Asmus über eine +seltsame Aufgabenlösung ein humoristisches Augenrollen vollführte, +wollte sie sich unter den Tisch kichern; nur wenn er die Frage an das +etwas »thumbe« Brüderlein richtete, machte sie ein bekümmertes +Muttergottesgesichtchen. Die Stunden wurden glänzend bezahlt, mit 75 +Pfennigen, und jeden Monat zählte der blendend weiß beschürzte Vater +mit verbindlichstem Dank und höflichen Komplimenten die blanken +Silberstücke auf die Ladenbank. Hier war alles warm und gut. + +Auch mit dem einzigen Kinde des Gelehrten, zu dem er sechsmal die +Woche ging, lebte er gute und feine Stunden. Freilich nicht von Anfang +an. Als er bei dem sechsjährigen Bürschchen mit dem Unterricht +beginnen wollte, bemerkte er, daß es kaum die Entwicklung eines +Vierjährigen hatte. Infolge von Krankheit oder Verzärtelung war es so +zurückgeblieben, daß es fast gar nicht sprechen konnte, und wenn es +nach vielen Ermunterungen und Mühen endlich den Mund auftat, so sagte +es »trein« statt »klein« und »Josche« statt »Rose«. O, o, oh, dachte +Asmus, was fang ich da an. Zudem war der Kleine furchtsam wie ein +Häslein; er starrte seinen Lehrmeister nach Wochen noch an wie einen +bösen Mann und war durch die zündendsten »Witze« und die komischsten +Gesichter nicht ins Lachen zu bringen. Hundertmal, tausendmal sprach +ihm Asmus die richtigen Laute vergeblich vor – das konnte nicht immer +kurzweilig und fröhlich sein; dem Kleinen traten dicke Tränen ins +Auge, und dann war alles vorbei ... Dann mußte Asmus aufspringen und +ein paarmal auf und ab gehen und sich sagen, daß er die Geschichte vom +Sisyphos bisher immer viel zu leichtfertig und teilnahmlos aufgefaßt +habe. Endlich, nach sechs Wochen, sagte das Bübchen plötzlich ganz +richtig »klein« und »Klavier«. Asmus traute seinen Ohren nicht. + +»Sag’ mal Klaus!« – »Klaus.« + +»Klemme!« – »Klemme!« + +»Klosett!« – »Klosett!« + +»Hurra« brüllte Asmus, »hurra, er kann es!« und er sprang – er konnte +nicht anders – er sprang über einen Stuhl. Da lachte das Bürschchen +zum ersten Male laut auf, und nun kam Sonnenschein ins Werk. Von nun +an ging es vorwärts, und nach einem halben Jahre streckte sich aus +den verhutzelten Hüllblättchen der kleinen Menschenknospe ein +vollkommen helles und frisches Geistchen hervor. + +Die Wirksamkeit in diesem Hause hatte für Asmus noch ein anderes +Ergebnis. Irgend jemand hatte dem Vater seines Schülers gesteckt, daß +der junge Herr Semper auch dichte, und eines Tages erbat der Vater von +seinem Hauslehrer ein Lied für eine Naturforscherversammlung. Asmus +sagte zu und dichtete etwas hervorragend Ungeeignetes. Der Doktor +hatte sich ein munteres Kneiplied gedacht; Asmussens Werk aber war mit +mehreren Zentnern Naturphilosophie befrachtet. Der Gelehrte, ein +Gentleman, fragte gleichwohl mit verbindlichem Dank nach seiner +Schuldigkeit. Vor Asmussens Phantasie stieg wie eine Leuchtkugel ein +funkelndes Fünfmarkstück auf; aber er ließ sich grundsätzlich nicht +übergentlemannen und sagte, es sei eine Gefälligkeit, für die er kein +Honorar beanspruche. + +»Nun, dann werd’ ich es auf andere Weise gutzumachen versuchen,« sagte +der Doktor. + +Und von nun an erschien in jeder Unterrichtsstunde eine Tasse Kaffee, +ein wundervoller Kaffee, nicht mit Zichorien wie zu Hause. Und da er +ein Jahr lang im Hause des Gelehrten wirkte, so kamen Hunderte von +Tassen Kaffee heraus, und sie waren sein erstes Dichterhonorar, ein so +hohes, wie er es viele Jahre später noch nicht erreichen sollte. + + + + +XVI. Kapitel. + +Handelt von sonderbaren Studenten und von einem unvergleichlichen +Architekten. + + +Soweit waren die Privatstunden gut und schön. Mit den zwei Kaufleuten +aber ging es schon anders. Das waren zwei Kompagnons, die Englisch +lernen wollten. Aber nicht das Englisch der Schulgrammatik, des +Landpredigers von Wakefield und des Verlorenen Paradieses, sondern das +Englisch der Butter-, Eier- und Buckskinhändler. Also kaufte sich +Asmus eine Grammatik der englischen Kaufmanns- und Gewerbesprache und +studierte mit Volldampf englische Tratten, Rimessen, Konnossemente, +Fakturen, Beschwerden über unbefriedigende Hosenstoffe und +Insolvenzerklärungen. Die beiden Schüler waren so ungleich wie nur +denkbar; der eine begriff nichts, der andere alles, und das mochte +diesen bewogen haben, sich mit jenem zu assoziieren. Wie sollte man +mit zwei solchen Pferden vorwärts kommen! Und obendrein mußte man doch +noch immer auf der Hut sein, den verstopften Geist seine +Beschränktheit allzu beschämend fühlen zu lassen! Aber die Qual +sollte nicht allzulange dauern. Als Asmus nach zehn Unterrichtsstunden +zur elften erschien, erklärte ihm die Frau, bei der die beiden +Junggesellen gewohnt hatten, daß seine Schüler verzogen seien +»unbekannt, wohin«. Sein Honorar hatten die Kompagnons mitgenommen. +Asmus stand eine Weile sinnend vor dem Hause und betrachtete beim +Schein der Gaslaterne die Grammatik für Kaufmannsenglisch, die vier +Mark gekostet hatte und für die er nie im Leben wieder Verwendung +finden sollte. + +Mit diesen Stunden hatte er besonders gerechnet. Er verdiente +allgemach so viel, daß er seinen Eltern Kost und Wohnung vergüten +konnte, und diese Stunden sollten es ihm endlich ermöglichen, von +seinem Verdienst ein weniges für sich zu behalten. Wenn die Stunden +eine Weile fortgingen, wollte er sich ein Klavier mieten! Und auf +diesem einst zu mietenden Klavier hatte Ludwig Sempers Sohn auf +Spaziergängen und an stillen Feierabenden schon manches #Adagio +cantabile# und manches #Presto furioso# gespielt. Denn er war +vielleicht der größte und kühnste Luftschloßarchitekt seines +Jahrhunderts. Aus einem einzigen Stein baute er ein Schloß; aber er +ließ es nicht etwa, wie die meisten dieser Künstler, bei dem Gerüst +oder bei der Fassade bewenden; nein, er führte es durch und hinauf bis +zu den letzten Fialen und Türmchen, die mit den Mondstrahlen stritten +an Feinheit und Glanz; er baute es aus von der Halle bis ins +verschwiegenste Gemach, von der breitschimmernden Treppe bis in die +Kammer des Türmers, vom lauschigen Erker bis zum lachenden Balkon, der +in prangende Gärten hinabsah. Denn was wäre ein Schloß ohne einen Park +mit Brücken und Lauben, mit singenden Wassern und horchenden +Steinbildern, mit hundert Abgründen für den Traum und hundert Grotten +und Höhlen für die Erinnerung? + +Aber das merkwürdigste war, daß er, wenn das Schloß nun plötzlich im +leeren Grau verschwand, nur drei Sekunden brauchte, um sich mit dieser +vollendeten Tatsache abzufinden. Er galt bei denen, die ihn kannten, +für einen Menschen von Talent; aber sein größtes Talent kannten weder +sie noch er selbst: sein unerhörtes Talent, glücklich zu sein. In +einem heimlichen Schubfach seines Herzens lagen tausend Baupläne zu +neuen Luftschlössern; hinter seiner Stirn brannte wie ein wandelloser +Stern die Hoffnung: Einmal bau ich mir doch ein Schloß, ein Schloß aus +wirklichem Glück, und so viele, so herrliche Schlösser ihm versinken +mochten – er versöhnte sich mit jeder Notwendigkeit und kannte nichts +Unsinnigeres als Trauer um das Unabänderliche. + +Und so schob er denn die Grammatik der englischen Handelssprache unter +den Arm und sagte sich: »Ich habe doch meine Kenntnis des Englischen +erweitert und einen gewissen Einblick in geschäftliche Dinge bekommen +– wer weiß, ob ich sonst jemals dazu gekommen wäre.« Damit waren die +Kompagnons erledigt. + +Die Lust, etwas zu lernen, ist unter den Menschen weit verbreitet, die +Lust, sich darum anzustrengen, nicht. Es gab wohl allerlei Leute, die +Privatstunden haben wollten; aber sie gaben sie gewöhnlich schnell +wieder auf, wenn sie merkten, daß das Lernen bei aller Milde der +Methoden doch etwas anderes ist als eine schmerzlose Einspritzung ins +Gehirn. So gingen allerlei Leute durch Asmussens Hände: ein +Opernsänger, der fast so begabt war wie der beschränkte Kompagnon, +aber nicht singen konnte; ein Franzose, der Deutsch lernen wollte, der +– #ayant oublié son porte-monnaie# Asmussen um drei Mark anpumpte und +dann nicht wiederkam; ein Gastwirt, der eine feinere Wirtschaft +übernahm und darum Bildung lernen wollte, und manche andere; es gab +Wochen, in denen »das Geschäft blühte«; aber sie wechselten mit +Monaten, Vierteljahren, an denen es darniederlag. Und wenn den +Glückspilz Asmus Semper etwas andauernd unglücklich machen konnte, so +war es das Gefühl, seinen Eltern zur Last zu liegen, und die Furcht, +in den Augen seiner Mutter den stummen Vorwurf zu lesen, daß er seinen +Eltern Opfer und Sorgen auferlege, die keines der anderen Kinder +verlangt habe. + + + + +XVII. Kapitel. + +Das Schicksal führt uns zu wunderlichen Tischgenossen. + + +In solcher Zeit ward ihm einmal Hilfe durch einen Lehrer, der ihm in +»feinen Häusern« drei Freitische verschaffte. Asmus jubelte, erstens +weil er seinen Eltern drei Mittagsmahle ersparte, und zweitens, weil +ihm ein Klassenkollege und Freitischler auf Spaziergängen zu +wiederholten Malen die Leckerbissen geschildert hatte, die es in +solchen Häusern gebe. Schneebälle zum Beispiel, Schneebälle zum +Nachtisch, man denke! Asmus freute sich wie ein Kind auf die zu +erwartenden Festgerichte und ahnte nicht, womit sie gewürzt waren. Und +bei dem Architekten war es wirklich schön! Die kinderlosen, noch +jungen Eheleute behandelten ihn ganz wie einen Gast; das Mädchen +servierte erst der gnädigen Frau, dann ihm und dann erst dem +Hausherrn, und die gnädige Frau schanzte ihm immer besonders gute +Bissen zu und schälte und zerlegte ihm mit eigenen Händen Äpfel und +Apfelsinen. Asmus war von dieser reinen Güte so beschämt, daß er +anfangs vor Beklommenheit nicht reden und nicht essen konnte. Aber +die ungezwungene Freundlichkeit der Wirte, die keine seiner +Verlegenheiten und Unbeholfenheiten zu bemerken schien, half ihm über +alle Ängste hinweg; der Hausherr schenkte ihm immer wieder ein, +behandelte ihn als alten Kneipgesellen und neckte bei aller Zartheit +seine Frau so lustig und unbefangen, als wäre niemand zugegen denn ein +alter Freund! + +»Greifen Sie zu, Herr Semper, greifen Sie zu!« rief er. »Meine Frau +hofft natürlich, daß von dem Eis was nachbleibt – sie nascht nämlich; +aber wir sind für ihre Gesundheit verantwortlich; es darf nichts übrig +bleiben.« + +Dann drohte die sanfte Frau ihrem Gatten lächelnd mit dem Finger und +schob Asmussen die Eistorte zu mit einem Glanz in den Augen, als +pflege sie in dem kleinen Seminaristen ihr ersehntes Kind. + +Wie ganz anders ging es da »bei Stadtrats« zu. Da kam Asmus gleich +beim ersten Male neben einer pompösen Dame zu sitzen; sie hieß »Frau +Senator«, und er war sozusagen ihr Tischherr. Zwischen ihr und ihm +stand auf dem Tisch eine Flasche Rotwein. Als der erste Gang nach der +Suppe aufgetragen war, sagte die dicke Frau in einem bösen Tone: + +»Na, wenn _Sie_ keinen Wein mögen, _ich mag_ Wein!« nahm heftig den +Stöpsel von der Flasche und schenkte sich ein. + +Asmus war’s, als ob ihm siedendes Wasser über den ganzen Leib liefe. +Wie sollte er denn dazu kommen, sich an einer Flasche Wein zu +vergreifen, die andern Leuten gehörte, und diesen Wein einer Dame +anzubieten, einer Dame »furchtbar prächtig wie blutiger +Nordlichtschein«! Wenn er auch in der Theorie noch Königsmörder war +und wußte, daß es schlechte Könige und Minister gebe, in der Praxis +glaubte er noch fest, daß ein Mensch, der »Frau Senator« heiße, auch +wirklich etwas Hervorragendes und Feines sein müsse. + +Da war aber auch noch jedesmal ein Kandidat, der bei jeder passenden +und unpassenden Gelegenheit auf die Juden schimpfte, sonst aber keine +geistige Regsamkeit erkennen ließ. In Asmussens Herzen war die Stelle +noch sonnenwarm, an die er vor Jahren Lessings Gedicht von Nathan dem +Weisen gedrückt hatte. Der Kandidat war ihm furchtbar zuwider. Er +konnt’ es begreifen, daß man einzelne Menschen haßte, wenn sie +schlecht waren; auch er konnte hassen, o gewiß, leidenschaftlich, wenn +auch nicht lange; aber daß man eine ganze Menschenklasse hassen, +verdammen, beschimpfen und ihr alles Leid an den Hals wünschen konnte, +das empörte ihn wie eine Roheit des Herzens, und diese Empörung +schwoll eines Tages so gewaltig in ihm auf, daß er, über und über +errötend, dem Kandidaten erwiderte: + +»Vergessen Sie doch nicht, wie man die Juden behandelt hat.« + +»O, das war nicht so schlimm,« meinte der Gottesgelehrte spöttisch. + +»So? Haben Sie Freytags »Bilder aus der Deutschen Vergangenheit« +gelesen?« + +»Nee.« + +»Nun, da können Sie’s nachlesen; Freytag ist gewiß unparteiisch. Und +ich muß sagen: Wenn man mich so behandelte, würde ich nur eine Antwort +kennen: Haß, unauslöschlichen Haß.« + +Man ging schnell über die Taktlosigkeit des Freitischlers hinweg, und +als Asmus zehn Minuten später eine bescheidene Bemerkung an die »Frau +Senator« richtete, tat sie, als hätte sie nichts gehört. + +Das nächste Mal war ein Professor von der Familie zugegen. Er zog den +jungen Semper sehr wohlwollend in ein Gespräch über die Schule, und im +Laufe dieses Gesprächs erklärte Asmus die allgemeine Volksschule für +sein Ideal. + +»Ja, mein lieber Herr – Semler, nicht wahr?« + +»Semper.« + +»Semper! Pardon! – sehen Sie, das macht sich in der Theorie ja alles +sehr schön; aber wie wollen Sie das durchführen? Wir können doch +unsere Kinder nicht mit Krethi und Plethi zusammen erziehen lassen. +Wenn unsere Töchter mit den Töchtern unseres Grünhökers auf derselben +Schulbank sitzen, woher sollen wir denn unsere Frauen nehmen?« + +Asmus empfand eine deutliche Ohrfeige. Für Krethi und Plethi und +Grünhöker konnte man auch »Zigarrendreher« sagen. Übrigens hatte der +Professor Asmussen nicht nur eine feine Zigarre gereicht, sondern ihm +sogar Feuer gegeben. + +Als der Seminarist eine Viertelstunde später die mit dicken Teppichen +belegte Treppe hinabstieg und das Dienstmädchen ihm mit Herablassung +den Überzieher reichte, fragte er sich: Durfte ich dazu nun schweigen? +Durfte ich sozusagen meine Eltern beschimpfen lassen für ein feines +Diner? Darf ich überhaupt zu all diesen schrecklichen Ansichten +schweigen und den Anschein erwecken, daß ich sie teile? + +Natürlich mußte er schweigen; denn dreinzureden wäre sehr unbescheiden +gewesen. Aber er konnte das nicht mit anhören, ohne jeden Augenblick +aufzuzucken. Und ihm fiel das schöne Aristokratenwort seines +Landsmannes Th. Storm ein: + + »Wo zum Weib du nicht die Tochter + Wagen würdest zu begehren, + Halte dich zu wert, um gastlich + In dem Hause zu verkehren.« + +Der Kopfhänger Asmus richtete sich hoch auf, und zu Hause angelangt, +schrieb er sofort an »Stadtratens«, daß er durch Privatstunden und +andere Pflichten leider verhindert sei, fernerhin zum Essen zu kommen, +und daß er für die erwiesene Güte danke. + +Bei dem reichen Lederhändler aber, der Senator werden wollte, hielt +er’s nur eine einzige Mahlzeit aus. Als man zum Essen ging, wollte +Asmus schon seinen Stuhl vom Tische abrücken, um sich darauf zu +setzen, da bemerkte er, daß alle hinter ihren Stühlen stehen blieben +zum Gebet. Er trat schnell ebenfalls hinter seinen Stuhl, faltete aber +weder die Hände noch senkte er den Kopf, um nicht den Anschein zu +erwecken, daß er mitbete. Der Hausvater tat, als habe er nichts +bemerkt; aber gegen Ende der Mahlzeit flocht er in sein erbauliches +Gespräch ein Sprüchlein ein, das lautete: + + »Wer ungebetet zu Tische geht + Und ungebetet vom Tisch aufsteht, + Der ist dem Öchs- und Eslein gleich + Und hat nicht teil am Himmelreich.« + +Durch diese liebevolle Weltanschauung fühlte sich indessen Asmus nicht +einmal so weit überzeugt, daß er beim Gebet nach Tisch die Hände +faltete, vielmehr sagte er sich auf dem Nachhausewege: »Kann ich +erwarten, daß die Leute meinetwegen nicht beten? Ganz gewiß nicht. +Können sie verlangen, daß ich aus Dankbarkeit für das Mittagessen +mitbete? Ebensowenig. Ich bete nicht. _So_ nicht. _So_ nicht!« rief +der Jüngling, der nach der Ansicht des Lederhändlers keinen Teil am +Himmelreich hatte, laut vor sich hin, so laut, daß ein kleiner Junge +ihn anstarrte und ihm eine Weile nachschaute. Und merkwürdig, wieder +fiel ihm ein steifnackiges Wort Theodor Storms ein: + + »Auch bleib der Priester meinem Grabe fern; + Zwar sind es Worte, die der Wind verweht; + Doch will es sich nicht schicken, daß Protest + Gepredigt werde dem, was ich gewesen, + Indes ich ruh im Bann des ew’gen Schweigens!« + + + + +XVIII. Kapitel. + +Wie Asmus schlafwandelte und die Gedankenwelt des Herrn Quasebarth +auf den Kopf stellte. + + +Als obendrein der Architekt nach Süddeutschland übersiedelte und auch +diese Speisung ihr Ende fand, sah Asmus sich wieder ganz auf dem alten +Punkte. Es galt, eifriger denn je nach Privatstunden auszuschauen, und +er fand auch immer wieder neue; aber da sie meistens schlecht bezahlt +wurden, so mußte er ihrer so viele geben, daß er an gewissen Tagen mit +einer dreiviertelstündigen Unterbrechung von sieben Uhr morgens bis +elf Uhr abends bei der Arbeit oder auf dem Marsche war. Um sechs Uhr +abends kam er dann zum Mittagessen. Das Diner war in zehn Minuten +erledigt, und dann lehnte er sich ins Sofa zurück, um 35 Minuten lang +nichts, gar nichts zu tun. Solche Bedürfnisse hatte er früher nicht +gekannt. Mit dem Blick auf die Uhr genoß er die Minuten einzeln, und +die Zeit schien dadurch länger zu werden. »Noch sieben schöne +Minuten,« dachte er, »noch sechs, noch vier,« und die letzten Minuten +kostete er, wie man Tropfen eines kostbaren Weines einzeln auf der +Zunge zergehen läßt. O weh, dann war er doch ins Träumen geraten und +hatte fünf Minuten über die Zeit genossen! Nun hieß es rennen. + +Eines Abends auf dem Heimwege stieß er mit dem Kopfe gegen den +Mauerpfeiler eines Gartenportals. Wie konnte denn das angehen? Hatte +er denn im Gehen geschlafen? Nein, das war nicht möglich. Er blutete +an der Wange, und am andern Tage neckte man ihn in der Klasse, er sei +bekneipt gewesen. + +Wenige Tage später, auf demselben Wege, erwachte er plötzlich auf +einem freien Platze. Er mußte sich lange besinnen, eh’ er begriff, wo +er war. Er war in einer ganz verkehrten Richtung gegangen und hatte +nun einen noch weiteren Weg nach Hause als sonst. Er war so erschöpft, +daß er nach zehn Schritten immer wieder einschlief; aber der +einstündige Weg mußte gemacht werden, da half nichts. Er nahm ein +heftiges Tempo an und stampfte den Boden wie ein Grenadier beim +Parademarsch; aber nach wenigen Minuten wurden seine Schritte +langsamer – langsamer – langsamer. Am andern Morgen erinnerte er sich +nicht, wie er nach Hause gekommen. + +Und noch einige Tage später erwachte er auf demselben Heimwege von +einem trappelnden Geräusch. Verstört blickte er auf und fand, daß er +vor zwei sich bäumenden Pferden stand, die um seinetwillen nicht +weiter wollten. Er sprang zur Seite, und der Kutscher fuhr fluchend +weiter und schimpfte etwas von »Besoffenheit« vor sich hin. + +Dieser Schreck war von so nachhaltiger Wirkung, daß Asmus nicht wieder +im Gehen einschlief. Die Theorie, daß der Mensch eigentlich überhaupt +keinen Schlaf brauche, hatte er aufgegeben. + +Manchesmal in dieser Zeit mußte er an Adolfinen denken, wie sie +lachend ihren großen Mund aufriß und rief: »Du willst Lehrer werden? +Du bist wohl verrückt!« – – – – + +Und wer wußte, ob er nicht wirklich eines Tages die Flinte ins Korn +warf und ans Zigarrenbrett ging! Aber da war Ludwig Semper, sein +Vater. Je älter Ludwig wurde, desto früher stand er auf; er schlief +nur wenige Stunden in der Nacht. Und in der Frühe des Morgens +bereitete er seinem Sohne den Kaffee und strich ihm sein Brot. Und +wenn Asmus seine bescheidene Toilette beendet und sich zum Frühtrunk +gesetzt hatte, dann wußte er, ohne aufzublicken, daß der Blick seines +Vaters auf ihm ruhte. »Er freut sich, daß es mir schmeckt,« dachte +Asmus. »Und er freut sich, daß ich ins Seminar gehen kann und etwas +werde, was er nicht werden durfte.« + +O ja, zu Hause schmeckte ihm noch das Brot; aber er mußte auch den Tag +über von Brot leben, weil er erst um 5 oder um 6 Uhr zum Mittagessen +kam, und wenn er in der Mittagspause im Seminar sein Frühstück +auswickelte, dann schauderte er oft zurück und wickelte es wieder ein. +Die Luft dieser alten Schulkasernen belegt alle Luft- und Speisewege +wie mit einer übelschmeckenden Schicht; bis in den Magen hinein fühlte +man diese Luft; er mußte sich Gewalt antun, wenn er einen Bissen +hinunterwürgen wollte, und wenn einem Achtzehnjährigen der Appetit +fehlt, so fehlt ihm ein Stück Jugend. Und eines Morgens fragte ihn +Herr Rothgrün in der Geschichtsstunde: + +»Stehen Sie morgens so früh auf?« + +»Ich – o nein,« sagte Asmus ohne Verständnis. + +»Sie schliefen nämlich eben,« fuhr Herr Rothgrün pikierten Tones fort. + +»Ich? Nein!« erklärte Asmus wie alle Leute, die der Schlaf wider +Willen überfällt, und in der Tat war der Schlaf nur wie ein leises +Wölkchen vor seinen Augen vorübergezogen. Er hatte Herrn Rothgrün noch +vom zweiten Samniterkriege sprechen hören, und jetzt sprach er vom +dritten, also konnte nicht viel Zeit verstrichen sein; denn Herr +Rothgrün erledigte solche Sachen sehr schnell. Und in eben dieser +Aufmachung interessierten Asmus die Samniterkriege nur äußerst +schwach. + +Da ihn sein fröhlichstes Gefühl, sein Kraftgefühl in diesen Zeiten +verließ, fühlte er sich ernstlich unglücklich. Daß er in der Klasse +eingeschlafen war, empfand er bei seinem peinlichen Ehrgefühl als +eine Schmach, und daß er Herrn Rothgrün in seiner Eitelkeit verletzt +hatte, war nicht gut; denn Herr Rothgrün vergaß dergleichen schwer; +aber das alles bedeutete nichts gegen einen anderen Schmerz. + +Das war kein Studieren mehr, was er jetzt trieb! Das war nichts als ein +Aufschnappen und Wiederfahrenlassen im Husch und Hui. Er war es gewohnt, +zu dem, was das Seminar ihm gab, wenigstens ebensoviel durch eigene +Arbeit hinzuzutun. Bei wichtigen Fragen und Aufgaben – und seinem +Feuereifer schien fast alles wichtig – holte er sich alle Darstellungen +und Behandlungen herbei, die ihm Neues bieten konnten, und durchackerte +sie; aber nie beruhigte er sich bei den Büchern; er zwang sich, die +Ideen eines Bacon, eines Comenius, eines Pestalozzi und Herbart, die +Abhandlungen eines Schiller und Lessing, die Darstellungen eines Ranke +und Mommsen unabhängig vom Buch, in eigener Form zu rekonstruieren, ihre +Zusammenhänge, da, wo sie ihm fehlten, selbst zu finden; er hielt sich +gleichsam selbst Vorträge; ja, er diskutierte im Schlafzimmer laut mit +sich selbst und stellte Grund und Gegengrund sozusagen im +kontradiktorischen Verfahren einander gegenüber, so daß Frau Rebekka, +die für den Frieden eines Studierzimmers nicht allzuviel Verständnis +hatte, zuweilen lächelnd hereinkam und rief: »Junge, du priesterst ja +wieder ordentlich.« Er hatte nun einmal dies leidenschaftliche +Bedürfnis nach Klarheit; es war, als ob eine Stimme in ihm rief: Nichts +Dunkles hinter dir zurücklassen, sonst verwirrt sich alles Künftige, und +er hatte den heiligen Glauben, daß, wer sich bei keinem unklaren +Gedanken beruhige, endlich auch die letzten Rätsel lösen müsse. Er war +in der Mathematik nicht zufrieden damit, die Lehrsätze zu beweisen und +die Aufgaben zu lösen, er wollte auch die Axiome beweisen und begründen. +Daß jede Größe sich selbst gleich ist – natürlich, die Wahrheit dieses +Satzes begriff er intuitiv wie jeder normale Mensch; aber er wollte sie +auch beweisen, und das konnte man nicht, und die ihm in späteren Jahren +das bedrückte Herz befreien sollten: die intuitiven Gewißheiten, sie +machten ihm in diesen Jahren Pein. Aber noch mehr: alles, was er logisch +begriffen hatte, wollte er auch sinnlich erfassen. Es war der Künstler +in ihm, der sich nicht beim Abstrakten beruhigen wollte. Den Satz des +Menelaos von der Transversale, die die Seiten eines Dreiecks schneidet, +logisch begreifen und beweisen, das konnte ein Kind; aber er wollte auch +_sehen_, daß die Produkte der nicht anstoßenden Abschnitte einander +gleich seien. Und das konnte man nicht. Ja, man konnt’ es ja ausrechnen, +aber das war kein _Sehen_! Und nun kam noch hinzu, daß er mit einem +Mangel in seiner Anlage zu kämpfen hatte: in gewissen Dingen der Physik, +der Anatomie, der Botanik und so weiter machte ihm das dreidimensionale +Vorstellen Schwierigkeiten. Wenn er sich den Längsdurchschnitt des +menschlichen Körpers oder einer Maschine oder eines pflanzlichen +Gefäßsystems vorstellte, so ward es ihm bitter schwer, sich zugleich den +Querdurchschnitt vorzustellen, und er grub die Nägel in die Stirnhaut, +daß es schmerzte, bis er die rechte Anschauung gewann. Er hatte das +Gefühl, als könne er sein Gehirn anspannen, wie die Muskeln seiner +geballten Faust. Daß die Molekularbewegung und das Atomgewicht, der +Magnetismus, die Elektrizität und vieles andere ihm Sorge machten, ist +selbstverständlich. Warum wirkte am doppeltlangen Hebelarm das halbe +Pfund genau so stark wie das ganze Pfund am einfachen, warum, in drei +Teufels Namen warum? Es war so leicht, zu lernen, und so schwer, zu +erkennen. Und er fand in seinem Seelendrange nicht immer Unterstützung. +Um sich im raschen und klaren Erfassen geometrischer Verhältnisse zu +üben, liebte es Asmus, die Figuren nicht mechanisch, sondern mit den +möglichen Veränderungen in Konstruktion und Lage zu wiederholen, und +bekanntlich ist es der Geometrie fabelhaft gleichgültig, ob das +Hypothenusenquadrat oben oder unten, rechts oder links liegt, dieweilen +sie von oben und unten, rechts und links überhaupt nichts weiß. Aber +Herr Quasebarth, der Lehrer der Mathematik, dachte nicht so +vorurteilslos, und als Asmus eines Tages fünf Konstruktionsaufgaben +einreichte, die nicht so standen, wie es Herr Quasebarth seit +siebenundzwanzig Jahren gewohnt war, sondern auf dem Bauche oder auf dem +Rücken lagen oder auf dem Kopfe standen, da schrieb er mit Wucht +darunter »falsch« und eine Vier, das schlechteste Zeugnis; denn er +durchflog die Hefte seiner Schüler wie ein Schnellzug, der unterwegs +nicht hält. Asmus machte ihn darauf aufmerksam, daß alle Aufgaben +zweifellos richtig gelöst seien und nur sozusagen andere Hosen anhätten +als sonst. Herr Quasebarth sagte höhnisch: »So« und dann sah er ins Heft +und sagte: »Die« – und dann sagte er unsicheren Tones: »Das« – und +nachdem er noch »Hm« gesagt hatte, rief er ärgerlich: »Ja, richtig sind +sie wohl; aber was sollen die Veränderungen: machen Sie es doch, wie es +alle anderen machen!« und er nahm die Feder und erhöhte das Zeugnis – +um einen halben Grad. Er wollte damit ausdrücken, daß der Schüler +richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen recht habe. + + + + +XIX. Kapitel. + +Asmus klagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und wird in Verruf +erklärt. + + +Ja, die Gesetze des Hebels und die Wunder des Spektrums und vor allem +jener fatale Abgrund, der zwischen Körperwelt und Gedankenwelt klafft, +jener Abgrund, den wir immerfort überspringen, ohne ihn jemals zu +sehen, sie hatten seinem bohrenden Geiste wilde Sorgen gemacht; aber +es waren holde Sorgen gewesen, fröhliche Sorgen, Sorgen, die man nicht +scheuchte, sondern suchte; denn das ist das göttliche Wunder in allem +geistigen Ringen, daß auch die Niederlagen uns stärker und freier +machen, solange uns Hoffnung bleibt. + +Die schöne Zeit dieser Sorgen war dahin. Bei den vielen Privatstunden +konnte er nur das Notdürftigste pauken, konnte er eigentlich nur für +den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er eine Reihe von Regeln oder +Vokabeln oder eine Biographie oder einen Geschichtsabschnitt einmal +durchgelesen hatte, so wußte er sie, aber für wie lange? Und was hatte +dies oberflächliche »Wissen« für einen Wert? Was sollte das für ein +Wissensgebäude werden, das so schwindelhaft gebaute Partien aufwies. +In der Tat: er kam sich vor wie ein gewissenloser Baumeister, der +schadhafte Mauern unterm Putz verbirgt, und dies Bewußtsein einer Art +Unredlichkeit peinigte ihn mehr als alles andre, obgleich niemand mehr +von ihm verlangte, als er leistete, das ließen seine Zeugnisse +deutlich erkennen. + +Mit diesen Zeugnissen hatte er gleich nach dem ersten Quartal ein +Malheur gehabt, das von eigenartigen Folgen sein sollte. Am +Quartalsschluß hatte nämlich der Ordinarius gesprochen: »Das Kollegium +ist einstimmig der Ansicht, daß die Klasse sich nicht in dem Maße +anspannt, wie sie es könnte, und hat darum beschlossen, die höchste +Zensur im Fleiß mit einer einzigen Ausnahme nicht zu vergeben. Diese +Ausnahme bildet Semper; ihm ist eine Eins zuerkannt worden.« + +Das war ehrenvoll und sehr gefährlich. Asmus empfand sofort mit jenem +Tastgefühl, das weit über die Grenzen des Körpers hinausreicht, daß +seine Klassenkollegen ihm anders begegneten als sonst. Es waren wohl +manche da, die es ihm freudig gönnten; aber die andern waren in der +Mehrzahl. Unter diesen andern war Wiedemann, ein langer Jüngling mit +der Stimme einer alten Tante, den Bewegungen einer Raupe und +feuchtkalten Händen. Asmussens Hände waren trocken und sehr warm, +fast heiß. Zwischen solchen Menschen steht etwas, was nicht zu +überwinden ist. Asmus konnte gegen diesen Kameraden nicht freundlich +tun; aber Wiedemann tat freundlich. Es gab in der Klasse einen +vorzüglichen Mathematiker, der es namentlich im Rechnen allen andern +zuvortat. + +»Der Mollwitz ist doch ein großartiger Mathematiker, was?« sagte +Wiedemann mit lauerndem Lächeln zu Semper. + +»Das ist er,« versetzte dieser. + +»Ich halte ihn für den besten Mathematiker in der ganzen Klasse,« fuhr +der Lauernde fort. + +»Ich auch,« erklärte Semper und begriff nicht recht, was Wiedemann mit +diesen Selbstverständlichkeiten beabsichtigte. + +Wiedemann war enttäuscht. + +Es gab aber auch einen Seminaristen namens Frey, der ein klarer, +tüchtiger Kopf war und auch einen guten Stil schrieb. + +Eines Tages schob sich die Raupe wieder heran. + +»Der Frey schreibt doch ’n großartigen Aufsatz, was?« forschte +Wiedemann. + +»Er schreibt ’n guten Aufsatz, ja,« sagte Asmus. + +»Na, das mußt du doch auch sagen, seinen Aufsatz macht ihm doch keiner +nach!« + +»Soo?« machte Semper. + +»Ja, bist du nicht der Meinung?« + +»Nein,« erwiderte Asmus kalt. Er wußte ganz genau, daß er’s besser +konnte. Das sagte er zwar nicht; aber er sah auch nicht den +geringsten Anlaß, das Gegenteil zu lügen. + +Wiedemann machte noch immer ein lammfreundliches Gesicht mit Ausnahme +der Augen. Augen sind Löcher, die der Herrgott im Menschenkörper +gelassen hat wie die Gucklöcher in einer Verbrecherzelle, damit der +Mensch nicht allzu ungehindert heucheln könne. Augen heucheln nicht +mit. Wiedemanns Antlitz und Stimme streichelten; aber seine Augen +stachen, als er nun fragte: + +»Wer schreibt hier denn einen besseren Aufsatz?« + +Und obwohl ihm Asmus jetzt durch die grünglimmernden Augen bis in die +Nieren schaute, sagte er: + +»Du nicht.« + +In solchen Augenblicken kam etwas wie Husarengeist über ihn. Wiedemann +ging erquickt von dannen. + +Und er ging aus wie ein Säemann, zu säen seinen Samen, und verbreitete +die Kunde, Semper habe sich für den besten Aufsatzschreiber der ganzen +Klasse erklärt, er halte sich überhaupt für den Klügsten von allen und +finde die Arbeiten Freys nur »so ziemlich«. Dies sagte er besonders zu +Frey. Seltsamerweise blieben aber Frey und Semper die besten Freunde. + +Sonst aber fiel Wiedemanns Samen auf gutes, fruchtbares Land, und +Asmus fühlte wohl, daß die Stimmung gegen ihn wuchs. + +Sollten sich hier die Leiden aus der Knabenschule wiederholen? O, sie +sollten es nicht nur hier! + +Unter den Giftpflanzen ist eine, die keines Samens und keines Keimes +bedarf, die auch aus Nichts entstehen kann wie die Schöpfung Jahwehs, +das ist die Verleumdung. Sie braucht nur einen guten Boden, dann +erzeugt sie sich aus nichts. + +Eines Tages wurde Asmus von Seybold gestellt, von demselben Seybold, +der bei der Präparandenprüfung einen so sichern Blick für Sempers +Arbeiten und eine so lebhafte Teilnahme an seinen Erfolgen bekundet +hatte. Er war von einer ganzen Korona von Seminaristen umgeben und hub +also an: + +»Hier wird behauptet, du hättest dem Direktor angezeigt, daß Müller +und Warncke nach der letzten Kneipe den Unterricht geschwänzt und im +Botanischen Garten ihren Kater spazieren geführt hätten.« + +Wäre nun Asmus Semper irgend ein anderer gewesen, so würde er +vielleicht gesagt haben: + +»Bemühe dich bitte sofort mit mir zum Direktor, damit wir die +vollkommene Unwahrheit dieser Behauptung feststellen.« + +Oder er würde wie jener Yankee gesprochen haben, den jemand einen +Schurken nannte und der freundlich erwiderte: + +»Damit, mein Verehrtester, daß Sie es behaupten, ist es noch lange +nicht bewiesen.« Aber wär’ er besonnen gewesen, so wäre er nicht der +Semper gewesen, und also erwiderte er: + +»Wer das sagt, ist entweder ein Lump oder ein Idiot.« Das Blut seiner +Mutter schlug mit Flammen zum Dach hinaus. + +Auch diese Antwort war ja richtig; aber ihre Richtigkeit wurde nicht +zugestanden. + +»Hahaaa,« johlte die Korona, »da haben wir’s, wir sind alle Lumpen und +Idioten!« + +Wäre Asmus jener Yankee gewesen, so hätte er gesagt: »Dieser Schluß +entbehrt durchaus der logischen Richtigkeit«; statt dessen verzog er +das bleiche Gesicht zu einem Ausdruck grenzenloser Verachtung und +sagte: + +»Bitte, ich sagte: oder«. + +Sie stutzten einen Augenblick, und als sie diese Antwort begriffen +hatten, tobten sie und erklärten Asmus Semper wegen seines »Hochmuts«, +seiner »Frechheit« und seiner »Inkollegialität« in Verruf. Die +Inkollegialität bestand darin, daß er mehr wußte und konnte als +Seybold, Wiedemann und Kompanie und dies in seinen Arbeiten schamlos +zu erkennen gab. + +Vor Asmussens Augen stand sein alter herrlicher Schulmeister, Herr +Cremer, wie er dem Quintus Fabius nachahmte. Er pflegte zwei Falten in +seinen Rock zu machen und zu sagen: »So stand Quintus Fabius vor der +karthagischen Ratsversammlung und sagte: Hier in den Falten meiner +Toga habe ich Krieg und Frieden – wählt!« So hatte das Schicksal in +Gestalt der Seybold, Wiedemann und Genossen vor ihm gestanden, und +genau wie die Karthager hatte er geantwortet: »Gebt, was ihr wollt.« +Und Quintus Fabius Seybold hatte gesagt: So hab denn Krieg. + +Und so war es also Krieg. + +Ja, wenn es noch ein richtiger, ehrlicher Krieg gewesen wäre. Aber es +war die bekannte Guerilla böser Schikanen, in deren Erfindung die +Jugend so grausam ist und in der das »Zwanzig gegen Einen« durchaus +nicht für unehrenhaft gilt. Wenn er des Morgens kam – gerade jetzt +wieder in einem geschenkten Rock, der ihm viel zu weit war – dann +bildeten sie Spalier, erwiesen ihm höhnische Ehren und spotteten über +seinen Rock. + +»Der Kerl is ’n richtiges Originaol!« rief der Bauernsohn Rohweder, +der seinen heimischen Akzent nicht abzulegen vermochte. Er hielt +»Original« für etwas sehr Schimpfliches. + +Oder sie lösten ihm von der Milchflasche, die in seinem Bücherfach lag +und deren Inhalt sein Frühstück ausmachte, wenn das Brot nicht +schmecken wollte, den Stöpsel, so daß die Milch über seine Hefte und +Bücher floß und ihm seine sorgfältigen Ausarbeitungen verdarb. Daß er +dann nichts zu trinken hatte, war schlimm: daß seine Arbeiten +beschmutzt waren, war schlimmer; aber das Schlimmste war die +Niedrigkeit, die sich in solchen Tücken zu erkennen gab: sie +beschmutzte ihm sein Weltbild. Den Haß nahm er hin als etwas +Gleichgültiges; er liebte den geselligen Verkehr mit Menschen, aber er +brauchte ihn nicht; wie sein Vater, so war er, wenn es sein mußte, +sich selber Gesellschaft genug. Aber Niedrigkeiten konnten ihn in eine +heilige Wut und dann in eine tiefe, vollkommene Niedergeschlagenheit +versetzen. Wenn so etwas in der Welt möglich war, dann ..... Er +verfolgte den Gedanken nicht weiter; er wollte ihn nicht weiter +verfolgen. + +Er wußte sehr wohl, daß die Hauptursache ihrer Feindseligkeit der Neid +war. Aber auch andere Schüler gaben wohl einmal Anlaß zum Neide; warum +kam der Haß nicht auch gegen sie zum Ausbruch, oder wenn er zum +Ausbruch kam, in so viel harmloserer Form? Er hatte nicht die Gabe, +die Menschen im ersten Ansturm zu gewinnen, das wußte er. Er war nicht +schön, wenn auch Flora, die verführerische Nachbarstochter, und jenes +kleine Fräulein, mit dem zusammen er einmal Komödie gespielt hatte, +ihn unverkennbar gern gehabt und ihm dies keineswegs verborgen hatten; +er hatte keine Liebenswürdigkeiten, die schnell bezaubern. Aber hatte +er denn etwas Abstoßendes, etwas, das ihm Feinde machen mußte? + +Er hatte es, ohne es zu wissen und zu wollen. + +Das Wort des Polonius an seinen Sohn: + + »Härte deine Hand nicht durch den Druck + Von jedem neu geheckten Bruder« + +hatte ihm deshalb immer so gut gefallen, weil es seinem Wesen so gut +entsprach. Oft empfand er gleich bei der ersten Begegnung mit einem +Menschen Zuneigung oder Abneigung, und wo er Abneigung empfand, hatte +er sogleich etwas von einer schroffen Wand, an der nicht +hinaufzukommen war. Das nehmen die Menschen sehr übel und nennen es +hochfahrend oder arrogant. Und er war viel zu jung, um sich objektiv +zu betrachten und diesen Zug an sich selbst zu erkennen. + +Immerhin hatte er eine Minorität auf seiner Seite. Sofort bei Ausbruch +des Konfliktes hatte sich Morieux mit tausend heroischen Gesichts- und +Körperverrenkungen zu Semper geschlagen, etwa wie Herzog Ernst zu +Werner von Kiburg, wenn er ruft: + + »Hin fahr ich, ein zwiefach Geächteter, + An meine Fersen heftet sich der Tod, + Und unter Flüchen krachet mein Genick. + Vom Werner laß ich nicht!« + +und sieben oder acht Beherzte hatten sich ihm angeschlossen. Das war +nun die Fraktion Semper; bei den Feinden aber hießen sie »die +Schäflein«, weil sie nach deren Meinung im allgemeinen ein unrühmlich +gesittetes Betragen zeigten. + + + + +XX. Kapitel. + +Asmus ist trotz seiner trüben Erfahrungen anderer Meinung als +Schiller und verfällt in eine unglückliche Liebe. + + +Die Schäflein hätten nun nicht deutsche Jünglinge sein müssen, wenn +sie sich nicht sofort zu einem Verein zusammengeschlossen hätten. Der +Verein erhielt den Namen »Treue von 1880«, womit aber nicht gesagt +sein sollte, daß dies für die Treue ein besonders guter Jahrgang sei; +man wollte nur, da der Bund doch zweifellos bis in die Zeiten des +jüngsten Gerichts dauern würde, den nachlebenden Geschlechtern das +Gründungsjahr ein für allemal einprägen. Den acht oder neun +Seminaristen gesellten sich bald einige Musiker, junge Kaufleute und +Beamte zu, und nun ging es an die höchsten und tiefsten Probleme der +Kunst und des Lebens, und Fragen wurden gelöst, die vorher und +merkwürdigerweise auch noch nachher die stärksten Geister in Bewegung +gesetzt haben. Semper wurde Präses und sprach heute über den +Gralstempel bei Albrecht von Scharfenberg und den gotischen Baustil, +das nächste Mal über Meteore und Meteorite, und wieder das nächste Mal +knüpfte er kühne Gedanken an Schillers Gedicht »Der Antritt des neuen +Jahrhunderts«, dessen resigniertem Pessimismus er sich natürlich als +Achtzehnjähriger nicht anschließen konnte. Seine Glanznummer aber war +der »Faust«, den er aus dem Kopfe vortrug, und nur das eine betrübte +ihn ein wenig, daß seine Freunde, so beifällig sie auch die ernsten +Partien der Dichtung aufnahmen, doch immer am unbändigsten über die +Sauferei in Auerbachs Keller und über das »verdammte Aas« und die +»verfluchte Sau« in der Hexenküche jubelten. Fühlten sie denn nicht, +daß der Prolog im Himmel, die Monologe, die Gretchenlieder, die +Kerkerszene viel gewaltiger und schöner waren? Das Schlimmste war aber +doch, daß bei einem Vereinsfeste, bei dem auch Gäste zugegen waren, +ein dicker Magazinverwalter auf ihn zutrat und sagte: + +»Djunger Mann, Sie haob’n jao’n kullosaoles Gedächtnis! Mit dem +Gedächtnis können Sie ’ne Frau mit achtzigtausend Mark kriegen.« + +Er dachte sich dies Gedächtnis in einem Magazin angestellt. Und das, +nachdem Asmus den Tasso rezitiert hatte – man denke: den Tasso! + +In etwa siebenundzwanzig Vorträgen sprach Morieux – sehr stilvoller +Weise – über Voltaire, und bei jeder Spitzbüberei des Herrn Arouet +mußte er vor unbezähmbarem Vergnügen feixen. Die Vorträge und +Rezitationen wechselten mit Musik, gesungen, gegeigt und gehämmert, +und unter den Musikanten waren solche, die einstmals echte und +namhafte Künstler werden sollten und in diesen Stunden, wenn nicht ihr +Bestes, so vielleicht ihr Heiligstes gaben. Auch gemeinsame Ausflüge +unternahmen sie, und einer dieser Ausflüge führte sie in den +Sachsenwald. + +Bismarck, der Johannes Semper und Heinrich den Seefahrer verbannt +hatte, war in Berlin, und das war Asmussen eben recht; er hätte ihm +damals nicht begegnen mögen. Aber im Sachsenwalde war ein Förster, der +eines Mitgliedes Onkel war. Dieses Mitglied hatte einmal »Das Blatt im +Buche« in durchaus ernsthafter Absicht deklamiert und damit eine +komische Wirkung erzielt, die durch keine Selbstbeherrschung zu +unterdrücken war. »Ich hab’ eine alte Muhme«, so beginnt das Gedicht, +und genau das Organ einer alten Muhme hatte der Deklamator. Aber den +Sachsenwald kannte der Deklamator; er kannte jeden Weg und Steg, und +Asmus wollte ihm schon seine Bewunderung aussprechen, als sie +plötzlich vor dem Försterhause standen und aus dem Hause die +Försterstochter ihnen zur Begrüßung entgegentrat. Jetzt wunderte sich +Asmus nicht mehr, daß das »geschätzte Mitglied« hier herum Weg und +Steg kannte; denn diese Försterstochter war wohl das Hübscheste, was +der Sachsenwald zu geben hatte. Sogleich empfand Asmus in der +Herzgegend ein so süßes Weh, daß er bei dem bald darauf aufgetragenen +Mahle nur Flüssiges genießen konnte und den Deklamator des »Blattes im +Buche« mit argwöhnisch brennenden Blicken ansah. Nach dem Essen sollte +Asmus rezitieren, und zwar die Szene zwischen dem Patriarchen und dem +Tempelherrn, weil es Morieux »kolossal« fand, wie er zugleich das edle +Ungestüm des Ritters und die bornierte Heimtücke des Pfaffen zum +Ausdruck bringe, sogar im Gesicht! Und Asmussens Herz stieg wie das +Roß eines Ritters, der in die Schranken reitet und vom Balkon die +Farben seiner Dame winken sieht. Er machte seine Sache auch gewiß so +gut wie je, und als er geendet hatte, klatschte auch die +Försterstochter mit den Händen, aber nur ein einziges Mal; sie hatte +nämlich eine Motte gefangen, die sie schon minutenlang mit den Augen +verfolgt und nur aus Rücksicht auf die Kunst so lange verschont hatte. +Unmittelbar nach Semper erhob sich, wenn auch unaufgefordert, der +Führer durch den Sachsenwald, um »das Blatt im Buche« zu rezitieren. +Da die Vereinsmitglieder an die Schrecken dieser Deklamation schon +gewöhnt waren, so ging es mit einigen zerbissenen Lippen und +zerrungenen Händen ab; nur Morieux explodierte natürlich in einem +jähen Nasenlaut, den er durch ein heftig gezogenes Taschentuch in ein +dringend nötiges Ausschnupfen maskierte. Die Tochter des Waldes aber +blickte strahlend auf den Handlungsgehilfen, als wollte sie sagen: +»Ein Künstler bist du _auch_ noch?« + +»So’n Syrupskringel!« knirscht Asmus in sich hinein, und damit +meinte er nur den Handlungsgehilfen, obwohl es in gewissem Sinne +auch auf die Tochter des Waldes paßte. Asmus hatte ja bald heraus, +daß sie zu den höheren Dingen keine Beziehungen unterhielt; aber +doch blieb er ganz in ihr gefangen; sie war eine Brezel, die der +himmlische Menschenbäcker mit unendlich vielem Syrup bestrichen +hatte. Und als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und »Dritten +abschlagen« spielten, da traf es sich merkwürdig oft so, daß die +Försterstochter vor dem alten Muhmen-Deklamator stand, und dann +legte er – dieser Frechling – ganz ungeniert, wie im Eifer des +Spiels die Hände um die Taille des hochatmenden wonnigen Geschöpfes. +»Der Schuft,« dachte Asmus, und die Treue von 1880 wankte in ihren +Grundfesten. Er fragte sich, ob er es auch wagen würde, ihr die +Hände um die Hüften zu legen. »Nie,« sagte er sich. Wenn sie es ihm +verwiesen hätte, wäre er vor Scham und Stolz gestorben. Und als es +das Spiel so fügte, daß sie beide vor ihm standen und er als +»Dritter« den Platz räumen mußte, um nicht »abgeschlagen« zu werden, +da nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol. Beim Abendbrot +holte er dann nach, was er mittags versäumt hatte; in seiner +grollenden Versunkenheit fraß er alles in sich hinein, was ihm +vorkam: Schinken, Rühreier, Schwarzbrot und Liebesgram. Beim +Abschied wollte er erst ohne Gruß verschwinden; aber sie sollte sich +nicht einbilden, daß sie ihn verwundet habe, und mit blutendem +Herzen gab er ihr lächelnd die Hand, und wie die andern winkte er, +im Waldesdunkel langsam verschwindend, noch lange mit Lächeln +zurück. Zu Hause verfiel er sofort in vierfüßige Trochäen, und das +dauerte auch den folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht wohl +an tausend Füße hatte, fühlte er sich bedeutend ruhiger. Und als er +nach dreien Tagen in einem uralten Exemplar von Herders »Ideen zur +Philosophie der Geschichte der Menschheit« las und plötzlich aus +einer Waldwirrnis von Gedanken die hübsche Försterstochter +auftauchte, da war der Generalsuperintendent aus Weimar schon +stärker als die Blume des Waldes. Das blutende Herz war geheilt wie +eine Stecknadelwunde. + +Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch eine bessere Liebe und eine +tiefere Herzenswunde bringen. + + + + +XXI. Kapitel. + +Wie Asmus eine bessere Liebe fand. + + +Alfred Sturm, ein junger Kaufmann, war dem Verein beigetreten an jenem +Abend, als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers mit +bemerkenswerter Kühnheit optimistische Gedanken geknüpft hatte. »Als ich +deinen Vortrag über Schillers »Antritt des neuen Jahrhunderts« gehört +hatte, war ich dir für immer verfallen,« sagte Sturm in vertrauter +Stunde. Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht weniger tief, +und sie bildeten einen stillen Bund im Bunde, bildeten innerhalb der +»Treue von 1880« eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit. Asmus fand bei +seinem Freunde etwas Köstliches, das die Deutschen nur verschwindend +selten besitzen und niemals zu würdigen wissen. Die Deutschen haben +eigentlich nur zwei Humore, den behäbigen Bier- und Tabakhumor, der noch +ihr bester ist, und den mit spitzen Lippen säuerlich-lächelnden +Geheimratshumor, von dem die Milch gerinnt und der Lachen für unfein +hält; was sie fast nie haben und auch bei Shakespeare – obwohl sie’s +heucheln nicht zu schätzen wissen, das ist der genial-groteske Ulk, der +tiefsinnige Clownhumor. Die Spitznäsigen nennen ihn »blödsinnig«, und +die Knoten heißen ihn »unvornehm«. Diesen Humor nun, wie alle kräftigen +Humore, liebte Asmus aus innerster Seele, und den besaß Sturm. Wenn +Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler darstellte, oder aus dem +Stegreif eine Hintertreppen-Familientragödie mimte, oder einen +Volksredner oder auch die Ilsebill aus dem Märchen »vom Fischer un syner +Fru« verkörperte, dann lachten zwar die andern auch; aber Asmus lachte +so, daß er endlich rufen mußte: »Hör’ auf, ich sterbe!« Aber dieser +Humor würde vielleicht doch nicht das ganze Herz des Asmus eingenommen +haben, wenn sich damit nicht ein merkwürdig leidenschaftlicher +Aufwärtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs- und Vervollkommnungsstreben +verbunden hätte. Diese beiden Eigenschaften, die immer wie Gegensätze +aussehen und die doch durchaus keine Gegensätze sind, ließen Asmus in +diesem Jüngling den Freund erkennen, den er unbewußt gesucht hatte. +Sturm dagegen sah in dem jungen Semper den Menschen, der ihm endlich zu +jedem ersehnten Aufschwung verhelfen könne, und wenn Asmus solche +enthusiastischen Überschätzungen mit Händen und Füßen ängstlich +abwehrte, so ging Sturm mit dem Lächeln des Besserwissenden darüber +hinweg und sang aus dem damals oft gespielten Boccaccio: + + »Hab ich nur deine Liebe, + Die »Treue« brauch ich nicht.« + +Aber das quälte ihn, daß er diese Liebe nicht ganz zu besitzen +glaubte; er war eifersüchtig. Eifersüchtig auf Morieux. Mit dem sollte +Semper sich nicht einlassen. + +»Wie kannst du nur so viel mit dem Morieux verkehren! Morieux! Auf dem +Dom[2] gab es früher ein Affentheater von »Morieux«. Das paßt. Dieser +ganze Morieux ist ein Affentheater, das von morgens bis abends +Vorstellungen gibt. Das ist doch kein Charakter!« + + [Fußnote 2: Der Hamburger Weihnachtsmarkt wird »Dom« genannt.] + +»Nein, das ist er nicht,« räumte Semper ein. »Er ist oft ein +unangenehmer Kerl. Der Schöpfer aller Dinge hat ihn aus Resten +gemacht, die zu ganzen Menschen nicht mehr ausreichten. Er hat ein +blaues Bein und ein gelbes, eine halb rote und halb grüne Jacke, wie +ein Harlekin. Aber aus allen Schlacken und Aschen seiner Seele +schlagen doch zuweilen reine Flammen auf. Er hat sich in einem +schweren Streit und gegen eine große Übermacht auf meine Seite +gestellt; er hat um mich gelitten; das kann ich doch nicht einfach +vergessen.« + +Dann setzte Sturm sich schweigend, aber unzufrieden ans Klavier und +introduzierte ein neues Lied; denn singen mußte Asmus zu seiner +Begleitung, sobald ein Klavier in erreichbarer Nähe war. Eines Tages +aber, als sie am Abend vorher in der »Treue« wieder die schönsten und +die verrücktesten Dinge getrieben hatten – Asmus saß wieder in seiner +engen Klause und übersetzte Byron – da klopfte jemand. Auf Asmussens +»Herein« trat Alfred Sturm ein, um sogleich auf einen Stuhl neben der +Tür zu sinken und in Tränen auszubrechen. Sein Gesicht war aschfahl; +in der Hand hielt er eine gelbe Rose. Er hatte soeben in Gemeinschaft +mit seinem Vater seine Mutter in eine Anstalt für Geisteskranke +bringen müssen. + +»Ich hoffte bei dir ein wenig Trost zu finden,« sprach er unter +Schluchzen. Und diese Erwartung erschütterte Sempern fast so sehr wie +die Unglücksnachricht. Trost suchte sein Freund bei ihm! Bei einem +Neunzehnjährigen! Der nichts erfahren hatte! Sein Freund war ja älter +als er! Aber sein Freund suchte Trost, und also mußte er ihn finden. +Er wuchs über sein Alter hinaus. Er dachte an den Tag, da er seinen +Bruder Leonhard durch den Tod verloren hatte. Und sogleich wußte er +eins: Sprechen, mit Worten trösten, wäre in diesem Augenblick Roheit. +Und er legte den Arm um seinen Freund, klopfte ihm langsam und leise, +wie eine tröstende Mutter, die Schulter und ließ ihn weinen. Und +wirklich: der Unglückliche beruhigte sich zusehends. Dann sagte Asmus +mit sanftem Tone: »Ich habe einen Weg zu machen; es wäre riesig nett +von Dir, wenn du mich begleiten wolltest.« + +Sturm nickte nur. + +»Da,« sagte er, »die Rose solltest du haben – jetzt ist sie verwelkt. +Na – ist ja alles einerlei!« – und er wollte sie zum Fenster +hinauswerfen. + +»Gib!« rief Asmus und nahm ihm die Blume aus der Hand. »Sie wird sich +erholen.« Und er stellte sie in ein Wasserglas. + +Und dann führte er den Freund zu seinem eigenen großen Tröster, führte +ihn an den Elbstrom unterhalb Oldenfunds, bis Blankenese und darüber +hinaus, wo die Flut immer breiter und breiter sich dehnt, daß das +jenseitige Ufer dem Blick entschwindet, und wo der sinnende Wanderer +oder der still hintreibende Segler ahnt und fühlt, daß alles Sehnen +und Sorgen in einem großen Meere endet. Dorthin führte er den Freund, +wo er von je auf Wiesen und Wellen wie eine himmlische Stadt die +künftige Welt gesehen hatte, die künftige Welt, wo alles größer und +heller und freier war, wo die Gedanken größer waren und die Gefühle, +wo die Menschen trotz allen Schaffens und Ringens einander mit offenem +Lächeln begegneten und das Leben immer mehr ein Sonntag und Sonnentag +wurde. + +Sturm hatte ausführlicher von seiner Mutter erzählt, und Asmus hatte +erwidert, daß eine Schwermut, wie sie die fünfzigjährige Frau befallen +habe, doch schon oft geheilt worden sei. Unter anderen Beispielen fiel +ihm Gutzkow ein, der schwer gemütskrank gewesen sei und danach wieder +produziert habe. Durch Gutzkow kamen sie von selbst in die Literatur +hinein, und von der Literatur ganz sachte in die Musik. Alfred Sturm +war fanatischer Wagnerianer; nach zwei Takten schwamm er schon »auf +wolkigen Höh’n«; Asmus folgte ihm darin nicht einmal bis über die +Bäume. Da kam ihm nun eine köstliche List. Er brachte das Gespräch auf +Wagner und ließ sich in weniger als zehn Minuten bekehren. Nicht ganz, +damit es nicht auffiel, aber doch zu sieben Achteln. Sturm war +glückselig und lächelte wieder; es war ein höheres, ein verklärtes +Lächeln. Sein Freund erkannte die Größe Wagners – nun konnte man es +wirklich wieder mit dem Leben versuchen! Beim Abschied hielt er die +Hand des Asmus fest. + +»Du –« sagte er. »Ich habe dich zuweilen gelangweilt mit diesem +Morieux. Vergiß es, es war furchtbar kleinlich von mir. Was ist +Morieux an solchem Abend, du lieber Gott! Diesen Abend vergeß ich dir +nicht, _solange ich lebe_!« + +Dann kam der Zug; Sturm stieg ein und blieb auch dann noch am Fenster +stehen, als der Zug schon fuhr. Und durch die tiefe Dämmerung des +Abends sah Asmus noch lange das erdfahle Gesicht am Wagenfenster. Als +er wieder in seinem Zimmer war, fiel sein Blick auf die gelbe Rose. +Sie hatte sich nicht erholt. + + + + +XXII. Kapitel. + +Wie Asmus verlor, was er gefunden. + + +Diesen Abend nicht zu vergessen – es sollte dem armen Sturm nicht +schwer werden. Wohl erholte seine Mutter sich nach einigen Wochen +zusehends; aber dann kam Schlimmeres. Es sollte gerade wieder das +»Stiftungsfest« der »Treue« begangen werden, und Sturm und Semper +gedachten durch »Adelaide«, »Das Lied an den Abendstern«, »Tom der +Reimer« und andere Kostbarkeiten die Welt in Erstaunen zu versetzen, +da kam am Morgen des großen Tages der Vater Sturms zu Asmus ins +Seminar und bat mit seiner leisen, höflichen Stimme um Entschuldigung +für seinen Sohn, der heute nicht kommen könne, weil er einen Blutsturz +gehabt habe. Es habe wohl nichts Schlimmes zu bedeuten; aber er müsse +natürlich im Bette bleiben. + +Asmus nahm an den folgenden Stunden ohne Aufmerksamkeit teil und eilte +sofort nach Schluß des Seminars an das Bett des Freundes. Sein Gesicht +war fahler denn je, die Augen groß und feucht. Aber von Krankheit +wollte er nichts wissen. Die Eltern erzählten, daß er durchaus am +Abend zum Stiftungsfest wolle und beschworen Semper um seinen +Beistand. »Was Sie sagen, das tut er,« meinten sie. Asmus bezweifelte +das, behandelte aber dem Kranken gegenüber den Besuch des Festes als +etwas selbstverständlich Unmögliches. Da wurde Sturm, der sich anfangs +über Sempers Anwesenheit gefreut hatte, bitter und verbissen; mit +einem zürnenden Blick sagte er: »Du bist wie alle andern« und kehrte +sich zur Wand. Asmus streichelte ihm leise die Hand und ging. + +Am Abend erschien Alfred Sturm auf dem Stiftungsfest, heiter und +humorvoll, und was Asmus auch einwenden mochte, Sturm wollte ihn auf +dem Klavier begleiten. »Soll vielleicht Morieux dich begleiten?« +fragte er mit einem krankhaften Feuer in den Augen. Man mußte ihn +gewähren lassen. Aber als die Lieder gesungen waren, war seine +Munterkeit wie abgeschnitten; ohne das Mahl und den Tanz abzuwarten, +hüllte er sich in seinen Überzieher, legte sorgsam und glatt, wie es +einem eleganten jungen Kaufmann geziemt, das seidene Tuch um den Hals +und ging heim. + +Der Exzeß schien ihm nichts geschadet zu haben; nach acht Tagen saß er +wieder im Kontor. Aber schon nach vier Wochen streckte ein neuer, +heftigerer Anfall ihn nieder. + +»Ich möchte mich zerfleischen,« sagte er zu dem Freunde, der an seinem +Bette saß. »Ich bin abscheulich gegen meine Eltern und meine +Geschwister, und dabei opfern sie sich für mich auf. Das weiß ich ganz +genau, und doch kann ich nicht anders. Mich ärgert alles, was ich +sehe, und wenn ich allein bin, heul’ ich vor Reue wie ein dummer +Junge.« + +Er rappelte sich abermals heraus und zog nun ans Elbufer; von der Luft +dort hoffte er Genesung. Zu einer weiteren Reise langten die Mittel +nicht. Dort hatten die beiden in Ritschers Garten noch einen schönen, +sonnigen Nachmittag. + +»Ich hab’ in einer Ewigkeit keine Zigarre geraucht,« sagte Sturm leise +vor sich hin, »ob ich’s mal wieder riskiere?« + +Asmus riet ihm ab. »Wart’ noch ’n bißchen, dann kannst du rauchen, +soviel du willst.« + +»Meinst du wirklich, daß ich wieder ganz gesund werden kann?« fragte +Sturm schnell, eifrig, mit sehnsüchtig-heiteren Blicken. Das Licht der +untergehenden Sonne stand in seinen Augen. + +Asmus lachte laut auf über diesen Zweifel an etwas +Selbstverständlichem. Und Sturm lächelte glücklich und glaubte dem +Freunde alle Versicherungen, die er sonst zurückgewiesen hatte. + +Und nach einem glücklichen Schweigen sagte er: + +»Du – gib mir _doch_ eine Zigarre.« + +»Ich hab’ leider keine mehr bei mir,« log Asmus. + +»Das ist nicht wahr; ich habe ja gesehen, daß du noch mehrere hast. +Daran seh’ ich, was du in Wahrheit von meiner Gesundheit hältst.« + +»Na, lieber Freund, wer nicht rauchen darf, ist deshalb doch noch kein +Todeskandidat; bedenk’ doch, daß du erst –« + +»Ach, laß nur,« machte Sturm und erhob sich. Seine Hoffnung war +erloschen wie ein Licht von einem Windstoß. Auf dem Heimwege fielen +nur ein paar nichtssagende Worte. Asmus machte wohl einen Versuch, den +Freund wieder zu ermuntern; aber dieser sah ihn nur mit großen ernsten +Augen von der Seite an und schwieg. In seiner Verlegenheit und in +seinem Kummer tat Asmus das Verkehrteste, was er tun konnte, er zog +die Zigarrentasche und sagte: »Willst du eine Zigarre haben?« + +Sturm lachte kurz auf. »Nein, ich danke, jetzt nicht mehr.« + +Als Asmus ihn nach drei Tagen besuchen wollte, vernahm er, daß Alfred +Sturm »seit gestern« im Hamburger Krankenhause liege, und als Asmus +dorthin kam, durfte der Kranke nur ganz wenig und im leisesten +Flüstertone sprechen. + +»Wie geht’s?« fragte Asmus. + +»Sehr gut, ich darf nur nicht sprechen,« flüsterte der Kranke. Und +Asmus erzählte von diesem und jenem, wie vernünftig es sei, ins +Krankenhaus zu gehen, wo die Pflege natürlich viel umfassender sein +könne als zu Hause, und wie sehr man den Freund in der »Treue« +vermisse; aber es schien ihm, als ob der Patient nur mit halber +Aufmerksamkeit zuhöre und als ob er um einen Entschluß kämpfe. Endlich +zog er unter der Bettdecke ein Blatt Papier hervor und hielt es dem +Freunde hin: + +»Da – es ist natürlich Unsinn – aber ich wollt’ es dir doch geben –.« +Asmus nahm das Blatt und las: + + »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen + Den müden Geist zu dichterischem Flug, + Und schon seit langem streb’ ich ernst genug, + Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen ..« + +Es war ein Sonett, in dem der Verfasser den Freund mit aller +schwärmenden Begeisterung der Jugend pries. + +»Ich hab’ – ’ne ganze Nacht – daran gezimmert,« hauchte der Kranke mit +ironischem Lächeln. »Du wirst darüber lachen ....« + +Die Wärterin erschien und mahnte mit einem Blick, der keinen +Widerspruch duldete, zum Aufbruch. Asmus ergriff die Hand des Freundes +und beugte sich über ihn, und sie hatten in diesem Augenblick beide +dasselbe Gefühl: der Freund kam ihm mit mühsam erhobenem Haupte +entgegen, und sie küßten sich auf den Mund. + +Das ist unter niederdeutschen Jünglingen etwas Seltenes und Heiliges. +Asmus pflegte nicht einmal seine Geschwister, nicht einmal seine +Eltern zu küssen; er hatte nicht einmal seine Brüder geküßt, als sie +nach Amerika gingen. Die Menschen dieses Himmelsstrichs, wenn sie +Abschied nehmen, tun es mit einem Händedruck und mit dem Verlangen +nach einer Umarmung; aber sie geben diesem Verlangen keinen Ausdruck. + +Schon am folgenden Tage erhielt Asmus die Todesnachricht. + +Bei dem Begräbnis ging es ihm wie bisher bei fast allen Begräbnissen; +er konnte nicht andächtig und traurig sein. Dieses herkömmliche +Bestattungszeremoniell mit seinem zelotischen Pfaffengesicht (»Jetzt +haben wir dich, du Sünder«) mit seiner tristen Banalität war ihm so +unsäglich zuwider, daß er zu keinem reinen Gedanken an den Freund +kommen konnte. Erst zu Hause dehnte sich wieder das Herz. Er zog sich +in sein Zimmer zurück – für die wärmere Jahreszeit war er nun doch mit +seinen Studien aus der Zigarrenstube in das Wohnzimmer übergesiedelt – +und ging viele Stunden lang auf und ab; nur hin und wieder blieb er am +Fenster stehen und blickte nach der Richtung, wo sein Freund nun in +der Erde lag. Trauriger Wahn, dachte er, auch den toten Menschen noch +an die finstere Erde zu kerkern, statt ihn den freien, seligen Lüften +zu geben. + +Von dem endlosen Wandern erschöpft, fiel er endlich aufs Sofa und +wußte nicht, warum er so erschöpft sei. Als er sich erholt hatte, zog +er die Lampe näher heran, desgleichen Tinte und Papier und begann zu +schreiben: + + _An meinen toten Freund A. S._ + + »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen + Den müden Geist zu dichterischem Flug, + Und schon seit langem streb’ ich ernst genug, + Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.« + + So schriebst Du jüngst nach qualerfülltem Ringen, + Als nächtens nach des Schlummers mildem Trug + Dein brennend Aug’ umsonst Verlangen trug, + Und heute hör’ ich’s noch im Herzen klingen. + + Begnüge Dich! Du trägst nach heißem Ringen + Ins Reich der Geister ungetrübt von hinnen + Die hehre Poesie der Herzensreinheit. + + Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen + Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen, + So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit. + + * * * * * + + Auf Deinen Sarg fällt manche Träne nieder + Und bange Seufzer irren durch die Luft. + Ich starre trocknen Auges in die Gruft; + Kein warmer Tropfen quillt durch meine Lider. + + Ich steh’ betäubt, von Schmerz gelähmt die Glieder, + Und faß es nicht, daß unter Glanz und Duft + So holder Blumen gähnt die düstre Kluft ... + Ich kann nicht weinen. Doch ich kehre wieder! + + Wenn ich die Menschheit jammernd höre sagen: + »Die Besten müssen früh von hinnen gehen!« + Dann wird zu Dir mich die Erinnrung tragen. + + An Deiner Gruft werd’ ich im Geiste stehen, + Und von der Menschheit angsterfülltem Klagen + Wird auch ein Hauch um diese Stätte wehen. + + * * * * * + +Aber tiefer und sehrender, als es aus diesen pathetischen +Jünglingsversen klang, wurde das Weh, als nun die Tage kamen und +gingen ohne den Freund und als er in der nächsten Versammlung der +»Treue« das Gesicht des Besten vergebens suchte. Er war einsilbig und +ernst und ging lange vor der gewohnten Zeit nach Hause. + + + + +XXIII. Kapitel. + +Asmus als Verteidiger zweifelhafter Unschulden und Adolfine Moles als +Seminardirektor. + + +Das gigantische Schicksal, das immer vornehm bleibt, hat eine kleine +schieläugige, bucklige und boshafte Schwester, die ein Vergnügen daran +findet, den Verfolgten und Leidenden im Augenblick ihres größten +Unglücks noch einen kleinen Extraprügel zwischen die Beine zu werfen, +oder sie durch einen heimlich angefügten Zettel lächerlich zu machen, +oder ihnen just in dem Augenblick, da ihr Recht an den Tag kommen +soll, eine kleine Schuld vor die Füße zu rollen, daß sie straucheln. +Wenn ein Lump und ein Ehrenmann vor dem Richter stehen, dann wird im +Gerichtssaal immer ein Steinchen liegen, an dem der Redliche sich den +Fuß verstaucht. So gingen denn zu der Zeit, als Semper den eben +verlorenen Freund betrauerte und der »Klassenkampf« zwischen den +Seybolden und den »Schäflein« (ein ewiger Klassenkampf!) den höchsten +Hitzegrad erreicht hatte, Morieux, Semper und zwei andere Schäflein, +Namens Klöhn und Wackerbarth, über den »Dragonerstall« durch das +Holstentor. Morieux hatte gerade einen kolossalen Witz erzählt, und +alle vier Jünglinge lachten laut, als ihnen ein langer, grauer Pastor +in den Weg kam. + +»Halloh, Pastor Zump!« rief Klöhn nicht eben laut, aber doch laut +genug für das Ohr des Geistlichen, und da die vier einmal im Lachen +waren, so lachten sie weiter. Es war eine Art Backfischgekicher ins +Jungenhafte übersetzt. Asmus kannte keinen Pastor Zump und fragte: Wer +ist das? und bemerkte den Mann erst, als er vorüber war. Er hatte rein +nach dem Gesetz der Beharrung weitergelacht. Aber »langgebeint, mit +langen Sätzen« kam der Mann alsbald zurück. + +»Wie heißen Sie?« fuhr er Morieux an. + +»Wieso?« fragte der. + +»Wollen Sie mir Ihren Namen nennen?« + +»Nein. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.« + +»Wollen _Sie_ mir Ihren Namen nennen?« wandte er sich an Wackerbarth. + +»Ja, das kann ich ja tun,« sagte der, »ich heiße Wackerbarth.« + +Das genügte dem Geistlichen. Als er gegangen war, erfuhr Asmus, daß +Herr Zump ein hochorthodoxer, ja pietistischer Geistlicher sei, der +ein ganz frommes Blättchen herausgebe und mit diesem Blättchen oft in +der liberalen Presse verspottet werde. + +Am andern Morgen wurde Wackerbarth zum Direktor zitiert, und dem mußte +er die »Mitschuldigen« nennen. Semper nannte er nicht mit, weil er ihn +für gänzlich unbeteiligt hielt. Eine Stunde später schnob und stob +Herr #Dr.# Korn zur Klasse herein und stellte sich am Katheder auf. + +»Wackerbarth!« rief er. + +»Hier.« + +»Klöhn.« + +»Hier.« + +»Morieux!« + +»Hier.« + +»Sie haben jestern einen Geistlichen auf offener Straße verhöhnt... +Was woll’n Sie?« schnauzte er Sempern an, der aufgestanden war. + +»Ich war auch mit dabei,« sagte Semper. Der »Pfaffe« reizte seinen +Zorn. + +Der Direktor schnappte. Was? Semper? Der Musterknabe? Er war einen +Augenblick sprachlos. Aber dann fuhr er los mit gedoppelter Kraft: + +»Also: man sollt’s kaum jlauben! Vier junge Leute, die sich zu den +jebildeten rechnen, _die Lehrer werden wollen_! (hier brüllte der gute +Korn förmlich) betragen sich wie der Janhagel und insultieren auf +offener Straße einen Jeistlichen unserer Vaterstadt! Und als der Mann +den einen um seinen Namen fragt, hat der die Impertinenz, zu sagen: +‘Ick habe die Ehre, Sie nich zu kennen!’« + +Semper und Morieux erhoben sich wie zwei abgeschossene Raketen. + +»Wat woll’n Sie?« schrie der Direktor Morieux an. + +»Das habe ich _nicht_ gesagt,« rief Morieux, der in der Erregung die +wunderbarsten Fratzen schnitt. + +»Wat woll’n _Sie_?« heulte der Direktor gegen Asmus. + +»Ich will bezeugen, daß Morieux das _nicht_ gesagt hat. Er hat gesagt: +»Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.« Und dann erzählte Asmus den +ganzen Vorgang, wie er sich zugetragen hatte. + +»So,« machte Korn und schnappte wieder. »Na, ick sage Ihnen soviel: +Sie jehen noch heute alle mit’nander hin zu dem Mann. Nimmt er Ihre +Erklärung an, is’s jut. Tut er’s nicht, dann sind Se hier fertig. Dann +werden Sie eliminiert.« Und damit stampfte er aus der Klasse. + +Da war er ja in eine hübsche Affäre hineingeraten! Und dabei hatte er +wirklich nicht über Seine Hochwürden gelacht, sondern über den Witz. +Aber sollte er sich jetzt, da sie in der Klemme waren, von den +Gefährten, die ihm Treue gehalten, trennen und wie ein Bübchen rufen: +»Ich bin es nicht gewesen!?« Das würde wie Feigheit aussehen, und +darum war es ausgeschlossen. + +Die drei ernannten Sempern zu ihrem Sprecher, und vier Mann hoch +zogen sie im Studierzimmer Sr. Hochwürden auf. Es war ein so langer +Pastor, daß Asmus, wenn er die Augen geradeaus richtete, genau auf den +Magen des Gottesmannes blickte. Und da es ihm unnatürlich war, den +Kopf in den Nacken zu legen, so richtete er seine Ansprache +schließlich nur noch an den Bauch des Herrn Pastors. + +»Der Herr Direktor verlangt,« sagte Asmus, »daß wir Ihnen eine +Erklärung unseres Verhaltens geben. Mein Freund hat uns ein Wortspiel +erzählt, und darüber haben wir gelacht. Mitten im Gelächter hat dann +einer gesagt: ‘Da kommt Pastor Zump!’ Wir haben aber nicht über Sie +gelacht.« + +Das stimmte nun nicht recht; aber Asmus als erwählter Führer hielt es +für Ehrenpflicht, seine Kameraden herauszupauken. + +Der Geistliche antwortete im schönsten Kanzelton: + +»Sie erwarten doch wohl nicht, daß ich diese Erklärung annehme. Ich +habe den Herrn Direktor gebeten, Sie nicht zu bestrafen (das stimmte) +und wenn Sie kommen, um Verzeihung zu bitten, so ist die Sache für +mich erledigt; wenn Sie aber erklären, Sie hätten nicht über mich, +sondern über ein Wortspiel gelacht – #quod non#!« + +»Wir können nichts anderes sagen,« bemerkte Asmus gegen den Bauch des +Herrn Zump. + +»Und Sie?« wandte Zump sich an Klöhn. »Können Sie mir auch nichts +anderes sagen? Sie waren es doch, der da rief: ‘Halloh, Pastor Zump’ +und höhnisch dazu lachte.« + +»Das hat er nicht getan!« rief Asmus. + +»Schweigen Sie doch!« rief der Pastor zornig, »wie können Sie das +wissen?« + +»Weil ich meinen Freund kenne; dergleichen tut er nicht,« versetzte +Asmus als Eideshelfer. + +»Ich rede überhaupt nicht mehr mit Ihnen!« eiferte Zump gegen Sempern +und wandte sich an Morieux. + +»Und Sie? Haben Sie etwa nicht gesagt: »Ich habe die Ehre, Sie nicht +zu kennen!« (Das schien der Pastor also wirklich gehört zu haben.) + +»Nein,« rief Morieux mit diabolischen Gesichtsverzerrungen, »ich habe +gesagt, daß ich nicht die Ehre hätte, Sie zu kennen.« + +»Jawohl, das hat er gesagt,« erklärte Asmus mit Nachdruck, und die +andern stimmten zu. + +Pastor Zump warf einen Blick auf ihn wie der Prophet Elisa auf jene +Knaben, die er von zween Bären zerreißen ließ, dieweil sie gerufen +hatten: »Kahlkopf, komm herauf!« + +Und dann machte er eine große Armbewegung über alle vier Köpfe hin und +sagte: »Ich bin fertig mit Ihnen, Adieu.« Aber als sie nahe der Tür +waren, sprach er mit einem besonderen Blick für die drei anderen +(Asmussen würdigte er keines Blickes mehr): »Wenn der eine oder der +andere von Ihnen mir etwas anzuvertrauen hat, so werde ich ihn gern +empfangen.« + +Er mochte wohl hoffen, daß einer von den dreien vor Unterleibsschwäche +abfallen und reumütiges Bekenntnis ablegen werde, und das war nicht +fein von ihm. Nach vielen Jahren erst erfuhr Asmus aus wahrem Munde, +daß dieser Pastor Zump ein guter, hilfsbereiter und opferfreudiger +Mann gewesen sei. Seine Verfolgung der vier Jünglinge war vermutlich +auch so ein Steinchen gewesen, das ihm die bucklige Schwester des +Schicksals unter die Füße gerollt hatte. + +Einstweilen war er für Asmussen der rachsüchtige Pfaffe, der +Hoogstraten und Peter Arbues, den er nie in seinem Leben um Verzeihung +bitten würde. Dann aber kam die Relegation. Dann war alle Mühe und +Sorge von viertehalb Jahren dahin, dann konnte er alle seine +Frühlingshoffnungen begraben und Zigarrenmacher werden. Das Geld, ihn +auf einem auswärtigen Seminar zu erhalten, konnten weder er noch seine +Eltern aufbringen. Ihm war übel ums Herz, und er verbrachte eine +schlaflose Nacht. + +Das Schlimmste war, daß das Herz nicht ganz frei war. Er selbst hatte +zwar den Mann nicht verlacht; aber er hatte die andern unbedingt in +Schutz genommen, und das war doch gewiß: zum mindesten Klöhn hatte +eine starke Ungezogenheit begangen. Wenn man wahr sein wollte, mußte +man das eingestehen. Aber darum Buße tun in Sack und Asche, wie Uriel +Acosta, vor diesem »hochmütigen, intriganten Priester«?! Asmus fuhr +mit einem kurzen Lachen von seinem Bett empor und warf sich wuchtig +wieder zurück auf das zerwühlte Lager. Aber übel war ihm zu Sinn; es +ist schlimm, wenn eine Wunde nicht ganz rein ist. + +Erst nahe vor Morgen verfiel er in einen leisen Halbschlaf. Der +Direktor stand vor ihm und sagte: »_Sie_ wollen Lehrer werden? Sie +sind wohl verrückt!« Und dabei hatte er vollkommen das Gesicht von +Adolfine Moses. + + + + +XXIV. Kapitel. + +Die Bucklige lacht: aber die Schlanke macht es wieder gut. – Der +Schiffbrüchige von Salas y Gomez als Mittler zwischen den Parteien. + + +Zwei Stunden später traten die vier im Gänsemarsch bei dem Direktor +ein, Semper wieder voran. + +»Wir haben dem Herrn Pastor erklärt, daß unser Lachen nicht ihm +gegolten habe; aber er will diese Erklärung nicht annehmen,« +berichtete Asmus und erwartete das Vernichtungsurteil. + +Der Direktor ging einmal das Zimmer auf und ab und durchstach dann +alle vier, jeden einzeln, mit einem Blick. Dann ging er noch einmal +auf und ab und durchstach hierauf Asmussen mit einem besonders langen +Blick. Und dann sagte er: + +»Sie können jeh’n.« + +Die Angelegenheit war erledigt. Sie war erledigt für den Direktor und +den Pastor; keiner kam wieder darauf zurück. + +Aber nicht erledigt war sie für die Seybolde und Wiedemänner. Das war +ja köstlich! Das war ja erbaulich! Also so waren die »Schäflein«, wenn +sie unter sich waren! Dann betrugen sie sich wie die Gassenbuben und +bewarfen Geistliche (im Ornat! versicherte einer) mit Steinen! mit +Schmutz! Das waren also die Leutchen, die eine Eins bekamen, wenn +andere nur eine Zwei kriegten! Das waren die Herren, die mit +hochmütiger Verachtung erwiderten, wenn man ihnen vorhielt, daß sie +ihre Kollegen beim Direktor verraten hätten! Für die Schäflein, und +sonderlich natürlich für Asmussen, kamen schlimme Tage, und die kleine +schieläugige Schwester des Schicksals lachte, daß ihr der Buckel +tanzte und rief: + +»Du glaubst, wer recht hat, müsse obendrein auch noch Recht +_bekommen_? Du bist wohl verrückt?!« + +In dieser Zeit, da ihm die Welt ein ausgesucht widerwärtiges Gesicht +machte, sollte er etwas erleben, was nach »Duplizität der Ereignisse« +aussah. Wie sich ihm nämlich einst, da er noch ein Knabe war, aus +dunklem Bangen ein Weg ins Licht gezeigt hatte, als er zwischen den +Bahndämmen in der Rainstraße, vor der Tür einer Schenke, einem lieben +braunen Mädchen begegnet war, so sollte er auch jetzt wieder bei einem +braunen Mädchen Erhebung und Erheiterung des Herzens finden. Herr +Mansfeld, ein befreundeter Lehrer, hatte ihn zum Abendbrot eingeladen, +und als Asmus nun die Treppen zur Wohnung des Gastfreundes +emporstieg, stand da auf einem Absatz eine rankgewachsene Brünette und +blickte nachdenklich auf einen Koffer ihr zu Füßen, der nicht allzu +leicht sein mochte. Es war Fräulein Hilde Chavonne, seine ehemalige +Kollegin. Sie stand im Begriff, zu eben den Lehrersleuten, die Asmus +geladen hatten, in Pension zu gehen, und Asmus bat bescheidentlich um +die Erlaubnis, ihr den Koffer hinauftragen zu dürfen. Das gewährte sie +mit einem gnädigen Lächeln, und als man droben war, halfen Asmus und +Herr Mansfeld beim Auspacken der Bücher, die der Koffer enthielt. +Dabei schlug sich von selbst ein starkes, längliches Heft auf, das mit +der Hand gezeichnete und kolorierte Landkarten enthielt. + +»O, wie famos!« rief Asmus. »Haben Sie die gezeichnet?« + +Hilde klappte schnell das Heft zu. »Machen Sie sich nicht lustig +darüber!« rief sie ängstlich. »Sie können es gewiß tausendmal besser.« + +»Ich? Ich kann gar nichts, ich kann überhaupt nicht zeichnen,« sagte +Asmus. + +Sie sah ihn zweifelnd an; aber als sie in seine Augen sah, glaubte sie +ihm, und nun schlug sie langsam selbst das Heft wieder auf, und von +Blatt zu Blatt, wie er staunte und lobte, wurde sie heiterer und +stolzer. Sie stand dicht neben ihm, und dabei geschah es, als er sich +über das Heft bückte, daß der Ärmel ihres Kleides seine Wange +streifte. Von diesem Augenblick an war Asmus wieder glücklich. + +Sie erschien nicht beim Abendbrot, weil sie müde war, und überhaupt +blieb es auf lange Zeit hinaus bei dieser flüchtigen Begegnung. + +Merkwürdig, dachte er im Nachhausegehen: ein ganz ähnliches Gefühl hab +ich schon einmal gehabt – ganz so wie jetzt war die Welt schon einmal +– nicht die gewöhnliche Welt, aber die andre, die immer über ihr +schwebt wie Morgenduft über den Hügeln, die war schon einmal so, +damals, als ich zwischen den Bahndämmen »am Rain« mit dem kleinen +braunen Mädchen geplaudert hatte, mit der »Königin der Mainotten«. Und +was noch merkwürdiger ist, die beiden haben in gewisser Hinsicht etwas +Übereinstimmendes – nicht nur, daß sie beide braunes Haar und braune +Augen haben, das will nichts sagen – auch der Teint und das ganze +Aussehen – auch das Fräulein Chavonne hat etwas Fremdländisches – so – +so etwas Französisches – übrigens ist ja auch ihr Name französisch. +Aber ihr Wesen ist – gewiß: es ist deutsch – und doch wieder so ganz +anders als das des fürchterlichen »deutschen Weibes« mit der +Häkelnadel. Wenn man sie zu Pferde sähe, dachte er, mit wehendem +Schleier, den Falken auf der Faust, auf dieser seinen, schmalen Faust +– es würde keinen Augenblick überraschen. + + »Wie sitzest du zu Pferde + So königlich und schlank!« + +sang er vor sich hin, daß ein vorübergehender Bürger stutzte und ihn +anstarrte.... + +Seit diesem Abend fühlte sich Asmus auf eine wunderbare Weise frei und +leicht, und er trug das Leben wieder mit aufgerichteten Schultern. Er +hätte nicht sagen können, woher das kam; es kam aber einfach daher, +daß ihn in dieser armen, bürgerlichen Lehrerin ein adliger Mensch +berührt hatte, und das hatte um so wundersamer gewirkt, als es +menschlicher Pöbel war, der sein Leben verfinstert hatte. + +Seybold und Wiedemann waren ganz unzweifelhaft Pöbel; daß aber unter +den anderen Feinden auch anderes Material war, das sollte er bald +erfahren. Zunächst freilich schienen die Gegensätze noch +unversöhnlich. Herr Quasebarth brachte eines Tages die Rede auf den +die Klasse zerspaltenden Streit und sprach sein Bedauern aus. + +»Ja,« rief eines der Antischäflein, »die andere Partei macht ja auch +nicht den geringsten Versuch zu einer Annäherung.« + +Da lachte Asmus laut auf, daß es durch die Klasse scholl. + +Seit vielen Monaten geschah ihnen Unrecht auf Unrecht – und da sollten +sie etwa noch um Frieden betteln? Lieber »Kampf bis zur Vernichtung«. + +Seiner Jugend erschien die Welt als ein ehrenhaftes Geschäft, bei dem +man eine berechtigte Forderung nur zu präsentieren brauche, um sofort +Zahlung zu erhalten. Er ahnte noch nicht, daß dieses allerdings reelle +Geschäft eine sehr weitsichtige Buchführung hat und daß seine Bilanzen +oft erst nach zehn, nach fünfzig, nach hundert Jahren oder später +erscheinen, je nach der Größe des Gegenstandes. Man kann diese Welt +auch ein Gericht nennen und das Leben einen Prozeß, der durch hundert +oder tausend Instanzen geht. Man bekommt gewöhnlich sein Recht, aber +oft mit einer Begründung, die man nicht erwartet hat, und manchmal, +wenn man das Urteil erhält, ist man tot. + +Bald darauf, in der Rezitationsstunde trug Asmus aus dem Kopfe »Salas +y Gomez« vor, mit sämtlichen drei Schiefertafeln. Als er nach dieser +Stunde über den Korridor ging, stieß er auf Herrn Rothgrün, der in der +Nachbarklasse Sempers Freudenschrei: + + »Ein Schiff! Ein Schiff! Mit vollen Segeln lenkt + Es herwärts seinen Lauf, mit vollem Winde!« + +vernommen hatte. Und Rothgrün meinte mit wohlwollendem Lächeln: +»Glauben Sie wohl, daß der Mann noch eine so starke Stimme hatte, +nachdem er jahrelang bloß von Eiern gelebt hatte?« Rothgrün war eben +Kritiker. Anders aber war der Seminarist Blankenburg. Er trat nach +dieser Stunde an einige Häupter seiner Partei heran und sagte: + +»Ich finde, es geht nicht länger. Wir können den Verruf nicht weiter +aufrechterhalten. Im Grunde war es ja doch nur Neid. Daß er Kollegen +beim Direktor verpetzen könnte, glaubt ja längst kein Mensch mehr. Wir +blamieren uns. Und _wir_ müssen wieder anfangen.« + +Und in den andern wachte die Hochherzigkeit des Jünglingsalters +freudig wieder auf, und es wurde beschlossen, auf dem bevorstehenden +Bergfeste die feierliche Versöhnung zu begehen. + + + + +XXV. Kapitel. + +Was eigentlich ein Bergfest ist, und warum Dr. Korn den ersten Toast +bekam. + + +Das Bergfest! Wenn von den sechs Seminarsemestern drei verflossen +waren und also der Berg des Ärgernisses bis zum Gipfel überwunden war, +pflegte man das »Bergfest« zu feiern. Und diesmal sollten der Direktor +und alle Lehrer dazu geladen werden. + +Vor der nächsten psychologischen Stunde hub der Herr Direktor also an: +»’n Bergfest woll’n Se feiern. Ich habe erst jar nicht verstanden, was +das sein soll. Ich habe jedacht: wieso woll’n denn Seminaristen des +Flachlandes ’n »Bergfest« feiern! Schließlich hab ich mir’s erklären +lassen. Das heißt: »Jott sei Dank, nu sind wir über’n Berg!« Ick will +Ihnen mal wat sagen: Freu’n Se sich, wenn Se noch Zeit und Jelegenheit +haben, wat zu lernen; später wird’s anders! Wenn Se Ihr Examen jemacht +haben, feiern Se meinetwegen Feste, aber _den_ Unsinn mach’ ick nich +mit!« + +Er fing immer ziemlich hochdeutsch an, aber je länger er sprach, +desto berlinerischer wurde er und desto mehr würzte er seinen Vortrag +mit Berliner Anekdoten. Wenn er mit einem Vortrag über Zeit und Raum +begonnen hatte, so war er nach einer Viertelstunde bei Bismarck oder +Moltke oder bei seinen Lehrern Lazarus und Steinthal (»der Steinthal +is man so’n janz kleenes Männeken mit’n Zahntuch um’n Kopp – wenn +man’n auf der Straße sieht, möcht’ man ihm ’n Jroschen schenken« – und +dann pries er ihn in begeisterten Erinnerungen) oder er kam auf die +Berliner Schutzleute oder auf Eugen Richter. + +»Wenn man den Richter nachts aufweckt und sagt: Richter, halt mal ’ne +Rede! denn kann er’s, un wenn man sagt: Richter, nu halt mal eine +dajegen! denn kann er’s ooch. Aber ’n janzer Kerl is er doch!« + +Das Bergfest wurde also ohne Direktor und ohne Lehrer, +nichtsdestoweniger aber mit Glanz gefeiert. Niemand rührte mit Wort +oder Miene an das Vergangene; Schäflein und Wölfe benahmen sich gleich +taktvoll; nur Morieux zog einmal Sempern auf die Seite und flüsterte +erregt: + +»Du mußt eine Rede halten!« + +»Ich? Worüber?« + +»Na – zum Dank für die Einladung!« + +Asmus brach in ein schallendes Gelächter aus. + +»Das könnte mir fehlen! Nein, mein Junge, ich bin sehr vergnügt und +feire das Fest ohne jeden Hintergedanken – aber auch noch »danke« +sagen –? Das mach du nur selber! Das heißt, wenn du’s tust, erschlage +ich dich!« fügte er schnell hinzu. + +Und zu den hübschesten Dingen dieses Festes gehörte es, daß der erste +Trinkspruch, den der Präside ausbrachte, dem Direktor galt. Er hatte +sie auch bei dieser Gelegenheit nicht eben liebenswürdig behandelt; +aber sie liebten ihn alle; denn er hatte das eine, für das die Jugend +ein so besonders feines und lebhaftes Empfinden besitzt: +Gerechtigkeitsgefühl. Die Jugend versöhnt sich mit dem strengsten +Zuchtmeister, wenn er gerecht ist, und sie verachtet, sie haßt den +willfährigsten Lenker, wenn er das Recht beugt. Sie wußten es alle: +dieser #Dr.# Korn hatte ein Rückgrat nach oben und nach unten, und +wenn es in einem Konflikt zwischen Lehrer und Schüler zu entscheiden +galt, so waren sie ihm nicht Lehrer und Schüler, sondern Menschen. In +aller Gedächtnis strahlte mit unauslöschlichem Glanze ein +Richterspruch des »Alten«. Ein Religionslehrer hatte mit allerlei +verfänglichen Fragen einen verdächtigen Jüngling auf seine +Rechtgläubigkeit untersucht. Der Jüngling beschwerte sich bei dem +Direktor über diese Belästigungen, und Korn, als er beide Parteien +gehört hatte, sagte: »Herr Doktor, Sie haben sich aller +Jewissensfragen zu enthalten. Wir sind hier tolerant.« + +Es war zu jener Zeit, als der leise schreitende Einfluß der +Geistlichkeit noch nicht überall war und die oberen Stellen nicht mit +den Günstlingen der Kirche, sondern mit den Günstlingen Minervens +besetzt wurden. + +Von der orthodoxen Theologie war der Mann allerdings weit entfernt; er +war Philolog und Philosoph und liebte das Zeitalter der Aufklärung und +der Enzyklopädisten, das er mit sprühendem Geist, lebendig und groß +darzustellen wußte, so groß, daß Asmus, wenn ihm später der banale +Aufkläricht in seiner ganzen Schrecknis begegnete, nie mehr vergessen +konnte, wie die Gedanken, die klein sind in den kleinen Köpfen, groß +gewesen in den großen. Wenn er ein Kapitel des christlichen Glaubens +behandelte, etwa die Dreieinigkeit, so trug er es genau nach der +Dogmatik vor, ohne Kritik und ohne Polemik, und wenn er fertig war, +sagte er aufatmend: + +»So. Das lehrt die Kirche. Was Sie davon jlauben wollen, steht bei +Ihnen.« + +Diesen Grundsatz bewährte er nach jeder Richtung. Der Gläubige atmete +unter ihm so frei wie der Zweifler. + +Und obwohl Asmus das Brandenburgisch-Preußische sonst nicht liebte, – +die Schleswig-Holsteiner sind keine Kommißnaturen, – so sagte er sich +doch, daß der Geist dieses Mannes das Beste am ganzen Seminar, ja, daß +er beinahe das einzige Gute an dieser Anstalt war. Sein goldener +Präparandentraum vom reich besetzten Tisch der Wissenschaften und +Künste hatte einer großen Ernüchterung Platz gemacht; aus der Hochzeit +des Kamacho, wo die Rinder, Hammel und Hasen und die Schläuche Weines +nicht zu zählen gewesen, war ein Gastmahl des Harpagon geworden. Von +einem, der studieren will, sagen die plattdeutschen Bauern: »he will +studeern leern« und sprechen damit, ohne es zu wissen, ein feines +Wort. In drei oder vier Jahren kann man nicht viel studieren; aber man +kann studieren _lernen_, und das ist viel mehr. Bei Korn lernte man +studieren. Nach seinen Vorträgen rief es in Asmus mit tausend +Begierden: Mehr! mehr! und ihm war, als müßte er mit Armen des Geistes +das ganze Firmament der Gedanken umspannen und in seine Brust +herabziehen. Nach den Stunden der andern hatte man immer genug, und +wußte doch, daß es nichts war. Sie gaben trockenes Brot, das schnell +satt macht, oder sie gaben Steine statt des Brotes, oder sie gaben +nicht einmal Steine. Ein Glück noch, wenn sie komisch waren, wie der +gute Mister Belly, und wenigstens auf solche Art die Jugendlust +lebendig erhielten. + + + + +XXVI. Kapitel. + +Mister Belly und der geheimnisvolle Zimmermann. + + +Mister Bellys Stunden waren freilich in einer gewissen Hinsicht lauter +Feste. Mister Belly war eines jener Wunderkinder gewesen, die schon +mit drei Jahren Englisch sprechen, weil sie in England geboren sind, +und das war sein Hauptverdienst. Zu diesem Englisch hatte er nur noch +zweierlei hinzugelernt: ein Französisch mit englischer Aussprache und +Betonung und ein für einen Ausländer recht passables Deutsch. Auf +weitere Anforderungen aber reagierte er nicht. Es ist nie ans Licht +gekommen, ob er von Goethe, Schiller und Lessing irgend etwas kannte; +das aber stand fest, daß er von der nachgoethischen Literatur nur den +»Königsleutnant« von Gutzkow kannte. Ein Engländer gesteht dergleichen +ganz kaltblütig ein und hält es für Nationalbewußtsein. Von Zeit zu +Zeit fragten ihn die Seminaristen: + +»Mister Belly, wie heißt noch das deutsche Drama, das Sie kennen?« und +dann antwortete er mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt: + +»Also mal »The King’s Lieutenant«, denn er leitete jeden Satz mit den +Worten »also mal« ein. + +Wenn nun aber auch Mr. Belly recht gut deutsch sprach, so sprachen es +die deutschen Seminaristen doch besser, und als Lehrer ohne +imponierende Kräfte unter übermütige Kinder einer fremden Sprache +versetzt sein, das ist gerade so schön, wie als Taubstummer unter +Kannibalen geraten. Da beim englischen Unterricht eine Grammatik von +Gurcke gebraucht wurde, so sagte der unglückliche Belly eines Tages: +»Bringen Sie zur nächsten Stunde Ihre Gurke mit« und an solchen und +ähnlichen Gurken hatte der Gute natürlich lange zu kauen. Unter der +gütigen Leitung Mr. Bellys mußte unser Asmus etwa hundertmal die +Geschichte von Robin Hood lesen (Mr. Belly wollte auf solche Weise bei +seinen Schülern eine gute Aussprache erzielen); aber dennoch brachte +jede Stunde eine Abwechslung. Heute war es ein Hampelmann, der hinter +Mr. Belly an der Wand hing und durch einen dünnen, bei dem +Seminaristen Stelling endigenden Faden dirigiert wurde, morgen war es +ein Seminarist, der in den Kartenschrank eingesperrt wurde und dort +während der Stunde gespenstische Geräusche hervorbringen mußte, +übermorgen ein Seminarist, der aus Turnjacken, Turnhosen, Turnschuhen +und einer Mütze hergestellt, dann in ein kleines Kabinett gesetzt und +für »eingeschlafen« erklärt wurde, so daß Mr. Belly hinging, um ihn +zu wecken, und so mit und ohne Grazie ins Unendliche. Ein Rouleau, das +hochgezogen werden sollte, entwickelte sich regelmäßig zu einer ganzen +komischen Oper; denn natürlich fiel der Vorhang, wenn er endlich nach +langen Mühen aufgewickelt war, mit furchtbarem Gerassel wieder herab, +und je mehr hilfreiche Hände herbeikamen, desto unmöglicher erschien +natürlich die Bändigung des heimtückischen Vorhangs. Der eigentliche +Belly-Spezialist aber war jener Stelling. + +Stelling war ein glänzend begabter Bursche, der aber am Unterricht +eigentlich nur als wohlwollender Zuhörer teilnahm und eine +unüberwindliche Abneigung gegen Bücher und Hefte hegte. Was er an +solchen Dingen mit sich führte, beschränkte sich für gewöhnlich auf +ein kleines Heftchen, das er, um seine ganze Verachtung des Buchstaben +zu zeigen, zusammengerollt in der hinteren Hosentasche trug. Kraft +seiner vorzüglichen Anlagen war er trotzdem immer so ziemlich auf dem +Laufenden; nur in der »Charakterbildung« schien er sich auf der Stufe +des »großen Jungen« so wohl zu fühlen, daß er an einen Fortschritt +nicht dachte. + +Eines drückend heißen Sommertages brachte der nämliche Stelling einen +Hammer mit in die Klasse, und gerade las ein Schüler mit halb +entschlummerter Stimme die erschütternden Verse: + + #»Here underneath this little stone + Lies Robert Earl of Huntingdone; + Ne’er archer was as he so good, + And people called him Robin Hood ...# + +als in der Gegend Stellings ein ungemein rhythmisches Klopfen ertönte. + +»Also mal: was ist das?« fragte Mr. Belly. + +Stelling trat an das offene Fenster, neben dem er saß, und sagte +trocken: + +»Das ist also mal ein Zimmermann, Mr. Belly.« + +»Also mal: ist gut, setzen Sie sich,« sagte Belly, dem schon schwül +wurde, wenn Stelling sich einer Sache annahm. + +Stelling setzte sich und klopfte. + +»Das ist aber doch sehr störend!« rief jetzt der Nachbar Stellings mit +einem abgefeimten Lerneifer im Gesicht. + +»Soll ich den Mann also mal bitten, daß er also mal aufhört?« fragte +Stelling bescheiden. + +Belly, der der suggestiven Frechheit dieses Jünglings nicht gewachsen +war, sagte: »Also mal: bitte, wenn Sie durchaus wollen –?« + +Stelling trat wieder ans Fenster und rief mit der Stimme eines +versoffenen Feldwebels: »Hören Sie auf!!!« + +»Also mal bitte, was ist das für ein Ton!« rief Mr. Belly erschrocken; +»also seien Sie mal höflich, nicht wahr?« + +»Ganz, wie Sie wünschen, Herr Belly,« erwiderte Stelling und begann zu +singen: + + »Wackrer Zimmermann, + Hast ja Freude dran, + +aber uns stört es; möchten Sie nicht die Gewogenheit zeitigen, mit +diesem frevelhaften Geballer aufzuhören? – Wie meinen Sie?« + +Stelling wandte sich wieder ins Zimmer zurück und sagte mit dem +ruhigsten Gesicht: + +»Er antwortet: ’Pett di man keen Hoor in’n Foot!’« + +»Also mal, das ist Plattdeutsch,« bemerkte Belly sehr richtig, »was +heißt das?« + +»Das heißt: #Don’t run a hair into your foot!#« + +»Also mal: Das versteh’ ich nicht.« + +»Das verstehen Sie also mal nicht? Das ist eine Beleidigung! – Wie +heißen Sie?!« schrie Stelling zum Fenster hinaus mit zornrotem +Gesicht. + +»Also mal bitte: seien Sie nicht so erregt!« rief Belly ängstlich. + +»Er sagt, er heißt Hummel!«[3] berichtete Stelling. »Was soll ich ihm +sagen?« Natürlich wollte die Klasse sterben vor Lachen. + + [Fußnote 3: Name eines in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts + in Hamburg verstorbenen komischen Originals. Die Hamburger pflegen + auf den Zuruf »Hummel« mit einem sehr derben Ausruf zu antworten.] + +Mr. Belly erhob sich endlich, um selbst mit dem Manne zu sprechen. + +»Da – eben geht er ins Haus!« rief Stelling. »Vor Ihnen hat er +natürlich Angst.« + +Als Mr. Belly an sein Pult zurückgekehrt war und das Klopfen von neuem +anhub, sprang Stelling auf und schritt nach der Tür: »Ich werde also +mal hinuntergehen und mit dem Mann sprechen.« + +»Also mal: Stelling, bleiben Sie also mal hier,« sagte Mr. Belly. + +»Ja aber, Herr Belly, soll man sich denn das gefallen lassen?« + +»Also mal: wollen Sie sich jetzt setzen?« + +»#Yes, mister#« sagte Stelling und ging an seinen Platz. + +»Also mal: Sie sagen: »#Yes, mister!#« Heißt es so?« + +»#Yes, gentleman!#« + +»Also mal: Sie _wollen_ es nicht richtig sagen! Sie sind also ein +Heuchler!« + +»Herr Belly,« sagte Stelling kaltblütig, »ich nehme an, daß Sie die +wahre Bedeutung dieses Wortes gar nicht kennen, sonst würde ich Sie +fordern.« + +»Aber, Herr Belly,« riefen jetzt viele durcheinander, »wie konnten Sie +so etwas sagen: das ist ja eine tödliche Beleidigung!« + +»Also mal: ich habe Sie nicht beleidigen wollen,« lenkte Belly ein, es +heißt also mal: #Yes, Sir!#« + +»Na ja, wenn einem das in Güte und Freundlichkeit gesagt wird ....« + +Inzwischen war aber in Mr. Bellys Kopfe etwas wie Morgendämmerung +angebrochen, und als das Klopfen wieder ertönte, belauerte er den +Übeltäter und sah ihn schnell etwas unter den Tisch legen. + +Nun ging er ruhigen Schrittes auf Stellings Platz zu, klappte den +Tischdeckel hoch, nahm den Hammer, ging damit wieder nach vorn, legte +ihn auf’s Pult und sagte: »Lesen Sie weiter, Müller.« Er tat das alles +ohne jedes Zeichen der Erregung, nur mit dem Ausdruck einer stoischen +Geringschätzung, ja, einer leisen Verachtung im Gesicht. Und diese +Art, dergleichen Bubenstreiche abzutun wie Dinge, die an die Würde +eines Gentleman nicht heranreichen, diese Art, die der guten +englischen Erziehungsregel: #Be a gentleman!# entspringt, nahm Asmus +doch immer wieder für ihn ein. Man sah es dem guten Belly an, daß +solche Ruchlosigkeiten ihm weh taten, daß sie ihm aber zu kindisch +waren für seinen Zorn, und das ging nicht nur Asmus, es ging +schließlich auch anderen Jünglingen zu Herzen. In einer Pause fand +eine feierliche Beratung statt mit dem Ergebnis: Da Mr. Belly nicht +imstande sei, Disziplin zu halten, so müsse man selbst für Disziplin +sorgen, und von nun an wolle man sich vernünftig benehmen. Das ging +auch einige Stunden ganz gut. Als aber ein Seminarist einen Stiefel +ausgezogen hatte, weil er ihn drückte, und sein Nachbar diesen Stiefel +mit einem kräftigen Stoß nach vorn befördert hatte, Mr. Belly den +Stiefel als #corpus delicti# konfiszierte und damit die Klasse +verließ, der Einstiefler, der von Natur eine rote Nase hatte, ihm +protestierend nachhumpelte und Mr. Belly endlich sagte: »Also mal: Sie +verfolgen mich: Sie haben eine rote Nase, also Sie sind ein Nihilist!« +da brachen ob dieser rätselhaften Ideenverbindung alle Dämme der guten +Zucht zusammen, und der jugendliche Übermut nahm wieder freien Lauf. + + + + +XXVII. Kapitel. + +Handelt von würdigen und unwürdigen Kollegen Mister Bellys. + + +Es gab an diesem Seminar wohl Lehrer, die noch untauglicher waren als +Mr. Belly; aber sie waren höchstens für eine satirische Beleuchtung +amüsant. Zu einer solchen Betrachtung zwang Asmussen wider seinen +Willen der Herr Pastor Dinnebeil, der eine Zeitlang den +Religionsunterricht erteilte. + +Einstmals Stahmer und jetzt Dinnebeil! Das war wie David Friedrich +Strauß und Hengstenberg. Nur war Hengstenberg ein Gelehrter, was +Dinnebeil, wenn er es war, geschickt zu verbergen wußte. Er +plätscherte unaufhörlich im laulichen Wasser jener fürchterlichen +Traktätchen-Terminologie, die in drei Sekunden mit sieben Synonymen +hantiert, nach Art der Jongleure, die mit Teller, Ei und Schnupftuch +so geschwinde Fangball spielen, daß man nicht mehr weiß, was Teller, +was Ei und was Schnupftuch ist. Diesen Hamburger Jünglingen, diesen +Schülern des vortrefflichen Herrn Stahmer, wollte Pastor Dinnebeil die +abgelagertsten Dogmen einreden, wollte er eine Art Christentum für +Papuas beibringen. Er versuchte es in einem Tone, der aus Huld und +Würde lieblich gemenget war. Anfangs hörten die verblüfften +Seminaristen diesem Phrasenschwall, der wie ein Landregen von Schmalz +und Honig niederging, mit offenem Munde zu; aber schon nach der +dritten Stunde war die Langeweile so ins Unendliche gewachsen, daß man +beschloß, sich einen Spaß zu machen und auf die Fragen des Mannes +immer abwechselnd zu antworten: »Der Glaube« und »Die Liebe«. + +Das geschah denn auch und paßte fast immer, und wenn es nicht paßte, +so nahm es Pastor Dinnebeil doch wohlwollend hin als das Zeugnis eines +frommen Sinnes. Nur zwei machten sich dem Späherauge Dinnebeils +verdächtig: Stelling und Semper. Asmus hatte schon tausend Zweifel und +Einwürfe ins Dunkel seiner Brust hinabgeduckt; als aber Dinnebeil +allen Ernstes die Worte im Matthäus 28, 19: »Gehet hin und lehret alle +Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des +heiligen Geistes« als Beweis für die Dreieinigkeit ausgab, da hielt es +Asmussen doch nicht länger, und als er gerade am Wort war, sprach er: + +»Verzeihung, Herr Pastor, aber ist das nicht ein späterer, +tendenziöser Zusatz?« + +»Was? Wieso?« fragte Hochwürden indigniert. + +»Nun, die Jünger vertraten doch noch auf dem Jerusalemer +Apostel-Konvent im Jahre 52 Paulus gegenüber den Grundsatz, daß nur +den Juden das Evangelium gepredigt werden dürfe; das wäre doch +ausgeschlossen, wenn Christus denselben Jüngern befohlen hätte, alle +Völker zu seinen Jüngern zu machen. Ferner wurde bis zur Mitte des +zweiten Jahrhunderts doch nur auf den Namen Jesu getauft; es ist da +undenkbar, daß die Jünger den Befehl empfangen hätten, auf drei Namen +zu taufen. Und da das Evangelium nach Matthäus im letzten Viertel des +ersten Jahrhunderts geschrieben wurde, so werden die Worte 28, 19 ein +späterer Zusatz sein; sie ...« + +»Ach was, klauben Sie mir nicht immer an der Bibel herum!« rief +Dinnebeil sittlich entrüstet. »Fahren Sie fort, Seybold!« + +Asmus war wirklich erschrocken. Er hatte bis dahin geglaubt, ein +Lehrer müsse sich freuen, wenn es seinen Schülern ernst sei um ihre +Überzeugung; aber dieser wurde gereizt, wenn man nachdachte und +forschte. Er ließ einfach »fortfahren«. Fortfahren war allerdings das +Leichteste. Von nun an »klaubte« Asmus nicht mehr; aber er »glaubte« +noch weniger, zum mindesten dem Herrn Dinnebeil. Er nahm nun auch die +Sache humoristisch und ließ die Sermones des jungen Mannes über sich +ergehen wie das Geräusch einer Wasserleitung, und wenn Herr Dinnebeil +ihn durch eine Frage aufschreckte, so rief er: »Der Glaube!!« oder +»Die Liebe!!« + +Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrer, ein anderer Mann! Der +war auch fromm, köhlerfromm, sozusagen; aber er war ein Mensch. Sie +hatten einer am andern einen Narren gefressen, Bruhn und Semper, ja, +Meister Bruhn begegnete dem Jüngling mit einer Art von Verehrung, und +zu dieser Verehrung war Asmus so billig wie nur möglich gekommen. Die +Hochachtung des Lehrers gründete sich auf Asmussens Zuverlässigkeit +und auf sein Wissen. Mit der Zuverlässigkeit hatte es folgende +Bewandtnis. + +Alljährlich veranstalteten die Seminaristen mit hohem direktorialen +Privilegio eine Konzert- und Theater-Aufführung, und vor dem Konzert +hatte Meister Bruhn, der mit Johannes Brahms zusammen studiert und +dessen Kompositionen Liszt und Rubinstein zu spielen für wert gefunden +hatten, regelmäßig ein Lampenfieber von mindestens vierzig Grad. Er +ordnete deshalb an, daß alle Mitspielenden zwei Stunden vor Beginn der +Aufführung da sein möchten, damit er selbst alle Instrumente +wiederholt durchstimmen könne. Man lächelte über diese Ängstlichkeit, +auch Asmus lächelte; aber weil er den alten Herrn lieb hatte und ihn +nicht ängstigen wollte, ging er rechtzeitig hin. Meister Bruhn lief +schon erregt auf und ab und trocknete sich mit immer neuen +Taschentüchern den Todesschweiß. + +»Nu seh’n Se, lieber Semper!« rief er, »die Uhr is sechs und Sie sind +der Einz’che! Sie sind der einz’che Zuverläß’che von der kanzen +Kesellschaft! Keben Se her die Cheiche.« + +Er fuhr mit dem Bogen darüber und sagte: »Nu ja, se stimmt. Aber das +is immer so: die’s _nich_ nöt’ch haben, die kommen; aber die’s nöt’ch +haben, die kommen _nich_.« Und er legte väterlich den Arm um Semper +und sagte: + +»Mein lieber Semper, klauben Sie’s mir: darauf kommt’s an im Leben: +auf Zuverläß’chkeit. Sie sind ä zuverläß’cher Mensch.« + +Das war also billig. Aber noch viel billiger war es, bei Bruhn in den +Ruf der Gelehrsamkeit zu kommen, und da er in den Konferenzen +natürlich vernommen hatte, daß Asmus Semper zu den Begabteren gehöre, +so hielt er ihn für eine Art Casaubon oder Leibniz. Meister Bruhn +pflegte, wenn er eine Frage stellte, gleich die schwierige Hälfte der +Antwort selbst zu geben, etwa so: + +»Nun, Semper, welcher Ton muß also hier folchen? Gi – gi –?« + +»Gis«, antwortete Asmus, und dann rief Meister Bruhn: »Der weiß +alles!« + +Diese Meinung teilte Asmus nun freilich nicht; aber doch ward es ihm +wohl und warm bei Meister Bruhn und seinen Sonnabendstunden, die im +Winter bis in das Dunkel des Abends hineinreichten. + +Dem »Musiksaale« gegenüber lag ein Haus mit einer +Schneiderinnenstube, und die Seminaristen stellten sich gern ans +Fenster, warfen schwärmende Blicke hinüber zu den Mädchen und strichen +so gefühlvoll dazu die Saiten wie der Geiger von Gmünd vor dem +Marienbilde. Und die fünf oder sechs Marien nickten so fleißig +herüber, als hätten sie gern einen Schuh und mehr dahingegeben. Wenn +Meister Bruhn das sah, dann lächelte er mild-ironisch und sagte: +»Müller, sehn Se beim Spielen hierher; die nehmen doch lieber Keld als +Muszik.« Und das ernüchterte. + + + + +XXVIII. Kapitel. + +Ein Kapitel, in dem aber auch rein gar nichts geschieht und das der +gewöhnliche Leser wütend überschlagen wird. + + +Asmus Semper hatte nicht das Geringste gegen hübsche +Schneidermamsellen; aber ob sie hübsch waren, eben das konnte er nicht +feststellen, weil seine Augen für eine so große Entfernung nicht +ausreichten. So schützte, wie es wohl öfter kommen mag, die +Kurzsichtigkeit seine Tugend. Aber wenn er auch die Schneiderinnen +deutlich hätte erkennen können, würde er wohl wenig nach ihnen +ausgeschaut haben, weil es innerhalb des düsteren, kahlen Musiksaales +weit Schöneres zu sehen gab. In diesem Musiksaal wurden alle +Volkslieder gesungen und gegeigt, die je von deutschem Kindermund +erklungen sind; denn was sie die Kinder lehren sollten, das mußten die +künftigen Lehrer selber spielen und singen können. Wenn er diese +Lieder hörte, stützte Asmus den Ellenbogen aufs Knie und den Kopf in +die Hand und sah in einen dunklen Winkel des Saales, und seine +kurzsichtigen Augen wurden fernsichtig. + +Da sah er hinein in jahrtausendtiefen Wald und hörte aus einem fernen +Jahrhundert den dämmergrünen Grund herauf ein fröhliches Blasen: + + Ein Jäger aus Kurpfalz, + Der reitet durch den grünen Wald, + Er schießt das Wild daher, + Gleichwie es ihm gefallt. + Ju ja, Ju ja + gar lustig ist die Jägerei + Allhier auf grüner Heid’. + +Aber das zweite »Ju ja« hallte leise aus wunderbaren Fernen her. + +Und langsam schritt er tiefer in den Wald hinein, dorthin, wo im +ewigen Dunkel zwischen Moos und Stein ein Waldelf sitzt und seit +hunderttausend Jahren in die Quelle starrt, um ihr Geheimnis zu +ergründen. Und Asmus neigte das Ohr und horchte dem murmelnden +Selbstgespräch der Quelle, und immer war’s ihm, nun müßt’ er’s gleich +verstehen, und verstand es doch nie. Und wie er noch lauschte, winkte +ihm aus tauigem Dunkel ein purpurner Schein. + + Ein Männlein steht im Walde + Ganz still und stumm, + Es hat von lauter Purpur + Ein Mäntlein um. + +Das Lied hatte ihn sogleich angelacht wie ein rotwangiger Apfel, da +er’s in früher Kindheit zum ersten Male gehört. Nun aber strahlte +durch die braunen Stämme ein goldener Glanz; er ging darauf zu und +wußte nicht: ist es goldene Sonne, oder goldenes Korn? Und als er am +Feldrain stand, war es goldenes Korn in goldener Sonne. + + Horch, wie schallt’s dorten so lieblich hervor! + Fürchte Gott! + Fürchte Gott! + Ruft mir die Wachtel ins Ohr. + Sitzend im Grünen, von Halmen umhüllt, + Mahnt sie den Horcher am Saatengefild: + Liebe Gott! + Liebe Gott! + Er ist so gütig und mild! + +Die Hitze hatte drohende Wolken gebraut, und die fernsten Ähren +standen schon in graublauer Luft. + + Schreckt dich im Wetter der Herr der Natur: + Bitte Gott! + Bitte Gott! + Und er verschonet die Flur. + Machen die künftigen Tage dir bang, + Tröste dich wieder der Wachtel Gesang: + Traue Gott! + Traue Gott! + Deutet ihr lieblicher Klang. + +Was war das für eine Zeit gewesen, da die Menschen mit solchen +Empfindungen durch die Felder gingen? Lichte Zeit? Dunkle Zeit? Eine +heimelnde Zeit gewiß. War sie je gewesen? Würde sie jemals sein? Er +grübelte nach, da klang aus dem verlassenen Walde her ein zauberischer +Schall. + + Wie lieblich schallt + Durch Busch und Wald + Des Waldhorns süßer Klang! + Der Widerhall + Im Eichental + Hallt’s nach so lang – so lang! + +Ja, wahrlich, – himmelsfern und himmelsleise klang der Widerhall aus +einem Tal, das seine Augen nicht sahen – das keine Augen jemals sehen. +Lange, lange klang der Widerhall, bis in die Abendröte hinein, in +deren Glut er sich verlor. + + Goldne Abendsonne, + Wie bist du so schön! + Nie kann ohne Wonne + Deinen Glanz ich seh’n. + + Schon in früher Jugend + Sah ich gern nach dir, + Und der Trieb zur Tugend + Glühte mehr in mir. + +Das hatten wohl schon die Urgroßeltern gesungen, und doch war es noch +immer so: unendlich groß und unendlich gut müßte ein Herz sein, um +solcher heiligen Schönheit wert zu sein! Und es möchte groß sein, das +Herz, groß wie der Glanz der Abendsonne, und es schwillt auf und +drängt und tut weh. Da ist es fast Erlösung, ist es Friede, wenn sie +sinkt und graue Dämmerung aus den Feldern steigt. + + Willkommen, o seliger Abend + Dem Herzen, das froh dich genießt! + Du bist so erquickend, so labend, + Drum sei uns recht herzlich gegrüßt! + +Das Lied kam aus jener Zeit, da es noch einen Abend gab und die +Menschen am Tagesende sich fanden in Ruhe, Sammlung und Genügen. +Damals war der Mond noch ein Hausfreund der Menschen, der sich zu +ihnen gesellte, wenn sie am Abend plaudernd vor der Tür ihrer Hütte +saßen. + + Guter Mond, du gehst so stille + Durch die Abendwolken hin, + Labest nach des Tages Schwüle + Durch dein freundlich Licht den Sinn. + + Leuchte freundlich jedem Müden + In das stille Kämmerlein! + Und dein Schimmer gieße Frieden + Ins bedrängte Herz hinein! + +Damals waren überall noch Wiesen, wo jetzt Häuser stehen; auf allen +Wiesen gingen weidende Herden, und auch der Mond war ein Schäfer. Das +war, als die Mütter noch sangen. + + Wer hat die schönsten Schäfchen? + Die hat der goldne Mond, + Der hinter unsern Bäumen, Bäumen, + Am Himmel droben wohnt. + +Und bei dem »Bäumen-Bäumen« hörte Asmus eine Wiege gehn und sah er ein +Händchen nach den Schäflein des Mondes greifen. Das Kind tastete noch +auf dem Deckkissen nach den Schäflein, als es schon schlief, und die +Leute traten fröstelnd ins Haus zurück, und es war Nacht. Asmus stand +wieder allein und schaute über Felder und Äcker hinaus nach anderen +Äckern, wo ihm Freund und Bruder lagen. + + Ein getreues Herze wissen + Hat des höchsten Schatzes Preis; + Der ist selig zu begrüßen, + Der ein solches Kleinod weiß. + Mir ist wohl bei höchstem Schmerz; + Denn ich weiß ein treues Herz. + +Wußte er solch ein Herz? Er hatte Eltern und Geschwister; aber das war +angeborener Besitz, kein erworbener. Ein Mensch muß ein erworbenes +Herz wissen, sonst ist er dennoch einsam. Eines hatte er gewußt; aber +das war tot. Gewiß: es waren ihm manche Herzen freundlich gesinnt; +aber: + + Ein getreues Herz hilft streiten + Wider alles, was ist feind. + +solch ein Herz war nicht darunter. Ja, wenn die schlanke, braune Hilde +Chavonne – – ach, die stand hoch über menschlichen Wünschen. Da hörte +er hinter einer Wand von dreizehn Jahren eine holde Jugendweise: + + Der beste Freund ist in dem Himmel, + Auf Erden sind nicht Freunde viel, + Und in dem falschen Weltgetümmel + Ist Redlichkeit oft auf dem Spiel. + Drum hab’ ich’s immer so gemeint: + Im Himmel ist der beste Freund. + +Er sah die Dorfschule, in der er gesessen, sah seinen ersten Lehrer, +wie er die Geige unter den braunen Bart schob, sah sich selbst als +siebenjährigen Knaben, wie er das Lied sang und dabei mit staunenden +Augen auf die Geige wie auf ein Wunder starrte. Was das Lied +versicherte, glaubte er ja nicht. Er glaubte, daß es auf dieser Erde +nie Größeres und Schöneres gegeben habe als Jesus von Nazareth; aber +er glaubte nicht an seine Göttlichkeit; er glaubte überhaupt an keinen +»Freund im Himmel«. Aber an dies Lied glaubte er und an den Glauben +seines Sängers. Denn einen ebensolchen Glauben hatte er ja selbst, +nicht denselben Glauben, aber einen ebensolchen. Und er hatte den +Freund, den besten Freund: nicht Jesus hieß er – er hatte keinen Namen +– nicht im Himmel war er – er war überall. Er sehnte sich nach einem +menschlichen Freunde; aber den großen, übermenschlichen Freund hatte +er längst, hatte er immer. Wer hätte ihn sonst ermuntert und erquickt +in seinen Kämpfen, ihm über die Schulter so freundlich zugeflüstert in +seinen Mühen und Sorgen: »Halt aus, du siegst!?« Dies treue Lied hatte +grüne Tage seiner Kindheit umklungen, darum war es ihm ewig verknüpft +mit allem Frühen und Morgendlichen, mit allem Keimen und Hoffen. + + »Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele –« + +wie dem lebenssatten Faust, so hätte ihm dieses Lied den Todesbecher +mit Gewalt vom Munde gezogen. + + »Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!« + +so rief auch Faust, – aber doch zog ihn das Lied vom Tod ins Leben +zurück. + +Und die Nacht, die Asmus umgeben hatte, bei diesem Lied aus +Morgentagen hatte sie sich im Osten leise gelichtet. Und er sah, wie +das weite Feld, in dem er noch immer stand, ein wundersames Leben +erfüllte: er sah – undeutlich – menschliche Gestalten wie Nebelriesen +um düstre Lagerfeuer liegen und stehen, hörte Stampfen und Klirren und +sah Pferde den weißen Hauch in die Kühle des Herbstmorgens schnauben, +und von einem fernen Lagerfeuer her hörte er ein Lied wie Sieges- und +Todesgewißheit: Ein Morgen des Sieges wird kommen; aber wir werden +ihn nicht mehr sehen. + + Erhebt euch von der Erde, + Ihr Schläfer, aus der Ruh! + Schon wiehern uns die Pferde + Den guten Morgen zu. + Die lieben Waffen glänzen + So hell im Morgenrot; + Man träumt von Siegeskränzen, + Man denkt auch an den Tod. – – + + Ein Morgen soll noch kommen, + Ein Morgen mild und klar; + Sein harren alle Frommen, + Ihn schaut der Engel Schar. + Bald scheint er sonder Hülle + Auf jeden deutschen Mann: + O brich, du Tag der Fülle, + Du Freiheitstag, brich an! + +Diese Zeit des deutschen Leides, wie groß, wie heilig und rein mußte +sie gewesen sein! Und als nun von einem Lagerfeuer die Stimme Meister +Bruhns erklang: + +»Nun, Semper, was wollen Sie uns denn heute vorspielen?« da schnellte +Asmus hoch, schob die Geige unters Kinn und strich die Saiten mit +Wucht und Sturm: + + Freiheit, die ich meine, + Die mein Herz erfüllt, + Komm mit deinem Scheine, + Süßes Engelsbild! + + Magst du nie dich zeigen + Der bedrängten Welt? + Führest deinen Reigen + Nur am Sternenzelt? + +Asmus Semper betete. Er wollte die Freiheit vom Himmel herabbeten: +aber er dachte unter Freiheit nicht nur die Erlösung von fremden und +heimischen Tyrannen, von Pfaffen und Geldsäcken; er dachte unter +Freiheit alles Große und Herrliche, das sehnenden Menschenseelen in +künftigen Welten aufgehoben ist für jenen Tag, der kommen wird. Sein +Geigenspiel war ein Gebet aus bebendem, glühendem Herzen, und jener +Lederhändler, der die bei Tische nicht betenden Mitmenschen zu den +»Öchslein und Eselein« stellte, würde seltsame Augen gemacht haben, +wenn er in diesem Augenblick in das semperische Herz geblickt hätte. + +Im deutschen Liede sah er das deutsche Land. Er hatte ja mit +leiblichen Augen nichts davon gesehen als seine engere Heimat; aber – +o, was für ein Land mußte das sein! Jahre, bevor er nach Amerika ging, +war sein Bruder Johannes durch Deutschland und die Schweiz gewandert, +hatte Briefe und Bilder von Burgen und Bergen und Trauben vom Rhein +geschickt; aber das Schönste, was er dann mit nach Hause gebracht, war +ein Lied gewesen, das Asmus damals noch nicht kannte. + + An der Saale hellem Strande + Stehen Burgen stolz und kühn. + Ihre Dächer sind zerfallen, + Und der Wind streicht durch die Hallen; + Wolken ziehen drüber hin. + +Auch dieses Lied spielte Asmus; denn er hörte alles darin, was der +Deutsche ist oder was er von Herzen gern sein möchte: tapfer und mild, +erfindungsreich und träumerisch, zärtlich und gedankenvoll. Dies Lied +kam aus einem Land voll großer Geschichte und tiefsinniger Sage, aus +einem Land der singenden Wälder und klingenden Ströme. Daß man solch +ein Land liebte – nicht, wie Mutter oder Bruder, nicht wie ein Mädchen +– nein, mit einer Liebe, die es nur einmal gibt, die seltsam und ganz +eigen ist – das war ja selbstverständlich. Daß man für ein Land, dem +solche Lieder entblühen, freudig sterben kann, das war ihm +selbstverständlich. + +Gewiß waren andere Länder ebenso schön oder schöner; aber ein zweites +Deutschland gab es dennoch nicht. Gewiß hatte kein Land solche +Weihnachtslieder wie Deutschland. Da war ein Lied, das war klein und +groß, wie eine deutsche Hütte, darin eine Mutter mit ihrem Kinde +liegt. Da kommen die Töne behutsam herein auf leisesten Sohlen und +knien wie Kinder vor der Wiege in stumm zitternder Seligkeit, und +halten den Atem, halten den Schlag des Herzens an, das zerspringen +will vor heiliger Erwartung, weil es das Kindlein sehen soll! + + Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all, + Zur Krippe her kommet in Betlehems Stall + Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht + Der Vater im Himmel für Freude euch macht! + +»Das ist doch eigentlich ein ziemlich triviales Lied,« meinte der +Seminarist Gärtner. + +»Mein lieber Kärtner,« versetzte Meister Bruhn mit seinem +mild-ironischen Lächeln, »mein lieber Kärtner, wenn ich das Lied +k’macht hätte, denn kuckt’ ich Sie karnicht an!« + +»Das ist das feinste, lieblichste Weihnachtslied, das ich kenne!« rief +Asmus begeistert. + +»Ja, ja, mein lieber Semper, awer solche Sachen macht man heutz’tache +nich mehr.« + +»Warum nicht?« forschte Asmus begierig. + +»Weil man den Klauben haben muß, um so was machen zu können; die +jetz’che Zeit hat awer keinen Klauben mehr.« + +»O!« machte Semper. + +»Ja ja, lieber Freund, Se können’s mir klauben. In einer Zeit, wo +David Friedrich Strauß herrscht, da macht man solche Lieder nich.« + +»Haben Sie Strauß gelesen?« rief Asmus. + +»Nee, nee!« rief Bruhn ängstlich und flüchtete sich in die Musik, +indem er auf dem »Klafier« zu präludieren begann. + +»Ja, David Strauß ist mein Mann!« rief Asmus. + +Bruhn sah ihn erschrocken von der Seite an und präludierte +ängstlicher. + +»Aber darum hab’ ich doch all diese herrlichen Lieder gern, auch die +frommen, die wunderschönen Choräle, z. B. »Befiehl du deine Wege« und +»Ein feste Burg« und »Wachet auf, ruft uns die Stimme« und »In allen +meinen Taten« und »Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’«. Er hätte noch +lange fortfahren können; aber Bruhn starrte ihn immer hilfloser an und +spielte jetzt bereits #forte#. Aber dann brach er ab. + +»Nee, lieber Semper, es ist so,« sprach er, »wenn der kalte, +mathemat’sche Verstand dazukommt, denn is es mit’m Klauben und mit der +Kunst vorbei.« + +»Das wäre ja schrecklich!« rief Asmus. »Aber es ist ja gar nicht so! +Der Verstand ist ja gar nicht kalt! Und die Mathematik ebensowenig!« +Er mußte an die Stunden denken, da er zu Hause über mathematischen +Aufgaben gesessen hatte. Aufgesprungen war er oft, durchs Zimmer war +er getanzt und den Fensterpfosten hatte er umarmt, so wohl und warm +war ihm gewesen. Eine warme, fröhliche Sonnenklarheit war um ihn her +gewesen! + +Er wurde immer eifriger, und er suchte nach Worten; denn was er +meinte, war schwer zu sagen. Plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke. + +»Das ist, wie ich es mal in einem Theater gesehen habe!« rief er. »Da +gingen immer neue Vorhänge hoch, immer einer nach dem andern, und es +wurde immer heller, und jedesmal bekam man Neues zu sehen, und das +Neue bildete mit dem Alten zusammen immer schönere Bilder. Nur daß es +auf dem Theater ein Ende hatte; in der Welt hat es kein Ende.« + +Bruhn, der sich inzwischen wieder in ein #forte fortissimo# +hineingespielt hatte, brach wiederum ab und sah den Jüngling lange mit +forschenden Blicken an. Dann sagte er: »Nu’ ja, es mag ja sein – aber +nu müssen wir weiter.« Und der Unterricht nahm seinen Fortgang. + +Auf dem ganzen Heimweg verließ ihn das Problem nicht. Das hatte er nun +so oft gehört: ein ungehemmter, schrankenloser Gebrauch des Verstandes +vernichte die Blüten des Herzens. Und immer hatte ihn diese Behauptung +gequält, geschmerzt, geärgert, ja erzürnt; denn er hatte das Gegenteil +erfahren. Je mehr sich sein Wissen und sein Gedankenkreis erweitert +hatten, ein desto heißeres Glühen hatte sich in seiner Brust +entzündet. Wie, weil man alte Irrtümer und alte Dogmen überwand und +abtat, deshalb sollte das Herz veröden? Nein, und tausendmal nein! +Gedanken können Gedanken töten, niemals aber unsterbliche Lieder und +Gestalten. Und selbst wenn die Lieder und Träume vergangener Zeiten +erfrieren müßten in der kalten Gipfelluft verwegenster Gedanken, das +Herz wird immer wieder blühen, sonst wär’ es kein Herz. Aber sie +erfrieren nicht, die alten Blüten und Früchte! Wie innig liebte er +diese alten, frommen Lieder mit ihrer lieblichen Einfalt, ihrem +rührenden Vertrauen, ihrem seligen Frieden. Warum sollte er sie nicht +lieben? Der Glaube vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte war so +schön und so köstlich wie aller Glaube kommender Zeiten, weil er +Glaube war. Warum sollte er ihn nicht lieben? + +Durch ein anderes Erlebnis sollte seine Überzeugung bald darauf eine +tiefe Befestigung erfahren. + + + + +XXIX. Kapitel. + +Asmus hört eine feierliche Messe und zieht mit den Juden durch die +Wüste, und Rebekka Semper hält Kant für überflüssig. + + +Doch im letzten Seminarjahr bekam Asmus einen anderen Direktor; +#Dr.# Korn war zum Schulrat ernannt worden – »ich habe mich nie um ein +Amt beworben,« konnte er mit Stolz in seiner Abschiedsrede sagen – und +an seine Stelle war Herr Murow getreten, ein breiter, hünenhafter Mann +und liberaler Theologe, der in seiner Antrittsrede seine Heimat sehr +deutlich verriet, als er erklärte, daß »das Wark des Lahrers nur +jäde–ihen könne, wenn das Harz dabei wäre.« + +Murow und Semper waren nach wenigen Wochen Freunde, und eines Morgens +winkte der Direktor den Jüngling mit heimlichem Lächeln auf die Seite. + +»Hier hab’ ich ’n Konzartbillet – #Missa solemnis# von Cherubini – +sahr jute Musik – haben Sie Lust?« Und er reichte ihm die Karte hin. + +Ob Asmus Lust hatte! Er wußte gar nicht, was er sagen sollte, und +stammelte etwas hervor, was ein Dank sein sollte. + +Am Abend saß er in der Petrikirche in Hamburg, auf einem Platze, wo er +weder Sänger, noch Orgel, noch Orchester sehen konnte. Das war’s, was +er brauchte. Denn seine Musik kam von andern Orten her, als dorther, +wo sie erzeugt wurde. Sein Theater und sein Konzert war immer noch +anderswo als auf der Bühne und auf dem Podium – über einem Baumwipfel +des Hintergrundes, in einem Winkel des Saales, im Lichtkreis einer +einsamen Lampe sah er weit hinter dem Geschehen der Bühne, hörte er +hoch über den Klängen der Musik Erlebtes und – nie Erlebtes, fühlte er +ein Leben – ach, das man nur in solchen Stunden erleben kann, das man +nie in Wirklichkeit erleben wird. Wo, in welchen nie geahnten Kammern +seiner Seele hatten diese Bilder geschlummert, die für Sekunden +erwachten und dann verschwanden, um niemals wieder zu erscheinen? +Waren es Erinnerungen aus einem vergangenen Leben – Ahnungen eines +künftigen Seins? War es das Unentwickelte, Unerwachte, das in der Welt +ist und das aus dem Traume sprach? ..... + +Und es kam ein Orgelbrausen und ein Frauengesang, der ging über alle +Winkel und Lichter der Kirchenhalle hinaus, das war ein Strom, für den +die Gewölbe des Hauses zu niedrig waren; wie ein ungeheurer +Flammenstrom fuhr er durch alle Schranken von Stein und Erz hinauf in +den unendlichen Himmel. Da betete Asmus Semper abermals. Er betete, +daß er einst, wenn er wirklich ein Dichter werde, eine Dichtung +schaffen wolle, deren Held ein König des Verstandes sein solle. Vor +der klaren Schärfe seines Verstandes sollte verjährter Wahn und Glaube +zergehen wie Nebel vor der Sonne. Und die Menge sollte ihn hassen, +verfolgen, ihn steinigen, weil er ihre Welt entgöttert habe. Und das +würde das tragische Schicksal dieses Zertrümmerers sein: die andern +würden nicht wissen, nicht ahnen, daß er ein Mensch war, der beim +Klingen einer Quelle lachen und weinen konnte, daß seine Brust ein Dom +war, der von tausend Orgel- und Engelstimmen klang und hinter dessen +bunten Fenstern alle süßen Farben und alle heiligen Dämmerungen des +Lebens wohnten; niemand sollte es verstehen, daß er das zarteste Herz +von allen besaß. + +Als Asmus unter einem klaren, sternenreichen Winterhimmel nach Hause +ging, war er sich klar darüber, daß es nichts sei mit Meister Bruhns +Anschauungen über Verstand und Gemüt. Aber trotz dieser und noch weit +größer Meinungsverschiedenheiten schauten sie einander doch mit +Freundschaft und Liebe in die Augen an jenen wahren Sonnabenden, da +die Sonne des Abends aufs Klavier schien und der Meister zu Asmussens +Geige die Begleitung spielte oder – die strenge Pflicht auf eine Weile +vergessend – ganz von selbst in einen Beethoven oder Bach überging. + +Der Weg nach Hause führte Asmus regelmäßig durch einen Stadtteil, der +stark, wenn nicht vorwiegend von Juden bewohnt war, und wenn er nun +von den sonnabendlichen Feierstunden bei Meister Bruhn heimkehrte, +paßte es immer sonderlich gut zu seiner Stimmung, wenn ihm die Juden +in Festtagskleidung begegneten und in ihrem Gang und ihren Mienen den +Sabbath erkennen ließen. Er fand es schön, den Feiertag am Abend zu +beginnen mit dem Blick in ein heiliges »Morgen«; auch sein Sonntag +begann immer am Samstagabend, begann oft schon in der Musikstunde, +wenn er deutsche Lieder hörte, begann manchmal schon mit der Vorfreude +auf diese Stunde. Aber nicht fand er es schön, wie es die Juden taten, +den Feiertag auch am Abend mit Sonnenuntergang zu beschließen. Er +wenigstens konnte aus den heiligen Geheimnissen des Sabbats nicht +zurückfinden in den Alltag, wenn nicht ein langer, tiefer Schlaf +dazwischen lag. Immer und immer riefen ihm diese festlich gekleideten +Juden die Kindheit zurück, die unvergeßliche Zeit, da er mitten im +verschneiten Winter das sonnige Land Abrahams gesehen und mit Elieser +um Rebekka geworben hatte, am Brunnen der Stadt Nahors. Wenn er sie +aber gar am Laubhüttenfest mit dem Paradiesapfel und mit Myrten, +Palmen und Weiden nach der Synagoge wandeln sah, dann verwandelte +sich der Weg nach Oldensund in die vierzigjährige Wüstenwanderung vom +bitteren Wasser zu Mara und der Oase Elim bis zu dem Tage, da Jericho +fiel unterm Hall der Posaunen, dann sah er die ährensammelnde Ruth auf +dem Acker des Boas und sah die Harfe Israels hangen an den Weiden +Babylons. + +Schön wie die Kindheit war nun nach allen Sorgen und Kämpfen die Zeit +des Seminarbesuchs geworden, als sie sich ihrem Ende zuneigte. Ludwig +Sempers Verdienst hatte sich ein wenig erhöht; Asmussens Stipendium +war auf zweihundertundvierzig Mark im Jahre gestiegen; ein paar gute +Privatstunden taten ein übriges, eine Zeitschrift hatte ein paar +Gedichte von Asmus Semper angenommen, und aus Amerika kamen gute +Nachrichten. + +Aber unter alledem war noch nicht das Beste. Das, was die ganze Welt +so heilig und schön machte, war das Studium. Nicht das Studium fürs +Seminar; bei dem war immer noch nicht viel Freude zu holen. Nein, das +Studium, das niemand von ihm verlangte als er selbst. Und darum war +der Sonnabend so unaussprechlich schön, weil er nun den ganzen Sonntag +über studieren konnte, was er wollte. Freilich hatte Frau Rebekka ihre +Bedenken. Das Examen nahte wieder heran, und ob Kant und Spinoza und +Gedichtemachen und Hamletdeklamieren dazu nötig sei, darüber hegte sie +schüchterne Zweifel. Sie gab diesen Zweifeln auch Ausdruck und +meinte, ob er sich nicht zu sehr zersplittere. + +»Ich hab’ da neulich in so’n Buch von Kant hineingeguckt, – das ist +ja’n fürchterlicher Schnack; daraus wird ja kein Deubel klug.« + +»Ja, mitunter ist es sehr schwer,« sagte Asmus. + +»Ja, ist denn das notwendig, daß du das lernst?« + +»Ja, Mutter, das ist sehr notwendig.« + +»Wenigstens solltest du das Dichten aufschieben, bis du mehr Zeit +hast, das strengt dich doch auch an.« + +»Na ja, wenn es mich anstrengt, werd ich es aufgeben«, versicherte +Asmus und lächelte nach innen. + + + + +XXX. Kapitel. + +Das unlesbarste Kapitel des ganzen Buches: Asmus prügelt sich mit +Kant und Spinoza und verrenkt sich mehrere Hüften. + + +»Jung, du verschmierst ja all die schönen Bücher!« rief Frau Rebekka +eines anderen Tages erschrocken, als sie ihm über die Schulter in die +»Kritik der reinen Vernunft« hineinblickte. + +Ja, das tat er freilich. Wenn er ein Buch wirklich las, so +durchackerte er es mit dem Bleistift und warf jede Scholle herum und +erquickte sich an dem frischen Ackerduft, der dann emporstieg; alle +Bedenken, alle Zweifel, alle Widersprüche, die ihm aufstiegen, schrieb +er an den Rand, und das gab einen wunderlichen Buchschmuck. Gar oft +ging es ihm wie seinem geliebten Faust: + + »Hier stock ich schon und kann nicht weiter fort; + Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, + Ich muß es anders übersetzen, + Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin ...« + +und das war immer der schlimmste Zweifel: ob er vom Geiste _recht_ +erleuchtet war. Er balgte sich mit dem dürren Königsberger Männchen +wie wahnsinnig; aber er wußte wohl, daß er mit einem Gottessohne rang +wie Jakob an der Stätte Pniel, und daß man sich dabei die Hüfte +verrenken konnte. Er verrenkte sie sich mehr als einmal und mußte +manchmal einsehen, daß er nur deshalb widersprochen hatte, weil er +nicht richtig verstanden hatte; das beschämte ihn wohl, aber hielt ihn +von immer erneutem Ringen nicht ab. Nichts lag ihm ferner als +Überhebung; seine Pietät gegen das Genie war eher zu groß als zu +klein, und selbst solche Sätze wie: + + »Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegenprobe der + Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer + Vernunfterkenntnis #a priori#« + +konnten in ihm nicht den Verdacht erwecken, daß es dem +»Alleszermalmer« denn doch wohl hin und wieder recht sehr an der +Fähigkeit gemangelt habe, seine Gedanken gut und klar zum Ausdruck zu +bringen. Es war einige Jahre später, daß er bei Schopenhauer an den +Rand schrieb: Ach, hätte doch der Kant so schreiben können wie der +Schopenhauer! Selbst, wo er für den Augenblick das sichere Gefühl +hatte, gegen Kant oder Spinoza im Recht zu sein, zweifelte er nicht, +daß ein späterer Tag ihm die Einsicht seines Irrtums bringen werde. +Einstweilen war er überzeugt – und er blieb es auch später – daß der +Monismus Spinozas kein Monismus sei; der Parallelismus von Bewegungs- +und Bewußtseinsvorgängen war nur ein umschriebener Dualismus. Denn +warum und wozu war diese Maschine »Mensch« so gebaut, daß ihr derselbe +Vorgang als »Ausdehnung« und »Denken« erschien? Der Dualismus war in +den Menschen verlegt – das war alles. Und Körper und Seele aus der +Welt schaffen, indem man sie einfach als Attribute _einer_ Substanz +auffasste – was war damit getan? Das Verfahren konnte man bei jedem +unbequemen Gegensatze anwenden, und die »Substanz« war wie »das Ding +an sich« ein Nichts, aus dem man alles machen konnte. + +Sein Denken wurzelte fest im Empirischen, und so gern seine Seele ihr +Haupt in transzendenten Lüften wiegte – ihren Boden wollte sie nicht +ohne Not verlassen. So hatte er die Ideenlehre Platos wunderschön +gefunden; aber sogleich hatte er sich gesagt: das ist Dichtung, ist +Glaube, nicht Erkennen. + +Gegen den strengen Gedanken von der Notwendigkeit alles Geschehens, +dem der Mann sich unterwarf, lehnte der Jüngling sich auf. Sein die +Arme reckender und streckender Wille verlangte nach Willensfreiheit, +und doch schien ihm die transzendentale Willensfreiheit Kants nur eine +Ausflucht. Gegen diesen Immanuel Kant, dessen Leben er mehr bewunderte +als liebte, hatte er noch gar manches auf dem Herzen. + +Da stand: + + »daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist + gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen + sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch + Gegenstände, die unsere Sinne assizieren ...« + +und an anderer Stelle hieß es: + + »Daß es nun dergleichen notwendige und im strengsten Sinne + allgemeine, mithin reine Urteile a priori im menschlichen + Erkenntnis wirklich gebe, ist leicht zu zeigen ...« + +und wiederum: + + »Von den Erkenntnissen #a priori# heißen aber diejenigen rein, + denen gar nichts Empirisches beigemischt ist ...« + +War das nicht unreimbarer Widerspruch? Und wenn es dann gar hieß: + + »So ist z. B. der Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache, + ein Satz a priori, allein nicht rein, weil Veränderung ein + Begriff ist, der nur aus der Erfahrung gezogen werden kann«. + +Was sollte man dazu sagen? Der Begriff der Ursache war entweder genau +so gut aus der Erfahrung gezogen wie der der Veränderung oder sie +waren beide gleich »rein«. Unzweifelhaft hatten sie aber beide +»empirische Beimischung«. Und was sollte es heißen, wenn nun Kant als +ein Beispiel für »dergleichen notwendige und im strengsten Sinne +allgemeine, mithin reine Urteile #a priori#« die Mathematik aufführte? +Die Mathematik war doch menschlich konstruierte Realität, nicht von +der Natur gegeben, wie Kant in der Einleitung an dem »ersten +Demonstrator des gleichschenkligen Dreiecks« selbst zugegeben hatte. +So waren die Sätze der Mathematik zwar allgemein und notwendig (daß +das zweierlei sei, wollte Sempern auch nicht in den Sinn); aber sie +waren auch für die Erkenntnis des Weltwesens vollkommen wertlos, wenn +man sich nicht zu den Pythagoreern gesellte. Und was sollte man +endlich gar dazu sagen, wenn Kant, ganz im Widerspruch zu dem +Vorhergehenden, fortfuhr: + + »will man ein Beispiel aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, so + kann der Satz, daß alle Veränderung eine Ursache haben müsse, + dazu dienen ...« + +und dann gegen Hume polemisierte, der diesen Satz + + »von einer öfteren Beigesellung dessen, was geschieht, mit dem, + was vorhergeht, und einer daraus entspringenden Gewohnheit, + Vorstellungen zu verknüpfen, ableiten wollte.« + +Asmus hielt es ganz entschieden mit Hume und war der Überzeugung, daß +jedes Naturgesetz der empirischen Wissenschaften genau so »allgemein +und notwendig, mithin rein #a priori#« oder genau so bloß komparativ +allgemein und #a posteriori# sei wie der Satz von der Veränderung und +ihrer Ursache. + +Ach, schon diese Einteilung der Urteile in analytische und +synthetische! Asmussens Bleistift wurde temperamentvoll und machte +schwungvolle Fragezeichen und wuchtige Ausrufungszeichen! Warum sollte +denn das Urteil »Alle Körper sind ausgedehnt« analytisch und dagegen +das andere »Alle Körper sind schwer« synthetisch sein? Das Merkmal der +Schwere war doch für den Körper genau so wesentlich wie das der +Ausdehnung und war also genau so gut wie dieses im Begriff des Körpers +schon gegeben! Wieso bedurfte es da der Synthese? Und gesetzt: man +entdeckte ein wesentliches Merkmal eines Begriffes, das man bisher +nicht gekannt hatte, so konnte man im Augenblick der Entdeckung +allenfalls von einer »Synthese« sprechen und konnte das neue Urteil +ein synthetisches nennen; aber sobald man wußte, daß das neue Merkmal +zum Wesen des Begriffes gehöre, war es doch auch mit diesem Begriff +gegeben, und das Urteil war so »analytisch« wie irgend ein anderes. O, +wenn Asmus damals gewußt hätte, daß auch andere Leute, und zwar höchst +gelehrte und gescheite Männer diese Unterscheidung für verworren und +zwecklos hielten! So aber sagte er sich: »Daß Kant so unklar gedacht +habe, ist ausgeschlossen; also tappe ich im Dunkeln, also ist mit +dieser Unterscheidung noch etwas andres gemeint, das ich nicht +verstehe« – und das setzte ihm zu mit harter Pein. + +Und endlich dieses berühmte »Ding an sich«. Man könne es nicht +erkennen, hieß es. Aber es »affizierte« uns durch Erscheinungen, stand +also in Beziehung zu uns, machte uns Mitteilungen! Wozu machte es uns +diese Mitteilungen? Nur um uns zu foppen? Dann war freilich alles +Denken und Leben Unfug. Oder verrieten uns diese Mitteilungen, wie es +jede Mitteilung tut, etwas vom Wesen des Mitteilenden? Doch wohl; Kant +verwahrte sich ja auch selbst dagegen, daß man die »Erscheinung« als +»Schein« verstehe. Warum nun affizierte uns das Ding an sich so, wie +es uns affiziert, und nicht anders. Es mußte zu seinem Wesen gehören, +uns so zu affizieren und nicht anders. Dann aber _wußten_ wir etwas +von seinem Wesen, und wenn wir _etwas_ wußten, warum sollten wir dann +nicht mehr wissen können? »Hier ist ein Wirbel«, sagte sich Asmus. +Sein Bleistift fragte in aller Bescheidenheit: Was nötigt uns, hinter +der »schönen grünen Weide« der Erscheinungen ein unerkennbares Ding an +sich anzunehmen, und wer hat etwas von diesem Ding an sich? Die +Beschränktheit menschlicher Erkenntnis leuchtet auch so ein. Daß wir +nicht Zentrum der Welt sind, daß der Mensch, der kleine Fußsoldat, +unmöglich den Plan kennen kann, nach dem der »Herr der Heerscharen« +die Weltenschlacht schlagen läßt, – das wissen wir seit Kopernikus +auch so. Also warum soll der Pfahl, an dem ich mir die Nase blutig +stoße, durchaus Erscheinung und nicht Ding an sich sein? Und warum +setzen wir diese Skepsis nicht ins Grenzenlose fort? Es setzte Sempern +in großes Erstaunen, als er las: + + »Was es für eine Bewandtnis mit den Gegenständen an sich ... + haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts als + unsere Art, sie wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch + nicht notwendig jedem Wesen, _obzwar jedem Menschen_ zukommen + muß.« + +Das »obzwar jedem Menschen« war es, was ihn in Staunen versetzte. + +»Wirklich?« schrieb er an den Rand. »Könnte der Welturheber den Spaß +dieses Sommernachtstraumes nicht noch weiter ausgedehnt haben und die +Menschen Verschiedenes wahrnehmen lassen, wenn sie dasselbe nennen, +und Verschiedenes nennen lassen, wenn sie dasselbe wahrnehmen?« Und er +hatte eine herzliche Freude, als er später las, daß Fichte den +kantischen Zweifel an der Dinglichkeit der Erscheinungswelt zu Ende +geführt, das Ding an sich als widersinnig verworfen und erklärt habe: +Außer mir gibt es nur Vorstellungen und sonst nichts. Mit einem +wunderschön weichen, tiefschwarzen Bleistift schrieb Asmus in +Riesenbuchstaben dazu: + +»_Gott sei Dank!! Das ist wenigstens konsequent!!_« + + + + +XXXI. Kapitel. + +Der Mensch ist ein fliegender Holländer, und Asmus bekommt das +Lampenfieber. + + +In diesen Sonntagsstudien gab es Minuten, Stunden, Tage der Klarheit, +die er für nichts auf der Welt dahingegeben hätte. + + »Das ist ein Augenblick der Seligkeit, + Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke + Das Hirn durchzuckt und so die Seele faßt, + Daß sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke! + + Da wähnt das Aug, es sähe groß und klar + Den Geist des Alls durch Erd’ und Himmel wandeln; + Aufatmend spricht das Herz: Ich bin getrost; + Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.« + +Aber oft währte die Klarheit nicht von einem Sonntag zum andern, +manchmal nicht von einer Minute zur andern. Stellt ein Glas voll +reinsten Quellwassers hin, das durchsichtiger ist als Kristall – mit +jeder Stunde schwindet von selbst seine Klarheit dahin. Hängt einen +Spiegel auf so rein und eben, wie ihr ihn finden mögt – in wenig Stund +wird er sich trüben vom Anhauch des Lebens. + + »Gewißheit – schöner Wahn des Augenblicks! + Bald wieder wird der alte Zweifel nagen; + Der feste Boden weicht – dir schwindelt – weit + Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen. + + Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer + In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre, + Bis endlich deinem Fuß das Schicksal gönnt, + Daß er der Heimat festen Grund gewahre. + Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht + Der Wind am hohen Mast die weißen Linnen: + Kaum hast du noch des Ufers Sand geküßt, + So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.« + +In einem ganz eigenen Sinne tauchte ihm die Geschichte von Herkules +wieder auf, der die Hydra schlug. Wenn man triumphierend einem Zweifel +den Kopf abschlug, so wuchsen zwei wieder aus dem Rumpf hervor. Und +eine sonderbare Beobachtung glaubte er zu machen. Wenn er sich einer +Wahrheit recht nah fühlte und ihr nun mit starrenden Augen immer näher +auf den Leib rückte, dann _sah er_ förmlich, wie sie plötzlich +zurückwich und dichte Nebelschleier um sich schlug, wie ein Weib, das +nicht gesehen sein _wollte_! Noch eben jetzt hatte er sie klar zu +sehen vermeint, und plötzlich stand er in lauter Nebeln. Und seltsam: +weibliche Gestalten mischten sich jetzt so oft in seine Vorstellungen +und Gedanken; ja, es war, als hätten diese Gedanken und Vorstellungen +selbst etwas von weiblichem Wesen und weiblichem Reiz, und alles, was +er suchte, suchte er mit unerklärlicher leiser Wonne und mit leisem +Schmerz. Auf dem Wege zum Seminar gab es Läden, in denen Bilder von +weiblichen Schönheiten in halber oder nahezu ganzer Enthüllung +ausgestellt waren. Vier Jahre lang und darüber war er an diesen Läden +ohne jegliches Interesse vorübergegangen; seit einiger Zeit sah er +diese Bilder mit anderen Augen an, und er verweilte mit seiner +Betrachtung auch bei solchen, von denen er sich sagen konnte, daß sie +nicht gerade in künstlerischer und überhaupt nicht in der allerbesten +Absicht dorthin gelegt seien. Und als er in dieser Zeit von der +höchsten Galerie des Theaters den »Lohengrin« hörte und als Elsa mit +wundersüßer Stimme und ergreifendem Glauben sang: + + »Kehr’ bei mir ein! Laß mich dich lehren, + Wie süß die Wonne reinster Treu! + Laß zu dem Glauben dich bekehren: + Es gibt ein Glück, das ohne Reu!« + +da brach in seiner Brust ein Damm von einer langgestauten Flut, da +entstürzten Tränen seinen Augen; denn sie hatte nicht nur die holde +Schönheit weiblichen Wesens, hatte nicht nur das Glück der Liebe +gesungen; sie hatte von allem Triumphe alles Hohen gesungen; sie hatte +ihm gesungen: Es gibt ein Wissen ohne Trug, es gibt ein Leben ohne +Haß, es gibt eine Welt ohne Leid. + +Und wenn er auch jenen Versen die Überschrift »Menschenlos« gegeben +und wenn er sie auch mit den verzweifelten Worten gekrönt hatte: + + »Und dies bleibt immer deines Denkens Los: + Wenn dich ein Strahl aus höchstem Himmel grüßte, + Er bleibt nicht dein; er schwindet hin in Nacht, + Wie die Morgana schwindet in der Wüste.« + +so war es ihm damit nur auf Stunden ernst, und es war darin ein gut +Teil von jenem wunderlichen Komödiantentum der Jugend, das sich bei +roten Wangen in düsteren Gebärden gefällt und nicht nur die Ansprüche, +sondern auch die Resignation der reifen Jahre vorwegzunehmen liebt. +Hatte er doch auch gesungen: + + »Dich hieß ich wie kein andres Weib willkommen; + Laut schlug mein Herz – du hast es nicht vernommen.« + +und hatte dabei an Hilde Chavonne gedacht und war doch um so weniger +berechtigt, dem guten Mädchen daraus einen Vorwurf zu machen, als er +selbst nicht genau wußte, ob sein Herz für Hilde oder für das Weib im +allgemeinen schlug. Nein, mochten seine »Gewißheiten« zuweilen nur ein +Minutenleben haben, seine Niedergeschlagenheiten lebten meistens nur +Sekunden; auf dem Grunde seiner Natur mußte eine Feder sein, die mit +unversiegbarer Kraft wieder emporschnellte, wenn der schwerste Druck +nur einen Augenblick nachließ. Die Absolutheit der Sittengesetze, der +doch die menschliche Schwäche in diesem Leben nicht genügen konnte, +erforderte nach Kant die Unsterblichkeit der Seele. Dann war also auch +das Leben nach dem Tode ein Entwicklungsgang; denn es hätte keinen +Sinn, wenn wir aus dem Tode einfach als vollkommene Wesen erwachten. +Und wenn die Unbefriedigung unseres Gewissens ein künftiges Leben +verlangte, so verlangte die immer strebende Unbefriedigung des Geistes +ein Gleiches. Wo Fortschritt der Sittlichkeit möglich war, da mußte +auch Fortschritt der Erkenntnis möglich sein, und wenn in einem +künftigen Leben, so auch im gegenwärtigen. + +Und er glaubte an den Fortschritt mit aller Gewalt seiner sehnenden +Seele; er glaubte nicht an die ewig gleich geartete Seligkeit des +Kirchenhimmels; er konnte sie sich nicht vorstellen; aber er glaubte +an die ewig wachsende Seligkeit des Werdens und sich Vollendens; die +begriff er, die hatte er in Stunden unnennbarer Weihe selber gefühlt. +Und in wenigen Monaten sollte er nun ein Führer werden auf solchen +Wegen des Werdens, sollte sich ihm ein Beruf auftun, der ihn Hunderte, +Tausende von jungen Seelen die rechten Wege zur Vervollkommnung weisen +hieß. Er ein Führer! Er, der es wußte, wie sehr er selbst noch der +Führung bedurfte! Wenn er an diese nahe Wendung dachte, wurde ihm, er +wußte selbst nicht, wie. Eine hohe, berauschende Freude überlief ihn; +aber gleich darauf überfiel ihn immer ein herzstockendes Bangen; es +war wohl höhere Freude, aber auch tieferes Bangen als damals, da er +vor der Klassentür gestanden und den erkrankten Herrn Dohrmann hatte +vertreten sollen. Denn er war reifer und klüger geworden und verstand +tiefer als damals, um was es sich handle. + +Bevor er jedoch diesen Beruf ergriff, lernte er schnell noch einen +anderen kennen, nämlich den des Schauspielers. + + + + +XXXII. Kapitel. + +Semper der Jüngling als Heldenvater und Liebhaber. + + +Kurz nach Weihnachten sollte wieder Konzert und Theater sein, und zwar +sollte Gutzkows »Zopf und Schwert« gegeben werden. Obwohl Asmus im +Seminar weder als Mime noch als Regisseur jemals irgend einen Posten +bekleidet hatte, war man doch einstimmig der Meinung, daß er den König +Friedrich Wilhelm I. geben und die Regie führen müsse. Man glaubte, +Rezitieren und Komödie spielen sei dasselbe. + +Die Proben im Musiksaal begannen, und Asmus stürzte sich mit +Begeisterung in seinen neuen Beruf. Er hatte harte Arbeit; denn unter +den Mitwirkenden gab es einige übertriebene Talentlosigkeiten. Da war +einer, der die Prinzessin geben sollte, – denn auch die weiblichen +Rollen mußten der Feuersicherheit wegen von Jünglingen gespielt +werden, ein Zopf, den der neue Direktor im Jahre darauf mit einem +Schwertstreich abhieb, – und dieser Prinzessinnendarsteller hatte +offenbar beim Spielen das Gefühl, daß er mindestens acht Hände habe, +von denen er dann immer zwei in die Hosentaschen steckte. + +»Mensch,« rief Asmus, »bedenk doch, daß du als Prinzessin nicht die +Hände in die Hosentaschen stecken kannst!« + +Und dann zog Lau, so hieß er, die Hände wieder heraus; aber beim +nächsten Satze staken sie schon wieder drin. Asmus gab ihm endlich +eine kleinere Rolle und dann eine noch kleinere; aber es half nichts; +Laus starke Persönlichkeit brach sich durch jede Rolle Bahn; er war +ein penetrantes Talent. + +Aber es waren auch zweifellose Begabungen darunter, und im ganzen +fühlte sich Asmus in dieser ganz ungewohnten Tätigkeit unbeschreiblich +wohl. Er hätte seinen Zustand mit einem Champagnerrausch vergleichen +können, wenn er die für diesen Vergleich erforderlichen Kenntnisse +gehabt hätte. Als der Abend der Aufführung herangekommen war, ging es +ihm genau wie Meister Bruhn: er war zwei Stunden vor Beginn zur Stelle +und hatte nach zehn Minuten schon auf sämtlichen Stühlen gesessen, +aber auf keinem länger als zwei Sekunden; er mußte gehen, gehen wie +immer, wenn er erregt war, immer auf und ab, wie der Tiger des +Zoologischen Gartens im Käfig. Dabei hatte er das Gefühl, daß er fest +auftreten müsse, damit ihn nicht ein Lufthauch davontrage. Und wog +doch gewiß seine 120 Pfund. Er war nervös wie ein sichernder Hirsch, +der ein Knacken im Gezweig vernommen hat; aber es war eine wohlige, +prickelnde Nervosität. Der König hat seinen ersten Auftritt hinter der +Szene zu sprechen, und das war gut; denn wenn er an das Auditorium +dachte, dann war es, als ob plötzlich etwas furchtbar Schweres +furchtbar tief in seinen Leib hinunterfiele und ein Emporfliegen war +dann nicht mehr zu fürchten. + +Der Vorhang ging endlich auf, und schon nach den ersten Szenen war der +Erfolg des ersten Aktes gesichert; denn der Darsteller der Königin +hatte in der Erregung unter den königlichen Kleidern seine männlichen +Dessous und seine Zugstiefeletten anbehalten, und das genügte für den +1. Akt. Jedesmal, wenn die hohe Frau sich setzte und ihr Reifrock sich +hob, brauste ein Sturm des Entzückens durch das vollbesetzte Haus. +Asmus lief wie besessen hinter der Szene auf und ab. + +»Was hat das Publikum? Was hat das Publikum?« flüsterte er. Stelling, +der hinter der ersten Kulisse stand, rief: + +»Kneist hat die Stiefeletten anbehalten« und wollte bersten vor +Lachen. Er konnte lachen; über dies schwere Unglück konnte er lachen. +Asmus war außer sich, und als Ihre Majestät die Bühne verlassen hatte +und ihm in den Wurf kam, da fluchte er wie ein altgedienter +Oberregisseur. + +»Eine Schlamperei ist das einfach, eine skandalöse Schlamperei!« +flüsterte er; denn laut durfte er ja nicht werden; aber er flüsterte +sehr vehement. + +»Gott, was ist denn dabei?« versetzte Kneist, die Königin, mit +bewundernswerter Ruhe. »Das Ganze ist doch nur ’n Spaß.« Das verschlug +Asmussen die Rede allerdings gründlich. Gegen eine so bodenlos frivole +Auffassung von der Kunst war er nicht gewappnet. Er war so verstört ob +dieser Antwort, daß er fast seinen Auftritt versäumt hätte. Als er +dann mit seinen Worten beim Publikum Heiterkeit erweckte, sagte er +sich: Gott sei Dank, deinem Aussehen kann das nicht gelten; sie sehen +dich ja gar nicht. + +Aber auch als sie ihn sahen, hörten sie ihm freundlich und mit öfterem +Lachen zu, und als er in der Szene des Tabakkollegiums zu den Worten +gekommen war: + + »Die Kreaturen zittern? – Ich will allein + sein.« + +da war das Auditorium eine einzige Stille, und als er dann im nächsten +Akte wieder auftrat, bekam er einen großen Schreck; denn sie empfingen +ihn mit stürmischem Händeklatschen. Ja, ein großer Schreck war es; +aber es war der freudigste, den er empfangen hatte seit jenem +Weihnachtabend, als er plötzlich vor dem Puppentheater, dem Geschenk +seines Bruders Johannes, gestanden hatte. O ja, ja, es mußte herrlich +sein, so jeden Abend, vom Beifall der Menge umbraust, auf der Bühne zu +stehen! Der Beruf des Schauspielers war ihm immer in einem +märchenhaften Glanze erschienen; jetzt war er tief davon überzeugt, +daß es keinen freudenreicheren, verlockenderen gebe als ihn. + +Er sollte auch für den Rest des Abends aus diesem kindlichen Wahne +nicht aufgeschreckt werden. Murow, der Direktor, kam ihm mit beiden +dargebotenen Händen entgegen und rief: + +»Alle Watter, mein lieber Samper, harzlichen Glückwunsch! Sie sind ja +der jäborne Haldenvater!« + +»Na, dazu reicht doch wohl meine Länge nicht,« meinte Asmus zaghaft. + +»Nu – es hat auch kleine Haldenväter jäjäben! Sie sind ’n +Napoleon-Darstaller! Überhaupt, mein lieber Samper« – und dabei legte +er seine mächtige Hand auf die Schulter des Jünglings – »Talant +ersatzt jede Körperlänge.« Und mit behaglichem Lachen schritt er +weiter, um auch den andern Darstellern freundliche Worte zu sagen; +denn er war als preußischer Landtagsabgeordneter beim Reichskanzler +und bei Hofe gewesen und verstand sich auf die Courtoisie eines +Herrschers. + +Als aber Asmus nun auf Flügeln des Triumphes weiter durch den Saal +schritt, da erblickte er gar an einem Tische hinten im Winkel neben +ihren Logisgebern Hilde Chavonne. _Sie_ war also da! Sie hatte ihn +spielen sehen! O, wenn er das gewußt hätte, dann hätte er noch ganz +anders gespielt! Er bildete sich ein, daß er dann besser gespielt +hätte; aber sehr wahrscheinlich würde er dann den Gamaschenkönig mit +dem tanzenden Krückstock als Romeo gespielt haben. Er wußte noch immer +nicht, ob er irgendein Mädchen auf der Welt »liebe«; er war noch ganz +in jenem dunklen Vorstadium der Liebe, wo die Jünglinge den Jungfrauen +im allgemeinen imponieren wollen und die Jungfrauen den Jünglingen im +allgemeinen gefallen möchten. Dieser Hilde Chavonne zu imponieren, +hielt er freilich für einen besonders berechtigten Ehrgeiz; denn sie +war hübsch und vornehm und stellte hohe Ansprüche, die höchsten +allerdings an sich selbst. Und dieser Asmus Semper, dieser +unglaubliche Tölpel, merkte nichts, als ihm das Fräulein nun ein +kleines Veilchenbukett, das sie im Haar getragen hatte, zum Geschenk +machte und errötend hinzufügte: »Für den König!« Er nahm es für eine +Ehre, der Dummkopf, für eine Ehre! Er freute sich unendlich über +dieses Sträußchen; aber er hatte keine Ahnung davon, daß es eine hohe +Gunst des Herzens ist, wenn ein Mädchen sich eines Blumenschmucks +beraubt und ihn einem jungen Manne schenkt. So unheilbar beschränkt +war er, daß er nicht einmal die Verstimmung merkte, die das Mädchen +darüber empfand, daß seine Gabe nicht so aufgenommen wurde, wie sie es +erwarten konnte. Du lieber Gott, was sollte Asmus von jungen Mädchen +wissen! Seine beiden Schwestern waren schon bei fremden Leuten +gewesen, als er noch auf dem Fußboden spielte und den hölzernen +Schemel voll tausend Nägel schlug. Als größerer Knabe hatte er dann +freilich öfters mit Mädchen gespielt, und jede, mit der er gespielt, +hatte er auch geliebt, ja, jenes braune Kind, das er einst vor dem +Wirtshause zwischen den Bahndämmen gefunden hatte, hatte er sogar mit +schmerzlichem Sehnen geliebt; aber es war doch Kinderliebe gewesen. +Und nun, als Präparand und Seminarist, hatte er fast ein mönchisches +Dasein geführt. Gewiß: er hatte Präparandinnen und Lehrerinnen gesehen +und hatte alle diese Leonoren, Lauren und Beatricen selbstverständlich +geliebt; aber keiner einzigen war er gesellschaftlich näher getreten. +Die Damen des Lehrberufs haben meistens keine den Mann ermunternden +Gewohnheiten, und für Asmus war nun vollends alles Weibliche eine +unnahbare Welt. Die germanische Ehrfurcht vor dem Weibe lag ihm tief +im Blut, und seine Armut machte diese Ehrfurcht zur Schüchternheit. +Wenn er aus den Liebesromanen sah, daß zur Anbahnung eines +Liebesverhältnisses eine längere Liebeserklärung gehöre, noch dazu +eine im schwierigeren Periodenbau, auf den er sich sonst wohl +verstand, dann sagte er sich: »Das wird mir nie gelingen, nie; ich +werde wohl Junggeselle bleiben.« + +Zum Glück hatte Hilde Chavonne kein Gänseherz, sondern ein ganz echtes +großes Mädchenherz, und so vergaß sie bald ihre Verstimmung und +unterhielt sich mit Asmussen so lebhaft und gutherzig wie immer. + +»Wissen Sie, was Sie von den andern unterschied?« sagte sie. + +»Nun?« + +»Sie spielten immer, auch wenn Sie nichts zu sprechen hatten; die +andern spielten nur, während sie sprachen. Auch wenn Sie kein Glied +rührten, sah man, daß Sie ununterbrochen mit der Handlung gingen. Ja, +sogar, wenn Sie dem Publikum den Rücken kehrten, sah man, daß Sie +innerlich spielten. Ich habe einmal von »durchsichtigen Schauspielern« +gehört. Das Wort trifft auf Sie zu.« + +Asmus war so glücklich, daß er nur eine ganz banale +Bescheidenheitsphrase stottern konnte. Er war glücklich wegen der +»Ehre«. Daß sie ihn sehr genau und sehr andauernd beobachtet haben +müsse, darauf verfiel er nicht. Als sie noch sprachen, kam eilends ein +Seminarist auf Sempern zu. »Du möchtest mal zu Herrn Doktor Kieselberg +kommen.« + +Doktor Kieselberg hatte den Literaturunterricht; bei ihm hatte Semper +die längsten und schönsten Sachen rezitiert. + +»Hören Sie, lieber Semper, wenn es Ihnen recht ist, schreib’ ich über +Sie an Cheri Maurice. Maurice muß Sie kennen lernen. Sie müssen für +die Bühne gerettet werden. Die Jungens unterrichten, das können +schließlich viele andere Leute auch. Aber so spielen, das können +nicht viele. Also soll ich ihm schreiben?« + +»Wenn Sie die Güte haben wollen, dann bitte ich darum.« + +»Gut. Meine Frau läßt Sie bitten, morgen mit uns zu speisen. Zwei Uhr, +bitte. Sind Sie noch frei?« + +Du lieber Gott! Ob er noch frei war! Für sämtliche Mittage seines +Lebens war er noch frei. + +Also Schauspieler! Bei der bekannten Geschwindigkeit, mit der er seine +Schlösser baute, spielte er schon im nächsten Augenblick den »Faust« +auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Und bei einem seiner Lehrer +eingeladen zum Essen! Was konnte das Leben einem noch mehr bieten! Er +schwamm in der vollen, naiven Freude eines ersten öffentlichen +Erfolges. Ihm war, als ob alle Menschen aller Länder ihm hold gesinnt +wären und ihm von Herzen das Beste wünschten. Er hatte nicht die +leiseste Ahnung davon, daß Lau erzählte, Semper habe ihm die Rolle der +Prinzessin nur aus Neid weggenommen, und wenn ihm jemand gesagt hätte, +daß Lau das erzähle, so würde er gesagt haben: »Du lügst.« + +Als er sich wieder dem Platze Hildens näherte, war sie nicht da. Er +ließ die Blicke durch den Saal schweifen – da – sie tanzte! O weh, sie +tanzte! + + + + +XXXIII. Kapitel. + +Asmus gibt fernere Beweise von seiner Dummheit, baut ein Schloß und +eine Kirche und landet schließlich in einer Zelle. + + +Merkwürdig, es war ihm nicht ganz recht, daß sie tanzte. Warum sollte +sie nicht tanzen? Es war doch selbstverständlich, daß sie tanzte; sie +hatte sich ja auch zum Tanze angekleidet, sehr geschmackvoll, wie +immer, sehr einfach, und doch – so besonders. Er verstand nicht das +Geringste von Frauengarderoben; aber daß sie mit ihren neunhundert +Mark Gehalt keine kostbaren Gewänder kaufen konnte, war ihm klar. Und +doch – sie hatte immer etwas Besonderes und Nobles in ihrer +Erscheinung. + +Tanzen! Ja, das war auch so eine Mauer, die ihn vom weiblichen +Geschlechte trennte. Frauen wollen tanzen, und er konnte nicht tanzen. +Die Semper konnten ihren Kindern keine Tanzstunden geben lassen. Nicht +einmal Schlittschuhlaufen hatte er gelernt; denn als Knabe war er nie +so reich gewesen, ein Paar Schlittschuhe erwerben zu können, und als +Jüngling hatte er keine Zeit mehr dazu gefunden. Als Achtjähriger +hatte er einmal getanzt, auf einem sogenannten »Kindergrün«, mit einer +siebenjährigen Dame, fünf Stunden lang war er herumgesprungen wie ein +Heupferdchen, immer mit derselben Dame, und es war herrlich gewesen. +Er sah es so unendlich gern, wenn ein Paar sich mit Anmut im Tanze +drehte. Nie glaubte er fester an eine schönere Welt, als wenn er +Menschen in anmutiger Bewegung sah. Und Hilde Chavonne tanzte schön. +Wenn er sie aufforderte.... + +Hahahahaaaa! Er wußte wohl eine ganze Reihe junger Leute, die +ungeniert eine Dame aufforderten, obwohl sie nicht tanzen konnten, und +dann so lange mit Todesverachtung herumhopsten, bis sie’s heraus +hatten. Woher sie den Mut nahmen, einer Dame dergleichen zuzumuten, +das blieb ihm ein Rätsel. + +Sobald er sein Lehrergehalt bezog, wollte er tanzen lernen. Sein +Lehrergehalt? Er wollte ja Schauspieler werden..... + +»Tanzen Sie nicht?« fragte ihn Hilde. + +»Ich kann nicht tanzen,« sagte er. Und er erzählte ihr, daß er +Schauspieler werden solle. Sie war aber sehr dagegen; mit auffallender +Lebhaftigkeit riet sie ihm ab. Was sie denn dagegen habe, fragte er +verwundert. Da wurde sie rot und sehr verlegen. Schließlich sagte sie, +sie habe immer gehört, daß auch das Los der größten und berühmtesten +Bühnenkünstler nur ein glänzendes Elend sei. Überhaupt habe er doch noch +ganz andere Fähigkeiten. Er müsse Dichter werden. + +Jetzt machte er riesengroße Augen, und das Rotwerden war an ihm. +»Woher wissen Sie denn, daß ich dichte?« + +»Sie haben doch Fräulein Wieselin erlaubt daß sie sich Ihre Balladen +abschrieb –« + +»Und die haben Sie gelesen?« rief Asmus erschrocken. + +»Die haben alle an der Schule gelesen –« + +Asmus hätte in den Boden sinken mögen. »Das ist aber sehr unrecht von +Fräulein Wieselin,« rief er. + +»Warum?« fragte Hilde erstaunt. »Durfte sie sie nicht zeigen?« + +»Aber ich bitte Sie! Diesen Schund! Diesen Unsinn! Das ist ja +törichtes, kindisches Zeug –.« + +Hilde schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das glaube ich nicht,« sagte +sie. »Unreif mögen diese Gedichte sein, – aber es ist etwas drin.« + +Als ein Tänzer kam und sich vor Hilde verbeugte, lehnte sie ab. Sie +lehnte auch alle folgenden Einladungen ab, und bis zum Ende des Balles +saßen sie beide an demselben Tisch und plauderten. Er fühlte sich wohl +und glücklich; aber er merkte nichts. + +Und als das ganze »Künstlervolk« mit seinem Anhang nach dem letzten +Tanze in ein Café schwärmte, – morgens um vier Uhr in ein Café! Asmus +kam sich wie ein Roué vor, als er sich eine Schokolade bestellte, – da +schienen es beide selbstverständlich zu finden, daß sie wieder +beieinander saßen. Es war etwas Seltsames um ihre Unterhaltung. Sie +sagten natürlich »Sie« zueinander und »Herr Semper« und »Fräulein +Chavonne« (denn das »gnädige Fräulein« war damals noch nicht Mode), +und was sie sprachen, hatte die höfliche und respektvolle Form, die +unter wenig Bekannten zweierlei Geschlechts gebräuchlich ist; aber in +ihren Herzen war ein Glauben und Vertrauen, von dem sie selbst noch +nichts wußten; ihre Herzen sagten »Lieber Herr Semper« und »Liebes +Fräulein Chavonne«, ohne daß sie selber es hörten, und dieser +Gegensatz zwischen fremden Worten und vertrauter Meinung erfüllte +Asmussens Herz mit jener wohligen Spannung, wie sie in frühen Knospen +sein mag. Aber so dunkel, so wenig bewußt war dieses Gefühl, daß er +sich keinen Augenblick nach seiner Ursache fragte, es vielmehr ohne +Nachdenken genoß wie die Sonne eines Maientags. + +Als er früh gegen sechs eine Stunde weit nach Hause ging, fühlte er +nicht die leiseste Ermüdung; denn er war jung und war König. Aber als +er die ruhigen Atemzüge seiner schlafenden Eltern hörte, und als er +die Ärmlichkeit des elterlichen Hausrats betrachtete, da fiel es ihm +schwer aufs Herz, daß er Schauspieler werden sollte. + +Gleichwohl sprach er davon zu seinem Vater. Obwohl Ludwig Semper seit +längerem wieder von seinem alten asthmatischen Leiden geplagt wurde, +war doch seit Monaten Heiterkeit in all seinem Reden und Tun, ja +selbst in seinen Hustenanfällen und Atemängsten gewesen; denn nun war +seine zärtlichste Hoffnung der Erfüllung nah; in kurzem sollte Asmus +Lehrer sein und das Geschlecht der Semper sollte wieder emporkommen. +Wie die lächelnde Wehmut eines Sonnenunterganges ging es über Ludwig +Sempers Gesicht, als er hörte, daß Asmus, nahe dem Ziele seiner Bahn, +einen ganz neuen Weg voll jahrelangen Mühens betreten solle, und +obwohl er fühlte, daß er dann den Aufstieg seines Sohnes nicht erleben +werde, sagte er lächelnd: + +»Ja, – wenn Du meinst, daß Du Schauspieler werden mußt, – ich habe +nichts dagegen.« + +Und in dem Lächeln des schönen Angesichts war ein Scheiden vom +Liebsten und Letzten. Das Herz flog Asmus in den Hals, und er hatte +Mühe, die Tränen zurückzudrängen, als er rief: + +»Nicht doch, Vater, nicht doch! Ich werde ja nicht darauf eingehen! +Ich denke ja nicht daran!« + +Seiner Mutter sprach er nicht erst davon. Er mußte lächeln, wenn er +sich ihr ökonomisches Entsetzen ausmalte. Und sie hatte ja recht. + +Am Nachmittage sagte er es Dr. Kieselberg, seinem Wirte: »Meine Eltern +haben mich fünf Jahre lang unter den größten Sorgen und Mühen +erhalten, wenigstens zum großen Teil erhalten; jetzt ist es höchste +Zeit, daß ich sie unterstütze. Als Lehrer bekomme ich ein Gehalt von +1200 oder 1300 Mark, dann kann ich ihnen helfen; als Schauspieler +verdiente ich vorläufig wenig oder nichts. Ich würde die Hoffnung +meiner Eltern vernichten, und das ist ausgeschlossen.« + +»Nun, dagegen kann ich natürlich nichts sagen,« erwiderte Kieselberg. +»Ich hatte das Gefühl einer Pflicht; ich glaubte ein Unrecht zu +begehen, wenn ich Sie nicht auf den Weg zur Bühne wiese; aber wenn die +Dinge so stehen – das ist natürlich etwas anderes.« + +Als Asmus durch die wunderschönen Alleen vor dem Dammtor nach Hause +ging, war der Bühnentraum erloschen; das Schloß aus Rampenlicht und +Lorbeerduft war versunken, und an seiner Stelle ragte schon ein +anderes. Ein Wort seines Lehrers hatte ihn gestern befremdet. Er hatte +gesagt: + +»Jungens unterrichten, das können die andern auch.« + +War Unterrichten denn wirklich etwas, was jeder Beliebige konnte, +wenn er nur nicht allzu dumm war? Waren Schulmeister nicht genau so +gut Künstler wie Schauspieler? Konnte man nicht auch so unterrichten, +daß man unersetzlich war, so unersetzlich wie ein Künstler? So +wenigstens hatte er sich’s immer geträumt. Was war denn ein Lehrer, +wenn er nicht ein Künstler war? + +Und in den Wolken strahlte ein Schloß, das war aus Morgenlicht und +Kinderlächeln gebaut. + +Er blickte in die ragenden Bäume hinauf und dachte: Welch ein +wunderschöner Tag! Ein wahrer Sonntag! Zuerst beim Lehrer zu Mittag +gegessen – die fremde Küche hatte ihm zwar nicht geschmeckt, aber was +sagte das? Es war herrlich gewesen! – Nun dieser Weg unter hohen, von +weißem, weißem Schnee bedeckten Bäumen! Diese Kirche wird nur an +seltensten Feiertagen geöffnet. Ihr Altar ist die sinkende Sonne, und +ihr Gesang ist das Schweigen. Er dichtete im Gehen: + + Ich weiß es nun gewiß: + Es schwebt ein selig Leben + Schon über dieser Welt + Und ist uns schon gegeben. + + Ich weiß seit diesem Tag: + Es tönt Gesang und Reigen + Aus einer reinen Welt + In jedes tiefe Schweigen. + +Und endlich, wenn er zu Hause war, wollte er seinen Pestalozzi lesen. +Er kam heim und schlug ihn auf bei der »Abendstunde eines +Einsiedlers«. + +»O, meine Zelle, Wonne um dich her!« + +Das fügte sich gut zu dieser Stunde. Er schaute sich um in seiner +Kammer und dachte: + +O, meine Zelle, Wonne um dich her! + + + + +XXXIV. Kapitel. + +Bewegt sich zwischen Pestalozzi und Herrn Quasebarth. + + +Und er vergrub den Kopf in beide Hände und versenkte sich in die +heiligen Träumereien dieses unschuldsvollen Einsiedlers und Poeten, +den er liebte, wie man sonst nur lebendige Menschen liebt. Ja, das war +wahrhaftig ein Einsiedler unter den Tagesmenschen! Schon wiederholt +hatte Asmus diese Schrift gelesen, und immer hatte ihn eine +eigentümliche Scheu gehindert, tiefer in ihr Dunkel einzudringen, wie +man sich scheut, in ein Dickicht einzudringen, aus dem die Nachtigall +schlägt. Heute war die Nachtigall fortgeflogen, und er drang ein und +fand hinter dem Rankengewirr eine köstliche Architektur, die die +einfachen, großzügigen Grundlinien eines wunderbaren Baues zeigte. Da +stand, daß Leben und Menschsein ganz dasselbe ist in der Hütte und auf +dem Thron. Das aber haben die Menschen vergessen. Sie erziehen und +unterrichten nach tausenderlei äußeren und Tagesbedürfnissen, nach +Berufs- und Standesrücksichten, nach Eitelkeit und Vorteil. Und +vergessen, daß ein Mensch zuvor zum Menschen gebildet sein muß, eh’ er +etwas anderes wird. Aber zum Menschen kann man ihn nur von _seiner_ +Natur aus, von seiner Individualität aus machen, nicht von einer +allgemeingültigen Schablone aus. + +Das also war es: Nicht sollt ihr zum Kinde sagen: Das sollst Du werden +und das will ich aus Dir machen wie aus allen Deinen Genossen, sondern +ihr sollt fragen: Wer bist Du? Wie mach’ ich Dich zum Menschen? Welche +Wege sind in _Deiner_ Natur vorgezeichnet, die zu jenem Menschentum +führen, das _allen_ gemeinsam ist und aus dem alles andere von selbst +entsprießt? + +Das schälte sich heraus aus dem Aphorismengewirr des krausen und +dennoch geraden Denkers, und in diesem Geiste wollte Asmus sein Amt +führen. Im Geiste dieser Schrift wollte er wirken, dieser Schrift, die +in einem innigen, treuen Gottesglauben gipfelte, der nicht der +Gottesglaube der Semper war. An den sorgenden Vater glaubten die +Semper nicht. Aber das hatte Asmus seit langem empfunden, daß alle +Menschen an einen Gott glauben, wie verschieden sie ihn auch nennen. + + Es sagen’s allerorten + Alle Herzen unter dem himmlischen Tage, + +und Asmus hatte nie begriffen, warum man von den Atheisten glaubte, +sie hätten keinen Gott und könnten nicht fromm sein. + +So stellte er denn auch in dem bald beginnenden schriftlichen Examen +seinen Aufsatz nicht auf die Basis theistischer Frömmigkeit, die sonst +über so manche Prüfungen hinweghilft. Die jungen Leute sollten über +das Thema schreiben: + + »Vor jedem steht ein Bild dess’, das er werden soll; + So lang’ er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.« + +und die meisten Jünglinge erklärten Jesus Christus für das Idealbild, +das vor ihnen stehe. Nun gab es unter den Abiturienten gewiß keinen, +der den natürlich erzeugten Gottessohn von Nazareth inniger liebte als +er; aber den Ruf, daß er ein Jesus Christus oder etwas ihm Ähnliches +werden solle, vernahm er in seinem Herzen nicht. Er glaubte nicht, daß +die Welt durch Leiden erlöst werden könne; er fühlte wenigstens, wenn +er sich ehrlich fragte, daß er nicht gemacht sei, ohne Widerstand zu +leiden. Er knüpfte an die Ideenlehre Platos an und erklärte den +Unfrieden des Menschen aus der Sehnsucht nach seiner »Idee«, und er +setzte auseinander, was er für seine Idee, für die Idee des Menschen +im allgemeinen und für die des Asmus Semper im besonderen halte. Er +fand damit bei der vorurteilslosen Prüfungskommission nicht nur +vollste Anerkennung, sondern er hatte noch den Erfolg, daß ein +Mitglied dieser Kommission, ein alter Jurist, zu Beginn der mündlichen +Prüfung die Brille aufsetzte und rief: + +»Wo ist Herr Semper?« + +»Das ist nämlich ein Philosoph!« rief er den andern Herren zu. + +Asmus war hervorgetreten. + +»Sie sind Herr Semper?« + +»Jawohl!« + +»Sie sind ein Philosoph, mein junger Freund; ich habe Ihre Arbeit mit +herzlicher Freude gelesen; ich danke Ihnen.« + +Im übrigen ging es ihm wie »auf der Fortuna ihrem Schiff«, will sagen: +auf und ab. In der Lehrprobe vergriff er sich. Er sollte Ägypten +behandeln, dasselbe Ägypten, das er als kleiner Junge für eine Wiese +mit Störchen gehalten hatte. Und er verfuhr ganz nach der Regel: +Geographische Lage, Grenzen, Gestalt, Größe, Einwohnerzahl usw. usw. +Zum Nil kam er in der halben Stunde des praktischen Examens überhaupt +nicht. Als er fertig war, nahm ihn Murow, der Riese, beiseite. + +»Nun, me–in lieber Samper, wann man Äjüpten behandeln will, womit +fängt man dann wohl am basten an?« + +Da wußte er’s sofort. »Mit dem Nil,« sagte er. Und er hätte sich +ohrfeigen mögen, daß er, der die Schablone haßte, sich ihr so +gedankenlos und träge unterworfen hatte. Der Nil! das war der +Schöpfer des Landes, war eigentlich das Land selbst; der Nil war die +Individualität Ägyptens, von der man ausgehen mußte, wenn man sich +rühmte, ein Jünger Pestalozzis zu sein! Er empfand eine tiefe Scham +darüber, daß er so ahnungslos in Ketten ging, deren er gespottet +hatte. + +Und im schriftlichen Chemie-Examen hatte er eine Arbeit von grotesker +Unzulänglichkeit geliefert. Er hatte einst die Chemie mit allem Feuer +der Jugend geliebt; aber Herrn Quasebarths Chemie hatte darin +bestanden, daß er aus einem ehrwürdigen Heft ablas, dessen verblaßte +Schrift er zuweilen selbst nicht mehr entziffern konnte. »Man nehme +einen Probierzylinder und fülle ihn zur Hälfte mit Braunstein –« las +Herr Quasebarth; aber er nahm keinen. Stelling, der Skrupellose, hatte +ihm eines Tages einen furchtbaren Limburger Käse unter den Pultdeckel +gelegt, so daß seine Nase jedesmal, wenn sie ins Heft tauchen wollte, +entsetzt zurückfuhr. Nachdem er sich wiederholt vergeblich erkundigt +hatte, woher der »abscheuliche Geruch« stamme, und Stelling bemerkt +hatte, daß er ihn sich auch nicht erklären könne, »da hier doch nie +experimentiert werde«, entdeckte er schließlich die Ursache; aber er +ging ungeheilt von dannen. + +So hatte denn Asmus seit langem nicht mehr zugehört, in der +Chemiestunde lieber Gedichte gemacht und beim Examen einen fast +unberührten weißen Bogen abgeliefert. Das war aber Herrn Quasebarth +in die Glieder gefahren; denn er sagte sich, daß der chemische +Durchfall eines Schülers wie Asmus Semper vom Prüfungs-Kollegium als +ein Durchfall des Herrn Quasebarth empfunden werden müsse. Er beschwor +also Sempern in einer vertraulichen Unterredung, doch ja bis zum +mündlichen Examen noch »tüchtig zu repetieren«, damit er die Scharte +auswetze. Semper genierte diese Scharte gar nicht; denn er hatte sich +längst vorgenommen, später auf eigene Hand Chemie zu treiben; aber er +versprach sein Möglichstes. + +Und wiederum hob ihn das Schiff der Fortuna in der Mathematik so hoch, +daß er die erste Zensur erwischte, während Mollwitz, der Magister +Matheseos, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde: »das einseitige +Prisma«, durch einen reinen Zufall nur den zweiten Grad errang. Dieses +Erfolges konnte Asmus nicht recht froh werden; denn die Sache war +nicht ganz in der Ordnung. Daß Glücksgüter vom Zufall verteilt wurden, +das wußte er; aber auch geistige Ehren? Kam das auch sonst im Leben +vor? Das _sollte_ nicht vorkommen. + +Aber er sollte noch was ganz anderes erleben. Am Abend vor der +mündlichen Prüfung entschloß er sich nach schwerem Zögern, ein +Lehrbuch der Chemie zur Hand zu nehmen, damit Quasebarth nicht wieder +durchfalle. Er las auch das Kapitel von der Methylwasserstoffreihe, +dann aber griff er energisch nach Zolas Conquête de Plassans, die er +wesentlich anziehender fand. Denn sich ein Wortwissen ohne Anschauung +und Übung in den Kopf zu pfropfen, das war ihm von jeher ein Greuel +gewesen. + +Die Stunde der chemischen Prüfung kam und mit ihr Herr Quasebarth, der +an Leib und Seele immer denselben grauen Rock trug. + +»Na, mein lieber Semper,« sagte er mit einem lockenden Lächeln, +»erzählen Sie uns mal, was sie von den Methylwasserstoffen wissen!« + +Und siehe da: Asmus Semper redete wie ein junger Liebig; denn heute +wußte er noch sehr gut, was er gestern gelesen hatte. + + + + +XXXV. Kapitel. + +Asmus wird im Examen gepufft und getreten und ist unzufrieden, aber +sehr glücklich. + + +Und so kam er denn mit allen Ehren und ohne Schaden durch das Examen, +wenn man von einigen blauen Flecken an seinem linken Fuße und in der +linken Rippengegend absah. Diese Flecke rührten wieder von Seybold +her, von demselben Seybold, der ihn als »Schäflein« wegen seiner +»Inkollegialität« und seiner »Anmaßung« so bieder gehaßt hatte. Das +mathematische Examen hatte Seybold sehr glatt bestanden. Seybold +konnte nicht einmal ein Dreieck berechnen; aber während der +schriftlichen Prüfung wandelte einen Freund von ihm ein Bedürfnis an, +und der Freund ging hinunter und deponierte an einem dunklen Orte die +Lösung aller Aufgaben. Nach einer halben Stunde hatte Seybold +merkwürdigerweise auch ein Bedürfnis. + +»Muß es denn sein?« fragte argwöhnisch der die Aufsicht führende Herr +Rothgrün. + +»Ja, ich hab’n Durchfall,« erklärte Seybold. + +»Aber damit hätt’ es ja noch Zeit gehabt,« schmunzelte Herr Rothgrün +wohlwollend. »Nun, gehen Sie nur.« + +Seybold ging hinunter, »fand die Lösung«, dachte »Heureka«, +beantwortete solchermaßen durch Vorspiegelungen der Verdauungsorgane +Fragen, die eigentlich an das Gehirn gerichtet waren, und half sich +mittels eines Durchfalls durchs Examen. Zunächst durchs mathematische. + +Bei den Klausuraufsätzen saß Seybold wieder neben Semper, und als +dieser gelegentlich einen Blick in die Papiere seines Nachbarn warf, +sah er, daß dieser wörtlich von ihm abschrieb. + +»Mensch, bist du des Teufels?« flüsterte Asmus. »Das muß ja +herauskommen. Schreib’ wenigstens auch von anderen ab.« + +Seybold sah das ein und schrieb die andere Hälfte der Arbeit von +seinem Vordermann ab; denn er hatte einen weiten Blick. + +»Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben,« hatte Korn gesagt. + +Nur dies verdammte mündliche Examen! Da konnte man nicht sagen: +»Erlauben Sie, daß ich austrete!« Und wenn Asmus blind und taub +gewesen wäre, so würde er das Nahen des Examinators doch immer +rechtzeitig erfahren haben; denn wenn dieser noch drei Schüler weit +entfernt war, begann Seybold schon wie ein Räder-, Walzen- und +Kolbenwerk zu treten, zu puffen und zu zischen: »Sag’ mir zu! Sag’ mir +zu!« und so trug Asmus Semper Seyboldens Reifezeugnis auf dem Leibe +davon. + +Auch Seybold bestand wiederum das Examen, und der ganze praktische +Unterschied bestand darin, daß er ein Anfangsgehalt von 1200 Mark, +Asmus aber ein solches von 1300 Mark erhielt, worin Seybold eine große +Ungerechtigkeit erblickte. + +1300 Mark! Insofern war Asmus sehr zufrieden; denn unbegrenzte +Möglichkeiten lagen in dieser Summe. Aber wenn er den verflossenen +Lebensabschnitt überblickte – was rechtfertigte eigentlich das +»glänzende Examen«, das er nach der allgemeinen Ansicht gemacht hatte? +Die Kollegen hatten ihm erzählt, was der Schulrat Korn vor einer +anderen Abteilung der Prüflinge über ihn gesagt hatte, und darüber +freute er sich zwar von Herzen; aber eigentlich war ihm alles das ein +großes Rätsel, ein Wunder: denn ihm waren diese verflossenen drei +Jahre eine zerstörte Illusion. Was hatte er sich von diesen Jahren +versprochen an geistigem Aufschwung! Und wie bitter-bitter-wenig hatte +er vor sich gebracht. Er hatte überhaupt nicht das Gefühl, daß er +geistig gewachsen wäre. Wiederum hatte er, wie schon öfter, die +Empfindung, daß die Menschen merkwürdig wenig von ihm verlangten, +viel, viel weniger, als er selbst von sich zu fordern pflegte. + +Nur wenn er die beiden »Alten« betrachtete, war er _ganz_ glücklich. +Die solltens jetzt besser haben. Frau Rebekka lief mit ihren +sechzigjährigen Beinen wie ein Wiesel immer von einem Zimmer ins +andere und sang: + + »Nach Sevilla, nach Sevilla! + Wo die letzten Häuser stehen, + Sich die Nachbarn freundlich grüßen, + Mädchen aus dem Fenster sehen, + Ihre Blumen zu begießen, + Ach, da sehnt mein Herz sich hin!« + +und wie in seiner früheren Kindheit sah Asmus bei dem Wort »Sevilla« +einen freien Platz mit Häusern, auf den eine unendlich goldene Sonne +und ein unendlich helles, unendlich stummes Feiertagsglück +herabschien. + +Und dabei dachte Rebekkens Herz gar nicht an Sevilla, was schon daraus +hervorging, daß sie im nächsten Augenblick sang: + + »Herr Junker, lat hee mit tofred’n, + rudiridiridirallalla, + Ick mutt min Swin to freten ge’m, + rudiridiridirallalla! + +Das war nämlich das Bruchstück eines Liedes, in dem ein Junker seiner +Magd mit Liebesanträgen nachstellt, die diese dann mit der +einleuchtenden Begründung zurückweist, daß sie ihren Schweinen zu +fressen geben müsse. Die Schweine gehen vor, das mußte der Junker +einsehen. Aber auch an Junker, Magd und Schweine dachte das singende +Herz der Rebekka nicht; es dachte an den Triumph des Sohnes, an den +leckeren Pfannkuchen, den sie ihm backen wollte, und an den besseren +Rock, den ihr Gatte nun bekommen sollte; denn es gab ihr einen Stich +ins Herz, wenn der stattliche Mann in abgetragenem Gewande ging. »Er +fragt ja nichts danach,« klagte sie kopfschüttelnd. + +Aber auch Ludwig Semper wollte sich diesmal einen Extragenuß +vergönnen. Heute war Dienstag, und am Freitag gab es »Lohengrin« im +Theater. Diesmal wollte er _wirklich_ hin. + +»Aber nun tu’s auch!« riefen Asmus und Rebekka wie aus einem Munde. + +»Ja, ja – natürlich!« beteuerte Ludwig. + +Am Mittwoch sagten Asmus und seine Mutter wieder: »Geh nun aber auch +wirklich hin!« + +»Gewiß, gewiß!« sagte Ludwig. + +Am Donnerstag sagten sie: »Wirst du nun auch nicht wieder sagen: ’Ach, +wozu soll ich hingehen?’« + +»Nein, nein – wenn ich’s doch sage!« + +Er war auch am Freitag mittag noch fest entschlossen und freute sich. +Als er um sechs Uhr noch keine Miene zum Aufbruch machte, rief Frau +Rebekka: + +»Du, du – du mußt jetzt gehen.« + +»Ach, ich hab mir’s anders überlegt,« sagte Ludwig. »Was soll ich da.« + +Ja, was sollte er da. + +Erstens war sein Asmus nun am Ziel, und das war ein Glück, das +eigentlich für den Rest seines Lebens allein ausreichte und das er +jedesmal neu genoß, wenn Asmus den Blick wegwandte und er ihn +ungestört betrachten konnte. + +Zweitens hatte er am Lohengrin schon so viel Vorfreude genossen, daß +eine Steigerung nicht mehr denkbar war. + +Und drittens tauchten auf der grauen Wand vor seinem Zigarrentische, +sobald er befahl, alle Sagen der Vorwelt auf, nicht die vom +Schwanenritter allein, und belebte sich der stauberfüllte Raum mit +Klängen, die an kein irdisches Instrument und keine menschliche +Schrift gebunden waren. + +Frau Rebekka war gründlich böse und schalt. »Ich versteh den Mann +nicht,« rief sie. + +Asmus verstand ihn. Er dachte daran, daß er nun bald als Lehrer vor 60 +Kindern stehen werde; er blickte von der Seite her in des Vaters Auge, +in dem die Abendsonne liebend verweilte, und er verstand es, daß man +selig sein kann im Glück seiner Träume. + + + + +Drittes Buch + +Kampf und Liebe + + + + +XXXVI. Kapitel. + +Was für ein Mann Herr Drögemüller war und was für Lieder deutsche +Kinder singen. + + +Der erste Eindruck, den Asmus Semper von Herrn Drögemüller, seinem +Hauptlehrer und Vorgesetzten, empfing, war nicht übertrieben +verlockend. Der Kopf des Mannes glich einer stark vergrößerten +Billardkugel, der man einen Rettichschwanz als Bart angeheftet und die +man im übrigen noch mit einer blauen Brille geschmückt hat. Nase, Mund +und Stirn wären in jedem Signalement als gewöhnlich bezeichnet worden. +Herr Drögemüller kanzelte gerade einen kleinen, kümmerlich +dreinschauenden Buben ab, weil er auf Holzpantoffeln zur Schule kam. +Er behandelte das gleichsam wie einen moralischen Defekt, dessen man +sich zu schämen habe, und erklärte dem verschüchtert dastehenden +Kinde, wenn das noch einmal vorkomme, werde er ihm einen »Tadel in +Ordnung« geben. + +»Wenn man das hingehen läßt,« sagte Herr Drögemüller, »dann kommen +immer mehr mit Holzpantoffeln, und man kann das Geklapper auf den +Treppen nicht mehr aushalten.« + +Asmus hatte auf der Zunge, zu sagen: »Aus Übermut trägt wohl der +Mensch keine Holzklötze an den Füßen; Stiefel sind ihm ohne Zweifel +bequemer, wenn er sie hat«; aber er wollte sich nicht gleich +opponierend einführen und sagte deshalb nur: + +»Gibt es nicht einen Verein, der solche Kinder mit Stiefeln versorgt?« + +»Gewiß!« versetzte der Hauptlehrer; »ich könnte ihm ein Paar Stiefel +anweisen; aber seine Mutter, das ist eine ganz Renitente. Als ich ihr +sagte, sie solle den Jungen doch taufen lassen – getauft ist er +nämlich auch nicht – da sagte sie, das täte ihr Mann nicht, und was +ihr Mann wolle, daß wolle sie auch.« + +»Hm,« machte Asmus. Ein Pestalozzi war dieser Mann nicht, das war +schon festgestellt. + +Er unterschied sich insofern vorteilhaft von dem »Schulmeister von +Stanz«, als er sauber und ordentlich gekleidet war; aber es war +Ordnung ohne Geschmack und Gefälligkeit, eine Ordnung mit +schlechtsitzenden Hosen und kreuzweis geknoteten Bindeschlipsen, und +als Asmus wie hypnotisiert die Karrees des grauen Rockes betrachtete, +da las er unaufhörlich 1 × 1 × 1 × 1 × 1 × 1 .... + +Nein, ein Dichter, wie der unordentliche Verfasser von »Lienhard und +Gertrud« war dieser Mann gewiß nicht, »Abendstunden eines Einsiedlers« +träumte er sicherlich nicht; aber das konnte man auch schließlich +nicht verlangen, und als er die Papiere des ihm von der Behörde +zugewiesenen Jünglings eingesehen hatte, bemerkte er sogar +liebenswürdig, er beglückwünsche sich, einen Mann von solchen +Fähigkeiten gerade an der »ihm unterstellten« Schule angestellt zu +sehen. + +Wie ganz anders ward Asmussen ums Herz, als er sich wenige Tage später +mitten in einen Garten von sechzig jungen Menschenpflanzen gestellt +sah, wo sechzig lebendige Brünnlein aus roten Lippen sprangen. In +einem Punkte freilich hinkte der Vergleich mit einem Garten +bedenklich: die Pflanzen haben die gute Gewohnheit, ihren Ort nicht +willkürlich zu verändern; diese Menge von Kindern aber war in ihren +Bewegungen höchst willkürlich, und Asmussen kam es vor, als habe er +einen Topf voll Mäuse zu hüten und müsse aufpassen, daß keine über den +Rand springe. Einige zwar saßen bang und verschüchtert da; sie mochten +ein unerhört Neues, ein fürchterlich Geheimnisvolles erwarten und +waren vielleicht mit der Vorstellung gekommen, daß der Bakel +unaufhörlich durch die Schulstube sause wie die Sense des Mähers übers +Feld; denn es gibt Eltern, die die Arbeit des Lehrers liebevoll +vorbereiten, indem sie Kindern, die sie nicht bändigen können, mit der +Aussicht drohen: »Na, warte nur, wenn du zur Schule kommst! Der Lehrer +wird dich schon bläuen.« Aber sobald diese Beklommenen merkten, daß +der »Herr Lerrer« kein Menschenfresser sei und sogar großartigen +»Spaß« mache, zogen gerade sie die weitesten Konsequenzen und gingen +über Tisch und Bänke. Und sieh, da schritt schon einer festen +Schrittes auf die Tür zu. + +»Wohin?« fragte Asmus. + +»Ich will’n büschen ’raus!« versetzte das Bürschchen unbefangen. + +»Was willst du denn draußen?« + +»Och, ’n büschen spielen.« + +»Ja, Mensch, so allein spielen, das macht doch keinen Spaß. Wart’ nur +noch einen Augenblick, dann gehen wir alle hinaus und spielen »Jäger +und Hund«. + +Das leuchtete dem Flüchtling ein. »O djä!« rief er, senkte beide +Fäustchen in die Hosentaschen und ging wieder auf seinen Platz. + +»Du, ich hab’ Limburger Käse aufs Brot!« rief eine Stimme aus dem +Hintergrunde. Asmus ging hin und äußerte seine teilnehmende +Begeisterung über den Limburger Käse. Natürlich mußte er jetzt den +Inhalt zahlloser Frühstücksdosen bewundern. + +»Ich hab’ Leberwurst auf’m Brot!« »Ich hab’ ’ne Apfelsine!« »Ich hab’ +Schokolade!« schrie es durcheinander. + +»Ihr könnt wohl lachen!« sagte Asmus. »Meine Mutter hat mir keine +Schokolade mitgegeben.« + +»Da!« Ein Junge sprang aus der Bank und hielt ihm ein Stück Schokolade +hin. + +Asmus dankte gerührt, löste das Papier von der Schokolade und wollte +sie dem Geber in den Mund schieben; der aber lehnte entschieden ab. + +Da sah Asmus zwei brennende Augen in verzehrendem Verlangen auf sich +gerichtet; es waren die Augen eines dürftig gekleideten, blassen +Bürschchens. + +»Soll _er_ sie haben?« fragte Asmus den Spender. + +Der nickte eifrig ja, und begierig griff der Verlangende nach der +köstlichen Leckerei. + +Um den Schwarm endlich zu beruhigen, sagte Asmus: »Soll ich euch mal +’ne Geschichte erzählen?« + +»O ja, man zu, man zu!« schrien sie durcheinander. Und er erzählte +ihnen das Ur- und Anfangsmärchen vom Rotkäppchen, das sie alle +verstehen und das sie beim hundertsten Male ebenso gern hören wie beim +ersten Male. + +Als er mitten im Erzählen war, kam ein Junge aus der Bank heraus, ging +auf Asmussen zu, ergriff dessen Hand und sagte: + +»Du, ich mag dir gerne leiden.« + +»Soo?« sagte Asmus; »Junge, das ist ja prachtvoll; ich dich auch; aber +dann mußt du jetzt auch ganz still sitzen bleiben und zuhören!« + +»Ja,« erklärte der Kleine überzeugt und ging ruhig wieder an seinen +Platz. + +Für einen andern aber hatte Asmussens Erzählung offenbar keinen Reiz. +Er erhob sich und steuerte geraden Wegs auf die Tür zu. + +»Was willst du denn?« fragte Asmus. + +»Ick will noh Hus,« lautete die sehr entschiedene Antwort. + +»Jä, dat geiht ober nich; du muß noch’n bitten hierblieben.« + +Der kleine dicke Bursche explodierte in einem furchtbaren Geheul. + +»Ick will ober noh Huuus!« brüllte er. + +»Wat wullt du denn dor?« + +»Ick will bi min Mudder sin!« + +»Minsch, de Klüten (Klöße) sünd jo noch gornich fertig.« + +Der Kleine nahm die Fäuste von den Augen und starrte ihn sprachlos an. + +»Du wullt wull gern Klüten un Plum’n (Pflaumen) eeten, wat?« fragte +Asmus. + +»Jo,« versetzte der Kleine, von so viel Verständnis seiner Seele +überrascht. + +»Jä, Hein, de sünd jo noch gornich gor! Bliev man noch’n bitten +sitten; ich segg Di denn Bescheed, wenn din Mudder se fertig hett.« + +Auf diesen Kontrakt ging Heinrich Lohmann ein und verfügte sich +langsam wieder an seinen Platz. + +Als die Geschichte zu Ende war und die Geisterchen wieder nach allen +Himmelsrichtungen anseinanderfielen, sprach er: + +»Nun paßt aber mal auf, was jetzt kommt!« + +Sie waren plötzlich still. + +Mit geheimnisvollen Mienen ging Asmus an einen Schrank. + +»Was ich wohl hier im Schrank habe!« sagte er. + +»Frühstück!« + +»Nein.« + +»Schokolade!« + +»Nein.« + +»’n Bilderbuch!« + +»Nein. In diesem Schrank hab’ ich einen Vogel; wenn man den +streichelt, dann singt er.« + +»Oooh – laß ihn mal ’raus!« riefen einige. + +»Ja, ich will ihn mal herauslassen.« Er öffnete den Schrank und nahm +einen Geigenkasten heraus. + +»O, ich weiß, Herr Lehrer, ich weiß!« riefen ein paar Gescheite. + +»Pst! Nichts verraten! Das ist das Vogelbauer. Paßt gut auf, daß er +nicht herausfliegt,« sagte er zu den Nächsten, und sie spreizten die +Händchen und öffneten die Mäulchen, als wollten sie den Flüchtling mit +Mund und Händen auffangen. Die Hintensitzenden stiegen auf die Tische +und reckten die Hälse. Asmus öffnete den Kasten und nahm Geige und +Bogen heraus. + +»Hurra – hallo,« schrien sie alle; aber dann wurden sie noch stiller +als zuvor, und nun hatten alle die Schnäbel offen. + +Asmus setzte den Bogen an und spielte einen raschen Lauf vom kleinen #g# +bis zum dreigestrichenen. + +Da waren sie plötzlich wie »voll süßen Weins«, sie gingen über Tisch +und Bänke, hopsten, sprangen und faßten sich an und tanzten. + +»Was soll ich nun ’mal spielen« fragte Asmus. + +Ach, was mußte er da für Erfahrungen machen! Einige nannten ein paar +Spiellieder, die sie in einem Kindergarten gelernt hatten; die meisten +aber nannten Gassenhauer und Operettenmelodien, die auf die Drehorgel +gekommen waren. Ein rechtes, gutes Volkslied nannte nicht einer; denn +das deutsche Volkslied wird im deutschen Hause nicht mehr gesungen. + +Asmus erzählte ihnen von dem Häslein, das der Jäger totschießen +wollte, und dann sang er: + + Als der Mond schien helle, + Kam ein Häslein schnelle, + Suchte sich sein Abendbrot, + Hu, ein Jäger schoß mit Schrot. + +Er sang, wie das Häslein den Mond bat, sein Licht auszulöschen, und +wie es dem Jäger entkam. + + Häslein ging zur Ruhe, + Zog aus Rock und Schuhe, + Legte sich ins weiche Moos, + Schlief wie auf der Mutter Schoß. + +und die Lieblichkeit von Wort und Weise, die Unschuld der Kindertage, +da er sie zuerst gesungen, die Schönheit der Stunden, da er sie bei +Meister Bruhn gehört und gegeigt, und die saugende Andacht all dieser +reinen Augen, die durstig an seinen Lippen hingen, überströmten sein +Herz mit einem so überschwenglichen Glück, daß ihm die Augen feucht +wurden. + +»Nun will ich’s einmal spielen,« sprach er und spielte das Lied. + +»Wollt ihr jetzt ’mal mitsingen?« + +Jubelnd ergriffen sie diesen Vorschlag. + +Und alle sangen sie mit. Ei, ei, ei, war das eine Musik! Es klang noch +ganz furchtbar. Aber sie fanden es schön, und am eifrigsten sang Peter +Brandenburg, dessen Gehör und Stimme nur einen einzigen Ton hatten, +und der klang wie das Surren einer Hummel, die man in eine Schachtel +eingesperrt hat. + +»Wer will mir nun ’mal was vorsingen?« fragte Asmus. + +Manche getrauten sich nicht; aber die meisten hielten mit ihrem Talent +nicht zurück und sangen frisch von der Leber weg. + + »Denke dir, mein Liebchen, + Was ich im Traume geseh’n« + +oder + + »Dat Scheunste, wat man hett, + Dat is so’n Zigarett’« + +oder + + »Ach, mein Schreck, ach, mein Schreck! + Meine teure Hulda ist weg!« + +nein, so viel Asmus auch horchte und forschte und hoffte, er hörte +nichts Gutes, Schönes, Gesundes. Wohl aber begann ein Bürschlein +frisch und frei ein ausgesprochenes Zotenlied zu singen. + +»Genug, genug!« rief Asmus und hieß das Kind schweigen. Dies Lied, von +frischen Kinderlippen ahnungslos gesungen, hatte ihm einen furchtbaren +Eindruck gemacht. Die Schule lag in der Hafengegend; unter ihrem +Publikum gab es mancherlei Armut und Verwahrlosung, und unter den +Schülern waren auch Kinder »anrüchiger« Straßen. + + + + +XXXVII. Kapitel. + +Herr Drögemüller als Einkassierer des Schicksals. + + +So groß sein Mitgefühl mit den Kindern der Enterbten und Verachteten +war, so schien ihm doch seine Aufgabe um so schöner und lockender, je +schwieriger sie war. Die wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« +Familien erziehen, das war keine Kunst – so dachte er wenigstens +damals; er sollte noch anders darüber denken lernen – aber hier galt +es, Knoten zu lösen und Hindernisse zu überwinden. Und schon nach +wenigen Tagen sollte ihn ein »Riesenerfolg« in seinem Glauben an sein +Werk bestärken. Am vierten oder fünften Tage seines Lehrertums kam +Herr Drögemüller mit einer Liste in die Klasse und fragte: »Ist +Heinrich Lohmann hier?« + +Jawohl, Heinrich Lohmann war _da_; es war derselbe, den am ersten Tage +die Sehnsucht nach den Klößen seiner Mutter ergriffen hatte und der +dies Gefühl in reinstem Plattdeutsch unverhohlen zum Ausdruck gebracht +hatte. Er gehörte in eine Nachbarschule und war irrtümlich in Sempers +Klasse gekommen. + +»Du gehörst in eine andere Schule, mein Sohn,« sagte Herr Drögemüller. +»Pack’ deine Sachen und komm mit.« + +»Nee,« sagte Heinrich Lohmann munter, »ick will hier blieben.« Selbst +Herr Drögemüller mußte lachen. + +»Ja, mein Junge, das geht nicht,« sagte er, »komm nur schnell.« + +»Ick will ober leever hier blieben,« wandte Lohmann mit schwächerem +Widerstande ein. + +»Na, nu’ mach flink, Junge, mach flink!« drängte der Hauptlehrer. + +Lohmann packte widerstrebend seine Sachen und folgte Herrn +Drögemüller; aber als er nun Sempern die Hand zum Abschied geben +sollte, warf er alles, was er trug, auf den Boden, umklammerte +Asmussens Bein und schrie: »Ick will bi di blieben! Ick will bi di +blieben!« + +Asmussen wurde es wunderlich ums Herz. + +»Kann er denn nicht hier bleiben?« fragte er den Hauptlehrer. +»Vielleicht kann ja ein anderer – –?« + +»Nein, das geht nicht!« versetzte Drögemüller kurz. »Er wohnt ja nicht +in unserm Bezirk. – Jetz komm, Junge, sonst – –« + +Asmus klopfte dem Kleinen die Wangen und sagte: »Na, Heinrich, dann +geh nur mit. Wenn die Schule aus ist, besuchst du mich mal, was? Und +ich besuch’ dich auch mal, ja?« + +Da gab sich Heinrich Lohmann zufrieden, sammelte unter Tränen seine +Bibliothek zusammen und schlich davon. + +Asmus Semper war glücklich. Also schien ihm die Kraft gegeben zu sein, +die Herzen der Kinder zu gewinnen, und darüber war er unsäglich froh. +Überhaupt lebte er wie in einem Rausche. Diese tausendfältigen, +rückhaltlosen Offenbarungen der Kindesseele überwältigten seine +Beobachtungskraft; er wußte nicht, wie er diesen Reichtum in die +Scheuern bringen und verwerten sollte. Und viel zu früh schloß er den +Kindern den Mund durch regelrechten Unterricht; seine Taten hinkten +noch weit hinter seinen Ideen her. Er hätte noch länger die Eigenart +jedes einzelnen Kindes hervorlocken sollen, wenn er den Wegen +Pestalozzis folgen wollte; aber er fürchtete, die Kinder würden nicht +lernen, was sie nach dem »Pensum der Klasse« lernen sollten, wenn er +nicht den stundenplanmäßigen Unterricht beginne. Herr Drögemüller +hatte sich ohnedies schon bemerkbar gemacht. Als Asmus eines Tages +einen Knaben ein Märchen erzählen ließ, war Herr Drögemüller, der es +nicht für ein Gebot der Höflichkeit hielt, anzuklopfen, in die Klasse +getreten, hatte durch seine blaue Brille auf den an der Wand hängenden +Stundenplan geblickt und gesagt: + +»Sie haben jetzt eigentlich Rechnen, nicht wahr?« + +»Jawohl,« hatte Asmus gesagt. + +»Hm,« hatte dann Herr Drögemüller gesagt, und er war wieder +hinausgegangen. – – Ja, Asmus war glücklich; aber wie es das Schicksal +gewöhnlich mit ihm gehalten hatte, so tat es auch diesmal; von dem +vollen, hundertprozentigen Glück, das es ihm gegeben, zog es neunzig +Prozent Wucherzinsen ab, und der Exekutor, der die neunzig Prozent +einkassierte, war diesmal Herr Drögemüller. + +Herr Drögemüller war Junggeselle, und so hatte er zu viel Zeit für +seinen Beruf. Man hat immer dann zu viel Zeit für seinen Beruf, wenn +man sie zur Auffindung neuer und fruchtbarer Gedanken aus einem +gewissen inneren Mangel nicht anwenden kann, sie vielmehr mit der +Erfindung immer neuer Reglements-Paragraphen verbringen muß. Jedesmal, +wenn Herr Drögemüller ein paar freie Stunden gehabt hatte, trug +alsbald danach ein Knabe durch alle Klassen eine Verfügung, unter die +jeder Lehrer sein »#Vidi#« setzen mußte. Herr Drögemüller wußte aus +der Arithmetik, daß, wenn man unablässig addiert, zuletzt eine hohe +Summe herauskommen muß, und so hoffte er durch unermüdliche +Hinzufügung von »Verbesserungen« seine Schule auf den Gipfel der +Vollendung zu bringen. Wenn ihm aber jemand mit umwälzenden Methoden +oder gar mit neuen Lehrzielen kam, dann bekam er Entrüstung mit +Fieber. Welche Anmaßung, wenn ein Lehrer es besser wissen wollte als +Drögemüllers Seminardirektor! Seine Berufsanschauung ruhte auf drei +Axiomen als auf drei unerschütterlichen Säulen: + + 1. Die Alten sind klüger als die Jungen. + + 2. Die Toten sind klüger als die Lebendigen. + + 3. Die Vorgesetzten sind klüger als alle. + +und seine Berufsanschauung war auch seine Weltanschauung; denn er war +der Meinung, ein Lehrer habe sich weder um Kunst und Literatur, noch +um Politik, noch sonst um etwas anderes als allein um seinen Beruf zu +kümmern. + +Er verbrachte denn auch seine Tage am Schreibtisch seines Bureaus; +seine Wohnung war eigentlich nur Schlafstelle, und in seiner +bescheidenen Bibliothek stand kein neues Buch. Trotzdem hielt er sich +für einen gewissenhaften Beamten. + +Daß er mit diesem Mann nicht lange in Frieden leben werde, davon hatte +Asmus eine deutliche Ahnung. Schon wenn er ihn sprechen hörte, wurde +ihm unbehaglich. Er war immer so empfindlich gewesen für menschliche +Stimmen; die Stimme war ihm der Mensch, und besonders wahr und schön +war’s ihm immer erschienen, daß der wahnsinnige Lear von der Stimme +der toten Cordelia sprach. Drögemüller aber heulte durch die Nase und +sprach, als wenn er einen zu schmal gewölbten Gaumen hätte. + +Gleich am ersten Tage sah Asmus etwas, was ihn geradezu erschreckte. +Kinder während der Schulpause – das war ihm immer ein Bild befreiter, +sprudelnder Jugendlust gewesen. Es war ihm gar nicht der Gedanke +gekommen, daß das anders aussehen könne. Und hier sah er die Kinder, +zu Vieren geordnet, langsam hintereinander hertappen, wie Gefangene, +die man gerade so viel lüftet, wie zur Erzielung einer guten +Gesundheitsstatistik unbedingt erforderlich ist. Und in der Mitte des +Schulhofs ging ein Lehrer auf und ab, der darauf achten mußte, daß +keiner aus der Reihe trat. Nun bemerkte Asmus freilich bald, daß der +größere Teil des Kollegiums die Verfügung des Chefs nicht mehr +sonderlich ernst nahm; die Herren ließen denn auch den spazierenden +Kindern die Zügel leidlich locker. Dann freilich tauchte gelegentlich +Herr Drögemüller auf und verwies laut scheltend die zuchtlosen +Elemente in ihre Reihen zurück, um dem Aufseher zu demonstrieren, daß +er seine Pflicht verletze. Die Herren, meistens ältere, wohlverdiente +und zum Teil ihrem Chef bei weitem überlegene Männer, aßen ihr +Frühstück ruhig weiter und taten nach wie vor, was sie für gut +hielten. Aber jetzt waren drei junge Herren ins Kollegium gekommen, +und die wollte Herr Drögemüller gleich richtig an die Kandare nehmen, +damit sie ihm nicht über den Kopf wüchsen. + +Als Asmus zum erstenmal die Aufsicht führte, freute er sich über +jeden, der die Ordnung der Sektionen verließ. Aber siehe, schon war +Herr Drögemüller da und heulte durch die Nase und trieb die +Schwarmgeister an ihren Platz. + +»Das geht aber nicht, Herr Semper; achten Sie bitte strenge darauf, +daß die Schüler zu vieren gehen.« + +»Ja, da kann dann freilich von Erholung nicht mehr die Rede sein,« +bemerkte Asmus. + +»Ooh, das wollen wir doch nicht sagen!« + +»Ja, für siebzigjährige Spittelleute mag das ja eine genügende +Erholung sein; aber junge Körper, wenn sie stundenlang in der Bank +gesessen haben, wollen sich gehörig tummeln und die Lungen +reinpumpen.« + +»Herr Semper, wenn wir das einreißen ließen, dann würden wir jeden Tag +blutige Nasen und gebrochene Gliedmaßen und hinterher die Klagen der +Eltern haben.« + +»Herr Drögemüller, wir haben uns als Jungen auf dem Schulhof +geschlagen wie Hunnen und Nibelungen, und blutige Nasen habe ich mehr +als eine davongetragen; ich habe aber Blut genug übrig behalten, +vielleicht noch zuviel. Nach Ihren Grundsätzen müßte man den Kindern +das Spiel überhaupt verbieten; denn Unfälle, sogar tödliche, sind +freilich niemals ausgeschlossen.« + +»Was anderswo passiert, ist mir einerlei, in _meiner_ Schule soll aber +so etwas nicht vorkommen, und darum muß ich darauf dringen, daß meine +Anordnungen befolgt werden.« + +In Asmus wirbelte etwas empor; aber der Vorgesetzte hatte bereits den +Rücken gewandt und war gegangen. + + + + +XXXVIII. Kapitel. + +Schon wieder gibt es einen Zusammenstoß. + + +Sempern erfüllte ein seltsam unbehagliches Gefühl. Sollte ein Lehrer +sich wie ein Handlanger traktieren lassen? Sein aufbrausendes Blut, +das sich schnell über jedes Unrecht empörte, wollte ihn zu offener +Auflehnung fortreißen. Dazu kam, daß seine Jugend, wenn auch nicht von +revolutionärem Sinn, so doch von revolutionären Gedanken genährt war. +Er hielt es noch immer mit den Tyrannenmördern und Volksbefreiern. +Aber andrerseits hatte er zu viel klaren Verstand, um an eine Welt +ohne Regierung und Gesetz zu glauben. Jeder mußte sich unterordnen, +das wußte er wohl. Und wenn ein Vorgesetzter schwach war, – die, die +ihn eingesetzt hatten, waren Menschen und dem Irrtum unterworfen wie +er selbst. Aber wenn die Obrigkeit in der Wahl der Oberen gar zu +töricht oder gewissenlos war, dann war Auflehnung so natürlich und +notwendig wie sonst die Unterordnung, dann war Widerstand Pflicht, vor +allem der Kinder wegen. Aus diesem Zwiespalt kam er nicht heraus. + +Andere Skrupel und Sorgen kamen hinzu. Er mußte den Kleinen +Religionsunterricht geben. Waren nun diese biblischen Geschichten +geoffenbartes Gotteswort, dessen Wahrheit sich auch dem kaum erwachten +kindlichen Geiste auf wunderbar intuitiven Wegen erschloß? Nein, das +glaubte er nicht, konnte er also auch nicht lehren. Sollte er also die +Geschichte der Juden und das Leben Jesu kritisch, rationalistisch, +liberal-theologisch behandeln? Der Hamburgische Staat nahm es im +Gegensatz zu andern deutschen Staaten mit der Gewissensfreiheit +leidlich ernst und schrieb seinen Lehrern nicht vor, wie sie die Bibel +zu behandeln hätten. Aber wenn dies alles nicht zweifellose, der +kindlichen Seele ohne weiteres zugängliche göttliche Wahrheit war – +dann war es ja heller Unsinn, diese Materien mit sechs- bis +siebenjährigen Kindern zu behandeln, dann waren es Materien für reife +Jünglinge und Männer. Diese religiösen Bedenken verfitzten sich mit +pädagogischen und künstlerischen. Die biblischen Historien mit den +Worten der Bibel erzählen, das hieß nach seiner Meinung, die armen +kleinen Kerle mit unverständlichen Worten und Begriffen quälen und war +also unmöglich. Die alten Berichte aber mit eigenen, modernen Worten +erzählen, dagegen sträubte sich alles in ihm, das schien ihm eine +unerhörte vandalische Versündigung gegen die erhabene, ehrwürdige +Kraft und Schönheit dieser Mythen. Man konnte ja auch den »Faust« mit +anderen Worten erzählen; aber war das der »Faust«? + +Aber das Allerschlimmste war doch, daß diese Geschichten unzweifelhaft +einen persönlichen Gott annahmen und von einem Jesus berichteten, der +Wunder tat, vom Tode auferstand und gen Himmel fuhr. Sich mit leeren +Worten um diese Fragen herumdrücken, war unwürdig, war ihm unmöglich. +Freilich, er konnte es machen wie #Dr.# Korn; er konnte den Kindern +sagen: So berichtet die Bibel; was ihr glauben wollt, ist eure Sache. +Aber das konnte man vor Jünglingen tun, nicht vor sechs- bis +siebenjährigen Knäblein. Die konnten noch nicht sondern und wählen; +die hingen mit dem treuen Blick des Glaubens an seinem Munde; die +glaubten alles, was er sagte, und ahnten noch nicht, daß ein Lehrer +etwas sagen könne, was er selbst nicht glaube. + +Endlich blieb noch der Ausweg, sich als »Beamten« zu fühlen, der ein +Amt und keine Meinung habe. Er konnte diese Dinge einfach nach der +orthodoxen Dogmatik behandeln und zum Beispiel die Stelle von der +Schlange, die »denselbigen in die Ferse stechen werde«, als +messianische Weissagung hinstellen, am Ende des Monats sein Gehalt +einstreichen und die Verantwortung denen überlassen, die den +Religionsunterricht verlangten, das war das sicherste. Aber diese +handwerkerliche Auffassung von seinem Beruf konnte er sich eben nicht +angewöhnen, so selbstverständlich sie auch Herrn Drögemüller schien. +Denn diese sechzig Kinder wurden einmal sechzig Menschen, und was er +als winziges Körnchen in ihre Seele warf, war vielleicht nach zwanzig +Jahren ein Baum, ein nährender Fruchtbaum oder ein Giftbaum oder ein +leeres Gestrüpp. Der Arzt, der nach bestem Wissen und Können in einen +lebendigen Menschen hineinschnitt, konnte auch nicht zur Verantwortung +gezogen werden; aber es war doch ein verteufeltes Gefühl, einen +Menschen unter dem Messer zu haben. + +Er beschloß bei sich, diesen Unterricht so bald wie möglich abzugeben, +und fand, daß der Modus seines ehemaligen Direktors noch der +redlichste und erträglichste sei. Er trug den Kindern die Bibel vor, +wie sie war, und enthielt sich jeder kritischen Beleuchtung. Nur sagte +er dann nicht: Ihr könnt’s glauben, könnt’s auch lassen, sondern +getröstete sich der Hoffnung, daß sie sich bei wachsender Reife in der +Stille ihres Herzens wohl selbst mit diesen Dingen abfinden würden. + +Ein herzlicher Unterricht konnte das freilich nur in solchen +Augenblicken werden, wo die Naivität der biblischen Geschichten mit +der Naivität der Kindesseele zusammenfiel; und in solchen Augenblicken +atmete das Herz des jungen Schulmeisters erleichtert und beglückt. Und +eine Fülle der Freuden quoll fast aus allen andern Stunden. Nur +stampfte ihm Herr Drögemüller eines Tages auch in den Leseunterricht +hinein. Herr Drögemüller dachte es sich wunderschön, wenn alle drei +neuangestellten Lehrer den Leseunterricht auf völlig gleiche Weise +erteilen würden, und zwar auf ebendieselbe Weise, die er vor 25 Jahren +auf dem Seminar erlernt habe. In seiner Schule sollte alles ordentlich +hergehen: alle sollten auf Schuhen kommen, alle sollten Schulgeld +zahlen, alle denselben Glauben haben und auf dieselbe Weise »gebildet« +werden. + +Einer der neuen Herren tat ihm auch den Gefallen; Asmus aber und der +andere gingen ihre eigenen Wege. Herr Drögemüller bemerkte das mit +Mißfallen. + +»Machen Sie es nicht so, wie ich es Ihnen neulich gezeigt habe, Herr +Semper?« fragte er. + +»Nein,« lautete die ebenso kurze wie unzweideutige Antwort. + +»Warum denn nicht?« + +»Weil ich meine Weise für richtiger halte.« + +»Aber Herr Semper – Sie werden wohl zugeben, daß ich mehr Erfahrung +habe als Sie –.« + +»Das mag sein; aber ich muß meine Methode selber finden, und nur nach +der Methode, die meiner Überzeugung entspringt, kann ich unterrichten. +Wenn es die Jungen immer machen müßten wie die Alten, dann könnten Sie +und ich überhaupt noch nicht lesen.« + +»Das ist ja wohl sehr geistreich, Herr Semper; aber gleichwohl muß ich +Sie bitten, meine Wünsche zu respektieren.« + +»Mit Recht sagen Sie »Wünsche«, Herr Drögemüller, und nicht »Befehle«. +Denn »Befehle« gibt es hier nicht. Ich bin nur verpflichtet, meine +Schüler zu fördern. Welche Methoden ich dabei anwende, ist ganz allein +meine Sache.« + +Drögemüller war bleigrau im Gesicht geworden und schnappte, als wenn +er Luft für einen längeren Satz einnehme; er entschied sich dann aber +nur für ein: »Na, wenn Sie meinen –« und ging mit rachsüchtig +geschwungenen Beinen hinaus. Als er draußen war, stenographierte er +etwas sehr Langes in sein Notizbuch. Die Methode ist frei, dachte +Drögemüller, darin hat er recht; aber ich werde schon andere Pfeifen +schnitzen, nach denen er tanzen soll. + +Zunächst indessen sollte Asmus ein wenig nach den Pfeifen des +Exerzierplatzes tanzen. Bei der Generalmusterung im Sommer war er +endgültig »gezogen« worden, und nun war die Order gekommen, daß er +sich am 1. Oktober auf dem Altenberger Kasernenhofe einzufinden habe. + + + + +XXXIX. Kapitel. + +Ist teilweise im Kasernenstil geschrieben und belehrt uns durch die +Güte des Herrn Schieß-Unteroffiziers, was für ein Mensch dieser Asmus +Semper eigentlich ist. + + +Was ihm an diesen Musterungs- und Gestellungsbefehlen aufgefallen war, +das war die Ängstlichkeit, mit der auch der leiseste Verdacht einer +höflichen Gesinnung vermieden war. Er fand, daß dieselben Befehle mit +derselben Entschiedenheit in einer Form gegeben werden könnten, die +mehr nach menschlicher Gesellschaft klang. Sie berührten ihn, als +wären sie mit Absicht so schroff wie möglich formuliert, um das +persönliche Selbstbewußtsein von vornherein auf den Nullpunkt +zurückzutreiben. Überhaupt begann er diese sechs Wochen, die er als +»Schulamtskandidat« unter Waffen zubringen sollte, nicht mit gehobenen +Gefühlen. Ludwig Semper freilich sprach noch immer von seinen +Soldaten- und Kriegsjahren als von einer frischen, fröhlichen Zeit; +aber »beim Preußen« war’s anders, und die vielen und abscheulichen +Soldatenmißhandlungen, von denen die Zeitungen berichteten, hatten +Asmussen immer mit Zorn und Entsetzen erfüllt. Frau Rebekka schwankte +zwischen Stolz und Bangen. Sie war stolz, daß man ihren Sohn für +tauglich befunden hatte, und sie bangte, daß man ihn mißhandeln und +überanstrengen könne. + +Und gleich der ganze erste Tag war eine Mißhandlung, aber keine +böswillige. Die Herren Schulamtskandidaten standen nämlich mit kleinen +Unterbrechungen von morgens acht bis abends sieben Uhr auf dem +Kasernenhof und warteten. Einmal erschien ein Feldwebel und rief ihre +Namen auf, und dann warteten sie wieder sechs Stunden. Einmal +beobachtete Asmus einen Haufen Offiziere, und ein sehr temperamentvoller +Herr unter ihnen schrie: »Denken Sie, der Seckendorff läßt sich wegen +Krankheit beurlauben und verzehrt ein großes Beefsteak mit +Spiegeleiern.« Asmus fand dies merkwürdig, aber für einen Tag war es +nicht Unterhaltung genug. Er gehörte sonst zu den Menschen, die man wohl +langweilen kann, die sich aber niemals selbst langweilen, weil die +Gedankenmühle von selber geht wie ein #perpetuum mobile#. Aber so auf +einem Fleck stehend und immer wartend, konnte man weder Gedichte machen, +noch Gedankenspiele treiben; er litt Höllenqualen der Langenweile. +Endlich, um sieben Uhr abends erschien ein Sergeant und erklärte ihnen, +sie könnten nach Hause gehen. Denn die Schulamtskandidaten durften zu +Hause schlafen und essen. + +Am andern Morgen ging es endlich los. Der Sergeant Greifenberg trat +vor die Front von Asmussens Abteilung und hielt eine Rede. + +»Meine Herren,« sagte er, »ick hoffe, dat Sie als jebildete Herren mir +meine Arbeit so leicht wie möglich machen wer’n. Ick werde Se nu mal +ausbild’n. Wenn Se ooch noch so jelehrt sind, hier müssen Se doch noch +wat zulernen. Sie sind Lehrers; aber ick bin der Lehrer von die +Lehrers. Schtilljeschtanden!« + +»Un denn merken Se sick jleich,« sagte Herr Greifenberg, indem er auf +einen der Kandidaten losging, »jelacht wird nich im Jliede. Wat ick +sage, is nich zum Lachen; de Sache is sehr ernst.« + +Und nun begannen die Übungen; aber Herr Greifenberg stellte keine +unmenschlichen Anforderungen, und Herr von Birkenfeld, der ausbildende +Leutnant, noch weniger. Furchtsame Gemüter konnte freilich Herr von +Birkenfeld zunächst abschrecken; denn er markierte den rauhen +Kriegsmann, der weder Teufel noch Kognak fürchtet und »Sauerei« und +»Schweinekram« für verblümte Redensarten hält. Wenn ihm die Richtung +eines Gliedes nicht gefiel, so sagte er, in einem milden, väterlichen +Tone beginnend: + +»Ei, ei, ei, das Glied steht ja schweinemäßig! Der rechte Flügelmann, +nehmen Sie den Bauch herein, ins drei Deubels Namen! Der Kerl taugt +zum Flügelmann wie der Igel zum Schnupftuch!« Er sagte aber nicht +»Schnupftuch«, sondern ganz etwas anderes, und wenn er von den +unteren menschlichen Extremitäten sprach, so gebrauchte er eine +Bezeichnung, die man nur unter Männern wiederholen kann, wenn keine +Theologen zugegen sind. Im übrigen hatte er mit dem Flügelmann nicht +unrecht. Der Schulamtskandidat Plambeck war der längste und dickste +von allen; aber als er ein Gewehr mit einer Platzpatrone darin +abdrücken sollte, da versagte er. + +»Warum drücken Sie nicht ab?« rief Herr von Birkenfeld. + +Plambeck hob den Kolben wieder an die bleiche Wange und setzte wieder +ab. + +»Na, wollen Sie jetzt vielleicht die Liebenswürdigkeit haben, +abzudrücken?« schrie der Leutnant. + +Plambeck hob schlotternd das Gewehr und ließ es abermals sinken. + +Jetzt trat Birkenfeld nahe an Plambeck heran und sagte ruhig: + +»Sagen Sie, fürchten Sie sich?« + +»Ja,« versetzte Plambeck ehrlich. + +»Na, Sie sehen doch, die andern haben auch geschossen und sind auch +ganz geblieben. Ich werde jetzt kommandieren und Sie werden schießen. +Legt an! – Feuer!« + +I, keine Spur von Feuer. + +»Heiliges Astloch!« schrie Birkenfeld. »So was ist mir denn doch noch +nicht vorgekommen! Sagen Sie mal, wie denken Sie sich das eigentlich, +’n Soldat, der nich schießt! ’n Soldat, der sich vor seiner Knarre +fürchtet! Was wollen Se denn eigentlich machen, wenn –« + +»Bums!« Plambeck hatte abgedrückt und lächelte stolz. + +»Himmel, Schnaps und Wolkenbruch! Jetzt schießt mir der Kerl gleich in +die Visage!« schrie Birkenfeld. »Herrrr, ich werde Sie ins Loch +stecken, Herrrr!« + +Aber er steckte niemanden ins Loch, nicht einmal Büsing, der es doch +einigermaßen verdient hatte. Büsing hatte morgens bei der Schießübung +zu viel »Zielwasser« getrunken; die Kneipe lag in allzu verlockender +Nähe des Schießstandes. Herr von Birkenfeld, der eine verständnisvolle +Leber besaß, hatte gesagt: »Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie +aus.« Das hatte Büsing so gründlich besorgt, daß er nachmittags eine +Stunde zu spät zum Dienst gekommen war. Büsing war das aber noch immer +nicht des Frevels genug gewesen; er hatte sich lächelnden Mundes bei +dem Herrn Leutnant gemeldet mit den Worten: + +»Vom Ausschlafen zurück!« + +Da hatte ihm Birkenfeld zwar drei Tage aufgebrummt; aber er hatte sie +ihm noch am selben Tage erlassen. Wenn er fluchend und wetternd und +mit gezücktem Degen den Parademarsch abnahm und sein breiter blonder +Bart im Winde wehte, dann sah er aus wie ein Eisenfresser, und doch +war er ein vom Grund des Herzens humaner Mann, für den die Worte +»gutes, kameradschaftliches Verhalten« nicht nur auf dem Papier +standen und der im gemeinen Soldaten den gleichwertigen Menschen und +Waffengenossen sah. Einmal hatte er aber doch etwas zu saftig +geschimpft. Als der Schulamtskandidat Thölemann, der wie ein künftiger +Pastor aussah, sprach und fühlte, gleich einer nassen Unterhose am +Reck hing und ebensowenig wie dieses Kleidungsstück einen Klimmzug zu +machen imstande war, da schrie Birkenfeld: + +»Herrrr, sei’n Se nich so schlapp, Herrrr! Deubel noch’n mal! Kerl hat +natürlich die ganze Nacht bei Wachtmann ’rumgeh–t!« + +»Wachtmann« war ein ziemlich unethisches Tanz- und Nachtlokal, und das +wollte sich Thölemann nicht bieten lassen. Er wollte sich über +Birkenfeld beschweren. Und es war das beste Zeugnis für diesen +Leutnant, daß die Kameraden Thölemannen abrieten, weil man die +Schimpfreden Birkenfelds nicht tragisch nehmen dürfe, und nicht am +wenigsten trat Asmus für den Beleidiger ein. Er liebte solche +Menschen, die sich von Temperament und Leidenschaft fortreißen ließen +und es im Grunde des Herzens doch gut meinten; er fühlte sich ihnen +verwandt. Übrigens überlegte sich Birkenfeld seine Diagnose noch +einmal, bat Thölemann um Entschuldigung, und die Sache war erledigt. + +Daß Schimpfen und Schimpfen zweierlei ist, das bewies Asmussen Seine +Exzellenz der Herr Schießunteroffizier. Asmus hatte durch irgendeinen +Zufall keine Exerzierpatronen erhalten und sollte sie sich vom +Schießunteroffizier holen. Er suchte den Herrn auf, nahm die +vorschriftsmäßige Haltung ein und sagte: + +»Darf ich bitten um meine Exerzierpatronen?« + +Da sah der Herr Schießunteroffizier Asmus Sempern mit einem langen +Blick sprachloser Entrüstung an. Endlich aber fand er Worte und sprach +den gewichtigen Satz: + +»Mensch, Sie sind doch ebenso dumm wie frech!« + +Die grenzenlose Dummheit und Frechheit Asmussens lag nämlich darin, +daß er annahm, der Herr Schießunteroffizier werde jetzt, außerhalb der +Empfangszeit, Lust haben, ihm die Patronen zu geben. + +Asmus, der über die erfahrene Beschimpfung bis hinter die Ohren +errötet war, sah dem Manne scharf in die Augen und sagte nur: + +»Der Herr Leutnant schickt mich.« + +Keineswegs behauptete jetzt der Herr Unteroffizier, daß der Leutnant +ebenso dumm wie frech sei; er beeilte sich vielmehr, Sempern die +Patronen zu verabfolgen. Es war derselbe avancierte Bauernbursche, der +einen Schulamtskandidaten darüber belehrt hatte, daß es nicht +»Serschant«, sondern »Schersant« und nicht »Premjé-Leutnant«, sondern +»Premihr-Leutnant« heiße. + +Als Asmus mit seinen Patronen auf den Kasernenhof zurückkehrte und +sich die empfangene Charakteristik wiederholte, da mußte er laut +auflachen über die Komik der Situation. Aber als er der Physiognomie +dieses Menschen gegenübergestanden hatte, da war es ihm doch heiß ins +Gehirn geschossen, dem Lümmel hinter die Ohren zu schlagen; denn aus +diesen kaltfrechen Augen hatte ihn die machttrunkene Brutalität der +emporgekommenen Roheit, hatte ihn der Typus des Soldatenschinders +angestarrt. + +Und doch war der Schießunteroffizier noch lieb im Vergleich zu dem +Assistenzarzt Dr. Rheinland. + + + + +XL. Kapitel. + +Was? Hinkt der Kerl auf einem Fuß? Asmus lernt einen dummen und einen +klugen Doktor kennen. + + +Asmus vertrug sich mit seinem Dienste ausgezeichnet; der »langsame +Schritt« und die Gewehrgriffe waren ja nicht brennend interessant und +mit Rousseau- oder Kantlektüre nicht zu vergleichen; aber er sagte sich, +das Leben kann nicht immer kurzweilig sein, und wenn er eine Arbeit +anfaßte, so machte er sie so gut wie möglich. Er hatte denn auch die +ausdrückliche Anerkennung des Herrn von Birkenfeld und des #magister +magistorum# Greifenberg gefunden. Und die Marsch- und Felddienstübungen +waren nun geradezu ein Vergnügen und eine Lust. Sie lehrten ihn seine +körperliche Kraft und Ausdauer kennen, die er weit unterschätzt hatte. +Wenn er sah, daß er es bei voller feldmarschmäßiger Belastung im Laufen +und Springen hügelauf und hügelab den Längsten und Dicksten gleichtat, +ja länger aushielt als mancher Schlagetot – denn die Größten sind nicht +die Stärksten – dann hob seine Brust ein unaussprechliches Glücksgefühl, +das Gefühl eines Siegers, der sich selbst überwand und seine ganze +eigene Welt beherrscht. Oft klopfte ihm wild das Herz, und nicht immer +ward es ihm leicht, dies Vorwärtsstürmen und Niederwerfen und +Wiederaufspringen und Wiedervorwärtsstürmen; aber wie ein Rausch +entzückte ihn das Gefühl, seine Kraft bis auf den letzten Rest und aus +den verborgensten Quellen hervorzurufen und durch ein bloßes »Ich +_will_« jede Schwierigkeit zu überwinden. Und zu allem hatte noch dies +Kriegsspiel, dies Streifen durch Feld und Heide, dies auf Feldwache +liegen und Patrouillengehen seine Schönheit, seinen Zauber, seine +Poesie. Aber trotz alledem lahmte er eines Morgens; er hatte es mit dem +langsamen Schritt und Parademarsch so gut gemeint, daß er sich eine +Zerrung der Achillessehne am linken Fuße zugezogen hatte. Gleichwohl +versuchte er regelrecht zu marschieren und den Schmerz zu verbeißen; +aber er machte es damit nur schlimmer. + +»Melden Sie sich revierkrank!« sagte Herr v. Birkenfeld. + +Im Revier saß der Assistenzarzt Dr. Rheinland. Er würdigte die kranken +Partien der Patienten kaum eines Blicks, im übrigen sah er sie +überhaupt nicht an. Er kurierte ohne Ansehen der Person. Er drückte +kräftig mit dem Finger auf die geschwollene Ferse des Musketiers +Semper, und dieser zuckte zusammen. + +»Was fällt Ihnen ein!« schnauzte der Herr Doktor. Asmus wußte noch +nicht, daß ein Soldat niemals zuckt. Er wußte freilich auch nicht, +wie der Arzt sonst von seinen Schmerzen erfahren sollte, da er weder +fragte, noch sich irgendwie auf eine weitere Untersuchung einließ. Er +erklärte Sempern für dienstfähig; denn er gehörte zu jenen +Militärärzten, die die Krankheiten wegmachen, ehe sie sie erkannt +haben. Man macht auf diese Weise einen schneidigen Eindruck, schreckt +die Simulanten ab, erzielt eine gute Gesundheitsstatistik und reicht +weiter mit seinen Kenntnissen. + +Natürlich hinkte Asmus weiter. + +»Semper, hol’ Sie der Deubel! Sie hinken ja noch immer!« schrie der +Leutnant. + +Asmus berichtete, wie es ihm ergangen. + +»Treten Sie aus und gehen Sie morgen wieder hin!« entschied +Birkenfeld. + +Am andern Morgen erschien Asmus wieder im Revier. Diesmal drückte Herr +Rheinland nicht einmal mit dem Finger; er warf einen verächtlichen +Blick auf die gemeine Soldatenferse und schrieb, daß der Musketier +Semper dienstfähig sei. + +Beim Parademarsch exerzierte der Musketier Semper genau wie ein +Musketier Hephästos oder Mephistopheles. + +»Semper!« brüllte v. Birkenfeld. »Herr Semper, ich befehle Ihnen, daß +Sie das Hinken lassen; ich verbiete Ihnen einfach das Hinken, +Herrrr!« + +Die Befehle des Herrn Leutnants waren aber der Achillessehne nicht +maßgebend. + +»Musketier Semper!« schrie Herr v. Birkenfeld. Asmus faßte das Gewehr +an und lief hinkend zu seinem Vorgesetzten. »Was hat denn der Arzt +gesagt?« + +»Er hat mich ohne Untersuchung und ohne ein Wort zu sprechen, +dienstfähig geschrieben.« + +»Also geh’n Sie nach Hause, legen Sie sich aufs Sofa und fragen Sie ’n +studierten Mediziner. Wegtreten!« + +Das tat Asmus. Der »studierte Mediziner« legte einen Verband an, und +in zwei Tagen war die Sehne geheilt. + +Im übrigen schied er von dieser Zeit mit unvergleichlich +freundlicheren Gefühlen, als er sie beim Eintritt empfunden hatte. +Freilich, das Leben in der Kaserne hatte er nur sehr flüchtig kennen +gelernt und wenn er sich vorstellte: drei Jahre in der schrecklichen +Banalität dieser Räume, in der erdrosselnden Prosa dieses »inneren +Dienstes« verbringen – dann lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter. +Aber wenn er gerecht sein wollte, dann mußte er bekennen, daß in +_seiner_ Erfahrung die guten und heilsamen Eindrücke überwogen. Nicht +wenig trug zu dieser Stimmung ein gehobenes Gesundheitsgefühl bei. Er +war immer ein gesunder Mensch gewesen; aber jetzt ward ihm seine +Gesundheit förmlich bewußt; er fühlte wie in einem Rausch seine Adern +strotzen und seine Muskeln schwellen. Von trüben Seminarzeiten +abgesehen, hatte er auch immer einen gesegneten Appetit bekundet; aber +nie hatte er solche Wonnen verzehrender Andacht empfunden, wie nach +strammem Dienste vor den Würsten und Bierflaschen der Kantine. Wenn er +nach vierstündigem Marsche solch eine Literflasche voll Braunbier an +den Mund hob – denn der Soldat hat nicht immer ein Glas zur Hand – und +minutenlang nicht wieder absetzte, dann schloß er fromm die Augen, und +auch das war ein brünstiges Dankgebet an die Macht, die ihn gesund +erschaffen und solcher Freuden fähig gemacht hatte. Überhaupt waren +diese sechs Wochen ein Leben im Fleische; ihn interessierte nur +Körperliches, und wenn er an sein Bücherbrett trat und auf den Rücken +der Bände Namen wie »Lessing«, »Comenius« und »Euripides« las, dann +kamen ihm diese Zivilisten wie Leute vor, von denen er in längst +vergangenen Zeiten einmal hatte reden hören; der Gedanke, ein Buch +herauszunehmen und zu lesen, erschien ihm vollkommen absurd. Der +Körper ließ dem Geiste nur so viel Kraft übrig, als zu einer sanften +Verblödung unbedingt nötig war: Asmus vegetierte in diesen sechs +Wochen, und daran änderte selbst das geistige Moment des Dienstes, die +Instruktionsstunden über Gewehrputzen, Rangverhältnisse und +Kriegsartikel nichts Wesentliches, so schön sie auch manchmal sein +mochten. Sergeant Greifenberg, der Lehrer von die Lehrers, wußte +selbst die einfachsten Dinge für die gescheitesten Köpfe unklar zu +machen, und wenn er über das Schloß des Infanteriegewehres Modell 71 +instruierte, dann hätte der Erfinder des Schlosses, wenn er zugehört +hätte, seine eigene Erfindung nicht mehr verstanden. Herr von +Birkenfeld hingegen betrieb die subtilsten logischen Sonderungen, +besonders wenn er Kognak geladen hatte. + +»Was ist Mut und was ist Tapferkeit?« fragte er eines Tages den +Musketier Semper. + +Asmus mußte sich einen Augenblick besinnen und sagte dann: »Mut und +Tapferkeit sind wohl im wesentlichen dasselbe; eine Gemütsstimmung, +die sich durch eine erkannte Gefahr nicht schrecken läßt. Man könnte +sagen, daß der Mut mehr eine Sache persönlicher Veranlagung und mehr +impulsiver Natur ist, während die Tapferkeit ein pflichtbewußtes +Ausdauern in der Gefahr in sich schließt .....!« + +»Nee, nee, das is nichts,« rief Herr von Birkenfeld abwinkend. +»Gemütsstimmung, was Gemütsstimmung! Der Soldat hat keine +Gemütsstimmungen! Wenn es heißt: die Mauer da muß hinuntergesprungen +werden, dann springt er, und das ist _Mut_. Tapferkeit is hingegen ganz +was andres. _Tapferkeit_ zeigt der Soldat den feindlichen Kugeln und +Bajonetten gegenüber!« + +Von solchen Stunden kam Asmus immer sehr vergnügt nach Hause, und wenn +dann seine Brüder Reinhold und Adalbert dastanden und Front machten, +dann dankte er ganz von oben herunter, etwa wie ein alleroberster +Kriegsherr oder wie der Assistenzarzt Rheinland, wenn man ihm eine +Achillesferse zeigte. Dann schrien Reinhold und Adalbert: »Seht den +Hanswurst, er spielt sich auf!« Und dann zog Asmus das Seitengewehr +und rief: »Bei Angriffen auf seine Soldatenehre darf der Soldat von +der Waffe Gebrauch machen!« und nahm Aufstellung zum Brudermord. + +Und noch an einem der letzten Nachmittage seiner Dienstzeit machte +Asmus eine höchst sympathische Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve +erläuterte Plan und Idee der am Morgen unternommenen Felddienstübung, +und er machte das so fein, so frisch und so klar, daß Asmussens +Schulmeisterherz vor Freuden hüpfte. »Wenn das kein Schulmeister ist, +so will ich Erzbischof sein,« dachte Asmus, und als die Entladung aus +dem Dienste in der Kantine mit einem gemeinsamen Trunk gefeiert wurde, +kam Asmus in die Nachbarschaft desselben Leutnants, der sich bald als +Gymnasiallehrer #Dr.# Rumolt zu erkennen gab. + +Man sang das gefühl- und weihevolle Lied: + + »Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja! + Erwarten euch die himmlischen Freuden, ja!« + +»Ja, ja, die himmlischen Freuden!« sagte Rumolt. »Jetzt geht’s wieder +in die Schulstube.« + +»Ja!« versetzte Asmus mit Fröhlichkeit. + +»Freuen Sie sich darauf?« + +»O ja!« + +»Dann sind Sie ein glücklicher Mensch.« + +»Sind Sie nicht gern Lehrer?« + +»O,« machte Rumolt, »ich wüßte nichts Schöneres als Lehrer sein – wenn +man es nur sein könnte.« + +»Wie meinen Sie das?« fragte Asmus begierig, und nun kamen sie in ein +Gespräch über moderne Erziehung, und Asmus machte in diesem Manne +einen Fund, der ihm in den kommenden Kämpfen mit dem System +Drögemüller ein Labsal werden sollte. + + + + +XLI. Kapitel. + +Die Schule am Wiesenhang. + + +Und die Kämpfe mit diesem System nahmen bald wieder ihren +frisch-fröhlichen Anfang, und in Asmussen stiegen lebhafte Zweifel +darüber auf, ob es sich angenehmer unter dem Korporalstock oder unter +dem Federhalter eines Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen, +Drögemüller hatte meistens den Buchstaben des Gesetzes für sich, und +es gab viele Gesetze mit vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten +erträglich sein in der Hand eines Mannes, der den Geist vom Buchstaben +zu sondern wußte; er aber verschärfte diese Gesetze noch durch seine +Persönlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen suchte, daß der Lehrer ein +Künstler sei, der zu seinem Werk der freien Bewegung, der guten Laune +und einer schaffensfröhlichen Stimmung bedürfe, den man deshalb mit +Liberalität und mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln müsse, dann +zeigte Drögemüllers Angesicht ein irres, aber überlegenes Lächeln, als +spräche man Chinesisch zu ihm und als verstünde er das Chinesische +besser. Wenn die Verordnung vier schriftliche Hausarbeiten in der +Woche vorschrieb und nur drei gemacht waren, dann kümmerte es +Drögemüller nicht, daß der Verbrecher mit aufopfernder Begeisterung +und treustem Eifer zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit +fortgeschritten war wie irgendeine – er kannte keine Scham vor dem +Geiste und bestand auf seinem Schein. Nicht das Geschaffene zu +würdigen und zu mehren, sondern auf Übertretungen zu fahnden – darin +erkannte er seinen göttlichen Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er +überall mit seinem Notizbuch umher, zu diesem Zwecke horchte er sogar +an den Türen, und es verbesserte seine Stimmung gegen Asmussen nicht, +als dieser eines Tages eine Tür, hinter der er Herrn Drögemüller +ahnte, mit großer Kraft öffnete und dabei den spitzesten Ellbogen des +Vorgesetzten traf. + +»Pardon,« sagte Asmus, »ich konnte nicht ahnen, daß Sie hinter der Tür +ständen.« + +Wenn sich nun auch Asmus bewußt war, daß er alles leistete, was eine +menschliche Behörde von ihm verlangen konnte, so verdarb ihm doch +diese Aufpasserei einen Teil seiner besten Kraft. Ihm war dabei zumute +wie dem Reisenden, der eine geweihte Stätte besucht und der aus allen +Winkeln trinkgeldsaugende Blicke auf sich gerichtet sieht; eine große, +freie Bewegung des Herzens konnte nicht aufkommen. So war es denn +Trost und Erquickung, mit #Dr.# Rumolt, seinem neuen Freunde, in +freien Abendstunden von der Schule der Zukunft wenigstens reden zu +können. + +Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste Landstraße der +Welt, hinuntergewandert, waren in einen zum Flußufer hinabführenden +Engpaß eingebogen und hatten sich auf einer Bank in halber Höhe des +Weges niedergelassen. Vor ihnen breitete sich ein beblümter +Wiesenhang, von Gebüsch umkränzt, und über die Büsche hinweg sah man +den großen, stillen, majestätischen Strom. Die Wiese gehörte zu einem +Mühlengehöft, und die alte Mühle drehte schläfrig ihre Flügel. + +»Sehen Sie,« sagte Rumolt, »das wär’ eine Schulstube, gelt? Was meinen +Sie: auf dieser Wiese mit seinen Jungens oder Mädels liegen und von +Gras und Blumen sprechen, von Frosch und Schmetterling, von Busch und +Baum, von Rind und Schaf, von Müller und Mühle, von Schiff und +Seefahrt, von den Flotten der Hansa und von Störtebekers +Räuberfahrten, und dann mit Jungen oder Mädchen hinunterrudern oder +-segeln und ihnen zeigen, wo die Helden der Gudrunsage auf dem +Wulpensande kämpften und wo Hettel von Hegelingen gewohnt. Meinen Sie +nicht, daß ihnen da eine andere Welt aufgehen würde als die, die ihnen +zwischen vier Mauern als »Welt« vorgetäuscht wird?« + +»Das meine ich allerdings.« + +»Hinaus ins Freie! – Das ist das ganze Geheimnis der Pädagogik. Die +Welt anschauen und anfassen, das ist alles. Sie nennen es bei Gott +Anschauung, wenn sie Bilder und Präparate im Zimmer vorzeigen. Das +ist, wie wenn jemand einen Vortrag übers Meer halten und zur +Veranschaulichung ein paar Tropfen Seewasser in einem Probiergläschen +vorzeigen wollte. Sie zeigen ein paar Tropfen vom Meere des Lebens. – +Sehen Sie hier, diese Wiese, dieses Gehöft, dieser Strom, so weit wir +ihn sehen, dieser Himmel, sie umschließen nahezu alles menschliche +Wissen und Erkennen. Auf diesem Fleckchen könnte man eigentlich alles +lernen, was der Mensch wissen und brauchen kann.« + +»Aber auf die Dauer würde es Ihren Schülern langweilig werden.« + +»Gewiß, wir wollen ja auch von Ort zu Ort wandern. Ich will ja nur +zeigen, daß die Natur überall Millionen Anknüpfungspunkte bietet, die +in der Schulstube nur in der Einbildung vorhanden sind. Denn das +Wissen der Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist Können; nur was man +kann, das weiß man auch. Selbst handeln, selbst schaffen muß das Kind, +wenn es lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf wäre, so müßten +meine Schüler ohne Ausnahme Ackerbau treiben. Nicht, daß sie alle +Landleute würden, bewahre; viele würden ja gar kein Talent dazu haben +– aber der Ackerbau umfaßt nahezu den ganzen Kreis des menschlichen +Wissens und Könnens, und er lehrt dieses Wissen und Können durch +_Tat_!« + +»Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken,« sagte Asmus, »würde +allerdings eine wesentlich kleinere Schülerzahl voraussetzen.« + +»Gewiß,« fuhr Rumolt fort. »Ich denke, ein Lehrer kann nur so viele +Kinder wirklich erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann, und +zwölf, die ehrwürdige Patriarchenzahl, erscheint mir da als das +äußerste Maß.« + +»Da brauchen wir viele Lehrer, und zwar Männer von außerordentlich +vielseitiger Bildung.« + +»Daß unsere Lehrer eine bessere Bildung empfangen könnten, als sie +auf Seminaren und Universitäten meistens finden, daß sie ihre beste +Kraft in einem öden Datenwissen verzehren und verzetteln müssen, das +wissen Sie so gut wie ich. Im übrigen aber dürfen Sie sich meinen +Lehrer nicht wie einen allwissenden Magister von heute vorstellen. +Er wird sich nicht schämen, ein Lernender mit Lernenden zu sein, und +wird keinen Augenblick zaudern, zu sagen: ‘Das weiß ich nicht, ich +werde mich zu unterrichten suchen’, oder ‘Forscht selber nach, und wer +es gefunden hat, der sag es uns’.« + +»Der banalste Einwand ist der gewichtigste,« meinte Asmus, »das Geld. +Der Staat müßte sich einen ganz andern Schulsäckel zulegen als den +heutigen.« + +»Ja – hahahaha – das müßte er,« lachte Rumolt. »Er müßte sich an den +eigentlich doch recht naheliegenden Gedanken gewöhnen, daß er keine +höhere Aufgabe hat als die Erziehung seiner Bürger, daß er gar nicht +besser für seinen eigenen Bestand sorgen kann als durch die Erziehung +seiner Bürger, und daß er darum kein größeres Budget haben sollte als +sein Erziehungsbudget.« + +»Statt dessen macht er das Einjährigen-Zeugnis zum Erziehungsideal,« +bemerkte Asmus. + +»Ja!« Rumolt schlug ihm lachend aufs Knie. »Ist eigentlich eine ärgere +Posse denkbar? Eine militärische Vergünstigung als Speck in der +Seelenfalle! Und nach diesem Zeugnis müssen sie nun alle ohne +Unterschied streben – die das Geld dazu haben, natürlich – und alle, +die im Leben »etwas Besseres« werden wollen, müssen dasselbe famose +Abiturium machen. Da schimpfen sie auf die Gleichmacherei der +Kommunisten und Sozialdemokraten – aber gibt es eigentlich eine +schlimmere Gleichmacherei als unsere Prüfungsvorschriften? Da hab ich +einen Burschen in der Untersekunda, einen Prachtbengel, vorzüglich +begabt in der Mathematik und allen Naturwissenschaften, von merkwürdigem +Geschick in allem Technischen – was er anfaßt, gelingt ihm, und +obendrein noch hochmusikalisch. Aber auf dem Kriegsfuß mit allem, was +fremde Sprachen heißt. Nun sitzt er das zweite Jahr in meiner Klasse, +und wenn seine fremdsprachlichen Leistungen nicht besser werden – und +dazu ist keine Hoffnung – dann bleibt er zu Ostern wieder sitzen und +erreicht nicht einmal das Einjährigen-Zeugnis. Und ich halt es für sehr +wohl möglich, daß er nach sieben Jahren der Angst und Mühe hingeht und +sich erschießt. Nun frage ich Sie: warum soll dieser Mensch _nicht_ auf +die Universität gehen und Naturwissenschaften studieren, warum soll er +_nicht_ aufs Polytechnikum gehen und Ingenieur werden dürfen? Wäre nicht +denkbar, daß er einmal von seinem Laboratorium aus die Welt aus den +Angeln höbe, ohne den Beistand der Herren Xenophon, Ovid und Victor +Hugo? Doch –« Rumolt zeigte nach Westen – + + »Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn + nicht verkümmern! – Sie rückt, sie weicht, der Tag ist überlebt!« + +Was denken Sie, wenn man bei solchem Anblick mit seinen Schülern von +der Sonne spräche, nicht von ihrer chemischen Zusammensetzung und +ihrem Kubikinhalt – das würd’ ich am Tage tun –, aber von den Ländern, +denen sie jetzt das erste Licht bringt, von der Sonne als Gottheit und +Symbol, von Karl Moors Wehmut: ‘So stirbt ein Held’ und von Faustens +Sehnsucht, ihr zu folgen? Müßten da nicht in den Seelen der Kinder und +Jünglinge wie von selbst die Ewigkeitsgedanken erwachen?« + + + + +XLII. Kapitel. + +Der Skat und die Metaphysik, das Billard und Emilia Galotti, Herr +Strecker und die deutsche Treue, Herr Drögemüller und ein Krach. + + +Erholung und Stütze fand Asmus auch bei den Herren seiner Schule, und +es hatte nicht lange gewährt, bis er, einen einzigen ausgenommen, zu +allen in das beste kollegiale Verhältnis kam. Wie natürlich, hatte +aber sein Herz unter diesen Männern eine engere Wahl getroffen und am +besten hatten ihm zwei gefallen, Fritz Goers, ein wohlbeleibter, +jovialer Riese, der Asmussens Vater sein konnte, und Klaus Heide, ein +sehniger, knorriger Dithmarscher. Und wenn es nun in den Konferenzen +etwas Gutes und Neues durchzusetzen galt, zogen diese Triumvirn an +_einem_ Strang. + +Aber sie zogen nicht nur an einem Strang, sie sogen auch oft an +_einem_ Trank, der bei Herrn Kuhlmann besonders kühl und frisch +verzapft wurde. Herr Kuhlmann hieß Akademos, und sein Garten wurde die +Akademie genannt. Es war für Asmus zunächst eine Skat- und +Billard-Akademie. Dem Skat vermochte er keinen Geschmack +abzugewinnen; er gewann es nicht über sich, diese Kunst mit dem +strengen, sittlichen Ernste zu üben, den sie verlangte; er dachte +immer an irgend etwas andres, »wimmelte« Aß und Zehn in die Stiche des +Gegners hinein und hatte außer fortgesetzten Verweisen wegen +Unaufmerksamkeit nichts davon als die Ehre, bezahlen zu dürfen. +Dagegen entwickelte er unter Goehrs, des Riesen mildväterlicher +Führung das Billardspiel zur Leidenschaft. Um Mitternacht begann dann +die pädagogisch-ästhetisch-philosophische Sitzung, die Heide +gewöhnlich durch irgendein wildes Paradoxon eröffnete, welches +Paradoxon dem Asmus Semper alsbald wie eine Rakete durch den Leib +fuhr. Damit es an Meinungen und Temperament nicht fehle, kam +gewöhnlich noch Heides Freund, der kleine Stockelsdorf hinzu, und in +der Regel endeten diese schweren Verhandlungen morgens um sechs Uhr +unter einer Straßenlaterne, mit einem Streit über die Frage, ob Raum +und Zeit Anschauungen #a posteriori# oder #a priori# seien, oder über +ähnliche Bagatellfragen, und die vorübergehenden Milch- und Brotleute +pflegten sich über die Erregung der Herren baß zu verwundern. Eines +herbstlichen Abends aber, als sie auf dem Hamburger Gänsemarkt, dem +Lessing-Denkmal gegenüber, in einem Café saßen, ward Asmus plötzlich +stumm. + +»Was hast du?« fragte Heide, der Dithmarscher. + +»Ich betrachte schon eine ganze Zeit lang dies wunderbare Licht da auf +dem Scheitel des Lessing,« sagte Asmus, »und kann mir nicht erklären, +woher dieser rötliche Schein kommt. Diese Erscheinung hat für mich +etwas Ergreifendes.« + +Die andern bestätigten seine Beobachtung und zerbrachen sich den Kopf, +wo dieses magische Licht seinen Ursprung haben möge. + +»Das ist die Sonne,« sagte der Kellner, der eben eine Runde Grog +brachte. + +»Wieso Sonne?« rief Asmus. »Die Mitternachtssonne, was?« + +»Es ist sechs Uhr,« sagte der Kellner. + +Die vier zogen gleichzeitig die Uhr. Es war sechs. Sie hatten in ihrer +Unschuld gemeint, es sei ein bißchen nach Mitternacht. + +Jetzt tranken sie ihren Grog aus, traten auf den Markt hinaus und +hatten vor dem Lessing-Denkmal noch einen dreiviertelstündigen Streit +darüber, ob Emilia Galotti den Prinzen liebe oder nicht; dann +schlenderten sie in die Vorstadt hinaus und befriedigten auf dem Wege +unaufhörlich metaphysische Bedürfnisse. + +»Wie kann ein Volk wie das französische ohne Metaphysik leben!« krähte +Stockelsdorf um die Wette mit einem Hahn, der aus einem nahen Stalle +seinen Weckruf erschallen ließ. + +Und Asmus, der nicht ohne Metaphysik leben konnte, bewies +Stockelsdorfen, daß man sehr gut ohne Metaphysik leben könne; denn es +war in diesem Kreise stillschweigendes Gesetz, daß keine Behauptung +unwiderlegt bleiben dürfe. Das war eine gute Übung; denn was sie dabei +an Unsinn produziert hatten, das fiel ihnen am andern Tage von selbst +ein und war eine wohltätige Verschärfung ihres Katers. + +Trotz dieser außerordentlichen Anstrengungen schnitt Asmussens Klasse +bei der Osterprüfung vortrefflich ab, und ein angesehener Spezialist +des Rechenunterrichts sagte: »Die Klasse rechnet besser als die +meine.« Auch Herr Drögemüller fand nicht das geringste zu erinnern; +aber Frieden konnte er darum doch nicht halten. Der Bund der Triumvirn +war ihm ein Pfahl im Fleische; denn die Festigkeit der Dreie steifte +auch andern Herren den Nacken. Freilich hatte er einen gewissen Trost +und eine stille Freude an Herrn Strecker. Herr Strecker war ein Mann, +der wiederholt nicht nur vor dem ökonomischen, sondern vor allen +möglichen anderen Bankrotten gestanden hatte. Als es am schlimmsten um +ihn stand, hatte er Buß’ und Reu’ in sich erweckt; fromme Hände, die +gewöhnlich mächtig sind, hatten ihm unter die Arme gegriffen und ihn +vor der Katastrophe bewahrt, und nun suchte er den oberen Stellen +seine Schönheit zu beweisen durch strotzende Religiosität, heftigen +Patriotismus mit gelegentlicher Denunziation von Majestätsbeleidigern +und durch lackierte Pflichterfüllung. Seine Schüler sprangen wie ein +Mann auf die Füße, wenn der Herr Hauptlehrer eintrat, gingen auf dem +Hofe immer genau zu Vieren, und jeden Morgen eröffnete er mit Gebet +und Choral. Zwar kam er manchmal zu spät; aber seine Schüler konnten +ihn schon von weitem die Straße heraufkommen sehen, und wenn er dann +den Schirm hob, setzten sie sofort ein mit + + »Dich seh’ ich wieder, Morgenlicht! –« + +so vorzüglich waren sie geschult. Seine Hefte waren immer richtig +korrigiert; er hatte aber auch für die Korrektur der Hefte, die größte +Plage des Lehrers, ein ingeniöses, zeit- und nervensparendes Verfahren +erfunden. Der Präparand nämlich, der bei ihm hospitieren und die Kunst +des Unterrichtens erlauschen sollte, stand hinter einer geöffneten +Schranktür, hatte im Schrank die Hefte und die rote Tinte vor sich und +korrigierte. Wenn dann Herr Drögemüller zur Tür hereintrat, rief Herr +Strecker: + +»Rieffelstahl! Sitz gerade!« oder + +»Rieffelstahl! Schau hierher!« + +und »Rieffelstahl!« war immer das Zeichen, daß der Präparand die +Schranktür unauffällig schließen und mit einem sittlich reinen +Angesichte hervortreten solle. Solche Mannen wie Strecker – »ich bin +ein deutscher Mann«, pflegte er zu sagen, – sind nun freilich keine +starken Helfer im offenen Streit; aber er trug seinem Hauptlehrer +manche schätzenswerte Nachricht über seine Kollegen zu; auch er führte +ein Notizbuch. Und so berichtete er Herrn Drögemüller unter anderem, +daß Herr Semper im Zeichenunterricht allerlei Allotria treibe, die gar +nicht im Lehrplan dieses Unterrichts stünden. + +Asmussens Schüler hatten nämlich schweigend, aber deutlich gezeigt, +daß sie die unaufhörliche Fabrikation von senkrechten, wagerechten und +schrägen Strichen, von Vierecken, Dreiecken, Sechsecken und ähnlichen +schönen Figuren betäubend langweilig fänden, und Asmus hatte ihnen +darin von Herzen zugestimmt. Er ließ sie darum im letzten Teil der +Stunde allerlei Dinge zeichnen, die ihnen Vergnügen machten und die +sie mit Feuereifer nachzubilden suchten. Er verfolgte damit ein +Prinzip, von dem ihm schien, daß jeder vernünftige Unterricht es zum +Ausgang nehmen solle. Da kam Herr Drögemüller in die Stunde, ging +zwischen den Bänken umher und entbot dann Herrn Semper für die nächste +Pause in sein Kontor. + +»Herr Semper, ich muß Sie abermals ersuchen, sich in Ihren Stunden +durchaus an den Lehrplan zu halten.« + +Asmus zwang sich zur Ruhe und versuchte, seinem Chef in höflichster +Form seine Beweggründe mitzuteilen. Um gerade Striche machen zu +lernen, sei es doch nicht nötig, daß man ununterbrochen gerade Striche +nebeneinander setze; man könne das doch auch an Figuren lernen, die +dem Leben entnommen seien: oberstes Gesetz sei doch, daß der +Unterricht lebendig und interessant sei; Striche und Quadrate seien +aber weder lebendig noch interessant für kleine Kinder ... + +Aber das waren sozusagen Gedanken, und auf Gedanken ließ sich +Drögemüller, um kein Präjudiz zu schaffen, niemals ein. + +»O, Herr Semper,« rief er, »Quadrate sind wohl interessant, wenn Sie +sie nur vorher mit den Kindern ausführlich besprechen, wie ich es +Ihnen gezeigt habe.« + +»Was Sie mir gezeigt haben, ist Geometrie und gehört – da Sie doch +immer auf den Lehrplan pochen – in eine höhere Klasse. Das würde mich +nun zwar nicht hindern; aber eine lange und breite Besprechung des +Quadrats würde die Kinder schon deshalb öden, weil sie gar nicht +begreifen würden, was ein Quadrat sie überhaupt angehe.« + +Mit dem Hinweis auf den Lehrplan hatte dieser fatale Semper recht, und +darum wurde Drögemüller jetzt ganz unangenehm. + +»Herr Semper,« heulte er nach Art einer Schiffsirene, »ich frage Sie +formell und dienstlich, ob Sie sich meinen Anordnungen fügen wollen +oder nicht!« + +»In diesem Falle nein,« versetzte Asmus. + +»Gut. Dann werde ich dem Herrn Schulrat Bericht erstatten.« + +»Ich auch,« sagte Asmus und ging. + +Nach drei Tagen hatte er die Vorladung vor den Schulrat #Dr.# Korn. + + + + +XLIII. Kapitel. + +Von zweierlei Schulräten. + + +Als er am Abend mit Doktor Rumolt spazierte, zeigte er ihm die +Vorladung und erzählte, was vorhergegangen. + +»Haha« – Rumolt lachte bitter auf, und dann fuhr er wehmütigen Tones +fort: »Das wird Ihnen noch oft begegnen, lieber Freund. Nirgends ist +der Fortschritt verhaßter, nirgends werden neue Ideen feindseliger +befehdet als in der Pädagogik. Denken Sie z. B. an unsern braven +Valentin Ickelsamer. Der fand zu Luthers Zeiten, daß es ein Unsinn +sei, die Kinder nach Buchstabennamen lesen zu lehren, man müsse das +Wort in seine wirklichen Laute zerlegen und die Kinder lautierend +lesen lassen. Er machte das damals schon so klar, daß es ein +Schwachkopf begreifen konnte. Und in der zweiten Hälfte des +neunzehnten Jahrhunderts entschloß die Schule sich wirklich, diesen +einfachen und darum freilich genialen Gedanken zur Ausführung zu +bringen. Aber das ist ein Beispiel von fabelhafter Geschwindigkeit. In +den Klosterschulen des Mittelalters bildete man den Geist am +Griechischen und Lateinischen, weil man nichts Besseres hatte; heute +bildet man den Geist unserer Jugend am Griechischen und Lateinischen +mit der ernsten Gesichtes abgegebenen Versicherung, daß man nichts +Besseres habe. Der typische Scholarch weist jede ernste und gründliche +Neuerung mit einem durch die kommenden Jahrhunderte gestreckten Arme +von sich, und wenn er im Gegensatz zu einem Vorgänger den Aorist _vor_ +dem Perfekt behandelt, hält er sich für einen Umstürzler. Ich habe ein +Buch erscheinen lassen ‘Das Recht des Schülers’ –« + +»Ich kenne es,« sagte Asmus, »und freue mich, daß es so großen Anklang +gefunden hat.« + +»Anklang, ja aber bei den Kollegen war der Anklang nur schwach, der +Widerspruch um so stärker. Das ist kein Unglück, soweit es offener und +durchdachter Widerspruch ist. Aber was muß ich erleben? Kaum ein Tag +vergeht, daß ich nicht im Konferenzzimmer, recht auffällig auf den +Tisch gelegt, irgend eine abfällige Kritik meines Buches finde, in der +die Kraftstellen mit roter Tinte angestrichen sind. Kein Gespräch +verläuft ohne hämische Seitenhiebe gegen mich und meine Ideen; keine +Wochenrede meines Direktors geht zu Ende ohne einige Fußtritte, bei +denen die Schüler sich zuraunen: ‘Das geht auf Rumolt.’ Die Herren +glauben, daß ihre Kritik mich verletze, und haben keine Ahnung, daß es +ihr Wesen ist, das mich verwundet. Ich habe keinen frohen Tag mehr, +und da ich von meinen Ideen und ihrer Verkündung nicht lassen kann, so +werde ich über kurz oder lang das Spiel verlaufen müssen.« + +»Das ist traurig,« sagte Asmus gedankenvoll, »traurig und schrecklich. +Ich gestehe Ihnen offen, daß auch ich gegen Ihre Schrift manches +einzuwenden habe; aber das Ganze Ihrer Gedanken und Forderungen +erschien mir wahr und herrlich. Und sollten nun nicht die Menschen +jubelnd herbeieilen und rufen: Hier ist etwas Neues und Köstliches – +es ist noch nicht vollkommen – aber kommt alle herbei, es zu hegen und +zu fördern, etwa so wie die Verwandten sich fröhlich um eine Wiege +scharen und sich geloben, das Neugeborene zu schützen und zu pflegen, +daß es groß und stark werde?« + +»Lassen Sie sich zur Antwort darauf erzählen, daß mein Direktor mich +seit Wochen an allen Ecken und Enden inspiziert und zurechtweist, +obwohl er ganz genau weiß, daß ich meine Pflicht tue. Er will mir zu +Gemüte führen, wie vermessen es von einem fehlbaren Menschen +gewesen, gegen den von Gott geoffenbarten Gymnasialunterricht zu +schreiben. Und gestern war auch richtig der Herr Regierungs- und +Schulrat da und hospitierte vier Stunden hintereinander bei mir. +‘Suchet, so werdet Ihr finden,’ sagt der rachsüchtige Gerichtsdiener +bei Hebbel. Und natürlich wurde was gefunden. ‘Gebt mir zwei Worte +von einem Menschen, und ich will ihn an den Galgen bringen.’ Laßt +einen Schulmeister fünf Minuten unterrichten, und ich will ihm den +Hals brechen. Zwar den Hals konnte mir der Herr Regierungsrat nicht +brechen; aber hundert Nadelstiche erzielen ja mit der Zeit denselben +Effekt. ‘Sie haben die und die Gesänge der Odyssee nicht behandelt.’ +– ‘Sie haben am 13. April das vorgeschriebene Extemporale ausfallen +lassen.’ – ‘Sie sind mit dem Geschichtspensum im Rückstand’ usw. usw. Es +stimmte alles. Und wenn der Mann gesagt hätte: Ihr ganzer Unterricht +taugt nichts, so würde er für jenen Tag gewiß und vielleicht +überhaupt recht gehabt haben; denn wenn man in den Zwiespalt +zwischen Altem und Neuem gestellt ist, kann man nichts Ganzes +schaffen. Nach meinen Ideen _darf_ ich nicht arbeiten, und nach den +alten _kann_ ich nicht arbeiten, weil es gegen das Herz ist.« + +»Aber forschte er denn nicht vor allen Dingen, ob Ihre Schüler geistig +frisch und lebendig seien, ob sie einen neuen Stoff mit Begierde und +Klarheit ergriffen, ob sie in sittlicher Hinsicht lauter, ehrlich, +wahrhaftig seien –« + +»Vielleicht tat er das im stillen – ich sah ihn freilich keine +Anstrengungen machen. Dazu war er ja auch nicht geholt und geschickt. +‘Rumolt soll stranguliert werden,’ flüsterten sich die Schüler zu. +Die Jugend hat jenes intuitive Auge, das durch die Hüllen dringt.« + +Die Stimmung, mit der Asmus dem Besuch beim Schulrat entgegensah, war +durch das Gespräch nicht gehoben worden. Um so fester war er +entschlossen, sich nichts Unwürdiges bieten zu lassen. + +Als er ins Amtszimmer des Schulrats gerufen wurde, saß Drögemüller +schon da. Asmus verbeugte sich vor dem Schulrat, und dieser rief: + +»Juten Tag, Herr Semper. Setzen Sie sich.« + +»Herr Drögemüller,« begann alsdann der Schulrat, »hat allerlei Klagen +jegen Sie vorjebracht. Meistens handelt es sich um Kleinigkeiten, die +ich nich berühren will. Aber Herr Drögemüller beschuldigt Sie der +fortgesetzten Renitenz; was haben Sie dazu zu sagen.« + +»Herr Schulrat,« sagte Asmus, »ich kann Sie ja selbst als Zeugen +darüber anrufen, ob ich in den vierundeinhalb Jahren, da ich Ihr +Schüler war, eine renitente Veranlagung bekundet habe –« + +»Det haben Se _nich_,« sagte Korn mit Nachdruck. + +»Ich bin auch nicht so töricht, zu meinen, daß ein Hauptlehrer lauter +vortreffliche Anordnungen treffen müsse und daß ein Lehrer berechtigt +sei, sich gegen jede Verfügung, die ihm verfehlt erscheint, +aufzulehnen. Ich füge mich gern, soweit es möglich ist, wenn man mir +mit Vertrauen begegnet und wenn man mich nicht in meinen besten +Kräften lahmlegt. Das tut aber Herr Drögemüller. Gleich zu Anfang +schon verlangte Herr Drögemüller von uns drei neuangestellten Lehrern, +daß wir alle auf dieselbe Weise den Leseunterricht erteilen sollten, +und zwar auf die von ihm vorgeschriebene Weise –« + +»Aber Herr Semper,« lachte Korn, »det müssen Se mißverstanden haben; +sonst müßte ja Herr Drögemüller (er deutete auf seine Stirn) hier nich +janz richtig sein!« + +Drögemüller erblaßte sehr tief. »Ich habe es keineswegs befohlen,« +stammelte er, »ich habe es nur gewünscht –« + +»Warum?« fragte Korn. + +»Weil – weil es doch wünschenswert ist, daß der Unterricht an einer +Schule gleichmäßig erteilt wird.« + +»Warum?« fragte Korn. + +»Nun – es ist dann doch – alles – übersichtlicher –.« Drögemüller +machte eine vage Handbewegung. + +»Wieso?« forschte der grausame Korn. + +»Man kann doch dann die Fortschritte besser kontrollieren.« + +»So. Na, dann weiß ich schon Bescheid. Wat woll’n Sie sagen, Herr +Semper?« + +»Herr Drögemüller hat allerdings die Form des Wunsches, aber den Ton +des Befehls gewählt, und da ich diesen Wünschen nicht nachkomme, +verfolgt er mich mit Aufpassereien, die mich ärgern und kränken +müssen und die mir die Lust an der Arbeit vernichten.« + +»Na ja, zum Aufpassen ist Herr Drögemüller ja da,« sagte Korn, der das +Gefühl hatte, daß er den zusammengesunkenen Drögemüller ein wenig +wieder aufrichten müsse; »es gibt leider auch faule und unfähige +Lehrer, die einen Aufpasser brauchen. _Aber schikaniert wird hier +keiner_«, fuhr er mit erhobener Stimme und mit einem Seitenblick auf +den Ankläger fort. »_Wenn ein Lehrer was kann und was will, dann soll +er jede mögliche Freiheit jenießen und nicht mit Quisquilien behelligt +werden._ Aber verjessen Se nich, Herr Semper, dat Se Beamter sind, den +Rat jebe ich Ihnen. – Sie können jehen, Herr Drögemüller. Sie bleiben +noch, Herr Semper.« + +»Soll ick Sie an die Seminarschule versetzen?« fragte Korn, als sie +allein waren. + +Das war sozusagen eine Beförderung; denn es stand fest, daß die Lehrer +an der Seminarschule schneller avancierten als die anderen. Mit dieser +Kenntnis hatte Asmus immer die Vorstellung von Karrierenluft +verbunden, und diese bloße Vorstellung genügte, ihn zurückzuschrecken. +Es mußte ja Aufpasser geben in der Welt; aber er mochte keiner sein. +Und wo man Karriere machte, da paßten gar die Strebenden einer auf den +andern! Er fand es ungleich schöner, immer in unmittelbarer +Verbindung mit den Kindern zu bleiben. Konnte man sich Pestalozzi als +inspizierenden Oberlehrer denken? Asmus sah ihn immer nur unter +Kindern. + +»Ich danke Ihnen sehr, Herr Schulrat,« sagte Asmus, »aber ich möchte +die Kinder, die ich nun einigermaßen kenne, noch einige Jahre +weiterführen. Und dann hab’ ich in meinem Kollegium so liebe Freunde +gefunden, daß ich mich ungern von ihnen trennen würde –« + +»Na, wenn Se nich wollen –« rief Korn in halber Verstimmung, »denn +sehn Se zu, wie Sie sich mit dem Drögemüller vertragen. Mit’m Kopp +durch die Wand kann keiner, und jefallen lassen müssen wir uns alle +was. Ich auch. Adieu!« + +»Adieu, Herr Schulrat. Herzlichen Dank!« + +Asmus verließ das Gebäude der Oberschulbehörde mit dem frohen Gefühl, +daß es Männer gebe, denen alle hierarchische Rangordnung nichts gelte, +wenn es sich um Recht und Billigkeit handle. Er war fest überzeugt, +daß die Welt überhaupt so eingerichtet sei, und daß man, wenn man sich +nur nicht beim Unrecht beruhige, immer zuletzt den Ort finden müsse, +wo das Recht in smaragdener Schale ausgehoben und gehütet sei wie das +heilige Blut der Welt. So blickte er gläubig und heiter in den schönen +Frühlingstag, während zu Hause auf seinem Tische das Schicksal lag und +lauerte, um ihm die Krallen ins Fleisch zu schlagen. + + + + +XLIV. Kapitel. + +Zwei Briefe, und jeder ein Schlag. + + +Er hatte seinen Eltern nichts von der Vorladung vor den Schulrat +gesagt, um sie nicht zu beunruhigen; er sagte ihnen auch nichts von +dem Ausgange; denn seine Mutter würde doch Bemerkungen über seinen +»Hitzkopf« gemacht haben. Eben weil sie so hitzköpfig war, verurteilte +sie alle Hitzköpfigkeit. + +»Drinnen auf’m Tisch liegen zwei Briefe für dich,« sagte Frau Rebekka. + +Eilig ging er hinein, öffnete den einen der Briefe und las: + + Hilde Chavonne + Hermann Kiefer + Verlobte. + +Hamburg, den – – – – – + +Das Blatt war seinen Händen entfallen. + +Er sah nach der Tür – sie war noch offen – schnell ging er hin und +drückte sie ins Schloß. Nur allein sein. Dann ließ er sich auf einen +Stuhl fallen. + +Merkwürdig, wie ihn das traf. War es denn nicht selbstverständlich, +daß Hilde Chavonne sich einmal verlobte? Und hatte er denn je +geglaubt, sie werde sich mit ihm verloben? Nein, nicht einmal im Traum +hatte er das gehofft. Darum hatte er ja auch nie die geringste +Anstrengung gemacht, sie zu gewinnen. Er war ihr während des letzten +Jahres fast völlig ferngeblieben, nicht eigentlich mit Absicht; aber +da es sich so gefügt hatte, daß sie sich nur selten und flüchtig +sahen, war es ihm recht gewesen. Vor einem Vierteljahr hatte er sie +zuletzt gesehen, an einem Festabend der »Treue von 1880«, als er mit +einem hübschen Mädchen zusammen ein Duett gesungen hatte. Das Fräulein +Chavonne war an jenem Abend sehr still, sehr ernst, und obwohl +freundlich, doch sehr zurückhaltend gewesen. + +Und jetzt – verlobt! – + +Er war längst wieder aufgesprungen und hatte instinktiv zu seinem +Beruhigungsmittel gegriffen: zum Wandern. Auf und ab gehen, immer auf +und ab, dann hat man das Gefühl der Bewegung, das Gefühl: Es geht +vorüber – es geht vorüber. + +Sie ist verlobt! Wie konnte sie ihm das antun! Haha – im selben +Augenblick mußte er laut auflachen. Hatte sie denn die geringste +Verpflichtung, auf ihn zu warten, auf _ihn_? Hatte er ihr das +geringste Zeichen gegeben, daß sie auf ihn warten solle? Hatte er +überhaupt ans Heiraten gedacht? Nein, er, der als Präparand alles +heiraten wollte, was ihm in den Weg kam, er hatte in den letzten +Jahren das Heiraten als ein Ding angesehen, das noch in weiter Ferne +liege; ja, es war ihm eine gewisse Beruhigung gewesen, daß es mit dem +Kniefall und mit der langen Liebeserklärung in Periodenform noch gute +Weile habe. Seine Arbeit, sein Beruf hatten sein ganzes Interesse +aufgesogen. + +Jetzt, jetzt mit einem Male wußte er’s: Nur an Hilde hatte er gedacht, +wenn er überhaupt an eine Frau gedacht hatte. Wenn er sich das Weib an +sich gedacht hatte, das hehre Weib, das edle Weib, das holde Weib – +nur an Hilde Chavonne hatte er gedacht, nur an sie. Wenn er +Liebesgedichte gemacht hatte, platonisch-elegische Liebesgedichte in +weinenden Odenstrophen – hatte er an sie gedacht. Jetzt wußte er’s, +daß er sich nur eine als sein Weib denken konnte: Hilde – und er +begriff nicht, daß er das nicht gewußt hatte, bevor er diesen Brief +geöffnet. Er begriff es nicht, weil er sich seiner Unreife nicht +bewußt war. In ehrlicher Gedankenarbeit war sein Hirn über seine Jahre +gereift; aber sein Herz war noch unreif wie ein Apfel im Frühling, und +unreif wie der Same in solch einem Apfel war die Liebe in diesem +Herzen. Jetzt, da das Schicksal einen tiefen Schnitt in dieses Herz +getan hatte, entdeckte er die Liebe darinnen. + +So fühlte er nicht den rasenden Schmerz des Betrogenen, +Zurückgestoßenen; denn er hatte nicht die rasende Lust des Liebenden +und Hoffenden gefühlt; er empfand die Wehmut eines Mannes, der eines +Morgens ein zartes Bäumchen seines Gartens erfroren findet und +erkennt, daß es sein schönstes Bäumchen gewesen; er empfand eine +Trauer, wie sie junge Eltern empfinden, denen ein kaum Geborenes +gestorben ist; er empfand den dumpfen, unbefreiten Schmerz um ein +Werdendes, das, zu großer Schönheit bestimmt, im Keime vernichtet war. + +Mechanisch griff er nach dem zweiten Briefe; mechanisch öffnete er ihn +– er war von Rumolt – mechanisch überflog er die ersten Zeilen, aber +nur die ersten. + + »Mein lieber Freund! + + Von Ihnen hätte ich mündlich Abschied nehmen mögen. Aber es durfte + nicht sein; denn Sie würden versucht haben, mich zurückzuhalten. Sie + sind von festerem Stoff als ich und werden, das weiß ich, den Kampf + besser bestehen, den Kampf gegen der Menschen Stumpfsinn, Trägheit und + Niedrigkeit. Meiner Hand entsinken die Waffen. Damit Sie es nicht in + gehässiger Entstellung hören, was mich zu meinem Scheiden veranlaßt, + will ich es Ihnen selbst sagen. Ich habe einem meiner Schüler – ich + glaube, ich habe Ihnen von ihm gesprochen – einem Untersekundaner, der + zum zweiten Male hoffnungslos vor dem Examen stand und dessen Qualen + ich nicht mehr mit ansehen mochte, in unerlaubter Weise geholfen, habe + ihm die Examenaufgaben vorher mitgeteilt. In seiner Freude hat es der + Junge nachher selbst ausgeplaudert. So bracht’ die Sonn’ es an den + Tag. Hätte er das Examen nicht bestanden, wär’ er aus der Welt + gegangen; nun gehe ich, und das ist besser. Leben Sie wohl, teurer + Freund; unsere Freundschaft war kurz, aber wahr. Ich danke Ihnen + schöne Stunden, von denen ich dort erzählen will, wohin ich gehe. + + Rumolt.« + +Asmus hatte die letzten Zeilen mit fliegendem Atem gelesen; jetzt +sprang er nach der Tür. + +»Wo willst du hin?« rief Frau Rebekka, »dein Essen ist fertig!« + +»Ich esse nichts – ich muß –« + +»Junge, du hast ja keinen Hut auf! Was ist denn los –?« + +Er entriß ihr den dargebotenen Hut und stürmte mit dem Rufe: »Ich muß +weg!« hinaus. + +Ohne Besinnen stürzte er über Stock und Stein nach Rumolts Wohnung. +Die Wirtin bestätigte ihm weinend das Schreckliche. Am Ufer des +Kanals hatte man Rock und Hut gefunden, die Leiche war noch nicht +gefunden worden. + +Aber am nächsten Tage fand man auch sie. – + +Das war eine denkwürdige Post gewesen. Zwei Briefe, und jeder ein +Schlag. An einem Tage Freund und Geliebte verloren; denn von nun an +war sie ihm Geliebte. + + + + +XLV. Kapitel. + +Wenn’s kommt, dann kommt’s in Haufen. + + +Was wird nun kommen? dachte Asmus. Denn er glaubte an sein +heimatliches Sprichwort: »Wenn’t kummt, denn kummt’t in Hupen.« + +Und ein drittes Unglück kam, aber nicht von außen, sondern ganz +heimtückisch aus dem tiefsten Innern richtete es sich auf wie eine +Natter aus dunklem Dickicht. Ihm kamen Zweifel am Wert seines Berufes. + +Mit dem jähen Optimismus der Jugend war er an diesen Beruf +herangetreten. Jeder Jüngling, auch der bescheidenste, hat, wenn auch +kaum bewußt, das Gefühl: Wenn ich in die Welt eingreife, wird es +anders, wird es schneller vorwärtsgehen – wie ein ungestümer +Reisender, dem der Zug zu langsam fährt, das Gefühl hat: Könnt’ ich +aussteigen und nachschieben! + + »Hätt’ ich tausend Arme zu rühren! + Könnt’ ich brausend die Räder führen! + Könnt’ ich wehen durch die Haine! + Könnt’ ich drehen alle Steine!« + +und wenn er sich auch sagt, daß vor und mit ihm Bessere und Stärkere +wirken und gewirkt haben – er glaubt nicht, daß einer so viel Lust und +Mut gehabt wie er, vor allem nicht, daß einer so viel Glück gehabt, +wie _er_ haben wird! + +Und nun erreichte er nicht mehr als die andern! Nun ja, er leistete +vielleicht etwas mehr als dieser und jener, und seine Kollegen und +Freunde rühmten zuweilen seine Leistungen; aber ganz etwas anderes +hatte er gehofft, ganz etwas anderes! Er wußte ja freilich von früher +her, daß Unterrichten kein ununterbrochener Sieges- und Eroberungszug +sei; aber doch hatte er sich Erziehung und Unterricht im stillen als +eine Fleischwerdung des Lehrwortes gedacht. Aber das Wort ward _nicht_ +Fleisch: Seine Jungen konnten am Ende des Jahres etwas mehr als zu +Anfang; aber sie waren dieselben Menschen geblieben, wenigsten merkte +er keine Änderung. Die Guten, Offenen, Zarten waren zwar offen, zart +und gut geblieben; aber die Rohen, Hinterhältigen, Unwahrhaftigen +waren sich nicht minder treu geblieben. Es schien ihm auch, daß die +Klugen zwar klug blieben, die Dummen aber auch dumm. Und gerade die +Dummen waren das ewige Ziel seiner Mühen; zu ihnen kehrte er, wie +magnetisch gezogen, immer wieder zurück; denn daß die Klugen etwas +begriffen hatten, bedeutete ihm nichts, solange die Dummen im Dunkel +saßen. Das schien ihm die furchtbarste Ungleichheit und +Ungerechtigkeit der Welt, daß die einen spielend und lachend +erhaschten, was die andern mit Ängsten und Mühen nicht erringen +konnten. Und die Welt kommt nicht vorwärts, wenn die Dummen nicht +mitkommen, dachte er. Und er machte es sich zur tollkühnen Aufgabe, +aus den Dummen Kluge zu machen; alle sollten alles lernen; in seiner +Schar sollte keiner zurückbleiben. Herr Drögemüller hielt ihm vor, daß +er im Pensum zurück sei, und das war deshalb, weil es ihn immer wieder +zu den Schwächsten hinzog, weil ihn immer wieder dies wunderbare +Geheimnis der Dummheit lockte. Er konnte sich Viertelstunden, halbe +Stunden lang mit solch einem verschlossenen Geiste einkapseln und das +verworrene, zerrissene Gespinst seiner Vorstellungen mit langsam +tastenden Fragen zu ordnen und zu entwirren suchen; er gab in einer +Oberklasse den geographischen Unterricht, und er setzte sich vor, +nicht zu ruhen, bis alle die Entstehung der Jahreszeiten aus der +Stellung der Erdachse zur Ekliptik begriffen hätten, und zuweilen +sprang plötzlich aus solch einem leeren Auge ein Funke wie aus einem +toten Stein, und dann kam aus Asmussens Augen ein Strahl, und Licht +floß zusammen mit Licht und machte die Erde selig und schön – aber +wenn das Hirn sich dem einen erschlossen hatte, verschloß es sich dem +andern um so fester, und ob Asmus auch mit zusammengebissenen Zähnen +rang und bohrte – er mußte daran zweifeln, allen seinen Schülern den +auf- und abschwebenden Jahresreigen von Licht und Schatten +verständlich zu machen. + +Dabei quälte ihn mit Recht der Gedanke, daß er über den Schwachen die +Starken vernachlässige und sie durch den langsamen Gang des +Unterrichts langweilen und unlustig machen müsse. Aber konnte er sich +denn überhaupt allen so hingeben, wie es geschehen müßte, wenn man ihm +fünfzig, ja sechzig Menschenkinder auf den Hals lud? Es konnte ja +alles nur oberflächliche Husch- und Pfuscharbeit, nur äußerlicher +Bildungsaufputz werden. Es bemächtigte sich seiner das Gefühl, daß +überhaupt alles töricht und falsch sei, was er da treibe, und zwar von +der Wurzel aus falsch; von einem tieferen Grunde her müsse alles +anders angefaßt, müsse auch ganz anderes erstrebt werden. Er erinnerte +sich, daß sein bestes Lernen immer ein Erleben gewesen sei. Aber dies +Lernen in der Schule, wie er es nach dem herrschenden Formalismus +betreiben mußte, war kein Erleben. Es drang nicht zum Innersten und +Tiefsten des Menschen hinab. Und er dachte sich einen Menschen, mitten +in den Kampf des Lebens gestellt. Was er da brauchte – gab ihm das die +Schule? #Non scholae sed vitae#! hatte es im Seminar geheißen. Leerer +Schall! Das Meiste, was er den Kindern geben mußte, war nicht +Lebensbrot, waren nicht Lebensworte, nicht Lebenswerte. + +So hoch ihn sein Optimismus getragen hatte, so tief versank er jetzt +in Mißmut und Verzagen, und Melancholie bog seinen Mut »wie eine junge +Weide bis an den Rand des Lebens«. Jene unversiegliche Federkraft aus +tiefstem Lebensgrunde – nun schien sie dennoch versiegt. + +Öfter als sonst bezog er in Gemeinschaft mit Heide, Goers und +Stockelsdorf die Akademie des Herrn Kuhlmann und war dann nicht selten +der Ausgelassenste von allen; aber seine Scherze hatten eine +Bitterkeit und Schärfe, die die Freunde oft erstaunt und befremdet +aufblicken ließ. Manchmal verstummte er mitten in der tollsten +Lustigkeit, mitten im eifrigsten Diskurs und sprach dann den ganzen +Abend kein Wort mehr. Dann hatte ihn das Gefühl überfallen: Was soll +der ganze Unsinn? Darum ging er auch noch öfter allein ins Wirtshaus. +Er hatte ein abgelegenes Hotel entdeckt, in dessen Speisesaal er ganz +allein den Abend verbringen konnte. Das liebte er jetzt: ganz allein +mit einer Flasche in einem möglichst großen Saale sitzen und sinnen +und träumen. Nur wenn der Kellner kam, unterhielt er sich gern eine +Weile mit ihm. Es hatte ihn immer schwer geärgert, wenn er einen +Kellner schlecht und geringschätzig behandelt sah, wie es ihm +überhaupt so schien, als wenn die Menschen diejenigen, die ihnen die +härtesten und lästigsten Arbeiten abnahmen, am verächtlichsten +behandelten. Er suchte, es an seinem Teile gutzumachen, behandelt die +Kellner nun extra als Gentlemen und gab ihnen so reichliche +Trinkgelder, daß einige, allerdings wenige von ihnen zuweilen eine +abwehrende Gebärde machten und sagten: »Ooh – lassen Sie doch – ich +habe ja erst vorher bekommen!« Sie nahmen es aber immer. + + + + +XLVI. Kapitel. + +Angetrunkene Einfälle, die bei jedem vernünftigen Menschen nur +Kopfschütteln erregen können. Im übrigen ein Beweis, daß die +Optimisten nicht immer Optimisten sind. + + +Wenn er dann so ganz mit sich allein war, dann war er vom Kopf bis zu +den Füßen sein Vater Ludwig Semper. Er bemalte dann die hohen Wände +des Saales mit ganzen Epochen der Geschichte, mit Werken der +Dichtkunst und der Malerei, ließ sich von einem verdeckten Orchester +Symphonien und Ouvertüren vorspielen, sah sein ganzes Leben durch den +Lichtkreis der einsamen Lampe wandern, kämpfte mit Schopenhauer gegen +Hegel, gab Unterrichtsstunden, zog plötzlich ein Kuvert oder eine +Rechnung oder sonst einen Zettel aus der Tasche und notierte sich die +Idee zu einem wundervollen Gedicht oder Drama, das er schreiben +wollte. Auch Gedanken notierte er sich, die ihm des Aufhebens wert +dünkten, und wenn er nach Tagen oder Wochen bei einem zufälligen Griff +in die Tasche die Zettel wieder hervorholte, knäulte er sie ingrimmig +zusammen und warf sie mit einem gemurmelten »Blech« oder derberen +Worten in den Ofen. Je weiter der Abend fortschritt und je öfter der +Kellner aufgetreten war, desto eigenwilliger wurden natürlich seine +Gedanken; sie kümmerten sich schließlich gar nicht mehr um diesen +Herrn Semper, dem sie angeblich entsprungen sein sollten, und +schnitten Gesichter wie losgelassene Buben. Einige von diesen +Aphorismen, die sich weniger durch dauerhaften Wert als durch den +Zufall erhalten haben, mögen hier Platz finden und zeigen, welche Art +von Luftblasen in jenen Tagen aus den trüben Wirbeln der Semperischen +Seele aufstiegen. + + * + +Wir nehmen den Sonnenaufgang für ein Bild des siegenden Lichtes, der +erfüllten Hoffnung! Aber die Sonne blieb, wo sie war; nur wir drehten +uns – um uns selbst. + + * + +Ein Goldstück fiel ins Wasser und ging unter. »Das kommt davon, wenn +man nicht den beständigen Trieb nach oben in sich hat, wie ich!« rief +ein schwimmender Kork. + + * + +Wie sie sich blähen, die »Praktischen«, die »sich nicht mit vagen +Zukunftsideen abgeben«! Fressen sich voll und grinsen über die, die +dafür sorgen, daß auch morgen zu essen da ist. + + * + +So ist alle Arbeit auf der Welt auf das weiseste verteilt: der eine +hält edle Reden, und der andere handelt darnach. + + * + +Wer klug ist und dennoch gut, der ist wahrhaft gut. Das heißt die +Gefahr kennen und dennoch tapfer sein. + + * + +Der Sonntag ist so schön, weil er in sieben Tagen nur einmal kommt. Er +ist schön wie das Lächeln eines ernsten Menschen. + + * + +Man sagt von etwas Unpassendem: »Das paßt wie die Faust aufs Auge«, +und die paßt doch mitunter so gut dahin! + + * + +Das Leben ist ein langsamer Vergiftungsprozeß. + + * + +Dumm und schlecht, – in einer Stunde der Selbsterkenntnis fand der +Mensch für diese Verbindung das Wort »gemein«. + + * + +Aus den Augen des Menschen blickt zuweilen ein gequältes Tier, das +nicht reden kann. + + * + +Die Erde ist eine alte Metze, die sich in jedem Frühling wieder das +Gesicht bemalt. + + * + +Man muß Ambos oder Hammer sein, und wer keins von beiden sein will, +kommt zwischen beide. Armer Rumolt! + + * + +Wenn die Dummköpfe auf Geist stoßen, so grinsen sie überlegen. + + * + +Manche Brust ist ein Eisschrank, in dem sich die Gefühle vortrefflich +konservieren. + + * + +Beethovens fünfte Symphonie, letzter Satz: Donner der Seligkeit aus +aufgerissenen Himmeln. + + * + +Die Welt besteht durch Gehorsam; aber weitergekommen ist sie immer nur +durch Ungehorsam. + + * + +»Er ist ein enorm gebildeter Mensch,« sagen die Leute und meinen +damit: Er weiß dasselbe, was ich weiß. + + * + +Was fliegt, ist beliebt; was kriecht, ist verhaßt. Selbst der Floh ist +angesehener als die Laus; denn er springt. + + * + +Ein richtiger Neidhammel beneidet auch eine erfolgreiche Ballerine, +wenn er selbst Professor der Ethik ist. + + * + +Man soll die Menschen aufklären, gewiß; aber es gibt Geister, die +durch Rippenstöße geweckt sein wollen. + + * + +Wenn man seine Dummheiten bei der Obrigkeit rechtzeitig als +Heiligtümer anmeldet, genießen sie gesetzlichen Schutz. + + * + +Auf dem Lande gibt es Kollegen, die sich ein Schwein fett machen. Ich +will aufs Land gehen und mir einen borstigen Menschenhaß fett machen. + + * + +Selbst Herkules hat nur die Ställe des Augias ausgemistet. + + * + +Der Ochse, der tausendmal auf die Weide getrieben wurde, sammelt +freilich »Erfahrungen«. Aber weniger in der Botanik als im Fressen. + + * + +»Endlich wird mir Genugtuung!« rief die Distel, da hatte der Blitz die +Eiche zerschmettert. + + * + +Keine Tiergattung, die so viele und so verschiedene Varietäten +aufweist wie der Hund. Grenzenloses Akkomodationsvermögen ist ein +Merkmal der Hundenatur. + + * + +Ich habe Professoren und Schulmeister kennen gelernt, die +bereitwilligst zugaben, daß Goethe die Formgewandtheit vor ihnen +voraus habe. + + * + +Wenn die Könige bau’n und wenn sie niederreißen, – ein rechter +Karrenschieber findet immer sein Brot. + + * + +Das Leben ist das allmähliche Erwachen eines Gefangenen, der von der +Freiheit träumte. + + * + +Man kann die größten Dummheiten mit der Ruhe des Weisen sprechen. + + * + +Es gibt Künstler, die ihr Talent in schmale Riemen zerschneiden, um es +auszubeuten. Sie können es, wie Dido, zu einem ansehnlichen +Grundbesitz bringen. + + * + +Es war ein kleines Mädchen, dessen Mutter hatte man ins Irrenhaus +bringen müssen. Und man stopfte ihm die Hände voll Äpfel und Backwerk, +daß es nicht mehr an die Mutter denken sollte. Aber es konnte die +Mutter nicht vergessen. + + * + +Wenn ein Mandrill den Husten hat, so vergißt man seine Häßlichkeit, +oder man ist ein Ästhet und Hallunke. + + * + +Niemand ist vor seinem Tode ein Goethe, sagte der Professor. + + * + +Schon bei der Geburt tritt der Mensch in etwas, das man Leben nennt. + + * + +Italien scheint mir ein alter, zerfallener Gorgonzola unter einer +wunderschönen Kristallglocke zu sein. + + * + +O, dieses Korsett! Man glaubt ein Weib zu umarmen und man umarmt einen +Hummer. + + * + +Die Ratte hat keinen Freund – das könnte mich zu ihrem Freunde machen. + + * + +Bei jedem schweren Gange sage dir dies: Bei Abschied und Wiederkehr +sind die Leute da mit Hurra und Trara – den langen, bittern Weg mußt +du allein gehen. + + + + +XLVII. Kapitel. + +Asmus wird stutzig und entsagt der sündigen Gewohnheit, aber mit Maß. +Er erfährt eine überraschende Neuigkeit. + + +Wohl kam ihm in besinnlicheren Augenblicken der Gedanke, ob dies +verwegene Spiel mit seiner Kraft auch gesund sei; aber dann zog er +einfach einen Zettel aus der Tasche und schrieb darauf: + +»Was wären wir, wenn wir immer unserer Gesundheit lebten! Nicht einmal +gesund!« und dann war diese Angelegenheit einstweilen erledigt. Auch +erwog er öfters den Gedanken, ob es nicht köstlicher, lohnender, +vernünftiger sei, langsam und fröhlich zu verlumpen, als in dieser +Welt zu wirken und zu streben. + +»Ich fuhr einmal auf einer Rutschbahn,« schrieb er, »und das sausende +Fahrzeug glitt zuletzt in die hochaufschäumenden Wasser eines Sees. So +köstlich ist der Leichtsinn: die Sinne schwindelt’s, die Gedanken +vergehen, und hochauf spritzen und schäumen die Fluten des Lebens!« + +Und wenn das Fahrzeug ein bißchen zu tief eintauchte und umschlug – +war’s denn schlimm? Er sah seinen toten Bruder vor sich, seinen +Bruder Leonhard, der an seinem Leichtsinn zugrunde gegangen war. Aber +gewiß hatte er auch manche schäumende, tanzende, wirbelnde Stunde +genossen! Es kam darauf an, was das Gescheitere war. »Sehen Sie, das +ist so verschieden,« hatte eines Morgens ein Mann in einem verruchten +Nachtlokal zu ihm gesagt, »der eine ißt gern Rebhühner und der andere +möchte gern ein Ehrenmann sein.« Der Mann, der das sagte, war ihm +freilich zuwider gewesen. + +Im Geschlecht der Semper tauchte hie und da ein Hang zur Verschwendung +auf. Wie wär’s, wenn man sich selbst verschwendete! Sich selbst mit +Bewußtsein langsam zerstören und mit forschenden Augen alle Schauer +und Schönheit, alle Tollheit und Tragik des eigenen Unterganges +kosten! Da müßte man in sich und in den andern Dinge sehen, die auf +der Hauptstraße des Lebens nicht gezeigt wurden. Es machen wie jener +Zöllner, den er bei seinem Freunde Diepenbrock auf dem Sofa hatte +liegen sehen: wochenlang immer trinken und sinken, trinken und sinken +ins Bodenlose hinab, und dann wieder emporsteigen zu Goethe, +Shakespeare und Dante! Hinabsteigen in alle Tiefen des Lumpentums; mit +Laster und Verbrechen auf du und du stehen und im Innersten doch der +bleiben, der man war, bis zum Tod! Das müßte sein wie eine +Entdeckungsfahrt von gefahrumwitterter Romantik. Das waren seine +Gedanken, wenn er durchs Kneipenfenster in die aufzuckende Morgenröte +starrte und immer noch ein neues Glas bestellte. Und im Graus des +Sinkens und Untergehens zuweilen an _sie_ denken, die er vor kurzem am +Arm ihres Verlobten lachend über die Straße hatte gehen sehen! Dann +mischte sich Morgengrauen und Morgenröte, wie in der traurigen Freude +dieser Morgenstunden, wenn er zurückgelehnten Hauptes in den Himmel +starrte. Mit der steigenden Sonne aber überfiel ihn oft ein +plötzliches Frösteln, dann fühlte er sich namenlos elend, und einmal +in solch einer Stunde machte ein Gedanke ihn stutzig. Im Rausch fühlte +er sich glücklich, stolz, von Kraft geschwellt und leicht wie auf +Schwingen, zu jeder großen Tat bereit und zu jedem herrlichen Werke +geschickt. Wenn er sich aber am nachfolgenden Tage die Freuden seines +Rausches erinnernd zurückrufen wollte, so fehlte ihm jede Vorstellung, +jede Freude an der Freude; die Stunden des Rausches waren ihm eine +leere, tote Zeit. Er wußte wohl, daß er sich gefreut hatte an dem +Kaleidoskop seiner Phantasien; aber er konnte diese Freude nicht +zurückrufen. Warum war das nicht so mit andern Freuden, mit den +Freuden der Kindheitsspiele, des Studierzimmers, der Kunst, der +Wanderung in Feld und Flur? Da war jede Freude ein anderer Genius mit +anderem Angesicht, mit Augen, die schöner werden mit jeder Erinnerung, +da war jede Freude ein unverlierbarer, ein wachsender Besitz! Und +nachdenklich zog er die Rechnung, auf der seine Zeche stand, aus der +Tasche und schrieb auf die Rückseite: + +»Der Rausch ist ein liebloser Gastfreund; er spendet nicht das +Gastgeschenk der Erinnerung.« + +Und als er bald darauf eines Morgens unmittelbar von der Schenke in +die Schule ging – er blieb immer Herr seines Handelns und gab nach +solchen Nächten oft seine besten Stunden – aber als er nun mit einem +aus Hohlheit und Übersättigung gemachten Gefühle vor den Kindern stand +und in rotwangige Gesichter, in klare Augen sah, die in der Schönheit +und Hoffnung des jungen Morgens zu ihm kamen, da sagte er leise, aber +ihm selbst hörbar, vor sich hin: + +»Nun ist es genug.« + +Nein, man blieb nicht, der man war, und die Romantik der Verlumpung +war eine Lüge. Er hatte Abschied von ihr genommen. + +Frau Rebekka hatte über seine nächtlichen Ausflüge genug geklagt und +gejammert; ihre Gardinenpredigten konnten sich neben den besten ihrer +Gattung hören lassen, und mütterliche Gardinenpredigten mögen wohl +noch eindringlicher sein als eheliche, weil sie aus selbstloseren +Gründen entspringen. Rebekkens Bemühungen, auch ihren Gatten zu +solchen Predigten aufzumuntern, blieben freilich ganz erfolglos. +Ludwig antwortete im Geiste seiner Philosophie: + +»Laß ihn, was soll ich ihm sagen!« + +»Ja, wenn ich dir das erst sagen soll – wenn du das nicht selbst weißt +–!« rief Frau Rebekka. »Merkwürdig! ’n Mann, der den Kopf voll +Gelehrsamkeit hat und alle Sprachen spricht –« + +»Nicht alle,« versetzte Ludwig trocken – + +»– und verlangt von mir, daß ich ihm sage, was er sagen soll!« + +»Ja, ich bin zu dumm dazu,« sagte Ludwig mit seinem Lächeln. + +»Ach Gott, mit dir ist ja kein Auskommen!« rief Rebekka, lief in die +Küche hinaus und klagte laut den Tellern und Töpfen ihr Leid. + +Ludwig und Asmus Semper verband nun einmal aus Vordaseinszeiten her +ein Vertrauen, das die sorgende Frau Rebekka nicht begreifen konnte. + +Übrigens beabsichtigte Asmus keineswegs, die Welt- und Fleischeslust +in sich zu ertöten und auf die Freuden eines geselligen Trunkes +prinzipiell zu verzichten. Und er hatte es nicht zu bereuen, daß er an +einem vielverheißenden Vorfrühlingstage in die Kuhlmännische Akademie +ging. Er traf dort seinen Kollegen Mansfeld, eben jenen Herrn, der +eine Pensionärin Namens Hilde Chavonne im Hause hatte. Asmus +schwankte, ob er sich zu ihm setzen solle; aber eine eigentümliche +Gewalt zog ihn fast gegen seinen Willen an denselben Tisch. + +»Sie sollten sich mal mein neuestes Bild ansehen,« sagte Mansfeld, der +in seinen Mußestunden malte, im Laufe des Gesprächs. »Kommen Sie mit +und essen Sie mit uns zu Abend. Meine Frau wird sich freuen.« + +»O,« stammelte Asmus, »das ist sehr liebenswürdig, ich komme natürlich +gern einmal – aber heute hab’ ich eine wichtige Sitzung, bei der ich +auf keinen Fall fehlen darf.« + +»Das ist was anderes,« sagte Mansfeld. + +Die Rede kam aber doch bald auf die Pensionärin, und Asmus fragte mit +glänzend aufgepuffter Munterkeit und mit einem sehr kunstreichen +Lächeln: + +»Na, wie geht’s ihr denn?« + +»Na, – soso lala!« + +»Wieso?« rief Asmus erblassend. »Ist sie nicht glücklich?« + +»Dscha – wie man’s nehmen will. Ihre Verlobung ist ja zurückgegangen, +das wissen Sie doch?« + +»Zurück –?« Asmus war aufgesprungen. »Zurückgegangen? Ich weiß kein +Wort. Ich bitte Sie – warum?« Er hatte sich wieder gesetzt. + +»Gott – das arme Kind – sie hat eine schwere, traurige Kindheit +verlebt und von den Menschen nicht viel Gutes erfahren. Vater und +Mutter sind tot; als ihr da einer von Liebe sprach, schmolz ihr das +weiche Herz und sie glaubte, das Glück wär’ endlich da!« + +»Nun – und? Was weiter?« Asmus bog sich immer weiter über den Tisch. + +»Nach wenigen Wochen erkannte sie, daß sie sich geirrt hatte, +vollkommen geirrt. Übrigens ein braver, ordentlicher Kerl, aber nicht +das, was das Herz einer Hilde Chavonne braucht. Entschlossen und +mutig, wie sie bei all ihrer Milde ist, trug sie ihrem Verlobten die +Lösung des Verhältnisses an. Und er, wie er kein Mann für sie war, +hatte wohl auch nicht erkannt, was er an ihr besaß; er erklärte sich +schließlich einverstanden.« + +Und so weit Asmus sich vorgebeugt hatte, so weit lehnte er sich jetzt +zurück und blickte schweigend vor sich hin. + +Wenn eine lange getragene Last von uns abfällt, fühlen wir erst, wie +schwer sie gewesen ist. Auf seinen Soldatenmärschen hatte er Mantel und +Tornister, Helm, Patronen und Waffen als etwas Selbstverständliches ohne +Murren getragen; aber wenn er, in die Kaserne zurückgekehrt, alles +abgelegt hatte, dann hatte er gefühlt, wie schwer die Bürde gewesen. +Ganz so war es ihm jetzt, ganz so; denn es war ihm, als habe es ihm auf +Hirn, auf Nacken und Schultern gedrückt. + +Ȇbrigens,« rief er ganz unvermittelt und wurde über und über rot, »da +fällt mir ein: die Sitzung ist ja erst morgen. (Ein Geschickterer +würde vielleicht gesagt haben: In acht Tagen!) Wenn Sie Ihre Einladung +nicht bereuen, nehm’ ich sie jetzt noch an.« + +Mansfeld unterdrückte ein Lächeln und erklärte, daß ihm nichts +erfreulicher sein könne als dieser Entschluß. Und Asmus ging mit. + + + + +XLVIII. Kapitel. + +»Wiederum tanzt eine Salome: wiederum heischt sie das Haupt des +Johannes.« Johannes Chrysostomos + + +Als die beiden Männer in das Wohnzimmer traten, fanden sie Frau +Mansfeld mit einer Handarbeit, Fräulein Chavonne mit den +Vorbereitungen zum Unterricht des folgenden Tages beschäftigt. Die +junge Dame saß mit dem Rücken gegen das Licht; aber gleichwohl glaubte +Asmus zu bemerken, daß sie erschrecke und erblasse. Zwar lächelte sie, +als sie ihm dann die Hand gab; er zweifelte aber doch nicht daran, daß +er ihr unangenehm und unwillkommen sei. Mansfeld holte sein Bild +hervor, und Asmus nahm es in Augenschein; wäre er verpflichtetes +Mitglied einer Jury gewesen, so würde der gute Mansfeld wohl nicht +allzuviel Schmeichelhaftes zu hören bekommen haben; aber abgesehen +davon, daß Asmus sich durchaus nicht als Kenner fühlte, gehörte er +nicht zu jenen »unentwegten« Bekennern, die die Wahrheit auch dann +sagen, wenn sie nur verletzt und keinem nützt; er machte also dem +harmlosen Dilettantismus Mansfeldens neben einigen Ausstellungen ein +paar balsamische Komplimente. + +Nach dem Abendessen sagte Mansfeld: »Ich habe Sie so lange nicht +gehört – möchten Sie nicht ein Gedicht sprechen?« + +Asmus, ohne sich zu zieren, stand auf und sprach, zwar in Hinblick auf +die Anwesenheit der Damen mit einiger Befangenheit, »Des Sängers +Fluch«. Frau Mansfeld war eine überaus fleißige und praktische Frau +und ließ auch während des furchtbarsten Fluches die Häkelnadel nicht +ruhen; Hilde aber, die inzwischen zu einer Stickerei gegriffen hatte, +ließ schon nach den ersten Versen die Hände in den Schoß sinken und +horchte mit großen Augen. Nun schlug Mansfeld vor, man möchte doch +jede Woche einmal zusammenkommen und etwas Gutes lesen, namentlich +Dramatisches; er komme fast nie ins Theater, und Asmus setzte für +nächsten Mittwoch »Emilia Galotti« aufs Repertoire. Frau Mansfeld +indessen, die die Claudia lesen sollte, lehnte jede Beteiligung +entschieden ab; sie wollte mit dem Theater nichts zu tun haben. Sie +konnte sich nicht verstellen; sie war Frau Mansfeld aus Hamburg und +nicht Claudia Galotti aus Italien, und überdies wußte sie ganz gut, +daß in dem Stück ein junges Mädchen verführt werden sollte. So etwas +paßte sich nicht für eine Lehrersfrau, und im Grunde ihres Herzens +mochte sie es etwas »frei« von dem Fräulein Chavonne finden, daß es +sich auf Asmussens Bitte bereit erklärte, sogar das zu verführende +Mädchen selbst zu verkörpern. Asmus las den Prinzen und Appiani, +Mansfeld den Marinelli und den Odoardo; aber es ging doch nicht. +Dieser las nämlich den Marinelli wie einen stellungsuchenden +Schneidergesellen, und sein Odoardo wäre durch ein gutes Glas Bier mit +Leichtigkeit zu besänftigen gewesen. Er sah das auch selbst ein, und +Asmus widersprach seiner Selbstkritik mit keinem Wort. Einig waren +alle darin, daß Fräulein Chavonne die Angst Emiliens und die +Eifersucht der Gräfin Orfina vorzüglich gelesen habe. Asmus war +überrascht: hatte sie schon einmal Eifersucht empfunden? Es war etwas +Echtes und Elementares in ihrem Vortrag gewesen. + +Von nun an mußte Asmus allein lesen, und als man dahinter gekommen +war, daß er plattdeutsch reden könne wie ein Oldensunder Bauernjunge +und wie ein Hamburger Ewerführer, da mußte er Groth und Reuter lesen. +Und als er die nun las, da machte er eine wundersame Entdeckung: Hilde +Chavonne konnte lachen! Natürlich hatte er sie auch sonst schon lachen +sehen; aber immer hatte nur ein Teil ihres Wesens gelacht, und nur ein +kleinerer Teil; der tiefe, fast traurige Ernst ihres Wesens hatte +immer das Übergewicht behalten; es war immer ein Lachen mit ernstem +Grundton gewesen, nicht jenes Lachen des ganzen Menschen, das aus dem +Mittelpunkt unseres Wesens elementar hervorbricht und alle unsere +Seelen- und Körperteile kräftig durcheinander zu schütteln scheint. +Und sie selbst schien beseligt, berauscht von der Entdeckung dieser +Kraft wie ein Kind, dem man zur Weihnacht beschert; wenn er den Blick +vom Buche erhob und in ihr lachendes Gesicht sah, dann glühten ihn +zwei jauchzende Augen an, und niemand hätte sagen können, ob es Lust +oder Dankbarkeit sei, was ihnen den feuchten Schimmer gab. Wenn er +aber von traurigen Dingen las und – anfangs zufällig, bald mit Absicht +– die Augen über den Rand des Buches hinausgehen ließ, dann sah er +ihre Augen auf sich ruhen, als wäre es _sein_ Leid und _sein_ Kummer, +von dem er gelesen. Und obgleich die beiden Mansfeld ein dankbares +Publikum waren, dachte er bald bei allem, was er las, nur das eine: +Wie wird es _ihr_ in die Seele klingen? fühlte er bei jedem Wort den +unhörbaren Widerhall _ihres_ Herzens. + +Es ist klar, daß ein Ereignis oder eine Erwägung, die ihn von den +Mittwoch-Besuchen hätte zurückhalten können, bald zu den undenkbaren +Dingen gehörte. Zu Hause und unter den Freunden, in Konzert und Theater, +in Wissenschaft und Kunst gab es keine Freuden, und am allerwenigsten +gab es unter dem himmlischen Gezelte Naturerscheinungen, die ihn hätten +hindern können, am Mittwoch nachmittag nach dem ländlichen Vororte +hinauszupilgern, in dem die Mansfelds wohnten. Die altgeheiligte +Ordnung des Wochenreigens hatte sich verkehrt; der Mittwoch war zum +Sonntag geworden. Sehr schlau bemerkte Frau Rebekka eines Tages mit dem +Scharfblick des Weibes und der Mutter: »Da bei den Mansfelds, da muß ein +Magnet sein.« + +Mit dem Magnet hatte es seine Richtigkeit. Wenn der Sommernachmittag +gar zu verlockend ins Fenster lachte, ließen sie Bücher Bücher sein, +wanderten zu vieren hinaus nach Eppendorf, Lokstedt oder Niendorf und +ergaben sich auf einer Wiese dem Reifenspiel. Von den Freundinnen +Hildes hatte er gehört, daß ihr Turnlehrer sie immer vor allen gerühmt +habe wegen ihrer Anmut; eines Tages, als sie sich zu schwach gefühlt +und sich von der kaum erfaßten Reckstange wieder hatte fallen lassen, +da hatte der Lehrer gerufen: »Fräulein Chavonne fällt sogar mit Grazie +vom Reck!« Asmus konnte dem Manne nur von ganzem Herzen recht geben, +und wie der »Magnet« beim Lesen seine Blicke, seine Stimme, seine +Gedanken anzog, so flogen ihm jetzt die meisten der Reifen zu, die +Asmus zu versenden hatte, wenn er auch galant genug war, sich hin und +wieder der gnädigen Frau zu erinnern. + +Ein Spiel auf grünem Rasen in heller Sommerluft, das war nun ohnehin +für das Herz des Asmus ein ununterbrochener Freudentanz; als er nun +aber auch noch das liebliche Mädchen mit seinen schmalen Füßen, in +flatterndem Gewande über den sonnengrünen Teppich hüpfen sah, da +schien ihm, daß die Welt wohl überhaupt schön sei, daß sie aber noch +nie so schön gewesen sei wie an diesem Tage. Anmut der Bewegung und +körperliche Geschicklichkeit waren nicht seine Stärke; aber mit dem, +was er konnte, kokettierte er redlich, und er hatte das Gefühl, daß er +plötzlich mehr könne, als er sich zugetraut. Freilich, bei einem +unparteiischen Zuschauer würde auch Hilde Chavonne den Verdacht +erweckt haben, daß ihr der Eindruck ihrer Sprünge und Tanzschrittchen +nicht gleichgültig sei, und daß sie wie jedes junge, schöne, tanzende +Weib um den Kopf eines Mannes tanze. + +Und gewiß hätte Asmus ihr lieber seinen Kopf auf einer Schüssel +entgegengetragen, als ihr von Liebe zu sprechen. Wenn es sich auf dem +Heimwege traf, daß sie allein nebeneinander gingen, dann begann wieder +jenes wunderlich-närrische Doppelspiel von Lippen und Herzen, das sie +schon damals, nach Asmussens einmaligem Auftreten als König getrieben +hatten. Sie sprachen über einen Roman oder über eine Schulverordnung +oder über ein Sonnentaugewächs, das sie gefunden, oder über eine +Wolkenbildung, und mit allem, was sie sagten, meinten sie: »Ich liebe +dich – ich liebe dich!« Es war eine Chiffresprache, die sie redeten. +»Dieser Weg führt nach Bahrenfeld,« bedeutete soviel wie: »Du bist +ein entzückendes Geschöpf!« »Die Linden haben ausgeblüht« sollte +heißen: »Ich möchte dich küssen;« aber keiner hatte den Schlüssel zur +Sprache des andern. Das Herz des Asmus drängte, raunte, flüsterte ihm +zu wie ein eifriger Souffleur: »Sag’ es ihr, sag’ es ihr, tu den Mund +auf – es ist gar nicht schwer – und sag: »Süße Hilde, ich hab’ dich +lieb!« – »Wie kann ich denn ‘du’ zu ihr sagen!« erwiderte Asmus. +»Meinetwegen sag’ ‘Sie’«, entgegnete das Herz, »aber sag’ etwas!«, und +dann tat Asmus wirklich den Mund auf und sagte: »Jetzt wird ja auch +bald der neue Bahnhof eröffnet.« Sie war doch zu hoch, zu heilig; sie +_konnte_ sich an einem Menschen wie ihm nicht genügen lassen. Sie +hatte es ja auch bewiesen, als sie sich verlobte. An ihm war sie +vorbeigegangen. + +Endlich, endlich kam eine prächtige Gelegenheit, dem Herzen Luft zu +machen. Mansfeld hatte mit seinen Schülern einen Ferien-Ausflug +unternommen, und Asmus und die Damen hatten sich angeschlossen. In +einer hübschen Gartenwirtschaft, die den freundlichen Namen »Zum +Morgenstern« führte, hielt man Rast, und Hilde hatte sich daran +gemacht, die gepflückten Feldblumen zu einem Strauße zu ordnen, als +Asmus zu ihr trat. Mansfeld und Frau waren abseits mit den Kindern +beschäftigt. + + + + +XLIX. Kapitel. + +Asmus Semper wird streitsüchtig, wettet, lügt, vergreift sich an +Goethe und benimmt sich feige. + + +»Wo haben Sie die Calluna gepflückt?« fragte Asmus, indem er einen +Zweig der Glockenheide aufnahm. + +»Im Moor. Aber das ist nicht Calluna, das ist Erika.« + +»Das ist Calluna.« + +»Das ist Erika.« + +»Das ist Calluna.« + +»Das ist Erika.« Sie lachten beide. + +»Das Heidekraut ist Erika, und Calluna ist die Glockenheide,« sagte +Asmus. Er hatte sich’s inzwischen überlegt und wußte, daß sie recht +habe; aber er fand es viel hübscher, mit ihr zu streiten. + +»Im Gegenteil,« lachte sie, »die Glockenheide heißt Erika.« + +»Wetten?« rief Asmus. + +»Ja!« Ihre Augen leuchteten. + +»Um was?« + +Sie machte plötzlich ein ernstes Gesicht und sagte zögernd: + +»Wenn Sie verlieren, müssen Sie mir ein Gedicht schenken. Das ist wohl +schrecklich unbescheiden, nicht wahr?« fügte sie schnell hinzu. + +»Ich fürchte, es ist nur allzu bescheiden,« sagte Asmus. »Und was +geben Sie mir, wenn ich rechte habe?« + +»Das – weiß ich noch nicht – das findet sich dann,« sagte sie +errötend. + +Am Abend hatte er es fast eilig, von ihr fort zu kommen, damit er zum +Dichten komme. Sie wollte ein Gedicht von ihm! War das nicht ein +Zeichen von Liebe? Ach nein, ach nein. Andere Damen hatten ihn auch +schon darum gebeten, sicherlich, ohne ihn zu lieben. Die Mädchen +prunken gern mit dergleichen – so weit kannte er die Mädchen auch. +Freilich: so war _sie_ nun eigentlich nicht.... + +Einen Augenblick dachte er, er wolle ein Akrostichon auf ihren Namen +machen, weil das so schön deutlich sei. Aber er schalt sich sofort +darüber aus: »Erstens ist es läppisch und keine Dichtung, und zweitens +wäre es nicht mehr deutlich, sondern frech.« Er nahm nun eine Maske +vor, die Maske eines Mannes, der sich aus dieser Welt des Alltags nach +der Welt der Romantik, nach der Zeit der schönen Melusinen, der +Minnesinger und der Ritter sonder Furcht und Tadel sehnt, und schloß +sein Ottaverimengebäude also: + + »Wie schlüg’ ich gern, ein schwertgewandter Ritter, + Mit leichtem Mut mein Leben in die Schanze, + Wie schwäng’ ich gern im Schlachtenungewitter + Für der Bedrückten Recht die wucht’ge Lanze! + Vor Raubverließen sprengt’ ich Wall und Gitter + Und kehrte heim mit wohlverdientem Kranze. + Dann blühte mir, die Frucht von blut’gen Saaten, + In starker Brust das stolze Glück der Taten. + + Wie gern ... doch still! Es öffnen sich die Zweige – + Ein leises Knistern über meinem Haupte – + Ich forsche, daß der süße Mund sich zeige, + Der so verstohlen-leisen Kuß mir raubte – + Du bist’s Geliebte! Komm hervor und neige + Dein Haupt mir zu, das frühlingsgrün-umlaubte! + Verlassen hat ein schöner Traum die Lider – + Die schön’re Wirklichkeit erkenn’ ich wieder! + + Mich trog ein alter Wahn – bis ich erwachte + In deinem Arm, im heimatlichen Walde! – + Ob je so schön wie heut’ herüberlachte + Der Silberstrom, die farbenreiche Halde? – + Auch heut’ bekämpf’ ich kühn, was ich verachte, + Zwar nicht als Ritter, doch als freier Skalde; + O sieh zum Horizont die Sonne gleiten: + Noch lebt die Schönheit wie in alten Zeiten!« + +Ob das zu kühn war? Ach nein – jedenfalls: vor dem Tintenfaß hatte er +Mut; er schrieb es auf sein schönstes Papier, schob es in einen feinen +Briefumschlag, liebkoste jeden Buchstaben ihres Namens mit den Augen, +als er die Adresse schrieb, und ging zum Briefkasten. Als der Brief +schon halb in der Spalte des Kastens steckte, zauderte er einen +Augenblick. Sollte er’s wagen? Aber ein höherer Wille stieß ihm an den +Ellbogen, und der Brief fiel hinein. + +Asmus seufzte tief auf. Das war ein entscheidender Schritt, dachte er. – + +Schon am übernächsten Morgen hatte er einen Brief. + + »Sehr geehrter Herr Semper! + + Haben Sie innigsten Dank für das wunderschöne Gedicht! Ich hab’ es + schon viele Male gelesen, und jedesmal gefällt es mir besser. Aber + wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen; denn solchen Einsätzen vermag + ich nichts entgegenzustellen. + + Ich werde Ihr Gedicht an sicherer Stelle verwahren. + + Mit schönsten Grüßen + Ihre sehr ergebene + Hilde Chavonne.« + +Beim ersten Lesen schien ihm der Brief eine feurige Liebeserklärung; +beim zweiten schien er ihm nur noch eine Liebeserklärung, und je +öfter er ihn las, desto mehr wurde er sich klar, daß diesen Brief +auch jede andere Dame geschrieben haben könnte. Jede? Nun ja, er war +sehr freundschaftlich gehalten; aber gute Freunde waren sie ja +schließlich wohl. »Ich werde Ihr Gedicht an sichrer Stelle verwahren!« +das konnte heißen: Ich werde es am Busen tragen – es konnte aber auch +heißen: Ich werde es in meiner Kommode verschließen. Und dann der +Satz: »Aber wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen!« Sie gab ihm zwar +eine sehr bescheidene Begründung; aber konnte nicht auch ein feiner +Verweis darin liegen: Du bist zu dreist gewesen!? Freilich: da stand: +»Mit _schönsten_ Grüßen Ihre _sehr_ ergebene.« Das war sehr viel! Aber +eine steife, »zippe« Hamburgerin, die den Herren nur die Fingerspitzen +reicht und beim Gruß nur mit der Hutfeder nickt, war sie ja überhaupt +nicht, obwohl sie in Hamburg geboren war. Und »Ihre _ganz_ ergebene« +stand nicht da ... + +Als er sie wiedersah – es war an einem Sonntagmorgen – fühlte er wohl +bald an ihrem Dank und ihrem Geplauder, daß sie an einen »Verweis« +nicht gedacht haben könne; aber sie trug ein weißes Morgenkleid mit +rosa Bändern, und darin sah sie nun aus wie eine Königin der Lilien! +Ach, armer Asmus! Du hast im Ernste geglaubt, solch ein Weib könnte +für _dich_ blühen? Dies Kleid schlug all seine Hoffnungen nieder. + +Und so war er denn genau so weit wie vordem. Zum Glück ließ die +Wirkung des Kleides, als er die Trägerin nicht mehr vor Augen hatte, +nach, und er gelangte zu dem Ergebnis: Ich muß noch einmal mit ihr +wetten! + +Er traf sie bei seinem nächsten Besuch mit einer zierlichen Arbeit +beschäftigt. Auf ein weißes Blatt legte sie in mehreren Schichten +nacheinander schöne Blätter der verschiedensten Pflanzen, und nach +jeder Lage besprengte sie das Ganze mit einer dünnen Sepialösung. Wenn +alles beendigt war, kam ein anmutiges Bukett der reizendsten +Blattformen zum Vorschein. Es war eine Arbeit, die nicht viel Kunst, +wohl aber Sorgfalt und Geschmack erforderte. + +Als sie nahezu beendet war, betrachtete Hilde ihr Werk mit geneigtem +Kopfe und sagte: + +»Die Grazien sind leider ausgeblieben.« + +Halt, dachte Asmus, das ist eine Gelegenheit. + +»Sagt Schiller,« fügte er hinzu. Er wußte ganz genau, daß er sich an +Goethe vergriff. + +»Ist das nicht von Goethe?« fragte sie, einen Augenblick durch seine +Bestimmtheit unsicher gemacht. + +»Nein, von Schiller.« Da wurde er doch rot. + +»Doch – es ist aus »Tasso!« rief sie. + +»Keine Spur. Von Schiller ist es.« + +Sie lachte: »Fangen Sie schon wieder an?« + +»Wollen wir wetten, daß es von Schiller ist?« rief er. + +Sie wurde purpurrot und rief: »Ja!« + +»Um was?« + +»Wenn Sie unrecht haben – nein, es wäre zu unbescheiden!« + +»Sie können nicht unbescheiden sein.« + +»Ein Gedicht? Wollen Sie?« + +»Mit Freuden. Und wenn Sie unrecht haben?« + +»Was verlangen Sie dann?« + +Asmus hob die eben vollendete Arbeit auf. »Dieses Blatt!« + +»Nicht dies, aber ein besseres!« + +Dann holte sie den Tasso vom Bücherbrett, konnte aber die Stelle nicht +sofort finden. + +»Darf ich?« fragte Asmus. »_Wenn_ es drinsteht, werd’ ich es bald +finden.« Er blätterte einen Augenblick. »Wahrhaftig, Sie haben recht! +Tasso sagt es vom Antonio.« + +Sie triumphierte. – – – + +Diesmal fiel sein Gedicht deutlicher aus. Es war etwas herkömmlich im +Ton, etwas heine-geibelig sozusagen; aber deutlich war es. + + »Wir standen auf hoher Warte + In klarer Sommerluft; + Tief unten lag die Erde + In lauter Glanz und Duft. + + Und über unsern Häuptern + Der Himmel hoch und hehr + Ein unergründlich tiefes, + Ein weites, blaues Meer! + + Es strebte mein Geist zum Himmel + Und strebte zur Erde auch: + Ihn lockte die himmlische Reine, + Der irdische Wonnenhauch. + + Fern waren Erd’ und Himmel; + Du aber warst bei mir, + Und haften blieb mein Auge, + Das sehnende – an dir. – + + Du bringst mir irdische Wonnen + Auf rosigen Lippen dar; + Es fließt der Schönheit Zauber + Von deinem goldnen Haar. + + Du trägst des Himmels Reinheit + Und Frieden im Angesicht; + Treu glänzen deine Augen + Wie seiner Sterne Licht. + + Vergessen die prangende Erde, + Vergessen das himmlische Zelt! + In dir halt ich umfangen + Den Himmel, die Erde – die Welt!« + +Er hatte erst schreiben wollen: + + »Von deinem _braunen_ Haar« + +aber das schien ihm denn doch zu deutlich, und er machte ein goldenes +Haar daraus; dann konnte sie das ganze Gedicht auch auf eine andere +beziehen. Daß man hübschen jungen Mädchen keine solchen Gedichte +schenkt, wenn sie sich auf andere beziehen, das fiel ihm nicht ein. +Seine geistige Begabung lag auf anderen Gebieten. + +Als er den Briefumschlag mit der Zunge feuchtete, hielt er plötzlich +inne und starrte vor sich hin. War es nicht eigentlich unwürdig, ihr +das Gedicht so hinterrücks durch den Postboten zuzustellen? War es +nicht männlicher, einfach vor sie hinzutreten und zu sagen: Hier ist +das Gedicht!? Aber, wenn Sie’s dann las – nein, nein, nein, nein! Dann +war es noch männlicher, ihr ins Gesicht zu sagen: »Hilde Chavonne, ich +liebe dich!« und das konnte er eben nicht. War das Feigheit? O, wenn +es nicht Hilde, wenn es Drögemüller wäre, dann wollte er schon zeigen, +daß er offen und mutig die Stirn zeigen konnte. Aber Hilde – – wenn +das feige war, dann war es eben feige, daran war nichts zu ändern. Er +schloß den Brief und steckte ihn ein. Aber als er ihn fallen hörte, da +war’s ihm, als höre er auch sein Herz in den Kasten fallen. Es war +doch eine Riesenkühnheit. Wenn sie jetzt zürnte – nun, dann liebte sie +ihn nicht, dann war alle Hoffnung zu Ende. + +Wenn sie ihm aber nicht zürnte – was war damit bewiesen? + +Eigentlich nichts. – Nun, man würde ja sehen. + + + + +L. Kapitel. + +Der Verfasser durchbricht aus Wut über seinen Helden die Kunstform. + + +Der nächste Tag war ein Mittwoch; mit klopfendem Herzen trat er zu den +Mansfeld ins Zimmer – sie war nicht da. Ein schlimmes Zeichen. Sonst +war sie immer dagewesen. Das Gespräch mit den Mansfeld wollte nicht in +Gang kommen. Endlich, nach einer Viertelstunde, die Sempern zu einer +Ewigkeit angeschwollen war, trat das Fräulein herein. Sie wollte +unbefangen erscheinen; aber alle Anstrengung half ihr nichts; sie +wurde blutrot und senkte den Blick, als sie Asmussen die Hand gab und +ihm sagte: + +»Ich danke Ihnen _sehr_!« + +Dann flog ein Engel durchs Zimmer. Und noch einer. Und noch einer. +Hilfreiche Engel waren es nicht; denn sie halfen dem blutschwitzenden +Asmus auch nicht mit einem Wörtchen aus. Endlich half er sich selbst, +indem er heftig das linke Bein über das rechte schlug (genau wie +Ludwig Semper). Das half. + +»Sonnabend wird der ‘Freischütz’ gegeben, in einer vorzüglichen +Besetzung,« rief er, und wußte selbst nicht, warum er so laut sprach. +Man kam überein, daß man gemeinsam hingehen wolle; die Unterhaltung +kam in Fluß; Hilde nahm daran teil und sprach auch mit Asmus, sogar +unter freundlichem Lächeln. Böse war sie nicht, das stand nach diesem +Lächeln fest; aber sonst – + +Ja, sonst war er immer noch auf dem alten Fleck. Wie konnt’ es auch +anders sein. Konnte sie nach diesem Gedicht zu ihm kommen und sagen: +»Ihr Antrag ehrt mich« oder: »Ich teile vollkommen Ihre Gefühle; hier +ist meine Hand?« Es war eine ganz verteufelte Sache. _Sie_ mußte einmal +eine Wette verlieren, und dann würde sich ja zeigen, was _sie_ ihm +schenkte! Als er daheim in seiner Zelle diesen Gedanken erwog, brachte +ihm der Postbote ein dünnes Paket. + +Ihre Handschrift! + +Er riß die Umhüllung herunter und fand eine Mappe, die auf beiden +Deckeln allerliebste Blattsträuße in zahlreichen und zarten +Abstufungen von Sepia-Braun zeigte. Ein Briefchen dabei! + + Werter Herr Semper! + + Da Sie Gefallen an der Spielerei fanden, so sende ich Ihnen diese + Mappe, die sich vielleicht durch Aufbewahrung von Notizen und dergl. + nützlich machen kann. Sie soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; + eine solche Gabe zu lohnen, bin ich leider außerstande. + + Mit den herzlichsten Grüßen + Ihre dankbare + Hilde Chavonne.« + +»Sie liebt mich!« jubilierte Asmus in seinem Herzen. »Sie beschenkt +mich! Und wie beschenkt sie mich! Wie reich, mit welcher Sorgfalt ist +das gemacht! Mit Goldpapierstreifen umrändert! Mit weißseidenen +Bändern gebunden!« Und wie zärtlich schrieb sie, wie liebevoll! + +Er nahm den Brief wieder her – ein ganz zarter Duft ging mit diesen +Zeilen, ein kaum merkbarer, aber ein feiner, milder, warmer Duft! +»_Werter_ Herr Semper« schrieb sie. Also er war ihr wert! Und »Sie +soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; eine solche Gabe zu +lohnen, bin ich leider außerstande – –!« + +Hm. Es fiel ihm plötzlich auf, daß das zweierlei bedeuten könne. Es +konnte heißen: Das Gedicht ist so schön, daß ich ihm nichts +Gleichwertiges gegenüberstellen kann, wie man den Wert eines echten +Kunstwerks (»wenn dies eins wäre!« klammerte Asmus ein) überhaupt +nicht mit materiellen Gütern ausmessen kann. Aber die Liebe eines +Menschen war doch gewiß etwas Gleichwertiges, ja, war unendlich viel +mehr – sollte das bedeuten: »Den Lohn, du dir denkst – meine Liebe – +kann ich dir nicht gewähren«? – O, o, o, wie der ganze Brief gleich +anders aussah! »_Werter_ Herr Semper,« das war viel legerer als »_Sehr +geehrter_ Herr Semper«, viel weniger achtungsvoll. – Und »Da Sie +Gefallen an der Spielerei fanden« – sie legte der ganzen Sache keinen +Wert bei; es war ein Nichts – warum sollte sie es ihm nicht schenken – +dann waren sie quitt, und sie war ihm nichts mehr schuldig – + +O diese verteufelte Auslegung, o diese verwetterten Ausleger! Sie +verhunzen die frischesten Offenbarungen der Menschenseele! Durch +»Exegese« verhunzte er sich dieses Geschenk eines Mädchens, das mit +vor Bangen, vor Eifer, vor Freude bebenden Händen Tage und Nächte an +diesem Kunstwerk gebaut hatte, bei jeder Linie, jedem Bändchen voll +Hoffnung, daß sie ihm gefallen, voll Sorge, daß sie ihm mißfallen +möchten! + +Freilich: Mädchenbriefe wie dieser sind geschrieben, um Liebe ganz zu +offenbaren und ganz zu verbergen, und es war kein Wunder, daß Asmus +diese Sprache noch nicht verstand. Er ahnte zum Beispiel nicht, daß +das Wort »Notizen« mit »Gedichte« zu übersetzen war und daß der ganze +Satz bedeuten sollte: »Wenn du Verse geschrieben hast, leg’ sie in +diese Mappe; das wird mir sein, als dürft’ ich selbst sie hegen.« + +Das Schicksal war dem Zauderer günstiger, als er es eigentlich +verdiente. Am »Freischütz«-Abend folgten die Mansfeld einer Einladung, +die sie nicht ablehnen konnten, und Asmus saß allein neben der +Stillgeliebten! Er saß neben ihr, und da die billigen Plätze sehr +schmal waren, saß er sogar recht dicht neben ihr, in beständiger +Berührung mit ihrem Kleid, und einmal, als ihr der Zettel entfallen +war und sie ihn aufheben wollte, streifte sogar ihr Haar, ihr +köstliches Haar seine Wange! Solche weihevollen Berührungen entzückten +ihn tief und entmutigten ihn ganz. Denn je herrlicher sie war, desto +weniger wagte er sie zu begehren; ihm war, als solle er in einen +hochumgitterten Schloßgarten gehen und dort die seltenste Blume +brechen. Eine tiefe Demütigung müßte die Folge sein. + +Aber schon ungestört mit ihr zu plaudern, war warmes, heimliches +Glück. Er erzählte ihr, wie er als Knabe auf seinem Puppentheater den +»Freischütz« gespielt habe und wie ihm das Liebste daran die +Wolfsschlucht mit dem feurigen Rad und allem Teufelsspuk gewesen sei. + +»Wenn ich ehrlich sein soll,« sagte er, »ich freue mich noch heute auf +die Wolfsschlucht, und jeden Tag möcht’ ich mir wieder ein +Puppentheater bauen und damit spielen. Freilich: auf die Musik freu’ +ich mich noch ganz anders. Wenn die ganze deutsche Nation zugrunde +ginge und nur der »Freischütz« erhalten bliebe, könnte man aus dieser +Oper alle Eigentümlichkeiten der deutschen Seele erkennen.« + +Sie hatte den »Freischütz« noch nicht gehört, war überhaupt noch nicht +oft im Theater gewesen; ihre Kindheit hatte ihr solche Freuden nicht +gewährt, und nun beglückte es ihn, wie sie mit frommer Begierde Musik, +Wort und Bild in sich einsog, und er war grenzenlos stolz, ihr Führer +sein zu dürfen. + +Als sie den Heimweg durchs Dunkel antraten, bot er ihr seinen Arm. Das +durfte man wagen. Wie leicht sie an seinem Arme hing! Er hätte +gewünscht, daß sie sich ganz auf ihn stützte, sich ganz von ihm tragen +ließe. Während er ihr von Oberon, Euryanthe und Preziosa erzählte, +dachte er ununterbrochen: Soll ich ihr’s jetzt sagen? Nein, nein, +lautete die Antwort. Wenn es sie erschreckte, bekümmerte, beleidigte? +In welcher Pein würde das arme Mädchen den Rest des Weges zurücklegen; +in welche Pein würdest du dich selber stürzen! Du hast heute die +Pflicht des Ritters, du hast dafür zu sorgen, daß sie unbehelligt und +auf möglichst angenehme Weise nach Hause komme – es wäre ein unzarter +Mißbrauch der Gelegenheit, sie jetzt mit einer Liebeserklärung zu +überfallen. Beim Abschied vor ihrer Tür, dann willst du’s ihr sagen. +Und beim Abschied sagte er: + +»Haben Sie tausend, tausend Dank für den wunderschönen Abend!« + +»Ich habe Ihnen zu danken!« rief sie. »Der Abend wird mir unvergeßlich +sein.« Sie zögerte einen Augenblick. – »Gute Nacht.« + +»– Gute Nacht.« + +Unmittelbar darauf dachte er: Das war eine Gelegenheit! Sie ist +unwiederbringlich verpaßt. + +Unwiederbringlich? Wie er es zuvor mit der Methode der Wetten versucht +hatte, so versuchte er es jetzt mit der Methode des gemeinsamen +Theaterbesuchs. Eine Woche später sollte der »Vampyr« von Marschner +gegeben werden. Er hatte eine Schwäche für diese Oper, gerade wegen +ihres verschrieenen schaurig-romantischen Stoffes. Er liebte das +Düstre, Grauenvolle wie das Sonnig-Behagliche, das starrend Erhabene +wie das Komisch-Gemütliche, bis zum Putzigen und Ulkigen herab, wie er +alle Tage und Nächte, alle Lichter und Schatten der Welt liebte. Er +liebte Dante Alighieri und Fritz Reuter, und er haßte die +flachköpfigen Ästhetiker, die beim Aufbau ihrer Systeme immer eines +vergaßen, entweder den Dante oder den Reuter. + +Frau Mansfeld mocht’ es im stillen unpassend finden, daß ein junges +Mädchen mit einem ihm nicht verlobten jungen Manne allein ins Theater +ging und sich von ihm nach Hause geleiten ließ. Aber solche Ängste +kannte Hilde nicht; sie hatte nur die feine Erziehung, die ein feines +Herz gibt. Also holte sie jubelnd ihr Portemonnaie und zahlte Asmussen +eine Mark zwanzig auf den Tisch; denn soviel kostete der Eintritt zum +dritten Rang. + +Aber der »Vampyr« hatte genau dieselbe Wirkung wie der »Freischütz«, +insofern, als Asmus sich wieder vor Hildens Tür mit nichts als einem +(zwar bewegten Herzens gesprochenen) Danke verabschiedete und sich +dann auf dem einsamen Heimwege mit Vorwürfen und nicht gerade +schonenden Titulaturen überhäufte. + +Und auch der Verfasser kann nicht umhin, hier zum Entsetzen aller +Literaturaufseher »die Kunstform zu durchbrechen« und der Leserin zu +versichern, daß er ihre Entrüstung über diesen Herrn Semper vollkommen +teilt. Aber was soll der Verfasser tun? Er kann seinen Helden nicht +anders machen, als er ist. + +Endlich brachte ein trüber, wolkenschwerer Novemberabend die +Entscheidung. + + + + +LI. Kapitel. + +Von rauschenden Bächen im Winter. + + +»Heute _soll_ es sich entscheiden,« hatte sich Asmus gesagt. Er hatte +sie eingeladen, mit ihm in Zacharias Werners »Martin Luther oder die +Weihe der Kraft« zu gehen. Er liebte das Stück durchaus nicht, fand es +schwülstig, verworren und langweilig; aber jetzt war ihm schon jedes +Mittel recht; er wäre mit ihr ins Theater gegangen, und wenn man dort +den Jahresbericht der Handelskammer rezitiert hätte. Auf dem Heimwege +sprachen sie nur wenig; jede Unterhaltung kam bald ins Stocken; wie +eine Vorahnung lag es auf beiden. Sie waren der Wohnung Hildens schon +ziemlich nahe, als Asmus, das Herz im Halse, mit leiser Stimme fragte: + +»Sind Sie mir eigentlich böse, Fräulein Chavonne?« + +»Warum sollte ich Ihnen böse sein?« fragte sie ebenso leise, mit +starren Augen geradeausblickend. Und alles, was sie noch sprachen, +klang leise wie der Regen, der gleichmäßig herabtroff und gegen den +sie keinen Schutz begehrten. + +»Sie haben mir eigentlich kein Wort über mein letztes Gedicht gesagt,« +begann Asmus wieder. »Da glaubte ich, daß Sie mir zürnten.« + +»Wie wäre das möglich?« sprach sie noch leiser, mit bebender Stimme. + +Wiederum schwiegen sie eine kurze Weile. + +Ihr Kopftuch hatte sich verschoben, und um es zu ordnen, zog sie leise +ihren Arm aus dem seinen. Im selben Augenblick ließ er seinen Arm +sinken; ihre Hände berührten sich, und Asmus faßte Hildens Hand. + +Nun ist es ein seltsames Ding: Arm in Arm gehen die fremdesten +Menschen miteinander; aber Hand in Hand gehen nur Kinder und Liebende. +Ein höherer Wille hatte ihre Hände ineinander gelegt und gesagt: Ich +will, daß ihr euch findet. + +Das gab Asmus Sempern einen heiligen Mut, und zitternd sprach er: + +»Fräulein Chavonne – haben Sie mich lieb?« + +Sie blieb stehen und schien zu wanken. Sie konnte nicht sprechen. + +Da legte er den Arm um sie, damit er sie stütze, und sprach noch +leiser: + +»Hilde, hast du mich lieb?« + +Ihr Kopf sank an seine Schulter, und sie sagte: »Ja.« + +Und er wagte nicht, ihr den Kopf aufzuheben; denn es schien ihm, daß +sie ruhte. Aber dann hob sie von selbst den Kopf und sah ihn aus +leuchtenden, weinenden Augen an. Und er zog sie fester an sich und +preßte seine Lippen in einem langen, langen Kusse auf ihren edlen, +frischen, roten Mund. + +Sie waren nur noch zehn Minuten von Hildens Hause entfernt; aber sie +brauchten zu diesem Wege noch zwei Stunden. Denn immer wieder gingen +sie in weitem Bogen um das Haus herum, obwohl ein unaufhörlicher +feiner Regen herabrieselte. Sie freuten sich unbewußt dieses Regens; +er kam herab wie sanfte Linderung einer langen Sehnsucht. Es schien +ihnen auch, als brauche man nun um nichts mehr zu sorgen, als hätten +sie nun des Glückes genug und brauchten nichts mehr als solch ein +stilles, seliges ewiges Wandern. + +Sie sprachen nur wenig, und wenn sie sprachen, so war es fast immer +dasselbe: + +»Hast du mich lieb, hast du mich wirklich, wirklich lieb?« + +»Ja, ich hab’ dich lieb – so lange schon, ach, wie lange schon.« + +Ganz, ganz anders waren sie schon wenige Tage darauf. Frost und Schnee +waren hereingebrochen mit Macht, und Asmus schlug ihr einen Ausflug +»ins Grüne« vor. Nach dem »Quellental« wollten sie wandern und die +Elbe hinab. Ludwig Semper würde zu diesem Ausflug »bei dieser Kälte« +lange den Kopf geschüttelt haben, wenn er darum gewußt hätte; aber +darin folgte sein Sohn ihm nicht; Winterwanderungen, die liebte er vor +allen andern; da gab es einen Kampf mit Frost und Wind, und wenn er +dann durchgekämpft war, dann glühte in Wangen und Herzen eine ganz +besondere, eine ganz wundersame Wärme auf, die war ganz anders als +Lenz- und Sommerglut. Es war eigenes, selbstentzündetes Feuer! Und wie +heilig schön die Winterwelt! Seltsam: die ersten Lieder, die der +Zauber der Natur ihm entrungen hatte, waren Winterlieder gewesen. Aber +er sang sie nicht in Wehmut und Trauer; der Winter war ihm Andacht und +Stille, niemals Tod; denn in seinem Herzen glomm wie eine ewige Lampe +die Gewißheit des Frühlings. So kam es denn ganz von selbst, daß +Asmus, als sie auf frostklingenden Wegen dahinschritten und sein +schüchternes Schnurrbärtchen von lauter Eisnadeln starrte, also zu +singen anhob: + + Die linden Lüfte sind erwacht, + Sie säuseln und weben Tag und Nacht; + Sie schaffen an allen Enden. + +und daß er erschrak, als Hilde in ein lautes Lachen ausbrach. + +»Herr Professor, Herr Professor, es ist Winter!« rief sie; da verstand +er sie und lachte nun auch aus vollem Halse; weil sie aber so ganz +besonders schön lachte, küßte er sie sieben Mal auf den +winterfrischen Mund, und dabei lachten sie, weil das Lied so gar nicht +paßte, und ihre Augen wurden feucht, weil es doch so gut paßte. + +Nun fand er Gefallen an dieser Antithese, und während der Schnee unter +ihren Füßen knirschte, sang er: + + Wie herrlich leuchtet + Mir die Natur, + Wie glänzt die Sonne, + Wie lacht die Flur! + + Es dringen Blüten + Aus jedem Zweig + Und tausend Stimmen + Aus dem Gesträuch! + +und dann warf er ihr ganz sachte und heimtückisch ein Häuflein Schnee +zwischen Hals und Kragen. + +Sie kreischte auf und schüttelte sich, und dann sah sie ihn mit einem +langen Blick, mit einem Lächeln voll Wehmut und Staunen in die Augen. +Sie bestaunte dies Wunder einer Fröhlichkeit, die sie in ihrem Leben +noch nie gesehen hatte, die sie auch bei ihm nicht vermutet hatte; +denn er war ihr meistens in ernster Stimmung entgegengetreten. Diese +Lustigkeit berauschte sie, daß sie mit beiden Händen seinen Kopf +ergriff und ihm das Gesicht mit Küssen bedeckte. – – + + Ich hört’ ein Bächlein rauschen + Wohl aus dem Felsenquell + +sang er. + +»Wo?« rief sie lachend. + +Da legte er wieder den Arm um sie und sagte: Ȇberall. Überall hör’ +ich Quellen rauschen. Hörst du sie _nicht_?« + +Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt und die Augen geschlossen. +»Hier laß mich liegen bleiben und träumen und immerfort deine Stimme +hören und gar nicht wieder aufwachen.« + +Er neigte sich zu ihrem Ohr, wiegte sie sanft in seinen Armen hin und +her und sang mit leiser, leiser Stimme: + + Horch, horch, die Lerch’ im Ätherblau! + Und Phöbus, neu erweckt, + Tränkt seine Rosse mit dem Tau, + Der Blumenkelche deckt, + Der Ringelblume Knospe schleußt + Die hellen Äuglein auf: + Mit allem, was da reizend ist, + Du süße Maid, wach auf! + +Da machte sie langsam – weit – weit die Augen auf, und ihre Augen +waren tiefernst. + +»Du bist ein böser Mensch,« sagte sie. »Weißt du, daß du ein böser +Mensch bist? Ein Zauberer bist du!« und sie riß sich fast ängstlich +von ihm los und lief ein groß Stück Weges voraus. + +Kurz vor dem Quellental hatte er sie wieder eingeholt und den Arm um +ihre Hüfte gelegt. Und so schritten sie andächtig hinein in einen +kristallenen Dom von uralten Bäumen. + +Hier wohnt ein Gedicht, dachte Asmus; denn die Gedichte wohnten ihm +wie Dryas und Oreas in Bergen, Bäumen und Grotten, in Wiesen und +Quellen. Wenn es sich zeigen wollte, dachte er. Da hauchte es ihm ins +Ohr: + + Wo vom nahen Strauch ein Vöglein schwebt + Stummen Fluges durch die träge Luft, + Und vom kaum gebog’nen Zweig der Schnee + Lautlos fällt auf Schnee ..... + +Und Asmus lächelte dankbar und heimlich. Dann kamen sie vor die auf +geringer Erhöhung liegende Mooshütte mit der Inschrift: »#Hoc erat in +votis#« und gingen hinein. Aber es war ihnen zu warm und dumpfig +drinnen; sie mußten wieder hinaus. Und bei der eingefrorenen Quelle, +die am Abhang der kleinen Erhöhung entspringt, warf er seinen Mantel +in den Schnee, lud sie zum Niedersitzen und setzte sich ihr zu Füßen. +Er mußte heute immerfort singen. Und während von den Zweigen +ringsherum von Zeit zu Zeit der Schnee in silbernen Trauben fiel, sang +er: + + Der Reimer Thomas lag am Bach, + Am Kieselbach bei Huntley-Schloß. + Da sah er eine blonde Frau, + Die saß auf einem weißen Roß. + +»Eine braune Frau!« rief sie mit anmutig gespieltem Schmollen. + +»Eine blonde Frau,« versetzte er. + +»Eine braune Frau.« + +»Eine blonde Frau.« + +»Hast du schon einmal eine blonde Frau geliebt?« fragte sie ängstlich +forschend. + +»Ich habe keine Frau geliebt vor dir.« + +Dann sah sie lange vor sich hin und sagte: + +»Wie schrecklich dumm bin ich gewesen.« + +»Du?« + +»Ja. Weißt du, daß ich einmal furchtbar eifersüchtig gewesen bin?« + +»Eifersüchtig?« + +»Ja, auf das reizende blonde Mädchen, mit dem du zusammen sangst, auf +dem Fest in der ‘Treue’ –« + +»Auf die kleine Lizzy?« + +»Ja. Ich hatte ja immer geglaubt, daß ich dir gleichgültig sei; aber +als ich euch sah und singen hörte, mit solcher Begeisterung, und als +eure Stimmen so innig zusammenklangen – das gab mir den Gnadenstoß. +Bald darauf verlobte ich mich, weil ich mich von allen verlassen +fühlte – aus Trauer – aus Bangigkeit – aus Trotz – ich weiß es nicht +mehr.« + +»Auch aus Trotz?« fragte er. + +»Ja, ja, – o, du darfst mich um des Himmels willen nicht für so gut +halten wie du es tust – ich bin lange nicht so gut, wie du glaubst –« + +»Du?« sagte er langsam, indem er das edle Oval ihres Gesichtes mit +schwärmenden Blicken umschrieb: + + Du bist die Himmelskönigin, + Du bist von dieser Erde nicht. + +Da lachte sie laut auf, und mit warnend erhobenem Finger sang sie: + + Ich bin die Himmelsjungfrau nicht, + Ich bin die Elfenkönigin. + Nimm deine Harf’ und spiel und sing + Und laß dein schönstes Lied erschall’n! + Doch wenn du meine Lippe küßt, + Bist du mir sieben Jahr verfall’n. + +Asmus sprang auf und warf sich auf die Knie: + + Wohl, sieben Jahr zu dienen dir, + O Königin, das schreckt mich kaum! + + Er küßte sie – + +da küßte er sie – + + sie küßte ihn – + +da küßte sie ihn. + +»Kein Vogel singt im Eschenbaum,« rief Asmus, »aber das schadet +nichts; wir können’s ja selbst.« + +Dann sprangen sie auf; Asmus schüttelte seinen Mantel, daß die Flocken +stoben, warf ihn sich um und stürmte im Galopp den abschüssigen Weg +hinab ins dichtere Gehölz hinein, und im Galoppieren sang er laut: + + Sie ritten durch den grünen Wald, + Wie glücklich da der Reimer war! + Sie ritten durch den grünen Wald + Bei Vogelsang und Sonnenschein – + +und als sie ihn einholte und von hinten her die Arme um seinen Hals +schlang, da legte er den Kopf zurück, daß Wange an Wange lag, und +sang: + + Und wenn sie leis am Zügel zog, + Dann klangen hell die Glöckelein. + + + + +LII. Kapitel. + +Hilde verliebt sich in Semper den Älteren, bekennt sich zu Chamisso +und entpuppt sich als eine alte Bekannte. + + +Mit der Bekanntmachung ihrer Verlobung hatten sie es nicht im +geringsten eilig; ob die Welt sie für Brautleute hielt oder nicht, war +ihnen beiden grenzenlos gleichgültig. Aber seinen Eltern wollt’ er’s +nicht länger verbergen, obwohl ihn Zweifel befielen, wie sie es +aufnehmen würden. Eigentlich zweifelte er nur an dem Beifall seiner +Mutter. Ludwig Semper, das wußte er, so leer ihm das Haus ohne seinen +Asmus werden mochte, würde Asmussens Erwählte willkommen heißen, bevor +er sie gesehen; aber Rebekka –? Mütter sind eifersüchtig, und überdies +war er erst 23 Jahre! Sie wird schelten, dachte er. Aber sie schalt +nicht; sie schüttelte nur den Kopf und sagte: »Junge, Junge, du bist +ja noch so jung!« + +»Aber Mutter!« rief Asmus lachend und faßte sie bei beiden Schultern, +»du hast ja auch jung geheiratet!« + +»Ja, das war damals auch ganz anders!« rief sie. + +Ludwig Semper konnte dieser Geschichtsauffassung nicht beipflichten; +er wußte noch, wie junge Herzen schlagen, und sagte, Asmus möge seine +Braut am Sonntag nur mitbringen. + +Und an diesem Sonntag feuchtete er keinen Tabak an und grübelte er +nicht; er hatte seinen guten schwarzen Rock angezogen und ein feines +weißes Tuch umgelegt – denn ein gesteifter Kragen durfte ihm nicht an +den Hals kommen – und ging munter und aufgeräumt im Hause umher, und +wenn er sich allein wußte, sah er mit strahlenden Augen in die Ferne +und summte vor sich hin: »Tränen, vom Freunde getrocknet.« Und als es +hieß: »Sie kommen!« und die Tür aufging und Asmus rief: »Da ist meine +Braut!« da stand Ludwig Semper da wie ein herrlicher, gütiger +Nordlandskönig, dem sein Erbe die junge Königin zuführt; er streckte +seine warme kräftige Hand aus und sagte nichts als: + +»Seien Sie uns herzlich willkommen!« + +Aber als sie sein Lächeln sah, mußte sie ihm entgegenlächeln wie sein +eigenes Kind, war alle Befangenheit von ihr gefallen wie ein Schleier, +wußte sie ganz, daß sie aufgenommen sei in den Frieden des Hauses. +Rebekkas Willkommen war ganz anders. Sie rannte geschäftig hin und her +und bemühte sich um den Gast, als sei er von einer mehrjährigen +Nordpolfahrt heimgekehrt und müsse mit allen erfindbaren Mitteln +aufgetaut, gewärmt, getränkt und gespeist werden. Ein bißchen +Eifersucht saß ihr wohl trotzdem im Herzen; aber schon beim dritten +Besuche Hildens sagte sie ganz von selbst: + +»Du bist ein süßes Geschöpf!« + +Hilde aber sagte schon nach ihrem ersten Besuche auf dem Heimwege zu +Asmus: + +»Du, ich will dich nicht mehr; ich will deinen Vater heiraten.« + +»Nun ja,« sagte Asmus trocken, »sprechen Sie mit meiner Mutter. Sie +ist nun wohl gute vierzig Jahre mit ihm verheiratet und ist mit ihm +nie auf einen grünen Zweig gekommen; aber ich glaube nicht, daß sie +ihn losläßt.« + +»Da hat sie recht,« sprach Hilde, »den gäbe ich auch nicht her.« + +Nach einiger Zeit bat sie um die Erlaubnis, »Vater« und »Mutter« sagen +zu dürfen, und Ludwig und Rebekka waren froh und stolz, zu ihren acht +Kindern noch ein so feines und liebes hinzu zu bekommen. Sie hatten +inzwischen noch eine Tochter bekommen, ohne sie zu kennen. Johannes +Semper hatte aus Amerika geschrieben, daß er dort ein Weib genommen. +Das hatte die Alten gefreut; aber Rebekka hatte dazu geweint und +gesagt: »Nun werden wir ihn wohl nicht wiedersehen.« Asmussen schnitt +es durchs Herz, als er das hörte. + +Bald darauf erfuhr er, warum Hilde sich nach einer Mutter und fast +mehr noch nach einem Vater sehnte. + +Sie sahen sich zwei- oder dreimal die Woche; und wenn sie nicht +spazieren gingen, saßen sie in Hildens Zimmer stundenlang beieinander +und waren plaudernd und schweigend miteinander glücklich. Sie +bereitete vor seinen Augen den Tee und das Abendbrot, und jedesmal war +es ihm, als ob ihre schlanken, weißen und geschickten Hände das +einfache Brot und Fleisch in die erlesensten Leckerbissen verwandle. +Zu Hause aß er wie ein Schulmeister von energischem Appetit; hier +soupierte er bei denselben Speisen wie ein Gourmet. + +In manchen Stunden ergötzte er sich daran, ihr die langen, schweren +Zöpfe aufzulösen, daß das Haar sie bis zu den Hüften wie ein +goldbrauner Mantel umfloß, und im duftig-warmen Schatten ihres Haares +küßte er sie, oder er schmiegte sich eine breite Strähne ihres Haares +um Hals und Wange und las ihr so ein Gedicht vor, daß er ihr +mitgebracht. Selten kam er ohne neue Verse zu ihr, und sie war sein +empfänglichstes und unbestechlichstes Publikum. Wenn er geendet hatte +und sie ihm freundlich zunickte, dann wußte er, daß das eine +vernichtende Kritik war. Wenn ihm etwas Rechtes gelungen war, sah sie +ihn mit großen, ernsten Augen und mit zuckendem Munde an, nahm ihm +leise das Blatt aus der Hand und las es noch einmal. Und dann bedeckte +sie das Blatt mit Küssen, und dann seinen Mund, seine Wangen, seine +Augen mit Küssen, und dann barg sie das Blatt auf ihrer Brust, und er +wußte, daß sie es wochenlang auf ihrem Herzen trug wie ein Amulett, +bis es von einem andern abgelöst ward. + +Manchmal auch sangen sie, einzeln oder zu zweien, und dann sang er die +Oberstimme, und sie sang mit einem vollen weichen Alt die +Begleitstimme; so klang es besser als umgekehrt. Und einmal, als sie +allein sang, sang sie: + + Er, der Herrlichste von allen, + Wie so milde, wie so gut ... + +Als sie geendet hatte, fragte er: »Liebst du das Lied?« + +»Ja. Ich liebe den ganzen Zyklus unbeschreiblich.« + +»Die Verse oder die Musik?« + +»Beides. Aber die Verse noch weit mehr als die Musik. Sie sind nach +meiner Meinung das Schönste, was von der Frau gesungen werden kann.« + +»Ja. Mir scheint auch, er hat die Frau nicht besungen, er hat sie +gesungen. Das Weib, das in diesen Versen dasteht, überragt Gretchen +und Klärchen an Schönheit, Lieblichkeit und Größe; es ist von +klassischer Hoheit, aber es ist nicht antike, es ist deutsche Klassik. +Wir haben überhaupt nur wenig so deutsche Dichter wie diesen +Franzosen. Da fällt mir ein: ich wollte dich immer schon fragen, woher +dein französischer Name stammt.« + +»Meine Urgroßeltern väterlicherseits wohnten im Elsaß.« + +»Ah – daher dein französisches Aussehen.« + +»Hast du’s nicht gern?« + +»Ich glaube, den Beweis erbracht zu haben. Du bringst das Kunststück +fertig, pikant und deutsch zu sein.« Und dann rezitierte er leise: + + Wandle, wandle deine Bahnen; + Nur betrachten deinen Schein, + Nur in Demut ihn betrachten, + Selig nur und traurig sein! + + Höre nicht mein stilles Beten, + Deinem Glücke nur geweiht; + Darfst mich niedre Magd nicht kennen, + Hoher Stern der Herrlichkeit. + + Nur die Würdigste von allen + Soll beglücken deine Wahl, + Und ich will die Hohe segnen, + Segnen viele tausendmal. + +»Heute gibt es nicht wenig Frauen, die darüber lachen und höhnen,« +sprach er. + +»Kann man anders empfinden, wenn man liebt?« fragte sie. »Ich +wenigstens kann mir keine andere Liebe denken.« + +»Und eine Frau, die so empfindet,« fuhr er fort, »wird im Hause des +Mannes die stolzeste der Frauen sein, _sie_ wird der ‘Stern der +Herrlichkeit’ sein, zu dem Mann und Kinder in der Stille ihres Herzen +beten, zu dem sie aufblicken, wenn sie den Glauben an die Welt +verloren haben und wiederfinden möchten.« + +»Muß sie dann nicht eine Heilige sein?« + +»Nein, so wenig wie je ein Mann die Verehrung verdienen kann, die aus +den Frauenliedern Chamissos klingt. Nicht das entscheidet ja, was wir +sind – du lieber Gott, wo bliebe ich! –, sondern wie sehr wir geliebt +werden, das entscheidet. Das ist die Wahrheit des Christentums, daß +uns Liebe erlöst.« + +»Asmus,« rief sie ängstlich, »ich zittere und bange, wenn du mich über +dich erhebst. Wenn du wüßtest, wie wenig ich das verdiene –« + +»Zittere und bange nur,« rief er, »ich habe Mut, wenn ich dich ansehe, +einen Mut, einen Mut –« + +Er riß sie jauchzend an sich und küßte sie, daß sie aufschrie. + +Und einmal, als er so bei ihr saß, in ihrem Nähkästchen kramte und mit +allerlei zierlichen Büchschen und Kästchen spielte, die er darin fand, +holte er einen Glasmarmel daraus hervor, eine durchsichtige Glaskugel, +in der man eine geflügelte Gestalt, eine Fortuna, wie es schien, +erblickte. + +»Sieh da,« sagte er, »genau solch einen Marmel hab’ ich auch einmal +besessen. Eigentlich ein hübsches Symbol, wenn ich es jetzt betrachte. +Die Glücksgöttin nicht über der Welt, sondern in der Welt, sie selbst +nur ein Stück der rollenden Notwendigkeit ...« + +»Ich weiß eigentlich selbst nicht,« sagte sie lächelnd, »warum ich ihn +immer aufgehoben habe. Wenn man solch ein Ding lange bei sich verwahrt +hat, ist es gerade, als hätt’ es ein Recht an uns erworben, und wenn +man es wegwerfen will, ist es, als säh es einen vorwurfsvoll an, und +man kann es nicht aus den Fingern loswerden. Ich hab’ ihn vor vielen +Jahren von einem kleinen Jungen bekommen.« + +Sie sagte das, indem sie sich auf ihre Näharbeit bückte; aber es war +ihr, als zöge eine geheime Kraft ihren Kopf empor, und als sie +aufblickte – wirklich, da starrte Asmus sie an mit einem Blick, der +aus der Ferne einer längst vergangenen Zeit zu kommen schien. + +»Von einem kleinen Jungen hast du ihn bekommen?« sprach er langsam. +»Wann? Wo?« + +»Ja, wenn ich das noch wüßte! – Was hast du? Warum bist du –« + +»Bitte, frag’ mich jetzt nicht – sag’, wann es war und wo?« + +»Ja – zwölf Jahre ist es zum mindesten her – ich weiß nur noch: ich +saß auf der steinernen Treppe vor einer Gastwirtschaft und wartete auf +meinen Vater, der erledigte drinnen ein Geschäft, da kam der kleine +Junge und schenkte mir den Marmel.« + +»Hilde,« rief Asmus mit seltsam leuchtenden Blicken, »sah der Junge +aus wie ein kleiner, dicker Asmus Semper?« + +Hilde starrte ihn sprachlos an. + +»Hilde,« rief er, »du hast einen Onkel in Griechenland –« + +»Ich hatte ihn – er ist tot –« + +»Den nannte man den ‘König der Mainotten’!« + +»Ja!« + +»Hilde! Wir haben uns also vor zwölf Jahren schon gesehen! Der kleine +Junge war ich! Vor zwölf Jahren schon sind wir uns begegnet.« Er war +so bewegt, daß er aufspringen und auf und ab gehen mußte. Und er +erzählte ihr, wie wundersam ihn damals die Begegnung mit dem +lieblichen, traurigen Kinde ergriffen habe, wie er wochenlang fast +täglich nach der Wirtschaft zwischen den Bahndämmen in Oldensund +gelaufen sei, um die »Königin der Mainotten« wiederzufinden – denn sie +hatte erzählt, der Onkel wolle sie zu seiner »Königin« machen – wie er +sie niemals wiedergesehen, aber wie ihre Erscheinung und ihr Wesen ihn +mit einem jahrelang nachleuchtenden, tröstenden Licht erfüllt habe. + +»Hilde! Hilde!« – – + +Und ihr Gespräch ward ein leises, trauliches Fragen und Erzählen; sie +erzählte ihm die Geschichte ihres Lebens. Was sie nicht erzählte, das +ergänzte er sich leicht aus dem Zwange der Tatsachen und aus dem, was +er früher von ihr und von andern gehört. Und immer wieder fühlte Asmus +mit Beschämung, wie sehr ihn von je das Glück begünstigt habe, schon +dadurch, daß er bis heute zwei liebende und geliebte Eltern besessen, +und wieviel mehr der Kraft, des Mutes, der Liebe das Leben von ihr +gefordert hatte als von ihm! + + + + +LIII. Kapitel. + +Enthält die Geschichte Hildens vom Marschall Davoust an bis zu +Fräulein Paulsen. + + +Napoleon und sein Marschall Davoust hatten den Urgroßeltern Hildens +ihr Glück zerstört. Diese hatten zu den 20 000 gehört, die man zu den +Toren Hamburgs in Hunger und Kälte hinausgejagt, und Hildens +Urgroßvater war unter denen gewesen, die auf dem Wege nach Oldensund +zugrunde gegangen. Die seelenstarke Frau hatte selbst den toten +Gatten bis nach Oldensund getragen, und dort hatte er teilgenommen an +jenem ewig klagenden Grabe, das Friedrich Rückert besungen hat. + + Wo finden wir Kost und Kleider, + Wir zwanzigtausend an Zahl? + Die andern schleppten sich weiter, + Wir blieben hier zumal. + + Wir konnten nicht weiter keuchen, + Erschöpft war unsere Kraft: + Frost, Hunger, Elend und Seuchen + Sie haben uns hingerafft. + + Ein ungeheurer Knäuel, + Zwölfhundert oder mehr, + Es zieht sich über den Greuel + Ein dünner Rasen her. + +Über diesen Rasen war Asmus in früher Kindheit spielend +dahingesprungen – wie manchesmal! + +Die arme gute Großmutter, die das Elend der Eltern schaudernd +miterlebt und früh den Gatten verloren hatte, war ein Stern in Hildens +Jugend gewesen. Eine kindlich-fromme Frau, die ihren Glauben nicht als +eine Tugend, sondern als ein Geschenk ihres Heilandes empfand, lehrte +sie ihre Enkelkinder beten und geistliche Lieder singen. Aber nicht +nur geistliche Lieder sang sie, sie sang: + + Ich denk an euch, ihr himmlisch schönen Tage + Der seligen Vergangenheit! + Komm Götterkind, o Phantasie, und trage + Mein sehnend Herz zu seiner Blütezeit! + +und sobald sie das sang, stand die kleine großäugige Hilde an ihren +Knien und trank ihr das Lied von den Lippen, und sie wußte, wenn die +Großmutter das sang, dann erzählte sie auch bald von der Franzosenzeit +und von lieben Toten. Unter dem Herzen dieser Frau hatte Hildens +Mutter gelegen, und die grenzenlose Güte dieses Herzens war auf die +Tochter übergegangen, nicht aber seine Festigkeit und Stärke. Hildens +Mutter gehörte zu jenen Menschen, die aus Gutmütigkeit heiraten können +und ihr Mitgefühl mit dem Werbenden für Liebe nehmen. Sie war wehrlos +in der Hand ihres Mannes. + +Dieser Mann war der schwere, ewig lastende Schatten in Hildens +Kindheit. Er war ein Selbstling von jener Art, die in Gegenwart eines +vor Hunger Sterbenden einen Kapaun mit Genuß verzehren kann, die +vielleicht ein Stückchen hergeben würde, wenn man sie daran erinnerte, +aber nie von selbst auf diesen Gedanken verfällt. Als »Kaufmann« – er +vertrieb als eine Art Stadtreisender allerlei Dinge für andere +Geschäfte – dejeunierte, dinierte und soupierte er in besseren +Restaurants und empfand es wie eine Niedertracht von seiner Frau, daß +sie immer wieder Mittel für den Haushalt verlangte. Die wenigen Bissen +aber, die er den Seinen hinwarf, würzte er ihnen mit hämischen, +kränkenden Reden, und wenn er vollends angetrunken nach Hause kam, +dann konnte er stundenlang immer in derselben Sofaecke sitzen und +immer dieselben peinigenden Bosheiten wiederholen. + +Es war ein schlimmer, schlimmer Tag gewesen, als aus diesem Hause die +Großmutter für immer geschieden war. Und nicht zu mahnen brauchte man +die Kleine, daß sie hingehe und die Blumen auf dem Grabe der +Heimgegangenen begieße! An jedem Tage der milderen Jahreszeit machte +sie sich unaufgefordert auf den Weg nach dem Friedhof. Und wenn sie +ihr frommes Werk getan hatte, setzte sie sich auf das Gitter des +Grabes und dachte daran, wie schön die Großmutter gesungen hatte: + + Umglänze mich, du Unschuld früher Jahre, + Du mein verlor’nes Paradies! + Du süße Hoffnung, die mir bis zur Bahre + Nur Sonnenschein und Blumenwege wies. + +Und bei dem Wort »Bahre« sah sie immer die Großmutter auf der Bahre +liegen, und dann mußte sie weinen. – Neben der Großmutter lag auch die +Tante Romona, die wunderschöne Spanierin Romona Viego, die mit 24 +Jahren schon acht Kinder gehabt hatte, und das jüngste lag ihr im Arm. +Das war eine gefeierte Sängerin gewesen, und als die kleine Hilde +einmal die herrliche Frau gesehen hatte, auf dem Divan liegend, ganz +in weißen Gewändern und eine Zigarette rauchend, da war sie ihr als +die oberste und heiligste aller Frauen erschienen. Das Grab der Tante +Romona pflegte sie auch, und dann wandelte sie oft stundenlang +zwischen den Hügeln des Friedhofes schauend und sinnend umher und +fühlte sich heimischer als in der Gegenwart ihres Vaters. + +Zwischen diesem Manne und seiner ältesten Tochter war ein Gegensatz +von Ewigkeiten her. Ihr Wesen war von jenem Adel getragen, dem am +letzten Ende doch mit aller Brutalität nicht beizukommen ist, der wie +eine uneinnehmbare innere Festung das Herz umgibt. Das aber ärgerte +ihn, reizte ihn, und er schalt sie hochmütig, übergeschnappt und +verhöhnte ihren regen Bildungstrieb. Sie duldete tapfer an der Seite +ihrer Mutter und half ihr heimlich, soviel sie konnte, in ihren +Ängsten und Nöten. Ihrem stolzen, wahrheitsliebenden Wesen war alle +Heimlichkeit zuwider; aber sie begriff, daß es gegen einen gemeinsamen +Feind zusammenzustehen galt. Und sie fürchtete ihn; er hatte sie +wiederholt geschlagen. Einmal hatte er sie geschlagen, als sie bis +spät in die Nacht das Haus hatte hüten müssen und eingeschlafen und +durch langes Klopfen und Rütteln an der geschlossenen Haustür nicht zu +erwecken gewesen war. Da, als sie wieder einhüten sollte und der Vater +ihr streng befohlen hatte, weder zu schlafen noch sich einzuschließen, +setzte sie sich an die Haustür, lehnte den Kopf dagegen und schlief +beruhigt ein. Wenn die Haustür aufging, mußte sie ihren Kopf treffen, +und dann mußte sie sicher erwachen. Als die Eltern sie so fanden, +erklärte die Mutter, daß sie nicht wieder ausgehen werde, wenn das +Kind nicht zu Bett gehen dürfe, was ihrem Gatten zu sehr ausgedehnten +und sehr ironischen Bemerkungen Anlaß gab. + +Nur nach langen Kämpfen und unter verletzend spöttischen Glossen hatte +er zugegeben, daß Hilde dem dringenden Rat ihrer Lehrer folge und ins +Präparandeum eintrete. Und bald nachdem dies geschehen, hatte er +seine Familie verlassen. Er gab ihnen keinen Pfennig zu ihrem +Unterhalt; aber dennoch wünschten sie ihn nicht zurück; trotz allem +Mangel und aller Sorge schien es ihnen, als wäre der Himmel heiterer +geworden. Mit treu vereinten Kräften schlugen sie sich durch. Aber +dann wurde die Mutter krank und kränker, und endlich lag sie ein +ganzes Jahr lang auf dem Schmerzenslager. Nun mußten sie den Gatten +und Vater doch an seine Pflicht gemahnen, und auf Mahnen und Drängen +kam er ihr halbwegs und mit Verwünschungen nach. Hätte Hilde nicht +eine Freundin gehabt, die ihr oft geholfen, so hätte sie das Seminar +verlassen und einen Dienst annehmen müssen. Aber es kam der Tag, da +sie mit drei kleineren Geschwistern am Sarge der Mutter stand. Da +plötzlich erschien auch eine Tante mit ihren Töchtern und mit +Trauerkränzen, und siehe, sie erhoben ein mehrstimmiges, schallendes +Klagegeheul. + +»Geht hinaus!« sagte Hilde. + +Die Tante glaubte nicht recht zu hören. + +»Drei Jahre hat sie gelitten, und Ihr habt Euch nicht um sie und nicht +um ihre Kinder gekümmert. Geht hinaus und nehmt Eure Kränze mit.« + +Und die Klageweiber schlichen betreten mit ihren Kränzen davon. + +Ein Bruder ihrer Mutter gab ihnen nun das Notdürftigste zum Leben. Die +Verstorbene hatte immer darauf gehalten, daß ihre Kinder, wenn es +irgend zu erschwingen war, am Sonntag einen Kuchen bekämen. Und eines +Sonntags kaufte Hilde ihren Geschwistern für wenige Pfennige ein paar +Kuchen, weil sie die verlangenden Blicke der Kleinen nicht ertragen +konnte. Das hörte der Onkel und überhäufte sie mit Vorwürfen, daß sie +nichts verdiene und fremdes Geld noch obendrein vergeude. Da beschloß +sie, ein Ende zu machen. Sie ging zum Armenpfleger und sorgte dafür, +daß ihre Geschwister bei wackeren Leuten ihrer Bekanntschaft +untergebracht würden. Und dann ging sie zum Seminardirektor, um ihren +Austritt aus dem Seminar anzumelden. Sie wollte einen Dienst annehmen, +und wenn es der niedrigste wäre. Nur nicht mehr von der Gnade der +Menschen abhängen! + +Herr Direktor #Dr.# Korn war noch im Schlafrock und Pantoffeln; aber +er dachte nicht daran, diese Toilette einer jungen Dame wegen zu +ändern. + +»Was wünschen Se?« fragte er unwirsch. + +Sie erklärte, daß sie auszutreten wünsche. + +Er starrte sie an und sagte: »Se sind wohl nicht recht jescheit. +Jetzt, wo Se ’n halbes Jahr vor der Prüfung stehen?« + +Sie erklärte ihm, daß sie müsse und warum sie müsse. + +»Hm. Und wat woll’n Se denn jetzt anfangen?« + +»Irgendeinen Dienst annehmen.« + +»I Jott bewahre. Det jiebt’s nich. Wir lassen Se nich los. Wir jeben +Ihnen in einem unserer Schulhäuser ’ne Wohnung, umsonst, mit Feurung. +Für’s Essen wird sich auch Rat finden. Und vielleicht läßt sich auch +noch irgendwo ’n kleines Stipendium losmachen.« + +Hilde hatte Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken. + +»Also austreten is nich. Det schlagen S’ sick man aus’m Kopf.« + +»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Direktor,« stotterte +Hilde. + +»Is auch jar nich nötig. Halten Se man’n Kopf hoch.« + +»Vielen, vielen Dank, Herr Direktor.« + +»Bitte« sagte Korn _nicht_; all dergleichen Überflüssigkeiten +verachtete er. + +So war nun der äußersten Not gewehrt, aber freilich nur der äußersten. +Wohl hatte sie sechs Freitische: aber die Woche hatte noch immer +sieben Tage, und auch am Morgen und am Abend empfindet der Mensch ein +Bedürfnis nach Nahrung. Damit nun ihre Mitschülerinnen nicht auf den +Gedanken verfielen, daß sie nichts zu essen habe, versagte sie sich +das Abendbrot: dann hatte sie ein paar Groschen für ein Frühstück. +Auch war es für ein siebzehnjähriges Mädchen ein unheimliches Wohnen +hoch oben in dem verlassenen Schulhause, und in verzweifelten +Augenblicken flüchtete sie sich in den Keller, an den Herd der +Schuldienerfamilie. Aber es kam die Prüfung, die sie mit Auszeichnung +bestand, und mit ihr kam das befreiende Gehalt von achthundert Mark +#pro anno#. Als sie die erste Vierteljahrsrate empfangen hatte, zahlte +sie zunächst alle ihre Schulden, und dann ging sie hin und kaufte für +die Schuldienerfrau ein Geschenk, weil sie der Meinung war, daß man +erwiesene Freundlichkeiten vergelten müsse, sobald man die Mittel dazu +habe. Ihre Sympathie mit Ludwig Semper war nicht ohne einen tiefen +Grund. + +Inzwischen aber war der reiche Onkel in Griechenland gestorben, der +Besitzer großer Marmorbrüche, der »König der Mainotten«, der einmal +gesagt hatte, wenn Hilde groß sei, solle sie seine Königin werden. Wie +ein Meteor war er damals aufgetaucht und verschwunden. Nun war er tot, +und alle Verwandten reisten nach Griechenland, um die Erbschaft in +Empfang zu nehmen, nur die Chavonnes nicht; denn die hatten kein Geld +zum Reisen. Und nach einiger Zeit hieß es, die Chavonnes seien bei der +Erbschaft ausgefallen, der Onkel habe sie in seinem Testament nicht +bedacht. Um ihrer Geschwister willen ging Hilde zu einem Anwalt, und +der erklärte, wenn man viel Geld habe, könne man nach Griechenland +prozessieren. »Das haben wir nicht,« sagte Hilde und ging mit dem +ruhigsten Herzen von der Welt von dannen. Sie war ja imstande, sich +selbst zu helfen; ihre Schwestern hatten ihr Auskommen, und ihren +Bruder, der ein Handwerk lernte, konnte sie immerhin mit Taschengeld +versorgen. In solcher Vermögenslage sich mit den Verwandten um Geld +schlagen? Wozu? + +Auch bekam sie ja Privatstunden, mehrere Privatstunden an der Schule +einer unglaublich frommen Schulvorsteherin. Aber Hilde hatte nicht +mehr die Frömmigkeit der Großmutter; eine andere Frömmigkeit war in +ihr emporgewachsen. Und als die gute alte Dame, die die junge Lehrerin +ob ihres Wissens und ihres Lehrgeschicks nicht genug rühmen konnte, +ihr auch den Geschichtsunterricht übertragen wollte, da lehnte sie ab. + +»Das kann ich nicht,« sagte sie. »Ich habe gehört, wie Sie +den Geschichtsunterricht erteilen. Sie geben einen frommen +Geschichtsunterricht; überall sehen Sie Gottes Fügung. Das – das kann +ich nicht. Wenigstens _so_ nicht.« + +Da sah das kleine alte Fräulein Paulsen geraden Blickes hinauf in +Hilde Chavonnes weit offene, dunkelleuchtende Augen und sagte: »Geben +Sie nur ruhig den Geschichtsunterricht. Was Sie tun, kann nicht +schlecht sein.« + + + + +LIV. Kapitel. + +Asmus ringt mit höheren Töchtern und besteht ein schweres Examen nur +mangelhaft. + + +Als Hilde geendet hatte, ergriff Asmus leise ihre Hand und bedeckte +sie mit langen, andächtigen Küssen. Das viele Leid, das sie erlitten, +hatte sie ihm zwiefach geheiligt. Er unterschied sich insofern gewiß +nicht von anderen Menschen, als ihm Geld und Gut keineswegs zu den +unnötigen und unerfreulichen Dingen gehörten; aber doch schien es ihm, +daß er dies Mädchen um seiner Armut und seiner Kämpfe willen nun +doppelt und dreifach liebe. Auch war die Armut etwas, das nun mit +jedem Tage mehr schwinden mußte. Nächste Ostern bekam er schon 1600 +Mark Gehalt; dann wollten sie heiraten. + +»Was? Ostern wollt ihr schon heiraten?« rief Frau Rebekka. + +»Bald nach Ostern, ja.« + +Das schien gar nicht nach Rebekkens Sinne zu sein. + +»Ich laß euch deshalb ja nicht im Stich,« sagte Asmus. »Hab’ deshalb +nur keine Sorge.« Von den 1600 Mark und von den 200 Mark, die er mit +Privatstunden verdiente, konnte er seinen Eltern ja leicht noch +abgeben, ohne daß er und sein Weib Mangel litten. + +Die 200 Mark waren allerdings ein hartes Brot. Wenn er in seiner +Schule fertig war, hastete er nach einer »Höheren Töchterschule«, um +dort im Singen und im deutschen Aufsatz zu unterrichten. Es waren +richtige »höhere« Töchter, das heißt sie hatten das Bewußtsein, zu den +höheren Dingen zu gehören. In den sogenannten besseren Hamburger +Familien ist der Klassendünkel nicht selten bis zur vollkommenen +Verblendung entwickelt, und dieser traditionelle Geist oder Ungeist +überträgt sich auf die Kinder. Es waren wohl liebe und gescheite +Mädchen darunter; eine große Anzahl aber ging von dem Grundsatze aus: +»Wie kämen wir dazu, zu antworten und uns anzustrengen; unser Vater +bezahlt ja.« Asmus kam bald dahinter, daß seine Meinung, die +wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« Familien zu unterrichten und +zu erziehen, sei keine Kunst, ein ganz erheblicher Irrtum gewesen war. +Im Gegenteil; er stieß hier gelegentlich auf raffinierte +Niederträchtigkeiten und herzlose Tücken, die weit betrübender und +hoffnungsloser waren als die Roheiten seiner Schüler aus der +Hafengegend. Dazu waren die Machtmittel des Lehrers hier geringer. +Einen Lümmel unter den Jungen nahm man, wenn’s not tat, beim Ohr oder +versetzte ihm eine Ohrfeige – er hielt den Körper eines Schlingels +nicht für unantastbar und erinnerte sich sehr gut, daß manche der +Schläge, die er als Junge empfangen, ebenso begründet als nützlich +gewesen waren – aber dergleichen Mittel waren bei Mädchen freilich +ausgeschlossen. Obendrein standen die meisten seiner Schülerinnen im +zwölften oder dreizehnten Lebensjahre, das will sagen: in den +weiblichen Flegeljahren. Er bemühte sich, seinen Unterricht so +anziehend wie möglich zu gestalten; aber eine ganze Reihe dieser Damen +war gleichwohl von der Existenzberechtigung eines Lehrers nicht zu +überzeugen. Endlich fand er dennoch ein Mittel, sie zu bändigen. Wenn +eine sich mit besonderer Wohligkeit auf den passiven Widerstand +verlegte, so las er einfach der Klasse ihren Aufsatz vor. Das half. +Wenn er las: + +»Antigone hatte sich an dem zarten Bande ihres Schleiers +emporgeknüpft,« oder »Schiller setzte dem wackeren Pfarrer Moser in +seinen »Räubern« ein Denkmal, indem er den Räuberhauptmann nach ihm +benannte,« oder »Er konnte den unbequemen Laut seines Innern nicht zum +Schweigen bringen«; und wenn dann alles in stürmische Heiterkeit +ausbrach (auch die, die Schlimmeres geschrieben hatten), dann fühlten +sie doch etwas wie das Walten einer Nemesis. Asmus hatte entdeckt, daß +die weibliche Seele außerordentlich empfindlich ist gegen den Spott, +und von nun an brauchte er nur zu sagen: + +»Bertha Klapp, ich werde nächstens wieder einen Aufsatz vorlesen –« +dann wurde Bertha ohne weiteres umgänglich. + +Von solchen und anderen Strapazen erholte er sich, indem er sich unter +Hildens Oberaufsicht zum zweiten Examen vorbereitete, zu jenem Examen, +das die feste Anstellung gewährleistete. Es war die lustigste und +erfrischendste Büffelei von der Welt. Sie pilgerten hinaus in jenen +anmutigen Garten »Zum Morgenstern«, wo sie sich um Erika und Calluna +gestritten hatten, setzten sich in eine Laube und tranken Kaffee. Dann +gab er ihr den betreffenden Schmöker in die Hand, und sie fragte ihn +mit redlichem Eifer, was darin stand. Es war eine der schwersten +Prüfungen, die man sich denken kann, viel schwerer als die +gewöhnlichen; denn gewöhnlich haben die Examinatoren nicht solche +Augen, solche Nase, solche Wangen, solchen Mund, solches Haar, solche +Stimme! Eine Stunde wohl und länger gab er ihr treulich auf alles +Bescheid, bis ihm die Sache doch zu unnatürlich wurde. + +»Einen Schluß nach Celarent,« verlangte sie von ihm. + +»Einen Schluß nach Celarent? #Bon!#« + +Kein Weib ist schön (nach Schopenhauer)! + +Alle Hilden sind Weiber. + +Also keine Hilde ist schön.« + +Sie drohte mit dem Finger. »Herr Semper? Ich werde Sie durchfallen +lassen!« + +»Ach bitte, Herr Professor, lassen Sie mich nicht durchfallen, ich +möchte so gern heiraten!« + +»Haha, heiraten wollen Sie? Wen denn?« + +»Ein entzückendes, ein wonniges, ach Gott, ein – Sie haben ja keine +Ahnung, Herr Professor. Erlauben Sie, daß ich Sie küsse –« + +»Was fällt Ihnen ein!« Sie stieß ihn auf seinen Platz zurück. »Bilden +Sie einen Schluß nach Darii!« + +»Nach Darii? Wie Sie wollen. + +Alle Basen färben rotes Lackmuspapier blau. + +Hilde ist eine Base. + +Also färbt Hilde rotes Lackmuspapier blau.« + +Dann sah sie wohl ein, daß mit ihm nichts mehr anzufangen sei; sie +klappte lachend das Buch zusammen und schlug ihm damit auf die Finger. + +»Lieber, süßer Professor,« rief er, »die Logik, die Sie mir da +abfragen, ist ja der gottvergessenste formalistische Quatsch, ist ja +das blankste scholastische Blech von der Welt! Bevor ich etwas davon +wußte, hab’ ich genau so konsequent gedacht wie jetzt, oder +konsequenter. Ach bitte, Herr Professor, tun Sie Ihr Täschchen auf und +geben Sie mir vom Brote des Lebens.« + +Dann verzehrten sie den Proviant, den Hilde mitgebracht und den sie +mit gewohnter Delikatesse bereitet hatte; er ließ es sich mit Ausdauer +schmecken und meinte: »Die Brotgelehrten haben doch nicht so ganz +unrecht.« + +Zu solchen Stunden brachte er wohl auch trotz aller Examenbüffelei ein +Gedicht mit, und eines Tages brachte er ihr eins, das eine +»hartnäckige Liebe« besang. + + Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht. + Er rettete damals die beiden Dänen, + Ihr wißt wohl – es wollte keiner dran – + Er riß sie dem blanken Hans aus den Zähnen. + + Nun war da die Antje Nissen – ei ja, + Die mochte dem starken Jan wohl taugen! + Schmuck war sie, alles was recht ist – man bloß: + Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen. + + Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts. + Und so freit’ er um Antje. Sie ziert’ sich nicht lange + Und sagte Ja und ward seine Braut. + Aber als sie’s war, da ward ihm doch bange. + + Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg! + Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen, + Dann ist die Hochzeit. Sie läßt mich nicht los. + Aber sie ist ein Stachelrochen. + + Da – denkt euch – da kommt ihm Hilf’ in der Not! + Bei Südsüdost wird Jan Reimers verschlagen – + Er rennt auf die Klippen – das Schiff zerkracht – + Eine Planke hat ihn nach England getragen. + + Sein erster Gedanke war: »Jung, wat’n Glück, + Nu bin ick verschollen! Das ’s Gottes Wille!« + Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag + Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille. + + Sein Ewer freilich war Grus und Mus. + »Na ja,« denkt Jan, »wat is dor Slimm’s bi! + Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.« + Und er lebte drei Jahre vergnügt in Grimsby. + + Aber die Welt ist ein Rattenloch. + Ein Landsmann muß ihn gesehen haben. – + Jan bummelt am Hafen, die Fäust’ in der Tasch’, + Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben – + + Da hört er plötzlich – ihm schießt’s in die Knie – + Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme: + »Jan Reimers! Jan Reimers!« Ihm war’s als rief + Des jüngsten Tages Posaun’ ihn mit Grimme! + + Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub! + Da ruft Antje Nissen: »Du solltest dich schämen! + Nun tu’ doch nicht so, als wenn du nicht hörst. + Du Feigling, du!« + Da mußt’ er sie nehmen. + +Sie lachte, als er geendet hatte, und dann nahm er noch einmal das +Blatt und schrieb mit Bleistift oben über das Gedicht: + + »Meiner Antje Nissen + In Schauern der Ehrfurcht gewidmet.« + +Da lachte sie noch herzlicher, und ihr Lachen führte immer unfehlbar +zum Küssen. Vom Küssen kamen sie dann wieder ins Lachen, kurz, es war +der alte wohlbekannte #circulus vitiosus# der ja in der Logik eine +wichtige Rolle spielt. + +Es kann nicht von allen Szenen dieser Art berichtet werden, um so +weniger, als sie für den älteren Leser eher ärgerlich als unterhaltend +sind. Nur so viel sei gesagt: Sie liebten sich so zärtlich, daß sie +die zärtlichen Worte und Kosenamen unseres Sprachschatzes längst +verbraucht hatten und, wenn sie ihre ganze Liebe in ein recht von +Grund aus erschöpfendes Wort pressen wollten, zu Injurien greifen +mußten. Wenn er sie zu hart angefaßt hatte, rief sie mit einem +goldenen Lachen in den Augen: »Du Gassenjunge du, du Rowdy!« und er +flüsterte mit überquellendem Jubel: »Du Hexe du, du Teufelsweib!« und +meistens, wenn sie dergleichen gesagt hatten, kam gerade der Kellner. +Asmus Semper war damals noch recht unbekannt, sonst würde gewiß eines +Tages in den Zeitungen gestanden haben, daß er und seine Braut sich +»Hexe« und »Gassenjunge« schimpften. + +Wenn sie dann nach der hochnotpeinlichen Prüfung an die Elbe +hinunterwanderten, sich in den Sand streckten und die Schiffe kommen +und gehen sahen, wenn Hilde heimlich herbeischlich, ihr Gesicht leise +über das seine neigte und ihn küßte, wenn dann alles Glück der +Kindheitserinnerung mit dem Glück der Gegenwart in Asmussens Herzen +zusammenschmolz, dann mußte er laut oder schweigend ein Dankgebet +sprechen. Er, dem in trüben und schweren Tagen nie der Gedanke an +einen persönlichen, väterlich waltenden Gott kam, in Augenblicken +überwältigenden Glückes hatte er das Bedürfnis nach irgendeinem Wesen, +dem er danken könne, und unter Lachen und Tränen rief er stumm oder +mit lautem Jubel in den Himmel hinauf: »Herrgott, du verwöhnst mich, +du verwöhnst mich entschieden! Lieber Gott, laß mich nicht ersticken +in meinem Glück!« + + + + +LV. Kapitel. + +Zeichnet sich durch Kürze aus, die aber nicht Schuld des Verfassers +ist. + + +Nach dem zweiten Examen wollte Murow, der Seminardirektor, ihn an die +Seminarschule ziehen. Aber Asmus lehnte abermals dankend ab. + +Und bald darauf machten die beiden sich auf, eine Wohnung zu suchen. +In einer westlichen Vorstadt Hamburgs, in einem Hinterhäuschen, fanden +sie zwei Zimmer, eine Kammer und eine Küche. Als sie diese Räume +sahen, waren sie mit einem einzigen Blicke einverstanden: Hier kann +das Glück wohnen. Als Asmus dem Hauswirt den »Gottespfennig« in die +Hand drückte, war der erstaunt über die Größe des Geldstücks. Es war +ein Taler. Heute konnte Asmus es sich leisten, Grundeigentümer zu +beschenken. Er war dem Manne so dankbar, daß er ihm die reizende +Wohnung abgelassen hatte! + +Als er aber für einen Aufsatz, den er in einer Zeitschrift +veröffentlicht hatte, ein ansehnliches Honorar empfangen hatte, +schenkte er der Geliebten ein Kleid von weißer Seide, und ihre +Kolleginnen und Freundinnen schenkten ihr dazu einen Einsatz von +köstlicher Stickerei. Wie eine Königin sollte sie aussehen. + +Die Ausstattung der künftigen Wohnung war ein ununterbrochenes Fest. +Jeder Stuhl und jedes Kissen war eine Freude für sich, und wenn sie +ein Dutzend Teller kauften, so waren es zwölf Freuden auf einmal. Als +aber am Abend vor der Hochzeit die Freundinnen zu Hilden in das +künftige Heim kamen, um die letzte Hand an den Brautputz zu legen, +siehe, da hatte der treuherzige Handwerksmann die längst versprochenen +Sitzmöbel noch immer nicht geliefert. Kurz entschlossen setzten sich +die Mädchen in einem Kreis um Hilden herum auf den Fußboden und +durchflochten ihr heiteres Werk mit Lachen und Singen. + +In einem Gartenlokal am Elbufer sollte die Hochzeit gefeiert werden. +Nicht umsonst zog es ihn in heiligen Tagen seines Lebens immer wieder +an diesen Strom; auf seinen Fluten war die Seele des Knaben und des +Jünglings von je in alle Fernen der Hoffnung gewandert. + +Mit Wolken und leisem Regen begann der Hochzeitstag, und auch, als sie +aus dem Wagen stiegen, regnete es ein wenig. »Es regnet in die +Brautkrone,« sagte eine abergläubische Verwandte, »das bedeutet +Glück«. Und dann ward es ein stiller, wolkenloser, in seiner eigenen +Schönheit seliger Maientag. + +Ludwig Semper und Goers der Riese waren Trauzeugen gewesen, und als +nun Goers, der Gütige, sich zu einem Trinkspruch auf das Brautpaar +erhob und ihm aus treuem, lauterem Herzen eine Schar von blühenden +Kindern wünschte, da errötete Hilde wohl, aber nicht in Unwillen, +sondern in einem wirbelnden Gefühl von Scham und Glück. + +Und als sie noch beim bescheidenen Mahle saßen, erklang plötzlich ein +langer, sanfter Geigenton; die Türen des kleinen Saales taten sich +auf, wie von Geisterhand geöffnet, und von einem feinen und sauberen +Streichquartett klang es herein: + + Treulich geführt, ziehet dahin, + Wo euch der Segen der Liebe bewahr’! + Siegreicher Mut, Minnegewinn + Eint euch in Treue zum seligsten Paar. + +Und am Pulte des ersten Geigers saß niemand anders als Morieux. + +Asmus war aufs freudigste ergriffen von diesem zarten Geschenk; die +Streicher wurden im Triumph an den Tisch geholt, und als alle genug +gegessen und getrunken hatten, erhob man sich zum Tanz. Asmus und +Hilde aber bestiegen den lange schon wartenden Wagen zur +Hochzeitsreise nach dem Hinterhäuschen in der westlichen Vorstadt. + +Als sie an seinem Elternhause vorüberfuhren, neigte er sich ans +Wagenfenster und sah so lange hinaus, bis das Haus seinen Blicken +entschwunden war. In diesem Augenblick fuhr ihm wie ein Blitz ein +künftiges Gedicht durchs Herz, und einige Tage später schrieb er es +auf. + + _Am Hochzeitstage._ + + Laut rollt der Hochzeitswagen durch die Gasse. + Wir ruhen drin, zu stillem Glück geeint. + Sieh, wie die Sonne glänzt durch Regenwolken: + Die Hoffnung lacht – und die Erinn’rung weint. + + So ist’s ein Fest der Wonne wie der Trauer. + Ich fühl’s, da neue Liebe mich beglückt, + Wie lang genoss’ne, unvergoltne Liebe + Mit schwerem Vorwurf meine Seele drückt. + + Der Eltern denk’ ich, der verlass’nen, alten, + Und während mich dein Zauber sanft umgibt, + Erfaßt es mich mit wehmutsvoller Mahnung, + Wie zärtlich sie mich je und je geliebt. + + Sie ließen mich den Traum der Jugend träumen, + Leicht schlug mein Herz! – ihr Haupt war sorgenschwer. + So zweifle nicht, wenn sich mein Auge feuchtet. + Der Sommer prangt; ein Frühling kommt nicht mehr. + + Wie rasch der Wagen rollt! Wir fliegen selig + Und zukunftstrunken in die Welt hinaus. + Euch Sternen meiner Jugend send’ ich Grüße + Ins abendrotumkränzte, stille Haus. + + Verzeiht dem heißen Drang der jungen Seelen, + Der euch des vielgeliebten Sohns beraubt. + Unsterbliches Gedächtnis eurer Liebe + Und Segen über euer greises Haupt! + + + + +LVI. Kapitel. + +Ein längeres Kapitel, weil darin von einem Leuchtturm, einer +Nachtigall, einem Kinde, einem Rosenberg und von noch einem Kinde +berichtet werden muß. + + +Wenn Semper der Ehemann sich einen neuen, herzerquickenden Kunstgenuß +bereiten wollte, dann lustwandelte er durch seine zwei Stuben, seine +eine Kammer und seine Küche. Sie schimmerten und flimmerten, daß er +sich nicht satt schauen konnte, und der phantasievolle Schloßherr der +bayrischen Königsschlösser konnte mit seinen ungezählten Millionen +keine tiefere Befriedigung gewonnen haben als der junge Schloßherr in +der westlichen Vorstadt. Als Knabe hatte er einst geträumt, wenn er +reich werde, wolle er sich ein großes Schloß bauen mit hohen +Bogenfenstern und Marmorsäulen und Marmortreppen. Das war nun +Wirklichkeit geworden, ohne Marmor und Bogenfenster, und doch alle +Luftschlösser übertreffend. Wenn er auf dem Sofa lag und die Blicke +über Wand und Decke, Schrank und Bücherbrett wandern ließ, und wenn er +sich dann den ärmlichen Hausrat des Elternhauses vorstellte, dann +dachte er: ich bin ein Emporkömmling; mit rasender Geschwindigkeit bin +ich emporgekommen. Er erinnerte sich, gelesen zu haben, daß innerhalb +desselben Geschlechtes nach einem Aufstieg mit einer gewissen +Regelmäßigkeit eine »Decadence« der folgenden Generationen eintrete, +und mit Wehmut erfüllte ihn der Gedanke, daß spätere Nachkommen von +ihm gezwungen sein könnten, diese strahlende Höhe wieder zu verlassen. +Er wußte freilich noch gar nicht, ob er überhaupt Nachkommen haben +werde. + +Nun war aber an seiner ganzen Wohnstatt ganz gewiß nichts Kostbares im +alltäglichen Sinne, und manche Frau trug in einem Ohrläppchen ein weit +größeres Vermögen, als dieses ganze Schmuckkästchen mit allem, was +darin war, gekostet hatte. Was dieser Heimstatt für die Seele des +jungen Mannes den unnennbaren Glanz gab, das war sein Glück; was ihr +aber auch für das Auge Schönheit verlieh, das war Hildens Hand. Nicht +umsonst war sie die Jahre hindurch, als die Mutter krank lag, das +alles umsorgende, alle betreuende Hausmütterchen gewesen. Und die +Mutter war wie die Mutter des Goetheschen Gretchens gewesen. »Bei der +Frau Chavonne kann man vom Fußboden essen,« hatte es bei den +Nachbarinnen geheißen, und Nachbarinnen sind streng. Diese Tradition +hielt Hilde aufrecht. Und wie es nun einmal wahr ist, daß die Grazien +den, den sie lieben, in keiner Lage und zu keiner Stunde verlassen, +so blieb ihre Anmut ihr auch bei den gröbsten Verrichtungen treu. Und +sie durfte vor grober Arbeit nicht zurückscheuen; denn fremde Dienste +konnten sich die jungen Semper nur als seltene Aushilfe gestatten. +Aber sie dachte auch nicht daran, vor irgendeiner Arbeit +zurückzuschrecken; in lächelnder Ruhe stand sie über jedem +beschränkten Hochmut. Arbeit hatte sie geadelt, und sie adelte die +Arbeit. + +Und wenn man nun bedenkt, daß jeden Abend, wenn sie zur Ruhe gegangen, +die Nachtigall in ihr Geplauder, in ihre Träume, in ihren ersten +Schlummer sang! Hinter den Fenstern ihres Schlafgemaches standen +blühende Apfelbäume und andere Bäume, auch ein Goldregen, dessen +Blüten herabhingen wie goldene Lampen in einem dämmergrünen Dom. Und +aus einem der Bäume sang Abend für Abend die Nachtigall. Mitten in +ihrem Liebesgeplauder verstummten sie oft entzückt und sagten: »Hör’ +nur – hör’ nur!« Ja, oft horchten sie fast erschrocken auf; denn es +hatte geklungen wie eines Menschen weinende, schwellende, verhauchende +Klage; dann wieder war es wie ein plätschernder Quell, durch den das +Mondlicht glänzt. Alle Vögel haben ihre wiederkehrende Weise, dachte +Asmus; nur sie hat immer neue Weisen; nie singt sie zweimal dasselbe; +sie ist das Genie, dem die Welt immer neu erscheint, das immer Neues +erkennt und Neues singt. Aller Vogelgesang ist lieblich; aber sie +allein hat Kraft und Milde, sie allein hat Lust und Tiefe zugleich. +Darum ist sie die Sängerin der Liebenden. Denn mit Sinnenkraft und +Herzensmilde die Welt ergreifen, von höchster Geisteswonne bis zu +tiefen Zuges trinkender Sinnlichkeit die Welt ausmessen: das ist +Liebe. »Horch,« sagte Asmus, »wie langsam und klagend sie auch ihr +Lied beginnen mag, immer endet sie mit jubelndem Geschmetter. Sie ist +eine Optimistin; sie glaubt an das Leben. Glaubst du auch daran?« + +Ja, wenn sie bei ihm war, glaubte sie daran; wenn sie allein war, +konnte sie noch immer nicht fassen, daß das Leben nicht mehr ihr Feind +sei. Sie konnte noch immer dem neuen Gesicht des Lebens nicht trauen; +ihr Vertrauen war in einem langen Winter bis auf den Grund gefroren, +und jahrelangen Sonnenscheins bedurfte es, diesen See wieder bis zum +Grunde zu erwärmen. + +Noch blieb ihnen die Sonne treu. Herrgott, wie es sich arbeitete in +diesen ewig sonntäglichen Räumen! Und als er eines Mittags aus der +Schule kam, sah er es Hildens Gesicht an, daß etwas Gutes passiert +sei. + +»Wieviel erwartest du noch vom »Leuchtturm«? fragte sie gespannt. + +»Fünfundsiebzig Mark.« + +»Er schickt hundert!« Asmus riß den Begleitbrief auf und las: »Es +entfallen auf Ihren Beitrag eigentlich nur fünfundsiebzig Mark; aber +wir schicken Ihnen mit Vergnügen hundert, wenn Sie uns bald wieder +bedenken wollen.« Er schlang Hilden den Arm um die Taille und tanzte +mit ihr durchs Zimmer. In solchen Augenblicken tanzte er sogar gut. + +Fünfundzwanzig Mark wie vom Himmel gefallen! Sie kamen ja noch immer +so eben, eben aus; aber sie konnten es schon brauchen. + +Aber es war doch noch eine ganz winzige Freude, eine wahre +Lumpenfreude gegen die Freude eines andern Tages, jenes Tages, da sie +ihm verriet, sie habe sichere Anzeichen dafür, daß sie nicht immer +allein bleiben würden. Da tanzte er nicht mit ihr, da zog er sie sacht +auf seine Knie herab und hielt lange, lange ihren Kopf an seiner +Brust, als müßt’ er sie nun behüten auch vor dem leisesten Leid der +Welt. + +Ja, das Schicksal war ihm in diesen Tagen hold gesinnt, und manchmal +schon hatte er sich im stillen gefragt, wieviel es ihm abziehen werde, +und was, und wann? Aber es schien an keinen Abzug zu denken; im +Gegenteil; es schenkte ihm in dieser Zeit zu allem Glück noch einen +neuen und echten Freund. Er hatte in einem Lehrerverein einen Vortrag +über Hamerling gehalten und damit unter anderen den Beifall eines +jüdischen Lehrers gefunden, der ihm nach dem Vortrag als #Dr.# +Rosenberg vorgestellt wurde. Asmus fand sofort an dem ganzen Manne ein +großes Gefallen, an seinem sympathischen Gesicht, an seinem offenen +und doch bescheidenen und bei aller bescheidenen Zurückhaltung +dennoch bewußten Wesen, an seinen Interessen und seinen Erlebnissen. +Rosenberg war Philologe, war in Paris und London gewesen und erzählte, +wie er in London lange vergeblich seinen Unterhalt durch Stundengeben +gesucht und wie, als er eines Tages wieder von einem vergeblichen +Gange heimgekehrt sei und auf dem Rücken eines Buches den Namen +»Schiller« gelesen habe, bei diesem Namen die Tränen des bittersten +Heimwehs unaufhaltsam hervorgebrochen seien. Es war der erste Jude, +mit dem Asmus in nähere persönliche Berührung kam, und diese Begegnung +war ihm so interessant und erfreulich, daß er den neuen Bekannten +einlud, ihn zu besuchen. Rosenberg kam; Asmus erwiderte den Besuch, +und auf die lebendigste Weise erwuchs nun ein Freundschaftsverhältnis, +das fast alle früheren Freundschaften Asmussens an Dauerhaftigkeit +übertreffen sollte. + +Als Rosenberg zum ersten Male bei Sempers gewesen war und die junge +Frau Semper nur flüchtig gesehen hatte, da hatte er, wie er später +gestand, im stillen gedacht: Er hätte doch so jung nicht heiraten +sollen. Beim zweiten Besuche lernte er ganz anders denken und sah doch +die junge Frau überhaupt nicht. Und das hatte alles seine guten +Gründe. + +Als Rosenberg seinen zweiten Besuch machte, war es wieder ein +Maientag, der Tag vor Pfingsten, und in grauender Frühe dieses Tages +hatte Hilde ihren Gatten geweckt und ihn gebeten, daß er die Wehmutter +hole. Und dann folgte ein Tag, für Asmus wohl nicht viel leichter als +für Hilden. Er wanderte in seinem Zimmer rastlos auf und ab, und am +Nachmittag war er so weit, es laut vor sich hinzusprechen: »Ich will +lieber kein Kind haben – wenn sie nur nicht mehr zu leiden braucht.« +Ein furchtbares Gewitter brach los; unmittelbar über dem Hause war ein +unablässiges Flammen und Krachen, und jeder Schlag traf ihn, weil er +daran dachte, wie es sie erschrecken müsse. Er hatte ihr angeboten, +bei ihr zu sein; aber sie wollte mit der Wehmutter allein sein. Und +erst um 7 Uhr des Abends vernahm er das Schreien eines Kindes; Isolde +Semper war zur Welt gekommen. Als die Wärterin der jungen Mutter das +Kind zeigte, rief sie: »O, das ist ja Mutter Rebekka!« und sank in die +Kissen zurück. + +Auf den Fußspitzen war Asmus hereingekommen; er beugte sich über sie +und küßte sie leise, leise auf die Stirn. Sie schlug die Augen auf, +große, feuchte Augen und hauchte: »Du armer Mann, jetzt kann ich nicht +für dich sorgen.« + +»Du närrischer Engel,« flüsterte er, »willst du gleich schweigen und +schlafen?« und küßte ihr die Augen zu. Aber sie öffnete sie wieder und +sah ihn an mit einem Blick voll übermenschlichen Glücks. Dann hob sie +behutsam die Decke von dem Kindlein, das in ihren Armen lag. + +»Sieht sie nicht ganz aus wie Mutter Semper?« flüsterte sie. Er nickte +»Ja«, obwohl er nichts dergleichen sah; er dachte nicht an das Kind: +er dachte nur an sie. Die weise Frau versicherte ihm, daß alles gut +verlaufen sei; da schlich er hinaus, nahm seinen Hut und ging auf die +Straße. Er mußte Himmel über sich sehen. + +Als er nach einer halben Stunde heimkehrte, war Rosenberg dagewesen. +Die junge Mutter hatte jemand kommen hören, hatte vernommen, wer es +sei, und der Wärterin gesagt: »Sorgen Sie bitte dafür, daß der Herr +eine Erfrischung bekommt.« Und Rosenberg erfuhr von der Wärterin, daß +die junge Frau Semper vor kaum einer Stunde Mutter geworden sei und +daß sie selbst den Trunk für ihn befohlen habe. Da dachte er: »Das muß +eine seltene Frau sein.« Nie vergaß er ihr diesen Trunk, und schon bei +einem nächsten Besuch, als sie selbst ihn bewirtete, dachte er: »Er +hat keineswegs zu früh geheiratet.« + +In den folgenden Wachen und Monaten kam Asmussen seine Erziehung durch +die Tabakstube, wo er unter unablässigen Gesprächen und Geräuschen die +subtilsten Sachen studiert hatte, vorzüglich zustatten. Denn die +Stimme Isoldens war vernehmlich und ausdauernd. Sie vollbrachte +Leistungen, gegen die die Partie der Wagnerschen Isolde als Episode +erscheint. Aber das störte ihn nicht. Er gehörte nicht zu den +geistigen Arbeitern, die auf eine Meile im Umkreis Asphaltpflaster und +Strohschütten brauchen. Der Platz vor seinem Hause war ein beliebter +Spielplatz der ganzen nachbarlichen Kinderschar, und er schloß das +Fenster nicht, wenn ihr Geschrei hereinklang; denn es war ihm wie ein +fröhlicher Gruß des Lebens, das zum Wirken und Schaffen rief. Auch +besaß er im Notfall noch immer die Kraft, eine Mauer um sich zu bauen; +wenn er nicht wollte, so hörte er selbst Isolden nicht. Auch als +Dichter gehörte er nicht zu denen, die nur auf persischen Teppichen +und vor perlgrauen Seidentapeten dichten können, und die mancherlei +kleinen Banalitäten, die ein enger Haushalt unweigerlich mit sich +bringt, die selbst einer Hilde Hand nicht immer zu bannen vermag, +verstimmten nicht sein Saitenspiel. Er verstand es so gut, daß +Schiller in einem Zimmer, das nichts als einen halben Tisch, einen +Stuhl und eine Schütte Kartoffeln enthielt, die »Louise Millerin« +schreiben konnte. Was mußte das für ein Dichter sein, der die +Ausstattung seines Zimmers, der seine Gesellschaft nicht jeden +Augenblick selbst beschaffen, der nicht jeden Augenblick seine Zelle +in das Boudoir der Lady Milford oder in den Hafen von Genua verwandeln +konnte?! + +Und so erzog er in unbekümmertem Frohsinn neben der kleinen Isolde +noch ein zweites, stilleres Kind, sein erstes Buch. Unbekümmert war +dieser Frohsinn freilich nur in Hinsicht der äußeren Störungen; was +die inneren Hemmnisse anlangt, war es ein oft unterbrochener Frohsinn. +Nie hat jemand besser den Künstler beschrieben als Goethe, da er die +liebende Seele beschrieb: »himmelhoch jauchzend – zum Tode betrübt«. +Der Künstler wäre kein Künstler, der nicht himmelhoch jauchzte über +ein gelungenes Werk und der nicht zum Tode betrübt sein könnte über +dasselbe Werk. Und als ihn nun gar die Banalität der Druckkorrekturen +überfiel, als er seine eigenen Verse immer wiederkäuen mußte, da +übermannte ihn ein tiefes Verzagen. Aber Rosenberg riß seinen Mut +wieder empor; Rosenberg war begeistert von diesen Versen. »Ich lege +meine Hand dafür ins Feuer, daß Sie Anerkennung finden werden«, +prophezeite er. Und wirklich fanden die »Gedichte« von Asmus Semper, +als sie endlich erschienen waren, die freundlichste Aufnahme; denn da +die Lyrik nichts einbringt, so erfährt sie oft eine sehr wohlwollende +Beurteilung. + + + + +LVII. Kapitel. + +Fängt fröhlich an und endet traurig; das Schicksal fordert seinen +Zoll. + + +Zu allen diesen Freuden schenkte das Schicksal, das ihn verziehen zu +wollen schien, unserm Asmus noch eine sonnige Weihnacht. Schon zur +vorigen Weihnacht hatte er die bisherige Ordnung der Dinge auf den +Kopf gestellt und seinen Eltern den Tannenbaum geschmückt; diesmal, da +er wieder ein feistes Honorar von siebzig Mark errungen hatte, sollten +sie das zu essen bekommen, was in seinem Elternhause immer als das +Weihnachtsgericht der Reichen gegolten hatte: Karpfen! Und Weißwein +sollte dazu getrunken werden, ja Weißwein! Unmittelbar vor der +allgemeinen Bescherung aber winkte Hilde ihren Gatten auf die Seite, +zog ihn ins andere Zimmer, schlang die Arme um seinen Hals und +flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn du lieb bist, hab’ ich noch ein +besonderes Geschenk für dich – freilich noch nicht heute.« Er sah ihr +mit jähem, frohem, fragendem Staunen ins Gesicht. + +»Ja??!« + +Sie nickte eifrig. + +»Wann denn?« + +»Ich denke, im Juli oder August.« + +Da küßte er sie unzählige Male und zog sie in das Weihnachtszimmer und +war, noch bevor er den Weißwein genossen hatte, so trunken, daß er die +Lichter des Tannenbaumes nicht doppelt, nein siebenfach, nein +hundertfach sah. + +Rebekka Semper fand den Karpfen köstlich, fand überhaupt, daß Hilde +eine »gebor’ne Köchin« sei, und Ludwig Semper lächelte sein stillstes +und innigstes Lächeln, als habe er den Weg zurückgefunden zu den +strahlenden Tannenbäumen seines Elternhauses. Er sprach mit Asmus von +dessen Gedichten und nannte die, die ihm besonders gefallen hatten, +und obwohl eines Vaters Beifall zu den Werken seines Sohnes vor der +Welt keinen Klang hat, so wußte Asmus doch, daß ihm nie ein schönerer +Lorbeer gedeihen könne als dieses schweigsamen Mannes Lob und Lächeln. +Diesem großen und stillen Herzen zu gefallen, das war ein großer und +stiller Ruhm. Aber nur ein Semper konnte das wissen. + +Ludwig Semper war aufgeräumt und gesprächig wie seit langem nicht; er +erzählte, wie Asmus einst mit kleinen Kinderschrittchen neben ihm über +die Wiese getrippelt sei und gerufen habe: »O Vater, hier ist es +gerade so wie dein Geburtstag!« wie der Kleine unzählige Male an +seinen Arbeitstisch gekommen sei und ihm nach Wunsch aus dem +»Freischütz«, aus der »Nachtwandlerin« und wohl aus zwanzig andern +Opern vorgeblasen, was er aufgefangen habe, ja, Ludwig Semper stieg +weit in die eigene Kindheit hinab und sprach von seinem Vater, dem +Kaufmann Carsten Semper, auf dessen Diele jeder Besucher Schinken +essen und Kornschnaps trinken konnte, ohne zu bezahlen, und von dem +Tage, da der Justizrat quer über die Straße auf seinen Vater +zugelaufen kam und rief: »Wissen Sie schon, Herr Semper, Goethe ist +tot!« Es war wie Sammlung und Rückblick in diesen Reden Ludwig +Sempers; aber die Seinen merkten es nicht. Wohl war ihnen aufgefallen, +daß er die Speisen kaum berührt hatte, selbst die Karpfen nicht; aber +da er ihre Besorgnis mit Lachen zurückwies, so hatten sie sich +beruhigt. Freilich hatte Frau Rebekka erklärt, daß er schon länger an +Appetitlosigkeit leide und daß sie ihn »natürlich« nicht zum Arzt +kriegen könne. + +Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage besuchte, hörte er, daß sein +Vater sich von der Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach Hause +geschleppt habe. »Ich werde den Weg nicht wieder machen können,« sagte +Ludwig Semper mit wehmütigem Lächeln. »Ei was!« rief Asmus, »dann +holen wir euch einfach in der Droschke; wir haben’s ja!« Und er dachte +sich, welch eine Lust es sein werde, die »Alten« im Triumph +einzuholen, zu Wagen, wie ein Fürstenpaar! Und noch einmal ging er +beruhigt heim. + +Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater zum Schlimmen verändert. Er +konnte nicht mehr arbeiten, saß in seinem alten Lehnstuhl und mochte +nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war grau geworden, und wie Frau +Rebekka mit Kümmernis erzählte, schlief er den größten Teil des Tages. +Sein Appetit war nicht zurückgekehrt. + +Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal davon. Sollte das Schicksal –? +Nein, einen so harten Zoll konnt’ es nicht fordern; so grausam konnt’ +es sein Glück nicht verkürzen wollen! Ja, wenn es ein achtzig-, +neunzigjähriger Greis wäre, dann müßte man sich mit der Notwendigkeit +versöhnen. Aber mit siebenundsechzig Jahren konnte das Schicksal +diesen Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann nicht! Selbst völlig +fremde Menschen mußten dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als Asmus +vor nicht langer Zeit im Lehrerverein geredet und die Kunst als +Erzieherin proklamiert hatte und auch sein Vater als Gast zugegen +gewesen war, da hatte die Versammlung dem Redner ein Hoch gebracht. +Gleich darauf aber hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen: +»Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn ich in dem ehrwürdigen Manne, der +unserm Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.« Und dann hatte +er mit kühner, launiger und geschickter Psychologie aus dem Wesen des +Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und hatte diesen Vater +gefeiert, und mit brausendem Hurra hatte die Versammlung ihm +zugestimmt. Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt und hatte +gesehen, wie er sich freute, und daß dieser Mann, der sein ganzes +reiches Pfund in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun doch einmal +vor aller Welt die Ehren genoß, die ihm gebührten, das war doch von +allen Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen. + +Und sollte das die letzte große Freude im Leben Ludwig Sempers gewesen +sein? Nein, nicht die letzte. + +Als Asmus wieder nach Oldensund kam, waren Hilde und die kleine Isolde +mit ihm. Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, saß er schlafend +im Lehnstuhl; er erwachte auch nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten +Herzens hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem Weinen berichtete. +Er schlafe fast den ganzen Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und +verstehe oft gar nicht, was man zu ihm sage. Während sie noch sprach, +öffnete der Kranke die Augen; immer weiter öffnete er sie, bis sie so +groß und freundlich waren wie in seinen besten Tagen. + +»Wem gehört das allerliebste Kind?« fragte er leise, mit frohem +Staunen. + +Sie sagten ihm, daß es ja Isolde sei, Asmussens und Hildens Kind und +seine eigene Enkelin. + +Da verbreitete sich noch einmal von diesen Augen aus über das ganze +Gesicht des Leidenden das große, unerschöpflich gütige Lächeln, das +über Asmussens ganzer Kindheit wie eine treulich wiederkehrende Sonne +geleuchtet hatte, und dann schlossen sich die Augen wieder, und der +Kranke war wieder entschlummert. + +Die Besucher schlichen hinaus, und draußen nahm Asmus seine Mutter auf +die Seite und fragte: »Was sagt denn der Arzt?« + +Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten: laut jammernd rief sie: »Ach +Gott, der schreckliche Mensch sagt, es wäre vielleicht Magenkrebs, – +ich werd’ ja verrückt, wenn ich bloß daran denke!« + +Das machte Asmus vom Kopf bis zu den Füßen erstarren. Über all seine +Befürchtungen hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es werde +vorübergehen. Dieser Schlag betäubte ihn. Aber nur für einen +Augenblick. Er schickte Hilden und das Kind nach Hause und rannte zum +Arzt. + +»Ja,« sagte der, »alle Anzeichen sprechen dafür. Ich habe keine +Magensäure gefunden, das ist das sicherste Symptom.« + +»Herr Doktor,« stammelte Asmus, »Sie dürfen mir nicht zürnen, – Sie +sind ja auch nur ein Mensch, – Sie müssen sich in meine Lage +versetzen, – es ist mein Vater, – würden Sie es mir übelnehmen, wenn +ich noch einen zweiten Arzt befragte?« + +»Durchaus nicht,« versetzte der Arzt, »Sie machen sich freilich +unnötige Kosten; aber wenn es Sie beruhigt –« + +Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der ihm als besonders tüchtig +empfohlen war. Der ließ ihn kühl an. Wer denn seinen Vater behandle? + +Der Doktor Soundso. + +Ja, das sei ja ein sehr tüchtiger Arzt. Er wisse nicht, was er da +solle. + +Asmus flehte ihn an, er möchte doch kommen. + +»Nun ja, ich kann ja hinkommen.« + +Und Asmus ging mit neuer Hoffnung: Der wird vielleicht zu einem +anderen Ergebnis kommen. + +Als er andern Tages ins Elternhaus kam, war der zweite Arzt noch nicht +dagewesen. Der Kranke aber delirierte und konnte nur mit größter Mühe +im Bette festgehalten werden. Da kam Asmussen der Gedanke: Ins +Krankenhaus. Hier, in diesen ärmlichen, beschränkten Verhältnissen +konnte ja der Vater nicht gepflegt werden wie im Krankenhause, und +wenn eine Operation nötig war, mußte er doch dorthin. Und dort waren +die besten Ärzte. Er besorgte die Aufnahme ins Krankenhaus, nahm eine +Droschke und fuhr vors Elternhaus. Nun holte er seinen Vater in der +Droschke! Aber nicht im Triumph, ach Gott, nicht im Triumph! +Ohnmächtig lag ihm sein Vater im Arm wie ein Kind, und als er so mit +seinem Vater im Wagen allein war, rannen seine Tränen unaufhörlich. +Als er den Vater endlich wohlgebettet sah, eilte er zum Arzt des +Krankenhauses und erstattete ihm Bericht über den Kranken. Dieser Arzt +war ein feiner und milder Mann; er hörte den Sohn, aus dessen Worten +er wohl die fliegende Angst des Herzens vernahm, mit großer Teilnahme +an und entließ ihn mit neuer Hoffnung. Nun kann noch alles gut werden, +dachte Asmus. Dieser Arzt ist ein vortrefflicher Mann, und im +Krankenhause hat man alles zur Hand, was man zur Pflege eines schwer +Erkrankten braucht. + +Andern Mittags, als er aus der Schule heimkam, war sein erstes Wort: + +»Ist Nachricht vom Krankenhause da?« + +»Ja,« sagte Hilde ernst, »der Bote war hier.« + +»Und?« rief er begierig. + +»Du weißt es doch schon, nicht wahr?« sprach Hilde sanft. Er starrte +sie an. »Ist er –?« Er brachte das Wort nicht heraus. + +Sie nickte stumm und legte den Arm um seinen Hals. Er aber fiel mit +einem einzigen, lauten Aufschluchzen in die Sofaecke. + +Das also hatte er mit allen Mühen und Ängsten erreicht, daß sein Vater +nun einsam gestorben war. Zwar: Ludwig Semper war nach dem Bericht +der Wärter nicht wieder zum Bewußtsein erwacht, und morgens um zwei +Uhr war er gestorben. Aber wenn er nun doch noch einen lichten +Augenblick gehabt und wenn er Weib und Kinder gesucht hatte – mit +diesem Gedanken zerfleischte sich Asmus das Herz, während er durch die +Straßen rannte und die Formalitäten für die Bestattung erledigte. +Dabei lief er oft stundenlang durch Gegenden, in denen er nichts zu +suchen hatte; er wußte nicht, womit er sonst seine Zeit ausfüllen +sollte. + +Als er dann an der Bahre seines Vaters stand und den starren, +tränenlosen Blick auf das weiße Haupt des Toten heftete, da mußte er +unaufhörlich denken: König Lear – König Lear. Dieser Mann hatte nicht +aus Torheit ein Kind verstoßen, war kein Tyrann gewesen – und war +seine Liebe vergolten worden, wie sie’s verdiente? Die Liebe eines +Vaters kann man nicht vergelten, dachte er; jeder Vater ist ein König +Lear. Und als er seine arme, gebeugte Mutter sah, als er daran dachte, +daß ihre Kinder von ihr gegangen waren und das beste Teil ihres +Herzens an andere gegeben hatten, da fügte er hinzu: und jede Mutter +ist eine Niobe. + +Er riß sich gewaltsam empor aus seinem Brüten und sah sich um. Von +seinen Freunden war nur einer erschienen: #Dr.# Rosenberg. Und das war +die erste Freude in all diesem Leid. + +Als er am Grabe stand, war es wieder wie immer; er konnte nicht +weinen. Er dachte, was müssen die Menschen von dir denken, daß du am +Grabe deines Vaters ohne eine Träne stehst. Aber als er das dachte, +konnte er um so weniger weinen. Er hatte seit jenem Aufschluchzen in +Hildens Armen nicht geweint; auch als er heimgekommen war, weinte er +nicht. Erst am Abend des folgenden Tages, als Hilde zu einer Besorgung +das Haus verlassen hatte und er allein an seinem Schreibtisch saß, +legte er den Kopf in den Sessel zurück und weinte, weinte unaufhaltsam +wie ein kleines Kind, das im Gewühl und Gedränge der Menschen die Hand +des Vaters verloren hat. + + + + +LVIII. und letztes Kapitel. + +Asmus bekommt einen Preis, einen Wolfram und eine Weltanschauung, und +da dies dem Verfasser genug dünkt, übrigens auch die Weltanschauung +den Mann macht, so schließt er diese Geschichte eines Jünglings. + + +Warum suchte denn Asmus in diesen schweren Tagen nicht Trost bei seiner +Hilde? Wer am Schlusse dieses Buches noch so fragen würde, der würde das +Wesen von Ludwig Sempers Sohn nicht ganz verstanden haben. Leute wie +dieser Asmus können den Trost nicht bei anderen, sondern immer nur in +sich selbst finden, und wenn sie auf den Trost anderer hören, so ist es, +weil sie ihn schon in sich selbst gefunden haben. Zunächst suchte er +auch keinen Trost; er wühlte vielmehr in seiner Wunde. Nicht alle +Menschen rufen im Schmerze sofort nach Linderung wie das Kind nach dem +Schnuller. Er fand es recht und gut, daß er litt, wo sein Vater so +schwer und so lange geduldet hatte; er bildete sich nicht ein, ein +Anrecht auf ein schmerzloses Dasein zu haben, wenn solche Menschen +litten. Dann aber, als er sich recht in Ruhe und Einsamkeit sattgeweint +hatte, trat seine angeborene Philosophie wieder in ihr Recht: Mit +unabänderlichen Tatsachen nicht zu hadern und den Kampf des Lebens in +Hoffnung und Vertrauen immer wieder aufzunehmen. War es doch inzwischen +eine Hoffnung und ein Vertrauen geworden, die weit über den Kreis eines +Einzeldaseins hinausreichten. + +So oft er auch an den frühen Hingang seines Vaters mit Schmerzen +gedenken mochte – er konnte dessen auch in weit, weit späteren Jahren +nur mit tiefer Wehmut gedenken – dieser Verlust gehörte, als er mit +ihm abgeschlossen hatte, nicht mehr zu den Dingen, die sein Wirken und +seine Entwicklung hemmen konnten. Er hätte auch keine Zeit gehabt zu +melancholischen Meditationen; er erfuhr wieder einmal den Fluch und +den Segen der Armut. Er hatte schließlich doch einsehen müssen, daß +1800 Mark und selbst 2000 Mark nicht ausreichten, wenn man Eltern +davon unterstützen und außerdem drei Menschen erhalten wollte, von +denen zwei doch etwas mehr verlangten als Stillung des Hungers. Und +seine Schriftstellerei war noch ein völlig unsicheres Brot; Arbeiten, +die ihm später mit Kußhand abgenommen wurden, mußte er in diesen +Jahren wie saures Bier an Dutzende von Blättern vergeblich ausbieten. +Dazu stand die Geburt des zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg, +der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht lesen mochte, hatte ihm in +zartester Weise seine Hilfe angeboten; »ich verdiene weit mehr, als +ich brauche,« hatte er gesagt, »und ich bin froh, wenn ich mein Geld +so gut anwenden kann.« Aber Asmus hatte vorläufig mit Dank und Rührung +abgelehnt. Er wußte, daß dieser Mann ihn niemals drängen würde; aber +er hatte vor Schulden ein tiefes Grauen; sie waren das einzige +gewesen, das die heiter gütige Seele seines Vaters verbittern konnte. +So griff er denn zu einer Häufung der Privatstunden; er bereitete +Lehrer und Lehrerinnen auf das zweite Examen vor. Die Nachbarinnen +steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Was tun denn die jungen +Damen immer bei Herrn Semper?« Dann sagte der Hauswirt: »Sie lernen +bei ihm das Dichten.« + +Es war ein Glück, daß ihm in seiner regelmäßigen Tätigkeit eine große +Wohltat geschehen war. Er war nun schließlich doch versetzt worden, +und an dem Leiter dieser neuen Schule erkannte Asmus so recht, wie +unsere Worte und Handlungen das Gesicht der Persönlichkeit tragen, aus +der sie fließen. Auch dieser Chef legte zuweilen auf kleine Dinge +einen Wert, der ihnen nicht zukam; aber er war ein jovialer Gentleman, +der in seinen Kollegen bis zum Beweise des Gegenteils Gentlemen +erblickte, und so bedeuteten alle Kleinigkeiten nichts auf dem großen +Grunde des gegenseitigen Vertrauens. Kein Mißton trübte das Verhältnis +zwischen diesem Manne und dem renitenten Herrn Semper. + +Und als er eines Mittags von diesem freieren und froheren Dienste nach +Hause kam, da sah er an Hildens Gesicht, daß etwas Ähnliches geschehen +sein müsse, wie damals mit den hundert Mark vom »Leuchtturm«, aber +etwas noch weit Froheres. Auf ihrem schönen Gesicht, das ihm einst nur +für den Ernst und die Trauer geschaffen schien, zuckten tausend +Lichter des Frohsinns, und in ihrer Hand hatte sie einen Brief. + +»Du darfst nicht böse sein!« rief sie, »ich konnt’ es nicht aushalten +– ich hab’ ihn geöffnet, als ich sah, woher er kam! Da lies selbst!« + +Er las, und als er gelesen hatte, wollt’ er sie wieder umarmen und mit +ihr tanzen; aber nein – das durfte sie ja nicht! Da drückte er ihr +Gesicht mit beiden Händen und zerknüllte dabei den Brief und dessen +Inhalt vollständig und küßte sie, bis ihr der Atem verging; aber er +mußte doch tanzen, er mußte tanzen, und er umarmte einen Stuhl und +tanzte mit dem durch beide Zimmer. + +In einer süddeutschen Stadt gab es eine Schillerstiftung, die von Zeit +zu Zeit an Versdichter einen Schillerpreis von 200 Mark verteilte. +Dieser Preis war nun den »Gedichten von Asmus Semper« zuerkannt +worden. + +Als er den Brief noch einmal gelesen und die beiden Hundertmarkscheine +geglättet und genau betrachtet hatte, ob es auch richtige Banknoten +und nicht etwa Ehrendiplome oder dergleichen wären, da drehte er sich +auf einem Beine mehrmals um sich selbst. Aber plötzlich hielt er inne, +ließ sich auf einen Stuhl fallen und wurde tiefernst. Und Hilde kniete +zu ihm nieder und sagte: + +»Ich weiß, was du denkst!« + +»Ja, Hilde? Weißt du das? – Hilde! Wenn _er_ das noch erlebt hätte! +Mein Gott, wenn _er_ das noch erlebt hätte! Das wäre ihm wie eine +Krönung seines Lebens gewesen.« – – – + +So wenig sich Frau Hilde in den Gedanken ihres Mannes verrechnet +hatte, so sehr hatte sie sich in der Zeit ihrer Erwartung verrechnet. +Einen vollen Monat später, als sie gehofft, erschien das zweite Kind; +dafür aber war es ein richtiger Junge. Der junge Herr Wolfram schrie +genau so kraftvoll wie seine Schwester. + +Als Asmus seinem Freunde Rosenberg die Nachricht brachte, da rief der: +»Nun, da muß man wahrhaftig sagen: Ein volles Glück! Mensch, Sie sind +ein Liebling der Götter! Sie haben ein herrliches Weib, eine Tochter, +einen Sohn und alle sind gesund, und Sie haben Glück und Freude _an_ +Ihrer Kunst und _in_ Ihrer Kunst! Bei Gott, ein volles Glück, ein +volles Glück!« + +Er sprach es ohne Neid, obwohl ihm selbst eine frühe Hoffnung +verhagelt war. + +Und doch ahnte der Freund bei weitem nicht den ganzen Umfang von +Sempers Glück; er _konnt’_ es nicht kennen in seiner ganzen Fülle. +Asmus hatte in den letzten Monden Kämpfe durchgerungen, von denen +niemand wissen konnte. Er hatte für seinen frohen, hoffenden Glauben +an das Leben nach einem tieferen und festeren Grunde gesucht und hatte +ihn gefunden, für viele Jahre wenigstens gefunden. + +Wenn selbst ein Faust ausrief: + + O glücklich, wer noch hoffen kann, + Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen! + +und wenn Asmus dennoch hoffte, so fragte er sich: »Bin ich ein +Wagner?« Nein, ein Wagner war er nicht, das durfte er sich zuerkennen. +Nur in halbkindlichen Jahren hatte er geglaubt, daß ein Mensch viel +wisse und daß er alles wissen könne. Auch war er nie so gemein +gewesen, die Welt für vortrefflich zu halten, weil es ihm gut erging. +Aber doch hatte er sich die Harmonie der Welt schon in engeren +Kreisen, ach, schon im Bezirk eines Einzellebens vollendet gedacht. +Daran war er irre geworden und hatte nun die Landmarken seiner +Hoffnung weiter gesteckt, in die Jahrhunderttausende, in die +Jahrmillionen hinein. Auf diesem langen Wege bedurft’ es eines starken +Glaubens, nein, eines starken Wissens, und das hatte er gefunden. +Nicht nur die unmittelbare Gewißheit des Sittengesetzes war ihm +aufgegangen, er fühlte auch unmittelbare Gewißheit im Denken und im +Schaffen, und er nannte dies Gefühl, das die Entwicklung des Menschen +begleitet, das Richtungsgefühl. Trotz aller Schuld, alles Irrtums und +alles Mißlings weiß der Mensch, in welcher Richtung Ausgang und Ende +des Entwicklungsstromes liegen; in seiner Brust ist ein Magnet, der +trotz allen Zitterns und allen Abirrens den Weg zur Vollendung weist. + +An einem köstlich milden Septemberabend, als er mit der froh genesenen +Hilde am Fenster saß und noch ein letzter Hauch der Sonne auf den +Bäumen lag, sprach er zu ihr: + +»Ich hab’ was geschrieben – willst du’s hören?« + +Mit der Freude eines Kindes ergriff sie seine Hand und drückte sie an +ihr Herz und ließ sich dann zu seinen Füßen nieder. Er entfaltete ein +Blatt und las: + + _Chidhr._ + + Ein wunderbarer Traum hat mich besucht. + Ich saß an eines Berges Hang und schaute. + In einer flüchtigen Minute Raum + Gedrängt, den Daseinswechsel langer Zeiten. + Im Tal zu meinen Füßen sah ich Blumen + Auf Blumen sich erschließen und vergehn, + Sah’ Bäum’ und Sträucher keimen ich und sprossen + Und wachsen, blühen, welken und vermodern, + Und sah ich Menschen von der Wiege bis + Zum Sarg des Lebens kurzen Tag durchwandeln. + Ich sah sie lachen, weinen – weinen, lachen, + Sah sie verzweifeln, hoffen und – verzweifeln, + Sah, wie das Glück dem Unglück reicht die Rechte, + Wie Unglück seine Rechte reicht dem Glück + In ewiger Kette. + + Namenlose Trauer + Sank mir mit schweren Schatten in die Seele. + »Wann endlich,« dacht’ ich, »sinnlos-blödes Spiel, + Wirst du dich enden? Auf und ab und auf + Wiegt seit Äonen sich die Lebensschaukel + – Auf einer Seite staunend sitzt das Leben, + Und auf der andern grinsend wippt der Tod – + Und auf und ab, stumpfsinnig, wird die Wippe + Durch Ewigkeiten gehn. Wo lebt der Gott, + Den dieses grause Einerlei vergnügt? + Der ärmste Menschengeist, er hätte längst + Voll Überdruß und Ekel dieses Spielzeug + Zertrümmert –!« + + Wie ich also bei mir dachte, + Sah ich am Boden plötzlich einen Schatten – + Ich hob den Blick, und einen Jüngling sah ich + Mit himmelsheit’rer Stirn, wie junge Rosen + Der frohe Mund, das Auge sonnentief. + Er hob den Arm und winkte freundlich »Komm!« + »Wer bist du?« rief ich. Er drauf: »Chidhr bin ich, + Der Grüne, Ewigjunge, der im Lande + Der Finsternis des Lebens Quellen hütet. + Komm, folge mir.« + + Und Falterflug des Traumes + Entführte mich auf lautlos dunklen Schwingen + In eine schreckendüstre Felsenwelt. + Doch sieh, aus tiefem Spalt granit’ner Berge + Sprang bläulich silbern einer Quelle Strahl, + Der wie ein ewig junges Lachen klang. + Und Chidhr sprach: »In hundert Jahren furcht + Der ruhlos rege Quell sein hartes Bette + Um eines Fingers Breite. Alexander, + Den bis nach Indien trug der Siegeswagen, + Stand einst wie du an diesem Lebensquell. + Seit jenem Tage grub der Silberstrang + Um einen Fuß sich tiefer ins Gestein. + Und einst wird diese Quelle im Verein + Mit ihren Schwestern diese Felsen wandeln + In ein begrüntes Tal, wie du’s verlassen. + Hier maß der göttergleiche Alexander + Sein Werk und seinen Ruhm am Maß der Welt + Und ging von diesem Ort zerstörten Herzens. + Und du, der schwach und klein ist bei den Menschen, + Kannst, wenn du willst, ein Gott von hinnen geh’n. + + Wohl ihm, dem Freude sprüht aus dieser Quelle, + Wohl ihm, der ihr geheimes Lied versteht. + Wohl bleichen ihm die Lichtlein, die den Pfad + Ihm durch ein enges Leben schwach erhellten, + Die Lichtlein Ruhm, Unsterblichkeit und Macht. + Doch hinter weltenweiten Finsternissen + Geht eine Sonn’ ihm auf, die alle Sonnen + Und Sonnenchöre selig überstrahlt. + Er fühlt, wie klein der Mensch, und fühlt, wie groß, + Wie unbegreiflich schön, wie über alles + Verdienst und Ahnen göttlich sein Beruf, + Und aus dem Klang der Quelle trinkt sein Herz + Zwei Kräfte wundersam: Geduld und Sehnsucht. + Geduld, die heiß und tief verlangt, und Sehnsucht, + Die sich am Glanz des Zieles still getröstet. + + O Menschen, habt Geduld, und tut es nicht + Den Kindlein gleich, die in den Boden kaum + Den Samen senkten und nach Blumen schon + Und reifen Früchten späh’n! Taucht die Gedanken + Ins märchengraue Alter dieser Welt + Und steigt empor dann und erkennt, daß gestern + Der Mörder Kain seinen Bruder schlug. + + Du dachtest recht, mein Freund: wär’ diese Welt + Ein Einerlei, die Macht, die sie erschaffen, + Sie hätte längst zerstört ihr blödes Spiel. + Doch sieh, soweit in diesem Reich des Lebens + Die Wasser wandern, hat noch nie ein Quell, + Noch nie ein Strom den Weg zurückgenommen – + So glaube: auch der Strom des Lebens nicht. + »Vorwärts zum Licht!« das ist der Sinn der Quellen, + »Vorwärts zum Licht!« das ist der Ströme Sinn, + Die deine Seele, deinen Leib durchrinnen. + Er, der die Welt gewollt und dessen Namen + Kein endlich Wesen nennen darf noch kann, + Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen + Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s _wißt_!« + + So sprach der Ewigjunge. Oder sprach’s + Der Quell? Im Silberklange rann zusammen, + Was Chidhr sprach und was die Quelle sang. + Und Falterflug des Traumes hob mich lautlos + Von dannen, und vom Tageslicht geblendet, + Erwacht’ ich jäh. + Am Waldesrand erwacht’ ich, + Wo singend aus dem Fels die Quelle springt, + Wo Morgenlicht von tausend Himmeln floß. + +Sie nahm Ihm leise das Blatt aus der Hand und suchte darin eine +Stelle, und als sie sie gefunden hatte, sprach sie langsam und leise: + + Er, der die Welt gewollt und dessen Namen + Kein endlich Wesen nennen darf noch kann, + Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen + Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s _wißt_! + +Wie immer hatte sie ihn verstanden. Und als sie nun die dunklen Augen in +heiligem Ernste zu ihm erhob, und als sein froher Blick in diese Augen +selig versank, da sprach Asmus Semper in seinem Herzen: + +»Ein volles Glück – bei Gott, ein volles Glück.« + + + +Ende.+ + + + * * * * * + + +Von demselben Verfasser erschien im gleichen Verlage: + + + +Asmus Sempers Jugendland+ + + Der Roman einer Kindheit + + 86. bis 100. Tausend + + Brosch. M 3.50, geb. M. 4.50 + + 100. Tausend Jubiläumsausgabe in Leder geb. M. 10.– + + +Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in fremde Sprachen, +vorbehalten + +#Published on the 19th of March 1908. Privilege of copyright in the +United States of North America reserved under the act approved March 3, +1905, by Otto Ernst.# + + * * * * * + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise +ansonsten aber wie im Original belassen. + +Die Werbung für »Asmus Sempers Jugendland« von Otto Ernst wurde vom +Anfang des Buches an das Ende verschoben. + +Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen: + + S. 154: [Bindestrich entfernt] aus-dem Märchen -> aus dem Märchen + S. 287: In Amus wirbelte -> In Asmus wirbelte + S. 363: [Anführungszeichen nach ‘Sie’ ergänzt] »Meinetwegen + sag’ ‘Sie’« + S. 375: [‘ durch » ersetzt] ‘Werter Herr Semper« + -> »Werter Herr Semper« + S. 381: in Winter -> im Winter + S. 386: und lief ein groß Stück Weges vorauf. -> und lief ein groß + Stück Weges voraus. [vorauf -> voraus] + + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + + Sperrung: _gesperrter Text_ + Antiquaschrift: #Antiqua# + (In Antiqua gesetzte römische Ziffern wurden nicht gekennzeichnet.) + Fettgedruckter Text: +Text+ + Kursivtext: /Text/ + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING *** + +***** This file should be named 28083-8.txt or 28083-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/8/0/8/28083/ + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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