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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Semper der Jüngling + +Author: Otto Ernst + +Release Date: February 14, 2009 [EBook #28083] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING *** + + + + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + + + + + + + + + + Semper + der Jüngling + + + Ein Bildungsroman + + von + + Otto Ernst + + + Sechsundfünfzigstes bis sechzigstes Tausend + + + Leipzig - Verlag von L. Staackmann - 1914 + + + + + Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte + Der Schlaf hervor. + Schon raunte mir die ersten, leisen Worte + Der Traum ins Ohr. + Da klang von nahen Zweigen + Ein tiefer Freudenschall + Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen. + In meinen Traum sang eine Nachtigall. + + Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume + Im Traum, im Traum. + Nur fern, o fern, durch mitternächt’gen Bäume + Ein lichter Saum. + Doch horch: von jenen Röten + Ein süß geheimer Hall, + Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten! + In meinen Traum sang eine Nachtigall. + + Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme + Von je erklang + Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme + Voll Hoffnung sang. + Ein Land des Lichtes träumen + Wir armen Seelen all! + Ich aber höre Klang aus jenen Räumen: + In meinen Traum singt eine Nachtigall. + + + + +Erstes Buch + +Spiel und Arbeit + + + + +I. Kapitel. + +Handelt von Balladen und Präparanden, Gendarmen und hebräischen +Handschriften, zum Glück auch von Präparandinnen. + + +Asmus Semper, der halbwegs sechzehnjährige Schüler des Hamburger +Präparandeums, schwamm bis über die Augenbrauen in Seligkeit. Vor +seinen Blicken wogte eine warme, goldene Flut. Herr Tönnings, der +Ordinarius, der genau so aussah wie die Geometrie mit einem Stehkragen +und von dem ein Gerücht ging, daß er vor sieben Jahren den einen +Mundwinkel zu dem Versuch eines Lächelns verzogen habe, Herr Tönnings +also hatte soeben verkündet, daß u. a. auch Asmus Semper eine +Hospitantenstelle erhalten solle. Man denke, was das heißt: eine +Hospitantenstelle! Jeden Morgen von 8-12 Uhr sollte er in einer +Volksschule dem Unterricht der Kleinen zuhören dürfen, und dafür bekam +er noch obendrein ein jährliches Gehalt von dreihundertundsechzig +Mark! Jeden Morgen sollt’ er aus nächster Nähe hineinhorchen dürfen in +die Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis; das hohe +Wunder sollt’ er nun begreifen: wie der Geist des Menschen Nahrung +aufnimmt, wächst und sich vollendet! + +Und noch dreihundertundsechzig Mark! Er hatte ja nichts von dem Geld, +wollte auch keinen Pfennig davon, haha – aber auf das Gesicht seiner +Eltern freute er sich, daß ihm die Augen heiß wurden. Er wollt’ es +ihnen nicht eher sagen, als bis er sie beide beisammen hatte, und dann +wollte er die Wirkung beobachten; aber die kleine Wohnung der Semper +betrat man durch die Küche, und in der Küche briet Frau Rebekka die +Abendkartoffeln, und als er seine Mutter sah, konnte Asmus sich nicht +mehr halten, und weil er wußte, was seine Mutter am meisten freute, +rief er: »Ich kriege dreihundertundsechzig Mark das Jahr!« + +Im nächsten Augenblicke war Frau Rebekka schon in der anstoßenden +Zigarrenmacherstube, schwang das Messer, mit dem sie die Kartoffeln +umgerührt hatte, hoch in der Luft und rief: »Freude war in Trojas +Hallen!« Aber da stand auch schon Asmus neben ihr, und damit sie ihm +nicht zuvorkommen könne, rief er: »Laß, Mutter, laß, ich will es Vater +sagen! – Ich krieg’ eine Hospitantenstelle mit dreihundertundsechzig +Mark das Jahr!« + +Und da hatte Asmus wieder den Anblick, der ihm vielleicht von allen +auf der Welt der liebste war: in dem weißumwallten Jupiterantlitz +Ludwig Sempers gingen zwei Sonnen auf und verbreiteten Licht durch die +ganze Welt. + +»Ach nein – es ist ja wohl nicht möglich!« rief der Vater, indem er +den Kopf zurückwarf. + +»Ganz gewiß!« rief Asmus. »Nun verdiene ich mehr, als wenn ich +Handwerker geworden wäre. Seht mal, wenn ich Tischler oder Hutmacher +lernte, dann kriegte ich das erste Jahr gar nichts oder vielleicht +drei Mark die Woche, und dies sind beinahe sieben Mark die Woche, und +das geb’ ich natürlich alles euch!« + +Da schlug Ludwig Semper heftig das linke Bein über das rechte, wie er +immer tat, wenn er in seinem Innern sehr zornig oder sehr lustig war, +und redete fast den ganzen Rest des Abends mit stumm bewegten Lippen +zu sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht laut und hell +auf, ohne daß man einen Ton gehört hätte, und unzählige Tabakblätter +verschnitt er an diesem Abend und warf sie in die Abfallschürze, weil +er mit seinem Messer immer wieder sausend über die sonnigen Felder und +Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er hatte ja auch studieren sollen; +aber dann war der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters gekommen, +und dann die Sorge, dann der Krieg mit den Dänen, dann seine Träumerei +und sein erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und dann immer ein +Kind nach dem andern. Und so machte er mit 58 Jahren noch immer +Zigarren. Aber mit einem Schlage war jetzt seine Jugend wieder da – da +stand sie vor ihm, fünfzehnjährig, rotwangig – nichts war verloren; +denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus studierte, das war ja vollkommen +dasselbe. + +Rebekka aber, als sie von »sieben Mark die Woche« hörte, vergaß all +ihre Sparsamkeit, lief in die Küche und schob noch ein Stück +Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie auch da noch ziemlich +trocken ausschauten, griff sie leichtsinnig nach dem Teekessel und goß +einen gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, daß eine mächtige Wolke +wie eines Dankopfers zu den Himmlischen emporstieg. + +Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und sieben Semper versammelten sich +andächtig um das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund, das sah +man an den Bewegungen der Gabeln; aber Adalbert, der Jüngste, war so +gesund, daß Frau Rebekka nach einer Weile ausrief: »Halt, mein Junge, +du hast jetzt genug. Es wird kein Fresser geboren, es wird einer +gemacht!« + +Adalbert wollte sich melancholisch zurückziehen, da sprach der Vater: +»Laß doch den Jungen essen!« und trat seine Ansprüche an die +Allgemeinheit ab. + +Und nach dem Essen – obwohl die Semper über das Abendbrot hinaus bis +gegen Mitternacht zu arbeiten pflegten – warf Ludwig Semper Messer, +Tabak und Rollklotz in die Ecke, holte den stark zerlesenen und +vergilbten »Faust« vom Bücherbrett und las und warf das linke Bein +über das rechte und bewegte die Lippen und lächelte. Und alle waren +still, und Asmus wußte: Nun kommt eine heilige Stunde. Und wirklich, +es währte nicht lange, da klang es durch den Raum: + + »Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, + Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst + Dein Angesicht im Feuer zugewendet. –« + +– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – + +In einem wunderlieben Dorfe, das sich jetzt zu einer großen, häßlichen +Vorstadt Hamburgs ausgewachsen hat, damals aber noch im heitern +Frieden seiner Kindheit lag, in einem Garten mit Rosen und Apfelbäumen +fand Asmus die Schule, an der er hospitieren sollte. »Ich habe zuviel +Glück,« dachte er, als er sie nach einstündiger Wanderung vor sich +liegen sah. Gewöhnlich, wenn er solch ein stummes Dankgebet in den +Himmel hinaufsandte, zog ihm gleich darauf das Glück etwas ab, als +wenn es dächte: Der ist auch mit weniger zufrieden. Das erste nämlich, +was er tun mußte, war: sich im Portal der Schule aufstellen und alle +Schüler aufschreiben, die zu spät kamen. So hatte sich Asmus das +Belauschen der Kindesseele nicht gedacht. Aber da es nun einmal sein +Amt war, so notierte er gewissenhaft alles, was an Buben oder Mädchen +den letzten Glockenschlag versäumte, obwohl es ihm bei den Mädchen +mitunter schwer wurde. Anfangs empfand er wohl so etwas wie die Würde +einer obrigkeitlichen Stellung, namentlich als ein Vater, der mit dem +Schulgeld im Rückstande war, an ihn herantrat und bat, daß man noch +ein wenig Geduld mit ihm haben möchte, und ihm heimlich ein paar +Zigarren in die Hand drücken wollte. Asmus wich zwar ängstlich zurück +und rief: »Darüber habe ich leider gar nichts zu sagen!« – aber als +deutscher Jüngling fühlte er sich doch geschmeichelt, daß man ihn für +eine Behörde hielt. Diese Reize indessen verflüchtigten sich schon +nach wenigen Tagen. Dann kam eines Morgens ein blasses, frierendes, +von Regen durchnäßtes Mägdelein, das weinte. + +»Warum weinst du?« fragte Asmus. + +»Ich konnte nicht eher kommen; mein Vater hat meine Mutter +’rausgeschmissen.« + +»Warum das denn?« + +»Och, er is all wieder duhn (betrunken).« + +»So früh schon?« + +»Ja, er säuft immer ’rum.« + +Asmus erschrak. Gab es Kinder, die so über ihren Vater reden konnten? + +»Geh’ nur zu,« sagte er. Das war ja selbstverständlich, daß man die +nicht aufschrieb. Er sah ihr nach und dachte daran, daß sie fror. Und +dachte, wie er als Junge gefroren, wenn ihm der Wind unter die dünne +Jacke fuhr. + +Von nun an fragte er öfter nach dem Grunde der Verspätung, und er +notierte immer weniger. Und eines Tages sagte er sich: Entweder man +muß alle aufschreiben oder keinen. Und nun ließ er alle vorbeilaufen +und arbeitete an seiner ersten Ballade, die handelte von einem +Fischer, der aufs Meer fuhr, um seinen Sohn zu retten, und der dann +mit seinem Sohne ertrank. Das Schönste an dieser Ballade war eine +Refrainstrophe, die mit den Zeilen schloß: + + »Drunten klingt verworrner Klang, + Tönt es nicht wie Grabgesang?« + +Alles, was nach Grab und Unglück klang, das fand der glückliche Asmus +jener Tage ohne weiteres schön. + +»Warum notieren Sie nicht die Zuspätkommenden?« fragte schließlich der +Oberlehrer. + +»Ich mag das nicht,« sagte Asmus verlegen. + +»Ja, danach geht es nicht,« rief der Vorgesetzte. Aber bald darauf +wurde die ganze Einrichtung aufgehoben, und der Posten des +Kulturgendarmen wurde eingezogen. + +Der Oberlehrer schätzte den jungen Semper wegen anderer Fähigkeiten. +Leider, dachte Asmus. Denn wenn die Wache am Portal vorüber war, mußte +er im Amtszimmer des Schulleiters dickleibige Schülerregister anlegen +und auf dem Laufenden halten, Schulgeldrechnungen schreiben, sie mit +den Hebeprotokollen »kollationieren« und endlose Kolonnen von +Schulgeldern addieren. Auch das führte den Begierigen nicht in die +Tiefen der Kindesseele. Es waren fünf Präparanden da: zwei junge +Mädchen und drei junge »Männer«, sie alle mußten Protokolle schreiben +und Rechnungen addieren. Unter den jungen Herren war aber einer, +dessen Handschrift man zunächst immer für hebräische Schriftzeichen +hielt; erst nach und nach kam man dahinter, daß es die bekannten +deutschen Buchstaben sein sollten. Da Claus Münz überdies ohne jedes +Schamgefühl addierte, so wurde er schon nach drei Tagen in die Klassen +zum Hospitieren geschickt. Asmus hingegen, weil er eine gute +Handschrift hatte, seine Rechnungen sogar mit einem gewissen +Schönheitsbedürfnis schrieb und es nicht über sich gewann, falsch zu +addieren, Asmus durfte im Bureau sitzen bleiben. Ihm fielen die +Verheißungen des Herrn Rösing, seines alten Lehrers ein, der jeden +Morgen gesagt hatte: »Jungens, schafft euch ’ne schöne Handschrift an; +wer ’ne schöne Handschrift hat, kommt überall fort!« + +Freilich: sein Schönheitsbedürfnis hatte auch schon in den ersten +Tagen das Glück herausgefunden, das auch mit dieser Schreibstube +wieder verbunden war, und dieses Glück war eine der Präparandinnen, +die sehr hübsch war und noch obendrein brünett. Asmus schrieb und +addierte den ganzen Morgen mit einer selig-schmerzlichen Spannung in +der Brust, und der Schmerz kam daher, daß er sich sagte: Ich kann ja +noch lange nicht heiraten. Und wenn ich heiraten kann, hat sie ein +anderer geholt. Die andern beiden Jünglinge kokettierten in +unschuldiger, aber fleißiger Weise mit den beiden Mädchen. Asmus +dachte nicht daran, auch nur den Versuch zu wagen, weil er von seiner +vollkommenen Tölpelhaftigkeit in dieser Hinsicht durchaus überzeugt +war. Und eines Tages machte er dennoch den Versuch, zu imponieren. Das +Zimmer war überheizt, wie alle Schreibstuben, und man klagte darüber. +»Ja,« sagte Asmus, der nahe dem Ofen saß, »hier sitzt man wie die Sau +am Spieß; denn er hatte das Gefühl, daß eine kraftvolle Ausdrucksweise +den Mann verrate. Aber, o weh: die Damen fuhren wie wild mit den +Köpfen in ihre Arbeit und kicherten, wie nur Backfische kichern +können. Sie denken: das ist ein Bauerntölpel, sagte sich Asmus, und +fühlte, daß er von den Haarwurzeln bis unter den Halskragen erröte. +Und die männlichen Kollegen Asmussens, Herr Münz und Herr Morieux, +betrachteten ihn mit überlegen-mitleidigen Blicken, als wollten sie +sagen: Ist das ein ungebildeter Mensch. Aber als wenige Tage darauf +von Rousseaus »Emile« die Rede war, da zeigte sich, daß nur Asmus +wußte, was wirklich darin steht, und die Braune hielt ihre braunen +Augen so lange auf ihn gerichtet, als wenn sie ihn heute zum ersten +Male sehe. + + + + +II. Kapitel. + +Wie Asmus im Vorhof der Pädagogik weilen durfte, wie er eine andere +Religion bekam, auf den Spuren Aglaias wandelte und Herrn Rothgrün +nicht hinaustrampeln wollte. + + +Endlich, als einmal alle Rechnungen geschrieben waren und auch das +letzte Protokoll »auf dem Laufenden« war, durften auch die übrigen +Präparanden in die Klasse gehen und hospitieren. Welch’ ein Glück, +dachte Asmus, und mit weihevollem Herzen ging er der erhofften +Offenbarung entgegen. Aber zunächst kam er an einen Lehrer, der es +liebte, die Kinder so still zu beschäftigen, daß sie ihn möglichst wenig +belästigten, und der sich, während die Schüler schrieben und rechneten, +mit dem jungen Semper über Gehalts- und Anstellungsverhältnisse, über +seine Frau, über Bismarck, oder über den letzten Raubmord unterhielt. +Das war ja nun recht unterhaltend und wenig anstrengend; aber es war +nicht das, was Asmus gesucht hatte. Er kam zu einem andern Lehrer, der +hatte das ganze Einmaleins auf Reime und Bilder gebracht: die Bilder +hatte er auf die Wandtafel gezeichnet, und nun mußten die Kinder die +zugehörigen Verse hersagen, z. B.: + + 6×6 sind 36 + In die große Schlackwurst beiß’ ich + +oder + + 8×9 sind 72 + Dieser Knabe übergibt sich, + +aber der gute Mann bedachte gar nicht, daß sich die Worte »beiß’ ich« +ebensogut auf 32 wie auf 36 reimen, und wenn dann ein Schüler die +falsche Zahl nannte, so schalt ihn der Lehrer in komischer +Verwechslung einen Esel, zerriß sich vor Aufregung und ließ die +kunstreichen Verse bis zum vollkommenen Stumpfsinn wiederholen. + +»Bei dem kann ich auch nichts lernen,« sagte Asmus zu jenem +Mitpräparanden mit der hebräischen Handschrift, und dieser sah ihn ob +solcher Anmaßung mit grenzenloser Verwunderung an. + +Und schließlich fand Asmus doch einen, der auf manchen stillen Wegen +der Kindesseele heimisch war, der mit den Kindern in ihrer Sprache zu +reden verstand und sie, wenn auch nicht immer, so doch manchmal, aus +wirrer Dunkelheit den Weg zur Klarheit führen konnte. Er war kein +hoher und starker Geist, dieser Mann; aber er war sein Lebenlang mit +einem Fuß im Kinderlande stehen geblieben, und so verstand er +unbewußt die Regungen der Kindesseele. Hier befiel nun den Hospitanten +eine andere Not: er brannte vor Ungeduld, sich selbst vor den Kindern +zu versuchen; ja, manchmal schien es ihm, als wisse er einen Ausweg, +wenn der Lehrer in der Wirrnis des Kindergeistes stecken blieb. Aber +er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als vor diesem Manne +dergleichen laut werden zu lassen. Und alles Wippen von einem Fuß auf +den andern, wenn er am Fenster stand und horchte und nicht einmal +Finken und Apfelblüte seine Sinne nach außen zu locken vermochten, +alle Ungeduld half ihm nichts; er mußte warten. + +Inzwischen feierte er jeden Nachmittag und jeden Abend hohe Feste. Er +hatte ja in der Präparandenanstalt eines der herrlichsten Geschenke +seines Lebens empfangen: da war ein Religionslehrer, der sagte nicht: +Das muß man glauben, sonst ist man verdammt; der fragte überhaupt +nicht, was man glaube; der trug Stunde für Stunde vor, was die +Wissenschaft zu den Berichten der Bibel sagt. Gleich in der ersten +Stunde, im Schöpfungsbericht, trennte er die Erzählung des Jehovisten +von der des ersten Elohisten und von der des zweiten Elohisten, und +vor den Augen des jungen Semper zerriß ein vieljähriger Nebel. Also +hatte nicht Moses diese Dinge geschrieben, also war es nicht +unfehlbares Gotteswort. Sie hatten ihn bedrückt wie eine dumpfe Last, +hatten ihn gequält, geängstigt; aber er hatte keinen Ausweg gewußt. +Mit einem Male gab ihm dieser Mann eine Waffe und ein Licht. Und mit +solchem Licht und solcher Waffe durchwanderte der Mann die ganze +Bibel, festen Schrittes und unablenkbar; was nur die menschliche +Wissenschaft zur Bibel zu sagen wußte, das kannte er, und er trug es +frei aus dem Kopfe vor. So fest hing Asmus an seinen Lippen, daß er +kein Wort zu schreiben wagte, aus Furcht, es möchte ihm ein Wort des +Redenden entgehen. Und sieh: wenn er am Abend daheim saß, dann konnte +er den ganzen Vortrag von Anfang bis Ende niederschreiben; so fest +hing alles mit ehernen Klammern zusammen. + +Ein merkwürdiger Mann, dieser Herr Stahmer. Er sprach außer seinen +Vorträgen kaum ein Wort zu seinen Schülern; er verlängerte fast jede +Stunde um die ganze folgende Erholungspause – ein Ding, das Schüler +nicht lieben – er verlangte viel und verschonte weder Trägheit noch +Dummheit. Aber er bedurfte keiner Disziplinarmittel. Von diesen jungen +Leuten, unter denen manch ein dreister Gelbschnabel war, hätte nicht +einer ein unehrerbietiges Wort gegen ihn gewagt; instinktiv verehrten +sie in ihm das lautere Gefäß einer großen Kraft. Während zweier Jahre +brauchte er wohl nie die Worte »Wahrheit« und »Gerechtigkeit«, und +doch war das die stumme Lehre seines ganzen Wirkens: Wer Wissenschaft +will, der muß wahrhaftig und gerecht sein, und wenn es das Leben +gilt. Kein Gottesdienst hatte je das Herz des Asmus erhoben wie +dieser. + +Leider gab es davon nur zwei Stunden die Woche. In seiner Dorfschule +waren es wöchentlichen sieben bis acht Stunden gewesen. Und welchen +Erfolg hatten die gehabt? Mit einem leidenschaftlichen Haß gegen diese +sogenannte »Religion« hatte er die Schule verlassen. In dieser Schule +hatte die »Religion« die ganze Naturgeschichte aufgefressen. Ein +einziges Mal hatte Herr Cremer von den Giftpflanzen gesprochen und +Bilder dazu gezeigt, nicht etwa die Pflanzen selbst, und ein andres +Mal hatte ein anderer Lehrer ganz unmotiviert die Feigwurz behandelt. +Die Giftpflanzen und #Ranunculus ficaria# – das war die +Naturgeschichte, mit der Asmus Semper, ein Kind der darwinischen Zeit, +das Präparandeum bezog. Aber da stapfte nun zweimal wöchentlich mit +drolligen Koboldschritten der naturselige »Papa Hamann« herein; er +schleppte jedesmal eine Botanisierdose, die so groß war wie er selbst, +und sein Gesicht glänzte wie ein Pfannkuchen, wenn er mit anstoßender +Zunge sagte: »Heute meine Herren, hab’ ich Ihnen etwath[1] ganth +Bethondereth mitgebracht!« + + [Fußnote 1: th sprich wie das englische #th#.] + +Und dann kramte er aus mit dem Gesicht eines Vaters, der seine Kinder +zur Weihnacht überrascht, und Asmus hörte zum erstenmal vom Bau und +vom Leben der Pflanze, und wenn man ihn sah, so konnte man glauben, er +wolle die Pflanzen im wörtlichsten Sinne verschlingen, so versessen +war er auf dies neue Erkennen. Freilich blieb die Wissenschaft des +guten Papas einigermaßen an der Oberfläche; er sprach allerlei vom +Chlorophyll; aber was es für eine Bedeutung habe, wußte er eigentlich +selbst nicht. Für den ausgehungerten Geist des kleinen Semper aber war +alles, was er ihm bot, Gewinn, und überdies war die Lehrweise des +Alten so väterlich und fröhlich und mit so wundervollen Redeblumen +geschmückt! + +»Eth mag wohl funfthehn Jahre thein,« sagte Papa Hamann zum Beispiel, +»dath ich dath Vergnügen hatte, den Schwanth eineth Walfischeth von +Angethicht zu Angethicht zu thehen!« + +Oder wenn er zu den Damen von den Pflanzen einer bestimmten Familie +sprach, so sagte er: + +»Einige von ihnen, meine Damen, thind ganth reitthende Pfläntthchen; +andere dagegen thind häthlich und widerlich!« + +Und darin hatte er recht, einige von diesen Präparandinnen, die in +einer anstoßenden Straße unterrichtet wurden, waren wirklich ganz +reizende Pflänzchen, und Asmus und ein paar Bürschchen mit ihm ließen +es sich nicht nehmen, dreien von ihnen, die auf gleichem Wege +heimwärts wandelten, an laulichen Abenden in respektvoller Entfernung +zu folgen und sich ihnen durch lautgesprochene Galanterien und +wundervolle Witze bemerklich zu machen. Bald schon taufte Asmus die +drei auf die Namen Aglaia, Euphrosyne und Thalia, und die eine von +ihnen – es war Aglaia – verehrte Asmus viele Monde hindurch, ohne +jemals ihre Vorderseite gesehen zu haben. Aber sie hatte einen +anmutsvollen Gang, und ein schöner Gang griff Asmussen ans Herz. + +Auf andern Wegen schwärmten andre Herzen, und nach den drei Grazien zu +urteilen, schien den jungen Damen der schüchterne Kultus der Jünglinge +durchaus nicht zu mißfallen; sie verfielen wenigstens aus einer +zeitweiligen entrüsteten Gangart immer wieder in Kichern, Lachen und +träumendes Hinschlendern; aber sei es nun, daß irgendwo ein Jüngling +dem Drange seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, daß sich +unter den verfolgten Unschulden ein strenges oder ein eifersüchtiges +Herz befand – eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor ein, +und dieser Mann hatte aus seinem heimischen Preußen und aus dem +französischen Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, einige +üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt eine donnernde Standrede und +nannte die ritterlichen Präparanden »grüne Jungen«. Man war sich +sofort darüber einig, daß man sich das mit fünfzehn bis sechzehn +Jahren nicht mehr bieten lassen könne und daß der einmütige Austritt +aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort auf diese Roheit sei. +Am folgenden Tage dachte man milder über die Sache; man bedurfte ja +der Einwilligung der Eltern zum Austritt, und man hielt es im stillen +für möglich, daß die Eltern sich von der Auffassung des Direktors +nicht wesentlich entfernen möchten. Am dritten Tage endlich beschloß +man, die unqualifizierbare Äußerung des Direktors auf dessen +preußische Unbildung zurückzuführen und ihn zu verachten. + +Nur ein pathetisches Herz vermochte sich nicht zu bezwingen. Der +Träger dieses Herzens war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die +Wandtafel einen Pfahl, der einen preußischen Adler trug, und dazu eine +Kanone, die sich gegen das flügelspreizende Wappentier entlud. Der +Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich lächelnd den schwarzweißen +Stachelbart, tickte dann mit den Fingern auf den Adler und sagte zur +Klasse: »Da können Se lange schießen, bis Se den runterkriegen ...« +und wandte sich seinen Geschäften zu. + +Und als diese erledigt waren, trat in breiter Aufmachung Herr +Rothgrün, der Lehrer der Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgrün +auftrat, so sah das immer aus wie: Jetzt beginnt eine neue Epoche der +Wissenschaft. Und Herr Rothgrün begann, Geschichtszahlen zu +repetieren. Er nannte das Ereignis, und der Schüler mußte die Zahl +nennen: + +»Amenemha III.?« + +»2200.« + +»Vertreibung der Hyksos?« + +»1580.« + +»Durch wen?« + +»Durch Thutmosis.« + +»Amenophis?« + +»1500.« + +Oder Herr Rothgrün nannte die Zahl und der Schüler das geschichtliche +Faktum, was genau ebenso bildend und interessant war. So ging es die +ganze Stunde hindurch; denn fortfahren in der Geschichte konnte Herr +Rothgrün nicht, weil er heute nichts wußte. + +»Er war wieder mal nicht präpariert,« sagten die Präparanden, als er +fort war. + +In der nächsten Geschichtsstunde begann Herr Rothgrün nach +effektvollem Eintritt und imperatorenhafter Besteigung des Katheders +von neuem: + +»Phul?« + +»770.« + +»Tiglat Pilesar?« + +»740.« + +Und so fort über Ägypter, Phönizier, Israeliten, Meder, Perser, +Griechen und Römer bis zu den Franken und Merowingern. Wer die Zahl +wußte, war gescheit, wer sie nicht wußte, dumm. + +Als auch diese Stunde der Pein vorüber war, ward es abgemacht: Wenn er +die nächste Stunde wieder Zahlen büffelt, dann trampeln wir. Aber +keiner darf sich melden! Man kannte Herrn Rothgrün schon als einen +langatmigen Hasser, der sich auch bei den spätesten Examinibus derer +erinnerte, die ihm einmal mißfallen hatten. Asmus und einige andere +waren gegen dieses heimliche Verfahren. Das sei »unmännlich«. Man +solle eine Abordnung zu Herrn Rothgrün schicken und sich über seinen +Unterricht beschweren. + +»Ja, willst _du_ das tun?« riefen einige höhnend. + +»Ich gehe mit,« sagte Asmus. Aber die andern wollten nicht, und da +sagte Asmus: »Allein will ich auch nicht.« + +»Semper will artig Kind spielen,« spottete einer. + +»Du bist ein Esel!« rief Asmus. »Trampeln tu ich nicht. Aber die +Folgen trage ich natürlich mit.« + + + + +III. Kapitel. + +Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit und wie +sie die Dinge der lebendigen Welt sahen, und wie er darum mit diesen +Augen zum Arzt mußte. + + +Die nächste Geschichtsstunde erschien, und Herr Rothgrün begann: +»Tiglat Pilesar?« + +»740,« sagte der Gefragte, und dann ging ein Trampeln durch die +Klasse, das wie grollender Donner klang. + +Herr Rothgrün wurde weiß. + +»Was soll das?« rief er. + +Keine Antwort. + +»Was soll das heißen?« + +Eisiges Schweigen. + +»Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen und zu sagen, was +das bedeuten soll?« schrie der Lehrer. + +Niemand rührte sich. + +»Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Herrn Direktor Korn zu +melden, daß ich durch ein unerklärliches Geräusch im Unterricht +gestört worden bin.« + +Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor keine Meldung; denn er +wußte wohl, daß der einen sehr direkten Schluß auf seinen Unterricht +ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze: »Unterrichtet nur +gut; dann kommt der Respekt der Schüler von selbst.« Auch erklärte +sich Herr Rothgrün das »unerklärliche Geräusch« sehr schnell und +richtig; er begann sofort zu erzählen; diesmal erzählte er freilich +noch mangelhaft, weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen +beherrschte, aber von der nächsten Stunde an vorzüglich; denn wenn er +wollte, so konnte er’s vielleicht am besten von allen Lehrern der +Anstalt. + +Geschichte hören oder Geschichte lesen, das gab Asmus immer besondere +Freuden. Nicht, daß er an die Geschichte geglaubt hätte, – er glaubte +die profane Geschichte so wenig wie die biblische. Aus seiner +»Faust«-Lektüre wußte er sehr wohl: + + »Die Zeiten der Vergangenheit + Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln. + Was ihr den Geist der Zeiten heißt, + Das ist im Grund der Herren eigner Geist, + Darin die Zeiten sich bespiegeln.« + +und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um wirklich zu wissen, mußte +man von all den Fürsten, Feldherren und Priestern, mußte man vor allem +von der Menge des Volkes wissen, was sie bei ihren Handlungen dachten, +fühlten, beabsichtigten und wünschten, und davon hörte man so gut wie +nichts. Kaum daß einmal durch einen glücklichen Zufall ein Lichtschein +in diese ewig versunkene Welt fiel, wie ein Sonnenstrahl in eine +Kammer einer verschütteten Stadt. Und die Menschen der Geschichte +waren ihm wie die Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die +menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen erkennen lassen. Daß +man aus der Geschichte etwas lernen könne, das glaubte er nicht. Aber +lange Zeitläufte der Geschichte formten sich ihm zu riesigen Bildern +von wunderbarer Gewalt, und in diese Bilder versank er mit +aufgerissenen Augen und horchender Seele, wenn er hörte und las. Er +sah ein Jahrhundert, da stille Mönche in stiller Zelle saßen und vom +Virgil oder Cassiodor den Blick erhoben und durchs Fenster voll +gläubiger Hoffnung schauten über weites, unbesiedeltes deutsches Land, +indessen andere, das Kreuz in der Hand, durch unerforschte Wälder +schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein oder eine Kapelle +errichteten. Er sah ein Jahrhundert voll Weihrauch und Meßgewänder, da +königliche Väter büßend vor unnatürlichen Söhnen knieten und lange +Sündenregister, vom Priester singenden Tones verlesen, bekannten, und +das ganze neunte Jahrhundert ward ihm zum »Lügenfeld«. Dann gab es +eine lange Zeit, deren Angesicht in die bunte Glut des Ostens schaute +und blinkende Ritter und düstere Mönche, Männer und Weiber, Greise und +Kinder in jahrhundertelangen Zügen nach den ewigen Spuren des +Nazareners wandern sah. Das ernste Jahrhundert des Wittenberger +Mönches baute sich ihm auf mit den strengen und nüchternen Säulen +eines lutherischen Gotteshauses, aus dem die streitbaren +Glaubensgesänge hinausklangen in einen grauen und feuchten +Novembertag; dann kam ein Jahrhundert, das lag verborgen unter den +Brand- und Blutwolken eines endlosen Krieges, und so nah zogen die +Wolken über den Erdboden dahin, daß die Menschen nur gebückt +dahinschlichen. Aber das achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz +aller Kriege und aller großen Revolution wie eine friedsame Stadt mit +winkelig-sauberen Gäßchen, wo aus schnurrig gegiebelten Häusern +Gelehrte mit Zöpfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam über die +Straße schritten zum Nachbar von drüben, um mit ihm über die Schriften +Voltaires oder über das neueste Werk des erstaunlichen Königsberger +Professors zu streiten. + +So hörte, so sah er die Geschichtserzählungen des Herrn Rothgrün. Aber +dann mußte dieser Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten werden, +und die Vertretung übernahm Herr Stahmer, der Religionslehrer. Und +wieder empfing Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer behandelte während +eines ganzen Semesters einen Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte +die Geschichte bis in die Kabinette von Wien, Berlin und Petersburg +hinein und erzählte so ziemlich alles, was man über die zehn Jahre +wußte. Und mit einem Male ward dem Jüngling die Geschichte zur +Wissenschaft. Die rohe, unverdauliche Masse der Tatsachen, wie sie +Herr Rothgrün und wie sie die üblichen Lehrbücher aufhäuften, +absonderlich die Großtaten der Kriegesfürsten, die mit dem Schwerte +die Welt durchzogen, waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig und +langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male ahnte er etwas von +geschichtlichen Zusammenhängen. Bei Herrn Stahmer sah er keine +visionären Bilder; aber er sah das Leben, und eine andere, neue Freude +wärmte ihm das Herz. Wieder verschlang er jedes Wort, fast eh’ es der +Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des Abends im stillen Hause mit +fliegender Feder zwanzig, dreißig Quartseiten voll, und wohl zehnmal +mußte ihm sein Vater mit milde mahnendem Finger auf die Schulter +tupfen, er möge sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer sagte sich +Asmus: In der Geschichte muß man alles wissen, sonst weiß man nichts. +Und etwas Größeres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar nichts; aber +_eine_ Sache _ganz wissen_, das ist Aufklärung, Befreiung. Dann wird +Wissen zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, die uns umgeben, +ein Guckloch nach der Außenwelt. Als er später in der »Systematischen +Pädagogik« das »#non multa sed multum#« bis zum Ekel wiederkäuen +mußte, da begriff er nicht, warum man dies Wort immer wiederholte und +niemals befolgte. + +Das und manches andere im heiligen Tempel des Präparandeums war nun +wohl gut und schön; aber es gab auch gefürchtete Stunden, und die +gefürchtetsten waren die Zeichenstunden, die in einer weit entlegenen +Gewerbeschule genommen werden mußten. Sie waren so schlecht, daß sie +sogar den Charakter verdarben. + +Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! Von früher Kindheit an +hatte er gezeichnet, und in den Berg- und Waldlandschaften, die er +kopiert hatte, hatte er ein frommes und seliges Leben gelebt. Selbst +der kümmerliche Zeichenunterricht seiner Dorfschule hatte ihm noch +Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male in dem riesigen Zeichensaal, +der so viel mit der Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines +Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da setzte ihm Herr Semmelhaack +ein dreiseitiges Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig den +Holzklotz und wartete die Wiederkunft des Lehrers ab. + +Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine Seitenfläche. (Bis +dahin hatte es auf einer Grundfläche gestanden.) + +Asmus zeichnete den Klotz in der neuen Stellung und erwartete den +Lehrer. + +Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine andere +Seitenfläche. + +Asmus dachte: Aller Anfang ist öde, und zeichnete den Klotz zum +dritten Male. + +Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung einiges auszusetzen und legte +dann den Klotz auf die große Seitenfläche. + +Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind bitter; aber ihre Früchte +sind süß, und porträtierte das interessante Holz zum vierten Male. + +Jetzt bin ich mit dem verdammten Klotz durch, dachte Asmus; da kam der +Lehrer und stellte das Prisma etwas nach rechts. + +Asmus richtete einen langen Blick auf Herrn Semmelhaack und zeichnete +dann das rechtsstehende Prisma. + +Danach kam Herr Semmelhaack und stellte der Abwechslung wegen das +Prisma etwas nach links. + +#Per aspera ad astra#, dachte Semper und machte auch das. + +Hierauf nahm der »Lehrer« das Prisma und stellte es Sempern wieder +gerade vor die Nase, aber ȟber Eck«, so daß man drei Flächen auf +einmal sah. + +»Es ist allerdings etwas Anderes und Neues,« sagte sich Asmus, +betrachtete Herrn Semmelhaack mit einem noch viel längeren Blick und +machte sich wieder an seinen vertrauten Klotz. + +In verzweifelten Momenten schaute Asmus sich sehnenden Blickes um; es +gab überall nur Holz und Gips. Der größte Künstler unter den Schülern +zeichnete einen pompösen Blumenstrauß – von Gips. In der ganzen +Anstalt, soweit er hineinblicken konnte, sah er kein lebendiges, +erfreuendes Objekt. + +Er traute seinen Augen nicht, als Herr Semmelhaack eines Tages das +dreiseitige Prisma wegnahm und einen neuen Klotz brachte. Dieser Klotz +bestand aus zwei vierseitigen Prismen, die im rechten Winkel aneinander +saßen. O, damit konnte man nun die tollsten und interessantesten, die +bizarrsten und perversesten Dinge vornehmen; bis zum jüngsten Gericht +konnte man das immer anders aufstellen. Als Asmus bei der siebenten +Stellung war, da lag der Winkelklotz da wie eine Sphinx, die ihre Arme +breit über die ganze lange Bank legte, den Kopf in die Hände stützte und +ihn anglotzte und angähnte, und dann sagte die Sphinx, indem sie immer +zwischen zwei Worten gähnte: »Ich kann – dreihundertfünfundneunzig +Millionen – Stellungen – einnehmen – huu – ja.« + +»Das hält kein Nilpferd aus,« antwortete Asmus. + +»Sagten Sie etwas?« fragte Herr Semmelhaack. + +»Ja. Ich kann nicht mehr zeichnen. Ich habe Augenschmerzen.« + +Zum nächsten Unterricht ging er überhaupt nicht; er entschuldigte sich +mit Augenschmerzen. + +Das ging nun wohl einmal, ging auch zweimal; dann aber sagte Herr +Tönnings mit dem steifen Halskragen: »Ja, dann müssen Sie ein +ärztliches Attest beibringen.« + +Also mußte Asmus zum Vertrauensarzt der Schulbehörde. + + + + +IV. Kapitel. + +Asmus befreit sich aus einem Hungerturm und studiert in einem +Taubenschlag. + + +Von allen Qualen des Lebens hielt Asmus zwei für die unerträglichsten: +Zahnschmerzen und Langeweile. Lieber als in dieser Kunstkaserne +wöchentlich zwei Stunden, das heißt zwei Jahrhunderte an einen Klotz +geschmiedet zu sein, lieber wollte er ein schlechter Mensch werden. +Und so rieb er sich im Vorzimmer des Arztes tüchtig die Augen und +kniff sie ein Dutzend Mal zusammen. + +»Die Augen tränen,« sagte der Arzt, und er schrieb ein Attest, daß der +Patient wegen tränender Augen sechs Wochen lang nicht zeichnen dürfe. + +Asmus barg das kostbare Blatt sorgfältig wie eine Banknote in der +Tasche, fühlte unterwegs mehrmals nach, ob er’s auch noch habe, und +überreichte es frohen, tränenlosen Blickes Herrn Tönnings. + +Herr Tönnings vertrat mit Recht die exaktesten Wissenschaften. Man +weiß, wie es zugeht, wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes +Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder saust die Ramme herab, +immer wieder, hundertmal, tausendmal, stundenlang, tagelang. So +unterrichtete Herr Tönnings: immer wieder auf denselben Pfahl, immer +wieder drauf. Dann aber saß er auch für die Ewigkeit, und man konnte +ein Haus drauf bauen. Was man bei ihm gelernt hatte, vergaß man +niemals wieder. Aber leider vergaß er ebensowenig. Und also sprach +genau nach sechs Wochen Herr Tönnings, der niemals Lächelnde: »Ihr +Attest ist abgelaufen.« + +Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und rieb rechtzeitig seine Augen. + +»Die Augen tränen noch immer,« konstatierte der Arzt sehr richtig und +dispensierte den Kranken »bis auf weiteres« vom Zeichenunterricht. + +»Ja, damit müssen Sie wohl zum Direktor gehen,« sagte Herr Tönnings. + +Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er los: »Das jibt’s nicht. +Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben!« Er durchbohrte Asmus mehrere Male +mit Blicken und wartete, ob er etwas sagen werde. Aber Asmus wußte +schon Bescheid: er sagte nichts. »’n Lehrer, der nicht sehen kann, +können wir nicht brauchen!« schrie Herr Direktor Korn, durchbohrte mit +seinen glitzernden Brillenaugen den jungen Semper noch ein paar Mal +und wartete auf eine Erwiderung. Aber der sagte nichts. Es war in der +Anstalt alte Überlieferung: man muß ihn ein paar Minuten kochen +lassen, dann wird er genießbar. »Dann müssen Sie die Anstalt +verlassen!« stieß der Direktor hervor, kratzte sich hörbar seine +silbernen Bartstacheln und durchbohrte Sempern noch drei- bis viermal. +Semper sagte nichts. »Wie heißen Sie noch?« Direktor Korn warf einen +Blick ins Attest. »Semper?« + +»Jawohl, Herr Direktor!« + +»Waren Sie das nicht, der neulich den ‘Erlkönig’ vortrug, als ich +hospitierte?« + +»Jawohl, Herr Direktor!« + +»Na. – Das war jut. – Kennen Sie denn sonst noch was von Joethe?« + +Asmus wurde lebendig. Er begann aufzuzählen. + +»Na, das ist ja so ziemlich alles. Haben Sie denn auch alles +verstanden?« + +»Das – wohl kaum!« + +»Welche Dichter haben Sie denn noch jelesen?« + +Asmus nannte eine lange Reihe. + +»Haben Sie Jean Paul jelesen?« Doktor Korn hatte ein ganz sonniges +Gesicht bekommen. Das war sein Liebling. + +Asmus nannte ein paar Romane Jean Pauls. + +»Na, Sie haben ja ’ne janze Masse jelesen. Dabei haben S’ sich wohl +die Augen verdorben?« + +»Die Augen?« wollte Asmus schon verwundert fragen; da fiel sein Blick +noch rechtzeitig auf das Attest. Er blieb stumm und errötete tief; so +viel Freundlichkeit konnte er nicht mit offenen Augen anlügen. + +»’s is jut. Sie können jehen,« sagte der Herr Direktor. Und Asmus +betrat das Holzmagazin niemals wieder. Der Direktor mochte eine Ahnung +haben von den Schrecken jenes Hungerturms, wo der Geist an einen Klotz +geschmiedet und mit Gips ernährt wurde. + +Viktoria! Nun konnte er wöchentlich noch zwei Stunden länger in +seinem Arbeitszimmer sitzen und sich immer tiefer in den Kuchenberg +des Weltalls hineinessen. Ja, das Weltall war ein Kuchenberg, +nahrhaft und süß, und das Leben ein Schlaraffenland und sein +Arbeitszimmer eine heilige Halle, obwohl es eigentlich kein Zimmer, +sondern ein Tisch mit zwei Beinen war, den man mit der einen Seite +an die Wand genagelt hatte. Dieser Tisch stand in der allgemeinen +Arbeitsstube, wo der Tabak zubereitet und die Zigarren gemacht +wurden; denn im Winter durfte der Sparsamkeit halber nur ein Raum +geheizt werden, und als der Sommer kam, war es Asmussen eine liebe +Gewohnheit geworden, unter den schwatzenden, lachenden und sich +streitenden Arbeitern seine Quadratwurzeln auszuziehen, Vokabeln zu +lernen und Aufsätze zu schreiben. In diesem bescheidenen Raume saßen +Ludwig Semper, der Vater, Johannes, sein Sohn und Gehilfe, zwei +andere Gehilfen, ein Tabakzurichter, gewöhnlich auch Rebekka, die +Mutter, beim Tabak helfend oder mit einer häuslichen Verrichtung +beschäftigt, und endlich der Präparand Semper. Das war der +Personenstand in ruhigen Zeiten. Aber das Arbeitszimmer der Semper +war ein Taubenschlag, wo es von seltsamem Geflügel immer aus- und +einflog. Da kamen sozialdemokratische Parteihäupter, die mit +Johannes Semper wichtige Dinge von aufgelösten und anzumeldenden +Versammlungen zu beraten hatten. Da kam der Kontrolleur des +Fabrikanten, der nachschauen mußte, ob die Zigarren gut und nicht zu +schwer gemacht würden, ein ernster, steifer Mann, der aber jedesmal +warm wurde, wenn Ludwig Semper mit ihm vom Theater sprach, und der +diesem angelegentlichst empfahl, er möchte sich doch einmal den +»Lohengrin« anhören. Ludwig Semper faßte denn auch um diese Zeit zum +ersten Male den Entschluß, in den »Lohengrin« zu gehen. + +Da kam schrecklicherweise auch der Barbier Ludwig Sempers, der drei +Minuten rasierte und dann zwei Stunden schwatzte; er glich in Miene +und Gestalt, in seiner Stimme und seiner Schwatzhaftigkeit einem alten +Weibe; nur seine Hand und sein Messer lasteten schwer auf der Wange +seiner Opfer wie die Keule des Herkules. + +»Ein schrecklicher Zwirnbeutel,« sagte Ludwig Semper, wenn er gegangen +war, und das war ein treffender Vergleich. Wie man aus dem Nähbeutel +einer unordentlichen alten Dame, in dem sich die Garnknäuel vieler +Generationen verwirrt und verfitzt haben, nur nach stundenlanger Mühe +einen Faden hervorholt, so holte er aus seinem Erinnerungssack seine +zwirndünnen Geschichten hervor; jede auftretende Person verfolgte er +bis in ihre entferntesten Verwandtschaften; er entwickelte die +Genealogien der unbekanntesten Milchleute und der gleichgültigsten +Grünwarenhändler. + +»Und geschnitten hat er mich auch wieder,« pflegte Ludwig nach solchen +Besuchen zu sagen. + +»Ja, mein Gott,« rief Frau Rebekka erregt, »warum schaffst du ihn denn +nicht ab!« + +»Ach, das mag ich nicht,« sagte Ludwig lächelnd, »er schneidet mich +nun schon so viele Jahre.« + +Nicht der Geringste aber von allen, die da kamen, war Heinrich +Moldenhuber, genannt der »Wolkenschieber«, weil er lieber Wolken schob +als Zigarren machte und lieber hoch oben auf der Galerie des +Stadttheaters saß als in der Tabakstube. Wie ein Komet schoß er von +Zeit zu Zeit in die Arbeitsstube der Semper, und in der Tat, für Asmus +war dieser Mann wie ein Stern der Kinderzeit; er erinnerte ihn an +manche Feierstunde voll Gedanken und Träume, und jedesmal mußte er +nach den hinteren Rocktaschen des Wolkenschiebers blicken, aus denen +er einmal einen Apfel und ein Bilderbuch hatte hervorholen dürfen. + +Aber wenn er wollte, so konnte er auch im zehnten Teil einer Sekunde +eine hundert Fuß dicke und tausend Fuß hohe Mauer um sich aufrichten, +durch die kein Ton und Bild der Kommenden und Gehenden, der +Plappernden und Klappernden hindurchdrang. Wenn er wollte, so konnte +er jeden Augenblick allein sein, ganz allein, wie in einem Grabe. + +Aber wahrlich nicht wie in einem Grabe war es in dieser Stille. Es war +wie in einer wuchernden Waldwildnis voll wirren Gezweigs, voll Blätter +und Blumen, voll Duft und tropfenden Lichts, voll jenes ewigen +Summens, das aus dem inneren Getriebe der Welt zu kommen scheint. Wie +er sich als Knabe in das innerste Dickicht eines Gehölzes verkrochen +und dort stundenlang gehockt und nur geschaut und gehorcht hatte, als +müss’ er eines Tages etwas vernehmen wie den _Atem der Welt_, so +konnte er sich in die innerste Einsamkeit seiner Seele zurückziehen +und selig sein. Aber freilich: schöner noch als am Alltag war es am +Sonntag, wenn die Arbeit der andern ruhte und nur sein Vater, +schweigend und nimmermüde, den Tabak für die kommende Woche +vorbereitete. Dann war Sonntag außen und innen, Sonntag lag in allen +Büchern, wo man sie auch aufschlug, selbst die Logarithmen hatten +Sonntag, und, wenn er’s auch gar nicht sah, Asmus wußt’ es immer, wann +die warmen Augen seines Vaters auf ihm ruhten, und er war glücklich +unter dem Glanz dieser Sterne. + + + + +V. Kapitel. + +Ob der Mensch schlafen muß oder nicht. Von stummer Liebe und von +stygischen Gewässern. + + +Der Präparand hatte ein kindliches Vergnügen daran, wenn die Bücher +sich neben ihm aufhäuften. An Faust mußte er denken, der hatte auch +ȟber Büchern und Papier« gesessen. Faust hatte alle Fakultäten +durchstudiert und sagte dann, er sei so klug als wie zuvor. Aber das +war im 16. Jahrhundert! Jetzt war die Sache schon anders. Asmus wollte +auch alles studieren, alles! Und dann wollte er doch sehen! Er wollt’ +es schon herausbekommen, + + »was die Welt + Im Innersten zusammenhält«! + +Und er konnte dem Famulus eigentlich nicht so unwirsch begegnen, wie +es Faust tat. Freilich: + + »Man sieht sich bald an Wald und Feldern satt; + Des Vogels Fittig werd’ ich nie beneiden« + +das war natürlich Torheit, oder, wie Asmus in jugendlicher Kraft +sagte: »Blödsinn«; aber was dann folgte, das war doch wahr und schön! + + »Wie anders tragen uns des Geistes Freuden + Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt! + Da werden Winternächte hold und schön, + Ein selig Leben wärmet alle Glieder –« + +Ja, ja, ja, so war es, da hatte der »trockne Schleicher« dennoch +recht! Und zuweilen fragte sich Asmus, ob es nicht das schönste Leben +wäre, immer am Tische zu sitzen, links Bücher und rechts Bücher, vor +sich Bücher und hinter sich Bücher, und gar nicht wieder aufzustehen +und niemals schlafen zu gehen. Wenn Ludwig Semper ihm mit leisem +Finger auf die Schulter klopfte und sagte: »Du mußt zu Bett gehen,« +dann fragte sich Asmus immer: »Warum geht man eigentlich schlafen? Ich +werde noch einmal beweisen, daß man überhaupt nicht zu schlafen +braucht.« + +Er hatte den Gang und die Haltung seines Vaters geerbt; sein Vater +aber ging mit großen Schritten und mit gesenktem Kopf. + +»Jung’, geh’ doch grade!« rief seine Mutter; »grad auf wie ich, sagte +der schiefe Tanzmeister,« so rief sie viele hundert Male, und dann +richtete Asmus den Kopf empor und trug ihn über eine Minute lang hoch in +den Lüften; dann aber sank er langsam, langsam wieder hinab, dem Tal der +Träume zu. + +Wer aber nun gefürchtet hätte, daß Asmus Semper ein Bücherwurm und +Stubenhocker werden könnte, der würde doch nur den vierten Teil seines +Wesens gekannt haben. Wie er als Knabe zu seinen Einkaufgängen immer +mehr Zeit gebraucht hatte, als der Weg eigentlich erforderte, so fand +er noch immer auf seinen Schul- und Heimwegen an diesem wunderbaren, +ewig sich wandelnden Panorama der Welt ein unermeßliches Vergnügen. Da +war zum Beispiel ein hübsches Mädchen, das ihm jeden Morgen begegnete. +Sie war sehr einfach, aber ordentlich gekleidet und schien eine etwas +bessere Stellung in einer Fabrik zu haben. Eines Morgens trafen sich +ihre Blicke. Und von da ab traf es sich jeden Morgen, daß sie ihm in +die Augen sah und er ihr. Das traf sich wohl monatelang so. Zuletzt +fanden sich ihre Blicke schon ganz von weitem, auf zwanzig Schritte, +und blieben so lange ineinander haften, bis die beiden Morgenwanderer +aneinander vorbei waren. Und eines Morgens – war es möglich? war es +denkbar? – eines Morgens schien sie leise zu nicken. Asmus griff an +den Hut; aber weil er so verwirrt war, tat er es erst, als sie schon +vorüber war. Dann fragte er sich auch, ob es nicht eine kolossale +Dreistigkeit wäre, sie zu grüßen. Aber am nächsten Morgen nickte sie +schon ganz deutlich, und tief zog Asmus den Hut, als wäre sie die +Königin Semiramis. Und nach und nach nickte sie immer deutlicher und +lächelte dabei, und Asmus zog den Hut und lächelte ebenfalls. Er mußte +an Don Juan denken, der auch mit allen Mädchen angebunden hatte. Als +aber nun die Semper auf Frau Rebekkas Betreiben wieder einmal +umgezogen waren und Asmus einen andern Weg zur Schule nehmen mußte, +da hörten die Begegnungen auf. Es wußte wohl keiner vom andern, wer er +sei, und ob ihm ein Glück vorübergegangen oder ein Unglück. Langsam, +wie der Regenbogen aus dem Grau hervorgetreten war, ward er wieder +aufgesogen vom Grau. + +Er ging durch manche graue Straße und manchen grauen Tag; denn der +Himmel Hamburgs verhüllt sich oft wochenlang. Aber immer war er +erstaunt, wenn er die andern seufzen hörte: »Nun haben wir in drei +Wochen die Sonne nicht gesehen!« Brauchte man denn die Sonne? Gewiß, +wenn sie am Himmel stand, dann war die Welt über alles Begreifen +schön; aber konnte man nicht auch ohne Sonne fröhlich, glücklich und +begeistert sein? »Drei Wochen keine Sonne?« fragte er ungläubig. Er +hatte sie nicht vermißt. Ihm war es, als wäre eben noch Sonnenschein +gewesen. Unter seiner Hirnschale wölbte sich ein ewig heiterer Himmel. +Aber merkwürdigerweise sah man ihm das nicht an. Er schaute meistens +mit einem ernsten Gesicht in die Welt, wohl darum, weil er sie über +alles Erwarten schön fand. + +Und in warmem Behagen stapfte er durch den tagelangen, wochenlangen +Nebel und den »fisselnden« Regen Hamburgs und schaute mit Behagen in +die grauen Kanäle und mit Behagen empor an den altersgrauen Häusern +der ehrwürdigen Stadt. Jedes dieser Häuser sah anders aus und guckte +einen an wie ein Mensch und sagte: »Hier ist sicheres und behagliches +Wohnen.« Und seltsam, obwohl die Straßen schmal und dunkel waren, +glaubte man’s doch, während man draußen durch die neuen Viertel seines +heißgeliebten Oldensund, wo die wachsende Industrie eine Mietskaserne +nach der andern aufwarf, nur mit Ekel und Grauen ging. Asmus Semper +hatte sich nie eine Vorstellung von der Hölle machen können; seitdem +er diese neuen Arbeiterviertel, diese rauchbeschmutzten +Kasernenreihen, diese Kolumbarien, diese vierstöckigen Hundehütten – +nein, Hundehütten waren gewöhnlich hübscher – seitdem er die freche +Prosa, die schamlose Häßlichkeit dieser Zementkisten gesehen hatte, +seitdem konnte er sich ein Bild machen von einem Ort der ewigen +Verdammnis. Seine Seele hatte ja Millionen von Saugfäden, die selbst +aus dem ärmsten und dunkelsten Winkel noch Schönheit und Freude sogen; +auch in seiner Tabak- und Studierstube fand er noch Schönheit und +Freude; aber vor dem gemeinen Blick dieser Häuser zogen sich alle +Fäden seiner Seele schaudernd zurück, und nie empfand er ein +grimmigeres Mitleid mit den Armen, als wenn er durch diese Straßen +ging. + +O, wie hatte er’s dagegen wieder gut getroffen mit seiner neuen +Wohnung in der roten Twiete. Diesmal hatte die quecksilberne Frau +Rebekka einen guten Griff getan, und sie triumphierte in hellen Tönen. +Das Haus selbst war freilich auch nur eine Mietskaserne; aber +gegenüber lag ein Park mit uralten Bäumen, und davor stand eine +unbewohnte, strohbedeckte Hütte, und neben dem Park öffnete sich unter +hohen Baumkronen, schmal und schattenheimlich, wie ein Weg zur +Unterwelt, der Philosophenweg. O nein, es fiel dem Präparanden Semper +gar nicht ein, um der Bücher willen solche Dinge stehen und liegen zu +lassen; er durchkostete den Park bis in seine fernsten, zartesten +Wipfel, wenn auch nur mit den Augen – denn im Klettern hatte er’s +niemals weit gebracht – er bevölkerte die Strohdachhütte mit den +Gestalten Pestalozzis und Jeremias Gotthelfs, Berthold Auerbachs und +Fritz Reuters; am Eingange des Philosophenweges aber sah er den +Laertiaden Odysseus die Opferbräuche vollziehen, die den Schatten des +Teiresias dem Hades entlocken sollten. Er war schon hundertmal durch +diesen Philosophenweg gegangen und wußte ganz genau, daß nur ein +kümmerliches Rinnsal ihn begleitete und daß er auf eine +Goldleistenfabrik mündete – aber wenn er von seinem Bett aus durchs +Fenster nach dem Eingang des Weges sah, dann war es der Ort, + + »Wo in den Acheron sich der Pyriphlegethon stürzet + Und der Strom Kokytos, ein Arm der stygischen Wasser.« + +daran hätten siebzigtausend Goldleistenfabriken nichts zu ändern +vermocht. + + + + +VI. Kapitel. + +Fortsetzung des Beweises, daß Asmus kein Bücherwurm, sondern ein +Sklave irdischer Lust ist. + + +Aber auch derbere Freuden verschmähte Asmus nicht; der Welt- und +Sinnenlust war er ergeben wie in seiner Kindheit. Nicht jeden Sonntag +und nicht den ganzen Sonntag verbrachte er bei den Büchern, nein, +gewöhnlich suchte er am Sonntag nachmittag seine Freunde Knapp und +Diepenbrock auf, die ehemaligen Mitdirektoren seines Puppentheaters. +Zunächst ging er zu Knapp, den er gewöhnlich mit seinem Vater zusammen +im Garten beschäftigt fand. Einmal waren sie bei der Mohrrübenernte, +da sagte der alte Knapp: + +»Na, Asmus, haust du deine Jungens auch fix?« + +»Nein,« rief Asmus lachend, »ich unterrichte überhaupt noch gar +nicht.« + +»Ja, hauen mußt du sie, sons wird da nix aus.« + +Und dann zog der alte Knapp eine Mohrrübe aus und gab sie Asmussen. + +»Da – muß deine Kinder mitnehmen un muß sie sagen: »So wächsen die +Worzeln.« + +Asmus sah den Bildungswert dieses Verfahrens nicht ohne weiteres ein; +aber er dankte höflich und steckte die Wurzel ein. + +Und wenn die beiden dann zu Diepenbrock kamen, dessen Eltern ein +Logier- und Speisehaus hatten, dann sah er da einen interessanten Mann +auf dem Sofa liegen. Er hieß Zöllner, war Zigarrenmacher und lag jeden +Sonntag, den Gott werden ließ, auf dem Sofa und las. Er besaß nicht +nur den großen Meyer, sondern auch sämtliche Klassiker und +Halbklassiker in prächtigen Einbänden. Und wenn er zwölf Sonntage +hintereinander auf dem Sofa gelegen und gelesen hatte, dann ging er am +dreizehnten hin und betrank sich so vollständig und andauernd, daß er +eine Woche lang nicht aus dem Rausche herauskam; dann kehrte er wieder +zu Meyer und den Klassikern zurück. Diepenbrock hatte viele Messer und +Gabeln zu putzen, und Ewald Knapp und Asmus Semper halfen ihm dabei, +damit er schneller fertig werde; aber Asmus mußte zwischendurch immer +wieder nach dem Mann auf dem Sofa blicken, der ein schönes, vornehmes +Gesicht mit einem langen braunen Bart hatte. + +Wenn sie dann endlich fertig waren, gingen die drei fast eine Stunde +weit nach der Hamburgischen Vorstadt St. Pauli, nach diesem St. Pauli, +das in der ganzen Welt bekannt war als ein Stapelplatz irdischer Genüsse +und Seligkeiten für Anspruchslose. Da gab es nicht nur Kuchenbuden, +Obstbuden, Bücherkarren, Karren mit Spielsachen, mit Kokusnüssen, die +vor den Augen des Publikums geöffnet wurden, mit ambulantem Käse, der +sich alle Düfte der Vorstadt unterwarf, mit Limonaden und Likören, da +gab es auch Kasperletheater, Mordgeschichtenbilder, fliegende Museen, +Naturalienhandlungen, Wachsfigurenkabinette, Theater, Singspielhallen – +o, diese Singspielhallen! Am Abend waren die Portale mit hunderten von +bunten Lichtern umkränzt, und wenn eine Tür aufging, sah man durch +Rauchwolken wunderschöne Frauen tanzen – »wenn ich Lehrer bin und viel +Geld verdiene, da geh ich auch hinein,« sagte sich Asmus. + +Das erste aber, was die drei taten, war regelmäßig, daß sie – immer +bei demselben »Konditor« – einen Eisenbahnkuchen kauften. Das war ein +Gemisch von zerriebenem Schwarzbrot und Syrup mit einer Zuckerglasur +darüber und war vielleicht eher zu den Laxiermitteln als zur Gattung +der Kuchen zu rechnen; aber es schmeckte um so schöner, als es für 5 +Pfennige einen halben Kubikdezimeter gab. Dann gaben sie sich +zufrieden dem Genuß des Schauens, Kauens und Staunens hin. + +»Der siebenfache Raub- und Elternmörder Timm Thode, das größte +Scheusal in Menschengestalt!« schrie ein dickes Weib und schlug mit +einem Rohrstock klatschend gegen ein 12teiliges »Gemälde«, das die +Leistungen des Gefeierten im einzelnen zur Darstellung brachte. Schon +von weitem schlug Asmus einen andern Weg ein, er wußte auf der Welt +nichts Widerwärtigeres als diese Bilder und die erklärenden Gesänge +der Schausteller. + +Aber dann gab es einen Mann auf dem »Spielbudenplatze«, der war am +ganzen Leibe mit Musik bewaffnet. Mit dem Fuße schlug er Becken und +Triangel, mit dem Ellbogen eine große Trommel, mit der rechten drehte +er einen Leierkasten, mit dem Munde blies er eine Panflöte, und wenn +er den Kopf schüttelte, erklangen von seinem Hute, der einer +chinesischen Pagode glich, eine Menge von Glöcklein. Die Musik war +gewiß scheußlich; aber die Fertigkeit des schwitzenden Mannes blieb +bewundernswert. Er hatte denn auch immer ein Rudel von Jungen um sich, +und darum mußte er die linke Hand frei behalten. + +»Käupt, Lüd, käupt!« schrie mit furchtbarer Schnapsstimme, die dem +Bellen eines heiseren Wüstenwolfes glich, ein Mann, der Datteln +verkaufte. Aber es waren keine Datteln mehr, es war nur noch ein +unerklärbares Mus, das zu Klumpen geballt auf der Karre lag. »Tein +Penn dat Pund, Lüd!« schrie der Mann. »Ick verkäup se mit Schoden, +Lüd; ick sett dor noch bi too! Blos ut Schobernack käupt mi wat af, +Lüd!« + +Und einmal kam Asmus an eine Bude, auf deren Vorderseite ein Schwein +mit Menschenaugen abgebildet war. Das Tier hatte einen seelenvollen +Blick und schien darüber nachzusinnen, ob es ein Mensch oder ein +Schwein sei. Was es in seinem Zweifel noch bestärken konnte, war der +Umstand, daß es an den Hinterfüßen fünf menschliche Zehen hatte. Wohl +hundertmal drehte Asmus sein Zehnpfennigstück in den Händen herum; +aber dann sagte er sich, daß ein zukünftiger Lehrer seiner Bildung +jedes Opfer bringen müsse; er gab es hin und trat ein. Er fand in +einem Glashafen voll Spiritus ein kleines totes Ferkel, das genau wie +jedes andere Ferkel aussah. Der Schausteller, ein großer Kerl in +Hemdärmeln, erklärte ihm, das Ferkelauge sei ein vollkommenes +Menschenauge, und die hinteren Zehen seien Menschenzehen. Asmus +blickte schon lange nicht mehr auf das Ferkel im Glashafen, sondern +auf den Mann in Hemdärmeln; er sah ihn mit staunenden Blicken an; denn +er begriff nicht, daß ein Mensch so unverschämt sein könne. + +»Das ist ja alles Schwindel!« sagte Asmus. Im nächsten Augenblick +fühlte er sich unsanft vor die Bude befördert, und wenig fehlte, so +wäre er die Stiege, die zum Eingang hinaufführte, hinuntergefallen. Es +war nicht die erste Erfahrung dieser Art, die er im »Kampfe gegen das +Unrecht« machte; aber noch viel, viel weniger war es die letzte. + +Nach solchen Erlebnissen gab es einen Wirbel in seinem Kopfe. Wie +konnte so etwas geschehen! _Das war doch Unrecht!_ Und Unrecht +brauchte man sich doch nicht gefallen zu lassen! Unrecht _durfte_ man +sich gar nicht gefallen lassen ... + +Wenn es sich aber traf, daß die drei sich männlich aufgelegt fühlten, +so wandten sie den kindlichen Freuden des Spielbudenplatzes nach +gründlicher Betrachtung mit kritisch geschürzten Lippen den Rücken und +gingen noch dreiviertel Stunden weiter nach Hamburg hinein. Dort gab +es nämlich eine Wirtschaft, wo man ein ganzes Seidel »echtes +Kulmbacher« für fünfzehn Pfennige verzapfte und sechzehnjährige Männer +mit Hochachtung behandelte. Sie saßen dort eine Stunde lang bei einem +Glase und übten Kritik nach Art der Jugend, das heißt sie rezensierten +die Bälle der Billardspieler, ohne von diesem Spiel etwas zu kennen. +Auch das Billardspiel war ein #pium desiderium# Asmussens; aber ach, +zu all dergleichen gehörte ein Lehrergehalt. Ja, wenn man 1200 Mark +verdiente – nach einem vorzüglichen Examen bekam man sogar 1300 Mark +das Jahr – dann ließen sich alle Sehnsüchte kühlen. + +Wenn sie mehr Geld als gewöhnlich hatten, so gingen sie in ein +Vorstadttheater, wo die Vorstellung 7 Stunden dauerte. Da gab es Musik, +Couplets, Liedervorträge, Männer, die abgeschossene Kanonenkugeln +auffingen, wunderschöne Trapezkünstlerinnen in Trikots und dazu noch ganze +Dramen in fünf oder mehr Akten, z. B. Anna Field, die Frau in Weiß oder ein +Opfer der Liebe von Charlotte Birch-Pfeiffer. Aus den Stücken machte sich +Asmus nicht viel; aber der jugendliche Held und Liebhaber gefiel ihm über +die Maßen. Asmussens Vater behauptete, diesen Mann schon vor dreißig Jahren +als jugendlichen Liebhaber gesehen zu haben, und taxierte ihn auf sechzig +Jahre. Aber er hatte sich aus besseren Tagen in Spiel und Stimme einen +edlen Rest bewahrt, und dieser genügte, um Asmus zu entflammen. Vor allem +diese Sprache! Das mußte auch in Wirklichkeit ein edler, seelenguter Mensch +sein, davon war Asmus tief überzeugt. Und die Liebhaberinnen verehrte und +liebte er ohne Ausnahme; denn er war etwas kurzsichtig und saß auf einem +billigen Platze weit hinten. Eine sanfte Stimme und ein weißes Gewand +genügten, um ihn von der heiligen Unschuld einer Heldin zu überzeugen. Er +war in jenem Alter, wo die Ästhetik der jungen Leute immer dem andern +Geschlechte recht zu geben pflegt. + +Wenn sie aber sehr viel Geld hatten, fünfzig Pfennige oder noch mehr, +dann gingen sie in ein »richtiges« Theater, wie Asmus es nannte, das +heißt ins Stadt- oder Thaliatheater. Einmal erwischte Asmus auf der +höchsten Galerie einen Platz, von dem aus er nur dann die Bühne +erblicken konnte, wenn er seinen Körper in einen fast rechten Winkel +bog. Man gab Don Carlos, ein Stück, das zwischen sechs- und +siebentausend Verse hat. In den Zwischenakten hatte er beachtenswerte +Kreuzschmerzen; aber sobald der Vorhang wieder aufging, waren sie +verschwunden. Es war eine Begeisterung mit Hindernissen; aber so stark +war sie, daß die Jünglinge noch stundenlang im Regen spazieren gingen +und sich nur in Ausrufungssätzen über den Don Carlos und seinen +Dichter unterhielten. An solchen Abenden hatte Asmus stärker denn je +das Gefühl: Warum geht man eigentlich zu Bett? Man verliert ja die +Hälfte des Lebens, die Hälfte der Welt! Und als er eines Tages bei +Grabbe die Worte fand: »Die Zeit, die man nicht schläft, heiß ich dem +Tode abgewonnen,« da jauchzte er förmlich auf: Ja, das ist mein Mann. + + + + +VII. Kapitel. + +Wie Asmus sang, trank, lachte, weinte und prustete. + + +Es muß andrerseits gesagt werden, daß er dasselbe Gefühl auch beim +Biertrinken hatte, und das Biertrinken studierte er außer anderem bei +Herrn Bockholm. Franz Bockholm war ein blindgeborener Orgel- und +Klaviervirtuos und wohnte, obwohl er ein ziemlich wohlhabender Mann +war, in einer winzigen, obskuren Arbeiterkneipe, die innen und außen +vom Ruß der nahen Glashütten geschwärzt war. Asmus wurde eines Tages +durch einen Zigarrenarbeiter, dem er Privatstunden gab und der das +Honorar für das abgelaufene Vierteljahr in einem Glase Bier erlegen +wollte, dorthin geführt. Natürlich genoß der blinde Künstler in diesen +Räumen die Verehrung eines weißen Elefanten, und Asmus empfand eine +tiefe Ehrerbietung, als er ihm in aller Form vorgestellt wurde. Schon +vor dem Unglück der Blindheit allein empfand er eine heilige +Ehrfurcht; als sich nun aber der Blinde gar ans Klavier setzte und +wunderschön aus der »Zauberflöte« phantasierte, da vergaß er »in +diesen heiligen Hallen« vollends, daß es eine Schnaps- und Bierschenke +war. Dann unterhielt man sich, und Asmus fiel es auf, daß Herr +Bockholm den Kopf neigte und horchte. + +»Donnerwetter!« schrie plötzlich der Blinde, »Donnerwetter! Sie müssen +doch singen können!« + +Asmus stotterte verlegen, daß er nur ein bißchen singen könne – +»eigentlich gar nicht!« rief er schnell; denn er hatte Angst. + +»Kommen Sie, kommen Sie!« rief Bockholm, und schon saß er wieder am +Klavier. »Sie haben einen Bariton. Was können Sie singen?« + +Asmus begann mit bebendem Herzen das Lied des Zaren »Einst spielt’ ich +mit Zepter«, und als er das beendet hatte, schrie Herr Bockholm: +»Weiter, was können Sie noch?« + +Und nun sang Asmus, kühner geworden: + + »Horch auf den Klang der Zither.« + +»Verflucht!« schrie der Blinde, sprang auf, schlug sich auf den +Schenkel und lachte übers ganze Gesicht, »verflucht! Er hat eine +Stimme wie Krückl!« Das war ein Bariton, der am Stadttheater den +Mozartschen Almaviva und den Rossinischen Figaro sang. + +»Frau Piefke, Bier!!« brüllte der Musiker mit vehementer Lustigkeit, +und nun mußte Asmus auf seine Kosten eins trinken und noch eins und +noch eins. Noch am selben Abend mußte Asmus mit dem weißen Elefanten +auf du und du trinken, obwohl dieser ein viertel Jahrhundert älter +war, und dann wurde nicht weniger abgemacht als dies: Asmus solle +jeden Tag kommen und bei Bockholm das Klavierspiel lernen und solle +sich Gesangsnoten verschaffen, z. B. die Balladen von Löwe, und zum +Entgelt solle er dem Blinden hin und wieder etwas vorlesen. + +Und ungefähr so geschah es. Asmus kam, wenn auch nicht täglich, so +doch oft, lernte Klavierspielen, sang den »Archibald Douglas« – »darin +steckt mehr als in mancher großen Oper,« schrie Bockholm mitten im +Spiel – las seinem Lehrer die Zeitung bis in den Inseratenteil vor – +denn der Blinde wollte alles wissen – und übte sich im Biertrinken. + +In dieser Kunst leistete der Meister noch mehr als in der Musik; ein +Seidel voll schien auf einen Schluck, wie in einer Klappe, zu +verschwinden, und er hatte begnadete Tage, wo er es auf dreißig Seidel +brachte. Das sah nun Asmus freilich mit Staunen und mit Grauen; aber +er hielt es doch für Ehrensache, es auf vier oder fünf zu bringen. +Zuweilen allerdings kam ihm die ganze Atmosphäre etwas trüb und +traurig vor; es kamen da Gesellen, bei denen er sich wunderte, daß +Bockholm ihnen vorspielte und mit ihnen trank; aber dann kamen auch +wieder Leute, ungebildete Arbeiter, in berußten Blusen und +kalkbefleckten Kitteln, die mit einer schier leidenschaftlichen +Begierde und mit innerster Teilnahme zuhörten. Und Kerle mit Humor +kamen da! Eines Tages, als Bockholm ein Bravourstück mit ungeheurer +Fingerfertigkeit gespielt hatte, sagte ein Steinbrügger: + +»Junge – wenn ick den sin’n Kopp harr!« und ein anderer versetzte +langsam und gedankenvoll: + +»Djä – – un wenn du denn so dumm wärs wie jetz, denn nütz di dat ook +nix.« + +»Och,« sagte dann wieder der erste, »wenn ick man din Mul harr, denn +gung dat woll,« und dann stießen sie miteinander an und lachten. + +Ja, das war doch auch wieder etwas, wobei einem das Herz ganz frei und +warm wurde! + +Gewöhnlich wollten die Arbeiter unzählige Seidel Bier für den Künstler +zahlen; aber das nahm er nur unter der Bedingung an, daß er sich +revanchieren dürfe, und so kam er immer häufiger auf die dreißig +Seidel und mit jedem Tage seinem frühen Ende um zwei Tage näher. + +Die Privatstunden im Biertrinken kamen Asmus zu statten bei den +heimlichen Zusammenkünften der Albingia. Die Albingia war eine +heimliche Präparandenverbindung mit Burschenbändern, Zereviskappen und +allem Zubehör eines regelrechten Komments. Durch ein bemoostes Haupt, +das die Geheimnisse der Albingia mit dem furchtbaren Ernste des +Verschwörers behandelte und an ein Sakrament der Kneipe zu glauben +schien, wurde Asmus in diesen nächtlichen Zirkel eingeführt. Gleich +bei der ersten Kneipe hieß es: »Semper muß aus ’m Faust rezitieren,« +und Asmus ließ sich vom Kellner ein Fläschchen voll braunen Saftes +und ein Glas bringen und bestieg die kleine Bühne am Ende des Saales. +Er sprach die ersten Monologe des Faust bis zum Anbruch des +Ostermorgens, und als er an die Stelle kam: + + »Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen; + Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen; + Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht. + Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle; + Den ich bereitet, den ich wähle, + Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele + Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht!« + +da goß Asmus den Inhalt des Fläschchens in das Glas. Der Saft war +nichts anderes als Bier; aber nicht nur Asmus, nein, die ganze +Versammlung würde den mit ewiger Verachtung belegt haben, der darüber +gelacht hätte. + +Sonst aber lachte er lieber als alle anderen. Er fand es ungemein +possierlich, daß er als Fuchs den andern Bier einzapfen und ihnen die +lange Pfeife anzünden mußte, und er war glücklich und stolz, als er +endlich »entschwänzt« wurde und in der Biertaufe den Namen »Dr. Faust« +erhielt. Er war noch gewohnt, alle Dinge des Lebens tief zu nehmen, +und hielt es für heilige Pflicht, einen »Kuhschluck« und einen +»Bierjungen« genau so ernst zu nehmen wie die Gedanken Rousseaus und +die Entstehung des Pentateuchs. Er konnt’ es nicht begreifen, wie man +trotz der Ermahnungen des Vorsitzenden, auszuharren, dennoch um drei +Uhr morgens aufbrechen konnte, wo es doch die einfachste deutsche +Treue gebot, den Präsidenten nicht im Stich zu lassen. Und am +wenigsten konnt’ er begreifen, daß sie nicht lustiger waren, daß sie +all diese fidelen Bräuche, diese köstlichen Lieder und Schnurren, von +denen das Kommersbuch förmlich platzte, für gewöhnlich so frostig, +gleichsam geschäftsmäßig abmachten. Mein Gott – als er sich das +Kommersbuch zu Hause vornahm – da lachten und schwärmten ja ganze +Jahrhunderte daraus hervor; die Romantik, der Übermut, der +Jugendglaube von zwanzig Generationen zogen durch seine Brust; alle +Augenblick mußt’ er aufspringen, mit den Fingern schnalzen, +Tanzsprünge durchs Zimmer machen; auf seinen Wangen mischten sich +Lachtränen und Weintränen – o, wie mußte das über alle Begriffe +herrlich sein, wenn solch ein Lied durch den Saal brauste, wie +göttlich lustig mußte das sein, wenn sie alle mit Leichenbittermienen +sangen: + + O wie bimmel, bammel, bummelt, + O wie bimmel, bammel, bummelt, + O wie bummelt mir mein Frack! + Ich hab noch nie einen Frack gehabt, + der mir so sehr gebimmelbammelt hat – + +aber wenn dann die Kneipe da war, ja, da gab es wohl zuweilen lustige +Stunden; aber es war nicht das, was er gehofft hatte; es fehlte ein +Duft – ein Glanz – eine unnennbare Weihe – es fehlten die rosigen, +silbernen Wolken über der Versammlung – – –! + +Er begriff überhaupt nicht, warum die Menschen nicht öfter lachten und +nicht öfter weinten, da doch die Welt so reichen Anlaß dazu bot. Als +er einmal eine Molieresche Komödie sah und die Situation auf der Bühne +plötzlich eine künftige Situation von großer Komik ahnen ließ, da +schoß ihm ein so gewaltiges Lachen in die Nase, daß er es nicht +zurückhalten konnte; da er es aber dennoch zurückhalten wollte, so kam +ein eigentümlicher Prust-, Schnupf- und Grunzlaut zustande, über den +das ganze Publikum in laute Heiterkeit ausbrach. So hatte sich Asmus +vermutlich noch nie geschämt wie in diesem Augenblick; es ist +anzunehmen, daß er bis in die Zehenspitzen errötete; aber nachher +mußte er sich doch fragen: Warum habe ich denn allein gelacht? Warum +lachten nicht alle? + + + + +VIII. Kapitel. + +Warum Ludwig Semper nicht in den »Lohengrin« ging und Asmus mit einem +Windhund verkehrte. + + +Wenn er von der monatlichen Kneipe der Albingia einmal spät nach Hause +kam, so schüttelte Frau Rebekka den Kopf und äußerte ihre Besorgnisse; +aber Ludwig Semper lachte vergnügt in sich hinein und sagte: »Laß ihn; +das gehört dazu.« Auch er hatte zu Schleswig seine heimlichen +Gymnasiastenkneipen gefeiert und den Landesvater gesungen, und +manchesmal, wenn das Vergangene in ihm erwachte, hatte er, am +Tabakstische sitzend und das blanke Zigarrenmesser schwingend, +gesungen: + + »Seht ihn blinken + In der Linken + Diesen Schläger, nie entweiht! + Ich durchbohr den Hut und schwöre: + Halten will ich stets auf Ehre, + Stets ein braver Bursche sein!« + +Dagegen hatte Ludwig Semper für eine andere Neigung seines Sohnes +durchaus kein Verständnis: Er begriff nicht, wie man ohne Not einen +Weg von mehr als einer Viertel- oder gar halben Stunde machen konnte. +Wenn Asmus in den Ferien Spaziergänge von vier Stunden machte, so +schüttelte Ludwig andauernd den Kopf; bei einem acht- oder +zehnstündigen Ausflug aber wurde er sozusagen böse, warf das linke +Bein über das rechte und murmelte: »Verrückt!« Er schien das für +gesundheitsschädlich zu halten, und einer der Gründe, weshalb er noch +immer nicht den Lohengrin gehört hatte, war der, daß man ins Hamburger +Stadttheater eine Stunde zu gehen hatte. Asmus hingegen hatte Seume +gelesen, und einer seiner Träume war es, einen Spaziergang nach +Syrakus zu machen, wie ihn dieser etwas nüchterne, etwas trockene, +aber in seiner Unabhängigkeit, Kraft und Lauterkeit dennoch poetische +Mann gemacht hatte. + +Unter den Studiengenossen, mit denen Asmus seine botanisch-zoologisch- +mineralogisch-poetisch-politisch-philosophisch-cerealisch-bacchischen +Ausflüge – denn das Frühstück spielt bei Siebzehnjährigen eine genau +so große Rolle wie der Idealismus – zu unternehmen pflegte, waren es +besonders zwei, zu denen er in ein näheres Verhältnis trat. Der eine +war sein Mithospitant Morieux, und dieser hatte Eigenschaften, die +wohl auf einen französischen Vorfahren schließen lassen konnten. Er +war ein hübscher, schlanker, geschmeidiger Bursche mit dunklem Haar +und einem famosen schwarzen Schnurrbärtchen und zeigte in Sprache und +Gebärden eine überschießende, ja, in seinen Mienen nicht selten eine +fratzenhafte Lebhaftigkeit. Die Jugend urteilt wie die Frauen und wie +das Publikum mit Vorliebe nach dem Instinkt und trifft damit +gewöhnlich das Richtige. So erhielt denn auch Morieux in der Biertaufe +den Namen Fritz Triddelfitz, mit der Begründung, daß er ein +»langschinkiger, dünnrippiger Windhund« sei. Von den Windhunden sagt +man, daß sie selbstsüchtig und wenig treu seien, und das stimmte bei +Morieux insofern, als er nur eine halbe Treue besaß. Wenn Asmus in der +Klasse irgend einen größeren Erfolg erzielt hatte, so beglückwünschte +ihn Morieux mit fulminanten Worten und war dabei blaß bis in die +Lippen, und Asmus sah mit vollkommener Gewißheit, daß der Neid, ja der +Haß ihn innerlich zerwühlten. Aber er sah auch, daß Morieux mit diesem +Neide kämpfte, daß er sich die Lippen fast blutig biß. Und immer +wieder kehrte er zu Asmus zurück und zog seinen Umgang jedem anderen +vor. Er überhäufte den Freund mit Ausdrücken einer so schwärmerischen, +überschwenglichen Bewunderung, daß Asmus abwechselnd rot und blaß +wurde und an die Aufrichtigkeit dieser Apotheosen niemals glauben +konnte, und doch wußte er, daß Morieux in derselben Weise zu andern +über ihn sprach. Auch Asmussens Eltern hatte er solchermaßen den Ruhm +ihres Sohnes verkündet, und Frau Rebekka hatte alles geglaubt und mit +Entrüstung ausgerufen: »Der dumme Bengel! Und davon sagt er zu Hause +kein Wort!« Im innersten Herzen fühlte sich Asmus von diesem Freunde +wohl mehr abgestoßen als angezogen; aber eines besaß dieser Freund, +was ihn festhielt, und das war seine außerordentliche musikalische +Begabung, im besonderen sein vorzügliches Geigenspiel. Morieux ließ +nicht locker, bis sich Asmus von ihm die Anfangsgründe des +Geigenspiels zeigen ließ, und alsbald traktierte der junge Semper mit +solcher Versessenheit das schwierige Instrument, daß sie nach einigen +Wochen schon leichte Duette spielten. Dieses Band hielt sie zusammen +und zog sie bald zu einem Bratschisten und einem Cellisten hin und +geleitete ihren jugendlichen Wagemut endlich zu den Quartetten Haydns, +Mozarts, Beethovens und Schuberts. + +Aber leider hatte der langschinkige, dünnrippige Windhund eine fatale +Neigung, andere Leute aufzuziehen. Er hielt sich für so gescheit, daß +er allen andern etwas aufbinden könne; er gab sich bei den gemeinsamen +Ausflügen den einfachen Landbewohnern gegenüber für einen +ausstudierten Lehrer, für einen Arzt, für einen höheren Beamten oder +dergleichen aus, nur um ihnen allerlei Abenteuer und Räubergeschichten +aufzubinden und sich an ihrer Leichtgläubigkeit zu weiden. Nun +schlummert freilich hinter den träumerisch-gutmütigen Augen des +Schleswig-Holsteiners eine feine und stattliche Klugheit, die nur +dann vollends aufwacht, wenn es durchaus notwendig ist, und +gelegentlich wurde der Aufschneider wohl durch ein ironisches Lächeln +oder ein spöttisches Wort zurückgewiesen; aber manchmal fand er auch +Gläubige, und solch ein Mißbrauch eines freundlichen Vertrauens +verdroß Asmus jedesmal über die Maßen. Am wenigsten konnte er’s +vertragen, daß alte Leute in weißen Haaren gefoppt wurden, und wie +wurde ihm nun gar zumute, als Morieux sich eines Tages einfallen ließ, +seine Eltern, seine Mutter Rebekka Semper, seinen Vater Ludwig Semper +anzulügen und zu hänseln. Als hätte man ihm mit der Peitsche ins +Gesicht geschlagen, so war es ihm. Um seine Eltern nichts merken zu +lassen, machte er gute Miene zum bösen Spiel und lenkte mit einer +gewaltsamen Anstrengung das Gespräch geschwind auf einen anderen +Gegenstand: nachher aber, beim Abschied vor der Tür, weigerte er dem +Frevler die Hand und sagte: + +»Du brauchst mich nicht wieder zu besuchen. Wir sind geschiedene +Leute.« + +Morieux ging lächelnd und mit einem höhnischen Achselzucken davon. + + + + +IX. Kapitel. + +Ein Afrikaforscher, der nicht revanchelüstern ist. + + +Ganz, ganz anders war Sempers zweiter Wandergenosse. Er war hager, +sehnig und steif, von scharfgeschnittenem Gesicht, und sein +silberweißes kurzgeschorenes Haar stand senkrecht aufgerichtet wie +Nägel. Eigentlich hieß er Herrig; aber nach einem Vororte Hamburgs, wo +die Insassen einer gewissen Anstalt gezwungenermaßen kurzgeschoren +gingen, nannte der liebevolle Witz seiner Klassengenossen ihn +»Fuhlsbüttel«. Weit davon entfernt, musikalisch zu sein, sang er, wenn +er die Wacht am Rhein singen wollte, die Lorelei, die aber auch noch +falsch. Er war überhaupt vom Kopf bis zu den Füßen amusisch, und unter +allen Kunst- und Literaturschätzen der Welt gab es nichts, was seinen +Herzschlag beschleunigen konnte. Allein auch er hatte etwas, was ihn +Sempern interessant machte: nämlich eine grammatische Nase, und in der +Analyse knifflicher Satzgebilde galten er und Asmus für Rivalen. Auch +kannte er eine Menge Pflanzen und Insekten bei Namen, und Asmus, den +seine Dorfschule in dieser Hinsicht mit wahrhaft imposanten Lücken +ausgestattet hatte, ergriff mit Freuden die Gelegenheit, sich aus dem +»Thesaurus« seines Freundes zu bereichern. Dafür bereicherte sich John +Herrig, wie man sehen wird, aus einem anderen Schatze seines Freundes +Asmus. + +Zunächst freilich war es eine Bereicherung von zweifelhaftem Wert. Sie +unterhielten sich auf ihren Wanderungen stundenlang mit bitterem Ernst +über Fragen der Politik, der Volkswirtschaft, der Gesellschaftsmoral, +der Philosophie, kurz #de omnibus rebus et quibusdam aliis#. (Morieux +war immer nach zwei Minuten auf eine Hanswursterei abgesprungen.) +Dabei sprachen sie auch von ihrer Zukunft. + +»Ich bleibe nicht Lehrer,« sagte Herrig, »ich werde Afrikaforscher.« +Da war es Asmussen, als ob plötzlich eine unbekannte Gewalt, von der +er nie gewußt, die gar nicht aus seinem Innern, sondern aus einer +weiten Zukunft zu kommen schien, ihm ein Wort auf die Lippen legte: + +»Ich – ich –« sprach er zögernd, »ich _möchte_ ja wohl Dichter +werden!« Und schnell setzte er hinzu: »Aber das ist ja natürlich +Unsinn.« + +Dann gab es einen Tag, da gingen John und Asmus lange schweigend +nebeneinander her. + +»Warum reden wir eigentlich nichts?« sagte Asmus endlich. + +»Hm,« machte Herrig, »weil wir nichts mehr zu streiten haben. Ich habe +nach und nach alle deine Anschauungen angenommen.« + +Asmus erschrak fast, als Herrig so nüchtern den wahren Sachverhalt +feststellte. Er hatte recht: das innere Freundschaftsverhältnis war +eigentlich abgestorben. Anschauungen aber, die man von einem anderen +angenommen hat, weil man nichts mehr zu erwidern wußte, sind immer ein +zweifelhafter Reichtum gewesen. + +Asmus indessen ertrug es nicht, einen toten Freund mit sich +herumzuschleppen. Er versuchte, von seinem Blut in die Adern seines +kalten, blaßhaarigen Freundes hinüberzuleiten. Sie wollten an den +herrlichen Sonnabend-Feierabenden etwas zusammen arbeiten. Und er +holte Schillers Briefe über ästhetische Erziehung hervor, an denen er +sich schon einmal geärgert hatte, weil er sie nicht verstand. +Vielleicht gelang es, sie mit zwei Köpfen zu bewältigen. Aber nach +einigen Briefen mußten sie’s abermals aufgeben. Nun studierten sie +Latein zusammen und lasen den Gallischen Krieg. Auch andere römische +Autoren lasen sie; wenn sie ihnen lateinisch zu schwer waren, dann in +Übersetzungen, und in den anschließenden Unterhaltungen fanden die +alten Herren eine mehr oder weniger endgültige Beurteilung. + +»Dieser Ovid ist doch ein fürchterlicher Quatschkopp!« rief Herrig +eines Abends aus. + +Das ärgerte Asmus und er versetzte: + +»Und dein Sueton ist ein altes Waschweib.« + +Auf solche Weise erwärmte sich nach und nach wieder das +Freundschaftsverhältnis; bald aber sollte es trotzdem für immer +erkalten. + +John Herrig schöpfte nämlich aus seinem Freunde noch einen reelleren +Reichtum als den der Weltanschauung. Wenn sie auf ihren Ausflügen +einkehrten, um zu ihrem mitgenommenen Frühstück ein Glas Bier zu +trinken, so zahlte Asmus regelmäßig die Zeche und teilte die vom Vater +erhaltenen Zigarren mit seinem Freunde. Er sagte sich nämlich: Wenn er +Geld hat, so wird er sich natürlich revanchieren; wenn er keins hat, +versteht es sich von selbst, daß der bezahlt, der etwas hat. Und Asmus +erwischte hin und wieder Privatstunden, die mit 50 Pfg. bezahlt +wurden. + +Und wenn sie rückkehrend, hungrig, durstig und müde von der +Sonnenhitze, in Oldensund eintrafen, dann fand es Asmus unmenschlich, +den Freund noch eine Stunde weit nach seinem Mittagessen gehen zu +lassen, und er sagte: »Komm mit und iß mit mir; meine Mutter wird wohl +soviel haben.« + +Und Frau Rebekka, die für sieben Menschen kochte, darunter für fünf +Söhne, deren Appetit täglich wuchs und sich nach oben hin jedem +Voranschlag entzog, hatte auch noch genug für einen achten, und sie, +die nach einem Worte ihres Gatten so sparsam war, »daß sie den Flicken +eines Flickens flickte«, und das so akkurat, daß Herr Aufderhardt, +der Schneider, ausrief: »Das ist so schön gemacht, daß _ich_ es nicht +besser kann!« – sie, die aus einem Rock eine Weste, aus der Weste eine +Mütze, aus der Mütze einen Handschuh, aus dem Handschuh einen +Putzlappen machte, und so das arme Tuch in Wahrheit zu Tode hetzte, um +es zuletzt noch an den Lumpenhändler zu verkaufen, – sie strahlte von +Heiterkeit und Stolz, wenn ein Gast an ihrem Tische saß und tüchtig +einhieb. Das war eben eine der leichtsinnigen Anmaßungen, die sie von +ihrem Gatten übernommen hatte, daß sie sich für berechtigt hielt, +unbeschränkte Gastfreundschaft zu üben. Wer im Augenblick einer +Mahlzeit als Freund das Semperische Haus betrat, der wurde an den +Tisch gebeten, das war eine Überlieferung von Semperischen Urvätern +her. + +Und nun merkte Asmus eines Tages, daß dieser Satan, dieser Herrig, +_doch_ Geld hatte! Und daß es ihm gleichwohl gar nicht einfiel, sich +zu »revanchieren«. Diese Entdeckung machte Asmussen von oben bis unten +gefrieren. Von allen Lastern, soweit er sie bis jetzt kennen gelernt +hatte, war ihm eins immer als das häßlichste erschienen: der Geiz. Und +mit einem Schlage war er aufgetaut, und aus dem Grunde seines Herzens +atmete er auf, als Herrig bald darauf, nachdem er den Freund für die +nächste gemeinsame Arbeit in seine Wohnung geladen hatte, hinzufügte: +»Du kannst ja dann bei mir zu Abend essen.« + +Gott sei Dank, dachte Asmus, er ist doch nicht geizig. + +Als Asmus am nächsten Sonnabend in die Stube seines Freundes trat, +fiel ihm sofort dessen Verlegenheit auf. Nach einiger Zeit stotterte +Herrig: + +»Abend – Abendbrot hast du wohl schon gegessen!« + +»Ja,« sagte Asmus, »Adieu!« Und nun war er sich klar über John Herrig. + +Er hatte vorläufig kein Glück mit den »Freunden« unter seinen +Studiengenossen. + + + + +X. Kapitel. + +Asmus als Königsmörder und Galeerensträfling, als Gallo und Petrarca. +Er erneuert eine gewisse, für die Folge nicht unwichtige +Bekanntschaft. + + +Ob er den Freund in seinem andern Mithospitanten, jenem Jüngling mit +der hebräischen Handschrift finden sollte, der seit einiger Zeit mit +ihm denselben Weg zur Schule ging? Claus Münz war ein guter Kerl; aber +er redete zu viel von seinen Muskeln. Er war nämlich vierschrötig und +starkknochig wie ein Arbeitspferd, und wenn er Sempern die Hand gab, +drückte er sie zum Beweise seiner Heldennatur so stark, daß Asmus das +Gesicht verzog, und dann wieherte Claus Münz aus vollem Halse wie ein +Roß. Er entblößte täglich einmal seinen Arm, um den Bizeps zu zeigen, +und hatte den sehnlichen Wunsch, einmal mit einem Athleten vom +Spezialitätentheater ringen zu dürfen. Es sei ein Jammer, sagte er, +daß er als Schulmeister nur sechs Wochen dienen könne, sonst würde er +zu den Gardehusaren kommen, und dann hätte er vielleicht einmal +tüchtig in die Franzosen einhauen können. Er hatte als Knabe jenen +Geschichtsunterricht empfangen, nach dem die Franzosen Lumpenhunde +sind, die Deutschen hingegen bieder und treu. Asmus machte sich +anfangs ein Vergnügen daraus, die Franzosen auf jede Weise +herauszustreichen; aber bald ward ihm dieser Streit zu dumm. Claus +Münz war auch in allen Muskeln und Knochen königstreu; Asmus hingegen +war überzeugter Tyrannenmörder. Zwar konnte er kein Tier, geschweige +denn einen Menschen leiden sehen, und sein schlimmster Feind hörte +auf, sein Feind zu sein, sobald er litt; aber so sehr er Cäsarn +bewunderte und liebte, an den Iden des März und bei Philippi hatte +er’s mit Brutus gehalten, sein Herz hatte den Möros, den Harmodius und +Aristogeiton, den Tell und ihren Genossen gehört. Nun war es +geschehen, daß ein Mann namens Nobiling auf den Kaiser Wilhelm +geschossen und ihn verwundet hatte. Claus Münz war außer sich vor +Entrüstung. Asmus, der in der Arbeitsstube der Zigarrenmacher den +ersten Wilhelm kaum anders als »Kartätschenprinz« hatte nennen hören, +hatte ein lebhaftes Mitgefühl mit dem alten Manne, wenn er ihn sich +auf seinem Schmerzenslager dachte, und beklagte die Tat des Mörders; +aber er ersuchte doch auch den mit allen Muskeln wütenden Freund, +gefälligst nicht zu vergessen, daß Wilhelm I. und Bismarck Tyrannen +seien. Er war der Meinung, daß es Fürsten und Minister, Herrschende +und Besitzende durchaus in der Hand hätten, dem Volke Brot und +Freiheit zu geben, und daß nur Herrschsucht und Habsucht sie daran +hinderten. Die Erkenntnis, daß wir alle unter dem Zwange der +Notwendigkeit stehen und daß es keine abhängigeren Menschen gibt als +die Herrschenden, daß wir alle an Händen und Füßen, die Herrschenden +aber an jedem Finger und jedem Haar von Fäden gezogen und geleitet +werden, die aus dem Unendlichen kommen, es sollte noch lange währen, +bis ihm diese Erkenntnis aufging. Die Geschichtsstunden des Herrn +Stahmer hatten wohl ein leises Ahnen von der ehernen Verkettung der +Dinge in ihm erweckt; aber dieser Unterricht war zu kurz gewesen und +hätte wohl auch, wenn er länger gewährt, aus den jungen Keimen einer +Jünglingsseele – einer Kindesseele fast – keine Bäume machen können. +Die Geisteskräfte des guten Claus Münz aber waren vollends nicht dazu +geschaffen, den jungen Semper zu überwältigen; dieser gab es sogar +vollständig auf, zu streiten, weil Claus Münz immer nur muskulöse +Behauptungen vorbrachte, und Asmus schleppte geduldig, aber gemartert, +jeden Morgen den Geist des Claus Münz hinter sich her wie die Kugel +eines Galeerensträflings. + +Aber wie schon oft, so sollte er auch jetzt Erquickung und Trost +finden bei den Frauen. Die Schule, an der er jeden Morgen hospitierte, +hatte sich vergrößert und unter anderen Lehrkräften auch drei neue +Lehrerinnen bekommen. Unter diesen war eine musikalische Dame von +einer weichen und sanften Schönheit, und es dauerte natürlich keine +zwei Tage, bis Asmus sie heimlich besang und in seinem Gedicht +versicherte, daß die heilige Cäcilie unter den Irdischen wandle. Sie +hatte oft eine Gefährtin bei sich, der Asmus eines Tages »die +bezauberte Rose« von Ernst Schulze lieh, die ihm das Buch aber schon +am folgenden Tage zurückgab, weil sie es nicht lesen könne, so fromm +und tugendsam war sie. Asmus war empört und schwärmte ihr nun recht +zum Trotz von Rousseau und Voltaire. Morieux hatte den beiden Damen +mit Grimassen und schlenkernden Armen verraten, daß Semper Gedichte +mache, »wunderbare, großartige Gedichte!« Und nun, wenn die Schule +vorüber war, saßen die beiden Damen auf dem Pult wie auf einem Thron, +und Morieux und Semper saßen auf den Kinderbänken zu ihren Füßen; +Morieux geigte und Asmus las, fremde Gedichte und eigene; er hatte der +Ballade vom ertrunkenen Fischer noch eine Ballade von einer +gespenstischen Burgruine hinzugefügt, und Asmus dachte: So war es am +Musenhof zu Ferrara oder Avignon. + +Noch einen stärkeren Widerhall aber fand Asmus bei einer Frauenseele, +von der man kaum begriff, daß sie in ihrem Körper Platz habe. Das war +die Seele des Fräulein Wieselin, einer 38jährigen Jungfrau, Lehrerin +und Dichterin. Sie war so klein und dünn, daß sie sozusagen nur eine +Nadel war, in die der Herrgott einen Lebensfaden gezogen hatte, und +diese Nadel fuhr unablässig auf und ab und verarbeitete ihren +Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und Opfersinn. Im Gesicht sah +sie aus wie ein Geheimrat, der immer in einem überheizten Zimmer +gesessen hat und darum etwas eingetrocknet ist. Tausend Mark Gehalt +erhielt sie im Jahr, und davon ernährte sie sich und ihre Mutter und +unterstützte sie die Familie eines kranken Bruders. Sie war damals +schon fünfzehn Jahre Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher, +und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten der Kleinen; die +Kleinsten zu lehren ist aber größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher, +die sie las, mußte sie sich leihen; denn kaufen konnte sie sich keine; +aber als sie nach fünfunddreißig Jahren der Mühsal ihr Ende nahen +fühlte, da sagte sie: »Ich kann ja zufrieden sterben; ich habe ja ein +reiches Leben gehabt.« + +In ihren seltenen Mußestunden machte sie auch Verse, kleine, +unbedeutende Gelegenheitssächlein; aber da Asmus sie nicht loben +konnte, so sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen sprach viel +von den seinigen, rühmte sie und sprach ihre Verwunderung darüber aus, +daß er gleich mit epischen Gedichten anfange, während die jungen Leute +sonst immer mit allgemeinen Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel +leichter sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: »Ich habe +immer das Gefühl, daß Sie kein Lehrer werden, daß wir Sie noch ’mal +auf ganz anderen Pfaden wandeln sehen!« + +»Vielleicht heirate ich auch die!« dachte Asmus. + +Die dritte der neuangestellten Damen hieß Hilde Chavonne, war eine +schlanke Brünette mit großen, schmachtenden braunen Augen und einem +sanften Stolz der Bewegungen und trotz alledem eine Hamburgerin. Sie +und Asmus schenkten einander zu Anfang nur wenig Beachtung, +unvergleichlich viel weniger als später. Aber doch mußte er darüber +nachdenken, wo er sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war die +»Dame in Trauer«, die Seminaristin, die einmal ganz zu Beginn seiner +Präparandenzeit mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges zusammen +gegangen war. Daß er ihr schon viel, viel früher einmal begegnet war, +das konnte er nicht mehr wissen. + + + + +XI. Kapitel. + +Wie Asmus plötzlich eine glänzende Karriere machte und dabei auf den +Hund kam. + + +Zu diesen ganzen und halben Freunden gewann Asmus endlich eine ganze +Schar von kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre seines +Präparandentums eines Morgens in die Schule kam, ließ ihn der +Oberlehrer in sein Zimmer rufen. »Herr Dohrmann hat sich krank +gemeldet,« sagte er, »und wird voraussichtlich in acht Wochen nicht +kommen können. Ich habe Sie zu seiner Vertretung ausersehen. +Übernehmen Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen +rechtfertigen werden.« Asmus konnte vor Überraschung nicht sprechen; +er nickte nur stumm und verließ das Zimmer. + +Als er draußen stand, war sein erstes Gefühl ein wirbelnder Jubel. +Lehrer! Er sollte Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er +vorstehen, er ganz allein! Er wußte im nächsten Augenblick selbst +nicht, wie er die drei Treppen zum obersten Stockwerk hinaufgekommen +war. Und als er vor der Klassentür stand und die führerlosen Kinder +lärmen hörte, da stak ihm das Herz, das noch eben so hoch geflogen +war, tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, der kleinste und +jüngste von den drei Präparanden, den kranken Lehrer vertreten? Warum +nicht Morieux, der ein ganzes Jahr länger an der Schule war als er? +Warum nicht Claus Münz, der Große und Starke, der den Kindern gewiß +mehr imponierte als er? Er kannte ja nichts vom Unterrichten, rein gar +nichts. Ach ja, er wußte wohl: alle in der Schule hielten ihn für +außerordentlich ernst und gesetzt. Die Leiden, die Verfolgungen, die +er als Knabe erduldet, hatten seinem Gesicht, seinem ganzen Wesen +einen zusammengerafften, entschlossenen Ernst gegeben, und wer ihn +nicht in vertrauten Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daß +hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne stand. Er hatte gerade +um jene Zeit auf Menschen solcher Art in schwerhinwandelnden Versen +ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte er »Erscheinung«. + + Eine düstre Wolke seh’ ich schwimmen + Durch den abendlichen Himmelsraum. + Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen + Zarte Lichter wie ein Flockensaum. + + Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen + Ragt die Wolke hoch in den Azur, + Doch um ihre Stirne lichtgetroffen + Hängt des Alpenglühens Rosenflur. + + Denn verborgen hinter jener Mauer + Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts, + Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer, + Blickt nach dort verklärten Angesichts. + + Also sah ich düstre Menschenstirnen + In den Grenzen dieser Erde auch: + Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen + Eines fremden Lichtes leiser Hauch. + + Augen sah ich, die dem Hier entrinnen, + Das mit Tränenschatten sie umhüllt; + Doch versunken war ihr Blick nach innen + Und von dort mit sel’gem Glanz erfüllt. – + +Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten Blick, ein +überirdisches Angesicht, weil er das für erhabener hielt und er damals +gerade ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler werden wollte; in +Wirklichkeit aber sprang seine Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens +mit frischen Jugendbeinen auf der Erde umher. Das wußten die in der +Schule nicht. Sie schrieben ihm auch weit größere Kenntnisse und +Fähigkeiten zu, als er besaß, und das machte ihm Unbehagen, weil es +ihm vorkam, als täuschte er sie, als müßte er seine Kenntnisse einmal +alle aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch legen, damit sie +sähen, wie wenig er wisse und könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben +stand er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der Unberufenheit. + +Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er endlich die Klassentür auf. Er +stand vor den Kindern. + +Sie verstummten vor Überraschung. Was will _der_ denn, dachten sie. +Asmus gebot ihnen, ihre Sachen unter den Tisch zu legen und sich +ordentlich hinzusetzen. Sie gehorchten; aber einige duckten sich +hinter den Rücken des Vordermannes und kicherten, weil der kleine +Schreiber aus dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister sein wollte. Da +steckte Asmus von seinen ernsten Gesichtern das allerernsteste auf und +sah den Aufsässigen ruhig in die Augen – da saßen sie still und ohne +Laut. Das fühlte er sofort, die Zügel in der Hand behalten, das war +nicht so schwer; aber das Unterrichten! + +Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für die einfachste Sache von +der Welt. Man sagt den Kindern, was sie wissen sollen, und dann wissen +sie’s ja! Aber man soll ihnen gar nichts sagen, das ist’s ja gerade! +Alles sollen sie selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll man’s +aus ihnen herausholen; so verlangt es das »erotematische« oder +»katechetische« oder »heuristische« Lehrverfahren. Asmus kannte diese +gelehrten Vorschriften wohl; aber als er nun vor den sechzig +Gesichtern stand, wußte er nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle +er den Kindern über ein meilenbreites Wasser die Hand reichen. Und +wenn ihm vorher das Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er +jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den Schuhen, eines im Halse, +das ihn würgte, eines in der Brust, das ihm wehtat und eines in der +Darmgegend. Und nun kamen überdies noch Münz und Morieux herein; denn +es war Brauch, daß, wenn ein Präparand unterrichtete, die andern +zuhörten und hernach ihre Kritik übten. Wie ein Doppelbeckmesser +mußten sie aufpassen, ob auch alle Fragen des Katecheten mit »#W#« +anfingen (denn so verlangt es das »System«), ob Asmus auch keine +»Wahlfragen« stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja oder Nein +zu antworten brauchte, die also die Schüler zum Raten verleiteten, ob +er auch rechtzeitig zusammenfasse und wiederhole, ob er auch alle +Kinder gefragt habe, bevor er eins zum zweitenmal frage, ob er auch +tadle, wenn ein Schüler beim Fingerzeigen aus der Bank trete, ob er +auch bemerkt habe, daß Müller sich in vereinfachter Manier die Nase +geputzt habe usw. + +Asmus sollte zunächst eine Anschauungsstunde geben, und er holte sich +aus dem kleinen Schulmuseum einen ausgestopften Fuchs, der aber dank +der Kunst des Ausstopfers den Hinterleib einer feisten Katze hatte. + +»Was ist das?« fragte Asmus. + +»Das ist ein Hund,« antwortete ein Schüler; denn die Stadtkinder +kannten keinen Fuchs. + +Statt nun an diese nicht ganz unrichtige Antwort anzuknüpfen und den +Fuchs zunächst als Hund zu behandeln, oder aber mit Eleganz darüber +hinwegzugehen und einen anderen zu fragen, biß sich Asmus sofort in +diese Antwort fest. + +»Nein, ein Hund ist das nicht,« sagte er, »woran sieht man, daß es +kein Hund ist?« + +»Er hat gar keinen Maulkorb um!« rief ein kleiner Bursche. + +»Haben denn alle Hunde Maulkörbe?« fragte der junge Präzeptor. (O weh, +eine »Wahlfrage!«) + +»Nein,« riefen viele Kinder. (O weh, der Präzeptor duldete, daß die +Schüler im Chor antworteten, ohne es zu tadeln! Münz und Morieux +notierten eifrig in ihren Heften.) + +»Wozu gehört der Maulkorb also gar nicht?« + +»Der Maulkorb gehört gar nicht zum Hund,« sagte ein Schüler. + +Das genügte Asmus nicht so ganz. Er wollte den Irrtum beseitigen, daß +der Maulkorb ein organischer Bestandteil des Hundes sei (er wußte, daß +die Kinder auch das Hufeisen für einen Teil des Pferdehufes halten), +er wollte die Antwort: »Der Maulkorb gehört nicht zum Körper des +Hundes;« aber wie sollte er aus diesen Kleinen das Wort »Körper« +herauskatechisieren? Sollte er fragen: »Ist der Maulkorb etwa ein +Körperteil des Hundes?« Nein, das durfte er nicht, das war eine »Ja- +und Nein-Frage«. Er versuchte es auf mancherlei Weise; denn er meinte, +jeder auftauchende Irrtum müsse sofort und gründlich beseitigt +werden; aber das ersehnte Wort kam nicht. So biß er sich im Maulkorb +des Hundes fest und war noch immer nicht beim Fuchs, obwohl er schon +am ganzen Körper schwitzte. + +Endlich mußte er das Rätsel doch aufgeben, und so war Zeit und Mühe +verloren. + +»Also ein Hund ist das nicht. Woran sieht man das?« + +Da stand ein Genie auf und sagte: + +»’n Hund hat nicht solchen Schwanz!« + +»Na also!« jubelte Asmus, und in seiner Freude über das erlösende Wort +vergaß er, daß das Genie »’n Hund« statt »ein Hund« gesagt hatte. Münz +und Morieux notierten das. + + + + +XII. Kapitel. + +Asmus ringt gewaltig mit einem Schüler wegen eines Frosches: er +empfängt Rippenstöße, und der gewisse Seybold besteht das Examen. + + +Aber schon von der nächsten Stunde ab mußten Münz und Morieux wieder +Listen und Protokolle schreiben, und Asmus sprach mit seinen Schülern, +wie ihm der Schnabel gewachsen war. Und sieh, mit einem Male ging +alles freier und besser. Wenn er sich nun aus dem Schulmuseum einen +Hasen geholt hatte, so erinnerte er sich jenes Lehrers, bei dem er +gern gehorcht hatte und der auch nicht immer im Stechschritt des +Systems gegangen war. Er sang ihnen vor allen Dingen Lieder vom Hasen +vor: + + »Als der Mond schien helle, + Kam ein Häslein schnelle« + +und + + »Gestern abend ging ich aus, + Ging wohl in den Wald hinaus« + +und + + »Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal + Saßen einst zwei Hasen« + +und nachdem ihnen Herr Lampe mit so vorzüglichen Empfehlungen +vorgestellt war, schauten sie ihn mit ganz anderen Augen an. Und als +Asmus heraushaben wollte, daß der Hase ein Säugetier sei, da fragte er +sie: + +»Was für ein Vogel ist denn der Hase?« Halloh, da gingen sie fast über +die Bänke vor Lachen und Weisheit und riefen: »Das ist ja gar kein +Vogel!« und erklärten ihm mit Begeisterung, warum der Hase kein Vogel +sei! O Gott, wenn Münz und Morieux, und gar der Herr Oberlehrer +dagewesen wären! Überhaupt fand er, daß es den Kindern ein besonderes +Vergnügen bereitete, wenn er sich recht dumm stellte und sich dann von +ihnen aufklären ließ. Der alte Sokrates kannte seine Leute. + +Natürlich stieß er trotzdem noch täglich, ach, stündlich in seinem +Fahrwasser auf Klippen, Untiefen und Stromschnellen. Da hatte er ihnen +das Märchen vom Froschkönig und dem eisernen Heinrich erzählt. Der +Frosch hatte der Königstochter ihren goldenen Ball aus dem Brunnen +geholt unter der Bedingung, daß er mit ihr an einem Tische essen und +in einem Bettchen schlafen dürfe. Und sie hatte es ihm doch hoch und +heilig versprochen. Als nun der Frosch ins Schloß kam, wollte sie ihr +Königswort nicht halten. Das ist mit Königsworten öfters so, ist aber +unsittlich. Und Asmus wollte entwickeln, daß man sein Wort halten +müsse, und wenn es auch noch so schwer sei. + +»Warum wollte sie denn nicht mit dem Frosch zu Bett gehen?« fragte +Asmus einen Schüler. + +»Ich weiß nicht,« sagte der. + +»Möchtest Du denn einen Frosch im Bett haben?« + +»Ja!« rief das Bürschchen begeistert. + +Hm. Das war ein unerwartetes Hindernis. Aber Asmus besann sich. +Vielleicht sprach das Kind so aus ethischen Erwägungen. Es meinte wohl +im stillen: wenn ich es versprochen hätte. + +»Schön,« fuhr der Magister fort, »du möchtest also bei einem Frosch +schlafen. _Aber doch nur wann?_« + +»Immer!« versetzte strahlend der Gefragte. + +Hm, hm. Wie sollte man diesem perversen Individuum die Moral der +Geschichte begreiflich machen? Man mußte einfach die Segel streichen. +Der kluge Magister begriff erst später die Freude der Kinder an allem +Spiel mit den Tieren. + +Aber solche und ernstere Schwierigkeiten erhöhten gerade die Lust an +der Arbeit, und er widmete sich ihr auch mit so viel körperlichem +Eifer, daß er infolge des vielen Sprechens von einer Heiserkeit in die +andere fiel. Überdies kam der erkrankte Lehrer nicht wieder, aus den +acht Wochen wurde ein Vierteljahr, aus dem Vierteljahr ein halbes. +Asmus hatte morgens eine Stunde weit zur Schule und ging mittags +denselben Weg zurück. Dann aß er eilig zu Mittag und ging abermals zur +Schule, um den Nachmittagsunterricht zu erteilen. Danach begab er +sich von der Schule ins Präparandeum, und abends hatte er eine gute +Stunde nach Hause. Dann erst konnte er an seine Präparationen für +Schule und Präparandeum gehen. Das machte etwa elf Stunden Arbeit und +fünf Stunden Marsch. Aber Asmus war noch immer tief davon +durchdrungen, daß der Schlaf ein eingebildetes Bedürfnis sei, eine +Überzeugung, die er bald genug ablegen sollte. Einstweilen aber ging +er nicht nur jeden Sonnabend zu Bockholm ans Klavier, er machte auf +seinen Wanderungen auch noch Gedichte, die den Beifall Lauras, nämlich +Fräulein Wieselins, und der beiden Leonoren fanden. + +Nur einen Menschen gab es, dem die vielfältige Beschäftigung Asmussens +Sorge machte, und das war seine Mutter. Nicht, daß sie für seine +Gesundheit gefürchtet hätte, – seine vollen, roten Wangen ließen +solche Befürchtungen nicht aufkommen, – nein, sie bangte wegen des +bevorstehenden Abgangs-Examens. Im nahen März sollte Asmus ins Seminar +übergehen, und sie fürchtete, daß er sich bei so viel Arbeit nicht +ordentlich vorbereiten könne und dann womöglich durchfalle. Und sie +schickte heimlich einen Seminaristen aus der Bekanntschaft ab, der +sich bei einem Lehrer des Präparandeums nach den Aussichten ihres +Sohnes erkundigen sollte. »Zu Hause sagt der Bengel ja nichts,« klagte +sie. »Er macht auch Gedichte; aber meinen Sie, er zeigt sie uns? Wenn +ich nicht mal eins in seiner Schublade finde, erfahren wir nichts +davon.« + +Seine Gedichte zu Hause zeigen, – nein, das brachte Asmus nicht über +sich. Eine Scham, die er sich selbst nicht deuten konnte, hielt ihn +davon zurück. Wir mögen auf der Gasse nicht im Nachtgewand und daheim +nicht in der #Toga palmata# erscheinen. + +Jener geheime Emissär geriet an den Lehrer für deutsche Sprache und +Literatur, einen großen Mann mit einer prachtvollen Römerglatze und +energischen Zügen, die lieber dem Spott als der Liebenswürdigkeit +dienten. Er maß den Frager von oben bis unten mit höhnischem Blick und +sagte dann: »Ja, wenn wir den durchfallen ließen, wen sollten wir dann +bestehen lassen?« + +Dieser Bescheid beruhigte Frau Rebekka einigermaßen, aber keineswegs +vollständig. Als der erste Tag des schriftlichen Examens anbrach, +strich sie unaufhörlich mit liebkosenden Händen an ihrem Sohne auf und +ab, als ginge er den Weg zum Schafott und kehre nicht mehr zurück. Als +ihn acht Tage später der Mann mit der Römerglatze auf die Seite +genommen und mit spöttischem Lächeln gesagt hatte: »Ich gratuliere +Ihnen. Sie haben den besten Aufsatz geschrieben,« da brachte er +fliegenden Laufes wie der Bote von Marathon seiner Mutter die +Nachricht, damit sie sich beruhige. Und wirklich wurde sie etwas +ruhiger. + +Ludwig Semper konnte zu der Unrast Rebekkens immer nur lächeln. »Du +bist nicht gescheit,« sagte er kopfschüttelnd und blickte zum Fenster +hinaus in die Ferne. + +Asmus aber war aus Sicherheit und Unruhe wunderbar gemischt. Er +pflegte weder sich noch anderen Demutsflausen vorzumachen und sagte +sich wohl: »So viel wie die anderen weiß ich auch«; aber alles Leben, +das er noch nicht kannte, stellte er sich als Wunder vor, als gutes +oder schlimmes Wunder, und das Examen rechnete er vorläufig zu den +schlimmen. Er dacht’ es sich im Grunde als eine Lotterie, die der +Zufall entschied; er stellte sich vor, daß Dr. Korn, der als Direktor +natürlich alles wußte, oder Herr Stahmer, der ebensoviel wußte, ihm +die abenteuerlichsten Fragen vorlegen könnten, die schwersten Fragen, +an die er nie gedacht, und dann war ihm ungefähr zumut wie dem armen +Gretchen beim #dies irae#. + + #Quid sum miser tunc dicturus + »Quem patronum rogaturus?«# + +Vielleicht war er der unruhigste von allen Examinanden. Sein +Platznachbar Seybold z. B. schrieb im schriftlichen Examen einfach +alles nach, was er mit seinen vortrefflichen Augen von Sempers +Schriftstücken ablas, und war darum viel ruhiger als dieser. Ja, +dieser Jüngling setzte ein so heiteres Vertrauen in die Kräfte seines +Nebenmannes, daß er noch unmittelbar vor der naturgeschichtlichen +Prüfung im Bücherschrank der Klasse von möglichst dicken Wälzern nach +dem System »Mausefalle« einen babylonischen Turm errichtete, der bei +der geringsten Erschütterung durch die angelehnte Schranktür ins +Zimmer stürzen mußte. Der Campanile brach denn auch mit wunderbarer +Präzision und furchtbarem Getöse zusammen, als Papa Hamann gerade die +Frage von den Monocotyledonen und den Dicotyledonen diktierte. +Natürlich mußte Asmus Semper wieder prusten, und als Papa Hamann ihn +lachen sah, sagte er: + +»Themper, thie gehen mit einem geradethu thträflichen Leichtthinn inth +Ekthamen!« + +In der mündlichen Prüfung war Seybold freilich erheblich unruhiger, +und wenn der Examinator sich seinem Platze näherte, stieß er Sempern +so heftig in die Rippen und trat ihm so deutlich auf den Fuß, damit er +ihm aushelfe, daß Asmus noch drei Tage nachher die blauen Flecke +beobachten konnte. Nun konnte er zwar nicht einblasen, wenn er sich +nicht selbst ans Messer liefern wollte; aber der gute Seybold bestand +trotzdem, und Asmus stellte ernste Erwägungen darüber an, warum man +eigentlich Examina vornähme, wenn auch die Seybolde durchkämen. + + + + +XIII. Kapitel. + +Frühlings- und Ferienlust; Wiederauftreten des Herrn Morieux; ein +längerer Blick der »Dame in Trauer«, ein Aufstieg ins Gebirge und ein +Gärtner mit einer Schere. + + +In der Tat, das einzige Gute, das solche Prüfungen haben, sind die +Ferien, die sich ihnen gewöhnlich anschließen. Drei Wochen hatte er +nun frei – er warf sich daheim aufs Sofa und streckte die Beine, als +wenn er sie gleich durch die ganzen drei Wochen hindurchstrecken +wollte. Und auch gefeiert wurde er! Frau Rebekka, die nun endlich ganz +beruhigt war, fragte ihn feierlich, was er denn heute essen wolle. Das +war noch nicht dagewesen. Und Asmus nahm seinen Flug bis zum Gipfel +der Imagination und sagte nach einigem Erwägen: »Pfannkuchen mit +Pflaumenmus.« »Sollst du haben,« sagte Frau Rebekka und flog in die +Küche an den Herd. + +Was sein Vater ihm gab, war anderer Art. Asmus saß mit einem Buch an +seinem gewohnten »Schreibtisch«, und Ludwig Semper saß an seinem +Arbeitstisch und machte Zigarren. Und obwohl Asmus ihn nicht ansah, +wußte er wieder ganz genau, daß die Augen seines Vaters auf ihm +ruhten, und er hütete sich wohl, den Blick zu erheben und die +zärtlichen, sommerwarmen Augen seines Vaters zu verscheuchen. Er las +nicht mehr, er sah immer auf dasselbe Wort und dehnte sich in der +Juliwärme dieses Blickes, dehnte sich langsam, kaum merklich, aus +Furcht, die Sonne möcht’ es merken und sich verhüllen; er fühlte sich +von einem heiligen Licht umflossen und sah in diesem Licht wie goldene +Stäubchen die Millionen seligen Erinnerungen seiner Kindheit wirbeln. + +Und noch ein andres Herzensglück sollten diese Tage ihm bringen. Als +Asmus eines warmen Frühlingstages am Fenster stand und auf seiner Zehn +Marks-Geige nach einer Notenschrift in den Wolken fantasierte, wurde +heftig geklopft. Im selben Augenblick sprang auch schon die Tür auf, +und wer trat herein? Morieux. Morieux mit bleichem, verzerrtem Gesicht +und weit vorgestreckter Hand. + +»Ich wollte dir die Hand zur Versöhnung bieten,« sagte er. + +»Bravo!« rief Asmus, indem er klatschend einschlug, »wie geht’s dir? +Was machst du? Komm, setz’ dich ins Sofa! Steck’ dir eine Zigarre an, +eine feine Brasil. Trinkst du lieber Bier oder Kaffee?« + +Er war nahe daran, seinem Freunde Kost und Logis für drei Monate +anzubieten; denn er mußte reden, um seiner Gemütsbewegung Herr zu +werden. Er schämte sich viel mehr als sein Freund; er war über und +über rot geworden, lief planlos im Zimmer hin und her und stellte +seinem Gast die beiden besten Stühle hin, obwohl er ihn ins Sofa +gebeten hatte. + +Morieux fing an, von seinem Verschulden zu sprechen. + +»Aber ich bitte dich!« rief Asmus, »sprich nicht davon. Wenn ich mich +vertrage, hab’ ich alles Vergangene vergessen. Ich hatt’ es sowieso +schon vergessen. Da – hier – spiel’ mir was vor!« Er drückte ihm die +Geige in die Hand. »Bitte, bitte, die F-Dur-Romanze!« + +Und Beethovens Töne schwemmten alle Kleinigkeiten hinweg. + +Drei Wochen sollte er so genießen! Was konnte man da für Spaziergänge +machen, für Bücher lesen, für Duette spielen, für Gedichte machen – es +war nicht auszudenken! Ganze Epopöen konnte man dichten! Er begann +auch sofort mit einer breit angelegten Dichtung »Niobe«, in der die +vierzehn Kinder der bejammernswerten Tantalstochter einzeln starben. +Ach ja, Ferien waren doch noch schöner als die schönsten +Unterrichtsstunden! Auch als Junge war er – wenn seine Mitschüler ihn +nicht peinigten – mit Lust zur Schule gegangen, ja, die Geschichts- +und Geographie- und Physikstunden des Herrn Cremer waren ihm zuzeiten +das Liebste auf der Welt gewesen; aber das Allerliebste blieben doch +die Ferien. Als er noch in der Klasse des Herrn Rösing gewesen war, da +war eines Morgens ein Lehrer gekommen und hatte gesagt: + +»Ihr könnt wieder nach Hause gehen, Herr Rösing ist krank.« + +»Hurra!« hatte die ganze Klasse geschrien. Da hatte der Lehrer +gerufen: »Jungens, seid ihr des Teufels? Wenn euer Lehrer krank ist, +brüllt ihr Hurra?« + +Aber das war eine tendenziöse Zusammenstellung. Sie dachten gar nicht +an die Krankheit des Herrn Rösing; sie dachten nur an ihre Freiheit. +Sie gönnten dem Lehrer jedes Wohlbefinden, wenn er nur nicht kommen +wollte. Und auch Asmus hatte Hurra geschrien ... + +Aber seine Ferien waren noch nicht ganz; einige Tage mußte er noch in +die Schule zum Unterrichten, und dann mußte er noch eine Prüfung +ablegen: prüfend sollte er geprüft werden. Da der kranke Lehrer noch +immer nicht wieder erschienen war, so mußte Asmus »seine« Klasse bei +der öffentlichen Prüfung vorreiten. Das war wieder eine bange Stunde; +denn hinter ihm, neben ihm, an den Wänden entlang und auf den Bänken +der Kinder saßen und standen sämtliche Damen und Herren des +Kollegiums. Auch Laura war natürlich da und die beiden Leonoren; und +ganz hinten auf der letzten Bank saß Beatrice, oder, wie sie +eigentlich hieß: Hilde Chavonne. Sie hatte zum ersten Male die Trauer +abgelegt, wenn auch nur in ihren Kleidern; sie trug ein leuchtend +braunes Kleid, und in diesem Kleide, mit ihrem reichen braunen Haar +und ihren melancholisch-braunen Augen war sie brünetter, hübscher und +stolzer denn je. Und mit einem Male sprang in Asmussens Seele ein +Imperativ empor: dieser Stolzen sollst du imponieren. Den Blick dieses +Mädchens wählte er sich zum Leitstern durch die schwere Stunde, und +nichts gibt der Arbeit eines Siebzehnjährigen einen feurigeren +Aufschwung, als wenn auf ihr der Blick eines Weibes ruht. + +Als die Prüfung vorüber war, sagte der Oberlehrer nichts; er wiegte +nur wohlwollend auf und ab das Haupt. Als die Damen das Zimmer +verließen, sah Asmus, daß Fräulein Chavonne sich mit einer Kollegin +über ihn unterhielt; denn diese blickte ihn wiederholt von der Seite +an; Hilde Chavonne aber heftete, bevor sie hinausschritt, noch einmal +den Blick auf ihn, als habe sie den kleinen Herrn erst heute kennen +gelernt, und was das Merkwürdige war: sie wandte den Blick nicht weg, +wie es sonst die Mädchen zu tun pflegen, wenn der Blick eines +Jünglings ihrem beobachtenden Auge begegnet; nein: offen, fest und +ernst blickte sie ihm ins Auge. + +Nach völlig beendigter Prüfung wollte Semper sich von den Herren des +Kollegiums verabschieden. + +»Was fällt Ihnen ein!« rief einer der Herren, »Sie müssen mit uns.« + +Asmus erklärte, er könne nicht, er habe »furchtbar viel zu tun,« und +als der joviale Herr ihn nicht lassen wollte, sagte er leise: »Ich +habe kein Geld.« + +»Wofür halten Sie mich denn?« rief der Lehrer lachend, »wenn ich Sie +einlade, brauchen Sie doch kein Geld.« + +Nun ging es in eine halbländliche Kneipe, wo man in Lauben saß und der +Wirt noch ein Käppchen trug. Asmus war glücklich und stolz; die Herren +behandelten ihn nicht nur als Kollegen, sie nannten ihn sogar so. Und +sie waren über die Maßen lustig und erzählten sich in seiner Gegenwart +die ausgelassensten Schnurren. Asmus saß mit weit offenen, lachenden +Augen da. Er hatte mit jener scheuen Ehrfurcht, die er vor allem +Unbekannten hegte, diese Herren für Halbgötter gehalten, die hoch über +der Lust gewöhnlicher Sterblicher dahinwandelten. Die Entdeckung, daß +sie fröhliche Menschen waren, war ihm ein fröhliches Wunder. So +gefielen sie ihm noch viel besser. + +Einer der Herren zog Asmus in ein Gespräch über Rousseau. Er meinte, +das Leben Rousseaus sei tadelnswert und seine Theorien seien nicht +ausführbar. Aber Asmus war schon beim dritten Glas und verteidigte +seinen Liebling wie eine Löwin ihr Junges. Rousseau sei der beste der +Menschen gewesen, und alle seine Ideen seien ausführbar, wenn man nur +wolle. + +»Na, Herr Semper,« warf ein etwas eingetrockneter Herr aus der Runde +ein, »darüber können Sie doch wohl noch nicht urteilen.« + +»Wissen Sie, was Schiller sagt?« rief Asmus. + +»Nee,« sagte der Herr. + +Und Asmus rezitierte mit hochgeröteten Wangen: + + »Monument von unsrer Zeiten Schande, + Ew’ge Schmachschrift deiner Mutterlande, + Rousseaus Grab, gegrüßet seist du mir! + Fried’ und Ruh’ den Trümmern deines Lebens! + Fried’ und Ruhe suchtest du vergebens; + Fried’ und Ruhe fand’st du hier. + + Wann wird doch die alte Wunde narben? + Einst war’s finster, und die Weisen starben; + Nun ist’s lichter, und der Weise stirbt. + Sokrates ging unter durch Sophisten, + Rousseau leidet, Rousseau fällt durch Christen, + Rousseau – der aus Christen Menschen wirbt.« + +Die Worte »Schande«, »Schmachschrift«, »Sophisten« und »Christen« +hatte Asmus mit anzüglicher Betonung hervorgehoben. + +»Ja, das ist ja sehr formvollendet,« sagte der Gedörrte mit einer +empörenden Kälte, »aber Schiller ist für mich auch nicht maßgebend.« + +»Was? Schiller –?« + +Asmus wollte aufspringen; aber jener andere Herr legte ihm die Hand +auf die Schulter und sagte: »Ich werde Ihnen mal Rousseaus +»Bekenntnisse« leihen; die werden Sie interessieren.« + +»O ja! Herzlichen Dank!« rief Asmus, und am nächsten Tage stürzte er +sich in die »Bekenntnisse«. + +Das war Öl ins Feuer. Den Kopf in beide Hände vergraben, las er +stundenlang mit heißen und heißeren Wangen. Da plötzlich sprang er +auf, warf die Arme nach beiden Seiten und rief ganz laut: »O Gott – o +Gott!« Er hatte die Stelle gelesen, wo Rousseau sich vor dem Leser zu +jenem Diebstahl bekennt, den er hartnäckig geleugnet hat. Wohl eine +Stunde lang stürmte Asmus im Zimmer auf und ab, oder er warf sich ins +Sofa, vergrub das Gesicht in beide Hände und atmete schwer. Welch ein +Mut, welch ein Wahrheitsmut! Welch eine erschütternde Liebe zur +Wahrheit! Asmus wollte weiterlesen; aber kaum hatte er das Buch +berührt, so schlug er es heftig zu. Er konnte nicht weiterlesen; eine +geheimnisvolle Macht verwehrte ihm, die heiligste, größte Stunde +seiner Jugend selbst zu töten. Er lief ins Freie, rannte durch Felder +und Wiesen und sah von Feldern und Wiesen nichts; er füllte nur eine +unaufhörliche Brandung gegen die Wände seines Herzens schlagen. Gegen +Abend kehrte er ruhiger nach Hause zurück. Wieder schlug er das Buch +auf, und langsam, zärtlich, mit ferngewandtem Blick machte er es +wieder zu. Wie der Bergwanderer, der einen höchsten Grat erstiegen und +nun die freie und reine Herrlichkeit der Täler und Gipfel erschaut, +sich nicht entschließen kann, wieder dort hinabzusteigen, wo alles das +ihm entschwinden wird, so konnte es Asmus nicht über sich gewinnen, +die Höhe zu verlassen, wo himmlische Luft sein Herz durchbraust hatte. + +Und zu diesem Rousseau würde nun bald im Seminar Pestalozzi kommen und +Comenius und die Alten: Plato, Aristoteles, die Kirchenväter – er +hatte Einblick in den Lehrplan des Seminars bekommen – ach: was gab es +da nicht alles in der Psychologie, in der Logik, in der Methodik, in +Literatur und Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften – ihm +lief das Wasser im Munde zusammen wie einem Schlemmer, der vom +Gastmahl des Trimalchion liest, von einem jener römischen Gelage, wo +ganze Ochsen und Eber auf goldenen Wagen herangefahren wurden und +Speisen und Getränke aus der Decke, aus den Wänden und aus dem Boden +hervorkamen. Das alles, was da in dem Lehrplan stand, sollte er +studieren dürfen, bis in die tiefsten Schachte der Wissenschaft +hinein, und zu Hause würde er noch Zeit haben, noch ebensoviel dazu zu +lernen – + + »O Erd’, o Sonne, + O Glück, o Lust!« + +das war der tägliche Text seines Herzschlages, die immer +wiederkehrende Melodie seines Gedankenreigens. Was sich draußen golden +und grün über Felder und Hecken breitete und was sich golden und grün +über unendliche Fluren in seinem Herzen dehnte: es war derselbe +Frühling, derselbe lerchenfrohe Lebensmorgen. + +Der alte Moor fiel ihm ein, der, seines Erstgeborenen gedenkend, +erzählt: »Da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel und +rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?« + +Im Übermute seines Herzens mußte er es still in sich hineinrufen: Bin +ich nicht ein glücklicher Mann? + +Freilich: der alte Moor war dann nichts weniger als glücklich +geworden. + +»Aber ich bin glücklich!« rief Asmus in sich hinein »und ich werde +glücklich sein, ich weiß es.« + +Mit solchen Empfindungen überschritt er an einem Aprilmorgen zum +ersten Male die Schwelle des Seminars. + +Er hörte nicht die Schere klingen, die Schere des Gärtners, der +herankam, sein Glück zu beschneiden. + + + + +Zweites Buch + +Arbeit und Kampf + + + + +XIV. Kapitel. + +Der Gärtner beginnt, seine Schere zu handhaben. + + +Asmus war erst wenige Tage im Seminar, als er sich auf dem Heimwege, +auf demselben Spielbudenplatze, der seine sonntäglichen Schwelgereien +in nun vergangenen Tagen gesehen hatte, von einer weiblichen Stimme +anrufen hörte. + +»Asmus, sei man nich so stolz!« rief die weibliche Stimme. + +Er fuhr aus seinen Gedanken auf und starrte in das Gesicht einer Frau, +die ein Kind auf dem Arme trug. + +Ja, war’s denn möglich – das war ja Adolfine Moses, die mütterliche +Gespielin früherer Jahre, die treffliche Sibylle, in deren Hexenküche +er so manchen Buchweizenkloß gegessen hatte, die ihm die erste +Nachricht vom Ausbruch des Krieges mit Frankreich gebracht hatte. + +»Kenns mich woll ganich mehr?« rief Adolfine und verzog lachend den +Mund bis an beide Ohren. + +»Aber natürlich, Adolfine, natürlich kenn ich dich!« rief Asmus. Ihre +Häßlichkeit war im wesentlichen nicht anders geworden, nur reifer. + +»Wie geht’s dir denn?« + +»Och, ich bin jetz verheirat’t. Dies is mein Jung; mags ihn leiden?« + +»Ja, natürlich,« sagte Asmus. + +»Was bist du denn geworden,« forschte Adolfine. + +»Ich will Lehrer werden,« antwortete Asmus. + +Da klaffte Adolfinens Mund wie eine Löwengrube, und sie lachte, daß es +über den ganzen Platz hallte. + +»Bis woll verrückt!« schrie sie. + +Asmus sah sich unwillkürlich um. »Schrei doch nicht so!« rief er. +»Natürlich werd’ ich Lehrer.« + +Aber es kostete viel Mühe, sie daran glauben zu machen. Und langsam +und gradweise, wie sie ihm Glauben schenkte, öffnete sich wieder ihr +Mund. + +»Kanns das denn alles in’n Kopf behalten?« fragte Adolfine. Sie dachte +an ihre eigene Schulzeit. + +»Jaa – ziemlich,« versetzte er langsam. »Aber jetzt muß ich weiter. +Adieu, laß dir’s gut gehen!« + +Er gab ihr die Hand; aber sie war jetzt sprachlos, und als er schon +fünfzig Schritte weit war, stand ihr Mund noch immer offen. – – + +Hinter der Satyrmaske Adolfinens war das Schicksal verborgen gewesen +und hatte gerufen: »Du bist wohl verrückt!« – – – – + +Das drohende Tabakmonopol und später die erhöhte Tabaksteuer lasteten +schwer auf dem Gewerbe der Zigarrenmacher; wenigstens hatten die +Fabrikanten die ohnedies bescheidenen Arbeitslöhne noch herabgesetzt. +Der Urheber der Steuer nannte sich Bismarck, und dieser Bismarck wurde +in den Stuben der Zigarrenarbeiter um dessen willen nicht geliebt. +Aber dieser Bismarck hatte noch etwas anderes hervorgebracht, und das +war das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie. Asmussens Bruder +Johannes aber war leidenschaftlicher Sozialdemokrat. Nicht als Redner +trat er hervor; aber er war im Vorstand der Ortsgruppe und wirkte +still und begeistert für die Organisation. In harter Winterzeit machte +er Agitationsreisen ins unberührteste Schleswig-Holstein, dorthin, wo +die Landbevölkerung den »Dezimalkroaten« Unterkunft und Nahrung +weigerte und sie nicht selten mit Hofhunden an Leib und Leben +bedrohte. + +Einmal aber trat Heinrich Moldenhuber, der »Wolkenschieber« oder, wie +ihn Ludwig Semper ob seiner sturmgeschwellten Rockschöße gewöhnlich +nannte: Heinrich der Seefahrer ins Arbeitszimmer der Semper und sagte +mit stoischem Lächeln: + +»Ich bin ausgewiesen.« + +Man glaubte anfangs, er scherze. Aber er zeigte lächelnd den +Ausweisungsbefehl. Und man begriff noch immer nicht. Wie? Dieses +neunundzwanzigjährige Kinderherz sollte »gemeingefährlich« sein? Wie? +dachte Asmus, dieser Mann, der zu den besten Stücken meiner Jugend und +meiner Heimat gehört – den verbannt man aus seiner Heimat? Gewiß würde +Moldenhuber auch auf der Barrikade seine Schuldigkeit getan haben; +aber nie würde er aufgefordert haben, eine zu bauen; er würde viel +mehr versucht haben, den Fürsten Bismarck oder den das Standrecht +ausübenden General von seinem Irrtum und von der Richtigkeit der +sozialistischen Lehre zu überzeugen. + +Aber alles Verwundern half nichts gegenüber der brutalen Tatsache. + +»Wohin willst du denn?« fragte Ludwig Semper. + +»Nach Amerika,« antwortete Moldenhuber ruhig. + +Nach Amerika! Der Wolkenschieber nach Amerika! Das war so, als wenn +Hölderlin auf die Hamburger Börse gegangen wäre, um hinfort in Kaffee +zu spekulieren. Ludwig Semper riet ihm dringend ab; aber der Seefahrer +war heiter entschlossen. Fast schien es, als ob ihm die +Schicksalswendung willkommen wäre und er sich auf die Entdeckung +Amerikas durch Heinrich den Seefahrer freue. Was konnte ihm geschehen? +Nahm er nicht seine Dichter und Philosophen überallhin im Kopfe mit? +Und für eine Bücherkiste war wohl auch noch Platz im Zwischendeck. + +Amerika! Asmussens Brüdern, Johannes und Alfred, hatte dies Land schon +oft vor der Seele gestanden als ein Bereich, wo man aus dem ewigen +Schuften und Sorgen herauskomme, wo brauchbare Arbeit einen +reichlichen Lohn finde. Der Entschluß, dahin auszuwandern, war immer +wieder verschoben worden; denn diese Heimat mit all ihrem Schuften und +Sorgen übte ihre stille Kraft. Aber die Polizei kam ihrer +Unentschlossenheit zur Hilfe. Ein Beamter, der Ludwig Sempern +freundlich gesinnt war, teilte ihm unter der Hand mit, daß auch sein +Sohn Johannes auf der Proskriptionsliste stehe und demnächst +»drankomme«. Vielleicht ziehe er es vor, noch vordem auszuwandern. + +Das gab einen Aufruhr im Hause Semper! Frau Rebekka sprach sich über +Thron und Altar, über Bismarck und die Polizei in einer Weise aus, die +ihr gegebenen Falles 100 Jahre Gefängnis gesichert hätten, und im +stillen weinte sie. Ludwig Semper trug das Unglück schweigend wie +immer, nur warf er öfter als sonst das linke Bein über das rechte und +bewegte heftig die Lippen, und nur einmal rief er: »Die Narren, wenn +sie glauben, daß ihnen das was hilft!« + +Am muntersten nahm Alfred die Neuigkeit auf. Er wollte sofort mit +seinem Bruder nach Amerika, obwohl ihn niemand forttrieb und obwohl +er sich ein Sümmchen erspart hatte. Aber er wollt’ es »zu was bringen« +und erbot sich, seinem Bruder das Geld für die Überfahrt zu leihen. + +Und Johannes schlug ein. Entschlossen, nach Amerika zu gehen, war auch +er. Aber seine Entschlossenheit hatte zwei Gesichter, die in den +nächsten acht Tagen oft miteinander wechselten. Das eine pflegte mit +unternehmendem Blick durchs Fenster nach Westen zu sehen, das andere +die Blicke wandern zu lassen über Wände und Winkel, Gassen und Felder +in Haus und Heimat, von denen er scheiden sollte. + + + + +XV. Kapitel. + +Asmus hört ein französisches Lied von deutschem Heimweh, gibt +Privatstunden bei Lachtauben und Häschen und erhält sein erstes +Dichterhonorar. + + +Schon acht Tage später bewegte sich durch die Straßen von Oldensund +und Altenberg ein Trupp von Auswanderern dem Hamburger Hafen zu. Außer +Moldenhuber und Johannes Semper waren noch andere ausgewiesen worden; +Europamüde hatten sich ihnen angeschlossen, und zahlreiche Verwandte +und Freunde gaben ihnen das Geleite bis zu den Landungsbrücken. Man +war auf gewisse Weise heiter; einige hatten ihrer Heiterkeit mit +Alkohol auf die müden Beine geholfen. Man konnt’ es Heiterkeit nennen, +wie man es Sonnenschein nennen kann, wenn durch unaufhörlich ziehende +Wolken hin und wieder auf Minuten die Sonne mit stechendem Glanze +hindurchblickt. Man sang sogar, man sang lustige Lieder; aber kein +Mensch nahm sie lustig. Asmus ging eine Weile allein neben seinem +Bruder Johannes. Sie sangen beide nicht mit; aber plötzlich sang etwas +in Asmus. Er hatte es oft, daß plötzlich eine Melodie in ihm +aufwachte, die er nur einmal gehört und die er dann wochenlang, +monatelang vergeblich in seiner Erinnerung gesucht hatte. Vor mehr als +einem Vierteljahr hatte er mit dem blinden Pianisten zusammen die +»Fantastische Symphonie, op. 14« von Berlioz gehört. Und da hatte ganz +besonders ein Gesang gedämpfter Geigen sich wie ein weicher, warmer +Herbsttag ihm in das Herz gelegt. Er hatte sich die Worte gemerkt, die +den Komponisten zu diesem Gesange angeregt hatten; aber die Melodie +hatte er doch vergessen. Heute mit einem Male schlug jene wundersame, +süß-traurige Weise die Augen auf. + +[Illustration: +#/Largo./# + +Musiknoten + +Liedtext: +#Je vais donc quitter pour jamais, mon doux pays, ma douce amie!#] + +sang es in ihm. Dann hörte er seinen Bruder sprechen. + +»Sobald ich drüben bin, schick’ ich meine Adresse; dann mußt du mir +fleißig schreiben.« + +»Gewiß,« sagte Asmus. + +»Schreib mir sobald als möglich, wie es Vater und Mutter geht – sie +werden allmählich alt.« + +»Ja, ja,« sagte Asmus nachdenklich. + +»Mach’ ihnen nur recht viel Freude. Sowie ich etwas übrig habe, +schick’ ich auch Geld.« + +»Aber überarbeite dich auch nicht,« fügte Johannes noch hinzu. Dann +schwiegen sie wieder. Und wieder hub in Asmus die sanfte, traurige +Weise an: + + #Je vais donc quitter pour jamais + Mon doux pays# – – – + +Endlich waren sie am Landungsplatz, und da griff der Anblick der +vielen Hunderte von Zwischendeckspassagieren wie mit Krallen in +Asmussens Herz. Er wußte ja von all diesen Leuten gar nicht, warum sie +auswanderten, ob sie es gern oder ungern taten, was sie erhofften und +was sie verließen; aber er sah in dieser ganzen Masse von Männern, +Weibern und Kindern mit ihrer in Bündel geschnürten Habe nur ein +großes Elend, ein großes, bitteres Elend, und zum ersten Male in +diesen Tagen des Abschieds traten ihm heiße, reichliche Tränen ins +Auge. Er trocknete sie schnell; denn es galt, Abschied zu nehmen und +den Brüdern ein fröhliches, ermunterndes Gesicht zu zeigen. Der guten +Frau Rebekka wollte fast das Herz brechen, und sie empfahl ihren +Söhnen noch hundert Dinge, die sie nicht vergessen sollten; sie +knöpfte Alfred den Rock zu und knotete Johannes den Schal fester um +den Hals, um sie gegen die rauhe Seeluft zu schützen, die indessen von +Hamburg noch fünf Stunden weit entfernt ist. Endlich fuhr das Schiff +unter Hurrarufen und Winken der Zurückbleibenden davon. + +Als Asmus wieder daheim war, ging er heimlich ins Schlafzimmer, wie er +von jeher getan, wenn er mit sich allein sein wollte. Er trat ans +Fenster und blickte nach Westen. Wo werden sie jetzt sein, dachte er. + + #Je vais donc quitter – – –# + +Die Melodie schlang sich wie ein Gewinde von Orangenblüten durch alle +seine Gedanken. + + #Je vais donc quitter pour jamais + Mon doux pays, ma douce amie! + Loin d’eux je vais trainer ma vie + Dans les pleurs et dans les regrets.# + +Das Lied paßte ja eigentlich gar nicht so recht zu diesem Tage: es war +ein französisches Lied, und hier handelte es sich um eine deutsche +Heimat; auch der Sinn der Worte paßte nur halb; aber die Töne, die +Töne sangen ein wunderbares Heimweh, und sie folgten ihm bis in den +Traum und bis in manchen folgenden Tag. + +Viel Zeit war indessen für wehmütige Stimmungen und Gedankenspiele +nicht übrig; das Leben schickte sich an, unserm Seminaristen mit +realen Forderungen hart auf den Leib zu rücken. Mit den beiden Söhnen +hatten die alten Semper zwar zwei beträchtliche Esser, zugleich aber +einen für ihren Haushalt noch beträchtlicheren Geldzuschuß verloren. +Vorübergehende Arbeitslosigkeit kam hinzu, und die fetten Jahre der +dreihundertundsechzig Mark #pro anno# waren vorbei; im ersten +Seminarjahr gab es nur einhundertundzwanzig Mark Stipendien, im +zweiten zweihundert, im dritten zweihundertundvierzig. Aber wie +sollten nun die Semper ihren Studenten durch drei endlose Jahre +hindurchschleppen?! + +Frau Rebekka verzagte an diesem Unternehmen. Durch den Spalt einer +angelehnten Tür belauschte Asmus eines Tages ein Gespräch seiner +Eltern. + +»Dann muß er eben den Lehrer an den Nagel hängen und Zigarrenmacher +werden,« sagte die Mutter. + +»Ach, Unsinn!« klang die Stimme Ludwig Sempers. + +»Ja, Unsinn! Weißt du, woher das Geld kommen soll? Ich weiß es nicht. +Wir riechen nach Geld wie die Gänse nach Franzbranntwein.« + +»Na ja, das findet sich,« sagte Ludwig. + +»Ja, das sagst du immer,« meinte Rebekka. »Wozu auch?« fuhr sie fort. +»Die anderen Kinder sind auch alle begabt und sind auch keine Lehrer +geworden.« + +Sie sagte das nicht lieblos; sie sagte es mit jener Resignation des +Armen, der das Gefühl hat, daß das Talent für den Mittellosen ein +Unglück ist. + +Aber obwohl sie das Wort nicht lieblos gesprochen hatte, ging es +Asmussen wie ein Messer durch’s Herz. Sie hatte Wahrheit gesprochen, +die Mutter. Seine Brüder waren wohl ebenso begabt wie er, vielleicht +begabter, und mußten Zigarren drehen. Sollte er seinen Eltern, die +sich von Sorge zu Sorge schleppten, drei Jahre lang auf der Tasche +liegen? Nein. + +Asmus beschloß, seinen Unterhalt durch Privatstunden selbst zu +verdienen. Dazu waren freilich nicht wenige solcher Stunden nötig. + +Er ging dreimal in der Woche zu den Kindern eines Fettwarenhändlers, +drei allerliebsten, wohlerzogenen Kindern, zwei Mädeln und einem +Buben. Die Älteste war ein Lachtäubchen, und wenn Asmus über eine +seltsame Aufgabenlösung ein humoristisches Augenrollen vollführte, +wollte sie sich unter den Tisch kichern; nur wenn er die Frage an das +etwas »thumbe« Brüderlein richtete, machte sie ein bekümmertes +Muttergottesgesichtchen. Die Stunden wurden glänzend bezahlt, mit 75 +Pfennigen, und jeden Monat zählte der blendend weiß beschürzte Vater +mit verbindlichstem Dank und höflichen Komplimenten die blanken +Silberstücke auf die Ladenbank. Hier war alles warm und gut. + +Auch mit dem einzigen Kinde des Gelehrten, zu dem er sechsmal die +Woche ging, lebte er gute und feine Stunden. Freilich nicht von Anfang +an. Als er bei dem sechsjährigen Bürschchen mit dem Unterricht +beginnen wollte, bemerkte er, daß es kaum die Entwicklung eines +Vierjährigen hatte. Infolge von Krankheit oder Verzärtelung war es so +zurückgeblieben, daß es fast gar nicht sprechen konnte, und wenn es +nach vielen Ermunterungen und Mühen endlich den Mund auftat, so sagte +es »trein« statt »klein« und »Josche« statt »Rose«. O, o, oh, dachte +Asmus, was fang ich da an. Zudem war der Kleine furchtsam wie ein +Häslein; er starrte seinen Lehrmeister nach Wochen noch an wie einen +bösen Mann und war durch die zündendsten »Witze« und die komischsten +Gesichter nicht ins Lachen zu bringen. Hundertmal, tausendmal sprach +ihm Asmus die richtigen Laute vergeblich vor – das konnte nicht immer +kurzweilig und fröhlich sein; dem Kleinen traten dicke Tränen ins +Auge, und dann war alles vorbei ... Dann mußte Asmus aufspringen und +ein paarmal auf und ab gehen und sich sagen, daß er die Geschichte vom +Sisyphos bisher immer viel zu leichtfertig und teilnahmlos aufgefaßt +habe. Endlich, nach sechs Wochen, sagte das Bübchen plötzlich ganz +richtig »klein« und »Klavier«. Asmus traute seinen Ohren nicht. + +»Sag’ mal Klaus!« – »Klaus.« + +»Klemme!« – »Klemme!« + +»Klosett!« – »Klosett!« + +»Hurra« brüllte Asmus, »hurra, er kann es!« und er sprang – er konnte +nicht anders – er sprang über einen Stuhl. Da lachte das Bürschchen +zum ersten Male laut auf, und nun kam Sonnenschein ins Werk. Von nun +an ging es vorwärts, und nach einem halben Jahre streckte sich aus +den verhutzelten Hüllblättchen der kleinen Menschenknospe ein +vollkommen helles und frisches Geistchen hervor. + +Die Wirksamkeit in diesem Hause hatte für Asmus noch ein anderes +Ergebnis. Irgend jemand hatte dem Vater seines Schülers gesteckt, daß +der junge Herr Semper auch dichte, und eines Tages erbat der Vater von +seinem Hauslehrer ein Lied für eine Naturforscherversammlung. Asmus +sagte zu und dichtete etwas hervorragend Ungeeignetes. Der Doktor +hatte sich ein munteres Kneiplied gedacht; Asmussens Werk aber war mit +mehreren Zentnern Naturphilosophie befrachtet. Der Gelehrte, ein +Gentleman, fragte gleichwohl mit verbindlichem Dank nach seiner +Schuldigkeit. Vor Asmussens Phantasie stieg wie eine Leuchtkugel ein +funkelndes Fünfmarkstück auf; aber er ließ sich grundsätzlich nicht +übergentlemannen und sagte, es sei eine Gefälligkeit, für die er kein +Honorar beanspruche. + +»Nun, dann werd’ ich es auf andere Weise gutzumachen versuchen,« sagte +der Doktor. + +Und von nun an erschien in jeder Unterrichtsstunde eine Tasse Kaffee, +ein wundervoller Kaffee, nicht mit Zichorien wie zu Hause. Und da er +ein Jahr lang im Hause des Gelehrten wirkte, so kamen Hunderte von +Tassen Kaffee heraus, und sie waren sein erstes Dichterhonorar, ein so +hohes, wie er es viele Jahre später noch nicht erreichen sollte. + + + + +XVI. Kapitel. + +Handelt von sonderbaren Studenten und von einem unvergleichlichen +Architekten. + + +Soweit waren die Privatstunden gut und schön. Mit den zwei Kaufleuten +aber ging es schon anders. Das waren zwei Kompagnons, die Englisch +lernen wollten. Aber nicht das Englisch der Schulgrammatik, des +Landpredigers von Wakefield und des Verlorenen Paradieses, sondern das +Englisch der Butter-, Eier- und Buckskinhändler. Also kaufte sich +Asmus eine Grammatik der englischen Kaufmanns- und Gewerbesprache und +studierte mit Volldampf englische Tratten, Rimessen, Konnossemente, +Fakturen, Beschwerden über unbefriedigende Hosenstoffe und +Insolvenzerklärungen. Die beiden Schüler waren so ungleich wie nur +denkbar; der eine begriff nichts, der andere alles, und das mochte +diesen bewogen haben, sich mit jenem zu assoziieren. Wie sollte man +mit zwei solchen Pferden vorwärts kommen! Und obendrein mußte man doch +noch immer auf der Hut sein, den verstopften Geist seine +Beschränktheit allzu beschämend fühlen zu lassen! Aber die Qual +sollte nicht allzulange dauern. Als Asmus nach zehn Unterrichtsstunden +zur elften erschien, erklärte ihm die Frau, bei der die beiden +Junggesellen gewohnt hatten, daß seine Schüler verzogen seien +»unbekannt, wohin«. Sein Honorar hatten die Kompagnons mitgenommen. +Asmus stand eine Weile sinnend vor dem Hause und betrachtete beim +Schein der Gaslaterne die Grammatik für Kaufmannsenglisch, die vier +Mark gekostet hatte und für die er nie im Leben wieder Verwendung +finden sollte. + +Mit diesen Stunden hatte er besonders gerechnet. Er verdiente +allgemach so viel, daß er seinen Eltern Kost und Wohnung vergüten +konnte, und diese Stunden sollten es ihm endlich ermöglichen, von +seinem Verdienst ein weniges für sich zu behalten. Wenn die Stunden +eine Weile fortgingen, wollte er sich ein Klavier mieten! Und auf +diesem einst zu mietenden Klavier hatte Ludwig Sempers Sohn auf +Spaziergängen und an stillen Feierabenden schon manches #Adagio +cantabile# und manches #Presto furioso# gespielt. Denn er war +vielleicht der größte und kühnste Luftschloßarchitekt seines +Jahrhunderts. Aus einem einzigen Stein baute er ein Schloß; aber er +ließ es nicht etwa, wie die meisten dieser Künstler, bei dem Gerüst +oder bei der Fassade bewenden; nein, er führte es durch und hinauf bis +zu den letzten Fialen und Türmchen, die mit den Mondstrahlen stritten +an Feinheit und Glanz; er baute es aus von der Halle bis ins +verschwiegenste Gemach, von der breitschimmernden Treppe bis in die +Kammer des Türmers, vom lauschigen Erker bis zum lachenden Balkon, der +in prangende Gärten hinabsah. Denn was wäre ein Schloß ohne einen Park +mit Brücken und Lauben, mit singenden Wassern und horchenden +Steinbildern, mit hundert Abgründen für den Traum und hundert Grotten +und Höhlen für die Erinnerung? + +Aber das merkwürdigste war, daß er, wenn das Schloß nun plötzlich im +leeren Grau verschwand, nur drei Sekunden brauchte, um sich mit dieser +vollendeten Tatsache abzufinden. Er galt bei denen, die ihn kannten, +für einen Menschen von Talent; aber sein größtes Talent kannten weder +sie noch er selbst: sein unerhörtes Talent, glücklich zu sein. In +einem heimlichen Schubfach seines Herzens lagen tausend Baupläne zu +neuen Luftschlössern; hinter seiner Stirn brannte wie ein wandelloser +Stern die Hoffnung: Einmal bau ich mir doch ein Schloß, ein Schloß aus +wirklichem Glück, und so viele, so herrliche Schlösser ihm versinken +mochten – er versöhnte sich mit jeder Notwendigkeit und kannte nichts +Unsinnigeres als Trauer um das Unabänderliche. + +Und so schob er denn die Grammatik der englischen Handelssprache unter +den Arm und sagte sich: »Ich habe doch meine Kenntnis des Englischen +erweitert und einen gewissen Einblick in geschäftliche Dinge bekommen +– wer weiß, ob ich sonst jemals dazu gekommen wäre.« Damit waren die +Kompagnons erledigt. + +Die Lust, etwas zu lernen, ist unter den Menschen weit verbreitet, die +Lust, sich darum anzustrengen, nicht. Es gab wohl allerlei Leute, die +Privatstunden haben wollten; aber sie gaben sie gewöhnlich schnell +wieder auf, wenn sie merkten, daß das Lernen bei aller Milde der +Methoden doch etwas anderes ist als eine schmerzlose Einspritzung ins +Gehirn. So gingen allerlei Leute durch Asmussens Hände: ein +Opernsänger, der fast so begabt war wie der beschränkte Kompagnon, +aber nicht singen konnte; ein Franzose, der Deutsch lernen wollte, der +– #ayant oublié son porte-monnaie# Asmussen um drei Mark anpumpte und +dann nicht wiederkam; ein Gastwirt, der eine feinere Wirtschaft +übernahm und darum Bildung lernen wollte, und manche andere; es gab +Wochen, in denen »das Geschäft blühte«; aber sie wechselten mit +Monaten, Vierteljahren, an denen es darniederlag. Und wenn den +Glückspilz Asmus Semper etwas andauernd unglücklich machen konnte, so +war es das Gefühl, seinen Eltern zur Last zu liegen, und die Furcht, +in den Augen seiner Mutter den stummen Vorwurf zu lesen, daß er seinen +Eltern Opfer und Sorgen auferlege, die keines der anderen Kinder +verlangt habe. + + + + +XVII. Kapitel. + +Das Schicksal führt uns zu wunderlichen Tischgenossen. + + +In solcher Zeit ward ihm einmal Hilfe durch einen Lehrer, der ihm in +»feinen Häusern« drei Freitische verschaffte. Asmus jubelte, erstens +weil er seinen Eltern drei Mittagsmahle ersparte, und zweitens, weil +ihm ein Klassenkollege und Freitischler auf Spaziergängen zu +wiederholten Malen die Leckerbissen geschildert hatte, die es in +solchen Häusern gebe. Schneebälle zum Beispiel, Schneebälle zum +Nachtisch, man denke! Asmus freute sich wie ein Kind auf die zu +erwartenden Festgerichte und ahnte nicht, womit sie gewürzt waren. Und +bei dem Architekten war es wirklich schön! Die kinderlosen, noch +jungen Eheleute behandelten ihn ganz wie einen Gast; das Mädchen +servierte erst der gnädigen Frau, dann ihm und dann erst dem +Hausherrn, und die gnädige Frau schanzte ihm immer besonders gute +Bissen zu und schälte und zerlegte ihm mit eigenen Händen Äpfel und +Apfelsinen. Asmus war von dieser reinen Güte so beschämt, daß er +anfangs vor Beklommenheit nicht reden und nicht essen konnte. Aber +die ungezwungene Freundlichkeit der Wirte, die keine seiner +Verlegenheiten und Unbeholfenheiten zu bemerken schien, half ihm über +alle Ängste hinweg; der Hausherr schenkte ihm immer wieder ein, +behandelte ihn als alten Kneipgesellen und neckte bei aller Zartheit +seine Frau so lustig und unbefangen, als wäre niemand zugegen denn ein +alter Freund! + +»Greifen Sie zu, Herr Semper, greifen Sie zu!« rief er. »Meine Frau +hofft natürlich, daß von dem Eis was nachbleibt – sie nascht nämlich; +aber wir sind für ihre Gesundheit verantwortlich; es darf nichts übrig +bleiben.« + +Dann drohte die sanfte Frau ihrem Gatten lächelnd mit dem Finger und +schob Asmussen die Eistorte zu mit einem Glanz in den Augen, als +pflege sie in dem kleinen Seminaristen ihr ersehntes Kind. + +Wie ganz anders ging es da »bei Stadtrats« zu. Da kam Asmus gleich +beim ersten Male neben einer pompösen Dame zu sitzen; sie hieß »Frau +Senator«, und er war sozusagen ihr Tischherr. Zwischen ihr und ihm +stand auf dem Tisch eine Flasche Rotwein. Als der erste Gang nach der +Suppe aufgetragen war, sagte die dicke Frau in einem bösen Tone: + +»Na, wenn _Sie_ keinen Wein mögen, _ich mag_ Wein!« nahm heftig den +Stöpsel von der Flasche und schenkte sich ein. + +Asmus war’s, als ob ihm siedendes Wasser über den ganzen Leib liefe. +Wie sollte er denn dazu kommen, sich an einer Flasche Wein zu +vergreifen, die andern Leuten gehörte, und diesen Wein einer Dame +anzubieten, einer Dame »furchtbar prächtig wie blutiger +Nordlichtschein«! Wenn er auch in der Theorie noch Königsmörder war +und wußte, daß es schlechte Könige und Minister gebe, in der Praxis +glaubte er noch fest, daß ein Mensch, der »Frau Senator« heiße, auch +wirklich etwas Hervorragendes und Feines sein müsse. + +Da war aber auch noch jedesmal ein Kandidat, der bei jeder passenden +und unpassenden Gelegenheit auf die Juden schimpfte, sonst aber keine +geistige Regsamkeit erkennen ließ. In Asmussens Herzen war die Stelle +noch sonnenwarm, an die er vor Jahren Lessings Gedicht von Nathan dem +Weisen gedrückt hatte. Der Kandidat war ihm furchtbar zuwider. Er +konnt’ es begreifen, daß man einzelne Menschen haßte, wenn sie +schlecht waren; auch er konnte hassen, o gewiß, leidenschaftlich, wenn +auch nicht lange; aber daß man eine ganze Menschenklasse hassen, +verdammen, beschimpfen und ihr alles Leid an den Hals wünschen konnte, +das empörte ihn wie eine Roheit des Herzens, und diese Empörung +schwoll eines Tages so gewaltig in ihm auf, daß er, über und über +errötend, dem Kandidaten erwiderte: + +»Vergessen Sie doch nicht, wie man die Juden behandelt hat.« + +»O, das war nicht so schlimm,« meinte der Gottesgelehrte spöttisch. + +»So? Haben Sie Freytags »Bilder aus der Deutschen Vergangenheit« +gelesen?« + +»Nee.« + +»Nun, da können Sie’s nachlesen; Freytag ist gewiß unparteiisch. Und +ich muß sagen: Wenn man mich so behandelte, würde ich nur eine Antwort +kennen: Haß, unauslöschlichen Haß.« + +Man ging schnell über die Taktlosigkeit des Freitischlers hinweg, und +als Asmus zehn Minuten später eine bescheidene Bemerkung an die »Frau +Senator« richtete, tat sie, als hätte sie nichts gehört. + +Das nächste Mal war ein Professor von der Familie zugegen. Er zog den +jungen Semper sehr wohlwollend in ein Gespräch über die Schule, und im +Laufe dieses Gesprächs erklärte Asmus die allgemeine Volksschule für +sein Ideal. + +»Ja, mein lieber Herr – Semler, nicht wahr?« + +»Semper.« + +»Semper! Pardon! – sehen Sie, das macht sich in der Theorie ja alles +sehr schön; aber wie wollen Sie das durchführen? Wir können doch +unsere Kinder nicht mit Krethi und Plethi zusammen erziehen lassen. +Wenn unsere Töchter mit den Töchtern unseres Grünhökers auf derselben +Schulbank sitzen, woher sollen wir denn unsere Frauen nehmen?« + +Asmus empfand eine deutliche Ohrfeige. Für Krethi und Plethi und +Grünhöker konnte man auch »Zigarrendreher« sagen. Übrigens hatte der +Professor Asmussen nicht nur eine feine Zigarre gereicht, sondern ihm +sogar Feuer gegeben. + +Als der Seminarist eine Viertelstunde später die mit dicken Teppichen +belegte Treppe hinabstieg und das Dienstmädchen ihm mit Herablassung +den Überzieher reichte, fragte er sich: Durfte ich dazu nun schweigen? +Durfte ich sozusagen meine Eltern beschimpfen lassen für ein feines +Diner? Darf ich überhaupt zu all diesen schrecklichen Ansichten +schweigen und den Anschein erwecken, daß ich sie teile? + +Natürlich mußte er schweigen; denn dreinzureden wäre sehr unbescheiden +gewesen. Aber er konnte das nicht mit anhören, ohne jeden Augenblick +aufzuzucken. Und ihm fiel das schöne Aristokratenwort seines +Landsmannes Th. Storm ein: + + »Wo zum Weib du nicht die Tochter + Wagen würdest zu begehren, + Halte dich zu wert, um gastlich + In dem Hause zu verkehren.« + +Der Kopfhänger Asmus richtete sich hoch auf, und zu Hause angelangt, +schrieb er sofort an »Stadtratens«, daß er durch Privatstunden und +andere Pflichten leider verhindert sei, fernerhin zum Essen zu kommen, +und daß er für die erwiesene Güte danke. + +Bei dem reichen Lederhändler aber, der Senator werden wollte, hielt +er’s nur eine einzige Mahlzeit aus. Als man zum Essen ging, wollte +Asmus schon seinen Stuhl vom Tische abrücken, um sich darauf zu +setzen, da bemerkte er, daß alle hinter ihren Stühlen stehen blieben +zum Gebet. Er trat schnell ebenfalls hinter seinen Stuhl, faltete aber +weder die Hände noch senkte er den Kopf, um nicht den Anschein zu +erwecken, daß er mitbete. Der Hausvater tat, als habe er nichts +bemerkt; aber gegen Ende der Mahlzeit flocht er in sein erbauliches +Gespräch ein Sprüchlein ein, das lautete: + + »Wer ungebetet zu Tische geht + Und ungebetet vom Tisch aufsteht, + Der ist dem Öchs- und Eslein gleich + Und hat nicht teil am Himmelreich.« + +Durch diese liebevolle Weltanschauung fühlte sich indessen Asmus nicht +einmal so weit überzeugt, daß er beim Gebet nach Tisch die Hände +faltete, vielmehr sagte er sich auf dem Nachhausewege: »Kann ich +erwarten, daß die Leute meinetwegen nicht beten? Ganz gewiß nicht. +Können sie verlangen, daß ich aus Dankbarkeit für das Mittagessen +mitbete? Ebensowenig. Ich bete nicht. _So_ nicht. _So_ nicht!« rief +der Jüngling, der nach der Ansicht des Lederhändlers keinen Teil am +Himmelreich hatte, laut vor sich hin, so laut, daß ein kleiner Junge +ihn anstarrte und ihm eine Weile nachschaute. Und merkwürdig, wieder +fiel ihm ein steifnackiges Wort Theodor Storms ein: + + »Auch bleib der Priester meinem Grabe fern; + Zwar sind es Worte, die der Wind verweht; + Doch will es sich nicht schicken, daß Protest + Gepredigt werde dem, was ich gewesen, + Indes ich ruh im Bann des ew’gen Schweigens!« + + + + +XVIII. Kapitel. + +Wie Asmus schlafwandelte und die Gedankenwelt des Herrn Quasebarth +auf den Kopf stellte. + + +Als obendrein der Architekt nach Süddeutschland übersiedelte und auch +diese Speisung ihr Ende fand, sah Asmus sich wieder ganz auf dem alten +Punkte. Es galt, eifriger denn je nach Privatstunden auszuschauen, und +er fand auch immer wieder neue; aber da sie meistens schlecht bezahlt +wurden, so mußte er ihrer so viele geben, daß er an gewissen Tagen mit +einer dreiviertelstündigen Unterbrechung von sieben Uhr morgens bis +elf Uhr abends bei der Arbeit oder auf dem Marsche war. Um sechs Uhr +abends kam er dann zum Mittagessen. Das Diner war in zehn Minuten +erledigt, und dann lehnte er sich ins Sofa zurück, um 35 Minuten lang +nichts, gar nichts zu tun. Solche Bedürfnisse hatte er früher nicht +gekannt. Mit dem Blick auf die Uhr genoß er die Minuten einzeln, und +die Zeit schien dadurch länger zu werden. »Noch sieben schöne +Minuten,« dachte er, »noch sechs, noch vier,« und die letzten Minuten +kostete er, wie man Tropfen eines kostbaren Weines einzeln auf der +Zunge zergehen läßt. O weh, dann war er doch ins Träumen geraten und +hatte fünf Minuten über die Zeit genossen! Nun hieß es rennen. + +Eines Abends auf dem Heimwege stieß er mit dem Kopfe gegen den +Mauerpfeiler eines Gartenportals. Wie konnte denn das angehen? Hatte +er denn im Gehen geschlafen? Nein, das war nicht möglich. Er blutete +an der Wange, und am andern Tage neckte man ihn in der Klasse, er sei +bekneipt gewesen. + +Wenige Tage später, auf demselben Wege, erwachte er plötzlich auf +einem freien Platze. Er mußte sich lange besinnen, eh’ er begriff, wo +er war. Er war in einer ganz verkehrten Richtung gegangen und hatte +nun einen noch weiteren Weg nach Hause als sonst. Er war so erschöpft, +daß er nach zehn Schritten immer wieder einschlief; aber der +einstündige Weg mußte gemacht werden, da half nichts. Er nahm ein +heftiges Tempo an und stampfte den Boden wie ein Grenadier beim +Parademarsch; aber nach wenigen Minuten wurden seine Schritte +langsamer – langsamer – langsamer. Am andern Morgen erinnerte er sich +nicht, wie er nach Hause gekommen. + +Und noch einige Tage später erwachte er auf demselben Heimwege von +einem trappelnden Geräusch. Verstört blickte er auf und fand, daß er +vor zwei sich bäumenden Pferden stand, die um seinetwillen nicht +weiter wollten. Er sprang zur Seite, und der Kutscher fuhr fluchend +weiter und schimpfte etwas von »Besoffenheit« vor sich hin. + +Dieser Schreck war von so nachhaltiger Wirkung, daß Asmus nicht wieder +im Gehen einschlief. Die Theorie, daß der Mensch eigentlich überhaupt +keinen Schlaf brauche, hatte er aufgegeben. + +Manchesmal in dieser Zeit mußte er an Adolfinen denken, wie sie +lachend ihren großen Mund aufriß und rief: »Du willst Lehrer werden? +Du bist wohl verrückt!« – – – – + +Und wer wußte, ob er nicht wirklich eines Tages die Flinte ins Korn +warf und ans Zigarrenbrett ging! Aber da war Ludwig Semper, sein +Vater. Je älter Ludwig wurde, desto früher stand er auf; er schlief +nur wenige Stunden in der Nacht. Und in der Frühe des Morgens +bereitete er seinem Sohne den Kaffee und strich ihm sein Brot. Und +wenn Asmus seine bescheidene Toilette beendet und sich zum Frühtrunk +gesetzt hatte, dann wußte er, ohne aufzublicken, daß der Blick seines +Vaters auf ihm ruhte. »Er freut sich, daß es mir schmeckt,« dachte +Asmus. »Und er freut sich, daß ich ins Seminar gehen kann und etwas +werde, was er nicht werden durfte.« + +O ja, zu Hause schmeckte ihm noch das Brot; aber er mußte auch den Tag +über von Brot leben, weil er erst um 5 oder um 6 Uhr zum Mittagessen +kam, und wenn er in der Mittagspause im Seminar sein Frühstück +auswickelte, dann schauderte er oft zurück und wickelte es wieder ein. +Die Luft dieser alten Schulkasernen belegt alle Luft- und Speisewege +wie mit einer übelschmeckenden Schicht; bis in den Magen hinein fühlte +man diese Luft; er mußte sich Gewalt antun, wenn er einen Bissen +hinunterwürgen wollte, und wenn einem Achtzehnjährigen der Appetit +fehlt, so fehlt ihm ein Stück Jugend. Und eines Morgens fragte ihn +Herr Rothgrün in der Geschichtsstunde: + +»Stehen Sie morgens so früh auf?« + +»Ich – o nein,« sagte Asmus ohne Verständnis. + +»Sie schliefen nämlich eben,« fuhr Herr Rothgrün pikierten Tones fort. + +»Ich? Nein!« erklärte Asmus wie alle Leute, die der Schlaf wider +Willen überfällt, und in der Tat war der Schlaf nur wie ein leises +Wölkchen vor seinen Augen vorübergezogen. Er hatte Herrn Rothgrün noch +vom zweiten Samniterkriege sprechen hören, und jetzt sprach er vom +dritten, also konnte nicht viel Zeit verstrichen sein; denn Herr +Rothgrün erledigte solche Sachen sehr schnell. Und in eben dieser +Aufmachung interessierten Asmus die Samniterkriege nur äußerst +schwach. + +Da ihn sein fröhlichstes Gefühl, sein Kraftgefühl in diesen Zeiten +verließ, fühlte er sich ernstlich unglücklich. Daß er in der Klasse +eingeschlafen war, empfand er bei seinem peinlichen Ehrgefühl als +eine Schmach, und daß er Herrn Rothgrün in seiner Eitelkeit verletzt +hatte, war nicht gut; denn Herr Rothgrün vergaß dergleichen schwer; +aber das alles bedeutete nichts gegen einen anderen Schmerz. + +Das war kein Studieren mehr, was er jetzt trieb! Das war nichts als ein +Aufschnappen und Wiederfahrenlassen im Husch und Hui. Er war es gewohnt, +zu dem, was das Seminar ihm gab, wenigstens ebensoviel durch eigene +Arbeit hinzuzutun. Bei wichtigen Fragen und Aufgaben – und seinem +Feuereifer schien fast alles wichtig – holte er sich alle Darstellungen +und Behandlungen herbei, die ihm Neues bieten konnten, und durchackerte +sie; aber nie beruhigte er sich bei den Büchern; er zwang sich, die +Ideen eines Bacon, eines Comenius, eines Pestalozzi und Herbart, die +Abhandlungen eines Schiller und Lessing, die Darstellungen eines Ranke +und Mommsen unabhängig vom Buch, in eigener Form zu rekonstruieren, ihre +Zusammenhänge, da, wo sie ihm fehlten, selbst zu finden; er hielt sich +gleichsam selbst Vorträge; ja, er diskutierte im Schlafzimmer laut mit +sich selbst und stellte Grund und Gegengrund sozusagen im +kontradiktorischen Verfahren einander gegenüber, so daß Frau Rebekka, +die für den Frieden eines Studierzimmers nicht allzuviel Verständnis +hatte, zuweilen lächelnd hereinkam und rief: »Junge, du priesterst ja +wieder ordentlich.« Er hatte nun einmal dies leidenschaftliche +Bedürfnis nach Klarheit; es war, als ob eine Stimme in ihm rief: Nichts +Dunkles hinter dir zurücklassen, sonst verwirrt sich alles Künftige, und +er hatte den heiligen Glauben, daß, wer sich bei keinem unklaren +Gedanken beruhige, endlich auch die letzten Rätsel lösen müsse. Er war +in der Mathematik nicht zufrieden damit, die Lehrsätze zu beweisen und +die Aufgaben zu lösen, er wollte auch die Axiome beweisen und begründen. +Daß jede Größe sich selbst gleich ist – natürlich, die Wahrheit dieses +Satzes begriff er intuitiv wie jeder normale Mensch; aber er wollte sie +auch beweisen, und das konnte man nicht, und die ihm in späteren Jahren +das bedrückte Herz befreien sollten: die intuitiven Gewißheiten, sie +machten ihm in diesen Jahren Pein. Aber noch mehr: alles, was er logisch +begriffen hatte, wollte er auch sinnlich erfassen. Es war der Künstler +in ihm, der sich nicht beim Abstrakten beruhigen wollte. Den Satz des +Menelaos von der Transversale, die die Seiten eines Dreiecks schneidet, +logisch begreifen und beweisen, das konnte ein Kind; aber er wollte auch +_sehen_, daß die Produkte der nicht anstoßenden Abschnitte einander +gleich seien. Und das konnte man nicht. Ja, man konnt’ es ja ausrechnen, +aber das war kein _Sehen_! Und nun kam noch hinzu, daß er mit einem +Mangel in seiner Anlage zu kämpfen hatte: in gewissen Dingen der Physik, +der Anatomie, der Botanik und so weiter machte ihm das dreidimensionale +Vorstellen Schwierigkeiten. Wenn er sich den Längsdurchschnitt des +menschlichen Körpers oder einer Maschine oder eines pflanzlichen +Gefäßsystems vorstellte, so ward es ihm bitter schwer, sich zugleich den +Querdurchschnitt vorzustellen, und er grub die Nägel in die Stirnhaut, +daß es schmerzte, bis er die rechte Anschauung gewann. Er hatte das +Gefühl, als könne er sein Gehirn anspannen, wie die Muskeln seiner +geballten Faust. Daß die Molekularbewegung und das Atomgewicht, der +Magnetismus, die Elektrizität und vieles andere ihm Sorge machten, ist +selbstverständlich. Warum wirkte am doppeltlangen Hebelarm das halbe +Pfund genau so stark wie das ganze Pfund am einfachen, warum, in drei +Teufels Namen warum? Es war so leicht, zu lernen, und so schwer, zu +erkennen. Und er fand in seinem Seelendrange nicht immer Unterstützung. +Um sich im raschen und klaren Erfassen geometrischer Verhältnisse zu +üben, liebte es Asmus, die Figuren nicht mechanisch, sondern mit den +möglichen Veränderungen in Konstruktion und Lage zu wiederholen, und +bekanntlich ist es der Geometrie fabelhaft gleichgültig, ob das +Hypothenusenquadrat oben oder unten, rechts oder links liegt, dieweilen +sie von oben und unten, rechts und links überhaupt nichts weiß. Aber +Herr Quasebarth, der Lehrer der Mathematik, dachte nicht so +vorurteilslos, und als Asmus eines Tages fünf Konstruktionsaufgaben +einreichte, die nicht so standen, wie es Herr Quasebarth seit +siebenundzwanzig Jahren gewohnt war, sondern auf dem Bauche oder auf dem +Rücken lagen oder auf dem Kopfe standen, da schrieb er mit Wucht +darunter »falsch« und eine Vier, das schlechteste Zeugnis; denn er +durchflog die Hefte seiner Schüler wie ein Schnellzug, der unterwegs +nicht hält. Asmus machte ihn darauf aufmerksam, daß alle Aufgaben +zweifellos richtig gelöst seien und nur sozusagen andere Hosen anhätten +als sonst. Herr Quasebarth sagte höhnisch: »So« und dann sah er ins Heft +und sagte: »Die« – und dann sagte er unsicheren Tones: »Das« – und +nachdem er noch »Hm« gesagt hatte, rief er ärgerlich: »Ja, richtig sind +sie wohl; aber was sollen die Veränderungen: machen Sie es doch, wie es +alle anderen machen!« und er nahm die Feder und erhöhte das Zeugnis – +um einen halben Grad. Er wollte damit ausdrücken, daß der Schüler +richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen recht habe. + + + + +XIX. Kapitel. + +Asmus klagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und wird in Verruf +erklärt. + + +Ja, die Gesetze des Hebels und die Wunder des Spektrums und vor allem +jener fatale Abgrund, der zwischen Körperwelt und Gedankenwelt klafft, +jener Abgrund, den wir immerfort überspringen, ohne ihn jemals zu +sehen, sie hatten seinem bohrenden Geiste wilde Sorgen gemacht; aber +es waren holde Sorgen gewesen, fröhliche Sorgen, Sorgen, die man nicht +scheuchte, sondern suchte; denn das ist das göttliche Wunder in allem +geistigen Ringen, daß auch die Niederlagen uns stärker und freier +machen, solange uns Hoffnung bleibt. + +Die schöne Zeit dieser Sorgen war dahin. Bei den vielen Privatstunden +konnte er nur das Notdürftigste pauken, konnte er eigentlich nur für +den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er eine Reihe von Regeln oder +Vokabeln oder eine Biographie oder einen Geschichtsabschnitt einmal +durchgelesen hatte, so wußte er sie, aber für wie lange? Und was hatte +dies oberflächliche »Wissen« für einen Wert? Was sollte das für ein +Wissensgebäude werden, das so schwindelhaft gebaute Partien aufwies. +In der Tat: er kam sich vor wie ein gewissenloser Baumeister, der +schadhafte Mauern unterm Putz verbirgt, und dies Bewußtsein einer Art +Unredlichkeit peinigte ihn mehr als alles andre, obgleich niemand mehr +von ihm verlangte, als er leistete, das ließen seine Zeugnisse +deutlich erkennen. + +Mit diesen Zeugnissen hatte er gleich nach dem ersten Quartal ein +Malheur gehabt, das von eigenartigen Folgen sein sollte. Am +Quartalsschluß hatte nämlich der Ordinarius gesprochen: »Das Kollegium +ist einstimmig der Ansicht, daß die Klasse sich nicht in dem Maße +anspannt, wie sie es könnte, und hat darum beschlossen, die höchste +Zensur im Fleiß mit einer einzigen Ausnahme nicht zu vergeben. Diese +Ausnahme bildet Semper; ihm ist eine Eins zuerkannt worden.« + +Das war ehrenvoll und sehr gefährlich. Asmus empfand sofort mit jenem +Tastgefühl, das weit über die Grenzen des Körpers hinausreicht, daß +seine Klassenkollegen ihm anders begegneten als sonst. Es waren wohl +manche da, die es ihm freudig gönnten; aber die andern waren in der +Mehrzahl. Unter diesen andern war Wiedemann, ein langer Jüngling mit +der Stimme einer alten Tante, den Bewegungen einer Raupe und +feuchtkalten Händen. Asmussens Hände waren trocken und sehr warm, +fast heiß. Zwischen solchen Menschen steht etwas, was nicht zu +überwinden ist. Asmus konnte gegen diesen Kameraden nicht freundlich +tun; aber Wiedemann tat freundlich. Es gab in der Klasse einen +vorzüglichen Mathematiker, der es namentlich im Rechnen allen andern +zuvortat. + +»Der Mollwitz ist doch ein großartiger Mathematiker, was?« sagte +Wiedemann mit lauerndem Lächeln zu Semper. + +»Das ist er,« versetzte dieser. + +»Ich halte ihn für den besten Mathematiker in der ganzen Klasse,« fuhr +der Lauernde fort. + +»Ich auch,« erklärte Semper und begriff nicht recht, was Wiedemann mit +diesen Selbstverständlichkeiten beabsichtigte. + +Wiedemann war enttäuscht. + +Es gab aber auch einen Seminaristen namens Frey, der ein klarer, +tüchtiger Kopf war und auch einen guten Stil schrieb. + +Eines Tages schob sich die Raupe wieder heran. + +»Der Frey schreibt doch ’n großartigen Aufsatz, was?« forschte +Wiedemann. + +»Er schreibt ’n guten Aufsatz, ja,« sagte Asmus. + +»Na, das mußt du doch auch sagen, seinen Aufsatz macht ihm doch keiner +nach!« + +»Soo?« machte Semper. + +»Ja, bist du nicht der Meinung?« + +»Nein,« erwiderte Asmus kalt. Er wußte ganz genau, daß er’s besser +konnte. Das sagte er zwar nicht; aber er sah auch nicht den +geringsten Anlaß, das Gegenteil zu lügen. + +Wiedemann machte noch immer ein lammfreundliches Gesicht mit Ausnahme +der Augen. Augen sind Löcher, die der Herrgott im Menschenkörper +gelassen hat wie die Gucklöcher in einer Verbrecherzelle, damit der +Mensch nicht allzu ungehindert heucheln könne. Augen heucheln nicht +mit. Wiedemanns Antlitz und Stimme streichelten; aber seine Augen +stachen, als er nun fragte: + +»Wer schreibt hier denn einen besseren Aufsatz?« + +Und obwohl ihm Asmus jetzt durch die grünglimmernden Augen bis in die +Nieren schaute, sagte er: + +»Du nicht.« + +In solchen Augenblicken kam etwas wie Husarengeist über ihn. Wiedemann +ging erquickt von dannen. + +Und er ging aus wie ein Säemann, zu säen seinen Samen, und verbreitete +die Kunde, Semper habe sich für den besten Aufsatzschreiber der ganzen +Klasse erklärt, er halte sich überhaupt für den Klügsten von allen und +finde die Arbeiten Freys nur »so ziemlich«. Dies sagte er besonders zu +Frey. Seltsamerweise blieben aber Frey und Semper die besten Freunde. + +Sonst aber fiel Wiedemanns Samen auf gutes, fruchtbares Land, und +Asmus fühlte wohl, daß die Stimmung gegen ihn wuchs. + +Sollten sich hier die Leiden aus der Knabenschule wiederholen? O, sie +sollten es nicht nur hier! + +Unter den Giftpflanzen ist eine, die keines Samens und keines Keimes +bedarf, die auch aus Nichts entstehen kann wie die Schöpfung Jahwehs, +das ist die Verleumdung. Sie braucht nur einen guten Boden, dann +erzeugt sie sich aus nichts. + +Eines Tages wurde Asmus von Seybold gestellt, von demselben Seybold, +der bei der Präparandenprüfung einen so sichern Blick für Sempers +Arbeiten und eine so lebhafte Teilnahme an seinen Erfolgen bekundet +hatte. Er war von einer ganzen Korona von Seminaristen umgeben und hub +also an: + +»Hier wird behauptet, du hättest dem Direktor angezeigt, daß Müller +und Warncke nach der letzten Kneipe den Unterricht geschwänzt und im +Botanischen Garten ihren Kater spazieren geführt hätten.« + +Wäre nun Asmus Semper irgend ein anderer gewesen, so würde er +vielleicht gesagt haben: + +»Bemühe dich bitte sofort mit mir zum Direktor, damit wir die +vollkommene Unwahrheit dieser Behauptung feststellen.« + +Oder er würde wie jener Yankee gesprochen haben, den jemand einen +Schurken nannte und der freundlich erwiderte: + +»Damit, mein Verehrtester, daß Sie es behaupten, ist es noch lange +nicht bewiesen.« Aber wär’ er besonnen gewesen, so wäre er nicht der +Semper gewesen, und also erwiderte er: + +»Wer das sagt, ist entweder ein Lump oder ein Idiot.« Das Blut seiner +Mutter schlug mit Flammen zum Dach hinaus. + +Auch diese Antwort war ja richtig; aber ihre Richtigkeit wurde nicht +zugestanden. + +»Hahaaa,« johlte die Korona, »da haben wir’s, wir sind alle Lumpen und +Idioten!« + +Wäre Asmus jener Yankee gewesen, so hätte er gesagt: »Dieser Schluß +entbehrt durchaus der logischen Richtigkeit«; statt dessen verzog er +das bleiche Gesicht zu einem Ausdruck grenzenloser Verachtung und +sagte: + +»Bitte, ich sagte: oder«. + +Sie stutzten einen Augenblick, und als sie diese Antwort begriffen +hatten, tobten sie und erklärten Asmus Semper wegen seines »Hochmuts«, +seiner »Frechheit« und seiner »Inkollegialität« in Verruf. Die +Inkollegialität bestand darin, daß er mehr wußte und konnte als +Seybold, Wiedemann und Kompanie und dies in seinen Arbeiten schamlos +zu erkennen gab. + +Vor Asmussens Augen stand sein alter herrlicher Schulmeister, Herr +Cremer, wie er dem Quintus Fabius nachahmte. Er pflegte zwei Falten in +seinen Rock zu machen und zu sagen: »So stand Quintus Fabius vor der +karthagischen Ratsversammlung und sagte: Hier in den Falten meiner +Toga habe ich Krieg und Frieden – wählt!« So hatte das Schicksal in +Gestalt der Seybold, Wiedemann und Genossen vor ihm gestanden, und +genau wie die Karthager hatte er geantwortet: »Gebt, was ihr wollt.« +Und Quintus Fabius Seybold hatte gesagt: So hab denn Krieg. + +Und so war es also Krieg. + +Ja, wenn es noch ein richtiger, ehrlicher Krieg gewesen wäre. Aber es +war die bekannte Guerilla böser Schikanen, in deren Erfindung die +Jugend so grausam ist und in der das »Zwanzig gegen Einen« durchaus +nicht für unehrenhaft gilt. Wenn er des Morgens kam – gerade jetzt +wieder in einem geschenkten Rock, der ihm viel zu weit war – dann +bildeten sie Spalier, erwiesen ihm höhnische Ehren und spotteten über +seinen Rock. + +»Der Kerl is ’n richtiges Originaol!« rief der Bauernsohn Rohweder, +der seinen heimischen Akzent nicht abzulegen vermochte. Er hielt +»Original« für etwas sehr Schimpfliches. + +Oder sie lösten ihm von der Milchflasche, die in seinem Bücherfach lag +und deren Inhalt sein Frühstück ausmachte, wenn das Brot nicht +schmecken wollte, den Stöpsel, so daß die Milch über seine Hefte und +Bücher floß und ihm seine sorgfältigen Ausarbeitungen verdarb. Daß er +dann nichts zu trinken hatte, war schlimm: daß seine Arbeiten +beschmutzt waren, war schlimmer; aber das Schlimmste war die +Niedrigkeit, die sich in solchen Tücken zu erkennen gab: sie +beschmutzte ihm sein Weltbild. Den Haß nahm er hin als etwas +Gleichgültiges; er liebte den geselligen Verkehr mit Menschen, aber er +brauchte ihn nicht; wie sein Vater, so war er, wenn es sein mußte, +sich selber Gesellschaft genug. Aber Niedrigkeiten konnten ihn in eine +heilige Wut und dann in eine tiefe, vollkommene Niedergeschlagenheit +versetzen. Wenn so etwas in der Welt möglich war, dann ..... Er +verfolgte den Gedanken nicht weiter; er wollte ihn nicht weiter +verfolgen. + +Er wußte sehr wohl, daß die Hauptursache ihrer Feindseligkeit der Neid +war. Aber auch andere Schüler gaben wohl einmal Anlaß zum Neide; warum +kam der Haß nicht auch gegen sie zum Ausbruch, oder wenn er zum +Ausbruch kam, in so viel harmloserer Form? Er hatte nicht die Gabe, +die Menschen im ersten Ansturm zu gewinnen, das wußte er. Er war nicht +schön, wenn auch Flora, die verführerische Nachbarstochter, und jenes +kleine Fräulein, mit dem zusammen er einmal Komödie gespielt hatte, +ihn unverkennbar gern gehabt und ihm dies keineswegs verborgen hatten; +er hatte keine Liebenswürdigkeiten, die schnell bezaubern. Aber hatte +er denn etwas Abstoßendes, etwas, das ihm Feinde machen mußte? + +Er hatte es, ohne es zu wissen und zu wollen. + +Das Wort des Polonius an seinen Sohn: + + »Härte deine Hand nicht durch den Druck + Von jedem neu geheckten Bruder« + +hatte ihm deshalb immer so gut gefallen, weil es seinem Wesen so gut +entsprach. Oft empfand er gleich bei der ersten Begegnung mit einem +Menschen Zuneigung oder Abneigung, und wo er Abneigung empfand, hatte +er sogleich etwas von einer schroffen Wand, an der nicht +hinaufzukommen war. Das nehmen die Menschen sehr übel und nennen es +hochfahrend oder arrogant. Und er war viel zu jung, um sich objektiv +zu betrachten und diesen Zug an sich selbst zu erkennen. + +Immerhin hatte er eine Minorität auf seiner Seite. Sofort bei Ausbruch +des Konfliktes hatte sich Morieux mit tausend heroischen Gesichts- und +Körperverrenkungen zu Semper geschlagen, etwa wie Herzog Ernst zu +Werner von Kiburg, wenn er ruft: + + »Hin fahr ich, ein zwiefach Geächteter, + An meine Fersen heftet sich der Tod, + Und unter Flüchen krachet mein Genick. + Vom Werner laß ich nicht!« + +und sieben oder acht Beherzte hatten sich ihm angeschlossen. Das war +nun die Fraktion Semper; bei den Feinden aber hießen sie »die +Schäflein«, weil sie nach deren Meinung im allgemeinen ein unrühmlich +gesittetes Betragen zeigten. + + + + +XX. Kapitel. + +Asmus ist trotz seiner trüben Erfahrungen anderer Meinung als +Schiller und verfällt in eine unglückliche Liebe. + + +Die Schäflein hätten nun nicht deutsche Jünglinge sein müssen, wenn +sie sich nicht sofort zu einem Verein zusammengeschlossen hätten. Der +Verein erhielt den Namen »Treue von 1880«, womit aber nicht gesagt +sein sollte, daß dies für die Treue ein besonders guter Jahrgang sei; +man wollte nur, da der Bund doch zweifellos bis in die Zeiten des +jüngsten Gerichts dauern würde, den nachlebenden Geschlechtern das +Gründungsjahr ein für allemal einprägen. Den acht oder neun +Seminaristen gesellten sich bald einige Musiker, junge Kaufleute und +Beamte zu, und nun ging es an die höchsten und tiefsten Probleme der +Kunst und des Lebens, und Fragen wurden gelöst, die vorher und +merkwürdigerweise auch noch nachher die stärksten Geister in Bewegung +gesetzt haben. Semper wurde Präses und sprach heute über den +Gralstempel bei Albrecht von Scharfenberg und den gotischen Baustil, +das nächste Mal über Meteore und Meteorite, und wieder das nächste Mal +knüpfte er kühne Gedanken an Schillers Gedicht »Der Antritt des neuen +Jahrhunderts«, dessen resigniertem Pessimismus er sich natürlich als +Achtzehnjähriger nicht anschließen konnte. Seine Glanznummer aber war +der »Faust«, den er aus dem Kopfe vortrug, und nur das eine betrübte +ihn ein wenig, daß seine Freunde, so beifällig sie auch die ernsten +Partien der Dichtung aufnahmen, doch immer am unbändigsten über die +Sauferei in Auerbachs Keller und über das »verdammte Aas« und die +»verfluchte Sau« in der Hexenküche jubelten. Fühlten sie denn nicht, +daß der Prolog im Himmel, die Monologe, die Gretchenlieder, die +Kerkerszene viel gewaltiger und schöner waren? Das Schlimmste war aber +doch, daß bei einem Vereinsfeste, bei dem auch Gäste zugegen waren, +ein dicker Magazinverwalter auf ihn zutrat und sagte: + +»Djunger Mann, Sie haob’n jao’n kullosaoles Gedächtnis! Mit dem +Gedächtnis können Sie ’ne Frau mit achtzigtausend Mark kriegen.« + +Er dachte sich dies Gedächtnis in einem Magazin angestellt. Und das, +nachdem Asmus den Tasso rezitiert hatte – man denke: den Tasso! + +In etwa siebenundzwanzig Vorträgen sprach Morieux – sehr stilvoller +Weise – über Voltaire, und bei jeder Spitzbüberei des Herrn Arouet +mußte er vor unbezähmbarem Vergnügen feixen. Die Vorträge und +Rezitationen wechselten mit Musik, gesungen, gegeigt und gehämmert, +und unter den Musikanten waren solche, die einstmals echte und +namhafte Künstler werden sollten und in diesen Stunden, wenn nicht ihr +Bestes, so vielleicht ihr Heiligstes gaben. Auch gemeinsame Ausflüge +unternahmen sie, und einer dieser Ausflüge führte sie in den +Sachsenwald. + +Bismarck, der Johannes Semper und Heinrich den Seefahrer verbannt +hatte, war in Berlin, und das war Asmussen eben recht; er hätte ihm +damals nicht begegnen mögen. Aber im Sachsenwalde war ein Förster, der +eines Mitgliedes Onkel war. Dieses Mitglied hatte einmal »Das Blatt im +Buche« in durchaus ernsthafter Absicht deklamiert und damit eine +komische Wirkung erzielt, die durch keine Selbstbeherrschung zu +unterdrücken war. »Ich hab’ eine alte Muhme«, so beginnt das Gedicht, +und genau das Organ einer alten Muhme hatte der Deklamator. Aber den +Sachsenwald kannte der Deklamator; er kannte jeden Weg und Steg, und +Asmus wollte ihm schon seine Bewunderung aussprechen, als sie +plötzlich vor dem Försterhause standen und aus dem Hause die +Försterstochter ihnen zur Begrüßung entgegentrat. Jetzt wunderte sich +Asmus nicht mehr, daß das »geschätzte Mitglied« hier herum Weg und +Steg kannte; denn diese Försterstochter war wohl das Hübscheste, was +der Sachsenwald zu geben hatte. Sogleich empfand Asmus in der +Herzgegend ein so süßes Weh, daß er bei dem bald darauf aufgetragenen +Mahle nur Flüssiges genießen konnte und den Deklamator des »Blattes im +Buche« mit argwöhnisch brennenden Blicken ansah. Nach dem Essen sollte +Asmus rezitieren, und zwar die Szene zwischen dem Patriarchen und dem +Tempelherrn, weil es Morieux »kolossal« fand, wie er zugleich das edle +Ungestüm des Ritters und die bornierte Heimtücke des Pfaffen zum +Ausdruck bringe, sogar im Gesicht! Und Asmussens Herz stieg wie das +Roß eines Ritters, der in die Schranken reitet und vom Balkon die +Farben seiner Dame winken sieht. Er machte seine Sache auch gewiß so +gut wie je, und als er geendet hatte, klatschte auch die +Försterstochter mit den Händen, aber nur ein einziges Mal; sie hatte +nämlich eine Motte gefangen, die sie schon minutenlang mit den Augen +verfolgt und nur aus Rücksicht auf die Kunst so lange verschont hatte. +Unmittelbar nach Semper erhob sich, wenn auch unaufgefordert, der +Führer durch den Sachsenwald, um »das Blatt im Buche« zu rezitieren. +Da die Vereinsmitglieder an die Schrecken dieser Deklamation schon +gewöhnt waren, so ging es mit einigen zerbissenen Lippen und +zerrungenen Händen ab; nur Morieux explodierte natürlich in einem +jähen Nasenlaut, den er durch ein heftig gezogenes Taschentuch in ein +dringend nötiges Ausschnupfen maskierte. Die Tochter des Waldes aber +blickte strahlend auf den Handlungsgehilfen, als wollte sie sagen: +»Ein Künstler bist du _auch_ noch?« + +»So’n Syrupskringel!« knirscht Asmus in sich hinein, und damit +meinte er nur den Handlungsgehilfen, obwohl es in gewissem Sinne +auch auf die Tochter des Waldes paßte. Asmus hatte ja bald heraus, +daß sie zu den höheren Dingen keine Beziehungen unterhielt; aber +doch blieb er ganz in ihr gefangen; sie war eine Brezel, die der +himmlische Menschenbäcker mit unendlich vielem Syrup bestrichen +hatte. Und als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und »Dritten +abschlagen« spielten, da traf es sich merkwürdig oft so, daß die +Försterstochter vor dem alten Muhmen-Deklamator stand, und dann +legte er – dieser Frechling – ganz ungeniert, wie im Eifer des +Spiels die Hände um die Taille des hochatmenden wonnigen Geschöpfes. +»Der Schuft,« dachte Asmus, und die Treue von 1880 wankte in ihren +Grundfesten. Er fragte sich, ob er es auch wagen würde, ihr die +Hände um die Hüften zu legen. »Nie,« sagte er sich. Wenn sie es ihm +verwiesen hätte, wäre er vor Scham und Stolz gestorben. Und als es +das Spiel so fügte, daß sie beide vor ihm standen und er als +»Dritter« den Platz räumen mußte, um nicht »abgeschlagen« zu werden, +da nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol. Beim Abendbrot +holte er dann nach, was er mittags versäumt hatte; in seiner +grollenden Versunkenheit fraß er alles in sich hinein, was ihm +vorkam: Schinken, Rühreier, Schwarzbrot und Liebesgram. Beim +Abschied wollte er erst ohne Gruß verschwinden; aber sie sollte sich +nicht einbilden, daß sie ihn verwundet habe, und mit blutendem +Herzen gab er ihr lächelnd die Hand, und wie die andern winkte er, +im Waldesdunkel langsam verschwindend, noch lange mit Lächeln +zurück. Zu Hause verfiel er sofort in vierfüßige Trochäen, und das +dauerte auch den folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht wohl +an tausend Füße hatte, fühlte er sich bedeutend ruhiger. Und als er +nach dreien Tagen in einem uralten Exemplar von Herders »Ideen zur +Philosophie der Geschichte der Menschheit« las und plötzlich aus +einer Waldwirrnis von Gedanken die hübsche Försterstochter +auftauchte, da war der Generalsuperintendent aus Weimar schon +stärker als die Blume des Waldes. Das blutende Herz war geheilt wie +eine Stecknadelwunde. + +Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch eine bessere Liebe und eine +tiefere Herzenswunde bringen. + + + + +XXI. Kapitel. + +Wie Asmus eine bessere Liebe fand. + + +Alfred Sturm, ein junger Kaufmann, war dem Verein beigetreten an jenem +Abend, als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers mit +bemerkenswerter Kühnheit optimistische Gedanken geknüpft hatte. »Als ich +deinen Vortrag über Schillers »Antritt des neuen Jahrhunderts« gehört +hatte, war ich dir für immer verfallen,« sagte Sturm in vertrauter +Stunde. Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht weniger tief, +und sie bildeten einen stillen Bund im Bunde, bildeten innerhalb der +»Treue von 1880« eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit. Asmus fand bei +seinem Freunde etwas Köstliches, das die Deutschen nur verschwindend +selten besitzen und niemals zu würdigen wissen. Die Deutschen haben +eigentlich nur zwei Humore, den behäbigen Bier- und Tabakhumor, der noch +ihr bester ist, und den mit spitzen Lippen säuerlich-lächelnden +Geheimratshumor, von dem die Milch gerinnt und der Lachen für unfein +hält; was sie fast nie haben und auch bei Shakespeare – obwohl sie’s +heucheln nicht zu schätzen wissen, das ist der genial-groteske Ulk, der +tiefsinnige Clownhumor. Die Spitznäsigen nennen ihn »blödsinnig«, und +die Knoten heißen ihn »unvornehm«. Diesen Humor nun, wie alle kräftigen +Humore, liebte Asmus aus innerster Seele, und den besaß Sturm. Wenn +Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler darstellte, oder aus dem +Stegreif eine Hintertreppen-Familientragödie mimte, oder einen +Volksredner oder auch die Ilsebill aus dem Märchen »vom Fischer un syner +Fru« verkörperte, dann lachten zwar die andern auch; aber Asmus lachte +so, daß er endlich rufen mußte: »Hör’ auf, ich sterbe!« Aber dieser +Humor würde vielleicht doch nicht das ganze Herz des Asmus eingenommen +haben, wenn sich damit nicht ein merkwürdig leidenschaftlicher +Aufwärtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs- und Vervollkommnungsstreben +verbunden hätte. Diese beiden Eigenschaften, die immer wie Gegensätze +aussehen und die doch durchaus keine Gegensätze sind, ließen Asmus in +diesem Jüngling den Freund erkennen, den er unbewußt gesucht hatte. +Sturm dagegen sah in dem jungen Semper den Menschen, der ihm endlich zu +jedem ersehnten Aufschwung verhelfen könne, und wenn Asmus solche +enthusiastischen Überschätzungen mit Händen und Füßen ängstlich +abwehrte, so ging Sturm mit dem Lächeln des Besserwissenden darüber +hinweg und sang aus dem damals oft gespielten Boccaccio: + + »Hab ich nur deine Liebe, + Die »Treue« brauch ich nicht.« + +Aber das quälte ihn, daß er diese Liebe nicht ganz zu besitzen +glaubte; er war eifersüchtig. Eifersüchtig auf Morieux. Mit dem sollte +Semper sich nicht einlassen. + +»Wie kannst du nur so viel mit dem Morieux verkehren! Morieux! Auf dem +Dom[2] gab es früher ein Affentheater von »Morieux«. Das paßt. Dieser +ganze Morieux ist ein Affentheater, das von morgens bis abends +Vorstellungen gibt. Das ist doch kein Charakter!« + + [Fußnote 2: Der Hamburger Weihnachtsmarkt wird »Dom« genannt.] + +»Nein, das ist er nicht,« räumte Semper ein. »Er ist oft ein +unangenehmer Kerl. Der Schöpfer aller Dinge hat ihn aus Resten +gemacht, die zu ganzen Menschen nicht mehr ausreichten. Er hat ein +blaues Bein und ein gelbes, eine halb rote und halb grüne Jacke, wie +ein Harlekin. Aber aus allen Schlacken und Aschen seiner Seele +schlagen doch zuweilen reine Flammen auf. Er hat sich in einem +schweren Streit und gegen eine große Übermacht auf meine Seite +gestellt; er hat um mich gelitten; das kann ich doch nicht einfach +vergessen.« + +Dann setzte Sturm sich schweigend, aber unzufrieden ans Klavier und +introduzierte ein neues Lied; denn singen mußte Asmus zu seiner +Begleitung, sobald ein Klavier in erreichbarer Nähe war. Eines Tages +aber, als sie am Abend vorher in der »Treue« wieder die schönsten und +die verrücktesten Dinge getrieben hatten – Asmus saß wieder in seiner +engen Klause und übersetzte Byron – da klopfte jemand. Auf Asmussens +»Herein« trat Alfred Sturm ein, um sogleich auf einen Stuhl neben der +Tür zu sinken und in Tränen auszubrechen. Sein Gesicht war aschfahl; +in der Hand hielt er eine gelbe Rose. Er hatte soeben in Gemeinschaft +mit seinem Vater seine Mutter in eine Anstalt für Geisteskranke +bringen müssen. + +»Ich hoffte bei dir ein wenig Trost zu finden,« sprach er unter +Schluchzen. Und diese Erwartung erschütterte Sempern fast so sehr wie +die Unglücksnachricht. Trost suchte sein Freund bei ihm! Bei einem +Neunzehnjährigen! Der nichts erfahren hatte! Sein Freund war ja älter +als er! Aber sein Freund suchte Trost, und also mußte er ihn finden. +Er wuchs über sein Alter hinaus. Er dachte an den Tag, da er seinen +Bruder Leonhard durch den Tod verloren hatte. Und sogleich wußte er +eins: Sprechen, mit Worten trösten, wäre in diesem Augenblick Roheit. +Und er legte den Arm um seinen Freund, klopfte ihm langsam und leise, +wie eine tröstende Mutter, die Schulter und ließ ihn weinen. Und +wirklich: der Unglückliche beruhigte sich zusehends. Dann sagte Asmus +mit sanftem Tone: »Ich habe einen Weg zu machen; es wäre riesig nett +von Dir, wenn du mich begleiten wolltest.« + +Sturm nickte nur. + +»Da,« sagte er, »die Rose solltest du haben – jetzt ist sie verwelkt. +Na – ist ja alles einerlei!« – und er wollte sie zum Fenster +hinauswerfen. + +»Gib!« rief Asmus und nahm ihm die Blume aus der Hand. »Sie wird sich +erholen.« Und er stellte sie in ein Wasserglas. + +Und dann führte er den Freund zu seinem eigenen großen Tröster, führte +ihn an den Elbstrom unterhalb Oldenfunds, bis Blankenese und darüber +hinaus, wo die Flut immer breiter und breiter sich dehnt, daß das +jenseitige Ufer dem Blick entschwindet, und wo der sinnende Wanderer +oder der still hintreibende Segler ahnt und fühlt, daß alles Sehnen +und Sorgen in einem großen Meere endet. Dorthin führte er den Freund, +wo er von je auf Wiesen und Wellen wie eine himmlische Stadt die +künftige Welt gesehen hatte, die künftige Welt, wo alles größer und +heller und freier war, wo die Gedanken größer waren und die Gefühle, +wo die Menschen trotz allen Schaffens und Ringens einander mit offenem +Lächeln begegneten und das Leben immer mehr ein Sonntag und Sonnentag +wurde. + +Sturm hatte ausführlicher von seiner Mutter erzählt, und Asmus hatte +erwidert, daß eine Schwermut, wie sie die fünfzigjährige Frau befallen +habe, doch schon oft geheilt worden sei. Unter anderen Beispielen fiel +ihm Gutzkow ein, der schwer gemütskrank gewesen sei und danach wieder +produziert habe. Durch Gutzkow kamen sie von selbst in die Literatur +hinein, und von der Literatur ganz sachte in die Musik. Alfred Sturm +war fanatischer Wagnerianer; nach zwei Takten schwamm er schon »auf +wolkigen Höh’n«; Asmus folgte ihm darin nicht einmal bis über die +Bäume. Da kam ihm nun eine köstliche List. Er brachte das Gespräch auf +Wagner und ließ sich in weniger als zehn Minuten bekehren. Nicht ganz, +damit es nicht auffiel, aber doch zu sieben Achteln. Sturm war +glückselig und lächelte wieder; es war ein höheres, ein verklärtes +Lächeln. Sein Freund erkannte die Größe Wagners – nun konnte man es +wirklich wieder mit dem Leben versuchen! Beim Abschied hielt er die +Hand des Asmus fest. + +»Du –« sagte er. »Ich habe dich zuweilen gelangweilt mit diesem +Morieux. Vergiß es, es war furchtbar kleinlich von mir. Was ist +Morieux an solchem Abend, du lieber Gott! Diesen Abend vergeß ich dir +nicht, _solange ich lebe_!« + +Dann kam der Zug; Sturm stieg ein und blieb auch dann noch am Fenster +stehen, als der Zug schon fuhr. Und durch die tiefe Dämmerung des +Abends sah Asmus noch lange das erdfahle Gesicht am Wagenfenster. Als +er wieder in seinem Zimmer war, fiel sein Blick auf die gelbe Rose. +Sie hatte sich nicht erholt. + + + + +XXII. Kapitel. + +Wie Asmus verlor, was er gefunden. + + +Diesen Abend nicht zu vergessen – es sollte dem armen Sturm nicht +schwer werden. Wohl erholte seine Mutter sich nach einigen Wochen +zusehends; aber dann kam Schlimmeres. Es sollte gerade wieder das +»Stiftungsfest« der »Treue« begangen werden, und Sturm und Semper +gedachten durch »Adelaide«, »Das Lied an den Abendstern«, »Tom der +Reimer« und andere Kostbarkeiten die Welt in Erstaunen zu versetzen, +da kam am Morgen des großen Tages der Vater Sturms zu Asmus ins +Seminar und bat mit seiner leisen, höflichen Stimme um Entschuldigung +für seinen Sohn, der heute nicht kommen könne, weil er einen Blutsturz +gehabt habe. Es habe wohl nichts Schlimmes zu bedeuten; aber er müsse +natürlich im Bette bleiben. + +Asmus nahm an den folgenden Stunden ohne Aufmerksamkeit teil und eilte +sofort nach Schluß des Seminars an das Bett des Freundes. Sein Gesicht +war fahler denn je, die Augen groß und feucht. Aber von Krankheit +wollte er nichts wissen. Die Eltern erzählten, daß er durchaus am +Abend zum Stiftungsfest wolle und beschworen Semper um seinen +Beistand. »Was Sie sagen, das tut er,« meinten sie. Asmus bezweifelte +das, behandelte aber dem Kranken gegenüber den Besuch des Festes als +etwas selbstverständlich Unmögliches. Da wurde Sturm, der sich anfangs +über Sempers Anwesenheit gefreut hatte, bitter und verbissen; mit +einem zürnenden Blick sagte er: »Du bist wie alle andern« und kehrte +sich zur Wand. Asmus streichelte ihm leise die Hand und ging. + +Am Abend erschien Alfred Sturm auf dem Stiftungsfest, heiter und +humorvoll, und was Asmus auch einwenden mochte, Sturm wollte ihn auf +dem Klavier begleiten. »Soll vielleicht Morieux dich begleiten?« +fragte er mit einem krankhaften Feuer in den Augen. Man mußte ihn +gewähren lassen. Aber als die Lieder gesungen waren, war seine +Munterkeit wie abgeschnitten; ohne das Mahl und den Tanz abzuwarten, +hüllte er sich in seinen Überzieher, legte sorgsam und glatt, wie es +einem eleganten jungen Kaufmann geziemt, das seidene Tuch um den Hals +und ging heim. + +Der Exzeß schien ihm nichts geschadet zu haben; nach acht Tagen saß er +wieder im Kontor. Aber schon nach vier Wochen streckte ein neuer, +heftigerer Anfall ihn nieder. + +»Ich möchte mich zerfleischen,« sagte er zu dem Freunde, der an seinem +Bette saß. »Ich bin abscheulich gegen meine Eltern und meine +Geschwister, und dabei opfern sie sich für mich auf. Das weiß ich ganz +genau, und doch kann ich nicht anders. Mich ärgert alles, was ich +sehe, und wenn ich allein bin, heul’ ich vor Reue wie ein dummer +Junge.« + +Er rappelte sich abermals heraus und zog nun ans Elbufer; von der Luft +dort hoffte er Genesung. Zu einer weiteren Reise langten die Mittel +nicht. Dort hatten die beiden in Ritschers Garten noch einen schönen, +sonnigen Nachmittag. + +»Ich hab’ in einer Ewigkeit keine Zigarre geraucht,« sagte Sturm leise +vor sich hin, »ob ich’s mal wieder riskiere?« + +Asmus riet ihm ab. »Wart’ noch ’n bißchen, dann kannst du rauchen, +soviel du willst.« + +»Meinst du wirklich, daß ich wieder ganz gesund werden kann?« fragte +Sturm schnell, eifrig, mit sehnsüchtig-heiteren Blicken. Das Licht der +untergehenden Sonne stand in seinen Augen. + +Asmus lachte laut auf über diesen Zweifel an etwas +Selbstverständlichem. Und Sturm lächelte glücklich und glaubte dem +Freunde alle Versicherungen, die er sonst zurückgewiesen hatte. + +Und nach einem glücklichen Schweigen sagte er: + +»Du – gib mir _doch_ eine Zigarre.« + +»Ich hab’ leider keine mehr bei mir,« log Asmus. + +»Das ist nicht wahr; ich habe ja gesehen, daß du noch mehrere hast. +Daran seh’ ich, was du in Wahrheit von meiner Gesundheit hältst.« + +»Na, lieber Freund, wer nicht rauchen darf, ist deshalb doch noch kein +Todeskandidat; bedenk’ doch, daß du erst –« + +»Ach, laß nur,« machte Sturm und erhob sich. Seine Hoffnung war +erloschen wie ein Licht von einem Windstoß. Auf dem Heimwege fielen +nur ein paar nichtssagende Worte. Asmus machte wohl einen Versuch, den +Freund wieder zu ermuntern; aber dieser sah ihn nur mit großen ernsten +Augen von der Seite an und schwieg. In seiner Verlegenheit und in +seinem Kummer tat Asmus das Verkehrteste, was er tun konnte, er zog +die Zigarrentasche und sagte: »Willst du eine Zigarre haben?« + +Sturm lachte kurz auf. »Nein, ich danke, jetzt nicht mehr.« + +Als Asmus ihn nach drei Tagen besuchen wollte, vernahm er, daß Alfred +Sturm »seit gestern« im Hamburger Krankenhause liege, und als Asmus +dorthin kam, durfte der Kranke nur ganz wenig und im leisesten +Flüstertone sprechen. + +»Wie geht’s?« fragte Asmus. + +»Sehr gut, ich darf nur nicht sprechen,« flüsterte der Kranke. Und +Asmus erzählte von diesem und jenem, wie vernünftig es sei, ins +Krankenhaus zu gehen, wo die Pflege natürlich viel umfassender sein +könne als zu Hause, und wie sehr man den Freund in der »Treue« +vermisse; aber es schien ihm, als ob der Patient nur mit halber +Aufmerksamkeit zuhöre und als ob er um einen Entschluß kämpfe. Endlich +zog er unter der Bettdecke ein Blatt Papier hervor und hielt es dem +Freunde hin: + +»Da – es ist natürlich Unsinn – aber ich wollt’ es dir doch geben –.« +Asmus nahm das Blatt und las: + + »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen + Den müden Geist zu dichterischem Flug, + Und schon seit langem streb’ ich ernst genug, + Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen ..« + +Es war ein Sonett, in dem der Verfasser den Freund mit aller +schwärmenden Begeisterung der Jugend pries. + +»Ich hab’ – ’ne ganze Nacht – daran gezimmert,« hauchte der Kranke mit +ironischem Lächeln. »Du wirst darüber lachen ....« + +Die Wärterin erschien und mahnte mit einem Blick, der keinen +Widerspruch duldete, zum Aufbruch. Asmus ergriff die Hand des Freundes +und beugte sich über ihn, und sie hatten in diesem Augenblick beide +dasselbe Gefühl: der Freund kam ihm mit mühsam erhobenem Haupte +entgegen, und sie küßten sich auf den Mund. + +Das ist unter niederdeutschen Jünglingen etwas Seltenes und Heiliges. +Asmus pflegte nicht einmal seine Geschwister, nicht einmal seine +Eltern zu küssen; er hatte nicht einmal seine Brüder geküßt, als sie +nach Amerika gingen. Die Menschen dieses Himmelsstrichs, wenn sie +Abschied nehmen, tun es mit einem Händedruck und mit dem Verlangen +nach einer Umarmung; aber sie geben diesem Verlangen keinen Ausdruck. + +Schon am folgenden Tage erhielt Asmus die Todesnachricht. + +Bei dem Begräbnis ging es ihm wie bisher bei fast allen Begräbnissen; +er konnte nicht andächtig und traurig sein. Dieses herkömmliche +Bestattungszeremoniell mit seinem zelotischen Pfaffengesicht (»Jetzt +haben wir dich, du Sünder«) mit seiner tristen Banalität war ihm so +unsäglich zuwider, daß er zu keinem reinen Gedanken an den Freund +kommen konnte. Erst zu Hause dehnte sich wieder das Herz. Er zog sich +in sein Zimmer zurück – für die wärmere Jahreszeit war er nun doch mit +seinen Studien aus der Zigarrenstube in das Wohnzimmer übergesiedelt – +und ging viele Stunden lang auf und ab; nur hin und wieder blieb er am +Fenster stehen und blickte nach der Richtung, wo sein Freund nun in +der Erde lag. Trauriger Wahn, dachte er, auch den toten Menschen noch +an die finstere Erde zu kerkern, statt ihn den freien, seligen Lüften +zu geben. + +Von dem endlosen Wandern erschöpft, fiel er endlich aufs Sofa und +wußte nicht, warum er so erschöpft sei. Als er sich erholt hatte, zog +er die Lampe näher heran, desgleichen Tinte und Papier und begann zu +schreiben: + + _An meinen toten Freund A. S._ + + »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen + Den müden Geist zu dichterischem Flug, + Und schon seit langem streb’ ich ernst genug, + Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.« + + So schriebst Du jüngst nach qualerfülltem Ringen, + Als nächtens nach des Schlummers mildem Trug + Dein brennend Aug’ umsonst Verlangen trug, + Und heute hör’ ich’s noch im Herzen klingen. + + Begnüge Dich! Du trägst nach heißem Ringen + Ins Reich der Geister ungetrübt von hinnen + Die hehre Poesie der Herzensreinheit. + + Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen + Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen, + So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit. + + * * * * * + + Auf Deinen Sarg fällt manche Träne nieder + Und bange Seufzer irren durch die Luft. + Ich starre trocknen Auges in die Gruft; + Kein warmer Tropfen quillt durch meine Lider. + + Ich steh’ betäubt, von Schmerz gelähmt die Glieder, + Und faß es nicht, daß unter Glanz und Duft + So holder Blumen gähnt die düstre Kluft ... + Ich kann nicht weinen. Doch ich kehre wieder! + + Wenn ich die Menschheit jammernd höre sagen: + »Die Besten müssen früh von hinnen gehen!« + Dann wird zu Dir mich die Erinnrung tragen. + + An Deiner Gruft werd’ ich im Geiste stehen, + Und von der Menschheit angsterfülltem Klagen + Wird auch ein Hauch um diese Stätte wehen. + + * * * * * + +Aber tiefer und sehrender, als es aus diesen pathetischen +Jünglingsversen klang, wurde das Weh, als nun die Tage kamen und +gingen ohne den Freund und als er in der nächsten Versammlung der +»Treue« das Gesicht des Besten vergebens suchte. Er war einsilbig und +ernst und ging lange vor der gewohnten Zeit nach Hause. + + + + +XXIII. Kapitel. + +Asmus als Verteidiger zweifelhafter Unschulden und Adolfine Moles als +Seminardirektor. + + +Das gigantische Schicksal, das immer vornehm bleibt, hat eine kleine +schieläugige, bucklige und boshafte Schwester, die ein Vergnügen daran +findet, den Verfolgten und Leidenden im Augenblick ihres größten +Unglücks noch einen kleinen Extraprügel zwischen die Beine zu werfen, +oder sie durch einen heimlich angefügten Zettel lächerlich zu machen, +oder ihnen just in dem Augenblick, da ihr Recht an den Tag kommen +soll, eine kleine Schuld vor die Füße zu rollen, daß sie straucheln. +Wenn ein Lump und ein Ehrenmann vor dem Richter stehen, dann wird im +Gerichtssaal immer ein Steinchen liegen, an dem der Redliche sich den +Fuß verstaucht. So gingen denn zu der Zeit, als Semper den eben +verlorenen Freund betrauerte und der »Klassenkampf« zwischen den +Seybolden und den »Schäflein« (ein ewiger Klassenkampf!) den höchsten +Hitzegrad erreicht hatte, Morieux, Semper und zwei andere Schäflein, +Namens Klöhn und Wackerbarth, über den »Dragonerstall« durch das +Holstentor. Morieux hatte gerade einen kolossalen Witz erzählt, und +alle vier Jünglinge lachten laut, als ihnen ein langer, grauer Pastor +in den Weg kam. + +»Halloh, Pastor Zump!« rief Klöhn nicht eben laut, aber doch laut +genug für das Ohr des Geistlichen, und da die vier einmal im Lachen +waren, so lachten sie weiter. Es war eine Art Backfischgekicher ins +Jungenhafte übersetzt. Asmus kannte keinen Pastor Zump und fragte: Wer +ist das? und bemerkte den Mann erst, als er vorüber war. Er hatte rein +nach dem Gesetz der Beharrung weitergelacht. Aber »langgebeint, mit +langen Sätzen« kam der Mann alsbald zurück. + +»Wie heißen Sie?« fuhr er Morieux an. + +»Wieso?« fragte der. + +»Wollen Sie mir Ihren Namen nennen?« + +»Nein. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.« + +»Wollen _Sie_ mir Ihren Namen nennen?« wandte er sich an Wackerbarth. + +»Ja, das kann ich ja tun,« sagte der, »ich heiße Wackerbarth.« + +Das genügte dem Geistlichen. Als er gegangen war, erfuhr Asmus, daß +Herr Zump ein hochorthodoxer, ja pietistischer Geistlicher sei, der +ein ganz frommes Blättchen herausgebe und mit diesem Blättchen oft in +der liberalen Presse verspottet werde. + +Am andern Morgen wurde Wackerbarth zum Direktor zitiert, und dem mußte +er die »Mitschuldigen« nennen. Semper nannte er nicht mit, weil er ihn +für gänzlich unbeteiligt hielt. Eine Stunde später schnob und stob +Herr #Dr.# Korn zur Klasse herein und stellte sich am Katheder auf. + +»Wackerbarth!« rief er. + +»Hier.« + +»Klöhn.« + +»Hier.« + +»Morieux!« + +»Hier.« + +»Sie haben jestern einen Geistlichen auf offener Straße verhöhnt... +Was woll’n Sie?« schnauzte er Sempern an, der aufgestanden war. + +»Ich war auch mit dabei,« sagte Semper. Der »Pfaffe« reizte seinen +Zorn. + +Der Direktor schnappte. Was? Semper? Der Musterknabe? Er war einen +Augenblick sprachlos. Aber dann fuhr er los mit gedoppelter Kraft: + +»Also: man sollt’s kaum jlauben! Vier junge Leute, die sich zu den +jebildeten rechnen, _die Lehrer werden wollen_! (hier brüllte der gute +Korn förmlich) betragen sich wie der Janhagel und insultieren auf +offener Straße einen Jeistlichen unserer Vaterstadt! Und als der Mann +den einen um seinen Namen fragt, hat der die Impertinenz, zu sagen: +‘Ick habe die Ehre, Sie nich zu kennen!’« + +Semper und Morieux erhoben sich wie zwei abgeschossene Raketen. + +»Wat woll’n Sie?« schrie der Direktor Morieux an. + +»Das habe ich _nicht_ gesagt,« rief Morieux, der in der Erregung die +wunderbarsten Fratzen schnitt. + +»Wat woll’n _Sie_?« heulte der Direktor gegen Asmus. + +»Ich will bezeugen, daß Morieux das _nicht_ gesagt hat. Er hat gesagt: +»Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.« Und dann erzählte Asmus den +ganzen Vorgang, wie er sich zugetragen hatte. + +»So,« machte Korn und schnappte wieder. »Na, ick sage Ihnen soviel: +Sie jehen noch heute alle mit’nander hin zu dem Mann. Nimmt er Ihre +Erklärung an, is’s jut. Tut er’s nicht, dann sind Se hier fertig. Dann +werden Sie eliminiert.« Und damit stampfte er aus der Klasse. + +Da war er ja in eine hübsche Affäre hineingeraten! Und dabei hatte er +wirklich nicht über Seine Hochwürden gelacht, sondern über den Witz. +Aber sollte er sich jetzt, da sie in der Klemme waren, von den +Gefährten, die ihm Treue gehalten, trennen und wie ein Bübchen rufen: +»Ich bin es nicht gewesen!?« Das würde wie Feigheit aussehen, und +darum war es ausgeschlossen. + +Die drei ernannten Sempern zu ihrem Sprecher, und vier Mann hoch +zogen sie im Studierzimmer Sr. Hochwürden auf. Es war ein so langer +Pastor, daß Asmus, wenn er die Augen geradeaus richtete, genau auf den +Magen des Gottesmannes blickte. Und da es ihm unnatürlich war, den +Kopf in den Nacken zu legen, so richtete er seine Ansprache +schließlich nur noch an den Bauch des Herrn Pastors. + +»Der Herr Direktor verlangt,« sagte Asmus, »daß wir Ihnen eine +Erklärung unseres Verhaltens geben. Mein Freund hat uns ein Wortspiel +erzählt, und darüber haben wir gelacht. Mitten im Gelächter hat dann +einer gesagt: ‘Da kommt Pastor Zump!’ Wir haben aber nicht über Sie +gelacht.« + +Das stimmte nun nicht recht; aber Asmus als erwählter Führer hielt es +für Ehrenpflicht, seine Kameraden herauszupauken. + +Der Geistliche antwortete im schönsten Kanzelton: + +»Sie erwarten doch wohl nicht, daß ich diese Erklärung annehme. Ich +habe den Herrn Direktor gebeten, Sie nicht zu bestrafen (das stimmte) +und wenn Sie kommen, um Verzeihung zu bitten, so ist die Sache für +mich erledigt; wenn Sie aber erklären, Sie hätten nicht über mich, +sondern über ein Wortspiel gelacht – #quod non#!« + +»Wir können nichts anderes sagen,« bemerkte Asmus gegen den Bauch des +Herrn Zump. + +»Und Sie?« wandte Zump sich an Klöhn. »Können Sie mir auch nichts +anderes sagen? Sie waren es doch, der da rief: ‘Halloh, Pastor Zump’ +und höhnisch dazu lachte.« + +»Das hat er nicht getan!« rief Asmus. + +»Schweigen Sie doch!« rief der Pastor zornig, »wie können Sie das +wissen?« + +»Weil ich meinen Freund kenne; dergleichen tut er nicht,« versetzte +Asmus als Eideshelfer. + +»Ich rede überhaupt nicht mehr mit Ihnen!« eiferte Zump gegen Sempern +und wandte sich an Morieux. + +»Und Sie? Haben Sie etwa nicht gesagt: »Ich habe die Ehre, Sie nicht +zu kennen!« (Das schien der Pastor also wirklich gehört zu haben.) + +»Nein,« rief Morieux mit diabolischen Gesichtsverzerrungen, »ich habe +gesagt, daß ich nicht die Ehre hätte, Sie zu kennen.« + +»Jawohl, das hat er gesagt,« erklärte Asmus mit Nachdruck, und die +andern stimmten zu. + +Pastor Zump warf einen Blick auf ihn wie der Prophet Elisa auf jene +Knaben, die er von zween Bären zerreißen ließ, dieweil sie gerufen +hatten: »Kahlkopf, komm herauf!« + +Und dann machte er eine große Armbewegung über alle vier Köpfe hin und +sagte: »Ich bin fertig mit Ihnen, Adieu.« Aber als sie nahe der Tür +waren, sprach er mit einem besonderen Blick für die drei anderen +(Asmussen würdigte er keines Blickes mehr): »Wenn der eine oder der +andere von Ihnen mir etwas anzuvertrauen hat, so werde ich ihn gern +empfangen.« + +Er mochte wohl hoffen, daß einer von den dreien vor Unterleibsschwäche +abfallen und reumütiges Bekenntnis ablegen werde, und das war nicht +fein von ihm. Nach vielen Jahren erst erfuhr Asmus aus wahrem Munde, +daß dieser Pastor Zump ein guter, hilfsbereiter und opferfreudiger +Mann gewesen sei. Seine Verfolgung der vier Jünglinge war vermutlich +auch so ein Steinchen gewesen, das ihm die bucklige Schwester des +Schicksals unter die Füße gerollt hatte. + +Einstweilen war er für Asmussen der rachsüchtige Pfaffe, der +Hoogstraten und Peter Arbues, den er nie in seinem Leben um Verzeihung +bitten würde. Dann aber kam die Relegation. Dann war alle Mühe und +Sorge von viertehalb Jahren dahin, dann konnte er alle seine +Frühlingshoffnungen begraben und Zigarrenmacher werden. Das Geld, ihn +auf einem auswärtigen Seminar zu erhalten, konnten weder er noch seine +Eltern aufbringen. Ihm war übel ums Herz, und er verbrachte eine +schlaflose Nacht. + +Das Schlimmste war, daß das Herz nicht ganz frei war. Er selbst hatte +zwar den Mann nicht verlacht; aber er hatte die andern unbedingt in +Schutz genommen, und das war doch gewiß: zum mindesten Klöhn hatte +eine starke Ungezogenheit begangen. Wenn man wahr sein wollte, mußte +man das eingestehen. Aber darum Buße tun in Sack und Asche, wie Uriel +Acosta, vor diesem »hochmütigen, intriganten Priester«?! Asmus fuhr +mit einem kurzen Lachen von seinem Bett empor und warf sich wuchtig +wieder zurück auf das zerwühlte Lager. Aber übel war ihm zu Sinn; es +ist schlimm, wenn eine Wunde nicht ganz rein ist. + +Erst nahe vor Morgen verfiel er in einen leisen Halbschlaf. Der +Direktor stand vor ihm und sagte: »_Sie_ wollen Lehrer werden? Sie +sind wohl verrückt!« Und dabei hatte er vollkommen das Gesicht von +Adolfine Moses. + + + + +XXIV. Kapitel. + +Die Bucklige lacht: aber die Schlanke macht es wieder gut. – Der +Schiffbrüchige von Salas y Gomez als Mittler zwischen den Parteien. + + +Zwei Stunden später traten die vier im Gänsemarsch bei dem Direktor +ein, Semper wieder voran. + +»Wir haben dem Herrn Pastor erklärt, daß unser Lachen nicht ihm +gegolten habe; aber er will diese Erklärung nicht annehmen,« +berichtete Asmus und erwartete das Vernichtungsurteil. + +Der Direktor ging einmal das Zimmer auf und ab und durchstach dann +alle vier, jeden einzeln, mit einem Blick. Dann ging er noch einmal +auf und ab und durchstach hierauf Asmussen mit einem besonders langen +Blick. Und dann sagte er: + +»Sie können jeh’n.« + +Die Angelegenheit war erledigt. Sie war erledigt für den Direktor und +den Pastor; keiner kam wieder darauf zurück. + +Aber nicht erledigt war sie für die Seybolde und Wiedemänner. Das war +ja köstlich! Das war ja erbaulich! Also so waren die »Schäflein«, wenn +sie unter sich waren! Dann betrugen sie sich wie die Gassenbuben und +bewarfen Geistliche (im Ornat! versicherte einer) mit Steinen! mit +Schmutz! Das waren also die Leutchen, die eine Eins bekamen, wenn +andere nur eine Zwei kriegten! Das waren die Herren, die mit +hochmütiger Verachtung erwiderten, wenn man ihnen vorhielt, daß sie +ihre Kollegen beim Direktor verraten hätten! Für die Schäflein, und +sonderlich natürlich für Asmussen, kamen schlimme Tage, und die kleine +schieläugige Schwester des Schicksals lachte, daß ihr der Buckel +tanzte und rief: + +»Du glaubst, wer recht hat, müsse obendrein auch noch Recht +_bekommen_? Du bist wohl verrückt?!« + +In dieser Zeit, da ihm die Welt ein ausgesucht widerwärtiges Gesicht +machte, sollte er etwas erleben, was nach »Duplizität der Ereignisse« +aussah. Wie sich ihm nämlich einst, da er noch ein Knabe war, aus +dunklem Bangen ein Weg ins Licht gezeigt hatte, als er zwischen den +Bahndämmen in der Rainstraße, vor der Tür einer Schenke, einem lieben +braunen Mädchen begegnet war, so sollte er auch jetzt wieder bei einem +braunen Mädchen Erhebung und Erheiterung des Herzens finden. Herr +Mansfeld, ein befreundeter Lehrer, hatte ihn zum Abendbrot eingeladen, +und als Asmus nun die Treppen zur Wohnung des Gastfreundes +emporstieg, stand da auf einem Absatz eine rankgewachsene Brünette und +blickte nachdenklich auf einen Koffer ihr zu Füßen, der nicht allzu +leicht sein mochte. Es war Fräulein Hilde Chavonne, seine ehemalige +Kollegin. Sie stand im Begriff, zu eben den Lehrersleuten, die Asmus +geladen hatten, in Pension zu gehen, und Asmus bat bescheidentlich um +die Erlaubnis, ihr den Koffer hinauftragen zu dürfen. Das gewährte sie +mit einem gnädigen Lächeln, und als man droben war, halfen Asmus und +Herr Mansfeld beim Auspacken der Bücher, die der Koffer enthielt. +Dabei schlug sich von selbst ein starkes, längliches Heft auf, das mit +der Hand gezeichnete und kolorierte Landkarten enthielt. + +»O, wie famos!« rief Asmus. »Haben Sie die gezeichnet?« + +Hilde klappte schnell das Heft zu. »Machen Sie sich nicht lustig +darüber!« rief sie ängstlich. »Sie können es gewiß tausendmal besser.« + +»Ich? Ich kann gar nichts, ich kann überhaupt nicht zeichnen,« sagte +Asmus. + +Sie sah ihn zweifelnd an; aber als sie in seine Augen sah, glaubte sie +ihm, und nun schlug sie langsam selbst das Heft wieder auf, und von +Blatt zu Blatt, wie er staunte und lobte, wurde sie heiterer und +stolzer. Sie stand dicht neben ihm, und dabei geschah es, als er sich +über das Heft bückte, daß der Ärmel ihres Kleides seine Wange +streifte. Von diesem Augenblick an war Asmus wieder glücklich. + +Sie erschien nicht beim Abendbrot, weil sie müde war, und überhaupt +blieb es auf lange Zeit hinaus bei dieser flüchtigen Begegnung. + +Merkwürdig, dachte er im Nachhausegehen: ein ganz ähnliches Gefühl hab +ich schon einmal gehabt – ganz so wie jetzt war die Welt schon einmal +– nicht die gewöhnliche Welt, aber die andre, die immer über ihr +schwebt wie Morgenduft über den Hügeln, die war schon einmal so, +damals, als ich zwischen den Bahndämmen »am Rain« mit dem kleinen +braunen Mädchen geplaudert hatte, mit der »Königin der Mainotten«. Und +was noch merkwürdiger ist, die beiden haben in gewisser Hinsicht etwas +Übereinstimmendes – nicht nur, daß sie beide braunes Haar und braune +Augen haben, das will nichts sagen – auch der Teint und das ganze +Aussehen – auch das Fräulein Chavonne hat etwas Fremdländisches – so – +so etwas Französisches – übrigens ist ja auch ihr Name französisch. +Aber ihr Wesen ist – gewiß: es ist deutsch – und doch wieder so ganz +anders als das des fürchterlichen »deutschen Weibes« mit der +Häkelnadel. Wenn man sie zu Pferde sähe, dachte er, mit wehendem +Schleier, den Falken auf der Faust, auf dieser seinen, schmalen Faust +– es würde keinen Augenblick überraschen. + + »Wie sitzest du zu Pferde + So königlich und schlank!« + +sang er vor sich hin, daß ein vorübergehender Bürger stutzte und ihn +anstarrte.... + +Seit diesem Abend fühlte sich Asmus auf eine wunderbare Weise frei und +leicht, und er trug das Leben wieder mit aufgerichteten Schultern. Er +hätte nicht sagen können, woher das kam; es kam aber einfach daher, +daß ihn in dieser armen, bürgerlichen Lehrerin ein adliger Mensch +berührt hatte, und das hatte um so wundersamer gewirkt, als es +menschlicher Pöbel war, der sein Leben verfinstert hatte. + +Seybold und Wiedemann waren ganz unzweifelhaft Pöbel; daß aber unter +den anderen Feinden auch anderes Material war, das sollte er bald +erfahren. Zunächst freilich schienen die Gegensätze noch +unversöhnlich. Herr Quasebarth brachte eines Tages die Rede auf den +die Klasse zerspaltenden Streit und sprach sein Bedauern aus. + +»Ja,« rief eines der Antischäflein, »die andere Partei macht ja auch +nicht den geringsten Versuch zu einer Annäherung.« + +Da lachte Asmus laut auf, daß es durch die Klasse scholl. + +Seit vielen Monaten geschah ihnen Unrecht auf Unrecht – und da sollten +sie etwa noch um Frieden betteln? Lieber »Kampf bis zur Vernichtung«. + +Seiner Jugend erschien die Welt als ein ehrenhaftes Geschäft, bei dem +man eine berechtigte Forderung nur zu präsentieren brauche, um sofort +Zahlung zu erhalten. Er ahnte noch nicht, daß dieses allerdings reelle +Geschäft eine sehr weitsichtige Buchführung hat und daß seine Bilanzen +oft erst nach zehn, nach fünfzig, nach hundert Jahren oder später +erscheinen, je nach der Größe des Gegenstandes. Man kann diese Welt +auch ein Gericht nennen und das Leben einen Prozeß, der durch hundert +oder tausend Instanzen geht. Man bekommt gewöhnlich sein Recht, aber +oft mit einer Begründung, die man nicht erwartet hat, und manchmal, +wenn man das Urteil erhält, ist man tot. + +Bald darauf, in der Rezitationsstunde trug Asmus aus dem Kopfe »Salas +y Gomez« vor, mit sämtlichen drei Schiefertafeln. Als er nach dieser +Stunde über den Korridor ging, stieß er auf Herrn Rothgrün, der in der +Nachbarklasse Sempers Freudenschrei: + + »Ein Schiff! Ein Schiff! Mit vollen Segeln lenkt + Es herwärts seinen Lauf, mit vollem Winde!« + +vernommen hatte. Und Rothgrün meinte mit wohlwollendem Lächeln: +»Glauben Sie wohl, daß der Mann noch eine so starke Stimme hatte, +nachdem er jahrelang bloß von Eiern gelebt hatte?« Rothgrün war eben +Kritiker. Anders aber war der Seminarist Blankenburg. Er trat nach +dieser Stunde an einige Häupter seiner Partei heran und sagte: + +»Ich finde, es geht nicht länger. Wir können den Verruf nicht weiter +aufrechterhalten. Im Grunde war es ja doch nur Neid. Daß er Kollegen +beim Direktor verpetzen könnte, glaubt ja längst kein Mensch mehr. Wir +blamieren uns. Und _wir_ müssen wieder anfangen.« + +Und in den andern wachte die Hochherzigkeit des Jünglingsalters +freudig wieder auf, und es wurde beschlossen, auf dem bevorstehenden +Bergfeste die feierliche Versöhnung zu begehen. + + + + +XXV. Kapitel. + +Was eigentlich ein Bergfest ist, und warum Dr. Korn den ersten Toast +bekam. + + +Das Bergfest! Wenn von den sechs Seminarsemestern drei verflossen +waren und also der Berg des Ärgernisses bis zum Gipfel überwunden war, +pflegte man das »Bergfest« zu feiern. Und diesmal sollten der Direktor +und alle Lehrer dazu geladen werden. + +Vor der nächsten psychologischen Stunde hub der Herr Direktor also an: +»’n Bergfest woll’n Se feiern. Ich habe erst jar nicht verstanden, was +das sein soll. Ich habe jedacht: wieso woll’n denn Seminaristen des +Flachlandes ’n »Bergfest« feiern! Schließlich hab ich mir’s erklären +lassen. Das heißt: »Jott sei Dank, nu sind wir über’n Berg!« Ick will +Ihnen mal wat sagen: Freu’n Se sich, wenn Se noch Zeit und Jelegenheit +haben, wat zu lernen; später wird’s anders! Wenn Se Ihr Examen jemacht +haben, feiern Se meinetwegen Feste, aber _den_ Unsinn mach’ ick nich +mit!« + +Er fing immer ziemlich hochdeutsch an, aber je länger er sprach, +desto berlinerischer wurde er und desto mehr würzte er seinen Vortrag +mit Berliner Anekdoten. Wenn er mit einem Vortrag über Zeit und Raum +begonnen hatte, so war er nach einer Viertelstunde bei Bismarck oder +Moltke oder bei seinen Lehrern Lazarus und Steinthal (»der Steinthal +is man so’n janz kleenes Männeken mit’n Zahntuch um’n Kopp – wenn +man’n auf der Straße sieht, möcht’ man ihm ’n Jroschen schenken« – und +dann pries er ihn in begeisterten Erinnerungen) oder er kam auf die +Berliner Schutzleute oder auf Eugen Richter. + +»Wenn man den Richter nachts aufweckt und sagt: Richter, halt mal ’ne +Rede! denn kann er’s, un wenn man sagt: Richter, nu halt mal eine +dajegen! denn kann er’s ooch. Aber ’n janzer Kerl is er doch!« + +Das Bergfest wurde also ohne Direktor und ohne Lehrer, +nichtsdestoweniger aber mit Glanz gefeiert. Niemand rührte mit Wort +oder Miene an das Vergangene; Schäflein und Wölfe benahmen sich gleich +taktvoll; nur Morieux zog einmal Sempern auf die Seite und flüsterte +erregt: + +»Du mußt eine Rede halten!« + +»Ich? Worüber?« + +»Na – zum Dank für die Einladung!« + +Asmus brach in ein schallendes Gelächter aus. + +»Das könnte mir fehlen! Nein, mein Junge, ich bin sehr vergnügt und +feire das Fest ohne jeden Hintergedanken – aber auch noch »danke« +sagen –? Das mach du nur selber! Das heißt, wenn du’s tust, erschlage +ich dich!« fügte er schnell hinzu. + +Und zu den hübschesten Dingen dieses Festes gehörte es, daß der erste +Trinkspruch, den der Präside ausbrachte, dem Direktor galt. Er hatte +sie auch bei dieser Gelegenheit nicht eben liebenswürdig behandelt; +aber sie liebten ihn alle; denn er hatte das eine, für das die Jugend +ein so besonders feines und lebhaftes Empfinden besitzt: +Gerechtigkeitsgefühl. Die Jugend versöhnt sich mit dem strengsten +Zuchtmeister, wenn er gerecht ist, und sie verachtet, sie haßt den +willfährigsten Lenker, wenn er das Recht beugt. Sie wußten es alle: +dieser #Dr.# Korn hatte ein Rückgrat nach oben und nach unten, und +wenn es in einem Konflikt zwischen Lehrer und Schüler zu entscheiden +galt, so waren sie ihm nicht Lehrer und Schüler, sondern Menschen. In +aller Gedächtnis strahlte mit unauslöschlichem Glanze ein +Richterspruch des »Alten«. Ein Religionslehrer hatte mit allerlei +verfänglichen Fragen einen verdächtigen Jüngling auf seine +Rechtgläubigkeit untersucht. Der Jüngling beschwerte sich bei dem +Direktor über diese Belästigungen, und Korn, als er beide Parteien +gehört hatte, sagte: »Herr Doktor, Sie haben sich aller +Jewissensfragen zu enthalten. Wir sind hier tolerant.« + +Es war zu jener Zeit, als der leise schreitende Einfluß der +Geistlichkeit noch nicht überall war und die oberen Stellen nicht mit +den Günstlingen der Kirche, sondern mit den Günstlingen Minervens +besetzt wurden. + +Von der orthodoxen Theologie war der Mann allerdings weit entfernt; er +war Philolog und Philosoph und liebte das Zeitalter der Aufklärung und +der Enzyklopädisten, das er mit sprühendem Geist, lebendig und groß +darzustellen wußte, so groß, daß Asmus, wenn ihm später der banale +Aufkläricht in seiner ganzen Schrecknis begegnete, nie mehr vergessen +konnte, wie die Gedanken, die klein sind in den kleinen Köpfen, groß +gewesen in den großen. Wenn er ein Kapitel des christlichen Glaubens +behandelte, etwa die Dreieinigkeit, so trug er es genau nach der +Dogmatik vor, ohne Kritik und ohne Polemik, und wenn er fertig war, +sagte er aufatmend: + +»So. Das lehrt die Kirche. Was Sie davon jlauben wollen, steht bei +Ihnen.« + +Diesen Grundsatz bewährte er nach jeder Richtung. Der Gläubige atmete +unter ihm so frei wie der Zweifler. + +Und obwohl Asmus das Brandenburgisch-Preußische sonst nicht liebte, – +die Schleswig-Holsteiner sind keine Kommißnaturen, – so sagte er sich +doch, daß der Geist dieses Mannes das Beste am ganzen Seminar, ja, daß +er beinahe das einzige Gute an dieser Anstalt war. Sein goldener +Präparandentraum vom reich besetzten Tisch der Wissenschaften und +Künste hatte einer großen Ernüchterung Platz gemacht; aus der Hochzeit +des Kamacho, wo die Rinder, Hammel und Hasen und die Schläuche Weines +nicht zu zählen gewesen, war ein Gastmahl des Harpagon geworden. Von +einem, der studieren will, sagen die plattdeutschen Bauern: »he will +studeern leern« und sprechen damit, ohne es zu wissen, ein feines +Wort. In drei oder vier Jahren kann man nicht viel studieren; aber man +kann studieren _lernen_, und das ist viel mehr. Bei Korn lernte man +studieren. Nach seinen Vorträgen rief es in Asmus mit tausend +Begierden: Mehr! mehr! und ihm war, als müßte er mit Armen des Geistes +das ganze Firmament der Gedanken umspannen und in seine Brust +herabziehen. Nach den Stunden der andern hatte man immer genug, und +wußte doch, daß es nichts war. Sie gaben trockenes Brot, das schnell +satt macht, oder sie gaben Steine statt des Brotes, oder sie gaben +nicht einmal Steine. Ein Glück noch, wenn sie komisch waren, wie der +gute Mister Belly, und wenigstens auf solche Art die Jugendlust +lebendig erhielten. + + + + +XXVI. Kapitel. + +Mister Belly und der geheimnisvolle Zimmermann. + + +Mister Bellys Stunden waren freilich in einer gewissen Hinsicht lauter +Feste. Mister Belly war eines jener Wunderkinder gewesen, die schon +mit drei Jahren Englisch sprechen, weil sie in England geboren sind, +und das war sein Hauptverdienst. Zu diesem Englisch hatte er nur noch +zweierlei hinzugelernt: ein Französisch mit englischer Aussprache und +Betonung und ein für einen Ausländer recht passables Deutsch. Auf +weitere Anforderungen aber reagierte er nicht. Es ist nie ans Licht +gekommen, ob er von Goethe, Schiller und Lessing irgend etwas kannte; +das aber stand fest, daß er von der nachgoethischen Literatur nur den +»Königsleutnant« von Gutzkow kannte. Ein Engländer gesteht dergleichen +ganz kaltblütig ein und hält es für Nationalbewußtsein. Von Zeit zu +Zeit fragten ihn die Seminaristen: + +»Mister Belly, wie heißt noch das deutsche Drama, das Sie kennen?« und +dann antwortete er mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt: + +»Also mal »The King’s Lieutenant«, denn er leitete jeden Satz mit den +Worten »also mal« ein. + +Wenn nun aber auch Mr. Belly recht gut deutsch sprach, so sprachen es +die deutschen Seminaristen doch besser, und als Lehrer ohne +imponierende Kräfte unter übermütige Kinder einer fremden Sprache +versetzt sein, das ist gerade so schön, wie als Taubstummer unter +Kannibalen geraten. Da beim englischen Unterricht eine Grammatik von +Gurcke gebraucht wurde, so sagte der unglückliche Belly eines Tages: +»Bringen Sie zur nächsten Stunde Ihre Gurke mit« und an solchen und +ähnlichen Gurken hatte der Gute natürlich lange zu kauen. Unter der +gütigen Leitung Mr. Bellys mußte unser Asmus etwa hundertmal die +Geschichte von Robin Hood lesen (Mr. Belly wollte auf solche Weise bei +seinen Schülern eine gute Aussprache erzielen); aber dennoch brachte +jede Stunde eine Abwechslung. Heute war es ein Hampelmann, der hinter +Mr. Belly an der Wand hing und durch einen dünnen, bei dem +Seminaristen Stelling endigenden Faden dirigiert wurde, morgen war es +ein Seminarist, der in den Kartenschrank eingesperrt wurde und dort +während der Stunde gespenstische Geräusche hervorbringen mußte, +übermorgen ein Seminarist, der aus Turnjacken, Turnhosen, Turnschuhen +und einer Mütze hergestellt, dann in ein kleines Kabinett gesetzt und +für »eingeschlafen« erklärt wurde, so daß Mr. Belly hinging, um ihn +zu wecken, und so mit und ohne Grazie ins Unendliche. Ein Rouleau, das +hochgezogen werden sollte, entwickelte sich regelmäßig zu einer ganzen +komischen Oper; denn natürlich fiel der Vorhang, wenn er endlich nach +langen Mühen aufgewickelt war, mit furchtbarem Gerassel wieder herab, +und je mehr hilfreiche Hände herbeikamen, desto unmöglicher erschien +natürlich die Bändigung des heimtückischen Vorhangs. Der eigentliche +Belly-Spezialist aber war jener Stelling. + +Stelling war ein glänzend begabter Bursche, der aber am Unterricht +eigentlich nur als wohlwollender Zuhörer teilnahm und eine +unüberwindliche Abneigung gegen Bücher und Hefte hegte. Was er an +solchen Dingen mit sich führte, beschränkte sich für gewöhnlich auf +ein kleines Heftchen, das er, um seine ganze Verachtung des Buchstaben +zu zeigen, zusammengerollt in der hinteren Hosentasche trug. Kraft +seiner vorzüglichen Anlagen war er trotzdem immer so ziemlich auf dem +Laufenden; nur in der »Charakterbildung« schien er sich auf der Stufe +des »großen Jungen« so wohl zu fühlen, daß er an einen Fortschritt +nicht dachte. + +Eines drückend heißen Sommertages brachte der nämliche Stelling einen +Hammer mit in die Klasse, und gerade las ein Schüler mit halb +entschlummerter Stimme die erschütternden Verse: + + #»Here underneath this little stone + Lies Robert Earl of Huntingdone; + Ne’er archer was as he so good, + And people called him Robin Hood ...# + +als in der Gegend Stellings ein ungemein rhythmisches Klopfen ertönte. + +»Also mal: was ist das?« fragte Mr. Belly. + +Stelling trat an das offene Fenster, neben dem er saß, und sagte +trocken: + +»Das ist also mal ein Zimmermann, Mr. Belly.« + +»Also mal: ist gut, setzen Sie sich,« sagte Belly, dem schon schwül +wurde, wenn Stelling sich einer Sache annahm. + +Stelling setzte sich und klopfte. + +»Das ist aber doch sehr störend!« rief jetzt der Nachbar Stellings mit +einem abgefeimten Lerneifer im Gesicht. + +»Soll ich den Mann also mal bitten, daß er also mal aufhört?« fragte +Stelling bescheiden. + +Belly, der der suggestiven Frechheit dieses Jünglings nicht gewachsen +war, sagte: »Also mal: bitte, wenn Sie durchaus wollen –?« + +Stelling trat wieder ans Fenster und rief mit der Stimme eines +versoffenen Feldwebels: »Hören Sie auf!!!« + +»Also mal bitte, was ist das für ein Ton!« rief Mr. Belly erschrocken; +»also seien Sie mal höflich, nicht wahr?« + +»Ganz, wie Sie wünschen, Herr Belly,« erwiderte Stelling und begann zu +singen: + + »Wackrer Zimmermann, + Hast ja Freude dran, + +aber uns stört es; möchten Sie nicht die Gewogenheit zeitigen, mit +diesem frevelhaften Geballer aufzuhören? – Wie meinen Sie?« + +Stelling wandte sich wieder ins Zimmer zurück und sagte mit dem +ruhigsten Gesicht: + +»Er antwortet: ’Pett di man keen Hoor in’n Foot!’« + +»Also mal, das ist Plattdeutsch,« bemerkte Belly sehr richtig, »was +heißt das?« + +»Das heißt: #Don’t run a hair into your foot!#« + +»Also mal: Das versteh’ ich nicht.« + +»Das verstehen Sie also mal nicht? Das ist eine Beleidigung! – Wie +heißen Sie?!« schrie Stelling zum Fenster hinaus mit zornrotem +Gesicht. + +»Also mal bitte: seien Sie nicht so erregt!« rief Belly ängstlich. + +»Er sagt, er heißt Hummel!«[3] berichtete Stelling. »Was soll ich ihm +sagen?« Natürlich wollte die Klasse sterben vor Lachen. + + [Fußnote 3: Name eines in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts + in Hamburg verstorbenen komischen Originals. Die Hamburger pflegen + auf den Zuruf »Hummel« mit einem sehr derben Ausruf zu antworten.] + +Mr. Belly erhob sich endlich, um selbst mit dem Manne zu sprechen. + +»Da – eben geht er ins Haus!« rief Stelling. »Vor Ihnen hat er +natürlich Angst.« + +Als Mr. Belly an sein Pult zurückgekehrt war und das Klopfen von neuem +anhub, sprang Stelling auf und schritt nach der Tür: »Ich werde also +mal hinuntergehen und mit dem Mann sprechen.« + +»Also mal: Stelling, bleiben Sie also mal hier,« sagte Mr. Belly. + +»Ja aber, Herr Belly, soll man sich denn das gefallen lassen?« + +»Also mal: wollen Sie sich jetzt setzen?« + +»#Yes, mister#« sagte Stelling und ging an seinen Platz. + +»Also mal: Sie sagen: »#Yes, mister!#« Heißt es so?« + +»#Yes, gentleman!#« + +»Also mal: Sie _wollen_ es nicht richtig sagen! Sie sind also ein +Heuchler!« + +»Herr Belly,« sagte Stelling kaltblütig, »ich nehme an, daß Sie die +wahre Bedeutung dieses Wortes gar nicht kennen, sonst würde ich Sie +fordern.« + +»Aber, Herr Belly,« riefen jetzt viele durcheinander, »wie konnten Sie +so etwas sagen: das ist ja eine tödliche Beleidigung!« + +»Also mal: ich habe Sie nicht beleidigen wollen,« lenkte Belly ein, es +heißt also mal: #Yes, Sir!#« + +»Na ja, wenn einem das in Güte und Freundlichkeit gesagt wird ....« + +Inzwischen war aber in Mr. Bellys Kopfe etwas wie Morgendämmerung +angebrochen, und als das Klopfen wieder ertönte, belauerte er den +Übeltäter und sah ihn schnell etwas unter den Tisch legen. + +Nun ging er ruhigen Schrittes auf Stellings Platz zu, klappte den +Tischdeckel hoch, nahm den Hammer, ging damit wieder nach vorn, legte +ihn auf’s Pult und sagte: »Lesen Sie weiter, Müller.« Er tat das alles +ohne jedes Zeichen der Erregung, nur mit dem Ausdruck einer stoischen +Geringschätzung, ja, einer leisen Verachtung im Gesicht. Und diese +Art, dergleichen Bubenstreiche abzutun wie Dinge, die an die Würde +eines Gentleman nicht heranreichen, diese Art, die der guten +englischen Erziehungsregel: #Be a gentleman!# entspringt, nahm Asmus +doch immer wieder für ihn ein. Man sah es dem guten Belly an, daß +solche Ruchlosigkeiten ihm weh taten, daß sie ihm aber zu kindisch +waren für seinen Zorn, und das ging nicht nur Asmus, es ging +schließlich auch anderen Jünglingen zu Herzen. In einer Pause fand +eine feierliche Beratung statt mit dem Ergebnis: Da Mr. Belly nicht +imstande sei, Disziplin zu halten, so müsse man selbst für Disziplin +sorgen, und von nun an wolle man sich vernünftig benehmen. Das ging +auch einige Stunden ganz gut. Als aber ein Seminarist einen Stiefel +ausgezogen hatte, weil er ihn drückte, und sein Nachbar diesen Stiefel +mit einem kräftigen Stoß nach vorn befördert hatte, Mr. Belly den +Stiefel als #corpus delicti# konfiszierte und damit die Klasse +verließ, der Einstiefler, der von Natur eine rote Nase hatte, ihm +protestierend nachhumpelte und Mr. Belly endlich sagte: »Also mal: Sie +verfolgen mich: Sie haben eine rote Nase, also Sie sind ein Nihilist!« +da brachen ob dieser rätselhaften Ideenverbindung alle Dämme der guten +Zucht zusammen, und der jugendliche Übermut nahm wieder freien Lauf. + + + + +XXVII. Kapitel. + +Handelt von würdigen und unwürdigen Kollegen Mister Bellys. + + +Es gab an diesem Seminar wohl Lehrer, die noch untauglicher waren als +Mr. Belly; aber sie waren höchstens für eine satirische Beleuchtung +amüsant. Zu einer solchen Betrachtung zwang Asmussen wider seinen +Willen der Herr Pastor Dinnebeil, der eine Zeitlang den +Religionsunterricht erteilte. + +Einstmals Stahmer und jetzt Dinnebeil! Das war wie David Friedrich +Strauß und Hengstenberg. Nur war Hengstenberg ein Gelehrter, was +Dinnebeil, wenn er es war, geschickt zu verbergen wußte. Er +plätscherte unaufhörlich im laulichen Wasser jener fürchterlichen +Traktätchen-Terminologie, die in drei Sekunden mit sieben Synonymen +hantiert, nach Art der Jongleure, die mit Teller, Ei und Schnupftuch +so geschwinde Fangball spielen, daß man nicht mehr weiß, was Teller, +was Ei und was Schnupftuch ist. Diesen Hamburger Jünglingen, diesen +Schülern des vortrefflichen Herrn Stahmer, wollte Pastor Dinnebeil die +abgelagertsten Dogmen einreden, wollte er eine Art Christentum für +Papuas beibringen. Er versuchte es in einem Tone, der aus Huld und +Würde lieblich gemenget war. Anfangs hörten die verblüfften +Seminaristen diesem Phrasenschwall, der wie ein Landregen von Schmalz +und Honig niederging, mit offenem Munde zu; aber schon nach der +dritten Stunde war die Langeweile so ins Unendliche gewachsen, daß man +beschloß, sich einen Spaß zu machen und auf die Fragen des Mannes +immer abwechselnd zu antworten: »Der Glaube« und »Die Liebe«. + +Das geschah denn auch und paßte fast immer, und wenn es nicht paßte, +so nahm es Pastor Dinnebeil doch wohlwollend hin als das Zeugnis eines +frommen Sinnes. Nur zwei machten sich dem Späherauge Dinnebeils +verdächtig: Stelling und Semper. Asmus hatte schon tausend Zweifel und +Einwürfe ins Dunkel seiner Brust hinabgeduckt; als aber Dinnebeil +allen Ernstes die Worte im Matthäus 28, 19: »Gehet hin und lehret alle +Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des +heiligen Geistes« als Beweis für die Dreieinigkeit ausgab, da hielt es +Asmussen doch nicht länger, und als er gerade am Wort war, sprach er: + +»Verzeihung, Herr Pastor, aber ist das nicht ein späterer, +tendenziöser Zusatz?« + +»Was? Wieso?« fragte Hochwürden indigniert. + +»Nun, die Jünger vertraten doch noch auf dem Jerusalemer +Apostel-Konvent im Jahre 52 Paulus gegenüber den Grundsatz, daß nur +den Juden das Evangelium gepredigt werden dürfe; das wäre doch +ausgeschlossen, wenn Christus denselben Jüngern befohlen hätte, alle +Völker zu seinen Jüngern zu machen. Ferner wurde bis zur Mitte des +zweiten Jahrhunderts doch nur auf den Namen Jesu getauft; es ist da +undenkbar, daß die Jünger den Befehl empfangen hätten, auf drei Namen +zu taufen. Und da das Evangelium nach Matthäus im letzten Viertel des +ersten Jahrhunderts geschrieben wurde, so werden die Worte 28, 19 ein +späterer Zusatz sein; sie ...« + +»Ach was, klauben Sie mir nicht immer an der Bibel herum!« rief +Dinnebeil sittlich entrüstet. »Fahren Sie fort, Seybold!« + +Asmus war wirklich erschrocken. Er hatte bis dahin geglaubt, ein +Lehrer müsse sich freuen, wenn es seinen Schülern ernst sei um ihre +Überzeugung; aber dieser wurde gereizt, wenn man nachdachte und +forschte. Er ließ einfach »fortfahren«. Fortfahren war allerdings das +Leichteste. Von nun an »klaubte« Asmus nicht mehr; aber er »glaubte« +noch weniger, zum mindesten dem Herrn Dinnebeil. Er nahm nun auch die +Sache humoristisch und ließ die Sermones des jungen Mannes über sich +ergehen wie das Geräusch einer Wasserleitung, und wenn Herr Dinnebeil +ihn durch eine Frage aufschreckte, so rief er: »Der Glaube!!« oder +»Die Liebe!!« + +Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrer, ein anderer Mann! Der +war auch fromm, köhlerfromm, sozusagen; aber er war ein Mensch. Sie +hatten einer am andern einen Narren gefressen, Bruhn und Semper, ja, +Meister Bruhn begegnete dem Jüngling mit einer Art von Verehrung, und +zu dieser Verehrung war Asmus so billig wie nur möglich gekommen. Die +Hochachtung des Lehrers gründete sich auf Asmussens Zuverlässigkeit +und auf sein Wissen. Mit der Zuverlässigkeit hatte es folgende +Bewandtnis. + +Alljährlich veranstalteten die Seminaristen mit hohem direktorialen +Privilegio eine Konzert- und Theater-Aufführung, und vor dem Konzert +hatte Meister Bruhn, der mit Johannes Brahms zusammen studiert und +dessen Kompositionen Liszt und Rubinstein zu spielen für wert gefunden +hatten, regelmäßig ein Lampenfieber von mindestens vierzig Grad. Er +ordnete deshalb an, daß alle Mitspielenden zwei Stunden vor Beginn der +Aufführung da sein möchten, damit er selbst alle Instrumente +wiederholt durchstimmen könne. Man lächelte über diese Ängstlichkeit, +auch Asmus lächelte; aber weil er den alten Herrn lieb hatte und ihn +nicht ängstigen wollte, ging er rechtzeitig hin. Meister Bruhn lief +schon erregt auf und ab und trocknete sich mit immer neuen +Taschentüchern den Todesschweiß. + +»Nu seh’n Se, lieber Semper!« rief er, »die Uhr is sechs und Sie sind +der Einz’che! Sie sind der einz’che Zuverläß’che von der kanzen +Kesellschaft! Keben Se her die Cheiche.« + +Er fuhr mit dem Bogen darüber und sagte: »Nu ja, se stimmt. Aber das +is immer so: die’s _nich_ nöt’ch haben, die kommen; aber die’s nöt’ch +haben, die kommen _nich_.« Und er legte väterlich den Arm um Semper +und sagte: + +»Mein lieber Semper, klauben Sie’s mir: darauf kommt’s an im Leben: +auf Zuverläß’chkeit. Sie sind ä zuverläß’cher Mensch.« + +Das war also billig. Aber noch viel billiger war es, bei Bruhn in den +Ruf der Gelehrsamkeit zu kommen, und da er in den Konferenzen +natürlich vernommen hatte, daß Asmus Semper zu den Begabteren gehöre, +so hielt er ihn für eine Art Casaubon oder Leibniz. Meister Bruhn +pflegte, wenn er eine Frage stellte, gleich die schwierige Hälfte der +Antwort selbst zu geben, etwa so: + +»Nun, Semper, welcher Ton muß also hier folchen? Gi – gi –?« + +»Gis«, antwortete Asmus, und dann rief Meister Bruhn: »Der weiß +alles!« + +Diese Meinung teilte Asmus nun freilich nicht; aber doch ward es ihm +wohl und warm bei Meister Bruhn und seinen Sonnabendstunden, die im +Winter bis in das Dunkel des Abends hineinreichten. + +Dem »Musiksaale« gegenüber lag ein Haus mit einer +Schneiderinnenstube, und die Seminaristen stellten sich gern ans +Fenster, warfen schwärmende Blicke hinüber zu den Mädchen und strichen +so gefühlvoll dazu die Saiten wie der Geiger von Gmünd vor dem +Marienbilde. Und die fünf oder sechs Marien nickten so fleißig +herüber, als hätten sie gern einen Schuh und mehr dahingegeben. Wenn +Meister Bruhn das sah, dann lächelte er mild-ironisch und sagte: +»Müller, sehn Se beim Spielen hierher; die nehmen doch lieber Keld als +Muszik.« Und das ernüchterte. + + + + +XXVIII. Kapitel. + +Ein Kapitel, in dem aber auch rein gar nichts geschieht und das der +gewöhnliche Leser wütend überschlagen wird. + + +Asmus Semper hatte nicht das Geringste gegen hübsche +Schneidermamsellen; aber ob sie hübsch waren, eben das konnte er nicht +feststellen, weil seine Augen für eine so große Entfernung nicht +ausreichten. So schützte, wie es wohl öfter kommen mag, die +Kurzsichtigkeit seine Tugend. Aber wenn er auch die Schneiderinnen +deutlich hätte erkennen können, würde er wohl wenig nach ihnen +ausgeschaut haben, weil es innerhalb des düsteren, kahlen Musiksaales +weit Schöneres zu sehen gab. In diesem Musiksaal wurden alle +Volkslieder gesungen und gegeigt, die je von deutschem Kindermund +erklungen sind; denn was sie die Kinder lehren sollten, das mußten die +künftigen Lehrer selber spielen und singen können. Wenn er diese +Lieder hörte, stützte Asmus den Ellenbogen aufs Knie und den Kopf in +die Hand und sah in einen dunklen Winkel des Saales, und seine +kurzsichtigen Augen wurden fernsichtig. + +Da sah er hinein in jahrtausendtiefen Wald und hörte aus einem fernen +Jahrhundert den dämmergrünen Grund herauf ein fröhliches Blasen: + + Ein Jäger aus Kurpfalz, + Der reitet durch den grünen Wald, + Er schießt das Wild daher, + Gleichwie es ihm gefallt. + Ju ja, Ju ja + gar lustig ist die Jägerei + Allhier auf grüner Heid’. + +Aber das zweite »Ju ja« hallte leise aus wunderbaren Fernen her. + +Und langsam schritt er tiefer in den Wald hinein, dorthin, wo im +ewigen Dunkel zwischen Moos und Stein ein Waldelf sitzt und seit +hunderttausend Jahren in die Quelle starrt, um ihr Geheimnis zu +ergründen. Und Asmus neigte das Ohr und horchte dem murmelnden +Selbstgespräch der Quelle, und immer war’s ihm, nun müßt’ er’s gleich +verstehen, und verstand es doch nie. Und wie er noch lauschte, winkte +ihm aus tauigem Dunkel ein purpurner Schein. + + Ein Männlein steht im Walde + Ganz still und stumm, + Es hat von lauter Purpur + Ein Mäntlein um. + +Das Lied hatte ihn sogleich angelacht wie ein rotwangiger Apfel, da +er’s in früher Kindheit zum ersten Male gehört. Nun aber strahlte +durch die braunen Stämme ein goldener Glanz; er ging darauf zu und +wußte nicht: ist es goldene Sonne, oder goldenes Korn? Und als er am +Feldrain stand, war es goldenes Korn in goldener Sonne. + + Horch, wie schallt’s dorten so lieblich hervor! + Fürchte Gott! + Fürchte Gott! + Ruft mir die Wachtel ins Ohr. + Sitzend im Grünen, von Halmen umhüllt, + Mahnt sie den Horcher am Saatengefild: + Liebe Gott! + Liebe Gott! + Er ist so gütig und mild! + +Die Hitze hatte drohende Wolken gebraut, und die fernsten Ähren +standen schon in graublauer Luft. + + Schreckt dich im Wetter der Herr der Natur: + Bitte Gott! + Bitte Gott! + Und er verschonet die Flur. + Machen die künftigen Tage dir bang, + Tröste dich wieder der Wachtel Gesang: + Traue Gott! + Traue Gott! + Deutet ihr lieblicher Klang. + +Was war das für eine Zeit gewesen, da die Menschen mit solchen +Empfindungen durch die Felder gingen? Lichte Zeit? Dunkle Zeit? Eine +heimelnde Zeit gewiß. War sie je gewesen? Würde sie jemals sein? Er +grübelte nach, da klang aus dem verlassenen Walde her ein zauberischer +Schall. + + Wie lieblich schallt + Durch Busch und Wald + Des Waldhorns süßer Klang! + Der Widerhall + Im Eichental + Hallt’s nach so lang – so lang! + +Ja, wahrlich, – himmelsfern und himmelsleise klang der Widerhall aus +einem Tal, das seine Augen nicht sahen – das keine Augen jemals sehen. +Lange, lange klang der Widerhall, bis in die Abendröte hinein, in +deren Glut er sich verlor. + + Goldne Abendsonne, + Wie bist du so schön! + Nie kann ohne Wonne + Deinen Glanz ich seh’n. + + Schon in früher Jugend + Sah ich gern nach dir, + Und der Trieb zur Tugend + Glühte mehr in mir. + +Das hatten wohl schon die Urgroßeltern gesungen, und doch war es noch +immer so: unendlich groß und unendlich gut müßte ein Herz sein, um +solcher heiligen Schönheit wert zu sein! Und es möchte groß sein, das +Herz, groß wie der Glanz der Abendsonne, und es schwillt auf und +drängt und tut weh. Da ist es fast Erlösung, ist es Friede, wenn sie +sinkt und graue Dämmerung aus den Feldern steigt. + + Willkommen, o seliger Abend + Dem Herzen, das froh dich genießt! + Du bist so erquickend, so labend, + Drum sei uns recht herzlich gegrüßt! + +Das Lied kam aus jener Zeit, da es noch einen Abend gab und die +Menschen am Tagesende sich fanden in Ruhe, Sammlung und Genügen. +Damals war der Mond noch ein Hausfreund der Menschen, der sich zu +ihnen gesellte, wenn sie am Abend plaudernd vor der Tür ihrer Hütte +saßen. + + Guter Mond, du gehst so stille + Durch die Abendwolken hin, + Labest nach des Tages Schwüle + Durch dein freundlich Licht den Sinn. + + Leuchte freundlich jedem Müden + In das stille Kämmerlein! + Und dein Schimmer gieße Frieden + Ins bedrängte Herz hinein! + +Damals waren überall noch Wiesen, wo jetzt Häuser stehen; auf allen +Wiesen gingen weidende Herden, und auch der Mond war ein Schäfer. Das +war, als die Mütter noch sangen. + + Wer hat die schönsten Schäfchen? + Die hat der goldne Mond, + Der hinter unsern Bäumen, Bäumen, + Am Himmel droben wohnt. + +Und bei dem »Bäumen-Bäumen« hörte Asmus eine Wiege gehn und sah er ein +Händchen nach den Schäflein des Mondes greifen. Das Kind tastete noch +auf dem Deckkissen nach den Schäflein, als es schon schlief, und die +Leute traten fröstelnd ins Haus zurück, und es war Nacht. Asmus stand +wieder allein und schaute über Felder und Äcker hinaus nach anderen +Äckern, wo ihm Freund und Bruder lagen. + + Ein getreues Herze wissen + Hat des höchsten Schatzes Preis; + Der ist selig zu begrüßen, + Der ein solches Kleinod weiß. + Mir ist wohl bei höchstem Schmerz; + Denn ich weiß ein treues Herz. + +Wußte er solch ein Herz? Er hatte Eltern und Geschwister; aber das war +angeborener Besitz, kein erworbener. Ein Mensch muß ein erworbenes +Herz wissen, sonst ist er dennoch einsam. Eines hatte er gewußt; aber +das war tot. Gewiß: es waren ihm manche Herzen freundlich gesinnt; +aber: + + Ein getreues Herz hilft streiten + Wider alles, was ist feind. + +solch ein Herz war nicht darunter. Ja, wenn die schlanke, braune Hilde +Chavonne – – ach, die stand hoch über menschlichen Wünschen. Da hörte +er hinter einer Wand von dreizehn Jahren eine holde Jugendweise: + + Der beste Freund ist in dem Himmel, + Auf Erden sind nicht Freunde viel, + Und in dem falschen Weltgetümmel + Ist Redlichkeit oft auf dem Spiel. + Drum hab’ ich’s immer so gemeint: + Im Himmel ist der beste Freund. + +Er sah die Dorfschule, in der er gesessen, sah seinen ersten Lehrer, +wie er die Geige unter den braunen Bart schob, sah sich selbst als +siebenjährigen Knaben, wie er das Lied sang und dabei mit staunenden +Augen auf die Geige wie auf ein Wunder starrte. Was das Lied +versicherte, glaubte er ja nicht. Er glaubte, daß es auf dieser Erde +nie Größeres und Schöneres gegeben habe als Jesus von Nazareth; aber +er glaubte nicht an seine Göttlichkeit; er glaubte überhaupt an keinen +»Freund im Himmel«. Aber an dies Lied glaubte er und an den Glauben +seines Sängers. Denn einen ebensolchen Glauben hatte er ja selbst, +nicht denselben Glauben, aber einen ebensolchen. Und er hatte den +Freund, den besten Freund: nicht Jesus hieß er – er hatte keinen Namen +– nicht im Himmel war er – er war überall. Er sehnte sich nach einem +menschlichen Freunde; aber den großen, übermenschlichen Freund hatte +er längst, hatte er immer. Wer hätte ihn sonst ermuntert und erquickt +in seinen Kämpfen, ihm über die Schulter so freundlich zugeflüstert in +seinen Mühen und Sorgen: »Halt aus, du siegst!?« Dies treue Lied hatte +grüne Tage seiner Kindheit umklungen, darum war es ihm ewig verknüpft +mit allem Frühen und Morgendlichen, mit allem Keimen und Hoffen. + + »Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele –« + +wie dem lebenssatten Faust, so hätte ihm dieses Lied den Todesbecher +mit Gewalt vom Munde gezogen. + + »Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!« + +so rief auch Faust, – aber doch zog ihn das Lied vom Tod ins Leben +zurück. + +Und die Nacht, die Asmus umgeben hatte, bei diesem Lied aus +Morgentagen hatte sie sich im Osten leise gelichtet. Und er sah, wie +das weite Feld, in dem er noch immer stand, ein wundersames Leben +erfüllte: er sah – undeutlich – menschliche Gestalten wie Nebelriesen +um düstre Lagerfeuer liegen und stehen, hörte Stampfen und Klirren und +sah Pferde den weißen Hauch in die Kühle des Herbstmorgens schnauben, +und von einem fernen Lagerfeuer her hörte er ein Lied wie Sieges- und +Todesgewißheit: Ein Morgen des Sieges wird kommen; aber wir werden +ihn nicht mehr sehen. + + Erhebt euch von der Erde, + Ihr Schläfer, aus der Ruh! + Schon wiehern uns die Pferde + Den guten Morgen zu. + Die lieben Waffen glänzen + So hell im Morgenrot; + Man träumt von Siegeskränzen, + Man denkt auch an den Tod. – – + + Ein Morgen soll noch kommen, + Ein Morgen mild und klar; + Sein harren alle Frommen, + Ihn schaut der Engel Schar. + Bald scheint er sonder Hülle + Auf jeden deutschen Mann: + O brich, du Tag der Fülle, + Du Freiheitstag, brich an! + +Diese Zeit des deutschen Leides, wie groß, wie heilig und rein mußte +sie gewesen sein! Und als nun von einem Lagerfeuer die Stimme Meister +Bruhns erklang: + +»Nun, Semper, was wollen Sie uns denn heute vorspielen?« da schnellte +Asmus hoch, schob die Geige unters Kinn und strich die Saiten mit +Wucht und Sturm: + + Freiheit, die ich meine, + Die mein Herz erfüllt, + Komm mit deinem Scheine, + Süßes Engelsbild! + + Magst du nie dich zeigen + Der bedrängten Welt? + Führest deinen Reigen + Nur am Sternenzelt? + +Asmus Semper betete. Er wollte die Freiheit vom Himmel herabbeten: +aber er dachte unter Freiheit nicht nur die Erlösung von fremden und +heimischen Tyrannen, von Pfaffen und Geldsäcken; er dachte unter +Freiheit alles Große und Herrliche, das sehnenden Menschenseelen in +künftigen Welten aufgehoben ist für jenen Tag, der kommen wird. Sein +Geigenspiel war ein Gebet aus bebendem, glühendem Herzen, und jener +Lederhändler, der die bei Tische nicht betenden Mitmenschen zu den +»Öchslein und Eselein« stellte, würde seltsame Augen gemacht haben, +wenn er in diesem Augenblick in das semperische Herz geblickt hätte. + +Im deutschen Liede sah er das deutsche Land. Er hatte ja mit +leiblichen Augen nichts davon gesehen als seine engere Heimat; aber – +o, was für ein Land mußte das sein! Jahre, bevor er nach Amerika ging, +war sein Bruder Johannes durch Deutschland und die Schweiz gewandert, +hatte Briefe und Bilder von Burgen und Bergen und Trauben vom Rhein +geschickt; aber das Schönste, was er dann mit nach Hause gebracht, war +ein Lied gewesen, das Asmus damals noch nicht kannte. + + An der Saale hellem Strande + Stehen Burgen stolz und kühn. + Ihre Dächer sind zerfallen, + Und der Wind streicht durch die Hallen; + Wolken ziehen drüber hin. + +Auch dieses Lied spielte Asmus; denn er hörte alles darin, was der +Deutsche ist oder was er von Herzen gern sein möchte: tapfer und mild, +erfindungsreich und träumerisch, zärtlich und gedankenvoll. Dies Lied +kam aus einem Land voll großer Geschichte und tiefsinniger Sage, aus +einem Land der singenden Wälder und klingenden Ströme. Daß man solch +ein Land liebte – nicht, wie Mutter oder Bruder, nicht wie ein Mädchen +– nein, mit einer Liebe, die es nur einmal gibt, die seltsam und ganz +eigen ist – das war ja selbstverständlich. Daß man für ein Land, dem +solche Lieder entblühen, freudig sterben kann, das war ihm +selbstverständlich. + +Gewiß waren andere Länder ebenso schön oder schöner; aber ein zweites +Deutschland gab es dennoch nicht. Gewiß hatte kein Land solche +Weihnachtslieder wie Deutschland. Da war ein Lied, das war klein und +groß, wie eine deutsche Hütte, darin eine Mutter mit ihrem Kinde +liegt. Da kommen die Töne behutsam herein auf leisesten Sohlen und +knien wie Kinder vor der Wiege in stumm zitternder Seligkeit, und +halten den Atem, halten den Schlag des Herzens an, das zerspringen +will vor heiliger Erwartung, weil es das Kindlein sehen soll! + + Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all, + Zur Krippe her kommet in Betlehems Stall + Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht + Der Vater im Himmel für Freude euch macht! + +»Das ist doch eigentlich ein ziemlich triviales Lied,« meinte der +Seminarist Gärtner. + +»Mein lieber Kärtner,« versetzte Meister Bruhn mit seinem +mild-ironischen Lächeln, »mein lieber Kärtner, wenn ich das Lied +k’macht hätte, denn kuckt’ ich Sie karnicht an!« + +»Das ist das feinste, lieblichste Weihnachtslied, das ich kenne!« rief +Asmus begeistert. + +»Ja, ja, mein lieber Semper, awer solche Sachen macht man heutz’tache +nich mehr.« + +»Warum nicht?« forschte Asmus begierig. + +»Weil man den Klauben haben muß, um so was machen zu können; die +jetz’che Zeit hat awer keinen Klauben mehr.« + +»O!« machte Semper. + +»Ja ja, lieber Freund, Se können’s mir klauben. In einer Zeit, wo +David Friedrich Strauß herrscht, da macht man solche Lieder nich.« + +»Haben Sie Strauß gelesen?« rief Asmus. + +»Nee, nee!« rief Bruhn ängstlich und flüchtete sich in die Musik, +indem er auf dem »Klafier« zu präludieren begann. + +»Ja, David Strauß ist mein Mann!« rief Asmus. + +Bruhn sah ihn erschrocken von der Seite an und präludierte +ängstlicher. + +»Aber darum hab’ ich doch all diese herrlichen Lieder gern, auch die +frommen, die wunderschönen Choräle, z. B. »Befiehl du deine Wege« und +»Ein feste Burg« und »Wachet auf, ruft uns die Stimme« und »In allen +meinen Taten« und »Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’«. Er hätte noch +lange fortfahren können; aber Bruhn starrte ihn immer hilfloser an und +spielte jetzt bereits #forte#. Aber dann brach er ab. + +»Nee, lieber Semper, es ist so,« sprach er, »wenn der kalte, +mathemat’sche Verstand dazukommt, denn is es mit’m Klauben und mit der +Kunst vorbei.« + +»Das wäre ja schrecklich!« rief Asmus. »Aber es ist ja gar nicht so! +Der Verstand ist ja gar nicht kalt! Und die Mathematik ebensowenig!« +Er mußte an die Stunden denken, da er zu Hause über mathematischen +Aufgaben gesessen hatte. Aufgesprungen war er oft, durchs Zimmer war +er getanzt und den Fensterpfosten hatte er umarmt, so wohl und warm +war ihm gewesen. Eine warme, fröhliche Sonnenklarheit war um ihn her +gewesen! + +Er wurde immer eifriger, und er suchte nach Worten; denn was er +meinte, war schwer zu sagen. Plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke. + +»Das ist, wie ich es mal in einem Theater gesehen habe!« rief er. »Da +gingen immer neue Vorhänge hoch, immer einer nach dem andern, und es +wurde immer heller, und jedesmal bekam man Neues zu sehen, und das +Neue bildete mit dem Alten zusammen immer schönere Bilder. Nur daß es +auf dem Theater ein Ende hatte; in der Welt hat es kein Ende.« + +Bruhn, der sich inzwischen wieder in ein #forte fortissimo# +hineingespielt hatte, brach wiederum ab und sah den Jüngling lange mit +forschenden Blicken an. Dann sagte er: »Nu’ ja, es mag ja sein – aber +nu müssen wir weiter.« Und der Unterricht nahm seinen Fortgang. + +Auf dem ganzen Heimweg verließ ihn das Problem nicht. Das hatte er nun +so oft gehört: ein ungehemmter, schrankenloser Gebrauch des Verstandes +vernichte die Blüten des Herzens. Und immer hatte ihn diese Behauptung +gequält, geschmerzt, geärgert, ja erzürnt; denn er hatte das Gegenteil +erfahren. Je mehr sich sein Wissen und sein Gedankenkreis erweitert +hatten, ein desto heißeres Glühen hatte sich in seiner Brust +entzündet. Wie, weil man alte Irrtümer und alte Dogmen überwand und +abtat, deshalb sollte das Herz veröden? Nein, und tausendmal nein! +Gedanken können Gedanken töten, niemals aber unsterbliche Lieder und +Gestalten. Und selbst wenn die Lieder und Träume vergangener Zeiten +erfrieren müßten in der kalten Gipfelluft verwegenster Gedanken, das +Herz wird immer wieder blühen, sonst wär’ es kein Herz. Aber sie +erfrieren nicht, die alten Blüten und Früchte! Wie innig liebte er +diese alten, frommen Lieder mit ihrer lieblichen Einfalt, ihrem +rührenden Vertrauen, ihrem seligen Frieden. Warum sollte er sie nicht +lieben? Der Glaube vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte war so +schön und so köstlich wie aller Glaube kommender Zeiten, weil er +Glaube war. Warum sollte er ihn nicht lieben? + +Durch ein anderes Erlebnis sollte seine Überzeugung bald darauf eine +tiefe Befestigung erfahren. + + + + +XXIX. Kapitel. + +Asmus hört eine feierliche Messe und zieht mit den Juden durch die +Wüste, und Rebekka Semper hält Kant für überflüssig. + + +Doch im letzten Seminarjahr bekam Asmus einen anderen Direktor; +#Dr.# Korn war zum Schulrat ernannt worden – »ich habe mich nie um ein +Amt beworben,« konnte er mit Stolz in seiner Abschiedsrede sagen – und +an seine Stelle war Herr Murow getreten, ein breiter, hünenhafter Mann +und liberaler Theologe, der in seiner Antrittsrede seine Heimat sehr +deutlich verriet, als er erklärte, daß »das Wark des Lahrers nur +jäde–ihen könne, wenn das Harz dabei wäre.« + +Murow und Semper waren nach wenigen Wochen Freunde, und eines Morgens +winkte der Direktor den Jüngling mit heimlichem Lächeln auf die Seite. + +»Hier hab’ ich ’n Konzartbillet – #Missa solemnis# von Cherubini – +sahr jute Musik – haben Sie Lust?« Und er reichte ihm die Karte hin. + +Ob Asmus Lust hatte! Er wußte gar nicht, was er sagen sollte, und +stammelte etwas hervor, was ein Dank sein sollte. + +Am Abend saß er in der Petrikirche in Hamburg, auf einem Platze, wo er +weder Sänger, noch Orgel, noch Orchester sehen konnte. Das war’s, was +er brauchte. Denn seine Musik kam von andern Orten her, als dorther, +wo sie erzeugt wurde. Sein Theater und sein Konzert war immer noch +anderswo als auf der Bühne und auf dem Podium – über einem Baumwipfel +des Hintergrundes, in einem Winkel des Saales, im Lichtkreis einer +einsamen Lampe sah er weit hinter dem Geschehen der Bühne, hörte er +hoch über den Klängen der Musik Erlebtes und – nie Erlebtes, fühlte er +ein Leben – ach, das man nur in solchen Stunden erleben kann, das man +nie in Wirklichkeit erleben wird. Wo, in welchen nie geahnten Kammern +seiner Seele hatten diese Bilder geschlummert, die für Sekunden +erwachten und dann verschwanden, um niemals wieder zu erscheinen? +Waren es Erinnerungen aus einem vergangenen Leben – Ahnungen eines +künftigen Seins? War es das Unentwickelte, Unerwachte, das in der Welt +ist und das aus dem Traume sprach? ..... + +Und es kam ein Orgelbrausen und ein Frauengesang, der ging über alle +Winkel und Lichter der Kirchenhalle hinaus, das war ein Strom, für den +die Gewölbe des Hauses zu niedrig waren; wie ein ungeheurer +Flammenstrom fuhr er durch alle Schranken von Stein und Erz hinauf in +den unendlichen Himmel. Da betete Asmus Semper abermals. Er betete, +daß er einst, wenn er wirklich ein Dichter werde, eine Dichtung +schaffen wolle, deren Held ein König des Verstandes sein solle. Vor +der klaren Schärfe seines Verstandes sollte verjährter Wahn und Glaube +zergehen wie Nebel vor der Sonne. Und die Menge sollte ihn hassen, +verfolgen, ihn steinigen, weil er ihre Welt entgöttert habe. Und das +würde das tragische Schicksal dieses Zertrümmerers sein: die andern +würden nicht wissen, nicht ahnen, daß er ein Mensch war, der beim +Klingen einer Quelle lachen und weinen konnte, daß seine Brust ein Dom +war, der von tausend Orgel- und Engelstimmen klang und hinter dessen +bunten Fenstern alle süßen Farben und alle heiligen Dämmerungen des +Lebens wohnten; niemand sollte es verstehen, daß er das zarteste Herz +von allen besaß. + +Als Asmus unter einem klaren, sternenreichen Winterhimmel nach Hause +ging, war er sich klar darüber, daß es nichts sei mit Meister Bruhns +Anschauungen über Verstand und Gemüt. Aber trotz dieser und noch weit +größer Meinungsverschiedenheiten schauten sie einander doch mit +Freundschaft und Liebe in die Augen an jenen wahren Sonnabenden, da +die Sonne des Abends aufs Klavier schien und der Meister zu Asmussens +Geige die Begleitung spielte oder – die strenge Pflicht auf eine Weile +vergessend – ganz von selbst in einen Beethoven oder Bach überging. + +Der Weg nach Hause führte Asmus regelmäßig durch einen Stadtteil, der +stark, wenn nicht vorwiegend von Juden bewohnt war, und wenn er nun +von den sonnabendlichen Feierstunden bei Meister Bruhn heimkehrte, +paßte es immer sonderlich gut zu seiner Stimmung, wenn ihm die Juden +in Festtagskleidung begegneten und in ihrem Gang und ihren Mienen den +Sabbath erkennen ließen. Er fand es schön, den Feiertag am Abend zu +beginnen mit dem Blick in ein heiliges »Morgen«; auch sein Sonntag +begann immer am Samstagabend, begann oft schon in der Musikstunde, +wenn er deutsche Lieder hörte, begann manchmal schon mit der Vorfreude +auf diese Stunde. Aber nicht fand er es schön, wie es die Juden taten, +den Feiertag auch am Abend mit Sonnenuntergang zu beschließen. Er +wenigstens konnte aus den heiligen Geheimnissen des Sabbats nicht +zurückfinden in den Alltag, wenn nicht ein langer, tiefer Schlaf +dazwischen lag. Immer und immer riefen ihm diese festlich gekleideten +Juden die Kindheit zurück, die unvergeßliche Zeit, da er mitten im +verschneiten Winter das sonnige Land Abrahams gesehen und mit Elieser +um Rebekka geworben hatte, am Brunnen der Stadt Nahors. Wenn er sie +aber gar am Laubhüttenfest mit dem Paradiesapfel und mit Myrten, +Palmen und Weiden nach der Synagoge wandeln sah, dann verwandelte +sich der Weg nach Oldensund in die vierzigjährige Wüstenwanderung vom +bitteren Wasser zu Mara und der Oase Elim bis zu dem Tage, da Jericho +fiel unterm Hall der Posaunen, dann sah er die ährensammelnde Ruth auf +dem Acker des Boas und sah die Harfe Israels hangen an den Weiden +Babylons. + +Schön wie die Kindheit war nun nach allen Sorgen und Kämpfen die Zeit +des Seminarbesuchs geworden, als sie sich ihrem Ende zuneigte. Ludwig +Sempers Verdienst hatte sich ein wenig erhöht; Asmussens Stipendium +war auf zweihundertundvierzig Mark im Jahre gestiegen; ein paar gute +Privatstunden taten ein übriges, eine Zeitschrift hatte ein paar +Gedichte von Asmus Semper angenommen, und aus Amerika kamen gute +Nachrichten. + +Aber unter alledem war noch nicht das Beste. Das, was die ganze Welt +so heilig und schön machte, war das Studium. Nicht das Studium fürs +Seminar; bei dem war immer noch nicht viel Freude zu holen. Nein, das +Studium, das niemand von ihm verlangte als er selbst. Und darum war +der Sonnabend so unaussprechlich schön, weil er nun den ganzen Sonntag +über studieren konnte, was er wollte. Freilich hatte Frau Rebekka ihre +Bedenken. Das Examen nahte wieder heran, und ob Kant und Spinoza und +Gedichtemachen und Hamletdeklamieren dazu nötig sei, darüber hegte sie +schüchterne Zweifel. Sie gab diesen Zweifeln auch Ausdruck und +meinte, ob er sich nicht zu sehr zersplittere. + +»Ich hab’ da neulich in so’n Buch von Kant hineingeguckt, – das ist +ja’n fürchterlicher Schnack; daraus wird ja kein Deubel klug.« + +»Ja, mitunter ist es sehr schwer,« sagte Asmus. + +»Ja, ist denn das notwendig, daß du das lernst?« + +»Ja, Mutter, das ist sehr notwendig.« + +»Wenigstens solltest du das Dichten aufschieben, bis du mehr Zeit +hast, das strengt dich doch auch an.« + +»Na ja, wenn es mich anstrengt, werd ich es aufgeben«, versicherte +Asmus und lächelte nach innen. + + + + +XXX. Kapitel. + +Das unlesbarste Kapitel des ganzen Buches: Asmus prügelt sich mit +Kant und Spinoza und verrenkt sich mehrere Hüften. + + +»Jung, du verschmierst ja all die schönen Bücher!« rief Frau Rebekka +eines anderen Tages erschrocken, als sie ihm über die Schulter in die +»Kritik der reinen Vernunft« hineinblickte. + +Ja, das tat er freilich. Wenn er ein Buch wirklich las, so +durchackerte er es mit dem Bleistift und warf jede Scholle herum und +erquickte sich an dem frischen Ackerduft, der dann emporstieg; alle +Bedenken, alle Zweifel, alle Widersprüche, die ihm aufstiegen, schrieb +er an den Rand, und das gab einen wunderlichen Buchschmuck. Gar oft +ging es ihm wie seinem geliebten Faust: + + »Hier stock ich schon und kann nicht weiter fort; + Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, + Ich muß es anders übersetzen, + Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin ...« + +und das war immer der schlimmste Zweifel: ob er vom Geiste _recht_ +erleuchtet war. Er balgte sich mit dem dürren Königsberger Männchen +wie wahnsinnig; aber er wußte wohl, daß er mit einem Gottessohne rang +wie Jakob an der Stätte Pniel, und daß man sich dabei die Hüfte +verrenken konnte. Er verrenkte sie sich mehr als einmal und mußte +manchmal einsehen, daß er nur deshalb widersprochen hatte, weil er +nicht richtig verstanden hatte; das beschämte ihn wohl, aber hielt ihn +von immer erneutem Ringen nicht ab. Nichts lag ihm ferner als +Überhebung; seine Pietät gegen das Genie war eher zu groß als zu +klein, und selbst solche Sätze wie: + + »Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegenprobe der + Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer + Vernunfterkenntnis #a priori#« + +konnten in ihm nicht den Verdacht erwecken, daß es dem +»Alleszermalmer« denn doch wohl hin und wieder recht sehr an der +Fähigkeit gemangelt habe, seine Gedanken gut und klar zum Ausdruck zu +bringen. Es war einige Jahre später, daß er bei Schopenhauer an den +Rand schrieb: Ach, hätte doch der Kant so schreiben können wie der +Schopenhauer! Selbst, wo er für den Augenblick das sichere Gefühl +hatte, gegen Kant oder Spinoza im Recht zu sein, zweifelte er nicht, +daß ein späterer Tag ihm die Einsicht seines Irrtums bringen werde. +Einstweilen war er überzeugt – und er blieb es auch später – daß der +Monismus Spinozas kein Monismus sei; der Parallelismus von Bewegungs- +und Bewußtseinsvorgängen war nur ein umschriebener Dualismus. Denn +warum und wozu war diese Maschine »Mensch« so gebaut, daß ihr derselbe +Vorgang als »Ausdehnung« und »Denken« erschien? Der Dualismus war in +den Menschen verlegt – das war alles. Und Körper und Seele aus der +Welt schaffen, indem man sie einfach als Attribute _einer_ Substanz +auffasste – was war damit getan? Das Verfahren konnte man bei jedem +unbequemen Gegensatze anwenden, und die »Substanz« war wie »das Ding +an sich« ein Nichts, aus dem man alles machen konnte. + +Sein Denken wurzelte fest im Empirischen, und so gern seine Seele ihr +Haupt in transzendenten Lüften wiegte – ihren Boden wollte sie nicht +ohne Not verlassen. So hatte er die Ideenlehre Platos wunderschön +gefunden; aber sogleich hatte er sich gesagt: das ist Dichtung, ist +Glaube, nicht Erkennen. + +Gegen den strengen Gedanken von der Notwendigkeit alles Geschehens, +dem der Mann sich unterwarf, lehnte der Jüngling sich auf. Sein die +Arme reckender und streckender Wille verlangte nach Willensfreiheit, +und doch schien ihm die transzendentale Willensfreiheit Kants nur eine +Ausflucht. Gegen diesen Immanuel Kant, dessen Leben er mehr bewunderte +als liebte, hatte er noch gar manches auf dem Herzen. + +Da stand: + + »daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist + gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen + sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch + Gegenstände, die unsere Sinne assizieren ...« + +und an anderer Stelle hieß es: + + »Daß es nun dergleichen notwendige und im strengsten Sinne + allgemeine, mithin reine Urteile a priori im menschlichen + Erkenntnis wirklich gebe, ist leicht zu zeigen ...« + +und wiederum: + + »Von den Erkenntnissen #a priori# heißen aber diejenigen rein, + denen gar nichts Empirisches beigemischt ist ...« + +War das nicht unreimbarer Widerspruch? Und wenn es dann gar hieß: + + »So ist z. B. der Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache, + ein Satz a priori, allein nicht rein, weil Veränderung ein + Begriff ist, der nur aus der Erfahrung gezogen werden kann«. + +Was sollte man dazu sagen? Der Begriff der Ursache war entweder genau +so gut aus der Erfahrung gezogen wie der der Veränderung oder sie +waren beide gleich »rein«. Unzweifelhaft hatten sie aber beide +»empirische Beimischung«. Und was sollte es heißen, wenn nun Kant als +ein Beispiel für »dergleichen notwendige und im strengsten Sinne +allgemeine, mithin reine Urteile #a priori#« die Mathematik aufführte? +Die Mathematik war doch menschlich konstruierte Realität, nicht von +der Natur gegeben, wie Kant in der Einleitung an dem »ersten +Demonstrator des gleichschenkligen Dreiecks« selbst zugegeben hatte. +So waren die Sätze der Mathematik zwar allgemein und notwendig (daß +das zweierlei sei, wollte Sempern auch nicht in den Sinn); aber sie +waren auch für die Erkenntnis des Weltwesens vollkommen wertlos, wenn +man sich nicht zu den Pythagoreern gesellte. Und was sollte man +endlich gar dazu sagen, wenn Kant, ganz im Widerspruch zu dem +Vorhergehenden, fortfuhr: + + »will man ein Beispiel aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, so + kann der Satz, daß alle Veränderung eine Ursache haben müsse, + dazu dienen ...« + +und dann gegen Hume polemisierte, der diesen Satz + + »von einer öfteren Beigesellung dessen, was geschieht, mit dem, + was vorhergeht, und einer daraus entspringenden Gewohnheit, + Vorstellungen zu verknüpfen, ableiten wollte.« + +Asmus hielt es ganz entschieden mit Hume und war der Überzeugung, daß +jedes Naturgesetz der empirischen Wissenschaften genau so »allgemein +und notwendig, mithin rein #a priori#« oder genau so bloß komparativ +allgemein und #a posteriori# sei wie der Satz von der Veränderung und +ihrer Ursache. + +Ach, schon diese Einteilung der Urteile in analytische und +synthetische! Asmussens Bleistift wurde temperamentvoll und machte +schwungvolle Fragezeichen und wuchtige Ausrufungszeichen! Warum sollte +denn das Urteil »Alle Körper sind ausgedehnt« analytisch und dagegen +das andere »Alle Körper sind schwer« synthetisch sein? Das Merkmal der +Schwere war doch für den Körper genau so wesentlich wie das der +Ausdehnung und war also genau so gut wie dieses im Begriff des Körpers +schon gegeben! Wieso bedurfte es da der Synthese? Und gesetzt: man +entdeckte ein wesentliches Merkmal eines Begriffes, das man bisher +nicht gekannt hatte, so konnte man im Augenblick der Entdeckung +allenfalls von einer »Synthese« sprechen und konnte das neue Urteil +ein synthetisches nennen; aber sobald man wußte, daß das neue Merkmal +zum Wesen des Begriffes gehöre, war es doch auch mit diesem Begriff +gegeben, und das Urteil war so »analytisch« wie irgend ein anderes. O, +wenn Asmus damals gewußt hätte, daß auch andere Leute, und zwar höchst +gelehrte und gescheite Männer diese Unterscheidung für verworren und +zwecklos hielten! So aber sagte er sich: »Daß Kant so unklar gedacht +habe, ist ausgeschlossen; also tappe ich im Dunkeln, also ist mit +dieser Unterscheidung noch etwas andres gemeint, das ich nicht +verstehe« – und das setzte ihm zu mit harter Pein. + +Und endlich dieses berühmte »Ding an sich«. Man könne es nicht +erkennen, hieß es. Aber es »affizierte« uns durch Erscheinungen, stand +also in Beziehung zu uns, machte uns Mitteilungen! Wozu machte es uns +diese Mitteilungen? Nur um uns zu foppen? Dann war freilich alles +Denken und Leben Unfug. Oder verrieten uns diese Mitteilungen, wie es +jede Mitteilung tut, etwas vom Wesen des Mitteilenden? Doch wohl; Kant +verwahrte sich ja auch selbst dagegen, daß man die »Erscheinung« als +»Schein« verstehe. Warum nun affizierte uns das Ding an sich so, wie +es uns affiziert, und nicht anders. Es mußte zu seinem Wesen gehören, +uns so zu affizieren und nicht anders. Dann aber _wußten_ wir etwas +von seinem Wesen, und wenn wir _etwas_ wußten, warum sollten wir dann +nicht mehr wissen können? »Hier ist ein Wirbel«, sagte sich Asmus. +Sein Bleistift fragte in aller Bescheidenheit: Was nötigt uns, hinter +der »schönen grünen Weide« der Erscheinungen ein unerkennbares Ding an +sich anzunehmen, und wer hat etwas von diesem Ding an sich? Die +Beschränktheit menschlicher Erkenntnis leuchtet auch so ein. Daß wir +nicht Zentrum der Welt sind, daß der Mensch, der kleine Fußsoldat, +unmöglich den Plan kennen kann, nach dem der »Herr der Heerscharen« +die Weltenschlacht schlagen läßt, – das wissen wir seit Kopernikus +auch so. Also warum soll der Pfahl, an dem ich mir die Nase blutig +stoße, durchaus Erscheinung und nicht Ding an sich sein? Und warum +setzen wir diese Skepsis nicht ins Grenzenlose fort? Es setzte Sempern +in großes Erstaunen, als er las: + + »Was es für eine Bewandtnis mit den Gegenständen an sich ... + haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts als + unsere Art, sie wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch + nicht notwendig jedem Wesen, _obzwar jedem Menschen_ zukommen + muß.« + +Das »obzwar jedem Menschen« war es, was ihn in Staunen versetzte. + +»Wirklich?« schrieb er an den Rand. »Könnte der Welturheber den Spaß +dieses Sommernachtstraumes nicht noch weiter ausgedehnt haben und die +Menschen Verschiedenes wahrnehmen lassen, wenn sie dasselbe nennen, +und Verschiedenes nennen lassen, wenn sie dasselbe wahrnehmen?« Und er +hatte eine herzliche Freude, als er später las, daß Fichte den +kantischen Zweifel an der Dinglichkeit der Erscheinungswelt zu Ende +geführt, das Ding an sich als widersinnig verworfen und erklärt habe: +Außer mir gibt es nur Vorstellungen und sonst nichts. Mit einem +wunderschön weichen, tiefschwarzen Bleistift schrieb Asmus in +Riesenbuchstaben dazu: + +»_Gott sei Dank!! Das ist wenigstens konsequent!!_« + + + + +XXXI. Kapitel. + +Der Mensch ist ein fliegender Holländer, und Asmus bekommt das +Lampenfieber. + + +In diesen Sonntagsstudien gab es Minuten, Stunden, Tage der Klarheit, +die er für nichts auf der Welt dahingegeben hätte. + + »Das ist ein Augenblick der Seligkeit, + Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke + Das Hirn durchzuckt und so die Seele faßt, + Daß sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke! + + Da wähnt das Aug, es sähe groß und klar + Den Geist des Alls durch Erd’ und Himmel wandeln; + Aufatmend spricht das Herz: Ich bin getrost; + Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.« + +Aber oft währte die Klarheit nicht von einem Sonntag zum andern, +manchmal nicht von einer Minute zur andern. Stellt ein Glas voll +reinsten Quellwassers hin, das durchsichtiger ist als Kristall – mit +jeder Stunde schwindet von selbst seine Klarheit dahin. Hängt einen +Spiegel auf so rein und eben, wie ihr ihn finden mögt – in wenig Stund +wird er sich trüben vom Anhauch des Lebens. + + »Gewißheit – schöner Wahn des Augenblicks! + Bald wieder wird der alte Zweifel nagen; + Der feste Boden weicht – dir schwindelt – weit + Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen. + + Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer + In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre, + Bis endlich deinem Fuß das Schicksal gönnt, + Daß er der Heimat festen Grund gewahre. + Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht + Der Wind am hohen Mast die weißen Linnen: + Kaum hast du noch des Ufers Sand geküßt, + So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.« + +In einem ganz eigenen Sinne tauchte ihm die Geschichte von Herkules +wieder auf, der die Hydra schlug. Wenn man triumphierend einem Zweifel +den Kopf abschlug, so wuchsen zwei wieder aus dem Rumpf hervor. Und +eine sonderbare Beobachtung glaubte er zu machen. Wenn er sich einer +Wahrheit recht nah fühlte und ihr nun mit starrenden Augen immer näher +auf den Leib rückte, dann _sah er_ förmlich, wie sie plötzlich +zurückwich und dichte Nebelschleier um sich schlug, wie ein Weib, das +nicht gesehen sein _wollte_! Noch eben jetzt hatte er sie klar zu +sehen vermeint, und plötzlich stand er in lauter Nebeln. Und seltsam: +weibliche Gestalten mischten sich jetzt so oft in seine Vorstellungen +und Gedanken; ja, es war, als hätten diese Gedanken und Vorstellungen +selbst etwas von weiblichem Wesen und weiblichem Reiz, und alles, was +er suchte, suchte er mit unerklärlicher leiser Wonne und mit leisem +Schmerz. Auf dem Wege zum Seminar gab es Läden, in denen Bilder von +weiblichen Schönheiten in halber oder nahezu ganzer Enthüllung +ausgestellt waren. Vier Jahre lang und darüber war er an diesen Läden +ohne jegliches Interesse vorübergegangen; seit einiger Zeit sah er +diese Bilder mit anderen Augen an, und er verweilte mit seiner +Betrachtung auch bei solchen, von denen er sich sagen konnte, daß sie +nicht gerade in künstlerischer und überhaupt nicht in der allerbesten +Absicht dorthin gelegt seien. Und als er in dieser Zeit von der +höchsten Galerie des Theaters den »Lohengrin« hörte und als Elsa mit +wundersüßer Stimme und ergreifendem Glauben sang: + + »Kehr’ bei mir ein! Laß mich dich lehren, + Wie süß die Wonne reinster Treu! + Laß zu dem Glauben dich bekehren: + Es gibt ein Glück, das ohne Reu!« + +da brach in seiner Brust ein Damm von einer langgestauten Flut, da +entstürzten Tränen seinen Augen; denn sie hatte nicht nur die holde +Schönheit weiblichen Wesens, hatte nicht nur das Glück der Liebe +gesungen; sie hatte von allem Triumphe alles Hohen gesungen; sie hatte +ihm gesungen: Es gibt ein Wissen ohne Trug, es gibt ein Leben ohne +Haß, es gibt eine Welt ohne Leid. + +Und wenn er auch jenen Versen die Überschrift »Menschenlos« gegeben +und wenn er sie auch mit den verzweifelten Worten gekrönt hatte: + + »Und dies bleibt immer deines Denkens Los: + Wenn dich ein Strahl aus höchstem Himmel grüßte, + Er bleibt nicht dein; er schwindet hin in Nacht, + Wie die Morgana schwindet in der Wüste.« + +so war es ihm damit nur auf Stunden ernst, und es war darin ein gut +Teil von jenem wunderlichen Komödiantentum der Jugend, das sich bei +roten Wangen in düsteren Gebärden gefällt und nicht nur die Ansprüche, +sondern auch die Resignation der reifen Jahre vorwegzunehmen liebt. +Hatte er doch auch gesungen: + + »Dich hieß ich wie kein andres Weib willkommen; + Laut schlug mein Herz – du hast es nicht vernommen.« + +und hatte dabei an Hilde Chavonne gedacht und war doch um so weniger +berechtigt, dem guten Mädchen daraus einen Vorwurf zu machen, als er +selbst nicht genau wußte, ob sein Herz für Hilde oder für das Weib im +allgemeinen schlug. Nein, mochten seine »Gewißheiten« zuweilen nur ein +Minutenleben haben, seine Niedergeschlagenheiten lebten meistens nur +Sekunden; auf dem Grunde seiner Natur mußte eine Feder sein, die mit +unversiegbarer Kraft wieder emporschnellte, wenn der schwerste Druck +nur einen Augenblick nachließ. Die Absolutheit der Sittengesetze, der +doch die menschliche Schwäche in diesem Leben nicht genügen konnte, +erforderte nach Kant die Unsterblichkeit der Seele. Dann war also auch +das Leben nach dem Tode ein Entwicklungsgang; denn es hätte keinen +Sinn, wenn wir aus dem Tode einfach als vollkommene Wesen erwachten. +Und wenn die Unbefriedigung unseres Gewissens ein künftiges Leben +verlangte, so verlangte die immer strebende Unbefriedigung des Geistes +ein Gleiches. Wo Fortschritt der Sittlichkeit möglich war, da mußte +auch Fortschritt der Erkenntnis möglich sein, und wenn in einem +künftigen Leben, so auch im gegenwärtigen. + +Und er glaubte an den Fortschritt mit aller Gewalt seiner sehnenden +Seele; er glaubte nicht an die ewig gleich geartete Seligkeit des +Kirchenhimmels; er konnte sie sich nicht vorstellen; aber er glaubte +an die ewig wachsende Seligkeit des Werdens und sich Vollendens; die +begriff er, die hatte er in Stunden unnennbarer Weihe selber gefühlt. +Und in wenigen Monaten sollte er nun ein Führer werden auf solchen +Wegen des Werdens, sollte sich ihm ein Beruf auftun, der ihn Hunderte, +Tausende von jungen Seelen die rechten Wege zur Vervollkommnung weisen +hieß. Er ein Führer! Er, der es wußte, wie sehr er selbst noch der +Führung bedurfte! Wenn er an diese nahe Wendung dachte, wurde ihm, er +wußte selbst nicht, wie. Eine hohe, berauschende Freude überlief ihn; +aber gleich darauf überfiel ihn immer ein herzstockendes Bangen; es +war wohl höhere Freude, aber auch tieferes Bangen als damals, da er +vor der Klassentür gestanden und den erkrankten Herrn Dohrmann hatte +vertreten sollen. Denn er war reifer und klüger geworden und verstand +tiefer als damals, um was es sich handle. + +Bevor er jedoch diesen Beruf ergriff, lernte er schnell noch einen +anderen kennen, nämlich den des Schauspielers. + + + + +XXXII. Kapitel. + +Semper der Jüngling als Heldenvater und Liebhaber. + + +Kurz nach Weihnachten sollte wieder Konzert und Theater sein, und zwar +sollte Gutzkows »Zopf und Schwert« gegeben werden. Obwohl Asmus im +Seminar weder als Mime noch als Regisseur jemals irgend einen Posten +bekleidet hatte, war man doch einstimmig der Meinung, daß er den König +Friedrich Wilhelm I. geben und die Regie führen müsse. Man glaubte, +Rezitieren und Komödie spielen sei dasselbe. + +Die Proben im Musiksaal begannen, und Asmus stürzte sich mit +Begeisterung in seinen neuen Beruf. Er hatte harte Arbeit; denn unter +den Mitwirkenden gab es einige übertriebene Talentlosigkeiten. Da war +einer, der die Prinzessin geben sollte, – denn auch die weiblichen +Rollen mußten der Feuersicherheit wegen von Jünglingen gespielt +werden, ein Zopf, den der neue Direktor im Jahre darauf mit einem +Schwertstreich abhieb, – und dieser Prinzessinnendarsteller hatte +offenbar beim Spielen das Gefühl, daß er mindestens acht Hände habe, +von denen er dann immer zwei in die Hosentaschen steckte. + +»Mensch,« rief Asmus, »bedenk doch, daß du als Prinzessin nicht die +Hände in die Hosentaschen stecken kannst!« + +Und dann zog Lau, so hieß er, die Hände wieder heraus; aber beim +nächsten Satze staken sie schon wieder drin. Asmus gab ihm endlich +eine kleinere Rolle und dann eine noch kleinere; aber es half nichts; +Laus starke Persönlichkeit brach sich durch jede Rolle Bahn; er war +ein penetrantes Talent. + +Aber es waren auch zweifellose Begabungen darunter, und im ganzen +fühlte sich Asmus in dieser ganz ungewohnten Tätigkeit unbeschreiblich +wohl. Er hätte seinen Zustand mit einem Champagnerrausch vergleichen +können, wenn er die für diesen Vergleich erforderlichen Kenntnisse +gehabt hätte. Als der Abend der Aufführung herangekommen war, ging es +ihm genau wie Meister Bruhn: er war zwei Stunden vor Beginn zur Stelle +und hatte nach zehn Minuten schon auf sämtlichen Stühlen gesessen, +aber auf keinem länger als zwei Sekunden; er mußte gehen, gehen wie +immer, wenn er erregt war, immer auf und ab, wie der Tiger des +Zoologischen Gartens im Käfig. Dabei hatte er das Gefühl, daß er fest +auftreten müsse, damit ihn nicht ein Lufthauch davontrage. Und wog +doch gewiß seine 120 Pfund. Er war nervös wie ein sichernder Hirsch, +der ein Knacken im Gezweig vernommen hat; aber es war eine wohlige, +prickelnde Nervosität. Der König hat seinen ersten Auftritt hinter der +Szene zu sprechen, und das war gut; denn wenn er an das Auditorium +dachte, dann war es, als ob plötzlich etwas furchtbar Schweres +furchtbar tief in seinen Leib hinunterfiele und ein Emporfliegen war +dann nicht mehr zu fürchten. + +Der Vorhang ging endlich auf, und schon nach den ersten Szenen war der +Erfolg des ersten Aktes gesichert; denn der Darsteller der Königin +hatte in der Erregung unter den königlichen Kleidern seine männlichen +Dessous und seine Zugstiefeletten anbehalten, und das genügte für den +1. Akt. Jedesmal, wenn die hohe Frau sich setzte und ihr Reifrock sich +hob, brauste ein Sturm des Entzückens durch das vollbesetzte Haus. +Asmus lief wie besessen hinter der Szene auf und ab. + +»Was hat das Publikum? Was hat das Publikum?« flüsterte er. Stelling, +der hinter der ersten Kulisse stand, rief: + +»Kneist hat die Stiefeletten anbehalten« und wollte bersten vor +Lachen. Er konnte lachen; über dies schwere Unglück konnte er lachen. +Asmus war außer sich, und als Ihre Majestät die Bühne verlassen hatte +und ihm in den Wurf kam, da fluchte er wie ein altgedienter +Oberregisseur. + +»Eine Schlamperei ist das einfach, eine skandalöse Schlamperei!« +flüsterte er; denn laut durfte er ja nicht werden; aber er flüsterte +sehr vehement. + +»Gott, was ist denn dabei?« versetzte Kneist, die Königin, mit +bewundernswerter Ruhe. »Das Ganze ist doch nur ’n Spaß.« Das verschlug +Asmussen die Rede allerdings gründlich. Gegen eine so bodenlos frivole +Auffassung von der Kunst war er nicht gewappnet. Er war so verstört ob +dieser Antwort, daß er fast seinen Auftritt versäumt hätte. Als er +dann mit seinen Worten beim Publikum Heiterkeit erweckte, sagte er +sich: Gott sei Dank, deinem Aussehen kann das nicht gelten; sie sehen +dich ja gar nicht. + +Aber auch als sie ihn sahen, hörten sie ihm freundlich und mit öfterem +Lachen zu, und als er in der Szene des Tabakkollegiums zu den Worten +gekommen war: + + »Die Kreaturen zittern? – Ich will allein + sein.« + +da war das Auditorium eine einzige Stille, und als er dann im nächsten +Akte wieder auftrat, bekam er einen großen Schreck; denn sie empfingen +ihn mit stürmischem Händeklatschen. Ja, ein großer Schreck war es; +aber es war der freudigste, den er empfangen hatte seit jenem +Weihnachtabend, als er plötzlich vor dem Puppentheater, dem Geschenk +seines Bruders Johannes, gestanden hatte. O ja, ja, es mußte herrlich +sein, so jeden Abend, vom Beifall der Menge umbraust, auf der Bühne zu +stehen! Der Beruf des Schauspielers war ihm immer in einem +märchenhaften Glanze erschienen; jetzt war er tief davon überzeugt, +daß es keinen freudenreicheren, verlockenderen gebe als ihn. + +Er sollte auch für den Rest des Abends aus diesem kindlichen Wahne +nicht aufgeschreckt werden. Murow, der Direktor, kam ihm mit beiden +dargebotenen Händen entgegen und rief: + +»Alle Watter, mein lieber Samper, harzlichen Glückwunsch! Sie sind ja +der jäborne Haldenvater!« + +»Na, dazu reicht doch wohl meine Länge nicht,« meinte Asmus zaghaft. + +»Nu – es hat auch kleine Haldenväter jäjäben! Sie sind ’n +Napoleon-Darstaller! Überhaupt, mein lieber Samper« – und dabei legte +er seine mächtige Hand auf die Schulter des Jünglings – »Talant +ersatzt jede Körperlänge.« Und mit behaglichem Lachen schritt er +weiter, um auch den andern Darstellern freundliche Worte zu sagen; +denn er war als preußischer Landtagsabgeordneter beim Reichskanzler +und bei Hofe gewesen und verstand sich auf die Courtoisie eines +Herrschers. + +Als aber Asmus nun auf Flügeln des Triumphes weiter durch den Saal +schritt, da erblickte er gar an einem Tische hinten im Winkel neben +ihren Logisgebern Hilde Chavonne. _Sie_ war also da! Sie hatte ihn +spielen sehen! O, wenn er das gewußt hätte, dann hätte er noch ganz +anders gespielt! Er bildete sich ein, daß er dann besser gespielt +hätte; aber sehr wahrscheinlich würde er dann den Gamaschenkönig mit +dem tanzenden Krückstock als Romeo gespielt haben. Er wußte noch immer +nicht, ob er irgendein Mädchen auf der Welt »liebe«; er war noch ganz +in jenem dunklen Vorstadium der Liebe, wo die Jünglinge den Jungfrauen +im allgemeinen imponieren wollen und die Jungfrauen den Jünglingen im +allgemeinen gefallen möchten. Dieser Hilde Chavonne zu imponieren, +hielt er freilich für einen besonders berechtigten Ehrgeiz; denn sie +war hübsch und vornehm und stellte hohe Ansprüche, die höchsten +allerdings an sich selbst. Und dieser Asmus Semper, dieser +unglaubliche Tölpel, merkte nichts, als ihm das Fräulein nun ein +kleines Veilchenbukett, das sie im Haar getragen hatte, zum Geschenk +machte und errötend hinzufügte: »Für den König!« Er nahm es für eine +Ehre, der Dummkopf, für eine Ehre! Er freute sich unendlich über +dieses Sträußchen; aber er hatte keine Ahnung davon, daß es eine hohe +Gunst des Herzens ist, wenn ein Mädchen sich eines Blumenschmucks +beraubt und ihn einem jungen Manne schenkt. So unheilbar beschränkt +war er, daß er nicht einmal die Verstimmung merkte, die das Mädchen +darüber empfand, daß seine Gabe nicht so aufgenommen wurde, wie sie es +erwarten konnte. Du lieber Gott, was sollte Asmus von jungen Mädchen +wissen! Seine beiden Schwestern waren schon bei fremden Leuten +gewesen, als er noch auf dem Fußboden spielte und den hölzernen +Schemel voll tausend Nägel schlug. Als größerer Knabe hatte er dann +freilich öfters mit Mädchen gespielt, und jede, mit der er gespielt, +hatte er auch geliebt, ja, jenes braune Kind, das er einst vor dem +Wirtshause zwischen den Bahndämmen gefunden hatte, hatte er sogar mit +schmerzlichem Sehnen geliebt; aber es war doch Kinderliebe gewesen. +Und nun, als Präparand und Seminarist, hatte er fast ein mönchisches +Dasein geführt. Gewiß: er hatte Präparandinnen und Lehrerinnen gesehen +und hatte alle diese Leonoren, Lauren und Beatricen selbstverständlich +geliebt; aber keiner einzigen war er gesellschaftlich näher getreten. +Die Damen des Lehrberufs haben meistens keine den Mann ermunternden +Gewohnheiten, und für Asmus war nun vollends alles Weibliche eine +unnahbare Welt. Die germanische Ehrfurcht vor dem Weibe lag ihm tief +im Blut, und seine Armut machte diese Ehrfurcht zur Schüchternheit. +Wenn er aus den Liebesromanen sah, daß zur Anbahnung eines +Liebesverhältnisses eine längere Liebeserklärung gehöre, noch dazu +eine im schwierigeren Periodenbau, auf den er sich sonst wohl +verstand, dann sagte er sich: »Das wird mir nie gelingen, nie; ich +werde wohl Junggeselle bleiben.« + +Zum Glück hatte Hilde Chavonne kein Gänseherz, sondern ein ganz echtes +großes Mädchenherz, und so vergaß sie bald ihre Verstimmung und +unterhielt sich mit Asmussen so lebhaft und gutherzig wie immer. + +»Wissen Sie, was Sie von den andern unterschied?« sagte sie. + +»Nun?« + +»Sie spielten immer, auch wenn Sie nichts zu sprechen hatten; die +andern spielten nur, während sie sprachen. Auch wenn Sie kein Glied +rührten, sah man, daß Sie ununterbrochen mit der Handlung gingen. Ja, +sogar, wenn Sie dem Publikum den Rücken kehrten, sah man, daß Sie +innerlich spielten. Ich habe einmal von »durchsichtigen Schauspielern« +gehört. Das Wort trifft auf Sie zu.« + +Asmus war so glücklich, daß er nur eine ganz banale +Bescheidenheitsphrase stottern konnte. Er war glücklich wegen der +»Ehre«. Daß sie ihn sehr genau und sehr andauernd beobachtet haben +müsse, darauf verfiel er nicht. Als sie noch sprachen, kam eilends ein +Seminarist auf Sempern zu. »Du möchtest mal zu Herrn Doktor Kieselberg +kommen.« + +Doktor Kieselberg hatte den Literaturunterricht; bei ihm hatte Semper +die längsten und schönsten Sachen rezitiert. + +»Hören Sie, lieber Semper, wenn es Ihnen recht ist, schreib’ ich über +Sie an Cheri Maurice. Maurice muß Sie kennen lernen. Sie müssen für +die Bühne gerettet werden. Die Jungens unterrichten, das können +schließlich viele andere Leute auch. Aber so spielen, das können +nicht viele. Also soll ich ihm schreiben?« + +»Wenn Sie die Güte haben wollen, dann bitte ich darum.« + +»Gut. Meine Frau läßt Sie bitten, morgen mit uns zu speisen. Zwei Uhr, +bitte. Sind Sie noch frei?« + +Du lieber Gott! Ob er noch frei war! Für sämtliche Mittage seines +Lebens war er noch frei. + +Also Schauspieler! Bei der bekannten Geschwindigkeit, mit der er seine +Schlösser baute, spielte er schon im nächsten Augenblick den »Faust« +auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Und bei einem seiner Lehrer +eingeladen zum Essen! Was konnte das Leben einem noch mehr bieten! Er +schwamm in der vollen, naiven Freude eines ersten öffentlichen +Erfolges. Ihm war, als ob alle Menschen aller Länder ihm hold gesinnt +wären und ihm von Herzen das Beste wünschten. Er hatte nicht die +leiseste Ahnung davon, daß Lau erzählte, Semper habe ihm die Rolle der +Prinzessin nur aus Neid weggenommen, und wenn ihm jemand gesagt hätte, +daß Lau das erzähle, so würde er gesagt haben: »Du lügst.« + +Als er sich wieder dem Platze Hildens näherte, war sie nicht da. Er +ließ die Blicke durch den Saal schweifen – da – sie tanzte! O weh, sie +tanzte! + + + + +XXXIII. Kapitel. + +Asmus gibt fernere Beweise von seiner Dummheit, baut ein Schloß und +eine Kirche und landet schließlich in einer Zelle. + + +Merkwürdig, es war ihm nicht ganz recht, daß sie tanzte. Warum sollte +sie nicht tanzen? Es war doch selbstverständlich, daß sie tanzte; sie +hatte sich ja auch zum Tanze angekleidet, sehr geschmackvoll, wie +immer, sehr einfach, und doch – so besonders. Er verstand nicht das +Geringste von Frauengarderoben; aber daß sie mit ihren neunhundert +Mark Gehalt keine kostbaren Gewänder kaufen konnte, war ihm klar. Und +doch – sie hatte immer etwas Besonderes und Nobles in ihrer +Erscheinung. + +Tanzen! Ja, das war auch so eine Mauer, die ihn vom weiblichen +Geschlechte trennte. Frauen wollen tanzen, und er konnte nicht tanzen. +Die Semper konnten ihren Kindern keine Tanzstunden geben lassen. Nicht +einmal Schlittschuhlaufen hatte er gelernt; denn als Knabe war er nie +so reich gewesen, ein Paar Schlittschuhe erwerben zu können, und als +Jüngling hatte er keine Zeit mehr dazu gefunden. Als Achtjähriger +hatte er einmal getanzt, auf einem sogenannten »Kindergrün«, mit einer +siebenjährigen Dame, fünf Stunden lang war er herumgesprungen wie ein +Heupferdchen, immer mit derselben Dame, und es war herrlich gewesen. +Er sah es so unendlich gern, wenn ein Paar sich mit Anmut im Tanze +drehte. Nie glaubte er fester an eine schönere Welt, als wenn er +Menschen in anmutiger Bewegung sah. Und Hilde Chavonne tanzte schön. +Wenn er sie aufforderte.... + +Hahahahaaaa! Er wußte wohl eine ganze Reihe junger Leute, die +ungeniert eine Dame aufforderten, obwohl sie nicht tanzen konnten, und +dann so lange mit Todesverachtung herumhopsten, bis sie’s heraus +hatten. Woher sie den Mut nahmen, einer Dame dergleichen zuzumuten, +das blieb ihm ein Rätsel. + +Sobald er sein Lehrergehalt bezog, wollte er tanzen lernen. Sein +Lehrergehalt? Er wollte ja Schauspieler werden..... + +»Tanzen Sie nicht?« fragte ihn Hilde. + +»Ich kann nicht tanzen,« sagte er. Und er erzählte ihr, daß er +Schauspieler werden solle. Sie war aber sehr dagegen; mit auffallender +Lebhaftigkeit riet sie ihm ab. Was sie denn dagegen habe, fragte er +verwundert. Da wurde sie rot und sehr verlegen. Schließlich sagte sie, +sie habe immer gehört, daß auch das Los der größten und berühmtesten +Bühnenkünstler nur ein glänzendes Elend sei. Überhaupt habe er doch noch +ganz andere Fähigkeiten. Er müsse Dichter werden. + +Jetzt machte er riesengroße Augen, und das Rotwerden war an ihm. +»Woher wissen Sie denn, daß ich dichte?« + +»Sie haben doch Fräulein Wieselin erlaubt daß sie sich Ihre Balladen +abschrieb –« + +»Und die haben Sie gelesen?« rief Asmus erschrocken. + +»Die haben alle an der Schule gelesen –« + +Asmus hätte in den Boden sinken mögen. »Das ist aber sehr unrecht von +Fräulein Wieselin,« rief er. + +»Warum?« fragte Hilde erstaunt. »Durfte sie sie nicht zeigen?« + +»Aber ich bitte Sie! Diesen Schund! Diesen Unsinn! Das ist ja +törichtes, kindisches Zeug –.« + +Hilde schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das glaube ich nicht,« sagte +sie. »Unreif mögen diese Gedichte sein, – aber es ist etwas drin.« + +Als ein Tänzer kam und sich vor Hilde verbeugte, lehnte sie ab. Sie +lehnte auch alle folgenden Einladungen ab, und bis zum Ende des Balles +saßen sie beide an demselben Tisch und plauderten. Er fühlte sich wohl +und glücklich; aber er merkte nichts. + +Und als das ganze »Künstlervolk« mit seinem Anhang nach dem letzten +Tanze in ein Café schwärmte, – morgens um vier Uhr in ein Café! Asmus +kam sich wie ein Roué vor, als er sich eine Schokolade bestellte, – da +schienen es beide selbstverständlich zu finden, daß sie wieder +beieinander saßen. Es war etwas Seltsames um ihre Unterhaltung. Sie +sagten natürlich »Sie« zueinander und »Herr Semper« und »Fräulein +Chavonne« (denn das »gnädige Fräulein« war damals noch nicht Mode), +und was sie sprachen, hatte die höfliche und respektvolle Form, die +unter wenig Bekannten zweierlei Geschlechts gebräuchlich ist; aber in +ihren Herzen war ein Glauben und Vertrauen, von dem sie selbst noch +nichts wußten; ihre Herzen sagten »Lieber Herr Semper« und »Liebes +Fräulein Chavonne«, ohne daß sie selber es hörten, und dieser +Gegensatz zwischen fremden Worten und vertrauter Meinung erfüllte +Asmussens Herz mit jener wohligen Spannung, wie sie in frühen Knospen +sein mag. Aber so dunkel, so wenig bewußt war dieses Gefühl, daß er +sich keinen Augenblick nach seiner Ursache fragte, es vielmehr ohne +Nachdenken genoß wie die Sonne eines Maientags. + +Als er früh gegen sechs eine Stunde weit nach Hause ging, fühlte er +nicht die leiseste Ermüdung; denn er war jung und war König. Aber als +er die ruhigen Atemzüge seiner schlafenden Eltern hörte, und als er +die Ärmlichkeit des elterlichen Hausrats betrachtete, da fiel es ihm +schwer aufs Herz, daß er Schauspieler werden sollte. + +Gleichwohl sprach er davon zu seinem Vater. Obwohl Ludwig Semper seit +längerem wieder von seinem alten asthmatischen Leiden geplagt wurde, +war doch seit Monaten Heiterkeit in all seinem Reden und Tun, ja +selbst in seinen Hustenanfällen und Atemängsten gewesen; denn nun war +seine zärtlichste Hoffnung der Erfüllung nah; in kurzem sollte Asmus +Lehrer sein und das Geschlecht der Semper sollte wieder emporkommen. +Wie die lächelnde Wehmut eines Sonnenunterganges ging es über Ludwig +Sempers Gesicht, als er hörte, daß Asmus, nahe dem Ziele seiner Bahn, +einen ganz neuen Weg voll jahrelangen Mühens betreten solle, und +obwohl er fühlte, daß er dann den Aufstieg seines Sohnes nicht erleben +werde, sagte er lächelnd: + +»Ja, – wenn Du meinst, daß Du Schauspieler werden mußt, – ich habe +nichts dagegen.« + +Und in dem Lächeln des schönen Angesichts war ein Scheiden vom +Liebsten und Letzten. Das Herz flog Asmus in den Hals, und er hatte +Mühe, die Tränen zurückzudrängen, als er rief: + +»Nicht doch, Vater, nicht doch! Ich werde ja nicht darauf eingehen! +Ich denke ja nicht daran!« + +Seiner Mutter sprach er nicht erst davon. Er mußte lächeln, wenn er +sich ihr ökonomisches Entsetzen ausmalte. Und sie hatte ja recht. + +Am Nachmittage sagte er es Dr. Kieselberg, seinem Wirte: »Meine Eltern +haben mich fünf Jahre lang unter den größten Sorgen und Mühen +erhalten, wenigstens zum großen Teil erhalten; jetzt ist es höchste +Zeit, daß ich sie unterstütze. Als Lehrer bekomme ich ein Gehalt von +1200 oder 1300 Mark, dann kann ich ihnen helfen; als Schauspieler +verdiente ich vorläufig wenig oder nichts. Ich würde die Hoffnung +meiner Eltern vernichten, und das ist ausgeschlossen.« + +»Nun, dagegen kann ich natürlich nichts sagen,« erwiderte Kieselberg. +»Ich hatte das Gefühl einer Pflicht; ich glaubte ein Unrecht zu +begehen, wenn ich Sie nicht auf den Weg zur Bühne wiese; aber wenn die +Dinge so stehen – das ist natürlich etwas anderes.« + +Als Asmus durch die wunderschönen Alleen vor dem Dammtor nach Hause +ging, war der Bühnentraum erloschen; das Schloß aus Rampenlicht und +Lorbeerduft war versunken, und an seiner Stelle ragte schon ein +anderes. Ein Wort seines Lehrers hatte ihn gestern befremdet. Er hatte +gesagt: + +»Jungens unterrichten, das können die andern auch.« + +War Unterrichten denn wirklich etwas, was jeder Beliebige konnte, +wenn er nur nicht allzu dumm war? Waren Schulmeister nicht genau so +gut Künstler wie Schauspieler? Konnte man nicht auch so unterrichten, +daß man unersetzlich war, so unersetzlich wie ein Künstler? So +wenigstens hatte er sich’s immer geträumt. Was war denn ein Lehrer, +wenn er nicht ein Künstler war? + +Und in den Wolken strahlte ein Schloß, das war aus Morgenlicht und +Kinderlächeln gebaut. + +Er blickte in die ragenden Bäume hinauf und dachte: Welch ein +wunderschöner Tag! Ein wahrer Sonntag! Zuerst beim Lehrer zu Mittag +gegessen – die fremde Küche hatte ihm zwar nicht geschmeckt, aber was +sagte das? Es war herrlich gewesen! – Nun dieser Weg unter hohen, von +weißem, weißem Schnee bedeckten Bäumen! Diese Kirche wird nur an +seltensten Feiertagen geöffnet. Ihr Altar ist die sinkende Sonne, und +ihr Gesang ist das Schweigen. Er dichtete im Gehen: + + Ich weiß es nun gewiß: + Es schwebt ein selig Leben + Schon über dieser Welt + Und ist uns schon gegeben. + + Ich weiß seit diesem Tag: + Es tönt Gesang und Reigen + Aus einer reinen Welt + In jedes tiefe Schweigen. + +Und endlich, wenn er zu Hause war, wollte er seinen Pestalozzi lesen. +Er kam heim und schlug ihn auf bei der »Abendstunde eines +Einsiedlers«. + +»O, meine Zelle, Wonne um dich her!« + +Das fügte sich gut zu dieser Stunde. Er schaute sich um in seiner +Kammer und dachte: + +O, meine Zelle, Wonne um dich her! + + + + +XXXIV. Kapitel. + +Bewegt sich zwischen Pestalozzi und Herrn Quasebarth. + + +Und er vergrub den Kopf in beide Hände und versenkte sich in die +heiligen Träumereien dieses unschuldsvollen Einsiedlers und Poeten, +den er liebte, wie man sonst nur lebendige Menschen liebt. Ja, das war +wahrhaftig ein Einsiedler unter den Tagesmenschen! Schon wiederholt +hatte Asmus diese Schrift gelesen, und immer hatte ihn eine +eigentümliche Scheu gehindert, tiefer in ihr Dunkel einzudringen, wie +man sich scheut, in ein Dickicht einzudringen, aus dem die Nachtigall +schlägt. Heute war die Nachtigall fortgeflogen, und er drang ein und +fand hinter dem Rankengewirr eine köstliche Architektur, die die +einfachen, großzügigen Grundlinien eines wunderbaren Baues zeigte. Da +stand, daß Leben und Menschsein ganz dasselbe ist in der Hütte und auf +dem Thron. Das aber haben die Menschen vergessen. Sie erziehen und +unterrichten nach tausenderlei äußeren und Tagesbedürfnissen, nach +Berufs- und Standesrücksichten, nach Eitelkeit und Vorteil. Und +vergessen, daß ein Mensch zuvor zum Menschen gebildet sein muß, eh’ er +etwas anderes wird. Aber zum Menschen kann man ihn nur von _seiner_ +Natur aus, von seiner Individualität aus machen, nicht von einer +allgemeingültigen Schablone aus. + +Das also war es: Nicht sollt ihr zum Kinde sagen: Das sollst Du werden +und das will ich aus Dir machen wie aus allen Deinen Genossen, sondern +ihr sollt fragen: Wer bist Du? Wie mach’ ich Dich zum Menschen? Welche +Wege sind in _Deiner_ Natur vorgezeichnet, die zu jenem Menschentum +führen, das _allen_ gemeinsam ist und aus dem alles andere von selbst +entsprießt? + +Das schälte sich heraus aus dem Aphorismengewirr des krausen und +dennoch geraden Denkers, und in diesem Geiste wollte Asmus sein Amt +führen. Im Geiste dieser Schrift wollte er wirken, dieser Schrift, die +in einem innigen, treuen Gottesglauben gipfelte, der nicht der +Gottesglaube der Semper war. An den sorgenden Vater glaubten die +Semper nicht. Aber das hatte Asmus seit langem empfunden, daß alle +Menschen an einen Gott glauben, wie verschieden sie ihn auch nennen. + + Es sagen’s allerorten + Alle Herzen unter dem himmlischen Tage, + +und Asmus hatte nie begriffen, warum man von den Atheisten glaubte, +sie hätten keinen Gott und könnten nicht fromm sein. + +So stellte er denn auch in dem bald beginnenden schriftlichen Examen +seinen Aufsatz nicht auf die Basis theistischer Frömmigkeit, die sonst +über so manche Prüfungen hinweghilft. Die jungen Leute sollten über +das Thema schreiben: + + »Vor jedem steht ein Bild dess’, das er werden soll; + So lang’ er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.« + +und die meisten Jünglinge erklärten Jesus Christus für das Idealbild, +das vor ihnen stehe. Nun gab es unter den Abiturienten gewiß keinen, +der den natürlich erzeugten Gottessohn von Nazareth inniger liebte als +er; aber den Ruf, daß er ein Jesus Christus oder etwas ihm Ähnliches +werden solle, vernahm er in seinem Herzen nicht. Er glaubte nicht, daß +die Welt durch Leiden erlöst werden könne; er fühlte wenigstens, wenn +er sich ehrlich fragte, daß er nicht gemacht sei, ohne Widerstand zu +leiden. Er knüpfte an die Ideenlehre Platos an und erklärte den +Unfrieden des Menschen aus der Sehnsucht nach seiner »Idee«, und er +setzte auseinander, was er für seine Idee, für die Idee des Menschen +im allgemeinen und für die des Asmus Semper im besonderen halte. Er +fand damit bei der vorurteilslosen Prüfungskommission nicht nur +vollste Anerkennung, sondern er hatte noch den Erfolg, daß ein +Mitglied dieser Kommission, ein alter Jurist, zu Beginn der mündlichen +Prüfung die Brille aufsetzte und rief: + +»Wo ist Herr Semper?« + +»Das ist nämlich ein Philosoph!« rief er den andern Herren zu. + +Asmus war hervorgetreten. + +»Sie sind Herr Semper?« + +»Jawohl!« + +»Sie sind ein Philosoph, mein junger Freund; ich habe Ihre Arbeit mit +herzlicher Freude gelesen; ich danke Ihnen.« + +Im übrigen ging es ihm wie »auf der Fortuna ihrem Schiff«, will sagen: +auf und ab. In der Lehrprobe vergriff er sich. Er sollte Ägypten +behandeln, dasselbe Ägypten, das er als kleiner Junge für eine Wiese +mit Störchen gehalten hatte. Und er verfuhr ganz nach der Regel: +Geographische Lage, Grenzen, Gestalt, Größe, Einwohnerzahl usw. usw. +Zum Nil kam er in der halben Stunde des praktischen Examens überhaupt +nicht. Als er fertig war, nahm ihn Murow, der Riese, beiseite. + +»Nun, me–in lieber Samper, wann man Äjüpten behandeln will, womit +fängt man dann wohl am basten an?« + +Da wußte er’s sofort. »Mit dem Nil,« sagte er. Und er hätte sich +ohrfeigen mögen, daß er, der die Schablone haßte, sich ihr so +gedankenlos und träge unterworfen hatte. Der Nil! das war der +Schöpfer des Landes, war eigentlich das Land selbst; der Nil war die +Individualität Ägyptens, von der man ausgehen mußte, wenn man sich +rühmte, ein Jünger Pestalozzis zu sein! Er empfand eine tiefe Scham +darüber, daß er so ahnungslos in Ketten ging, deren er gespottet +hatte. + +Und im schriftlichen Chemie-Examen hatte er eine Arbeit von grotesker +Unzulänglichkeit geliefert. Er hatte einst die Chemie mit allem Feuer +der Jugend geliebt; aber Herrn Quasebarths Chemie hatte darin +bestanden, daß er aus einem ehrwürdigen Heft ablas, dessen verblaßte +Schrift er zuweilen selbst nicht mehr entziffern konnte. »Man nehme +einen Probierzylinder und fülle ihn zur Hälfte mit Braunstein –« las +Herr Quasebarth; aber er nahm keinen. Stelling, der Skrupellose, hatte +ihm eines Tages einen furchtbaren Limburger Käse unter den Pultdeckel +gelegt, so daß seine Nase jedesmal, wenn sie ins Heft tauchen wollte, +entsetzt zurückfuhr. Nachdem er sich wiederholt vergeblich erkundigt +hatte, woher der »abscheuliche Geruch« stamme, und Stelling bemerkt +hatte, daß er ihn sich auch nicht erklären könne, »da hier doch nie +experimentiert werde«, entdeckte er schließlich die Ursache; aber er +ging ungeheilt von dannen. + +So hatte denn Asmus seit langem nicht mehr zugehört, in der +Chemiestunde lieber Gedichte gemacht und beim Examen einen fast +unberührten weißen Bogen abgeliefert. Das war aber Herrn Quasebarth +in die Glieder gefahren; denn er sagte sich, daß der chemische +Durchfall eines Schülers wie Asmus Semper vom Prüfungs-Kollegium als +ein Durchfall des Herrn Quasebarth empfunden werden müsse. Er beschwor +also Sempern in einer vertraulichen Unterredung, doch ja bis zum +mündlichen Examen noch »tüchtig zu repetieren«, damit er die Scharte +auswetze. Semper genierte diese Scharte gar nicht; denn er hatte sich +längst vorgenommen, später auf eigene Hand Chemie zu treiben; aber er +versprach sein Möglichstes. + +Und wiederum hob ihn das Schiff der Fortuna in der Mathematik so hoch, +daß er die erste Zensur erwischte, während Mollwitz, der Magister +Matheseos, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde: »das einseitige +Prisma«, durch einen reinen Zufall nur den zweiten Grad errang. Dieses +Erfolges konnte Asmus nicht recht froh werden; denn die Sache war +nicht ganz in der Ordnung. Daß Glücksgüter vom Zufall verteilt wurden, +das wußte er; aber auch geistige Ehren? Kam das auch sonst im Leben +vor? Das _sollte_ nicht vorkommen. + +Aber er sollte noch was ganz anderes erleben. Am Abend vor der +mündlichen Prüfung entschloß er sich nach schwerem Zögern, ein +Lehrbuch der Chemie zur Hand zu nehmen, damit Quasebarth nicht wieder +durchfalle. Er las auch das Kapitel von der Methylwasserstoffreihe, +dann aber griff er energisch nach Zolas Conquête de Plassans, die er +wesentlich anziehender fand. Denn sich ein Wortwissen ohne Anschauung +und Übung in den Kopf zu pfropfen, das war ihm von jeher ein Greuel +gewesen. + +Die Stunde der chemischen Prüfung kam und mit ihr Herr Quasebarth, der +an Leib und Seele immer denselben grauen Rock trug. + +»Na, mein lieber Semper,« sagte er mit einem lockenden Lächeln, +»erzählen Sie uns mal, was sie von den Methylwasserstoffen wissen!« + +Und siehe da: Asmus Semper redete wie ein junger Liebig; denn heute +wußte er noch sehr gut, was er gestern gelesen hatte. + + + + +XXXV. Kapitel. + +Asmus wird im Examen gepufft und getreten und ist unzufrieden, aber +sehr glücklich. + + +Und so kam er denn mit allen Ehren und ohne Schaden durch das Examen, +wenn man von einigen blauen Flecken an seinem linken Fuße und in der +linken Rippengegend absah. Diese Flecke rührten wieder von Seybold +her, von demselben Seybold, der ihn als »Schäflein« wegen seiner +»Inkollegialität« und seiner »Anmaßung« so bieder gehaßt hatte. Das +mathematische Examen hatte Seybold sehr glatt bestanden. Seybold +konnte nicht einmal ein Dreieck berechnen; aber während der +schriftlichen Prüfung wandelte einen Freund von ihm ein Bedürfnis an, +und der Freund ging hinunter und deponierte an einem dunklen Orte die +Lösung aller Aufgaben. Nach einer halben Stunde hatte Seybold +merkwürdigerweise auch ein Bedürfnis. + +»Muß es denn sein?« fragte argwöhnisch der die Aufsicht führende Herr +Rothgrün. + +»Ja, ich hab’n Durchfall,« erklärte Seybold. + +»Aber damit hätt’ es ja noch Zeit gehabt,« schmunzelte Herr Rothgrün +wohlwollend. »Nun, gehen Sie nur.« + +Seybold ging hinunter, »fand die Lösung«, dachte »Heureka«, +beantwortete solchermaßen durch Vorspiegelungen der Verdauungsorgane +Fragen, die eigentlich an das Gehirn gerichtet waren, und half sich +mittels eines Durchfalls durchs Examen. Zunächst durchs mathematische. + +Bei den Klausuraufsätzen saß Seybold wieder neben Semper, und als +dieser gelegentlich einen Blick in die Papiere seines Nachbarn warf, +sah er, daß dieser wörtlich von ihm abschrieb. + +»Mensch, bist du des Teufels?« flüsterte Asmus. »Das muß ja +herauskommen. Schreib’ wenigstens auch von anderen ab.« + +Seybold sah das ein und schrieb die andere Hälfte der Arbeit von +seinem Vordermann ab; denn er hatte einen weiten Blick. + +»Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben,« hatte Korn gesagt. + +Nur dies verdammte mündliche Examen! Da konnte man nicht sagen: +»Erlauben Sie, daß ich austrete!« Und wenn Asmus blind und taub +gewesen wäre, so würde er das Nahen des Examinators doch immer +rechtzeitig erfahren haben; denn wenn dieser noch drei Schüler weit +entfernt war, begann Seybold schon wie ein Räder-, Walzen- und +Kolbenwerk zu treten, zu puffen und zu zischen: »Sag’ mir zu! Sag’ mir +zu!« und so trug Asmus Semper Seyboldens Reifezeugnis auf dem Leibe +davon. + +Auch Seybold bestand wiederum das Examen, und der ganze praktische +Unterschied bestand darin, daß er ein Anfangsgehalt von 1200 Mark, +Asmus aber ein solches von 1300 Mark erhielt, worin Seybold eine große +Ungerechtigkeit erblickte. + +1300 Mark! Insofern war Asmus sehr zufrieden; denn unbegrenzte +Möglichkeiten lagen in dieser Summe. Aber wenn er den verflossenen +Lebensabschnitt überblickte – was rechtfertigte eigentlich das +»glänzende Examen«, das er nach der allgemeinen Ansicht gemacht hatte? +Die Kollegen hatten ihm erzählt, was der Schulrat Korn vor einer +anderen Abteilung der Prüflinge über ihn gesagt hatte, und darüber +freute er sich zwar von Herzen; aber eigentlich war ihm alles das ein +großes Rätsel, ein Wunder: denn ihm waren diese verflossenen drei +Jahre eine zerstörte Illusion. Was hatte er sich von diesen Jahren +versprochen an geistigem Aufschwung! Und wie bitter-bitter-wenig hatte +er vor sich gebracht. Er hatte überhaupt nicht das Gefühl, daß er +geistig gewachsen wäre. Wiederum hatte er, wie schon öfter, die +Empfindung, daß die Menschen merkwürdig wenig von ihm verlangten, +viel, viel weniger, als er selbst von sich zu fordern pflegte. + +Nur wenn er die beiden »Alten« betrachtete, war er _ganz_ glücklich. +Die solltens jetzt besser haben. Frau Rebekka lief mit ihren +sechzigjährigen Beinen wie ein Wiesel immer von einem Zimmer ins +andere und sang: + + »Nach Sevilla, nach Sevilla! + Wo die letzten Häuser stehen, + Sich die Nachbarn freundlich grüßen, + Mädchen aus dem Fenster sehen, + Ihre Blumen zu begießen, + Ach, da sehnt mein Herz sich hin!« + +und wie in seiner früheren Kindheit sah Asmus bei dem Wort »Sevilla« +einen freien Platz mit Häusern, auf den eine unendlich goldene Sonne +und ein unendlich helles, unendlich stummes Feiertagsglück +herabschien. + +Und dabei dachte Rebekkens Herz gar nicht an Sevilla, was schon daraus +hervorging, daß sie im nächsten Augenblick sang: + + »Herr Junker, lat hee mit tofred’n, + rudiridiridirallalla, + Ick mutt min Swin to freten ge’m, + rudiridiridirallalla! + +Das war nämlich das Bruchstück eines Liedes, in dem ein Junker seiner +Magd mit Liebesanträgen nachstellt, die diese dann mit der +einleuchtenden Begründung zurückweist, daß sie ihren Schweinen zu +fressen geben müsse. Die Schweine gehen vor, das mußte der Junker +einsehen. Aber auch an Junker, Magd und Schweine dachte das singende +Herz der Rebekka nicht; es dachte an den Triumph des Sohnes, an den +leckeren Pfannkuchen, den sie ihm backen wollte, und an den besseren +Rock, den ihr Gatte nun bekommen sollte; denn es gab ihr einen Stich +ins Herz, wenn der stattliche Mann in abgetragenem Gewande ging. »Er +fragt ja nichts danach,« klagte sie kopfschüttelnd. + +Aber auch Ludwig Semper wollte sich diesmal einen Extragenuß +vergönnen. Heute war Dienstag, und am Freitag gab es »Lohengrin« im +Theater. Diesmal wollte er _wirklich_ hin. + +»Aber nun tu’s auch!« riefen Asmus und Rebekka wie aus einem Munde. + +»Ja, ja – natürlich!« beteuerte Ludwig. + +Am Mittwoch sagten Asmus und seine Mutter wieder: »Geh nun aber auch +wirklich hin!« + +»Gewiß, gewiß!« sagte Ludwig. + +Am Donnerstag sagten sie: »Wirst du nun auch nicht wieder sagen: ’Ach, +wozu soll ich hingehen?’« + +»Nein, nein – wenn ich’s doch sage!« + +Er war auch am Freitag mittag noch fest entschlossen und freute sich. +Als er um sechs Uhr noch keine Miene zum Aufbruch machte, rief Frau +Rebekka: + +»Du, du – du mußt jetzt gehen.« + +»Ach, ich hab mir’s anders überlegt,« sagte Ludwig. »Was soll ich da.« + +Ja, was sollte er da. + +Erstens war sein Asmus nun am Ziel, und das war ein Glück, das +eigentlich für den Rest seines Lebens allein ausreichte und das er +jedesmal neu genoß, wenn Asmus den Blick wegwandte und er ihn +ungestört betrachten konnte. + +Zweitens hatte er am Lohengrin schon so viel Vorfreude genossen, daß +eine Steigerung nicht mehr denkbar war. + +Und drittens tauchten auf der grauen Wand vor seinem Zigarrentische, +sobald er befahl, alle Sagen der Vorwelt auf, nicht die vom +Schwanenritter allein, und belebte sich der stauberfüllte Raum mit +Klängen, die an kein irdisches Instrument und keine menschliche +Schrift gebunden waren. + +Frau Rebekka war gründlich böse und schalt. »Ich versteh den Mann +nicht,« rief sie. + +Asmus verstand ihn. Er dachte daran, daß er nun bald als Lehrer vor 60 +Kindern stehen werde; er blickte von der Seite her in des Vaters Auge, +in dem die Abendsonne liebend verweilte, und er verstand es, daß man +selig sein kann im Glück seiner Träume. + + + + +Drittes Buch + +Kampf und Liebe + + + + +XXXVI. Kapitel. + +Was für ein Mann Herr Drögemüller war und was für Lieder deutsche +Kinder singen. + + +Der erste Eindruck, den Asmus Semper von Herrn Drögemüller, seinem +Hauptlehrer und Vorgesetzten, empfing, war nicht übertrieben +verlockend. Der Kopf des Mannes glich einer stark vergrößerten +Billardkugel, der man einen Rettichschwanz als Bart angeheftet und die +man im übrigen noch mit einer blauen Brille geschmückt hat. Nase, Mund +und Stirn wären in jedem Signalement als gewöhnlich bezeichnet worden. +Herr Drögemüller kanzelte gerade einen kleinen, kümmerlich +dreinschauenden Buben ab, weil er auf Holzpantoffeln zur Schule kam. +Er behandelte das gleichsam wie einen moralischen Defekt, dessen man +sich zu schämen habe, und erklärte dem verschüchtert dastehenden +Kinde, wenn das noch einmal vorkomme, werde er ihm einen »Tadel in +Ordnung« geben. + +»Wenn man das hingehen läßt,« sagte Herr Drögemüller, »dann kommen +immer mehr mit Holzpantoffeln, und man kann das Geklapper auf den +Treppen nicht mehr aushalten.« + +Asmus hatte auf der Zunge, zu sagen: »Aus Übermut trägt wohl der +Mensch keine Holzklötze an den Füßen; Stiefel sind ihm ohne Zweifel +bequemer, wenn er sie hat«; aber er wollte sich nicht gleich +opponierend einführen und sagte deshalb nur: + +»Gibt es nicht einen Verein, der solche Kinder mit Stiefeln versorgt?« + +»Gewiß!« versetzte der Hauptlehrer; »ich könnte ihm ein Paar Stiefel +anweisen; aber seine Mutter, das ist eine ganz Renitente. Als ich ihr +sagte, sie solle den Jungen doch taufen lassen – getauft ist er +nämlich auch nicht – da sagte sie, das täte ihr Mann nicht, und was +ihr Mann wolle, daß wolle sie auch.« + +»Hm,« machte Asmus. Ein Pestalozzi war dieser Mann nicht, das war +schon festgestellt. + +Er unterschied sich insofern vorteilhaft von dem »Schulmeister von +Stanz«, als er sauber und ordentlich gekleidet war; aber es war +Ordnung ohne Geschmack und Gefälligkeit, eine Ordnung mit +schlechtsitzenden Hosen und kreuzweis geknoteten Bindeschlipsen, und +als Asmus wie hypnotisiert die Karrees des grauen Rockes betrachtete, +da las er unaufhörlich 1 × 1 × 1 × 1 × 1 × 1 .... + +Nein, ein Dichter, wie der unordentliche Verfasser von »Lienhard und +Gertrud« war dieser Mann gewiß nicht, »Abendstunden eines Einsiedlers« +träumte er sicherlich nicht; aber das konnte man auch schließlich +nicht verlangen, und als er die Papiere des ihm von der Behörde +zugewiesenen Jünglings eingesehen hatte, bemerkte er sogar +liebenswürdig, er beglückwünsche sich, einen Mann von solchen +Fähigkeiten gerade an der »ihm unterstellten« Schule angestellt zu +sehen. + +Wie ganz anders ward Asmussen ums Herz, als er sich wenige Tage später +mitten in einen Garten von sechzig jungen Menschenpflanzen gestellt +sah, wo sechzig lebendige Brünnlein aus roten Lippen sprangen. In +einem Punkte freilich hinkte der Vergleich mit einem Garten +bedenklich: die Pflanzen haben die gute Gewohnheit, ihren Ort nicht +willkürlich zu verändern; diese Menge von Kindern aber war in ihren +Bewegungen höchst willkürlich, und Asmussen kam es vor, als habe er +einen Topf voll Mäuse zu hüten und müsse aufpassen, daß keine über den +Rand springe. Einige zwar saßen bang und verschüchtert da; sie mochten +ein unerhört Neues, ein fürchterlich Geheimnisvolles erwarten und +waren vielleicht mit der Vorstellung gekommen, daß der Bakel +unaufhörlich durch die Schulstube sause wie die Sense des Mähers übers +Feld; denn es gibt Eltern, die die Arbeit des Lehrers liebevoll +vorbereiten, indem sie Kindern, die sie nicht bändigen können, mit der +Aussicht drohen: »Na, warte nur, wenn du zur Schule kommst! Der Lehrer +wird dich schon bläuen.« Aber sobald diese Beklommenen merkten, daß +der »Herr Lerrer« kein Menschenfresser sei und sogar großartigen +»Spaß« mache, zogen gerade sie die weitesten Konsequenzen und gingen +über Tisch und Bänke. Und sieh, da schritt schon einer festen +Schrittes auf die Tür zu. + +»Wohin?« fragte Asmus. + +»Ich will’n büschen ’raus!« versetzte das Bürschchen unbefangen. + +»Was willst du denn draußen?« + +»Och, ’n büschen spielen.« + +»Ja, Mensch, so allein spielen, das macht doch keinen Spaß. Wart’ nur +noch einen Augenblick, dann gehen wir alle hinaus und spielen »Jäger +und Hund«. + +Das leuchtete dem Flüchtling ein. »O djä!« rief er, senkte beide +Fäustchen in die Hosentaschen und ging wieder auf seinen Platz. + +»Du, ich hab’ Limburger Käse aufs Brot!« rief eine Stimme aus dem +Hintergrunde. Asmus ging hin und äußerte seine teilnehmende +Begeisterung über den Limburger Käse. Natürlich mußte er jetzt den +Inhalt zahlloser Frühstücksdosen bewundern. + +»Ich hab’ Leberwurst auf’m Brot!« »Ich hab’ ’ne Apfelsine!« »Ich hab’ +Schokolade!« schrie es durcheinander. + +»Ihr könnt wohl lachen!« sagte Asmus. »Meine Mutter hat mir keine +Schokolade mitgegeben.« + +»Da!« Ein Junge sprang aus der Bank und hielt ihm ein Stück Schokolade +hin. + +Asmus dankte gerührt, löste das Papier von der Schokolade und wollte +sie dem Geber in den Mund schieben; der aber lehnte entschieden ab. + +Da sah Asmus zwei brennende Augen in verzehrendem Verlangen auf sich +gerichtet; es waren die Augen eines dürftig gekleideten, blassen +Bürschchens. + +»Soll _er_ sie haben?« fragte Asmus den Spender. + +Der nickte eifrig ja, und begierig griff der Verlangende nach der +köstlichen Leckerei. + +Um den Schwarm endlich zu beruhigen, sagte Asmus: »Soll ich euch mal +’ne Geschichte erzählen?« + +»O ja, man zu, man zu!« schrien sie durcheinander. Und er erzählte +ihnen das Ur- und Anfangsmärchen vom Rotkäppchen, das sie alle +verstehen und das sie beim hundertsten Male ebenso gern hören wie beim +ersten Male. + +Als er mitten im Erzählen war, kam ein Junge aus der Bank heraus, ging +auf Asmussen zu, ergriff dessen Hand und sagte: + +»Du, ich mag dir gerne leiden.« + +»Soo?« sagte Asmus; »Junge, das ist ja prachtvoll; ich dich auch; aber +dann mußt du jetzt auch ganz still sitzen bleiben und zuhören!« + +»Ja,« erklärte der Kleine überzeugt und ging ruhig wieder an seinen +Platz. + +Für einen andern aber hatte Asmussens Erzählung offenbar keinen Reiz. +Er erhob sich und steuerte geraden Wegs auf die Tür zu. + +»Was willst du denn?« fragte Asmus. + +»Ick will noh Hus,« lautete die sehr entschiedene Antwort. + +»Jä, dat geiht ober nich; du muß noch’n bitten hierblieben.« + +Der kleine dicke Bursche explodierte in einem furchtbaren Geheul. + +»Ick will ober noh Huuus!« brüllte er. + +»Wat wullt du denn dor?« + +»Ick will bi min Mudder sin!« + +»Minsch, de Klüten (Klöße) sünd jo noch gornich fertig.« + +Der Kleine nahm die Fäuste von den Augen und starrte ihn sprachlos an. + +»Du wullt wull gern Klüten un Plum’n (Pflaumen) eeten, wat?« fragte +Asmus. + +»Jo,« versetzte der Kleine, von so viel Verständnis seiner Seele +überrascht. + +»Jä, Hein, de sünd jo noch gornich gor! Bliev man noch’n bitten +sitten; ich segg Di denn Bescheed, wenn din Mudder se fertig hett.« + +Auf diesen Kontrakt ging Heinrich Lohmann ein und verfügte sich +langsam wieder an seinen Platz. + +Als die Geschichte zu Ende war und die Geisterchen wieder nach allen +Himmelsrichtungen anseinanderfielen, sprach er: + +»Nun paßt aber mal auf, was jetzt kommt!« + +Sie waren plötzlich still. + +Mit geheimnisvollen Mienen ging Asmus an einen Schrank. + +»Was ich wohl hier im Schrank habe!« sagte er. + +»Frühstück!« + +»Nein.« + +»Schokolade!« + +»Nein.« + +»’n Bilderbuch!« + +»Nein. In diesem Schrank hab’ ich einen Vogel; wenn man den +streichelt, dann singt er.« + +»Oooh – laß ihn mal ’raus!« riefen einige. + +»Ja, ich will ihn mal herauslassen.« Er öffnete den Schrank und nahm +einen Geigenkasten heraus. + +»O, ich weiß, Herr Lehrer, ich weiß!« riefen ein paar Gescheite. + +»Pst! Nichts verraten! Das ist das Vogelbauer. Paßt gut auf, daß er +nicht herausfliegt,« sagte er zu den Nächsten, und sie spreizten die +Händchen und öffneten die Mäulchen, als wollten sie den Flüchtling mit +Mund und Händen auffangen. Die Hintensitzenden stiegen auf die Tische +und reckten die Hälse. Asmus öffnete den Kasten und nahm Geige und +Bogen heraus. + +»Hurra – hallo,« schrien sie alle; aber dann wurden sie noch stiller +als zuvor, und nun hatten alle die Schnäbel offen. + +Asmus setzte den Bogen an und spielte einen raschen Lauf vom kleinen #g# +bis zum dreigestrichenen. + +Da waren sie plötzlich wie »voll süßen Weins«, sie gingen über Tisch +und Bänke, hopsten, sprangen und faßten sich an und tanzten. + +»Was soll ich nun ’mal spielen« fragte Asmus. + +Ach, was mußte er da für Erfahrungen machen! Einige nannten ein paar +Spiellieder, die sie in einem Kindergarten gelernt hatten; die meisten +aber nannten Gassenhauer und Operettenmelodien, die auf die Drehorgel +gekommen waren. Ein rechtes, gutes Volkslied nannte nicht einer; denn +das deutsche Volkslied wird im deutschen Hause nicht mehr gesungen. + +Asmus erzählte ihnen von dem Häslein, das der Jäger totschießen +wollte, und dann sang er: + + Als der Mond schien helle, + Kam ein Häslein schnelle, + Suchte sich sein Abendbrot, + Hu, ein Jäger schoß mit Schrot. + +Er sang, wie das Häslein den Mond bat, sein Licht auszulöschen, und +wie es dem Jäger entkam. + + Häslein ging zur Ruhe, + Zog aus Rock und Schuhe, + Legte sich ins weiche Moos, + Schlief wie auf der Mutter Schoß. + +und die Lieblichkeit von Wort und Weise, die Unschuld der Kindertage, +da er sie zuerst gesungen, die Schönheit der Stunden, da er sie bei +Meister Bruhn gehört und gegeigt, und die saugende Andacht all dieser +reinen Augen, die durstig an seinen Lippen hingen, überströmten sein +Herz mit einem so überschwenglichen Glück, daß ihm die Augen feucht +wurden. + +»Nun will ich’s einmal spielen,« sprach er und spielte das Lied. + +»Wollt ihr jetzt ’mal mitsingen?« + +Jubelnd ergriffen sie diesen Vorschlag. + +Und alle sangen sie mit. Ei, ei, ei, war das eine Musik! Es klang noch +ganz furchtbar. Aber sie fanden es schön, und am eifrigsten sang Peter +Brandenburg, dessen Gehör und Stimme nur einen einzigen Ton hatten, +und der klang wie das Surren einer Hummel, die man in eine Schachtel +eingesperrt hat. + +»Wer will mir nun ’mal was vorsingen?« fragte Asmus. + +Manche getrauten sich nicht; aber die meisten hielten mit ihrem Talent +nicht zurück und sangen frisch von der Leber weg. + + »Denke dir, mein Liebchen, + Was ich im Traume geseh’n« + +oder + + »Dat Scheunste, wat man hett, + Dat is so’n Zigarett’« + +oder + + »Ach, mein Schreck, ach, mein Schreck! + Meine teure Hulda ist weg!« + +nein, so viel Asmus auch horchte und forschte und hoffte, er hörte +nichts Gutes, Schönes, Gesundes. Wohl aber begann ein Bürschlein +frisch und frei ein ausgesprochenes Zotenlied zu singen. + +»Genug, genug!« rief Asmus und hieß das Kind schweigen. Dies Lied, von +frischen Kinderlippen ahnungslos gesungen, hatte ihm einen furchtbaren +Eindruck gemacht. Die Schule lag in der Hafengegend; unter ihrem +Publikum gab es mancherlei Armut und Verwahrlosung, und unter den +Schülern waren auch Kinder »anrüchiger« Straßen. + + + + +XXXVII. Kapitel. + +Herr Drögemüller als Einkassierer des Schicksals. + + +So groß sein Mitgefühl mit den Kindern der Enterbten und Verachteten +war, so schien ihm doch seine Aufgabe um so schöner und lockender, je +schwieriger sie war. Die wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« +Familien erziehen, das war keine Kunst – so dachte er wenigstens +damals; er sollte noch anders darüber denken lernen – aber hier galt +es, Knoten zu lösen und Hindernisse zu überwinden. Und schon nach +wenigen Tagen sollte ihn ein »Riesenerfolg« in seinem Glauben an sein +Werk bestärken. Am vierten oder fünften Tage seines Lehrertums kam +Herr Drögemüller mit einer Liste in die Klasse und fragte: »Ist +Heinrich Lohmann hier?« + +Jawohl, Heinrich Lohmann war _da_; es war derselbe, den am ersten Tage +die Sehnsucht nach den Klößen seiner Mutter ergriffen hatte und der +dies Gefühl in reinstem Plattdeutsch unverhohlen zum Ausdruck gebracht +hatte. Er gehörte in eine Nachbarschule und war irrtümlich in Sempers +Klasse gekommen. + +»Du gehörst in eine andere Schule, mein Sohn,« sagte Herr Drögemüller. +»Pack’ deine Sachen und komm mit.« + +»Nee,« sagte Heinrich Lohmann munter, »ick will hier blieben.« Selbst +Herr Drögemüller mußte lachen. + +»Ja, mein Junge, das geht nicht,« sagte er, »komm nur schnell.« + +»Ick will ober leever hier blieben,« wandte Lohmann mit schwächerem +Widerstande ein. + +»Na, nu’ mach flink, Junge, mach flink!« drängte der Hauptlehrer. + +Lohmann packte widerstrebend seine Sachen und folgte Herrn +Drögemüller; aber als er nun Sempern die Hand zum Abschied geben +sollte, warf er alles, was er trug, auf den Boden, umklammerte +Asmussens Bein und schrie: »Ick will bi di blieben! Ick will bi di +blieben!« + +Asmussen wurde es wunderlich ums Herz. + +»Kann er denn nicht hier bleiben?« fragte er den Hauptlehrer. +»Vielleicht kann ja ein anderer – –?« + +»Nein, das geht nicht!« versetzte Drögemüller kurz. »Er wohnt ja nicht +in unserm Bezirk. – Jetz komm, Junge, sonst – –« + +Asmus klopfte dem Kleinen die Wangen und sagte: »Na, Heinrich, dann +geh nur mit. Wenn die Schule aus ist, besuchst du mich mal, was? Und +ich besuch’ dich auch mal, ja?« + +Da gab sich Heinrich Lohmann zufrieden, sammelte unter Tränen seine +Bibliothek zusammen und schlich davon. + +Asmus Semper war glücklich. Also schien ihm die Kraft gegeben zu sein, +die Herzen der Kinder zu gewinnen, und darüber war er unsäglich froh. +Überhaupt lebte er wie in einem Rausche. Diese tausendfältigen, +rückhaltlosen Offenbarungen der Kindesseele überwältigten seine +Beobachtungskraft; er wußte nicht, wie er diesen Reichtum in die +Scheuern bringen und verwerten sollte. Und viel zu früh schloß er den +Kindern den Mund durch regelrechten Unterricht; seine Taten hinkten +noch weit hinter seinen Ideen her. Er hätte noch länger die Eigenart +jedes einzelnen Kindes hervorlocken sollen, wenn er den Wegen +Pestalozzis folgen wollte; aber er fürchtete, die Kinder würden nicht +lernen, was sie nach dem »Pensum der Klasse« lernen sollten, wenn er +nicht den stundenplanmäßigen Unterricht beginne. Herr Drögemüller +hatte sich ohnedies schon bemerkbar gemacht. Als Asmus eines Tages +einen Knaben ein Märchen erzählen ließ, war Herr Drögemüller, der es +nicht für ein Gebot der Höflichkeit hielt, anzuklopfen, in die Klasse +getreten, hatte durch seine blaue Brille auf den an der Wand hängenden +Stundenplan geblickt und gesagt: + +»Sie haben jetzt eigentlich Rechnen, nicht wahr?« + +»Jawohl,« hatte Asmus gesagt. + +»Hm,« hatte dann Herr Drögemüller gesagt, und er war wieder +hinausgegangen. – – Ja, Asmus war glücklich; aber wie es das Schicksal +gewöhnlich mit ihm gehalten hatte, so tat es auch diesmal; von dem +vollen, hundertprozentigen Glück, das es ihm gegeben, zog es neunzig +Prozent Wucherzinsen ab, und der Exekutor, der die neunzig Prozent +einkassierte, war diesmal Herr Drögemüller. + +Herr Drögemüller war Junggeselle, und so hatte er zu viel Zeit für +seinen Beruf. Man hat immer dann zu viel Zeit für seinen Beruf, wenn +man sie zur Auffindung neuer und fruchtbarer Gedanken aus einem +gewissen inneren Mangel nicht anwenden kann, sie vielmehr mit der +Erfindung immer neuer Reglements-Paragraphen verbringen muß. Jedesmal, +wenn Herr Drögemüller ein paar freie Stunden gehabt hatte, trug +alsbald danach ein Knabe durch alle Klassen eine Verfügung, unter die +jeder Lehrer sein »#Vidi#« setzen mußte. Herr Drögemüller wußte aus +der Arithmetik, daß, wenn man unablässig addiert, zuletzt eine hohe +Summe herauskommen muß, und so hoffte er durch unermüdliche +Hinzufügung von »Verbesserungen« seine Schule auf den Gipfel der +Vollendung zu bringen. Wenn ihm aber jemand mit umwälzenden Methoden +oder gar mit neuen Lehrzielen kam, dann bekam er Entrüstung mit +Fieber. Welche Anmaßung, wenn ein Lehrer es besser wissen wollte als +Drögemüllers Seminardirektor! Seine Berufsanschauung ruhte auf drei +Axiomen als auf drei unerschütterlichen Säulen: + + 1. Die Alten sind klüger als die Jungen. + + 2. Die Toten sind klüger als die Lebendigen. + + 3. Die Vorgesetzten sind klüger als alle. + +und seine Berufsanschauung war auch seine Weltanschauung; denn er war +der Meinung, ein Lehrer habe sich weder um Kunst und Literatur, noch +um Politik, noch sonst um etwas anderes als allein um seinen Beruf zu +kümmern. + +Er verbrachte denn auch seine Tage am Schreibtisch seines Bureaus; +seine Wohnung war eigentlich nur Schlafstelle, und in seiner +bescheidenen Bibliothek stand kein neues Buch. Trotzdem hielt er sich +für einen gewissenhaften Beamten. + +Daß er mit diesem Mann nicht lange in Frieden leben werde, davon hatte +Asmus eine deutliche Ahnung. Schon wenn er ihn sprechen hörte, wurde +ihm unbehaglich. Er war immer so empfindlich gewesen für menschliche +Stimmen; die Stimme war ihm der Mensch, und besonders wahr und schön +war’s ihm immer erschienen, daß der wahnsinnige Lear von der Stimme +der toten Cordelia sprach. Drögemüller aber heulte durch die Nase und +sprach, als wenn er einen zu schmal gewölbten Gaumen hätte. + +Gleich am ersten Tage sah Asmus etwas, was ihn geradezu erschreckte. +Kinder während der Schulpause – das war ihm immer ein Bild befreiter, +sprudelnder Jugendlust gewesen. Es war ihm gar nicht der Gedanke +gekommen, daß das anders aussehen könne. Und hier sah er die Kinder, +zu Vieren geordnet, langsam hintereinander hertappen, wie Gefangene, +die man gerade so viel lüftet, wie zur Erzielung einer guten +Gesundheitsstatistik unbedingt erforderlich ist. Und in der Mitte des +Schulhofs ging ein Lehrer auf und ab, der darauf achten mußte, daß +keiner aus der Reihe trat. Nun bemerkte Asmus freilich bald, daß der +größere Teil des Kollegiums die Verfügung des Chefs nicht mehr +sonderlich ernst nahm; die Herren ließen denn auch den spazierenden +Kindern die Zügel leidlich locker. Dann freilich tauchte gelegentlich +Herr Drögemüller auf und verwies laut scheltend die zuchtlosen +Elemente in ihre Reihen zurück, um dem Aufseher zu demonstrieren, daß +er seine Pflicht verletze. Die Herren, meistens ältere, wohlverdiente +und zum Teil ihrem Chef bei weitem überlegene Männer, aßen ihr +Frühstück ruhig weiter und taten nach wie vor, was sie für gut +hielten. Aber jetzt waren drei junge Herren ins Kollegium gekommen, +und die wollte Herr Drögemüller gleich richtig an die Kandare nehmen, +damit sie ihm nicht über den Kopf wüchsen. + +Als Asmus zum erstenmal die Aufsicht führte, freute er sich über +jeden, der die Ordnung der Sektionen verließ. Aber siehe, schon war +Herr Drögemüller da und heulte durch die Nase und trieb die +Schwarmgeister an ihren Platz. + +»Das geht aber nicht, Herr Semper; achten Sie bitte strenge darauf, +daß die Schüler zu vieren gehen.« + +»Ja, da kann dann freilich von Erholung nicht mehr die Rede sein,« +bemerkte Asmus. + +»Ooh, das wollen wir doch nicht sagen!« + +»Ja, für siebzigjährige Spittelleute mag das ja eine genügende +Erholung sein; aber junge Körper, wenn sie stundenlang in der Bank +gesessen haben, wollen sich gehörig tummeln und die Lungen +reinpumpen.« + +»Herr Semper, wenn wir das einreißen ließen, dann würden wir jeden Tag +blutige Nasen und gebrochene Gliedmaßen und hinterher die Klagen der +Eltern haben.« + +»Herr Drögemüller, wir haben uns als Jungen auf dem Schulhof +geschlagen wie Hunnen und Nibelungen, und blutige Nasen habe ich mehr +als eine davongetragen; ich habe aber Blut genug übrig behalten, +vielleicht noch zuviel. Nach Ihren Grundsätzen müßte man den Kindern +das Spiel überhaupt verbieten; denn Unfälle, sogar tödliche, sind +freilich niemals ausgeschlossen.« + +»Was anderswo passiert, ist mir einerlei, in _meiner_ Schule soll aber +so etwas nicht vorkommen, und darum muß ich darauf dringen, daß meine +Anordnungen befolgt werden.« + +In Asmus wirbelte etwas empor; aber der Vorgesetzte hatte bereits den +Rücken gewandt und war gegangen. + + + + +XXXVIII. Kapitel. + +Schon wieder gibt es einen Zusammenstoß. + + +Sempern erfüllte ein seltsam unbehagliches Gefühl. Sollte ein Lehrer +sich wie ein Handlanger traktieren lassen? Sein aufbrausendes Blut, +das sich schnell über jedes Unrecht empörte, wollte ihn zu offener +Auflehnung fortreißen. Dazu kam, daß seine Jugend, wenn auch nicht von +revolutionärem Sinn, so doch von revolutionären Gedanken genährt war. +Er hielt es noch immer mit den Tyrannenmördern und Volksbefreiern. +Aber andrerseits hatte er zu viel klaren Verstand, um an eine Welt +ohne Regierung und Gesetz zu glauben. Jeder mußte sich unterordnen, +das wußte er wohl. Und wenn ein Vorgesetzter schwach war, – die, die +ihn eingesetzt hatten, waren Menschen und dem Irrtum unterworfen wie +er selbst. Aber wenn die Obrigkeit in der Wahl der Oberen gar zu +töricht oder gewissenlos war, dann war Auflehnung so natürlich und +notwendig wie sonst die Unterordnung, dann war Widerstand Pflicht, vor +allem der Kinder wegen. Aus diesem Zwiespalt kam er nicht heraus. + +Andere Skrupel und Sorgen kamen hinzu. Er mußte den Kleinen +Religionsunterricht geben. Waren nun diese biblischen Geschichten +geoffenbartes Gotteswort, dessen Wahrheit sich auch dem kaum erwachten +kindlichen Geiste auf wunderbar intuitiven Wegen erschloß? Nein, das +glaubte er nicht, konnte er also auch nicht lehren. Sollte er also die +Geschichte der Juden und das Leben Jesu kritisch, rationalistisch, +liberal-theologisch behandeln? Der Hamburgische Staat nahm es im +Gegensatz zu andern deutschen Staaten mit der Gewissensfreiheit +leidlich ernst und schrieb seinen Lehrern nicht vor, wie sie die Bibel +zu behandeln hätten. Aber wenn dies alles nicht zweifellose, der +kindlichen Seele ohne weiteres zugängliche göttliche Wahrheit war – +dann war es ja heller Unsinn, diese Materien mit sechs- bis +siebenjährigen Kindern zu behandeln, dann waren es Materien für reife +Jünglinge und Männer. Diese religiösen Bedenken verfitzten sich mit +pädagogischen und künstlerischen. Die biblischen Historien mit den +Worten der Bibel erzählen, das hieß nach seiner Meinung, die armen +kleinen Kerle mit unverständlichen Worten und Begriffen quälen und war +also unmöglich. Die alten Berichte aber mit eigenen, modernen Worten +erzählen, dagegen sträubte sich alles in ihm, das schien ihm eine +unerhörte vandalische Versündigung gegen die erhabene, ehrwürdige +Kraft und Schönheit dieser Mythen. Man konnte ja auch den »Faust« mit +anderen Worten erzählen; aber war das der »Faust«? + +Aber das Allerschlimmste war doch, daß diese Geschichten unzweifelhaft +einen persönlichen Gott annahmen und von einem Jesus berichteten, der +Wunder tat, vom Tode auferstand und gen Himmel fuhr. Sich mit leeren +Worten um diese Fragen herumdrücken, war unwürdig, war ihm unmöglich. +Freilich, er konnte es machen wie #Dr.# Korn; er konnte den Kindern +sagen: So berichtet die Bibel; was ihr glauben wollt, ist eure Sache. +Aber das konnte man vor Jünglingen tun, nicht vor sechs- bis +siebenjährigen Knäblein. Die konnten noch nicht sondern und wählen; +die hingen mit dem treuen Blick des Glaubens an seinem Munde; die +glaubten alles, was er sagte, und ahnten noch nicht, daß ein Lehrer +etwas sagen könne, was er selbst nicht glaube. + +Endlich blieb noch der Ausweg, sich als »Beamten« zu fühlen, der ein +Amt und keine Meinung habe. Er konnte diese Dinge einfach nach der +orthodoxen Dogmatik behandeln und zum Beispiel die Stelle von der +Schlange, die »denselbigen in die Ferse stechen werde«, als +messianische Weissagung hinstellen, am Ende des Monats sein Gehalt +einstreichen und die Verantwortung denen überlassen, die den +Religionsunterricht verlangten, das war das sicherste. Aber diese +handwerkerliche Auffassung von seinem Beruf konnte er sich eben nicht +angewöhnen, so selbstverständlich sie auch Herrn Drögemüller schien. +Denn diese sechzig Kinder wurden einmal sechzig Menschen, und was er +als winziges Körnchen in ihre Seele warf, war vielleicht nach zwanzig +Jahren ein Baum, ein nährender Fruchtbaum oder ein Giftbaum oder ein +leeres Gestrüpp. Der Arzt, der nach bestem Wissen und Können in einen +lebendigen Menschen hineinschnitt, konnte auch nicht zur Verantwortung +gezogen werden; aber es war doch ein verteufeltes Gefühl, einen +Menschen unter dem Messer zu haben. + +Er beschloß bei sich, diesen Unterricht so bald wie möglich abzugeben, +und fand, daß der Modus seines ehemaligen Direktors noch der +redlichste und erträglichste sei. Er trug den Kindern die Bibel vor, +wie sie war, und enthielt sich jeder kritischen Beleuchtung. Nur sagte +er dann nicht: Ihr könnt’s glauben, könnt’s auch lassen, sondern +getröstete sich der Hoffnung, daß sie sich bei wachsender Reife in der +Stille ihres Herzens wohl selbst mit diesen Dingen abfinden würden. + +Ein herzlicher Unterricht konnte das freilich nur in solchen +Augenblicken werden, wo die Naivität der biblischen Geschichten mit +der Naivität der Kindesseele zusammenfiel; und in solchen Augenblicken +atmete das Herz des jungen Schulmeisters erleichtert und beglückt. Und +eine Fülle der Freuden quoll fast aus allen andern Stunden. Nur +stampfte ihm Herr Drögemüller eines Tages auch in den Leseunterricht +hinein. Herr Drögemüller dachte es sich wunderschön, wenn alle drei +neuangestellten Lehrer den Leseunterricht auf völlig gleiche Weise +erteilen würden, und zwar auf ebendieselbe Weise, die er vor 25 Jahren +auf dem Seminar erlernt habe. In seiner Schule sollte alles ordentlich +hergehen: alle sollten auf Schuhen kommen, alle sollten Schulgeld +zahlen, alle denselben Glauben haben und auf dieselbe Weise »gebildet« +werden. + +Einer der neuen Herren tat ihm auch den Gefallen; Asmus aber und der +andere gingen ihre eigenen Wege. Herr Drögemüller bemerkte das mit +Mißfallen. + +»Machen Sie es nicht so, wie ich es Ihnen neulich gezeigt habe, Herr +Semper?« fragte er. + +»Nein,« lautete die ebenso kurze wie unzweideutige Antwort. + +»Warum denn nicht?« + +»Weil ich meine Weise für richtiger halte.« + +»Aber Herr Semper – Sie werden wohl zugeben, daß ich mehr Erfahrung +habe als Sie –.« + +»Das mag sein; aber ich muß meine Methode selber finden, und nur nach +der Methode, die meiner Überzeugung entspringt, kann ich unterrichten. +Wenn es die Jungen immer machen müßten wie die Alten, dann könnten Sie +und ich überhaupt noch nicht lesen.« + +»Das ist ja wohl sehr geistreich, Herr Semper; aber gleichwohl muß ich +Sie bitten, meine Wünsche zu respektieren.« + +»Mit Recht sagen Sie »Wünsche«, Herr Drögemüller, und nicht »Befehle«. +Denn »Befehle« gibt es hier nicht. Ich bin nur verpflichtet, meine +Schüler zu fördern. Welche Methoden ich dabei anwende, ist ganz allein +meine Sache.« + +Drögemüller war bleigrau im Gesicht geworden und schnappte, als wenn +er Luft für einen längeren Satz einnehme; er entschied sich dann aber +nur für ein: »Na, wenn Sie meinen –« und ging mit rachsüchtig +geschwungenen Beinen hinaus. Als er draußen war, stenographierte er +etwas sehr Langes in sein Notizbuch. Die Methode ist frei, dachte +Drögemüller, darin hat er recht; aber ich werde schon andere Pfeifen +schnitzen, nach denen er tanzen soll. + +Zunächst indessen sollte Asmus ein wenig nach den Pfeifen des +Exerzierplatzes tanzen. Bei der Generalmusterung im Sommer war er +endgültig »gezogen« worden, und nun war die Order gekommen, daß er +sich am 1. Oktober auf dem Altenberger Kasernenhofe einzufinden habe. + + + + +XXXIX. Kapitel. + +Ist teilweise im Kasernenstil geschrieben und belehrt uns durch die +Güte des Herrn Schieß-Unteroffiziers, was für ein Mensch dieser Asmus +Semper eigentlich ist. + + +Was ihm an diesen Musterungs- und Gestellungsbefehlen aufgefallen war, +das war die Ängstlichkeit, mit der auch der leiseste Verdacht einer +höflichen Gesinnung vermieden war. Er fand, daß dieselben Befehle mit +derselben Entschiedenheit in einer Form gegeben werden könnten, die +mehr nach menschlicher Gesellschaft klang. Sie berührten ihn, als +wären sie mit Absicht so schroff wie möglich formuliert, um das +persönliche Selbstbewußtsein von vornherein auf den Nullpunkt +zurückzutreiben. Überhaupt begann er diese sechs Wochen, die er als +»Schulamtskandidat« unter Waffen zubringen sollte, nicht mit gehobenen +Gefühlen. Ludwig Semper freilich sprach noch immer von seinen +Soldaten- und Kriegsjahren als von einer frischen, fröhlichen Zeit; +aber »beim Preußen« war’s anders, und die vielen und abscheulichen +Soldatenmißhandlungen, von denen die Zeitungen berichteten, hatten +Asmussen immer mit Zorn und Entsetzen erfüllt. Frau Rebekka schwankte +zwischen Stolz und Bangen. Sie war stolz, daß man ihren Sohn für +tauglich befunden hatte, und sie bangte, daß man ihn mißhandeln und +überanstrengen könne. + +Und gleich der ganze erste Tag war eine Mißhandlung, aber keine +böswillige. Die Herren Schulamtskandidaten standen nämlich mit kleinen +Unterbrechungen von morgens acht bis abends sieben Uhr auf dem +Kasernenhof und warteten. Einmal erschien ein Feldwebel und rief ihre +Namen auf, und dann warteten sie wieder sechs Stunden. Einmal +beobachtete Asmus einen Haufen Offiziere, und ein sehr temperamentvoller +Herr unter ihnen schrie: »Denken Sie, der Seckendorff läßt sich wegen +Krankheit beurlauben und verzehrt ein großes Beefsteak mit +Spiegeleiern.« Asmus fand dies merkwürdig, aber für einen Tag war es +nicht Unterhaltung genug. Er gehörte sonst zu den Menschen, die man wohl +langweilen kann, die sich aber niemals selbst langweilen, weil die +Gedankenmühle von selber geht wie ein #perpetuum mobile#. Aber so auf +einem Fleck stehend und immer wartend, konnte man weder Gedichte machen, +noch Gedankenspiele treiben; er litt Höllenqualen der Langenweile. +Endlich, um sieben Uhr abends erschien ein Sergeant und erklärte ihnen, +sie könnten nach Hause gehen. Denn die Schulamtskandidaten durften zu +Hause schlafen und essen. + +Am andern Morgen ging es endlich los. Der Sergeant Greifenberg trat +vor die Front von Asmussens Abteilung und hielt eine Rede. + +»Meine Herren,« sagte er, »ick hoffe, dat Sie als jebildete Herren mir +meine Arbeit so leicht wie möglich machen wer’n. Ick werde Se nu mal +ausbild’n. Wenn Se ooch noch so jelehrt sind, hier müssen Se doch noch +wat zulernen. Sie sind Lehrers; aber ick bin der Lehrer von die +Lehrers. Schtilljeschtanden!« + +»Un denn merken Se sick jleich,« sagte Herr Greifenberg, indem er auf +einen der Kandidaten losging, »jelacht wird nich im Jliede. Wat ick +sage, is nich zum Lachen; de Sache is sehr ernst.« + +Und nun begannen die Übungen; aber Herr Greifenberg stellte keine +unmenschlichen Anforderungen, und Herr von Birkenfeld, der ausbildende +Leutnant, noch weniger. Furchtsame Gemüter konnte freilich Herr von +Birkenfeld zunächst abschrecken; denn er markierte den rauhen +Kriegsmann, der weder Teufel noch Kognak fürchtet und »Sauerei« und +»Schweinekram« für verblümte Redensarten hält. Wenn ihm die Richtung +eines Gliedes nicht gefiel, so sagte er, in einem milden, väterlichen +Tone beginnend: + +»Ei, ei, ei, das Glied steht ja schweinemäßig! Der rechte Flügelmann, +nehmen Sie den Bauch herein, ins drei Deubels Namen! Der Kerl taugt +zum Flügelmann wie der Igel zum Schnupftuch!« Er sagte aber nicht +»Schnupftuch«, sondern ganz etwas anderes, und wenn er von den +unteren menschlichen Extremitäten sprach, so gebrauchte er eine +Bezeichnung, die man nur unter Männern wiederholen kann, wenn keine +Theologen zugegen sind. Im übrigen hatte er mit dem Flügelmann nicht +unrecht. Der Schulamtskandidat Plambeck war der längste und dickste +von allen; aber als er ein Gewehr mit einer Platzpatrone darin +abdrücken sollte, da versagte er. + +»Warum drücken Sie nicht ab?« rief Herr von Birkenfeld. + +Plambeck hob den Kolben wieder an die bleiche Wange und setzte wieder +ab. + +»Na, wollen Sie jetzt vielleicht die Liebenswürdigkeit haben, +abzudrücken?« schrie der Leutnant. + +Plambeck hob schlotternd das Gewehr und ließ es abermals sinken. + +Jetzt trat Birkenfeld nahe an Plambeck heran und sagte ruhig: + +»Sagen Sie, fürchten Sie sich?« + +»Ja,« versetzte Plambeck ehrlich. + +»Na, Sie sehen doch, die andern haben auch geschossen und sind auch +ganz geblieben. Ich werde jetzt kommandieren und Sie werden schießen. +Legt an! – Feuer!« + +I, keine Spur von Feuer. + +»Heiliges Astloch!« schrie Birkenfeld. »So was ist mir denn doch noch +nicht vorgekommen! Sagen Sie mal, wie denken Sie sich das eigentlich, +’n Soldat, der nich schießt! ’n Soldat, der sich vor seiner Knarre +fürchtet! Was wollen Se denn eigentlich machen, wenn –« + +»Bums!« Plambeck hatte abgedrückt und lächelte stolz. + +»Himmel, Schnaps und Wolkenbruch! Jetzt schießt mir der Kerl gleich in +die Visage!« schrie Birkenfeld. »Herrrr, ich werde Sie ins Loch +stecken, Herrrr!« + +Aber er steckte niemanden ins Loch, nicht einmal Büsing, der es doch +einigermaßen verdient hatte. Büsing hatte morgens bei der Schießübung +zu viel »Zielwasser« getrunken; die Kneipe lag in allzu verlockender +Nähe des Schießstandes. Herr von Birkenfeld, der eine verständnisvolle +Leber besaß, hatte gesagt: »Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie +aus.« Das hatte Büsing so gründlich besorgt, daß er nachmittags eine +Stunde zu spät zum Dienst gekommen war. Büsing war das aber noch immer +nicht des Frevels genug gewesen; er hatte sich lächelnden Mundes bei +dem Herrn Leutnant gemeldet mit den Worten: + +»Vom Ausschlafen zurück!« + +Da hatte ihm Birkenfeld zwar drei Tage aufgebrummt; aber er hatte sie +ihm noch am selben Tage erlassen. Wenn er fluchend und wetternd und +mit gezücktem Degen den Parademarsch abnahm und sein breiter blonder +Bart im Winde wehte, dann sah er aus wie ein Eisenfresser, und doch +war er ein vom Grund des Herzens humaner Mann, für den die Worte +»gutes, kameradschaftliches Verhalten« nicht nur auf dem Papier +standen und der im gemeinen Soldaten den gleichwertigen Menschen und +Waffengenossen sah. Einmal hatte er aber doch etwas zu saftig +geschimpft. Als der Schulamtskandidat Thölemann, der wie ein künftiger +Pastor aussah, sprach und fühlte, gleich einer nassen Unterhose am +Reck hing und ebensowenig wie dieses Kleidungsstück einen Klimmzug zu +machen imstande war, da schrie Birkenfeld: + +»Herrrr, sei’n Se nich so schlapp, Herrrr! Deubel noch’n mal! Kerl hat +natürlich die ganze Nacht bei Wachtmann ’rumgeh–t!« + +»Wachtmann« war ein ziemlich unethisches Tanz- und Nachtlokal, und das +wollte sich Thölemann nicht bieten lassen. Er wollte sich über +Birkenfeld beschweren. Und es war das beste Zeugnis für diesen +Leutnant, daß die Kameraden Thölemannen abrieten, weil man die +Schimpfreden Birkenfelds nicht tragisch nehmen dürfe, und nicht am +wenigsten trat Asmus für den Beleidiger ein. Er liebte solche +Menschen, die sich von Temperament und Leidenschaft fortreißen ließen +und es im Grunde des Herzens doch gut meinten; er fühlte sich ihnen +verwandt. Übrigens überlegte sich Birkenfeld seine Diagnose noch +einmal, bat Thölemann um Entschuldigung, und die Sache war erledigt. + +Daß Schimpfen und Schimpfen zweierlei ist, das bewies Asmussen Seine +Exzellenz der Herr Schießunteroffizier. Asmus hatte durch irgendeinen +Zufall keine Exerzierpatronen erhalten und sollte sie sich vom +Schießunteroffizier holen. Er suchte den Herrn auf, nahm die +vorschriftsmäßige Haltung ein und sagte: + +»Darf ich bitten um meine Exerzierpatronen?« + +Da sah der Herr Schießunteroffizier Asmus Sempern mit einem langen +Blick sprachloser Entrüstung an. Endlich aber fand er Worte und sprach +den gewichtigen Satz: + +»Mensch, Sie sind doch ebenso dumm wie frech!« + +Die grenzenlose Dummheit und Frechheit Asmussens lag nämlich darin, +daß er annahm, der Herr Schießunteroffizier werde jetzt, außerhalb der +Empfangszeit, Lust haben, ihm die Patronen zu geben. + +Asmus, der über die erfahrene Beschimpfung bis hinter die Ohren +errötet war, sah dem Manne scharf in die Augen und sagte nur: + +»Der Herr Leutnant schickt mich.« + +Keineswegs behauptete jetzt der Herr Unteroffizier, daß der Leutnant +ebenso dumm wie frech sei; er beeilte sich vielmehr, Sempern die +Patronen zu verabfolgen. Es war derselbe avancierte Bauernbursche, der +einen Schulamtskandidaten darüber belehrt hatte, daß es nicht +»Serschant«, sondern »Schersant« und nicht »Premjé-Leutnant«, sondern +»Premihr-Leutnant« heiße. + +Als Asmus mit seinen Patronen auf den Kasernenhof zurückkehrte und +sich die empfangene Charakteristik wiederholte, da mußte er laut +auflachen über die Komik der Situation. Aber als er der Physiognomie +dieses Menschen gegenübergestanden hatte, da war es ihm doch heiß ins +Gehirn geschossen, dem Lümmel hinter die Ohren zu schlagen; denn aus +diesen kaltfrechen Augen hatte ihn die machttrunkene Brutalität der +emporgekommenen Roheit, hatte ihn der Typus des Soldatenschinders +angestarrt. + +Und doch war der Schießunteroffizier noch lieb im Vergleich zu dem +Assistenzarzt Dr. Rheinland. + + + + +XL. Kapitel. + +Was? Hinkt der Kerl auf einem Fuß? Asmus lernt einen dummen und einen +klugen Doktor kennen. + + +Asmus vertrug sich mit seinem Dienste ausgezeichnet; der »langsame +Schritt« und die Gewehrgriffe waren ja nicht brennend interessant und +mit Rousseau- oder Kantlektüre nicht zu vergleichen; aber er sagte sich, +das Leben kann nicht immer kurzweilig sein, und wenn er eine Arbeit +anfaßte, so machte er sie so gut wie möglich. Er hatte denn auch die +ausdrückliche Anerkennung des Herrn von Birkenfeld und des #magister +magistorum# Greifenberg gefunden. Und die Marsch- und Felddienstübungen +waren nun geradezu ein Vergnügen und eine Lust. Sie lehrten ihn seine +körperliche Kraft und Ausdauer kennen, die er weit unterschätzt hatte. +Wenn er sah, daß er es bei voller feldmarschmäßiger Belastung im Laufen +und Springen hügelauf und hügelab den Längsten und Dicksten gleichtat, +ja länger aushielt als mancher Schlagetot – denn die Größten sind nicht +die Stärksten – dann hob seine Brust ein unaussprechliches Glücksgefühl, +das Gefühl eines Siegers, der sich selbst überwand und seine ganze +eigene Welt beherrscht. Oft klopfte ihm wild das Herz, und nicht immer +ward es ihm leicht, dies Vorwärtsstürmen und Niederwerfen und +Wiederaufspringen und Wiedervorwärtsstürmen; aber wie ein Rausch +entzückte ihn das Gefühl, seine Kraft bis auf den letzten Rest und aus +den verborgensten Quellen hervorzurufen und durch ein bloßes »Ich +_will_« jede Schwierigkeit zu überwinden. Und zu allem hatte noch dies +Kriegsspiel, dies Streifen durch Feld und Heide, dies auf Feldwache +liegen und Patrouillengehen seine Schönheit, seinen Zauber, seine +Poesie. Aber trotz alledem lahmte er eines Morgens; er hatte es mit dem +langsamen Schritt und Parademarsch so gut gemeint, daß er sich eine +Zerrung der Achillessehne am linken Fuße zugezogen hatte. Gleichwohl +versuchte er regelrecht zu marschieren und den Schmerz zu verbeißen; +aber er machte es damit nur schlimmer. + +»Melden Sie sich revierkrank!« sagte Herr v. Birkenfeld. + +Im Revier saß der Assistenzarzt Dr. Rheinland. Er würdigte die kranken +Partien der Patienten kaum eines Blicks, im übrigen sah er sie +überhaupt nicht an. Er kurierte ohne Ansehen der Person. Er drückte +kräftig mit dem Finger auf die geschwollene Ferse des Musketiers +Semper, und dieser zuckte zusammen. + +»Was fällt Ihnen ein!« schnauzte der Herr Doktor. Asmus wußte noch +nicht, daß ein Soldat niemals zuckt. Er wußte freilich auch nicht, +wie der Arzt sonst von seinen Schmerzen erfahren sollte, da er weder +fragte, noch sich irgendwie auf eine weitere Untersuchung einließ. Er +erklärte Sempern für dienstfähig; denn er gehörte zu jenen +Militärärzten, die die Krankheiten wegmachen, ehe sie sie erkannt +haben. Man macht auf diese Weise einen schneidigen Eindruck, schreckt +die Simulanten ab, erzielt eine gute Gesundheitsstatistik und reicht +weiter mit seinen Kenntnissen. + +Natürlich hinkte Asmus weiter. + +»Semper, hol’ Sie der Deubel! Sie hinken ja noch immer!« schrie der +Leutnant. + +Asmus berichtete, wie es ihm ergangen. + +»Treten Sie aus und gehen Sie morgen wieder hin!« entschied +Birkenfeld. + +Am andern Morgen erschien Asmus wieder im Revier. Diesmal drückte Herr +Rheinland nicht einmal mit dem Finger; er warf einen verächtlichen +Blick auf die gemeine Soldatenferse und schrieb, daß der Musketier +Semper dienstfähig sei. + +Beim Parademarsch exerzierte der Musketier Semper genau wie ein +Musketier Hephästos oder Mephistopheles. + +»Semper!« brüllte v. Birkenfeld. »Herr Semper, ich befehle Ihnen, daß +Sie das Hinken lassen; ich verbiete Ihnen einfach das Hinken, +Herrrr!« + +Die Befehle des Herrn Leutnants waren aber der Achillessehne nicht +maßgebend. + +»Musketier Semper!« schrie Herr v. Birkenfeld. Asmus faßte das Gewehr +an und lief hinkend zu seinem Vorgesetzten. »Was hat denn der Arzt +gesagt?« + +»Er hat mich ohne Untersuchung und ohne ein Wort zu sprechen, +dienstfähig geschrieben.« + +»Also geh’n Sie nach Hause, legen Sie sich aufs Sofa und fragen Sie ’n +studierten Mediziner. Wegtreten!« + +Das tat Asmus. Der »studierte Mediziner« legte einen Verband an, und +in zwei Tagen war die Sehne geheilt. + +Im übrigen schied er von dieser Zeit mit unvergleichlich +freundlicheren Gefühlen, als er sie beim Eintritt empfunden hatte. +Freilich, das Leben in der Kaserne hatte er nur sehr flüchtig kennen +gelernt und wenn er sich vorstellte: drei Jahre in der schrecklichen +Banalität dieser Räume, in der erdrosselnden Prosa dieses »inneren +Dienstes« verbringen – dann lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter. +Aber wenn er gerecht sein wollte, dann mußte er bekennen, daß in +_seiner_ Erfahrung die guten und heilsamen Eindrücke überwogen. Nicht +wenig trug zu dieser Stimmung ein gehobenes Gesundheitsgefühl bei. Er +war immer ein gesunder Mensch gewesen; aber jetzt ward ihm seine +Gesundheit förmlich bewußt; er fühlte wie in einem Rausch seine Adern +strotzen und seine Muskeln schwellen. Von trüben Seminarzeiten +abgesehen, hatte er auch immer einen gesegneten Appetit bekundet; aber +nie hatte er solche Wonnen verzehrender Andacht empfunden, wie nach +strammem Dienste vor den Würsten und Bierflaschen der Kantine. Wenn er +nach vierstündigem Marsche solch eine Literflasche voll Braunbier an +den Mund hob – denn der Soldat hat nicht immer ein Glas zur Hand – und +minutenlang nicht wieder absetzte, dann schloß er fromm die Augen, und +auch das war ein brünstiges Dankgebet an die Macht, die ihn gesund +erschaffen und solcher Freuden fähig gemacht hatte. Überhaupt waren +diese sechs Wochen ein Leben im Fleische; ihn interessierte nur +Körperliches, und wenn er an sein Bücherbrett trat und auf den Rücken +der Bände Namen wie »Lessing«, »Comenius« und »Euripides« las, dann +kamen ihm diese Zivilisten wie Leute vor, von denen er in längst +vergangenen Zeiten einmal hatte reden hören; der Gedanke, ein Buch +herauszunehmen und zu lesen, erschien ihm vollkommen absurd. Der +Körper ließ dem Geiste nur so viel Kraft übrig, als zu einer sanften +Verblödung unbedingt nötig war: Asmus vegetierte in diesen sechs +Wochen, und daran änderte selbst das geistige Moment des Dienstes, die +Instruktionsstunden über Gewehrputzen, Rangverhältnisse und +Kriegsartikel nichts Wesentliches, so schön sie auch manchmal sein +mochten. Sergeant Greifenberg, der Lehrer von die Lehrers, wußte +selbst die einfachsten Dinge für die gescheitesten Köpfe unklar zu +machen, und wenn er über das Schloß des Infanteriegewehres Modell 71 +instruierte, dann hätte der Erfinder des Schlosses, wenn er zugehört +hätte, seine eigene Erfindung nicht mehr verstanden. Herr von +Birkenfeld hingegen betrieb die subtilsten logischen Sonderungen, +besonders wenn er Kognak geladen hatte. + +»Was ist Mut und was ist Tapferkeit?« fragte er eines Tages den +Musketier Semper. + +Asmus mußte sich einen Augenblick besinnen und sagte dann: »Mut und +Tapferkeit sind wohl im wesentlichen dasselbe; eine Gemütsstimmung, +die sich durch eine erkannte Gefahr nicht schrecken läßt. Man könnte +sagen, daß der Mut mehr eine Sache persönlicher Veranlagung und mehr +impulsiver Natur ist, während die Tapferkeit ein pflichtbewußtes +Ausdauern in der Gefahr in sich schließt .....!« + +»Nee, nee, das is nichts,« rief Herr von Birkenfeld abwinkend. +»Gemütsstimmung, was Gemütsstimmung! Der Soldat hat keine +Gemütsstimmungen! Wenn es heißt: die Mauer da muß hinuntergesprungen +werden, dann springt er, und das ist _Mut_. Tapferkeit is hingegen ganz +was andres. _Tapferkeit_ zeigt der Soldat den feindlichen Kugeln und +Bajonetten gegenüber!« + +Von solchen Stunden kam Asmus immer sehr vergnügt nach Hause, und wenn +dann seine Brüder Reinhold und Adalbert dastanden und Front machten, +dann dankte er ganz von oben herunter, etwa wie ein alleroberster +Kriegsherr oder wie der Assistenzarzt Rheinland, wenn man ihm eine +Achillesferse zeigte. Dann schrien Reinhold und Adalbert: »Seht den +Hanswurst, er spielt sich auf!« Und dann zog Asmus das Seitengewehr +und rief: »Bei Angriffen auf seine Soldatenehre darf der Soldat von +der Waffe Gebrauch machen!« und nahm Aufstellung zum Brudermord. + +Und noch an einem der letzten Nachmittage seiner Dienstzeit machte +Asmus eine höchst sympathische Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve +erläuterte Plan und Idee der am Morgen unternommenen Felddienstübung, +und er machte das so fein, so frisch und so klar, daß Asmussens +Schulmeisterherz vor Freuden hüpfte. »Wenn das kein Schulmeister ist, +so will ich Erzbischof sein,« dachte Asmus, und als die Entladung aus +dem Dienste in der Kantine mit einem gemeinsamen Trunk gefeiert wurde, +kam Asmus in die Nachbarschaft desselben Leutnants, der sich bald als +Gymnasiallehrer #Dr.# Rumolt zu erkennen gab. + +Man sang das gefühl- und weihevolle Lied: + + »Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja! + Erwarten euch die himmlischen Freuden, ja!« + +»Ja, ja, die himmlischen Freuden!« sagte Rumolt. »Jetzt geht’s wieder +in die Schulstube.« + +»Ja!« versetzte Asmus mit Fröhlichkeit. + +»Freuen Sie sich darauf?« + +»O ja!« + +»Dann sind Sie ein glücklicher Mensch.« + +»Sind Sie nicht gern Lehrer?« + +»O,« machte Rumolt, »ich wüßte nichts Schöneres als Lehrer sein – wenn +man es nur sein könnte.« + +»Wie meinen Sie das?« fragte Asmus begierig, und nun kamen sie in ein +Gespräch über moderne Erziehung, und Asmus machte in diesem Manne +einen Fund, der ihm in den kommenden Kämpfen mit dem System +Drögemüller ein Labsal werden sollte. + + + + +XLI. Kapitel. + +Die Schule am Wiesenhang. + + +Und die Kämpfe mit diesem System nahmen bald wieder ihren +frisch-fröhlichen Anfang, und in Asmussen stiegen lebhafte Zweifel +darüber auf, ob es sich angenehmer unter dem Korporalstock oder unter +dem Federhalter eines Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen, +Drögemüller hatte meistens den Buchstaben des Gesetzes für sich, und +es gab viele Gesetze mit vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten +erträglich sein in der Hand eines Mannes, der den Geist vom Buchstaben +zu sondern wußte; er aber verschärfte diese Gesetze noch durch seine +Persönlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen suchte, daß der Lehrer ein +Künstler sei, der zu seinem Werk der freien Bewegung, der guten Laune +und einer schaffensfröhlichen Stimmung bedürfe, den man deshalb mit +Liberalität und mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln müsse, dann +zeigte Drögemüllers Angesicht ein irres, aber überlegenes Lächeln, als +spräche man Chinesisch zu ihm und als verstünde er das Chinesische +besser. Wenn die Verordnung vier schriftliche Hausarbeiten in der +Woche vorschrieb und nur drei gemacht waren, dann kümmerte es +Drögemüller nicht, daß der Verbrecher mit aufopfernder Begeisterung +und treustem Eifer zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit +fortgeschritten war wie irgendeine – er kannte keine Scham vor dem +Geiste und bestand auf seinem Schein. Nicht das Geschaffene zu +würdigen und zu mehren, sondern auf Übertretungen zu fahnden – darin +erkannte er seinen göttlichen Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er +überall mit seinem Notizbuch umher, zu diesem Zwecke horchte er sogar +an den Türen, und es verbesserte seine Stimmung gegen Asmussen nicht, +als dieser eines Tages eine Tür, hinter der er Herrn Drögemüller +ahnte, mit großer Kraft öffnete und dabei den spitzesten Ellbogen des +Vorgesetzten traf. + +»Pardon,« sagte Asmus, »ich konnte nicht ahnen, daß Sie hinter der Tür +ständen.« + +Wenn sich nun auch Asmus bewußt war, daß er alles leistete, was eine +menschliche Behörde von ihm verlangen konnte, so verdarb ihm doch +diese Aufpasserei einen Teil seiner besten Kraft. Ihm war dabei zumute +wie dem Reisenden, der eine geweihte Stätte besucht und der aus allen +Winkeln trinkgeldsaugende Blicke auf sich gerichtet sieht; eine große, +freie Bewegung des Herzens konnte nicht aufkommen. So war es denn +Trost und Erquickung, mit #Dr.# Rumolt, seinem neuen Freunde, in +freien Abendstunden von der Schule der Zukunft wenigstens reden zu +können. + +Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste Landstraße der +Welt, hinuntergewandert, waren in einen zum Flußufer hinabführenden +Engpaß eingebogen und hatten sich auf einer Bank in halber Höhe des +Weges niedergelassen. Vor ihnen breitete sich ein beblümter +Wiesenhang, von Gebüsch umkränzt, und über die Büsche hinweg sah man +den großen, stillen, majestätischen Strom. Die Wiese gehörte zu einem +Mühlengehöft, und die alte Mühle drehte schläfrig ihre Flügel. + +»Sehen Sie,« sagte Rumolt, »das wär’ eine Schulstube, gelt? Was meinen +Sie: auf dieser Wiese mit seinen Jungens oder Mädels liegen und von +Gras und Blumen sprechen, von Frosch und Schmetterling, von Busch und +Baum, von Rind und Schaf, von Müller und Mühle, von Schiff und +Seefahrt, von den Flotten der Hansa und von Störtebekers +Räuberfahrten, und dann mit Jungen oder Mädchen hinunterrudern oder +-segeln und ihnen zeigen, wo die Helden der Gudrunsage auf dem +Wulpensande kämpften und wo Hettel von Hegelingen gewohnt. Meinen Sie +nicht, daß ihnen da eine andere Welt aufgehen würde als die, die ihnen +zwischen vier Mauern als »Welt« vorgetäuscht wird?« + +»Das meine ich allerdings.« + +»Hinaus ins Freie! – Das ist das ganze Geheimnis der Pädagogik. Die +Welt anschauen und anfassen, das ist alles. Sie nennen es bei Gott +Anschauung, wenn sie Bilder und Präparate im Zimmer vorzeigen. Das +ist, wie wenn jemand einen Vortrag übers Meer halten und zur +Veranschaulichung ein paar Tropfen Seewasser in einem Probiergläschen +vorzeigen wollte. Sie zeigen ein paar Tropfen vom Meere des Lebens. – +Sehen Sie hier, diese Wiese, dieses Gehöft, dieser Strom, so weit wir +ihn sehen, dieser Himmel, sie umschließen nahezu alles menschliche +Wissen und Erkennen. Auf diesem Fleckchen könnte man eigentlich alles +lernen, was der Mensch wissen und brauchen kann.« + +»Aber auf die Dauer würde es Ihren Schülern langweilig werden.« + +»Gewiß, wir wollen ja auch von Ort zu Ort wandern. Ich will ja nur +zeigen, daß die Natur überall Millionen Anknüpfungspunkte bietet, die +in der Schulstube nur in der Einbildung vorhanden sind. Denn das +Wissen der Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist Können; nur was man +kann, das weiß man auch. Selbst handeln, selbst schaffen muß das Kind, +wenn es lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf wäre, so müßten +meine Schüler ohne Ausnahme Ackerbau treiben. Nicht, daß sie alle +Landleute würden, bewahre; viele würden ja gar kein Talent dazu haben +– aber der Ackerbau umfaßt nahezu den ganzen Kreis des menschlichen +Wissens und Könnens, und er lehrt dieses Wissen und Können durch +_Tat_!« + +»Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken,« sagte Asmus, »würde +allerdings eine wesentlich kleinere Schülerzahl voraussetzen.« + +»Gewiß,« fuhr Rumolt fort. »Ich denke, ein Lehrer kann nur so viele +Kinder wirklich erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann, und +zwölf, die ehrwürdige Patriarchenzahl, erscheint mir da als das +äußerste Maß.« + +»Da brauchen wir viele Lehrer, und zwar Männer von außerordentlich +vielseitiger Bildung.« + +»Daß unsere Lehrer eine bessere Bildung empfangen könnten, als sie +auf Seminaren und Universitäten meistens finden, daß sie ihre beste +Kraft in einem öden Datenwissen verzehren und verzetteln müssen, das +wissen Sie so gut wie ich. Im übrigen aber dürfen Sie sich meinen +Lehrer nicht wie einen allwissenden Magister von heute vorstellen. +Er wird sich nicht schämen, ein Lernender mit Lernenden zu sein, und +wird keinen Augenblick zaudern, zu sagen: ‘Das weiß ich nicht, ich +werde mich zu unterrichten suchen’, oder ‘Forscht selber nach, und wer +es gefunden hat, der sag es uns’.« + +»Der banalste Einwand ist der gewichtigste,« meinte Asmus, »das Geld. +Der Staat müßte sich einen ganz andern Schulsäckel zulegen als den +heutigen.« + +»Ja – hahahaha – das müßte er,« lachte Rumolt. »Er müßte sich an den +eigentlich doch recht naheliegenden Gedanken gewöhnen, daß er keine +höhere Aufgabe hat als die Erziehung seiner Bürger, daß er gar nicht +besser für seinen eigenen Bestand sorgen kann als durch die Erziehung +seiner Bürger, und daß er darum kein größeres Budget haben sollte als +sein Erziehungsbudget.« + +»Statt dessen macht er das Einjährigen-Zeugnis zum Erziehungsideal,« +bemerkte Asmus. + +»Ja!« Rumolt schlug ihm lachend aufs Knie. »Ist eigentlich eine ärgere +Posse denkbar? Eine militärische Vergünstigung als Speck in der +Seelenfalle! Und nach diesem Zeugnis müssen sie nun alle ohne +Unterschied streben – die das Geld dazu haben, natürlich – und alle, +die im Leben »etwas Besseres« werden wollen, müssen dasselbe famose +Abiturium machen. Da schimpfen sie auf die Gleichmacherei der +Kommunisten und Sozialdemokraten – aber gibt es eigentlich eine +schlimmere Gleichmacherei als unsere Prüfungsvorschriften? Da hab ich +einen Burschen in der Untersekunda, einen Prachtbengel, vorzüglich +begabt in der Mathematik und allen Naturwissenschaften, von merkwürdigem +Geschick in allem Technischen – was er anfaßt, gelingt ihm, und +obendrein noch hochmusikalisch. Aber auf dem Kriegsfuß mit allem, was +fremde Sprachen heißt. Nun sitzt er das zweite Jahr in meiner Klasse, +und wenn seine fremdsprachlichen Leistungen nicht besser werden – und +dazu ist keine Hoffnung – dann bleibt er zu Ostern wieder sitzen und +erreicht nicht einmal das Einjährigen-Zeugnis. Und ich halt es für sehr +wohl möglich, daß er nach sieben Jahren der Angst und Mühe hingeht und +sich erschießt. Nun frage ich Sie: warum soll dieser Mensch _nicht_ auf +die Universität gehen und Naturwissenschaften studieren, warum soll er +_nicht_ aufs Polytechnikum gehen und Ingenieur werden dürfen? Wäre nicht +denkbar, daß er einmal von seinem Laboratorium aus die Welt aus den +Angeln höbe, ohne den Beistand der Herren Xenophon, Ovid und Victor +Hugo? Doch –« Rumolt zeigte nach Westen – + + »Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn + nicht verkümmern! – Sie rückt, sie weicht, der Tag ist überlebt!« + +Was denken Sie, wenn man bei solchem Anblick mit seinen Schülern von +der Sonne spräche, nicht von ihrer chemischen Zusammensetzung und +ihrem Kubikinhalt – das würd’ ich am Tage tun –, aber von den Ländern, +denen sie jetzt das erste Licht bringt, von der Sonne als Gottheit und +Symbol, von Karl Moors Wehmut: ‘So stirbt ein Held’ und von Faustens +Sehnsucht, ihr zu folgen? Müßten da nicht in den Seelen der Kinder und +Jünglinge wie von selbst die Ewigkeitsgedanken erwachen?« + + + + +XLII. Kapitel. + +Der Skat und die Metaphysik, das Billard und Emilia Galotti, Herr +Strecker und die deutsche Treue, Herr Drögemüller und ein Krach. + + +Erholung und Stütze fand Asmus auch bei den Herren seiner Schule, und +es hatte nicht lange gewährt, bis er, einen einzigen ausgenommen, zu +allen in das beste kollegiale Verhältnis kam. Wie natürlich, hatte +aber sein Herz unter diesen Männern eine engere Wahl getroffen und am +besten hatten ihm zwei gefallen, Fritz Goers, ein wohlbeleibter, +jovialer Riese, der Asmussens Vater sein konnte, und Klaus Heide, ein +sehniger, knorriger Dithmarscher. Und wenn es nun in den Konferenzen +etwas Gutes und Neues durchzusetzen galt, zogen diese Triumvirn an +_einem_ Strang. + +Aber sie zogen nicht nur an einem Strang, sie sogen auch oft an +_einem_ Trank, der bei Herrn Kuhlmann besonders kühl und frisch +verzapft wurde. Herr Kuhlmann hieß Akademos, und sein Garten wurde die +Akademie genannt. Es war für Asmus zunächst eine Skat- und +Billard-Akademie. Dem Skat vermochte er keinen Geschmack +abzugewinnen; er gewann es nicht über sich, diese Kunst mit dem +strengen, sittlichen Ernste zu üben, den sie verlangte; er dachte +immer an irgend etwas andres, »wimmelte« Aß und Zehn in die Stiche des +Gegners hinein und hatte außer fortgesetzten Verweisen wegen +Unaufmerksamkeit nichts davon als die Ehre, bezahlen zu dürfen. +Dagegen entwickelte er unter Goehrs, des Riesen mildväterlicher +Führung das Billardspiel zur Leidenschaft. Um Mitternacht begann dann +die pädagogisch-ästhetisch-philosophische Sitzung, die Heide +gewöhnlich durch irgendein wildes Paradoxon eröffnete, welches +Paradoxon dem Asmus Semper alsbald wie eine Rakete durch den Leib +fuhr. Damit es an Meinungen und Temperament nicht fehle, kam +gewöhnlich noch Heides Freund, der kleine Stockelsdorf hinzu, und in +der Regel endeten diese schweren Verhandlungen morgens um sechs Uhr +unter einer Straßenlaterne, mit einem Streit über die Frage, ob Raum +und Zeit Anschauungen #a posteriori# oder #a priori# seien, oder über +ähnliche Bagatellfragen, und die vorübergehenden Milch- und Brotleute +pflegten sich über die Erregung der Herren baß zu verwundern. Eines +herbstlichen Abends aber, als sie auf dem Hamburger Gänsemarkt, dem +Lessing-Denkmal gegenüber, in einem Café saßen, ward Asmus plötzlich +stumm. + +»Was hast du?« fragte Heide, der Dithmarscher. + +»Ich betrachte schon eine ganze Zeit lang dies wunderbare Licht da auf +dem Scheitel des Lessing,« sagte Asmus, »und kann mir nicht erklären, +woher dieser rötliche Schein kommt. Diese Erscheinung hat für mich +etwas Ergreifendes.« + +Die andern bestätigten seine Beobachtung und zerbrachen sich den Kopf, +wo dieses magische Licht seinen Ursprung haben möge. + +»Das ist die Sonne,« sagte der Kellner, der eben eine Runde Grog +brachte. + +»Wieso Sonne?« rief Asmus. »Die Mitternachtssonne, was?« + +»Es ist sechs Uhr,« sagte der Kellner. + +Die vier zogen gleichzeitig die Uhr. Es war sechs. Sie hatten in ihrer +Unschuld gemeint, es sei ein bißchen nach Mitternacht. + +Jetzt tranken sie ihren Grog aus, traten auf den Markt hinaus und +hatten vor dem Lessing-Denkmal noch einen dreiviertelstündigen Streit +darüber, ob Emilia Galotti den Prinzen liebe oder nicht; dann +schlenderten sie in die Vorstadt hinaus und befriedigten auf dem Wege +unaufhörlich metaphysische Bedürfnisse. + +»Wie kann ein Volk wie das französische ohne Metaphysik leben!« krähte +Stockelsdorf um die Wette mit einem Hahn, der aus einem nahen Stalle +seinen Weckruf erschallen ließ. + +Und Asmus, der nicht ohne Metaphysik leben konnte, bewies +Stockelsdorfen, daß man sehr gut ohne Metaphysik leben könne; denn es +war in diesem Kreise stillschweigendes Gesetz, daß keine Behauptung +unwiderlegt bleiben dürfe. Das war eine gute Übung; denn was sie dabei +an Unsinn produziert hatten, das fiel ihnen am andern Tage von selbst +ein und war eine wohltätige Verschärfung ihres Katers. + +Trotz dieser außerordentlichen Anstrengungen schnitt Asmussens Klasse +bei der Osterprüfung vortrefflich ab, und ein angesehener Spezialist +des Rechenunterrichts sagte: »Die Klasse rechnet besser als die +meine.« Auch Herr Drögemüller fand nicht das geringste zu erinnern; +aber Frieden konnte er darum doch nicht halten. Der Bund der Triumvirn +war ihm ein Pfahl im Fleische; denn die Festigkeit der Dreie steifte +auch andern Herren den Nacken. Freilich hatte er einen gewissen Trost +und eine stille Freude an Herrn Strecker. Herr Strecker war ein Mann, +der wiederholt nicht nur vor dem ökonomischen, sondern vor allen +möglichen anderen Bankrotten gestanden hatte. Als es am schlimmsten um +ihn stand, hatte er Buß’ und Reu’ in sich erweckt; fromme Hände, die +gewöhnlich mächtig sind, hatten ihm unter die Arme gegriffen und ihn +vor der Katastrophe bewahrt, und nun suchte er den oberen Stellen +seine Schönheit zu beweisen durch strotzende Religiosität, heftigen +Patriotismus mit gelegentlicher Denunziation von Majestätsbeleidigern +und durch lackierte Pflichterfüllung. Seine Schüler sprangen wie ein +Mann auf die Füße, wenn der Herr Hauptlehrer eintrat, gingen auf dem +Hofe immer genau zu Vieren, und jeden Morgen eröffnete er mit Gebet +und Choral. Zwar kam er manchmal zu spät; aber seine Schüler konnten +ihn schon von weitem die Straße heraufkommen sehen, und wenn er dann +den Schirm hob, setzten sie sofort ein mit + + »Dich seh’ ich wieder, Morgenlicht! –« + +so vorzüglich waren sie geschult. Seine Hefte waren immer richtig +korrigiert; er hatte aber auch für die Korrektur der Hefte, die größte +Plage des Lehrers, ein ingeniöses, zeit- und nervensparendes Verfahren +erfunden. Der Präparand nämlich, der bei ihm hospitieren und die Kunst +des Unterrichtens erlauschen sollte, stand hinter einer geöffneten +Schranktür, hatte im Schrank die Hefte und die rote Tinte vor sich und +korrigierte. Wenn dann Herr Drögemüller zur Tür hereintrat, rief Herr +Strecker: + +»Rieffelstahl! Sitz gerade!« oder + +»Rieffelstahl! Schau hierher!« + +und »Rieffelstahl!« war immer das Zeichen, daß der Präparand die +Schranktür unauffällig schließen und mit einem sittlich reinen +Angesichte hervortreten solle. Solche Mannen wie Strecker – »ich bin +ein deutscher Mann«, pflegte er zu sagen, – sind nun freilich keine +starken Helfer im offenen Streit; aber er trug seinem Hauptlehrer +manche schätzenswerte Nachricht über seine Kollegen zu; auch er führte +ein Notizbuch. Und so berichtete er Herrn Drögemüller unter anderem, +daß Herr Semper im Zeichenunterricht allerlei Allotria treibe, die gar +nicht im Lehrplan dieses Unterrichts stünden. + +Asmussens Schüler hatten nämlich schweigend, aber deutlich gezeigt, +daß sie die unaufhörliche Fabrikation von senkrechten, wagerechten und +schrägen Strichen, von Vierecken, Dreiecken, Sechsecken und ähnlichen +schönen Figuren betäubend langweilig fänden, und Asmus hatte ihnen +darin von Herzen zugestimmt. Er ließ sie darum im letzten Teil der +Stunde allerlei Dinge zeichnen, die ihnen Vergnügen machten und die +sie mit Feuereifer nachzubilden suchten. Er verfolgte damit ein +Prinzip, von dem ihm schien, daß jeder vernünftige Unterricht es zum +Ausgang nehmen solle. Da kam Herr Drögemüller in die Stunde, ging +zwischen den Bänken umher und entbot dann Herrn Semper für die nächste +Pause in sein Kontor. + +»Herr Semper, ich muß Sie abermals ersuchen, sich in Ihren Stunden +durchaus an den Lehrplan zu halten.« + +Asmus zwang sich zur Ruhe und versuchte, seinem Chef in höflichster +Form seine Beweggründe mitzuteilen. Um gerade Striche machen zu +lernen, sei es doch nicht nötig, daß man ununterbrochen gerade Striche +nebeneinander setze; man könne das doch auch an Figuren lernen, die +dem Leben entnommen seien: oberstes Gesetz sei doch, daß der +Unterricht lebendig und interessant sei; Striche und Quadrate seien +aber weder lebendig noch interessant für kleine Kinder ... + +Aber das waren sozusagen Gedanken, und auf Gedanken ließ sich +Drögemüller, um kein Präjudiz zu schaffen, niemals ein. + +»O, Herr Semper,« rief er, »Quadrate sind wohl interessant, wenn Sie +sie nur vorher mit den Kindern ausführlich besprechen, wie ich es +Ihnen gezeigt habe.« + +»Was Sie mir gezeigt haben, ist Geometrie und gehört – da Sie doch +immer auf den Lehrplan pochen – in eine höhere Klasse. Das würde mich +nun zwar nicht hindern; aber eine lange und breite Besprechung des +Quadrats würde die Kinder schon deshalb öden, weil sie gar nicht +begreifen würden, was ein Quadrat sie überhaupt angehe.« + +Mit dem Hinweis auf den Lehrplan hatte dieser fatale Semper recht, und +darum wurde Drögemüller jetzt ganz unangenehm. + +»Herr Semper,« heulte er nach Art einer Schiffsirene, »ich frage Sie +formell und dienstlich, ob Sie sich meinen Anordnungen fügen wollen +oder nicht!« + +»In diesem Falle nein,« versetzte Asmus. + +»Gut. Dann werde ich dem Herrn Schulrat Bericht erstatten.« + +»Ich auch,« sagte Asmus und ging. + +Nach drei Tagen hatte er die Vorladung vor den Schulrat #Dr.# Korn. + + + + +XLIII. Kapitel. + +Von zweierlei Schulräten. + + +Als er am Abend mit Doktor Rumolt spazierte, zeigte er ihm die +Vorladung und erzählte, was vorhergegangen. + +»Haha« – Rumolt lachte bitter auf, und dann fuhr er wehmütigen Tones +fort: »Das wird Ihnen noch oft begegnen, lieber Freund. Nirgends ist +der Fortschritt verhaßter, nirgends werden neue Ideen feindseliger +befehdet als in der Pädagogik. Denken Sie z. B. an unsern braven +Valentin Ickelsamer. Der fand zu Luthers Zeiten, daß es ein Unsinn +sei, die Kinder nach Buchstabennamen lesen zu lehren, man müsse das +Wort in seine wirklichen Laute zerlegen und die Kinder lautierend +lesen lassen. Er machte das damals schon so klar, daß es ein +Schwachkopf begreifen konnte. Und in der zweiten Hälfte des +neunzehnten Jahrhunderts entschloß die Schule sich wirklich, diesen +einfachen und darum freilich genialen Gedanken zur Ausführung zu +bringen. Aber das ist ein Beispiel von fabelhafter Geschwindigkeit. In +den Klosterschulen des Mittelalters bildete man den Geist am +Griechischen und Lateinischen, weil man nichts Besseres hatte; heute +bildet man den Geist unserer Jugend am Griechischen und Lateinischen +mit der ernsten Gesichtes abgegebenen Versicherung, daß man nichts +Besseres habe. Der typische Scholarch weist jede ernste und gründliche +Neuerung mit einem durch die kommenden Jahrhunderte gestreckten Arme +von sich, und wenn er im Gegensatz zu einem Vorgänger den Aorist _vor_ +dem Perfekt behandelt, hält er sich für einen Umstürzler. Ich habe ein +Buch erscheinen lassen ‘Das Recht des Schülers’ –« + +»Ich kenne es,« sagte Asmus, »und freue mich, daß es so großen Anklang +gefunden hat.« + +»Anklang, ja aber bei den Kollegen war der Anklang nur schwach, der +Widerspruch um so stärker. Das ist kein Unglück, soweit es offener und +durchdachter Widerspruch ist. Aber was muß ich erleben? Kaum ein Tag +vergeht, daß ich nicht im Konferenzzimmer, recht auffällig auf den +Tisch gelegt, irgend eine abfällige Kritik meines Buches finde, in der +die Kraftstellen mit roter Tinte angestrichen sind. Kein Gespräch +verläuft ohne hämische Seitenhiebe gegen mich und meine Ideen; keine +Wochenrede meines Direktors geht zu Ende ohne einige Fußtritte, bei +denen die Schüler sich zuraunen: ‘Das geht auf Rumolt.’ Die Herren +glauben, daß ihre Kritik mich verletze, und haben keine Ahnung, daß es +ihr Wesen ist, das mich verwundet. Ich habe keinen frohen Tag mehr, +und da ich von meinen Ideen und ihrer Verkündung nicht lassen kann, so +werde ich über kurz oder lang das Spiel verlaufen müssen.« + +»Das ist traurig,« sagte Asmus gedankenvoll, »traurig und schrecklich. +Ich gestehe Ihnen offen, daß auch ich gegen Ihre Schrift manches +einzuwenden habe; aber das Ganze Ihrer Gedanken und Forderungen +erschien mir wahr und herrlich. Und sollten nun nicht die Menschen +jubelnd herbeieilen und rufen: Hier ist etwas Neues und Köstliches – +es ist noch nicht vollkommen – aber kommt alle herbei, es zu hegen und +zu fördern, etwa so wie die Verwandten sich fröhlich um eine Wiege +scharen und sich geloben, das Neugeborene zu schützen und zu pflegen, +daß es groß und stark werde?« + +»Lassen Sie sich zur Antwort darauf erzählen, daß mein Direktor mich +seit Wochen an allen Ecken und Enden inspiziert und zurechtweist, +obwohl er ganz genau weiß, daß ich meine Pflicht tue. Er will mir zu +Gemüte führen, wie vermessen es von einem fehlbaren Menschen +gewesen, gegen den von Gott geoffenbarten Gymnasialunterricht zu +schreiben. Und gestern war auch richtig der Herr Regierungs- und +Schulrat da und hospitierte vier Stunden hintereinander bei mir. +‘Suchet, so werdet Ihr finden,’ sagt der rachsüchtige Gerichtsdiener +bei Hebbel. Und natürlich wurde was gefunden. ‘Gebt mir zwei Worte +von einem Menschen, und ich will ihn an den Galgen bringen.’ Laßt +einen Schulmeister fünf Minuten unterrichten, und ich will ihm den +Hals brechen. Zwar den Hals konnte mir der Herr Regierungsrat nicht +brechen; aber hundert Nadelstiche erzielen ja mit der Zeit denselben +Effekt. ‘Sie haben die und die Gesänge der Odyssee nicht behandelt.’ +– ‘Sie haben am 13. April das vorgeschriebene Extemporale ausfallen +lassen.’ – ‘Sie sind mit dem Geschichtspensum im Rückstand’ usw. usw. Es +stimmte alles. Und wenn der Mann gesagt hätte: Ihr ganzer Unterricht +taugt nichts, so würde er für jenen Tag gewiß und vielleicht +überhaupt recht gehabt haben; denn wenn man in den Zwiespalt +zwischen Altem und Neuem gestellt ist, kann man nichts Ganzes +schaffen. Nach meinen Ideen _darf_ ich nicht arbeiten, und nach den +alten _kann_ ich nicht arbeiten, weil es gegen das Herz ist.« + +»Aber forschte er denn nicht vor allen Dingen, ob Ihre Schüler geistig +frisch und lebendig seien, ob sie einen neuen Stoff mit Begierde und +Klarheit ergriffen, ob sie in sittlicher Hinsicht lauter, ehrlich, +wahrhaftig seien –« + +»Vielleicht tat er das im stillen – ich sah ihn freilich keine +Anstrengungen machen. Dazu war er ja auch nicht geholt und geschickt. +‘Rumolt soll stranguliert werden,’ flüsterten sich die Schüler zu. +Die Jugend hat jenes intuitive Auge, das durch die Hüllen dringt.« + +Die Stimmung, mit der Asmus dem Besuch beim Schulrat entgegensah, war +durch das Gespräch nicht gehoben worden. Um so fester war er +entschlossen, sich nichts Unwürdiges bieten zu lassen. + +Als er ins Amtszimmer des Schulrats gerufen wurde, saß Drögemüller +schon da. Asmus verbeugte sich vor dem Schulrat, und dieser rief: + +»Juten Tag, Herr Semper. Setzen Sie sich.« + +»Herr Drögemüller,« begann alsdann der Schulrat, »hat allerlei Klagen +jegen Sie vorjebracht. Meistens handelt es sich um Kleinigkeiten, die +ich nich berühren will. Aber Herr Drögemüller beschuldigt Sie der +fortgesetzten Renitenz; was haben Sie dazu zu sagen.« + +»Herr Schulrat,« sagte Asmus, »ich kann Sie ja selbst als Zeugen +darüber anrufen, ob ich in den vierundeinhalb Jahren, da ich Ihr +Schüler war, eine renitente Veranlagung bekundet habe –« + +»Det haben Se _nich_,« sagte Korn mit Nachdruck. + +»Ich bin auch nicht so töricht, zu meinen, daß ein Hauptlehrer lauter +vortreffliche Anordnungen treffen müsse und daß ein Lehrer berechtigt +sei, sich gegen jede Verfügung, die ihm verfehlt erscheint, +aufzulehnen. Ich füge mich gern, soweit es möglich ist, wenn man mir +mit Vertrauen begegnet und wenn man mich nicht in meinen besten +Kräften lahmlegt. Das tut aber Herr Drögemüller. Gleich zu Anfang +schon verlangte Herr Drögemüller von uns drei neuangestellten Lehrern, +daß wir alle auf dieselbe Weise den Leseunterricht erteilen sollten, +und zwar auf die von ihm vorgeschriebene Weise –« + +»Aber Herr Semper,« lachte Korn, »det müssen Se mißverstanden haben; +sonst müßte ja Herr Drögemüller (er deutete auf seine Stirn) hier nich +janz richtig sein!« + +Drögemüller erblaßte sehr tief. »Ich habe es keineswegs befohlen,« +stammelte er, »ich habe es nur gewünscht –« + +»Warum?« fragte Korn. + +»Weil – weil es doch wünschenswert ist, daß der Unterricht an einer +Schule gleichmäßig erteilt wird.« + +»Warum?« fragte Korn. + +»Nun – es ist dann doch – alles – übersichtlicher –.« Drögemüller +machte eine vage Handbewegung. + +»Wieso?« forschte der grausame Korn. + +»Man kann doch dann die Fortschritte besser kontrollieren.« + +»So. Na, dann weiß ich schon Bescheid. Wat woll’n Sie sagen, Herr +Semper?« + +»Herr Drögemüller hat allerdings die Form des Wunsches, aber den Ton +des Befehls gewählt, und da ich diesen Wünschen nicht nachkomme, +verfolgt er mich mit Aufpassereien, die mich ärgern und kränken +müssen und die mir die Lust an der Arbeit vernichten.« + +»Na ja, zum Aufpassen ist Herr Drögemüller ja da,« sagte Korn, der das +Gefühl hatte, daß er den zusammengesunkenen Drögemüller ein wenig +wieder aufrichten müsse; »es gibt leider auch faule und unfähige +Lehrer, die einen Aufpasser brauchen. _Aber schikaniert wird hier +keiner_«, fuhr er mit erhobener Stimme und mit einem Seitenblick auf +den Ankläger fort. »_Wenn ein Lehrer was kann und was will, dann soll +er jede mögliche Freiheit jenießen und nicht mit Quisquilien behelligt +werden._ Aber verjessen Se nich, Herr Semper, dat Se Beamter sind, den +Rat jebe ich Ihnen. – Sie können jehen, Herr Drögemüller. Sie bleiben +noch, Herr Semper.« + +»Soll ick Sie an die Seminarschule versetzen?« fragte Korn, als sie +allein waren. + +Das war sozusagen eine Beförderung; denn es stand fest, daß die Lehrer +an der Seminarschule schneller avancierten als die anderen. Mit dieser +Kenntnis hatte Asmus immer die Vorstellung von Karrierenluft +verbunden, und diese bloße Vorstellung genügte, ihn zurückzuschrecken. +Es mußte ja Aufpasser geben in der Welt; aber er mochte keiner sein. +Und wo man Karriere machte, da paßten gar die Strebenden einer auf den +andern! Er fand es ungleich schöner, immer in unmittelbarer +Verbindung mit den Kindern zu bleiben. Konnte man sich Pestalozzi als +inspizierenden Oberlehrer denken? Asmus sah ihn immer nur unter +Kindern. + +»Ich danke Ihnen sehr, Herr Schulrat,« sagte Asmus, »aber ich möchte +die Kinder, die ich nun einigermaßen kenne, noch einige Jahre +weiterführen. Und dann hab’ ich in meinem Kollegium so liebe Freunde +gefunden, daß ich mich ungern von ihnen trennen würde –« + +»Na, wenn Se nich wollen –« rief Korn in halber Verstimmung, »denn +sehn Se zu, wie Sie sich mit dem Drögemüller vertragen. Mit’m Kopp +durch die Wand kann keiner, und jefallen lassen müssen wir uns alle +was. Ich auch. Adieu!« + +»Adieu, Herr Schulrat. Herzlichen Dank!« + +Asmus verließ das Gebäude der Oberschulbehörde mit dem frohen Gefühl, +daß es Männer gebe, denen alle hierarchische Rangordnung nichts gelte, +wenn es sich um Recht und Billigkeit handle. Er war fest überzeugt, +daß die Welt überhaupt so eingerichtet sei, und daß man, wenn man sich +nur nicht beim Unrecht beruhige, immer zuletzt den Ort finden müsse, +wo das Recht in smaragdener Schale ausgehoben und gehütet sei wie das +heilige Blut der Welt. So blickte er gläubig und heiter in den schönen +Frühlingstag, während zu Hause auf seinem Tische das Schicksal lag und +lauerte, um ihm die Krallen ins Fleisch zu schlagen. + + + + +XLIV. Kapitel. + +Zwei Briefe, und jeder ein Schlag. + + +Er hatte seinen Eltern nichts von der Vorladung vor den Schulrat +gesagt, um sie nicht zu beunruhigen; er sagte ihnen auch nichts von +dem Ausgange; denn seine Mutter würde doch Bemerkungen über seinen +»Hitzkopf« gemacht haben. Eben weil sie so hitzköpfig war, verurteilte +sie alle Hitzköpfigkeit. + +»Drinnen auf’m Tisch liegen zwei Briefe für dich,« sagte Frau Rebekka. + +Eilig ging er hinein, öffnete den einen der Briefe und las: + + Hilde Chavonne + Hermann Kiefer + Verlobte. + +Hamburg, den – – – – – + +Das Blatt war seinen Händen entfallen. + +Er sah nach der Tür – sie war noch offen – schnell ging er hin und +drückte sie ins Schloß. Nur allein sein. Dann ließ er sich auf einen +Stuhl fallen. + +Merkwürdig, wie ihn das traf. War es denn nicht selbstverständlich, +daß Hilde Chavonne sich einmal verlobte? Und hatte er denn je +geglaubt, sie werde sich mit ihm verloben? Nein, nicht einmal im Traum +hatte er das gehofft. Darum hatte er ja auch nie die geringste +Anstrengung gemacht, sie zu gewinnen. Er war ihr während des letzten +Jahres fast völlig ferngeblieben, nicht eigentlich mit Absicht; aber +da es sich so gefügt hatte, daß sie sich nur selten und flüchtig +sahen, war es ihm recht gewesen. Vor einem Vierteljahr hatte er sie +zuletzt gesehen, an einem Festabend der »Treue von 1880«, als er mit +einem hübschen Mädchen zusammen ein Duett gesungen hatte. Das Fräulein +Chavonne war an jenem Abend sehr still, sehr ernst, und obwohl +freundlich, doch sehr zurückhaltend gewesen. + +Und jetzt – verlobt! – + +Er war längst wieder aufgesprungen und hatte instinktiv zu seinem +Beruhigungsmittel gegriffen: zum Wandern. Auf und ab gehen, immer auf +und ab, dann hat man das Gefühl der Bewegung, das Gefühl: Es geht +vorüber – es geht vorüber. + +Sie ist verlobt! Wie konnte sie ihm das antun! Haha – im selben +Augenblick mußte er laut auflachen. Hatte sie denn die geringste +Verpflichtung, auf ihn zu warten, auf _ihn_? Hatte er ihr das +geringste Zeichen gegeben, daß sie auf ihn warten solle? Hatte er +überhaupt ans Heiraten gedacht? Nein, er, der als Präparand alles +heiraten wollte, was ihm in den Weg kam, er hatte in den letzten +Jahren das Heiraten als ein Ding angesehen, das noch in weiter Ferne +liege; ja, es war ihm eine gewisse Beruhigung gewesen, daß es mit dem +Kniefall und mit der langen Liebeserklärung in Periodenform noch gute +Weile habe. Seine Arbeit, sein Beruf hatten sein ganzes Interesse +aufgesogen. + +Jetzt, jetzt mit einem Male wußte er’s: Nur an Hilde hatte er gedacht, +wenn er überhaupt an eine Frau gedacht hatte. Wenn er sich das Weib an +sich gedacht hatte, das hehre Weib, das edle Weib, das holde Weib – +nur an Hilde Chavonne hatte er gedacht, nur an sie. Wenn er +Liebesgedichte gemacht hatte, platonisch-elegische Liebesgedichte in +weinenden Odenstrophen – hatte er an sie gedacht. Jetzt wußte er’s, +daß er sich nur eine als sein Weib denken konnte: Hilde – und er +begriff nicht, daß er das nicht gewußt hatte, bevor er diesen Brief +geöffnet. Er begriff es nicht, weil er sich seiner Unreife nicht +bewußt war. In ehrlicher Gedankenarbeit war sein Hirn über seine Jahre +gereift; aber sein Herz war noch unreif wie ein Apfel im Frühling, und +unreif wie der Same in solch einem Apfel war die Liebe in diesem +Herzen. Jetzt, da das Schicksal einen tiefen Schnitt in dieses Herz +getan hatte, entdeckte er die Liebe darinnen. + +So fühlte er nicht den rasenden Schmerz des Betrogenen, +Zurückgestoßenen; denn er hatte nicht die rasende Lust des Liebenden +und Hoffenden gefühlt; er empfand die Wehmut eines Mannes, der eines +Morgens ein zartes Bäumchen seines Gartens erfroren findet und +erkennt, daß es sein schönstes Bäumchen gewesen; er empfand eine +Trauer, wie sie junge Eltern empfinden, denen ein kaum Geborenes +gestorben ist; er empfand den dumpfen, unbefreiten Schmerz um ein +Werdendes, das, zu großer Schönheit bestimmt, im Keime vernichtet war. + +Mechanisch griff er nach dem zweiten Briefe; mechanisch öffnete er ihn +– er war von Rumolt – mechanisch überflog er die ersten Zeilen, aber +nur die ersten. + + »Mein lieber Freund! + + Von Ihnen hätte ich mündlich Abschied nehmen mögen. Aber es durfte + nicht sein; denn Sie würden versucht haben, mich zurückzuhalten. Sie + sind von festerem Stoff als ich und werden, das weiß ich, den Kampf + besser bestehen, den Kampf gegen der Menschen Stumpfsinn, Trägheit und + Niedrigkeit. Meiner Hand entsinken die Waffen. Damit Sie es nicht in + gehässiger Entstellung hören, was mich zu meinem Scheiden veranlaßt, + will ich es Ihnen selbst sagen. Ich habe einem meiner Schüler – ich + glaube, ich habe Ihnen von ihm gesprochen – einem Untersekundaner, der + zum zweiten Male hoffnungslos vor dem Examen stand und dessen Qualen + ich nicht mehr mit ansehen mochte, in unerlaubter Weise geholfen, habe + ihm die Examenaufgaben vorher mitgeteilt. In seiner Freude hat es der + Junge nachher selbst ausgeplaudert. So bracht’ die Sonn’ es an den + Tag. Hätte er das Examen nicht bestanden, wär’ er aus der Welt + gegangen; nun gehe ich, und das ist besser. Leben Sie wohl, teurer + Freund; unsere Freundschaft war kurz, aber wahr. Ich danke Ihnen + schöne Stunden, von denen ich dort erzählen will, wohin ich gehe. + + Rumolt.« + +Asmus hatte die letzten Zeilen mit fliegendem Atem gelesen; jetzt +sprang er nach der Tür. + +»Wo willst du hin?« rief Frau Rebekka, »dein Essen ist fertig!« + +»Ich esse nichts – ich muß –« + +»Junge, du hast ja keinen Hut auf! Was ist denn los –?« + +Er entriß ihr den dargebotenen Hut und stürmte mit dem Rufe: »Ich muß +weg!« hinaus. + +Ohne Besinnen stürzte er über Stock und Stein nach Rumolts Wohnung. +Die Wirtin bestätigte ihm weinend das Schreckliche. Am Ufer des +Kanals hatte man Rock und Hut gefunden, die Leiche war noch nicht +gefunden worden. + +Aber am nächsten Tage fand man auch sie. – + +Das war eine denkwürdige Post gewesen. Zwei Briefe, und jeder ein +Schlag. An einem Tage Freund und Geliebte verloren; denn von nun an +war sie ihm Geliebte. + + + + +XLV. Kapitel. + +Wenn’s kommt, dann kommt’s in Haufen. + + +Was wird nun kommen? dachte Asmus. Denn er glaubte an sein +heimatliches Sprichwort: »Wenn’t kummt, denn kummt’t in Hupen.« + +Und ein drittes Unglück kam, aber nicht von außen, sondern ganz +heimtückisch aus dem tiefsten Innern richtete es sich auf wie eine +Natter aus dunklem Dickicht. Ihm kamen Zweifel am Wert seines Berufes. + +Mit dem jähen Optimismus der Jugend war er an diesen Beruf +herangetreten. Jeder Jüngling, auch der bescheidenste, hat, wenn auch +kaum bewußt, das Gefühl: Wenn ich in die Welt eingreife, wird es +anders, wird es schneller vorwärtsgehen – wie ein ungestümer +Reisender, dem der Zug zu langsam fährt, das Gefühl hat: Könnt’ ich +aussteigen und nachschieben! + + »Hätt’ ich tausend Arme zu rühren! + Könnt’ ich brausend die Räder führen! + Könnt’ ich wehen durch die Haine! + Könnt’ ich drehen alle Steine!« + +und wenn er sich auch sagt, daß vor und mit ihm Bessere und Stärkere +wirken und gewirkt haben – er glaubt nicht, daß einer so viel Lust und +Mut gehabt wie er, vor allem nicht, daß einer so viel Glück gehabt, +wie _er_ haben wird! + +Und nun erreichte er nicht mehr als die andern! Nun ja, er leistete +vielleicht etwas mehr als dieser und jener, und seine Kollegen und +Freunde rühmten zuweilen seine Leistungen; aber ganz etwas anderes +hatte er gehofft, ganz etwas anderes! Er wußte ja freilich von früher +her, daß Unterrichten kein ununterbrochener Sieges- und Eroberungszug +sei; aber doch hatte er sich Erziehung und Unterricht im stillen als +eine Fleischwerdung des Lehrwortes gedacht. Aber das Wort ward _nicht_ +Fleisch: Seine Jungen konnten am Ende des Jahres etwas mehr als zu +Anfang; aber sie waren dieselben Menschen geblieben, wenigsten merkte +er keine Änderung. Die Guten, Offenen, Zarten waren zwar offen, zart +und gut geblieben; aber die Rohen, Hinterhältigen, Unwahrhaftigen +waren sich nicht minder treu geblieben. Es schien ihm auch, daß die +Klugen zwar klug blieben, die Dummen aber auch dumm. Und gerade die +Dummen waren das ewige Ziel seiner Mühen; zu ihnen kehrte er, wie +magnetisch gezogen, immer wieder zurück; denn daß die Klugen etwas +begriffen hatten, bedeutete ihm nichts, solange die Dummen im Dunkel +saßen. Das schien ihm die furchtbarste Ungleichheit und +Ungerechtigkeit der Welt, daß die einen spielend und lachend +erhaschten, was die andern mit Ängsten und Mühen nicht erringen +konnten. Und die Welt kommt nicht vorwärts, wenn die Dummen nicht +mitkommen, dachte er. Und er machte es sich zur tollkühnen Aufgabe, +aus den Dummen Kluge zu machen; alle sollten alles lernen; in seiner +Schar sollte keiner zurückbleiben. Herr Drögemüller hielt ihm vor, daß +er im Pensum zurück sei, und das war deshalb, weil es ihn immer wieder +zu den Schwächsten hinzog, weil ihn immer wieder dies wunderbare +Geheimnis der Dummheit lockte. Er konnte sich Viertelstunden, halbe +Stunden lang mit solch einem verschlossenen Geiste einkapseln und das +verworrene, zerrissene Gespinst seiner Vorstellungen mit langsam +tastenden Fragen zu ordnen und zu entwirren suchen; er gab in einer +Oberklasse den geographischen Unterricht, und er setzte sich vor, +nicht zu ruhen, bis alle die Entstehung der Jahreszeiten aus der +Stellung der Erdachse zur Ekliptik begriffen hätten, und zuweilen +sprang plötzlich aus solch einem leeren Auge ein Funke wie aus einem +toten Stein, und dann kam aus Asmussens Augen ein Strahl, und Licht +floß zusammen mit Licht und machte die Erde selig und schön – aber +wenn das Hirn sich dem einen erschlossen hatte, verschloß es sich dem +andern um so fester, und ob Asmus auch mit zusammengebissenen Zähnen +rang und bohrte – er mußte daran zweifeln, allen seinen Schülern den +auf- und abschwebenden Jahresreigen von Licht und Schatten +verständlich zu machen. + +Dabei quälte ihn mit Recht der Gedanke, daß er über den Schwachen die +Starken vernachlässige und sie durch den langsamen Gang des +Unterrichts langweilen und unlustig machen müsse. Aber konnte er sich +denn überhaupt allen so hingeben, wie es geschehen müßte, wenn man ihm +fünfzig, ja sechzig Menschenkinder auf den Hals lud? Es konnte ja +alles nur oberflächliche Husch- und Pfuscharbeit, nur äußerlicher +Bildungsaufputz werden. Es bemächtigte sich seiner das Gefühl, daß +überhaupt alles töricht und falsch sei, was er da treibe, und zwar von +der Wurzel aus falsch; von einem tieferen Grunde her müsse alles +anders angefaßt, müsse auch ganz anderes erstrebt werden. Er erinnerte +sich, daß sein bestes Lernen immer ein Erleben gewesen sei. Aber dies +Lernen in der Schule, wie er es nach dem herrschenden Formalismus +betreiben mußte, war kein Erleben. Es drang nicht zum Innersten und +Tiefsten des Menschen hinab. Und er dachte sich einen Menschen, mitten +in den Kampf des Lebens gestellt. Was er da brauchte – gab ihm das die +Schule? #Non scholae sed vitae#! hatte es im Seminar geheißen. Leerer +Schall! Das Meiste, was er den Kindern geben mußte, war nicht +Lebensbrot, waren nicht Lebensworte, nicht Lebenswerte. + +So hoch ihn sein Optimismus getragen hatte, so tief versank er jetzt +in Mißmut und Verzagen, und Melancholie bog seinen Mut »wie eine junge +Weide bis an den Rand des Lebens«. Jene unversiegliche Federkraft aus +tiefstem Lebensgrunde – nun schien sie dennoch versiegt. + +Öfter als sonst bezog er in Gemeinschaft mit Heide, Goers und +Stockelsdorf die Akademie des Herrn Kuhlmann und war dann nicht selten +der Ausgelassenste von allen; aber seine Scherze hatten eine +Bitterkeit und Schärfe, die die Freunde oft erstaunt und befremdet +aufblicken ließ. Manchmal verstummte er mitten in der tollsten +Lustigkeit, mitten im eifrigsten Diskurs und sprach dann den ganzen +Abend kein Wort mehr. Dann hatte ihn das Gefühl überfallen: Was soll +der ganze Unsinn? Darum ging er auch noch öfter allein ins Wirtshaus. +Er hatte ein abgelegenes Hotel entdeckt, in dessen Speisesaal er ganz +allein den Abend verbringen konnte. Das liebte er jetzt: ganz allein +mit einer Flasche in einem möglichst großen Saale sitzen und sinnen +und träumen. Nur wenn der Kellner kam, unterhielt er sich gern eine +Weile mit ihm. Es hatte ihn immer schwer geärgert, wenn er einen +Kellner schlecht und geringschätzig behandelt sah, wie es ihm +überhaupt so schien, als wenn die Menschen diejenigen, die ihnen die +härtesten und lästigsten Arbeiten abnahmen, am verächtlichsten +behandelten. Er suchte, es an seinem Teile gutzumachen, behandelt die +Kellner nun extra als Gentlemen und gab ihnen so reichliche +Trinkgelder, daß einige, allerdings wenige von ihnen zuweilen eine +abwehrende Gebärde machten und sagten: »Ooh – lassen Sie doch – ich +habe ja erst vorher bekommen!« Sie nahmen es aber immer. + + + + +XLVI. Kapitel. + +Angetrunkene Einfälle, die bei jedem vernünftigen Menschen nur +Kopfschütteln erregen können. Im übrigen ein Beweis, daß die +Optimisten nicht immer Optimisten sind. + + +Wenn er dann so ganz mit sich allein war, dann war er vom Kopf bis zu +den Füßen sein Vater Ludwig Semper. Er bemalte dann die hohen Wände +des Saales mit ganzen Epochen der Geschichte, mit Werken der +Dichtkunst und der Malerei, ließ sich von einem verdeckten Orchester +Symphonien und Ouvertüren vorspielen, sah sein ganzes Leben durch den +Lichtkreis der einsamen Lampe wandern, kämpfte mit Schopenhauer gegen +Hegel, gab Unterrichtsstunden, zog plötzlich ein Kuvert oder eine +Rechnung oder sonst einen Zettel aus der Tasche und notierte sich die +Idee zu einem wundervollen Gedicht oder Drama, das er schreiben +wollte. Auch Gedanken notierte er sich, die ihm des Aufhebens wert +dünkten, und wenn er nach Tagen oder Wochen bei einem zufälligen Griff +in die Tasche die Zettel wieder hervorholte, knäulte er sie ingrimmig +zusammen und warf sie mit einem gemurmelten »Blech« oder derberen +Worten in den Ofen. Je weiter der Abend fortschritt und je öfter der +Kellner aufgetreten war, desto eigenwilliger wurden natürlich seine +Gedanken; sie kümmerten sich schließlich gar nicht mehr um diesen +Herrn Semper, dem sie angeblich entsprungen sein sollten, und +schnitten Gesichter wie losgelassene Buben. Einige von diesen +Aphorismen, die sich weniger durch dauerhaften Wert als durch den +Zufall erhalten haben, mögen hier Platz finden und zeigen, welche Art +von Luftblasen in jenen Tagen aus den trüben Wirbeln der Semperischen +Seele aufstiegen. + + * + +Wir nehmen den Sonnenaufgang für ein Bild des siegenden Lichtes, der +erfüllten Hoffnung! Aber die Sonne blieb, wo sie war; nur wir drehten +uns – um uns selbst. + + * + +Ein Goldstück fiel ins Wasser und ging unter. »Das kommt davon, wenn +man nicht den beständigen Trieb nach oben in sich hat, wie ich!« rief +ein schwimmender Kork. + + * + +Wie sie sich blähen, die »Praktischen«, die »sich nicht mit vagen +Zukunftsideen abgeben«! Fressen sich voll und grinsen über die, die +dafür sorgen, daß auch morgen zu essen da ist. + + * + +So ist alle Arbeit auf der Welt auf das weiseste verteilt: der eine +hält edle Reden, und der andere handelt darnach. + + * + +Wer klug ist und dennoch gut, der ist wahrhaft gut. Das heißt die +Gefahr kennen und dennoch tapfer sein. + + * + +Der Sonntag ist so schön, weil er in sieben Tagen nur einmal kommt. Er +ist schön wie das Lächeln eines ernsten Menschen. + + * + +Man sagt von etwas Unpassendem: »Das paßt wie die Faust aufs Auge«, +und die paßt doch mitunter so gut dahin! + + * + +Das Leben ist ein langsamer Vergiftungsprozeß. + + * + +Dumm und schlecht, – in einer Stunde der Selbsterkenntnis fand der +Mensch für diese Verbindung das Wort »gemein«. + + * + +Aus den Augen des Menschen blickt zuweilen ein gequältes Tier, das +nicht reden kann. + + * + +Die Erde ist eine alte Metze, die sich in jedem Frühling wieder das +Gesicht bemalt. + + * + +Man muß Ambos oder Hammer sein, und wer keins von beiden sein will, +kommt zwischen beide. Armer Rumolt! + + * + +Wenn die Dummköpfe auf Geist stoßen, so grinsen sie überlegen. + + * + +Manche Brust ist ein Eisschrank, in dem sich die Gefühle vortrefflich +konservieren. + + * + +Beethovens fünfte Symphonie, letzter Satz: Donner der Seligkeit aus +aufgerissenen Himmeln. + + * + +Die Welt besteht durch Gehorsam; aber weitergekommen ist sie immer nur +durch Ungehorsam. + + * + +»Er ist ein enorm gebildeter Mensch,« sagen die Leute und meinen +damit: Er weiß dasselbe, was ich weiß. + + * + +Was fliegt, ist beliebt; was kriecht, ist verhaßt. Selbst der Floh ist +angesehener als die Laus; denn er springt. + + * + +Ein richtiger Neidhammel beneidet auch eine erfolgreiche Ballerine, +wenn er selbst Professor der Ethik ist. + + * + +Man soll die Menschen aufklären, gewiß; aber es gibt Geister, die +durch Rippenstöße geweckt sein wollen. + + * + +Wenn man seine Dummheiten bei der Obrigkeit rechtzeitig als +Heiligtümer anmeldet, genießen sie gesetzlichen Schutz. + + * + +Auf dem Lande gibt es Kollegen, die sich ein Schwein fett machen. Ich +will aufs Land gehen und mir einen borstigen Menschenhaß fett machen. + + * + +Selbst Herkules hat nur die Ställe des Augias ausgemistet. + + * + +Der Ochse, der tausendmal auf die Weide getrieben wurde, sammelt +freilich »Erfahrungen«. Aber weniger in der Botanik als im Fressen. + + * + +»Endlich wird mir Genugtuung!« rief die Distel, da hatte der Blitz die +Eiche zerschmettert. + + * + +Keine Tiergattung, die so viele und so verschiedene Varietäten +aufweist wie der Hund. Grenzenloses Akkomodationsvermögen ist ein +Merkmal der Hundenatur. + + * + +Ich habe Professoren und Schulmeister kennen gelernt, die +bereitwilligst zugaben, daß Goethe die Formgewandtheit vor ihnen +voraus habe. + + * + +Wenn die Könige bau’n und wenn sie niederreißen, – ein rechter +Karrenschieber findet immer sein Brot. + + * + +Das Leben ist das allmähliche Erwachen eines Gefangenen, der von der +Freiheit träumte. + + * + +Man kann die größten Dummheiten mit der Ruhe des Weisen sprechen. + + * + +Es gibt Künstler, die ihr Talent in schmale Riemen zerschneiden, um es +auszubeuten. Sie können es, wie Dido, zu einem ansehnlichen +Grundbesitz bringen. + + * + +Es war ein kleines Mädchen, dessen Mutter hatte man ins Irrenhaus +bringen müssen. Und man stopfte ihm die Hände voll Äpfel und Backwerk, +daß es nicht mehr an die Mutter denken sollte. Aber es konnte die +Mutter nicht vergessen. + + * + +Wenn ein Mandrill den Husten hat, so vergißt man seine Häßlichkeit, +oder man ist ein Ästhet und Hallunke. + + * + +Niemand ist vor seinem Tode ein Goethe, sagte der Professor. + + * + +Schon bei der Geburt tritt der Mensch in etwas, das man Leben nennt. + + * + +Italien scheint mir ein alter, zerfallener Gorgonzola unter einer +wunderschönen Kristallglocke zu sein. + + * + +O, dieses Korsett! Man glaubt ein Weib zu umarmen und man umarmt einen +Hummer. + + * + +Die Ratte hat keinen Freund – das könnte mich zu ihrem Freunde machen. + + * + +Bei jedem schweren Gange sage dir dies: Bei Abschied und Wiederkehr +sind die Leute da mit Hurra und Trara – den langen, bittern Weg mußt +du allein gehen. + + + + +XLVII. Kapitel. + +Asmus wird stutzig und entsagt der sündigen Gewohnheit, aber mit Maß. +Er erfährt eine überraschende Neuigkeit. + + +Wohl kam ihm in besinnlicheren Augenblicken der Gedanke, ob dies +verwegene Spiel mit seiner Kraft auch gesund sei; aber dann zog er +einfach einen Zettel aus der Tasche und schrieb darauf: + +»Was wären wir, wenn wir immer unserer Gesundheit lebten! Nicht einmal +gesund!« und dann war diese Angelegenheit einstweilen erledigt. Auch +erwog er öfters den Gedanken, ob es nicht köstlicher, lohnender, +vernünftiger sei, langsam und fröhlich zu verlumpen, als in dieser +Welt zu wirken und zu streben. + +»Ich fuhr einmal auf einer Rutschbahn,« schrieb er, »und das sausende +Fahrzeug glitt zuletzt in die hochaufschäumenden Wasser eines Sees. So +köstlich ist der Leichtsinn: die Sinne schwindelt’s, die Gedanken +vergehen, und hochauf spritzen und schäumen die Fluten des Lebens!« + +Und wenn das Fahrzeug ein bißchen zu tief eintauchte und umschlug – +war’s denn schlimm? Er sah seinen toten Bruder vor sich, seinen +Bruder Leonhard, der an seinem Leichtsinn zugrunde gegangen war. Aber +gewiß hatte er auch manche schäumende, tanzende, wirbelnde Stunde +genossen! Es kam darauf an, was das Gescheitere war. »Sehen Sie, das +ist so verschieden,« hatte eines Morgens ein Mann in einem verruchten +Nachtlokal zu ihm gesagt, »der eine ißt gern Rebhühner und der andere +möchte gern ein Ehrenmann sein.« Der Mann, der das sagte, war ihm +freilich zuwider gewesen. + +Im Geschlecht der Semper tauchte hie und da ein Hang zur Verschwendung +auf. Wie wär’s, wenn man sich selbst verschwendete! Sich selbst mit +Bewußtsein langsam zerstören und mit forschenden Augen alle Schauer +und Schönheit, alle Tollheit und Tragik des eigenen Unterganges +kosten! Da müßte man in sich und in den andern Dinge sehen, die auf +der Hauptstraße des Lebens nicht gezeigt wurden. Es machen wie jener +Zöllner, den er bei seinem Freunde Diepenbrock auf dem Sofa hatte +liegen sehen: wochenlang immer trinken und sinken, trinken und sinken +ins Bodenlose hinab, und dann wieder emporsteigen zu Goethe, +Shakespeare und Dante! Hinabsteigen in alle Tiefen des Lumpentums; mit +Laster und Verbrechen auf du und du stehen und im Innersten doch der +bleiben, der man war, bis zum Tod! Das müßte sein wie eine +Entdeckungsfahrt von gefahrumwitterter Romantik. Das waren seine +Gedanken, wenn er durchs Kneipenfenster in die aufzuckende Morgenröte +starrte und immer noch ein neues Glas bestellte. Und im Graus des +Sinkens und Untergehens zuweilen an _sie_ denken, die er vor kurzem am +Arm ihres Verlobten lachend über die Straße hatte gehen sehen! Dann +mischte sich Morgengrauen und Morgenröte, wie in der traurigen Freude +dieser Morgenstunden, wenn er zurückgelehnten Hauptes in den Himmel +starrte. Mit der steigenden Sonne aber überfiel ihn oft ein +plötzliches Frösteln, dann fühlte er sich namenlos elend, und einmal +in solch einer Stunde machte ein Gedanke ihn stutzig. Im Rausch fühlte +er sich glücklich, stolz, von Kraft geschwellt und leicht wie auf +Schwingen, zu jeder großen Tat bereit und zu jedem herrlichen Werke +geschickt. Wenn er sich aber am nachfolgenden Tage die Freuden seines +Rausches erinnernd zurückrufen wollte, so fehlte ihm jede Vorstellung, +jede Freude an der Freude; die Stunden des Rausches waren ihm eine +leere, tote Zeit. Er wußte wohl, daß er sich gefreut hatte an dem +Kaleidoskop seiner Phantasien; aber er konnte diese Freude nicht +zurückrufen. Warum war das nicht so mit andern Freuden, mit den +Freuden der Kindheitsspiele, des Studierzimmers, der Kunst, der +Wanderung in Feld und Flur? Da war jede Freude ein anderer Genius mit +anderem Angesicht, mit Augen, die schöner werden mit jeder Erinnerung, +da war jede Freude ein unverlierbarer, ein wachsender Besitz! Und +nachdenklich zog er die Rechnung, auf der seine Zeche stand, aus der +Tasche und schrieb auf die Rückseite: + +»Der Rausch ist ein liebloser Gastfreund; er spendet nicht das +Gastgeschenk der Erinnerung.« + +Und als er bald darauf eines Morgens unmittelbar von der Schenke in +die Schule ging – er blieb immer Herr seines Handelns und gab nach +solchen Nächten oft seine besten Stunden – aber als er nun mit einem +aus Hohlheit und Übersättigung gemachten Gefühle vor den Kindern stand +und in rotwangige Gesichter, in klare Augen sah, die in der Schönheit +und Hoffnung des jungen Morgens zu ihm kamen, da sagte er leise, aber +ihm selbst hörbar, vor sich hin: + +»Nun ist es genug.« + +Nein, man blieb nicht, der man war, und die Romantik der Verlumpung +war eine Lüge. Er hatte Abschied von ihr genommen. + +Frau Rebekka hatte über seine nächtlichen Ausflüge genug geklagt und +gejammert; ihre Gardinenpredigten konnten sich neben den besten ihrer +Gattung hören lassen, und mütterliche Gardinenpredigten mögen wohl +noch eindringlicher sein als eheliche, weil sie aus selbstloseren +Gründen entspringen. Rebekkens Bemühungen, auch ihren Gatten zu +solchen Predigten aufzumuntern, blieben freilich ganz erfolglos. +Ludwig antwortete im Geiste seiner Philosophie: + +»Laß ihn, was soll ich ihm sagen!« + +»Ja, wenn ich dir das erst sagen soll – wenn du das nicht selbst weißt +–!« rief Frau Rebekka. »Merkwürdig! ’n Mann, der den Kopf voll +Gelehrsamkeit hat und alle Sprachen spricht –« + +»Nicht alle,« versetzte Ludwig trocken – + +»– und verlangt von mir, daß ich ihm sage, was er sagen soll!« + +»Ja, ich bin zu dumm dazu,« sagte Ludwig mit seinem Lächeln. + +»Ach Gott, mit dir ist ja kein Auskommen!« rief Rebekka, lief in die +Küche hinaus und klagte laut den Tellern und Töpfen ihr Leid. + +Ludwig und Asmus Semper verband nun einmal aus Vordaseinszeiten her +ein Vertrauen, das die sorgende Frau Rebekka nicht begreifen konnte. + +Übrigens beabsichtigte Asmus keineswegs, die Welt- und Fleischeslust +in sich zu ertöten und auf die Freuden eines geselligen Trunkes +prinzipiell zu verzichten. Und er hatte es nicht zu bereuen, daß er an +einem vielverheißenden Vorfrühlingstage in die Kuhlmännische Akademie +ging. Er traf dort seinen Kollegen Mansfeld, eben jenen Herrn, der +eine Pensionärin Namens Hilde Chavonne im Hause hatte. Asmus +schwankte, ob er sich zu ihm setzen solle; aber eine eigentümliche +Gewalt zog ihn fast gegen seinen Willen an denselben Tisch. + +»Sie sollten sich mal mein neuestes Bild ansehen,« sagte Mansfeld, der +in seinen Mußestunden malte, im Laufe des Gesprächs. »Kommen Sie mit +und essen Sie mit uns zu Abend. Meine Frau wird sich freuen.« + +»O,« stammelte Asmus, »das ist sehr liebenswürdig, ich komme natürlich +gern einmal – aber heute hab’ ich eine wichtige Sitzung, bei der ich +auf keinen Fall fehlen darf.« + +»Das ist was anderes,« sagte Mansfeld. + +Die Rede kam aber doch bald auf die Pensionärin, und Asmus fragte mit +glänzend aufgepuffter Munterkeit und mit einem sehr kunstreichen +Lächeln: + +»Na, wie geht’s ihr denn?« + +»Na, – soso lala!« + +»Wieso?« rief Asmus erblassend. »Ist sie nicht glücklich?« + +»Dscha – wie man’s nehmen will. Ihre Verlobung ist ja zurückgegangen, +das wissen Sie doch?« + +»Zurück –?« Asmus war aufgesprungen. »Zurückgegangen? Ich weiß kein +Wort. Ich bitte Sie – warum?« Er hatte sich wieder gesetzt. + +»Gott – das arme Kind – sie hat eine schwere, traurige Kindheit +verlebt und von den Menschen nicht viel Gutes erfahren. Vater und +Mutter sind tot; als ihr da einer von Liebe sprach, schmolz ihr das +weiche Herz und sie glaubte, das Glück wär’ endlich da!« + +»Nun – und? Was weiter?« Asmus bog sich immer weiter über den Tisch. + +»Nach wenigen Wochen erkannte sie, daß sie sich geirrt hatte, +vollkommen geirrt. Übrigens ein braver, ordentlicher Kerl, aber nicht +das, was das Herz einer Hilde Chavonne braucht. Entschlossen und +mutig, wie sie bei all ihrer Milde ist, trug sie ihrem Verlobten die +Lösung des Verhältnisses an. Und er, wie er kein Mann für sie war, +hatte wohl auch nicht erkannt, was er an ihr besaß; er erklärte sich +schließlich einverstanden.« + +Und so weit Asmus sich vorgebeugt hatte, so weit lehnte er sich jetzt +zurück und blickte schweigend vor sich hin. + +Wenn eine lange getragene Last von uns abfällt, fühlen wir erst, wie +schwer sie gewesen ist. Auf seinen Soldatenmärschen hatte er Mantel und +Tornister, Helm, Patronen und Waffen als etwas Selbstverständliches ohne +Murren getragen; aber wenn er, in die Kaserne zurückgekehrt, alles +abgelegt hatte, dann hatte er gefühlt, wie schwer die Bürde gewesen. +Ganz so war es ihm jetzt, ganz so; denn es war ihm, als habe es ihm auf +Hirn, auf Nacken und Schultern gedrückt. + +Ȇbrigens,« rief er ganz unvermittelt und wurde über und über rot, »da +fällt mir ein: die Sitzung ist ja erst morgen. (Ein Geschickterer +würde vielleicht gesagt haben: In acht Tagen!) Wenn Sie Ihre Einladung +nicht bereuen, nehm’ ich sie jetzt noch an.« + +Mansfeld unterdrückte ein Lächeln und erklärte, daß ihm nichts +erfreulicher sein könne als dieser Entschluß. Und Asmus ging mit. + + + + +XLVIII. Kapitel. + +»Wiederum tanzt eine Salome: wiederum heischt sie das Haupt des +Johannes.« Johannes Chrysostomos + + +Als die beiden Männer in das Wohnzimmer traten, fanden sie Frau +Mansfeld mit einer Handarbeit, Fräulein Chavonne mit den +Vorbereitungen zum Unterricht des folgenden Tages beschäftigt. Die +junge Dame saß mit dem Rücken gegen das Licht; aber gleichwohl glaubte +Asmus zu bemerken, daß sie erschrecke und erblasse. Zwar lächelte sie, +als sie ihm dann die Hand gab; er zweifelte aber doch nicht daran, daß +er ihr unangenehm und unwillkommen sei. Mansfeld holte sein Bild +hervor, und Asmus nahm es in Augenschein; wäre er verpflichtetes +Mitglied einer Jury gewesen, so würde der gute Mansfeld wohl nicht +allzuviel Schmeichelhaftes zu hören bekommen haben; aber abgesehen +davon, daß Asmus sich durchaus nicht als Kenner fühlte, gehörte er +nicht zu jenen »unentwegten« Bekennern, die die Wahrheit auch dann +sagen, wenn sie nur verletzt und keinem nützt; er machte also dem +harmlosen Dilettantismus Mansfeldens neben einigen Ausstellungen ein +paar balsamische Komplimente. + +Nach dem Abendessen sagte Mansfeld: »Ich habe Sie so lange nicht +gehört – möchten Sie nicht ein Gedicht sprechen?« + +Asmus, ohne sich zu zieren, stand auf und sprach, zwar in Hinblick auf +die Anwesenheit der Damen mit einiger Befangenheit, »Des Sängers +Fluch«. Frau Mansfeld war eine überaus fleißige und praktische Frau +und ließ auch während des furchtbarsten Fluches die Häkelnadel nicht +ruhen; Hilde aber, die inzwischen zu einer Stickerei gegriffen hatte, +ließ schon nach den ersten Versen die Hände in den Schoß sinken und +horchte mit großen Augen. Nun schlug Mansfeld vor, man möchte doch +jede Woche einmal zusammenkommen und etwas Gutes lesen, namentlich +Dramatisches; er komme fast nie ins Theater, und Asmus setzte für +nächsten Mittwoch »Emilia Galotti« aufs Repertoire. Frau Mansfeld +indessen, die die Claudia lesen sollte, lehnte jede Beteiligung +entschieden ab; sie wollte mit dem Theater nichts zu tun haben. Sie +konnte sich nicht verstellen; sie war Frau Mansfeld aus Hamburg und +nicht Claudia Galotti aus Italien, und überdies wußte sie ganz gut, +daß in dem Stück ein junges Mädchen verführt werden sollte. So etwas +paßte sich nicht für eine Lehrersfrau, und im Grunde ihres Herzens +mochte sie es etwas »frei« von dem Fräulein Chavonne finden, daß es +sich auf Asmussens Bitte bereit erklärte, sogar das zu verführende +Mädchen selbst zu verkörpern. Asmus las den Prinzen und Appiani, +Mansfeld den Marinelli und den Odoardo; aber es ging doch nicht. +Dieser las nämlich den Marinelli wie einen stellungsuchenden +Schneidergesellen, und sein Odoardo wäre durch ein gutes Glas Bier mit +Leichtigkeit zu besänftigen gewesen. Er sah das auch selbst ein, und +Asmus widersprach seiner Selbstkritik mit keinem Wort. Einig waren +alle darin, daß Fräulein Chavonne die Angst Emiliens und die +Eifersucht der Gräfin Orfina vorzüglich gelesen habe. Asmus war +überrascht: hatte sie schon einmal Eifersucht empfunden? Es war etwas +Echtes und Elementares in ihrem Vortrag gewesen. + +Von nun an mußte Asmus allein lesen, und als man dahinter gekommen +war, daß er plattdeutsch reden könne wie ein Oldensunder Bauernjunge +und wie ein Hamburger Ewerführer, da mußte er Groth und Reuter lesen. +Und als er die nun las, da machte er eine wundersame Entdeckung: Hilde +Chavonne konnte lachen! Natürlich hatte er sie auch sonst schon lachen +sehen; aber immer hatte nur ein Teil ihres Wesens gelacht, und nur ein +kleinerer Teil; der tiefe, fast traurige Ernst ihres Wesens hatte +immer das Übergewicht behalten; es war immer ein Lachen mit ernstem +Grundton gewesen, nicht jenes Lachen des ganzen Menschen, das aus dem +Mittelpunkt unseres Wesens elementar hervorbricht und alle unsere +Seelen- und Körperteile kräftig durcheinander zu schütteln scheint. +Und sie selbst schien beseligt, berauscht von der Entdeckung dieser +Kraft wie ein Kind, dem man zur Weihnacht beschert; wenn er den Blick +vom Buche erhob und in ihr lachendes Gesicht sah, dann glühten ihn +zwei jauchzende Augen an, und niemand hätte sagen können, ob es Lust +oder Dankbarkeit sei, was ihnen den feuchten Schimmer gab. Wenn er +aber von traurigen Dingen las und – anfangs zufällig, bald mit Absicht +– die Augen über den Rand des Buches hinausgehen ließ, dann sah er +ihre Augen auf sich ruhen, als wäre es _sein_ Leid und _sein_ Kummer, +von dem er gelesen. Und obgleich die beiden Mansfeld ein dankbares +Publikum waren, dachte er bald bei allem, was er las, nur das eine: +Wie wird es _ihr_ in die Seele klingen? fühlte er bei jedem Wort den +unhörbaren Widerhall _ihres_ Herzens. + +Es ist klar, daß ein Ereignis oder eine Erwägung, die ihn von den +Mittwoch-Besuchen hätte zurückhalten können, bald zu den undenkbaren +Dingen gehörte. Zu Hause und unter den Freunden, in Konzert und Theater, +in Wissenschaft und Kunst gab es keine Freuden, und am allerwenigsten +gab es unter dem himmlischen Gezelte Naturerscheinungen, die ihn hätten +hindern können, am Mittwoch nachmittag nach dem ländlichen Vororte +hinauszupilgern, in dem die Mansfelds wohnten. Die altgeheiligte +Ordnung des Wochenreigens hatte sich verkehrt; der Mittwoch war zum +Sonntag geworden. Sehr schlau bemerkte Frau Rebekka eines Tages mit dem +Scharfblick des Weibes und der Mutter: »Da bei den Mansfelds, da muß ein +Magnet sein.« + +Mit dem Magnet hatte es seine Richtigkeit. Wenn der Sommernachmittag +gar zu verlockend ins Fenster lachte, ließen sie Bücher Bücher sein, +wanderten zu vieren hinaus nach Eppendorf, Lokstedt oder Niendorf und +ergaben sich auf einer Wiese dem Reifenspiel. Von den Freundinnen +Hildes hatte er gehört, daß ihr Turnlehrer sie immer vor allen gerühmt +habe wegen ihrer Anmut; eines Tages, als sie sich zu schwach gefühlt +und sich von der kaum erfaßten Reckstange wieder hatte fallen lassen, +da hatte der Lehrer gerufen: »Fräulein Chavonne fällt sogar mit Grazie +vom Reck!« Asmus konnte dem Manne nur von ganzem Herzen recht geben, +und wie der »Magnet« beim Lesen seine Blicke, seine Stimme, seine +Gedanken anzog, so flogen ihm jetzt die meisten der Reifen zu, die +Asmus zu versenden hatte, wenn er auch galant genug war, sich hin und +wieder der gnädigen Frau zu erinnern. + +Ein Spiel auf grünem Rasen in heller Sommerluft, das war nun ohnehin +für das Herz des Asmus ein ununterbrochener Freudentanz; als er nun +aber auch noch das liebliche Mädchen mit seinen schmalen Füßen, in +flatterndem Gewande über den sonnengrünen Teppich hüpfen sah, da +schien ihm, daß die Welt wohl überhaupt schön sei, daß sie aber noch +nie so schön gewesen sei wie an diesem Tage. Anmut der Bewegung und +körperliche Geschicklichkeit waren nicht seine Stärke; aber mit dem, +was er konnte, kokettierte er redlich, und er hatte das Gefühl, daß er +plötzlich mehr könne, als er sich zugetraut. Freilich, bei einem +unparteiischen Zuschauer würde auch Hilde Chavonne den Verdacht +erweckt haben, daß ihr der Eindruck ihrer Sprünge und Tanzschrittchen +nicht gleichgültig sei, und daß sie wie jedes junge, schöne, tanzende +Weib um den Kopf eines Mannes tanze. + +Und gewiß hätte Asmus ihr lieber seinen Kopf auf einer Schüssel +entgegengetragen, als ihr von Liebe zu sprechen. Wenn es sich auf dem +Heimwege traf, daß sie allein nebeneinander gingen, dann begann wieder +jenes wunderlich-närrische Doppelspiel von Lippen und Herzen, das sie +schon damals, nach Asmussens einmaligem Auftreten als König getrieben +hatten. Sie sprachen über einen Roman oder über eine Schulverordnung +oder über ein Sonnentaugewächs, das sie gefunden, oder über eine +Wolkenbildung, und mit allem, was sie sagten, meinten sie: »Ich liebe +dich – ich liebe dich!« Es war eine Chiffresprache, die sie redeten. +»Dieser Weg führt nach Bahrenfeld,« bedeutete soviel wie: »Du bist +ein entzückendes Geschöpf!« »Die Linden haben ausgeblüht« sollte +heißen: »Ich möchte dich küssen;« aber keiner hatte den Schlüssel zur +Sprache des andern. Das Herz des Asmus drängte, raunte, flüsterte ihm +zu wie ein eifriger Souffleur: »Sag’ es ihr, sag’ es ihr, tu den Mund +auf – es ist gar nicht schwer – und sag: »Süße Hilde, ich hab’ dich +lieb!« – »Wie kann ich denn ‘du’ zu ihr sagen!« erwiderte Asmus. +»Meinetwegen sag’ ‘Sie’«, entgegnete das Herz, »aber sag’ etwas!«, und +dann tat Asmus wirklich den Mund auf und sagte: »Jetzt wird ja auch +bald der neue Bahnhof eröffnet.« Sie war doch zu hoch, zu heilig; sie +_konnte_ sich an einem Menschen wie ihm nicht genügen lassen. Sie +hatte es ja auch bewiesen, als sie sich verlobte. An ihm war sie +vorbeigegangen. + +Endlich, endlich kam eine prächtige Gelegenheit, dem Herzen Luft zu +machen. Mansfeld hatte mit seinen Schülern einen Ferien-Ausflug +unternommen, und Asmus und die Damen hatten sich angeschlossen. In +einer hübschen Gartenwirtschaft, die den freundlichen Namen »Zum +Morgenstern« führte, hielt man Rast, und Hilde hatte sich daran +gemacht, die gepflückten Feldblumen zu einem Strauße zu ordnen, als +Asmus zu ihr trat. Mansfeld und Frau waren abseits mit den Kindern +beschäftigt. + + + + +XLIX. Kapitel. + +Asmus Semper wird streitsüchtig, wettet, lügt, vergreift sich an +Goethe und benimmt sich feige. + + +»Wo haben Sie die Calluna gepflückt?« fragte Asmus, indem er einen +Zweig der Glockenheide aufnahm. + +»Im Moor. Aber das ist nicht Calluna, das ist Erika.« + +»Das ist Calluna.« + +»Das ist Erika.« + +»Das ist Calluna.« + +»Das ist Erika.« Sie lachten beide. + +»Das Heidekraut ist Erika, und Calluna ist die Glockenheide,« sagte +Asmus. Er hatte sich’s inzwischen überlegt und wußte, daß sie recht +habe; aber er fand es viel hübscher, mit ihr zu streiten. + +»Im Gegenteil,« lachte sie, »die Glockenheide heißt Erika.« + +»Wetten?« rief Asmus. + +»Ja!« Ihre Augen leuchteten. + +»Um was?« + +Sie machte plötzlich ein ernstes Gesicht und sagte zögernd: + +»Wenn Sie verlieren, müssen Sie mir ein Gedicht schenken. Das ist wohl +schrecklich unbescheiden, nicht wahr?« fügte sie schnell hinzu. + +»Ich fürchte, es ist nur allzu bescheiden,« sagte Asmus. »Und was +geben Sie mir, wenn ich rechte habe?« + +»Das – weiß ich noch nicht – das findet sich dann,« sagte sie +errötend. + +Am Abend hatte er es fast eilig, von ihr fort zu kommen, damit er zum +Dichten komme. Sie wollte ein Gedicht von ihm! War das nicht ein +Zeichen von Liebe? Ach nein, ach nein. Andere Damen hatten ihn auch +schon darum gebeten, sicherlich, ohne ihn zu lieben. Die Mädchen +prunken gern mit dergleichen – so weit kannte er die Mädchen auch. +Freilich: so war _sie_ nun eigentlich nicht.... + +Einen Augenblick dachte er, er wolle ein Akrostichon auf ihren Namen +machen, weil das so schön deutlich sei. Aber er schalt sich sofort +darüber aus: »Erstens ist es läppisch und keine Dichtung, und zweitens +wäre es nicht mehr deutlich, sondern frech.« Er nahm nun eine Maske +vor, die Maske eines Mannes, der sich aus dieser Welt des Alltags nach +der Welt der Romantik, nach der Zeit der schönen Melusinen, der +Minnesinger und der Ritter sonder Furcht und Tadel sehnt, und schloß +sein Ottaverimengebäude also: + + »Wie schlüg’ ich gern, ein schwertgewandter Ritter, + Mit leichtem Mut mein Leben in die Schanze, + Wie schwäng’ ich gern im Schlachtenungewitter + Für der Bedrückten Recht die wucht’ge Lanze! + Vor Raubverließen sprengt’ ich Wall und Gitter + Und kehrte heim mit wohlverdientem Kranze. + Dann blühte mir, die Frucht von blut’gen Saaten, + In starker Brust das stolze Glück der Taten. + + Wie gern ... doch still! Es öffnen sich die Zweige – + Ein leises Knistern über meinem Haupte – + Ich forsche, daß der süße Mund sich zeige, + Der so verstohlen-leisen Kuß mir raubte – + Du bist’s Geliebte! Komm hervor und neige + Dein Haupt mir zu, das frühlingsgrün-umlaubte! + Verlassen hat ein schöner Traum die Lider – + Die schön’re Wirklichkeit erkenn’ ich wieder! + + Mich trog ein alter Wahn – bis ich erwachte + In deinem Arm, im heimatlichen Walde! – + Ob je so schön wie heut’ herüberlachte + Der Silberstrom, die farbenreiche Halde? – + Auch heut’ bekämpf’ ich kühn, was ich verachte, + Zwar nicht als Ritter, doch als freier Skalde; + O sieh zum Horizont die Sonne gleiten: + Noch lebt die Schönheit wie in alten Zeiten!« + +Ob das zu kühn war? Ach nein – jedenfalls: vor dem Tintenfaß hatte er +Mut; er schrieb es auf sein schönstes Papier, schob es in einen feinen +Briefumschlag, liebkoste jeden Buchstaben ihres Namens mit den Augen, +als er die Adresse schrieb, und ging zum Briefkasten. Als der Brief +schon halb in der Spalte des Kastens steckte, zauderte er einen +Augenblick. Sollte er’s wagen? Aber ein höherer Wille stieß ihm an den +Ellbogen, und der Brief fiel hinein. + +Asmus seufzte tief auf. Das war ein entscheidender Schritt, dachte er. – + +Schon am übernächsten Morgen hatte er einen Brief. + + »Sehr geehrter Herr Semper! + + Haben Sie innigsten Dank für das wunderschöne Gedicht! Ich hab’ es + schon viele Male gelesen, und jedesmal gefällt es mir besser. Aber + wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen; denn solchen Einsätzen vermag + ich nichts entgegenzustellen. + + Ich werde Ihr Gedicht an sicherer Stelle verwahren. + + Mit schönsten Grüßen + Ihre sehr ergebene + Hilde Chavonne.« + +Beim ersten Lesen schien ihm der Brief eine feurige Liebeserklärung; +beim zweiten schien er ihm nur noch eine Liebeserklärung, und je +öfter er ihn las, desto mehr wurde er sich klar, daß diesen Brief +auch jede andere Dame geschrieben haben könnte. Jede? Nun ja, er war +sehr freundschaftlich gehalten; aber gute Freunde waren sie ja +schließlich wohl. »Ich werde Ihr Gedicht an sichrer Stelle verwahren!« +das konnte heißen: Ich werde es am Busen tragen – es konnte aber auch +heißen: Ich werde es in meiner Kommode verschließen. Und dann der +Satz: »Aber wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen!« Sie gab ihm zwar +eine sehr bescheidene Begründung; aber konnte nicht auch ein feiner +Verweis darin liegen: Du bist zu dreist gewesen!? Freilich: da stand: +»Mit _schönsten_ Grüßen Ihre _sehr_ ergebene.« Das war sehr viel! Aber +eine steife, »zippe« Hamburgerin, die den Herren nur die Fingerspitzen +reicht und beim Gruß nur mit der Hutfeder nickt, war sie ja überhaupt +nicht, obwohl sie in Hamburg geboren war. Und »Ihre _ganz_ ergebene« +stand nicht da ... + +Als er sie wiedersah – es war an einem Sonntagmorgen – fühlte er wohl +bald an ihrem Dank und ihrem Geplauder, daß sie an einen »Verweis« +nicht gedacht haben könne; aber sie trug ein weißes Morgenkleid mit +rosa Bändern, und darin sah sie nun aus wie eine Königin der Lilien! +Ach, armer Asmus! Du hast im Ernste geglaubt, solch ein Weib könnte +für _dich_ blühen? Dies Kleid schlug all seine Hoffnungen nieder. + +Und so war er denn genau so weit wie vordem. Zum Glück ließ die +Wirkung des Kleides, als er die Trägerin nicht mehr vor Augen hatte, +nach, und er gelangte zu dem Ergebnis: Ich muß noch einmal mit ihr +wetten! + +Er traf sie bei seinem nächsten Besuch mit einer zierlichen Arbeit +beschäftigt. Auf ein weißes Blatt legte sie in mehreren Schichten +nacheinander schöne Blätter der verschiedensten Pflanzen, und nach +jeder Lage besprengte sie das Ganze mit einer dünnen Sepialösung. Wenn +alles beendigt war, kam ein anmutiges Bukett der reizendsten +Blattformen zum Vorschein. Es war eine Arbeit, die nicht viel Kunst, +wohl aber Sorgfalt und Geschmack erforderte. + +Als sie nahezu beendet war, betrachtete Hilde ihr Werk mit geneigtem +Kopfe und sagte: + +»Die Grazien sind leider ausgeblieben.« + +Halt, dachte Asmus, das ist eine Gelegenheit. + +»Sagt Schiller,« fügte er hinzu. Er wußte ganz genau, daß er sich an +Goethe vergriff. + +»Ist das nicht von Goethe?« fragte sie, einen Augenblick durch seine +Bestimmtheit unsicher gemacht. + +»Nein, von Schiller.« Da wurde er doch rot. + +»Doch – es ist aus »Tasso!« rief sie. + +»Keine Spur. Von Schiller ist es.« + +Sie lachte: »Fangen Sie schon wieder an?« + +»Wollen wir wetten, daß es von Schiller ist?« rief er. + +Sie wurde purpurrot und rief: »Ja!« + +»Um was?« + +»Wenn Sie unrecht haben – nein, es wäre zu unbescheiden!« + +»Sie können nicht unbescheiden sein.« + +»Ein Gedicht? Wollen Sie?« + +»Mit Freuden. Und wenn Sie unrecht haben?« + +»Was verlangen Sie dann?« + +Asmus hob die eben vollendete Arbeit auf. »Dieses Blatt!« + +»Nicht dies, aber ein besseres!« + +Dann holte sie den Tasso vom Bücherbrett, konnte aber die Stelle nicht +sofort finden. + +»Darf ich?« fragte Asmus. »_Wenn_ es drinsteht, werd’ ich es bald +finden.« Er blätterte einen Augenblick. »Wahrhaftig, Sie haben recht! +Tasso sagt es vom Antonio.« + +Sie triumphierte. – – – + +Diesmal fiel sein Gedicht deutlicher aus. Es war etwas herkömmlich im +Ton, etwas heine-geibelig sozusagen; aber deutlich war es. + + »Wir standen auf hoher Warte + In klarer Sommerluft; + Tief unten lag die Erde + In lauter Glanz und Duft. + + Und über unsern Häuptern + Der Himmel hoch und hehr + Ein unergründlich tiefes, + Ein weites, blaues Meer! + + Es strebte mein Geist zum Himmel + Und strebte zur Erde auch: + Ihn lockte die himmlische Reine, + Der irdische Wonnenhauch. + + Fern waren Erd’ und Himmel; + Du aber warst bei mir, + Und haften blieb mein Auge, + Das sehnende – an dir. – + + Du bringst mir irdische Wonnen + Auf rosigen Lippen dar; + Es fließt der Schönheit Zauber + Von deinem goldnen Haar. + + Du trägst des Himmels Reinheit + Und Frieden im Angesicht; + Treu glänzen deine Augen + Wie seiner Sterne Licht. + + Vergessen die prangende Erde, + Vergessen das himmlische Zelt! + In dir halt ich umfangen + Den Himmel, die Erde – die Welt!« + +Er hatte erst schreiben wollen: + + »Von deinem _braunen_ Haar« + +aber das schien ihm denn doch zu deutlich, und er machte ein goldenes +Haar daraus; dann konnte sie das ganze Gedicht auch auf eine andere +beziehen. Daß man hübschen jungen Mädchen keine solchen Gedichte +schenkt, wenn sie sich auf andere beziehen, das fiel ihm nicht ein. +Seine geistige Begabung lag auf anderen Gebieten. + +Als er den Briefumschlag mit der Zunge feuchtete, hielt er plötzlich +inne und starrte vor sich hin. War es nicht eigentlich unwürdig, ihr +das Gedicht so hinterrücks durch den Postboten zuzustellen? War es +nicht männlicher, einfach vor sie hinzutreten und zu sagen: Hier ist +das Gedicht!? Aber, wenn Sie’s dann las – nein, nein, nein, nein! Dann +war es noch männlicher, ihr ins Gesicht zu sagen: »Hilde Chavonne, ich +liebe dich!« und das konnte er eben nicht. War das Feigheit? O, wenn +es nicht Hilde, wenn es Drögemüller wäre, dann wollte er schon zeigen, +daß er offen und mutig die Stirn zeigen konnte. Aber Hilde – – wenn +das feige war, dann war es eben feige, daran war nichts zu ändern. Er +schloß den Brief und steckte ihn ein. Aber als er ihn fallen hörte, da +war’s ihm, als höre er auch sein Herz in den Kasten fallen. Es war +doch eine Riesenkühnheit. Wenn sie jetzt zürnte – nun, dann liebte sie +ihn nicht, dann war alle Hoffnung zu Ende. + +Wenn sie ihm aber nicht zürnte – was war damit bewiesen? + +Eigentlich nichts. – Nun, man würde ja sehen. + + + + +L. Kapitel. + +Der Verfasser durchbricht aus Wut über seinen Helden die Kunstform. + + +Der nächste Tag war ein Mittwoch; mit klopfendem Herzen trat er zu den +Mansfeld ins Zimmer – sie war nicht da. Ein schlimmes Zeichen. Sonst +war sie immer dagewesen. Das Gespräch mit den Mansfeld wollte nicht in +Gang kommen. Endlich, nach einer Viertelstunde, die Sempern zu einer +Ewigkeit angeschwollen war, trat das Fräulein herein. Sie wollte +unbefangen erscheinen; aber alle Anstrengung half ihr nichts; sie +wurde blutrot und senkte den Blick, als sie Asmussen die Hand gab und +ihm sagte: + +»Ich danke Ihnen _sehr_!« + +Dann flog ein Engel durchs Zimmer. Und noch einer. Und noch einer. +Hilfreiche Engel waren es nicht; denn sie halfen dem blutschwitzenden +Asmus auch nicht mit einem Wörtchen aus. Endlich half er sich selbst, +indem er heftig das linke Bein über das rechte schlug (genau wie +Ludwig Semper). Das half. + +»Sonnabend wird der ‘Freischütz’ gegeben, in einer vorzüglichen +Besetzung,« rief er, und wußte selbst nicht, warum er so laut sprach. +Man kam überein, daß man gemeinsam hingehen wolle; die Unterhaltung +kam in Fluß; Hilde nahm daran teil und sprach auch mit Asmus, sogar +unter freundlichem Lächeln. Böse war sie nicht, das stand nach diesem +Lächeln fest; aber sonst – + +Ja, sonst war er immer noch auf dem alten Fleck. Wie konnt’ es auch +anders sein. Konnte sie nach diesem Gedicht zu ihm kommen und sagen: +»Ihr Antrag ehrt mich« oder: »Ich teile vollkommen Ihre Gefühle; hier +ist meine Hand?« Es war eine ganz verteufelte Sache. _Sie_ mußte einmal +eine Wette verlieren, und dann würde sich ja zeigen, was _sie_ ihm +schenkte! Als er daheim in seiner Zelle diesen Gedanken erwog, brachte +ihm der Postbote ein dünnes Paket. + +Ihre Handschrift! + +Er riß die Umhüllung herunter und fand eine Mappe, die auf beiden +Deckeln allerliebste Blattsträuße in zahlreichen und zarten +Abstufungen von Sepia-Braun zeigte. Ein Briefchen dabei! + + Werter Herr Semper! + + Da Sie Gefallen an der Spielerei fanden, so sende ich Ihnen diese + Mappe, die sich vielleicht durch Aufbewahrung von Notizen und dergl. + nützlich machen kann. Sie soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; + eine solche Gabe zu lohnen, bin ich leider außerstande. + + Mit den herzlichsten Grüßen + Ihre dankbare + Hilde Chavonne.« + +»Sie liebt mich!« jubilierte Asmus in seinem Herzen. »Sie beschenkt +mich! Und wie beschenkt sie mich! Wie reich, mit welcher Sorgfalt ist +das gemacht! Mit Goldpapierstreifen umrändert! Mit weißseidenen +Bändern gebunden!« Und wie zärtlich schrieb sie, wie liebevoll! + +Er nahm den Brief wieder her – ein ganz zarter Duft ging mit diesen +Zeilen, ein kaum merkbarer, aber ein feiner, milder, warmer Duft! +»_Werter_ Herr Semper« schrieb sie. Also er war ihr wert! Und »Sie +soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; eine solche Gabe zu +lohnen, bin ich leider außerstande – –!« + +Hm. Es fiel ihm plötzlich auf, daß das zweierlei bedeuten könne. Es +konnte heißen: Das Gedicht ist so schön, daß ich ihm nichts +Gleichwertiges gegenüberstellen kann, wie man den Wert eines echten +Kunstwerks (»wenn dies eins wäre!« klammerte Asmus ein) überhaupt +nicht mit materiellen Gütern ausmessen kann. Aber die Liebe eines +Menschen war doch gewiß etwas Gleichwertiges, ja, war unendlich viel +mehr – sollte das bedeuten: »Den Lohn, du dir denkst – meine Liebe – +kann ich dir nicht gewähren«? – O, o, o, wie der ganze Brief gleich +anders aussah! »_Werter_ Herr Semper,« das war viel legerer als »_Sehr +geehrter_ Herr Semper«, viel weniger achtungsvoll. – Und »Da Sie +Gefallen an der Spielerei fanden« – sie legte der ganzen Sache keinen +Wert bei; es war ein Nichts – warum sollte sie es ihm nicht schenken – +dann waren sie quitt, und sie war ihm nichts mehr schuldig – + +O diese verteufelte Auslegung, o diese verwetterten Ausleger! Sie +verhunzen die frischesten Offenbarungen der Menschenseele! Durch +»Exegese« verhunzte er sich dieses Geschenk eines Mädchens, das mit +vor Bangen, vor Eifer, vor Freude bebenden Händen Tage und Nächte an +diesem Kunstwerk gebaut hatte, bei jeder Linie, jedem Bändchen voll +Hoffnung, daß sie ihm gefallen, voll Sorge, daß sie ihm mißfallen +möchten! + +Freilich: Mädchenbriefe wie dieser sind geschrieben, um Liebe ganz zu +offenbaren und ganz zu verbergen, und es war kein Wunder, daß Asmus +diese Sprache noch nicht verstand. Er ahnte zum Beispiel nicht, daß +das Wort »Notizen« mit »Gedichte« zu übersetzen war und daß der ganze +Satz bedeuten sollte: »Wenn du Verse geschrieben hast, leg’ sie in +diese Mappe; das wird mir sein, als dürft’ ich selbst sie hegen.« + +Das Schicksal war dem Zauderer günstiger, als er es eigentlich +verdiente. Am »Freischütz«-Abend folgten die Mansfeld einer Einladung, +die sie nicht ablehnen konnten, und Asmus saß allein neben der +Stillgeliebten! Er saß neben ihr, und da die billigen Plätze sehr +schmal waren, saß er sogar recht dicht neben ihr, in beständiger +Berührung mit ihrem Kleid, und einmal, als ihr der Zettel entfallen +war und sie ihn aufheben wollte, streifte sogar ihr Haar, ihr +köstliches Haar seine Wange! Solche weihevollen Berührungen entzückten +ihn tief und entmutigten ihn ganz. Denn je herrlicher sie war, desto +weniger wagte er sie zu begehren; ihm war, als solle er in einen +hochumgitterten Schloßgarten gehen und dort die seltenste Blume +brechen. Eine tiefe Demütigung müßte die Folge sein. + +Aber schon ungestört mit ihr zu plaudern, war warmes, heimliches +Glück. Er erzählte ihr, wie er als Knabe auf seinem Puppentheater den +»Freischütz« gespielt habe und wie ihm das Liebste daran die +Wolfsschlucht mit dem feurigen Rad und allem Teufelsspuk gewesen sei. + +»Wenn ich ehrlich sein soll,« sagte er, »ich freue mich noch heute auf +die Wolfsschlucht, und jeden Tag möcht’ ich mir wieder ein +Puppentheater bauen und damit spielen. Freilich: auf die Musik freu’ +ich mich noch ganz anders. Wenn die ganze deutsche Nation zugrunde +ginge und nur der »Freischütz« erhalten bliebe, könnte man aus dieser +Oper alle Eigentümlichkeiten der deutschen Seele erkennen.« + +Sie hatte den »Freischütz« noch nicht gehört, war überhaupt noch nicht +oft im Theater gewesen; ihre Kindheit hatte ihr solche Freuden nicht +gewährt, und nun beglückte es ihn, wie sie mit frommer Begierde Musik, +Wort und Bild in sich einsog, und er war grenzenlos stolz, ihr Führer +sein zu dürfen. + +Als sie den Heimweg durchs Dunkel antraten, bot er ihr seinen Arm. Das +durfte man wagen. Wie leicht sie an seinem Arme hing! Er hätte +gewünscht, daß sie sich ganz auf ihn stützte, sich ganz von ihm tragen +ließe. Während er ihr von Oberon, Euryanthe und Preziosa erzählte, +dachte er ununterbrochen: Soll ich ihr’s jetzt sagen? Nein, nein, +lautete die Antwort. Wenn es sie erschreckte, bekümmerte, beleidigte? +In welcher Pein würde das arme Mädchen den Rest des Weges zurücklegen; +in welche Pein würdest du dich selber stürzen! Du hast heute die +Pflicht des Ritters, du hast dafür zu sorgen, daß sie unbehelligt und +auf möglichst angenehme Weise nach Hause komme – es wäre ein unzarter +Mißbrauch der Gelegenheit, sie jetzt mit einer Liebeserklärung zu +überfallen. Beim Abschied vor ihrer Tür, dann willst du’s ihr sagen. +Und beim Abschied sagte er: + +»Haben Sie tausend, tausend Dank für den wunderschönen Abend!« + +»Ich habe Ihnen zu danken!« rief sie. »Der Abend wird mir unvergeßlich +sein.« Sie zögerte einen Augenblick. – »Gute Nacht.« + +»– Gute Nacht.« + +Unmittelbar darauf dachte er: Das war eine Gelegenheit! Sie ist +unwiederbringlich verpaßt. + +Unwiederbringlich? Wie er es zuvor mit der Methode der Wetten versucht +hatte, so versuchte er es jetzt mit der Methode des gemeinsamen +Theaterbesuchs. Eine Woche später sollte der »Vampyr« von Marschner +gegeben werden. Er hatte eine Schwäche für diese Oper, gerade wegen +ihres verschrieenen schaurig-romantischen Stoffes. Er liebte das +Düstre, Grauenvolle wie das Sonnig-Behagliche, das starrend Erhabene +wie das Komisch-Gemütliche, bis zum Putzigen und Ulkigen herab, wie er +alle Tage und Nächte, alle Lichter und Schatten der Welt liebte. Er +liebte Dante Alighieri und Fritz Reuter, und er haßte die +flachköpfigen Ästhetiker, die beim Aufbau ihrer Systeme immer eines +vergaßen, entweder den Dante oder den Reuter. + +Frau Mansfeld mocht’ es im stillen unpassend finden, daß ein junges +Mädchen mit einem ihm nicht verlobten jungen Manne allein ins Theater +ging und sich von ihm nach Hause geleiten ließ. Aber solche Ängste +kannte Hilde nicht; sie hatte nur die feine Erziehung, die ein feines +Herz gibt. Also holte sie jubelnd ihr Portemonnaie und zahlte Asmussen +eine Mark zwanzig auf den Tisch; denn soviel kostete der Eintritt zum +dritten Rang. + +Aber der »Vampyr« hatte genau dieselbe Wirkung wie der »Freischütz«, +insofern, als Asmus sich wieder vor Hildens Tür mit nichts als einem +(zwar bewegten Herzens gesprochenen) Danke verabschiedete und sich +dann auf dem einsamen Heimwege mit Vorwürfen und nicht gerade +schonenden Titulaturen überhäufte. + +Und auch der Verfasser kann nicht umhin, hier zum Entsetzen aller +Literaturaufseher »die Kunstform zu durchbrechen« und der Leserin zu +versichern, daß er ihre Entrüstung über diesen Herrn Semper vollkommen +teilt. Aber was soll der Verfasser tun? Er kann seinen Helden nicht +anders machen, als er ist. + +Endlich brachte ein trüber, wolkenschwerer Novemberabend die +Entscheidung. + + + + +LI. Kapitel. + +Von rauschenden Bächen im Winter. + + +»Heute _soll_ es sich entscheiden,« hatte sich Asmus gesagt. Er hatte +sie eingeladen, mit ihm in Zacharias Werners »Martin Luther oder die +Weihe der Kraft« zu gehen. Er liebte das Stück durchaus nicht, fand es +schwülstig, verworren und langweilig; aber jetzt war ihm schon jedes +Mittel recht; er wäre mit ihr ins Theater gegangen, und wenn man dort +den Jahresbericht der Handelskammer rezitiert hätte. Auf dem Heimwege +sprachen sie nur wenig; jede Unterhaltung kam bald ins Stocken; wie +eine Vorahnung lag es auf beiden. Sie waren der Wohnung Hildens schon +ziemlich nahe, als Asmus, das Herz im Halse, mit leiser Stimme fragte: + +»Sind Sie mir eigentlich böse, Fräulein Chavonne?« + +»Warum sollte ich Ihnen böse sein?« fragte sie ebenso leise, mit +starren Augen geradeausblickend. Und alles, was sie noch sprachen, +klang leise wie der Regen, der gleichmäßig herabtroff und gegen den +sie keinen Schutz begehrten. + +»Sie haben mir eigentlich kein Wort über mein letztes Gedicht gesagt,« +begann Asmus wieder. »Da glaubte ich, daß Sie mir zürnten.« + +»Wie wäre das möglich?« sprach sie noch leiser, mit bebender Stimme. + +Wiederum schwiegen sie eine kurze Weile. + +Ihr Kopftuch hatte sich verschoben, und um es zu ordnen, zog sie leise +ihren Arm aus dem seinen. Im selben Augenblick ließ er seinen Arm +sinken; ihre Hände berührten sich, und Asmus faßte Hildens Hand. + +Nun ist es ein seltsames Ding: Arm in Arm gehen die fremdesten +Menschen miteinander; aber Hand in Hand gehen nur Kinder und Liebende. +Ein höherer Wille hatte ihre Hände ineinander gelegt und gesagt: Ich +will, daß ihr euch findet. + +Das gab Asmus Sempern einen heiligen Mut, und zitternd sprach er: + +»Fräulein Chavonne – haben Sie mich lieb?« + +Sie blieb stehen und schien zu wanken. Sie konnte nicht sprechen. + +Da legte er den Arm um sie, damit er sie stütze, und sprach noch +leiser: + +»Hilde, hast du mich lieb?« + +Ihr Kopf sank an seine Schulter, und sie sagte: »Ja.« + +Und er wagte nicht, ihr den Kopf aufzuheben; denn es schien ihm, daß +sie ruhte. Aber dann hob sie von selbst den Kopf und sah ihn aus +leuchtenden, weinenden Augen an. Und er zog sie fester an sich und +preßte seine Lippen in einem langen, langen Kusse auf ihren edlen, +frischen, roten Mund. + +Sie waren nur noch zehn Minuten von Hildens Hause entfernt; aber sie +brauchten zu diesem Wege noch zwei Stunden. Denn immer wieder gingen +sie in weitem Bogen um das Haus herum, obwohl ein unaufhörlicher +feiner Regen herabrieselte. Sie freuten sich unbewußt dieses Regens; +er kam herab wie sanfte Linderung einer langen Sehnsucht. Es schien +ihnen auch, als brauche man nun um nichts mehr zu sorgen, als hätten +sie nun des Glückes genug und brauchten nichts mehr als solch ein +stilles, seliges ewiges Wandern. + +Sie sprachen nur wenig, und wenn sie sprachen, so war es fast immer +dasselbe: + +»Hast du mich lieb, hast du mich wirklich, wirklich lieb?« + +»Ja, ich hab’ dich lieb – so lange schon, ach, wie lange schon.« + +Ganz, ganz anders waren sie schon wenige Tage darauf. Frost und Schnee +waren hereingebrochen mit Macht, und Asmus schlug ihr einen Ausflug +»ins Grüne« vor. Nach dem »Quellental« wollten sie wandern und die +Elbe hinab. Ludwig Semper würde zu diesem Ausflug »bei dieser Kälte« +lange den Kopf geschüttelt haben, wenn er darum gewußt hätte; aber +darin folgte sein Sohn ihm nicht; Winterwanderungen, die liebte er vor +allen andern; da gab es einen Kampf mit Frost und Wind, und wenn er +dann durchgekämpft war, dann glühte in Wangen und Herzen eine ganz +besondere, eine ganz wundersame Wärme auf, die war ganz anders als +Lenz- und Sommerglut. Es war eigenes, selbstentzündetes Feuer! Und wie +heilig schön die Winterwelt! Seltsam: die ersten Lieder, die der +Zauber der Natur ihm entrungen hatte, waren Winterlieder gewesen. Aber +er sang sie nicht in Wehmut und Trauer; der Winter war ihm Andacht und +Stille, niemals Tod; denn in seinem Herzen glomm wie eine ewige Lampe +die Gewißheit des Frühlings. So kam es denn ganz von selbst, daß +Asmus, als sie auf frostklingenden Wegen dahinschritten und sein +schüchternes Schnurrbärtchen von lauter Eisnadeln starrte, also zu +singen anhob: + + Die linden Lüfte sind erwacht, + Sie säuseln und weben Tag und Nacht; + Sie schaffen an allen Enden. + +und daß er erschrak, als Hilde in ein lautes Lachen ausbrach. + +»Herr Professor, Herr Professor, es ist Winter!« rief sie; da verstand +er sie und lachte nun auch aus vollem Halse; weil sie aber so ganz +besonders schön lachte, küßte er sie sieben Mal auf den +winterfrischen Mund, und dabei lachten sie, weil das Lied so gar nicht +paßte, und ihre Augen wurden feucht, weil es doch so gut paßte. + +Nun fand er Gefallen an dieser Antithese, und während der Schnee unter +ihren Füßen knirschte, sang er: + + Wie herrlich leuchtet + Mir die Natur, + Wie glänzt die Sonne, + Wie lacht die Flur! + + Es dringen Blüten + Aus jedem Zweig + Und tausend Stimmen + Aus dem Gesträuch! + +und dann warf er ihr ganz sachte und heimtückisch ein Häuflein Schnee +zwischen Hals und Kragen. + +Sie kreischte auf und schüttelte sich, und dann sah sie ihn mit einem +langen Blick, mit einem Lächeln voll Wehmut und Staunen in die Augen. +Sie bestaunte dies Wunder einer Fröhlichkeit, die sie in ihrem Leben +noch nie gesehen hatte, die sie auch bei ihm nicht vermutet hatte; +denn er war ihr meistens in ernster Stimmung entgegengetreten. Diese +Lustigkeit berauschte sie, daß sie mit beiden Händen seinen Kopf +ergriff und ihm das Gesicht mit Küssen bedeckte. – – + + Ich hört’ ein Bächlein rauschen + Wohl aus dem Felsenquell + +sang er. + +»Wo?« rief sie lachend. + +Da legte er wieder den Arm um sie und sagte: Ȇberall. Überall hör’ +ich Quellen rauschen. Hörst du sie _nicht_?« + +Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt und die Augen geschlossen. +»Hier laß mich liegen bleiben und träumen und immerfort deine Stimme +hören und gar nicht wieder aufwachen.« + +Er neigte sich zu ihrem Ohr, wiegte sie sanft in seinen Armen hin und +her und sang mit leiser, leiser Stimme: + + Horch, horch, die Lerch’ im Ätherblau! + Und Phöbus, neu erweckt, + Tränkt seine Rosse mit dem Tau, + Der Blumenkelche deckt, + Der Ringelblume Knospe schleußt + Die hellen Äuglein auf: + Mit allem, was da reizend ist, + Du süße Maid, wach auf! + +Da machte sie langsam – weit – weit die Augen auf, und ihre Augen +waren tiefernst. + +»Du bist ein böser Mensch,« sagte sie. »Weißt du, daß du ein böser +Mensch bist? Ein Zauberer bist du!« und sie riß sich fast ängstlich +von ihm los und lief ein groß Stück Weges voraus. + +Kurz vor dem Quellental hatte er sie wieder eingeholt und den Arm um +ihre Hüfte gelegt. Und so schritten sie andächtig hinein in einen +kristallenen Dom von uralten Bäumen. + +Hier wohnt ein Gedicht, dachte Asmus; denn die Gedichte wohnten ihm +wie Dryas und Oreas in Bergen, Bäumen und Grotten, in Wiesen und +Quellen. Wenn es sich zeigen wollte, dachte er. Da hauchte es ihm ins +Ohr: + + Wo vom nahen Strauch ein Vöglein schwebt + Stummen Fluges durch die träge Luft, + Und vom kaum gebog’nen Zweig der Schnee + Lautlos fällt auf Schnee ..... + +Und Asmus lächelte dankbar und heimlich. Dann kamen sie vor die auf +geringer Erhöhung liegende Mooshütte mit der Inschrift: »#Hoc erat in +votis#« und gingen hinein. Aber es war ihnen zu warm und dumpfig +drinnen; sie mußten wieder hinaus. Und bei der eingefrorenen Quelle, +die am Abhang der kleinen Erhöhung entspringt, warf er seinen Mantel +in den Schnee, lud sie zum Niedersitzen und setzte sich ihr zu Füßen. +Er mußte heute immerfort singen. Und während von den Zweigen +ringsherum von Zeit zu Zeit der Schnee in silbernen Trauben fiel, sang +er: + + Der Reimer Thomas lag am Bach, + Am Kieselbach bei Huntley-Schloß. + Da sah er eine blonde Frau, + Die saß auf einem weißen Roß. + +»Eine braune Frau!« rief sie mit anmutig gespieltem Schmollen. + +»Eine blonde Frau,« versetzte er. + +»Eine braune Frau.« + +»Eine blonde Frau.« + +»Hast du schon einmal eine blonde Frau geliebt?« fragte sie ängstlich +forschend. + +»Ich habe keine Frau geliebt vor dir.« + +Dann sah sie lange vor sich hin und sagte: + +»Wie schrecklich dumm bin ich gewesen.« + +»Du?« + +»Ja. Weißt du, daß ich einmal furchtbar eifersüchtig gewesen bin?« + +»Eifersüchtig?« + +»Ja, auf das reizende blonde Mädchen, mit dem du zusammen sangst, auf +dem Fest in der ‘Treue’ –« + +»Auf die kleine Lizzy?« + +»Ja. Ich hatte ja immer geglaubt, daß ich dir gleichgültig sei; aber +als ich euch sah und singen hörte, mit solcher Begeisterung, und als +eure Stimmen so innig zusammenklangen – das gab mir den Gnadenstoß. +Bald darauf verlobte ich mich, weil ich mich von allen verlassen +fühlte – aus Trauer – aus Bangigkeit – aus Trotz – ich weiß es nicht +mehr.« + +»Auch aus Trotz?« fragte er. + +»Ja, ja, – o, du darfst mich um des Himmels willen nicht für so gut +halten wie du es tust – ich bin lange nicht so gut, wie du glaubst –« + +»Du?« sagte er langsam, indem er das edle Oval ihres Gesichtes mit +schwärmenden Blicken umschrieb: + + Du bist die Himmelskönigin, + Du bist von dieser Erde nicht. + +Da lachte sie laut auf, und mit warnend erhobenem Finger sang sie: + + Ich bin die Himmelsjungfrau nicht, + Ich bin die Elfenkönigin. + Nimm deine Harf’ und spiel und sing + Und laß dein schönstes Lied erschall’n! + Doch wenn du meine Lippe küßt, + Bist du mir sieben Jahr verfall’n. + +Asmus sprang auf und warf sich auf die Knie: + + Wohl, sieben Jahr zu dienen dir, + O Königin, das schreckt mich kaum! + + Er küßte sie – + +da küßte er sie – + + sie küßte ihn – + +da küßte sie ihn. + +»Kein Vogel singt im Eschenbaum,« rief Asmus, »aber das schadet +nichts; wir können’s ja selbst.« + +Dann sprangen sie auf; Asmus schüttelte seinen Mantel, daß die Flocken +stoben, warf ihn sich um und stürmte im Galopp den abschüssigen Weg +hinab ins dichtere Gehölz hinein, und im Galoppieren sang er laut: + + Sie ritten durch den grünen Wald, + Wie glücklich da der Reimer war! + Sie ritten durch den grünen Wald + Bei Vogelsang und Sonnenschein – + +und als sie ihn einholte und von hinten her die Arme um seinen Hals +schlang, da legte er den Kopf zurück, daß Wange an Wange lag, und +sang: + + Und wenn sie leis am Zügel zog, + Dann klangen hell die Glöckelein. + + + + +LII. Kapitel. + +Hilde verliebt sich in Semper den Älteren, bekennt sich zu Chamisso +und entpuppt sich als eine alte Bekannte. + + +Mit der Bekanntmachung ihrer Verlobung hatten sie es nicht im +geringsten eilig; ob die Welt sie für Brautleute hielt oder nicht, war +ihnen beiden grenzenlos gleichgültig. Aber seinen Eltern wollt’ er’s +nicht länger verbergen, obwohl ihn Zweifel befielen, wie sie es +aufnehmen würden. Eigentlich zweifelte er nur an dem Beifall seiner +Mutter. Ludwig Semper, das wußte er, so leer ihm das Haus ohne seinen +Asmus werden mochte, würde Asmussens Erwählte willkommen heißen, bevor +er sie gesehen; aber Rebekka –? Mütter sind eifersüchtig, und überdies +war er erst 23 Jahre! Sie wird schelten, dachte er. Aber sie schalt +nicht; sie schüttelte nur den Kopf und sagte: »Junge, Junge, du bist +ja noch so jung!« + +»Aber Mutter!« rief Asmus lachend und faßte sie bei beiden Schultern, +»du hast ja auch jung geheiratet!« + +»Ja, das war damals auch ganz anders!« rief sie. + +Ludwig Semper konnte dieser Geschichtsauffassung nicht beipflichten; +er wußte noch, wie junge Herzen schlagen, und sagte, Asmus möge seine +Braut am Sonntag nur mitbringen. + +Und an diesem Sonntag feuchtete er keinen Tabak an und grübelte er +nicht; er hatte seinen guten schwarzen Rock angezogen und ein feines +weißes Tuch umgelegt – denn ein gesteifter Kragen durfte ihm nicht an +den Hals kommen – und ging munter und aufgeräumt im Hause umher, und +wenn er sich allein wußte, sah er mit strahlenden Augen in die Ferne +und summte vor sich hin: »Tränen, vom Freunde getrocknet.« Und als es +hieß: »Sie kommen!« und die Tür aufging und Asmus rief: »Da ist meine +Braut!« da stand Ludwig Semper da wie ein herrlicher, gütiger +Nordlandskönig, dem sein Erbe die junge Königin zuführt; er streckte +seine warme kräftige Hand aus und sagte nichts als: + +»Seien Sie uns herzlich willkommen!« + +Aber als sie sein Lächeln sah, mußte sie ihm entgegenlächeln wie sein +eigenes Kind, war alle Befangenheit von ihr gefallen wie ein Schleier, +wußte sie ganz, daß sie aufgenommen sei in den Frieden des Hauses. +Rebekkas Willkommen war ganz anders. Sie rannte geschäftig hin und her +und bemühte sich um den Gast, als sei er von einer mehrjährigen +Nordpolfahrt heimgekehrt und müsse mit allen erfindbaren Mitteln +aufgetaut, gewärmt, getränkt und gespeist werden. Ein bißchen +Eifersucht saß ihr wohl trotzdem im Herzen; aber schon beim dritten +Besuche Hildens sagte sie ganz von selbst: + +»Du bist ein süßes Geschöpf!« + +Hilde aber sagte schon nach ihrem ersten Besuche auf dem Heimwege zu +Asmus: + +»Du, ich will dich nicht mehr; ich will deinen Vater heiraten.« + +»Nun ja,« sagte Asmus trocken, »sprechen Sie mit meiner Mutter. Sie +ist nun wohl gute vierzig Jahre mit ihm verheiratet und ist mit ihm +nie auf einen grünen Zweig gekommen; aber ich glaube nicht, daß sie +ihn losläßt.« + +»Da hat sie recht,« sprach Hilde, »den gäbe ich auch nicht her.« + +Nach einiger Zeit bat sie um die Erlaubnis, »Vater« und »Mutter« sagen +zu dürfen, und Ludwig und Rebekka waren froh und stolz, zu ihren acht +Kindern noch ein so feines und liebes hinzu zu bekommen. Sie hatten +inzwischen noch eine Tochter bekommen, ohne sie zu kennen. Johannes +Semper hatte aus Amerika geschrieben, daß er dort ein Weib genommen. +Das hatte die Alten gefreut; aber Rebekka hatte dazu geweint und +gesagt: »Nun werden wir ihn wohl nicht wiedersehen.« Asmussen schnitt +es durchs Herz, als er das hörte. + +Bald darauf erfuhr er, warum Hilde sich nach einer Mutter und fast +mehr noch nach einem Vater sehnte. + +Sie sahen sich zwei- oder dreimal die Woche; und wenn sie nicht +spazieren gingen, saßen sie in Hildens Zimmer stundenlang beieinander +und waren plaudernd und schweigend miteinander glücklich. Sie +bereitete vor seinen Augen den Tee und das Abendbrot, und jedesmal war +es ihm, als ob ihre schlanken, weißen und geschickten Hände das +einfache Brot und Fleisch in die erlesensten Leckerbissen verwandle. +Zu Hause aß er wie ein Schulmeister von energischem Appetit; hier +soupierte er bei denselben Speisen wie ein Gourmet. + +In manchen Stunden ergötzte er sich daran, ihr die langen, schweren +Zöpfe aufzulösen, daß das Haar sie bis zu den Hüften wie ein +goldbrauner Mantel umfloß, und im duftig-warmen Schatten ihres Haares +küßte er sie, oder er schmiegte sich eine breite Strähne ihres Haares +um Hals und Wange und las ihr so ein Gedicht vor, daß er ihr +mitgebracht. Selten kam er ohne neue Verse zu ihr, und sie war sein +empfänglichstes und unbestechlichstes Publikum. Wenn er geendet hatte +und sie ihm freundlich zunickte, dann wußte er, daß das eine +vernichtende Kritik war. Wenn ihm etwas Rechtes gelungen war, sah sie +ihn mit großen, ernsten Augen und mit zuckendem Munde an, nahm ihm +leise das Blatt aus der Hand und las es noch einmal. Und dann bedeckte +sie das Blatt mit Küssen, und dann seinen Mund, seine Wangen, seine +Augen mit Küssen, und dann barg sie das Blatt auf ihrer Brust, und er +wußte, daß sie es wochenlang auf ihrem Herzen trug wie ein Amulett, +bis es von einem andern abgelöst ward. + +Manchmal auch sangen sie, einzeln oder zu zweien, und dann sang er die +Oberstimme, und sie sang mit einem vollen weichen Alt die +Begleitstimme; so klang es besser als umgekehrt. Und einmal, als sie +allein sang, sang sie: + + Er, der Herrlichste von allen, + Wie so milde, wie so gut ... + +Als sie geendet hatte, fragte er: »Liebst du das Lied?« + +»Ja. Ich liebe den ganzen Zyklus unbeschreiblich.« + +»Die Verse oder die Musik?« + +»Beides. Aber die Verse noch weit mehr als die Musik. Sie sind nach +meiner Meinung das Schönste, was von der Frau gesungen werden kann.« + +»Ja. Mir scheint auch, er hat die Frau nicht besungen, er hat sie +gesungen. Das Weib, das in diesen Versen dasteht, überragt Gretchen +und Klärchen an Schönheit, Lieblichkeit und Größe; es ist von +klassischer Hoheit, aber es ist nicht antike, es ist deutsche Klassik. +Wir haben überhaupt nur wenig so deutsche Dichter wie diesen +Franzosen. Da fällt mir ein: ich wollte dich immer schon fragen, woher +dein französischer Name stammt.« + +»Meine Urgroßeltern väterlicherseits wohnten im Elsaß.« + +»Ah – daher dein französisches Aussehen.« + +»Hast du’s nicht gern?« + +»Ich glaube, den Beweis erbracht zu haben. Du bringst das Kunststück +fertig, pikant und deutsch zu sein.« Und dann rezitierte er leise: + + Wandle, wandle deine Bahnen; + Nur betrachten deinen Schein, + Nur in Demut ihn betrachten, + Selig nur und traurig sein! + + Höre nicht mein stilles Beten, + Deinem Glücke nur geweiht; + Darfst mich niedre Magd nicht kennen, + Hoher Stern der Herrlichkeit. + + Nur die Würdigste von allen + Soll beglücken deine Wahl, + Und ich will die Hohe segnen, + Segnen viele tausendmal. + +»Heute gibt es nicht wenig Frauen, die darüber lachen und höhnen,« +sprach er. + +»Kann man anders empfinden, wenn man liebt?« fragte sie. »Ich +wenigstens kann mir keine andere Liebe denken.« + +»Und eine Frau, die so empfindet,« fuhr er fort, »wird im Hause des +Mannes die stolzeste der Frauen sein, _sie_ wird der ‘Stern der +Herrlichkeit’ sein, zu dem Mann und Kinder in der Stille ihres Herzen +beten, zu dem sie aufblicken, wenn sie den Glauben an die Welt +verloren haben und wiederfinden möchten.« + +»Muß sie dann nicht eine Heilige sein?« + +»Nein, so wenig wie je ein Mann die Verehrung verdienen kann, die aus +den Frauenliedern Chamissos klingt. Nicht das entscheidet ja, was wir +sind – du lieber Gott, wo bliebe ich! –, sondern wie sehr wir geliebt +werden, das entscheidet. Das ist die Wahrheit des Christentums, daß +uns Liebe erlöst.« + +»Asmus,« rief sie ängstlich, »ich zittere und bange, wenn du mich über +dich erhebst. Wenn du wüßtest, wie wenig ich das verdiene –« + +»Zittere und bange nur,« rief er, »ich habe Mut, wenn ich dich ansehe, +einen Mut, einen Mut –« + +Er riß sie jauchzend an sich und küßte sie, daß sie aufschrie. + +Und einmal, als er so bei ihr saß, in ihrem Nähkästchen kramte und mit +allerlei zierlichen Büchschen und Kästchen spielte, die er darin fand, +holte er einen Glasmarmel daraus hervor, eine durchsichtige Glaskugel, +in der man eine geflügelte Gestalt, eine Fortuna, wie es schien, +erblickte. + +»Sieh da,« sagte er, »genau solch einen Marmel hab’ ich auch einmal +besessen. Eigentlich ein hübsches Symbol, wenn ich es jetzt betrachte. +Die Glücksgöttin nicht über der Welt, sondern in der Welt, sie selbst +nur ein Stück der rollenden Notwendigkeit ...« + +»Ich weiß eigentlich selbst nicht,« sagte sie lächelnd, »warum ich ihn +immer aufgehoben habe. Wenn man solch ein Ding lange bei sich verwahrt +hat, ist es gerade, als hätt’ es ein Recht an uns erworben, und wenn +man es wegwerfen will, ist es, als säh es einen vorwurfsvoll an, und +man kann es nicht aus den Fingern loswerden. Ich hab’ ihn vor vielen +Jahren von einem kleinen Jungen bekommen.« + +Sie sagte das, indem sie sich auf ihre Näharbeit bückte; aber es war +ihr, als zöge eine geheime Kraft ihren Kopf empor, und als sie +aufblickte – wirklich, da starrte Asmus sie an mit einem Blick, der +aus der Ferne einer längst vergangenen Zeit zu kommen schien. + +»Von einem kleinen Jungen hast du ihn bekommen?« sprach er langsam. +»Wann? Wo?« + +»Ja, wenn ich das noch wüßte! – Was hast du? Warum bist du –« + +»Bitte, frag’ mich jetzt nicht – sag’, wann es war und wo?« + +»Ja – zwölf Jahre ist es zum mindesten her – ich weiß nur noch: ich +saß auf der steinernen Treppe vor einer Gastwirtschaft und wartete auf +meinen Vater, der erledigte drinnen ein Geschäft, da kam der kleine +Junge und schenkte mir den Marmel.« + +»Hilde,« rief Asmus mit seltsam leuchtenden Blicken, »sah der Junge +aus wie ein kleiner, dicker Asmus Semper?« + +Hilde starrte ihn sprachlos an. + +»Hilde,« rief er, »du hast einen Onkel in Griechenland –« + +»Ich hatte ihn – er ist tot –« + +»Den nannte man den ‘König der Mainotten’!« + +»Ja!« + +»Hilde! Wir haben uns also vor zwölf Jahren schon gesehen! Der kleine +Junge war ich! Vor zwölf Jahren schon sind wir uns begegnet.« Er war +so bewegt, daß er aufspringen und auf und ab gehen mußte. Und er +erzählte ihr, wie wundersam ihn damals die Begegnung mit dem +lieblichen, traurigen Kinde ergriffen habe, wie er wochenlang fast +täglich nach der Wirtschaft zwischen den Bahndämmen in Oldensund +gelaufen sei, um die »Königin der Mainotten« wiederzufinden – denn sie +hatte erzählt, der Onkel wolle sie zu seiner »Königin« machen – wie er +sie niemals wiedergesehen, aber wie ihre Erscheinung und ihr Wesen ihn +mit einem jahrelang nachleuchtenden, tröstenden Licht erfüllt habe. + +»Hilde! Hilde!« – – + +Und ihr Gespräch ward ein leises, trauliches Fragen und Erzählen; sie +erzählte ihm die Geschichte ihres Lebens. Was sie nicht erzählte, das +ergänzte er sich leicht aus dem Zwange der Tatsachen und aus dem, was +er früher von ihr und von andern gehört. Und immer wieder fühlte Asmus +mit Beschämung, wie sehr ihn von je das Glück begünstigt habe, schon +dadurch, daß er bis heute zwei liebende und geliebte Eltern besessen, +und wieviel mehr der Kraft, des Mutes, der Liebe das Leben von ihr +gefordert hatte als von ihm! + + + + +LIII. Kapitel. + +Enthält die Geschichte Hildens vom Marschall Davoust an bis zu +Fräulein Paulsen. + + +Napoleon und sein Marschall Davoust hatten den Urgroßeltern Hildens +ihr Glück zerstört. Diese hatten zu den 20 000 gehört, die man zu den +Toren Hamburgs in Hunger und Kälte hinausgejagt, und Hildens +Urgroßvater war unter denen gewesen, die auf dem Wege nach Oldensund +zugrunde gegangen. Die seelenstarke Frau hatte selbst den toten +Gatten bis nach Oldensund getragen, und dort hatte er teilgenommen an +jenem ewig klagenden Grabe, das Friedrich Rückert besungen hat. + + Wo finden wir Kost und Kleider, + Wir zwanzigtausend an Zahl? + Die andern schleppten sich weiter, + Wir blieben hier zumal. + + Wir konnten nicht weiter keuchen, + Erschöpft war unsere Kraft: + Frost, Hunger, Elend und Seuchen + Sie haben uns hingerafft. + + Ein ungeheurer Knäuel, + Zwölfhundert oder mehr, + Es zieht sich über den Greuel + Ein dünner Rasen her. + +Über diesen Rasen war Asmus in früher Kindheit spielend +dahingesprungen – wie manchesmal! + +Die arme gute Großmutter, die das Elend der Eltern schaudernd +miterlebt und früh den Gatten verloren hatte, war ein Stern in Hildens +Jugend gewesen. Eine kindlich-fromme Frau, die ihren Glauben nicht als +eine Tugend, sondern als ein Geschenk ihres Heilandes empfand, lehrte +sie ihre Enkelkinder beten und geistliche Lieder singen. Aber nicht +nur geistliche Lieder sang sie, sie sang: + + Ich denk an euch, ihr himmlisch schönen Tage + Der seligen Vergangenheit! + Komm Götterkind, o Phantasie, und trage + Mein sehnend Herz zu seiner Blütezeit! + +und sobald sie das sang, stand die kleine großäugige Hilde an ihren +Knien und trank ihr das Lied von den Lippen, und sie wußte, wenn die +Großmutter das sang, dann erzählte sie auch bald von der Franzosenzeit +und von lieben Toten. Unter dem Herzen dieser Frau hatte Hildens +Mutter gelegen, und die grenzenlose Güte dieses Herzens war auf die +Tochter übergegangen, nicht aber seine Festigkeit und Stärke. Hildens +Mutter gehörte zu jenen Menschen, die aus Gutmütigkeit heiraten können +und ihr Mitgefühl mit dem Werbenden für Liebe nehmen. Sie war wehrlos +in der Hand ihres Mannes. + +Dieser Mann war der schwere, ewig lastende Schatten in Hildens +Kindheit. Er war ein Selbstling von jener Art, die in Gegenwart eines +vor Hunger Sterbenden einen Kapaun mit Genuß verzehren kann, die +vielleicht ein Stückchen hergeben würde, wenn man sie daran erinnerte, +aber nie von selbst auf diesen Gedanken verfällt. Als »Kaufmann« – er +vertrieb als eine Art Stadtreisender allerlei Dinge für andere +Geschäfte – dejeunierte, dinierte und soupierte er in besseren +Restaurants und empfand es wie eine Niedertracht von seiner Frau, daß +sie immer wieder Mittel für den Haushalt verlangte. Die wenigen Bissen +aber, die er den Seinen hinwarf, würzte er ihnen mit hämischen, +kränkenden Reden, und wenn er vollends angetrunken nach Hause kam, +dann konnte er stundenlang immer in derselben Sofaecke sitzen und +immer dieselben peinigenden Bosheiten wiederholen. + +Es war ein schlimmer, schlimmer Tag gewesen, als aus diesem Hause die +Großmutter für immer geschieden war. Und nicht zu mahnen brauchte man +die Kleine, daß sie hingehe und die Blumen auf dem Grabe der +Heimgegangenen begieße! An jedem Tage der milderen Jahreszeit machte +sie sich unaufgefordert auf den Weg nach dem Friedhof. Und wenn sie +ihr frommes Werk getan hatte, setzte sie sich auf das Gitter des +Grabes und dachte daran, wie schön die Großmutter gesungen hatte: + + Umglänze mich, du Unschuld früher Jahre, + Du mein verlor’nes Paradies! + Du süße Hoffnung, die mir bis zur Bahre + Nur Sonnenschein und Blumenwege wies. + +Und bei dem Wort »Bahre« sah sie immer die Großmutter auf der Bahre +liegen, und dann mußte sie weinen. – Neben der Großmutter lag auch die +Tante Romona, die wunderschöne Spanierin Romona Viego, die mit 24 +Jahren schon acht Kinder gehabt hatte, und das jüngste lag ihr im Arm. +Das war eine gefeierte Sängerin gewesen, und als die kleine Hilde +einmal die herrliche Frau gesehen hatte, auf dem Divan liegend, ganz +in weißen Gewändern und eine Zigarette rauchend, da war sie ihr als +die oberste und heiligste aller Frauen erschienen. Das Grab der Tante +Romona pflegte sie auch, und dann wandelte sie oft stundenlang +zwischen den Hügeln des Friedhofes schauend und sinnend umher und +fühlte sich heimischer als in der Gegenwart ihres Vaters. + +Zwischen diesem Manne und seiner ältesten Tochter war ein Gegensatz +von Ewigkeiten her. Ihr Wesen war von jenem Adel getragen, dem am +letzten Ende doch mit aller Brutalität nicht beizukommen ist, der wie +eine uneinnehmbare innere Festung das Herz umgibt. Das aber ärgerte +ihn, reizte ihn, und er schalt sie hochmütig, übergeschnappt und +verhöhnte ihren regen Bildungstrieb. Sie duldete tapfer an der Seite +ihrer Mutter und half ihr heimlich, soviel sie konnte, in ihren +Ängsten und Nöten. Ihrem stolzen, wahrheitsliebenden Wesen war alle +Heimlichkeit zuwider; aber sie begriff, daß es gegen einen gemeinsamen +Feind zusammenzustehen galt. Und sie fürchtete ihn; er hatte sie +wiederholt geschlagen. Einmal hatte er sie geschlagen, als sie bis +spät in die Nacht das Haus hatte hüten müssen und eingeschlafen und +durch langes Klopfen und Rütteln an der geschlossenen Haustür nicht zu +erwecken gewesen war. Da, als sie wieder einhüten sollte und der Vater +ihr streng befohlen hatte, weder zu schlafen noch sich einzuschließen, +setzte sie sich an die Haustür, lehnte den Kopf dagegen und schlief +beruhigt ein. Wenn die Haustür aufging, mußte sie ihren Kopf treffen, +und dann mußte sie sicher erwachen. Als die Eltern sie so fanden, +erklärte die Mutter, daß sie nicht wieder ausgehen werde, wenn das +Kind nicht zu Bett gehen dürfe, was ihrem Gatten zu sehr ausgedehnten +und sehr ironischen Bemerkungen Anlaß gab. + +Nur nach langen Kämpfen und unter verletzend spöttischen Glossen hatte +er zugegeben, daß Hilde dem dringenden Rat ihrer Lehrer folge und ins +Präparandeum eintrete. Und bald nachdem dies geschehen, hatte er +seine Familie verlassen. Er gab ihnen keinen Pfennig zu ihrem +Unterhalt; aber dennoch wünschten sie ihn nicht zurück; trotz allem +Mangel und aller Sorge schien es ihnen, als wäre der Himmel heiterer +geworden. Mit treu vereinten Kräften schlugen sie sich durch. Aber +dann wurde die Mutter krank und kränker, und endlich lag sie ein +ganzes Jahr lang auf dem Schmerzenslager. Nun mußten sie den Gatten +und Vater doch an seine Pflicht gemahnen, und auf Mahnen und Drängen +kam er ihr halbwegs und mit Verwünschungen nach. Hätte Hilde nicht +eine Freundin gehabt, die ihr oft geholfen, so hätte sie das Seminar +verlassen und einen Dienst annehmen müssen. Aber es kam der Tag, da +sie mit drei kleineren Geschwistern am Sarge der Mutter stand. Da +plötzlich erschien auch eine Tante mit ihren Töchtern und mit +Trauerkränzen, und siehe, sie erhoben ein mehrstimmiges, schallendes +Klagegeheul. + +»Geht hinaus!« sagte Hilde. + +Die Tante glaubte nicht recht zu hören. + +»Drei Jahre hat sie gelitten, und Ihr habt Euch nicht um sie und nicht +um ihre Kinder gekümmert. Geht hinaus und nehmt Eure Kränze mit.« + +Und die Klageweiber schlichen betreten mit ihren Kränzen davon. + +Ein Bruder ihrer Mutter gab ihnen nun das Notdürftigste zum Leben. Die +Verstorbene hatte immer darauf gehalten, daß ihre Kinder, wenn es +irgend zu erschwingen war, am Sonntag einen Kuchen bekämen. Und eines +Sonntags kaufte Hilde ihren Geschwistern für wenige Pfennige ein paar +Kuchen, weil sie die verlangenden Blicke der Kleinen nicht ertragen +konnte. Das hörte der Onkel und überhäufte sie mit Vorwürfen, daß sie +nichts verdiene und fremdes Geld noch obendrein vergeude. Da beschloß +sie, ein Ende zu machen. Sie ging zum Armenpfleger und sorgte dafür, +daß ihre Geschwister bei wackeren Leuten ihrer Bekanntschaft +untergebracht würden. Und dann ging sie zum Seminardirektor, um ihren +Austritt aus dem Seminar anzumelden. Sie wollte einen Dienst annehmen, +und wenn es der niedrigste wäre. Nur nicht mehr von der Gnade der +Menschen abhängen! + +Herr Direktor #Dr.# Korn war noch im Schlafrock und Pantoffeln; aber +er dachte nicht daran, diese Toilette einer jungen Dame wegen zu +ändern. + +»Was wünschen Se?« fragte er unwirsch. + +Sie erklärte, daß sie auszutreten wünsche. + +Er starrte sie an und sagte: »Se sind wohl nicht recht jescheit. +Jetzt, wo Se ’n halbes Jahr vor der Prüfung stehen?« + +Sie erklärte ihm, daß sie müsse und warum sie müsse. + +»Hm. Und wat woll’n Se denn jetzt anfangen?« + +»Irgendeinen Dienst annehmen.« + +»I Jott bewahre. Det jiebt’s nich. Wir lassen Se nich los. Wir jeben +Ihnen in einem unserer Schulhäuser ’ne Wohnung, umsonst, mit Feurung. +Für’s Essen wird sich auch Rat finden. Und vielleicht läßt sich auch +noch irgendwo ’n kleines Stipendium losmachen.« + +Hilde hatte Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken. + +»Also austreten is nich. Det schlagen S’ sick man aus’m Kopf.« + +»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Direktor,« stotterte +Hilde. + +»Is auch jar nich nötig. Halten Se man’n Kopf hoch.« + +»Vielen, vielen Dank, Herr Direktor.« + +»Bitte« sagte Korn _nicht_; all dergleichen Überflüssigkeiten +verachtete er. + +So war nun der äußersten Not gewehrt, aber freilich nur der äußersten. +Wohl hatte sie sechs Freitische: aber die Woche hatte noch immer +sieben Tage, und auch am Morgen und am Abend empfindet der Mensch ein +Bedürfnis nach Nahrung. Damit nun ihre Mitschülerinnen nicht auf den +Gedanken verfielen, daß sie nichts zu essen habe, versagte sie sich +das Abendbrot: dann hatte sie ein paar Groschen für ein Frühstück. +Auch war es für ein siebzehnjähriges Mädchen ein unheimliches Wohnen +hoch oben in dem verlassenen Schulhause, und in verzweifelten +Augenblicken flüchtete sie sich in den Keller, an den Herd der +Schuldienerfamilie. Aber es kam die Prüfung, die sie mit Auszeichnung +bestand, und mit ihr kam das befreiende Gehalt von achthundert Mark +#pro anno#. Als sie die erste Vierteljahrsrate empfangen hatte, zahlte +sie zunächst alle ihre Schulden, und dann ging sie hin und kaufte für +die Schuldienerfrau ein Geschenk, weil sie der Meinung war, daß man +erwiesene Freundlichkeiten vergelten müsse, sobald man die Mittel dazu +habe. Ihre Sympathie mit Ludwig Semper war nicht ohne einen tiefen +Grund. + +Inzwischen aber war der reiche Onkel in Griechenland gestorben, der +Besitzer großer Marmorbrüche, der »König der Mainotten«, der einmal +gesagt hatte, wenn Hilde groß sei, solle sie seine Königin werden. Wie +ein Meteor war er damals aufgetaucht und verschwunden. Nun war er tot, +und alle Verwandten reisten nach Griechenland, um die Erbschaft in +Empfang zu nehmen, nur die Chavonnes nicht; denn die hatten kein Geld +zum Reisen. Und nach einiger Zeit hieß es, die Chavonnes seien bei der +Erbschaft ausgefallen, der Onkel habe sie in seinem Testament nicht +bedacht. Um ihrer Geschwister willen ging Hilde zu einem Anwalt, und +der erklärte, wenn man viel Geld habe, könne man nach Griechenland +prozessieren. »Das haben wir nicht,« sagte Hilde und ging mit dem +ruhigsten Herzen von der Welt von dannen. Sie war ja imstande, sich +selbst zu helfen; ihre Schwestern hatten ihr Auskommen, und ihren +Bruder, der ein Handwerk lernte, konnte sie immerhin mit Taschengeld +versorgen. In solcher Vermögenslage sich mit den Verwandten um Geld +schlagen? Wozu? + +Auch bekam sie ja Privatstunden, mehrere Privatstunden an der Schule +einer unglaublich frommen Schulvorsteherin. Aber Hilde hatte nicht +mehr die Frömmigkeit der Großmutter; eine andere Frömmigkeit war in +ihr emporgewachsen. Und als die gute alte Dame, die die junge Lehrerin +ob ihres Wissens und ihres Lehrgeschicks nicht genug rühmen konnte, +ihr auch den Geschichtsunterricht übertragen wollte, da lehnte sie ab. + +»Das kann ich nicht,« sagte sie. »Ich habe gehört, wie Sie +den Geschichtsunterricht erteilen. Sie geben einen frommen +Geschichtsunterricht; überall sehen Sie Gottes Fügung. Das – das kann +ich nicht. Wenigstens _so_ nicht.« + +Da sah das kleine alte Fräulein Paulsen geraden Blickes hinauf in +Hilde Chavonnes weit offene, dunkelleuchtende Augen und sagte: »Geben +Sie nur ruhig den Geschichtsunterricht. Was Sie tun, kann nicht +schlecht sein.« + + + + +LIV. Kapitel. + +Asmus ringt mit höheren Töchtern und besteht ein schweres Examen nur +mangelhaft. + + +Als Hilde geendet hatte, ergriff Asmus leise ihre Hand und bedeckte +sie mit langen, andächtigen Küssen. Das viele Leid, das sie erlitten, +hatte sie ihm zwiefach geheiligt. Er unterschied sich insofern gewiß +nicht von anderen Menschen, als ihm Geld und Gut keineswegs zu den +unnötigen und unerfreulichen Dingen gehörten; aber doch schien es ihm, +daß er dies Mädchen um seiner Armut und seiner Kämpfe willen nun +doppelt und dreifach liebe. Auch war die Armut etwas, das nun mit +jedem Tage mehr schwinden mußte. Nächste Ostern bekam er schon 1600 +Mark Gehalt; dann wollten sie heiraten. + +»Was? Ostern wollt ihr schon heiraten?« rief Frau Rebekka. + +»Bald nach Ostern, ja.« + +Das schien gar nicht nach Rebekkens Sinne zu sein. + +»Ich laß euch deshalb ja nicht im Stich,« sagte Asmus. »Hab’ deshalb +nur keine Sorge.« Von den 1600 Mark und von den 200 Mark, die er mit +Privatstunden verdiente, konnte er seinen Eltern ja leicht noch +abgeben, ohne daß er und sein Weib Mangel litten. + +Die 200 Mark waren allerdings ein hartes Brot. Wenn er in seiner +Schule fertig war, hastete er nach einer »Höheren Töchterschule«, um +dort im Singen und im deutschen Aufsatz zu unterrichten. Es waren +richtige »höhere« Töchter, das heißt sie hatten das Bewußtsein, zu den +höheren Dingen zu gehören. In den sogenannten besseren Hamburger +Familien ist der Klassendünkel nicht selten bis zur vollkommenen +Verblendung entwickelt, und dieser traditionelle Geist oder Ungeist +überträgt sich auf die Kinder. Es waren wohl liebe und gescheite +Mädchen darunter; eine große Anzahl aber ging von dem Grundsatze aus: +»Wie kämen wir dazu, zu antworten und uns anzustrengen; unser Vater +bezahlt ja.« Asmus kam bald dahinter, daß seine Meinung, die +wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« Familien zu unterrichten und +zu erziehen, sei keine Kunst, ein ganz erheblicher Irrtum gewesen war. +Im Gegenteil; er stieß hier gelegentlich auf raffinierte +Niederträchtigkeiten und herzlose Tücken, die weit betrübender und +hoffnungsloser waren als die Roheiten seiner Schüler aus der +Hafengegend. Dazu waren die Machtmittel des Lehrers hier geringer. +Einen Lümmel unter den Jungen nahm man, wenn’s not tat, beim Ohr oder +versetzte ihm eine Ohrfeige – er hielt den Körper eines Schlingels +nicht für unantastbar und erinnerte sich sehr gut, daß manche der +Schläge, die er als Junge empfangen, ebenso begründet als nützlich +gewesen waren – aber dergleichen Mittel waren bei Mädchen freilich +ausgeschlossen. Obendrein standen die meisten seiner Schülerinnen im +zwölften oder dreizehnten Lebensjahre, das will sagen: in den +weiblichen Flegeljahren. Er bemühte sich, seinen Unterricht so +anziehend wie möglich zu gestalten; aber eine ganze Reihe dieser Damen +war gleichwohl von der Existenzberechtigung eines Lehrers nicht zu +überzeugen. Endlich fand er dennoch ein Mittel, sie zu bändigen. Wenn +eine sich mit besonderer Wohligkeit auf den passiven Widerstand +verlegte, so las er einfach der Klasse ihren Aufsatz vor. Das half. +Wenn er las: + +»Antigone hatte sich an dem zarten Bande ihres Schleiers +emporgeknüpft,« oder »Schiller setzte dem wackeren Pfarrer Moser in +seinen »Räubern« ein Denkmal, indem er den Räuberhauptmann nach ihm +benannte,« oder »Er konnte den unbequemen Laut seines Innern nicht zum +Schweigen bringen«; und wenn dann alles in stürmische Heiterkeit +ausbrach (auch die, die Schlimmeres geschrieben hatten), dann fühlten +sie doch etwas wie das Walten einer Nemesis. Asmus hatte entdeckt, daß +die weibliche Seele außerordentlich empfindlich ist gegen den Spott, +und von nun an brauchte er nur zu sagen: + +»Bertha Klapp, ich werde nächstens wieder einen Aufsatz vorlesen –« +dann wurde Bertha ohne weiteres umgänglich. + +Von solchen und anderen Strapazen erholte er sich, indem er sich unter +Hildens Oberaufsicht zum zweiten Examen vorbereitete, zu jenem Examen, +das die feste Anstellung gewährleistete. Es war die lustigste und +erfrischendste Büffelei von der Welt. Sie pilgerten hinaus in jenen +anmutigen Garten »Zum Morgenstern«, wo sie sich um Erika und Calluna +gestritten hatten, setzten sich in eine Laube und tranken Kaffee. Dann +gab er ihr den betreffenden Schmöker in die Hand, und sie fragte ihn +mit redlichem Eifer, was darin stand. Es war eine der schwersten +Prüfungen, die man sich denken kann, viel schwerer als die +gewöhnlichen; denn gewöhnlich haben die Examinatoren nicht solche +Augen, solche Nase, solche Wangen, solchen Mund, solches Haar, solche +Stimme! Eine Stunde wohl und länger gab er ihr treulich auf alles +Bescheid, bis ihm die Sache doch zu unnatürlich wurde. + +»Einen Schluß nach Celarent,« verlangte sie von ihm. + +»Einen Schluß nach Celarent? #Bon!#« + +Kein Weib ist schön (nach Schopenhauer)! + +Alle Hilden sind Weiber. + +Also keine Hilde ist schön.« + +Sie drohte mit dem Finger. »Herr Semper? Ich werde Sie durchfallen +lassen!« + +»Ach bitte, Herr Professor, lassen Sie mich nicht durchfallen, ich +möchte so gern heiraten!« + +»Haha, heiraten wollen Sie? Wen denn?« + +»Ein entzückendes, ein wonniges, ach Gott, ein – Sie haben ja keine +Ahnung, Herr Professor. Erlauben Sie, daß ich Sie küsse –« + +»Was fällt Ihnen ein!« Sie stieß ihn auf seinen Platz zurück. »Bilden +Sie einen Schluß nach Darii!« + +»Nach Darii? Wie Sie wollen. + +Alle Basen färben rotes Lackmuspapier blau. + +Hilde ist eine Base. + +Also färbt Hilde rotes Lackmuspapier blau.« + +Dann sah sie wohl ein, daß mit ihm nichts mehr anzufangen sei; sie +klappte lachend das Buch zusammen und schlug ihm damit auf die Finger. + +»Lieber, süßer Professor,« rief er, »die Logik, die Sie mir da +abfragen, ist ja der gottvergessenste formalistische Quatsch, ist ja +das blankste scholastische Blech von der Welt! Bevor ich etwas davon +wußte, hab’ ich genau so konsequent gedacht wie jetzt, oder +konsequenter. Ach bitte, Herr Professor, tun Sie Ihr Täschchen auf und +geben Sie mir vom Brote des Lebens.« + +Dann verzehrten sie den Proviant, den Hilde mitgebracht und den sie +mit gewohnter Delikatesse bereitet hatte; er ließ es sich mit Ausdauer +schmecken und meinte: »Die Brotgelehrten haben doch nicht so ganz +unrecht.« + +Zu solchen Stunden brachte er wohl auch trotz aller Examenbüffelei ein +Gedicht mit, und eines Tages brachte er ihr eins, das eine +»hartnäckige Liebe« besang. + + Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht. + Er rettete damals die beiden Dänen, + Ihr wißt wohl – es wollte keiner dran – + Er riß sie dem blanken Hans aus den Zähnen. + + Nun war da die Antje Nissen – ei ja, + Die mochte dem starken Jan wohl taugen! + Schmuck war sie, alles was recht ist – man bloß: + Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen. + + Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts. + Und so freit’ er um Antje. Sie ziert’ sich nicht lange + Und sagte Ja und ward seine Braut. + Aber als sie’s war, da ward ihm doch bange. + + Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg! + Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen, + Dann ist die Hochzeit. Sie läßt mich nicht los. + Aber sie ist ein Stachelrochen. + + Da – denkt euch – da kommt ihm Hilf’ in der Not! + Bei Südsüdost wird Jan Reimers verschlagen – + Er rennt auf die Klippen – das Schiff zerkracht – + Eine Planke hat ihn nach England getragen. + + Sein erster Gedanke war: »Jung, wat’n Glück, + Nu bin ick verschollen! Das ’s Gottes Wille!« + Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag + Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille. + + Sein Ewer freilich war Grus und Mus. + »Na ja,« denkt Jan, »wat is dor Slimm’s bi! + Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.« + Und er lebte drei Jahre vergnügt in Grimsby. + + Aber die Welt ist ein Rattenloch. + Ein Landsmann muß ihn gesehen haben. – + Jan bummelt am Hafen, die Fäust’ in der Tasch’, + Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben – + + Da hört er plötzlich – ihm schießt’s in die Knie – + Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme: + »Jan Reimers! Jan Reimers!« Ihm war’s als rief + Des jüngsten Tages Posaun’ ihn mit Grimme! + + Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub! + Da ruft Antje Nissen: »Du solltest dich schämen! + Nun tu’ doch nicht so, als wenn du nicht hörst. + Du Feigling, du!« + Da mußt’ er sie nehmen. + +Sie lachte, als er geendet hatte, und dann nahm er noch einmal das +Blatt und schrieb mit Bleistift oben über das Gedicht: + + »Meiner Antje Nissen + In Schauern der Ehrfurcht gewidmet.« + +Da lachte sie noch herzlicher, und ihr Lachen führte immer unfehlbar +zum Küssen. Vom Küssen kamen sie dann wieder ins Lachen, kurz, es war +der alte wohlbekannte #circulus vitiosus# der ja in der Logik eine +wichtige Rolle spielt. + +Es kann nicht von allen Szenen dieser Art berichtet werden, um so +weniger, als sie für den älteren Leser eher ärgerlich als unterhaltend +sind. Nur so viel sei gesagt: Sie liebten sich so zärtlich, daß sie +die zärtlichen Worte und Kosenamen unseres Sprachschatzes längst +verbraucht hatten und, wenn sie ihre ganze Liebe in ein recht von +Grund aus erschöpfendes Wort pressen wollten, zu Injurien greifen +mußten. Wenn er sie zu hart angefaßt hatte, rief sie mit einem +goldenen Lachen in den Augen: »Du Gassenjunge du, du Rowdy!« und er +flüsterte mit überquellendem Jubel: »Du Hexe du, du Teufelsweib!« und +meistens, wenn sie dergleichen gesagt hatten, kam gerade der Kellner. +Asmus Semper war damals noch recht unbekannt, sonst würde gewiß eines +Tages in den Zeitungen gestanden haben, daß er und seine Braut sich +»Hexe« und »Gassenjunge« schimpften. + +Wenn sie dann nach der hochnotpeinlichen Prüfung an die Elbe +hinunterwanderten, sich in den Sand streckten und die Schiffe kommen +und gehen sahen, wenn Hilde heimlich herbeischlich, ihr Gesicht leise +über das seine neigte und ihn küßte, wenn dann alles Glück der +Kindheitserinnerung mit dem Glück der Gegenwart in Asmussens Herzen +zusammenschmolz, dann mußte er laut oder schweigend ein Dankgebet +sprechen. Er, dem in trüben und schweren Tagen nie der Gedanke an +einen persönlichen, väterlich waltenden Gott kam, in Augenblicken +überwältigenden Glückes hatte er das Bedürfnis nach irgendeinem Wesen, +dem er danken könne, und unter Lachen und Tränen rief er stumm oder +mit lautem Jubel in den Himmel hinauf: »Herrgott, du verwöhnst mich, +du verwöhnst mich entschieden! Lieber Gott, laß mich nicht ersticken +in meinem Glück!« + + + + +LV. Kapitel. + +Zeichnet sich durch Kürze aus, die aber nicht Schuld des Verfassers +ist. + + +Nach dem zweiten Examen wollte Murow, der Seminardirektor, ihn an die +Seminarschule ziehen. Aber Asmus lehnte abermals dankend ab. + +Und bald darauf machten die beiden sich auf, eine Wohnung zu suchen. +In einer westlichen Vorstadt Hamburgs, in einem Hinterhäuschen, fanden +sie zwei Zimmer, eine Kammer und eine Küche. Als sie diese Räume +sahen, waren sie mit einem einzigen Blicke einverstanden: Hier kann +das Glück wohnen. Als Asmus dem Hauswirt den »Gottespfennig« in die +Hand drückte, war der erstaunt über die Größe des Geldstücks. Es war +ein Taler. Heute konnte Asmus es sich leisten, Grundeigentümer zu +beschenken. Er war dem Manne so dankbar, daß er ihm die reizende +Wohnung abgelassen hatte! + +Als er aber für einen Aufsatz, den er in einer Zeitschrift +veröffentlicht hatte, ein ansehnliches Honorar empfangen hatte, +schenkte er der Geliebten ein Kleid von weißer Seide, und ihre +Kolleginnen und Freundinnen schenkten ihr dazu einen Einsatz von +köstlicher Stickerei. Wie eine Königin sollte sie aussehen. + +Die Ausstattung der künftigen Wohnung war ein ununterbrochenes Fest. +Jeder Stuhl und jedes Kissen war eine Freude für sich, und wenn sie +ein Dutzend Teller kauften, so waren es zwölf Freuden auf einmal. Als +aber am Abend vor der Hochzeit die Freundinnen zu Hilden in das +künftige Heim kamen, um die letzte Hand an den Brautputz zu legen, +siehe, da hatte der treuherzige Handwerksmann die längst versprochenen +Sitzmöbel noch immer nicht geliefert. Kurz entschlossen setzten sich +die Mädchen in einem Kreis um Hilden herum auf den Fußboden und +durchflochten ihr heiteres Werk mit Lachen und Singen. + +In einem Gartenlokal am Elbufer sollte die Hochzeit gefeiert werden. +Nicht umsonst zog es ihn in heiligen Tagen seines Lebens immer wieder +an diesen Strom; auf seinen Fluten war die Seele des Knaben und des +Jünglings von je in alle Fernen der Hoffnung gewandert. + +Mit Wolken und leisem Regen begann der Hochzeitstag, und auch, als sie +aus dem Wagen stiegen, regnete es ein wenig. »Es regnet in die +Brautkrone,« sagte eine abergläubische Verwandte, »das bedeutet +Glück«. Und dann ward es ein stiller, wolkenloser, in seiner eigenen +Schönheit seliger Maientag. + +Ludwig Semper und Goers der Riese waren Trauzeugen gewesen, und als +nun Goers, der Gütige, sich zu einem Trinkspruch auf das Brautpaar +erhob und ihm aus treuem, lauterem Herzen eine Schar von blühenden +Kindern wünschte, da errötete Hilde wohl, aber nicht in Unwillen, +sondern in einem wirbelnden Gefühl von Scham und Glück. + +Und als sie noch beim bescheidenen Mahle saßen, erklang plötzlich ein +langer, sanfter Geigenton; die Türen des kleinen Saales taten sich +auf, wie von Geisterhand geöffnet, und von einem feinen und sauberen +Streichquartett klang es herein: + + Treulich geführt, ziehet dahin, + Wo euch der Segen der Liebe bewahr’! + Siegreicher Mut, Minnegewinn + Eint euch in Treue zum seligsten Paar. + +Und am Pulte des ersten Geigers saß niemand anders als Morieux. + +Asmus war aufs freudigste ergriffen von diesem zarten Geschenk; die +Streicher wurden im Triumph an den Tisch geholt, und als alle genug +gegessen und getrunken hatten, erhob man sich zum Tanz. Asmus und +Hilde aber bestiegen den lange schon wartenden Wagen zur +Hochzeitsreise nach dem Hinterhäuschen in der westlichen Vorstadt. + +Als sie an seinem Elternhause vorüberfuhren, neigte er sich ans +Wagenfenster und sah so lange hinaus, bis das Haus seinen Blicken +entschwunden war. In diesem Augenblick fuhr ihm wie ein Blitz ein +künftiges Gedicht durchs Herz, und einige Tage später schrieb er es +auf. + + _Am Hochzeitstage._ + + Laut rollt der Hochzeitswagen durch die Gasse. + Wir ruhen drin, zu stillem Glück geeint. + Sieh, wie die Sonne glänzt durch Regenwolken: + Die Hoffnung lacht – und die Erinn’rung weint. + + So ist’s ein Fest der Wonne wie der Trauer. + Ich fühl’s, da neue Liebe mich beglückt, + Wie lang genoss’ne, unvergoltne Liebe + Mit schwerem Vorwurf meine Seele drückt. + + Der Eltern denk’ ich, der verlass’nen, alten, + Und während mich dein Zauber sanft umgibt, + Erfaßt es mich mit wehmutsvoller Mahnung, + Wie zärtlich sie mich je und je geliebt. + + Sie ließen mich den Traum der Jugend träumen, + Leicht schlug mein Herz! – ihr Haupt war sorgenschwer. + So zweifle nicht, wenn sich mein Auge feuchtet. + Der Sommer prangt; ein Frühling kommt nicht mehr. + + Wie rasch der Wagen rollt! Wir fliegen selig + Und zukunftstrunken in die Welt hinaus. + Euch Sternen meiner Jugend send’ ich Grüße + Ins abendrotumkränzte, stille Haus. + + Verzeiht dem heißen Drang der jungen Seelen, + Der euch des vielgeliebten Sohns beraubt. + Unsterbliches Gedächtnis eurer Liebe + Und Segen über euer greises Haupt! + + + + +LVI. Kapitel. + +Ein längeres Kapitel, weil darin von einem Leuchtturm, einer +Nachtigall, einem Kinde, einem Rosenberg und von noch einem Kinde +berichtet werden muß. + + +Wenn Semper der Ehemann sich einen neuen, herzerquickenden Kunstgenuß +bereiten wollte, dann lustwandelte er durch seine zwei Stuben, seine +eine Kammer und seine Küche. Sie schimmerten und flimmerten, daß er +sich nicht satt schauen konnte, und der phantasievolle Schloßherr der +bayrischen Königsschlösser konnte mit seinen ungezählten Millionen +keine tiefere Befriedigung gewonnen haben als der junge Schloßherr in +der westlichen Vorstadt. Als Knabe hatte er einst geträumt, wenn er +reich werde, wolle er sich ein großes Schloß bauen mit hohen +Bogenfenstern und Marmorsäulen und Marmortreppen. Das war nun +Wirklichkeit geworden, ohne Marmor und Bogenfenster, und doch alle +Luftschlösser übertreffend. Wenn er auf dem Sofa lag und die Blicke +über Wand und Decke, Schrank und Bücherbrett wandern ließ, und wenn er +sich dann den ärmlichen Hausrat des Elternhauses vorstellte, dann +dachte er: ich bin ein Emporkömmling; mit rasender Geschwindigkeit bin +ich emporgekommen. Er erinnerte sich, gelesen zu haben, daß innerhalb +desselben Geschlechtes nach einem Aufstieg mit einer gewissen +Regelmäßigkeit eine »Decadence« der folgenden Generationen eintrete, +und mit Wehmut erfüllte ihn der Gedanke, daß spätere Nachkommen von +ihm gezwungen sein könnten, diese strahlende Höhe wieder zu verlassen. +Er wußte freilich noch gar nicht, ob er überhaupt Nachkommen haben +werde. + +Nun war aber an seiner ganzen Wohnstatt ganz gewiß nichts Kostbares im +alltäglichen Sinne, und manche Frau trug in einem Ohrläppchen ein weit +größeres Vermögen, als dieses ganze Schmuckkästchen mit allem, was +darin war, gekostet hatte. Was dieser Heimstatt für die Seele des +jungen Mannes den unnennbaren Glanz gab, das war sein Glück; was ihr +aber auch für das Auge Schönheit verlieh, das war Hildens Hand. Nicht +umsonst war sie die Jahre hindurch, als die Mutter krank lag, das +alles umsorgende, alle betreuende Hausmütterchen gewesen. Und die +Mutter war wie die Mutter des Goetheschen Gretchens gewesen. »Bei der +Frau Chavonne kann man vom Fußboden essen,« hatte es bei den +Nachbarinnen geheißen, und Nachbarinnen sind streng. Diese Tradition +hielt Hilde aufrecht. Und wie es nun einmal wahr ist, daß die Grazien +den, den sie lieben, in keiner Lage und zu keiner Stunde verlassen, +so blieb ihre Anmut ihr auch bei den gröbsten Verrichtungen treu. Und +sie durfte vor grober Arbeit nicht zurückscheuen; denn fremde Dienste +konnten sich die jungen Semper nur als seltene Aushilfe gestatten. +Aber sie dachte auch nicht daran, vor irgendeiner Arbeit +zurückzuschrecken; in lächelnder Ruhe stand sie über jedem +beschränkten Hochmut. Arbeit hatte sie geadelt, und sie adelte die +Arbeit. + +Und wenn man nun bedenkt, daß jeden Abend, wenn sie zur Ruhe gegangen, +die Nachtigall in ihr Geplauder, in ihre Träume, in ihren ersten +Schlummer sang! Hinter den Fenstern ihres Schlafgemaches standen +blühende Apfelbäume und andere Bäume, auch ein Goldregen, dessen +Blüten herabhingen wie goldene Lampen in einem dämmergrünen Dom. Und +aus einem der Bäume sang Abend für Abend die Nachtigall. Mitten in +ihrem Liebesgeplauder verstummten sie oft entzückt und sagten: »Hör’ +nur – hör’ nur!« Ja, oft horchten sie fast erschrocken auf; denn es +hatte geklungen wie eines Menschen weinende, schwellende, verhauchende +Klage; dann wieder war es wie ein plätschernder Quell, durch den das +Mondlicht glänzt. Alle Vögel haben ihre wiederkehrende Weise, dachte +Asmus; nur sie hat immer neue Weisen; nie singt sie zweimal dasselbe; +sie ist das Genie, dem die Welt immer neu erscheint, das immer Neues +erkennt und Neues singt. Aller Vogelgesang ist lieblich; aber sie +allein hat Kraft und Milde, sie allein hat Lust und Tiefe zugleich. +Darum ist sie die Sängerin der Liebenden. Denn mit Sinnenkraft und +Herzensmilde die Welt ergreifen, von höchster Geisteswonne bis zu +tiefen Zuges trinkender Sinnlichkeit die Welt ausmessen: das ist +Liebe. »Horch,« sagte Asmus, »wie langsam und klagend sie auch ihr +Lied beginnen mag, immer endet sie mit jubelndem Geschmetter. Sie ist +eine Optimistin; sie glaubt an das Leben. Glaubst du auch daran?« + +Ja, wenn sie bei ihm war, glaubte sie daran; wenn sie allein war, +konnte sie noch immer nicht fassen, daß das Leben nicht mehr ihr Feind +sei. Sie konnte noch immer dem neuen Gesicht des Lebens nicht trauen; +ihr Vertrauen war in einem langen Winter bis auf den Grund gefroren, +und jahrelangen Sonnenscheins bedurfte es, diesen See wieder bis zum +Grunde zu erwärmen. + +Noch blieb ihnen die Sonne treu. Herrgott, wie es sich arbeitete in +diesen ewig sonntäglichen Räumen! Und als er eines Mittags aus der +Schule kam, sah er es Hildens Gesicht an, daß etwas Gutes passiert +sei. + +»Wieviel erwartest du noch vom »Leuchtturm«? fragte sie gespannt. + +»Fünfundsiebzig Mark.« + +»Er schickt hundert!« Asmus riß den Begleitbrief auf und las: »Es +entfallen auf Ihren Beitrag eigentlich nur fünfundsiebzig Mark; aber +wir schicken Ihnen mit Vergnügen hundert, wenn Sie uns bald wieder +bedenken wollen.« Er schlang Hilden den Arm um die Taille und tanzte +mit ihr durchs Zimmer. In solchen Augenblicken tanzte er sogar gut. + +Fünfundzwanzig Mark wie vom Himmel gefallen! Sie kamen ja noch immer +so eben, eben aus; aber sie konnten es schon brauchen. + +Aber es war doch noch eine ganz winzige Freude, eine wahre +Lumpenfreude gegen die Freude eines andern Tages, jenes Tages, da sie +ihm verriet, sie habe sichere Anzeichen dafür, daß sie nicht immer +allein bleiben würden. Da tanzte er nicht mit ihr, da zog er sie sacht +auf seine Knie herab und hielt lange, lange ihren Kopf an seiner +Brust, als müßt’ er sie nun behüten auch vor dem leisesten Leid der +Welt. + +Ja, das Schicksal war ihm in diesen Tagen hold gesinnt, und manchmal +schon hatte er sich im stillen gefragt, wieviel es ihm abziehen werde, +und was, und wann? Aber es schien an keinen Abzug zu denken; im +Gegenteil; es schenkte ihm in dieser Zeit zu allem Glück noch einen +neuen und echten Freund. Er hatte in einem Lehrerverein einen Vortrag +über Hamerling gehalten und damit unter anderen den Beifall eines +jüdischen Lehrers gefunden, der ihm nach dem Vortrag als #Dr.# +Rosenberg vorgestellt wurde. Asmus fand sofort an dem ganzen Manne ein +großes Gefallen, an seinem sympathischen Gesicht, an seinem offenen +und doch bescheidenen und bei aller bescheidenen Zurückhaltung +dennoch bewußten Wesen, an seinen Interessen und seinen Erlebnissen. +Rosenberg war Philologe, war in Paris und London gewesen und erzählte, +wie er in London lange vergeblich seinen Unterhalt durch Stundengeben +gesucht und wie, als er eines Tages wieder von einem vergeblichen +Gange heimgekehrt sei und auf dem Rücken eines Buches den Namen +»Schiller« gelesen habe, bei diesem Namen die Tränen des bittersten +Heimwehs unaufhaltsam hervorgebrochen seien. Es war der erste Jude, +mit dem Asmus in nähere persönliche Berührung kam, und diese Begegnung +war ihm so interessant und erfreulich, daß er den neuen Bekannten +einlud, ihn zu besuchen. Rosenberg kam; Asmus erwiderte den Besuch, +und auf die lebendigste Weise erwuchs nun ein Freundschaftsverhältnis, +das fast alle früheren Freundschaften Asmussens an Dauerhaftigkeit +übertreffen sollte. + +Als Rosenberg zum ersten Male bei Sempers gewesen war und die junge +Frau Semper nur flüchtig gesehen hatte, da hatte er, wie er später +gestand, im stillen gedacht: Er hätte doch so jung nicht heiraten +sollen. Beim zweiten Besuche lernte er ganz anders denken und sah doch +die junge Frau überhaupt nicht. Und das hatte alles seine guten +Gründe. + +Als Rosenberg seinen zweiten Besuch machte, war es wieder ein +Maientag, der Tag vor Pfingsten, und in grauender Frühe dieses Tages +hatte Hilde ihren Gatten geweckt und ihn gebeten, daß er die Wehmutter +hole. Und dann folgte ein Tag, für Asmus wohl nicht viel leichter als +für Hilden. Er wanderte in seinem Zimmer rastlos auf und ab, und am +Nachmittag war er so weit, es laut vor sich hinzusprechen: »Ich will +lieber kein Kind haben – wenn sie nur nicht mehr zu leiden braucht.« +Ein furchtbares Gewitter brach los; unmittelbar über dem Hause war ein +unablässiges Flammen und Krachen, und jeder Schlag traf ihn, weil er +daran dachte, wie es sie erschrecken müsse. Er hatte ihr angeboten, +bei ihr zu sein; aber sie wollte mit der Wehmutter allein sein. Und +erst um 7 Uhr des Abends vernahm er das Schreien eines Kindes; Isolde +Semper war zur Welt gekommen. Als die Wärterin der jungen Mutter das +Kind zeigte, rief sie: »O, das ist ja Mutter Rebekka!« und sank in die +Kissen zurück. + +Auf den Fußspitzen war Asmus hereingekommen; er beugte sich über sie +und küßte sie leise, leise auf die Stirn. Sie schlug die Augen auf, +große, feuchte Augen und hauchte: »Du armer Mann, jetzt kann ich nicht +für dich sorgen.« + +»Du närrischer Engel,« flüsterte er, »willst du gleich schweigen und +schlafen?« und küßte ihr die Augen zu. Aber sie öffnete sie wieder und +sah ihn an mit einem Blick voll übermenschlichen Glücks. Dann hob sie +behutsam die Decke von dem Kindlein, das in ihren Armen lag. + +»Sieht sie nicht ganz aus wie Mutter Semper?« flüsterte sie. Er nickte +»Ja«, obwohl er nichts dergleichen sah; er dachte nicht an das Kind: +er dachte nur an sie. Die weise Frau versicherte ihm, daß alles gut +verlaufen sei; da schlich er hinaus, nahm seinen Hut und ging auf die +Straße. Er mußte Himmel über sich sehen. + +Als er nach einer halben Stunde heimkehrte, war Rosenberg dagewesen. +Die junge Mutter hatte jemand kommen hören, hatte vernommen, wer es +sei, und der Wärterin gesagt: »Sorgen Sie bitte dafür, daß der Herr +eine Erfrischung bekommt.« Und Rosenberg erfuhr von der Wärterin, daß +die junge Frau Semper vor kaum einer Stunde Mutter geworden sei und +daß sie selbst den Trunk für ihn befohlen habe. Da dachte er: »Das muß +eine seltene Frau sein.« Nie vergaß er ihr diesen Trunk, und schon bei +einem nächsten Besuch, als sie selbst ihn bewirtete, dachte er: »Er +hat keineswegs zu früh geheiratet.« + +In den folgenden Wachen und Monaten kam Asmussen seine Erziehung durch +die Tabakstube, wo er unter unablässigen Gesprächen und Geräuschen die +subtilsten Sachen studiert hatte, vorzüglich zustatten. Denn die +Stimme Isoldens war vernehmlich und ausdauernd. Sie vollbrachte +Leistungen, gegen die die Partie der Wagnerschen Isolde als Episode +erscheint. Aber das störte ihn nicht. Er gehörte nicht zu den +geistigen Arbeitern, die auf eine Meile im Umkreis Asphaltpflaster und +Strohschütten brauchen. Der Platz vor seinem Hause war ein beliebter +Spielplatz der ganzen nachbarlichen Kinderschar, und er schloß das +Fenster nicht, wenn ihr Geschrei hereinklang; denn es war ihm wie ein +fröhlicher Gruß des Lebens, das zum Wirken und Schaffen rief. Auch +besaß er im Notfall noch immer die Kraft, eine Mauer um sich zu bauen; +wenn er nicht wollte, so hörte er selbst Isolden nicht. Auch als +Dichter gehörte er nicht zu denen, die nur auf persischen Teppichen +und vor perlgrauen Seidentapeten dichten können, und die mancherlei +kleinen Banalitäten, die ein enger Haushalt unweigerlich mit sich +bringt, die selbst einer Hilde Hand nicht immer zu bannen vermag, +verstimmten nicht sein Saitenspiel. Er verstand es so gut, daß +Schiller in einem Zimmer, das nichts als einen halben Tisch, einen +Stuhl und eine Schütte Kartoffeln enthielt, die »Louise Millerin« +schreiben konnte. Was mußte das für ein Dichter sein, der die +Ausstattung seines Zimmers, der seine Gesellschaft nicht jeden +Augenblick selbst beschaffen, der nicht jeden Augenblick seine Zelle +in das Boudoir der Lady Milford oder in den Hafen von Genua verwandeln +konnte?! + +Und so erzog er in unbekümmertem Frohsinn neben der kleinen Isolde +noch ein zweites, stilleres Kind, sein erstes Buch. Unbekümmert war +dieser Frohsinn freilich nur in Hinsicht der äußeren Störungen; was +die inneren Hemmnisse anlangt, war es ein oft unterbrochener Frohsinn. +Nie hat jemand besser den Künstler beschrieben als Goethe, da er die +liebende Seele beschrieb: »himmelhoch jauchzend – zum Tode betrübt«. +Der Künstler wäre kein Künstler, der nicht himmelhoch jauchzte über +ein gelungenes Werk und der nicht zum Tode betrübt sein könnte über +dasselbe Werk. Und als ihn nun gar die Banalität der Druckkorrekturen +überfiel, als er seine eigenen Verse immer wiederkäuen mußte, da +übermannte ihn ein tiefes Verzagen. Aber Rosenberg riß seinen Mut +wieder empor; Rosenberg war begeistert von diesen Versen. »Ich lege +meine Hand dafür ins Feuer, daß Sie Anerkennung finden werden«, +prophezeite er. Und wirklich fanden die »Gedichte« von Asmus Semper, +als sie endlich erschienen waren, die freundlichste Aufnahme; denn da +die Lyrik nichts einbringt, so erfährt sie oft eine sehr wohlwollende +Beurteilung. + + + + +LVII. Kapitel. + +Fängt fröhlich an und endet traurig; das Schicksal fordert seinen +Zoll. + + +Zu allen diesen Freuden schenkte das Schicksal, das ihn verziehen zu +wollen schien, unserm Asmus noch eine sonnige Weihnacht. Schon zur +vorigen Weihnacht hatte er die bisherige Ordnung der Dinge auf den +Kopf gestellt und seinen Eltern den Tannenbaum geschmückt; diesmal, da +er wieder ein feistes Honorar von siebzig Mark errungen hatte, sollten +sie das zu essen bekommen, was in seinem Elternhause immer als das +Weihnachtsgericht der Reichen gegolten hatte: Karpfen! Und Weißwein +sollte dazu getrunken werden, ja Weißwein! Unmittelbar vor der +allgemeinen Bescherung aber winkte Hilde ihren Gatten auf die Seite, +zog ihn ins andere Zimmer, schlang die Arme um seinen Hals und +flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn du lieb bist, hab’ ich noch ein +besonderes Geschenk für dich – freilich noch nicht heute.« Er sah ihr +mit jähem, frohem, fragendem Staunen ins Gesicht. + +»Ja??!« + +Sie nickte eifrig. + +»Wann denn?« + +»Ich denke, im Juli oder August.« + +Da küßte er sie unzählige Male und zog sie in das Weihnachtszimmer und +war, noch bevor er den Weißwein genossen hatte, so trunken, daß er die +Lichter des Tannenbaumes nicht doppelt, nein siebenfach, nein +hundertfach sah. + +Rebekka Semper fand den Karpfen köstlich, fand überhaupt, daß Hilde +eine »gebor’ne Köchin« sei, und Ludwig Semper lächelte sein stillstes +und innigstes Lächeln, als habe er den Weg zurückgefunden zu den +strahlenden Tannenbäumen seines Elternhauses. Er sprach mit Asmus von +dessen Gedichten und nannte die, die ihm besonders gefallen hatten, +und obwohl eines Vaters Beifall zu den Werken seines Sohnes vor der +Welt keinen Klang hat, so wußte Asmus doch, daß ihm nie ein schönerer +Lorbeer gedeihen könne als dieses schweigsamen Mannes Lob und Lächeln. +Diesem großen und stillen Herzen zu gefallen, das war ein großer und +stiller Ruhm. Aber nur ein Semper konnte das wissen. + +Ludwig Semper war aufgeräumt und gesprächig wie seit langem nicht; er +erzählte, wie Asmus einst mit kleinen Kinderschrittchen neben ihm über +die Wiese getrippelt sei und gerufen habe: »O Vater, hier ist es +gerade so wie dein Geburtstag!« wie der Kleine unzählige Male an +seinen Arbeitstisch gekommen sei und ihm nach Wunsch aus dem +»Freischütz«, aus der »Nachtwandlerin« und wohl aus zwanzig andern +Opern vorgeblasen, was er aufgefangen habe, ja, Ludwig Semper stieg +weit in die eigene Kindheit hinab und sprach von seinem Vater, dem +Kaufmann Carsten Semper, auf dessen Diele jeder Besucher Schinken +essen und Kornschnaps trinken konnte, ohne zu bezahlen, und von dem +Tage, da der Justizrat quer über die Straße auf seinen Vater +zugelaufen kam und rief: »Wissen Sie schon, Herr Semper, Goethe ist +tot!« Es war wie Sammlung und Rückblick in diesen Reden Ludwig +Sempers; aber die Seinen merkten es nicht. Wohl war ihnen aufgefallen, +daß er die Speisen kaum berührt hatte, selbst die Karpfen nicht; aber +da er ihre Besorgnis mit Lachen zurückwies, so hatten sie sich +beruhigt. Freilich hatte Frau Rebekka erklärt, daß er schon länger an +Appetitlosigkeit leide und daß sie ihn »natürlich« nicht zum Arzt +kriegen könne. + +Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage besuchte, hörte er, daß sein +Vater sich von der Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach Hause +geschleppt habe. »Ich werde den Weg nicht wieder machen können,« sagte +Ludwig Semper mit wehmütigem Lächeln. »Ei was!« rief Asmus, »dann +holen wir euch einfach in der Droschke; wir haben’s ja!« Und er dachte +sich, welch eine Lust es sein werde, die »Alten« im Triumph +einzuholen, zu Wagen, wie ein Fürstenpaar! Und noch einmal ging er +beruhigt heim. + +Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater zum Schlimmen verändert. Er +konnte nicht mehr arbeiten, saß in seinem alten Lehnstuhl und mochte +nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war grau geworden, und wie Frau +Rebekka mit Kümmernis erzählte, schlief er den größten Teil des Tages. +Sein Appetit war nicht zurückgekehrt. + +Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal davon. Sollte das Schicksal –? +Nein, einen so harten Zoll konnt’ es nicht fordern; so grausam konnt’ +es sein Glück nicht verkürzen wollen! Ja, wenn es ein achtzig-, +neunzigjähriger Greis wäre, dann müßte man sich mit der Notwendigkeit +versöhnen. Aber mit siebenundsechzig Jahren konnte das Schicksal +diesen Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann nicht! Selbst völlig +fremde Menschen mußten dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als Asmus +vor nicht langer Zeit im Lehrerverein geredet und die Kunst als +Erzieherin proklamiert hatte und auch sein Vater als Gast zugegen +gewesen war, da hatte die Versammlung dem Redner ein Hoch gebracht. +Gleich darauf aber hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen: +»Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn ich in dem ehrwürdigen Manne, der +unserm Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.« Und dann hatte +er mit kühner, launiger und geschickter Psychologie aus dem Wesen des +Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und hatte diesen Vater +gefeiert, und mit brausendem Hurra hatte die Versammlung ihm +zugestimmt. Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt und hatte +gesehen, wie er sich freute, und daß dieser Mann, der sein ganzes +reiches Pfund in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun doch einmal +vor aller Welt die Ehren genoß, die ihm gebührten, das war doch von +allen Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen. + +Und sollte das die letzte große Freude im Leben Ludwig Sempers gewesen +sein? Nein, nicht die letzte. + +Als Asmus wieder nach Oldensund kam, waren Hilde und die kleine Isolde +mit ihm. Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, saß er schlafend +im Lehnstuhl; er erwachte auch nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten +Herzens hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem Weinen berichtete. +Er schlafe fast den ganzen Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und +verstehe oft gar nicht, was man zu ihm sage. Während sie noch sprach, +öffnete der Kranke die Augen; immer weiter öffnete er sie, bis sie so +groß und freundlich waren wie in seinen besten Tagen. + +»Wem gehört das allerliebste Kind?« fragte er leise, mit frohem +Staunen. + +Sie sagten ihm, daß es ja Isolde sei, Asmussens und Hildens Kind und +seine eigene Enkelin. + +Da verbreitete sich noch einmal von diesen Augen aus über das ganze +Gesicht des Leidenden das große, unerschöpflich gütige Lächeln, das +über Asmussens ganzer Kindheit wie eine treulich wiederkehrende Sonne +geleuchtet hatte, und dann schlossen sich die Augen wieder, und der +Kranke war wieder entschlummert. + +Die Besucher schlichen hinaus, und draußen nahm Asmus seine Mutter auf +die Seite und fragte: »Was sagt denn der Arzt?« + +Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten: laut jammernd rief sie: »Ach +Gott, der schreckliche Mensch sagt, es wäre vielleicht Magenkrebs, – +ich werd’ ja verrückt, wenn ich bloß daran denke!« + +Das machte Asmus vom Kopf bis zu den Füßen erstarren. Über all seine +Befürchtungen hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es werde +vorübergehen. Dieser Schlag betäubte ihn. Aber nur für einen +Augenblick. Er schickte Hilden und das Kind nach Hause und rannte zum +Arzt. + +»Ja,« sagte der, »alle Anzeichen sprechen dafür. Ich habe keine +Magensäure gefunden, das ist das sicherste Symptom.« + +»Herr Doktor,« stammelte Asmus, »Sie dürfen mir nicht zürnen, – Sie +sind ja auch nur ein Mensch, – Sie müssen sich in meine Lage +versetzen, – es ist mein Vater, – würden Sie es mir übelnehmen, wenn +ich noch einen zweiten Arzt befragte?« + +»Durchaus nicht,« versetzte der Arzt, »Sie machen sich freilich +unnötige Kosten; aber wenn es Sie beruhigt –« + +Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der ihm als besonders tüchtig +empfohlen war. Der ließ ihn kühl an. Wer denn seinen Vater behandle? + +Der Doktor Soundso. + +Ja, das sei ja ein sehr tüchtiger Arzt. Er wisse nicht, was er da +solle. + +Asmus flehte ihn an, er möchte doch kommen. + +»Nun ja, ich kann ja hinkommen.« + +Und Asmus ging mit neuer Hoffnung: Der wird vielleicht zu einem +anderen Ergebnis kommen. + +Als er andern Tages ins Elternhaus kam, war der zweite Arzt noch nicht +dagewesen. Der Kranke aber delirierte und konnte nur mit größter Mühe +im Bette festgehalten werden. Da kam Asmussen der Gedanke: Ins +Krankenhaus. Hier, in diesen ärmlichen, beschränkten Verhältnissen +konnte ja der Vater nicht gepflegt werden wie im Krankenhause, und +wenn eine Operation nötig war, mußte er doch dorthin. Und dort waren +die besten Ärzte. Er besorgte die Aufnahme ins Krankenhaus, nahm eine +Droschke und fuhr vors Elternhaus. Nun holte er seinen Vater in der +Droschke! Aber nicht im Triumph, ach Gott, nicht im Triumph! +Ohnmächtig lag ihm sein Vater im Arm wie ein Kind, und als er so mit +seinem Vater im Wagen allein war, rannen seine Tränen unaufhörlich. +Als er den Vater endlich wohlgebettet sah, eilte er zum Arzt des +Krankenhauses und erstattete ihm Bericht über den Kranken. Dieser Arzt +war ein feiner und milder Mann; er hörte den Sohn, aus dessen Worten +er wohl die fliegende Angst des Herzens vernahm, mit großer Teilnahme +an und entließ ihn mit neuer Hoffnung. Nun kann noch alles gut werden, +dachte Asmus. Dieser Arzt ist ein vortrefflicher Mann, und im +Krankenhause hat man alles zur Hand, was man zur Pflege eines schwer +Erkrankten braucht. + +Andern Mittags, als er aus der Schule heimkam, war sein erstes Wort: + +»Ist Nachricht vom Krankenhause da?« + +»Ja,« sagte Hilde ernst, »der Bote war hier.« + +»Und?« rief er begierig. + +»Du weißt es doch schon, nicht wahr?« sprach Hilde sanft. Er starrte +sie an. »Ist er –?« Er brachte das Wort nicht heraus. + +Sie nickte stumm und legte den Arm um seinen Hals. Er aber fiel mit +einem einzigen, lauten Aufschluchzen in die Sofaecke. + +Das also hatte er mit allen Mühen und Ängsten erreicht, daß sein Vater +nun einsam gestorben war. Zwar: Ludwig Semper war nach dem Bericht +der Wärter nicht wieder zum Bewußtsein erwacht, und morgens um zwei +Uhr war er gestorben. Aber wenn er nun doch noch einen lichten +Augenblick gehabt und wenn er Weib und Kinder gesucht hatte – mit +diesem Gedanken zerfleischte sich Asmus das Herz, während er durch die +Straßen rannte und die Formalitäten für die Bestattung erledigte. +Dabei lief er oft stundenlang durch Gegenden, in denen er nichts zu +suchen hatte; er wußte nicht, womit er sonst seine Zeit ausfüllen +sollte. + +Als er dann an der Bahre seines Vaters stand und den starren, +tränenlosen Blick auf das weiße Haupt des Toten heftete, da mußte er +unaufhörlich denken: König Lear – König Lear. Dieser Mann hatte nicht +aus Torheit ein Kind verstoßen, war kein Tyrann gewesen – und war +seine Liebe vergolten worden, wie sie’s verdiente? Die Liebe eines +Vaters kann man nicht vergelten, dachte er; jeder Vater ist ein König +Lear. Und als er seine arme, gebeugte Mutter sah, als er daran dachte, +daß ihre Kinder von ihr gegangen waren und das beste Teil ihres +Herzens an andere gegeben hatten, da fügte er hinzu: und jede Mutter +ist eine Niobe. + +Er riß sich gewaltsam empor aus seinem Brüten und sah sich um. Von +seinen Freunden war nur einer erschienen: #Dr.# Rosenberg. Und das war +die erste Freude in all diesem Leid. + +Als er am Grabe stand, war es wieder wie immer; er konnte nicht +weinen. Er dachte, was müssen die Menschen von dir denken, daß du am +Grabe deines Vaters ohne eine Träne stehst. Aber als er das dachte, +konnte er um so weniger weinen. Er hatte seit jenem Aufschluchzen in +Hildens Armen nicht geweint; auch als er heimgekommen war, weinte er +nicht. Erst am Abend des folgenden Tages, als Hilde zu einer Besorgung +das Haus verlassen hatte und er allein an seinem Schreibtisch saß, +legte er den Kopf in den Sessel zurück und weinte, weinte unaufhaltsam +wie ein kleines Kind, das im Gewühl und Gedränge der Menschen die Hand +des Vaters verloren hat. + + + + +LVIII. und letztes Kapitel. + +Asmus bekommt einen Preis, einen Wolfram und eine Weltanschauung, und +da dies dem Verfasser genug dünkt, übrigens auch die Weltanschauung +den Mann macht, so schließt er diese Geschichte eines Jünglings. + + +Warum suchte denn Asmus in diesen schweren Tagen nicht Trost bei seiner +Hilde? Wer am Schlusse dieses Buches noch so fragen würde, der würde das +Wesen von Ludwig Sempers Sohn nicht ganz verstanden haben. Leute wie +dieser Asmus können den Trost nicht bei anderen, sondern immer nur in +sich selbst finden, und wenn sie auf den Trost anderer hören, so ist es, +weil sie ihn schon in sich selbst gefunden haben. Zunächst suchte er +auch keinen Trost; er wühlte vielmehr in seiner Wunde. Nicht alle +Menschen rufen im Schmerze sofort nach Linderung wie das Kind nach dem +Schnuller. Er fand es recht und gut, daß er litt, wo sein Vater so +schwer und so lange geduldet hatte; er bildete sich nicht ein, ein +Anrecht auf ein schmerzloses Dasein zu haben, wenn solche Menschen +litten. Dann aber, als er sich recht in Ruhe und Einsamkeit sattgeweint +hatte, trat seine angeborene Philosophie wieder in ihr Recht: Mit +unabänderlichen Tatsachen nicht zu hadern und den Kampf des Lebens in +Hoffnung und Vertrauen immer wieder aufzunehmen. War es doch inzwischen +eine Hoffnung und ein Vertrauen geworden, die weit über den Kreis eines +Einzeldaseins hinausreichten. + +So oft er auch an den frühen Hingang seines Vaters mit Schmerzen +gedenken mochte – er konnte dessen auch in weit, weit späteren Jahren +nur mit tiefer Wehmut gedenken – dieser Verlust gehörte, als er mit +ihm abgeschlossen hatte, nicht mehr zu den Dingen, die sein Wirken und +seine Entwicklung hemmen konnten. Er hätte auch keine Zeit gehabt zu +melancholischen Meditationen; er erfuhr wieder einmal den Fluch und +den Segen der Armut. Er hatte schließlich doch einsehen müssen, daß +1800 Mark und selbst 2000 Mark nicht ausreichten, wenn man Eltern +davon unterstützen und außerdem drei Menschen erhalten wollte, von +denen zwei doch etwas mehr verlangten als Stillung des Hungers. Und +seine Schriftstellerei war noch ein völlig unsicheres Brot; Arbeiten, +die ihm später mit Kußhand abgenommen wurden, mußte er in diesen +Jahren wie saures Bier an Dutzende von Blättern vergeblich ausbieten. +Dazu stand die Geburt des zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg, +der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht lesen mochte, hatte ihm in +zartester Weise seine Hilfe angeboten; »ich verdiene weit mehr, als +ich brauche,« hatte er gesagt, »und ich bin froh, wenn ich mein Geld +so gut anwenden kann.« Aber Asmus hatte vorläufig mit Dank und Rührung +abgelehnt. Er wußte, daß dieser Mann ihn niemals drängen würde; aber +er hatte vor Schulden ein tiefes Grauen; sie waren das einzige +gewesen, das die heiter gütige Seele seines Vaters verbittern konnte. +So griff er denn zu einer Häufung der Privatstunden; er bereitete +Lehrer und Lehrerinnen auf das zweite Examen vor. Die Nachbarinnen +steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Was tun denn die jungen +Damen immer bei Herrn Semper?« Dann sagte der Hauswirt: »Sie lernen +bei ihm das Dichten.« + +Es war ein Glück, daß ihm in seiner regelmäßigen Tätigkeit eine große +Wohltat geschehen war. Er war nun schließlich doch versetzt worden, +und an dem Leiter dieser neuen Schule erkannte Asmus so recht, wie +unsere Worte und Handlungen das Gesicht der Persönlichkeit tragen, aus +der sie fließen. Auch dieser Chef legte zuweilen auf kleine Dinge +einen Wert, der ihnen nicht zukam; aber er war ein jovialer Gentleman, +der in seinen Kollegen bis zum Beweise des Gegenteils Gentlemen +erblickte, und so bedeuteten alle Kleinigkeiten nichts auf dem großen +Grunde des gegenseitigen Vertrauens. Kein Mißton trübte das Verhältnis +zwischen diesem Manne und dem renitenten Herrn Semper. + +Und als er eines Mittags von diesem freieren und froheren Dienste nach +Hause kam, da sah er an Hildens Gesicht, daß etwas Ähnliches geschehen +sein müsse, wie damals mit den hundert Mark vom »Leuchtturm«, aber +etwas noch weit Froheres. Auf ihrem schönen Gesicht, das ihm einst nur +für den Ernst und die Trauer geschaffen schien, zuckten tausend +Lichter des Frohsinns, und in ihrer Hand hatte sie einen Brief. + +»Du darfst nicht böse sein!« rief sie, »ich konnt’ es nicht aushalten +– ich hab’ ihn geöffnet, als ich sah, woher er kam! Da lies selbst!« + +Er las, und als er gelesen hatte, wollt’ er sie wieder umarmen und mit +ihr tanzen; aber nein – das durfte sie ja nicht! Da drückte er ihr +Gesicht mit beiden Händen und zerknüllte dabei den Brief und dessen +Inhalt vollständig und küßte sie, bis ihr der Atem verging; aber er +mußte doch tanzen, er mußte tanzen, und er umarmte einen Stuhl und +tanzte mit dem durch beide Zimmer. + +In einer süddeutschen Stadt gab es eine Schillerstiftung, die von Zeit +zu Zeit an Versdichter einen Schillerpreis von 200 Mark verteilte. +Dieser Preis war nun den »Gedichten von Asmus Semper« zuerkannt +worden. + +Als er den Brief noch einmal gelesen und die beiden Hundertmarkscheine +geglättet und genau betrachtet hatte, ob es auch richtige Banknoten +und nicht etwa Ehrendiplome oder dergleichen wären, da drehte er sich +auf einem Beine mehrmals um sich selbst. Aber plötzlich hielt er inne, +ließ sich auf einen Stuhl fallen und wurde tiefernst. Und Hilde kniete +zu ihm nieder und sagte: + +»Ich weiß, was du denkst!« + +»Ja, Hilde? Weißt du das? – Hilde! Wenn _er_ das noch erlebt hätte! +Mein Gott, wenn _er_ das noch erlebt hätte! Das wäre ihm wie eine +Krönung seines Lebens gewesen.« – – – + +So wenig sich Frau Hilde in den Gedanken ihres Mannes verrechnet +hatte, so sehr hatte sie sich in der Zeit ihrer Erwartung verrechnet. +Einen vollen Monat später, als sie gehofft, erschien das zweite Kind; +dafür aber war es ein richtiger Junge. Der junge Herr Wolfram schrie +genau so kraftvoll wie seine Schwester. + +Als Asmus seinem Freunde Rosenberg die Nachricht brachte, da rief der: +»Nun, da muß man wahrhaftig sagen: Ein volles Glück! Mensch, Sie sind +ein Liebling der Götter! Sie haben ein herrliches Weib, eine Tochter, +einen Sohn und alle sind gesund, und Sie haben Glück und Freude _an_ +Ihrer Kunst und _in_ Ihrer Kunst! Bei Gott, ein volles Glück, ein +volles Glück!« + +Er sprach es ohne Neid, obwohl ihm selbst eine frühe Hoffnung +verhagelt war. + +Und doch ahnte der Freund bei weitem nicht den ganzen Umfang von +Sempers Glück; er _konnt’_ es nicht kennen in seiner ganzen Fülle. +Asmus hatte in den letzten Monden Kämpfe durchgerungen, von denen +niemand wissen konnte. Er hatte für seinen frohen, hoffenden Glauben +an das Leben nach einem tieferen und festeren Grunde gesucht und hatte +ihn gefunden, für viele Jahre wenigstens gefunden. + +Wenn selbst ein Faust ausrief: + + O glücklich, wer noch hoffen kann, + Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen! + +und wenn Asmus dennoch hoffte, so fragte er sich: »Bin ich ein +Wagner?« Nein, ein Wagner war er nicht, das durfte er sich zuerkennen. +Nur in halbkindlichen Jahren hatte er geglaubt, daß ein Mensch viel +wisse und daß er alles wissen könne. Auch war er nie so gemein +gewesen, die Welt für vortrefflich zu halten, weil es ihm gut erging. +Aber doch hatte er sich die Harmonie der Welt schon in engeren +Kreisen, ach, schon im Bezirk eines Einzellebens vollendet gedacht. +Daran war er irre geworden und hatte nun die Landmarken seiner +Hoffnung weiter gesteckt, in die Jahrhunderttausende, in die +Jahrmillionen hinein. Auf diesem langen Wege bedurft’ es eines starken +Glaubens, nein, eines starken Wissens, und das hatte er gefunden. +Nicht nur die unmittelbare Gewißheit des Sittengesetzes war ihm +aufgegangen, er fühlte auch unmittelbare Gewißheit im Denken und im +Schaffen, und er nannte dies Gefühl, das die Entwicklung des Menschen +begleitet, das Richtungsgefühl. Trotz aller Schuld, alles Irrtums und +alles Mißlings weiß der Mensch, in welcher Richtung Ausgang und Ende +des Entwicklungsstromes liegen; in seiner Brust ist ein Magnet, der +trotz allen Zitterns und allen Abirrens den Weg zur Vollendung weist. + +An einem köstlich milden Septemberabend, als er mit der froh genesenen +Hilde am Fenster saß und noch ein letzter Hauch der Sonne auf den +Bäumen lag, sprach er zu ihr: + +»Ich hab’ was geschrieben – willst du’s hören?« + +Mit der Freude eines Kindes ergriff sie seine Hand und drückte sie an +ihr Herz und ließ sich dann zu seinen Füßen nieder. Er entfaltete ein +Blatt und las: + + _Chidhr._ + + Ein wunderbarer Traum hat mich besucht. + Ich saß an eines Berges Hang und schaute. + In einer flüchtigen Minute Raum + Gedrängt, den Daseinswechsel langer Zeiten. + Im Tal zu meinen Füßen sah ich Blumen + Auf Blumen sich erschließen und vergehn, + Sah’ Bäum’ und Sträucher keimen ich und sprossen + Und wachsen, blühen, welken und vermodern, + Und sah ich Menschen von der Wiege bis + Zum Sarg des Lebens kurzen Tag durchwandeln. + Ich sah sie lachen, weinen – weinen, lachen, + Sah sie verzweifeln, hoffen und – verzweifeln, + Sah, wie das Glück dem Unglück reicht die Rechte, + Wie Unglück seine Rechte reicht dem Glück + In ewiger Kette. + + Namenlose Trauer + Sank mir mit schweren Schatten in die Seele. + »Wann endlich,« dacht’ ich, »sinnlos-blödes Spiel, + Wirst du dich enden? Auf und ab und auf + Wiegt seit Äonen sich die Lebensschaukel + – Auf einer Seite staunend sitzt das Leben, + Und auf der andern grinsend wippt der Tod – + Und auf und ab, stumpfsinnig, wird die Wippe + Durch Ewigkeiten gehn. Wo lebt der Gott, + Den dieses grause Einerlei vergnügt? + Der ärmste Menschengeist, er hätte längst + Voll Überdruß und Ekel dieses Spielzeug + Zertrümmert –!« + + Wie ich also bei mir dachte, + Sah ich am Boden plötzlich einen Schatten – + Ich hob den Blick, und einen Jüngling sah ich + Mit himmelsheit’rer Stirn, wie junge Rosen + Der frohe Mund, das Auge sonnentief. + Er hob den Arm und winkte freundlich »Komm!« + »Wer bist du?« rief ich. Er drauf: »Chidhr bin ich, + Der Grüne, Ewigjunge, der im Lande + Der Finsternis des Lebens Quellen hütet. + Komm, folge mir.« + + Und Falterflug des Traumes + Entführte mich auf lautlos dunklen Schwingen + In eine schreckendüstre Felsenwelt. + Doch sieh, aus tiefem Spalt granit’ner Berge + Sprang bläulich silbern einer Quelle Strahl, + Der wie ein ewig junges Lachen klang. + Und Chidhr sprach: »In hundert Jahren furcht + Der ruhlos rege Quell sein hartes Bette + Um eines Fingers Breite. Alexander, + Den bis nach Indien trug der Siegeswagen, + Stand einst wie du an diesem Lebensquell. + Seit jenem Tage grub der Silberstrang + Um einen Fuß sich tiefer ins Gestein. + Und einst wird diese Quelle im Verein + Mit ihren Schwestern diese Felsen wandeln + In ein begrüntes Tal, wie du’s verlassen. + Hier maß der göttergleiche Alexander + Sein Werk und seinen Ruhm am Maß der Welt + Und ging von diesem Ort zerstörten Herzens. + Und du, der schwach und klein ist bei den Menschen, + Kannst, wenn du willst, ein Gott von hinnen geh’n. + + Wohl ihm, dem Freude sprüht aus dieser Quelle, + Wohl ihm, der ihr geheimes Lied versteht. + Wohl bleichen ihm die Lichtlein, die den Pfad + Ihm durch ein enges Leben schwach erhellten, + Die Lichtlein Ruhm, Unsterblichkeit und Macht. + Doch hinter weltenweiten Finsternissen + Geht eine Sonn’ ihm auf, die alle Sonnen + Und Sonnenchöre selig überstrahlt. + Er fühlt, wie klein der Mensch, und fühlt, wie groß, + Wie unbegreiflich schön, wie über alles + Verdienst und Ahnen göttlich sein Beruf, + Und aus dem Klang der Quelle trinkt sein Herz + Zwei Kräfte wundersam: Geduld und Sehnsucht. + Geduld, die heiß und tief verlangt, und Sehnsucht, + Die sich am Glanz des Zieles still getröstet. + + O Menschen, habt Geduld, und tut es nicht + Den Kindlein gleich, die in den Boden kaum + Den Samen senkten und nach Blumen schon + Und reifen Früchten späh’n! Taucht die Gedanken + Ins märchengraue Alter dieser Welt + Und steigt empor dann und erkennt, daß gestern + Der Mörder Kain seinen Bruder schlug. + + Du dachtest recht, mein Freund: wär’ diese Welt + Ein Einerlei, die Macht, die sie erschaffen, + Sie hätte längst zerstört ihr blödes Spiel. + Doch sieh, soweit in diesem Reich des Lebens + Die Wasser wandern, hat noch nie ein Quell, + Noch nie ein Strom den Weg zurückgenommen – + So glaube: auch der Strom des Lebens nicht. + »Vorwärts zum Licht!« das ist der Sinn der Quellen, + »Vorwärts zum Licht!« das ist der Ströme Sinn, + Die deine Seele, deinen Leib durchrinnen. + Er, der die Welt gewollt und dessen Namen + Kein endlich Wesen nennen darf noch kann, + Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen + Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s _wißt_!« + + So sprach der Ewigjunge. Oder sprach’s + Der Quell? Im Silberklange rann zusammen, + Was Chidhr sprach und was die Quelle sang. + Und Falterflug des Traumes hob mich lautlos + Von dannen, und vom Tageslicht geblendet, + Erwacht’ ich jäh. + Am Waldesrand erwacht’ ich, + Wo singend aus dem Fels die Quelle springt, + Wo Morgenlicht von tausend Himmeln floß. + +Sie nahm Ihm leise das Blatt aus der Hand und suchte darin eine +Stelle, und als sie sie gefunden hatte, sprach sie langsam und leise: + + Er, der die Welt gewollt und dessen Namen + Kein endlich Wesen nennen darf noch kann, + Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen + Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s _wißt_! + +Wie immer hatte sie ihn verstanden. Und als sie nun die dunklen Augen in +heiligem Ernste zu ihm erhob, und als sein froher Blick in diese Augen +selig versank, da sprach Asmus Semper in seinem Herzen: + +»Ein volles Glück – bei Gott, ein volles Glück.« + + + +Ende.+ + + + * * * * * + + +Von demselben Verfasser erschien im gleichen Verlage: + + + +Asmus Sempers Jugendland+ + + Der Roman einer Kindheit + + 86. bis 100. Tausend + + Brosch. M 3.50, geb. M. 4.50 + + 100. Tausend Jubiläumsausgabe in Leder geb. M. 10.– + + +Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in fremde Sprachen, +vorbehalten + +#Published on the 19th of March 1908. Privilege of copyright in the +United States of North America reserved under the act approved March 3, +1905, by Otto Ernst.# + + * * * * * + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise +ansonsten aber wie im Original belassen. + +Die Werbung für »Asmus Sempers Jugendland« von Otto Ernst wurde vom +Anfang des Buches an das Ende verschoben. + +Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen: + + S. 154: [Bindestrich entfernt] aus-dem Märchen -> aus dem Märchen + S. 287: In Amus wirbelte -> In Asmus wirbelte + S. 363: [Anführungszeichen nach ‘Sie’ ergänzt] »Meinetwegen + sag’ ‘Sie’« + S. 375: [‘ durch » ersetzt] ‘Werter Herr Semper« + -> »Werter Herr Semper« + S. 381: in Winter -> im Winter + S. 386: und lief ein groß Stück Weges vorauf. -> und lief ein groß + Stück Weges voraus. [vorauf -> voraus] + + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + + Sperrung: _gesperrter Text_ + Antiquaschrift: #Antiqua# + (In Antiqua gesetzte römische Ziffern wurden nicht gekennzeichnet.) + Fettgedruckter Text: +Text+ + Kursivtext: /Text/ + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING *** + +***** This file should be named 28083-0.txt or 28083-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/8/0/8/28083/ + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/28083-0.zip b/28083-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8c9351f --- /dev/null +++ b/28083-0.zip diff --git a/28083-8.txt b/28083-8.txt new file mode 100644 index 0000000..075cb4d --- /dev/null +++ b/28083-8.txt @@ -0,0 +1,11420 @@ +The Project Gutenberg EBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Semper der Jüngling + +Author: Otto Ernst + +Release Date: February 14, 2009 [EBook #28083] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING *** + + + + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + + + + + + + + + + Semper + der Jüngling + + + Ein Bildungsroman + + von + + Otto Ernst + + + Sechsundfünfzigstes bis sechzigstes Tausend + + + Leipzig - Verlag von L. Staackmann - 1914 + + + + + Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte + Der Schlaf hervor. + Schon raunte mir die ersten, leisen Worte + Der Traum ins Ohr. + Da klang von nahen Zweigen + Ein tiefer Freudenschall + Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen. + In meinen Traum sang eine Nachtigall. + + Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume + Im Traum, im Traum. + Nur fern, o fern, durch mitternächt’gen Bäume + Ein lichter Saum. + Doch horch: von jenen Röten + Ein süß geheimer Hall, + Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten! + In meinen Traum sang eine Nachtigall. + + Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme + Von je erklang + Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme + Voll Hoffnung sang. + Ein Land des Lichtes träumen + Wir armen Seelen all! + Ich aber höre Klang aus jenen Räumen: + In meinen Traum singt eine Nachtigall. + + + + +Erstes Buch + +Spiel und Arbeit + + + + +I. Kapitel. + +Handelt von Balladen und Präparanden, Gendarmen und hebräischen +Handschriften, zum Glück auch von Präparandinnen. + + +Asmus Semper, der halbwegs sechzehnjährige Schüler des Hamburger +Präparandeums, schwamm bis über die Augenbrauen in Seligkeit. Vor +seinen Blicken wogte eine warme, goldene Flut. Herr Tönnings, der +Ordinarius, der genau so aussah wie die Geometrie mit einem Stehkragen +und von dem ein Gerücht ging, daß er vor sieben Jahren den einen +Mundwinkel zu dem Versuch eines Lächelns verzogen habe, Herr Tönnings +also hatte soeben verkündet, daß u. a. auch Asmus Semper eine +Hospitantenstelle erhalten solle. Man denke, was das heißt: eine +Hospitantenstelle! Jeden Morgen von 8-12 Uhr sollte er in einer +Volksschule dem Unterricht der Kleinen zuhören dürfen, und dafür bekam +er noch obendrein ein jährliches Gehalt von dreihundertundsechzig +Mark! Jeden Morgen sollt’ er aus nächster Nähe hineinhorchen dürfen in +die Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis; das hohe +Wunder sollt’ er nun begreifen: wie der Geist des Menschen Nahrung +aufnimmt, wächst und sich vollendet! + +Und noch dreihundertundsechzig Mark! Er hatte ja nichts von dem Geld, +wollte auch keinen Pfennig davon, haha – aber auf das Gesicht seiner +Eltern freute er sich, daß ihm die Augen heiß wurden. Er wollt’ es +ihnen nicht eher sagen, als bis er sie beide beisammen hatte, und dann +wollte er die Wirkung beobachten; aber die kleine Wohnung der Semper +betrat man durch die Küche, und in der Küche briet Frau Rebekka die +Abendkartoffeln, und als er seine Mutter sah, konnte Asmus sich nicht +mehr halten, und weil er wußte, was seine Mutter am meisten freute, +rief er: »Ich kriege dreihundertundsechzig Mark das Jahr!« + +Im nächsten Augenblicke war Frau Rebekka schon in der anstoßenden +Zigarrenmacherstube, schwang das Messer, mit dem sie die Kartoffeln +umgerührt hatte, hoch in der Luft und rief: »Freude war in Trojas +Hallen!« Aber da stand auch schon Asmus neben ihr, und damit sie ihm +nicht zuvorkommen könne, rief er: »Laß, Mutter, laß, ich will es Vater +sagen! – Ich krieg’ eine Hospitantenstelle mit dreihundertundsechzig +Mark das Jahr!« + +Und da hatte Asmus wieder den Anblick, der ihm vielleicht von allen +auf der Welt der liebste war: in dem weißumwallten Jupiterantlitz +Ludwig Sempers gingen zwei Sonnen auf und verbreiteten Licht durch die +ganze Welt. + +»Ach nein – es ist ja wohl nicht möglich!« rief der Vater, indem er +den Kopf zurückwarf. + +»Ganz gewiß!« rief Asmus. »Nun verdiene ich mehr, als wenn ich +Handwerker geworden wäre. Seht mal, wenn ich Tischler oder Hutmacher +lernte, dann kriegte ich das erste Jahr gar nichts oder vielleicht +drei Mark die Woche, und dies sind beinahe sieben Mark die Woche, und +das geb’ ich natürlich alles euch!« + +Da schlug Ludwig Semper heftig das linke Bein über das rechte, wie er +immer tat, wenn er in seinem Innern sehr zornig oder sehr lustig war, +und redete fast den ganzen Rest des Abends mit stumm bewegten Lippen +zu sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht laut und hell +auf, ohne daß man einen Ton gehört hätte, und unzählige Tabakblätter +verschnitt er an diesem Abend und warf sie in die Abfallschürze, weil +er mit seinem Messer immer wieder sausend über die sonnigen Felder und +Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er hatte ja auch studieren sollen; +aber dann war der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters gekommen, +und dann die Sorge, dann der Krieg mit den Dänen, dann seine Träumerei +und sein erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und dann immer ein +Kind nach dem andern. Und so machte er mit 58 Jahren noch immer +Zigarren. Aber mit einem Schlage war jetzt seine Jugend wieder da – da +stand sie vor ihm, fünfzehnjährig, rotwangig – nichts war verloren; +denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus studierte, das war ja vollkommen +dasselbe. + +Rebekka aber, als sie von »sieben Mark die Woche« hörte, vergaß all +ihre Sparsamkeit, lief in die Küche und schob noch ein Stück +Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie auch da noch ziemlich +trocken ausschauten, griff sie leichtsinnig nach dem Teekessel und goß +einen gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, daß eine mächtige Wolke +wie eines Dankopfers zu den Himmlischen emporstieg. + +Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und sieben Semper versammelten sich +andächtig um das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund, das sah +man an den Bewegungen der Gabeln; aber Adalbert, der Jüngste, war so +gesund, daß Frau Rebekka nach einer Weile ausrief: »Halt, mein Junge, +du hast jetzt genug. Es wird kein Fresser geboren, es wird einer +gemacht!« + +Adalbert wollte sich melancholisch zurückziehen, da sprach der Vater: +»Laß doch den Jungen essen!« und trat seine Ansprüche an die +Allgemeinheit ab. + +Und nach dem Essen – obwohl die Semper über das Abendbrot hinaus bis +gegen Mitternacht zu arbeiten pflegten – warf Ludwig Semper Messer, +Tabak und Rollklotz in die Ecke, holte den stark zerlesenen und +vergilbten »Faust« vom Bücherbrett und las und warf das linke Bein +über das rechte und bewegte die Lippen und lächelte. Und alle waren +still, und Asmus wußte: Nun kommt eine heilige Stunde. Und wirklich, +es währte nicht lange, da klang es durch den Raum: + + »Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, + Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst + Dein Angesicht im Feuer zugewendet. –« + +– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – + +In einem wunderlieben Dorfe, das sich jetzt zu einer großen, häßlichen +Vorstadt Hamburgs ausgewachsen hat, damals aber noch im heitern +Frieden seiner Kindheit lag, in einem Garten mit Rosen und Apfelbäumen +fand Asmus die Schule, an der er hospitieren sollte. »Ich habe zuviel +Glück,« dachte er, als er sie nach einstündiger Wanderung vor sich +liegen sah. Gewöhnlich, wenn er solch ein stummes Dankgebet in den +Himmel hinaufsandte, zog ihm gleich darauf das Glück etwas ab, als +wenn es dächte: Der ist auch mit weniger zufrieden. Das erste nämlich, +was er tun mußte, war: sich im Portal der Schule aufstellen und alle +Schüler aufschreiben, die zu spät kamen. So hatte sich Asmus das +Belauschen der Kindesseele nicht gedacht. Aber da es nun einmal sein +Amt war, so notierte er gewissenhaft alles, was an Buben oder Mädchen +den letzten Glockenschlag versäumte, obwohl es ihm bei den Mädchen +mitunter schwer wurde. Anfangs empfand er wohl so etwas wie die Würde +einer obrigkeitlichen Stellung, namentlich als ein Vater, der mit dem +Schulgeld im Rückstande war, an ihn herantrat und bat, daß man noch +ein wenig Geduld mit ihm haben möchte, und ihm heimlich ein paar +Zigarren in die Hand drücken wollte. Asmus wich zwar ängstlich zurück +und rief: »Darüber habe ich leider gar nichts zu sagen!« – aber als +deutscher Jüngling fühlte er sich doch geschmeichelt, daß man ihn für +eine Behörde hielt. Diese Reize indessen verflüchtigten sich schon +nach wenigen Tagen. Dann kam eines Morgens ein blasses, frierendes, +von Regen durchnäßtes Mägdelein, das weinte. + +»Warum weinst du?« fragte Asmus. + +»Ich konnte nicht eher kommen; mein Vater hat meine Mutter +’rausgeschmissen.« + +»Warum das denn?« + +»Och, er is all wieder duhn (betrunken).« + +»So früh schon?« + +»Ja, er säuft immer ’rum.« + +Asmus erschrak. Gab es Kinder, die so über ihren Vater reden konnten? + +»Geh’ nur zu,« sagte er. Das war ja selbstverständlich, daß man die +nicht aufschrieb. Er sah ihr nach und dachte daran, daß sie fror. Und +dachte, wie er als Junge gefroren, wenn ihm der Wind unter die dünne +Jacke fuhr. + +Von nun an fragte er öfter nach dem Grunde der Verspätung, und er +notierte immer weniger. Und eines Tages sagte er sich: Entweder man +muß alle aufschreiben oder keinen. Und nun ließ er alle vorbeilaufen +und arbeitete an seiner ersten Ballade, die handelte von einem +Fischer, der aufs Meer fuhr, um seinen Sohn zu retten, und der dann +mit seinem Sohne ertrank. Das Schönste an dieser Ballade war eine +Refrainstrophe, die mit den Zeilen schloß: + + »Drunten klingt verworrner Klang, + Tönt es nicht wie Grabgesang?« + +Alles, was nach Grab und Unglück klang, das fand der glückliche Asmus +jener Tage ohne weiteres schön. + +»Warum notieren Sie nicht die Zuspätkommenden?« fragte schließlich der +Oberlehrer. + +»Ich mag das nicht,« sagte Asmus verlegen. + +»Ja, danach geht es nicht,« rief der Vorgesetzte. Aber bald darauf +wurde die ganze Einrichtung aufgehoben, und der Posten des +Kulturgendarmen wurde eingezogen. + +Der Oberlehrer schätzte den jungen Semper wegen anderer Fähigkeiten. +Leider, dachte Asmus. Denn wenn die Wache am Portal vorüber war, mußte +er im Amtszimmer des Schulleiters dickleibige Schülerregister anlegen +und auf dem Laufenden halten, Schulgeldrechnungen schreiben, sie mit +den Hebeprotokollen »kollationieren« und endlose Kolonnen von +Schulgeldern addieren. Auch das führte den Begierigen nicht in die +Tiefen der Kindesseele. Es waren fünf Präparanden da: zwei junge +Mädchen und drei junge »Männer«, sie alle mußten Protokolle schreiben +und Rechnungen addieren. Unter den jungen Herren war aber einer, +dessen Handschrift man zunächst immer für hebräische Schriftzeichen +hielt; erst nach und nach kam man dahinter, daß es die bekannten +deutschen Buchstaben sein sollten. Da Claus Münz überdies ohne jedes +Schamgefühl addierte, so wurde er schon nach drei Tagen in die Klassen +zum Hospitieren geschickt. Asmus hingegen, weil er eine gute +Handschrift hatte, seine Rechnungen sogar mit einem gewissen +Schönheitsbedürfnis schrieb und es nicht über sich gewann, falsch zu +addieren, Asmus durfte im Bureau sitzen bleiben. Ihm fielen die +Verheißungen des Herrn Rösing, seines alten Lehrers ein, der jeden +Morgen gesagt hatte: »Jungens, schafft euch ’ne schöne Handschrift an; +wer ’ne schöne Handschrift hat, kommt überall fort!« + +Freilich: sein Schönheitsbedürfnis hatte auch schon in den ersten +Tagen das Glück herausgefunden, das auch mit dieser Schreibstube +wieder verbunden war, und dieses Glück war eine der Präparandinnen, +die sehr hübsch war und noch obendrein brünett. Asmus schrieb und +addierte den ganzen Morgen mit einer selig-schmerzlichen Spannung in +der Brust, und der Schmerz kam daher, daß er sich sagte: Ich kann ja +noch lange nicht heiraten. Und wenn ich heiraten kann, hat sie ein +anderer geholt. Die andern beiden Jünglinge kokettierten in +unschuldiger, aber fleißiger Weise mit den beiden Mädchen. Asmus +dachte nicht daran, auch nur den Versuch zu wagen, weil er von seiner +vollkommenen Tölpelhaftigkeit in dieser Hinsicht durchaus überzeugt +war. Und eines Tages machte er dennoch den Versuch, zu imponieren. Das +Zimmer war überheizt, wie alle Schreibstuben, und man klagte darüber. +»Ja,« sagte Asmus, der nahe dem Ofen saß, »hier sitzt man wie die Sau +am Spieß; denn er hatte das Gefühl, daß eine kraftvolle Ausdrucksweise +den Mann verrate. Aber, o weh: die Damen fuhren wie wild mit den +Köpfen in ihre Arbeit und kicherten, wie nur Backfische kichern +können. Sie denken: das ist ein Bauerntölpel, sagte sich Asmus, und +fühlte, daß er von den Haarwurzeln bis unter den Halskragen erröte. +Und die männlichen Kollegen Asmussens, Herr Münz und Herr Morieux, +betrachteten ihn mit überlegen-mitleidigen Blicken, als wollten sie +sagen: Ist das ein ungebildeter Mensch. Aber als wenige Tage darauf +von Rousseaus »Emile« die Rede war, da zeigte sich, daß nur Asmus +wußte, was wirklich darin steht, und die Braune hielt ihre braunen +Augen so lange auf ihn gerichtet, als wenn sie ihn heute zum ersten +Male sehe. + + + + +II. Kapitel. + +Wie Asmus im Vorhof der Pädagogik weilen durfte, wie er eine andere +Religion bekam, auf den Spuren Aglaias wandelte und Herrn Rothgrün +nicht hinaustrampeln wollte. + + +Endlich, als einmal alle Rechnungen geschrieben waren und auch das +letzte Protokoll »auf dem Laufenden« war, durften auch die übrigen +Präparanden in die Klasse gehen und hospitieren. Welch’ ein Glück, +dachte Asmus, und mit weihevollem Herzen ging er der erhofften +Offenbarung entgegen. Aber zunächst kam er an einen Lehrer, der es +liebte, die Kinder so still zu beschäftigen, daß sie ihn möglichst wenig +belästigten, und der sich, während die Schüler schrieben und rechneten, +mit dem jungen Semper über Gehalts- und Anstellungsverhältnisse, über +seine Frau, über Bismarck, oder über den letzten Raubmord unterhielt. +Das war ja nun recht unterhaltend und wenig anstrengend; aber es war +nicht das, was Asmus gesucht hatte. Er kam zu einem andern Lehrer, der +hatte das ganze Einmaleins auf Reime und Bilder gebracht: die Bilder +hatte er auf die Wandtafel gezeichnet, und nun mußten die Kinder die +zugehörigen Verse hersagen, z. B.: + + 6×6 sind 36 + In die große Schlackwurst beiß’ ich + +oder + + 8×9 sind 72 + Dieser Knabe übergibt sich, + +aber der gute Mann bedachte gar nicht, daß sich die Worte »beiß’ ich« +ebensogut auf 32 wie auf 36 reimen, und wenn dann ein Schüler die +falsche Zahl nannte, so schalt ihn der Lehrer in komischer +Verwechslung einen Esel, zerriß sich vor Aufregung und ließ die +kunstreichen Verse bis zum vollkommenen Stumpfsinn wiederholen. + +»Bei dem kann ich auch nichts lernen,« sagte Asmus zu jenem +Mitpräparanden mit der hebräischen Handschrift, und dieser sah ihn ob +solcher Anmaßung mit grenzenloser Verwunderung an. + +Und schließlich fand Asmus doch einen, der auf manchen stillen Wegen +der Kindesseele heimisch war, der mit den Kindern in ihrer Sprache zu +reden verstand und sie, wenn auch nicht immer, so doch manchmal, aus +wirrer Dunkelheit den Weg zur Klarheit führen konnte. Er war kein +hoher und starker Geist, dieser Mann; aber er war sein Lebenlang mit +einem Fuß im Kinderlande stehen geblieben, und so verstand er +unbewußt die Regungen der Kindesseele. Hier befiel nun den Hospitanten +eine andere Not: er brannte vor Ungeduld, sich selbst vor den Kindern +zu versuchen; ja, manchmal schien es ihm, als wisse er einen Ausweg, +wenn der Lehrer in der Wirrnis des Kindergeistes stecken blieb. Aber +er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als vor diesem Manne +dergleichen laut werden zu lassen. Und alles Wippen von einem Fuß auf +den andern, wenn er am Fenster stand und horchte und nicht einmal +Finken und Apfelblüte seine Sinne nach außen zu locken vermochten, +alle Ungeduld half ihm nichts; er mußte warten. + +Inzwischen feierte er jeden Nachmittag und jeden Abend hohe Feste. Er +hatte ja in der Präparandenanstalt eines der herrlichsten Geschenke +seines Lebens empfangen: da war ein Religionslehrer, der sagte nicht: +Das muß man glauben, sonst ist man verdammt; der fragte überhaupt +nicht, was man glaube; der trug Stunde für Stunde vor, was die +Wissenschaft zu den Berichten der Bibel sagt. Gleich in der ersten +Stunde, im Schöpfungsbericht, trennte er die Erzählung des Jehovisten +von der des ersten Elohisten und von der des zweiten Elohisten, und +vor den Augen des jungen Semper zerriß ein vieljähriger Nebel. Also +hatte nicht Moses diese Dinge geschrieben, also war es nicht +unfehlbares Gotteswort. Sie hatten ihn bedrückt wie eine dumpfe Last, +hatten ihn gequält, geängstigt; aber er hatte keinen Ausweg gewußt. +Mit einem Male gab ihm dieser Mann eine Waffe und ein Licht. Und mit +solchem Licht und solcher Waffe durchwanderte der Mann die ganze +Bibel, festen Schrittes und unablenkbar; was nur die menschliche +Wissenschaft zur Bibel zu sagen wußte, das kannte er, und er trug es +frei aus dem Kopfe vor. So fest hing Asmus an seinen Lippen, daß er +kein Wort zu schreiben wagte, aus Furcht, es möchte ihm ein Wort des +Redenden entgehen. Und sieh: wenn er am Abend daheim saß, dann konnte +er den ganzen Vortrag von Anfang bis Ende niederschreiben; so fest +hing alles mit ehernen Klammern zusammen. + +Ein merkwürdiger Mann, dieser Herr Stahmer. Er sprach außer seinen +Vorträgen kaum ein Wort zu seinen Schülern; er verlängerte fast jede +Stunde um die ganze folgende Erholungspause – ein Ding, das Schüler +nicht lieben – er verlangte viel und verschonte weder Trägheit noch +Dummheit. Aber er bedurfte keiner Disziplinarmittel. Von diesen jungen +Leuten, unter denen manch ein dreister Gelbschnabel war, hätte nicht +einer ein unehrerbietiges Wort gegen ihn gewagt; instinktiv verehrten +sie in ihm das lautere Gefäß einer großen Kraft. Während zweier Jahre +brauchte er wohl nie die Worte »Wahrheit« und »Gerechtigkeit«, und +doch war das die stumme Lehre seines ganzen Wirkens: Wer Wissenschaft +will, der muß wahrhaftig und gerecht sein, und wenn es das Leben +gilt. Kein Gottesdienst hatte je das Herz des Asmus erhoben wie +dieser. + +Leider gab es davon nur zwei Stunden die Woche. In seiner Dorfschule +waren es wöchentlichen sieben bis acht Stunden gewesen. Und welchen +Erfolg hatten die gehabt? Mit einem leidenschaftlichen Haß gegen diese +sogenannte »Religion« hatte er die Schule verlassen. In dieser Schule +hatte die »Religion« die ganze Naturgeschichte aufgefressen. Ein +einziges Mal hatte Herr Cremer von den Giftpflanzen gesprochen und +Bilder dazu gezeigt, nicht etwa die Pflanzen selbst, und ein andres +Mal hatte ein anderer Lehrer ganz unmotiviert die Feigwurz behandelt. +Die Giftpflanzen und #Ranunculus ficaria# – das war die +Naturgeschichte, mit der Asmus Semper, ein Kind der darwinischen Zeit, +das Präparandeum bezog. Aber da stapfte nun zweimal wöchentlich mit +drolligen Koboldschritten der naturselige »Papa Hamann« herein; er +schleppte jedesmal eine Botanisierdose, die so groß war wie er selbst, +und sein Gesicht glänzte wie ein Pfannkuchen, wenn er mit anstoßender +Zunge sagte: »Heute meine Herren, hab’ ich Ihnen etwath[1] ganth +Bethondereth mitgebracht!« + + [Fußnote 1: th sprich wie das englische #th#.] + +Und dann kramte er aus mit dem Gesicht eines Vaters, der seine Kinder +zur Weihnacht überrascht, und Asmus hörte zum erstenmal vom Bau und +vom Leben der Pflanze, und wenn man ihn sah, so konnte man glauben, er +wolle die Pflanzen im wörtlichsten Sinne verschlingen, so versessen +war er auf dies neue Erkennen. Freilich blieb die Wissenschaft des +guten Papas einigermaßen an der Oberfläche; er sprach allerlei vom +Chlorophyll; aber was es für eine Bedeutung habe, wußte er eigentlich +selbst nicht. Für den ausgehungerten Geist des kleinen Semper aber war +alles, was er ihm bot, Gewinn, und überdies war die Lehrweise des +Alten so väterlich und fröhlich und mit so wundervollen Redeblumen +geschmückt! + +»Eth mag wohl funfthehn Jahre thein,« sagte Papa Hamann zum Beispiel, +»dath ich dath Vergnügen hatte, den Schwanth eineth Walfischeth von +Angethicht zu Angethicht zu thehen!« + +Oder wenn er zu den Damen von den Pflanzen einer bestimmten Familie +sprach, so sagte er: + +»Einige von ihnen, meine Damen, thind ganth reitthende Pfläntthchen; +andere dagegen thind häthlich und widerlich!« + +Und darin hatte er recht, einige von diesen Präparandinnen, die in +einer anstoßenden Straße unterrichtet wurden, waren wirklich ganz +reizende Pflänzchen, und Asmus und ein paar Bürschchen mit ihm ließen +es sich nicht nehmen, dreien von ihnen, die auf gleichem Wege +heimwärts wandelten, an laulichen Abenden in respektvoller Entfernung +zu folgen und sich ihnen durch lautgesprochene Galanterien und +wundervolle Witze bemerklich zu machen. Bald schon taufte Asmus die +drei auf die Namen Aglaia, Euphrosyne und Thalia, und die eine von +ihnen – es war Aglaia – verehrte Asmus viele Monde hindurch, ohne +jemals ihre Vorderseite gesehen zu haben. Aber sie hatte einen +anmutsvollen Gang, und ein schöner Gang griff Asmussen ans Herz. + +Auf andern Wegen schwärmten andre Herzen, und nach den drei Grazien zu +urteilen, schien den jungen Damen der schüchterne Kultus der Jünglinge +durchaus nicht zu mißfallen; sie verfielen wenigstens aus einer +zeitweiligen entrüsteten Gangart immer wieder in Kichern, Lachen und +träumendes Hinschlendern; aber sei es nun, daß irgendwo ein Jüngling +dem Drange seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, daß sich +unter den verfolgten Unschulden ein strenges oder ein eifersüchtiges +Herz befand – eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor ein, +und dieser Mann hatte aus seinem heimischen Preußen und aus dem +französischen Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, einige +üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt eine donnernde Standrede und +nannte die ritterlichen Präparanden »grüne Jungen«. Man war sich +sofort darüber einig, daß man sich das mit fünfzehn bis sechzehn +Jahren nicht mehr bieten lassen könne und daß der einmütige Austritt +aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort auf diese Roheit sei. +Am folgenden Tage dachte man milder über die Sache; man bedurfte ja +der Einwilligung der Eltern zum Austritt, und man hielt es im stillen +für möglich, daß die Eltern sich von der Auffassung des Direktors +nicht wesentlich entfernen möchten. Am dritten Tage endlich beschloß +man, die unqualifizierbare Äußerung des Direktors auf dessen +preußische Unbildung zurückzuführen und ihn zu verachten. + +Nur ein pathetisches Herz vermochte sich nicht zu bezwingen. Der +Träger dieses Herzens war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die +Wandtafel einen Pfahl, der einen preußischen Adler trug, und dazu eine +Kanone, die sich gegen das flügelspreizende Wappentier entlud. Der +Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich lächelnd den schwarzweißen +Stachelbart, tickte dann mit den Fingern auf den Adler und sagte zur +Klasse: »Da können Se lange schießen, bis Se den runterkriegen ...« +und wandte sich seinen Geschäften zu. + +Und als diese erledigt waren, trat in breiter Aufmachung Herr +Rothgrün, der Lehrer der Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgrün +auftrat, so sah das immer aus wie: Jetzt beginnt eine neue Epoche der +Wissenschaft. Und Herr Rothgrün begann, Geschichtszahlen zu +repetieren. Er nannte das Ereignis, und der Schüler mußte die Zahl +nennen: + +»Amenemha III.?« + +»2200.« + +»Vertreibung der Hyksos?« + +»1580.« + +»Durch wen?« + +»Durch Thutmosis.« + +»Amenophis?« + +»1500.« + +Oder Herr Rothgrün nannte die Zahl und der Schüler das geschichtliche +Faktum, was genau ebenso bildend und interessant war. So ging es die +ganze Stunde hindurch; denn fortfahren in der Geschichte konnte Herr +Rothgrün nicht, weil er heute nichts wußte. + +»Er war wieder mal nicht präpariert,« sagten die Präparanden, als er +fort war. + +In der nächsten Geschichtsstunde begann Herr Rothgrün nach +effektvollem Eintritt und imperatorenhafter Besteigung des Katheders +von neuem: + +»Phul?« + +»770.« + +»Tiglat Pilesar?« + +»740.« + +Und so fort über Ägypter, Phönizier, Israeliten, Meder, Perser, +Griechen und Römer bis zu den Franken und Merowingern. Wer die Zahl +wußte, war gescheit, wer sie nicht wußte, dumm. + +Als auch diese Stunde der Pein vorüber war, ward es abgemacht: Wenn er +die nächste Stunde wieder Zahlen büffelt, dann trampeln wir. Aber +keiner darf sich melden! Man kannte Herrn Rothgrün schon als einen +langatmigen Hasser, der sich auch bei den spätesten Examinibus derer +erinnerte, die ihm einmal mißfallen hatten. Asmus und einige andere +waren gegen dieses heimliche Verfahren. Das sei »unmännlich«. Man +solle eine Abordnung zu Herrn Rothgrün schicken und sich über seinen +Unterricht beschweren. + +»Ja, willst _du_ das tun?« riefen einige höhnend. + +»Ich gehe mit,« sagte Asmus. Aber die andern wollten nicht, und da +sagte Asmus: »Allein will ich auch nicht.« + +»Semper will artig Kind spielen,« spottete einer. + +»Du bist ein Esel!« rief Asmus. »Trampeln tu ich nicht. Aber die +Folgen trage ich natürlich mit.« + + + + +III. Kapitel. + +Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit und wie +sie die Dinge der lebendigen Welt sahen, und wie er darum mit diesen +Augen zum Arzt mußte. + + +Die nächste Geschichtsstunde erschien, und Herr Rothgrün begann: +»Tiglat Pilesar?« + +»740,« sagte der Gefragte, und dann ging ein Trampeln durch die +Klasse, das wie grollender Donner klang. + +Herr Rothgrün wurde weiß. + +»Was soll das?« rief er. + +Keine Antwort. + +»Was soll das heißen?« + +Eisiges Schweigen. + +»Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen und zu sagen, was +das bedeuten soll?« schrie der Lehrer. + +Niemand rührte sich. + +»Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Herrn Direktor Korn zu +melden, daß ich durch ein unerklärliches Geräusch im Unterricht +gestört worden bin.« + +Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor keine Meldung; denn er +wußte wohl, daß der einen sehr direkten Schluß auf seinen Unterricht +ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze: »Unterrichtet nur +gut; dann kommt der Respekt der Schüler von selbst.« Auch erklärte +sich Herr Rothgrün das »unerklärliche Geräusch« sehr schnell und +richtig; er begann sofort zu erzählen; diesmal erzählte er freilich +noch mangelhaft, weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen +beherrschte, aber von der nächsten Stunde an vorzüglich; denn wenn er +wollte, so konnte er’s vielleicht am besten von allen Lehrern der +Anstalt. + +Geschichte hören oder Geschichte lesen, das gab Asmus immer besondere +Freuden. Nicht, daß er an die Geschichte geglaubt hätte, – er glaubte +die profane Geschichte so wenig wie die biblische. Aus seiner +»Faust«-Lektüre wußte er sehr wohl: + + »Die Zeiten der Vergangenheit + Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln. + Was ihr den Geist der Zeiten heißt, + Das ist im Grund der Herren eigner Geist, + Darin die Zeiten sich bespiegeln.« + +und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um wirklich zu wissen, mußte +man von all den Fürsten, Feldherren und Priestern, mußte man vor allem +von der Menge des Volkes wissen, was sie bei ihren Handlungen dachten, +fühlten, beabsichtigten und wünschten, und davon hörte man so gut wie +nichts. Kaum daß einmal durch einen glücklichen Zufall ein Lichtschein +in diese ewig versunkene Welt fiel, wie ein Sonnenstrahl in eine +Kammer einer verschütteten Stadt. Und die Menschen der Geschichte +waren ihm wie die Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die +menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen erkennen lassen. Daß +man aus der Geschichte etwas lernen könne, das glaubte er nicht. Aber +lange Zeitläufte der Geschichte formten sich ihm zu riesigen Bildern +von wunderbarer Gewalt, und in diese Bilder versank er mit +aufgerissenen Augen und horchender Seele, wenn er hörte und las. Er +sah ein Jahrhundert, da stille Mönche in stiller Zelle saßen und vom +Virgil oder Cassiodor den Blick erhoben und durchs Fenster voll +gläubiger Hoffnung schauten über weites, unbesiedeltes deutsches Land, +indessen andere, das Kreuz in der Hand, durch unerforschte Wälder +schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein oder eine Kapelle +errichteten. Er sah ein Jahrhundert voll Weihrauch und Meßgewänder, da +königliche Väter büßend vor unnatürlichen Söhnen knieten und lange +Sündenregister, vom Priester singenden Tones verlesen, bekannten, und +das ganze neunte Jahrhundert ward ihm zum »Lügenfeld«. Dann gab es +eine lange Zeit, deren Angesicht in die bunte Glut des Ostens schaute +und blinkende Ritter und düstere Mönche, Männer und Weiber, Greise und +Kinder in jahrhundertelangen Zügen nach den ewigen Spuren des +Nazareners wandern sah. Das ernste Jahrhundert des Wittenberger +Mönches baute sich ihm auf mit den strengen und nüchternen Säulen +eines lutherischen Gotteshauses, aus dem die streitbaren +Glaubensgesänge hinausklangen in einen grauen und feuchten +Novembertag; dann kam ein Jahrhundert, das lag verborgen unter den +Brand- und Blutwolken eines endlosen Krieges, und so nah zogen die +Wolken über den Erdboden dahin, daß die Menschen nur gebückt +dahinschlichen. Aber das achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz +aller Kriege und aller großen Revolution wie eine friedsame Stadt mit +winkelig-sauberen Gäßchen, wo aus schnurrig gegiebelten Häusern +Gelehrte mit Zöpfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam über die +Straße schritten zum Nachbar von drüben, um mit ihm über die Schriften +Voltaires oder über das neueste Werk des erstaunlichen Königsberger +Professors zu streiten. + +So hörte, so sah er die Geschichtserzählungen des Herrn Rothgrün. Aber +dann mußte dieser Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten werden, +und die Vertretung übernahm Herr Stahmer, der Religionslehrer. Und +wieder empfing Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer behandelte während +eines ganzen Semesters einen Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte +die Geschichte bis in die Kabinette von Wien, Berlin und Petersburg +hinein und erzählte so ziemlich alles, was man über die zehn Jahre +wußte. Und mit einem Male ward dem Jüngling die Geschichte zur +Wissenschaft. Die rohe, unverdauliche Masse der Tatsachen, wie sie +Herr Rothgrün und wie sie die üblichen Lehrbücher aufhäuften, +absonderlich die Großtaten der Kriegesfürsten, die mit dem Schwerte +die Welt durchzogen, waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig und +langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male ahnte er etwas von +geschichtlichen Zusammenhängen. Bei Herrn Stahmer sah er keine +visionären Bilder; aber er sah das Leben, und eine andere, neue Freude +wärmte ihm das Herz. Wieder verschlang er jedes Wort, fast eh’ es der +Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des Abends im stillen Hause mit +fliegender Feder zwanzig, dreißig Quartseiten voll, und wohl zehnmal +mußte ihm sein Vater mit milde mahnendem Finger auf die Schulter +tupfen, er möge sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer sagte sich +Asmus: In der Geschichte muß man alles wissen, sonst weiß man nichts. +Und etwas Größeres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar nichts; aber +_eine_ Sache _ganz wissen_, das ist Aufklärung, Befreiung. Dann wird +Wissen zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, die uns umgeben, +ein Guckloch nach der Außenwelt. Als er später in der »Systematischen +Pädagogik« das »#non multa sed multum#« bis zum Ekel wiederkäuen +mußte, da begriff er nicht, warum man dies Wort immer wiederholte und +niemals befolgte. + +Das und manches andere im heiligen Tempel des Präparandeums war nun +wohl gut und schön; aber es gab auch gefürchtete Stunden, und die +gefürchtetsten waren die Zeichenstunden, die in einer weit entlegenen +Gewerbeschule genommen werden mußten. Sie waren so schlecht, daß sie +sogar den Charakter verdarben. + +Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! Von früher Kindheit an +hatte er gezeichnet, und in den Berg- und Waldlandschaften, die er +kopiert hatte, hatte er ein frommes und seliges Leben gelebt. Selbst +der kümmerliche Zeichenunterricht seiner Dorfschule hatte ihm noch +Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male in dem riesigen Zeichensaal, +der so viel mit der Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines +Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da setzte ihm Herr Semmelhaack +ein dreiseitiges Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig den +Holzklotz und wartete die Wiederkunft des Lehrers ab. + +Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine Seitenfläche. (Bis +dahin hatte es auf einer Grundfläche gestanden.) + +Asmus zeichnete den Klotz in der neuen Stellung und erwartete den +Lehrer. + +Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine andere +Seitenfläche. + +Asmus dachte: Aller Anfang ist öde, und zeichnete den Klotz zum +dritten Male. + +Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung einiges auszusetzen und legte +dann den Klotz auf die große Seitenfläche. + +Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind bitter; aber ihre Früchte +sind süß, und porträtierte das interessante Holz zum vierten Male. + +Jetzt bin ich mit dem verdammten Klotz durch, dachte Asmus; da kam der +Lehrer und stellte das Prisma etwas nach rechts. + +Asmus richtete einen langen Blick auf Herrn Semmelhaack und zeichnete +dann das rechtsstehende Prisma. + +Danach kam Herr Semmelhaack und stellte der Abwechslung wegen das +Prisma etwas nach links. + +#Per aspera ad astra#, dachte Semper und machte auch das. + +Hierauf nahm der »Lehrer« das Prisma und stellte es Sempern wieder +gerade vor die Nase, aber ȟber Eck«, so daß man drei Flächen auf +einmal sah. + +»Es ist allerdings etwas Anderes und Neues,« sagte sich Asmus, +betrachtete Herrn Semmelhaack mit einem noch viel längeren Blick und +machte sich wieder an seinen vertrauten Klotz. + +In verzweifelten Momenten schaute Asmus sich sehnenden Blickes um; es +gab überall nur Holz und Gips. Der größte Künstler unter den Schülern +zeichnete einen pompösen Blumenstrauß – von Gips. In der ganzen +Anstalt, soweit er hineinblicken konnte, sah er kein lebendiges, +erfreuendes Objekt. + +Er traute seinen Augen nicht, als Herr Semmelhaack eines Tages das +dreiseitige Prisma wegnahm und einen neuen Klotz brachte. Dieser Klotz +bestand aus zwei vierseitigen Prismen, die im rechten Winkel aneinander +saßen. O, damit konnte man nun die tollsten und interessantesten, die +bizarrsten und perversesten Dinge vornehmen; bis zum jüngsten Gericht +konnte man das immer anders aufstellen. Als Asmus bei der siebenten +Stellung war, da lag der Winkelklotz da wie eine Sphinx, die ihre Arme +breit über die ganze lange Bank legte, den Kopf in die Hände stützte und +ihn anglotzte und angähnte, und dann sagte die Sphinx, indem sie immer +zwischen zwei Worten gähnte: »Ich kann – dreihundertfünfundneunzig +Millionen – Stellungen – einnehmen – huu – ja.« + +»Das hält kein Nilpferd aus,« antwortete Asmus. + +»Sagten Sie etwas?« fragte Herr Semmelhaack. + +»Ja. Ich kann nicht mehr zeichnen. Ich habe Augenschmerzen.« + +Zum nächsten Unterricht ging er überhaupt nicht; er entschuldigte sich +mit Augenschmerzen. + +Das ging nun wohl einmal, ging auch zweimal; dann aber sagte Herr +Tönnings mit dem steifen Halskragen: »Ja, dann müssen Sie ein +ärztliches Attest beibringen.« + +Also mußte Asmus zum Vertrauensarzt der Schulbehörde. + + + + +IV. Kapitel. + +Asmus befreit sich aus einem Hungerturm und studiert in einem +Taubenschlag. + + +Von allen Qualen des Lebens hielt Asmus zwei für die unerträglichsten: +Zahnschmerzen und Langeweile. Lieber als in dieser Kunstkaserne +wöchentlich zwei Stunden, das heißt zwei Jahrhunderte an einen Klotz +geschmiedet zu sein, lieber wollte er ein schlechter Mensch werden. +Und so rieb er sich im Vorzimmer des Arztes tüchtig die Augen und +kniff sie ein Dutzend Mal zusammen. + +»Die Augen tränen,« sagte der Arzt, und er schrieb ein Attest, daß der +Patient wegen tränender Augen sechs Wochen lang nicht zeichnen dürfe. + +Asmus barg das kostbare Blatt sorgfältig wie eine Banknote in der +Tasche, fühlte unterwegs mehrmals nach, ob er’s auch noch habe, und +überreichte es frohen, tränenlosen Blickes Herrn Tönnings. + +Herr Tönnings vertrat mit Recht die exaktesten Wissenschaften. Man +weiß, wie es zugeht, wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes +Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder saust die Ramme herab, +immer wieder, hundertmal, tausendmal, stundenlang, tagelang. So +unterrichtete Herr Tönnings: immer wieder auf denselben Pfahl, immer +wieder drauf. Dann aber saß er auch für die Ewigkeit, und man konnte +ein Haus drauf bauen. Was man bei ihm gelernt hatte, vergaß man +niemals wieder. Aber leider vergaß er ebensowenig. Und also sprach +genau nach sechs Wochen Herr Tönnings, der niemals Lächelnde: »Ihr +Attest ist abgelaufen.« + +Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und rieb rechtzeitig seine Augen. + +»Die Augen tränen noch immer,« konstatierte der Arzt sehr richtig und +dispensierte den Kranken »bis auf weiteres« vom Zeichenunterricht. + +»Ja, damit müssen Sie wohl zum Direktor gehen,« sagte Herr Tönnings. + +Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er los: »Das jibt’s nicht. +Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben!« Er durchbohrte Asmus mehrere Male +mit Blicken und wartete, ob er etwas sagen werde. Aber Asmus wußte +schon Bescheid: er sagte nichts. »’n Lehrer, der nicht sehen kann, +können wir nicht brauchen!« schrie Herr Direktor Korn, durchbohrte mit +seinen glitzernden Brillenaugen den jungen Semper noch ein paar Mal +und wartete auf eine Erwiderung. Aber der sagte nichts. Es war in der +Anstalt alte Überlieferung: man muß ihn ein paar Minuten kochen +lassen, dann wird er genießbar. »Dann müssen Sie die Anstalt +verlassen!« stieß der Direktor hervor, kratzte sich hörbar seine +silbernen Bartstacheln und durchbohrte Sempern noch drei- bis viermal. +Semper sagte nichts. »Wie heißen Sie noch?« Direktor Korn warf einen +Blick ins Attest. »Semper?« + +»Jawohl, Herr Direktor!« + +»Waren Sie das nicht, der neulich den ‘Erlkönig’ vortrug, als ich +hospitierte?« + +»Jawohl, Herr Direktor!« + +»Na. – Das war jut. – Kennen Sie denn sonst noch was von Joethe?« + +Asmus wurde lebendig. Er begann aufzuzählen. + +»Na, das ist ja so ziemlich alles. Haben Sie denn auch alles +verstanden?« + +»Das – wohl kaum!« + +»Welche Dichter haben Sie denn noch jelesen?« + +Asmus nannte eine lange Reihe. + +»Haben Sie Jean Paul jelesen?« Doktor Korn hatte ein ganz sonniges +Gesicht bekommen. Das war sein Liebling. + +Asmus nannte ein paar Romane Jean Pauls. + +»Na, Sie haben ja ’ne janze Masse jelesen. Dabei haben S’ sich wohl +die Augen verdorben?« + +»Die Augen?« wollte Asmus schon verwundert fragen; da fiel sein Blick +noch rechtzeitig auf das Attest. Er blieb stumm und errötete tief; so +viel Freundlichkeit konnte er nicht mit offenen Augen anlügen. + +»’s is jut. Sie können jehen,« sagte der Herr Direktor. Und Asmus +betrat das Holzmagazin niemals wieder. Der Direktor mochte eine Ahnung +haben von den Schrecken jenes Hungerturms, wo der Geist an einen Klotz +geschmiedet und mit Gips ernährt wurde. + +Viktoria! Nun konnte er wöchentlich noch zwei Stunden länger in +seinem Arbeitszimmer sitzen und sich immer tiefer in den Kuchenberg +des Weltalls hineinessen. Ja, das Weltall war ein Kuchenberg, +nahrhaft und süß, und das Leben ein Schlaraffenland und sein +Arbeitszimmer eine heilige Halle, obwohl es eigentlich kein Zimmer, +sondern ein Tisch mit zwei Beinen war, den man mit der einen Seite +an die Wand genagelt hatte. Dieser Tisch stand in der allgemeinen +Arbeitsstube, wo der Tabak zubereitet und die Zigarren gemacht +wurden; denn im Winter durfte der Sparsamkeit halber nur ein Raum +geheizt werden, und als der Sommer kam, war es Asmussen eine liebe +Gewohnheit geworden, unter den schwatzenden, lachenden und sich +streitenden Arbeitern seine Quadratwurzeln auszuziehen, Vokabeln zu +lernen und Aufsätze zu schreiben. In diesem bescheidenen Raume saßen +Ludwig Semper, der Vater, Johannes, sein Sohn und Gehilfe, zwei +andere Gehilfen, ein Tabakzurichter, gewöhnlich auch Rebekka, die +Mutter, beim Tabak helfend oder mit einer häuslichen Verrichtung +beschäftigt, und endlich der Präparand Semper. Das war der +Personenstand in ruhigen Zeiten. Aber das Arbeitszimmer der Semper +war ein Taubenschlag, wo es von seltsamem Geflügel immer aus- und +einflog. Da kamen sozialdemokratische Parteihäupter, die mit +Johannes Semper wichtige Dinge von aufgelösten und anzumeldenden +Versammlungen zu beraten hatten. Da kam der Kontrolleur des +Fabrikanten, der nachschauen mußte, ob die Zigarren gut und nicht zu +schwer gemacht würden, ein ernster, steifer Mann, der aber jedesmal +warm wurde, wenn Ludwig Semper mit ihm vom Theater sprach, und der +diesem angelegentlichst empfahl, er möchte sich doch einmal den +»Lohengrin« anhören. Ludwig Semper faßte denn auch um diese Zeit zum +ersten Male den Entschluß, in den »Lohengrin« zu gehen. + +Da kam schrecklicherweise auch der Barbier Ludwig Sempers, der drei +Minuten rasierte und dann zwei Stunden schwatzte; er glich in Miene +und Gestalt, in seiner Stimme und seiner Schwatzhaftigkeit einem alten +Weibe; nur seine Hand und sein Messer lasteten schwer auf der Wange +seiner Opfer wie die Keule des Herkules. + +»Ein schrecklicher Zwirnbeutel,« sagte Ludwig Semper, wenn er gegangen +war, und das war ein treffender Vergleich. Wie man aus dem Nähbeutel +einer unordentlichen alten Dame, in dem sich die Garnknäuel vieler +Generationen verwirrt und verfitzt haben, nur nach stundenlanger Mühe +einen Faden hervorholt, so holte er aus seinem Erinnerungssack seine +zwirndünnen Geschichten hervor; jede auftretende Person verfolgte er +bis in ihre entferntesten Verwandtschaften; er entwickelte die +Genealogien der unbekanntesten Milchleute und der gleichgültigsten +Grünwarenhändler. + +»Und geschnitten hat er mich auch wieder,« pflegte Ludwig nach solchen +Besuchen zu sagen. + +»Ja, mein Gott,« rief Frau Rebekka erregt, »warum schaffst du ihn denn +nicht ab!« + +»Ach, das mag ich nicht,« sagte Ludwig lächelnd, »er schneidet mich +nun schon so viele Jahre.« + +Nicht der Geringste aber von allen, die da kamen, war Heinrich +Moldenhuber, genannt der »Wolkenschieber«, weil er lieber Wolken schob +als Zigarren machte und lieber hoch oben auf der Galerie des +Stadttheaters saß als in der Tabakstube. Wie ein Komet schoß er von +Zeit zu Zeit in die Arbeitsstube der Semper, und in der Tat, für Asmus +war dieser Mann wie ein Stern der Kinderzeit; er erinnerte ihn an +manche Feierstunde voll Gedanken und Träume, und jedesmal mußte er +nach den hinteren Rocktaschen des Wolkenschiebers blicken, aus denen +er einmal einen Apfel und ein Bilderbuch hatte hervorholen dürfen. + +Aber wenn er wollte, so konnte er auch im zehnten Teil einer Sekunde +eine hundert Fuß dicke und tausend Fuß hohe Mauer um sich aufrichten, +durch die kein Ton und Bild der Kommenden und Gehenden, der +Plappernden und Klappernden hindurchdrang. Wenn er wollte, so konnte +er jeden Augenblick allein sein, ganz allein, wie in einem Grabe. + +Aber wahrlich nicht wie in einem Grabe war es in dieser Stille. Es war +wie in einer wuchernden Waldwildnis voll wirren Gezweigs, voll Blätter +und Blumen, voll Duft und tropfenden Lichts, voll jenes ewigen +Summens, das aus dem inneren Getriebe der Welt zu kommen scheint. Wie +er sich als Knabe in das innerste Dickicht eines Gehölzes verkrochen +und dort stundenlang gehockt und nur geschaut und gehorcht hatte, als +müss’ er eines Tages etwas vernehmen wie den _Atem der Welt_, so +konnte er sich in die innerste Einsamkeit seiner Seele zurückziehen +und selig sein. Aber freilich: schöner noch als am Alltag war es am +Sonntag, wenn die Arbeit der andern ruhte und nur sein Vater, +schweigend und nimmermüde, den Tabak für die kommende Woche +vorbereitete. Dann war Sonntag außen und innen, Sonntag lag in allen +Büchern, wo man sie auch aufschlug, selbst die Logarithmen hatten +Sonntag, und, wenn er’s auch gar nicht sah, Asmus wußt’ es immer, wann +die warmen Augen seines Vaters auf ihm ruhten, und er war glücklich +unter dem Glanz dieser Sterne. + + + + +V. Kapitel. + +Ob der Mensch schlafen muß oder nicht. Von stummer Liebe und von +stygischen Gewässern. + + +Der Präparand hatte ein kindliches Vergnügen daran, wenn die Bücher +sich neben ihm aufhäuften. An Faust mußte er denken, der hatte auch +ȟber Büchern und Papier« gesessen. Faust hatte alle Fakultäten +durchstudiert und sagte dann, er sei so klug als wie zuvor. Aber das +war im 16. Jahrhundert! Jetzt war die Sache schon anders. Asmus wollte +auch alles studieren, alles! Und dann wollte er doch sehen! Er wollt’ +es schon herausbekommen, + + »was die Welt + Im Innersten zusammenhält«! + +Und er konnte dem Famulus eigentlich nicht so unwirsch begegnen, wie +es Faust tat. Freilich: + + »Man sieht sich bald an Wald und Feldern satt; + Des Vogels Fittig werd’ ich nie beneiden« + +das war natürlich Torheit, oder, wie Asmus in jugendlicher Kraft +sagte: »Blödsinn«; aber was dann folgte, das war doch wahr und schön! + + »Wie anders tragen uns des Geistes Freuden + Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt! + Da werden Winternächte hold und schön, + Ein selig Leben wärmet alle Glieder –« + +Ja, ja, ja, so war es, da hatte der »trockne Schleicher« dennoch +recht! Und zuweilen fragte sich Asmus, ob es nicht das schönste Leben +wäre, immer am Tische zu sitzen, links Bücher und rechts Bücher, vor +sich Bücher und hinter sich Bücher, und gar nicht wieder aufzustehen +und niemals schlafen zu gehen. Wenn Ludwig Semper ihm mit leisem +Finger auf die Schulter klopfte und sagte: »Du mußt zu Bett gehen,« +dann fragte sich Asmus immer: »Warum geht man eigentlich schlafen? Ich +werde noch einmal beweisen, daß man überhaupt nicht zu schlafen +braucht.« + +Er hatte den Gang und die Haltung seines Vaters geerbt; sein Vater +aber ging mit großen Schritten und mit gesenktem Kopf. + +»Jung’, geh’ doch grade!« rief seine Mutter; »grad auf wie ich, sagte +der schiefe Tanzmeister,« so rief sie viele hundert Male, und dann +richtete Asmus den Kopf empor und trug ihn über eine Minute lang hoch in +den Lüften; dann aber sank er langsam, langsam wieder hinab, dem Tal der +Träume zu. + +Wer aber nun gefürchtet hätte, daß Asmus Semper ein Bücherwurm und +Stubenhocker werden könnte, der würde doch nur den vierten Teil seines +Wesens gekannt haben. Wie er als Knabe zu seinen Einkaufgängen immer +mehr Zeit gebraucht hatte, als der Weg eigentlich erforderte, so fand +er noch immer auf seinen Schul- und Heimwegen an diesem wunderbaren, +ewig sich wandelnden Panorama der Welt ein unermeßliches Vergnügen. Da +war zum Beispiel ein hübsches Mädchen, das ihm jeden Morgen begegnete. +Sie war sehr einfach, aber ordentlich gekleidet und schien eine etwas +bessere Stellung in einer Fabrik zu haben. Eines Morgens trafen sich +ihre Blicke. Und von da ab traf es sich jeden Morgen, daß sie ihm in +die Augen sah und er ihr. Das traf sich wohl monatelang so. Zuletzt +fanden sich ihre Blicke schon ganz von weitem, auf zwanzig Schritte, +und blieben so lange ineinander haften, bis die beiden Morgenwanderer +aneinander vorbei waren. Und eines Morgens – war es möglich? war es +denkbar? – eines Morgens schien sie leise zu nicken. Asmus griff an +den Hut; aber weil er so verwirrt war, tat er es erst, als sie schon +vorüber war. Dann fragte er sich auch, ob es nicht eine kolossale +Dreistigkeit wäre, sie zu grüßen. Aber am nächsten Morgen nickte sie +schon ganz deutlich, und tief zog Asmus den Hut, als wäre sie die +Königin Semiramis. Und nach und nach nickte sie immer deutlicher und +lächelte dabei, und Asmus zog den Hut und lächelte ebenfalls. Er mußte +an Don Juan denken, der auch mit allen Mädchen angebunden hatte. Als +aber nun die Semper auf Frau Rebekkas Betreiben wieder einmal +umgezogen waren und Asmus einen andern Weg zur Schule nehmen mußte, +da hörten die Begegnungen auf. Es wußte wohl keiner vom andern, wer er +sei, und ob ihm ein Glück vorübergegangen oder ein Unglück. Langsam, +wie der Regenbogen aus dem Grau hervorgetreten war, ward er wieder +aufgesogen vom Grau. + +Er ging durch manche graue Straße und manchen grauen Tag; denn der +Himmel Hamburgs verhüllt sich oft wochenlang. Aber immer war er +erstaunt, wenn er die andern seufzen hörte: »Nun haben wir in drei +Wochen die Sonne nicht gesehen!« Brauchte man denn die Sonne? Gewiß, +wenn sie am Himmel stand, dann war die Welt über alles Begreifen +schön; aber konnte man nicht auch ohne Sonne fröhlich, glücklich und +begeistert sein? »Drei Wochen keine Sonne?« fragte er ungläubig. Er +hatte sie nicht vermißt. Ihm war es, als wäre eben noch Sonnenschein +gewesen. Unter seiner Hirnschale wölbte sich ein ewig heiterer Himmel. +Aber merkwürdigerweise sah man ihm das nicht an. Er schaute meistens +mit einem ernsten Gesicht in die Welt, wohl darum, weil er sie über +alles Erwarten schön fand. + +Und in warmem Behagen stapfte er durch den tagelangen, wochenlangen +Nebel und den »fisselnden« Regen Hamburgs und schaute mit Behagen in +die grauen Kanäle und mit Behagen empor an den altersgrauen Häusern +der ehrwürdigen Stadt. Jedes dieser Häuser sah anders aus und guckte +einen an wie ein Mensch und sagte: »Hier ist sicheres und behagliches +Wohnen.« Und seltsam, obwohl die Straßen schmal und dunkel waren, +glaubte man’s doch, während man draußen durch die neuen Viertel seines +heißgeliebten Oldensund, wo die wachsende Industrie eine Mietskaserne +nach der andern aufwarf, nur mit Ekel und Grauen ging. Asmus Semper +hatte sich nie eine Vorstellung von der Hölle machen können; seitdem +er diese neuen Arbeiterviertel, diese rauchbeschmutzten +Kasernenreihen, diese Kolumbarien, diese vierstöckigen Hundehütten – +nein, Hundehütten waren gewöhnlich hübscher – seitdem er die freche +Prosa, die schamlose Häßlichkeit dieser Zementkisten gesehen hatte, +seitdem konnte er sich ein Bild machen von einem Ort der ewigen +Verdammnis. Seine Seele hatte ja Millionen von Saugfäden, die selbst +aus dem ärmsten und dunkelsten Winkel noch Schönheit und Freude sogen; +auch in seiner Tabak- und Studierstube fand er noch Schönheit und +Freude; aber vor dem gemeinen Blick dieser Häuser zogen sich alle +Fäden seiner Seele schaudernd zurück, und nie empfand er ein +grimmigeres Mitleid mit den Armen, als wenn er durch diese Straßen +ging. + +O, wie hatte er’s dagegen wieder gut getroffen mit seiner neuen +Wohnung in der roten Twiete. Diesmal hatte die quecksilberne Frau +Rebekka einen guten Griff getan, und sie triumphierte in hellen Tönen. +Das Haus selbst war freilich auch nur eine Mietskaserne; aber +gegenüber lag ein Park mit uralten Bäumen, und davor stand eine +unbewohnte, strohbedeckte Hütte, und neben dem Park öffnete sich unter +hohen Baumkronen, schmal und schattenheimlich, wie ein Weg zur +Unterwelt, der Philosophenweg. O nein, es fiel dem Präparanden Semper +gar nicht ein, um der Bücher willen solche Dinge stehen und liegen zu +lassen; er durchkostete den Park bis in seine fernsten, zartesten +Wipfel, wenn auch nur mit den Augen – denn im Klettern hatte er’s +niemals weit gebracht – er bevölkerte die Strohdachhütte mit den +Gestalten Pestalozzis und Jeremias Gotthelfs, Berthold Auerbachs und +Fritz Reuters; am Eingange des Philosophenweges aber sah er den +Laertiaden Odysseus die Opferbräuche vollziehen, die den Schatten des +Teiresias dem Hades entlocken sollten. Er war schon hundertmal durch +diesen Philosophenweg gegangen und wußte ganz genau, daß nur ein +kümmerliches Rinnsal ihn begleitete und daß er auf eine +Goldleistenfabrik mündete – aber wenn er von seinem Bett aus durchs +Fenster nach dem Eingang des Weges sah, dann war es der Ort, + + »Wo in den Acheron sich der Pyriphlegethon stürzet + Und der Strom Kokytos, ein Arm der stygischen Wasser.« + +daran hätten siebzigtausend Goldleistenfabriken nichts zu ändern +vermocht. + + + + +VI. Kapitel. + +Fortsetzung des Beweises, daß Asmus kein Bücherwurm, sondern ein +Sklave irdischer Lust ist. + + +Aber auch derbere Freuden verschmähte Asmus nicht; der Welt- und +Sinnenlust war er ergeben wie in seiner Kindheit. Nicht jeden Sonntag +und nicht den ganzen Sonntag verbrachte er bei den Büchern, nein, +gewöhnlich suchte er am Sonntag nachmittag seine Freunde Knapp und +Diepenbrock auf, die ehemaligen Mitdirektoren seines Puppentheaters. +Zunächst ging er zu Knapp, den er gewöhnlich mit seinem Vater zusammen +im Garten beschäftigt fand. Einmal waren sie bei der Mohrrübenernte, +da sagte der alte Knapp: + +»Na, Asmus, haust du deine Jungens auch fix?« + +»Nein,« rief Asmus lachend, »ich unterrichte überhaupt noch gar +nicht.« + +»Ja, hauen mußt du sie, sons wird da nix aus.« + +Und dann zog der alte Knapp eine Mohrrübe aus und gab sie Asmussen. + +»Da – muß deine Kinder mitnehmen un muß sie sagen: »So wächsen die +Worzeln.« + +Asmus sah den Bildungswert dieses Verfahrens nicht ohne weiteres ein; +aber er dankte höflich und steckte die Wurzel ein. + +Und wenn die beiden dann zu Diepenbrock kamen, dessen Eltern ein +Logier- und Speisehaus hatten, dann sah er da einen interessanten Mann +auf dem Sofa liegen. Er hieß Zöllner, war Zigarrenmacher und lag jeden +Sonntag, den Gott werden ließ, auf dem Sofa und las. Er besaß nicht +nur den großen Meyer, sondern auch sämtliche Klassiker und +Halbklassiker in prächtigen Einbänden. Und wenn er zwölf Sonntage +hintereinander auf dem Sofa gelegen und gelesen hatte, dann ging er am +dreizehnten hin und betrank sich so vollständig und andauernd, daß er +eine Woche lang nicht aus dem Rausche herauskam; dann kehrte er wieder +zu Meyer und den Klassikern zurück. Diepenbrock hatte viele Messer und +Gabeln zu putzen, und Ewald Knapp und Asmus Semper halfen ihm dabei, +damit er schneller fertig werde; aber Asmus mußte zwischendurch immer +wieder nach dem Mann auf dem Sofa blicken, der ein schönes, vornehmes +Gesicht mit einem langen braunen Bart hatte. + +Wenn sie dann endlich fertig waren, gingen die drei fast eine Stunde +weit nach der Hamburgischen Vorstadt St. Pauli, nach diesem St. Pauli, +das in der ganzen Welt bekannt war als ein Stapelplatz irdischer Genüsse +und Seligkeiten für Anspruchslose. Da gab es nicht nur Kuchenbuden, +Obstbuden, Bücherkarren, Karren mit Spielsachen, mit Kokusnüssen, die +vor den Augen des Publikums geöffnet wurden, mit ambulantem Käse, der +sich alle Düfte der Vorstadt unterwarf, mit Limonaden und Likören, da +gab es auch Kasperletheater, Mordgeschichtenbilder, fliegende Museen, +Naturalienhandlungen, Wachsfigurenkabinette, Theater, Singspielhallen – +o, diese Singspielhallen! Am Abend waren die Portale mit hunderten von +bunten Lichtern umkränzt, und wenn eine Tür aufging, sah man durch +Rauchwolken wunderschöne Frauen tanzen – »wenn ich Lehrer bin und viel +Geld verdiene, da geh ich auch hinein,« sagte sich Asmus. + +Das erste aber, was die drei taten, war regelmäßig, daß sie – immer +bei demselben »Konditor« – einen Eisenbahnkuchen kauften. Das war ein +Gemisch von zerriebenem Schwarzbrot und Syrup mit einer Zuckerglasur +darüber und war vielleicht eher zu den Laxiermitteln als zur Gattung +der Kuchen zu rechnen; aber es schmeckte um so schöner, als es für 5 +Pfennige einen halben Kubikdezimeter gab. Dann gaben sie sich +zufrieden dem Genuß des Schauens, Kauens und Staunens hin. + +»Der siebenfache Raub- und Elternmörder Timm Thode, das größte +Scheusal in Menschengestalt!« schrie ein dickes Weib und schlug mit +einem Rohrstock klatschend gegen ein 12teiliges »Gemälde«, das die +Leistungen des Gefeierten im einzelnen zur Darstellung brachte. Schon +von weitem schlug Asmus einen andern Weg ein, er wußte auf der Welt +nichts Widerwärtigeres als diese Bilder und die erklärenden Gesänge +der Schausteller. + +Aber dann gab es einen Mann auf dem »Spielbudenplatze«, der war am +ganzen Leibe mit Musik bewaffnet. Mit dem Fuße schlug er Becken und +Triangel, mit dem Ellbogen eine große Trommel, mit der rechten drehte +er einen Leierkasten, mit dem Munde blies er eine Panflöte, und wenn +er den Kopf schüttelte, erklangen von seinem Hute, der einer +chinesischen Pagode glich, eine Menge von Glöcklein. Die Musik war +gewiß scheußlich; aber die Fertigkeit des schwitzenden Mannes blieb +bewundernswert. Er hatte denn auch immer ein Rudel von Jungen um sich, +und darum mußte er die linke Hand frei behalten. + +»Käupt, Lüd, käupt!« schrie mit furchtbarer Schnapsstimme, die dem +Bellen eines heiseren Wüstenwolfes glich, ein Mann, der Datteln +verkaufte. Aber es waren keine Datteln mehr, es war nur noch ein +unerklärbares Mus, das zu Klumpen geballt auf der Karre lag. »Tein +Penn dat Pund, Lüd!« schrie der Mann. »Ick verkäup se mit Schoden, +Lüd; ick sett dor noch bi too! Blos ut Schobernack käupt mi wat af, +Lüd!« + +Und einmal kam Asmus an eine Bude, auf deren Vorderseite ein Schwein +mit Menschenaugen abgebildet war. Das Tier hatte einen seelenvollen +Blick und schien darüber nachzusinnen, ob es ein Mensch oder ein +Schwein sei. Was es in seinem Zweifel noch bestärken konnte, war der +Umstand, daß es an den Hinterfüßen fünf menschliche Zehen hatte. Wohl +hundertmal drehte Asmus sein Zehnpfennigstück in den Händen herum; +aber dann sagte er sich, daß ein zukünftiger Lehrer seiner Bildung +jedes Opfer bringen müsse; er gab es hin und trat ein. Er fand in +einem Glashafen voll Spiritus ein kleines totes Ferkel, das genau wie +jedes andere Ferkel aussah. Der Schausteller, ein großer Kerl in +Hemdärmeln, erklärte ihm, das Ferkelauge sei ein vollkommenes +Menschenauge, und die hinteren Zehen seien Menschenzehen. Asmus +blickte schon lange nicht mehr auf das Ferkel im Glashafen, sondern +auf den Mann in Hemdärmeln; er sah ihn mit staunenden Blicken an; denn +er begriff nicht, daß ein Mensch so unverschämt sein könne. + +»Das ist ja alles Schwindel!« sagte Asmus. Im nächsten Augenblick +fühlte er sich unsanft vor die Bude befördert, und wenig fehlte, so +wäre er die Stiege, die zum Eingang hinaufführte, hinuntergefallen. Es +war nicht die erste Erfahrung dieser Art, die er im »Kampfe gegen das +Unrecht« machte; aber noch viel, viel weniger war es die letzte. + +Nach solchen Erlebnissen gab es einen Wirbel in seinem Kopfe. Wie +konnte so etwas geschehen! _Das war doch Unrecht!_ Und Unrecht +brauchte man sich doch nicht gefallen zu lassen! Unrecht _durfte_ man +sich gar nicht gefallen lassen ... + +Wenn es sich aber traf, daß die drei sich männlich aufgelegt fühlten, +so wandten sie den kindlichen Freuden des Spielbudenplatzes nach +gründlicher Betrachtung mit kritisch geschürzten Lippen den Rücken und +gingen noch dreiviertel Stunden weiter nach Hamburg hinein. Dort gab +es nämlich eine Wirtschaft, wo man ein ganzes Seidel »echtes +Kulmbacher« für fünfzehn Pfennige verzapfte und sechzehnjährige Männer +mit Hochachtung behandelte. Sie saßen dort eine Stunde lang bei einem +Glase und übten Kritik nach Art der Jugend, das heißt sie rezensierten +die Bälle der Billardspieler, ohne von diesem Spiel etwas zu kennen. +Auch das Billardspiel war ein #pium desiderium# Asmussens; aber ach, +zu all dergleichen gehörte ein Lehrergehalt. Ja, wenn man 1200 Mark +verdiente – nach einem vorzüglichen Examen bekam man sogar 1300 Mark +das Jahr – dann ließen sich alle Sehnsüchte kühlen. + +Wenn sie mehr Geld als gewöhnlich hatten, so gingen sie in ein +Vorstadttheater, wo die Vorstellung 7 Stunden dauerte. Da gab es Musik, +Couplets, Liedervorträge, Männer, die abgeschossene Kanonenkugeln +auffingen, wunderschöne Trapezkünstlerinnen in Trikots und dazu noch ganze +Dramen in fünf oder mehr Akten, z. B. Anna Field, die Frau in Weiß oder ein +Opfer der Liebe von Charlotte Birch-Pfeiffer. Aus den Stücken machte sich +Asmus nicht viel; aber der jugendliche Held und Liebhaber gefiel ihm über +die Maßen. Asmussens Vater behauptete, diesen Mann schon vor dreißig Jahren +als jugendlichen Liebhaber gesehen zu haben, und taxierte ihn auf sechzig +Jahre. Aber er hatte sich aus besseren Tagen in Spiel und Stimme einen +edlen Rest bewahrt, und dieser genügte, um Asmus zu entflammen. Vor allem +diese Sprache! Das mußte auch in Wirklichkeit ein edler, seelenguter Mensch +sein, davon war Asmus tief überzeugt. Und die Liebhaberinnen verehrte und +liebte er ohne Ausnahme; denn er war etwas kurzsichtig und saß auf einem +billigen Platze weit hinten. Eine sanfte Stimme und ein weißes Gewand +genügten, um ihn von der heiligen Unschuld einer Heldin zu überzeugen. Er +war in jenem Alter, wo die Ästhetik der jungen Leute immer dem andern +Geschlechte recht zu geben pflegt. + +Wenn sie aber sehr viel Geld hatten, fünfzig Pfennige oder noch mehr, +dann gingen sie in ein »richtiges« Theater, wie Asmus es nannte, das +heißt ins Stadt- oder Thaliatheater. Einmal erwischte Asmus auf der +höchsten Galerie einen Platz, von dem aus er nur dann die Bühne +erblicken konnte, wenn er seinen Körper in einen fast rechten Winkel +bog. Man gab Don Carlos, ein Stück, das zwischen sechs- und +siebentausend Verse hat. In den Zwischenakten hatte er beachtenswerte +Kreuzschmerzen; aber sobald der Vorhang wieder aufging, waren sie +verschwunden. Es war eine Begeisterung mit Hindernissen; aber so stark +war sie, daß die Jünglinge noch stundenlang im Regen spazieren gingen +und sich nur in Ausrufungssätzen über den Don Carlos und seinen +Dichter unterhielten. An solchen Abenden hatte Asmus stärker denn je +das Gefühl: Warum geht man eigentlich zu Bett? Man verliert ja die +Hälfte des Lebens, die Hälfte der Welt! Und als er eines Tages bei +Grabbe die Worte fand: »Die Zeit, die man nicht schläft, heiß ich dem +Tode abgewonnen,« da jauchzte er förmlich auf: Ja, das ist mein Mann. + + + + +VII. Kapitel. + +Wie Asmus sang, trank, lachte, weinte und prustete. + + +Es muß andrerseits gesagt werden, daß er dasselbe Gefühl auch beim +Biertrinken hatte, und das Biertrinken studierte er außer anderem bei +Herrn Bockholm. Franz Bockholm war ein blindgeborener Orgel- und +Klaviervirtuos und wohnte, obwohl er ein ziemlich wohlhabender Mann +war, in einer winzigen, obskuren Arbeiterkneipe, die innen und außen +vom Ruß der nahen Glashütten geschwärzt war. Asmus wurde eines Tages +durch einen Zigarrenarbeiter, dem er Privatstunden gab und der das +Honorar für das abgelaufene Vierteljahr in einem Glase Bier erlegen +wollte, dorthin geführt. Natürlich genoß der blinde Künstler in diesen +Räumen die Verehrung eines weißen Elefanten, und Asmus empfand eine +tiefe Ehrerbietung, als er ihm in aller Form vorgestellt wurde. Schon +vor dem Unglück der Blindheit allein empfand er eine heilige +Ehrfurcht; als sich nun aber der Blinde gar ans Klavier setzte und +wunderschön aus der »Zauberflöte« phantasierte, da vergaß er »in +diesen heiligen Hallen« vollends, daß es eine Schnaps- und Bierschenke +war. Dann unterhielt man sich, und Asmus fiel es auf, daß Herr +Bockholm den Kopf neigte und horchte. + +»Donnerwetter!« schrie plötzlich der Blinde, »Donnerwetter! Sie müssen +doch singen können!« + +Asmus stotterte verlegen, daß er nur ein bißchen singen könne – +»eigentlich gar nicht!« rief er schnell; denn er hatte Angst. + +»Kommen Sie, kommen Sie!« rief Bockholm, und schon saß er wieder am +Klavier. »Sie haben einen Bariton. Was können Sie singen?« + +Asmus begann mit bebendem Herzen das Lied des Zaren »Einst spielt’ ich +mit Zepter«, und als er das beendet hatte, schrie Herr Bockholm: +»Weiter, was können Sie noch?« + +Und nun sang Asmus, kühner geworden: + + »Horch auf den Klang der Zither.« + +»Verflucht!« schrie der Blinde, sprang auf, schlug sich auf den +Schenkel und lachte übers ganze Gesicht, »verflucht! Er hat eine +Stimme wie Krückl!« Das war ein Bariton, der am Stadttheater den +Mozartschen Almaviva und den Rossinischen Figaro sang. + +»Frau Piefke, Bier!!« brüllte der Musiker mit vehementer Lustigkeit, +und nun mußte Asmus auf seine Kosten eins trinken und noch eins und +noch eins. Noch am selben Abend mußte Asmus mit dem weißen Elefanten +auf du und du trinken, obwohl dieser ein viertel Jahrhundert älter +war, und dann wurde nicht weniger abgemacht als dies: Asmus solle +jeden Tag kommen und bei Bockholm das Klavierspiel lernen und solle +sich Gesangsnoten verschaffen, z. B. die Balladen von Löwe, und zum +Entgelt solle er dem Blinden hin und wieder etwas vorlesen. + +Und ungefähr so geschah es. Asmus kam, wenn auch nicht täglich, so +doch oft, lernte Klavierspielen, sang den »Archibald Douglas« – »darin +steckt mehr als in mancher großen Oper,« schrie Bockholm mitten im +Spiel – las seinem Lehrer die Zeitung bis in den Inseratenteil vor – +denn der Blinde wollte alles wissen – und übte sich im Biertrinken. + +In dieser Kunst leistete der Meister noch mehr als in der Musik; ein +Seidel voll schien auf einen Schluck, wie in einer Klappe, zu +verschwinden, und er hatte begnadete Tage, wo er es auf dreißig Seidel +brachte. Das sah nun Asmus freilich mit Staunen und mit Grauen; aber +er hielt es doch für Ehrensache, es auf vier oder fünf zu bringen. +Zuweilen allerdings kam ihm die ganze Atmosphäre etwas trüb und +traurig vor; es kamen da Gesellen, bei denen er sich wunderte, daß +Bockholm ihnen vorspielte und mit ihnen trank; aber dann kamen auch +wieder Leute, ungebildete Arbeiter, in berußten Blusen und +kalkbefleckten Kitteln, die mit einer schier leidenschaftlichen +Begierde und mit innerster Teilnahme zuhörten. Und Kerle mit Humor +kamen da! Eines Tages, als Bockholm ein Bravourstück mit ungeheurer +Fingerfertigkeit gespielt hatte, sagte ein Steinbrügger: + +»Junge – wenn ick den sin’n Kopp harr!« und ein anderer versetzte +langsam und gedankenvoll: + +»Djä – – un wenn du denn so dumm wärs wie jetz, denn nütz di dat ook +nix.« + +»Och,« sagte dann wieder der erste, »wenn ick man din Mul harr, denn +gung dat woll,« und dann stießen sie miteinander an und lachten. + +Ja, das war doch auch wieder etwas, wobei einem das Herz ganz frei und +warm wurde! + +Gewöhnlich wollten die Arbeiter unzählige Seidel Bier für den Künstler +zahlen; aber das nahm er nur unter der Bedingung an, daß er sich +revanchieren dürfe, und so kam er immer häufiger auf die dreißig +Seidel und mit jedem Tage seinem frühen Ende um zwei Tage näher. + +Die Privatstunden im Biertrinken kamen Asmus zu statten bei den +heimlichen Zusammenkünften der Albingia. Die Albingia war eine +heimliche Präparandenverbindung mit Burschenbändern, Zereviskappen und +allem Zubehör eines regelrechten Komments. Durch ein bemoostes Haupt, +das die Geheimnisse der Albingia mit dem furchtbaren Ernste des +Verschwörers behandelte und an ein Sakrament der Kneipe zu glauben +schien, wurde Asmus in diesen nächtlichen Zirkel eingeführt. Gleich +bei der ersten Kneipe hieß es: »Semper muß aus ’m Faust rezitieren,« +und Asmus ließ sich vom Kellner ein Fläschchen voll braunen Saftes +und ein Glas bringen und bestieg die kleine Bühne am Ende des Saales. +Er sprach die ersten Monologe des Faust bis zum Anbruch des +Ostermorgens, und als er an die Stelle kam: + + »Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen; + Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen; + Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht. + Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle; + Den ich bereitet, den ich wähle, + Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele + Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht!« + +da goß Asmus den Inhalt des Fläschchens in das Glas. Der Saft war +nichts anderes als Bier; aber nicht nur Asmus, nein, die ganze +Versammlung würde den mit ewiger Verachtung belegt haben, der darüber +gelacht hätte. + +Sonst aber lachte er lieber als alle anderen. Er fand es ungemein +possierlich, daß er als Fuchs den andern Bier einzapfen und ihnen die +lange Pfeife anzünden mußte, und er war glücklich und stolz, als er +endlich »entschwänzt« wurde und in der Biertaufe den Namen »Dr. Faust« +erhielt. Er war noch gewohnt, alle Dinge des Lebens tief zu nehmen, +und hielt es für heilige Pflicht, einen »Kuhschluck« und einen +»Bierjungen« genau so ernst zu nehmen wie die Gedanken Rousseaus und +die Entstehung des Pentateuchs. Er konnt’ es nicht begreifen, wie man +trotz der Ermahnungen des Vorsitzenden, auszuharren, dennoch um drei +Uhr morgens aufbrechen konnte, wo es doch die einfachste deutsche +Treue gebot, den Präsidenten nicht im Stich zu lassen. Und am +wenigsten konnt’ er begreifen, daß sie nicht lustiger waren, daß sie +all diese fidelen Bräuche, diese köstlichen Lieder und Schnurren, von +denen das Kommersbuch förmlich platzte, für gewöhnlich so frostig, +gleichsam geschäftsmäßig abmachten. Mein Gott – als er sich das +Kommersbuch zu Hause vornahm – da lachten und schwärmten ja ganze +Jahrhunderte daraus hervor; die Romantik, der Übermut, der +Jugendglaube von zwanzig Generationen zogen durch seine Brust; alle +Augenblick mußt’ er aufspringen, mit den Fingern schnalzen, +Tanzsprünge durchs Zimmer machen; auf seinen Wangen mischten sich +Lachtränen und Weintränen – o, wie mußte das über alle Begriffe +herrlich sein, wenn solch ein Lied durch den Saal brauste, wie +göttlich lustig mußte das sein, wenn sie alle mit Leichenbittermienen +sangen: + + O wie bimmel, bammel, bummelt, + O wie bimmel, bammel, bummelt, + O wie bummelt mir mein Frack! + Ich hab noch nie einen Frack gehabt, + der mir so sehr gebimmelbammelt hat – + +aber wenn dann die Kneipe da war, ja, da gab es wohl zuweilen lustige +Stunden; aber es war nicht das, was er gehofft hatte; es fehlte ein +Duft – ein Glanz – eine unnennbare Weihe – es fehlten die rosigen, +silbernen Wolken über der Versammlung – – –! + +Er begriff überhaupt nicht, warum die Menschen nicht öfter lachten und +nicht öfter weinten, da doch die Welt so reichen Anlaß dazu bot. Als +er einmal eine Molieresche Komödie sah und die Situation auf der Bühne +plötzlich eine künftige Situation von großer Komik ahnen ließ, da +schoß ihm ein so gewaltiges Lachen in die Nase, daß er es nicht +zurückhalten konnte; da er es aber dennoch zurückhalten wollte, so kam +ein eigentümlicher Prust-, Schnupf- und Grunzlaut zustande, über den +das ganze Publikum in laute Heiterkeit ausbrach. So hatte sich Asmus +vermutlich noch nie geschämt wie in diesem Augenblick; es ist +anzunehmen, daß er bis in die Zehenspitzen errötete; aber nachher +mußte er sich doch fragen: Warum habe ich denn allein gelacht? Warum +lachten nicht alle? + + + + +VIII. Kapitel. + +Warum Ludwig Semper nicht in den »Lohengrin« ging und Asmus mit einem +Windhund verkehrte. + + +Wenn er von der monatlichen Kneipe der Albingia einmal spät nach Hause +kam, so schüttelte Frau Rebekka den Kopf und äußerte ihre Besorgnisse; +aber Ludwig Semper lachte vergnügt in sich hinein und sagte: »Laß ihn; +das gehört dazu.« Auch er hatte zu Schleswig seine heimlichen +Gymnasiastenkneipen gefeiert und den Landesvater gesungen, und +manchesmal, wenn das Vergangene in ihm erwachte, hatte er, am +Tabakstische sitzend und das blanke Zigarrenmesser schwingend, +gesungen: + + »Seht ihn blinken + In der Linken + Diesen Schläger, nie entweiht! + Ich durchbohr den Hut und schwöre: + Halten will ich stets auf Ehre, + Stets ein braver Bursche sein!« + +Dagegen hatte Ludwig Semper für eine andere Neigung seines Sohnes +durchaus kein Verständnis: Er begriff nicht, wie man ohne Not einen +Weg von mehr als einer Viertel- oder gar halben Stunde machen konnte. +Wenn Asmus in den Ferien Spaziergänge von vier Stunden machte, so +schüttelte Ludwig andauernd den Kopf; bei einem acht- oder +zehnstündigen Ausflug aber wurde er sozusagen böse, warf das linke +Bein über das rechte und murmelte: »Verrückt!« Er schien das für +gesundheitsschädlich zu halten, und einer der Gründe, weshalb er noch +immer nicht den Lohengrin gehört hatte, war der, daß man ins Hamburger +Stadttheater eine Stunde zu gehen hatte. Asmus hingegen hatte Seume +gelesen, und einer seiner Träume war es, einen Spaziergang nach +Syrakus zu machen, wie ihn dieser etwas nüchterne, etwas trockene, +aber in seiner Unabhängigkeit, Kraft und Lauterkeit dennoch poetische +Mann gemacht hatte. + +Unter den Studiengenossen, mit denen Asmus seine botanisch-zoologisch- +mineralogisch-poetisch-politisch-philosophisch-cerealisch-bacchischen +Ausflüge – denn das Frühstück spielt bei Siebzehnjährigen eine genau +so große Rolle wie der Idealismus – zu unternehmen pflegte, waren es +besonders zwei, zu denen er in ein näheres Verhältnis trat. Der eine +war sein Mithospitant Morieux, und dieser hatte Eigenschaften, die +wohl auf einen französischen Vorfahren schließen lassen konnten. Er +war ein hübscher, schlanker, geschmeidiger Bursche mit dunklem Haar +und einem famosen schwarzen Schnurrbärtchen und zeigte in Sprache und +Gebärden eine überschießende, ja, in seinen Mienen nicht selten eine +fratzenhafte Lebhaftigkeit. Die Jugend urteilt wie die Frauen und wie +das Publikum mit Vorliebe nach dem Instinkt und trifft damit +gewöhnlich das Richtige. So erhielt denn auch Morieux in der Biertaufe +den Namen Fritz Triddelfitz, mit der Begründung, daß er ein +»langschinkiger, dünnrippiger Windhund« sei. Von den Windhunden sagt +man, daß sie selbstsüchtig und wenig treu seien, und das stimmte bei +Morieux insofern, als er nur eine halbe Treue besaß. Wenn Asmus in der +Klasse irgend einen größeren Erfolg erzielt hatte, so beglückwünschte +ihn Morieux mit fulminanten Worten und war dabei blaß bis in die +Lippen, und Asmus sah mit vollkommener Gewißheit, daß der Neid, ja der +Haß ihn innerlich zerwühlten. Aber er sah auch, daß Morieux mit diesem +Neide kämpfte, daß er sich die Lippen fast blutig biß. Und immer +wieder kehrte er zu Asmus zurück und zog seinen Umgang jedem anderen +vor. Er überhäufte den Freund mit Ausdrücken einer so schwärmerischen, +überschwenglichen Bewunderung, daß Asmus abwechselnd rot und blaß +wurde und an die Aufrichtigkeit dieser Apotheosen niemals glauben +konnte, und doch wußte er, daß Morieux in derselben Weise zu andern +über ihn sprach. Auch Asmussens Eltern hatte er solchermaßen den Ruhm +ihres Sohnes verkündet, und Frau Rebekka hatte alles geglaubt und mit +Entrüstung ausgerufen: »Der dumme Bengel! Und davon sagt er zu Hause +kein Wort!« Im innersten Herzen fühlte sich Asmus von diesem Freunde +wohl mehr abgestoßen als angezogen; aber eines besaß dieser Freund, +was ihn festhielt, und das war seine außerordentliche musikalische +Begabung, im besonderen sein vorzügliches Geigenspiel. Morieux ließ +nicht locker, bis sich Asmus von ihm die Anfangsgründe des +Geigenspiels zeigen ließ, und alsbald traktierte der junge Semper mit +solcher Versessenheit das schwierige Instrument, daß sie nach einigen +Wochen schon leichte Duette spielten. Dieses Band hielt sie zusammen +und zog sie bald zu einem Bratschisten und einem Cellisten hin und +geleitete ihren jugendlichen Wagemut endlich zu den Quartetten Haydns, +Mozarts, Beethovens und Schuberts. + +Aber leider hatte der langschinkige, dünnrippige Windhund eine fatale +Neigung, andere Leute aufzuziehen. Er hielt sich für so gescheit, daß +er allen andern etwas aufbinden könne; er gab sich bei den gemeinsamen +Ausflügen den einfachen Landbewohnern gegenüber für einen +ausstudierten Lehrer, für einen Arzt, für einen höheren Beamten oder +dergleichen aus, nur um ihnen allerlei Abenteuer und Räubergeschichten +aufzubinden und sich an ihrer Leichtgläubigkeit zu weiden. Nun +schlummert freilich hinter den träumerisch-gutmütigen Augen des +Schleswig-Holsteiners eine feine und stattliche Klugheit, die nur +dann vollends aufwacht, wenn es durchaus notwendig ist, und +gelegentlich wurde der Aufschneider wohl durch ein ironisches Lächeln +oder ein spöttisches Wort zurückgewiesen; aber manchmal fand er auch +Gläubige, und solch ein Mißbrauch eines freundlichen Vertrauens +verdroß Asmus jedesmal über die Maßen. Am wenigsten konnte er’s +vertragen, daß alte Leute in weißen Haaren gefoppt wurden, und wie +wurde ihm nun gar zumute, als Morieux sich eines Tages einfallen ließ, +seine Eltern, seine Mutter Rebekka Semper, seinen Vater Ludwig Semper +anzulügen und zu hänseln. Als hätte man ihm mit der Peitsche ins +Gesicht geschlagen, so war es ihm. Um seine Eltern nichts merken zu +lassen, machte er gute Miene zum bösen Spiel und lenkte mit einer +gewaltsamen Anstrengung das Gespräch geschwind auf einen anderen +Gegenstand: nachher aber, beim Abschied vor der Tür, weigerte er dem +Frevler die Hand und sagte: + +»Du brauchst mich nicht wieder zu besuchen. Wir sind geschiedene +Leute.« + +Morieux ging lächelnd und mit einem höhnischen Achselzucken davon. + + + + +IX. Kapitel. + +Ein Afrikaforscher, der nicht revanchelüstern ist. + + +Ganz, ganz anders war Sempers zweiter Wandergenosse. Er war hager, +sehnig und steif, von scharfgeschnittenem Gesicht, und sein +silberweißes kurzgeschorenes Haar stand senkrecht aufgerichtet wie +Nägel. Eigentlich hieß er Herrig; aber nach einem Vororte Hamburgs, wo +die Insassen einer gewissen Anstalt gezwungenermaßen kurzgeschoren +gingen, nannte der liebevolle Witz seiner Klassengenossen ihn +»Fuhlsbüttel«. Weit davon entfernt, musikalisch zu sein, sang er, wenn +er die Wacht am Rhein singen wollte, die Lorelei, die aber auch noch +falsch. Er war überhaupt vom Kopf bis zu den Füßen amusisch, und unter +allen Kunst- und Literaturschätzen der Welt gab es nichts, was seinen +Herzschlag beschleunigen konnte. Allein auch er hatte etwas, was ihn +Sempern interessant machte: nämlich eine grammatische Nase, und in der +Analyse knifflicher Satzgebilde galten er und Asmus für Rivalen. Auch +kannte er eine Menge Pflanzen und Insekten bei Namen, und Asmus, den +seine Dorfschule in dieser Hinsicht mit wahrhaft imposanten Lücken +ausgestattet hatte, ergriff mit Freuden die Gelegenheit, sich aus dem +»Thesaurus« seines Freundes zu bereichern. Dafür bereicherte sich John +Herrig, wie man sehen wird, aus einem anderen Schatze seines Freundes +Asmus. + +Zunächst freilich war es eine Bereicherung von zweifelhaftem Wert. Sie +unterhielten sich auf ihren Wanderungen stundenlang mit bitterem Ernst +über Fragen der Politik, der Volkswirtschaft, der Gesellschaftsmoral, +der Philosophie, kurz #de omnibus rebus et quibusdam aliis#. (Morieux +war immer nach zwei Minuten auf eine Hanswursterei abgesprungen.) +Dabei sprachen sie auch von ihrer Zukunft. + +»Ich bleibe nicht Lehrer,« sagte Herrig, »ich werde Afrikaforscher.« +Da war es Asmussen, als ob plötzlich eine unbekannte Gewalt, von der +er nie gewußt, die gar nicht aus seinem Innern, sondern aus einer +weiten Zukunft zu kommen schien, ihm ein Wort auf die Lippen legte: + +»Ich – ich –« sprach er zögernd, »ich _möchte_ ja wohl Dichter +werden!« Und schnell setzte er hinzu: »Aber das ist ja natürlich +Unsinn.« + +Dann gab es einen Tag, da gingen John und Asmus lange schweigend +nebeneinander her. + +»Warum reden wir eigentlich nichts?« sagte Asmus endlich. + +»Hm,« machte Herrig, »weil wir nichts mehr zu streiten haben. Ich habe +nach und nach alle deine Anschauungen angenommen.« + +Asmus erschrak fast, als Herrig so nüchtern den wahren Sachverhalt +feststellte. Er hatte recht: das innere Freundschaftsverhältnis war +eigentlich abgestorben. Anschauungen aber, die man von einem anderen +angenommen hat, weil man nichts mehr zu erwidern wußte, sind immer ein +zweifelhafter Reichtum gewesen. + +Asmus indessen ertrug es nicht, einen toten Freund mit sich +herumzuschleppen. Er versuchte, von seinem Blut in die Adern seines +kalten, blaßhaarigen Freundes hinüberzuleiten. Sie wollten an den +herrlichen Sonnabend-Feierabenden etwas zusammen arbeiten. Und er +holte Schillers Briefe über ästhetische Erziehung hervor, an denen er +sich schon einmal geärgert hatte, weil er sie nicht verstand. +Vielleicht gelang es, sie mit zwei Köpfen zu bewältigen. Aber nach +einigen Briefen mußten sie’s abermals aufgeben. Nun studierten sie +Latein zusammen und lasen den Gallischen Krieg. Auch andere römische +Autoren lasen sie; wenn sie ihnen lateinisch zu schwer waren, dann in +Übersetzungen, und in den anschließenden Unterhaltungen fanden die +alten Herren eine mehr oder weniger endgültige Beurteilung. + +»Dieser Ovid ist doch ein fürchterlicher Quatschkopp!« rief Herrig +eines Abends aus. + +Das ärgerte Asmus und er versetzte: + +»Und dein Sueton ist ein altes Waschweib.« + +Auf solche Weise erwärmte sich nach und nach wieder das +Freundschaftsverhältnis; bald aber sollte es trotzdem für immer +erkalten. + +John Herrig schöpfte nämlich aus seinem Freunde noch einen reelleren +Reichtum als den der Weltanschauung. Wenn sie auf ihren Ausflügen +einkehrten, um zu ihrem mitgenommenen Frühstück ein Glas Bier zu +trinken, so zahlte Asmus regelmäßig die Zeche und teilte die vom Vater +erhaltenen Zigarren mit seinem Freunde. Er sagte sich nämlich: Wenn er +Geld hat, so wird er sich natürlich revanchieren; wenn er keins hat, +versteht es sich von selbst, daß der bezahlt, der etwas hat. Und Asmus +erwischte hin und wieder Privatstunden, die mit 50 Pfg. bezahlt +wurden. + +Und wenn sie rückkehrend, hungrig, durstig und müde von der +Sonnenhitze, in Oldensund eintrafen, dann fand es Asmus unmenschlich, +den Freund noch eine Stunde weit nach seinem Mittagessen gehen zu +lassen, und er sagte: »Komm mit und iß mit mir; meine Mutter wird wohl +soviel haben.« + +Und Frau Rebekka, die für sieben Menschen kochte, darunter für fünf +Söhne, deren Appetit täglich wuchs und sich nach oben hin jedem +Voranschlag entzog, hatte auch noch genug für einen achten, und sie, +die nach einem Worte ihres Gatten so sparsam war, »daß sie den Flicken +eines Flickens flickte«, und das so akkurat, daß Herr Aufderhardt, +der Schneider, ausrief: »Das ist so schön gemacht, daß _ich_ es nicht +besser kann!« – sie, die aus einem Rock eine Weste, aus der Weste eine +Mütze, aus der Mütze einen Handschuh, aus dem Handschuh einen +Putzlappen machte, und so das arme Tuch in Wahrheit zu Tode hetzte, um +es zuletzt noch an den Lumpenhändler zu verkaufen, – sie strahlte von +Heiterkeit und Stolz, wenn ein Gast an ihrem Tische saß und tüchtig +einhieb. Das war eben eine der leichtsinnigen Anmaßungen, die sie von +ihrem Gatten übernommen hatte, daß sie sich für berechtigt hielt, +unbeschränkte Gastfreundschaft zu üben. Wer im Augenblick einer +Mahlzeit als Freund das Semperische Haus betrat, der wurde an den +Tisch gebeten, das war eine Überlieferung von Semperischen Urvätern +her. + +Und nun merkte Asmus eines Tages, daß dieser Satan, dieser Herrig, +_doch_ Geld hatte! Und daß es ihm gleichwohl gar nicht einfiel, sich +zu »revanchieren«. Diese Entdeckung machte Asmussen von oben bis unten +gefrieren. Von allen Lastern, soweit er sie bis jetzt kennen gelernt +hatte, war ihm eins immer als das häßlichste erschienen: der Geiz. Und +mit einem Schlage war er aufgetaut, und aus dem Grunde seines Herzens +atmete er auf, als Herrig bald darauf, nachdem er den Freund für die +nächste gemeinsame Arbeit in seine Wohnung geladen hatte, hinzufügte: +»Du kannst ja dann bei mir zu Abend essen.« + +Gott sei Dank, dachte Asmus, er ist doch nicht geizig. + +Als Asmus am nächsten Sonnabend in die Stube seines Freundes trat, +fiel ihm sofort dessen Verlegenheit auf. Nach einiger Zeit stotterte +Herrig: + +»Abend – Abendbrot hast du wohl schon gegessen!« + +»Ja,« sagte Asmus, »Adieu!« Und nun war er sich klar über John Herrig. + +Er hatte vorläufig kein Glück mit den »Freunden« unter seinen +Studiengenossen. + + + + +X. Kapitel. + +Asmus als Königsmörder und Galeerensträfling, als Gallo und Petrarca. +Er erneuert eine gewisse, für die Folge nicht unwichtige +Bekanntschaft. + + +Ob er den Freund in seinem andern Mithospitanten, jenem Jüngling mit +der hebräischen Handschrift finden sollte, der seit einiger Zeit mit +ihm denselben Weg zur Schule ging? Claus Münz war ein guter Kerl; aber +er redete zu viel von seinen Muskeln. Er war nämlich vierschrötig und +starkknochig wie ein Arbeitspferd, und wenn er Sempern die Hand gab, +drückte er sie zum Beweise seiner Heldennatur so stark, daß Asmus das +Gesicht verzog, und dann wieherte Claus Münz aus vollem Halse wie ein +Roß. Er entblößte täglich einmal seinen Arm, um den Bizeps zu zeigen, +und hatte den sehnlichen Wunsch, einmal mit einem Athleten vom +Spezialitätentheater ringen zu dürfen. Es sei ein Jammer, sagte er, +daß er als Schulmeister nur sechs Wochen dienen könne, sonst würde er +zu den Gardehusaren kommen, und dann hätte er vielleicht einmal +tüchtig in die Franzosen einhauen können. Er hatte als Knabe jenen +Geschichtsunterricht empfangen, nach dem die Franzosen Lumpenhunde +sind, die Deutschen hingegen bieder und treu. Asmus machte sich +anfangs ein Vergnügen daraus, die Franzosen auf jede Weise +herauszustreichen; aber bald ward ihm dieser Streit zu dumm. Claus +Münz war auch in allen Muskeln und Knochen königstreu; Asmus hingegen +war überzeugter Tyrannenmörder. Zwar konnte er kein Tier, geschweige +denn einen Menschen leiden sehen, und sein schlimmster Feind hörte +auf, sein Feind zu sein, sobald er litt; aber so sehr er Cäsarn +bewunderte und liebte, an den Iden des März und bei Philippi hatte +er’s mit Brutus gehalten, sein Herz hatte den Möros, den Harmodius und +Aristogeiton, den Tell und ihren Genossen gehört. Nun war es +geschehen, daß ein Mann namens Nobiling auf den Kaiser Wilhelm +geschossen und ihn verwundet hatte. Claus Münz war außer sich vor +Entrüstung. Asmus, der in der Arbeitsstube der Zigarrenmacher den +ersten Wilhelm kaum anders als »Kartätschenprinz« hatte nennen hören, +hatte ein lebhaftes Mitgefühl mit dem alten Manne, wenn er ihn sich +auf seinem Schmerzenslager dachte, und beklagte die Tat des Mörders; +aber er ersuchte doch auch den mit allen Muskeln wütenden Freund, +gefälligst nicht zu vergessen, daß Wilhelm I. und Bismarck Tyrannen +seien. Er war der Meinung, daß es Fürsten und Minister, Herrschende +und Besitzende durchaus in der Hand hätten, dem Volke Brot und +Freiheit zu geben, und daß nur Herrschsucht und Habsucht sie daran +hinderten. Die Erkenntnis, daß wir alle unter dem Zwange der +Notwendigkeit stehen und daß es keine abhängigeren Menschen gibt als +die Herrschenden, daß wir alle an Händen und Füßen, die Herrschenden +aber an jedem Finger und jedem Haar von Fäden gezogen und geleitet +werden, die aus dem Unendlichen kommen, es sollte noch lange währen, +bis ihm diese Erkenntnis aufging. Die Geschichtsstunden des Herrn +Stahmer hatten wohl ein leises Ahnen von der ehernen Verkettung der +Dinge in ihm erweckt; aber dieser Unterricht war zu kurz gewesen und +hätte wohl auch, wenn er länger gewährt, aus den jungen Keimen einer +Jünglingsseele – einer Kindesseele fast – keine Bäume machen können. +Die Geisteskräfte des guten Claus Münz aber waren vollends nicht dazu +geschaffen, den jungen Semper zu überwältigen; dieser gab es sogar +vollständig auf, zu streiten, weil Claus Münz immer nur muskulöse +Behauptungen vorbrachte, und Asmus schleppte geduldig, aber gemartert, +jeden Morgen den Geist des Claus Münz hinter sich her wie die Kugel +eines Galeerensträflings. + +Aber wie schon oft, so sollte er auch jetzt Erquickung und Trost +finden bei den Frauen. Die Schule, an der er jeden Morgen hospitierte, +hatte sich vergrößert und unter anderen Lehrkräften auch drei neue +Lehrerinnen bekommen. Unter diesen war eine musikalische Dame von +einer weichen und sanften Schönheit, und es dauerte natürlich keine +zwei Tage, bis Asmus sie heimlich besang und in seinem Gedicht +versicherte, daß die heilige Cäcilie unter den Irdischen wandle. Sie +hatte oft eine Gefährtin bei sich, der Asmus eines Tages »die +bezauberte Rose« von Ernst Schulze lieh, die ihm das Buch aber schon +am folgenden Tage zurückgab, weil sie es nicht lesen könne, so fromm +und tugendsam war sie. Asmus war empört und schwärmte ihr nun recht +zum Trotz von Rousseau und Voltaire. Morieux hatte den beiden Damen +mit Grimassen und schlenkernden Armen verraten, daß Semper Gedichte +mache, »wunderbare, großartige Gedichte!« Und nun, wenn die Schule +vorüber war, saßen die beiden Damen auf dem Pult wie auf einem Thron, +und Morieux und Semper saßen auf den Kinderbänken zu ihren Füßen; +Morieux geigte und Asmus las, fremde Gedichte und eigene; er hatte der +Ballade vom ertrunkenen Fischer noch eine Ballade von einer +gespenstischen Burgruine hinzugefügt, und Asmus dachte: So war es am +Musenhof zu Ferrara oder Avignon. + +Noch einen stärkeren Widerhall aber fand Asmus bei einer Frauenseele, +von der man kaum begriff, daß sie in ihrem Körper Platz habe. Das war +die Seele des Fräulein Wieselin, einer 38jährigen Jungfrau, Lehrerin +und Dichterin. Sie war so klein und dünn, daß sie sozusagen nur eine +Nadel war, in die der Herrgott einen Lebensfaden gezogen hatte, und +diese Nadel fuhr unablässig auf und ab und verarbeitete ihren +Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und Opfersinn. Im Gesicht sah +sie aus wie ein Geheimrat, der immer in einem überheizten Zimmer +gesessen hat und darum etwas eingetrocknet ist. Tausend Mark Gehalt +erhielt sie im Jahr, und davon ernährte sie sich und ihre Mutter und +unterstützte sie die Familie eines kranken Bruders. Sie war damals +schon fünfzehn Jahre Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher, +und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten der Kleinen; die +Kleinsten zu lehren ist aber größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher, +die sie las, mußte sie sich leihen; denn kaufen konnte sie sich keine; +aber als sie nach fünfunddreißig Jahren der Mühsal ihr Ende nahen +fühlte, da sagte sie: »Ich kann ja zufrieden sterben; ich habe ja ein +reiches Leben gehabt.« + +In ihren seltenen Mußestunden machte sie auch Verse, kleine, +unbedeutende Gelegenheitssächlein; aber da Asmus sie nicht loben +konnte, so sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen sprach viel +von den seinigen, rühmte sie und sprach ihre Verwunderung darüber aus, +daß er gleich mit epischen Gedichten anfange, während die jungen Leute +sonst immer mit allgemeinen Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel +leichter sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: »Ich habe +immer das Gefühl, daß Sie kein Lehrer werden, daß wir Sie noch ’mal +auf ganz anderen Pfaden wandeln sehen!« + +»Vielleicht heirate ich auch die!« dachte Asmus. + +Die dritte der neuangestellten Damen hieß Hilde Chavonne, war eine +schlanke Brünette mit großen, schmachtenden braunen Augen und einem +sanften Stolz der Bewegungen und trotz alledem eine Hamburgerin. Sie +und Asmus schenkten einander zu Anfang nur wenig Beachtung, +unvergleichlich viel weniger als später. Aber doch mußte er darüber +nachdenken, wo er sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war die +»Dame in Trauer«, die Seminaristin, die einmal ganz zu Beginn seiner +Präparandenzeit mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges zusammen +gegangen war. Daß er ihr schon viel, viel früher einmal begegnet war, +das konnte er nicht mehr wissen. + + + + +XI. Kapitel. + +Wie Asmus plötzlich eine glänzende Karriere machte und dabei auf den +Hund kam. + + +Zu diesen ganzen und halben Freunden gewann Asmus endlich eine ganze +Schar von kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre seines +Präparandentums eines Morgens in die Schule kam, ließ ihn der +Oberlehrer in sein Zimmer rufen. »Herr Dohrmann hat sich krank +gemeldet,« sagte er, »und wird voraussichtlich in acht Wochen nicht +kommen können. Ich habe Sie zu seiner Vertretung ausersehen. +Übernehmen Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen +rechtfertigen werden.« Asmus konnte vor Überraschung nicht sprechen; +er nickte nur stumm und verließ das Zimmer. + +Als er draußen stand, war sein erstes Gefühl ein wirbelnder Jubel. +Lehrer! Er sollte Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er +vorstehen, er ganz allein! Er wußte im nächsten Augenblick selbst +nicht, wie er die drei Treppen zum obersten Stockwerk hinaufgekommen +war. Und als er vor der Klassentür stand und die führerlosen Kinder +lärmen hörte, da stak ihm das Herz, das noch eben so hoch geflogen +war, tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, der kleinste und +jüngste von den drei Präparanden, den kranken Lehrer vertreten? Warum +nicht Morieux, der ein ganzes Jahr länger an der Schule war als er? +Warum nicht Claus Münz, der Große und Starke, der den Kindern gewiß +mehr imponierte als er? Er kannte ja nichts vom Unterrichten, rein gar +nichts. Ach ja, er wußte wohl: alle in der Schule hielten ihn für +außerordentlich ernst und gesetzt. Die Leiden, die Verfolgungen, die +er als Knabe erduldet, hatten seinem Gesicht, seinem ganzen Wesen +einen zusammengerafften, entschlossenen Ernst gegeben, und wer ihn +nicht in vertrauten Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daß +hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne stand. Er hatte gerade +um jene Zeit auf Menschen solcher Art in schwerhinwandelnden Versen +ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte er »Erscheinung«. + + Eine düstre Wolke seh’ ich schwimmen + Durch den abendlichen Himmelsraum. + Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen + Zarte Lichter wie ein Flockensaum. + + Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen + Ragt die Wolke hoch in den Azur, + Doch um ihre Stirne lichtgetroffen + Hängt des Alpenglühens Rosenflur. + + Denn verborgen hinter jener Mauer + Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts, + Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer, + Blickt nach dort verklärten Angesichts. + + Also sah ich düstre Menschenstirnen + In den Grenzen dieser Erde auch: + Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen + Eines fremden Lichtes leiser Hauch. + + Augen sah ich, die dem Hier entrinnen, + Das mit Tränenschatten sie umhüllt; + Doch versunken war ihr Blick nach innen + Und von dort mit sel’gem Glanz erfüllt. – + +Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten Blick, ein +überirdisches Angesicht, weil er das für erhabener hielt und er damals +gerade ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler werden wollte; in +Wirklichkeit aber sprang seine Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens +mit frischen Jugendbeinen auf der Erde umher. Das wußten die in der +Schule nicht. Sie schrieben ihm auch weit größere Kenntnisse und +Fähigkeiten zu, als er besaß, und das machte ihm Unbehagen, weil es +ihm vorkam, als täuschte er sie, als müßte er seine Kenntnisse einmal +alle aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch legen, damit sie +sähen, wie wenig er wisse und könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben +stand er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der Unberufenheit. + +Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er endlich die Klassentür auf. Er +stand vor den Kindern. + +Sie verstummten vor Überraschung. Was will _der_ denn, dachten sie. +Asmus gebot ihnen, ihre Sachen unter den Tisch zu legen und sich +ordentlich hinzusetzen. Sie gehorchten; aber einige duckten sich +hinter den Rücken des Vordermannes und kicherten, weil der kleine +Schreiber aus dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister sein wollte. Da +steckte Asmus von seinen ernsten Gesichtern das allerernsteste auf und +sah den Aufsässigen ruhig in die Augen – da saßen sie still und ohne +Laut. Das fühlte er sofort, die Zügel in der Hand behalten, das war +nicht so schwer; aber das Unterrichten! + +Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für die einfachste Sache von +der Welt. Man sagt den Kindern, was sie wissen sollen, und dann wissen +sie’s ja! Aber man soll ihnen gar nichts sagen, das ist’s ja gerade! +Alles sollen sie selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll man’s +aus ihnen herausholen; so verlangt es das »erotematische« oder +»katechetische« oder »heuristische« Lehrverfahren. Asmus kannte diese +gelehrten Vorschriften wohl; aber als er nun vor den sechzig +Gesichtern stand, wußte er nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle +er den Kindern über ein meilenbreites Wasser die Hand reichen. Und +wenn ihm vorher das Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er +jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den Schuhen, eines im Halse, +das ihn würgte, eines in der Brust, das ihm wehtat und eines in der +Darmgegend. Und nun kamen überdies noch Münz und Morieux herein; denn +es war Brauch, daß, wenn ein Präparand unterrichtete, die andern +zuhörten und hernach ihre Kritik übten. Wie ein Doppelbeckmesser +mußten sie aufpassen, ob auch alle Fragen des Katecheten mit »#W#« +anfingen (denn so verlangt es das »System«), ob Asmus auch keine +»Wahlfragen« stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja oder Nein +zu antworten brauchte, die also die Schüler zum Raten verleiteten, ob +er auch rechtzeitig zusammenfasse und wiederhole, ob er auch alle +Kinder gefragt habe, bevor er eins zum zweitenmal frage, ob er auch +tadle, wenn ein Schüler beim Fingerzeigen aus der Bank trete, ob er +auch bemerkt habe, daß Müller sich in vereinfachter Manier die Nase +geputzt habe usw. + +Asmus sollte zunächst eine Anschauungsstunde geben, und er holte sich +aus dem kleinen Schulmuseum einen ausgestopften Fuchs, der aber dank +der Kunst des Ausstopfers den Hinterleib einer feisten Katze hatte. + +»Was ist das?« fragte Asmus. + +»Das ist ein Hund,« antwortete ein Schüler; denn die Stadtkinder +kannten keinen Fuchs. + +Statt nun an diese nicht ganz unrichtige Antwort anzuknüpfen und den +Fuchs zunächst als Hund zu behandeln, oder aber mit Eleganz darüber +hinwegzugehen und einen anderen zu fragen, biß sich Asmus sofort in +diese Antwort fest. + +»Nein, ein Hund ist das nicht,« sagte er, »woran sieht man, daß es +kein Hund ist?« + +»Er hat gar keinen Maulkorb um!« rief ein kleiner Bursche. + +»Haben denn alle Hunde Maulkörbe?« fragte der junge Präzeptor. (O weh, +eine »Wahlfrage!«) + +»Nein,« riefen viele Kinder. (O weh, der Präzeptor duldete, daß die +Schüler im Chor antworteten, ohne es zu tadeln! Münz und Morieux +notierten eifrig in ihren Heften.) + +»Wozu gehört der Maulkorb also gar nicht?« + +»Der Maulkorb gehört gar nicht zum Hund,« sagte ein Schüler. + +Das genügte Asmus nicht so ganz. Er wollte den Irrtum beseitigen, daß +der Maulkorb ein organischer Bestandteil des Hundes sei (er wußte, daß +die Kinder auch das Hufeisen für einen Teil des Pferdehufes halten), +er wollte die Antwort: »Der Maulkorb gehört nicht zum Körper des +Hundes;« aber wie sollte er aus diesen Kleinen das Wort »Körper« +herauskatechisieren? Sollte er fragen: »Ist der Maulkorb etwa ein +Körperteil des Hundes?« Nein, das durfte er nicht, das war eine »Ja- +und Nein-Frage«. Er versuchte es auf mancherlei Weise; denn er meinte, +jeder auftauchende Irrtum müsse sofort und gründlich beseitigt +werden; aber das ersehnte Wort kam nicht. So biß er sich im Maulkorb +des Hundes fest und war noch immer nicht beim Fuchs, obwohl er schon +am ganzen Körper schwitzte. + +Endlich mußte er das Rätsel doch aufgeben, und so war Zeit und Mühe +verloren. + +»Also ein Hund ist das nicht. Woran sieht man das?« + +Da stand ein Genie auf und sagte: + +»’n Hund hat nicht solchen Schwanz!« + +»Na also!« jubelte Asmus, und in seiner Freude über das erlösende Wort +vergaß er, daß das Genie »’n Hund« statt »ein Hund« gesagt hatte. Münz +und Morieux notierten das. + + + + +XII. Kapitel. + +Asmus ringt gewaltig mit einem Schüler wegen eines Frosches: er +empfängt Rippenstöße, und der gewisse Seybold besteht das Examen. + + +Aber schon von der nächsten Stunde ab mußten Münz und Morieux wieder +Listen und Protokolle schreiben, und Asmus sprach mit seinen Schülern, +wie ihm der Schnabel gewachsen war. Und sieh, mit einem Male ging +alles freier und besser. Wenn er sich nun aus dem Schulmuseum einen +Hasen geholt hatte, so erinnerte er sich jenes Lehrers, bei dem er +gern gehorcht hatte und der auch nicht immer im Stechschritt des +Systems gegangen war. Er sang ihnen vor allen Dingen Lieder vom Hasen +vor: + + »Als der Mond schien helle, + Kam ein Häslein schnelle« + +und + + »Gestern abend ging ich aus, + Ging wohl in den Wald hinaus« + +und + + »Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal + Saßen einst zwei Hasen« + +und nachdem ihnen Herr Lampe mit so vorzüglichen Empfehlungen +vorgestellt war, schauten sie ihn mit ganz anderen Augen an. Und als +Asmus heraushaben wollte, daß der Hase ein Säugetier sei, da fragte er +sie: + +»Was für ein Vogel ist denn der Hase?« Halloh, da gingen sie fast über +die Bänke vor Lachen und Weisheit und riefen: »Das ist ja gar kein +Vogel!« und erklärten ihm mit Begeisterung, warum der Hase kein Vogel +sei! O Gott, wenn Münz und Morieux, und gar der Herr Oberlehrer +dagewesen wären! Überhaupt fand er, daß es den Kindern ein besonderes +Vergnügen bereitete, wenn er sich recht dumm stellte und sich dann von +ihnen aufklären ließ. Der alte Sokrates kannte seine Leute. + +Natürlich stieß er trotzdem noch täglich, ach, stündlich in seinem +Fahrwasser auf Klippen, Untiefen und Stromschnellen. Da hatte er ihnen +das Märchen vom Froschkönig und dem eisernen Heinrich erzählt. Der +Frosch hatte der Königstochter ihren goldenen Ball aus dem Brunnen +geholt unter der Bedingung, daß er mit ihr an einem Tische essen und +in einem Bettchen schlafen dürfe. Und sie hatte es ihm doch hoch und +heilig versprochen. Als nun der Frosch ins Schloß kam, wollte sie ihr +Königswort nicht halten. Das ist mit Königsworten öfters so, ist aber +unsittlich. Und Asmus wollte entwickeln, daß man sein Wort halten +müsse, und wenn es auch noch so schwer sei. + +»Warum wollte sie denn nicht mit dem Frosch zu Bett gehen?« fragte +Asmus einen Schüler. + +»Ich weiß nicht,« sagte der. + +»Möchtest Du denn einen Frosch im Bett haben?« + +»Ja!« rief das Bürschchen begeistert. + +Hm. Das war ein unerwartetes Hindernis. Aber Asmus besann sich. +Vielleicht sprach das Kind so aus ethischen Erwägungen. Es meinte wohl +im stillen: wenn ich es versprochen hätte. + +»Schön,« fuhr der Magister fort, »du möchtest also bei einem Frosch +schlafen. _Aber doch nur wann?_« + +»Immer!« versetzte strahlend der Gefragte. + +Hm, hm. Wie sollte man diesem perversen Individuum die Moral der +Geschichte begreiflich machen? Man mußte einfach die Segel streichen. +Der kluge Magister begriff erst später die Freude der Kinder an allem +Spiel mit den Tieren. + +Aber solche und ernstere Schwierigkeiten erhöhten gerade die Lust an +der Arbeit, und er widmete sich ihr auch mit so viel körperlichem +Eifer, daß er infolge des vielen Sprechens von einer Heiserkeit in die +andere fiel. Überdies kam der erkrankte Lehrer nicht wieder, aus den +acht Wochen wurde ein Vierteljahr, aus dem Vierteljahr ein halbes. +Asmus hatte morgens eine Stunde weit zur Schule und ging mittags +denselben Weg zurück. Dann aß er eilig zu Mittag und ging abermals zur +Schule, um den Nachmittagsunterricht zu erteilen. Danach begab er +sich von der Schule ins Präparandeum, und abends hatte er eine gute +Stunde nach Hause. Dann erst konnte er an seine Präparationen für +Schule und Präparandeum gehen. Das machte etwa elf Stunden Arbeit und +fünf Stunden Marsch. Aber Asmus war noch immer tief davon +durchdrungen, daß der Schlaf ein eingebildetes Bedürfnis sei, eine +Überzeugung, die er bald genug ablegen sollte. Einstweilen aber ging +er nicht nur jeden Sonnabend zu Bockholm ans Klavier, er machte auf +seinen Wanderungen auch noch Gedichte, die den Beifall Lauras, nämlich +Fräulein Wieselins, und der beiden Leonoren fanden. + +Nur einen Menschen gab es, dem die vielfältige Beschäftigung Asmussens +Sorge machte, und das war seine Mutter. Nicht, daß sie für seine +Gesundheit gefürchtet hätte, – seine vollen, roten Wangen ließen +solche Befürchtungen nicht aufkommen, – nein, sie bangte wegen des +bevorstehenden Abgangs-Examens. Im nahen März sollte Asmus ins Seminar +übergehen, und sie fürchtete, daß er sich bei so viel Arbeit nicht +ordentlich vorbereiten könne und dann womöglich durchfalle. Und sie +schickte heimlich einen Seminaristen aus der Bekanntschaft ab, der +sich bei einem Lehrer des Präparandeums nach den Aussichten ihres +Sohnes erkundigen sollte. »Zu Hause sagt der Bengel ja nichts,« klagte +sie. »Er macht auch Gedichte; aber meinen Sie, er zeigt sie uns? Wenn +ich nicht mal eins in seiner Schublade finde, erfahren wir nichts +davon.« + +Seine Gedichte zu Hause zeigen, – nein, das brachte Asmus nicht über +sich. Eine Scham, die er sich selbst nicht deuten konnte, hielt ihn +davon zurück. Wir mögen auf der Gasse nicht im Nachtgewand und daheim +nicht in der #Toga palmata# erscheinen. + +Jener geheime Emissär geriet an den Lehrer für deutsche Sprache und +Literatur, einen großen Mann mit einer prachtvollen Römerglatze und +energischen Zügen, die lieber dem Spott als der Liebenswürdigkeit +dienten. Er maß den Frager von oben bis unten mit höhnischem Blick und +sagte dann: »Ja, wenn wir den durchfallen ließen, wen sollten wir dann +bestehen lassen?« + +Dieser Bescheid beruhigte Frau Rebekka einigermaßen, aber keineswegs +vollständig. Als der erste Tag des schriftlichen Examens anbrach, +strich sie unaufhörlich mit liebkosenden Händen an ihrem Sohne auf und +ab, als ginge er den Weg zum Schafott und kehre nicht mehr zurück. Als +ihn acht Tage später der Mann mit der Römerglatze auf die Seite +genommen und mit spöttischem Lächeln gesagt hatte: »Ich gratuliere +Ihnen. Sie haben den besten Aufsatz geschrieben,« da brachte er +fliegenden Laufes wie der Bote von Marathon seiner Mutter die +Nachricht, damit sie sich beruhige. Und wirklich wurde sie etwas +ruhiger. + +Ludwig Semper konnte zu der Unrast Rebekkens immer nur lächeln. »Du +bist nicht gescheit,« sagte er kopfschüttelnd und blickte zum Fenster +hinaus in die Ferne. + +Asmus aber war aus Sicherheit und Unruhe wunderbar gemischt. Er +pflegte weder sich noch anderen Demutsflausen vorzumachen und sagte +sich wohl: »So viel wie die anderen weiß ich auch«; aber alles Leben, +das er noch nicht kannte, stellte er sich als Wunder vor, als gutes +oder schlimmes Wunder, und das Examen rechnete er vorläufig zu den +schlimmen. Er dacht’ es sich im Grunde als eine Lotterie, die der +Zufall entschied; er stellte sich vor, daß Dr. Korn, der als Direktor +natürlich alles wußte, oder Herr Stahmer, der ebensoviel wußte, ihm +die abenteuerlichsten Fragen vorlegen könnten, die schwersten Fragen, +an die er nie gedacht, und dann war ihm ungefähr zumut wie dem armen +Gretchen beim #dies irae#. + + #Quid sum miser tunc dicturus + »Quem patronum rogaturus?«# + +Vielleicht war er der unruhigste von allen Examinanden. Sein +Platznachbar Seybold z. B. schrieb im schriftlichen Examen einfach +alles nach, was er mit seinen vortrefflichen Augen von Sempers +Schriftstücken ablas, und war darum viel ruhiger als dieser. Ja, +dieser Jüngling setzte ein so heiteres Vertrauen in die Kräfte seines +Nebenmannes, daß er noch unmittelbar vor der naturgeschichtlichen +Prüfung im Bücherschrank der Klasse von möglichst dicken Wälzern nach +dem System »Mausefalle« einen babylonischen Turm errichtete, der bei +der geringsten Erschütterung durch die angelehnte Schranktür ins +Zimmer stürzen mußte. Der Campanile brach denn auch mit wunderbarer +Präzision und furchtbarem Getöse zusammen, als Papa Hamann gerade die +Frage von den Monocotyledonen und den Dicotyledonen diktierte. +Natürlich mußte Asmus Semper wieder prusten, und als Papa Hamann ihn +lachen sah, sagte er: + +»Themper, thie gehen mit einem geradethu thträflichen Leichtthinn inth +Ekthamen!« + +In der mündlichen Prüfung war Seybold freilich erheblich unruhiger, +und wenn der Examinator sich seinem Platze näherte, stieß er Sempern +so heftig in die Rippen und trat ihm so deutlich auf den Fuß, damit er +ihm aushelfe, daß Asmus noch drei Tage nachher die blauen Flecke +beobachten konnte. Nun konnte er zwar nicht einblasen, wenn er sich +nicht selbst ans Messer liefern wollte; aber der gute Seybold bestand +trotzdem, und Asmus stellte ernste Erwägungen darüber an, warum man +eigentlich Examina vornähme, wenn auch die Seybolde durchkämen. + + + + +XIII. Kapitel. + +Frühlings- und Ferienlust; Wiederauftreten des Herrn Morieux; ein +längerer Blick der »Dame in Trauer«, ein Aufstieg ins Gebirge und ein +Gärtner mit einer Schere. + + +In der Tat, das einzige Gute, das solche Prüfungen haben, sind die +Ferien, die sich ihnen gewöhnlich anschließen. Drei Wochen hatte er +nun frei – er warf sich daheim aufs Sofa und streckte die Beine, als +wenn er sie gleich durch die ganzen drei Wochen hindurchstrecken +wollte. Und auch gefeiert wurde er! Frau Rebekka, die nun endlich ganz +beruhigt war, fragte ihn feierlich, was er denn heute essen wolle. Das +war noch nicht dagewesen. Und Asmus nahm seinen Flug bis zum Gipfel +der Imagination und sagte nach einigem Erwägen: »Pfannkuchen mit +Pflaumenmus.« »Sollst du haben,« sagte Frau Rebekka und flog in die +Küche an den Herd. + +Was sein Vater ihm gab, war anderer Art. Asmus saß mit einem Buch an +seinem gewohnten »Schreibtisch«, und Ludwig Semper saß an seinem +Arbeitstisch und machte Zigarren. Und obwohl Asmus ihn nicht ansah, +wußte er wieder ganz genau, daß die Augen seines Vaters auf ihm +ruhten, und er hütete sich wohl, den Blick zu erheben und die +zärtlichen, sommerwarmen Augen seines Vaters zu verscheuchen. Er las +nicht mehr, er sah immer auf dasselbe Wort und dehnte sich in der +Juliwärme dieses Blickes, dehnte sich langsam, kaum merklich, aus +Furcht, die Sonne möcht’ es merken und sich verhüllen; er fühlte sich +von einem heiligen Licht umflossen und sah in diesem Licht wie goldene +Stäubchen die Millionen seligen Erinnerungen seiner Kindheit wirbeln. + +Und noch ein andres Herzensglück sollten diese Tage ihm bringen. Als +Asmus eines warmen Frühlingstages am Fenster stand und auf seiner Zehn +Marks-Geige nach einer Notenschrift in den Wolken fantasierte, wurde +heftig geklopft. Im selben Augenblick sprang auch schon die Tür auf, +und wer trat herein? Morieux. Morieux mit bleichem, verzerrtem Gesicht +und weit vorgestreckter Hand. + +»Ich wollte dir die Hand zur Versöhnung bieten,« sagte er. + +»Bravo!« rief Asmus, indem er klatschend einschlug, »wie geht’s dir? +Was machst du? Komm, setz’ dich ins Sofa! Steck’ dir eine Zigarre an, +eine feine Brasil. Trinkst du lieber Bier oder Kaffee?« + +Er war nahe daran, seinem Freunde Kost und Logis für drei Monate +anzubieten; denn er mußte reden, um seiner Gemütsbewegung Herr zu +werden. Er schämte sich viel mehr als sein Freund; er war über und +über rot geworden, lief planlos im Zimmer hin und her und stellte +seinem Gast die beiden besten Stühle hin, obwohl er ihn ins Sofa +gebeten hatte. + +Morieux fing an, von seinem Verschulden zu sprechen. + +»Aber ich bitte dich!« rief Asmus, »sprich nicht davon. Wenn ich mich +vertrage, hab’ ich alles Vergangene vergessen. Ich hatt’ es sowieso +schon vergessen. Da – hier – spiel’ mir was vor!« Er drückte ihm die +Geige in die Hand. »Bitte, bitte, die F-Dur-Romanze!« + +Und Beethovens Töne schwemmten alle Kleinigkeiten hinweg. + +Drei Wochen sollte er so genießen! Was konnte man da für Spaziergänge +machen, für Bücher lesen, für Duette spielen, für Gedichte machen – es +war nicht auszudenken! Ganze Epopöen konnte man dichten! Er begann +auch sofort mit einer breit angelegten Dichtung »Niobe«, in der die +vierzehn Kinder der bejammernswerten Tantalstochter einzeln starben. +Ach ja, Ferien waren doch noch schöner als die schönsten +Unterrichtsstunden! Auch als Junge war er – wenn seine Mitschüler ihn +nicht peinigten – mit Lust zur Schule gegangen, ja, die Geschichts- +und Geographie- und Physikstunden des Herrn Cremer waren ihm zuzeiten +das Liebste auf der Welt gewesen; aber das Allerliebste blieben doch +die Ferien. Als er noch in der Klasse des Herrn Rösing gewesen war, da +war eines Morgens ein Lehrer gekommen und hatte gesagt: + +»Ihr könnt wieder nach Hause gehen, Herr Rösing ist krank.« + +»Hurra!« hatte die ganze Klasse geschrien. Da hatte der Lehrer +gerufen: »Jungens, seid ihr des Teufels? Wenn euer Lehrer krank ist, +brüllt ihr Hurra?« + +Aber das war eine tendenziöse Zusammenstellung. Sie dachten gar nicht +an die Krankheit des Herrn Rösing; sie dachten nur an ihre Freiheit. +Sie gönnten dem Lehrer jedes Wohlbefinden, wenn er nur nicht kommen +wollte. Und auch Asmus hatte Hurra geschrien ... + +Aber seine Ferien waren noch nicht ganz; einige Tage mußte er noch in +die Schule zum Unterrichten, und dann mußte er noch eine Prüfung +ablegen: prüfend sollte er geprüft werden. Da der kranke Lehrer noch +immer nicht wieder erschienen war, so mußte Asmus »seine« Klasse bei +der öffentlichen Prüfung vorreiten. Das war wieder eine bange Stunde; +denn hinter ihm, neben ihm, an den Wänden entlang und auf den Bänken +der Kinder saßen und standen sämtliche Damen und Herren des +Kollegiums. Auch Laura war natürlich da und die beiden Leonoren; und +ganz hinten auf der letzten Bank saß Beatrice, oder, wie sie +eigentlich hieß: Hilde Chavonne. Sie hatte zum ersten Male die Trauer +abgelegt, wenn auch nur in ihren Kleidern; sie trug ein leuchtend +braunes Kleid, und in diesem Kleide, mit ihrem reichen braunen Haar +und ihren melancholisch-braunen Augen war sie brünetter, hübscher und +stolzer denn je. Und mit einem Male sprang in Asmussens Seele ein +Imperativ empor: dieser Stolzen sollst du imponieren. Den Blick dieses +Mädchens wählte er sich zum Leitstern durch die schwere Stunde, und +nichts gibt der Arbeit eines Siebzehnjährigen einen feurigeren +Aufschwung, als wenn auf ihr der Blick eines Weibes ruht. + +Als die Prüfung vorüber war, sagte der Oberlehrer nichts; er wiegte +nur wohlwollend auf und ab das Haupt. Als die Damen das Zimmer +verließen, sah Asmus, daß Fräulein Chavonne sich mit einer Kollegin +über ihn unterhielt; denn diese blickte ihn wiederholt von der Seite +an; Hilde Chavonne aber heftete, bevor sie hinausschritt, noch einmal +den Blick auf ihn, als habe sie den kleinen Herrn erst heute kennen +gelernt, und was das Merkwürdige war: sie wandte den Blick nicht weg, +wie es sonst die Mädchen zu tun pflegen, wenn der Blick eines +Jünglings ihrem beobachtenden Auge begegnet; nein: offen, fest und +ernst blickte sie ihm ins Auge. + +Nach völlig beendigter Prüfung wollte Semper sich von den Herren des +Kollegiums verabschieden. + +»Was fällt Ihnen ein!« rief einer der Herren, »Sie müssen mit uns.« + +Asmus erklärte, er könne nicht, er habe »furchtbar viel zu tun,« und +als der joviale Herr ihn nicht lassen wollte, sagte er leise: »Ich +habe kein Geld.« + +»Wofür halten Sie mich denn?« rief der Lehrer lachend, »wenn ich Sie +einlade, brauchen Sie doch kein Geld.« + +Nun ging es in eine halbländliche Kneipe, wo man in Lauben saß und der +Wirt noch ein Käppchen trug. Asmus war glücklich und stolz; die Herren +behandelten ihn nicht nur als Kollegen, sie nannten ihn sogar so. Und +sie waren über die Maßen lustig und erzählten sich in seiner Gegenwart +die ausgelassensten Schnurren. Asmus saß mit weit offenen, lachenden +Augen da. Er hatte mit jener scheuen Ehrfurcht, die er vor allem +Unbekannten hegte, diese Herren für Halbgötter gehalten, die hoch über +der Lust gewöhnlicher Sterblicher dahinwandelten. Die Entdeckung, daß +sie fröhliche Menschen waren, war ihm ein fröhliches Wunder. So +gefielen sie ihm noch viel besser. + +Einer der Herren zog Asmus in ein Gespräch über Rousseau. Er meinte, +das Leben Rousseaus sei tadelnswert und seine Theorien seien nicht +ausführbar. Aber Asmus war schon beim dritten Glas und verteidigte +seinen Liebling wie eine Löwin ihr Junges. Rousseau sei der beste der +Menschen gewesen, und alle seine Ideen seien ausführbar, wenn man nur +wolle. + +»Na, Herr Semper,« warf ein etwas eingetrockneter Herr aus der Runde +ein, »darüber können Sie doch wohl noch nicht urteilen.« + +»Wissen Sie, was Schiller sagt?« rief Asmus. + +»Nee,« sagte der Herr. + +Und Asmus rezitierte mit hochgeröteten Wangen: + + »Monument von unsrer Zeiten Schande, + Ew’ge Schmachschrift deiner Mutterlande, + Rousseaus Grab, gegrüßet seist du mir! + Fried’ und Ruh’ den Trümmern deines Lebens! + Fried’ und Ruhe suchtest du vergebens; + Fried’ und Ruhe fand’st du hier. + + Wann wird doch die alte Wunde narben? + Einst war’s finster, und die Weisen starben; + Nun ist’s lichter, und der Weise stirbt. + Sokrates ging unter durch Sophisten, + Rousseau leidet, Rousseau fällt durch Christen, + Rousseau – der aus Christen Menschen wirbt.« + +Die Worte »Schande«, »Schmachschrift«, »Sophisten« und »Christen« +hatte Asmus mit anzüglicher Betonung hervorgehoben. + +»Ja, das ist ja sehr formvollendet,« sagte der Gedörrte mit einer +empörenden Kälte, »aber Schiller ist für mich auch nicht maßgebend.« + +»Was? Schiller –?« + +Asmus wollte aufspringen; aber jener andere Herr legte ihm die Hand +auf die Schulter und sagte: »Ich werde Ihnen mal Rousseaus +»Bekenntnisse« leihen; die werden Sie interessieren.« + +»O ja! Herzlichen Dank!« rief Asmus, und am nächsten Tage stürzte er +sich in die »Bekenntnisse«. + +Das war Öl ins Feuer. Den Kopf in beide Hände vergraben, las er +stundenlang mit heißen und heißeren Wangen. Da plötzlich sprang er +auf, warf die Arme nach beiden Seiten und rief ganz laut: »O Gott – o +Gott!« Er hatte die Stelle gelesen, wo Rousseau sich vor dem Leser zu +jenem Diebstahl bekennt, den er hartnäckig geleugnet hat. Wohl eine +Stunde lang stürmte Asmus im Zimmer auf und ab, oder er warf sich ins +Sofa, vergrub das Gesicht in beide Hände und atmete schwer. Welch ein +Mut, welch ein Wahrheitsmut! Welch eine erschütternde Liebe zur +Wahrheit! Asmus wollte weiterlesen; aber kaum hatte er das Buch +berührt, so schlug er es heftig zu. Er konnte nicht weiterlesen; eine +geheimnisvolle Macht verwehrte ihm, die heiligste, größte Stunde +seiner Jugend selbst zu töten. Er lief ins Freie, rannte durch Felder +und Wiesen und sah von Feldern und Wiesen nichts; er füllte nur eine +unaufhörliche Brandung gegen die Wände seines Herzens schlagen. Gegen +Abend kehrte er ruhiger nach Hause zurück. Wieder schlug er das Buch +auf, und langsam, zärtlich, mit ferngewandtem Blick machte er es +wieder zu. Wie der Bergwanderer, der einen höchsten Grat erstiegen und +nun die freie und reine Herrlichkeit der Täler und Gipfel erschaut, +sich nicht entschließen kann, wieder dort hinabzusteigen, wo alles das +ihm entschwinden wird, so konnte es Asmus nicht über sich gewinnen, +die Höhe zu verlassen, wo himmlische Luft sein Herz durchbraust hatte. + +Und zu diesem Rousseau würde nun bald im Seminar Pestalozzi kommen und +Comenius und die Alten: Plato, Aristoteles, die Kirchenväter – er +hatte Einblick in den Lehrplan des Seminars bekommen – ach: was gab es +da nicht alles in der Psychologie, in der Logik, in der Methodik, in +Literatur und Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften – ihm +lief das Wasser im Munde zusammen wie einem Schlemmer, der vom +Gastmahl des Trimalchion liest, von einem jener römischen Gelage, wo +ganze Ochsen und Eber auf goldenen Wagen herangefahren wurden und +Speisen und Getränke aus der Decke, aus den Wänden und aus dem Boden +hervorkamen. Das alles, was da in dem Lehrplan stand, sollte er +studieren dürfen, bis in die tiefsten Schachte der Wissenschaft +hinein, und zu Hause würde er noch Zeit haben, noch ebensoviel dazu zu +lernen – + + »O Erd’, o Sonne, + O Glück, o Lust!« + +das war der tägliche Text seines Herzschlages, die immer +wiederkehrende Melodie seines Gedankenreigens. Was sich draußen golden +und grün über Felder und Hecken breitete und was sich golden und grün +über unendliche Fluren in seinem Herzen dehnte: es war derselbe +Frühling, derselbe lerchenfrohe Lebensmorgen. + +Der alte Moor fiel ihm ein, der, seines Erstgeborenen gedenkend, +erzählt: »Da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel und +rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?« + +Im Übermute seines Herzens mußte er es still in sich hineinrufen: Bin +ich nicht ein glücklicher Mann? + +Freilich: der alte Moor war dann nichts weniger als glücklich +geworden. + +»Aber ich bin glücklich!« rief Asmus in sich hinein »und ich werde +glücklich sein, ich weiß es.« + +Mit solchen Empfindungen überschritt er an einem Aprilmorgen zum +ersten Male die Schwelle des Seminars. + +Er hörte nicht die Schere klingen, die Schere des Gärtners, der +herankam, sein Glück zu beschneiden. + + + + +Zweites Buch + +Arbeit und Kampf + + + + +XIV. Kapitel. + +Der Gärtner beginnt, seine Schere zu handhaben. + + +Asmus war erst wenige Tage im Seminar, als er sich auf dem Heimwege, +auf demselben Spielbudenplatze, der seine sonntäglichen Schwelgereien +in nun vergangenen Tagen gesehen hatte, von einer weiblichen Stimme +anrufen hörte. + +»Asmus, sei man nich so stolz!« rief die weibliche Stimme. + +Er fuhr aus seinen Gedanken auf und starrte in das Gesicht einer Frau, +die ein Kind auf dem Arme trug. + +Ja, war’s denn möglich – das war ja Adolfine Moses, die mütterliche +Gespielin früherer Jahre, die treffliche Sibylle, in deren Hexenküche +er so manchen Buchweizenkloß gegessen hatte, die ihm die erste +Nachricht vom Ausbruch des Krieges mit Frankreich gebracht hatte. + +»Kenns mich woll ganich mehr?« rief Adolfine und verzog lachend den +Mund bis an beide Ohren. + +»Aber natürlich, Adolfine, natürlich kenn ich dich!« rief Asmus. Ihre +Häßlichkeit war im wesentlichen nicht anders geworden, nur reifer. + +»Wie geht’s dir denn?« + +»Och, ich bin jetz verheirat’t. Dies is mein Jung; mags ihn leiden?« + +»Ja, natürlich,« sagte Asmus. + +»Was bist du denn geworden,« forschte Adolfine. + +»Ich will Lehrer werden,« antwortete Asmus. + +Da klaffte Adolfinens Mund wie eine Löwengrube, und sie lachte, daß es +über den ganzen Platz hallte. + +»Bis woll verrückt!« schrie sie. + +Asmus sah sich unwillkürlich um. »Schrei doch nicht so!« rief er. +»Natürlich werd’ ich Lehrer.« + +Aber es kostete viel Mühe, sie daran glauben zu machen. Und langsam +und gradweise, wie sie ihm Glauben schenkte, öffnete sich wieder ihr +Mund. + +»Kanns das denn alles in’n Kopf behalten?« fragte Adolfine. Sie dachte +an ihre eigene Schulzeit. + +»Jaa – ziemlich,« versetzte er langsam. »Aber jetzt muß ich weiter. +Adieu, laß dir’s gut gehen!« + +Er gab ihr die Hand; aber sie war jetzt sprachlos, und als er schon +fünfzig Schritte weit war, stand ihr Mund noch immer offen. – – + +Hinter der Satyrmaske Adolfinens war das Schicksal verborgen gewesen +und hatte gerufen: »Du bist wohl verrückt!« – – – – + +Das drohende Tabakmonopol und später die erhöhte Tabaksteuer lasteten +schwer auf dem Gewerbe der Zigarrenmacher; wenigstens hatten die +Fabrikanten die ohnedies bescheidenen Arbeitslöhne noch herabgesetzt. +Der Urheber der Steuer nannte sich Bismarck, und dieser Bismarck wurde +in den Stuben der Zigarrenarbeiter um dessen willen nicht geliebt. +Aber dieser Bismarck hatte noch etwas anderes hervorgebracht, und das +war das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie. Asmussens Bruder +Johannes aber war leidenschaftlicher Sozialdemokrat. Nicht als Redner +trat er hervor; aber er war im Vorstand der Ortsgruppe und wirkte +still und begeistert für die Organisation. In harter Winterzeit machte +er Agitationsreisen ins unberührteste Schleswig-Holstein, dorthin, wo +die Landbevölkerung den »Dezimalkroaten« Unterkunft und Nahrung +weigerte und sie nicht selten mit Hofhunden an Leib und Leben +bedrohte. + +Einmal aber trat Heinrich Moldenhuber, der »Wolkenschieber« oder, wie +ihn Ludwig Semper ob seiner sturmgeschwellten Rockschöße gewöhnlich +nannte: Heinrich der Seefahrer ins Arbeitszimmer der Semper und sagte +mit stoischem Lächeln: + +»Ich bin ausgewiesen.« + +Man glaubte anfangs, er scherze. Aber er zeigte lächelnd den +Ausweisungsbefehl. Und man begriff noch immer nicht. Wie? Dieses +neunundzwanzigjährige Kinderherz sollte »gemeingefährlich« sein? Wie? +dachte Asmus, dieser Mann, der zu den besten Stücken meiner Jugend und +meiner Heimat gehört – den verbannt man aus seiner Heimat? Gewiß würde +Moldenhuber auch auf der Barrikade seine Schuldigkeit getan haben; +aber nie würde er aufgefordert haben, eine zu bauen; er würde viel +mehr versucht haben, den Fürsten Bismarck oder den das Standrecht +ausübenden General von seinem Irrtum und von der Richtigkeit der +sozialistischen Lehre zu überzeugen. + +Aber alles Verwundern half nichts gegenüber der brutalen Tatsache. + +»Wohin willst du denn?« fragte Ludwig Semper. + +»Nach Amerika,« antwortete Moldenhuber ruhig. + +Nach Amerika! Der Wolkenschieber nach Amerika! Das war so, als wenn +Hölderlin auf die Hamburger Börse gegangen wäre, um hinfort in Kaffee +zu spekulieren. Ludwig Semper riet ihm dringend ab; aber der Seefahrer +war heiter entschlossen. Fast schien es, als ob ihm die +Schicksalswendung willkommen wäre und er sich auf die Entdeckung +Amerikas durch Heinrich den Seefahrer freue. Was konnte ihm geschehen? +Nahm er nicht seine Dichter und Philosophen überallhin im Kopfe mit? +Und für eine Bücherkiste war wohl auch noch Platz im Zwischendeck. + +Amerika! Asmussens Brüdern, Johannes und Alfred, hatte dies Land schon +oft vor der Seele gestanden als ein Bereich, wo man aus dem ewigen +Schuften und Sorgen herauskomme, wo brauchbare Arbeit einen +reichlichen Lohn finde. Der Entschluß, dahin auszuwandern, war immer +wieder verschoben worden; denn diese Heimat mit all ihrem Schuften und +Sorgen übte ihre stille Kraft. Aber die Polizei kam ihrer +Unentschlossenheit zur Hilfe. Ein Beamter, der Ludwig Sempern +freundlich gesinnt war, teilte ihm unter der Hand mit, daß auch sein +Sohn Johannes auf der Proskriptionsliste stehe und demnächst +»drankomme«. Vielleicht ziehe er es vor, noch vordem auszuwandern. + +Das gab einen Aufruhr im Hause Semper! Frau Rebekka sprach sich über +Thron und Altar, über Bismarck und die Polizei in einer Weise aus, die +ihr gegebenen Falles 100 Jahre Gefängnis gesichert hätten, und im +stillen weinte sie. Ludwig Semper trug das Unglück schweigend wie +immer, nur warf er öfter als sonst das linke Bein über das rechte und +bewegte heftig die Lippen, und nur einmal rief er: »Die Narren, wenn +sie glauben, daß ihnen das was hilft!« + +Am muntersten nahm Alfred die Neuigkeit auf. Er wollte sofort mit +seinem Bruder nach Amerika, obwohl ihn niemand forttrieb und obwohl +er sich ein Sümmchen erspart hatte. Aber er wollt’ es »zu was bringen« +und erbot sich, seinem Bruder das Geld für die Überfahrt zu leihen. + +Und Johannes schlug ein. Entschlossen, nach Amerika zu gehen, war auch +er. Aber seine Entschlossenheit hatte zwei Gesichter, die in den +nächsten acht Tagen oft miteinander wechselten. Das eine pflegte mit +unternehmendem Blick durchs Fenster nach Westen zu sehen, das andere +die Blicke wandern zu lassen über Wände und Winkel, Gassen und Felder +in Haus und Heimat, von denen er scheiden sollte. + + + + +XV. Kapitel. + +Asmus hört ein französisches Lied von deutschem Heimweh, gibt +Privatstunden bei Lachtauben und Häschen und erhält sein erstes +Dichterhonorar. + + +Schon acht Tage später bewegte sich durch die Straßen von Oldensund +und Altenberg ein Trupp von Auswanderern dem Hamburger Hafen zu. Außer +Moldenhuber und Johannes Semper waren noch andere ausgewiesen worden; +Europamüde hatten sich ihnen angeschlossen, und zahlreiche Verwandte +und Freunde gaben ihnen das Geleite bis zu den Landungsbrücken. Man +war auf gewisse Weise heiter; einige hatten ihrer Heiterkeit mit +Alkohol auf die müden Beine geholfen. Man konnt’ es Heiterkeit nennen, +wie man es Sonnenschein nennen kann, wenn durch unaufhörlich ziehende +Wolken hin und wieder auf Minuten die Sonne mit stechendem Glanze +hindurchblickt. Man sang sogar, man sang lustige Lieder; aber kein +Mensch nahm sie lustig. Asmus ging eine Weile allein neben seinem +Bruder Johannes. Sie sangen beide nicht mit; aber plötzlich sang etwas +in Asmus. Er hatte es oft, daß plötzlich eine Melodie in ihm +aufwachte, die er nur einmal gehört und die er dann wochenlang, +monatelang vergeblich in seiner Erinnerung gesucht hatte. Vor mehr als +einem Vierteljahr hatte er mit dem blinden Pianisten zusammen die +»Fantastische Symphonie, op. 14« von Berlioz gehört. Und da hatte ganz +besonders ein Gesang gedämpfter Geigen sich wie ein weicher, warmer +Herbsttag ihm in das Herz gelegt. Er hatte sich die Worte gemerkt, die +den Komponisten zu diesem Gesange angeregt hatten; aber die Melodie +hatte er doch vergessen. Heute mit einem Male schlug jene wundersame, +süß-traurige Weise die Augen auf. + +[Illustration: +#/Largo./# + +Musiknoten + +Liedtext: +#Je vais donc quitter pour jamais, mon doux pays, ma douce amie!#] + +sang es in ihm. Dann hörte er seinen Bruder sprechen. + +»Sobald ich drüben bin, schick’ ich meine Adresse; dann mußt du mir +fleißig schreiben.« + +»Gewiß,« sagte Asmus. + +»Schreib mir sobald als möglich, wie es Vater und Mutter geht – sie +werden allmählich alt.« + +»Ja, ja,« sagte Asmus nachdenklich. + +»Mach’ ihnen nur recht viel Freude. Sowie ich etwas übrig habe, +schick’ ich auch Geld.« + +»Aber überarbeite dich auch nicht,« fügte Johannes noch hinzu. Dann +schwiegen sie wieder. Und wieder hub in Asmus die sanfte, traurige +Weise an: + + #Je vais donc quitter pour jamais + Mon doux pays# – – – + +Endlich waren sie am Landungsplatz, und da griff der Anblick der +vielen Hunderte von Zwischendeckspassagieren wie mit Krallen in +Asmussens Herz. Er wußte ja von all diesen Leuten gar nicht, warum sie +auswanderten, ob sie es gern oder ungern taten, was sie erhofften und +was sie verließen; aber er sah in dieser ganzen Masse von Männern, +Weibern und Kindern mit ihrer in Bündel geschnürten Habe nur ein +großes Elend, ein großes, bitteres Elend, und zum ersten Male in +diesen Tagen des Abschieds traten ihm heiße, reichliche Tränen ins +Auge. Er trocknete sie schnell; denn es galt, Abschied zu nehmen und +den Brüdern ein fröhliches, ermunterndes Gesicht zu zeigen. Der guten +Frau Rebekka wollte fast das Herz brechen, und sie empfahl ihren +Söhnen noch hundert Dinge, die sie nicht vergessen sollten; sie +knöpfte Alfred den Rock zu und knotete Johannes den Schal fester um +den Hals, um sie gegen die rauhe Seeluft zu schützen, die indessen von +Hamburg noch fünf Stunden weit entfernt ist. Endlich fuhr das Schiff +unter Hurrarufen und Winken der Zurückbleibenden davon. + +Als Asmus wieder daheim war, ging er heimlich ins Schlafzimmer, wie er +von jeher getan, wenn er mit sich allein sein wollte. Er trat ans +Fenster und blickte nach Westen. Wo werden sie jetzt sein, dachte er. + + #Je vais donc quitter – – –# + +Die Melodie schlang sich wie ein Gewinde von Orangenblüten durch alle +seine Gedanken. + + #Je vais donc quitter pour jamais + Mon doux pays, ma douce amie! + Loin d’eux je vais trainer ma vie + Dans les pleurs et dans les regrets.# + +Das Lied paßte ja eigentlich gar nicht so recht zu diesem Tage: es war +ein französisches Lied, und hier handelte es sich um eine deutsche +Heimat; auch der Sinn der Worte paßte nur halb; aber die Töne, die +Töne sangen ein wunderbares Heimweh, und sie folgten ihm bis in den +Traum und bis in manchen folgenden Tag. + +Viel Zeit war indessen für wehmütige Stimmungen und Gedankenspiele +nicht übrig; das Leben schickte sich an, unserm Seminaristen mit +realen Forderungen hart auf den Leib zu rücken. Mit den beiden Söhnen +hatten die alten Semper zwar zwei beträchtliche Esser, zugleich aber +einen für ihren Haushalt noch beträchtlicheren Geldzuschuß verloren. +Vorübergehende Arbeitslosigkeit kam hinzu, und die fetten Jahre der +dreihundertundsechzig Mark #pro anno# waren vorbei; im ersten +Seminarjahr gab es nur einhundertundzwanzig Mark Stipendien, im +zweiten zweihundert, im dritten zweihundertundvierzig. Aber wie +sollten nun die Semper ihren Studenten durch drei endlose Jahre +hindurchschleppen?! + +Frau Rebekka verzagte an diesem Unternehmen. Durch den Spalt einer +angelehnten Tür belauschte Asmus eines Tages ein Gespräch seiner +Eltern. + +»Dann muß er eben den Lehrer an den Nagel hängen und Zigarrenmacher +werden,« sagte die Mutter. + +»Ach, Unsinn!« klang die Stimme Ludwig Sempers. + +»Ja, Unsinn! Weißt du, woher das Geld kommen soll? Ich weiß es nicht. +Wir riechen nach Geld wie die Gänse nach Franzbranntwein.« + +»Na ja, das findet sich,« sagte Ludwig. + +»Ja, das sagst du immer,« meinte Rebekka. »Wozu auch?« fuhr sie fort. +»Die anderen Kinder sind auch alle begabt und sind auch keine Lehrer +geworden.« + +Sie sagte das nicht lieblos; sie sagte es mit jener Resignation des +Armen, der das Gefühl hat, daß das Talent für den Mittellosen ein +Unglück ist. + +Aber obwohl sie das Wort nicht lieblos gesprochen hatte, ging es +Asmussen wie ein Messer durch’s Herz. Sie hatte Wahrheit gesprochen, +die Mutter. Seine Brüder waren wohl ebenso begabt wie er, vielleicht +begabter, und mußten Zigarren drehen. Sollte er seinen Eltern, die +sich von Sorge zu Sorge schleppten, drei Jahre lang auf der Tasche +liegen? Nein. + +Asmus beschloß, seinen Unterhalt durch Privatstunden selbst zu +verdienen. Dazu waren freilich nicht wenige solcher Stunden nötig. + +Er ging dreimal in der Woche zu den Kindern eines Fettwarenhändlers, +drei allerliebsten, wohlerzogenen Kindern, zwei Mädeln und einem +Buben. Die Älteste war ein Lachtäubchen, und wenn Asmus über eine +seltsame Aufgabenlösung ein humoristisches Augenrollen vollführte, +wollte sie sich unter den Tisch kichern; nur wenn er die Frage an das +etwas »thumbe« Brüderlein richtete, machte sie ein bekümmertes +Muttergottesgesichtchen. Die Stunden wurden glänzend bezahlt, mit 75 +Pfennigen, und jeden Monat zählte der blendend weiß beschürzte Vater +mit verbindlichstem Dank und höflichen Komplimenten die blanken +Silberstücke auf die Ladenbank. Hier war alles warm und gut. + +Auch mit dem einzigen Kinde des Gelehrten, zu dem er sechsmal die +Woche ging, lebte er gute und feine Stunden. Freilich nicht von Anfang +an. Als er bei dem sechsjährigen Bürschchen mit dem Unterricht +beginnen wollte, bemerkte er, daß es kaum die Entwicklung eines +Vierjährigen hatte. Infolge von Krankheit oder Verzärtelung war es so +zurückgeblieben, daß es fast gar nicht sprechen konnte, und wenn es +nach vielen Ermunterungen und Mühen endlich den Mund auftat, so sagte +es »trein« statt »klein« und »Josche« statt »Rose«. O, o, oh, dachte +Asmus, was fang ich da an. Zudem war der Kleine furchtsam wie ein +Häslein; er starrte seinen Lehrmeister nach Wochen noch an wie einen +bösen Mann und war durch die zündendsten »Witze« und die komischsten +Gesichter nicht ins Lachen zu bringen. Hundertmal, tausendmal sprach +ihm Asmus die richtigen Laute vergeblich vor – das konnte nicht immer +kurzweilig und fröhlich sein; dem Kleinen traten dicke Tränen ins +Auge, und dann war alles vorbei ... Dann mußte Asmus aufspringen und +ein paarmal auf und ab gehen und sich sagen, daß er die Geschichte vom +Sisyphos bisher immer viel zu leichtfertig und teilnahmlos aufgefaßt +habe. Endlich, nach sechs Wochen, sagte das Bübchen plötzlich ganz +richtig »klein« und »Klavier«. Asmus traute seinen Ohren nicht. + +»Sag’ mal Klaus!« – »Klaus.« + +»Klemme!« – »Klemme!« + +»Klosett!« – »Klosett!« + +»Hurra« brüllte Asmus, »hurra, er kann es!« und er sprang – er konnte +nicht anders – er sprang über einen Stuhl. Da lachte das Bürschchen +zum ersten Male laut auf, und nun kam Sonnenschein ins Werk. Von nun +an ging es vorwärts, und nach einem halben Jahre streckte sich aus +den verhutzelten Hüllblättchen der kleinen Menschenknospe ein +vollkommen helles und frisches Geistchen hervor. + +Die Wirksamkeit in diesem Hause hatte für Asmus noch ein anderes +Ergebnis. Irgend jemand hatte dem Vater seines Schülers gesteckt, daß +der junge Herr Semper auch dichte, und eines Tages erbat der Vater von +seinem Hauslehrer ein Lied für eine Naturforscherversammlung. Asmus +sagte zu und dichtete etwas hervorragend Ungeeignetes. Der Doktor +hatte sich ein munteres Kneiplied gedacht; Asmussens Werk aber war mit +mehreren Zentnern Naturphilosophie befrachtet. Der Gelehrte, ein +Gentleman, fragte gleichwohl mit verbindlichem Dank nach seiner +Schuldigkeit. Vor Asmussens Phantasie stieg wie eine Leuchtkugel ein +funkelndes Fünfmarkstück auf; aber er ließ sich grundsätzlich nicht +übergentlemannen und sagte, es sei eine Gefälligkeit, für die er kein +Honorar beanspruche. + +»Nun, dann werd’ ich es auf andere Weise gutzumachen versuchen,« sagte +der Doktor. + +Und von nun an erschien in jeder Unterrichtsstunde eine Tasse Kaffee, +ein wundervoller Kaffee, nicht mit Zichorien wie zu Hause. Und da er +ein Jahr lang im Hause des Gelehrten wirkte, so kamen Hunderte von +Tassen Kaffee heraus, und sie waren sein erstes Dichterhonorar, ein so +hohes, wie er es viele Jahre später noch nicht erreichen sollte. + + + + +XVI. Kapitel. + +Handelt von sonderbaren Studenten und von einem unvergleichlichen +Architekten. + + +Soweit waren die Privatstunden gut und schön. Mit den zwei Kaufleuten +aber ging es schon anders. Das waren zwei Kompagnons, die Englisch +lernen wollten. Aber nicht das Englisch der Schulgrammatik, des +Landpredigers von Wakefield und des Verlorenen Paradieses, sondern das +Englisch der Butter-, Eier- und Buckskinhändler. Also kaufte sich +Asmus eine Grammatik der englischen Kaufmanns- und Gewerbesprache und +studierte mit Volldampf englische Tratten, Rimessen, Konnossemente, +Fakturen, Beschwerden über unbefriedigende Hosenstoffe und +Insolvenzerklärungen. Die beiden Schüler waren so ungleich wie nur +denkbar; der eine begriff nichts, der andere alles, und das mochte +diesen bewogen haben, sich mit jenem zu assoziieren. Wie sollte man +mit zwei solchen Pferden vorwärts kommen! Und obendrein mußte man doch +noch immer auf der Hut sein, den verstopften Geist seine +Beschränktheit allzu beschämend fühlen zu lassen! Aber die Qual +sollte nicht allzulange dauern. Als Asmus nach zehn Unterrichtsstunden +zur elften erschien, erklärte ihm die Frau, bei der die beiden +Junggesellen gewohnt hatten, daß seine Schüler verzogen seien +»unbekannt, wohin«. Sein Honorar hatten die Kompagnons mitgenommen. +Asmus stand eine Weile sinnend vor dem Hause und betrachtete beim +Schein der Gaslaterne die Grammatik für Kaufmannsenglisch, die vier +Mark gekostet hatte und für die er nie im Leben wieder Verwendung +finden sollte. + +Mit diesen Stunden hatte er besonders gerechnet. Er verdiente +allgemach so viel, daß er seinen Eltern Kost und Wohnung vergüten +konnte, und diese Stunden sollten es ihm endlich ermöglichen, von +seinem Verdienst ein weniges für sich zu behalten. Wenn die Stunden +eine Weile fortgingen, wollte er sich ein Klavier mieten! Und auf +diesem einst zu mietenden Klavier hatte Ludwig Sempers Sohn auf +Spaziergängen und an stillen Feierabenden schon manches #Adagio +cantabile# und manches #Presto furioso# gespielt. Denn er war +vielleicht der größte und kühnste Luftschloßarchitekt seines +Jahrhunderts. Aus einem einzigen Stein baute er ein Schloß; aber er +ließ es nicht etwa, wie die meisten dieser Künstler, bei dem Gerüst +oder bei der Fassade bewenden; nein, er führte es durch und hinauf bis +zu den letzten Fialen und Türmchen, die mit den Mondstrahlen stritten +an Feinheit und Glanz; er baute es aus von der Halle bis ins +verschwiegenste Gemach, von der breitschimmernden Treppe bis in die +Kammer des Türmers, vom lauschigen Erker bis zum lachenden Balkon, der +in prangende Gärten hinabsah. Denn was wäre ein Schloß ohne einen Park +mit Brücken und Lauben, mit singenden Wassern und horchenden +Steinbildern, mit hundert Abgründen für den Traum und hundert Grotten +und Höhlen für die Erinnerung? + +Aber das merkwürdigste war, daß er, wenn das Schloß nun plötzlich im +leeren Grau verschwand, nur drei Sekunden brauchte, um sich mit dieser +vollendeten Tatsache abzufinden. Er galt bei denen, die ihn kannten, +für einen Menschen von Talent; aber sein größtes Talent kannten weder +sie noch er selbst: sein unerhörtes Talent, glücklich zu sein. In +einem heimlichen Schubfach seines Herzens lagen tausend Baupläne zu +neuen Luftschlössern; hinter seiner Stirn brannte wie ein wandelloser +Stern die Hoffnung: Einmal bau ich mir doch ein Schloß, ein Schloß aus +wirklichem Glück, und so viele, so herrliche Schlösser ihm versinken +mochten – er versöhnte sich mit jeder Notwendigkeit und kannte nichts +Unsinnigeres als Trauer um das Unabänderliche. + +Und so schob er denn die Grammatik der englischen Handelssprache unter +den Arm und sagte sich: »Ich habe doch meine Kenntnis des Englischen +erweitert und einen gewissen Einblick in geschäftliche Dinge bekommen +– wer weiß, ob ich sonst jemals dazu gekommen wäre.« Damit waren die +Kompagnons erledigt. + +Die Lust, etwas zu lernen, ist unter den Menschen weit verbreitet, die +Lust, sich darum anzustrengen, nicht. Es gab wohl allerlei Leute, die +Privatstunden haben wollten; aber sie gaben sie gewöhnlich schnell +wieder auf, wenn sie merkten, daß das Lernen bei aller Milde der +Methoden doch etwas anderes ist als eine schmerzlose Einspritzung ins +Gehirn. So gingen allerlei Leute durch Asmussens Hände: ein +Opernsänger, der fast so begabt war wie der beschränkte Kompagnon, +aber nicht singen konnte; ein Franzose, der Deutsch lernen wollte, der +– #ayant oublié son porte-monnaie# Asmussen um drei Mark anpumpte und +dann nicht wiederkam; ein Gastwirt, der eine feinere Wirtschaft +übernahm und darum Bildung lernen wollte, und manche andere; es gab +Wochen, in denen »das Geschäft blühte«; aber sie wechselten mit +Monaten, Vierteljahren, an denen es darniederlag. Und wenn den +Glückspilz Asmus Semper etwas andauernd unglücklich machen konnte, so +war es das Gefühl, seinen Eltern zur Last zu liegen, und die Furcht, +in den Augen seiner Mutter den stummen Vorwurf zu lesen, daß er seinen +Eltern Opfer und Sorgen auferlege, die keines der anderen Kinder +verlangt habe. + + + + +XVII. Kapitel. + +Das Schicksal führt uns zu wunderlichen Tischgenossen. + + +In solcher Zeit ward ihm einmal Hilfe durch einen Lehrer, der ihm in +»feinen Häusern« drei Freitische verschaffte. Asmus jubelte, erstens +weil er seinen Eltern drei Mittagsmahle ersparte, und zweitens, weil +ihm ein Klassenkollege und Freitischler auf Spaziergängen zu +wiederholten Malen die Leckerbissen geschildert hatte, die es in +solchen Häusern gebe. Schneebälle zum Beispiel, Schneebälle zum +Nachtisch, man denke! Asmus freute sich wie ein Kind auf die zu +erwartenden Festgerichte und ahnte nicht, womit sie gewürzt waren. Und +bei dem Architekten war es wirklich schön! Die kinderlosen, noch +jungen Eheleute behandelten ihn ganz wie einen Gast; das Mädchen +servierte erst der gnädigen Frau, dann ihm und dann erst dem +Hausherrn, und die gnädige Frau schanzte ihm immer besonders gute +Bissen zu und schälte und zerlegte ihm mit eigenen Händen Äpfel und +Apfelsinen. Asmus war von dieser reinen Güte so beschämt, daß er +anfangs vor Beklommenheit nicht reden und nicht essen konnte. Aber +die ungezwungene Freundlichkeit der Wirte, die keine seiner +Verlegenheiten und Unbeholfenheiten zu bemerken schien, half ihm über +alle Ängste hinweg; der Hausherr schenkte ihm immer wieder ein, +behandelte ihn als alten Kneipgesellen und neckte bei aller Zartheit +seine Frau so lustig und unbefangen, als wäre niemand zugegen denn ein +alter Freund! + +»Greifen Sie zu, Herr Semper, greifen Sie zu!« rief er. »Meine Frau +hofft natürlich, daß von dem Eis was nachbleibt – sie nascht nämlich; +aber wir sind für ihre Gesundheit verantwortlich; es darf nichts übrig +bleiben.« + +Dann drohte die sanfte Frau ihrem Gatten lächelnd mit dem Finger und +schob Asmussen die Eistorte zu mit einem Glanz in den Augen, als +pflege sie in dem kleinen Seminaristen ihr ersehntes Kind. + +Wie ganz anders ging es da »bei Stadtrats« zu. Da kam Asmus gleich +beim ersten Male neben einer pompösen Dame zu sitzen; sie hieß »Frau +Senator«, und er war sozusagen ihr Tischherr. Zwischen ihr und ihm +stand auf dem Tisch eine Flasche Rotwein. Als der erste Gang nach der +Suppe aufgetragen war, sagte die dicke Frau in einem bösen Tone: + +»Na, wenn _Sie_ keinen Wein mögen, _ich mag_ Wein!« nahm heftig den +Stöpsel von der Flasche und schenkte sich ein. + +Asmus war’s, als ob ihm siedendes Wasser über den ganzen Leib liefe. +Wie sollte er denn dazu kommen, sich an einer Flasche Wein zu +vergreifen, die andern Leuten gehörte, und diesen Wein einer Dame +anzubieten, einer Dame »furchtbar prächtig wie blutiger +Nordlichtschein«! Wenn er auch in der Theorie noch Königsmörder war +und wußte, daß es schlechte Könige und Minister gebe, in der Praxis +glaubte er noch fest, daß ein Mensch, der »Frau Senator« heiße, auch +wirklich etwas Hervorragendes und Feines sein müsse. + +Da war aber auch noch jedesmal ein Kandidat, der bei jeder passenden +und unpassenden Gelegenheit auf die Juden schimpfte, sonst aber keine +geistige Regsamkeit erkennen ließ. In Asmussens Herzen war die Stelle +noch sonnenwarm, an die er vor Jahren Lessings Gedicht von Nathan dem +Weisen gedrückt hatte. Der Kandidat war ihm furchtbar zuwider. Er +konnt’ es begreifen, daß man einzelne Menschen haßte, wenn sie +schlecht waren; auch er konnte hassen, o gewiß, leidenschaftlich, wenn +auch nicht lange; aber daß man eine ganze Menschenklasse hassen, +verdammen, beschimpfen und ihr alles Leid an den Hals wünschen konnte, +das empörte ihn wie eine Roheit des Herzens, und diese Empörung +schwoll eines Tages so gewaltig in ihm auf, daß er, über und über +errötend, dem Kandidaten erwiderte: + +»Vergessen Sie doch nicht, wie man die Juden behandelt hat.« + +»O, das war nicht so schlimm,« meinte der Gottesgelehrte spöttisch. + +»So? Haben Sie Freytags »Bilder aus der Deutschen Vergangenheit« +gelesen?« + +»Nee.« + +»Nun, da können Sie’s nachlesen; Freytag ist gewiß unparteiisch. Und +ich muß sagen: Wenn man mich so behandelte, würde ich nur eine Antwort +kennen: Haß, unauslöschlichen Haß.« + +Man ging schnell über die Taktlosigkeit des Freitischlers hinweg, und +als Asmus zehn Minuten später eine bescheidene Bemerkung an die »Frau +Senator« richtete, tat sie, als hätte sie nichts gehört. + +Das nächste Mal war ein Professor von der Familie zugegen. Er zog den +jungen Semper sehr wohlwollend in ein Gespräch über die Schule, und im +Laufe dieses Gesprächs erklärte Asmus die allgemeine Volksschule für +sein Ideal. + +»Ja, mein lieber Herr – Semler, nicht wahr?« + +»Semper.« + +»Semper! Pardon! – sehen Sie, das macht sich in der Theorie ja alles +sehr schön; aber wie wollen Sie das durchführen? Wir können doch +unsere Kinder nicht mit Krethi und Plethi zusammen erziehen lassen. +Wenn unsere Töchter mit den Töchtern unseres Grünhökers auf derselben +Schulbank sitzen, woher sollen wir denn unsere Frauen nehmen?« + +Asmus empfand eine deutliche Ohrfeige. Für Krethi und Plethi und +Grünhöker konnte man auch »Zigarrendreher« sagen. Übrigens hatte der +Professor Asmussen nicht nur eine feine Zigarre gereicht, sondern ihm +sogar Feuer gegeben. + +Als der Seminarist eine Viertelstunde später die mit dicken Teppichen +belegte Treppe hinabstieg und das Dienstmädchen ihm mit Herablassung +den Überzieher reichte, fragte er sich: Durfte ich dazu nun schweigen? +Durfte ich sozusagen meine Eltern beschimpfen lassen für ein feines +Diner? Darf ich überhaupt zu all diesen schrecklichen Ansichten +schweigen und den Anschein erwecken, daß ich sie teile? + +Natürlich mußte er schweigen; denn dreinzureden wäre sehr unbescheiden +gewesen. Aber er konnte das nicht mit anhören, ohne jeden Augenblick +aufzuzucken. Und ihm fiel das schöne Aristokratenwort seines +Landsmannes Th. Storm ein: + + »Wo zum Weib du nicht die Tochter + Wagen würdest zu begehren, + Halte dich zu wert, um gastlich + In dem Hause zu verkehren.« + +Der Kopfhänger Asmus richtete sich hoch auf, und zu Hause angelangt, +schrieb er sofort an »Stadtratens«, daß er durch Privatstunden und +andere Pflichten leider verhindert sei, fernerhin zum Essen zu kommen, +und daß er für die erwiesene Güte danke. + +Bei dem reichen Lederhändler aber, der Senator werden wollte, hielt +er’s nur eine einzige Mahlzeit aus. Als man zum Essen ging, wollte +Asmus schon seinen Stuhl vom Tische abrücken, um sich darauf zu +setzen, da bemerkte er, daß alle hinter ihren Stühlen stehen blieben +zum Gebet. Er trat schnell ebenfalls hinter seinen Stuhl, faltete aber +weder die Hände noch senkte er den Kopf, um nicht den Anschein zu +erwecken, daß er mitbete. Der Hausvater tat, als habe er nichts +bemerkt; aber gegen Ende der Mahlzeit flocht er in sein erbauliches +Gespräch ein Sprüchlein ein, das lautete: + + »Wer ungebetet zu Tische geht + Und ungebetet vom Tisch aufsteht, + Der ist dem Öchs- und Eslein gleich + Und hat nicht teil am Himmelreich.« + +Durch diese liebevolle Weltanschauung fühlte sich indessen Asmus nicht +einmal so weit überzeugt, daß er beim Gebet nach Tisch die Hände +faltete, vielmehr sagte er sich auf dem Nachhausewege: »Kann ich +erwarten, daß die Leute meinetwegen nicht beten? Ganz gewiß nicht. +Können sie verlangen, daß ich aus Dankbarkeit für das Mittagessen +mitbete? Ebensowenig. Ich bete nicht. _So_ nicht. _So_ nicht!« rief +der Jüngling, der nach der Ansicht des Lederhändlers keinen Teil am +Himmelreich hatte, laut vor sich hin, so laut, daß ein kleiner Junge +ihn anstarrte und ihm eine Weile nachschaute. Und merkwürdig, wieder +fiel ihm ein steifnackiges Wort Theodor Storms ein: + + »Auch bleib der Priester meinem Grabe fern; + Zwar sind es Worte, die der Wind verweht; + Doch will es sich nicht schicken, daß Protest + Gepredigt werde dem, was ich gewesen, + Indes ich ruh im Bann des ew’gen Schweigens!« + + + + +XVIII. Kapitel. + +Wie Asmus schlafwandelte und die Gedankenwelt des Herrn Quasebarth +auf den Kopf stellte. + + +Als obendrein der Architekt nach Süddeutschland übersiedelte und auch +diese Speisung ihr Ende fand, sah Asmus sich wieder ganz auf dem alten +Punkte. Es galt, eifriger denn je nach Privatstunden auszuschauen, und +er fand auch immer wieder neue; aber da sie meistens schlecht bezahlt +wurden, so mußte er ihrer so viele geben, daß er an gewissen Tagen mit +einer dreiviertelstündigen Unterbrechung von sieben Uhr morgens bis +elf Uhr abends bei der Arbeit oder auf dem Marsche war. Um sechs Uhr +abends kam er dann zum Mittagessen. Das Diner war in zehn Minuten +erledigt, und dann lehnte er sich ins Sofa zurück, um 35 Minuten lang +nichts, gar nichts zu tun. Solche Bedürfnisse hatte er früher nicht +gekannt. Mit dem Blick auf die Uhr genoß er die Minuten einzeln, und +die Zeit schien dadurch länger zu werden. »Noch sieben schöne +Minuten,« dachte er, »noch sechs, noch vier,« und die letzten Minuten +kostete er, wie man Tropfen eines kostbaren Weines einzeln auf der +Zunge zergehen läßt. O weh, dann war er doch ins Träumen geraten und +hatte fünf Minuten über die Zeit genossen! Nun hieß es rennen. + +Eines Abends auf dem Heimwege stieß er mit dem Kopfe gegen den +Mauerpfeiler eines Gartenportals. Wie konnte denn das angehen? Hatte +er denn im Gehen geschlafen? Nein, das war nicht möglich. Er blutete +an der Wange, und am andern Tage neckte man ihn in der Klasse, er sei +bekneipt gewesen. + +Wenige Tage später, auf demselben Wege, erwachte er plötzlich auf +einem freien Platze. Er mußte sich lange besinnen, eh’ er begriff, wo +er war. Er war in einer ganz verkehrten Richtung gegangen und hatte +nun einen noch weiteren Weg nach Hause als sonst. Er war so erschöpft, +daß er nach zehn Schritten immer wieder einschlief; aber der +einstündige Weg mußte gemacht werden, da half nichts. Er nahm ein +heftiges Tempo an und stampfte den Boden wie ein Grenadier beim +Parademarsch; aber nach wenigen Minuten wurden seine Schritte +langsamer – langsamer – langsamer. Am andern Morgen erinnerte er sich +nicht, wie er nach Hause gekommen. + +Und noch einige Tage später erwachte er auf demselben Heimwege von +einem trappelnden Geräusch. Verstört blickte er auf und fand, daß er +vor zwei sich bäumenden Pferden stand, die um seinetwillen nicht +weiter wollten. Er sprang zur Seite, und der Kutscher fuhr fluchend +weiter und schimpfte etwas von »Besoffenheit« vor sich hin. + +Dieser Schreck war von so nachhaltiger Wirkung, daß Asmus nicht wieder +im Gehen einschlief. Die Theorie, daß der Mensch eigentlich überhaupt +keinen Schlaf brauche, hatte er aufgegeben. + +Manchesmal in dieser Zeit mußte er an Adolfinen denken, wie sie +lachend ihren großen Mund aufriß und rief: »Du willst Lehrer werden? +Du bist wohl verrückt!« – – – – + +Und wer wußte, ob er nicht wirklich eines Tages die Flinte ins Korn +warf und ans Zigarrenbrett ging! Aber da war Ludwig Semper, sein +Vater. Je älter Ludwig wurde, desto früher stand er auf; er schlief +nur wenige Stunden in der Nacht. Und in der Frühe des Morgens +bereitete er seinem Sohne den Kaffee und strich ihm sein Brot. Und +wenn Asmus seine bescheidene Toilette beendet und sich zum Frühtrunk +gesetzt hatte, dann wußte er, ohne aufzublicken, daß der Blick seines +Vaters auf ihm ruhte. »Er freut sich, daß es mir schmeckt,« dachte +Asmus. »Und er freut sich, daß ich ins Seminar gehen kann und etwas +werde, was er nicht werden durfte.« + +O ja, zu Hause schmeckte ihm noch das Brot; aber er mußte auch den Tag +über von Brot leben, weil er erst um 5 oder um 6 Uhr zum Mittagessen +kam, und wenn er in der Mittagspause im Seminar sein Frühstück +auswickelte, dann schauderte er oft zurück und wickelte es wieder ein. +Die Luft dieser alten Schulkasernen belegt alle Luft- und Speisewege +wie mit einer übelschmeckenden Schicht; bis in den Magen hinein fühlte +man diese Luft; er mußte sich Gewalt antun, wenn er einen Bissen +hinunterwürgen wollte, und wenn einem Achtzehnjährigen der Appetit +fehlt, so fehlt ihm ein Stück Jugend. Und eines Morgens fragte ihn +Herr Rothgrün in der Geschichtsstunde: + +»Stehen Sie morgens so früh auf?« + +»Ich – o nein,« sagte Asmus ohne Verständnis. + +»Sie schliefen nämlich eben,« fuhr Herr Rothgrün pikierten Tones fort. + +»Ich? Nein!« erklärte Asmus wie alle Leute, die der Schlaf wider +Willen überfällt, und in der Tat war der Schlaf nur wie ein leises +Wölkchen vor seinen Augen vorübergezogen. Er hatte Herrn Rothgrün noch +vom zweiten Samniterkriege sprechen hören, und jetzt sprach er vom +dritten, also konnte nicht viel Zeit verstrichen sein; denn Herr +Rothgrün erledigte solche Sachen sehr schnell. Und in eben dieser +Aufmachung interessierten Asmus die Samniterkriege nur äußerst +schwach. + +Da ihn sein fröhlichstes Gefühl, sein Kraftgefühl in diesen Zeiten +verließ, fühlte er sich ernstlich unglücklich. Daß er in der Klasse +eingeschlafen war, empfand er bei seinem peinlichen Ehrgefühl als +eine Schmach, und daß er Herrn Rothgrün in seiner Eitelkeit verletzt +hatte, war nicht gut; denn Herr Rothgrün vergaß dergleichen schwer; +aber das alles bedeutete nichts gegen einen anderen Schmerz. + +Das war kein Studieren mehr, was er jetzt trieb! Das war nichts als ein +Aufschnappen und Wiederfahrenlassen im Husch und Hui. Er war es gewohnt, +zu dem, was das Seminar ihm gab, wenigstens ebensoviel durch eigene +Arbeit hinzuzutun. Bei wichtigen Fragen und Aufgaben – und seinem +Feuereifer schien fast alles wichtig – holte er sich alle Darstellungen +und Behandlungen herbei, die ihm Neues bieten konnten, und durchackerte +sie; aber nie beruhigte er sich bei den Büchern; er zwang sich, die +Ideen eines Bacon, eines Comenius, eines Pestalozzi und Herbart, die +Abhandlungen eines Schiller und Lessing, die Darstellungen eines Ranke +und Mommsen unabhängig vom Buch, in eigener Form zu rekonstruieren, ihre +Zusammenhänge, da, wo sie ihm fehlten, selbst zu finden; er hielt sich +gleichsam selbst Vorträge; ja, er diskutierte im Schlafzimmer laut mit +sich selbst und stellte Grund und Gegengrund sozusagen im +kontradiktorischen Verfahren einander gegenüber, so daß Frau Rebekka, +die für den Frieden eines Studierzimmers nicht allzuviel Verständnis +hatte, zuweilen lächelnd hereinkam und rief: »Junge, du priesterst ja +wieder ordentlich.« Er hatte nun einmal dies leidenschaftliche +Bedürfnis nach Klarheit; es war, als ob eine Stimme in ihm rief: Nichts +Dunkles hinter dir zurücklassen, sonst verwirrt sich alles Künftige, und +er hatte den heiligen Glauben, daß, wer sich bei keinem unklaren +Gedanken beruhige, endlich auch die letzten Rätsel lösen müsse. Er war +in der Mathematik nicht zufrieden damit, die Lehrsätze zu beweisen und +die Aufgaben zu lösen, er wollte auch die Axiome beweisen und begründen. +Daß jede Größe sich selbst gleich ist – natürlich, die Wahrheit dieses +Satzes begriff er intuitiv wie jeder normale Mensch; aber er wollte sie +auch beweisen, und das konnte man nicht, und die ihm in späteren Jahren +das bedrückte Herz befreien sollten: die intuitiven Gewißheiten, sie +machten ihm in diesen Jahren Pein. Aber noch mehr: alles, was er logisch +begriffen hatte, wollte er auch sinnlich erfassen. Es war der Künstler +in ihm, der sich nicht beim Abstrakten beruhigen wollte. Den Satz des +Menelaos von der Transversale, die die Seiten eines Dreiecks schneidet, +logisch begreifen und beweisen, das konnte ein Kind; aber er wollte auch +_sehen_, daß die Produkte der nicht anstoßenden Abschnitte einander +gleich seien. Und das konnte man nicht. Ja, man konnt’ es ja ausrechnen, +aber das war kein _Sehen_! Und nun kam noch hinzu, daß er mit einem +Mangel in seiner Anlage zu kämpfen hatte: in gewissen Dingen der Physik, +der Anatomie, der Botanik und so weiter machte ihm das dreidimensionale +Vorstellen Schwierigkeiten. Wenn er sich den Längsdurchschnitt des +menschlichen Körpers oder einer Maschine oder eines pflanzlichen +Gefäßsystems vorstellte, so ward es ihm bitter schwer, sich zugleich den +Querdurchschnitt vorzustellen, und er grub die Nägel in die Stirnhaut, +daß es schmerzte, bis er die rechte Anschauung gewann. Er hatte das +Gefühl, als könne er sein Gehirn anspannen, wie die Muskeln seiner +geballten Faust. Daß die Molekularbewegung und das Atomgewicht, der +Magnetismus, die Elektrizität und vieles andere ihm Sorge machten, ist +selbstverständlich. Warum wirkte am doppeltlangen Hebelarm das halbe +Pfund genau so stark wie das ganze Pfund am einfachen, warum, in drei +Teufels Namen warum? Es war so leicht, zu lernen, und so schwer, zu +erkennen. Und er fand in seinem Seelendrange nicht immer Unterstützung. +Um sich im raschen und klaren Erfassen geometrischer Verhältnisse zu +üben, liebte es Asmus, die Figuren nicht mechanisch, sondern mit den +möglichen Veränderungen in Konstruktion und Lage zu wiederholen, und +bekanntlich ist es der Geometrie fabelhaft gleichgültig, ob das +Hypothenusenquadrat oben oder unten, rechts oder links liegt, dieweilen +sie von oben und unten, rechts und links überhaupt nichts weiß. Aber +Herr Quasebarth, der Lehrer der Mathematik, dachte nicht so +vorurteilslos, und als Asmus eines Tages fünf Konstruktionsaufgaben +einreichte, die nicht so standen, wie es Herr Quasebarth seit +siebenundzwanzig Jahren gewohnt war, sondern auf dem Bauche oder auf dem +Rücken lagen oder auf dem Kopfe standen, da schrieb er mit Wucht +darunter »falsch« und eine Vier, das schlechteste Zeugnis; denn er +durchflog die Hefte seiner Schüler wie ein Schnellzug, der unterwegs +nicht hält. Asmus machte ihn darauf aufmerksam, daß alle Aufgaben +zweifellos richtig gelöst seien und nur sozusagen andere Hosen anhätten +als sonst. Herr Quasebarth sagte höhnisch: »So« und dann sah er ins Heft +und sagte: »Die« – und dann sagte er unsicheren Tones: »Das« – und +nachdem er noch »Hm« gesagt hatte, rief er ärgerlich: »Ja, richtig sind +sie wohl; aber was sollen die Veränderungen: machen Sie es doch, wie es +alle anderen machen!« und er nahm die Feder und erhöhte das Zeugnis – +um einen halben Grad. Er wollte damit ausdrücken, daß der Schüler +richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen recht habe. + + + + +XIX. Kapitel. + +Asmus klagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und wird in Verruf +erklärt. + + +Ja, die Gesetze des Hebels und die Wunder des Spektrums und vor allem +jener fatale Abgrund, der zwischen Körperwelt und Gedankenwelt klafft, +jener Abgrund, den wir immerfort überspringen, ohne ihn jemals zu +sehen, sie hatten seinem bohrenden Geiste wilde Sorgen gemacht; aber +es waren holde Sorgen gewesen, fröhliche Sorgen, Sorgen, die man nicht +scheuchte, sondern suchte; denn das ist das göttliche Wunder in allem +geistigen Ringen, daß auch die Niederlagen uns stärker und freier +machen, solange uns Hoffnung bleibt. + +Die schöne Zeit dieser Sorgen war dahin. Bei den vielen Privatstunden +konnte er nur das Notdürftigste pauken, konnte er eigentlich nur für +den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er eine Reihe von Regeln oder +Vokabeln oder eine Biographie oder einen Geschichtsabschnitt einmal +durchgelesen hatte, so wußte er sie, aber für wie lange? Und was hatte +dies oberflächliche »Wissen« für einen Wert? Was sollte das für ein +Wissensgebäude werden, das so schwindelhaft gebaute Partien aufwies. +In der Tat: er kam sich vor wie ein gewissenloser Baumeister, der +schadhafte Mauern unterm Putz verbirgt, und dies Bewußtsein einer Art +Unredlichkeit peinigte ihn mehr als alles andre, obgleich niemand mehr +von ihm verlangte, als er leistete, das ließen seine Zeugnisse +deutlich erkennen. + +Mit diesen Zeugnissen hatte er gleich nach dem ersten Quartal ein +Malheur gehabt, das von eigenartigen Folgen sein sollte. Am +Quartalsschluß hatte nämlich der Ordinarius gesprochen: »Das Kollegium +ist einstimmig der Ansicht, daß die Klasse sich nicht in dem Maße +anspannt, wie sie es könnte, und hat darum beschlossen, die höchste +Zensur im Fleiß mit einer einzigen Ausnahme nicht zu vergeben. Diese +Ausnahme bildet Semper; ihm ist eine Eins zuerkannt worden.« + +Das war ehrenvoll und sehr gefährlich. Asmus empfand sofort mit jenem +Tastgefühl, das weit über die Grenzen des Körpers hinausreicht, daß +seine Klassenkollegen ihm anders begegneten als sonst. Es waren wohl +manche da, die es ihm freudig gönnten; aber die andern waren in der +Mehrzahl. Unter diesen andern war Wiedemann, ein langer Jüngling mit +der Stimme einer alten Tante, den Bewegungen einer Raupe und +feuchtkalten Händen. Asmussens Hände waren trocken und sehr warm, +fast heiß. Zwischen solchen Menschen steht etwas, was nicht zu +überwinden ist. Asmus konnte gegen diesen Kameraden nicht freundlich +tun; aber Wiedemann tat freundlich. Es gab in der Klasse einen +vorzüglichen Mathematiker, der es namentlich im Rechnen allen andern +zuvortat. + +»Der Mollwitz ist doch ein großartiger Mathematiker, was?« sagte +Wiedemann mit lauerndem Lächeln zu Semper. + +»Das ist er,« versetzte dieser. + +»Ich halte ihn für den besten Mathematiker in der ganzen Klasse,« fuhr +der Lauernde fort. + +»Ich auch,« erklärte Semper und begriff nicht recht, was Wiedemann mit +diesen Selbstverständlichkeiten beabsichtigte. + +Wiedemann war enttäuscht. + +Es gab aber auch einen Seminaristen namens Frey, der ein klarer, +tüchtiger Kopf war und auch einen guten Stil schrieb. + +Eines Tages schob sich die Raupe wieder heran. + +»Der Frey schreibt doch ’n großartigen Aufsatz, was?« forschte +Wiedemann. + +»Er schreibt ’n guten Aufsatz, ja,« sagte Asmus. + +»Na, das mußt du doch auch sagen, seinen Aufsatz macht ihm doch keiner +nach!« + +»Soo?« machte Semper. + +»Ja, bist du nicht der Meinung?« + +»Nein,« erwiderte Asmus kalt. Er wußte ganz genau, daß er’s besser +konnte. Das sagte er zwar nicht; aber er sah auch nicht den +geringsten Anlaß, das Gegenteil zu lügen. + +Wiedemann machte noch immer ein lammfreundliches Gesicht mit Ausnahme +der Augen. Augen sind Löcher, die der Herrgott im Menschenkörper +gelassen hat wie die Gucklöcher in einer Verbrecherzelle, damit der +Mensch nicht allzu ungehindert heucheln könne. Augen heucheln nicht +mit. Wiedemanns Antlitz und Stimme streichelten; aber seine Augen +stachen, als er nun fragte: + +»Wer schreibt hier denn einen besseren Aufsatz?« + +Und obwohl ihm Asmus jetzt durch die grünglimmernden Augen bis in die +Nieren schaute, sagte er: + +»Du nicht.« + +In solchen Augenblicken kam etwas wie Husarengeist über ihn. Wiedemann +ging erquickt von dannen. + +Und er ging aus wie ein Säemann, zu säen seinen Samen, und verbreitete +die Kunde, Semper habe sich für den besten Aufsatzschreiber der ganzen +Klasse erklärt, er halte sich überhaupt für den Klügsten von allen und +finde die Arbeiten Freys nur »so ziemlich«. Dies sagte er besonders zu +Frey. Seltsamerweise blieben aber Frey und Semper die besten Freunde. + +Sonst aber fiel Wiedemanns Samen auf gutes, fruchtbares Land, und +Asmus fühlte wohl, daß die Stimmung gegen ihn wuchs. + +Sollten sich hier die Leiden aus der Knabenschule wiederholen? O, sie +sollten es nicht nur hier! + +Unter den Giftpflanzen ist eine, die keines Samens und keines Keimes +bedarf, die auch aus Nichts entstehen kann wie die Schöpfung Jahwehs, +das ist die Verleumdung. Sie braucht nur einen guten Boden, dann +erzeugt sie sich aus nichts. + +Eines Tages wurde Asmus von Seybold gestellt, von demselben Seybold, +der bei der Präparandenprüfung einen so sichern Blick für Sempers +Arbeiten und eine so lebhafte Teilnahme an seinen Erfolgen bekundet +hatte. Er war von einer ganzen Korona von Seminaristen umgeben und hub +also an: + +»Hier wird behauptet, du hättest dem Direktor angezeigt, daß Müller +und Warncke nach der letzten Kneipe den Unterricht geschwänzt und im +Botanischen Garten ihren Kater spazieren geführt hätten.« + +Wäre nun Asmus Semper irgend ein anderer gewesen, so würde er +vielleicht gesagt haben: + +»Bemühe dich bitte sofort mit mir zum Direktor, damit wir die +vollkommene Unwahrheit dieser Behauptung feststellen.« + +Oder er würde wie jener Yankee gesprochen haben, den jemand einen +Schurken nannte und der freundlich erwiderte: + +»Damit, mein Verehrtester, daß Sie es behaupten, ist es noch lange +nicht bewiesen.« Aber wär’ er besonnen gewesen, so wäre er nicht der +Semper gewesen, und also erwiderte er: + +»Wer das sagt, ist entweder ein Lump oder ein Idiot.« Das Blut seiner +Mutter schlug mit Flammen zum Dach hinaus. + +Auch diese Antwort war ja richtig; aber ihre Richtigkeit wurde nicht +zugestanden. + +»Hahaaa,« johlte die Korona, »da haben wir’s, wir sind alle Lumpen und +Idioten!« + +Wäre Asmus jener Yankee gewesen, so hätte er gesagt: »Dieser Schluß +entbehrt durchaus der logischen Richtigkeit«; statt dessen verzog er +das bleiche Gesicht zu einem Ausdruck grenzenloser Verachtung und +sagte: + +»Bitte, ich sagte: oder«. + +Sie stutzten einen Augenblick, und als sie diese Antwort begriffen +hatten, tobten sie und erklärten Asmus Semper wegen seines »Hochmuts«, +seiner »Frechheit« und seiner »Inkollegialität« in Verruf. Die +Inkollegialität bestand darin, daß er mehr wußte und konnte als +Seybold, Wiedemann und Kompanie und dies in seinen Arbeiten schamlos +zu erkennen gab. + +Vor Asmussens Augen stand sein alter herrlicher Schulmeister, Herr +Cremer, wie er dem Quintus Fabius nachahmte. Er pflegte zwei Falten in +seinen Rock zu machen und zu sagen: »So stand Quintus Fabius vor der +karthagischen Ratsversammlung und sagte: Hier in den Falten meiner +Toga habe ich Krieg und Frieden – wählt!« So hatte das Schicksal in +Gestalt der Seybold, Wiedemann und Genossen vor ihm gestanden, und +genau wie die Karthager hatte er geantwortet: »Gebt, was ihr wollt.« +Und Quintus Fabius Seybold hatte gesagt: So hab denn Krieg. + +Und so war es also Krieg. + +Ja, wenn es noch ein richtiger, ehrlicher Krieg gewesen wäre. Aber es +war die bekannte Guerilla böser Schikanen, in deren Erfindung die +Jugend so grausam ist und in der das »Zwanzig gegen Einen« durchaus +nicht für unehrenhaft gilt. Wenn er des Morgens kam – gerade jetzt +wieder in einem geschenkten Rock, der ihm viel zu weit war – dann +bildeten sie Spalier, erwiesen ihm höhnische Ehren und spotteten über +seinen Rock. + +»Der Kerl is ’n richtiges Originaol!« rief der Bauernsohn Rohweder, +der seinen heimischen Akzent nicht abzulegen vermochte. Er hielt +»Original« für etwas sehr Schimpfliches. + +Oder sie lösten ihm von der Milchflasche, die in seinem Bücherfach lag +und deren Inhalt sein Frühstück ausmachte, wenn das Brot nicht +schmecken wollte, den Stöpsel, so daß die Milch über seine Hefte und +Bücher floß und ihm seine sorgfältigen Ausarbeitungen verdarb. Daß er +dann nichts zu trinken hatte, war schlimm: daß seine Arbeiten +beschmutzt waren, war schlimmer; aber das Schlimmste war die +Niedrigkeit, die sich in solchen Tücken zu erkennen gab: sie +beschmutzte ihm sein Weltbild. Den Haß nahm er hin als etwas +Gleichgültiges; er liebte den geselligen Verkehr mit Menschen, aber er +brauchte ihn nicht; wie sein Vater, so war er, wenn es sein mußte, +sich selber Gesellschaft genug. Aber Niedrigkeiten konnten ihn in eine +heilige Wut und dann in eine tiefe, vollkommene Niedergeschlagenheit +versetzen. Wenn so etwas in der Welt möglich war, dann ..... Er +verfolgte den Gedanken nicht weiter; er wollte ihn nicht weiter +verfolgen. + +Er wußte sehr wohl, daß die Hauptursache ihrer Feindseligkeit der Neid +war. Aber auch andere Schüler gaben wohl einmal Anlaß zum Neide; warum +kam der Haß nicht auch gegen sie zum Ausbruch, oder wenn er zum +Ausbruch kam, in so viel harmloserer Form? Er hatte nicht die Gabe, +die Menschen im ersten Ansturm zu gewinnen, das wußte er. Er war nicht +schön, wenn auch Flora, die verführerische Nachbarstochter, und jenes +kleine Fräulein, mit dem zusammen er einmal Komödie gespielt hatte, +ihn unverkennbar gern gehabt und ihm dies keineswegs verborgen hatten; +er hatte keine Liebenswürdigkeiten, die schnell bezaubern. Aber hatte +er denn etwas Abstoßendes, etwas, das ihm Feinde machen mußte? + +Er hatte es, ohne es zu wissen und zu wollen. + +Das Wort des Polonius an seinen Sohn: + + »Härte deine Hand nicht durch den Druck + Von jedem neu geheckten Bruder« + +hatte ihm deshalb immer so gut gefallen, weil es seinem Wesen so gut +entsprach. Oft empfand er gleich bei der ersten Begegnung mit einem +Menschen Zuneigung oder Abneigung, und wo er Abneigung empfand, hatte +er sogleich etwas von einer schroffen Wand, an der nicht +hinaufzukommen war. Das nehmen die Menschen sehr übel und nennen es +hochfahrend oder arrogant. Und er war viel zu jung, um sich objektiv +zu betrachten und diesen Zug an sich selbst zu erkennen. + +Immerhin hatte er eine Minorität auf seiner Seite. Sofort bei Ausbruch +des Konfliktes hatte sich Morieux mit tausend heroischen Gesichts- und +Körperverrenkungen zu Semper geschlagen, etwa wie Herzog Ernst zu +Werner von Kiburg, wenn er ruft: + + »Hin fahr ich, ein zwiefach Geächteter, + An meine Fersen heftet sich der Tod, + Und unter Flüchen krachet mein Genick. + Vom Werner laß ich nicht!« + +und sieben oder acht Beherzte hatten sich ihm angeschlossen. Das war +nun die Fraktion Semper; bei den Feinden aber hießen sie »die +Schäflein«, weil sie nach deren Meinung im allgemeinen ein unrühmlich +gesittetes Betragen zeigten. + + + + +XX. Kapitel. + +Asmus ist trotz seiner trüben Erfahrungen anderer Meinung als +Schiller und verfällt in eine unglückliche Liebe. + + +Die Schäflein hätten nun nicht deutsche Jünglinge sein müssen, wenn +sie sich nicht sofort zu einem Verein zusammengeschlossen hätten. Der +Verein erhielt den Namen »Treue von 1880«, womit aber nicht gesagt +sein sollte, daß dies für die Treue ein besonders guter Jahrgang sei; +man wollte nur, da der Bund doch zweifellos bis in die Zeiten des +jüngsten Gerichts dauern würde, den nachlebenden Geschlechtern das +Gründungsjahr ein für allemal einprägen. Den acht oder neun +Seminaristen gesellten sich bald einige Musiker, junge Kaufleute und +Beamte zu, und nun ging es an die höchsten und tiefsten Probleme der +Kunst und des Lebens, und Fragen wurden gelöst, die vorher und +merkwürdigerweise auch noch nachher die stärksten Geister in Bewegung +gesetzt haben. Semper wurde Präses und sprach heute über den +Gralstempel bei Albrecht von Scharfenberg und den gotischen Baustil, +das nächste Mal über Meteore und Meteorite, und wieder das nächste Mal +knüpfte er kühne Gedanken an Schillers Gedicht »Der Antritt des neuen +Jahrhunderts«, dessen resigniertem Pessimismus er sich natürlich als +Achtzehnjähriger nicht anschließen konnte. Seine Glanznummer aber war +der »Faust«, den er aus dem Kopfe vortrug, und nur das eine betrübte +ihn ein wenig, daß seine Freunde, so beifällig sie auch die ernsten +Partien der Dichtung aufnahmen, doch immer am unbändigsten über die +Sauferei in Auerbachs Keller und über das »verdammte Aas« und die +»verfluchte Sau« in der Hexenküche jubelten. Fühlten sie denn nicht, +daß der Prolog im Himmel, die Monologe, die Gretchenlieder, die +Kerkerszene viel gewaltiger und schöner waren? Das Schlimmste war aber +doch, daß bei einem Vereinsfeste, bei dem auch Gäste zugegen waren, +ein dicker Magazinverwalter auf ihn zutrat und sagte: + +»Djunger Mann, Sie haob’n jao’n kullosaoles Gedächtnis! Mit dem +Gedächtnis können Sie ’ne Frau mit achtzigtausend Mark kriegen.« + +Er dachte sich dies Gedächtnis in einem Magazin angestellt. Und das, +nachdem Asmus den Tasso rezitiert hatte – man denke: den Tasso! + +In etwa siebenundzwanzig Vorträgen sprach Morieux – sehr stilvoller +Weise – über Voltaire, und bei jeder Spitzbüberei des Herrn Arouet +mußte er vor unbezähmbarem Vergnügen feixen. Die Vorträge und +Rezitationen wechselten mit Musik, gesungen, gegeigt und gehämmert, +und unter den Musikanten waren solche, die einstmals echte und +namhafte Künstler werden sollten und in diesen Stunden, wenn nicht ihr +Bestes, so vielleicht ihr Heiligstes gaben. Auch gemeinsame Ausflüge +unternahmen sie, und einer dieser Ausflüge führte sie in den +Sachsenwald. + +Bismarck, der Johannes Semper und Heinrich den Seefahrer verbannt +hatte, war in Berlin, und das war Asmussen eben recht; er hätte ihm +damals nicht begegnen mögen. Aber im Sachsenwalde war ein Förster, der +eines Mitgliedes Onkel war. Dieses Mitglied hatte einmal »Das Blatt im +Buche« in durchaus ernsthafter Absicht deklamiert und damit eine +komische Wirkung erzielt, die durch keine Selbstbeherrschung zu +unterdrücken war. »Ich hab’ eine alte Muhme«, so beginnt das Gedicht, +und genau das Organ einer alten Muhme hatte der Deklamator. Aber den +Sachsenwald kannte der Deklamator; er kannte jeden Weg und Steg, und +Asmus wollte ihm schon seine Bewunderung aussprechen, als sie +plötzlich vor dem Försterhause standen und aus dem Hause die +Försterstochter ihnen zur Begrüßung entgegentrat. Jetzt wunderte sich +Asmus nicht mehr, daß das »geschätzte Mitglied« hier herum Weg und +Steg kannte; denn diese Försterstochter war wohl das Hübscheste, was +der Sachsenwald zu geben hatte. Sogleich empfand Asmus in der +Herzgegend ein so süßes Weh, daß er bei dem bald darauf aufgetragenen +Mahle nur Flüssiges genießen konnte und den Deklamator des »Blattes im +Buche« mit argwöhnisch brennenden Blicken ansah. Nach dem Essen sollte +Asmus rezitieren, und zwar die Szene zwischen dem Patriarchen und dem +Tempelherrn, weil es Morieux »kolossal« fand, wie er zugleich das edle +Ungestüm des Ritters und die bornierte Heimtücke des Pfaffen zum +Ausdruck bringe, sogar im Gesicht! Und Asmussens Herz stieg wie das +Roß eines Ritters, der in die Schranken reitet und vom Balkon die +Farben seiner Dame winken sieht. Er machte seine Sache auch gewiß so +gut wie je, und als er geendet hatte, klatschte auch die +Försterstochter mit den Händen, aber nur ein einziges Mal; sie hatte +nämlich eine Motte gefangen, die sie schon minutenlang mit den Augen +verfolgt und nur aus Rücksicht auf die Kunst so lange verschont hatte. +Unmittelbar nach Semper erhob sich, wenn auch unaufgefordert, der +Führer durch den Sachsenwald, um »das Blatt im Buche« zu rezitieren. +Da die Vereinsmitglieder an die Schrecken dieser Deklamation schon +gewöhnt waren, so ging es mit einigen zerbissenen Lippen und +zerrungenen Händen ab; nur Morieux explodierte natürlich in einem +jähen Nasenlaut, den er durch ein heftig gezogenes Taschentuch in ein +dringend nötiges Ausschnupfen maskierte. Die Tochter des Waldes aber +blickte strahlend auf den Handlungsgehilfen, als wollte sie sagen: +»Ein Künstler bist du _auch_ noch?« + +»So’n Syrupskringel!« knirscht Asmus in sich hinein, und damit +meinte er nur den Handlungsgehilfen, obwohl es in gewissem Sinne +auch auf die Tochter des Waldes paßte. Asmus hatte ja bald heraus, +daß sie zu den höheren Dingen keine Beziehungen unterhielt; aber +doch blieb er ganz in ihr gefangen; sie war eine Brezel, die der +himmlische Menschenbäcker mit unendlich vielem Syrup bestrichen +hatte. Und als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und »Dritten +abschlagen« spielten, da traf es sich merkwürdig oft so, daß die +Försterstochter vor dem alten Muhmen-Deklamator stand, und dann +legte er – dieser Frechling – ganz ungeniert, wie im Eifer des +Spiels die Hände um die Taille des hochatmenden wonnigen Geschöpfes. +»Der Schuft,« dachte Asmus, und die Treue von 1880 wankte in ihren +Grundfesten. Er fragte sich, ob er es auch wagen würde, ihr die +Hände um die Hüften zu legen. »Nie,« sagte er sich. Wenn sie es ihm +verwiesen hätte, wäre er vor Scham und Stolz gestorben. Und als es +das Spiel so fügte, daß sie beide vor ihm standen und er als +»Dritter« den Platz räumen mußte, um nicht »abgeschlagen« zu werden, +da nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol. Beim Abendbrot +holte er dann nach, was er mittags versäumt hatte; in seiner +grollenden Versunkenheit fraß er alles in sich hinein, was ihm +vorkam: Schinken, Rühreier, Schwarzbrot und Liebesgram. Beim +Abschied wollte er erst ohne Gruß verschwinden; aber sie sollte sich +nicht einbilden, daß sie ihn verwundet habe, und mit blutendem +Herzen gab er ihr lächelnd die Hand, und wie die andern winkte er, +im Waldesdunkel langsam verschwindend, noch lange mit Lächeln +zurück. Zu Hause verfiel er sofort in vierfüßige Trochäen, und das +dauerte auch den folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht wohl +an tausend Füße hatte, fühlte er sich bedeutend ruhiger. Und als er +nach dreien Tagen in einem uralten Exemplar von Herders »Ideen zur +Philosophie der Geschichte der Menschheit« las und plötzlich aus +einer Waldwirrnis von Gedanken die hübsche Försterstochter +auftauchte, da war der Generalsuperintendent aus Weimar schon +stärker als die Blume des Waldes. Das blutende Herz war geheilt wie +eine Stecknadelwunde. + +Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch eine bessere Liebe und eine +tiefere Herzenswunde bringen. + + + + +XXI. Kapitel. + +Wie Asmus eine bessere Liebe fand. + + +Alfred Sturm, ein junger Kaufmann, war dem Verein beigetreten an jenem +Abend, als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers mit +bemerkenswerter Kühnheit optimistische Gedanken geknüpft hatte. »Als ich +deinen Vortrag über Schillers »Antritt des neuen Jahrhunderts« gehört +hatte, war ich dir für immer verfallen,« sagte Sturm in vertrauter +Stunde. Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht weniger tief, +und sie bildeten einen stillen Bund im Bunde, bildeten innerhalb der +»Treue von 1880« eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit. Asmus fand bei +seinem Freunde etwas Köstliches, das die Deutschen nur verschwindend +selten besitzen und niemals zu würdigen wissen. Die Deutschen haben +eigentlich nur zwei Humore, den behäbigen Bier- und Tabakhumor, der noch +ihr bester ist, und den mit spitzen Lippen säuerlich-lächelnden +Geheimratshumor, von dem die Milch gerinnt und der Lachen für unfein +hält; was sie fast nie haben und auch bei Shakespeare – obwohl sie’s +heucheln nicht zu schätzen wissen, das ist der genial-groteske Ulk, der +tiefsinnige Clownhumor. Die Spitznäsigen nennen ihn »blödsinnig«, und +die Knoten heißen ihn »unvornehm«. Diesen Humor nun, wie alle kräftigen +Humore, liebte Asmus aus innerster Seele, und den besaß Sturm. Wenn +Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler darstellte, oder aus dem +Stegreif eine Hintertreppen-Familientragödie mimte, oder einen +Volksredner oder auch die Ilsebill aus dem Märchen »vom Fischer un syner +Fru« verkörperte, dann lachten zwar die andern auch; aber Asmus lachte +so, daß er endlich rufen mußte: »Hör’ auf, ich sterbe!« Aber dieser +Humor würde vielleicht doch nicht das ganze Herz des Asmus eingenommen +haben, wenn sich damit nicht ein merkwürdig leidenschaftlicher +Aufwärtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs- und Vervollkommnungsstreben +verbunden hätte. Diese beiden Eigenschaften, die immer wie Gegensätze +aussehen und die doch durchaus keine Gegensätze sind, ließen Asmus in +diesem Jüngling den Freund erkennen, den er unbewußt gesucht hatte. +Sturm dagegen sah in dem jungen Semper den Menschen, der ihm endlich zu +jedem ersehnten Aufschwung verhelfen könne, und wenn Asmus solche +enthusiastischen Überschätzungen mit Händen und Füßen ängstlich +abwehrte, so ging Sturm mit dem Lächeln des Besserwissenden darüber +hinweg und sang aus dem damals oft gespielten Boccaccio: + + »Hab ich nur deine Liebe, + Die »Treue« brauch ich nicht.« + +Aber das quälte ihn, daß er diese Liebe nicht ganz zu besitzen +glaubte; er war eifersüchtig. Eifersüchtig auf Morieux. Mit dem sollte +Semper sich nicht einlassen. + +»Wie kannst du nur so viel mit dem Morieux verkehren! Morieux! Auf dem +Dom[2] gab es früher ein Affentheater von »Morieux«. Das paßt. Dieser +ganze Morieux ist ein Affentheater, das von morgens bis abends +Vorstellungen gibt. Das ist doch kein Charakter!« + + [Fußnote 2: Der Hamburger Weihnachtsmarkt wird »Dom« genannt.] + +»Nein, das ist er nicht,« räumte Semper ein. »Er ist oft ein +unangenehmer Kerl. Der Schöpfer aller Dinge hat ihn aus Resten +gemacht, die zu ganzen Menschen nicht mehr ausreichten. Er hat ein +blaues Bein und ein gelbes, eine halb rote und halb grüne Jacke, wie +ein Harlekin. Aber aus allen Schlacken und Aschen seiner Seele +schlagen doch zuweilen reine Flammen auf. Er hat sich in einem +schweren Streit und gegen eine große Übermacht auf meine Seite +gestellt; er hat um mich gelitten; das kann ich doch nicht einfach +vergessen.« + +Dann setzte Sturm sich schweigend, aber unzufrieden ans Klavier und +introduzierte ein neues Lied; denn singen mußte Asmus zu seiner +Begleitung, sobald ein Klavier in erreichbarer Nähe war. Eines Tages +aber, als sie am Abend vorher in der »Treue« wieder die schönsten und +die verrücktesten Dinge getrieben hatten – Asmus saß wieder in seiner +engen Klause und übersetzte Byron – da klopfte jemand. Auf Asmussens +»Herein« trat Alfred Sturm ein, um sogleich auf einen Stuhl neben der +Tür zu sinken und in Tränen auszubrechen. Sein Gesicht war aschfahl; +in der Hand hielt er eine gelbe Rose. Er hatte soeben in Gemeinschaft +mit seinem Vater seine Mutter in eine Anstalt für Geisteskranke +bringen müssen. + +»Ich hoffte bei dir ein wenig Trost zu finden,« sprach er unter +Schluchzen. Und diese Erwartung erschütterte Sempern fast so sehr wie +die Unglücksnachricht. Trost suchte sein Freund bei ihm! Bei einem +Neunzehnjährigen! Der nichts erfahren hatte! Sein Freund war ja älter +als er! Aber sein Freund suchte Trost, und also mußte er ihn finden. +Er wuchs über sein Alter hinaus. Er dachte an den Tag, da er seinen +Bruder Leonhard durch den Tod verloren hatte. Und sogleich wußte er +eins: Sprechen, mit Worten trösten, wäre in diesem Augenblick Roheit. +Und er legte den Arm um seinen Freund, klopfte ihm langsam und leise, +wie eine tröstende Mutter, die Schulter und ließ ihn weinen. Und +wirklich: der Unglückliche beruhigte sich zusehends. Dann sagte Asmus +mit sanftem Tone: »Ich habe einen Weg zu machen; es wäre riesig nett +von Dir, wenn du mich begleiten wolltest.« + +Sturm nickte nur. + +»Da,« sagte er, »die Rose solltest du haben – jetzt ist sie verwelkt. +Na – ist ja alles einerlei!« – und er wollte sie zum Fenster +hinauswerfen. + +»Gib!« rief Asmus und nahm ihm die Blume aus der Hand. »Sie wird sich +erholen.« Und er stellte sie in ein Wasserglas. + +Und dann führte er den Freund zu seinem eigenen großen Tröster, führte +ihn an den Elbstrom unterhalb Oldenfunds, bis Blankenese und darüber +hinaus, wo die Flut immer breiter und breiter sich dehnt, daß das +jenseitige Ufer dem Blick entschwindet, und wo der sinnende Wanderer +oder der still hintreibende Segler ahnt und fühlt, daß alles Sehnen +und Sorgen in einem großen Meere endet. Dorthin führte er den Freund, +wo er von je auf Wiesen und Wellen wie eine himmlische Stadt die +künftige Welt gesehen hatte, die künftige Welt, wo alles größer und +heller und freier war, wo die Gedanken größer waren und die Gefühle, +wo die Menschen trotz allen Schaffens und Ringens einander mit offenem +Lächeln begegneten und das Leben immer mehr ein Sonntag und Sonnentag +wurde. + +Sturm hatte ausführlicher von seiner Mutter erzählt, und Asmus hatte +erwidert, daß eine Schwermut, wie sie die fünfzigjährige Frau befallen +habe, doch schon oft geheilt worden sei. Unter anderen Beispielen fiel +ihm Gutzkow ein, der schwer gemütskrank gewesen sei und danach wieder +produziert habe. Durch Gutzkow kamen sie von selbst in die Literatur +hinein, und von der Literatur ganz sachte in die Musik. Alfred Sturm +war fanatischer Wagnerianer; nach zwei Takten schwamm er schon »auf +wolkigen Höh’n«; Asmus folgte ihm darin nicht einmal bis über die +Bäume. Da kam ihm nun eine köstliche List. Er brachte das Gespräch auf +Wagner und ließ sich in weniger als zehn Minuten bekehren. Nicht ganz, +damit es nicht auffiel, aber doch zu sieben Achteln. Sturm war +glückselig und lächelte wieder; es war ein höheres, ein verklärtes +Lächeln. Sein Freund erkannte die Größe Wagners – nun konnte man es +wirklich wieder mit dem Leben versuchen! Beim Abschied hielt er die +Hand des Asmus fest. + +»Du –« sagte er. »Ich habe dich zuweilen gelangweilt mit diesem +Morieux. Vergiß es, es war furchtbar kleinlich von mir. Was ist +Morieux an solchem Abend, du lieber Gott! Diesen Abend vergeß ich dir +nicht, _solange ich lebe_!« + +Dann kam der Zug; Sturm stieg ein und blieb auch dann noch am Fenster +stehen, als der Zug schon fuhr. Und durch die tiefe Dämmerung des +Abends sah Asmus noch lange das erdfahle Gesicht am Wagenfenster. Als +er wieder in seinem Zimmer war, fiel sein Blick auf die gelbe Rose. +Sie hatte sich nicht erholt. + + + + +XXII. Kapitel. + +Wie Asmus verlor, was er gefunden. + + +Diesen Abend nicht zu vergessen – es sollte dem armen Sturm nicht +schwer werden. Wohl erholte seine Mutter sich nach einigen Wochen +zusehends; aber dann kam Schlimmeres. Es sollte gerade wieder das +»Stiftungsfest« der »Treue« begangen werden, und Sturm und Semper +gedachten durch »Adelaide«, »Das Lied an den Abendstern«, »Tom der +Reimer« und andere Kostbarkeiten die Welt in Erstaunen zu versetzen, +da kam am Morgen des großen Tages der Vater Sturms zu Asmus ins +Seminar und bat mit seiner leisen, höflichen Stimme um Entschuldigung +für seinen Sohn, der heute nicht kommen könne, weil er einen Blutsturz +gehabt habe. Es habe wohl nichts Schlimmes zu bedeuten; aber er müsse +natürlich im Bette bleiben. + +Asmus nahm an den folgenden Stunden ohne Aufmerksamkeit teil und eilte +sofort nach Schluß des Seminars an das Bett des Freundes. Sein Gesicht +war fahler denn je, die Augen groß und feucht. Aber von Krankheit +wollte er nichts wissen. Die Eltern erzählten, daß er durchaus am +Abend zum Stiftungsfest wolle und beschworen Semper um seinen +Beistand. »Was Sie sagen, das tut er,« meinten sie. Asmus bezweifelte +das, behandelte aber dem Kranken gegenüber den Besuch des Festes als +etwas selbstverständlich Unmögliches. Da wurde Sturm, der sich anfangs +über Sempers Anwesenheit gefreut hatte, bitter und verbissen; mit +einem zürnenden Blick sagte er: »Du bist wie alle andern« und kehrte +sich zur Wand. Asmus streichelte ihm leise die Hand und ging. + +Am Abend erschien Alfred Sturm auf dem Stiftungsfest, heiter und +humorvoll, und was Asmus auch einwenden mochte, Sturm wollte ihn auf +dem Klavier begleiten. »Soll vielleicht Morieux dich begleiten?« +fragte er mit einem krankhaften Feuer in den Augen. Man mußte ihn +gewähren lassen. Aber als die Lieder gesungen waren, war seine +Munterkeit wie abgeschnitten; ohne das Mahl und den Tanz abzuwarten, +hüllte er sich in seinen Überzieher, legte sorgsam und glatt, wie es +einem eleganten jungen Kaufmann geziemt, das seidene Tuch um den Hals +und ging heim. + +Der Exzeß schien ihm nichts geschadet zu haben; nach acht Tagen saß er +wieder im Kontor. Aber schon nach vier Wochen streckte ein neuer, +heftigerer Anfall ihn nieder. + +»Ich möchte mich zerfleischen,« sagte er zu dem Freunde, der an seinem +Bette saß. »Ich bin abscheulich gegen meine Eltern und meine +Geschwister, und dabei opfern sie sich für mich auf. Das weiß ich ganz +genau, und doch kann ich nicht anders. Mich ärgert alles, was ich +sehe, und wenn ich allein bin, heul’ ich vor Reue wie ein dummer +Junge.« + +Er rappelte sich abermals heraus und zog nun ans Elbufer; von der Luft +dort hoffte er Genesung. Zu einer weiteren Reise langten die Mittel +nicht. Dort hatten die beiden in Ritschers Garten noch einen schönen, +sonnigen Nachmittag. + +»Ich hab’ in einer Ewigkeit keine Zigarre geraucht,« sagte Sturm leise +vor sich hin, »ob ich’s mal wieder riskiere?« + +Asmus riet ihm ab. »Wart’ noch ’n bißchen, dann kannst du rauchen, +soviel du willst.« + +»Meinst du wirklich, daß ich wieder ganz gesund werden kann?« fragte +Sturm schnell, eifrig, mit sehnsüchtig-heiteren Blicken. Das Licht der +untergehenden Sonne stand in seinen Augen. + +Asmus lachte laut auf über diesen Zweifel an etwas +Selbstverständlichem. Und Sturm lächelte glücklich und glaubte dem +Freunde alle Versicherungen, die er sonst zurückgewiesen hatte. + +Und nach einem glücklichen Schweigen sagte er: + +»Du – gib mir _doch_ eine Zigarre.« + +»Ich hab’ leider keine mehr bei mir,« log Asmus. + +»Das ist nicht wahr; ich habe ja gesehen, daß du noch mehrere hast. +Daran seh’ ich, was du in Wahrheit von meiner Gesundheit hältst.« + +»Na, lieber Freund, wer nicht rauchen darf, ist deshalb doch noch kein +Todeskandidat; bedenk’ doch, daß du erst –« + +»Ach, laß nur,« machte Sturm und erhob sich. Seine Hoffnung war +erloschen wie ein Licht von einem Windstoß. Auf dem Heimwege fielen +nur ein paar nichtssagende Worte. Asmus machte wohl einen Versuch, den +Freund wieder zu ermuntern; aber dieser sah ihn nur mit großen ernsten +Augen von der Seite an und schwieg. In seiner Verlegenheit und in +seinem Kummer tat Asmus das Verkehrteste, was er tun konnte, er zog +die Zigarrentasche und sagte: »Willst du eine Zigarre haben?« + +Sturm lachte kurz auf. »Nein, ich danke, jetzt nicht mehr.« + +Als Asmus ihn nach drei Tagen besuchen wollte, vernahm er, daß Alfred +Sturm »seit gestern« im Hamburger Krankenhause liege, und als Asmus +dorthin kam, durfte der Kranke nur ganz wenig und im leisesten +Flüstertone sprechen. + +»Wie geht’s?« fragte Asmus. + +»Sehr gut, ich darf nur nicht sprechen,« flüsterte der Kranke. Und +Asmus erzählte von diesem und jenem, wie vernünftig es sei, ins +Krankenhaus zu gehen, wo die Pflege natürlich viel umfassender sein +könne als zu Hause, und wie sehr man den Freund in der »Treue« +vermisse; aber es schien ihm, als ob der Patient nur mit halber +Aufmerksamkeit zuhöre und als ob er um einen Entschluß kämpfe. Endlich +zog er unter der Bettdecke ein Blatt Papier hervor und hielt es dem +Freunde hin: + +»Da – es ist natürlich Unsinn – aber ich wollt’ es dir doch geben –.« +Asmus nahm das Blatt und las: + + »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen + Den müden Geist zu dichterischem Flug, + Und schon seit langem streb’ ich ernst genug, + Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen ..« + +Es war ein Sonett, in dem der Verfasser den Freund mit aller +schwärmenden Begeisterung der Jugend pries. + +»Ich hab’ – ’ne ganze Nacht – daran gezimmert,« hauchte der Kranke mit +ironischem Lächeln. »Du wirst darüber lachen ....« + +Die Wärterin erschien und mahnte mit einem Blick, der keinen +Widerspruch duldete, zum Aufbruch. Asmus ergriff die Hand des Freundes +und beugte sich über ihn, und sie hatten in diesem Augenblick beide +dasselbe Gefühl: der Freund kam ihm mit mühsam erhobenem Haupte +entgegen, und sie küßten sich auf den Mund. + +Das ist unter niederdeutschen Jünglingen etwas Seltenes und Heiliges. +Asmus pflegte nicht einmal seine Geschwister, nicht einmal seine +Eltern zu küssen; er hatte nicht einmal seine Brüder geküßt, als sie +nach Amerika gingen. Die Menschen dieses Himmelsstrichs, wenn sie +Abschied nehmen, tun es mit einem Händedruck und mit dem Verlangen +nach einer Umarmung; aber sie geben diesem Verlangen keinen Ausdruck. + +Schon am folgenden Tage erhielt Asmus die Todesnachricht. + +Bei dem Begräbnis ging es ihm wie bisher bei fast allen Begräbnissen; +er konnte nicht andächtig und traurig sein. Dieses herkömmliche +Bestattungszeremoniell mit seinem zelotischen Pfaffengesicht (»Jetzt +haben wir dich, du Sünder«) mit seiner tristen Banalität war ihm so +unsäglich zuwider, daß er zu keinem reinen Gedanken an den Freund +kommen konnte. Erst zu Hause dehnte sich wieder das Herz. Er zog sich +in sein Zimmer zurück – für die wärmere Jahreszeit war er nun doch mit +seinen Studien aus der Zigarrenstube in das Wohnzimmer übergesiedelt – +und ging viele Stunden lang auf und ab; nur hin und wieder blieb er am +Fenster stehen und blickte nach der Richtung, wo sein Freund nun in +der Erde lag. Trauriger Wahn, dachte er, auch den toten Menschen noch +an die finstere Erde zu kerkern, statt ihn den freien, seligen Lüften +zu geben. + +Von dem endlosen Wandern erschöpft, fiel er endlich aufs Sofa und +wußte nicht, warum er so erschöpft sei. Als er sich erholt hatte, zog +er die Lampe näher heran, desgleichen Tinte und Papier und begann zu +schreiben: + + _An meinen toten Freund A. S._ + + »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen + Den müden Geist zu dichterischem Flug, + Und schon seit langem streb’ ich ernst genug, + Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.« + + So schriebst Du jüngst nach qualerfülltem Ringen, + Als nächtens nach des Schlummers mildem Trug + Dein brennend Aug’ umsonst Verlangen trug, + Und heute hör’ ich’s noch im Herzen klingen. + + Begnüge Dich! Du trägst nach heißem Ringen + Ins Reich der Geister ungetrübt von hinnen + Die hehre Poesie der Herzensreinheit. + + Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen + Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen, + So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit. + + * * * * * + + Auf Deinen Sarg fällt manche Träne nieder + Und bange Seufzer irren durch die Luft. + Ich starre trocknen Auges in die Gruft; + Kein warmer Tropfen quillt durch meine Lider. + + Ich steh’ betäubt, von Schmerz gelähmt die Glieder, + Und faß es nicht, daß unter Glanz und Duft + So holder Blumen gähnt die düstre Kluft ... + Ich kann nicht weinen. Doch ich kehre wieder! + + Wenn ich die Menschheit jammernd höre sagen: + »Die Besten müssen früh von hinnen gehen!« + Dann wird zu Dir mich die Erinnrung tragen. + + An Deiner Gruft werd’ ich im Geiste stehen, + Und von der Menschheit angsterfülltem Klagen + Wird auch ein Hauch um diese Stätte wehen. + + * * * * * + +Aber tiefer und sehrender, als es aus diesen pathetischen +Jünglingsversen klang, wurde das Weh, als nun die Tage kamen und +gingen ohne den Freund und als er in der nächsten Versammlung der +»Treue« das Gesicht des Besten vergebens suchte. Er war einsilbig und +ernst und ging lange vor der gewohnten Zeit nach Hause. + + + + +XXIII. Kapitel. + +Asmus als Verteidiger zweifelhafter Unschulden und Adolfine Moles als +Seminardirektor. + + +Das gigantische Schicksal, das immer vornehm bleibt, hat eine kleine +schieläugige, bucklige und boshafte Schwester, die ein Vergnügen daran +findet, den Verfolgten und Leidenden im Augenblick ihres größten +Unglücks noch einen kleinen Extraprügel zwischen die Beine zu werfen, +oder sie durch einen heimlich angefügten Zettel lächerlich zu machen, +oder ihnen just in dem Augenblick, da ihr Recht an den Tag kommen +soll, eine kleine Schuld vor die Füße zu rollen, daß sie straucheln. +Wenn ein Lump und ein Ehrenmann vor dem Richter stehen, dann wird im +Gerichtssaal immer ein Steinchen liegen, an dem der Redliche sich den +Fuß verstaucht. So gingen denn zu der Zeit, als Semper den eben +verlorenen Freund betrauerte und der »Klassenkampf« zwischen den +Seybolden und den »Schäflein« (ein ewiger Klassenkampf!) den höchsten +Hitzegrad erreicht hatte, Morieux, Semper und zwei andere Schäflein, +Namens Klöhn und Wackerbarth, über den »Dragonerstall« durch das +Holstentor. Morieux hatte gerade einen kolossalen Witz erzählt, und +alle vier Jünglinge lachten laut, als ihnen ein langer, grauer Pastor +in den Weg kam. + +»Halloh, Pastor Zump!« rief Klöhn nicht eben laut, aber doch laut +genug für das Ohr des Geistlichen, und da die vier einmal im Lachen +waren, so lachten sie weiter. Es war eine Art Backfischgekicher ins +Jungenhafte übersetzt. Asmus kannte keinen Pastor Zump und fragte: Wer +ist das? und bemerkte den Mann erst, als er vorüber war. Er hatte rein +nach dem Gesetz der Beharrung weitergelacht. Aber »langgebeint, mit +langen Sätzen« kam der Mann alsbald zurück. + +»Wie heißen Sie?« fuhr er Morieux an. + +»Wieso?« fragte der. + +»Wollen Sie mir Ihren Namen nennen?« + +»Nein. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.« + +»Wollen _Sie_ mir Ihren Namen nennen?« wandte er sich an Wackerbarth. + +»Ja, das kann ich ja tun,« sagte der, »ich heiße Wackerbarth.« + +Das genügte dem Geistlichen. Als er gegangen war, erfuhr Asmus, daß +Herr Zump ein hochorthodoxer, ja pietistischer Geistlicher sei, der +ein ganz frommes Blättchen herausgebe und mit diesem Blättchen oft in +der liberalen Presse verspottet werde. + +Am andern Morgen wurde Wackerbarth zum Direktor zitiert, und dem mußte +er die »Mitschuldigen« nennen. Semper nannte er nicht mit, weil er ihn +für gänzlich unbeteiligt hielt. Eine Stunde später schnob und stob +Herr #Dr.# Korn zur Klasse herein und stellte sich am Katheder auf. + +»Wackerbarth!« rief er. + +»Hier.« + +»Klöhn.« + +»Hier.« + +»Morieux!« + +»Hier.« + +»Sie haben jestern einen Geistlichen auf offener Straße verhöhnt... +Was woll’n Sie?« schnauzte er Sempern an, der aufgestanden war. + +»Ich war auch mit dabei,« sagte Semper. Der »Pfaffe« reizte seinen +Zorn. + +Der Direktor schnappte. Was? Semper? Der Musterknabe? Er war einen +Augenblick sprachlos. Aber dann fuhr er los mit gedoppelter Kraft: + +»Also: man sollt’s kaum jlauben! Vier junge Leute, die sich zu den +jebildeten rechnen, _die Lehrer werden wollen_! (hier brüllte der gute +Korn förmlich) betragen sich wie der Janhagel und insultieren auf +offener Straße einen Jeistlichen unserer Vaterstadt! Und als der Mann +den einen um seinen Namen fragt, hat der die Impertinenz, zu sagen: +‘Ick habe die Ehre, Sie nich zu kennen!’« + +Semper und Morieux erhoben sich wie zwei abgeschossene Raketen. + +»Wat woll’n Sie?« schrie der Direktor Morieux an. + +»Das habe ich _nicht_ gesagt,« rief Morieux, der in der Erregung die +wunderbarsten Fratzen schnitt. + +»Wat woll’n _Sie_?« heulte der Direktor gegen Asmus. + +»Ich will bezeugen, daß Morieux das _nicht_ gesagt hat. Er hat gesagt: +»Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.« Und dann erzählte Asmus den +ganzen Vorgang, wie er sich zugetragen hatte. + +»So,« machte Korn und schnappte wieder. »Na, ick sage Ihnen soviel: +Sie jehen noch heute alle mit’nander hin zu dem Mann. Nimmt er Ihre +Erklärung an, is’s jut. Tut er’s nicht, dann sind Se hier fertig. Dann +werden Sie eliminiert.« Und damit stampfte er aus der Klasse. + +Da war er ja in eine hübsche Affäre hineingeraten! Und dabei hatte er +wirklich nicht über Seine Hochwürden gelacht, sondern über den Witz. +Aber sollte er sich jetzt, da sie in der Klemme waren, von den +Gefährten, die ihm Treue gehalten, trennen und wie ein Bübchen rufen: +»Ich bin es nicht gewesen!?« Das würde wie Feigheit aussehen, und +darum war es ausgeschlossen. + +Die drei ernannten Sempern zu ihrem Sprecher, und vier Mann hoch +zogen sie im Studierzimmer Sr. Hochwürden auf. Es war ein so langer +Pastor, daß Asmus, wenn er die Augen geradeaus richtete, genau auf den +Magen des Gottesmannes blickte. Und da es ihm unnatürlich war, den +Kopf in den Nacken zu legen, so richtete er seine Ansprache +schließlich nur noch an den Bauch des Herrn Pastors. + +»Der Herr Direktor verlangt,« sagte Asmus, »daß wir Ihnen eine +Erklärung unseres Verhaltens geben. Mein Freund hat uns ein Wortspiel +erzählt, und darüber haben wir gelacht. Mitten im Gelächter hat dann +einer gesagt: ‘Da kommt Pastor Zump!’ Wir haben aber nicht über Sie +gelacht.« + +Das stimmte nun nicht recht; aber Asmus als erwählter Führer hielt es +für Ehrenpflicht, seine Kameraden herauszupauken. + +Der Geistliche antwortete im schönsten Kanzelton: + +»Sie erwarten doch wohl nicht, daß ich diese Erklärung annehme. Ich +habe den Herrn Direktor gebeten, Sie nicht zu bestrafen (das stimmte) +und wenn Sie kommen, um Verzeihung zu bitten, so ist die Sache für +mich erledigt; wenn Sie aber erklären, Sie hätten nicht über mich, +sondern über ein Wortspiel gelacht – #quod non#!« + +»Wir können nichts anderes sagen,« bemerkte Asmus gegen den Bauch des +Herrn Zump. + +»Und Sie?« wandte Zump sich an Klöhn. »Können Sie mir auch nichts +anderes sagen? Sie waren es doch, der da rief: ‘Halloh, Pastor Zump’ +und höhnisch dazu lachte.« + +»Das hat er nicht getan!« rief Asmus. + +»Schweigen Sie doch!« rief der Pastor zornig, »wie können Sie das +wissen?« + +»Weil ich meinen Freund kenne; dergleichen tut er nicht,« versetzte +Asmus als Eideshelfer. + +»Ich rede überhaupt nicht mehr mit Ihnen!« eiferte Zump gegen Sempern +und wandte sich an Morieux. + +»Und Sie? Haben Sie etwa nicht gesagt: »Ich habe die Ehre, Sie nicht +zu kennen!« (Das schien der Pastor also wirklich gehört zu haben.) + +»Nein,« rief Morieux mit diabolischen Gesichtsverzerrungen, »ich habe +gesagt, daß ich nicht die Ehre hätte, Sie zu kennen.« + +»Jawohl, das hat er gesagt,« erklärte Asmus mit Nachdruck, und die +andern stimmten zu. + +Pastor Zump warf einen Blick auf ihn wie der Prophet Elisa auf jene +Knaben, die er von zween Bären zerreißen ließ, dieweil sie gerufen +hatten: »Kahlkopf, komm herauf!« + +Und dann machte er eine große Armbewegung über alle vier Köpfe hin und +sagte: »Ich bin fertig mit Ihnen, Adieu.« Aber als sie nahe der Tür +waren, sprach er mit einem besonderen Blick für die drei anderen +(Asmussen würdigte er keines Blickes mehr): »Wenn der eine oder der +andere von Ihnen mir etwas anzuvertrauen hat, so werde ich ihn gern +empfangen.« + +Er mochte wohl hoffen, daß einer von den dreien vor Unterleibsschwäche +abfallen und reumütiges Bekenntnis ablegen werde, und das war nicht +fein von ihm. Nach vielen Jahren erst erfuhr Asmus aus wahrem Munde, +daß dieser Pastor Zump ein guter, hilfsbereiter und opferfreudiger +Mann gewesen sei. Seine Verfolgung der vier Jünglinge war vermutlich +auch so ein Steinchen gewesen, das ihm die bucklige Schwester des +Schicksals unter die Füße gerollt hatte. + +Einstweilen war er für Asmussen der rachsüchtige Pfaffe, der +Hoogstraten und Peter Arbues, den er nie in seinem Leben um Verzeihung +bitten würde. Dann aber kam die Relegation. Dann war alle Mühe und +Sorge von viertehalb Jahren dahin, dann konnte er alle seine +Frühlingshoffnungen begraben und Zigarrenmacher werden. Das Geld, ihn +auf einem auswärtigen Seminar zu erhalten, konnten weder er noch seine +Eltern aufbringen. Ihm war übel ums Herz, und er verbrachte eine +schlaflose Nacht. + +Das Schlimmste war, daß das Herz nicht ganz frei war. Er selbst hatte +zwar den Mann nicht verlacht; aber er hatte die andern unbedingt in +Schutz genommen, und das war doch gewiß: zum mindesten Klöhn hatte +eine starke Ungezogenheit begangen. Wenn man wahr sein wollte, mußte +man das eingestehen. Aber darum Buße tun in Sack und Asche, wie Uriel +Acosta, vor diesem »hochmütigen, intriganten Priester«?! Asmus fuhr +mit einem kurzen Lachen von seinem Bett empor und warf sich wuchtig +wieder zurück auf das zerwühlte Lager. Aber übel war ihm zu Sinn; es +ist schlimm, wenn eine Wunde nicht ganz rein ist. + +Erst nahe vor Morgen verfiel er in einen leisen Halbschlaf. Der +Direktor stand vor ihm und sagte: »_Sie_ wollen Lehrer werden? Sie +sind wohl verrückt!« Und dabei hatte er vollkommen das Gesicht von +Adolfine Moses. + + + + +XXIV. Kapitel. + +Die Bucklige lacht: aber die Schlanke macht es wieder gut. – Der +Schiffbrüchige von Salas y Gomez als Mittler zwischen den Parteien. + + +Zwei Stunden später traten die vier im Gänsemarsch bei dem Direktor +ein, Semper wieder voran. + +»Wir haben dem Herrn Pastor erklärt, daß unser Lachen nicht ihm +gegolten habe; aber er will diese Erklärung nicht annehmen,« +berichtete Asmus und erwartete das Vernichtungsurteil. + +Der Direktor ging einmal das Zimmer auf und ab und durchstach dann +alle vier, jeden einzeln, mit einem Blick. Dann ging er noch einmal +auf und ab und durchstach hierauf Asmussen mit einem besonders langen +Blick. Und dann sagte er: + +»Sie können jeh’n.« + +Die Angelegenheit war erledigt. Sie war erledigt für den Direktor und +den Pastor; keiner kam wieder darauf zurück. + +Aber nicht erledigt war sie für die Seybolde und Wiedemänner. Das war +ja köstlich! Das war ja erbaulich! Also so waren die »Schäflein«, wenn +sie unter sich waren! Dann betrugen sie sich wie die Gassenbuben und +bewarfen Geistliche (im Ornat! versicherte einer) mit Steinen! mit +Schmutz! Das waren also die Leutchen, die eine Eins bekamen, wenn +andere nur eine Zwei kriegten! Das waren die Herren, die mit +hochmütiger Verachtung erwiderten, wenn man ihnen vorhielt, daß sie +ihre Kollegen beim Direktor verraten hätten! Für die Schäflein, und +sonderlich natürlich für Asmussen, kamen schlimme Tage, und die kleine +schieläugige Schwester des Schicksals lachte, daß ihr der Buckel +tanzte und rief: + +»Du glaubst, wer recht hat, müsse obendrein auch noch Recht +_bekommen_? Du bist wohl verrückt?!« + +In dieser Zeit, da ihm die Welt ein ausgesucht widerwärtiges Gesicht +machte, sollte er etwas erleben, was nach »Duplizität der Ereignisse« +aussah. Wie sich ihm nämlich einst, da er noch ein Knabe war, aus +dunklem Bangen ein Weg ins Licht gezeigt hatte, als er zwischen den +Bahndämmen in der Rainstraße, vor der Tür einer Schenke, einem lieben +braunen Mädchen begegnet war, so sollte er auch jetzt wieder bei einem +braunen Mädchen Erhebung und Erheiterung des Herzens finden. Herr +Mansfeld, ein befreundeter Lehrer, hatte ihn zum Abendbrot eingeladen, +und als Asmus nun die Treppen zur Wohnung des Gastfreundes +emporstieg, stand da auf einem Absatz eine rankgewachsene Brünette und +blickte nachdenklich auf einen Koffer ihr zu Füßen, der nicht allzu +leicht sein mochte. Es war Fräulein Hilde Chavonne, seine ehemalige +Kollegin. Sie stand im Begriff, zu eben den Lehrersleuten, die Asmus +geladen hatten, in Pension zu gehen, und Asmus bat bescheidentlich um +die Erlaubnis, ihr den Koffer hinauftragen zu dürfen. Das gewährte sie +mit einem gnädigen Lächeln, und als man droben war, halfen Asmus und +Herr Mansfeld beim Auspacken der Bücher, die der Koffer enthielt. +Dabei schlug sich von selbst ein starkes, längliches Heft auf, das mit +der Hand gezeichnete und kolorierte Landkarten enthielt. + +»O, wie famos!« rief Asmus. »Haben Sie die gezeichnet?« + +Hilde klappte schnell das Heft zu. »Machen Sie sich nicht lustig +darüber!« rief sie ängstlich. »Sie können es gewiß tausendmal besser.« + +»Ich? Ich kann gar nichts, ich kann überhaupt nicht zeichnen,« sagte +Asmus. + +Sie sah ihn zweifelnd an; aber als sie in seine Augen sah, glaubte sie +ihm, und nun schlug sie langsam selbst das Heft wieder auf, und von +Blatt zu Blatt, wie er staunte und lobte, wurde sie heiterer und +stolzer. Sie stand dicht neben ihm, und dabei geschah es, als er sich +über das Heft bückte, daß der Ärmel ihres Kleides seine Wange +streifte. Von diesem Augenblick an war Asmus wieder glücklich. + +Sie erschien nicht beim Abendbrot, weil sie müde war, und überhaupt +blieb es auf lange Zeit hinaus bei dieser flüchtigen Begegnung. + +Merkwürdig, dachte er im Nachhausegehen: ein ganz ähnliches Gefühl hab +ich schon einmal gehabt – ganz so wie jetzt war die Welt schon einmal +– nicht die gewöhnliche Welt, aber die andre, die immer über ihr +schwebt wie Morgenduft über den Hügeln, die war schon einmal so, +damals, als ich zwischen den Bahndämmen »am Rain« mit dem kleinen +braunen Mädchen geplaudert hatte, mit der »Königin der Mainotten«. Und +was noch merkwürdiger ist, die beiden haben in gewisser Hinsicht etwas +Übereinstimmendes – nicht nur, daß sie beide braunes Haar und braune +Augen haben, das will nichts sagen – auch der Teint und das ganze +Aussehen – auch das Fräulein Chavonne hat etwas Fremdländisches – so – +so etwas Französisches – übrigens ist ja auch ihr Name französisch. +Aber ihr Wesen ist – gewiß: es ist deutsch – und doch wieder so ganz +anders als das des fürchterlichen »deutschen Weibes« mit der +Häkelnadel. Wenn man sie zu Pferde sähe, dachte er, mit wehendem +Schleier, den Falken auf der Faust, auf dieser seinen, schmalen Faust +– es würde keinen Augenblick überraschen. + + »Wie sitzest du zu Pferde + So königlich und schlank!« + +sang er vor sich hin, daß ein vorübergehender Bürger stutzte und ihn +anstarrte.... + +Seit diesem Abend fühlte sich Asmus auf eine wunderbare Weise frei und +leicht, und er trug das Leben wieder mit aufgerichteten Schultern. Er +hätte nicht sagen können, woher das kam; es kam aber einfach daher, +daß ihn in dieser armen, bürgerlichen Lehrerin ein adliger Mensch +berührt hatte, und das hatte um so wundersamer gewirkt, als es +menschlicher Pöbel war, der sein Leben verfinstert hatte. + +Seybold und Wiedemann waren ganz unzweifelhaft Pöbel; daß aber unter +den anderen Feinden auch anderes Material war, das sollte er bald +erfahren. Zunächst freilich schienen die Gegensätze noch +unversöhnlich. Herr Quasebarth brachte eines Tages die Rede auf den +die Klasse zerspaltenden Streit und sprach sein Bedauern aus. + +»Ja,« rief eines der Antischäflein, »die andere Partei macht ja auch +nicht den geringsten Versuch zu einer Annäherung.« + +Da lachte Asmus laut auf, daß es durch die Klasse scholl. + +Seit vielen Monaten geschah ihnen Unrecht auf Unrecht – und da sollten +sie etwa noch um Frieden betteln? Lieber »Kampf bis zur Vernichtung«. + +Seiner Jugend erschien die Welt als ein ehrenhaftes Geschäft, bei dem +man eine berechtigte Forderung nur zu präsentieren brauche, um sofort +Zahlung zu erhalten. Er ahnte noch nicht, daß dieses allerdings reelle +Geschäft eine sehr weitsichtige Buchführung hat und daß seine Bilanzen +oft erst nach zehn, nach fünfzig, nach hundert Jahren oder später +erscheinen, je nach der Größe des Gegenstandes. Man kann diese Welt +auch ein Gericht nennen und das Leben einen Prozeß, der durch hundert +oder tausend Instanzen geht. Man bekommt gewöhnlich sein Recht, aber +oft mit einer Begründung, die man nicht erwartet hat, und manchmal, +wenn man das Urteil erhält, ist man tot. + +Bald darauf, in der Rezitationsstunde trug Asmus aus dem Kopfe »Salas +y Gomez« vor, mit sämtlichen drei Schiefertafeln. Als er nach dieser +Stunde über den Korridor ging, stieß er auf Herrn Rothgrün, der in der +Nachbarklasse Sempers Freudenschrei: + + »Ein Schiff! Ein Schiff! Mit vollen Segeln lenkt + Es herwärts seinen Lauf, mit vollem Winde!« + +vernommen hatte. Und Rothgrün meinte mit wohlwollendem Lächeln: +»Glauben Sie wohl, daß der Mann noch eine so starke Stimme hatte, +nachdem er jahrelang bloß von Eiern gelebt hatte?« Rothgrün war eben +Kritiker. Anders aber war der Seminarist Blankenburg. Er trat nach +dieser Stunde an einige Häupter seiner Partei heran und sagte: + +»Ich finde, es geht nicht länger. Wir können den Verruf nicht weiter +aufrechterhalten. Im Grunde war es ja doch nur Neid. Daß er Kollegen +beim Direktor verpetzen könnte, glaubt ja längst kein Mensch mehr. Wir +blamieren uns. Und _wir_ müssen wieder anfangen.« + +Und in den andern wachte die Hochherzigkeit des Jünglingsalters +freudig wieder auf, und es wurde beschlossen, auf dem bevorstehenden +Bergfeste die feierliche Versöhnung zu begehen. + + + + +XXV. Kapitel. + +Was eigentlich ein Bergfest ist, und warum Dr. Korn den ersten Toast +bekam. + + +Das Bergfest! Wenn von den sechs Seminarsemestern drei verflossen +waren und also der Berg des Ärgernisses bis zum Gipfel überwunden war, +pflegte man das »Bergfest« zu feiern. Und diesmal sollten der Direktor +und alle Lehrer dazu geladen werden. + +Vor der nächsten psychologischen Stunde hub der Herr Direktor also an: +»’n Bergfest woll’n Se feiern. Ich habe erst jar nicht verstanden, was +das sein soll. Ich habe jedacht: wieso woll’n denn Seminaristen des +Flachlandes ’n »Bergfest« feiern! Schließlich hab ich mir’s erklären +lassen. Das heißt: »Jott sei Dank, nu sind wir über’n Berg!« Ick will +Ihnen mal wat sagen: Freu’n Se sich, wenn Se noch Zeit und Jelegenheit +haben, wat zu lernen; später wird’s anders! Wenn Se Ihr Examen jemacht +haben, feiern Se meinetwegen Feste, aber _den_ Unsinn mach’ ick nich +mit!« + +Er fing immer ziemlich hochdeutsch an, aber je länger er sprach, +desto berlinerischer wurde er und desto mehr würzte er seinen Vortrag +mit Berliner Anekdoten. Wenn er mit einem Vortrag über Zeit und Raum +begonnen hatte, so war er nach einer Viertelstunde bei Bismarck oder +Moltke oder bei seinen Lehrern Lazarus und Steinthal (»der Steinthal +is man so’n janz kleenes Männeken mit’n Zahntuch um’n Kopp – wenn +man’n auf der Straße sieht, möcht’ man ihm ’n Jroschen schenken« – und +dann pries er ihn in begeisterten Erinnerungen) oder er kam auf die +Berliner Schutzleute oder auf Eugen Richter. + +»Wenn man den Richter nachts aufweckt und sagt: Richter, halt mal ’ne +Rede! denn kann er’s, un wenn man sagt: Richter, nu halt mal eine +dajegen! denn kann er’s ooch. Aber ’n janzer Kerl is er doch!« + +Das Bergfest wurde also ohne Direktor und ohne Lehrer, +nichtsdestoweniger aber mit Glanz gefeiert. Niemand rührte mit Wort +oder Miene an das Vergangene; Schäflein und Wölfe benahmen sich gleich +taktvoll; nur Morieux zog einmal Sempern auf die Seite und flüsterte +erregt: + +»Du mußt eine Rede halten!« + +»Ich? Worüber?« + +»Na – zum Dank für die Einladung!« + +Asmus brach in ein schallendes Gelächter aus. + +»Das könnte mir fehlen! Nein, mein Junge, ich bin sehr vergnügt und +feire das Fest ohne jeden Hintergedanken – aber auch noch »danke« +sagen –? Das mach du nur selber! Das heißt, wenn du’s tust, erschlage +ich dich!« fügte er schnell hinzu. + +Und zu den hübschesten Dingen dieses Festes gehörte es, daß der erste +Trinkspruch, den der Präside ausbrachte, dem Direktor galt. Er hatte +sie auch bei dieser Gelegenheit nicht eben liebenswürdig behandelt; +aber sie liebten ihn alle; denn er hatte das eine, für das die Jugend +ein so besonders feines und lebhaftes Empfinden besitzt: +Gerechtigkeitsgefühl. Die Jugend versöhnt sich mit dem strengsten +Zuchtmeister, wenn er gerecht ist, und sie verachtet, sie haßt den +willfährigsten Lenker, wenn er das Recht beugt. Sie wußten es alle: +dieser #Dr.# Korn hatte ein Rückgrat nach oben und nach unten, und +wenn es in einem Konflikt zwischen Lehrer und Schüler zu entscheiden +galt, so waren sie ihm nicht Lehrer und Schüler, sondern Menschen. In +aller Gedächtnis strahlte mit unauslöschlichem Glanze ein +Richterspruch des »Alten«. Ein Religionslehrer hatte mit allerlei +verfänglichen Fragen einen verdächtigen Jüngling auf seine +Rechtgläubigkeit untersucht. Der Jüngling beschwerte sich bei dem +Direktor über diese Belästigungen, und Korn, als er beide Parteien +gehört hatte, sagte: »Herr Doktor, Sie haben sich aller +Jewissensfragen zu enthalten. Wir sind hier tolerant.« + +Es war zu jener Zeit, als der leise schreitende Einfluß der +Geistlichkeit noch nicht überall war und die oberen Stellen nicht mit +den Günstlingen der Kirche, sondern mit den Günstlingen Minervens +besetzt wurden. + +Von der orthodoxen Theologie war der Mann allerdings weit entfernt; er +war Philolog und Philosoph und liebte das Zeitalter der Aufklärung und +der Enzyklopädisten, das er mit sprühendem Geist, lebendig und groß +darzustellen wußte, so groß, daß Asmus, wenn ihm später der banale +Aufkläricht in seiner ganzen Schrecknis begegnete, nie mehr vergessen +konnte, wie die Gedanken, die klein sind in den kleinen Köpfen, groß +gewesen in den großen. Wenn er ein Kapitel des christlichen Glaubens +behandelte, etwa die Dreieinigkeit, so trug er es genau nach der +Dogmatik vor, ohne Kritik und ohne Polemik, und wenn er fertig war, +sagte er aufatmend: + +»So. Das lehrt die Kirche. Was Sie davon jlauben wollen, steht bei +Ihnen.« + +Diesen Grundsatz bewährte er nach jeder Richtung. Der Gläubige atmete +unter ihm so frei wie der Zweifler. + +Und obwohl Asmus das Brandenburgisch-Preußische sonst nicht liebte, – +die Schleswig-Holsteiner sind keine Kommißnaturen, – so sagte er sich +doch, daß der Geist dieses Mannes das Beste am ganzen Seminar, ja, daß +er beinahe das einzige Gute an dieser Anstalt war. Sein goldener +Präparandentraum vom reich besetzten Tisch der Wissenschaften und +Künste hatte einer großen Ernüchterung Platz gemacht; aus der Hochzeit +des Kamacho, wo die Rinder, Hammel und Hasen und die Schläuche Weines +nicht zu zählen gewesen, war ein Gastmahl des Harpagon geworden. Von +einem, der studieren will, sagen die plattdeutschen Bauern: »he will +studeern leern« und sprechen damit, ohne es zu wissen, ein feines +Wort. In drei oder vier Jahren kann man nicht viel studieren; aber man +kann studieren _lernen_, und das ist viel mehr. Bei Korn lernte man +studieren. Nach seinen Vorträgen rief es in Asmus mit tausend +Begierden: Mehr! mehr! und ihm war, als müßte er mit Armen des Geistes +das ganze Firmament der Gedanken umspannen und in seine Brust +herabziehen. Nach den Stunden der andern hatte man immer genug, und +wußte doch, daß es nichts war. Sie gaben trockenes Brot, das schnell +satt macht, oder sie gaben Steine statt des Brotes, oder sie gaben +nicht einmal Steine. Ein Glück noch, wenn sie komisch waren, wie der +gute Mister Belly, und wenigstens auf solche Art die Jugendlust +lebendig erhielten. + + + + +XXVI. Kapitel. + +Mister Belly und der geheimnisvolle Zimmermann. + + +Mister Bellys Stunden waren freilich in einer gewissen Hinsicht lauter +Feste. Mister Belly war eines jener Wunderkinder gewesen, die schon +mit drei Jahren Englisch sprechen, weil sie in England geboren sind, +und das war sein Hauptverdienst. Zu diesem Englisch hatte er nur noch +zweierlei hinzugelernt: ein Französisch mit englischer Aussprache und +Betonung und ein für einen Ausländer recht passables Deutsch. Auf +weitere Anforderungen aber reagierte er nicht. Es ist nie ans Licht +gekommen, ob er von Goethe, Schiller und Lessing irgend etwas kannte; +das aber stand fest, daß er von der nachgoethischen Literatur nur den +»Königsleutnant« von Gutzkow kannte. Ein Engländer gesteht dergleichen +ganz kaltblütig ein und hält es für Nationalbewußtsein. Von Zeit zu +Zeit fragten ihn die Seminaristen: + +»Mister Belly, wie heißt noch das deutsche Drama, das Sie kennen?« und +dann antwortete er mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt: + +»Also mal »The King’s Lieutenant«, denn er leitete jeden Satz mit den +Worten »also mal« ein. + +Wenn nun aber auch Mr. Belly recht gut deutsch sprach, so sprachen es +die deutschen Seminaristen doch besser, und als Lehrer ohne +imponierende Kräfte unter übermütige Kinder einer fremden Sprache +versetzt sein, das ist gerade so schön, wie als Taubstummer unter +Kannibalen geraten. Da beim englischen Unterricht eine Grammatik von +Gurcke gebraucht wurde, so sagte der unglückliche Belly eines Tages: +»Bringen Sie zur nächsten Stunde Ihre Gurke mit« und an solchen und +ähnlichen Gurken hatte der Gute natürlich lange zu kauen. Unter der +gütigen Leitung Mr. Bellys mußte unser Asmus etwa hundertmal die +Geschichte von Robin Hood lesen (Mr. Belly wollte auf solche Weise bei +seinen Schülern eine gute Aussprache erzielen); aber dennoch brachte +jede Stunde eine Abwechslung. Heute war es ein Hampelmann, der hinter +Mr. Belly an der Wand hing und durch einen dünnen, bei dem +Seminaristen Stelling endigenden Faden dirigiert wurde, morgen war es +ein Seminarist, der in den Kartenschrank eingesperrt wurde und dort +während der Stunde gespenstische Geräusche hervorbringen mußte, +übermorgen ein Seminarist, der aus Turnjacken, Turnhosen, Turnschuhen +und einer Mütze hergestellt, dann in ein kleines Kabinett gesetzt und +für »eingeschlafen« erklärt wurde, so daß Mr. Belly hinging, um ihn +zu wecken, und so mit und ohne Grazie ins Unendliche. Ein Rouleau, das +hochgezogen werden sollte, entwickelte sich regelmäßig zu einer ganzen +komischen Oper; denn natürlich fiel der Vorhang, wenn er endlich nach +langen Mühen aufgewickelt war, mit furchtbarem Gerassel wieder herab, +und je mehr hilfreiche Hände herbeikamen, desto unmöglicher erschien +natürlich die Bändigung des heimtückischen Vorhangs. Der eigentliche +Belly-Spezialist aber war jener Stelling. + +Stelling war ein glänzend begabter Bursche, der aber am Unterricht +eigentlich nur als wohlwollender Zuhörer teilnahm und eine +unüberwindliche Abneigung gegen Bücher und Hefte hegte. Was er an +solchen Dingen mit sich führte, beschränkte sich für gewöhnlich auf +ein kleines Heftchen, das er, um seine ganze Verachtung des Buchstaben +zu zeigen, zusammengerollt in der hinteren Hosentasche trug. Kraft +seiner vorzüglichen Anlagen war er trotzdem immer so ziemlich auf dem +Laufenden; nur in der »Charakterbildung« schien er sich auf der Stufe +des »großen Jungen« so wohl zu fühlen, daß er an einen Fortschritt +nicht dachte. + +Eines drückend heißen Sommertages brachte der nämliche Stelling einen +Hammer mit in die Klasse, und gerade las ein Schüler mit halb +entschlummerter Stimme die erschütternden Verse: + + #»Here underneath this little stone + Lies Robert Earl of Huntingdone; + Ne’er archer was as he so good, + And people called him Robin Hood ...# + +als in der Gegend Stellings ein ungemein rhythmisches Klopfen ertönte. + +»Also mal: was ist das?« fragte Mr. Belly. + +Stelling trat an das offene Fenster, neben dem er saß, und sagte +trocken: + +»Das ist also mal ein Zimmermann, Mr. Belly.« + +»Also mal: ist gut, setzen Sie sich,« sagte Belly, dem schon schwül +wurde, wenn Stelling sich einer Sache annahm. + +Stelling setzte sich und klopfte. + +»Das ist aber doch sehr störend!« rief jetzt der Nachbar Stellings mit +einem abgefeimten Lerneifer im Gesicht. + +»Soll ich den Mann also mal bitten, daß er also mal aufhört?« fragte +Stelling bescheiden. + +Belly, der der suggestiven Frechheit dieses Jünglings nicht gewachsen +war, sagte: »Also mal: bitte, wenn Sie durchaus wollen –?« + +Stelling trat wieder ans Fenster und rief mit der Stimme eines +versoffenen Feldwebels: »Hören Sie auf!!!« + +»Also mal bitte, was ist das für ein Ton!« rief Mr. Belly erschrocken; +»also seien Sie mal höflich, nicht wahr?« + +»Ganz, wie Sie wünschen, Herr Belly,« erwiderte Stelling und begann zu +singen: + + »Wackrer Zimmermann, + Hast ja Freude dran, + +aber uns stört es; möchten Sie nicht die Gewogenheit zeitigen, mit +diesem frevelhaften Geballer aufzuhören? – Wie meinen Sie?« + +Stelling wandte sich wieder ins Zimmer zurück und sagte mit dem +ruhigsten Gesicht: + +»Er antwortet: ’Pett di man keen Hoor in’n Foot!’« + +»Also mal, das ist Plattdeutsch,« bemerkte Belly sehr richtig, »was +heißt das?« + +»Das heißt: #Don’t run a hair into your foot!#« + +»Also mal: Das versteh’ ich nicht.« + +»Das verstehen Sie also mal nicht? Das ist eine Beleidigung! – Wie +heißen Sie?!« schrie Stelling zum Fenster hinaus mit zornrotem +Gesicht. + +»Also mal bitte: seien Sie nicht so erregt!« rief Belly ängstlich. + +»Er sagt, er heißt Hummel!«[3] berichtete Stelling. »Was soll ich ihm +sagen?« Natürlich wollte die Klasse sterben vor Lachen. + + [Fußnote 3: Name eines in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts + in Hamburg verstorbenen komischen Originals. Die Hamburger pflegen + auf den Zuruf »Hummel« mit einem sehr derben Ausruf zu antworten.] + +Mr. Belly erhob sich endlich, um selbst mit dem Manne zu sprechen. + +»Da – eben geht er ins Haus!« rief Stelling. »Vor Ihnen hat er +natürlich Angst.« + +Als Mr. Belly an sein Pult zurückgekehrt war und das Klopfen von neuem +anhub, sprang Stelling auf und schritt nach der Tür: »Ich werde also +mal hinuntergehen und mit dem Mann sprechen.« + +»Also mal: Stelling, bleiben Sie also mal hier,« sagte Mr. Belly. + +»Ja aber, Herr Belly, soll man sich denn das gefallen lassen?« + +»Also mal: wollen Sie sich jetzt setzen?« + +»#Yes, mister#« sagte Stelling und ging an seinen Platz. + +»Also mal: Sie sagen: »#Yes, mister!#« Heißt es so?« + +»#Yes, gentleman!#« + +»Also mal: Sie _wollen_ es nicht richtig sagen! Sie sind also ein +Heuchler!« + +»Herr Belly,« sagte Stelling kaltblütig, »ich nehme an, daß Sie die +wahre Bedeutung dieses Wortes gar nicht kennen, sonst würde ich Sie +fordern.« + +»Aber, Herr Belly,« riefen jetzt viele durcheinander, »wie konnten Sie +so etwas sagen: das ist ja eine tödliche Beleidigung!« + +»Also mal: ich habe Sie nicht beleidigen wollen,« lenkte Belly ein, es +heißt also mal: #Yes, Sir!#« + +»Na ja, wenn einem das in Güte und Freundlichkeit gesagt wird ....« + +Inzwischen war aber in Mr. Bellys Kopfe etwas wie Morgendämmerung +angebrochen, und als das Klopfen wieder ertönte, belauerte er den +Übeltäter und sah ihn schnell etwas unter den Tisch legen. + +Nun ging er ruhigen Schrittes auf Stellings Platz zu, klappte den +Tischdeckel hoch, nahm den Hammer, ging damit wieder nach vorn, legte +ihn auf’s Pult und sagte: »Lesen Sie weiter, Müller.« Er tat das alles +ohne jedes Zeichen der Erregung, nur mit dem Ausdruck einer stoischen +Geringschätzung, ja, einer leisen Verachtung im Gesicht. Und diese +Art, dergleichen Bubenstreiche abzutun wie Dinge, die an die Würde +eines Gentleman nicht heranreichen, diese Art, die der guten +englischen Erziehungsregel: #Be a gentleman!# entspringt, nahm Asmus +doch immer wieder für ihn ein. Man sah es dem guten Belly an, daß +solche Ruchlosigkeiten ihm weh taten, daß sie ihm aber zu kindisch +waren für seinen Zorn, und das ging nicht nur Asmus, es ging +schließlich auch anderen Jünglingen zu Herzen. In einer Pause fand +eine feierliche Beratung statt mit dem Ergebnis: Da Mr. Belly nicht +imstande sei, Disziplin zu halten, so müsse man selbst für Disziplin +sorgen, und von nun an wolle man sich vernünftig benehmen. Das ging +auch einige Stunden ganz gut. Als aber ein Seminarist einen Stiefel +ausgezogen hatte, weil er ihn drückte, und sein Nachbar diesen Stiefel +mit einem kräftigen Stoß nach vorn befördert hatte, Mr. Belly den +Stiefel als #corpus delicti# konfiszierte und damit die Klasse +verließ, der Einstiefler, der von Natur eine rote Nase hatte, ihm +protestierend nachhumpelte und Mr. Belly endlich sagte: »Also mal: Sie +verfolgen mich: Sie haben eine rote Nase, also Sie sind ein Nihilist!« +da brachen ob dieser rätselhaften Ideenverbindung alle Dämme der guten +Zucht zusammen, und der jugendliche Übermut nahm wieder freien Lauf. + + + + +XXVII. Kapitel. + +Handelt von würdigen und unwürdigen Kollegen Mister Bellys. + + +Es gab an diesem Seminar wohl Lehrer, die noch untauglicher waren als +Mr. Belly; aber sie waren höchstens für eine satirische Beleuchtung +amüsant. Zu einer solchen Betrachtung zwang Asmussen wider seinen +Willen der Herr Pastor Dinnebeil, der eine Zeitlang den +Religionsunterricht erteilte. + +Einstmals Stahmer und jetzt Dinnebeil! Das war wie David Friedrich +Strauß und Hengstenberg. Nur war Hengstenberg ein Gelehrter, was +Dinnebeil, wenn er es war, geschickt zu verbergen wußte. Er +plätscherte unaufhörlich im laulichen Wasser jener fürchterlichen +Traktätchen-Terminologie, die in drei Sekunden mit sieben Synonymen +hantiert, nach Art der Jongleure, die mit Teller, Ei und Schnupftuch +so geschwinde Fangball spielen, daß man nicht mehr weiß, was Teller, +was Ei und was Schnupftuch ist. Diesen Hamburger Jünglingen, diesen +Schülern des vortrefflichen Herrn Stahmer, wollte Pastor Dinnebeil die +abgelagertsten Dogmen einreden, wollte er eine Art Christentum für +Papuas beibringen. Er versuchte es in einem Tone, der aus Huld und +Würde lieblich gemenget war. Anfangs hörten die verblüfften +Seminaristen diesem Phrasenschwall, der wie ein Landregen von Schmalz +und Honig niederging, mit offenem Munde zu; aber schon nach der +dritten Stunde war die Langeweile so ins Unendliche gewachsen, daß man +beschloß, sich einen Spaß zu machen und auf die Fragen des Mannes +immer abwechselnd zu antworten: »Der Glaube« und »Die Liebe«. + +Das geschah denn auch und paßte fast immer, und wenn es nicht paßte, +so nahm es Pastor Dinnebeil doch wohlwollend hin als das Zeugnis eines +frommen Sinnes. Nur zwei machten sich dem Späherauge Dinnebeils +verdächtig: Stelling und Semper. Asmus hatte schon tausend Zweifel und +Einwürfe ins Dunkel seiner Brust hinabgeduckt; als aber Dinnebeil +allen Ernstes die Worte im Matthäus 28, 19: »Gehet hin und lehret alle +Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des +heiligen Geistes« als Beweis für die Dreieinigkeit ausgab, da hielt es +Asmussen doch nicht länger, und als er gerade am Wort war, sprach er: + +»Verzeihung, Herr Pastor, aber ist das nicht ein späterer, +tendenziöser Zusatz?« + +»Was? Wieso?« fragte Hochwürden indigniert. + +»Nun, die Jünger vertraten doch noch auf dem Jerusalemer +Apostel-Konvent im Jahre 52 Paulus gegenüber den Grundsatz, daß nur +den Juden das Evangelium gepredigt werden dürfe; das wäre doch +ausgeschlossen, wenn Christus denselben Jüngern befohlen hätte, alle +Völker zu seinen Jüngern zu machen. Ferner wurde bis zur Mitte des +zweiten Jahrhunderts doch nur auf den Namen Jesu getauft; es ist da +undenkbar, daß die Jünger den Befehl empfangen hätten, auf drei Namen +zu taufen. Und da das Evangelium nach Matthäus im letzten Viertel des +ersten Jahrhunderts geschrieben wurde, so werden die Worte 28, 19 ein +späterer Zusatz sein; sie ...« + +»Ach was, klauben Sie mir nicht immer an der Bibel herum!« rief +Dinnebeil sittlich entrüstet. »Fahren Sie fort, Seybold!« + +Asmus war wirklich erschrocken. Er hatte bis dahin geglaubt, ein +Lehrer müsse sich freuen, wenn es seinen Schülern ernst sei um ihre +Überzeugung; aber dieser wurde gereizt, wenn man nachdachte und +forschte. Er ließ einfach »fortfahren«. Fortfahren war allerdings das +Leichteste. Von nun an »klaubte« Asmus nicht mehr; aber er »glaubte« +noch weniger, zum mindesten dem Herrn Dinnebeil. Er nahm nun auch die +Sache humoristisch und ließ die Sermones des jungen Mannes über sich +ergehen wie das Geräusch einer Wasserleitung, und wenn Herr Dinnebeil +ihn durch eine Frage aufschreckte, so rief er: »Der Glaube!!« oder +»Die Liebe!!« + +Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrer, ein anderer Mann! Der +war auch fromm, köhlerfromm, sozusagen; aber er war ein Mensch. Sie +hatten einer am andern einen Narren gefressen, Bruhn und Semper, ja, +Meister Bruhn begegnete dem Jüngling mit einer Art von Verehrung, und +zu dieser Verehrung war Asmus so billig wie nur möglich gekommen. Die +Hochachtung des Lehrers gründete sich auf Asmussens Zuverlässigkeit +und auf sein Wissen. Mit der Zuverlässigkeit hatte es folgende +Bewandtnis. + +Alljährlich veranstalteten die Seminaristen mit hohem direktorialen +Privilegio eine Konzert- und Theater-Aufführung, und vor dem Konzert +hatte Meister Bruhn, der mit Johannes Brahms zusammen studiert und +dessen Kompositionen Liszt und Rubinstein zu spielen für wert gefunden +hatten, regelmäßig ein Lampenfieber von mindestens vierzig Grad. Er +ordnete deshalb an, daß alle Mitspielenden zwei Stunden vor Beginn der +Aufführung da sein möchten, damit er selbst alle Instrumente +wiederholt durchstimmen könne. Man lächelte über diese Ängstlichkeit, +auch Asmus lächelte; aber weil er den alten Herrn lieb hatte und ihn +nicht ängstigen wollte, ging er rechtzeitig hin. Meister Bruhn lief +schon erregt auf und ab und trocknete sich mit immer neuen +Taschentüchern den Todesschweiß. + +»Nu seh’n Se, lieber Semper!« rief er, »die Uhr is sechs und Sie sind +der Einz’che! Sie sind der einz’che Zuverläß’che von der kanzen +Kesellschaft! Keben Se her die Cheiche.« + +Er fuhr mit dem Bogen darüber und sagte: »Nu ja, se stimmt. Aber das +is immer so: die’s _nich_ nöt’ch haben, die kommen; aber die’s nöt’ch +haben, die kommen _nich_.« Und er legte väterlich den Arm um Semper +und sagte: + +»Mein lieber Semper, klauben Sie’s mir: darauf kommt’s an im Leben: +auf Zuverläß’chkeit. Sie sind ä zuverläß’cher Mensch.« + +Das war also billig. Aber noch viel billiger war es, bei Bruhn in den +Ruf der Gelehrsamkeit zu kommen, und da er in den Konferenzen +natürlich vernommen hatte, daß Asmus Semper zu den Begabteren gehöre, +so hielt er ihn für eine Art Casaubon oder Leibniz. Meister Bruhn +pflegte, wenn er eine Frage stellte, gleich die schwierige Hälfte der +Antwort selbst zu geben, etwa so: + +»Nun, Semper, welcher Ton muß also hier folchen? Gi – gi –?« + +»Gis«, antwortete Asmus, und dann rief Meister Bruhn: »Der weiß +alles!« + +Diese Meinung teilte Asmus nun freilich nicht; aber doch ward es ihm +wohl und warm bei Meister Bruhn und seinen Sonnabendstunden, die im +Winter bis in das Dunkel des Abends hineinreichten. + +Dem »Musiksaale« gegenüber lag ein Haus mit einer +Schneiderinnenstube, und die Seminaristen stellten sich gern ans +Fenster, warfen schwärmende Blicke hinüber zu den Mädchen und strichen +so gefühlvoll dazu die Saiten wie der Geiger von Gmünd vor dem +Marienbilde. Und die fünf oder sechs Marien nickten so fleißig +herüber, als hätten sie gern einen Schuh und mehr dahingegeben. Wenn +Meister Bruhn das sah, dann lächelte er mild-ironisch und sagte: +»Müller, sehn Se beim Spielen hierher; die nehmen doch lieber Keld als +Muszik.« Und das ernüchterte. + + + + +XXVIII. Kapitel. + +Ein Kapitel, in dem aber auch rein gar nichts geschieht und das der +gewöhnliche Leser wütend überschlagen wird. + + +Asmus Semper hatte nicht das Geringste gegen hübsche +Schneidermamsellen; aber ob sie hübsch waren, eben das konnte er nicht +feststellen, weil seine Augen für eine so große Entfernung nicht +ausreichten. So schützte, wie es wohl öfter kommen mag, die +Kurzsichtigkeit seine Tugend. Aber wenn er auch die Schneiderinnen +deutlich hätte erkennen können, würde er wohl wenig nach ihnen +ausgeschaut haben, weil es innerhalb des düsteren, kahlen Musiksaales +weit Schöneres zu sehen gab. In diesem Musiksaal wurden alle +Volkslieder gesungen und gegeigt, die je von deutschem Kindermund +erklungen sind; denn was sie die Kinder lehren sollten, das mußten die +künftigen Lehrer selber spielen und singen können. Wenn er diese +Lieder hörte, stützte Asmus den Ellenbogen aufs Knie und den Kopf in +die Hand und sah in einen dunklen Winkel des Saales, und seine +kurzsichtigen Augen wurden fernsichtig. + +Da sah er hinein in jahrtausendtiefen Wald und hörte aus einem fernen +Jahrhundert den dämmergrünen Grund herauf ein fröhliches Blasen: + + Ein Jäger aus Kurpfalz, + Der reitet durch den grünen Wald, + Er schießt das Wild daher, + Gleichwie es ihm gefallt. + Ju ja, Ju ja + gar lustig ist die Jägerei + Allhier auf grüner Heid’. + +Aber das zweite »Ju ja« hallte leise aus wunderbaren Fernen her. + +Und langsam schritt er tiefer in den Wald hinein, dorthin, wo im +ewigen Dunkel zwischen Moos und Stein ein Waldelf sitzt und seit +hunderttausend Jahren in die Quelle starrt, um ihr Geheimnis zu +ergründen. Und Asmus neigte das Ohr und horchte dem murmelnden +Selbstgespräch der Quelle, und immer war’s ihm, nun müßt’ er’s gleich +verstehen, und verstand es doch nie. Und wie er noch lauschte, winkte +ihm aus tauigem Dunkel ein purpurner Schein. + + Ein Männlein steht im Walde + Ganz still und stumm, + Es hat von lauter Purpur + Ein Mäntlein um. + +Das Lied hatte ihn sogleich angelacht wie ein rotwangiger Apfel, da +er’s in früher Kindheit zum ersten Male gehört. Nun aber strahlte +durch die braunen Stämme ein goldener Glanz; er ging darauf zu und +wußte nicht: ist es goldene Sonne, oder goldenes Korn? Und als er am +Feldrain stand, war es goldenes Korn in goldener Sonne. + + Horch, wie schallt’s dorten so lieblich hervor! + Fürchte Gott! + Fürchte Gott! + Ruft mir die Wachtel ins Ohr. + Sitzend im Grünen, von Halmen umhüllt, + Mahnt sie den Horcher am Saatengefild: + Liebe Gott! + Liebe Gott! + Er ist so gütig und mild! + +Die Hitze hatte drohende Wolken gebraut, und die fernsten Ähren +standen schon in graublauer Luft. + + Schreckt dich im Wetter der Herr der Natur: + Bitte Gott! + Bitte Gott! + Und er verschonet die Flur. + Machen die künftigen Tage dir bang, + Tröste dich wieder der Wachtel Gesang: + Traue Gott! + Traue Gott! + Deutet ihr lieblicher Klang. + +Was war das für eine Zeit gewesen, da die Menschen mit solchen +Empfindungen durch die Felder gingen? Lichte Zeit? Dunkle Zeit? Eine +heimelnde Zeit gewiß. War sie je gewesen? Würde sie jemals sein? Er +grübelte nach, da klang aus dem verlassenen Walde her ein zauberischer +Schall. + + Wie lieblich schallt + Durch Busch und Wald + Des Waldhorns süßer Klang! + Der Widerhall + Im Eichental + Hallt’s nach so lang – so lang! + +Ja, wahrlich, – himmelsfern und himmelsleise klang der Widerhall aus +einem Tal, das seine Augen nicht sahen – das keine Augen jemals sehen. +Lange, lange klang der Widerhall, bis in die Abendröte hinein, in +deren Glut er sich verlor. + + Goldne Abendsonne, + Wie bist du so schön! + Nie kann ohne Wonne + Deinen Glanz ich seh’n. + + Schon in früher Jugend + Sah ich gern nach dir, + Und der Trieb zur Tugend + Glühte mehr in mir. + +Das hatten wohl schon die Urgroßeltern gesungen, und doch war es noch +immer so: unendlich groß und unendlich gut müßte ein Herz sein, um +solcher heiligen Schönheit wert zu sein! Und es möchte groß sein, das +Herz, groß wie der Glanz der Abendsonne, und es schwillt auf und +drängt und tut weh. Da ist es fast Erlösung, ist es Friede, wenn sie +sinkt und graue Dämmerung aus den Feldern steigt. + + Willkommen, o seliger Abend + Dem Herzen, das froh dich genießt! + Du bist so erquickend, so labend, + Drum sei uns recht herzlich gegrüßt! + +Das Lied kam aus jener Zeit, da es noch einen Abend gab und die +Menschen am Tagesende sich fanden in Ruhe, Sammlung und Genügen. +Damals war der Mond noch ein Hausfreund der Menschen, der sich zu +ihnen gesellte, wenn sie am Abend plaudernd vor der Tür ihrer Hütte +saßen. + + Guter Mond, du gehst so stille + Durch die Abendwolken hin, + Labest nach des Tages Schwüle + Durch dein freundlich Licht den Sinn. + + Leuchte freundlich jedem Müden + In das stille Kämmerlein! + Und dein Schimmer gieße Frieden + Ins bedrängte Herz hinein! + +Damals waren überall noch Wiesen, wo jetzt Häuser stehen; auf allen +Wiesen gingen weidende Herden, und auch der Mond war ein Schäfer. Das +war, als die Mütter noch sangen. + + Wer hat die schönsten Schäfchen? + Die hat der goldne Mond, + Der hinter unsern Bäumen, Bäumen, + Am Himmel droben wohnt. + +Und bei dem »Bäumen-Bäumen« hörte Asmus eine Wiege gehn und sah er ein +Händchen nach den Schäflein des Mondes greifen. Das Kind tastete noch +auf dem Deckkissen nach den Schäflein, als es schon schlief, und die +Leute traten fröstelnd ins Haus zurück, und es war Nacht. Asmus stand +wieder allein und schaute über Felder und Äcker hinaus nach anderen +Äckern, wo ihm Freund und Bruder lagen. + + Ein getreues Herze wissen + Hat des höchsten Schatzes Preis; + Der ist selig zu begrüßen, + Der ein solches Kleinod weiß. + Mir ist wohl bei höchstem Schmerz; + Denn ich weiß ein treues Herz. + +Wußte er solch ein Herz? Er hatte Eltern und Geschwister; aber das war +angeborener Besitz, kein erworbener. Ein Mensch muß ein erworbenes +Herz wissen, sonst ist er dennoch einsam. Eines hatte er gewußt; aber +das war tot. Gewiß: es waren ihm manche Herzen freundlich gesinnt; +aber: + + Ein getreues Herz hilft streiten + Wider alles, was ist feind. + +solch ein Herz war nicht darunter. Ja, wenn die schlanke, braune Hilde +Chavonne – – ach, die stand hoch über menschlichen Wünschen. Da hörte +er hinter einer Wand von dreizehn Jahren eine holde Jugendweise: + + Der beste Freund ist in dem Himmel, + Auf Erden sind nicht Freunde viel, + Und in dem falschen Weltgetümmel + Ist Redlichkeit oft auf dem Spiel. + Drum hab’ ich’s immer so gemeint: + Im Himmel ist der beste Freund. + +Er sah die Dorfschule, in der er gesessen, sah seinen ersten Lehrer, +wie er die Geige unter den braunen Bart schob, sah sich selbst als +siebenjährigen Knaben, wie er das Lied sang und dabei mit staunenden +Augen auf die Geige wie auf ein Wunder starrte. Was das Lied +versicherte, glaubte er ja nicht. Er glaubte, daß es auf dieser Erde +nie Größeres und Schöneres gegeben habe als Jesus von Nazareth; aber +er glaubte nicht an seine Göttlichkeit; er glaubte überhaupt an keinen +»Freund im Himmel«. Aber an dies Lied glaubte er und an den Glauben +seines Sängers. Denn einen ebensolchen Glauben hatte er ja selbst, +nicht denselben Glauben, aber einen ebensolchen. Und er hatte den +Freund, den besten Freund: nicht Jesus hieß er – er hatte keinen Namen +– nicht im Himmel war er – er war überall. Er sehnte sich nach einem +menschlichen Freunde; aber den großen, übermenschlichen Freund hatte +er längst, hatte er immer. Wer hätte ihn sonst ermuntert und erquickt +in seinen Kämpfen, ihm über die Schulter so freundlich zugeflüstert in +seinen Mühen und Sorgen: »Halt aus, du siegst!?« Dies treue Lied hatte +grüne Tage seiner Kindheit umklungen, darum war es ihm ewig verknüpft +mit allem Frühen und Morgendlichen, mit allem Keimen und Hoffen. + + »Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele –« + +wie dem lebenssatten Faust, so hätte ihm dieses Lied den Todesbecher +mit Gewalt vom Munde gezogen. + + »Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!« + +so rief auch Faust, – aber doch zog ihn das Lied vom Tod ins Leben +zurück. + +Und die Nacht, die Asmus umgeben hatte, bei diesem Lied aus +Morgentagen hatte sie sich im Osten leise gelichtet. Und er sah, wie +das weite Feld, in dem er noch immer stand, ein wundersames Leben +erfüllte: er sah – undeutlich – menschliche Gestalten wie Nebelriesen +um düstre Lagerfeuer liegen und stehen, hörte Stampfen und Klirren und +sah Pferde den weißen Hauch in die Kühle des Herbstmorgens schnauben, +und von einem fernen Lagerfeuer her hörte er ein Lied wie Sieges- und +Todesgewißheit: Ein Morgen des Sieges wird kommen; aber wir werden +ihn nicht mehr sehen. + + Erhebt euch von der Erde, + Ihr Schläfer, aus der Ruh! + Schon wiehern uns die Pferde + Den guten Morgen zu. + Die lieben Waffen glänzen + So hell im Morgenrot; + Man träumt von Siegeskränzen, + Man denkt auch an den Tod. – – + + Ein Morgen soll noch kommen, + Ein Morgen mild und klar; + Sein harren alle Frommen, + Ihn schaut der Engel Schar. + Bald scheint er sonder Hülle + Auf jeden deutschen Mann: + O brich, du Tag der Fülle, + Du Freiheitstag, brich an! + +Diese Zeit des deutschen Leides, wie groß, wie heilig und rein mußte +sie gewesen sein! Und als nun von einem Lagerfeuer die Stimme Meister +Bruhns erklang: + +»Nun, Semper, was wollen Sie uns denn heute vorspielen?« da schnellte +Asmus hoch, schob die Geige unters Kinn und strich die Saiten mit +Wucht und Sturm: + + Freiheit, die ich meine, + Die mein Herz erfüllt, + Komm mit deinem Scheine, + Süßes Engelsbild! + + Magst du nie dich zeigen + Der bedrängten Welt? + Führest deinen Reigen + Nur am Sternenzelt? + +Asmus Semper betete. Er wollte die Freiheit vom Himmel herabbeten: +aber er dachte unter Freiheit nicht nur die Erlösung von fremden und +heimischen Tyrannen, von Pfaffen und Geldsäcken; er dachte unter +Freiheit alles Große und Herrliche, das sehnenden Menschenseelen in +künftigen Welten aufgehoben ist für jenen Tag, der kommen wird. Sein +Geigenspiel war ein Gebet aus bebendem, glühendem Herzen, und jener +Lederhändler, der die bei Tische nicht betenden Mitmenschen zu den +»Öchslein und Eselein« stellte, würde seltsame Augen gemacht haben, +wenn er in diesem Augenblick in das semperische Herz geblickt hätte. + +Im deutschen Liede sah er das deutsche Land. Er hatte ja mit +leiblichen Augen nichts davon gesehen als seine engere Heimat; aber – +o, was für ein Land mußte das sein! Jahre, bevor er nach Amerika ging, +war sein Bruder Johannes durch Deutschland und die Schweiz gewandert, +hatte Briefe und Bilder von Burgen und Bergen und Trauben vom Rhein +geschickt; aber das Schönste, was er dann mit nach Hause gebracht, war +ein Lied gewesen, das Asmus damals noch nicht kannte. + + An der Saale hellem Strande + Stehen Burgen stolz und kühn. + Ihre Dächer sind zerfallen, + Und der Wind streicht durch die Hallen; + Wolken ziehen drüber hin. + +Auch dieses Lied spielte Asmus; denn er hörte alles darin, was der +Deutsche ist oder was er von Herzen gern sein möchte: tapfer und mild, +erfindungsreich und träumerisch, zärtlich und gedankenvoll. Dies Lied +kam aus einem Land voll großer Geschichte und tiefsinniger Sage, aus +einem Land der singenden Wälder und klingenden Ströme. Daß man solch +ein Land liebte – nicht, wie Mutter oder Bruder, nicht wie ein Mädchen +– nein, mit einer Liebe, die es nur einmal gibt, die seltsam und ganz +eigen ist – das war ja selbstverständlich. Daß man für ein Land, dem +solche Lieder entblühen, freudig sterben kann, das war ihm +selbstverständlich. + +Gewiß waren andere Länder ebenso schön oder schöner; aber ein zweites +Deutschland gab es dennoch nicht. Gewiß hatte kein Land solche +Weihnachtslieder wie Deutschland. Da war ein Lied, das war klein und +groß, wie eine deutsche Hütte, darin eine Mutter mit ihrem Kinde +liegt. Da kommen die Töne behutsam herein auf leisesten Sohlen und +knien wie Kinder vor der Wiege in stumm zitternder Seligkeit, und +halten den Atem, halten den Schlag des Herzens an, das zerspringen +will vor heiliger Erwartung, weil es das Kindlein sehen soll! + + Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all, + Zur Krippe her kommet in Betlehems Stall + Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht + Der Vater im Himmel für Freude euch macht! + +»Das ist doch eigentlich ein ziemlich triviales Lied,« meinte der +Seminarist Gärtner. + +»Mein lieber Kärtner,« versetzte Meister Bruhn mit seinem +mild-ironischen Lächeln, »mein lieber Kärtner, wenn ich das Lied +k’macht hätte, denn kuckt’ ich Sie karnicht an!« + +»Das ist das feinste, lieblichste Weihnachtslied, das ich kenne!« rief +Asmus begeistert. + +»Ja, ja, mein lieber Semper, awer solche Sachen macht man heutz’tache +nich mehr.« + +»Warum nicht?« forschte Asmus begierig. + +»Weil man den Klauben haben muß, um so was machen zu können; die +jetz’che Zeit hat awer keinen Klauben mehr.« + +»O!« machte Semper. + +»Ja ja, lieber Freund, Se können’s mir klauben. In einer Zeit, wo +David Friedrich Strauß herrscht, da macht man solche Lieder nich.« + +»Haben Sie Strauß gelesen?« rief Asmus. + +»Nee, nee!« rief Bruhn ängstlich und flüchtete sich in die Musik, +indem er auf dem »Klafier« zu präludieren begann. + +»Ja, David Strauß ist mein Mann!« rief Asmus. + +Bruhn sah ihn erschrocken von der Seite an und präludierte +ängstlicher. + +»Aber darum hab’ ich doch all diese herrlichen Lieder gern, auch die +frommen, die wunderschönen Choräle, z. B. »Befiehl du deine Wege« und +»Ein feste Burg« und »Wachet auf, ruft uns die Stimme« und »In allen +meinen Taten« und »Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’«. Er hätte noch +lange fortfahren können; aber Bruhn starrte ihn immer hilfloser an und +spielte jetzt bereits #forte#. Aber dann brach er ab. + +»Nee, lieber Semper, es ist so,« sprach er, »wenn der kalte, +mathemat’sche Verstand dazukommt, denn is es mit’m Klauben und mit der +Kunst vorbei.« + +»Das wäre ja schrecklich!« rief Asmus. »Aber es ist ja gar nicht so! +Der Verstand ist ja gar nicht kalt! Und die Mathematik ebensowenig!« +Er mußte an die Stunden denken, da er zu Hause über mathematischen +Aufgaben gesessen hatte. Aufgesprungen war er oft, durchs Zimmer war +er getanzt und den Fensterpfosten hatte er umarmt, so wohl und warm +war ihm gewesen. Eine warme, fröhliche Sonnenklarheit war um ihn her +gewesen! + +Er wurde immer eifriger, und er suchte nach Worten; denn was er +meinte, war schwer zu sagen. Plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke. + +»Das ist, wie ich es mal in einem Theater gesehen habe!« rief er. »Da +gingen immer neue Vorhänge hoch, immer einer nach dem andern, und es +wurde immer heller, und jedesmal bekam man Neues zu sehen, und das +Neue bildete mit dem Alten zusammen immer schönere Bilder. Nur daß es +auf dem Theater ein Ende hatte; in der Welt hat es kein Ende.« + +Bruhn, der sich inzwischen wieder in ein #forte fortissimo# +hineingespielt hatte, brach wiederum ab und sah den Jüngling lange mit +forschenden Blicken an. Dann sagte er: »Nu’ ja, es mag ja sein – aber +nu müssen wir weiter.« Und der Unterricht nahm seinen Fortgang. + +Auf dem ganzen Heimweg verließ ihn das Problem nicht. Das hatte er nun +so oft gehört: ein ungehemmter, schrankenloser Gebrauch des Verstandes +vernichte die Blüten des Herzens. Und immer hatte ihn diese Behauptung +gequält, geschmerzt, geärgert, ja erzürnt; denn er hatte das Gegenteil +erfahren. Je mehr sich sein Wissen und sein Gedankenkreis erweitert +hatten, ein desto heißeres Glühen hatte sich in seiner Brust +entzündet. Wie, weil man alte Irrtümer und alte Dogmen überwand und +abtat, deshalb sollte das Herz veröden? Nein, und tausendmal nein! +Gedanken können Gedanken töten, niemals aber unsterbliche Lieder und +Gestalten. Und selbst wenn die Lieder und Träume vergangener Zeiten +erfrieren müßten in der kalten Gipfelluft verwegenster Gedanken, das +Herz wird immer wieder blühen, sonst wär’ es kein Herz. Aber sie +erfrieren nicht, die alten Blüten und Früchte! Wie innig liebte er +diese alten, frommen Lieder mit ihrer lieblichen Einfalt, ihrem +rührenden Vertrauen, ihrem seligen Frieden. Warum sollte er sie nicht +lieben? Der Glaube vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte war so +schön und so köstlich wie aller Glaube kommender Zeiten, weil er +Glaube war. Warum sollte er ihn nicht lieben? + +Durch ein anderes Erlebnis sollte seine Überzeugung bald darauf eine +tiefe Befestigung erfahren. + + + + +XXIX. Kapitel. + +Asmus hört eine feierliche Messe und zieht mit den Juden durch die +Wüste, und Rebekka Semper hält Kant für überflüssig. + + +Doch im letzten Seminarjahr bekam Asmus einen anderen Direktor; +#Dr.# Korn war zum Schulrat ernannt worden – »ich habe mich nie um ein +Amt beworben,« konnte er mit Stolz in seiner Abschiedsrede sagen – und +an seine Stelle war Herr Murow getreten, ein breiter, hünenhafter Mann +und liberaler Theologe, der in seiner Antrittsrede seine Heimat sehr +deutlich verriet, als er erklärte, daß »das Wark des Lahrers nur +jäde–ihen könne, wenn das Harz dabei wäre.« + +Murow und Semper waren nach wenigen Wochen Freunde, und eines Morgens +winkte der Direktor den Jüngling mit heimlichem Lächeln auf die Seite. + +»Hier hab’ ich ’n Konzartbillet – #Missa solemnis# von Cherubini – +sahr jute Musik – haben Sie Lust?« Und er reichte ihm die Karte hin. + +Ob Asmus Lust hatte! Er wußte gar nicht, was er sagen sollte, und +stammelte etwas hervor, was ein Dank sein sollte. + +Am Abend saß er in der Petrikirche in Hamburg, auf einem Platze, wo er +weder Sänger, noch Orgel, noch Orchester sehen konnte. Das war’s, was +er brauchte. Denn seine Musik kam von andern Orten her, als dorther, +wo sie erzeugt wurde. Sein Theater und sein Konzert war immer noch +anderswo als auf der Bühne und auf dem Podium – über einem Baumwipfel +des Hintergrundes, in einem Winkel des Saales, im Lichtkreis einer +einsamen Lampe sah er weit hinter dem Geschehen der Bühne, hörte er +hoch über den Klängen der Musik Erlebtes und – nie Erlebtes, fühlte er +ein Leben – ach, das man nur in solchen Stunden erleben kann, das man +nie in Wirklichkeit erleben wird. Wo, in welchen nie geahnten Kammern +seiner Seele hatten diese Bilder geschlummert, die für Sekunden +erwachten und dann verschwanden, um niemals wieder zu erscheinen? +Waren es Erinnerungen aus einem vergangenen Leben – Ahnungen eines +künftigen Seins? War es das Unentwickelte, Unerwachte, das in der Welt +ist und das aus dem Traume sprach? ..... + +Und es kam ein Orgelbrausen und ein Frauengesang, der ging über alle +Winkel und Lichter der Kirchenhalle hinaus, das war ein Strom, für den +die Gewölbe des Hauses zu niedrig waren; wie ein ungeheurer +Flammenstrom fuhr er durch alle Schranken von Stein und Erz hinauf in +den unendlichen Himmel. Da betete Asmus Semper abermals. Er betete, +daß er einst, wenn er wirklich ein Dichter werde, eine Dichtung +schaffen wolle, deren Held ein König des Verstandes sein solle. Vor +der klaren Schärfe seines Verstandes sollte verjährter Wahn und Glaube +zergehen wie Nebel vor der Sonne. Und die Menge sollte ihn hassen, +verfolgen, ihn steinigen, weil er ihre Welt entgöttert habe. Und das +würde das tragische Schicksal dieses Zertrümmerers sein: die andern +würden nicht wissen, nicht ahnen, daß er ein Mensch war, der beim +Klingen einer Quelle lachen und weinen konnte, daß seine Brust ein Dom +war, der von tausend Orgel- und Engelstimmen klang und hinter dessen +bunten Fenstern alle süßen Farben und alle heiligen Dämmerungen des +Lebens wohnten; niemand sollte es verstehen, daß er das zarteste Herz +von allen besaß. + +Als Asmus unter einem klaren, sternenreichen Winterhimmel nach Hause +ging, war er sich klar darüber, daß es nichts sei mit Meister Bruhns +Anschauungen über Verstand und Gemüt. Aber trotz dieser und noch weit +größer Meinungsverschiedenheiten schauten sie einander doch mit +Freundschaft und Liebe in die Augen an jenen wahren Sonnabenden, da +die Sonne des Abends aufs Klavier schien und der Meister zu Asmussens +Geige die Begleitung spielte oder – die strenge Pflicht auf eine Weile +vergessend – ganz von selbst in einen Beethoven oder Bach überging. + +Der Weg nach Hause führte Asmus regelmäßig durch einen Stadtteil, der +stark, wenn nicht vorwiegend von Juden bewohnt war, und wenn er nun +von den sonnabendlichen Feierstunden bei Meister Bruhn heimkehrte, +paßte es immer sonderlich gut zu seiner Stimmung, wenn ihm die Juden +in Festtagskleidung begegneten und in ihrem Gang und ihren Mienen den +Sabbath erkennen ließen. Er fand es schön, den Feiertag am Abend zu +beginnen mit dem Blick in ein heiliges »Morgen«; auch sein Sonntag +begann immer am Samstagabend, begann oft schon in der Musikstunde, +wenn er deutsche Lieder hörte, begann manchmal schon mit der Vorfreude +auf diese Stunde. Aber nicht fand er es schön, wie es die Juden taten, +den Feiertag auch am Abend mit Sonnenuntergang zu beschließen. Er +wenigstens konnte aus den heiligen Geheimnissen des Sabbats nicht +zurückfinden in den Alltag, wenn nicht ein langer, tiefer Schlaf +dazwischen lag. Immer und immer riefen ihm diese festlich gekleideten +Juden die Kindheit zurück, die unvergeßliche Zeit, da er mitten im +verschneiten Winter das sonnige Land Abrahams gesehen und mit Elieser +um Rebekka geworben hatte, am Brunnen der Stadt Nahors. Wenn er sie +aber gar am Laubhüttenfest mit dem Paradiesapfel und mit Myrten, +Palmen und Weiden nach der Synagoge wandeln sah, dann verwandelte +sich der Weg nach Oldensund in die vierzigjährige Wüstenwanderung vom +bitteren Wasser zu Mara und der Oase Elim bis zu dem Tage, da Jericho +fiel unterm Hall der Posaunen, dann sah er die ährensammelnde Ruth auf +dem Acker des Boas und sah die Harfe Israels hangen an den Weiden +Babylons. + +Schön wie die Kindheit war nun nach allen Sorgen und Kämpfen die Zeit +des Seminarbesuchs geworden, als sie sich ihrem Ende zuneigte. Ludwig +Sempers Verdienst hatte sich ein wenig erhöht; Asmussens Stipendium +war auf zweihundertundvierzig Mark im Jahre gestiegen; ein paar gute +Privatstunden taten ein übriges, eine Zeitschrift hatte ein paar +Gedichte von Asmus Semper angenommen, und aus Amerika kamen gute +Nachrichten. + +Aber unter alledem war noch nicht das Beste. Das, was die ganze Welt +so heilig und schön machte, war das Studium. Nicht das Studium fürs +Seminar; bei dem war immer noch nicht viel Freude zu holen. Nein, das +Studium, das niemand von ihm verlangte als er selbst. Und darum war +der Sonnabend so unaussprechlich schön, weil er nun den ganzen Sonntag +über studieren konnte, was er wollte. Freilich hatte Frau Rebekka ihre +Bedenken. Das Examen nahte wieder heran, und ob Kant und Spinoza und +Gedichtemachen und Hamletdeklamieren dazu nötig sei, darüber hegte sie +schüchterne Zweifel. Sie gab diesen Zweifeln auch Ausdruck und +meinte, ob er sich nicht zu sehr zersplittere. + +»Ich hab’ da neulich in so’n Buch von Kant hineingeguckt, – das ist +ja’n fürchterlicher Schnack; daraus wird ja kein Deubel klug.« + +»Ja, mitunter ist es sehr schwer,« sagte Asmus. + +»Ja, ist denn das notwendig, daß du das lernst?« + +»Ja, Mutter, das ist sehr notwendig.« + +»Wenigstens solltest du das Dichten aufschieben, bis du mehr Zeit +hast, das strengt dich doch auch an.« + +»Na ja, wenn es mich anstrengt, werd ich es aufgeben«, versicherte +Asmus und lächelte nach innen. + + + + +XXX. Kapitel. + +Das unlesbarste Kapitel des ganzen Buches: Asmus prügelt sich mit +Kant und Spinoza und verrenkt sich mehrere Hüften. + + +»Jung, du verschmierst ja all die schönen Bücher!« rief Frau Rebekka +eines anderen Tages erschrocken, als sie ihm über die Schulter in die +»Kritik der reinen Vernunft« hineinblickte. + +Ja, das tat er freilich. Wenn er ein Buch wirklich las, so +durchackerte er es mit dem Bleistift und warf jede Scholle herum und +erquickte sich an dem frischen Ackerduft, der dann emporstieg; alle +Bedenken, alle Zweifel, alle Widersprüche, die ihm aufstiegen, schrieb +er an den Rand, und das gab einen wunderlichen Buchschmuck. Gar oft +ging es ihm wie seinem geliebten Faust: + + »Hier stock ich schon und kann nicht weiter fort; + Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, + Ich muß es anders übersetzen, + Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin ...« + +und das war immer der schlimmste Zweifel: ob er vom Geiste _recht_ +erleuchtet war. Er balgte sich mit dem dürren Königsberger Männchen +wie wahnsinnig; aber er wußte wohl, daß er mit einem Gottessohne rang +wie Jakob an der Stätte Pniel, und daß man sich dabei die Hüfte +verrenken konnte. Er verrenkte sie sich mehr als einmal und mußte +manchmal einsehen, daß er nur deshalb widersprochen hatte, weil er +nicht richtig verstanden hatte; das beschämte ihn wohl, aber hielt ihn +von immer erneutem Ringen nicht ab. Nichts lag ihm ferner als +Überhebung; seine Pietät gegen das Genie war eher zu groß als zu +klein, und selbst solche Sätze wie: + + »Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegenprobe der + Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer + Vernunfterkenntnis #a priori#« + +konnten in ihm nicht den Verdacht erwecken, daß es dem +»Alleszermalmer« denn doch wohl hin und wieder recht sehr an der +Fähigkeit gemangelt habe, seine Gedanken gut und klar zum Ausdruck zu +bringen. Es war einige Jahre später, daß er bei Schopenhauer an den +Rand schrieb: Ach, hätte doch der Kant so schreiben können wie der +Schopenhauer! Selbst, wo er für den Augenblick das sichere Gefühl +hatte, gegen Kant oder Spinoza im Recht zu sein, zweifelte er nicht, +daß ein späterer Tag ihm die Einsicht seines Irrtums bringen werde. +Einstweilen war er überzeugt – und er blieb es auch später – daß der +Monismus Spinozas kein Monismus sei; der Parallelismus von Bewegungs- +und Bewußtseinsvorgängen war nur ein umschriebener Dualismus. Denn +warum und wozu war diese Maschine »Mensch« so gebaut, daß ihr derselbe +Vorgang als »Ausdehnung« und »Denken« erschien? Der Dualismus war in +den Menschen verlegt – das war alles. Und Körper und Seele aus der +Welt schaffen, indem man sie einfach als Attribute _einer_ Substanz +auffasste – was war damit getan? Das Verfahren konnte man bei jedem +unbequemen Gegensatze anwenden, und die »Substanz« war wie »das Ding +an sich« ein Nichts, aus dem man alles machen konnte. + +Sein Denken wurzelte fest im Empirischen, und so gern seine Seele ihr +Haupt in transzendenten Lüften wiegte – ihren Boden wollte sie nicht +ohne Not verlassen. So hatte er die Ideenlehre Platos wunderschön +gefunden; aber sogleich hatte er sich gesagt: das ist Dichtung, ist +Glaube, nicht Erkennen. + +Gegen den strengen Gedanken von der Notwendigkeit alles Geschehens, +dem der Mann sich unterwarf, lehnte der Jüngling sich auf. Sein die +Arme reckender und streckender Wille verlangte nach Willensfreiheit, +und doch schien ihm die transzendentale Willensfreiheit Kants nur eine +Ausflucht. Gegen diesen Immanuel Kant, dessen Leben er mehr bewunderte +als liebte, hatte er noch gar manches auf dem Herzen. + +Da stand: + + »daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist + gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen + sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch + Gegenstände, die unsere Sinne assizieren ...« + +und an anderer Stelle hieß es: + + »Daß es nun dergleichen notwendige und im strengsten Sinne + allgemeine, mithin reine Urteile a priori im menschlichen + Erkenntnis wirklich gebe, ist leicht zu zeigen ...« + +und wiederum: + + »Von den Erkenntnissen #a priori# heißen aber diejenigen rein, + denen gar nichts Empirisches beigemischt ist ...« + +War das nicht unreimbarer Widerspruch? Und wenn es dann gar hieß: + + »So ist z. B. der Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache, + ein Satz a priori, allein nicht rein, weil Veränderung ein + Begriff ist, der nur aus der Erfahrung gezogen werden kann«. + +Was sollte man dazu sagen? Der Begriff der Ursache war entweder genau +so gut aus der Erfahrung gezogen wie der der Veränderung oder sie +waren beide gleich »rein«. Unzweifelhaft hatten sie aber beide +»empirische Beimischung«. Und was sollte es heißen, wenn nun Kant als +ein Beispiel für »dergleichen notwendige und im strengsten Sinne +allgemeine, mithin reine Urteile #a priori#« die Mathematik aufführte? +Die Mathematik war doch menschlich konstruierte Realität, nicht von +der Natur gegeben, wie Kant in der Einleitung an dem »ersten +Demonstrator des gleichschenkligen Dreiecks« selbst zugegeben hatte. +So waren die Sätze der Mathematik zwar allgemein und notwendig (daß +das zweierlei sei, wollte Sempern auch nicht in den Sinn); aber sie +waren auch für die Erkenntnis des Weltwesens vollkommen wertlos, wenn +man sich nicht zu den Pythagoreern gesellte. Und was sollte man +endlich gar dazu sagen, wenn Kant, ganz im Widerspruch zu dem +Vorhergehenden, fortfuhr: + + »will man ein Beispiel aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, so + kann der Satz, daß alle Veränderung eine Ursache haben müsse, + dazu dienen ...« + +und dann gegen Hume polemisierte, der diesen Satz + + »von einer öfteren Beigesellung dessen, was geschieht, mit dem, + was vorhergeht, und einer daraus entspringenden Gewohnheit, + Vorstellungen zu verknüpfen, ableiten wollte.« + +Asmus hielt es ganz entschieden mit Hume und war der Überzeugung, daß +jedes Naturgesetz der empirischen Wissenschaften genau so »allgemein +und notwendig, mithin rein #a priori#« oder genau so bloß komparativ +allgemein und #a posteriori# sei wie der Satz von der Veränderung und +ihrer Ursache. + +Ach, schon diese Einteilung der Urteile in analytische und +synthetische! Asmussens Bleistift wurde temperamentvoll und machte +schwungvolle Fragezeichen und wuchtige Ausrufungszeichen! Warum sollte +denn das Urteil »Alle Körper sind ausgedehnt« analytisch und dagegen +das andere »Alle Körper sind schwer« synthetisch sein? Das Merkmal der +Schwere war doch für den Körper genau so wesentlich wie das der +Ausdehnung und war also genau so gut wie dieses im Begriff des Körpers +schon gegeben! Wieso bedurfte es da der Synthese? Und gesetzt: man +entdeckte ein wesentliches Merkmal eines Begriffes, das man bisher +nicht gekannt hatte, so konnte man im Augenblick der Entdeckung +allenfalls von einer »Synthese« sprechen und konnte das neue Urteil +ein synthetisches nennen; aber sobald man wußte, daß das neue Merkmal +zum Wesen des Begriffes gehöre, war es doch auch mit diesem Begriff +gegeben, und das Urteil war so »analytisch« wie irgend ein anderes. O, +wenn Asmus damals gewußt hätte, daß auch andere Leute, und zwar höchst +gelehrte und gescheite Männer diese Unterscheidung für verworren und +zwecklos hielten! So aber sagte er sich: »Daß Kant so unklar gedacht +habe, ist ausgeschlossen; also tappe ich im Dunkeln, also ist mit +dieser Unterscheidung noch etwas andres gemeint, das ich nicht +verstehe« – und das setzte ihm zu mit harter Pein. + +Und endlich dieses berühmte »Ding an sich«. Man könne es nicht +erkennen, hieß es. Aber es »affizierte« uns durch Erscheinungen, stand +also in Beziehung zu uns, machte uns Mitteilungen! Wozu machte es uns +diese Mitteilungen? Nur um uns zu foppen? Dann war freilich alles +Denken und Leben Unfug. Oder verrieten uns diese Mitteilungen, wie es +jede Mitteilung tut, etwas vom Wesen des Mitteilenden? Doch wohl; Kant +verwahrte sich ja auch selbst dagegen, daß man die »Erscheinung« als +»Schein« verstehe. Warum nun affizierte uns das Ding an sich so, wie +es uns affiziert, und nicht anders. Es mußte zu seinem Wesen gehören, +uns so zu affizieren und nicht anders. Dann aber _wußten_ wir etwas +von seinem Wesen, und wenn wir _etwas_ wußten, warum sollten wir dann +nicht mehr wissen können? »Hier ist ein Wirbel«, sagte sich Asmus. +Sein Bleistift fragte in aller Bescheidenheit: Was nötigt uns, hinter +der »schönen grünen Weide« der Erscheinungen ein unerkennbares Ding an +sich anzunehmen, und wer hat etwas von diesem Ding an sich? Die +Beschränktheit menschlicher Erkenntnis leuchtet auch so ein. Daß wir +nicht Zentrum der Welt sind, daß der Mensch, der kleine Fußsoldat, +unmöglich den Plan kennen kann, nach dem der »Herr der Heerscharen« +die Weltenschlacht schlagen läßt, – das wissen wir seit Kopernikus +auch so. Also warum soll der Pfahl, an dem ich mir die Nase blutig +stoße, durchaus Erscheinung und nicht Ding an sich sein? Und warum +setzen wir diese Skepsis nicht ins Grenzenlose fort? Es setzte Sempern +in großes Erstaunen, als er las: + + »Was es für eine Bewandtnis mit den Gegenständen an sich ... + haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts als + unsere Art, sie wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch + nicht notwendig jedem Wesen, _obzwar jedem Menschen_ zukommen + muß.« + +Das »obzwar jedem Menschen« war es, was ihn in Staunen versetzte. + +»Wirklich?« schrieb er an den Rand. »Könnte der Welturheber den Spaß +dieses Sommernachtstraumes nicht noch weiter ausgedehnt haben und die +Menschen Verschiedenes wahrnehmen lassen, wenn sie dasselbe nennen, +und Verschiedenes nennen lassen, wenn sie dasselbe wahrnehmen?« Und er +hatte eine herzliche Freude, als er später las, daß Fichte den +kantischen Zweifel an der Dinglichkeit der Erscheinungswelt zu Ende +geführt, das Ding an sich als widersinnig verworfen und erklärt habe: +Außer mir gibt es nur Vorstellungen und sonst nichts. Mit einem +wunderschön weichen, tiefschwarzen Bleistift schrieb Asmus in +Riesenbuchstaben dazu: + +»_Gott sei Dank!! Das ist wenigstens konsequent!!_« + + + + +XXXI. Kapitel. + +Der Mensch ist ein fliegender Holländer, und Asmus bekommt das +Lampenfieber. + + +In diesen Sonntagsstudien gab es Minuten, Stunden, Tage der Klarheit, +die er für nichts auf der Welt dahingegeben hätte. + + »Das ist ein Augenblick der Seligkeit, + Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke + Das Hirn durchzuckt und so die Seele faßt, + Daß sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke! + + Da wähnt das Aug, es sähe groß und klar + Den Geist des Alls durch Erd’ und Himmel wandeln; + Aufatmend spricht das Herz: Ich bin getrost; + Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.« + +Aber oft währte die Klarheit nicht von einem Sonntag zum andern, +manchmal nicht von einer Minute zur andern. Stellt ein Glas voll +reinsten Quellwassers hin, das durchsichtiger ist als Kristall – mit +jeder Stunde schwindet von selbst seine Klarheit dahin. Hängt einen +Spiegel auf so rein und eben, wie ihr ihn finden mögt – in wenig Stund +wird er sich trüben vom Anhauch des Lebens. + + »Gewißheit – schöner Wahn des Augenblicks! + Bald wieder wird der alte Zweifel nagen; + Der feste Boden weicht – dir schwindelt – weit + Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen. + + Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer + In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre, + Bis endlich deinem Fuß das Schicksal gönnt, + Daß er der Heimat festen Grund gewahre. + Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht + Der Wind am hohen Mast die weißen Linnen: + Kaum hast du noch des Ufers Sand geküßt, + So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.« + +In einem ganz eigenen Sinne tauchte ihm die Geschichte von Herkules +wieder auf, der die Hydra schlug. Wenn man triumphierend einem Zweifel +den Kopf abschlug, so wuchsen zwei wieder aus dem Rumpf hervor. Und +eine sonderbare Beobachtung glaubte er zu machen. Wenn er sich einer +Wahrheit recht nah fühlte und ihr nun mit starrenden Augen immer näher +auf den Leib rückte, dann _sah er_ förmlich, wie sie plötzlich +zurückwich und dichte Nebelschleier um sich schlug, wie ein Weib, das +nicht gesehen sein _wollte_! Noch eben jetzt hatte er sie klar zu +sehen vermeint, und plötzlich stand er in lauter Nebeln. Und seltsam: +weibliche Gestalten mischten sich jetzt so oft in seine Vorstellungen +und Gedanken; ja, es war, als hätten diese Gedanken und Vorstellungen +selbst etwas von weiblichem Wesen und weiblichem Reiz, und alles, was +er suchte, suchte er mit unerklärlicher leiser Wonne und mit leisem +Schmerz. Auf dem Wege zum Seminar gab es Läden, in denen Bilder von +weiblichen Schönheiten in halber oder nahezu ganzer Enthüllung +ausgestellt waren. Vier Jahre lang und darüber war er an diesen Läden +ohne jegliches Interesse vorübergegangen; seit einiger Zeit sah er +diese Bilder mit anderen Augen an, und er verweilte mit seiner +Betrachtung auch bei solchen, von denen er sich sagen konnte, daß sie +nicht gerade in künstlerischer und überhaupt nicht in der allerbesten +Absicht dorthin gelegt seien. Und als er in dieser Zeit von der +höchsten Galerie des Theaters den »Lohengrin« hörte und als Elsa mit +wundersüßer Stimme und ergreifendem Glauben sang: + + »Kehr’ bei mir ein! Laß mich dich lehren, + Wie süß die Wonne reinster Treu! + Laß zu dem Glauben dich bekehren: + Es gibt ein Glück, das ohne Reu!« + +da brach in seiner Brust ein Damm von einer langgestauten Flut, da +entstürzten Tränen seinen Augen; denn sie hatte nicht nur die holde +Schönheit weiblichen Wesens, hatte nicht nur das Glück der Liebe +gesungen; sie hatte von allem Triumphe alles Hohen gesungen; sie hatte +ihm gesungen: Es gibt ein Wissen ohne Trug, es gibt ein Leben ohne +Haß, es gibt eine Welt ohne Leid. + +Und wenn er auch jenen Versen die Überschrift »Menschenlos« gegeben +und wenn er sie auch mit den verzweifelten Worten gekrönt hatte: + + »Und dies bleibt immer deines Denkens Los: + Wenn dich ein Strahl aus höchstem Himmel grüßte, + Er bleibt nicht dein; er schwindet hin in Nacht, + Wie die Morgana schwindet in der Wüste.« + +so war es ihm damit nur auf Stunden ernst, und es war darin ein gut +Teil von jenem wunderlichen Komödiantentum der Jugend, das sich bei +roten Wangen in düsteren Gebärden gefällt und nicht nur die Ansprüche, +sondern auch die Resignation der reifen Jahre vorwegzunehmen liebt. +Hatte er doch auch gesungen: + + »Dich hieß ich wie kein andres Weib willkommen; + Laut schlug mein Herz – du hast es nicht vernommen.« + +und hatte dabei an Hilde Chavonne gedacht und war doch um so weniger +berechtigt, dem guten Mädchen daraus einen Vorwurf zu machen, als er +selbst nicht genau wußte, ob sein Herz für Hilde oder für das Weib im +allgemeinen schlug. Nein, mochten seine »Gewißheiten« zuweilen nur ein +Minutenleben haben, seine Niedergeschlagenheiten lebten meistens nur +Sekunden; auf dem Grunde seiner Natur mußte eine Feder sein, die mit +unversiegbarer Kraft wieder emporschnellte, wenn der schwerste Druck +nur einen Augenblick nachließ. Die Absolutheit der Sittengesetze, der +doch die menschliche Schwäche in diesem Leben nicht genügen konnte, +erforderte nach Kant die Unsterblichkeit der Seele. Dann war also auch +das Leben nach dem Tode ein Entwicklungsgang; denn es hätte keinen +Sinn, wenn wir aus dem Tode einfach als vollkommene Wesen erwachten. +Und wenn die Unbefriedigung unseres Gewissens ein künftiges Leben +verlangte, so verlangte die immer strebende Unbefriedigung des Geistes +ein Gleiches. Wo Fortschritt der Sittlichkeit möglich war, da mußte +auch Fortschritt der Erkenntnis möglich sein, und wenn in einem +künftigen Leben, so auch im gegenwärtigen. + +Und er glaubte an den Fortschritt mit aller Gewalt seiner sehnenden +Seele; er glaubte nicht an die ewig gleich geartete Seligkeit des +Kirchenhimmels; er konnte sie sich nicht vorstellen; aber er glaubte +an die ewig wachsende Seligkeit des Werdens und sich Vollendens; die +begriff er, die hatte er in Stunden unnennbarer Weihe selber gefühlt. +Und in wenigen Monaten sollte er nun ein Führer werden auf solchen +Wegen des Werdens, sollte sich ihm ein Beruf auftun, der ihn Hunderte, +Tausende von jungen Seelen die rechten Wege zur Vervollkommnung weisen +hieß. Er ein Führer! Er, der es wußte, wie sehr er selbst noch der +Führung bedurfte! Wenn er an diese nahe Wendung dachte, wurde ihm, er +wußte selbst nicht, wie. Eine hohe, berauschende Freude überlief ihn; +aber gleich darauf überfiel ihn immer ein herzstockendes Bangen; es +war wohl höhere Freude, aber auch tieferes Bangen als damals, da er +vor der Klassentür gestanden und den erkrankten Herrn Dohrmann hatte +vertreten sollen. Denn er war reifer und klüger geworden und verstand +tiefer als damals, um was es sich handle. + +Bevor er jedoch diesen Beruf ergriff, lernte er schnell noch einen +anderen kennen, nämlich den des Schauspielers. + + + + +XXXII. Kapitel. + +Semper der Jüngling als Heldenvater und Liebhaber. + + +Kurz nach Weihnachten sollte wieder Konzert und Theater sein, und zwar +sollte Gutzkows »Zopf und Schwert« gegeben werden. Obwohl Asmus im +Seminar weder als Mime noch als Regisseur jemals irgend einen Posten +bekleidet hatte, war man doch einstimmig der Meinung, daß er den König +Friedrich Wilhelm I. geben und die Regie führen müsse. Man glaubte, +Rezitieren und Komödie spielen sei dasselbe. + +Die Proben im Musiksaal begannen, und Asmus stürzte sich mit +Begeisterung in seinen neuen Beruf. Er hatte harte Arbeit; denn unter +den Mitwirkenden gab es einige übertriebene Talentlosigkeiten. Da war +einer, der die Prinzessin geben sollte, – denn auch die weiblichen +Rollen mußten der Feuersicherheit wegen von Jünglingen gespielt +werden, ein Zopf, den der neue Direktor im Jahre darauf mit einem +Schwertstreich abhieb, – und dieser Prinzessinnendarsteller hatte +offenbar beim Spielen das Gefühl, daß er mindestens acht Hände habe, +von denen er dann immer zwei in die Hosentaschen steckte. + +»Mensch,« rief Asmus, »bedenk doch, daß du als Prinzessin nicht die +Hände in die Hosentaschen stecken kannst!« + +Und dann zog Lau, so hieß er, die Hände wieder heraus; aber beim +nächsten Satze staken sie schon wieder drin. Asmus gab ihm endlich +eine kleinere Rolle und dann eine noch kleinere; aber es half nichts; +Laus starke Persönlichkeit brach sich durch jede Rolle Bahn; er war +ein penetrantes Talent. + +Aber es waren auch zweifellose Begabungen darunter, und im ganzen +fühlte sich Asmus in dieser ganz ungewohnten Tätigkeit unbeschreiblich +wohl. Er hätte seinen Zustand mit einem Champagnerrausch vergleichen +können, wenn er die für diesen Vergleich erforderlichen Kenntnisse +gehabt hätte. Als der Abend der Aufführung herangekommen war, ging es +ihm genau wie Meister Bruhn: er war zwei Stunden vor Beginn zur Stelle +und hatte nach zehn Minuten schon auf sämtlichen Stühlen gesessen, +aber auf keinem länger als zwei Sekunden; er mußte gehen, gehen wie +immer, wenn er erregt war, immer auf und ab, wie der Tiger des +Zoologischen Gartens im Käfig. Dabei hatte er das Gefühl, daß er fest +auftreten müsse, damit ihn nicht ein Lufthauch davontrage. Und wog +doch gewiß seine 120 Pfund. Er war nervös wie ein sichernder Hirsch, +der ein Knacken im Gezweig vernommen hat; aber es war eine wohlige, +prickelnde Nervosität. Der König hat seinen ersten Auftritt hinter der +Szene zu sprechen, und das war gut; denn wenn er an das Auditorium +dachte, dann war es, als ob plötzlich etwas furchtbar Schweres +furchtbar tief in seinen Leib hinunterfiele und ein Emporfliegen war +dann nicht mehr zu fürchten. + +Der Vorhang ging endlich auf, und schon nach den ersten Szenen war der +Erfolg des ersten Aktes gesichert; denn der Darsteller der Königin +hatte in der Erregung unter den königlichen Kleidern seine männlichen +Dessous und seine Zugstiefeletten anbehalten, und das genügte für den +1. Akt. Jedesmal, wenn die hohe Frau sich setzte und ihr Reifrock sich +hob, brauste ein Sturm des Entzückens durch das vollbesetzte Haus. +Asmus lief wie besessen hinter der Szene auf und ab. + +»Was hat das Publikum? Was hat das Publikum?« flüsterte er. Stelling, +der hinter der ersten Kulisse stand, rief: + +»Kneist hat die Stiefeletten anbehalten« und wollte bersten vor +Lachen. Er konnte lachen; über dies schwere Unglück konnte er lachen. +Asmus war außer sich, und als Ihre Majestät die Bühne verlassen hatte +und ihm in den Wurf kam, da fluchte er wie ein altgedienter +Oberregisseur. + +»Eine Schlamperei ist das einfach, eine skandalöse Schlamperei!« +flüsterte er; denn laut durfte er ja nicht werden; aber er flüsterte +sehr vehement. + +»Gott, was ist denn dabei?« versetzte Kneist, die Königin, mit +bewundernswerter Ruhe. »Das Ganze ist doch nur ’n Spaß.« Das verschlug +Asmussen die Rede allerdings gründlich. Gegen eine so bodenlos frivole +Auffassung von der Kunst war er nicht gewappnet. Er war so verstört ob +dieser Antwort, daß er fast seinen Auftritt versäumt hätte. Als er +dann mit seinen Worten beim Publikum Heiterkeit erweckte, sagte er +sich: Gott sei Dank, deinem Aussehen kann das nicht gelten; sie sehen +dich ja gar nicht. + +Aber auch als sie ihn sahen, hörten sie ihm freundlich und mit öfterem +Lachen zu, und als er in der Szene des Tabakkollegiums zu den Worten +gekommen war: + + »Die Kreaturen zittern? – Ich will allein + sein.« + +da war das Auditorium eine einzige Stille, und als er dann im nächsten +Akte wieder auftrat, bekam er einen großen Schreck; denn sie empfingen +ihn mit stürmischem Händeklatschen. Ja, ein großer Schreck war es; +aber es war der freudigste, den er empfangen hatte seit jenem +Weihnachtabend, als er plötzlich vor dem Puppentheater, dem Geschenk +seines Bruders Johannes, gestanden hatte. O ja, ja, es mußte herrlich +sein, so jeden Abend, vom Beifall der Menge umbraust, auf der Bühne zu +stehen! Der Beruf des Schauspielers war ihm immer in einem +märchenhaften Glanze erschienen; jetzt war er tief davon überzeugt, +daß es keinen freudenreicheren, verlockenderen gebe als ihn. + +Er sollte auch für den Rest des Abends aus diesem kindlichen Wahne +nicht aufgeschreckt werden. Murow, der Direktor, kam ihm mit beiden +dargebotenen Händen entgegen und rief: + +»Alle Watter, mein lieber Samper, harzlichen Glückwunsch! Sie sind ja +der jäborne Haldenvater!« + +»Na, dazu reicht doch wohl meine Länge nicht,« meinte Asmus zaghaft. + +»Nu – es hat auch kleine Haldenväter jäjäben! Sie sind ’n +Napoleon-Darstaller! Überhaupt, mein lieber Samper« – und dabei legte +er seine mächtige Hand auf die Schulter des Jünglings – »Talant +ersatzt jede Körperlänge.« Und mit behaglichem Lachen schritt er +weiter, um auch den andern Darstellern freundliche Worte zu sagen; +denn er war als preußischer Landtagsabgeordneter beim Reichskanzler +und bei Hofe gewesen und verstand sich auf die Courtoisie eines +Herrschers. + +Als aber Asmus nun auf Flügeln des Triumphes weiter durch den Saal +schritt, da erblickte er gar an einem Tische hinten im Winkel neben +ihren Logisgebern Hilde Chavonne. _Sie_ war also da! Sie hatte ihn +spielen sehen! O, wenn er das gewußt hätte, dann hätte er noch ganz +anders gespielt! Er bildete sich ein, daß er dann besser gespielt +hätte; aber sehr wahrscheinlich würde er dann den Gamaschenkönig mit +dem tanzenden Krückstock als Romeo gespielt haben. Er wußte noch immer +nicht, ob er irgendein Mädchen auf der Welt »liebe«; er war noch ganz +in jenem dunklen Vorstadium der Liebe, wo die Jünglinge den Jungfrauen +im allgemeinen imponieren wollen und die Jungfrauen den Jünglingen im +allgemeinen gefallen möchten. Dieser Hilde Chavonne zu imponieren, +hielt er freilich für einen besonders berechtigten Ehrgeiz; denn sie +war hübsch und vornehm und stellte hohe Ansprüche, die höchsten +allerdings an sich selbst. Und dieser Asmus Semper, dieser +unglaubliche Tölpel, merkte nichts, als ihm das Fräulein nun ein +kleines Veilchenbukett, das sie im Haar getragen hatte, zum Geschenk +machte und errötend hinzufügte: »Für den König!« Er nahm es für eine +Ehre, der Dummkopf, für eine Ehre! Er freute sich unendlich über +dieses Sträußchen; aber er hatte keine Ahnung davon, daß es eine hohe +Gunst des Herzens ist, wenn ein Mädchen sich eines Blumenschmucks +beraubt und ihn einem jungen Manne schenkt. So unheilbar beschränkt +war er, daß er nicht einmal die Verstimmung merkte, die das Mädchen +darüber empfand, daß seine Gabe nicht so aufgenommen wurde, wie sie es +erwarten konnte. Du lieber Gott, was sollte Asmus von jungen Mädchen +wissen! Seine beiden Schwestern waren schon bei fremden Leuten +gewesen, als er noch auf dem Fußboden spielte und den hölzernen +Schemel voll tausend Nägel schlug. Als größerer Knabe hatte er dann +freilich öfters mit Mädchen gespielt, und jede, mit der er gespielt, +hatte er auch geliebt, ja, jenes braune Kind, das er einst vor dem +Wirtshause zwischen den Bahndämmen gefunden hatte, hatte er sogar mit +schmerzlichem Sehnen geliebt; aber es war doch Kinderliebe gewesen. +Und nun, als Präparand und Seminarist, hatte er fast ein mönchisches +Dasein geführt. Gewiß: er hatte Präparandinnen und Lehrerinnen gesehen +und hatte alle diese Leonoren, Lauren und Beatricen selbstverständlich +geliebt; aber keiner einzigen war er gesellschaftlich näher getreten. +Die Damen des Lehrberufs haben meistens keine den Mann ermunternden +Gewohnheiten, und für Asmus war nun vollends alles Weibliche eine +unnahbare Welt. Die germanische Ehrfurcht vor dem Weibe lag ihm tief +im Blut, und seine Armut machte diese Ehrfurcht zur Schüchternheit. +Wenn er aus den Liebesromanen sah, daß zur Anbahnung eines +Liebesverhältnisses eine längere Liebeserklärung gehöre, noch dazu +eine im schwierigeren Periodenbau, auf den er sich sonst wohl +verstand, dann sagte er sich: »Das wird mir nie gelingen, nie; ich +werde wohl Junggeselle bleiben.« + +Zum Glück hatte Hilde Chavonne kein Gänseherz, sondern ein ganz echtes +großes Mädchenherz, und so vergaß sie bald ihre Verstimmung und +unterhielt sich mit Asmussen so lebhaft und gutherzig wie immer. + +»Wissen Sie, was Sie von den andern unterschied?« sagte sie. + +»Nun?« + +»Sie spielten immer, auch wenn Sie nichts zu sprechen hatten; die +andern spielten nur, während sie sprachen. Auch wenn Sie kein Glied +rührten, sah man, daß Sie ununterbrochen mit der Handlung gingen. Ja, +sogar, wenn Sie dem Publikum den Rücken kehrten, sah man, daß Sie +innerlich spielten. Ich habe einmal von »durchsichtigen Schauspielern« +gehört. Das Wort trifft auf Sie zu.« + +Asmus war so glücklich, daß er nur eine ganz banale +Bescheidenheitsphrase stottern konnte. Er war glücklich wegen der +»Ehre«. Daß sie ihn sehr genau und sehr andauernd beobachtet haben +müsse, darauf verfiel er nicht. Als sie noch sprachen, kam eilends ein +Seminarist auf Sempern zu. »Du möchtest mal zu Herrn Doktor Kieselberg +kommen.« + +Doktor Kieselberg hatte den Literaturunterricht; bei ihm hatte Semper +die längsten und schönsten Sachen rezitiert. + +»Hören Sie, lieber Semper, wenn es Ihnen recht ist, schreib’ ich über +Sie an Cheri Maurice. Maurice muß Sie kennen lernen. Sie müssen für +die Bühne gerettet werden. Die Jungens unterrichten, das können +schließlich viele andere Leute auch. Aber so spielen, das können +nicht viele. Also soll ich ihm schreiben?« + +»Wenn Sie die Güte haben wollen, dann bitte ich darum.« + +»Gut. Meine Frau läßt Sie bitten, morgen mit uns zu speisen. Zwei Uhr, +bitte. Sind Sie noch frei?« + +Du lieber Gott! Ob er noch frei war! Für sämtliche Mittage seines +Lebens war er noch frei. + +Also Schauspieler! Bei der bekannten Geschwindigkeit, mit der er seine +Schlösser baute, spielte er schon im nächsten Augenblick den »Faust« +auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Und bei einem seiner Lehrer +eingeladen zum Essen! Was konnte das Leben einem noch mehr bieten! Er +schwamm in der vollen, naiven Freude eines ersten öffentlichen +Erfolges. Ihm war, als ob alle Menschen aller Länder ihm hold gesinnt +wären und ihm von Herzen das Beste wünschten. Er hatte nicht die +leiseste Ahnung davon, daß Lau erzählte, Semper habe ihm die Rolle der +Prinzessin nur aus Neid weggenommen, und wenn ihm jemand gesagt hätte, +daß Lau das erzähle, so würde er gesagt haben: »Du lügst.« + +Als er sich wieder dem Platze Hildens näherte, war sie nicht da. Er +ließ die Blicke durch den Saal schweifen – da – sie tanzte! O weh, sie +tanzte! + + + + +XXXIII. Kapitel. + +Asmus gibt fernere Beweise von seiner Dummheit, baut ein Schloß und +eine Kirche und landet schließlich in einer Zelle. + + +Merkwürdig, es war ihm nicht ganz recht, daß sie tanzte. Warum sollte +sie nicht tanzen? Es war doch selbstverständlich, daß sie tanzte; sie +hatte sich ja auch zum Tanze angekleidet, sehr geschmackvoll, wie +immer, sehr einfach, und doch – so besonders. Er verstand nicht das +Geringste von Frauengarderoben; aber daß sie mit ihren neunhundert +Mark Gehalt keine kostbaren Gewänder kaufen konnte, war ihm klar. Und +doch – sie hatte immer etwas Besonderes und Nobles in ihrer +Erscheinung. + +Tanzen! Ja, das war auch so eine Mauer, die ihn vom weiblichen +Geschlechte trennte. Frauen wollen tanzen, und er konnte nicht tanzen. +Die Semper konnten ihren Kindern keine Tanzstunden geben lassen. Nicht +einmal Schlittschuhlaufen hatte er gelernt; denn als Knabe war er nie +so reich gewesen, ein Paar Schlittschuhe erwerben zu können, und als +Jüngling hatte er keine Zeit mehr dazu gefunden. Als Achtjähriger +hatte er einmal getanzt, auf einem sogenannten »Kindergrün«, mit einer +siebenjährigen Dame, fünf Stunden lang war er herumgesprungen wie ein +Heupferdchen, immer mit derselben Dame, und es war herrlich gewesen. +Er sah es so unendlich gern, wenn ein Paar sich mit Anmut im Tanze +drehte. Nie glaubte er fester an eine schönere Welt, als wenn er +Menschen in anmutiger Bewegung sah. Und Hilde Chavonne tanzte schön. +Wenn er sie aufforderte.... + +Hahahahaaaa! Er wußte wohl eine ganze Reihe junger Leute, die +ungeniert eine Dame aufforderten, obwohl sie nicht tanzen konnten, und +dann so lange mit Todesverachtung herumhopsten, bis sie’s heraus +hatten. Woher sie den Mut nahmen, einer Dame dergleichen zuzumuten, +das blieb ihm ein Rätsel. + +Sobald er sein Lehrergehalt bezog, wollte er tanzen lernen. Sein +Lehrergehalt? Er wollte ja Schauspieler werden..... + +»Tanzen Sie nicht?« fragte ihn Hilde. + +»Ich kann nicht tanzen,« sagte er. Und er erzählte ihr, daß er +Schauspieler werden solle. Sie war aber sehr dagegen; mit auffallender +Lebhaftigkeit riet sie ihm ab. Was sie denn dagegen habe, fragte er +verwundert. Da wurde sie rot und sehr verlegen. Schließlich sagte sie, +sie habe immer gehört, daß auch das Los der größten und berühmtesten +Bühnenkünstler nur ein glänzendes Elend sei. Überhaupt habe er doch noch +ganz andere Fähigkeiten. Er müsse Dichter werden. + +Jetzt machte er riesengroße Augen, und das Rotwerden war an ihm. +»Woher wissen Sie denn, daß ich dichte?« + +»Sie haben doch Fräulein Wieselin erlaubt daß sie sich Ihre Balladen +abschrieb –« + +»Und die haben Sie gelesen?« rief Asmus erschrocken. + +»Die haben alle an der Schule gelesen –« + +Asmus hätte in den Boden sinken mögen. »Das ist aber sehr unrecht von +Fräulein Wieselin,« rief er. + +»Warum?« fragte Hilde erstaunt. »Durfte sie sie nicht zeigen?« + +»Aber ich bitte Sie! Diesen Schund! Diesen Unsinn! Das ist ja +törichtes, kindisches Zeug –.« + +Hilde schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das glaube ich nicht,« sagte +sie. »Unreif mögen diese Gedichte sein, – aber es ist etwas drin.« + +Als ein Tänzer kam und sich vor Hilde verbeugte, lehnte sie ab. Sie +lehnte auch alle folgenden Einladungen ab, und bis zum Ende des Balles +saßen sie beide an demselben Tisch und plauderten. Er fühlte sich wohl +und glücklich; aber er merkte nichts. + +Und als das ganze »Künstlervolk« mit seinem Anhang nach dem letzten +Tanze in ein Café schwärmte, – morgens um vier Uhr in ein Café! Asmus +kam sich wie ein Roué vor, als er sich eine Schokolade bestellte, – da +schienen es beide selbstverständlich zu finden, daß sie wieder +beieinander saßen. Es war etwas Seltsames um ihre Unterhaltung. Sie +sagten natürlich »Sie« zueinander und »Herr Semper« und »Fräulein +Chavonne« (denn das »gnädige Fräulein« war damals noch nicht Mode), +und was sie sprachen, hatte die höfliche und respektvolle Form, die +unter wenig Bekannten zweierlei Geschlechts gebräuchlich ist; aber in +ihren Herzen war ein Glauben und Vertrauen, von dem sie selbst noch +nichts wußten; ihre Herzen sagten »Lieber Herr Semper« und »Liebes +Fräulein Chavonne«, ohne daß sie selber es hörten, und dieser +Gegensatz zwischen fremden Worten und vertrauter Meinung erfüllte +Asmussens Herz mit jener wohligen Spannung, wie sie in frühen Knospen +sein mag. Aber so dunkel, so wenig bewußt war dieses Gefühl, daß er +sich keinen Augenblick nach seiner Ursache fragte, es vielmehr ohne +Nachdenken genoß wie die Sonne eines Maientags. + +Als er früh gegen sechs eine Stunde weit nach Hause ging, fühlte er +nicht die leiseste Ermüdung; denn er war jung und war König. Aber als +er die ruhigen Atemzüge seiner schlafenden Eltern hörte, und als er +die Ärmlichkeit des elterlichen Hausrats betrachtete, da fiel es ihm +schwer aufs Herz, daß er Schauspieler werden sollte. + +Gleichwohl sprach er davon zu seinem Vater. Obwohl Ludwig Semper seit +längerem wieder von seinem alten asthmatischen Leiden geplagt wurde, +war doch seit Monaten Heiterkeit in all seinem Reden und Tun, ja +selbst in seinen Hustenanfällen und Atemängsten gewesen; denn nun war +seine zärtlichste Hoffnung der Erfüllung nah; in kurzem sollte Asmus +Lehrer sein und das Geschlecht der Semper sollte wieder emporkommen. +Wie die lächelnde Wehmut eines Sonnenunterganges ging es über Ludwig +Sempers Gesicht, als er hörte, daß Asmus, nahe dem Ziele seiner Bahn, +einen ganz neuen Weg voll jahrelangen Mühens betreten solle, und +obwohl er fühlte, daß er dann den Aufstieg seines Sohnes nicht erleben +werde, sagte er lächelnd: + +»Ja, – wenn Du meinst, daß Du Schauspieler werden mußt, – ich habe +nichts dagegen.« + +Und in dem Lächeln des schönen Angesichts war ein Scheiden vom +Liebsten und Letzten. Das Herz flog Asmus in den Hals, und er hatte +Mühe, die Tränen zurückzudrängen, als er rief: + +»Nicht doch, Vater, nicht doch! Ich werde ja nicht darauf eingehen! +Ich denke ja nicht daran!« + +Seiner Mutter sprach er nicht erst davon. Er mußte lächeln, wenn er +sich ihr ökonomisches Entsetzen ausmalte. Und sie hatte ja recht. + +Am Nachmittage sagte er es Dr. Kieselberg, seinem Wirte: »Meine Eltern +haben mich fünf Jahre lang unter den größten Sorgen und Mühen +erhalten, wenigstens zum großen Teil erhalten; jetzt ist es höchste +Zeit, daß ich sie unterstütze. Als Lehrer bekomme ich ein Gehalt von +1200 oder 1300 Mark, dann kann ich ihnen helfen; als Schauspieler +verdiente ich vorläufig wenig oder nichts. Ich würde die Hoffnung +meiner Eltern vernichten, und das ist ausgeschlossen.« + +»Nun, dagegen kann ich natürlich nichts sagen,« erwiderte Kieselberg. +»Ich hatte das Gefühl einer Pflicht; ich glaubte ein Unrecht zu +begehen, wenn ich Sie nicht auf den Weg zur Bühne wiese; aber wenn die +Dinge so stehen – das ist natürlich etwas anderes.« + +Als Asmus durch die wunderschönen Alleen vor dem Dammtor nach Hause +ging, war der Bühnentraum erloschen; das Schloß aus Rampenlicht und +Lorbeerduft war versunken, und an seiner Stelle ragte schon ein +anderes. Ein Wort seines Lehrers hatte ihn gestern befremdet. Er hatte +gesagt: + +»Jungens unterrichten, das können die andern auch.« + +War Unterrichten denn wirklich etwas, was jeder Beliebige konnte, +wenn er nur nicht allzu dumm war? Waren Schulmeister nicht genau so +gut Künstler wie Schauspieler? Konnte man nicht auch so unterrichten, +daß man unersetzlich war, so unersetzlich wie ein Künstler? So +wenigstens hatte er sich’s immer geträumt. Was war denn ein Lehrer, +wenn er nicht ein Künstler war? + +Und in den Wolken strahlte ein Schloß, das war aus Morgenlicht und +Kinderlächeln gebaut. + +Er blickte in die ragenden Bäume hinauf und dachte: Welch ein +wunderschöner Tag! Ein wahrer Sonntag! Zuerst beim Lehrer zu Mittag +gegessen – die fremde Küche hatte ihm zwar nicht geschmeckt, aber was +sagte das? Es war herrlich gewesen! – Nun dieser Weg unter hohen, von +weißem, weißem Schnee bedeckten Bäumen! Diese Kirche wird nur an +seltensten Feiertagen geöffnet. Ihr Altar ist die sinkende Sonne, und +ihr Gesang ist das Schweigen. Er dichtete im Gehen: + + Ich weiß es nun gewiß: + Es schwebt ein selig Leben + Schon über dieser Welt + Und ist uns schon gegeben. + + Ich weiß seit diesem Tag: + Es tönt Gesang und Reigen + Aus einer reinen Welt + In jedes tiefe Schweigen. + +Und endlich, wenn er zu Hause war, wollte er seinen Pestalozzi lesen. +Er kam heim und schlug ihn auf bei der »Abendstunde eines +Einsiedlers«. + +»O, meine Zelle, Wonne um dich her!« + +Das fügte sich gut zu dieser Stunde. Er schaute sich um in seiner +Kammer und dachte: + +O, meine Zelle, Wonne um dich her! + + + + +XXXIV. Kapitel. + +Bewegt sich zwischen Pestalozzi und Herrn Quasebarth. + + +Und er vergrub den Kopf in beide Hände und versenkte sich in die +heiligen Träumereien dieses unschuldsvollen Einsiedlers und Poeten, +den er liebte, wie man sonst nur lebendige Menschen liebt. Ja, das war +wahrhaftig ein Einsiedler unter den Tagesmenschen! Schon wiederholt +hatte Asmus diese Schrift gelesen, und immer hatte ihn eine +eigentümliche Scheu gehindert, tiefer in ihr Dunkel einzudringen, wie +man sich scheut, in ein Dickicht einzudringen, aus dem die Nachtigall +schlägt. Heute war die Nachtigall fortgeflogen, und er drang ein und +fand hinter dem Rankengewirr eine köstliche Architektur, die die +einfachen, großzügigen Grundlinien eines wunderbaren Baues zeigte. Da +stand, daß Leben und Menschsein ganz dasselbe ist in der Hütte und auf +dem Thron. Das aber haben die Menschen vergessen. Sie erziehen und +unterrichten nach tausenderlei äußeren und Tagesbedürfnissen, nach +Berufs- und Standesrücksichten, nach Eitelkeit und Vorteil. Und +vergessen, daß ein Mensch zuvor zum Menschen gebildet sein muß, eh’ er +etwas anderes wird. Aber zum Menschen kann man ihn nur von _seiner_ +Natur aus, von seiner Individualität aus machen, nicht von einer +allgemeingültigen Schablone aus. + +Das also war es: Nicht sollt ihr zum Kinde sagen: Das sollst Du werden +und das will ich aus Dir machen wie aus allen Deinen Genossen, sondern +ihr sollt fragen: Wer bist Du? Wie mach’ ich Dich zum Menschen? Welche +Wege sind in _Deiner_ Natur vorgezeichnet, die zu jenem Menschentum +führen, das _allen_ gemeinsam ist und aus dem alles andere von selbst +entsprießt? + +Das schälte sich heraus aus dem Aphorismengewirr des krausen und +dennoch geraden Denkers, und in diesem Geiste wollte Asmus sein Amt +führen. Im Geiste dieser Schrift wollte er wirken, dieser Schrift, die +in einem innigen, treuen Gottesglauben gipfelte, der nicht der +Gottesglaube der Semper war. An den sorgenden Vater glaubten die +Semper nicht. Aber das hatte Asmus seit langem empfunden, daß alle +Menschen an einen Gott glauben, wie verschieden sie ihn auch nennen. + + Es sagen’s allerorten + Alle Herzen unter dem himmlischen Tage, + +und Asmus hatte nie begriffen, warum man von den Atheisten glaubte, +sie hätten keinen Gott und könnten nicht fromm sein. + +So stellte er denn auch in dem bald beginnenden schriftlichen Examen +seinen Aufsatz nicht auf die Basis theistischer Frömmigkeit, die sonst +über so manche Prüfungen hinweghilft. Die jungen Leute sollten über +das Thema schreiben: + + »Vor jedem steht ein Bild dess’, das er werden soll; + So lang’ er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.« + +und die meisten Jünglinge erklärten Jesus Christus für das Idealbild, +das vor ihnen stehe. Nun gab es unter den Abiturienten gewiß keinen, +der den natürlich erzeugten Gottessohn von Nazareth inniger liebte als +er; aber den Ruf, daß er ein Jesus Christus oder etwas ihm Ähnliches +werden solle, vernahm er in seinem Herzen nicht. Er glaubte nicht, daß +die Welt durch Leiden erlöst werden könne; er fühlte wenigstens, wenn +er sich ehrlich fragte, daß er nicht gemacht sei, ohne Widerstand zu +leiden. Er knüpfte an die Ideenlehre Platos an und erklärte den +Unfrieden des Menschen aus der Sehnsucht nach seiner »Idee«, und er +setzte auseinander, was er für seine Idee, für die Idee des Menschen +im allgemeinen und für die des Asmus Semper im besonderen halte. Er +fand damit bei der vorurteilslosen Prüfungskommission nicht nur +vollste Anerkennung, sondern er hatte noch den Erfolg, daß ein +Mitglied dieser Kommission, ein alter Jurist, zu Beginn der mündlichen +Prüfung die Brille aufsetzte und rief: + +»Wo ist Herr Semper?« + +»Das ist nämlich ein Philosoph!« rief er den andern Herren zu. + +Asmus war hervorgetreten. + +»Sie sind Herr Semper?« + +»Jawohl!« + +»Sie sind ein Philosoph, mein junger Freund; ich habe Ihre Arbeit mit +herzlicher Freude gelesen; ich danke Ihnen.« + +Im übrigen ging es ihm wie »auf der Fortuna ihrem Schiff«, will sagen: +auf und ab. In der Lehrprobe vergriff er sich. Er sollte Ägypten +behandeln, dasselbe Ägypten, das er als kleiner Junge für eine Wiese +mit Störchen gehalten hatte. Und er verfuhr ganz nach der Regel: +Geographische Lage, Grenzen, Gestalt, Größe, Einwohnerzahl usw. usw. +Zum Nil kam er in der halben Stunde des praktischen Examens überhaupt +nicht. Als er fertig war, nahm ihn Murow, der Riese, beiseite. + +»Nun, me–in lieber Samper, wann man Äjüpten behandeln will, womit +fängt man dann wohl am basten an?« + +Da wußte er’s sofort. »Mit dem Nil,« sagte er. Und er hätte sich +ohrfeigen mögen, daß er, der die Schablone haßte, sich ihr so +gedankenlos und träge unterworfen hatte. Der Nil! das war der +Schöpfer des Landes, war eigentlich das Land selbst; der Nil war die +Individualität Ägyptens, von der man ausgehen mußte, wenn man sich +rühmte, ein Jünger Pestalozzis zu sein! Er empfand eine tiefe Scham +darüber, daß er so ahnungslos in Ketten ging, deren er gespottet +hatte. + +Und im schriftlichen Chemie-Examen hatte er eine Arbeit von grotesker +Unzulänglichkeit geliefert. Er hatte einst die Chemie mit allem Feuer +der Jugend geliebt; aber Herrn Quasebarths Chemie hatte darin +bestanden, daß er aus einem ehrwürdigen Heft ablas, dessen verblaßte +Schrift er zuweilen selbst nicht mehr entziffern konnte. »Man nehme +einen Probierzylinder und fülle ihn zur Hälfte mit Braunstein –« las +Herr Quasebarth; aber er nahm keinen. Stelling, der Skrupellose, hatte +ihm eines Tages einen furchtbaren Limburger Käse unter den Pultdeckel +gelegt, so daß seine Nase jedesmal, wenn sie ins Heft tauchen wollte, +entsetzt zurückfuhr. Nachdem er sich wiederholt vergeblich erkundigt +hatte, woher der »abscheuliche Geruch« stamme, und Stelling bemerkt +hatte, daß er ihn sich auch nicht erklären könne, »da hier doch nie +experimentiert werde«, entdeckte er schließlich die Ursache; aber er +ging ungeheilt von dannen. + +So hatte denn Asmus seit langem nicht mehr zugehört, in der +Chemiestunde lieber Gedichte gemacht und beim Examen einen fast +unberührten weißen Bogen abgeliefert. Das war aber Herrn Quasebarth +in die Glieder gefahren; denn er sagte sich, daß der chemische +Durchfall eines Schülers wie Asmus Semper vom Prüfungs-Kollegium als +ein Durchfall des Herrn Quasebarth empfunden werden müsse. Er beschwor +also Sempern in einer vertraulichen Unterredung, doch ja bis zum +mündlichen Examen noch »tüchtig zu repetieren«, damit er die Scharte +auswetze. Semper genierte diese Scharte gar nicht; denn er hatte sich +längst vorgenommen, später auf eigene Hand Chemie zu treiben; aber er +versprach sein Möglichstes. + +Und wiederum hob ihn das Schiff der Fortuna in der Mathematik so hoch, +daß er die erste Zensur erwischte, während Mollwitz, der Magister +Matheseos, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde: »das einseitige +Prisma«, durch einen reinen Zufall nur den zweiten Grad errang. Dieses +Erfolges konnte Asmus nicht recht froh werden; denn die Sache war +nicht ganz in der Ordnung. Daß Glücksgüter vom Zufall verteilt wurden, +das wußte er; aber auch geistige Ehren? Kam das auch sonst im Leben +vor? Das _sollte_ nicht vorkommen. + +Aber er sollte noch was ganz anderes erleben. Am Abend vor der +mündlichen Prüfung entschloß er sich nach schwerem Zögern, ein +Lehrbuch der Chemie zur Hand zu nehmen, damit Quasebarth nicht wieder +durchfalle. Er las auch das Kapitel von der Methylwasserstoffreihe, +dann aber griff er energisch nach Zolas Conquête de Plassans, die er +wesentlich anziehender fand. Denn sich ein Wortwissen ohne Anschauung +und Übung in den Kopf zu pfropfen, das war ihm von jeher ein Greuel +gewesen. + +Die Stunde der chemischen Prüfung kam und mit ihr Herr Quasebarth, der +an Leib und Seele immer denselben grauen Rock trug. + +»Na, mein lieber Semper,« sagte er mit einem lockenden Lächeln, +»erzählen Sie uns mal, was sie von den Methylwasserstoffen wissen!« + +Und siehe da: Asmus Semper redete wie ein junger Liebig; denn heute +wußte er noch sehr gut, was er gestern gelesen hatte. + + + + +XXXV. Kapitel. + +Asmus wird im Examen gepufft und getreten und ist unzufrieden, aber +sehr glücklich. + + +Und so kam er denn mit allen Ehren und ohne Schaden durch das Examen, +wenn man von einigen blauen Flecken an seinem linken Fuße und in der +linken Rippengegend absah. Diese Flecke rührten wieder von Seybold +her, von demselben Seybold, der ihn als »Schäflein« wegen seiner +»Inkollegialität« und seiner »Anmaßung« so bieder gehaßt hatte. Das +mathematische Examen hatte Seybold sehr glatt bestanden. Seybold +konnte nicht einmal ein Dreieck berechnen; aber während der +schriftlichen Prüfung wandelte einen Freund von ihm ein Bedürfnis an, +und der Freund ging hinunter und deponierte an einem dunklen Orte die +Lösung aller Aufgaben. Nach einer halben Stunde hatte Seybold +merkwürdigerweise auch ein Bedürfnis. + +»Muß es denn sein?« fragte argwöhnisch der die Aufsicht führende Herr +Rothgrün. + +»Ja, ich hab’n Durchfall,« erklärte Seybold. + +»Aber damit hätt’ es ja noch Zeit gehabt,« schmunzelte Herr Rothgrün +wohlwollend. »Nun, gehen Sie nur.« + +Seybold ging hinunter, »fand die Lösung«, dachte »Heureka«, +beantwortete solchermaßen durch Vorspiegelungen der Verdauungsorgane +Fragen, die eigentlich an das Gehirn gerichtet waren, und half sich +mittels eines Durchfalls durchs Examen. Zunächst durchs mathematische. + +Bei den Klausuraufsätzen saß Seybold wieder neben Semper, und als +dieser gelegentlich einen Blick in die Papiere seines Nachbarn warf, +sah er, daß dieser wörtlich von ihm abschrieb. + +»Mensch, bist du des Teufels?« flüsterte Asmus. »Das muß ja +herauskommen. Schreib’ wenigstens auch von anderen ab.« + +Seybold sah das ein und schrieb die andere Hälfte der Arbeit von +seinem Vordermann ab; denn er hatte einen weiten Blick. + +»Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben,« hatte Korn gesagt. + +Nur dies verdammte mündliche Examen! Da konnte man nicht sagen: +»Erlauben Sie, daß ich austrete!« Und wenn Asmus blind und taub +gewesen wäre, so würde er das Nahen des Examinators doch immer +rechtzeitig erfahren haben; denn wenn dieser noch drei Schüler weit +entfernt war, begann Seybold schon wie ein Räder-, Walzen- und +Kolbenwerk zu treten, zu puffen und zu zischen: »Sag’ mir zu! Sag’ mir +zu!« und so trug Asmus Semper Seyboldens Reifezeugnis auf dem Leibe +davon. + +Auch Seybold bestand wiederum das Examen, und der ganze praktische +Unterschied bestand darin, daß er ein Anfangsgehalt von 1200 Mark, +Asmus aber ein solches von 1300 Mark erhielt, worin Seybold eine große +Ungerechtigkeit erblickte. + +1300 Mark! Insofern war Asmus sehr zufrieden; denn unbegrenzte +Möglichkeiten lagen in dieser Summe. Aber wenn er den verflossenen +Lebensabschnitt überblickte – was rechtfertigte eigentlich das +»glänzende Examen«, das er nach der allgemeinen Ansicht gemacht hatte? +Die Kollegen hatten ihm erzählt, was der Schulrat Korn vor einer +anderen Abteilung der Prüflinge über ihn gesagt hatte, und darüber +freute er sich zwar von Herzen; aber eigentlich war ihm alles das ein +großes Rätsel, ein Wunder: denn ihm waren diese verflossenen drei +Jahre eine zerstörte Illusion. Was hatte er sich von diesen Jahren +versprochen an geistigem Aufschwung! Und wie bitter-bitter-wenig hatte +er vor sich gebracht. Er hatte überhaupt nicht das Gefühl, daß er +geistig gewachsen wäre. Wiederum hatte er, wie schon öfter, die +Empfindung, daß die Menschen merkwürdig wenig von ihm verlangten, +viel, viel weniger, als er selbst von sich zu fordern pflegte. + +Nur wenn er die beiden »Alten« betrachtete, war er _ganz_ glücklich. +Die solltens jetzt besser haben. Frau Rebekka lief mit ihren +sechzigjährigen Beinen wie ein Wiesel immer von einem Zimmer ins +andere und sang: + + »Nach Sevilla, nach Sevilla! + Wo die letzten Häuser stehen, + Sich die Nachbarn freundlich grüßen, + Mädchen aus dem Fenster sehen, + Ihre Blumen zu begießen, + Ach, da sehnt mein Herz sich hin!« + +und wie in seiner früheren Kindheit sah Asmus bei dem Wort »Sevilla« +einen freien Platz mit Häusern, auf den eine unendlich goldene Sonne +und ein unendlich helles, unendlich stummes Feiertagsglück +herabschien. + +Und dabei dachte Rebekkens Herz gar nicht an Sevilla, was schon daraus +hervorging, daß sie im nächsten Augenblick sang: + + »Herr Junker, lat hee mit tofred’n, + rudiridiridirallalla, + Ick mutt min Swin to freten ge’m, + rudiridiridirallalla! + +Das war nämlich das Bruchstück eines Liedes, in dem ein Junker seiner +Magd mit Liebesanträgen nachstellt, die diese dann mit der +einleuchtenden Begründung zurückweist, daß sie ihren Schweinen zu +fressen geben müsse. Die Schweine gehen vor, das mußte der Junker +einsehen. Aber auch an Junker, Magd und Schweine dachte das singende +Herz der Rebekka nicht; es dachte an den Triumph des Sohnes, an den +leckeren Pfannkuchen, den sie ihm backen wollte, und an den besseren +Rock, den ihr Gatte nun bekommen sollte; denn es gab ihr einen Stich +ins Herz, wenn der stattliche Mann in abgetragenem Gewande ging. »Er +fragt ja nichts danach,« klagte sie kopfschüttelnd. + +Aber auch Ludwig Semper wollte sich diesmal einen Extragenuß +vergönnen. Heute war Dienstag, und am Freitag gab es »Lohengrin« im +Theater. Diesmal wollte er _wirklich_ hin. + +»Aber nun tu’s auch!« riefen Asmus und Rebekka wie aus einem Munde. + +»Ja, ja – natürlich!« beteuerte Ludwig. + +Am Mittwoch sagten Asmus und seine Mutter wieder: »Geh nun aber auch +wirklich hin!« + +»Gewiß, gewiß!« sagte Ludwig. + +Am Donnerstag sagten sie: »Wirst du nun auch nicht wieder sagen: ’Ach, +wozu soll ich hingehen?’« + +»Nein, nein – wenn ich’s doch sage!« + +Er war auch am Freitag mittag noch fest entschlossen und freute sich. +Als er um sechs Uhr noch keine Miene zum Aufbruch machte, rief Frau +Rebekka: + +»Du, du – du mußt jetzt gehen.« + +»Ach, ich hab mir’s anders überlegt,« sagte Ludwig. »Was soll ich da.« + +Ja, was sollte er da. + +Erstens war sein Asmus nun am Ziel, und das war ein Glück, das +eigentlich für den Rest seines Lebens allein ausreichte und das er +jedesmal neu genoß, wenn Asmus den Blick wegwandte und er ihn +ungestört betrachten konnte. + +Zweitens hatte er am Lohengrin schon so viel Vorfreude genossen, daß +eine Steigerung nicht mehr denkbar war. + +Und drittens tauchten auf der grauen Wand vor seinem Zigarrentische, +sobald er befahl, alle Sagen der Vorwelt auf, nicht die vom +Schwanenritter allein, und belebte sich der stauberfüllte Raum mit +Klängen, die an kein irdisches Instrument und keine menschliche +Schrift gebunden waren. + +Frau Rebekka war gründlich böse und schalt. »Ich versteh den Mann +nicht,« rief sie. + +Asmus verstand ihn. Er dachte daran, daß er nun bald als Lehrer vor 60 +Kindern stehen werde; er blickte von der Seite her in des Vaters Auge, +in dem die Abendsonne liebend verweilte, und er verstand es, daß man +selig sein kann im Glück seiner Träume. + + + + +Drittes Buch + +Kampf und Liebe + + + + +XXXVI. Kapitel. + +Was für ein Mann Herr Drögemüller war und was für Lieder deutsche +Kinder singen. + + +Der erste Eindruck, den Asmus Semper von Herrn Drögemüller, seinem +Hauptlehrer und Vorgesetzten, empfing, war nicht übertrieben +verlockend. Der Kopf des Mannes glich einer stark vergrößerten +Billardkugel, der man einen Rettichschwanz als Bart angeheftet und die +man im übrigen noch mit einer blauen Brille geschmückt hat. Nase, Mund +und Stirn wären in jedem Signalement als gewöhnlich bezeichnet worden. +Herr Drögemüller kanzelte gerade einen kleinen, kümmerlich +dreinschauenden Buben ab, weil er auf Holzpantoffeln zur Schule kam. +Er behandelte das gleichsam wie einen moralischen Defekt, dessen man +sich zu schämen habe, und erklärte dem verschüchtert dastehenden +Kinde, wenn das noch einmal vorkomme, werde er ihm einen »Tadel in +Ordnung« geben. + +»Wenn man das hingehen läßt,« sagte Herr Drögemüller, »dann kommen +immer mehr mit Holzpantoffeln, und man kann das Geklapper auf den +Treppen nicht mehr aushalten.« + +Asmus hatte auf der Zunge, zu sagen: »Aus Übermut trägt wohl der +Mensch keine Holzklötze an den Füßen; Stiefel sind ihm ohne Zweifel +bequemer, wenn er sie hat«; aber er wollte sich nicht gleich +opponierend einführen und sagte deshalb nur: + +»Gibt es nicht einen Verein, der solche Kinder mit Stiefeln versorgt?« + +»Gewiß!« versetzte der Hauptlehrer; »ich könnte ihm ein Paar Stiefel +anweisen; aber seine Mutter, das ist eine ganz Renitente. Als ich ihr +sagte, sie solle den Jungen doch taufen lassen – getauft ist er +nämlich auch nicht – da sagte sie, das täte ihr Mann nicht, und was +ihr Mann wolle, daß wolle sie auch.« + +»Hm,« machte Asmus. Ein Pestalozzi war dieser Mann nicht, das war +schon festgestellt. + +Er unterschied sich insofern vorteilhaft von dem »Schulmeister von +Stanz«, als er sauber und ordentlich gekleidet war; aber es war +Ordnung ohne Geschmack und Gefälligkeit, eine Ordnung mit +schlechtsitzenden Hosen und kreuzweis geknoteten Bindeschlipsen, und +als Asmus wie hypnotisiert die Karrees des grauen Rockes betrachtete, +da las er unaufhörlich 1 × 1 × 1 × 1 × 1 × 1 .... + +Nein, ein Dichter, wie der unordentliche Verfasser von »Lienhard und +Gertrud« war dieser Mann gewiß nicht, »Abendstunden eines Einsiedlers« +träumte er sicherlich nicht; aber das konnte man auch schließlich +nicht verlangen, und als er die Papiere des ihm von der Behörde +zugewiesenen Jünglings eingesehen hatte, bemerkte er sogar +liebenswürdig, er beglückwünsche sich, einen Mann von solchen +Fähigkeiten gerade an der »ihm unterstellten« Schule angestellt zu +sehen. + +Wie ganz anders ward Asmussen ums Herz, als er sich wenige Tage später +mitten in einen Garten von sechzig jungen Menschenpflanzen gestellt +sah, wo sechzig lebendige Brünnlein aus roten Lippen sprangen. In +einem Punkte freilich hinkte der Vergleich mit einem Garten +bedenklich: die Pflanzen haben die gute Gewohnheit, ihren Ort nicht +willkürlich zu verändern; diese Menge von Kindern aber war in ihren +Bewegungen höchst willkürlich, und Asmussen kam es vor, als habe er +einen Topf voll Mäuse zu hüten und müsse aufpassen, daß keine über den +Rand springe. Einige zwar saßen bang und verschüchtert da; sie mochten +ein unerhört Neues, ein fürchterlich Geheimnisvolles erwarten und +waren vielleicht mit der Vorstellung gekommen, daß der Bakel +unaufhörlich durch die Schulstube sause wie die Sense des Mähers übers +Feld; denn es gibt Eltern, die die Arbeit des Lehrers liebevoll +vorbereiten, indem sie Kindern, die sie nicht bändigen können, mit der +Aussicht drohen: »Na, warte nur, wenn du zur Schule kommst! Der Lehrer +wird dich schon bläuen.« Aber sobald diese Beklommenen merkten, daß +der »Herr Lerrer« kein Menschenfresser sei und sogar großartigen +»Spaß« mache, zogen gerade sie die weitesten Konsequenzen und gingen +über Tisch und Bänke. Und sieh, da schritt schon einer festen +Schrittes auf die Tür zu. + +»Wohin?« fragte Asmus. + +»Ich will’n büschen ’raus!« versetzte das Bürschchen unbefangen. + +»Was willst du denn draußen?« + +»Och, ’n büschen spielen.« + +»Ja, Mensch, so allein spielen, das macht doch keinen Spaß. Wart’ nur +noch einen Augenblick, dann gehen wir alle hinaus und spielen »Jäger +und Hund«. + +Das leuchtete dem Flüchtling ein. »O djä!« rief er, senkte beide +Fäustchen in die Hosentaschen und ging wieder auf seinen Platz. + +»Du, ich hab’ Limburger Käse aufs Brot!« rief eine Stimme aus dem +Hintergrunde. Asmus ging hin und äußerte seine teilnehmende +Begeisterung über den Limburger Käse. Natürlich mußte er jetzt den +Inhalt zahlloser Frühstücksdosen bewundern. + +»Ich hab’ Leberwurst auf’m Brot!« »Ich hab’ ’ne Apfelsine!« »Ich hab’ +Schokolade!« schrie es durcheinander. + +»Ihr könnt wohl lachen!« sagte Asmus. »Meine Mutter hat mir keine +Schokolade mitgegeben.« + +»Da!« Ein Junge sprang aus der Bank und hielt ihm ein Stück Schokolade +hin. + +Asmus dankte gerührt, löste das Papier von der Schokolade und wollte +sie dem Geber in den Mund schieben; der aber lehnte entschieden ab. + +Da sah Asmus zwei brennende Augen in verzehrendem Verlangen auf sich +gerichtet; es waren die Augen eines dürftig gekleideten, blassen +Bürschchens. + +»Soll _er_ sie haben?« fragte Asmus den Spender. + +Der nickte eifrig ja, und begierig griff der Verlangende nach der +köstlichen Leckerei. + +Um den Schwarm endlich zu beruhigen, sagte Asmus: »Soll ich euch mal +’ne Geschichte erzählen?« + +»O ja, man zu, man zu!« schrien sie durcheinander. Und er erzählte +ihnen das Ur- und Anfangsmärchen vom Rotkäppchen, das sie alle +verstehen und das sie beim hundertsten Male ebenso gern hören wie beim +ersten Male. + +Als er mitten im Erzählen war, kam ein Junge aus der Bank heraus, ging +auf Asmussen zu, ergriff dessen Hand und sagte: + +»Du, ich mag dir gerne leiden.« + +»Soo?« sagte Asmus; »Junge, das ist ja prachtvoll; ich dich auch; aber +dann mußt du jetzt auch ganz still sitzen bleiben und zuhören!« + +»Ja,« erklärte der Kleine überzeugt und ging ruhig wieder an seinen +Platz. + +Für einen andern aber hatte Asmussens Erzählung offenbar keinen Reiz. +Er erhob sich und steuerte geraden Wegs auf die Tür zu. + +»Was willst du denn?« fragte Asmus. + +»Ick will noh Hus,« lautete die sehr entschiedene Antwort. + +»Jä, dat geiht ober nich; du muß noch’n bitten hierblieben.« + +Der kleine dicke Bursche explodierte in einem furchtbaren Geheul. + +»Ick will ober noh Huuus!« brüllte er. + +»Wat wullt du denn dor?« + +»Ick will bi min Mudder sin!« + +»Minsch, de Klüten (Klöße) sünd jo noch gornich fertig.« + +Der Kleine nahm die Fäuste von den Augen und starrte ihn sprachlos an. + +»Du wullt wull gern Klüten un Plum’n (Pflaumen) eeten, wat?« fragte +Asmus. + +»Jo,« versetzte der Kleine, von so viel Verständnis seiner Seele +überrascht. + +»Jä, Hein, de sünd jo noch gornich gor! Bliev man noch’n bitten +sitten; ich segg Di denn Bescheed, wenn din Mudder se fertig hett.« + +Auf diesen Kontrakt ging Heinrich Lohmann ein und verfügte sich +langsam wieder an seinen Platz. + +Als die Geschichte zu Ende war und die Geisterchen wieder nach allen +Himmelsrichtungen anseinanderfielen, sprach er: + +»Nun paßt aber mal auf, was jetzt kommt!« + +Sie waren plötzlich still. + +Mit geheimnisvollen Mienen ging Asmus an einen Schrank. + +»Was ich wohl hier im Schrank habe!« sagte er. + +»Frühstück!« + +»Nein.« + +»Schokolade!« + +»Nein.« + +»’n Bilderbuch!« + +»Nein. In diesem Schrank hab’ ich einen Vogel; wenn man den +streichelt, dann singt er.« + +»Oooh – laß ihn mal ’raus!« riefen einige. + +»Ja, ich will ihn mal herauslassen.« Er öffnete den Schrank und nahm +einen Geigenkasten heraus. + +»O, ich weiß, Herr Lehrer, ich weiß!« riefen ein paar Gescheite. + +»Pst! Nichts verraten! Das ist das Vogelbauer. Paßt gut auf, daß er +nicht herausfliegt,« sagte er zu den Nächsten, und sie spreizten die +Händchen und öffneten die Mäulchen, als wollten sie den Flüchtling mit +Mund und Händen auffangen. Die Hintensitzenden stiegen auf die Tische +und reckten die Hälse. Asmus öffnete den Kasten und nahm Geige und +Bogen heraus. + +»Hurra – hallo,« schrien sie alle; aber dann wurden sie noch stiller +als zuvor, und nun hatten alle die Schnäbel offen. + +Asmus setzte den Bogen an und spielte einen raschen Lauf vom kleinen #g# +bis zum dreigestrichenen. + +Da waren sie plötzlich wie »voll süßen Weins«, sie gingen über Tisch +und Bänke, hopsten, sprangen und faßten sich an und tanzten. + +»Was soll ich nun ’mal spielen« fragte Asmus. + +Ach, was mußte er da für Erfahrungen machen! Einige nannten ein paar +Spiellieder, die sie in einem Kindergarten gelernt hatten; die meisten +aber nannten Gassenhauer und Operettenmelodien, die auf die Drehorgel +gekommen waren. Ein rechtes, gutes Volkslied nannte nicht einer; denn +das deutsche Volkslied wird im deutschen Hause nicht mehr gesungen. + +Asmus erzählte ihnen von dem Häslein, das der Jäger totschießen +wollte, und dann sang er: + + Als der Mond schien helle, + Kam ein Häslein schnelle, + Suchte sich sein Abendbrot, + Hu, ein Jäger schoß mit Schrot. + +Er sang, wie das Häslein den Mond bat, sein Licht auszulöschen, und +wie es dem Jäger entkam. + + Häslein ging zur Ruhe, + Zog aus Rock und Schuhe, + Legte sich ins weiche Moos, + Schlief wie auf der Mutter Schoß. + +und die Lieblichkeit von Wort und Weise, die Unschuld der Kindertage, +da er sie zuerst gesungen, die Schönheit der Stunden, da er sie bei +Meister Bruhn gehört und gegeigt, und die saugende Andacht all dieser +reinen Augen, die durstig an seinen Lippen hingen, überströmten sein +Herz mit einem so überschwenglichen Glück, daß ihm die Augen feucht +wurden. + +»Nun will ich’s einmal spielen,« sprach er und spielte das Lied. + +»Wollt ihr jetzt ’mal mitsingen?« + +Jubelnd ergriffen sie diesen Vorschlag. + +Und alle sangen sie mit. Ei, ei, ei, war das eine Musik! Es klang noch +ganz furchtbar. Aber sie fanden es schön, und am eifrigsten sang Peter +Brandenburg, dessen Gehör und Stimme nur einen einzigen Ton hatten, +und der klang wie das Surren einer Hummel, die man in eine Schachtel +eingesperrt hat. + +»Wer will mir nun ’mal was vorsingen?« fragte Asmus. + +Manche getrauten sich nicht; aber die meisten hielten mit ihrem Talent +nicht zurück und sangen frisch von der Leber weg. + + »Denke dir, mein Liebchen, + Was ich im Traume geseh’n« + +oder + + »Dat Scheunste, wat man hett, + Dat is so’n Zigarett’« + +oder + + »Ach, mein Schreck, ach, mein Schreck! + Meine teure Hulda ist weg!« + +nein, so viel Asmus auch horchte und forschte und hoffte, er hörte +nichts Gutes, Schönes, Gesundes. Wohl aber begann ein Bürschlein +frisch und frei ein ausgesprochenes Zotenlied zu singen. + +»Genug, genug!« rief Asmus und hieß das Kind schweigen. Dies Lied, von +frischen Kinderlippen ahnungslos gesungen, hatte ihm einen furchtbaren +Eindruck gemacht. Die Schule lag in der Hafengegend; unter ihrem +Publikum gab es mancherlei Armut und Verwahrlosung, und unter den +Schülern waren auch Kinder »anrüchiger« Straßen. + + + + +XXXVII. Kapitel. + +Herr Drögemüller als Einkassierer des Schicksals. + + +So groß sein Mitgefühl mit den Kindern der Enterbten und Verachteten +war, so schien ihm doch seine Aufgabe um so schöner und lockender, je +schwieriger sie war. Die wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« +Familien erziehen, das war keine Kunst – so dachte er wenigstens +damals; er sollte noch anders darüber denken lernen – aber hier galt +es, Knoten zu lösen und Hindernisse zu überwinden. Und schon nach +wenigen Tagen sollte ihn ein »Riesenerfolg« in seinem Glauben an sein +Werk bestärken. Am vierten oder fünften Tage seines Lehrertums kam +Herr Drögemüller mit einer Liste in die Klasse und fragte: »Ist +Heinrich Lohmann hier?« + +Jawohl, Heinrich Lohmann war _da_; es war derselbe, den am ersten Tage +die Sehnsucht nach den Klößen seiner Mutter ergriffen hatte und der +dies Gefühl in reinstem Plattdeutsch unverhohlen zum Ausdruck gebracht +hatte. Er gehörte in eine Nachbarschule und war irrtümlich in Sempers +Klasse gekommen. + +»Du gehörst in eine andere Schule, mein Sohn,« sagte Herr Drögemüller. +»Pack’ deine Sachen und komm mit.« + +»Nee,« sagte Heinrich Lohmann munter, »ick will hier blieben.« Selbst +Herr Drögemüller mußte lachen. + +»Ja, mein Junge, das geht nicht,« sagte er, »komm nur schnell.« + +»Ick will ober leever hier blieben,« wandte Lohmann mit schwächerem +Widerstande ein. + +»Na, nu’ mach flink, Junge, mach flink!« drängte der Hauptlehrer. + +Lohmann packte widerstrebend seine Sachen und folgte Herrn +Drögemüller; aber als er nun Sempern die Hand zum Abschied geben +sollte, warf er alles, was er trug, auf den Boden, umklammerte +Asmussens Bein und schrie: »Ick will bi di blieben! Ick will bi di +blieben!« + +Asmussen wurde es wunderlich ums Herz. + +»Kann er denn nicht hier bleiben?« fragte er den Hauptlehrer. +»Vielleicht kann ja ein anderer – –?« + +»Nein, das geht nicht!« versetzte Drögemüller kurz. »Er wohnt ja nicht +in unserm Bezirk. – Jetz komm, Junge, sonst – –« + +Asmus klopfte dem Kleinen die Wangen und sagte: »Na, Heinrich, dann +geh nur mit. Wenn die Schule aus ist, besuchst du mich mal, was? Und +ich besuch’ dich auch mal, ja?« + +Da gab sich Heinrich Lohmann zufrieden, sammelte unter Tränen seine +Bibliothek zusammen und schlich davon. + +Asmus Semper war glücklich. Also schien ihm die Kraft gegeben zu sein, +die Herzen der Kinder zu gewinnen, und darüber war er unsäglich froh. +Überhaupt lebte er wie in einem Rausche. Diese tausendfältigen, +rückhaltlosen Offenbarungen der Kindesseele überwältigten seine +Beobachtungskraft; er wußte nicht, wie er diesen Reichtum in die +Scheuern bringen und verwerten sollte. Und viel zu früh schloß er den +Kindern den Mund durch regelrechten Unterricht; seine Taten hinkten +noch weit hinter seinen Ideen her. Er hätte noch länger die Eigenart +jedes einzelnen Kindes hervorlocken sollen, wenn er den Wegen +Pestalozzis folgen wollte; aber er fürchtete, die Kinder würden nicht +lernen, was sie nach dem »Pensum der Klasse« lernen sollten, wenn er +nicht den stundenplanmäßigen Unterricht beginne. Herr Drögemüller +hatte sich ohnedies schon bemerkbar gemacht. Als Asmus eines Tages +einen Knaben ein Märchen erzählen ließ, war Herr Drögemüller, der es +nicht für ein Gebot der Höflichkeit hielt, anzuklopfen, in die Klasse +getreten, hatte durch seine blaue Brille auf den an der Wand hängenden +Stundenplan geblickt und gesagt: + +»Sie haben jetzt eigentlich Rechnen, nicht wahr?« + +»Jawohl,« hatte Asmus gesagt. + +»Hm,« hatte dann Herr Drögemüller gesagt, und er war wieder +hinausgegangen. – – Ja, Asmus war glücklich; aber wie es das Schicksal +gewöhnlich mit ihm gehalten hatte, so tat es auch diesmal; von dem +vollen, hundertprozentigen Glück, das es ihm gegeben, zog es neunzig +Prozent Wucherzinsen ab, und der Exekutor, der die neunzig Prozent +einkassierte, war diesmal Herr Drögemüller. + +Herr Drögemüller war Junggeselle, und so hatte er zu viel Zeit für +seinen Beruf. Man hat immer dann zu viel Zeit für seinen Beruf, wenn +man sie zur Auffindung neuer und fruchtbarer Gedanken aus einem +gewissen inneren Mangel nicht anwenden kann, sie vielmehr mit der +Erfindung immer neuer Reglements-Paragraphen verbringen muß. Jedesmal, +wenn Herr Drögemüller ein paar freie Stunden gehabt hatte, trug +alsbald danach ein Knabe durch alle Klassen eine Verfügung, unter die +jeder Lehrer sein »#Vidi#« setzen mußte. Herr Drögemüller wußte aus +der Arithmetik, daß, wenn man unablässig addiert, zuletzt eine hohe +Summe herauskommen muß, und so hoffte er durch unermüdliche +Hinzufügung von »Verbesserungen« seine Schule auf den Gipfel der +Vollendung zu bringen. Wenn ihm aber jemand mit umwälzenden Methoden +oder gar mit neuen Lehrzielen kam, dann bekam er Entrüstung mit +Fieber. Welche Anmaßung, wenn ein Lehrer es besser wissen wollte als +Drögemüllers Seminardirektor! Seine Berufsanschauung ruhte auf drei +Axiomen als auf drei unerschütterlichen Säulen: + + 1. Die Alten sind klüger als die Jungen. + + 2. Die Toten sind klüger als die Lebendigen. + + 3. Die Vorgesetzten sind klüger als alle. + +und seine Berufsanschauung war auch seine Weltanschauung; denn er war +der Meinung, ein Lehrer habe sich weder um Kunst und Literatur, noch +um Politik, noch sonst um etwas anderes als allein um seinen Beruf zu +kümmern. + +Er verbrachte denn auch seine Tage am Schreibtisch seines Bureaus; +seine Wohnung war eigentlich nur Schlafstelle, und in seiner +bescheidenen Bibliothek stand kein neues Buch. Trotzdem hielt er sich +für einen gewissenhaften Beamten. + +Daß er mit diesem Mann nicht lange in Frieden leben werde, davon hatte +Asmus eine deutliche Ahnung. Schon wenn er ihn sprechen hörte, wurde +ihm unbehaglich. Er war immer so empfindlich gewesen für menschliche +Stimmen; die Stimme war ihm der Mensch, und besonders wahr und schön +war’s ihm immer erschienen, daß der wahnsinnige Lear von der Stimme +der toten Cordelia sprach. Drögemüller aber heulte durch die Nase und +sprach, als wenn er einen zu schmal gewölbten Gaumen hätte. + +Gleich am ersten Tage sah Asmus etwas, was ihn geradezu erschreckte. +Kinder während der Schulpause – das war ihm immer ein Bild befreiter, +sprudelnder Jugendlust gewesen. Es war ihm gar nicht der Gedanke +gekommen, daß das anders aussehen könne. Und hier sah er die Kinder, +zu Vieren geordnet, langsam hintereinander hertappen, wie Gefangene, +die man gerade so viel lüftet, wie zur Erzielung einer guten +Gesundheitsstatistik unbedingt erforderlich ist. Und in der Mitte des +Schulhofs ging ein Lehrer auf und ab, der darauf achten mußte, daß +keiner aus der Reihe trat. Nun bemerkte Asmus freilich bald, daß der +größere Teil des Kollegiums die Verfügung des Chefs nicht mehr +sonderlich ernst nahm; die Herren ließen denn auch den spazierenden +Kindern die Zügel leidlich locker. Dann freilich tauchte gelegentlich +Herr Drögemüller auf und verwies laut scheltend die zuchtlosen +Elemente in ihre Reihen zurück, um dem Aufseher zu demonstrieren, daß +er seine Pflicht verletze. Die Herren, meistens ältere, wohlverdiente +und zum Teil ihrem Chef bei weitem überlegene Männer, aßen ihr +Frühstück ruhig weiter und taten nach wie vor, was sie für gut +hielten. Aber jetzt waren drei junge Herren ins Kollegium gekommen, +und die wollte Herr Drögemüller gleich richtig an die Kandare nehmen, +damit sie ihm nicht über den Kopf wüchsen. + +Als Asmus zum erstenmal die Aufsicht führte, freute er sich über +jeden, der die Ordnung der Sektionen verließ. Aber siehe, schon war +Herr Drögemüller da und heulte durch die Nase und trieb die +Schwarmgeister an ihren Platz. + +»Das geht aber nicht, Herr Semper; achten Sie bitte strenge darauf, +daß die Schüler zu vieren gehen.« + +»Ja, da kann dann freilich von Erholung nicht mehr die Rede sein,« +bemerkte Asmus. + +»Ooh, das wollen wir doch nicht sagen!« + +»Ja, für siebzigjährige Spittelleute mag das ja eine genügende +Erholung sein; aber junge Körper, wenn sie stundenlang in der Bank +gesessen haben, wollen sich gehörig tummeln und die Lungen +reinpumpen.« + +»Herr Semper, wenn wir das einreißen ließen, dann würden wir jeden Tag +blutige Nasen und gebrochene Gliedmaßen und hinterher die Klagen der +Eltern haben.« + +»Herr Drögemüller, wir haben uns als Jungen auf dem Schulhof +geschlagen wie Hunnen und Nibelungen, und blutige Nasen habe ich mehr +als eine davongetragen; ich habe aber Blut genug übrig behalten, +vielleicht noch zuviel. Nach Ihren Grundsätzen müßte man den Kindern +das Spiel überhaupt verbieten; denn Unfälle, sogar tödliche, sind +freilich niemals ausgeschlossen.« + +»Was anderswo passiert, ist mir einerlei, in _meiner_ Schule soll aber +so etwas nicht vorkommen, und darum muß ich darauf dringen, daß meine +Anordnungen befolgt werden.« + +In Asmus wirbelte etwas empor; aber der Vorgesetzte hatte bereits den +Rücken gewandt und war gegangen. + + + + +XXXVIII. Kapitel. + +Schon wieder gibt es einen Zusammenstoß. + + +Sempern erfüllte ein seltsam unbehagliches Gefühl. Sollte ein Lehrer +sich wie ein Handlanger traktieren lassen? Sein aufbrausendes Blut, +das sich schnell über jedes Unrecht empörte, wollte ihn zu offener +Auflehnung fortreißen. Dazu kam, daß seine Jugend, wenn auch nicht von +revolutionärem Sinn, so doch von revolutionären Gedanken genährt war. +Er hielt es noch immer mit den Tyrannenmördern und Volksbefreiern. +Aber andrerseits hatte er zu viel klaren Verstand, um an eine Welt +ohne Regierung und Gesetz zu glauben. Jeder mußte sich unterordnen, +das wußte er wohl. Und wenn ein Vorgesetzter schwach war, – die, die +ihn eingesetzt hatten, waren Menschen und dem Irrtum unterworfen wie +er selbst. Aber wenn die Obrigkeit in der Wahl der Oberen gar zu +töricht oder gewissenlos war, dann war Auflehnung so natürlich und +notwendig wie sonst die Unterordnung, dann war Widerstand Pflicht, vor +allem der Kinder wegen. Aus diesem Zwiespalt kam er nicht heraus. + +Andere Skrupel und Sorgen kamen hinzu. Er mußte den Kleinen +Religionsunterricht geben. Waren nun diese biblischen Geschichten +geoffenbartes Gotteswort, dessen Wahrheit sich auch dem kaum erwachten +kindlichen Geiste auf wunderbar intuitiven Wegen erschloß? Nein, das +glaubte er nicht, konnte er also auch nicht lehren. Sollte er also die +Geschichte der Juden und das Leben Jesu kritisch, rationalistisch, +liberal-theologisch behandeln? Der Hamburgische Staat nahm es im +Gegensatz zu andern deutschen Staaten mit der Gewissensfreiheit +leidlich ernst und schrieb seinen Lehrern nicht vor, wie sie die Bibel +zu behandeln hätten. Aber wenn dies alles nicht zweifellose, der +kindlichen Seele ohne weiteres zugängliche göttliche Wahrheit war – +dann war es ja heller Unsinn, diese Materien mit sechs- bis +siebenjährigen Kindern zu behandeln, dann waren es Materien für reife +Jünglinge und Männer. Diese religiösen Bedenken verfitzten sich mit +pädagogischen und künstlerischen. Die biblischen Historien mit den +Worten der Bibel erzählen, das hieß nach seiner Meinung, die armen +kleinen Kerle mit unverständlichen Worten und Begriffen quälen und war +also unmöglich. Die alten Berichte aber mit eigenen, modernen Worten +erzählen, dagegen sträubte sich alles in ihm, das schien ihm eine +unerhörte vandalische Versündigung gegen die erhabene, ehrwürdige +Kraft und Schönheit dieser Mythen. Man konnte ja auch den »Faust« mit +anderen Worten erzählen; aber war das der »Faust«? + +Aber das Allerschlimmste war doch, daß diese Geschichten unzweifelhaft +einen persönlichen Gott annahmen und von einem Jesus berichteten, der +Wunder tat, vom Tode auferstand und gen Himmel fuhr. Sich mit leeren +Worten um diese Fragen herumdrücken, war unwürdig, war ihm unmöglich. +Freilich, er konnte es machen wie #Dr.# Korn; er konnte den Kindern +sagen: So berichtet die Bibel; was ihr glauben wollt, ist eure Sache. +Aber das konnte man vor Jünglingen tun, nicht vor sechs- bis +siebenjährigen Knäblein. Die konnten noch nicht sondern und wählen; +die hingen mit dem treuen Blick des Glaubens an seinem Munde; die +glaubten alles, was er sagte, und ahnten noch nicht, daß ein Lehrer +etwas sagen könne, was er selbst nicht glaube. + +Endlich blieb noch der Ausweg, sich als »Beamten« zu fühlen, der ein +Amt und keine Meinung habe. Er konnte diese Dinge einfach nach der +orthodoxen Dogmatik behandeln und zum Beispiel die Stelle von der +Schlange, die »denselbigen in die Ferse stechen werde«, als +messianische Weissagung hinstellen, am Ende des Monats sein Gehalt +einstreichen und die Verantwortung denen überlassen, die den +Religionsunterricht verlangten, das war das sicherste. Aber diese +handwerkerliche Auffassung von seinem Beruf konnte er sich eben nicht +angewöhnen, so selbstverständlich sie auch Herrn Drögemüller schien. +Denn diese sechzig Kinder wurden einmal sechzig Menschen, und was er +als winziges Körnchen in ihre Seele warf, war vielleicht nach zwanzig +Jahren ein Baum, ein nährender Fruchtbaum oder ein Giftbaum oder ein +leeres Gestrüpp. Der Arzt, der nach bestem Wissen und Können in einen +lebendigen Menschen hineinschnitt, konnte auch nicht zur Verantwortung +gezogen werden; aber es war doch ein verteufeltes Gefühl, einen +Menschen unter dem Messer zu haben. + +Er beschloß bei sich, diesen Unterricht so bald wie möglich abzugeben, +und fand, daß der Modus seines ehemaligen Direktors noch der +redlichste und erträglichste sei. Er trug den Kindern die Bibel vor, +wie sie war, und enthielt sich jeder kritischen Beleuchtung. Nur sagte +er dann nicht: Ihr könnt’s glauben, könnt’s auch lassen, sondern +getröstete sich der Hoffnung, daß sie sich bei wachsender Reife in der +Stille ihres Herzens wohl selbst mit diesen Dingen abfinden würden. + +Ein herzlicher Unterricht konnte das freilich nur in solchen +Augenblicken werden, wo die Naivität der biblischen Geschichten mit +der Naivität der Kindesseele zusammenfiel; und in solchen Augenblicken +atmete das Herz des jungen Schulmeisters erleichtert und beglückt. Und +eine Fülle der Freuden quoll fast aus allen andern Stunden. Nur +stampfte ihm Herr Drögemüller eines Tages auch in den Leseunterricht +hinein. Herr Drögemüller dachte es sich wunderschön, wenn alle drei +neuangestellten Lehrer den Leseunterricht auf völlig gleiche Weise +erteilen würden, und zwar auf ebendieselbe Weise, die er vor 25 Jahren +auf dem Seminar erlernt habe. In seiner Schule sollte alles ordentlich +hergehen: alle sollten auf Schuhen kommen, alle sollten Schulgeld +zahlen, alle denselben Glauben haben und auf dieselbe Weise »gebildet« +werden. + +Einer der neuen Herren tat ihm auch den Gefallen; Asmus aber und der +andere gingen ihre eigenen Wege. Herr Drögemüller bemerkte das mit +Mißfallen. + +»Machen Sie es nicht so, wie ich es Ihnen neulich gezeigt habe, Herr +Semper?« fragte er. + +»Nein,« lautete die ebenso kurze wie unzweideutige Antwort. + +»Warum denn nicht?« + +»Weil ich meine Weise für richtiger halte.« + +»Aber Herr Semper – Sie werden wohl zugeben, daß ich mehr Erfahrung +habe als Sie –.« + +»Das mag sein; aber ich muß meine Methode selber finden, und nur nach +der Methode, die meiner Überzeugung entspringt, kann ich unterrichten. +Wenn es die Jungen immer machen müßten wie die Alten, dann könnten Sie +und ich überhaupt noch nicht lesen.« + +»Das ist ja wohl sehr geistreich, Herr Semper; aber gleichwohl muß ich +Sie bitten, meine Wünsche zu respektieren.« + +»Mit Recht sagen Sie »Wünsche«, Herr Drögemüller, und nicht »Befehle«. +Denn »Befehle« gibt es hier nicht. Ich bin nur verpflichtet, meine +Schüler zu fördern. Welche Methoden ich dabei anwende, ist ganz allein +meine Sache.« + +Drögemüller war bleigrau im Gesicht geworden und schnappte, als wenn +er Luft für einen längeren Satz einnehme; er entschied sich dann aber +nur für ein: »Na, wenn Sie meinen –« und ging mit rachsüchtig +geschwungenen Beinen hinaus. Als er draußen war, stenographierte er +etwas sehr Langes in sein Notizbuch. Die Methode ist frei, dachte +Drögemüller, darin hat er recht; aber ich werde schon andere Pfeifen +schnitzen, nach denen er tanzen soll. + +Zunächst indessen sollte Asmus ein wenig nach den Pfeifen des +Exerzierplatzes tanzen. Bei der Generalmusterung im Sommer war er +endgültig »gezogen« worden, und nun war die Order gekommen, daß er +sich am 1. Oktober auf dem Altenberger Kasernenhofe einzufinden habe. + + + + +XXXIX. Kapitel. + +Ist teilweise im Kasernenstil geschrieben und belehrt uns durch die +Güte des Herrn Schieß-Unteroffiziers, was für ein Mensch dieser Asmus +Semper eigentlich ist. + + +Was ihm an diesen Musterungs- und Gestellungsbefehlen aufgefallen war, +das war die Ängstlichkeit, mit der auch der leiseste Verdacht einer +höflichen Gesinnung vermieden war. Er fand, daß dieselben Befehle mit +derselben Entschiedenheit in einer Form gegeben werden könnten, die +mehr nach menschlicher Gesellschaft klang. Sie berührten ihn, als +wären sie mit Absicht so schroff wie möglich formuliert, um das +persönliche Selbstbewußtsein von vornherein auf den Nullpunkt +zurückzutreiben. Überhaupt begann er diese sechs Wochen, die er als +»Schulamtskandidat« unter Waffen zubringen sollte, nicht mit gehobenen +Gefühlen. Ludwig Semper freilich sprach noch immer von seinen +Soldaten- und Kriegsjahren als von einer frischen, fröhlichen Zeit; +aber »beim Preußen« war’s anders, und die vielen und abscheulichen +Soldatenmißhandlungen, von denen die Zeitungen berichteten, hatten +Asmussen immer mit Zorn und Entsetzen erfüllt. Frau Rebekka schwankte +zwischen Stolz und Bangen. Sie war stolz, daß man ihren Sohn für +tauglich befunden hatte, und sie bangte, daß man ihn mißhandeln und +überanstrengen könne. + +Und gleich der ganze erste Tag war eine Mißhandlung, aber keine +böswillige. Die Herren Schulamtskandidaten standen nämlich mit kleinen +Unterbrechungen von morgens acht bis abends sieben Uhr auf dem +Kasernenhof und warteten. Einmal erschien ein Feldwebel und rief ihre +Namen auf, und dann warteten sie wieder sechs Stunden. Einmal +beobachtete Asmus einen Haufen Offiziere, und ein sehr temperamentvoller +Herr unter ihnen schrie: »Denken Sie, der Seckendorff läßt sich wegen +Krankheit beurlauben und verzehrt ein großes Beefsteak mit +Spiegeleiern.« Asmus fand dies merkwürdig, aber für einen Tag war es +nicht Unterhaltung genug. Er gehörte sonst zu den Menschen, die man wohl +langweilen kann, die sich aber niemals selbst langweilen, weil die +Gedankenmühle von selber geht wie ein #perpetuum mobile#. Aber so auf +einem Fleck stehend und immer wartend, konnte man weder Gedichte machen, +noch Gedankenspiele treiben; er litt Höllenqualen der Langenweile. +Endlich, um sieben Uhr abends erschien ein Sergeant und erklärte ihnen, +sie könnten nach Hause gehen. Denn die Schulamtskandidaten durften zu +Hause schlafen und essen. + +Am andern Morgen ging es endlich los. Der Sergeant Greifenberg trat +vor die Front von Asmussens Abteilung und hielt eine Rede. + +»Meine Herren,« sagte er, »ick hoffe, dat Sie als jebildete Herren mir +meine Arbeit so leicht wie möglich machen wer’n. Ick werde Se nu mal +ausbild’n. Wenn Se ooch noch so jelehrt sind, hier müssen Se doch noch +wat zulernen. Sie sind Lehrers; aber ick bin der Lehrer von die +Lehrers. Schtilljeschtanden!« + +»Un denn merken Se sick jleich,« sagte Herr Greifenberg, indem er auf +einen der Kandidaten losging, »jelacht wird nich im Jliede. Wat ick +sage, is nich zum Lachen; de Sache is sehr ernst.« + +Und nun begannen die Übungen; aber Herr Greifenberg stellte keine +unmenschlichen Anforderungen, und Herr von Birkenfeld, der ausbildende +Leutnant, noch weniger. Furchtsame Gemüter konnte freilich Herr von +Birkenfeld zunächst abschrecken; denn er markierte den rauhen +Kriegsmann, der weder Teufel noch Kognak fürchtet und »Sauerei« und +»Schweinekram« für verblümte Redensarten hält. Wenn ihm die Richtung +eines Gliedes nicht gefiel, so sagte er, in einem milden, väterlichen +Tone beginnend: + +»Ei, ei, ei, das Glied steht ja schweinemäßig! Der rechte Flügelmann, +nehmen Sie den Bauch herein, ins drei Deubels Namen! Der Kerl taugt +zum Flügelmann wie der Igel zum Schnupftuch!« Er sagte aber nicht +»Schnupftuch«, sondern ganz etwas anderes, und wenn er von den +unteren menschlichen Extremitäten sprach, so gebrauchte er eine +Bezeichnung, die man nur unter Männern wiederholen kann, wenn keine +Theologen zugegen sind. Im übrigen hatte er mit dem Flügelmann nicht +unrecht. Der Schulamtskandidat Plambeck war der längste und dickste +von allen; aber als er ein Gewehr mit einer Platzpatrone darin +abdrücken sollte, da versagte er. + +»Warum drücken Sie nicht ab?« rief Herr von Birkenfeld. + +Plambeck hob den Kolben wieder an die bleiche Wange und setzte wieder +ab. + +»Na, wollen Sie jetzt vielleicht die Liebenswürdigkeit haben, +abzudrücken?« schrie der Leutnant. + +Plambeck hob schlotternd das Gewehr und ließ es abermals sinken. + +Jetzt trat Birkenfeld nahe an Plambeck heran und sagte ruhig: + +»Sagen Sie, fürchten Sie sich?« + +»Ja,« versetzte Plambeck ehrlich. + +»Na, Sie sehen doch, die andern haben auch geschossen und sind auch +ganz geblieben. Ich werde jetzt kommandieren und Sie werden schießen. +Legt an! – Feuer!« + +I, keine Spur von Feuer. + +»Heiliges Astloch!« schrie Birkenfeld. »So was ist mir denn doch noch +nicht vorgekommen! Sagen Sie mal, wie denken Sie sich das eigentlich, +’n Soldat, der nich schießt! ’n Soldat, der sich vor seiner Knarre +fürchtet! Was wollen Se denn eigentlich machen, wenn –« + +»Bums!« Plambeck hatte abgedrückt und lächelte stolz. + +»Himmel, Schnaps und Wolkenbruch! Jetzt schießt mir der Kerl gleich in +die Visage!« schrie Birkenfeld. »Herrrr, ich werde Sie ins Loch +stecken, Herrrr!« + +Aber er steckte niemanden ins Loch, nicht einmal Büsing, der es doch +einigermaßen verdient hatte. Büsing hatte morgens bei der Schießübung +zu viel »Zielwasser« getrunken; die Kneipe lag in allzu verlockender +Nähe des Schießstandes. Herr von Birkenfeld, der eine verständnisvolle +Leber besaß, hatte gesagt: »Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie +aus.« Das hatte Büsing so gründlich besorgt, daß er nachmittags eine +Stunde zu spät zum Dienst gekommen war. Büsing war das aber noch immer +nicht des Frevels genug gewesen; er hatte sich lächelnden Mundes bei +dem Herrn Leutnant gemeldet mit den Worten: + +»Vom Ausschlafen zurück!« + +Da hatte ihm Birkenfeld zwar drei Tage aufgebrummt; aber er hatte sie +ihm noch am selben Tage erlassen. Wenn er fluchend und wetternd und +mit gezücktem Degen den Parademarsch abnahm und sein breiter blonder +Bart im Winde wehte, dann sah er aus wie ein Eisenfresser, und doch +war er ein vom Grund des Herzens humaner Mann, für den die Worte +»gutes, kameradschaftliches Verhalten« nicht nur auf dem Papier +standen und der im gemeinen Soldaten den gleichwertigen Menschen und +Waffengenossen sah. Einmal hatte er aber doch etwas zu saftig +geschimpft. Als der Schulamtskandidat Thölemann, der wie ein künftiger +Pastor aussah, sprach und fühlte, gleich einer nassen Unterhose am +Reck hing und ebensowenig wie dieses Kleidungsstück einen Klimmzug zu +machen imstande war, da schrie Birkenfeld: + +»Herrrr, sei’n Se nich so schlapp, Herrrr! Deubel noch’n mal! Kerl hat +natürlich die ganze Nacht bei Wachtmann ’rumgeh–t!« + +»Wachtmann« war ein ziemlich unethisches Tanz- und Nachtlokal, und das +wollte sich Thölemann nicht bieten lassen. Er wollte sich über +Birkenfeld beschweren. Und es war das beste Zeugnis für diesen +Leutnant, daß die Kameraden Thölemannen abrieten, weil man die +Schimpfreden Birkenfelds nicht tragisch nehmen dürfe, und nicht am +wenigsten trat Asmus für den Beleidiger ein. Er liebte solche +Menschen, die sich von Temperament und Leidenschaft fortreißen ließen +und es im Grunde des Herzens doch gut meinten; er fühlte sich ihnen +verwandt. Übrigens überlegte sich Birkenfeld seine Diagnose noch +einmal, bat Thölemann um Entschuldigung, und die Sache war erledigt. + +Daß Schimpfen und Schimpfen zweierlei ist, das bewies Asmussen Seine +Exzellenz der Herr Schießunteroffizier. Asmus hatte durch irgendeinen +Zufall keine Exerzierpatronen erhalten und sollte sie sich vom +Schießunteroffizier holen. Er suchte den Herrn auf, nahm die +vorschriftsmäßige Haltung ein und sagte: + +»Darf ich bitten um meine Exerzierpatronen?« + +Da sah der Herr Schießunteroffizier Asmus Sempern mit einem langen +Blick sprachloser Entrüstung an. Endlich aber fand er Worte und sprach +den gewichtigen Satz: + +»Mensch, Sie sind doch ebenso dumm wie frech!« + +Die grenzenlose Dummheit und Frechheit Asmussens lag nämlich darin, +daß er annahm, der Herr Schießunteroffizier werde jetzt, außerhalb der +Empfangszeit, Lust haben, ihm die Patronen zu geben. + +Asmus, der über die erfahrene Beschimpfung bis hinter die Ohren +errötet war, sah dem Manne scharf in die Augen und sagte nur: + +»Der Herr Leutnant schickt mich.« + +Keineswegs behauptete jetzt der Herr Unteroffizier, daß der Leutnant +ebenso dumm wie frech sei; er beeilte sich vielmehr, Sempern die +Patronen zu verabfolgen. Es war derselbe avancierte Bauernbursche, der +einen Schulamtskandidaten darüber belehrt hatte, daß es nicht +»Serschant«, sondern »Schersant« und nicht »Premjé-Leutnant«, sondern +»Premihr-Leutnant« heiße. + +Als Asmus mit seinen Patronen auf den Kasernenhof zurückkehrte und +sich die empfangene Charakteristik wiederholte, da mußte er laut +auflachen über die Komik der Situation. Aber als er der Physiognomie +dieses Menschen gegenübergestanden hatte, da war es ihm doch heiß ins +Gehirn geschossen, dem Lümmel hinter die Ohren zu schlagen; denn aus +diesen kaltfrechen Augen hatte ihn die machttrunkene Brutalität der +emporgekommenen Roheit, hatte ihn der Typus des Soldatenschinders +angestarrt. + +Und doch war der Schießunteroffizier noch lieb im Vergleich zu dem +Assistenzarzt Dr. Rheinland. + + + + +XL. Kapitel. + +Was? Hinkt der Kerl auf einem Fuß? Asmus lernt einen dummen und einen +klugen Doktor kennen. + + +Asmus vertrug sich mit seinem Dienste ausgezeichnet; der »langsame +Schritt« und die Gewehrgriffe waren ja nicht brennend interessant und +mit Rousseau- oder Kantlektüre nicht zu vergleichen; aber er sagte sich, +das Leben kann nicht immer kurzweilig sein, und wenn er eine Arbeit +anfaßte, so machte er sie so gut wie möglich. Er hatte denn auch die +ausdrückliche Anerkennung des Herrn von Birkenfeld und des #magister +magistorum# Greifenberg gefunden. Und die Marsch- und Felddienstübungen +waren nun geradezu ein Vergnügen und eine Lust. Sie lehrten ihn seine +körperliche Kraft und Ausdauer kennen, die er weit unterschätzt hatte. +Wenn er sah, daß er es bei voller feldmarschmäßiger Belastung im Laufen +und Springen hügelauf und hügelab den Längsten und Dicksten gleichtat, +ja länger aushielt als mancher Schlagetot – denn die Größten sind nicht +die Stärksten – dann hob seine Brust ein unaussprechliches Glücksgefühl, +das Gefühl eines Siegers, der sich selbst überwand und seine ganze +eigene Welt beherrscht. Oft klopfte ihm wild das Herz, und nicht immer +ward es ihm leicht, dies Vorwärtsstürmen und Niederwerfen und +Wiederaufspringen und Wiedervorwärtsstürmen; aber wie ein Rausch +entzückte ihn das Gefühl, seine Kraft bis auf den letzten Rest und aus +den verborgensten Quellen hervorzurufen und durch ein bloßes »Ich +_will_« jede Schwierigkeit zu überwinden. Und zu allem hatte noch dies +Kriegsspiel, dies Streifen durch Feld und Heide, dies auf Feldwache +liegen und Patrouillengehen seine Schönheit, seinen Zauber, seine +Poesie. Aber trotz alledem lahmte er eines Morgens; er hatte es mit dem +langsamen Schritt und Parademarsch so gut gemeint, daß er sich eine +Zerrung der Achillessehne am linken Fuße zugezogen hatte. Gleichwohl +versuchte er regelrecht zu marschieren und den Schmerz zu verbeißen; +aber er machte es damit nur schlimmer. + +»Melden Sie sich revierkrank!« sagte Herr v. Birkenfeld. + +Im Revier saß der Assistenzarzt Dr. Rheinland. Er würdigte die kranken +Partien der Patienten kaum eines Blicks, im übrigen sah er sie +überhaupt nicht an. Er kurierte ohne Ansehen der Person. Er drückte +kräftig mit dem Finger auf die geschwollene Ferse des Musketiers +Semper, und dieser zuckte zusammen. + +»Was fällt Ihnen ein!« schnauzte der Herr Doktor. Asmus wußte noch +nicht, daß ein Soldat niemals zuckt. Er wußte freilich auch nicht, +wie der Arzt sonst von seinen Schmerzen erfahren sollte, da er weder +fragte, noch sich irgendwie auf eine weitere Untersuchung einließ. Er +erklärte Sempern für dienstfähig; denn er gehörte zu jenen +Militärärzten, die die Krankheiten wegmachen, ehe sie sie erkannt +haben. Man macht auf diese Weise einen schneidigen Eindruck, schreckt +die Simulanten ab, erzielt eine gute Gesundheitsstatistik und reicht +weiter mit seinen Kenntnissen. + +Natürlich hinkte Asmus weiter. + +»Semper, hol’ Sie der Deubel! Sie hinken ja noch immer!« schrie der +Leutnant. + +Asmus berichtete, wie es ihm ergangen. + +»Treten Sie aus und gehen Sie morgen wieder hin!« entschied +Birkenfeld. + +Am andern Morgen erschien Asmus wieder im Revier. Diesmal drückte Herr +Rheinland nicht einmal mit dem Finger; er warf einen verächtlichen +Blick auf die gemeine Soldatenferse und schrieb, daß der Musketier +Semper dienstfähig sei. + +Beim Parademarsch exerzierte der Musketier Semper genau wie ein +Musketier Hephästos oder Mephistopheles. + +»Semper!« brüllte v. Birkenfeld. »Herr Semper, ich befehle Ihnen, daß +Sie das Hinken lassen; ich verbiete Ihnen einfach das Hinken, +Herrrr!« + +Die Befehle des Herrn Leutnants waren aber der Achillessehne nicht +maßgebend. + +»Musketier Semper!« schrie Herr v. Birkenfeld. Asmus faßte das Gewehr +an und lief hinkend zu seinem Vorgesetzten. »Was hat denn der Arzt +gesagt?« + +»Er hat mich ohne Untersuchung und ohne ein Wort zu sprechen, +dienstfähig geschrieben.« + +»Also geh’n Sie nach Hause, legen Sie sich aufs Sofa und fragen Sie ’n +studierten Mediziner. Wegtreten!« + +Das tat Asmus. Der »studierte Mediziner« legte einen Verband an, und +in zwei Tagen war die Sehne geheilt. + +Im übrigen schied er von dieser Zeit mit unvergleichlich +freundlicheren Gefühlen, als er sie beim Eintritt empfunden hatte. +Freilich, das Leben in der Kaserne hatte er nur sehr flüchtig kennen +gelernt und wenn er sich vorstellte: drei Jahre in der schrecklichen +Banalität dieser Räume, in der erdrosselnden Prosa dieses »inneren +Dienstes« verbringen – dann lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter. +Aber wenn er gerecht sein wollte, dann mußte er bekennen, daß in +_seiner_ Erfahrung die guten und heilsamen Eindrücke überwogen. Nicht +wenig trug zu dieser Stimmung ein gehobenes Gesundheitsgefühl bei. Er +war immer ein gesunder Mensch gewesen; aber jetzt ward ihm seine +Gesundheit förmlich bewußt; er fühlte wie in einem Rausch seine Adern +strotzen und seine Muskeln schwellen. Von trüben Seminarzeiten +abgesehen, hatte er auch immer einen gesegneten Appetit bekundet; aber +nie hatte er solche Wonnen verzehrender Andacht empfunden, wie nach +strammem Dienste vor den Würsten und Bierflaschen der Kantine. Wenn er +nach vierstündigem Marsche solch eine Literflasche voll Braunbier an +den Mund hob – denn der Soldat hat nicht immer ein Glas zur Hand – und +minutenlang nicht wieder absetzte, dann schloß er fromm die Augen, und +auch das war ein brünstiges Dankgebet an die Macht, die ihn gesund +erschaffen und solcher Freuden fähig gemacht hatte. Überhaupt waren +diese sechs Wochen ein Leben im Fleische; ihn interessierte nur +Körperliches, und wenn er an sein Bücherbrett trat und auf den Rücken +der Bände Namen wie »Lessing«, »Comenius« und »Euripides« las, dann +kamen ihm diese Zivilisten wie Leute vor, von denen er in längst +vergangenen Zeiten einmal hatte reden hören; der Gedanke, ein Buch +herauszunehmen und zu lesen, erschien ihm vollkommen absurd. Der +Körper ließ dem Geiste nur so viel Kraft übrig, als zu einer sanften +Verblödung unbedingt nötig war: Asmus vegetierte in diesen sechs +Wochen, und daran änderte selbst das geistige Moment des Dienstes, die +Instruktionsstunden über Gewehrputzen, Rangverhältnisse und +Kriegsartikel nichts Wesentliches, so schön sie auch manchmal sein +mochten. Sergeant Greifenberg, der Lehrer von die Lehrers, wußte +selbst die einfachsten Dinge für die gescheitesten Köpfe unklar zu +machen, und wenn er über das Schloß des Infanteriegewehres Modell 71 +instruierte, dann hätte der Erfinder des Schlosses, wenn er zugehört +hätte, seine eigene Erfindung nicht mehr verstanden. Herr von +Birkenfeld hingegen betrieb die subtilsten logischen Sonderungen, +besonders wenn er Kognak geladen hatte. + +»Was ist Mut und was ist Tapferkeit?« fragte er eines Tages den +Musketier Semper. + +Asmus mußte sich einen Augenblick besinnen und sagte dann: »Mut und +Tapferkeit sind wohl im wesentlichen dasselbe; eine Gemütsstimmung, +die sich durch eine erkannte Gefahr nicht schrecken läßt. Man könnte +sagen, daß der Mut mehr eine Sache persönlicher Veranlagung und mehr +impulsiver Natur ist, während die Tapferkeit ein pflichtbewußtes +Ausdauern in der Gefahr in sich schließt .....!« + +»Nee, nee, das is nichts,« rief Herr von Birkenfeld abwinkend. +»Gemütsstimmung, was Gemütsstimmung! Der Soldat hat keine +Gemütsstimmungen! Wenn es heißt: die Mauer da muß hinuntergesprungen +werden, dann springt er, und das ist _Mut_. Tapferkeit is hingegen ganz +was andres. _Tapferkeit_ zeigt der Soldat den feindlichen Kugeln und +Bajonetten gegenüber!« + +Von solchen Stunden kam Asmus immer sehr vergnügt nach Hause, und wenn +dann seine Brüder Reinhold und Adalbert dastanden und Front machten, +dann dankte er ganz von oben herunter, etwa wie ein alleroberster +Kriegsherr oder wie der Assistenzarzt Rheinland, wenn man ihm eine +Achillesferse zeigte. Dann schrien Reinhold und Adalbert: »Seht den +Hanswurst, er spielt sich auf!« Und dann zog Asmus das Seitengewehr +und rief: »Bei Angriffen auf seine Soldatenehre darf der Soldat von +der Waffe Gebrauch machen!« und nahm Aufstellung zum Brudermord. + +Und noch an einem der letzten Nachmittage seiner Dienstzeit machte +Asmus eine höchst sympathische Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve +erläuterte Plan und Idee der am Morgen unternommenen Felddienstübung, +und er machte das so fein, so frisch und so klar, daß Asmussens +Schulmeisterherz vor Freuden hüpfte. »Wenn das kein Schulmeister ist, +so will ich Erzbischof sein,« dachte Asmus, und als die Entladung aus +dem Dienste in der Kantine mit einem gemeinsamen Trunk gefeiert wurde, +kam Asmus in die Nachbarschaft desselben Leutnants, der sich bald als +Gymnasiallehrer #Dr.# Rumolt zu erkennen gab. + +Man sang das gefühl- und weihevolle Lied: + + »Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja! + Erwarten euch die himmlischen Freuden, ja!« + +»Ja, ja, die himmlischen Freuden!« sagte Rumolt. »Jetzt geht’s wieder +in die Schulstube.« + +»Ja!« versetzte Asmus mit Fröhlichkeit. + +»Freuen Sie sich darauf?« + +»O ja!« + +»Dann sind Sie ein glücklicher Mensch.« + +»Sind Sie nicht gern Lehrer?« + +»O,« machte Rumolt, »ich wüßte nichts Schöneres als Lehrer sein – wenn +man es nur sein könnte.« + +»Wie meinen Sie das?« fragte Asmus begierig, und nun kamen sie in ein +Gespräch über moderne Erziehung, und Asmus machte in diesem Manne +einen Fund, der ihm in den kommenden Kämpfen mit dem System +Drögemüller ein Labsal werden sollte. + + + + +XLI. Kapitel. + +Die Schule am Wiesenhang. + + +Und die Kämpfe mit diesem System nahmen bald wieder ihren +frisch-fröhlichen Anfang, und in Asmussen stiegen lebhafte Zweifel +darüber auf, ob es sich angenehmer unter dem Korporalstock oder unter +dem Federhalter eines Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen, +Drögemüller hatte meistens den Buchstaben des Gesetzes für sich, und +es gab viele Gesetze mit vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten +erträglich sein in der Hand eines Mannes, der den Geist vom Buchstaben +zu sondern wußte; er aber verschärfte diese Gesetze noch durch seine +Persönlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen suchte, daß der Lehrer ein +Künstler sei, der zu seinem Werk der freien Bewegung, der guten Laune +und einer schaffensfröhlichen Stimmung bedürfe, den man deshalb mit +Liberalität und mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln müsse, dann +zeigte Drögemüllers Angesicht ein irres, aber überlegenes Lächeln, als +spräche man Chinesisch zu ihm und als verstünde er das Chinesische +besser. Wenn die Verordnung vier schriftliche Hausarbeiten in der +Woche vorschrieb und nur drei gemacht waren, dann kümmerte es +Drögemüller nicht, daß der Verbrecher mit aufopfernder Begeisterung +und treustem Eifer zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit +fortgeschritten war wie irgendeine – er kannte keine Scham vor dem +Geiste und bestand auf seinem Schein. Nicht das Geschaffene zu +würdigen und zu mehren, sondern auf Übertretungen zu fahnden – darin +erkannte er seinen göttlichen Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er +überall mit seinem Notizbuch umher, zu diesem Zwecke horchte er sogar +an den Türen, und es verbesserte seine Stimmung gegen Asmussen nicht, +als dieser eines Tages eine Tür, hinter der er Herrn Drögemüller +ahnte, mit großer Kraft öffnete und dabei den spitzesten Ellbogen des +Vorgesetzten traf. + +»Pardon,« sagte Asmus, »ich konnte nicht ahnen, daß Sie hinter der Tür +ständen.« + +Wenn sich nun auch Asmus bewußt war, daß er alles leistete, was eine +menschliche Behörde von ihm verlangen konnte, so verdarb ihm doch +diese Aufpasserei einen Teil seiner besten Kraft. Ihm war dabei zumute +wie dem Reisenden, der eine geweihte Stätte besucht und der aus allen +Winkeln trinkgeldsaugende Blicke auf sich gerichtet sieht; eine große, +freie Bewegung des Herzens konnte nicht aufkommen. So war es denn +Trost und Erquickung, mit #Dr.# Rumolt, seinem neuen Freunde, in +freien Abendstunden von der Schule der Zukunft wenigstens reden zu +können. + +Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste Landstraße der +Welt, hinuntergewandert, waren in einen zum Flußufer hinabführenden +Engpaß eingebogen und hatten sich auf einer Bank in halber Höhe des +Weges niedergelassen. Vor ihnen breitete sich ein beblümter +Wiesenhang, von Gebüsch umkränzt, und über die Büsche hinweg sah man +den großen, stillen, majestätischen Strom. Die Wiese gehörte zu einem +Mühlengehöft, und die alte Mühle drehte schläfrig ihre Flügel. + +»Sehen Sie,« sagte Rumolt, »das wär’ eine Schulstube, gelt? Was meinen +Sie: auf dieser Wiese mit seinen Jungens oder Mädels liegen und von +Gras und Blumen sprechen, von Frosch und Schmetterling, von Busch und +Baum, von Rind und Schaf, von Müller und Mühle, von Schiff und +Seefahrt, von den Flotten der Hansa und von Störtebekers +Räuberfahrten, und dann mit Jungen oder Mädchen hinunterrudern oder +-segeln und ihnen zeigen, wo die Helden der Gudrunsage auf dem +Wulpensande kämpften und wo Hettel von Hegelingen gewohnt. Meinen Sie +nicht, daß ihnen da eine andere Welt aufgehen würde als die, die ihnen +zwischen vier Mauern als »Welt« vorgetäuscht wird?« + +»Das meine ich allerdings.« + +»Hinaus ins Freie! – Das ist das ganze Geheimnis der Pädagogik. Die +Welt anschauen und anfassen, das ist alles. Sie nennen es bei Gott +Anschauung, wenn sie Bilder und Präparate im Zimmer vorzeigen. Das +ist, wie wenn jemand einen Vortrag übers Meer halten und zur +Veranschaulichung ein paar Tropfen Seewasser in einem Probiergläschen +vorzeigen wollte. Sie zeigen ein paar Tropfen vom Meere des Lebens. – +Sehen Sie hier, diese Wiese, dieses Gehöft, dieser Strom, so weit wir +ihn sehen, dieser Himmel, sie umschließen nahezu alles menschliche +Wissen und Erkennen. Auf diesem Fleckchen könnte man eigentlich alles +lernen, was der Mensch wissen und brauchen kann.« + +»Aber auf die Dauer würde es Ihren Schülern langweilig werden.« + +»Gewiß, wir wollen ja auch von Ort zu Ort wandern. Ich will ja nur +zeigen, daß die Natur überall Millionen Anknüpfungspunkte bietet, die +in der Schulstube nur in der Einbildung vorhanden sind. Denn das +Wissen der Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist Können; nur was man +kann, das weiß man auch. Selbst handeln, selbst schaffen muß das Kind, +wenn es lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf wäre, so müßten +meine Schüler ohne Ausnahme Ackerbau treiben. Nicht, daß sie alle +Landleute würden, bewahre; viele würden ja gar kein Talent dazu haben +– aber der Ackerbau umfaßt nahezu den ganzen Kreis des menschlichen +Wissens und Könnens, und er lehrt dieses Wissen und Können durch +_Tat_!« + +»Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken,« sagte Asmus, »würde +allerdings eine wesentlich kleinere Schülerzahl voraussetzen.« + +»Gewiß,« fuhr Rumolt fort. »Ich denke, ein Lehrer kann nur so viele +Kinder wirklich erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann, und +zwölf, die ehrwürdige Patriarchenzahl, erscheint mir da als das +äußerste Maß.« + +»Da brauchen wir viele Lehrer, und zwar Männer von außerordentlich +vielseitiger Bildung.« + +»Daß unsere Lehrer eine bessere Bildung empfangen könnten, als sie +auf Seminaren und Universitäten meistens finden, daß sie ihre beste +Kraft in einem öden Datenwissen verzehren und verzetteln müssen, das +wissen Sie so gut wie ich. Im übrigen aber dürfen Sie sich meinen +Lehrer nicht wie einen allwissenden Magister von heute vorstellen. +Er wird sich nicht schämen, ein Lernender mit Lernenden zu sein, und +wird keinen Augenblick zaudern, zu sagen: ‘Das weiß ich nicht, ich +werde mich zu unterrichten suchen’, oder ‘Forscht selber nach, und wer +es gefunden hat, der sag es uns’.« + +»Der banalste Einwand ist der gewichtigste,« meinte Asmus, »das Geld. +Der Staat müßte sich einen ganz andern Schulsäckel zulegen als den +heutigen.« + +»Ja – hahahaha – das müßte er,« lachte Rumolt. »Er müßte sich an den +eigentlich doch recht naheliegenden Gedanken gewöhnen, daß er keine +höhere Aufgabe hat als die Erziehung seiner Bürger, daß er gar nicht +besser für seinen eigenen Bestand sorgen kann als durch die Erziehung +seiner Bürger, und daß er darum kein größeres Budget haben sollte als +sein Erziehungsbudget.« + +»Statt dessen macht er das Einjährigen-Zeugnis zum Erziehungsideal,« +bemerkte Asmus. + +»Ja!« Rumolt schlug ihm lachend aufs Knie. »Ist eigentlich eine ärgere +Posse denkbar? Eine militärische Vergünstigung als Speck in der +Seelenfalle! Und nach diesem Zeugnis müssen sie nun alle ohne +Unterschied streben – die das Geld dazu haben, natürlich – und alle, +die im Leben »etwas Besseres« werden wollen, müssen dasselbe famose +Abiturium machen. Da schimpfen sie auf die Gleichmacherei der +Kommunisten und Sozialdemokraten – aber gibt es eigentlich eine +schlimmere Gleichmacherei als unsere Prüfungsvorschriften? Da hab ich +einen Burschen in der Untersekunda, einen Prachtbengel, vorzüglich +begabt in der Mathematik und allen Naturwissenschaften, von merkwürdigem +Geschick in allem Technischen – was er anfaßt, gelingt ihm, und +obendrein noch hochmusikalisch. Aber auf dem Kriegsfuß mit allem, was +fremde Sprachen heißt. Nun sitzt er das zweite Jahr in meiner Klasse, +und wenn seine fremdsprachlichen Leistungen nicht besser werden – und +dazu ist keine Hoffnung – dann bleibt er zu Ostern wieder sitzen und +erreicht nicht einmal das Einjährigen-Zeugnis. Und ich halt es für sehr +wohl möglich, daß er nach sieben Jahren der Angst und Mühe hingeht und +sich erschießt. Nun frage ich Sie: warum soll dieser Mensch _nicht_ auf +die Universität gehen und Naturwissenschaften studieren, warum soll er +_nicht_ aufs Polytechnikum gehen und Ingenieur werden dürfen? Wäre nicht +denkbar, daß er einmal von seinem Laboratorium aus die Welt aus den +Angeln höbe, ohne den Beistand der Herren Xenophon, Ovid und Victor +Hugo? Doch –« Rumolt zeigte nach Westen – + + »Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn + nicht verkümmern! – Sie rückt, sie weicht, der Tag ist überlebt!« + +Was denken Sie, wenn man bei solchem Anblick mit seinen Schülern von +der Sonne spräche, nicht von ihrer chemischen Zusammensetzung und +ihrem Kubikinhalt – das würd’ ich am Tage tun –, aber von den Ländern, +denen sie jetzt das erste Licht bringt, von der Sonne als Gottheit und +Symbol, von Karl Moors Wehmut: ‘So stirbt ein Held’ und von Faustens +Sehnsucht, ihr zu folgen? Müßten da nicht in den Seelen der Kinder und +Jünglinge wie von selbst die Ewigkeitsgedanken erwachen?« + + + + +XLII. Kapitel. + +Der Skat und die Metaphysik, das Billard und Emilia Galotti, Herr +Strecker und die deutsche Treue, Herr Drögemüller und ein Krach. + + +Erholung und Stütze fand Asmus auch bei den Herren seiner Schule, und +es hatte nicht lange gewährt, bis er, einen einzigen ausgenommen, zu +allen in das beste kollegiale Verhältnis kam. Wie natürlich, hatte +aber sein Herz unter diesen Männern eine engere Wahl getroffen und am +besten hatten ihm zwei gefallen, Fritz Goers, ein wohlbeleibter, +jovialer Riese, der Asmussens Vater sein konnte, und Klaus Heide, ein +sehniger, knorriger Dithmarscher. Und wenn es nun in den Konferenzen +etwas Gutes und Neues durchzusetzen galt, zogen diese Triumvirn an +_einem_ Strang. + +Aber sie zogen nicht nur an einem Strang, sie sogen auch oft an +_einem_ Trank, der bei Herrn Kuhlmann besonders kühl und frisch +verzapft wurde. Herr Kuhlmann hieß Akademos, und sein Garten wurde die +Akademie genannt. Es war für Asmus zunächst eine Skat- und +Billard-Akademie. Dem Skat vermochte er keinen Geschmack +abzugewinnen; er gewann es nicht über sich, diese Kunst mit dem +strengen, sittlichen Ernste zu üben, den sie verlangte; er dachte +immer an irgend etwas andres, »wimmelte« Aß und Zehn in die Stiche des +Gegners hinein und hatte außer fortgesetzten Verweisen wegen +Unaufmerksamkeit nichts davon als die Ehre, bezahlen zu dürfen. +Dagegen entwickelte er unter Goehrs, des Riesen mildväterlicher +Führung das Billardspiel zur Leidenschaft. Um Mitternacht begann dann +die pädagogisch-ästhetisch-philosophische Sitzung, die Heide +gewöhnlich durch irgendein wildes Paradoxon eröffnete, welches +Paradoxon dem Asmus Semper alsbald wie eine Rakete durch den Leib +fuhr. Damit es an Meinungen und Temperament nicht fehle, kam +gewöhnlich noch Heides Freund, der kleine Stockelsdorf hinzu, und in +der Regel endeten diese schweren Verhandlungen morgens um sechs Uhr +unter einer Straßenlaterne, mit einem Streit über die Frage, ob Raum +und Zeit Anschauungen #a posteriori# oder #a priori# seien, oder über +ähnliche Bagatellfragen, und die vorübergehenden Milch- und Brotleute +pflegten sich über die Erregung der Herren baß zu verwundern. Eines +herbstlichen Abends aber, als sie auf dem Hamburger Gänsemarkt, dem +Lessing-Denkmal gegenüber, in einem Café saßen, ward Asmus plötzlich +stumm. + +»Was hast du?« fragte Heide, der Dithmarscher. + +»Ich betrachte schon eine ganze Zeit lang dies wunderbare Licht da auf +dem Scheitel des Lessing,« sagte Asmus, »und kann mir nicht erklären, +woher dieser rötliche Schein kommt. Diese Erscheinung hat für mich +etwas Ergreifendes.« + +Die andern bestätigten seine Beobachtung und zerbrachen sich den Kopf, +wo dieses magische Licht seinen Ursprung haben möge. + +»Das ist die Sonne,« sagte der Kellner, der eben eine Runde Grog +brachte. + +»Wieso Sonne?« rief Asmus. »Die Mitternachtssonne, was?« + +»Es ist sechs Uhr,« sagte der Kellner. + +Die vier zogen gleichzeitig die Uhr. Es war sechs. Sie hatten in ihrer +Unschuld gemeint, es sei ein bißchen nach Mitternacht. + +Jetzt tranken sie ihren Grog aus, traten auf den Markt hinaus und +hatten vor dem Lessing-Denkmal noch einen dreiviertelstündigen Streit +darüber, ob Emilia Galotti den Prinzen liebe oder nicht; dann +schlenderten sie in die Vorstadt hinaus und befriedigten auf dem Wege +unaufhörlich metaphysische Bedürfnisse. + +»Wie kann ein Volk wie das französische ohne Metaphysik leben!« krähte +Stockelsdorf um die Wette mit einem Hahn, der aus einem nahen Stalle +seinen Weckruf erschallen ließ. + +Und Asmus, der nicht ohne Metaphysik leben konnte, bewies +Stockelsdorfen, daß man sehr gut ohne Metaphysik leben könne; denn es +war in diesem Kreise stillschweigendes Gesetz, daß keine Behauptung +unwiderlegt bleiben dürfe. Das war eine gute Übung; denn was sie dabei +an Unsinn produziert hatten, das fiel ihnen am andern Tage von selbst +ein und war eine wohltätige Verschärfung ihres Katers. + +Trotz dieser außerordentlichen Anstrengungen schnitt Asmussens Klasse +bei der Osterprüfung vortrefflich ab, und ein angesehener Spezialist +des Rechenunterrichts sagte: »Die Klasse rechnet besser als die +meine.« Auch Herr Drögemüller fand nicht das geringste zu erinnern; +aber Frieden konnte er darum doch nicht halten. Der Bund der Triumvirn +war ihm ein Pfahl im Fleische; denn die Festigkeit der Dreie steifte +auch andern Herren den Nacken. Freilich hatte er einen gewissen Trost +und eine stille Freude an Herrn Strecker. Herr Strecker war ein Mann, +der wiederholt nicht nur vor dem ökonomischen, sondern vor allen +möglichen anderen Bankrotten gestanden hatte. Als es am schlimmsten um +ihn stand, hatte er Buß’ und Reu’ in sich erweckt; fromme Hände, die +gewöhnlich mächtig sind, hatten ihm unter die Arme gegriffen und ihn +vor der Katastrophe bewahrt, und nun suchte er den oberen Stellen +seine Schönheit zu beweisen durch strotzende Religiosität, heftigen +Patriotismus mit gelegentlicher Denunziation von Majestätsbeleidigern +und durch lackierte Pflichterfüllung. Seine Schüler sprangen wie ein +Mann auf die Füße, wenn der Herr Hauptlehrer eintrat, gingen auf dem +Hofe immer genau zu Vieren, und jeden Morgen eröffnete er mit Gebet +und Choral. Zwar kam er manchmal zu spät; aber seine Schüler konnten +ihn schon von weitem die Straße heraufkommen sehen, und wenn er dann +den Schirm hob, setzten sie sofort ein mit + + »Dich seh’ ich wieder, Morgenlicht! –« + +so vorzüglich waren sie geschult. Seine Hefte waren immer richtig +korrigiert; er hatte aber auch für die Korrektur der Hefte, die größte +Plage des Lehrers, ein ingeniöses, zeit- und nervensparendes Verfahren +erfunden. Der Präparand nämlich, der bei ihm hospitieren und die Kunst +des Unterrichtens erlauschen sollte, stand hinter einer geöffneten +Schranktür, hatte im Schrank die Hefte und die rote Tinte vor sich und +korrigierte. Wenn dann Herr Drögemüller zur Tür hereintrat, rief Herr +Strecker: + +»Rieffelstahl! Sitz gerade!« oder + +»Rieffelstahl! Schau hierher!« + +und »Rieffelstahl!« war immer das Zeichen, daß der Präparand die +Schranktür unauffällig schließen und mit einem sittlich reinen +Angesichte hervortreten solle. Solche Mannen wie Strecker – »ich bin +ein deutscher Mann«, pflegte er zu sagen, – sind nun freilich keine +starken Helfer im offenen Streit; aber er trug seinem Hauptlehrer +manche schätzenswerte Nachricht über seine Kollegen zu; auch er führte +ein Notizbuch. Und so berichtete er Herrn Drögemüller unter anderem, +daß Herr Semper im Zeichenunterricht allerlei Allotria treibe, die gar +nicht im Lehrplan dieses Unterrichts stünden. + +Asmussens Schüler hatten nämlich schweigend, aber deutlich gezeigt, +daß sie die unaufhörliche Fabrikation von senkrechten, wagerechten und +schrägen Strichen, von Vierecken, Dreiecken, Sechsecken und ähnlichen +schönen Figuren betäubend langweilig fänden, und Asmus hatte ihnen +darin von Herzen zugestimmt. Er ließ sie darum im letzten Teil der +Stunde allerlei Dinge zeichnen, die ihnen Vergnügen machten und die +sie mit Feuereifer nachzubilden suchten. Er verfolgte damit ein +Prinzip, von dem ihm schien, daß jeder vernünftige Unterricht es zum +Ausgang nehmen solle. Da kam Herr Drögemüller in die Stunde, ging +zwischen den Bänken umher und entbot dann Herrn Semper für die nächste +Pause in sein Kontor. + +»Herr Semper, ich muß Sie abermals ersuchen, sich in Ihren Stunden +durchaus an den Lehrplan zu halten.« + +Asmus zwang sich zur Ruhe und versuchte, seinem Chef in höflichster +Form seine Beweggründe mitzuteilen. Um gerade Striche machen zu +lernen, sei es doch nicht nötig, daß man ununterbrochen gerade Striche +nebeneinander setze; man könne das doch auch an Figuren lernen, die +dem Leben entnommen seien: oberstes Gesetz sei doch, daß der +Unterricht lebendig und interessant sei; Striche und Quadrate seien +aber weder lebendig noch interessant für kleine Kinder ... + +Aber das waren sozusagen Gedanken, und auf Gedanken ließ sich +Drögemüller, um kein Präjudiz zu schaffen, niemals ein. + +»O, Herr Semper,« rief er, »Quadrate sind wohl interessant, wenn Sie +sie nur vorher mit den Kindern ausführlich besprechen, wie ich es +Ihnen gezeigt habe.« + +»Was Sie mir gezeigt haben, ist Geometrie und gehört – da Sie doch +immer auf den Lehrplan pochen – in eine höhere Klasse. Das würde mich +nun zwar nicht hindern; aber eine lange und breite Besprechung des +Quadrats würde die Kinder schon deshalb öden, weil sie gar nicht +begreifen würden, was ein Quadrat sie überhaupt angehe.« + +Mit dem Hinweis auf den Lehrplan hatte dieser fatale Semper recht, und +darum wurde Drögemüller jetzt ganz unangenehm. + +»Herr Semper,« heulte er nach Art einer Schiffsirene, »ich frage Sie +formell und dienstlich, ob Sie sich meinen Anordnungen fügen wollen +oder nicht!« + +»In diesem Falle nein,« versetzte Asmus. + +»Gut. Dann werde ich dem Herrn Schulrat Bericht erstatten.« + +»Ich auch,« sagte Asmus und ging. + +Nach drei Tagen hatte er die Vorladung vor den Schulrat #Dr.# Korn. + + + + +XLIII. Kapitel. + +Von zweierlei Schulräten. + + +Als er am Abend mit Doktor Rumolt spazierte, zeigte er ihm die +Vorladung und erzählte, was vorhergegangen. + +»Haha« – Rumolt lachte bitter auf, und dann fuhr er wehmütigen Tones +fort: »Das wird Ihnen noch oft begegnen, lieber Freund. Nirgends ist +der Fortschritt verhaßter, nirgends werden neue Ideen feindseliger +befehdet als in der Pädagogik. Denken Sie z. B. an unsern braven +Valentin Ickelsamer. Der fand zu Luthers Zeiten, daß es ein Unsinn +sei, die Kinder nach Buchstabennamen lesen zu lehren, man müsse das +Wort in seine wirklichen Laute zerlegen und die Kinder lautierend +lesen lassen. Er machte das damals schon so klar, daß es ein +Schwachkopf begreifen konnte. Und in der zweiten Hälfte des +neunzehnten Jahrhunderts entschloß die Schule sich wirklich, diesen +einfachen und darum freilich genialen Gedanken zur Ausführung zu +bringen. Aber das ist ein Beispiel von fabelhafter Geschwindigkeit. In +den Klosterschulen des Mittelalters bildete man den Geist am +Griechischen und Lateinischen, weil man nichts Besseres hatte; heute +bildet man den Geist unserer Jugend am Griechischen und Lateinischen +mit der ernsten Gesichtes abgegebenen Versicherung, daß man nichts +Besseres habe. Der typische Scholarch weist jede ernste und gründliche +Neuerung mit einem durch die kommenden Jahrhunderte gestreckten Arme +von sich, und wenn er im Gegensatz zu einem Vorgänger den Aorist _vor_ +dem Perfekt behandelt, hält er sich für einen Umstürzler. Ich habe ein +Buch erscheinen lassen ‘Das Recht des Schülers’ –« + +»Ich kenne es,« sagte Asmus, »und freue mich, daß es so großen Anklang +gefunden hat.« + +»Anklang, ja aber bei den Kollegen war der Anklang nur schwach, der +Widerspruch um so stärker. Das ist kein Unglück, soweit es offener und +durchdachter Widerspruch ist. Aber was muß ich erleben? Kaum ein Tag +vergeht, daß ich nicht im Konferenzzimmer, recht auffällig auf den +Tisch gelegt, irgend eine abfällige Kritik meines Buches finde, in der +die Kraftstellen mit roter Tinte angestrichen sind. Kein Gespräch +verläuft ohne hämische Seitenhiebe gegen mich und meine Ideen; keine +Wochenrede meines Direktors geht zu Ende ohne einige Fußtritte, bei +denen die Schüler sich zuraunen: ‘Das geht auf Rumolt.’ Die Herren +glauben, daß ihre Kritik mich verletze, und haben keine Ahnung, daß es +ihr Wesen ist, das mich verwundet. Ich habe keinen frohen Tag mehr, +und da ich von meinen Ideen und ihrer Verkündung nicht lassen kann, so +werde ich über kurz oder lang das Spiel verlaufen müssen.« + +»Das ist traurig,« sagte Asmus gedankenvoll, »traurig und schrecklich. +Ich gestehe Ihnen offen, daß auch ich gegen Ihre Schrift manches +einzuwenden habe; aber das Ganze Ihrer Gedanken und Forderungen +erschien mir wahr und herrlich. Und sollten nun nicht die Menschen +jubelnd herbeieilen und rufen: Hier ist etwas Neues und Köstliches – +es ist noch nicht vollkommen – aber kommt alle herbei, es zu hegen und +zu fördern, etwa so wie die Verwandten sich fröhlich um eine Wiege +scharen und sich geloben, das Neugeborene zu schützen und zu pflegen, +daß es groß und stark werde?« + +»Lassen Sie sich zur Antwort darauf erzählen, daß mein Direktor mich +seit Wochen an allen Ecken und Enden inspiziert und zurechtweist, +obwohl er ganz genau weiß, daß ich meine Pflicht tue. Er will mir zu +Gemüte führen, wie vermessen es von einem fehlbaren Menschen +gewesen, gegen den von Gott geoffenbarten Gymnasialunterricht zu +schreiben. Und gestern war auch richtig der Herr Regierungs- und +Schulrat da und hospitierte vier Stunden hintereinander bei mir. +‘Suchet, so werdet Ihr finden,’ sagt der rachsüchtige Gerichtsdiener +bei Hebbel. Und natürlich wurde was gefunden. ‘Gebt mir zwei Worte +von einem Menschen, und ich will ihn an den Galgen bringen.’ Laßt +einen Schulmeister fünf Minuten unterrichten, und ich will ihm den +Hals brechen. Zwar den Hals konnte mir der Herr Regierungsrat nicht +brechen; aber hundert Nadelstiche erzielen ja mit der Zeit denselben +Effekt. ‘Sie haben die und die Gesänge der Odyssee nicht behandelt.’ +– ‘Sie haben am 13. April das vorgeschriebene Extemporale ausfallen +lassen.’ – ‘Sie sind mit dem Geschichtspensum im Rückstand’ usw. usw. Es +stimmte alles. Und wenn der Mann gesagt hätte: Ihr ganzer Unterricht +taugt nichts, so würde er für jenen Tag gewiß und vielleicht +überhaupt recht gehabt haben; denn wenn man in den Zwiespalt +zwischen Altem und Neuem gestellt ist, kann man nichts Ganzes +schaffen. Nach meinen Ideen _darf_ ich nicht arbeiten, und nach den +alten _kann_ ich nicht arbeiten, weil es gegen das Herz ist.« + +»Aber forschte er denn nicht vor allen Dingen, ob Ihre Schüler geistig +frisch und lebendig seien, ob sie einen neuen Stoff mit Begierde und +Klarheit ergriffen, ob sie in sittlicher Hinsicht lauter, ehrlich, +wahrhaftig seien –« + +»Vielleicht tat er das im stillen – ich sah ihn freilich keine +Anstrengungen machen. Dazu war er ja auch nicht geholt und geschickt. +‘Rumolt soll stranguliert werden,’ flüsterten sich die Schüler zu. +Die Jugend hat jenes intuitive Auge, das durch die Hüllen dringt.« + +Die Stimmung, mit der Asmus dem Besuch beim Schulrat entgegensah, war +durch das Gespräch nicht gehoben worden. Um so fester war er +entschlossen, sich nichts Unwürdiges bieten zu lassen. + +Als er ins Amtszimmer des Schulrats gerufen wurde, saß Drögemüller +schon da. Asmus verbeugte sich vor dem Schulrat, und dieser rief: + +»Juten Tag, Herr Semper. Setzen Sie sich.« + +»Herr Drögemüller,« begann alsdann der Schulrat, »hat allerlei Klagen +jegen Sie vorjebracht. Meistens handelt es sich um Kleinigkeiten, die +ich nich berühren will. Aber Herr Drögemüller beschuldigt Sie der +fortgesetzten Renitenz; was haben Sie dazu zu sagen.« + +»Herr Schulrat,« sagte Asmus, »ich kann Sie ja selbst als Zeugen +darüber anrufen, ob ich in den vierundeinhalb Jahren, da ich Ihr +Schüler war, eine renitente Veranlagung bekundet habe –« + +»Det haben Se _nich_,« sagte Korn mit Nachdruck. + +»Ich bin auch nicht so töricht, zu meinen, daß ein Hauptlehrer lauter +vortreffliche Anordnungen treffen müsse und daß ein Lehrer berechtigt +sei, sich gegen jede Verfügung, die ihm verfehlt erscheint, +aufzulehnen. Ich füge mich gern, soweit es möglich ist, wenn man mir +mit Vertrauen begegnet und wenn man mich nicht in meinen besten +Kräften lahmlegt. Das tut aber Herr Drögemüller. Gleich zu Anfang +schon verlangte Herr Drögemüller von uns drei neuangestellten Lehrern, +daß wir alle auf dieselbe Weise den Leseunterricht erteilen sollten, +und zwar auf die von ihm vorgeschriebene Weise –« + +»Aber Herr Semper,« lachte Korn, »det müssen Se mißverstanden haben; +sonst müßte ja Herr Drögemüller (er deutete auf seine Stirn) hier nich +janz richtig sein!« + +Drögemüller erblaßte sehr tief. »Ich habe es keineswegs befohlen,« +stammelte er, »ich habe es nur gewünscht –« + +»Warum?« fragte Korn. + +»Weil – weil es doch wünschenswert ist, daß der Unterricht an einer +Schule gleichmäßig erteilt wird.« + +»Warum?« fragte Korn. + +»Nun – es ist dann doch – alles – übersichtlicher –.« Drögemüller +machte eine vage Handbewegung. + +»Wieso?« forschte der grausame Korn. + +»Man kann doch dann die Fortschritte besser kontrollieren.« + +»So. Na, dann weiß ich schon Bescheid. Wat woll’n Sie sagen, Herr +Semper?« + +»Herr Drögemüller hat allerdings die Form des Wunsches, aber den Ton +des Befehls gewählt, und da ich diesen Wünschen nicht nachkomme, +verfolgt er mich mit Aufpassereien, die mich ärgern und kränken +müssen und die mir die Lust an der Arbeit vernichten.« + +»Na ja, zum Aufpassen ist Herr Drögemüller ja da,« sagte Korn, der das +Gefühl hatte, daß er den zusammengesunkenen Drögemüller ein wenig +wieder aufrichten müsse; »es gibt leider auch faule und unfähige +Lehrer, die einen Aufpasser brauchen. _Aber schikaniert wird hier +keiner_«, fuhr er mit erhobener Stimme und mit einem Seitenblick auf +den Ankläger fort. »_Wenn ein Lehrer was kann und was will, dann soll +er jede mögliche Freiheit jenießen und nicht mit Quisquilien behelligt +werden._ Aber verjessen Se nich, Herr Semper, dat Se Beamter sind, den +Rat jebe ich Ihnen. – Sie können jehen, Herr Drögemüller. Sie bleiben +noch, Herr Semper.« + +»Soll ick Sie an die Seminarschule versetzen?« fragte Korn, als sie +allein waren. + +Das war sozusagen eine Beförderung; denn es stand fest, daß die Lehrer +an der Seminarschule schneller avancierten als die anderen. Mit dieser +Kenntnis hatte Asmus immer die Vorstellung von Karrierenluft +verbunden, und diese bloße Vorstellung genügte, ihn zurückzuschrecken. +Es mußte ja Aufpasser geben in der Welt; aber er mochte keiner sein. +Und wo man Karriere machte, da paßten gar die Strebenden einer auf den +andern! Er fand es ungleich schöner, immer in unmittelbarer +Verbindung mit den Kindern zu bleiben. Konnte man sich Pestalozzi als +inspizierenden Oberlehrer denken? Asmus sah ihn immer nur unter +Kindern. + +»Ich danke Ihnen sehr, Herr Schulrat,« sagte Asmus, »aber ich möchte +die Kinder, die ich nun einigermaßen kenne, noch einige Jahre +weiterführen. Und dann hab’ ich in meinem Kollegium so liebe Freunde +gefunden, daß ich mich ungern von ihnen trennen würde –« + +»Na, wenn Se nich wollen –« rief Korn in halber Verstimmung, »denn +sehn Se zu, wie Sie sich mit dem Drögemüller vertragen. Mit’m Kopp +durch die Wand kann keiner, und jefallen lassen müssen wir uns alle +was. Ich auch. Adieu!« + +»Adieu, Herr Schulrat. Herzlichen Dank!« + +Asmus verließ das Gebäude der Oberschulbehörde mit dem frohen Gefühl, +daß es Männer gebe, denen alle hierarchische Rangordnung nichts gelte, +wenn es sich um Recht und Billigkeit handle. Er war fest überzeugt, +daß die Welt überhaupt so eingerichtet sei, und daß man, wenn man sich +nur nicht beim Unrecht beruhige, immer zuletzt den Ort finden müsse, +wo das Recht in smaragdener Schale ausgehoben und gehütet sei wie das +heilige Blut der Welt. So blickte er gläubig und heiter in den schönen +Frühlingstag, während zu Hause auf seinem Tische das Schicksal lag und +lauerte, um ihm die Krallen ins Fleisch zu schlagen. + + + + +XLIV. Kapitel. + +Zwei Briefe, und jeder ein Schlag. + + +Er hatte seinen Eltern nichts von der Vorladung vor den Schulrat +gesagt, um sie nicht zu beunruhigen; er sagte ihnen auch nichts von +dem Ausgange; denn seine Mutter würde doch Bemerkungen über seinen +»Hitzkopf« gemacht haben. Eben weil sie so hitzköpfig war, verurteilte +sie alle Hitzköpfigkeit. + +»Drinnen auf’m Tisch liegen zwei Briefe für dich,« sagte Frau Rebekka. + +Eilig ging er hinein, öffnete den einen der Briefe und las: + + Hilde Chavonne + Hermann Kiefer + Verlobte. + +Hamburg, den – – – – – + +Das Blatt war seinen Händen entfallen. + +Er sah nach der Tür – sie war noch offen – schnell ging er hin und +drückte sie ins Schloß. Nur allein sein. Dann ließ er sich auf einen +Stuhl fallen. + +Merkwürdig, wie ihn das traf. War es denn nicht selbstverständlich, +daß Hilde Chavonne sich einmal verlobte? Und hatte er denn je +geglaubt, sie werde sich mit ihm verloben? Nein, nicht einmal im Traum +hatte er das gehofft. Darum hatte er ja auch nie die geringste +Anstrengung gemacht, sie zu gewinnen. Er war ihr während des letzten +Jahres fast völlig ferngeblieben, nicht eigentlich mit Absicht; aber +da es sich so gefügt hatte, daß sie sich nur selten und flüchtig +sahen, war es ihm recht gewesen. Vor einem Vierteljahr hatte er sie +zuletzt gesehen, an einem Festabend der »Treue von 1880«, als er mit +einem hübschen Mädchen zusammen ein Duett gesungen hatte. Das Fräulein +Chavonne war an jenem Abend sehr still, sehr ernst, und obwohl +freundlich, doch sehr zurückhaltend gewesen. + +Und jetzt – verlobt! – + +Er war längst wieder aufgesprungen und hatte instinktiv zu seinem +Beruhigungsmittel gegriffen: zum Wandern. Auf und ab gehen, immer auf +und ab, dann hat man das Gefühl der Bewegung, das Gefühl: Es geht +vorüber – es geht vorüber. + +Sie ist verlobt! Wie konnte sie ihm das antun! Haha – im selben +Augenblick mußte er laut auflachen. Hatte sie denn die geringste +Verpflichtung, auf ihn zu warten, auf _ihn_? Hatte er ihr das +geringste Zeichen gegeben, daß sie auf ihn warten solle? Hatte er +überhaupt ans Heiraten gedacht? Nein, er, der als Präparand alles +heiraten wollte, was ihm in den Weg kam, er hatte in den letzten +Jahren das Heiraten als ein Ding angesehen, das noch in weiter Ferne +liege; ja, es war ihm eine gewisse Beruhigung gewesen, daß es mit dem +Kniefall und mit der langen Liebeserklärung in Periodenform noch gute +Weile habe. Seine Arbeit, sein Beruf hatten sein ganzes Interesse +aufgesogen. + +Jetzt, jetzt mit einem Male wußte er’s: Nur an Hilde hatte er gedacht, +wenn er überhaupt an eine Frau gedacht hatte. Wenn er sich das Weib an +sich gedacht hatte, das hehre Weib, das edle Weib, das holde Weib – +nur an Hilde Chavonne hatte er gedacht, nur an sie. Wenn er +Liebesgedichte gemacht hatte, platonisch-elegische Liebesgedichte in +weinenden Odenstrophen – hatte er an sie gedacht. Jetzt wußte er’s, +daß er sich nur eine als sein Weib denken konnte: Hilde – und er +begriff nicht, daß er das nicht gewußt hatte, bevor er diesen Brief +geöffnet. Er begriff es nicht, weil er sich seiner Unreife nicht +bewußt war. In ehrlicher Gedankenarbeit war sein Hirn über seine Jahre +gereift; aber sein Herz war noch unreif wie ein Apfel im Frühling, und +unreif wie der Same in solch einem Apfel war die Liebe in diesem +Herzen. Jetzt, da das Schicksal einen tiefen Schnitt in dieses Herz +getan hatte, entdeckte er die Liebe darinnen. + +So fühlte er nicht den rasenden Schmerz des Betrogenen, +Zurückgestoßenen; denn er hatte nicht die rasende Lust des Liebenden +und Hoffenden gefühlt; er empfand die Wehmut eines Mannes, der eines +Morgens ein zartes Bäumchen seines Gartens erfroren findet und +erkennt, daß es sein schönstes Bäumchen gewesen; er empfand eine +Trauer, wie sie junge Eltern empfinden, denen ein kaum Geborenes +gestorben ist; er empfand den dumpfen, unbefreiten Schmerz um ein +Werdendes, das, zu großer Schönheit bestimmt, im Keime vernichtet war. + +Mechanisch griff er nach dem zweiten Briefe; mechanisch öffnete er ihn +– er war von Rumolt – mechanisch überflog er die ersten Zeilen, aber +nur die ersten. + + »Mein lieber Freund! + + Von Ihnen hätte ich mündlich Abschied nehmen mögen. Aber es durfte + nicht sein; denn Sie würden versucht haben, mich zurückzuhalten. Sie + sind von festerem Stoff als ich und werden, das weiß ich, den Kampf + besser bestehen, den Kampf gegen der Menschen Stumpfsinn, Trägheit und + Niedrigkeit. Meiner Hand entsinken die Waffen. Damit Sie es nicht in + gehässiger Entstellung hören, was mich zu meinem Scheiden veranlaßt, + will ich es Ihnen selbst sagen. Ich habe einem meiner Schüler – ich + glaube, ich habe Ihnen von ihm gesprochen – einem Untersekundaner, der + zum zweiten Male hoffnungslos vor dem Examen stand und dessen Qualen + ich nicht mehr mit ansehen mochte, in unerlaubter Weise geholfen, habe + ihm die Examenaufgaben vorher mitgeteilt. In seiner Freude hat es der + Junge nachher selbst ausgeplaudert. So bracht’ die Sonn’ es an den + Tag. Hätte er das Examen nicht bestanden, wär’ er aus der Welt + gegangen; nun gehe ich, und das ist besser. Leben Sie wohl, teurer + Freund; unsere Freundschaft war kurz, aber wahr. Ich danke Ihnen + schöne Stunden, von denen ich dort erzählen will, wohin ich gehe. + + Rumolt.« + +Asmus hatte die letzten Zeilen mit fliegendem Atem gelesen; jetzt +sprang er nach der Tür. + +»Wo willst du hin?« rief Frau Rebekka, »dein Essen ist fertig!« + +»Ich esse nichts – ich muß –« + +»Junge, du hast ja keinen Hut auf! Was ist denn los –?« + +Er entriß ihr den dargebotenen Hut und stürmte mit dem Rufe: »Ich muß +weg!« hinaus. + +Ohne Besinnen stürzte er über Stock und Stein nach Rumolts Wohnung. +Die Wirtin bestätigte ihm weinend das Schreckliche. Am Ufer des +Kanals hatte man Rock und Hut gefunden, die Leiche war noch nicht +gefunden worden. + +Aber am nächsten Tage fand man auch sie. – + +Das war eine denkwürdige Post gewesen. Zwei Briefe, und jeder ein +Schlag. An einem Tage Freund und Geliebte verloren; denn von nun an +war sie ihm Geliebte. + + + + +XLV. Kapitel. + +Wenn’s kommt, dann kommt’s in Haufen. + + +Was wird nun kommen? dachte Asmus. Denn er glaubte an sein +heimatliches Sprichwort: »Wenn’t kummt, denn kummt’t in Hupen.« + +Und ein drittes Unglück kam, aber nicht von außen, sondern ganz +heimtückisch aus dem tiefsten Innern richtete es sich auf wie eine +Natter aus dunklem Dickicht. Ihm kamen Zweifel am Wert seines Berufes. + +Mit dem jähen Optimismus der Jugend war er an diesen Beruf +herangetreten. Jeder Jüngling, auch der bescheidenste, hat, wenn auch +kaum bewußt, das Gefühl: Wenn ich in die Welt eingreife, wird es +anders, wird es schneller vorwärtsgehen – wie ein ungestümer +Reisender, dem der Zug zu langsam fährt, das Gefühl hat: Könnt’ ich +aussteigen und nachschieben! + + »Hätt’ ich tausend Arme zu rühren! + Könnt’ ich brausend die Räder führen! + Könnt’ ich wehen durch die Haine! + Könnt’ ich drehen alle Steine!« + +und wenn er sich auch sagt, daß vor und mit ihm Bessere und Stärkere +wirken und gewirkt haben – er glaubt nicht, daß einer so viel Lust und +Mut gehabt wie er, vor allem nicht, daß einer so viel Glück gehabt, +wie _er_ haben wird! + +Und nun erreichte er nicht mehr als die andern! Nun ja, er leistete +vielleicht etwas mehr als dieser und jener, und seine Kollegen und +Freunde rühmten zuweilen seine Leistungen; aber ganz etwas anderes +hatte er gehofft, ganz etwas anderes! Er wußte ja freilich von früher +her, daß Unterrichten kein ununterbrochener Sieges- und Eroberungszug +sei; aber doch hatte er sich Erziehung und Unterricht im stillen als +eine Fleischwerdung des Lehrwortes gedacht. Aber das Wort ward _nicht_ +Fleisch: Seine Jungen konnten am Ende des Jahres etwas mehr als zu +Anfang; aber sie waren dieselben Menschen geblieben, wenigsten merkte +er keine Änderung. Die Guten, Offenen, Zarten waren zwar offen, zart +und gut geblieben; aber die Rohen, Hinterhältigen, Unwahrhaftigen +waren sich nicht minder treu geblieben. Es schien ihm auch, daß die +Klugen zwar klug blieben, die Dummen aber auch dumm. Und gerade die +Dummen waren das ewige Ziel seiner Mühen; zu ihnen kehrte er, wie +magnetisch gezogen, immer wieder zurück; denn daß die Klugen etwas +begriffen hatten, bedeutete ihm nichts, solange die Dummen im Dunkel +saßen. Das schien ihm die furchtbarste Ungleichheit und +Ungerechtigkeit der Welt, daß die einen spielend und lachend +erhaschten, was die andern mit Ängsten und Mühen nicht erringen +konnten. Und die Welt kommt nicht vorwärts, wenn die Dummen nicht +mitkommen, dachte er. Und er machte es sich zur tollkühnen Aufgabe, +aus den Dummen Kluge zu machen; alle sollten alles lernen; in seiner +Schar sollte keiner zurückbleiben. Herr Drögemüller hielt ihm vor, daß +er im Pensum zurück sei, und das war deshalb, weil es ihn immer wieder +zu den Schwächsten hinzog, weil ihn immer wieder dies wunderbare +Geheimnis der Dummheit lockte. Er konnte sich Viertelstunden, halbe +Stunden lang mit solch einem verschlossenen Geiste einkapseln und das +verworrene, zerrissene Gespinst seiner Vorstellungen mit langsam +tastenden Fragen zu ordnen und zu entwirren suchen; er gab in einer +Oberklasse den geographischen Unterricht, und er setzte sich vor, +nicht zu ruhen, bis alle die Entstehung der Jahreszeiten aus der +Stellung der Erdachse zur Ekliptik begriffen hätten, und zuweilen +sprang plötzlich aus solch einem leeren Auge ein Funke wie aus einem +toten Stein, und dann kam aus Asmussens Augen ein Strahl, und Licht +floß zusammen mit Licht und machte die Erde selig und schön – aber +wenn das Hirn sich dem einen erschlossen hatte, verschloß es sich dem +andern um so fester, und ob Asmus auch mit zusammengebissenen Zähnen +rang und bohrte – er mußte daran zweifeln, allen seinen Schülern den +auf- und abschwebenden Jahresreigen von Licht und Schatten +verständlich zu machen. + +Dabei quälte ihn mit Recht der Gedanke, daß er über den Schwachen die +Starken vernachlässige und sie durch den langsamen Gang des +Unterrichts langweilen und unlustig machen müsse. Aber konnte er sich +denn überhaupt allen so hingeben, wie es geschehen müßte, wenn man ihm +fünfzig, ja sechzig Menschenkinder auf den Hals lud? Es konnte ja +alles nur oberflächliche Husch- und Pfuscharbeit, nur äußerlicher +Bildungsaufputz werden. Es bemächtigte sich seiner das Gefühl, daß +überhaupt alles töricht und falsch sei, was er da treibe, und zwar von +der Wurzel aus falsch; von einem tieferen Grunde her müsse alles +anders angefaßt, müsse auch ganz anderes erstrebt werden. Er erinnerte +sich, daß sein bestes Lernen immer ein Erleben gewesen sei. Aber dies +Lernen in der Schule, wie er es nach dem herrschenden Formalismus +betreiben mußte, war kein Erleben. Es drang nicht zum Innersten und +Tiefsten des Menschen hinab. Und er dachte sich einen Menschen, mitten +in den Kampf des Lebens gestellt. Was er da brauchte – gab ihm das die +Schule? #Non scholae sed vitae#! hatte es im Seminar geheißen. Leerer +Schall! Das Meiste, was er den Kindern geben mußte, war nicht +Lebensbrot, waren nicht Lebensworte, nicht Lebenswerte. + +So hoch ihn sein Optimismus getragen hatte, so tief versank er jetzt +in Mißmut und Verzagen, und Melancholie bog seinen Mut »wie eine junge +Weide bis an den Rand des Lebens«. Jene unversiegliche Federkraft aus +tiefstem Lebensgrunde – nun schien sie dennoch versiegt. + +Öfter als sonst bezog er in Gemeinschaft mit Heide, Goers und +Stockelsdorf die Akademie des Herrn Kuhlmann und war dann nicht selten +der Ausgelassenste von allen; aber seine Scherze hatten eine +Bitterkeit und Schärfe, die die Freunde oft erstaunt und befremdet +aufblicken ließ. Manchmal verstummte er mitten in der tollsten +Lustigkeit, mitten im eifrigsten Diskurs und sprach dann den ganzen +Abend kein Wort mehr. Dann hatte ihn das Gefühl überfallen: Was soll +der ganze Unsinn? Darum ging er auch noch öfter allein ins Wirtshaus. +Er hatte ein abgelegenes Hotel entdeckt, in dessen Speisesaal er ganz +allein den Abend verbringen konnte. Das liebte er jetzt: ganz allein +mit einer Flasche in einem möglichst großen Saale sitzen und sinnen +und träumen. Nur wenn der Kellner kam, unterhielt er sich gern eine +Weile mit ihm. Es hatte ihn immer schwer geärgert, wenn er einen +Kellner schlecht und geringschätzig behandelt sah, wie es ihm +überhaupt so schien, als wenn die Menschen diejenigen, die ihnen die +härtesten und lästigsten Arbeiten abnahmen, am verächtlichsten +behandelten. Er suchte, es an seinem Teile gutzumachen, behandelt die +Kellner nun extra als Gentlemen und gab ihnen so reichliche +Trinkgelder, daß einige, allerdings wenige von ihnen zuweilen eine +abwehrende Gebärde machten und sagten: »Ooh – lassen Sie doch – ich +habe ja erst vorher bekommen!« Sie nahmen es aber immer. + + + + +XLVI. Kapitel. + +Angetrunkene Einfälle, die bei jedem vernünftigen Menschen nur +Kopfschütteln erregen können. Im übrigen ein Beweis, daß die +Optimisten nicht immer Optimisten sind. + + +Wenn er dann so ganz mit sich allein war, dann war er vom Kopf bis zu +den Füßen sein Vater Ludwig Semper. Er bemalte dann die hohen Wände +des Saales mit ganzen Epochen der Geschichte, mit Werken der +Dichtkunst und der Malerei, ließ sich von einem verdeckten Orchester +Symphonien und Ouvertüren vorspielen, sah sein ganzes Leben durch den +Lichtkreis der einsamen Lampe wandern, kämpfte mit Schopenhauer gegen +Hegel, gab Unterrichtsstunden, zog plötzlich ein Kuvert oder eine +Rechnung oder sonst einen Zettel aus der Tasche und notierte sich die +Idee zu einem wundervollen Gedicht oder Drama, das er schreiben +wollte. Auch Gedanken notierte er sich, die ihm des Aufhebens wert +dünkten, und wenn er nach Tagen oder Wochen bei einem zufälligen Griff +in die Tasche die Zettel wieder hervorholte, knäulte er sie ingrimmig +zusammen und warf sie mit einem gemurmelten »Blech« oder derberen +Worten in den Ofen. Je weiter der Abend fortschritt und je öfter der +Kellner aufgetreten war, desto eigenwilliger wurden natürlich seine +Gedanken; sie kümmerten sich schließlich gar nicht mehr um diesen +Herrn Semper, dem sie angeblich entsprungen sein sollten, und +schnitten Gesichter wie losgelassene Buben. Einige von diesen +Aphorismen, die sich weniger durch dauerhaften Wert als durch den +Zufall erhalten haben, mögen hier Platz finden und zeigen, welche Art +von Luftblasen in jenen Tagen aus den trüben Wirbeln der Semperischen +Seele aufstiegen. + + * + +Wir nehmen den Sonnenaufgang für ein Bild des siegenden Lichtes, der +erfüllten Hoffnung! Aber die Sonne blieb, wo sie war; nur wir drehten +uns – um uns selbst. + + * + +Ein Goldstück fiel ins Wasser und ging unter. »Das kommt davon, wenn +man nicht den beständigen Trieb nach oben in sich hat, wie ich!« rief +ein schwimmender Kork. + + * + +Wie sie sich blähen, die »Praktischen«, die »sich nicht mit vagen +Zukunftsideen abgeben«! Fressen sich voll und grinsen über die, die +dafür sorgen, daß auch morgen zu essen da ist. + + * + +So ist alle Arbeit auf der Welt auf das weiseste verteilt: der eine +hält edle Reden, und der andere handelt darnach. + + * + +Wer klug ist und dennoch gut, der ist wahrhaft gut. Das heißt die +Gefahr kennen und dennoch tapfer sein. + + * + +Der Sonntag ist so schön, weil er in sieben Tagen nur einmal kommt. Er +ist schön wie das Lächeln eines ernsten Menschen. + + * + +Man sagt von etwas Unpassendem: »Das paßt wie die Faust aufs Auge«, +und die paßt doch mitunter so gut dahin! + + * + +Das Leben ist ein langsamer Vergiftungsprozeß. + + * + +Dumm und schlecht, – in einer Stunde der Selbsterkenntnis fand der +Mensch für diese Verbindung das Wort »gemein«. + + * + +Aus den Augen des Menschen blickt zuweilen ein gequältes Tier, das +nicht reden kann. + + * + +Die Erde ist eine alte Metze, die sich in jedem Frühling wieder das +Gesicht bemalt. + + * + +Man muß Ambos oder Hammer sein, und wer keins von beiden sein will, +kommt zwischen beide. Armer Rumolt! + + * + +Wenn die Dummköpfe auf Geist stoßen, so grinsen sie überlegen. + + * + +Manche Brust ist ein Eisschrank, in dem sich die Gefühle vortrefflich +konservieren. + + * + +Beethovens fünfte Symphonie, letzter Satz: Donner der Seligkeit aus +aufgerissenen Himmeln. + + * + +Die Welt besteht durch Gehorsam; aber weitergekommen ist sie immer nur +durch Ungehorsam. + + * + +»Er ist ein enorm gebildeter Mensch,« sagen die Leute und meinen +damit: Er weiß dasselbe, was ich weiß. + + * + +Was fliegt, ist beliebt; was kriecht, ist verhaßt. Selbst der Floh ist +angesehener als die Laus; denn er springt. + + * + +Ein richtiger Neidhammel beneidet auch eine erfolgreiche Ballerine, +wenn er selbst Professor der Ethik ist. + + * + +Man soll die Menschen aufklären, gewiß; aber es gibt Geister, die +durch Rippenstöße geweckt sein wollen. + + * + +Wenn man seine Dummheiten bei der Obrigkeit rechtzeitig als +Heiligtümer anmeldet, genießen sie gesetzlichen Schutz. + + * + +Auf dem Lande gibt es Kollegen, die sich ein Schwein fett machen. Ich +will aufs Land gehen und mir einen borstigen Menschenhaß fett machen. + + * + +Selbst Herkules hat nur die Ställe des Augias ausgemistet. + + * + +Der Ochse, der tausendmal auf die Weide getrieben wurde, sammelt +freilich »Erfahrungen«. Aber weniger in der Botanik als im Fressen. + + * + +»Endlich wird mir Genugtuung!« rief die Distel, da hatte der Blitz die +Eiche zerschmettert. + + * + +Keine Tiergattung, die so viele und so verschiedene Varietäten +aufweist wie der Hund. Grenzenloses Akkomodationsvermögen ist ein +Merkmal der Hundenatur. + + * + +Ich habe Professoren und Schulmeister kennen gelernt, die +bereitwilligst zugaben, daß Goethe die Formgewandtheit vor ihnen +voraus habe. + + * + +Wenn die Könige bau’n und wenn sie niederreißen, – ein rechter +Karrenschieber findet immer sein Brot. + + * + +Das Leben ist das allmähliche Erwachen eines Gefangenen, der von der +Freiheit träumte. + + * + +Man kann die größten Dummheiten mit der Ruhe des Weisen sprechen. + + * + +Es gibt Künstler, die ihr Talent in schmale Riemen zerschneiden, um es +auszubeuten. Sie können es, wie Dido, zu einem ansehnlichen +Grundbesitz bringen. + + * + +Es war ein kleines Mädchen, dessen Mutter hatte man ins Irrenhaus +bringen müssen. Und man stopfte ihm die Hände voll Äpfel und Backwerk, +daß es nicht mehr an die Mutter denken sollte. Aber es konnte die +Mutter nicht vergessen. + + * + +Wenn ein Mandrill den Husten hat, so vergißt man seine Häßlichkeit, +oder man ist ein Ästhet und Hallunke. + + * + +Niemand ist vor seinem Tode ein Goethe, sagte der Professor. + + * + +Schon bei der Geburt tritt der Mensch in etwas, das man Leben nennt. + + * + +Italien scheint mir ein alter, zerfallener Gorgonzola unter einer +wunderschönen Kristallglocke zu sein. + + * + +O, dieses Korsett! Man glaubt ein Weib zu umarmen und man umarmt einen +Hummer. + + * + +Die Ratte hat keinen Freund – das könnte mich zu ihrem Freunde machen. + + * + +Bei jedem schweren Gange sage dir dies: Bei Abschied und Wiederkehr +sind die Leute da mit Hurra und Trara – den langen, bittern Weg mußt +du allein gehen. + + + + +XLVII. Kapitel. + +Asmus wird stutzig und entsagt der sündigen Gewohnheit, aber mit Maß. +Er erfährt eine überraschende Neuigkeit. + + +Wohl kam ihm in besinnlicheren Augenblicken der Gedanke, ob dies +verwegene Spiel mit seiner Kraft auch gesund sei; aber dann zog er +einfach einen Zettel aus der Tasche und schrieb darauf: + +»Was wären wir, wenn wir immer unserer Gesundheit lebten! Nicht einmal +gesund!« und dann war diese Angelegenheit einstweilen erledigt. Auch +erwog er öfters den Gedanken, ob es nicht köstlicher, lohnender, +vernünftiger sei, langsam und fröhlich zu verlumpen, als in dieser +Welt zu wirken und zu streben. + +»Ich fuhr einmal auf einer Rutschbahn,« schrieb er, »und das sausende +Fahrzeug glitt zuletzt in die hochaufschäumenden Wasser eines Sees. So +köstlich ist der Leichtsinn: die Sinne schwindelt’s, die Gedanken +vergehen, und hochauf spritzen und schäumen die Fluten des Lebens!« + +Und wenn das Fahrzeug ein bißchen zu tief eintauchte und umschlug – +war’s denn schlimm? Er sah seinen toten Bruder vor sich, seinen +Bruder Leonhard, der an seinem Leichtsinn zugrunde gegangen war. Aber +gewiß hatte er auch manche schäumende, tanzende, wirbelnde Stunde +genossen! Es kam darauf an, was das Gescheitere war. »Sehen Sie, das +ist so verschieden,« hatte eines Morgens ein Mann in einem verruchten +Nachtlokal zu ihm gesagt, »der eine ißt gern Rebhühner und der andere +möchte gern ein Ehrenmann sein.« Der Mann, der das sagte, war ihm +freilich zuwider gewesen. + +Im Geschlecht der Semper tauchte hie und da ein Hang zur Verschwendung +auf. Wie wär’s, wenn man sich selbst verschwendete! Sich selbst mit +Bewußtsein langsam zerstören und mit forschenden Augen alle Schauer +und Schönheit, alle Tollheit und Tragik des eigenen Unterganges +kosten! Da müßte man in sich und in den andern Dinge sehen, die auf +der Hauptstraße des Lebens nicht gezeigt wurden. Es machen wie jener +Zöllner, den er bei seinem Freunde Diepenbrock auf dem Sofa hatte +liegen sehen: wochenlang immer trinken und sinken, trinken und sinken +ins Bodenlose hinab, und dann wieder emporsteigen zu Goethe, +Shakespeare und Dante! Hinabsteigen in alle Tiefen des Lumpentums; mit +Laster und Verbrechen auf du und du stehen und im Innersten doch der +bleiben, der man war, bis zum Tod! Das müßte sein wie eine +Entdeckungsfahrt von gefahrumwitterter Romantik. Das waren seine +Gedanken, wenn er durchs Kneipenfenster in die aufzuckende Morgenröte +starrte und immer noch ein neues Glas bestellte. Und im Graus des +Sinkens und Untergehens zuweilen an _sie_ denken, die er vor kurzem am +Arm ihres Verlobten lachend über die Straße hatte gehen sehen! Dann +mischte sich Morgengrauen und Morgenröte, wie in der traurigen Freude +dieser Morgenstunden, wenn er zurückgelehnten Hauptes in den Himmel +starrte. Mit der steigenden Sonne aber überfiel ihn oft ein +plötzliches Frösteln, dann fühlte er sich namenlos elend, und einmal +in solch einer Stunde machte ein Gedanke ihn stutzig. Im Rausch fühlte +er sich glücklich, stolz, von Kraft geschwellt und leicht wie auf +Schwingen, zu jeder großen Tat bereit und zu jedem herrlichen Werke +geschickt. Wenn er sich aber am nachfolgenden Tage die Freuden seines +Rausches erinnernd zurückrufen wollte, so fehlte ihm jede Vorstellung, +jede Freude an der Freude; die Stunden des Rausches waren ihm eine +leere, tote Zeit. Er wußte wohl, daß er sich gefreut hatte an dem +Kaleidoskop seiner Phantasien; aber er konnte diese Freude nicht +zurückrufen. Warum war das nicht so mit andern Freuden, mit den +Freuden der Kindheitsspiele, des Studierzimmers, der Kunst, der +Wanderung in Feld und Flur? Da war jede Freude ein anderer Genius mit +anderem Angesicht, mit Augen, die schöner werden mit jeder Erinnerung, +da war jede Freude ein unverlierbarer, ein wachsender Besitz! Und +nachdenklich zog er die Rechnung, auf der seine Zeche stand, aus der +Tasche und schrieb auf die Rückseite: + +»Der Rausch ist ein liebloser Gastfreund; er spendet nicht das +Gastgeschenk der Erinnerung.« + +Und als er bald darauf eines Morgens unmittelbar von der Schenke in +die Schule ging – er blieb immer Herr seines Handelns und gab nach +solchen Nächten oft seine besten Stunden – aber als er nun mit einem +aus Hohlheit und Übersättigung gemachten Gefühle vor den Kindern stand +und in rotwangige Gesichter, in klare Augen sah, die in der Schönheit +und Hoffnung des jungen Morgens zu ihm kamen, da sagte er leise, aber +ihm selbst hörbar, vor sich hin: + +»Nun ist es genug.« + +Nein, man blieb nicht, der man war, und die Romantik der Verlumpung +war eine Lüge. Er hatte Abschied von ihr genommen. + +Frau Rebekka hatte über seine nächtlichen Ausflüge genug geklagt und +gejammert; ihre Gardinenpredigten konnten sich neben den besten ihrer +Gattung hören lassen, und mütterliche Gardinenpredigten mögen wohl +noch eindringlicher sein als eheliche, weil sie aus selbstloseren +Gründen entspringen. Rebekkens Bemühungen, auch ihren Gatten zu +solchen Predigten aufzumuntern, blieben freilich ganz erfolglos. +Ludwig antwortete im Geiste seiner Philosophie: + +»Laß ihn, was soll ich ihm sagen!« + +»Ja, wenn ich dir das erst sagen soll – wenn du das nicht selbst weißt +–!« rief Frau Rebekka. »Merkwürdig! ’n Mann, der den Kopf voll +Gelehrsamkeit hat und alle Sprachen spricht –« + +»Nicht alle,« versetzte Ludwig trocken – + +»– und verlangt von mir, daß ich ihm sage, was er sagen soll!« + +»Ja, ich bin zu dumm dazu,« sagte Ludwig mit seinem Lächeln. + +»Ach Gott, mit dir ist ja kein Auskommen!« rief Rebekka, lief in die +Küche hinaus und klagte laut den Tellern und Töpfen ihr Leid. + +Ludwig und Asmus Semper verband nun einmal aus Vordaseinszeiten her +ein Vertrauen, das die sorgende Frau Rebekka nicht begreifen konnte. + +Übrigens beabsichtigte Asmus keineswegs, die Welt- und Fleischeslust +in sich zu ertöten und auf die Freuden eines geselligen Trunkes +prinzipiell zu verzichten. Und er hatte es nicht zu bereuen, daß er an +einem vielverheißenden Vorfrühlingstage in die Kuhlmännische Akademie +ging. Er traf dort seinen Kollegen Mansfeld, eben jenen Herrn, der +eine Pensionärin Namens Hilde Chavonne im Hause hatte. Asmus +schwankte, ob er sich zu ihm setzen solle; aber eine eigentümliche +Gewalt zog ihn fast gegen seinen Willen an denselben Tisch. + +»Sie sollten sich mal mein neuestes Bild ansehen,« sagte Mansfeld, der +in seinen Mußestunden malte, im Laufe des Gesprächs. »Kommen Sie mit +und essen Sie mit uns zu Abend. Meine Frau wird sich freuen.« + +»O,« stammelte Asmus, »das ist sehr liebenswürdig, ich komme natürlich +gern einmal – aber heute hab’ ich eine wichtige Sitzung, bei der ich +auf keinen Fall fehlen darf.« + +»Das ist was anderes,« sagte Mansfeld. + +Die Rede kam aber doch bald auf die Pensionärin, und Asmus fragte mit +glänzend aufgepuffter Munterkeit und mit einem sehr kunstreichen +Lächeln: + +»Na, wie geht’s ihr denn?« + +»Na, – soso lala!« + +»Wieso?« rief Asmus erblassend. »Ist sie nicht glücklich?« + +»Dscha – wie man’s nehmen will. Ihre Verlobung ist ja zurückgegangen, +das wissen Sie doch?« + +»Zurück –?« Asmus war aufgesprungen. »Zurückgegangen? Ich weiß kein +Wort. Ich bitte Sie – warum?« Er hatte sich wieder gesetzt. + +»Gott – das arme Kind – sie hat eine schwere, traurige Kindheit +verlebt und von den Menschen nicht viel Gutes erfahren. Vater und +Mutter sind tot; als ihr da einer von Liebe sprach, schmolz ihr das +weiche Herz und sie glaubte, das Glück wär’ endlich da!« + +»Nun – und? Was weiter?« Asmus bog sich immer weiter über den Tisch. + +»Nach wenigen Wochen erkannte sie, daß sie sich geirrt hatte, +vollkommen geirrt. Übrigens ein braver, ordentlicher Kerl, aber nicht +das, was das Herz einer Hilde Chavonne braucht. Entschlossen und +mutig, wie sie bei all ihrer Milde ist, trug sie ihrem Verlobten die +Lösung des Verhältnisses an. Und er, wie er kein Mann für sie war, +hatte wohl auch nicht erkannt, was er an ihr besaß; er erklärte sich +schließlich einverstanden.« + +Und so weit Asmus sich vorgebeugt hatte, so weit lehnte er sich jetzt +zurück und blickte schweigend vor sich hin. + +Wenn eine lange getragene Last von uns abfällt, fühlen wir erst, wie +schwer sie gewesen ist. Auf seinen Soldatenmärschen hatte er Mantel und +Tornister, Helm, Patronen und Waffen als etwas Selbstverständliches ohne +Murren getragen; aber wenn er, in die Kaserne zurückgekehrt, alles +abgelegt hatte, dann hatte er gefühlt, wie schwer die Bürde gewesen. +Ganz so war es ihm jetzt, ganz so; denn es war ihm, als habe es ihm auf +Hirn, auf Nacken und Schultern gedrückt. + +Ȇbrigens,« rief er ganz unvermittelt und wurde über und über rot, »da +fällt mir ein: die Sitzung ist ja erst morgen. (Ein Geschickterer +würde vielleicht gesagt haben: In acht Tagen!) Wenn Sie Ihre Einladung +nicht bereuen, nehm’ ich sie jetzt noch an.« + +Mansfeld unterdrückte ein Lächeln und erklärte, daß ihm nichts +erfreulicher sein könne als dieser Entschluß. Und Asmus ging mit. + + + + +XLVIII. Kapitel. + +»Wiederum tanzt eine Salome: wiederum heischt sie das Haupt des +Johannes.« Johannes Chrysostomos + + +Als die beiden Männer in das Wohnzimmer traten, fanden sie Frau +Mansfeld mit einer Handarbeit, Fräulein Chavonne mit den +Vorbereitungen zum Unterricht des folgenden Tages beschäftigt. Die +junge Dame saß mit dem Rücken gegen das Licht; aber gleichwohl glaubte +Asmus zu bemerken, daß sie erschrecke und erblasse. Zwar lächelte sie, +als sie ihm dann die Hand gab; er zweifelte aber doch nicht daran, daß +er ihr unangenehm und unwillkommen sei. Mansfeld holte sein Bild +hervor, und Asmus nahm es in Augenschein; wäre er verpflichtetes +Mitglied einer Jury gewesen, so würde der gute Mansfeld wohl nicht +allzuviel Schmeichelhaftes zu hören bekommen haben; aber abgesehen +davon, daß Asmus sich durchaus nicht als Kenner fühlte, gehörte er +nicht zu jenen »unentwegten« Bekennern, die die Wahrheit auch dann +sagen, wenn sie nur verletzt und keinem nützt; er machte also dem +harmlosen Dilettantismus Mansfeldens neben einigen Ausstellungen ein +paar balsamische Komplimente. + +Nach dem Abendessen sagte Mansfeld: »Ich habe Sie so lange nicht +gehört – möchten Sie nicht ein Gedicht sprechen?« + +Asmus, ohne sich zu zieren, stand auf und sprach, zwar in Hinblick auf +die Anwesenheit der Damen mit einiger Befangenheit, »Des Sängers +Fluch«. Frau Mansfeld war eine überaus fleißige und praktische Frau +und ließ auch während des furchtbarsten Fluches die Häkelnadel nicht +ruhen; Hilde aber, die inzwischen zu einer Stickerei gegriffen hatte, +ließ schon nach den ersten Versen die Hände in den Schoß sinken und +horchte mit großen Augen. Nun schlug Mansfeld vor, man möchte doch +jede Woche einmal zusammenkommen und etwas Gutes lesen, namentlich +Dramatisches; er komme fast nie ins Theater, und Asmus setzte für +nächsten Mittwoch »Emilia Galotti« aufs Repertoire. Frau Mansfeld +indessen, die die Claudia lesen sollte, lehnte jede Beteiligung +entschieden ab; sie wollte mit dem Theater nichts zu tun haben. Sie +konnte sich nicht verstellen; sie war Frau Mansfeld aus Hamburg und +nicht Claudia Galotti aus Italien, und überdies wußte sie ganz gut, +daß in dem Stück ein junges Mädchen verführt werden sollte. So etwas +paßte sich nicht für eine Lehrersfrau, und im Grunde ihres Herzens +mochte sie es etwas »frei« von dem Fräulein Chavonne finden, daß es +sich auf Asmussens Bitte bereit erklärte, sogar das zu verführende +Mädchen selbst zu verkörpern. Asmus las den Prinzen und Appiani, +Mansfeld den Marinelli und den Odoardo; aber es ging doch nicht. +Dieser las nämlich den Marinelli wie einen stellungsuchenden +Schneidergesellen, und sein Odoardo wäre durch ein gutes Glas Bier mit +Leichtigkeit zu besänftigen gewesen. Er sah das auch selbst ein, und +Asmus widersprach seiner Selbstkritik mit keinem Wort. Einig waren +alle darin, daß Fräulein Chavonne die Angst Emiliens und die +Eifersucht der Gräfin Orfina vorzüglich gelesen habe. Asmus war +überrascht: hatte sie schon einmal Eifersucht empfunden? Es war etwas +Echtes und Elementares in ihrem Vortrag gewesen. + +Von nun an mußte Asmus allein lesen, und als man dahinter gekommen +war, daß er plattdeutsch reden könne wie ein Oldensunder Bauernjunge +und wie ein Hamburger Ewerführer, da mußte er Groth und Reuter lesen. +Und als er die nun las, da machte er eine wundersame Entdeckung: Hilde +Chavonne konnte lachen! Natürlich hatte er sie auch sonst schon lachen +sehen; aber immer hatte nur ein Teil ihres Wesens gelacht, und nur ein +kleinerer Teil; der tiefe, fast traurige Ernst ihres Wesens hatte +immer das Übergewicht behalten; es war immer ein Lachen mit ernstem +Grundton gewesen, nicht jenes Lachen des ganzen Menschen, das aus dem +Mittelpunkt unseres Wesens elementar hervorbricht und alle unsere +Seelen- und Körperteile kräftig durcheinander zu schütteln scheint. +Und sie selbst schien beseligt, berauscht von der Entdeckung dieser +Kraft wie ein Kind, dem man zur Weihnacht beschert; wenn er den Blick +vom Buche erhob und in ihr lachendes Gesicht sah, dann glühten ihn +zwei jauchzende Augen an, und niemand hätte sagen können, ob es Lust +oder Dankbarkeit sei, was ihnen den feuchten Schimmer gab. Wenn er +aber von traurigen Dingen las und – anfangs zufällig, bald mit Absicht +– die Augen über den Rand des Buches hinausgehen ließ, dann sah er +ihre Augen auf sich ruhen, als wäre es _sein_ Leid und _sein_ Kummer, +von dem er gelesen. Und obgleich die beiden Mansfeld ein dankbares +Publikum waren, dachte er bald bei allem, was er las, nur das eine: +Wie wird es _ihr_ in die Seele klingen? fühlte er bei jedem Wort den +unhörbaren Widerhall _ihres_ Herzens. + +Es ist klar, daß ein Ereignis oder eine Erwägung, die ihn von den +Mittwoch-Besuchen hätte zurückhalten können, bald zu den undenkbaren +Dingen gehörte. Zu Hause und unter den Freunden, in Konzert und Theater, +in Wissenschaft und Kunst gab es keine Freuden, und am allerwenigsten +gab es unter dem himmlischen Gezelte Naturerscheinungen, die ihn hätten +hindern können, am Mittwoch nachmittag nach dem ländlichen Vororte +hinauszupilgern, in dem die Mansfelds wohnten. Die altgeheiligte +Ordnung des Wochenreigens hatte sich verkehrt; der Mittwoch war zum +Sonntag geworden. Sehr schlau bemerkte Frau Rebekka eines Tages mit dem +Scharfblick des Weibes und der Mutter: »Da bei den Mansfelds, da muß ein +Magnet sein.« + +Mit dem Magnet hatte es seine Richtigkeit. Wenn der Sommernachmittag +gar zu verlockend ins Fenster lachte, ließen sie Bücher Bücher sein, +wanderten zu vieren hinaus nach Eppendorf, Lokstedt oder Niendorf und +ergaben sich auf einer Wiese dem Reifenspiel. Von den Freundinnen +Hildes hatte er gehört, daß ihr Turnlehrer sie immer vor allen gerühmt +habe wegen ihrer Anmut; eines Tages, als sie sich zu schwach gefühlt +und sich von der kaum erfaßten Reckstange wieder hatte fallen lassen, +da hatte der Lehrer gerufen: »Fräulein Chavonne fällt sogar mit Grazie +vom Reck!« Asmus konnte dem Manne nur von ganzem Herzen recht geben, +und wie der »Magnet« beim Lesen seine Blicke, seine Stimme, seine +Gedanken anzog, so flogen ihm jetzt die meisten der Reifen zu, die +Asmus zu versenden hatte, wenn er auch galant genug war, sich hin und +wieder der gnädigen Frau zu erinnern. + +Ein Spiel auf grünem Rasen in heller Sommerluft, das war nun ohnehin +für das Herz des Asmus ein ununterbrochener Freudentanz; als er nun +aber auch noch das liebliche Mädchen mit seinen schmalen Füßen, in +flatterndem Gewande über den sonnengrünen Teppich hüpfen sah, da +schien ihm, daß die Welt wohl überhaupt schön sei, daß sie aber noch +nie so schön gewesen sei wie an diesem Tage. Anmut der Bewegung und +körperliche Geschicklichkeit waren nicht seine Stärke; aber mit dem, +was er konnte, kokettierte er redlich, und er hatte das Gefühl, daß er +plötzlich mehr könne, als er sich zugetraut. Freilich, bei einem +unparteiischen Zuschauer würde auch Hilde Chavonne den Verdacht +erweckt haben, daß ihr der Eindruck ihrer Sprünge und Tanzschrittchen +nicht gleichgültig sei, und daß sie wie jedes junge, schöne, tanzende +Weib um den Kopf eines Mannes tanze. + +Und gewiß hätte Asmus ihr lieber seinen Kopf auf einer Schüssel +entgegengetragen, als ihr von Liebe zu sprechen. Wenn es sich auf dem +Heimwege traf, daß sie allein nebeneinander gingen, dann begann wieder +jenes wunderlich-närrische Doppelspiel von Lippen und Herzen, das sie +schon damals, nach Asmussens einmaligem Auftreten als König getrieben +hatten. Sie sprachen über einen Roman oder über eine Schulverordnung +oder über ein Sonnentaugewächs, das sie gefunden, oder über eine +Wolkenbildung, und mit allem, was sie sagten, meinten sie: »Ich liebe +dich – ich liebe dich!« Es war eine Chiffresprache, die sie redeten. +»Dieser Weg führt nach Bahrenfeld,« bedeutete soviel wie: »Du bist +ein entzückendes Geschöpf!« »Die Linden haben ausgeblüht« sollte +heißen: »Ich möchte dich küssen;« aber keiner hatte den Schlüssel zur +Sprache des andern. Das Herz des Asmus drängte, raunte, flüsterte ihm +zu wie ein eifriger Souffleur: »Sag’ es ihr, sag’ es ihr, tu den Mund +auf – es ist gar nicht schwer – und sag: »Süße Hilde, ich hab’ dich +lieb!« – »Wie kann ich denn ‘du’ zu ihr sagen!« erwiderte Asmus. +»Meinetwegen sag’ ‘Sie’«, entgegnete das Herz, »aber sag’ etwas!«, und +dann tat Asmus wirklich den Mund auf und sagte: »Jetzt wird ja auch +bald der neue Bahnhof eröffnet.« Sie war doch zu hoch, zu heilig; sie +_konnte_ sich an einem Menschen wie ihm nicht genügen lassen. Sie +hatte es ja auch bewiesen, als sie sich verlobte. An ihm war sie +vorbeigegangen. + +Endlich, endlich kam eine prächtige Gelegenheit, dem Herzen Luft zu +machen. Mansfeld hatte mit seinen Schülern einen Ferien-Ausflug +unternommen, und Asmus und die Damen hatten sich angeschlossen. In +einer hübschen Gartenwirtschaft, die den freundlichen Namen »Zum +Morgenstern« führte, hielt man Rast, und Hilde hatte sich daran +gemacht, die gepflückten Feldblumen zu einem Strauße zu ordnen, als +Asmus zu ihr trat. Mansfeld und Frau waren abseits mit den Kindern +beschäftigt. + + + + +XLIX. Kapitel. + +Asmus Semper wird streitsüchtig, wettet, lügt, vergreift sich an +Goethe und benimmt sich feige. + + +»Wo haben Sie die Calluna gepflückt?« fragte Asmus, indem er einen +Zweig der Glockenheide aufnahm. + +»Im Moor. Aber das ist nicht Calluna, das ist Erika.« + +»Das ist Calluna.« + +»Das ist Erika.« + +»Das ist Calluna.« + +»Das ist Erika.« Sie lachten beide. + +»Das Heidekraut ist Erika, und Calluna ist die Glockenheide,« sagte +Asmus. Er hatte sich’s inzwischen überlegt und wußte, daß sie recht +habe; aber er fand es viel hübscher, mit ihr zu streiten. + +»Im Gegenteil,« lachte sie, »die Glockenheide heißt Erika.« + +»Wetten?« rief Asmus. + +»Ja!« Ihre Augen leuchteten. + +»Um was?« + +Sie machte plötzlich ein ernstes Gesicht und sagte zögernd: + +»Wenn Sie verlieren, müssen Sie mir ein Gedicht schenken. Das ist wohl +schrecklich unbescheiden, nicht wahr?« fügte sie schnell hinzu. + +»Ich fürchte, es ist nur allzu bescheiden,« sagte Asmus. »Und was +geben Sie mir, wenn ich rechte habe?« + +»Das – weiß ich noch nicht – das findet sich dann,« sagte sie +errötend. + +Am Abend hatte er es fast eilig, von ihr fort zu kommen, damit er zum +Dichten komme. Sie wollte ein Gedicht von ihm! War das nicht ein +Zeichen von Liebe? Ach nein, ach nein. Andere Damen hatten ihn auch +schon darum gebeten, sicherlich, ohne ihn zu lieben. Die Mädchen +prunken gern mit dergleichen – so weit kannte er die Mädchen auch. +Freilich: so war _sie_ nun eigentlich nicht.... + +Einen Augenblick dachte er, er wolle ein Akrostichon auf ihren Namen +machen, weil das so schön deutlich sei. Aber er schalt sich sofort +darüber aus: »Erstens ist es läppisch und keine Dichtung, und zweitens +wäre es nicht mehr deutlich, sondern frech.« Er nahm nun eine Maske +vor, die Maske eines Mannes, der sich aus dieser Welt des Alltags nach +der Welt der Romantik, nach der Zeit der schönen Melusinen, der +Minnesinger und der Ritter sonder Furcht und Tadel sehnt, und schloß +sein Ottaverimengebäude also: + + »Wie schlüg’ ich gern, ein schwertgewandter Ritter, + Mit leichtem Mut mein Leben in die Schanze, + Wie schwäng’ ich gern im Schlachtenungewitter + Für der Bedrückten Recht die wucht’ge Lanze! + Vor Raubverließen sprengt’ ich Wall und Gitter + Und kehrte heim mit wohlverdientem Kranze. + Dann blühte mir, die Frucht von blut’gen Saaten, + In starker Brust das stolze Glück der Taten. + + Wie gern ... doch still! Es öffnen sich die Zweige – + Ein leises Knistern über meinem Haupte – + Ich forsche, daß der süße Mund sich zeige, + Der so verstohlen-leisen Kuß mir raubte – + Du bist’s Geliebte! Komm hervor und neige + Dein Haupt mir zu, das frühlingsgrün-umlaubte! + Verlassen hat ein schöner Traum die Lider – + Die schön’re Wirklichkeit erkenn’ ich wieder! + + Mich trog ein alter Wahn – bis ich erwachte + In deinem Arm, im heimatlichen Walde! – + Ob je so schön wie heut’ herüberlachte + Der Silberstrom, die farbenreiche Halde? – + Auch heut’ bekämpf’ ich kühn, was ich verachte, + Zwar nicht als Ritter, doch als freier Skalde; + O sieh zum Horizont die Sonne gleiten: + Noch lebt die Schönheit wie in alten Zeiten!« + +Ob das zu kühn war? Ach nein – jedenfalls: vor dem Tintenfaß hatte er +Mut; er schrieb es auf sein schönstes Papier, schob es in einen feinen +Briefumschlag, liebkoste jeden Buchstaben ihres Namens mit den Augen, +als er die Adresse schrieb, und ging zum Briefkasten. Als der Brief +schon halb in der Spalte des Kastens steckte, zauderte er einen +Augenblick. Sollte er’s wagen? Aber ein höherer Wille stieß ihm an den +Ellbogen, und der Brief fiel hinein. + +Asmus seufzte tief auf. Das war ein entscheidender Schritt, dachte er. – + +Schon am übernächsten Morgen hatte er einen Brief. + + »Sehr geehrter Herr Semper! + + Haben Sie innigsten Dank für das wunderschöne Gedicht! Ich hab’ es + schon viele Male gelesen, und jedesmal gefällt es mir besser. Aber + wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen; denn solchen Einsätzen vermag + ich nichts entgegenzustellen. + + Ich werde Ihr Gedicht an sicherer Stelle verwahren. + + Mit schönsten Grüßen + Ihre sehr ergebene + Hilde Chavonne.« + +Beim ersten Lesen schien ihm der Brief eine feurige Liebeserklärung; +beim zweiten schien er ihm nur noch eine Liebeserklärung, und je +öfter er ihn las, desto mehr wurde er sich klar, daß diesen Brief +auch jede andere Dame geschrieben haben könnte. Jede? Nun ja, er war +sehr freundschaftlich gehalten; aber gute Freunde waren sie ja +schließlich wohl. »Ich werde Ihr Gedicht an sichrer Stelle verwahren!« +das konnte heißen: Ich werde es am Busen tragen – es konnte aber auch +heißen: Ich werde es in meiner Kommode verschließen. Und dann der +Satz: »Aber wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen!« Sie gab ihm zwar +eine sehr bescheidene Begründung; aber konnte nicht auch ein feiner +Verweis darin liegen: Du bist zu dreist gewesen!? Freilich: da stand: +»Mit _schönsten_ Grüßen Ihre _sehr_ ergebene.« Das war sehr viel! Aber +eine steife, »zippe« Hamburgerin, die den Herren nur die Fingerspitzen +reicht und beim Gruß nur mit der Hutfeder nickt, war sie ja überhaupt +nicht, obwohl sie in Hamburg geboren war. Und »Ihre _ganz_ ergebene« +stand nicht da ... + +Als er sie wiedersah – es war an einem Sonntagmorgen – fühlte er wohl +bald an ihrem Dank und ihrem Geplauder, daß sie an einen »Verweis« +nicht gedacht haben könne; aber sie trug ein weißes Morgenkleid mit +rosa Bändern, und darin sah sie nun aus wie eine Königin der Lilien! +Ach, armer Asmus! Du hast im Ernste geglaubt, solch ein Weib könnte +für _dich_ blühen? Dies Kleid schlug all seine Hoffnungen nieder. + +Und so war er denn genau so weit wie vordem. Zum Glück ließ die +Wirkung des Kleides, als er die Trägerin nicht mehr vor Augen hatte, +nach, und er gelangte zu dem Ergebnis: Ich muß noch einmal mit ihr +wetten! + +Er traf sie bei seinem nächsten Besuch mit einer zierlichen Arbeit +beschäftigt. Auf ein weißes Blatt legte sie in mehreren Schichten +nacheinander schöne Blätter der verschiedensten Pflanzen, und nach +jeder Lage besprengte sie das Ganze mit einer dünnen Sepialösung. Wenn +alles beendigt war, kam ein anmutiges Bukett der reizendsten +Blattformen zum Vorschein. Es war eine Arbeit, die nicht viel Kunst, +wohl aber Sorgfalt und Geschmack erforderte. + +Als sie nahezu beendet war, betrachtete Hilde ihr Werk mit geneigtem +Kopfe und sagte: + +»Die Grazien sind leider ausgeblieben.« + +Halt, dachte Asmus, das ist eine Gelegenheit. + +»Sagt Schiller,« fügte er hinzu. Er wußte ganz genau, daß er sich an +Goethe vergriff. + +»Ist das nicht von Goethe?« fragte sie, einen Augenblick durch seine +Bestimmtheit unsicher gemacht. + +»Nein, von Schiller.« Da wurde er doch rot. + +»Doch – es ist aus »Tasso!« rief sie. + +»Keine Spur. Von Schiller ist es.« + +Sie lachte: »Fangen Sie schon wieder an?« + +»Wollen wir wetten, daß es von Schiller ist?« rief er. + +Sie wurde purpurrot und rief: »Ja!« + +»Um was?« + +»Wenn Sie unrecht haben – nein, es wäre zu unbescheiden!« + +»Sie können nicht unbescheiden sein.« + +»Ein Gedicht? Wollen Sie?« + +»Mit Freuden. Und wenn Sie unrecht haben?« + +»Was verlangen Sie dann?« + +Asmus hob die eben vollendete Arbeit auf. »Dieses Blatt!« + +»Nicht dies, aber ein besseres!« + +Dann holte sie den Tasso vom Bücherbrett, konnte aber die Stelle nicht +sofort finden. + +»Darf ich?« fragte Asmus. »_Wenn_ es drinsteht, werd’ ich es bald +finden.« Er blätterte einen Augenblick. »Wahrhaftig, Sie haben recht! +Tasso sagt es vom Antonio.« + +Sie triumphierte. – – – + +Diesmal fiel sein Gedicht deutlicher aus. Es war etwas herkömmlich im +Ton, etwas heine-geibelig sozusagen; aber deutlich war es. + + »Wir standen auf hoher Warte + In klarer Sommerluft; + Tief unten lag die Erde + In lauter Glanz und Duft. + + Und über unsern Häuptern + Der Himmel hoch und hehr + Ein unergründlich tiefes, + Ein weites, blaues Meer! + + Es strebte mein Geist zum Himmel + Und strebte zur Erde auch: + Ihn lockte die himmlische Reine, + Der irdische Wonnenhauch. + + Fern waren Erd’ und Himmel; + Du aber warst bei mir, + Und haften blieb mein Auge, + Das sehnende – an dir. – + + Du bringst mir irdische Wonnen + Auf rosigen Lippen dar; + Es fließt der Schönheit Zauber + Von deinem goldnen Haar. + + Du trägst des Himmels Reinheit + Und Frieden im Angesicht; + Treu glänzen deine Augen + Wie seiner Sterne Licht. + + Vergessen die prangende Erde, + Vergessen das himmlische Zelt! + In dir halt ich umfangen + Den Himmel, die Erde – die Welt!« + +Er hatte erst schreiben wollen: + + »Von deinem _braunen_ Haar« + +aber das schien ihm denn doch zu deutlich, und er machte ein goldenes +Haar daraus; dann konnte sie das ganze Gedicht auch auf eine andere +beziehen. Daß man hübschen jungen Mädchen keine solchen Gedichte +schenkt, wenn sie sich auf andere beziehen, das fiel ihm nicht ein. +Seine geistige Begabung lag auf anderen Gebieten. + +Als er den Briefumschlag mit der Zunge feuchtete, hielt er plötzlich +inne und starrte vor sich hin. War es nicht eigentlich unwürdig, ihr +das Gedicht so hinterrücks durch den Postboten zuzustellen? War es +nicht männlicher, einfach vor sie hinzutreten und zu sagen: Hier ist +das Gedicht!? Aber, wenn Sie’s dann las – nein, nein, nein, nein! Dann +war es noch männlicher, ihr ins Gesicht zu sagen: »Hilde Chavonne, ich +liebe dich!« und das konnte er eben nicht. War das Feigheit? O, wenn +es nicht Hilde, wenn es Drögemüller wäre, dann wollte er schon zeigen, +daß er offen und mutig die Stirn zeigen konnte. Aber Hilde – – wenn +das feige war, dann war es eben feige, daran war nichts zu ändern. Er +schloß den Brief und steckte ihn ein. Aber als er ihn fallen hörte, da +war’s ihm, als höre er auch sein Herz in den Kasten fallen. Es war +doch eine Riesenkühnheit. Wenn sie jetzt zürnte – nun, dann liebte sie +ihn nicht, dann war alle Hoffnung zu Ende. + +Wenn sie ihm aber nicht zürnte – was war damit bewiesen? + +Eigentlich nichts. – Nun, man würde ja sehen. + + + + +L. Kapitel. + +Der Verfasser durchbricht aus Wut über seinen Helden die Kunstform. + + +Der nächste Tag war ein Mittwoch; mit klopfendem Herzen trat er zu den +Mansfeld ins Zimmer – sie war nicht da. Ein schlimmes Zeichen. Sonst +war sie immer dagewesen. Das Gespräch mit den Mansfeld wollte nicht in +Gang kommen. Endlich, nach einer Viertelstunde, die Sempern zu einer +Ewigkeit angeschwollen war, trat das Fräulein herein. Sie wollte +unbefangen erscheinen; aber alle Anstrengung half ihr nichts; sie +wurde blutrot und senkte den Blick, als sie Asmussen die Hand gab und +ihm sagte: + +»Ich danke Ihnen _sehr_!« + +Dann flog ein Engel durchs Zimmer. Und noch einer. Und noch einer. +Hilfreiche Engel waren es nicht; denn sie halfen dem blutschwitzenden +Asmus auch nicht mit einem Wörtchen aus. Endlich half er sich selbst, +indem er heftig das linke Bein über das rechte schlug (genau wie +Ludwig Semper). Das half. + +»Sonnabend wird der ‘Freischütz’ gegeben, in einer vorzüglichen +Besetzung,« rief er, und wußte selbst nicht, warum er so laut sprach. +Man kam überein, daß man gemeinsam hingehen wolle; die Unterhaltung +kam in Fluß; Hilde nahm daran teil und sprach auch mit Asmus, sogar +unter freundlichem Lächeln. Böse war sie nicht, das stand nach diesem +Lächeln fest; aber sonst – + +Ja, sonst war er immer noch auf dem alten Fleck. Wie konnt’ es auch +anders sein. Konnte sie nach diesem Gedicht zu ihm kommen und sagen: +»Ihr Antrag ehrt mich« oder: »Ich teile vollkommen Ihre Gefühle; hier +ist meine Hand?« Es war eine ganz verteufelte Sache. _Sie_ mußte einmal +eine Wette verlieren, und dann würde sich ja zeigen, was _sie_ ihm +schenkte! Als er daheim in seiner Zelle diesen Gedanken erwog, brachte +ihm der Postbote ein dünnes Paket. + +Ihre Handschrift! + +Er riß die Umhüllung herunter und fand eine Mappe, die auf beiden +Deckeln allerliebste Blattsträuße in zahlreichen und zarten +Abstufungen von Sepia-Braun zeigte. Ein Briefchen dabei! + + Werter Herr Semper! + + Da Sie Gefallen an der Spielerei fanden, so sende ich Ihnen diese + Mappe, die sich vielleicht durch Aufbewahrung von Notizen und dergl. + nützlich machen kann. Sie soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; + eine solche Gabe zu lohnen, bin ich leider außerstande. + + Mit den herzlichsten Grüßen + Ihre dankbare + Hilde Chavonne.« + +»Sie liebt mich!« jubilierte Asmus in seinem Herzen. »Sie beschenkt +mich! Und wie beschenkt sie mich! Wie reich, mit welcher Sorgfalt ist +das gemacht! Mit Goldpapierstreifen umrändert! Mit weißseidenen +Bändern gebunden!« Und wie zärtlich schrieb sie, wie liebevoll! + +Er nahm den Brief wieder her – ein ganz zarter Duft ging mit diesen +Zeilen, ein kaum merkbarer, aber ein feiner, milder, warmer Duft! +»_Werter_ Herr Semper« schrieb sie. Also er war ihr wert! Und »Sie +soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; eine solche Gabe zu +lohnen, bin ich leider außerstande – –!« + +Hm. Es fiel ihm plötzlich auf, daß das zweierlei bedeuten könne. Es +konnte heißen: Das Gedicht ist so schön, daß ich ihm nichts +Gleichwertiges gegenüberstellen kann, wie man den Wert eines echten +Kunstwerks (»wenn dies eins wäre!« klammerte Asmus ein) überhaupt +nicht mit materiellen Gütern ausmessen kann. Aber die Liebe eines +Menschen war doch gewiß etwas Gleichwertiges, ja, war unendlich viel +mehr – sollte das bedeuten: »Den Lohn, du dir denkst – meine Liebe – +kann ich dir nicht gewähren«? – O, o, o, wie der ganze Brief gleich +anders aussah! »_Werter_ Herr Semper,« das war viel legerer als »_Sehr +geehrter_ Herr Semper«, viel weniger achtungsvoll. – Und »Da Sie +Gefallen an der Spielerei fanden« – sie legte der ganzen Sache keinen +Wert bei; es war ein Nichts – warum sollte sie es ihm nicht schenken – +dann waren sie quitt, und sie war ihm nichts mehr schuldig – + +O diese verteufelte Auslegung, o diese verwetterten Ausleger! Sie +verhunzen die frischesten Offenbarungen der Menschenseele! Durch +»Exegese« verhunzte er sich dieses Geschenk eines Mädchens, das mit +vor Bangen, vor Eifer, vor Freude bebenden Händen Tage und Nächte an +diesem Kunstwerk gebaut hatte, bei jeder Linie, jedem Bändchen voll +Hoffnung, daß sie ihm gefallen, voll Sorge, daß sie ihm mißfallen +möchten! + +Freilich: Mädchenbriefe wie dieser sind geschrieben, um Liebe ganz zu +offenbaren und ganz zu verbergen, und es war kein Wunder, daß Asmus +diese Sprache noch nicht verstand. Er ahnte zum Beispiel nicht, daß +das Wort »Notizen« mit »Gedichte« zu übersetzen war und daß der ganze +Satz bedeuten sollte: »Wenn du Verse geschrieben hast, leg’ sie in +diese Mappe; das wird mir sein, als dürft’ ich selbst sie hegen.« + +Das Schicksal war dem Zauderer günstiger, als er es eigentlich +verdiente. Am »Freischütz«-Abend folgten die Mansfeld einer Einladung, +die sie nicht ablehnen konnten, und Asmus saß allein neben der +Stillgeliebten! Er saß neben ihr, und da die billigen Plätze sehr +schmal waren, saß er sogar recht dicht neben ihr, in beständiger +Berührung mit ihrem Kleid, und einmal, als ihr der Zettel entfallen +war und sie ihn aufheben wollte, streifte sogar ihr Haar, ihr +köstliches Haar seine Wange! Solche weihevollen Berührungen entzückten +ihn tief und entmutigten ihn ganz. Denn je herrlicher sie war, desto +weniger wagte er sie zu begehren; ihm war, als solle er in einen +hochumgitterten Schloßgarten gehen und dort die seltenste Blume +brechen. Eine tiefe Demütigung müßte die Folge sein. + +Aber schon ungestört mit ihr zu plaudern, war warmes, heimliches +Glück. Er erzählte ihr, wie er als Knabe auf seinem Puppentheater den +»Freischütz« gespielt habe und wie ihm das Liebste daran die +Wolfsschlucht mit dem feurigen Rad und allem Teufelsspuk gewesen sei. + +»Wenn ich ehrlich sein soll,« sagte er, »ich freue mich noch heute auf +die Wolfsschlucht, und jeden Tag möcht’ ich mir wieder ein +Puppentheater bauen und damit spielen. Freilich: auf die Musik freu’ +ich mich noch ganz anders. Wenn die ganze deutsche Nation zugrunde +ginge und nur der »Freischütz« erhalten bliebe, könnte man aus dieser +Oper alle Eigentümlichkeiten der deutschen Seele erkennen.« + +Sie hatte den »Freischütz« noch nicht gehört, war überhaupt noch nicht +oft im Theater gewesen; ihre Kindheit hatte ihr solche Freuden nicht +gewährt, und nun beglückte es ihn, wie sie mit frommer Begierde Musik, +Wort und Bild in sich einsog, und er war grenzenlos stolz, ihr Führer +sein zu dürfen. + +Als sie den Heimweg durchs Dunkel antraten, bot er ihr seinen Arm. Das +durfte man wagen. Wie leicht sie an seinem Arme hing! Er hätte +gewünscht, daß sie sich ganz auf ihn stützte, sich ganz von ihm tragen +ließe. Während er ihr von Oberon, Euryanthe und Preziosa erzählte, +dachte er ununterbrochen: Soll ich ihr’s jetzt sagen? Nein, nein, +lautete die Antwort. Wenn es sie erschreckte, bekümmerte, beleidigte? +In welcher Pein würde das arme Mädchen den Rest des Weges zurücklegen; +in welche Pein würdest du dich selber stürzen! Du hast heute die +Pflicht des Ritters, du hast dafür zu sorgen, daß sie unbehelligt und +auf möglichst angenehme Weise nach Hause komme – es wäre ein unzarter +Mißbrauch der Gelegenheit, sie jetzt mit einer Liebeserklärung zu +überfallen. Beim Abschied vor ihrer Tür, dann willst du’s ihr sagen. +Und beim Abschied sagte er: + +»Haben Sie tausend, tausend Dank für den wunderschönen Abend!« + +»Ich habe Ihnen zu danken!« rief sie. »Der Abend wird mir unvergeßlich +sein.« Sie zögerte einen Augenblick. – »Gute Nacht.« + +»– Gute Nacht.« + +Unmittelbar darauf dachte er: Das war eine Gelegenheit! Sie ist +unwiederbringlich verpaßt. + +Unwiederbringlich? Wie er es zuvor mit der Methode der Wetten versucht +hatte, so versuchte er es jetzt mit der Methode des gemeinsamen +Theaterbesuchs. Eine Woche später sollte der »Vampyr« von Marschner +gegeben werden. Er hatte eine Schwäche für diese Oper, gerade wegen +ihres verschrieenen schaurig-romantischen Stoffes. Er liebte das +Düstre, Grauenvolle wie das Sonnig-Behagliche, das starrend Erhabene +wie das Komisch-Gemütliche, bis zum Putzigen und Ulkigen herab, wie er +alle Tage und Nächte, alle Lichter und Schatten der Welt liebte. Er +liebte Dante Alighieri und Fritz Reuter, und er haßte die +flachköpfigen Ästhetiker, die beim Aufbau ihrer Systeme immer eines +vergaßen, entweder den Dante oder den Reuter. + +Frau Mansfeld mocht’ es im stillen unpassend finden, daß ein junges +Mädchen mit einem ihm nicht verlobten jungen Manne allein ins Theater +ging und sich von ihm nach Hause geleiten ließ. Aber solche Ängste +kannte Hilde nicht; sie hatte nur die feine Erziehung, die ein feines +Herz gibt. Also holte sie jubelnd ihr Portemonnaie und zahlte Asmussen +eine Mark zwanzig auf den Tisch; denn soviel kostete der Eintritt zum +dritten Rang. + +Aber der »Vampyr« hatte genau dieselbe Wirkung wie der »Freischütz«, +insofern, als Asmus sich wieder vor Hildens Tür mit nichts als einem +(zwar bewegten Herzens gesprochenen) Danke verabschiedete und sich +dann auf dem einsamen Heimwege mit Vorwürfen und nicht gerade +schonenden Titulaturen überhäufte. + +Und auch der Verfasser kann nicht umhin, hier zum Entsetzen aller +Literaturaufseher »die Kunstform zu durchbrechen« und der Leserin zu +versichern, daß er ihre Entrüstung über diesen Herrn Semper vollkommen +teilt. Aber was soll der Verfasser tun? Er kann seinen Helden nicht +anders machen, als er ist. + +Endlich brachte ein trüber, wolkenschwerer Novemberabend die +Entscheidung. + + + + +LI. Kapitel. + +Von rauschenden Bächen im Winter. + + +»Heute _soll_ es sich entscheiden,« hatte sich Asmus gesagt. Er hatte +sie eingeladen, mit ihm in Zacharias Werners »Martin Luther oder die +Weihe der Kraft« zu gehen. Er liebte das Stück durchaus nicht, fand es +schwülstig, verworren und langweilig; aber jetzt war ihm schon jedes +Mittel recht; er wäre mit ihr ins Theater gegangen, und wenn man dort +den Jahresbericht der Handelskammer rezitiert hätte. Auf dem Heimwege +sprachen sie nur wenig; jede Unterhaltung kam bald ins Stocken; wie +eine Vorahnung lag es auf beiden. Sie waren der Wohnung Hildens schon +ziemlich nahe, als Asmus, das Herz im Halse, mit leiser Stimme fragte: + +»Sind Sie mir eigentlich böse, Fräulein Chavonne?« + +»Warum sollte ich Ihnen böse sein?« fragte sie ebenso leise, mit +starren Augen geradeausblickend. Und alles, was sie noch sprachen, +klang leise wie der Regen, der gleichmäßig herabtroff und gegen den +sie keinen Schutz begehrten. + +»Sie haben mir eigentlich kein Wort über mein letztes Gedicht gesagt,« +begann Asmus wieder. »Da glaubte ich, daß Sie mir zürnten.« + +»Wie wäre das möglich?« sprach sie noch leiser, mit bebender Stimme. + +Wiederum schwiegen sie eine kurze Weile. + +Ihr Kopftuch hatte sich verschoben, und um es zu ordnen, zog sie leise +ihren Arm aus dem seinen. Im selben Augenblick ließ er seinen Arm +sinken; ihre Hände berührten sich, und Asmus faßte Hildens Hand. + +Nun ist es ein seltsames Ding: Arm in Arm gehen die fremdesten +Menschen miteinander; aber Hand in Hand gehen nur Kinder und Liebende. +Ein höherer Wille hatte ihre Hände ineinander gelegt und gesagt: Ich +will, daß ihr euch findet. + +Das gab Asmus Sempern einen heiligen Mut, und zitternd sprach er: + +»Fräulein Chavonne – haben Sie mich lieb?« + +Sie blieb stehen und schien zu wanken. Sie konnte nicht sprechen. + +Da legte er den Arm um sie, damit er sie stütze, und sprach noch +leiser: + +»Hilde, hast du mich lieb?« + +Ihr Kopf sank an seine Schulter, und sie sagte: »Ja.« + +Und er wagte nicht, ihr den Kopf aufzuheben; denn es schien ihm, daß +sie ruhte. Aber dann hob sie von selbst den Kopf und sah ihn aus +leuchtenden, weinenden Augen an. Und er zog sie fester an sich und +preßte seine Lippen in einem langen, langen Kusse auf ihren edlen, +frischen, roten Mund. + +Sie waren nur noch zehn Minuten von Hildens Hause entfernt; aber sie +brauchten zu diesem Wege noch zwei Stunden. Denn immer wieder gingen +sie in weitem Bogen um das Haus herum, obwohl ein unaufhörlicher +feiner Regen herabrieselte. Sie freuten sich unbewußt dieses Regens; +er kam herab wie sanfte Linderung einer langen Sehnsucht. Es schien +ihnen auch, als brauche man nun um nichts mehr zu sorgen, als hätten +sie nun des Glückes genug und brauchten nichts mehr als solch ein +stilles, seliges ewiges Wandern. + +Sie sprachen nur wenig, und wenn sie sprachen, so war es fast immer +dasselbe: + +»Hast du mich lieb, hast du mich wirklich, wirklich lieb?« + +»Ja, ich hab’ dich lieb – so lange schon, ach, wie lange schon.« + +Ganz, ganz anders waren sie schon wenige Tage darauf. Frost und Schnee +waren hereingebrochen mit Macht, und Asmus schlug ihr einen Ausflug +»ins Grüne« vor. Nach dem »Quellental« wollten sie wandern und die +Elbe hinab. Ludwig Semper würde zu diesem Ausflug »bei dieser Kälte« +lange den Kopf geschüttelt haben, wenn er darum gewußt hätte; aber +darin folgte sein Sohn ihm nicht; Winterwanderungen, die liebte er vor +allen andern; da gab es einen Kampf mit Frost und Wind, und wenn er +dann durchgekämpft war, dann glühte in Wangen und Herzen eine ganz +besondere, eine ganz wundersame Wärme auf, die war ganz anders als +Lenz- und Sommerglut. Es war eigenes, selbstentzündetes Feuer! Und wie +heilig schön die Winterwelt! Seltsam: die ersten Lieder, die der +Zauber der Natur ihm entrungen hatte, waren Winterlieder gewesen. Aber +er sang sie nicht in Wehmut und Trauer; der Winter war ihm Andacht und +Stille, niemals Tod; denn in seinem Herzen glomm wie eine ewige Lampe +die Gewißheit des Frühlings. So kam es denn ganz von selbst, daß +Asmus, als sie auf frostklingenden Wegen dahinschritten und sein +schüchternes Schnurrbärtchen von lauter Eisnadeln starrte, also zu +singen anhob: + + Die linden Lüfte sind erwacht, + Sie säuseln und weben Tag und Nacht; + Sie schaffen an allen Enden. + +und daß er erschrak, als Hilde in ein lautes Lachen ausbrach. + +»Herr Professor, Herr Professor, es ist Winter!« rief sie; da verstand +er sie und lachte nun auch aus vollem Halse; weil sie aber so ganz +besonders schön lachte, küßte er sie sieben Mal auf den +winterfrischen Mund, und dabei lachten sie, weil das Lied so gar nicht +paßte, und ihre Augen wurden feucht, weil es doch so gut paßte. + +Nun fand er Gefallen an dieser Antithese, und während der Schnee unter +ihren Füßen knirschte, sang er: + + Wie herrlich leuchtet + Mir die Natur, + Wie glänzt die Sonne, + Wie lacht die Flur! + + Es dringen Blüten + Aus jedem Zweig + Und tausend Stimmen + Aus dem Gesträuch! + +und dann warf er ihr ganz sachte und heimtückisch ein Häuflein Schnee +zwischen Hals und Kragen. + +Sie kreischte auf und schüttelte sich, und dann sah sie ihn mit einem +langen Blick, mit einem Lächeln voll Wehmut und Staunen in die Augen. +Sie bestaunte dies Wunder einer Fröhlichkeit, die sie in ihrem Leben +noch nie gesehen hatte, die sie auch bei ihm nicht vermutet hatte; +denn er war ihr meistens in ernster Stimmung entgegengetreten. Diese +Lustigkeit berauschte sie, daß sie mit beiden Händen seinen Kopf +ergriff und ihm das Gesicht mit Küssen bedeckte. – – + + Ich hört’ ein Bächlein rauschen + Wohl aus dem Felsenquell + +sang er. + +»Wo?« rief sie lachend. + +Da legte er wieder den Arm um sie und sagte: Ȇberall. Überall hör’ +ich Quellen rauschen. Hörst du sie _nicht_?« + +Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt und die Augen geschlossen. +»Hier laß mich liegen bleiben und träumen und immerfort deine Stimme +hören und gar nicht wieder aufwachen.« + +Er neigte sich zu ihrem Ohr, wiegte sie sanft in seinen Armen hin und +her und sang mit leiser, leiser Stimme: + + Horch, horch, die Lerch’ im Ätherblau! + Und Phöbus, neu erweckt, + Tränkt seine Rosse mit dem Tau, + Der Blumenkelche deckt, + Der Ringelblume Knospe schleußt + Die hellen Äuglein auf: + Mit allem, was da reizend ist, + Du süße Maid, wach auf! + +Da machte sie langsam – weit – weit die Augen auf, und ihre Augen +waren tiefernst. + +»Du bist ein böser Mensch,« sagte sie. »Weißt du, daß du ein böser +Mensch bist? Ein Zauberer bist du!« und sie riß sich fast ängstlich +von ihm los und lief ein groß Stück Weges voraus. + +Kurz vor dem Quellental hatte er sie wieder eingeholt und den Arm um +ihre Hüfte gelegt. Und so schritten sie andächtig hinein in einen +kristallenen Dom von uralten Bäumen. + +Hier wohnt ein Gedicht, dachte Asmus; denn die Gedichte wohnten ihm +wie Dryas und Oreas in Bergen, Bäumen und Grotten, in Wiesen und +Quellen. Wenn es sich zeigen wollte, dachte er. Da hauchte es ihm ins +Ohr: + + Wo vom nahen Strauch ein Vöglein schwebt + Stummen Fluges durch die träge Luft, + Und vom kaum gebog’nen Zweig der Schnee + Lautlos fällt auf Schnee ..... + +Und Asmus lächelte dankbar und heimlich. Dann kamen sie vor die auf +geringer Erhöhung liegende Mooshütte mit der Inschrift: »#Hoc erat in +votis#« und gingen hinein. Aber es war ihnen zu warm und dumpfig +drinnen; sie mußten wieder hinaus. Und bei der eingefrorenen Quelle, +die am Abhang der kleinen Erhöhung entspringt, warf er seinen Mantel +in den Schnee, lud sie zum Niedersitzen und setzte sich ihr zu Füßen. +Er mußte heute immerfort singen. Und während von den Zweigen +ringsherum von Zeit zu Zeit der Schnee in silbernen Trauben fiel, sang +er: + + Der Reimer Thomas lag am Bach, + Am Kieselbach bei Huntley-Schloß. + Da sah er eine blonde Frau, + Die saß auf einem weißen Roß. + +»Eine braune Frau!« rief sie mit anmutig gespieltem Schmollen. + +»Eine blonde Frau,« versetzte er. + +»Eine braune Frau.« + +»Eine blonde Frau.« + +»Hast du schon einmal eine blonde Frau geliebt?« fragte sie ängstlich +forschend. + +»Ich habe keine Frau geliebt vor dir.« + +Dann sah sie lange vor sich hin und sagte: + +»Wie schrecklich dumm bin ich gewesen.« + +»Du?« + +»Ja. Weißt du, daß ich einmal furchtbar eifersüchtig gewesen bin?« + +»Eifersüchtig?« + +»Ja, auf das reizende blonde Mädchen, mit dem du zusammen sangst, auf +dem Fest in der ‘Treue’ –« + +»Auf die kleine Lizzy?« + +»Ja. Ich hatte ja immer geglaubt, daß ich dir gleichgültig sei; aber +als ich euch sah und singen hörte, mit solcher Begeisterung, und als +eure Stimmen so innig zusammenklangen – das gab mir den Gnadenstoß. +Bald darauf verlobte ich mich, weil ich mich von allen verlassen +fühlte – aus Trauer – aus Bangigkeit – aus Trotz – ich weiß es nicht +mehr.« + +»Auch aus Trotz?« fragte er. + +»Ja, ja, – o, du darfst mich um des Himmels willen nicht für so gut +halten wie du es tust – ich bin lange nicht so gut, wie du glaubst –« + +»Du?« sagte er langsam, indem er das edle Oval ihres Gesichtes mit +schwärmenden Blicken umschrieb: + + Du bist die Himmelskönigin, + Du bist von dieser Erde nicht. + +Da lachte sie laut auf, und mit warnend erhobenem Finger sang sie: + + Ich bin die Himmelsjungfrau nicht, + Ich bin die Elfenkönigin. + Nimm deine Harf’ und spiel und sing + Und laß dein schönstes Lied erschall’n! + Doch wenn du meine Lippe küßt, + Bist du mir sieben Jahr verfall’n. + +Asmus sprang auf und warf sich auf die Knie: + + Wohl, sieben Jahr zu dienen dir, + O Königin, das schreckt mich kaum! + + Er küßte sie – + +da küßte er sie – + + sie küßte ihn – + +da küßte sie ihn. + +»Kein Vogel singt im Eschenbaum,« rief Asmus, »aber das schadet +nichts; wir können’s ja selbst.« + +Dann sprangen sie auf; Asmus schüttelte seinen Mantel, daß die Flocken +stoben, warf ihn sich um und stürmte im Galopp den abschüssigen Weg +hinab ins dichtere Gehölz hinein, und im Galoppieren sang er laut: + + Sie ritten durch den grünen Wald, + Wie glücklich da der Reimer war! + Sie ritten durch den grünen Wald + Bei Vogelsang und Sonnenschein – + +und als sie ihn einholte und von hinten her die Arme um seinen Hals +schlang, da legte er den Kopf zurück, daß Wange an Wange lag, und +sang: + + Und wenn sie leis am Zügel zog, + Dann klangen hell die Glöckelein. + + + + +LII. Kapitel. + +Hilde verliebt sich in Semper den Älteren, bekennt sich zu Chamisso +und entpuppt sich als eine alte Bekannte. + + +Mit der Bekanntmachung ihrer Verlobung hatten sie es nicht im +geringsten eilig; ob die Welt sie für Brautleute hielt oder nicht, war +ihnen beiden grenzenlos gleichgültig. Aber seinen Eltern wollt’ er’s +nicht länger verbergen, obwohl ihn Zweifel befielen, wie sie es +aufnehmen würden. Eigentlich zweifelte er nur an dem Beifall seiner +Mutter. Ludwig Semper, das wußte er, so leer ihm das Haus ohne seinen +Asmus werden mochte, würde Asmussens Erwählte willkommen heißen, bevor +er sie gesehen; aber Rebekka –? Mütter sind eifersüchtig, und überdies +war er erst 23 Jahre! Sie wird schelten, dachte er. Aber sie schalt +nicht; sie schüttelte nur den Kopf und sagte: »Junge, Junge, du bist +ja noch so jung!« + +»Aber Mutter!« rief Asmus lachend und faßte sie bei beiden Schultern, +»du hast ja auch jung geheiratet!« + +»Ja, das war damals auch ganz anders!« rief sie. + +Ludwig Semper konnte dieser Geschichtsauffassung nicht beipflichten; +er wußte noch, wie junge Herzen schlagen, und sagte, Asmus möge seine +Braut am Sonntag nur mitbringen. + +Und an diesem Sonntag feuchtete er keinen Tabak an und grübelte er +nicht; er hatte seinen guten schwarzen Rock angezogen und ein feines +weißes Tuch umgelegt – denn ein gesteifter Kragen durfte ihm nicht an +den Hals kommen – und ging munter und aufgeräumt im Hause umher, und +wenn er sich allein wußte, sah er mit strahlenden Augen in die Ferne +und summte vor sich hin: »Tränen, vom Freunde getrocknet.« Und als es +hieß: »Sie kommen!« und die Tür aufging und Asmus rief: »Da ist meine +Braut!« da stand Ludwig Semper da wie ein herrlicher, gütiger +Nordlandskönig, dem sein Erbe die junge Königin zuführt; er streckte +seine warme kräftige Hand aus und sagte nichts als: + +»Seien Sie uns herzlich willkommen!« + +Aber als sie sein Lächeln sah, mußte sie ihm entgegenlächeln wie sein +eigenes Kind, war alle Befangenheit von ihr gefallen wie ein Schleier, +wußte sie ganz, daß sie aufgenommen sei in den Frieden des Hauses. +Rebekkas Willkommen war ganz anders. Sie rannte geschäftig hin und her +und bemühte sich um den Gast, als sei er von einer mehrjährigen +Nordpolfahrt heimgekehrt und müsse mit allen erfindbaren Mitteln +aufgetaut, gewärmt, getränkt und gespeist werden. Ein bißchen +Eifersucht saß ihr wohl trotzdem im Herzen; aber schon beim dritten +Besuche Hildens sagte sie ganz von selbst: + +»Du bist ein süßes Geschöpf!« + +Hilde aber sagte schon nach ihrem ersten Besuche auf dem Heimwege zu +Asmus: + +»Du, ich will dich nicht mehr; ich will deinen Vater heiraten.« + +»Nun ja,« sagte Asmus trocken, »sprechen Sie mit meiner Mutter. Sie +ist nun wohl gute vierzig Jahre mit ihm verheiratet und ist mit ihm +nie auf einen grünen Zweig gekommen; aber ich glaube nicht, daß sie +ihn losläßt.« + +»Da hat sie recht,« sprach Hilde, »den gäbe ich auch nicht her.« + +Nach einiger Zeit bat sie um die Erlaubnis, »Vater« und »Mutter« sagen +zu dürfen, und Ludwig und Rebekka waren froh und stolz, zu ihren acht +Kindern noch ein so feines und liebes hinzu zu bekommen. Sie hatten +inzwischen noch eine Tochter bekommen, ohne sie zu kennen. Johannes +Semper hatte aus Amerika geschrieben, daß er dort ein Weib genommen. +Das hatte die Alten gefreut; aber Rebekka hatte dazu geweint und +gesagt: »Nun werden wir ihn wohl nicht wiedersehen.« Asmussen schnitt +es durchs Herz, als er das hörte. + +Bald darauf erfuhr er, warum Hilde sich nach einer Mutter und fast +mehr noch nach einem Vater sehnte. + +Sie sahen sich zwei- oder dreimal die Woche; und wenn sie nicht +spazieren gingen, saßen sie in Hildens Zimmer stundenlang beieinander +und waren plaudernd und schweigend miteinander glücklich. Sie +bereitete vor seinen Augen den Tee und das Abendbrot, und jedesmal war +es ihm, als ob ihre schlanken, weißen und geschickten Hände das +einfache Brot und Fleisch in die erlesensten Leckerbissen verwandle. +Zu Hause aß er wie ein Schulmeister von energischem Appetit; hier +soupierte er bei denselben Speisen wie ein Gourmet. + +In manchen Stunden ergötzte er sich daran, ihr die langen, schweren +Zöpfe aufzulösen, daß das Haar sie bis zu den Hüften wie ein +goldbrauner Mantel umfloß, und im duftig-warmen Schatten ihres Haares +küßte er sie, oder er schmiegte sich eine breite Strähne ihres Haares +um Hals und Wange und las ihr so ein Gedicht vor, daß er ihr +mitgebracht. Selten kam er ohne neue Verse zu ihr, und sie war sein +empfänglichstes und unbestechlichstes Publikum. Wenn er geendet hatte +und sie ihm freundlich zunickte, dann wußte er, daß das eine +vernichtende Kritik war. Wenn ihm etwas Rechtes gelungen war, sah sie +ihn mit großen, ernsten Augen und mit zuckendem Munde an, nahm ihm +leise das Blatt aus der Hand und las es noch einmal. Und dann bedeckte +sie das Blatt mit Küssen, und dann seinen Mund, seine Wangen, seine +Augen mit Küssen, und dann barg sie das Blatt auf ihrer Brust, und er +wußte, daß sie es wochenlang auf ihrem Herzen trug wie ein Amulett, +bis es von einem andern abgelöst ward. + +Manchmal auch sangen sie, einzeln oder zu zweien, und dann sang er die +Oberstimme, und sie sang mit einem vollen weichen Alt die +Begleitstimme; so klang es besser als umgekehrt. Und einmal, als sie +allein sang, sang sie: + + Er, der Herrlichste von allen, + Wie so milde, wie so gut ... + +Als sie geendet hatte, fragte er: »Liebst du das Lied?« + +»Ja. Ich liebe den ganzen Zyklus unbeschreiblich.« + +»Die Verse oder die Musik?« + +»Beides. Aber die Verse noch weit mehr als die Musik. Sie sind nach +meiner Meinung das Schönste, was von der Frau gesungen werden kann.« + +»Ja. Mir scheint auch, er hat die Frau nicht besungen, er hat sie +gesungen. Das Weib, das in diesen Versen dasteht, überragt Gretchen +und Klärchen an Schönheit, Lieblichkeit und Größe; es ist von +klassischer Hoheit, aber es ist nicht antike, es ist deutsche Klassik. +Wir haben überhaupt nur wenig so deutsche Dichter wie diesen +Franzosen. Da fällt mir ein: ich wollte dich immer schon fragen, woher +dein französischer Name stammt.« + +»Meine Urgroßeltern väterlicherseits wohnten im Elsaß.« + +»Ah – daher dein französisches Aussehen.« + +»Hast du’s nicht gern?« + +»Ich glaube, den Beweis erbracht zu haben. Du bringst das Kunststück +fertig, pikant und deutsch zu sein.« Und dann rezitierte er leise: + + Wandle, wandle deine Bahnen; + Nur betrachten deinen Schein, + Nur in Demut ihn betrachten, + Selig nur und traurig sein! + + Höre nicht mein stilles Beten, + Deinem Glücke nur geweiht; + Darfst mich niedre Magd nicht kennen, + Hoher Stern der Herrlichkeit. + + Nur die Würdigste von allen + Soll beglücken deine Wahl, + Und ich will die Hohe segnen, + Segnen viele tausendmal. + +»Heute gibt es nicht wenig Frauen, die darüber lachen und höhnen,« +sprach er. + +»Kann man anders empfinden, wenn man liebt?« fragte sie. »Ich +wenigstens kann mir keine andere Liebe denken.« + +»Und eine Frau, die so empfindet,« fuhr er fort, »wird im Hause des +Mannes die stolzeste der Frauen sein, _sie_ wird der ‘Stern der +Herrlichkeit’ sein, zu dem Mann und Kinder in der Stille ihres Herzen +beten, zu dem sie aufblicken, wenn sie den Glauben an die Welt +verloren haben und wiederfinden möchten.« + +»Muß sie dann nicht eine Heilige sein?« + +»Nein, so wenig wie je ein Mann die Verehrung verdienen kann, die aus +den Frauenliedern Chamissos klingt. Nicht das entscheidet ja, was wir +sind – du lieber Gott, wo bliebe ich! –, sondern wie sehr wir geliebt +werden, das entscheidet. Das ist die Wahrheit des Christentums, daß +uns Liebe erlöst.« + +»Asmus,« rief sie ängstlich, »ich zittere und bange, wenn du mich über +dich erhebst. Wenn du wüßtest, wie wenig ich das verdiene –« + +»Zittere und bange nur,« rief er, »ich habe Mut, wenn ich dich ansehe, +einen Mut, einen Mut –« + +Er riß sie jauchzend an sich und küßte sie, daß sie aufschrie. + +Und einmal, als er so bei ihr saß, in ihrem Nähkästchen kramte und mit +allerlei zierlichen Büchschen und Kästchen spielte, die er darin fand, +holte er einen Glasmarmel daraus hervor, eine durchsichtige Glaskugel, +in der man eine geflügelte Gestalt, eine Fortuna, wie es schien, +erblickte. + +»Sieh da,« sagte er, »genau solch einen Marmel hab’ ich auch einmal +besessen. Eigentlich ein hübsches Symbol, wenn ich es jetzt betrachte. +Die Glücksgöttin nicht über der Welt, sondern in der Welt, sie selbst +nur ein Stück der rollenden Notwendigkeit ...« + +»Ich weiß eigentlich selbst nicht,« sagte sie lächelnd, »warum ich ihn +immer aufgehoben habe. Wenn man solch ein Ding lange bei sich verwahrt +hat, ist es gerade, als hätt’ es ein Recht an uns erworben, und wenn +man es wegwerfen will, ist es, als säh es einen vorwurfsvoll an, und +man kann es nicht aus den Fingern loswerden. Ich hab’ ihn vor vielen +Jahren von einem kleinen Jungen bekommen.« + +Sie sagte das, indem sie sich auf ihre Näharbeit bückte; aber es war +ihr, als zöge eine geheime Kraft ihren Kopf empor, und als sie +aufblickte – wirklich, da starrte Asmus sie an mit einem Blick, der +aus der Ferne einer längst vergangenen Zeit zu kommen schien. + +»Von einem kleinen Jungen hast du ihn bekommen?« sprach er langsam. +»Wann? Wo?« + +»Ja, wenn ich das noch wüßte! – Was hast du? Warum bist du –« + +»Bitte, frag’ mich jetzt nicht – sag’, wann es war und wo?« + +»Ja – zwölf Jahre ist es zum mindesten her – ich weiß nur noch: ich +saß auf der steinernen Treppe vor einer Gastwirtschaft und wartete auf +meinen Vater, der erledigte drinnen ein Geschäft, da kam der kleine +Junge und schenkte mir den Marmel.« + +»Hilde,« rief Asmus mit seltsam leuchtenden Blicken, »sah der Junge +aus wie ein kleiner, dicker Asmus Semper?« + +Hilde starrte ihn sprachlos an. + +»Hilde,« rief er, »du hast einen Onkel in Griechenland –« + +»Ich hatte ihn – er ist tot –« + +»Den nannte man den ‘König der Mainotten’!« + +»Ja!« + +»Hilde! Wir haben uns also vor zwölf Jahren schon gesehen! Der kleine +Junge war ich! Vor zwölf Jahren schon sind wir uns begegnet.« Er war +so bewegt, daß er aufspringen und auf und ab gehen mußte. Und er +erzählte ihr, wie wundersam ihn damals die Begegnung mit dem +lieblichen, traurigen Kinde ergriffen habe, wie er wochenlang fast +täglich nach der Wirtschaft zwischen den Bahndämmen in Oldensund +gelaufen sei, um die »Königin der Mainotten« wiederzufinden – denn sie +hatte erzählt, der Onkel wolle sie zu seiner »Königin« machen – wie er +sie niemals wiedergesehen, aber wie ihre Erscheinung und ihr Wesen ihn +mit einem jahrelang nachleuchtenden, tröstenden Licht erfüllt habe. + +»Hilde! Hilde!« – – + +Und ihr Gespräch ward ein leises, trauliches Fragen und Erzählen; sie +erzählte ihm die Geschichte ihres Lebens. Was sie nicht erzählte, das +ergänzte er sich leicht aus dem Zwange der Tatsachen und aus dem, was +er früher von ihr und von andern gehört. Und immer wieder fühlte Asmus +mit Beschämung, wie sehr ihn von je das Glück begünstigt habe, schon +dadurch, daß er bis heute zwei liebende und geliebte Eltern besessen, +und wieviel mehr der Kraft, des Mutes, der Liebe das Leben von ihr +gefordert hatte als von ihm! + + + + +LIII. Kapitel. + +Enthält die Geschichte Hildens vom Marschall Davoust an bis zu +Fräulein Paulsen. + + +Napoleon und sein Marschall Davoust hatten den Urgroßeltern Hildens +ihr Glück zerstört. Diese hatten zu den 20 000 gehört, die man zu den +Toren Hamburgs in Hunger und Kälte hinausgejagt, und Hildens +Urgroßvater war unter denen gewesen, die auf dem Wege nach Oldensund +zugrunde gegangen. Die seelenstarke Frau hatte selbst den toten +Gatten bis nach Oldensund getragen, und dort hatte er teilgenommen an +jenem ewig klagenden Grabe, das Friedrich Rückert besungen hat. + + Wo finden wir Kost und Kleider, + Wir zwanzigtausend an Zahl? + Die andern schleppten sich weiter, + Wir blieben hier zumal. + + Wir konnten nicht weiter keuchen, + Erschöpft war unsere Kraft: + Frost, Hunger, Elend und Seuchen + Sie haben uns hingerafft. + + Ein ungeheurer Knäuel, + Zwölfhundert oder mehr, + Es zieht sich über den Greuel + Ein dünner Rasen her. + +Über diesen Rasen war Asmus in früher Kindheit spielend +dahingesprungen – wie manchesmal! + +Die arme gute Großmutter, die das Elend der Eltern schaudernd +miterlebt und früh den Gatten verloren hatte, war ein Stern in Hildens +Jugend gewesen. Eine kindlich-fromme Frau, die ihren Glauben nicht als +eine Tugend, sondern als ein Geschenk ihres Heilandes empfand, lehrte +sie ihre Enkelkinder beten und geistliche Lieder singen. Aber nicht +nur geistliche Lieder sang sie, sie sang: + + Ich denk an euch, ihr himmlisch schönen Tage + Der seligen Vergangenheit! + Komm Götterkind, o Phantasie, und trage + Mein sehnend Herz zu seiner Blütezeit! + +und sobald sie das sang, stand die kleine großäugige Hilde an ihren +Knien und trank ihr das Lied von den Lippen, und sie wußte, wenn die +Großmutter das sang, dann erzählte sie auch bald von der Franzosenzeit +und von lieben Toten. Unter dem Herzen dieser Frau hatte Hildens +Mutter gelegen, und die grenzenlose Güte dieses Herzens war auf die +Tochter übergegangen, nicht aber seine Festigkeit und Stärke. Hildens +Mutter gehörte zu jenen Menschen, die aus Gutmütigkeit heiraten können +und ihr Mitgefühl mit dem Werbenden für Liebe nehmen. Sie war wehrlos +in der Hand ihres Mannes. + +Dieser Mann war der schwere, ewig lastende Schatten in Hildens +Kindheit. Er war ein Selbstling von jener Art, die in Gegenwart eines +vor Hunger Sterbenden einen Kapaun mit Genuß verzehren kann, die +vielleicht ein Stückchen hergeben würde, wenn man sie daran erinnerte, +aber nie von selbst auf diesen Gedanken verfällt. Als »Kaufmann« – er +vertrieb als eine Art Stadtreisender allerlei Dinge für andere +Geschäfte – dejeunierte, dinierte und soupierte er in besseren +Restaurants und empfand es wie eine Niedertracht von seiner Frau, daß +sie immer wieder Mittel für den Haushalt verlangte. Die wenigen Bissen +aber, die er den Seinen hinwarf, würzte er ihnen mit hämischen, +kränkenden Reden, und wenn er vollends angetrunken nach Hause kam, +dann konnte er stundenlang immer in derselben Sofaecke sitzen und +immer dieselben peinigenden Bosheiten wiederholen. + +Es war ein schlimmer, schlimmer Tag gewesen, als aus diesem Hause die +Großmutter für immer geschieden war. Und nicht zu mahnen brauchte man +die Kleine, daß sie hingehe und die Blumen auf dem Grabe der +Heimgegangenen begieße! An jedem Tage der milderen Jahreszeit machte +sie sich unaufgefordert auf den Weg nach dem Friedhof. Und wenn sie +ihr frommes Werk getan hatte, setzte sie sich auf das Gitter des +Grabes und dachte daran, wie schön die Großmutter gesungen hatte: + + Umglänze mich, du Unschuld früher Jahre, + Du mein verlor’nes Paradies! + Du süße Hoffnung, die mir bis zur Bahre + Nur Sonnenschein und Blumenwege wies. + +Und bei dem Wort »Bahre« sah sie immer die Großmutter auf der Bahre +liegen, und dann mußte sie weinen. – Neben der Großmutter lag auch die +Tante Romona, die wunderschöne Spanierin Romona Viego, die mit 24 +Jahren schon acht Kinder gehabt hatte, und das jüngste lag ihr im Arm. +Das war eine gefeierte Sängerin gewesen, und als die kleine Hilde +einmal die herrliche Frau gesehen hatte, auf dem Divan liegend, ganz +in weißen Gewändern und eine Zigarette rauchend, da war sie ihr als +die oberste und heiligste aller Frauen erschienen. Das Grab der Tante +Romona pflegte sie auch, und dann wandelte sie oft stundenlang +zwischen den Hügeln des Friedhofes schauend und sinnend umher und +fühlte sich heimischer als in der Gegenwart ihres Vaters. + +Zwischen diesem Manne und seiner ältesten Tochter war ein Gegensatz +von Ewigkeiten her. Ihr Wesen war von jenem Adel getragen, dem am +letzten Ende doch mit aller Brutalität nicht beizukommen ist, der wie +eine uneinnehmbare innere Festung das Herz umgibt. Das aber ärgerte +ihn, reizte ihn, und er schalt sie hochmütig, übergeschnappt und +verhöhnte ihren regen Bildungstrieb. Sie duldete tapfer an der Seite +ihrer Mutter und half ihr heimlich, soviel sie konnte, in ihren +Ängsten und Nöten. Ihrem stolzen, wahrheitsliebenden Wesen war alle +Heimlichkeit zuwider; aber sie begriff, daß es gegen einen gemeinsamen +Feind zusammenzustehen galt. Und sie fürchtete ihn; er hatte sie +wiederholt geschlagen. Einmal hatte er sie geschlagen, als sie bis +spät in die Nacht das Haus hatte hüten müssen und eingeschlafen und +durch langes Klopfen und Rütteln an der geschlossenen Haustür nicht zu +erwecken gewesen war. Da, als sie wieder einhüten sollte und der Vater +ihr streng befohlen hatte, weder zu schlafen noch sich einzuschließen, +setzte sie sich an die Haustür, lehnte den Kopf dagegen und schlief +beruhigt ein. Wenn die Haustür aufging, mußte sie ihren Kopf treffen, +und dann mußte sie sicher erwachen. Als die Eltern sie so fanden, +erklärte die Mutter, daß sie nicht wieder ausgehen werde, wenn das +Kind nicht zu Bett gehen dürfe, was ihrem Gatten zu sehr ausgedehnten +und sehr ironischen Bemerkungen Anlaß gab. + +Nur nach langen Kämpfen und unter verletzend spöttischen Glossen hatte +er zugegeben, daß Hilde dem dringenden Rat ihrer Lehrer folge und ins +Präparandeum eintrete. Und bald nachdem dies geschehen, hatte er +seine Familie verlassen. Er gab ihnen keinen Pfennig zu ihrem +Unterhalt; aber dennoch wünschten sie ihn nicht zurück; trotz allem +Mangel und aller Sorge schien es ihnen, als wäre der Himmel heiterer +geworden. Mit treu vereinten Kräften schlugen sie sich durch. Aber +dann wurde die Mutter krank und kränker, und endlich lag sie ein +ganzes Jahr lang auf dem Schmerzenslager. Nun mußten sie den Gatten +und Vater doch an seine Pflicht gemahnen, und auf Mahnen und Drängen +kam er ihr halbwegs und mit Verwünschungen nach. Hätte Hilde nicht +eine Freundin gehabt, die ihr oft geholfen, so hätte sie das Seminar +verlassen und einen Dienst annehmen müssen. Aber es kam der Tag, da +sie mit drei kleineren Geschwistern am Sarge der Mutter stand. Da +plötzlich erschien auch eine Tante mit ihren Töchtern und mit +Trauerkränzen, und siehe, sie erhoben ein mehrstimmiges, schallendes +Klagegeheul. + +»Geht hinaus!« sagte Hilde. + +Die Tante glaubte nicht recht zu hören. + +»Drei Jahre hat sie gelitten, und Ihr habt Euch nicht um sie und nicht +um ihre Kinder gekümmert. Geht hinaus und nehmt Eure Kränze mit.« + +Und die Klageweiber schlichen betreten mit ihren Kränzen davon. + +Ein Bruder ihrer Mutter gab ihnen nun das Notdürftigste zum Leben. Die +Verstorbene hatte immer darauf gehalten, daß ihre Kinder, wenn es +irgend zu erschwingen war, am Sonntag einen Kuchen bekämen. Und eines +Sonntags kaufte Hilde ihren Geschwistern für wenige Pfennige ein paar +Kuchen, weil sie die verlangenden Blicke der Kleinen nicht ertragen +konnte. Das hörte der Onkel und überhäufte sie mit Vorwürfen, daß sie +nichts verdiene und fremdes Geld noch obendrein vergeude. Da beschloß +sie, ein Ende zu machen. Sie ging zum Armenpfleger und sorgte dafür, +daß ihre Geschwister bei wackeren Leuten ihrer Bekanntschaft +untergebracht würden. Und dann ging sie zum Seminardirektor, um ihren +Austritt aus dem Seminar anzumelden. Sie wollte einen Dienst annehmen, +und wenn es der niedrigste wäre. Nur nicht mehr von der Gnade der +Menschen abhängen! + +Herr Direktor #Dr.# Korn war noch im Schlafrock und Pantoffeln; aber +er dachte nicht daran, diese Toilette einer jungen Dame wegen zu +ändern. + +»Was wünschen Se?« fragte er unwirsch. + +Sie erklärte, daß sie auszutreten wünsche. + +Er starrte sie an und sagte: »Se sind wohl nicht recht jescheit. +Jetzt, wo Se ’n halbes Jahr vor der Prüfung stehen?« + +Sie erklärte ihm, daß sie müsse und warum sie müsse. + +»Hm. Und wat woll’n Se denn jetzt anfangen?« + +»Irgendeinen Dienst annehmen.« + +»I Jott bewahre. Det jiebt’s nich. Wir lassen Se nich los. Wir jeben +Ihnen in einem unserer Schulhäuser ’ne Wohnung, umsonst, mit Feurung. +Für’s Essen wird sich auch Rat finden. Und vielleicht läßt sich auch +noch irgendwo ’n kleines Stipendium losmachen.« + +Hilde hatte Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken. + +»Also austreten is nich. Det schlagen S’ sick man aus’m Kopf.« + +»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Direktor,« stotterte +Hilde. + +»Is auch jar nich nötig. Halten Se man’n Kopf hoch.« + +»Vielen, vielen Dank, Herr Direktor.« + +»Bitte« sagte Korn _nicht_; all dergleichen Überflüssigkeiten +verachtete er. + +So war nun der äußersten Not gewehrt, aber freilich nur der äußersten. +Wohl hatte sie sechs Freitische: aber die Woche hatte noch immer +sieben Tage, und auch am Morgen und am Abend empfindet der Mensch ein +Bedürfnis nach Nahrung. Damit nun ihre Mitschülerinnen nicht auf den +Gedanken verfielen, daß sie nichts zu essen habe, versagte sie sich +das Abendbrot: dann hatte sie ein paar Groschen für ein Frühstück. +Auch war es für ein siebzehnjähriges Mädchen ein unheimliches Wohnen +hoch oben in dem verlassenen Schulhause, und in verzweifelten +Augenblicken flüchtete sie sich in den Keller, an den Herd der +Schuldienerfamilie. Aber es kam die Prüfung, die sie mit Auszeichnung +bestand, und mit ihr kam das befreiende Gehalt von achthundert Mark +#pro anno#. Als sie die erste Vierteljahrsrate empfangen hatte, zahlte +sie zunächst alle ihre Schulden, und dann ging sie hin und kaufte für +die Schuldienerfrau ein Geschenk, weil sie der Meinung war, daß man +erwiesene Freundlichkeiten vergelten müsse, sobald man die Mittel dazu +habe. Ihre Sympathie mit Ludwig Semper war nicht ohne einen tiefen +Grund. + +Inzwischen aber war der reiche Onkel in Griechenland gestorben, der +Besitzer großer Marmorbrüche, der »König der Mainotten«, der einmal +gesagt hatte, wenn Hilde groß sei, solle sie seine Königin werden. Wie +ein Meteor war er damals aufgetaucht und verschwunden. Nun war er tot, +und alle Verwandten reisten nach Griechenland, um die Erbschaft in +Empfang zu nehmen, nur die Chavonnes nicht; denn die hatten kein Geld +zum Reisen. Und nach einiger Zeit hieß es, die Chavonnes seien bei der +Erbschaft ausgefallen, der Onkel habe sie in seinem Testament nicht +bedacht. Um ihrer Geschwister willen ging Hilde zu einem Anwalt, und +der erklärte, wenn man viel Geld habe, könne man nach Griechenland +prozessieren. »Das haben wir nicht,« sagte Hilde und ging mit dem +ruhigsten Herzen von der Welt von dannen. Sie war ja imstande, sich +selbst zu helfen; ihre Schwestern hatten ihr Auskommen, und ihren +Bruder, der ein Handwerk lernte, konnte sie immerhin mit Taschengeld +versorgen. In solcher Vermögenslage sich mit den Verwandten um Geld +schlagen? Wozu? + +Auch bekam sie ja Privatstunden, mehrere Privatstunden an der Schule +einer unglaublich frommen Schulvorsteherin. Aber Hilde hatte nicht +mehr die Frömmigkeit der Großmutter; eine andere Frömmigkeit war in +ihr emporgewachsen. Und als die gute alte Dame, die die junge Lehrerin +ob ihres Wissens und ihres Lehrgeschicks nicht genug rühmen konnte, +ihr auch den Geschichtsunterricht übertragen wollte, da lehnte sie ab. + +»Das kann ich nicht,« sagte sie. »Ich habe gehört, wie Sie +den Geschichtsunterricht erteilen. Sie geben einen frommen +Geschichtsunterricht; überall sehen Sie Gottes Fügung. Das – das kann +ich nicht. Wenigstens _so_ nicht.« + +Da sah das kleine alte Fräulein Paulsen geraden Blickes hinauf in +Hilde Chavonnes weit offene, dunkelleuchtende Augen und sagte: »Geben +Sie nur ruhig den Geschichtsunterricht. Was Sie tun, kann nicht +schlecht sein.« + + + + +LIV. Kapitel. + +Asmus ringt mit höheren Töchtern und besteht ein schweres Examen nur +mangelhaft. + + +Als Hilde geendet hatte, ergriff Asmus leise ihre Hand und bedeckte +sie mit langen, andächtigen Küssen. Das viele Leid, das sie erlitten, +hatte sie ihm zwiefach geheiligt. Er unterschied sich insofern gewiß +nicht von anderen Menschen, als ihm Geld und Gut keineswegs zu den +unnötigen und unerfreulichen Dingen gehörten; aber doch schien es ihm, +daß er dies Mädchen um seiner Armut und seiner Kämpfe willen nun +doppelt und dreifach liebe. Auch war die Armut etwas, das nun mit +jedem Tage mehr schwinden mußte. Nächste Ostern bekam er schon 1600 +Mark Gehalt; dann wollten sie heiraten. + +»Was? Ostern wollt ihr schon heiraten?« rief Frau Rebekka. + +»Bald nach Ostern, ja.« + +Das schien gar nicht nach Rebekkens Sinne zu sein. + +»Ich laß euch deshalb ja nicht im Stich,« sagte Asmus. »Hab’ deshalb +nur keine Sorge.« Von den 1600 Mark und von den 200 Mark, die er mit +Privatstunden verdiente, konnte er seinen Eltern ja leicht noch +abgeben, ohne daß er und sein Weib Mangel litten. + +Die 200 Mark waren allerdings ein hartes Brot. Wenn er in seiner +Schule fertig war, hastete er nach einer »Höheren Töchterschule«, um +dort im Singen und im deutschen Aufsatz zu unterrichten. Es waren +richtige »höhere« Töchter, das heißt sie hatten das Bewußtsein, zu den +höheren Dingen zu gehören. In den sogenannten besseren Hamburger +Familien ist der Klassendünkel nicht selten bis zur vollkommenen +Verblendung entwickelt, und dieser traditionelle Geist oder Ungeist +überträgt sich auf die Kinder. Es waren wohl liebe und gescheite +Mädchen darunter; eine große Anzahl aber ging von dem Grundsatze aus: +»Wie kämen wir dazu, zu antworten und uns anzustrengen; unser Vater +bezahlt ja.« Asmus kam bald dahinter, daß seine Meinung, die +wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« Familien zu unterrichten und +zu erziehen, sei keine Kunst, ein ganz erheblicher Irrtum gewesen war. +Im Gegenteil; er stieß hier gelegentlich auf raffinierte +Niederträchtigkeiten und herzlose Tücken, die weit betrübender und +hoffnungsloser waren als die Roheiten seiner Schüler aus der +Hafengegend. Dazu waren die Machtmittel des Lehrers hier geringer. +Einen Lümmel unter den Jungen nahm man, wenn’s not tat, beim Ohr oder +versetzte ihm eine Ohrfeige – er hielt den Körper eines Schlingels +nicht für unantastbar und erinnerte sich sehr gut, daß manche der +Schläge, die er als Junge empfangen, ebenso begründet als nützlich +gewesen waren – aber dergleichen Mittel waren bei Mädchen freilich +ausgeschlossen. Obendrein standen die meisten seiner Schülerinnen im +zwölften oder dreizehnten Lebensjahre, das will sagen: in den +weiblichen Flegeljahren. Er bemühte sich, seinen Unterricht so +anziehend wie möglich zu gestalten; aber eine ganze Reihe dieser Damen +war gleichwohl von der Existenzberechtigung eines Lehrers nicht zu +überzeugen. Endlich fand er dennoch ein Mittel, sie zu bändigen. Wenn +eine sich mit besonderer Wohligkeit auf den passiven Widerstand +verlegte, so las er einfach der Klasse ihren Aufsatz vor. Das half. +Wenn er las: + +»Antigone hatte sich an dem zarten Bande ihres Schleiers +emporgeknüpft,« oder »Schiller setzte dem wackeren Pfarrer Moser in +seinen »Räubern« ein Denkmal, indem er den Räuberhauptmann nach ihm +benannte,« oder »Er konnte den unbequemen Laut seines Innern nicht zum +Schweigen bringen«; und wenn dann alles in stürmische Heiterkeit +ausbrach (auch die, die Schlimmeres geschrieben hatten), dann fühlten +sie doch etwas wie das Walten einer Nemesis. Asmus hatte entdeckt, daß +die weibliche Seele außerordentlich empfindlich ist gegen den Spott, +und von nun an brauchte er nur zu sagen: + +»Bertha Klapp, ich werde nächstens wieder einen Aufsatz vorlesen –« +dann wurde Bertha ohne weiteres umgänglich. + +Von solchen und anderen Strapazen erholte er sich, indem er sich unter +Hildens Oberaufsicht zum zweiten Examen vorbereitete, zu jenem Examen, +das die feste Anstellung gewährleistete. Es war die lustigste und +erfrischendste Büffelei von der Welt. Sie pilgerten hinaus in jenen +anmutigen Garten »Zum Morgenstern«, wo sie sich um Erika und Calluna +gestritten hatten, setzten sich in eine Laube und tranken Kaffee. Dann +gab er ihr den betreffenden Schmöker in die Hand, und sie fragte ihn +mit redlichem Eifer, was darin stand. Es war eine der schwersten +Prüfungen, die man sich denken kann, viel schwerer als die +gewöhnlichen; denn gewöhnlich haben die Examinatoren nicht solche +Augen, solche Nase, solche Wangen, solchen Mund, solches Haar, solche +Stimme! Eine Stunde wohl und länger gab er ihr treulich auf alles +Bescheid, bis ihm die Sache doch zu unnatürlich wurde. + +»Einen Schluß nach Celarent,« verlangte sie von ihm. + +»Einen Schluß nach Celarent? #Bon!#« + +Kein Weib ist schön (nach Schopenhauer)! + +Alle Hilden sind Weiber. + +Also keine Hilde ist schön.« + +Sie drohte mit dem Finger. »Herr Semper? Ich werde Sie durchfallen +lassen!« + +»Ach bitte, Herr Professor, lassen Sie mich nicht durchfallen, ich +möchte so gern heiraten!« + +»Haha, heiraten wollen Sie? Wen denn?« + +»Ein entzückendes, ein wonniges, ach Gott, ein – Sie haben ja keine +Ahnung, Herr Professor. Erlauben Sie, daß ich Sie küsse –« + +»Was fällt Ihnen ein!« Sie stieß ihn auf seinen Platz zurück. »Bilden +Sie einen Schluß nach Darii!« + +»Nach Darii? Wie Sie wollen. + +Alle Basen färben rotes Lackmuspapier blau. + +Hilde ist eine Base. + +Also färbt Hilde rotes Lackmuspapier blau.« + +Dann sah sie wohl ein, daß mit ihm nichts mehr anzufangen sei; sie +klappte lachend das Buch zusammen und schlug ihm damit auf die Finger. + +»Lieber, süßer Professor,« rief er, »die Logik, die Sie mir da +abfragen, ist ja der gottvergessenste formalistische Quatsch, ist ja +das blankste scholastische Blech von der Welt! Bevor ich etwas davon +wußte, hab’ ich genau so konsequent gedacht wie jetzt, oder +konsequenter. Ach bitte, Herr Professor, tun Sie Ihr Täschchen auf und +geben Sie mir vom Brote des Lebens.« + +Dann verzehrten sie den Proviant, den Hilde mitgebracht und den sie +mit gewohnter Delikatesse bereitet hatte; er ließ es sich mit Ausdauer +schmecken und meinte: »Die Brotgelehrten haben doch nicht so ganz +unrecht.« + +Zu solchen Stunden brachte er wohl auch trotz aller Examenbüffelei ein +Gedicht mit, und eines Tages brachte er ihr eins, das eine +»hartnäckige Liebe« besang. + + Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht. + Er rettete damals die beiden Dänen, + Ihr wißt wohl – es wollte keiner dran – + Er riß sie dem blanken Hans aus den Zähnen. + + Nun war da die Antje Nissen – ei ja, + Die mochte dem starken Jan wohl taugen! + Schmuck war sie, alles was recht ist – man bloß: + Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen. + + Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts. + Und so freit’ er um Antje. Sie ziert’ sich nicht lange + Und sagte Ja und ward seine Braut. + Aber als sie’s war, da ward ihm doch bange. + + Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg! + Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen, + Dann ist die Hochzeit. Sie läßt mich nicht los. + Aber sie ist ein Stachelrochen. + + Da – denkt euch – da kommt ihm Hilf’ in der Not! + Bei Südsüdost wird Jan Reimers verschlagen – + Er rennt auf die Klippen – das Schiff zerkracht – + Eine Planke hat ihn nach England getragen. + + Sein erster Gedanke war: »Jung, wat’n Glück, + Nu bin ick verschollen! Das ’s Gottes Wille!« + Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag + Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille. + + Sein Ewer freilich war Grus und Mus. + »Na ja,« denkt Jan, »wat is dor Slimm’s bi! + Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.« + Und er lebte drei Jahre vergnügt in Grimsby. + + Aber die Welt ist ein Rattenloch. + Ein Landsmann muß ihn gesehen haben. – + Jan bummelt am Hafen, die Fäust’ in der Tasch’, + Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben – + + Da hört er plötzlich – ihm schießt’s in die Knie – + Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme: + »Jan Reimers! Jan Reimers!« Ihm war’s als rief + Des jüngsten Tages Posaun’ ihn mit Grimme! + + Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub! + Da ruft Antje Nissen: »Du solltest dich schämen! + Nun tu’ doch nicht so, als wenn du nicht hörst. + Du Feigling, du!« + Da mußt’ er sie nehmen. + +Sie lachte, als er geendet hatte, und dann nahm er noch einmal das +Blatt und schrieb mit Bleistift oben über das Gedicht: + + »Meiner Antje Nissen + In Schauern der Ehrfurcht gewidmet.« + +Da lachte sie noch herzlicher, und ihr Lachen führte immer unfehlbar +zum Küssen. Vom Küssen kamen sie dann wieder ins Lachen, kurz, es war +der alte wohlbekannte #circulus vitiosus# der ja in der Logik eine +wichtige Rolle spielt. + +Es kann nicht von allen Szenen dieser Art berichtet werden, um so +weniger, als sie für den älteren Leser eher ärgerlich als unterhaltend +sind. Nur so viel sei gesagt: Sie liebten sich so zärtlich, daß sie +die zärtlichen Worte und Kosenamen unseres Sprachschatzes längst +verbraucht hatten und, wenn sie ihre ganze Liebe in ein recht von +Grund aus erschöpfendes Wort pressen wollten, zu Injurien greifen +mußten. Wenn er sie zu hart angefaßt hatte, rief sie mit einem +goldenen Lachen in den Augen: »Du Gassenjunge du, du Rowdy!« und er +flüsterte mit überquellendem Jubel: »Du Hexe du, du Teufelsweib!« und +meistens, wenn sie dergleichen gesagt hatten, kam gerade der Kellner. +Asmus Semper war damals noch recht unbekannt, sonst würde gewiß eines +Tages in den Zeitungen gestanden haben, daß er und seine Braut sich +»Hexe« und »Gassenjunge« schimpften. + +Wenn sie dann nach der hochnotpeinlichen Prüfung an die Elbe +hinunterwanderten, sich in den Sand streckten und die Schiffe kommen +und gehen sahen, wenn Hilde heimlich herbeischlich, ihr Gesicht leise +über das seine neigte und ihn küßte, wenn dann alles Glück der +Kindheitserinnerung mit dem Glück der Gegenwart in Asmussens Herzen +zusammenschmolz, dann mußte er laut oder schweigend ein Dankgebet +sprechen. Er, dem in trüben und schweren Tagen nie der Gedanke an +einen persönlichen, väterlich waltenden Gott kam, in Augenblicken +überwältigenden Glückes hatte er das Bedürfnis nach irgendeinem Wesen, +dem er danken könne, und unter Lachen und Tränen rief er stumm oder +mit lautem Jubel in den Himmel hinauf: »Herrgott, du verwöhnst mich, +du verwöhnst mich entschieden! Lieber Gott, laß mich nicht ersticken +in meinem Glück!« + + + + +LV. Kapitel. + +Zeichnet sich durch Kürze aus, die aber nicht Schuld des Verfassers +ist. + + +Nach dem zweiten Examen wollte Murow, der Seminardirektor, ihn an die +Seminarschule ziehen. Aber Asmus lehnte abermals dankend ab. + +Und bald darauf machten die beiden sich auf, eine Wohnung zu suchen. +In einer westlichen Vorstadt Hamburgs, in einem Hinterhäuschen, fanden +sie zwei Zimmer, eine Kammer und eine Küche. Als sie diese Räume +sahen, waren sie mit einem einzigen Blicke einverstanden: Hier kann +das Glück wohnen. Als Asmus dem Hauswirt den »Gottespfennig« in die +Hand drückte, war der erstaunt über die Größe des Geldstücks. Es war +ein Taler. Heute konnte Asmus es sich leisten, Grundeigentümer zu +beschenken. Er war dem Manne so dankbar, daß er ihm die reizende +Wohnung abgelassen hatte! + +Als er aber für einen Aufsatz, den er in einer Zeitschrift +veröffentlicht hatte, ein ansehnliches Honorar empfangen hatte, +schenkte er der Geliebten ein Kleid von weißer Seide, und ihre +Kolleginnen und Freundinnen schenkten ihr dazu einen Einsatz von +köstlicher Stickerei. Wie eine Königin sollte sie aussehen. + +Die Ausstattung der künftigen Wohnung war ein ununterbrochenes Fest. +Jeder Stuhl und jedes Kissen war eine Freude für sich, und wenn sie +ein Dutzend Teller kauften, so waren es zwölf Freuden auf einmal. Als +aber am Abend vor der Hochzeit die Freundinnen zu Hilden in das +künftige Heim kamen, um die letzte Hand an den Brautputz zu legen, +siehe, da hatte der treuherzige Handwerksmann die längst versprochenen +Sitzmöbel noch immer nicht geliefert. Kurz entschlossen setzten sich +die Mädchen in einem Kreis um Hilden herum auf den Fußboden und +durchflochten ihr heiteres Werk mit Lachen und Singen. + +In einem Gartenlokal am Elbufer sollte die Hochzeit gefeiert werden. +Nicht umsonst zog es ihn in heiligen Tagen seines Lebens immer wieder +an diesen Strom; auf seinen Fluten war die Seele des Knaben und des +Jünglings von je in alle Fernen der Hoffnung gewandert. + +Mit Wolken und leisem Regen begann der Hochzeitstag, und auch, als sie +aus dem Wagen stiegen, regnete es ein wenig. »Es regnet in die +Brautkrone,« sagte eine abergläubische Verwandte, »das bedeutet +Glück«. Und dann ward es ein stiller, wolkenloser, in seiner eigenen +Schönheit seliger Maientag. + +Ludwig Semper und Goers der Riese waren Trauzeugen gewesen, und als +nun Goers, der Gütige, sich zu einem Trinkspruch auf das Brautpaar +erhob und ihm aus treuem, lauterem Herzen eine Schar von blühenden +Kindern wünschte, da errötete Hilde wohl, aber nicht in Unwillen, +sondern in einem wirbelnden Gefühl von Scham und Glück. + +Und als sie noch beim bescheidenen Mahle saßen, erklang plötzlich ein +langer, sanfter Geigenton; die Türen des kleinen Saales taten sich +auf, wie von Geisterhand geöffnet, und von einem feinen und sauberen +Streichquartett klang es herein: + + Treulich geführt, ziehet dahin, + Wo euch der Segen der Liebe bewahr’! + Siegreicher Mut, Minnegewinn + Eint euch in Treue zum seligsten Paar. + +Und am Pulte des ersten Geigers saß niemand anders als Morieux. + +Asmus war aufs freudigste ergriffen von diesem zarten Geschenk; die +Streicher wurden im Triumph an den Tisch geholt, und als alle genug +gegessen und getrunken hatten, erhob man sich zum Tanz. Asmus und +Hilde aber bestiegen den lange schon wartenden Wagen zur +Hochzeitsreise nach dem Hinterhäuschen in der westlichen Vorstadt. + +Als sie an seinem Elternhause vorüberfuhren, neigte er sich ans +Wagenfenster und sah so lange hinaus, bis das Haus seinen Blicken +entschwunden war. In diesem Augenblick fuhr ihm wie ein Blitz ein +künftiges Gedicht durchs Herz, und einige Tage später schrieb er es +auf. + + _Am Hochzeitstage._ + + Laut rollt der Hochzeitswagen durch die Gasse. + Wir ruhen drin, zu stillem Glück geeint. + Sieh, wie die Sonne glänzt durch Regenwolken: + Die Hoffnung lacht – und die Erinn’rung weint. + + So ist’s ein Fest der Wonne wie der Trauer. + Ich fühl’s, da neue Liebe mich beglückt, + Wie lang genoss’ne, unvergoltne Liebe + Mit schwerem Vorwurf meine Seele drückt. + + Der Eltern denk’ ich, der verlass’nen, alten, + Und während mich dein Zauber sanft umgibt, + Erfaßt es mich mit wehmutsvoller Mahnung, + Wie zärtlich sie mich je und je geliebt. + + Sie ließen mich den Traum der Jugend träumen, + Leicht schlug mein Herz! – ihr Haupt war sorgenschwer. + So zweifle nicht, wenn sich mein Auge feuchtet. + Der Sommer prangt; ein Frühling kommt nicht mehr. + + Wie rasch der Wagen rollt! Wir fliegen selig + Und zukunftstrunken in die Welt hinaus. + Euch Sternen meiner Jugend send’ ich Grüße + Ins abendrotumkränzte, stille Haus. + + Verzeiht dem heißen Drang der jungen Seelen, + Der euch des vielgeliebten Sohns beraubt. + Unsterbliches Gedächtnis eurer Liebe + Und Segen über euer greises Haupt! + + + + +LVI. Kapitel. + +Ein längeres Kapitel, weil darin von einem Leuchtturm, einer +Nachtigall, einem Kinde, einem Rosenberg und von noch einem Kinde +berichtet werden muß. + + +Wenn Semper der Ehemann sich einen neuen, herzerquickenden Kunstgenuß +bereiten wollte, dann lustwandelte er durch seine zwei Stuben, seine +eine Kammer und seine Küche. Sie schimmerten und flimmerten, daß er +sich nicht satt schauen konnte, und der phantasievolle Schloßherr der +bayrischen Königsschlösser konnte mit seinen ungezählten Millionen +keine tiefere Befriedigung gewonnen haben als der junge Schloßherr in +der westlichen Vorstadt. Als Knabe hatte er einst geträumt, wenn er +reich werde, wolle er sich ein großes Schloß bauen mit hohen +Bogenfenstern und Marmorsäulen und Marmortreppen. Das war nun +Wirklichkeit geworden, ohne Marmor und Bogenfenster, und doch alle +Luftschlösser übertreffend. Wenn er auf dem Sofa lag und die Blicke +über Wand und Decke, Schrank und Bücherbrett wandern ließ, und wenn er +sich dann den ärmlichen Hausrat des Elternhauses vorstellte, dann +dachte er: ich bin ein Emporkömmling; mit rasender Geschwindigkeit bin +ich emporgekommen. Er erinnerte sich, gelesen zu haben, daß innerhalb +desselben Geschlechtes nach einem Aufstieg mit einer gewissen +Regelmäßigkeit eine »Decadence« der folgenden Generationen eintrete, +und mit Wehmut erfüllte ihn der Gedanke, daß spätere Nachkommen von +ihm gezwungen sein könnten, diese strahlende Höhe wieder zu verlassen. +Er wußte freilich noch gar nicht, ob er überhaupt Nachkommen haben +werde. + +Nun war aber an seiner ganzen Wohnstatt ganz gewiß nichts Kostbares im +alltäglichen Sinne, und manche Frau trug in einem Ohrläppchen ein weit +größeres Vermögen, als dieses ganze Schmuckkästchen mit allem, was +darin war, gekostet hatte. Was dieser Heimstatt für die Seele des +jungen Mannes den unnennbaren Glanz gab, das war sein Glück; was ihr +aber auch für das Auge Schönheit verlieh, das war Hildens Hand. Nicht +umsonst war sie die Jahre hindurch, als die Mutter krank lag, das +alles umsorgende, alle betreuende Hausmütterchen gewesen. Und die +Mutter war wie die Mutter des Goetheschen Gretchens gewesen. »Bei der +Frau Chavonne kann man vom Fußboden essen,« hatte es bei den +Nachbarinnen geheißen, und Nachbarinnen sind streng. Diese Tradition +hielt Hilde aufrecht. Und wie es nun einmal wahr ist, daß die Grazien +den, den sie lieben, in keiner Lage und zu keiner Stunde verlassen, +so blieb ihre Anmut ihr auch bei den gröbsten Verrichtungen treu. Und +sie durfte vor grober Arbeit nicht zurückscheuen; denn fremde Dienste +konnten sich die jungen Semper nur als seltene Aushilfe gestatten. +Aber sie dachte auch nicht daran, vor irgendeiner Arbeit +zurückzuschrecken; in lächelnder Ruhe stand sie über jedem +beschränkten Hochmut. Arbeit hatte sie geadelt, und sie adelte die +Arbeit. + +Und wenn man nun bedenkt, daß jeden Abend, wenn sie zur Ruhe gegangen, +die Nachtigall in ihr Geplauder, in ihre Träume, in ihren ersten +Schlummer sang! Hinter den Fenstern ihres Schlafgemaches standen +blühende Apfelbäume und andere Bäume, auch ein Goldregen, dessen +Blüten herabhingen wie goldene Lampen in einem dämmergrünen Dom. Und +aus einem der Bäume sang Abend für Abend die Nachtigall. Mitten in +ihrem Liebesgeplauder verstummten sie oft entzückt und sagten: »Hör’ +nur – hör’ nur!« Ja, oft horchten sie fast erschrocken auf; denn es +hatte geklungen wie eines Menschen weinende, schwellende, verhauchende +Klage; dann wieder war es wie ein plätschernder Quell, durch den das +Mondlicht glänzt. Alle Vögel haben ihre wiederkehrende Weise, dachte +Asmus; nur sie hat immer neue Weisen; nie singt sie zweimal dasselbe; +sie ist das Genie, dem die Welt immer neu erscheint, das immer Neues +erkennt und Neues singt. Aller Vogelgesang ist lieblich; aber sie +allein hat Kraft und Milde, sie allein hat Lust und Tiefe zugleich. +Darum ist sie die Sängerin der Liebenden. Denn mit Sinnenkraft und +Herzensmilde die Welt ergreifen, von höchster Geisteswonne bis zu +tiefen Zuges trinkender Sinnlichkeit die Welt ausmessen: das ist +Liebe. »Horch,« sagte Asmus, »wie langsam und klagend sie auch ihr +Lied beginnen mag, immer endet sie mit jubelndem Geschmetter. Sie ist +eine Optimistin; sie glaubt an das Leben. Glaubst du auch daran?« + +Ja, wenn sie bei ihm war, glaubte sie daran; wenn sie allein war, +konnte sie noch immer nicht fassen, daß das Leben nicht mehr ihr Feind +sei. Sie konnte noch immer dem neuen Gesicht des Lebens nicht trauen; +ihr Vertrauen war in einem langen Winter bis auf den Grund gefroren, +und jahrelangen Sonnenscheins bedurfte es, diesen See wieder bis zum +Grunde zu erwärmen. + +Noch blieb ihnen die Sonne treu. Herrgott, wie es sich arbeitete in +diesen ewig sonntäglichen Räumen! Und als er eines Mittags aus der +Schule kam, sah er es Hildens Gesicht an, daß etwas Gutes passiert +sei. + +»Wieviel erwartest du noch vom »Leuchtturm«? fragte sie gespannt. + +»Fünfundsiebzig Mark.« + +»Er schickt hundert!« Asmus riß den Begleitbrief auf und las: »Es +entfallen auf Ihren Beitrag eigentlich nur fünfundsiebzig Mark; aber +wir schicken Ihnen mit Vergnügen hundert, wenn Sie uns bald wieder +bedenken wollen.« Er schlang Hilden den Arm um die Taille und tanzte +mit ihr durchs Zimmer. In solchen Augenblicken tanzte er sogar gut. + +Fünfundzwanzig Mark wie vom Himmel gefallen! Sie kamen ja noch immer +so eben, eben aus; aber sie konnten es schon brauchen. + +Aber es war doch noch eine ganz winzige Freude, eine wahre +Lumpenfreude gegen die Freude eines andern Tages, jenes Tages, da sie +ihm verriet, sie habe sichere Anzeichen dafür, daß sie nicht immer +allein bleiben würden. Da tanzte er nicht mit ihr, da zog er sie sacht +auf seine Knie herab und hielt lange, lange ihren Kopf an seiner +Brust, als müßt’ er sie nun behüten auch vor dem leisesten Leid der +Welt. + +Ja, das Schicksal war ihm in diesen Tagen hold gesinnt, und manchmal +schon hatte er sich im stillen gefragt, wieviel es ihm abziehen werde, +und was, und wann? Aber es schien an keinen Abzug zu denken; im +Gegenteil; es schenkte ihm in dieser Zeit zu allem Glück noch einen +neuen und echten Freund. Er hatte in einem Lehrerverein einen Vortrag +über Hamerling gehalten und damit unter anderen den Beifall eines +jüdischen Lehrers gefunden, der ihm nach dem Vortrag als #Dr.# +Rosenberg vorgestellt wurde. Asmus fand sofort an dem ganzen Manne ein +großes Gefallen, an seinem sympathischen Gesicht, an seinem offenen +und doch bescheidenen und bei aller bescheidenen Zurückhaltung +dennoch bewußten Wesen, an seinen Interessen und seinen Erlebnissen. +Rosenberg war Philologe, war in Paris und London gewesen und erzählte, +wie er in London lange vergeblich seinen Unterhalt durch Stundengeben +gesucht und wie, als er eines Tages wieder von einem vergeblichen +Gange heimgekehrt sei und auf dem Rücken eines Buches den Namen +»Schiller« gelesen habe, bei diesem Namen die Tränen des bittersten +Heimwehs unaufhaltsam hervorgebrochen seien. Es war der erste Jude, +mit dem Asmus in nähere persönliche Berührung kam, und diese Begegnung +war ihm so interessant und erfreulich, daß er den neuen Bekannten +einlud, ihn zu besuchen. Rosenberg kam; Asmus erwiderte den Besuch, +und auf die lebendigste Weise erwuchs nun ein Freundschaftsverhältnis, +das fast alle früheren Freundschaften Asmussens an Dauerhaftigkeit +übertreffen sollte. + +Als Rosenberg zum ersten Male bei Sempers gewesen war und die junge +Frau Semper nur flüchtig gesehen hatte, da hatte er, wie er später +gestand, im stillen gedacht: Er hätte doch so jung nicht heiraten +sollen. Beim zweiten Besuche lernte er ganz anders denken und sah doch +die junge Frau überhaupt nicht. Und das hatte alles seine guten +Gründe. + +Als Rosenberg seinen zweiten Besuch machte, war es wieder ein +Maientag, der Tag vor Pfingsten, und in grauender Frühe dieses Tages +hatte Hilde ihren Gatten geweckt und ihn gebeten, daß er die Wehmutter +hole. Und dann folgte ein Tag, für Asmus wohl nicht viel leichter als +für Hilden. Er wanderte in seinem Zimmer rastlos auf und ab, und am +Nachmittag war er so weit, es laut vor sich hinzusprechen: »Ich will +lieber kein Kind haben – wenn sie nur nicht mehr zu leiden braucht.« +Ein furchtbares Gewitter brach los; unmittelbar über dem Hause war ein +unablässiges Flammen und Krachen, und jeder Schlag traf ihn, weil er +daran dachte, wie es sie erschrecken müsse. Er hatte ihr angeboten, +bei ihr zu sein; aber sie wollte mit der Wehmutter allein sein. Und +erst um 7 Uhr des Abends vernahm er das Schreien eines Kindes; Isolde +Semper war zur Welt gekommen. Als die Wärterin der jungen Mutter das +Kind zeigte, rief sie: »O, das ist ja Mutter Rebekka!« und sank in die +Kissen zurück. + +Auf den Fußspitzen war Asmus hereingekommen; er beugte sich über sie +und küßte sie leise, leise auf die Stirn. Sie schlug die Augen auf, +große, feuchte Augen und hauchte: »Du armer Mann, jetzt kann ich nicht +für dich sorgen.« + +»Du närrischer Engel,« flüsterte er, »willst du gleich schweigen und +schlafen?« und küßte ihr die Augen zu. Aber sie öffnete sie wieder und +sah ihn an mit einem Blick voll übermenschlichen Glücks. Dann hob sie +behutsam die Decke von dem Kindlein, das in ihren Armen lag. + +»Sieht sie nicht ganz aus wie Mutter Semper?« flüsterte sie. Er nickte +»Ja«, obwohl er nichts dergleichen sah; er dachte nicht an das Kind: +er dachte nur an sie. Die weise Frau versicherte ihm, daß alles gut +verlaufen sei; da schlich er hinaus, nahm seinen Hut und ging auf die +Straße. Er mußte Himmel über sich sehen. + +Als er nach einer halben Stunde heimkehrte, war Rosenberg dagewesen. +Die junge Mutter hatte jemand kommen hören, hatte vernommen, wer es +sei, und der Wärterin gesagt: »Sorgen Sie bitte dafür, daß der Herr +eine Erfrischung bekommt.« Und Rosenberg erfuhr von der Wärterin, daß +die junge Frau Semper vor kaum einer Stunde Mutter geworden sei und +daß sie selbst den Trunk für ihn befohlen habe. Da dachte er: »Das muß +eine seltene Frau sein.« Nie vergaß er ihr diesen Trunk, und schon bei +einem nächsten Besuch, als sie selbst ihn bewirtete, dachte er: »Er +hat keineswegs zu früh geheiratet.« + +In den folgenden Wachen und Monaten kam Asmussen seine Erziehung durch +die Tabakstube, wo er unter unablässigen Gesprächen und Geräuschen die +subtilsten Sachen studiert hatte, vorzüglich zustatten. Denn die +Stimme Isoldens war vernehmlich und ausdauernd. Sie vollbrachte +Leistungen, gegen die die Partie der Wagnerschen Isolde als Episode +erscheint. Aber das störte ihn nicht. Er gehörte nicht zu den +geistigen Arbeitern, die auf eine Meile im Umkreis Asphaltpflaster und +Strohschütten brauchen. Der Platz vor seinem Hause war ein beliebter +Spielplatz der ganzen nachbarlichen Kinderschar, und er schloß das +Fenster nicht, wenn ihr Geschrei hereinklang; denn es war ihm wie ein +fröhlicher Gruß des Lebens, das zum Wirken und Schaffen rief. Auch +besaß er im Notfall noch immer die Kraft, eine Mauer um sich zu bauen; +wenn er nicht wollte, so hörte er selbst Isolden nicht. Auch als +Dichter gehörte er nicht zu denen, die nur auf persischen Teppichen +und vor perlgrauen Seidentapeten dichten können, und die mancherlei +kleinen Banalitäten, die ein enger Haushalt unweigerlich mit sich +bringt, die selbst einer Hilde Hand nicht immer zu bannen vermag, +verstimmten nicht sein Saitenspiel. Er verstand es so gut, daß +Schiller in einem Zimmer, das nichts als einen halben Tisch, einen +Stuhl und eine Schütte Kartoffeln enthielt, die »Louise Millerin« +schreiben konnte. Was mußte das für ein Dichter sein, der die +Ausstattung seines Zimmers, der seine Gesellschaft nicht jeden +Augenblick selbst beschaffen, der nicht jeden Augenblick seine Zelle +in das Boudoir der Lady Milford oder in den Hafen von Genua verwandeln +konnte?! + +Und so erzog er in unbekümmertem Frohsinn neben der kleinen Isolde +noch ein zweites, stilleres Kind, sein erstes Buch. Unbekümmert war +dieser Frohsinn freilich nur in Hinsicht der äußeren Störungen; was +die inneren Hemmnisse anlangt, war es ein oft unterbrochener Frohsinn. +Nie hat jemand besser den Künstler beschrieben als Goethe, da er die +liebende Seele beschrieb: »himmelhoch jauchzend – zum Tode betrübt«. +Der Künstler wäre kein Künstler, der nicht himmelhoch jauchzte über +ein gelungenes Werk und der nicht zum Tode betrübt sein könnte über +dasselbe Werk. Und als ihn nun gar die Banalität der Druckkorrekturen +überfiel, als er seine eigenen Verse immer wiederkäuen mußte, da +übermannte ihn ein tiefes Verzagen. Aber Rosenberg riß seinen Mut +wieder empor; Rosenberg war begeistert von diesen Versen. »Ich lege +meine Hand dafür ins Feuer, daß Sie Anerkennung finden werden«, +prophezeite er. Und wirklich fanden die »Gedichte« von Asmus Semper, +als sie endlich erschienen waren, die freundlichste Aufnahme; denn da +die Lyrik nichts einbringt, so erfährt sie oft eine sehr wohlwollende +Beurteilung. + + + + +LVII. Kapitel. + +Fängt fröhlich an und endet traurig; das Schicksal fordert seinen +Zoll. + + +Zu allen diesen Freuden schenkte das Schicksal, das ihn verziehen zu +wollen schien, unserm Asmus noch eine sonnige Weihnacht. Schon zur +vorigen Weihnacht hatte er die bisherige Ordnung der Dinge auf den +Kopf gestellt und seinen Eltern den Tannenbaum geschmückt; diesmal, da +er wieder ein feistes Honorar von siebzig Mark errungen hatte, sollten +sie das zu essen bekommen, was in seinem Elternhause immer als das +Weihnachtsgericht der Reichen gegolten hatte: Karpfen! Und Weißwein +sollte dazu getrunken werden, ja Weißwein! Unmittelbar vor der +allgemeinen Bescherung aber winkte Hilde ihren Gatten auf die Seite, +zog ihn ins andere Zimmer, schlang die Arme um seinen Hals und +flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn du lieb bist, hab’ ich noch ein +besonderes Geschenk für dich – freilich noch nicht heute.« Er sah ihr +mit jähem, frohem, fragendem Staunen ins Gesicht. + +»Ja??!« + +Sie nickte eifrig. + +»Wann denn?« + +»Ich denke, im Juli oder August.« + +Da küßte er sie unzählige Male und zog sie in das Weihnachtszimmer und +war, noch bevor er den Weißwein genossen hatte, so trunken, daß er die +Lichter des Tannenbaumes nicht doppelt, nein siebenfach, nein +hundertfach sah. + +Rebekka Semper fand den Karpfen köstlich, fand überhaupt, daß Hilde +eine »gebor’ne Köchin« sei, und Ludwig Semper lächelte sein stillstes +und innigstes Lächeln, als habe er den Weg zurückgefunden zu den +strahlenden Tannenbäumen seines Elternhauses. Er sprach mit Asmus von +dessen Gedichten und nannte die, die ihm besonders gefallen hatten, +und obwohl eines Vaters Beifall zu den Werken seines Sohnes vor der +Welt keinen Klang hat, so wußte Asmus doch, daß ihm nie ein schönerer +Lorbeer gedeihen könne als dieses schweigsamen Mannes Lob und Lächeln. +Diesem großen und stillen Herzen zu gefallen, das war ein großer und +stiller Ruhm. Aber nur ein Semper konnte das wissen. + +Ludwig Semper war aufgeräumt und gesprächig wie seit langem nicht; er +erzählte, wie Asmus einst mit kleinen Kinderschrittchen neben ihm über +die Wiese getrippelt sei und gerufen habe: »O Vater, hier ist es +gerade so wie dein Geburtstag!« wie der Kleine unzählige Male an +seinen Arbeitstisch gekommen sei und ihm nach Wunsch aus dem +»Freischütz«, aus der »Nachtwandlerin« und wohl aus zwanzig andern +Opern vorgeblasen, was er aufgefangen habe, ja, Ludwig Semper stieg +weit in die eigene Kindheit hinab und sprach von seinem Vater, dem +Kaufmann Carsten Semper, auf dessen Diele jeder Besucher Schinken +essen und Kornschnaps trinken konnte, ohne zu bezahlen, und von dem +Tage, da der Justizrat quer über die Straße auf seinen Vater +zugelaufen kam und rief: »Wissen Sie schon, Herr Semper, Goethe ist +tot!« Es war wie Sammlung und Rückblick in diesen Reden Ludwig +Sempers; aber die Seinen merkten es nicht. Wohl war ihnen aufgefallen, +daß er die Speisen kaum berührt hatte, selbst die Karpfen nicht; aber +da er ihre Besorgnis mit Lachen zurückwies, so hatten sie sich +beruhigt. Freilich hatte Frau Rebekka erklärt, daß er schon länger an +Appetitlosigkeit leide und daß sie ihn »natürlich« nicht zum Arzt +kriegen könne. + +Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage besuchte, hörte er, daß sein +Vater sich von der Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach Hause +geschleppt habe. »Ich werde den Weg nicht wieder machen können,« sagte +Ludwig Semper mit wehmütigem Lächeln. »Ei was!« rief Asmus, »dann +holen wir euch einfach in der Droschke; wir haben’s ja!« Und er dachte +sich, welch eine Lust es sein werde, die »Alten« im Triumph +einzuholen, zu Wagen, wie ein Fürstenpaar! Und noch einmal ging er +beruhigt heim. + +Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater zum Schlimmen verändert. Er +konnte nicht mehr arbeiten, saß in seinem alten Lehnstuhl und mochte +nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war grau geworden, und wie Frau +Rebekka mit Kümmernis erzählte, schlief er den größten Teil des Tages. +Sein Appetit war nicht zurückgekehrt. + +Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal davon. Sollte das Schicksal –? +Nein, einen so harten Zoll konnt’ es nicht fordern; so grausam konnt’ +es sein Glück nicht verkürzen wollen! Ja, wenn es ein achtzig-, +neunzigjähriger Greis wäre, dann müßte man sich mit der Notwendigkeit +versöhnen. Aber mit siebenundsechzig Jahren konnte das Schicksal +diesen Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann nicht! Selbst völlig +fremde Menschen mußten dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als Asmus +vor nicht langer Zeit im Lehrerverein geredet und die Kunst als +Erzieherin proklamiert hatte und auch sein Vater als Gast zugegen +gewesen war, da hatte die Versammlung dem Redner ein Hoch gebracht. +Gleich darauf aber hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen: +»Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn ich in dem ehrwürdigen Manne, der +unserm Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.« Und dann hatte +er mit kühner, launiger und geschickter Psychologie aus dem Wesen des +Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und hatte diesen Vater +gefeiert, und mit brausendem Hurra hatte die Versammlung ihm +zugestimmt. Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt und hatte +gesehen, wie er sich freute, und daß dieser Mann, der sein ganzes +reiches Pfund in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun doch einmal +vor aller Welt die Ehren genoß, die ihm gebührten, das war doch von +allen Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen. + +Und sollte das die letzte große Freude im Leben Ludwig Sempers gewesen +sein? Nein, nicht die letzte. + +Als Asmus wieder nach Oldensund kam, waren Hilde und die kleine Isolde +mit ihm. Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, saß er schlafend +im Lehnstuhl; er erwachte auch nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten +Herzens hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem Weinen berichtete. +Er schlafe fast den ganzen Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und +verstehe oft gar nicht, was man zu ihm sage. Während sie noch sprach, +öffnete der Kranke die Augen; immer weiter öffnete er sie, bis sie so +groß und freundlich waren wie in seinen besten Tagen. + +»Wem gehört das allerliebste Kind?« fragte er leise, mit frohem +Staunen. + +Sie sagten ihm, daß es ja Isolde sei, Asmussens und Hildens Kind und +seine eigene Enkelin. + +Da verbreitete sich noch einmal von diesen Augen aus über das ganze +Gesicht des Leidenden das große, unerschöpflich gütige Lächeln, das +über Asmussens ganzer Kindheit wie eine treulich wiederkehrende Sonne +geleuchtet hatte, und dann schlossen sich die Augen wieder, und der +Kranke war wieder entschlummert. + +Die Besucher schlichen hinaus, und draußen nahm Asmus seine Mutter auf +die Seite und fragte: »Was sagt denn der Arzt?« + +Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten: laut jammernd rief sie: »Ach +Gott, der schreckliche Mensch sagt, es wäre vielleicht Magenkrebs, – +ich werd’ ja verrückt, wenn ich bloß daran denke!« + +Das machte Asmus vom Kopf bis zu den Füßen erstarren. Über all seine +Befürchtungen hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es werde +vorübergehen. Dieser Schlag betäubte ihn. Aber nur für einen +Augenblick. Er schickte Hilden und das Kind nach Hause und rannte zum +Arzt. + +»Ja,« sagte der, »alle Anzeichen sprechen dafür. Ich habe keine +Magensäure gefunden, das ist das sicherste Symptom.« + +»Herr Doktor,« stammelte Asmus, »Sie dürfen mir nicht zürnen, – Sie +sind ja auch nur ein Mensch, – Sie müssen sich in meine Lage +versetzen, – es ist mein Vater, – würden Sie es mir übelnehmen, wenn +ich noch einen zweiten Arzt befragte?« + +»Durchaus nicht,« versetzte der Arzt, »Sie machen sich freilich +unnötige Kosten; aber wenn es Sie beruhigt –« + +Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der ihm als besonders tüchtig +empfohlen war. Der ließ ihn kühl an. Wer denn seinen Vater behandle? + +Der Doktor Soundso. + +Ja, das sei ja ein sehr tüchtiger Arzt. Er wisse nicht, was er da +solle. + +Asmus flehte ihn an, er möchte doch kommen. + +»Nun ja, ich kann ja hinkommen.« + +Und Asmus ging mit neuer Hoffnung: Der wird vielleicht zu einem +anderen Ergebnis kommen. + +Als er andern Tages ins Elternhaus kam, war der zweite Arzt noch nicht +dagewesen. Der Kranke aber delirierte und konnte nur mit größter Mühe +im Bette festgehalten werden. Da kam Asmussen der Gedanke: Ins +Krankenhaus. Hier, in diesen ärmlichen, beschränkten Verhältnissen +konnte ja der Vater nicht gepflegt werden wie im Krankenhause, und +wenn eine Operation nötig war, mußte er doch dorthin. Und dort waren +die besten Ärzte. Er besorgte die Aufnahme ins Krankenhaus, nahm eine +Droschke und fuhr vors Elternhaus. Nun holte er seinen Vater in der +Droschke! Aber nicht im Triumph, ach Gott, nicht im Triumph! +Ohnmächtig lag ihm sein Vater im Arm wie ein Kind, und als er so mit +seinem Vater im Wagen allein war, rannen seine Tränen unaufhörlich. +Als er den Vater endlich wohlgebettet sah, eilte er zum Arzt des +Krankenhauses und erstattete ihm Bericht über den Kranken. Dieser Arzt +war ein feiner und milder Mann; er hörte den Sohn, aus dessen Worten +er wohl die fliegende Angst des Herzens vernahm, mit großer Teilnahme +an und entließ ihn mit neuer Hoffnung. Nun kann noch alles gut werden, +dachte Asmus. Dieser Arzt ist ein vortrefflicher Mann, und im +Krankenhause hat man alles zur Hand, was man zur Pflege eines schwer +Erkrankten braucht. + +Andern Mittags, als er aus der Schule heimkam, war sein erstes Wort: + +»Ist Nachricht vom Krankenhause da?« + +»Ja,« sagte Hilde ernst, »der Bote war hier.« + +»Und?« rief er begierig. + +»Du weißt es doch schon, nicht wahr?« sprach Hilde sanft. Er starrte +sie an. »Ist er –?« Er brachte das Wort nicht heraus. + +Sie nickte stumm und legte den Arm um seinen Hals. Er aber fiel mit +einem einzigen, lauten Aufschluchzen in die Sofaecke. + +Das also hatte er mit allen Mühen und Ängsten erreicht, daß sein Vater +nun einsam gestorben war. Zwar: Ludwig Semper war nach dem Bericht +der Wärter nicht wieder zum Bewußtsein erwacht, und morgens um zwei +Uhr war er gestorben. Aber wenn er nun doch noch einen lichten +Augenblick gehabt und wenn er Weib und Kinder gesucht hatte – mit +diesem Gedanken zerfleischte sich Asmus das Herz, während er durch die +Straßen rannte und die Formalitäten für die Bestattung erledigte. +Dabei lief er oft stundenlang durch Gegenden, in denen er nichts zu +suchen hatte; er wußte nicht, womit er sonst seine Zeit ausfüllen +sollte. + +Als er dann an der Bahre seines Vaters stand und den starren, +tränenlosen Blick auf das weiße Haupt des Toten heftete, da mußte er +unaufhörlich denken: König Lear – König Lear. Dieser Mann hatte nicht +aus Torheit ein Kind verstoßen, war kein Tyrann gewesen – und war +seine Liebe vergolten worden, wie sie’s verdiente? Die Liebe eines +Vaters kann man nicht vergelten, dachte er; jeder Vater ist ein König +Lear. Und als er seine arme, gebeugte Mutter sah, als er daran dachte, +daß ihre Kinder von ihr gegangen waren und das beste Teil ihres +Herzens an andere gegeben hatten, da fügte er hinzu: und jede Mutter +ist eine Niobe. + +Er riß sich gewaltsam empor aus seinem Brüten und sah sich um. Von +seinen Freunden war nur einer erschienen: #Dr.# Rosenberg. Und das war +die erste Freude in all diesem Leid. + +Als er am Grabe stand, war es wieder wie immer; er konnte nicht +weinen. Er dachte, was müssen die Menschen von dir denken, daß du am +Grabe deines Vaters ohne eine Träne stehst. Aber als er das dachte, +konnte er um so weniger weinen. Er hatte seit jenem Aufschluchzen in +Hildens Armen nicht geweint; auch als er heimgekommen war, weinte er +nicht. Erst am Abend des folgenden Tages, als Hilde zu einer Besorgung +das Haus verlassen hatte und er allein an seinem Schreibtisch saß, +legte er den Kopf in den Sessel zurück und weinte, weinte unaufhaltsam +wie ein kleines Kind, das im Gewühl und Gedränge der Menschen die Hand +des Vaters verloren hat. + + + + +LVIII. und letztes Kapitel. + +Asmus bekommt einen Preis, einen Wolfram und eine Weltanschauung, und +da dies dem Verfasser genug dünkt, übrigens auch die Weltanschauung +den Mann macht, so schließt er diese Geschichte eines Jünglings. + + +Warum suchte denn Asmus in diesen schweren Tagen nicht Trost bei seiner +Hilde? Wer am Schlusse dieses Buches noch so fragen würde, der würde das +Wesen von Ludwig Sempers Sohn nicht ganz verstanden haben. Leute wie +dieser Asmus können den Trost nicht bei anderen, sondern immer nur in +sich selbst finden, und wenn sie auf den Trost anderer hören, so ist es, +weil sie ihn schon in sich selbst gefunden haben. Zunächst suchte er +auch keinen Trost; er wühlte vielmehr in seiner Wunde. Nicht alle +Menschen rufen im Schmerze sofort nach Linderung wie das Kind nach dem +Schnuller. Er fand es recht und gut, daß er litt, wo sein Vater so +schwer und so lange geduldet hatte; er bildete sich nicht ein, ein +Anrecht auf ein schmerzloses Dasein zu haben, wenn solche Menschen +litten. Dann aber, als er sich recht in Ruhe und Einsamkeit sattgeweint +hatte, trat seine angeborene Philosophie wieder in ihr Recht: Mit +unabänderlichen Tatsachen nicht zu hadern und den Kampf des Lebens in +Hoffnung und Vertrauen immer wieder aufzunehmen. War es doch inzwischen +eine Hoffnung und ein Vertrauen geworden, die weit über den Kreis eines +Einzeldaseins hinausreichten. + +So oft er auch an den frühen Hingang seines Vaters mit Schmerzen +gedenken mochte – er konnte dessen auch in weit, weit späteren Jahren +nur mit tiefer Wehmut gedenken – dieser Verlust gehörte, als er mit +ihm abgeschlossen hatte, nicht mehr zu den Dingen, die sein Wirken und +seine Entwicklung hemmen konnten. Er hätte auch keine Zeit gehabt zu +melancholischen Meditationen; er erfuhr wieder einmal den Fluch und +den Segen der Armut. Er hatte schließlich doch einsehen müssen, daß +1800 Mark und selbst 2000 Mark nicht ausreichten, wenn man Eltern +davon unterstützen und außerdem drei Menschen erhalten wollte, von +denen zwei doch etwas mehr verlangten als Stillung des Hungers. Und +seine Schriftstellerei war noch ein völlig unsicheres Brot; Arbeiten, +die ihm später mit Kußhand abgenommen wurden, mußte er in diesen +Jahren wie saures Bier an Dutzende von Blättern vergeblich ausbieten. +Dazu stand die Geburt des zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg, +der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht lesen mochte, hatte ihm in +zartester Weise seine Hilfe angeboten; »ich verdiene weit mehr, als +ich brauche,« hatte er gesagt, »und ich bin froh, wenn ich mein Geld +so gut anwenden kann.« Aber Asmus hatte vorläufig mit Dank und Rührung +abgelehnt. Er wußte, daß dieser Mann ihn niemals drängen würde; aber +er hatte vor Schulden ein tiefes Grauen; sie waren das einzige +gewesen, das die heiter gütige Seele seines Vaters verbittern konnte. +So griff er denn zu einer Häufung der Privatstunden; er bereitete +Lehrer und Lehrerinnen auf das zweite Examen vor. Die Nachbarinnen +steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Was tun denn die jungen +Damen immer bei Herrn Semper?« Dann sagte der Hauswirt: »Sie lernen +bei ihm das Dichten.« + +Es war ein Glück, daß ihm in seiner regelmäßigen Tätigkeit eine große +Wohltat geschehen war. Er war nun schließlich doch versetzt worden, +und an dem Leiter dieser neuen Schule erkannte Asmus so recht, wie +unsere Worte und Handlungen das Gesicht der Persönlichkeit tragen, aus +der sie fließen. Auch dieser Chef legte zuweilen auf kleine Dinge +einen Wert, der ihnen nicht zukam; aber er war ein jovialer Gentleman, +der in seinen Kollegen bis zum Beweise des Gegenteils Gentlemen +erblickte, und so bedeuteten alle Kleinigkeiten nichts auf dem großen +Grunde des gegenseitigen Vertrauens. Kein Mißton trübte das Verhältnis +zwischen diesem Manne und dem renitenten Herrn Semper. + +Und als er eines Mittags von diesem freieren und froheren Dienste nach +Hause kam, da sah er an Hildens Gesicht, daß etwas Ähnliches geschehen +sein müsse, wie damals mit den hundert Mark vom »Leuchtturm«, aber +etwas noch weit Froheres. Auf ihrem schönen Gesicht, das ihm einst nur +für den Ernst und die Trauer geschaffen schien, zuckten tausend +Lichter des Frohsinns, und in ihrer Hand hatte sie einen Brief. + +»Du darfst nicht böse sein!« rief sie, »ich konnt’ es nicht aushalten +– ich hab’ ihn geöffnet, als ich sah, woher er kam! Da lies selbst!« + +Er las, und als er gelesen hatte, wollt’ er sie wieder umarmen und mit +ihr tanzen; aber nein – das durfte sie ja nicht! Da drückte er ihr +Gesicht mit beiden Händen und zerknüllte dabei den Brief und dessen +Inhalt vollständig und küßte sie, bis ihr der Atem verging; aber er +mußte doch tanzen, er mußte tanzen, und er umarmte einen Stuhl und +tanzte mit dem durch beide Zimmer. + +In einer süddeutschen Stadt gab es eine Schillerstiftung, die von Zeit +zu Zeit an Versdichter einen Schillerpreis von 200 Mark verteilte. +Dieser Preis war nun den »Gedichten von Asmus Semper« zuerkannt +worden. + +Als er den Brief noch einmal gelesen und die beiden Hundertmarkscheine +geglättet und genau betrachtet hatte, ob es auch richtige Banknoten +und nicht etwa Ehrendiplome oder dergleichen wären, da drehte er sich +auf einem Beine mehrmals um sich selbst. Aber plötzlich hielt er inne, +ließ sich auf einen Stuhl fallen und wurde tiefernst. Und Hilde kniete +zu ihm nieder und sagte: + +»Ich weiß, was du denkst!« + +»Ja, Hilde? Weißt du das? – Hilde! Wenn _er_ das noch erlebt hätte! +Mein Gott, wenn _er_ das noch erlebt hätte! Das wäre ihm wie eine +Krönung seines Lebens gewesen.« – – – + +So wenig sich Frau Hilde in den Gedanken ihres Mannes verrechnet +hatte, so sehr hatte sie sich in der Zeit ihrer Erwartung verrechnet. +Einen vollen Monat später, als sie gehofft, erschien das zweite Kind; +dafür aber war es ein richtiger Junge. Der junge Herr Wolfram schrie +genau so kraftvoll wie seine Schwester. + +Als Asmus seinem Freunde Rosenberg die Nachricht brachte, da rief der: +»Nun, da muß man wahrhaftig sagen: Ein volles Glück! Mensch, Sie sind +ein Liebling der Götter! Sie haben ein herrliches Weib, eine Tochter, +einen Sohn und alle sind gesund, und Sie haben Glück und Freude _an_ +Ihrer Kunst und _in_ Ihrer Kunst! Bei Gott, ein volles Glück, ein +volles Glück!« + +Er sprach es ohne Neid, obwohl ihm selbst eine frühe Hoffnung +verhagelt war. + +Und doch ahnte der Freund bei weitem nicht den ganzen Umfang von +Sempers Glück; er _konnt’_ es nicht kennen in seiner ganzen Fülle. +Asmus hatte in den letzten Monden Kämpfe durchgerungen, von denen +niemand wissen konnte. Er hatte für seinen frohen, hoffenden Glauben +an das Leben nach einem tieferen und festeren Grunde gesucht und hatte +ihn gefunden, für viele Jahre wenigstens gefunden. + +Wenn selbst ein Faust ausrief: + + O glücklich, wer noch hoffen kann, + Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen! + +und wenn Asmus dennoch hoffte, so fragte er sich: »Bin ich ein +Wagner?« Nein, ein Wagner war er nicht, das durfte er sich zuerkennen. +Nur in halbkindlichen Jahren hatte er geglaubt, daß ein Mensch viel +wisse und daß er alles wissen könne. Auch war er nie so gemein +gewesen, die Welt für vortrefflich zu halten, weil es ihm gut erging. +Aber doch hatte er sich die Harmonie der Welt schon in engeren +Kreisen, ach, schon im Bezirk eines Einzellebens vollendet gedacht. +Daran war er irre geworden und hatte nun die Landmarken seiner +Hoffnung weiter gesteckt, in die Jahrhunderttausende, in die +Jahrmillionen hinein. Auf diesem langen Wege bedurft’ es eines starken +Glaubens, nein, eines starken Wissens, und das hatte er gefunden. +Nicht nur die unmittelbare Gewißheit des Sittengesetzes war ihm +aufgegangen, er fühlte auch unmittelbare Gewißheit im Denken und im +Schaffen, und er nannte dies Gefühl, das die Entwicklung des Menschen +begleitet, das Richtungsgefühl. Trotz aller Schuld, alles Irrtums und +alles Mißlings weiß der Mensch, in welcher Richtung Ausgang und Ende +des Entwicklungsstromes liegen; in seiner Brust ist ein Magnet, der +trotz allen Zitterns und allen Abirrens den Weg zur Vollendung weist. + +An einem köstlich milden Septemberabend, als er mit der froh genesenen +Hilde am Fenster saß und noch ein letzter Hauch der Sonne auf den +Bäumen lag, sprach er zu ihr: + +»Ich hab’ was geschrieben – willst du’s hören?« + +Mit der Freude eines Kindes ergriff sie seine Hand und drückte sie an +ihr Herz und ließ sich dann zu seinen Füßen nieder. Er entfaltete ein +Blatt und las: + + _Chidhr._ + + Ein wunderbarer Traum hat mich besucht. + Ich saß an eines Berges Hang und schaute. + In einer flüchtigen Minute Raum + Gedrängt, den Daseinswechsel langer Zeiten. + Im Tal zu meinen Füßen sah ich Blumen + Auf Blumen sich erschließen und vergehn, + Sah’ Bäum’ und Sträucher keimen ich und sprossen + Und wachsen, blühen, welken und vermodern, + Und sah ich Menschen von der Wiege bis + Zum Sarg des Lebens kurzen Tag durchwandeln. + Ich sah sie lachen, weinen – weinen, lachen, + Sah sie verzweifeln, hoffen und – verzweifeln, + Sah, wie das Glück dem Unglück reicht die Rechte, + Wie Unglück seine Rechte reicht dem Glück + In ewiger Kette. + + Namenlose Trauer + Sank mir mit schweren Schatten in die Seele. + »Wann endlich,« dacht’ ich, »sinnlos-blödes Spiel, + Wirst du dich enden? Auf und ab und auf + Wiegt seit Äonen sich die Lebensschaukel + – Auf einer Seite staunend sitzt das Leben, + Und auf der andern grinsend wippt der Tod – + Und auf und ab, stumpfsinnig, wird die Wippe + Durch Ewigkeiten gehn. Wo lebt der Gott, + Den dieses grause Einerlei vergnügt? + Der ärmste Menschengeist, er hätte längst + Voll Überdruß und Ekel dieses Spielzeug + Zertrümmert –!« + + Wie ich also bei mir dachte, + Sah ich am Boden plötzlich einen Schatten – + Ich hob den Blick, und einen Jüngling sah ich + Mit himmelsheit’rer Stirn, wie junge Rosen + Der frohe Mund, das Auge sonnentief. + Er hob den Arm und winkte freundlich »Komm!« + »Wer bist du?« rief ich. Er drauf: »Chidhr bin ich, + Der Grüne, Ewigjunge, der im Lande + Der Finsternis des Lebens Quellen hütet. + Komm, folge mir.« + + Und Falterflug des Traumes + Entführte mich auf lautlos dunklen Schwingen + In eine schreckendüstre Felsenwelt. + Doch sieh, aus tiefem Spalt granit’ner Berge + Sprang bläulich silbern einer Quelle Strahl, + Der wie ein ewig junges Lachen klang. + Und Chidhr sprach: »In hundert Jahren furcht + Der ruhlos rege Quell sein hartes Bette + Um eines Fingers Breite. Alexander, + Den bis nach Indien trug der Siegeswagen, + Stand einst wie du an diesem Lebensquell. + Seit jenem Tage grub der Silberstrang + Um einen Fuß sich tiefer ins Gestein. + Und einst wird diese Quelle im Verein + Mit ihren Schwestern diese Felsen wandeln + In ein begrüntes Tal, wie du’s verlassen. + Hier maß der göttergleiche Alexander + Sein Werk und seinen Ruhm am Maß der Welt + Und ging von diesem Ort zerstörten Herzens. + Und du, der schwach und klein ist bei den Menschen, + Kannst, wenn du willst, ein Gott von hinnen geh’n. + + Wohl ihm, dem Freude sprüht aus dieser Quelle, + Wohl ihm, der ihr geheimes Lied versteht. + Wohl bleichen ihm die Lichtlein, die den Pfad + Ihm durch ein enges Leben schwach erhellten, + Die Lichtlein Ruhm, Unsterblichkeit und Macht. + Doch hinter weltenweiten Finsternissen + Geht eine Sonn’ ihm auf, die alle Sonnen + Und Sonnenchöre selig überstrahlt. + Er fühlt, wie klein der Mensch, und fühlt, wie groß, + Wie unbegreiflich schön, wie über alles + Verdienst und Ahnen göttlich sein Beruf, + Und aus dem Klang der Quelle trinkt sein Herz + Zwei Kräfte wundersam: Geduld und Sehnsucht. + Geduld, die heiß und tief verlangt, und Sehnsucht, + Die sich am Glanz des Zieles still getröstet. + + O Menschen, habt Geduld, und tut es nicht + Den Kindlein gleich, die in den Boden kaum + Den Samen senkten und nach Blumen schon + Und reifen Früchten späh’n! Taucht die Gedanken + Ins märchengraue Alter dieser Welt + Und steigt empor dann und erkennt, daß gestern + Der Mörder Kain seinen Bruder schlug. + + Du dachtest recht, mein Freund: wär’ diese Welt + Ein Einerlei, die Macht, die sie erschaffen, + Sie hätte längst zerstört ihr blödes Spiel. + Doch sieh, soweit in diesem Reich des Lebens + Die Wasser wandern, hat noch nie ein Quell, + Noch nie ein Strom den Weg zurückgenommen – + So glaube: auch der Strom des Lebens nicht. + »Vorwärts zum Licht!« das ist der Sinn der Quellen, + »Vorwärts zum Licht!« das ist der Ströme Sinn, + Die deine Seele, deinen Leib durchrinnen. + Er, der die Welt gewollt und dessen Namen + Kein endlich Wesen nennen darf noch kann, + Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen + Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s _wißt_!« + + So sprach der Ewigjunge. Oder sprach’s + Der Quell? Im Silberklange rann zusammen, + Was Chidhr sprach und was die Quelle sang. + Und Falterflug des Traumes hob mich lautlos + Von dannen, und vom Tageslicht geblendet, + Erwacht’ ich jäh. + Am Waldesrand erwacht’ ich, + Wo singend aus dem Fels die Quelle springt, + Wo Morgenlicht von tausend Himmeln floß. + +Sie nahm Ihm leise das Blatt aus der Hand und suchte darin eine +Stelle, und als sie sie gefunden hatte, sprach sie langsam und leise: + + Er, der die Welt gewollt und dessen Namen + Kein endlich Wesen nennen darf noch kann, + Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen + Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s _wißt_! + +Wie immer hatte sie ihn verstanden. Und als sie nun die dunklen Augen in +heiligem Ernste zu ihm erhob, und als sein froher Blick in diese Augen +selig versank, da sprach Asmus Semper in seinem Herzen: + +»Ein volles Glück – bei Gott, ein volles Glück.« + + + +Ende.+ + + + * * * * * + + +Von demselben Verfasser erschien im gleichen Verlage: + + + +Asmus Sempers Jugendland+ + + Der Roman einer Kindheit + + 86. bis 100. Tausend + + Brosch. M 3.50, geb. M. 4.50 + + 100. Tausend Jubiläumsausgabe in Leder geb. M. 10.– + + +Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in fremde Sprachen, +vorbehalten + +#Published on the 19th of March 1908. Privilege of copyright in the +United States of North America reserved under the act approved March 3, +1905, by Otto Ernst.# + + * * * * * + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise +ansonsten aber wie im Original belassen. + +Die Werbung für »Asmus Sempers Jugendland« von Otto Ernst wurde vom +Anfang des Buches an das Ende verschoben. + +Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen: + + S. 154: [Bindestrich entfernt] aus-dem Märchen -> aus dem Märchen + S. 287: In Amus wirbelte -> In Asmus wirbelte + S. 363: [Anführungszeichen nach ‘Sie’ ergänzt] »Meinetwegen + sag’ ‘Sie’« + S. 375: [‘ durch » ersetzt] ‘Werter Herr Semper« + -> »Werter Herr Semper« + S. 381: in Winter -> im Winter + S. 386: und lief ein groß Stück Weges vorauf. -> und lief ein groß + Stück Weges voraus. [vorauf -> voraus] + + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + + Sperrung: _gesperrter Text_ + Antiquaschrift: #Antiqua# + (In Antiqua gesetzte römische Ziffern wurden nicht gekennzeichnet.) + Fettgedruckter Text: +Text+ + Kursivtext: /Text/ + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING *** + +***** This file should be named 28083-8.txt or 28083-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/8/0/8/28083/ + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/28083-8.zip b/28083-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d04c87d --- /dev/null +++ b/28083-8.zip diff --git a/28083-h.zip b/28083-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f135c57 --- /dev/null +++ b/28083-h.zip diff --git a/28083-h/28083-h.htm b/28083-h/28083-h.htm new file mode 100644 index 0000000..f624b41 --- /dev/null +++ b/28083-h/28083-h.htm @@ -0,0 +1,16344 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" + /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst + </title> + <style type="text/css"> + + ins.correction { + text-decoration: none; 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Semper der Jüngling + +Author: Otto Ernst + +Release Date: February 14, 2009 [EBook #28083] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING *** + + + + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<div class="titlepage"> +<p> </p><p> </p><p> </p> +<hr /> + +<p> </p><p> </p> +<h1>Semper der Jüngling</h1> + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<hr /> + + +<p class="ad">Von demselben Verfasser erschien im gleichen Verlage:</p> +<p class="ad1">Asmus Sempers Jugendland</p> +<p class="ad2">Der Roman einer Kindheit</p> +<p class="ad3">86. bis 100. Tausend</p> +<p class="ad4">Brosch. M 3.50, geb. M. 4.50<br /> +100. Tausend Jubiläumsausgabe in Leder geb. M. 10.– +</p> + +<hr /> +<p class="copyright">Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten<br /> +<em class="antiqua">Published on the 19<sup>th</sup> of March 1908. Privilege of copyright in the United States of<br /> +North America reserved under the act approved March 3, 1905, by Otto Ernst.</em></p> + + + +<hr /> + +<h3><a href="#Inhalt"><b>Inhalt</b></a></h3> + +<hr /> + +<!-- <h2><a name="Semper" id="Semper"></a><b>Semper<br/> +der Jüngling</b></h2> + +<p>Ein Bildungsroman</p> + +<p>von</p> + +<p>Otto Ernst</p> + +<p>Sechsundfünfzigstes bis sechzigstes Tausend</p> + + +<p>Leipzig - Verlag von L. Staackmann - 1914</p>--> + +<p class ="illustration"> +<img src ="images/titelseite.png" alt="Titelseite" /></p> +</div> + +<p> </p><p> </p> +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0"><span class="bigletter">S</span>chon trat aus ferner, tannendunkler Pforte</span> +<span class="i0">Der Schlaf hervor.</span> +<span class="i0">Schon raunte mir die ersten, leisen Worte</span> +<span class="i0">Der Traum ins Ohr.</span> +<span class="i0">Da klang von nahen Zweigen</span> +<span class="i0">Ein tiefer Freudenschall</span> +<span class="i0">Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen.</span> +<span class="i0">In meinen Traum sang eine Nachtigall.</span></div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume</span> +<span class="i0">Im Traum, im Traum.</span> +<span class="i0">Nur fern, o fern, durch mitternächt’gen Bäume</span> +<span class="i0">Ein lichter Saum.</span> +<span class="i0">Doch horch: von jenen Röten</span> +<span class="i0">Ein süß geheimer Hall,</span> +<span class="i0">Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten!</span> +<span class="i0">In meinen Traum sang eine Nachtigall.</span></div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme</span> +<span class="i0">Von je erklang</span> +<span class="i0">Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme</span> +<span class="i0">Voll Hoffnung sang.</span> +<span class="i0">Ein Land des Lichtes träumen</span> +<span class="i0">Wir armen Seelen all!</span> +<span class="i0">Ich aber höre Klang aus jenen Räumen:</span> +<span class="i0">In meinen Traum singt eine Nachtigall.</span> +</div></div> +<p> </p><p> </p> + + + +<hr /> + +<div class="titlepage"><h2><a name="Erstes_Buch" id="Erstes_Buch"></a>Erstes Buch</h2> + +<!-- Page 2 --> +<h1>Spiel und Arbeit</h1> +<hr /> +</div> + + +<p> </p><p> </p> + +<h3><!-- Page 3 --><span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span> +<a name="I_Kapitel" id="I_Kapitel"></a>I. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Handelt von Balladen und Präparanden, Gendarmen +und hebräischen Handschriften, zum Glück auch von +Präparandinnen.</div> + + + +<p><span class="bigletter">A</span>smus Semper, der halbwegs sechzehnjährige +Schüler des Hamburger Präparandeums, +schwamm bis über die Augenbrauen +in Seligkeit. Vor seinen Blicken wogte eine +warme, goldene Flut. Herr Tönnings, der Ordinarius, +der genau so aussah wie die Geometrie +mit einem Stehkragen und von dem ein +Gerücht ging, daß er vor sieben Jahren den +einen Mundwinkel zu dem Versuch eines Lächelns +verzogen habe, Herr Tönnings also hatte +soeben verkündet, daß u. a. auch Asmus Semper +eine Hospitantenstelle erhalten solle. Man +denke, was das heißt: eine Hospitantenstelle! +Jeden Morgen von 8-12 Uhr sollte er in +einer Volksschule dem Unterricht der Kleinen +zuhören dürfen, und dafür bekam er noch obendrein +ein jährliches Gehalt von dreihundertundsechzig +Mark! Jeden Morgen sollt’ er aus +nächster Nähe hineinhorchen dürfen in die +Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis; +das hohe Wunder sollt’ er nun begreifen: +<!-- Page 4 --><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span> +wie der Geist des Menschen Nahrung +aufnimmt, wächst und sich vollendet!</p> + +<div class="textbody"> +<p>Und noch dreihundertundsechzig Mark! Er +hatte ja nichts von dem Geld, wollte auch keinen +Pfennig davon, haha – aber auf das Gesicht +seiner Eltern freute er sich, daß ihm die Augen +heiß wurden. Er wollt’ es ihnen nicht eher +sagen, als bis er sie beide beisammen hatte, +und dann wollte er die Wirkung beobachten; +aber die kleine Wohnung der Semper betrat man +durch die Küche, und in der Küche briet Frau +Rebekka die Abendkartoffeln, und als er seine +Mutter sah, konnte Asmus sich nicht mehr halten, +und weil er wußte, was seine Mutter am +meisten freute, rief er: »Ich kriege dreihundertundsechzig +Mark das Jahr!«</p> + +<p>Im nächsten Augenblicke war Frau Rebekka +schon in der anstoßenden Zigarrenmacherstube, +schwang das Messer, mit dem sie die Kartoffeln +umgerührt hatte, hoch in der Luft und rief: +»Freude war in Trojas Hallen!« Aber da +stand auch schon Asmus neben ihr, und damit +sie ihm nicht zuvorkommen könne, rief er: »Laß, +Mutter, laß, ich will es Vater sagen! – Ich +krieg’ eine Hospitantenstelle mit dreihundertundsechzig +Mark das Jahr!«</p> + +<p>Und da hatte Asmus wieder den Anblick, +der ihm vielleicht von allen auf der Welt der +liebste war: in dem weißumwallten Jupiterantlitz +Ludwig Sempers gingen zwei Sonnen +auf und verbreiteten Licht durch die ganze Welt. +</p> + +<p><!-- Page 5 --><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span> +»Ach nein – es ist ja wohl nicht möglich!« +rief der Vater, indem er den Kopf zurückwarf.</p> + +<p>»Ganz gewiß!« rief Asmus. »Nun verdiene +ich mehr, als wenn ich Handwerker geworden +wäre. Seht mal, wenn ich Tischler oder Hutmacher +lernte, dann kriegte ich das erste Jahr +gar nichts oder vielleicht drei Mark die Woche, +und dies sind beinahe sieben Mark die Woche, +und das geb’ ich natürlich alles euch!«</p> + +<p>Da schlug Ludwig Semper heftig das linke +Bein über das rechte, wie er immer tat, wenn +er in seinem Innern sehr zornig oder sehr +lustig war, und redete fast den ganzen Rest +des Abends mit stumm bewegten Lippen zu +sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht +laut und hell auf, ohne daß man einen +Ton gehört hätte, und unzählige Tabakblätter +verschnitt er an diesem Abend und warf sie in +die Abfallschürze, weil er mit seinem Messer +immer wieder sausend über die sonnigen Felder +und Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er +hatte ja auch studieren sollen; aber dann war +der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters +gekommen, und dann die Sorge, dann der Krieg +mit den Dänen, dann seine Träumerei und sein +erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und +dann immer ein Kind nach dem andern. Und +so machte er mit 58 Jahren noch immer Zigarren. +Aber mit einem Schlage war jetzt seine +Jugend wieder da – da stand sie vor ihm, +fünfzehnjährig, rotwangig – nichts war verloren; +<!-- Page 6 --><span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> +denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus +studierte, das war ja vollkommen dasselbe.</p> + +<p>Rebekka aber, als sie von »sieben Mark die +Woche« hörte, vergaß all ihre Sparsamkeit, +lief in die Küche und schob noch ein Stück +Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie +auch da noch ziemlich trocken ausschauten, griff +sie leichtsinnig nach dem Teekessel und goß einen +gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, daß +eine mächtige Wolke wie eines Dankopfers zu +den Himmlischen emporstieg.</p> + +<p>Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und +sieben Semper versammelten sich andächtig um +das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund, +das sah man an den Bewegungen der +Gabeln; aber Adalbert, der Jüngste, war so +gesund, daß Frau Rebekka nach einer Weile +ausrief: »Halt, mein Junge, du hast jetzt genug. +Es wird kein Fresser geboren, es wird einer +gemacht!«</p> + +<p>Adalbert wollte sich melancholisch zurückziehen, +da sprach der Vater: »Laß doch den +Jungen essen!« und trat seine Ansprüche an +die Allgemeinheit ab.</p> + +<p>Und nach dem Essen – obwohl die Semper +über das Abendbrot hinaus bis gegen Mitternacht +zu arbeiten pflegten – warf Ludwig +Semper Messer, Tabak und Rollklotz in die +Ecke, holte den stark zerlesenen und vergilbten +»Faust« vom Bücherbrett und las und warf +das linke Bein über das rechte und bewegte +<!-- Page 7 --><span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span> +die Lippen und lächelte. Und alle waren still, +und Asmus wußte: Nun kommt eine heilige +Stunde. Und wirklich, es währte nicht lange, +da klang es durch den Raum:</p> +</div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,</span> +<span class="i0">Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst</span> +<span class="i0">Dein Angesicht im Feuer zugewendet. –«</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0"><em class="gesperrt">— — — — — — +— — — — —</em></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>In einem wunderlieben Dorfe, das sich +jetzt zu einer großen, häßlichen Vorstadt Hamburgs +ausgewachsen hat, damals aber noch im +heitern Frieden seiner Kindheit lag, in einem +Garten mit Rosen und Apfelbäumen fand Asmus +die Schule, an der er hospitieren sollte. +»Ich habe zuviel Glück,« dachte er, als er sie +nach einstündiger Wanderung vor sich liegen +sah. Gewöhnlich, wenn er solch ein stummes +Dankgebet in den Himmel hinaufsandte, zog +ihm gleich darauf das Glück etwas ab, als wenn +es dächte: Der ist auch mit weniger zufrieden. +Das erste nämlich, was er tun mußte, war: +sich im Portal der Schule aufstellen und alle +Schüler aufschreiben, die zu spät kamen. So +hatte sich Asmus das Belauschen der Kindesseele +nicht gedacht. Aber da es nun einmal +sein Amt war, so notierte er gewissenhaft alles, +was an Buben oder Mädchen den letzten +Glockenschlag versäumte, obwohl es ihm bei den +Mädchen mitunter schwer wurde. Anfangs empfand +<!-- Page 8 --><span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span> +er wohl so etwas wie die Würde einer +obrigkeitlichen Stellung, namentlich als ein +Vater, der mit dem Schulgeld im Rückstande +war, an ihn herantrat und bat, daß man noch +ein wenig Geduld mit ihm haben möchte, und +ihm heimlich ein paar Zigarren in die Hand +drücken wollte. Asmus wich zwar ängstlich zurück +und rief: »Darüber habe ich leider gar +nichts zu sagen!« – aber als deutscher Jüngling +fühlte er sich doch geschmeichelt, daß man +ihn für eine Behörde hielt. Diese Reize indessen +verflüchtigten sich schon nach wenigen Tagen. +Dann kam eines Morgens ein blasses, frierendes, +von Regen durchnäßtes Mägdelein, das +weinte.</p> + +<p>»Warum weinst du?« fragte Asmus.</p> + +<p>»Ich konnte nicht eher kommen; mein Vater +hat meine Mutter ’rausgeschmissen.«</p> + +<p>»Warum das denn?«</p> + +<p>»Och, er is all wieder duhn (betrunken).«</p> + +<p>»So früh schon?«</p> + +<p>»Ja, er säuft immer ’rum.«</p> + +<p>Asmus erschrak. Gab es Kinder, die so +über ihren Vater reden konnten?</p> + +<p>»Geh’ nur zu,« sagte er. Das war ja selbstverständlich, +daß man die nicht aufschrieb. Er +sah ihr nach und dachte daran, daß sie fror. +Und dachte, wie er als Junge gefroren, wenn +ihm der Wind unter die dünne Jacke fuhr.</p> + +<p>Von nun an fragte er öfter nach dem +Grunde der Verspätung, und er notierte immer +<!-- Page 9 --><span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> +weniger. Und eines Tages sagte er sich: Entweder +man muß alle aufschreiben oder keinen. +Und nun ließ er alle vorbeilaufen und arbeitete +an seiner ersten Ballade, die handelte von einem +Fischer, der aufs Meer fuhr, um seinen Sohn +zu retten, und der dann mit seinem Sohne +ertrank. Das Schönste an dieser Ballade war +eine Refrainstrophe, die mit den Zeilen schloß:</p> +</div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Drunten klingt verworrner Klang,</span> +<span class="i0">Tönt es nicht wie Grabgesang?«</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Alles, was nach Grab und Unglück klang, +das fand der glückliche Asmus jener Tage ohne +weiteres schön.</p> + +<p>»Warum notieren Sie nicht die Zuspätkommenden?« +fragte schließlich der Oberlehrer.</p> + +<p>»Ich mag das nicht,« sagte Asmus verlegen.</p> + +<p>»Ja, danach geht es nicht,« rief der Vorgesetzte. +Aber bald darauf wurde die ganze +Einrichtung aufgehoben, und der Posten des +Kulturgendarmen wurde eingezogen.</p> + +<p>Der Oberlehrer schätzte den jungen Semper +wegen anderer Fähigkeiten. Leider, dachte Asmus. +Denn wenn die Wache am Portal vorüber +war, mußte er im Amtszimmer des Schulleiters +dickleibige Schülerregister anlegen und +auf dem Laufenden halten, Schulgeldrechnungen +schreiben, sie mit den Hebeprotokollen »kollationieren« +und endlose Kolonnen von Schulgeldern +addieren. Auch das führte den Begierigen +nicht in die Tiefen der Kindesseele. +<!-- Page 10 --><span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span> +Es waren fünf Präparanden da: zwei junge +Mädchen und drei junge »Männer«, sie alle +mußten Protokolle schreiben und Rechnungen +addieren. Unter den jungen Herren war aber +einer, dessen Handschrift man zunächst immer +für hebräische Schriftzeichen hielt; erst nach und +nach kam man dahinter, daß es die bekannten +deutschen Buchstaben sein sollten. Da Claus +Münz überdies ohne jedes Schamgefühl addierte, +so wurde er schon nach drei Tagen in +die Klassen zum Hospitieren geschickt. Asmus +hingegen, weil er eine gute Handschrift hatte, +seine Rechnungen sogar mit einem gewissen +Schönheitsbedürfnis schrieb und es nicht über +sich gewann, falsch zu addieren, Asmus durfte +im Bureau sitzen bleiben. Ihm fielen die Verheißungen +des Herrn Rösing, seines alten +Lehrers ein, der jeden Morgen gesagt hatte: +»Jungens, schafft euch ’ne schöne Handschrift +an; wer ’ne schöne Handschrift hat, kommt überall +fort!«</p> + +<p>Freilich: sein Schönheitsbedürfnis hatte auch +schon in den ersten Tagen das Glück herausgefunden, +das auch mit dieser Schreibstube +wieder verbunden war, und dieses Glück war +eine der Präparandinnen, die sehr hübsch war +und noch obendrein brünett. Asmus schrieb +und addierte den ganzen Morgen mit einer +selig-schmerzlichen Spannung in der Brust, und +der Schmerz kam daher, daß er sich sagte: Ich +kann ja noch lange nicht heiraten. Und wenn +<!-- Page 11 --><span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> +ich heiraten kann, hat sie ein anderer geholt. +Die andern beiden Jünglinge kokettierten in +unschuldiger, aber fleißiger Weise mit den beiden +Mädchen. Asmus dachte nicht daran, auch nur +den Versuch zu wagen, weil er von seiner vollkommenen +Tölpelhaftigkeit in dieser Hinsicht +durchaus überzeugt war. Und eines Tages +machte er dennoch den Versuch, zu imponieren. +Das Zimmer war überheizt, wie alle Schreibstuben, +und man klagte darüber. »Ja,« sagte +Asmus, der nahe dem Ofen saß, »hier sitzt man +wie die Sau am Spieß; denn er hatte das +Gefühl, daß eine kraftvolle Ausdrucksweise den +Mann verrate. Aber, o weh: die Damen fuhren +wie wild mit den Köpfen in ihre Arbeit und +kicherten, wie nur Backfische kichern können. Sie +denken: das ist ein Bauerntölpel, sagte sich Asmus, +und fühlte, daß er von den Haarwurzeln +bis unter den Halskragen erröte. Und die +männlichen Kollegen Asmussens, Herr Münz +und Herr Morieux, betrachteten ihn mit überlegen-mitleidigen +Blicken, als wollten sie sagen: +Ist das ein ungebildeter Mensch. Aber als +wenige Tage darauf von Rousseaus »Emile« +die Rede war, da zeigte sich, daß nur Asmus +wußte, was wirklich darin steht, und die Braune +hielt ihre braunen Augen so lange auf ihn gerichtet, +als wenn sie ihn heute zum ersten +Male sehe.</p> +</div> + +<p> </p><p> </p> +<!-- Page 12 --> +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +<a name="II_Kapitel" id="II_Kapitel"></a>II. Kapitel.</h3> +<div class="center">Wie Asmus im Vorhof der Pädagogik weilen durfte, +wie er eine andere Religion bekam, auf den Spuren +Aglaias wandelte und Herrn Rothgrün nicht hinaustrampeln +wollte.</div> + +<p><span class="bigletter">E</span>ndlich, als einmal alle Rechnungen geschrieben +waren und auch das letzte Protokoll +»auf dem Laufenden« war, durften auch die +übrigen Präparanden in die Klasse gehen und +hospitieren. Welch’ ein Glück, dachte Asmus, +und mit weihevollem Herzen ging er der erhofften +Offenbarung entgegen. Aber zunächst +kam er an einen Lehrer, der es liebte, die +Kinder so still zu beschäftigen, daß sie ihn möglichst +wenig belästigten, und der sich, während +die Schüler schrieben und rechneten, mit dem +jungen Semper über Gehalts- und Anstellungsverhältnisse, +über seine Frau, über Bismarck, +oder über den letzten Raubmord unterhielt. +Das war ja nun recht unterhaltend und wenig +anstrengend; aber es war nicht das, was +Asmus gesucht hatte. Er kam zu einem andern +Lehrer, der hatte das ganze Einmaleins auf +Reime und Bilder gebracht: die Bilder hatte +<!-- Page 13 --><span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> +er auf die Wandtafel gezeichnet, und nun +mußten die Kinder die zugehörigen Verse hersagen, +z. B.:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i4">6×6 sind 36</span> +<span class="i4">In die große Schlackwurst beiß’ ich</span> +</div></div> + +<p>oder</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i4">8×9 sind 72</span> +<span class="i4">Dieser Knabe übergibt sich,</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>aber der gute Mann bedachte gar nicht, daß +sich die Worte »beiß’ ich« ebensogut auf 32 +wie auf 36 reimen, und wenn dann ein Schüler +die falsche Zahl nannte, so schalt ihn der Lehrer +in komischer Verwechslung einen Esel, zerriß +sich vor Aufregung und ließ die kunstreichen +Verse bis zum vollkommenen Stumpfsinn +wiederholen.</p> + +<p>»Bei dem kann ich auch nichts lernen,« +sagte Asmus zu jenem Mitpräparanden mit +der hebräischen Handschrift, und dieser sah ihn +ob solcher Anmaßung mit grenzenloser Verwunderung +an.</p> + +<p>Und schließlich fand Asmus doch einen, der +auf manchen stillen Wegen der Kindesseele +heimisch war, der mit den Kindern in ihrer +Sprache zu reden verstand und sie, wenn auch +nicht immer, so doch manchmal, aus wirrer +Dunkelheit den Weg zur Klarheit führen konnte. +Er war kein hoher und starker Geist, dieser +Mann; aber er war sein Lebenlang mit einem +Fuß im Kinderlande stehen geblieben, und so +<!-- Page 14 --><span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> +verstand er unbewußt die Regungen der Kindesseele. +Hier befiel nun den Hospitanten eine +andere Not: er brannte vor Ungeduld, sich selbst +vor den Kindern zu versuchen; ja, manchmal +schien es ihm, als wisse er einen Ausweg, wenn +der Lehrer in der Wirrnis des Kindergeistes +stecken blieb. Aber er hätte sich eher die Zunge +abgebissen, als vor diesem Manne dergleichen +laut werden zu lassen. Und alles Wippen von +einem Fuß auf den andern, wenn er am Fenster +stand und horchte und nicht einmal Finken und +Apfelblüte seine Sinne nach außen zu locken +vermochten, alle Ungeduld half ihm nichts; er +mußte warten.</p> + +<p>Inzwischen feierte er jeden Nachmittag und +jeden Abend hohe Feste. Er hatte ja in der +Präparandenanstalt eines der herrlichsten Geschenke +seines Lebens empfangen: da war ein +Religionslehrer, der sagte nicht: Das muß man +glauben, sonst ist man verdammt; der fragte +überhaupt nicht, was man glaube; der trug +Stunde für Stunde vor, was die Wissenschaft +zu den Berichten der Bibel sagt. Gleich in +der ersten Stunde, im Schöpfungsbericht, trennte +er die Erzählung des Jehovisten von der des +ersten Elohisten und von der des zweiten Elohisten, +und vor den Augen des jungen Semper +zerriß ein vieljähriger Nebel. Also hatte nicht +Moses diese Dinge geschrieben, also war es +nicht unfehlbares Gotteswort. Sie hatten ihn +bedrückt wie eine dumpfe Last, hatten ihn gequält, +<!-- Page 15 --><span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> +geängstigt; aber er hatte keinen Ausweg +gewußt. Mit einem Male gab ihm dieser +Mann eine Waffe und ein Licht. Und mit +solchem Licht und solcher Waffe durchwanderte +der Mann die ganze Bibel, festen Schrittes und +unablenkbar; was nur die menschliche Wissenschaft +zur Bibel zu sagen wußte, das kannte +er, und er trug es frei aus dem Kopfe vor. +So fest hing Asmus an seinen Lippen, daß +er kein Wort zu schreiben wagte, aus Furcht, +es möchte ihm ein Wort des Redenden entgehen. +Und sieh: wenn er am Abend daheim +saß, dann konnte er den ganzen Vortrag von +Anfang bis Ende niederschreiben; so fest hing +alles mit ehernen Klammern zusammen.</p> + +<p>Ein merkwürdiger Mann, dieser Herr +Stahmer. Er sprach außer seinen Vorträgen +kaum ein Wort zu seinen Schülern; er verlängerte +fast jede Stunde um die ganze folgende +Erholungspause – ein Ding, das Schüler +nicht lieben – er verlangte viel und verschonte +weder Trägheit noch Dummheit. Aber er bedurfte +keiner Disziplinarmittel. Von diesen +jungen Leuten, unter denen manch ein dreister +Gelbschnabel war, hätte nicht einer ein unehrerbietiges +Wort gegen ihn gewagt; instinktiv +verehrten sie in ihm das lautere Gefäß einer +großen Kraft. Während zweier Jahre brauchte +er wohl nie die Worte »Wahrheit« und »Gerechtigkeit«, +und doch war das die stumme Lehre +seines ganzen Wirkens: Wer Wissenschaft will, +<!-- Page 16 --><span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> +der muß wahrhaftig und gerecht sein, und wenn +es das Leben gilt. Kein Gottesdienst hatte +je das Herz des Asmus erhoben wie dieser.</p> + +<p>Leider gab es davon nur zwei Stunden die +Woche. In seiner Dorfschule waren es wöchentlichen +sieben bis acht Stunden gewesen. Und +welchen Erfolg hatten die gehabt? Mit einem +leidenschaftlichen Haß gegen diese sogenannte +»Religion« hatte er die Schule verlassen. In +dieser Schule hatte die »Religion« die ganze +Naturgeschichte aufgefressen. Ein einziges Mal +hatte Herr Cremer von den Giftpflanzen gesprochen +und Bilder dazu gezeigt, nicht etwa +die Pflanzen selbst, und ein andres Mal hatte +ein anderer Lehrer ganz unmotiviert die Feigwurz +behandelt. Die Giftpflanzen und <em class="antiqua">Ranunculus +ficaria</em> – das war die Naturgeschichte, +mit der Asmus Semper, ein Kind +der darwinischen Zeit, das Präparandeum bezog. +Aber da stapfte nun zweimal wöchentlich +mit drolligen Koboldschritten der naturselige +»Papa Hamann« herein; er schleppte +jedesmal eine Botanisierdose, die so groß war +wie er selbst, und sein Gesicht glänzte wie ein +Pfannkuchen, wenn er mit anstoßender Zunge +sagte: »Heute meine Herren, hab’ ich Ihnen +etwath<a name="FNanchor_1" id="FNanchor_1"></a><a href="#Footnote_1" class="fnanchor">[1]</a> +ganth Bethondereth mitgebracht!«</p> + +<p>Und dann kramte er aus mit dem Gesicht +eines Vaters, der seine Kinder zur Weihnacht +<!-- Page 17 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +überrascht, und Asmus hörte zum erstenmal +vom Bau und vom Leben der Pflanze, und +wenn man ihn sah, so konnte man glauben, er +wolle die Pflanzen im wörtlichsten Sinne verschlingen, +so versessen war er auf dies neue +Erkennen. Freilich blieb die Wissenschaft des +guten Papas einigermaßen an der Oberfläche; +er sprach allerlei vom Chlorophyll; aber was +es für eine Bedeutung habe, wußte er eigentlich +selbst nicht. Für den ausgehungerten Geist +des kleinen Semper aber war alles, was er +ihm bot, Gewinn, und überdies war die Lehrweise +des Alten so väterlich und fröhlich und +mit so wundervollen Redeblumen geschmückt!</p> + +<p>»Eth mag wohl funfthehn Jahre thein,« +sagte Papa Hamann zum Beispiel, »dath ich +dath Vergnügen hatte, den Schwanth eineth +Walfischeth von Angethicht zu Angethicht zu +thehen!«</p> + +<p>Oder wenn er zu den Damen von den +Pflanzen einer bestimmten Familie sprach, so +sagte er:</p> + +<p>»Einige von ihnen, meine Damen, thind +ganth reitthende Pfläntthchen; andere dagegen +thind häthlich und widerlich!«</p> + +<p>Und darin hatte er recht, einige von diesen +Präparandinnen, die in einer anstoßenden +Straße unterrichtet wurden, waren wirklich ganz +reizende Pflänzchen, und Asmus und ein paar +Bürschchen mit ihm ließen es sich nicht nehmen, +dreien von ihnen, die auf gleichem Wege heimwärts +<!-- Page 18 --><span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +wandelten, an laulichen Abenden in respektvoller +Entfernung zu folgen und sich ihnen +durch lautgesprochene Galanterien und wundervolle +Witze bemerklich zu machen. Bald schon +taufte Asmus die drei auf die Namen Aglaia, +Euphrosyne und Thalia, und die eine von ihnen +– es war Aglaia – verehrte Asmus viele +Monde hindurch, ohne jemals ihre Vorderseite +gesehen zu haben. Aber sie hatte einen anmutsvollen +Gang, und ein schöner Gang griff Asmussen +ans Herz.</p> + +<p>Auf andern Wegen schwärmten andre Herzen, +und nach den drei Grazien zu urteilen, schien +den jungen Damen der schüchterne Kultus der +Jünglinge durchaus nicht zu mißfallen; sie verfielen +wenigstens aus einer zeitweiligen entrüsteten +Gangart immer wieder in Kichern, +Lachen und träumendes Hinschlendern; aber sei +es nun, daß irgendwo ein Jüngling dem Drange +seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, +daß sich unter den verfolgten Unschulden ein +strenges oder ein eifersüchtiges Herz befand – +eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor +ein, und dieser Mann hatte aus seinem +heimischen Preußen und aus dem französischen +Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, +einige üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt +eine donnernde Standrede und nannte die ritterlichen +Präparanden »grüne Jungen«. Man war +sich sofort darüber einig, daß man sich das mit +fünfzehn bis sechzehn Jahren nicht mehr bieten +<!-- Page 19 --><span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> +lassen könne und daß der einmütige Austritt +aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort +auf diese Roheit sei. Am folgenden Tage +dachte man milder über die Sache; man bedurfte +ja der Einwilligung der Eltern zum Austritt, +und man hielt es im stillen für möglich, +daß die Eltern sich von der Auffassung des Direktors +nicht wesentlich entfernen möchten. Am +dritten Tage endlich beschloß man, die unqualifizierbare +Äußerung des Direktors auf dessen +preußische Unbildung zurückzuführen und ihn zu +verachten.</p> + +<p>Nur ein pathetisches Herz vermochte sich +nicht zu bezwingen. Der Träger dieses Herzens +war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die +Wandtafel einen Pfahl, der einen preußischen +Adler trug, und dazu eine Kanone, die sich +gegen das flügelspreizende Wappentier entlud. +Der Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich +lächelnd den schwarzweißen Stachelbart, tickte +dann mit den Fingern auf den Adler und sagte +zur Klasse: »Da können Se lange schießen, bis +Se den runterkriegen ...« und wandte sich +seinen Geschäften zu.</p> + +<p>Und als diese erledigt waren, trat in breiter +Aufmachung Herr Rothgrün, der Lehrer der +Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgrün auftrat, +so sah das immer aus wie: Jetzt beginnt +eine neue Epoche der Wissenschaft. Und Herr +Rothgrün begann, Geschichtszahlen zu repetieren. +<!-- Page 20 --><span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> +Er nannte das Ereignis, und der +Schüler mußte die Zahl nennen:</p> + +<p>»Amenemha <em class="antiqua">III.</em>?«</p> + +<p>»2200.«</p> + +<p>»Vertreibung der Hyksos?«</p> + +<p>»1580.«</p> + +<p>»Durch wen?«</p> + +<p>»Durch Thutmosis.«</p> + +<p>»Amenophis?«</p> + +<p>»1500.«</p> + +<p>Oder Herr Rothgrün nannte die Zahl und +der Schüler das geschichtliche Faktum, was genau +ebenso bildend und interessant war. So +ging es die ganze Stunde hindurch; denn fortfahren +in der Geschichte konnte Herr Rothgrün +nicht, weil er heute nichts wußte.</p> + +<p>»Er war wieder mal nicht präpariert,« +sagten die Präparanden, als er fort war.</p> + +<p>In der nächsten Geschichtsstunde begann Herr +Rothgrün nach effektvollem Eintritt und imperatorenhafter +Besteigung des Katheders von +neuem:</p> + +<p>»Phul?«</p> + +<p>»770.«</p> + +<p>»Tiglat Pilesar?«</p> + +<p>»740.«</p> + +<p>Und so fort über Ägypter, Phönizier, Israeliten, +Meder, Perser, Griechen und Römer bis +zu den Franken und Merowingern. Wer die +Zahl wußte, war gescheit, wer sie nicht wußte, +dumm.</p> + +<p><!-- Page 21 --><span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> +Als auch diese Stunde der Pein vorüber +war, ward es abgemacht: Wenn er die nächste +Stunde wieder Zahlen büffelt, dann trampeln +wir. Aber keiner darf sich melden! Man kannte +Herrn Rothgrün schon als einen langatmigen +Hasser, der sich auch bei den spätesten Examinibus +derer erinnerte, die ihm einmal mißfallen +hatten. Asmus und einige andere waren gegen +dieses heimliche Verfahren. Das sei »unmännlich«. +Man solle eine Abordnung zu Herrn +Rothgrün schicken und sich über seinen Unterricht +beschweren.</p> + +<p>»Ja, willst <em class="gesperrt">du</em> das tun?« riefen einige +höhnend.</p> + +<p>»Ich gehe mit,« sagte Asmus. Aber die +andern wollten nicht, und da sagte Asmus: +»Allein will ich auch nicht.«</p> + +<p>»Semper will artig Kind spielen,« spottete +einer.</p> + +<p>»Du bist ein Esel!« rief Asmus. »Trampeln +tu ich nicht. Aber die Folgen trage ich natürlich +mit.« +</p></div> + +<p> </p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1" id="Footnote_1"> +</a><a href="#FNanchor_1"><span class="label">[1]</span></a> + th sprich wie das englische <em class="antiqua">th</em>.</p> +</div> + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 22 --><span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> +<a name="III_Kapitel" id="III_Kapitel"></a>III. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit +und wie sie die Dinge der lebendigen Welt +sahen, und wie er darum mit diesen Augen zum Arzt +mußte.</div> + + +<p><span class="bigletter">D</span>ie nächste Geschichtsstunde erschien, und Herr +Rothgrün begann: »Tiglat Pilesar?«</p> + +<div class="textbody"> +<p>»740,« sagte der Gefragte, und dann ging +ein Trampeln durch die Klasse, das wie grollender +Donner klang.</p> + +<p>Herr Rothgrün wurde weiß.</p> + +<p>»Was soll das?« rief er.</p> + +<p>Keine Antwort.</p> + +<p>»Was soll das heißen?«</p> + +<p>Eisiges Schweigen.</p> + +<p>»Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen +und zu sagen, was das bedeuten soll?« +schrie der Lehrer.</p> + +<p>Niemand rührte sich.</p> + +<p>»Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, +als Herrn Direktor Korn zu melden, daß ich +durch ein unerklärliches Geräusch im Unterricht +gestört worden bin.«</p> + +<p>Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor +keine Meldung; denn er wußte wohl, daß der +<!-- Page 23 --><span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> +einen sehr direkten Schluß auf seinen Unterricht +ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze: +»Unterrichtet nur gut; dann kommt der +Respekt der Schüler von selbst.« Auch erklärte +sich Herr Rothgrün das »unerklärliche Geräusch« +sehr schnell und richtig; er begann sofort zu erzählen; +diesmal erzählte er freilich noch mangelhaft, +weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen +beherrschte, aber von der nächsten Stunde +an vorzüglich; denn wenn er wollte, so konnte +er’s vielleicht am besten von allen Lehrern der +Anstalt.</p> + +<p>Geschichte hören oder Geschichte lesen, das +gab Asmus immer besondere Freuden. Nicht, +daß er an die Geschichte geglaubt hätte, – er +glaubte die profane Geschichte so wenig wie die +biblische. Aus seiner »Faust«-Lektüre wußte er +sehr wohl:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Die Zeiten der Vergangenheit</span> +<span class="i0">Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.</span> +<span class="i0">Was ihr den Geist der Zeiten heißt,</span> +<span class="i0">Das ist im Grund der Herren eigner Geist,</span> +<span class="i0">Darin die Zeiten sich bespiegeln.«</span> +</div></div> + +<p>und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um +wirklich zu wissen, mußte man von all den +Fürsten, Feldherren und Priestern, mußte man +vor allem von der Menge des Volkes wissen, +was sie bei ihren Handlungen dachten, fühlten, +beabsichtigten und wünschten, und davon hörte +man so gut wie nichts. Kaum daß einmal durch +einen glücklichen Zufall ein Lichtschein in diese ewig +<!-- Page 24 --><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span> +versunkene Welt fiel, wie ein Sonnenstrahl in +eine Kammer einer verschütteten Stadt. Und +die Menschen der Geschichte waren ihm wie die +Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die +menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen +erkennen lassen. Daß man aus der Geschichte +etwas lernen könne, das glaubte er nicht. Aber +lange Zeitläufte der Geschichte formten sich ihm +zu riesigen Bildern von wunderbarer Gewalt, +und in diese Bilder versank er mit aufgerissenen +Augen und horchender Seele, wenn er hörte und +las. Er sah ein Jahrhundert, da stille Mönche +in stiller Zelle saßen und vom Virgil oder Cassiodor +den Blick erhoben und durchs Fenster voll +gläubiger Hoffnung schauten über weites, unbesiedeltes +deutsches Land, indessen andere, das +Kreuz in der Hand, durch unerforschte Wälder +schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein +oder eine Kapelle errichteten. Er sah ein +Jahrhundert voll Weihrauch und Meßgewänder, +da königliche Väter büßend vor unnatürlichen +Söhnen knieten und lange Sündenregister, vom +Priester singenden Tones verlesen, bekannten, +und das ganze neunte Jahrhundert ward ihm +zum »Lügenfeld«. Dann gab es eine lange +Zeit, deren Angesicht in die bunte Glut des +Ostens schaute und blinkende Ritter und düstere +Mönche, Männer und Weiber, Greise und Kinder +in jahrhundertelangen Zügen nach den +ewigen Spuren des Nazareners wandern sah. +Das ernste Jahrhundert des Wittenberger Mönches +<!-- Page 25 --><span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> +baute sich ihm auf mit den strengen und +nüchternen Säulen eines lutherischen Gotteshauses, +aus dem die streitbaren Glaubensgesänge +hinausklangen in einen grauen und feuchten +Novembertag; dann kam ein Jahrhundert, +das lag verborgen unter den Brand- und Blutwolken +eines endlosen Krieges, und so nah zogen +die Wolken über den Erdboden dahin, daß die +Menschen nur gebückt dahinschlichen. Aber das +achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz aller +Kriege und aller großen Revolution wie eine +friedsame Stadt mit winkelig-sauberen Gäßchen, +wo aus schnurrig gegiebelten Häusern Gelehrte +mit Zöpfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam +über die Straße schritten zum Nachbar +von drüben, um mit ihm über die Schriften Voltaires +oder über das neueste Werk des erstaunlichen +Königsberger Professors zu streiten.</p> + +<div class="textbody"> +<p>So hörte, so sah er die Geschichtserzählungen +des Herrn Rothgrün. Aber dann mußte dieser +Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten +werden, und die Vertretung übernahm Herr +Stahmer, der Religionslehrer. Und wieder empfing +Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer +behandelte während eines ganzen Semesters einen +Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte die Geschichte +bis in die Kabinette von Wien, Berlin +und Petersburg hinein und erzählte so ziemlich +alles, was man über die zehn Jahre wußte. +Und mit einem Male ward dem Jüngling die +Geschichte zur Wissenschaft. Die rohe, unverdauliche +<!-- Page 26 --><span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span> +Masse der Tatsachen, wie sie Herr Rothgrün +und wie sie die üblichen Lehrbücher aufhäuften, +absonderlich die Großtaten der Kriegesfürsten, +die mit dem Schwerte die Welt durchzogen, +waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig +und langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male +ahnte er etwas von geschichtlichen Zusammenhängen. +Bei Herrn Stahmer sah er keine visionären +Bilder; aber er sah das Leben, und eine +andere, neue Freude wärmte ihm das Herz. +Wieder verschlang er jedes Wort, fast eh’ es +der Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des +Abends im stillen Hause mit fliegender Feder +zwanzig, dreißig Quartseiten voll, und wohl +zehnmal mußte ihm sein Vater mit milde mahnendem +Finger auf die Schulter tupfen, er möge +sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer +sagte sich Asmus: In der Geschichte muß man +alles wissen, sonst weiß man nichts. Und etwas +Größeres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar +nichts; aber <em class="gesperrt">eine</em> Sache <em class="gesperrt">ganz wissen</em>, das +ist Aufklärung, Befreiung. Dann wird Wissen +zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, +die uns umgeben, ein Guckloch nach der Außenwelt. +Als er später in der »Systematischen Pädagogik« +das »<em class="antiqua">non multa sed multum</em>« bis zum +Ekel wiederkäuen mußte, da begriff er nicht, +warum man dies Wort immer wiederholte und +niemals befolgte.</p> + +<p>Das und manches andere im heiligen Tempel +des Präparandeums war nun wohl gut +<!-- Page 27 --><span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span> +und schön; aber es gab auch gefürchtete Stunden, +und die gefürchtetsten waren die Zeichenstunden, +die in einer weit entlegenen Gewerbeschule +genommen werden mußten. Sie waren so +schlecht, daß sie sogar den Charakter verdarben.</p> + +<p>Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! +Von früher Kindheit an hatte er gezeichnet, und +in den Berg- und Waldlandschaften, die er kopiert +hatte, hatte er ein frommes und seliges +Leben gelebt. Selbst der kümmerliche Zeichenunterricht +seiner Dorfschule hatte ihm noch +Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male +in dem riesigen Zeichensaal, der so viel mit der +Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines +Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da +setzte ihm Herr Semmelhaack ein dreiseitiges +Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig +den Holzklotz und wartete die Wiederkunft des +Lehrers ab.</p> + +<p>Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma +auf eine Seitenfläche. (Bis dahin hatte es +auf einer Grundfläche gestanden.)</p> + +<p>Asmus zeichnete den Klotz in der neuen +Stellung und erwartete den Lehrer.</p> + +<p>Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma +auf eine andere Seitenfläche.</p> + +<p>Asmus dachte: Aller Anfang ist öde, und +zeichnete den Klotz zum dritten Male.</p> + +<p>Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung +einiges auszusetzen und legte dann den Klotz +auf die große Seitenfläche. +</p> + +<p><!-- Page 28 --><span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span> +Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind +bitter; aber ihre Früchte sind süß, und porträtierte +das interessante Holz zum vierten Male.</p> + +<p>Jetzt bin ich mit dem verdammten Klotz +durch, dachte Asmus; da kam der Lehrer und +stellte das Prisma etwas nach rechts.</p> + +<p>Asmus richtete einen langen Blick auf Herrn +Semmelhaack und zeichnete dann das rechtsstehende +Prisma.</p> + +<p>Danach kam Herr Semmelhaack und stellte +der Abwechslung wegen das Prisma etwas nach +links.</p> + +<p><em class="antiqua">Per aspera ad astra</em>, dachte Semper und +machte auch das.</p> + +<p>Hierauf nahm der »Lehrer« das Prisma +und stellte es Sempern wieder gerade vor die +Nase, aber »über Eck«, so daß man drei Flächen +auf einmal sah.</p> + +<p>»Es ist allerdings etwas Anderes und +Neues,« sagte sich Asmus, betrachtete Herrn +Semmelhaack mit einem noch viel längeren Blick +und machte sich wieder an seinen vertrauten +Klotz.</p> + +<p>In verzweifelten Momenten schaute Asmus +sich sehnenden Blickes um; es gab überall nur +Holz und Gips. Der größte Künstler unter den +Schülern zeichnete einen pompösen Blumenstrauß +– von Gips. In der ganzen Anstalt, soweit er +hineinblicken konnte, sah er kein lebendiges, erfreuendes +Objekt.</p> + +<p>Er traute seinen Augen nicht, als Herr +<!-- Page 29 --><span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span> +Semmelhaack eines Tages das dreiseitige Prisma +wegnahm und einen neuen Klotz brachte. +Dieser Klotz bestand aus zwei vierseitigen Prismen, +die im rechten Winkel aneinander saßen. +O, damit konnte man nun die tollsten und interessantesten, +die bizarrsten und perversesten Dinge +vornehmen; bis zum jüngsten Gericht konnte +man das immer anders aufstellen. Als Asmus +bei der siebenten Stellung war, da lag der +Winkelklotz da wie eine Sphinx, die ihre Arme +breit über die ganze lange Bank legte, den +Kopf in die Hände stützte und ihn anglotzte und +angähnte, und dann sagte die Sphinx, indem +sie immer zwischen zwei Worten gähnte: »Ich +kann – dreihundertfünfundneunzig Millionen +– Stellungen – einnehmen – huu – ja.«</p> + +<p>»Das hält kein Nilpferd aus,« antwortete +Asmus.</p> + +<p>»Sagten Sie etwas?« fragte Herr Semmelhaack.</p> + +<p>»Ja. Ich kann nicht mehr zeichnen. Ich +habe Augenschmerzen.«</p> + +<p>Zum nächsten Unterricht ging er überhaupt +nicht; er entschuldigte sich mit Augenschmerzen.</p> + +<p>Das ging nun wohl einmal, ging auch zweimal; +dann aber sagte Herr Tönnings mit dem +steifen Halskragen: »Ja, dann müssen Sie ein +ärztliches Attest beibringen.«</p> + +<p>Also mußte Asmus zum Vertrauensarzt der +Schulbehörde.</p> +</div> + + +<p> </p><p> </p> + +<h3><!-- Page 30 --><span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span> +<a name="IV_Kapitel" id="IV_Kapitel"></a>IV. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus befreit sich aus einem Hungerturm und studiert +in einem Taubenschlag.</div> + +<p><span class="bigletter">V</span>on allen Qualen des Lebens hielt Asmus +zwei für die unerträglichsten: Zahnschmerzen +und Langeweile. Lieber als in dieser Kunstkaserne +wöchentlich zwei Stunden, das heißt zwei +Jahrhunderte an einen Klotz geschmiedet zu sein, +lieber wollte er ein schlechter Mensch werden. +Und so rieb er sich im Vorzimmer des Arztes +tüchtig die Augen und kniff sie ein Dutzend Mal +zusammen.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Die Augen tränen,« sagte der Arzt, und +er schrieb ein Attest, daß der Patient wegen +tränender Augen sechs Wochen lang nicht zeichnen +dürfe.</p> + +<p>Asmus barg das kostbare Blatt sorgfältig +wie eine Banknote in der Tasche, fühlte unterwegs +mehrmals nach, ob er’s auch noch habe, +und überreichte es frohen, tränenlosen Blickes +Herrn Tönnings.</p> + +<p>Herr Tönnings vertrat mit Recht die exaktesten +Wissenschaften. Man weiß, wie es zugeht, +wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes +<!-- Page 31 --><span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span> +Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder +saust die Ramme herab, immer wieder, hundertmal, +tausendmal, stundenlang, tagelang. So +unterrichtete Herr Tönnings: immer wieder auf +denselben Pfahl, immer wieder drauf. Dann +aber saß er auch für die Ewigkeit, und man +konnte ein Haus drauf bauen. Was man bei +ihm gelernt hatte, vergaß man niemals wieder. +Aber leider vergaß er ebensowenig. Und also +sprach genau nach sechs Wochen Herr Tönnings, +der niemals Lächelnde: »Ihr Attest ist abgelaufen.«</p> + +<p>Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und +rieb rechtzeitig seine Augen.</p> + +<p>»Die Augen tränen noch immer,« konstatierte +der Arzt sehr richtig und dispensierte den +Kranken »bis auf weiteres« vom Zeichenunterricht.</p> + +<p>»Ja, damit müssen Sie wohl zum Direktor +gehen,« sagte Herr Tönnings.</p> + +<p>Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er +los: »Das jibt’s nicht. Ein Lehrer muß jesunde +Sinne haben!« Er durchbohrte Asmus +mehrere Male mit Blicken und wartete, ob er +etwas sagen werde. Aber Asmus wußte schon +Bescheid: er sagte nichts. »’n Lehrer, der nicht +sehen kann, können wir nicht brauchen!« schrie +Herr Direktor Korn, durchbohrte mit seinen +glitzernden Brillenaugen den jungen Semper +noch ein paar Mal und wartete auf eine Erwiderung. +Aber der sagte nichts. Es war in +<!-- Page 32 --><span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> +der Anstalt alte Überlieferung: man muß ihn +ein paar Minuten kochen lassen, dann wird er +genießbar. »Dann müssen Sie die Anstalt verlassen!« +stieß der Direktor hervor, kratzte sich +hörbar seine silbernen Bartstacheln und durchbohrte +Sempern noch drei- bis viermal. Semper +sagte nichts. »Wie heißen Sie noch?« Direktor +Korn warf einen Blick ins Attest. »Semper?«</p> + +<p>»Jawohl, Herr Direktor!«</p> + +<p>»Waren Sie das nicht, der neulich den ‘Erlkönig’ +vortrug, als ich hospitierte?«</p> + +<p>»Jawohl, Herr Direktor!«</p> + +<p>»Na. – Das war jut. – Kennen Sie denn +sonst noch was von Joethe?«</p> + +<p>Asmus wurde lebendig. Er begann aufzuzählen.</p> + +<p>»Na, das ist ja so ziemlich alles. Haben +Sie denn auch alles verstanden?«</p> + +<p>»Das – wohl kaum!«</p> + +<p>»Welche Dichter haben Sie denn noch jelesen?«</p> + +<p>Asmus nannte eine lange Reihe.</p> + +<p>»Haben Sie Jean Paul jelesen?« Doktor +Korn hatte ein ganz sonniges Gesicht bekommen. +Das war sein Liebling.</p> + +<p>Asmus nannte ein paar Romane Jean +Pauls.</p> + +<p>»Na, Sie haben ja ’ne janze Masse jelesen. +Dabei haben S’ sich wohl die Augen verdorben?«</p> + +<p>»Die Augen?« wollte Asmus schon verwundert +<!-- Page 33 --><span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> +fragen; da fiel sein Blick noch rechtzeitig +auf das Attest. Er blieb stumm und +errötete tief; so viel Freundlichkeit konnte er +nicht mit offenen Augen anlügen.</p> + +<p>»’s is jut. Sie können jehen,« sagte der +Herr Direktor. Und Asmus betrat das Holzmagazin +niemals wieder. Der Direktor mochte +eine Ahnung haben von den Schrecken jenes +Hungerturms, wo der Geist an einen Klotz geschmiedet +und mit Gips ernährt wurde.</p> + +<p>Viktoria! Nun konnte er wöchentlich noch +zwei Stunden länger in seinem Arbeitszimmer +sitzen und sich immer tiefer in den Kuchenberg +des Weltalls hineinessen. Ja, das Weltall war +ein Kuchenberg, nahrhaft und süß, und das +Leben ein Schlaraffenland und sein Arbeitszimmer +eine heilige Halle, obwohl es eigentlich +kein Zimmer, sondern ein Tisch mit zwei Beinen +war, den man mit der einen Seite an die Wand +genagelt hatte. Dieser Tisch stand in der allgemeinen +Arbeitsstube, wo der Tabak zubereitet +und die Zigarren gemacht wurden; denn im +Winter durfte der Sparsamkeit halber nur ein +Raum geheizt werden, und als der Sommer kam, +war es Asmussen eine liebe Gewohnheit geworden, +unter den schwatzenden, lachenden und +sich streitenden Arbeitern seine Quadratwurzeln +auszuziehen, Vokabeln zu lernen und Aufsätze +zu schreiben. In diesem bescheidenen Raume +saßen Ludwig Semper, der Vater, Johannes, +sein Sohn und Gehilfe, zwei andere Gehilfen, +<!-- Page 34 --><span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span> +ein Tabakzurichter, gewöhnlich auch Rebekka, +die Mutter, beim Tabak helfend oder mit einer +häuslichen Verrichtung beschäftigt, und endlich +der Präparand Semper. Das war der Personenstand +in ruhigen Zeiten. Aber das Arbeitszimmer +der Semper war ein Taubenschlag, +wo es von seltsamem Geflügel immer aus- und +einflog. Da kamen sozialdemokratische Parteihäupter, +die mit Johannes Semper wichtige +Dinge von aufgelösten und anzumeldenden Versammlungen +zu beraten hatten. Da kam der +Kontrolleur des Fabrikanten, der nachschauen +mußte, ob die Zigarren gut und nicht zu schwer +gemacht würden, ein ernster, steifer Mann, der +aber jedesmal warm wurde, wenn Ludwig Semper +mit ihm vom Theater sprach, und der diesem +angelegentlichst empfahl, er möchte sich doch einmal +den »Lohengrin« anhören. Ludwig Semper +faßte denn auch um diese Zeit zum ersten Male +den Entschluß, in den »Lohengrin« zu gehen.</p> + +<p>Da kam schrecklicherweise auch der Barbier +Ludwig Sempers, der drei Minuten rasierte +und dann zwei Stunden schwatzte; er glich in +Miene und Gestalt, in seiner Stimme und seiner +Schwatzhaftigkeit einem alten Weibe; nur seine +Hand und sein Messer lasteten schwer auf der +Wange seiner Opfer wie die Keule des Herkules.</p> + +<p>»Ein schrecklicher Zwirnbeutel,« sagte Ludwig +Semper, wenn er gegangen war, und das +war ein treffender Vergleich. Wie man aus dem +Nähbeutel einer unordentlichen alten Dame, in +<!-- Page 35 --><span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span> +dem sich die Garnknäuel vieler Generationen +verwirrt und verfitzt haben, nur nach stundenlanger +Mühe einen Faden hervorholt, so holte +er aus seinem Erinnerungssack seine zwirndünnen +Geschichten hervor; jede auftretende +Person verfolgte er bis in ihre entferntesten +Verwandtschaften; er entwickelte die Genealogien +der unbekanntesten Milchleute und der +gleichgültigsten Grünwarenhändler.</p> + +<p>»Und geschnitten hat er mich auch wieder,« +pflegte Ludwig nach solchen Besuchen zu sagen.</p> + +<p>»Ja, mein Gott,« rief Frau Rebekka erregt, +»warum schaffst du ihn denn nicht ab!«</p> + +<p>»Ach, das mag ich nicht,« sagte Ludwig +lächelnd, »er schneidet mich nun schon so viele +Jahre.«</p> + +<p>Nicht der Geringste aber von allen, die da +kamen, war Heinrich Moldenhuber, genannt der +»Wolkenschieber«, weil er lieber Wolken schob +als Zigarren machte und lieber hoch oben auf +der Galerie des Stadttheaters saß als in der +Tabakstube. Wie ein Komet schoß er von Zeit +zu Zeit in die Arbeitsstube der Semper, und +in der Tat, für Asmus war dieser Mann wie +ein Stern der Kinderzeit; er erinnerte ihn an +manche Feierstunde voll Gedanken und Träume, +und jedesmal mußte er nach den hinteren Rocktaschen +des Wolkenschiebers blicken, aus denen +er einmal einen Apfel und ein Bilderbuch hatte +hervorholen dürfen.</p> + +<p>Aber wenn er wollte, so konnte er auch im +<!-- Page 36 --><span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span> +zehnten Teil einer Sekunde eine hundert Fuß +dicke und tausend Fuß hohe Mauer um sich aufrichten, +durch die kein Ton und Bild der Kommenden +und Gehenden, der Plappernden und +Klappernden hindurchdrang. Wenn er wollte, +so konnte er jeden Augenblick allein sein, ganz +allein, wie in einem Grabe.</p> + +<p>Aber wahrlich nicht wie in einem Grabe war +es in dieser Stille. Es war wie in einer +wuchernden Waldwildnis voll wirren Gezweigs, +voll Blätter und Blumen, voll Duft und tropfenden +Lichts, voll jenes ewigen Summens, das +aus dem inneren Getriebe der Welt zu kommen +scheint. Wie er sich als Knabe in das innerste +Dickicht eines Gehölzes verkrochen und dort stundenlang +gehockt und nur geschaut und gehorcht +hatte, als müss’ er eines Tages etwas vernehmen +wie den <em class="gesperrt">Atem der Welt</em>, so konnte er +sich in die innerste Einsamkeit seiner Seele zurückziehen +und selig sein. Aber freilich: schöner +noch als am Alltag war es am Sonntag, wenn +die Arbeit der andern ruhte und nur sein Vater, +schweigend und nimmermüde, den Tabak für +die kommende Woche vorbereitete. Dann war +Sonntag außen und innen, Sonntag lag in +allen Büchern, wo man sie auch aufschlug, selbst +die Logarithmen hatten Sonntag, und, wenn +er’s auch gar nicht sah, Asmus wußt’ es immer, +wann die warmen Augen seines Vaters auf ihm +ruhten, und er war glücklich unter dem Glanz +dieser Sterne.</p> +</div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 37 --><span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> +<a name="V_Kapitel" id="V_Kapitel"></a>V. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Ob der Mensch schlafen muß oder nicht. Von stummer +Liebe und von stygischen Gewässern.</div> + +<p><span class="bigletter">D</span>er Präparand hatte ein kindliches Vergnügen +daran, wenn die Bücher sich neben ihm +aufhäuften. An Faust mußte er denken, der +hatte auch »über Büchern und Papier« gesessen. +Faust hatte alle Fakultäten durchstudiert und +sagte dann, er sei so klug als wie zuvor. Aber +das war im 16. Jahrhundert! Jetzt war die +Sache schon anders. Asmus wollte auch alles +studieren, alles! Und dann wollte er doch sehen! +Er wollt’ es schon herausbekommen,</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»was die Welt</span> +<span class="i0">Im Innersten zusammenhält«!</span> +</div></div> + + +<p>Und er konnte dem Famulus eigentlich nicht so +unwirsch begegnen, wie es Faust tat. Freilich:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Man sieht sich bald an Wald und Feldern satt;</span> +<span class="i0">Des Vogels Fittig werd’ ich nie beneiden«</span> +</div></div> + +<p>das war natürlich Torheit, oder, wie Asmus +in jugendlicher Kraft sagte: »Blödsinn«; aber +was dann folgte, das war doch wahr und schön!</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wie anders tragen uns des Geistes Freuden</span> +<!-- Page 38 --><span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> +<span class="i0">Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!</span> +<span class="i0">Da werden Winternächte hold und schön,</span> +<span class="i0">Ein selig Leben wärmet alle Glieder –«</span> +</div></div> + + +<div class="textbody"> +<p>Ja, ja, ja, so war es, da hatte der »trockne +Schleicher« dennoch recht! Und zuweilen fragte +sich Asmus, ob es nicht das schönste Leben wäre, +immer am Tische zu sitzen, links Bücher und +rechts Bücher, vor sich Bücher und hinter sich +Bücher, und gar nicht wieder aufzustehen und +niemals schlafen zu gehen. Wenn Ludwig Semper +ihm mit leisem Finger auf die Schulter +klopfte und sagte: »Du mußt zu Bett gehen,« +dann fragte sich Asmus immer: »Warum geht +man eigentlich schlafen? Ich werde noch einmal +beweisen, daß man überhaupt nicht zu schlafen +braucht.«</p> + +<p>Er hatte den Gang und die Haltung seines +Vaters geerbt; sein Vater aber ging mit großen +Schritten und mit gesenktem Kopf.</p> + +<p>»Jung’, geh’ doch grade!« rief seine Mutter; +»grad auf wie ich, sagte der schiefe Tanzmeister,« +so rief sie viele hundert Male, und dann richtete +Asmus den Kopf empor und trug ihn über +eine Minute lang hoch in den Lüften; dann +aber sank er langsam, langsam wieder hinab, +dem Tal der Träume zu.</p> + +<p>Wer aber nun gefürchtet hätte, daß Asmus +Semper ein Bücherwurm und Stubenhocker werden +könnte, der würde doch nur den vierten Teil +seines Wesens gekannt haben. Wie er als Knabe +zu seinen Einkaufgängen immer mehr Zeit gebraucht +<!-- Page 39 --><span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> +hatte, als der Weg eigentlich erforderte, +so fand er noch immer auf seinen Schul- und +Heimwegen an diesem wunderbaren, ewig sich +wandelnden Panorama der Welt ein unermeßliches +Vergnügen. Da war zum Beispiel ein +hübsches Mädchen, das ihm jeden Morgen begegnete. +Sie war sehr einfach, aber ordentlich +gekleidet und schien eine etwas bessere Stellung +in einer Fabrik zu haben. Eines Morgens trafen +sich ihre Blicke. Und von da ab traf es sich +jeden Morgen, daß sie ihm in die Augen sah +und er ihr. Das traf sich wohl monatelang so. +Zuletzt fanden sich ihre Blicke schon ganz von +weitem, auf zwanzig Schritte, und blieben so +lange ineinander haften, bis die beiden Morgenwanderer +aneinander vorbei waren. Und eines +Morgens – war es möglich? war es denkbar? +– eines Morgens schien sie leise zu nicken. Asmus +griff an den Hut; aber weil er so verwirrt +war, tat er es erst, als sie schon vorüber war. +Dann fragte er sich auch, ob es nicht eine kolossale +Dreistigkeit wäre, sie zu grüßen. Aber +am nächsten Morgen nickte sie schon ganz deutlich, +und tief zog Asmus den Hut, als wäre +sie die Königin Semiramis. Und nach und nach +nickte sie immer deutlicher und lächelte dabei, +und Asmus zog den Hut und lächelte ebenfalls. +Er mußte an Don Juan denken, der auch mit +allen Mädchen angebunden hatte. Als aber nun +die Semper auf Frau Rebekkas Betreiben wieder +einmal umgezogen waren und Asmus einen +<!-- Page 40 --><span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span> +andern Weg zur Schule nehmen mußte, da hörten +die Begegnungen auf. Es wußte wohl keiner +vom andern, wer er sei, und ob ihm ein Glück +vorübergegangen oder ein Unglück. Langsam, +wie der Regenbogen aus dem Grau hervorgetreten +war, ward er wieder aufgesogen vom Grau.</p> + +<p>Er ging durch manche graue Straße und +manchen grauen Tag; denn der Himmel Hamburgs +verhüllt sich oft wochenlang. Aber immer +war er erstaunt, wenn er die andern seufzen +hörte: »Nun haben wir in drei Wochen die +Sonne nicht gesehen!« Brauchte man denn die +Sonne? Gewiß, wenn sie am Himmel stand, +dann war die Welt über alles Begreifen schön; +aber konnte man nicht auch ohne Sonne fröhlich, +glücklich und begeistert sein? »Drei +Wochen keine Sonne?« fragte er ungläubig. +Er hatte sie nicht vermißt. Ihm war es, als +wäre eben noch Sonnenschein gewesen. Unter +seiner Hirnschale wölbte sich ein ewig heiterer +Himmel. Aber merkwürdigerweise sah man ihm +das nicht an. Er schaute meistens mit einem +ernsten Gesicht in die Welt, wohl darum, weil +er sie über alles Erwarten schön fand.</p> + +<p>Und in warmem Behagen stapfte er durch +den tagelangen, wochenlangen Nebel und den +»fisselnden« Regen Hamburgs und schaute mit +Behagen in die grauen Kanäle und mit Behagen +empor an den altersgrauen Häusern der +ehrwürdigen Stadt. Jedes dieser Häuser sah +anders aus und guckte einen an wie ein Mensch +<!-- Page 41 --><span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span> +und sagte: »Hier ist sicheres und behagliches +Wohnen.« Und seltsam, obwohl die Straßen +schmal und dunkel waren, glaubte man’s doch, +während man draußen durch die neuen Viertel +seines heißgeliebten Oldensund, wo die wachsende +Industrie eine Mietskaserne nach der +andern aufwarf, nur mit Ekel und Grauen ging. +Asmus Semper hatte sich nie eine Vorstellung +von der Hölle machen können; seitdem er diese +neuen Arbeiterviertel, diese rauchbeschmutzten +Kasernenreihen, diese Kolumbarien, diese vierstöckigen +Hundehütten – nein, Hundehütten +waren gewöhnlich hübscher – seitdem er die +freche Prosa, die schamlose Häßlichkeit dieser +Zementkisten gesehen hatte, seitdem konnte er +sich ein Bild machen von einem Ort der ewigen +Verdammnis. Seine Seele hatte ja Millionen +von Saugfäden, die selbst aus dem ärmsten und +dunkelsten Winkel noch Schönheit und Freude +sogen; auch in seiner Tabak- und Studierstube +fand er noch Schönheit und Freude; aber vor +dem gemeinen Blick dieser Häuser zogen sich +alle Fäden seiner Seele schaudernd zurück, und +nie empfand er ein grimmigeres Mitleid mit den +Armen, als wenn er durch diese Straßen ging.</p> + +<p>O, wie hatte er’s dagegen wieder gut getroffen +mit seiner neuen Wohnung in der roten +Twiete. Diesmal hatte die quecksilberne Frau +Rebekka einen guten Griff getan, und sie +triumphierte in hellen Tönen. Das Haus selbst +war freilich auch nur eine Mietskaserne; aber +<!-- Page 42 --><span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span> +gegenüber lag ein Park mit uralten Bäumen, +und davor stand eine unbewohnte, strohbedeckte +Hütte, und neben dem Park öffnete sich unter +hohen Baumkronen, schmal und schattenheimlich, +wie ein Weg zur Unterwelt, der Philosophenweg. +O nein, es fiel dem Präparanden Semper +gar nicht ein, um der Bücher willen solche Dinge +stehen und liegen zu lassen; er durchkostete den +Park bis in seine fernsten, zartesten Wipfel, +wenn auch nur mit den Augen – denn im +Klettern hatte er’s niemals weit gebracht – +er bevölkerte die Strohdachhütte mit den Gestalten +Pestalozzis und Jeremias Gotthelfs, +Berthold Auerbachs und Fritz Reuters; am Eingange +des Philosophenweges aber sah er den +Laertiaden Odysseus die Opferbräuche vollziehen, +die den Schatten des Teiresias dem Hades entlocken +sollten. Er war schon hundertmal durch +diesen Philosophenweg gegangen und wußte +ganz genau, daß nur ein kümmerliches Rinnsal +ihn begleitete und daß er auf eine Goldleistenfabrik +mündete – aber wenn er von seinem +Bett aus durchs Fenster nach dem Eingang +des Weges sah, dann war es der Ort,</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wo in den Acheron sich der Pyriphlegethon stürzet</span> +<span class="i0">Und der Strom Kokytos, ein Arm der stygischen Wasser.«</span> +</div></div> + +<p>daran hätten siebzigtausend Goldleistenfabriken +nichts zu ändern vermocht.</p> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 43 --><span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span> +<a name="VI_Kapitel" id="VI_Kapitel"></a>VI. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Fortsetzung des Beweises, daß Asmus kein Bücherwurm, +sondern ein Sklave irdischer Lust ist.</div> + +<p><span class="bigletter">A</span>ber auch derbere Freuden verschmähte Asmus +nicht; der Welt- und Sinnenlust war +er ergeben wie in seiner Kindheit. Nicht jeden +Sonntag und nicht den ganzen Sonntag verbrachte +er bei den Büchern, nein, gewöhnlich +suchte er am Sonntag nachmittag seine Freunde +Knapp und Diepenbrock auf, die ehemaligen +Mitdirektoren seines Puppentheaters. Zunächst +ging er zu Knapp, den er gewöhnlich mit seinem +Vater zusammen im Garten beschäftigt fand. +Einmal waren sie bei der Mohrrübenernte, da +sagte der alte Knapp:</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Na, Asmus, haust du deine Jungens +auch fix?«</p> + +<p>»Nein,« rief Asmus lachend, »ich unterrichte +überhaupt noch gar nicht.«</p> + +<p>»Ja, hauen mußt du sie, sons wird da +nix aus.«</p> + +<p>Und dann zog der alte Knapp eine Mohrrübe +aus und gab sie Asmussen.</p> + +<p>»Da – muß deine Kinder mitnehmen un +muß sie sagen: »So wächsen die Worzeln.« +</p> + +<p><!-- Page 44 --><span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> +Asmus sah den Bildungswert dieses Verfahrens +nicht ohne weiteres ein; aber er dankte +höflich und steckte die Wurzel ein.</p> + +<p>Und wenn die beiden dann zu Diepenbrock +kamen, dessen Eltern ein Logier- und Speisehaus +hatten, dann sah er da einen interessanten +Mann auf dem Sofa liegen. Er hieß Zöllner, +war Zigarrenmacher und lag jeden Sonntag, +den Gott werden ließ, auf dem Sofa und las. +Er besaß nicht nur den großen Meyer, sondern +auch sämtliche Klassiker und Halbklassiker in +prächtigen Einbänden. Und wenn er zwölf +Sonntage hintereinander auf dem Sofa gelegen +und gelesen hatte, dann ging er am dreizehnten +hin und betrank sich so vollständig und andauernd, +daß er eine Woche lang nicht aus +dem Rausche herauskam; dann kehrte er wieder +zu Meyer und den Klassikern zurück. Diepenbrock +hatte viele Messer und Gabeln zu putzen, +und Ewald Knapp und Asmus Semper halfen +ihm dabei, damit er schneller fertig werde; aber +Asmus mußte zwischendurch immer wieder nach +dem Mann auf dem Sofa blicken, der ein schönes, +vornehmes Gesicht mit einem langen braunen +Bart hatte.</p> + +<p>Wenn sie dann endlich fertig waren, gingen +die drei fast eine Stunde weit nach der Hamburgischen +Vorstadt St. Pauli, nach diesem +St. Pauli, das in der ganzen Welt bekannt +war als ein Stapelplatz irdischer Genüsse und +Seligkeiten für Anspruchslose. Da gab es nicht +<!-- Page 45 --><span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span> +nur Kuchenbuden, Obstbuden, Bücherkarren, Karren +mit Spielsachen, mit Kokusnüssen, die vor +den Augen des Publikums geöffnet wurden, mit +ambulantem Käse, der sich alle Düfte der Vorstadt +unterwarf, mit Limonaden und Likören, da +gab es auch Kasperletheater, Mordgeschichtenbilder, +fliegende Museen, Naturalienhandlungen, +Wachsfigurenkabinette, Theater, Singspielhallen +– o, diese Singspielhallen! Am +Abend waren die Portale mit hunderten von +bunten Lichtern umkränzt, und wenn eine Tür +aufging, sah man durch Rauchwolken wunderschöne +Frauen tanzen – »wenn ich Lehrer bin +und viel Geld verdiene, da geh ich auch hinein,« +sagte sich Asmus.</p> + +<p>Das erste aber, was die drei taten, war +regelmäßig, daß sie – immer bei demselben +»Konditor« – einen Eisenbahnkuchen kauften. +Das war ein Gemisch von zerriebenem Schwarzbrot +und Syrup mit einer Zuckerglasur darüber +und war vielleicht eher zu den Laxiermitteln als +zur Gattung der Kuchen zu rechnen; aber es +schmeckte um so schöner, als es für 5 Pfennige +einen halben Kubikdezimeter gab. Dann gaben +sie sich zufrieden dem Genuß des Schauens, +Kauens und Staunens hin.</p> + +<p>»Der siebenfache Raub- und Elternmörder +Timm Thode, das größte Scheusal in Menschengestalt!« +schrie ein dickes Weib und schlug mit +einem Rohrstock klatschend gegen ein 12teiliges +»Gemälde«, das die Leistungen des Gefeierten +<!-- Page 46 --><span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> +im einzelnen zur Darstellung brachte. Schon +von weitem schlug Asmus einen andern Weg ein, +er wußte auf der Welt nichts Widerwärtigeres +als diese Bilder und die erklärenden Gesänge der +Schausteller.</p> + +<p>Aber dann gab es einen Mann auf dem +»Spielbudenplatze«, der war am ganzen Leibe +mit Musik bewaffnet. Mit dem Fuße schlug er +Becken und Triangel, mit dem Ellbogen eine +große Trommel, mit der rechten drehte er einen +Leierkasten, mit dem Munde blies er eine Panflöte, +und wenn er den Kopf schüttelte, erklangen +von seinem Hute, der einer chinesischen Pagode +glich, eine Menge von Glöcklein. Die Musik +war gewiß scheußlich; aber die Fertigkeit des +schwitzenden Mannes blieb bewundernswert. Er +hatte denn auch immer ein Rudel von Jungen +um sich, und darum mußte er die linke Hand +frei behalten.</p> + +<p>»Käupt, Lüd, käupt!« schrie mit furchtbarer +Schnapsstimme, die dem Bellen eines heiseren +Wüstenwolfes glich, ein Mann, der Datteln verkaufte. +Aber es waren keine Datteln mehr, es +war nur noch ein unerklärbares Mus, das zu +Klumpen geballt auf der Karre lag. »Tein Penn +dat Pund, Lüd!« schrie der Mann. »Ick verkäup +se mit Schoden, Lüd; ick sett dor noch bi +too! Blos ut Schobernack käupt mi wat af, Lüd!«</p> + +<p>Und einmal kam Asmus an eine Bude, auf +deren Vorderseite ein Schwein mit Menschenaugen +abgebildet war. Das Tier hatte einen +<!-- Page 47 --><span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span> +seelenvollen Blick und schien darüber nachzusinnen, +ob es ein Mensch oder ein Schwein +sei. Was es in seinem Zweifel noch bestärken +konnte, war der Umstand, daß es an den Hinterfüßen +fünf menschliche Zehen hatte. Wohl hundertmal +drehte Asmus sein Zehnpfennigstück in den +Händen herum; aber dann sagte er sich, daß ein +zukünftiger Lehrer seiner Bildung jedes Opfer +bringen müsse; er gab es hin und trat ein. +Er fand in einem Glashafen voll Spiritus ein +kleines totes Ferkel, das genau wie jedes andere +Ferkel aussah. Der Schausteller, ein großer +Kerl in Hemdärmeln, erklärte ihm, das Ferkelauge +sei ein vollkommenes Menschenauge, und +die hinteren Zehen seien Menschenzehen. Asmus +blickte schon lange nicht mehr auf das Ferkel +im Glashafen, sondern auf den Mann in Hemdärmeln; +er sah ihn mit staunenden Blicken an; +denn er begriff nicht, daß ein Mensch so unverschämt +sein könne.</p> + +<p>»Das ist ja alles Schwindel!« sagte Asmus. +Im nächsten Augenblick fühlte er sich unsanft +vor die Bude befördert, und wenig fehlte, so +wäre er die Stiege, die zum Eingang hinaufführte, +hinuntergefallen. Es war nicht die erste +Erfahrung dieser Art, die er im »Kampfe gegen +das Unrecht« machte; aber noch viel, viel weniger +war es die letzte.</p> + +<p>Nach solchen Erlebnissen gab es einen Wirbel +in seinem Kopfe. Wie konnte so etwas geschehen! +<em class="gesperrt">Das war doch Unrecht!</em> Und Unrecht +<!-- Page 48 --><span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> +brauchte man sich doch nicht gefallen zu +lassen! Unrecht <em class="gesperrt">durfte</em> man sich gar nicht gefallen +lassen ...</p> + +<p>Wenn es sich aber traf, daß die drei sich +männlich aufgelegt fühlten, so wandten sie den +kindlichen Freuden des Spielbudenplatzes nach +gründlicher Betrachtung mit kritisch geschürzten +Lippen den Rücken und gingen noch dreiviertel +Stunden weiter nach Hamburg hinein. Dort +gab es nämlich eine Wirtschaft, wo man ein +ganzes Seidel »echtes Kulmbacher« für fünfzehn +Pfennige verzapfte und sechzehnjährige Männer +mit Hochachtung behandelte. Sie saßen dort +eine Stunde lang bei einem Glase und übten +Kritik nach Art der Jugend, das heißt sie rezensierten +die Bälle der Billardspieler, ohne von +diesem Spiel etwas zu kennen. Auch das Billardspiel +war ein <em class="antiqua">pium desiderium</em> Asmussens; aber +ach, zu all dergleichen gehörte ein Lehrergehalt. +Ja, wenn man 1200 Mark verdiente – nach +einem vorzüglichen Examen bekam man sogar +1300 Mark das Jahr – dann ließen sich alle +Sehnsüchte kühlen.</p> + +<p>Wenn sie mehr Geld als gewöhnlich hatten, +so gingen sie in ein Vorstadttheater, wo die Vorstellung +7 Stunden dauerte. Da gab es Musik, +Couplets, Liedervorträge, Männer, die abgeschossene +Kanonenkugeln auffingen, wunderschöne +Trapezkünstlerinnen in Trikots und dazu noch +ganze Dramen in fünf oder mehr Akten, z. B. +Anna Field, die Frau in Weiß oder ein Opfer +<!-- Page 49 --><span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> +der Liebe von Charlotte Birch-Pfeiffer. Aus +den Stücken machte sich Asmus nicht viel; aber +der jugendliche Held und Liebhaber gefiel ihm +über die Maßen. Asmussens Vater behauptete, +diesen Mann schon vor dreißig Jahren als +jugendlichen Liebhaber gesehen zu haben, und +taxierte ihn auf sechzig Jahre. Aber er hatte sich +aus besseren Tagen in Spiel und Stimme einen +edlen Rest bewahrt, und dieser genügte, um Asmus +zu entflammen. Vor allem diese Sprache! +Das mußte auch in Wirklichkeit ein edler, seelenguter +Mensch sein, davon war Asmus tief überzeugt. +Und die Liebhaberinnen verehrte und +liebte er ohne Ausnahme; denn er war etwas +kurzsichtig und saß auf einem billigen Platze +weit hinten. Eine sanfte Stimme und ein weißes +Gewand genügten, um ihn von der heiligen Unschuld +einer Heldin zu überzeugen. Er war in +jenem Alter, wo die Ästhetik der jungen Leute +immer dem andern Geschlechte recht zu geben +pflegt.</p> + +<p>Wenn sie aber sehr viel Geld hatten, fünfzig +Pfennige oder noch mehr, dann gingen sie in +ein »richtiges« Theater, wie Asmus es nannte, +das heißt ins Stadt- oder Thaliatheater. Einmal +erwischte Asmus auf der höchsten Galerie +einen Platz, von dem aus er nur dann die +Bühne erblicken konnte, wenn er seinen Körper +in einen fast rechten Winkel bog. Man gab +Don Carlos, ein Stück, das zwischen sechs- und +siebentausend Verse hat. In den Zwischenakten +<!-- Page 50 --><span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span> +hatte er beachtenswerte Kreuzschmerzen; aber +sobald der Vorhang wieder aufging, waren sie +verschwunden. Es war eine Begeisterung mit +Hindernissen; aber so stark war sie, daß die +Jünglinge noch stundenlang im Regen spazieren +gingen und sich nur in Ausrufungssätzen über +den Don Carlos und seinen Dichter unterhielten. +An solchen Abenden hatte Asmus stärker denn +je das Gefühl: Warum geht man eigentlich zu +Bett? Man verliert ja die Hälfte des Lebens, +die Hälfte der Welt! Und als er eines Tages +bei Grabbe die Worte fand: »Die Zeit, die man +nicht schläft, heiß ich dem Tode abgewonnen,« +da jauchzte er förmlich auf: Ja, das ist mein +Mann.</p> +</div> + + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 51 --><span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> +<a name="VII_Kapitel" id="VII_Kapitel"></a>VII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Wie Asmus sang, trank, lachte, weinte und prustete.</div> + + +<p><span class="bigletter">E</span>s muß andrerseits gesagt werden, daß er dasselbe +Gefühl auch beim Biertrinken hatte, +und das Biertrinken studierte er außer anderem +bei Herrn Bockholm. Franz Bockholm war ein +blindgeborener Orgel- und Klaviervirtuos und +wohnte, obwohl er ein ziemlich wohlhabender +Mann war, in einer winzigen, obskuren Arbeiterkneipe, +die innen und außen vom Ruß +der nahen Glashütten geschwärzt war. Asmus +wurde eines Tages durch einen Zigarrenarbeiter, +dem er Privatstunden gab und der das Honorar +für das abgelaufene Vierteljahr in einem +Glase Bier erlegen wollte, dorthin geführt. Natürlich +genoß der blinde Künstler in diesen Räumen +die Verehrung eines weißen Elefanten, und +Asmus empfand eine tiefe Ehrerbietung, als er +ihm in aller Form vorgestellt wurde. Schon +vor dem Unglück der Blindheit allein empfand +er eine heilige Ehrfurcht; als sich nun aber der +Blinde gar ans Klavier setzte und wunderschön +aus der »Zauberflöte« phantasierte, da vergaß +er »in diesen heiligen Hallen« vollends, daß +es eine Schnaps- und Bierschenke war. Dann +<!-- Page 52 --><span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span> +unterhielt man sich, und Asmus fiel es auf, +daß Herr Bockholm den Kopf neigte und horchte.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Donnerwetter!« schrie plötzlich der Blinde, +»Donnerwetter! Sie müssen doch singen können!«</p> + +<p>Asmus stotterte verlegen, daß er nur ein +bißchen singen könne – »eigentlich gar nicht!« +rief er schnell; denn er hatte Angst.</p> + +<p>»Kommen Sie, kommen Sie!« rief Bockholm, +und schon saß er wieder am Klavier. +»Sie haben einen Bariton. Was können Sie +singen?«</p> + +<p>Asmus begann mit bebendem Herzen das +Lied des Zaren »Einst spielt’ ich mit Zepter«, +und als er das beendet hatte, schrie Herr Bockholm: +»Weiter, was können Sie noch?«</p> + +<p>Und nun sang Asmus, kühner geworden:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Horch auf den Klang der Zither.«</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>»Verflucht!« schrie der Blinde, sprang auf, +schlug sich auf den Schenkel und lachte übers +ganze Gesicht, »verflucht! Er hat eine Stimme +wie Krückl!« Das war ein Bariton, der am +Stadttheater den Mozartschen Almaviva und +den Rossinischen Figaro sang.</p> + +<p>»Frau Piefke, Bier!!« brüllte der Musiker +mit vehementer Lustigkeit, und nun mußte Asmus +auf seine Kosten eins trinken und noch +eins und noch eins. Noch am selben Abend +mußte Asmus mit dem weißen Elefanten auf +du und du trinken, obwohl dieser ein viertel +Jahrhundert älter war, und dann wurde nicht +<!-- Page 53 --><span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span> +weniger abgemacht als dies: Asmus solle jeden +Tag kommen und bei Bockholm das Klavierspiel +lernen und solle sich Gesangsnoten verschaffen, +z. B. die Balladen von Löwe, und +zum Entgelt solle er dem Blinden hin und wieder +etwas vorlesen.</p> + +<p>Und ungefähr so geschah es. Asmus kam, +wenn auch nicht täglich, so doch oft, lernte Klavierspielen, +sang den »Archibald Douglas« – +»darin steckt mehr als in mancher großen Oper,« +schrie Bockholm mitten im Spiel – las seinem +Lehrer die Zeitung bis in den Inseratenteil vor +– denn der Blinde wollte alles wissen – und +übte sich im Biertrinken.</p> + +<p>In dieser Kunst leistete der Meister noch +mehr als in der Musik; ein Seidel voll schien +auf einen Schluck, wie in einer Klappe, zu verschwinden, +und er hatte begnadete Tage, wo +er es auf dreißig Seidel brachte. Das sah nun +Asmus freilich mit Staunen und mit Grauen; +aber er hielt es doch für Ehrensache, es auf +vier oder fünf zu bringen. Zuweilen allerdings +kam ihm die ganze Atmosphäre etwas trüb und +traurig vor; es kamen da Gesellen, bei denen +er sich wunderte, daß Bockholm ihnen vorspielte +und mit ihnen trank; aber dann kamen auch +wieder Leute, ungebildete Arbeiter, in berußten +Blusen und kalkbefleckten Kitteln, die mit einer +schier leidenschaftlichen Begierde und mit innerster +Teilnahme zuhörten. Und Kerle mit Humor +kamen da! Eines Tages, als Bockholm ein +<!-- Page 54 --><span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span> +Bravourstück mit ungeheurer Fingerfertigkeit +gespielt hatte, sagte ein Steinbrügger:</p> + +<p>»Junge – wenn ick den sin’n Kopp harr!« +und ein anderer versetzte langsam und gedankenvoll:</p> + +<p>»Djä – – un wenn du denn so dumm +wärs wie jetz, denn nütz di dat ook nix.«</p> + +<p>»Och,« sagte dann wieder der erste, »wenn +ick man din Mul harr, denn gung dat woll,« +und dann stießen sie miteinander an und lachten.</p> + +<p>Ja, das war doch auch wieder etwas, wobei +einem das Herz ganz frei und warm wurde!</p> + +<p>Gewöhnlich wollten die Arbeiter unzählige +Seidel Bier für den Künstler zahlen; aber das +nahm er nur unter der Bedingung an, daß er +sich revanchieren dürfe, und so kam er immer +häufiger auf die dreißig Seidel und mit jedem +Tage seinem frühen Ende um zwei Tage näher.</p> + +<p>Die Privatstunden im Biertrinken kamen +Asmus zu statten bei den heimlichen Zusammenkünften +der Albingia. Die Albingia war eine +heimliche Präparandenverbindung mit Burschenbändern, +Zereviskappen und allem Zubehör +eines regelrechten Komments. Durch ein bemoostes +Haupt, das die Geheimnisse der Albingia +mit dem furchtbaren Ernste des Verschwörers +behandelte und an ein Sakrament der +Kneipe zu glauben schien, wurde Asmus in +diesen nächtlichen Zirkel eingeführt. Gleich bei +der ersten Kneipe hieß es: »Semper muß aus +’m Faust rezitieren,« und Asmus ließ sich vom +<!-- Page 55 --><span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span> +Kellner ein Fläschchen voll braunen Saftes und +ein Glas bringen und bestieg die kleine Bühne +am Ende des Saales. Er sprach die ersten Monologe +des Faust bis zum Anbruch des Ostermorgens, +und als er an die Stelle kam:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i">»Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen;</span> +<span class="i0">Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen;</span> +<span class="i0">Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht.</span> +<span class="i0">Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle;</span> +<span class="i0">Den ich bereitet, den ich wähle,</span> +<span class="i0">Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele</span> +<span class="i0">Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht!«</span> +</div></div> + + +<p>da goß Asmus den Inhalt des Fläschchens in +das Glas. Der Saft war nichts anderes als +Bier; aber nicht nur Asmus, nein, die ganze +Versammlung würde den mit ewiger Verachtung +belegt haben, der darüber gelacht hätte.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Sonst aber lachte er lieber als alle anderen. +Er fand es ungemein possierlich, daß er als +Fuchs den andern Bier einzapfen und ihnen die +lange Pfeife anzünden mußte, und er war glücklich +und stolz, als er endlich »entschwänzt« +wurde und in der Biertaufe den Namen »Dr. Faust« erhielt. +Er war noch gewohnt, alle +Dinge des Lebens tief zu nehmen, und hielt es +für heilige Pflicht, einen »Kuhschluck« und einen +»Bierjungen« genau so ernst zu nehmen wie +<!-- Page 56 --><span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span> +die Gedanken Rousseaus und die Entstehung +des Pentateuchs. Er konnt’ es nicht begreifen, +wie man trotz der Ermahnungen des Vorsitzenden, +auszuharren, dennoch um drei Uhr +morgens aufbrechen konnte, wo es doch die einfachste +deutsche Treue gebot, den Präsidenten +nicht im Stich zu lassen. Und am wenigsten +konnt’ er begreifen, daß sie nicht lustiger waren, +daß sie all diese fidelen Bräuche, diese köstlichen +Lieder und Schnurren, von denen das Kommersbuch +förmlich platzte, für gewöhnlich so +frostig, gleichsam geschäftsmäßig abmachten. +Mein Gott – als er sich das Kommersbuch zu +Hause vornahm – da lachten und schwärmten +ja ganze Jahrhunderte daraus hervor; die Romantik, +der Übermut, der Jugendglaube von +zwanzig Generationen zogen durch seine Brust; +alle Augenblick mußt’ er aufspringen, mit den +Fingern schnalzen, Tanzsprünge durchs Zimmer +machen; auf seinen Wangen mischten sich Lachtränen +und Weintränen – o, wie mußte das +über alle Begriffe herrlich sein, wenn solch ein +Lied durch den Saal brauste, wie göttlich lustig +mußte das sein, wenn sie alle mit Leichenbittermienen +sangen:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">O wie bimmel, bammel, bummelt,</span> +<span class="i0">O wie bimmel, bammel, bummelt,</span> +<span class="i0">O wie bummelt mir mein Frack!</span> +<span class="i0">Ich hab noch nie einen Frack gehabt,</span> +<span class="i0">der mir so sehr gebimmelbammelt hat –</span> +</div></div> + + +<p><!-- Page 57 --><span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> +aber wenn dann die Kneipe da war, ja, da +gab es wohl zuweilen lustige Stunden; aber +es war nicht das, was er gehofft hatte; es +fehlte ein Duft – ein Glanz – eine unnennbare +Weihe – es fehlten die rosigen, silbernen +Wolken über der Versammlung – – –!</p> + +<div class="textbody"> +<p>Er begriff überhaupt nicht, warum die Menschen +nicht öfter lachten und nicht öfter weinten, +da doch die Welt so reichen Anlaß dazu bot. +Als er einmal eine Molieresche Komödie sah +und die Situation auf der Bühne plötzlich eine +künftige Situation von großer Komik ahnen +ließ, da schoß ihm ein so gewaltiges Lachen in +die Nase, daß er es nicht zurückhalten konnte; +da er es aber dennoch zurückhalten wollte, so +kam ein eigentümlicher Prust-, Schnupf- und +Grunzlaut zustande, über den das ganze Publikum +in laute Heiterkeit ausbrach. So hatte +sich Asmus vermutlich noch nie geschämt wie in +diesem Augenblick; es ist anzunehmen, daß er +bis in die Zehenspitzen errötete; aber nachher +mußte er sich doch fragen: Warum habe ich denn +allein gelacht? Warum lachten nicht alle? +</p></div> + + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 58 --><span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span> +<a name="VIII_Kapitel" id="VIII_Kapitel"></a>VIII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Warum Ludwig Semper nicht in den »Lohengrin« ging +und Asmus mit einem Windhund verkehrte.</div> + +<p><span class="bigletter">W</span>enn er von der monatlichen Kneipe der +Albingia einmal spät nach Hause kam, so +schüttelte Frau Rebekka den Kopf und äußerte +ihre Besorgnisse; aber Ludwig Semper lachte +vergnügt in sich hinein und sagte: »Laß ihn; +das gehört dazu.« Auch er hatte zu Schleswig +seine heimlichen Gymnasiastenkneipen gefeiert +und den Landesvater gesungen, und manchesmal, +wenn das Vergangene in ihm erwachte, +hatte er, am Tabakstische sitzend und das blanke +Zigarrenmesser schwingend, gesungen:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Seht ihn blinken</span> +<span class="i0">In der Linken</span> +<span class="i0">Diesen Schläger, nie entweiht!</span> +<span class="i0">Ich durchbohr den Hut und schwöre:</span> +<span class="i0">Halten will ich stets auf Ehre,</span> +<span class="i0">Stets ein braver Bursche sein!«</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Dagegen hatte Ludwig Semper für eine andere +Neigung seines Sohnes durchaus kein Verständnis: +Er begriff nicht, wie man ohne Not +einen Weg von mehr als einer Viertel- oder +<!-- Page 59 --><span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span> +gar halben Stunde machen konnte. Wenn Asmus +in den Ferien Spaziergänge von vier Stunden +machte, so schüttelte Ludwig andauernd den +Kopf; bei einem acht- oder zehnstündigen Ausflug +aber wurde er sozusagen böse, warf das +linke Bein über das rechte und murmelte: »Verrückt!« +Er schien das für gesundheitsschädlich +zu halten, und einer der Gründe, weshalb er +noch immer nicht den Lohengrin gehört hatte, +war der, daß man ins Hamburger Stadttheater +eine Stunde zu gehen hatte. Asmus hingegen +hatte Seume gelesen, und einer seiner Träume +war es, einen Spaziergang nach Syrakus zu +machen, wie ihn dieser etwas nüchterne, etwas +trockene, aber in seiner Unabhängigkeit, Kraft +und Lauterkeit dennoch poetische Mann gemacht +hatte.</p> + +<p>Unter den Studiengenossen, mit denen Asmus seine +<span class="longword">botanisch-zoologisch-mineralogisch-poetisch-politisch-philosophisch-cerealisch-bacchischen</span> +Ausflüge – denn das Frühstück spielt +bei Siebzehnjährigen eine genau so große Rolle +wie der Idealismus – zu unternehmen pflegte, +waren es besonders zwei, zu denen er in ein +näheres Verhältnis trat. Der eine war sein +Mithospitant Morieux, und dieser hatte Eigenschaften, +die wohl auf einen französischen Vorfahren +schließen lassen konnten. Er war ein +hübscher, schlanker, geschmeidiger Bursche mit +dunklem Haar und einem famosen schwarzen +Schnurrbärtchen und zeigte in Sprache und Gebärden +<!-- Page 60 --><span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> +eine überschießende, ja, in seinen Mienen +nicht selten eine fratzenhafte Lebhaftigkeit. Die +Jugend urteilt wie die Frauen und wie das +Publikum mit Vorliebe nach dem Instinkt und +trifft damit gewöhnlich das Richtige. So erhielt +denn auch Morieux in der Biertaufe den +Namen Fritz Triddelfitz, mit der Begründung, +daß er ein »langschinkiger, dünnrippiger Windhund« +sei. Von den Windhunden sagt man, daß +sie selbstsüchtig und wenig treu seien, und das +stimmte bei Morieux insofern, als er nur eine +halbe Treue besaß. Wenn Asmus in der Klasse +irgend einen größeren Erfolg erzielt hatte, so +beglückwünschte ihn Morieux mit fulminanten +Worten und war dabei blaß bis in die Lippen, +und Asmus sah mit vollkommener Gewißheit, +daß der Neid, ja der Haß ihn innerlich zerwühlten. +Aber er sah auch, daß Morieux mit +diesem Neide kämpfte, daß er sich die Lippen +fast blutig biß. Und immer wieder kehrte er +zu Asmus zurück und zog seinen Umgang jedem +anderen vor. Er überhäufte den Freund mit +Ausdrücken einer so schwärmerischen, überschwenglichen +Bewunderung, daß Asmus abwechselnd +rot und blaß wurde und an die +Aufrichtigkeit dieser Apotheosen niemals glauben +konnte, und doch wußte er, daß Morieux in +derselben Weise zu andern über ihn sprach. Auch +Asmussens Eltern hatte er solchermaßen den +Ruhm ihres Sohnes verkündet, und Frau Rebekka +hatte alles geglaubt und mit Entrüstung +<!-- Page 61 --><span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> +ausgerufen: »Der dumme Bengel! Und davon +sagt er zu Hause kein Wort!« Im innersten +Herzen fühlte sich Asmus von diesem Freunde +wohl mehr abgestoßen als angezogen; aber eines +besaß dieser Freund, was ihn festhielt, und das +war seine außerordentliche musikalische Begabung, +im besonderen sein vorzügliches Geigenspiel. +Morieux ließ nicht locker, bis sich Asmus +von ihm die Anfangsgründe des Geigenspiels +zeigen ließ, und alsbald traktierte der +junge Semper mit solcher Versessenheit das +schwierige Instrument, daß sie nach einigen +Wochen schon leichte Duette spielten. Dieses +Band hielt sie zusammen und zog sie bald zu +einem Bratschisten und einem Cellisten hin und +geleitete ihren jugendlichen Wagemut endlich zu +den Quartetten Haydns, Mozarts, Beethovens +und Schuberts.</p> + +<p>Aber leider hatte der langschinkige, dünnrippige +Windhund eine fatale Neigung, andere +Leute aufzuziehen. Er hielt sich für so gescheit, +daß er allen andern etwas aufbinden könne; +er gab sich bei den gemeinsamen Ausflügen den +einfachen Landbewohnern gegenüber für einen +ausstudierten Lehrer, für einen Arzt, für einen +höheren Beamten oder dergleichen aus, nur um +ihnen allerlei Abenteuer und Räubergeschichten +aufzubinden und sich an ihrer Leichtgläubigkeit +zu weiden. Nun schlummert freilich hinter den +träumerisch-gutmütigen Augen des Schleswig-Holsteiners +eine feine und stattliche Klugheit, +<!-- Page 62 --><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> +die nur dann vollends aufwacht, wenn es durchaus +notwendig ist, und gelegentlich wurde der +Aufschneider wohl durch ein ironisches Lächeln +oder ein spöttisches Wort zurückgewiesen; aber +manchmal fand er auch Gläubige, und solch ein +Mißbrauch eines freundlichen Vertrauens verdroß +Asmus jedesmal über die Maßen. Am +wenigsten konnte er’s vertragen, daß alte Leute +in weißen Haaren gefoppt wurden, und wie +wurde ihm nun gar zumute, als Morieux sich +eines Tages einfallen ließ, seine Eltern, seine +Mutter Rebekka Semper, seinen Vater Ludwig +Semper anzulügen und zu hänseln. Als hätte +man ihm mit der Peitsche ins Gesicht geschlagen, +so war es ihm. Um seine Eltern nichts merken +zu lassen, machte er gute Miene zum bösen Spiel +und lenkte mit einer gewaltsamen Anstrengung +das Gespräch geschwind auf einen anderen Gegenstand: +nachher aber, beim Abschied vor der +Tür, weigerte er dem Frevler die Hand und +sagte:</p> + +<p>»Du brauchst mich nicht wieder zu besuchen. +Wir sind geschiedene Leute.«</p> + +<p>Morieux ging lächelnd und mit einem höhnischen +Achselzucken davon.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 63 --><span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span> +<a name="IX_Kapitel" id="IX_Kapitel"></a>IX. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Ein Afrikaforscher, der nicht revanchelüstern ist.</div> + +<p><span class="bigletter">G</span>anz, ganz anders war Sempers zweiter +Wandergenosse. Er war hager, sehnig und +steif, von scharfgeschnittenem Gesicht, und sein +silberweißes kurzgeschorenes Haar stand senkrecht +aufgerichtet wie Nägel. Eigentlich hieß er +Herrig; aber nach einem Vororte Hamburgs, +wo die Insassen einer gewissen Anstalt gezwungenermaßen +kurzgeschoren gingen, nannte der +liebevolle Witz seiner Klassengenossen ihn »Fuhlsbüttel«. +Weit davon entfernt, musikalisch zu sein, +sang er, wenn er die Wacht am Rhein singen +wollte, die Lorelei, die aber auch noch falsch. +Er war überhaupt vom Kopf bis zu den Füßen +amusisch, und unter allen Kunst- und Literaturschätzen +der Welt gab es nichts, was seinen Herzschlag +beschleunigen konnte. Allein auch er hatte +etwas, was ihn Sempern interessant machte: +nämlich eine grammatische Nase, und in der +Analyse knifflicher Satzgebilde galten er und +Asmus für Rivalen. Auch kannte er eine +Menge Pflanzen und Insekten bei Namen, und +<!-- Page 64 --><span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span> +Asmus, den seine Dorfschule in dieser Hinsicht +mit wahrhaft imposanten Lücken ausgestattet +hatte, ergriff mit Freuden die Gelegenheit, sich +aus dem »Thesaurus« seines Freundes zu bereichern. +Dafür bereicherte sich John Herrig, +wie man sehen wird, aus einem anderen Schatze +seines Freundes Asmus.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Zunächst freilich war es eine Bereicherung +von zweifelhaftem Wert. Sie unterhielten sich +auf ihren Wanderungen stundenlang mit bitterem +Ernst über Fragen der Politik, der Volkswirtschaft, +der Gesellschaftsmoral, der Philosophie, +kurz <em class="antiqua">de omnibus rebus et quibusdam aliis</em>. +(Morieux war immer nach zwei Minuten auf +eine Hanswursterei abgesprungen.) Dabei sprachen +sie auch von ihrer Zukunft.</p> + +<p>»Ich bleibe nicht Lehrer,« sagte Herrig, »ich +werde Afrikaforscher.« Da war es Asmussen, als +ob plötzlich eine unbekannte Gewalt, von der er +nie gewußt, die gar nicht aus seinem Innern, +sondern aus einer weiten Zukunft zu kommen +schien, ihm ein Wort auf die Lippen legte:</p> + +<p>»Ich – ich –« sprach er zögernd, »ich +<em class="gesperrt">möchte</em> ja wohl Dichter werden!« Und schnell +setzte er hinzu: »Aber das ist ja natürlich Unsinn.«</p> + +<p>Dann gab es einen Tag, da gingen John +und Asmus lange schweigend nebeneinander her.</p> + +<p>»Warum reden wir eigentlich nichts?« sagte +Asmus endlich. +</p> + +<p><!-- Page 65 --><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span> +»Hm,« machte Herrig, »weil wir nichts mehr +zu streiten haben. Ich habe nach und nach alle +deine Anschauungen angenommen.«</p> + +<p>Asmus erschrak fast, als Herrig so nüchtern +den wahren Sachverhalt feststellte. Er hatte recht: +das innere Freundschaftsverhältnis war eigentlich +abgestorben. Anschauungen aber, die man +von einem anderen angenommen hat, weil man +nichts mehr zu erwidern wußte, sind immer +ein zweifelhafter Reichtum gewesen.</p> + +<p>Asmus indessen ertrug es nicht, einen toten +Freund mit sich herumzuschleppen. Er versuchte, +von seinem Blut in die Adern seines kalten, +blaßhaarigen Freundes hinüberzuleiten. Sie +wollten an den herrlichen Sonnabend-Feierabenden +etwas zusammen arbeiten. Und er holte +Schillers Briefe über ästhetische Erziehung hervor, +an denen er sich schon einmal geärgert hatte, +weil er sie nicht verstand. Vielleicht gelang es, +sie mit zwei Köpfen zu bewältigen. Aber nach +einigen Briefen mußten sie’s abermals aufgeben. +Nun studierten sie Latein zusammen und lasen +den Gallischen Krieg. Auch andere römische Autoren +lasen sie; wenn sie ihnen lateinisch zu +schwer waren, dann in Übersetzungen, und in +den anschließenden Unterhaltungen fanden die +alten Herren eine mehr oder weniger endgültige +Beurteilung.</p> + +<p>»Dieser Ovid ist doch ein fürchterlicher +Quatschkopp!« rief Herrig eines Abends aus.</p> + +<p>Das ärgerte Asmus und er versetzte: +</p> + +<p><!-- Page 66 --><span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span> +»Und dein Sueton ist ein altes Waschweib.«</p> + +<p>Auf solche Weise erwärmte sich nach und nach +wieder das Freundschaftsverhältnis; bald aber +sollte es trotzdem für immer erkalten.</p> + +<p>John Herrig schöpfte nämlich aus seinem +Freunde noch einen reelleren Reichtum als den +der Weltanschauung. Wenn sie auf ihren Ausflügen +einkehrten, um zu ihrem mitgenommenen +Frühstück ein Glas Bier zu trinken, so zahlte +Asmus regelmäßig die Zeche und teilte die vom +Vater erhaltenen Zigarren mit seinem Freunde. +Er sagte sich nämlich: Wenn er Geld hat, so +wird er sich natürlich revanchieren; wenn er +keins hat, versteht es sich von selbst, daß der +bezahlt, der etwas hat. Und Asmus erwischte +hin und wieder Privatstunden, die mit 50 Pfg. +bezahlt wurden.</p> + +<p>Und wenn sie rückkehrend, hungrig, durstig +und müde von der Sonnenhitze, in Oldensund +eintrafen, dann fand es Asmus unmenschlich, +den Freund noch eine Stunde weit nach seinem +Mittagessen gehen zu lassen, und er sagte: +»Komm mit und iß mit mir; meine Mutter +wird wohl soviel haben.«</p> + +<p>Und Frau Rebekka, die für sieben Menschen +kochte, darunter für fünf Söhne, deren Appetit +täglich wuchs und sich nach oben hin jedem Voranschlag +entzog, hatte auch noch genug für einen +achten, und sie, die nach einem Worte ihres +Gatten so sparsam war, »daß sie den Flicken +eines Flickens flickte«, und das so akkurat, daß +<!-- Page 67 --><span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span> +Herr Aufderhardt, der Schneider, ausrief: »Das +ist so schön gemacht, daß <em class="gesperrt">ich</em> es nicht besser kann!« +– sie, die aus einem Rock eine Weste, aus der +Weste eine Mütze, aus der Mütze einen Handschuh, +aus dem Handschuh einen Putzlappen +machte, und so das arme Tuch in Wahrheit zu +Tode hetzte, um es zuletzt noch an den Lumpenhändler +zu verkaufen, – sie strahlte von Heiterkeit +und Stolz, wenn ein Gast an ihrem Tische +saß und tüchtig einhieb. Das war eben eine der +leichtsinnigen Anmaßungen, die sie von ihrem +Gatten übernommen hatte, daß sie sich für berechtigt +hielt, unbeschränkte Gastfreundschaft zu +üben. Wer im Augenblick einer Mahlzeit als +Freund das Semperische Haus betrat, der wurde +an den Tisch gebeten, das war eine Überlieferung +von Semperischen Urvätern her.</p> + +<p>Und nun merkte Asmus eines Tages, daß +dieser Satan, dieser Herrig, <em class="gesperrt">doch</em> Geld hatte! +Und daß es ihm gleichwohl gar nicht einfiel, +sich zu »revanchieren«. Diese Entdeckung machte +Asmussen von oben bis unten gefrieren. Von +allen Lastern, soweit er sie bis jetzt kennen gelernt +hatte, war ihm eins immer als das häßlichste +erschienen: der Geiz. Und mit einem +Schlage war er aufgetaut, und aus dem Grunde +seines Herzens atmete er auf, als Herrig bald +darauf, nachdem er den Freund für die nächste +gemeinsame Arbeit in seine Wohnung geladen +hatte, hinzufügte: »Du kannst ja dann bei mir +zu Abend essen.« +</p> + +<p><!-- Page 68 --><span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> +Gott sei Dank, dachte Asmus, er ist doch +nicht geizig.</p> + +<p>Als Asmus am nächsten Sonnabend in die +Stube seines Freundes trat, fiel ihm sofort dessen +Verlegenheit auf. Nach einiger Zeit stotterte +Herrig:</p> + +<p>»Abend – Abendbrot hast du wohl schon +gegessen!«</p> + +<p>»Ja,« sagte Asmus, »Adieu!« Und nun +war er sich klar über John Herrig.</p> + +<p>Er hatte vorläufig kein Glück mit den +»Freunden« unter seinen Studiengenossen. +</p></div> + + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 69 --><span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span> +<a name="X_Kapitel" id="X_Kapitel"></a>X. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus als Königsmörder und Galeerensträfling, als +Gallo und Petrarca. Er erneuert eine gewisse, für die +Folge nicht unwichtige Bekanntschaft.</div> + +<p><span class="bigletter">O</span>b er den Freund in seinem andern Mithospitanten, +jenem Jüngling mit der hebräischen +Handschrift finden sollte, der seit einiger +Zeit mit ihm denselben Weg zur Schule ging? +Claus Münz war ein guter Kerl; aber er redete +zu viel von seinen Muskeln. Er war nämlich +vierschrötig und starkknochig wie ein Arbeitspferd, +und wenn er Sempern die Hand gab, +drückte er sie zum Beweise seiner Heldennatur +so stark, daß Asmus das Gesicht verzog, und +dann wieherte Claus Münz aus vollem Halse +wie ein Roß. Er entblößte täglich einmal seinen +Arm, um den Bizeps zu zeigen, und hatte den +sehnlichen Wunsch, einmal mit einem Athleten +vom Spezialitätentheater ringen zu dürfen. Es +sei ein Jammer, sagte er, daß er als Schulmeister +nur sechs Wochen dienen könne, sonst würde er +zu den Gardehusaren kommen, und dann hätte +er vielleicht einmal tüchtig in die Franzosen einhauen +<!-- Page 70 --><span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span> +können. Er hatte als Knabe jenen Geschichtsunterricht +empfangen, nach dem die Franzosen +Lumpenhunde sind, die Deutschen hingegen +bieder und treu. Asmus machte sich anfangs +ein Vergnügen daraus, die Franzosen auf jede +Weise herauszustreichen; aber bald ward ihm +dieser Streit zu dumm. Claus Münz war auch +in allen Muskeln und Knochen königstreu; Asmus +hingegen war überzeugter Tyrannenmörder. +Zwar konnte er kein Tier, geschweige denn einen +Menschen leiden sehen, und sein schlimmster Feind +hörte auf, sein Feind zu sein, sobald er litt; aber +so sehr er Cäsarn bewunderte und liebte, an +den Iden des März und bei Philippi hatte er’s +mit Brutus gehalten, sein Herz hatte den Möros, +den Harmodius und Aristogeiton, den Tell und +ihren Genossen gehört. Nun war es geschehen, +daß ein Mann namens Nobiling auf den Kaiser +Wilhelm geschossen und ihn verwundet hatte. +Claus Münz war außer sich vor Entrüstung. +Asmus, der in der Arbeitsstube der Zigarrenmacher +den ersten Wilhelm kaum anders als +»Kartätschenprinz« hatte nennen hören, hatte ein +lebhaftes Mitgefühl mit dem alten Manne, wenn +er ihn sich auf seinem Schmerzenslager dachte, +und beklagte die Tat des Mörders; aber er ersuchte +doch auch den mit allen Muskeln wütenden +Freund, gefälligst nicht zu vergessen, daß +Wilhelm I. und Bismarck Tyrannen seien. Er +war der Meinung, daß es Fürsten und Minister, +Herrschende und Besitzende durchaus in der Hand +<!-- Page 71 --><span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span> +hätten, dem Volke Brot und Freiheit zu geben, +und daß nur Herrschsucht und Habsucht sie daran +hinderten. Die Erkenntnis, daß wir alle unter +dem Zwange der Notwendigkeit stehen und daß +es keine abhängigeren Menschen gibt als die +Herrschenden, daß wir alle an Händen und +Füßen, die Herrschenden aber an jedem Finger +und jedem Haar von Fäden gezogen und geleitet +werden, die aus dem Unendlichen kommen, +es sollte noch lange währen, bis ihm diese Erkenntnis +aufging. Die Geschichtsstunden des +Herrn Stahmer hatten wohl ein leises Ahnen +von der ehernen Verkettung der Dinge in ihm +erweckt; aber dieser Unterricht war zu kurz gewesen +und hätte wohl auch, wenn er länger gewährt, +aus den jungen Keimen einer Jünglingsseele +– einer Kindesseele fast – keine Bäume +machen können. Die Geisteskräfte des guten +Claus Münz aber waren vollends nicht dazu +geschaffen, den jungen Semper zu überwältigen; +dieser gab es sogar vollständig auf, zu streiten, +weil Claus Münz immer nur muskulöse Behauptungen +vorbrachte, und Asmus schleppte geduldig, +aber gemartert, jeden Morgen den Geist +des Claus Münz hinter sich her wie die Kugel +eines Galeerensträflings.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Aber wie schon oft, so sollte er auch jetzt Erquickung +und Trost finden bei den Frauen. Die +Schule, an der er jeden Morgen hospitierte, hatte +sich vergrößert und unter anderen Lehrkräften +auch drei neue Lehrerinnen bekommen. Unter +<!-- Page 72 --><span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span> +diesen war eine musikalische Dame von einer +weichen und sanften Schönheit, und es dauerte +natürlich keine zwei Tage, bis Asmus sie heimlich +besang und in seinem Gedicht versicherte, +daß die heilige Cäcilie unter den Irdischen +wandle. Sie hatte oft eine Gefährtin bei sich, +der Asmus eines Tages »die bezauberte Rose« +von Ernst Schulze lieh, die ihm das Buch aber +schon am folgenden Tage zurückgab, weil sie es +nicht lesen könne, so fromm und tugendsam war +sie. Asmus war empört und schwärmte ihr nun +recht zum Trotz von Rousseau und Voltaire. +Morieux hatte den beiden Damen mit Grimassen +und schlenkernden Armen verraten, daß Semper +Gedichte mache, »wunderbare, großartige +Gedichte!« Und nun, wenn die Schule vorüber +war, saßen die beiden Damen auf dem Pult wie +auf einem Thron, und Morieux und Semper +saßen auf den Kinderbänken zu ihren Füßen; +Morieux geigte und Asmus las, fremde Gedichte +und eigene; er hatte der Ballade vom ertrunkenen +Fischer noch eine Ballade von einer +gespenstischen Burgruine hinzugefügt, und Asmus +dachte: So war es am Musenhof zu Ferrara +oder Avignon.</p> + +<p>Noch einen stärkeren Widerhall aber fand +Asmus bei einer Frauenseele, von der man kaum +begriff, daß sie in ihrem Körper Platz habe. +Das war die Seele des Fräulein Wieselin, einer +38jährigen Jungfrau, Lehrerin und Dichterin. +Sie war so klein und dünn, daß sie sozusagen +<!-- Page 73 --><span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> +nur eine Nadel war, in die der Herrgott einen +Lebensfaden gezogen hatte, und diese Nadel fuhr +unablässig auf und ab und verarbeitete ihren +Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und +Opfersinn. Im Gesicht sah sie aus wie ein Geheimrat, +der immer in einem überheizten Zimmer +gesessen hat und darum etwas eingetrocknet +ist. Tausend Mark Gehalt erhielt sie im Jahr, +und davon ernährte sie sich und ihre Mutter +und unterstützte sie die Familie eines kranken +Bruders. Sie war damals schon fünfzehn Jahre +Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher, +und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten +der Kleinen; die Kleinsten zu lehren ist aber +größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher, +die sie las, mußte sie sich leihen; denn kaufen +konnte sie sich keine; aber als sie nach fünfunddreißig +Jahren der Mühsal ihr Ende nahen +fühlte, da sagte sie: »Ich kann ja zufrieden +sterben; ich habe ja ein reiches Leben gehabt.«</p> + +<p>In ihren seltenen Mußestunden machte sie +auch Verse, kleine, unbedeutende Gelegenheitssächlein; +aber da Asmus sie nicht loben konnte, +so sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen +sprach viel von den seinigen, rühmte sie +und sprach ihre Verwunderung darüber aus, daß +er gleich mit epischen Gedichten anfange, während +die jungen Leute sonst immer mit allgemeinen +Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel leichter +sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: +»Ich habe immer das Gefühl, daß Sie kein +<!-- Page 74 --><span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span> +Lehrer werden, daß wir Sie noch ’mal auf ganz +anderen Pfaden wandeln sehen!«</p> + +<p>»Vielleicht heirate ich auch die!« dachte +Asmus.</p> + +<p>Die dritte der neuangestellten Damen hieß +Hilde Chavonne, war eine schlanke Brünette +mit großen, schmachtenden braunen Augen und +einem sanften Stolz der Bewegungen und trotz +alledem eine Hamburgerin. Sie und Asmus +schenkten einander zu Anfang nur wenig Beachtung, +unvergleichlich viel weniger als später. +Aber doch mußte er darüber nachdenken, wo er +sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war +die »Dame in Trauer«, die Seminaristin, die +einmal ganz zu Beginn seiner Präparandenzeit +mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges +zusammen gegangen war. Daß er ihr schon viel, +viel früher einmal begegnet war, das konnte er +nicht mehr wissen.</p> +</div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 75 --><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> +<a name="XI_Kapitel" id="XI_Kapitel"></a>XI. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Wie Asmus plötzlich eine glänzende Karriere machte +und dabei auf den Hund kam.</div> + +<p><span class="bigletter">Z</span>u diesen ganzen und halben Freunden gewann +Asmus endlich eine ganze Schar von +kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre +seines Präparandentums eines Morgens in die +Schule kam, ließ ihn der Oberlehrer in sein +Zimmer rufen. »Herr Dohrmann hat sich krank +gemeldet,« sagte er, »und wird voraussichtlich +in acht Wochen nicht kommen können. Ich +habe Sie zu seiner Vertretung ausersehen. Übernehmen +Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daß +Sie mein Vertrauen rechtfertigen werden.« Asmus +konnte vor Überraschung nicht sprechen; er +nickte nur stumm und verließ das Zimmer.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Als er draußen stand, war sein erstes Gefühl +ein wirbelnder Jubel. Lehrer! Er sollte +Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er vorstehen, +er ganz allein! Er wußte im nächsten +Augenblick selbst nicht, wie er die drei Treppen +zum obersten Stockwerk hinaufgekommen war. +Und als er vor der Klassentür stand und die +<!-- Page 76 --><span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span> +führerlosen Kinder lärmen hörte, da stak ihm +das Herz, das noch eben so hoch geflogen war, +tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, +der kleinste und jüngste von den drei Präparanden, +den kranken Lehrer vertreten? Warum +nicht Morieux, der ein ganzes Jahr länger an +der Schule war als er? Warum nicht Claus +Münz, der Große und Starke, der den Kindern +gewiß mehr imponierte als er? Er kannte ja +nichts vom Unterrichten, rein gar nichts. Ach +ja, er wußte wohl: alle in der Schule hielten +ihn für außerordentlich ernst und gesetzt. Die +Leiden, die Verfolgungen, die er als Knabe erduldet, +hatten seinem Gesicht, seinem ganzen +Wesen einen zusammengerafften, entschlossenen +Ernst gegeben, und wer ihn nicht in vertrauten +Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daß +hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne +stand. Er hatte gerade um jene Zeit auf Menschen +solcher Art in schwerhinwandelnden Versen +ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte er +»Erscheinung«.</p></div> + + +<div class="poem"> +<div class="stanza"> +<span class="i0">Eine düstre Wolke seh’ ich schwimmen</span> +<span class="i0">Durch den abendlichen Himmelsraum.</span> +<span class="i0">Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen</span> +<span class="i0">Zarte Lichter wie ein Flockensaum.</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen</span> +<span class="i0">Ragt die Wolke hoch in den Azur,</span> +<span class="i0">Doch um ihre Stirne lichtgetroffen</span> +<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span> +<span class="i0">Hängt des Alpenglühens Rosenflur.</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">Denn verborgen hinter jener Mauer</span> +<span class="i0">Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts,</span> +<span class="i0">Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer,</span> +<span class="i0">Blickt nach dort verklärten Angesichts.</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">Also sah ich düstre Menschenstirnen</span> +<span class="i0">In den Grenzen dieser Erde auch:</span> +<span class="i0">Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen</span> +<span class="i0">Eines fremden Lichtes leiser Hauch.</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">Augen sah ich, die dem Hier entrinnen,</span> +<span class="i0">Das mit Tränenschatten sie umhüllt;</span> +<span class="i0">Doch versunken war ihr Blick nach innen</span> +<span class="i0">Und von dort mit sel’gem Glanz erfüllt. –</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten +Blick, ein überirdisches Angesicht, weil +er das für erhabener hielt und er damals gerade +ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler +werden wollte; in Wirklichkeit aber sprang seine +Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens mit frischen +Jugendbeinen auf der Erde umher. Das +wußten die in der Schule nicht. Sie schrieben +ihm auch weit größere Kenntnisse und Fähigkeiten +zu, als er besaß, und das machte ihm +Unbehagen, weil es ihm vorkam, als täuschte er +sie, als müßte er seine Kenntnisse einmal alle +aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch +legen, damit sie sähen, wie wenig er wisse und +könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben stand +er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der +Unberufenheit.</p> + +<p><!-- Page 78 --><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span> +Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er +endlich die Klassentür auf. Er stand vor den +Kindern.</p> + +<p>Sie verstummten vor Überraschung. Was +will <em class="gesperrt">der</em> denn, dachten sie. Asmus gebot ihnen, +ihre Sachen unter den Tisch zu legen und +sich ordentlich hinzusetzen. Sie gehorchten; aber +einige duckten sich hinter den Rücken des Vordermannes +und kicherten, weil der kleine Schreiber +aus dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister +sein wollte. Da steckte Asmus von seinen ernsten +Gesichtern das allerernsteste auf und sah den +Aufsässigen ruhig in die Augen – da saßen +sie still und ohne Laut. Das fühlte er sofort, +die Zügel in der Hand behalten, das war nicht +so schwer; aber das Unterrichten!</p> + +<p>Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für +die einfachste Sache von der Welt. Man sagt +den Kindern, was sie wissen sollen, und dann +wissen sie’s ja! Aber man soll ihnen gar nichts +sagen, das ist’s ja gerade! Alles sollen sie +selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll +man’s aus ihnen herausholen; so verlangt es +das »erotematische« oder »katechetische« oder +»heuristische« Lehrverfahren. Asmus kannte +diese gelehrten Vorschriften wohl; aber als er +nun vor den sechzig Gesichtern stand, wußte er +nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle +er den Kindern über ein meilenbreites Wasser +die Hand reichen. Und wenn ihm vorher das +Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er +<!-- Page 79 --><span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span> +jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den +Schuhen, eines im Halse, das ihn würgte, eines +in der Brust, das ihm wehtat und eines in der +Darmgegend. Und nun kamen überdies noch +Münz und Morieux herein; denn es war +Brauch, daß, wenn ein Präparand unterrichtete, +die andern zuhörten und hernach ihre Kritik +übten. Wie ein Doppelbeckmesser mußten sie +aufpassen, ob auch alle Fragen des Katecheten +mit »<em class="antiqua">W</em>« anfingen (denn so verlangt es das +»System«), ob Asmus auch keine »Wahlfragen« +stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja +oder Nein zu antworten brauchte, die also die +Schüler zum Raten verleiteten, ob er auch rechtzeitig +zusammenfasse und wiederhole, ob er auch +alle Kinder gefragt habe, bevor er eins zum +zweitenmal frage, ob er auch tadle, wenn ein +Schüler beim Fingerzeigen aus der Bank trete, +ob er auch bemerkt habe, daß Müller sich in vereinfachter +Manier die Nase geputzt habe usw.</p> + +<p>Asmus sollte zunächst eine Anschauungsstunde +geben, und er holte sich aus dem kleinen +Schulmuseum einen ausgestopften Fuchs, der +aber dank der Kunst des Ausstopfers den Hinterleib +einer feisten Katze hatte.</p> + +<p>»Was ist das?« fragte Asmus.</p> + +<p>»Das ist ein Hund,« antwortete ein Schüler; +denn die Stadtkinder kannten keinen Fuchs.</p> + +<p>Statt nun an diese nicht ganz unrichtige +Antwort anzuknüpfen und den Fuchs zunächst +als Hund zu behandeln, oder aber mit Eleganz +<!-- Page 80 --><span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span> +darüber hinwegzugehen und einen anderen zu +fragen, biß sich Asmus sofort in diese Antwort +fest.</p> + +<p>»Nein, ein Hund ist das nicht,« sagte er, +»woran sieht man, daß es kein Hund ist?«</p> + +<p>»Er hat gar keinen Maulkorb um!« rief ein +kleiner Bursche.</p> + +<p>»Haben denn alle Hunde Maulkörbe?« +fragte der junge Präzeptor. (O weh, eine +»Wahlfrage!«)</p> + +<p>»Nein,« riefen viele Kinder. (O weh, der +Präzeptor duldete, daß die Schüler im Chor +antworteten, ohne es zu tadeln! Münz und +Morieux notierten eifrig in ihren Heften.)</p> + +<p>»Wozu gehört der Maulkorb also gar nicht?«</p> + +<p>»Der Maulkorb gehört gar nicht zum Hund,« +sagte ein Schüler.</p> + +<p>Das genügte Asmus nicht so ganz. Er +wollte den Irrtum beseitigen, daß der Maulkorb +ein organischer Bestandteil des Hundes sei +(er wußte, daß die Kinder auch das Hufeisen +für einen Teil des Pferdehufes halten), er wollte +die Antwort: »Der Maulkorb gehört nicht zum +Körper des Hundes;« aber wie sollte er aus +diesen Kleinen das Wort »Körper« herauskatechisieren? +Sollte er fragen: »Ist der Maulkorb +etwa ein Körperteil des Hundes?« Nein, +das durfte er nicht, das war eine »Ja- und +Nein-Frage«. Er versuchte es auf mancherlei +Weise; denn er meinte, jeder auftauchende Irrtum +müsse sofort und gründlich beseitigt werden; +<!-- Page 81 --><span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span> +aber das ersehnte Wort kam nicht. So biß er +sich im Maulkorb des Hundes fest und war noch +immer nicht beim Fuchs, obwohl er schon am +ganzen Körper schwitzte.</p> + +<p>Endlich mußte er das Rätsel doch aufgeben, +und so war Zeit und Mühe verloren.</p> + +<p>»Also ein Hund ist das nicht. Woran sieht +man das?«</p> + +<p>Da stand ein Genie auf und sagte:</p> + +<p>»’n Hund hat nicht solchen Schwanz!«</p> + +<p>»Na also!« jubelte Asmus, und in seiner +Freude über das erlösende Wort vergaß er, daß +das Genie »’n Hund« statt »ein Hund« gesagt +hatte. Münz und Morieux notierten das.</p> +</div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 82 --><span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span> +<a name="XII_Kapitel" id="XII_Kapitel"></a>XII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus ringt gewaltig mit einem Schüler wegen eines +Frosches: er empfängt Rippenstöße, und der gewisse +Seybold besteht das Examen.</div> + +<p><span class="bigletter">A</span>ber schon von der nächsten Stunde ab mußten +Münz und Morieux wieder Listen und +Protokolle schreiben, und Asmus sprach mit seinen +Schülern, wie ihm der Schnabel gewachsen +war. Und sieh, mit einem Male ging alles +freier und besser. Wenn er sich nun aus dem +Schulmuseum einen Hasen geholt hatte, so erinnerte +er sich jenes Lehrers, bei dem er gern +gehorcht hatte und der auch nicht immer im +Stechschritt des Systems gegangen war. Er sang +ihnen vor allen Dingen Lieder vom Hasen vor:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Als der Mond schien helle,</span> +<span class="i0">Kam ein Häslein schnelle«</span> +</div></div> + +<p>und</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Gestern abend ging ich aus,</span> +<span class="i0">Ging wohl in den Wald hinaus«</span> +</div></div> + +<p>und</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal</span> +<span class="i0">Saßen einst zwei Hasen«</span> +</div></div> + +<p><!-- Page 83 --><span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span> +und nachdem ihnen Herr Lampe mit so vorzüglichen +Empfehlungen vorgestellt war, schauten +sie ihn mit ganz anderen Augen an. Und als +Asmus heraushaben wollte, daß der Hase ein +Säugetier sei, da fragte er sie:</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Was für ein Vogel ist denn der Hase?« +Halloh, da gingen sie fast über die Bänke vor +Lachen und Weisheit und riefen: »Das ist ja +gar kein Vogel!« und erklärten ihm mit Begeisterung, +warum der Hase kein Vogel sei! +O Gott, wenn Münz und Morieux, und gar +der Herr Oberlehrer dagewesen wären! Überhaupt +fand er, daß es den Kindern ein besonderes +Vergnügen bereitete, wenn er sich recht +dumm stellte und sich dann von ihnen aufklären +ließ. Der alte Sokrates kannte seine Leute.</p> + +<p>Natürlich stieß er trotzdem noch täglich, ach, +stündlich in seinem Fahrwasser auf Klippen, Untiefen +und Stromschnellen. Da hatte er ihnen +das Märchen vom Froschkönig und dem eisernen +Heinrich erzählt. Der Frosch hatte der Königstochter +ihren goldenen Ball aus dem Brunnen +geholt unter der Bedingung, daß er mit ihr +an einem Tische essen und in einem Bettchen +schlafen dürfe. Und sie hatte es ihm doch hoch +und heilig versprochen. Als nun der Frosch ins +Schloß kam, wollte sie ihr Königswort nicht +halten. Das ist mit Königsworten öfters so, +ist aber unsittlich. Und Asmus wollte entwickeln, +daß man sein Wort halten müsse, und wenn es +auch noch so schwer sei.</p> + +<p><!-- Page 84 --><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span> +»Warum wollte sie denn nicht mit dem +Frosch zu Bett gehen?« fragte Asmus einen +Schüler.</p> + +<p>»Ich weiß nicht,« sagte der.</p> + +<p>»Möchtest Du denn einen Frosch im Bett +haben?«</p> + +<p>»Ja!« rief das Bürschchen begeistert.</p> + +<p>Hm. Das war ein unerwartetes Hindernis. +Aber Asmus besann sich. Vielleicht sprach das +Kind so aus ethischen Erwägungen. Es meinte +wohl im stillen: wenn ich es versprochen hätte.</p> + +<p>»Schön,« fuhr der Magister fort, »du möchtest +also bei einem Frosch schlafen. <em class="gesperrt">Aber doch +nur wann?</em>«</p> + +<p>»Immer!« versetzte strahlend der Gefragte.</p> + +<p>Hm, hm. Wie sollte man diesem perversen +Individuum die Moral der Geschichte begreiflich +machen? Man mußte einfach die Segel streichen. +Der kluge Magister begriff erst später die Freude +der Kinder an allem Spiel mit den Tieren.</p> + +<p>Aber solche und ernstere Schwierigkeiten erhöhten +gerade die Lust an der Arbeit, und er +widmete sich ihr auch mit so viel körperlichem +Eifer, daß er infolge des vielen Sprechens von +einer Heiserkeit in die andere fiel. Überdies +kam der erkrankte Lehrer nicht wieder, aus den +acht Wochen wurde ein Vierteljahr, aus dem +Vierteljahr ein halbes. Asmus hatte morgens +eine Stunde weit zur Schule und ging mittags +denselben Weg zurück. Dann aß er eilig zu +Mittag und ging abermals zur Schule, um den +<!-- Page 85 --><span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span> +Nachmittagsunterricht zu erteilen. Danach begab +er sich von der Schule ins Präparandeum, +und abends hatte er eine gute Stunde nach +Hause. Dann erst konnte er an seine Präparationen +für Schule und Präparandeum gehen. +Das machte etwa elf Stunden Arbeit und fünf +Stunden Marsch. Aber Asmus war noch immer +tief davon durchdrungen, daß der Schlaf ein +eingebildetes Bedürfnis sei, eine Überzeugung, +die er bald genug ablegen sollte. Einstweilen +aber ging er nicht nur jeden Sonnabend zu +Bockholm ans Klavier, er machte auf seinen +Wanderungen auch noch Gedichte, die den Beifall +Lauras, nämlich Fräulein Wieselins, und +der beiden Leonoren fanden.</p> + +<p>Nur einen Menschen gab es, dem die vielfältige +Beschäftigung Asmussens Sorge machte, +und das war seine Mutter. Nicht, daß sie für +seine Gesundheit gefürchtet hätte, – seine vollen, +roten Wangen ließen solche Befürchtungen nicht +aufkommen, – nein, sie bangte wegen des bevorstehenden +Abgangs-Examens. Im nahen +März sollte Asmus ins Seminar übergehen, +und sie fürchtete, daß er sich bei so viel Arbeit +nicht ordentlich vorbereiten könne und dann womöglich +durchfalle. Und sie schickte heimlich einen +Seminaristen aus der Bekanntschaft ab, der sich +bei einem Lehrer des Präparandeums nach den +Aussichten ihres Sohnes erkundigen sollte. »Zu +Hause sagt der Bengel ja nichts,« klagte sie. +»Er macht auch Gedichte; aber meinen Sie, er +<!-- Page 86 --><span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span> +zeigt sie uns? Wenn ich nicht mal eins in +seiner Schublade finde, erfahren wir nichts +davon.«</p> + +<p>Seine Gedichte zu Hause zeigen, – nein, +das brachte Asmus nicht über sich. Eine Scham, +die er sich selbst nicht deuten konnte, hielt ihn +davon zurück. Wir mögen auf der Gasse nicht +im Nachtgewand und daheim nicht in der <em class="antiqua">Toga +palmata</em> erscheinen.</p> + +<p>Jener geheime Emissär geriet an den Lehrer +für deutsche Sprache und Literatur, einen großen +Mann mit einer prachtvollen Römerglatze und +energischen Zügen, die lieber dem Spott als der +Liebenswürdigkeit dienten. Er maß den Frager +von oben bis unten mit höhnischem Blick und +sagte dann: »Ja, wenn wir den durchfallen +ließen, wen sollten wir dann bestehen lassen?«</p> + +<p>Dieser Bescheid beruhigte Frau Rebekka +einigermaßen, aber keineswegs vollständig. Als +der erste Tag des schriftlichen Examens anbrach, +strich sie unaufhörlich mit liebkosenden Händen +an ihrem Sohne auf und ab, als ginge er den +Weg zum Schafott und kehre nicht mehr zurück. +Als ihn acht Tage später der Mann mit der +Römerglatze auf die Seite genommen und mit +spöttischem Lächeln gesagt hatte: »Ich gratuliere +Ihnen. Sie haben den besten Aufsatz geschrieben,« +da brachte er fliegenden Laufes wie +der Bote von Marathon seiner Mutter die Nachricht, +damit sie sich beruhige. Und wirklich wurde +sie etwas ruhiger.</p> + +<p><!-- Page 87 --><span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span> +Ludwig Semper konnte zu der Unrast Rebekkens +immer nur lächeln. »Du bist nicht gescheit,« +sagte er kopfschüttelnd und blickte zum +Fenster hinaus in die Ferne.</p> + +<p>Asmus aber war aus Sicherheit und Unruhe +wunderbar gemischt. Er pflegte weder sich +noch anderen Demutsflausen vorzumachen und +sagte sich wohl: »So viel wie die anderen weiß +ich auch«; aber alles Leben, das er noch nicht +kannte, stellte er sich als Wunder vor, als gutes +oder schlimmes Wunder, und das Examen rechnete +er vorläufig zu den schlimmen. Er dacht’ +es sich im Grunde als eine Lotterie, die der Zufall +entschied; er stellte sich vor, daß Dr. Korn, +der als Direktor natürlich alles wußte, oder Herr +Stahmer, der ebensoviel wußte, ihm die abenteuerlichsten +Fragen vorlegen könnten, die +schwersten Fragen, an die er nie gedacht, und +dann war ihm ungefähr zumut wie dem armen +Gretchen beim <em class="antiqua">dies irae</em>.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0"><em class="antiqua">Quid sum miser tunc dicturus</em></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">»Quem patronum rogaturus?«</em></span> +</div></div> + + +<p>Vielleicht war er der unruhigste von allen +Examinanden. Sein Platznachbar Seybold z. B. +schrieb im schriftlichen Examen einfach alles nach, +was er mit seinen vortrefflichen Augen von +Sempers Schriftstücken ablas, und war darum +viel ruhiger als dieser. Ja, dieser Jüngling +setzte ein so heiteres Vertrauen in die Kräfte +seines Nebenmannes, daß er noch unmittelbar +<!-- Page 88 --><span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span> +vor der naturgeschichtlichen Prüfung im Bücherschrank +der Klasse von möglichst dicken Wälzern +nach dem System »Mausefalle« einen babylonischen +Turm errichtete, der bei der geringsten +Erschütterung durch die angelehnte Schranktür +ins Zimmer stürzen mußte. Der Campanile +brach denn auch mit wunderbarer Präzision und +furchtbarem Getöse zusammen, als Papa Hamann +gerade die Frage von den Monocotyledonen +und den Dicotyledonen diktierte. Natürlich +mußte Asmus Semper wieder prusten, +und als Papa Hamann ihn lachen sah, sagte er:</p> + +<p>»Themper, thie gehen mit einem geradethu +thträflichen Leichtthinn inth Ekthamen!«</p> + +<p>In der mündlichen Prüfung war Seybold +freilich erheblich unruhiger, und wenn der Examinator +sich seinem Platze näherte, stieß er Sempern +so heftig in die Rippen und trat ihm so +deutlich auf den Fuß, damit er ihm aushelfe, +daß Asmus noch drei Tage nachher die blauen +Flecke beobachten konnte. Nun konnte er zwar +nicht einblasen, wenn er sich nicht selbst ans +Messer liefern wollte; aber der gute Seybold +bestand trotzdem, und Asmus stellte ernste Erwägungen +darüber an, warum man eigentlich +Examina vornähme, wenn auch die Seybolde +durchkämen.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 89 --><span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span> +<a name="XIII_Kapitel" id="XIII_Kapitel"></a>XIII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Frühlings- und Ferienlust; Wiederauftreten des Herrn +Morieux; ein längerer Blick der »Dame in Trauer«, +ein Aufstieg ins Gebirge und ein Gärtner mit einer +Schere.</div> + + +<p><span class="bigletter">I</span>n der Tat, das einzige Gute, das solche Prüfungen +haben, sind die Ferien, die sich ihnen +gewöhnlich anschließen. Drei Wochen hatte er +nun frei – er warf sich daheim aufs Sofa und +streckte die Beine, als wenn er sie gleich durch +die ganzen drei Wochen hindurchstrecken wollte. +Und auch gefeiert wurde er! Frau Rebekka, +die nun endlich ganz beruhigt war, fragte ihn +feierlich, was er denn heute essen wolle. Das +war noch nicht dagewesen. Und Asmus nahm +seinen Flug bis zum Gipfel der Imagination +und sagte nach einigem Erwägen: »Pfannkuchen +mit Pflaumenmus.« »Sollst du haben,« sagte +Frau Rebekka und flog in die Küche an den Herd.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Was sein Vater ihm gab, war anderer Art. +Asmus saß mit einem Buch an seinem gewohnten +»Schreibtisch«, und Ludwig Semper saß +an seinem Arbeitstisch und machte Zigarren. +<!-- Page 90 --><span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span> +Und obwohl Asmus ihn nicht ansah, wußte er +wieder ganz genau, daß die Augen seines Vaters +auf ihm ruhten, und er hütete sich wohl, den +Blick zu erheben und die zärtlichen, sommerwarmen +Augen seines Vaters zu verscheuchen. +Er las nicht mehr, er sah immer auf dasselbe +Wort und dehnte sich in der Juliwärme dieses +Blickes, dehnte sich langsam, kaum merklich, +aus Furcht, die Sonne möcht’ es merken und +sich verhüllen; er fühlte sich von einem heiligen +Licht umflossen und sah in diesem Licht wie +goldene Stäubchen die Millionen seligen Erinnerungen +seiner Kindheit wirbeln.</p> + +<p>Und noch ein andres Herzensglück sollten +diese Tage ihm bringen. Als Asmus eines +warmen Frühlingstages am Fenster stand und +auf seiner Zehn Marks-Geige nach einer Notenschrift +in den Wolken fantasierte, wurde heftig +geklopft. Im selben Augenblick sprang auch schon +die Tür auf, und wer trat herein? Morieux. +Morieux mit bleichem, verzerrtem Gesicht und +weit vorgestreckter Hand.</p> + +<p>»Ich wollte dir die Hand zur Versöhnung +bieten,« sagte er.</p> + +<p>»Bravo!« rief Asmus, indem er klatschend +einschlug, »wie geht’s dir? Was machst du? +Komm, setz’ dich ins Sofa! Steck’ dir eine Zigarre +an, eine feine Brasil. Trinkst du lieber +Bier oder Kaffee?«</p> + +<p>Er war nahe daran, seinem Freunde Kost +und Logis für drei Monate anzubieten; denn +<!-- Page 91 --><span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span> +er mußte reden, um seiner Gemütsbewegung +Herr zu werden. Er schämte sich viel mehr als +sein Freund; er war über und über rot geworden, +lief planlos im Zimmer hin und her +und stellte seinem Gast die beiden besten Stühle +hin, obwohl er ihn ins Sofa gebeten hatte.</p> + +<p>Morieux fing an, von seinem Verschulden +zu sprechen.</p> + +<p>»Aber ich bitte dich!« rief Asmus, »sprich +nicht davon. Wenn ich mich vertrage, hab’ ich +alles Vergangene vergessen. Ich hatt’ es sowieso +schon vergessen. Da – hier – spiel’ +mir was vor!« Er drückte ihm die Geige in +die Hand. »Bitte, bitte, die F-Dur-Romanze!«</p> + +<p>Und Beethovens Töne schwemmten alle +Kleinigkeiten hinweg.</p> + +<p>Drei Wochen sollte er so genießen! Was +konnte man da für Spaziergänge machen, für +Bücher lesen, für Duette spielen, für Gedichte +machen – es war nicht auszudenken! Ganze +Epopöen konnte man dichten! Er begann auch +sofort mit einer breit angelegten Dichtung +»Niobe«, in der die vierzehn Kinder der bejammernswerten +Tantalstochter einzeln starben. +Ach ja, Ferien waren doch noch schöner als die +schönsten Unterrichtsstunden! Auch als Junge +war er – wenn seine Mitschüler ihn nicht +peinigten – mit Lust zur Schule gegangen, ja, +die Geschichts- und Geographie- und Physikstunden +des Herrn Cremer waren ihm zuzeiten +das Liebste auf der Welt gewesen; aber das +<!-- Page 92 --><span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span> +Allerliebste blieben doch die Ferien. Als er noch +in der Klasse des Herrn Rösing gewesen war, +da war eines Morgens ein Lehrer gekommen +und hatte gesagt:</p> + +<p>»Ihr könnt wieder nach Hause gehen, Herr +Rösing ist krank.«</p> + +<p>»Hurra!« hatte die ganze Klasse geschrien. +Da hatte der Lehrer gerufen: »Jungens, seid +ihr des Teufels? Wenn euer Lehrer krank ist, +brüllt ihr Hurra?«</p> + +<p>Aber das war eine tendenziöse Zusammenstellung. +Sie dachten gar nicht an die Krankheit +des Herrn Rösing; sie dachten nur an ihre +Freiheit. Sie gönnten dem Lehrer jedes Wohlbefinden, +wenn er nur nicht kommen wollte. +Und auch Asmus hatte Hurra geschrien ...</p> + +<p>Aber seine Ferien waren noch nicht ganz; +einige Tage mußte er noch in die Schule zum +Unterrichten, und dann mußte er noch eine Prüfung +ablegen: prüfend sollte er geprüft werden. +Da der kranke Lehrer noch immer nicht wieder +erschienen war, so mußte Asmus »seine« Klasse +bei der öffentlichen Prüfung vorreiten. Das +war wieder eine bange Stunde; denn hinter +ihm, neben ihm, an den Wänden entlang und +auf den Bänken der Kinder saßen und standen +sämtliche Damen und Herren des Kollegiums. +Auch Laura war natürlich da und die beiden +Leonoren; und ganz hinten auf der letzten Bank +saß Beatrice, oder, wie sie eigentlich hieß: Hilde +Chavonne. Sie hatte zum ersten Male die +<!-- Page 93 --><span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span> +Trauer abgelegt, wenn auch nur in ihren Kleidern; +sie trug ein leuchtend braunes Kleid, und +in diesem Kleide, mit ihrem reichen braunen +Haar und ihren melancholisch-braunen Augen +war sie brünetter, hübscher und stolzer denn je. +Und mit einem Male sprang in Asmussens Seele +ein Imperativ empor: dieser Stolzen sollst du +imponieren. Den Blick dieses Mädchens wählte +er sich zum Leitstern durch die schwere Stunde, +und nichts gibt der Arbeit eines Siebzehnjährigen +einen feurigeren Aufschwung, als wenn +auf ihr der Blick eines Weibes ruht.</p> + +<p>Als die Prüfung vorüber war, sagte der +Oberlehrer nichts; er wiegte nur wohlwollend +auf und ab das Haupt. Als die Damen das +Zimmer verließen, sah Asmus, daß Fräulein +Chavonne sich mit einer Kollegin über ihn unterhielt; +denn diese blickte ihn wiederholt von der +Seite an; Hilde Chavonne aber heftete, bevor +sie hinausschritt, noch einmal den Blick auf ihn, +als habe sie den kleinen Herrn erst heute kennen +gelernt, und was das Merkwürdige war: sie +wandte den Blick nicht weg, wie es sonst die +Mädchen zu tun pflegen, wenn der Blick eines +Jünglings ihrem beobachtenden Auge begegnet; +nein: offen, fest und ernst blickte sie ihm ins +Auge.</p> + +<p>Nach völlig beendigter Prüfung wollte Semper +sich von den Herren des Kollegiums verabschieden. +</p> + +<p><!-- Page 94 --><span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span> +»Was fällt Ihnen ein!« rief einer der +Herren, »Sie müssen mit uns.«</p> + +<p>Asmus erklärte, er könne nicht, er habe +»furchtbar viel zu tun,« und als der joviale +Herr ihn nicht lassen wollte, sagte er leise: »Ich +habe kein Geld.«</p> + +<p>»Wofür halten Sie mich denn?« rief der +Lehrer lachend, »wenn ich Sie einlade, brauchen +Sie doch kein Geld.«</p> + +<p>Nun ging es in eine halbländliche Kneipe, +wo man in Lauben saß und der Wirt noch ein +Käppchen trug. Asmus war glücklich und stolz; +die Herren behandelten ihn nicht nur als Kollegen, +sie nannten ihn sogar so. Und sie waren +über die Maßen lustig und erzählten sich in seiner +Gegenwart die ausgelassensten Schnurren. Asmus +saß mit weit offenen, lachenden Augen da. +Er hatte mit jener scheuen Ehrfurcht, die er vor +allem Unbekannten hegte, diese Herren für Halbgötter +gehalten, die hoch über der Lust gewöhnlicher +Sterblicher dahinwandelten. Die Entdeckung, +daß sie fröhliche Menschen waren, war +ihm ein fröhliches Wunder. So gefielen sie ihm +noch viel besser.</p> + +<p>Einer der Herren zog Asmus in ein Gespräch +über Rousseau. Er meinte, das Leben Rousseaus +sei tadelnswert und seine Theorien seien nicht +ausführbar. Aber Asmus war schon beim dritten +Glas und verteidigte seinen Liebling wie eine +Löwin ihr Junges. Rousseau sei der beste der +<!-- Page 95 --><span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span> +Menschen gewesen, und alle seine Ideen seien +ausführbar, wenn man nur wolle.</p> + +<p>»Na, Herr Semper,« warf ein etwas eingetrockneter +Herr aus der Runde ein, »darüber +können Sie doch wohl noch nicht urteilen.«</p> + +<p>»Wissen Sie, was Schiller sagt?« rief Asmus.</p> + +<p>»Nee,« sagte der Herr.</p> + +<p>Und Asmus rezitierte mit hochgeröteten +Wangen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Monument von unsrer Zeiten Schande,</span> +<span class="i0">Ew’ge Schmachschrift deiner Mutterlande,</span> +<span class="i0">Rousseaus Grab, gegrüßet seist du mir!</span> +<span class="i0">Fried’ und Ruh’ den Trümmern deines Lebens!</span> +<span class="i0">Fried’ und Ruhe suchtest du vergebens;</span> +<span class="i0">Fried’ und Ruhe fand’st du hier.</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">Wann wird doch die alte Wunde narben?</span> +<span class="i0">Einst war’s finster, und die Weisen starben;</span> +<span class="i0">Nun ist’s lichter, und der Weise stirbt.</span> +<span class="i0">Sokrates ging unter durch Sophisten,</span> +<span class="i0">Rousseau leidet, Rousseau fällt durch Christen,</span> +<span class="i0">Rousseau – der aus Christen Menschen wirbt.«</span> +</div></div> + + +<p>Die Worte »Schande«, »Schmachschrift«, +»Sophisten« und »Christen« hatte Asmus mit +anzüglicher Betonung hervorgehoben.</p> + +<p>»Ja, das ist ja sehr formvollendet,« sagte +der Gedörrte mit einer empörenden Kälte, »aber +Schiller ist für mich auch nicht maßgebend.« +</p> + +<p><!-- Page 96 --><span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span> +»Was? Schiller –?«</p> + +<p>Asmus wollte aufspringen; aber jener andere +Herr legte ihm die Hand auf die Schulter +und sagte: »Ich werde Ihnen mal Rousseaus +»Bekenntnisse« leihen; die werden Sie interessieren.«</p> + +<p>»O ja! Herzlichen Dank!« rief Asmus, und +am nächsten Tage stürzte er sich in die »Bekenntnisse«.</p> + +<p>Das war Öl ins Feuer. Den Kopf in beide +Hände vergraben, las er stundenlang mit heißen +und heißeren Wangen. Da plötzlich sprang er +auf, warf die Arme nach beiden Seiten und rief +ganz laut: »O Gott – o Gott!« Er hatte die +Stelle gelesen, wo Rousseau sich vor dem Leser +zu jenem Diebstahl bekennt, den er hartnäckig +geleugnet hat. Wohl eine Stunde lang stürmte +Asmus im Zimmer auf und ab, oder er warf +sich ins Sofa, vergrub das Gesicht in beide Hände +und atmete schwer. Welch ein Mut, welch ein +Wahrheitsmut! Welch eine erschütternde Liebe +zur Wahrheit! Asmus wollte weiterlesen; aber +kaum hatte er das Buch berührt, so schlug er es +heftig zu. Er konnte nicht weiterlesen; eine geheimnisvolle +Macht verwehrte ihm, die heiligste, +größte Stunde seiner Jugend selbst zu töten. Er +lief ins Freie, rannte durch Felder und Wiesen +und sah von Feldern und Wiesen nichts; er füllte +nur eine unaufhörliche Brandung gegen die +Wände seines Herzens schlagen. Gegen Abend +kehrte er ruhiger nach Hause zurück. Wieder +<!-- Page 97 --><span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span> +schlug er das Buch auf, und langsam, zärtlich, +mit ferngewandtem Blick machte er es wieder zu. +Wie der Bergwanderer, der einen höchsten Grat +erstiegen und nun die freie und reine Herrlichkeit +der Täler und Gipfel erschaut, sich nicht entschließen +kann, wieder dort hinabzusteigen, wo +alles das ihm entschwinden wird, so konnte es +Asmus nicht über sich gewinnen, die Höhe zu +verlassen, wo himmlische Luft sein Herz durchbraust +hatte.</p> + +<p>Und zu diesem Rousseau würde nun bald im +Seminar Pestalozzi kommen und Comenius und +die Alten: Plato, Aristoteles, die Kirchenväter +– er hatte Einblick in den Lehrplan des Seminars +bekommen – ach: was gab es da nicht +alles in der Psychologie, in der Logik, in der +Methodik, in Literatur und Geschichte, Mathematik +und Naturwissenschaften – ihm lief das +Wasser im Munde zusammen wie einem Schlemmer, +der vom Gastmahl des Trimalchion liest, +von einem jener römischen Gelage, wo ganze +Ochsen und Eber auf goldenen Wagen herangefahren +wurden und Speisen und Getränke aus +der Decke, aus den Wänden und aus dem Boden +hervorkamen. Das alles, was da in dem Lehrplan +stand, sollte er studieren dürfen, bis in die +tiefsten Schachte der Wissenschaft hinein, und zu +Hause würde er noch Zeit haben, noch ebensoviel +dazu zu lernen –</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»O Erd’, o Sonne,</span> +<span class="i0">O Glück, o Lust!«</span> +</div></div> + + +<p><!-- Page 98 --><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span> +das war der tägliche Text seines Herzschlages, +die immer wiederkehrende Melodie seines Gedankenreigens. +Was sich draußen golden und +grün über Felder und Hecken breitete und was +sich golden und grün über unendliche Fluren in +seinem Herzen dehnte: es war derselbe Frühling, +derselbe lerchenfrohe Lebensmorgen.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Der alte Moor fiel ihm ein, der, seines +Erstgeborenen gedenkend, erzählt: »Da ihn die +Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel +und rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?«</p> + +<p>Im Übermute seines Herzens mußte er es +still in sich hineinrufen: Bin ich nicht ein glücklicher +Mann?</p> + +<p>Freilich: der alte Moor war dann nichts +weniger als glücklich geworden.</p> + +<p>»Aber ich bin glücklich!« rief Asmus in sich +hinein »und ich werde glücklich sein, ich weiß es.«</p> + +<p>Mit solchen Empfindungen überschritt er an +einem Aprilmorgen zum ersten Male die Schwelle +des Seminars.</p> + +<p>Er hörte nicht die Schere klingen, die Schere +des Gärtners, der herankam, sein Glück zu beschneiden.</p> +</div> + + +<p> </p><p> </p> +<hr /> +<p><!-- Page 99 --><span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span></p> + +<div class="titlepage"><h2><a name="Zweites_Buch" id="Zweites_Buch"></a>Zweites Buch</h2> + +<h1>Arbeit und Kampf</h1> +<!-- <p><span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span></p> --> + +<hr /> +</div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 101 --><span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span> +<a name="XIV_Kapitel" id="XIV_Kapitel"></a>XIV. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Der Gärtner beginnt, seine Schere zu handhaben.</div> + +<p><span class="bigletter">A</span>smus war erst wenige Tage im Seminar, +als er sich auf dem Heimwege, auf demselben +Spielbudenplatze, der seine sonntäglichen Schwelgereien +in nun vergangenen Tagen gesehen hatte, +von einer weiblichen Stimme anrufen hörte.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Asmus, sei man nich so stolz!« rief die +weibliche Stimme.</p> + +<p>Er fuhr aus seinen Gedanken auf und starrte +in das Gesicht einer Frau, die ein Kind auf dem +Arme trug.</p> + +<p>Ja, war’s denn möglich – das war ja Adolfine +Moses, die mütterliche Gespielin früherer +Jahre, die treffliche Sibylle, in deren Hexenküche +er so manchen Buchweizenkloß gegessen hatte, die +ihm die erste Nachricht vom Ausbruch des Krieges +mit Frankreich gebracht hatte.</p> + +<p>»Kenns mich woll ganich mehr?« rief Adolfine +und verzog lachend den Mund bis an beide +Ohren.</p> + +<p>»Aber natürlich, Adolfine, natürlich kenn ich +dich!« rief Asmus. Ihre Häßlichkeit war im +<!-- Page 102 --><span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span> +wesentlichen nicht anders geworden, nur reifer.</p> + +<p>»Wie geht’s dir denn?«</p> + +<p>»Och, ich bin jetz verheirat’t. Dies is mein +Jung; mags ihn leiden?«</p> + +<p>»Ja, natürlich,« sagte Asmus.</p> + +<p>»Was bist du denn geworden,« forschte Adolfine.</p> + +<p>»Ich will Lehrer werden,« antwortete Asmus.</p> + +<p>Da klaffte Adolfinens Mund wie eine Löwengrube, +und sie lachte, daß es über den ganzen +Platz hallte.</p> + +<p>»Bis woll verrückt!« schrie sie.</p> + +<p>Asmus sah sich unwillkürlich um. »Schrei +doch nicht so!« rief er. »Natürlich werd’ ich +Lehrer.«</p> + +<p>Aber es kostete viel Mühe, sie daran glauben +zu machen. Und langsam und gradweise, wie +sie ihm Glauben schenkte, öffnete sich wieder ihr +Mund.</p> + +<p>»Kanns das denn alles in’n Kopf behalten?« +fragte Adolfine. Sie dachte an ihre +eigene Schulzeit.</p> + +<p>»Jaa – ziemlich,« versetzte er langsam. +»Aber jetzt muß ich weiter. Adieu, laß dir’s +gut gehen!«</p> + +<p>Er gab ihr die Hand; aber sie war jetzt +sprachlos, und als er schon fünfzig Schritte weit +war, stand ihr Mund noch immer offen. – –</p> + +<!-- Page 103 --> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span></p> +<p>Hinter der Satyrmaske Adolfinens war das +Schicksal verborgen gewesen und hatte gerufen: +»Du bist wohl verrückt!« – – – –</p> + +<p>Das drohende Tabakmonopol und später die +erhöhte Tabaksteuer lasteten schwer auf dem Gewerbe +der Zigarrenmacher; wenigstens hatten +die Fabrikanten die ohnedies bescheidenen Arbeitslöhne +noch herabgesetzt. Der Urheber der +Steuer nannte sich Bismarck, und dieser Bismarck +wurde in den Stuben der Zigarrenarbeiter +um dessen willen nicht geliebt. Aber dieser Bismarck +hatte noch etwas anderes hervorgebracht, +und das war das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie. +Asmussens Bruder Johannes +aber war leidenschaftlicher Sozialdemokrat. Nicht +als Redner trat er hervor; aber er war im Vorstand +der Ortsgruppe und wirkte still und begeistert +für die Organisation. In harter Winterzeit +machte er Agitationsreisen ins unberührteste +Schleswig-Holstein, dorthin, wo die Landbevölkerung +den »Dezimalkroaten« Unterkunft und +Nahrung weigerte und sie nicht selten mit Hofhunden +an Leib und Leben bedrohte.</p> + +<p>Einmal aber trat Heinrich Moldenhuber, der +»Wolkenschieber« oder, wie ihn Ludwig Semper +ob seiner sturmgeschwellten Rockschöße gewöhnlich +nannte: Heinrich der Seefahrer ins Arbeitszimmer +der Semper und sagte mit stoischem +Lächeln:</p> + +<p>»Ich bin ausgewiesen.«</p> + +<p><!-- Page 104 --><span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span> +Man glaubte anfangs, er scherze. Aber er +zeigte lächelnd den Ausweisungsbefehl. Und man +begriff noch immer nicht. Wie? Dieses neunundzwanzigjährige +Kinderherz sollte »gemeingefährlich« +sein? Wie? dachte Asmus, dieser +Mann, der zu den besten Stücken meiner Jugend +und meiner Heimat gehört – den verbannt +man aus seiner Heimat? Gewiß würde +Moldenhuber auch auf der Barrikade seine Schuldigkeit +getan haben; aber nie würde er aufgefordert +haben, eine zu bauen; er würde viel +mehr versucht haben, den Fürsten Bismarck oder +den das Standrecht ausübenden General von +seinem Irrtum und von der Richtigkeit der sozialistischen +Lehre zu überzeugen.</p> + +<p>Aber alles Verwundern half nichts gegenüber +der brutalen Tatsache.</p> + +<p>»Wohin willst du denn?« fragte Ludwig +Semper.</p> + +<p>»Nach Amerika,« antwortete Moldenhuber +ruhig.</p> + +<p>Nach Amerika! Der Wolkenschieber nach +Amerika! Das war so, als wenn Hölderlin +auf die Hamburger Börse gegangen wäre, um +hinfort in Kaffee zu spekulieren. Ludwig Semper +riet ihm dringend ab; aber der Seefahrer +war heiter entschlossen. Fast schien es, als ob +ihm die Schicksalswendung willkommen wäre +und er sich auf die Entdeckung Amerikas durch +Heinrich den Seefahrer freue. Was konnte ihm +geschehen? Nahm er nicht seine Dichter und +<!-- Page 105 --><span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span> +Philosophen überallhin im Kopfe mit? Und für +eine Bücherkiste war wohl auch noch Platz im +Zwischendeck.</p> + +<p>Amerika! Asmussens Brüdern, Johannes +und Alfred, hatte dies Land schon oft vor der +Seele gestanden als ein Bereich, wo man aus +dem ewigen Schuften und Sorgen herauskomme, +wo brauchbare Arbeit einen reichlichen Lohn +finde. Der Entschluß, dahin auszuwandern, war +immer wieder verschoben worden; denn diese +Heimat mit all ihrem Schuften und Sorgen übte +ihre stille Kraft. Aber die Polizei kam ihrer Unentschlossenheit +zur Hilfe. Ein Beamter, der +Ludwig Sempern freundlich gesinnt war, teilte +ihm unter der Hand mit, daß auch sein Sohn +Johannes auf der Proskriptionsliste stehe und +demnächst »drankomme«. Vielleicht ziehe er es +vor, noch vordem auszuwandern.</p> + +<p>Das gab einen Aufruhr im Hause Semper! +Frau Rebekka sprach sich über Thron und Altar, +über Bismarck und die Polizei in einer Weise +aus, die ihr gegebenen Falles 100 Jahre Gefängnis +gesichert hätten, und im stillen weinte +sie. Ludwig Semper trug das Unglück schweigend +wie immer, nur warf er öfter als sonst +das linke Bein über das rechte und bewegte +heftig die Lippen, und nur einmal rief er: »Die +Narren, wenn sie glauben, daß ihnen das was +hilft!«</p> + +<p>Am muntersten nahm Alfred die Neuigkeit +auf. Er wollte sofort mit seinem Bruder nach +<!-- Page 106 --><span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span> +Amerika, obwohl ihn niemand forttrieb und obwohl +er sich ein Sümmchen erspart hatte. Aber +er wollt’ es »zu was bringen« und erbot sich, +seinem Bruder das Geld für die Überfahrt zu +leihen.</p> + +<p>Und Johannes schlug ein. Entschlossen, nach +Amerika zu gehen, war auch er. Aber seine +Entschlossenheit hatte zwei Gesichter, die in den +nächsten acht Tagen oft miteinander wechselten. +Das eine pflegte mit unternehmendem Blick +durchs Fenster nach Westen zu sehen, das andere +die Blicke wandern zu lassen über Wände und +Winkel, Gassen und Felder in Haus und Heimat, +von denen er scheiden sollte.</p> +</div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 107 --><span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span> +<a name="XV_Kapitel" id="XV_Kapitel"></a>XV. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus hört ein französisches Lied von deutschem +Heimweh, gibt Privatstunden bei Lachtauben und Häschen +und erhält sein erstes Dichterhonorar.</div> + +<p><span class="bigletter">S</span>chon acht Tage später bewegte sich durch die +Straßen von Oldensund und Altenberg ein +Trupp von Auswanderern dem Hamburger Hafen +zu. Außer Moldenhuber und Johannes +Semper waren noch andere ausgewiesen worden; +Europamüde hatten sich ihnen angeschlossen, +und zahlreiche Verwandte und Freunde gaben +ihnen das Geleite bis zu den Landungsbrücken. +Man war auf gewisse Weise heiter; einige hatten +ihrer Heiterkeit mit Alkohol auf die müden Beine +geholfen. Man konnt’ es Heiterkeit nennen, wie +man es Sonnenschein nennen kann, wenn durch +unaufhörlich ziehende Wolken hin und wieder +auf Minuten die Sonne mit stechendem Glanze +hindurchblickt. Man sang sogar, man sang lustige +Lieder; aber kein Mensch nahm sie lustig. Asmus +ging eine Weile allein neben seinem Bruder +Johannes. Sie sangen beide nicht mit; aber +plötzlich sang etwas in Asmus. Er hatte es oft, +daß plötzlich eine Melodie in ihm aufwachte, +<!-- Page 108 --><span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span> +die er nur einmal gehört und die er dann wochenlang, +monatelang vergeblich in seiner Erinnerung +gesucht hatte. Vor mehr als einem Vierteljahr +hatte er mit dem blinden Pianisten zusammen +die »Fantastische Symphonie, op. 14« von +Berlioz gehört. Und da hatte ganz besonders +ein Gesang gedämpfter Geigen sich wie ein weicher, +warmer Herbsttag ihm in das Herz gelegt. +Er hatte sich die Worte gemerkt, die den Komponisten +zu diesem Gesange angeregt hatten; aber +die Melodie hatte er doch vergessen. Heute mit +einem Male schlug jene wundersame, süß-traurige +Weise die Augen auf.</p> + +<p class="illustration"> +<img src="images/music.png" alt="Je vais donc quitter pour jamais, mon doux pays, ma douce amie!" /> +</p> + +<p>sang es in ihm. Dann hörte er seinen Bruder +sprechen.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Sobald ich drüben bin, schick’ ich meine +Adresse; dann mußt du mir fleißig schreiben.«</p> + +<p>»Gewiß,« sagte Asmus.</p> + +<p>»Schreib mir sobald als möglich, wie es +Vater und Mutter geht – sie werden allmählich +alt.«</p> + + +<p><!-- Page 109 --><span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span> +»Ja, ja,« sagte Asmus nachdenklich.</p> + +<p>»Mach’ ihnen nur recht viel Freude. Sowie +ich etwas übrig habe, schick’ ich auch Geld.«</p> + +<p>»Aber überarbeite dich auch nicht,« fügte Johannes +noch hinzu. Dann schwiegen sie wieder. +Und wieder hub in Asmus die sanfte, traurige +Weise an:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0"><em class="antiqua">Je vais donc quitter pour jamais</em></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">Mon doux pays – – –</em></span> +</div></div> + + +<p>Endlich waren sie am Landungsplatz, und +da griff der Anblick der vielen Hunderte von +Zwischendeckspassagieren wie mit Krallen in Asmussens +Herz. Er wußte ja von all diesen Leuten +gar nicht, warum sie auswanderten, ob sie +es gern oder ungern taten, was sie erhofften und +was sie verließen; aber er sah in dieser ganzen +Masse von Männern, Weibern und Kindern mit +ihrer in Bündel geschnürten Habe nur ein großes +Elend, ein großes, bitteres Elend, und zum +ersten Male in diesen Tagen des Abschieds traten +ihm heiße, reichliche Tränen ins Auge. Er +trocknete sie schnell; denn es galt, Abschied zu +nehmen und den Brüdern ein fröhliches, ermunterndes +Gesicht zu zeigen. Der guten Frau Rebekka +wollte fast das Herz brechen, und sie empfahl +ihren Söhnen noch hundert Dinge, die sie +nicht vergessen sollten; sie knöpfte Alfred den +Rock zu und knotete Johannes den Schal fester +um den Hals, um sie gegen die rauhe Seeluft +zu schützen, die indessen von Hamburg noch fünf +<!-- Page 110 --><span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span> +Stunden weit entfernt ist. Endlich fuhr das +Schiff unter Hurrarufen und Winken der Zurückbleibenden +davon.</p> + +<p>Als Asmus wieder daheim war, ging er +heimlich ins Schlafzimmer, wie er von jeher getan, +wenn er mit sich allein sein wollte. Er trat +ans Fenster und blickte nach Westen. Wo werden +sie jetzt sein, dachte er.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0"><em class="antiqua">Je vais donc quitter – – –</em></span> +</div></div> + + +<p>Die Melodie schlang sich wie ein Gewinde +von Orangenblüten durch alle seine Gedanken.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0"><em class="antiqua">Je vais donc quitter pour jamais</em></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">Mon doux pays, ma douce amie!</em></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">Loin d’eux je vais trainer ma vie</em></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">Dans les pleurs et dans les regrets.</em></span> +</div></div> + + +<p>Das Lied paßte ja eigentlich gar nicht so +recht zu diesem Tage: es war ein französisches +Lied, und hier handelte es sich um eine deutsche +Heimat; auch der Sinn der Worte paßte nur +halb; aber die Töne, die Töne sangen ein wunderbares +Heimweh, und sie folgten ihm bis in +den Traum und bis in manchen folgenden Tag.</p> + +<p>Viel Zeit war indessen für wehmütige Stimmungen +und Gedankenspiele nicht übrig; das +Leben schickte sich an, unserm Seminaristen mit +realen Forderungen hart auf den Leib zu rücken. +Mit den beiden Söhnen hatten die alten Semper +zwar zwei beträchtliche Esser, zugleich aber +einen für ihren Haushalt noch beträchtlicheren +Geldzuschuß verloren. Vorübergehende Arbeitslosigkeit +<!-- Page 111 --><span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span> +kam hinzu, und die fetten Jahre der +dreihundertundsechzig Mark <em class="antiqua">pro anno</em> waren +vorbei; im ersten Seminarjahr gab es nur einhundertundzwanzig +Mark Stipendien, im zweiten +zweihundert, im dritten zweihundertundvierzig. +Aber wie sollten nun die Semper ihren Studenten +durch drei endlose Jahre hindurchschleppen?!</p> + +<p>Frau Rebekka verzagte an diesem Unternehmen. +Durch den Spalt einer angelehnten Tür +belauschte Asmus eines Tages ein Gespräch seiner +Eltern.</p> + +<p>»Dann muß er eben den Lehrer an den Nagel +hängen und Zigarrenmacher werden,« sagte die +Mutter.</p> + +<p>»Ach, Unsinn!« klang die Stimme Ludwig +Sempers.</p> + +<p>»Ja, Unsinn! Weißt du, woher das Geld +kommen soll? Ich weiß es nicht. Wir riechen +nach Geld wie die Gänse nach Franzbranntwein.«</p> + +<p>»Na ja, das findet sich,« sagte Ludwig.</p> + +<p>»Ja, das sagst du immer,« meinte Rebekka. +»Wozu auch?« fuhr sie fort. »Die anderen Kinder +sind auch alle begabt und sind auch keine +Lehrer geworden.«</p> + +<p>Sie sagte das nicht lieblos; sie sagte es mit +jener Resignation des Armen, der das Gefühl +hat, daß das Talent für den Mittellosen ein Unglück +ist.</p> + +<p>Aber obwohl sie das Wort nicht lieblos gesprochen +hatte, ging es Asmussen wie ein Messer +<!-- Page 112 --><span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span> +durch’s Herz. Sie hatte Wahrheit gesprochen, +die Mutter. Seine Brüder waren wohl ebenso +begabt wie er, vielleicht begabter, und mußten +Zigarren drehen. Sollte er seinen Eltern, die +sich von Sorge zu Sorge schleppten, drei Jahre +lang auf der Tasche liegen? Nein.</p> + +<p>Asmus beschloß, seinen Unterhalt durch Privatstunden +selbst zu verdienen. Dazu waren +freilich nicht wenige solcher Stunden nötig.</p> + +<p>Er ging dreimal in der Woche zu den Kindern +eines Fettwarenhändlers, drei allerliebsten, +wohlerzogenen Kindern, zwei Mädeln und einem +Buben. Die Älteste war ein Lachtäubchen, und +wenn Asmus über eine seltsame Aufgabenlösung +ein humoristisches Augenrollen vollführte, wollte +sie sich unter den Tisch kichern; nur wenn er die +Frage an das etwas »thumbe« Brüderlein richtete, +machte sie ein bekümmertes Muttergottesgesichtchen. +Die Stunden wurden glänzend bezahlt, +mit 75 Pfennigen, und jeden Monat +zählte der blendend weiß beschürzte Vater mit +verbindlichstem Dank und höflichen Komplimenten +die blanken Silberstücke auf die Ladenbank. +Hier war alles warm und gut.</p> + +<p>Auch mit dem einzigen Kinde des Gelehrten, +zu dem er sechsmal die Woche ging, lebte er +gute und feine Stunden. Freilich nicht von Anfang +an. Als er bei dem sechsjährigen Bürschchen +mit dem Unterricht beginnen wollte, bemerkte er, +daß es kaum die Entwicklung eines Vierjährigen +hatte. Infolge von Krankheit oder Verzärtelung +<!-- Page 113 --><span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span> +war es so zurückgeblieben, daß es fast gar nicht +sprechen konnte, und wenn es nach vielen Ermunterungen +und Mühen endlich den Mund +auftat, so sagte es »trein« statt »klein« und +»Josche« statt »Rose«. O, o, oh, dachte Asmus, +was fang ich da an. Zudem war der Kleine +furchtsam wie ein Häslein; er starrte seinen Lehrmeister +nach Wochen noch an wie einen bösen +Mann und war durch die zündendsten »Witze« +und die komischsten Gesichter nicht ins Lachen +zu bringen. Hundertmal, tausendmal sprach ihm +Asmus die richtigen Laute vergeblich vor – das +konnte nicht immer kurzweilig und fröhlich sein; +dem Kleinen traten dicke Tränen ins Auge, und +dann war alles vorbei ... Dann mußte Asmus +aufspringen und ein paarmal auf und +ab gehen und sich sagen, daß er die Geschichte +vom Sisyphos bisher immer viel zu leichtfertig +und teilnahmlos aufgefaßt habe. Endlich, nach +sechs Wochen, sagte das Bübchen plötzlich ganz +richtig »klein« und »Klavier«. Asmus traute +seinen Ohren nicht.</p> + +<p>»Sag’ mal Klaus!« – »Klaus.«</p> + +<p>»Klemme!« – »Klemme!«</p> + +<p>»Klosett!« – »Klosett!«</p> + +<p>»Hurra« brüllte Asmus, »hurra, er kann +es!« und er sprang – er konnte nicht anders +– er sprang über einen Stuhl. Da lachte das +Bürschchen zum ersten Male laut auf, und nun +kam Sonnenschein ins Werk. Von nun an ging +es vorwärts, und nach einem halben Jahre +<!-- Page 114 --><span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span> +streckte sich aus den verhutzelten Hüllblättchen +der kleinen Menschenknospe ein vollkommen +helles und frisches Geistchen hervor.</p> + +<p>Die Wirksamkeit in diesem Hause hatte für +Asmus noch ein anderes Ergebnis. Irgend +jemand hatte dem Vater seines Schülers gesteckt, +daß der junge Herr Semper auch dichte, und +eines Tages erbat der Vater von seinem Hauslehrer +ein Lied für eine Naturforscherversammlung. +Asmus sagte zu und dichtete etwas hervorragend +Ungeeignetes. Der Doktor hatte sich +ein munteres Kneiplied gedacht; Asmussens Werk +aber war mit mehreren Zentnern Naturphilosophie +befrachtet. Der Gelehrte, ein Gentleman, +fragte gleichwohl mit verbindlichem Dank nach +seiner Schuldigkeit. Vor Asmussens Phantasie +stieg wie eine Leuchtkugel ein funkelndes Fünfmarkstück +auf; aber er ließ sich grundsätzlich nicht +übergentlemannen und sagte, es sei eine Gefälligkeit, +für die er kein Honorar beanspruche.</p> + +<p>»Nun, dann werd’ ich es auf andere Weise +gutzumachen versuchen,« sagte der Doktor.</p> + +<p>Und von nun an erschien in jeder Unterrichtsstunde +eine Tasse Kaffee, ein wundervoller +Kaffee, nicht mit Zichorien wie zu Hause. Und +da er ein Jahr lang im Hause des Gelehrten +wirkte, so kamen Hunderte von Tassen Kaffee +heraus, und sie waren sein erstes Dichterhonorar, +ein so hohes, wie er es viele Jahre später +noch nicht erreichen sollte.</p> +</div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 115 --><span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span> +<a name="XVI_Kapitel" id="XVI_Kapitel"></a>XVI. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Handelt von sonderbaren Studenten und von einem +unvergleichlichen Architekten.</div> + +<p><span class="bigletter">S</span>oweit waren die Privatstunden gut und schön. +Mit den zwei Kaufleuten aber ging es schon +anders. Das waren zwei Kompagnons, die Englisch +lernen wollten. Aber nicht das Englisch +der Schulgrammatik, des Landpredigers von +Wakefield und des Verlorenen Paradieses, sondern +das Englisch der Butter-, Eier- und Buckskinhändler. +Also kaufte sich Asmus eine Grammatik +der englischen Kaufmanns- und Gewerbesprache +und studierte mit Volldampf englische +Tratten, Rimessen, Konnossemente, Fakturen, +Beschwerden über unbefriedigende Hosenstoffe +und Insolvenzerklärungen. Die beiden Schüler +waren so ungleich wie nur denkbar; der eine begriff +nichts, der andere alles, und das mochte +diesen bewogen haben, sich mit jenem zu assoziieren. +Wie sollte man mit zwei solchen Pferden +vorwärts kommen! Und obendrein mußte man +doch noch immer auf der Hut sein, den verstopften +Geist seine Beschränktheit allzu beschämend +<!-- Page 116 --><span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span> +fühlen zu lassen! Aber die Qual sollte +nicht allzulange dauern. Als Asmus nach zehn +Unterrichtsstunden zur elften erschien, erklärte +ihm die Frau, bei der die beiden Junggesellen +gewohnt hatten, daß seine Schüler verzogen seien +»unbekannt, wohin«. Sein Honorar hatten die +Kompagnons mitgenommen. Asmus stand eine +Weile sinnend vor dem Hause und betrachtete +beim Schein der Gaslaterne die Grammatik +für Kaufmannsenglisch, die vier Mark gekostet +hatte und für die er nie im Leben wieder Verwendung +finden sollte.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Mit diesen Stunden hatte er besonders gerechnet. +Er verdiente allgemach so viel, daß er +seinen Eltern Kost und Wohnung vergüten +konnte, und diese Stunden sollten es ihm endlich +ermöglichen, von seinem Verdienst ein weniges +für sich zu behalten. Wenn die Stunden eine +Weile fortgingen, wollte er sich ein Klavier +mieten! Und auf diesem einst zu mietenden +Klavier hatte Ludwig Sempers Sohn auf Spaziergängen +und an stillen Feierabenden schon +manches <em class="antiqua">Adagio cantabile</em> und manches <em class="antiqua">Presto +furioso</em> gespielt. Denn er war vielleicht der +größte und kühnste Luftschloßarchitekt seines +Jahrhunderts. Aus einem einzigen Stein baute +er ein Schloß; aber er ließ es nicht etwa, wie +die meisten dieser Künstler, bei dem Gerüst oder +bei der Fassade bewenden; nein, er führte es +durch und hinauf bis zu den letzten Fialen und +Türmchen, die mit den Mondstrahlen stritten an +<!-- Page 117 --><span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span> +Feinheit und Glanz; er baute es aus von der +Halle bis ins verschwiegenste Gemach, von der +breitschimmernden Treppe bis in die Kammer +des Türmers, vom lauschigen Erker bis zum +lachenden Balkon, der in prangende Gärten hinabsah. +Denn was wäre ein Schloß ohne einen +Park mit Brücken und Lauben, mit singenden +Wassern und horchenden Steinbildern, mit hundert +Abgründen für den Traum und hundert +Grotten und Höhlen für die Erinnerung?</p> + +<p>Aber das merkwürdigste war, daß er, wenn +das Schloß nun plötzlich im leeren Grau verschwand, +nur drei Sekunden brauchte, um sich +mit dieser vollendeten Tatsache abzufinden. Er +galt bei denen, die ihn kannten, für einen Menschen +von Talent; aber sein größtes Talent +kannten weder sie noch er selbst: sein unerhörtes +Talent, glücklich zu sein. In einem heimlichen +Schubfach seines Herzens lagen tausend +Baupläne zu neuen Luftschlössern; hinter seiner +Stirn brannte wie ein wandelloser Stern die +Hoffnung: Einmal bau ich mir doch ein Schloß, +ein Schloß aus wirklichem Glück, und so viele, +so herrliche Schlösser ihm versinken mochten – +er versöhnte sich mit jeder Notwendigkeit und +kannte nichts Unsinnigeres als Trauer um das +Unabänderliche.</p> + +<p>Und so schob er denn die Grammatik der englischen +Handelssprache unter den Arm und sagte +sich: »Ich habe doch meine Kenntnis des Englischen +erweitert und einen gewissen Einblick in +<!-- Page 118 --><span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span> +geschäftliche Dinge bekommen – wer weiß, ob +ich sonst jemals dazu gekommen wäre.« Damit +waren die Kompagnons erledigt.</p> + +<p>Die Lust, etwas zu lernen, ist unter den +Menschen weit verbreitet, die Lust, sich darum +anzustrengen, nicht. Es gab wohl allerlei Leute, +die Privatstunden haben wollten; aber sie gaben +sie gewöhnlich schnell wieder auf, wenn sie +merkten, daß das Lernen bei aller Milde der +Methoden doch etwas anderes ist als eine +schmerzlose Einspritzung ins Gehirn. So gingen +allerlei Leute durch Asmussens Hände: ein +Opernsänger, der fast so begabt war wie der +beschränkte Kompagnon, aber nicht singen konnte; +ein Franzose, der Deutsch lernen wollte, der – +<em class="antiqua">ayant oublié son porte-monnaie</em> Asmussen um +drei Mark anpumpte und dann nicht wiederkam; +ein Gastwirt, der eine feinere Wirtschaft +übernahm und darum Bildung lernen wollte, +und manche andere; es gab Wochen, in denen +»das Geschäft blühte«; aber sie wechselten mit +Monaten, Vierteljahren, an denen es darniederlag. +Und wenn den Glückspilz Asmus Semper +etwas andauernd unglücklich machen konnte, +so war es das Gefühl, seinen Eltern zur Last +zu liegen, und die Furcht, in den Augen seiner +Mutter den stummen Vorwurf zu lesen, daß er +seinen Eltern Opfer und Sorgen auferlege, die +keines der anderen Kinder verlangt habe.</p> +</div> + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 119 --><span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span> +<a name="XVII_Kapitel" id="XVII_Kapitel"></a>XVII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Das Schicksal führt uns zu wunderlichen Tischgenossen.</div> + +<p><span class="bigletter">I</span>n solcher Zeit ward ihm einmal Hilfe durch +einen Lehrer, der ihm in »feinen Häusern« +drei Freitische verschaffte. Asmus jubelte, erstens +weil er seinen Eltern drei Mittagsmahle ersparte, +und zweitens, weil ihm ein Klassenkollege +und Freitischler auf Spaziergängen zu +wiederholten Malen die Leckerbissen geschildert +hatte, die es in solchen Häusern gebe. Schneebälle +zum Beispiel, Schneebälle zum Nachtisch, +man denke! Asmus freute sich wie ein Kind +auf die zu erwartenden Festgerichte und ahnte +nicht, womit sie gewürzt waren. Und bei dem +Architekten war es wirklich schön! Die kinderlosen, +noch jungen Eheleute behandelten ihn +ganz wie einen Gast; das Mädchen servierte erst +der gnädigen Frau, dann ihm und dann erst dem +Hausherrn, und die gnädige Frau schanzte ihm +immer besonders gute Bissen zu und schälte und +zerlegte ihm mit eigenen Händen Äpfel und +Apfelsinen. Asmus war von dieser reinen Güte +so beschämt, daß er anfangs vor Beklommenheit +<!-- Page 120 --><span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span> +nicht reden und nicht essen konnte. Aber +die ungezwungene Freundlichkeit der Wirte, die +keine seiner Verlegenheiten und Unbeholfenheiten +zu bemerken schien, half ihm über alle Ängste +hinweg; der Hausherr schenkte ihm immer wieder +ein, behandelte ihn als alten Kneipgesellen +und neckte bei aller Zartheit seine Frau so lustig +und unbefangen, als wäre niemand zugegen +denn ein alter Freund!</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Greifen Sie zu, Herr Semper, greifen Sie +zu!« rief er. »Meine Frau hofft natürlich, daß +von dem Eis was nachbleibt – sie nascht nämlich; +aber wir sind für ihre Gesundheit verantwortlich; +es darf nichts übrig bleiben.«</p> + +<p>Dann drohte die sanfte Frau ihrem Gatten +lächelnd mit dem Finger und schob Asmussen +die Eistorte zu mit einem Glanz in den Augen, +als pflege sie in dem kleinen Seminaristen ihr +ersehntes Kind.</p> + +<p>Wie ganz anders ging es da »bei Stadtrats« +zu. Da kam Asmus gleich beim ersten +Male neben einer pompösen Dame zu sitzen; sie +hieß »Frau Senator«, und er war sozusagen +ihr Tischherr. Zwischen ihr und ihm stand auf +dem Tisch eine Flasche Rotwein. Als der erste +Gang nach der Suppe aufgetragen war, sagte +die dicke Frau in einem bösen Tone:</p> + +<p>»Na, wenn <em class="gesperrt">Sie</em> keinen Wein mögen, <em class="gesperrt">ich +mag</em> Wein!« nahm heftig den Stöpsel von der +Flasche und schenkte sich ein. +</p> + +<p><!-- Page 121 --><span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span> +Asmus war’s, als ob ihm siedendes Wasser +über den ganzen Leib liefe. Wie sollte er denn +dazu kommen, sich an einer Flasche Wein zu +vergreifen, die andern Leuten gehörte, und diesen +Wein einer Dame anzubieten, einer Dame +»furchtbar prächtig wie blutiger Nordlichtschein«! +Wenn er auch in der Theorie noch Königsmörder +war und wußte, daß es schlechte Könige +und Minister gebe, in der Praxis glaubte er +noch fest, daß ein Mensch, der »Frau Senator« +heiße, auch wirklich etwas Hervorragendes und +Feines sein müsse.</p> + +<p>Da war aber auch noch jedesmal ein Kandidat, +der bei jeder passenden und unpassenden +Gelegenheit auf die Juden schimpfte, sonst aber +keine geistige Regsamkeit erkennen ließ. In Asmussens +Herzen war die Stelle noch sonnenwarm, +an die er vor Jahren Lessings Gedicht von +Nathan dem Weisen gedrückt hatte. Der Kandidat +war ihm furchtbar zuwider. Er konnt’ +es begreifen, daß man einzelne Menschen haßte, +wenn sie schlecht waren; auch er konnte hassen, +o gewiß, leidenschaftlich, wenn auch nicht lange; +aber daß man eine ganze Menschenklasse hassen, +verdammen, beschimpfen und ihr alles Leid an +den Hals wünschen konnte, das empörte ihn wie +eine Roheit des Herzens, und diese Empörung +schwoll eines Tages so gewaltig in ihm auf, daß +er, über und über errötend, dem Kandidaten erwiderte: +</p> + +<p><!-- Page 122 --><span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span> +»Vergessen Sie doch nicht, wie man die +Juden behandelt hat.«</p> + +<p>»O, das war nicht so schlimm,« meinte der +Gottesgelehrte spöttisch.</p> + +<p>»So? Haben Sie Freytags »Bilder aus +der Deutschen Vergangenheit« gelesen?«</p> + +<p>»Nee.«</p> + +<p>»Nun, da können Sie’s nachlesen; Freytag +ist gewiß unparteiisch. Und ich muß sagen: +Wenn man mich so behandelte, würde ich nur +eine Antwort kennen: Haß, unauslöschlichen +Haß.«</p> + +<p>Man ging schnell über die Taktlosigkeit des +Freitischlers hinweg, und als Asmus zehn Minuten +später eine bescheidene Bemerkung an die +»Frau Senator« richtete, tat sie, als hätte sie +nichts gehört.</p> + +<p>Das nächste Mal war ein Professor von der +Familie zugegen. Er zog den jungen Semper +sehr wohlwollend in ein Gespräch über die Schule, +und im Laufe dieses Gesprächs erklärte Asmus +die allgemeine Volksschule für sein Ideal.</p> + +<p>»Ja, mein lieber Herr – Semler, nicht +wahr?«</p> + +<p>»Semper.«</p> + +<p>»Semper! Pardon! – sehen Sie, das macht +sich in der Theorie ja alles sehr schön; aber wie +wollen Sie das durchführen? Wir können doch +unsere Kinder nicht mit Krethi und Plethi zusammen +erziehen lassen. Wenn unsere Töchter +mit den Töchtern unseres Grünhökers auf derselben +<!-- Page 123 --><span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span> +Schulbank sitzen, woher sollen wir denn +unsere Frauen nehmen?«</p> + +<p>Asmus empfand eine deutliche Ohrfeige. +Für Krethi und Plethi und Grünhöker konnte +man auch »Zigarrendreher« sagen. Übrigens +hatte der Professor Asmussen nicht nur eine +feine Zigarre gereicht, sondern ihm sogar Feuer +gegeben.</p> + +<p>Als der Seminarist eine Viertelstunde später +die mit dicken Teppichen belegte Treppe hinabstieg +und das Dienstmädchen ihm mit Herablassung +den Überzieher reichte, fragte er sich: +Durfte ich dazu nun schweigen? Durfte ich sozusagen +meine Eltern beschimpfen lassen für ein +feines Diner? Darf ich überhaupt zu all diesen +schrecklichen Ansichten schweigen und den Anschein +erwecken, daß ich sie teile?</p> + +<p>Natürlich mußte er schweigen; denn dreinzureden +wäre sehr unbescheiden gewesen. Aber +er konnte das nicht mit anhören, ohne jeden +Augenblick aufzuzucken. Und ihm fiel das +schöne Aristokratenwort seines Landsmannes +Th. Storm ein:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wo zum Weib du nicht die Tochter</span> +<span class="i0">Wagen würdest zu begehren,</span> +<span class="i0">Halte dich zu wert, um gastlich</span> +<span class="i0">In dem Hause zu verkehren.«</span> +</div></div> + + +<p>Der Kopfhänger Asmus richtete sich hoch auf, +und zu Hause angelangt, schrieb er sofort an +»Stadtratens«, daß er durch Privatstunden und +<!-- Page 124 --><span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span> +andere Pflichten leider verhindert sei, fernerhin +zum Essen zu kommen, und daß er für die +erwiesene Güte danke.</p> + +<p>Bei dem reichen Lederhändler aber, der Senator +werden wollte, hielt er’s nur eine einzige +Mahlzeit aus. Als man zum Essen ging, wollte +Asmus schon seinen Stuhl vom Tische abrücken, +um sich darauf zu setzen, da bemerkte er, daß +alle hinter ihren Stühlen stehen blieben zum Gebet. +Er trat schnell ebenfalls hinter seinen Stuhl, +faltete aber weder die Hände noch senkte er den +Kopf, um nicht den Anschein zu erwecken, daß +er mitbete. Der Hausvater tat, als habe er +nichts bemerkt; aber gegen Ende der Mahlzeit +flocht er in sein erbauliches Gespräch ein Sprüchlein +ein, das lautete:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wer ungebetet zu Tische geht</span> +<span class="i0">Und ungebetet vom Tisch aufsteht,</span> +<span class="i0">Der ist dem Öchs- und Eslein gleich</span> +<span class="i0">Und hat nicht teil am Himmelreich.«</span> +</div></div> + + +<p>Durch diese liebevolle Weltanschauung fühlte +sich indessen Asmus nicht einmal so weit überzeugt, +daß er beim Gebet nach Tisch die Hände +faltete, vielmehr sagte er sich auf dem Nachhausewege: +»Kann ich erwarten, daß die Leute +meinetwegen nicht beten? Ganz gewiß nicht. +Können sie verlangen, daß ich aus Dankbarkeit +für das Mittagessen mitbete? Ebensowenig. +Ich bete nicht. <em class="gesperrt">So</em> nicht. <em class="gesperrt">So</em> nicht!« rief der +Jüngling, der nach der Ansicht des Lederhändlers +<!-- Page 125 --><span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span> +keinen Teil am Himmelreich hatte, laut vor sich +hin, so laut, daß ein kleiner Junge ihn anstarrte +und ihm eine Weile nachschaute. Und merkwürdig, +wieder fiel ihm ein steifnackiges Wort +Theodor Storms ein:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Auch bleib der Priester meinem Grabe fern;</span> +<span class="i0">Zwar sind es Worte, die der Wind verweht;</span> +<span class="i0">Doch will es sich nicht schicken, daß Protest</span> +<span class="i0">Gepredigt werde dem, was ich gewesen,</span> +<span class="i0">Indes ich ruh im Bann des ew’gen Schweigens!«</span> +</div></div></div> + + + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 126 --><span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span> +<a name="XVIII_Kapitel" id="XVIII_Kapitel"></a>XVIII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Wie Asmus schlafwandelte und die Gedankenwelt des +Herrn Quasebarth auf den Kopf stellte.</div> + +<p><span class="bigletter">A</span>ls obendrein der Architekt nach Süddeutschland +übersiedelte und auch diese Speisung +ihr Ende fand, sah Asmus sich wieder ganz auf +dem alten Punkte. Es galt, eifriger denn je +nach Privatstunden auszuschauen, und er fand +auch immer wieder neue; aber da sie meistens +schlecht bezahlt wurden, so mußte er ihrer so +viele geben, daß er an gewissen Tagen mit einer +dreiviertelstündigen Unterbrechung von sieben +Uhr morgens bis elf Uhr abends bei der Arbeit +oder auf dem Marsche war. Um sechs Uhr +abends kam er dann zum Mittagessen. Das +Diner war in zehn Minuten erledigt, und dann +lehnte er sich ins Sofa zurück, um 35 Minuten +lang nichts, gar nichts zu tun. Solche Bedürfnisse +hatte er früher nicht gekannt. Mit dem +Blick auf die Uhr genoß er die Minuten einzeln, +und die Zeit schien dadurch länger zu +werden. »Noch sieben schöne Minuten,« dachte +er, »noch sechs, noch vier,« und die letzten Minuten +<!-- Page 127 --><span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span> +kostete er, wie man Tropfen eines kostbaren +Weines einzeln auf der Zunge zergehen +läßt. O weh, dann war er doch ins Träumen +geraten und hatte fünf Minuten über die Zeit +genossen! Nun hieß es rennen.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Eines Abends auf dem Heimwege stieß er +mit dem Kopfe gegen den Mauerpfeiler eines +Gartenportals. Wie konnte denn das angehen? +Hatte er denn im Gehen geschlafen? Nein, das +war nicht möglich. Er blutete an der Wange, +und am andern Tage neckte man ihn in der +Klasse, er sei bekneipt gewesen.</p> + +<p>Wenige Tage später, auf demselben Wege, +erwachte er plötzlich auf einem freien Platze. Er +mußte sich lange besinnen, eh’ er begriff, wo er +war. Er war in einer ganz verkehrten Richtung +gegangen und hatte nun einen noch weiteren +Weg nach Hause als sonst. Er war so erschöpft, +daß er nach zehn Schritten immer wieder einschlief; +aber der einstündige Weg mußte gemacht +werden, da half nichts. Er nahm ein heftiges +Tempo an und stampfte den Boden wie ein +Grenadier beim Parademarsch; aber nach wenigen +Minuten wurden seine Schritte langsamer +– langsamer – langsamer. Am andern Morgen +erinnerte er sich nicht, wie er nach Hause gekommen.</p> + +<p>Und noch einige Tage später erwachte er auf +demselben Heimwege von einem trappelnden Geräusch. +Verstört blickte er auf und fand, daß er +vor zwei sich bäumenden Pferden stand, die um +<!-- Page 128 --><span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span> +seinetwillen nicht weiter wollten. Er sprang zur +Seite, und der Kutscher fuhr fluchend weiter +und schimpfte etwas von »Besoffenheit« vor sich +hin.</p> + +<p>Dieser Schreck war von so nachhaltiger Wirkung, +daß Asmus nicht wieder im Gehen einschlief. +Die Theorie, daß der Mensch eigentlich +überhaupt keinen Schlaf brauche, hatte er aufgegeben.</p> + +<p>Manchesmal in dieser Zeit mußte er an +Adolfinen denken, wie sie lachend ihren großen +Mund aufriß und rief: »Du willst Lehrer werden? +Du bist wohl verrückt!« – – – –</p> + +<p>Und wer wußte, ob er nicht wirklich eines +Tages die Flinte ins Korn warf und ans Zigarrenbrett +ging! Aber da war Ludwig Semper, +sein Vater. Je älter Ludwig wurde, desto +früher stand er auf; er schlief nur wenige Stunden +in der Nacht. Und in der Frühe des Morgens +bereitete er seinem Sohne den Kaffee und +strich ihm sein Brot. Und wenn Asmus seine +bescheidene Toilette beendet und sich zum Frühtrunk +gesetzt hatte, dann wußte er, ohne aufzublicken, +daß der Blick seines Vaters auf ihm +ruhte. »Er freut sich, daß es mir schmeckt,« +dachte Asmus. »Und er freut sich, daß ich ins +Seminar gehen kann und etwas werde, was er +nicht werden durfte.«</p> + +<p>O ja, zu Hause schmeckte ihm noch das Brot; +aber er mußte auch den Tag über von Brot +leben, weil er erst um 5 oder um 6 Uhr zum +<!-- Page 129 --><span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span> +Mittagessen kam, und wenn er in der Mittagspause +im Seminar sein Frühstück auswickelte, +dann schauderte er oft zurück und wickelte es +wieder ein. Die Luft dieser alten Schulkasernen +belegt alle Luft- und Speisewege wie mit einer +übelschmeckenden Schicht; bis in den Magen +hinein fühlte man diese Luft; er mußte sich Gewalt +antun, wenn er einen Bissen hinunterwürgen +wollte, und wenn einem Achtzehnjährigen +der Appetit fehlt, so fehlt ihm ein Stück Jugend. +Und eines Morgens fragte ihn Herr Rothgrün +in der Geschichtsstunde:</p> + +<p>»Stehen Sie morgens so früh auf?«</p> + +<p>»Ich – o nein,« sagte Asmus ohne Verständnis.</p> + +<p>»Sie schliefen nämlich eben,« fuhr Herr +Rothgrün pikierten Tones fort.</p> + +<p>»Ich? Nein!« erklärte Asmus wie alle Leute, +die der Schlaf wider Willen überfällt, und in +der Tat war der Schlaf nur wie ein leises Wölkchen +vor seinen Augen vorübergezogen. Er hatte +Herrn Rothgrün noch vom zweiten Samniterkriege +sprechen hören, und jetzt sprach er vom +dritten, also konnte nicht viel Zeit verstrichen +sein; denn Herr Rothgrün erledigte solche Sachen +sehr schnell. Und in eben dieser Aufmachung +interessierten Asmus die Samniterkriege nur +äußerst schwach.</p> + +<p>Da ihn sein fröhlichstes Gefühl, sein Kraftgefühl +in diesen Zeiten verließ, fühlte er sich +ernstlich unglücklich. Daß er in der Klasse eingeschlafen +<!-- Page 130 --><span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span> +war, empfand er bei seinem peinlichen +Ehrgefühl als eine Schmach, und daß er Herrn +Rothgrün in seiner Eitelkeit verletzt hatte, war +nicht gut; denn Herr Rothgrün vergaß dergleichen +schwer; aber das alles bedeutete nichts +gegen einen anderen Schmerz.</p> + +<p>Das war kein Studieren mehr, was er jetzt +trieb! Das war nichts als ein Aufschnappen +und Wiederfahrenlassen im Husch und Hui. Er +war es gewohnt, zu dem, was das Seminar +ihm gab, wenigstens ebensoviel durch eigene +Arbeit hinzuzutun. Bei wichtigen Fragen und +Aufgaben – und seinem Feuereifer schien fast +alles wichtig – holte er sich alle Darstellungen +und Behandlungen herbei, die ihm Neues bieten +konnten, und durchackerte sie; aber nie beruhigte +er sich bei den Büchern; er zwang sich, die Ideen +eines Bacon, eines Comenius, eines Pestalozzi +und Herbart, die Abhandlungen eines Schiller +und Lessing, die Darstellungen eines Ranke und +Mommsen unabhängig vom Buch, in eigener +Form zu rekonstruieren, ihre Zusammenhänge, da, +wo sie ihm fehlten, selbst zu finden; er hielt sich +gleichsam selbst Vorträge; ja, er diskutierte im +Schlafzimmer laut mit sich selbst und stellte +Grund und Gegengrund sozusagen im kontradiktorischen +Verfahren einander gegenüber, so +daß Frau Rebekka, die für den Frieden eines +Studierzimmers nicht allzuviel Verständnis +hatte, zuweilen lächelnd hereinkam und rief: +»Junge, du priesterst ja wieder ordentlich.« Er +<!-- Page 131 --><span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span> +hatte nun einmal dies leidenschaftliche Bedürfnis +nach Klarheit; es war, als ob eine Stimme +in ihm rief: Nichts Dunkles hinter dir zurücklassen, +sonst verwirrt sich alles Künftige, und +er hatte den heiligen Glauben, daß, wer sich +bei keinem unklaren Gedanken beruhige, endlich +auch die letzten Rätsel lösen müsse. Er war in +der Mathematik nicht zufrieden damit, die Lehrsätze +zu beweisen und die Aufgaben zu lösen, +er wollte auch die Axiome beweisen und begründen. +Daß jede Größe sich selbst gleich ist – +natürlich, die Wahrheit dieses Satzes begriff +er intuitiv wie jeder normale Mensch; aber er +wollte sie auch beweisen, und das konnte man +nicht, und die ihm in späteren Jahren das bedrückte +Herz befreien sollten: die intuitiven Gewißheiten, +sie machten ihm in diesen Jahren +Pein. Aber noch mehr: alles, was er logisch +begriffen hatte, wollte er auch sinnlich erfassen. +Es war der Künstler in ihm, der sich nicht beim +Abstrakten beruhigen wollte. Den Satz des Menelaos +von der Transversale, die die Seiten +eines Dreiecks schneidet, logisch begreifen und +beweisen, das konnte ein Kind; aber er wollte +auch <em class="gesperrt">sehen</em>, daß die Produkte der nicht +anstoßenden Abschnitte einander gleich seien. +Und das konnte man nicht. Ja, man konnt’ +es ja ausrechnen, aber das war kein <em class="gesperrt">Sehen</em>! +Und nun kam noch hinzu, daß er mit +einem Mangel in seiner Anlage zu kämpfen +hatte: in gewissen Dingen der Physik, der Anatomie, +<!-- Page 132 --><span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span> +der Botanik und so weiter machte ihm +das dreidimensionale Vorstellen Schwierigkeiten. +Wenn er sich den Längsdurchschnitt des menschlichen +Körpers oder einer Maschine oder eines +pflanzlichen Gefäßsystems vorstellte, so ward es +ihm bitter schwer, sich zugleich den Querdurchschnitt +vorzustellen, und er grub die Nägel in +die Stirnhaut, daß es schmerzte, bis er die +rechte Anschauung gewann. Er hatte das Gefühl, +als könne er sein Gehirn anspannen, wie +die Muskeln seiner geballten Faust. Daß die +Molekularbewegung und das Atomgewicht, der +Magnetismus, die Elektrizität und vieles andere +ihm Sorge machten, ist selbstverständlich. Warum +wirkte am doppeltlangen Hebelarm das halbe +Pfund genau so stark wie das ganze Pfund am +einfachen, warum, in drei Teufels Namen warum? +Es war so leicht, zu lernen, und so schwer, +zu erkennen. Und er fand in seinem Seelendrange +nicht immer Unterstützung. Um sich im +raschen und klaren Erfassen geometrischer Verhältnisse +zu üben, liebte es Asmus, die Figuren +nicht mechanisch, sondern mit den möglichen Veränderungen +in Konstruktion und Lage zu wiederholen, +und bekanntlich ist es der Geometrie +fabelhaft gleichgültig, ob das Hypothenusenquadrat +oben oder unten, rechts oder links liegt, +dieweilen sie von oben und unten, rechts und +links überhaupt nichts weiß. Aber Herr Quasebarth, +der Lehrer der Mathematik, dachte nicht +so vorurteilslos, und als Asmus eines Tages +<!-- Page 133 --><span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span> +fünf Konstruktionsaufgaben einreichte, die nicht +so standen, wie es Herr Quasebarth seit siebenundzwanzig +Jahren gewohnt war, sondern auf +dem Bauche oder auf dem Rücken lagen oder +auf dem Kopfe standen, da schrieb er mit Wucht +darunter »falsch« und eine Vier, das schlechteste +Zeugnis; denn er durchflog die Hefte seiner +Schüler wie ein Schnellzug, der unterwegs nicht +hält. Asmus machte ihn darauf aufmerksam, +daß alle Aufgaben zweifellos richtig gelöst seien +und nur sozusagen andere Hosen anhätten als +sonst. Herr Quasebarth sagte höhnisch: »So« +und dann sah er ins Heft und sagte: »Die« +– und dann sagte er unsicheren Tones: »Das« +– und nachdem er noch »Hm« gesagt hatte, rief +er ärgerlich: »Ja, richtig sind sie wohl; aber was +sollen die Veränderungen: machen Sie es doch, +wie es alle anderen machen!« und er nahm die +Feder und erhöhte das Zeugnis – um einen +halben Grad. Er wollte damit ausdrücken, daß +der Schüler richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen +recht habe.</p> +</div> + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 134 --><span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span> +<a name="XIX_Kapitel" id="XIX_Kapitel"></a>XIX. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus klagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und +wird in Verruf erklärt.</div> + +<p><span class="bigletter">J</span>a, die Gesetze des Hebels und die Wunder des +Spektrums und vor allem jener fatale Abgrund, +der zwischen Körperwelt und Gedankenwelt +klafft, jener Abgrund, den wir immerfort +überspringen, ohne ihn jemals zu sehen, sie +hatten seinem bohrenden Geiste wilde Sorgen +gemacht; aber es waren holde Sorgen gewesen, +fröhliche Sorgen, Sorgen, die man nicht scheuchte, +sondern suchte; denn das ist das göttliche Wunder +in allem geistigen Ringen, daß auch die +Niederlagen uns stärker und freier machen, solange +uns Hoffnung bleibt.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Die schöne Zeit dieser Sorgen war dahin. +Bei den vielen Privatstunden konnte er nur das +Notdürftigste pauken, konnte er eigentlich nur +für den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er eine +Reihe von Regeln oder Vokabeln oder eine Biographie +oder einen Geschichtsabschnitt einmal +durchgelesen hatte, so wußte er sie, aber für +wie lange? Und was hatte dies oberflächliche +<!-- Page 135 --><span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span> +»Wissen« für einen Wert? Was sollte das für +ein Wissensgebäude werden, das so schwindelhaft +gebaute Partien aufwies. In der Tat: er kam +sich vor wie ein gewissenloser Baumeister, der +schadhafte Mauern unterm Putz verbirgt, und +dies Bewußtsein einer Art Unredlichkeit peinigte +ihn mehr als alles andre, obgleich niemand +mehr von ihm verlangte, als er leistete, das +ließen seine Zeugnisse deutlich erkennen.</p> + +<p>Mit diesen Zeugnissen hatte er gleich nach +dem ersten Quartal ein Malheur gehabt, das +von eigenartigen Folgen sein sollte. Am Quartalsschluß +hatte nämlich der Ordinarius gesprochen: +»Das Kollegium ist einstimmig der Ansicht, +daß die Klasse sich nicht in dem Maße +anspannt, wie sie es könnte, und hat darum beschlossen, +die höchste Zensur im Fleiß mit einer +einzigen Ausnahme nicht zu vergeben. Diese +Ausnahme bildet Semper; ihm ist eine Eins zuerkannt +worden.«</p> + +<p>Das war ehrenvoll und sehr gefährlich. Asmus +empfand sofort mit jenem Tastgefühl, das +weit über die Grenzen des Körpers hinausreicht, +daß seine Klassenkollegen ihm anders begegneten +als sonst. Es waren wohl manche da, die es +ihm freudig gönnten; aber die andern waren +in der Mehrzahl. Unter diesen andern war +Wiedemann, ein langer Jüngling mit der +Stimme einer alten Tante, den Bewegungen +einer Raupe und feuchtkalten Händen. Asmussens +Hände waren trocken und sehr warm, +<!-- Page 136 --><span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span> +fast heiß. Zwischen solchen Menschen steht etwas, +was nicht zu überwinden ist. Asmus konnte +gegen diesen Kameraden nicht freundlich tun; +aber Wiedemann tat freundlich. Es gab in der +Klasse einen vorzüglichen Mathematiker, der es +namentlich im Rechnen allen andern zuvortat.</p> + +<p>»Der Mollwitz ist doch ein großartiger +Mathematiker, was?« sagte Wiedemann mit +lauerndem Lächeln zu Semper.</p> + +<p>»Das ist er,« versetzte dieser.</p> + +<p>»Ich halte ihn für den besten Mathematiker +in der ganzen Klasse,« fuhr der Lauernde fort.</p> + +<p>»Ich auch,« erklärte Semper und begriff +nicht recht, was Wiedemann mit diesen Selbstverständlichkeiten +beabsichtigte.</p> + +<p>Wiedemann war enttäuscht.</p> + +<p>Es gab aber auch einen Seminaristen namens +Frey, der ein klarer, tüchtiger Kopf war +und auch einen guten Stil schrieb.</p> + +<p>Eines Tages schob sich die Raupe wieder +heran.</p> + +<p>»Der Frey schreibt doch ’n großartigen Aufsatz, +was?« forschte Wiedemann.</p> + +<p>»Er schreibt ’n guten Aufsatz, ja,« sagte Asmus.</p> + +<p>»Na, das mußt du doch auch sagen, seinen +Aufsatz macht ihm doch keiner nach!«</p> + +<p>»Soo?« machte Semper.</p> + +<p>»Ja, bist du nicht der Meinung?«</p> + +<p>»Nein,« erwiderte Asmus kalt. Er wußte +ganz genau, daß er’s besser konnte. Das sagte +<!-- Page 137 --><span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span> +er zwar nicht; aber er sah auch nicht den geringsten +Anlaß, das Gegenteil zu lügen.</p> + +<p>Wiedemann machte noch immer ein lammfreundliches +Gesicht mit Ausnahme der Augen. +Augen sind Löcher, die der Herrgott im Menschenkörper +gelassen hat wie die Gucklöcher in +einer Verbrecherzelle, damit der Mensch nicht +allzu ungehindert heucheln könne. Augen heucheln +nicht mit. Wiedemanns Antlitz und Stimme +streichelten; aber seine Augen stachen, als er nun +fragte:</p> + +<p>»Wer schreibt hier denn einen besseren Aufsatz?«</p> + +<p>Und obwohl ihm Asmus jetzt durch die grünglimmernden +Augen bis in die Nieren schaute, +sagte er:</p> + +<p>»Du nicht.«</p> + +<p>In solchen Augenblicken kam etwas wie Husarengeist +über ihn. Wiedemann ging erquickt +von dannen.</p> + +<p>Und er ging aus wie ein Säemann, zu säen +seinen Samen, und verbreitete die Kunde, Semper +habe sich für den besten Aufsatzschreiber der +ganzen Klasse erklärt, er halte sich überhaupt für +den Klügsten von allen und finde die Arbeiten +Freys nur »so ziemlich«. Dies sagte er besonders +zu Frey. Seltsamerweise blieben aber Frey +und Semper die besten Freunde.</p> + +<p>Sonst aber fiel Wiedemanns Samen auf +gutes, fruchtbares Land, und Asmus fühlte +wohl, daß die Stimmung gegen ihn wuchs. +</p> + +<p><!-- Page 138 --><span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span> +Sollten sich hier die Leiden aus der Knabenschule +wiederholen? O, sie sollten es nicht nur +hier!</p> + +<p>Unter den Giftpflanzen ist eine, die keines +Samens und keines Keimes bedarf, die auch +aus Nichts entstehen kann wie die Schöpfung +Jahwehs, das ist die Verleumdung. Sie braucht +nur einen guten Boden, dann erzeugt sie sich +aus nichts.</p> + +<p>Eines Tages wurde Asmus von Seybold +gestellt, von demselben Seybold, der bei der +Präparandenprüfung einen so sichern Blick für +Sempers Arbeiten und eine so lebhafte Teilnahme +an seinen Erfolgen bekundet hatte. Er +war von einer ganzen Korona von Seminaristen +umgeben und hub also an:</p> + +<p>»Hier wird behauptet, du hättest dem Direktor +angezeigt, daß Müller und Warncke nach +der letzten Kneipe den Unterricht geschwänzt und +im Botanischen Garten ihren Kater spazieren geführt +hätten.«</p> + +<p>Wäre nun Asmus Semper irgend ein anderer +gewesen, so würde er vielleicht gesagt +haben:</p> + +<p>»Bemühe dich bitte sofort mit mir zum Direktor, +damit wir die vollkommene Unwahrheit +dieser Behauptung feststellen.«</p> + +<p>Oder er würde wie jener Yankee gesprochen +haben, den jemand einen Schurken nannte und +der freundlich erwiderte:</p> + +<p>»Damit, mein Verehrtester, daß Sie es behaupten, +<!-- Page 139 --><span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span> +ist es noch lange nicht bewiesen.« Aber +wär’ er besonnen gewesen, so wäre er nicht der +Semper gewesen, und also erwiderte er:</p> + +<p>»Wer das sagt, ist entweder ein Lump oder +ein Idiot.« Das Blut seiner Mutter schlug +mit Flammen zum Dach hinaus.</p> + +<p>Auch diese Antwort war ja richtig; aber ihre +Richtigkeit wurde nicht zugestanden.</p> + +<p>»Hahaaa,« johlte die Korona, »da haben +wir’s, wir sind alle Lumpen und Idioten!«</p> + +<p>Wäre Asmus jener Yankee gewesen, so hätte +er gesagt: »Dieser Schluß entbehrt durchaus der +logischen Richtigkeit«; statt dessen verzog er das +bleiche Gesicht zu einem Ausdruck grenzenloser +Verachtung und sagte:</p> + +<p>»Bitte, ich sagte: oder«.</p> + +<p>Sie stutzten einen Augenblick, und als sie +diese Antwort begriffen hatten, tobten sie und +erklärten Asmus Semper wegen seines »Hochmuts«, +seiner »Frechheit« und seiner »Inkollegialität« +in Verruf. Die Inkollegialität bestand +darin, daß er mehr wußte und konnte als Seybold, +Wiedemann und Kompanie und dies in +seinen Arbeiten schamlos zu erkennen gab.</p> + +<p>Vor Asmussens Augen stand sein alter herrlicher +Schulmeister, Herr Cremer, wie er dem +Quintus Fabius nachahmte. Er pflegte zwei +Falten in seinen Rock zu machen und zu sagen: +»So stand Quintus Fabius vor der karthagischen +Ratsversammlung und sagte: Hier in den +Falten meiner Toga habe ich Krieg und Frieden +<!-- Page 140 --><span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span> +– wählt!« So hatte das Schicksal in Gestalt +der Seybold, Wiedemann und Genossen vor ihm +gestanden, und genau wie die Karthager hatte +er geantwortet: »Gebt, was ihr wollt.« Und +Quintus Fabius Seybold hatte gesagt: So hab +denn Krieg.</p> + +<p>Und so war es also Krieg.</p> + +<p>Ja, wenn es noch ein richtiger, ehrlicher +Krieg gewesen wäre. Aber es war die bekannte +Guerilla böser Schikanen, in deren Erfindung +die Jugend so grausam ist und in der das +»Zwanzig gegen Einen« durchaus nicht für unehrenhaft +gilt. Wenn er des Morgens kam – +gerade jetzt wieder in einem geschenkten Rock, +der ihm viel zu weit war – dann bildeten sie +Spalier, erwiesen ihm höhnische Ehren und spotteten +über seinen Rock.</p> + +<p>»Der Kerl is ’n richtiges Originaol!« rief +der Bauernsohn Rohweder, der seinen heimischen +Akzent nicht abzulegen vermochte. Er hielt »Original« +für etwas sehr Schimpfliches.</p> + +<p>Oder sie lösten ihm von der Milchflasche, +die in seinem Bücherfach lag und deren Inhalt +sein Frühstück ausmachte, wenn das Brot nicht +schmecken wollte, den Stöpsel, so daß die Milch +über seine Hefte und Bücher floß und ihm seine +sorgfältigen Ausarbeitungen verdarb. Daß er +dann nichts zu trinken hatte, war schlimm: daß +seine Arbeiten beschmutzt waren, war schlimmer; +aber das Schlimmste war die Niedrigkeit, die +sich in solchen Tücken zu erkennen gab: sie beschmutzte +<!-- Page 141 --><span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span> +ihm sein Weltbild. Den Haß nahm +er hin als etwas Gleichgültiges; er liebte den +geselligen Verkehr mit Menschen, aber er +brauchte ihn nicht; wie sein Vater, so war er, +wenn es sein mußte, sich selber Gesellschaft +genug. Aber Niedrigkeiten konnten ihn in eine +heilige Wut und dann in eine tiefe, vollkommene +Niedergeschlagenheit versetzen. Wenn so etwas +in der Welt möglich war, dann ..... Er +verfolgte den Gedanken nicht weiter; er wollte +ihn nicht weiter verfolgen.</p> + +<p>Er wußte sehr wohl, daß die Hauptursache +ihrer Feindseligkeit der Neid war. Aber auch +andere Schüler gaben wohl einmal Anlaß zum +Neide; warum kam der Haß nicht auch gegen +sie zum Ausbruch, oder wenn er zum Ausbruch +kam, in so viel harmloserer Form? Er hatte +nicht die Gabe, die Menschen im ersten Ansturm +zu gewinnen, das wußte er. Er war +nicht schön, wenn auch Flora, die verführerische +Nachbarstochter, und jenes kleine Fräulein, mit +dem zusammen er einmal Komödie gespielt hatte, +ihn unverkennbar gern gehabt und ihm dies +keineswegs verborgen hatten; er hatte keine +Liebenswürdigkeiten, die schnell bezaubern. Aber +hatte er denn etwas Abstoßendes, etwas, das +ihm Feinde machen mußte?</p> + +<p>Er hatte es, ohne es zu wissen und zu wollen.</p> + +<p>Das Wort des Polonius an seinen Sohn:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Härte deine Hand nicht durch den Druck</span> +<span class="i0">Von jedem neu geheckten Bruder«</span> +</div></div> + +<p><!-- Page 142 --><span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span> +hatte ihm deshalb immer so gut gefallen, weil +es seinem Wesen so gut entsprach. Oft empfand +er gleich bei der ersten Begegnung mit einem +Menschen Zuneigung oder Abneigung, und wo +er Abneigung empfand, hatte er sogleich etwas +von einer schroffen Wand, an der nicht hinaufzukommen +war. Das nehmen die Menschen sehr +übel und nennen es hochfahrend oder arrogant. +Und er war viel zu jung, um sich objektiv zu +betrachten und diesen Zug an sich selbst zu erkennen.</p> + +<p>Immerhin hatte er eine Minorität auf seiner +Seite. Sofort bei Ausbruch des Konfliktes hatte +sich Morieux mit tausend heroischen Gesichts- und +Körperverrenkungen zu Semper geschlagen, +etwa wie Herzog Ernst zu Werner von Kiburg, +wenn er ruft:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Hin fahr ich, ein zwiefach Geächteter,</span> +<span class="i0">An meine Fersen heftet sich der Tod,</span> +<span class="i0">Und unter Flüchen krachet mein Genick.</span> +<span class="i0">Vom Werner laß ich nicht!«</span> +</div></div> + + +<p>und sieben oder acht Beherzte hatten sich ihm +angeschlossen. Das war nun die Fraktion Semper; +bei den Feinden aber hießen sie »die Schäflein«, +weil sie nach deren Meinung im allgemeinen +ein unrühmlich gesittetes Betragen +zeigten.</p> +</div> + + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 143 --><span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span> +<a name="XX_Kapitel" id="XX_Kapitel"></a>XX. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus ist trotz seiner trüben Erfahrungen anderer +Meinung als Schiller und verfällt in eine unglückliche +Liebe.</div> + +<p><span class="bigletter">D</span>ie Schäflein hätten nun nicht deutsche Jünglinge +sein müssen, wenn sie sich nicht sofort +zu einem Verein zusammengeschlossen hätten. +Der Verein erhielt den Namen »Treue von 1880«, +womit aber nicht gesagt sein sollte, daß +dies für die Treue ein besonders guter Jahrgang +sei; man wollte nur, da der Bund doch +zweifellos bis in die Zeiten des jüngsten Gerichts +dauern würde, den nachlebenden Geschlechtern +das Gründungsjahr ein für allemal +einprägen. Den acht oder neun Seminaristen +gesellten sich bald einige Musiker, junge Kaufleute +und Beamte zu, und nun ging es an die +höchsten und tiefsten Probleme der Kunst und +des Lebens, und Fragen wurden gelöst, die +vorher und merkwürdigerweise auch noch nachher +die stärksten Geister in Bewegung gesetzt +haben. Semper wurde Präses und sprach heute +über den Gralstempel bei Albrecht von Scharfenberg +<!-- Page 144 --><span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span> +und den gotischen Baustil, das nächste Mal +über Meteore und Meteorite, und wieder das +nächste Mal knüpfte er kühne Gedanken an Schillers +Gedicht »Der Antritt des neuen Jahrhunderts«, +dessen resigniertem Pessimismus er +sich natürlich als Achtzehnjähriger nicht anschließen +konnte. Seine Glanznummer aber war +der »Faust«, den er aus dem Kopfe vortrug, +und nur das eine betrübte ihn ein wenig, daß +seine Freunde, so beifällig sie auch die ernsten +Partien der Dichtung aufnahmen, doch immer +am unbändigsten über die Sauferei in Auerbachs +Keller und über das »verdammte Aas« +und die »verfluchte Sau« in der Hexenküche +jubelten. Fühlten sie denn nicht, daß der Prolog +im Himmel, die Monologe, die Gretchenlieder, +die Kerkerszene viel gewaltiger und schöner +waren? Das Schlimmste war aber doch, daß +bei einem Vereinsfeste, bei dem auch Gäste zugegen +waren, ein dicker Magazinverwalter auf +ihn zutrat und sagte:</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Djunger Mann, Sie haob’n jao’n kullosaoles +Gedächtnis! Mit dem Gedächtnis können +Sie ’ne Frau mit achtzigtausend Mark kriegen.«</p> + +<p>Er dachte sich dies Gedächtnis in einem +Magazin angestellt. Und das, nachdem Asmus +den Tasso rezitiert hatte – man denke: den +Tasso!</p> + +<p>In etwa siebenundzwanzig Vorträgen sprach +Morieux – sehr stilvoller Weise – über Voltaire, +und bei jeder Spitzbüberei des Herrn +<!-- Page 145 --><span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span> +Arouet mußte er vor unbezähmbarem Vergnügen +feixen. Die Vorträge und Rezitationen +wechselten mit Musik, gesungen, gegeigt und +gehämmert, und unter den Musikanten waren +solche, die einstmals echte und namhafte Künstler +werden sollten und in diesen Stunden, wenn +nicht ihr Bestes, so vielleicht ihr Heiligstes gaben. +Auch gemeinsame Ausflüge unternahmen sie, +und einer dieser Ausflüge führte sie in den +Sachsenwald.</p> + +<p>Bismarck, der Johannes Semper und Heinrich +den Seefahrer verbannt hatte, war in +Berlin, und das war Asmussen eben recht; er +hätte ihm damals nicht begegnen mögen. Aber +im Sachsenwalde war ein Förster, der eines +Mitgliedes Onkel war. Dieses Mitglied hatte +einmal »Das Blatt im Buche« in durchaus +ernsthafter Absicht deklamiert und damit eine +komische Wirkung erzielt, die durch keine Selbstbeherrschung +zu unterdrücken war. »Ich hab’ +eine alte Muhme«, so beginnt das Gedicht, und +genau das Organ einer alten Muhme hatte der +Deklamator. Aber den Sachsenwald kannte der +Deklamator; er kannte jeden Weg und Steg, +und Asmus wollte ihm schon seine Bewunderung +aussprechen, als sie plötzlich vor dem Försterhause +standen und aus dem Hause die Försterstochter +ihnen zur Begrüßung entgegentrat. Jetzt +wunderte sich Asmus nicht mehr, daß das »geschätzte +Mitglied« hier herum Weg und Steg +kannte; denn diese Försterstochter war wohl +<!-- Page 146 --><span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span> +das Hübscheste, was der Sachsenwald zu geben +hatte. Sogleich empfand Asmus in der Herzgegend +ein so süßes Weh, daß er bei dem bald +darauf aufgetragenen Mahle nur Flüssiges genießen +konnte und den Deklamator des »Blattes +im Buche« mit argwöhnisch brennenden Blicken +ansah. Nach dem Essen sollte Asmus rezitieren, +und zwar die Szene zwischen dem +Patriarchen und dem Tempelherrn, weil es Morieux +»kolossal« fand, wie er zugleich das edle +Ungestüm des Ritters und die bornierte Heimtücke +des Pfaffen zum Ausdruck bringe, sogar +im Gesicht! Und Asmussens Herz stieg wie das +Roß eines Ritters, der in die Schranken reitet +und vom Balkon die Farben seiner Dame winken +sieht. Er machte seine Sache auch gewiß so +gut wie je, und als er geendet hatte, klatschte +auch die Försterstochter mit den Händen, aber +nur ein einziges Mal; sie hatte nämlich eine +Motte gefangen, die sie schon minutenlang mit +den Augen verfolgt und nur aus Rücksicht auf +die Kunst so lange verschont hatte. Unmittelbar +nach Semper erhob sich, wenn auch unaufgefordert, +der Führer durch den Sachsenwald, +um »das Blatt im Buche« zu rezitieren. Da +die Vereinsmitglieder an die Schrecken dieser +Deklamation schon gewöhnt waren, so ging es +mit einigen zerbissenen Lippen und zerrungenen +Händen ab; nur Morieux explodierte natürlich +in einem jähen Nasenlaut, den er durch ein +heftig gezogenes Taschentuch in ein dringend +<!-- Page 147 --><span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span> +nötiges Ausschnupfen maskierte. Die Tochter +des Waldes aber blickte strahlend auf den Handlungsgehilfen, +als wollte sie sagen: »Ein Künstler bist du <em class="gesperrt">auch</em> noch?«</p> + +<p>»So’n Syrupskringel!« knirscht Asmus in +sich hinein, und damit meinte er nur den Handlungsgehilfen, +obwohl es in gewissem Sinne +auch auf die Tochter des Waldes paßte. Asmus +hatte ja bald heraus, daß sie zu den höheren +Dingen keine Beziehungen unterhielt; aber doch +blieb er ganz in ihr gefangen; sie war eine +Brezel, die der himmlische Menschenbäcker mit +unendlich vielem Syrup bestrichen hatte. Und +als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und +»Dritten abschlagen« spielten, da traf es sich +merkwürdig oft so, daß die Försterstochter vor +dem alten Muhmen-Deklamator stand, und dann +legte er – dieser Frechling – ganz ungeniert, +wie im Eifer des Spiels die Hände um die +Taille des hochatmenden wonnigen Geschöpfes. +»Der Schuft,« dachte Asmus, und die Treue +von 1880 wankte in ihren Grundfesten. Er +fragte sich, ob er es auch wagen würde, ihr die +Hände um die Hüften zu legen. »Nie,« sagte +er sich. Wenn sie es ihm verwiesen hätte, wäre +er vor Scham und Stolz gestorben. Und als +es das Spiel so fügte, daß sie beide vor ihm +standen und er als »Dritter« den Platz räumen +mußte, um nicht »abgeschlagen« zu werden, da +nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol. +Beim Abendbrot holte er dann nach, was er +<!-- Page 148 --><span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span> +mittags versäumt hatte; in seiner grollenden +Versunkenheit fraß er alles in sich hinein, was +ihm vorkam: Schinken, Rühreier, Schwarzbrot +und Liebesgram. Beim Abschied wollte er erst +ohne Gruß verschwinden; aber sie sollte sich nicht +einbilden, daß sie ihn verwundet habe, und mit +blutendem Herzen gab er ihr lächelnd die Hand, +und wie die andern winkte er, im Waldesdunkel +langsam verschwindend, noch lange mit Lächeln +zurück. Zu Hause verfiel er sofort in vierfüßige +Trochäen, und das dauerte auch den +folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht +wohl an tausend Füße hatte, fühlte er sich bedeutend +ruhiger. Und als er nach dreien Tagen +in einem uralten Exemplar von Herders »Ideen +zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« +las und plötzlich aus einer Waldwirrnis von +Gedanken die hübsche Försterstochter auftauchte, +da war der Generalsuperintendent aus Weimar +schon stärker als die Blume des Waldes. Das +blutende Herz war geheilt wie eine Stecknadelwunde.</p> + +<p>Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch +eine bessere Liebe und eine tiefere Herzenswunde +bringen.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 149 --><span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span> +<a name="XXI_Kapitel" id="XXI_Kapitel"></a>XXI. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Wie Asmus eine bessere Liebe fand.</div> + +<p><span class="bigletter">A</span>lfred Sturm, ein junger Kaufmann, war +dem Verein beigetreten an jenem Abend, +als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers +mit bemerkenswerter Kühnheit optimistische Gedanken +geknüpft hatte. »Als ich deinen Vortrag +über Schillers »Antritt des neuen Jahrhunderts« +gehört hatte, war ich dir für immer +verfallen,« sagte Sturm in vertrauter Stunde. +Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht +weniger tief, und sie bildeten einen stillen Bund +im Bunde, bildeten innerhalb der »Treue von +1880« eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit. +Asmus fand bei seinem Freunde etwas Köstliches, +das die Deutschen nur verschwindend +selten besitzen und niemals zu würdigen wissen. +Die Deutschen haben eigentlich nur zwei Humore, +den behäbigen Bier- und Tabakhumor, +der noch ihr bester ist, und den mit spitzen +Lippen säuerlich-lächelnden Geheimratshumor, +von dem die Milch gerinnt und der Lachen für +unfein hält; was sie fast nie haben und auch +bei Shakespeare – obwohl sie’s heucheln +<!-- Page 150 --><span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span>nicht +zu schätzen wissen, das ist der genial-groteske +Ulk, der tiefsinnige Clownhumor. Die +Spitznäsigen nennen ihn »blödsinnig«, und die +Knoten heißen ihn »unvornehm«. Diesen Humor +nun, wie alle kräftigen Humore, liebte Asmus +aus innerster Seele, und den besaß Sturm. +Wenn Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler +darstellte, oder aus dem Stegreif eine +Hintertreppen-Familientragödie mimte, oder +einen Volksredner oder auch die Ilsebill <ins class="correction" title="– entfernt">aus dem</ins> +Märchen »vom Fischer un syner Fru« verkörperte, +dann lachten zwar die andern auch; +aber Asmus lachte so, daß er endlich rufen +mußte: »Hör’ auf, ich sterbe!« Aber dieser +Humor würde vielleicht doch nicht das ganze +Herz des Asmus eingenommen haben, wenn +sich damit nicht ein merkwürdig leidenschaftlicher +Aufwärtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs- +und Vervollkommnungsstreben verbunden +hätte. Diese beiden Eigenschaften, die +immer wie Gegensätze aussehen und die doch +durchaus keine Gegensätze sind, ließen Asmus +in diesem Jüngling den Freund erkennen, den +er unbewußt gesucht hatte. Sturm dagegen sah +in dem jungen Semper den Menschen, der ihm +endlich zu jedem ersehnten Aufschwung verhelfen +könne, und wenn Asmus solche enthusiastischen +Überschätzungen mit Händen und Füßen ängstlich +abwehrte, so ging Sturm mit dem Lächeln +des Besserwissenden darüber hinweg und sang +aus dem damals oft gespielten Boccaccio:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span> +<span class="i0">»Hab ich nur deine Liebe,</span> +<span class="i0">Die »Treue« brauch ich nicht.«</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Aber das quälte ihn, daß er diese Liebe +nicht ganz zu besitzen glaubte; er war eifersüchtig. +Eifersüchtig auf Morieux. Mit dem +sollte Semper sich nicht einlassen.</p> + +<p>»Wie kannst du nur so viel mit dem Morieux +verkehren! Morieux! Auf dem Dom<a name="FNanchor_2" id="FNanchor_2"></a><a href="#Footnote_2" class="fnanchor">[2]</a> +gab es früher ein Affentheater von »Morieux«. +Das paßt. Dieser ganze Morieux ist ein Affentheater, +das von morgens bis abends Vorstellungen +gibt. Das ist doch kein Charakter!«</p> + + +<p>»Nein, das ist er nicht,« räumte Semper +ein. »Er ist oft ein unangenehmer Kerl. Der +Schöpfer aller Dinge hat ihn aus Resten gemacht, +die zu ganzen Menschen nicht mehr ausreichten. +Er hat ein blaues Bein und ein gelbes, +eine halb rote und halb grüne Jacke, wie ein +Harlekin. Aber aus allen Schlacken und Aschen +seiner Seele schlagen doch zuweilen reine Flammen +auf. Er hat sich in einem schweren Streit +und gegen eine große Übermacht auf meine Seite +gestellt; er hat um mich gelitten; das kann ich +doch nicht einfach vergessen.«</p> + +<p>Dann setzte Sturm sich schweigend, aber +unzufrieden ans Klavier und introduzierte ein +neues Lied; denn singen mußte Asmus zu seiner +Begleitung, sobald ein Klavier in erreichbarer +Nähe war. Eines Tages aber, als sie am Abend +<!-- Page 152 --><span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span> +vorher in der »Treue« wieder die schönsten +und die verrücktesten Dinge getrieben hatten +– Asmus saß wieder in seiner engen Klause +und übersetzte Byron – da klopfte jemand. Auf +Asmussens »Herein« trat Alfred Sturm ein, +um sogleich auf einen Stuhl neben der Tür zu +sinken und in Tränen auszubrechen. Sein Gesicht +war aschfahl; in der Hand hielt er eine +gelbe Rose. Er hatte soeben in Gemeinschaft +mit seinem Vater seine Mutter in eine Anstalt +für Geisteskranke bringen müssen.</p> + +<p>»Ich hoffte bei dir ein wenig Trost zu finden,« +sprach er unter Schluchzen. Und diese +Erwartung erschütterte Sempern fast so sehr +wie die Unglücksnachricht. Trost suchte sein +Freund bei ihm! Bei einem Neunzehnjährigen! +Der nichts erfahren hatte! Sein Freund war +ja älter als er! Aber sein Freund suchte Trost, +und also mußte er ihn finden. Er wuchs über +sein Alter hinaus. Er dachte an den Tag, da +er seinen Bruder Leonhard durch den Tod verloren +hatte. Und sogleich wußte er eins: +Sprechen, mit Worten trösten, wäre in diesem +Augenblick Roheit. Und er legte den Arm um +seinen Freund, klopfte ihm langsam und leise, +wie eine tröstende Mutter, die Schulter und +ließ ihn weinen. Und wirklich: der Unglückliche +beruhigte sich zusehends. Dann sagte Asmus +mit sanftem Tone: »Ich habe einen Weg zu +machen; es wäre riesig nett von Dir, wenn du +mich begleiten wolltest.« +</p> + +<p><!-- Page 153 --><span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span> +Sturm nickte nur.</p> + +<p>»Da,« sagte er, »die Rose solltest du haben +– jetzt ist sie verwelkt. Na – ist ja alles +einerlei!« – und er wollte sie zum Fenster +hinauswerfen.</p> + +<p>»Gib!« rief Asmus und nahm ihm die +Blume aus der Hand. »Sie wird sich erholen.« +Und er stellte sie in ein Wasserglas.</p> + +<p>Und dann führte er den Freund zu seinem +eigenen großen Tröster, führte ihn an den Elbstrom +unterhalb Oldenfunds, bis Blankenese und +darüber hinaus, wo die Flut immer breiter +und breiter sich dehnt, daß das jenseitige Ufer +dem Blick entschwindet, und wo der sinnende +Wanderer oder der still hintreibende Segler ahnt +und fühlt, daß alles Sehnen und Sorgen in +einem großen Meere endet. Dorthin führte er +den Freund, wo er von je auf Wiesen und +Wellen wie eine himmlische Stadt die künftige +Welt gesehen hatte, die künftige Welt, wo alles +größer und heller und freier war, wo die Gedanken +größer waren und die Gefühle, wo die +Menschen trotz allen Schaffens und Ringens +einander mit offenem Lächeln begegneten und +das Leben immer mehr ein Sonntag und +Sonnentag wurde.</p> + +<p>Sturm hatte ausführlicher von seiner Mutter +erzählt, und Asmus hatte erwidert, daß eine +Schwermut, wie sie die fünfzigjährige Frau befallen +habe, doch schon oft geheilt worden sei. +Unter anderen Beispielen fiel ihm Gutzkow ein, +<!-- Page 154 --><span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span> +der schwer gemütskrank gewesen sei und danach +wieder produziert habe. Durch Gutzkow kamen +sie von selbst in die Literatur hinein, und von +der Literatur ganz sachte in die Musik. Alfred +Sturm war fanatischer Wagnerianer; nach zwei +Takten schwamm er schon »auf wolkigen Höh’n«; +Asmus folgte ihm darin nicht einmal bis über +die Bäume. Da kam ihm nun eine köstliche +List. Er brachte das Gespräch auf Wagner und +ließ sich in weniger als zehn Minuten bekehren. +Nicht ganz, damit es nicht auffiel, aber doch +zu sieben Achteln. Sturm war glückselig und +lächelte wieder; es war ein höheres, ein verklärtes +Lächeln. Sein Freund erkannte die +Größe Wagners – nun konnte man es wirklich +wieder mit dem Leben versuchen! Beim Abschied +hielt er die Hand des Asmus fest.</p> + +<p>»Du –« sagte er. »Ich habe dich zuweilen +gelangweilt mit diesem Morieux. Vergiß es, +es war furchtbar kleinlich von mir. Was ist +Morieux an solchem Abend, du lieber Gott! +Diesen Abend vergeß ich dir nicht, <em class="gesperrt">solange +ich lebe</em>!«</p> + +<p>Dann kam der Zug; Sturm stieg ein und +blieb auch dann noch am Fenster stehen, als +der Zug schon fuhr. Und durch die tiefe Dämmerung +des Abends sah Asmus noch lange das +erdfahle Gesicht am Wagenfenster. Als er wieder +in seinem Zimmer war, fiel sein Blick auf +die gelbe Rose. Sie hatte sich nicht erholt.</p> +</div> + +<p> </p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2" id="Footnote_2"> +</a><a href="#FNanchor_2"><span class="label">[2]</span></a> + Der Hamburger Weihnachtsmarkt wird »Dom« genannt.</p> +</div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 155 --><span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span> +<a name="XXII_Kapitel" id="XXII_Kapitel"></a>XXII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Wie Asmus verlor, was er gefunden.</div> + +<p><span class="bigletter">D</span>iesen Abend nicht zu vergessen – es sollte +dem armen Sturm nicht schwer werden. +Wohl erholte seine Mutter sich nach einigen +Wochen zusehends; aber dann kam Schlimmeres. +Es sollte gerade wieder das »Stiftungsfest« der +»Treue« begangen werden, und Sturm und +Semper gedachten durch »Adelaide«, »Das Lied +an den Abendstern«, »Tom der Reimer« und +andere Kostbarkeiten die Welt in Erstaunen zu +versetzen, da kam am Morgen des großen Tages +der Vater Sturms zu Asmus ins Seminar +und bat mit seiner leisen, höflichen Stimme um +Entschuldigung für seinen Sohn, der heute nicht +kommen könne, weil er einen Blutsturz gehabt +habe. Es habe wohl nichts Schlimmes zu bedeuten; +aber er müsse natürlich im Bette bleiben.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Asmus nahm an den folgenden Stunden +ohne Aufmerksamkeit teil und eilte sofort nach +Schluß des Seminars an das Bett des Freundes. +Sein Gesicht war fahler denn je, die +Augen groß und feucht. Aber von Krankheit +<!-- Page 156 --><span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span> +wollte er nichts wissen. Die Eltern erzählten, +daß er durchaus am Abend zum Stiftungsfest +wolle und beschworen Semper um seinen Beistand. +»Was Sie sagen, das tut er,« meinten +sie. Asmus bezweifelte das, behandelte aber +dem Kranken gegenüber den Besuch des Festes +als etwas selbstverständlich Unmögliches. Da +wurde Sturm, der sich anfangs über Sempers +Anwesenheit gefreut hatte, bitter und verbissen; +mit einem zürnenden Blick sagte er: »Du bist +wie alle andern« und kehrte sich zur Wand. +Asmus streichelte ihm leise die Hand und ging.</p> + +<p>Am Abend erschien Alfred Sturm auf dem +Stiftungsfest, heiter und humorvoll, und was +Asmus auch einwenden mochte, Sturm wollte +ihn auf dem Klavier begleiten. »Soll vielleicht +Morieux dich begleiten?« fragte er mit +einem krankhaften Feuer in den Augen. Man +mußte ihn gewähren lassen. Aber als die Lieder +gesungen waren, war seine Munterkeit wie +abgeschnitten; ohne das Mahl und den Tanz +abzuwarten, hüllte er sich in seinen Überzieher, +legte sorgsam und glatt, wie es einem eleganten +jungen Kaufmann geziemt, das seidene Tuch +um den Hals und ging heim.</p> + +<p>Der Exzeß schien ihm nichts geschadet zu +haben; nach acht Tagen saß er wieder im Kontor. +Aber schon nach vier Wochen streckte ein +neuer, heftigerer Anfall ihn nieder.</p> + +<p>»Ich möchte mich zerfleischen,« sagte er zu +dem Freunde, der an seinem Bette saß. »Ich +<!-- Page 157 --><span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span> +bin abscheulich gegen meine Eltern und meine +Geschwister, und dabei opfern sie sich für mich +auf. Das weiß ich ganz genau, und doch kann +ich nicht anders. Mich ärgert alles, was ich +sehe, und wenn ich allein bin, heul’ ich vor +Reue wie ein dummer Junge.«</p> + +<p>Er rappelte sich abermals heraus und zog +nun ans Elbufer; von der Luft dort hoffte er +Genesung. Zu einer weiteren Reise langten die +Mittel nicht. Dort hatten die beiden in Ritschers +Garten noch einen schönen, sonnigen Nachmittag.</p> + +<p>»Ich hab’ in einer Ewigkeit keine Zigarre +geraucht,« sagte Sturm leise vor sich hin, »ob +ich’s mal wieder riskiere?«</p> + +<p>Asmus riet ihm ab. »Wart’ noch ’n bißchen, +dann kannst du rauchen, soviel du willst.«</p> + +<p>»Meinst du wirklich, daß ich wieder ganz +gesund werden kann?« fragte Sturm schnell, +eifrig, mit sehnsüchtig-heiteren Blicken. Das +Licht der untergehenden Sonne stand in seinen +Augen.</p> + +<p>Asmus lachte laut auf über diesen Zweifel +an etwas Selbstverständlichem. Und Sturm lächelte +glücklich und glaubte dem Freunde alle +Versicherungen, die er sonst zurückgewiesen hatte.</p> + +<p>Und nach einem glücklichen Schweigen +sagte er:</p> + +<p>»Du – gib mir <em class="gesperrt">doch</em> eine Zigarre.«</p> + +<p>»Ich hab’ leider keine mehr bei mir,« log +Asmus. +</p> + +<p><!-- Page 158 --><span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span> +»Das ist nicht wahr; ich habe ja gesehen, +daß du noch mehrere hast. Daran seh’ ich, was +du in Wahrheit von meiner Gesundheit hältst.«</p> + +<p>»Na, lieber Freund, wer nicht rauchen darf, +ist deshalb doch noch kein Todeskandidat; bedenk’ +doch, daß du erst –«</p> + +<p>»Ach, laß nur,« machte Sturm und erhob +sich. Seine Hoffnung war erloschen wie ein +Licht von einem Windstoß. Auf dem Heimwege +fielen nur ein paar nichtssagende Worte. +Asmus machte wohl einen Versuch, den Freund +wieder zu ermuntern; aber dieser sah ihn nur +mit großen ernsten Augen von der Seite an +und schwieg. In seiner Verlegenheit und in +seinem Kummer tat Asmus das Verkehrteste, +was er tun konnte, er zog die Zigarrentasche +und sagte: »Willst du eine Zigarre haben?«</p> + +<p>Sturm lachte kurz auf. »Nein, ich danke, +jetzt nicht mehr.«</p> + +<p>Als Asmus ihn nach drei Tagen besuchen +wollte, vernahm er, daß Alfred Sturm »seit +gestern« im Hamburger Krankenhause liege, und +als Asmus dorthin kam, durfte der Kranke nur +ganz wenig und im leisesten Flüstertone sprechen.</p> + +<p>»Wie geht’s?« fragte Asmus.</p> + +<p>»Sehr gut, ich darf nur nicht sprechen,« +flüsterte der Kranke. Und Asmus erzählte von +diesem und jenem, wie vernünftig es sei, ins +Krankenhaus zu gehen, wo die Pflege natürlich +viel umfassender sein könne als zu Hause, und +wie sehr man den Freund in der »Treue« vermisse; +<!-- Page 159 --><span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span> +aber es schien ihm, als ob der Patient +nur mit halber Aufmerksamkeit zuhöre und als +ob er um einen Entschluß kämpfe. Endlich zog +er unter der Bettdecke ein Blatt Papier hervor +und hielt es dem Freunde hin:</p> + +<p>»Da – es ist natürlich Unsinn – aber ich +wollt’ es dir doch geben –.« Asmus nahm +das Blatt und las:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen</span> +<span class="i0">Den müden Geist zu dichterischem Flug,</span> +<span class="i0">Und schon seit langem streb’ ich ernst genug,</span> +<span class="i0">Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen ..«</span> +</div></div> + + +<p>Es war ein Sonett, in dem der Verfasser +den Freund mit aller schwärmenden Begeisterung +der Jugend pries.</p> + +<p>»Ich hab’ – ’ne ganze Nacht – daran +gezimmert,« hauchte der Kranke mit ironischem +Lächeln. »Du wirst darüber lachen ....«</p> + +<p>Die Wärterin erschien und mahnte mit einem +Blick, der keinen Widerspruch duldete, zum Aufbruch. +Asmus ergriff die Hand des Freundes +und beugte sich über ihn, und sie hatten in +diesem Augenblick beide dasselbe Gefühl: der +Freund kam ihm mit mühsam erhobenem Haupte +entgegen, und sie küßten sich auf den Mund.</p> + +<p>Das ist unter niederdeutschen Jünglingen +etwas Seltenes und Heiliges. Asmus pflegte +nicht einmal seine Geschwister, nicht einmal seine +Eltern zu küssen; er hatte nicht einmal seine +<!-- Page 160 --><span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span> +Brüder geküßt, als sie nach Amerika gingen. +Die Menschen dieses Himmelsstrichs, wenn sie +Abschied nehmen, tun es mit einem Händedruck +und mit dem Verlangen nach einer Umarmung; +aber sie geben diesem Verlangen keinen Ausdruck.</p> + +<p>Schon am folgenden Tage erhielt Asmus +die Todesnachricht.</p> + +<p>Bei dem Begräbnis ging es ihm wie bisher +bei fast allen Begräbnissen; er konnte nicht +andächtig und traurig sein. Dieses herkömmliche +Bestattungszeremoniell mit seinem zelotischen +Pfaffengesicht (»Jetzt haben wir dich, du +Sünder«) mit seiner tristen Banalität war ihm +so unsäglich zuwider, daß er zu keinem reinen +Gedanken an den Freund kommen konnte. Erst +zu Hause dehnte sich wieder das Herz. Er +zog sich in sein Zimmer zurück – für die wärmere +Jahreszeit war er nun doch mit seinen +Studien aus der Zigarrenstube in das Wohnzimmer +übergesiedelt – und ging viele Stunden +lang auf und ab; nur hin und wieder blieb +er am Fenster stehen und blickte nach der Richtung, +wo sein Freund nun in der Erde lag. +Trauriger Wahn, dachte er, auch den toten Menschen +noch an die finstere Erde zu kerkern, statt +ihn den freien, seligen Lüften zu geben.</p> + +<p>Von dem endlosen Wandern erschöpft, fiel +er endlich aufs Sofa und wußte nicht, warum +er so erschöpft sei. Als er sich erholt hatte, zog +er die Lampe näher heran, desgleichen Tinte +und Papier und begann zu schreiben:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<!-- Page 161 --> +<span class="i0"><span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span> +<em class="gesperrt">An meinen toten Freund A. S.</em></span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">»Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen</span> +<span class="i0">Den müden Geist zu dichterischem Flug,</span> +<span class="i0">Und schon seit langem streb’ ich ernst genug,</span> +<span class="i0">Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.«</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">So schriebst Du jüngst nach qualerfülltem Ringen,</span> +<span class="i0">Als nächtens nach des Schlummers mildem Trug</span> +<span class="i0">Dein brennend Aug’ umsonst Verlangen trug,</span> +<span class="i0">Und heute hör’ ich’s noch im Herzen klingen.</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">Begnüge Dich! Du trägst nach heißem Ringen</span> +<span class="i0">Ins Reich der Geister ungetrübt von hinnen</span> +<span class="i0">Die hehre Poesie der Herzensreinheit.</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen</span> +<span class="i0">Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen,</span> +<span class="i0">So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit.</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i8">* * *</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">Auf Deinen Sarg fällt manche Träne nieder</span> +<span class="i0">Und bange Seufzer irren durch die Luft.</span> +<span class="i0">Ich starre trocknen Auges in die Gruft;</span> +<span class="i0">Kein warmer Tropfen quillt durch meine Lider.</span> +</div> + + +<div class="stanza"> +<!-- Page 162 --><span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span> +<span class="i0">Ich steh’ betäubt, von Schmerz gelähmt die Glieder,</span> +<span class="i0">Und faß es nicht, daß unter Glanz und Duft</span> +<span class="i0">So holder Blumen gähnt die düstre Kluft ...</span> +<span class="i0">Ich kann nicht weinen. Doch ich kehre wieder!</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">Wenn ich die Menschheit jammernd höre sagen:</span> +<span class="i0">»Die Besten müssen früh von hinnen gehen!«</span> +<span class="i0">Dann wird zu Dir mich die Erinnrung tragen.</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">An Deiner Gruft werd’ ich im Geiste stehen,</span> +<span class="i0">Und von der Menschheit angsterfülltem Klagen</span> +<span class="i0">Wird auch ein Hauch um diese Stätte wehen.</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i8">* * *</span> +</div></div> + +<p>Aber tiefer und sehrender, als es aus diesen +pathetischen Jünglingsversen klang, wurde das +Weh, als nun die Tage kamen und gingen +ohne den Freund und als er in der nächsten +Versammlung der »Treue« das Gesicht des +Besten vergebens suchte. Er war einsilbig und +ernst und ging lange vor der gewohnten Zeit +nach Hause.</p> +</div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 163 --><span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span> +<a name="XXIII_Kapitel" id="XXIII_Kapitel"></a>XXIII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus als Verteidiger zweifelhafter Unschulden und +Adolfine Moles als Seminardirektor.</div> + +<p><span class="bigletter">D</span>as gigantische Schicksal, das immer vornehm +bleibt, hat eine kleine schieläugige, bucklige +und boshafte Schwester, die ein Vergnügen +daran findet, den Verfolgten und Leidenden +im Augenblick ihres größten Unglücks noch einen +kleinen Extraprügel zwischen die Beine zu werfen, +oder sie durch einen heimlich angefügten +Zettel lächerlich zu machen, oder ihnen just +in dem Augenblick, da ihr Recht an den Tag +kommen soll, eine kleine Schuld vor die Füße +zu rollen, daß sie straucheln. Wenn ein Lump +und ein Ehrenmann vor dem Richter stehen, +dann wird im Gerichtssaal immer ein Steinchen +liegen, an dem der Redliche sich den Fuß +verstaucht. So gingen denn zu der Zeit, als +Semper den eben verlorenen Freund betrauerte +und der »Klassenkampf« zwischen den Seybolden +und den »Schäflein« (ein ewiger Klassenkampf!) +den höchsten Hitzegrad erreicht hatte, Morieux, +Semper und zwei andere Schäflein, Namens +<!-- Page 164 --><span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span> +Klöhn und Wackerbarth, über den »Dragonerstall« +durch das Holstentor. Morieux hatte gerade +einen kolossalen Witz erzählt, und alle vier +Jünglinge lachten laut, als ihnen ein langer, +grauer Pastor in den Weg kam.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Halloh, Pastor Zump!« rief Klöhn nicht +eben laut, aber doch laut genug für das Ohr +des Geistlichen, und da die vier einmal im +Lachen waren, so lachten sie weiter. Es war +eine Art Backfischgekicher ins Jungenhafte übersetzt. +Asmus kannte keinen Pastor Zump und +fragte: Wer ist das? und bemerkte den Mann +erst, als er vorüber war. Er hatte rein nach +dem Gesetz der Beharrung weitergelacht. Aber +»langgebeint, mit langen Sätzen« kam der +Mann alsbald zurück.</p> + +<p>»Wie heißen Sie?« fuhr er Morieux an.</p> + +<p>»Wieso?« fragte der.</p> + +<p>»Wollen Sie mir Ihren Namen nennen?«</p> + +<p>»Nein. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu +kennen.«</p> + +<p>»Wollen <em class="gesperrt">Sie</em> mir Ihren Namen nennen?« +wandte er sich an Wackerbarth.</p> + +<p>»Ja, das kann ich ja tun,« sagte der, »ich +heiße Wackerbarth.«</p> + +<p>Das genügte dem Geistlichen. Als er gegangen +war, erfuhr Asmus, daß Herr Zump ein +hochorthodoxer, ja pietistischer Geistlicher sei, der +ein ganz frommes Blättchen herausgebe und mit +diesem Blättchen oft in der liberalen Presse verspottet +werde.</p> + +<p><!-- Page 165 --><span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span> +Am andern Morgen wurde Wackerbarth zum +Direktor zitiert, und dem mußte er die »Mitschuldigen« +nennen. Semper nannte er nicht +mit, weil er ihn für gänzlich unbeteiligt hielt. +Eine Stunde später schnob und stob Herr <em class="antiqua">Dr.</em> +Korn zur Klasse herein und stellte sich am Katheder +auf.</p> + +<p>»Wackerbarth!« rief er.</p> + +<p>»Hier.«</p> + +<p>»Klöhn.«</p> + +<p>»Hier.«</p> + +<p>»Morieux!«</p> + +<p>»Hier.«</p> + +<p>»Sie haben jestern einen Geistlichen auf +offener Straße verhöhnt... Was woll’n Sie?« +schnauzte er Sempern an, der aufgestanden war.</p> + +<p>»Ich war auch mit dabei,« sagte Semper. +Der »Pfaffe« reizte seinen Zorn.</p> + +<p>Der Direktor schnappte. Was? Semper? +Der Musterknabe? Er war einen Augenblick +sprachlos. Aber dann fuhr er los mit gedoppelter +Kraft:</p> + +<p>»Also: man sollt’s kaum jlauben! Vier +junge Leute, die sich zu den jebildeten rechnen, +<em class="gesperrt">die Lehrer werden wollen</em>! (hier brüllte +der gute Korn förmlich) betragen sich wie der +Janhagel und insultieren auf offener Straße +einen Jeistlichen unserer Vaterstadt! Und als +der Mann den einen um seinen Namen fragt, +hat der die Impertinenz, zu sagen: ‘Ick habe +die Ehre, Sie nich zu kennen!’«</p> + +<p><!-- Page 166 --><span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span> +Semper und Morieux erhoben sich wie zwei +abgeschossene Raketen.</p> + +<p>»Wat woll’n Sie?« schrie der Direktor Morieux +an.</p> + +<p>»Das habe ich <em class="gesperrt">nicht</em> gesagt,« rief Morieux, +der in der Erregung die wunderbarsten Fratzen +schnitt.</p> + +<p>»Wat woll’n <em class="gesperrt">Sie</em>?« heulte der Direktor +gegen Asmus.</p> + +<p>»Ich will bezeugen, daß Morieux das <em class="gesperrt">nicht</em> +gesagt hat. Er hat gesagt: »Ich habe nicht die +Ehre, Sie zu kennen.« Und dann erzählte Asmus +den ganzen Vorgang, wie er sich zugetragen +hatte.</p> + +<p>»So,« machte Korn und schnappte wieder. +»Na, ick sage Ihnen soviel: Sie jehen noch +heute alle mit’nander hin zu dem Mann. +Nimmt er Ihre Erklärung an, is’s jut. Tut +er’s nicht, dann sind Se hier fertig. Dann +werden Sie eliminiert.« Und damit stampfte +er aus der Klasse.</p> + +<p>Da war er ja in eine hübsche Affäre hineingeraten! +Und dabei hatte er wirklich nicht +über Seine Hochwürden gelacht, sondern über +den Witz. Aber sollte er sich jetzt, da sie in +der Klemme waren, von den Gefährten, die +ihm Treue gehalten, trennen und wie ein Bübchen +rufen: »Ich bin es nicht gewesen!?« Das +würde wie Feigheit aussehen, und darum war +es ausgeschlossen.</p> + +<p>Die drei ernannten Sempern zu ihrem +<!-- Page 167 --><span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span> +Sprecher, und vier Mann hoch zogen sie im +Studierzimmer Sr. Hochwürden auf. Es war +ein so langer Pastor, daß Asmus, wenn er +die Augen geradeaus richtete, genau auf den +Magen des Gottesmannes blickte. Und da es +ihm unnatürlich war, den Kopf in den Nacken +zu legen, so richtete er seine Ansprache schließlich +nur noch an den Bauch des Herrn Pastors.</p> + +<p>»Der Herr Direktor verlangt,« sagte Asmus, +»daß wir Ihnen eine Erklärung unseres +Verhaltens geben. Mein Freund hat uns ein +Wortspiel erzählt, und darüber haben wir gelacht. +Mitten im Gelächter hat dann einer gesagt: +‘Da kommt Pastor Zump!’ Wir haben +aber nicht über Sie gelacht.«</p> + +<p>Das stimmte nun nicht recht; aber Asmus +als erwählter Führer hielt es für Ehrenpflicht, +seine Kameraden herauszupauken.</p> + +<p>Der Geistliche antwortete im schönsten +Kanzelton:</p> + +<p>»Sie erwarten doch wohl nicht, daß ich +diese Erklärung annehme. Ich habe den Herrn +Direktor gebeten, Sie nicht zu bestrafen (das +stimmte) und wenn Sie kommen, um Verzeihung +zu bitten, so ist die Sache für mich +erledigt; wenn Sie aber erklären, Sie hätten +nicht über mich, sondern über ein Wortspiel +gelacht – <em class="antiqua">quod non</em>!«</p> + +<p>»Wir können nichts anderes sagen,« bemerkte +Asmus gegen den Bauch des Herrn Zump.</p> + +<p><!-- Page 168 --><span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span> +»Und Sie?« wandte Zump sich an Klöhn. +»Können Sie mir auch nichts anderes sagen? +Sie waren es doch, der da rief: ‘Halloh, Pastor +Zump’ und höhnisch dazu lachte.«</p> + +<p>»Das hat er nicht getan!« rief Asmus.</p> + +<p>»Schweigen Sie doch!« rief der Pastor +zornig, »wie können Sie das wissen?«</p> + +<p>»Weil ich meinen Freund kenne; dergleichen +tut er nicht,« versetzte Asmus als Eideshelfer.</p> + +<p>»Ich rede überhaupt nicht mehr mit Ihnen!« +eiferte Zump gegen Sempern und wandte sich +an Morieux.</p> + +<p>»Und Sie? Haben Sie etwa nicht gesagt: +»Ich habe die Ehre, Sie nicht zu kennen!« +(Das schien der Pastor also wirklich gehört zu +haben.)</p> + +<p>»Nein,« rief Morieux mit diabolischen Gesichtsverzerrungen, +»ich habe gesagt, daß ich +nicht die Ehre hätte, Sie zu kennen.«</p> + +<p>»Jawohl, das hat er gesagt,« erklärte Asmus +mit Nachdruck, und die andern stimmten zu.</p> + +<p>Pastor Zump warf einen Blick auf ihn +wie der Prophet Elisa auf jene Knaben, die +er von zween Bären zerreißen ließ, dieweil sie +gerufen hatten: »Kahlkopf, komm herauf!«</p> + +<p>Und dann machte er eine große Armbewegung +über alle vier Köpfe hin und sagte: +»Ich bin fertig mit Ihnen, Adieu.« Aber als +sie nahe der Tür waren, sprach er mit einem +besonderen Blick für die drei anderen (Asmussen +würdigte er keines Blickes mehr): »Wenn der +<!-- Page 169 --><span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span> +eine oder der andere von Ihnen mir etwas +anzuvertrauen hat, so werde ich ihn gern empfangen.«</p> + +<p>Er mochte wohl hoffen, daß einer von den +dreien vor Unterleibsschwäche abfallen und reumütiges +Bekenntnis ablegen werde, und das +war nicht fein von ihm. Nach vielen Jahren +erst erfuhr Asmus aus wahrem Munde, daß +dieser Pastor Zump ein guter, hilfsbereiter und +opferfreudiger Mann gewesen sei. Seine Verfolgung +der vier Jünglinge war vermutlich auch +so ein Steinchen gewesen, das ihm die bucklige +Schwester des Schicksals unter die Füße gerollt +hatte.</p> + +<p>Einstweilen war er für Asmussen der rachsüchtige +Pfaffe, der Hoogstraten und Peter Arbues, +den er nie in seinem Leben um Verzeihung +bitten würde. Dann aber kam die Relegation. +Dann war alle Mühe und Sorge von +viertehalb Jahren dahin, dann konnte er alle +seine Frühlingshoffnungen begraben und Zigarrenmacher +werden. Das Geld, ihn auf einem +auswärtigen Seminar zu erhalten, konnten +weder er noch seine Eltern aufbringen. Ihm +war übel ums Herz, und er verbrachte eine +schlaflose Nacht.</p> + +<p>Das Schlimmste war, daß das Herz nicht +ganz frei war. Er selbst hatte zwar den Mann +nicht verlacht; aber er hatte die andern unbedingt +in Schutz genommen, und das war doch gewiß: +zum mindesten Klöhn hatte eine starke Ungezogenheit +<!-- Page 170 --><span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span> +begangen. Wenn man wahr sein +wollte, mußte man das eingestehen. Aber +darum Buße tun in Sack und Asche, wie Uriel +Acosta, vor diesem »hochmütigen, intriganten +Priester«?! Asmus fuhr mit einem kurzen +Lachen von seinem Bett empor und warf sich +wuchtig wieder zurück auf das zerwühlte Lager. +Aber übel war ihm zu Sinn; es ist schlimm, +wenn eine Wunde nicht ganz rein ist.</p> + +<p>Erst nahe vor Morgen verfiel er in einen +leisen Halbschlaf. Der Direktor stand vor ihm +und sagte: »<em class="gesperrt">Sie</em> wollen Lehrer werden? Sie +sind wohl verrückt!« Und dabei hatte er vollkommen +das Gesicht von Adolfine Moses.</p> +</div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 171 --><span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span> +<a name="XXIV_Kapitel" id="XXIV_Kapitel"></a>XXIV. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Die Bucklige lacht: aber die Schlanke macht es wieder +gut. – Der Schiffbrüchige von Salas y Gomez als +Mittler zwischen den Parteien.</div> + + +<p><span class="bigletter">Z</span>wei Stunden später traten die vier im Gänsemarsch +bei dem Direktor ein, Semper wieder +voran.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Wir haben dem Herrn Pastor erklärt, daß +unser Lachen nicht ihm gegolten habe; aber +er will diese Erklärung nicht annehmen,« berichtete +Asmus und erwartete das Vernichtungsurteil.</p> + +<p>Der Direktor ging einmal das Zimmer auf +und ab und durchstach dann alle vier, jeden +einzeln, mit einem Blick. Dann ging er noch +einmal auf und ab und durchstach hierauf Asmussen +mit einem besonders langen Blick. Und +dann sagte er:</p> + +<p>»Sie können jeh’n.«</p> + +<p>Die Angelegenheit war erledigt. Sie war +erledigt für den Direktor und den Pastor; +keiner kam wieder darauf zurück.</p> + +<p>Aber nicht erledigt war sie für die Seybolde +<!-- Page 172 --><span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span> +und Wiedemänner. Das war ja köstlich! Das +war ja erbaulich! Also so waren die »Schäflein«, +wenn sie unter sich waren! Dann betrugen +sie sich wie die Gassenbuben und bewarfen +Geistliche (im Ornat! versicherte einer) +mit Steinen! mit Schmutz! Das waren also die +Leutchen, die eine Eins bekamen, wenn andere +nur eine Zwei kriegten! Das waren die Herren, +die mit hochmütiger Verachtung erwiderten, +wenn man ihnen vorhielt, daß sie ihre Kollegen +beim Direktor verraten hätten! Für die Schäflein, +und sonderlich natürlich für Asmussen, +kamen schlimme Tage, und die kleine schieläugige +Schwester des Schicksals lachte, daß ihr +der Buckel tanzte und rief:</p> + +<p>»Du glaubst, wer recht hat, müsse obendrein +auch noch Recht <em class="gesperrt">bekommen</em>? Du bist wohl +verrückt?!«</p> + +<p>In dieser Zeit, da ihm die Welt ein ausgesucht +widerwärtiges Gesicht machte, sollte er +etwas erleben, was nach »Duplizität der Ereignisse« +aussah. Wie sich ihm nämlich einst, +da er noch ein Knabe war, aus dunklem Bangen +ein Weg ins Licht gezeigt hatte, als er zwischen +den Bahndämmen in der Rainstraße, vor der +Tür einer Schenke, einem lieben braunen Mädchen +begegnet war, so sollte er auch jetzt wieder +bei einem braunen Mädchen Erhebung und Erheiterung +des Herzens finden. Herr Mansfeld, +ein befreundeter Lehrer, hatte ihn zum Abendbrot +eingeladen, und als Asmus nun die Treppen +<!-- Page 173 --><span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span> +zur Wohnung des Gastfreundes emporstieg, +stand da auf einem Absatz eine rankgewachsene +Brünette und blickte nachdenklich auf einen +Koffer ihr zu Füßen, der nicht allzu leicht sein +mochte. Es war Fräulein Hilde Chavonne, seine +ehemalige Kollegin. Sie stand im Begriff, zu +eben den Lehrersleuten, die Asmus geladen +hatten, in Pension zu gehen, und Asmus bat +bescheidentlich um die Erlaubnis, ihr den Koffer +hinauftragen zu dürfen. Das gewährte sie mit +einem gnädigen Lächeln, und als man droben +war, halfen Asmus und Herr Mansfeld beim +Auspacken der Bücher, die der Koffer enthielt. +Dabei schlug sich von selbst ein starkes, längliches +Heft auf, das mit der Hand gezeichnete +und kolorierte Landkarten enthielt.</p> + +<p>»O, wie famos!« rief Asmus. »Haben Sie +die gezeichnet?«</p> + +<p>Hilde klappte schnell das Heft zu. »Machen +Sie sich nicht lustig darüber!« rief sie ängstlich. +»Sie können es gewiß tausendmal besser.«</p> + +<p>»Ich? Ich kann gar nichts, ich kann überhaupt +nicht zeichnen,« sagte Asmus.</p> + +<p>Sie sah ihn zweifelnd an; aber als sie in +seine Augen sah, glaubte sie ihm, und nun schlug +sie langsam selbst das Heft wieder auf, und +von Blatt zu Blatt, wie er staunte und lobte, +wurde sie heiterer und stolzer. Sie stand dicht +neben ihm, und dabei geschah es, als er sich +über das Heft bückte, daß der Ärmel ihres Kleides +<!-- Page 174 --><span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span> +seine Wange streifte. Von diesem Augenblick an +war Asmus wieder glücklich.</p> + +<p>Sie erschien nicht beim Abendbrot, weil sie +müde war, und überhaupt blieb es auf lange +Zeit hinaus bei dieser flüchtigen Begegnung.</p> + +<p>Merkwürdig, dachte er im Nachhausegehen: +ein ganz ähnliches Gefühl hab ich schon einmal +gehabt – ganz so wie jetzt war die Welt schon +einmal – nicht die gewöhnliche Welt, aber die +andre, die immer über ihr schwebt wie Morgenduft +über den Hügeln, die war schon einmal +so, damals, als ich zwischen den Bahndämmen +»am Rain« mit dem kleinen braunen Mädchen +geplaudert hatte, mit der »Königin der Mainotten«. +Und was noch merkwürdiger ist, die +beiden haben in gewisser Hinsicht etwas Übereinstimmendes +– nicht nur, daß sie beide braunes +Haar und braune Augen haben, das will nichts +sagen – auch der Teint und das ganze Aussehen +– auch das Fräulein Chavonne hat etwas +Fremdländisches – so – so etwas Französisches +– übrigens ist ja auch ihr Name französisch. +Aber ihr Wesen ist – gewiß: es ist deutsch +– und doch wieder so ganz anders als das des +fürchterlichen »deutschen Weibes« mit der Häkelnadel. +Wenn man sie zu Pferde sähe, dachte er, +mit wehendem Schleier, den Falken auf der +Faust, auf dieser seinen, schmalen Faust – es +würde keinen Augenblick überraschen.</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wie sitzest du zu Pferde</span> +<span class="i0">So königlich und schlank!«</span> +</div></div> + +<p><!-- Page 175 --><span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span> +sang er vor sich hin, daß ein vorübergehender +Bürger stutzte und ihn anstarrte....</p> + +<div class="textbody"> +<p>Seit diesem Abend fühlte sich Asmus auf +eine wunderbare Weise frei und leicht, und er +trug das Leben wieder mit aufgerichteten Schultern. +Er hätte nicht sagen können, woher das +kam; es kam aber einfach daher, daß ihn in +dieser armen, bürgerlichen Lehrerin ein adliger +Mensch berührt hatte, und das hatte um so wundersamer +gewirkt, als es menschlicher Pöbel war, +der sein Leben verfinstert hatte.</p> + +<p>Seybold und Wiedemann waren ganz unzweifelhaft +Pöbel; daß aber unter den anderen +Feinden auch anderes Material war, das sollte +er bald erfahren. Zunächst freilich schienen die +Gegensätze noch unversöhnlich. Herr Quasebarth +brachte eines Tages die Rede auf den die Klasse +zerspaltenden Streit und sprach sein Bedauern +aus.</p> + +<p>»Ja,« rief eines der Antischäflein, »die andere +Partei macht ja auch nicht den geringsten +Versuch zu einer Annäherung.«</p> + +<p>Da lachte Asmus laut auf, daß es durch +die Klasse scholl.</p> + +<p>Seit vielen Monaten geschah ihnen Unrecht +auf Unrecht – und da sollten sie etwa noch +um Frieden betteln? Lieber »Kampf bis zur +Vernichtung«.</p> + +<p>Seiner Jugend erschien die Welt als ein +ehrenhaftes Geschäft, bei dem man eine berechtigte +Forderung nur zu präsentieren brauche, um +<!-- Page 176 --><span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span> +sofort Zahlung zu erhalten. Er ahnte noch +nicht, daß dieses allerdings reelle Geschäft eine +sehr weitsichtige Buchführung hat und daß +seine Bilanzen oft erst nach zehn, nach fünfzig, +nach hundert Jahren oder später erscheinen, je +nach der Größe des Gegenstandes. Man kann +diese Welt auch ein Gericht nennen und das +Leben einen Prozeß, der durch hundert oder +tausend Instanzen geht. Man bekommt gewöhnlich +sein Recht, aber oft mit einer Begründung, +die man nicht erwartet hat, und +manchmal, wenn man das Urteil erhält, ist +man tot.</p> + +<p>Bald darauf, in der Rezitationsstunde trug +Asmus aus dem Kopfe »Salas y Gomez« vor, +mit sämtlichen drei Schiefertafeln. Als er nach +dieser Stunde über den Korridor ging, stieß er +auf Herrn Rothgrün, der in der Nachbarklasse +Sempers Freudenschrei:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Ein Schiff! Ein Schiff! Mit vollen Segeln lenkt</span> +<span class="i0">Es herwärts seinen Lauf, mit vollem Winde!«</span> +</div></div> + + +<p>vernommen hatte. Und Rothgrün meinte mit +wohlwollendem Lächeln: »Glauben Sie wohl, +daß der Mann noch eine so starke Stimme +hatte, nachdem er jahrelang bloß von Eiern +gelebt hatte?« Rothgrün war eben Kritiker. +Anders aber war der Seminarist Blankenburg. +Er trat nach dieser Stunde an einige Häupter +seiner Partei heran und sagte:</p> + +<div class="textbody"> +<p><!-- Page 177 --><span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span> +»Ich finde, es geht nicht länger. Wir können +den Verruf nicht weiter aufrechterhalten. Im +Grunde war es ja doch nur Neid. Daß er +Kollegen beim Direktor verpetzen könnte, glaubt +ja längst kein Mensch mehr. Wir blamieren +uns. Und <em class="gesperrt">wir</em> müssen wieder anfangen.«</p> + +<p>Und in den andern wachte die Hochherzigkeit +des Jünglingsalters freudig wieder auf, +und es wurde beschlossen, auf dem bevorstehenden +Bergfeste die feierliche Versöhnung zu begehen.</p> +</div> + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 178 --><span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span> +<a name="XXV_Kapitel" id="XXV_Kapitel"></a>XXV. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Was eigentlich ein Bergfest ist, und warum Dr. Korn +den ersten Toast bekam.</div> + +<p><span class="bigletter">D</span>as Bergfest! Wenn von den sechs Seminarsemestern +drei verflossen waren und also +der Berg des Ärgernisses bis zum Gipfel überwunden +war, pflegte man das »Bergfest« zu +feiern. Und diesmal sollten der Direktor und +alle Lehrer dazu geladen werden.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Vor der nächsten psychologischen Stunde hub +der Herr Direktor also an: »’n Bergfest woll’n +Se feiern. Ich habe erst jar nicht verstanden, +was das sein soll. Ich habe jedacht: wieso +woll’n denn Seminaristen des Flachlandes ’n +»Bergfest« feiern! Schließlich hab ich mir’s +erklären lassen. Das heißt: »Jott sei Dank, nu +sind wir über’n Berg!« Ick will Ihnen mal +wat sagen: Freu’n Se sich, wenn Se noch Zeit +und Jelegenheit haben, wat zu lernen; später +wird’s anders! Wenn Se Ihr Examen jemacht +haben, feiern Se meinetwegen Feste, aber +<em class="gesperrt">den</em> Unsinn mach’ ick nich mit!«</p> + +<p>Er fing immer ziemlich hochdeutsch an, aber +<!-- Page 179 --><span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span> +je länger er sprach, desto berlinerischer wurde +er und desto mehr würzte er seinen Vortrag +mit Berliner Anekdoten. Wenn er mit einem +Vortrag über Zeit und Raum begonnen hatte, +so war er nach einer Viertelstunde bei Bismarck +oder Moltke oder bei seinen Lehrern Lazarus +und Steinthal (»der Steinthal is man so’n janz +kleenes Männeken mit’n Zahntuch um’n Kopp +– wenn man’n auf der Straße sieht, möcht’ man +ihm ’n Jroschen schenken« – und dann pries er +ihn in begeisterten Erinnerungen) oder er kam +auf die Berliner Schutzleute oder auf Eugen +Richter.</p> + +<p>»Wenn man den Richter nachts aufweckt +und sagt: Richter, halt mal ’ne Rede! denn +kann er’s, un wenn man sagt: Richter, nu halt +mal eine dajegen! denn kann er’s ooch. Aber +’n janzer Kerl is er doch!«</p> + +<p>Das Bergfest wurde also ohne Direktor und +ohne Lehrer, nichtsdestoweniger aber mit Glanz +gefeiert. Niemand rührte mit Wort oder Miene +an das Vergangene; Schäflein und Wölfe benahmen +sich gleich taktvoll; nur Morieux zog +einmal Sempern auf die Seite und flüsterte +erregt:</p> + +<p>»Du mußt eine Rede halten!«</p> + +<p>»Ich? Worüber?«</p> + +<p>»Na – zum Dank für die Einladung!«</p> + +<p>Asmus brach in ein schallendes Gelächter +aus.</p> + +<p>»Das könnte mir fehlen! Nein, mein Junge, +<!-- Page 180 --><span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span> +ich bin sehr vergnügt und feire das Fest ohne +jeden Hintergedanken – aber auch noch »danke« +sagen –? Das mach du nur selber! Das +heißt, wenn du’s tust, erschlage ich dich!« fügte +er schnell hinzu.</p> + +<p>Und zu den hübschesten Dingen dieses Festes +gehörte es, daß der erste Trinkspruch, den der +Präside ausbrachte, dem Direktor galt. Er hatte +sie auch bei dieser Gelegenheit nicht eben liebenswürdig +behandelt; aber sie liebten ihn alle; +denn er hatte das eine, für das die Jugend ein +so besonders feines und lebhaftes Empfinden +besitzt: Gerechtigkeitsgefühl. Die Jugend versöhnt +sich mit dem strengsten Zuchtmeister, wenn +er gerecht ist, und sie verachtet, sie haßt den willfährigsten +Lenker, wenn er das Recht beugt. Sie +wußten es alle: dieser <em class="antiqua">Dr.</em> Korn hatte ein Rückgrat +nach oben und nach unten, und wenn es +in einem Konflikt zwischen Lehrer und Schüler +zu entscheiden galt, so waren sie ihm nicht Lehrer +und Schüler, sondern Menschen. In aller Gedächtnis +strahlte mit unauslöschlichem Glanze +ein Richterspruch des »Alten«. Ein Religionslehrer +hatte mit allerlei verfänglichen Fragen +einen verdächtigen Jüngling auf seine Rechtgläubigkeit +untersucht. Der Jüngling beschwerte +sich bei dem Direktor über diese Belästigungen, +und Korn, als er beide Parteien gehört hatte, +sagte: »Herr Doktor, Sie haben sich aller Jewissensfragen +zu enthalten. Wir sind hier tolerant.« +</p> + +<p><!-- Page 181 --><span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span> +Es war zu jener Zeit, als der leise schreitende +Einfluß der Geistlichkeit noch nicht überall +war und die oberen Stellen nicht mit den +Günstlingen der Kirche, sondern mit den Günstlingen +Minervens besetzt wurden.</p> + +<p>Von der orthodoxen Theologie war der +Mann allerdings weit entfernt; er war Philolog und Philosoph +und liebte das Zeitalter der +Aufklärung und der Enzyklopädisten, das er +mit sprühendem Geist, lebendig und groß darzustellen +wußte, so groß, daß Asmus, wenn +ihm später der banale Aufkläricht in seiner +ganzen Schrecknis begegnete, nie mehr vergessen +konnte, wie die Gedanken, die klein sind in den +kleinen Köpfen, groß gewesen in den großen. +Wenn er ein Kapitel des christlichen Glaubens +behandelte, etwa die Dreieinigkeit, so trug er +es genau nach der Dogmatik vor, ohne Kritik +und ohne Polemik, und wenn er fertig war, +sagte er aufatmend:</p> + +<p>»So. Das lehrt die Kirche. Was Sie davon +jlauben wollen, steht bei Ihnen.«</p> + +<p>Diesen Grundsatz bewährte er nach jeder +Richtung. Der Gläubige atmete unter ihm so +frei wie der Zweifler.</p> + +<p>Und obwohl Asmus das Brandenburgisch-Preußische +sonst nicht liebte, – die Schleswig-Holsteiner +sind keine Kommißnaturen, – so +sagte er sich doch, daß der Geist dieses Mannes +das Beste am ganzen Seminar, ja, daß er beinahe +das einzige Gute an dieser Anstalt war. +<!-- Page 182 --><span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span> +Sein goldener Präparandentraum vom reich +besetzten Tisch der Wissenschaften und Künste +hatte einer großen Ernüchterung Platz gemacht; +aus der Hochzeit des Kamacho, wo die Rinder, +Hammel und Hasen und die Schläuche Weines +nicht zu zählen gewesen, war ein Gastmahl des +Harpagon geworden. Von einem, der studieren +will, sagen die plattdeutschen Bauern: »he will +studeern leern« und sprechen damit, ohne es zu +wissen, ein feines Wort. In drei oder vier +Jahren kann man nicht viel studieren; aber man +kann studieren <em class="gesperrt">lernen</em>, und das ist viel mehr. +Bei Korn lernte man studieren. Nach seinen +Vorträgen rief es in Asmus mit tausend Begierden: +Mehr! mehr! und ihm war, als müßte +er mit Armen des Geistes das ganze Firmament +der Gedanken umspannen und in seine Brust +herabziehen. Nach den Stunden der andern +hatte man immer genug, und wußte doch, daß +es nichts war. Sie gaben trockenes Brot, das +schnell satt macht, oder sie gaben Steine statt +des Brotes, oder sie gaben nicht einmal Steine. +Ein Glück noch, wenn sie komisch waren, wie +der gute Mister Belly, und wenigstens auf solche +Art die Jugendlust lebendig erhielten.</p></div> + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 183 --><span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span> +<a name="XXVI_Kapitel" id="XXVI_Kapitel"></a>XXVI. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Mister Belly und der geheimnisvolle Zimmermann.</div> + + +<p><span class="bigletter">M</span>ister Bellys Stunden waren freilich in einer +gewissen Hinsicht lauter Feste. Mister Belly +war eines jener Wunderkinder gewesen, die schon +mit drei Jahren Englisch sprechen, weil sie in +England geboren sind, und das war sein Hauptverdienst. +Zu diesem Englisch hatte er nur noch +zweierlei hinzugelernt: ein Französisch mit englischer +Aussprache und Betonung und ein für +einen Ausländer recht passables Deutsch. Auf +weitere Anforderungen aber reagierte er nicht. +Es ist nie ans Licht gekommen, ob er von Goethe, +Schiller und Lessing irgend etwas kannte; das +aber stand fest, daß er von der nachgoethischen +Literatur nur den »Königsleutnant« von Gutzkow +kannte. Ein Engländer gesteht dergleichen +ganz kaltblütig ein und hält es für Nationalbewußtsein. +Von Zeit zu Zeit fragten ihn die +Seminaristen:</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Mister Belly, wie heißt noch das deutsche +Drama, das Sie kennen?« und dann antwortete +er mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt:</p> + +<p><!-- Page 184 --><span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span> +»Also mal »The King’s Lieutenant«, denn +er leitete jeden Satz mit den Worten »also +mal« ein.</p> + +<p>Wenn nun aber auch Mr. Belly recht gut +deutsch sprach, so sprachen es die deutschen Seminaristen +doch besser, und als Lehrer ohne imponierende +Kräfte unter übermütige Kinder einer +fremden Sprache versetzt sein, das ist gerade so +schön, wie als Taubstummer unter Kannibalen +geraten. Da beim englischen Unterricht eine +Grammatik von Gurcke gebraucht wurde, so sagte +der unglückliche Belly eines Tages: »Bringen +Sie zur nächsten Stunde Ihre Gurke mit« und +an solchen und ähnlichen Gurken hatte der Gute +natürlich lange zu kauen. Unter der gütigen +Leitung Mr. Bellys mußte unser Asmus etwa +hundertmal die Geschichte von Robin Hood lesen +(Mr. Belly wollte auf solche Weise bei seinen +Schülern eine gute Aussprache erzielen); aber +dennoch brachte jede Stunde eine Abwechslung. +Heute war es ein Hampelmann, der hinter Mr. +Belly an der Wand hing und durch einen +dünnen, bei dem Seminaristen Stelling endigenden +Faden dirigiert wurde, morgen war es +ein Seminarist, der in den Kartenschrank eingesperrt +wurde und dort während der Stunde gespenstische +Geräusche hervorbringen mußte, übermorgen +ein Seminarist, der aus Turnjacken, +Turnhosen, Turnschuhen und einer Mütze hergestellt, +dann in ein kleines Kabinett gesetzt und +für »eingeschlafen« erklärt wurde, so daß Mr. +<!-- Page 185 --><span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span> +Belly hinging, um ihn zu wecken, und so mit und +ohne Grazie ins Unendliche. Ein Rouleau, das +hochgezogen werden sollte, entwickelte sich regelmäßig +zu einer ganzen komischen Oper; denn +natürlich fiel der Vorhang, wenn er endlich nach +langen Mühen aufgewickelt war, mit furchtbarem +Gerassel wieder herab, und je mehr hilfreiche +Hände herbeikamen, desto unmöglicher erschien +natürlich die Bändigung des heimtückischen Vorhangs. +Der eigentliche Belly-Spezialist aber +war jener Stelling.</p> + +<p>Stelling war ein glänzend begabter Bursche, +der aber am Unterricht eigentlich nur als wohlwollender +Zuhörer teilnahm und eine unüberwindliche +Abneigung gegen Bücher und Hefte +hegte. Was er an solchen Dingen mit sich führte, +beschränkte sich für gewöhnlich auf ein kleines +Heftchen, das er, um seine ganze Verachtung des +Buchstaben zu zeigen, zusammengerollt in der +hinteren Hosentasche trug. Kraft seiner vorzüglichen +Anlagen war er trotzdem immer so ziemlich +auf dem Laufenden; nur in der »Charakterbildung« +schien er sich auf der Stufe des »großen +Jungen« so wohl zu fühlen, daß er an einen +Fortschritt nicht dachte.</p> + +<p>Eines drückend heißen Sommertages brachte +der nämliche Stelling einen Hammer mit in +die Klasse, und gerade las ein Schüler mit +halb entschlummerter Stimme die erschütternden +Verse:</p></div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<!-- Page 186 --><span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">»Here underneath this little stone</em></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">Lies Robert Earl of Huntingdone;</em></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">Ne’er archer was as he so good,</em></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">And people called him Robin Hood ...</em></span> +</div></div> + + +<p>als in der Gegend Stellings ein ungemein rhythmisches +Klopfen ertönte.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Also mal: was ist das?« fragte Mr. Belly.</p> + +<p>Stelling trat an das offene Fenster, neben +dem er saß, und sagte trocken:</p> + +<p>»Das ist also mal ein Zimmermann, Mr. +Belly.«</p> + +<p>»Also mal: ist gut, setzen Sie sich,« sagte +Belly, dem schon schwül wurde, wenn Stelling +sich einer Sache annahm.</p> + +<p>Stelling setzte sich und klopfte.</p> + +<p>»Das ist aber doch sehr störend!« rief jetzt +der Nachbar Stellings mit einem abgefeimten +Lerneifer im Gesicht.</p> + +<p>»Soll ich den Mann also mal bitten, daß +er also mal aufhört?« fragte Stelling bescheiden.</p> + +<p>Belly, der der suggestiven Frechheit dieses +Jünglings nicht gewachsen war, sagte: »Also +mal: bitte, wenn Sie durchaus wollen –?«</p> + +<p>Stelling trat wieder ans Fenster und rief +mit der Stimme eines versoffenen Feldwebels: +»Hören Sie auf!!!«</p> + +<p>»Also mal bitte, was ist das für ein Ton!« +rief Mr. Belly erschrocken; »also seien Sie mal +höflich, nicht wahr?«</p> + +<p><!-- Page 187 --><span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span> +»Ganz, wie Sie wünschen, Herr Belly,« erwiderte +Stelling und begann zu singen:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wackrer Zimmermann,</span> +<span class="i0">Hast ja Freude dran,</span> +</div></div> + + +<p>aber uns stört es; möchten Sie nicht die Gewogenheit +zeitigen, mit diesem frevelhaften Geballer +aufzuhören? – Wie meinen Sie?«</p> + +<div class="textbody"> +<p>Stelling wandte sich wieder ins Zimmer +zurück und sagte mit dem ruhigsten Gesicht:</p> + +<p>»Er antwortet: ’Pett di man keen Hoor in’n +Foot!’«</p> + +<p>»Also mal, das ist Plattdeutsch,« bemerkte +Belly sehr richtig, »was heißt das?«</p> + +<p>»Das heißt: <em class="antiqua">Don’t run a hair into your foot!</em>«</p> + +<p>»Also mal: Das versteh’ ich nicht.«</p> + +<p>»Das verstehen Sie also mal nicht? Das ist +eine Beleidigung! – Wie heißen Sie?!« schrie +Stelling zum Fenster hinaus mit zornrotem Gesicht.</p> + +<p>»Also mal bitte: seien Sie nicht so erregt!« +rief Belly ängstlich.</p> + +<p>»Er sagt, er heißt Hummel!« +<a name="FNanchor_3" id="FNanchor_3"></a> +<a href="#Footnote_3" class="fnanchor">[3]</a> berichtete +Stelling. »Was soll ich ihm sagen?« Natürlich +wollte die Klasse sterben vor Lachen.</p> + +<p>Mr. Belly erhob sich endlich, um selbst mit +dem Manne zu sprechen.</p> + +<p><!-- Page 188 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span></p><p>»Da – +eben geht er ins Haus!« rief Stelling. +»Vor Ihnen hat er natürlich Angst.«</p> + +<p>Als Mr. Belly an sein Pult zurückgekehrt +war und das Klopfen von neuem anhub, sprang +Stelling auf und schritt nach der Tür: »Ich +werde also mal hinuntergehen und mit dem +Mann sprechen.«</p> + +<p>»Also mal: Stelling, bleiben Sie also mal +hier,« sagte Mr. Belly.</p> + +<p>»Ja aber, Herr Belly, soll man sich denn +das gefallen lassen?«</p> + +<p>»Also mal: wollen Sie sich jetzt setzen?«</p> + +<p>»<em class="antiqua">Yes, mister</em>« sagte Stelling und ging an +seinen Platz.</p> + +<p>»Also mal: Sie sagen: »<em class="antiqua">Yes, mister!</em>« Heißt +es so?«</p> + +<p>»<em class="antiqua">Yes, gentleman!</em>«</p> + +<p>»Also mal: Sie <em class="gesperrt">wollen</em> es nicht richtig +sagen! Sie sind also ein Heuchler!«</p> + +<p>»Herr Belly,« sagte Stelling kaltblütig, »ich +nehme an, daß Sie die wahre Bedeutung dieses +Wortes gar nicht kennen, sonst würde ich Sie +fordern.«</p> + +<p>»Aber, Herr Belly,« riefen jetzt viele durcheinander, +»wie konnten Sie so etwas sagen: das +ist ja eine tödliche Beleidigung!«</p> + +<p>»Also mal: ich habe Sie nicht beleidigen +wollen,« lenkte Belly ein, es heißt also mal: +<em class="antiqua">Yes, Sir!</em>«</p> + +<p>»Na ja, wenn einem das in Güte und +Freundlichkeit gesagt wird ....«</p> + +<p><!-- Page 189 --><span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span> +Inzwischen war aber in Mr. Bellys Kopfe +etwas wie Morgendämmerung angebrochen, und +als das Klopfen wieder ertönte, belauerte er +den Übeltäter und sah ihn schnell etwas unter +den Tisch legen.</p> + +<p>Nun ging er ruhigen Schrittes auf Stellings +Platz zu, klappte den Tischdeckel hoch, nahm den +Hammer, ging damit wieder nach vorn, legte +ihn auf’s Pult und sagte: »Lesen Sie weiter, +Müller.« Er tat das alles ohne jedes Zeichen +der Erregung, nur mit dem Ausdruck einer stoischen +Geringschätzung, ja, einer leisen Verachtung +im Gesicht. Und diese Art, dergleichen +Bubenstreiche abzutun wie Dinge, die an die +Würde eines Gentleman nicht heranreichen, diese +Art, die der guten englischen Erziehungsregel: +<em class="antiqua">Be a gentleman!</em> entspringt, nahm Asmus doch +immer wieder für ihn ein. Man sah es dem +guten Belly an, daß solche Ruchlosigkeiten ihm +weh taten, daß sie ihm aber zu kindisch waren +für seinen Zorn, und das ging nicht nur Asmus, +es ging schließlich auch anderen Jünglingen +zu Herzen. In einer Pause fand eine +feierliche Beratung statt mit dem Ergebnis: Da +Mr. Belly nicht imstande sei, Disziplin zu halten, +so müsse man selbst für Disziplin sorgen, und +von nun an wolle man sich vernünftig benehmen. +Das ging auch einige Stunden ganz gut. Als +aber ein Seminarist einen Stiefel ausgezogen +hatte, weil er ihn drückte, und sein Nachbar +diesen Stiefel mit einem kräftigen Stoß nach +<!-- Page 190 --><span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span> +vorn befördert hatte, Mr. Belly den Stiefel als +<em class="antiqua">corpus delicti</em> konfiszierte und damit die Klasse +verließ, der Einstiefler, der von Natur eine rote +Nase hatte, ihm protestierend nachhumpelte und +Mr. Belly endlich sagte: »Also mal: Sie verfolgen +mich: Sie haben eine rote Nase, also Sie +sind ein Nihilist!« da brachen ob dieser rätselhaften +Ideenverbindung alle Dämme der guten +Zucht zusammen, und der jugendliche Übermut +nahm wieder freien Lauf.</p></div> + +<p> </p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3" id="Footnote_3"> +</a><a href="#FNanchor_3"><span class="label">[3]</span></a> +Name eines in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Hamburg +verstorbenen komischen Originals. Die Hamburger pflegen auf den Zuruf +»Hummel« mit einem sehr derben Ausruf zu antworten.</p> +</div> + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 191 --><span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span> +<a name="XXVII_Kapitel" id="XXVII_Kapitel"></a>XXVII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Handelt von würdigen und unwürdigen Kollegen Mister +Bellys.</div> + + +<p><span class="bigletter">E</span>s gab an diesem Seminar wohl Lehrer, die +noch untauglicher waren als Mr. Belly; +aber sie waren höchstens für eine satirische Beleuchtung +amüsant. Zu einer solchen Betrachtung +zwang Asmussen wider seinen Willen der +Herr Pastor Dinnebeil, der eine Zeitlang den +Religionsunterricht erteilte.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Einstmals Stahmer und jetzt Dinnebeil! Das +war wie David Friedrich Strauß und Hengstenberg. +Nur war Hengstenberg ein Gelehrter, was +Dinnebeil, wenn er es war, geschickt zu verbergen +wußte. Er plätscherte unaufhörlich im laulichen +Wasser jener fürchterlichen Traktätchen-Terminologie, +die in drei Sekunden mit sieben Synonymen +hantiert, nach Art der Jongleure, die +mit Teller, Ei und Schnupftuch so geschwinde +Fangball spielen, daß man nicht mehr weiß, +was Teller, was Ei und was Schnupftuch ist. +Diesen Hamburger Jünglingen, diesen Schülern +des vortrefflichen Herrn Stahmer, wollte Pastor +Dinnebeil die abgelagertsten Dogmen einreden, +<!-- Page 192 --><span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span> +wollte er eine Art Christentum für Papuas beibringen. +Er versuchte es in einem Tone, der aus +Huld und Würde lieblich gemenget war. Anfangs +hörten die verblüfften Seminaristen diesem +Phrasenschwall, der wie ein Landregen von +Schmalz und Honig niederging, mit offenem +Munde zu; aber schon nach der dritten Stunde +war die Langeweile so ins Unendliche gewachsen, +daß man beschloß, sich einen Spaß zu machen +und auf die Fragen des Mannes immer abwechselnd +zu antworten: »Der Glaube« und +»Die Liebe«.</p> + +<p>Das geschah denn auch und paßte fast immer, +und wenn es nicht paßte, so nahm es Pastor +Dinnebeil doch wohlwollend hin als das Zeugnis +eines frommen Sinnes. Nur zwei machten +sich dem Späherauge Dinnebeils verdächtig: +Stelling und Semper. Asmus hatte schon tausend +Zweifel und Einwürfe ins Dunkel seiner +Brust hinabgeduckt; als aber Dinnebeil allen +Ernstes die Worte im Matthäus 28, 19: »Gehet +hin und lehret alle Völker und taufet sie im +Namen des Vaters und des Sohnes und des +heiligen Geistes« als Beweis für die Dreieinigkeit +ausgab, da hielt es Asmussen doch nicht +länger, und als er gerade am Wort war, +sprach er:</p> + +<p>»Verzeihung, Herr Pastor, aber ist das nicht +ein späterer, tendenziöser Zusatz?«</p> + +<p>»Was? Wieso?« fragte Hochwürden indigniert. +</p> + +<p><!-- Page 193 --><span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span> +»Nun, die Jünger vertraten doch noch auf +dem Jerusalemer Apostel-Konvent im Jahre 52 +Paulus gegenüber den Grundsatz, daß nur den +Juden das Evangelium gepredigt werden dürfe; +das wäre doch ausgeschlossen, wenn Christus +denselben Jüngern befohlen hätte, alle Völker +zu seinen Jüngern zu machen. Ferner wurde +bis zur Mitte des zweiten Jahrhunderts doch +nur auf den Namen Jesu getauft; es ist da +undenkbar, daß die Jünger den Befehl +empfangen hätten, auf drei Namen zu taufen. +Und da das Evangelium nach Matthäus im +letzten Viertel des ersten Jahrhunderts geschrieben +wurde, so werden die Worte 28, 19 ein +späterer Zusatz sein; sie ...«</p> + +<p>»Ach was, klauben Sie mir nicht immer an +der Bibel herum!« rief Dinnebeil sittlich entrüstet. +»Fahren Sie fort, Seybold!«</p> + +<p>Asmus war wirklich erschrocken. Er hatte +bis dahin geglaubt, ein Lehrer müsse sich freuen, +wenn es seinen Schülern ernst sei um ihre Überzeugung; +aber dieser wurde gereizt, wenn man +nachdachte und forschte. Er ließ einfach »fortfahren«. +Fortfahren war allerdings das Leichteste. +Von nun an »klaubte« Asmus nicht mehr; +aber er »glaubte« noch weniger, zum mindesten +dem Herrn Dinnebeil. Er nahm nun auch die +Sache humoristisch und ließ die Sermones des +jungen Mannes über sich ergehen wie das Geräusch +einer Wasserleitung, und wenn Herr +<!-- Page 194 --><span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span> +Dinnebeil ihn durch eine Frage aufschreckte, so +rief er: »Der Glaube!!« oder »Die Liebe!!«</p> + +<p>Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrer, +ein anderer Mann! Der war auch fromm, +köhlerfromm, sozusagen; aber er war ein Mensch. +Sie hatten einer am andern einen Narren gefressen, +Bruhn und Semper, ja, Meister Bruhn +begegnete dem Jüngling mit einer Art von Verehrung, +und zu dieser Verehrung war Asmus +so billig wie nur möglich gekommen. Die Hochachtung +des Lehrers gründete sich auf Asmussens +Zuverlässigkeit und auf sein Wissen. Mit der +Zuverlässigkeit hatte es folgende Bewandtnis.</p> + +<p>Alljährlich veranstalteten die Seminaristen +mit hohem direktorialen Privilegio eine Konzert- und +Theater-Aufführung, und vor dem Konzert +hatte Meister Bruhn, der mit Johannes Brahms +zusammen studiert und dessen Kompositionen +Liszt und Rubinstein zu spielen für wert gefunden +hatten, regelmäßig ein Lampenfieber +von mindestens vierzig Grad. Er ordnete deshalb +an, daß alle Mitspielenden zwei Stunden +vor Beginn der Aufführung da sein möchten, +damit er selbst alle Instrumente wiederholt durchstimmen +könne. Man lächelte über diese Ängstlichkeit, +auch Asmus lächelte; aber weil er den +alten Herrn lieb hatte und ihn nicht ängstigen +wollte, ging er rechtzeitig hin. Meister Bruhn +lief schon erregt auf und ab und trocknete sich +mit immer neuen Taschentüchern den Todesschweiß. +</p> + +<p><!-- Page 195 --><span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span> +»Nu seh’n Se, lieber Semper!« rief er, »die +Uhr is sechs und Sie sind der Einz’che! Sie +sind der einz’che Zuverläß’che von der kanzen +Kesellschaft! Keben Se her die Cheiche.«</p> + +<p>Er fuhr mit dem Bogen darüber und sagte: +»Nu ja, se stimmt. Aber das is immer so: die’s +<em class="gesperrt">nich</em> nöt’ch haben, die kommen; aber die’s nöt’ch +haben, die kommen <em class="gesperrt">nich</em>.« Und er legte väterlich +den Arm um Semper und sagte:</p> + +<p>»Mein lieber Semper, klauben Sie’s mir: +darauf kommt’s an im Leben: auf Zuverläß’chkeit. +Sie sind ä zuverläß’cher Mensch.«</p> + +<p>Das war also billig. Aber noch viel billiger +war es, bei Bruhn in den Ruf der Gelehrsamkeit +zu kommen, und da er in den Konferenzen +natürlich vernommen hatte, daß Asmus Semper +zu den Begabteren gehöre, so hielt er ihn +für eine Art Casaubon oder Leibniz. Meister +Bruhn pflegte, wenn er eine Frage stellte, gleich +die schwierige Hälfte der Antwort selbst zu geben, +etwa so:</p> + +<p>»Nun, Semper, welcher Ton muß also hier +folchen? Gi – gi –?«</p> + +<p>»Gis«, antwortete Asmus, und dann rief +Meister Bruhn: »Der weiß alles!«</p> + +<p>Diese Meinung teilte Asmus nun freilich +nicht; aber doch ward es ihm wohl und warm +bei Meister Bruhn und seinen Sonnabendstunden, +die im Winter bis in das Dunkel des +Abends hineinreichten.</p> + +<p>Dem »Musiksaale« gegenüber lag ein Haus +<!-- Page 196 --><span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span> +mit einer Schneiderinnenstube, und die Seminaristen +stellten sich gern ans Fenster, warfen +schwärmende Blicke hinüber zu den Mädchen und +strichen so gefühlvoll dazu die Saiten wie der +Geiger von Gmünd vor dem Marienbilde. Und +die fünf oder sechs Marien nickten so fleißig +herüber, als hätten sie gern einen Schuh und +mehr dahingegeben. Wenn Meister Bruhn das +sah, dann lächelte er mild-ironisch und sagte: +»Müller, sehn Se beim Spielen hierher; die +nehmen doch lieber Keld als Muszik.« Und +das ernüchterte.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 197 --><span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span> +<a name="XXVIII_Kapitel" id="XXVIII_Kapitel"></a>XXVIII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Ein Kapitel, in dem aber auch rein gar nichts geschieht +und das der gewöhnliche Leser wütend überschlagen +wird.</div> + + +<p><span class="bigletter">A</span>smus Semper hatte nicht das Geringste gegen +hübsche Schneidermamsellen; aber ob sie +hübsch waren, eben das konnte er nicht feststellen, +weil seine Augen für eine so große Entfernung +nicht ausreichten. So schützte, wie es +wohl öfter kommen mag, die Kurzsichtigkeit seine +Tugend. Aber wenn er auch die Schneiderinnen +deutlich hätte erkennen können, würde er wohl +wenig nach ihnen ausgeschaut haben, weil es +innerhalb des düsteren, kahlen Musiksaales weit +Schöneres zu sehen gab. In diesem Musiksaal +wurden alle Volkslieder gesungen und gegeigt, +die je von deutschem Kindermund erklungen sind; +denn was sie die Kinder lehren sollten, das +mußten die künftigen Lehrer selber spielen und +singen können. Wenn er diese Lieder hörte, +stützte Asmus den Ellenbogen aufs Knie und +den Kopf in die Hand und sah in einen dunklen +Winkel des Saales, und seine kurzsichtigen +Augen wurden fernsichtig. +</p> + +<div class="textbody"> +<p><!-- Page 198 --><span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span> +Da sah er hinein in jahrtausendtiefen +Wald und hörte aus einem fernen Jahrhundert +den dämmergrünen Grund herauf ein fröhliches +Blasen:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ein Jäger aus Kurpfalz,</span> +<span class="i0">Der reitet durch den grünen Wald,</span> +<span class="i0">Er schießt das Wild daher,</span> +<span class="i0">Gleichwie es ihm gefallt.</span> +<span class="i2">Ju ja, Ju ja</span> +<span class="i0">gar lustig ist die Jägerei</span> +<span class="i0">Allhier auf grüner Heid’.</span> +</div></div> + + +<p>Aber das zweite »Ju ja« hallte leise aus +wunderbaren Fernen her.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Und langsam schritt er tiefer in den Wald +hinein, dorthin, wo im ewigen Dunkel zwischen +Moos und Stein ein Waldelf sitzt und seit hunderttausend +Jahren in die Quelle starrt, um ihr +Geheimnis zu ergründen. Und Asmus neigte +das Ohr und horchte dem murmelnden Selbstgespräch +der Quelle, und immer war’s ihm, +nun müßt’ er’s gleich verstehen, und verstand +es doch nie. Und wie er noch lauschte, winkte +ihm aus tauigem Dunkel ein purpurner Schein.</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ein Männlein steht im Walde</span> +<span class="i0">Ganz still und stumm,</span> +<span class="i0">Es hat von lauter Purpur</span> +<span class="i0">Ein Mäntlein um.</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Das Lied hatte ihn sogleich angelacht wie +ein rotwangiger Apfel, da er’s in früher Kindheit +zum ersten Male gehört. Nun aber strahlte +<!-- Page 199 --><span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span> +durch die braunen Stämme ein goldener Glanz; +er ging darauf zu und wußte nicht: ist es +goldene Sonne, oder goldenes Korn? Und als +er am Feldrain stand, war es goldenes Korn +in goldener Sonne.</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Horch, wie schallt’s dorten so lieblich hervor!</span> +<span class="i4">Fürchte Gott!</span> +<span class="i4">Fürchte Gott!</span> +<span class="i0">Ruft mir die Wachtel ins Ohr.</span> +<span class="i0">Sitzend im Grünen, von Halmen umhüllt,</span> +<span class="i0">Mahnt sie den Horcher am Saatengefild:</span> +<span class="i4">Liebe Gott!</span> +<span class="i4">Liebe Gott!</span> +<span class="i0">Er ist so gütig und mild!</span> +</div></div> + + +<p>Die Hitze hatte drohende Wolken gebraut, und +die fernsten Ähren standen schon in graublauer +Luft.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Schreckt dich im Wetter der Herr der Natur:</span> +<span class="i4">Bitte Gott!</span> +<span class="i4">Bitte Gott!</span> +<span class="i0">Und er verschonet die Flur.</span> +<span class="i0">Machen die künftigen Tage dir bang,</span> +<span class="i0">Tröste dich wieder der Wachtel Gesang:</span> +<span class="i4">Traue Gott!</span> +<span class="i4">Traue Gott!</span> +<span class="i0">Deutet ihr lieblicher Klang.</span> +</div></div> + + +<p>Was war das für eine Zeit gewesen, da die +Menschen mit solchen Empfindungen durch die +<!-- Page 200 --><span class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span> +Felder gingen? Lichte Zeit? Dunkle Zeit? +Eine heimelnde Zeit gewiß. War sie je gewesen? +Würde sie jemals sein? Er grübelte +nach, da klang aus dem verlassenen Walde her +ein zauberischer Schall.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Wie lieblich schallt</span> +<span class="i0">Durch Busch und Wald</span> +<span class="i0">Des Waldhorns süßer Klang!</span> +<span class="i0">Der Widerhall</span> +<span class="i0">Im Eichental</span> +<span class="i0">Hallt’s nach so lang – so lang!</span> +</div><div class="stanza"> +</div></div> + + +<p>Ja, wahrlich, – himmelsfern und himmelsleise +klang der Widerhall aus einem Tal, das +seine Augen nicht sahen – das keine Augen +jemals sehen. Lange, lange klang der Widerhall, +bis in die Abendröte hinein, in deren +Glut er sich verlor.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Goldne Abendsonne,</span> +<span class="i0">Wie bist du so schön!</span> +<span class="i0">Nie kann ohne Wonne</span> +<span class="i0">Deinen Glanz ich seh’n.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Schon in früher Jugend</span> +<span class="i0">Sah ich gern nach dir,</span> +<span class="i0">Und der Trieb zur Tugend</span> +<span class="i0">Glühte mehr in mir.</span> +</div></div> + + +<p>Das hatten wohl schon die Urgroßeltern gesungen, +und doch war es noch immer so: unendlich +groß und unendlich gut müßte ein Herz +sein, um solcher heiligen Schönheit wert zu +<!-- Page 201 --><span class='pagenum'><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span> +sein! Und es möchte groß sein, das Herz, +groß wie der Glanz der Abendsonne, und es +schwillt auf und drängt und tut weh. Da ist +es fast Erlösung, ist es Friede, wenn sie sinkt +und graue Dämmerung aus den Feldern steigt.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Willkommen, o seliger Abend</span> +<span class="i0">Dem Herzen, das froh dich genießt!</span> +<span class="i0">Du bist so erquickend, so labend,</span> +<span class="i0">Drum sei uns recht herzlich gegrüßt!</span> +</div></div> + + +<p>Das Lied kam aus jener Zeit, da es noch +einen Abend gab und die Menschen am Tagesende +sich fanden in Ruhe, Sammlung und Genügen. +Damals war der Mond noch ein Hausfreund +der Menschen, der sich zu ihnen gesellte, +wenn sie am Abend plaudernd vor der Tür +ihrer Hütte saßen.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Guter Mond, du gehst so stille</span> +<span class="i0">Durch die Abendwolken hin,</span> +<span class="i0">Labest nach des Tages Schwüle</span> +<span class="i0">Durch dein freundlich Licht den Sinn.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Leuchte freundlich jedem Müden</span> +<span class="i0">In das stille Kämmerlein!</span> +<span class="i0">Und dein Schimmer gieße Frieden</span> +<span class="i0">Ins bedrängte Herz hinein!</span> +</div></div> + +<p>Damals waren überall noch Wiesen, wo jetzt +Häuser stehen; auf allen Wiesen gingen weidende +Herden, und auch der Mond war ein +Schäfer. Das war, als die Mütter noch +sangen. +</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<!-- Page 202 --><span class='pagenum'><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span> +<span class="i0">Wer hat die schönsten Schäfchen?</span> +<span class="i0">Die hat der goldne Mond,</span> +<span class="i0">Der hinter unsern Bäumen, Bäumen,</span> +<span class="i0">Am Himmel droben wohnt.</span> +</div></div> + + +<p>Und bei dem »Bäumen-Bäumen« hörte Asmus +eine Wiege gehn und sah er ein Händchen nach +den Schäflein des Mondes greifen. Das Kind +tastete noch auf dem Deckkissen nach den Schäflein, +als es schon schlief, und die Leute traten +fröstelnd ins Haus zurück, und es war Nacht. +Asmus stand wieder allein und schaute über +Felder und Äcker hinaus nach anderen Äckern, +wo ihm Freund und Bruder lagen.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ein getreues Herze wissen</span> +<span class="i0">Hat des höchsten Schatzes Preis;</span> +<span class="i0">Der ist selig zu begrüßen,</span> +<span class="i0">Der ein solches Kleinod weiß.</span> +<span class="i0">Mir ist wohl bei höchstem Schmerz;</span> +<span class="i0">Denn ich weiß ein treues Herz.</span> +</div></div> + + +<p>Wußte er solch ein Herz? Er hatte Eltern +und Geschwister; aber das war angeborener Besitz, +kein erworbener. Ein Mensch muß ein erworbenes +Herz wissen, sonst ist er dennoch einsam. +Eines hatte er gewußt; aber das war +tot. Gewiß: es waren ihm manche Herzen +freundlich gesinnt; aber:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ein getreues Herz hilft streiten</span> +<span class="i0">Wider alles, was ist feind.</span> +</div></div> + + +<p> +<!-- Page 203 --><span class='pagenum'><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span> +solch ein Herz war nicht darunter. Ja, wenn +die schlanke, braune Hilde Chavonne – – ach, +die stand hoch über menschlichen Wünschen. Da +hörte er hinter einer Wand von dreizehn +Jahren eine holde Jugendweise:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Der beste Freund ist in dem Himmel,</span> +<span class="i0">Auf Erden sind nicht Freunde viel,</span> +<span class="i0">Und in dem falschen Weltgetümmel</span> +<span class="i0">Ist Redlichkeit oft auf dem Spiel.</span> +<span class="i0">Drum hab’ ich’s immer so gemeint:</span> +<span class="i0">Im Himmel ist der beste Freund.</span> +</div></div> + + +<p>Er sah die Dorfschule, in der er gesessen, sah +seinen ersten Lehrer, wie er die Geige unter +den braunen Bart schob, sah sich selbst als siebenjährigen +Knaben, wie er das Lied sang und +dabei mit staunenden Augen auf die Geige wie +auf ein Wunder starrte. Was das Lied versicherte, +glaubte er ja nicht. Er glaubte, daß +es auf dieser Erde nie Größeres und Schöneres +gegeben habe als Jesus von Nazareth; aber +er glaubte nicht an seine Göttlichkeit; er glaubte +überhaupt an keinen »Freund im Himmel«. +Aber an dies Lied glaubte er und an den +Glauben seines Sängers. Denn einen ebensolchen +Glauben hatte er ja selbst, nicht denselben +Glauben, aber einen ebensolchen. Und +er hatte den Freund, den besten Freund: nicht +Jesus hieß er – er hatte keinen Namen – +nicht im Himmel war er – er war überall. +Er sehnte sich nach einem menschlichen Freunde; +<!-- Page 204 --><span class='pagenum'><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span> +aber den großen, übermenschlichen Freund hatte +er längst, hatte er immer. Wer hätte ihn sonst +ermuntert und erquickt in seinen Kämpfen, ihm +über die Schulter so freundlich zugeflüstert in +seinen Mühen und Sorgen: »Halt aus, du +siegst!?« Dies treue Lied hatte grüne Tage +seiner Kindheit umklungen, darum war es ihm +ewig verknüpft mit allem Frühen und Morgendlichen, +mit allem Keimen und Hoffen.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele –«</span> +</div></div> + + +<p>wie dem lebenssatten Faust, so hätte ihm dieses +Lied den Todesbecher mit Gewalt vom Munde +gezogen.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!«</span> +</div></div> + + +<p>so rief auch Faust, – aber doch zog ihn das +Lied vom Tod ins Leben zurück.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Und die Nacht, die Asmus umgeben hatte, +bei diesem Lied aus Morgentagen hatte sie sich +im Osten leise gelichtet. Und er sah, wie das +weite Feld, in dem er noch immer stand, ein +wundersames Leben erfüllte: er sah – undeutlich +– menschliche Gestalten wie Nebelriesen +um düstre Lagerfeuer liegen und stehen, hörte +Stampfen und Klirren und sah Pferde den +weißen Hauch in die Kühle des Herbstmorgens +schnauben, und von einem fernen Lagerfeuer +her hörte er ein Lied wie Sieges- und Todesgewißheit: +<!-- Page 205 --><span class='pagenum'><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span> +Ein Morgen des Sieges wird kommen; +aber wir werden ihn nicht mehr sehen.</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Erhebt euch von der Erde,</span> +<span class="i0">Ihr Schläfer, aus der Ruh!</span> +<span class="i0">Schon wiehern uns die Pferde</span> +<span class="i0">Den guten Morgen zu.</span> +<span class="i0">Die lieben Waffen glänzen</span> +<span class="i0">So hell im Morgenrot;</span> +<span class="i0">Man träumt von Siegeskränzen,</span> +<span class="i0">Man denkt auch an den Tod. – –</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Ein Morgen soll noch kommen,</span> +<span class="i0">Ein Morgen mild und klar;</span> +<span class="i0">Sein harren alle Frommen,</span> +<span class="i0">Ihn schaut der Engel Schar.</span> +<span class="i0">Bald scheint er sonder Hülle</span> +<span class="i0">Auf jeden deutschen Mann:</span> +<span class="i0">O brich, du Tag der Fülle,</span> +<span class="i0">Du Freiheitstag, brich an!</span> +</div></div> + +<p>Diese Zeit des deutschen Leides, wie groß, +wie heilig und rein mußte sie gewesen sein! +Und als nun von einem Lagerfeuer die Stimme +Meister Bruhns erklang:</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Nun, Semper, was wollen Sie uns denn +heute vorspielen?« da schnellte Asmus hoch, +schob die Geige unters Kinn und strich die Saiten +mit Wucht und Sturm:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Freiheit, die ich meine,</span> +<span class="i0">Die mein Herz erfüllt,</span> +<span class="i0">Komm mit deinem Scheine,</span> +<span class="i0">Süßes Engelsbild!</span> +</div><div class="stanza"> +<!-- Page 206 --><span class='pagenum'><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span> +<span class="i0">Magst du nie dich zeigen</span> +<span class="i0">Der bedrängten Welt?</span> +<span class="i0">Führest deinen Reigen</span> +<span class="i0">Nur am Sternenzelt?</span> +</div></div> + + +<p>Asmus Semper betete. Er wollte die Freiheit +vom Himmel herabbeten: aber er dachte unter +Freiheit nicht nur die Erlösung von fremden +und heimischen Tyrannen, von Pfaffen und +Geldsäcken; er dachte unter Freiheit alles Große +und Herrliche, das sehnenden Menschenseelen in +künftigen Welten aufgehoben ist für jenen Tag, +der kommen wird. Sein Geigenspiel war ein +Gebet aus bebendem, glühendem Herzen, und +jener Lederhändler, der die bei Tische nicht +betenden Mitmenschen zu den »Öchslein und +Eselein« stellte, würde seltsame Augen gemacht +haben, wenn er in diesem Augenblick in das +semperische Herz geblickt hätte.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Im deutschen Liede sah er das deutsche Land. +Er hatte ja mit leiblichen Augen nichts davon +gesehen als seine engere Heimat; aber – o, +was für ein Land mußte das sein! Jahre, +bevor er nach Amerika ging, war sein Bruder +Johannes durch Deutschland und die Schweiz +gewandert, hatte Briefe und Bilder von Burgen +und Bergen und Trauben vom Rhein geschickt; +aber das Schönste, was er dann mit nach Hause +gebracht, war ein Lied gewesen, das Asmus +damals noch nicht kannte.</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<!-- Page 207 --><span class='pagenum'><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span> +<span class="i0">An der Saale hellem Strande</span> +<span class="i0">Stehen Burgen stolz und kühn.</span> +<span class="i0">Ihre Dächer sind zerfallen,</span> +<span class="i0">Und der Wind streicht durch die Hallen;</span> +<span class="i0">Wolken ziehen drüber hin.</span> +</div></div> + + +<p>Auch dieses Lied spielte Asmus; denn er hörte +alles darin, was der Deutsche ist oder was er +von Herzen gern sein möchte: tapfer und mild, +erfindungsreich und träumerisch, zärtlich und +gedankenvoll. Dies Lied kam aus einem Land +voll großer Geschichte und tiefsinniger Sage, +aus einem Land der singenden Wälder und +klingenden Ströme. Daß man solch ein Land +liebte – nicht, wie Mutter oder Bruder, nicht +wie ein Mädchen – nein, mit einer Liebe, die +es nur einmal gibt, die seltsam und ganz eigen +ist – das war ja selbstverständlich. Daß man +für ein Land, dem solche Lieder entblühen, +freudig sterben kann, das war ihm selbstverständlich.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Gewiß waren andere Länder ebenso schön +oder schöner; aber ein zweites Deutschland gab +es dennoch nicht. Gewiß hatte kein Land solche +Weihnachtslieder wie Deutschland. Da war ein +Lied, das war klein und groß, wie eine deutsche +Hütte, darin eine Mutter mit ihrem Kinde liegt. +Da kommen die Töne behutsam herein auf leisesten +Sohlen und knien wie Kinder vor der Wiege +in stumm zitternder Seligkeit, und halten den +Atem, halten den Schlag des Herzens an, das +<!-- Page 208 --><span class='pagenum'><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span> +zerspringen will vor heiliger Erwartung, weil +es das Kindlein sehen soll!</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i-4">Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all,</span> +<span class="i0">Zur Krippe her kommet in Betlehems Stall</span> +<span class="i0">Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht</span> +<span class="i0">Der Vater im Himmel für Freude euch macht!</span> +</div></div> + + +<p>»Das ist doch eigentlich ein ziemlich triviales +Lied,« meinte der Seminarist Gärtner.</p> + +<p>»Mein lieber Kärtner,« versetzte Meister +Bruhn mit seinem mild-ironischen Lächeln, +»mein lieber Kärtner, wenn ich das Lied k’macht +hätte, denn kuckt’ ich Sie karnicht an!«</p> + +<p>»Das ist das feinste, lieblichste Weihnachtslied, +das ich kenne!« rief Asmus begeistert.</p> + +<p>»Ja, ja, mein lieber Semper, awer solche +Sachen macht man heutz’tache nich mehr.«</p> + +<p>»Warum nicht?« forschte Asmus begierig.</p> + +<p>»Weil man den Klauben haben muß, um +so was machen zu können; die jetz’che Zeit hat +awer keinen Klauben mehr.«</p> + +<p>»O!« machte Semper.</p> + +<p>»Ja ja, lieber Freund, Se können’s mir +klauben. In einer Zeit, wo David Friedrich +Strauß herrscht, da macht man solche Lieder +nich.«</p> + +<p>»Haben Sie Strauß gelesen?« rief Asmus.</p> + +<p>»Nee, nee!« rief Bruhn ängstlich und flüchtete +sich in die Musik, indem er auf dem +»Klafier« zu präludieren begann. +</p> + +<p><!-- Page 209 --><span class='pagenum'><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span> +»Ja, David Strauß ist mein Mann!« rief +Asmus.</p> + +<p>Bruhn sah ihn erschrocken von der Seite an +und präludierte ängstlicher.</p> + +<p>»Aber darum hab’ ich doch all diese herrlichen +Lieder gern, auch die frommen, die +wunderschönen Choräle, z. B. »Befiehl du deine +Wege« und »Ein feste Burg« und »Wachet auf, +ruft uns die Stimme« und »In allen meinen +Taten« und »Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’«. +Er hätte noch lange fortfahren können; aber +Bruhn starrte ihn immer hilfloser an und spielte +jetzt bereits <em class="antiqua">forte</em>. Aber dann brach er ab.</p> + +<p>»Nee, lieber Semper, es ist so,« sprach er, +»wenn der kalte, mathemat’sche Verstand dazukommt, +denn is es mit’m Klauben und mit der +Kunst vorbei.«</p> + +<p>»Das wäre ja schrecklich!« rief Asmus. +»Aber es ist ja gar nicht so! Der Verstand ist +ja gar nicht kalt! Und die Mathematik ebensowenig!« +Er mußte an die Stunden denken, da +er zu Hause über mathematischen Aufgaben gesessen +hatte. Aufgesprungen war er oft, durchs +Zimmer war er getanzt und den Fensterpfosten +hatte er umarmt, so wohl und warm war ihm +gewesen. Eine warme, fröhliche Sonnenklarheit +war um ihn her gewesen!</p> + +<p>Er wurde immer eifriger, und er suchte +nach Worten; denn was er meinte, war schwer +zu sagen. Plötzlich kam ihm ein rettender +Gedanke.</p> + +<p><!-- Page 210 --><span class='pagenum'><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span> +»Das ist, wie ich es mal in einem Theater +gesehen habe!« rief er. »Da gingen immer neue +Vorhänge hoch, immer einer nach dem andern, +und es wurde immer heller, und jedesmal bekam +man Neues zu sehen, und das Neue bildete +mit dem Alten zusammen immer schönere Bilder. +Nur daß es auf dem Theater ein Ende hatte; +in der Welt hat es kein Ende.«</p> + +<p>Bruhn, der sich inzwischen wieder in ein +<em class="antiqua">forte fortissimo</em> hineingespielt hatte, brach +wiederum ab und sah den Jüngling lange mit +forschenden Blicken an. Dann sagte er: »Nu’ +ja, es mag ja sein – aber nu müssen wir +weiter.« Und der Unterricht nahm seinen +Fortgang.</p> + +<p>Auf dem ganzen Heimweg verließ ihn das +Problem nicht. Das hatte er nun so oft gehört: +ein ungehemmter, schrankenloser Gebrauch +des Verstandes vernichte die Blüten des Herzens. +Und immer hatte ihn diese Behauptung gequält, +geschmerzt, geärgert, ja erzürnt; denn +er hatte das Gegenteil erfahren. Je mehr sich +sein Wissen und sein Gedankenkreis erweitert +hatten, ein desto heißeres Glühen hatte sich in +seiner Brust entzündet. Wie, weil man alte +Irrtümer und alte Dogmen überwand und abtat, +deshalb sollte das Herz veröden? Nein, +und tausendmal nein! Gedanken können Gedanken +töten, niemals aber unsterbliche Lieder +und Gestalten. Und selbst wenn die Lieder und +Träume vergangener Zeiten erfrieren müßten +<!-- Page 211 --><span class='pagenum'><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span> +in der kalten Gipfelluft verwegenster Gedanken, +das Herz wird immer wieder blühen, sonst wär’ +es kein Herz. Aber sie erfrieren nicht, die alten +Blüten und Früchte! Wie innig liebte er diese +alten, frommen Lieder mit ihrer lieblichen Einfalt, +ihrem rührenden Vertrauen, ihrem seligen +Frieden. Warum sollte er sie nicht lieben? +Der Glaube vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte +war so schön und so köstlich wie aller +Glaube kommender Zeiten, weil er Glaube war. +Warum sollte er ihn nicht lieben?</p> + +<p>Durch ein anderes Erlebnis sollte seine +Überzeugung bald darauf eine tiefe Befestigung +erfahren.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 212 --><span class='pagenum'><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span> +<a name="XXIX_Kapitel" id="XXIX_Kapitel"></a>XXIX. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus hört eine feierliche Messe und zieht mit den +Juden durch die Wüste, und Rebekka Semper hält +Kant für überflüssig.</div> + +<p><span class="bigletter">D</span>och im letzten Seminarjahr bekam Asmus +einen anderen Direktor; <em class="antiqua">Dr.</em> Korn war +zum Schulrat ernannt worden – »ich habe mich +nie um ein Amt beworben,« konnte er mit Stolz +in seiner Abschiedsrede sagen – und an seine +Stelle war Herr Murow getreten, ein breiter, +hünenhafter Mann und liberaler Theologe, der +in seiner Antrittsrede seine Heimat sehr deutlich +verriet, als er erklärte, daß »das Wark des +Lahrers nur jäde–ihen könne, wenn das Harz +dabei wäre.«</p> + +<div class="textbody"> +<p>Murow und Semper waren nach wenigen +Wochen Freunde, und eines Morgens winkte +der Direktor den Jüngling mit heimlichem +Lächeln auf die Seite.</p> + +<p>»Hier hab’ ich ’n Konzartbillet – <em class="antiqua">Missa +solemnis</em> von Cherubini – sahr jute Musik +– haben Sie Lust?« Und er reichte ihm die +Karte hin. +</p> + +<p><!-- Page 213 --><span class='pagenum'><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span> +Ob Asmus Lust hatte! Er wußte gar nicht, +was er sagen sollte, und stammelte etwas hervor, +was ein Dank sein sollte.</p> + +<p>Am Abend saß er in der Petrikirche in Hamburg, +auf einem Platze, wo er weder Sänger, +noch Orgel, noch Orchester sehen konnte. Das +war’s, was er brauchte. Denn seine Musik kam +von andern Orten her, als dorther, wo sie erzeugt +wurde. Sein Theater und sein Konzert +war immer noch anderswo als auf der Bühne +und auf dem Podium – über einem Baumwipfel +des Hintergrundes, in einem Winkel des +Saales, im Lichtkreis einer einsamen Lampe sah +er weit hinter dem Geschehen der Bühne, hörte +er hoch über den Klängen der Musik Erlebtes +und – nie Erlebtes, fühlte er ein Leben – ach, +das man nur in solchen Stunden erleben kann, +das man nie in Wirklichkeit erleben wird. Wo, +in welchen nie geahnten Kammern seiner Seele +hatten diese Bilder geschlummert, die für Sekunden +erwachten und dann verschwanden, um +niemals wieder zu erscheinen? Waren es Erinnerungen +aus einem vergangenen Leben – +Ahnungen eines künftigen Seins? War es das +Unentwickelte, Unerwachte, das in der Welt ist +und das aus dem Traume sprach? .....</p> + +<p>Und es kam ein Orgelbrausen und ein +Frauengesang, der ging über alle Winkel und +Lichter der Kirchenhalle hinaus, das war ein +Strom, für den die Gewölbe des Hauses zu +niedrig waren; wie ein ungeheurer Flammenstrom +<!-- Page 214 --><span class='pagenum'><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span> +fuhr er durch alle Schranken von Stein +und Erz hinauf in den unendlichen Himmel. +Da betete Asmus Semper abermals. Er betete, +daß er einst, wenn er wirklich ein Dichter werde, +eine Dichtung schaffen wolle, deren Held ein +König des Verstandes sein solle. Vor der klaren +Schärfe seines Verstandes sollte verjährter Wahn +und Glaube zergehen wie Nebel vor der Sonne. +Und die Menge sollte ihn hassen, verfolgen, +ihn steinigen, weil er ihre Welt entgöttert habe. +Und das würde das tragische Schicksal dieses +Zertrümmerers sein: die andern würden nicht +wissen, nicht ahnen, daß er ein Mensch war, der +beim Klingen einer Quelle lachen und weinen +konnte, daß seine Brust ein Dom war, der von +tausend Orgel- und Engelstimmen klang und +hinter dessen bunten Fenstern alle süßen Farben +und alle heiligen Dämmerungen des Lebens +wohnten; niemand sollte es verstehen, daß er +das zarteste Herz von allen besaß.</p> + +<p>Als Asmus unter einem klaren, sternenreichen +Winterhimmel nach Hause ging, war er +sich klar darüber, daß es nichts sei mit Meister +Bruhns Anschauungen über Verstand und Gemüt. +Aber trotz dieser und noch weit größer +Meinungsverschiedenheiten schauten sie einander +doch mit Freundschaft und Liebe in die Augen +an jenen wahren Sonnabenden, da die Sonne +des Abends aufs Klavier schien und der Meister +zu Asmussens Geige die Begleitung spielte oder +– die strenge Pflicht auf eine Weile vergessend +<!-- Page 215 --><span class='pagenum'><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span> +– ganz von selbst in einen Beethoven oder +Bach überging.</p> + +<p>Der Weg nach Hause führte Asmus regelmäßig +durch einen Stadtteil, der stark, wenn +nicht vorwiegend von Juden bewohnt war, und +wenn er nun von den sonnabendlichen Feierstunden +bei Meister Bruhn heimkehrte, paßte +es immer sonderlich gut zu seiner Stimmung, +wenn ihm die Juden in Festtagskleidung begegneten +und in ihrem Gang und ihren Mienen +den Sabbath erkennen ließen. Er fand es schön, +den Feiertag am Abend zu beginnen mit dem +Blick in ein heiliges »Morgen«; auch sein Sonntag +begann immer am Samstagabend, begann +oft schon in der Musikstunde, wenn er deutsche +Lieder hörte, begann manchmal schon mit der +Vorfreude auf diese Stunde. Aber nicht fand er +es schön, wie es die Juden taten, den Feiertag +auch am Abend mit Sonnenuntergang zu beschließen. +Er wenigstens konnte aus den heiligen +Geheimnissen des Sabbats nicht zurückfinden +in den Alltag, wenn nicht ein langer, tiefer +Schlaf dazwischen lag. Immer und immer riefen +ihm diese festlich gekleideten Juden die Kindheit +zurück, die unvergeßliche Zeit, da er mitten im +verschneiten Winter das sonnige Land Abrahams +gesehen und mit Elieser um Rebekka geworben +hatte, am Brunnen der Stadt Nahors. +Wenn er sie aber gar am Laubhüttenfest mit dem +Paradiesapfel und mit Myrten, Palmen und +Weiden nach der Synagoge wandeln sah, dann +<!-- Page 216 --><span class='pagenum'><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span> +verwandelte sich der Weg nach Oldensund in die +vierzigjährige Wüstenwanderung vom bitteren +Wasser zu Mara und der Oase Elim bis zu +dem Tage, da Jericho fiel unterm Hall der +Posaunen, dann sah er die ährensammelnde Ruth +auf dem Acker des Boas und sah die Harfe +Israels hangen an den Weiden Babylons.</p> + +<p>Schön wie die Kindheit war nun nach allen +Sorgen und Kämpfen die Zeit des Seminarbesuchs +geworden, als sie sich ihrem Ende zuneigte. +Ludwig Sempers Verdienst hatte sich +ein wenig erhöht; Asmussens Stipendium war +auf zweihundertundvierzig Mark im Jahre gestiegen; +ein paar gute Privatstunden taten ein +übriges, eine Zeitschrift hatte ein paar Gedichte +von Asmus Semper angenommen, und aus +Amerika kamen gute Nachrichten.</p> + +<p>Aber unter alledem war noch nicht das Beste. +Das, was die ganze Welt so heilig und schön +machte, war das Studium. Nicht das Studium +fürs Seminar; bei dem war immer noch nicht +viel Freude zu holen. Nein, das Studium, das +niemand von ihm verlangte als er selbst. Und +darum war der Sonnabend so unaussprechlich +schön, weil er nun den ganzen Sonntag über +studieren konnte, was er wollte. Freilich hatte +Frau Rebekka ihre Bedenken. Das Examen +nahte wieder heran, und ob Kant und Spinoza +und Gedichtemachen und Hamletdeklamieren dazu +nötig sei, darüber hegte sie schüchterne Zweifel. +<!-- Page 217 --><span class='pagenum'><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span> +Sie gab diesen Zweifeln auch Ausdruck und +meinte, ob er sich nicht zu sehr zersplittere.</p> + +<p>»Ich hab’ da neulich in so’n Buch von Kant +hineingeguckt, – das ist ja’n fürchterlicher +Schnack; daraus wird ja kein Deubel klug.«</p> + +<p>»Ja, mitunter ist es sehr schwer,« sagte +Asmus.</p> + +<p>»Ja, ist denn das notwendig, daß du das +lernst?«</p> + +<p>»Ja, Mutter, das ist sehr notwendig.«</p> + +<p>»Wenigstens solltest du das Dichten aufschieben, +bis du mehr Zeit hast, das strengt +dich doch auch an.«</p> + +<p>»Na ja, wenn es mich anstrengt, werd ich es +aufgeben«, versicherte Asmus und lächelte nach +innen.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 218 --><span class='pagenum'><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span> +<a name="XXX_Kapitel" id="XXX_Kapitel"></a>XXX. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Das unlesbarste Kapitel des ganzen Buches: Asmus +prügelt sich mit Kant und Spinoza und verrenkt sich +mehrere Hüften.</div> + +<p>»<span class="bigletter">J</span>ung, du verschmierst ja all die schönen Bücher!« +rief Frau Rebekka eines anderen +Tages erschrocken, als sie ihm über die Schulter +in die »Kritik der reinen Vernunft« hineinblickte.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Ja, das tat er freilich. Wenn er ein Buch +wirklich las, so durchackerte er es mit dem Bleistift +und warf jede Scholle herum und erquickte +sich an dem frischen Ackerduft, der dann emporstieg; +alle Bedenken, alle Zweifel, alle Widersprüche, +die ihm aufstiegen, schrieb er an den +Rand, und das gab einen wunderlichen Buchschmuck. +Gar oft ging es ihm wie seinem geliebten +Faust:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Hier stock ich schon und kann nicht weiter fort;</span> +<span class="i0">Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,</span> +<span class="i0">Ich muß es anders übersetzen,</span> +<span class="i0">Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin ...«</span> +</div></div> + + +<p>und das war immer der schlimmste Zweifel: ob +er vom Geiste <em class="gesperrt">recht</em> erleuchtet war. Er balgte +<!-- Page 219 --><span class='pagenum'><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span> +sich mit dem dürren Königsberger Männchen +wie wahnsinnig; aber er wußte wohl, daß er +mit einem Gottessohne rang wie Jakob an der +Stätte Pniel, und daß man sich dabei die Hüfte +verrenken konnte. Er verrenkte sie sich mehr als +einmal und mußte manchmal einsehen, daß er +nur deshalb widersprochen hatte, weil er nicht +richtig verstanden hatte; das beschämte ihn wohl, +aber hielt ihn von immer erneutem Ringen nicht +ab. Nichts lag ihm ferner als Überhebung; seine +Pietät gegen das Genie war eher zu groß als +zu klein, und selbst solche Sätze wie:</p> + +<div class="blockquot"><p>»Aber hierin liegt eben das Experiment +einer Gegenprobe der Wahrheit des Resultats +jener ersten Würdigung unserer Vernunfterkenntnis +<em class="antiqua">a priori</em>«</p></div> + +<p>konnten in ihm nicht den Verdacht erwecken, +daß es dem »Alleszermalmer« denn doch wohl +hin und wieder recht sehr an der Fähigkeit gemangelt +habe, seine Gedanken gut und klar zum +Ausdruck zu bringen. Es war einige Jahre +später, daß er bei Schopenhauer an den Rand +schrieb: Ach, hätte doch der Kant so schreiben +können wie der Schopenhauer! Selbst, wo er +für den Augenblick das sichere Gefühl hatte, +gegen Kant oder Spinoza im Recht zu sein, +zweifelte er nicht, daß ein späterer Tag ihm die +Einsicht seines Irrtums bringen werde. Einstweilen +war er überzeugt – und er blieb es auch +später – daß der Monismus Spinozas kein +<!-- Page 220 --><span class='pagenum'><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span> +Monismus sei; der Parallelismus von Bewegungs- +und Bewußtseinsvorgängen war nur ein +umschriebener Dualismus. Denn warum und +wozu war diese Maschine »Mensch« so gebaut, +daß ihr derselbe Vorgang als »Ausdehnung« +und »Denken« erschien? Der Dualismus war +in den Menschen verlegt – das war alles. Und +Körper und Seele aus der Welt schaffen, indem +man sie einfach als Attribute <em class="gesperrt">einer</em> Substanz +auffasste – was war damit getan? Das Verfahren +konnte man bei jedem unbequemen Gegensatze +anwenden, und die »Substanz« war +wie »das Ding an sich« ein Nichts, aus dem +man alles machen konnte.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Sein Denken wurzelte fest im Empirischen, +und so gern seine Seele ihr Haupt in transzendenten +Lüften wiegte – ihren Boden wollte sie +nicht ohne Not verlassen. So hatte er die Ideenlehre +Platos wunderschön gefunden; aber sogleich +hatte er sich gesagt: das ist Dichtung, ist +Glaube, nicht Erkennen.</p> + +<p>Gegen den strengen Gedanken von der Notwendigkeit +alles Geschehens, dem der Mann sich +unterwarf, lehnte der Jüngling sich auf. Sein +die Arme reckender und streckender Wille verlangte +nach Willensfreiheit, und doch schien ihm +die transzendentale Willensfreiheit Kants nur +eine Ausflucht. Gegen diesen Immanuel Kant, +dessen Leben er mehr bewunderte als liebte, +hatte er noch gar manches auf dem Herzen. +</p> + +<p><!-- Page 221 --><span class='pagenum'><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span> +Da stand:</p></div> + +<div class="blockquot"><p>»daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung +anfange, daran ist gar kein Zweifel; denn wodurch +sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur +Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht +durch Gegenstände, die unsere Sinne assizieren ...«</p></div> + +<p>und an anderer Stelle hieß es:</p> + +<div class="blockquot"><p>»Daß es nun dergleichen notwendige und im +strengsten Sinne allgemeine, mithin reine Urteile +a priori im menschlichen Erkenntnis wirklich +gebe, ist leicht zu zeigen ...«</p></div> + +<p>und wiederum:</p> + +<div class="blockquot"><p>»Von den Erkenntnissen <em class="antiqua">a priori</em> +heißen aber +diejenigen rein, denen gar nichts Empirisches +beigemischt ist ...«</p></div> + +<div class="textbody"> +<p>War das nicht unreimbarer Widerspruch? +Und wenn es dann gar hieß:</p></div> + +<div class="blockquot"><p>»So ist z. B. der Satz: eine jede Veränderung +hat ihre Ursache, ein Satz a priori, allein nicht +rein, weil Veränderung ein Begriff ist, der +nur aus der Erfahrung gezogen werden kann«.</p></div> + +<p>Was sollte man dazu sagen? Der Begriff der +Ursache war entweder genau so gut aus der +Erfahrung gezogen wie der der Veränderung +oder sie waren beide gleich »rein«. Unzweifelhaft +hatten sie aber beide »empirische Beimischung«. +Und was sollte es heißen, wenn nun Kant als +ein Beispiel für »dergleichen notwendige und +<!-- Page 222 --><span class='pagenum'><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span> +im strengsten Sinne allgemeine, mithin reine +Urteile <em class="antiqua">a priori</em>« die Mathematik aufführte? +Die Mathematik war doch menschlich konstruierte +Realität, nicht von der Natur gegeben, wie Kant +in der Einleitung an dem »ersten Demonstrator +des gleichschenkligen Dreiecks« selbst zugegeben +hatte. So waren die Sätze der Mathematik zwar +allgemein und notwendig (daß das zweierlei sei, +wollte Sempern auch nicht in den Sinn); aber sie +waren auch für die Erkenntnis des Weltwesens +vollkommen wertlos, wenn man sich nicht zu den +Pythagoreern gesellte. Und was sollte man endlich +gar dazu sagen, wenn Kant, ganz im Widerspruch +zu dem Vorhergehenden, fortfuhr:</p> + +<div class="blockquot"><p>»will man ein Beispiel aus dem gemeinsten +Verstandesgebrauche, so kann der Satz, daß +alle Veränderung eine Ursache haben müsse, +dazu dienen ...«</p></div> + +<p>und dann gegen Hume polemisierte, der diesen +Satz</p> + +<div class="blockquot"><p>»von einer öfteren Beigesellung dessen, was +geschieht, mit dem, was vorhergeht, und einer +daraus entspringenden Gewohnheit, Vorstellungen +zu verknüpfen, ableiten wollte.«</p></div> + +<div class="textbody"> +<p>Asmus hielt es ganz entschieden mit Hume +und war der Überzeugung, daß jedes Naturgesetz +der empirischen Wissenschaften genau so »allgemein +und notwendig, mithin rein <em class="antiqua">a priori</em>« +oder genau so bloß komparativ allgemein und +<!-- Page 223 --><span class='pagenum'><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span> +<em class="antiqua">a posteriori</em> sei wie der Satz von der Veränderung +und ihrer Ursache.</p> + +<p>Ach, schon diese Einteilung der Urteile in +analytische und synthetische! Asmussens Bleistift +wurde temperamentvoll und machte schwungvolle +Fragezeichen und wuchtige Ausrufungszeichen! +Warum sollte denn das Urteil »Alle Körper sind +ausgedehnt« analytisch und dagegen das andere +»Alle Körper sind schwer« synthetisch sein? Das +Merkmal der Schwere war doch für den Körper +genau so wesentlich wie das der Ausdehnung +und war also genau so gut wie dieses im Begriff +des Körpers schon gegeben! Wieso bedurfte es +da der Synthese? Und gesetzt: man entdeckte ein +wesentliches Merkmal eines Begriffes, das man +bisher nicht gekannt hatte, so konnte man im +Augenblick der Entdeckung allenfalls von einer +»Synthese« sprechen und konnte das neue Urteil +ein synthetisches nennen; aber sobald man wußte, +daß das neue Merkmal zum Wesen des Begriffes +gehöre, war es doch auch mit diesem Begriff gegeben, +und das Urteil war so »analytisch« wie +irgend ein anderes. O, wenn Asmus damals gewußt +hätte, daß auch andere Leute, und zwar +höchst gelehrte und gescheite Männer diese Unterscheidung +für verworren und zwecklos hielten! +So aber sagte er sich: »Daß Kant so unklar gedacht +habe, ist ausgeschlossen; also tappe ich im +Dunkeln, also ist mit dieser Unterscheidung noch +etwas andres gemeint, das ich nicht verstehe« +– und das setzte ihm zu mit harter Pein. +</p> + +<p><!-- Page 224 --><span class='pagenum'><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span> +Und endlich dieses berühmte »Ding an sich«. +Man könne es nicht erkennen, hieß es. Aber es +»affizierte« uns durch Erscheinungen, stand also +in Beziehung zu uns, machte uns Mitteilungen! +Wozu machte es uns diese Mitteilungen? Nur +um uns zu foppen? Dann war freilich alles +Denken und Leben Unfug. Oder verrieten uns +diese Mitteilungen, wie es jede Mitteilung tut, +etwas vom Wesen des Mitteilenden? Doch wohl; +Kant verwahrte sich ja auch selbst dagegen, daß +man die »Erscheinung« als »Schein« verstehe. +Warum nun affizierte uns das Ding an sich so, +wie es uns affiziert, und nicht anders. Es mußte +zu seinem Wesen gehören, uns so zu affizieren +und nicht anders. Dann aber <em class="gesperrt">wußten</em> wir +etwas von seinem Wesen, und wenn wir <em class="gesperrt">etwas</em> +wußten, warum sollten wir dann nicht mehr +wissen können? »Hier ist ein Wirbel«, sagte sich +Asmus. Sein Bleistift fragte in aller Bescheidenheit: +Was nötigt uns, hinter der »schönen +grünen Weide« der Erscheinungen ein unerkennbares +Ding an sich anzunehmen, und wer hat +etwas von diesem Ding an sich? Die Beschränktheit +menschlicher Erkenntnis leuchtet auch so ein. +Daß wir nicht Zentrum der Welt sind, daß der +Mensch, der kleine Fußsoldat, unmöglich den +Plan kennen kann, nach dem der »Herr der +Heerscharen« die Weltenschlacht schlagen läßt, +– das wissen wir seit Kopernikus auch so. Also +warum soll der Pfahl, an dem ich mir die Nase +blutig stoße, durchaus Erscheinung und nicht +<!-- Page 225 --><span class='pagenum'><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span> +Ding an sich sein? Und warum setzen wir diese +Skepsis nicht ins Grenzenlose fort? Es setzte +Sempern in großes Erstaunen, als er las:</p> + +<div class="blockquot"><p>»Was es für eine Bewandtnis mit den +Gegenständen an sich ... haben möge, bleibt +uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts +als unsere Art, sie wahrzunehmen, die uns +eigentümlich ist, die auch nicht notwendig jedem +Wesen, <em class="gesperrt">obzwar jedem Menschen</em> zukommen +muß.«</p></div> + +<p>Das »obzwar jedem Menschen« war es, was +ihn in Staunen versetzte.</p> + +<p>»Wirklich?« schrieb er an den Rand. »Könnte +der Welturheber den Spaß dieses Sommernachtstraumes +nicht noch weiter ausgedehnt haben und +die Menschen Verschiedenes wahrnehmen lassen, +wenn sie dasselbe nennen, und Verschiedenes +nennen lassen, wenn sie dasselbe wahrnehmen?« +Und er hatte eine herzliche Freude, als er später +las, daß Fichte den kantischen Zweifel an der +Dinglichkeit der Erscheinungswelt zu Ende geführt, +das Ding an sich als widersinnig verworfen +und erklärt habe: Außer mir gibt es +nur Vorstellungen und sonst nichts. Mit einem +wunderschön weichen, tiefschwarzen Bleistift schrieb +Asmus in Riesenbuchstaben dazu:</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Gott sei Dank!! Das ist wenigstens +konsequent!!</em>«</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 226 --><span class='pagenum'><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span> +<a name="XXXI_Kapitel" id="XXXI_Kapitel"></a>XXXI. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Der Mensch ist ein fliegender Holländer, und Asmus +bekommt das Lampenfieber.</div> + +<p><span class="bigletter">I</span>n diesen Sonntagsstudien gab es Minuten, +Stunden, Tage der Klarheit, die er für nichts +auf der Welt dahingegeben hätte.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Das ist ein Augenblick der Seligkeit,</span> +<span class="i0">Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke</span> +<span class="i0">Das Hirn durchzuckt und so die Seele faßt,</span> +<span class="i0">Daß sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke!</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">Da wähnt das Aug, es sähe groß und klar</span> +<span class="i0">Den Geist des Alls durch Erd’ und Himmel wandeln;</span> +<span class="i0">Aufatmend spricht das Herz: Ich bin getrost;</span> +<span class="i0">Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.«</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Aber oft währte die Klarheit nicht von einem +Sonntag zum andern, manchmal nicht von einer +Minute zur andern. Stellt ein Glas voll reinsten +Quellwassers hin, das durchsichtiger ist als Kristall +– mit jeder Stunde schwindet von selbst +<!-- Page 227 --><span class='pagenum'><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span> +seine Klarheit dahin. Hängt einen Spiegel auf +so rein und eben, wie ihr ihn finden mögt – +in wenig Stund wird er sich trüben vom Anhauch +des Lebens.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Gewißheit – schöner Wahn des Augenblicks!</span> +<span class="i0">Bald wieder wird der alte Zweifel nagen;</span> +<span class="i0">Der feste Boden weicht – dir schwindelt – weit</span> +<span class="i0">Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen.</span> +</div> + +<div class="stanza"> +<span class="i0">Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer</span> +<span class="i0">In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre,</span> +<span class="i0">Bis endlich deinem Fuß das Schicksal gönnt,</span> +<span class="i0">Daß er der Heimat festen Grund gewahre.</span> +<span class="i0">Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht</span> +<span class="i0">Der Wind am hohen Mast die weißen Linnen:</span> +<span class="i0">Kaum hast du noch des Ufers Sand geküßt,</span> +<span class="i0">So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.«</span> +</div></div> + + +<p>In einem ganz eigenen Sinne tauchte ihm +die Geschichte von Herkules wieder auf, der die +Hydra schlug. Wenn man triumphierend einem +Zweifel den Kopf abschlug, so wuchsen zwei +wieder aus dem Rumpf hervor. Und eine sonderbare +Beobachtung glaubte er zu machen. +Wenn er sich einer Wahrheit recht nah fühlte +und ihr nun mit starrenden Augen immer näher +auf den Leib rückte, dann <em class="gesperrt">sah er</em> förmlich, wie +sie plötzlich zurückwich und dichte Nebelschleier +um sich schlug, wie ein Weib, das nicht gesehen +<!-- Page 228 --><span class='pagenum'><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span> +sein <em class="gesperrt">wollte</em>! Noch eben jetzt hatte er sie klar +zu sehen vermeint, und plötzlich stand er in +lauter Nebeln. Und seltsam: weibliche Gestalten +mischten sich jetzt so oft in seine Vorstellungen +und Gedanken; ja, es war, als hätten diese +Gedanken und Vorstellungen selbst etwas von +weiblichem Wesen und weiblichem Reiz, und +alles, was er suchte, suchte er mit unerklärlicher +leiser Wonne und mit leisem Schmerz. Auf +dem Wege zum Seminar gab es Läden, in +denen Bilder von weiblichen Schönheiten in +halber oder nahezu ganzer Enthüllung ausgestellt +waren. Vier Jahre lang und darüber war +er an diesen Läden ohne jegliches Interesse vorübergegangen; +seit einiger Zeit sah er diese +Bilder mit anderen Augen an, und er verweilte +mit seiner Betrachtung auch bei solchen, +von denen er sich sagen konnte, daß sie nicht +gerade in künstlerischer und überhaupt nicht in +der allerbesten Absicht dorthin gelegt seien. Und +als er in dieser Zeit von der höchsten Galerie +des Theaters den »Lohengrin« hörte und als +Elsa mit wundersüßer Stimme und ergreifendem +Glauben sang:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Kehr’ bei mir ein! Laß mich dich lehren,</span> +<span class="i0">Wie süß die Wonne reinster Treu!</span> +<span class="i0">Laß zu dem Glauben dich bekehren:</span> +<span class="i0">Es gibt ein Glück, das ohne Reu!«</span> +</div></div> + + +<p>da brach in seiner Brust ein Damm von einer +langgestauten Flut, da entstürzten Tränen seinen +<!-- Page 229 --><span class='pagenum'><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span> +Augen; denn sie hatte nicht nur die holde Schönheit +weiblichen Wesens, hatte nicht nur das +Glück der Liebe gesungen; sie hatte von allem +Triumphe alles Hohen gesungen; sie hatte ihm +gesungen: Es gibt ein Wissen ohne Trug, es +gibt ein Leben ohne Haß, es gibt eine Welt +ohne Leid.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Und wenn er auch jenen Versen die Überschrift +»Menschenlos« gegeben und wenn er sie +auch mit den verzweifelten Worten gekrönt +hatte:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Und dies bleibt immer deines Denkens Los:</span> +<span class="i0">Wenn dich ein Strahl aus höchstem Himmel grüßte,</span> +<span class="i0">Er bleibt nicht dein; er schwindet hin in Nacht,</span> +<span class="i0">Wie die Morgana schwindet in der Wüste.«</span> +</div></div> + + +<p>so war es ihm damit nur auf Stunden ernst, +und es war darin ein gut Teil von jenem +wunderlichen Komödiantentum der Jugend, das +sich bei roten Wangen in düsteren Gebärden +gefällt und nicht nur die Ansprüche, sondern +auch die Resignation der reifen Jahre vorwegzunehmen +liebt. Hatte er doch auch gesungen:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Dich hieß ich wie kein andres Weib willkommen;</span> +<span class="i0">Laut schlug mein Herz – du hast es nicht vernommen.«</span> +</div></div> + + +<p>und hatte dabei an Hilde Chavonne gedacht +und war doch um so weniger berechtigt, dem +<!-- Page 230 --><span class='pagenum'><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span> +guten Mädchen daraus einen Vorwurf zu +machen, als er selbst nicht genau wußte, ob +sein Herz für Hilde oder für das Weib im allgemeinen +schlug. Nein, mochten seine »Gewißheiten« +zuweilen nur ein Minutenleben haben, +seine Niedergeschlagenheiten lebten meistens nur +Sekunden; auf dem Grunde seiner Natur mußte +eine Feder sein, die mit unversiegbarer Kraft +wieder emporschnellte, wenn der schwerste Druck +nur einen Augenblick nachließ. Die Absolutheit +der Sittengesetze, der doch die menschliche +Schwäche in diesem Leben nicht genügen konnte, +erforderte nach Kant die Unsterblichkeit der +Seele. Dann war also auch das Leben nach +dem Tode ein Entwicklungsgang; denn es hätte +keinen Sinn, wenn wir aus dem Tode einfach +als vollkommene Wesen erwachten. Und wenn +die Unbefriedigung unseres Gewissens ein künftiges +Leben verlangte, so verlangte die immer +strebende Unbefriedigung des Geistes ein Gleiches. +Wo Fortschritt der Sittlichkeit möglich +war, da mußte auch Fortschritt der Erkenntnis +möglich sein, und wenn in einem künftigen +Leben, so auch im gegenwärtigen.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Und er glaubte an den Fortschritt mit aller +Gewalt seiner sehnenden Seele; er glaubte nicht +an die ewig gleich geartete Seligkeit des Kirchenhimmels; +er konnte sie sich nicht vorstellen; aber +er glaubte an die ewig wachsende Seligkeit des +Werdens und sich Vollendens; die begriff er, +die hatte er in Stunden unnennbarer Weihe +<!-- Page 231 --><span class='pagenum'><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span> +selber gefühlt. Und in wenigen Monaten sollte +er nun ein Führer werden auf solchen Wegen +des Werdens, sollte sich ihm ein Beruf auftun, +der ihn Hunderte, Tausende von jungen Seelen +die rechten Wege zur Vervollkommnung weisen +hieß. Er ein Führer! Er, der es wußte, wie +sehr er selbst noch der Führung bedurfte! +Wenn er an diese nahe Wendung dachte, wurde +ihm, er wußte selbst nicht, wie. Eine hohe, +berauschende Freude überlief ihn; aber gleich +darauf überfiel ihn immer ein herzstockendes +Bangen; es war wohl höhere Freude, aber auch +tieferes Bangen als damals, da er vor der +Klassentür gestanden und den erkrankten Herrn +Dohrmann hatte vertreten sollen. Denn er war +reifer und klüger geworden und verstand tiefer +als damals, um was es sich handle.</p> + +<p>Bevor er jedoch diesen Beruf ergriff, lernte +er schnell noch einen anderen kennen, nämlich +den des Schauspielers.</p></div> + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 232 --><span class='pagenum'><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span> +<a name="XXXII_Kapitel" id="XXXII_Kapitel"></a>XXXII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Semper der Jüngling als Heldenvater und Liebhaber.</div> + +<p><span class="bigletter">K</span>urz nach Weihnachten sollte wieder Konzert +und Theater sein, und zwar sollte Gutzkows +»Zopf und Schwert« gegeben werden. +Obwohl Asmus im Seminar weder als Mime +noch als Regisseur jemals irgend einen Posten +bekleidet hatte, war man doch einstimmig der +Meinung, daß er den König Friedrich Wilhelm <em class="antiqua">I</em>. +geben und die Regie führen müsse. +Man glaubte, Rezitieren und Komödie spielen +sei dasselbe.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Die Proben im Musiksaal begannen, und +Asmus stürzte sich mit Begeisterung in seinen +neuen Beruf. Er hatte harte Arbeit; denn unter +den Mitwirkenden gab es einige übertriebene +Talentlosigkeiten. Da war einer, der die Prinzessin +geben sollte, – denn auch die weiblichen +Rollen mußten der Feuersicherheit wegen von +Jünglingen gespielt werden, ein Zopf, den der +neue Direktor im Jahre darauf mit einem +Schwertstreich abhieb, – und dieser Prinzessinnendarsteller +hatte offenbar beim Spielen +<!-- Page 233 --><span class='pagenum'><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span> +das Gefühl, daß er mindestens acht Hände habe, +von denen er dann immer zwei in die Hosentaschen +steckte.</p> + +<p>»Mensch,« rief Asmus, »bedenk doch, daß +du als Prinzessin nicht die Hände in die Hosentaschen +stecken kannst!«</p> + +<p>Und dann zog Lau, so hieß er, die Hände +wieder heraus; aber beim nächsten Satze staken +sie schon wieder drin. Asmus gab ihm endlich +eine kleinere Rolle und dann eine noch kleinere; +aber es half nichts; Laus starke Persönlichkeit +brach sich durch jede Rolle Bahn; er war ein +penetrantes Talent.</p> + +<p>Aber es waren auch zweifellose Begabungen +darunter, und im ganzen fühlte sich Asmus in +dieser ganz ungewohnten Tätigkeit unbeschreiblich +wohl. Er hätte seinen Zustand mit einem +Champagnerrausch vergleichen können, wenn er +die für diesen Vergleich erforderlichen Kenntnisse +gehabt hätte. Als der Abend der Aufführung +herangekommen war, ging es ihm genau +wie Meister Bruhn: er war zwei Stunden +vor Beginn zur Stelle und hatte nach zehn +Minuten schon auf sämtlichen Stühlen gesessen, +aber auf keinem länger als zwei Sekunden; er +mußte gehen, gehen wie immer, wenn er erregt +war, immer auf und ab, wie der Tiger +des Zoologischen Gartens im Käfig. Dabei hatte +er das Gefühl, daß er fest auftreten müsse, damit +ihn nicht ein Lufthauch davontrage. Und +wog doch gewiß seine 120 Pfund. Er war nervös +<!-- Page 234 --><span class='pagenum'><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span> +wie ein sichernder Hirsch, der ein Knacken im Gezweig +vernommen hat; aber es war eine wohlige, +prickelnde Nervosität. Der König hat seinen +ersten Auftritt hinter der Szene zu sprechen, und +das war gut; denn wenn er an das Auditorium +dachte, dann war es, als ob plötzlich etwas +furchtbar Schweres furchtbar tief in seinen Leib +hinunterfiele und ein Emporfliegen war dann +nicht mehr zu fürchten.</p> + +<p>Der Vorhang ging endlich auf, und schon +nach den ersten Szenen war der Erfolg des ersten +Aktes gesichert; denn der Darsteller der Königin +hatte in der Erregung unter den königlichen +Kleidern seine männlichen Dessous und seine +Zugstiefeletten anbehalten, und das genügte für +den 1. Akt. Jedesmal, wenn die hohe Frau sich +setzte und ihr Reifrock sich hob, brauste ein Sturm +des Entzückens durch das vollbesetzte Haus. +Asmus lief wie besessen hinter der Szene auf +und ab.</p> + +<p>»Was hat das Publikum? Was hat das +Publikum?« flüsterte er. Stelling, der hinter der +ersten Kulisse stand, rief:</p> + +<p>»Kneist hat die Stiefeletten anbehalten« und +wollte bersten vor Lachen. Er konnte lachen; +über dies schwere Unglück konnte er lachen. Asmus +war außer sich, und als Ihre Majestät die +Bühne verlassen hatte und ihm in den Wurf kam, +da fluchte er wie ein altgedienter Oberregisseur.</p> + +<p>»Eine Schlamperei ist das einfach, eine skandalöse +Schlamperei!« flüsterte er; denn laut +<!-- Page 235 --><span class='pagenum'><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span> +durfte er ja nicht werden; aber er flüsterte sehr +vehement.</p> + +<p>»Gott, was ist denn dabei?« versetzte Kneist, +die Königin, mit bewundernswerter Ruhe. »Das +Ganze ist doch nur ’n Spaß.« Das verschlug +Asmussen die Rede allerdings gründlich. Gegen +eine so bodenlos frivole Auffassung von der +Kunst war er nicht gewappnet. Er war so verstört +ob dieser Antwort, daß er fast seinen Auftritt +versäumt hätte. Als er dann mit seinen +Worten beim Publikum Heiterkeit erweckte, sagte +er sich: Gott sei Dank, deinem Aussehen kann +das nicht gelten; sie sehen dich ja gar nicht.</p> + +<p>Aber auch als sie ihn sahen, hörten sie ihm +freundlich und mit öfterem Lachen zu, und als +er in der Szene des Tabakkollegiums zu den +Worten gekommen war:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Die Kreaturen zittern? – Ich will allein</span> +<span class="i0">sein.«</span> +</div></div> + + +<p>da war das Auditorium eine einzige Stille, und +als er dann im nächsten Akte wieder auftrat, +bekam er einen großen Schreck; denn sie empfingen +ihn mit stürmischem Händeklatschen. Ja, +ein großer Schreck war es; aber es war der +freudigste, den er empfangen hatte seit jenem +Weihnachtabend, als er plötzlich vor dem +Puppentheater, dem Geschenk seines Bruders +Johannes, gestanden hatte. O ja, ja, es mußte +herrlich sein, so jeden Abend, vom Beifall der +Menge umbraust, auf der Bühne zu stehen! Der +<!-- Page 236 --><span class='pagenum'><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span> +Beruf des Schauspielers war ihm immer in +einem märchenhaften Glanze erschienen; jetzt +war er tief davon überzeugt, daß es keinen +freudenreicheren, verlockenderen gebe als ihn.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Er sollte auch für den Rest des Abends +aus diesem kindlichen Wahne nicht aufgeschreckt +werden. Murow, der Direktor, kam ihm mit +beiden dargebotenen Händen entgegen und rief:</p> + +<p>»Alle Watter, mein lieber Samper, harzlichen +Glückwunsch! Sie sind ja der jäborne +Haldenvater!«</p> + +<p>»Na, dazu reicht doch wohl meine Länge +nicht,« meinte Asmus zaghaft.</p> + +<p>»Nu – es hat auch kleine Haldenväter jäjäben! +Sie sind ’n Napoleon-Darstaller! Überhaupt, +mein lieber Samper« – und dabei legte +er seine mächtige Hand auf die Schulter des +Jünglings – »Talant ersatzt jede Körperlänge.« +Und mit behaglichem Lachen schritt er weiter, +um auch den andern Darstellern freundliche +Worte zu sagen; denn er war als preußischer +Landtagsabgeordneter beim Reichskanzler und +bei Hofe gewesen und verstand sich auf die Courtoisie +eines Herrschers.</p> + +<p>Als aber Asmus nun auf Flügeln des +Triumphes weiter durch den Saal schritt, da +erblickte er gar an einem Tische hinten im +Winkel neben ihren Logisgebern Hilde Chavonne. +<em class="gesperrt">Sie</em> war also da! Sie hatte ihn spielen +sehen! O, wenn er das gewußt hätte, dann +hätte er noch ganz anders gespielt! Er bildete +<!-- Page 237 --><span class='pagenum'><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span> +sich ein, daß er dann besser gespielt hätte; aber +sehr wahrscheinlich würde er dann den Gamaschenkönig +mit dem tanzenden Krückstock als Romeo +gespielt haben. Er wußte noch immer nicht, ob +er irgendein Mädchen auf der Welt »liebe«; +er war noch ganz in jenem dunklen Vorstadium +der Liebe, wo die Jünglinge den Jungfrauen +im allgemeinen imponieren wollen und die +Jungfrauen den Jünglingen im allgemeinen +gefallen möchten. Dieser Hilde Chavonne zu +imponieren, hielt er freilich für einen besonders +berechtigten Ehrgeiz; denn sie war hübsch und +vornehm und stellte hohe Ansprüche, die höchsten +allerdings an sich selbst. Und dieser Asmus +Semper, dieser unglaubliche Tölpel, merkte nichts, +als ihm das Fräulein nun ein kleines Veilchenbukett, +das sie im Haar getragen hatte, zum +Geschenk machte und errötend hinzufügte: »Für +den König!« Er nahm es für eine Ehre, der +Dummkopf, für eine Ehre! Er freute sich unendlich +über dieses Sträußchen; aber er hatte +keine Ahnung davon, daß es eine hohe Gunst +des Herzens ist, wenn ein Mädchen sich eines +Blumenschmucks beraubt und ihn einem jungen +Manne schenkt. So unheilbar beschränkt war er, +daß er nicht einmal die Verstimmung merkte, +die das Mädchen darüber empfand, daß seine +Gabe nicht so aufgenommen wurde, wie sie es +erwarten konnte. Du lieber Gott, was sollte +Asmus von jungen Mädchen wissen! Seine +beiden Schwestern waren schon bei fremden +<!-- Page 238 --><span class='pagenum'><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span> +Leuten gewesen, als er noch auf dem Fußboden +spielte und den hölzernen Schemel voll tausend +Nägel schlug. Als größerer Knabe hatte er dann +freilich öfters mit Mädchen gespielt, und jede, +mit der er gespielt, hatte er auch geliebt, ja, +jenes braune Kind, das er einst vor dem Wirtshause +zwischen den Bahndämmen gefunden hatte, +hatte er sogar mit schmerzlichem Sehnen geliebt; +aber es war doch Kinderliebe gewesen. +Und nun, als Präparand und Seminarist, hatte +er fast ein mönchisches Dasein geführt. Gewiß: +er hatte Präparandinnen und Lehrerinnen gesehen +und hatte alle diese Leonoren, Lauren +und Beatricen selbstverständlich geliebt; aber +keiner einzigen war er gesellschaftlich näher +getreten. Die Damen des Lehrberufs haben +meistens keine den Mann ermunternden Gewohnheiten, +und für Asmus war nun vollends +alles Weibliche eine unnahbare Welt. Die germanische +Ehrfurcht vor dem Weibe lag ihm tief +im Blut, und seine Armut machte diese Ehrfurcht +zur Schüchternheit. Wenn er aus den Liebesromanen +sah, daß zur Anbahnung eines Liebesverhältnisses +eine längere Liebeserklärung gehöre, +noch dazu eine im schwierigeren Periodenbau, +auf den er sich sonst wohl verstand, dann +sagte er sich: »Das wird mir nie gelingen, nie; +ich werde wohl Junggeselle bleiben.«</p> + +<p>Zum Glück hatte Hilde Chavonne kein +Gänseherz, sondern ein ganz echtes großes +Mädchenherz, und so vergaß sie bald ihre Verstimmung +<!-- Page 239 --><span class='pagenum'><a name="Page_239" id="Page_239">[239]</a></span> +und unterhielt sich mit Asmussen so +lebhaft und gutherzig wie immer.</p> + +<p>»Wissen Sie, was Sie von den andern +unterschied?« sagte sie.</p> + +<p>»Nun?«</p> + +<p>»Sie spielten immer, auch wenn Sie nichts +zu sprechen hatten; die andern spielten nur, +während sie sprachen. Auch wenn Sie kein +Glied rührten, sah man, daß Sie ununterbrochen +mit der Handlung gingen. Ja, sogar, wenn +Sie dem Publikum den Rücken kehrten, sah +man, daß Sie innerlich spielten. Ich habe einmal +von »durchsichtigen Schauspielern« gehört. Das +Wort trifft auf Sie zu.«</p> + +<p>Asmus war so glücklich, daß er nur eine +ganz banale Bescheidenheitsphrase stottern konnte. +Er war glücklich wegen der »Ehre«. Daß sie +ihn sehr genau und sehr andauernd beobachtet +haben müsse, darauf verfiel er nicht. Als sie +noch sprachen, kam eilends ein Seminarist auf +Sempern zu. »Du möchtest mal zu Herrn Doktor +Kieselberg kommen.«</p> + +<p>Doktor Kieselberg hatte den Literaturunterricht; +bei ihm hatte Semper die längsten und +schönsten Sachen rezitiert.</p> + +<p>»Hören Sie, lieber Semper, wenn es Ihnen +recht ist, schreib’ ich über Sie an Cheri Maurice. +Maurice muß Sie kennen lernen. Sie müssen +für die Bühne gerettet werden. Die Jungens +unterrichten, das können schließlich viele andere +<!-- Page 240 --><span class='pagenum'><a name="Page_240" id="Page_240">[240]</a></span> +Leute auch. Aber so spielen, das können nicht +viele. Also soll ich ihm schreiben?«</p> + +<p>»Wenn Sie die Güte haben wollen, dann +bitte ich darum.«</p> + +<p>»Gut. Meine Frau läßt Sie bitten, morgen +mit uns zu speisen. Zwei Uhr, bitte. Sind Sie +noch frei?«</p> + +<p>Du lieber Gott! Ob er noch frei war! +Für sämtliche Mittage seines Lebens war er +noch frei.</p> + +<p>Also Schauspieler! Bei der bekannten Geschwindigkeit, +mit der er seine Schlösser baute, +spielte er schon im nächsten Augenblick den +»Faust« auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. +Und bei einem seiner Lehrer eingeladen +zum Essen! Was konnte das Leben +einem noch mehr bieten! Er schwamm in der +vollen, naiven Freude eines ersten öffentlichen +Erfolges. Ihm war, als ob alle Menschen aller +Länder ihm hold gesinnt wären und ihm von +Herzen das Beste wünschten. Er hatte nicht +die leiseste Ahnung davon, daß Lau erzählte, +Semper habe ihm die Rolle der Prinzessin nur +aus Neid weggenommen, und wenn ihm jemand +gesagt hätte, daß Lau das erzähle, so würde +er gesagt haben: »Du lügst.«</p> + +<p>Als er sich wieder dem Platze Hildens +näherte, war sie nicht da. Er ließ die Blicke +durch den Saal schweifen – da – sie tanzte! +O weh, sie tanzte!</p></div> + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 241 --><span class='pagenum'><a name="Page_241" id="Page_241">[241]</a></span> +<a name="XXXIII_Kapitel" id="XXXIII_Kapitel"></a>XXXIII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus gibt fernere Beweise von seiner Dummheit, baut +ein Schloß und eine Kirche und landet schließlich in +einer Zelle.</div> + + +<p><span class="bigletter">M</span>erkwürdig, es war ihm nicht ganz recht, daß +sie tanzte. Warum sollte sie nicht tanzen? +Es war doch selbstverständlich, daß sie tanzte; +sie hatte sich ja auch zum Tanze angekleidet, +sehr geschmackvoll, wie immer, sehr einfach, und +doch – so besonders. Er verstand nicht das +Geringste von Frauengarderoben; aber daß sie +mit ihren neunhundert Mark Gehalt keine kostbaren +Gewänder kaufen konnte, war ihm klar. +Und doch – sie hatte immer etwas Besonderes +und Nobles in ihrer Erscheinung.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Tanzen! Ja, das war auch so eine Mauer, +die ihn vom weiblichen Geschlechte trennte. +Frauen wollen tanzen, und er konnte nicht +tanzen. Die Semper konnten ihren Kindern +keine Tanzstunden geben lassen. Nicht einmal +Schlittschuhlaufen hatte er gelernt; denn als +Knabe war er nie so reich gewesen, ein Paar +Schlittschuhe erwerben zu können, und als Jüngling +<!-- Page 242 --><span class='pagenum'><a name="Page_242" id="Page_242">[242]</a></span> +hatte er keine Zeit mehr dazu gefunden. +Als Achtjähriger hatte er einmal getanzt, auf +einem sogenannten »Kindergrün«, mit einer +siebenjährigen Dame, fünf Stunden lang war +er herumgesprungen wie ein Heupferdchen, immer +mit derselben Dame, und es war herrlich gewesen. +Er sah es so unendlich gern, wenn ein +Paar sich mit Anmut im Tanze drehte. Nie +glaubte er fester an eine schönere Welt, als +wenn er Menschen in anmutiger Bewegung sah. +Und Hilde Chavonne tanzte schön. Wenn er +sie aufforderte....</p> + +<p>Hahahahaaaa! Er wußte wohl eine ganze +Reihe junger Leute, die ungeniert eine Dame +aufforderten, obwohl sie nicht tanzen konnten, +und dann so lange mit Todesverachtung herumhopsten, +bis sie’s heraus hatten. Woher sie den +Mut nahmen, einer Dame dergleichen zuzumuten, +das blieb ihm ein Rätsel.</p> + +<p>Sobald er sein Lehrergehalt bezog, wollte +er tanzen lernen. Sein Lehrergehalt? Er wollte +ja Schauspieler werden.....</p> + +<p>»Tanzen Sie nicht?« fragte ihn Hilde.</p> + +<p>»Ich kann nicht tanzen,« sagte er. Und er +erzählte ihr, daß er Schauspieler werden solle. +Sie war aber sehr dagegen; mit auffallender +Lebhaftigkeit riet sie ihm ab. Was sie denn +dagegen habe, fragte er verwundert. Da wurde +sie rot und sehr verlegen. Schließlich sagte sie, +sie habe immer gehört, daß auch das Los der +<!-- Page 243 --><span class='pagenum'><a name="Page_243" id="Page_243">[243]</a></span> +größten und berühmtesten Bühnenkünstler nur +ein glänzendes Elend sei. Überhaupt habe er +doch noch ganz andere Fähigkeiten. Er müsse +Dichter werden.</p> + +<p>Jetzt machte er riesengroße Augen, und das +Rotwerden war an ihm. »Woher wissen Sie +denn, daß ich dichte?«</p> + +<p>»Sie haben doch Fräulein Wieselin erlaubt +daß sie sich Ihre Balladen abschrieb –«</p> + +<p>»Und die haben Sie gelesen?« rief Asmus +erschrocken.</p> + +<p>»Die haben alle an der Schule gelesen –«</p> + +<p>Asmus hätte in den Boden sinken mögen. +»Das ist aber sehr unrecht von Fräulein Wieselin,« +rief er.</p> + +<p>»Warum?« fragte Hilde erstaunt. »Durfte +sie sie nicht zeigen?«</p> + +<p>»Aber ich bitte Sie! Diesen Schund! Diesen +Unsinn! Das ist ja törichtes, kindisches Zeug –.«</p> + +<p>Hilde schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das +glaube ich nicht,« sagte sie. »Unreif mögen +diese Gedichte sein, – aber es ist etwas drin.«</p> + +<p>Als ein Tänzer kam und sich vor Hilde +verbeugte, lehnte sie ab. Sie lehnte auch alle +folgenden Einladungen ab, und bis zum Ende +des Balles saßen sie beide an demselben Tisch +und plauderten. Er fühlte sich wohl und glücklich; +aber er merkte nichts.</p> + +<p>Und als das ganze »Künstlervolk« mit +<!-- Page 244 --><span class='pagenum'><a name="Page_244" id="Page_244">[244]</a></span> +seinem Anhang nach dem letzten Tanze in ein +Café schwärmte, – morgens um vier Uhr in +ein Café! Asmus kam sich wie ein Roué vor, +als er sich eine Schokolade bestellte, – da +schienen es beide selbstverständlich zu finden, +daß sie wieder beieinander saßen. Es war etwas +Seltsames um ihre Unterhaltung. Sie sagten +natürlich »Sie« zueinander und »Herr Semper« +und »Fräulein Chavonne« (denn das »gnädige +Fräulein« war damals noch nicht Mode), und +was sie sprachen, hatte die höfliche und respektvolle +Form, die unter wenig Bekannten zweierlei +Geschlechts gebräuchlich ist; aber in ihren Herzen +war ein Glauben und Vertrauen, von dem sie +selbst noch nichts wußten; ihre Herzen sagten +»Lieber Herr Semper« und »Liebes Fräulein +Chavonne«, ohne daß sie selber es hörten, und +dieser Gegensatz zwischen fremden Worten und +vertrauter Meinung erfüllte Asmussens Herz +mit jener wohligen Spannung, wie sie in frühen +Knospen sein mag. Aber so dunkel, so wenig +bewußt war dieses Gefühl, daß er sich keinen +Augenblick nach seiner Ursache fragte, es vielmehr +ohne Nachdenken genoß wie die Sonne +eines Maientags.</p> + +<p>Als er früh gegen sechs eine Stunde weit +nach Hause ging, fühlte er nicht die leiseste Ermüdung; +denn er war jung und war König. +Aber als er die ruhigen Atemzüge seiner +schlafenden Eltern hörte, und als er die Ärmlichkeit +des elterlichen Hausrats betrachtete, da +<!-- Page 245 --><span class='pagenum'><a name="Page_245" id="Page_245">[245]</a></span> +fiel es ihm schwer aufs Herz, daß er Schauspieler +werden sollte.</p> + +<p>Gleichwohl sprach er davon zu seinem +Vater. Obwohl Ludwig Semper seit längerem +wieder von seinem alten asthmatischen Leiden +geplagt wurde, war doch seit Monaten Heiterkeit +in all seinem Reden und Tun, ja selbst in +seinen Hustenanfällen und Atemängsten gewesen; +denn nun war seine zärtlichste Hoffnung der +Erfüllung nah; in kurzem sollte Asmus Lehrer +sein und das Geschlecht der Semper sollte wieder +emporkommen. Wie die lächelnde Wehmut eines +Sonnenunterganges ging es über Ludwig Sempers +Gesicht, als er hörte, daß Asmus, nahe +dem Ziele seiner Bahn, einen ganz neuen Weg +voll jahrelangen Mühens betreten solle, und +obwohl er fühlte, daß er dann den Aufstieg +seines Sohnes nicht erleben werde, sagte er +lächelnd:</p> + +<p>»Ja, – wenn Du meinst, daß Du Schauspieler +werden mußt, – ich habe nichts dagegen.«</p> + +<p>Und in dem Lächeln des schönen Angesichts +war ein Scheiden vom Liebsten und Letzten. +Das Herz flog Asmus in den Hals, und er +hatte Mühe, die Tränen zurückzudrängen, als +er rief:</p> + +<p>»Nicht doch, Vater, nicht doch! Ich werde +ja nicht darauf eingehen! Ich denke ja nicht +daran!«</p> + +<p><!-- Page 246 --><span class='pagenum'><a name="Page_246" id="Page_246">[246]</a></span> +Seiner Mutter sprach er nicht erst davon. +Er mußte lächeln, wenn er sich ihr ökonomisches +Entsetzen ausmalte. Und sie hatte ja recht.</p> + +<p>Am Nachmittage sagte er es Dr. Kieselberg, +seinem Wirte: »Meine Eltern haben mich +fünf Jahre lang unter den größten Sorgen +und Mühen erhalten, wenigstens zum großen +Teil erhalten; jetzt ist es höchste Zeit, daß ich +sie unterstütze. Als Lehrer bekomme ich ein +Gehalt von 1200 oder 1300 Mark, dann kann +ich ihnen helfen; als Schauspieler verdiente ich +vorläufig wenig oder nichts. Ich würde die +Hoffnung meiner Eltern vernichten, und das +ist ausgeschlossen.«</p> + +<p>»Nun, dagegen kann ich natürlich nichts +sagen,« erwiderte Kieselberg. »Ich hatte das +Gefühl einer Pflicht; ich glaubte ein Unrecht +zu begehen, wenn ich Sie nicht auf den Weg +zur Bühne wiese; aber wenn die Dinge so stehen +– das ist natürlich etwas anderes.«</p> + +<p>Als Asmus durch die wunderschönen Alleen +vor dem Dammtor nach Hause ging, war der +Bühnentraum erloschen; das Schloß aus Rampenlicht +und Lorbeerduft war versunken, und an +seiner Stelle ragte schon ein anderes. Ein Wort +seines Lehrers hatte ihn gestern befremdet. Er +hatte gesagt:</p> + +<p>»Jungens unterrichten, das können die +andern auch.«</p> + +<p>War Unterrichten denn wirklich etwas, was +<!-- Page 247 --><span class='pagenum'><a name="Page_247" id="Page_247">[247]</a></span> +jeder Beliebige konnte, wenn er nur nicht allzu +dumm war? Waren Schulmeister nicht genau +so gut Künstler wie Schauspieler? Konnte man +nicht auch so unterrichten, daß man unersetzlich +war, so unersetzlich wie ein Künstler? So wenigstens +hatte er sich’s immer geträumt. Was war +denn ein Lehrer, wenn er nicht ein Künstler war?</p> + +<p>Und in den Wolken strahlte ein Schloß, +das war aus Morgenlicht und Kinderlächeln +gebaut.</p> + +<p>Er blickte in die ragenden Bäume hinauf +und dachte: Welch ein wunderschöner Tag! Ein +wahrer Sonntag! Zuerst beim Lehrer zu Mittag +gegessen – die fremde Küche hatte ihm zwar +nicht geschmeckt, aber was sagte das? Es war +herrlich gewesen! – Nun dieser Weg unter +hohen, von weißem, weißem Schnee bedeckten +Bäumen! Diese Kirche wird nur an seltensten +Feiertagen geöffnet. Ihr Altar ist die sinkende +Sonne, und ihr Gesang ist das Schweigen. Er +dichtete im Gehen:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ich weiß es nun gewiß:</span> +<span class="i0">Es schwebt ein selig Leben</span> +<span class="i0">Schon über dieser Welt</span> +<span class="i0">Und ist uns schon gegeben.</span> +</div> +<div class="stanza"> +<span class="i0">Ich weiß seit diesem Tag:</span> +<span class="i0">Es tönt Gesang und Reigen</span> +<span class="i0">Aus einer reinen Welt</span> +<span class="i0">In jedes tiefe Schweigen.</span> +</div></div> + + +<p> +<!-- Page 248 --><span class='pagenum'><a name="Page_248" id="Page_248">[248]</a></span> +Und endlich, wenn er zu Hause war, wollte +er seinen Pestalozzi lesen. Er kam heim und +schlug ihn auf bei der »Abendstunde eines Einsiedlers«.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»O, meine Zelle, Wonne um dich her!«</span> +</div></div> + + +<p>Das fügte sich gut zu dieser Stunde. Er +schaute sich um in seiner Kammer und dachte:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">O, meine Zelle, Wonne um dich her!</span> +</div></div> +</div> + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 249 --><span class='pagenum'><a name="Page_249" id="Page_249">[249]</a></span> +<a name="XXXIV_Kapitel" id="XXXIV_Kapitel"></a>XXXIV. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Bewegt sich zwischen Pestalozzi und Herrn Quasebarth.</div> + +<p><span class="bigletter">U</span>nd er vergrub den Kopf in beide Hände +und versenkte sich in die heiligen Träumereien +dieses unschuldsvollen Einsiedlers und +Poeten, den er liebte, wie man sonst nur lebendige +Menschen liebt. Ja, das war wahrhaftig +ein Einsiedler unter den Tagesmenschen! Schon +wiederholt hatte Asmus diese Schrift gelesen, +und immer hatte ihn eine eigentümliche Scheu +gehindert, tiefer in ihr Dunkel einzudringen, +wie man sich scheut, in ein Dickicht einzudringen, +aus dem die Nachtigall schlägt. Heute war die +Nachtigall fortgeflogen, und er drang ein und +fand hinter dem Rankengewirr eine köstliche +Architektur, die die einfachen, großzügigen +Grundlinien eines wunderbaren Baues zeigte. +Da stand, daß Leben und Menschsein ganz dasselbe +ist in der Hütte und auf dem Thron. +Das aber haben die Menschen vergessen. Sie +erziehen und unterrichten nach tausenderlei +äußeren und Tagesbedürfnissen, nach Berufs- und +Standesrücksichten, nach Eitelkeit und Vorteil. +<!-- Page 250 --><span class='pagenum'><a name="Page_250" id="Page_250">[250]</a></span> +Und vergessen, daß ein Mensch zuvor zum +Menschen gebildet sein muß, eh’ er etwas anderes +wird. Aber zum Menschen kann man ihn nur +von <em class="gesperrt">seiner</em> Natur aus, von seiner Individualität +aus machen, nicht von einer allgemeingültigen +Schablone aus.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Das also war es: Nicht sollt ihr zum Kinde +sagen: Das sollst Du werden und das will +ich aus Dir machen wie aus allen Deinen Genossen, +sondern ihr sollt fragen: Wer bist Du? +Wie mach’ ich Dich zum Menschen? Welche +Wege sind in <em class="gesperrt">Deiner</em> Natur vorgezeichnet, +die zu jenem Menschentum führen, das <em class="gesperrt">allen</em> +gemeinsam ist und aus dem alles andere von +selbst entsprießt?</p> + +<p>Das schälte sich heraus aus dem Aphorismengewirr +des krausen und dennoch geraden Denkers, +und in diesem Geiste wollte Asmus sein Amt +führen. Im Geiste dieser Schrift wollte er +wirken, dieser Schrift, die in einem innigen, +treuen Gottesglauben gipfelte, der nicht der +Gottesglaube der Semper war. An den sorgenden +Vater glaubten die Semper nicht. Aber das +hatte Asmus seit langem empfunden, daß alle +Menschen an einen Gott glauben, wie verschieden +sie ihn auch nennen.</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Es sagen’s allerorten</span> +<span class="i0">Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,</span> +</div></div> + +<p>und Asmus hatte nie begriffen, warum man +<!-- Page 251 --><span class='pagenum'><a name="Page_251" id="Page_251">[251]</a></span> +von den Atheisten glaubte, sie hätten keinen +Gott und könnten nicht fromm sein.</p> + +<div class="textbody"> +<p>So stellte er denn auch in dem bald beginnenden +schriftlichen Examen seinen Aufsatz +nicht auf die Basis theistischer Frömmigkeit, die +sonst über so manche Prüfungen hinweghilft. +Die jungen Leute sollten über das Thema +schreiben:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Vor jedem steht ein Bild dess’, das er werden soll;</span> +<span class="i0">So lang’ er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.«</span> +</div></div> + + +<p>und die meisten Jünglinge erklärten Jesus +Christus für das Idealbild, das vor ihnen stehe. +Nun gab es unter den Abiturienten gewiß +keinen, der den natürlich erzeugten Gottessohn +von Nazareth inniger liebte als er; aber den +Ruf, daß er ein Jesus Christus oder etwas +ihm Ähnliches werden solle, vernahm er in +seinem Herzen nicht. Er glaubte nicht, daß die +Welt durch Leiden erlöst werden könne; er fühlte +wenigstens, wenn er sich ehrlich fragte, daß +er nicht gemacht sei, ohne Widerstand zu leiden. +Er knüpfte an die Ideenlehre Platos an und +erklärte den Unfrieden des Menschen aus der +Sehnsucht nach seiner »Idee«, und er setzte auseinander, +was er für seine Idee, für die Idee +des Menschen im allgemeinen und für die des +Asmus Semper im besonderen halte. Er fand +damit bei der vorurteilslosen Prüfungskommission +<!-- Page 252 --><span class='pagenum'><a name="Page_252" id="Page_252">[252]</a></span> +nicht nur vollste Anerkennung, sondern er +hatte noch den Erfolg, daß ein Mitglied dieser +Kommission, ein alter Jurist, zu Beginn der +mündlichen Prüfung die Brille aufsetzte und rief:</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Wo ist Herr Semper?«</p> + +<p>»Das ist nämlich ein Philosoph!« rief er +den andern Herren zu.</p> + +<p>Asmus war hervorgetreten.</p> + +<p>»Sie sind Herr Semper?«</p> + +<p>»Jawohl!«</p> + +<p>»Sie sind ein Philosoph, mein junger +Freund; ich habe Ihre Arbeit mit herzlicher +Freude gelesen; ich danke Ihnen.«</p> + +<p>Im übrigen ging es ihm wie »auf der +Fortuna ihrem Schiff«, will sagen: auf und ab. +In der Lehrprobe vergriff er sich. Er sollte +Ägypten behandeln, dasselbe Ägypten, das er +als kleiner Junge für eine Wiese mit Störchen +gehalten hatte. Und er verfuhr ganz nach der +Regel: Geographische Lage, Grenzen, Gestalt, +Größe, Einwohnerzahl usw. usw. Zum Nil kam +er in der halben Stunde des praktischen Examens +überhaupt nicht. Als er fertig war, nahm ihn +Murow, der Riese, beiseite.</p> + +<p>»Nun, me–in lieber Samper, wann man +Äjüpten behandeln will, womit fängt man dann +wohl am basten an?«</p> + +<p>Da wußte er’s sofort. »Mit dem Nil,« sagte +er. Und er hätte sich ohrfeigen mögen, daß er, +der die Schablone haßte, sich ihr so gedankenlos +und träge unterworfen hatte. Der Nil! das war +<!-- Page 253 --><span class='pagenum'><a name="Page_253" id="Page_253">[253]</a></span> +der Schöpfer des Landes, war eigentlich das +Land selbst; der Nil war die Individualität +Ägyptens, von der man ausgehen mußte, wenn +man sich rühmte, ein Jünger Pestalozzis zu +sein! Er empfand eine tiefe Scham darüber, +daß er so ahnungslos in Ketten ging, deren er +gespottet hatte.</p> + +<p>Und im schriftlichen Chemie-Examen hatte +er eine Arbeit von grotesker Unzulänglichkeit +geliefert. Er hatte einst die Chemie mit allem +Feuer der Jugend geliebt; aber Herrn Quasebarths +Chemie hatte darin bestanden, daß er +aus einem ehrwürdigen Heft ablas, dessen verblaßte +Schrift er zuweilen selbst nicht mehr +entziffern konnte. »Man nehme einen Probierzylinder +und fülle ihn zur Hälfte mit Braunstein –« +las Herr Quasebarth; aber er nahm +keinen. Stelling, der Skrupellose, hatte ihm eines +Tages einen furchtbaren Limburger Käse unter +den Pultdeckel gelegt, so daß seine Nase jedesmal, +wenn sie ins Heft tauchen wollte, entsetzt zurückfuhr. +Nachdem er sich wiederholt vergeblich erkundigt +hatte, woher der »abscheuliche Geruch« +stamme, und Stelling bemerkt hatte, daß er +ihn sich auch nicht erklären könne, »da hier doch +nie experimentiert werde«, entdeckte er schließlich +die Ursache; aber er ging ungeheilt von dannen.</p> + +<p>So hatte denn Asmus seit langem nicht +mehr zugehört, in der Chemiestunde lieber Gedichte +gemacht und beim Examen einen fast unberührten +weißen Bogen abgeliefert. Das war +<!-- Page 254 --><span class='pagenum'><a name="Page_254" id="Page_254">[254]</a></span> +aber Herrn Quasebarth in die Glieder gefahren; +denn er sagte sich, daß der chemische Durchfall +eines Schülers wie Asmus Semper vom Prüfungs-Kollegium +als ein Durchfall des Herrn +Quasebarth empfunden werden müsse. Er beschwor +also Sempern in einer vertraulichen +Unterredung, doch ja bis zum mündlichen +Examen noch »tüchtig zu repetieren«, damit er +die Scharte auswetze. Semper genierte diese +Scharte gar nicht; denn er hatte sich längst vorgenommen, +später auf eigene Hand Chemie zu +treiben; aber er versprach sein Möglichstes.</p> + +<p>Und wiederum hob ihn das Schiff der Fortuna +in der Mathematik so hoch, daß er die +erste Zensur erwischte, während Mollwitz, der +Magister Matheseos, oder, wie er gewöhnlich +genannt wurde: »das einseitige Prisma«, durch +einen reinen Zufall nur den zweiten Grad errang. +Dieses Erfolges konnte Asmus nicht recht +froh werden; denn die Sache war nicht ganz in +der Ordnung. Daß Glücksgüter vom Zufall +verteilt wurden, das wußte er; aber auch geistige +Ehren? Kam das auch sonst im Leben vor? +Das <em class="gesperrt">sollte</em> nicht vorkommen.</p> + +<p>Aber er sollte noch was ganz anderes erleben. +Am Abend vor der mündlichen Prüfung +entschloß er sich nach schwerem Zögern, ein +Lehrbuch der Chemie zur Hand zu nehmen, +damit Quasebarth nicht wieder durchfalle. Er +las auch das Kapitel von der Methylwasserstoffreihe, +dann aber griff er energisch nach Zolas +<!-- Page 255 --><span class='pagenum'><a name="Page_255" id="Page_255">[255]</a></span> +Conquête de Plassans, die er wesentlich anziehender +fand. Denn sich ein Wortwissen ohne +Anschauung und Übung in den Kopf zu pfropfen, +das war ihm von jeher ein Greuel gewesen.</p> + +<p>Die Stunde der chemischen Prüfung kam und +mit ihr Herr Quasebarth, der an Leib und +Seele immer denselben grauen Rock trug.</p> + +<p>»Na, mein lieber Semper,« sagte er mit +einem lockenden Lächeln, »erzählen Sie uns mal, +was sie von den Methylwasserstoffen wissen!«</p> + +<p>Und siehe da: Asmus Semper redete wie +ein junger Liebig; denn heute wußte er noch +sehr gut, was er gestern gelesen hatte.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 256 --><span class='pagenum'><a name="Page_256" id="Page_256">[256]</a></span> +<a name="XXXV_Kapitel" id="XXXV_Kapitel"></a>XXXV. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus wird im Examen gepufft und getreten und ist +unzufrieden, aber sehr glücklich.</div> + +<p><span class="bigletter">U</span>nd so kam er denn mit allen Ehren und ohne +Schaden durch das Examen, wenn man +von einigen blauen Flecken an seinem linken +Fuße und in der linken Rippengegend absah. +Diese Flecke rührten wieder von Seybold her, +von demselben Seybold, der ihn als »Schäflein« +wegen seiner »Inkollegialität« und seiner +»Anmaßung« so bieder gehaßt hatte. Das mathematische +Examen hatte Seybold sehr glatt bestanden. +Seybold konnte nicht einmal ein Dreieck +berechnen; aber während der schriftlichen Prüfung +wandelte einen Freund von ihm ein Bedürfnis +an, und der Freund ging hinunter und +deponierte an einem dunklen Orte die Lösung +aller Aufgaben. Nach einer halben Stunde hatte +Seybold merkwürdigerweise auch ein Bedürfnis.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Muß es denn sein?« fragte argwöhnisch +der die Aufsicht führende Herr Rothgrün.</p> + +<p>»Ja, ich hab’n Durchfall,« erklärte Seybold.</p> + +<p>»Aber damit hätt’ es ja noch Zeit gehabt,« +<!-- Page 257 --><span class='pagenum'><a name="Page_257" id="Page_257">[257]</a></span> +schmunzelte Herr Rothgrün wohlwollend. »Nun, +gehen Sie nur.«</p> + +<p>Seybold ging hinunter, »fand die Lösung«, +dachte »Heureka«, beantwortete solchermaßen +durch Vorspiegelungen der Verdauungsorgane +Fragen, die eigentlich an das Gehirn gerichtet +waren, und half sich mittels eines Durchfalls +durchs Examen. Zunächst durchs mathematische.</p> + +<p>Bei den Klausuraufsätzen saß Seybold wieder +neben Semper, und als dieser gelegentlich einen +Blick in die Papiere seines Nachbarn warf, sah +er, daß dieser wörtlich von ihm abschrieb.</p> + +<p>»Mensch, bist du des Teufels?« flüsterte +Asmus. »Das muß ja herauskommen. Schreib’ +wenigstens auch von anderen ab.«</p> + +<p>Seybold sah das ein und schrieb die andere +Hälfte der Arbeit von seinem Vordermann ab; +denn er hatte einen weiten Blick.</p> + +<p>»Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben,« +hatte Korn gesagt.</p> + +<p>Nur dies verdammte mündliche Examen! +Da konnte man nicht sagen: »Erlauben Sie, +daß ich austrete!« Und wenn Asmus blind +und taub gewesen wäre, so würde er das Nahen +des Examinators doch immer rechtzeitig erfahren +haben; denn wenn dieser noch drei Schüler +weit entfernt war, begann Seybold schon wie +ein Räder-, Walzen- und Kolbenwerk zu treten, +zu puffen und zu zischen: »Sag’ mir zu! Sag’ +mir zu!« und so trug Asmus Semper Seyboldens +Reifezeugnis auf dem Leibe davon.</p> + +<p><!-- Page 258 --><span class='pagenum'><a name="Page_258" id="Page_258">[258]</a></span> +Auch Seybold bestand wiederum das Examen, +und der ganze praktische Unterschied bestand +darin, daß er ein Anfangsgehalt von 1200 Mark, +Asmus aber ein solches von 1300 Mark erhielt, +worin Seybold eine große Ungerechtigkeit +erblickte.</p> + +<p>1300 Mark! Insofern war Asmus sehr +zufrieden; denn unbegrenzte Möglichkeiten lagen +in dieser Summe. Aber wenn er den verflossenen +Lebensabschnitt überblickte – was +rechtfertigte eigentlich das »glänzende Examen«, +das er nach der allgemeinen Ansicht gemacht +hatte? Die Kollegen hatten ihm erzählt, was +der Schulrat Korn vor einer anderen Abteilung +der Prüflinge über ihn gesagt hatte, und darüber +freute er sich zwar von Herzen; aber +eigentlich war ihm alles das ein großes Rätsel, +ein Wunder: denn ihm waren diese verflossenen +drei Jahre eine zerstörte Illusion. Was hatte +er sich von diesen Jahren versprochen an +geistigem Aufschwung! Und wie bitter-bitter-wenig +hatte er vor sich gebracht. Er hatte +überhaupt nicht das Gefühl, daß er geistig gewachsen +wäre. Wiederum hatte er, wie schon +öfter, die Empfindung, daß die Menschen merkwürdig +wenig von ihm verlangten, viel, viel +weniger, als er selbst von sich zu fordern +pflegte.</p> + +<p>Nur wenn er die beiden »Alten« betrachtete, +war er <em class="gesperrt">ganz</em> glücklich. Die solltens jetzt besser +haben. Frau Rebekka lief mit ihren sechzigjährigen +<!-- Page 259 --><span class='pagenum'><a name="Page_259" id="Page_259">[259]</a></span> +Beinen wie ein Wiesel immer von +einem Zimmer ins andere und sang:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Nach Sevilla, nach Sevilla!</span> +<span class="i0">Wo die letzten Häuser stehen,</span> +<span class="i0">Sich die Nachbarn freundlich grüßen,</span> +<span class="i0">Mädchen aus dem Fenster sehen,</span> +<span class="i0">Ihre Blumen zu begießen,</span> +<span class="i0">Ach, da sehnt mein Herz sich hin!«</span> +</div></div> + + +<p>und wie in seiner früheren Kindheit sah Asmus +bei dem Wort »Sevilla« einen freien Platz mit +Häusern, auf den eine unendlich goldene Sonne +und ein unendlich helles, unendlich stummes +Feiertagsglück herabschien.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Und dabei dachte Rebekkens Herz gar nicht +an Sevilla, was schon daraus hervorging, daß +sie im nächsten Augenblick sang:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Herr Junker, lat hee mit tofred’n,</span> +<span class="i2">rudiridiridirallalla,</span> +<span class="i0">Ick mutt min Swin to freten ge’m,</span> +<span class="i2">rudiridiridirallalla!</span> +</div></div> + + +<p>Das war nämlich das Bruchstück eines +Liedes, in dem ein Junker seiner Magd mit +Liebesanträgen nachstellt, die diese dann mit +der einleuchtenden Begründung zurückweist, daß +sie ihren Schweinen zu fressen geben müsse. +Die Schweine gehen vor, das mußte der Junker +einsehen. Aber auch an Junker, Magd und +Schweine dachte das singende Herz der Rebekka +nicht; es dachte an den Triumph des Sohnes, +<!-- Page 260 --><span class='pagenum'><a name="Page_260" id="Page_260">[260]</a></span> +an den leckeren Pfannkuchen, den sie ihm backen +wollte, und an den besseren Rock, den ihr Gatte +nun bekommen sollte; denn es gab ihr einen +Stich ins Herz, wenn der stattliche Mann in +abgetragenem Gewande ging. »Er fragt ja +nichts danach,« klagte sie kopfschüttelnd.</p> + +<p>Aber auch Ludwig Semper wollte sich diesmal +einen Extragenuß vergönnen. Heute war +Dienstag, und am Freitag gab es »Lohengrin« +im Theater. Diesmal wollte er <em class="gesperrt">wirklich</em> hin.</p> + +<p>»Aber nun tu’s auch!« riefen Asmus und +Rebekka wie aus einem Munde.</p> + +<p>»Ja, ja – natürlich!« beteuerte Ludwig.</p> + +<p>Am Mittwoch sagten Asmus und seine +Mutter wieder: »Geh nun aber auch wirklich +hin!«</p> + +<p>»Gewiß, gewiß!« sagte Ludwig.</p> + +<p>Am Donnerstag sagten sie: »Wirst du nun +auch nicht wieder sagen: ‘Ach, wozu soll ich +hingehen?’«</p> + +<p>»Nein, nein – wenn ich’s doch sage!«</p> + +<p>Er war auch am Freitag mittag noch fest +entschlossen und freute sich. Als er um sechs +Uhr noch keine Miene zum Aufbruch machte, +rief Frau Rebekka:</p> + +<p>»Du, du – du mußt jetzt gehen.«</p> + +<p>»Ach, ich hab mir’s anders überlegt,« sagte +Ludwig. »Was soll ich da.«</p> + +<p>Ja, was sollte er da. +<!-- Page 261 --><span class='pagenum'><a name="Page_261" id="Page_261">[261]</a></span></p> + +<p>Erstens war sein Asmus nun am Ziel, und +das war ein Glück, das eigentlich für den Rest +seines Lebens allein ausreichte und das er +jedesmal neu genoß, wenn Asmus den Blick +wegwandte und er ihn ungestört betrachten +konnte.</p> + +<p>Zweitens hatte er am Lohengrin schon so +viel Vorfreude genossen, daß eine Steigerung +nicht mehr denkbar war.</p> + +<p>Und drittens tauchten auf der grauen Wand +vor seinem Zigarrentische, sobald er befahl, alle +Sagen der Vorwelt auf, nicht die vom Schwanenritter +allein, und belebte sich der stauberfüllte +Raum mit Klängen, die an kein irdisches Instrument +und keine menschliche Schrift gebunden +waren.</p> + +<p>Frau Rebekka war gründlich böse und schalt. +»Ich versteh den Mann nicht,« rief sie.</p> + +<p>Asmus verstand ihn. Er dachte daran, daß +er nun bald als Lehrer vor 60 Kindern stehen +werde; er blickte von der Seite her in des +Vaters Auge, in dem die Abendsonne liebend +verweilte, und er verstand es, daß man selig +sein kann im Glück seiner Träume.</p></div> +<!-- <span class='pagenum'><a name="Page_262" id="Page_262">[262]</a></span> --> + +<p> </p><p> </p> + +<hr /> +<p><!-- Page 263 --><span class='pagenum'><a name="Page_263" id="Page_263">[263]</a></span></p> + +<div class="titlepage"><h2><a name="Drittes_Buch" id="Drittes_Buch"></a>Drittes Buch</h2> + +<h1>Kampf und Liebe</h1> +<hr /></div> +<!-- <p><span class='pagenum'><a name="Page_264" id="Page_264">[264]</a></span></p> --> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 265 --><span class='pagenum'><a name="Page_265" id="Page_265">[265]</a></span> +<a name="XXXVI_Kapitel" id="XXXVI_Kapitel"></a>XXXVI. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Was für ein Mann Herr Drögemüller war und was für +Lieder deutsche Kinder singen.</div> + + +<p><span class="bigletter">D</span>er erste Eindruck, den Asmus Semper von +Herrn Drögemüller, seinem Hauptlehrer und +Vorgesetzten, empfing, war nicht übertrieben +verlockend. Der Kopf des Mannes glich einer +stark vergrößerten Billardkugel, der man einen +Rettichschwanz als Bart angeheftet und die man +im übrigen noch mit einer blauen Brille geschmückt +hat. Nase, Mund und Stirn wären in +jedem Signalement als gewöhnlich bezeichnet +worden. Herr Drögemüller kanzelte gerade einen +kleinen, kümmerlich dreinschauenden Buben ab, +weil er auf Holzpantoffeln zur Schule kam. +Er behandelte das gleichsam wie einen moralischen +Defekt, dessen man sich zu schämen habe, +und erklärte dem verschüchtert dastehenden Kinde, +wenn das noch einmal vorkomme, werde er ihm +einen »Tadel in Ordnung« geben.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Wenn man das hingehen läßt,« sagte Herr +Drögemüller, »dann kommen immer mehr mit +Holzpantoffeln, und man kann das Geklapper +auf den Treppen nicht mehr aushalten.« +</p> + +<p><!-- Page 266 --><span class='pagenum'><a name="Page_266" id="Page_266">[266]</a></span> +Asmus hatte auf der Zunge, zu sagen: +»Aus Übermut trägt wohl der Mensch keine +Holzklötze an den Füßen; Stiefel sind ihm ohne +Zweifel bequemer, wenn er sie hat«; aber er +wollte sich nicht gleich opponierend einführen +und sagte deshalb nur:</p> + +<p>»Gibt es nicht einen Verein, der solche +Kinder mit Stiefeln versorgt?«</p> + +<p>»Gewiß!« versetzte der Hauptlehrer; »ich +könnte ihm ein Paar Stiefel anweisen; aber seine +Mutter, das ist eine ganz Renitente. Als ich +ihr sagte, sie solle den Jungen doch taufen lassen +– getauft ist er nämlich auch nicht – da sagte +sie, das täte ihr Mann nicht, und was ihr +Mann wolle, daß wolle sie auch.«</p> + +<p>»Hm,« machte Asmus. Ein Pestalozzi war +dieser Mann nicht, das war schon festgestellt.</p> + +<p>Er unterschied sich insofern vorteilhaft von +dem »Schulmeister von Stanz«, als er sauber +und ordentlich gekleidet war; aber es war Ordnung +ohne Geschmack und Gefälligkeit, eine Ordnung +mit schlechtsitzenden Hosen und kreuzweis +geknoteten Bindeschlipsen, und als Asmus wie +hypnotisiert die Karrees des grauen Rockes +betrachtete, da las er unaufhörlich 1 × 1 × 1 × 1 × 1 × 1 ....</p> + +<p>Nein, ein Dichter, wie der unordentliche Verfasser +von »Lienhard und Gertrud« war dieser +Mann gewiß nicht, »Abendstunden eines Einsiedlers« +träumte er sicherlich nicht; aber das +konnte man auch schließlich nicht verlangen, und +<!-- Page 267 --><span class='pagenum'><a name="Page_267" id="Page_267">[267]</a></span> +als er die Papiere des ihm von der Behörde +zugewiesenen Jünglings eingesehen hatte, bemerkte +er sogar liebenswürdig, er beglückwünsche +sich, einen Mann von solchen Fähigkeiten gerade +an der »ihm unterstellten« Schule angestellt zu +sehen.</p> + +<p>Wie ganz anders ward Asmussen ums Herz, +als er sich wenige Tage später mitten in einen +Garten von sechzig jungen Menschenpflanzen +gestellt sah, wo sechzig lebendige Brünnlein aus +roten Lippen sprangen. In einem Punkte freilich +hinkte der Vergleich mit einem Garten bedenklich: +die Pflanzen haben die gute Gewohnheit, +ihren Ort nicht willkürlich zu verändern; diese +Menge von Kindern aber war in ihren Bewegungen +höchst willkürlich, und Asmussen kam +es vor, als habe er einen Topf voll Mäuse zu +hüten und müsse aufpassen, daß keine über den +Rand springe. Einige zwar saßen bang und +verschüchtert da; sie mochten ein unerhört Neues, +ein fürchterlich Geheimnisvolles erwarten und +waren vielleicht mit der Vorstellung gekommen, +daß der Bakel unaufhörlich durch die Schulstube +sause wie die Sense des Mähers übers +Feld; denn es gibt Eltern, die die Arbeit des +Lehrers liebevoll vorbereiten, indem sie Kindern, +die sie nicht bändigen können, mit der Aussicht +drohen: »Na, warte nur, wenn du zur +Schule kommst! Der Lehrer wird dich schon +bläuen.« Aber sobald diese Beklommenen merkten, +daß der »Herr Lerrer« kein Menschenfresser +<!-- Page 268 --><span class='pagenum'><a name="Page_268" id="Page_268">[268]</a></span> +sei und sogar großartigen »Spaß« mache, zogen +gerade sie die weitesten Konsequenzen und gingen +über Tisch und Bänke. Und sieh, da schritt schon +einer festen Schrittes auf die Tür zu.</p> + +<p>»Wohin?« fragte Asmus.</p> + +<p>»Ich will’n büschen ’raus!« versetzte das +Bürschchen unbefangen.</p> + +<p>»Was willst du denn draußen?«</p> + +<p>»Och, ’n büschen spielen.«</p> + +<p>»Ja, Mensch, so allein spielen, das macht +doch keinen Spaß. Wart’ nur noch einen Augenblick, +dann gehen wir alle hinaus und spielen +»Jäger und Hund«.</p> + +<p>Das leuchtete dem Flüchtling ein. »O djä!« +rief er, senkte beide Fäustchen in die Hosentaschen +und ging wieder auf seinen Platz.</p> + +<p>»Du, ich hab’ Limburger Käse aufs Brot!« +rief eine Stimme aus dem Hintergrunde. Asmus +ging hin und äußerte seine teilnehmende +Begeisterung über den Limburger Käse. Natürlich +mußte er jetzt den Inhalt zahlloser Frühstücksdosen +bewundern.</p> + +<p>»Ich hab’ Leberwurst auf’m Brot!« »Ich +hab’ ’ne Apfelsine!« »Ich hab’ Schokolade!« +schrie es durcheinander.</p> + +<p>»Ihr könnt wohl lachen!« sagte Asmus. +»Meine Mutter hat mir keine Schokolade mitgegeben.«</p> + +<p>»Da!« Ein Junge sprang aus der Bank +und hielt ihm ein Stück Schokolade hin.</p> + +<p>Asmus dankte gerührt, löste das Papier +<!-- Page 269 --><span class='pagenum'><a name="Page_269" id="Page_269">[269]</a></span> +von der Schokolade und wollte sie dem Geber +in den Mund schieben; der aber lehnte entschieden +ab.</p> + +<p>Da sah Asmus zwei brennende Augen in +verzehrendem Verlangen auf sich gerichtet; es +waren die Augen eines dürftig gekleideten, +blassen Bürschchens.</p> + +<p>»Soll <em class="gesperrt">er</em> sie haben?« fragte Asmus den +Spender.</p> + +<p>Der nickte eifrig ja, und begierig griff der +Verlangende nach der köstlichen Leckerei.</p> + +<p>Um den Schwarm endlich zu beruhigen, sagte +Asmus: »Soll ich euch mal ’ne Geschichte erzählen?«</p> + +<p>»O ja, man zu, man zu!« schrien sie durcheinander. +Und er erzählte ihnen das Ur- und +Anfangsmärchen vom Rotkäppchen, das sie alle +verstehen und das sie beim hundertsten Male +ebenso gern hören wie beim ersten Male.</p> + +<p>Als er mitten im Erzählen war, kam ein +Junge aus der Bank heraus, ging auf Asmussen +zu, ergriff dessen Hand und sagte:</p> + +<p>»Du, ich mag dir gerne leiden.«</p> + +<p>»Soo?« sagte Asmus; »Junge, das ist ja +prachtvoll; ich dich auch; aber dann mußt du +jetzt auch ganz still sitzen bleiben und zuhören!«</p> + +<p>»Ja,« erklärte der Kleine überzeugt und +ging ruhig wieder an seinen Platz.</p> + +<p>Für einen andern aber hatte Asmussens +Erzählung offenbar keinen Reiz. Er erhob sich +und steuerte geraden Wegs auf die Tür zu.</p> + +<p><!-- Page 270 --><span class='pagenum'><a name="Page_270" id="Page_270">[270]</a></span> +»Was willst du denn?« fragte Asmus.</p> + +<p>»Ick will noh Hus,« lautete die sehr entschiedene +Antwort.</p> + +<p>»Jä, dat geiht ober nich; du muß noch’n +bitten hierblieben.«</p> + +<p>Der kleine dicke Bursche explodierte in einem +furchtbaren Geheul.</p> + +<p>»Ick will ober noh Huuus!« brüllte er.</p> + +<p>»Wat wullt du denn dor?«</p> + +<p>»Ick will bi min Mudder sin!«</p> + +<p>»Minsch, de Klüten (Klöße) sünd jo noch +gornich fertig.«</p> + +<p>Der Kleine nahm die Fäuste von den Augen +und starrte ihn sprachlos an.</p> + +<p>»Du wullt wull gern Klüten un Plum’n +(Pflaumen) eeten, wat?« fragte Asmus.</p> + +<p>»Jo,« versetzte der Kleine, von so viel Verständnis +seiner Seele überrascht.</p> + +<p>»Jä, Hein, de sünd jo noch gornich gor! +Bliev man noch’n bitten sitten; ich segg Di +denn Bescheed, wenn din Mudder se fertig hett.«</p> + +<p>Auf diesen Kontrakt ging Heinrich Lohmann +ein und verfügte sich langsam wieder an seinen +Platz.</p> + +<p>Als die Geschichte zu Ende war und die +Geisterchen wieder nach allen Himmelsrichtungen +anseinanderfielen, sprach er:</p> + +<p>»Nun paßt aber mal auf, was jetzt kommt!«</p> + +<p>Sie waren plötzlich still.</p> + +<p>Mit geheimnisvollen Mienen ging Asmus +an einen Schrank. +</p> + +<p><!-- Page 271 --><span class='pagenum'><a name="Page_271" id="Page_271">[271]</a></span> +»Was ich wohl hier im Schrank habe!« +sagte er.</p> + +<p>»Frühstück!«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>»Schokolade!«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>»’n Bilderbuch!«</p> + +<p>»Nein. In diesem Schrank hab’ ich einen +Vogel; wenn man den streichelt, dann singt er.«</p> + +<p>»Oooh – laß ihn mal ’raus!« riefen einige.</p> + +<p>»Ja, ich will ihn mal herauslassen.« Er +öffnete den Schrank und nahm einen Geigenkasten +heraus.</p> + +<p>»O, ich weiß, Herr Lehrer, ich weiß!« riefen +ein paar Gescheite.</p> + +<p>»Pst! Nichts verraten! Das ist das Vogelbauer. +Paßt gut auf, daß er nicht herausfliegt,« +sagte er zu den Nächsten, und sie spreizten +die Händchen und öffneten die Mäulchen, als +wollten sie den Flüchtling mit Mund und Händen +auffangen. Die Hintensitzenden stiegen auf +die Tische und reckten die Hälse. Asmus öffnete +den Kasten und nahm Geige und Bogen heraus.</p> + +<p>»Hurra – hallo,« schrien sie alle; aber +dann wurden sie noch stiller als zuvor, und +nun hatten alle die Schnäbel offen.</p> + +<p>Asmus setzte den Bogen an und spielte einen +raschen Lauf vom kleinen <em class="antiqua">g</em> bis zum dreigestrichenen.</p> + +<p>Da waren sie plötzlich wie »voll süßen +<!-- Page 272 --><span class='pagenum'><a name="Page_272" id="Page_272">[272]</a></span> +Weins«, sie gingen über Tisch und Bänke, hopsten, +sprangen und faßten sich an und tanzten.</p> + +<p>»Was soll ich nun ’mal spielen« fragte +Asmus.</p> + +<p>Ach, was mußte er da für Erfahrungen +machen! Einige nannten ein paar Spiellieder, +die sie in einem Kindergarten gelernt hatten; +die meisten aber nannten Gassenhauer und +Operettenmelodien, die auf die Drehorgel gekommen +waren. Ein rechtes, gutes Volkslied +nannte nicht einer; denn das deutsche Volkslied +wird im deutschen Hause nicht mehr gesungen.</p> + +<p>Asmus erzählte ihnen von dem Häslein, das +der Jäger totschießen wollte, und dann sang er:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Als der Mond schien helle,</span> +<span class="i0">Kam ein Häslein schnelle,</span> +<span class="i0">Suchte sich sein Abendbrot,</span> +<span class="i0">Hu, ein Jäger schoß mit Schrot.</span> +</div></div> + + +<p>Er sang, wie das Häslein den Mond bat, +sein Licht auszulöschen, und wie es dem Jäger +entkam.</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Häslein ging zur Ruhe,</span> +<span class="i0">Zog aus Rock und Schuhe,</span> +<span class="i0">Legte sich ins weiche Moos,</span> +<span class="i0">Schlief wie auf der Mutter Schoß.</span> +</div></div> + + +<p>und die Lieblichkeit von Wort und Weise, die +Unschuld der Kindertage, da er sie zuerst gesungen, +die Schönheit der Stunden, da er sie +bei Meister Bruhn gehört und gegeigt, und die +<!-- Page 273 --><span class='pagenum'><a name="Page_273" id="Page_273">[273]</a></span> +saugende Andacht all dieser reinen Augen, die +durstig an seinen Lippen hingen, überströmten +sein Herz mit einem so überschwenglichen Glück, +daß ihm die Augen feucht wurden.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Nun will ich’s einmal spielen,« sprach er +und spielte das Lied.</p> + +<p>»Wollt ihr jetzt ’mal mitsingen?«</p> + +<p>Jubelnd ergriffen sie diesen Vorschlag.</p> + +<p>Und alle sangen sie mit. Ei, ei, ei, war +das eine Musik! Es klang noch ganz furchtbar. +Aber sie fanden es schön, und am eifrigsten sang +Peter Brandenburg, dessen Gehör und Stimme +nur einen einzigen Ton hatten, und der klang +wie das Surren einer Hummel, die man in +eine Schachtel eingesperrt hat.</p> + +<p>»Wer will mir nun ’mal was vorsingen?« +fragte Asmus.</p> + +<p>Manche getrauten sich nicht; aber die meisten +hielten mit ihrem Talent nicht zurück und sangen +frisch von der Leber weg.</p></div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Denke dir, mein Liebchen,</span> +<span class="i0">Was ich im Traume geseh’n«</span> +</div></div> + +<p>oder</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Dat Scheunste, wat man hett,</span> +<span class="i0">Dat is so’n Zigarett’«</span> +</div></div> + +<p>oder</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Ach, mein Schreck, ach, mein Schreck!</span> +<span class="i0">Meine teure Hulda ist weg!«</span> +</div></div> + +<p>nein, so viel Asmus auch horchte und forschte +und hoffte, er hörte nichts Gutes, Schönes, +<!-- Page 274 --><span class='pagenum'><a name="Page_274" id="Page_274">[274]</a></span> +Gesundes. Wohl aber begann ein Bürschlein +frisch und frei ein ausgesprochenes Zotenlied +zu singen.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Genug, genug!« rief Asmus und hieß das +Kind schweigen. Dies Lied, von frischen Kinderlippen +ahnungslos gesungen, hatte ihm einen +furchtbaren Eindruck gemacht. Die Schule lag +in der Hafengegend; unter ihrem Publikum gab +es mancherlei Armut und Verwahrlosung, und +unter den Schülern waren auch Kinder »anrüchiger« +Straßen.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 275 --><span class='pagenum'><a name="Page_275" id="Page_275">[275]</a></span> +<a name="XXXVII_Kapitel" id="XXXVII_Kapitel"></a>XXXVII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Herr Drögemüller als Einkassierer des Schicksals.</div> + +<p><span class="bigletter">S</span>o groß sein Mitgefühl mit den Kindern der +Enterbten und Verachteten war, so schien +ihm doch seine Aufgabe um so schöner und +lockender, je schwieriger sie war. Die wohlgepflegten +Kinder reicher und »guter« Familien +erziehen, das war keine Kunst – so dachte +er wenigstens damals; er sollte noch anders +darüber denken lernen – aber hier galt es, +Knoten zu lösen und Hindernisse zu überwinden. +Und schon nach wenigen Tagen sollte ihn ein +»Riesenerfolg« in seinem Glauben an sein Werk +bestärken. Am vierten oder fünften Tage seines +Lehrertums kam Herr Drögemüller mit einer +Liste in die Klasse und fragte: »Ist Heinrich +Lohmann hier?«</p> + +<div class="textbody"> +<p>Jawohl, Heinrich Lohmann war <em class="gesperrt">da</em>; es war +derselbe, den am ersten Tage die Sehnsucht +nach den Klößen seiner Mutter ergriffen hatte +und der dies Gefühl in reinstem Plattdeutsch +unverhohlen zum Ausdruck gebracht hatte. Er +gehörte in eine Nachbarschule und war irrtümlich +in Sempers Klasse gekommen. +</p> + +<p><!-- Page 276 --><span class='pagenum'><a name="Page_276" id="Page_276">[276]</a></span> +»Du gehörst in eine andere Schule, mein +Sohn,« sagte Herr Drögemüller. »Pack’ deine +Sachen und komm mit.«</p> + +<p>»Nee,« sagte Heinrich Lohmann munter, »ick +will hier blieben.« Selbst Herr Drögemüller +mußte lachen.</p> + +<p>»Ja, mein Junge, das geht nicht,« sagte +er, »komm nur schnell.«</p> + +<p>»Ick will ober leever hier blieben,« wandte +Lohmann mit schwächerem Widerstande ein.</p> + +<p>»Na, nu’ mach flink, Junge, mach flink!« +drängte der Hauptlehrer.</p> + +<p>Lohmann packte widerstrebend seine Sachen +und folgte Herrn Drögemüller; aber als er +nun Sempern die Hand zum Abschied geben +sollte, warf er alles, was er trug, auf den +Boden, umklammerte Asmussens Bein und +schrie: »Ick will bi di blieben! Ick will bi +di blieben!«</p> + +<p>Asmussen wurde es wunderlich ums Herz.</p> + +<p>»Kann er denn nicht hier bleiben?« fragte +er den Hauptlehrer. »Vielleicht kann ja ein +anderer – –?«</p> + +<p>»Nein, das geht nicht!« versetzte Drögemüller +kurz. »Er wohnt ja nicht in unserm +Bezirk. – Jetz komm, Junge, sonst – –«</p> + +<p>Asmus klopfte dem Kleinen die Wangen +und sagte: »Na, Heinrich, dann geh nur mit. +Wenn die Schule aus ist, besuchst du mich mal, +was? Und ich besuch’ dich auch mal, ja?«</p> + +<p>Da gab sich Heinrich Lohmann zufrieden, +<!-- Page 277 --><span class='pagenum'><a name="Page_277" id="Page_277">[277]</a></span> +sammelte unter Tränen seine Bibliothek zusammen +und schlich davon.</p> + +<p>Asmus Semper war glücklich. Also schien +ihm die Kraft gegeben zu sein, die Herzen der +Kinder zu gewinnen, und darüber war er unsäglich +froh. Überhaupt lebte er wie in einem +Rausche. Diese tausendfältigen, rückhaltlosen +Offenbarungen der Kindesseele überwältigten +seine Beobachtungskraft; er wußte nicht, wie er +diesen Reichtum in die Scheuern bringen und +verwerten sollte. Und viel zu früh schloß er +den Kindern den Mund durch regelrechten Unterricht; +seine Taten hinkten noch weit hinter seinen +Ideen her. Er hätte noch länger die Eigenart +jedes einzelnen Kindes hervorlocken sollen, wenn +er den Wegen Pestalozzis folgen wollte; aber +er fürchtete, die Kinder würden nicht lernen, +was sie nach dem »Pensum der Klasse« lernen +sollten, wenn er nicht den stundenplanmäßigen +Unterricht beginne. Herr Drögemüller hatte sich +ohnedies schon bemerkbar gemacht. Als Asmus +eines Tages einen Knaben ein Märchen erzählen +ließ, war Herr Drögemüller, der es nicht für +ein Gebot der Höflichkeit hielt, anzuklopfen, in +die Klasse getreten, hatte durch seine blaue Brille +auf den an der Wand hängenden Stundenplan +geblickt und gesagt:</p> + +<p>»Sie haben jetzt eigentlich Rechnen, nicht +wahr?«</p> + +<p>»Jawohl,« hatte Asmus gesagt.</p> + +<p>»Hm,« hatte dann Herr Drögemüller gesagt, +<!-- Page 278 --><span class='pagenum'><a name="Page_278" id="Page_278">[278]</a></span> +und er war wieder hinausgegangen. – – +Ja, Asmus war glücklich; aber wie es das +Schicksal gewöhnlich mit ihm gehalten hatte, so +tat es auch diesmal; von dem vollen, hundertprozentigen +Glück, das es ihm gegeben, zog es +neunzig Prozent Wucherzinsen ab, und der Exekutor, +der die neunzig Prozent einkassierte, war +diesmal Herr Drögemüller.</p> + +<p>Herr Drögemüller war Junggeselle, und so +hatte er zu viel Zeit für seinen Beruf. Man +hat immer dann zu viel Zeit für seinen Beruf, +wenn man sie zur Auffindung neuer und fruchtbarer +Gedanken aus einem gewissen inneren +Mangel nicht anwenden kann, sie vielmehr mit +der Erfindung immer neuer Reglements-Paragraphen +verbringen muß. Jedesmal, wenn Herr +Drögemüller ein paar freie Stunden gehabt +hatte, trug alsbald danach ein Knabe durch +alle Klassen eine Verfügung, unter die jeder +Lehrer sein »<em class="antiqua">Vidi</em>« setzen mußte. Herr Drögemüller +wußte aus der Arithmetik, daß, wenn +man unablässig addiert, zuletzt eine hohe Summe +herauskommen muß, und so hoffte er durch unermüdliche +Hinzufügung von »Verbesserungen« +seine Schule auf den Gipfel der Vollendung zu +bringen. Wenn ihm aber jemand mit umwälzenden +Methoden oder gar mit neuen Lehrzielen +kam, dann bekam er Entrüstung mit +Fieber. Welche Anmaßung, wenn ein Lehrer +es besser wissen wollte als Drögemüllers Seminardirektor! +Seine Berufsanschauung ruhte +<!-- Page 279 --><span class='pagenum'><a name="Page_279" id="Page_279">[279]</a></span> +auf drei Axiomen als auf drei unerschütterlichen +Säulen:</p></div> + +<div class="blockquot"> +1. Die Alten sind klüger als die Jungen.<br /> +2. Die Toten sind klüger als die Lebendigen.<br /> +3. Die Vorgesetzten sind klüger als alle. +</div> + +<p>und seine Berufsanschauung war auch seine +Weltanschauung; denn er war der Meinung, +ein Lehrer habe sich weder um Kunst und Literatur, +noch um Politik, noch sonst um etwas +anderes als allein um seinen Beruf zu kümmern.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Er verbrachte denn auch seine Tage am +Schreibtisch seines Bureaus; seine Wohnung war +eigentlich nur Schlafstelle, und in seiner bescheidenen +Bibliothek stand kein neues Buch. +Trotzdem hielt er sich für einen gewissenhaften +Beamten.</p> + +<p>Daß er mit diesem Mann nicht lange in +Frieden leben werde, davon hatte Asmus eine +deutliche Ahnung. Schon wenn er ihn sprechen +hörte, wurde ihm unbehaglich. Er war immer +so empfindlich gewesen für menschliche Stimmen; +die Stimme war ihm der Mensch, und besonders +wahr und schön war’s ihm immer erschienen, +daß der wahnsinnige Lear von der Stimme der +toten Cordelia sprach. Drögemüller aber heulte +durch die Nase und sprach, als wenn er einen +zu schmal gewölbten Gaumen hätte.</p> + +<p>Gleich am ersten Tage sah Asmus etwas, +was ihn geradezu erschreckte. Kinder während +der Schulpause – das war ihm immer ein +Bild befreiter, sprudelnder Jugendlust gewesen. +<!-- Page 280 --><span class='pagenum'><a name="Page_280" id="Page_280">[280]</a></span> +Es war ihm gar nicht der Gedanke gekommen, +daß das anders aussehen könne. Und hier sah +er die Kinder, zu Vieren geordnet, langsam +hintereinander hertappen, wie Gefangene, die +man gerade so viel lüftet, wie zur Erzielung +einer guten Gesundheitsstatistik unbedingt erforderlich +ist. Und in der Mitte des Schulhofs +ging ein Lehrer auf und ab, der darauf achten +mußte, daß keiner aus der Reihe trat. Nun +bemerkte Asmus freilich bald, daß der größere +Teil des Kollegiums die Verfügung des Chefs +nicht mehr sonderlich ernst nahm; die Herren +ließen denn auch den spazierenden Kindern die +Zügel leidlich locker. Dann freilich tauchte gelegentlich +Herr Drögemüller auf und verwies +laut scheltend die zuchtlosen Elemente in ihre +Reihen zurück, um dem Aufseher zu demonstrieren, +daß er seine Pflicht verletze. Die +Herren, meistens ältere, wohlverdiente und zum +Teil ihrem Chef bei weitem überlegene Männer, +aßen ihr Frühstück ruhig weiter und taten nach +wie vor, was sie für gut hielten. Aber jetzt +waren drei junge Herren ins Kollegium gekommen, +und die wollte Herr Drögemüller gleich +richtig an die Kandare nehmen, damit sie ihm +nicht über den Kopf wüchsen.</p> + +<p>Als Asmus zum erstenmal die Aufsicht +führte, freute er sich über jeden, der die Ordnung +der Sektionen verließ. Aber siehe, schon war +Herr Drögemüller da und heulte durch die Nase +und trieb die Schwarmgeister an ihren Platz. +</p> + +<p><!-- Page 281 --><span class='pagenum'><a name="Page_281" id="Page_281">[281]</a></span> +»Das geht aber nicht, Herr Semper; achten +Sie bitte strenge darauf, daß die Schüler zu +vieren gehen.«</p> + +<p>»Ja, da kann dann freilich von Erholung +nicht mehr die Rede sein,« bemerkte Asmus.</p> + +<p>»Ooh, das wollen wir doch nicht sagen!«</p> + +<p>»Ja, für siebzigjährige Spittelleute mag das +ja eine genügende Erholung sein; aber junge +Körper, wenn sie stundenlang in der Bank gesessen +haben, wollen sich gehörig tummeln und +die Lungen reinpumpen.«</p> + +<p>»Herr Semper, wenn wir das einreißen +ließen, dann würden wir jeden Tag blutige +Nasen und gebrochene Gliedmaßen und hinterher +die Klagen der Eltern haben.«</p> + +<p>»Herr Drögemüller, wir haben uns als +Jungen auf dem Schulhof geschlagen wie +Hunnen und Nibelungen, und blutige Nasen +habe ich mehr als eine davongetragen; ich habe +aber Blut genug übrig behalten, vielleicht noch +zuviel. Nach Ihren Grundsätzen müßte man den +Kindern das Spiel überhaupt verbieten; denn +Unfälle, sogar tödliche, sind freilich niemals ausgeschlossen.«</p> + +<p>»Was anderswo passiert, ist mir einerlei, +in <em class="gesperrt">meiner</em> Schule soll aber so etwas nicht +vorkommen, und darum muß ich darauf dringen, +daß meine Anordnungen befolgt werden.«</p> + +<p>In <ins class="correction" title=" +Original: 'Amus'">Asmus</ins> wirbelte etwas empor; aber der +Vorgesetzte hatte bereits den Rücken gewandt +und war gegangen.</p></div> + + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 282 --><span class='pagenum'><a name="Page_282" id="Page_282">[282]</a></span> +<a name="XXXVIII_Kapitel" id="XXXVIII_Kapitel"></a>XXXVIII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Schon wieder gibt es einen Zusammenstoß.</div> + +<p><span class="bigletter">S</span>empern erfüllte ein seltsam unbehagliches Gefühl. +Sollte ein Lehrer sich wie ein Handlanger +traktieren lassen? Sein aufbrausendes +Blut, das sich schnell über jedes Unrecht empörte, +wollte ihn zu offener Auflehnung fortreißen. +Dazu kam, daß seine Jugend, wenn +auch nicht von revolutionärem Sinn, so doch +von revolutionären Gedanken genährt war. Er +hielt es noch immer mit den Tyrannenmördern +und Volksbefreiern. Aber andrerseits hatte er +zu viel klaren Verstand, um an eine Welt ohne +Regierung und Gesetz zu glauben. Jeder mußte +sich unterordnen, das wußte er wohl. Und wenn +ein Vorgesetzter schwach war, – die, die ihn +eingesetzt hatten, waren Menschen und dem Irrtum +unterworfen wie er selbst. Aber wenn die +Obrigkeit in der Wahl der Oberen gar zu töricht +oder gewissenlos war, dann war Auflehnung +so natürlich und notwendig wie sonst die Unterordnung, +dann war Widerstand Pflicht, vor +allem der Kinder wegen. Aus diesem Zwiespalt +kam er nicht heraus. +</p> + +<div class="textbody"> +<p><!-- Page 283 --><span class='pagenum'><a name="Page_283" id="Page_283">[283]</a></span> +Andere Skrupel und Sorgen kamen hinzu. +Er mußte den Kleinen Religionsunterricht +geben. Waren nun diese biblischen Geschichten +geoffenbartes Gotteswort, dessen Wahrheit sich +auch dem kaum erwachten kindlichen Geiste auf +wunderbar intuitiven Wegen erschloß? Nein, +das glaubte er nicht, konnte er also auch nicht +lehren. Sollte er also die Geschichte der Juden +und das Leben Jesu kritisch, rationalistisch, +liberal-theologisch behandeln? Der Hamburgische +Staat nahm es im Gegensatz zu andern +deutschen Staaten mit der Gewissensfreiheit leidlich +ernst und schrieb seinen Lehrern nicht vor, +wie sie die Bibel zu behandeln hätten. Aber +wenn dies alles nicht zweifellose, der kindlichen +Seele ohne weiteres zugängliche göttliche Wahrheit +war – dann war es ja heller Unsinn, diese +Materien mit sechs- bis siebenjährigen Kindern +zu behandeln, dann waren es Materien für reife +Jünglinge und Männer. Diese religiösen Bedenken +verfitzten sich mit pädagogischen und +künstlerischen. Die biblischen Historien mit den +Worten der Bibel erzählen, das hieß nach seiner +Meinung, die armen kleinen Kerle mit unverständlichen +Worten und Begriffen quälen und +war also unmöglich. Die alten Berichte aber +mit eigenen, modernen Worten erzählen, dagegen +sträubte sich alles in ihm, das schien ihm +eine unerhörte vandalische Versündigung gegen +die erhabene, ehrwürdige Kraft und Schönheit +dieser Mythen. Man konnte ja auch den »Faust« +<!-- Page 284 --><span class='pagenum'><a name="Page_284" id="Page_284">[284]</a></span> +mit anderen Worten erzählen; aber war das der +»Faust«?</p> + +<p>Aber das Allerschlimmste war doch, daß diese +Geschichten unzweifelhaft einen persönlichen Gott +annahmen und von einem Jesus berichteten, der +Wunder tat, vom Tode auferstand und gen +Himmel fuhr. Sich mit leeren Worten um diese +Fragen herumdrücken, war unwürdig, war ihm +unmöglich. Freilich, er konnte es machen wie +<em class="antiqua">Dr.</em> Korn; er konnte den Kindern sagen: So +berichtet die Bibel; was ihr glauben wollt, ist +eure Sache. Aber das konnte man vor Jünglingen +tun, nicht vor sechs- bis siebenjährigen +Knäblein. Die konnten noch nicht sondern und +wählen; die hingen mit dem treuen Blick des +Glaubens an seinem Munde; die glaubten alles, +was er sagte, und ahnten noch nicht, daß ein +Lehrer etwas sagen könne, was er selbst nicht +glaube.</p> + +<p>Endlich blieb noch der Ausweg, sich als +»Beamten« zu fühlen, der ein Amt und keine +Meinung habe. Er konnte diese Dinge einfach +nach der orthodoxen Dogmatik behandeln und +zum Beispiel die Stelle von der Schlange, die +»denselbigen in die Ferse stechen werde«, als +messianische Weissagung hinstellen, am Ende +des Monats sein Gehalt einstreichen und die +Verantwortung denen überlassen, die den +Religionsunterricht verlangten, das war das +sicherste. Aber diese handwerkerliche Auffassung +von seinem Beruf konnte er sich eben nicht angewöhnen, +<!-- Page 285 --><span class='pagenum'><a name="Page_285" id="Page_285">[285]</a></span> +so selbstverständlich sie auch Herrn +Drögemüller schien. Denn diese sechzig Kinder +wurden einmal sechzig Menschen, und was er +als winziges Körnchen in ihre Seele warf, war +vielleicht nach zwanzig Jahren ein Baum, ein +nährender Fruchtbaum oder ein Giftbaum oder +ein leeres Gestrüpp. Der Arzt, der nach bestem +Wissen und Können in einen lebendigen Menschen +hineinschnitt, konnte auch nicht zur Verantwortung +gezogen werden; aber es war doch +ein verteufeltes Gefühl, einen Menschen unter +dem Messer zu haben.</p> + +<p>Er beschloß bei sich, diesen Unterricht so bald +wie möglich abzugeben, und fand, daß der Modus +seines ehemaligen Direktors noch der redlichste +und erträglichste sei. Er trug den Kindern die +Bibel vor, wie sie war, und enthielt sich jeder +kritischen Beleuchtung. Nur sagte er dann nicht: +Ihr könnt’s glauben, könnt’s auch lassen, sondern +getröstete sich der Hoffnung, daß sie sich bei +wachsender Reife in der Stille ihres Herzens +wohl selbst mit diesen Dingen abfinden würden.</p> + +<p>Ein herzlicher Unterricht konnte das freilich +nur in solchen Augenblicken werden, wo die +Naivität der biblischen Geschichten mit der Naivität +der Kindesseele zusammenfiel; und in solchen +Augenblicken atmete das Herz des jungen +Schulmeisters erleichtert und beglückt. Und eine +Fülle der Freuden quoll fast aus allen andern +Stunden. Nur stampfte ihm Herr Drögemüller +eines Tages auch in den Leseunterricht hinein. +<!-- Page 286 --><span class='pagenum'><a name="Page_286" id="Page_286">[286]</a></span> +Herr Drögemüller dachte es sich wunderschön, +wenn alle drei neuangestellten Lehrer den Leseunterricht +auf völlig gleiche Weise erteilen würden, +und zwar auf ebendieselbe Weise, die er +vor 25 Jahren auf dem Seminar erlernt habe. +In seiner Schule sollte alles ordentlich hergehen: +alle sollten auf Schuhen kommen, alle +sollten Schulgeld zahlen, alle denselben Glauben +haben und auf dieselbe Weise »gebildet« werden.</p> + +<p>Einer der neuen Herren tat ihm auch den +Gefallen; Asmus aber und der andere gingen +ihre eigenen Wege. Herr Drögemüller bemerkte +das mit Mißfallen.</p> + +<p>»Machen Sie es nicht so, wie ich es Ihnen +neulich gezeigt habe, Herr Semper?« fragte er.</p> + +<p>»Nein,« lautete die ebenso kurze wie unzweideutige +Antwort.</p> + +<p>»Warum denn nicht?«</p> + +<p>»Weil ich meine Weise für richtiger halte.«</p> + +<p>»Aber Herr Semper – Sie werden wohl +zugeben, daß ich mehr Erfahrung habe als +Sie –.«</p> + +<p>»Das mag sein; aber ich muß meine Methode +selber finden, und nur nach der Methode, +die meiner Überzeugung entspringt, kann ich +unterrichten. Wenn es die Jungen immer +machen müßten wie die Alten, dann könnten +Sie und ich überhaupt noch nicht lesen.«</p> + +<p>»Das ist ja wohl sehr geistreich, Herr Semper; +aber gleichwohl muß ich Sie bitten, meine +Wünsche zu respektieren.« +</p> + +<p><!-- Page 287 --><span class='pagenum'><a name="Page_287" id="Page_287">[287]</a></span> +»Mit Recht sagen Sie »Wünsche«, Herr +Drögemüller, und nicht »Befehle«. Denn »Befehle« +gibt es hier nicht. Ich bin nur verpflichtet, +meine Schüler zu fördern. Welche Methoden +ich dabei anwende, ist ganz allein meine +Sache.«</p> + +<p>Drögemüller war bleigrau im Gesicht geworden +und schnappte, als wenn er Luft für +einen längeren Satz einnehme; er entschied sich +dann aber nur für ein: »Na, wenn Sie +meinen –« und ging mit rachsüchtig geschwungenen +Beinen hinaus. Als er draußen +war, stenographierte er etwas sehr Langes in +sein Notizbuch. Die Methode ist frei, dachte +Drögemüller, darin hat er recht; aber ich werde +schon andere Pfeifen schnitzen, nach denen er +tanzen soll.</p> + +<p>Zunächst indessen sollte Asmus ein wenig +nach den Pfeifen des Exerzierplatzes tanzen. +Bei der Generalmusterung im Sommer war er +endgültig »gezogen« worden, und nun war die +Order gekommen, daß er sich am 1. Oktober +auf dem Altenberger Kasernenhofe einzufinden +habe.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 288 --><span class='pagenum'><a name="Page_288" id="Page_288">[288]</a></span> +<a name="XXXIX_Kapitel" id="XXXIX_Kapitel"></a>XXXIX. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Ist teilweise im Kasernenstil geschrieben und belehrt +uns durch die Güte des Herrn Schieß-Unteroffiziers, +was für ein Mensch dieser Asmus Semper eigentlich ist.</div> + +<p><span class="bigletter">W</span>as ihm an diesen Musterungs- und Gestellungsbefehlen +aufgefallen war, das war +die Ängstlichkeit, mit der auch der leiseste Verdacht +einer höflichen Gesinnung vermieden war. +Er fand, daß dieselben Befehle mit derselben +Entschiedenheit in einer Form gegeben werden +könnten, die mehr nach menschlicher Gesellschaft +klang. Sie berührten ihn, als wären sie mit +Absicht so schroff wie möglich formuliert, um +das persönliche Selbstbewußtsein von vornherein +auf den Nullpunkt zurückzutreiben. Überhaupt +begann er diese sechs Wochen, die er als »Schulamtskandidat« +unter Waffen zubringen sollte, +nicht mit gehobenen Gefühlen. Ludwig Semper +freilich sprach noch immer von seinen Soldaten- und +Kriegsjahren als von einer frischen, fröhlichen +Zeit; aber »beim Preußen« war’s anders, +und die vielen und abscheulichen Soldatenmißhandlungen, +von denen die Zeitungen berichteten, +hatten Asmussen immer mit Zorn +<!-- Page 289 --><span class='pagenum'><a name="Page_289" id="Page_289">[289]</a></span> +und Entsetzen erfüllt. Frau Rebekka schwankte +zwischen Stolz und Bangen. Sie war stolz, daß +man ihren Sohn für tauglich befunden hatte, +und sie bangte, daß man ihn mißhandeln und +überanstrengen könne.</p> + + +<div class="textbody"> +<p>Und gleich der ganze erste Tag war eine +Mißhandlung, aber keine böswillige. Die Herren +Schulamtskandidaten standen nämlich mit kleinen +Unterbrechungen von morgens acht bis abends +sieben Uhr auf dem Kasernenhof und warteten. +Einmal erschien ein Feldwebel und rief ihre +Namen auf, und dann warteten sie wieder sechs +Stunden. Einmal beobachtete Asmus einen +Haufen Offiziere, und ein sehr temperamentvoller +Herr unter ihnen schrie: »Denken Sie, +der Seckendorff läßt sich wegen Krankheit beurlauben +und verzehrt ein großes Beefsteak mit +Spiegeleiern.« Asmus fand dies merkwürdig, +aber für einen Tag war es nicht Unterhaltung +genug. Er gehörte sonst zu den Menschen, die +man wohl langweilen kann, die sich aber niemals +selbst langweilen, weil die Gedankenmühle +von selber geht wie ein <em class="antiqua">perpetuum mobile</em>. +Aber so auf einem Fleck stehend und immer +wartend, konnte man weder Gedichte machen, +noch Gedankenspiele treiben; er litt Höllenqualen +der Langenweile. Endlich, um sieben Uhr abends +erschien ein Sergeant und erklärte ihnen, sie +könnten nach Hause gehen. Denn die Schulamtskandidaten +durften zu Hause schlafen und +essen.</p> + +<p><!-- Page 290 --><span class='pagenum'><a name="Page_290" id="Page_290">[290]</a></span> +Am andern Morgen ging es endlich los. +Der Sergeant Greifenberg trat vor die Front +von Asmussens Abteilung und hielt eine Rede.</p> + +<p>»Meine Herren,« sagte er, »ick hoffe, dat Sie +als jebildete Herren mir meine Arbeit so leicht +wie möglich machen wer’n. Ick werde Se nu +mal ausbild’n. Wenn Se ooch noch so jelehrt +sind, hier müssen Se doch noch wat zulernen. +Sie sind Lehrers; aber ick bin der Lehrer von +die Lehrers. Schtilljeschtanden!«</p> + +<p>»Un denn merken Se sick jleich,« sagte Herr +Greifenberg, indem er auf einen der Kandidaten +losging, »jelacht wird nich im Jliede. Wat ick +sage, is nich zum Lachen; de Sache is sehr +ernst.«</p> + +<p>Und nun begannen die Übungen; aber Herr +Greifenberg stellte keine unmenschlichen Anforderungen, +und Herr von Birkenfeld, der ausbildende +Leutnant, noch weniger. Furchtsame +Gemüter konnte freilich Herr von Birkenfeld zunächst +abschrecken; denn er markierte den rauhen +Kriegsmann, der weder Teufel noch Kognak +fürchtet und »Sauerei« und »Schweinekram« für +verblümte Redensarten hält. Wenn ihm die +Richtung eines Gliedes nicht gefiel, so sagte er, +in einem milden, väterlichen Tone beginnend:</p> + +<p>»Ei, ei, ei, das Glied steht ja schweinemäßig! +Der rechte Flügelmann, nehmen Sie den Bauch +herein, ins drei Deubels Namen! Der Kerl +taugt zum Flügelmann wie der Igel zum +Schnupftuch!« Er sagte aber nicht »Schnupftuch«, +<!-- Page 291 --><span class='pagenum'><a name="Page_291" id="Page_291">[291]</a></span> +sondern ganz etwas anderes, und wenn +er von den unteren menschlichen Extremitäten +sprach, so gebrauchte er eine Bezeichnung, die +man nur unter Männern wiederholen kann, +wenn keine Theologen zugegen sind. Im übrigen +hatte er mit dem Flügelmann nicht unrecht. +Der Schulamtskandidat Plambeck war der +längste und dickste von allen; aber als er ein +Gewehr mit einer Platzpatrone darin abdrücken +sollte, da versagte er.</p> + +<p>»Warum drücken Sie nicht ab?« rief Herr +von Birkenfeld.</p> + +<p>Plambeck hob den Kolben wieder an die +bleiche Wange und setzte wieder ab.</p> + +<p>»Na, wollen Sie jetzt vielleicht die Liebenswürdigkeit +haben, abzudrücken?« schrie der Leutnant.</p> + +<p>Plambeck hob schlotternd das Gewehr und +ließ es abermals sinken.</p> + +<p>Jetzt trat Birkenfeld nahe an Plambeck heran +und sagte ruhig:</p> + +<p>»Sagen Sie, fürchten Sie sich?«</p> + +<p>»Ja,« versetzte Plambeck ehrlich.</p> + +<p>»Na, Sie sehen doch, die andern haben +auch geschossen und sind auch ganz geblieben. +Ich werde jetzt kommandieren und Sie werden +schießen. Legt an! – Feuer!«</p> + +<p>I, keine Spur von Feuer.</p> + +<p>»Heiliges Astloch!« schrie Birkenfeld. »So +was ist mir denn doch noch nicht vorgekommen! +Sagen Sie mal, wie denken Sie sich das +<!-- Page 292 --><span class='pagenum'><a name="Page_292" id="Page_292">[292]</a></span> +eigentlich, ’n Soldat, der nich schießt! ’n Soldat, +der sich vor seiner Knarre fürchtet! Was wollen +Se denn eigentlich machen, wenn –«</p> + +<p>»Bums!« Plambeck hatte abgedrückt und +lächelte stolz.</p> + +<p>»Himmel, Schnaps und Wolkenbruch! Jetzt +schießt mir der Kerl gleich in die Visage!« schrie +Birkenfeld. »Herrrr, ich werde Sie ins Loch +stecken, Herrrr!«</p> + +<p>Aber er steckte niemanden ins Loch, nicht +einmal Büsing, der es doch einigermaßen verdient +hatte. Büsing hatte morgens bei der +Schießübung zu viel »Zielwasser« getrunken; +die Kneipe lag in allzu verlockender Nähe des +Schießstandes. Herr von Birkenfeld, der eine +verständnisvolle Leber besaß, hatte gesagt: +»Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie aus.« +Das hatte Büsing so gründlich besorgt, daß er +nachmittags eine Stunde zu spät zum Dienst +gekommen war. Büsing war das aber noch +immer nicht des Frevels genug gewesen; er +hatte sich lächelnden Mundes bei dem Herrn +Leutnant gemeldet mit den Worten:</p> + +<p>»Vom Ausschlafen zurück!«</p> + +<p>Da hatte ihm Birkenfeld zwar drei Tage +aufgebrummt; aber er hatte sie ihm noch am +selben Tage erlassen. Wenn er fluchend und +wetternd und mit gezücktem Degen den Parademarsch +abnahm und sein breiter blonder Bart +im Winde wehte, dann sah er aus wie ein +Eisenfresser, und doch war er ein vom Grund +<!-- Page 293 --><span class='pagenum'><a name="Page_293" id="Page_293">[293]</a></span> +des Herzens humaner Mann, für den die Worte +»gutes, kameradschaftliches Verhalten« nicht nur +auf dem Papier standen und der im gemeinen +Soldaten den gleichwertigen Menschen und +Waffengenossen sah. Einmal hatte er aber doch +etwas zu saftig geschimpft. Als der Schulamtskandidat +Thölemann, der wie ein künftiger +Pastor aussah, sprach und fühlte, gleich einer +nassen Unterhose am Reck hing und ebensowenig +wie dieses Kleidungsstück einen Klimmzug zu +machen imstande war, da schrie Birkenfeld:</p> + +<p>»Herrrr, sei’n Se nich so schlapp, Herrrr! +Deubel noch’n mal! Kerl hat natürlich die +ganze Nacht bei Wachtmann ’rumgeh–t!«</p> + +<p>»Wachtmann« war ein ziemlich unethisches +Tanz- und Nachtlokal, und das wollte sich Thölemann +nicht bieten lassen. Er wollte sich über +Birkenfeld beschweren. Und es war das beste +Zeugnis für diesen Leutnant, daß die Kameraden +Thölemannen abrieten, weil man die Schimpfreden +Birkenfelds nicht tragisch nehmen dürfe, +und nicht am wenigsten trat Asmus für den +Beleidiger ein. Er liebte solche Menschen, die +sich von Temperament und Leidenschaft fortreißen +ließen und es im Grunde des Herzens +doch gut meinten; er fühlte sich ihnen verwandt. +Übrigens überlegte sich Birkenfeld seine +Diagnose noch einmal, bat Thölemann um Entschuldigung, +und die Sache war erledigt.</p> + +<p>Daß Schimpfen und Schimpfen zweierlei ist, +das bewies Asmussen Seine Exzellenz der Herr +<!-- Page 294 --><span class='pagenum'><a name="Page_294" id="Page_294">[294]</a></span> +Schießunteroffizier. Asmus hatte durch irgendeinen +Zufall keine Exerzierpatronen erhalten +und sollte sie sich vom Schießunteroffizier holen. +Er suchte den Herrn auf, nahm die vorschriftsmäßige +Haltung ein und sagte:</p> + +<p>»Darf ich bitten um meine Exerzierpatronen?«</p> + +<p>Da sah der Herr Schießunteroffizier Asmus +Sempern mit einem langen Blick sprachloser +Entrüstung an. Endlich aber fand er Worte +und sprach den gewichtigen Satz:</p> + +<p>»Mensch, Sie sind doch ebenso dumm wie +frech!«</p> + +<p>Die grenzenlose Dummheit und Frechheit +Asmussens lag nämlich darin, daß er annahm, +der Herr Schießunteroffizier werde jetzt, außerhalb +der Empfangszeit, Lust haben, ihm die +Patronen zu geben.</p> + +<p>Asmus, der über die erfahrene Beschimpfung +bis hinter die Ohren errötet war, sah dem +Manne scharf in die Augen und sagte nur:</p> + +<p>»Der Herr Leutnant schickt mich.«</p> + +<p>Keineswegs behauptete jetzt der Herr Unteroffizier, +daß der Leutnant ebenso dumm wie +frech sei; er beeilte sich vielmehr, Sempern die +Patronen zu verabfolgen. Es war derselbe +avancierte Bauernbursche, der einen Schulamtskandidaten +darüber belehrt hatte, daß es nicht +»Serschant«, sondern »Schersant« und nicht +»Premjé-Leutnant«, sondern »Premihr-Leutnant« heiße. +</p> + +<p><!-- Page 295 --><span class='pagenum'><a name="Page_295" id="Page_295">[295]</a></span> +Als Asmus mit seinen Patronen auf den +Kasernenhof zurückkehrte und sich die empfangene +Charakteristik wiederholte, da mußte er laut auflachen +über die Komik der Situation. Aber als +er der Physiognomie dieses Menschen gegenübergestanden +hatte, da war es ihm doch heiß ins +Gehirn geschossen, dem Lümmel hinter die Ohren +zu schlagen; denn aus diesen kaltfrechen Augen +hatte ihn die machttrunkene Brutalität der +emporgekommenen Roheit, hatte ihn der Typus +des Soldatenschinders angestarrt.</p> + +<p>Und doch war der Schießunteroffizier noch +lieb im Vergleich zu dem Assistenzarzt Dr. Rheinland.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 296 --><span class='pagenum'><a name="Page_296" id="Page_296">[296]</a></span> +<a name="XL_Kapitel" id="XL_Kapitel"></a>XL. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Was? Hinkt der Kerl auf einem Fuß? Asmus lernt +einen dummen und einen klugen Doktor kennen.</div> + +<p><span class="bigletter">A</span>smus vertrug sich mit seinem Dienste ausgezeichnet; +der »langsame Schritt« und die Gewehrgriffe +waren ja nicht brennend interessant +und mit Rousseau- oder Kantlektüre nicht zu +vergleichen; aber er sagte sich, das Leben kann +nicht immer kurzweilig sein, und wenn er eine +Arbeit anfaßte, so machte er sie so gut wie +möglich. Er hatte denn auch die ausdrückliche +Anerkennung des Herrn von Birkenfeld und +des <em class="antiqua">magister magistorum</em> Greifenberg gefunden. +Und die Marsch- und Felddienstübungen +waren nun geradezu ein Vergnügen und eine +Lust. Sie lehrten ihn seine körperliche Kraft +und Ausdauer kennen, die er weit unterschätzt +hatte. Wenn er sah, daß er es bei voller +feldmarschmäßiger Belastung im Laufen und +Springen hügelauf und hügelab den Längsten +und Dicksten gleichtat, ja länger aushielt als +mancher Schlagetot – denn die Größten sind +nicht die Stärksten – dann hob seine Brust +ein unaussprechliches Glücksgefühl, das Gefühl +<!-- Page 297 --><span class='pagenum'><a name="Page_297" id="Page_297">[297]</a></span> +eines Siegers, der sich selbst überwand und +seine ganze eigene Welt beherrscht. Oft klopfte +ihm wild das Herz, und nicht immer ward +es ihm leicht, dies Vorwärtsstürmen und Niederwerfen +und Wiederaufspringen und Wiedervorwärtsstürmen; +aber wie ein Rausch entzückte +ihn das Gefühl, seine Kraft bis auf den letzten +Rest und aus den verborgensten Quellen hervorzurufen +und durch ein bloßes »Ich <em class="gesperrt">will</em>« jede +Schwierigkeit zu überwinden. Und zu allem +hatte noch dies Kriegsspiel, dies Streifen durch +Feld und Heide, dies auf Feldwache liegen und +Patrouillengehen seine Schönheit, seinen Zauber, +seine Poesie. Aber trotz alledem lahmte er eines +Morgens; er hatte es mit dem langsamen Schritt +und Parademarsch so gut gemeint, daß er sich +eine Zerrung der Achillessehne am linken Fuße +zugezogen hatte. Gleichwohl versuchte er regelrecht +zu marschieren und den Schmerz zu verbeißen; +aber er machte es damit nur schlimmer.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Melden Sie sich revierkrank!« sagte Herr +v. Birkenfeld.</p> + +<p>Im Revier saß der Assistenzarzt Dr. Rheinland. +Er würdigte die kranken Partien der +Patienten kaum eines Blicks, im übrigen sah +er sie überhaupt nicht an. Er kurierte ohne +Ansehen der Person. Er drückte kräftig mit +dem Finger auf die geschwollene Ferse des +Musketiers Semper, und dieser zuckte zusammen.</p> + +<p>»Was fällt Ihnen ein!« schnauzte der Herr +Doktor. Asmus wußte noch nicht, daß ein +<!-- Page 298 --><span class='pagenum'><a name="Page_298" id="Page_298">[298]</a></span> +Soldat niemals zuckt. Er wußte freilich auch +nicht, wie der Arzt sonst von seinen Schmerzen +erfahren sollte, da er weder fragte, noch sich +irgendwie auf eine weitere Untersuchung einließ. +Er erklärte Sempern für dienstfähig; +denn er gehörte zu jenen Militärärzten, die +die Krankheiten wegmachen, ehe sie sie erkannt +haben. Man macht auf diese Weise einen +schneidigen Eindruck, schreckt die Simulanten ab, +erzielt eine gute Gesundheitsstatistik und reicht +weiter mit seinen Kenntnissen.</p> + +<p>Natürlich hinkte Asmus weiter.</p> + +<p>»Semper, hol’ Sie der Deubel! Sie hinken +ja noch immer!« schrie der Leutnant.</p> + +<p>Asmus berichtete, wie es ihm ergangen.</p> + +<p>»Treten Sie aus und gehen Sie morgen +wieder hin!« entschied Birkenfeld.</p> + +<p>Am andern Morgen erschien Asmus wieder +im Revier. Diesmal drückte Herr Rheinland +nicht einmal mit dem Finger; er warf einen +verächtlichen Blick auf die gemeine Soldatenferse +und schrieb, daß der Musketier Semper +dienstfähig sei.</p> + +<p>Beim Parademarsch exerzierte der Musketier +Semper genau wie ein Musketier Hephästos +oder Mephistopheles.</p> + +<p>»Semper!« brüllte v. Birkenfeld. »Herr +Semper, ich befehle Ihnen, daß Sie das Hinken +lassen; ich verbiete Ihnen einfach das Hinken, +Herrrr!« +</p> + +<p><!-- Page 299 --><span class='pagenum'><a name="Page_299" id="Page_299">[299]</a></span> +Die Befehle des Herrn Leutnants waren +aber der Achillessehne nicht maßgebend.</p> + +<p>»Musketier Semper!« schrie Herr v. Birkenfeld. +Asmus faßte das Gewehr an und lief +hinkend zu seinem Vorgesetzten. »Was hat denn +der Arzt gesagt?«</p> + +<p>»Er hat mich ohne Untersuchung und ohne +ein Wort zu sprechen, dienstfähig geschrieben.«</p> + +<p>»Also geh’n Sie nach Hause, legen Sie sich +aufs Sofa und fragen Sie ’n studierten Mediziner. +Wegtreten!«</p> + +<p>Das tat Asmus. Der »studierte Mediziner« +legte einen Verband an, und in zwei +Tagen war die Sehne geheilt.</p> + +<p>Im übrigen schied er von dieser Zeit mit +unvergleichlich freundlicheren Gefühlen, als er +sie beim Eintritt empfunden hatte. Freilich, das +Leben in der Kaserne hatte er nur sehr flüchtig +kennen gelernt und wenn er sich vorstellte: drei +Jahre in der schrecklichen Banalität dieser +Räume, in der erdrosselnden Prosa dieses +»inneren Dienstes« verbringen – dann lief es +ihm eiskalt den Rücken hinunter. Aber wenn +er gerecht sein wollte, dann mußte er bekennen, +daß in <em class="gesperrt">seiner</em> Erfahrung die guten und heilsamen +Eindrücke überwogen. Nicht wenig trug +zu dieser Stimmung ein gehobenes Gesundheitsgefühl +bei. Er war immer ein gesunder Mensch +gewesen; aber jetzt ward ihm seine Gesundheit +förmlich bewußt; er fühlte wie in einem Rausch +seine Adern strotzen und seine Muskeln schwellen. +<!-- Page 300 --><span class='pagenum'><a name="Page_300" id="Page_300">[300]</a></span> +Von trüben Seminarzeiten abgesehen, hatte er +auch immer einen gesegneten Appetit bekundet; +aber nie hatte er solche Wonnen verzehrender +Andacht empfunden, wie nach strammem Dienste +vor den Würsten und Bierflaschen der Kantine. +Wenn er nach vierstündigem Marsche solch eine +Literflasche voll Braunbier an den Mund hob +– denn der Soldat hat nicht immer ein Glas +zur Hand – und minutenlang nicht wieder absetzte, +dann schloß er fromm die Augen, und +auch das war ein brünstiges Dankgebet an die +Macht, die ihn gesund erschaffen und solcher +Freuden fähig gemacht hatte. Überhaupt waren +diese sechs Wochen ein Leben im Fleische; ihn +interessierte nur Körperliches, und wenn er an +sein Bücherbrett trat und auf den Rücken der +Bände Namen wie »Lessing«, »Comenius« und +»Euripides« las, dann kamen ihm diese Zivilisten +wie Leute vor, von denen er in längst vergangenen +Zeiten einmal hatte reden hören; +der Gedanke, ein Buch herauszunehmen und zu +lesen, erschien ihm vollkommen absurd. Der +Körper ließ dem Geiste nur so viel Kraft übrig, +als zu einer sanften Verblödung unbedingt +nötig war: Asmus vegetierte in diesen sechs +Wochen, und daran änderte selbst das geistige +Moment des Dienstes, die Instruktionsstunden +über Gewehrputzen, Rangverhältnisse und Kriegsartikel +nichts Wesentliches, so schön sie auch +manchmal sein mochten. Sergeant Greifenberg, +der Lehrer von die Lehrers, wußte selbst die +<!-- Page 301 --><span class='pagenum'><a name="Page_301" id="Page_301">[301]</a></span> +einfachsten Dinge für die gescheitesten Köpfe +unklar zu machen, und wenn er über das Schloß +des Infanteriegewehres Modell 71 instruierte, +dann hätte der Erfinder des Schlosses, wenn +er zugehört hätte, seine eigene Erfindung nicht +mehr verstanden. Herr von Birkenfeld hingegen +betrieb die subtilsten logischen Sonderungen, besonders +wenn er Kognak geladen hatte.</p> + +<p>»Was ist Mut und was ist Tapferkeit?« +fragte er eines Tages den Musketier Semper.</p> + +<p>Asmus mußte sich einen Augenblick besinnen +und sagte dann: »Mut und Tapferkeit +sind wohl im wesentlichen dasselbe; eine Gemütsstimmung, +die sich durch eine erkannte Gefahr +nicht schrecken läßt. Man könnte sagen, +daß der Mut mehr eine Sache persönlicher Veranlagung +und mehr impulsiver Natur ist, +während die Tapferkeit ein pflichtbewußtes Ausdauern +in der Gefahr in sich schließt .....!«</p> + +<p>»Nee, nee, das is nichts,« rief Herr von +Birkenfeld abwinkend. »Gemütsstimmung, was +Gemütsstimmung! Der Soldat hat keine Gemütsstimmungen! +Wenn es heißt: die Mauer +da muß hinuntergesprungen werden, dann +springt er, und das ist <em class="gesperrt">Mut</em>. Tapferkeit is hingegen +ganz was andres. <em class="gesperrt">Tapferkeit</em> zeigt +der Soldat den feindlichen Kugeln und Bajonetten +gegenüber!«</p> + +<p>Von solchen Stunden kam Asmus immer +sehr vergnügt nach Hause, und wenn dann seine +Brüder Reinhold und Adalbert dastanden und +<!-- Page 302 --><span class='pagenum'><a name="Page_302" id="Page_302">[302]</a></span> +Front machten, dann dankte er ganz von oben +herunter, etwa wie ein alleroberster Kriegsherr +oder wie der Assistenzarzt Rheinland, wenn +man ihm eine Achillesferse zeigte. Dann schrien +Reinhold und Adalbert: »Seht den Hanswurst, +er spielt sich auf!« Und dann zog Asmus das +Seitengewehr und rief: »Bei Angriffen auf seine +Soldatenehre darf der Soldat von der Waffe +Gebrauch machen!« und nahm Aufstellung zum +Brudermord.</p> + +<p>Und noch an einem der letzten Nachmittage +seiner Dienstzeit machte Asmus eine höchst sympathische +Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve +erläuterte Plan und Idee der am Morgen +unternommenen Felddienstübung, und er machte +das so fein, so frisch und so klar, daß Asmussens +Schulmeisterherz vor Freuden hüpfte. »Wenn +das kein Schulmeister ist, so will ich Erzbischof +sein,« dachte Asmus, und als die Entladung +aus dem Dienste in der Kantine mit einem +gemeinsamen Trunk gefeiert wurde, kam Asmus +in die Nachbarschaft desselben Leutnants, der +sich bald als Gymnasiallehrer <em class="antiqua">Dr.</em> Rumolt zu +erkennen gab.</p> + +<p>Man sang das gefühl- und weihevolle Lied:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja!</span> +<span class="i0">Erwarten euch die himmlischen Freuden, ja!«</span> +</div></div> + +<p> +»Ja, ja, die himmlischen Freuden!« sagte +Rumolt. »Jetzt geht’s wieder in die Schulstube.«</p> + + +<p><!-- Page 303 --><span class='pagenum'><a name="Page_303" id="Page_303">[303]</a></span> +»Ja!« versetzte Asmus mit Fröhlichkeit.</p> + +<p>»Freuen Sie sich darauf?«</p> + +<p>»O ja!«</p> + +<p>»Dann sind Sie ein glücklicher Mensch.«</p> + +<p>»Sind Sie nicht gern Lehrer?«</p> + +<p>»O,« machte Rumolt, »ich wüßte nichts +Schöneres als Lehrer sein – wenn man es +nur sein könnte.«</p> + +<p>»Wie meinen Sie das?« fragte Asmus begierig, +und nun kamen sie in ein Gespräch über +moderne Erziehung, und Asmus machte in +diesem Manne einen Fund, der ihm in den +kommenden Kämpfen mit dem System Drögemüller +ein Labsal werden sollte.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 304 --><span class='pagenum'><a name="Page_304" id="Page_304">[304]</a></span> +<a name="XLI_Kapitel" id="XLI_Kapitel"></a>XLI. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Die Schule am Wiesenhang.</div> + + +<p><span class="bigletter">U</span>nd die Kämpfe mit diesem System nahmen +bald wieder ihren frisch-fröhlichen Anfang, +und in Asmussen stiegen lebhafte Zweifel darüber +auf, ob es sich angenehmer unter dem +Korporalstock oder unter dem Federhalter eines +Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen, +Drögemüller hatte meistens den Buchstaben des +Gesetzes für sich, und es gab viele Gesetze mit +vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten erträglich +sein in der Hand eines Mannes, der den +Geist vom Buchstaben zu sondern wußte; er +aber verschärfte diese Gesetze noch durch seine +Persönlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen +suchte, daß der Lehrer ein Künstler sei, der zu +seinem Werk der freien Bewegung, der guten +Laune und einer schaffensfröhlichen Stimmung +bedürfe, den man deshalb mit Liberalität und +mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln +müsse, dann zeigte Drögemüllers Angesicht ein +irres, aber überlegenes Lächeln, als spräche man +Chinesisch zu ihm und als verstünde er das +<!-- Page 305 --><span class='pagenum'><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span> +Chinesische besser. Wenn die Verordnung vier +schriftliche Hausarbeiten in der Woche vorschrieb +und nur drei gemacht waren, dann kümmerte +es Drögemüller nicht, daß der Verbrecher mit +aufopfernder Begeisterung und treustem Eifer +zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit +fortgeschritten war wie irgendeine – er kannte +keine Scham vor dem Geiste und bestand auf +seinem Schein. Nicht das Geschaffene zu würdigen +und zu mehren, sondern auf Übertretungen +zu fahnden – darin erkannte er seinen göttlichen +Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er überall +mit seinem Notizbuch umher, zu diesem Zwecke +horchte er sogar an den Türen, und es verbesserte +seine Stimmung gegen Asmussen nicht, als dieser +eines Tages eine Tür, hinter der er Herrn +Drögemüller ahnte, mit großer Kraft öffnete +und dabei den spitzesten Ellbogen des Vorgesetzten +traf.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Pardon,« sagte Asmus, »ich konnte nicht +ahnen, daß Sie hinter der Tür ständen.«</p> + +<p>Wenn sich nun auch Asmus bewußt war, +daß er alles leistete, was eine menschliche Behörde +von ihm verlangen konnte, so verdarb +ihm doch diese Aufpasserei einen Teil seiner +besten Kraft. Ihm war dabei zumute wie dem +Reisenden, der eine geweihte Stätte besucht und +der aus allen Winkeln trinkgeldsaugende Blicke +auf sich gerichtet sieht; eine große, freie Bewegung +des Herzens konnte nicht aufkommen. +So war es denn Trost und Erquickung, mit +<!-- Page 306 --><span class='pagenum'><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span> +<em class="antiqua">Dr.</em> Rumolt, seinem neuen Freunde, in freien +Abendstunden von der Schule der Zukunft +wenigstens reden zu können.</p> + +<p>Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste +Landstraße der Welt, hinuntergewandert, +waren in einen zum Flußufer hinabführenden +Engpaß eingebogen und hatten sich auf einer +Bank in halber Höhe des Weges niedergelassen. +Vor ihnen breitete sich ein beblümter Wiesenhang, +von Gebüsch umkränzt, und über die +Büsche hinweg sah man den großen, stillen, +majestätischen Strom. Die Wiese gehörte zu +einem Mühlengehöft, und die alte Mühle drehte +schläfrig ihre Flügel.</p> + +<p>»Sehen Sie,« sagte Rumolt, »das wär’ +eine Schulstube, gelt? Was meinen Sie: auf +dieser Wiese mit seinen Jungens oder Mädels +liegen und von Gras und Blumen sprechen, +von Frosch und Schmetterling, von Busch und +Baum, von Rind und Schaf, von Müller und +Mühle, von Schiff und Seefahrt, von den Flotten +der Hansa und von Störtebekers Räuberfahrten, +und dann mit Jungen oder Mädchen +hinunterrudern oder -segeln und ihnen zeigen, +wo die Helden der Gudrunsage auf dem Wulpensande +kämpften und wo Hettel von Hegelingen +gewohnt. Meinen Sie nicht, daß ihnen da eine +andere Welt aufgehen würde als die, die ihnen +zwischen vier Mauern als »Welt« vorgetäuscht +wird?«</p> + +<p>»Das meine ich allerdings.« +</p> + +<p><!-- Page 307 --><span class='pagenum'><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span> +»Hinaus ins Freie! – Das ist das ganze +Geheimnis der Pädagogik. Die Welt anschauen +und anfassen, das ist alles. Sie nennen es bei +Gott Anschauung, wenn sie Bilder und Präparate +im Zimmer vorzeigen. Das ist, wie wenn +jemand einen Vortrag übers Meer halten und +zur Veranschaulichung ein paar Tropfen Seewasser +in einem Probiergläschen vorzeigen +wollte. Sie zeigen ein paar Tropfen vom +Meere des Lebens. – Sehen Sie hier, diese +Wiese, dieses Gehöft, dieser Strom, so weit wir +ihn sehen, dieser Himmel, sie umschließen nahezu +alles menschliche Wissen und Erkennen. Auf +diesem Fleckchen könnte man eigentlich alles +lernen, was der Mensch wissen und brauchen +kann.«</p> + +<p>»Aber auf die Dauer würde es Ihren +Schülern langweilig werden.«</p> + +<p>»Gewiß, wir wollen ja auch von Ort zu +Ort wandern. Ich will ja nur zeigen, daß die +Natur überall Millionen Anknüpfungspunkte +bietet, die in der Schulstube nur in der Einbildung +vorhanden sind. Denn das Wissen der +Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist Können; +nur was man kann, das weiß man auch. Selbst +handeln, selbst schaffen muß das Kind, wenn es +lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf +wäre, so müßten meine Schüler ohne Ausnahme +Ackerbau treiben. Nicht, daß sie alle +Landleute würden, bewahre; viele würden ja +gar kein Talent dazu haben – aber der Ackerbau +<!-- Page 308 --><span class='pagenum'><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span> +umfaßt nahezu den ganzen Kreis des +menschlichen Wissens und Könnens, und er lehrt +dieses Wissen und Können durch <em class="gesperrt">Tat</em>!«</p> + +<p>»Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken,« +sagte Asmus, »würde allerdings eine wesentlich +kleinere Schülerzahl voraussetzen.«</p> + +<p>»Gewiß,« fuhr Rumolt fort. »Ich denke, +ein Lehrer kann nur so viele Kinder wirklich +erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann, +und zwölf, die ehrwürdige Patriarchenzahl, erscheint +mir da als das äußerste Maß.«</p> + +<p>»Da brauchen wir viele Lehrer, und zwar +Männer von außerordentlich vielseitiger Bildung.«</p> + +<p>»Daß unsere Lehrer eine bessere Bildung +empfangen könnten, als sie auf Seminaren und +Universitäten meistens finden, daß sie ihre beste +Kraft in einem öden Datenwissen verzehren und +verzetteln müssen, das wissen Sie so gut wie +ich. Im übrigen aber dürfen Sie sich meinen +Lehrer nicht wie einen allwissenden Magister +von heute vorstellen. Er wird sich nicht schämen, +ein Lernender mit Lernenden zu sein, und wird +keinen Augenblick zaudern, zu sagen: ‘Das weiß +ich nicht, ich werde mich zu unterrichten suchen’, +oder ‘Forscht selber nach, und wer es gefunden +hat, der sag es uns’.«</p> + +<p>»Der banalste Einwand ist der gewichtigste,« +meinte Asmus, »das Geld. Der Staat müßte +sich einen ganz andern Schulsäckel zulegen als +den heutigen.« +</p> + +<p><!-- Page 309 --><span class='pagenum'><a name="Page_309" id="Page_309">[309]</a></span> +»Ja – hahahaha – das müßte er,« lachte +Rumolt. »Er müßte sich an den eigentlich doch +recht naheliegenden Gedanken gewöhnen, daß +er keine höhere Aufgabe hat als die Erziehung +seiner Bürger, daß er gar nicht besser für seinen +eigenen Bestand sorgen kann als durch die Erziehung +seiner Bürger, und daß er darum kein +größeres Budget haben sollte als sein Erziehungsbudget.«</p> + +<p>»Statt dessen macht er das Einjährigen-Zeugnis +zum Erziehungsideal,« bemerkte Asmus.</p> + +<p>»Ja!« Rumolt schlug ihm lachend aufs +Knie. »Ist eigentlich eine ärgere Posse denkbar? +Eine militärische Vergünstigung als Speck +in der Seelenfalle! Und nach diesem Zeugnis +müssen sie nun alle ohne Unterschied streben – +die das Geld dazu haben, natürlich – und +alle, die im Leben »etwas Besseres« werden +wollen, müssen dasselbe famose Abiturium +machen. Da schimpfen sie auf die Gleichmacherei +der Kommunisten und Sozialdemokraten – aber +gibt es eigentlich eine schlimmere Gleichmacherei +als unsere Prüfungsvorschriften? Da hab ich +einen Burschen in der Untersekunda, einen +Prachtbengel, vorzüglich begabt in der Mathematik +und allen Naturwissenschaften, von merkwürdigem +Geschick in allem Technischen – was +er anfaßt, gelingt ihm, und obendrein noch hochmusikalisch. +Aber auf dem Kriegsfuß mit allem, +was fremde Sprachen heißt. Nun sitzt er das +zweite Jahr in meiner Klasse, und wenn seine +<!-- Page 310 --><span class='pagenum'><a name="Page_310" id="Page_310">[310]</a></span> +fremdsprachlichen Leistungen nicht besser werden +– und dazu ist keine Hoffnung – dann bleibt +er zu Ostern wieder sitzen und erreicht nicht +einmal das Einjährigen-Zeugnis. Und ich halt +es für sehr wohl möglich, daß er nach sieben +Jahren der Angst und Mühe hingeht und sich +erschießt. Nun frage ich Sie: warum soll dieser +Mensch <em class="gesperrt">nicht</em> auf die Universität gehen und +Naturwissenschaften studieren, warum soll er +<em class="gesperrt">nicht</em> aufs Polytechnikum gehen und Ingenieur +werden dürfen? Wäre nicht denkbar, daß er +einmal von seinem Laboratorium aus die Welt +aus den Angeln höbe, ohne den Beistand der +Herren Xenophon, Ovid und Victor Hugo? +Doch –« Rumolt zeigte nach Westen –</p> + +<div class="blockquot"><p>»Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut +Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern! – +Sie rückt, sie weicht, der Tag ist überlebt!«</p></div> + +<p>Was denken Sie, wenn man bei solchem +Anblick mit seinen Schülern von der Sonne +spräche, nicht von ihrer chemischen Zusammensetzung +und ihrem Kubikinhalt – das würd’ +ich am Tage tun –, aber von den Ländern, +denen sie jetzt das erste Licht bringt, von der +Sonne als Gottheit und Symbol, von Karl +Moors Wehmut: ‘So stirbt ein Held’ und von +Faustens Sehnsucht, ihr zu folgen? Müßten +da nicht in den Seelen der Kinder und Jünglinge +wie von selbst die Ewigkeitsgedanken erwachen?«</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 311 --><span class='pagenum'><a name="Page_311" id="Page_311">[311]</a></span> +<a name="XLII_Kapitel" id="XLII_Kapitel"></a>XLII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Der Skat und die Metaphysik, das Billard und Emilia +Galotti, Herr Strecker und die deutsche Treue, Herr +Drögemüller und ein Krach.</div> + +<p><span class="bigletter">E</span>rholung und Stütze fand Asmus auch bei +den Herren seiner Schule, und es hatte +nicht lange gewährt, bis er, einen einzigen ausgenommen, +zu allen in das beste kollegiale Verhältnis +kam. Wie natürlich, hatte aber sein +Herz unter diesen Männern eine engere Wahl +getroffen und am besten hatten ihm zwei gefallen, +Fritz Goers, ein wohlbeleibter, jovialer +Riese, der Asmussens Vater sein konnte, und +Klaus Heide, ein sehniger, knorriger Dithmarscher. +Und wenn es nun in den Konferenzen etwas +Gutes und Neues durchzusetzen galt, zogen diese +Triumvirn an <em class="gesperrt">einem</em> Strang.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Aber sie zogen nicht nur an einem Strang, +sie sogen auch oft an <em class="gesperrt">einem</em> Trank, der bei +Herrn Kuhlmann besonders kühl und frisch verzapft +wurde. Herr Kuhlmann hieß Akademos, +und sein Garten wurde die Akademie genannt. +Es war für Asmus zunächst eine Skat- und +Billard-Akademie. Dem Skat vermochte er +<!-- Page 312 --><span class='pagenum'><a name="Page_312" id="Page_312">[312]</a></span> +keinen Geschmack abzugewinnen; er gewann es +nicht über sich, diese Kunst mit dem strengen, +sittlichen Ernste zu üben, den sie verlangte; er +dachte immer an irgend etwas andres, »wimmelte« +Aß und Zehn in die Stiche des Gegners +hinein und hatte außer fortgesetzten Verweisen +wegen Unaufmerksamkeit nichts davon als die +Ehre, bezahlen zu dürfen. Dagegen entwickelte +er unter Goehrs, des Riesen mildväterlicher +Führung das Billardspiel zur Leidenschaft. Um +Mitternacht begann dann die pädagogisch-ästhetisch-philosophische +Sitzung, die Heide gewöhnlich +durch irgendein wildes Paradoxon eröffnete, +welches Paradoxon dem Asmus Semper alsbald +wie eine Rakete durch den Leib fuhr. Damit +es an Meinungen und Temperament nicht fehle, +kam gewöhnlich noch Heides Freund, der kleine +Stockelsdorf hinzu, und in der Regel endeten +diese schweren Verhandlungen morgens um sechs +Uhr unter einer Straßenlaterne, mit einem +Streit über die Frage, ob Raum und Zeit +Anschauungen <em class="antiqua">a posteriori</em> oder <em class="antiqua">a priori</em> seien, +oder über ähnliche Bagatellfragen, und die vorübergehenden +Milch- und Brotleute pflegten sich +über die Erregung der Herren baß zu verwundern. +Eines herbstlichen Abends aber, als +sie auf dem Hamburger Gänsemarkt, dem Lessing-Denkmal +gegenüber, in einem Café saßen, ward +Asmus plötzlich stumm.</p> + +<p>»Was hast du?« fragte Heide, der Dithmarscher.</p> + +<p><!-- Page 313 --><span class='pagenum'><a name="Page_313" id="Page_313">[313]</a></span> +»Ich betrachte schon eine ganze Zeit lang +dies wunderbare Licht da auf dem Scheitel des +Lessing,« sagte Asmus, »und kann mir nicht +erklären, woher dieser rötliche Schein kommt. +Diese Erscheinung hat für mich etwas Ergreifendes.«</p> + +<p>Die andern bestätigten seine Beobachtung +und zerbrachen sich den Kopf, wo dieses magische +Licht seinen Ursprung haben möge.</p> + +<p>»Das ist die Sonne,« sagte der Kellner, der +eben eine Runde Grog brachte.</p> + +<p>»Wieso Sonne?« rief Asmus. »Die Mitternachtssonne, +was?«</p> + +<p>»Es ist sechs Uhr,« sagte der Kellner.</p> + +<p>Die vier zogen gleichzeitig die Uhr. Es +war sechs. Sie hatten in ihrer Unschuld gemeint, +es sei ein bißchen nach Mitternacht.</p> + +<p>Jetzt tranken sie ihren Grog aus, traten +auf den Markt hinaus und hatten vor dem +Lessing-Denkmal noch einen dreiviertelstündigen +Streit darüber, ob Emilia Galotti den Prinzen +liebe oder nicht; dann schlenderten sie in die +Vorstadt hinaus und befriedigten auf dem Wege +unaufhörlich metaphysische Bedürfnisse.</p> + +<p>»Wie kann ein Volk wie das französische +ohne Metaphysik leben!« krähte Stockelsdorf um +die Wette mit einem Hahn, der aus einem +nahen Stalle seinen Weckruf erschallen ließ.</p> + +<p>Und Asmus, der nicht ohne Metaphysik +leben konnte, bewies Stockelsdorfen, daß man +sehr gut ohne Metaphysik leben könne; denn +<!-- Page 314 --><span class='pagenum'><a name="Page_314" id="Page_314">[314]</a></span> +es war in diesem Kreise stillschweigendes Gesetz, +daß keine Behauptung unwiderlegt bleiben dürfe. +Das war eine gute Übung; denn was sie dabei +an Unsinn produziert hatten, das fiel ihnen +am andern Tage von selbst ein und war eine +wohltätige Verschärfung ihres Katers.</p> + +<p>Trotz dieser außerordentlichen Anstrengungen +schnitt Asmussens Klasse bei der Osterprüfung +vortrefflich ab, und ein angesehener Spezialist +des Rechenunterrichts sagte: »Die Klasse rechnet +besser als die meine.« Auch Herr Drögemüller +fand nicht das geringste zu erinnern; aber +Frieden konnte er darum doch nicht halten. +Der Bund der Triumvirn war ihm ein Pfahl +im Fleische; denn die Festigkeit der Dreie steifte +auch andern Herren den Nacken. Freilich hatte +er einen gewissen Trost und eine stille Freude +an Herrn Strecker. Herr Strecker war ein +Mann, der wiederholt nicht nur vor dem ökonomischen, +sondern vor allen möglichen anderen +Bankrotten gestanden hatte. Als es am schlimmsten +um ihn stand, hatte er Buß’ und Reu’ +in sich erweckt; fromme Hände, die gewöhnlich +mächtig sind, hatten ihm unter die Arme gegriffen +und ihn vor der Katastrophe bewahrt, +und nun suchte er den oberen Stellen seine +Schönheit zu beweisen durch strotzende Religiosität, +heftigen Patriotismus mit gelegentlicher +Denunziation von Majestätsbeleidigern +und durch lackierte Pflichterfüllung. Seine +Schüler sprangen wie ein Mann auf die Füße, +<!-- Page 315 --><span class='pagenum'><a name="Page_315" id="Page_315">[315]</a></span> +wenn der Herr Hauptlehrer eintrat, gingen auf +dem Hofe immer genau zu Vieren, und jeden +Morgen eröffnete er mit Gebet und Choral. +Zwar kam er manchmal zu spät; aber seine +Schüler konnten ihn schon von weitem die +Straße heraufkommen sehen, und wenn er dann +den Schirm hob, setzten sie sofort ein mit</p></div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Dich seh’ ich wieder, Morgenlicht! –«</span> +</div></div> + +<p>so vorzüglich waren sie geschult. Seine Hefte +waren immer richtig korrigiert; er hatte aber +auch für die Korrektur der Hefte, die größte +Plage des Lehrers, ein ingeniöses, zeit- und +nervensparendes Verfahren erfunden. Der Präparand +nämlich, der bei ihm hospitieren und +die Kunst des Unterrichtens erlauschen sollte, +stand hinter einer geöffneten Schranktür, hatte +im Schrank die Hefte und die rote Tinte vor +sich und korrigierte. Wenn dann Herr Drögemüller +zur Tür hereintrat, rief Herr Strecker:</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Rieffelstahl! Sitz gerade!« oder</p> + +<p>»Rieffelstahl! Schau hierher!«</p></div> + +<p>und »Rieffelstahl!« war immer das Zeichen, +daß der Präparand die Schranktür unauffällig +schließen und mit einem sittlich reinen Angesichte +hervortreten solle. Solche Mannen wie Strecker +– »ich bin ein deutscher Mann«, pflegte er zu +sagen, – sind nun freilich keine starken Helfer +im offenen Streit; aber er trug seinem Hauptlehrer +manche schätzenswerte Nachricht über seine +Kollegen zu; auch er führte ein Notizbuch. Und +so berichtete er Herrn Drögemüller unter anderem, +<!-- Page 316 --><span class='pagenum'><a name="Page_316" id="Page_316">[316]</a></span> +daß Herr Semper im Zeichenunterricht +allerlei Allotria treibe, die gar nicht im Lehrplan +dieses Unterrichts stünden.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Asmussens Schüler hatten nämlich schweigend, +aber deutlich gezeigt, daß sie die unaufhörliche +Fabrikation von senkrechten, wagerechten +und schrägen Strichen, von Vierecken, Dreiecken, +Sechsecken und ähnlichen schönen Figuren betäubend +langweilig fänden, und Asmus hatte +ihnen darin von Herzen zugestimmt. Er ließ +sie darum im letzten Teil der Stunde allerlei +Dinge zeichnen, die ihnen Vergnügen machten +und die sie mit Feuereifer nachzubilden suchten. +Er verfolgte damit ein Prinzip, von dem ihm +schien, daß jeder vernünftige Unterricht es zum +Ausgang nehmen solle. Da kam Herr Drögemüller +in die Stunde, ging zwischen den Bänken +umher und entbot dann Herrn Semper für die +nächste Pause in sein Kontor.</p> + +<p>»Herr Semper, ich muß Sie abermals ersuchen, +sich in Ihren Stunden durchaus an den +Lehrplan zu halten.«</p> + +<p>Asmus zwang sich zur Ruhe und versuchte, +seinem Chef in höflichster Form seine Beweggründe +mitzuteilen. Um gerade Striche machen +zu lernen, sei es doch nicht nötig, daß man +ununterbrochen gerade Striche nebeneinander +setze; man könne das doch auch an Figuren +lernen, die dem Leben entnommen seien: oberstes +Gesetz sei doch, daß der Unterricht lebendig und +interessant sei; Striche und Quadrate seien aber +<!-- Page 317 --><span class='pagenum'><a name="Page_317" id="Page_317">[317]</a></span> +weder lebendig noch interessant für kleine +Kinder ...</p> + +<p>Aber das waren sozusagen Gedanken, und +auf Gedanken ließ sich Drögemüller, um kein +Präjudiz zu schaffen, niemals ein.</p> + +<p>»O, Herr Semper,« rief er, »Quadrate sind +wohl interessant, wenn Sie sie nur vorher mit +den Kindern ausführlich besprechen, wie ich es +Ihnen gezeigt habe.«</p> + +<p>»Was Sie mir gezeigt haben, ist Geometrie +und gehört – da Sie doch immer auf den +Lehrplan pochen – in eine höhere Klasse. Das +würde mich nun zwar nicht hindern; aber eine +lange und breite Besprechung des Quadrats +würde die Kinder schon deshalb öden, weil sie +gar nicht begreifen würden, was ein Quadrat sie +überhaupt angehe.«</p> + +<p>Mit dem Hinweis auf den Lehrplan hatte +dieser fatale Semper recht, und darum wurde +Drögemüller jetzt ganz unangenehm.</p> + +<p>»Herr Semper,« heulte er nach Art einer +Schiffsirene, »ich frage Sie formell und dienstlich, +ob Sie sich meinen Anordnungen fügen +wollen oder nicht!«</p> + +<p>»In diesem Falle nein,« versetzte Asmus.</p> + +<p>»Gut. Dann werde ich dem Herrn Schulrat +Bericht erstatten.«</p> + +<p>»Ich auch,« sagte Asmus und ging.</p> + +<p>Nach drei Tagen hatte er die Vorladung +vor den Schulrat <em class="antiqua">Dr.</em> Korn.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 318 --><span class='pagenum'><a name="Page_318" id="Page_318">[318]</a></span> +<a name="XLIII_Kapitel" id="XLIII_Kapitel"></a>XLIII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Von zweierlei Schulräten.</div> + +<p><span class="bigletter">A</span>ls er am Abend mit Doktor Rumolt spazierte, +zeigte er ihm die Vorladung und +erzählte, was vorhergegangen.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Haha« – Rumolt lachte bitter auf, und +dann fuhr er wehmütigen Tones fort: »Das +wird Ihnen noch oft begegnen, lieber Freund. +Nirgends ist der Fortschritt verhaßter, nirgends +werden neue Ideen feindseliger befehdet als in +der Pädagogik. Denken Sie z. B. an unsern +braven Valentin Ickelsamer. Der fand zu +Luthers Zeiten, daß es ein Unsinn sei, die +Kinder nach Buchstabennamen lesen zu lehren, +man müsse das Wort in seine wirklichen Laute +zerlegen und die Kinder lautierend lesen lassen. +Er machte das damals schon so klar, daß es +ein Schwachkopf begreifen konnte. Und in der +zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts +entschloß die Schule sich wirklich, diesen einfachen +und darum freilich genialen Gedanken zur +Ausführung zu bringen. Aber das ist ein Beispiel +von fabelhafter Geschwindigkeit. In den +<!-- Page 319 --><span class='pagenum'><a name="Page_319" id="Page_319">[319]</a></span> +Klosterschulen des Mittelalters bildete man den +Geist am Griechischen und Lateinischen, weil man +nichts Besseres hatte; heute bildet man den +Geist unserer Jugend am Griechischen und Lateinischen +mit der ernsten Gesichtes abgegebenen +Versicherung, daß man nichts Besseres habe. +Der typische Scholarch weist jede ernste und +gründliche Neuerung mit einem durch die kommenden +Jahrhunderte gestreckten Arme von sich, +und wenn er im Gegensatz zu einem Vorgänger +den Aorist <em class="gesperrt">vor</em> dem Perfekt behandelt, hält er +sich für einen Umstürzler. Ich habe ein Buch +erscheinen lassen ‘Das Recht des Schülers’ –«</p> + +<p>»Ich kenne es,« sagte Asmus, »und freue +mich, daß es so großen Anklang gefunden hat.«</p> + +<p>»Anklang, ja aber bei den Kollegen war +der Anklang nur schwach, der Widerspruch um +so stärker. Das ist kein Unglück, soweit es offener +und durchdachter Widerspruch ist. Aber was +muß ich erleben? Kaum ein Tag vergeht, daß +ich nicht im Konferenzzimmer, recht auffällig +auf den Tisch gelegt, irgend eine abfällige Kritik +meines Buches finde, in der die Kraftstellen +mit roter Tinte angestrichen sind. Kein Gespräch +verläuft ohne hämische Seitenhiebe gegen +mich und meine Ideen; keine Wochenrede meines +Direktors geht zu Ende ohne einige Fußtritte, +bei denen die Schüler sich zuraunen: ‘Das geht +auf Rumolt.’ Die Herren glauben, daß ihre +Kritik mich verletze, und haben keine Ahnung, +daß es ihr Wesen ist, das mich verwundet. +<!-- Page 320 --><span class='pagenum'><a name="Page_320" id="Page_320">[320]</a></span> +Ich habe keinen frohen Tag mehr, und da ich +von meinen Ideen und ihrer Verkündung nicht +lassen kann, so werde ich über kurz oder lang +das Spiel verlaufen müssen.«</p> + +<p>»Das ist traurig,« sagte Asmus gedankenvoll, +»traurig und schrecklich. Ich gestehe Ihnen +offen, daß auch ich gegen Ihre Schrift manches +einzuwenden habe; aber das Ganze Ihrer Gedanken +und Forderungen erschien mir wahr und +herrlich. Und sollten nun nicht die Menschen +jubelnd herbeieilen und rufen: Hier ist etwas +Neues und Köstliches – es ist noch nicht vollkommen +– aber kommt alle herbei, es zu hegen +und zu fördern, etwa so wie die Verwandten +sich fröhlich um eine Wiege scharen und sich +geloben, das Neugeborene zu schützen und zu +pflegen, daß es groß und stark werde?«</p> + +<p>»Lassen Sie sich zur Antwort darauf erzählen, +daß mein Direktor mich seit Wochen +an allen Ecken und Enden inspiziert und zurechtweist, +obwohl er ganz genau weiß, daß ich +meine Pflicht tue. Er will mir zu Gemüte +führen, wie vermessen es von einem fehlbaren +Menschen gewesen, gegen den von Gott geoffenbarten +Gymnasialunterricht zu schreiben. +Und gestern war auch richtig der Herr Regierungs- und +Schulrat da und hospitierte vier +Stunden hintereinander bei mir. ‘Suchet, so +werdet Ihr finden,’ sagt der rachsüchtige Gerichtsdiener +bei Hebbel. Und natürlich wurde +was gefunden. ‘Gebt mir zwei Worte von +<!-- Page 321 --><span class='pagenum'><a name="Page_321" id="Page_321">[321]</a></span> +einem Menschen, und ich will ihn an den Galgen +bringen.’ Laßt einen Schulmeister fünf Minuten +unterrichten, und ich will ihm den Hals +brechen. Zwar den Hals konnte mir der Herr +Regierungsrat nicht brechen; aber hundert Nadelstiche +erzielen ja mit der Zeit denselben Effekt. +‘Sie haben die und die Gesänge der Odyssee +nicht behandelt.’ – ‘Sie haben am 13. April +das vorgeschriebene Extemporale ausfallen lassen.’ +– ‘Sie sind mit dem Geschichtspensum +im Rückstand’ usw. usw. Es stimmte alles. +Und wenn der Mann gesagt hätte: Ihr ganzer +Unterricht taugt nichts, so würde er für jenen +Tag gewiß und vielleicht überhaupt recht gehabt +haben; denn wenn man in den Zwiespalt +zwischen Altem und Neuem gestellt ist, kann +man nichts Ganzes schaffen. Nach meinen Ideen +<em class="gesperrt">darf</em> ich nicht arbeiten, und nach den alten +<em class="gesperrt">kann</em> ich nicht arbeiten, weil es gegen das +Herz ist.«</p> + +<p>»Aber forschte er denn nicht vor allen +Dingen, ob Ihre Schüler geistig frisch und +lebendig seien, ob sie einen neuen Stoff mit +Begierde und Klarheit ergriffen, ob sie in sittlicher +Hinsicht lauter, ehrlich, wahrhaftig +seien –«</p> + +<p>»Vielleicht tat er das im stillen – ich sah +ihn freilich keine Anstrengungen machen. Dazu +war er ja auch nicht geholt und geschickt. ’Rumolt +soll stranguliert werden,’ flüsterten sich die +<!-- Page 322 --><span class='pagenum'><a name="Page_322" id="Page_322">[322]</a></span> +Schüler zu. Die Jugend hat jenes intuitive +Auge, das durch die Hüllen dringt.«</p> + +<p>Die Stimmung, mit der Asmus dem Besuch +beim Schulrat entgegensah, war durch das +Gespräch nicht gehoben worden. Um so fester +war er entschlossen, sich nichts Unwürdiges bieten +zu lassen.</p> + +<p>Als er ins Amtszimmer des Schulrats gerufen +wurde, saß Drögemüller schon da. Asmus +verbeugte sich vor dem Schulrat, und dieser rief:</p> + +<p>»Juten Tag, Herr Semper. Setzen Sie sich.«</p> + +<p>»Herr Drögemüller,« begann alsdann der +Schulrat, »hat allerlei Klagen jegen Sie vorjebracht. +Meistens handelt es sich um Kleinigkeiten, +die ich nich berühren will. Aber Herr +Drögemüller beschuldigt Sie der fortgesetzten +Renitenz; was haben Sie dazu zu sagen.«</p> + +<p>»Herr Schulrat,« sagte Asmus, »ich kann +Sie ja selbst als Zeugen darüber anrufen, ob +ich in den vierundeinhalb Jahren, da ich Ihr +Schüler war, eine renitente Veranlagung bekundet +habe –«</p> + +<p>»Det haben Se <em class="gesperrt">nich</em>,« sagte Korn mit +Nachdruck.</p> + +<p>»Ich bin auch nicht so töricht, zu meinen, +daß ein Hauptlehrer lauter vortreffliche Anordnungen +treffen müsse und daß ein Lehrer berechtigt +sei, sich gegen jede Verfügung, die ihm +verfehlt erscheint, aufzulehnen. Ich füge mich +gern, soweit es möglich ist, wenn man mir mit +Vertrauen begegnet und wenn man mich nicht +<!-- Page 323 --><span class='pagenum'><a name="Page_323" id="Page_323">[323]</a></span> +in meinen besten Kräften lahmlegt. Das tut +aber Herr Drögemüller. Gleich zu Anfang schon +verlangte Herr Drögemüller von uns drei neuangestellten +Lehrern, daß wir alle auf dieselbe +Weise den Leseunterricht erteilen sollten, und +zwar auf die von ihm vorgeschriebene Weise –«</p> + +<p>»Aber Herr Semper,« lachte Korn, »det +müssen Se mißverstanden haben; sonst müßte +ja Herr Drögemüller (er deutete auf seine Stirn) +hier nich janz richtig sein!«</p> + +<p>Drögemüller erblaßte sehr tief. »Ich habe +es keineswegs befohlen,« stammelte er, »ich habe +es nur gewünscht –«</p> + +<p>»Warum?« fragte Korn.</p> + +<p>»Weil – weil es doch wünschenswert ist, +daß der Unterricht an einer Schule gleichmäßig +erteilt wird.«</p> + +<p>»Warum?« fragte Korn.</p> + +<p>»Nun – es ist dann doch – alles – +übersichtlicher –.« Drögemüller machte eine vage +Handbewegung.</p> + +<p>»Wieso?« forschte der grausame Korn.</p> + +<p>»Man kann doch dann die Fortschritte besser +kontrollieren.«</p> + +<p>»So. Na, dann weiß ich schon Bescheid. +Wat woll’n Sie sagen, Herr Semper?«</p> + +<p>»Herr Drögemüller hat allerdings die Form +des Wunsches, aber den Ton des Befehls gewählt, +und da ich diesen Wünschen nicht nachkomme, +verfolgt er mich mit Aufpassereien, die +<!-- Page 324 --><span class='pagenum'><a name="Page_324" id="Page_324">[324]</a></span> +mich ärgern und kränken müssen und die mir +die Lust an der Arbeit vernichten.«</p> + +<p>»Na ja, zum Aufpassen ist Herr Drögemüller +ja da,« sagte Korn, der das Gefühl +hatte, daß er den zusammengesunkenen Drögemüller +ein wenig wieder aufrichten müsse; »es +gibt leider auch faule und unfähige Lehrer, die +einen Aufpasser brauchen. <em class="gesperrt">Aber schikaniert +wird hier keiner</em>«, fuhr er mit erhobener +Stimme und mit einem Seitenblick auf den +Ankläger fort. »<em class="gesperrt">Wenn ein Lehrer was +kann und was will, dann soll er jede +mögliche Freiheit jenießen und nicht +mit Quisquilien behelligt werden.</em> Aber +verjessen Se nich, Herr Semper, dat Se Beamter +sind, den Rat jebe ich Ihnen. – Sie +können jehen, Herr Drögemüller. Sie bleiben +noch, Herr Semper.«</p> + +<p>»Soll ick Sie an die Seminarschule versetzen?« +fragte Korn, als sie allein waren.</p> + +<p>Das war sozusagen eine Beförderung; denn +es stand fest, daß die Lehrer an der Seminarschule +schneller avancierten als die anderen. +Mit dieser Kenntnis hatte Asmus immer die +Vorstellung von Karrierenluft verbunden, und +diese bloße Vorstellung genügte, ihn zurückzuschrecken. +Es mußte ja Aufpasser geben in +der Welt; aber er mochte keiner sein. Und wo +man Karriere machte, da paßten gar die Strebenden +einer auf den andern! Er fand es ungleich +schöner, immer in unmittelbarer Verbindung +<!-- Page 325 --><span class='pagenum'><a name="Page_325" id="Page_325">[325]</a></span> +mit den Kindern zu bleiben. Konnte +man sich Pestalozzi als inspizierenden Oberlehrer +denken? Asmus sah ihn immer nur unter +Kindern.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen sehr, Herr Schulrat,« +sagte Asmus, »aber ich möchte die Kinder, die +ich nun einigermaßen kenne, noch einige Jahre +weiterführen. Und dann hab’ ich in meinem +Kollegium so liebe Freunde gefunden, daß ich +mich ungern von ihnen trennen würde –«</p> + +<p>»Na, wenn Se nich wollen –« rief Korn +in halber Verstimmung, »denn sehn Se zu, wie +Sie sich mit dem Drögemüller vertragen. Mit’m +Kopp durch die Wand kann keiner, und jefallen +lassen müssen wir uns alle was. Ich auch. +Adieu!«</p> + +<p>»Adieu, Herr Schulrat. Herzlichen Dank!«</p> + +<p>Asmus verließ das Gebäude der Oberschulbehörde +mit dem frohen Gefühl, daß es Männer +gebe, denen alle hierarchische Rangordnung +nichts gelte, wenn es sich um Recht und Billigkeit +handle. Er war fest überzeugt, daß die +Welt überhaupt so eingerichtet sei, und daß man, +wenn man sich nur nicht beim Unrecht beruhige, +immer zuletzt den Ort finden müsse, wo das +Recht in smaragdener Schale ausgehoben und +gehütet sei wie das heilige Blut der Welt. So +blickte er gläubig und heiter in den schönen +Frühlingstag, während zu Hause auf seinem +Tische das Schicksal lag und lauerte, um ihm +die Krallen ins Fleisch zu schlagen.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 326 --><span class='pagenum'><a name="Page_326" id="Page_326">[326]</a></span> +<a name="XLIV_Kapitel" id="XLIV_Kapitel"></a>XLIV. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Zwei Briefe, und jeder ein Schlag.</div> + +<p><span class="bigletter">E</span>r hatte seinen Eltern nichts von der Vorladung +vor den Schulrat gesagt, um sie +nicht zu beunruhigen; er sagte ihnen auch nichts +von dem Ausgange; denn seine Mutter würde +doch Bemerkungen über seinen »Hitzkopf« gemacht +haben. Eben weil sie so hitzköpfig war, +verurteilte sie alle Hitzköpfigkeit.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Drinnen auf’m Tisch liegen zwei Briefe +für dich,« sagte Frau Rebekka.</p> + +<p>Eilig ging er hinein, öffnete den einen der +Briefe und las:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 6.5em;">Hilde Chavonne</span><br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">Hermann Kiefer</span><br /> +<span style="margin-left: 9em;">Verlobte.</span> +</p> + +<div class="blockquot">Hamburg, den – – – – – +</div> + +<p>Das Blatt war seinen Händen entfallen.</p> + +<p>Er sah nach der Tür – sie war noch offen +– schnell ging er hin und drückte sie ins Schloß. +Nur allein sein. Dann ließ er sich auf einen +Stuhl fallen.</p> + +<p><!-- Page 327 --><span class='pagenum'><a name="Page_327" id="Page_327">[327]</a></span> +Merkwürdig, wie ihn das traf. War es +denn nicht selbstverständlich, daß Hilde Chavonne +sich einmal verlobte? Und hatte er denn je +geglaubt, sie werde sich mit ihm verloben? Nein, +nicht einmal im Traum hatte er das gehofft. +Darum hatte er ja auch nie die geringste Anstrengung +gemacht, sie zu gewinnen. Er war +ihr während des letzten Jahres fast völlig +ferngeblieben, nicht eigentlich mit Absicht; aber +da es sich so gefügt hatte, daß sie sich nur +selten und flüchtig sahen, war es ihm recht gewesen. +Vor einem Vierteljahr hatte er sie +zuletzt gesehen, an einem Festabend der »Treue +von 1880«, als er mit einem hübschen Mädchen +zusammen ein Duett gesungen hatte. Das +Fräulein Chavonne war an jenem Abend sehr +still, sehr ernst, und obwohl freundlich, doch +sehr zurückhaltend gewesen.</p> + +<p>Und jetzt – verlobt! –</p> + +<p>Er war längst wieder aufgesprungen und +hatte instinktiv zu seinem Beruhigungsmittel +gegriffen: zum Wandern. Auf und ab gehen, +immer auf und ab, dann hat man das Gefühl +der Bewegung, das Gefühl: Es geht vorüber +– es geht vorüber.</p> + +<p>Sie ist verlobt! Wie konnte sie ihm das +antun! Haha – im selben Augenblick mußte +er laut auflachen. Hatte sie denn die geringste +Verpflichtung, auf ihn zu warten, auf <em class="gesperrt">ihn</em>? +Hatte er ihr das geringste Zeichen gegeben, daß +sie auf ihn warten solle? Hatte er überhaupt +<!-- Page 328 --><span class='pagenum'><a name="Page_328" id="Page_328">[328]</a></span> +ans Heiraten gedacht? Nein, er, der als Präparand +alles heiraten wollte, was ihm in den +Weg kam, er hatte in den letzten Jahren das +Heiraten als ein Ding angesehen, das noch in +weiter Ferne liege; ja, es war ihm eine gewisse +Beruhigung gewesen, daß es mit dem +Kniefall und mit der langen Liebeserklärung +in Periodenform noch gute Weile habe. Seine +Arbeit, sein Beruf hatten sein ganzes Interesse +aufgesogen.</p> + +<p>Jetzt, jetzt mit einem Male wußte er’s: +Nur an Hilde hatte er gedacht, wenn er überhaupt +an eine Frau gedacht hatte. Wenn er +sich das Weib an sich gedacht hatte, das hehre +Weib, das edle Weib, das holde Weib – nur +an Hilde Chavonne hatte er gedacht, nur an +sie. Wenn er Liebesgedichte gemacht hatte, +platonisch-elegische Liebesgedichte in weinenden +Odenstrophen – hatte er an sie gedacht. Jetzt +wußte er’s, daß er sich nur eine als sein Weib +denken konnte: Hilde – und er begriff nicht, +daß er das nicht gewußt hatte, bevor er diesen +Brief geöffnet. Er begriff es nicht, weil er +sich seiner Unreife nicht bewußt war. In ehrlicher +Gedankenarbeit war sein Hirn über seine +Jahre gereift; aber sein Herz war noch unreif +wie ein Apfel im Frühling, und unreif wie +der Same in solch einem Apfel war die Liebe +in diesem Herzen. Jetzt, da das Schicksal einen +tiefen Schnitt in dieses Herz getan hatte, entdeckte +er die Liebe darinnen. +</p> + +<p><!-- Page 329 --><span class='pagenum'><a name="Page_329" id="Page_329">[329]</a></span> +So fühlte er nicht den rasenden Schmerz +des Betrogenen, Zurückgestoßenen; denn er hatte +nicht die rasende Lust des Liebenden und +Hoffenden gefühlt; er empfand die Wehmut +eines Mannes, der eines Morgens ein zartes +Bäumchen seines Gartens erfroren findet und +erkennt, daß es sein schönstes Bäumchen gewesen; +er empfand eine Trauer, wie sie junge +Eltern empfinden, denen ein kaum Geborenes +gestorben ist; er empfand den dumpfen, unbefreiten +Schmerz um ein Werdendes, das, zu +großer Schönheit bestimmt, im Keime vernichtet +war.</p> + +<p>Mechanisch griff er nach dem zweiten Briefe; +mechanisch öffnete er ihn – er war von Rumolt +– mechanisch überflog er die ersten Zeilen, aber +nur die ersten.</p> + + +<div class="blockquot"> +<span style="margin-left: 8em;">»Mein lieber Freund!</span><br /> + +Von Ihnen hätte ich mündlich Abschied +nehmen mögen. Aber es durfte nicht sein; +denn Sie würden versucht haben, mich zurückzuhalten. +Sie sind von festerem Stoff als ich +und werden, das weiß ich, den Kampf besser +bestehen, den Kampf gegen der Menschen +Stumpfsinn, Trägheit und Niedrigkeit. Meiner +Hand entsinken die Waffen. Damit Sie es +nicht in gehässiger Entstellung hören, was +mich zu meinem Scheiden veranlaßt, will ich +es Ihnen selbst sagen. Ich habe einem +<!-- Page 330 --><span class='pagenum'><a name="Page_330" id="Page_330">[330]</a></span> +meiner Schüler – ich glaube, ich habe Ihnen +von ihm gesprochen – einem Untersekundaner, +der zum zweiten Male hoffnungslos vor dem +Examen stand und dessen Qualen ich nicht +mehr mit ansehen mochte, in unerlaubter +Weise geholfen, habe ihm die Examenaufgaben +vorher mitgeteilt. In seiner Freude hat +es der Junge nachher selbst ausgeplaudert. +So bracht’ die Sonn’ es an den Tag. Hätte +er das Examen nicht bestanden, wär’ er aus +der Welt gegangen; nun gehe ich, und das +ist besser. Leben Sie wohl, teurer Freund; +unsere Freundschaft war kurz, aber wahr. Ich +danke Ihnen schöne Stunden, von denen ich +dort erzählen will, wohin ich gehe.<br /> +<br /> +<div class="column_right">Rumolt.«</div> +</div> + +<p> </p> +<p>Asmus hatte die letzten Zeilen mit fliegendem +Atem gelesen; jetzt sprang er nach der Tür.</p> + +<p>»Wo willst du hin?« rief Frau Rebekka, +»dein Essen ist fertig!«</p> + +<p>»Ich esse nichts – ich muß –«</p> + +<p>»Junge, du hast ja keinen Hut auf! Was +ist denn los –?«</p> + +<p>Er entriß ihr den dargebotenen Hut und +stürmte mit dem Rufe: »Ich muß weg!« hinaus.</p> + +<p>Ohne Besinnen stürzte er über Stock und +Stein nach Rumolts Wohnung. Die Wirtin bestätigte +ihm weinend das Schreckliche. Am Ufer +<!-- Page 331 --><span class='pagenum'><a name="Page_331" id="Page_331">[331]</a></span> +des Kanals hatte man Rock und Hut gefunden, +die Leiche war noch nicht gefunden worden.</p> + +<p>Aber am nächsten Tage fand man auch sie. –</p> + +<p>Das war eine denkwürdige Post gewesen. +Zwei Briefe, und jeder ein Schlag. An einem +Tage Freund und Geliebte verloren; denn von +nun an war sie ihm Geliebte.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 332 --><span class='pagenum'><a name="Page_332" id="Page_332">[332]</a></span> +<a name="XLV_Kapitel" id="XLV_Kapitel"></a>XLV. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Wenn’s kommt, dann kommt’s in Haufen.</div> + +<p><span class="bigletter">W</span>as wird nun kommen? dachte Asmus. +Denn er glaubte an sein heimatliches +Sprichwort: »Wenn’t kummt, denn kummt’t in +Hupen.«</p> + +<div class="textbody"> +<p>Und ein drittes Unglück kam, aber nicht von +außen, sondern ganz heimtückisch aus dem tiefsten +Innern richtete es sich auf wie eine Natter aus +dunklem Dickicht. Ihm kamen Zweifel am Wert +seines Berufes.</p> + +<p>Mit dem jähen Optimismus der Jugend +war er an diesen Beruf herangetreten. Jeder +Jüngling, auch der bescheidenste, hat, wenn auch +kaum bewußt, das Gefühl: Wenn ich in die +Welt eingreife, wird es anders, wird es schneller +vorwärtsgehen – wie ein ungestümer Reisender, +dem der Zug zu langsam fährt, das Gefühl +hat: Könnt’ ich aussteigen und nachschieben!</p></div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Hätt’ ich tausend Arme zu rühren!</span> +<span class="i0">Könnt’ ich brausend die Räder führen!</span> +<span class="i0">Könnt’ ich wehen durch die Haine!</span> +<span class="i0">Könnt’ ich drehen alle Steine!«</span> +</div></div> + +<p><!-- Page 333 --><span class='pagenum'><a name="Page_333" id="Page_333">[333]</a></span></p> +<p>und wenn er sich auch sagt, daß vor und mit +ihm Bessere und Stärkere wirken und gewirkt +haben – er glaubt nicht, daß einer so viel +Lust und Mut gehabt wie er, vor allem nicht, +daß einer so viel Glück gehabt, wie <em class="gesperrt">er</em> haben +wird!</p> + +<div class="textbody"> +<p>Und nun erreichte er nicht mehr als die +andern! Nun ja, er leistete vielleicht etwas +mehr als dieser und jener, und seine Kollegen +und Freunde rühmten zuweilen seine Leistungen; +aber ganz etwas anderes hatte er gehofft, ganz +etwas anderes! Er wußte ja freilich von früher +her, daß Unterrichten kein ununterbrochener +Sieges- und Eroberungszug sei; aber doch hatte +er sich Erziehung und Unterricht im stillen als +eine Fleischwerdung des Lehrwortes gedacht. +Aber das Wort ward <em class="gesperrt">nicht</em> Fleisch: Seine +Jungen konnten am Ende des Jahres etwas +mehr als zu Anfang; aber sie waren dieselben +Menschen geblieben, wenigsten merkte er keine +Änderung. Die Guten, Offenen, Zarten waren +zwar offen, zart und gut geblieben; aber die +Rohen, Hinterhältigen, Unwahrhaftigen waren +sich nicht minder treu geblieben. Es schien ihm +auch, daß die Klugen zwar klug blieben, die +Dummen aber auch dumm. Und gerade die +Dummen waren das ewige Ziel seiner Mühen; +zu ihnen kehrte er, wie magnetisch gezogen, +immer wieder zurück; denn daß die Klugen +etwas begriffen hatten, bedeutete ihm nichts, +solange die Dummen im Dunkel saßen. Das +<!-- Page 334 --><span class='pagenum'><a name="Page_334" id="Page_334">[334]</a></span> +schien ihm die furchtbarste Ungleichheit und Ungerechtigkeit +der Welt, daß die einen spielend +und lachend erhaschten, was die andern mit +Ängsten und Mühen nicht erringen konnten. +Und die Welt kommt nicht vorwärts, wenn +die Dummen nicht mitkommen, dachte er. Und +er machte es sich zur tollkühnen Aufgabe, aus +den Dummen Kluge zu machen; alle sollten +alles lernen; in seiner Schar sollte keiner zurückbleiben. +Herr Drögemüller hielt ihm vor, daß +er im Pensum zurück sei, und das war deshalb, +weil es ihn immer wieder zu den Schwächsten +hinzog, weil ihn immer wieder dies wunderbare +Geheimnis der Dummheit lockte. Er konnte +sich Viertelstunden, halbe Stunden lang mit +solch einem verschlossenen Geiste einkapseln und +das verworrene, zerrissene Gespinst seiner Vorstellungen +mit langsam tastenden Fragen zu +ordnen und zu entwirren suchen; er gab in +einer Oberklasse den geographischen Unterricht, +und er setzte sich vor, nicht zu ruhen, bis alle +die Entstehung der Jahreszeiten aus der +Stellung der Erdachse zur Ekliptik begriffen +hätten, und zuweilen sprang plötzlich aus solch +einem leeren Auge ein Funke wie aus einem +toten Stein, und dann kam aus Asmussens +Augen ein Strahl, und Licht floß zusammen +mit Licht und machte die Erde selig und schön +– aber wenn das Hirn sich dem einen erschlossen +hatte, verschloß es sich dem andern um +so fester, und ob Asmus auch mit zusammengebissenen +<!-- Page 335 --><span class='pagenum'><a name="Page_335" id="Page_335">[335]</a></span> +Zähnen rang und bohrte – er mußte +daran zweifeln, allen seinen Schülern den auf- und +abschwebenden Jahresreigen von Licht und +Schatten verständlich zu machen.</p> + +<p>Dabei quälte ihn mit Recht der Gedanke, +daß er über den Schwachen die Starken vernachlässige +und sie durch den langsamen Gang +des Unterrichts langweilen und unlustig machen +müsse. Aber konnte er sich denn überhaupt allen +so hingeben, wie es geschehen müßte, wenn man +ihm fünfzig, ja sechzig Menschenkinder auf den +Hals lud? Es konnte ja alles nur oberflächliche +Husch- und Pfuscharbeit, nur äußerlicher Bildungsaufputz +werden. Es bemächtigte sich seiner +das Gefühl, daß überhaupt alles töricht und +falsch sei, was er da treibe, und zwar von +der Wurzel aus falsch; von einem tieferen +Grunde her müsse alles anders angefaßt, müsse +auch ganz anderes erstrebt werden. Er erinnerte +sich, daß sein bestes Lernen immer ein Erleben +gewesen sei. Aber dies Lernen in der Schule, +wie er es nach dem herrschenden Formalismus +betreiben mußte, war kein Erleben. Es drang +nicht zum Innersten und Tiefsten des Menschen +hinab. Und er dachte sich einen Menschen, mitten +in den Kampf des Lebens gestellt. Was er +da brauchte – gab ihm das die Schule? <em class="antiqua">Non +scholae sed vitae</em>! hatte es im Seminar geheißen. +Leerer Schall! Das Meiste, was er +den Kindern geben mußte, war nicht Lebensbrot, +waren nicht Lebensworte, nicht Lebenswerte.</p> + +<p><!-- Page 336 --><span class='pagenum'><a name="Page_336" id="Page_336">[336]</a></span> +So hoch ihn sein Optimismus getragen hatte, +so tief versank er jetzt in Mißmut und Verzagen, +und Melancholie bog seinen Mut »wie +eine junge Weide bis an den Rand des Lebens«. +Jene unversiegliche Federkraft aus tiefstem +Lebensgrunde – nun schien sie dennoch versiegt.</p> + +<p>Öfter als sonst bezog er in Gemeinschaft +mit Heide, Goers und Stockelsdorf die Akademie +des Herrn Kuhlmann und war dann nicht selten +der Ausgelassenste von allen; aber seine Scherze +hatten eine Bitterkeit und Schärfe, die die +Freunde oft erstaunt und befremdet aufblicken +ließ. Manchmal verstummte er mitten in der +tollsten Lustigkeit, mitten im eifrigsten Diskurs +und sprach dann den ganzen Abend kein Wort +mehr. Dann hatte ihn das Gefühl überfallen: +Was soll der ganze Unsinn? Darum ging er +auch noch öfter allein ins Wirtshaus. Er hatte +ein abgelegenes Hotel entdeckt, in dessen Speisesaal +er ganz allein den Abend verbringen konnte. +Das liebte er jetzt: ganz allein mit einer Flasche +in einem möglichst großen Saale sitzen und +sinnen und träumen. Nur wenn der Kellner +kam, unterhielt er sich gern eine Weile mit +ihm. Es hatte ihn immer schwer geärgert, wenn +er einen Kellner schlecht und geringschätzig behandelt +sah, wie es ihm überhaupt so schien, +als wenn die Menschen diejenigen, die ihnen +die härtesten und lästigsten Arbeiten abnahmen, +am verächtlichsten behandelten. Er suchte, es +<!-- Page 337 --><span class='pagenum'><a name="Page_337" id="Page_337">[337]</a></span> +an seinem Teile gutzumachen, behandelt die +Kellner nun extra als Gentlemen und gab ihnen +so reichliche Trinkgelder, daß einige, allerdings +wenige von ihnen zuweilen eine abwehrende +Gebärde machten und sagten: »Ooh – lassen +Sie doch – ich habe ja erst vorher bekommen!« +Sie nahmen es aber immer.</p></div> + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 338 --><span class='pagenum'><a name="Page_338" id="Page_338">[338]</a></span> +<a name="XLVI_Kapitel" id="XLVI_Kapitel"></a>XLVI. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Angetrunkene Einfälle, die bei jedem vernünftigen +Menschen nur Kopfschütteln erregen können. Im übrigen +ein Beweis, daß die Optimisten nicht immer Optimisten +sind.</div> + +<p><span class="bigletter">W</span>enn er dann so ganz mit sich allein war, +dann war er vom Kopf bis zu den Füßen +sein Vater Ludwig Semper. Er bemalte dann +die hohen Wände des Saales mit ganzen +Epochen der Geschichte, mit Werken der Dichtkunst +und der Malerei, ließ sich von einem +verdeckten Orchester Symphonien und Ouvertüren +vorspielen, sah sein ganzes Leben durch +den Lichtkreis der einsamen Lampe wandern, +kämpfte mit Schopenhauer gegen Hegel, gab +Unterrichtsstunden, zog plötzlich ein Kuvert oder +eine Rechnung oder sonst einen Zettel aus der +Tasche und notierte sich die Idee zu einem +wundervollen Gedicht oder Drama, das er +schreiben wollte. Auch Gedanken notierte er +sich, die ihm des Aufhebens wert dünkten, und +wenn er nach Tagen oder Wochen bei einem +zufälligen Griff in die Tasche die Zettel wieder +<!-- Page 339 --><span class='pagenum'><a name="Page_339" id="Page_339">[339]</a></span> +hervorholte, knäulte er sie ingrimmig zusammen +und warf sie mit einem gemurmelten »Blech« +oder derberen Worten in den Ofen. Je weiter +der Abend fortschritt und je öfter der Kellner +aufgetreten war, desto eigenwilliger wurden +natürlich seine Gedanken; sie kümmerten sich +schließlich gar nicht mehr um diesen Herrn +Semper, dem sie angeblich entsprungen sein sollten, +und schnitten Gesichter wie losgelassene +Buben. Einige von diesen Aphorismen, die +sich weniger durch dauerhaften Wert als durch +den Zufall erhalten haben, mögen hier Platz +finden und zeigen, welche Art von Luftblasen +in jenen Tagen aus den trüben Wirbeln der +Semperischen Seele aufstiegen.</p> + +<div class="textbody"> +<div class="blockquot"> +<h1>*</h1> + + +<p>Wir nehmen den Sonnenaufgang für ein +Bild des siegenden Lichtes, der erfüllten Hoffnung! +Aber die Sonne blieb, wo sie war; nur +wir drehten uns – um uns selbst.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Ein Goldstück fiel ins Wasser und ging +unter. »Das kommt davon, wenn man nicht +den beständigen Trieb nach oben in sich hat, +wie ich!« rief ein schwimmender Kork.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Wie sie sich blähen, die »Praktischen«, die +»sich nicht mit vagen Zukunftsideen abgeben«! +Fressen sich voll und grinsen über die, die dafür +sorgen, daß auch morgen zu essen da ist.</p> + +<h1>*</h1> + +<p><!-- Page 340 --><span class='pagenum'><a name="Page_340" id="Page_340">[340]</a></span> +So ist alle Arbeit auf der Welt auf das +weiseste verteilt: der eine hält edle Reden, und +der andere handelt darnach.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Wer klug ist und dennoch gut, der ist wahrhaft +gut. Das heißt die Gefahr kennen und +dennoch tapfer sein.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Der Sonntag ist so schön, weil er in sieben +Tagen nur einmal kommt. Er ist schön wie +das Lächeln eines ernsten Menschen.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Man sagt von etwas Unpassendem: »Das +paßt wie die Faust aufs Auge«, und die paßt +doch mitunter so gut dahin!</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Das Leben ist ein langsamer Vergiftungsprozeß.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Dumm und schlecht, – in einer Stunde +der Selbsterkenntnis fand der Mensch für diese +Verbindung das Wort »gemein«.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Aus den Augen des Menschen blickt zuweilen +ein gequältes Tier, das nicht reden kann.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Die Erde ist eine alte Metze, die sich in +jedem Frühling wieder das Gesicht bemalt.</p> + + +<h1>*</h1> + +<p><!-- Page 341 --><span class='pagenum'><a name="Page_341" id="Page_341">[341]</a></span> +Man muß Ambos oder Hammer sein, und +wer keins von beiden sein will, kommt zwischen +beide. Armer Rumolt!</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Wenn die Dummköpfe auf Geist stoßen, so +grinsen sie überlegen.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Manche Brust ist ein Eisschrank, in dem +sich die Gefühle vortrefflich konservieren.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Beethovens fünfte Symphonie, letzter Satz: +Donner der Seligkeit aus aufgerissenen Himmeln.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Die Welt besteht durch Gehorsam; aber +weitergekommen ist sie immer nur durch Ungehorsam.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>»Er ist ein enorm gebildeter Mensch,« sagen +die Leute und meinen damit: Er weiß dasselbe, +was ich weiß.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Was fliegt, ist beliebt; was kriecht, ist verhaßt. +Selbst der Floh ist angesehener als die +Laus; denn er springt.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Ein richtiger Neidhammel beneidet auch eine +erfolgreiche Ballerine, wenn er selbst Professor +der Ethik ist.</p> + + +<h1>*</h1> + +<p><!-- Page 342 --><span class='pagenum'><a name="Page_342" id="Page_342">[342]</a></span> +Man soll die Menschen aufklären, gewiß; +aber es gibt Geister, die durch Rippenstöße geweckt +sein wollen.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Wenn man seine Dummheiten bei der Obrigkeit +rechtzeitig als Heiligtümer anmeldet, genießen +sie gesetzlichen Schutz.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Auf dem Lande gibt es Kollegen, die sich +ein Schwein fett machen. Ich will aufs Land +gehen und mir einen borstigen Menschenhaß +fett machen.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Selbst Herkules hat nur die Ställe des +Augias ausgemistet.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Der Ochse, der tausendmal auf die Weide +getrieben wurde, sammelt freilich »Erfahrungen«. +Aber weniger in der Botanik als im Fressen.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>»Endlich wird mir Genugtuung!« rief die +Distel, da hatte der Blitz die Eiche zerschmettert.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Keine Tiergattung, die so viele und so verschiedene +Varietäten aufweist wie der Hund. +Grenzenloses Akkomodationsvermögen ist ein +Merkmal der Hundenatur.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Ich habe Professoren und Schulmeister +kennen gelernt, die bereitwilligst zugaben, daß +<!-- Page 343 --><span class='pagenum'><a name="Page_343" id="Page_343">[343]</a></span> +Goethe die Formgewandtheit vor ihnen voraus +habe.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Wenn die Könige bau’n und wenn sie niederreißen, +– ein rechter Karrenschieber findet +immer sein Brot.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Das Leben ist das allmähliche Erwachen +eines Gefangenen, der von der Freiheit träumte.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Man kann die größten Dummheiten mit +der Ruhe des Weisen sprechen.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Es gibt Künstler, die ihr Talent in schmale +Riemen zerschneiden, um es auszubeuten. Sie +können es, wie Dido, zu einem ansehnlichen +Grundbesitz bringen.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Es war ein kleines Mädchen, dessen Mutter +hatte man ins Irrenhaus bringen müssen. Und +man stopfte ihm die Hände voll Äpfel und Backwerk, +daß es nicht mehr an die Mutter denken +sollte. Aber es konnte die Mutter nicht vergessen.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Wenn ein Mandrill den Husten hat, so vergißt +man seine Häßlichkeit, oder man ist ein +Ästhet und Hallunke.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Niemand ist vor seinem Tode ein Goethe, +sagte der Professor.</p> + + +<h1>*</h1> + +<p><!-- Page 344 --><span class='pagenum'><a name="Page_344" id="Page_344">[344]</a></span> +Schon bei der Geburt tritt der Mensch in +etwas, das man Leben nennt.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Italien scheint mir ein alter, zerfallener +Gorgonzola unter einer wunderschönen Kristallglocke +zu sein.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>O, dieses Korsett! Man glaubt ein Weib +zu umarmen und man umarmt einen Hummer.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Die Ratte hat keinen Freund – das könnte +mich zu ihrem Freunde machen.</p> + +<h1>*</h1> + +<p>Bei jedem schweren Gange sage dir dies: +Bei Abschied und Wiederkehr sind die Leute da +mit Hurra und Trara – den langen, bittern +Weg mußt du allein gehen.</p> +</div></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 345 --><span class='pagenum'><a name="Page_345" id="Page_345">[345]</a></span> +<a name="XLVII_Kapitel" id="XLVII_Kapitel"></a>XLVII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus wird stutzig und entsagt der sündigen Gewohnheit, +aber mit Maß. Er erfährt eine überraschende Neuigkeit.</div> + +<p><span class="bigletter">W</span>ohl kam ihm in besinnlicheren Augenblicken +der Gedanke, ob dies verwegene Spiel mit +seiner Kraft auch gesund sei; aber dann zog +er einfach einen Zettel aus der Tasche und +schrieb darauf:</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Was wären wir, wenn wir immer unserer +Gesundheit lebten! Nicht einmal gesund!« und +dann war diese Angelegenheit einstweilen erledigt. +Auch erwog er öfters den Gedanken, +ob es nicht köstlicher, lohnender, vernünftiger +sei, langsam und fröhlich zu verlumpen, als in +dieser Welt zu wirken und zu streben.</p> + +<p>»Ich fuhr einmal auf einer Rutschbahn,« +schrieb er, »und das sausende Fahrzeug glitt +zuletzt in die hochaufschäumenden Wasser eines +Sees. So köstlich ist der Leichtsinn: die Sinne +schwindelt’s, die Gedanken vergehen, und hochauf +spritzen und schäumen die Fluten des Lebens!«</p> + +<p>Und wenn das Fahrzeug ein bißchen zu +tief eintauchte und umschlug – war’s denn +<!-- Page 346 --><span class='pagenum'><a name="Page_346" id="Page_346">[346]</a></span> +schlimm? Er sah seinen toten Bruder vor sich, +seinen Bruder Leonhard, der an seinem Leichtsinn +zugrunde gegangen war. Aber gewiß hatte +er auch manche schäumende, tanzende, wirbelnde +Stunde genossen! Es kam darauf an, was das +Gescheitere war. »Sehen Sie, das ist so verschieden,« +hatte eines Morgens ein Mann in +einem verruchten Nachtlokal zu ihm gesagt, »der +eine ißt gern Rebhühner und der andere möchte +gern ein Ehrenmann sein.« Der Mann, der +das sagte, war ihm freilich zuwider gewesen.</p> + +<p>Im Geschlecht der Semper tauchte hie und +da ein Hang zur Verschwendung auf. Wie +wär’s, wenn man sich selbst verschwendete! Sich +selbst mit Bewußtsein langsam zerstören und +mit forschenden Augen alle Schauer und Schönheit, +alle Tollheit und Tragik des eigenen Unterganges +kosten! Da müßte man in sich und in +den andern Dinge sehen, die auf der Hauptstraße +des Lebens nicht gezeigt wurden. Es +machen wie jener Zöllner, den er bei seinem +Freunde Diepenbrock auf dem Sofa hatte liegen +sehen: wochenlang immer trinken und sinken, +trinken und sinken ins Bodenlose hinab, und +dann wieder emporsteigen zu Goethe, Shakespeare +und Dante! Hinabsteigen in alle Tiefen +des Lumpentums; mit Laster und Verbrechen +auf du und du stehen und im Innersten +doch der bleiben, der man war, bis zum +Tod! Das müßte sein wie eine Entdeckungsfahrt +von gefahrumwitterter Romantik. Das +<!-- Page 347 --><span class='pagenum'><a name="Page_347" id="Page_347">[347]</a></span> +waren seine Gedanken, wenn er durchs Kneipenfenster +in die aufzuckende Morgenröte starrte +und immer noch ein neues Glas bestellte. +Und im Graus des Sinkens und Untergehens +zuweilen an <em class="gesperrt">sie</em> denken, die er vor kurzem +am Arm ihres Verlobten lachend über die +Straße hatte gehen sehen! Dann mischte sich +Morgengrauen und Morgenröte, wie in der +traurigen Freude dieser Morgenstunden, wenn +er zurückgelehnten Hauptes in den Himmel +starrte. Mit der steigenden Sonne aber überfiel +ihn oft ein plötzliches Frösteln, dann +fühlte er sich namenlos elend, und einmal in +solch einer Stunde machte ein Gedanke ihn +stutzig. Im Rausch fühlte er sich glücklich, stolz, +von Kraft geschwellt und leicht wie auf Schwingen, +zu jeder großen Tat bereit und zu jedem +herrlichen Werke geschickt. Wenn er sich aber +am nachfolgenden Tage die Freuden seines Rausches +erinnernd zurückrufen wollte, so fehlte ihm +jede Vorstellung, jede Freude an der Freude; +die Stunden des Rausches waren ihm eine leere, +tote Zeit. Er wußte wohl, daß er sich gefreut +hatte an dem Kaleidoskop seiner Phantasien; +aber er konnte diese Freude nicht zurückrufen. +Warum war das nicht so mit andern Freuden, +mit den Freuden der Kindheitsspiele, des +Studierzimmers, der Kunst, der Wanderung in +Feld und Flur? Da war jede Freude ein anderer +Genius mit anderem Angesicht, mit Augen, die +schöner werden mit jeder Erinnerung, da war +<!-- Page 348 --><span class='pagenum'><a name="Page_348" id="Page_348">[348]</a></span> +jede Freude ein unverlierbarer, ein wachsender +Besitz! Und nachdenklich zog er die Rechnung, +auf der seine Zeche stand, aus der Tasche und +schrieb auf die Rückseite:</p> + +<p>»Der Rausch ist ein liebloser Gastfreund; +er spendet nicht das Gastgeschenk der Erinnerung.«</p> + +<p>Und als er bald darauf eines Morgens +unmittelbar von der Schenke in die Schule +ging – er blieb immer Herr seines Handelns +und gab nach solchen Nächten oft seine besten +Stunden – aber als er nun mit einem aus +Hohlheit und Übersättigung gemachten Gefühle +vor den Kindern stand und in rotwangige Gesichter, +in klare Augen sah, die in der Schönheit +und Hoffnung des jungen Morgens zu ihm +kamen, da sagte er leise, aber ihm selbst hörbar, +vor sich hin:</p> + +<p>»Nun ist es genug.«</p> + +<p>Nein, man blieb nicht, der man war, und +die Romantik der Verlumpung war eine Lüge. +Er hatte Abschied von ihr genommen.</p> + +<p>Frau Rebekka hatte über seine nächtlichen +Ausflüge genug geklagt und gejammert; ihre +Gardinenpredigten konnten sich neben den besten +ihrer Gattung hören lassen, und mütterliche +Gardinenpredigten mögen wohl noch eindringlicher +sein als eheliche, weil sie aus selbstloseren +Gründen entspringen. Rebekkens Bemühungen, +auch ihren Gatten zu solchen Predigten aufzumuntern, +<!-- Page 349 --><span class='pagenum'><a name="Page_349" id="Page_349">[349]</a></span> +blieben freilich ganz erfolglos. Ludwig +antwortete im Geiste seiner Philosophie:</p> + +<p>»Laß ihn, was soll ich ihm sagen!«</p> + +<p>»Ja, wenn ich dir das erst sagen soll – +wenn du das nicht selbst weißt –!« rief Frau +Rebekka. »Merkwürdig! ’n Mann, der den +Kopf voll Gelehrsamkeit hat und alle Sprachen +spricht –«</p> + +<p>»Nicht alle,« versetzte Ludwig trocken –</p> + +<p>»– und verlangt von mir, daß ich ihm +sage, was er sagen soll!«</p> + +<p>»Ja, ich bin zu dumm dazu,« sagte Ludwig +mit seinem Lächeln.</p> + +<p>»Ach Gott, mit dir ist ja kein Auskommen!« +rief Rebekka, lief in die Küche hinaus und klagte +laut den Tellern und Töpfen ihr Leid.</p> + +<p>Ludwig und Asmus Semper verband nun +einmal aus Vordaseinszeiten her ein Vertrauen, +das die sorgende Frau Rebekka nicht begreifen +konnte.</p> + +<p>Übrigens beabsichtigte Asmus keineswegs, +die Welt- und Fleischeslust in sich zu ertöten +und auf die Freuden eines geselligen Trunkes +prinzipiell zu verzichten. Und er hatte es nicht +zu bereuen, daß er an einem vielverheißenden +Vorfrühlingstage in die Kuhlmännische Akademie +ging. Er traf dort seinen Kollegen Mansfeld, +eben jenen Herrn, der eine Pensionärin +Namens Hilde Chavonne im Hause hatte. Asmus +schwankte, ob er sich zu ihm setzen solle; aber +<!-- Page 350 --><span class='pagenum'><a name="Page_350" id="Page_350">[350]</a></span> +eine eigentümliche Gewalt zog ihn fast gegen +seinen Willen an denselben Tisch.</p> + +<p>»Sie sollten sich mal mein neuestes Bild +ansehen,« sagte Mansfeld, der in seinen Mußestunden +malte, im Laufe des Gesprächs. »Kommen +Sie mit und essen Sie mit uns zu Abend. +Meine Frau wird sich freuen.«</p> + +<p>»O,« stammelte Asmus, »das ist sehr +liebenswürdig, ich komme natürlich gern einmal +– aber heute hab’ ich eine wichtige Sitzung, +bei der ich auf keinen Fall fehlen darf.«</p> + +<p>»Das ist was anderes,« sagte Mansfeld.</p> + +<p>Die Rede kam aber doch bald auf die Pensionärin, +und Asmus fragte mit glänzend aufgepuffter +Munterkeit und mit einem sehr kunstreichen +Lächeln:</p> + +<p>»Na, wie geht’s ihr denn?«</p> + +<p>»Na, – soso lala!«</p> + +<p>»Wieso?« rief Asmus erblassend. »Ist sie +nicht glücklich?«</p> + +<p>»Dscha – wie man’s nehmen will. Ihre +Verlobung ist ja zurückgegangen, das wissen +Sie doch?«</p> + +<p>»Zurück –?« Asmus war aufgesprungen. +»Zurückgegangen? Ich weiß kein Wort. Ich +bitte Sie – warum?« Er hatte sich wieder +gesetzt.</p> + +<p>»Gott – das arme Kind – sie hat eine +schwere, traurige Kindheit verlebt und von den +Menschen nicht viel Gutes erfahren. Vater und +Mutter sind tot; als ihr da einer von Liebe +<!-- Page 351 --><span class='pagenum'><a name="Page_351" id="Page_351">[351]</a></span> +sprach, schmolz ihr das weiche Herz und sie +glaubte, das Glück wär’ endlich da!«</p> + +<p>»Nun – und? Was weiter?« Asmus bog +sich immer weiter über den Tisch.</p> + +<p>»Nach wenigen Wochen erkannte sie, daß +sie sich geirrt hatte, vollkommen geirrt. Übrigens +ein braver, ordentlicher Kerl, aber nicht das, +was das Herz einer Hilde Chavonne braucht. +Entschlossen und mutig, wie sie bei all ihrer +Milde ist, trug sie ihrem Verlobten die Lösung +des Verhältnisses an. Und er, wie er kein Mann +für sie war, hatte wohl auch nicht erkannt, was +er an ihr besaß; er erklärte sich schließlich einverstanden.«</p> + +<p>Und so weit Asmus sich vorgebeugt hatte, +so weit lehnte er sich jetzt zurück und blickte +schweigend vor sich hin.</p> + +<p>Wenn eine lange getragene Last von uns +abfällt, fühlen wir erst, wie schwer sie gewesen +ist. Auf seinen Soldatenmärschen hatte er Mantel +und Tornister, Helm, Patronen und Waffen als +etwas Selbstverständliches ohne Murren getragen; +aber wenn er, in die Kaserne zurückgekehrt, +alles abgelegt hatte, dann hatte er +gefühlt, wie schwer die Bürde gewesen. Ganz +so war es ihm jetzt, ganz so; denn es war +ihm, als habe es ihm auf Hirn, auf Nacken +und Schultern gedrückt.</p> + +<p>»Übrigens,« rief er ganz unvermittelt und +wurde über und über rot, »da fällt mir ein: +<!-- Page 352 --><span class='pagenum'><a name="Page_352" id="Page_352">[352]</a></span> +die Sitzung ist ja erst morgen. (Ein Geschickterer +würde vielleicht gesagt haben: In acht +Tagen!) Wenn Sie Ihre Einladung nicht bereuen, +nehm’ ich sie jetzt noch an.«</p> + +<p>Mansfeld unterdrückte ein Lächeln und erklärte, +daß ihm nichts erfreulicher sein könne +als dieser Entschluß. Und Asmus ging mit.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 353 --><span class='pagenum'><a name="Page_353" id="Page_353">[353]</a></span> +<a name="XLVIII_Kapitel" id="XLVIII_Kapitel"></a>XLVIII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">»Wiederum tanzt eine Salome: wiederum heischt sie das +Haupt des Johannes.« +<br /> +<span style="margin-left: 20em;">Johannes Chrysostomos</span> +</div> + + +<p><span class="bigletter">A</span>ls die beiden Männer in das Wohnzimmer +traten, fanden sie Frau Mansfeld mit einer +Handarbeit, Fräulein Chavonne mit den Vorbereitungen +zum Unterricht des folgenden Tages +beschäftigt. Die junge Dame saß mit dem Rücken +gegen das Licht; aber gleichwohl glaubte Asmus +zu bemerken, daß sie erschrecke und erblasse. +Zwar lächelte sie, als sie ihm dann die Hand +gab; er zweifelte aber doch nicht daran, daß +er ihr unangenehm und unwillkommen sei. +Mansfeld holte sein Bild hervor, und Asmus +nahm es in Augenschein; wäre er verpflichtetes +Mitglied einer Jury gewesen, so würde der +gute Mansfeld wohl nicht allzuviel Schmeichelhaftes +zu hören bekommen haben; aber abgesehen +davon, daß Asmus sich durchaus nicht +als Kenner fühlte, gehörte er nicht zu jenen +»unentwegten« Bekennern, die die Wahrheit +auch dann sagen, wenn sie nur verletzt und +keinem nützt; er machte also dem harmlosen +<!-- Page 354 --><span class='pagenum'><a name="Page_354" id="Page_354">[354]</a></span> +Dilettantismus Mansfeldens neben einigen +Ausstellungen ein paar balsamische Komplimente.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Nach dem Abendessen sagte Mansfeld: »Ich +habe Sie so lange nicht gehört – möchten Sie +nicht ein Gedicht sprechen?«</p> + +<p>Asmus, ohne sich zu zieren, stand auf und +sprach, zwar in Hinblick auf die Anwesenheit +der Damen mit einiger Befangenheit, »Des +Sängers Fluch«. Frau Mansfeld war eine +überaus fleißige und praktische Frau und ließ +auch während des furchtbarsten Fluches die +Häkelnadel nicht ruhen; Hilde aber, die inzwischen +zu einer Stickerei gegriffen hatte, ließ +schon nach den ersten Versen die Hände in den +Schoß sinken und horchte mit großen Augen. +Nun schlug Mansfeld vor, man möchte doch +jede Woche einmal zusammenkommen und etwas +Gutes lesen, namentlich Dramatisches; er komme +fast nie ins Theater, und Asmus setzte für +nächsten Mittwoch »Emilia Galotti« aufs Repertoire. +Frau Mansfeld indessen, die die Claudia +lesen sollte, lehnte jede Beteiligung entschieden +ab; sie wollte mit dem Theater nichts zu tun +haben. Sie konnte sich nicht verstellen; sie war +Frau Mansfeld aus Hamburg und nicht Claudia +Galotti aus Italien, und überdies wußte sie +ganz gut, daß in dem Stück ein junges Mädchen +verführt werden sollte. So etwas paßte +sich nicht für eine Lehrersfrau, und im Grunde +ihres Herzens mochte sie es etwas »frei« von +dem Fräulein Chavonne finden, daß es sich +<!-- Page 355 --><span class='pagenum'><a name="Page_355" id="Page_355">[355]</a></span> +auf Asmussens Bitte bereit erklärte, sogar das +zu verführende Mädchen selbst zu verkörpern. +Asmus las den Prinzen und Appiani, Mansfeld +den Marinelli und den Odoardo; aber es ging +doch nicht. Dieser las nämlich den Marinelli +wie einen stellungsuchenden Schneidergesellen, +und sein Odoardo wäre durch ein gutes Glas +Bier mit Leichtigkeit zu besänftigen gewesen. +Er sah das auch selbst ein, und Asmus widersprach +seiner Selbstkritik mit keinem Wort. Einig +waren alle darin, daß Fräulein Chavonne die +Angst Emiliens und die Eifersucht der Gräfin +Orfina vorzüglich gelesen habe. Asmus war +überrascht: hatte sie schon einmal Eifersucht +empfunden? Es war etwas Echtes und Elementares +in ihrem Vortrag gewesen.</p> + +<p>Von nun an mußte Asmus allein lesen, +und als man dahinter gekommen war, daß er +plattdeutsch reden könne wie ein Oldensunder +Bauernjunge und wie ein Hamburger Ewerführer, +da mußte er Groth und Reuter lesen. +Und als er die nun las, da machte er eine +wundersame Entdeckung: Hilde Chavonne konnte +lachen! Natürlich hatte er sie auch sonst schon +lachen sehen; aber immer hatte nur ein Teil +ihres Wesens gelacht, und nur ein kleinerer +Teil; der tiefe, fast traurige Ernst ihres Wesens +hatte immer das Übergewicht behalten; es war +immer ein Lachen mit ernstem Grundton gewesen, +nicht jenes Lachen des ganzen Menschen, +das aus dem Mittelpunkt unseres Wesens elementar +<!-- Page 356 --><span class='pagenum'><a name="Page_356" id="Page_356">[356]</a></span> +hervorbricht und alle unsere Seelen- und +Körperteile kräftig durcheinander zu schütteln +scheint. Und sie selbst schien beseligt, berauscht +von der Entdeckung dieser Kraft wie ein Kind, +dem man zur Weihnacht beschert; wenn er den +Blick vom Buche erhob und in ihr lachendes +Gesicht sah, dann glühten ihn zwei jauchzende +Augen an, und niemand hätte sagen können, +ob es Lust oder Dankbarkeit sei, was ihnen +den feuchten Schimmer gab. Wenn er aber +von traurigen Dingen las und – anfangs zufällig, +bald mit Absicht – die Augen über den +Rand des Buches hinausgehen ließ, dann sah +er ihre Augen auf sich ruhen, als wäre es +<em class="gesperrt">sein</em> Leid und <em class="gesperrt">sein</em> Kummer, von dem er +gelesen. Und obgleich die beiden Mansfeld ein +dankbares Publikum waren, dachte er bald bei +allem, was er las, nur das eine: Wie wird +es <em class="gesperrt">ihr</em> in die Seele klingen? fühlte er bei +jedem Wort den unhörbaren Widerhall <em class="gesperrt">ihres</em> +Herzens.</p> + +<p>Es ist klar, daß ein Ereignis oder eine +Erwägung, die ihn von den Mittwoch-Besuchen +hätte zurückhalten können, bald zu den undenkbaren +Dingen gehörte. Zu Hause und unter +den Freunden, in Konzert und Theater, in +Wissenschaft und Kunst gab es keine Freuden, +und am allerwenigsten gab es unter dem himmlischen +Gezelte Naturerscheinungen, die ihn hätten +hindern können, am Mittwoch nachmittag nach +dem ländlichen Vororte hinauszupilgern, in dem +<!-- Page 357 --><span class='pagenum'><a name="Page_357" id="Page_357">[357]</a></span> +die Mansfelds wohnten. Die altgeheiligte Ordnung +des Wochenreigens hatte sich verkehrt; +der Mittwoch war zum Sonntag geworden. +Sehr schlau bemerkte Frau Rebekka eines Tages +mit dem Scharfblick des Weibes und der Mutter: +»Da bei den Mansfelds, da muß ein Magnet +sein.«</p> + +<p>Mit dem Magnet hatte es seine Richtigkeit. +Wenn der Sommernachmittag gar zu verlockend +ins Fenster lachte, ließen sie Bücher +Bücher sein, wanderten zu vieren hinaus nach +Eppendorf, Lokstedt oder Niendorf und ergaben +sich auf einer Wiese dem Reifenspiel. Von den +Freundinnen Hildes hatte er gehört, daß ihr +Turnlehrer sie immer vor allen gerühmt habe +wegen ihrer Anmut; eines Tages, als sie sich +zu schwach gefühlt und sich von der kaum erfaßten +Reckstange wieder hatte fallen lassen, da +hatte der Lehrer gerufen: »Fräulein Chavonne +fällt sogar mit Grazie vom Reck!« Asmus +konnte dem Manne nur von ganzem Herzen +recht geben, und wie der »Magnet« beim Lesen +seine Blicke, seine Stimme, seine Gedanken anzog, +so flogen ihm jetzt die meisten der Reifen +zu, die Asmus zu versenden hatte, wenn er +auch galant genug war, sich hin und wieder +der gnädigen Frau zu erinnern.</p> + +<p>Ein Spiel auf grünem Rasen in heller +Sommerluft, das war nun ohnehin für das +Herz des Asmus ein ununterbrochener Freudentanz; +als er nun aber auch noch das liebliche +<!-- Page 358 --><span class='pagenum'><a name="Page_358" id="Page_358">[358]</a></span> +Mädchen mit seinen schmalen Füßen, in flatterndem +Gewande über den sonnengrünen Teppich +hüpfen sah, da schien ihm, daß die Welt +wohl überhaupt schön sei, daß sie aber noch nie +so schön gewesen sei wie an diesem Tage. Anmut +der Bewegung und körperliche Geschicklichkeit +waren nicht seine Stärke; aber mit dem, +was er konnte, kokettierte er redlich, und er +hatte das Gefühl, daß er plötzlich mehr könne, +als er sich zugetraut. Freilich, bei einem unparteiischen +Zuschauer würde auch Hilde Chavonne +den Verdacht erweckt haben, daß ihr der +Eindruck ihrer Sprünge und Tanzschrittchen +nicht gleichgültig sei, und daß sie wie jedes +junge, schöne, tanzende Weib um den Kopf eines +Mannes tanze.</p> + +<p>Und gewiß hätte Asmus ihr lieber seinen +Kopf auf einer Schüssel entgegengetragen, als +ihr von Liebe zu sprechen. Wenn es sich auf +dem Heimwege traf, daß sie allein nebeneinander +gingen, dann begann wieder jenes wunderlich-närrische +Doppelspiel von Lippen und Herzen, +das sie schon damals, nach Asmussens einmaligem +Auftreten als König getrieben hatten. +Sie sprachen über einen Roman oder über eine +Schulverordnung oder über ein Sonnentaugewächs, +das sie gefunden, oder über eine +Wolkenbildung, und mit allem, was sie sagten, +meinten sie: »Ich liebe dich – ich liebe dich!« +Es war eine Chiffresprache, die sie redeten. +»Dieser Weg führt nach Bahrenfeld,« bedeutete +<!-- Page 359 --><span class='pagenum'><a name="Page_359" id="Page_359">[359]</a></span> +soviel wie: »Du bist ein entzückendes Geschöpf!« +»Die Linden haben ausgeblüht« sollte +heißen: »Ich möchte dich küssen;« aber keiner +hatte den Schlüssel zur Sprache des andern. +Das Herz des Asmus drängte, raunte, flüsterte +ihm zu wie ein eifriger Souffleur: »Sag’ es +ihr, sag’ es ihr, tu den Mund auf – es ist +gar nicht schwer – und sag: »Süße Hilde, +ich hab’ dich lieb!« – »Wie kann ich denn ‘du’ +zu ihr sagen!« erwiderte Asmus. »Meinetwegen +sag’ <ins class="correction" title=" +Anführungszeichen nach ‘Sie’ ergänzt">‘Sie’«</ins>, +entgegnete das Herz, »aber +sag’ etwas!«, und dann tat Asmus wirklich +den Mund auf und sagte: »Jetzt wird ja auch +bald der neue Bahnhof eröffnet.« Sie war +doch zu hoch, zu heilig; sie <em class="gesperrt">konnte</em> sich an +einem Menschen wie ihm nicht genügen lassen. +Sie hatte es ja auch bewiesen, als sie sich verlobte. +An ihm war sie vorbeigegangen.</p> + +<p>Endlich, endlich kam eine prächtige Gelegenheit, +dem Herzen Luft zu machen. Mansfeld +hatte mit seinen Schülern einen Ferien-Ausflug +unternommen, und Asmus und die Damen +hatten sich angeschlossen. In einer hübschen +Gartenwirtschaft, die den freundlichen Namen +»Zum Morgenstern« führte, hielt man Rast, und +Hilde hatte sich daran gemacht, die gepflückten +Feldblumen zu einem Strauße zu ordnen, als +Asmus zu ihr trat. Mansfeld und Frau waren +abseits mit den Kindern beschäftigt.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 360 --><span class='pagenum'><a name="Page_360" id="Page_360">[360]</a></span> +<a name="XLIX_Kapitel" id="XLIX_Kapitel"></a>XLIX. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus Semper wird streitsüchtig, wettet, lügt, vergreift +sich an Goethe und benimmt sich feige.</div> + +<p>»<span class="bigletter">W</span>o haben Sie die Calluna gepflückt?« fragte +Asmus, indem er einen Zweig der Glockenheide +aufnahm.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Im Moor. Aber das ist nicht Calluna, +das ist Erika.«</p> + +<p>»Das ist Calluna.«</p> + +<p>»Das ist Erika.«</p> + +<p>»Das ist Calluna.«</p> + +<p>»Das ist Erika.« Sie lachten beide.</p> + +<p>»Das Heidekraut ist Erika, und Calluna ist +die Glockenheide,« sagte Asmus. Er hatte sich’s +inzwischen überlegt und wußte, daß sie recht +habe; aber er fand es viel hübscher, mit ihr +zu streiten.</p> + +<p>»Im Gegenteil,« lachte sie, »die Glockenheide +heißt Erika.«</p> + +<p>»Wetten?« rief Asmus.</p> + +<p>»Ja!« Ihre Augen leuchteten.</p> + +<p>»Um was?« +</p> + +<p><!-- Page 361 --><span class='pagenum'><a name="Page_361" id="Page_361">[361]</a></span> +Sie machte plötzlich ein ernstes Gesicht und +sagte zögernd:</p> + +<p>»Wenn Sie verlieren, müssen Sie mir ein +Gedicht schenken. Das ist wohl schrecklich unbescheiden, +nicht wahr?« fügte sie schnell hinzu.</p> + +<p>»Ich fürchte, es ist nur allzu bescheiden,« +sagte Asmus. »Und was geben Sie mir, wenn +ich rechte habe?«</p> + +<p>»Das – weiß ich noch nicht – das findet +sich dann,« sagte sie errötend.</p> + +<p>Am Abend hatte er es fast eilig, von ihr +fort zu kommen, damit er zum Dichten komme. +Sie wollte ein Gedicht von ihm! War das +nicht ein Zeichen von Liebe? Ach nein, ach nein. +Andere Damen hatten ihn auch schon darum +gebeten, sicherlich, ohne ihn zu lieben. Die +Mädchen prunken gern mit dergleichen – so +weit kannte er die Mädchen auch. Freilich: +so war <em class="gesperrt">sie</em> nun eigentlich nicht....</p> + +<p>Einen Augenblick dachte er, er wolle ein +Akrostichon auf ihren Namen machen, weil das +so schön deutlich sei. Aber er schalt sich sofort +darüber aus: »Erstens ist es läppisch und keine +Dichtung, und zweitens wäre es nicht mehr deutlich, +sondern frech.« Er nahm nun eine Maske +vor, die Maske eines Mannes, der sich aus +dieser Welt des Alltags nach der Welt der Romantik, +nach der Zeit der schönen Melusinen, +der Minnesinger und der Ritter sonder Furcht +und Tadel sehnt, und schloß sein Ottaverimengebäude +also:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<!-- Page 362 --><span class='pagenum'><a name="Page_362" id="Page_362">[362]</a></span> +<span class="i0">»Wie schlüg’ ich gern, ein schwertgewandter Ritter,</span> +<span class="i0">Mit leichtem Mut mein Leben in die Schanze,</span> +<span class="i0">Wie schwäng’ ich gern im Schlachtenungewitter</span> +<span class="i0">Für der Bedrückten Recht die wucht’ge Lanze!</span> +<span class="i0">Vor Raubverließen sprengt’ ich Wall und Gitter</span> +<span class="i0">Und kehrte heim mit wohlverdientem Kranze.</span> +<span class="i0">Dann blühte mir, die Frucht von blut’gen Saaten,</span> +<span class="i0">In starker Brust das stolze Glück der Taten.</span> +</div> +<div class="stanza"> +<span class="i0">Wie gern ... doch still! Es öffnen sich die Zweige –</span> +<span class="i0">Ein leises Knistern über meinem Haupte –</span> +<span class="i0">Ich forsche, daß der süße Mund sich zeige,</span> +<span class="i0">Der so verstohlen-leisen Kuß mir raubte –</span> +<span class="i0">Du bist’s Geliebte! Komm hervor und neige</span> +<span class="i0">Dein Haupt mir zu, das frühlingsgrün-umlaubte!</span> +<span class="i0">Verlassen hat ein schöner Traum die Lider –</span> +<span class="i0">Die schön’re Wirklichkeit erkenn’ ich wieder!</span> +</div> +<div class="stanza"> +<span class="i0">Mich trog ein alter Wahn – bis ich erwachte</span> +<span class="i0">In deinem Arm, im heimatlichen Walde! –</span> +<span class="i0">Ob je so schön wie heut’ herüberlachte</span> +<span class="i0">Der Silberstrom, die farbenreiche Halde? –</span> +<span class="i0">Auch heut’ bekämpf’ ich kühn, was ich verachte,</span> +<span class="i0">Zwar nicht als Ritter, doch als freier Skalde;</span> +<span class="i0">O sieh zum Horizont die Sonne gleiten:</span> +<span class="i0">Noch lebt die Schönheit wie in alten Zeiten!«</span> +</div></div> + +<p><!-- Page 363 --><span class='pagenum'><a name="Page_363" id="Page_363">[363]</a></span> +Ob das zu kühn war? Ach nein – jedenfalls: +vor dem Tintenfaß hatte er Mut; er +schrieb es auf sein schönstes Papier, schob es +in einen feinen Briefumschlag, liebkoste jeden +Buchstaben ihres Namens mit den Augen, als +er die Adresse schrieb, und ging zum Briefkasten. +Als der Brief schon halb in der Spalte +des Kastens steckte, zauderte er einen Augenblick. +Sollte er’s wagen? Aber ein höherer +Wille stieß ihm an den Ellbogen, und der Brief +fiel hinein.</p> + +<p>Asmus seufzte tief auf. Das war ein entscheidender +Schritt, dachte er. –</p> + +<p>Schon am übernächsten Morgen hatte er +einen Brief.</p> + +<div class="blockquot"> +<p> +»Sehr geehrter Herr Semper!<br /> +</p> + +<p>Haben Sie innigsten Dank für das +wunderschöne Gedicht! Ich hab’ es schon viele +Male gelesen, und jedesmal gefällt es mir +besser. Aber wetten darf ich nicht wieder mit +Ihnen; denn solchen Einsätzen vermag ich +nichts entgegenzustellen.</p> + +<p>Ich werde Ihr Gedicht an sicherer Stelle +verwahren.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 4em;">Mit schönsten Grüßen</span><br /> +<span style="margin-left: 8em;">Ihre sehr ergebene</span><br /> +<span style="margin-left: 12em;">Hilde Chavonne.«</span><br /> +</p> +</div> + + +<p>Beim ersten Lesen schien ihm der Brief eine +feurige Liebeserklärung; beim zweiten schien er +ihm nur noch eine Liebeserklärung, und je öfter +<!-- Page 364 --><span class='pagenum'><a name="Page_364" id="Page_364">[364]</a></span> +er ihn las, desto mehr wurde er sich klar, daß +diesen Brief auch jede andere Dame geschrieben +haben könnte. Jede? Nun ja, er war sehr +freundschaftlich gehalten; aber gute Freunde +waren sie ja schließlich wohl. »Ich werde Ihr +Gedicht an sichrer Stelle verwahren!« das konnte +heißen: Ich werde es am Busen tragen – es +konnte aber auch heißen: Ich werde es in meiner +Kommode verschließen. Und dann der Satz: +»Aber wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen!« +Sie gab ihm zwar eine sehr bescheidene Begründung; +aber konnte nicht auch ein feiner +Verweis darin liegen: Du bist zu dreist gewesen!? +Freilich: da stand: »Mit <em class="gesperrt">schönsten</em> +Grüßen Ihre <em class="gesperrt">sehr</em> ergebene.« Das war sehr +viel! Aber eine steife, »zippe« Hamburgerin, +die den Herren nur die Fingerspitzen reicht und +beim Gruß nur mit der Hutfeder nickt, war +sie ja überhaupt nicht, obwohl sie in Hamburg +geboren war. Und »Ihre <em class="gesperrt">ganz</em> ergebene« stand +nicht da ...</p> + +<p>Als er sie wiedersah – es war an einem +Sonntagmorgen – fühlte er wohl bald an ihrem +Dank und ihrem Geplauder, daß sie an einen +»Verweis« nicht gedacht haben könne; aber sie +trug ein weißes Morgenkleid mit rosa Bändern, +und darin sah sie nun aus wie eine Königin +der Lilien! Ach, armer Asmus! Du hast im +Ernste geglaubt, solch ein Weib könnte für <em class="gesperrt">dich</em> +blühen? Dies Kleid schlug all seine Hoffnungen +nieder. +</p> + +<p><!-- Page 365 --><span class='pagenum'><a name="Page_365" id="Page_365">[365]</a></span> +Und so war er denn genau so weit wie +vordem. Zum Glück ließ die Wirkung des +Kleides, als er die Trägerin nicht mehr vor +Augen hatte, nach, und er gelangte zu dem +Ergebnis: Ich muß noch einmal mit ihr +wetten!</p> + +<p>Er traf sie bei seinem nächsten Besuch mit +einer zierlichen Arbeit beschäftigt. Auf ein +weißes Blatt legte sie in mehreren Schichten +nacheinander schöne Blätter der verschiedensten +Pflanzen, und nach jeder Lage besprengte sie +das Ganze mit einer dünnen Sepialösung. +Wenn alles beendigt war, kam ein anmutiges +Bukett der reizendsten Blattformen zum Vorschein. +Es war eine Arbeit, die nicht viel Kunst, +wohl aber Sorgfalt und Geschmack erforderte.</p> + +<p>Als sie nahezu beendet war, betrachtete Hilde +ihr Werk mit geneigtem Kopfe und sagte:</p> + +<p>»Die Grazien sind leider ausgeblieben.«</p> + +<p>Halt, dachte Asmus, das ist eine Gelegenheit.</p> + +<p>»Sagt Schiller,« fügte er hinzu. Er wußte +ganz genau, daß er sich an Goethe vergriff.</p> + +<p>»Ist das nicht von Goethe?« fragte sie, +einen Augenblick durch seine Bestimmtheit unsicher +gemacht.</p> + +<p>»Nein, von Schiller.« Da wurde er +doch rot.</p> + +<p>»Doch – es ist aus »Tasso!« rief sie.</p> + +<p>»Keine Spur. Von Schiller ist es.« +</p> + +<p><!-- Page 366 --><span class='pagenum'><a name="Page_366" id="Page_366">[366]</a></span> +Sie lachte: »Fangen Sie schon wieder an?«</p> + +<p>»Wollen wir wetten, daß es von Schiller +ist?« rief er.</p> + +<p>Sie wurde purpurrot und rief: »Ja!«</p> + +<p>»Um was?«</p> + +<p>»Wenn Sie unrecht haben – nein, es wäre +zu unbescheiden!«</p> + +<p>»Sie können nicht unbescheiden sein.«</p> + +<p>»Ein Gedicht? Wollen Sie?«</p> + +<p>»Mit Freuden. Und wenn Sie unrecht +haben?«</p> + +<p>»Was verlangen Sie dann?«</p> + +<p>Asmus hob die eben vollendete Arbeit auf. +»Dieses Blatt!«</p> + +<p>»Nicht dies, aber ein besseres!«</p> + +<p>Dann holte sie den Tasso vom Bücherbrett, +konnte aber die Stelle nicht sofort finden.</p> + +<p>»Darf ich?« fragte Asmus. »<em class="gesperrt">Wenn</em> es +drinsteht, werd’ ich es bald finden.« Er blätterte +einen Augenblick. »Wahrhaftig, Sie haben +recht! Tasso sagt es vom Antonio.«</p> + +<p>Sie triumphierte. – – –</p> + +<p>Diesmal fiel sein Gedicht deutlicher aus. +Es war etwas herkömmlich im Ton, etwas heine-geibelig +sozusagen; aber deutlich war es.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wir standen auf hoher Warte</span> +<span class="i0">In klarer Sommerluft;</span> +<span class="i0">Tief unten lag die Erde</span> +<span class="i0">In lauter Glanz und Duft.</span> +</div> +<div class="stanza"> +<!-- Page 367 --><span class='pagenum'><a name="Page_367" id="Page_367">[367]</a></span> +<span class="i0">Und über unsern Häuptern</span> +<span class="i0">Der Himmel hoch und hehr</span> +<span class="i0">Ein unergründlich tiefes,</span> +<span class="i0">Ein weites, blaues Meer!</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Es strebte mein Geist zum Himmel</span> +<span class="i0">Und strebte zur Erde auch:</span> +<span class="i0">Ihn lockte die himmlische Reine,</span> +<span class="i0">Der irdische Wonnenhauch.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Fern waren Erd’ und Himmel;</span> +<span class="i0">Du aber warst bei mir,</span> +<span class="i0">Und haften blieb mein Auge,</span> +<span class="i0">Das sehnende – an dir. –</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Du bringst mir irdische Wonnen</span> +<span class="i0">Auf rosigen Lippen dar;</span> +<span class="i0">Es fließt der Schönheit Zauber</span> +<span class="i0">Von deinem goldnen Haar.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Du trägst des Himmels Reinheit</span> +<span class="i0">Und Frieden im Angesicht;</span> +<span class="i0">Treu glänzen deine Augen</span> +<span class="i0">Wie seiner Sterne Licht.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Vergessen die prangende Erde,</span> +<span class="i0">Vergessen das himmlische Zelt!</span> +<span class="i0">In dir halt ich umfangen</span> +<span class="i0">Den Himmel, die Erde – die Welt!«</span> +</div><div class="stanza"> +</div></div> + +<p>Er hatte erst schreiben wollen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Von deinem <em class="gesperrt">braunen</em> Haar«</span> +</div></div> + +<p>aber das schien ihm denn doch zu deutlich, und +er machte ein goldenes Haar daraus; dann +<!-- Page 368 --><span class='pagenum'><a name="Page_368" id="Page_368">[368]</a></span> +konnte sie das ganze Gedicht auch auf eine +andere beziehen. Daß man hübschen jungen +Mädchen keine solchen Gedichte schenkt, wenn sie +sich auf andere beziehen, das fiel ihm nicht ein. +Seine geistige Begabung lag auf anderen Gebieten.</p> + +<p>Als er den Briefumschlag mit der Zunge +feuchtete, hielt er plötzlich inne und starrte vor +sich hin. War es nicht eigentlich unwürdig, ihr +das Gedicht so hinterrücks durch den Postboten +zuzustellen? War es nicht männlicher, +einfach vor sie hinzutreten und zu sagen: Hier +ist das Gedicht!? Aber, wenn Sie’s dann las +– nein, nein, nein, nein! Dann war es noch +männlicher, ihr ins Gesicht zu sagen: »Hilde +Chavonne, ich liebe dich!« und das konnte er +eben nicht. War das Feigheit? O, wenn es +nicht Hilde, wenn es Drögemüller wäre, dann +wollte er schon zeigen, daß er offen und mutig +die Stirn zeigen konnte. Aber Hilde – – +wenn das feige war, dann war es eben feige, +daran war nichts zu ändern. Er schloß den +Brief und steckte ihn ein. Aber als er ihn +fallen hörte, da war’s ihm, als höre er auch +sein Herz in den Kasten fallen. Es war doch +eine Riesenkühnheit. Wenn sie jetzt zürnte – +nun, dann liebte sie ihn nicht, dann war alle +Hoffnung zu Ende.</p> + +<p>Wenn sie ihm aber nicht zürnte – was +war damit bewiesen?</p> + +<p>Eigentlich nichts. – Nun, man würde ja +sehen.</p></div> + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 369 --><span class='pagenum'><a name="Page_369" id="Page_369">[369]</a></span> +<a name="L_Kapitel" id="L_Kapitel"></a>L. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Der Verfasser durchbricht aus Wut über seinen Helden +die Kunstform.</div> + +<p><span class="bigletter">D</span>er nächste Tag war ein Mittwoch; mit klopfendem +Herzen trat er zu den Mansfeld +ins Zimmer – sie war nicht da. Ein schlimmes +Zeichen. Sonst war sie immer dagewesen. +Das Gespräch mit den Mansfeld wollte nicht +in Gang kommen. Endlich, nach einer Viertelstunde, +die Sempern zu einer Ewigkeit angeschwollen +war, trat das Fräulein herein. Sie +wollte unbefangen erscheinen; aber alle Anstrengung +half ihr nichts; sie wurde blutrot +und senkte den Blick, als sie Asmussen die Hand +gab und ihm sagte:</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Ich danke Ihnen <em class="gesperrt">sehr</em>!«</p> + +<p>Dann flog ein Engel durchs Zimmer. Und +noch einer. Und noch einer. Hilfreiche Engel +waren es nicht; denn sie halfen dem blutschwitzenden +Asmus auch nicht mit einem Wörtchen +aus. Endlich half er sich selbst, indem +er heftig das linke Bein über das rechte schlug +(genau wie Ludwig Semper). Das half. +</p> + +<p><!-- Page 370 --><span class='pagenum'><a name="Page_370" id="Page_370">[370]</a></span> +»Sonnabend wird der ‘Freischütz’ gegeben, +in einer vorzüglichen Besetzung,« rief er, und +wußte selbst nicht, warum er so laut sprach. +Man kam überein, daß man gemeinsam hingehen +wolle; die Unterhaltung kam in Fluß; +Hilde nahm daran teil und sprach auch mit +Asmus, sogar unter freundlichem Lächeln. Böse +war sie nicht, das stand nach diesem Lächeln +fest; aber sonst –</p> + +<p>Ja, sonst war er immer noch auf dem alten +Fleck. Wie konnt’ es auch anders sein. Konnte +sie nach diesem Gedicht zu ihm kommen und +sagen: »Ihr Antrag ehrt mich« oder: »Ich +teile vollkommen Ihre Gefühle; hier ist meine +Hand?« Es war eine ganz verteufelte Sache. +<em class="gesperrt">Sie</em> mußte einmal eine Wette verlieren, und +dann würde sich ja zeigen, was <em class="gesperrt">sie</em> ihm schenkte! +Als er daheim in seiner Zelle diesen Gedanken +erwog, brachte ihm der Postbote ein dünnes +Paket.</p> + +<p>Ihre Handschrift!</p> + +<p>Er riß die Umhüllung herunter und fand +eine Mappe, die auf beiden Deckeln allerliebste +Blattsträuße in zahlreichen und zarten Abstufungen +von Sepia-Braun zeigte. Ein Briefchen +dabei!</p> + +<div class="blockquot"> +<p> +<span style="margin-left: 2em;">Werter Herr Semper!</span><br /> +</p> + +<p>Da Sie Gefallen an der Spielerei fanden, +so sende ich Ihnen diese Mappe, die +sich vielleicht durch Aufbewahrung von Notizen +<!-- Page 371 --><span class='pagenum'><a name="Page_371" id="Page_371">[371]</a></span> +und dergl. nützlich machen kann. Sie +soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; +eine solche Gabe zu lohnen, bin ich leider +außerstande.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 4em;">Mit den herzlichsten Grüßen</span><br /> +<span style="margin-left: 10em;">Ihre dankbare</span><br /> +<span style="margin-left: 12em;">Hilde Chavonne.«</span><br /> +</p></div> + +<p>»Sie liebt mich!« jubilierte Asmus in seinem +Herzen. »Sie beschenkt mich! Und wie beschenkt +sie mich! Wie reich, mit welcher Sorgfalt +ist das gemacht! Mit Goldpapierstreifen +umrändert! Mit weißseidenen Bändern gebunden!« +Und wie zärtlich schrieb sie, wie +liebevoll!</p> + +<p>Er nahm den Brief wieder her – ein ganz +zarter Duft ging mit diesen Zeilen, ein kaum +merkbarer, aber ein feiner, milder, warmer +Duft! <ins class="correction" title="‘ durch » ersetzt">»<em class="gesperrt">Werter</em></ins> Herr Semper« schrieb sie. Also +er war ihr wert! Und »Sie soll keine Vergeltung +für Ihr Gedicht sein; eine solche Gabe +zu lohnen, bin ich leider außerstande – –!«</p> + +<p>Hm. Es fiel ihm plötzlich auf, daß das +zweierlei bedeuten könne. Es konnte heißen: +Das Gedicht ist so schön, daß ich ihm nichts +Gleichwertiges gegenüberstellen kann, wie man +den Wert eines echten Kunstwerks (»wenn dies +eins wäre!« klammerte Asmus ein) überhaupt +nicht mit materiellen Gütern ausmessen kann. +Aber die Liebe eines Menschen war doch gewiß +etwas Gleichwertiges, ja, war unendlich +<!-- Page 372 --><span class='pagenum'><a name="Page_372" id="Page_372">[372]</a></span> +viel mehr – sollte das bedeuten: »Den Lohn, +du dir denkst – meine Liebe – kann ich dir +nicht gewähren«? – O, o, o, wie der ganze +Brief gleich anders aussah! »<em class="gesperrt">Werter</em> Herr +Semper,« das war viel legerer als »<em class="gesperrt">Sehr +geehrter</em> Herr Semper«, viel weniger achtungsvoll. +– Und »Da Sie Gefallen an der +Spielerei fanden« – sie legte der ganzen Sache +keinen Wert bei; es war ein Nichts – warum +sollte sie es ihm nicht schenken – dann waren +sie quitt, und sie war ihm nichts mehr schuldig –</p> + +<p>O diese verteufelte Auslegung, o diese verwetterten +Ausleger! Sie verhunzen die frischesten +Offenbarungen der Menschenseele! Durch +»Exegese« verhunzte er sich dieses Geschenk eines +Mädchens, das mit vor Bangen, vor Eifer, +vor Freude bebenden Händen Tage und Nächte +an diesem Kunstwerk gebaut hatte, bei jeder +Linie, jedem Bändchen voll Hoffnung, daß sie +ihm gefallen, voll Sorge, daß sie ihm mißfallen +möchten!</p> + +<p>Freilich: Mädchenbriefe wie dieser sind geschrieben, +um Liebe ganz zu offenbaren und +ganz zu verbergen, und es war kein Wunder, +daß Asmus diese Sprache noch nicht verstand. +Er ahnte zum Beispiel nicht, daß das Wort +»Notizen« mit »Gedichte« zu übersetzen war und +daß der ganze Satz bedeuten sollte: »Wenn du +Verse geschrieben hast, leg’ sie in diese Mappe; +das wird mir sein, als dürft’ ich selbst sie +hegen.« +</p> + +<p><!-- Page 373 --><span class='pagenum'><a name="Page_373" id="Page_373">[373]</a></span> +Das Schicksal war dem Zauderer günstiger, +als er es eigentlich verdiente. Am »Freischütz«-Abend +folgten die Mansfeld einer Einladung, +die sie nicht ablehnen konnten, und Asmus saß +allein neben der Stillgeliebten! Er saß neben +ihr, und da die billigen Plätze sehr schmal +waren, saß er sogar recht dicht neben ihr, in +beständiger Berührung mit ihrem Kleid, und +einmal, als ihr der Zettel entfallen war und +sie ihn aufheben wollte, streifte sogar ihr Haar, +ihr köstliches Haar seine Wange! Solche weihevollen +Berührungen entzückten ihn tief und entmutigten +ihn ganz. Denn je herrlicher sie war, +desto weniger wagte er sie zu begehren; ihm +war, als solle er in einen hochumgitterten +Schloßgarten gehen und dort die seltenste +Blume brechen. Eine tiefe Demütigung müßte +die Folge sein.</p> + +<p>Aber schon ungestört mit ihr zu plaudern, +war warmes, heimliches Glück. Er erzählte ihr, +wie er als Knabe auf seinem Puppentheater +den »Freischütz« gespielt habe und wie ihm das +Liebste daran die Wolfsschlucht mit dem feurigen +Rad und allem Teufelsspuk gewesen sei.</p> + +<p>»Wenn ich ehrlich sein soll,« sagte er, »ich +freue mich noch heute auf die Wolfsschlucht, und +jeden Tag möcht’ ich mir wieder ein Puppentheater +bauen und damit spielen. Freilich: auf +die Musik freu’ ich mich noch ganz anders. +Wenn die ganze deutsche Nation zugrunde ginge +und nur der »Freischütz« erhalten bliebe, könnte +<!-- Page 374 --><span class='pagenum'><a name="Page_374" id="Page_374">[374]</a></span> +man aus dieser Oper alle Eigentümlichkeiten +der deutschen Seele erkennen.«</p> + +<p>Sie hatte den »Freischütz« noch nicht gehört, +war überhaupt noch nicht oft im Theater gewesen; +ihre Kindheit hatte ihr solche Freuden +nicht gewährt, und nun beglückte es ihn, wie +sie mit frommer Begierde Musik, Wort und +Bild in sich einsog, und er war grenzenlos stolz, +ihr Führer sein zu dürfen.</p> + +<p>Als sie den Heimweg durchs Dunkel antraten, +bot er ihr seinen Arm. Das durfte man +wagen. Wie leicht sie an seinem Arme hing! +Er hätte gewünscht, daß sie sich ganz auf ihn +stützte, sich ganz von ihm tragen ließe. Während +er ihr von Oberon, Euryanthe und Preziosa +erzählte, dachte er ununterbrochen: Soll +ich ihr’s jetzt sagen? Nein, nein, lautete die +Antwort. Wenn es sie erschreckte, bekümmerte, +beleidigte? In welcher Pein würde das arme +Mädchen den Rest des Weges zurücklegen; in +welche Pein würdest du dich selber stürzen! Du +hast heute die Pflicht des Ritters, du hast dafür +zu sorgen, daß sie unbehelligt und auf möglichst +angenehme Weise nach Hause komme – es wäre +ein unzarter Mißbrauch der Gelegenheit, sie +jetzt mit einer Liebeserklärung zu überfallen. +Beim Abschied vor ihrer Tür, dann willst du’s +ihr sagen. Und beim Abschied sagte er:</p> + +<p>»Haben Sie tausend, tausend Dank für den +wunderschönen Abend!« +</p> + +<p><!-- Page 375 --><span class='pagenum'><a name="Page_375" id="Page_375">[375]</a></span> +»Ich habe Ihnen zu danken!« rief sie. »Der +Abend wird mir unvergeßlich sein.« Sie zögerte +einen Augenblick. – »Gute Nacht.«</p> + +<p>»– Gute Nacht.«</p> + +<p>Unmittelbar darauf dachte er: Das war eine +Gelegenheit! Sie ist unwiederbringlich verpaßt.</p> + +<p>Unwiederbringlich? Wie er es zuvor mit +der Methode der Wetten versucht hatte, so versuchte +er es jetzt mit der Methode des gemeinsamen +Theaterbesuchs. Eine Woche später sollte +der »Vampyr« von Marschner gegeben werden. +Er hatte eine Schwäche für diese Oper, gerade +wegen ihres verschrieenen schaurig-romantischen +Stoffes. Er liebte das Düstre, Grauenvolle +wie das Sonnig-Behagliche, das starrend Erhabene +wie das Komisch-Gemütliche, bis zum +Putzigen und Ulkigen herab, wie er alle Tage +und Nächte, alle Lichter und Schatten der Welt +liebte. Er liebte Dante Alighieri und Fritz +Reuter, und er haßte die flachköpfigen Ästhetiker, +die beim Aufbau ihrer Systeme immer +eines vergaßen, entweder den Dante oder den +Reuter.</p> + +<p>Frau Mansfeld mocht’ es im stillen unpassend +finden, daß ein junges Mädchen mit +einem ihm nicht verlobten jungen Manne allein +ins Theater ging und sich von ihm nach Hause +geleiten ließ. Aber solche Ängste kannte Hilde +nicht; sie hatte nur die feine Erziehung, die +ein feines Herz gibt. Also holte sie jubelnd +ihr Portemonnaie und zahlte Asmussen eine +<!-- Page 376 --><span class='pagenum'><a name="Page_376" id="Page_376">[376]</a></span> +Mark zwanzig auf den Tisch; denn soviel +kostete der Eintritt zum dritten Rang.</p> + +<p>Aber der »Vampyr« hatte genau dieselbe +Wirkung wie der »Freischütz«, insofern, als +Asmus sich wieder vor Hildens Tür mit nichts +als einem (zwar bewegten Herzens gesprochenen) +Danke verabschiedete und sich dann auf dem +einsamen Heimwege mit Vorwürfen und nicht +gerade schonenden Titulaturen überhäufte.</p> + +<p>Und auch der Verfasser kann nicht umhin, +hier zum Entsetzen aller Literaturaufseher »die +Kunstform zu durchbrechen« und der Leserin +zu versichern, daß er ihre Entrüstung über diesen +Herrn Semper vollkommen teilt. Aber was +soll der Verfasser tun? Er kann seinen Helden +nicht anders machen, als er ist.</p> + +<p>Endlich brachte ein trüber, wolkenschwerer +Novemberabend die Entscheidung.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 377 --><span class='pagenum'><a name="Page_377" id="Page_377">[377]</a></span> +<a name="LI_Kapitel" id="LI_Kapitel"></a>LI. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Von rauschenden Bächen <ins class="correction" +title="Original: 'in'">im</ins> Winter.</div> + +<p>»<span class="bigletter">H</span>eute <em class="gesperrt">soll</em> +es sich entscheiden,« hatte sich Asmus +gesagt. Er hatte sie eingeladen, mit +ihm in Zacharias Werners »Martin Luther +oder die Weihe der Kraft« zu gehen. Er liebte +das Stück durchaus nicht, fand es schwülstig, +verworren und langweilig; aber jetzt war ihm +schon jedes Mittel recht; er wäre mit ihr ins +Theater gegangen, und wenn man dort den +Jahresbericht der Handelskammer rezitiert +hätte. Auf dem Heimwege sprachen sie nur +wenig; jede Unterhaltung kam bald ins Stocken; +wie eine Vorahnung lag es auf beiden. Sie +waren der Wohnung Hildens schon ziemlich +nahe, als Asmus, das Herz im Halse, mit +leiser Stimme fragte:</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Sind Sie mir eigentlich böse, Fräulein +Chavonne?«</p> + +<p>»Warum sollte ich Ihnen böse sein?« fragte +sie ebenso leise, mit starren Augen geradeausblickend. +Und alles, was sie noch sprachen, +klang leise wie der Regen, der gleichmäßig +<!-- Page 378 --><span class='pagenum'><a name="Page_378" id="Page_378">[378]</a></span> +herabtroff und gegen den sie keinen Schutz begehrten.</p> + +<p>»Sie haben mir eigentlich kein Wort über +mein letztes Gedicht gesagt,« begann Asmus +wieder. »Da glaubte ich, daß Sie mir zürnten.«</p> + +<p>»Wie wäre das möglich?« sprach sie noch +leiser, mit bebender Stimme.</p> + +<p>Wiederum schwiegen sie eine kurze Weile.</p> + +<p>Ihr Kopftuch hatte sich verschoben, und um +es zu ordnen, zog sie leise ihren Arm aus dem +seinen. Im selben Augenblick ließ er seinen +Arm sinken; ihre Hände berührten sich, und +Asmus faßte Hildens Hand.</p> + +<p>Nun ist es ein seltsames Ding: Arm in Arm +gehen die fremdesten Menschen miteinander; +aber Hand in Hand gehen nur Kinder und +Liebende. Ein höherer Wille hatte ihre Hände +ineinander gelegt und gesagt: Ich will, daß +ihr euch findet.</p> + +<p>Das gab Asmus Sempern einen heiligen +Mut, und zitternd sprach er:</p> + +<p>»Fräulein Chavonne – haben Sie mich +lieb?«</p> + +<p>Sie blieb stehen und schien zu wanken. Sie +konnte nicht sprechen.</p> + +<p>Da legte er den Arm um sie, damit er sie +stütze, und sprach noch leiser:</p> + +<p>»Hilde, hast du mich lieb?«</p> + +<p>Ihr Kopf sank an seine Schulter, und sie +sagte: »Ja.«</p> + +<p><!-- Page 379 --><span class='pagenum'><a name="Page_379" id="Page_379">[379]</a></span> +Und er wagte nicht, ihr den Kopf aufzuheben; +denn es schien ihm, daß sie ruhte. Aber +dann hob sie von selbst den Kopf und sah ihn +aus leuchtenden, weinenden Augen an. Und +er zog sie fester an sich und preßte seine Lippen +in einem langen, langen Kusse auf ihren edlen, +frischen, roten Mund.</p> + +<p>Sie waren nur noch zehn Minuten von +Hildens Hause entfernt; aber sie brauchten zu +diesem Wege noch zwei Stunden. Denn immer +wieder gingen sie in weitem Bogen um das +Haus herum, obwohl ein unaufhörlicher feiner +Regen herabrieselte. Sie freuten sich unbewußt +dieses Regens; er kam herab wie sanfte Linderung +einer langen Sehnsucht. Es schien ihnen +auch, als brauche man nun um nichts mehr zu +sorgen, als hätten sie nun des Glückes genug +und brauchten nichts mehr als solch ein stilles, +seliges ewiges Wandern.</p> + +<p>Sie sprachen nur wenig, und wenn sie +sprachen, so war es fast immer dasselbe:</p> + +<p>»Hast du mich lieb, hast du mich wirklich, +wirklich lieb?«</p> + +<p>»Ja, ich hab’ dich lieb – so lange schon, +ach, wie lange schon.«</p> + +<p>Ganz, ganz anders waren sie schon wenige +Tage darauf. Frost und Schnee waren hereingebrochen +mit Macht, und Asmus schlug ihr +einen Ausflug »ins Grüne« vor. Nach dem +»Quellental« wollten sie wandern und die +Elbe hinab. Ludwig Semper würde zu diesem +<!-- Page 380 --><span class='pagenum'><a name="Page_380" id="Page_380">[380]</a></span> +Ausflug »bei dieser Kälte« lange den Kopf geschüttelt +haben, wenn er darum gewußt hätte; +aber darin folgte sein Sohn ihm nicht; Winterwanderungen, +die liebte er vor allen andern; da +gab es einen Kampf mit Frost und Wind, und +wenn er dann durchgekämpft war, dann glühte +in Wangen und Herzen eine ganz besondere, eine +ganz wundersame Wärme auf, die war ganz +anders als Lenz- und Sommerglut. Es war +eigenes, selbstentzündetes Feuer! Und wie heilig +schön die Winterwelt! Seltsam: die ersten +Lieder, die der Zauber der Natur ihm entrungen +hatte, waren Winterlieder gewesen. Aber +er sang sie nicht in Wehmut und Trauer; der +Winter war ihm Andacht und Stille, niemals +Tod; denn in seinem Herzen glomm wie eine +ewige Lampe die Gewißheit des Frühlings. +So kam es denn ganz von selbst, daß Asmus, +als sie auf frostklingenden Wegen dahinschritten +und sein schüchternes Schnurrbärtchen von lauter +Eisnadeln starrte, also zu singen anhob:</p></div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Die linden Lüfte sind erwacht,</span> +<span class="i0">Sie säuseln und weben Tag und Nacht;</span> +<span class="i0">Sie schaffen an allen Enden.</span> +</div></div> + +<p>und daß er erschrak, als Hilde in ein lautes +Lachen ausbrach.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Herr Professor, Herr Professor, es ist +Winter!« rief sie; da verstand er sie und lachte +nun auch aus vollem Halse; weil sie aber so +ganz besonders schön lachte, küßte er sie sieben +<!-- Page 381 --><span class='pagenum'><a name="Page_381" id="Page_381">[381]</a></span> +Mal auf den winterfrischen Mund, und dabei +lachten sie, weil das Lied so gar nicht paßte, +und ihre Augen wurden feucht, weil es doch so +gut paßte.</p> + +<p>Nun fand er Gefallen an dieser Antithese, +und während der Schnee unter ihren Füßen +knirschte, sang er:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Wie herrlich leuchtet</span> +<span class="i0">Mir die Natur,</span> +<span class="i0">Wie glänzt die Sonne,</span> +<span class="i0">Wie lacht die Flur!</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Es dringen Blüten</span> +<span class="i0">Aus jedem Zweig</span> +<span class="i0">Und tausend Stimmen</span> +<span class="i0">Aus dem Gesträuch!</span> +</div></div> + + +<p>und dann warf er ihr ganz sachte und heimtückisch +ein Häuflein Schnee zwischen Hals und +Kragen.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Sie kreischte auf und schüttelte sich, und +dann sah sie ihn mit einem langen Blick, mit +einem Lächeln voll Wehmut und Staunen in +die Augen. Sie bestaunte dies Wunder einer +Fröhlichkeit, die sie in ihrem Leben noch nie +gesehen hatte, die sie auch bei ihm nicht vermutet +hatte; denn er war ihr meistens in ernster +Stimmung entgegengetreten. Diese Lustigkeit +berauschte sie, daß sie mit beiden Händen seinen +Kopf ergriff und ihm das Gesicht mit Küssen +bedeckte. – –</p></div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<!-- Page 382 --><span class='pagenum'><a name="Page_382" id="Page_382">[382]</a></span> +<span class="i0">Ich hört’ ein Bächlein rauschen</span> +<span class="i0">Wohl aus dem Felsenquell</span> +</div></div> + +<p>sang er.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Wo?« rief sie lachend.</p> + +<p>Da legte er wieder den Arm um sie und +sagte: »Überall. Überall hör’ ich Quellen +rauschen. Hörst du sie <em class="gesperrt">nicht</em>?«</p> + +<p>Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt +und die Augen geschlossen. »Hier laß mich +liegen bleiben und träumen und immerfort deine +Stimme hören und gar nicht wieder aufwachen.«</p> + +<p>Er neigte sich zu ihrem Ohr, wiegte sie +sanft in seinen Armen hin und her und sang +mit leiser, leiser Stimme:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Horch, horch, die Lerch’ im Ätherblau!</span> +<span class="i0">Und Phöbus, neu erweckt,</span> +<span class="i0">Tränkt seine Rosse mit dem Tau,</span> +<span class="i0">Der Blumenkelche deckt,</span> +<span class="i0">Der Ringelblume Knospe schleußt</span> +<span class="i0">Die hellen Äuglein auf:</span> +<span class="i0">Mit allem, was da reizend ist,</span> +<span class="i0">Du süße Maid, wach auf!</span> +</div></div> + + +<p>Da machte sie langsam – weit – weit die +Augen auf, und ihre Augen waren tiefernst.</p> + +<p>»Du bist ein böser Mensch,« sagte sie. +»Weißt du, daß du ein böser Mensch bist? +Ein Zauberer bist du!« und sie riß sich fast +ängstlich von ihm los und lief ein groß Stück +Weges <ins class="correction" title="Original: vorauf">voraus</ins>.</p> + +<p><!-- Page 383 --><span class='pagenum'><a name="Page_383" id="Page_383">[383]</a></span> +Kurz vor dem Quellental hatte er sie wieder +eingeholt und den Arm um ihre Hüfte gelegt. +Und so schritten sie andächtig hinein in einen +kristallenen Dom von uralten Bäumen.</p> + +<p>Hier wohnt ein Gedicht, dachte Asmus; +denn die Gedichte wohnten ihm wie Dryas und +Oreas in Bergen, Bäumen und Grotten, in +Wiesen und Quellen. Wenn es sich zeigen wollte, +dachte er. Da hauchte es ihm ins Ohr:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Wo vom nahen Strauch ein Vöglein schwebt</span> +<span class="i0">Stummen Fluges durch die träge Luft,</span> +<span class="i0">Und vom kaum gebog’nen Zweig der Schnee</span> +<span class="i0">Lautlos fällt auf Schnee .....</span> +</div></div> + +<p>Und Asmus lächelte dankbar und heimlich. +Dann kamen sie vor die auf geringer Erhöhung +liegende Mooshütte mit der Inschrift: »<em class="antiqua">Hoc +erat in votis</em>« und gingen hinein. Aber es +war ihnen zu warm und dumpfig drinnen; sie +mußten wieder hinaus. Und bei der eingefrorenen +Quelle, die am Abhang der kleinen +Erhöhung entspringt, warf er seinen Mantel in +den Schnee, lud sie zum Niedersitzen und setzte +sich ihr zu Füßen. Er mußte heute immerfort +singen. Und während von den Zweigen ringsherum +von Zeit zu Zeit der Schnee in silbernen +Trauben fiel, sang er:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Der Reimer Thomas lag am Bach,</span> +<span class="i0">Am Kieselbach bei Huntley-Schloß.</span> +<span class="i0">Da sah er eine blonde Frau,</span> +<span class="i0">Die saß auf einem weißen Roß.</span> +</div></div> + +<p><!-- Page 384 --><span class='pagenum'><a name="Page_384" id="Page_384">[384]</a></span> +»Eine braune Frau!« rief sie mit anmutig +gespieltem Schmollen.</p> + +<p>»Eine blonde Frau,« versetzte er.</p> + +<p>»Eine braune Frau.«</p> + +<p>»Eine blonde Frau.«</p> + +<p>»Hast du schon einmal eine blonde Frau +geliebt?« fragte sie ängstlich forschend.</p> + +<p>»Ich habe keine Frau geliebt vor dir.«</p> + +<p>Dann sah sie lange vor sich hin und sagte:</p> + +<p>»Wie schrecklich dumm bin ich gewesen.«</p> + +<p>»Du?«</p> + +<p>»Ja. Weißt du, daß ich einmal furchtbar +eifersüchtig gewesen bin?«</p> + +<p>»Eifersüchtig?«</p> + +<p>»Ja, auf das reizende blonde Mädchen, mit +dem du zusammen sangst, auf dem Fest in der +‘Treue’ –«</p> + +<p>»Auf die kleine Lizzy?«</p> + +<p>»Ja. Ich hatte ja immer geglaubt, daß ich +dir gleichgültig sei; aber als ich euch sah und +singen hörte, mit solcher Begeisterung, und als +eure Stimmen so innig zusammenklangen – +das gab mir den Gnadenstoß. Bald darauf +verlobte ich mich, weil ich mich von allen verlassen +fühlte – aus Trauer – aus Bangigkeit +– aus Trotz – ich weiß es nicht mehr.«</p> + +<p>»Auch aus Trotz?« fragte er.</p> + +<p>»Ja, ja, – o, du darfst mich um des Himmels +willen nicht für so gut halten wie du +es tust – ich bin lange nicht so gut, wie du +glaubst –«</p> + +<p><!-- Page 385 --><span class='pagenum'><a name="Page_385" id="Page_385">[385]</a></span> +»Du?« sagte er langsam, indem er das +edle Oval ihres Gesichtes mit schwärmenden +Blicken umschrieb:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Du bist die Himmelskönigin,</span> +<span class="i0">Du bist von dieser Erde nicht.</span> +</div></div> + +<p>Da lachte sie laut auf, und mit warnend +erhobenem Finger sang sie:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ich bin die Himmelsjungfrau nicht,</span> +<span class="i0">Ich bin die Elfenkönigin.</span> +<span class="i0">Nimm deine Harf’ und spiel und sing</span> +<span class="i0">Und laß dein schönstes Lied erschall’n!</span> +<span class="i0">Doch wenn du meine Lippe küßt,</span> +<span class="i0">Bist du mir sieben Jahr verfall’n.</span> +</div></div> + +<p>Asmus sprang auf und warf sich auf die +Knie:</p></div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Wohl, sieben Jahr zu dienen dir,</span> +<span class="i0">O Königin, das schreckt mich kaum!</span> +<span class="i0">Er küßte sie –</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">da küßte er sie –</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0"><span style="margin-left: 12em;">sie küßte ihn –</span></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">da küßte sie ihn.</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>»Kein Vogel singt im Eschenbaum,« rief +Asmus, »aber das schadet nichts; wir können’s +ja selbst.«</p> + +<p>Dann sprangen sie auf; Asmus schüttelte +seinen Mantel, daß die Flocken stoben, warf +ihn sich um und stürmte im Galopp den abschüssigen +Weg hinab ins dichtere Gehölz hinein, +und im Galoppieren sang er laut:</p></div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<!-- Page 386 --><span class='pagenum'><a name="Page_386" id="Page_386">[386]</a></span> +<span class="i0">Sie ritten durch den grünen Wald,</span> +<span class="i0">Wie glücklich da der Reimer war!</span> +<span class="i0">Sie ritten durch den grünen Wald</span> +<span class="i0">Bei Vogelsang und Sonnenschein –</span> +</div></div> + +<p>und als sie ihn einholte und von hinten her +die Arme um seinen Hals schlang, da legte er +den Kopf zurück, daß Wange an Wange lag, +und sang:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Und wenn sie leis am Zügel zog,</span> +<span class="i0">Dann klangen hell die Glöckelein.</span> +</div></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 387 --><span class='pagenum'><a name="Page_387" id="Page_387">[387]</a></span> +<a name="LII_Kapitel" id="LII_Kapitel"></a>LII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Hilde verliebt sich in Semper den Älteren, bekennt sich +zu Chamisso und entpuppt sich als eine alte Bekannte.</div> + +<p><span class="bigletter">M</span>it der Bekanntmachung ihrer Verlobung +hatten sie es nicht im geringsten eilig; ob +die Welt sie für Brautleute hielt oder nicht, +war ihnen beiden grenzenlos gleichgültig. Aber +seinen Eltern wollt’ er’s nicht länger verbergen, +obwohl ihn Zweifel befielen, wie sie es aufnehmen +würden. Eigentlich zweifelte er nur an +dem Beifall seiner Mutter. Ludwig Semper, das +wußte er, so leer ihm das Haus ohne seinen +Asmus werden mochte, würde Asmussens Erwählte +willkommen heißen, bevor er sie gesehen; +aber Rebekka –? Mütter sind eifersüchtig, und +überdies war er erst 23 Jahre! Sie wird +schelten, dachte er. Aber sie schalt nicht; sie +schüttelte nur den Kopf und sagte: »Junge, +Junge, du bist ja noch so jung!«</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Aber Mutter!« rief Asmus lachend und +faßte sie bei beiden Schultern, »du hast ja auch +jung geheiratet!«</p> + +<p>»Ja, das war damals auch ganz anders!« +rief sie.</p> + +<p><!-- Page 388 --><span class='pagenum'><a name="Page_388" id="Page_388">[388]</a></span> +Ludwig Semper konnte dieser Geschichtsauffassung +nicht beipflichten; er wußte noch, wie +junge Herzen schlagen, und sagte, Asmus möge +seine Braut am Sonntag nur mitbringen.</p> + +<p>Und an diesem Sonntag feuchtete er keinen +Tabak an und grübelte er nicht; er hatte seinen +guten schwarzen Rock angezogen und ein feines +weißes Tuch umgelegt – denn ein gesteifter +Kragen durfte ihm nicht an den Hals kommen +– und ging munter und aufgeräumt im Hause +umher, und wenn er sich allein wußte, sah er +mit strahlenden Augen in die Ferne und summte +vor sich hin: »Tränen, vom Freunde getrocknet.« +Und als es hieß: »Sie kommen!« und die +Tür aufging und Asmus rief: »Da ist meine +Braut!« da stand Ludwig Semper da wie ein +herrlicher, gütiger Nordlandskönig, dem sein +Erbe die junge Königin zuführt; er streckte +seine warme kräftige Hand aus und sagte +nichts als:</p> + +<p>»Seien Sie uns herzlich willkommen!«</p> + +<p>Aber als sie sein Lächeln sah, mußte sie +ihm entgegenlächeln wie sein eigenes Kind, war +alle Befangenheit von ihr gefallen wie ein +Schleier, wußte sie ganz, daß sie aufgenommen +sei in den Frieden des Hauses. Rebekkas Willkommen +war ganz anders. Sie rannte geschäftig +hin und her und bemühte sich um den Gast, +als sei er von einer mehrjährigen Nordpolfahrt +heimgekehrt und müsse mit allen erfindbaren +Mitteln aufgetaut, gewärmt, getränkt und gespeist +<!-- Page 389 --><span class='pagenum'><a name="Page_389" id="Page_389">[389]</a></span> +werden. Ein bißchen Eifersucht saß ihr +wohl trotzdem im Herzen; aber schon beim dritten +Besuche Hildens sagte sie ganz von selbst:</p> + +<p>»Du bist ein süßes Geschöpf!«</p> + +<p>Hilde aber sagte schon nach ihrem ersten +Besuche auf dem Heimwege zu Asmus:</p> + +<p>»Du, ich will dich nicht mehr; ich will deinen +Vater heiraten.«</p> + +<p>»Nun ja,« sagte Asmus trocken, »sprechen +Sie mit meiner Mutter. Sie ist nun wohl gute +vierzig Jahre mit ihm verheiratet und ist mit +ihm nie auf einen grünen Zweig gekommen; +aber ich glaube nicht, daß sie ihn losläßt.«</p> + +<p>»Da hat sie recht,« sprach Hilde, »den gäbe +ich auch nicht her.«</p> + +<p>Nach einiger Zeit bat sie um die Erlaubnis, +»Vater« und »Mutter« sagen zu dürfen, und +Ludwig und Rebekka waren froh und stolz, zu +ihren acht Kindern noch ein so feines und liebes +hinzu zu bekommen. Sie hatten inzwischen noch +eine Tochter bekommen, ohne sie zu kennen. +Johannes Semper hatte aus Amerika geschrieben, +daß er dort ein Weib genommen. Das +hatte die Alten gefreut; aber Rebekka hatte dazu +geweint und gesagt: »Nun werden wir ihn wohl +nicht wiedersehen.« Asmussen schnitt es durchs +Herz, als er das hörte.</p> + +<p>Bald darauf erfuhr er, warum Hilde sich +nach einer Mutter und fast mehr noch nach +einem Vater sehnte. +</p> + +<p><!-- Page 390 --><span class='pagenum'><a name="Page_390" id="Page_390">[390]</a></span> +Sie sahen sich zwei- oder dreimal die Woche; +und wenn sie nicht spazieren gingen, saßen sie +in Hildens Zimmer stundenlang beieinander und +waren plaudernd und schweigend miteinander +glücklich. Sie bereitete vor seinen Augen den +Tee und das Abendbrot, und jedesmal war es +ihm, als ob ihre schlanken, weißen und geschickten +Hände das einfache Brot und Fleisch +in die erlesensten Leckerbissen verwandle. Zu +Hause aß er wie ein Schulmeister von energischem +Appetit; hier soupierte er bei denselben +Speisen wie ein Gourmet.</p> + +<p>In manchen Stunden ergötzte er sich daran, +ihr die langen, schweren Zöpfe aufzulösen, daß +das Haar sie bis zu den Hüften wie ein goldbrauner +Mantel umfloß, und im duftig-warmen +Schatten ihres Haares küßte er sie, oder er +schmiegte sich eine breite Strähne ihres Haares +um Hals und Wange und las ihr so ein Gedicht +vor, daß er ihr mitgebracht. Selten kam +er ohne neue Verse zu ihr, und sie war sein +empfänglichstes und unbestechlichstes Publikum. +Wenn er geendet hatte und sie ihm freundlich +zunickte, dann wußte er, daß das eine vernichtende +Kritik war. Wenn ihm etwas Rechtes +gelungen war, sah sie ihn mit großen, ernsten +Augen und mit zuckendem Munde an, nahm +ihm leise das Blatt aus der Hand und las es +noch einmal. Und dann bedeckte sie das Blatt +mit Küssen, und dann seinen Mund, seine +Wangen, seine Augen mit Küssen, und dann +<!-- Page 391 --><span class='pagenum'><a name="Page_391" id="Page_391">[391]</a></span> +barg sie das Blatt auf ihrer Brust, und er +wußte, daß sie es wochenlang auf ihrem Herzen +trug wie ein Amulett, bis es von einem andern +abgelöst ward.</p> + +<p>Manchmal auch sangen sie, einzeln oder zu +zweien, und dann sang er die Oberstimme, und +sie sang mit einem vollen weichen Alt die Begleitstimme; +so klang es besser als umgekehrt. +Und einmal, als sie allein sang, sang sie:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Er, der Herrlichste von allen,</span> +<span class="i0">Wie so milde, wie so gut ...</span> +</div></div> + +<p>Als sie geendet hatte, fragte er: »Liebst +du das Lied?«</p> + +<p>»Ja. Ich liebe den ganzen Zyklus unbeschreiblich.«</p> + +<p>»Die Verse oder die Musik?«</p> + +<p>»Beides. Aber die Verse noch weit mehr +als die Musik. Sie sind nach meiner Meinung +das Schönste, was von der Frau gesungen werden +kann.«</p> + +<p>»Ja. Mir scheint auch, er hat die Frau +nicht besungen, er hat sie gesungen. Das Weib, +das in diesen Versen dasteht, überragt Gretchen +und Klärchen an Schönheit, Lieblichkeit und +Größe; es ist von klassischer Hoheit, aber es ist +nicht antike, es ist deutsche Klassik. Wir haben +überhaupt nur wenig so deutsche Dichter wie +diesen Franzosen. Da fällt mir ein: ich wollte +dich immer schon fragen, woher dein französischer +Name stammt.«</p> + +<p><!-- Page 392 --><span class='pagenum'><a name="Page_392" id="Page_392">[392]</a></span> +»Meine Urgroßeltern väterlicherseits wohnten +im Elsaß.«</p> + +<p>»Ah – daher dein französisches Aussehen.«</p> + +<p>»Hast du’s nicht gern?«</p> + +<p>»Ich glaube, den Beweis erbracht zu haben. +Du bringst das Kunststück fertig, pikant und +deutsch zu sein.« Und dann rezitierte er leise:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Wandle, wandle deine Bahnen;</span> +<span class="i0">Nur betrachten deinen Schein,</span> +<span class="i0">Nur in Demut ihn betrachten,</span> +<span class="i0">Selig nur und traurig sein!</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Höre nicht mein stilles Beten,</span> +<span class="i0">Deinem Glücke nur geweiht;</span> +<span class="i0">Darfst mich niedre Magd nicht kennen,</span> +<span class="i0">Hoher Stern der Herrlichkeit.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Nur die Würdigste von allen</span> +<span class="i0">Soll beglücken deine Wahl,</span> +<span class="i0">Und ich will die Hohe segnen,</span> +<span class="i0">Segnen viele tausendmal.</span> +</div></div> + +<p>»Heute gibt es nicht wenig Frauen, die +darüber lachen und höhnen,« sprach er.</p> + +<p>»Kann man anders empfinden, wenn man +liebt?« fragte sie. »Ich wenigstens kann mir +keine andere Liebe denken.«</p> + +<p>»Und eine Frau, die so empfindet,« fuhr er +fort, »wird im Hause des Mannes die stolzeste +der Frauen sein, <em class="gesperrt">sie</em> wird der ‘Stern der Herrlichkeit’ +sein, zu dem Mann und Kinder in +<!-- Page 393 --><span class='pagenum'><a name="Page_393" id="Page_393">[393]</a></span> +der Stille ihres Herzen beten, zu dem sie aufblicken, +wenn sie den Glauben an die Welt +verloren haben und wiederfinden möchten.«</p> + +<p>»Muß sie dann nicht eine Heilige sein?«</p> + +<p>»Nein, so wenig wie je ein Mann die Verehrung +verdienen kann, die aus den Frauenliedern +Chamissos klingt. Nicht das entscheidet +ja, was wir sind – du lieber Gott, wo bliebe +ich! –, sondern wie sehr wir geliebt werden, +das entscheidet. Das ist die Wahrheit des +Christentums, daß uns Liebe erlöst.«</p> + +<p>»Asmus,« rief sie ängstlich, »ich zittere und +bange, wenn du mich über dich erhebst. Wenn +du wüßtest, wie wenig ich das verdiene –«</p> + +<p>»Zittere und bange nur,« rief er, »ich habe +Mut, wenn ich dich ansehe, einen Mut, einen +Mut –«</p> + +<p>Er riß sie jauchzend an sich und küßte sie, +daß sie aufschrie.</p> + +<p>Und einmal, als er so bei ihr saß, in ihrem +Nähkästchen kramte und mit allerlei zierlichen +Büchschen und Kästchen spielte, die er darin +fand, holte er einen Glasmarmel daraus hervor, +eine durchsichtige Glaskugel, in der man +eine geflügelte Gestalt, eine Fortuna, wie es +schien, erblickte.</p> + +<p>»Sieh da,« sagte er, »genau solch einen +Marmel hab’ ich auch einmal besessen. Eigentlich +ein hübsches Symbol, wenn ich es jetzt +betrachte. Die Glücksgöttin nicht über der Welt, +<!-- Page 394 --><span class='pagenum'><a name="Page_394" id="Page_394">[394]</a></span> +sondern in der Welt, sie selbst nur ein Stück +der rollenden Notwendigkeit ...«</p> + +<p>»Ich weiß eigentlich selbst nicht,« sagte sie +lächelnd, »warum ich ihn immer aufgehoben +habe. Wenn man solch ein Ding lange bei +sich verwahrt hat, ist es gerade, als hätt’ es +ein Recht an uns erworben, und wenn man +es wegwerfen will, ist es, als säh es einen +vorwurfsvoll an, und man kann es nicht aus +den Fingern loswerden. Ich hab’ ihn vor +vielen Jahren von einem kleinen Jungen bekommen.«</p> + +<p>Sie sagte das, indem sie sich auf ihre Näharbeit +bückte; aber es war ihr, als zöge eine +geheime Kraft ihren Kopf empor, und als sie +aufblickte – wirklich, da starrte Asmus sie an +mit einem Blick, der aus der Ferne einer +längst vergangenen Zeit zu kommen schien.</p> + +<p>»Von einem kleinen Jungen hast du ihn +bekommen?« sprach er langsam. »Wann? Wo?«</p> + +<p>»Ja, wenn ich das noch wüßte! – Was +hast du? Warum bist du –«</p> + +<p>»Bitte, frag’ mich jetzt nicht – sag’, wann +es war und wo?«</p> + +<p>»Ja – zwölf Jahre ist es zum mindesten +her – ich weiß nur noch: ich saß auf der +steinernen Treppe vor einer Gastwirtschaft und +wartete auf meinen Vater, der erledigte drinnen +ein Geschäft, da kam der kleine Junge und +schenkte mir den Marmel.«</p> + +<p><!-- Page 395 --><span class='pagenum'><a name="Page_395" id="Page_395">[395]</a></span> +»Hilde,« rief Asmus mit seltsam leuchtenden +Blicken, »sah der Junge aus wie ein kleiner, +dicker Asmus Semper?«</p> + +<p>Hilde starrte ihn sprachlos an.</p> + +<p>»Hilde,« rief er, »du hast einen Onkel in +Griechenland –«</p> + +<p>»Ich hatte ihn – er ist tot –«</p> + +<p>»Den nannte man den ‘König der Mainotten’!«</p> + +<p>»Ja!«</p> + +<p>»Hilde! Wir haben uns also vor zwölf +Jahren schon gesehen! Der kleine Junge war +ich! Vor zwölf Jahren schon sind wir uns begegnet.« +Er war so bewegt, daß er aufspringen +und auf und ab gehen mußte. Und er erzählte +ihr, wie wundersam ihn damals die Begegnung +mit dem lieblichen, traurigen Kinde ergriffen +habe, wie er wochenlang fast täglich nach der +Wirtschaft zwischen den Bahndämmen in Oldensund +gelaufen sei, um die »Königin der Mainotten« +wiederzufinden – denn sie hatte erzählt, +der Onkel wolle sie zu seiner »Königin« machen +– wie er sie niemals wiedergesehen, aber wie +ihre Erscheinung und ihr Wesen ihn mit einem +jahrelang nachleuchtenden, tröstenden Licht erfüllt +habe.</p> + +<p>»Hilde! Hilde!« – –</p> + +<p>Und ihr Gespräch ward ein leises, trauliches +Fragen und Erzählen; sie erzählte ihm die Geschichte +ihres Lebens. Was sie nicht erzählte, +das ergänzte er sich leicht aus dem Zwange der +<!-- Page 396 --><span class='pagenum'><a name="Page_396" id="Page_396">[396]</a></span> +Tatsachen und aus dem, was er früher von ihr +und von andern gehört. Und immer wieder +fühlte Asmus mit Beschämung, wie sehr ihn +von je das Glück begünstigt habe, schon dadurch, +daß er bis heute zwei liebende und geliebte +Eltern besessen, und wieviel mehr der Kraft, des +Mutes, der Liebe das Leben von ihr gefordert +hatte als von ihm!</p></div> + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 397 --><span class='pagenum'><a name="Page_397" id="Page_397">[397]</a></span> +<a name="LIII_Kapitel" id="LIII_Kapitel"></a>LIII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Enthält die Geschichte Hildens vom Marschall Davoust +an bis zu Fräulein Paulsen.</div> + +<p><span class="bigletter">N</span>apoleon und sein Marschall Davoust hatten +den Urgroßeltern Hildens ihr Glück zerstört. +Diese hatten zu den 20 000 gehört, die +man zu den Toren Hamburgs in Hunger und +Kälte hinausgejagt, und Hildens Urgroßvater +war unter denen gewesen, die auf dem Wege +nach Oldensund zugrunde gegangen. Die seelenstarke +Frau hatte selbst den toten Gatten bis +nach Oldensund getragen, und dort hatte er teilgenommen +an jenem ewig klagenden Grabe, +das Friedrich Rückert besungen hat.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Wo finden wir Kost und Kleider,</span> +<span class="i0">Wir zwanzigtausend an Zahl?</span> +<span class="i0">Die andern schleppten sich weiter,</span> +<span class="i0">Wir blieben hier zumal.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Wir konnten nicht weiter keuchen,</span> +<span class="i0">Erschöpft war unsere Kraft:</span> +<span class="i0">Frost, Hunger, Elend und Seuchen</span> +<span class="i0">Sie haben uns hingerafft.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0"> +<!-- Page 398 --><span class='pagenum'><a name="Page_398" id="Page_398">[398]</a></span></span> +<span class="i0">Ein ungeheurer Knäuel,</span> +<span class="i0">Zwölfhundert oder mehr,</span> +<span class="i0">Es zieht sich über den Greuel</span> +<span class="i0">Ein dünner Rasen her.</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Über diesen Rasen war Asmus in früher +Kindheit spielend dahingesprungen – wie +manchesmal!</p> + +<p>Die arme gute Großmutter, die das Elend +der Eltern schaudernd miterlebt und früh den +Gatten verloren hatte, war ein Stern in Hildens +Jugend gewesen. Eine kindlich-fromme +Frau, die ihren Glauben nicht als eine Tugend, +sondern als ein Geschenk ihres Heilandes empfand, +lehrte sie ihre Enkelkinder beten und geistliche +Lieder singen. Aber nicht nur geistliche +Lieder sang sie, sie sang:</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ich denk an euch, ihr himmlisch schönen Tage</span> +<span class="i0">Der seligen Vergangenheit!</span> +<span class="i0">Komm Götterkind, o Phantasie, und trage</span> +<span class="i0">Mein sehnend Herz zu seiner Blütezeit!</span> +</div></div> + + +<p>und sobald sie das sang, stand die kleine großäugige +Hilde an ihren Knien und trank ihr +das Lied von den Lippen, und sie wußte, wenn +die Großmutter das sang, dann erzählte sie +auch bald von der Franzosenzeit und von lieben +Toten. Unter dem Herzen dieser Frau hatte +Hildens Mutter gelegen, und die grenzenlose +Güte dieses Herzens war auf die Tochter übergegangen, +nicht aber seine Festigkeit und Stärke. +<!-- Page 399 --><span class='pagenum'><a name="Page_399" id="Page_399">[399]</a></span> +Hildens Mutter gehörte zu jenen Menschen, +die aus Gutmütigkeit heiraten können und ihr +Mitgefühl mit dem Werbenden für Liebe nehmen. +Sie war wehrlos in der Hand ihres Mannes.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Dieser Mann war der schwere, ewig lastende +Schatten in Hildens Kindheit. Er war ein +Selbstling von jener Art, die in Gegenwart +eines vor Hunger Sterbenden einen Kapaun +mit Genuß verzehren kann, die vielleicht ein +Stückchen hergeben würde, wenn man sie daran +erinnerte, aber nie von selbst auf diesen Gedanken +verfällt. Als »Kaufmann« – er vertrieb +als eine Art Stadtreisender allerlei Dinge +für andere Geschäfte – dejeunierte, dinierte +und soupierte er in besseren Restaurants und +empfand es wie eine Niedertracht von seiner +Frau, daß sie immer wieder Mittel für den +Haushalt verlangte. Die wenigen Bissen aber, +die er den Seinen hinwarf, würzte er ihnen +mit hämischen, kränkenden Reden, und wenn +er vollends angetrunken nach Hause kam, dann +konnte er stundenlang immer in derselben Sofaecke +sitzen und immer dieselben peinigenden Bosheiten +wiederholen.</p> + +<p>Es war ein schlimmer, schlimmer Tag gewesen, +als aus diesem Hause die Großmutter +für immer geschieden war. Und nicht zu mahnen +brauchte man die Kleine, daß sie hingehe und +die Blumen auf dem Grabe der Heimgegangenen +begieße! An jedem Tage der milderen Jahreszeit +machte sie sich unaufgefordert auf den Weg +<!-- Page 400 --><span class='pagenum'><a name="Page_400" id="Page_400">[400]</a></span> +nach dem Friedhof. Und wenn sie ihr frommes +Werk getan hatte, setzte sie sich auf das Gitter +des Grabes und dachte daran, wie schön die +Großmutter gesungen hatte:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Umglänze mich, du Unschuld früher Jahre,</span> +<span class="i0">Du mein verlor’nes Paradies!</span> +<span class="i0">Du süße Hoffnung, die mir bis zur Bahre</span> +<span class="i0">Nur Sonnenschein und Blumenwege wies.</span> +</div></div> + + +<p>Und bei dem Wort »Bahre« sah sie immer +die Großmutter auf der Bahre liegen, und +dann mußte sie weinen. – Neben der Großmutter +lag auch die Tante Romona, die wunderschöne +Spanierin Romona Viego, die mit +24 Jahren schon acht Kinder gehabt hatte, und +das jüngste lag ihr im Arm. Das war eine +gefeierte Sängerin gewesen, und als die kleine +Hilde einmal die herrliche Frau gesehen hatte, +auf dem Divan liegend, ganz in weißen Gewändern +und eine Zigarette rauchend, da war +sie ihr als die oberste und heiligste aller Frauen +erschienen. Das Grab der Tante Romona pflegte +sie auch, und dann wandelte sie oft stundenlang +zwischen den Hügeln des Friedhofes schauend +und sinnend umher und fühlte sich heimischer +als in der Gegenwart ihres Vaters.</p> + +<p>Zwischen diesem Manne und seiner ältesten +Tochter war ein Gegensatz von Ewigkeiten her. +Ihr Wesen war von jenem Adel getragen, dem +am letzten Ende doch mit aller Brutalität nicht +beizukommen ist, der wie eine uneinnehmbare +<!-- Page 401 --><span class='pagenum'><a name="Page_401" id="Page_401">[401]</a></span> +innere Festung das Herz umgibt. Das aber +ärgerte ihn, reizte ihn, und er schalt sie hochmütig, +übergeschnappt und verhöhnte ihren regen +Bildungstrieb. Sie duldete tapfer an der Seite +ihrer Mutter und half ihr heimlich, soviel sie +konnte, in ihren Ängsten und Nöten. Ihrem +stolzen, wahrheitsliebenden Wesen war alle +Heimlichkeit zuwider; aber sie begriff, daß es +gegen einen gemeinsamen Feind zusammenzustehen +galt. Und sie fürchtete ihn; er hatte +sie wiederholt geschlagen. Einmal hatte er sie +geschlagen, als sie bis spät in die Nacht das +Haus hatte hüten müssen und eingeschlafen und +durch langes Klopfen und Rütteln an der geschlossenen +Haustür nicht zu erwecken gewesen +war. Da, als sie wieder einhüten sollte und +der Vater ihr streng befohlen hatte, weder zu +schlafen noch sich einzuschließen, setzte sie sich +an die Haustür, lehnte den Kopf dagegen und +schlief beruhigt ein. Wenn die Haustür aufging, +mußte sie ihren Kopf treffen, und dann mußte +sie sicher erwachen. Als die Eltern sie so fanden, +erklärte die Mutter, daß sie nicht wieder ausgehen +werde, wenn das Kind nicht zu Bett +gehen dürfe, was ihrem Gatten zu sehr ausgedehnten +und sehr ironischen Bemerkungen +Anlaß gab.</p> + +<p>Nur nach langen Kämpfen und unter verletzend +spöttischen Glossen hatte er zugegeben, +daß Hilde dem dringenden Rat ihrer Lehrer +folge und ins Präparandeum eintrete. Und +<!-- Page 402 --><span class='pagenum'><a name="Page_402" id="Page_402">[402]</a></span> +bald nachdem dies geschehen, hatte er seine Familie +verlassen. Er gab ihnen keinen Pfennig +zu ihrem Unterhalt; aber dennoch wünschten sie +ihn nicht zurück; trotz allem Mangel und aller +Sorge schien es ihnen, als wäre der Himmel +heiterer geworden. Mit treu vereinten Kräften +schlugen sie sich durch. Aber dann wurde die +Mutter krank und kränker, und endlich lag sie +ein ganzes Jahr lang auf dem Schmerzenslager. +Nun mußten sie den Gatten und Vater +doch an seine Pflicht gemahnen, und auf Mahnen +und Drängen kam er ihr halbwegs und mit +Verwünschungen nach. Hätte Hilde nicht eine +Freundin gehabt, die ihr oft geholfen, so hätte +sie das Seminar verlassen und einen Dienst annehmen +müssen. Aber es kam der Tag, da sie +mit drei kleineren Geschwistern am Sarge der +Mutter stand. Da plötzlich erschien auch eine +Tante mit ihren Töchtern und mit Trauerkränzen, +und siehe, sie erhoben ein mehrstimmiges, +schallendes Klagegeheul.</p> + +<p>»Geht hinaus!« sagte Hilde.</p> + +<p>Die Tante glaubte nicht recht zu hören.</p> + +<p>»Drei Jahre hat sie gelitten, und Ihr habt +Euch nicht um sie und nicht um ihre Kinder +gekümmert. Geht hinaus und nehmt Eure +Kränze mit.«</p> + +<p>Und die Klageweiber schlichen betreten mit +ihren Kränzen davon.</p> + +<p>Ein Bruder ihrer Mutter gab ihnen nun +das Notdürftigste zum Leben. Die Verstorbene +<!-- Page 403 --><span class='pagenum'><a name="Page_403" id="Page_403">[403]</a></span> +hatte immer darauf gehalten, daß ihre Kinder, +wenn es irgend zu erschwingen war, am Sonntag +einen Kuchen bekämen. Und eines Sonntags +kaufte Hilde ihren Geschwistern für wenige +Pfennige ein paar Kuchen, weil sie die verlangenden +Blicke der Kleinen nicht ertragen +konnte. Das hörte der Onkel und überhäufte sie +mit Vorwürfen, daß sie nichts verdiene und +fremdes Geld noch obendrein vergeude. Da beschloß +sie, ein Ende zu machen. Sie ging zum +Armenpfleger und sorgte dafür, daß ihre Geschwister +bei wackeren Leuten ihrer Bekanntschaft +untergebracht würden. Und dann ging sie zum +Seminardirektor, um ihren Austritt aus dem +Seminar anzumelden. Sie wollte einen Dienst +annehmen, und wenn es der niedrigste wäre. +Nur nicht mehr von der Gnade der Menschen +abhängen!</p> + +<p>Herr Direktor <em class="antiqua">Dr.</em> Korn war noch im Schlafrock +und Pantoffeln; aber er dachte nicht daran, +diese Toilette einer jungen Dame wegen zu +ändern.</p> + +<p>»Was wünschen Se?« fragte er unwirsch.</p> + +<p>Sie erklärte, daß sie auszutreten wünsche.</p> + +<p>Er starrte sie an und sagte: »Se sind wohl +nicht recht jescheit. Jetzt, wo Se ’n halbes Jahr +vor der Prüfung stehen?«</p> + +<p>Sie erklärte ihm, daß sie müsse und warum +sie müsse.</p> + +<p>»Hm. Und wat woll’n Se denn jetzt anfangen?«</p> + +<p><!-- Page 404 --><span class='pagenum'><a name="Page_404" id="Page_404">[404]</a></span> +»Irgendeinen Dienst annehmen.«</p> + +<p>»I Jott bewahre. Det jiebt’s nich. Wir lassen +Se nich los. Wir jeben Ihnen in einem unserer +Schulhäuser ’ne Wohnung, umsonst, mit Feurung. +Für’s Essen wird sich auch Rat finden. +Und vielleicht läßt sich auch noch irgendwo ’n +kleines Stipendium losmachen.«</p> + +<p>Hilde hatte Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken.</p> + +<p>»Also austreten is nich. Det schlagen S’ +sick man aus’m Kopf.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, +Herr Direktor,« stotterte Hilde.</p> + +<p>»Is auch jar nich nötig. Halten Se man’n +Kopf hoch.«</p> + +<p>»Vielen, vielen Dank, Herr Direktor.«</p> + +<p>»Bitte« sagte Korn <em class="gesperrt">nicht</em>; all dergleichen +Überflüssigkeiten verachtete er.</p> + +<p>So war nun der äußersten Not gewehrt, +aber freilich nur der äußersten. Wohl hatte sie +sechs Freitische: aber die Woche hatte noch immer +sieben Tage, und auch am Morgen und am +Abend empfindet der Mensch ein Bedürfnis nach +Nahrung. Damit nun ihre Mitschülerinnen nicht +auf den Gedanken verfielen, daß sie nichts zu +essen habe, versagte sie sich das Abendbrot: +dann hatte sie ein paar Groschen für ein Frühstück. +Auch war es für ein siebzehnjähriges +Mädchen ein unheimliches Wohnen hoch oben +in dem verlassenen Schulhause, und in verzweifelten +Augenblicken flüchtete sie sich in den +<!-- Page 405 --><span class='pagenum'><a name="Page_405" id="Page_405">[405]</a></span> +Keller, an den Herd der Schuldienerfamilie. +Aber es kam die Prüfung, die sie mit Auszeichnung +bestand, und mit ihr kam das befreiende +Gehalt von achthundert Mark <em class="antiqua">pro anno</em>. Als +sie die erste Vierteljahrsrate empfangen hatte, +zahlte sie zunächst alle ihre Schulden, und dann +ging sie hin und kaufte für die Schuldienerfrau +ein Geschenk, weil sie der Meinung war, +daß man erwiesene Freundlichkeiten vergelten +müsse, sobald man die Mittel dazu habe. Ihre +Sympathie mit Ludwig Semper war nicht ohne +einen tiefen Grund.</p> + +<p>Inzwischen aber war der reiche Onkel in +Griechenland gestorben, der Besitzer großer +Marmorbrüche, der »König der Mainotten«, der +einmal gesagt hatte, wenn Hilde groß sei, solle +sie seine Königin werden. Wie ein Meteor war +er damals aufgetaucht und verschwunden. Nun +war er tot, und alle Verwandten reisten nach +Griechenland, um die Erbschaft in Empfang +zu nehmen, nur die Chavonnes nicht; denn die +hatten kein Geld zum Reisen. Und nach einiger +Zeit hieß es, die Chavonnes seien bei der Erbschaft +ausgefallen, der Onkel habe sie in seinem +Testament nicht bedacht. Um ihrer Geschwister +willen ging Hilde zu einem Anwalt, und der +erklärte, wenn man viel Geld habe, könne man +nach Griechenland prozessieren. »Das haben wir +nicht,« sagte Hilde und ging mit dem ruhigsten +Herzen von der Welt von dannen. Sie war +ja imstande, sich selbst zu helfen; ihre Schwestern +<!-- Page 406 --><span class='pagenum'><a name="Page_406" id="Page_406">[406]</a></span> +hatten ihr Auskommen, und ihren Bruder, der +ein Handwerk lernte, konnte sie immerhin mit +Taschengeld versorgen. In solcher Vermögenslage +sich mit den Verwandten um Geld schlagen? +Wozu?</p> + +<p>Auch bekam sie ja Privatstunden, mehrere +Privatstunden an der Schule einer unglaublich +frommen Schulvorsteherin. Aber Hilde hatte +nicht mehr die Frömmigkeit der Großmutter; +eine andere Frömmigkeit war in ihr emporgewachsen. +Und als die gute alte Dame, die +die junge Lehrerin ob ihres Wissens und ihres +Lehrgeschicks nicht genug rühmen konnte, ihr +auch den Geschichtsunterricht übertragen wollte, +da lehnte sie ab.</p> + +<p>»Das kann ich nicht,« sagte sie. »Ich habe +gehört, wie Sie den Geschichtsunterricht erteilen. +Sie geben einen frommen Geschichtsunterricht; +überall sehen Sie Gottes Fügung. Das – +das kann ich nicht. Wenigstens <em class="gesperrt">so</em> nicht.«</p> + +<p>Da sah das kleine alte Fräulein Paulsen +geraden Blickes hinauf in Hilde Chavonnes +weit offene, dunkelleuchtende Augen und sagte: +»Geben Sie nur ruhig den Geschichtsunterricht. +Was Sie tun, kann nicht schlecht sein.«</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 407 --><span class='pagenum'><a name="Page_407" id="Page_407">[407]</a></span> +<a name="LIV_Kapitel" id="LIV_Kapitel"></a>LIV. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus ringt mit höheren Töchtern und besteht ein +schweres Examen nur mangelhaft.</div> + +<p><span class="bigletter">A</span>ls Hilde geendet hatte, ergriff Asmus leise +ihre Hand und bedeckte sie mit langen, andächtigen +Küssen. Das viele Leid, das sie erlitten, +hatte sie ihm zwiefach geheiligt. Er unterschied +sich insofern gewiß nicht von anderen +Menschen, als ihm Geld und Gut keineswegs +zu den unnötigen und unerfreulichen Dingen +gehörten; aber doch schien es ihm, daß er dies +Mädchen um seiner Armut und seiner Kämpfe +willen nun doppelt und dreifach liebe. Auch +war die Armut etwas, das nun mit jedem Tage +mehr schwinden mußte. Nächste Ostern bekam +er schon 1600 Mark Gehalt; dann wollten sie +heiraten.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Was? Ostern wollt ihr schon heiraten?« +rief Frau Rebekka.</p> + +<p>»Bald nach Ostern, ja.«</p> + +<p>Das schien gar nicht nach Rebekkens Sinne +zu sein.</p> + +<p><!-- Page 408 --><span class='pagenum'><a name="Page_408" id="Page_408">[408]</a></span> +»Ich laß euch deshalb ja nicht im Stich,« +sagte Asmus. »Hab’ deshalb nur keine Sorge.« +Von den 1600 Mark und von den 200 Mark, +die er mit Privatstunden verdiente, konnte er +seinen Eltern ja leicht noch abgeben, ohne daß +er und sein Weib Mangel litten.</p> + +<p>Die 200 Mark waren allerdings ein hartes +Brot. Wenn er in seiner Schule fertig war, +hastete er nach einer »Höheren Töchterschule«, +um dort im Singen und im deutschen Aufsatz +zu unterrichten. Es waren richtige »höhere« +Töchter, das heißt sie hatten das Bewußtsein, +zu den höheren Dingen zu gehören. In den +sogenannten besseren Hamburger Familien ist +der Klassendünkel nicht selten bis zur vollkommenen +Verblendung entwickelt, und dieser +traditionelle Geist oder Ungeist überträgt sich +auf die Kinder. Es waren wohl liebe und gescheite +Mädchen darunter; eine große Anzahl +aber ging von dem Grundsatze aus: »Wie kämen +wir dazu, zu antworten und uns anzustrengen; +unser Vater bezahlt ja.« Asmus kam bald dahinter, +daß seine Meinung, die wohlgepflegten +Kinder reicher und »guter« Familien zu unterrichten +und zu erziehen, sei keine Kunst, ein +ganz erheblicher Irrtum gewesen war. Im +Gegenteil; er stieß hier gelegentlich auf raffinierte +Niederträchtigkeiten und herzlose Tücken, +die weit betrübender und hoffnungsloser waren +als die Roheiten seiner Schüler aus der Hafengegend. +Dazu waren die Machtmittel des +<!-- Page 409 --><span class='pagenum'><a name="Page_409" id="Page_409">[409]</a></span> +Lehrers hier geringer. Einen Lümmel unter +den Jungen nahm man, wenn’s not tat, beim +Ohr oder versetzte ihm eine Ohrfeige – er +hielt den Körper eines Schlingels nicht für unantastbar +und erinnerte sich sehr gut, daß manche +der Schläge, die er als Junge empfangen, ebenso +begründet als nützlich gewesen waren – aber +dergleichen Mittel waren bei Mädchen freilich +ausgeschlossen. Obendrein standen die meisten +seiner Schülerinnen im zwölften oder dreizehnten +Lebensjahre, das will sagen: in den weiblichen +Flegeljahren. Er bemühte sich, seinen Unterricht +so anziehend wie möglich zu gestalten; aber +eine ganze Reihe dieser Damen war gleichwohl +von der Existenzberechtigung eines Lehrers nicht +zu überzeugen. Endlich fand er dennoch ein +Mittel, sie zu bändigen. Wenn eine sich mit +besonderer Wohligkeit auf den passiven Widerstand +verlegte, so las er einfach der Klasse ihren +Aufsatz vor. Das half. Wenn er las:</p> + +<p>»Antigone hatte sich an dem zarten Bande +ihres Schleiers emporgeknüpft,« oder »Schiller +setzte dem wackeren Pfarrer Moser in seinen +»Räubern« ein Denkmal, indem er den Räuberhauptmann +nach ihm benannte,« oder »Er +konnte den unbequemen Laut seines Innern +nicht zum Schweigen bringen«; und wenn dann +alles in stürmische Heiterkeit ausbrach (auch die, +die Schlimmeres geschrieben hatten), dann fühlten +sie doch etwas wie das Walten einer Nemesis. +Asmus hatte entdeckt, daß die weibliche +<!-- Page 410 --><span class='pagenum'><a name="Page_410" id="Page_410">[410]</a></span> +Seele außerordentlich empfindlich ist gegen den +Spott, und von nun an brauchte er nur zu +sagen:</p> + +<p>»Bertha Klapp, ich werde nächstens wieder +einen Aufsatz vorlesen –« +dann wurde Bertha ohne weiteres umgänglich.</p> + +<p>Von solchen und anderen Strapazen erholte +er sich, indem er sich unter Hildens Oberaufsicht +zum zweiten Examen vorbereitete, zu jenem +Examen, das die feste Anstellung gewährleistete. +Es war die lustigste und erfrischendste Büffelei +von der Welt. Sie pilgerten hinaus in jenen +anmutigen Garten »Zum Morgenstern«, wo +sie sich um Erika und Calluna gestritten hatten, +setzten sich in eine Laube und tranken Kaffee. +Dann gab er ihr den betreffenden Schmöker in +die Hand, und sie fragte ihn mit redlichem +Eifer, was darin stand. Es war eine der +schwersten Prüfungen, die man sich denken kann, +viel schwerer als die gewöhnlichen; denn gewöhnlich +haben die Examinatoren nicht solche +Augen, solche Nase, solche Wangen, solchen +Mund, solches Haar, solche Stimme! Eine +Stunde wohl und länger gab er ihr treulich +auf alles Bescheid, bis ihm die Sache doch zu +unnatürlich wurde.</p> + +<p>»Einen Schluß nach Celarent,« verlangte sie +von ihm.</p> + +<p>»Einen Schluß nach Celarent? <em class="antiqua">Bon!</em>«</p> + +<p><!-- Page 411 --><span class='pagenum'><a name="Page_411" id="Page_411">[411]</a></span> +Kein Weib ist schön (nach Schopenhauer)!</p> + +<p>Alle Hilden sind Weiber.</p> + +<p>Also keine Hilde ist schön.«</p> + +<p>Sie drohte mit dem Finger. »Herr Semper? +Ich werde Sie durchfallen lassen!«</p> + +<p>»Ach bitte, Herr Professor, lassen Sie mich +nicht durchfallen, ich möchte so gern heiraten!«</p> + +<p>»Haha, heiraten wollen Sie? Wen denn?«</p> + +<p>»Ein entzückendes, ein wonniges, ach Gott, +ein – Sie haben ja keine Ahnung, Herr Professor. +Erlauben Sie, daß ich Sie küsse –«</p> + +<p>»Was fällt Ihnen ein!« Sie stieß ihn auf +seinen Platz zurück. »Bilden Sie einen Schluß +nach Darii!«</p> + +<p>»Nach Darii? Wie Sie wollen.</p> + +<p>Alle Basen färben rotes Lackmuspapier blau.</p> + +<p>Hilde ist eine Base.</p> + +<p>Also färbt Hilde rotes Lackmuspapier blau.«</p> + +<p>Dann sah sie wohl ein, daß mit ihm nichts +mehr anzufangen sei; sie klappte lachend das +Buch zusammen und schlug ihm damit auf die +Finger.</p> + +<p>»Lieber, süßer Professor,« rief er, »die +Logik, die Sie mir da abfragen, ist ja der gottvergessenste +formalistische Quatsch, ist ja das +blankste scholastische Blech von der Welt! Bevor +ich etwas davon wußte, hab’ ich genau so konsequent +gedacht wie jetzt, oder konsequenter. Ach +bitte, Herr Professor, tun Sie Ihr Täschchen +auf und geben Sie mir vom Brote des Lebens.«</p> + +<p><!-- Page 412 --><span class='pagenum'><a name="Page_412" id="Page_412">[412]</a></span> +Dann verzehrten sie den Proviant, den Hilde +mitgebracht und den sie mit gewohnter Delikatesse +bereitet hatte; er ließ es sich mit Ausdauer +schmecken und meinte: »Die Brotgelehrten +haben doch nicht so ganz unrecht.«</p> + +<p>Zu solchen Stunden brachte er wohl auch +trotz aller Examenbüffelei ein Gedicht mit, und +eines Tages brachte er ihr eins, das eine »hartnäckige +Liebe« besang.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht.</span> +<span class="i0">Er rettete damals die beiden Dänen,</span> +<span class="i0">Ihr wißt wohl – es wollte keiner dran –</span> +<span class="i0">Er riß sie dem blanken Hans aus den Zähnen.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Nun war da die Antje Nissen – ei ja,</span> +<span class="i0">Die mochte dem starken Jan wohl taugen!</span> +<span class="i0">Schmuck war sie, alles was recht ist – man bloß:</span> +<span class="i0">Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts.</span> +<span class="i0">Und so freit’ er um Antje. Sie ziert’ sich nicht lange</span> +<span class="i0">Und sagte Ja und ward seine Braut.</span> +<span class="i0">Aber als sie’s war, da ward ihm doch bange.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg!</span> +<span class="i0">Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen,</span> +<span class="i0">Dann ist die Hochzeit. Sie läßt mich nicht los.</span> +<span class="i0"> +<!-- Page 413 --><span class='pagenum'><a name="Page_413" id="Page_413">[413]</a></span> +Aber sie ist ein Stachelrochen.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Da – denkt euch – da kommt ihm Hilf’ in der Not!</span> +<span class="i0">Bei Südsüdost wird Jan Reimers verschlagen –</span> +<span class="i0">Er rennt auf die Klippen – das Schiff zerkracht –</span> +<span class="i0">Eine Planke hat ihn nach England getragen.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Sein erster Gedanke war: »Jung, wat’n Glück,</span> +<span class="i0">Nu bin ick verschollen! Das ’s Gottes Wille!«</span> +<span class="i0">Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag</span> +<span class="i0">Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Sein Ewer freilich war Grus und Mus.</span> +<span class="i0">»Na ja,« denkt Jan, »wat is dor Slimm’s bi!</span> +<span class="i0">Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.«</span> +<span class="i0">Und er lebte drei Jahre vergnügt in Grimsby.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Aber die Welt ist ein Rattenloch.</span> +<span class="i0">Ein Landsmann muß ihn gesehen haben. –</span> +<span class="i0">Jan bummelt am Hafen, die Fäust’ in der Tasch’,</span> +<span class="i0">Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben –</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Da hört er plötzlich – ihm schießt’s in die Knie –</span> +<span class="i0">Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme:</span> +<span class="i0">»Jan Reimers! Jan Reimers!« Ihm war’s als rief</span> +<span class="i0">Des jüngsten Tages Posaun’ ihn mit Grimme!</span> +<span class="i0"><!-- Page 414 --><span class='pagenum'><a name="Page_414" id="Page_414">[414]</a></span></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub!</span> +<span class="i0">Da ruft Antje Nissen: »Du solltest dich schämen!</span> +<span class="i0">Nun tu’ doch nicht so, als wenn du nicht hörst.</span> +<span class="i0">Du Feigling, du!«</span> +<span class="i8">Da mußt’ er sie nehmen.</span> +</div></div> + +<p>Sie lachte, als er geendet hatte, und dann +nahm er noch einmal das Blatt und schrieb +mit Bleistift oben über das Gedicht:</p> + +<div class="blockquot"> +»Meiner Antje Nissen<br /> +In Schauern der Ehrfurcht gewidmet.«<br /> +</div> + +<p>Da lachte sie noch herzlicher, und ihr Lachen +führte immer unfehlbar zum Küssen. Vom +Küssen kamen sie dann wieder ins Lachen, kurz, +es war der alte wohlbekannte <em class="antiqua">circulus vitiosus</em> +der ja in der Logik eine wichtige Rolle spielt.</p> + +<p>Es kann nicht von allen Szenen dieser Art +berichtet werden, um so weniger, als sie für den +älteren Leser eher ärgerlich als unterhaltend +sind. Nur so viel sei gesagt: Sie liebten sich +so zärtlich, daß sie die zärtlichen Worte und +Kosenamen unseres Sprachschatzes längst verbraucht +hatten und, wenn sie ihre ganze Liebe +in ein recht von Grund aus erschöpfendes Wort +pressen wollten, zu Injurien greifen mußten. +Wenn er sie zu hart angefaßt hatte, rief sie +mit einem goldenen Lachen in den Augen: »Du +Gassenjunge du, du Rowdy!« und er flüsterte +<!-- Page 415 --><span class='pagenum'><a name="Page_415" id="Page_415">[415]</a></span> +mit überquellendem Jubel: »Du Hexe du, du +Teufelsweib!« und meistens, wenn sie dergleichen +gesagt hatten, kam gerade der Kellner. Asmus +Semper war damals noch recht unbekannt, sonst +würde gewiß eines Tages in den Zeitungen gestanden +haben, daß er und seine Braut sich +»Hexe« und »Gassenjunge« schimpften.</p> + +<p>Wenn sie dann nach der hochnotpeinlichen +Prüfung an die Elbe hinunterwanderten, sich +in den Sand streckten und die Schiffe kommen +und gehen sahen, wenn Hilde heimlich herbeischlich, +ihr Gesicht leise über das seine neigte +und ihn küßte, wenn dann alles Glück der +Kindheitserinnerung mit dem Glück der Gegenwart +in Asmussens Herzen zusammenschmolz, +dann mußte er laut oder schweigend ein Dankgebet +sprechen. Er, dem in trüben und schweren +Tagen nie der Gedanke an einen persönlichen, +väterlich waltenden Gott kam, in Augenblicken +überwältigenden Glückes hatte er das Bedürfnis +nach irgendeinem Wesen, dem er danken könne, +und unter Lachen und Tränen rief er stumm +oder mit lautem Jubel in den Himmel hinauf: +»Herrgott, du verwöhnst mich, du verwöhnst +mich entschieden! Lieber Gott, laß mich nicht +ersticken in meinem Glück!«</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 416 --><span class='pagenum'><a name="Page_416" id="Page_416">[416]</a></span> +<a name="LV_Kapitel" id="LV_Kapitel"></a>LV. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Zeichnet sich durch Kürze aus, die aber nicht Schuld +des Verfassers ist.</div> + +<p><span class="bigletter">N</span>ach dem zweiten Examen wollte Murow, +der Seminardirektor, ihn an die Seminarschule +ziehen. Aber Asmus lehnte abermals +dankend ab.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Und bald darauf machten die beiden sich +auf, eine Wohnung zu suchen. In einer westlichen +Vorstadt Hamburgs, in einem Hinterhäuschen, +fanden sie zwei Zimmer, eine Kammer +und eine Küche. Als sie diese Räume sahen, +waren sie mit einem einzigen Blicke einverstanden: +Hier kann das Glück wohnen. Als +Asmus dem Hauswirt den »Gottespfennig« in +die Hand drückte, war der erstaunt über die +Größe des Geldstücks. Es war ein Taler. +Heute konnte Asmus es sich leisten, Grundeigentümer +zu beschenken. Er war dem Manne +so dankbar, daß er ihm die reizende Wohnung +abgelassen hatte!</p> + +<p>Als er aber für einen Aufsatz, den er in +einer Zeitschrift veröffentlicht hatte, ein ansehnliches +<!-- Page 417 --><span class='pagenum'><a name="Page_417" id="Page_417">[417]</a></span> +Honorar empfangen hatte, schenkte er der +Geliebten ein Kleid von weißer Seide, und ihre +Kolleginnen und Freundinnen schenkten ihr dazu +einen Einsatz von köstlicher Stickerei. Wie eine +Königin sollte sie aussehen.</p> + +<p>Die Ausstattung der künftigen Wohnung +war ein ununterbrochenes Fest. Jeder Stuhl +und jedes Kissen war eine Freude für sich, und +wenn sie ein Dutzend Teller kauften, so waren +es zwölf Freuden auf einmal. Als aber am +Abend vor der Hochzeit die Freundinnen zu +Hilden in das künftige Heim kamen, um die +letzte Hand an den Brautputz zu legen, siehe, +da hatte der treuherzige Handwerksmann die +längst versprochenen Sitzmöbel noch immer nicht +geliefert. Kurz entschlossen setzten sich die Mädchen +in einem Kreis um Hilden herum auf den +Fußboden und durchflochten ihr heiteres Werk +mit Lachen und Singen.</p> + +<p>In einem Gartenlokal am Elbufer sollte +die Hochzeit gefeiert werden. Nicht umsonst zog +es ihn in heiligen Tagen seines Lebens immer +wieder an diesen Strom; auf seinen Fluten +war die Seele des Knaben und des Jünglings +von je in alle Fernen der Hoffnung gewandert.</p> + +<p>Mit Wolken und leisem Regen begann der +Hochzeitstag, und auch, als sie aus dem Wagen +stiegen, regnete es ein wenig. »Es regnet in +die Brautkrone,« sagte eine abergläubische Verwandte, +»das bedeutet Glück«. Und dann ward +<!-- Page 418 --><span class='pagenum'><a name="Page_418" id="Page_418">[418]</a></span> +es ein stiller, wolkenloser, in seiner eigenen +Schönheit seliger Maientag.</p> + +<p>Ludwig Semper und Goers der Riese +waren Trauzeugen gewesen, und als nun +Goers, der Gütige, sich zu einem Trinkspruch +auf das Brautpaar erhob und ihm aus treuem, +lauterem Herzen eine Schar von blühenden +Kindern wünschte, da errötete Hilde wohl, aber +nicht in Unwillen, sondern in einem wirbelnden +Gefühl von Scham und Glück.</p> + +<p>Und als sie noch beim bescheidenen Mahle +saßen, erklang plötzlich ein langer, sanfter +Geigenton; die Türen des kleinen Saales taten +sich auf, wie von Geisterhand geöffnet, und von +einem feinen und sauberen Streichquartett klang +es herein:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Treulich geführt, ziehet dahin,</span> +<span class="i0">Wo euch der Segen der Liebe bewahr’!</span> +<span class="i0">Siegreicher Mut, Minnegewinn</span> +<span class="i0">Eint euch in Treue zum seligsten Paar.</span> +</div></div> + + +<p>Und am Pulte des ersten Geigers saß niemand +anders als Morieux.</p> + +<p>Asmus war aufs freudigste ergriffen von +diesem zarten Geschenk; die Streicher wurden +im Triumph an den Tisch geholt, und als +alle genug gegessen und getrunken hatten, erhob +man sich zum Tanz. Asmus und Hilde +aber bestiegen den lange schon wartenden Wagen +zur Hochzeitsreise nach dem Hinterhäuschen in +der westlichen Vorstadt.</p> + +<p><!-- Page 419 --><span class='pagenum'><a name="Page_419" id="Page_419">[419]</a></span> +Als sie an seinem Elternhause vorüberfuhren, +neigte er sich ans Wagenfenster und +sah so lange hinaus, bis das Haus seinen Blicken +entschwunden war. In diesem Augenblick fuhr +ihm wie ein Blitz ein künftiges Gedicht durchs +Herz, und einige Tage später schrieb er es auf.</p> +<p> </p> +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i4"><em class="gesperrt">Am Hochzeitstage.</em></span> +</div> +<div class="stanza"> +<span class="i0">Laut rollt der Hochzeitswagen durch die Gasse.</span> +<span class="i0">Wir ruhen drin, zu stillem Glück geeint.</span> +<span class="i0">Sieh, wie die Sonne glänzt durch Regenwolken:</span> +<span class="i0">Die Hoffnung lacht – und die Erinn’rung weint.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">So ist’s ein Fest der Wonne wie der Trauer.</span> +<span class="i0">Ich fühl’s, da neue Liebe mich beglückt,</span> +<span class="i0">Wie lang genoss’ne, unvergoltne Liebe</span> +<span class="i0">Mit schwerem Vorwurf meine Seele drückt.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Der Eltern denk’ ich, der verlass’nen, alten,</span> +<span class="i0">Und während mich dein Zauber sanft umgibt,</span> +<span class="i0">Erfaßt es mich mit wehmutsvoller Mahnung,</span> +<span class="i0">Wie zärtlich sie mich je und je geliebt.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Sie ließen mich den Traum der Jugend träumen,</span> +<span class="i0"> +<!-- Page 420 --><span class='pagenum'><a name="Page_420" id="Page_420">[420]</a></span></span> +<span class="i0">Leicht schlug mein Herz! – ihr Haupt war sorgenschwer.</span> +<span class="i0">So zweifle nicht, wenn sich mein Auge feuchtet.</span> +<span class="i0">Der Sommer prangt; ein Frühling kommt nicht mehr.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Wie rasch der Wagen rollt! Wir fliegen selig</span> +<span class="i0">Und zukunftstrunken in die Welt hinaus.</span> +<span class="i0">Euch Sternen meiner Jugend send’ ich Grüße</span> +<span class="i0">Ins abendrotumkränzte, stille Haus.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Verzeiht dem heißen Drang der jungen Seelen,</span> +<span class="i0">Der euch des vielgeliebten Sohns beraubt.</span> +<span class="i0">Unsterbliches Gedächtnis eurer Liebe</span> +<span class="i0">Und Segen über euer greises Haupt!</span> +</div></div> +</div> + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 421 --><span class='pagenum'><a name="Page_421" id="Page_421">[421]</a></span> +<a name="LVI_Kapitel" id="LVI_Kapitel"></a>LVI. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Ein längeres Kapitel, weil darin von einem Leuchtturm, +einer Nachtigall, einem Kinde, einem Rosenberg und +von noch einem Kinde berichtet werden muß.</div> + +<p><span class="bigletter">W</span>enn Semper der Ehemann sich einen neuen, +herzerquickenden Kunstgenuß bereiten +wollte, dann lustwandelte er durch seine zwei +Stuben, seine eine Kammer und seine Küche. +Sie schimmerten und flimmerten, daß er sich +nicht satt schauen konnte, und der phantasievolle +Schloßherr der bayrischen Königsschlösser konnte +mit seinen ungezählten Millionen keine tiefere +Befriedigung gewonnen haben als der junge +Schloßherr in der westlichen Vorstadt. Als +Knabe hatte er einst geträumt, wenn er reich +werde, wolle er sich ein großes Schloß bauen +mit hohen Bogenfenstern und Marmorsäulen und +Marmortreppen. Das war nun Wirklichkeit geworden, +ohne Marmor und Bogenfenster, und +doch alle Luftschlösser übertreffend. Wenn er +auf dem Sofa lag und die Blicke über Wand +und Decke, Schrank und Bücherbrett wandern +ließ, und wenn er sich dann den ärmlichen +<!-- Page 422 --><span class='pagenum'><a name="Page_422" id="Page_422">[422]</a></span> +Hausrat des Elternhauses vorstellte, dann dachte +er: ich bin ein Emporkömmling; mit rasender +Geschwindigkeit bin ich emporgekommen. Er erinnerte +sich, gelesen zu haben, daß innerhalb +desselben Geschlechtes nach einem Aufstieg mit +einer gewissen Regelmäßigkeit eine »Decadence« +der folgenden Generationen eintrete, und mit +Wehmut erfüllte ihn der Gedanke, daß spätere +Nachkommen von ihm gezwungen sein könnten, +diese strahlende Höhe wieder zu verlassen. Er +wußte freilich noch gar nicht, ob er überhaupt +Nachkommen haben werde.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Nun war aber an seiner ganzen Wohnstatt +ganz gewiß nichts Kostbares im alltäglichen +Sinne, und manche Frau trug in einem Ohrläppchen +ein weit größeres Vermögen, als dieses +ganze Schmuckkästchen mit allem, was darin +war, gekostet hatte. Was dieser Heimstatt für +die Seele des jungen Mannes den unnennbaren +Glanz gab, das war sein Glück; was ihr aber +auch für das Auge Schönheit verlieh, das war +Hildens Hand. Nicht umsonst war sie die Jahre +hindurch, als die Mutter krank lag, das alles +umsorgende, alle betreuende Hausmütterchen gewesen. +Und die Mutter war wie die Mutter +des Goetheschen Gretchens gewesen. »Bei der +Frau Chavonne kann man vom Fußboden +essen,« hatte es bei den Nachbarinnen geheißen, +und Nachbarinnen sind streng. Diese Tradition +hielt Hilde aufrecht. Und wie es nun einmal +wahr ist, daß die Grazien den, den sie lieben, +<!-- Page 423 --><span class='pagenum'><a name="Page_423" id="Page_423">[423]</a></span> +in keiner Lage und zu keiner Stunde verlassen, +so blieb ihre Anmut ihr auch bei den gröbsten +Verrichtungen treu. Und sie durfte vor grober +Arbeit nicht zurückscheuen; denn fremde Dienste +konnten sich die jungen Semper nur als seltene +Aushilfe gestatten. Aber sie dachte auch nicht +daran, vor irgendeiner Arbeit zurückzuschrecken; +in lächelnder Ruhe stand sie über jedem beschränkten +Hochmut. Arbeit hatte sie geadelt, +und sie adelte die Arbeit.</p> + +<p>Und wenn man nun bedenkt, daß jeden +Abend, wenn sie zur Ruhe gegangen, die Nachtigall +in ihr Geplauder, in ihre Träume, in +ihren ersten Schlummer sang! Hinter den Fenstern +ihres Schlafgemaches standen blühende +Apfelbäume und andere Bäume, auch ein Goldregen, +dessen Blüten herabhingen wie goldene +Lampen in einem dämmergrünen Dom. Und +aus einem der Bäume sang Abend für Abend +die Nachtigall. Mitten in ihrem Liebesgeplauder +verstummten sie oft entzückt und sagten: »Hör’ +nur – hör’ nur!« Ja, oft horchten sie fast erschrocken +auf; denn es hatte geklungen wie eines +Menschen weinende, schwellende, verhauchende +Klage; dann wieder war es wie ein plätschernder +Quell, durch den das Mondlicht glänzt. Alle +Vögel haben ihre wiederkehrende Weise, dachte +Asmus; nur sie hat immer neue Weisen; nie +singt sie zweimal dasselbe; sie ist das Genie, +dem die Welt immer neu erscheint, das immer +Neues erkennt und Neues singt. Aller Vogelgesang +<!-- Page 424 --><span class='pagenum'><a name="Page_424" id="Page_424">[424]</a></span> +ist lieblich; aber sie allein hat Kraft und +Milde, sie allein hat Lust und Tiefe zugleich. +Darum ist sie die Sängerin der Liebenden. Denn +mit Sinnenkraft und Herzensmilde die Welt +ergreifen, von höchster Geisteswonne bis zu +tiefen Zuges trinkender Sinnlichkeit die Welt +ausmessen: das ist Liebe. »Horch,« sagte Asmus, +»wie langsam und klagend sie auch ihr Lied +beginnen mag, immer endet sie mit jubelndem +Geschmetter. Sie ist eine Optimistin; sie glaubt +an das Leben. Glaubst du auch daran?«</p> + +<p>Ja, wenn sie bei ihm war, glaubte sie +daran; wenn sie allein war, konnte sie noch +immer nicht fassen, daß das Leben nicht mehr +ihr Feind sei. Sie konnte noch immer dem +neuen Gesicht des Lebens nicht trauen; ihr Vertrauen +war in einem langen Winter bis auf den +Grund gefroren, und jahrelangen Sonnenscheins +bedurfte es, diesen See wieder bis zum Grunde +zu erwärmen.</p> + +<p>Noch blieb ihnen die Sonne treu. Herrgott, +wie es sich arbeitete in diesen ewig sonntäglichen +Räumen! Und als er eines Mittags aus +der Schule kam, sah er es Hildens Gesicht an, +daß etwas Gutes passiert sei.</p> + +<p>»Wieviel erwartest du noch vom »Leuchtturm«? +fragte sie gespannt.</p> + +<p>»Fünfundsiebzig Mark.«</p> + +<p>»Er schickt hundert!« Asmus riß den Begleitbrief +auf und las: »Es entfallen auf Ihren +Beitrag eigentlich nur fünfundsiebzig Mark; +<!-- Page 425 --><span class='pagenum'><a name="Page_425" id="Page_425">[425]</a></span> +aber wir schicken Ihnen mit Vergnügen hundert, +wenn Sie uns bald wieder bedenken +wollen.« Er schlang Hilden den Arm um die +Taille und tanzte mit ihr durchs Zimmer. In +solchen Augenblicken tanzte er sogar gut.</p> + +<p>Fünfundzwanzig Mark wie vom Himmel +gefallen! Sie kamen ja noch immer so eben, +eben aus; aber sie konnten es schon brauchen.</p> + +<p>Aber es war doch noch eine ganz winzige +Freude, eine wahre Lumpenfreude gegen die +Freude eines andern Tages, jenes Tages, da +sie ihm verriet, sie habe sichere Anzeichen dafür, +daß sie nicht immer allein bleiben würden. Da +tanzte er nicht mit ihr, da zog er sie sacht auf +seine Knie herab und hielt lange, lange ihren +Kopf an seiner Brust, als müßt’ er sie nun +behüten auch vor dem leisesten Leid der Welt.</p> + +<p>Ja, das Schicksal war ihm in diesen Tagen +hold gesinnt, und manchmal schon hatte er sich +im stillen gefragt, wieviel es ihm abziehen +werde, und was, und wann? Aber es schien +an keinen Abzug zu denken; im Gegenteil; es +schenkte ihm in dieser Zeit zu allem Glück noch +einen neuen und echten Freund. Er hatte in +einem Lehrerverein einen Vortrag über Hamerling +gehalten und damit unter anderen den +Beifall eines jüdischen Lehrers gefunden, der +ihm nach dem Vortrag als <em class="antiqua">Dr.</em> Rosenberg vorgestellt +wurde. Asmus fand sofort an dem +ganzen Manne ein großes Gefallen, an seinem +sympathischen Gesicht, an seinem offenen und +<!-- Page 426 --><span class='pagenum'><a name="Page_426" id="Page_426">[426]</a></span> +doch bescheidenen und bei aller bescheidenen +Zurückhaltung dennoch bewußten Wesen, an +seinen Interessen und seinen Erlebnissen. Rosenberg +war Philologe, war in Paris und London +gewesen und erzählte, wie er in London lange +vergeblich seinen Unterhalt durch Stundengeben +gesucht und wie, als er eines Tages wieder +von einem vergeblichen Gange heimgekehrt sei +und auf dem Rücken eines Buches den Namen +»Schiller« gelesen habe, bei diesem Namen die +Tränen des bittersten Heimwehs unaufhaltsam +hervorgebrochen seien. Es war der erste Jude, +mit dem Asmus in nähere persönliche Berührung +kam, und diese Begegnung war ihm so +interessant und erfreulich, daß er den neuen +Bekannten einlud, ihn zu besuchen. Rosenberg +kam; Asmus erwiderte den Besuch, und auf +die lebendigste Weise erwuchs nun ein Freundschaftsverhältnis, +das fast alle früheren Freundschaften +Asmussens an Dauerhaftigkeit übertreffen +sollte.</p> + +<p>Als Rosenberg zum ersten Male bei Sempers +gewesen war und die junge Frau Semper +nur flüchtig gesehen hatte, da hatte er, wie er +später gestand, im stillen gedacht: Er hätte +doch so jung nicht heiraten sollen. Beim zweiten +Besuche lernte er ganz anders denken und sah +doch die junge Frau überhaupt nicht. Und das +hatte alles seine guten Gründe.</p> + +<p>Als Rosenberg seinen zweiten Besuch machte, +war es wieder ein Maientag, der Tag vor +<!-- Page 427 --><span class='pagenum'><a name="Page_427" id="Page_427">[427]</a></span> +Pfingsten, und in grauender Frühe dieses Tages +hatte Hilde ihren Gatten geweckt und ihn gebeten, +daß er die Wehmutter hole. Und dann +folgte ein Tag, für Asmus wohl nicht viel +leichter als für Hilden. Er wanderte in seinem +Zimmer rastlos auf und ab, und am Nachmittag +war er so weit, es laut vor sich hinzusprechen: +»Ich will lieber kein Kind haben – +wenn sie nur nicht mehr zu leiden braucht.« Ein +furchtbares Gewitter brach los; unmittelbar über +dem Hause war ein unablässiges Flammen und +Krachen, und jeder Schlag traf ihn, weil er +daran dachte, wie es sie erschrecken müsse. Er +hatte ihr angeboten, bei ihr zu sein; aber sie +wollte mit der Wehmutter allein sein. Und erst +um 7 Uhr des Abends vernahm er das Schreien +eines Kindes; Isolde Semper war zur Welt +gekommen. Als die Wärterin der jungen Mutter +das Kind zeigte, rief sie: »O, das ist ja Mutter +Rebekka!« und sank in die Kissen zurück.</p> + +<p>Auf den Fußspitzen war Asmus hereingekommen; +er beugte sich über sie und küßte sie +leise, leise auf die Stirn. Sie schlug die Augen +auf, große, feuchte Augen und hauchte: »Du +armer Mann, jetzt kann ich nicht für dich sorgen.«</p> + +<p>»Du närrischer Engel,« flüsterte er, »willst +du gleich schweigen und schlafen?« und küßte +ihr die Augen zu. Aber sie öffnete sie wieder +und sah ihn an mit einem Blick voll übermenschlichen +Glücks. Dann hob sie behutsam +<!-- Page 428 --><span class='pagenum'><a name="Page_428" id="Page_428">[428]</a></span> +die Decke von dem Kindlein, das in ihren +Armen lag.</p> + +<p>»Sieht sie nicht ganz aus wie Mutter +Semper?« flüsterte sie. Er nickte »Ja«, obwohl +er nichts dergleichen sah; er dachte nicht an das +Kind: er dachte nur an sie. Die weise Frau +versicherte ihm, daß alles gut verlaufen sei; da +schlich er hinaus, nahm seinen Hut und ging auf +die Straße. Er mußte Himmel über sich sehen.</p> + +<p>Als er nach einer halben Stunde heimkehrte, +war Rosenberg dagewesen. Die junge +Mutter hatte jemand kommen hören, hatte vernommen, +wer es sei, und der Wärterin gesagt: +»Sorgen Sie bitte dafür, daß der Herr eine +Erfrischung bekommt.« Und Rosenberg erfuhr +von der Wärterin, daß die junge Frau Semper +vor kaum einer Stunde Mutter geworden sei +und daß sie selbst den Trunk für ihn befohlen +habe. Da dachte er: »Das muß eine seltene +Frau sein.« Nie vergaß er ihr diesen Trunk, +und schon bei einem nächsten Besuch, als sie +selbst ihn bewirtete, dachte er: »Er hat keineswegs +zu früh geheiratet.«</p> + +<p>In den folgenden Wachen und Monaten kam +Asmussen seine Erziehung durch die Tabakstube, +wo er unter unablässigen Gesprächen und Geräuschen +die subtilsten Sachen studiert hatte, +vorzüglich zustatten. Denn die Stimme Isoldens +war vernehmlich und ausdauernd. Sie vollbrachte +Leistungen, gegen die die Partie der +Wagnerschen Isolde als Episode erscheint. Aber +<!-- Page 429 --><span class='pagenum'><a name="Page_429" id="Page_429">[429]</a></span> +das störte ihn nicht. Er gehörte nicht zu den +geistigen Arbeitern, die auf eine Meile im Umkreis +Asphaltpflaster und Strohschütten brauchen. +Der Platz vor seinem Hause war ein beliebter +Spielplatz der ganzen nachbarlichen Kinderschar, +und er schloß das Fenster nicht, wenn ihr Geschrei +hereinklang; denn es war ihm wie ein +fröhlicher Gruß des Lebens, das zum Wirken +und Schaffen rief. Auch besaß er im Notfall +noch immer die Kraft, eine Mauer um sich zu +bauen; wenn er nicht wollte, so hörte er selbst +Isolden nicht. Auch als Dichter gehörte er nicht +zu denen, die nur auf persischen Teppichen und +vor perlgrauen Seidentapeten dichten können, +und die mancherlei kleinen Banalitäten, die ein +enger Haushalt unweigerlich mit sich bringt, die +selbst einer Hilde Hand nicht immer zu bannen +vermag, verstimmten nicht sein Saitenspiel. Er +verstand es so gut, daß Schiller in einem +Zimmer, das nichts als einen halben Tisch, +einen Stuhl und eine Schütte Kartoffeln enthielt, +die »Louise Millerin« schreiben konnte. +Was mußte das für ein Dichter sein, der die +Ausstattung seines Zimmers, der seine Gesellschaft +nicht jeden Augenblick selbst beschaffen, +der nicht jeden Augenblick seine Zelle in das +Boudoir der Lady Milford oder in den Hafen +von Genua verwandeln konnte?!</p> + +<p>Und so erzog er in unbekümmertem Frohsinn +neben der kleinen Isolde noch ein zweites, +stilleres Kind, sein erstes Buch. Unbekümmert +<!-- Page 430 --><span class='pagenum'><a name="Page_430" id="Page_430">[430]</a></span> +war dieser Frohsinn freilich nur in Hinsicht der +äußeren Störungen; was die inneren Hemmnisse +anlangt, war es ein oft unterbrochener +Frohsinn. Nie hat jemand besser den Künstler +beschrieben als Goethe, da er die liebende Seele +beschrieb: »himmelhoch jauchzend – zum Tode +betrübt«. Der Künstler wäre kein Künstler, der +nicht himmelhoch jauchzte über ein gelungenes +Werk und der nicht zum Tode betrübt sein könnte +über dasselbe Werk. Und als ihn nun gar die +Banalität der Druckkorrekturen überfiel, als er +seine eigenen Verse immer wiederkäuen mußte, +da übermannte ihn ein tiefes Verzagen. Aber +Rosenberg riß seinen Mut wieder empor; Rosenberg +war begeistert von diesen Versen. »Ich +lege meine Hand dafür ins Feuer, daß Sie +Anerkennung finden werden«, prophezeite er. +Und wirklich fanden die »Gedichte« von Asmus +Semper, als sie endlich erschienen waren, die +freundlichste Aufnahme; denn da die Lyrik nichts +einbringt, so erfährt sie oft eine sehr wohlwollende +Beurteilung.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 431 --><span class='pagenum'><a name="Page_431" id="Page_431">[431]</a></span> +<a name="LVII_Kapitel" id="LVII_Kapitel"></a>LVII. Kapitel.</h3> + +<div class="center">Fängt fröhlich an und endet traurig; das Schicksal +fordert seinen Zoll.</div> + +<p><span class="bigletter">Z</span>u allen diesen Freuden schenkte das Schicksal, +das ihn verziehen zu wollen schien, unserm +Asmus noch eine sonnige Weihnacht. Schon +zur vorigen Weihnacht hatte er die bisherige +Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt und +seinen Eltern den Tannenbaum geschmückt; diesmal, +da er wieder ein feistes Honorar von +siebzig Mark errungen hatte, sollten sie das zu +essen bekommen, was in seinem Elternhause +immer als das Weihnachtsgericht der Reichen +gegolten hatte: Karpfen! Und Weißwein sollte +dazu getrunken werden, ja Weißwein! Unmittelbar +vor der allgemeinen Bescherung aber winkte +Hilde ihren Gatten auf die Seite, zog ihn ins +andere Zimmer, schlang die Arme um seinen +Hals und flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn du +lieb bist, hab’ ich noch ein besonderes Geschenk +für dich – freilich noch nicht heute.« Er sah +ihr mit jähem, frohem, fragendem Staunen ins +Gesicht.</p> + +<div class="textbody"> +<p><!-- Page 432 --><span class='pagenum'><a name="Page_432" id="Page_432">[432]</a></span> +»Ja??!«</p> + +<p>Sie nickte eifrig.</p> + +<p>»Wann denn?«</p> + +<p>»Ich denke, im Juli oder August.«</p> + +<p>Da küßte er sie unzählige Male und zog sie +in das Weihnachtszimmer und war, noch bevor +er den Weißwein genossen hatte, so trunken, +daß er die Lichter des Tannenbaumes nicht +doppelt, nein siebenfach, nein hundertfach sah.</p> + +<p>Rebekka Semper fand den Karpfen köstlich, +fand überhaupt, daß Hilde eine »gebor’ne +Köchin« sei, und Ludwig Semper lächelte sein +stillstes und innigstes Lächeln, als habe er den +Weg zurückgefunden zu den strahlenden Tannenbäumen +seines Elternhauses. Er sprach mit +Asmus von dessen Gedichten und nannte die, +die ihm besonders gefallen hatten, und obwohl +eines Vaters Beifall zu den Werken seines +Sohnes vor der Welt keinen Klang hat, so +wußte Asmus doch, daß ihm nie ein schönerer +Lorbeer gedeihen könne als dieses schweigsamen +Mannes Lob und Lächeln. Diesem großen und +stillen Herzen zu gefallen, das war ein großer +und stiller Ruhm. Aber nur ein Semper konnte +das wissen.</p> + +<p>Ludwig Semper war aufgeräumt und gesprächig +wie seit langem nicht; er erzählte, wie +Asmus einst mit kleinen Kinderschrittchen neben +ihm über die Wiese getrippelt sei und gerufen +habe: »O Vater, hier ist es gerade so wie dein +Geburtstag!« wie der Kleine unzählige Male +<!-- Page 433 --><span class='pagenum'><a name="Page_433" id="Page_433">[433]</a></span> +an seinen Arbeitstisch gekommen sei und ihm +nach Wunsch aus dem »Freischütz«, aus der +»Nachtwandlerin« und wohl aus zwanzig andern +Opern vorgeblasen, was er aufgefangen habe, +ja, Ludwig Semper stieg weit in die eigene +Kindheit hinab und sprach von seinem Vater, +dem Kaufmann Carsten Semper, auf dessen +Diele jeder Besucher Schinken essen und Kornschnaps +trinken konnte, ohne zu bezahlen, und +von dem Tage, da der Justizrat quer über die +Straße auf seinen Vater zugelaufen kam und +rief: »Wissen Sie schon, Herr Semper, Goethe +ist tot!« Es war wie Sammlung und Rückblick +in diesen Reden Ludwig Sempers; aber die +Seinen merkten es nicht. Wohl war ihnen aufgefallen, +daß er die Speisen kaum berührt hatte, +selbst die Karpfen nicht; aber da er ihre Besorgnis +mit Lachen zurückwies, so hatten sie sich +beruhigt. Freilich hatte Frau Rebekka erklärt, +daß er schon länger an Appetitlosigkeit leide +und daß sie ihn »natürlich« nicht zum Arzt +kriegen könne.</p> + +<p>Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage +besuchte, hörte er, daß sein Vater sich von der +Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach +Hause geschleppt habe. »Ich werde den Weg +nicht wieder machen können,« sagte Ludwig +Semper mit wehmütigem Lächeln. »Ei was!« +rief Asmus, »dann holen wir euch einfach in +der Droschke; wir haben’s ja!« Und er dachte +sich, welch eine Lust es sein werde, die »Alten« +<!-- Page 434 --><span class='pagenum'><a name="Page_434" id="Page_434">[434]</a></span> +im Triumph einzuholen, zu Wagen, wie ein +Fürstenpaar! Und noch einmal ging er beruhigt +heim.</p> + +<p>Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater +zum Schlimmen verändert. Er konnte nicht mehr +arbeiten, saß in seinem alten Lehnstuhl und +mochte nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war +grau geworden, und wie Frau Rebekka mit +Kümmernis erzählte, schlief er den größten Teil +des Tages. Sein Appetit war nicht zurückgekehrt.</p> + +<p>Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal +davon. Sollte das Schicksal –? Nein, +einen so harten Zoll konnt’ es nicht fordern; +so grausam konnt’ es sein Glück nicht verkürzen +wollen! Ja, wenn es ein achtzig-, neunzigjähriger +Greis wäre, dann müßte man sich mit +der Notwendigkeit versöhnen. Aber mit siebenundsechzig +Jahren konnte das Schicksal diesen +Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann +nicht! Selbst völlig fremde Menschen mußten +dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als +Asmus vor nicht langer Zeit im Lehrerverein +geredet und die Kunst als Erzieherin proklamiert +hatte und auch sein Vater als Gast zugegen +gewesen war, da hatte die Versammlung dem +Redner ein Hoch gebracht. Gleich darauf aber +hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen: +»Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn +ich in dem ehrwürdigen Manne, der unserm +Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.« +<!-- Page 435 --><span class='pagenum'><a name="Page_435" id="Page_435">[435]</a></span> +Und dann hatte er mit kühner, launiger und +geschickter Psychologie aus dem Wesen des +Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und +hatte diesen Vater gefeiert, und mit brausendem +Hurra hatte die Versammlung ihm zugestimmt. +Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt +und hatte gesehen, wie er sich freute, und +daß dieser Mann, der sein ganzes reiches Pfund +in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun +doch einmal vor aller Welt die Ehren genoß, +die ihm gebührten, das war doch von allen +Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen.</p> + +<p>Und sollte das die letzte große Freude im +Leben Ludwig Sempers gewesen sein? Nein, +nicht die letzte.</p> + +<p>Als Asmus wieder nach Oldensund kam, +waren Hilde und die kleine Isolde mit ihm. +Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, +saß er schlafend im Lehnstuhl; er erwachte auch +nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten Herzens +hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem +Weinen berichtete. Er schlafe fast den ganzen +Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und verstehe +oft gar nicht, was man zu ihm sage. +Während sie noch sprach, öffnete der Kranke die +Augen; immer weiter öffnete er sie, bis sie so +groß und freundlich waren wie in seinen besten +Tagen.</p> + +<p>»Wem gehört das allerliebste Kind?« fragte +er leise, mit frohem Staunen.</p> + +<p> +<!-- Page 436 --><span class='pagenum'><a name="Page_436" id="Page_436">[436]</a></span> +Sie sagten ihm, daß es ja Isolde sei, +Asmussens und Hildens Kind und seine eigene +Enkelin.</p> + +<p>Da verbreitete sich noch einmal von diesen +Augen aus über das ganze Gesicht des Leidenden +das große, unerschöpflich gütige Lächeln, +das über Asmussens ganzer Kindheit wie eine +treulich wiederkehrende Sonne geleuchtet hatte, +und dann schlossen sich die Augen wieder, und +der Kranke war wieder entschlummert.</p> + +<p>Die Besucher schlichen hinaus, und draußen +nahm Asmus seine Mutter auf die Seite und +fragte: »Was sagt denn der Arzt?«</p> + +<p>Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten: +laut jammernd rief sie: »Ach Gott, der schreckliche +Mensch sagt, es wäre vielleicht Magenkrebs, +– ich werd’ ja verrückt, wenn ich bloß +daran denke!«</p> + +<p>Das machte Asmus vom Kopf bis zu den +Füßen erstarren. Über all seine Befürchtungen +hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es +werde vorübergehen. Dieser Schlag betäubte +ihn. Aber nur für einen Augenblick. Er schickte +Hilden und das Kind nach Hause und rannte +zum Arzt.</p> + +<p>»Ja,« sagte der, »alle Anzeichen sprechen +dafür. Ich habe keine Magensäure gefunden, +das ist das sicherste Symptom.«</p> + +<p>»Herr Doktor,« stammelte Asmus, »Sie +dürfen mir nicht zürnen, – Sie sind ja auch +nur ein Mensch, – Sie müssen sich in meine +<!-- Page 437 --><span class='pagenum'><a name="Page_437" id="Page_437">[437]</a></span> +Lage versetzen, – es ist mein Vater, – würden +Sie es mir übelnehmen, wenn ich noch einen +zweiten Arzt befragte?«</p> + +<p>»Durchaus nicht,« versetzte der Arzt, »Sie +machen sich freilich unnötige Kosten; aber wenn +es Sie beruhigt –«</p> + +<p>Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der +ihm als besonders tüchtig empfohlen war. Der +ließ ihn kühl an. Wer denn seinen Vater behandle?</p> + +<p>Der Doktor Soundso.</p> + +<p>Ja, das sei ja ein sehr tüchtiger Arzt. Er +wisse nicht, was er da solle.</p> + +<p>Asmus flehte ihn an, er möchte doch kommen.</p> + +<p>»Nun ja, ich kann ja hinkommen.«</p> + +<p>Und Asmus ging mit neuer Hoffnung: Der +wird vielleicht zu einem anderen Ergebnis +kommen.</p> + +<p>Als er andern Tages ins Elternhaus kam, +war der zweite Arzt noch nicht dagewesen. Der +Kranke aber delirierte und konnte nur mit +größter Mühe im Bette festgehalten werden. +Da kam Asmussen der Gedanke: Ins Krankenhaus. +Hier, in diesen ärmlichen, beschränkten +Verhältnissen konnte ja der Vater nicht gepflegt +werden wie im Krankenhause, und wenn eine +Operation nötig war, mußte er doch dorthin. +Und dort waren die besten Ärzte. Er besorgte +die Aufnahme ins Krankenhaus, nahm eine +Droschke und fuhr vors Elternhaus. Nun holte +er seinen Vater in der Droschke! Aber nicht +<!-- Page 438 --><span class='pagenum'><a name="Page_438" id="Page_438">[438]</a></span> +im Triumph, ach Gott, nicht im Triumph! Ohnmächtig +lag ihm sein Vater im Arm wie ein +Kind, und als er so mit seinem Vater im Wagen +allein war, rannen seine Tränen unaufhörlich. +Als er den Vater endlich wohlgebettet sah, eilte +er zum Arzt des Krankenhauses und erstattete +ihm Bericht über den Kranken. Dieser Arzt +war ein feiner und milder Mann; er hörte +den Sohn, aus dessen Worten er wohl die +fliegende Angst des Herzens vernahm, mit +großer Teilnahme an und entließ ihn mit neuer +Hoffnung. Nun kann noch alles gut werden, +dachte Asmus. Dieser Arzt ist ein vortrefflicher +Mann, und im Krankenhause hat man alles +zur Hand, was man zur Pflege eines schwer +Erkrankten braucht.</p> + +<p>Andern Mittags, als er aus der Schule +heimkam, war sein erstes Wort:</p> + +<p>»Ist Nachricht vom Krankenhause da?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Hilde ernst, »der Bote war +hier.«</p> + +<p>»Und?« rief er begierig.</p> + +<p>»Du weißt es doch schon, nicht wahr?« +sprach Hilde sanft. Er starrte sie an. »Ist +er –?« Er brachte das Wort nicht heraus.</p> + +<p>Sie nickte stumm und legte den Arm um +seinen Hals. Er aber fiel mit einem einzigen, +lauten Aufschluchzen in die Sofaecke.</p> + +<p>Das also hatte er mit allen Mühen und +Ängsten erreicht, daß sein Vater nun einsam +<!-- Page 439 --><span class='pagenum'><a name="Page_439" id="Page_439">[439]</a></span> +gestorben war. Zwar: Ludwig Semper war +nach dem Bericht der Wärter nicht wieder zum +Bewußtsein erwacht, und morgens um zwei Uhr +war er gestorben. Aber wenn er nun doch noch +einen lichten Augenblick gehabt und wenn er +Weib und Kinder gesucht hatte – mit diesem +Gedanken zerfleischte sich Asmus das Herz, +während er durch die Straßen rannte und die +Formalitäten für die Bestattung erledigte. Dabei +lief er oft stundenlang durch Gegenden, in denen +er nichts zu suchen hatte; er wußte nicht, womit +er sonst seine Zeit ausfüllen sollte.</p> + +<p>Als er dann an der Bahre seines Vaters +stand und den starren, tränenlosen Blick auf das +weiße Haupt des Toten heftete, da mußte er +unaufhörlich denken: König Lear – König +Lear. Dieser Mann hatte nicht aus Torheit +ein Kind verstoßen, war kein Tyrann gewesen +– und war seine Liebe vergolten worden, wie +sie’s verdiente? Die Liebe eines Vaters kann +man nicht vergelten, dachte er; jeder Vater ist +ein König Lear. Und als er seine arme, gebeugte +Mutter sah, als er daran dachte, daß +ihre Kinder von ihr gegangen waren und das +beste Teil ihres Herzens an andere gegeben +hatten, da fügte er hinzu: und jede Mutter +ist eine Niobe.</p> + +<p>Er riß sich gewaltsam empor aus seinem +Brüten und sah sich um. Von seinen Freunden +war nur einer erschienen: <em class="antiqua">Dr.</em> Rosenberg. Und +das war die erste Freude in all diesem Leid.</p> + +<p><!-- Page 440 --><span class='pagenum'><a name="Page_440" id="Page_440">[440]</a></span> +Als er am Grabe stand, war es wieder +wie immer; er konnte nicht weinen. Er dachte, +was müssen die Menschen von dir denken, daß +du am Grabe deines Vaters ohne eine Träne +stehst. Aber als er das dachte, konnte er um +so weniger weinen. Er hatte seit jenem Aufschluchzen +in Hildens Armen nicht geweint; auch +als er heimgekommen war, weinte er nicht. +Erst am Abend des folgenden Tages, als Hilde +zu einer Besorgung das Haus verlassen hatte +und er allein an seinem Schreibtisch saß, legte +er den Kopf in den Sessel zurück und weinte, +weinte unaufhaltsam wie ein kleines Kind, das +im Gewühl und Gedränge der Menschen die +Hand des Vaters verloren hat.</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><!-- Page 441 --><span class='pagenum'><a name="Page_441" id="Page_441">[441]</a></span> +<a name="LVIII_und_letztes_Kapitel" id="LVIII_und_letztes_Kapitel"></a>LVIII. und letztes Kapitel.</h3> + +<div class="center">Asmus bekommt einen Preis, einen Wolfram und eine +Weltanschauung, und da dies dem Verfasser genug +dünkt, übrigens auch die Weltanschauung den Mann +macht, so schließt er diese Geschichte eines Jünglings.</div> + +<p><span class="bigletter">W</span>arum suchte denn Asmus in diesen schweren +Tagen nicht Trost bei seiner Hilde? Wer +am Schlusse dieses Buches noch so fragen würde, +der würde das Wesen von Ludwig Sempers +Sohn nicht ganz verstanden haben. Leute wie +dieser Asmus können den Trost nicht bei +anderen, sondern immer nur in sich selbst finden, +und wenn sie auf den Trost anderer hören, +so ist es, weil sie ihn schon in sich selbst gefunden +haben. Zunächst suchte er auch keinen +Trost; er wühlte vielmehr in seiner Wunde. +Nicht alle Menschen rufen im Schmerze sofort +nach Linderung wie das Kind nach dem Schnuller. +Er fand es recht und gut, daß er litt, wo sein +Vater so schwer und so lange geduldet hatte; +er bildete sich nicht ein, ein Anrecht auf ein +schmerzloses Dasein zu haben, wenn solche Menschen +litten. Dann aber, als er sich recht in +Ruhe und Einsamkeit sattgeweint hatte, trat +<!-- Page 442 --><span class='pagenum'><a name="Page_442" id="Page_442">[442]</a></span> +seine angeborene Philosophie wieder in ihr +Recht: Mit unabänderlichen Tatsachen nicht zu +hadern und den Kampf des Lebens in Hoffnung +und Vertrauen immer wieder aufzunehmen. War +es doch inzwischen eine Hoffnung und ein Vertrauen +geworden, die weit über den Kreis eines +Einzeldaseins hinausreichten.</p> + +<div class="textbody"> +<p>So oft er auch an den frühen Hingang +seines Vaters mit Schmerzen gedenken mochte +– er konnte dessen auch in weit, weit späteren +Jahren nur mit tiefer Wehmut gedenken – +dieser Verlust gehörte, als er mit ihm abgeschlossen +hatte, nicht mehr zu den Dingen, die +sein Wirken und seine Entwicklung hemmen +konnten. Er hätte auch keine Zeit gehabt zu +melancholischen Meditationen; er erfuhr wieder +einmal den Fluch und den Segen der Armut. +Er hatte schließlich doch einsehen müssen, daß +1800 Mark und selbst 2000 Mark nicht ausreichten, +wenn man Eltern davon unterstützen +und außerdem drei Menschen erhalten wollte, +von denen zwei doch etwas mehr verlangten +als Stillung des Hungers. Und seine Schriftstellerei +war noch ein völlig unsicheres Brot; +Arbeiten, die ihm später mit Kußhand abgenommen +wurden, mußte er in diesen Jahren +wie saures Bier an Dutzende von Blättern vergeblich +ausbieten. Dazu stand die Geburt des +zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg, +der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht +lesen mochte, hatte ihm in zartester Weise seine +<!-- Page 443 --><span class='pagenum'><a name="Page_443" id="Page_443">[443]</a></span> +Hilfe angeboten; »ich verdiene weit mehr, als +ich brauche,« hatte er gesagt, »und ich bin froh, +wenn ich mein Geld so gut anwenden kann.« +Aber Asmus hatte vorläufig mit Dank und +Rührung abgelehnt. Er wußte, daß dieser +Mann ihn niemals drängen würde; aber er +hatte vor Schulden ein tiefes Grauen; sie +waren das einzige gewesen, das die heiter +gütige Seele seines Vaters verbittern konnte. +So griff er denn zu einer Häufung der Privatstunden; +er bereitete Lehrer und Lehrerinnen +auf das zweite Examen vor. Die Nachbarinnen +steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Was +tun denn die jungen Damen immer bei Herrn +Semper?« Dann sagte der Hauswirt: »Sie +lernen bei ihm das Dichten.«</p> + +<p>Es war ein Glück, daß ihm in seiner regelmäßigen +Tätigkeit eine große Wohltat geschehen +war. Er war nun schließlich doch versetzt worden, +und an dem Leiter dieser neuen Schule erkannte +Asmus so recht, wie unsere Worte und Handlungen +das Gesicht der Persönlichkeit tragen, +aus der sie fließen. Auch dieser Chef legte zuweilen +auf kleine Dinge einen Wert, der ihnen +nicht zukam; aber er war ein jovialer Gentleman, +der in seinen Kollegen bis zum Beweise +des Gegenteils Gentlemen erblickte, und so bedeuteten +alle Kleinigkeiten nichts auf dem großen +Grunde des gegenseitigen Vertrauens. Kein +Mißton trübte das Verhältnis zwischen diesem +Manne und dem renitenten Herrn Semper.</p> + +<p><!-- Page 444 --><span class='pagenum'><a name="Page_444" id="Page_444">[444]</a></span> +Und als er eines Mittags von diesem freieren +und froheren Dienste nach Hause kam, da sah +er an Hildens Gesicht, daß etwas Ähnliches +geschehen sein müsse, wie damals mit den hundert +Mark vom »Leuchtturm«, aber etwas noch weit +Froheres. Auf ihrem schönen Gesicht, das ihm +einst nur für den Ernst und die Trauer geschaffen +schien, zuckten tausend Lichter des Frohsinns, +und in ihrer Hand hatte sie einen Brief.</p> + +<p>»Du darfst nicht böse sein!« rief sie, »ich +konnt’ es nicht aushalten – ich hab’ ihn geöffnet, +als ich sah, woher er kam! Da lies +selbst!«</p> + +<p>Er las, und als er gelesen hatte, wollt’ er +sie wieder umarmen und mit ihr tanzen; aber +nein – das durfte sie ja nicht! Da drückte +er ihr Gesicht mit beiden Händen und zerknüllte +dabei den Brief und dessen Inhalt vollständig +und küßte sie, bis ihr der Atem verging; aber +er mußte doch tanzen, er mußte tanzen, und +er umarmte einen Stuhl und tanzte mit dem +durch beide Zimmer.</p> + +<p>In einer süddeutschen Stadt gab es eine +Schillerstiftung, die von Zeit zu Zeit an Versdichter +einen Schillerpreis von 200 Mark verteilte. +Dieser Preis war nun den »Gedichten +von Asmus Semper« zuerkannt worden.</p> + +<p>Als er den Brief noch einmal gelesen und +die beiden Hundertmarkscheine geglättet und +genau betrachtet hatte, ob es auch richtige Banknoten +und nicht etwa Ehrendiplome oder dergleichen +<!-- Page 445 --><span class='pagenum'><a name="Page_445" id="Page_445">[445]</a></span> +wären, da drehte er sich auf einem +Beine mehrmals um sich selbst. Aber plötzlich +hielt er inne, ließ sich auf einen Stuhl fallen +und wurde tiefernst. Und Hilde kniete zu ihm +nieder und sagte:</p> + +<p>»Ich weiß, was du denkst!«</p> + +<p>»Ja, Hilde? Weißt du das? – Hilde! +Wenn <em class="gesperrt">er</em> das noch erlebt hätte! Mein Gott, +wenn <em class="gesperrt">er</em> das noch erlebt hätte! Das wäre +ihm wie eine Krönung seines Lebens gewesen.« – – –</p> + +<p>So wenig sich Frau Hilde in den Gedanken +ihres Mannes verrechnet hatte, so sehr hatte +sie sich in der Zeit ihrer Erwartung verrechnet. +Einen vollen Monat später, als sie +gehofft, erschien das zweite Kind; dafür aber +war es ein richtiger Junge. Der junge Herr +Wolfram schrie genau so kraftvoll wie seine +Schwester.</p> + +<p>Als Asmus seinem Freunde Rosenberg die +Nachricht brachte, da rief der: »Nun, da muß +man wahrhaftig sagen: Ein volles Glück! +Mensch, Sie sind ein Liebling der Götter! Sie +haben ein herrliches Weib, eine Tochter, einen +Sohn und alle sind gesund, und Sie haben +Glück und Freude <em class="gesperrt">an</em> Ihrer Kunst und <em class="gesperrt">in</em> Ihrer +Kunst! Bei Gott, ein volles Glück, ein volles +Glück!«</p> + +<p>Er sprach es ohne Neid, obwohl ihm selbst +eine frühe Hoffnung verhagelt war.</p> + + +<p><!-- Page 446 --><span class='pagenum'><a name="Page_446" id="Page_446">[446]</a></span> +Und doch ahnte der Freund bei weitem nicht +den ganzen Umfang von Sempers Glück; er +<em class="gesperrt">konnt’</em> es nicht kennen in seiner ganzen Fülle. +Asmus hatte in den letzten Monden Kämpfe +durchgerungen, von denen niemand wissen +konnte. Er hatte für seinen frohen, hoffenden +Glauben an das Leben nach einem tieferen und +festeren Grunde gesucht und hatte ihn gefunden, +für viele Jahre wenigstens gefunden.</p> + +<p>Wenn selbst ein Faust ausrief:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">O glücklich, wer noch hoffen kann,</span> +<span class="i0">Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!</span> +</div></div> + + +<p>und wenn Asmus dennoch hoffte, so fragte +er sich: »Bin ich ein Wagner?« Nein, ein +Wagner war er nicht, das durfte er sich zuerkennen. +Nur in halbkindlichen Jahren hatte +er geglaubt, daß ein Mensch viel wisse und daß +er alles wissen könne. Auch war er nie so gemein +gewesen, die Welt für vortrefflich zu halten, +weil es ihm gut erging. Aber doch hatte er +sich die Harmonie der Welt schon in engeren +Kreisen, ach, schon im Bezirk eines Einzellebens +vollendet gedacht. Daran war er irre geworden +und hatte nun die Landmarken seiner Hoffnung +weiter gesteckt, in die Jahrhunderttausende, in +die Jahrmillionen hinein. Auf diesem langen +Wege bedurft’ es eines starken Glaubens, nein, +eines starken Wissens, und das hatte er gefunden. +Nicht nur die unmittelbare Gewißheit +des Sittengesetzes war ihm aufgegangen, er +fühlte auch unmittelbare Gewißheit im Denken +<!-- Page 447 --><span class='pagenum'><a name="Page_447" id="Page_447">[447]</a></span> +und im Schaffen, und er nannte dies Gefühl, +das die Entwicklung des Menschen begleitet, +das Richtungsgefühl. Trotz aller Schuld, alles +Irrtums und alles Mißlings weiß der +Mensch, in welcher Richtung Ausgang und Ende +des Entwicklungsstromes liegen; in seiner Brust +ist ein Magnet, der trotz allen Zitterns und allen +Abirrens den Weg zur Vollendung weist.</p> + +<p>An einem köstlich milden Septemberabend, +als er mit der froh genesenen Hilde am Fenster +saß und noch ein letzter Hauch der Sonne auf +den Bäumen lag, sprach er zu ihr:</p> + +<p>»Ich hab’ was geschrieben – willst du’s +hören?«</p> + +<p>Mit der Freude eines Kindes ergriff sie +seine Hand und drückte sie an ihr Herz und +ließ sich dann zu seinen Füßen nieder. Er entfaltete +ein Blatt und las:</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i4"><em class="gesperrt">Chidhr.</em></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Ein wunderbarer Traum hat mich besucht.</span> +<span class="i0">Ich saß an eines Berges Hang und schaute.</span> +<span class="i0">In einer flüchtigen Minute Raum</span> +<span class="i0">Gedrängt, den Daseinswechsel langer Zeiten.</span> +<span class="i0">Im Tal zu meinen Füßen sah ich Blumen</span> +<span class="i0">Auf Blumen sich erschließen und vergehn,</span> +<span class="i0">Sah’ Bäum’ und Sträucher keimen ich und sprossen</span> +<span class="i0">Und wachsen, blühen, welken und vermodern,</span> +<!-- Page 448 --><span class='pagenum'><a name="Page_448" id="Page_448">[448]</a></span> +<span class="i0">Und sah ich Menschen von der Wiege bis</span> +<span class="i0">Zum Sarg des Lebens kurzen Tag durchwandeln.</span> +<span class="i0">Ich sah sie lachen, weinen – weinen, lachen,</span> +<span class="i0">Sah sie verzweifeln, hoffen und – verzweifeln,</span> +<span class="i0">Sah, wie das Glück dem Unglück reicht die Rechte,</span> +<span class="i0">Wie Unglück seine Rechte reicht dem Glück</span> +<span class="i0">In ewiger Kette.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i8">Namenlose Trauer</span> +<span class="i0">Sank mir mit schweren Schatten in die Seele.</span> +<span class="i0">»Wann endlich,« dacht’ ich, »sinnlos-blödes Spiel,</span> +<span class="i0">Wirst du dich enden? Auf und ab und auf</span> +<span class="i0">Wiegt seit Äonen sich die Lebensschaukel</span> +<span class="i0">– Auf einer Seite staunend sitzt das Leben,</span> +<span class="i0">Und auf der andern grinsend wippt der Tod –</span> +<span class="i0">Und auf und ab, stumpfsinnig, wird die Wippe</span> +<span class="i0">Durch Ewigkeiten gehn. Wo lebt der Gott,</span> +<span class="i0">Den dieses grause Einerlei vergnügt?</span> +<span class="i0">Der ärmste Menschengeist, er hätte längst</span> +<span class="i0">Voll Überdruß und Ekel dieses Spielzeug</span> +<span class="i0">Zertrümmert –!«</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i8">Wie ich also bei mir dachte,</span> +<span class="i0">Sah ich am Boden plötzlich einen Schatten –</span> +<span class="i0">Ich hob den Blick, und einen Jüngling sah ich</span> +<span class="i0">Mit himmelsheit’rer Stirn, wie junge Rosen</span> +<span class="i0">Der frohe Mund, das Auge sonnentief.</span> +<span class="i0">Er hob den Arm und winkte freundlich »Komm!«</span> +<!-- Page 449 --><span class='pagenum'><a name="Page_449" id="Page_449">[449]</a></span> +<span class="i0">»Wer bist du?« rief ich. Er drauf: »Chidhr bin ich,</span> +<span class="i0">Der Grüne, Ewigjunge, der im Lande</span> +<span class="i0">Der Finsternis des Lebens Quellen hütet.</span> +<span class="i0">Komm, folge mir.«</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i8">Und Falterflug des Traumes</span> +<span class="i0">Entführte mich auf lautlos dunklen Schwingen</span> +<span class="i0">In eine schreckendüstre Felsenwelt.</span> +<span class="i0">Doch sieh, aus tiefem Spalt granit’ner Berge</span> +<span class="i0">Sprang bläulich silbern einer Quelle Strahl,</span> +<span class="i0">Der wie ein ewig junges Lachen klang.</span> +<span class="i0">Und Chidhr sprach: »In hundert Jahren furcht</span> +<span class="i0">Der ruhlos rege Quell sein hartes Bette</span> +<span class="i0">Um eines Fingers Breite. Alexander,</span> +<span class="i0">Den bis nach Indien trug der Siegeswagen,</span> +<span class="i0">Stand einst wie du an diesem Lebensquell.</span> +<span class="i0">Seit jenem Tage grub der Silberstrang</span> +<span class="i0">Um einen Fuß sich tiefer ins Gestein.</span> +<span class="i0">Und einst wird diese Quelle im Verein</span> +<span class="i0">Mit ihren Schwestern diese Felsen wandeln</span> +<span class="i0">In ein begrüntes Tal, wie du’s verlassen.</span> +<span class="i0">Hier maß der göttergleiche Alexander</span> +<span class="i0">Sein Werk und seinen Ruhm am Maß der Welt</span> +<span class="i0">Und ging von diesem Ort zerstörten Herzens.</span> +<span class="i0">Und du, der schwach und klein ist bei den Menschen,</span> +<span class="i0">Kannst, wenn du willst, ein Gott von hinnen geh’n.</span> +<!-- Page 450 --><span class='pagenum'><a name="Page_450" id="Page_450">[450]</a></span> +<span class="i0">Wohl ihm, dem Freude sprüht aus dieser Quelle,</span> +<span class="i0">Wohl ihm, der ihr geheimes Lied versteht.</span> +<span class="i0">Wohl bleichen ihm die Lichtlein, die den Pfad</span> +<span class="i0">Ihm durch ein enges Leben schwach erhellten,</span> +<span class="i0">Die Lichtlein Ruhm, Unsterblichkeit und Macht.</span> +<span class="i0">Doch hinter weltenweiten Finsternissen</span> +<span class="i0">Geht eine Sonn’ ihm auf, die alle Sonnen</span> +<span class="i0">Und Sonnenchöre selig überstrahlt.</span> +<span class="i0">Er fühlt, wie klein der Mensch, und fühlt, wie groß,</span> +<span class="i0">Wie unbegreiflich schön, wie über alles</span> +<span class="i0">Verdienst und Ahnen göttlich sein Beruf,</span> +<span class="i0">Und aus dem Klang der Quelle trinkt sein Herz</span> +<span class="i0">Zwei Kräfte wundersam: Geduld und Sehnsucht.</span> +<span class="i0">Geduld, die heiß und tief verlangt, und Sehnsucht,</span> +<span class="i0">Die sich am Glanz des Zieles still getröstet.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">O Menschen, habt Geduld, und tut es nicht</span> +<span class="i0">Den Kindlein gleich, die in den Boden kaum</span> +<span class="i0">Den Samen senkten und nach Blumen schon</span> +<span class="i0">Und reifen Früchten späh’n! Taucht die Gedanken</span> +<span class="i0">Ins märchengraue Alter dieser Welt</span> +<span class="i0">Und steigt empor dann und erkennt, daß gestern</span> +<span class="i0">Der Mörder Kain seinen Bruder schlug.</span> +<!-- Page 451 --><span class='pagenum'><a name="Page_451" id="Page_451">[451]</a></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Du dachtest recht, mein Freund: wär’ diese Welt</span> +<span class="i0">Ein Einerlei, die Macht, die sie erschaffen,</span> +<span class="i0">Sie hätte längst zerstört ihr blödes Spiel.</span> +<span class="i0">Doch sieh, soweit in diesem Reich des Lebens</span> +<span class="i0">Die Wasser wandern, hat noch nie ein Quell,</span> +<span class="i0">Noch nie ein Strom den Weg zurückgenommen –</span> +<span class="i0">So glaube: auch der Strom des Lebens nicht.</span> +<span class="i0">»Vorwärts zum Licht!« das ist der Sinn der Quellen,</span> +<span class="i0">»Vorwärts zum Licht!« das ist der Ströme Sinn,</span> +<span class="i0">Die deine Seele, deinen Leib durchrinnen.</span> +<span class="i0">Er, der die Welt gewollt und dessen Namen</span> +<span class="i0">Kein endlich Wesen nennen darf noch kann,</span> +<span class="i0">Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen</span> +<span class="i0">Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s +<em class="gesperrt">wißt</em>!«</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">So sprach der Ewigjunge. Oder sprach’s</span> +<span class="i0">Der Quell? Im Silberklange rann zusammen,</span> +<span class="i0">Was Chidhr sprach und was die Quelle sang.</span> +<span class="i0">Und Falterflug des Traumes hob mich lautlos</span> +<span class="i0">Von dannen, und vom Tageslicht geblendet,</span> +<span class="i0">Erwacht’ ich jäh.</span> +<span class="i8">Am Waldesrand erwacht’ ich,</span> +<span class="i0">Wo singend aus dem Fels die Quelle springt,</span> +<span class="i0">Wo Morgenlicht von tausend Himmeln floß.</span> +</div></div> + + +<p><!-- Page 452 --><span class='pagenum'><a name="Page_452" id="Page_452">[452]</a></span> +Sie nahm Ihm leise das Blatt aus der +Hand und suchte darin eine Stelle, und als sie +sie gefunden hatte, sprach sie langsam und leise:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Er, der die Welt gewollt und dessen Namen</span> +<span class="i0">Kein endlich Wesen nennen darf noch kann,</span> +<span class="i0">Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen</span> +<span class="i0">Zum Lichte geh’n – und gab euch, +daß ihr’s <em class="gesperrt">wißt</em>!</span> +</div></div> + +<p>Wie immer hatte sie ihn verstanden. Und +als sie nun die dunklen Augen in heiligem +Ernste zu ihm erhob, und als sein froher Blick +in diese Augen selig versank, da sprach Asmus +Semper in seinem Herzen:</p> + +<p>»Ein volles Glück – bei Gott, ein volles +Glück.«</p></div> + + +<p> </p><p> </p> +<h3><b>Ende.</b></h3> + +<!-- TOC. --> + +<p> </p> +<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> + +<tr><td><a name="Inhalt" id="Inhalt"><b>Inhalt</b></a></td></tr> +<tr><td></td></tr> +<tr><td><a href="#Erstes_Buch"><b>Erstes Buch</b></a></td></tr> +<tr><td></td></tr> +<tr><td><a href="#I_Kapitel">I. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#II_Kapitel">II. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#III_Kapitel">III. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#IV_Kapitel">IV. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#V_Kapitel">V. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#VI_Kapitel">VI. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#VII_Kapitel">VII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#VIII_Kapitel">VIII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#IX_Kapitel">IX. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#X_Kapitel">X. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XI_Kapitel">XI. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XII_Kapitel">XII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XIII_Kapitel">XIII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td></td></tr> +<tr><td></td></tr> +<tr><td><a href="#Zweites_Buch"><b>Zweites Buch</b></a></td></tr> +<tr><td></td></tr> +<tr><td><a href="#XIV_Kapitel">XIV. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XV_Kapitel">XV. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XVI_Kapitel">XVI. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XVII_Kapitel">XVII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XVIII_Kapitel">XVIII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XIX_Kapitel">XIX. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XX_Kapitel">XX. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXI_Kapitel">XXI. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXII_Kapitel">XXII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXIII_Kapitel">XXIII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXIV_Kapitel">XXIV. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXV_Kapitel">XXV. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXVI_Kapitel">XXVI. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXVII_Kapitel">XXVII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXVIII_Kapitel">XXVIII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXIX_Kapitel">XXIX. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXX_Kapitel">XXX. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXXI_Kapitel">XXXI. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXXII_Kapitel">XXXII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXXIII_Kapitel">XXXIII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXXIV_Kapitel">XXXIV. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXXV_Kapitel">XXXV. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td></td></tr> +<tr><td></td></tr> +<tr><td><a href="#Drittes_Buch"><b>Drittes Buch</b></a></td></tr> +<tr><td></td></tr> +<tr><td><a href="#XXXVI_Kapitel">XXXVI. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXXVII_Kapitel">XXXVII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXXVIII_Kapitel">XXXVIII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XXXIX_Kapitel">XXXIX. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XL_Kapitel">XL. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XLI_Kapitel">XLI. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XLII_Kapitel">XLII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XLIII_Kapitel">XLIII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XLIV_Kapitel">XLIV. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XLV_Kapitel">XLV. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XLVI_Kapitel">XLVI. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XLVII_Kapitel">XLVII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XLVIII_Kapitel">XLVIII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#XLIX_Kapitel">XLIX. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#L_Kapitel">L. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#LI_Kapitel">LI. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#LII_Kapitel">LII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#LIII_Kapitel">LIII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#LIV_Kapitel">LIV. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#LV_Kapitel">LV. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#LVI_Kapitel">LVI. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#LVII_Kapitel">LVII. Kapitel.</a></td></tr> +<tr><td><a href="#LVIII_und_letztes_Kapitel">LVIII. und letztes Kapitel.</a></td></tr> +</table> + +<!-- End TOC. --> + +<p> </p><p> </p> +<div class="note"> + +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong></p> + +<p>Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise +ansonsten aber wie im Original belassen.</p> + +<p>Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen in Antiqua (nicht in Fraktur) +wurden folgendermaßen gekennzeichnet: <em class="antiqua">Text</em></p> + +<p>Das Inhaltsverzeichnis wurde der Transkription zur Leseerleichterung beigefügt.</p> + +<p>Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_150">S. 150:</a> [Bindestrich entfernt] aus-dem Märchen --> aus dem Märchen</li> +<li><a href="#Page_281">S. 281:</a> In Amus wirbelte --> In Asmus wirbelte</li> +<li><a href="#Page_359">S. 359:</a> [Anführungszeichen nach ‘Sie’ ergänzt] »Meinetwegen +sag’ ‘Sie’«</li> +<li><a href="#Page_371">S. 371:</a> [‘ durch » ersetzt] ‘Werter Herr Semper« --> »Werter Herr Semper«</li> +<li><a href="#Page_377">S. 377:</a> in Winter --> im Winter</li> +<li><a href="#Page_382">S. 382:</a> und lief ein groß Stück Weges vorauf. -> und lief ein groß +Stück Weges voraus. [vorauf -> voraus]</li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING *** + +***** This file should be named 28083-h.htm or 28083-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/8/0/8/28083/ + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> + diff --git a/28083-h/images/music.png b/28083-h/images/music.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b25325e --- /dev/null +++ b/28083-h/images/music.png diff --git a/28083-h/images/titelseite.png b/28083-h/images/titelseite.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7722fc9 --- /dev/null +++ b/28083-h/images/titelseite.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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