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+The Project Gutenberg EBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Semper der Jüngling
+
+Author: Otto Ernst
+
+Release Date: February 14, 2009 [EBook #28083]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
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+ Semper
+ der Jüngling
+
+
+ Ein Bildungsroman
+
+ von
+
+ Otto Ernst
+
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+ Sechsundfünfzigstes bis sechzigstes Tausend
+
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+ Leipzig - Verlag von L. Staackmann - 1914
+
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+
+
+ Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte
+ Der Schlaf hervor.
+ Schon raunte mir die ersten, leisen Worte
+ Der Traum ins Ohr.
+ Da klang von nahen Zweigen
+ Ein tiefer Freudenschall
+ Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen.
+ In meinen Traum sang eine Nachtigall.
+
+ Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume
+ Im Traum, im Traum.
+ Nur fern, o fern, durch mitternächt’gen Bäume
+ Ein lichter Saum.
+ Doch horch: von jenen Röten
+ Ein süß geheimer Hall,
+ Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten!
+ In meinen Traum sang eine Nachtigall.
+
+ Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme
+ Von je erklang
+ Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme
+ Voll Hoffnung sang.
+ Ein Land des Lichtes träumen
+ Wir armen Seelen all!
+ Ich aber höre Klang aus jenen Räumen:
+ In meinen Traum singt eine Nachtigall.
+
+
+
+
+Erstes Buch
+
+Spiel und Arbeit
+
+
+
+
+I. Kapitel.
+
+Handelt von Balladen und Präparanden, Gendarmen und hebräischen
+Handschriften, zum Glück auch von Präparandinnen.
+
+
+Asmus Semper, der halbwegs sechzehnjährige Schüler des Hamburger
+Präparandeums, schwamm bis über die Augenbrauen in Seligkeit. Vor
+seinen Blicken wogte eine warme, goldene Flut. Herr Tönnings, der
+Ordinarius, der genau so aussah wie die Geometrie mit einem Stehkragen
+und von dem ein Gerücht ging, daß er vor sieben Jahren den einen
+Mundwinkel zu dem Versuch eines Lächelns verzogen habe, Herr Tönnings
+also hatte soeben verkündet, daß u. a. auch Asmus Semper eine
+Hospitantenstelle erhalten solle. Man denke, was das heißt: eine
+Hospitantenstelle! Jeden Morgen von 8-12 Uhr sollte er in einer
+Volksschule dem Unterricht der Kleinen zuhören dürfen, und dafür bekam
+er noch obendrein ein jährliches Gehalt von dreihundertundsechzig
+Mark! Jeden Morgen sollt’ er aus nächster Nähe hineinhorchen dürfen in
+die Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis; das hohe
+Wunder sollt’ er nun begreifen: wie der Geist des Menschen Nahrung
+aufnimmt, wächst und sich vollendet!
+
+Und noch dreihundertundsechzig Mark! Er hatte ja nichts von dem Geld,
+wollte auch keinen Pfennig davon, haha – aber auf das Gesicht seiner
+Eltern freute er sich, daß ihm die Augen heiß wurden. Er wollt’ es
+ihnen nicht eher sagen, als bis er sie beide beisammen hatte, und dann
+wollte er die Wirkung beobachten; aber die kleine Wohnung der Semper
+betrat man durch die Küche, und in der Küche briet Frau Rebekka die
+Abendkartoffeln, und als er seine Mutter sah, konnte Asmus sich nicht
+mehr halten, und weil er wußte, was seine Mutter am meisten freute,
+rief er: »Ich kriege dreihundertundsechzig Mark das Jahr!«
+
+Im nächsten Augenblicke war Frau Rebekka schon in der anstoßenden
+Zigarrenmacherstube, schwang das Messer, mit dem sie die Kartoffeln
+umgerührt hatte, hoch in der Luft und rief: »Freude war in Trojas
+Hallen!« Aber da stand auch schon Asmus neben ihr, und damit sie ihm
+nicht zuvorkommen könne, rief er: »Laß, Mutter, laß, ich will es Vater
+sagen! – Ich krieg’ eine Hospitantenstelle mit dreihundertundsechzig
+Mark das Jahr!«
+
+Und da hatte Asmus wieder den Anblick, der ihm vielleicht von allen
+auf der Welt der liebste war: in dem weißumwallten Jupiterantlitz
+Ludwig Sempers gingen zwei Sonnen auf und verbreiteten Licht durch die
+ganze Welt.
+
+»Ach nein – es ist ja wohl nicht möglich!« rief der Vater, indem er
+den Kopf zurückwarf.
+
+»Ganz gewiß!« rief Asmus. »Nun verdiene ich mehr, als wenn ich
+Handwerker geworden wäre. Seht mal, wenn ich Tischler oder Hutmacher
+lernte, dann kriegte ich das erste Jahr gar nichts oder vielleicht
+drei Mark die Woche, und dies sind beinahe sieben Mark die Woche, und
+das geb’ ich natürlich alles euch!«
+
+Da schlug Ludwig Semper heftig das linke Bein über das rechte, wie er
+immer tat, wenn er in seinem Innern sehr zornig oder sehr lustig war,
+und redete fast den ganzen Rest des Abends mit stumm bewegten Lippen
+zu sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht laut und hell
+auf, ohne daß man einen Ton gehört hätte, und unzählige Tabakblätter
+verschnitt er an diesem Abend und warf sie in die Abfallschürze, weil
+er mit seinem Messer immer wieder sausend über die sonnigen Felder und
+Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er hatte ja auch studieren sollen;
+aber dann war der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters gekommen,
+und dann die Sorge, dann der Krieg mit den Dänen, dann seine Träumerei
+und sein erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und dann immer ein
+Kind nach dem andern. Und so machte er mit 58 Jahren noch immer
+Zigarren. Aber mit einem Schlage war jetzt seine Jugend wieder da – da
+stand sie vor ihm, fünfzehnjährig, rotwangig – nichts war verloren;
+denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus studierte, das war ja vollkommen
+dasselbe.
+
+Rebekka aber, als sie von »sieben Mark die Woche« hörte, vergaß all
+ihre Sparsamkeit, lief in die Küche und schob noch ein Stück
+Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie auch da noch ziemlich
+trocken ausschauten, griff sie leichtsinnig nach dem Teekessel und goß
+einen gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, daß eine mächtige Wolke
+wie eines Dankopfers zu den Himmlischen emporstieg.
+
+Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und sieben Semper versammelten sich
+andächtig um das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund, das sah
+man an den Bewegungen der Gabeln; aber Adalbert, der Jüngste, war so
+gesund, daß Frau Rebekka nach einer Weile ausrief: »Halt, mein Junge,
+du hast jetzt genug. Es wird kein Fresser geboren, es wird einer
+gemacht!«
+
+Adalbert wollte sich melancholisch zurückziehen, da sprach der Vater:
+»Laß doch den Jungen essen!« und trat seine Ansprüche an die
+Allgemeinheit ab.
+
+Und nach dem Essen – obwohl die Semper über das Abendbrot hinaus bis
+gegen Mitternacht zu arbeiten pflegten – warf Ludwig Semper Messer,
+Tabak und Rollklotz in die Ecke, holte den stark zerlesenen und
+vergilbten »Faust« vom Bücherbrett und las und warf das linke Bein
+über das rechte und bewegte die Lippen und lächelte. Und alle waren
+still, und Asmus wußte: Nun kommt eine heilige Stunde. Und wirklich,
+es währte nicht lange, da klang es durch den Raum:
+
+ »Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
+ Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
+ Dein Angesicht im Feuer zugewendet. –«
+
+– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
+
+In einem wunderlieben Dorfe, das sich jetzt zu einer großen, häßlichen
+Vorstadt Hamburgs ausgewachsen hat, damals aber noch im heitern
+Frieden seiner Kindheit lag, in einem Garten mit Rosen und Apfelbäumen
+fand Asmus die Schule, an der er hospitieren sollte. »Ich habe zuviel
+Glück,« dachte er, als er sie nach einstündiger Wanderung vor sich
+liegen sah. Gewöhnlich, wenn er solch ein stummes Dankgebet in den
+Himmel hinaufsandte, zog ihm gleich darauf das Glück etwas ab, als
+wenn es dächte: Der ist auch mit weniger zufrieden. Das erste nämlich,
+was er tun mußte, war: sich im Portal der Schule aufstellen und alle
+Schüler aufschreiben, die zu spät kamen. So hatte sich Asmus das
+Belauschen der Kindesseele nicht gedacht. Aber da es nun einmal sein
+Amt war, so notierte er gewissenhaft alles, was an Buben oder Mädchen
+den letzten Glockenschlag versäumte, obwohl es ihm bei den Mädchen
+mitunter schwer wurde. Anfangs empfand er wohl so etwas wie die Würde
+einer obrigkeitlichen Stellung, namentlich als ein Vater, der mit dem
+Schulgeld im Rückstande war, an ihn herantrat und bat, daß man noch
+ein wenig Geduld mit ihm haben möchte, und ihm heimlich ein paar
+Zigarren in die Hand drücken wollte. Asmus wich zwar ängstlich zurück
+und rief: »Darüber habe ich leider gar nichts zu sagen!« – aber als
+deutscher Jüngling fühlte er sich doch geschmeichelt, daß man ihn für
+eine Behörde hielt. Diese Reize indessen verflüchtigten sich schon
+nach wenigen Tagen. Dann kam eines Morgens ein blasses, frierendes,
+von Regen durchnäßtes Mägdelein, das weinte.
+
+»Warum weinst du?« fragte Asmus.
+
+»Ich konnte nicht eher kommen; mein Vater hat meine Mutter
+’rausgeschmissen.«
+
+»Warum das denn?«
+
+»Och, er is all wieder duhn (betrunken).«
+
+»So früh schon?«
+
+»Ja, er säuft immer ’rum.«
+
+Asmus erschrak. Gab es Kinder, die so über ihren Vater reden konnten?
+
+»Geh’ nur zu,« sagte er. Das war ja selbstverständlich, daß man die
+nicht aufschrieb. Er sah ihr nach und dachte daran, daß sie fror. Und
+dachte, wie er als Junge gefroren, wenn ihm der Wind unter die dünne
+Jacke fuhr.
+
+Von nun an fragte er öfter nach dem Grunde der Verspätung, und er
+notierte immer weniger. Und eines Tages sagte er sich: Entweder man
+muß alle aufschreiben oder keinen. Und nun ließ er alle vorbeilaufen
+und arbeitete an seiner ersten Ballade, die handelte von einem
+Fischer, der aufs Meer fuhr, um seinen Sohn zu retten, und der dann
+mit seinem Sohne ertrank. Das Schönste an dieser Ballade war eine
+Refrainstrophe, die mit den Zeilen schloß:
+
+ »Drunten klingt verworrner Klang,
+ Tönt es nicht wie Grabgesang?«
+
+Alles, was nach Grab und Unglück klang, das fand der glückliche Asmus
+jener Tage ohne weiteres schön.
+
+»Warum notieren Sie nicht die Zuspätkommenden?« fragte schließlich der
+Oberlehrer.
+
+»Ich mag das nicht,« sagte Asmus verlegen.
+
+»Ja, danach geht es nicht,« rief der Vorgesetzte. Aber bald darauf
+wurde die ganze Einrichtung aufgehoben, und der Posten des
+Kulturgendarmen wurde eingezogen.
+
+Der Oberlehrer schätzte den jungen Semper wegen anderer Fähigkeiten.
+Leider, dachte Asmus. Denn wenn die Wache am Portal vorüber war, mußte
+er im Amtszimmer des Schulleiters dickleibige Schülerregister anlegen
+und auf dem Laufenden halten, Schulgeldrechnungen schreiben, sie mit
+den Hebeprotokollen »kollationieren« und endlose Kolonnen von
+Schulgeldern addieren. Auch das führte den Begierigen nicht in die
+Tiefen der Kindesseele. Es waren fünf Präparanden da: zwei junge
+Mädchen und drei junge »Männer«, sie alle mußten Protokolle schreiben
+und Rechnungen addieren. Unter den jungen Herren war aber einer,
+dessen Handschrift man zunächst immer für hebräische Schriftzeichen
+hielt; erst nach und nach kam man dahinter, daß es die bekannten
+deutschen Buchstaben sein sollten. Da Claus Münz überdies ohne jedes
+Schamgefühl addierte, so wurde er schon nach drei Tagen in die Klassen
+zum Hospitieren geschickt. Asmus hingegen, weil er eine gute
+Handschrift hatte, seine Rechnungen sogar mit einem gewissen
+Schönheitsbedürfnis schrieb und es nicht über sich gewann, falsch zu
+addieren, Asmus durfte im Bureau sitzen bleiben. Ihm fielen die
+Verheißungen des Herrn Rösing, seines alten Lehrers ein, der jeden
+Morgen gesagt hatte: »Jungens, schafft euch ’ne schöne Handschrift an;
+wer ’ne schöne Handschrift hat, kommt überall fort!«
+
+Freilich: sein Schönheitsbedürfnis hatte auch schon in den ersten
+Tagen das Glück herausgefunden, das auch mit dieser Schreibstube
+wieder verbunden war, und dieses Glück war eine der Präparandinnen,
+die sehr hübsch war und noch obendrein brünett. Asmus schrieb und
+addierte den ganzen Morgen mit einer selig-schmerzlichen Spannung in
+der Brust, und der Schmerz kam daher, daß er sich sagte: Ich kann ja
+noch lange nicht heiraten. Und wenn ich heiraten kann, hat sie ein
+anderer geholt. Die andern beiden Jünglinge kokettierten in
+unschuldiger, aber fleißiger Weise mit den beiden Mädchen. Asmus
+dachte nicht daran, auch nur den Versuch zu wagen, weil er von seiner
+vollkommenen Tölpelhaftigkeit in dieser Hinsicht durchaus überzeugt
+war. Und eines Tages machte er dennoch den Versuch, zu imponieren. Das
+Zimmer war überheizt, wie alle Schreibstuben, und man klagte darüber.
+»Ja,« sagte Asmus, der nahe dem Ofen saß, »hier sitzt man wie die Sau
+am Spieß; denn er hatte das Gefühl, daß eine kraftvolle Ausdrucksweise
+den Mann verrate. Aber, o weh: die Damen fuhren wie wild mit den
+Köpfen in ihre Arbeit und kicherten, wie nur Backfische kichern
+können. Sie denken: das ist ein Bauerntölpel, sagte sich Asmus, und
+fühlte, daß er von den Haarwurzeln bis unter den Halskragen erröte.
+Und die männlichen Kollegen Asmussens, Herr Münz und Herr Morieux,
+betrachteten ihn mit überlegen-mitleidigen Blicken, als wollten sie
+sagen: Ist das ein ungebildeter Mensch. Aber als wenige Tage darauf
+von Rousseaus »Emile« die Rede war, da zeigte sich, daß nur Asmus
+wußte, was wirklich darin steht, und die Braune hielt ihre braunen
+Augen so lange auf ihn gerichtet, als wenn sie ihn heute zum ersten
+Male sehe.
+
+
+
+
+II. Kapitel.
+
+Wie Asmus im Vorhof der Pädagogik weilen durfte, wie er eine andere
+Religion bekam, auf den Spuren Aglaias wandelte und Herrn Rothgrün
+nicht hinaustrampeln wollte.
+
+
+Endlich, als einmal alle Rechnungen geschrieben waren und auch das
+letzte Protokoll »auf dem Laufenden« war, durften auch die übrigen
+Präparanden in die Klasse gehen und hospitieren. Welch’ ein Glück,
+dachte Asmus, und mit weihevollem Herzen ging er der erhofften
+Offenbarung entgegen. Aber zunächst kam er an einen Lehrer, der es
+liebte, die Kinder so still zu beschäftigen, daß sie ihn möglichst wenig
+belästigten, und der sich, während die Schüler schrieben und rechneten,
+mit dem jungen Semper über Gehalts- und Anstellungsverhältnisse, über
+seine Frau, über Bismarck, oder über den letzten Raubmord unterhielt.
+Das war ja nun recht unterhaltend und wenig anstrengend; aber es war
+nicht das, was Asmus gesucht hatte. Er kam zu einem andern Lehrer, der
+hatte das ganze Einmaleins auf Reime und Bilder gebracht: die Bilder
+hatte er auf die Wandtafel gezeichnet, und nun mußten die Kinder die
+zugehörigen Verse hersagen, z. B.:
+
+ 6×6 sind 36
+ In die große Schlackwurst beiß’ ich
+
+oder
+
+ 8×9 sind 72
+ Dieser Knabe übergibt sich,
+
+aber der gute Mann bedachte gar nicht, daß sich die Worte »beiß’ ich«
+ebensogut auf 32 wie auf 36 reimen, und wenn dann ein Schüler die
+falsche Zahl nannte, so schalt ihn der Lehrer in komischer
+Verwechslung einen Esel, zerriß sich vor Aufregung und ließ die
+kunstreichen Verse bis zum vollkommenen Stumpfsinn wiederholen.
+
+»Bei dem kann ich auch nichts lernen,« sagte Asmus zu jenem
+Mitpräparanden mit der hebräischen Handschrift, und dieser sah ihn ob
+solcher Anmaßung mit grenzenloser Verwunderung an.
+
+Und schließlich fand Asmus doch einen, der auf manchen stillen Wegen
+der Kindesseele heimisch war, der mit den Kindern in ihrer Sprache zu
+reden verstand und sie, wenn auch nicht immer, so doch manchmal, aus
+wirrer Dunkelheit den Weg zur Klarheit führen konnte. Er war kein
+hoher und starker Geist, dieser Mann; aber er war sein Lebenlang mit
+einem Fuß im Kinderlande stehen geblieben, und so verstand er
+unbewußt die Regungen der Kindesseele. Hier befiel nun den Hospitanten
+eine andere Not: er brannte vor Ungeduld, sich selbst vor den Kindern
+zu versuchen; ja, manchmal schien es ihm, als wisse er einen Ausweg,
+wenn der Lehrer in der Wirrnis des Kindergeistes stecken blieb. Aber
+er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als vor diesem Manne
+dergleichen laut werden zu lassen. Und alles Wippen von einem Fuß auf
+den andern, wenn er am Fenster stand und horchte und nicht einmal
+Finken und Apfelblüte seine Sinne nach außen zu locken vermochten,
+alle Ungeduld half ihm nichts; er mußte warten.
+
+Inzwischen feierte er jeden Nachmittag und jeden Abend hohe Feste. Er
+hatte ja in der Präparandenanstalt eines der herrlichsten Geschenke
+seines Lebens empfangen: da war ein Religionslehrer, der sagte nicht:
+Das muß man glauben, sonst ist man verdammt; der fragte überhaupt
+nicht, was man glaube; der trug Stunde für Stunde vor, was die
+Wissenschaft zu den Berichten der Bibel sagt. Gleich in der ersten
+Stunde, im Schöpfungsbericht, trennte er die Erzählung des Jehovisten
+von der des ersten Elohisten und von der des zweiten Elohisten, und
+vor den Augen des jungen Semper zerriß ein vieljähriger Nebel. Also
+hatte nicht Moses diese Dinge geschrieben, also war es nicht
+unfehlbares Gotteswort. Sie hatten ihn bedrückt wie eine dumpfe Last,
+hatten ihn gequält, geängstigt; aber er hatte keinen Ausweg gewußt.
+Mit einem Male gab ihm dieser Mann eine Waffe und ein Licht. Und mit
+solchem Licht und solcher Waffe durchwanderte der Mann die ganze
+Bibel, festen Schrittes und unablenkbar; was nur die menschliche
+Wissenschaft zur Bibel zu sagen wußte, das kannte er, und er trug es
+frei aus dem Kopfe vor. So fest hing Asmus an seinen Lippen, daß er
+kein Wort zu schreiben wagte, aus Furcht, es möchte ihm ein Wort des
+Redenden entgehen. Und sieh: wenn er am Abend daheim saß, dann konnte
+er den ganzen Vortrag von Anfang bis Ende niederschreiben; so fest
+hing alles mit ehernen Klammern zusammen.
+
+Ein merkwürdiger Mann, dieser Herr Stahmer. Er sprach außer seinen
+Vorträgen kaum ein Wort zu seinen Schülern; er verlängerte fast jede
+Stunde um die ganze folgende Erholungspause – ein Ding, das Schüler
+nicht lieben – er verlangte viel und verschonte weder Trägheit noch
+Dummheit. Aber er bedurfte keiner Disziplinarmittel. Von diesen jungen
+Leuten, unter denen manch ein dreister Gelbschnabel war, hätte nicht
+einer ein unehrerbietiges Wort gegen ihn gewagt; instinktiv verehrten
+sie in ihm das lautere Gefäß einer großen Kraft. Während zweier Jahre
+brauchte er wohl nie die Worte »Wahrheit« und »Gerechtigkeit«, und
+doch war das die stumme Lehre seines ganzen Wirkens: Wer Wissenschaft
+will, der muß wahrhaftig und gerecht sein, und wenn es das Leben
+gilt. Kein Gottesdienst hatte je das Herz des Asmus erhoben wie
+dieser.
+
+Leider gab es davon nur zwei Stunden die Woche. In seiner Dorfschule
+waren es wöchentlichen sieben bis acht Stunden gewesen. Und welchen
+Erfolg hatten die gehabt? Mit einem leidenschaftlichen Haß gegen diese
+sogenannte »Religion« hatte er die Schule verlassen. In dieser Schule
+hatte die »Religion« die ganze Naturgeschichte aufgefressen. Ein
+einziges Mal hatte Herr Cremer von den Giftpflanzen gesprochen und
+Bilder dazu gezeigt, nicht etwa die Pflanzen selbst, und ein andres
+Mal hatte ein anderer Lehrer ganz unmotiviert die Feigwurz behandelt.
+Die Giftpflanzen und #Ranunculus ficaria# – das war die
+Naturgeschichte, mit der Asmus Semper, ein Kind der darwinischen Zeit,
+das Präparandeum bezog. Aber da stapfte nun zweimal wöchentlich mit
+drolligen Koboldschritten der naturselige »Papa Hamann« herein; er
+schleppte jedesmal eine Botanisierdose, die so groß war wie er selbst,
+und sein Gesicht glänzte wie ein Pfannkuchen, wenn er mit anstoßender
+Zunge sagte: »Heute meine Herren, hab’ ich Ihnen etwath[1] ganth
+Bethondereth mitgebracht!«
+
+ [Fußnote 1: th sprich wie das englische #th#.]
+
+Und dann kramte er aus mit dem Gesicht eines Vaters, der seine Kinder
+zur Weihnacht überrascht, und Asmus hörte zum erstenmal vom Bau und
+vom Leben der Pflanze, und wenn man ihn sah, so konnte man glauben, er
+wolle die Pflanzen im wörtlichsten Sinne verschlingen, so versessen
+war er auf dies neue Erkennen. Freilich blieb die Wissenschaft des
+guten Papas einigermaßen an der Oberfläche; er sprach allerlei vom
+Chlorophyll; aber was es für eine Bedeutung habe, wußte er eigentlich
+selbst nicht. Für den ausgehungerten Geist des kleinen Semper aber war
+alles, was er ihm bot, Gewinn, und überdies war die Lehrweise des
+Alten so väterlich und fröhlich und mit so wundervollen Redeblumen
+geschmückt!
+
+»Eth mag wohl funfthehn Jahre thein,« sagte Papa Hamann zum Beispiel,
+»dath ich dath Vergnügen hatte, den Schwanth eineth Walfischeth von
+Angethicht zu Angethicht zu thehen!«
+
+Oder wenn er zu den Damen von den Pflanzen einer bestimmten Familie
+sprach, so sagte er:
+
+»Einige von ihnen, meine Damen, thind ganth reitthende Pfläntthchen;
+andere dagegen thind häthlich und widerlich!«
+
+Und darin hatte er recht, einige von diesen Präparandinnen, die in
+einer anstoßenden Straße unterrichtet wurden, waren wirklich ganz
+reizende Pflänzchen, und Asmus und ein paar Bürschchen mit ihm ließen
+es sich nicht nehmen, dreien von ihnen, die auf gleichem Wege
+heimwärts wandelten, an laulichen Abenden in respektvoller Entfernung
+zu folgen und sich ihnen durch lautgesprochene Galanterien und
+wundervolle Witze bemerklich zu machen. Bald schon taufte Asmus die
+drei auf die Namen Aglaia, Euphrosyne und Thalia, und die eine von
+ihnen – es war Aglaia – verehrte Asmus viele Monde hindurch, ohne
+jemals ihre Vorderseite gesehen zu haben. Aber sie hatte einen
+anmutsvollen Gang, und ein schöner Gang griff Asmussen ans Herz.
+
+Auf andern Wegen schwärmten andre Herzen, und nach den drei Grazien zu
+urteilen, schien den jungen Damen der schüchterne Kultus der Jünglinge
+durchaus nicht zu mißfallen; sie verfielen wenigstens aus einer
+zeitweiligen entrüsteten Gangart immer wieder in Kichern, Lachen und
+träumendes Hinschlendern; aber sei es nun, daß irgendwo ein Jüngling
+dem Drange seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, daß sich
+unter den verfolgten Unschulden ein strenges oder ein eifersüchtiges
+Herz befand – eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor ein,
+und dieser Mann hatte aus seinem heimischen Preußen und aus dem
+französischen Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, einige
+üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt eine donnernde Standrede und
+nannte die ritterlichen Präparanden »grüne Jungen«. Man war sich
+sofort darüber einig, daß man sich das mit fünfzehn bis sechzehn
+Jahren nicht mehr bieten lassen könne und daß der einmütige Austritt
+aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort auf diese Roheit sei.
+Am folgenden Tage dachte man milder über die Sache; man bedurfte ja
+der Einwilligung der Eltern zum Austritt, und man hielt es im stillen
+für möglich, daß die Eltern sich von der Auffassung des Direktors
+nicht wesentlich entfernen möchten. Am dritten Tage endlich beschloß
+man, die unqualifizierbare Äußerung des Direktors auf dessen
+preußische Unbildung zurückzuführen und ihn zu verachten.
+
+Nur ein pathetisches Herz vermochte sich nicht zu bezwingen. Der
+Träger dieses Herzens war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die
+Wandtafel einen Pfahl, der einen preußischen Adler trug, und dazu eine
+Kanone, die sich gegen das flügelspreizende Wappentier entlud. Der
+Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich lächelnd den schwarzweißen
+Stachelbart, tickte dann mit den Fingern auf den Adler und sagte zur
+Klasse: »Da können Se lange schießen, bis Se den runterkriegen ...«
+und wandte sich seinen Geschäften zu.
+
+Und als diese erledigt waren, trat in breiter Aufmachung Herr
+Rothgrün, der Lehrer der Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgrün
+auftrat, so sah das immer aus wie: Jetzt beginnt eine neue Epoche der
+Wissenschaft. Und Herr Rothgrün begann, Geschichtszahlen zu
+repetieren. Er nannte das Ereignis, und der Schüler mußte die Zahl
+nennen:
+
+»Amenemha III.?«
+
+»2200.«
+
+»Vertreibung der Hyksos?«
+
+»1580.«
+
+»Durch wen?«
+
+»Durch Thutmosis.«
+
+»Amenophis?«
+
+»1500.«
+
+Oder Herr Rothgrün nannte die Zahl und der Schüler das geschichtliche
+Faktum, was genau ebenso bildend und interessant war. So ging es die
+ganze Stunde hindurch; denn fortfahren in der Geschichte konnte Herr
+Rothgrün nicht, weil er heute nichts wußte.
+
+»Er war wieder mal nicht präpariert,« sagten die Präparanden, als er
+fort war.
+
+In der nächsten Geschichtsstunde begann Herr Rothgrün nach
+effektvollem Eintritt und imperatorenhafter Besteigung des Katheders
+von neuem:
+
+»Phul?«
+
+»770.«
+
+»Tiglat Pilesar?«
+
+»740.«
+
+Und so fort über Ägypter, Phönizier, Israeliten, Meder, Perser,
+Griechen und Römer bis zu den Franken und Merowingern. Wer die Zahl
+wußte, war gescheit, wer sie nicht wußte, dumm.
+
+Als auch diese Stunde der Pein vorüber war, ward es abgemacht: Wenn er
+die nächste Stunde wieder Zahlen büffelt, dann trampeln wir. Aber
+keiner darf sich melden! Man kannte Herrn Rothgrün schon als einen
+langatmigen Hasser, der sich auch bei den spätesten Examinibus derer
+erinnerte, die ihm einmal mißfallen hatten. Asmus und einige andere
+waren gegen dieses heimliche Verfahren. Das sei »unmännlich«. Man
+solle eine Abordnung zu Herrn Rothgrün schicken und sich über seinen
+Unterricht beschweren.
+
+»Ja, willst _du_ das tun?« riefen einige höhnend.
+
+»Ich gehe mit,« sagte Asmus. Aber die andern wollten nicht, und da
+sagte Asmus: »Allein will ich auch nicht.«
+
+»Semper will artig Kind spielen,« spottete einer.
+
+»Du bist ein Esel!« rief Asmus. »Trampeln tu ich nicht. Aber die
+Folgen trage ich natürlich mit.«
+
+
+
+
+III. Kapitel.
+
+Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit und wie
+sie die Dinge der lebendigen Welt sahen, und wie er darum mit diesen
+Augen zum Arzt mußte.
+
+
+Die nächste Geschichtsstunde erschien, und Herr Rothgrün begann:
+»Tiglat Pilesar?«
+
+»740,« sagte der Gefragte, und dann ging ein Trampeln durch die
+Klasse, das wie grollender Donner klang.
+
+Herr Rothgrün wurde weiß.
+
+»Was soll das?« rief er.
+
+Keine Antwort.
+
+»Was soll das heißen?«
+
+Eisiges Schweigen.
+
+»Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen und zu sagen, was
+das bedeuten soll?« schrie der Lehrer.
+
+Niemand rührte sich.
+
+»Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Herrn Direktor Korn zu
+melden, daß ich durch ein unerklärliches Geräusch im Unterricht
+gestört worden bin.«
+
+Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor keine Meldung; denn er
+wußte wohl, daß der einen sehr direkten Schluß auf seinen Unterricht
+ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze: »Unterrichtet nur
+gut; dann kommt der Respekt der Schüler von selbst.« Auch erklärte
+sich Herr Rothgrün das »unerklärliche Geräusch« sehr schnell und
+richtig; er begann sofort zu erzählen; diesmal erzählte er freilich
+noch mangelhaft, weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen
+beherrschte, aber von der nächsten Stunde an vorzüglich; denn wenn er
+wollte, so konnte er’s vielleicht am besten von allen Lehrern der
+Anstalt.
+
+Geschichte hören oder Geschichte lesen, das gab Asmus immer besondere
+Freuden. Nicht, daß er an die Geschichte geglaubt hätte, – er glaubte
+die profane Geschichte so wenig wie die biblische. Aus seiner
+»Faust«-Lektüre wußte er sehr wohl:
+
+ »Die Zeiten der Vergangenheit
+ Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
+ Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
+ Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
+ Darin die Zeiten sich bespiegeln.«
+
+und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um wirklich zu wissen, mußte
+man von all den Fürsten, Feldherren und Priestern, mußte man vor allem
+von der Menge des Volkes wissen, was sie bei ihren Handlungen dachten,
+fühlten, beabsichtigten und wünschten, und davon hörte man so gut wie
+nichts. Kaum daß einmal durch einen glücklichen Zufall ein Lichtschein
+in diese ewig versunkene Welt fiel, wie ein Sonnenstrahl in eine
+Kammer einer verschütteten Stadt. Und die Menschen der Geschichte
+waren ihm wie die Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die
+menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen erkennen lassen. Daß
+man aus der Geschichte etwas lernen könne, das glaubte er nicht. Aber
+lange Zeitläufte der Geschichte formten sich ihm zu riesigen Bildern
+von wunderbarer Gewalt, und in diese Bilder versank er mit
+aufgerissenen Augen und horchender Seele, wenn er hörte und las. Er
+sah ein Jahrhundert, da stille Mönche in stiller Zelle saßen und vom
+Virgil oder Cassiodor den Blick erhoben und durchs Fenster voll
+gläubiger Hoffnung schauten über weites, unbesiedeltes deutsches Land,
+indessen andere, das Kreuz in der Hand, durch unerforschte Wälder
+schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein oder eine Kapelle
+errichteten. Er sah ein Jahrhundert voll Weihrauch und Meßgewänder, da
+königliche Väter büßend vor unnatürlichen Söhnen knieten und lange
+Sündenregister, vom Priester singenden Tones verlesen, bekannten, und
+das ganze neunte Jahrhundert ward ihm zum »Lügenfeld«. Dann gab es
+eine lange Zeit, deren Angesicht in die bunte Glut des Ostens schaute
+und blinkende Ritter und düstere Mönche, Männer und Weiber, Greise und
+Kinder in jahrhundertelangen Zügen nach den ewigen Spuren des
+Nazareners wandern sah. Das ernste Jahrhundert des Wittenberger
+Mönches baute sich ihm auf mit den strengen und nüchternen Säulen
+eines lutherischen Gotteshauses, aus dem die streitbaren
+Glaubensgesänge hinausklangen in einen grauen und feuchten
+Novembertag; dann kam ein Jahrhundert, das lag verborgen unter den
+Brand- und Blutwolken eines endlosen Krieges, und so nah zogen die
+Wolken über den Erdboden dahin, daß die Menschen nur gebückt
+dahinschlichen. Aber das achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz
+aller Kriege und aller großen Revolution wie eine friedsame Stadt mit
+winkelig-sauberen Gäßchen, wo aus schnurrig gegiebelten Häusern
+Gelehrte mit Zöpfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam über die
+Straße schritten zum Nachbar von drüben, um mit ihm über die Schriften
+Voltaires oder über das neueste Werk des erstaunlichen Königsberger
+Professors zu streiten.
+
+So hörte, so sah er die Geschichtserzählungen des Herrn Rothgrün. Aber
+dann mußte dieser Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten werden,
+und die Vertretung übernahm Herr Stahmer, der Religionslehrer. Und
+wieder empfing Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer behandelte während
+eines ganzen Semesters einen Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte
+die Geschichte bis in die Kabinette von Wien, Berlin und Petersburg
+hinein und erzählte so ziemlich alles, was man über die zehn Jahre
+wußte. Und mit einem Male ward dem Jüngling die Geschichte zur
+Wissenschaft. Die rohe, unverdauliche Masse der Tatsachen, wie sie
+Herr Rothgrün und wie sie die üblichen Lehrbücher aufhäuften,
+absonderlich die Großtaten der Kriegesfürsten, die mit dem Schwerte
+die Welt durchzogen, waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig und
+langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male ahnte er etwas von
+geschichtlichen Zusammenhängen. Bei Herrn Stahmer sah er keine
+visionären Bilder; aber er sah das Leben, und eine andere, neue Freude
+wärmte ihm das Herz. Wieder verschlang er jedes Wort, fast eh’ es der
+Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des Abends im stillen Hause mit
+fliegender Feder zwanzig, dreißig Quartseiten voll, und wohl zehnmal
+mußte ihm sein Vater mit milde mahnendem Finger auf die Schulter
+tupfen, er möge sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer sagte sich
+Asmus: In der Geschichte muß man alles wissen, sonst weiß man nichts.
+Und etwas Größeres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar nichts; aber
+_eine_ Sache _ganz wissen_, das ist Aufklärung, Befreiung. Dann wird
+Wissen zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, die uns umgeben,
+ein Guckloch nach der Außenwelt. Als er später in der »Systematischen
+Pädagogik« das »#non multa sed multum#« bis zum Ekel wiederkäuen
+mußte, da begriff er nicht, warum man dies Wort immer wiederholte und
+niemals befolgte.
+
+Das und manches andere im heiligen Tempel des Präparandeums war nun
+wohl gut und schön; aber es gab auch gefürchtete Stunden, und die
+gefürchtetsten waren die Zeichenstunden, die in einer weit entlegenen
+Gewerbeschule genommen werden mußten. Sie waren so schlecht, daß sie
+sogar den Charakter verdarben.
+
+Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! Von früher Kindheit an
+hatte er gezeichnet, und in den Berg- und Waldlandschaften, die er
+kopiert hatte, hatte er ein frommes und seliges Leben gelebt. Selbst
+der kümmerliche Zeichenunterricht seiner Dorfschule hatte ihm noch
+Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male in dem riesigen Zeichensaal,
+der so viel mit der Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines
+Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da setzte ihm Herr Semmelhaack
+ein dreiseitiges Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig den
+Holzklotz und wartete die Wiederkunft des Lehrers ab.
+
+Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine Seitenfläche. (Bis
+dahin hatte es auf einer Grundfläche gestanden.)
+
+Asmus zeichnete den Klotz in der neuen Stellung und erwartete den
+Lehrer.
+
+Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine andere
+Seitenfläche.
+
+Asmus dachte: Aller Anfang ist öde, und zeichnete den Klotz zum
+dritten Male.
+
+Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung einiges auszusetzen und legte
+dann den Klotz auf die große Seitenfläche.
+
+Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind bitter; aber ihre Früchte
+sind süß, und porträtierte das interessante Holz zum vierten Male.
+
+Jetzt bin ich mit dem verdammten Klotz durch, dachte Asmus; da kam der
+Lehrer und stellte das Prisma etwas nach rechts.
+
+Asmus richtete einen langen Blick auf Herrn Semmelhaack und zeichnete
+dann das rechtsstehende Prisma.
+
+Danach kam Herr Semmelhaack und stellte der Abwechslung wegen das
+Prisma etwas nach links.
+
+#Per aspera ad astra#, dachte Semper und machte auch das.
+
+Hierauf nahm der »Lehrer« das Prisma und stellte es Sempern wieder
+gerade vor die Nase, aber »über Eck«, so daß man drei Flächen auf
+einmal sah.
+
+»Es ist allerdings etwas Anderes und Neues,« sagte sich Asmus,
+betrachtete Herrn Semmelhaack mit einem noch viel längeren Blick und
+machte sich wieder an seinen vertrauten Klotz.
+
+In verzweifelten Momenten schaute Asmus sich sehnenden Blickes um; es
+gab überall nur Holz und Gips. Der größte Künstler unter den Schülern
+zeichnete einen pompösen Blumenstrauß – von Gips. In der ganzen
+Anstalt, soweit er hineinblicken konnte, sah er kein lebendiges,
+erfreuendes Objekt.
+
+Er traute seinen Augen nicht, als Herr Semmelhaack eines Tages das
+dreiseitige Prisma wegnahm und einen neuen Klotz brachte. Dieser Klotz
+bestand aus zwei vierseitigen Prismen, die im rechten Winkel aneinander
+saßen. O, damit konnte man nun die tollsten und interessantesten, die
+bizarrsten und perversesten Dinge vornehmen; bis zum jüngsten Gericht
+konnte man das immer anders aufstellen. Als Asmus bei der siebenten
+Stellung war, da lag der Winkelklotz da wie eine Sphinx, die ihre Arme
+breit über die ganze lange Bank legte, den Kopf in die Hände stützte und
+ihn anglotzte und angähnte, und dann sagte die Sphinx, indem sie immer
+zwischen zwei Worten gähnte: »Ich kann – dreihundertfünfundneunzig
+Millionen – Stellungen – einnehmen – huu – ja.«
+
+»Das hält kein Nilpferd aus,« antwortete Asmus.
+
+»Sagten Sie etwas?« fragte Herr Semmelhaack.
+
+»Ja. Ich kann nicht mehr zeichnen. Ich habe Augenschmerzen.«
+
+Zum nächsten Unterricht ging er überhaupt nicht; er entschuldigte sich
+mit Augenschmerzen.
+
+Das ging nun wohl einmal, ging auch zweimal; dann aber sagte Herr
+Tönnings mit dem steifen Halskragen: »Ja, dann müssen Sie ein
+ärztliches Attest beibringen.«
+
+Also mußte Asmus zum Vertrauensarzt der Schulbehörde.
+
+
+
+
+IV. Kapitel.
+
+Asmus befreit sich aus einem Hungerturm und studiert in einem
+Taubenschlag.
+
+
+Von allen Qualen des Lebens hielt Asmus zwei für die unerträglichsten:
+Zahnschmerzen und Langeweile. Lieber als in dieser Kunstkaserne
+wöchentlich zwei Stunden, das heißt zwei Jahrhunderte an einen Klotz
+geschmiedet zu sein, lieber wollte er ein schlechter Mensch werden.
+Und so rieb er sich im Vorzimmer des Arztes tüchtig die Augen und
+kniff sie ein Dutzend Mal zusammen.
+
+»Die Augen tränen,« sagte der Arzt, und er schrieb ein Attest, daß der
+Patient wegen tränender Augen sechs Wochen lang nicht zeichnen dürfe.
+
+Asmus barg das kostbare Blatt sorgfältig wie eine Banknote in der
+Tasche, fühlte unterwegs mehrmals nach, ob er’s auch noch habe, und
+überreichte es frohen, tränenlosen Blickes Herrn Tönnings.
+
+Herr Tönnings vertrat mit Recht die exaktesten Wissenschaften. Man
+weiß, wie es zugeht, wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes
+Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder saust die Ramme herab,
+immer wieder, hundertmal, tausendmal, stundenlang, tagelang. So
+unterrichtete Herr Tönnings: immer wieder auf denselben Pfahl, immer
+wieder drauf. Dann aber saß er auch für die Ewigkeit, und man konnte
+ein Haus drauf bauen. Was man bei ihm gelernt hatte, vergaß man
+niemals wieder. Aber leider vergaß er ebensowenig. Und also sprach
+genau nach sechs Wochen Herr Tönnings, der niemals Lächelnde: »Ihr
+Attest ist abgelaufen.«
+
+Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und rieb rechtzeitig seine Augen.
+
+»Die Augen tränen noch immer,« konstatierte der Arzt sehr richtig und
+dispensierte den Kranken »bis auf weiteres« vom Zeichenunterricht.
+
+»Ja, damit müssen Sie wohl zum Direktor gehen,« sagte Herr Tönnings.
+
+Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er los: »Das jibt’s nicht.
+Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben!« Er durchbohrte Asmus mehrere Male
+mit Blicken und wartete, ob er etwas sagen werde. Aber Asmus wußte
+schon Bescheid: er sagte nichts. »’n Lehrer, der nicht sehen kann,
+können wir nicht brauchen!« schrie Herr Direktor Korn, durchbohrte mit
+seinen glitzernden Brillenaugen den jungen Semper noch ein paar Mal
+und wartete auf eine Erwiderung. Aber der sagte nichts. Es war in der
+Anstalt alte Überlieferung: man muß ihn ein paar Minuten kochen
+lassen, dann wird er genießbar. »Dann müssen Sie die Anstalt
+verlassen!« stieß der Direktor hervor, kratzte sich hörbar seine
+silbernen Bartstacheln und durchbohrte Sempern noch drei- bis viermal.
+Semper sagte nichts. »Wie heißen Sie noch?« Direktor Korn warf einen
+Blick ins Attest. »Semper?«
+
+»Jawohl, Herr Direktor!«
+
+»Waren Sie das nicht, der neulich den ‘Erlkönig’ vortrug, als ich
+hospitierte?«
+
+»Jawohl, Herr Direktor!«
+
+»Na. – Das war jut. – Kennen Sie denn sonst noch was von Joethe?«
+
+Asmus wurde lebendig. Er begann aufzuzählen.
+
+»Na, das ist ja so ziemlich alles. Haben Sie denn auch alles
+verstanden?«
+
+»Das – wohl kaum!«
+
+»Welche Dichter haben Sie denn noch jelesen?«
+
+Asmus nannte eine lange Reihe.
+
+»Haben Sie Jean Paul jelesen?« Doktor Korn hatte ein ganz sonniges
+Gesicht bekommen. Das war sein Liebling.
+
+Asmus nannte ein paar Romane Jean Pauls.
+
+»Na, Sie haben ja ’ne janze Masse jelesen. Dabei haben S’ sich wohl
+die Augen verdorben?«
+
+»Die Augen?« wollte Asmus schon verwundert fragen; da fiel sein Blick
+noch rechtzeitig auf das Attest. Er blieb stumm und errötete tief; so
+viel Freundlichkeit konnte er nicht mit offenen Augen anlügen.
+
+»’s is jut. Sie können jehen,« sagte der Herr Direktor. Und Asmus
+betrat das Holzmagazin niemals wieder. Der Direktor mochte eine Ahnung
+haben von den Schrecken jenes Hungerturms, wo der Geist an einen Klotz
+geschmiedet und mit Gips ernährt wurde.
+
+Viktoria! Nun konnte er wöchentlich noch zwei Stunden länger in
+seinem Arbeitszimmer sitzen und sich immer tiefer in den Kuchenberg
+des Weltalls hineinessen. Ja, das Weltall war ein Kuchenberg,
+nahrhaft und süß, und das Leben ein Schlaraffenland und sein
+Arbeitszimmer eine heilige Halle, obwohl es eigentlich kein Zimmer,
+sondern ein Tisch mit zwei Beinen war, den man mit der einen Seite
+an die Wand genagelt hatte. Dieser Tisch stand in der allgemeinen
+Arbeitsstube, wo der Tabak zubereitet und die Zigarren gemacht
+wurden; denn im Winter durfte der Sparsamkeit halber nur ein Raum
+geheizt werden, und als der Sommer kam, war es Asmussen eine liebe
+Gewohnheit geworden, unter den schwatzenden, lachenden und sich
+streitenden Arbeitern seine Quadratwurzeln auszuziehen, Vokabeln zu
+lernen und Aufsätze zu schreiben. In diesem bescheidenen Raume saßen
+Ludwig Semper, der Vater, Johannes, sein Sohn und Gehilfe, zwei
+andere Gehilfen, ein Tabakzurichter, gewöhnlich auch Rebekka, die
+Mutter, beim Tabak helfend oder mit einer häuslichen Verrichtung
+beschäftigt, und endlich der Präparand Semper. Das war der
+Personenstand in ruhigen Zeiten. Aber das Arbeitszimmer der Semper
+war ein Taubenschlag, wo es von seltsamem Geflügel immer aus- und
+einflog. Da kamen sozialdemokratische Parteihäupter, die mit
+Johannes Semper wichtige Dinge von aufgelösten und anzumeldenden
+Versammlungen zu beraten hatten. Da kam der Kontrolleur des
+Fabrikanten, der nachschauen mußte, ob die Zigarren gut und nicht zu
+schwer gemacht würden, ein ernster, steifer Mann, der aber jedesmal
+warm wurde, wenn Ludwig Semper mit ihm vom Theater sprach, und der
+diesem angelegentlichst empfahl, er möchte sich doch einmal den
+»Lohengrin« anhören. Ludwig Semper faßte denn auch um diese Zeit zum
+ersten Male den Entschluß, in den »Lohengrin« zu gehen.
+
+Da kam schrecklicherweise auch der Barbier Ludwig Sempers, der drei
+Minuten rasierte und dann zwei Stunden schwatzte; er glich in Miene
+und Gestalt, in seiner Stimme und seiner Schwatzhaftigkeit einem alten
+Weibe; nur seine Hand und sein Messer lasteten schwer auf der Wange
+seiner Opfer wie die Keule des Herkules.
+
+»Ein schrecklicher Zwirnbeutel,« sagte Ludwig Semper, wenn er gegangen
+war, und das war ein treffender Vergleich. Wie man aus dem Nähbeutel
+einer unordentlichen alten Dame, in dem sich die Garnknäuel vieler
+Generationen verwirrt und verfitzt haben, nur nach stundenlanger Mühe
+einen Faden hervorholt, so holte er aus seinem Erinnerungssack seine
+zwirndünnen Geschichten hervor; jede auftretende Person verfolgte er
+bis in ihre entferntesten Verwandtschaften; er entwickelte die
+Genealogien der unbekanntesten Milchleute und der gleichgültigsten
+Grünwarenhändler.
+
+»Und geschnitten hat er mich auch wieder,« pflegte Ludwig nach solchen
+Besuchen zu sagen.
+
+»Ja, mein Gott,« rief Frau Rebekka erregt, »warum schaffst du ihn denn
+nicht ab!«
+
+»Ach, das mag ich nicht,« sagte Ludwig lächelnd, »er schneidet mich
+nun schon so viele Jahre.«
+
+Nicht der Geringste aber von allen, die da kamen, war Heinrich
+Moldenhuber, genannt der »Wolkenschieber«, weil er lieber Wolken schob
+als Zigarren machte und lieber hoch oben auf der Galerie des
+Stadttheaters saß als in der Tabakstube. Wie ein Komet schoß er von
+Zeit zu Zeit in die Arbeitsstube der Semper, und in der Tat, für Asmus
+war dieser Mann wie ein Stern der Kinderzeit; er erinnerte ihn an
+manche Feierstunde voll Gedanken und Träume, und jedesmal mußte er
+nach den hinteren Rocktaschen des Wolkenschiebers blicken, aus denen
+er einmal einen Apfel und ein Bilderbuch hatte hervorholen dürfen.
+
+Aber wenn er wollte, so konnte er auch im zehnten Teil einer Sekunde
+eine hundert Fuß dicke und tausend Fuß hohe Mauer um sich aufrichten,
+durch die kein Ton und Bild der Kommenden und Gehenden, der
+Plappernden und Klappernden hindurchdrang. Wenn er wollte, so konnte
+er jeden Augenblick allein sein, ganz allein, wie in einem Grabe.
+
+Aber wahrlich nicht wie in einem Grabe war es in dieser Stille. Es war
+wie in einer wuchernden Waldwildnis voll wirren Gezweigs, voll Blätter
+und Blumen, voll Duft und tropfenden Lichts, voll jenes ewigen
+Summens, das aus dem inneren Getriebe der Welt zu kommen scheint. Wie
+er sich als Knabe in das innerste Dickicht eines Gehölzes verkrochen
+und dort stundenlang gehockt und nur geschaut und gehorcht hatte, als
+müss’ er eines Tages etwas vernehmen wie den _Atem der Welt_, so
+konnte er sich in die innerste Einsamkeit seiner Seele zurückziehen
+und selig sein. Aber freilich: schöner noch als am Alltag war es am
+Sonntag, wenn die Arbeit der andern ruhte und nur sein Vater,
+schweigend und nimmermüde, den Tabak für die kommende Woche
+vorbereitete. Dann war Sonntag außen und innen, Sonntag lag in allen
+Büchern, wo man sie auch aufschlug, selbst die Logarithmen hatten
+Sonntag, und, wenn er’s auch gar nicht sah, Asmus wußt’ es immer, wann
+die warmen Augen seines Vaters auf ihm ruhten, und er war glücklich
+unter dem Glanz dieser Sterne.
+
+
+
+
+V. Kapitel.
+
+Ob der Mensch schlafen muß oder nicht. Von stummer Liebe und von
+stygischen Gewässern.
+
+
+Der Präparand hatte ein kindliches Vergnügen daran, wenn die Bücher
+sich neben ihm aufhäuften. An Faust mußte er denken, der hatte auch
+»über Büchern und Papier« gesessen. Faust hatte alle Fakultäten
+durchstudiert und sagte dann, er sei so klug als wie zuvor. Aber das
+war im 16. Jahrhundert! Jetzt war die Sache schon anders. Asmus wollte
+auch alles studieren, alles! Und dann wollte er doch sehen! Er wollt’
+es schon herausbekommen,
+
+ »was die Welt
+ Im Innersten zusammenhält«!
+
+Und er konnte dem Famulus eigentlich nicht so unwirsch begegnen, wie
+es Faust tat. Freilich:
+
+ »Man sieht sich bald an Wald und Feldern satt;
+ Des Vogels Fittig werd’ ich nie beneiden«
+
+das war natürlich Torheit, oder, wie Asmus in jugendlicher Kraft
+sagte: »Blödsinn«; aber was dann folgte, das war doch wahr und schön!
+
+ »Wie anders tragen uns des Geistes Freuden
+ Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
+ Da werden Winternächte hold und schön,
+ Ein selig Leben wärmet alle Glieder –«
+
+Ja, ja, ja, so war es, da hatte der »trockne Schleicher« dennoch
+recht! Und zuweilen fragte sich Asmus, ob es nicht das schönste Leben
+wäre, immer am Tische zu sitzen, links Bücher und rechts Bücher, vor
+sich Bücher und hinter sich Bücher, und gar nicht wieder aufzustehen
+und niemals schlafen zu gehen. Wenn Ludwig Semper ihm mit leisem
+Finger auf die Schulter klopfte und sagte: »Du mußt zu Bett gehen,«
+dann fragte sich Asmus immer: »Warum geht man eigentlich schlafen? Ich
+werde noch einmal beweisen, daß man überhaupt nicht zu schlafen
+braucht.«
+
+Er hatte den Gang und die Haltung seines Vaters geerbt; sein Vater
+aber ging mit großen Schritten und mit gesenktem Kopf.
+
+»Jung’, geh’ doch grade!« rief seine Mutter; »grad auf wie ich, sagte
+der schiefe Tanzmeister,« so rief sie viele hundert Male, und dann
+richtete Asmus den Kopf empor und trug ihn über eine Minute lang hoch in
+den Lüften; dann aber sank er langsam, langsam wieder hinab, dem Tal der
+Träume zu.
+
+Wer aber nun gefürchtet hätte, daß Asmus Semper ein Bücherwurm und
+Stubenhocker werden könnte, der würde doch nur den vierten Teil seines
+Wesens gekannt haben. Wie er als Knabe zu seinen Einkaufgängen immer
+mehr Zeit gebraucht hatte, als der Weg eigentlich erforderte, so fand
+er noch immer auf seinen Schul- und Heimwegen an diesem wunderbaren,
+ewig sich wandelnden Panorama der Welt ein unermeßliches Vergnügen. Da
+war zum Beispiel ein hübsches Mädchen, das ihm jeden Morgen begegnete.
+Sie war sehr einfach, aber ordentlich gekleidet und schien eine etwas
+bessere Stellung in einer Fabrik zu haben. Eines Morgens trafen sich
+ihre Blicke. Und von da ab traf es sich jeden Morgen, daß sie ihm in
+die Augen sah und er ihr. Das traf sich wohl monatelang so. Zuletzt
+fanden sich ihre Blicke schon ganz von weitem, auf zwanzig Schritte,
+und blieben so lange ineinander haften, bis die beiden Morgenwanderer
+aneinander vorbei waren. Und eines Morgens – war es möglich? war es
+denkbar? – eines Morgens schien sie leise zu nicken. Asmus griff an
+den Hut; aber weil er so verwirrt war, tat er es erst, als sie schon
+vorüber war. Dann fragte er sich auch, ob es nicht eine kolossale
+Dreistigkeit wäre, sie zu grüßen. Aber am nächsten Morgen nickte sie
+schon ganz deutlich, und tief zog Asmus den Hut, als wäre sie die
+Königin Semiramis. Und nach und nach nickte sie immer deutlicher und
+lächelte dabei, und Asmus zog den Hut und lächelte ebenfalls. Er mußte
+an Don Juan denken, der auch mit allen Mädchen angebunden hatte. Als
+aber nun die Semper auf Frau Rebekkas Betreiben wieder einmal
+umgezogen waren und Asmus einen andern Weg zur Schule nehmen mußte,
+da hörten die Begegnungen auf. Es wußte wohl keiner vom andern, wer er
+sei, und ob ihm ein Glück vorübergegangen oder ein Unglück. Langsam,
+wie der Regenbogen aus dem Grau hervorgetreten war, ward er wieder
+aufgesogen vom Grau.
+
+Er ging durch manche graue Straße und manchen grauen Tag; denn der
+Himmel Hamburgs verhüllt sich oft wochenlang. Aber immer war er
+erstaunt, wenn er die andern seufzen hörte: »Nun haben wir in drei
+Wochen die Sonne nicht gesehen!« Brauchte man denn die Sonne? Gewiß,
+wenn sie am Himmel stand, dann war die Welt über alles Begreifen
+schön; aber konnte man nicht auch ohne Sonne fröhlich, glücklich und
+begeistert sein? »Drei Wochen keine Sonne?« fragte er ungläubig. Er
+hatte sie nicht vermißt. Ihm war es, als wäre eben noch Sonnenschein
+gewesen. Unter seiner Hirnschale wölbte sich ein ewig heiterer Himmel.
+Aber merkwürdigerweise sah man ihm das nicht an. Er schaute meistens
+mit einem ernsten Gesicht in die Welt, wohl darum, weil er sie über
+alles Erwarten schön fand.
+
+Und in warmem Behagen stapfte er durch den tagelangen, wochenlangen
+Nebel und den »fisselnden« Regen Hamburgs und schaute mit Behagen in
+die grauen Kanäle und mit Behagen empor an den altersgrauen Häusern
+der ehrwürdigen Stadt. Jedes dieser Häuser sah anders aus und guckte
+einen an wie ein Mensch und sagte: »Hier ist sicheres und behagliches
+Wohnen.« Und seltsam, obwohl die Straßen schmal und dunkel waren,
+glaubte man’s doch, während man draußen durch die neuen Viertel seines
+heißgeliebten Oldensund, wo die wachsende Industrie eine Mietskaserne
+nach der andern aufwarf, nur mit Ekel und Grauen ging. Asmus Semper
+hatte sich nie eine Vorstellung von der Hölle machen können; seitdem
+er diese neuen Arbeiterviertel, diese rauchbeschmutzten
+Kasernenreihen, diese Kolumbarien, diese vierstöckigen Hundehütten –
+nein, Hundehütten waren gewöhnlich hübscher – seitdem er die freche
+Prosa, die schamlose Häßlichkeit dieser Zementkisten gesehen hatte,
+seitdem konnte er sich ein Bild machen von einem Ort der ewigen
+Verdammnis. Seine Seele hatte ja Millionen von Saugfäden, die selbst
+aus dem ärmsten und dunkelsten Winkel noch Schönheit und Freude sogen;
+auch in seiner Tabak- und Studierstube fand er noch Schönheit und
+Freude; aber vor dem gemeinen Blick dieser Häuser zogen sich alle
+Fäden seiner Seele schaudernd zurück, und nie empfand er ein
+grimmigeres Mitleid mit den Armen, als wenn er durch diese Straßen
+ging.
+
+O, wie hatte er’s dagegen wieder gut getroffen mit seiner neuen
+Wohnung in der roten Twiete. Diesmal hatte die quecksilberne Frau
+Rebekka einen guten Griff getan, und sie triumphierte in hellen Tönen.
+Das Haus selbst war freilich auch nur eine Mietskaserne; aber
+gegenüber lag ein Park mit uralten Bäumen, und davor stand eine
+unbewohnte, strohbedeckte Hütte, und neben dem Park öffnete sich unter
+hohen Baumkronen, schmal und schattenheimlich, wie ein Weg zur
+Unterwelt, der Philosophenweg. O nein, es fiel dem Präparanden Semper
+gar nicht ein, um der Bücher willen solche Dinge stehen und liegen zu
+lassen; er durchkostete den Park bis in seine fernsten, zartesten
+Wipfel, wenn auch nur mit den Augen – denn im Klettern hatte er’s
+niemals weit gebracht – er bevölkerte die Strohdachhütte mit den
+Gestalten Pestalozzis und Jeremias Gotthelfs, Berthold Auerbachs und
+Fritz Reuters; am Eingange des Philosophenweges aber sah er den
+Laertiaden Odysseus die Opferbräuche vollziehen, die den Schatten des
+Teiresias dem Hades entlocken sollten. Er war schon hundertmal durch
+diesen Philosophenweg gegangen und wußte ganz genau, daß nur ein
+kümmerliches Rinnsal ihn begleitete und daß er auf eine
+Goldleistenfabrik mündete – aber wenn er von seinem Bett aus durchs
+Fenster nach dem Eingang des Weges sah, dann war es der Ort,
+
+ »Wo in den Acheron sich der Pyriphlegethon stürzet
+ Und der Strom Kokytos, ein Arm der stygischen Wasser.«
+
+daran hätten siebzigtausend Goldleistenfabriken nichts zu ändern
+vermocht.
+
+
+
+
+VI. Kapitel.
+
+Fortsetzung des Beweises, daß Asmus kein Bücherwurm, sondern ein
+Sklave irdischer Lust ist.
+
+
+Aber auch derbere Freuden verschmähte Asmus nicht; der Welt- und
+Sinnenlust war er ergeben wie in seiner Kindheit. Nicht jeden Sonntag
+und nicht den ganzen Sonntag verbrachte er bei den Büchern, nein,
+gewöhnlich suchte er am Sonntag nachmittag seine Freunde Knapp und
+Diepenbrock auf, die ehemaligen Mitdirektoren seines Puppentheaters.
+Zunächst ging er zu Knapp, den er gewöhnlich mit seinem Vater zusammen
+im Garten beschäftigt fand. Einmal waren sie bei der Mohrrübenernte,
+da sagte der alte Knapp:
+
+»Na, Asmus, haust du deine Jungens auch fix?«
+
+»Nein,« rief Asmus lachend, »ich unterrichte überhaupt noch gar
+nicht.«
+
+»Ja, hauen mußt du sie, sons wird da nix aus.«
+
+Und dann zog der alte Knapp eine Mohrrübe aus und gab sie Asmussen.
+
+»Da – muß deine Kinder mitnehmen un muß sie sagen: »So wächsen die
+Worzeln.«
+
+Asmus sah den Bildungswert dieses Verfahrens nicht ohne weiteres ein;
+aber er dankte höflich und steckte die Wurzel ein.
+
+Und wenn die beiden dann zu Diepenbrock kamen, dessen Eltern ein
+Logier- und Speisehaus hatten, dann sah er da einen interessanten Mann
+auf dem Sofa liegen. Er hieß Zöllner, war Zigarrenmacher und lag jeden
+Sonntag, den Gott werden ließ, auf dem Sofa und las. Er besaß nicht
+nur den großen Meyer, sondern auch sämtliche Klassiker und
+Halbklassiker in prächtigen Einbänden. Und wenn er zwölf Sonntage
+hintereinander auf dem Sofa gelegen und gelesen hatte, dann ging er am
+dreizehnten hin und betrank sich so vollständig und andauernd, daß er
+eine Woche lang nicht aus dem Rausche herauskam; dann kehrte er wieder
+zu Meyer und den Klassikern zurück. Diepenbrock hatte viele Messer und
+Gabeln zu putzen, und Ewald Knapp und Asmus Semper halfen ihm dabei,
+damit er schneller fertig werde; aber Asmus mußte zwischendurch immer
+wieder nach dem Mann auf dem Sofa blicken, der ein schönes, vornehmes
+Gesicht mit einem langen braunen Bart hatte.
+
+Wenn sie dann endlich fertig waren, gingen die drei fast eine Stunde
+weit nach der Hamburgischen Vorstadt St. Pauli, nach diesem St. Pauli,
+das in der ganzen Welt bekannt war als ein Stapelplatz irdischer Genüsse
+und Seligkeiten für Anspruchslose. Da gab es nicht nur Kuchenbuden,
+Obstbuden, Bücherkarren, Karren mit Spielsachen, mit Kokusnüssen, die
+vor den Augen des Publikums geöffnet wurden, mit ambulantem Käse, der
+sich alle Düfte der Vorstadt unterwarf, mit Limonaden und Likören, da
+gab es auch Kasperletheater, Mordgeschichtenbilder, fliegende Museen,
+Naturalienhandlungen, Wachsfigurenkabinette, Theater, Singspielhallen –
+o, diese Singspielhallen! Am Abend waren die Portale mit hunderten von
+bunten Lichtern umkränzt, und wenn eine Tür aufging, sah man durch
+Rauchwolken wunderschöne Frauen tanzen – »wenn ich Lehrer bin und viel
+Geld verdiene, da geh ich auch hinein,« sagte sich Asmus.
+
+Das erste aber, was die drei taten, war regelmäßig, daß sie – immer
+bei demselben »Konditor« – einen Eisenbahnkuchen kauften. Das war ein
+Gemisch von zerriebenem Schwarzbrot und Syrup mit einer Zuckerglasur
+darüber und war vielleicht eher zu den Laxiermitteln als zur Gattung
+der Kuchen zu rechnen; aber es schmeckte um so schöner, als es für 5
+Pfennige einen halben Kubikdezimeter gab. Dann gaben sie sich
+zufrieden dem Genuß des Schauens, Kauens und Staunens hin.
+
+»Der siebenfache Raub- und Elternmörder Timm Thode, das größte
+Scheusal in Menschengestalt!« schrie ein dickes Weib und schlug mit
+einem Rohrstock klatschend gegen ein 12teiliges »Gemälde«, das die
+Leistungen des Gefeierten im einzelnen zur Darstellung brachte. Schon
+von weitem schlug Asmus einen andern Weg ein, er wußte auf der Welt
+nichts Widerwärtigeres als diese Bilder und die erklärenden Gesänge
+der Schausteller.
+
+Aber dann gab es einen Mann auf dem »Spielbudenplatze«, der war am
+ganzen Leibe mit Musik bewaffnet. Mit dem Fuße schlug er Becken und
+Triangel, mit dem Ellbogen eine große Trommel, mit der rechten drehte
+er einen Leierkasten, mit dem Munde blies er eine Panflöte, und wenn
+er den Kopf schüttelte, erklangen von seinem Hute, der einer
+chinesischen Pagode glich, eine Menge von Glöcklein. Die Musik war
+gewiß scheußlich; aber die Fertigkeit des schwitzenden Mannes blieb
+bewundernswert. Er hatte denn auch immer ein Rudel von Jungen um sich,
+und darum mußte er die linke Hand frei behalten.
+
+»Käupt, Lüd, käupt!« schrie mit furchtbarer Schnapsstimme, die dem
+Bellen eines heiseren Wüstenwolfes glich, ein Mann, der Datteln
+verkaufte. Aber es waren keine Datteln mehr, es war nur noch ein
+unerklärbares Mus, das zu Klumpen geballt auf der Karre lag. »Tein
+Penn dat Pund, Lüd!« schrie der Mann. »Ick verkäup se mit Schoden,
+Lüd; ick sett dor noch bi too! Blos ut Schobernack käupt mi wat af,
+Lüd!«
+
+Und einmal kam Asmus an eine Bude, auf deren Vorderseite ein Schwein
+mit Menschenaugen abgebildet war. Das Tier hatte einen seelenvollen
+Blick und schien darüber nachzusinnen, ob es ein Mensch oder ein
+Schwein sei. Was es in seinem Zweifel noch bestärken konnte, war der
+Umstand, daß es an den Hinterfüßen fünf menschliche Zehen hatte. Wohl
+hundertmal drehte Asmus sein Zehnpfennigstück in den Händen herum;
+aber dann sagte er sich, daß ein zukünftiger Lehrer seiner Bildung
+jedes Opfer bringen müsse; er gab es hin und trat ein. Er fand in
+einem Glashafen voll Spiritus ein kleines totes Ferkel, das genau wie
+jedes andere Ferkel aussah. Der Schausteller, ein großer Kerl in
+Hemdärmeln, erklärte ihm, das Ferkelauge sei ein vollkommenes
+Menschenauge, und die hinteren Zehen seien Menschenzehen. Asmus
+blickte schon lange nicht mehr auf das Ferkel im Glashafen, sondern
+auf den Mann in Hemdärmeln; er sah ihn mit staunenden Blicken an; denn
+er begriff nicht, daß ein Mensch so unverschämt sein könne.
+
+»Das ist ja alles Schwindel!« sagte Asmus. Im nächsten Augenblick
+fühlte er sich unsanft vor die Bude befördert, und wenig fehlte, so
+wäre er die Stiege, die zum Eingang hinaufführte, hinuntergefallen. Es
+war nicht die erste Erfahrung dieser Art, die er im »Kampfe gegen das
+Unrecht« machte; aber noch viel, viel weniger war es die letzte.
+
+Nach solchen Erlebnissen gab es einen Wirbel in seinem Kopfe. Wie
+konnte so etwas geschehen! _Das war doch Unrecht!_ Und Unrecht
+brauchte man sich doch nicht gefallen zu lassen! Unrecht _durfte_ man
+sich gar nicht gefallen lassen ...
+
+Wenn es sich aber traf, daß die drei sich männlich aufgelegt fühlten,
+so wandten sie den kindlichen Freuden des Spielbudenplatzes nach
+gründlicher Betrachtung mit kritisch geschürzten Lippen den Rücken und
+gingen noch dreiviertel Stunden weiter nach Hamburg hinein. Dort gab
+es nämlich eine Wirtschaft, wo man ein ganzes Seidel »echtes
+Kulmbacher« für fünfzehn Pfennige verzapfte und sechzehnjährige Männer
+mit Hochachtung behandelte. Sie saßen dort eine Stunde lang bei einem
+Glase und übten Kritik nach Art der Jugend, das heißt sie rezensierten
+die Bälle der Billardspieler, ohne von diesem Spiel etwas zu kennen.
+Auch das Billardspiel war ein #pium desiderium# Asmussens; aber ach,
+zu all dergleichen gehörte ein Lehrergehalt. Ja, wenn man 1200 Mark
+verdiente – nach einem vorzüglichen Examen bekam man sogar 1300 Mark
+das Jahr – dann ließen sich alle Sehnsüchte kühlen.
+
+Wenn sie mehr Geld als gewöhnlich hatten, so gingen sie in ein
+Vorstadttheater, wo die Vorstellung 7 Stunden dauerte. Da gab es Musik,
+Couplets, Liedervorträge, Männer, die abgeschossene Kanonenkugeln
+auffingen, wunderschöne Trapezkünstlerinnen in Trikots und dazu noch ganze
+Dramen in fünf oder mehr Akten, z. B. Anna Field, die Frau in Weiß oder ein
+Opfer der Liebe von Charlotte Birch-Pfeiffer. Aus den Stücken machte sich
+Asmus nicht viel; aber der jugendliche Held und Liebhaber gefiel ihm über
+die Maßen. Asmussens Vater behauptete, diesen Mann schon vor dreißig Jahren
+als jugendlichen Liebhaber gesehen zu haben, und taxierte ihn auf sechzig
+Jahre. Aber er hatte sich aus besseren Tagen in Spiel und Stimme einen
+edlen Rest bewahrt, und dieser genügte, um Asmus zu entflammen. Vor allem
+diese Sprache! Das mußte auch in Wirklichkeit ein edler, seelenguter Mensch
+sein, davon war Asmus tief überzeugt. Und die Liebhaberinnen verehrte und
+liebte er ohne Ausnahme; denn er war etwas kurzsichtig und saß auf einem
+billigen Platze weit hinten. Eine sanfte Stimme und ein weißes Gewand
+genügten, um ihn von der heiligen Unschuld einer Heldin zu überzeugen. Er
+war in jenem Alter, wo die Ästhetik der jungen Leute immer dem andern
+Geschlechte recht zu geben pflegt.
+
+Wenn sie aber sehr viel Geld hatten, fünfzig Pfennige oder noch mehr,
+dann gingen sie in ein »richtiges« Theater, wie Asmus es nannte, das
+heißt ins Stadt- oder Thaliatheater. Einmal erwischte Asmus auf der
+höchsten Galerie einen Platz, von dem aus er nur dann die Bühne
+erblicken konnte, wenn er seinen Körper in einen fast rechten Winkel
+bog. Man gab Don Carlos, ein Stück, das zwischen sechs- und
+siebentausend Verse hat. In den Zwischenakten hatte er beachtenswerte
+Kreuzschmerzen; aber sobald der Vorhang wieder aufging, waren sie
+verschwunden. Es war eine Begeisterung mit Hindernissen; aber so stark
+war sie, daß die Jünglinge noch stundenlang im Regen spazieren gingen
+und sich nur in Ausrufungssätzen über den Don Carlos und seinen
+Dichter unterhielten. An solchen Abenden hatte Asmus stärker denn je
+das Gefühl: Warum geht man eigentlich zu Bett? Man verliert ja die
+Hälfte des Lebens, die Hälfte der Welt! Und als er eines Tages bei
+Grabbe die Worte fand: »Die Zeit, die man nicht schläft, heiß ich dem
+Tode abgewonnen,« da jauchzte er förmlich auf: Ja, das ist mein Mann.
+
+
+
+
+VII. Kapitel.
+
+Wie Asmus sang, trank, lachte, weinte und prustete.
+
+
+Es muß andrerseits gesagt werden, daß er dasselbe Gefühl auch beim
+Biertrinken hatte, und das Biertrinken studierte er außer anderem bei
+Herrn Bockholm. Franz Bockholm war ein blindgeborener Orgel- und
+Klaviervirtuos und wohnte, obwohl er ein ziemlich wohlhabender Mann
+war, in einer winzigen, obskuren Arbeiterkneipe, die innen und außen
+vom Ruß der nahen Glashütten geschwärzt war. Asmus wurde eines Tages
+durch einen Zigarrenarbeiter, dem er Privatstunden gab und der das
+Honorar für das abgelaufene Vierteljahr in einem Glase Bier erlegen
+wollte, dorthin geführt. Natürlich genoß der blinde Künstler in diesen
+Räumen die Verehrung eines weißen Elefanten, und Asmus empfand eine
+tiefe Ehrerbietung, als er ihm in aller Form vorgestellt wurde. Schon
+vor dem Unglück der Blindheit allein empfand er eine heilige
+Ehrfurcht; als sich nun aber der Blinde gar ans Klavier setzte und
+wunderschön aus der »Zauberflöte« phantasierte, da vergaß er »in
+diesen heiligen Hallen« vollends, daß es eine Schnaps- und Bierschenke
+war. Dann unterhielt man sich, und Asmus fiel es auf, daß Herr
+Bockholm den Kopf neigte und horchte.
+
+»Donnerwetter!« schrie plötzlich der Blinde, »Donnerwetter! Sie müssen
+doch singen können!«
+
+Asmus stotterte verlegen, daß er nur ein bißchen singen könne –
+»eigentlich gar nicht!« rief er schnell; denn er hatte Angst.
+
+»Kommen Sie, kommen Sie!« rief Bockholm, und schon saß er wieder am
+Klavier. »Sie haben einen Bariton. Was können Sie singen?«
+
+Asmus begann mit bebendem Herzen das Lied des Zaren »Einst spielt’ ich
+mit Zepter«, und als er das beendet hatte, schrie Herr Bockholm:
+»Weiter, was können Sie noch?«
+
+Und nun sang Asmus, kühner geworden:
+
+ »Horch auf den Klang der Zither.«
+
+»Verflucht!« schrie der Blinde, sprang auf, schlug sich auf den
+Schenkel und lachte übers ganze Gesicht, »verflucht! Er hat eine
+Stimme wie Krückl!« Das war ein Bariton, der am Stadttheater den
+Mozartschen Almaviva und den Rossinischen Figaro sang.
+
+»Frau Piefke, Bier!!« brüllte der Musiker mit vehementer Lustigkeit,
+und nun mußte Asmus auf seine Kosten eins trinken und noch eins und
+noch eins. Noch am selben Abend mußte Asmus mit dem weißen Elefanten
+auf du und du trinken, obwohl dieser ein viertel Jahrhundert älter
+war, und dann wurde nicht weniger abgemacht als dies: Asmus solle
+jeden Tag kommen und bei Bockholm das Klavierspiel lernen und solle
+sich Gesangsnoten verschaffen, z. B. die Balladen von Löwe, und zum
+Entgelt solle er dem Blinden hin und wieder etwas vorlesen.
+
+Und ungefähr so geschah es. Asmus kam, wenn auch nicht täglich, so
+doch oft, lernte Klavierspielen, sang den »Archibald Douglas« – »darin
+steckt mehr als in mancher großen Oper,« schrie Bockholm mitten im
+Spiel – las seinem Lehrer die Zeitung bis in den Inseratenteil vor –
+denn der Blinde wollte alles wissen – und übte sich im Biertrinken.
+
+In dieser Kunst leistete der Meister noch mehr als in der Musik; ein
+Seidel voll schien auf einen Schluck, wie in einer Klappe, zu
+verschwinden, und er hatte begnadete Tage, wo er es auf dreißig Seidel
+brachte. Das sah nun Asmus freilich mit Staunen und mit Grauen; aber
+er hielt es doch für Ehrensache, es auf vier oder fünf zu bringen.
+Zuweilen allerdings kam ihm die ganze Atmosphäre etwas trüb und
+traurig vor; es kamen da Gesellen, bei denen er sich wunderte, daß
+Bockholm ihnen vorspielte und mit ihnen trank; aber dann kamen auch
+wieder Leute, ungebildete Arbeiter, in berußten Blusen und
+kalkbefleckten Kitteln, die mit einer schier leidenschaftlichen
+Begierde und mit innerster Teilnahme zuhörten. Und Kerle mit Humor
+kamen da! Eines Tages, als Bockholm ein Bravourstück mit ungeheurer
+Fingerfertigkeit gespielt hatte, sagte ein Steinbrügger:
+
+»Junge – wenn ick den sin’n Kopp harr!« und ein anderer versetzte
+langsam und gedankenvoll:
+
+»Djä – – un wenn du denn so dumm wärs wie jetz, denn nütz di dat ook
+nix.«
+
+»Och,« sagte dann wieder der erste, »wenn ick man din Mul harr, denn
+gung dat woll,« und dann stießen sie miteinander an und lachten.
+
+Ja, das war doch auch wieder etwas, wobei einem das Herz ganz frei und
+warm wurde!
+
+Gewöhnlich wollten die Arbeiter unzählige Seidel Bier für den Künstler
+zahlen; aber das nahm er nur unter der Bedingung an, daß er sich
+revanchieren dürfe, und so kam er immer häufiger auf die dreißig
+Seidel und mit jedem Tage seinem frühen Ende um zwei Tage näher.
+
+Die Privatstunden im Biertrinken kamen Asmus zu statten bei den
+heimlichen Zusammenkünften der Albingia. Die Albingia war eine
+heimliche Präparandenverbindung mit Burschenbändern, Zereviskappen und
+allem Zubehör eines regelrechten Komments. Durch ein bemoostes Haupt,
+das die Geheimnisse der Albingia mit dem furchtbaren Ernste des
+Verschwörers behandelte und an ein Sakrament der Kneipe zu glauben
+schien, wurde Asmus in diesen nächtlichen Zirkel eingeführt. Gleich
+bei der ersten Kneipe hieß es: »Semper muß aus ’m Faust rezitieren,«
+und Asmus ließ sich vom Kellner ein Fläschchen voll braunen Saftes
+und ein Glas bringen und bestieg die kleine Bühne am Ende des Saales.
+Er sprach die ersten Monologe des Faust bis zum Anbruch des
+Ostermorgens, und als er an die Stelle kam:
+
+ »Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen;
+ Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen;
+ Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht.
+ Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle;
+ Den ich bereitet, den ich wähle,
+ Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele
+ Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht!«
+
+da goß Asmus den Inhalt des Fläschchens in das Glas. Der Saft war
+nichts anderes als Bier; aber nicht nur Asmus, nein, die ganze
+Versammlung würde den mit ewiger Verachtung belegt haben, der darüber
+gelacht hätte.
+
+Sonst aber lachte er lieber als alle anderen. Er fand es ungemein
+possierlich, daß er als Fuchs den andern Bier einzapfen und ihnen die
+lange Pfeife anzünden mußte, und er war glücklich und stolz, als er
+endlich »entschwänzt« wurde und in der Biertaufe den Namen »Dr. Faust«
+erhielt. Er war noch gewohnt, alle Dinge des Lebens tief zu nehmen,
+und hielt es für heilige Pflicht, einen »Kuhschluck« und einen
+»Bierjungen« genau so ernst zu nehmen wie die Gedanken Rousseaus und
+die Entstehung des Pentateuchs. Er konnt’ es nicht begreifen, wie man
+trotz der Ermahnungen des Vorsitzenden, auszuharren, dennoch um drei
+Uhr morgens aufbrechen konnte, wo es doch die einfachste deutsche
+Treue gebot, den Präsidenten nicht im Stich zu lassen. Und am
+wenigsten konnt’ er begreifen, daß sie nicht lustiger waren, daß sie
+all diese fidelen Bräuche, diese köstlichen Lieder und Schnurren, von
+denen das Kommersbuch förmlich platzte, für gewöhnlich so frostig,
+gleichsam geschäftsmäßig abmachten. Mein Gott – als er sich das
+Kommersbuch zu Hause vornahm – da lachten und schwärmten ja ganze
+Jahrhunderte daraus hervor; die Romantik, der Übermut, der
+Jugendglaube von zwanzig Generationen zogen durch seine Brust; alle
+Augenblick mußt’ er aufspringen, mit den Fingern schnalzen,
+Tanzsprünge durchs Zimmer machen; auf seinen Wangen mischten sich
+Lachtränen und Weintränen – o, wie mußte das über alle Begriffe
+herrlich sein, wenn solch ein Lied durch den Saal brauste, wie
+göttlich lustig mußte das sein, wenn sie alle mit Leichenbittermienen
+sangen:
+
+ O wie bimmel, bammel, bummelt,
+ O wie bimmel, bammel, bummelt,
+ O wie bummelt mir mein Frack!
+ Ich hab noch nie einen Frack gehabt,
+ der mir so sehr gebimmelbammelt hat –
+
+aber wenn dann die Kneipe da war, ja, da gab es wohl zuweilen lustige
+Stunden; aber es war nicht das, was er gehofft hatte; es fehlte ein
+Duft – ein Glanz – eine unnennbare Weihe – es fehlten die rosigen,
+silbernen Wolken über der Versammlung – – –!
+
+Er begriff überhaupt nicht, warum die Menschen nicht öfter lachten und
+nicht öfter weinten, da doch die Welt so reichen Anlaß dazu bot. Als
+er einmal eine Molieresche Komödie sah und die Situation auf der Bühne
+plötzlich eine künftige Situation von großer Komik ahnen ließ, da
+schoß ihm ein so gewaltiges Lachen in die Nase, daß er es nicht
+zurückhalten konnte; da er es aber dennoch zurückhalten wollte, so kam
+ein eigentümlicher Prust-, Schnupf- und Grunzlaut zustande, über den
+das ganze Publikum in laute Heiterkeit ausbrach. So hatte sich Asmus
+vermutlich noch nie geschämt wie in diesem Augenblick; es ist
+anzunehmen, daß er bis in die Zehenspitzen errötete; aber nachher
+mußte er sich doch fragen: Warum habe ich denn allein gelacht? Warum
+lachten nicht alle?
+
+
+
+
+VIII. Kapitel.
+
+Warum Ludwig Semper nicht in den »Lohengrin« ging und Asmus mit einem
+Windhund verkehrte.
+
+
+Wenn er von der monatlichen Kneipe der Albingia einmal spät nach Hause
+kam, so schüttelte Frau Rebekka den Kopf und äußerte ihre Besorgnisse;
+aber Ludwig Semper lachte vergnügt in sich hinein und sagte: »Laß ihn;
+das gehört dazu.« Auch er hatte zu Schleswig seine heimlichen
+Gymnasiastenkneipen gefeiert und den Landesvater gesungen, und
+manchesmal, wenn das Vergangene in ihm erwachte, hatte er, am
+Tabakstische sitzend und das blanke Zigarrenmesser schwingend,
+gesungen:
+
+ »Seht ihn blinken
+ In der Linken
+ Diesen Schläger, nie entweiht!
+ Ich durchbohr den Hut und schwöre:
+ Halten will ich stets auf Ehre,
+ Stets ein braver Bursche sein!«
+
+Dagegen hatte Ludwig Semper für eine andere Neigung seines Sohnes
+durchaus kein Verständnis: Er begriff nicht, wie man ohne Not einen
+Weg von mehr als einer Viertel- oder gar halben Stunde machen konnte.
+Wenn Asmus in den Ferien Spaziergänge von vier Stunden machte, so
+schüttelte Ludwig andauernd den Kopf; bei einem acht- oder
+zehnstündigen Ausflug aber wurde er sozusagen böse, warf das linke
+Bein über das rechte und murmelte: »Verrückt!« Er schien das für
+gesundheitsschädlich zu halten, und einer der Gründe, weshalb er noch
+immer nicht den Lohengrin gehört hatte, war der, daß man ins Hamburger
+Stadttheater eine Stunde zu gehen hatte. Asmus hingegen hatte Seume
+gelesen, und einer seiner Träume war es, einen Spaziergang nach
+Syrakus zu machen, wie ihn dieser etwas nüchterne, etwas trockene,
+aber in seiner Unabhängigkeit, Kraft und Lauterkeit dennoch poetische
+Mann gemacht hatte.
+
+Unter den Studiengenossen, mit denen Asmus seine botanisch-zoologisch-
+mineralogisch-poetisch-politisch-philosophisch-cerealisch-bacchischen
+Ausflüge – denn das Frühstück spielt bei Siebzehnjährigen eine genau
+so große Rolle wie der Idealismus – zu unternehmen pflegte, waren es
+besonders zwei, zu denen er in ein näheres Verhältnis trat. Der eine
+war sein Mithospitant Morieux, und dieser hatte Eigenschaften, die
+wohl auf einen französischen Vorfahren schließen lassen konnten. Er
+war ein hübscher, schlanker, geschmeidiger Bursche mit dunklem Haar
+und einem famosen schwarzen Schnurrbärtchen und zeigte in Sprache und
+Gebärden eine überschießende, ja, in seinen Mienen nicht selten eine
+fratzenhafte Lebhaftigkeit. Die Jugend urteilt wie die Frauen und wie
+das Publikum mit Vorliebe nach dem Instinkt und trifft damit
+gewöhnlich das Richtige. So erhielt denn auch Morieux in der Biertaufe
+den Namen Fritz Triddelfitz, mit der Begründung, daß er ein
+»langschinkiger, dünnrippiger Windhund« sei. Von den Windhunden sagt
+man, daß sie selbstsüchtig und wenig treu seien, und das stimmte bei
+Morieux insofern, als er nur eine halbe Treue besaß. Wenn Asmus in der
+Klasse irgend einen größeren Erfolg erzielt hatte, so beglückwünschte
+ihn Morieux mit fulminanten Worten und war dabei blaß bis in die
+Lippen, und Asmus sah mit vollkommener Gewißheit, daß der Neid, ja der
+Haß ihn innerlich zerwühlten. Aber er sah auch, daß Morieux mit diesem
+Neide kämpfte, daß er sich die Lippen fast blutig biß. Und immer
+wieder kehrte er zu Asmus zurück und zog seinen Umgang jedem anderen
+vor. Er überhäufte den Freund mit Ausdrücken einer so schwärmerischen,
+überschwenglichen Bewunderung, daß Asmus abwechselnd rot und blaß
+wurde und an die Aufrichtigkeit dieser Apotheosen niemals glauben
+konnte, und doch wußte er, daß Morieux in derselben Weise zu andern
+über ihn sprach. Auch Asmussens Eltern hatte er solchermaßen den Ruhm
+ihres Sohnes verkündet, und Frau Rebekka hatte alles geglaubt und mit
+Entrüstung ausgerufen: »Der dumme Bengel! Und davon sagt er zu Hause
+kein Wort!« Im innersten Herzen fühlte sich Asmus von diesem Freunde
+wohl mehr abgestoßen als angezogen; aber eines besaß dieser Freund,
+was ihn festhielt, und das war seine außerordentliche musikalische
+Begabung, im besonderen sein vorzügliches Geigenspiel. Morieux ließ
+nicht locker, bis sich Asmus von ihm die Anfangsgründe des
+Geigenspiels zeigen ließ, und alsbald traktierte der junge Semper mit
+solcher Versessenheit das schwierige Instrument, daß sie nach einigen
+Wochen schon leichte Duette spielten. Dieses Band hielt sie zusammen
+und zog sie bald zu einem Bratschisten und einem Cellisten hin und
+geleitete ihren jugendlichen Wagemut endlich zu den Quartetten Haydns,
+Mozarts, Beethovens und Schuberts.
+
+Aber leider hatte der langschinkige, dünnrippige Windhund eine fatale
+Neigung, andere Leute aufzuziehen. Er hielt sich für so gescheit, daß
+er allen andern etwas aufbinden könne; er gab sich bei den gemeinsamen
+Ausflügen den einfachen Landbewohnern gegenüber für einen
+ausstudierten Lehrer, für einen Arzt, für einen höheren Beamten oder
+dergleichen aus, nur um ihnen allerlei Abenteuer und Räubergeschichten
+aufzubinden und sich an ihrer Leichtgläubigkeit zu weiden. Nun
+schlummert freilich hinter den träumerisch-gutmütigen Augen des
+Schleswig-Holsteiners eine feine und stattliche Klugheit, die nur
+dann vollends aufwacht, wenn es durchaus notwendig ist, und
+gelegentlich wurde der Aufschneider wohl durch ein ironisches Lächeln
+oder ein spöttisches Wort zurückgewiesen; aber manchmal fand er auch
+Gläubige, und solch ein Mißbrauch eines freundlichen Vertrauens
+verdroß Asmus jedesmal über die Maßen. Am wenigsten konnte er’s
+vertragen, daß alte Leute in weißen Haaren gefoppt wurden, und wie
+wurde ihm nun gar zumute, als Morieux sich eines Tages einfallen ließ,
+seine Eltern, seine Mutter Rebekka Semper, seinen Vater Ludwig Semper
+anzulügen und zu hänseln. Als hätte man ihm mit der Peitsche ins
+Gesicht geschlagen, so war es ihm. Um seine Eltern nichts merken zu
+lassen, machte er gute Miene zum bösen Spiel und lenkte mit einer
+gewaltsamen Anstrengung das Gespräch geschwind auf einen anderen
+Gegenstand: nachher aber, beim Abschied vor der Tür, weigerte er dem
+Frevler die Hand und sagte:
+
+»Du brauchst mich nicht wieder zu besuchen. Wir sind geschiedene
+Leute.«
+
+Morieux ging lächelnd und mit einem höhnischen Achselzucken davon.
+
+
+
+
+IX. Kapitel.
+
+Ein Afrikaforscher, der nicht revanchelüstern ist.
+
+
+Ganz, ganz anders war Sempers zweiter Wandergenosse. Er war hager,
+sehnig und steif, von scharfgeschnittenem Gesicht, und sein
+silberweißes kurzgeschorenes Haar stand senkrecht aufgerichtet wie
+Nägel. Eigentlich hieß er Herrig; aber nach einem Vororte Hamburgs, wo
+die Insassen einer gewissen Anstalt gezwungenermaßen kurzgeschoren
+gingen, nannte der liebevolle Witz seiner Klassengenossen ihn
+»Fuhlsbüttel«. Weit davon entfernt, musikalisch zu sein, sang er, wenn
+er die Wacht am Rhein singen wollte, die Lorelei, die aber auch noch
+falsch. Er war überhaupt vom Kopf bis zu den Füßen amusisch, und unter
+allen Kunst- und Literaturschätzen der Welt gab es nichts, was seinen
+Herzschlag beschleunigen konnte. Allein auch er hatte etwas, was ihn
+Sempern interessant machte: nämlich eine grammatische Nase, und in der
+Analyse knifflicher Satzgebilde galten er und Asmus für Rivalen. Auch
+kannte er eine Menge Pflanzen und Insekten bei Namen, und Asmus, den
+seine Dorfschule in dieser Hinsicht mit wahrhaft imposanten Lücken
+ausgestattet hatte, ergriff mit Freuden die Gelegenheit, sich aus dem
+»Thesaurus« seines Freundes zu bereichern. Dafür bereicherte sich John
+Herrig, wie man sehen wird, aus einem anderen Schatze seines Freundes
+Asmus.
+
+Zunächst freilich war es eine Bereicherung von zweifelhaftem Wert. Sie
+unterhielten sich auf ihren Wanderungen stundenlang mit bitterem Ernst
+über Fragen der Politik, der Volkswirtschaft, der Gesellschaftsmoral,
+der Philosophie, kurz #de omnibus rebus et quibusdam aliis#. (Morieux
+war immer nach zwei Minuten auf eine Hanswursterei abgesprungen.)
+Dabei sprachen sie auch von ihrer Zukunft.
+
+»Ich bleibe nicht Lehrer,« sagte Herrig, »ich werde Afrikaforscher.«
+Da war es Asmussen, als ob plötzlich eine unbekannte Gewalt, von der
+er nie gewußt, die gar nicht aus seinem Innern, sondern aus einer
+weiten Zukunft zu kommen schien, ihm ein Wort auf die Lippen legte:
+
+»Ich – ich –« sprach er zögernd, »ich _möchte_ ja wohl Dichter
+werden!« Und schnell setzte er hinzu: »Aber das ist ja natürlich
+Unsinn.«
+
+Dann gab es einen Tag, da gingen John und Asmus lange schweigend
+nebeneinander her.
+
+»Warum reden wir eigentlich nichts?« sagte Asmus endlich.
+
+»Hm,« machte Herrig, »weil wir nichts mehr zu streiten haben. Ich habe
+nach und nach alle deine Anschauungen angenommen.«
+
+Asmus erschrak fast, als Herrig so nüchtern den wahren Sachverhalt
+feststellte. Er hatte recht: das innere Freundschaftsverhältnis war
+eigentlich abgestorben. Anschauungen aber, die man von einem anderen
+angenommen hat, weil man nichts mehr zu erwidern wußte, sind immer ein
+zweifelhafter Reichtum gewesen.
+
+Asmus indessen ertrug es nicht, einen toten Freund mit sich
+herumzuschleppen. Er versuchte, von seinem Blut in die Adern seines
+kalten, blaßhaarigen Freundes hinüberzuleiten. Sie wollten an den
+herrlichen Sonnabend-Feierabenden etwas zusammen arbeiten. Und er
+holte Schillers Briefe über ästhetische Erziehung hervor, an denen er
+sich schon einmal geärgert hatte, weil er sie nicht verstand.
+Vielleicht gelang es, sie mit zwei Köpfen zu bewältigen. Aber nach
+einigen Briefen mußten sie’s abermals aufgeben. Nun studierten sie
+Latein zusammen und lasen den Gallischen Krieg. Auch andere römische
+Autoren lasen sie; wenn sie ihnen lateinisch zu schwer waren, dann in
+Übersetzungen, und in den anschließenden Unterhaltungen fanden die
+alten Herren eine mehr oder weniger endgültige Beurteilung.
+
+»Dieser Ovid ist doch ein fürchterlicher Quatschkopp!« rief Herrig
+eines Abends aus.
+
+Das ärgerte Asmus und er versetzte:
+
+»Und dein Sueton ist ein altes Waschweib.«
+
+Auf solche Weise erwärmte sich nach und nach wieder das
+Freundschaftsverhältnis; bald aber sollte es trotzdem für immer
+erkalten.
+
+John Herrig schöpfte nämlich aus seinem Freunde noch einen reelleren
+Reichtum als den der Weltanschauung. Wenn sie auf ihren Ausflügen
+einkehrten, um zu ihrem mitgenommenen Frühstück ein Glas Bier zu
+trinken, so zahlte Asmus regelmäßig die Zeche und teilte die vom Vater
+erhaltenen Zigarren mit seinem Freunde. Er sagte sich nämlich: Wenn er
+Geld hat, so wird er sich natürlich revanchieren; wenn er keins hat,
+versteht es sich von selbst, daß der bezahlt, der etwas hat. Und Asmus
+erwischte hin und wieder Privatstunden, die mit 50 Pfg. bezahlt
+wurden.
+
+Und wenn sie rückkehrend, hungrig, durstig und müde von der
+Sonnenhitze, in Oldensund eintrafen, dann fand es Asmus unmenschlich,
+den Freund noch eine Stunde weit nach seinem Mittagessen gehen zu
+lassen, und er sagte: »Komm mit und iß mit mir; meine Mutter wird wohl
+soviel haben.«
+
+Und Frau Rebekka, die für sieben Menschen kochte, darunter für fünf
+Söhne, deren Appetit täglich wuchs und sich nach oben hin jedem
+Voranschlag entzog, hatte auch noch genug für einen achten, und sie,
+die nach einem Worte ihres Gatten so sparsam war, »daß sie den Flicken
+eines Flickens flickte«, und das so akkurat, daß Herr Aufderhardt,
+der Schneider, ausrief: »Das ist so schön gemacht, daß _ich_ es nicht
+besser kann!« – sie, die aus einem Rock eine Weste, aus der Weste eine
+Mütze, aus der Mütze einen Handschuh, aus dem Handschuh einen
+Putzlappen machte, und so das arme Tuch in Wahrheit zu Tode hetzte, um
+es zuletzt noch an den Lumpenhändler zu verkaufen, – sie strahlte von
+Heiterkeit und Stolz, wenn ein Gast an ihrem Tische saß und tüchtig
+einhieb. Das war eben eine der leichtsinnigen Anmaßungen, die sie von
+ihrem Gatten übernommen hatte, daß sie sich für berechtigt hielt,
+unbeschränkte Gastfreundschaft zu üben. Wer im Augenblick einer
+Mahlzeit als Freund das Semperische Haus betrat, der wurde an den
+Tisch gebeten, das war eine Überlieferung von Semperischen Urvätern
+her.
+
+Und nun merkte Asmus eines Tages, daß dieser Satan, dieser Herrig,
+_doch_ Geld hatte! Und daß es ihm gleichwohl gar nicht einfiel, sich
+zu »revanchieren«. Diese Entdeckung machte Asmussen von oben bis unten
+gefrieren. Von allen Lastern, soweit er sie bis jetzt kennen gelernt
+hatte, war ihm eins immer als das häßlichste erschienen: der Geiz. Und
+mit einem Schlage war er aufgetaut, und aus dem Grunde seines Herzens
+atmete er auf, als Herrig bald darauf, nachdem er den Freund für die
+nächste gemeinsame Arbeit in seine Wohnung geladen hatte, hinzufügte:
+»Du kannst ja dann bei mir zu Abend essen.«
+
+Gott sei Dank, dachte Asmus, er ist doch nicht geizig.
+
+Als Asmus am nächsten Sonnabend in die Stube seines Freundes trat,
+fiel ihm sofort dessen Verlegenheit auf. Nach einiger Zeit stotterte
+Herrig:
+
+»Abend – Abendbrot hast du wohl schon gegessen!«
+
+»Ja,« sagte Asmus, »Adieu!« Und nun war er sich klar über John Herrig.
+
+Er hatte vorläufig kein Glück mit den »Freunden« unter seinen
+Studiengenossen.
+
+
+
+
+X. Kapitel.
+
+Asmus als Königsmörder und Galeerensträfling, als Gallo und Petrarca.
+Er erneuert eine gewisse, für die Folge nicht unwichtige
+Bekanntschaft.
+
+
+Ob er den Freund in seinem andern Mithospitanten, jenem Jüngling mit
+der hebräischen Handschrift finden sollte, der seit einiger Zeit mit
+ihm denselben Weg zur Schule ging? Claus Münz war ein guter Kerl; aber
+er redete zu viel von seinen Muskeln. Er war nämlich vierschrötig und
+starkknochig wie ein Arbeitspferd, und wenn er Sempern die Hand gab,
+drückte er sie zum Beweise seiner Heldennatur so stark, daß Asmus das
+Gesicht verzog, und dann wieherte Claus Münz aus vollem Halse wie ein
+Roß. Er entblößte täglich einmal seinen Arm, um den Bizeps zu zeigen,
+und hatte den sehnlichen Wunsch, einmal mit einem Athleten vom
+Spezialitätentheater ringen zu dürfen. Es sei ein Jammer, sagte er,
+daß er als Schulmeister nur sechs Wochen dienen könne, sonst würde er
+zu den Gardehusaren kommen, und dann hätte er vielleicht einmal
+tüchtig in die Franzosen einhauen können. Er hatte als Knabe jenen
+Geschichtsunterricht empfangen, nach dem die Franzosen Lumpenhunde
+sind, die Deutschen hingegen bieder und treu. Asmus machte sich
+anfangs ein Vergnügen daraus, die Franzosen auf jede Weise
+herauszustreichen; aber bald ward ihm dieser Streit zu dumm. Claus
+Münz war auch in allen Muskeln und Knochen königstreu; Asmus hingegen
+war überzeugter Tyrannenmörder. Zwar konnte er kein Tier, geschweige
+denn einen Menschen leiden sehen, und sein schlimmster Feind hörte
+auf, sein Feind zu sein, sobald er litt; aber so sehr er Cäsarn
+bewunderte und liebte, an den Iden des März und bei Philippi hatte
+er’s mit Brutus gehalten, sein Herz hatte den Möros, den Harmodius und
+Aristogeiton, den Tell und ihren Genossen gehört. Nun war es
+geschehen, daß ein Mann namens Nobiling auf den Kaiser Wilhelm
+geschossen und ihn verwundet hatte. Claus Münz war außer sich vor
+Entrüstung. Asmus, der in der Arbeitsstube der Zigarrenmacher den
+ersten Wilhelm kaum anders als »Kartätschenprinz« hatte nennen hören,
+hatte ein lebhaftes Mitgefühl mit dem alten Manne, wenn er ihn sich
+auf seinem Schmerzenslager dachte, und beklagte die Tat des Mörders;
+aber er ersuchte doch auch den mit allen Muskeln wütenden Freund,
+gefälligst nicht zu vergessen, daß Wilhelm I. und Bismarck Tyrannen
+seien. Er war der Meinung, daß es Fürsten und Minister, Herrschende
+und Besitzende durchaus in der Hand hätten, dem Volke Brot und
+Freiheit zu geben, und daß nur Herrschsucht und Habsucht sie daran
+hinderten. Die Erkenntnis, daß wir alle unter dem Zwange der
+Notwendigkeit stehen und daß es keine abhängigeren Menschen gibt als
+die Herrschenden, daß wir alle an Händen und Füßen, die Herrschenden
+aber an jedem Finger und jedem Haar von Fäden gezogen und geleitet
+werden, die aus dem Unendlichen kommen, es sollte noch lange währen,
+bis ihm diese Erkenntnis aufging. Die Geschichtsstunden des Herrn
+Stahmer hatten wohl ein leises Ahnen von der ehernen Verkettung der
+Dinge in ihm erweckt; aber dieser Unterricht war zu kurz gewesen und
+hätte wohl auch, wenn er länger gewährt, aus den jungen Keimen einer
+Jünglingsseele – einer Kindesseele fast – keine Bäume machen können.
+Die Geisteskräfte des guten Claus Münz aber waren vollends nicht dazu
+geschaffen, den jungen Semper zu überwältigen; dieser gab es sogar
+vollständig auf, zu streiten, weil Claus Münz immer nur muskulöse
+Behauptungen vorbrachte, und Asmus schleppte geduldig, aber gemartert,
+jeden Morgen den Geist des Claus Münz hinter sich her wie die Kugel
+eines Galeerensträflings.
+
+Aber wie schon oft, so sollte er auch jetzt Erquickung und Trost
+finden bei den Frauen. Die Schule, an der er jeden Morgen hospitierte,
+hatte sich vergrößert und unter anderen Lehrkräften auch drei neue
+Lehrerinnen bekommen. Unter diesen war eine musikalische Dame von
+einer weichen und sanften Schönheit, und es dauerte natürlich keine
+zwei Tage, bis Asmus sie heimlich besang und in seinem Gedicht
+versicherte, daß die heilige Cäcilie unter den Irdischen wandle. Sie
+hatte oft eine Gefährtin bei sich, der Asmus eines Tages »die
+bezauberte Rose« von Ernst Schulze lieh, die ihm das Buch aber schon
+am folgenden Tage zurückgab, weil sie es nicht lesen könne, so fromm
+und tugendsam war sie. Asmus war empört und schwärmte ihr nun recht
+zum Trotz von Rousseau und Voltaire. Morieux hatte den beiden Damen
+mit Grimassen und schlenkernden Armen verraten, daß Semper Gedichte
+mache, »wunderbare, großartige Gedichte!« Und nun, wenn die Schule
+vorüber war, saßen die beiden Damen auf dem Pult wie auf einem Thron,
+und Morieux und Semper saßen auf den Kinderbänken zu ihren Füßen;
+Morieux geigte und Asmus las, fremde Gedichte und eigene; er hatte der
+Ballade vom ertrunkenen Fischer noch eine Ballade von einer
+gespenstischen Burgruine hinzugefügt, und Asmus dachte: So war es am
+Musenhof zu Ferrara oder Avignon.
+
+Noch einen stärkeren Widerhall aber fand Asmus bei einer Frauenseele,
+von der man kaum begriff, daß sie in ihrem Körper Platz habe. Das war
+die Seele des Fräulein Wieselin, einer 38jährigen Jungfrau, Lehrerin
+und Dichterin. Sie war so klein und dünn, daß sie sozusagen nur eine
+Nadel war, in die der Herrgott einen Lebensfaden gezogen hatte, und
+diese Nadel fuhr unablässig auf und ab und verarbeitete ihren
+Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und Opfersinn. Im Gesicht sah
+sie aus wie ein Geheimrat, der immer in einem überheizten Zimmer
+gesessen hat und darum etwas eingetrocknet ist. Tausend Mark Gehalt
+erhielt sie im Jahr, und davon ernährte sie sich und ihre Mutter und
+unterstützte sie die Familie eines kranken Bruders. Sie war damals
+schon fünfzehn Jahre Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher,
+und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten der Kleinen; die
+Kleinsten zu lehren ist aber größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher,
+die sie las, mußte sie sich leihen; denn kaufen konnte sie sich keine;
+aber als sie nach fünfunddreißig Jahren der Mühsal ihr Ende nahen
+fühlte, da sagte sie: »Ich kann ja zufrieden sterben; ich habe ja ein
+reiches Leben gehabt.«
+
+In ihren seltenen Mußestunden machte sie auch Verse, kleine,
+unbedeutende Gelegenheitssächlein; aber da Asmus sie nicht loben
+konnte, so sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen sprach viel
+von den seinigen, rühmte sie und sprach ihre Verwunderung darüber aus,
+daß er gleich mit epischen Gedichten anfange, während die jungen Leute
+sonst immer mit allgemeinen Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel
+leichter sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: »Ich habe
+immer das Gefühl, daß Sie kein Lehrer werden, daß wir Sie noch ’mal
+auf ganz anderen Pfaden wandeln sehen!«
+
+»Vielleicht heirate ich auch die!« dachte Asmus.
+
+Die dritte der neuangestellten Damen hieß Hilde Chavonne, war eine
+schlanke Brünette mit großen, schmachtenden braunen Augen und einem
+sanften Stolz der Bewegungen und trotz alledem eine Hamburgerin. Sie
+und Asmus schenkten einander zu Anfang nur wenig Beachtung,
+unvergleichlich viel weniger als später. Aber doch mußte er darüber
+nachdenken, wo er sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war die
+»Dame in Trauer«, die Seminaristin, die einmal ganz zu Beginn seiner
+Präparandenzeit mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges zusammen
+gegangen war. Daß er ihr schon viel, viel früher einmal begegnet war,
+das konnte er nicht mehr wissen.
+
+
+
+
+XI. Kapitel.
+
+Wie Asmus plötzlich eine glänzende Karriere machte und dabei auf den
+Hund kam.
+
+
+Zu diesen ganzen und halben Freunden gewann Asmus endlich eine ganze
+Schar von kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre seines
+Präparandentums eines Morgens in die Schule kam, ließ ihn der
+Oberlehrer in sein Zimmer rufen. »Herr Dohrmann hat sich krank
+gemeldet,« sagte er, »und wird voraussichtlich in acht Wochen nicht
+kommen können. Ich habe Sie zu seiner Vertretung ausersehen.
+Übernehmen Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen
+rechtfertigen werden.« Asmus konnte vor Überraschung nicht sprechen;
+er nickte nur stumm und verließ das Zimmer.
+
+Als er draußen stand, war sein erstes Gefühl ein wirbelnder Jubel.
+Lehrer! Er sollte Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er
+vorstehen, er ganz allein! Er wußte im nächsten Augenblick selbst
+nicht, wie er die drei Treppen zum obersten Stockwerk hinaufgekommen
+war. Und als er vor der Klassentür stand und die führerlosen Kinder
+lärmen hörte, da stak ihm das Herz, das noch eben so hoch geflogen
+war, tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, der kleinste und
+jüngste von den drei Präparanden, den kranken Lehrer vertreten? Warum
+nicht Morieux, der ein ganzes Jahr länger an der Schule war als er?
+Warum nicht Claus Münz, der Große und Starke, der den Kindern gewiß
+mehr imponierte als er? Er kannte ja nichts vom Unterrichten, rein gar
+nichts. Ach ja, er wußte wohl: alle in der Schule hielten ihn für
+außerordentlich ernst und gesetzt. Die Leiden, die Verfolgungen, die
+er als Knabe erduldet, hatten seinem Gesicht, seinem ganzen Wesen
+einen zusammengerafften, entschlossenen Ernst gegeben, und wer ihn
+nicht in vertrauten Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daß
+hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne stand. Er hatte gerade
+um jene Zeit auf Menschen solcher Art in schwerhinwandelnden Versen
+ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte er »Erscheinung«.
+
+ Eine düstre Wolke seh’ ich schwimmen
+ Durch den abendlichen Himmelsraum.
+ Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen
+ Zarte Lichter wie ein Flockensaum.
+
+ Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen
+ Ragt die Wolke hoch in den Azur,
+ Doch um ihre Stirne lichtgetroffen
+ Hängt des Alpenglühens Rosenflur.
+
+ Denn verborgen hinter jener Mauer
+ Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts,
+ Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer,
+ Blickt nach dort verklärten Angesichts.
+
+ Also sah ich düstre Menschenstirnen
+ In den Grenzen dieser Erde auch:
+ Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen
+ Eines fremden Lichtes leiser Hauch.
+
+ Augen sah ich, die dem Hier entrinnen,
+ Das mit Tränenschatten sie umhüllt;
+ Doch versunken war ihr Blick nach innen
+ Und von dort mit sel’gem Glanz erfüllt. –
+
+Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten Blick, ein
+überirdisches Angesicht, weil er das für erhabener hielt und er damals
+gerade ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler werden wollte; in
+Wirklichkeit aber sprang seine Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens
+mit frischen Jugendbeinen auf der Erde umher. Das wußten die in der
+Schule nicht. Sie schrieben ihm auch weit größere Kenntnisse und
+Fähigkeiten zu, als er besaß, und das machte ihm Unbehagen, weil es
+ihm vorkam, als täuschte er sie, als müßte er seine Kenntnisse einmal
+alle aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch legen, damit sie
+sähen, wie wenig er wisse und könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben
+stand er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der Unberufenheit.
+
+Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er endlich die Klassentür auf. Er
+stand vor den Kindern.
+
+Sie verstummten vor Überraschung. Was will _der_ denn, dachten sie.
+Asmus gebot ihnen, ihre Sachen unter den Tisch zu legen und sich
+ordentlich hinzusetzen. Sie gehorchten; aber einige duckten sich
+hinter den Rücken des Vordermannes und kicherten, weil der kleine
+Schreiber aus dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister sein wollte. Da
+steckte Asmus von seinen ernsten Gesichtern das allerernsteste auf und
+sah den Aufsässigen ruhig in die Augen – da saßen sie still und ohne
+Laut. Das fühlte er sofort, die Zügel in der Hand behalten, das war
+nicht so schwer; aber das Unterrichten!
+
+Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für die einfachste Sache von
+der Welt. Man sagt den Kindern, was sie wissen sollen, und dann wissen
+sie’s ja! Aber man soll ihnen gar nichts sagen, das ist’s ja gerade!
+Alles sollen sie selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll man’s
+aus ihnen herausholen; so verlangt es das »erotematische« oder
+»katechetische« oder »heuristische« Lehrverfahren. Asmus kannte diese
+gelehrten Vorschriften wohl; aber als er nun vor den sechzig
+Gesichtern stand, wußte er nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle
+er den Kindern über ein meilenbreites Wasser die Hand reichen. Und
+wenn ihm vorher das Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er
+jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den Schuhen, eines im Halse,
+das ihn würgte, eines in der Brust, das ihm wehtat und eines in der
+Darmgegend. Und nun kamen überdies noch Münz und Morieux herein; denn
+es war Brauch, daß, wenn ein Präparand unterrichtete, die andern
+zuhörten und hernach ihre Kritik übten. Wie ein Doppelbeckmesser
+mußten sie aufpassen, ob auch alle Fragen des Katecheten mit »#W#«
+anfingen (denn so verlangt es das »System«), ob Asmus auch keine
+»Wahlfragen« stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja oder Nein
+zu antworten brauchte, die also die Schüler zum Raten verleiteten, ob
+er auch rechtzeitig zusammenfasse und wiederhole, ob er auch alle
+Kinder gefragt habe, bevor er eins zum zweitenmal frage, ob er auch
+tadle, wenn ein Schüler beim Fingerzeigen aus der Bank trete, ob er
+auch bemerkt habe, daß Müller sich in vereinfachter Manier die Nase
+geputzt habe usw.
+
+Asmus sollte zunächst eine Anschauungsstunde geben, und er holte sich
+aus dem kleinen Schulmuseum einen ausgestopften Fuchs, der aber dank
+der Kunst des Ausstopfers den Hinterleib einer feisten Katze hatte.
+
+»Was ist das?« fragte Asmus.
+
+»Das ist ein Hund,« antwortete ein Schüler; denn die Stadtkinder
+kannten keinen Fuchs.
+
+Statt nun an diese nicht ganz unrichtige Antwort anzuknüpfen und den
+Fuchs zunächst als Hund zu behandeln, oder aber mit Eleganz darüber
+hinwegzugehen und einen anderen zu fragen, biß sich Asmus sofort in
+diese Antwort fest.
+
+»Nein, ein Hund ist das nicht,« sagte er, »woran sieht man, daß es
+kein Hund ist?«
+
+»Er hat gar keinen Maulkorb um!« rief ein kleiner Bursche.
+
+»Haben denn alle Hunde Maulkörbe?« fragte der junge Präzeptor. (O weh,
+eine »Wahlfrage!«)
+
+»Nein,« riefen viele Kinder. (O weh, der Präzeptor duldete, daß die
+Schüler im Chor antworteten, ohne es zu tadeln! Münz und Morieux
+notierten eifrig in ihren Heften.)
+
+»Wozu gehört der Maulkorb also gar nicht?«
+
+»Der Maulkorb gehört gar nicht zum Hund,« sagte ein Schüler.
+
+Das genügte Asmus nicht so ganz. Er wollte den Irrtum beseitigen, daß
+der Maulkorb ein organischer Bestandteil des Hundes sei (er wußte, daß
+die Kinder auch das Hufeisen für einen Teil des Pferdehufes halten),
+er wollte die Antwort: »Der Maulkorb gehört nicht zum Körper des
+Hundes;« aber wie sollte er aus diesen Kleinen das Wort »Körper«
+herauskatechisieren? Sollte er fragen: »Ist der Maulkorb etwa ein
+Körperteil des Hundes?« Nein, das durfte er nicht, das war eine »Ja-
+und Nein-Frage«. Er versuchte es auf mancherlei Weise; denn er meinte,
+jeder auftauchende Irrtum müsse sofort und gründlich beseitigt
+werden; aber das ersehnte Wort kam nicht. So biß er sich im Maulkorb
+des Hundes fest und war noch immer nicht beim Fuchs, obwohl er schon
+am ganzen Körper schwitzte.
+
+Endlich mußte er das Rätsel doch aufgeben, und so war Zeit und Mühe
+verloren.
+
+»Also ein Hund ist das nicht. Woran sieht man das?«
+
+Da stand ein Genie auf und sagte:
+
+»’n Hund hat nicht solchen Schwanz!«
+
+»Na also!« jubelte Asmus, und in seiner Freude über das erlösende Wort
+vergaß er, daß das Genie »’n Hund« statt »ein Hund« gesagt hatte. Münz
+und Morieux notierten das.
+
+
+
+
+XII. Kapitel.
+
+Asmus ringt gewaltig mit einem Schüler wegen eines Frosches: er
+empfängt Rippenstöße, und der gewisse Seybold besteht das Examen.
+
+
+Aber schon von der nächsten Stunde ab mußten Münz und Morieux wieder
+Listen und Protokolle schreiben, und Asmus sprach mit seinen Schülern,
+wie ihm der Schnabel gewachsen war. Und sieh, mit einem Male ging
+alles freier und besser. Wenn er sich nun aus dem Schulmuseum einen
+Hasen geholt hatte, so erinnerte er sich jenes Lehrers, bei dem er
+gern gehorcht hatte und der auch nicht immer im Stechschritt des
+Systems gegangen war. Er sang ihnen vor allen Dingen Lieder vom Hasen
+vor:
+
+ »Als der Mond schien helle,
+ Kam ein Häslein schnelle«
+
+und
+
+ »Gestern abend ging ich aus,
+ Ging wohl in den Wald hinaus«
+
+und
+
+ »Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal
+ Saßen einst zwei Hasen«
+
+und nachdem ihnen Herr Lampe mit so vorzüglichen Empfehlungen
+vorgestellt war, schauten sie ihn mit ganz anderen Augen an. Und als
+Asmus heraushaben wollte, daß der Hase ein Säugetier sei, da fragte er
+sie:
+
+»Was für ein Vogel ist denn der Hase?« Halloh, da gingen sie fast über
+die Bänke vor Lachen und Weisheit und riefen: »Das ist ja gar kein
+Vogel!« und erklärten ihm mit Begeisterung, warum der Hase kein Vogel
+sei! O Gott, wenn Münz und Morieux, und gar der Herr Oberlehrer
+dagewesen wären! Überhaupt fand er, daß es den Kindern ein besonderes
+Vergnügen bereitete, wenn er sich recht dumm stellte und sich dann von
+ihnen aufklären ließ. Der alte Sokrates kannte seine Leute.
+
+Natürlich stieß er trotzdem noch täglich, ach, stündlich in seinem
+Fahrwasser auf Klippen, Untiefen und Stromschnellen. Da hatte er ihnen
+das Märchen vom Froschkönig und dem eisernen Heinrich erzählt. Der
+Frosch hatte der Königstochter ihren goldenen Ball aus dem Brunnen
+geholt unter der Bedingung, daß er mit ihr an einem Tische essen und
+in einem Bettchen schlafen dürfe. Und sie hatte es ihm doch hoch und
+heilig versprochen. Als nun der Frosch ins Schloß kam, wollte sie ihr
+Königswort nicht halten. Das ist mit Königsworten öfters so, ist aber
+unsittlich. Und Asmus wollte entwickeln, daß man sein Wort halten
+müsse, und wenn es auch noch so schwer sei.
+
+»Warum wollte sie denn nicht mit dem Frosch zu Bett gehen?« fragte
+Asmus einen Schüler.
+
+»Ich weiß nicht,« sagte der.
+
+»Möchtest Du denn einen Frosch im Bett haben?«
+
+»Ja!« rief das Bürschchen begeistert.
+
+Hm. Das war ein unerwartetes Hindernis. Aber Asmus besann sich.
+Vielleicht sprach das Kind so aus ethischen Erwägungen. Es meinte wohl
+im stillen: wenn ich es versprochen hätte.
+
+»Schön,« fuhr der Magister fort, »du möchtest also bei einem Frosch
+schlafen. _Aber doch nur wann?_«
+
+»Immer!« versetzte strahlend der Gefragte.
+
+Hm, hm. Wie sollte man diesem perversen Individuum die Moral der
+Geschichte begreiflich machen? Man mußte einfach die Segel streichen.
+Der kluge Magister begriff erst später die Freude der Kinder an allem
+Spiel mit den Tieren.
+
+Aber solche und ernstere Schwierigkeiten erhöhten gerade die Lust an
+der Arbeit, und er widmete sich ihr auch mit so viel körperlichem
+Eifer, daß er infolge des vielen Sprechens von einer Heiserkeit in die
+andere fiel. Überdies kam der erkrankte Lehrer nicht wieder, aus den
+acht Wochen wurde ein Vierteljahr, aus dem Vierteljahr ein halbes.
+Asmus hatte morgens eine Stunde weit zur Schule und ging mittags
+denselben Weg zurück. Dann aß er eilig zu Mittag und ging abermals zur
+Schule, um den Nachmittagsunterricht zu erteilen. Danach begab er
+sich von der Schule ins Präparandeum, und abends hatte er eine gute
+Stunde nach Hause. Dann erst konnte er an seine Präparationen für
+Schule und Präparandeum gehen. Das machte etwa elf Stunden Arbeit und
+fünf Stunden Marsch. Aber Asmus war noch immer tief davon
+durchdrungen, daß der Schlaf ein eingebildetes Bedürfnis sei, eine
+Überzeugung, die er bald genug ablegen sollte. Einstweilen aber ging
+er nicht nur jeden Sonnabend zu Bockholm ans Klavier, er machte auf
+seinen Wanderungen auch noch Gedichte, die den Beifall Lauras, nämlich
+Fräulein Wieselins, und der beiden Leonoren fanden.
+
+Nur einen Menschen gab es, dem die vielfältige Beschäftigung Asmussens
+Sorge machte, und das war seine Mutter. Nicht, daß sie für seine
+Gesundheit gefürchtet hätte, – seine vollen, roten Wangen ließen
+solche Befürchtungen nicht aufkommen, – nein, sie bangte wegen des
+bevorstehenden Abgangs-Examens. Im nahen März sollte Asmus ins Seminar
+übergehen, und sie fürchtete, daß er sich bei so viel Arbeit nicht
+ordentlich vorbereiten könne und dann womöglich durchfalle. Und sie
+schickte heimlich einen Seminaristen aus der Bekanntschaft ab, der
+sich bei einem Lehrer des Präparandeums nach den Aussichten ihres
+Sohnes erkundigen sollte. »Zu Hause sagt der Bengel ja nichts,« klagte
+sie. »Er macht auch Gedichte; aber meinen Sie, er zeigt sie uns? Wenn
+ich nicht mal eins in seiner Schublade finde, erfahren wir nichts
+davon.«
+
+Seine Gedichte zu Hause zeigen, – nein, das brachte Asmus nicht über
+sich. Eine Scham, die er sich selbst nicht deuten konnte, hielt ihn
+davon zurück. Wir mögen auf der Gasse nicht im Nachtgewand und daheim
+nicht in der #Toga palmata# erscheinen.
+
+Jener geheime Emissär geriet an den Lehrer für deutsche Sprache und
+Literatur, einen großen Mann mit einer prachtvollen Römerglatze und
+energischen Zügen, die lieber dem Spott als der Liebenswürdigkeit
+dienten. Er maß den Frager von oben bis unten mit höhnischem Blick und
+sagte dann: »Ja, wenn wir den durchfallen ließen, wen sollten wir dann
+bestehen lassen?«
+
+Dieser Bescheid beruhigte Frau Rebekka einigermaßen, aber keineswegs
+vollständig. Als der erste Tag des schriftlichen Examens anbrach,
+strich sie unaufhörlich mit liebkosenden Händen an ihrem Sohne auf und
+ab, als ginge er den Weg zum Schafott und kehre nicht mehr zurück. Als
+ihn acht Tage später der Mann mit der Römerglatze auf die Seite
+genommen und mit spöttischem Lächeln gesagt hatte: »Ich gratuliere
+Ihnen. Sie haben den besten Aufsatz geschrieben,« da brachte er
+fliegenden Laufes wie der Bote von Marathon seiner Mutter die
+Nachricht, damit sie sich beruhige. Und wirklich wurde sie etwas
+ruhiger.
+
+Ludwig Semper konnte zu der Unrast Rebekkens immer nur lächeln. »Du
+bist nicht gescheit,« sagte er kopfschüttelnd und blickte zum Fenster
+hinaus in die Ferne.
+
+Asmus aber war aus Sicherheit und Unruhe wunderbar gemischt. Er
+pflegte weder sich noch anderen Demutsflausen vorzumachen und sagte
+sich wohl: »So viel wie die anderen weiß ich auch«; aber alles Leben,
+das er noch nicht kannte, stellte er sich als Wunder vor, als gutes
+oder schlimmes Wunder, und das Examen rechnete er vorläufig zu den
+schlimmen. Er dacht’ es sich im Grunde als eine Lotterie, die der
+Zufall entschied; er stellte sich vor, daß Dr. Korn, der als Direktor
+natürlich alles wußte, oder Herr Stahmer, der ebensoviel wußte, ihm
+die abenteuerlichsten Fragen vorlegen könnten, die schwersten Fragen,
+an die er nie gedacht, und dann war ihm ungefähr zumut wie dem armen
+Gretchen beim #dies irae#.
+
+ #Quid sum miser tunc dicturus
+ »Quem patronum rogaturus?«#
+
+Vielleicht war er der unruhigste von allen Examinanden. Sein
+Platznachbar Seybold z. B. schrieb im schriftlichen Examen einfach
+alles nach, was er mit seinen vortrefflichen Augen von Sempers
+Schriftstücken ablas, und war darum viel ruhiger als dieser. Ja,
+dieser Jüngling setzte ein so heiteres Vertrauen in die Kräfte seines
+Nebenmannes, daß er noch unmittelbar vor der naturgeschichtlichen
+Prüfung im Bücherschrank der Klasse von möglichst dicken Wälzern nach
+dem System »Mausefalle« einen babylonischen Turm errichtete, der bei
+der geringsten Erschütterung durch die angelehnte Schranktür ins
+Zimmer stürzen mußte. Der Campanile brach denn auch mit wunderbarer
+Präzision und furchtbarem Getöse zusammen, als Papa Hamann gerade die
+Frage von den Monocotyledonen und den Dicotyledonen diktierte.
+Natürlich mußte Asmus Semper wieder prusten, und als Papa Hamann ihn
+lachen sah, sagte er:
+
+»Themper, thie gehen mit einem geradethu thträflichen Leichtthinn inth
+Ekthamen!«
+
+In der mündlichen Prüfung war Seybold freilich erheblich unruhiger,
+und wenn der Examinator sich seinem Platze näherte, stieß er Sempern
+so heftig in die Rippen und trat ihm so deutlich auf den Fuß, damit er
+ihm aushelfe, daß Asmus noch drei Tage nachher die blauen Flecke
+beobachten konnte. Nun konnte er zwar nicht einblasen, wenn er sich
+nicht selbst ans Messer liefern wollte; aber der gute Seybold bestand
+trotzdem, und Asmus stellte ernste Erwägungen darüber an, warum man
+eigentlich Examina vornähme, wenn auch die Seybolde durchkämen.
+
+
+
+
+XIII. Kapitel.
+
+Frühlings- und Ferienlust; Wiederauftreten des Herrn Morieux; ein
+längerer Blick der »Dame in Trauer«, ein Aufstieg ins Gebirge und ein
+Gärtner mit einer Schere.
+
+
+In der Tat, das einzige Gute, das solche Prüfungen haben, sind die
+Ferien, die sich ihnen gewöhnlich anschließen. Drei Wochen hatte er
+nun frei – er warf sich daheim aufs Sofa und streckte die Beine, als
+wenn er sie gleich durch die ganzen drei Wochen hindurchstrecken
+wollte. Und auch gefeiert wurde er! Frau Rebekka, die nun endlich ganz
+beruhigt war, fragte ihn feierlich, was er denn heute essen wolle. Das
+war noch nicht dagewesen. Und Asmus nahm seinen Flug bis zum Gipfel
+der Imagination und sagte nach einigem Erwägen: »Pfannkuchen mit
+Pflaumenmus.« »Sollst du haben,« sagte Frau Rebekka und flog in die
+Küche an den Herd.
+
+Was sein Vater ihm gab, war anderer Art. Asmus saß mit einem Buch an
+seinem gewohnten »Schreibtisch«, und Ludwig Semper saß an seinem
+Arbeitstisch und machte Zigarren. Und obwohl Asmus ihn nicht ansah,
+wußte er wieder ganz genau, daß die Augen seines Vaters auf ihm
+ruhten, und er hütete sich wohl, den Blick zu erheben und die
+zärtlichen, sommerwarmen Augen seines Vaters zu verscheuchen. Er las
+nicht mehr, er sah immer auf dasselbe Wort und dehnte sich in der
+Juliwärme dieses Blickes, dehnte sich langsam, kaum merklich, aus
+Furcht, die Sonne möcht’ es merken und sich verhüllen; er fühlte sich
+von einem heiligen Licht umflossen und sah in diesem Licht wie goldene
+Stäubchen die Millionen seligen Erinnerungen seiner Kindheit wirbeln.
+
+Und noch ein andres Herzensglück sollten diese Tage ihm bringen. Als
+Asmus eines warmen Frühlingstages am Fenster stand und auf seiner Zehn
+Marks-Geige nach einer Notenschrift in den Wolken fantasierte, wurde
+heftig geklopft. Im selben Augenblick sprang auch schon die Tür auf,
+und wer trat herein? Morieux. Morieux mit bleichem, verzerrtem Gesicht
+und weit vorgestreckter Hand.
+
+»Ich wollte dir die Hand zur Versöhnung bieten,« sagte er.
+
+»Bravo!« rief Asmus, indem er klatschend einschlug, »wie geht’s dir?
+Was machst du? Komm, setz’ dich ins Sofa! Steck’ dir eine Zigarre an,
+eine feine Brasil. Trinkst du lieber Bier oder Kaffee?«
+
+Er war nahe daran, seinem Freunde Kost und Logis für drei Monate
+anzubieten; denn er mußte reden, um seiner Gemütsbewegung Herr zu
+werden. Er schämte sich viel mehr als sein Freund; er war über und
+über rot geworden, lief planlos im Zimmer hin und her und stellte
+seinem Gast die beiden besten Stühle hin, obwohl er ihn ins Sofa
+gebeten hatte.
+
+Morieux fing an, von seinem Verschulden zu sprechen.
+
+»Aber ich bitte dich!« rief Asmus, »sprich nicht davon. Wenn ich mich
+vertrage, hab’ ich alles Vergangene vergessen. Ich hatt’ es sowieso
+schon vergessen. Da – hier – spiel’ mir was vor!« Er drückte ihm die
+Geige in die Hand. »Bitte, bitte, die F-Dur-Romanze!«
+
+Und Beethovens Töne schwemmten alle Kleinigkeiten hinweg.
+
+Drei Wochen sollte er so genießen! Was konnte man da für Spaziergänge
+machen, für Bücher lesen, für Duette spielen, für Gedichte machen – es
+war nicht auszudenken! Ganze Epopöen konnte man dichten! Er begann
+auch sofort mit einer breit angelegten Dichtung »Niobe«, in der die
+vierzehn Kinder der bejammernswerten Tantalstochter einzeln starben.
+Ach ja, Ferien waren doch noch schöner als die schönsten
+Unterrichtsstunden! Auch als Junge war er – wenn seine Mitschüler ihn
+nicht peinigten – mit Lust zur Schule gegangen, ja, die Geschichts-
+und Geographie- und Physikstunden des Herrn Cremer waren ihm zuzeiten
+das Liebste auf der Welt gewesen; aber das Allerliebste blieben doch
+die Ferien. Als er noch in der Klasse des Herrn Rösing gewesen war, da
+war eines Morgens ein Lehrer gekommen und hatte gesagt:
+
+»Ihr könnt wieder nach Hause gehen, Herr Rösing ist krank.«
+
+»Hurra!« hatte die ganze Klasse geschrien. Da hatte der Lehrer
+gerufen: »Jungens, seid ihr des Teufels? Wenn euer Lehrer krank ist,
+brüllt ihr Hurra?«
+
+Aber das war eine tendenziöse Zusammenstellung. Sie dachten gar nicht
+an die Krankheit des Herrn Rösing; sie dachten nur an ihre Freiheit.
+Sie gönnten dem Lehrer jedes Wohlbefinden, wenn er nur nicht kommen
+wollte. Und auch Asmus hatte Hurra geschrien ...
+
+Aber seine Ferien waren noch nicht ganz; einige Tage mußte er noch in
+die Schule zum Unterrichten, und dann mußte er noch eine Prüfung
+ablegen: prüfend sollte er geprüft werden. Da der kranke Lehrer noch
+immer nicht wieder erschienen war, so mußte Asmus »seine« Klasse bei
+der öffentlichen Prüfung vorreiten. Das war wieder eine bange Stunde;
+denn hinter ihm, neben ihm, an den Wänden entlang und auf den Bänken
+der Kinder saßen und standen sämtliche Damen und Herren des
+Kollegiums. Auch Laura war natürlich da und die beiden Leonoren; und
+ganz hinten auf der letzten Bank saß Beatrice, oder, wie sie
+eigentlich hieß: Hilde Chavonne. Sie hatte zum ersten Male die Trauer
+abgelegt, wenn auch nur in ihren Kleidern; sie trug ein leuchtend
+braunes Kleid, und in diesem Kleide, mit ihrem reichen braunen Haar
+und ihren melancholisch-braunen Augen war sie brünetter, hübscher und
+stolzer denn je. Und mit einem Male sprang in Asmussens Seele ein
+Imperativ empor: dieser Stolzen sollst du imponieren. Den Blick dieses
+Mädchens wählte er sich zum Leitstern durch die schwere Stunde, und
+nichts gibt der Arbeit eines Siebzehnjährigen einen feurigeren
+Aufschwung, als wenn auf ihr der Blick eines Weibes ruht.
+
+Als die Prüfung vorüber war, sagte der Oberlehrer nichts; er wiegte
+nur wohlwollend auf und ab das Haupt. Als die Damen das Zimmer
+verließen, sah Asmus, daß Fräulein Chavonne sich mit einer Kollegin
+über ihn unterhielt; denn diese blickte ihn wiederholt von der Seite
+an; Hilde Chavonne aber heftete, bevor sie hinausschritt, noch einmal
+den Blick auf ihn, als habe sie den kleinen Herrn erst heute kennen
+gelernt, und was das Merkwürdige war: sie wandte den Blick nicht weg,
+wie es sonst die Mädchen zu tun pflegen, wenn der Blick eines
+Jünglings ihrem beobachtenden Auge begegnet; nein: offen, fest und
+ernst blickte sie ihm ins Auge.
+
+Nach völlig beendigter Prüfung wollte Semper sich von den Herren des
+Kollegiums verabschieden.
+
+»Was fällt Ihnen ein!« rief einer der Herren, »Sie müssen mit uns.«
+
+Asmus erklärte, er könne nicht, er habe »furchtbar viel zu tun,« und
+als der joviale Herr ihn nicht lassen wollte, sagte er leise: »Ich
+habe kein Geld.«
+
+»Wofür halten Sie mich denn?« rief der Lehrer lachend, »wenn ich Sie
+einlade, brauchen Sie doch kein Geld.«
+
+Nun ging es in eine halbländliche Kneipe, wo man in Lauben saß und der
+Wirt noch ein Käppchen trug. Asmus war glücklich und stolz; die Herren
+behandelten ihn nicht nur als Kollegen, sie nannten ihn sogar so. Und
+sie waren über die Maßen lustig und erzählten sich in seiner Gegenwart
+die ausgelassensten Schnurren. Asmus saß mit weit offenen, lachenden
+Augen da. Er hatte mit jener scheuen Ehrfurcht, die er vor allem
+Unbekannten hegte, diese Herren für Halbgötter gehalten, die hoch über
+der Lust gewöhnlicher Sterblicher dahinwandelten. Die Entdeckung, daß
+sie fröhliche Menschen waren, war ihm ein fröhliches Wunder. So
+gefielen sie ihm noch viel besser.
+
+Einer der Herren zog Asmus in ein Gespräch über Rousseau. Er meinte,
+das Leben Rousseaus sei tadelnswert und seine Theorien seien nicht
+ausführbar. Aber Asmus war schon beim dritten Glas und verteidigte
+seinen Liebling wie eine Löwin ihr Junges. Rousseau sei der beste der
+Menschen gewesen, und alle seine Ideen seien ausführbar, wenn man nur
+wolle.
+
+»Na, Herr Semper,« warf ein etwas eingetrockneter Herr aus der Runde
+ein, »darüber können Sie doch wohl noch nicht urteilen.«
+
+»Wissen Sie, was Schiller sagt?« rief Asmus.
+
+»Nee,« sagte der Herr.
+
+Und Asmus rezitierte mit hochgeröteten Wangen:
+
+ »Monument von unsrer Zeiten Schande,
+ Ew’ge Schmachschrift deiner Mutterlande,
+ Rousseaus Grab, gegrüßet seist du mir!
+ Fried’ und Ruh’ den Trümmern deines Lebens!
+ Fried’ und Ruhe suchtest du vergebens;
+ Fried’ und Ruhe fand’st du hier.
+
+ Wann wird doch die alte Wunde narben?
+ Einst war’s finster, und die Weisen starben;
+ Nun ist’s lichter, und der Weise stirbt.
+ Sokrates ging unter durch Sophisten,
+ Rousseau leidet, Rousseau fällt durch Christen,
+ Rousseau – der aus Christen Menschen wirbt.«
+
+Die Worte »Schande«, »Schmachschrift«, »Sophisten« und »Christen«
+hatte Asmus mit anzüglicher Betonung hervorgehoben.
+
+»Ja, das ist ja sehr formvollendet,« sagte der Gedörrte mit einer
+empörenden Kälte, »aber Schiller ist für mich auch nicht maßgebend.«
+
+»Was? Schiller –?«
+
+Asmus wollte aufspringen; aber jener andere Herr legte ihm die Hand
+auf die Schulter und sagte: »Ich werde Ihnen mal Rousseaus
+»Bekenntnisse« leihen; die werden Sie interessieren.«
+
+»O ja! Herzlichen Dank!« rief Asmus, und am nächsten Tage stürzte er
+sich in die »Bekenntnisse«.
+
+Das war Öl ins Feuer. Den Kopf in beide Hände vergraben, las er
+stundenlang mit heißen und heißeren Wangen. Da plötzlich sprang er
+auf, warf die Arme nach beiden Seiten und rief ganz laut: »O Gott – o
+Gott!« Er hatte die Stelle gelesen, wo Rousseau sich vor dem Leser zu
+jenem Diebstahl bekennt, den er hartnäckig geleugnet hat. Wohl eine
+Stunde lang stürmte Asmus im Zimmer auf und ab, oder er warf sich ins
+Sofa, vergrub das Gesicht in beide Hände und atmete schwer. Welch ein
+Mut, welch ein Wahrheitsmut! Welch eine erschütternde Liebe zur
+Wahrheit! Asmus wollte weiterlesen; aber kaum hatte er das Buch
+berührt, so schlug er es heftig zu. Er konnte nicht weiterlesen; eine
+geheimnisvolle Macht verwehrte ihm, die heiligste, größte Stunde
+seiner Jugend selbst zu töten. Er lief ins Freie, rannte durch Felder
+und Wiesen und sah von Feldern und Wiesen nichts; er füllte nur eine
+unaufhörliche Brandung gegen die Wände seines Herzens schlagen. Gegen
+Abend kehrte er ruhiger nach Hause zurück. Wieder schlug er das Buch
+auf, und langsam, zärtlich, mit ferngewandtem Blick machte er es
+wieder zu. Wie der Bergwanderer, der einen höchsten Grat erstiegen und
+nun die freie und reine Herrlichkeit der Täler und Gipfel erschaut,
+sich nicht entschließen kann, wieder dort hinabzusteigen, wo alles das
+ihm entschwinden wird, so konnte es Asmus nicht über sich gewinnen,
+die Höhe zu verlassen, wo himmlische Luft sein Herz durchbraust hatte.
+
+Und zu diesem Rousseau würde nun bald im Seminar Pestalozzi kommen und
+Comenius und die Alten: Plato, Aristoteles, die Kirchenväter – er
+hatte Einblick in den Lehrplan des Seminars bekommen – ach: was gab es
+da nicht alles in der Psychologie, in der Logik, in der Methodik, in
+Literatur und Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften – ihm
+lief das Wasser im Munde zusammen wie einem Schlemmer, der vom
+Gastmahl des Trimalchion liest, von einem jener römischen Gelage, wo
+ganze Ochsen und Eber auf goldenen Wagen herangefahren wurden und
+Speisen und Getränke aus der Decke, aus den Wänden und aus dem Boden
+hervorkamen. Das alles, was da in dem Lehrplan stand, sollte er
+studieren dürfen, bis in die tiefsten Schachte der Wissenschaft
+hinein, und zu Hause würde er noch Zeit haben, noch ebensoviel dazu zu
+lernen –
+
+ »O Erd’, o Sonne,
+ O Glück, o Lust!«
+
+das war der tägliche Text seines Herzschlages, die immer
+wiederkehrende Melodie seines Gedankenreigens. Was sich draußen golden
+und grün über Felder und Hecken breitete und was sich golden und grün
+über unendliche Fluren in seinem Herzen dehnte: es war derselbe
+Frühling, derselbe lerchenfrohe Lebensmorgen.
+
+Der alte Moor fiel ihm ein, der, seines Erstgeborenen gedenkend,
+erzählt: »Da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel und
+rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?«
+
+Im Übermute seines Herzens mußte er es still in sich hineinrufen: Bin
+ich nicht ein glücklicher Mann?
+
+Freilich: der alte Moor war dann nichts weniger als glücklich
+geworden.
+
+»Aber ich bin glücklich!« rief Asmus in sich hinein »und ich werde
+glücklich sein, ich weiß es.«
+
+Mit solchen Empfindungen überschritt er an einem Aprilmorgen zum
+ersten Male die Schwelle des Seminars.
+
+Er hörte nicht die Schere klingen, die Schere des Gärtners, der
+herankam, sein Glück zu beschneiden.
+
+
+
+
+Zweites Buch
+
+Arbeit und Kampf
+
+
+
+
+XIV. Kapitel.
+
+Der Gärtner beginnt, seine Schere zu handhaben.
+
+
+Asmus war erst wenige Tage im Seminar, als er sich auf dem Heimwege,
+auf demselben Spielbudenplatze, der seine sonntäglichen Schwelgereien
+in nun vergangenen Tagen gesehen hatte, von einer weiblichen Stimme
+anrufen hörte.
+
+»Asmus, sei man nich so stolz!« rief die weibliche Stimme.
+
+Er fuhr aus seinen Gedanken auf und starrte in das Gesicht einer Frau,
+die ein Kind auf dem Arme trug.
+
+Ja, war’s denn möglich – das war ja Adolfine Moses, die mütterliche
+Gespielin früherer Jahre, die treffliche Sibylle, in deren Hexenküche
+er so manchen Buchweizenkloß gegessen hatte, die ihm die erste
+Nachricht vom Ausbruch des Krieges mit Frankreich gebracht hatte.
+
+»Kenns mich woll ganich mehr?« rief Adolfine und verzog lachend den
+Mund bis an beide Ohren.
+
+»Aber natürlich, Adolfine, natürlich kenn ich dich!« rief Asmus. Ihre
+Häßlichkeit war im wesentlichen nicht anders geworden, nur reifer.
+
+»Wie geht’s dir denn?«
+
+»Och, ich bin jetz verheirat’t. Dies is mein Jung; mags ihn leiden?«
+
+»Ja, natürlich,« sagte Asmus.
+
+»Was bist du denn geworden,« forschte Adolfine.
+
+»Ich will Lehrer werden,« antwortete Asmus.
+
+Da klaffte Adolfinens Mund wie eine Löwengrube, und sie lachte, daß es
+über den ganzen Platz hallte.
+
+»Bis woll verrückt!« schrie sie.
+
+Asmus sah sich unwillkürlich um. »Schrei doch nicht so!« rief er.
+»Natürlich werd’ ich Lehrer.«
+
+Aber es kostete viel Mühe, sie daran glauben zu machen. Und langsam
+und gradweise, wie sie ihm Glauben schenkte, öffnete sich wieder ihr
+Mund.
+
+»Kanns das denn alles in’n Kopf behalten?« fragte Adolfine. Sie dachte
+an ihre eigene Schulzeit.
+
+»Jaa – ziemlich,« versetzte er langsam. »Aber jetzt muß ich weiter.
+Adieu, laß dir’s gut gehen!«
+
+Er gab ihr die Hand; aber sie war jetzt sprachlos, und als er schon
+fünfzig Schritte weit war, stand ihr Mund noch immer offen. – –
+
+Hinter der Satyrmaske Adolfinens war das Schicksal verborgen gewesen
+und hatte gerufen: »Du bist wohl verrückt!« – – – –
+
+Das drohende Tabakmonopol und später die erhöhte Tabaksteuer lasteten
+schwer auf dem Gewerbe der Zigarrenmacher; wenigstens hatten die
+Fabrikanten die ohnedies bescheidenen Arbeitslöhne noch herabgesetzt.
+Der Urheber der Steuer nannte sich Bismarck, und dieser Bismarck wurde
+in den Stuben der Zigarrenarbeiter um dessen willen nicht geliebt.
+Aber dieser Bismarck hatte noch etwas anderes hervorgebracht, und das
+war das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie. Asmussens Bruder
+Johannes aber war leidenschaftlicher Sozialdemokrat. Nicht als Redner
+trat er hervor; aber er war im Vorstand der Ortsgruppe und wirkte
+still und begeistert für die Organisation. In harter Winterzeit machte
+er Agitationsreisen ins unberührteste Schleswig-Holstein, dorthin, wo
+die Landbevölkerung den »Dezimalkroaten« Unterkunft und Nahrung
+weigerte und sie nicht selten mit Hofhunden an Leib und Leben
+bedrohte.
+
+Einmal aber trat Heinrich Moldenhuber, der »Wolkenschieber« oder, wie
+ihn Ludwig Semper ob seiner sturmgeschwellten Rockschöße gewöhnlich
+nannte: Heinrich der Seefahrer ins Arbeitszimmer der Semper und sagte
+mit stoischem Lächeln:
+
+»Ich bin ausgewiesen.«
+
+Man glaubte anfangs, er scherze. Aber er zeigte lächelnd den
+Ausweisungsbefehl. Und man begriff noch immer nicht. Wie? Dieses
+neunundzwanzigjährige Kinderherz sollte »gemeingefährlich« sein? Wie?
+dachte Asmus, dieser Mann, der zu den besten Stücken meiner Jugend und
+meiner Heimat gehört – den verbannt man aus seiner Heimat? Gewiß würde
+Moldenhuber auch auf der Barrikade seine Schuldigkeit getan haben;
+aber nie würde er aufgefordert haben, eine zu bauen; er würde viel
+mehr versucht haben, den Fürsten Bismarck oder den das Standrecht
+ausübenden General von seinem Irrtum und von der Richtigkeit der
+sozialistischen Lehre zu überzeugen.
+
+Aber alles Verwundern half nichts gegenüber der brutalen Tatsache.
+
+»Wohin willst du denn?« fragte Ludwig Semper.
+
+»Nach Amerika,« antwortete Moldenhuber ruhig.
+
+Nach Amerika! Der Wolkenschieber nach Amerika! Das war so, als wenn
+Hölderlin auf die Hamburger Börse gegangen wäre, um hinfort in Kaffee
+zu spekulieren. Ludwig Semper riet ihm dringend ab; aber der Seefahrer
+war heiter entschlossen. Fast schien es, als ob ihm die
+Schicksalswendung willkommen wäre und er sich auf die Entdeckung
+Amerikas durch Heinrich den Seefahrer freue. Was konnte ihm geschehen?
+Nahm er nicht seine Dichter und Philosophen überallhin im Kopfe mit?
+Und für eine Bücherkiste war wohl auch noch Platz im Zwischendeck.
+
+Amerika! Asmussens Brüdern, Johannes und Alfred, hatte dies Land schon
+oft vor der Seele gestanden als ein Bereich, wo man aus dem ewigen
+Schuften und Sorgen herauskomme, wo brauchbare Arbeit einen
+reichlichen Lohn finde. Der Entschluß, dahin auszuwandern, war immer
+wieder verschoben worden; denn diese Heimat mit all ihrem Schuften und
+Sorgen übte ihre stille Kraft. Aber die Polizei kam ihrer
+Unentschlossenheit zur Hilfe. Ein Beamter, der Ludwig Sempern
+freundlich gesinnt war, teilte ihm unter der Hand mit, daß auch sein
+Sohn Johannes auf der Proskriptionsliste stehe und demnächst
+»drankomme«. Vielleicht ziehe er es vor, noch vordem auszuwandern.
+
+Das gab einen Aufruhr im Hause Semper! Frau Rebekka sprach sich über
+Thron und Altar, über Bismarck und die Polizei in einer Weise aus, die
+ihr gegebenen Falles 100 Jahre Gefängnis gesichert hätten, und im
+stillen weinte sie. Ludwig Semper trug das Unglück schweigend wie
+immer, nur warf er öfter als sonst das linke Bein über das rechte und
+bewegte heftig die Lippen, und nur einmal rief er: »Die Narren, wenn
+sie glauben, daß ihnen das was hilft!«
+
+Am muntersten nahm Alfred die Neuigkeit auf. Er wollte sofort mit
+seinem Bruder nach Amerika, obwohl ihn niemand forttrieb und obwohl
+er sich ein Sümmchen erspart hatte. Aber er wollt’ es »zu was bringen«
+und erbot sich, seinem Bruder das Geld für die Überfahrt zu leihen.
+
+Und Johannes schlug ein. Entschlossen, nach Amerika zu gehen, war auch
+er. Aber seine Entschlossenheit hatte zwei Gesichter, die in den
+nächsten acht Tagen oft miteinander wechselten. Das eine pflegte mit
+unternehmendem Blick durchs Fenster nach Westen zu sehen, das andere
+die Blicke wandern zu lassen über Wände und Winkel, Gassen und Felder
+in Haus und Heimat, von denen er scheiden sollte.
+
+
+
+
+XV. Kapitel.
+
+Asmus hört ein französisches Lied von deutschem Heimweh, gibt
+Privatstunden bei Lachtauben und Häschen und erhält sein erstes
+Dichterhonorar.
+
+
+Schon acht Tage später bewegte sich durch die Straßen von Oldensund
+und Altenberg ein Trupp von Auswanderern dem Hamburger Hafen zu. Außer
+Moldenhuber und Johannes Semper waren noch andere ausgewiesen worden;
+Europamüde hatten sich ihnen angeschlossen, und zahlreiche Verwandte
+und Freunde gaben ihnen das Geleite bis zu den Landungsbrücken. Man
+war auf gewisse Weise heiter; einige hatten ihrer Heiterkeit mit
+Alkohol auf die müden Beine geholfen. Man konnt’ es Heiterkeit nennen,
+wie man es Sonnenschein nennen kann, wenn durch unaufhörlich ziehende
+Wolken hin und wieder auf Minuten die Sonne mit stechendem Glanze
+hindurchblickt. Man sang sogar, man sang lustige Lieder; aber kein
+Mensch nahm sie lustig. Asmus ging eine Weile allein neben seinem
+Bruder Johannes. Sie sangen beide nicht mit; aber plötzlich sang etwas
+in Asmus. Er hatte es oft, daß plötzlich eine Melodie in ihm
+aufwachte, die er nur einmal gehört und die er dann wochenlang,
+monatelang vergeblich in seiner Erinnerung gesucht hatte. Vor mehr als
+einem Vierteljahr hatte er mit dem blinden Pianisten zusammen die
+»Fantastische Symphonie, op. 14« von Berlioz gehört. Und da hatte ganz
+besonders ein Gesang gedämpfter Geigen sich wie ein weicher, warmer
+Herbsttag ihm in das Herz gelegt. Er hatte sich die Worte gemerkt, die
+den Komponisten zu diesem Gesange angeregt hatten; aber die Melodie
+hatte er doch vergessen. Heute mit einem Male schlug jene wundersame,
+süß-traurige Weise die Augen auf.
+
+[Illustration:
+#/Largo./#
+
+Musiknoten
+
+Liedtext:
+#Je vais donc quitter pour jamais, mon doux pays, ma douce amie!#]
+
+sang es in ihm. Dann hörte er seinen Bruder sprechen.
+
+»Sobald ich drüben bin, schick’ ich meine Adresse; dann mußt du mir
+fleißig schreiben.«
+
+»Gewiß,« sagte Asmus.
+
+»Schreib mir sobald als möglich, wie es Vater und Mutter geht – sie
+werden allmählich alt.«
+
+»Ja, ja,« sagte Asmus nachdenklich.
+
+»Mach’ ihnen nur recht viel Freude. Sowie ich etwas übrig habe,
+schick’ ich auch Geld.«
+
+»Aber überarbeite dich auch nicht,« fügte Johannes noch hinzu. Dann
+schwiegen sie wieder. Und wieder hub in Asmus die sanfte, traurige
+Weise an:
+
+ #Je vais donc quitter pour jamais
+ Mon doux pays# – – –
+
+Endlich waren sie am Landungsplatz, und da griff der Anblick der
+vielen Hunderte von Zwischendeckspassagieren wie mit Krallen in
+Asmussens Herz. Er wußte ja von all diesen Leuten gar nicht, warum sie
+auswanderten, ob sie es gern oder ungern taten, was sie erhofften und
+was sie verließen; aber er sah in dieser ganzen Masse von Männern,
+Weibern und Kindern mit ihrer in Bündel geschnürten Habe nur ein
+großes Elend, ein großes, bitteres Elend, und zum ersten Male in
+diesen Tagen des Abschieds traten ihm heiße, reichliche Tränen ins
+Auge. Er trocknete sie schnell; denn es galt, Abschied zu nehmen und
+den Brüdern ein fröhliches, ermunterndes Gesicht zu zeigen. Der guten
+Frau Rebekka wollte fast das Herz brechen, und sie empfahl ihren
+Söhnen noch hundert Dinge, die sie nicht vergessen sollten; sie
+knöpfte Alfred den Rock zu und knotete Johannes den Schal fester um
+den Hals, um sie gegen die rauhe Seeluft zu schützen, die indessen von
+Hamburg noch fünf Stunden weit entfernt ist. Endlich fuhr das Schiff
+unter Hurrarufen und Winken der Zurückbleibenden davon.
+
+Als Asmus wieder daheim war, ging er heimlich ins Schlafzimmer, wie er
+von jeher getan, wenn er mit sich allein sein wollte. Er trat ans
+Fenster und blickte nach Westen. Wo werden sie jetzt sein, dachte er.
+
+ #Je vais donc quitter – – –#
+
+Die Melodie schlang sich wie ein Gewinde von Orangenblüten durch alle
+seine Gedanken.
+
+ #Je vais donc quitter pour jamais
+ Mon doux pays, ma douce amie!
+ Loin d’eux je vais trainer ma vie
+ Dans les pleurs et dans les regrets.#
+
+Das Lied paßte ja eigentlich gar nicht so recht zu diesem Tage: es war
+ein französisches Lied, und hier handelte es sich um eine deutsche
+Heimat; auch der Sinn der Worte paßte nur halb; aber die Töne, die
+Töne sangen ein wunderbares Heimweh, und sie folgten ihm bis in den
+Traum und bis in manchen folgenden Tag.
+
+Viel Zeit war indessen für wehmütige Stimmungen und Gedankenspiele
+nicht übrig; das Leben schickte sich an, unserm Seminaristen mit
+realen Forderungen hart auf den Leib zu rücken. Mit den beiden Söhnen
+hatten die alten Semper zwar zwei beträchtliche Esser, zugleich aber
+einen für ihren Haushalt noch beträchtlicheren Geldzuschuß verloren.
+Vorübergehende Arbeitslosigkeit kam hinzu, und die fetten Jahre der
+dreihundertundsechzig Mark #pro anno# waren vorbei; im ersten
+Seminarjahr gab es nur einhundertundzwanzig Mark Stipendien, im
+zweiten zweihundert, im dritten zweihundertundvierzig. Aber wie
+sollten nun die Semper ihren Studenten durch drei endlose Jahre
+hindurchschleppen?!
+
+Frau Rebekka verzagte an diesem Unternehmen. Durch den Spalt einer
+angelehnten Tür belauschte Asmus eines Tages ein Gespräch seiner
+Eltern.
+
+»Dann muß er eben den Lehrer an den Nagel hängen und Zigarrenmacher
+werden,« sagte die Mutter.
+
+»Ach, Unsinn!« klang die Stimme Ludwig Sempers.
+
+»Ja, Unsinn! Weißt du, woher das Geld kommen soll? Ich weiß es nicht.
+Wir riechen nach Geld wie die Gänse nach Franzbranntwein.«
+
+»Na ja, das findet sich,« sagte Ludwig.
+
+»Ja, das sagst du immer,« meinte Rebekka. »Wozu auch?« fuhr sie fort.
+»Die anderen Kinder sind auch alle begabt und sind auch keine Lehrer
+geworden.«
+
+Sie sagte das nicht lieblos; sie sagte es mit jener Resignation des
+Armen, der das Gefühl hat, daß das Talent für den Mittellosen ein
+Unglück ist.
+
+Aber obwohl sie das Wort nicht lieblos gesprochen hatte, ging es
+Asmussen wie ein Messer durch’s Herz. Sie hatte Wahrheit gesprochen,
+die Mutter. Seine Brüder waren wohl ebenso begabt wie er, vielleicht
+begabter, und mußten Zigarren drehen. Sollte er seinen Eltern, die
+sich von Sorge zu Sorge schleppten, drei Jahre lang auf der Tasche
+liegen? Nein.
+
+Asmus beschloß, seinen Unterhalt durch Privatstunden selbst zu
+verdienen. Dazu waren freilich nicht wenige solcher Stunden nötig.
+
+Er ging dreimal in der Woche zu den Kindern eines Fettwarenhändlers,
+drei allerliebsten, wohlerzogenen Kindern, zwei Mädeln und einem
+Buben. Die Älteste war ein Lachtäubchen, und wenn Asmus über eine
+seltsame Aufgabenlösung ein humoristisches Augenrollen vollführte,
+wollte sie sich unter den Tisch kichern; nur wenn er die Frage an das
+etwas »thumbe« Brüderlein richtete, machte sie ein bekümmertes
+Muttergottesgesichtchen. Die Stunden wurden glänzend bezahlt, mit 75
+Pfennigen, und jeden Monat zählte der blendend weiß beschürzte Vater
+mit verbindlichstem Dank und höflichen Komplimenten die blanken
+Silberstücke auf die Ladenbank. Hier war alles warm und gut.
+
+Auch mit dem einzigen Kinde des Gelehrten, zu dem er sechsmal die
+Woche ging, lebte er gute und feine Stunden. Freilich nicht von Anfang
+an. Als er bei dem sechsjährigen Bürschchen mit dem Unterricht
+beginnen wollte, bemerkte er, daß es kaum die Entwicklung eines
+Vierjährigen hatte. Infolge von Krankheit oder Verzärtelung war es so
+zurückgeblieben, daß es fast gar nicht sprechen konnte, und wenn es
+nach vielen Ermunterungen und Mühen endlich den Mund auftat, so sagte
+es »trein« statt »klein« und »Josche« statt »Rose«. O, o, oh, dachte
+Asmus, was fang ich da an. Zudem war der Kleine furchtsam wie ein
+Häslein; er starrte seinen Lehrmeister nach Wochen noch an wie einen
+bösen Mann und war durch die zündendsten »Witze« und die komischsten
+Gesichter nicht ins Lachen zu bringen. Hundertmal, tausendmal sprach
+ihm Asmus die richtigen Laute vergeblich vor – das konnte nicht immer
+kurzweilig und fröhlich sein; dem Kleinen traten dicke Tränen ins
+Auge, und dann war alles vorbei ... Dann mußte Asmus aufspringen und
+ein paarmal auf und ab gehen und sich sagen, daß er die Geschichte vom
+Sisyphos bisher immer viel zu leichtfertig und teilnahmlos aufgefaßt
+habe. Endlich, nach sechs Wochen, sagte das Bübchen plötzlich ganz
+richtig »klein« und »Klavier«. Asmus traute seinen Ohren nicht.
+
+»Sag’ mal Klaus!« – »Klaus.«
+
+»Klemme!« – »Klemme!«
+
+»Klosett!« – »Klosett!«
+
+»Hurra« brüllte Asmus, »hurra, er kann es!« und er sprang – er konnte
+nicht anders – er sprang über einen Stuhl. Da lachte das Bürschchen
+zum ersten Male laut auf, und nun kam Sonnenschein ins Werk. Von nun
+an ging es vorwärts, und nach einem halben Jahre streckte sich aus
+den verhutzelten Hüllblättchen der kleinen Menschenknospe ein
+vollkommen helles und frisches Geistchen hervor.
+
+Die Wirksamkeit in diesem Hause hatte für Asmus noch ein anderes
+Ergebnis. Irgend jemand hatte dem Vater seines Schülers gesteckt, daß
+der junge Herr Semper auch dichte, und eines Tages erbat der Vater von
+seinem Hauslehrer ein Lied für eine Naturforscherversammlung. Asmus
+sagte zu und dichtete etwas hervorragend Ungeeignetes. Der Doktor
+hatte sich ein munteres Kneiplied gedacht; Asmussens Werk aber war mit
+mehreren Zentnern Naturphilosophie befrachtet. Der Gelehrte, ein
+Gentleman, fragte gleichwohl mit verbindlichem Dank nach seiner
+Schuldigkeit. Vor Asmussens Phantasie stieg wie eine Leuchtkugel ein
+funkelndes Fünfmarkstück auf; aber er ließ sich grundsätzlich nicht
+übergentlemannen und sagte, es sei eine Gefälligkeit, für die er kein
+Honorar beanspruche.
+
+»Nun, dann werd’ ich es auf andere Weise gutzumachen versuchen,« sagte
+der Doktor.
+
+Und von nun an erschien in jeder Unterrichtsstunde eine Tasse Kaffee,
+ein wundervoller Kaffee, nicht mit Zichorien wie zu Hause. Und da er
+ein Jahr lang im Hause des Gelehrten wirkte, so kamen Hunderte von
+Tassen Kaffee heraus, und sie waren sein erstes Dichterhonorar, ein so
+hohes, wie er es viele Jahre später noch nicht erreichen sollte.
+
+
+
+
+XVI. Kapitel.
+
+Handelt von sonderbaren Studenten und von einem unvergleichlichen
+Architekten.
+
+
+Soweit waren die Privatstunden gut und schön. Mit den zwei Kaufleuten
+aber ging es schon anders. Das waren zwei Kompagnons, die Englisch
+lernen wollten. Aber nicht das Englisch der Schulgrammatik, des
+Landpredigers von Wakefield und des Verlorenen Paradieses, sondern das
+Englisch der Butter-, Eier- und Buckskinhändler. Also kaufte sich
+Asmus eine Grammatik der englischen Kaufmanns- und Gewerbesprache und
+studierte mit Volldampf englische Tratten, Rimessen, Konnossemente,
+Fakturen, Beschwerden über unbefriedigende Hosenstoffe und
+Insolvenzerklärungen. Die beiden Schüler waren so ungleich wie nur
+denkbar; der eine begriff nichts, der andere alles, und das mochte
+diesen bewogen haben, sich mit jenem zu assoziieren. Wie sollte man
+mit zwei solchen Pferden vorwärts kommen! Und obendrein mußte man doch
+noch immer auf der Hut sein, den verstopften Geist seine
+Beschränktheit allzu beschämend fühlen zu lassen! Aber die Qual
+sollte nicht allzulange dauern. Als Asmus nach zehn Unterrichtsstunden
+zur elften erschien, erklärte ihm die Frau, bei der die beiden
+Junggesellen gewohnt hatten, daß seine Schüler verzogen seien
+»unbekannt, wohin«. Sein Honorar hatten die Kompagnons mitgenommen.
+Asmus stand eine Weile sinnend vor dem Hause und betrachtete beim
+Schein der Gaslaterne die Grammatik für Kaufmannsenglisch, die vier
+Mark gekostet hatte und für die er nie im Leben wieder Verwendung
+finden sollte.
+
+Mit diesen Stunden hatte er besonders gerechnet. Er verdiente
+allgemach so viel, daß er seinen Eltern Kost und Wohnung vergüten
+konnte, und diese Stunden sollten es ihm endlich ermöglichen, von
+seinem Verdienst ein weniges für sich zu behalten. Wenn die Stunden
+eine Weile fortgingen, wollte er sich ein Klavier mieten! Und auf
+diesem einst zu mietenden Klavier hatte Ludwig Sempers Sohn auf
+Spaziergängen und an stillen Feierabenden schon manches #Adagio
+cantabile# und manches #Presto furioso# gespielt. Denn er war
+vielleicht der größte und kühnste Luftschloßarchitekt seines
+Jahrhunderts. Aus einem einzigen Stein baute er ein Schloß; aber er
+ließ es nicht etwa, wie die meisten dieser Künstler, bei dem Gerüst
+oder bei der Fassade bewenden; nein, er führte es durch und hinauf bis
+zu den letzten Fialen und Türmchen, die mit den Mondstrahlen stritten
+an Feinheit und Glanz; er baute es aus von der Halle bis ins
+verschwiegenste Gemach, von der breitschimmernden Treppe bis in die
+Kammer des Türmers, vom lauschigen Erker bis zum lachenden Balkon, der
+in prangende Gärten hinabsah. Denn was wäre ein Schloß ohne einen Park
+mit Brücken und Lauben, mit singenden Wassern und horchenden
+Steinbildern, mit hundert Abgründen für den Traum und hundert Grotten
+und Höhlen für die Erinnerung?
+
+Aber das merkwürdigste war, daß er, wenn das Schloß nun plötzlich im
+leeren Grau verschwand, nur drei Sekunden brauchte, um sich mit dieser
+vollendeten Tatsache abzufinden. Er galt bei denen, die ihn kannten,
+für einen Menschen von Talent; aber sein größtes Talent kannten weder
+sie noch er selbst: sein unerhörtes Talent, glücklich zu sein. In
+einem heimlichen Schubfach seines Herzens lagen tausend Baupläne zu
+neuen Luftschlössern; hinter seiner Stirn brannte wie ein wandelloser
+Stern die Hoffnung: Einmal bau ich mir doch ein Schloß, ein Schloß aus
+wirklichem Glück, und so viele, so herrliche Schlösser ihm versinken
+mochten – er versöhnte sich mit jeder Notwendigkeit und kannte nichts
+Unsinnigeres als Trauer um das Unabänderliche.
+
+Und so schob er denn die Grammatik der englischen Handelssprache unter
+den Arm und sagte sich: »Ich habe doch meine Kenntnis des Englischen
+erweitert und einen gewissen Einblick in geschäftliche Dinge bekommen
+– wer weiß, ob ich sonst jemals dazu gekommen wäre.« Damit waren die
+Kompagnons erledigt.
+
+Die Lust, etwas zu lernen, ist unter den Menschen weit verbreitet, die
+Lust, sich darum anzustrengen, nicht. Es gab wohl allerlei Leute, die
+Privatstunden haben wollten; aber sie gaben sie gewöhnlich schnell
+wieder auf, wenn sie merkten, daß das Lernen bei aller Milde der
+Methoden doch etwas anderes ist als eine schmerzlose Einspritzung ins
+Gehirn. So gingen allerlei Leute durch Asmussens Hände: ein
+Opernsänger, der fast so begabt war wie der beschränkte Kompagnon,
+aber nicht singen konnte; ein Franzose, der Deutsch lernen wollte, der
+– #ayant oublié son porte-monnaie# Asmussen um drei Mark anpumpte und
+dann nicht wiederkam; ein Gastwirt, der eine feinere Wirtschaft
+übernahm und darum Bildung lernen wollte, und manche andere; es gab
+Wochen, in denen »das Geschäft blühte«; aber sie wechselten mit
+Monaten, Vierteljahren, an denen es darniederlag. Und wenn den
+Glückspilz Asmus Semper etwas andauernd unglücklich machen konnte, so
+war es das Gefühl, seinen Eltern zur Last zu liegen, und die Furcht,
+in den Augen seiner Mutter den stummen Vorwurf zu lesen, daß er seinen
+Eltern Opfer und Sorgen auferlege, die keines der anderen Kinder
+verlangt habe.
+
+
+
+
+XVII. Kapitel.
+
+Das Schicksal führt uns zu wunderlichen Tischgenossen.
+
+
+In solcher Zeit ward ihm einmal Hilfe durch einen Lehrer, der ihm in
+»feinen Häusern« drei Freitische verschaffte. Asmus jubelte, erstens
+weil er seinen Eltern drei Mittagsmahle ersparte, und zweitens, weil
+ihm ein Klassenkollege und Freitischler auf Spaziergängen zu
+wiederholten Malen die Leckerbissen geschildert hatte, die es in
+solchen Häusern gebe. Schneebälle zum Beispiel, Schneebälle zum
+Nachtisch, man denke! Asmus freute sich wie ein Kind auf die zu
+erwartenden Festgerichte und ahnte nicht, womit sie gewürzt waren. Und
+bei dem Architekten war es wirklich schön! Die kinderlosen, noch
+jungen Eheleute behandelten ihn ganz wie einen Gast; das Mädchen
+servierte erst der gnädigen Frau, dann ihm und dann erst dem
+Hausherrn, und die gnädige Frau schanzte ihm immer besonders gute
+Bissen zu und schälte und zerlegte ihm mit eigenen Händen Äpfel und
+Apfelsinen. Asmus war von dieser reinen Güte so beschämt, daß er
+anfangs vor Beklommenheit nicht reden und nicht essen konnte. Aber
+die ungezwungene Freundlichkeit der Wirte, die keine seiner
+Verlegenheiten und Unbeholfenheiten zu bemerken schien, half ihm über
+alle Ängste hinweg; der Hausherr schenkte ihm immer wieder ein,
+behandelte ihn als alten Kneipgesellen und neckte bei aller Zartheit
+seine Frau so lustig und unbefangen, als wäre niemand zugegen denn ein
+alter Freund!
+
+»Greifen Sie zu, Herr Semper, greifen Sie zu!« rief er. »Meine Frau
+hofft natürlich, daß von dem Eis was nachbleibt – sie nascht nämlich;
+aber wir sind für ihre Gesundheit verantwortlich; es darf nichts übrig
+bleiben.«
+
+Dann drohte die sanfte Frau ihrem Gatten lächelnd mit dem Finger und
+schob Asmussen die Eistorte zu mit einem Glanz in den Augen, als
+pflege sie in dem kleinen Seminaristen ihr ersehntes Kind.
+
+Wie ganz anders ging es da »bei Stadtrats« zu. Da kam Asmus gleich
+beim ersten Male neben einer pompösen Dame zu sitzen; sie hieß »Frau
+Senator«, und er war sozusagen ihr Tischherr. Zwischen ihr und ihm
+stand auf dem Tisch eine Flasche Rotwein. Als der erste Gang nach der
+Suppe aufgetragen war, sagte die dicke Frau in einem bösen Tone:
+
+»Na, wenn _Sie_ keinen Wein mögen, _ich mag_ Wein!« nahm heftig den
+Stöpsel von der Flasche und schenkte sich ein.
+
+Asmus war’s, als ob ihm siedendes Wasser über den ganzen Leib liefe.
+Wie sollte er denn dazu kommen, sich an einer Flasche Wein zu
+vergreifen, die andern Leuten gehörte, und diesen Wein einer Dame
+anzubieten, einer Dame »furchtbar prächtig wie blutiger
+Nordlichtschein«! Wenn er auch in der Theorie noch Königsmörder war
+und wußte, daß es schlechte Könige und Minister gebe, in der Praxis
+glaubte er noch fest, daß ein Mensch, der »Frau Senator« heiße, auch
+wirklich etwas Hervorragendes und Feines sein müsse.
+
+Da war aber auch noch jedesmal ein Kandidat, der bei jeder passenden
+und unpassenden Gelegenheit auf die Juden schimpfte, sonst aber keine
+geistige Regsamkeit erkennen ließ. In Asmussens Herzen war die Stelle
+noch sonnenwarm, an die er vor Jahren Lessings Gedicht von Nathan dem
+Weisen gedrückt hatte. Der Kandidat war ihm furchtbar zuwider. Er
+konnt’ es begreifen, daß man einzelne Menschen haßte, wenn sie
+schlecht waren; auch er konnte hassen, o gewiß, leidenschaftlich, wenn
+auch nicht lange; aber daß man eine ganze Menschenklasse hassen,
+verdammen, beschimpfen und ihr alles Leid an den Hals wünschen konnte,
+das empörte ihn wie eine Roheit des Herzens, und diese Empörung
+schwoll eines Tages so gewaltig in ihm auf, daß er, über und über
+errötend, dem Kandidaten erwiderte:
+
+»Vergessen Sie doch nicht, wie man die Juden behandelt hat.«
+
+»O, das war nicht so schlimm,« meinte der Gottesgelehrte spöttisch.
+
+»So? Haben Sie Freytags »Bilder aus der Deutschen Vergangenheit«
+gelesen?«
+
+»Nee.«
+
+»Nun, da können Sie’s nachlesen; Freytag ist gewiß unparteiisch. Und
+ich muß sagen: Wenn man mich so behandelte, würde ich nur eine Antwort
+kennen: Haß, unauslöschlichen Haß.«
+
+Man ging schnell über die Taktlosigkeit des Freitischlers hinweg, und
+als Asmus zehn Minuten später eine bescheidene Bemerkung an die »Frau
+Senator« richtete, tat sie, als hätte sie nichts gehört.
+
+Das nächste Mal war ein Professor von der Familie zugegen. Er zog den
+jungen Semper sehr wohlwollend in ein Gespräch über die Schule, und im
+Laufe dieses Gesprächs erklärte Asmus die allgemeine Volksschule für
+sein Ideal.
+
+»Ja, mein lieber Herr – Semler, nicht wahr?«
+
+»Semper.«
+
+»Semper! Pardon! – sehen Sie, das macht sich in der Theorie ja alles
+sehr schön; aber wie wollen Sie das durchführen? Wir können doch
+unsere Kinder nicht mit Krethi und Plethi zusammen erziehen lassen.
+Wenn unsere Töchter mit den Töchtern unseres Grünhökers auf derselben
+Schulbank sitzen, woher sollen wir denn unsere Frauen nehmen?«
+
+Asmus empfand eine deutliche Ohrfeige. Für Krethi und Plethi und
+Grünhöker konnte man auch »Zigarrendreher« sagen. Übrigens hatte der
+Professor Asmussen nicht nur eine feine Zigarre gereicht, sondern ihm
+sogar Feuer gegeben.
+
+Als der Seminarist eine Viertelstunde später die mit dicken Teppichen
+belegte Treppe hinabstieg und das Dienstmädchen ihm mit Herablassung
+den Überzieher reichte, fragte er sich: Durfte ich dazu nun schweigen?
+Durfte ich sozusagen meine Eltern beschimpfen lassen für ein feines
+Diner? Darf ich überhaupt zu all diesen schrecklichen Ansichten
+schweigen und den Anschein erwecken, daß ich sie teile?
+
+Natürlich mußte er schweigen; denn dreinzureden wäre sehr unbescheiden
+gewesen. Aber er konnte das nicht mit anhören, ohne jeden Augenblick
+aufzuzucken. Und ihm fiel das schöne Aristokratenwort seines
+Landsmannes Th. Storm ein:
+
+ »Wo zum Weib du nicht die Tochter
+ Wagen würdest zu begehren,
+ Halte dich zu wert, um gastlich
+ In dem Hause zu verkehren.«
+
+Der Kopfhänger Asmus richtete sich hoch auf, und zu Hause angelangt,
+schrieb er sofort an »Stadtratens«, daß er durch Privatstunden und
+andere Pflichten leider verhindert sei, fernerhin zum Essen zu kommen,
+und daß er für die erwiesene Güte danke.
+
+Bei dem reichen Lederhändler aber, der Senator werden wollte, hielt
+er’s nur eine einzige Mahlzeit aus. Als man zum Essen ging, wollte
+Asmus schon seinen Stuhl vom Tische abrücken, um sich darauf zu
+setzen, da bemerkte er, daß alle hinter ihren Stühlen stehen blieben
+zum Gebet. Er trat schnell ebenfalls hinter seinen Stuhl, faltete aber
+weder die Hände noch senkte er den Kopf, um nicht den Anschein zu
+erwecken, daß er mitbete. Der Hausvater tat, als habe er nichts
+bemerkt; aber gegen Ende der Mahlzeit flocht er in sein erbauliches
+Gespräch ein Sprüchlein ein, das lautete:
+
+ »Wer ungebetet zu Tische geht
+ Und ungebetet vom Tisch aufsteht,
+ Der ist dem Öchs- und Eslein gleich
+ Und hat nicht teil am Himmelreich.«
+
+Durch diese liebevolle Weltanschauung fühlte sich indessen Asmus nicht
+einmal so weit überzeugt, daß er beim Gebet nach Tisch die Hände
+faltete, vielmehr sagte er sich auf dem Nachhausewege: »Kann ich
+erwarten, daß die Leute meinetwegen nicht beten? Ganz gewiß nicht.
+Können sie verlangen, daß ich aus Dankbarkeit für das Mittagessen
+mitbete? Ebensowenig. Ich bete nicht. _So_ nicht. _So_ nicht!« rief
+der Jüngling, der nach der Ansicht des Lederhändlers keinen Teil am
+Himmelreich hatte, laut vor sich hin, so laut, daß ein kleiner Junge
+ihn anstarrte und ihm eine Weile nachschaute. Und merkwürdig, wieder
+fiel ihm ein steifnackiges Wort Theodor Storms ein:
+
+ »Auch bleib der Priester meinem Grabe fern;
+ Zwar sind es Worte, die der Wind verweht;
+ Doch will es sich nicht schicken, daß Protest
+ Gepredigt werde dem, was ich gewesen,
+ Indes ich ruh im Bann des ew’gen Schweigens!«
+
+
+
+
+XVIII. Kapitel.
+
+Wie Asmus schlafwandelte und die Gedankenwelt des Herrn Quasebarth
+auf den Kopf stellte.
+
+
+Als obendrein der Architekt nach Süddeutschland übersiedelte und auch
+diese Speisung ihr Ende fand, sah Asmus sich wieder ganz auf dem alten
+Punkte. Es galt, eifriger denn je nach Privatstunden auszuschauen, und
+er fand auch immer wieder neue; aber da sie meistens schlecht bezahlt
+wurden, so mußte er ihrer so viele geben, daß er an gewissen Tagen mit
+einer dreiviertelstündigen Unterbrechung von sieben Uhr morgens bis
+elf Uhr abends bei der Arbeit oder auf dem Marsche war. Um sechs Uhr
+abends kam er dann zum Mittagessen. Das Diner war in zehn Minuten
+erledigt, und dann lehnte er sich ins Sofa zurück, um 35 Minuten lang
+nichts, gar nichts zu tun. Solche Bedürfnisse hatte er früher nicht
+gekannt. Mit dem Blick auf die Uhr genoß er die Minuten einzeln, und
+die Zeit schien dadurch länger zu werden. »Noch sieben schöne
+Minuten,« dachte er, »noch sechs, noch vier,« und die letzten Minuten
+kostete er, wie man Tropfen eines kostbaren Weines einzeln auf der
+Zunge zergehen läßt. O weh, dann war er doch ins Träumen geraten und
+hatte fünf Minuten über die Zeit genossen! Nun hieß es rennen.
+
+Eines Abends auf dem Heimwege stieß er mit dem Kopfe gegen den
+Mauerpfeiler eines Gartenportals. Wie konnte denn das angehen? Hatte
+er denn im Gehen geschlafen? Nein, das war nicht möglich. Er blutete
+an der Wange, und am andern Tage neckte man ihn in der Klasse, er sei
+bekneipt gewesen.
+
+Wenige Tage später, auf demselben Wege, erwachte er plötzlich auf
+einem freien Platze. Er mußte sich lange besinnen, eh’ er begriff, wo
+er war. Er war in einer ganz verkehrten Richtung gegangen und hatte
+nun einen noch weiteren Weg nach Hause als sonst. Er war so erschöpft,
+daß er nach zehn Schritten immer wieder einschlief; aber der
+einstündige Weg mußte gemacht werden, da half nichts. Er nahm ein
+heftiges Tempo an und stampfte den Boden wie ein Grenadier beim
+Parademarsch; aber nach wenigen Minuten wurden seine Schritte
+langsamer – langsamer – langsamer. Am andern Morgen erinnerte er sich
+nicht, wie er nach Hause gekommen.
+
+Und noch einige Tage später erwachte er auf demselben Heimwege von
+einem trappelnden Geräusch. Verstört blickte er auf und fand, daß er
+vor zwei sich bäumenden Pferden stand, die um seinetwillen nicht
+weiter wollten. Er sprang zur Seite, und der Kutscher fuhr fluchend
+weiter und schimpfte etwas von »Besoffenheit« vor sich hin.
+
+Dieser Schreck war von so nachhaltiger Wirkung, daß Asmus nicht wieder
+im Gehen einschlief. Die Theorie, daß der Mensch eigentlich überhaupt
+keinen Schlaf brauche, hatte er aufgegeben.
+
+Manchesmal in dieser Zeit mußte er an Adolfinen denken, wie sie
+lachend ihren großen Mund aufriß und rief: »Du willst Lehrer werden?
+Du bist wohl verrückt!« – – – –
+
+Und wer wußte, ob er nicht wirklich eines Tages die Flinte ins Korn
+warf und ans Zigarrenbrett ging! Aber da war Ludwig Semper, sein
+Vater. Je älter Ludwig wurde, desto früher stand er auf; er schlief
+nur wenige Stunden in der Nacht. Und in der Frühe des Morgens
+bereitete er seinem Sohne den Kaffee und strich ihm sein Brot. Und
+wenn Asmus seine bescheidene Toilette beendet und sich zum Frühtrunk
+gesetzt hatte, dann wußte er, ohne aufzublicken, daß der Blick seines
+Vaters auf ihm ruhte. »Er freut sich, daß es mir schmeckt,« dachte
+Asmus. »Und er freut sich, daß ich ins Seminar gehen kann und etwas
+werde, was er nicht werden durfte.«
+
+O ja, zu Hause schmeckte ihm noch das Brot; aber er mußte auch den Tag
+über von Brot leben, weil er erst um 5 oder um 6 Uhr zum Mittagessen
+kam, und wenn er in der Mittagspause im Seminar sein Frühstück
+auswickelte, dann schauderte er oft zurück und wickelte es wieder ein.
+Die Luft dieser alten Schulkasernen belegt alle Luft- und Speisewege
+wie mit einer übelschmeckenden Schicht; bis in den Magen hinein fühlte
+man diese Luft; er mußte sich Gewalt antun, wenn er einen Bissen
+hinunterwürgen wollte, und wenn einem Achtzehnjährigen der Appetit
+fehlt, so fehlt ihm ein Stück Jugend. Und eines Morgens fragte ihn
+Herr Rothgrün in der Geschichtsstunde:
+
+»Stehen Sie morgens so früh auf?«
+
+»Ich – o nein,« sagte Asmus ohne Verständnis.
+
+»Sie schliefen nämlich eben,« fuhr Herr Rothgrün pikierten Tones fort.
+
+»Ich? Nein!« erklärte Asmus wie alle Leute, die der Schlaf wider
+Willen überfällt, und in der Tat war der Schlaf nur wie ein leises
+Wölkchen vor seinen Augen vorübergezogen. Er hatte Herrn Rothgrün noch
+vom zweiten Samniterkriege sprechen hören, und jetzt sprach er vom
+dritten, also konnte nicht viel Zeit verstrichen sein; denn Herr
+Rothgrün erledigte solche Sachen sehr schnell. Und in eben dieser
+Aufmachung interessierten Asmus die Samniterkriege nur äußerst
+schwach.
+
+Da ihn sein fröhlichstes Gefühl, sein Kraftgefühl in diesen Zeiten
+verließ, fühlte er sich ernstlich unglücklich. Daß er in der Klasse
+eingeschlafen war, empfand er bei seinem peinlichen Ehrgefühl als
+eine Schmach, und daß er Herrn Rothgrün in seiner Eitelkeit verletzt
+hatte, war nicht gut; denn Herr Rothgrün vergaß dergleichen schwer;
+aber das alles bedeutete nichts gegen einen anderen Schmerz.
+
+Das war kein Studieren mehr, was er jetzt trieb! Das war nichts als ein
+Aufschnappen und Wiederfahrenlassen im Husch und Hui. Er war es gewohnt,
+zu dem, was das Seminar ihm gab, wenigstens ebensoviel durch eigene
+Arbeit hinzuzutun. Bei wichtigen Fragen und Aufgaben – und seinem
+Feuereifer schien fast alles wichtig – holte er sich alle Darstellungen
+und Behandlungen herbei, die ihm Neues bieten konnten, und durchackerte
+sie; aber nie beruhigte er sich bei den Büchern; er zwang sich, die
+Ideen eines Bacon, eines Comenius, eines Pestalozzi und Herbart, die
+Abhandlungen eines Schiller und Lessing, die Darstellungen eines Ranke
+und Mommsen unabhängig vom Buch, in eigener Form zu rekonstruieren, ihre
+Zusammenhänge, da, wo sie ihm fehlten, selbst zu finden; er hielt sich
+gleichsam selbst Vorträge; ja, er diskutierte im Schlafzimmer laut mit
+sich selbst und stellte Grund und Gegengrund sozusagen im
+kontradiktorischen Verfahren einander gegenüber, so daß Frau Rebekka,
+die für den Frieden eines Studierzimmers nicht allzuviel Verständnis
+hatte, zuweilen lächelnd hereinkam und rief: »Junge, du priesterst ja
+wieder ordentlich.« Er hatte nun einmal dies leidenschaftliche
+Bedürfnis nach Klarheit; es war, als ob eine Stimme in ihm rief: Nichts
+Dunkles hinter dir zurücklassen, sonst verwirrt sich alles Künftige, und
+er hatte den heiligen Glauben, daß, wer sich bei keinem unklaren
+Gedanken beruhige, endlich auch die letzten Rätsel lösen müsse. Er war
+in der Mathematik nicht zufrieden damit, die Lehrsätze zu beweisen und
+die Aufgaben zu lösen, er wollte auch die Axiome beweisen und begründen.
+Daß jede Größe sich selbst gleich ist – natürlich, die Wahrheit dieses
+Satzes begriff er intuitiv wie jeder normale Mensch; aber er wollte sie
+auch beweisen, und das konnte man nicht, und die ihm in späteren Jahren
+das bedrückte Herz befreien sollten: die intuitiven Gewißheiten, sie
+machten ihm in diesen Jahren Pein. Aber noch mehr: alles, was er logisch
+begriffen hatte, wollte er auch sinnlich erfassen. Es war der Künstler
+in ihm, der sich nicht beim Abstrakten beruhigen wollte. Den Satz des
+Menelaos von der Transversale, die die Seiten eines Dreiecks schneidet,
+logisch begreifen und beweisen, das konnte ein Kind; aber er wollte auch
+_sehen_, daß die Produkte der nicht anstoßenden Abschnitte einander
+gleich seien. Und das konnte man nicht. Ja, man konnt’ es ja ausrechnen,
+aber das war kein _Sehen_! Und nun kam noch hinzu, daß er mit einem
+Mangel in seiner Anlage zu kämpfen hatte: in gewissen Dingen der Physik,
+der Anatomie, der Botanik und so weiter machte ihm das dreidimensionale
+Vorstellen Schwierigkeiten. Wenn er sich den Längsdurchschnitt des
+menschlichen Körpers oder einer Maschine oder eines pflanzlichen
+Gefäßsystems vorstellte, so ward es ihm bitter schwer, sich zugleich den
+Querdurchschnitt vorzustellen, und er grub die Nägel in die Stirnhaut,
+daß es schmerzte, bis er die rechte Anschauung gewann. Er hatte das
+Gefühl, als könne er sein Gehirn anspannen, wie die Muskeln seiner
+geballten Faust. Daß die Molekularbewegung und das Atomgewicht, der
+Magnetismus, die Elektrizität und vieles andere ihm Sorge machten, ist
+selbstverständlich. Warum wirkte am doppeltlangen Hebelarm das halbe
+Pfund genau so stark wie das ganze Pfund am einfachen, warum, in drei
+Teufels Namen warum? Es war so leicht, zu lernen, und so schwer, zu
+erkennen. Und er fand in seinem Seelendrange nicht immer Unterstützung.
+Um sich im raschen und klaren Erfassen geometrischer Verhältnisse zu
+üben, liebte es Asmus, die Figuren nicht mechanisch, sondern mit den
+möglichen Veränderungen in Konstruktion und Lage zu wiederholen, und
+bekanntlich ist es der Geometrie fabelhaft gleichgültig, ob das
+Hypothenusenquadrat oben oder unten, rechts oder links liegt, dieweilen
+sie von oben und unten, rechts und links überhaupt nichts weiß. Aber
+Herr Quasebarth, der Lehrer der Mathematik, dachte nicht so
+vorurteilslos, und als Asmus eines Tages fünf Konstruktionsaufgaben
+einreichte, die nicht so standen, wie es Herr Quasebarth seit
+siebenundzwanzig Jahren gewohnt war, sondern auf dem Bauche oder auf dem
+Rücken lagen oder auf dem Kopfe standen, da schrieb er mit Wucht
+darunter »falsch« und eine Vier, das schlechteste Zeugnis; denn er
+durchflog die Hefte seiner Schüler wie ein Schnellzug, der unterwegs
+nicht hält. Asmus machte ihn darauf aufmerksam, daß alle Aufgaben
+zweifellos richtig gelöst seien und nur sozusagen andere Hosen anhätten
+als sonst. Herr Quasebarth sagte höhnisch: »So« und dann sah er ins Heft
+und sagte: »Die« – und dann sagte er unsicheren Tones: »Das« – und
+nachdem er noch »Hm« gesagt hatte, rief er ärgerlich: »Ja, richtig sind
+sie wohl; aber was sollen die Veränderungen: machen Sie es doch, wie es
+alle anderen machen!« und er nahm die Feder und erhöhte das Zeugnis –
+um einen halben Grad. Er wollte damit ausdrücken, daß der Schüler
+richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen recht habe.
+
+
+
+
+XIX. Kapitel.
+
+Asmus klagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und wird in Verruf
+erklärt.
+
+
+Ja, die Gesetze des Hebels und die Wunder des Spektrums und vor allem
+jener fatale Abgrund, der zwischen Körperwelt und Gedankenwelt klafft,
+jener Abgrund, den wir immerfort überspringen, ohne ihn jemals zu
+sehen, sie hatten seinem bohrenden Geiste wilde Sorgen gemacht; aber
+es waren holde Sorgen gewesen, fröhliche Sorgen, Sorgen, die man nicht
+scheuchte, sondern suchte; denn das ist das göttliche Wunder in allem
+geistigen Ringen, daß auch die Niederlagen uns stärker und freier
+machen, solange uns Hoffnung bleibt.
+
+Die schöne Zeit dieser Sorgen war dahin. Bei den vielen Privatstunden
+konnte er nur das Notdürftigste pauken, konnte er eigentlich nur für
+den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er eine Reihe von Regeln oder
+Vokabeln oder eine Biographie oder einen Geschichtsabschnitt einmal
+durchgelesen hatte, so wußte er sie, aber für wie lange? Und was hatte
+dies oberflächliche »Wissen« für einen Wert? Was sollte das für ein
+Wissensgebäude werden, das so schwindelhaft gebaute Partien aufwies.
+In der Tat: er kam sich vor wie ein gewissenloser Baumeister, der
+schadhafte Mauern unterm Putz verbirgt, und dies Bewußtsein einer Art
+Unredlichkeit peinigte ihn mehr als alles andre, obgleich niemand mehr
+von ihm verlangte, als er leistete, das ließen seine Zeugnisse
+deutlich erkennen.
+
+Mit diesen Zeugnissen hatte er gleich nach dem ersten Quartal ein
+Malheur gehabt, das von eigenartigen Folgen sein sollte. Am
+Quartalsschluß hatte nämlich der Ordinarius gesprochen: »Das Kollegium
+ist einstimmig der Ansicht, daß die Klasse sich nicht in dem Maße
+anspannt, wie sie es könnte, und hat darum beschlossen, die höchste
+Zensur im Fleiß mit einer einzigen Ausnahme nicht zu vergeben. Diese
+Ausnahme bildet Semper; ihm ist eine Eins zuerkannt worden.«
+
+Das war ehrenvoll und sehr gefährlich. Asmus empfand sofort mit jenem
+Tastgefühl, das weit über die Grenzen des Körpers hinausreicht, daß
+seine Klassenkollegen ihm anders begegneten als sonst. Es waren wohl
+manche da, die es ihm freudig gönnten; aber die andern waren in der
+Mehrzahl. Unter diesen andern war Wiedemann, ein langer Jüngling mit
+der Stimme einer alten Tante, den Bewegungen einer Raupe und
+feuchtkalten Händen. Asmussens Hände waren trocken und sehr warm,
+fast heiß. Zwischen solchen Menschen steht etwas, was nicht zu
+überwinden ist. Asmus konnte gegen diesen Kameraden nicht freundlich
+tun; aber Wiedemann tat freundlich. Es gab in der Klasse einen
+vorzüglichen Mathematiker, der es namentlich im Rechnen allen andern
+zuvortat.
+
+»Der Mollwitz ist doch ein großartiger Mathematiker, was?« sagte
+Wiedemann mit lauerndem Lächeln zu Semper.
+
+»Das ist er,« versetzte dieser.
+
+»Ich halte ihn für den besten Mathematiker in der ganzen Klasse,« fuhr
+der Lauernde fort.
+
+»Ich auch,« erklärte Semper und begriff nicht recht, was Wiedemann mit
+diesen Selbstverständlichkeiten beabsichtigte.
+
+Wiedemann war enttäuscht.
+
+Es gab aber auch einen Seminaristen namens Frey, der ein klarer,
+tüchtiger Kopf war und auch einen guten Stil schrieb.
+
+Eines Tages schob sich die Raupe wieder heran.
+
+»Der Frey schreibt doch ’n großartigen Aufsatz, was?« forschte
+Wiedemann.
+
+»Er schreibt ’n guten Aufsatz, ja,« sagte Asmus.
+
+»Na, das mußt du doch auch sagen, seinen Aufsatz macht ihm doch keiner
+nach!«
+
+»Soo?« machte Semper.
+
+»Ja, bist du nicht der Meinung?«
+
+»Nein,« erwiderte Asmus kalt. Er wußte ganz genau, daß er’s besser
+konnte. Das sagte er zwar nicht; aber er sah auch nicht den
+geringsten Anlaß, das Gegenteil zu lügen.
+
+Wiedemann machte noch immer ein lammfreundliches Gesicht mit Ausnahme
+der Augen. Augen sind Löcher, die der Herrgott im Menschenkörper
+gelassen hat wie die Gucklöcher in einer Verbrecherzelle, damit der
+Mensch nicht allzu ungehindert heucheln könne. Augen heucheln nicht
+mit. Wiedemanns Antlitz und Stimme streichelten; aber seine Augen
+stachen, als er nun fragte:
+
+»Wer schreibt hier denn einen besseren Aufsatz?«
+
+Und obwohl ihm Asmus jetzt durch die grünglimmernden Augen bis in die
+Nieren schaute, sagte er:
+
+»Du nicht.«
+
+In solchen Augenblicken kam etwas wie Husarengeist über ihn. Wiedemann
+ging erquickt von dannen.
+
+Und er ging aus wie ein Säemann, zu säen seinen Samen, und verbreitete
+die Kunde, Semper habe sich für den besten Aufsatzschreiber der ganzen
+Klasse erklärt, er halte sich überhaupt für den Klügsten von allen und
+finde die Arbeiten Freys nur »so ziemlich«. Dies sagte er besonders zu
+Frey. Seltsamerweise blieben aber Frey und Semper die besten Freunde.
+
+Sonst aber fiel Wiedemanns Samen auf gutes, fruchtbares Land, und
+Asmus fühlte wohl, daß die Stimmung gegen ihn wuchs.
+
+Sollten sich hier die Leiden aus der Knabenschule wiederholen? O, sie
+sollten es nicht nur hier!
+
+Unter den Giftpflanzen ist eine, die keines Samens und keines Keimes
+bedarf, die auch aus Nichts entstehen kann wie die Schöpfung Jahwehs,
+das ist die Verleumdung. Sie braucht nur einen guten Boden, dann
+erzeugt sie sich aus nichts.
+
+Eines Tages wurde Asmus von Seybold gestellt, von demselben Seybold,
+der bei der Präparandenprüfung einen so sichern Blick für Sempers
+Arbeiten und eine so lebhafte Teilnahme an seinen Erfolgen bekundet
+hatte. Er war von einer ganzen Korona von Seminaristen umgeben und hub
+also an:
+
+»Hier wird behauptet, du hättest dem Direktor angezeigt, daß Müller
+und Warncke nach der letzten Kneipe den Unterricht geschwänzt und im
+Botanischen Garten ihren Kater spazieren geführt hätten.«
+
+Wäre nun Asmus Semper irgend ein anderer gewesen, so würde er
+vielleicht gesagt haben:
+
+»Bemühe dich bitte sofort mit mir zum Direktor, damit wir die
+vollkommene Unwahrheit dieser Behauptung feststellen.«
+
+Oder er würde wie jener Yankee gesprochen haben, den jemand einen
+Schurken nannte und der freundlich erwiderte:
+
+»Damit, mein Verehrtester, daß Sie es behaupten, ist es noch lange
+nicht bewiesen.« Aber wär’ er besonnen gewesen, so wäre er nicht der
+Semper gewesen, und also erwiderte er:
+
+»Wer das sagt, ist entweder ein Lump oder ein Idiot.« Das Blut seiner
+Mutter schlug mit Flammen zum Dach hinaus.
+
+Auch diese Antwort war ja richtig; aber ihre Richtigkeit wurde nicht
+zugestanden.
+
+»Hahaaa,« johlte die Korona, »da haben wir’s, wir sind alle Lumpen und
+Idioten!«
+
+Wäre Asmus jener Yankee gewesen, so hätte er gesagt: »Dieser Schluß
+entbehrt durchaus der logischen Richtigkeit«; statt dessen verzog er
+das bleiche Gesicht zu einem Ausdruck grenzenloser Verachtung und
+sagte:
+
+»Bitte, ich sagte: oder«.
+
+Sie stutzten einen Augenblick, und als sie diese Antwort begriffen
+hatten, tobten sie und erklärten Asmus Semper wegen seines »Hochmuts«,
+seiner »Frechheit« und seiner »Inkollegialität« in Verruf. Die
+Inkollegialität bestand darin, daß er mehr wußte und konnte als
+Seybold, Wiedemann und Kompanie und dies in seinen Arbeiten schamlos
+zu erkennen gab.
+
+Vor Asmussens Augen stand sein alter herrlicher Schulmeister, Herr
+Cremer, wie er dem Quintus Fabius nachahmte. Er pflegte zwei Falten in
+seinen Rock zu machen und zu sagen: »So stand Quintus Fabius vor der
+karthagischen Ratsversammlung und sagte: Hier in den Falten meiner
+Toga habe ich Krieg und Frieden – wählt!« So hatte das Schicksal in
+Gestalt der Seybold, Wiedemann und Genossen vor ihm gestanden, und
+genau wie die Karthager hatte er geantwortet: »Gebt, was ihr wollt.«
+Und Quintus Fabius Seybold hatte gesagt: So hab denn Krieg.
+
+Und so war es also Krieg.
+
+Ja, wenn es noch ein richtiger, ehrlicher Krieg gewesen wäre. Aber es
+war die bekannte Guerilla böser Schikanen, in deren Erfindung die
+Jugend so grausam ist und in der das »Zwanzig gegen Einen« durchaus
+nicht für unehrenhaft gilt. Wenn er des Morgens kam – gerade jetzt
+wieder in einem geschenkten Rock, der ihm viel zu weit war – dann
+bildeten sie Spalier, erwiesen ihm höhnische Ehren und spotteten über
+seinen Rock.
+
+»Der Kerl is ’n richtiges Originaol!« rief der Bauernsohn Rohweder,
+der seinen heimischen Akzent nicht abzulegen vermochte. Er hielt
+»Original« für etwas sehr Schimpfliches.
+
+Oder sie lösten ihm von der Milchflasche, die in seinem Bücherfach lag
+und deren Inhalt sein Frühstück ausmachte, wenn das Brot nicht
+schmecken wollte, den Stöpsel, so daß die Milch über seine Hefte und
+Bücher floß und ihm seine sorgfältigen Ausarbeitungen verdarb. Daß er
+dann nichts zu trinken hatte, war schlimm: daß seine Arbeiten
+beschmutzt waren, war schlimmer; aber das Schlimmste war die
+Niedrigkeit, die sich in solchen Tücken zu erkennen gab: sie
+beschmutzte ihm sein Weltbild. Den Haß nahm er hin als etwas
+Gleichgültiges; er liebte den geselligen Verkehr mit Menschen, aber er
+brauchte ihn nicht; wie sein Vater, so war er, wenn es sein mußte,
+sich selber Gesellschaft genug. Aber Niedrigkeiten konnten ihn in eine
+heilige Wut und dann in eine tiefe, vollkommene Niedergeschlagenheit
+versetzen. Wenn so etwas in der Welt möglich war, dann ..... Er
+verfolgte den Gedanken nicht weiter; er wollte ihn nicht weiter
+verfolgen.
+
+Er wußte sehr wohl, daß die Hauptursache ihrer Feindseligkeit der Neid
+war. Aber auch andere Schüler gaben wohl einmal Anlaß zum Neide; warum
+kam der Haß nicht auch gegen sie zum Ausbruch, oder wenn er zum
+Ausbruch kam, in so viel harmloserer Form? Er hatte nicht die Gabe,
+die Menschen im ersten Ansturm zu gewinnen, das wußte er. Er war nicht
+schön, wenn auch Flora, die verführerische Nachbarstochter, und jenes
+kleine Fräulein, mit dem zusammen er einmal Komödie gespielt hatte,
+ihn unverkennbar gern gehabt und ihm dies keineswegs verborgen hatten;
+er hatte keine Liebenswürdigkeiten, die schnell bezaubern. Aber hatte
+er denn etwas Abstoßendes, etwas, das ihm Feinde machen mußte?
+
+Er hatte es, ohne es zu wissen und zu wollen.
+
+Das Wort des Polonius an seinen Sohn:
+
+ »Härte deine Hand nicht durch den Druck
+ Von jedem neu geheckten Bruder«
+
+hatte ihm deshalb immer so gut gefallen, weil es seinem Wesen so gut
+entsprach. Oft empfand er gleich bei der ersten Begegnung mit einem
+Menschen Zuneigung oder Abneigung, und wo er Abneigung empfand, hatte
+er sogleich etwas von einer schroffen Wand, an der nicht
+hinaufzukommen war. Das nehmen die Menschen sehr übel und nennen es
+hochfahrend oder arrogant. Und er war viel zu jung, um sich objektiv
+zu betrachten und diesen Zug an sich selbst zu erkennen.
+
+Immerhin hatte er eine Minorität auf seiner Seite. Sofort bei Ausbruch
+des Konfliktes hatte sich Morieux mit tausend heroischen Gesichts- und
+Körperverrenkungen zu Semper geschlagen, etwa wie Herzog Ernst zu
+Werner von Kiburg, wenn er ruft:
+
+ »Hin fahr ich, ein zwiefach Geächteter,
+ An meine Fersen heftet sich der Tod,
+ Und unter Flüchen krachet mein Genick.
+ Vom Werner laß ich nicht!«
+
+und sieben oder acht Beherzte hatten sich ihm angeschlossen. Das war
+nun die Fraktion Semper; bei den Feinden aber hießen sie »die
+Schäflein«, weil sie nach deren Meinung im allgemeinen ein unrühmlich
+gesittetes Betragen zeigten.
+
+
+
+
+XX. Kapitel.
+
+Asmus ist trotz seiner trüben Erfahrungen anderer Meinung als
+Schiller und verfällt in eine unglückliche Liebe.
+
+
+Die Schäflein hätten nun nicht deutsche Jünglinge sein müssen, wenn
+sie sich nicht sofort zu einem Verein zusammengeschlossen hätten. Der
+Verein erhielt den Namen »Treue von 1880«, womit aber nicht gesagt
+sein sollte, daß dies für die Treue ein besonders guter Jahrgang sei;
+man wollte nur, da der Bund doch zweifellos bis in die Zeiten des
+jüngsten Gerichts dauern würde, den nachlebenden Geschlechtern das
+Gründungsjahr ein für allemal einprägen. Den acht oder neun
+Seminaristen gesellten sich bald einige Musiker, junge Kaufleute und
+Beamte zu, und nun ging es an die höchsten und tiefsten Probleme der
+Kunst und des Lebens, und Fragen wurden gelöst, die vorher und
+merkwürdigerweise auch noch nachher die stärksten Geister in Bewegung
+gesetzt haben. Semper wurde Präses und sprach heute über den
+Gralstempel bei Albrecht von Scharfenberg und den gotischen Baustil,
+das nächste Mal über Meteore und Meteorite, und wieder das nächste Mal
+knüpfte er kühne Gedanken an Schillers Gedicht »Der Antritt des neuen
+Jahrhunderts«, dessen resigniertem Pessimismus er sich natürlich als
+Achtzehnjähriger nicht anschließen konnte. Seine Glanznummer aber war
+der »Faust«, den er aus dem Kopfe vortrug, und nur das eine betrübte
+ihn ein wenig, daß seine Freunde, so beifällig sie auch die ernsten
+Partien der Dichtung aufnahmen, doch immer am unbändigsten über die
+Sauferei in Auerbachs Keller und über das »verdammte Aas« und die
+»verfluchte Sau« in der Hexenküche jubelten. Fühlten sie denn nicht,
+daß der Prolog im Himmel, die Monologe, die Gretchenlieder, die
+Kerkerszene viel gewaltiger und schöner waren? Das Schlimmste war aber
+doch, daß bei einem Vereinsfeste, bei dem auch Gäste zugegen waren,
+ein dicker Magazinverwalter auf ihn zutrat und sagte:
+
+»Djunger Mann, Sie haob’n jao’n kullosaoles Gedächtnis! Mit dem
+Gedächtnis können Sie ’ne Frau mit achtzigtausend Mark kriegen.«
+
+Er dachte sich dies Gedächtnis in einem Magazin angestellt. Und das,
+nachdem Asmus den Tasso rezitiert hatte – man denke: den Tasso!
+
+In etwa siebenundzwanzig Vorträgen sprach Morieux – sehr stilvoller
+Weise – über Voltaire, und bei jeder Spitzbüberei des Herrn Arouet
+mußte er vor unbezähmbarem Vergnügen feixen. Die Vorträge und
+Rezitationen wechselten mit Musik, gesungen, gegeigt und gehämmert,
+und unter den Musikanten waren solche, die einstmals echte und
+namhafte Künstler werden sollten und in diesen Stunden, wenn nicht ihr
+Bestes, so vielleicht ihr Heiligstes gaben. Auch gemeinsame Ausflüge
+unternahmen sie, und einer dieser Ausflüge führte sie in den
+Sachsenwald.
+
+Bismarck, der Johannes Semper und Heinrich den Seefahrer verbannt
+hatte, war in Berlin, und das war Asmussen eben recht; er hätte ihm
+damals nicht begegnen mögen. Aber im Sachsenwalde war ein Förster, der
+eines Mitgliedes Onkel war. Dieses Mitglied hatte einmal »Das Blatt im
+Buche« in durchaus ernsthafter Absicht deklamiert und damit eine
+komische Wirkung erzielt, die durch keine Selbstbeherrschung zu
+unterdrücken war. »Ich hab’ eine alte Muhme«, so beginnt das Gedicht,
+und genau das Organ einer alten Muhme hatte der Deklamator. Aber den
+Sachsenwald kannte der Deklamator; er kannte jeden Weg und Steg, und
+Asmus wollte ihm schon seine Bewunderung aussprechen, als sie
+plötzlich vor dem Försterhause standen und aus dem Hause die
+Försterstochter ihnen zur Begrüßung entgegentrat. Jetzt wunderte sich
+Asmus nicht mehr, daß das »geschätzte Mitglied« hier herum Weg und
+Steg kannte; denn diese Försterstochter war wohl das Hübscheste, was
+der Sachsenwald zu geben hatte. Sogleich empfand Asmus in der
+Herzgegend ein so süßes Weh, daß er bei dem bald darauf aufgetragenen
+Mahle nur Flüssiges genießen konnte und den Deklamator des »Blattes im
+Buche« mit argwöhnisch brennenden Blicken ansah. Nach dem Essen sollte
+Asmus rezitieren, und zwar die Szene zwischen dem Patriarchen und dem
+Tempelherrn, weil es Morieux »kolossal« fand, wie er zugleich das edle
+Ungestüm des Ritters und die bornierte Heimtücke des Pfaffen zum
+Ausdruck bringe, sogar im Gesicht! Und Asmussens Herz stieg wie das
+Roß eines Ritters, der in die Schranken reitet und vom Balkon die
+Farben seiner Dame winken sieht. Er machte seine Sache auch gewiß so
+gut wie je, und als er geendet hatte, klatschte auch die
+Försterstochter mit den Händen, aber nur ein einziges Mal; sie hatte
+nämlich eine Motte gefangen, die sie schon minutenlang mit den Augen
+verfolgt und nur aus Rücksicht auf die Kunst so lange verschont hatte.
+Unmittelbar nach Semper erhob sich, wenn auch unaufgefordert, der
+Führer durch den Sachsenwald, um »das Blatt im Buche« zu rezitieren.
+Da die Vereinsmitglieder an die Schrecken dieser Deklamation schon
+gewöhnt waren, so ging es mit einigen zerbissenen Lippen und
+zerrungenen Händen ab; nur Morieux explodierte natürlich in einem
+jähen Nasenlaut, den er durch ein heftig gezogenes Taschentuch in ein
+dringend nötiges Ausschnupfen maskierte. Die Tochter des Waldes aber
+blickte strahlend auf den Handlungsgehilfen, als wollte sie sagen:
+»Ein Künstler bist du _auch_ noch?«
+
+»So’n Syrupskringel!« knirscht Asmus in sich hinein, und damit
+meinte er nur den Handlungsgehilfen, obwohl es in gewissem Sinne
+auch auf die Tochter des Waldes paßte. Asmus hatte ja bald heraus,
+daß sie zu den höheren Dingen keine Beziehungen unterhielt; aber
+doch blieb er ganz in ihr gefangen; sie war eine Brezel, die der
+himmlische Menschenbäcker mit unendlich vielem Syrup bestrichen
+hatte. Und als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und »Dritten
+abschlagen« spielten, da traf es sich merkwürdig oft so, daß die
+Försterstochter vor dem alten Muhmen-Deklamator stand, und dann
+legte er – dieser Frechling – ganz ungeniert, wie im Eifer des
+Spiels die Hände um die Taille des hochatmenden wonnigen Geschöpfes.
+»Der Schuft,« dachte Asmus, und die Treue von 1880 wankte in ihren
+Grundfesten. Er fragte sich, ob er es auch wagen würde, ihr die
+Hände um die Hüften zu legen. »Nie,« sagte er sich. Wenn sie es ihm
+verwiesen hätte, wäre er vor Scham und Stolz gestorben. Und als es
+das Spiel so fügte, daß sie beide vor ihm standen und er als
+»Dritter« den Platz räumen mußte, um nicht »abgeschlagen« zu werden,
+da nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol. Beim Abendbrot
+holte er dann nach, was er mittags versäumt hatte; in seiner
+grollenden Versunkenheit fraß er alles in sich hinein, was ihm
+vorkam: Schinken, Rühreier, Schwarzbrot und Liebesgram. Beim
+Abschied wollte er erst ohne Gruß verschwinden; aber sie sollte sich
+nicht einbilden, daß sie ihn verwundet habe, und mit blutendem
+Herzen gab er ihr lächelnd die Hand, und wie die andern winkte er,
+im Waldesdunkel langsam verschwindend, noch lange mit Lächeln
+zurück. Zu Hause verfiel er sofort in vierfüßige Trochäen, und das
+dauerte auch den folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht wohl
+an tausend Füße hatte, fühlte er sich bedeutend ruhiger. Und als er
+nach dreien Tagen in einem uralten Exemplar von Herders »Ideen zur
+Philosophie der Geschichte der Menschheit« las und plötzlich aus
+einer Waldwirrnis von Gedanken die hübsche Försterstochter
+auftauchte, da war der Generalsuperintendent aus Weimar schon
+stärker als die Blume des Waldes. Das blutende Herz war geheilt wie
+eine Stecknadelwunde.
+
+Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch eine bessere Liebe und eine
+tiefere Herzenswunde bringen.
+
+
+
+
+XXI. Kapitel.
+
+Wie Asmus eine bessere Liebe fand.
+
+
+Alfred Sturm, ein junger Kaufmann, war dem Verein beigetreten an jenem
+Abend, als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers mit
+bemerkenswerter Kühnheit optimistische Gedanken geknüpft hatte. »Als ich
+deinen Vortrag über Schillers »Antritt des neuen Jahrhunderts« gehört
+hatte, war ich dir für immer verfallen,« sagte Sturm in vertrauter
+Stunde. Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht weniger tief,
+und sie bildeten einen stillen Bund im Bunde, bildeten innerhalb der
+»Treue von 1880« eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit. Asmus fand bei
+seinem Freunde etwas Köstliches, das die Deutschen nur verschwindend
+selten besitzen und niemals zu würdigen wissen. Die Deutschen haben
+eigentlich nur zwei Humore, den behäbigen Bier- und Tabakhumor, der noch
+ihr bester ist, und den mit spitzen Lippen säuerlich-lächelnden
+Geheimratshumor, von dem die Milch gerinnt und der Lachen für unfein
+hält; was sie fast nie haben und auch bei Shakespeare – obwohl sie’s
+heucheln nicht zu schätzen wissen, das ist der genial-groteske Ulk, der
+tiefsinnige Clownhumor. Die Spitznäsigen nennen ihn »blödsinnig«, und
+die Knoten heißen ihn »unvornehm«. Diesen Humor nun, wie alle kräftigen
+Humore, liebte Asmus aus innerster Seele, und den besaß Sturm. Wenn
+Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler darstellte, oder aus dem
+Stegreif eine Hintertreppen-Familientragödie mimte, oder einen
+Volksredner oder auch die Ilsebill aus dem Märchen »vom Fischer un syner
+Fru« verkörperte, dann lachten zwar die andern auch; aber Asmus lachte
+so, daß er endlich rufen mußte: »Hör’ auf, ich sterbe!« Aber dieser
+Humor würde vielleicht doch nicht das ganze Herz des Asmus eingenommen
+haben, wenn sich damit nicht ein merkwürdig leidenschaftlicher
+Aufwärtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs- und Vervollkommnungsstreben
+verbunden hätte. Diese beiden Eigenschaften, die immer wie Gegensätze
+aussehen und die doch durchaus keine Gegensätze sind, ließen Asmus in
+diesem Jüngling den Freund erkennen, den er unbewußt gesucht hatte.
+Sturm dagegen sah in dem jungen Semper den Menschen, der ihm endlich zu
+jedem ersehnten Aufschwung verhelfen könne, und wenn Asmus solche
+enthusiastischen Überschätzungen mit Händen und Füßen ängstlich
+abwehrte, so ging Sturm mit dem Lächeln des Besserwissenden darüber
+hinweg und sang aus dem damals oft gespielten Boccaccio:
+
+ »Hab ich nur deine Liebe,
+ Die »Treue« brauch ich nicht.«
+
+Aber das quälte ihn, daß er diese Liebe nicht ganz zu besitzen
+glaubte; er war eifersüchtig. Eifersüchtig auf Morieux. Mit dem sollte
+Semper sich nicht einlassen.
+
+»Wie kannst du nur so viel mit dem Morieux verkehren! Morieux! Auf dem
+Dom[2] gab es früher ein Affentheater von »Morieux«. Das paßt. Dieser
+ganze Morieux ist ein Affentheater, das von morgens bis abends
+Vorstellungen gibt. Das ist doch kein Charakter!«
+
+ [Fußnote 2: Der Hamburger Weihnachtsmarkt wird »Dom« genannt.]
+
+»Nein, das ist er nicht,« räumte Semper ein. »Er ist oft ein
+unangenehmer Kerl. Der Schöpfer aller Dinge hat ihn aus Resten
+gemacht, die zu ganzen Menschen nicht mehr ausreichten. Er hat ein
+blaues Bein und ein gelbes, eine halb rote und halb grüne Jacke, wie
+ein Harlekin. Aber aus allen Schlacken und Aschen seiner Seele
+schlagen doch zuweilen reine Flammen auf. Er hat sich in einem
+schweren Streit und gegen eine große Übermacht auf meine Seite
+gestellt; er hat um mich gelitten; das kann ich doch nicht einfach
+vergessen.«
+
+Dann setzte Sturm sich schweigend, aber unzufrieden ans Klavier und
+introduzierte ein neues Lied; denn singen mußte Asmus zu seiner
+Begleitung, sobald ein Klavier in erreichbarer Nähe war. Eines Tages
+aber, als sie am Abend vorher in der »Treue« wieder die schönsten und
+die verrücktesten Dinge getrieben hatten – Asmus saß wieder in seiner
+engen Klause und übersetzte Byron – da klopfte jemand. Auf Asmussens
+»Herein« trat Alfred Sturm ein, um sogleich auf einen Stuhl neben der
+Tür zu sinken und in Tränen auszubrechen. Sein Gesicht war aschfahl;
+in der Hand hielt er eine gelbe Rose. Er hatte soeben in Gemeinschaft
+mit seinem Vater seine Mutter in eine Anstalt für Geisteskranke
+bringen müssen.
+
+»Ich hoffte bei dir ein wenig Trost zu finden,« sprach er unter
+Schluchzen. Und diese Erwartung erschütterte Sempern fast so sehr wie
+die Unglücksnachricht. Trost suchte sein Freund bei ihm! Bei einem
+Neunzehnjährigen! Der nichts erfahren hatte! Sein Freund war ja älter
+als er! Aber sein Freund suchte Trost, und also mußte er ihn finden.
+Er wuchs über sein Alter hinaus. Er dachte an den Tag, da er seinen
+Bruder Leonhard durch den Tod verloren hatte. Und sogleich wußte er
+eins: Sprechen, mit Worten trösten, wäre in diesem Augenblick Roheit.
+Und er legte den Arm um seinen Freund, klopfte ihm langsam und leise,
+wie eine tröstende Mutter, die Schulter und ließ ihn weinen. Und
+wirklich: der Unglückliche beruhigte sich zusehends. Dann sagte Asmus
+mit sanftem Tone: »Ich habe einen Weg zu machen; es wäre riesig nett
+von Dir, wenn du mich begleiten wolltest.«
+
+Sturm nickte nur.
+
+»Da,« sagte er, »die Rose solltest du haben – jetzt ist sie verwelkt.
+Na – ist ja alles einerlei!« – und er wollte sie zum Fenster
+hinauswerfen.
+
+»Gib!« rief Asmus und nahm ihm die Blume aus der Hand. »Sie wird sich
+erholen.« Und er stellte sie in ein Wasserglas.
+
+Und dann führte er den Freund zu seinem eigenen großen Tröster, führte
+ihn an den Elbstrom unterhalb Oldenfunds, bis Blankenese und darüber
+hinaus, wo die Flut immer breiter und breiter sich dehnt, daß das
+jenseitige Ufer dem Blick entschwindet, und wo der sinnende Wanderer
+oder der still hintreibende Segler ahnt und fühlt, daß alles Sehnen
+und Sorgen in einem großen Meere endet. Dorthin führte er den Freund,
+wo er von je auf Wiesen und Wellen wie eine himmlische Stadt die
+künftige Welt gesehen hatte, die künftige Welt, wo alles größer und
+heller und freier war, wo die Gedanken größer waren und die Gefühle,
+wo die Menschen trotz allen Schaffens und Ringens einander mit offenem
+Lächeln begegneten und das Leben immer mehr ein Sonntag und Sonnentag
+wurde.
+
+Sturm hatte ausführlicher von seiner Mutter erzählt, und Asmus hatte
+erwidert, daß eine Schwermut, wie sie die fünfzigjährige Frau befallen
+habe, doch schon oft geheilt worden sei. Unter anderen Beispielen fiel
+ihm Gutzkow ein, der schwer gemütskrank gewesen sei und danach wieder
+produziert habe. Durch Gutzkow kamen sie von selbst in die Literatur
+hinein, und von der Literatur ganz sachte in die Musik. Alfred Sturm
+war fanatischer Wagnerianer; nach zwei Takten schwamm er schon »auf
+wolkigen Höh’n«; Asmus folgte ihm darin nicht einmal bis über die
+Bäume. Da kam ihm nun eine köstliche List. Er brachte das Gespräch auf
+Wagner und ließ sich in weniger als zehn Minuten bekehren. Nicht ganz,
+damit es nicht auffiel, aber doch zu sieben Achteln. Sturm war
+glückselig und lächelte wieder; es war ein höheres, ein verklärtes
+Lächeln. Sein Freund erkannte die Größe Wagners – nun konnte man es
+wirklich wieder mit dem Leben versuchen! Beim Abschied hielt er die
+Hand des Asmus fest.
+
+»Du –« sagte er. »Ich habe dich zuweilen gelangweilt mit diesem
+Morieux. Vergiß es, es war furchtbar kleinlich von mir. Was ist
+Morieux an solchem Abend, du lieber Gott! Diesen Abend vergeß ich dir
+nicht, _solange ich lebe_!«
+
+Dann kam der Zug; Sturm stieg ein und blieb auch dann noch am Fenster
+stehen, als der Zug schon fuhr. Und durch die tiefe Dämmerung des
+Abends sah Asmus noch lange das erdfahle Gesicht am Wagenfenster. Als
+er wieder in seinem Zimmer war, fiel sein Blick auf die gelbe Rose.
+Sie hatte sich nicht erholt.
+
+
+
+
+XXII. Kapitel.
+
+Wie Asmus verlor, was er gefunden.
+
+
+Diesen Abend nicht zu vergessen – es sollte dem armen Sturm nicht
+schwer werden. Wohl erholte seine Mutter sich nach einigen Wochen
+zusehends; aber dann kam Schlimmeres. Es sollte gerade wieder das
+»Stiftungsfest« der »Treue« begangen werden, und Sturm und Semper
+gedachten durch »Adelaide«, »Das Lied an den Abendstern«, »Tom der
+Reimer« und andere Kostbarkeiten die Welt in Erstaunen zu versetzen,
+da kam am Morgen des großen Tages der Vater Sturms zu Asmus ins
+Seminar und bat mit seiner leisen, höflichen Stimme um Entschuldigung
+für seinen Sohn, der heute nicht kommen könne, weil er einen Blutsturz
+gehabt habe. Es habe wohl nichts Schlimmes zu bedeuten; aber er müsse
+natürlich im Bette bleiben.
+
+Asmus nahm an den folgenden Stunden ohne Aufmerksamkeit teil und eilte
+sofort nach Schluß des Seminars an das Bett des Freundes. Sein Gesicht
+war fahler denn je, die Augen groß und feucht. Aber von Krankheit
+wollte er nichts wissen. Die Eltern erzählten, daß er durchaus am
+Abend zum Stiftungsfest wolle und beschworen Semper um seinen
+Beistand. »Was Sie sagen, das tut er,« meinten sie. Asmus bezweifelte
+das, behandelte aber dem Kranken gegenüber den Besuch des Festes als
+etwas selbstverständlich Unmögliches. Da wurde Sturm, der sich anfangs
+über Sempers Anwesenheit gefreut hatte, bitter und verbissen; mit
+einem zürnenden Blick sagte er: »Du bist wie alle andern« und kehrte
+sich zur Wand. Asmus streichelte ihm leise die Hand und ging.
+
+Am Abend erschien Alfred Sturm auf dem Stiftungsfest, heiter und
+humorvoll, und was Asmus auch einwenden mochte, Sturm wollte ihn auf
+dem Klavier begleiten. »Soll vielleicht Morieux dich begleiten?«
+fragte er mit einem krankhaften Feuer in den Augen. Man mußte ihn
+gewähren lassen. Aber als die Lieder gesungen waren, war seine
+Munterkeit wie abgeschnitten; ohne das Mahl und den Tanz abzuwarten,
+hüllte er sich in seinen Überzieher, legte sorgsam und glatt, wie es
+einem eleganten jungen Kaufmann geziemt, das seidene Tuch um den Hals
+und ging heim.
+
+Der Exzeß schien ihm nichts geschadet zu haben; nach acht Tagen saß er
+wieder im Kontor. Aber schon nach vier Wochen streckte ein neuer,
+heftigerer Anfall ihn nieder.
+
+»Ich möchte mich zerfleischen,« sagte er zu dem Freunde, der an seinem
+Bette saß. »Ich bin abscheulich gegen meine Eltern und meine
+Geschwister, und dabei opfern sie sich für mich auf. Das weiß ich ganz
+genau, und doch kann ich nicht anders. Mich ärgert alles, was ich
+sehe, und wenn ich allein bin, heul’ ich vor Reue wie ein dummer
+Junge.«
+
+Er rappelte sich abermals heraus und zog nun ans Elbufer; von der Luft
+dort hoffte er Genesung. Zu einer weiteren Reise langten die Mittel
+nicht. Dort hatten die beiden in Ritschers Garten noch einen schönen,
+sonnigen Nachmittag.
+
+»Ich hab’ in einer Ewigkeit keine Zigarre geraucht,« sagte Sturm leise
+vor sich hin, »ob ich’s mal wieder riskiere?«
+
+Asmus riet ihm ab. »Wart’ noch ’n bißchen, dann kannst du rauchen,
+soviel du willst.«
+
+»Meinst du wirklich, daß ich wieder ganz gesund werden kann?« fragte
+Sturm schnell, eifrig, mit sehnsüchtig-heiteren Blicken. Das Licht der
+untergehenden Sonne stand in seinen Augen.
+
+Asmus lachte laut auf über diesen Zweifel an etwas
+Selbstverständlichem. Und Sturm lächelte glücklich und glaubte dem
+Freunde alle Versicherungen, die er sonst zurückgewiesen hatte.
+
+Und nach einem glücklichen Schweigen sagte er:
+
+»Du – gib mir _doch_ eine Zigarre.«
+
+»Ich hab’ leider keine mehr bei mir,« log Asmus.
+
+»Das ist nicht wahr; ich habe ja gesehen, daß du noch mehrere hast.
+Daran seh’ ich, was du in Wahrheit von meiner Gesundheit hältst.«
+
+»Na, lieber Freund, wer nicht rauchen darf, ist deshalb doch noch kein
+Todeskandidat; bedenk’ doch, daß du erst –«
+
+»Ach, laß nur,« machte Sturm und erhob sich. Seine Hoffnung war
+erloschen wie ein Licht von einem Windstoß. Auf dem Heimwege fielen
+nur ein paar nichtssagende Worte. Asmus machte wohl einen Versuch, den
+Freund wieder zu ermuntern; aber dieser sah ihn nur mit großen ernsten
+Augen von der Seite an und schwieg. In seiner Verlegenheit und in
+seinem Kummer tat Asmus das Verkehrteste, was er tun konnte, er zog
+die Zigarrentasche und sagte: »Willst du eine Zigarre haben?«
+
+Sturm lachte kurz auf. »Nein, ich danke, jetzt nicht mehr.«
+
+Als Asmus ihn nach drei Tagen besuchen wollte, vernahm er, daß Alfred
+Sturm »seit gestern« im Hamburger Krankenhause liege, und als Asmus
+dorthin kam, durfte der Kranke nur ganz wenig und im leisesten
+Flüstertone sprechen.
+
+»Wie geht’s?« fragte Asmus.
+
+»Sehr gut, ich darf nur nicht sprechen,« flüsterte der Kranke. Und
+Asmus erzählte von diesem und jenem, wie vernünftig es sei, ins
+Krankenhaus zu gehen, wo die Pflege natürlich viel umfassender sein
+könne als zu Hause, und wie sehr man den Freund in der »Treue«
+vermisse; aber es schien ihm, als ob der Patient nur mit halber
+Aufmerksamkeit zuhöre und als ob er um einen Entschluß kämpfe. Endlich
+zog er unter der Bettdecke ein Blatt Papier hervor und hielt es dem
+Freunde hin:
+
+»Da – es ist natürlich Unsinn – aber ich wollt’ es dir doch geben –.«
+Asmus nahm das Blatt und las:
+
+ »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
+ Den müden Geist zu dichterischem Flug,
+ Und schon seit langem streb’ ich ernst genug,
+ Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen ..«
+
+Es war ein Sonett, in dem der Verfasser den Freund mit aller
+schwärmenden Begeisterung der Jugend pries.
+
+»Ich hab’ – ’ne ganze Nacht – daran gezimmert,« hauchte der Kranke mit
+ironischem Lächeln. »Du wirst darüber lachen ....«
+
+Die Wärterin erschien und mahnte mit einem Blick, der keinen
+Widerspruch duldete, zum Aufbruch. Asmus ergriff die Hand des Freundes
+und beugte sich über ihn, und sie hatten in diesem Augenblick beide
+dasselbe Gefühl: der Freund kam ihm mit mühsam erhobenem Haupte
+entgegen, und sie küßten sich auf den Mund.
+
+Das ist unter niederdeutschen Jünglingen etwas Seltenes und Heiliges.
+Asmus pflegte nicht einmal seine Geschwister, nicht einmal seine
+Eltern zu küssen; er hatte nicht einmal seine Brüder geküßt, als sie
+nach Amerika gingen. Die Menschen dieses Himmelsstrichs, wenn sie
+Abschied nehmen, tun es mit einem Händedruck und mit dem Verlangen
+nach einer Umarmung; aber sie geben diesem Verlangen keinen Ausdruck.
+
+Schon am folgenden Tage erhielt Asmus die Todesnachricht.
+
+Bei dem Begräbnis ging es ihm wie bisher bei fast allen Begräbnissen;
+er konnte nicht andächtig und traurig sein. Dieses herkömmliche
+Bestattungszeremoniell mit seinem zelotischen Pfaffengesicht (»Jetzt
+haben wir dich, du Sünder«) mit seiner tristen Banalität war ihm so
+unsäglich zuwider, daß er zu keinem reinen Gedanken an den Freund
+kommen konnte. Erst zu Hause dehnte sich wieder das Herz. Er zog sich
+in sein Zimmer zurück – für die wärmere Jahreszeit war er nun doch mit
+seinen Studien aus der Zigarrenstube in das Wohnzimmer übergesiedelt –
+und ging viele Stunden lang auf und ab; nur hin und wieder blieb er am
+Fenster stehen und blickte nach der Richtung, wo sein Freund nun in
+der Erde lag. Trauriger Wahn, dachte er, auch den toten Menschen noch
+an die finstere Erde zu kerkern, statt ihn den freien, seligen Lüften
+zu geben.
+
+Von dem endlosen Wandern erschöpft, fiel er endlich aufs Sofa und
+wußte nicht, warum er so erschöpft sei. Als er sich erholt hatte, zog
+er die Lampe näher heran, desgleichen Tinte und Papier und begann zu
+schreiben:
+
+ _An meinen toten Freund A. S._
+
+ »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
+ Den müden Geist zu dichterischem Flug,
+ Und schon seit langem streb’ ich ernst genug,
+ Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.«
+
+ So schriebst Du jüngst nach qualerfülltem Ringen,
+ Als nächtens nach des Schlummers mildem Trug
+ Dein brennend Aug’ umsonst Verlangen trug,
+ Und heute hör’ ich’s noch im Herzen klingen.
+
+ Begnüge Dich! Du trägst nach heißem Ringen
+ Ins Reich der Geister ungetrübt von hinnen
+ Die hehre Poesie der Herzensreinheit.
+
+ Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
+ Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen,
+ So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit.
+
+ * * * * *
+
+ Auf Deinen Sarg fällt manche Träne nieder
+ Und bange Seufzer irren durch die Luft.
+ Ich starre trocknen Auges in die Gruft;
+ Kein warmer Tropfen quillt durch meine Lider.
+
+ Ich steh’ betäubt, von Schmerz gelähmt die Glieder,
+ Und faß es nicht, daß unter Glanz und Duft
+ So holder Blumen gähnt die düstre Kluft ...
+ Ich kann nicht weinen. Doch ich kehre wieder!
+
+ Wenn ich die Menschheit jammernd höre sagen:
+ »Die Besten müssen früh von hinnen gehen!«
+ Dann wird zu Dir mich die Erinnrung tragen.
+
+ An Deiner Gruft werd’ ich im Geiste stehen,
+ Und von der Menschheit angsterfülltem Klagen
+ Wird auch ein Hauch um diese Stätte wehen.
+
+ * * * * *
+
+Aber tiefer und sehrender, als es aus diesen pathetischen
+Jünglingsversen klang, wurde das Weh, als nun die Tage kamen und
+gingen ohne den Freund und als er in der nächsten Versammlung der
+»Treue« das Gesicht des Besten vergebens suchte. Er war einsilbig und
+ernst und ging lange vor der gewohnten Zeit nach Hause.
+
+
+
+
+XXIII. Kapitel.
+
+Asmus als Verteidiger zweifelhafter Unschulden und Adolfine Moles als
+Seminardirektor.
+
+
+Das gigantische Schicksal, das immer vornehm bleibt, hat eine kleine
+schieläugige, bucklige und boshafte Schwester, die ein Vergnügen daran
+findet, den Verfolgten und Leidenden im Augenblick ihres größten
+Unglücks noch einen kleinen Extraprügel zwischen die Beine zu werfen,
+oder sie durch einen heimlich angefügten Zettel lächerlich zu machen,
+oder ihnen just in dem Augenblick, da ihr Recht an den Tag kommen
+soll, eine kleine Schuld vor die Füße zu rollen, daß sie straucheln.
+Wenn ein Lump und ein Ehrenmann vor dem Richter stehen, dann wird im
+Gerichtssaal immer ein Steinchen liegen, an dem der Redliche sich den
+Fuß verstaucht. So gingen denn zu der Zeit, als Semper den eben
+verlorenen Freund betrauerte und der »Klassenkampf« zwischen den
+Seybolden und den »Schäflein« (ein ewiger Klassenkampf!) den höchsten
+Hitzegrad erreicht hatte, Morieux, Semper und zwei andere Schäflein,
+Namens Klöhn und Wackerbarth, über den »Dragonerstall« durch das
+Holstentor. Morieux hatte gerade einen kolossalen Witz erzählt, und
+alle vier Jünglinge lachten laut, als ihnen ein langer, grauer Pastor
+in den Weg kam.
+
+»Halloh, Pastor Zump!« rief Klöhn nicht eben laut, aber doch laut
+genug für das Ohr des Geistlichen, und da die vier einmal im Lachen
+waren, so lachten sie weiter. Es war eine Art Backfischgekicher ins
+Jungenhafte übersetzt. Asmus kannte keinen Pastor Zump und fragte: Wer
+ist das? und bemerkte den Mann erst, als er vorüber war. Er hatte rein
+nach dem Gesetz der Beharrung weitergelacht. Aber »langgebeint, mit
+langen Sätzen« kam der Mann alsbald zurück.
+
+»Wie heißen Sie?« fuhr er Morieux an.
+
+»Wieso?« fragte der.
+
+»Wollen Sie mir Ihren Namen nennen?«
+
+»Nein. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.«
+
+»Wollen _Sie_ mir Ihren Namen nennen?« wandte er sich an Wackerbarth.
+
+»Ja, das kann ich ja tun,« sagte der, »ich heiße Wackerbarth.«
+
+Das genügte dem Geistlichen. Als er gegangen war, erfuhr Asmus, daß
+Herr Zump ein hochorthodoxer, ja pietistischer Geistlicher sei, der
+ein ganz frommes Blättchen herausgebe und mit diesem Blättchen oft in
+der liberalen Presse verspottet werde.
+
+Am andern Morgen wurde Wackerbarth zum Direktor zitiert, und dem mußte
+er die »Mitschuldigen« nennen. Semper nannte er nicht mit, weil er ihn
+für gänzlich unbeteiligt hielt. Eine Stunde später schnob und stob
+Herr #Dr.# Korn zur Klasse herein und stellte sich am Katheder auf.
+
+»Wackerbarth!« rief er.
+
+»Hier.«
+
+»Klöhn.«
+
+»Hier.«
+
+»Morieux!«
+
+»Hier.«
+
+»Sie haben jestern einen Geistlichen auf offener Straße verhöhnt...
+Was woll’n Sie?« schnauzte er Sempern an, der aufgestanden war.
+
+»Ich war auch mit dabei,« sagte Semper. Der »Pfaffe« reizte seinen
+Zorn.
+
+Der Direktor schnappte. Was? Semper? Der Musterknabe? Er war einen
+Augenblick sprachlos. Aber dann fuhr er los mit gedoppelter Kraft:
+
+»Also: man sollt’s kaum jlauben! Vier junge Leute, die sich zu den
+jebildeten rechnen, _die Lehrer werden wollen_! (hier brüllte der gute
+Korn förmlich) betragen sich wie der Janhagel und insultieren auf
+offener Straße einen Jeistlichen unserer Vaterstadt! Und als der Mann
+den einen um seinen Namen fragt, hat der die Impertinenz, zu sagen:
+‘Ick habe die Ehre, Sie nich zu kennen!’«
+
+Semper und Morieux erhoben sich wie zwei abgeschossene Raketen.
+
+»Wat woll’n Sie?« schrie der Direktor Morieux an.
+
+»Das habe ich _nicht_ gesagt,« rief Morieux, der in der Erregung die
+wunderbarsten Fratzen schnitt.
+
+»Wat woll’n _Sie_?« heulte der Direktor gegen Asmus.
+
+»Ich will bezeugen, daß Morieux das _nicht_ gesagt hat. Er hat gesagt:
+»Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.« Und dann erzählte Asmus den
+ganzen Vorgang, wie er sich zugetragen hatte.
+
+»So,« machte Korn und schnappte wieder. »Na, ick sage Ihnen soviel:
+Sie jehen noch heute alle mit’nander hin zu dem Mann. Nimmt er Ihre
+Erklärung an, is’s jut. Tut er’s nicht, dann sind Se hier fertig. Dann
+werden Sie eliminiert.« Und damit stampfte er aus der Klasse.
+
+Da war er ja in eine hübsche Affäre hineingeraten! Und dabei hatte er
+wirklich nicht über Seine Hochwürden gelacht, sondern über den Witz.
+Aber sollte er sich jetzt, da sie in der Klemme waren, von den
+Gefährten, die ihm Treue gehalten, trennen und wie ein Bübchen rufen:
+»Ich bin es nicht gewesen!?« Das würde wie Feigheit aussehen, und
+darum war es ausgeschlossen.
+
+Die drei ernannten Sempern zu ihrem Sprecher, und vier Mann hoch
+zogen sie im Studierzimmer Sr. Hochwürden auf. Es war ein so langer
+Pastor, daß Asmus, wenn er die Augen geradeaus richtete, genau auf den
+Magen des Gottesmannes blickte. Und da es ihm unnatürlich war, den
+Kopf in den Nacken zu legen, so richtete er seine Ansprache
+schließlich nur noch an den Bauch des Herrn Pastors.
+
+»Der Herr Direktor verlangt,« sagte Asmus, »daß wir Ihnen eine
+Erklärung unseres Verhaltens geben. Mein Freund hat uns ein Wortspiel
+erzählt, und darüber haben wir gelacht. Mitten im Gelächter hat dann
+einer gesagt: ‘Da kommt Pastor Zump!’ Wir haben aber nicht über Sie
+gelacht.«
+
+Das stimmte nun nicht recht; aber Asmus als erwählter Führer hielt es
+für Ehrenpflicht, seine Kameraden herauszupauken.
+
+Der Geistliche antwortete im schönsten Kanzelton:
+
+»Sie erwarten doch wohl nicht, daß ich diese Erklärung annehme. Ich
+habe den Herrn Direktor gebeten, Sie nicht zu bestrafen (das stimmte)
+und wenn Sie kommen, um Verzeihung zu bitten, so ist die Sache für
+mich erledigt; wenn Sie aber erklären, Sie hätten nicht über mich,
+sondern über ein Wortspiel gelacht – #quod non#!«
+
+»Wir können nichts anderes sagen,« bemerkte Asmus gegen den Bauch des
+Herrn Zump.
+
+»Und Sie?« wandte Zump sich an Klöhn. »Können Sie mir auch nichts
+anderes sagen? Sie waren es doch, der da rief: ‘Halloh, Pastor Zump’
+und höhnisch dazu lachte.«
+
+»Das hat er nicht getan!« rief Asmus.
+
+»Schweigen Sie doch!« rief der Pastor zornig, »wie können Sie das
+wissen?«
+
+»Weil ich meinen Freund kenne; dergleichen tut er nicht,« versetzte
+Asmus als Eideshelfer.
+
+»Ich rede überhaupt nicht mehr mit Ihnen!« eiferte Zump gegen Sempern
+und wandte sich an Morieux.
+
+»Und Sie? Haben Sie etwa nicht gesagt: »Ich habe die Ehre, Sie nicht
+zu kennen!« (Das schien der Pastor also wirklich gehört zu haben.)
+
+»Nein,« rief Morieux mit diabolischen Gesichtsverzerrungen, »ich habe
+gesagt, daß ich nicht die Ehre hätte, Sie zu kennen.«
+
+»Jawohl, das hat er gesagt,« erklärte Asmus mit Nachdruck, und die
+andern stimmten zu.
+
+Pastor Zump warf einen Blick auf ihn wie der Prophet Elisa auf jene
+Knaben, die er von zween Bären zerreißen ließ, dieweil sie gerufen
+hatten: »Kahlkopf, komm herauf!«
+
+Und dann machte er eine große Armbewegung über alle vier Köpfe hin und
+sagte: »Ich bin fertig mit Ihnen, Adieu.« Aber als sie nahe der Tür
+waren, sprach er mit einem besonderen Blick für die drei anderen
+(Asmussen würdigte er keines Blickes mehr): »Wenn der eine oder der
+andere von Ihnen mir etwas anzuvertrauen hat, so werde ich ihn gern
+empfangen.«
+
+Er mochte wohl hoffen, daß einer von den dreien vor Unterleibsschwäche
+abfallen und reumütiges Bekenntnis ablegen werde, und das war nicht
+fein von ihm. Nach vielen Jahren erst erfuhr Asmus aus wahrem Munde,
+daß dieser Pastor Zump ein guter, hilfsbereiter und opferfreudiger
+Mann gewesen sei. Seine Verfolgung der vier Jünglinge war vermutlich
+auch so ein Steinchen gewesen, das ihm die bucklige Schwester des
+Schicksals unter die Füße gerollt hatte.
+
+Einstweilen war er für Asmussen der rachsüchtige Pfaffe, der
+Hoogstraten und Peter Arbues, den er nie in seinem Leben um Verzeihung
+bitten würde. Dann aber kam die Relegation. Dann war alle Mühe und
+Sorge von viertehalb Jahren dahin, dann konnte er alle seine
+Frühlingshoffnungen begraben und Zigarrenmacher werden. Das Geld, ihn
+auf einem auswärtigen Seminar zu erhalten, konnten weder er noch seine
+Eltern aufbringen. Ihm war übel ums Herz, und er verbrachte eine
+schlaflose Nacht.
+
+Das Schlimmste war, daß das Herz nicht ganz frei war. Er selbst hatte
+zwar den Mann nicht verlacht; aber er hatte die andern unbedingt in
+Schutz genommen, und das war doch gewiß: zum mindesten Klöhn hatte
+eine starke Ungezogenheit begangen. Wenn man wahr sein wollte, mußte
+man das eingestehen. Aber darum Buße tun in Sack und Asche, wie Uriel
+Acosta, vor diesem »hochmütigen, intriganten Priester«?! Asmus fuhr
+mit einem kurzen Lachen von seinem Bett empor und warf sich wuchtig
+wieder zurück auf das zerwühlte Lager. Aber übel war ihm zu Sinn; es
+ist schlimm, wenn eine Wunde nicht ganz rein ist.
+
+Erst nahe vor Morgen verfiel er in einen leisen Halbschlaf. Der
+Direktor stand vor ihm und sagte: »_Sie_ wollen Lehrer werden? Sie
+sind wohl verrückt!« Und dabei hatte er vollkommen das Gesicht von
+Adolfine Moses.
+
+
+
+
+XXIV. Kapitel.
+
+Die Bucklige lacht: aber die Schlanke macht es wieder gut. – Der
+Schiffbrüchige von Salas y Gomez als Mittler zwischen den Parteien.
+
+
+Zwei Stunden später traten die vier im Gänsemarsch bei dem Direktor
+ein, Semper wieder voran.
+
+»Wir haben dem Herrn Pastor erklärt, daß unser Lachen nicht ihm
+gegolten habe; aber er will diese Erklärung nicht annehmen,«
+berichtete Asmus und erwartete das Vernichtungsurteil.
+
+Der Direktor ging einmal das Zimmer auf und ab und durchstach dann
+alle vier, jeden einzeln, mit einem Blick. Dann ging er noch einmal
+auf und ab und durchstach hierauf Asmussen mit einem besonders langen
+Blick. Und dann sagte er:
+
+»Sie können jeh’n.«
+
+Die Angelegenheit war erledigt. Sie war erledigt für den Direktor und
+den Pastor; keiner kam wieder darauf zurück.
+
+Aber nicht erledigt war sie für die Seybolde und Wiedemänner. Das war
+ja köstlich! Das war ja erbaulich! Also so waren die »Schäflein«, wenn
+sie unter sich waren! Dann betrugen sie sich wie die Gassenbuben und
+bewarfen Geistliche (im Ornat! versicherte einer) mit Steinen! mit
+Schmutz! Das waren also die Leutchen, die eine Eins bekamen, wenn
+andere nur eine Zwei kriegten! Das waren die Herren, die mit
+hochmütiger Verachtung erwiderten, wenn man ihnen vorhielt, daß sie
+ihre Kollegen beim Direktor verraten hätten! Für die Schäflein, und
+sonderlich natürlich für Asmussen, kamen schlimme Tage, und die kleine
+schieläugige Schwester des Schicksals lachte, daß ihr der Buckel
+tanzte und rief:
+
+»Du glaubst, wer recht hat, müsse obendrein auch noch Recht
+_bekommen_? Du bist wohl verrückt?!«
+
+In dieser Zeit, da ihm die Welt ein ausgesucht widerwärtiges Gesicht
+machte, sollte er etwas erleben, was nach »Duplizität der Ereignisse«
+aussah. Wie sich ihm nämlich einst, da er noch ein Knabe war, aus
+dunklem Bangen ein Weg ins Licht gezeigt hatte, als er zwischen den
+Bahndämmen in der Rainstraße, vor der Tür einer Schenke, einem lieben
+braunen Mädchen begegnet war, so sollte er auch jetzt wieder bei einem
+braunen Mädchen Erhebung und Erheiterung des Herzens finden. Herr
+Mansfeld, ein befreundeter Lehrer, hatte ihn zum Abendbrot eingeladen,
+und als Asmus nun die Treppen zur Wohnung des Gastfreundes
+emporstieg, stand da auf einem Absatz eine rankgewachsene Brünette und
+blickte nachdenklich auf einen Koffer ihr zu Füßen, der nicht allzu
+leicht sein mochte. Es war Fräulein Hilde Chavonne, seine ehemalige
+Kollegin. Sie stand im Begriff, zu eben den Lehrersleuten, die Asmus
+geladen hatten, in Pension zu gehen, und Asmus bat bescheidentlich um
+die Erlaubnis, ihr den Koffer hinauftragen zu dürfen. Das gewährte sie
+mit einem gnädigen Lächeln, und als man droben war, halfen Asmus und
+Herr Mansfeld beim Auspacken der Bücher, die der Koffer enthielt.
+Dabei schlug sich von selbst ein starkes, längliches Heft auf, das mit
+der Hand gezeichnete und kolorierte Landkarten enthielt.
+
+»O, wie famos!« rief Asmus. »Haben Sie die gezeichnet?«
+
+Hilde klappte schnell das Heft zu. »Machen Sie sich nicht lustig
+darüber!« rief sie ängstlich. »Sie können es gewiß tausendmal besser.«
+
+»Ich? Ich kann gar nichts, ich kann überhaupt nicht zeichnen,« sagte
+Asmus.
+
+Sie sah ihn zweifelnd an; aber als sie in seine Augen sah, glaubte sie
+ihm, und nun schlug sie langsam selbst das Heft wieder auf, und von
+Blatt zu Blatt, wie er staunte und lobte, wurde sie heiterer und
+stolzer. Sie stand dicht neben ihm, und dabei geschah es, als er sich
+über das Heft bückte, daß der Ärmel ihres Kleides seine Wange
+streifte. Von diesem Augenblick an war Asmus wieder glücklich.
+
+Sie erschien nicht beim Abendbrot, weil sie müde war, und überhaupt
+blieb es auf lange Zeit hinaus bei dieser flüchtigen Begegnung.
+
+Merkwürdig, dachte er im Nachhausegehen: ein ganz ähnliches Gefühl hab
+ich schon einmal gehabt – ganz so wie jetzt war die Welt schon einmal
+– nicht die gewöhnliche Welt, aber die andre, die immer über ihr
+schwebt wie Morgenduft über den Hügeln, die war schon einmal so,
+damals, als ich zwischen den Bahndämmen »am Rain« mit dem kleinen
+braunen Mädchen geplaudert hatte, mit der »Königin der Mainotten«. Und
+was noch merkwürdiger ist, die beiden haben in gewisser Hinsicht etwas
+Übereinstimmendes – nicht nur, daß sie beide braunes Haar und braune
+Augen haben, das will nichts sagen – auch der Teint und das ganze
+Aussehen – auch das Fräulein Chavonne hat etwas Fremdländisches – so –
+so etwas Französisches – übrigens ist ja auch ihr Name französisch.
+Aber ihr Wesen ist – gewiß: es ist deutsch – und doch wieder so ganz
+anders als das des fürchterlichen »deutschen Weibes« mit der
+Häkelnadel. Wenn man sie zu Pferde sähe, dachte er, mit wehendem
+Schleier, den Falken auf der Faust, auf dieser seinen, schmalen Faust
+– es würde keinen Augenblick überraschen.
+
+ »Wie sitzest du zu Pferde
+ So königlich und schlank!«
+
+sang er vor sich hin, daß ein vorübergehender Bürger stutzte und ihn
+anstarrte....
+
+Seit diesem Abend fühlte sich Asmus auf eine wunderbare Weise frei und
+leicht, und er trug das Leben wieder mit aufgerichteten Schultern. Er
+hätte nicht sagen können, woher das kam; es kam aber einfach daher,
+daß ihn in dieser armen, bürgerlichen Lehrerin ein adliger Mensch
+berührt hatte, und das hatte um so wundersamer gewirkt, als es
+menschlicher Pöbel war, der sein Leben verfinstert hatte.
+
+Seybold und Wiedemann waren ganz unzweifelhaft Pöbel; daß aber unter
+den anderen Feinden auch anderes Material war, das sollte er bald
+erfahren. Zunächst freilich schienen die Gegensätze noch
+unversöhnlich. Herr Quasebarth brachte eines Tages die Rede auf den
+die Klasse zerspaltenden Streit und sprach sein Bedauern aus.
+
+»Ja,« rief eines der Antischäflein, »die andere Partei macht ja auch
+nicht den geringsten Versuch zu einer Annäherung.«
+
+Da lachte Asmus laut auf, daß es durch die Klasse scholl.
+
+Seit vielen Monaten geschah ihnen Unrecht auf Unrecht – und da sollten
+sie etwa noch um Frieden betteln? Lieber »Kampf bis zur Vernichtung«.
+
+Seiner Jugend erschien die Welt als ein ehrenhaftes Geschäft, bei dem
+man eine berechtigte Forderung nur zu präsentieren brauche, um sofort
+Zahlung zu erhalten. Er ahnte noch nicht, daß dieses allerdings reelle
+Geschäft eine sehr weitsichtige Buchführung hat und daß seine Bilanzen
+oft erst nach zehn, nach fünfzig, nach hundert Jahren oder später
+erscheinen, je nach der Größe des Gegenstandes. Man kann diese Welt
+auch ein Gericht nennen und das Leben einen Prozeß, der durch hundert
+oder tausend Instanzen geht. Man bekommt gewöhnlich sein Recht, aber
+oft mit einer Begründung, die man nicht erwartet hat, und manchmal,
+wenn man das Urteil erhält, ist man tot.
+
+Bald darauf, in der Rezitationsstunde trug Asmus aus dem Kopfe »Salas
+y Gomez« vor, mit sämtlichen drei Schiefertafeln. Als er nach dieser
+Stunde über den Korridor ging, stieß er auf Herrn Rothgrün, der in der
+Nachbarklasse Sempers Freudenschrei:
+
+ »Ein Schiff! Ein Schiff! Mit vollen Segeln lenkt
+ Es herwärts seinen Lauf, mit vollem Winde!«
+
+vernommen hatte. Und Rothgrün meinte mit wohlwollendem Lächeln:
+»Glauben Sie wohl, daß der Mann noch eine so starke Stimme hatte,
+nachdem er jahrelang bloß von Eiern gelebt hatte?« Rothgrün war eben
+Kritiker. Anders aber war der Seminarist Blankenburg. Er trat nach
+dieser Stunde an einige Häupter seiner Partei heran und sagte:
+
+»Ich finde, es geht nicht länger. Wir können den Verruf nicht weiter
+aufrechterhalten. Im Grunde war es ja doch nur Neid. Daß er Kollegen
+beim Direktor verpetzen könnte, glaubt ja längst kein Mensch mehr. Wir
+blamieren uns. Und _wir_ müssen wieder anfangen.«
+
+Und in den andern wachte die Hochherzigkeit des Jünglingsalters
+freudig wieder auf, und es wurde beschlossen, auf dem bevorstehenden
+Bergfeste die feierliche Versöhnung zu begehen.
+
+
+
+
+XXV. Kapitel.
+
+Was eigentlich ein Bergfest ist, und warum Dr. Korn den ersten Toast
+bekam.
+
+
+Das Bergfest! Wenn von den sechs Seminarsemestern drei verflossen
+waren und also der Berg des Ärgernisses bis zum Gipfel überwunden war,
+pflegte man das »Bergfest« zu feiern. Und diesmal sollten der Direktor
+und alle Lehrer dazu geladen werden.
+
+Vor der nächsten psychologischen Stunde hub der Herr Direktor also an:
+»’n Bergfest woll’n Se feiern. Ich habe erst jar nicht verstanden, was
+das sein soll. Ich habe jedacht: wieso woll’n denn Seminaristen des
+Flachlandes ’n »Bergfest« feiern! Schließlich hab ich mir’s erklären
+lassen. Das heißt: »Jott sei Dank, nu sind wir über’n Berg!« Ick will
+Ihnen mal wat sagen: Freu’n Se sich, wenn Se noch Zeit und Jelegenheit
+haben, wat zu lernen; später wird’s anders! Wenn Se Ihr Examen jemacht
+haben, feiern Se meinetwegen Feste, aber _den_ Unsinn mach’ ick nich
+mit!«
+
+Er fing immer ziemlich hochdeutsch an, aber je länger er sprach,
+desto berlinerischer wurde er und desto mehr würzte er seinen Vortrag
+mit Berliner Anekdoten. Wenn er mit einem Vortrag über Zeit und Raum
+begonnen hatte, so war er nach einer Viertelstunde bei Bismarck oder
+Moltke oder bei seinen Lehrern Lazarus und Steinthal (»der Steinthal
+is man so’n janz kleenes Männeken mit’n Zahntuch um’n Kopp – wenn
+man’n auf der Straße sieht, möcht’ man ihm ’n Jroschen schenken« – und
+dann pries er ihn in begeisterten Erinnerungen) oder er kam auf die
+Berliner Schutzleute oder auf Eugen Richter.
+
+»Wenn man den Richter nachts aufweckt und sagt: Richter, halt mal ’ne
+Rede! denn kann er’s, un wenn man sagt: Richter, nu halt mal eine
+dajegen! denn kann er’s ooch. Aber ’n janzer Kerl is er doch!«
+
+Das Bergfest wurde also ohne Direktor und ohne Lehrer,
+nichtsdestoweniger aber mit Glanz gefeiert. Niemand rührte mit Wort
+oder Miene an das Vergangene; Schäflein und Wölfe benahmen sich gleich
+taktvoll; nur Morieux zog einmal Sempern auf die Seite und flüsterte
+erregt:
+
+»Du mußt eine Rede halten!«
+
+»Ich? Worüber?«
+
+»Na – zum Dank für die Einladung!«
+
+Asmus brach in ein schallendes Gelächter aus.
+
+»Das könnte mir fehlen! Nein, mein Junge, ich bin sehr vergnügt und
+feire das Fest ohne jeden Hintergedanken – aber auch noch »danke«
+sagen –? Das mach du nur selber! Das heißt, wenn du’s tust, erschlage
+ich dich!« fügte er schnell hinzu.
+
+Und zu den hübschesten Dingen dieses Festes gehörte es, daß der erste
+Trinkspruch, den der Präside ausbrachte, dem Direktor galt. Er hatte
+sie auch bei dieser Gelegenheit nicht eben liebenswürdig behandelt;
+aber sie liebten ihn alle; denn er hatte das eine, für das die Jugend
+ein so besonders feines und lebhaftes Empfinden besitzt:
+Gerechtigkeitsgefühl. Die Jugend versöhnt sich mit dem strengsten
+Zuchtmeister, wenn er gerecht ist, und sie verachtet, sie haßt den
+willfährigsten Lenker, wenn er das Recht beugt. Sie wußten es alle:
+dieser #Dr.# Korn hatte ein Rückgrat nach oben und nach unten, und
+wenn es in einem Konflikt zwischen Lehrer und Schüler zu entscheiden
+galt, so waren sie ihm nicht Lehrer und Schüler, sondern Menschen. In
+aller Gedächtnis strahlte mit unauslöschlichem Glanze ein
+Richterspruch des »Alten«. Ein Religionslehrer hatte mit allerlei
+verfänglichen Fragen einen verdächtigen Jüngling auf seine
+Rechtgläubigkeit untersucht. Der Jüngling beschwerte sich bei dem
+Direktor über diese Belästigungen, und Korn, als er beide Parteien
+gehört hatte, sagte: »Herr Doktor, Sie haben sich aller
+Jewissensfragen zu enthalten. Wir sind hier tolerant.«
+
+Es war zu jener Zeit, als der leise schreitende Einfluß der
+Geistlichkeit noch nicht überall war und die oberen Stellen nicht mit
+den Günstlingen der Kirche, sondern mit den Günstlingen Minervens
+besetzt wurden.
+
+Von der orthodoxen Theologie war der Mann allerdings weit entfernt; er
+war Philolog und Philosoph und liebte das Zeitalter der Aufklärung und
+der Enzyklopädisten, das er mit sprühendem Geist, lebendig und groß
+darzustellen wußte, so groß, daß Asmus, wenn ihm später der banale
+Aufkläricht in seiner ganzen Schrecknis begegnete, nie mehr vergessen
+konnte, wie die Gedanken, die klein sind in den kleinen Köpfen, groß
+gewesen in den großen. Wenn er ein Kapitel des christlichen Glaubens
+behandelte, etwa die Dreieinigkeit, so trug er es genau nach der
+Dogmatik vor, ohne Kritik und ohne Polemik, und wenn er fertig war,
+sagte er aufatmend:
+
+»So. Das lehrt die Kirche. Was Sie davon jlauben wollen, steht bei
+Ihnen.«
+
+Diesen Grundsatz bewährte er nach jeder Richtung. Der Gläubige atmete
+unter ihm so frei wie der Zweifler.
+
+Und obwohl Asmus das Brandenburgisch-Preußische sonst nicht liebte, –
+die Schleswig-Holsteiner sind keine Kommißnaturen, – so sagte er sich
+doch, daß der Geist dieses Mannes das Beste am ganzen Seminar, ja, daß
+er beinahe das einzige Gute an dieser Anstalt war. Sein goldener
+Präparandentraum vom reich besetzten Tisch der Wissenschaften und
+Künste hatte einer großen Ernüchterung Platz gemacht; aus der Hochzeit
+des Kamacho, wo die Rinder, Hammel und Hasen und die Schläuche Weines
+nicht zu zählen gewesen, war ein Gastmahl des Harpagon geworden. Von
+einem, der studieren will, sagen die plattdeutschen Bauern: »he will
+studeern leern« und sprechen damit, ohne es zu wissen, ein feines
+Wort. In drei oder vier Jahren kann man nicht viel studieren; aber man
+kann studieren _lernen_, und das ist viel mehr. Bei Korn lernte man
+studieren. Nach seinen Vorträgen rief es in Asmus mit tausend
+Begierden: Mehr! mehr! und ihm war, als müßte er mit Armen des Geistes
+das ganze Firmament der Gedanken umspannen und in seine Brust
+herabziehen. Nach den Stunden der andern hatte man immer genug, und
+wußte doch, daß es nichts war. Sie gaben trockenes Brot, das schnell
+satt macht, oder sie gaben Steine statt des Brotes, oder sie gaben
+nicht einmal Steine. Ein Glück noch, wenn sie komisch waren, wie der
+gute Mister Belly, und wenigstens auf solche Art die Jugendlust
+lebendig erhielten.
+
+
+
+
+XXVI. Kapitel.
+
+Mister Belly und der geheimnisvolle Zimmermann.
+
+
+Mister Bellys Stunden waren freilich in einer gewissen Hinsicht lauter
+Feste. Mister Belly war eines jener Wunderkinder gewesen, die schon
+mit drei Jahren Englisch sprechen, weil sie in England geboren sind,
+und das war sein Hauptverdienst. Zu diesem Englisch hatte er nur noch
+zweierlei hinzugelernt: ein Französisch mit englischer Aussprache und
+Betonung und ein für einen Ausländer recht passables Deutsch. Auf
+weitere Anforderungen aber reagierte er nicht. Es ist nie ans Licht
+gekommen, ob er von Goethe, Schiller und Lessing irgend etwas kannte;
+das aber stand fest, daß er von der nachgoethischen Literatur nur den
+»Königsleutnant« von Gutzkow kannte. Ein Engländer gesteht dergleichen
+ganz kaltblütig ein und hält es für Nationalbewußtsein. Von Zeit zu
+Zeit fragten ihn die Seminaristen:
+
+»Mister Belly, wie heißt noch das deutsche Drama, das Sie kennen?« und
+dann antwortete er mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt:
+
+»Also mal »The King’s Lieutenant«, denn er leitete jeden Satz mit den
+Worten »also mal« ein.
+
+Wenn nun aber auch Mr. Belly recht gut deutsch sprach, so sprachen es
+die deutschen Seminaristen doch besser, und als Lehrer ohne
+imponierende Kräfte unter übermütige Kinder einer fremden Sprache
+versetzt sein, das ist gerade so schön, wie als Taubstummer unter
+Kannibalen geraten. Da beim englischen Unterricht eine Grammatik von
+Gurcke gebraucht wurde, so sagte der unglückliche Belly eines Tages:
+»Bringen Sie zur nächsten Stunde Ihre Gurke mit« und an solchen und
+ähnlichen Gurken hatte der Gute natürlich lange zu kauen. Unter der
+gütigen Leitung Mr. Bellys mußte unser Asmus etwa hundertmal die
+Geschichte von Robin Hood lesen (Mr. Belly wollte auf solche Weise bei
+seinen Schülern eine gute Aussprache erzielen); aber dennoch brachte
+jede Stunde eine Abwechslung. Heute war es ein Hampelmann, der hinter
+Mr. Belly an der Wand hing und durch einen dünnen, bei dem
+Seminaristen Stelling endigenden Faden dirigiert wurde, morgen war es
+ein Seminarist, der in den Kartenschrank eingesperrt wurde und dort
+während der Stunde gespenstische Geräusche hervorbringen mußte,
+übermorgen ein Seminarist, der aus Turnjacken, Turnhosen, Turnschuhen
+und einer Mütze hergestellt, dann in ein kleines Kabinett gesetzt und
+für »eingeschlafen« erklärt wurde, so daß Mr. Belly hinging, um ihn
+zu wecken, und so mit und ohne Grazie ins Unendliche. Ein Rouleau, das
+hochgezogen werden sollte, entwickelte sich regelmäßig zu einer ganzen
+komischen Oper; denn natürlich fiel der Vorhang, wenn er endlich nach
+langen Mühen aufgewickelt war, mit furchtbarem Gerassel wieder herab,
+und je mehr hilfreiche Hände herbeikamen, desto unmöglicher erschien
+natürlich die Bändigung des heimtückischen Vorhangs. Der eigentliche
+Belly-Spezialist aber war jener Stelling.
+
+Stelling war ein glänzend begabter Bursche, der aber am Unterricht
+eigentlich nur als wohlwollender Zuhörer teilnahm und eine
+unüberwindliche Abneigung gegen Bücher und Hefte hegte. Was er an
+solchen Dingen mit sich führte, beschränkte sich für gewöhnlich auf
+ein kleines Heftchen, das er, um seine ganze Verachtung des Buchstaben
+zu zeigen, zusammengerollt in der hinteren Hosentasche trug. Kraft
+seiner vorzüglichen Anlagen war er trotzdem immer so ziemlich auf dem
+Laufenden; nur in der »Charakterbildung« schien er sich auf der Stufe
+des »großen Jungen« so wohl zu fühlen, daß er an einen Fortschritt
+nicht dachte.
+
+Eines drückend heißen Sommertages brachte der nämliche Stelling einen
+Hammer mit in die Klasse, und gerade las ein Schüler mit halb
+entschlummerter Stimme die erschütternden Verse:
+
+ #»Here underneath this little stone
+ Lies Robert Earl of Huntingdone;
+ Ne’er archer was as he so good,
+ And people called him Robin Hood ...#
+
+als in der Gegend Stellings ein ungemein rhythmisches Klopfen ertönte.
+
+»Also mal: was ist das?« fragte Mr. Belly.
+
+Stelling trat an das offene Fenster, neben dem er saß, und sagte
+trocken:
+
+»Das ist also mal ein Zimmermann, Mr. Belly.«
+
+»Also mal: ist gut, setzen Sie sich,« sagte Belly, dem schon schwül
+wurde, wenn Stelling sich einer Sache annahm.
+
+Stelling setzte sich und klopfte.
+
+»Das ist aber doch sehr störend!« rief jetzt der Nachbar Stellings mit
+einem abgefeimten Lerneifer im Gesicht.
+
+»Soll ich den Mann also mal bitten, daß er also mal aufhört?« fragte
+Stelling bescheiden.
+
+Belly, der der suggestiven Frechheit dieses Jünglings nicht gewachsen
+war, sagte: »Also mal: bitte, wenn Sie durchaus wollen –?«
+
+Stelling trat wieder ans Fenster und rief mit der Stimme eines
+versoffenen Feldwebels: »Hören Sie auf!!!«
+
+»Also mal bitte, was ist das für ein Ton!« rief Mr. Belly erschrocken;
+»also seien Sie mal höflich, nicht wahr?«
+
+»Ganz, wie Sie wünschen, Herr Belly,« erwiderte Stelling und begann zu
+singen:
+
+ »Wackrer Zimmermann,
+ Hast ja Freude dran,
+
+aber uns stört es; möchten Sie nicht die Gewogenheit zeitigen, mit
+diesem frevelhaften Geballer aufzuhören? – Wie meinen Sie?«
+
+Stelling wandte sich wieder ins Zimmer zurück und sagte mit dem
+ruhigsten Gesicht:
+
+»Er antwortet: ’Pett di man keen Hoor in’n Foot!’«
+
+»Also mal, das ist Plattdeutsch,« bemerkte Belly sehr richtig, »was
+heißt das?«
+
+»Das heißt: #Don’t run a hair into your foot!#«
+
+»Also mal: Das versteh’ ich nicht.«
+
+»Das verstehen Sie also mal nicht? Das ist eine Beleidigung! – Wie
+heißen Sie?!« schrie Stelling zum Fenster hinaus mit zornrotem
+Gesicht.
+
+»Also mal bitte: seien Sie nicht so erregt!« rief Belly ängstlich.
+
+»Er sagt, er heißt Hummel!«[3] berichtete Stelling. »Was soll ich ihm
+sagen?« Natürlich wollte die Klasse sterben vor Lachen.
+
+ [Fußnote 3: Name eines in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts
+ in Hamburg verstorbenen komischen Originals. Die Hamburger pflegen
+ auf den Zuruf »Hummel« mit einem sehr derben Ausruf zu antworten.]
+
+Mr. Belly erhob sich endlich, um selbst mit dem Manne zu sprechen.
+
+»Da – eben geht er ins Haus!« rief Stelling. »Vor Ihnen hat er
+natürlich Angst.«
+
+Als Mr. Belly an sein Pult zurückgekehrt war und das Klopfen von neuem
+anhub, sprang Stelling auf und schritt nach der Tür: »Ich werde also
+mal hinuntergehen und mit dem Mann sprechen.«
+
+»Also mal: Stelling, bleiben Sie also mal hier,« sagte Mr. Belly.
+
+»Ja aber, Herr Belly, soll man sich denn das gefallen lassen?«
+
+»Also mal: wollen Sie sich jetzt setzen?«
+
+»#Yes, mister#« sagte Stelling und ging an seinen Platz.
+
+»Also mal: Sie sagen: »#Yes, mister!#« Heißt es so?«
+
+»#Yes, gentleman!#«
+
+»Also mal: Sie _wollen_ es nicht richtig sagen! Sie sind also ein
+Heuchler!«
+
+»Herr Belly,« sagte Stelling kaltblütig, »ich nehme an, daß Sie die
+wahre Bedeutung dieses Wortes gar nicht kennen, sonst würde ich Sie
+fordern.«
+
+»Aber, Herr Belly,« riefen jetzt viele durcheinander, »wie konnten Sie
+so etwas sagen: das ist ja eine tödliche Beleidigung!«
+
+»Also mal: ich habe Sie nicht beleidigen wollen,« lenkte Belly ein, es
+heißt also mal: #Yes, Sir!#«
+
+»Na ja, wenn einem das in Güte und Freundlichkeit gesagt wird ....«
+
+Inzwischen war aber in Mr. Bellys Kopfe etwas wie Morgendämmerung
+angebrochen, und als das Klopfen wieder ertönte, belauerte er den
+Übeltäter und sah ihn schnell etwas unter den Tisch legen.
+
+Nun ging er ruhigen Schrittes auf Stellings Platz zu, klappte den
+Tischdeckel hoch, nahm den Hammer, ging damit wieder nach vorn, legte
+ihn auf’s Pult und sagte: »Lesen Sie weiter, Müller.« Er tat das alles
+ohne jedes Zeichen der Erregung, nur mit dem Ausdruck einer stoischen
+Geringschätzung, ja, einer leisen Verachtung im Gesicht. Und diese
+Art, dergleichen Bubenstreiche abzutun wie Dinge, die an die Würde
+eines Gentleman nicht heranreichen, diese Art, die der guten
+englischen Erziehungsregel: #Be a gentleman!# entspringt, nahm Asmus
+doch immer wieder für ihn ein. Man sah es dem guten Belly an, daß
+solche Ruchlosigkeiten ihm weh taten, daß sie ihm aber zu kindisch
+waren für seinen Zorn, und das ging nicht nur Asmus, es ging
+schließlich auch anderen Jünglingen zu Herzen. In einer Pause fand
+eine feierliche Beratung statt mit dem Ergebnis: Da Mr. Belly nicht
+imstande sei, Disziplin zu halten, so müsse man selbst für Disziplin
+sorgen, und von nun an wolle man sich vernünftig benehmen. Das ging
+auch einige Stunden ganz gut. Als aber ein Seminarist einen Stiefel
+ausgezogen hatte, weil er ihn drückte, und sein Nachbar diesen Stiefel
+mit einem kräftigen Stoß nach vorn befördert hatte, Mr. Belly den
+Stiefel als #corpus delicti# konfiszierte und damit die Klasse
+verließ, der Einstiefler, der von Natur eine rote Nase hatte, ihm
+protestierend nachhumpelte und Mr. Belly endlich sagte: »Also mal: Sie
+verfolgen mich: Sie haben eine rote Nase, also Sie sind ein Nihilist!«
+da brachen ob dieser rätselhaften Ideenverbindung alle Dämme der guten
+Zucht zusammen, und der jugendliche Übermut nahm wieder freien Lauf.
+
+
+
+
+XXVII. Kapitel.
+
+Handelt von würdigen und unwürdigen Kollegen Mister Bellys.
+
+
+Es gab an diesem Seminar wohl Lehrer, die noch untauglicher waren als
+Mr. Belly; aber sie waren höchstens für eine satirische Beleuchtung
+amüsant. Zu einer solchen Betrachtung zwang Asmussen wider seinen
+Willen der Herr Pastor Dinnebeil, der eine Zeitlang den
+Religionsunterricht erteilte.
+
+Einstmals Stahmer und jetzt Dinnebeil! Das war wie David Friedrich
+Strauß und Hengstenberg. Nur war Hengstenberg ein Gelehrter, was
+Dinnebeil, wenn er es war, geschickt zu verbergen wußte. Er
+plätscherte unaufhörlich im laulichen Wasser jener fürchterlichen
+Traktätchen-Terminologie, die in drei Sekunden mit sieben Synonymen
+hantiert, nach Art der Jongleure, die mit Teller, Ei und Schnupftuch
+so geschwinde Fangball spielen, daß man nicht mehr weiß, was Teller,
+was Ei und was Schnupftuch ist. Diesen Hamburger Jünglingen, diesen
+Schülern des vortrefflichen Herrn Stahmer, wollte Pastor Dinnebeil die
+abgelagertsten Dogmen einreden, wollte er eine Art Christentum für
+Papuas beibringen. Er versuchte es in einem Tone, der aus Huld und
+Würde lieblich gemenget war. Anfangs hörten die verblüfften
+Seminaristen diesem Phrasenschwall, der wie ein Landregen von Schmalz
+und Honig niederging, mit offenem Munde zu; aber schon nach der
+dritten Stunde war die Langeweile so ins Unendliche gewachsen, daß man
+beschloß, sich einen Spaß zu machen und auf die Fragen des Mannes
+immer abwechselnd zu antworten: »Der Glaube« und »Die Liebe«.
+
+Das geschah denn auch und paßte fast immer, und wenn es nicht paßte,
+so nahm es Pastor Dinnebeil doch wohlwollend hin als das Zeugnis eines
+frommen Sinnes. Nur zwei machten sich dem Späherauge Dinnebeils
+verdächtig: Stelling und Semper. Asmus hatte schon tausend Zweifel und
+Einwürfe ins Dunkel seiner Brust hinabgeduckt; als aber Dinnebeil
+allen Ernstes die Worte im Matthäus 28, 19: »Gehet hin und lehret alle
+Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des
+heiligen Geistes« als Beweis für die Dreieinigkeit ausgab, da hielt es
+Asmussen doch nicht länger, und als er gerade am Wort war, sprach er:
+
+»Verzeihung, Herr Pastor, aber ist das nicht ein späterer,
+tendenziöser Zusatz?«
+
+»Was? Wieso?« fragte Hochwürden indigniert.
+
+»Nun, die Jünger vertraten doch noch auf dem Jerusalemer
+Apostel-Konvent im Jahre 52 Paulus gegenüber den Grundsatz, daß nur
+den Juden das Evangelium gepredigt werden dürfe; das wäre doch
+ausgeschlossen, wenn Christus denselben Jüngern befohlen hätte, alle
+Völker zu seinen Jüngern zu machen. Ferner wurde bis zur Mitte des
+zweiten Jahrhunderts doch nur auf den Namen Jesu getauft; es ist da
+undenkbar, daß die Jünger den Befehl empfangen hätten, auf drei Namen
+zu taufen. Und da das Evangelium nach Matthäus im letzten Viertel des
+ersten Jahrhunderts geschrieben wurde, so werden die Worte 28, 19 ein
+späterer Zusatz sein; sie ...«
+
+»Ach was, klauben Sie mir nicht immer an der Bibel herum!« rief
+Dinnebeil sittlich entrüstet. »Fahren Sie fort, Seybold!«
+
+Asmus war wirklich erschrocken. Er hatte bis dahin geglaubt, ein
+Lehrer müsse sich freuen, wenn es seinen Schülern ernst sei um ihre
+Überzeugung; aber dieser wurde gereizt, wenn man nachdachte und
+forschte. Er ließ einfach »fortfahren«. Fortfahren war allerdings das
+Leichteste. Von nun an »klaubte« Asmus nicht mehr; aber er »glaubte«
+noch weniger, zum mindesten dem Herrn Dinnebeil. Er nahm nun auch die
+Sache humoristisch und ließ die Sermones des jungen Mannes über sich
+ergehen wie das Geräusch einer Wasserleitung, und wenn Herr Dinnebeil
+ihn durch eine Frage aufschreckte, so rief er: »Der Glaube!!« oder
+»Die Liebe!!«
+
+Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrer, ein anderer Mann! Der
+war auch fromm, köhlerfromm, sozusagen; aber er war ein Mensch. Sie
+hatten einer am andern einen Narren gefressen, Bruhn und Semper, ja,
+Meister Bruhn begegnete dem Jüngling mit einer Art von Verehrung, und
+zu dieser Verehrung war Asmus so billig wie nur möglich gekommen. Die
+Hochachtung des Lehrers gründete sich auf Asmussens Zuverlässigkeit
+und auf sein Wissen. Mit der Zuverlässigkeit hatte es folgende
+Bewandtnis.
+
+Alljährlich veranstalteten die Seminaristen mit hohem direktorialen
+Privilegio eine Konzert- und Theater-Aufführung, und vor dem Konzert
+hatte Meister Bruhn, der mit Johannes Brahms zusammen studiert und
+dessen Kompositionen Liszt und Rubinstein zu spielen für wert gefunden
+hatten, regelmäßig ein Lampenfieber von mindestens vierzig Grad. Er
+ordnete deshalb an, daß alle Mitspielenden zwei Stunden vor Beginn der
+Aufführung da sein möchten, damit er selbst alle Instrumente
+wiederholt durchstimmen könne. Man lächelte über diese Ängstlichkeit,
+auch Asmus lächelte; aber weil er den alten Herrn lieb hatte und ihn
+nicht ängstigen wollte, ging er rechtzeitig hin. Meister Bruhn lief
+schon erregt auf und ab und trocknete sich mit immer neuen
+Taschentüchern den Todesschweiß.
+
+»Nu seh’n Se, lieber Semper!« rief er, »die Uhr is sechs und Sie sind
+der Einz’che! Sie sind der einz’che Zuverläß’che von der kanzen
+Kesellschaft! Keben Se her die Cheiche.«
+
+Er fuhr mit dem Bogen darüber und sagte: »Nu ja, se stimmt. Aber das
+is immer so: die’s _nich_ nöt’ch haben, die kommen; aber die’s nöt’ch
+haben, die kommen _nich_.« Und er legte väterlich den Arm um Semper
+und sagte:
+
+»Mein lieber Semper, klauben Sie’s mir: darauf kommt’s an im Leben:
+auf Zuverläß’chkeit. Sie sind ä zuverläß’cher Mensch.«
+
+Das war also billig. Aber noch viel billiger war es, bei Bruhn in den
+Ruf der Gelehrsamkeit zu kommen, und da er in den Konferenzen
+natürlich vernommen hatte, daß Asmus Semper zu den Begabteren gehöre,
+so hielt er ihn für eine Art Casaubon oder Leibniz. Meister Bruhn
+pflegte, wenn er eine Frage stellte, gleich die schwierige Hälfte der
+Antwort selbst zu geben, etwa so:
+
+»Nun, Semper, welcher Ton muß also hier folchen? Gi – gi –?«
+
+»Gis«, antwortete Asmus, und dann rief Meister Bruhn: »Der weiß
+alles!«
+
+Diese Meinung teilte Asmus nun freilich nicht; aber doch ward es ihm
+wohl und warm bei Meister Bruhn und seinen Sonnabendstunden, die im
+Winter bis in das Dunkel des Abends hineinreichten.
+
+Dem »Musiksaale« gegenüber lag ein Haus mit einer
+Schneiderinnenstube, und die Seminaristen stellten sich gern ans
+Fenster, warfen schwärmende Blicke hinüber zu den Mädchen und strichen
+so gefühlvoll dazu die Saiten wie der Geiger von Gmünd vor dem
+Marienbilde. Und die fünf oder sechs Marien nickten so fleißig
+herüber, als hätten sie gern einen Schuh und mehr dahingegeben. Wenn
+Meister Bruhn das sah, dann lächelte er mild-ironisch und sagte:
+»Müller, sehn Se beim Spielen hierher; die nehmen doch lieber Keld als
+Muszik.« Und das ernüchterte.
+
+
+
+
+XXVIII. Kapitel.
+
+Ein Kapitel, in dem aber auch rein gar nichts geschieht und das der
+gewöhnliche Leser wütend überschlagen wird.
+
+
+Asmus Semper hatte nicht das Geringste gegen hübsche
+Schneidermamsellen; aber ob sie hübsch waren, eben das konnte er nicht
+feststellen, weil seine Augen für eine so große Entfernung nicht
+ausreichten. So schützte, wie es wohl öfter kommen mag, die
+Kurzsichtigkeit seine Tugend. Aber wenn er auch die Schneiderinnen
+deutlich hätte erkennen können, würde er wohl wenig nach ihnen
+ausgeschaut haben, weil es innerhalb des düsteren, kahlen Musiksaales
+weit Schöneres zu sehen gab. In diesem Musiksaal wurden alle
+Volkslieder gesungen und gegeigt, die je von deutschem Kindermund
+erklungen sind; denn was sie die Kinder lehren sollten, das mußten die
+künftigen Lehrer selber spielen und singen können. Wenn er diese
+Lieder hörte, stützte Asmus den Ellenbogen aufs Knie und den Kopf in
+die Hand und sah in einen dunklen Winkel des Saales, und seine
+kurzsichtigen Augen wurden fernsichtig.
+
+Da sah er hinein in jahrtausendtiefen Wald und hörte aus einem fernen
+Jahrhundert den dämmergrünen Grund herauf ein fröhliches Blasen:
+
+ Ein Jäger aus Kurpfalz,
+ Der reitet durch den grünen Wald,
+ Er schießt das Wild daher,
+ Gleichwie es ihm gefallt.
+ Ju ja, Ju ja
+ gar lustig ist die Jägerei
+ Allhier auf grüner Heid’.
+
+Aber das zweite »Ju ja« hallte leise aus wunderbaren Fernen her.
+
+Und langsam schritt er tiefer in den Wald hinein, dorthin, wo im
+ewigen Dunkel zwischen Moos und Stein ein Waldelf sitzt und seit
+hunderttausend Jahren in die Quelle starrt, um ihr Geheimnis zu
+ergründen. Und Asmus neigte das Ohr und horchte dem murmelnden
+Selbstgespräch der Quelle, und immer war’s ihm, nun müßt’ er’s gleich
+verstehen, und verstand es doch nie. Und wie er noch lauschte, winkte
+ihm aus tauigem Dunkel ein purpurner Schein.
+
+ Ein Männlein steht im Walde
+ Ganz still und stumm,
+ Es hat von lauter Purpur
+ Ein Mäntlein um.
+
+Das Lied hatte ihn sogleich angelacht wie ein rotwangiger Apfel, da
+er’s in früher Kindheit zum ersten Male gehört. Nun aber strahlte
+durch die braunen Stämme ein goldener Glanz; er ging darauf zu und
+wußte nicht: ist es goldene Sonne, oder goldenes Korn? Und als er am
+Feldrain stand, war es goldenes Korn in goldener Sonne.
+
+ Horch, wie schallt’s dorten so lieblich hervor!
+ Fürchte Gott!
+ Fürchte Gott!
+ Ruft mir die Wachtel ins Ohr.
+ Sitzend im Grünen, von Halmen umhüllt,
+ Mahnt sie den Horcher am Saatengefild:
+ Liebe Gott!
+ Liebe Gott!
+ Er ist so gütig und mild!
+
+Die Hitze hatte drohende Wolken gebraut, und die fernsten Ähren
+standen schon in graublauer Luft.
+
+ Schreckt dich im Wetter der Herr der Natur:
+ Bitte Gott!
+ Bitte Gott!
+ Und er verschonet die Flur.
+ Machen die künftigen Tage dir bang,
+ Tröste dich wieder der Wachtel Gesang:
+ Traue Gott!
+ Traue Gott!
+ Deutet ihr lieblicher Klang.
+
+Was war das für eine Zeit gewesen, da die Menschen mit solchen
+Empfindungen durch die Felder gingen? Lichte Zeit? Dunkle Zeit? Eine
+heimelnde Zeit gewiß. War sie je gewesen? Würde sie jemals sein? Er
+grübelte nach, da klang aus dem verlassenen Walde her ein zauberischer
+Schall.
+
+ Wie lieblich schallt
+ Durch Busch und Wald
+ Des Waldhorns süßer Klang!
+ Der Widerhall
+ Im Eichental
+ Hallt’s nach so lang – so lang!
+
+Ja, wahrlich, – himmelsfern und himmelsleise klang der Widerhall aus
+einem Tal, das seine Augen nicht sahen – das keine Augen jemals sehen.
+Lange, lange klang der Widerhall, bis in die Abendröte hinein, in
+deren Glut er sich verlor.
+
+ Goldne Abendsonne,
+ Wie bist du so schön!
+ Nie kann ohne Wonne
+ Deinen Glanz ich seh’n.
+
+ Schon in früher Jugend
+ Sah ich gern nach dir,
+ Und der Trieb zur Tugend
+ Glühte mehr in mir.
+
+Das hatten wohl schon die Urgroßeltern gesungen, und doch war es noch
+immer so: unendlich groß und unendlich gut müßte ein Herz sein, um
+solcher heiligen Schönheit wert zu sein! Und es möchte groß sein, das
+Herz, groß wie der Glanz der Abendsonne, und es schwillt auf und
+drängt und tut weh. Da ist es fast Erlösung, ist es Friede, wenn sie
+sinkt und graue Dämmerung aus den Feldern steigt.
+
+ Willkommen, o seliger Abend
+ Dem Herzen, das froh dich genießt!
+ Du bist so erquickend, so labend,
+ Drum sei uns recht herzlich gegrüßt!
+
+Das Lied kam aus jener Zeit, da es noch einen Abend gab und die
+Menschen am Tagesende sich fanden in Ruhe, Sammlung und Genügen.
+Damals war der Mond noch ein Hausfreund der Menschen, der sich zu
+ihnen gesellte, wenn sie am Abend plaudernd vor der Tür ihrer Hütte
+saßen.
+
+ Guter Mond, du gehst so stille
+ Durch die Abendwolken hin,
+ Labest nach des Tages Schwüle
+ Durch dein freundlich Licht den Sinn.
+
+ Leuchte freundlich jedem Müden
+ In das stille Kämmerlein!
+ Und dein Schimmer gieße Frieden
+ Ins bedrängte Herz hinein!
+
+Damals waren überall noch Wiesen, wo jetzt Häuser stehen; auf allen
+Wiesen gingen weidende Herden, und auch der Mond war ein Schäfer. Das
+war, als die Mütter noch sangen.
+
+ Wer hat die schönsten Schäfchen?
+ Die hat der goldne Mond,
+ Der hinter unsern Bäumen, Bäumen,
+ Am Himmel droben wohnt.
+
+Und bei dem »Bäumen-Bäumen« hörte Asmus eine Wiege gehn und sah er ein
+Händchen nach den Schäflein des Mondes greifen. Das Kind tastete noch
+auf dem Deckkissen nach den Schäflein, als es schon schlief, und die
+Leute traten fröstelnd ins Haus zurück, und es war Nacht. Asmus stand
+wieder allein und schaute über Felder und Äcker hinaus nach anderen
+Äckern, wo ihm Freund und Bruder lagen.
+
+ Ein getreues Herze wissen
+ Hat des höchsten Schatzes Preis;
+ Der ist selig zu begrüßen,
+ Der ein solches Kleinod weiß.
+ Mir ist wohl bei höchstem Schmerz;
+ Denn ich weiß ein treues Herz.
+
+Wußte er solch ein Herz? Er hatte Eltern und Geschwister; aber das war
+angeborener Besitz, kein erworbener. Ein Mensch muß ein erworbenes
+Herz wissen, sonst ist er dennoch einsam. Eines hatte er gewußt; aber
+das war tot. Gewiß: es waren ihm manche Herzen freundlich gesinnt;
+aber:
+
+ Ein getreues Herz hilft streiten
+ Wider alles, was ist feind.
+
+solch ein Herz war nicht darunter. Ja, wenn die schlanke, braune Hilde
+Chavonne – – ach, die stand hoch über menschlichen Wünschen. Da hörte
+er hinter einer Wand von dreizehn Jahren eine holde Jugendweise:
+
+ Der beste Freund ist in dem Himmel,
+ Auf Erden sind nicht Freunde viel,
+ Und in dem falschen Weltgetümmel
+ Ist Redlichkeit oft auf dem Spiel.
+ Drum hab’ ich’s immer so gemeint:
+ Im Himmel ist der beste Freund.
+
+Er sah die Dorfschule, in der er gesessen, sah seinen ersten Lehrer,
+wie er die Geige unter den braunen Bart schob, sah sich selbst als
+siebenjährigen Knaben, wie er das Lied sang und dabei mit staunenden
+Augen auf die Geige wie auf ein Wunder starrte. Was das Lied
+versicherte, glaubte er ja nicht. Er glaubte, daß es auf dieser Erde
+nie Größeres und Schöneres gegeben habe als Jesus von Nazareth; aber
+er glaubte nicht an seine Göttlichkeit; er glaubte überhaupt an keinen
+»Freund im Himmel«. Aber an dies Lied glaubte er und an den Glauben
+seines Sängers. Denn einen ebensolchen Glauben hatte er ja selbst,
+nicht denselben Glauben, aber einen ebensolchen. Und er hatte den
+Freund, den besten Freund: nicht Jesus hieß er – er hatte keinen Namen
+– nicht im Himmel war er – er war überall. Er sehnte sich nach einem
+menschlichen Freunde; aber den großen, übermenschlichen Freund hatte
+er längst, hatte er immer. Wer hätte ihn sonst ermuntert und erquickt
+in seinen Kämpfen, ihm über die Schulter so freundlich zugeflüstert in
+seinen Mühen und Sorgen: »Halt aus, du siegst!?« Dies treue Lied hatte
+grüne Tage seiner Kindheit umklungen, darum war es ihm ewig verknüpft
+mit allem Frühen und Morgendlichen, mit allem Keimen und Hoffen.
+
+ »Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele –«
+
+wie dem lebenssatten Faust, so hätte ihm dieses Lied den Todesbecher
+mit Gewalt vom Munde gezogen.
+
+ »Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!«
+
+so rief auch Faust, – aber doch zog ihn das Lied vom Tod ins Leben
+zurück.
+
+Und die Nacht, die Asmus umgeben hatte, bei diesem Lied aus
+Morgentagen hatte sie sich im Osten leise gelichtet. Und er sah, wie
+das weite Feld, in dem er noch immer stand, ein wundersames Leben
+erfüllte: er sah – undeutlich – menschliche Gestalten wie Nebelriesen
+um düstre Lagerfeuer liegen und stehen, hörte Stampfen und Klirren und
+sah Pferde den weißen Hauch in die Kühle des Herbstmorgens schnauben,
+und von einem fernen Lagerfeuer her hörte er ein Lied wie Sieges- und
+Todesgewißheit: Ein Morgen des Sieges wird kommen; aber wir werden
+ihn nicht mehr sehen.
+
+ Erhebt euch von der Erde,
+ Ihr Schläfer, aus der Ruh!
+ Schon wiehern uns die Pferde
+ Den guten Morgen zu.
+ Die lieben Waffen glänzen
+ So hell im Morgenrot;
+ Man träumt von Siegeskränzen,
+ Man denkt auch an den Tod. – –
+
+ Ein Morgen soll noch kommen,
+ Ein Morgen mild und klar;
+ Sein harren alle Frommen,
+ Ihn schaut der Engel Schar.
+ Bald scheint er sonder Hülle
+ Auf jeden deutschen Mann:
+ O brich, du Tag der Fülle,
+ Du Freiheitstag, brich an!
+
+Diese Zeit des deutschen Leides, wie groß, wie heilig und rein mußte
+sie gewesen sein! Und als nun von einem Lagerfeuer die Stimme Meister
+Bruhns erklang:
+
+»Nun, Semper, was wollen Sie uns denn heute vorspielen?« da schnellte
+Asmus hoch, schob die Geige unters Kinn und strich die Saiten mit
+Wucht und Sturm:
+
+ Freiheit, die ich meine,
+ Die mein Herz erfüllt,
+ Komm mit deinem Scheine,
+ Süßes Engelsbild!
+
+ Magst du nie dich zeigen
+ Der bedrängten Welt?
+ Führest deinen Reigen
+ Nur am Sternenzelt?
+
+Asmus Semper betete. Er wollte die Freiheit vom Himmel herabbeten:
+aber er dachte unter Freiheit nicht nur die Erlösung von fremden und
+heimischen Tyrannen, von Pfaffen und Geldsäcken; er dachte unter
+Freiheit alles Große und Herrliche, das sehnenden Menschenseelen in
+künftigen Welten aufgehoben ist für jenen Tag, der kommen wird. Sein
+Geigenspiel war ein Gebet aus bebendem, glühendem Herzen, und jener
+Lederhändler, der die bei Tische nicht betenden Mitmenschen zu den
+»Öchslein und Eselein« stellte, würde seltsame Augen gemacht haben,
+wenn er in diesem Augenblick in das semperische Herz geblickt hätte.
+
+Im deutschen Liede sah er das deutsche Land. Er hatte ja mit
+leiblichen Augen nichts davon gesehen als seine engere Heimat; aber –
+o, was für ein Land mußte das sein! Jahre, bevor er nach Amerika ging,
+war sein Bruder Johannes durch Deutschland und die Schweiz gewandert,
+hatte Briefe und Bilder von Burgen und Bergen und Trauben vom Rhein
+geschickt; aber das Schönste, was er dann mit nach Hause gebracht, war
+ein Lied gewesen, das Asmus damals noch nicht kannte.
+
+ An der Saale hellem Strande
+ Stehen Burgen stolz und kühn.
+ Ihre Dächer sind zerfallen,
+ Und der Wind streicht durch die Hallen;
+ Wolken ziehen drüber hin.
+
+Auch dieses Lied spielte Asmus; denn er hörte alles darin, was der
+Deutsche ist oder was er von Herzen gern sein möchte: tapfer und mild,
+erfindungsreich und träumerisch, zärtlich und gedankenvoll. Dies Lied
+kam aus einem Land voll großer Geschichte und tiefsinniger Sage, aus
+einem Land der singenden Wälder und klingenden Ströme. Daß man solch
+ein Land liebte – nicht, wie Mutter oder Bruder, nicht wie ein Mädchen
+– nein, mit einer Liebe, die es nur einmal gibt, die seltsam und ganz
+eigen ist – das war ja selbstverständlich. Daß man für ein Land, dem
+solche Lieder entblühen, freudig sterben kann, das war ihm
+selbstverständlich.
+
+Gewiß waren andere Länder ebenso schön oder schöner; aber ein zweites
+Deutschland gab es dennoch nicht. Gewiß hatte kein Land solche
+Weihnachtslieder wie Deutschland. Da war ein Lied, das war klein und
+groß, wie eine deutsche Hütte, darin eine Mutter mit ihrem Kinde
+liegt. Da kommen die Töne behutsam herein auf leisesten Sohlen und
+knien wie Kinder vor der Wiege in stumm zitternder Seligkeit, und
+halten den Atem, halten den Schlag des Herzens an, das zerspringen
+will vor heiliger Erwartung, weil es das Kindlein sehen soll!
+
+ Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all,
+ Zur Krippe her kommet in Betlehems Stall
+ Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
+ Der Vater im Himmel für Freude euch macht!
+
+»Das ist doch eigentlich ein ziemlich triviales Lied,« meinte der
+Seminarist Gärtner.
+
+»Mein lieber Kärtner,« versetzte Meister Bruhn mit seinem
+mild-ironischen Lächeln, »mein lieber Kärtner, wenn ich das Lied
+k’macht hätte, denn kuckt’ ich Sie karnicht an!«
+
+»Das ist das feinste, lieblichste Weihnachtslied, das ich kenne!« rief
+Asmus begeistert.
+
+»Ja, ja, mein lieber Semper, awer solche Sachen macht man heutz’tache
+nich mehr.«
+
+»Warum nicht?« forschte Asmus begierig.
+
+»Weil man den Klauben haben muß, um so was machen zu können; die
+jetz’che Zeit hat awer keinen Klauben mehr.«
+
+»O!« machte Semper.
+
+»Ja ja, lieber Freund, Se können’s mir klauben. In einer Zeit, wo
+David Friedrich Strauß herrscht, da macht man solche Lieder nich.«
+
+»Haben Sie Strauß gelesen?« rief Asmus.
+
+»Nee, nee!« rief Bruhn ängstlich und flüchtete sich in die Musik,
+indem er auf dem »Klafier« zu präludieren begann.
+
+»Ja, David Strauß ist mein Mann!« rief Asmus.
+
+Bruhn sah ihn erschrocken von der Seite an und präludierte
+ängstlicher.
+
+»Aber darum hab’ ich doch all diese herrlichen Lieder gern, auch die
+frommen, die wunderschönen Choräle, z. B. »Befiehl du deine Wege« und
+»Ein feste Burg« und »Wachet auf, ruft uns die Stimme« und »In allen
+meinen Taten« und »Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’«. Er hätte noch
+lange fortfahren können; aber Bruhn starrte ihn immer hilfloser an und
+spielte jetzt bereits #forte#. Aber dann brach er ab.
+
+»Nee, lieber Semper, es ist so,« sprach er, »wenn der kalte,
+mathemat’sche Verstand dazukommt, denn is es mit’m Klauben und mit der
+Kunst vorbei.«
+
+»Das wäre ja schrecklich!« rief Asmus. »Aber es ist ja gar nicht so!
+Der Verstand ist ja gar nicht kalt! Und die Mathematik ebensowenig!«
+Er mußte an die Stunden denken, da er zu Hause über mathematischen
+Aufgaben gesessen hatte. Aufgesprungen war er oft, durchs Zimmer war
+er getanzt und den Fensterpfosten hatte er umarmt, so wohl und warm
+war ihm gewesen. Eine warme, fröhliche Sonnenklarheit war um ihn her
+gewesen!
+
+Er wurde immer eifriger, und er suchte nach Worten; denn was er
+meinte, war schwer zu sagen. Plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke.
+
+»Das ist, wie ich es mal in einem Theater gesehen habe!« rief er. »Da
+gingen immer neue Vorhänge hoch, immer einer nach dem andern, und es
+wurde immer heller, und jedesmal bekam man Neues zu sehen, und das
+Neue bildete mit dem Alten zusammen immer schönere Bilder. Nur daß es
+auf dem Theater ein Ende hatte; in der Welt hat es kein Ende.«
+
+Bruhn, der sich inzwischen wieder in ein #forte fortissimo#
+hineingespielt hatte, brach wiederum ab und sah den Jüngling lange mit
+forschenden Blicken an. Dann sagte er: »Nu’ ja, es mag ja sein – aber
+nu müssen wir weiter.« Und der Unterricht nahm seinen Fortgang.
+
+Auf dem ganzen Heimweg verließ ihn das Problem nicht. Das hatte er nun
+so oft gehört: ein ungehemmter, schrankenloser Gebrauch des Verstandes
+vernichte die Blüten des Herzens. Und immer hatte ihn diese Behauptung
+gequält, geschmerzt, geärgert, ja erzürnt; denn er hatte das Gegenteil
+erfahren. Je mehr sich sein Wissen und sein Gedankenkreis erweitert
+hatten, ein desto heißeres Glühen hatte sich in seiner Brust
+entzündet. Wie, weil man alte Irrtümer und alte Dogmen überwand und
+abtat, deshalb sollte das Herz veröden? Nein, und tausendmal nein!
+Gedanken können Gedanken töten, niemals aber unsterbliche Lieder und
+Gestalten. Und selbst wenn die Lieder und Träume vergangener Zeiten
+erfrieren müßten in der kalten Gipfelluft verwegenster Gedanken, das
+Herz wird immer wieder blühen, sonst wär’ es kein Herz. Aber sie
+erfrieren nicht, die alten Blüten und Früchte! Wie innig liebte er
+diese alten, frommen Lieder mit ihrer lieblichen Einfalt, ihrem
+rührenden Vertrauen, ihrem seligen Frieden. Warum sollte er sie nicht
+lieben? Der Glaube vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte war so
+schön und so köstlich wie aller Glaube kommender Zeiten, weil er
+Glaube war. Warum sollte er ihn nicht lieben?
+
+Durch ein anderes Erlebnis sollte seine Überzeugung bald darauf eine
+tiefe Befestigung erfahren.
+
+
+
+
+XXIX. Kapitel.
+
+Asmus hört eine feierliche Messe und zieht mit den Juden durch die
+Wüste, und Rebekka Semper hält Kant für überflüssig.
+
+
+Doch im letzten Seminarjahr bekam Asmus einen anderen Direktor;
+#Dr.# Korn war zum Schulrat ernannt worden – »ich habe mich nie um ein
+Amt beworben,« konnte er mit Stolz in seiner Abschiedsrede sagen – und
+an seine Stelle war Herr Murow getreten, ein breiter, hünenhafter Mann
+und liberaler Theologe, der in seiner Antrittsrede seine Heimat sehr
+deutlich verriet, als er erklärte, daß »das Wark des Lahrers nur
+jäde–ihen könne, wenn das Harz dabei wäre.«
+
+Murow und Semper waren nach wenigen Wochen Freunde, und eines Morgens
+winkte der Direktor den Jüngling mit heimlichem Lächeln auf die Seite.
+
+»Hier hab’ ich ’n Konzartbillet – #Missa solemnis# von Cherubini –
+sahr jute Musik – haben Sie Lust?« Und er reichte ihm die Karte hin.
+
+Ob Asmus Lust hatte! Er wußte gar nicht, was er sagen sollte, und
+stammelte etwas hervor, was ein Dank sein sollte.
+
+Am Abend saß er in der Petrikirche in Hamburg, auf einem Platze, wo er
+weder Sänger, noch Orgel, noch Orchester sehen konnte. Das war’s, was
+er brauchte. Denn seine Musik kam von andern Orten her, als dorther,
+wo sie erzeugt wurde. Sein Theater und sein Konzert war immer noch
+anderswo als auf der Bühne und auf dem Podium – über einem Baumwipfel
+des Hintergrundes, in einem Winkel des Saales, im Lichtkreis einer
+einsamen Lampe sah er weit hinter dem Geschehen der Bühne, hörte er
+hoch über den Klängen der Musik Erlebtes und – nie Erlebtes, fühlte er
+ein Leben – ach, das man nur in solchen Stunden erleben kann, das man
+nie in Wirklichkeit erleben wird. Wo, in welchen nie geahnten Kammern
+seiner Seele hatten diese Bilder geschlummert, die für Sekunden
+erwachten und dann verschwanden, um niemals wieder zu erscheinen?
+Waren es Erinnerungen aus einem vergangenen Leben – Ahnungen eines
+künftigen Seins? War es das Unentwickelte, Unerwachte, das in der Welt
+ist und das aus dem Traume sprach? .....
+
+Und es kam ein Orgelbrausen und ein Frauengesang, der ging über alle
+Winkel und Lichter der Kirchenhalle hinaus, das war ein Strom, für den
+die Gewölbe des Hauses zu niedrig waren; wie ein ungeheurer
+Flammenstrom fuhr er durch alle Schranken von Stein und Erz hinauf in
+den unendlichen Himmel. Da betete Asmus Semper abermals. Er betete,
+daß er einst, wenn er wirklich ein Dichter werde, eine Dichtung
+schaffen wolle, deren Held ein König des Verstandes sein solle. Vor
+der klaren Schärfe seines Verstandes sollte verjährter Wahn und Glaube
+zergehen wie Nebel vor der Sonne. Und die Menge sollte ihn hassen,
+verfolgen, ihn steinigen, weil er ihre Welt entgöttert habe. Und das
+würde das tragische Schicksal dieses Zertrümmerers sein: die andern
+würden nicht wissen, nicht ahnen, daß er ein Mensch war, der beim
+Klingen einer Quelle lachen und weinen konnte, daß seine Brust ein Dom
+war, der von tausend Orgel- und Engelstimmen klang und hinter dessen
+bunten Fenstern alle süßen Farben und alle heiligen Dämmerungen des
+Lebens wohnten; niemand sollte es verstehen, daß er das zarteste Herz
+von allen besaß.
+
+Als Asmus unter einem klaren, sternenreichen Winterhimmel nach Hause
+ging, war er sich klar darüber, daß es nichts sei mit Meister Bruhns
+Anschauungen über Verstand und Gemüt. Aber trotz dieser und noch weit
+größer Meinungsverschiedenheiten schauten sie einander doch mit
+Freundschaft und Liebe in die Augen an jenen wahren Sonnabenden, da
+die Sonne des Abends aufs Klavier schien und der Meister zu Asmussens
+Geige die Begleitung spielte oder – die strenge Pflicht auf eine Weile
+vergessend – ganz von selbst in einen Beethoven oder Bach überging.
+
+Der Weg nach Hause führte Asmus regelmäßig durch einen Stadtteil, der
+stark, wenn nicht vorwiegend von Juden bewohnt war, und wenn er nun
+von den sonnabendlichen Feierstunden bei Meister Bruhn heimkehrte,
+paßte es immer sonderlich gut zu seiner Stimmung, wenn ihm die Juden
+in Festtagskleidung begegneten und in ihrem Gang und ihren Mienen den
+Sabbath erkennen ließen. Er fand es schön, den Feiertag am Abend zu
+beginnen mit dem Blick in ein heiliges »Morgen«; auch sein Sonntag
+begann immer am Samstagabend, begann oft schon in der Musikstunde,
+wenn er deutsche Lieder hörte, begann manchmal schon mit der Vorfreude
+auf diese Stunde. Aber nicht fand er es schön, wie es die Juden taten,
+den Feiertag auch am Abend mit Sonnenuntergang zu beschließen. Er
+wenigstens konnte aus den heiligen Geheimnissen des Sabbats nicht
+zurückfinden in den Alltag, wenn nicht ein langer, tiefer Schlaf
+dazwischen lag. Immer und immer riefen ihm diese festlich gekleideten
+Juden die Kindheit zurück, die unvergeßliche Zeit, da er mitten im
+verschneiten Winter das sonnige Land Abrahams gesehen und mit Elieser
+um Rebekka geworben hatte, am Brunnen der Stadt Nahors. Wenn er sie
+aber gar am Laubhüttenfest mit dem Paradiesapfel und mit Myrten,
+Palmen und Weiden nach der Synagoge wandeln sah, dann verwandelte
+sich der Weg nach Oldensund in die vierzigjährige Wüstenwanderung vom
+bitteren Wasser zu Mara und der Oase Elim bis zu dem Tage, da Jericho
+fiel unterm Hall der Posaunen, dann sah er die ährensammelnde Ruth auf
+dem Acker des Boas und sah die Harfe Israels hangen an den Weiden
+Babylons.
+
+Schön wie die Kindheit war nun nach allen Sorgen und Kämpfen die Zeit
+des Seminarbesuchs geworden, als sie sich ihrem Ende zuneigte. Ludwig
+Sempers Verdienst hatte sich ein wenig erhöht; Asmussens Stipendium
+war auf zweihundertundvierzig Mark im Jahre gestiegen; ein paar gute
+Privatstunden taten ein übriges, eine Zeitschrift hatte ein paar
+Gedichte von Asmus Semper angenommen, und aus Amerika kamen gute
+Nachrichten.
+
+Aber unter alledem war noch nicht das Beste. Das, was die ganze Welt
+so heilig und schön machte, war das Studium. Nicht das Studium fürs
+Seminar; bei dem war immer noch nicht viel Freude zu holen. Nein, das
+Studium, das niemand von ihm verlangte als er selbst. Und darum war
+der Sonnabend so unaussprechlich schön, weil er nun den ganzen Sonntag
+über studieren konnte, was er wollte. Freilich hatte Frau Rebekka ihre
+Bedenken. Das Examen nahte wieder heran, und ob Kant und Spinoza und
+Gedichtemachen und Hamletdeklamieren dazu nötig sei, darüber hegte sie
+schüchterne Zweifel. Sie gab diesen Zweifeln auch Ausdruck und
+meinte, ob er sich nicht zu sehr zersplittere.
+
+»Ich hab’ da neulich in so’n Buch von Kant hineingeguckt, – das ist
+ja’n fürchterlicher Schnack; daraus wird ja kein Deubel klug.«
+
+»Ja, mitunter ist es sehr schwer,« sagte Asmus.
+
+»Ja, ist denn das notwendig, daß du das lernst?«
+
+»Ja, Mutter, das ist sehr notwendig.«
+
+»Wenigstens solltest du das Dichten aufschieben, bis du mehr Zeit
+hast, das strengt dich doch auch an.«
+
+»Na ja, wenn es mich anstrengt, werd ich es aufgeben«, versicherte
+Asmus und lächelte nach innen.
+
+
+
+
+XXX. Kapitel.
+
+Das unlesbarste Kapitel des ganzen Buches: Asmus prügelt sich mit
+Kant und Spinoza und verrenkt sich mehrere Hüften.
+
+
+»Jung, du verschmierst ja all die schönen Bücher!« rief Frau Rebekka
+eines anderen Tages erschrocken, als sie ihm über die Schulter in die
+»Kritik der reinen Vernunft« hineinblickte.
+
+Ja, das tat er freilich. Wenn er ein Buch wirklich las, so
+durchackerte er es mit dem Bleistift und warf jede Scholle herum und
+erquickte sich an dem frischen Ackerduft, der dann emporstieg; alle
+Bedenken, alle Zweifel, alle Widersprüche, die ihm aufstiegen, schrieb
+er an den Rand, und das gab einen wunderlichen Buchschmuck. Gar oft
+ging es ihm wie seinem geliebten Faust:
+
+ »Hier stock ich schon und kann nicht weiter fort;
+ Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
+ Ich muß es anders übersetzen,
+ Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin ...«
+
+und das war immer der schlimmste Zweifel: ob er vom Geiste _recht_
+erleuchtet war. Er balgte sich mit dem dürren Königsberger Männchen
+wie wahnsinnig; aber er wußte wohl, daß er mit einem Gottessohne rang
+wie Jakob an der Stätte Pniel, und daß man sich dabei die Hüfte
+verrenken konnte. Er verrenkte sie sich mehr als einmal und mußte
+manchmal einsehen, daß er nur deshalb widersprochen hatte, weil er
+nicht richtig verstanden hatte; das beschämte ihn wohl, aber hielt ihn
+von immer erneutem Ringen nicht ab. Nichts lag ihm ferner als
+Überhebung; seine Pietät gegen das Genie war eher zu groß als zu
+klein, und selbst solche Sätze wie:
+
+ »Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegenprobe der
+ Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer
+ Vernunfterkenntnis #a priori#«
+
+konnten in ihm nicht den Verdacht erwecken, daß es dem
+»Alleszermalmer« denn doch wohl hin und wieder recht sehr an der
+Fähigkeit gemangelt habe, seine Gedanken gut und klar zum Ausdruck zu
+bringen. Es war einige Jahre später, daß er bei Schopenhauer an den
+Rand schrieb: Ach, hätte doch der Kant so schreiben können wie der
+Schopenhauer! Selbst, wo er für den Augenblick das sichere Gefühl
+hatte, gegen Kant oder Spinoza im Recht zu sein, zweifelte er nicht,
+daß ein späterer Tag ihm die Einsicht seines Irrtums bringen werde.
+Einstweilen war er überzeugt – und er blieb es auch später – daß der
+Monismus Spinozas kein Monismus sei; der Parallelismus von Bewegungs-
+und Bewußtseinsvorgängen war nur ein umschriebener Dualismus. Denn
+warum und wozu war diese Maschine »Mensch« so gebaut, daß ihr derselbe
+Vorgang als »Ausdehnung« und »Denken« erschien? Der Dualismus war in
+den Menschen verlegt – das war alles. Und Körper und Seele aus der
+Welt schaffen, indem man sie einfach als Attribute _einer_ Substanz
+auffasste – was war damit getan? Das Verfahren konnte man bei jedem
+unbequemen Gegensatze anwenden, und die »Substanz« war wie »das Ding
+an sich« ein Nichts, aus dem man alles machen konnte.
+
+Sein Denken wurzelte fest im Empirischen, und so gern seine Seele ihr
+Haupt in transzendenten Lüften wiegte – ihren Boden wollte sie nicht
+ohne Not verlassen. So hatte er die Ideenlehre Platos wunderschön
+gefunden; aber sogleich hatte er sich gesagt: das ist Dichtung, ist
+Glaube, nicht Erkennen.
+
+Gegen den strengen Gedanken von der Notwendigkeit alles Geschehens,
+dem der Mann sich unterwarf, lehnte der Jüngling sich auf. Sein die
+Arme reckender und streckender Wille verlangte nach Willensfreiheit,
+und doch schien ihm die transzendentale Willensfreiheit Kants nur eine
+Ausflucht. Gegen diesen Immanuel Kant, dessen Leben er mehr bewunderte
+als liebte, hatte er noch gar manches auf dem Herzen.
+
+Da stand:
+
+ »daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist
+ gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen
+ sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch
+ Gegenstände, die unsere Sinne assizieren ...«
+
+und an anderer Stelle hieß es:
+
+ »Daß es nun dergleichen notwendige und im strengsten Sinne
+ allgemeine, mithin reine Urteile a priori im menschlichen
+ Erkenntnis wirklich gebe, ist leicht zu zeigen ...«
+
+und wiederum:
+
+ »Von den Erkenntnissen #a priori# heißen aber diejenigen rein,
+ denen gar nichts Empirisches beigemischt ist ...«
+
+War das nicht unreimbarer Widerspruch? Und wenn es dann gar hieß:
+
+ »So ist z. B. der Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache,
+ ein Satz a priori, allein nicht rein, weil Veränderung ein
+ Begriff ist, der nur aus der Erfahrung gezogen werden kann«.
+
+Was sollte man dazu sagen? Der Begriff der Ursache war entweder genau
+so gut aus der Erfahrung gezogen wie der der Veränderung oder sie
+waren beide gleich »rein«. Unzweifelhaft hatten sie aber beide
+»empirische Beimischung«. Und was sollte es heißen, wenn nun Kant als
+ein Beispiel für »dergleichen notwendige und im strengsten Sinne
+allgemeine, mithin reine Urteile #a priori#« die Mathematik aufführte?
+Die Mathematik war doch menschlich konstruierte Realität, nicht von
+der Natur gegeben, wie Kant in der Einleitung an dem »ersten
+Demonstrator des gleichschenkligen Dreiecks« selbst zugegeben hatte.
+So waren die Sätze der Mathematik zwar allgemein und notwendig (daß
+das zweierlei sei, wollte Sempern auch nicht in den Sinn); aber sie
+waren auch für die Erkenntnis des Weltwesens vollkommen wertlos, wenn
+man sich nicht zu den Pythagoreern gesellte. Und was sollte man
+endlich gar dazu sagen, wenn Kant, ganz im Widerspruch zu dem
+Vorhergehenden, fortfuhr:
+
+ »will man ein Beispiel aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, so
+ kann der Satz, daß alle Veränderung eine Ursache haben müsse,
+ dazu dienen ...«
+
+und dann gegen Hume polemisierte, der diesen Satz
+
+ »von einer öfteren Beigesellung dessen, was geschieht, mit dem,
+ was vorhergeht, und einer daraus entspringenden Gewohnheit,
+ Vorstellungen zu verknüpfen, ableiten wollte.«
+
+Asmus hielt es ganz entschieden mit Hume und war der Überzeugung, daß
+jedes Naturgesetz der empirischen Wissenschaften genau so »allgemein
+und notwendig, mithin rein #a priori#« oder genau so bloß komparativ
+allgemein und #a posteriori# sei wie der Satz von der Veränderung und
+ihrer Ursache.
+
+Ach, schon diese Einteilung der Urteile in analytische und
+synthetische! Asmussens Bleistift wurde temperamentvoll und machte
+schwungvolle Fragezeichen und wuchtige Ausrufungszeichen! Warum sollte
+denn das Urteil »Alle Körper sind ausgedehnt« analytisch und dagegen
+das andere »Alle Körper sind schwer« synthetisch sein? Das Merkmal der
+Schwere war doch für den Körper genau so wesentlich wie das der
+Ausdehnung und war also genau so gut wie dieses im Begriff des Körpers
+schon gegeben! Wieso bedurfte es da der Synthese? Und gesetzt: man
+entdeckte ein wesentliches Merkmal eines Begriffes, das man bisher
+nicht gekannt hatte, so konnte man im Augenblick der Entdeckung
+allenfalls von einer »Synthese« sprechen und konnte das neue Urteil
+ein synthetisches nennen; aber sobald man wußte, daß das neue Merkmal
+zum Wesen des Begriffes gehöre, war es doch auch mit diesem Begriff
+gegeben, und das Urteil war so »analytisch« wie irgend ein anderes. O,
+wenn Asmus damals gewußt hätte, daß auch andere Leute, und zwar höchst
+gelehrte und gescheite Männer diese Unterscheidung für verworren und
+zwecklos hielten! So aber sagte er sich: »Daß Kant so unklar gedacht
+habe, ist ausgeschlossen; also tappe ich im Dunkeln, also ist mit
+dieser Unterscheidung noch etwas andres gemeint, das ich nicht
+verstehe« – und das setzte ihm zu mit harter Pein.
+
+Und endlich dieses berühmte »Ding an sich«. Man könne es nicht
+erkennen, hieß es. Aber es »affizierte« uns durch Erscheinungen, stand
+also in Beziehung zu uns, machte uns Mitteilungen! Wozu machte es uns
+diese Mitteilungen? Nur um uns zu foppen? Dann war freilich alles
+Denken und Leben Unfug. Oder verrieten uns diese Mitteilungen, wie es
+jede Mitteilung tut, etwas vom Wesen des Mitteilenden? Doch wohl; Kant
+verwahrte sich ja auch selbst dagegen, daß man die »Erscheinung« als
+»Schein« verstehe. Warum nun affizierte uns das Ding an sich so, wie
+es uns affiziert, und nicht anders. Es mußte zu seinem Wesen gehören,
+uns so zu affizieren und nicht anders. Dann aber _wußten_ wir etwas
+von seinem Wesen, und wenn wir _etwas_ wußten, warum sollten wir dann
+nicht mehr wissen können? »Hier ist ein Wirbel«, sagte sich Asmus.
+Sein Bleistift fragte in aller Bescheidenheit: Was nötigt uns, hinter
+der »schönen grünen Weide« der Erscheinungen ein unerkennbares Ding an
+sich anzunehmen, und wer hat etwas von diesem Ding an sich? Die
+Beschränktheit menschlicher Erkenntnis leuchtet auch so ein. Daß wir
+nicht Zentrum der Welt sind, daß der Mensch, der kleine Fußsoldat,
+unmöglich den Plan kennen kann, nach dem der »Herr der Heerscharen«
+die Weltenschlacht schlagen läßt, – das wissen wir seit Kopernikus
+auch so. Also warum soll der Pfahl, an dem ich mir die Nase blutig
+stoße, durchaus Erscheinung und nicht Ding an sich sein? Und warum
+setzen wir diese Skepsis nicht ins Grenzenlose fort? Es setzte Sempern
+in großes Erstaunen, als er las:
+
+ »Was es für eine Bewandtnis mit den Gegenständen an sich ...
+ haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts als
+ unsere Art, sie wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch
+ nicht notwendig jedem Wesen, _obzwar jedem Menschen_ zukommen
+ muß.«
+
+Das »obzwar jedem Menschen« war es, was ihn in Staunen versetzte.
+
+»Wirklich?« schrieb er an den Rand. »Könnte der Welturheber den Spaß
+dieses Sommernachtstraumes nicht noch weiter ausgedehnt haben und die
+Menschen Verschiedenes wahrnehmen lassen, wenn sie dasselbe nennen,
+und Verschiedenes nennen lassen, wenn sie dasselbe wahrnehmen?« Und er
+hatte eine herzliche Freude, als er später las, daß Fichte den
+kantischen Zweifel an der Dinglichkeit der Erscheinungswelt zu Ende
+geführt, das Ding an sich als widersinnig verworfen und erklärt habe:
+Außer mir gibt es nur Vorstellungen und sonst nichts. Mit einem
+wunderschön weichen, tiefschwarzen Bleistift schrieb Asmus in
+Riesenbuchstaben dazu:
+
+»_Gott sei Dank!! Das ist wenigstens konsequent!!_«
+
+
+
+
+XXXI. Kapitel.
+
+Der Mensch ist ein fliegender Holländer, und Asmus bekommt das
+Lampenfieber.
+
+
+In diesen Sonntagsstudien gab es Minuten, Stunden, Tage der Klarheit,
+die er für nichts auf der Welt dahingegeben hätte.
+
+ »Das ist ein Augenblick der Seligkeit,
+ Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke
+ Das Hirn durchzuckt und so die Seele faßt,
+ Daß sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke!
+
+ Da wähnt das Aug, es sähe groß und klar
+ Den Geist des Alls durch Erd’ und Himmel wandeln;
+ Aufatmend spricht das Herz: Ich bin getrost;
+ Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.«
+
+Aber oft währte die Klarheit nicht von einem Sonntag zum andern,
+manchmal nicht von einer Minute zur andern. Stellt ein Glas voll
+reinsten Quellwassers hin, das durchsichtiger ist als Kristall – mit
+jeder Stunde schwindet von selbst seine Klarheit dahin. Hängt einen
+Spiegel auf so rein und eben, wie ihr ihn finden mögt – in wenig Stund
+wird er sich trüben vom Anhauch des Lebens.
+
+ »Gewißheit – schöner Wahn des Augenblicks!
+ Bald wieder wird der alte Zweifel nagen;
+ Der feste Boden weicht – dir schwindelt – weit
+ Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen.
+
+ Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer
+ In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre,
+ Bis endlich deinem Fuß das Schicksal gönnt,
+ Daß er der Heimat festen Grund gewahre.
+ Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht
+ Der Wind am hohen Mast die weißen Linnen:
+ Kaum hast du noch des Ufers Sand geküßt,
+ So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.«
+
+In einem ganz eigenen Sinne tauchte ihm die Geschichte von Herkules
+wieder auf, der die Hydra schlug. Wenn man triumphierend einem Zweifel
+den Kopf abschlug, so wuchsen zwei wieder aus dem Rumpf hervor. Und
+eine sonderbare Beobachtung glaubte er zu machen. Wenn er sich einer
+Wahrheit recht nah fühlte und ihr nun mit starrenden Augen immer näher
+auf den Leib rückte, dann _sah er_ förmlich, wie sie plötzlich
+zurückwich und dichte Nebelschleier um sich schlug, wie ein Weib, das
+nicht gesehen sein _wollte_! Noch eben jetzt hatte er sie klar zu
+sehen vermeint, und plötzlich stand er in lauter Nebeln. Und seltsam:
+weibliche Gestalten mischten sich jetzt so oft in seine Vorstellungen
+und Gedanken; ja, es war, als hätten diese Gedanken und Vorstellungen
+selbst etwas von weiblichem Wesen und weiblichem Reiz, und alles, was
+er suchte, suchte er mit unerklärlicher leiser Wonne und mit leisem
+Schmerz. Auf dem Wege zum Seminar gab es Läden, in denen Bilder von
+weiblichen Schönheiten in halber oder nahezu ganzer Enthüllung
+ausgestellt waren. Vier Jahre lang und darüber war er an diesen Läden
+ohne jegliches Interesse vorübergegangen; seit einiger Zeit sah er
+diese Bilder mit anderen Augen an, und er verweilte mit seiner
+Betrachtung auch bei solchen, von denen er sich sagen konnte, daß sie
+nicht gerade in künstlerischer und überhaupt nicht in der allerbesten
+Absicht dorthin gelegt seien. Und als er in dieser Zeit von der
+höchsten Galerie des Theaters den »Lohengrin« hörte und als Elsa mit
+wundersüßer Stimme und ergreifendem Glauben sang:
+
+ »Kehr’ bei mir ein! Laß mich dich lehren,
+ Wie süß die Wonne reinster Treu!
+ Laß zu dem Glauben dich bekehren:
+ Es gibt ein Glück, das ohne Reu!«
+
+da brach in seiner Brust ein Damm von einer langgestauten Flut, da
+entstürzten Tränen seinen Augen; denn sie hatte nicht nur die holde
+Schönheit weiblichen Wesens, hatte nicht nur das Glück der Liebe
+gesungen; sie hatte von allem Triumphe alles Hohen gesungen; sie hatte
+ihm gesungen: Es gibt ein Wissen ohne Trug, es gibt ein Leben ohne
+Haß, es gibt eine Welt ohne Leid.
+
+Und wenn er auch jenen Versen die Überschrift »Menschenlos« gegeben
+und wenn er sie auch mit den verzweifelten Worten gekrönt hatte:
+
+ »Und dies bleibt immer deines Denkens Los:
+ Wenn dich ein Strahl aus höchstem Himmel grüßte,
+ Er bleibt nicht dein; er schwindet hin in Nacht,
+ Wie die Morgana schwindet in der Wüste.«
+
+so war es ihm damit nur auf Stunden ernst, und es war darin ein gut
+Teil von jenem wunderlichen Komödiantentum der Jugend, das sich bei
+roten Wangen in düsteren Gebärden gefällt und nicht nur die Ansprüche,
+sondern auch die Resignation der reifen Jahre vorwegzunehmen liebt.
+Hatte er doch auch gesungen:
+
+ »Dich hieß ich wie kein andres Weib willkommen;
+ Laut schlug mein Herz – du hast es nicht vernommen.«
+
+und hatte dabei an Hilde Chavonne gedacht und war doch um so weniger
+berechtigt, dem guten Mädchen daraus einen Vorwurf zu machen, als er
+selbst nicht genau wußte, ob sein Herz für Hilde oder für das Weib im
+allgemeinen schlug. Nein, mochten seine »Gewißheiten« zuweilen nur ein
+Minutenleben haben, seine Niedergeschlagenheiten lebten meistens nur
+Sekunden; auf dem Grunde seiner Natur mußte eine Feder sein, die mit
+unversiegbarer Kraft wieder emporschnellte, wenn der schwerste Druck
+nur einen Augenblick nachließ. Die Absolutheit der Sittengesetze, der
+doch die menschliche Schwäche in diesem Leben nicht genügen konnte,
+erforderte nach Kant die Unsterblichkeit der Seele. Dann war also auch
+das Leben nach dem Tode ein Entwicklungsgang; denn es hätte keinen
+Sinn, wenn wir aus dem Tode einfach als vollkommene Wesen erwachten.
+Und wenn die Unbefriedigung unseres Gewissens ein künftiges Leben
+verlangte, so verlangte die immer strebende Unbefriedigung des Geistes
+ein Gleiches. Wo Fortschritt der Sittlichkeit möglich war, da mußte
+auch Fortschritt der Erkenntnis möglich sein, und wenn in einem
+künftigen Leben, so auch im gegenwärtigen.
+
+Und er glaubte an den Fortschritt mit aller Gewalt seiner sehnenden
+Seele; er glaubte nicht an die ewig gleich geartete Seligkeit des
+Kirchenhimmels; er konnte sie sich nicht vorstellen; aber er glaubte
+an die ewig wachsende Seligkeit des Werdens und sich Vollendens; die
+begriff er, die hatte er in Stunden unnennbarer Weihe selber gefühlt.
+Und in wenigen Monaten sollte er nun ein Führer werden auf solchen
+Wegen des Werdens, sollte sich ihm ein Beruf auftun, der ihn Hunderte,
+Tausende von jungen Seelen die rechten Wege zur Vervollkommnung weisen
+hieß. Er ein Führer! Er, der es wußte, wie sehr er selbst noch der
+Führung bedurfte! Wenn er an diese nahe Wendung dachte, wurde ihm, er
+wußte selbst nicht, wie. Eine hohe, berauschende Freude überlief ihn;
+aber gleich darauf überfiel ihn immer ein herzstockendes Bangen; es
+war wohl höhere Freude, aber auch tieferes Bangen als damals, da er
+vor der Klassentür gestanden und den erkrankten Herrn Dohrmann hatte
+vertreten sollen. Denn er war reifer und klüger geworden und verstand
+tiefer als damals, um was es sich handle.
+
+Bevor er jedoch diesen Beruf ergriff, lernte er schnell noch einen
+anderen kennen, nämlich den des Schauspielers.
+
+
+
+
+XXXII. Kapitel.
+
+Semper der Jüngling als Heldenvater und Liebhaber.
+
+
+Kurz nach Weihnachten sollte wieder Konzert und Theater sein, und zwar
+sollte Gutzkows »Zopf und Schwert« gegeben werden. Obwohl Asmus im
+Seminar weder als Mime noch als Regisseur jemals irgend einen Posten
+bekleidet hatte, war man doch einstimmig der Meinung, daß er den König
+Friedrich Wilhelm I. geben und die Regie führen müsse. Man glaubte,
+Rezitieren und Komödie spielen sei dasselbe.
+
+Die Proben im Musiksaal begannen, und Asmus stürzte sich mit
+Begeisterung in seinen neuen Beruf. Er hatte harte Arbeit; denn unter
+den Mitwirkenden gab es einige übertriebene Talentlosigkeiten. Da war
+einer, der die Prinzessin geben sollte, – denn auch die weiblichen
+Rollen mußten der Feuersicherheit wegen von Jünglingen gespielt
+werden, ein Zopf, den der neue Direktor im Jahre darauf mit einem
+Schwertstreich abhieb, – und dieser Prinzessinnendarsteller hatte
+offenbar beim Spielen das Gefühl, daß er mindestens acht Hände habe,
+von denen er dann immer zwei in die Hosentaschen steckte.
+
+»Mensch,« rief Asmus, »bedenk doch, daß du als Prinzessin nicht die
+Hände in die Hosentaschen stecken kannst!«
+
+Und dann zog Lau, so hieß er, die Hände wieder heraus; aber beim
+nächsten Satze staken sie schon wieder drin. Asmus gab ihm endlich
+eine kleinere Rolle und dann eine noch kleinere; aber es half nichts;
+Laus starke Persönlichkeit brach sich durch jede Rolle Bahn; er war
+ein penetrantes Talent.
+
+Aber es waren auch zweifellose Begabungen darunter, und im ganzen
+fühlte sich Asmus in dieser ganz ungewohnten Tätigkeit unbeschreiblich
+wohl. Er hätte seinen Zustand mit einem Champagnerrausch vergleichen
+können, wenn er die für diesen Vergleich erforderlichen Kenntnisse
+gehabt hätte. Als der Abend der Aufführung herangekommen war, ging es
+ihm genau wie Meister Bruhn: er war zwei Stunden vor Beginn zur Stelle
+und hatte nach zehn Minuten schon auf sämtlichen Stühlen gesessen,
+aber auf keinem länger als zwei Sekunden; er mußte gehen, gehen wie
+immer, wenn er erregt war, immer auf und ab, wie der Tiger des
+Zoologischen Gartens im Käfig. Dabei hatte er das Gefühl, daß er fest
+auftreten müsse, damit ihn nicht ein Lufthauch davontrage. Und wog
+doch gewiß seine 120 Pfund. Er war nervös wie ein sichernder Hirsch,
+der ein Knacken im Gezweig vernommen hat; aber es war eine wohlige,
+prickelnde Nervosität. Der König hat seinen ersten Auftritt hinter der
+Szene zu sprechen, und das war gut; denn wenn er an das Auditorium
+dachte, dann war es, als ob plötzlich etwas furchtbar Schweres
+furchtbar tief in seinen Leib hinunterfiele und ein Emporfliegen war
+dann nicht mehr zu fürchten.
+
+Der Vorhang ging endlich auf, und schon nach den ersten Szenen war der
+Erfolg des ersten Aktes gesichert; denn der Darsteller der Königin
+hatte in der Erregung unter den königlichen Kleidern seine männlichen
+Dessous und seine Zugstiefeletten anbehalten, und das genügte für den
+1. Akt. Jedesmal, wenn die hohe Frau sich setzte und ihr Reifrock sich
+hob, brauste ein Sturm des Entzückens durch das vollbesetzte Haus.
+Asmus lief wie besessen hinter der Szene auf und ab.
+
+»Was hat das Publikum? Was hat das Publikum?« flüsterte er. Stelling,
+der hinter der ersten Kulisse stand, rief:
+
+»Kneist hat die Stiefeletten anbehalten« und wollte bersten vor
+Lachen. Er konnte lachen; über dies schwere Unglück konnte er lachen.
+Asmus war außer sich, und als Ihre Majestät die Bühne verlassen hatte
+und ihm in den Wurf kam, da fluchte er wie ein altgedienter
+Oberregisseur.
+
+»Eine Schlamperei ist das einfach, eine skandalöse Schlamperei!«
+flüsterte er; denn laut durfte er ja nicht werden; aber er flüsterte
+sehr vehement.
+
+»Gott, was ist denn dabei?« versetzte Kneist, die Königin, mit
+bewundernswerter Ruhe. »Das Ganze ist doch nur ’n Spaß.« Das verschlug
+Asmussen die Rede allerdings gründlich. Gegen eine so bodenlos frivole
+Auffassung von der Kunst war er nicht gewappnet. Er war so verstört ob
+dieser Antwort, daß er fast seinen Auftritt versäumt hätte. Als er
+dann mit seinen Worten beim Publikum Heiterkeit erweckte, sagte er
+sich: Gott sei Dank, deinem Aussehen kann das nicht gelten; sie sehen
+dich ja gar nicht.
+
+Aber auch als sie ihn sahen, hörten sie ihm freundlich und mit öfterem
+Lachen zu, und als er in der Szene des Tabakkollegiums zu den Worten
+gekommen war:
+
+ »Die Kreaturen zittern? – Ich will allein
+ sein.«
+
+da war das Auditorium eine einzige Stille, und als er dann im nächsten
+Akte wieder auftrat, bekam er einen großen Schreck; denn sie empfingen
+ihn mit stürmischem Händeklatschen. Ja, ein großer Schreck war es;
+aber es war der freudigste, den er empfangen hatte seit jenem
+Weihnachtabend, als er plötzlich vor dem Puppentheater, dem Geschenk
+seines Bruders Johannes, gestanden hatte. O ja, ja, es mußte herrlich
+sein, so jeden Abend, vom Beifall der Menge umbraust, auf der Bühne zu
+stehen! Der Beruf des Schauspielers war ihm immer in einem
+märchenhaften Glanze erschienen; jetzt war er tief davon überzeugt,
+daß es keinen freudenreicheren, verlockenderen gebe als ihn.
+
+Er sollte auch für den Rest des Abends aus diesem kindlichen Wahne
+nicht aufgeschreckt werden. Murow, der Direktor, kam ihm mit beiden
+dargebotenen Händen entgegen und rief:
+
+»Alle Watter, mein lieber Samper, harzlichen Glückwunsch! Sie sind ja
+der jäborne Haldenvater!«
+
+»Na, dazu reicht doch wohl meine Länge nicht,« meinte Asmus zaghaft.
+
+»Nu – es hat auch kleine Haldenväter jäjäben! Sie sind ’n
+Napoleon-Darstaller! Überhaupt, mein lieber Samper« – und dabei legte
+er seine mächtige Hand auf die Schulter des Jünglings – »Talant
+ersatzt jede Körperlänge.« Und mit behaglichem Lachen schritt er
+weiter, um auch den andern Darstellern freundliche Worte zu sagen;
+denn er war als preußischer Landtagsabgeordneter beim Reichskanzler
+und bei Hofe gewesen und verstand sich auf die Courtoisie eines
+Herrschers.
+
+Als aber Asmus nun auf Flügeln des Triumphes weiter durch den Saal
+schritt, da erblickte er gar an einem Tische hinten im Winkel neben
+ihren Logisgebern Hilde Chavonne. _Sie_ war also da! Sie hatte ihn
+spielen sehen! O, wenn er das gewußt hätte, dann hätte er noch ganz
+anders gespielt! Er bildete sich ein, daß er dann besser gespielt
+hätte; aber sehr wahrscheinlich würde er dann den Gamaschenkönig mit
+dem tanzenden Krückstock als Romeo gespielt haben. Er wußte noch immer
+nicht, ob er irgendein Mädchen auf der Welt »liebe«; er war noch ganz
+in jenem dunklen Vorstadium der Liebe, wo die Jünglinge den Jungfrauen
+im allgemeinen imponieren wollen und die Jungfrauen den Jünglingen im
+allgemeinen gefallen möchten. Dieser Hilde Chavonne zu imponieren,
+hielt er freilich für einen besonders berechtigten Ehrgeiz; denn sie
+war hübsch und vornehm und stellte hohe Ansprüche, die höchsten
+allerdings an sich selbst. Und dieser Asmus Semper, dieser
+unglaubliche Tölpel, merkte nichts, als ihm das Fräulein nun ein
+kleines Veilchenbukett, das sie im Haar getragen hatte, zum Geschenk
+machte und errötend hinzufügte: »Für den König!« Er nahm es für eine
+Ehre, der Dummkopf, für eine Ehre! Er freute sich unendlich über
+dieses Sträußchen; aber er hatte keine Ahnung davon, daß es eine hohe
+Gunst des Herzens ist, wenn ein Mädchen sich eines Blumenschmucks
+beraubt und ihn einem jungen Manne schenkt. So unheilbar beschränkt
+war er, daß er nicht einmal die Verstimmung merkte, die das Mädchen
+darüber empfand, daß seine Gabe nicht so aufgenommen wurde, wie sie es
+erwarten konnte. Du lieber Gott, was sollte Asmus von jungen Mädchen
+wissen! Seine beiden Schwestern waren schon bei fremden Leuten
+gewesen, als er noch auf dem Fußboden spielte und den hölzernen
+Schemel voll tausend Nägel schlug. Als größerer Knabe hatte er dann
+freilich öfters mit Mädchen gespielt, und jede, mit der er gespielt,
+hatte er auch geliebt, ja, jenes braune Kind, das er einst vor dem
+Wirtshause zwischen den Bahndämmen gefunden hatte, hatte er sogar mit
+schmerzlichem Sehnen geliebt; aber es war doch Kinderliebe gewesen.
+Und nun, als Präparand und Seminarist, hatte er fast ein mönchisches
+Dasein geführt. Gewiß: er hatte Präparandinnen und Lehrerinnen gesehen
+und hatte alle diese Leonoren, Lauren und Beatricen selbstverständlich
+geliebt; aber keiner einzigen war er gesellschaftlich näher getreten.
+Die Damen des Lehrberufs haben meistens keine den Mann ermunternden
+Gewohnheiten, und für Asmus war nun vollends alles Weibliche eine
+unnahbare Welt. Die germanische Ehrfurcht vor dem Weibe lag ihm tief
+im Blut, und seine Armut machte diese Ehrfurcht zur Schüchternheit.
+Wenn er aus den Liebesromanen sah, daß zur Anbahnung eines
+Liebesverhältnisses eine längere Liebeserklärung gehöre, noch dazu
+eine im schwierigeren Periodenbau, auf den er sich sonst wohl
+verstand, dann sagte er sich: »Das wird mir nie gelingen, nie; ich
+werde wohl Junggeselle bleiben.«
+
+Zum Glück hatte Hilde Chavonne kein Gänseherz, sondern ein ganz echtes
+großes Mädchenherz, und so vergaß sie bald ihre Verstimmung und
+unterhielt sich mit Asmussen so lebhaft und gutherzig wie immer.
+
+»Wissen Sie, was Sie von den andern unterschied?« sagte sie.
+
+»Nun?«
+
+»Sie spielten immer, auch wenn Sie nichts zu sprechen hatten; die
+andern spielten nur, während sie sprachen. Auch wenn Sie kein Glied
+rührten, sah man, daß Sie ununterbrochen mit der Handlung gingen. Ja,
+sogar, wenn Sie dem Publikum den Rücken kehrten, sah man, daß Sie
+innerlich spielten. Ich habe einmal von »durchsichtigen Schauspielern«
+gehört. Das Wort trifft auf Sie zu.«
+
+Asmus war so glücklich, daß er nur eine ganz banale
+Bescheidenheitsphrase stottern konnte. Er war glücklich wegen der
+»Ehre«. Daß sie ihn sehr genau und sehr andauernd beobachtet haben
+müsse, darauf verfiel er nicht. Als sie noch sprachen, kam eilends ein
+Seminarist auf Sempern zu. »Du möchtest mal zu Herrn Doktor Kieselberg
+kommen.«
+
+Doktor Kieselberg hatte den Literaturunterricht; bei ihm hatte Semper
+die längsten und schönsten Sachen rezitiert.
+
+»Hören Sie, lieber Semper, wenn es Ihnen recht ist, schreib’ ich über
+Sie an Cheri Maurice. Maurice muß Sie kennen lernen. Sie müssen für
+die Bühne gerettet werden. Die Jungens unterrichten, das können
+schließlich viele andere Leute auch. Aber so spielen, das können
+nicht viele. Also soll ich ihm schreiben?«
+
+»Wenn Sie die Güte haben wollen, dann bitte ich darum.«
+
+»Gut. Meine Frau läßt Sie bitten, morgen mit uns zu speisen. Zwei Uhr,
+bitte. Sind Sie noch frei?«
+
+Du lieber Gott! Ob er noch frei war! Für sämtliche Mittage seines
+Lebens war er noch frei.
+
+Also Schauspieler! Bei der bekannten Geschwindigkeit, mit der er seine
+Schlösser baute, spielte er schon im nächsten Augenblick den »Faust«
+auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Und bei einem seiner Lehrer
+eingeladen zum Essen! Was konnte das Leben einem noch mehr bieten! Er
+schwamm in der vollen, naiven Freude eines ersten öffentlichen
+Erfolges. Ihm war, als ob alle Menschen aller Länder ihm hold gesinnt
+wären und ihm von Herzen das Beste wünschten. Er hatte nicht die
+leiseste Ahnung davon, daß Lau erzählte, Semper habe ihm die Rolle der
+Prinzessin nur aus Neid weggenommen, und wenn ihm jemand gesagt hätte,
+daß Lau das erzähle, so würde er gesagt haben: »Du lügst.«
+
+Als er sich wieder dem Platze Hildens näherte, war sie nicht da. Er
+ließ die Blicke durch den Saal schweifen – da – sie tanzte! O weh, sie
+tanzte!
+
+
+
+
+XXXIII. Kapitel.
+
+Asmus gibt fernere Beweise von seiner Dummheit, baut ein Schloß und
+eine Kirche und landet schließlich in einer Zelle.
+
+
+Merkwürdig, es war ihm nicht ganz recht, daß sie tanzte. Warum sollte
+sie nicht tanzen? Es war doch selbstverständlich, daß sie tanzte; sie
+hatte sich ja auch zum Tanze angekleidet, sehr geschmackvoll, wie
+immer, sehr einfach, und doch – so besonders. Er verstand nicht das
+Geringste von Frauengarderoben; aber daß sie mit ihren neunhundert
+Mark Gehalt keine kostbaren Gewänder kaufen konnte, war ihm klar. Und
+doch – sie hatte immer etwas Besonderes und Nobles in ihrer
+Erscheinung.
+
+Tanzen! Ja, das war auch so eine Mauer, die ihn vom weiblichen
+Geschlechte trennte. Frauen wollen tanzen, und er konnte nicht tanzen.
+Die Semper konnten ihren Kindern keine Tanzstunden geben lassen. Nicht
+einmal Schlittschuhlaufen hatte er gelernt; denn als Knabe war er nie
+so reich gewesen, ein Paar Schlittschuhe erwerben zu können, und als
+Jüngling hatte er keine Zeit mehr dazu gefunden. Als Achtjähriger
+hatte er einmal getanzt, auf einem sogenannten »Kindergrün«, mit einer
+siebenjährigen Dame, fünf Stunden lang war er herumgesprungen wie ein
+Heupferdchen, immer mit derselben Dame, und es war herrlich gewesen.
+Er sah es so unendlich gern, wenn ein Paar sich mit Anmut im Tanze
+drehte. Nie glaubte er fester an eine schönere Welt, als wenn er
+Menschen in anmutiger Bewegung sah. Und Hilde Chavonne tanzte schön.
+Wenn er sie aufforderte....
+
+Hahahahaaaa! Er wußte wohl eine ganze Reihe junger Leute, die
+ungeniert eine Dame aufforderten, obwohl sie nicht tanzen konnten, und
+dann so lange mit Todesverachtung herumhopsten, bis sie’s heraus
+hatten. Woher sie den Mut nahmen, einer Dame dergleichen zuzumuten,
+das blieb ihm ein Rätsel.
+
+Sobald er sein Lehrergehalt bezog, wollte er tanzen lernen. Sein
+Lehrergehalt? Er wollte ja Schauspieler werden.....
+
+»Tanzen Sie nicht?« fragte ihn Hilde.
+
+»Ich kann nicht tanzen,« sagte er. Und er erzählte ihr, daß er
+Schauspieler werden solle. Sie war aber sehr dagegen; mit auffallender
+Lebhaftigkeit riet sie ihm ab. Was sie denn dagegen habe, fragte er
+verwundert. Da wurde sie rot und sehr verlegen. Schließlich sagte sie,
+sie habe immer gehört, daß auch das Los der größten und berühmtesten
+Bühnenkünstler nur ein glänzendes Elend sei. Überhaupt habe er doch noch
+ganz andere Fähigkeiten. Er müsse Dichter werden.
+
+Jetzt machte er riesengroße Augen, und das Rotwerden war an ihm.
+»Woher wissen Sie denn, daß ich dichte?«
+
+»Sie haben doch Fräulein Wieselin erlaubt daß sie sich Ihre Balladen
+abschrieb –«
+
+»Und die haben Sie gelesen?« rief Asmus erschrocken.
+
+»Die haben alle an der Schule gelesen –«
+
+Asmus hätte in den Boden sinken mögen. »Das ist aber sehr unrecht von
+Fräulein Wieselin,« rief er.
+
+»Warum?« fragte Hilde erstaunt. »Durfte sie sie nicht zeigen?«
+
+»Aber ich bitte Sie! Diesen Schund! Diesen Unsinn! Das ist ja
+törichtes, kindisches Zeug –.«
+
+Hilde schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das glaube ich nicht,« sagte
+sie. »Unreif mögen diese Gedichte sein, – aber es ist etwas drin.«
+
+Als ein Tänzer kam und sich vor Hilde verbeugte, lehnte sie ab. Sie
+lehnte auch alle folgenden Einladungen ab, und bis zum Ende des Balles
+saßen sie beide an demselben Tisch und plauderten. Er fühlte sich wohl
+und glücklich; aber er merkte nichts.
+
+Und als das ganze »Künstlervolk« mit seinem Anhang nach dem letzten
+Tanze in ein Café schwärmte, – morgens um vier Uhr in ein Café! Asmus
+kam sich wie ein Roué vor, als er sich eine Schokolade bestellte, – da
+schienen es beide selbstverständlich zu finden, daß sie wieder
+beieinander saßen. Es war etwas Seltsames um ihre Unterhaltung. Sie
+sagten natürlich »Sie« zueinander und »Herr Semper« und »Fräulein
+Chavonne« (denn das »gnädige Fräulein« war damals noch nicht Mode),
+und was sie sprachen, hatte die höfliche und respektvolle Form, die
+unter wenig Bekannten zweierlei Geschlechts gebräuchlich ist; aber in
+ihren Herzen war ein Glauben und Vertrauen, von dem sie selbst noch
+nichts wußten; ihre Herzen sagten »Lieber Herr Semper« und »Liebes
+Fräulein Chavonne«, ohne daß sie selber es hörten, und dieser
+Gegensatz zwischen fremden Worten und vertrauter Meinung erfüllte
+Asmussens Herz mit jener wohligen Spannung, wie sie in frühen Knospen
+sein mag. Aber so dunkel, so wenig bewußt war dieses Gefühl, daß er
+sich keinen Augenblick nach seiner Ursache fragte, es vielmehr ohne
+Nachdenken genoß wie die Sonne eines Maientags.
+
+Als er früh gegen sechs eine Stunde weit nach Hause ging, fühlte er
+nicht die leiseste Ermüdung; denn er war jung und war König. Aber als
+er die ruhigen Atemzüge seiner schlafenden Eltern hörte, und als er
+die Ärmlichkeit des elterlichen Hausrats betrachtete, da fiel es ihm
+schwer aufs Herz, daß er Schauspieler werden sollte.
+
+Gleichwohl sprach er davon zu seinem Vater. Obwohl Ludwig Semper seit
+längerem wieder von seinem alten asthmatischen Leiden geplagt wurde,
+war doch seit Monaten Heiterkeit in all seinem Reden und Tun, ja
+selbst in seinen Hustenanfällen und Atemängsten gewesen; denn nun war
+seine zärtlichste Hoffnung der Erfüllung nah; in kurzem sollte Asmus
+Lehrer sein und das Geschlecht der Semper sollte wieder emporkommen.
+Wie die lächelnde Wehmut eines Sonnenunterganges ging es über Ludwig
+Sempers Gesicht, als er hörte, daß Asmus, nahe dem Ziele seiner Bahn,
+einen ganz neuen Weg voll jahrelangen Mühens betreten solle, und
+obwohl er fühlte, daß er dann den Aufstieg seines Sohnes nicht erleben
+werde, sagte er lächelnd:
+
+»Ja, – wenn Du meinst, daß Du Schauspieler werden mußt, – ich habe
+nichts dagegen.«
+
+Und in dem Lächeln des schönen Angesichts war ein Scheiden vom
+Liebsten und Letzten. Das Herz flog Asmus in den Hals, und er hatte
+Mühe, die Tränen zurückzudrängen, als er rief:
+
+»Nicht doch, Vater, nicht doch! Ich werde ja nicht darauf eingehen!
+Ich denke ja nicht daran!«
+
+Seiner Mutter sprach er nicht erst davon. Er mußte lächeln, wenn er
+sich ihr ökonomisches Entsetzen ausmalte. Und sie hatte ja recht.
+
+Am Nachmittage sagte er es Dr. Kieselberg, seinem Wirte: »Meine Eltern
+haben mich fünf Jahre lang unter den größten Sorgen und Mühen
+erhalten, wenigstens zum großen Teil erhalten; jetzt ist es höchste
+Zeit, daß ich sie unterstütze. Als Lehrer bekomme ich ein Gehalt von
+1200 oder 1300 Mark, dann kann ich ihnen helfen; als Schauspieler
+verdiente ich vorläufig wenig oder nichts. Ich würde die Hoffnung
+meiner Eltern vernichten, und das ist ausgeschlossen.«
+
+»Nun, dagegen kann ich natürlich nichts sagen,« erwiderte Kieselberg.
+»Ich hatte das Gefühl einer Pflicht; ich glaubte ein Unrecht zu
+begehen, wenn ich Sie nicht auf den Weg zur Bühne wiese; aber wenn die
+Dinge so stehen – das ist natürlich etwas anderes.«
+
+Als Asmus durch die wunderschönen Alleen vor dem Dammtor nach Hause
+ging, war der Bühnentraum erloschen; das Schloß aus Rampenlicht und
+Lorbeerduft war versunken, und an seiner Stelle ragte schon ein
+anderes. Ein Wort seines Lehrers hatte ihn gestern befremdet. Er hatte
+gesagt:
+
+»Jungens unterrichten, das können die andern auch.«
+
+War Unterrichten denn wirklich etwas, was jeder Beliebige konnte,
+wenn er nur nicht allzu dumm war? Waren Schulmeister nicht genau so
+gut Künstler wie Schauspieler? Konnte man nicht auch so unterrichten,
+daß man unersetzlich war, so unersetzlich wie ein Künstler? So
+wenigstens hatte er sich’s immer geträumt. Was war denn ein Lehrer,
+wenn er nicht ein Künstler war?
+
+Und in den Wolken strahlte ein Schloß, das war aus Morgenlicht und
+Kinderlächeln gebaut.
+
+Er blickte in die ragenden Bäume hinauf und dachte: Welch ein
+wunderschöner Tag! Ein wahrer Sonntag! Zuerst beim Lehrer zu Mittag
+gegessen – die fremde Küche hatte ihm zwar nicht geschmeckt, aber was
+sagte das? Es war herrlich gewesen! – Nun dieser Weg unter hohen, von
+weißem, weißem Schnee bedeckten Bäumen! Diese Kirche wird nur an
+seltensten Feiertagen geöffnet. Ihr Altar ist die sinkende Sonne, und
+ihr Gesang ist das Schweigen. Er dichtete im Gehen:
+
+ Ich weiß es nun gewiß:
+ Es schwebt ein selig Leben
+ Schon über dieser Welt
+ Und ist uns schon gegeben.
+
+ Ich weiß seit diesem Tag:
+ Es tönt Gesang und Reigen
+ Aus einer reinen Welt
+ In jedes tiefe Schweigen.
+
+Und endlich, wenn er zu Hause war, wollte er seinen Pestalozzi lesen.
+Er kam heim und schlug ihn auf bei der »Abendstunde eines
+Einsiedlers«.
+
+»O, meine Zelle, Wonne um dich her!«
+
+Das fügte sich gut zu dieser Stunde. Er schaute sich um in seiner
+Kammer und dachte:
+
+O, meine Zelle, Wonne um dich her!
+
+
+
+
+XXXIV. Kapitel.
+
+Bewegt sich zwischen Pestalozzi und Herrn Quasebarth.
+
+
+Und er vergrub den Kopf in beide Hände und versenkte sich in die
+heiligen Träumereien dieses unschuldsvollen Einsiedlers und Poeten,
+den er liebte, wie man sonst nur lebendige Menschen liebt. Ja, das war
+wahrhaftig ein Einsiedler unter den Tagesmenschen! Schon wiederholt
+hatte Asmus diese Schrift gelesen, und immer hatte ihn eine
+eigentümliche Scheu gehindert, tiefer in ihr Dunkel einzudringen, wie
+man sich scheut, in ein Dickicht einzudringen, aus dem die Nachtigall
+schlägt. Heute war die Nachtigall fortgeflogen, und er drang ein und
+fand hinter dem Rankengewirr eine köstliche Architektur, die die
+einfachen, großzügigen Grundlinien eines wunderbaren Baues zeigte. Da
+stand, daß Leben und Menschsein ganz dasselbe ist in der Hütte und auf
+dem Thron. Das aber haben die Menschen vergessen. Sie erziehen und
+unterrichten nach tausenderlei äußeren und Tagesbedürfnissen, nach
+Berufs- und Standesrücksichten, nach Eitelkeit und Vorteil. Und
+vergessen, daß ein Mensch zuvor zum Menschen gebildet sein muß, eh’ er
+etwas anderes wird. Aber zum Menschen kann man ihn nur von _seiner_
+Natur aus, von seiner Individualität aus machen, nicht von einer
+allgemeingültigen Schablone aus.
+
+Das also war es: Nicht sollt ihr zum Kinde sagen: Das sollst Du werden
+und das will ich aus Dir machen wie aus allen Deinen Genossen, sondern
+ihr sollt fragen: Wer bist Du? Wie mach’ ich Dich zum Menschen? Welche
+Wege sind in _Deiner_ Natur vorgezeichnet, die zu jenem Menschentum
+führen, das _allen_ gemeinsam ist und aus dem alles andere von selbst
+entsprießt?
+
+Das schälte sich heraus aus dem Aphorismengewirr des krausen und
+dennoch geraden Denkers, und in diesem Geiste wollte Asmus sein Amt
+führen. Im Geiste dieser Schrift wollte er wirken, dieser Schrift, die
+in einem innigen, treuen Gottesglauben gipfelte, der nicht der
+Gottesglaube der Semper war. An den sorgenden Vater glaubten die
+Semper nicht. Aber das hatte Asmus seit langem empfunden, daß alle
+Menschen an einen Gott glauben, wie verschieden sie ihn auch nennen.
+
+ Es sagen’s allerorten
+ Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,
+
+und Asmus hatte nie begriffen, warum man von den Atheisten glaubte,
+sie hätten keinen Gott und könnten nicht fromm sein.
+
+So stellte er denn auch in dem bald beginnenden schriftlichen Examen
+seinen Aufsatz nicht auf die Basis theistischer Frömmigkeit, die sonst
+über so manche Prüfungen hinweghilft. Die jungen Leute sollten über
+das Thema schreiben:
+
+ »Vor jedem steht ein Bild dess’, das er werden soll;
+ So lang’ er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.«
+
+und die meisten Jünglinge erklärten Jesus Christus für das Idealbild,
+das vor ihnen stehe. Nun gab es unter den Abiturienten gewiß keinen,
+der den natürlich erzeugten Gottessohn von Nazareth inniger liebte als
+er; aber den Ruf, daß er ein Jesus Christus oder etwas ihm Ähnliches
+werden solle, vernahm er in seinem Herzen nicht. Er glaubte nicht, daß
+die Welt durch Leiden erlöst werden könne; er fühlte wenigstens, wenn
+er sich ehrlich fragte, daß er nicht gemacht sei, ohne Widerstand zu
+leiden. Er knüpfte an die Ideenlehre Platos an und erklärte den
+Unfrieden des Menschen aus der Sehnsucht nach seiner »Idee«, und er
+setzte auseinander, was er für seine Idee, für die Idee des Menschen
+im allgemeinen und für die des Asmus Semper im besonderen halte. Er
+fand damit bei der vorurteilslosen Prüfungskommission nicht nur
+vollste Anerkennung, sondern er hatte noch den Erfolg, daß ein
+Mitglied dieser Kommission, ein alter Jurist, zu Beginn der mündlichen
+Prüfung die Brille aufsetzte und rief:
+
+»Wo ist Herr Semper?«
+
+»Das ist nämlich ein Philosoph!« rief er den andern Herren zu.
+
+Asmus war hervorgetreten.
+
+»Sie sind Herr Semper?«
+
+»Jawohl!«
+
+»Sie sind ein Philosoph, mein junger Freund; ich habe Ihre Arbeit mit
+herzlicher Freude gelesen; ich danke Ihnen.«
+
+Im übrigen ging es ihm wie »auf der Fortuna ihrem Schiff«, will sagen:
+auf und ab. In der Lehrprobe vergriff er sich. Er sollte Ägypten
+behandeln, dasselbe Ägypten, das er als kleiner Junge für eine Wiese
+mit Störchen gehalten hatte. Und er verfuhr ganz nach der Regel:
+Geographische Lage, Grenzen, Gestalt, Größe, Einwohnerzahl usw. usw.
+Zum Nil kam er in der halben Stunde des praktischen Examens überhaupt
+nicht. Als er fertig war, nahm ihn Murow, der Riese, beiseite.
+
+»Nun, me–in lieber Samper, wann man Äjüpten behandeln will, womit
+fängt man dann wohl am basten an?«
+
+Da wußte er’s sofort. »Mit dem Nil,« sagte er. Und er hätte sich
+ohrfeigen mögen, daß er, der die Schablone haßte, sich ihr so
+gedankenlos und träge unterworfen hatte. Der Nil! das war der
+Schöpfer des Landes, war eigentlich das Land selbst; der Nil war die
+Individualität Ägyptens, von der man ausgehen mußte, wenn man sich
+rühmte, ein Jünger Pestalozzis zu sein! Er empfand eine tiefe Scham
+darüber, daß er so ahnungslos in Ketten ging, deren er gespottet
+hatte.
+
+Und im schriftlichen Chemie-Examen hatte er eine Arbeit von grotesker
+Unzulänglichkeit geliefert. Er hatte einst die Chemie mit allem Feuer
+der Jugend geliebt; aber Herrn Quasebarths Chemie hatte darin
+bestanden, daß er aus einem ehrwürdigen Heft ablas, dessen verblaßte
+Schrift er zuweilen selbst nicht mehr entziffern konnte. »Man nehme
+einen Probierzylinder und fülle ihn zur Hälfte mit Braunstein –« las
+Herr Quasebarth; aber er nahm keinen. Stelling, der Skrupellose, hatte
+ihm eines Tages einen furchtbaren Limburger Käse unter den Pultdeckel
+gelegt, so daß seine Nase jedesmal, wenn sie ins Heft tauchen wollte,
+entsetzt zurückfuhr. Nachdem er sich wiederholt vergeblich erkundigt
+hatte, woher der »abscheuliche Geruch« stamme, und Stelling bemerkt
+hatte, daß er ihn sich auch nicht erklären könne, »da hier doch nie
+experimentiert werde«, entdeckte er schließlich die Ursache; aber er
+ging ungeheilt von dannen.
+
+So hatte denn Asmus seit langem nicht mehr zugehört, in der
+Chemiestunde lieber Gedichte gemacht und beim Examen einen fast
+unberührten weißen Bogen abgeliefert. Das war aber Herrn Quasebarth
+in die Glieder gefahren; denn er sagte sich, daß der chemische
+Durchfall eines Schülers wie Asmus Semper vom Prüfungs-Kollegium als
+ein Durchfall des Herrn Quasebarth empfunden werden müsse. Er beschwor
+also Sempern in einer vertraulichen Unterredung, doch ja bis zum
+mündlichen Examen noch »tüchtig zu repetieren«, damit er die Scharte
+auswetze. Semper genierte diese Scharte gar nicht; denn er hatte sich
+längst vorgenommen, später auf eigene Hand Chemie zu treiben; aber er
+versprach sein Möglichstes.
+
+Und wiederum hob ihn das Schiff der Fortuna in der Mathematik so hoch,
+daß er die erste Zensur erwischte, während Mollwitz, der Magister
+Matheseos, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde: »das einseitige
+Prisma«, durch einen reinen Zufall nur den zweiten Grad errang. Dieses
+Erfolges konnte Asmus nicht recht froh werden; denn die Sache war
+nicht ganz in der Ordnung. Daß Glücksgüter vom Zufall verteilt wurden,
+das wußte er; aber auch geistige Ehren? Kam das auch sonst im Leben
+vor? Das _sollte_ nicht vorkommen.
+
+Aber er sollte noch was ganz anderes erleben. Am Abend vor der
+mündlichen Prüfung entschloß er sich nach schwerem Zögern, ein
+Lehrbuch der Chemie zur Hand zu nehmen, damit Quasebarth nicht wieder
+durchfalle. Er las auch das Kapitel von der Methylwasserstoffreihe,
+dann aber griff er energisch nach Zolas Conquête de Plassans, die er
+wesentlich anziehender fand. Denn sich ein Wortwissen ohne Anschauung
+und Übung in den Kopf zu pfropfen, das war ihm von jeher ein Greuel
+gewesen.
+
+Die Stunde der chemischen Prüfung kam und mit ihr Herr Quasebarth, der
+an Leib und Seele immer denselben grauen Rock trug.
+
+»Na, mein lieber Semper,« sagte er mit einem lockenden Lächeln,
+»erzählen Sie uns mal, was sie von den Methylwasserstoffen wissen!«
+
+Und siehe da: Asmus Semper redete wie ein junger Liebig; denn heute
+wußte er noch sehr gut, was er gestern gelesen hatte.
+
+
+
+
+XXXV. Kapitel.
+
+Asmus wird im Examen gepufft und getreten und ist unzufrieden, aber
+sehr glücklich.
+
+
+Und so kam er denn mit allen Ehren und ohne Schaden durch das Examen,
+wenn man von einigen blauen Flecken an seinem linken Fuße und in der
+linken Rippengegend absah. Diese Flecke rührten wieder von Seybold
+her, von demselben Seybold, der ihn als »Schäflein« wegen seiner
+»Inkollegialität« und seiner »Anmaßung« so bieder gehaßt hatte. Das
+mathematische Examen hatte Seybold sehr glatt bestanden. Seybold
+konnte nicht einmal ein Dreieck berechnen; aber während der
+schriftlichen Prüfung wandelte einen Freund von ihm ein Bedürfnis an,
+und der Freund ging hinunter und deponierte an einem dunklen Orte die
+Lösung aller Aufgaben. Nach einer halben Stunde hatte Seybold
+merkwürdigerweise auch ein Bedürfnis.
+
+»Muß es denn sein?« fragte argwöhnisch der die Aufsicht führende Herr
+Rothgrün.
+
+»Ja, ich hab’n Durchfall,« erklärte Seybold.
+
+»Aber damit hätt’ es ja noch Zeit gehabt,« schmunzelte Herr Rothgrün
+wohlwollend. »Nun, gehen Sie nur.«
+
+Seybold ging hinunter, »fand die Lösung«, dachte »Heureka«,
+beantwortete solchermaßen durch Vorspiegelungen der Verdauungsorgane
+Fragen, die eigentlich an das Gehirn gerichtet waren, und half sich
+mittels eines Durchfalls durchs Examen. Zunächst durchs mathematische.
+
+Bei den Klausuraufsätzen saß Seybold wieder neben Semper, und als
+dieser gelegentlich einen Blick in die Papiere seines Nachbarn warf,
+sah er, daß dieser wörtlich von ihm abschrieb.
+
+»Mensch, bist du des Teufels?« flüsterte Asmus. »Das muß ja
+herauskommen. Schreib’ wenigstens auch von anderen ab.«
+
+Seybold sah das ein und schrieb die andere Hälfte der Arbeit von
+seinem Vordermann ab; denn er hatte einen weiten Blick.
+
+»Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben,« hatte Korn gesagt.
+
+Nur dies verdammte mündliche Examen! Da konnte man nicht sagen:
+»Erlauben Sie, daß ich austrete!« Und wenn Asmus blind und taub
+gewesen wäre, so würde er das Nahen des Examinators doch immer
+rechtzeitig erfahren haben; denn wenn dieser noch drei Schüler weit
+entfernt war, begann Seybold schon wie ein Räder-, Walzen- und
+Kolbenwerk zu treten, zu puffen und zu zischen: »Sag’ mir zu! Sag’ mir
+zu!« und so trug Asmus Semper Seyboldens Reifezeugnis auf dem Leibe
+davon.
+
+Auch Seybold bestand wiederum das Examen, und der ganze praktische
+Unterschied bestand darin, daß er ein Anfangsgehalt von 1200 Mark,
+Asmus aber ein solches von 1300 Mark erhielt, worin Seybold eine große
+Ungerechtigkeit erblickte.
+
+1300 Mark! Insofern war Asmus sehr zufrieden; denn unbegrenzte
+Möglichkeiten lagen in dieser Summe. Aber wenn er den verflossenen
+Lebensabschnitt überblickte – was rechtfertigte eigentlich das
+»glänzende Examen«, das er nach der allgemeinen Ansicht gemacht hatte?
+Die Kollegen hatten ihm erzählt, was der Schulrat Korn vor einer
+anderen Abteilung der Prüflinge über ihn gesagt hatte, und darüber
+freute er sich zwar von Herzen; aber eigentlich war ihm alles das ein
+großes Rätsel, ein Wunder: denn ihm waren diese verflossenen drei
+Jahre eine zerstörte Illusion. Was hatte er sich von diesen Jahren
+versprochen an geistigem Aufschwung! Und wie bitter-bitter-wenig hatte
+er vor sich gebracht. Er hatte überhaupt nicht das Gefühl, daß er
+geistig gewachsen wäre. Wiederum hatte er, wie schon öfter, die
+Empfindung, daß die Menschen merkwürdig wenig von ihm verlangten,
+viel, viel weniger, als er selbst von sich zu fordern pflegte.
+
+Nur wenn er die beiden »Alten« betrachtete, war er _ganz_ glücklich.
+Die solltens jetzt besser haben. Frau Rebekka lief mit ihren
+sechzigjährigen Beinen wie ein Wiesel immer von einem Zimmer ins
+andere und sang:
+
+ »Nach Sevilla, nach Sevilla!
+ Wo die letzten Häuser stehen,
+ Sich die Nachbarn freundlich grüßen,
+ Mädchen aus dem Fenster sehen,
+ Ihre Blumen zu begießen,
+ Ach, da sehnt mein Herz sich hin!«
+
+und wie in seiner früheren Kindheit sah Asmus bei dem Wort »Sevilla«
+einen freien Platz mit Häusern, auf den eine unendlich goldene Sonne
+und ein unendlich helles, unendlich stummes Feiertagsglück
+herabschien.
+
+Und dabei dachte Rebekkens Herz gar nicht an Sevilla, was schon daraus
+hervorging, daß sie im nächsten Augenblick sang:
+
+ »Herr Junker, lat hee mit tofred’n,
+ rudiridiridirallalla,
+ Ick mutt min Swin to freten ge’m,
+ rudiridiridirallalla!
+
+Das war nämlich das Bruchstück eines Liedes, in dem ein Junker seiner
+Magd mit Liebesanträgen nachstellt, die diese dann mit der
+einleuchtenden Begründung zurückweist, daß sie ihren Schweinen zu
+fressen geben müsse. Die Schweine gehen vor, das mußte der Junker
+einsehen. Aber auch an Junker, Magd und Schweine dachte das singende
+Herz der Rebekka nicht; es dachte an den Triumph des Sohnes, an den
+leckeren Pfannkuchen, den sie ihm backen wollte, und an den besseren
+Rock, den ihr Gatte nun bekommen sollte; denn es gab ihr einen Stich
+ins Herz, wenn der stattliche Mann in abgetragenem Gewande ging. »Er
+fragt ja nichts danach,« klagte sie kopfschüttelnd.
+
+Aber auch Ludwig Semper wollte sich diesmal einen Extragenuß
+vergönnen. Heute war Dienstag, und am Freitag gab es »Lohengrin« im
+Theater. Diesmal wollte er _wirklich_ hin.
+
+»Aber nun tu’s auch!« riefen Asmus und Rebekka wie aus einem Munde.
+
+»Ja, ja – natürlich!« beteuerte Ludwig.
+
+Am Mittwoch sagten Asmus und seine Mutter wieder: »Geh nun aber auch
+wirklich hin!«
+
+»Gewiß, gewiß!« sagte Ludwig.
+
+Am Donnerstag sagten sie: »Wirst du nun auch nicht wieder sagen: ’Ach,
+wozu soll ich hingehen?’«
+
+»Nein, nein – wenn ich’s doch sage!«
+
+Er war auch am Freitag mittag noch fest entschlossen und freute sich.
+Als er um sechs Uhr noch keine Miene zum Aufbruch machte, rief Frau
+Rebekka:
+
+»Du, du – du mußt jetzt gehen.«
+
+»Ach, ich hab mir’s anders überlegt,« sagte Ludwig. »Was soll ich da.«
+
+Ja, was sollte er da.
+
+Erstens war sein Asmus nun am Ziel, und das war ein Glück, das
+eigentlich für den Rest seines Lebens allein ausreichte und das er
+jedesmal neu genoß, wenn Asmus den Blick wegwandte und er ihn
+ungestört betrachten konnte.
+
+Zweitens hatte er am Lohengrin schon so viel Vorfreude genossen, daß
+eine Steigerung nicht mehr denkbar war.
+
+Und drittens tauchten auf der grauen Wand vor seinem Zigarrentische,
+sobald er befahl, alle Sagen der Vorwelt auf, nicht die vom
+Schwanenritter allein, und belebte sich der stauberfüllte Raum mit
+Klängen, die an kein irdisches Instrument und keine menschliche
+Schrift gebunden waren.
+
+Frau Rebekka war gründlich böse und schalt. »Ich versteh den Mann
+nicht,« rief sie.
+
+Asmus verstand ihn. Er dachte daran, daß er nun bald als Lehrer vor 60
+Kindern stehen werde; er blickte von der Seite her in des Vaters Auge,
+in dem die Abendsonne liebend verweilte, und er verstand es, daß man
+selig sein kann im Glück seiner Träume.
+
+
+
+
+Drittes Buch
+
+Kampf und Liebe
+
+
+
+
+XXXVI. Kapitel.
+
+Was für ein Mann Herr Drögemüller war und was für Lieder deutsche
+Kinder singen.
+
+
+Der erste Eindruck, den Asmus Semper von Herrn Drögemüller, seinem
+Hauptlehrer und Vorgesetzten, empfing, war nicht übertrieben
+verlockend. Der Kopf des Mannes glich einer stark vergrößerten
+Billardkugel, der man einen Rettichschwanz als Bart angeheftet und die
+man im übrigen noch mit einer blauen Brille geschmückt hat. Nase, Mund
+und Stirn wären in jedem Signalement als gewöhnlich bezeichnet worden.
+Herr Drögemüller kanzelte gerade einen kleinen, kümmerlich
+dreinschauenden Buben ab, weil er auf Holzpantoffeln zur Schule kam.
+Er behandelte das gleichsam wie einen moralischen Defekt, dessen man
+sich zu schämen habe, und erklärte dem verschüchtert dastehenden
+Kinde, wenn das noch einmal vorkomme, werde er ihm einen »Tadel in
+Ordnung« geben.
+
+»Wenn man das hingehen läßt,« sagte Herr Drögemüller, »dann kommen
+immer mehr mit Holzpantoffeln, und man kann das Geklapper auf den
+Treppen nicht mehr aushalten.«
+
+Asmus hatte auf der Zunge, zu sagen: »Aus Übermut trägt wohl der
+Mensch keine Holzklötze an den Füßen; Stiefel sind ihm ohne Zweifel
+bequemer, wenn er sie hat«; aber er wollte sich nicht gleich
+opponierend einführen und sagte deshalb nur:
+
+»Gibt es nicht einen Verein, der solche Kinder mit Stiefeln versorgt?«
+
+»Gewiß!« versetzte der Hauptlehrer; »ich könnte ihm ein Paar Stiefel
+anweisen; aber seine Mutter, das ist eine ganz Renitente. Als ich ihr
+sagte, sie solle den Jungen doch taufen lassen – getauft ist er
+nämlich auch nicht – da sagte sie, das täte ihr Mann nicht, und was
+ihr Mann wolle, daß wolle sie auch.«
+
+»Hm,« machte Asmus. Ein Pestalozzi war dieser Mann nicht, das war
+schon festgestellt.
+
+Er unterschied sich insofern vorteilhaft von dem »Schulmeister von
+Stanz«, als er sauber und ordentlich gekleidet war; aber es war
+Ordnung ohne Geschmack und Gefälligkeit, eine Ordnung mit
+schlechtsitzenden Hosen und kreuzweis geknoteten Bindeschlipsen, und
+als Asmus wie hypnotisiert die Karrees des grauen Rockes betrachtete,
+da las er unaufhörlich 1 × 1 × 1 × 1 × 1 × 1 ....
+
+Nein, ein Dichter, wie der unordentliche Verfasser von »Lienhard und
+Gertrud« war dieser Mann gewiß nicht, »Abendstunden eines Einsiedlers«
+träumte er sicherlich nicht; aber das konnte man auch schließlich
+nicht verlangen, und als er die Papiere des ihm von der Behörde
+zugewiesenen Jünglings eingesehen hatte, bemerkte er sogar
+liebenswürdig, er beglückwünsche sich, einen Mann von solchen
+Fähigkeiten gerade an der »ihm unterstellten« Schule angestellt zu
+sehen.
+
+Wie ganz anders ward Asmussen ums Herz, als er sich wenige Tage später
+mitten in einen Garten von sechzig jungen Menschenpflanzen gestellt
+sah, wo sechzig lebendige Brünnlein aus roten Lippen sprangen. In
+einem Punkte freilich hinkte der Vergleich mit einem Garten
+bedenklich: die Pflanzen haben die gute Gewohnheit, ihren Ort nicht
+willkürlich zu verändern; diese Menge von Kindern aber war in ihren
+Bewegungen höchst willkürlich, und Asmussen kam es vor, als habe er
+einen Topf voll Mäuse zu hüten und müsse aufpassen, daß keine über den
+Rand springe. Einige zwar saßen bang und verschüchtert da; sie mochten
+ein unerhört Neues, ein fürchterlich Geheimnisvolles erwarten und
+waren vielleicht mit der Vorstellung gekommen, daß der Bakel
+unaufhörlich durch die Schulstube sause wie die Sense des Mähers übers
+Feld; denn es gibt Eltern, die die Arbeit des Lehrers liebevoll
+vorbereiten, indem sie Kindern, die sie nicht bändigen können, mit der
+Aussicht drohen: »Na, warte nur, wenn du zur Schule kommst! Der Lehrer
+wird dich schon bläuen.« Aber sobald diese Beklommenen merkten, daß
+der »Herr Lerrer« kein Menschenfresser sei und sogar großartigen
+»Spaß« mache, zogen gerade sie die weitesten Konsequenzen und gingen
+über Tisch und Bänke. Und sieh, da schritt schon einer festen
+Schrittes auf die Tür zu.
+
+»Wohin?« fragte Asmus.
+
+»Ich will’n büschen ’raus!« versetzte das Bürschchen unbefangen.
+
+»Was willst du denn draußen?«
+
+»Och, ’n büschen spielen.«
+
+»Ja, Mensch, so allein spielen, das macht doch keinen Spaß. Wart’ nur
+noch einen Augenblick, dann gehen wir alle hinaus und spielen »Jäger
+und Hund«.
+
+Das leuchtete dem Flüchtling ein. »O djä!« rief er, senkte beide
+Fäustchen in die Hosentaschen und ging wieder auf seinen Platz.
+
+»Du, ich hab’ Limburger Käse aufs Brot!« rief eine Stimme aus dem
+Hintergrunde. Asmus ging hin und äußerte seine teilnehmende
+Begeisterung über den Limburger Käse. Natürlich mußte er jetzt den
+Inhalt zahlloser Frühstücksdosen bewundern.
+
+»Ich hab’ Leberwurst auf’m Brot!« »Ich hab’ ’ne Apfelsine!« »Ich hab’
+Schokolade!« schrie es durcheinander.
+
+»Ihr könnt wohl lachen!« sagte Asmus. »Meine Mutter hat mir keine
+Schokolade mitgegeben.«
+
+»Da!« Ein Junge sprang aus der Bank und hielt ihm ein Stück Schokolade
+hin.
+
+Asmus dankte gerührt, löste das Papier von der Schokolade und wollte
+sie dem Geber in den Mund schieben; der aber lehnte entschieden ab.
+
+Da sah Asmus zwei brennende Augen in verzehrendem Verlangen auf sich
+gerichtet; es waren die Augen eines dürftig gekleideten, blassen
+Bürschchens.
+
+»Soll _er_ sie haben?« fragte Asmus den Spender.
+
+Der nickte eifrig ja, und begierig griff der Verlangende nach der
+köstlichen Leckerei.
+
+Um den Schwarm endlich zu beruhigen, sagte Asmus: »Soll ich euch mal
+’ne Geschichte erzählen?«
+
+»O ja, man zu, man zu!« schrien sie durcheinander. Und er erzählte
+ihnen das Ur- und Anfangsmärchen vom Rotkäppchen, das sie alle
+verstehen und das sie beim hundertsten Male ebenso gern hören wie beim
+ersten Male.
+
+Als er mitten im Erzählen war, kam ein Junge aus der Bank heraus, ging
+auf Asmussen zu, ergriff dessen Hand und sagte:
+
+»Du, ich mag dir gerne leiden.«
+
+»Soo?« sagte Asmus; »Junge, das ist ja prachtvoll; ich dich auch; aber
+dann mußt du jetzt auch ganz still sitzen bleiben und zuhören!«
+
+»Ja,« erklärte der Kleine überzeugt und ging ruhig wieder an seinen
+Platz.
+
+Für einen andern aber hatte Asmussens Erzählung offenbar keinen Reiz.
+Er erhob sich und steuerte geraden Wegs auf die Tür zu.
+
+»Was willst du denn?« fragte Asmus.
+
+»Ick will noh Hus,« lautete die sehr entschiedene Antwort.
+
+»Jä, dat geiht ober nich; du muß noch’n bitten hierblieben.«
+
+Der kleine dicke Bursche explodierte in einem furchtbaren Geheul.
+
+»Ick will ober noh Huuus!« brüllte er.
+
+»Wat wullt du denn dor?«
+
+»Ick will bi min Mudder sin!«
+
+»Minsch, de Klüten (Klöße) sünd jo noch gornich fertig.«
+
+Der Kleine nahm die Fäuste von den Augen und starrte ihn sprachlos an.
+
+»Du wullt wull gern Klüten un Plum’n (Pflaumen) eeten, wat?« fragte
+Asmus.
+
+»Jo,« versetzte der Kleine, von so viel Verständnis seiner Seele
+überrascht.
+
+»Jä, Hein, de sünd jo noch gornich gor! Bliev man noch’n bitten
+sitten; ich segg Di denn Bescheed, wenn din Mudder se fertig hett.«
+
+Auf diesen Kontrakt ging Heinrich Lohmann ein und verfügte sich
+langsam wieder an seinen Platz.
+
+Als die Geschichte zu Ende war und die Geisterchen wieder nach allen
+Himmelsrichtungen anseinanderfielen, sprach er:
+
+»Nun paßt aber mal auf, was jetzt kommt!«
+
+Sie waren plötzlich still.
+
+Mit geheimnisvollen Mienen ging Asmus an einen Schrank.
+
+»Was ich wohl hier im Schrank habe!« sagte er.
+
+»Frühstück!«
+
+»Nein.«
+
+»Schokolade!«
+
+»Nein.«
+
+»’n Bilderbuch!«
+
+»Nein. In diesem Schrank hab’ ich einen Vogel; wenn man den
+streichelt, dann singt er.«
+
+»Oooh – laß ihn mal ’raus!« riefen einige.
+
+»Ja, ich will ihn mal herauslassen.« Er öffnete den Schrank und nahm
+einen Geigenkasten heraus.
+
+»O, ich weiß, Herr Lehrer, ich weiß!« riefen ein paar Gescheite.
+
+»Pst! Nichts verraten! Das ist das Vogelbauer. Paßt gut auf, daß er
+nicht herausfliegt,« sagte er zu den Nächsten, und sie spreizten die
+Händchen und öffneten die Mäulchen, als wollten sie den Flüchtling mit
+Mund und Händen auffangen. Die Hintensitzenden stiegen auf die Tische
+und reckten die Hälse. Asmus öffnete den Kasten und nahm Geige und
+Bogen heraus.
+
+»Hurra – hallo,« schrien sie alle; aber dann wurden sie noch stiller
+als zuvor, und nun hatten alle die Schnäbel offen.
+
+Asmus setzte den Bogen an und spielte einen raschen Lauf vom kleinen #g#
+bis zum dreigestrichenen.
+
+Da waren sie plötzlich wie »voll süßen Weins«, sie gingen über Tisch
+und Bänke, hopsten, sprangen und faßten sich an und tanzten.
+
+»Was soll ich nun ’mal spielen« fragte Asmus.
+
+Ach, was mußte er da für Erfahrungen machen! Einige nannten ein paar
+Spiellieder, die sie in einem Kindergarten gelernt hatten; die meisten
+aber nannten Gassenhauer und Operettenmelodien, die auf die Drehorgel
+gekommen waren. Ein rechtes, gutes Volkslied nannte nicht einer; denn
+das deutsche Volkslied wird im deutschen Hause nicht mehr gesungen.
+
+Asmus erzählte ihnen von dem Häslein, das der Jäger totschießen
+wollte, und dann sang er:
+
+ Als der Mond schien helle,
+ Kam ein Häslein schnelle,
+ Suchte sich sein Abendbrot,
+ Hu, ein Jäger schoß mit Schrot.
+
+Er sang, wie das Häslein den Mond bat, sein Licht auszulöschen, und
+wie es dem Jäger entkam.
+
+ Häslein ging zur Ruhe,
+ Zog aus Rock und Schuhe,
+ Legte sich ins weiche Moos,
+ Schlief wie auf der Mutter Schoß.
+
+und die Lieblichkeit von Wort und Weise, die Unschuld der Kindertage,
+da er sie zuerst gesungen, die Schönheit der Stunden, da er sie bei
+Meister Bruhn gehört und gegeigt, und die saugende Andacht all dieser
+reinen Augen, die durstig an seinen Lippen hingen, überströmten sein
+Herz mit einem so überschwenglichen Glück, daß ihm die Augen feucht
+wurden.
+
+»Nun will ich’s einmal spielen,« sprach er und spielte das Lied.
+
+»Wollt ihr jetzt ’mal mitsingen?«
+
+Jubelnd ergriffen sie diesen Vorschlag.
+
+Und alle sangen sie mit. Ei, ei, ei, war das eine Musik! Es klang noch
+ganz furchtbar. Aber sie fanden es schön, und am eifrigsten sang Peter
+Brandenburg, dessen Gehör und Stimme nur einen einzigen Ton hatten,
+und der klang wie das Surren einer Hummel, die man in eine Schachtel
+eingesperrt hat.
+
+»Wer will mir nun ’mal was vorsingen?« fragte Asmus.
+
+Manche getrauten sich nicht; aber die meisten hielten mit ihrem Talent
+nicht zurück und sangen frisch von der Leber weg.
+
+ »Denke dir, mein Liebchen,
+ Was ich im Traume geseh’n«
+
+oder
+
+ »Dat Scheunste, wat man hett,
+ Dat is so’n Zigarett’«
+
+oder
+
+ »Ach, mein Schreck, ach, mein Schreck!
+ Meine teure Hulda ist weg!«
+
+nein, so viel Asmus auch horchte und forschte und hoffte, er hörte
+nichts Gutes, Schönes, Gesundes. Wohl aber begann ein Bürschlein
+frisch und frei ein ausgesprochenes Zotenlied zu singen.
+
+»Genug, genug!« rief Asmus und hieß das Kind schweigen. Dies Lied, von
+frischen Kinderlippen ahnungslos gesungen, hatte ihm einen furchtbaren
+Eindruck gemacht. Die Schule lag in der Hafengegend; unter ihrem
+Publikum gab es mancherlei Armut und Verwahrlosung, und unter den
+Schülern waren auch Kinder »anrüchiger« Straßen.
+
+
+
+
+XXXVII. Kapitel.
+
+Herr Drögemüller als Einkassierer des Schicksals.
+
+
+So groß sein Mitgefühl mit den Kindern der Enterbten und Verachteten
+war, so schien ihm doch seine Aufgabe um so schöner und lockender, je
+schwieriger sie war. Die wohlgepflegten Kinder reicher und »guter«
+Familien erziehen, das war keine Kunst – so dachte er wenigstens
+damals; er sollte noch anders darüber denken lernen – aber hier galt
+es, Knoten zu lösen und Hindernisse zu überwinden. Und schon nach
+wenigen Tagen sollte ihn ein »Riesenerfolg« in seinem Glauben an sein
+Werk bestärken. Am vierten oder fünften Tage seines Lehrertums kam
+Herr Drögemüller mit einer Liste in die Klasse und fragte: »Ist
+Heinrich Lohmann hier?«
+
+Jawohl, Heinrich Lohmann war _da_; es war derselbe, den am ersten Tage
+die Sehnsucht nach den Klößen seiner Mutter ergriffen hatte und der
+dies Gefühl in reinstem Plattdeutsch unverhohlen zum Ausdruck gebracht
+hatte. Er gehörte in eine Nachbarschule und war irrtümlich in Sempers
+Klasse gekommen.
+
+»Du gehörst in eine andere Schule, mein Sohn,« sagte Herr Drögemüller.
+»Pack’ deine Sachen und komm mit.«
+
+»Nee,« sagte Heinrich Lohmann munter, »ick will hier blieben.« Selbst
+Herr Drögemüller mußte lachen.
+
+»Ja, mein Junge, das geht nicht,« sagte er, »komm nur schnell.«
+
+»Ick will ober leever hier blieben,« wandte Lohmann mit schwächerem
+Widerstande ein.
+
+»Na, nu’ mach flink, Junge, mach flink!« drängte der Hauptlehrer.
+
+Lohmann packte widerstrebend seine Sachen und folgte Herrn
+Drögemüller; aber als er nun Sempern die Hand zum Abschied geben
+sollte, warf er alles, was er trug, auf den Boden, umklammerte
+Asmussens Bein und schrie: »Ick will bi di blieben! Ick will bi di
+blieben!«
+
+Asmussen wurde es wunderlich ums Herz.
+
+»Kann er denn nicht hier bleiben?« fragte er den Hauptlehrer.
+»Vielleicht kann ja ein anderer – –?«
+
+»Nein, das geht nicht!« versetzte Drögemüller kurz. »Er wohnt ja nicht
+in unserm Bezirk. – Jetz komm, Junge, sonst – –«
+
+Asmus klopfte dem Kleinen die Wangen und sagte: »Na, Heinrich, dann
+geh nur mit. Wenn die Schule aus ist, besuchst du mich mal, was? Und
+ich besuch’ dich auch mal, ja?«
+
+Da gab sich Heinrich Lohmann zufrieden, sammelte unter Tränen seine
+Bibliothek zusammen und schlich davon.
+
+Asmus Semper war glücklich. Also schien ihm die Kraft gegeben zu sein,
+die Herzen der Kinder zu gewinnen, und darüber war er unsäglich froh.
+Überhaupt lebte er wie in einem Rausche. Diese tausendfältigen,
+rückhaltlosen Offenbarungen der Kindesseele überwältigten seine
+Beobachtungskraft; er wußte nicht, wie er diesen Reichtum in die
+Scheuern bringen und verwerten sollte. Und viel zu früh schloß er den
+Kindern den Mund durch regelrechten Unterricht; seine Taten hinkten
+noch weit hinter seinen Ideen her. Er hätte noch länger die Eigenart
+jedes einzelnen Kindes hervorlocken sollen, wenn er den Wegen
+Pestalozzis folgen wollte; aber er fürchtete, die Kinder würden nicht
+lernen, was sie nach dem »Pensum der Klasse« lernen sollten, wenn er
+nicht den stundenplanmäßigen Unterricht beginne. Herr Drögemüller
+hatte sich ohnedies schon bemerkbar gemacht. Als Asmus eines Tages
+einen Knaben ein Märchen erzählen ließ, war Herr Drögemüller, der es
+nicht für ein Gebot der Höflichkeit hielt, anzuklopfen, in die Klasse
+getreten, hatte durch seine blaue Brille auf den an der Wand hängenden
+Stundenplan geblickt und gesagt:
+
+»Sie haben jetzt eigentlich Rechnen, nicht wahr?«
+
+»Jawohl,« hatte Asmus gesagt.
+
+»Hm,« hatte dann Herr Drögemüller gesagt, und er war wieder
+hinausgegangen. – – Ja, Asmus war glücklich; aber wie es das Schicksal
+gewöhnlich mit ihm gehalten hatte, so tat es auch diesmal; von dem
+vollen, hundertprozentigen Glück, das es ihm gegeben, zog es neunzig
+Prozent Wucherzinsen ab, und der Exekutor, der die neunzig Prozent
+einkassierte, war diesmal Herr Drögemüller.
+
+Herr Drögemüller war Junggeselle, und so hatte er zu viel Zeit für
+seinen Beruf. Man hat immer dann zu viel Zeit für seinen Beruf, wenn
+man sie zur Auffindung neuer und fruchtbarer Gedanken aus einem
+gewissen inneren Mangel nicht anwenden kann, sie vielmehr mit der
+Erfindung immer neuer Reglements-Paragraphen verbringen muß. Jedesmal,
+wenn Herr Drögemüller ein paar freie Stunden gehabt hatte, trug
+alsbald danach ein Knabe durch alle Klassen eine Verfügung, unter die
+jeder Lehrer sein »#Vidi#« setzen mußte. Herr Drögemüller wußte aus
+der Arithmetik, daß, wenn man unablässig addiert, zuletzt eine hohe
+Summe herauskommen muß, und so hoffte er durch unermüdliche
+Hinzufügung von »Verbesserungen« seine Schule auf den Gipfel der
+Vollendung zu bringen. Wenn ihm aber jemand mit umwälzenden Methoden
+oder gar mit neuen Lehrzielen kam, dann bekam er Entrüstung mit
+Fieber. Welche Anmaßung, wenn ein Lehrer es besser wissen wollte als
+Drögemüllers Seminardirektor! Seine Berufsanschauung ruhte auf drei
+Axiomen als auf drei unerschütterlichen Säulen:
+
+ 1. Die Alten sind klüger als die Jungen.
+
+ 2. Die Toten sind klüger als die Lebendigen.
+
+ 3. Die Vorgesetzten sind klüger als alle.
+
+und seine Berufsanschauung war auch seine Weltanschauung; denn er war
+der Meinung, ein Lehrer habe sich weder um Kunst und Literatur, noch
+um Politik, noch sonst um etwas anderes als allein um seinen Beruf zu
+kümmern.
+
+Er verbrachte denn auch seine Tage am Schreibtisch seines Bureaus;
+seine Wohnung war eigentlich nur Schlafstelle, und in seiner
+bescheidenen Bibliothek stand kein neues Buch. Trotzdem hielt er sich
+für einen gewissenhaften Beamten.
+
+Daß er mit diesem Mann nicht lange in Frieden leben werde, davon hatte
+Asmus eine deutliche Ahnung. Schon wenn er ihn sprechen hörte, wurde
+ihm unbehaglich. Er war immer so empfindlich gewesen für menschliche
+Stimmen; die Stimme war ihm der Mensch, und besonders wahr und schön
+war’s ihm immer erschienen, daß der wahnsinnige Lear von der Stimme
+der toten Cordelia sprach. Drögemüller aber heulte durch die Nase und
+sprach, als wenn er einen zu schmal gewölbten Gaumen hätte.
+
+Gleich am ersten Tage sah Asmus etwas, was ihn geradezu erschreckte.
+Kinder während der Schulpause – das war ihm immer ein Bild befreiter,
+sprudelnder Jugendlust gewesen. Es war ihm gar nicht der Gedanke
+gekommen, daß das anders aussehen könne. Und hier sah er die Kinder,
+zu Vieren geordnet, langsam hintereinander hertappen, wie Gefangene,
+die man gerade so viel lüftet, wie zur Erzielung einer guten
+Gesundheitsstatistik unbedingt erforderlich ist. Und in der Mitte des
+Schulhofs ging ein Lehrer auf und ab, der darauf achten mußte, daß
+keiner aus der Reihe trat. Nun bemerkte Asmus freilich bald, daß der
+größere Teil des Kollegiums die Verfügung des Chefs nicht mehr
+sonderlich ernst nahm; die Herren ließen denn auch den spazierenden
+Kindern die Zügel leidlich locker. Dann freilich tauchte gelegentlich
+Herr Drögemüller auf und verwies laut scheltend die zuchtlosen
+Elemente in ihre Reihen zurück, um dem Aufseher zu demonstrieren, daß
+er seine Pflicht verletze. Die Herren, meistens ältere, wohlverdiente
+und zum Teil ihrem Chef bei weitem überlegene Männer, aßen ihr
+Frühstück ruhig weiter und taten nach wie vor, was sie für gut
+hielten. Aber jetzt waren drei junge Herren ins Kollegium gekommen,
+und die wollte Herr Drögemüller gleich richtig an die Kandare nehmen,
+damit sie ihm nicht über den Kopf wüchsen.
+
+Als Asmus zum erstenmal die Aufsicht führte, freute er sich über
+jeden, der die Ordnung der Sektionen verließ. Aber siehe, schon war
+Herr Drögemüller da und heulte durch die Nase und trieb die
+Schwarmgeister an ihren Platz.
+
+»Das geht aber nicht, Herr Semper; achten Sie bitte strenge darauf,
+daß die Schüler zu vieren gehen.«
+
+»Ja, da kann dann freilich von Erholung nicht mehr die Rede sein,«
+bemerkte Asmus.
+
+»Ooh, das wollen wir doch nicht sagen!«
+
+»Ja, für siebzigjährige Spittelleute mag das ja eine genügende
+Erholung sein; aber junge Körper, wenn sie stundenlang in der Bank
+gesessen haben, wollen sich gehörig tummeln und die Lungen
+reinpumpen.«
+
+»Herr Semper, wenn wir das einreißen ließen, dann würden wir jeden Tag
+blutige Nasen und gebrochene Gliedmaßen und hinterher die Klagen der
+Eltern haben.«
+
+»Herr Drögemüller, wir haben uns als Jungen auf dem Schulhof
+geschlagen wie Hunnen und Nibelungen, und blutige Nasen habe ich mehr
+als eine davongetragen; ich habe aber Blut genug übrig behalten,
+vielleicht noch zuviel. Nach Ihren Grundsätzen müßte man den Kindern
+das Spiel überhaupt verbieten; denn Unfälle, sogar tödliche, sind
+freilich niemals ausgeschlossen.«
+
+»Was anderswo passiert, ist mir einerlei, in _meiner_ Schule soll aber
+so etwas nicht vorkommen, und darum muß ich darauf dringen, daß meine
+Anordnungen befolgt werden.«
+
+In Asmus wirbelte etwas empor; aber der Vorgesetzte hatte bereits den
+Rücken gewandt und war gegangen.
+
+
+
+
+XXXVIII. Kapitel.
+
+Schon wieder gibt es einen Zusammenstoß.
+
+
+Sempern erfüllte ein seltsam unbehagliches Gefühl. Sollte ein Lehrer
+sich wie ein Handlanger traktieren lassen? Sein aufbrausendes Blut,
+das sich schnell über jedes Unrecht empörte, wollte ihn zu offener
+Auflehnung fortreißen. Dazu kam, daß seine Jugend, wenn auch nicht von
+revolutionärem Sinn, so doch von revolutionären Gedanken genährt war.
+Er hielt es noch immer mit den Tyrannenmördern und Volksbefreiern.
+Aber andrerseits hatte er zu viel klaren Verstand, um an eine Welt
+ohne Regierung und Gesetz zu glauben. Jeder mußte sich unterordnen,
+das wußte er wohl. Und wenn ein Vorgesetzter schwach war, – die, die
+ihn eingesetzt hatten, waren Menschen und dem Irrtum unterworfen wie
+er selbst. Aber wenn die Obrigkeit in der Wahl der Oberen gar zu
+töricht oder gewissenlos war, dann war Auflehnung so natürlich und
+notwendig wie sonst die Unterordnung, dann war Widerstand Pflicht, vor
+allem der Kinder wegen. Aus diesem Zwiespalt kam er nicht heraus.
+
+Andere Skrupel und Sorgen kamen hinzu. Er mußte den Kleinen
+Religionsunterricht geben. Waren nun diese biblischen Geschichten
+geoffenbartes Gotteswort, dessen Wahrheit sich auch dem kaum erwachten
+kindlichen Geiste auf wunderbar intuitiven Wegen erschloß? Nein, das
+glaubte er nicht, konnte er also auch nicht lehren. Sollte er also die
+Geschichte der Juden und das Leben Jesu kritisch, rationalistisch,
+liberal-theologisch behandeln? Der Hamburgische Staat nahm es im
+Gegensatz zu andern deutschen Staaten mit der Gewissensfreiheit
+leidlich ernst und schrieb seinen Lehrern nicht vor, wie sie die Bibel
+zu behandeln hätten. Aber wenn dies alles nicht zweifellose, der
+kindlichen Seele ohne weiteres zugängliche göttliche Wahrheit war –
+dann war es ja heller Unsinn, diese Materien mit sechs- bis
+siebenjährigen Kindern zu behandeln, dann waren es Materien für reife
+Jünglinge und Männer. Diese religiösen Bedenken verfitzten sich mit
+pädagogischen und künstlerischen. Die biblischen Historien mit den
+Worten der Bibel erzählen, das hieß nach seiner Meinung, die armen
+kleinen Kerle mit unverständlichen Worten und Begriffen quälen und war
+also unmöglich. Die alten Berichte aber mit eigenen, modernen Worten
+erzählen, dagegen sträubte sich alles in ihm, das schien ihm eine
+unerhörte vandalische Versündigung gegen die erhabene, ehrwürdige
+Kraft und Schönheit dieser Mythen. Man konnte ja auch den »Faust« mit
+anderen Worten erzählen; aber war das der »Faust«?
+
+Aber das Allerschlimmste war doch, daß diese Geschichten unzweifelhaft
+einen persönlichen Gott annahmen und von einem Jesus berichteten, der
+Wunder tat, vom Tode auferstand und gen Himmel fuhr. Sich mit leeren
+Worten um diese Fragen herumdrücken, war unwürdig, war ihm unmöglich.
+Freilich, er konnte es machen wie #Dr.# Korn; er konnte den Kindern
+sagen: So berichtet die Bibel; was ihr glauben wollt, ist eure Sache.
+Aber das konnte man vor Jünglingen tun, nicht vor sechs- bis
+siebenjährigen Knäblein. Die konnten noch nicht sondern und wählen;
+die hingen mit dem treuen Blick des Glaubens an seinem Munde; die
+glaubten alles, was er sagte, und ahnten noch nicht, daß ein Lehrer
+etwas sagen könne, was er selbst nicht glaube.
+
+Endlich blieb noch der Ausweg, sich als »Beamten« zu fühlen, der ein
+Amt und keine Meinung habe. Er konnte diese Dinge einfach nach der
+orthodoxen Dogmatik behandeln und zum Beispiel die Stelle von der
+Schlange, die »denselbigen in die Ferse stechen werde«, als
+messianische Weissagung hinstellen, am Ende des Monats sein Gehalt
+einstreichen und die Verantwortung denen überlassen, die den
+Religionsunterricht verlangten, das war das sicherste. Aber diese
+handwerkerliche Auffassung von seinem Beruf konnte er sich eben nicht
+angewöhnen, so selbstverständlich sie auch Herrn Drögemüller schien.
+Denn diese sechzig Kinder wurden einmal sechzig Menschen, und was er
+als winziges Körnchen in ihre Seele warf, war vielleicht nach zwanzig
+Jahren ein Baum, ein nährender Fruchtbaum oder ein Giftbaum oder ein
+leeres Gestrüpp. Der Arzt, der nach bestem Wissen und Können in einen
+lebendigen Menschen hineinschnitt, konnte auch nicht zur Verantwortung
+gezogen werden; aber es war doch ein verteufeltes Gefühl, einen
+Menschen unter dem Messer zu haben.
+
+Er beschloß bei sich, diesen Unterricht so bald wie möglich abzugeben,
+und fand, daß der Modus seines ehemaligen Direktors noch der
+redlichste und erträglichste sei. Er trug den Kindern die Bibel vor,
+wie sie war, und enthielt sich jeder kritischen Beleuchtung. Nur sagte
+er dann nicht: Ihr könnt’s glauben, könnt’s auch lassen, sondern
+getröstete sich der Hoffnung, daß sie sich bei wachsender Reife in der
+Stille ihres Herzens wohl selbst mit diesen Dingen abfinden würden.
+
+Ein herzlicher Unterricht konnte das freilich nur in solchen
+Augenblicken werden, wo die Naivität der biblischen Geschichten mit
+der Naivität der Kindesseele zusammenfiel; und in solchen Augenblicken
+atmete das Herz des jungen Schulmeisters erleichtert und beglückt. Und
+eine Fülle der Freuden quoll fast aus allen andern Stunden. Nur
+stampfte ihm Herr Drögemüller eines Tages auch in den Leseunterricht
+hinein. Herr Drögemüller dachte es sich wunderschön, wenn alle drei
+neuangestellten Lehrer den Leseunterricht auf völlig gleiche Weise
+erteilen würden, und zwar auf ebendieselbe Weise, die er vor 25 Jahren
+auf dem Seminar erlernt habe. In seiner Schule sollte alles ordentlich
+hergehen: alle sollten auf Schuhen kommen, alle sollten Schulgeld
+zahlen, alle denselben Glauben haben und auf dieselbe Weise »gebildet«
+werden.
+
+Einer der neuen Herren tat ihm auch den Gefallen; Asmus aber und der
+andere gingen ihre eigenen Wege. Herr Drögemüller bemerkte das mit
+Mißfallen.
+
+»Machen Sie es nicht so, wie ich es Ihnen neulich gezeigt habe, Herr
+Semper?« fragte er.
+
+»Nein,« lautete die ebenso kurze wie unzweideutige Antwort.
+
+»Warum denn nicht?«
+
+»Weil ich meine Weise für richtiger halte.«
+
+»Aber Herr Semper – Sie werden wohl zugeben, daß ich mehr Erfahrung
+habe als Sie –.«
+
+»Das mag sein; aber ich muß meine Methode selber finden, und nur nach
+der Methode, die meiner Überzeugung entspringt, kann ich unterrichten.
+Wenn es die Jungen immer machen müßten wie die Alten, dann könnten Sie
+und ich überhaupt noch nicht lesen.«
+
+»Das ist ja wohl sehr geistreich, Herr Semper; aber gleichwohl muß ich
+Sie bitten, meine Wünsche zu respektieren.«
+
+»Mit Recht sagen Sie »Wünsche«, Herr Drögemüller, und nicht »Befehle«.
+Denn »Befehle« gibt es hier nicht. Ich bin nur verpflichtet, meine
+Schüler zu fördern. Welche Methoden ich dabei anwende, ist ganz allein
+meine Sache.«
+
+Drögemüller war bleigrau im Gesicht geworden und schnappte, als wenn
+er Luft für einen längeren Satz einnehme; er entschied sich dann aber
+nur für ein: »Na, wenn Sie meinen –« und ging mit rachsüchtig
+geschwungenen Beinen hinaus. Als er draußen war, stenographierte er
+etwas sehr Langes in sein Notizbuch. Die Methode ist frei, dachte
+Drögemüller, darin hat er recht; aber ich werde schon andere Pfeifen
+schnitzen, nach denen er tanzen soll.
+
+Zunächst indessen sollte Asmus ein wenig nach den Pfeifen des
+Exerzierplatzes tanzen. Bei der Generalmusterung im Sommer war er
+endgültig »gezogen« worden, und nun war die Order gekommen, daß er
+sich am 1. Oktober auf dem Altenberger Kasernenhofe einzufinden habe.
+
+
+
+
+XXXIX. Kapitel.
+
+Ist teilweise im Kasernenstil geschrieben und belehrt uns durch die
+Güte des Herrn Schieß-Unteroffiziers, was für ein Mensch dieser Asmus
+Semper eigentlich ist.
+
+
+Was ihm an diesen Musterungs- und Gestellungsbefehlen aufgefallen war,
+das war die Ängstlichkeit, mit der auch der leiseste Verdacht einer
+höflichen Gesinnung vermieden war. Er fand, daß dieselben Befehle mit
+derselben Entschiedenheit in einer Form gegeben werden könnten, die
+mehr nach menschlicher Gesellschaft klang. Sie berührten ihn, als
+wären sie mit Absicht so schroff wie möglich formuliert, um das
+persönliche Selbstbewußtsein von vornherein auf den Nullpunkt
+zurückzutreiben. Überhaupt begann er diese sechs Wochen, die er als
+»Schulamtskandidat« unter Waffen zubringen sollte, nicht mit gehobenen
+Gefühlen. Ludwig Semper freilich sprach noch immer von seinen
+Soldaten- und Kriegsjahren als von einer frischen, fröhlichen Zeit;
+aber »beim Preußen« war’s anders, und die vielen und abscheulichen
+Soldatenmißhandlungen, von denen die Zeitungen berichteten, hatten
+Asmussen immer mit Zorn und Entsetzen erfüllt. Frau Rebekka schwankte
+zwischen Stolz und Bangen. Sie war stolz, daß man ihren Sohn für
+tauglich befunden hatte, und sie bangte, daß man ihn mißhandeln und
+überanstrengen könne.
+
+Und gleich der ganze erste Tag war eine Mißhandlung, aber keine
+böswillige. Die Herren Schulamtskandidaten standen nämlich mit kleinen
+Unterbrechungen von morgens acht bis abends sieben Uhr auf dem
+Kasernenhof und warteten. Einmal erschien ein Feldwebel und rief ihre
+Namen auf, und dann warteten sie wieder sechs Stunden. Einmal
+beobachtete Asmus einen Haufen Offiziere, und ein sehr temperamentvoller
+Herr unter ihnen schrie: »Denken Sie, der Seckendorff läßt sich wegen
+Krankheit beurlauben und verzehrt ein großes Beefsteak mit
+Spiegeleiern.« Asmus fand dies merkwürdig, aber für einen Tag war es
+nicht Unterhaltung genug. Er gehörte sonst zu den Menschen, die man wohl
+langweilen kann, die sich aber niemals selbst langweilen, weil die
+Gedankenmühle von selber geht wie ein #perpetuum mobile#. Aber so auf
+einem Fleck stehend und immer wartend, konnte man weder Gedichte machen,
+noch Gedankenspiele treiben; er litt Höllenqualen der Langenweile.
+Endlich, um sieben Uhr abends erschien ein Sergeant und erklärte ihnen,
+sie könnten nach Hause gehen. Denn die Schulamtskandidaten durften zu
+Hause schlafen und essen.
+
+Am andern Morgen ging es endlich los. Der Sergeant Greifenberg trat
+vor die Front von Asmussens Abteilung und hielt eine Rede.
+
+»Meine Herren,« sagte er, »ick hoffe, dat Sie als jebildete Herren mir
+meine Arbeit so leicht wie möglich machen wer’n. Ick werde Se nu mal
+ausbild’n. Wenn Se ooch noch so jelehrt sind, hier müssen Se doch noch
+wat zulernen. Sie sind Lehrers; aber ick bin der Lehrer von die
+Lehrers. Schtilljeschtanden!«
+
+»Un denn merken Se sick jleich,« sagte Herr Greifenberg, indem er auf
+einen der Kandidaten losging, »jelacht wird nich im Jliede. Wat ick
+sage, is nich zum Lachen; de Sache is sehr ernst.«
+
+Und nun begannen die Übungen; aber Herr Greifenberg stellte keine
+unmenschlichen Anforderungen, und Herr von Birkenfeld, der ausbildende
+Leutnant, noch weniger. Furchtsame Gemüter konnte freilich Herr von
+Birkenfeld zunächst abschrecken; denn er markierte den rauhen
+Kriegsmann, der weder Teufel noch Kognak fürchtet und »Sauerei« und
+»Schweinekram« für verblümte Redensarten hält. Wenn ihm die Richtung
+eines Gliedes nicht gefiel, so sagte er, in einem milden, väterlichen
+Tone beginnend:
+
+»Ei, ei, ei, das Glied steht ja schweinemäßig! Der rechte Flügelmann,
+nehmen Sie den Bauch herein, ins drei Deubels Namen! Der Kerl taugt
+zum Flügelmann wie der Igel zum Schnupftuch!« Er sagte aber nicht
+»Schnupftuch«, sondern ganz etwas anderes, und wenn er von den
+unteren menschlichen Extremitäten sprach, so gebrauchte er eine
+Bezeichnung, die man nur unter Männern wiederholen kann, wenn keine
+Theologen zugegen sind. Im übrigen hatte er mit dem Flügelmann nicht
+unrecht. Der Schulamtskandidat Plambeck war der längste und dickste
+von allen; aber als er ein Gewehr mit einer Platzpatrone darin
+abdrücken sollte, da versagte er.
+
+»Warum drücken Sie nicht ab?« rief Herr von Birkenfeld.
+
+Plambeck hob den Kolben wieder an die bleiche Wange und setzte wieder
+ab.
+
+»Na, wollen Sie jetzt vielleicht die Liebenswürdigkeit haben,
+abzudrücken?« schrie der Leutnant.
+
+Plambeck hob schlotternd das Gewehr und ließ es abermals sinken.
+
+Jetzt trat Birkenfeld nahe an Plambeck heran und sagte ruhig:
+
+»Sagen Sie, fürchten Sie sich?«
+
+»Ja,« versetzte Plambeck ehrlich.
+
+»Na, Sie sehen doch, die andern haben auch geschossen und sind auch
+ganz geblieben. Ich werde jetzt kommandieren und Sie werden schießen.
+Legt an! – Feuer!«
+
+I, keine Spur von Feuer.
+
+»Heiliges Astloch!« schrie Birkenfeld. »So was ist mir denn doch noch
+nicht vorgekommen! Sagen Sie mal, wie denken Sie sich das eigentlich,
+’n Soldat, der nich schießt! ’n Soldat, der sich vor seiner Knarre
+fürchtet! Was wollen Se denn eigentlich machen, wenn –«
+
+»Bums!« Plambeck hatte abgedrückt und lächelte stolz.
+
+»Himmel, Schnaps und Wolkenbruch! Jetzt schießt mir der Kerl gleich in
+die Visage!« schrie Birkenfeld. »Herrrr, ich werde Sie ins Loch
+stecken, Herrrr!«
+
+Aber er steckte niemanden ins Loch, nicht einmal Büsing, der es doch
+einigermaßen verdient hatte. Büsing hatte morgens bei der Schießübung
+zu viel »Zielwasser« getrunken; die Kneipe lag in allzu verlockender
+Nähe des Schießstandes. Herr von Birkenfeld, der eine verständnisvolle
+Leber besaß, hatte gesagt: »Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie
+aus.« Das hatte Büsing so gründlich besorgt, daß er nachmittags eine
+Stunde zu spät zum Dienst gekommen war. Büsing war das aber noch immer
+nicht des Frevels genug gewesen; er hatte sich lächelnden Mundes bei
+dem Herrn Leutnant gemeldet mit den Worten:
+
+»Vom Ausschlafen zurück!«
+
+Da hatte ihm Birkenfeld zwar drei Tage aufgebrummt; aber er hatte sie
+ihm noch am selben Tage erlassen. Wenn er fluchend und wetternd und
+mit gezücktem Degen den Parademarsch abnahm und sein breiter blonder
+Bart im Winde wehte, dann sah er aus wie ein Eisenfresser, und doch
+war er ein vom Grund des Herzens humaner Mann, für den die Worte
+»gutes, kameradschaftliches Verhalten« nicht nur auf dem Papier
+standen und der im gemeinen Soldaten den gleichwertigen Menschen und
+Waffengenossen sah. Einmal hatte er aber doch etwas zu saftig
+geschimpft. Als der Schulamtskandidat Thölemann, der wie ein künftiger
+Pastor aussah, sprach und fühlte, gleich einer nassen Unterhose am
+Reck hing und ebensowenig wie dieses Kleidungsstück einen Klimmzug zu
+machen imstande war, da schrie Birkenfeld:
+
+»Herrrr, sei’n Se nich so schlapp, Herrrr! Deubel noch’n mal! Kerl hat
+natürlich die ganze Nacht bei Wachtmann ’rumgeh–t!«
+
+»Wachtmann« war ein ziemlich unethisches Tanz- und Nachtlokal, und das
+wollte sich Thölemann nicht bieten lassen. Er wollte sich über
+Birkenfeld beschweren. Und es war das beste Zeugnis für diesen
+Leutnant, daß die Kameraden Thölemannen abrieten, weil man die
+Schimpfreden Birkenfelds nicht tragisch nehmen dürfe, und nicht am
+wenigsten trat Asmus für den Beleidiger ein. Er liebte solche
+Menschen, die sich von Temperament und Leidenschaft fortreißen ließen
+und es im Grunde des Herzens doch gut meinten; er fühlte sich ihnen
+verwandt. Übrigens überlegte sich Birkenfeld seine Diagnose noch
+einmal, bat Thölemann um Entschuldigung, und die Sache war erledigt.
+
+Daß Schimpfen und Schimpfen zweierlei ist, das bewies Asmussen Seine
+Exzellenz der Herr Schießunteroffizier. Asmus hatte durch irgendeinen
+Zufall keine Exerzierpatronen erhalten und sollte sie sich vom
+Schießunteroffizier holen. Er suchte den Herrn auf, nahm die
+vorschriftsmäßige Haltung ein und sagte:
+
+»Darf ich bitten um meine Exerzierpatronen?«
+
+Da sah der Herr Schießunteroffizier Asmus Sempern mit einem langen
+Blick sprachloser Entrüstung an. Endlich aber fand er Worte und sprach
+den gewichtigen Satz:
+
+»Mensch, Sie sind doch ebenso dumm wie frech!«
+
+Die grenzenlose Dummheit und Frechheit Asmussens lag nämlich darin,
+daß er annahm, der Herr Schießunteroffizier werde jetzt, außerhalb der
+Empfangszeit, Lust haben, ihm die Patronen zu geben.
+
+Asmus, der über die erfahrene Beschimpfung bis hinter die Ohren
+errötet war, sah dem Manne scharf in die Augen und sagte nur:
+
+»Der Herr Leutnant schickt mich.«
+
+Keineswegs behauptete jetzt der Herr Unteroffizier, daß der Leutnant
+ebenso dumm wie frech sei; er beeilte sich vielmehr, Sempern die
+Patronen zu verabfolgen. Es war derselbe avancierte Bauernbursche, der
+einen Schulamtskandidaten darüber belehrt hatte, daß es nicht
+»Serschant«, sondern »Schersant« und nicht »Premjé-Leutnant«, sondern
+»Premihr-Leutnant« heiße.
+
+Als Asmus mit seinen Patronen auf den Kasernenhof zurückkehrte und
+sich die empfangene Charakteristik wiederholte, da mußte er laut
+auflachen über die Komik der Situation. Aber als er der Physiognomie
+dieses Menschen gegenübergestanden hatte, da war es ihm doch heiß ins
+Gehirn geschossen, dem Lümmel hinter die Ohren zu schlagen; denn aus
+diesen kaltfrechen Augen hatte ihn die machttrunkene Brutalität der
+emporgekommenen Roheit, hatte ihn der Typus des Soldatenschinders
+angestarrt.
+
+Und doch war der Schießunteroffizier noch lieb im Vergleich zu dem
+Assistenzarzt Dr. Rheinland.
+
+
+
+
+XL. Kapitel.
+
+Was? Hinkt der Kerl auf einem Fuß? Asmus lernt einen dummen und einen
+klugen Doktor kennen.
+
+
+Asmus vertrug sich mit seinem Dienste ausgezeichnet; der »langsame
+Schritt« und die Gewehrgriffe waren ja nicht brennend interessant und
+mit Rousseau- oder Kantlektüre nicht zu vergleichen; aber er sagte sich,
+das Leben kann nicht immer kurzweilig sein, und wenn er eine Arbeit
+anfaßte, so machte er sie so gut wie möglich. Er hatte denn auch die
+ausdrückliche Anerkennung des Herrn von Birkenfeld und des #magister
+magistorum# Greifenberg gefunden. Und die Marsch- und Felddienstübungen
+waren nun geradezu ein Vergnügen und eine Lust. Sie lehrten ihn seine
+körperliche Kraft und Ausdauer kennen, die er weit unterschätzt hatte.
+Wenn er sah, daß er es bei voller feldmarschmäßiger Belastung im Laufen
+und Springen hügelauf und hügelab den Längsten und Dicksten gleichtat,
+ja länger aushielt als mancher Schlagetot – denn die Größten sind nicht
+die Stärksten – dann hob seine Brust ein unaussprechliches Glücksgefühl,
+das Gefühl eines Siegers, der sich selbst überwand und seine ganze
+eigene Welt beherrscht. Oft klopfte ihm wild das Herz, und nicht immer
+ward es ihm leicht, dies Vorwärtsstürmen und Niederwerfen und
+Wiederaufspringen und Wiedervorwärtsstürmen; aber wie ein Rausch
+entzückte ihn das Gefühl, seine Kraft bis auf den letzten Rest und aus
+den verborgensten Quellen hervorzurufen und durch ein bloßes »Ich
+_will_« jede Schwierigkeit zu überwinden. Und zu allem hatte noch dies
+Kriegsspiel, dies Streifen durch Feld und Heide, dies auf Feldwache
+liegen und Patrouillengehen seine Schönheit, seinen Zauber, seine
+Poesie. Aber trotz alledem lahmte er eines Morgens; er hatte es mit dem
+langsamen Schritt und Parademarsch so gut gemeint, daß er sich eine
+Zerrung der Achillessehne am linken Fuße zugezogen hatte. Gleichwohl
+versuchte er regelrecht zu marschieren und den Schmerz zu verbeißen;
+aber er machte es damit nur schlimmer.
+
+»Melden Sie sich revierkrank!« sagte Herr v. Birkenfeld.
+
+Im Revier saß der Assistenzarzt Dr. Rheinland. Er würdigte die kranken
+Partien der Patienten kaum eines Blicks, im übrigen sah er sie
+überhaupt nicht an. Er kurierte ohne Ansehen der Person. Er drückte
+kräftig mit dem Finger auf die geschwollene Ferse des Musketiers
+Semper, und dieser zuckte zusammen.
+
+»Was fällt Ihnen ein!« schnauzte der Herr Doktor. Asmus wußte noch
+nicht, daß ein Soldat niemals zuckt. Er wußte freilich auch nicht,
+wie der Arzt sonst von seinen Schmerzen erfahren sollte, da er weder
+fragte, noch sich irgendwie auf eine weitere Untersuchung einließ. Er
+erklärte Sempern für dienstfähig; denn er gehörte zu jenen
+Militärärzten, die die Krankheiten wegmachen, ehe sie sie erkannt
+haben. Man macht auf diese Weise einen schneidigen Eindruck, schreckt
+die Simulanten ab, erzielt eine gute Gesundheitsstatistik und reicht
+weiter mit seinen Kenntnissen.
+
+Natürlich hinkte Asmus weiter.
+
+»Semper, hol’ Sie der Deubel! Sie hinken ja noch immer!« schrie der
+Leutnant.
+
+Asmus berichtete, wie es ihm ergangen.
+
+»Treten Sie aus und gehen Sie morgen wieder hin!« entschied
+Birkenfeld.
+
+Am andern Morgen erschien Asmus wieder im Revier. Diesmal drückte Herr
+Rheinland nicht einmal mit dem Finger; er warf einen verächtlichen
+Blick auf die gemeine Soldatenferse und schrieb, daß der Musketier
+Semper dienstfähig sei.
+
+Beim Parademarsch exerzierte der Musketier Semper genau wie ein
+Musketier Hephästos oder Mephistopheles.
+
+»Semper!« brüllte v. Birkenfeld. »Herr Semper, ich befehle Ihnen, daß
+Sie das Hinken lassen; ich verbiete Ihnen einfach das Hinken,
+Herrrr!«
+
+Die Befehle des Herrn Leutnants waren aber der Achillessehne nicht
+maßgebend.
+
+»Musketier Semper!« schrie Herr v. Birkenfeld. Asmus faßte das Gewehr
+an und lief hinkend zu seinem Vorgesetzten. »Was hat denn der Arzt
+gesagt?«
+
+»Er hat mich ohne Untersuchung und ohne ein Wort zu sprechen,
+dienstfähig geschrieben.«
+
+»Also geh’n Sie nach Hause, legen Sie sich aufs Sofa und fragen Sie ’n
+studierten Mediziner. Wegtreten!«
+
+Das tat Asmus. Der »studierte Mediziner« legte einen Verband an, und
+in zwei Tagen war die Sehne geheilt.
+
+Im übrigen schied er von dieser Zeit mit unvergleichlich
+freundlicheren Gefühlen, als er sie beim Eintritt empfunden hatte.
+Freilich, das Leben in der Kaserne hatte er nur sehr flüchtig kennen
+gelernt und wenn er sich vorstellte: drei Jahre in der schrecklichen
+Banalität dieser Räume, in der erdrosselnden Prosa dieses »inneren
+Dienstes« verbringen – dann lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter.
+Aber wenn er gerecht sein wollte, dann mußte er bekennen, daß in
+_seiner_ Erfahrung die guten und heilsamen Eindrücke überwogen. Nicht
+wenig trug zu dieser Stimmung ein gehobenes Gesundheitsgefühl bei. Er
+war immer ein gesunder Mensch gewesen; aber jetzt ward ihm seine
+Gesundheit förmlich bewußt; er fühlte wie in einem Rausch seine Adern
+strotzen und seine Muskeln schwellen. Von trüben Seminarzeiten
+abgesehen, hatte er auch immer einen gesegneten Appetit bekundet; aber
+nie hatte er solche Wonnen verzehrender Andacht empfunden, wie nach
+strammem Dienste vor den Würsten und Bierflaschen der Kantine. Wenn er
+nach vierstündigem Marsche solch eine Literflasche voll Braunbier an
+den Mund hob – denn der Soldat hat nicht immer ein Glas zur Hand – und
+minutenlang nicht wieder absetzte, dann schloß er fromm die Augen, und
+auch das war ein brünstiges Dankgebet an die Macht, die ihn gesund
+erschaffen und solcher Freuden fähig gemacht hatte. Überhaupt waren
+diese sechs Wochen ein Leben im Fleische; ihn interessierte nur
+Körperliches, und wenn er an sein Bücherbrett trat und auf den Rücken
+der Bände Namen wie »Lessing«, »Comenius« und »Euripides« las, dann
+kamen ihm diese Zivilisten wie Leute vor, von denen er in längst
+vergangenen Zeiten einmal hatte reden hören; der Gedanke, ein Buch
+herauszunehmen und zu lesen, erschien ihm vollkommen absurd. Der
+Körper ließ dem Geiste nur so viel Kraft übrig, als zu einer sanften
+Verblödung unbedingt nötig war: Asmus vegetierte in diesen sechs
+Wochen, und daran änderte selbst das geistige Moment des Dienstes, die
+Instruktionsstunden über Gewehrputzen, Rangverhältnisse und
+Kriegsartikel nichts Wesentliches, so schön sie auch manchmal sein
+mochten. Sergeant Greifenberg, der Lehrer von die Lehrers, wußte
+selbst die einfachsten Dinge für die gescheitesten Köpfe unklar zu
+machen, und wenn er über das Schloß des Infanteriegewehres Modell 71
+instruierte, dann hätte der Erfinder des Schlosses, wenn er zugehört
+hätte, seine eigene Erfindung nicht mehr verstanden. Herr von
+Birkenfeld hingegen betrieb die subtilsten logischen Sonderungen,
+besonders wenn er Kognak geladen hatte.
+
+»Was ist Mut und was ist Tapferkeit?« fragte er eines Tages den
+Musketier Semper.
+
+Asmus mußte sich einen Augenblick besinnen und sagte dann: »Mut und
+Tapferkeit sind wohl im wesentlichen dasselbe; eine Gemütsstimmung,
+die sich durch eine erkannte Gefahr nicht schrecken läßt. Man könnte
+sagen, daß der Mut mehr eine Sache persönlicher Veranlagung und mehr
+impulsiver Natur ist, während die Tapferkeit ein pflichtbewußtes
+Ausdauern in der Gefahr in sich schließt .....!«
+
+»Nee, nee, das is nichts,« rief Herr von Birkenfeld abwinkend.
+»Gemütsstimmung, was Gemütsstimmung! Der Soldat hat keine
+Gemütsstimmungen! Wenn es heißt: die Mauer da muß hinuntergesprungen
+werden, dann springt er, und das ist _Mut_. Tapferkeit is hingegen ganz
+was andres. _Tapferkeit_ zeigt der Soldat den feindlichen Kugeln und
+Bajonetten gegenüber!«
+
+Von solchen Stunden kam Asmus immer sehr vergnügt nach Hause, und wenn
+dann seine Brüder Reinhold und Adalbert dastanden und Front machten,
+dann dankte er ganz von oben herunter, etwa wie ein alleroberster
+Kriegsherr oder wie der Assistenzarzt Rheinland, wenn man ihm eine
+Achillesferse zeigte. Dann schrien Reinhold und Adalbert: »Seht den
+Hanswurst, er spielt sich auf!« Und dann zog Asmus das Seitengewehr
+und rief: »Bei Angriffen auf seine Soldatenehre darf der Soldat von
+der Waffe Gebrauch machen!« und nahm Aufstellung zum Brudermord.
+
+Und noch an einem der letzten Nachmittage seiner Dienstzeit machte
+Asmus eine höchst sympathische Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve
+erläuterte Plan und Idee der am Morgen unternommenen Felddienstübung,
+und er machte das so fein, so frisch und so klar, daß Asmussens
+Schulmeisterherz vor Freuden hüpfte. »Wenn das kein Schulmeister ist,
+so will ich Erzbischof sein,« dachte Asmus, und als die Entladung aus
+dem Dienste in der Kantine mit einem gemeinsamen Trunk gefeiert wurde,
+kam Asmus in die Nachbarschaft desselben Leutnants, der sich bald als
+Gymnasiallehrer #Dr.# Rumolt zu erkennen gab.
+
+Man sang das gefühl- und weihevolle Lied:
+
+ »Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja!
+ Erwarten euch die himmlischen Freuden, ja!«
+
+»Ja, ja, die himmlischen Freuden!« sagte Rumolt. »Jetzt geht’s wieder
+in die Schulstube.«
+
+»Ja!« versetzte Asmus mit Fröhlichkeit.
+
+»Freuen Sie sich darauf?«
+
+»O ja!«
+
+»Dann sind Sie ein glücklicher Mensch.«
+
+»Sind Sie nicht gern Lehrer?«
+
+»O,« machte Rumolt, »ich wüßte nichts Schöneres als Lehrer sein – wenn
+man es nur sein könnte.«
+
+»Wie meinen Sie das?« fragte Asmus begierig, und nun kamen sie in ein
+Gespräch über moderne Erziehung, und Asmus machte in diesem Manne
+einen Fund, der ihm in den kommenden Kämpfen mit dem System
+Drögemüller ein Labsal werden sollte.
+
+
+
+
+XLI. Kapitel.
+
+Die Schule am Wiesenhang.
+
+
+Und die Kämpfe mit diesem System nahmen bald wieder ihren
+frisch-fröhlichen Anfang, und in Asmussen stiegen lebhafte Zweifel
+darüber auf, ob es sich angenehmer unter dem Korporalstock oder unter
+dem Federhalter eines Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen,
+Drögemüller hatte meistens den Buchstaben des Gesetzes für sich, und
+es gab viele Gesetze mit vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten
+erträglich sein in der Hand eines Mannes, der den Geist vom Buchstaben
+zu sondern wußte; er aber verschärfte diese Gesetze noch durch seine
+Persönlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen suchte, daß der Lehrer ein
+Künstler sei, der zu seinem Werk der freien Bewegung, der guten Laune
+und einer schaffensfröhlichen Stimmung bedürfe, den man deshalb mit
+Liberalität und mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln müsse, dann
+zeigte Drögemüllers Angesicht ein irres, aber überlegenes Lächeln, als
+spräche man Chinesisch zu ihm und als verstünde er das Chinesische
+besser. Wenn die Verordnung vier schriftliche Hausarbeiten in der
+Woche vorschrieb und nur drei gemacht waren, dann kümmerte es
+Drögemüller nicht, daß der Verbrecher mit aufopfernder Begeisterung
+und treustem Eifer zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit
+fortgeschritten war wie irgendeine – er kannte keine Scham vor dem
+Geiste und bestand auf seinem Schein. Nicht das Geschaffene zu
+würdigen und zu mehren, sondern auf Übertretungen zu fahnden – darin
+erkannte er seinen göttlichen Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er
+überall mit seinem Notizbuch umher, zu diesem Zwecke horchte er sogar
+an den Türen, und es verbesserte seine Stimmung gegen Asmussen nicht,
+als dieser eines Tages eine Tür, hinter der er Herrn Drögemüller
+ahnte, mit großer Kraft öffnete und dabei den spitzesten Ellbogen des
+Vorgesetzten traf.
+
+»Pardon,« sagte Asmus, »ich konnte nicht ahnen, daß Sie hinter der Tür
+ständen.«
+
+Wenn sich nun auch Asmus bewußt war, daß er alles leistete, was eine
+menschliche Behörde von ihm verlangen konnte, so verdarb ihm doch
+diese Aufpasserei einen Teil seiner besten Kraft. Ihm war dabei zumute
+wie dem Reisenden, der eine geweihte Stätte besucht und der aus allen
+Winkeln trinkgeldsaugende Blicke auf sich gerichtet sieht; eine große,
+freie Bewegung des Herzens konnte nicht aufkommen. So war es denn
+Trost und Erquickung, mit #Dr.# Rumolt, seinem neuen Freunde, in
+freien Abendstunden von der Schule der Zukunft wenigstens reden zu
+können.
+
+Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste Landstraße der
+Welt, hinuntergewandert, waren in einen zum Flußufer hinabführenden
+Engpaß eingebogen und hatten sich auf einer Bank in halber Höhe des
+Weges niedergelassen. Vor ihnen breitete sich ein beblümter
+Wiesenhang, von Gebüsch umkränzt, und über die Büsche hinweg sah man
+den großen, stillen, majestätischen Strom. Die Wiese gehörte zu einem
+Mühlengehöft, und die alte Mühle drehte schläfrig ihre Flügel.
+
+»Sehen Sie,« sagte Rumolt, »das wär’ eine Schulstube, gelt? Was meinen
+Sie: auf dieser Wiese mit seinen Jungens oder Mädels liegen und von
+Gras und Blumen sprechen, von Frosch und Schmetterling, von Busch und
+Baum, von Rind und Schaf, von Müller und Mühle, von Schiff und
+Seefahrt, von den Flotten der Hansa und von Störtebekers
+Räuberfahrten, und dann mit Jungen oder Mädchen hinunterrudern oder
+-segeln und ihnen zeigen, wo die Helden der Gudrunsage auf dem
+Wulpensande kämpften und wo Hettel von Hegelingen gewohnt. Meinen Sie
+nicht, daß ihnen da eine andere Welt aufgehen würde als die, die ihnen
+zwischen vier Mauern als »Welt« vorgetäuscht wird?«
+
+»Das meine ich allerdings.«
+
+»Hinaus ins Freie! – Das ist das ganze Geheimnis der Pädagogik. Die
+Welt anschauen und anfassen, das ist alles. Sie nennen es bei Gott
+Anschauung, wenn sie Bilder und Präparate im Zimmer vorzeigen. Das
+ist, wie wenn jemand einen Vortrag übers Meer halten und zur
+Veranschaulichung ein paar Tropfen Seewasser in einem Probiergläschen
+vorzeigen wollte. Sie zeigen ein paar Tropfen vom Meere des Lebens. –
+Sehen Sie hier, diese Wiese, dieses Gehöft, dieser Strom, so weit wir
+ihn sehen, dieser Himmel, sie umschließen nahezu alles menschliche
+Wissen und Erkennen. Auf diesem Fleckchen könnte man eigentlich alles
+lernen, was der Mensch wissen und brauchen kann.«
+
+»Aber auf die Dauer würde es Ihren Schülern langweilig werden.«
+
+»Gewiß, wir wollen ja auch von Ort zu Ort wandern. Ich will ja nur
+zeigen, daß die Natur überall Millionen Anknüpfungspunkte bietet, die
+in der Schulstube nur in der Einbildung vorhanden sind. Denn das
+Wissen der Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist Können; nur was man
+kann, das weiß man auch. Selbst handeln, selbst schaffen muß das Kind,
+wenn es lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf wäre, so müßten
+meine Schüler ohne Ausnahme Ackerbau treiben. Nicht, daß sie alle
+Landleute würden, bewahre; viele würden ja gar kein Talent dazu haben
+– aber der Ackerbau umfaßt nahezu den ganzen Kreis des menschlichen
+Wissens und Könnens, und er lehrt dieses Wissen und Können durch
+_Tat_!«
+
+»Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken,« sagte Asmus, »würde
+allerdings eine wesentlich kleinere Schülerzahl voraussetzen.«
+
+»Gewiß,« fuhr Rumolt fort. »Ich denke, ein Lehrer kann nur so viele
+Kinder wirklich erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann, und
+zwölf, die ehrwürdige Patriarchenzahl, erscheint mir da als das
+äußerste Maß.«
+
+»Da brauchen wir viele Lehrer, und zwar Männer von außerordentlich
+vielseitiger Bildung.«
+
+»Daß unsere Lehrer eine bessere Bildung empfangen könnten, als sie
+auf Seminaren und Universitäten meistens finden, daß sie ihre beste
+Kraft in einem öden Datenwissen verzehren und verzetteln müssen, das
+wissen Sie so gut wie ich. Im übrigen aber dürfen Sie sich meinen
+Lehrer nicht wie einen allwissenden Magister von heute vorstellen.
+Er wird sich nicht schämen, ein Lernender mit Lernenden zu sein, und
+wird keinen Augenblick zaudern, zu sagen: ‘Das weiß ich nicht, ich
+werde mich zu unterrichten suchen’, oder ‘Forscht selber nach, und wer
+es gefunden hat, der sag es uns’.«
+
+»Der banalste Einwand ist der gewichtigste,« meinte Asmus, »das Geld.
+Der Staat müßte sich einen ganz andern Schulsäckel zulegen als den
+heutigen.«
+
+»Ja – hahahaha – das müßte er,« lachte Rumolt. »Er müßte sich an den
+eigentlich doch recht naheliegenden Gedanken gewöhnen, daß er keine
+höhere Aufgabe hat als die Erziehung seiner Bürger, daß er gar nicht
+besser für seinen eigenen Bestand sorgen kann als durch die Erziehung
+seiner Bürger, und daß er darum kein größeres Budget haben sollte als
+sein Erziehungsbudget.«
+
+»Statt dessen macht er das Einjährigen-Zeugnis zum Erziehungsideal,«
+bemerkte Asmus.
+
+»Ja!« Rumolt schlug ihm lachend aufs Knie. »Ist eigentlich eine ärgere
+Posse denkbar? Eine militärische Vergünstigung als Speck in der
+Seelenfalle! Und nach diesem Zeugnis müssen sie nun alle ohne
+Unterschied streben – die das Geld dazu haben, natürlich – und alle,
+die im Leben »etwas Besseres« werden wollen, müssen dasselbe famose
+Abiturium machen. Da schimpfen sie auf die Gleichmacherei der
+Kommunisten und Sozialdemokraten – aber gibt es eigentlich eine
+schlimmere Gleichmacherei als unsere Prüfungsvorschriften? Da hab ich
+einen Burschen in der Untersekunda, einen Prachtbengel, vorzüglich
+begabt in der Mathematik und allen Naturwissenschaften, von merkwürdigem
+Geschick in allem Technischen – was er anfaßt, gelingt ihm, und
+obendrein noch hochmusikalisch. Aber auf dem Kriegsfuß mit allem, was
+fremde Sprachen heißt. Nun sitzt er das zweite Jahr in meiner Klasse,
+und wenn seine fremdsprachlichen Leistungen nicht besser werden – und
+dazu ist keine Hoffnung – dann bleibt er zu Ostern wieder sitzen und
+erreicht nicht einmal das Einjährigen-Zeugnis. Und ich halt es für sehr
+wohl möglich, daß er nach sieben Jahren der Angst und Mühe hingeht und
+sich erschießt. Nun frage ich Sie: warum soll dieser Mensch _nicht_ auf
+die Universität gehen und Naturwissenschaften studieren, warum soll er
+_nicht_ aufs Polytechnikum gehen und Ingenieur werden dürfen? Wäre nicht
+denkbar, daß er einmal von seinem Laboratorium aus die Welt aus den
+Angeln höbe, ohne den Beistand der Herren Xenophon, Ovid und Victor
+Hugo? Doch –« Rumolt zeigte nach Westen –
+
+ »Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn
+ nicht verkümmern! – Sie rückt, sie weicht, der Tag ist überlebt!«
+
+Was denken Sie, wenn man bei solchem Anblick mit seinen Schülern von
+der Sonne spräche, nicht von ihrer chemischen Zusammensetzung und
+ihrem Kubikinhalt – das würd’ ich am Tage tun –, aber von den Ländern,
+denen sie jetzt das erste Licht bringt, von der Sonne als Gottheit und
+Symbol, von Karl Moors Wehmut: ‘So stirbt ein Held’ und von Faustens
+Sehnsucht, ihr zu folgen? Müßten da nicht in den Seelen der Kinder und
+Jünglinge wie von selbst die Ewigkeitsgedanken erwachen?«
+
+
+
+
+XLII. Kapitel.
+
+Der Skat und die Metaphysik, das Billard und Emilia Galotti, Herr
+Strecker und die deutsche Treue, Herr Drögemüller und ein Krach.
+
+
+Erholung und Stütze fand Asmus auch bei den Herren seiner Schule, und
+es hatte nicht lange gewährt, bis er, einen einzigen ausgenommen, zu
+allen in das beste kollegiale Verhältnis kam. Wie natürlich, hatte
+aber sein Herz unter diesen Männern eine engere Wahl getroffen und am
+besten hatten ihm zwei gefallen, Fritz Goers, ein wohlbeleibter,
+jovialer Riese, der Asmussens Vater sein konnte, und Klaus Heide, ein
+sehniger, knorriger Dithmarscher. Und wenn es nun in den Konferenzen
+etwas Gutes und Neues durchzusetzen galt, zogen diese Triumvirn an
+_einem_ Strang.
+
+Aber sie zogen nicht nur an einem Strang, sie sogen auch oft an
+_einem_ Trank, der bei Herrn Kuhlmann besonders kühl und frisch
+verzapft wurde. Herr Kuhlmann hieß Akademos, und sein Garten wurde die
+Akademie genannt. Es war für Asmus zunächst eine Skat- und
+Billard-Akademie. Dem Skat vermochte er keinen Geschmack
+abzugewinnen; er gewann es nicht über sich, diese Kunst mit dem
+strengen, sittlichen Ernste zu üben, den sie verlangte; er dachte
+immer an irgend etwas andres, »wimmelte« Aß und Zehn in die Stiche des
+Gegners hinein und hatte außer fortgesetzten Verweisen wegen
+Unaufmerksamkeit nichts davon als die Ehre, bezahlen zu dürfen.
+Dagegen entwickelte er unter Goehrs, des Riesen mildväterlicher
+Führung das Billardspiel zur Leidenschaft. Um Mitternacht begann dann
+die pädagogisch-ästhetisch-philosophische Sitzung, die Heide
+gewöhnlich durch irgendein wildes Paradoxon eröffnete, welches
+Paradoxon dem Asmus Semper alsbald wie eine Rakete durch den Leib
+fuhr. Damit es an Meinungen und Temperament nicht fehle, kam
+gewöhnlich noch Heides Freund, der kleine Stockelsdorf hinzu, und in
+der Regel endeten diese schweren Verhandlungen morgens um sechs Uhr
+unter einer Straßenlaterne, mit einem Streit über die Frage, ob Raum
+und Zeit Anschauungen #a posteriori# oder #a priori# seien, oder über
+ähnliche Bagatellfragen, und die vorübergehenden Milch- und Brotleute
+pflegten sich über die Erregung der Herren baß zu verwundern. Eines
+herbstlichen Abends aber, als sie auf dem Hamburger Gänsemarkt, dem
+Lessing-Denkmal gegenüber, in einem Café saßen, ward Asmus plötzlich
+stumm.
+
+»Was hast du?« fragte Heide, der Dithmarscher.
+
+»Ich betrachte schon eine ganze Zeit lang dies wunderbare Licht da auf
+dem Scheitel des Lessing,« sagte Asmus, »und kann mir nicht erklären,
+woher dieser rötliche Schein kommt. Diese Erscheinung hat für mich
+etwas Ergreifendes.«
+
+Die andern bestätigten seine Beobachtung und zerbrachen sich den Kopf,
+wo dieses magische Licht seinen Ursprung haben möge.
+
+»Das ist die Sonne,« sagte der Kellner, der eben eine Runde Grog
+brachte.
+
+»Wieso Sonne?« rief Asmus. »Die Mitternachtssonne, was?«
+
+»Es ist sechs Uhr,« sagte der Kellner.
+
+Die vier zogen gleichzeitig die Uhr. Es war sechs. Sie hatten in ihrer
+Unschuld gemeint, es sei ein bißchen nach Mitternacht.
+
+Jetzt tranken sie ihren Grog aus, traten auf den Markt hinaus und
+hatten vor dem Lessing-Denkmal noch einen dreiviertelstündigen Streit
+darüber, ob Emilia Galotti den Prinzen liebe oder nicht; dann
+schlenderten sie in die Vorstadt hinaus und befriedigten auf dem Wege
+unaufhörlich metaphysische Bedürfnisse.
+
+»Wie kann ein Volk wie das französische ohne Metaphysik leben!« krähte
+Stockelsdorf um die Wette mit einem Hahn, der aus einem nahen Stalle
+seinen Weckruf erschallen ließ.
+
+Und Asmus, der nicht ohne Metaphysik leben konnte, bewies
+Stockelsdorfen, daß man sehr gut ohne Metaphysik leben könne; denn es
+war in diesem Kreise stillschweigendes Gesetz, daß keine Behauptung
+unwiderlegt bleiben dürfe. Das war eine gute Übung; denn was sie dabei
+an Unsinn produziert hatten, das fiel ihnen am andern Tage von selbst
+ein und war eine wohltätige Verschärfung ihres Katers.
+
+Trotz dieser außerordentlichen Anstrengungen schnitt Asmussens Klasse
+bei der Osterprüfung vortrefflich ab, und ein angesehener Spezialist
+des Rechenunterrichts sagte: »Die Klasse rechnet besser als die
+meine.« Auch Herr Drögemüller fand nicht das geringste zu erinnern;
+aber Frieden konnte er darum doch nicht halten. Der Bund der Triumvirn
+war ihm ein Pfahl im Fleische; denn die Festigkeit der Dreie steifte
+auch andern Herren den Nacken. Freilich hatte er einen gewissen Trost
+und eine stille Freude an Herrn Strecker. Herr Strecker war ein Mann,
+der wiederholt nicht nur vor dem ökonomischen, sondern vor allen
+möglichen anderen Bankrotten gestanden hatte. Als es am schlimmsten um
+ihn stand, hatte er Buß’ und Reu’ in sich erweckt; fromme Hände, die
+gewöhnlich mächtig sind, hatten ihm unter die Arme gegriffen und ihn
+vor der Katastrophe bewahrt, und nun suchte er den oberen Stellen
+seine Schönheit zu beweisen durch strotzende Religiosität, heftigen
+Patriotismus mit gelegentlicher Denunziation von Majestätsbeleidigern
+und durch lackierte Pflichterfüllung. Seine Schüler sprangen wie ein
+Mann auf die Füße, wenn der Herr Hauptlehrer eintrat, gingen auf dem
+Hofe immer genau zu Vieren, und jeden Morgen eröffnete er mit Gebet
+und Choral. Zwar kam er manchmal zu spät; aber seine Schüler konnten
+ihn schon von weitem die Straße heraufkommen sehen, und wenn er dann
+den Schirm hob, setzten sie sofort ein mit
+
+ »Dich seh’ ich wieder, Morgenlicht! –«
+
+so vorzüglich waren sie geschult. Seine Hefte waren immer richtig
+korrigiert; er hatte aber auch für die Korrektur der Hefte, die größte
+Plage des Lehrers, ein ingeniöses, zeit- und nervensparendes Verfahren
+erfunden. Der Präparand nämlich, der bei ihm hospitieren und die Kunst
+des Unterrichtens erlauschen sollte, stand hinter einer geöffneten
+Schranktür, hatte im Schrank die Hefte und die rote Tinte vor sich und
+korrigierte. Wenn dann Herr Drögemüller zur Tür hereintrat, rief Herr
+Strecker:
+
+»Rieffelstahl! Sitz gerade!« oder
+
+»Rieffelstahl! Schau hierher!«
+
+und »Rieffelstahl!« war immer das Zeichen, daß der Präparand die
+Schranktür unauffällig schließen und mit einem sittlich reinen
+Angesichte hervortreten solle. Solche Mannen wie Strecker – »ich bin
+ein deutscher Mann«, pflegte er zu sagen, – sind nun freilich keine
+starken Helfer im offenen Streit; aber er trug seinem Hauptlehrer
+manche schätzenswerte Nachricht über seine Kollegen zu; auch er führte
+ein Notizbuch. Und so berichtete er Herrn Drögemüller unter anderem,
+daß Herr Semper im Zeichenunterricht allerlei Allotria treibe, die gar
+nicht im Lehrplan dieses Unterrichts stünden.
+
+Asmussens Schüler hatten nämlich schweigend, aber deutlich gezeigt,
+daß sie die unaufhörliche Fabrikation von senkrechten, wagerechten und
+schrägen Strichen, von Vierecken, Dreiecken, Sechsecken und ähnlichen
+schönen Figuren betäubend langweilig fänden, und Asmus hatte ihnen
+darin von Herzen zugestimmt. Er ließ sie darum im letzten Teil der
+Stunde allerlei Dinge zeichnen, die ihnen Vergnügen machten und die
+sie mit Feuereifer nachzubilden suchten. Er verfolgte damit ein
+Prinzip, von dem ihm schien, daß jeder vernünftige Unterricht es zum
+Ausgang nehmen solle. Da kam Herr Drögemüller in die Stunde, ging
+zwischen den Bänken umher und entbot dann Herrn Semper für die nächste
+Pause in sein Kontor.
+
+»Herr Semper, ich muß Sie abermals ersuchen, sich in Ihren Stunden
+durchaus an den Lehrplan zu halten.«
+
+Asmus zwang sich zur Ruhe und versuchte, seinem Chef in höflichster
+Form seine Beweggründe mitzuteilen. Um gerade Striche machen zu
+lernen, sei es doch nicht nötig, daß man ununterbrochen gerade Striche
+nebeneinander setze; man könne das doch auch an Figuren lernen, die
+dem Leben entnommen seien: oberstes Gesetz sei doch, daß der
+Unterricht lebendig und interessant sei; Striche und Quadrate seien
+aber weder lebendig noch interessant für kleine Kinder ...
+
+Aber das waren sozusagen Gedanken, und auf Gedanken ließ sich
+Drögemüller, um kein Präjudiz zu schaffen, niemals ein.
+
+»O, Herr Semper,« rief er, »Quadrate sind wohl interessant, wenn Sie
+sie nur vorher mit den Kindern ausführlich besprechen, wie ich es
+Ihnen gezeigt habe.«
+
+»Was Sie mir gezeigt haben, ist Geometrie und gehört – da Sie doch
+immer auf den Lehrplan pochen – in eine höhere Klasse. Das würde mich
+nun zwar nicht hindern; aber eine lange und breite Besprechung des
+Quadrats würde die Kinder schon deshalb öden, weil sie gar nicht
+begreifen würden, was ein Quadrat sie überhaupt angehe.«
+
+Mit dem Hinweis auf den Lehrplan hatte dieser fatale Semper recht, und
+darum wurde Drögemüller jetzt ganz unangenehm.
+
+»Herr Semper,« heulte er nach Art einer Schiffsirene, »ich frage Sie
+formell und dienstlich, ob Sie sich meinen Anordnungen fügen wollen
+oder nicht!«
+
+»In diesem Falle nein,« versetzte Asmus.
+
+»Gut. Dann werde ich dem Herrn Schulrat Bericht erstatten.«
+
+»Ich auch,« sagte Asmus und ging.
+
+Nach drei Tagen hatte er die Vorladung vor den Schulrat #Dr.# Korn.
+
+
+
+
+XLIII. Kapitel.
+
+Von zweierlei Schulräten.
+
+
+Als er am Abend mit Doktor Rumolt spazierte, zeigte er ihm die
+Vorladung und erzählte, was vorhergegangen.
+
+»Haha« – Rumolt lachte bitter auf, und dann fuhr er wehmütigen Tones
+fort: »Das wird Ihnen noch oft begegnen, lieber Freund. Nirgends ist
+der Fortschritt verhaßter, nirgends werden neue Ideen feindseliger
+befehdet als in der Pädagogik. Denken Sie z. B. an unsern braven
+Valentin Ickelsamer. Der fand zu Luthers Zeiten, daß es ein Unsinn
+sei, die Kinder nach Buchstabennamen lesen zu lehren, man müsse das
+Wort in seine wirklichen Laute zerlegen und die Kinder lautierend
+lesen lassen. Er machte das damals schon so klar, daß es ein
+Schwachkopf begreifen konnte. Und in der zweiten Hälfte des
+neunzehnten Jahrhunderts entschloß die Schule sich wirklich, diesen
+einfachen und darum freilich genialen Gedanken zur Ausführung zu
+bringen. Aber das ist ein Beispiel von fabelhafter Geschwindigkeit. In
+den Klosterschulen des Mittelalters bildete man den Geist am
+Griechischen und Lateinischen, weil man nichts Besseres hatte; heute
+bildet man den Geist unserer Jugend am Griechischen und Lateinischen
+mit der ernsten Gesichtes abgegebenen Versicherung, daß man nichts
+Besseres habe. Der typische Scholarch weist jede ernste und gründliche
+Neuerung mit einem durch die kommenden Jahrhunderte gestreckten Arme
+von sich, und wenn er im Gegensatz zu einem Vorgänger den Aorist _vor_
+dem Perfekt behandelt, hält er sich für einen Umstürzler. Ich habe ein
+Buch erscheinen lassen ‘Das Recht des Schülers’ –«
+
+»Ich kenne es,« sagte Asmus, »und freue mich, daß es so großen Anklang
+gefunden hat.«
+
+»Anklang, ja aber bei den Kollegen war der Anklang nur schwach, der
+Widerspruch um so stärker. Das ist kein Unglück, soweit es offener und
+durchdachter Widerspruch ist. Aber was muß ich erleben? Kaum ein Tag
+vergeht, daß ich nicht im Konferenzzimmer, recht auffällig auf den
+Tisch gelegt, irgend eine abfällige Kritik meines Buches finde, in der
+die Kraftstellen mit roter Tinte angestrichen sind. Kein Gespräch
+verläuft ohne hämische Seitenhiebe gegen mich und meine Ideen; keine
+Wochenrede meines Direktors geht zu Ende ohne einige Fußtritte, bei
+denen die Schüler sich zuraunen: ‘Das geht auf Rumolt.’ Die Herren
+glauben, daß ihre Kritik mich verletze, und haben keine Ahnung, daß es
+ihr Wesen ist, das mich verwundet. Ich habe keinen frohen Tag mehr,
+und da ich von meinen Ideen und ihrer Verkündung nicht lassen kann, so
+werde ich über kurz oder lang das Spiel verlaufen müssen.«
+
+»Das ist traurig,« sagte Asmus gedankenvoll, »traurig und schrecklich.
+Ich gestehe Ihnen offen, daß auch ich gegen Ihre Schrift manches
+einzuwenden habe; aber das Ganze Ihrer Gedanken und Forderungen
+erschien mir wahr und herrlich. Und sollten nun nicht die Menschen
+jubelnd herbeieilen und rufen: Hier ist etwas Neues und Köstliches –
+es ist noch nicht vollkommen – aber kommt alle herbei, es zu hegen und
+zu fördern, etwa so wie die Verwandten sich fröhlich um eine Wiege
+scharen und sich geloben, das Neugeborene zu schützen und zu pflegen,
+daß es groß und stark werde?«
+
+»Lassen Sie sich zur Antwort darauf erzählen, daß mein Direktor mich
+seit Wochen an allen Ecken und Enden inspiziert und zurechtweist,
+obwohl er ganz genau weiß, daß ich meine Pflicht tue. Er will mir zu
+Gemüte führen, wie vermessen es von einem fehlbaren Menschen
+gewesen, gegen den von Gott geoffenbarten Gymnasialunterricht zu
+schreiben. Und gestern war auch richtig der Herr Regierungs- und
+Schulrat da und hospitierte vier Stunden hintereinander bei mir.
+‘Suchet, so werdet Ihr finden,’ sagt der rachsüchtige Gerichtsdiener
+bei Hebbel. Und natürlich wurde was gefunden. ‘Gebt mir zwei Worte
+von einem Menschen, und ich will ihn an den Galgen bringen.’ Laßt
+einen Schulmeister fünf Minuten unterrichten, und ich will ihm den
+Hals brechen. Zwar den Hals konnte mir der Herr Regierungsrat nicht
+brechen; aber hundert Nadelstiche erzielen ja mit der Zeit denselben
+Effekt. ‘Sie haben die und die Gesänge der Odyssee nicht behandelt.’
+– ‘Sie haben am 13. April das vorgeschriebene Extemporale ausfallen
+lassen.’ – ‘Sie sind mit dem Geschichtspensum im Rückstand’ usw. usw. Es
+stimmte alles. Und wenn der Mann gesagt hätte: Ihr ganzer Unterricht
+taugt nichts, so würde er für jenen Tag gewiß und vielleicht
+überhaupt recht gehabt haben; denn wenn man in den Zwiespalt
+zwischen Altem und Neuem gestellt ist, kann man nichts Ganzes
+schaffen. Nach meinen Ideen _darf_ ich nicht arbeiten, und nach den
+alten _kann_ ich nicht arbeiten, weil es gegen das Herz ist.«
+
+»Aber forschte er denn nicht vor allen Dingen, ob Ihre Schüler geistig
+frisch und lebendig seien, ob sie einen neuen Stoff mit Begierde und
+Klarheit ergriffen, ob sie in sittlicher Hinsicht lauter, ehrlich,
+wahrhaftig seien –«
+
+»Vielleicht tat er das im stillen – ich sah ihn freilich keine
+Anstrengungen machen. Dazu war er ja auch nicht geholt und geschickt.
+‘Rumolt soll stranguliert werden,’ flüsterten sich die Schüler zu.
+Die Jugend hat jenes intuitive Auge, das durch die Hüllen dringt.«
+
+Die Stimmung, mit der Asmus dem Besuch beim Schulrat entgegensah, war
+durch das Gespräch nicht gehoben worden. Um so fester war er
+entschlossen, sich nichts Unwürdiges bieten zu lassen.
+
+Als er ins Amtszimmer des Schulrats gerufen wurde, saß Drögemüller
+schon da. Asmus verbeugte sich vor dem Schulrat, und dieser rief:
+
+»Juten Tag, Herr Semper. Setzen Sie sich.«
+
+»Herr Drögemüller,« begann alsdann der Schulrat, »hat allerlei Klagen
+jegen Sie vorjebracht. Meistens handelt es sich um Kleinigkeiten, die
+ich nich berühren will. Aber Herr Drögemüller beschuldigt Sie der
+fortgesetzten Renitenz; was haben Sie dazu zu sagen.«
+
+»Herr Schulrat,« sagte Asmus, »ich kann Sie ja selbst als Zeugen
+darüber anrufen, ob ich in den vierundeinhalb Jahren, da ich Ihr
+Schüler war, eine renitente Veranlagung bekundet habe –«
+
+»Det haben Se _nich_,« sagte Korn mit Nachdruck.
+
+»Ich bin auch nicht so töricht, zu meinen, daß ein Hauptlehrer lauter
+vortreffliche Anordnungen treffen müsse und daß ein Lehrer berechtigt
+sei, sich gegen jede Verfügung, die ihm verfehlt erscheint,
+aufzulehnen. Ich füge mich gern, soweit es möglich ist, wenn man mir
+mit Vertrauen begegnet und wenn man mich nicht in meinen besten
+Kräften lahmlegt. Das tut aber Herr Drögemüller. Gleich zu Anfang
+schon verlangte Herr Drögemüller von uns drei neuangestellten Lehrern,
+daß wir alle auf dieselbe Weise den Leseunterricht erteilen sollten,
+und zwar auf die von ihm vorgeschriebene Weise –«
+
+»Aber Herr Semper,« lachte Korn, »det müssen Se mißverstanden haben;
+sonst müßte ja Herr Drögemüller (er deutete auf seine Stirn) hier nich
+janz richtig sein!«
+
+Drögemüller erblaßte sehr tief. »Ich habe es keineswegs befohlen,«
+stammelte er, »ich habe es nur gewünscht –«
+
+»Warum?« fragte Korn.
+
+»Weil – weil es doch wünschenswert ist, daß der Unterricht an einer
+Schule gleichmäßig erteilt wird.«
+
+»Warum?« fragte Korn.
+
+»Nun – es ist dann doch – alles – übersichtlicher –.« Drögemüller
+machte eine vage Handbewegung.
+
+»Wieso?« forschte der grausame Korn.
+
+»Man kann doch dann die Fortschritte besser kontrollieren.«
+
+»So. Na, dann weiß ich schon Bescheid. Wat woll’n Sie sagen, Herr
+Semper?«
+
+»Herr Drögemüller hat allerdings die Form des Wunsches, aber den Ton
+des Befehls gewählt, und da ich diesen Wünschen nicht nachkomme,
+verfolgt er mich mit Aufpassereien, die mich ärgern und kränken
+müssen und die mir die Lust an der Arbeit vernichten.«
+
+»Na ja, zum Aufpassen ist Herr Drögemüller ja da,« sagte Korn, der das
+Gefühl hatte, daß er den zusammengesunkenen Drögemüller ein wenig
+wieder aufrichten müsse; »es gibt leider auch faule und unfähige
+Lehrer, die einen Aufpasser brauchen. _Aber schikaniert wird hier
+keiner_«, fuhr er mit erhobener Stimme und mit einem Seitenblick auf
+den Ankläger fort. »_Wenn ein Lehrer was kann und was will, dann soll
+er jede mögliche Freiheit jenießen und nicht mit Quisquilien behelligt
+werden._ Aber verjessen Se nich, Herr Semper, dat Se Beamter sind, den
+Rat jebe ich Ihnen. – Sie können jehen, Herr Drögemüller. Sie bleiben
+noch, Herr Semper.«
+
+»Soll ick Sie an die Seminarschule versetzen?« fragte Korn, als sie
+allein waren.
+
+Das war sozusagen eine Beförderung; denn es stand fest, daß die Lehrer
+an der Seminarschule schneller avancierten als die anderen. Mit dieser
+Kenntnis hatte Asmus immer die Vorstellung von Karrierenluft
+verbunden, und diese bloße Vorstellung genügte, ihn zurückzuschrecken.
+Es mußte ja Aufpasser geben in der Welt; aber er mochte keiner sein.
+Und wo man Karriere machte, da paßten gar die Strebenden einer auf den
+andern! Er fand es ungleich schöner, immer in unmittelbarer
+Verbindung mit den Kindern zu bleiben. Konnte man sich Pestalozzi als
+inspizierenden Oberlehrer denken? Asmus sah ihn immer nur unter
+Kindern.
+
+»Ich danke Ihnen sehr, Herr Schulrat,« sagte Asmus, »aber ich möchte
+die Kinder, die ich nun einigermaßen kenne, noch einige Jahre
+weiterführen. Und dann hab’ ich in meinem Kollegium so liebe Freunde
+gefunden, daß ich mich ungern von ihnen trennen würde –«
+
+»Na, wenn Se nich wollen –« rief Korn in halber Verstimmung, »denn
+sehn Se zu, wie Sie sich mit dem Drögemüller vertragen. Mit’m Kopp
+durch die Wand kann keiner, und jefallen lassen müssen wir uns alle
+was. Ich auch. Adieu!«
+
+»Adieu, Herr Schulrat. Herzlichen Dank!«
+
+Asmus verließ das Gebäude der Oberschulbehörde mit dem frohen Gefühl,
+daß es Männer gebe, denen alle hierarchische Rangordnung nichts gelte,
+wenn es sich um Recht und Billigkeit handle. Er war fest überzeugt,
+daß die Welt überhaupt so eingerichtet sei, und daß man, wenn man sich
+nur nicht beim Unrecht beruhige, immer zuletzt den Ort finden müsse,
+wo das Recht in smaragdener Schale ausgehoben und gehütet sei wie das
+heilige Blut der Welt. So blickte er gläubig und heiter in den schönen
+Frühlingstag, während zu Hause auf seinem Tische das Schicksal lag und
+lauerte, um ihm die Krallen ins Fleisch zu schlagen.
+
+
+
+
+XLIV. Kapitel.
+
+Zwei Briefe, und jeder ein Schlag.
+
+
+Er hatte seinen Eltern nichts von der Vorladung vor den Schulrat
+gesagt, um sie nicht zu beunruhigen; er sagte ihnen auch nichts von
+dem Ausgange; denn seine Mutter würde doch Bemerkungen über seinen
+»Hitzkopf« gemacht haben. Eben weil sie so hitzköpfig war, verurteilte
+sie alle Hitzköpfigkeit.
+
+»Drinnen auf’m Tisch liegen zwei Briefe für dich,« sagte Frau Rebekka.
+
+Eilig ging er hinein, öffnete den einen der Briefe und las:
+
+ Hilde Chavonne
+ Hermann Kiefer
+ Verlobte.
+
+Hamburg, den – – – – –
+
+Das Blatt war seinen Händen entfallen.
+
+Er sah nach der Tür – sie war noch offen – schnell ging er hin und
+drückte sie ins Schloß. Nur allein sein. Dann ließ er sich auf einen
+Stuhl fallen.
+
+Merkwürdig, wie ihn das traf. War es denn nicht selbstverständlich,
+daß Hilde Chavonne sich einmal verlobte? Und hatte er denn je
+geglaubt, sie werde sich mit ihm verloben? Nein, nicht einmal im Traum
+hatte er das gehofft. Darum hatte er ja auch nie die geringste
+Anstrengung gemacht, sie zu gewinnen. Er war ihr während des letzten
+Jahres fast völlig ferngeblieben, nicht eigentlich mit Absicht; aber
+da es sich so gefügt hatte, daß sie sich nur selten und flüchtig
+sahen, war es ihm recht gewesen. Vor einem Vierteljahr hatte er sie
+zuletzt gesehen, an einem Festabend der »Treue von 1880«, als er mit
+einem hübschen Mädchen zusammen ein Duett gesungen hatte. Das Fräulein
+Chavonne war an jenem Abend sehr still, sehr ernst, und obwohl
+freundlich, doch sehr zurückhaltend gewesen.
+
+Und jetzt – verlobt! –
+
+Er war längst wieder aufgesprungen und hatte instinktiv zu seinem
+Beruhigungsmittel gegriffen: zum Wandern. Auf und ab gehen, immer auf
+und ab, dann hat man das Gefühl der Bewegung, das Gefühl: Es geht
+vorüber – es geht vorüber.
+
+Sie ist verlobt! Wie konnte sie ihm das antun! Haha – im selben
+Augenblick mußte er laut auflachen. Hatte sie denn die geringste
+Verpflichtung, auf ihn zu warten, auf _ihn_? Hatte er ihr das
+geringste Zeichen gegeben, daß sie auf ihn warten solle? Hatte er
+überhaupt ans Heiraten gedacht? Nein, er, der als Präparand alles
+heiraten wollte, was ihm in den Weg kam, er hatte in den letzten
+Jahren das Heiraten als ein Ding angesehen, das noch in weiter Ferne
+liege; ja, es war ihm eine gewisse Beruhigung gewesen, daß es mit dem
+Kniefall und mit der langen Liebeserklärung in Periodenform noch gute
+Weile habe. Seine Arbeit, sein Beruf hatten sein ganzes Interesse
+aufgesogen.
+
+Jetzt, jetzt mit einem Male wußte er’s: Nur an Hilde hatte er gedacht,
+wenn er überhaupt an eine Frau gedacht hatte. Wenn er sich das Weib an
+sich gedacht hatte, das hehre Weib, das edle Weib, das holde Weib –
+nur an Hilde Chavonne hatte er gedacht, nur an sie. Wenn er
+Liebesgedichte gemacht hatte, platonisch-elegische Liebesgedichte in
+weinenden Odenstrophen – hatte er an sie gedacht. Jetzt wußte er’s,
+daß er sich nur eine als sein Weib denken konnte: Hilde – und er
+begriff nicht, daß er das nicht gewußt hatte, bevor er diesen Brief
+geöffnet. Er begriff es nicht, weil er sich seiner Unreife nicht
+bewußt war. In ehrlicher Gedankenarbeit war sein Hirn über seine Jahre
+gereift; aber sein Herz war noch unreif wie ein Apfel im Frühling, und
+unreif wie der Same in solch einem Apfel war die Liebe in diesem
+Herzen. Jetzt, da das Schicksal einen tiefen Schnitt in dieses Herz
+getan hatte, entdeckte er die Liebe darinnen.
+
+So fühlte er nicht den rasenden Schmerz des Betrogenen,
+Zurückgestoßenen; denn er hatte nicht die rasende Lust des Liebenden
+und Hoffenden gefühlt; er empfand die Wehmut eines Mannes, der eines
+Morgens ein zartes Bäumchen seines Gartens erfroren findet und
+erkennt, daß es sein schönstes Bäumchen gewesen; er empfand eine
+Trauer, wie sie junge Eltern empfinden, denen ein kaum Geborenes
+gestorben ist; er empfand den dumpfen, unbefreiten Schmerz um ein
+Werdendes, das, zu großer Schönheit bestimmt, im Keime vernichtet war.
+
+Mechanisch griff er nach dem zweiten Briefe; mechanisch öffnete er ihn
+– er war von Rumolt – mechanisch überflog er die ersten Zeilen, aber
+nur die ersten.
+
+ »Mein lieber Freund!
+
+ Von Ihnen hätte ich mündlich Abschied nehmen mögen. Aber es durfte
+ nicht sein; denn Sie würden versucht haben, mich zurückzuhalten. Sie
+ sind von festerem Stoff als ich und werden, das weiß ich, den Kampf
+ besser bestehen, den Kampf gegen der Menschen Stumpfsinn, Trägheit und
+ Niedrigkeit. Meiner Hand entsinken die Waffen. Damit Sie es nicht in
+ gehässiger Entstellung hören, was mich zu meinem Scheiden veranlaßt,
+ will ich es Ihnen selbst sagen. Ich habe einem meiner Schüler – ich
+ glaube, ich habe Ihnen von ihm gesprochen – einem Untersekundaner, der
+ zum zweiten Male hoffnungslos vor dem Examen stand und dessen Qualen
+ ich nicht mehr mit ansehen mochte, in unerlaubter Weise geholfen, habe
+ ihm die Examenaufgaben vorher mitgeteilt. In seiner Freude hat es der
+ Junge nachher selbst ausgeplaudert. So bracht’ die Sonn’ es an den
+ Tag. Hätte er das Examen nicht bestanden, wär’ er aus der Welt
+ gegangen; nun gehe ich, und das ist besser. Leben Sie wohl, teurer
+ Freund; unsere Freundschaft war kurz, aber wahr. Ich danke Ihnen
+ schöne Stunden, von denen ich dort erzählen will, wohin ich gehe.
+
+ Rumolt.«
+
+Asmus hatte die letzten Zeilen mit fliegendem Atem gelesen; jetzt
+sprang er nach der Tür.
+
+»Wo willst du hin?« rief Frau Rebekka, »dein Essen ist fertig!«
+
+»Ich esse nichts – ich muß –«
+
+»Junge, du hast ja keinen Hut auf! Was ist denn los –?«
+
+Er entriß ihr den dargebotenen Hut und stürmte mit dem Rufe: »Ich muß
+weg!« hinaus.
+
+Ohne Besinnen stürzte er über Stock und Stein nach Rumolts Wohnung.
+Die Wirtin bestätigte ihm weinend das Schreckliche. Am Ufer des
+Kanals hatte man Rock und Hut gefunden, die Leiche war noch nicht
+gefunden worden.
+
+Aber am nächsten Tage fand man auch sie. –
+
+Das war eine denkwürdige Post gewesen. Zwei Briefe, und jeder ein
+Schlag. An einem Tage Freund und Geliebte verloren; denn von nun an
+war sie ihm Geliebte.
+
+
+
+
+XLV. Kapitel.
+
+Wenn’s kommt, dann kommt’s in Haufen.
+
+
+Was wird nun kommen? dachte Asmus. Denn er glaubte an sein
+heimatliches Sprichwort: »Wenn’t kummt, denn kummt’t in Hupen.«
+
+Und ein drittes Unglück kam, aber nicht von außen, sondern ganz
+heimtückisch aus dem tiefsten Innern richtete es sich auf wie eine
+Natter aus dunklem Dickicht. Ihm kamen Zweifel am Wert seines Berufes.
+
+Mit dem jähen Optimismus der Jugend war er an diesen Beruf
+herangetreten. Jeder Jüngling, auch der bescheidenste, hat, wenn auch
+kaum bewußt, das Gefühl: Wenn ich in die Welt eingreife, wird es
+anders, wird es schneller vorwärtsgehen – wie ein ungestümer
+Reisender, dem der Zug zu langsam fährt, das Gefühl hat: Könnt’ ich
+aussteigen und nachschieben!
+
+ »Hätt’ ich tausend Arme zu rühren!
+ Könnt’ ich brausend die Räder führen!
+ Könnt’ ich wehen durch die Haine!
+ Könnt’ ich drehen alle Steine!«
+
+und wenn er sich auch sagt, daß vor und mit ihm Bessere und Stärkere
+wirken und gewirkt haben – er glaubt nicht, daß einer so viel Lust und
+Mut gehabt wie er, vor allem nicht, daß einer so viel Glück gehabt,
+wie _er_ haben wird!
+
+Und nun erreichte er nicht mehr als die andern! Nun ja, er leistete
+vielleicht etwas mehr als dieser und jener, und seine Kollegen und
+Freunde rühmten zuweilen seine Leistungen; aber ganz etwas anderes
+hatte er gehofft, ganz etwas anderes! Er wußte ja freilich von früher
+her, daß Unterrichten kein ununterbrochener Sieges- und Eroberungszug
+sei; aber doch hatte er sich Erziehung und Unterricht im stillen als
+eine Fleischwerdung des Lehrwortes gedacht. Aber das Wort ward _nicht_
+Fleisch: Seine Jungen konnten am Ende des Jahres etwas mehr als zu
+Anfang; aber sie waren dieselben Menschen geblieben, wenigsten merkte
+er keine Änderung. Die Guten, Offenen, Zarten waren zwar offen, zart
+und gut geblieben; aber die Rohen, Hinterhältigen, Unwahrhaftigen
+waren sich nicht minder treu geblieben. Es schien ihm auch, daß die
+Klugen zwar klug blieben, die Dummen aber auch dumm. Und gerade die
+Dummen waren das ewige Ziel seiner Mühen; zu ihnen kehrte er, wie
+magnetisch gezogen, immer wieder zurück; denn daß die Klugen etwas
+begriffen hatten, bedeutete ihm nichts, solange die Dummen im Dunkel
+saßen. Das schien ihm die furchtbarste Ungleichheit und
+Ungerechtigkeit der Welt, daß die einen spielend und lachend
+erhaschten, was die andern mit Ängsten und Mühen nicht erringen
+konnten. Und die Welt kommt nicht vorwärts, wenn die Dummen nicht
+mitkommen, dachte er. Und er machte es sich zur tollkühnen Aufgabe,
+aus den Dummen Kluge zu machen; alle sollten alles lernen; in seiner
+Schar sollte keiner zurückbleiben. Herr Drögemüller hielt ihm vor, daß
+er im Pensum zurück sei, und das war deshalb, weil es ihn immer wieder
+zu den Schwächsten hinzog, weil ihn immer wieder dies wunderbare
+Geheimnis der Dummheit lockte. Er konnte sich Viertelstunden, halbe
+Stunden lang mit solch einem verschlossenen Geiste einkapseln und das
+verworrene, zerrissene Gespinst seiner Vorstellungen mit langsam
+tastenden Fragen zu ordnen und zu entwirren suchen; er gab in einer
+Oberklasse den geographischen Unterricht, und er setzte sich vor,
+nicht zu ruhen, bis alle die Entstehung der Jahreszeiten aus der
+Stellung der Erdachse zur Ekliptik begriffen hätten, und zuweilen
+sprang plötzlich aus solch einem leeren Auge ein Funke wie aus einem
+toten Stein, und dann kam aus Asmussens Augen ein Strahl, und Licht
+floß zusammen mit Licht und machte die Erde selig und schön – aber
+wenn das Hirn sich dem einen erschlossen hatte, verschloß es sich dem
+andern um so fester, und ob Asmus auch mit zusammengebissenen Zähnen
+rang und bohrte – er mußte daran zweifeln, allen seinen Schülern den
+auf- und abschwebenden Jahresreigen von Licht und Schatten
+verständlich zu machen.
+
+Dabei quälte ihn mit Recht der Gedanke, daß er über den Schwachen die
+Starken vernachlässige und sie durch den langsamen Gang des
+Unterrichts langweilen und unlustig machen müsse. Aber konnte er sich
+denn überhaupt allen so hingeben, wie es geschehen müßte, wenn man ihm
+fünfzig, ja sechzig Menschenkinder auf den Hals lud? Es konnte ja
+alles nur oberflächliche Husch- und Pfuscharbeit, nur äußerlicher
+Bildungsaufputz werden. Es bemächtigte sich seiner das Gefühl, daß
+überhaupt alles töricht und falsch sei, was er da treibe, und zwar von
+der Wurzel aus falsch; von einem tieferen Grunde her müsse alles
+anders angefaßt, müsse auch ganz anderes erstrebt werden. Er erinnerte
+sich, daß sein bestes Lernen immer ein Erleben gewesen sei. Aber dies
+Lernen in der Schule, wie er es nach dem herrschenden Formalismus
+betreiben mußte, war kein Erleben. Es drang nicht zum Innersten und
+Tiefsten des Menschen hinab. Und er dachte sich einen Menschen, mitten
+in den Kampf des Lebens gestellt. Was er da brauchte – gab ihm das die
+Schule? #Non scholae sed vitae#! hatte es im Seminar geheißen. Leerer
+Schall! Das Meiste, was er den Kindern geben mußte, war nicht
+Lebensbrot, waren nicht Lebensworte, nicht Lebenswerte.
+
+So hoch ihn sein Optimismus getragen hatte, so tief versank er jetzt
+in Mißmut und Verzagen, und Melancholie bog seinen Mut »wie eine junge
+Weide bis an den Rand des Lebens«. Jene unversiegliche Federkraft aus
+tiefstem Lebensgrunde – nun schien sie dennoch versiegt.
+
+Öfter als sonst bezog er in Gemeinschaft mit Heide, Goers und
+Stockelsdorf die Akademie des Herrn Kuhlmann und war dann nicht selten
+der Ausgelassenste von allen; aber seine Scherze hatten eine
+Bitterkeit und Schärfe, die die Freunde oft erstaunt und befremdet
+aufblicken ließ. Manchmal verstummte er mitten in der tollsten
+Lustigkeit, mitten im eifrigsten Diskurs und sprach dann den ganzen
+Abend kein Wort mehr. Dann hatte ihn das Gefühl überfallen: Was soll
+der ganze Unsinn? Darum ging er auch noch öfter allein ins Wirtshaus.
+Er hatte ein abgelegenes Hotel entdeckt, in dessen Speisesaal er ganz
+allein den Abend verbringen konnte. Das liebte er jetzt: ganz allein
+mit einer Flasche in einem möglichst großen Saale sitzen und sinnen
+und träumen. Nur wenn der Kellner kam, unterhielt er sich gern eine
+Weile mit ihm. Es hatte ihn immer schwer geärgert, wenn er einen
+Kellner schlecht und geringschätzig behandelt sah, wie es ihm
+überhaupt so schien, als wenn die Menschen diejenigen, die ihnen die
+härtesten und lästigsten Arbeiten abnahmen, am verächtlichsten
+behandelten. Er suchte, es an seinem Teile gutzumachen, behandelt die
+Kellner nun extra als Gentlemen und gab ihnen so reichliche
+Trinkgelder, daß einige, allerdings wenige von ihnen zuweilen eine
+abwehrende Gebärde machten und sagten: »Ooh – lassen Sie doch – ich
+habe ja erst vorher bekommen!« Sie nahmen es aber immer.
+
+
+
+
+XLVI. Kapitel.
+
+Angetrunkene Einfälle, die bei jedem vernünftigen Menschen nur
+Kopfschütteln erregen können. Im übrigen ein Beweis, daß die
+Optimisten nicht immer Optimisten sind.
+
+
+Wenn er dann so ganz mit sich allein war, dann war er vom Kopf bis zu
+den Füßen sein Vater Ludwig Semper. Er bemalte dann die hohen Wände
+des Saales mit ganzen Epochen der Geschichte, mit Werken der
+Dichtkunst und der Malerei, ließ sich von einem verdeckten Orchester
+Symphonien und Ouvertüren vorspielen, sah sein ganzes Leben durch den
+Lichtkreis der einsamen Lampe wandern, kämpfte mit Schopenhauer gegen
+Hegel, gab Unterrichtsstunden, zog plötzlich ein Kuvert oder eine
+Rechnung oder sonst einen Zettel aus der Tasche und notierte sich die
+Idee zu einem wundervollen Gedicht oder Drama, das er schreiben
+wollte. Auch Gedanken notierte er sich, die ihm des Aufhebens wert
+dünkten, und wenn er nach Tagen oder Wochen bei einem zufälligen Griff
+in die Tasche die Zettel wieder hervorholte, knäulte er sie ingrimmig
+zusammen und warf sie mit einem gemurmelten »Blech« oder derberen
+Worten in den Ofen. Je weiter der Abend fortschritt und je öfter der
+Kellner aufgetreten war, desto eigenwilliger wurden natürlich seine
+Gedanken; sie kümmerten sich schließlich gar nicht mehr um diesen
+Herrn Semper, dem sie angeblich entsprungen sein sollten, und
+schnitten Gesichter wie losgelassene Buben. Einige von diesen
+Aphorismen, die sich weniger durch dauerhaften Wert als durch den
+Zufall erhalten haben, mögen hier Platz finden und zeigen, welche Art
+von Luftblasen in jenen Tagen aus den trüben Wirbeln der Semperischen
+Seele aufstiegen.
+
+ *
+
+Wir nehmen den Sonnenaufgang für ein Bild des siegenden Lichtes, der
+erfüllten Hoffnung! Aber die Sonne blieb, wo sie war; nur wir drehten
+uns – um uns selbst.
+
+ *
+
+Ein Goldstück fiel ins Wasser und ging unter. »Das kommt davon, wenn
+man nicht den beständigen Trieb nach oben in sich hat, wie ich!« rief
+ein schwimmender Kork.
+
+ *
+
+Wie sie sich blähen, die »Praktischen«, die »sich nicht mit vagen
+Zukunftsideen abgeben«! Fressen sich voll und grinsen über die, die
+dafür sorgen, daß auch morgen zu essen da ist.
+
+ *
+
+So ist alle Arbeit auf der Welt auf das weiseste verteilt: der eine
+hält edle Reden, und der andere handelt darnach.
+
+ *
+
+Wer klug ist und dennoch gut, der ist wahrhaft gut. Das heißt die
+Gefahr kennen und dennoch tapfer sein.
+
+ *
+
+Der Sonntag ist so schön, weil er in sieben Tagen nur einmal kommt. Er
+ist schön wie das Lächeln eines ernsten Menschen.
+
+ *
+
+Man sagt von etwas Unpassendem: »Das paßt wie die Faust aufs Auge«,
+und die paßt doch mitunter so gut dahin!
+
+ *
+
+Das Leben ist ein langsamer Vergiftungsprozeß.
+
+ *
+
+Dumm und schlecht, – in einer Stunde der Selbsterkenntnis fand der
+Mensch für diese Verbindung das Wort »gemein«.
+
+ *
+
+Aus den Augen des Menschen blickt zuweilen ein gequältes Tier, das
+nicht reden kann.
+
+ *
+
+Die Erde ist eine alte Metze, die sich in jedem Frühling wieder das
+Gesicht bemalt.
+
+ *
+
+Man muß Ambos oder Hammer sein, und wer keins von beiden sein will,
+kommt zwischen beide. Armer Rumolt!
+
+ *
+
+Wenn die Dummköpfe auf Geist stoßen, so grinsen sie überlegen.
+
+ *
+
+Manche Brust ist ein Eisschrank, in dem sich die Gefühle vortrefflich
+konservieren.
+
+ *
+
+Beethovens fünfte Symphonie, letzter Satz: Donner der Seligkeit aus
+aufgerissenen Himmeln.
+
+ *
+
+Die Welt besteht durch Gehorsam; aber weitergekommen ist sie immer nur
+durch Ungehorsam.
+
+ *
+
+»Er ist ein enorm gebildeter Mensch,« sagen die Leute und meinen
+damit: Er weiß dasselbe, was ich weiß.
+
+ *
+
+Was fliegt, ist beliebt; was kriecht, ist verhaßt. Selbst der Floh ist
+angesehener als die Laus; denn er springt.
+
+ *
+
+Ein richtiger Neidhammel beneidet auch eine erfolgreiche Ballerine,
+wenn er selbst Professor der Ethik ist.
+
+ *
+
+Man soll die Menschen aufklären, gewiß; aber es gibt Geister, die
+durch Rippenstöße geweckt sein wollen.
+
+ *
+
+Wenn man seine Dummheiten bei der Obrigkeit rechtzeitig als
+Heiligtümer anmeldet, genießen sie gesetzlichen Schutz.
+
+ *
+
+Auf dem Lande gibt es Kollegen, die sich ein Schwein fett machen. Ich
+will aufs Land gehen und mir einen borstigen Menschenhaß fett machen.
+
+ *
+
+Selbst Herkules hat nur die Ställe des Augias ausgemistet.
+
+ *
+
+Der Ochse, der tausendmal auf die Weide getrieben wurde, sammelt
+freilich »Erfahrungen«. Aber weniger in der Botanik als im Fressen.
+
+ *
+
+»Endlich wird mir Genugtuung!« rief die Distel, da hatte der Blitz die
+Eiche zerschmettert.
+
+ *
+
+Keine Tiergattung, die so viele und so verschiedene Varietäten
+aufweist wie der Hund. Grenzenloses Akkomodationsvermögen ist ein
+Merkmal der Hundenatur.
+
+ *
+
+Ich habe Professoren und Schulmeister kennen gelernt, die
+bereitwilligst zugaben, daß Goethe die Formgewandtheit vor ihnen
+voraus habe.
+
+ *
+
+Wenn die Könige bau’n und wenn sie niederreißen, – ein rechter
+Karrenschieber findet immer sein Brot.
+
+ *
+
+Das Leben ist das allmähliche Erwachen eines Gefangenen, der von der
+Freiheit träumte.
+
+ *
+
+Man kann die größten Dummheiten mit der Ruhe des Weisen sprechen.
+
+ *
+
+Es gibt Künstler, die ihr Talent in schmale Riemen zerschneiden, um es
+auszubeuten. Sie können es, wie Dido, zu einem ansehnlichen
+Grundbesitz bringen.
+
+ *
+
+Es war ein kleines Mädchen, dessen Mutter hatte man ins Irrenhaus
+bringen müssen. Und man stopfte ihm die Hände voll Äpfel und Backwerk,
+daß es nicht mehr an die Mutter denken sollte. Aber es konnte die
+Mutter nicht vergessen.
+
+ *
+
+Wenn ein Mandrill den Husten hat, so vergißt man seine Häßlichkeit,
+oder man ist ein Ästhet und Hallunke.
+
+ *
+
+Niemand ist vor seinem Tode ein Goethe, sagte der Professor.
+
+ *
+
+Schon bei der Geburt tritt der Mensch in etwas, das man Leben nennt.
+
+ *
+
+Italien scheint mir ein alter, zerfallener Gorgonzola unter einer
+wunderschönen Kristallglocke zu sein.
+
+ *
+
+O, dieses Korsett! Man glaubt ein Weib zu umarmen und man umarmt einen
+Hummer.
+
+ *
+
+Die Ratte hat keinen Freund – das könnte mich zu ihrem Freunde machen.
+
+ *
+
+Bei jedem schweren Gange sage dir dies: Bei Abschied und Wiederkehr
+sind die Leute da mit Hurra und Trara – den langen, bittern Weg mußt
+du allein gehen.
+
+
+
+
+XLVII. Kapitel.
+
+Asmus wird stutzig und entsagt der sündigen Gewohnheit, aber mit Maß.
+Er erfährt eine überraschende Neuigkeit.
+
+
+Wohl kam ihm in besinnlicheren Augenblicken der Gedanke, ob dies
+verwegene Spiel mit seiner Kraft auch gesund sei; aber dann zog er
+einfach einen Zettel aus der Tasche und schrieb darauf:
+
+»Was wären wir, wenn wir immer unserer Gesundheit lebten! Nicht einmal
+gesund!« und dann war diese Angelegenheit einstweilen erledigt. Auch
+erwog er öfters den Gedanken, ob es nicht köstlicher, lohnender,
+vernünftiger sei, langsam und fröhlich zu verlumpen, als in dieser
+Welt zu wirken und zu streben.
+
+»Ich fuhr einmal auf einer Rutschbahn,« schrieb er, »und das sausende
+Fahrzeug glitt zuletzt in die hochaufschäumenden Wasser eines Sees. So
+köstlich ist der Leichtsinn: die Sinne schwindelt’s, die Gedanken
+vergehen, und hochauf spritzen und schäumen die Fluten des Lebens!«
+
+Und wenn das Fahrzeug ein bißchen zu tief eintauchte und umschlug –
+war’s denn schlimm? Er sah seinen toten Bruder vor sich, seinen
+Bruder Leonhard, der an seinem Leichtsinn zugrunde gegangen war. Aber
+gewiß hatte er auch manche schäumende, tanzende, wirbelnde Stunde
+genossen! Es kam darauf an, was das Gescheitere war. »Sehen Sie, das
+ist so verschieden,« hatte eines Morgens ein Mann in einem verruchten
+Nachtlokal zu ihm gesagt, »der eine ißt gern Rebhühner und der andere
+möchte gern ein Ehrenmann sein.« Der Mann, der das sagte, war ihm
+freilich zuwider gewesen.
+
+Im Geschlecht der Semper tauchte hie und da ein Hang zur Verschwendung
+auf. Wie wär’s, wenn man sich selbst verschwendete! Sich selbst mit
+Bewußtsein langsam zerstören und mit forschenden Augen alle Schauer
+und Schönheit, alle Tollheit und Tragik des eigenen Unterganges
+kosten! Da müßte man in sich und in den andern Dinge sehen, die auf
+der Hauptstraße des Lebens nicht gezeigt wurden. Es machen wie jener
+Zöllner, den er bei seinem Freunde Diepenbrock auf dem Sofa hatte
+liegen sehen: wochenlang immer trinken und sinken, trinken und sinken
+ins Bodenlose hinab, und dann wieder emporsteigen zu Goethe,
+Shakespeare und Dante! Hinabsteigen in alle Tiefen des Lumpentums; mit
+Laster und Verbrechen auf du und du stehen und im Innersten doch der
+bleiben, der man war, bis zum Tod! Das müßte sein wie eine
+Entdeckungsfahrt von gefahrumwitterter Romantik. Das waren seine
+Gedanken, wenn er durchs Kneipenfenster in die aufzuckende Morgenröte
+starrte und immer noch ein neues Glas bestellte. Und im Graus des
+Sinkens und Untergehens zuweilen an _sie_ denken, die er vor kurzem am
+Arm ihres Verlobten lachend über die Straße hatte gehen sehen! Dann
+mischte sich Morgengrauen und Morgenröte, wie in der traurigen Freude
+dieser Morgenstunden, wenn er zurückgelehnten Hauptes in den Himmel
+starrte. Mit der steigenden Sonne aber überfiel ihn oft ein
+plötzliches Frösteln, dann fühlte er sich namenlos elend, und einmal
+in solch einer Stunde machte ein Gedanke ihn stutzig. Im Rausch fühlte
+er sich glücklich, stolz, von Kraft geschwellt und leicht wie auf
+Schwingen, zu jeder großen Tat bereit und zu jedem herrlichen Werke
+geschickt. Wenn er sich aber am nachfolgenden Tage die Freuden seines
+Rausches erinnernd zurückrufen wollte, so fehlte ihm jede Vorstellung,
+jede Freude an der Freude; die Stunden des Rausches waren ihm eine
+leere, tote Zeit. Er wußte wohl, daß er sich gefreut hatte an dem
+Kaleidoskop seiner Phantasien; aber er konnte diese Freude nicht
+zurückrufen. Warum war das nicht so mit andern Freuden, mit den
+Freuden der Kindheitsspiele, des Studierzimmers, der Kunst, der
+Wanderung in Feld und Flur? Da war jede Freude ein anderer Genius mit
+anderem Angesicht, mit Augen, die schöner werden mit jeder Erinnerung,
+da war jede Freude ein unverlierbarer, ein wachsender Besitz! Und
+nachdenklich zog er die Rechnung, auf der seine Zeche stand, aus der
+Tasche und schrieb auf die Rückseite:
+
+»Der Rausch ist ein liebloser Gastfreund; er spendet nicht das
+Gastgeschenk der Erinnerung.«
+
+Und als er bald darauf eines Morgens unmittelbar von der Schenke in
+die Schule ging – er blieb immer Herr seines Handelns und gab nach
+solchen Nächten oft seine besten Stunden – aber als er nun mit einem
+aus Hohlheit und Übersättigung gemachten Gefühle vor den Kindern stand
+und in rotwangige Gesichter, in klare Augen sah, die in der Schönheit
+und Hoffnung des jungen Morgens zu ihm kamen, da sagte er leise, aber
+ihm selbst hörbar, vor sich hin:
+
+»Nun ist es genug.«
+
+Nein, man blieb nicht, der man war, und die Romantik der Verlumpung
+war eine Lüge. Er hatte Abschied von ihr genommen.
+
+Frau Rebekka hatte über seine nächtlichen Ausflüge genug geklagt und
+gejammert; ihre Gardinenpredigten konnten sich neben den besten ihrer
+Gattung hören lassen, und mütterliche Gardinenpredigten mögen wohl
+noch eindringlicher sein als eheliche, weil sie aus selbstloseren
+Gründen entspringen. Rebekkens Bemühungen, auch ihren Gatten zu
+solchen Predigten aufzumuntern, blieben freilich ganz erfolglos.
+Ludwig antwortete im Geiste seiner Philosophie:
+
+»Laß ihn, was soll ich ihm sagen!«
+
+»Ja, wenn ich dir das erst sagen soll – wenn du das nicht selbst weißt
+–!« rief Frau Rebekka. »Merkwürdig! ’n Mann, der den Kopf voll
+Gelehrsamkeit hat und alle Sprachen spricht –«
+
+»Nicht alle,« versetzte Ludwig trocken –
+
+»– und verlangt von mir, daß ich ihm sage, was er sagen soll!«
+
+»Ja, ich bin zu dumm dazu,« sagte Ludwig mit seinem Lächeln.
+
+»Ach Gott, mit dir ist ja kein Auskommen!« rief Rebekka, lief in die
+Küche hinaus und klagte laut den Tellern und Töpfen ihr Leid.
+
+Ludwig und Asmus Semper verband nun einmal aus Vordaseinszeiten her
+ein Vertrauen, das die sorgende Frau Rebekka nicht begreifen konnte.
+
+Übrigens beabsichtigte Asmus keineswegs, die Welt- und Fleischeslust
+in sich zu ertöten und auf die Freuden eines geselligen Trunkes
+prinzipiell zu verzichten. Und er hatte es nicht zu bereuen, daß er an
+einem vielverheißenden Vorfrühlingstage in die Kuhlmännische Akademie
+ging. Er traf dort seinen Kollegen Mansfeld, eben jenen Herrn, der
+eine Pensionärin Namens Hilde Chavonne im Hause hatte. Asmus
+schwankte, ob er sich zu ihm setzen solle; aber eine eigentümliche
+Gewalt zog ihn fast gegen seinen Willen an denselben Tisch.
+
+»Sie sollten sich mal mein neuestes Bild ansehen,« sagte Mansfeld, der
+in seinen Mußestunden malte, im Laufe des Gesprächs. »Kommen Sie mit
+und essen Sie mit uns zu Abend. Meine Frau wird sich freuen.«
+
+»O,« stammelte Asmus, »das ist sehr liebenswürdig, ich komme natürlich
+gern einmal – aber heute hab’ ich eine wichtige Sitzung, bei der ich
+auf keinen Fall fehlen darf.«
+
+»Das ist was anderes,« sagte Mansfeld.
+
+Die Rede kam aber doch bald auf die Pensionärin, und Asmus fragte mit
+glänzend aufgepuffter Munterkeit und mit einem sehr kunstreichen
+Lächeln:
+
+»Na, wie geht’s ihr denn?«
+
+»Na, – soso lala!«
+
+»Wieso?« rief Asmus erblassend. »Ist sie nicht glücklich?«
+
+»Dscha – wie man’s nehmen will. Ihre Verlobung ist ja zurückgegangen,
+das wissen Sie doch?«
+
+»Zurück –?« Asmus war aufgesprungen. »Zurückgegangen? Ich weiß kein
+Wort. Ich bitte Sie – warum?« Er hatte sich wieder gesetzt.
+
+»Gott – das arme Kind – sie hat eine schwere, traurige Kindheit
+verlebt und von den Menschen nicht viel Gutes erfahren. Vater und
+Mutter sind tot; als ihr da einer von Liebe sprach, schmolz ihr das
+weiche Herz und sie glaubte, das Glück wär’ endlich da!«
+
+»Nun – und? Was weiter?« Asmus bog sich immer weiter über den Tisch.
+
+»Nach wenigen Wochen erkannte sie, daß sie sich geirrt hatte,
+vollkommen geirrt. Übrigens ein braver, ordentlicher Kerl, aber nicht
+das, was das Herz einer Hilde Chavonne braucht. Entschlossen und
+mutig, wie sie bei all ihrer Milde ist, trug sie ihrem Verlobten die
+Lösung des Verhältnisses an. Und er, wie er kein Mann für sie war,
+hatte wohl auch nicht erkannt, was er an ihr besaß; er erklärte sich
+schließlich einverstanden.«
+
+Und so weit Asmus sich vorgebeugt hatte, so weit lehnte er sich jetzt
+zurück und blickte schweigend vor sich hin.
+
+Wenn eine lange getragene Last von uns abfällt, fühlen wir erst, wie
+schwer sie gewesen ist. Auf seinen Soldatenmärschen hatte er Mantel und
+Tornister, Helm, Patronen und Waffen als etwas Selbstverständliches ohne
+Murren getragen; aber wenn er, in die Kaserne zurückgekehrt, alles
+abgelegt hatte, dann hatte er gefühlt, wie schwer die Bürde gewesen.
+Ganz so war es ihm jetzt, ganz so; denn es war ihm, als habe es ihm auf
+Hirn, auf Nacken und Schultern gedrückt.
+
+»Übrigens,« rief er ganz unvermittelt und wurde über und über rot, »da
+fällt mir ein: die Sitzung ist ja erst morgen. (Ein Geschickterer
+würde vielleicht gesagt haben: In acht Tagen!) Wenn Sie Ihre Einladung
+nicht bereuen, nehm’ ich sie jetzt noch an.«
+
+Mansfeld unterdrückte ein Lächeln und erklärte, daß ihm nichts
+erfreulicher sein könne als dieser Entschluß. Und Asmus ging mit.
+
+
+
+
+XLVIII. Kapitel.
+
+»Wiederum tanzt eine Salome: wiederum heischt sie das Haupt des
+Johannes.« Johannes Chrysostomos
+
+
+Als die beiden Männer in das Wohnzimmer traten, fanden sie Frau
+Mansfeld mit einer Handarbeit, Fräulein Chavonne mit den
+Vorbereitungen zum Unterricht des folgenden Tages beschäftigt. Die
+junge Dame saß mit dem Rücken gegen das Licht; aber gleichwohl glaubte
+Asmus zu bemerken, daß sie erschrecke und erblasse. Zwar lächelte sie,
+als sie ihm dann die Hand gab; er zweifelte aber doch nicht daran, daß
+er ihr unangenehm und unwillkommen sei. Mansfeld holte sein Bild
+hervor, und Asmus nahm es in Augenschein; wäre er verpflichtetes
+Mitglied einer Jury gewesen, so würde der gute Mansfeld wohl nicht
+allzuviel Schmeichelhaftes zu hören bekommen haben; aber abgesehen
+davon, daß Asmus sich durchaus nicht als Kenner fühlte, gehörte er
+nicht zu jenen »unentwegten« Bekennern, die die Wahrheit auch dann
+sagen, wenn sie nur verletzt und keinem nützt; er machte also dem
+harmlosen Dilettantismus Mansfeldens neben einigen Ausstellungen ein
+paar balsamische Komplimente.
+
+Nach dem Abendessen sagte Mansfeld: »Ich habe Sie so lange nicht
+gehört – möchten Sie nicht ein Gedicht sprechen?«
+
+Asmus, ohne sich zu zieren, stand auf und sprach, zwar in Hinblick auf
+die Anwesenheit der Damen mit einiger Befangenheit, »Des Sängers
+Fluch«. Frau Mansfeld war eine überaus fleißige und praktische Frau
+und ließ auch während des furchtbarsten Fluches die Häkelnadel nicht
+ruhen; Hilde aber, die inzwischen zu einer Stickerei gegriffen hatte,
+ließ schon nach den ersten Versen die Hände in den Schoß sinken und
+horchte mit großen Augen. Nun schlug Mansfeld vor, man möchte doch
+jede Woche einmal zusammenkommen und etwas Gutes lesen, namentlich
+Dramatisches; er komme fast nie ins Theater, und Asmus setzte für
+nächsten Mittwoch »Emilia Galotti« aufs Repertoire. Frau Mansfeld
+indessen, die die Claudia lesen sollte, lehnte jede Beteiligung
+entschieden ab; sie wollte mit dem Theater nichts zu tun haben. Sie
+konnte sich nicht verstellen; sie war Frau Mansfeld aus Hamburg und
+nicht Claudia Galotti aus Italien, und überdies wußte sie ganz gut,
+daß in dem Stück ein junges Mädchen verführt werden sollte. So etwas
+paßte sich nicht für eine Lehrersfrau, und im Grunde ihres Herzens
+mochte sie es etwas »frei« von dem Fräulein Chavonne finden, daß es
+sich auf Asmussens Bitte bereit erklärte, sogar das zu verführende
+Mädchen selbst zu verkörpern. Asmus las den Prinzen und Appiani,
+Mansfeld den Marinelli und den Odoardo; aber es ging doch nicht.
+Dieser las nämlich den Marinelli wie einen stellungsuchenden
+Schneidergesellen, und sein Odoardo wäre durch ein gutes Glas Bier mit
+Leichtigkeit zu besänftigen gewesen. Er sah das auch selbst ein, und
+Asmus widersprach seiner Selbstkritik mit keinem Wort. Einig waren
+alle darin, daß Fräulein Chavonne die Angst Emiliens und die
+Eifersucht der Gräfin Orfina vorzüglich gelesen habe. Asmus war
+überrascht: hatte sie schon einmal Eifersucht empfunden? Es war etwas
+Echtes und Elementares in ihrem Vortrag gewesen.
+
+Von nun an mußte Asmus allein lesen, und als man dahinter gekommen
+war, daß er plattdeutsch reden könne wie ein Oldensunder Bauernjunge
+und wie ein Hamburger Ewerführer, da mußte er Groth und Reuter lesen.
+Und als er die nun las, da machte er eine wundersame Entdeckung: Hilde
+Chavonne konnte lachen! Natürlich hatte er sie auch sonst schon lachen
+sehen; aber immer hatte nur ein Teil ihres Wesens gelacht, und nur ein
+kleinerer Teil; der tiefe, fast traurige Ernst ihres Wesens hatte
+immer das Übergewicht behalten; es war immer ein Lachen mit ernstem
+Grundton gewesen, nicht jenes Lachen des ganzen Menschen, das aus dem
+Mittelpunkt unseres Wesens elementar hervorbricht und alle unsere
+Seelen- und Körperteile kräftig durcheinander zu schütteln scheint.
+Und sie selbst schien beseligt, berauscht von der Entdeckung dieser
+Kraft wie ein Kind, dem man zur Weihnacht beschert; wenn er den Blick
+vom Buche erhob und in ihr lachendes Gesicht sah, dann glühten ihn
+zwei jauchzende Augen an, und niemand hätte sagen können, ob es Lust
+oder Dankbarkeit sei, was ihnen den feuchten Schimmer gab. Wenn er
+aber von traurigen Dingen las und – anfangs zufällig, bald mit Absicht
+– die Augen über den Rand des Buches hinausgehen ließ, dann sah er
+ihre Augen auf sich ruhen, als wäre es _sein_ Leid und _sein_ Kummer,
+von dem er gelesen. Und obgleich die beiden Mansfeld ein dankbares
+Publikum waren, dachte er bald bei allem, was er las, nur das eine:
+Wie wird es _ihr_ in die Seele klingen? fühlte er bei jedem Wort den
+unhörbaren Widerhall _ihres_ Herzens.
+
+Es ist klar, daß ein Ereignis oder eine Erwägung, die ihn von den
+Mittwoch-Besuchen hätte zurückhalten können, bald zu den undenkbaren
+Dingen gehörte. Zu Hause und unter den Freunden, in Konzert und Theater,
+in Wissenschaft und Kunst gab es keine Freuden, und am allerwenigsten
+gab es unter dem himmlischen Gezelte Naturerscheinungen, die ihn hätten
+hindern können, am Mittwoch nachmittag nach dem ländlichen Vororte
+hinauszupilgern, in dem die Mansfelds wohnten. Die altgeheiligte
+Ordnung des Wochenreigens hatte sich verkehrt; der Mittwoch war zum
+Sonntag geworden. Sehr schlau bemerkte Frau Rebekka eines Tages mit dem
+Scharfblick des Weibes und der Mutter: »Da bei den Mansfelds, da muß ein
+Magnet sein.«
+
+Mit dem Magnet hatte es seine Richtigkeit. Wenn der Sommernachmittag
+gar zu verlockend ins Fenster lachte, ließen sie Bücher Bücher sein,
+wanderten zu vieren hinaus nach Eppendorf, Lokstedt oder Niendorf und
+ergaben sich auf einer Wiese dem Reifenspiel. Von den Freundinnen
+Hildes hatte er gehört, daß ihr Turnlehrer sie immer vor allen gerühmt
+habe wegen ihrer Anmut; eines Tages, als sie sich zu schwach gefühlt
+und sich von der kaum erfaßten Reckstange wieder hatte fallen lassen,
+da hatte der Lehrer gerufen: »Fräulein Chavonne fällt sogar mit Grazie
+vom Reck!« Asmus konnte dem Manne nur von ganzem Herzen recht geben,
+und wie der »Magnet« beim Lesen seine Blicke, seine Stimme, seine
+Gedanken anzog, so flogen ihm jetzt die meisten der Reifen zu, die
+Asmus zu versenden hatte, wenn er auch galant genug war, sich hin und
+wieder der gnädigen Frau zu erinnern.
+
+Ein Spiel auf grünem Rasen in heller Sommerluft, das war nun ohnehin
+für das Herz des Asmus ein ununterbrochener Freudentanz; als er nun
+aber auch noch das liebliche Mädchen mit seinen schmalen Füßen, in
+flatterndem Gewande über den sonnengrünen Teppich hüpfen sah, da
+schien ihm, daß die Welt wohl überhaupt schön sei, daß sie aber noch
+nie so schön gewesen sei wie an diesem Tage. Anmut der Bewegung und
+körperliche Geschicklichkeit waren nicht seine Stärke; aber mit dem,
+was er konnte, kokettierte er redlich, und er hatte das Gefühl, daß er
+plötzlich mehr könne, als er sich zugetraut. Freilich, bei einem
+unparteiischen Zuschauer würde auch Hilde Chavonne den Verdacht
+erweckt haben, daß ihr der Eindruck ihrer Sprünge und Tanzschrittchen
+nicht gleichgültig sei, und daß sie wie jedes junge, schöne, tanzende
+Weib um den Kopf eines Mannes tanze.
+
+Und gewiß hätte Asmus ihr lieber seinen Kopf auf einer Schüssel
+entgegengetragen, als ihr von Liebe zu sprechen. Wenn es sich auf dem
+Heimwege traf, daß sie allein nebeneinander gingen, dann begann wieder
+jenes wunderlich-närrische Doppelspiel von Lippen und Herzen, das sie
+schon damals, nach Asmussens einmaligem Auftreten als König getrieben
+hatten. Sie sprachen über einen Roman oder über eine Schulverordnung
+oder über ein Sonnentaugewächs, das sie gefunden, oder über eine
+Wolkenbildung, und mit allem, was sie sagten, meinten sie: »Ich liebe
+dich – ich liebe dich!« Es war eine Chiffresprache, die sie redeten.
+»Dieser Weg führt nach Bahrenfeld,« bedeutete soviel wie: »Du bist
+ein entzückendes Geschöpf!« »Die Linden haben ausgeblüht« sollte
+heißen: »Ich möchte dich küssen;« aber keiner hatte den Schlüssel zur
+Sprache des andern. Das Herz des Asmus drängte, raunte, flüsterte ihm
+zu wie ein eifriger Souffleur: »Sag’ es ihr, sag’ es ihr, tu den Mund
+auf – es ist gar nicht schwer – und sag: »Süße Hilde, ich hab’ dich
+lieb!« – »Wie kann ich denn ‘du’ zu ihr sagen!« erwiderte Asmus.
+»Meinetwegen sag’ ‘Sie’«, entgegnete das Herz, »aber sag’ etwas!«, und
+dann tat Asmus wirklich den Mund auf und sagte: »Jetzt wird ja auch
+bald der neue Bahnhof eröffnet.« Sie war doch zu hoch, zu heilig; sie
+_konnte_ sich an einem Menschen wie ihm nicht genügen lassen. Sie
+hatte es ja auch bewiesen, als sie sich verlobte. An ihm war sie
+vorbeigegangen.
+
+Endlich, endlich kam eine prächtige Gelegenheit, dem Herzen Luft zu
+machen. Mansfeld hatte mit seinen Schülern einen Ferien-Ausflug
+unternommen, und Asmus und die Damen hatten sich angeschlossen. In
+einer hübschen Gartenwirtschaft, die den freundlichen Namen »Zum
+Morgenstern« führte, hielt man Rast, und Hilde hatte sich daran
+gemacht, die gepflückten Feldblumen zu einem Strauße zu ordnen, als
+Asmus zu ihr trat. Mansfeld und Frau waren abseits mit den Kindern
+beschäftigt.
+
+
+
+
+XLIX. Kapitel.
+
+Asmus Semper wird streitsüchtig, wettet, lügt, vergreift sich an
+Goethe und benimmt sich feige.
+
+
+»Wo haben Sie die Calluna gepflückt?« fragte Asmus, indem er einen
+Zweig der Glockenheide aufnahm.
+
+»Im Moor. Aber das ist nicht Calluna, das ist Erika.«
+
+»Das ist Calluna.«
+
+»Das ist Erika.«
+
+»Das ist Calluna.«
+
+»Das ist Erika.« Sie lachten beide.
+
+»Das Heidekraut ist Erika, und Calluna ist die Glockenheide,« sagte
+Asmus. Er hatte sich’s inzwischen überlegt und wußte, daß sie recht
+habe; aber er fand es viel hübscher, mit ihr zu streiten.
+
+»Im Gegenteil,« lachte sie, »die Glockenheide heißt Erika.«
+
+»Wetten?« rief Asmus.
+
+»Ja!« Ihre Augen leuchteten.
+
+»Um was?«
+
+Sie machte plötzlich ein ernstes Gesicht und sagte zögernd:
+
+»Wenn Sie verlieren, müssen Sie mir ein Gedicht schenken. Das ist wohl
+schrecklich unbescheiden, nicht wahr?« fügte sie schnell hinzu.
+
+»Ich fürchte, es ist nur allzu bescheiden,« sagte Asmus. »Und was
+geben Sie mir, wenn ich rechte habe?«
+
+»Das – weiß ich noch nicht – das findet sich dann,« sagte sie
+errötend.
+
+Am Abend hatte er es fast eilig, von ihr fort zu kommen, damit er zum
+Dichten komme. Sie wollte ein Gedicht von ihm! War das nicht ein
+Zeichen von Liebe? Ach nein, ach nein. Andere Damen hatten ihn auch
+schon darum gebeten, sicherlich, ohne ihn zu lieben. Die Mädchen
+prunken gern mit dergleichen – so weit kannte er die Mädchen auch.
+Freilich: so war _sie_ nun eigentlich nicht....
+
+Einen Augenblick dachte er, er wolle ein Akrostichon auf ihren Namen
+machen, weil das so schön deutlich sei. Aber er schalt sich sofort
+darüber aus: »Erstens ist es läppisch und keine Dichtung, und zweitens
+wäre es nicht mehr deutlich, sondern frech.« Er nahm nun eine Maske
+vor, die Maske eines Mannes, der sich aus dieser Welt des Alltags nach
+der Welt der Romantik, nach der Zeit der schönen Melusinen, der
+Minnesinger und der Ritter sonder Furcht und Tadel sehnt, und schloß
+sein Ottaverimengebäude also:
+
+ »Wie schlüg’ ich gern, ein schwertgewandter Ritter,
+ Mit leichtem Mut mein Leben in die Schanze,
+ Wie schwäng’ ich gern im Schlachtenungewitter
+ Für der Bedrückten Recht die wucht’ge Lanze!
+ Vor Raubverließen sprengt’ ich Wall und Gitter
+ Und kehrte heim mit wohlverdientem Kranze.
+ Dann blühte mir, die Frucht von blut’gen Saaten,
+ In starker Brust das stolze Glück der Taten.
+
+ Wie gern ... doch still! Es öffnen sich die Zweige –
+ Ein leises Knistern über meinem Haupte –
+ Ich forsche, daß der süße Mund sich zeige,
+ Der so verstohlen-leisen Kuß mir raubte –
+ Du bist’s Geliebte! Komm hervor und neige
+ Dein Haupt mir zu, das frühlingsgrün-umlaubte!
+ Verlassen hat ein schöner Traum die Lider –
+ Die schön’re Wirklichkeit erkenn’ ich wieder!
+
+ Mich trog ein alter Wahn – bis ich erwachte
+ In deinem Arm, im heimatlichen Walde! –
+ Ob je so schön wie heut’ herüberlachte
+ Der Silberstrom, die farbenreiche Halde? –
+ Auch heut’ bekämpf’ ich kühn, was ich verachte,
+ Zwar nicht als Ritter, doch als freier Skalde;
+ O sieh zum Horizont die Sonne gleiten:
+ Noch lebt die Schönheit wie in alten Zeiten!«
+
+Ob das zu kühn war? Ach nein – jedenfalls: vor dem Tintenfaß hatte er
+Mut; er schrieb es auf sein schönstes Papier, schob es in einen feinen
+Briefumschlag, liebkoste jeden Buchstaben ihres Namens mit den Augen,
+als er die Adresse schrieb, und ging zum Briefkasten. Als der Brief
+schon halb in der Spalte des Kastens steckte, zauderte er einen
+Augenblick. Sollte er’s wagen? Aber ein höherer Wille stieß ihm an den
+Ellbogen, und der Brief fiel hinein.
+
+Asmus seufzte tief auf. Das war ein entscheidender Schritt, dachte er. –
+
+Schon am übernächsten Morgen hatte er einen Brief.
+
+ »Sehr geehrter Herr Semper!
+
+ Haben Sie innigsten Dank für das wunderschöne Gedicht! Ich hab’ es
+ schon viele Male gelesen, und jedesmal gefällt es mir besser. Aber
+ wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen; denn solchen Einsätzen vermag
+ ich nichts entgegenzustellen.
+
+ Ich werde Ihr Gedicht an sicherer Stelle verwahren.
+
+ Mit schönsten Grüßen
+ Ihre sehr ergebene
+ Hilde Chavonne.«
+
+Beim ersten Lesen schien ihm der Brief eine feurige Liebeserklärung;
+beim zweiten schien er ihm nur noch eine Liebeserklärung, und je
+öfter er ihn las, desto mehr wurde er sich klar, daß diesen Brief
+auch jede andere Dame geschrieben haben könnte. Jede? Nun ja, er war
+sehr freundschaftlich gehalten; aber gute Freunde waren sie ja
+schließlich wohl. »Ich werde Ihr Gedicht an sichrer Stelle verwahren!«
+das konnte heißen: Ich werde es am Busen tragen – es konnte aber auch
+heißen: Ich werde es in meiner Kommode verschließen. Und dann der
+Satz: »Aber wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen!« Sie gab ihm zwar
+eine sehr bescheidene Begründung; aber konnte nicht auch ein feiner
+Verweis darin liegen: Du bist zu dreist gewesen!? Freilich: da stand:
+»Mit _schönsten_ Grüßen Ihre _sehr_ ergebene.« Das war sehr viel! Aber
+eine steife, »zippe« Hamburgerin, die den Herren nur die Fingerspitzen
+reicht und beim Gruß nur mit der Hutfeder nickt, war sie ja überhaupt
+nicht, obwohl sie in Hamburg geboren war. Und »Ihre _ganz_ ergebene«
+stand nicht da ...
+
+Als er sie wiedersah – es war an einem Sonntagmorgen – fühlte er wohl
+bald an ihrem Dank und ihrem Geplauder, daß sie an einen »Verweis«
+nicht gedacht haben könne; aber sie trug ein weißes Morgenkleid mit
+rosa Bändern, und darin sah sie nun aus wie eine Königin der Lilien!
+Ach, armer Asmus! Du hast im Ernste geglaubt, solch ein Weib könnte
+für _dich_ blühen? Dies Kleid schlug all seine Hoffnungen nieder.
+
+Und so war er denn genau so weit wie vordem. Zum Glück ließ die
+Wirkung des Kleides, als er die Trägerin nicht mehr vor Augen hatte,
+nach, und er gelangte zu dem Ergebnis: Ich muß noch einmal mit ihr
+wetten!
+
+Er traf sie bei seinem nächsten Besuch mit einer zierlichen Arbeit
+beschäftigt. Auf ein weißes Blatt legte sie in mehreren Schichten
+nacheinander schöne Blätter der verschiedensten Pflanzen, und nach
+jeder Lage besprengte sie das Ganze mit einer dünnen Sepialösung. Wenn
+alles beendigt war, kam ein anmutiges Bukett der reizendsten
+Blattformen zum Vorschein. Es war eine Arbeit, die nicht viel Kunst,
+wohl aber Sorgfalt und Geschmack erforderte.
+
+Als sie nahezu beendet war, betrachtete Hilde ihr Werk mit geneigtem
+Kopfe und sagte:
+
+»Die Grazien sind leider ausgeblieben.«
+
+Halt, dachte Asmus, das ist eine Gelegenheit.
+
+»Sagt Schiller,« fügte er hinzu. Er wußte ganz genau, daß er sich an
+Goethe vergriff.
+
+»Ist das nicht von Goethe?« fragte sie, einen Augenblick durch seine
+Bestimmtheit unsicher gemacht.
+
+»Nein, von Schiller.« Da wurde er doch rot.
+
+»Doch – es ist aus »Tasso!« rief sie.
+
+»Keine Spur. Von Schiller ist es.«
+
+Sie lachte: »Fangen Sie schon wieder an?«
+
+»Wollen wir wetten, daß es von Schiller ist?« rief er.
+
+Sie wurde purpurrot und rief: »Ja!«
+
+»Um was?«
+
+»Wenn Sie unrecht haben – nein, es wäre zu unbescheiden!«
+
+»Sie können nicht unbescheiden sein.«
+
+»Ein Gedicht? Wollen Sie?«
+
+»Mit Freuden. Und wenn Sie unrecht haben?«
+
+»Was verlangen Sie dann?«
+
+Asmus hob die eben vollendete Arbeit auf. »Dieses Blatt!«
+
+»Nicht dies, aber ein besseres!«
+
+Dann holte sie den Tasso vom Bücherbrett, konnte aber die Stelle nicht
+sofort finden.
+
+»Darf ich?« fragte Asmus. »_Wenn_ es drinsteht, werd’ ich es bald
+finden.« Er blätterte einen Augenblick. »Wahrhaftig, Sie haben recht!
+Tasso sagt es vom Antonio.«
+
+Sie triumphierte. – – –
+
+Diesmal fiel sein Gedicht deutlicher aus. Es war etwas herkömmlich im
+Ton, etwas heine-geibelig sozusagen; aber deutlich war es.
+
+ »Wir standen auf hoher Warte
+ In klarer Sommerluft;
+ Tief unten lag die Erde
+ In lauter Glanz und Duft.
+
+ Und über unsern Häuptern
+ Der Himmel hoch und hehr
+ Ein unergründlich tiefes,
+ Ein weites, blaues Meer!
+
+ Es strebte mein Geist zum Himmel
+ Und strebte zur Erde auch:
+ Ihn lockte die himmlische Reine,
+ Der irdische Wonnenhauch.
+
+ Fern waren Erd’ und Himmel;
+ Du aber warst bei mir,
+ Und haften blieb mein Auge,
+ Das sehnende – an dir. –
+
+ Du bringst mir irdische Wonnen
+ Auf rosigen Lippen dar;
+ Es fließt der Schönheit Zauber
+ Von deinem goldnen Haar.
+
+ Du trägst des Himmels Reinheit
+ Und Frieden im Angesicht;
+ Treu glänzen deine Augen
+ Wie seiner Sterne Licht.
+
+ Vergessen die prangende Erde,
+ Vergessen das himmlische Zelt!
+ In dir halt ich umfangen
+ Den Himmel, die Erde – die Welt!«
+
+Er hatte erst schreiben wollen:
+
+ »Von deinem _braunen_ Haar«
+
+aber das schien ihm denn doch zu deutlich, und er machte ein goldenes
+Haar daraus; dann konnte sie das ganze Gedicht auch auf eine andere
+beziehen. Daß man hübschen jungen Mädchen keine solchen Gedichte
+schenkt, wenn sie sich auf andere beziehen, das fiel ihm nicht ein.
+Seine geistige Begabung lag auf anderen Gebieten.
+
+Als er den Briefumschlag mit der Zunge feuchtete, hielt er plötzlich
+inne und starrte vor sich hin. War es nicht eigentlich unwürdig, ihr
+das Gedicht so hinterrücks durch den Postboten zuzustellen? War es
+nicht männlicher, einfach vor sie hinzutreten und zu sagen: Hier ist
+das Gedicht!? Aber, wenn Sie’s dann las – nein, nein, nein, nein! Dann
+war es noch männlicher, ihr ins Gesicht zu sagen: »Hilde Chavonne, ich
+liebe dich!« und das konnte er eben nicht. War das Feigheit? O, wenn
+es nicht Hilde, wenn es Drögemüller wäre, dann wollte er schon zeigen,
+daß er offen und mutig die Stirn zeigen konnte. Aber Hilde – – wenn
+das feige war, dann war es eben feige, daran war nichts zu ändern. Er
+schloß den Brief und steckte ihn ein. Aber als er ihn fallen hörte, da
+war’s ihm, als höre er auch sein Herz in den Kasten fallen. Es war
+doch eine Riesenkühnheit. Wenn sie jetzt zürnte – nun, dann liebte sie
+ihn nicht, dann war alle Hoffnung zu Ende.
+
+Wenn sie ihm aber nicht zürnte – was war damit bewiesen?
+
+Eigentlich nichts. – Nun, man würde ja sehen.
+
+
+
+
+L. Kapitel.
+
+Der Verfasser durchbricht aus Wut über seinen Helden die Kunstform.
+
+
+Der nächste Tag war ein Mittwoch; mit klopfendem Herzen trat er zu den
+Mansfeld ins Zimmer – sie war nicht da. Ein schlimmes Zeichen. Sonst
+war sie immer dagewesen. Das Gespräch mit den Mansfeld wollte nicht in
+Gang kommen. Endlich, nach einer Viertelstunde, die Sempern zu einer
+Ewigkeit angeschwollen war, trat das Fräulein herein. Sie wollte
+unbefangen erscheinen; aber alle Anstrengung half ihr nichts; sie
+wurde blutrot und senkte den Blick, als sie Asmussen die Hand gab und
+ihm sagte:
+
+»Ich danke Ihnen _sehr_!«
+
+Dann flog ein Engel durchs Zimmer. Und noch einer. Und noch einer.
+Hilfreiche Engel waren es nicht; denn sie halfen dem blutschwitzenden
+Asmus auch nicht mit einem Wörtchen aus. Endlich half er sich selbst,
+indem er heftig das linke Bein über das rechte schlug (genau wie
+Ludwig Semper). Das half.
+
+»Sonnabend wird der ‘Freischütz’ gegeben, in einer vorzüglichen
+Besetzung,« rief er, und wußte selbst nicht, warum er so laut sprach.
+Man kam überein, daß man gemeinsam hingehen wolle; die Unterhaltung
+kam in Fluß; Hilde nahm daran teil und sprach auch mit Asmus, sogar
+unter freundlichem Lächeln. Böse war sie nicht, das stand nach diesem
+Lächeln fest; aber sonst –
+
+Ja, sonst war er immer noch auf dem alten Fleck. Wie konnt’ es auch
+anders sein. Konnte sie nach diesem Gedicht zu ihm kommen und sagen:
+»Ihr Antrag ehrt mich« oder: »Ich teile vollkommen Ihre Gefühle; hier
+ist meine Hand?« Es war eine ganz verteufelte Sache. _Sie_ mußte einmal
+eine Wette verlieren, und dann würde sich ja zeigen, was _sie_ ihm
+schenkte! Als er daheim in seiner Zelle diesen Gedanken erwog, brachte
+ihm der Postbote ein dünnes Paket.
+
+Ihre Handschrift!
+
+Er riß die Umhüllung herunter und fand eine Mappe, die auf beiden
+Deckeln allerliebste Blattsträuße in zahlreichen und zarten
+Abstufungen von Sepia-Braun zeigte. Ein Briefchen dabei!
+
+ Werter Herr Semper!
+
+ Da Sie Gefallen an der Spielerei fanden, so sende ich Ihnen diese
+ Mappe, die sich vielleicht durch Aufbewahrung von Notizen und dergl.
+ nützlich machen kann. Sie soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein;
+ eine solche Gabe zu lohnen, bin ich leider außerstande.
+
+ Mit den herzlichsten Grüßen
+ Ihre dankbare
+ Hilde Chavonne.«
+
+»Sie liebt mich!« jubilierte Asmus in seinem Herzen. »Sie beschenkt
+mich! Und wie beschenkt sie mich! Wie reich, mit welcher Sorgfalt ist
+das gemacht! Mit Goldpapierstreifen umrändert! Mit weißseidenen
+Bändern gebunden!« Und wie zärtlich schrieb sie, wie liebevoll!
+
+Er nahm den Brief wieder her – ein ganz zarter Duft ging mit diesen
+Zeilen, ein kaum merkbarer, aber ein feiner, milder, warmer Duft!
+»_Werter_ Herr Semper« schrieb sie. Also er war ihr wert! Und »Sie
+soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; eine solche Gabe zu
+lohnen, bin ich leider außerstande – –!«
+
+Hm. Es fiel ihm plötzlich auf, daß das zweierlei bedeuten könne. Es
+konnte heißen: Das Gedicht ist so schön, daß ich ihm nichts
+Gleichwertiges gegenüberstellen kann, wie man den Wert eines echten
+Kunstwerks (»wenn dies eins wäre!« klammerte Asmus ein) überhaupt
+nicht mit materiellen Gütern ausmessen kann. Aber die Liebe eines
+Menschen war doch gewiß etwas Gleichwertiges, ja, war unendlich viel
+mehr – sollte das bedeuten: »Den Lohn, du dir denkst – meine Liebe –
+kann ich dir nicht gewähren«? – O, o, o, wie der ganze Brief gleich
+anders aussah! »_Werter_ Herr Semper,« das war viel legerer als »_Sehr
+geehrter_ Herr Semper«, viel weniger achtungsvoll. – Und »Da Sie
+Gefallen an der Spielerei fanden« – sie legte der ganzen Sache keinen
+Wert bei; es war ein Nichts – warum sollte sie es ihm nicht schenken –
+dann waren sie quitt, und sie war ihm nichts mehr schuldig –
+
+O diese verteufelte Auslegung, o diese verwetterten Ausleger! Sie
+verhunzen die frischesten Offenbarungen der Menschenseele! Durch
+»Exegese« verhunzte er sich dieses Geschenk eines Mädchens, das mit
+vor Bangen, vor Eifer, vor Freude bebenden Händen Tage und Nächte an
+diesem Kunstwerk gebaut hatte, bei jeder Linie, jedem Bändchen voll
+Hoffnung, daß sie ihm gefallen, voll Sorge, daß sie ihm mißfallen
+möchten!
+
+Freilich: Mädchenbriefe wie dieser sind geschrieben, um Liebe ganz zu
+offenbaren und ganz zu verbergen, und es war kein Wunder, daß Asmus
+diese Sprache noch nicht verstand. Er ahnte zum Beispiel nicht, daß
+das Wort »Notizen« mit »Gedichte« zu übersetzen war und daß der ganze
+Satz bedeuten sollte: »Wenn du Verse geschrieben hast, leg’ sie in
+diese Mappe; das wird mir sein, als dürft’ ich selbst sie hegen.«
+
+Das Schicksal war dem Zauderer günstiger, als er es eigentlich
+verdiente. Am »Freischütz«-Abend folgten die Mansfeld einer Einladung,
+die sie nicht ablehnen konnten, und Asmus saß allein neben der
+Stillgeliebten! Er saß neben ihr, und da die billigen Plätze sehr
+schmal waren, saß er sogar recht dicht neben ihr, in beständiger
+Berührung mit ihrem Kleid, und einmal, als ihr der Zettel entfallen
+war und sie ihn aufheben wollte, streifte sogar ihr Haar, ihr
+köstliches Haar seine Wange! Solche weihevollen Berührungen entzückten
+ihn tief und entmutigten ihn ganz. Denn je herrlicher sie war, desto
+weniger wagte er sie zu begehren; ihm war, als solle er in einen
+hochumgitterten Schloßgarten gehen und dort die seltenste Blume
+brechen. Eine tiefe Demütigung müßte die Folge sein.
+
+Aber schon ungestört mit ihr zu plaudern, war warmes, heimliches
+Glück. Er erzählte ihr, wie er als Knabe auf seinem Puppentheater den
+»Freischütz« gespielt habe und wie ihm das Liebste daran die
+Wolfsschlucht mit dem feurigen Rad und allem Teufelsspuk gewesen sei.
+
+»Wenn ich ehrlich sein soll,« sagte er, »ich freue mich noch heute auf
+die Wolfsschlucht, und jeden Tag möcht’ ich mir wieder ein
+Puppentheater bauen und damit spielen. Freilich: auf die Musik freu’
+ich mich noch ganz anders. Wenn die ganze deutsche Nation zugrunde
+ginge und nur der »Freischütz« erhalten bliebe, könnte man aus dieser
+Oper alle Eigentümlichkeiten der deutschen Seele erkennen.«
+
+Sie hatte den »Freischütz« noch nicht gehört, war überhaupt noch nicht
+oft im Theater gewesen; ihre Kindheit hatte ihr solche Freuden nicht
+gewährt, und nun beglückte es ihn, wie sie mit frommer Begierde Musik,
+Wort und Bild in sich einsog, und er war grenzenlos stolz, ihr Führer
+sein zu dürfen.
+
+Als sie den Heimweg durchs Dunkel antraten, bot er ihr seinen Arm. Das
+durfte man wagen. Wie leicht sie an seinem Arme hing! Er hätte
+gewünscht, daß sie sich ganz auf ihn stützte, sich ganz von ihm tragen
+ließe. Während er ihr von Oberon, Euryanthe und Preziosa erzählte,
+dachte er ununterbrochen: Soll ich ihr’s jetzt sagen? Nein, nein,
+lautete die Antwort. Wenn es sie erschreckte, bekümmerte, beleidigte?
+In welcher Pein würde das arme Mädchen den Rest des Weges zurücklegen;
+in welche Pein würdest du dich selber stürzen! Du hast heute die
+Pflicht des Ritters, du hast dafür zu sorgen, daß sie unbehelligt und
+auf möglichst angenehme Weise nach Hause komme – es wäre ein unzarter
+Mißbrauch der Gelegenheit, sie jetzt mit einer Liebeserklärung zu
+überfallen. Beim Abschied vor ihrer Tür, dann willst du’s ihr sagen.
+Und beim Abschied sagte er:
+
+»Haben Sie tausend, tausend Dank für den wunderschönen Abend!«
+
+»Ich habe Ihnen zu danken!« rief sie. »Der Abend wird mir unvergeßlich
+sein.« Sie zögerte einen Augenblick. – »Gute Nacht.«
+
+»– Gute Nacht.«
+
+Unmittelbar darauf dachte er: Das war eine Gelegenheit! Sie ist
+unwiederbringlich verpaßt.
+
+Unwiederbringlich? Wie er es zuvor mit der Methode der Wetten versucht
+hatte, so versuchte er es jetzt mit der Methode des gemeinsamen
+Theaterbesuchs. Eine Woche später sollte der »Vampyr« von Marschner
+gegeben werden. Er hatte eine Schwäche für diese Oper, gerade wegen
+ihres verschrieenen schaurig-romantischen Stoffes. Er liebte das
+Düstre, Grauenvolle wie das Sonnig-Behagliche, das starrend Erhabene
+wie das Komisch-Gemütliche, bis zum Putzigen und Ulkigen herab, wie er
+alle Tage und Nächte, alle Lichter und Schatten der Welt liebte. Er
+liebte Dante Alighieri und Fritz Reuter, und er haßte die
+flachköpfigen Ästhetiker, die beim Aufbau ihrer Systeme immer eines
+vergaßen, entweder den Dante oder den Reuter.
+
+Frau Mansfeld mocht’ es im stillen unpassend finden, daß ein junges
+Mädchen mit einem ihm nicht verlobten jungen Manne allein ins Theater
+ging und sich von ihm nach Hause geleiten ließ. Aber solche Ängste
+kannte Hilde nicht; sie hatte nur die feine Erziehung, die ein feines
+Herz gibt. Also holte sie jubelnd ihr Portemonnaie und zahlte Asmussen
+eine Mark zwanzig auf den Tisch; denn soviel kostete der Eintritt zum
+dritten Rang.
+
+Aber der »Vampyr« hatte genau dieselbe Wirkung wie der »Freischütz«,
+insofern, als Asmus sich wieder vor Hildens Tür mit nichts als einem
+(zwar bewegten Herzens gesprochenen) Danke verabschiedete und sich
+dann auf dem einsamen Heimwege mit Vorwürfen und nicht gerade
+schonenden Titulaturen überhäufte.
+
+Und auch der Verfasser kann nicht umhin, hier zum Entsetzen aller
+Literaturaufseher »die Kunstform zu durchbrechen« und der Leserin zu
+versichern, daß er ihre Entrüstung über diesen Herrn Semper vollkommen
+teilt. Aber was soll der Verfasser tun? Er kann seinen Helden nicht
+anders machen, als er ist.
+
+Endlich brachte ein trüber, wolkenschwerer Novemberabend die
+Entscheidung.
+
+
+
+
+LI. Kapitel.
+
+Von rauschenden Bächen im Winter.
+
+
+»Heute _soll_ es sich entscheiden,« hatte sich Asmus gesagt. Er hatte
+sie eingeladen, mit ihm in Zacharias Werners »Martin Luther oder die
+Weihe der Kraft« zu gehen. Er liebte das Stück durchaus nicht, fand es
+schwülstig, verworren und langweilig; aber jetzt war ihm schon jedes
+Mittel recht; er wäre mit ihr ins Theater gegangen, und wenn man dort
+den Jahresbericht der Handelskammer rezitiert hätte. Auf dem Heimwege
+sprachen sie nur wenig; jede Unterhaltung kam bald ins Stocken; wie
+eine Vorahnung lag es auf beiden. Sie waren der Wohnung Hildens schon
+ziemlich nahe, als Asmus, das Herz im Halse, mit leiser Stimme fragte:
+
+»Sind Sie mir eigentlich böse, Fräulein Chavonne?«
+
+»Warum sollte ich Ihnen böse sein?« fragte sie ebenso leise, mit
+starren Augen geradeausblickend. Und alles, was sie noch sprachen,
+klang leise wie der Regen, der gleichmäßig herabtroff und gegen den
+sie keinen Schutz begehrten.
+
+»Sie haben mir eigentlich kein Wort über mein letztes Gedicht gesagt,«
+begann Asmus wieder. »Da glaubte ich, daß Sie mir zürnten.«
+
+»Wie wäre das möglich?« sprach sie noch leiser, mit bebender Stimme.
+
+Wiederum schwiegen sie eine kurze Weile.
+
+Ihr Kopftuch hatte sich verschoben, und um es zu ordnen, zog sie leise
+ihren Arm aus dem seinen. Im selben Augenblick ließ er seinen Arm
+sinken; ihre Hände berührten sich, und Asmus faßte Hildens Hand.
+
+Nun ist es ein seltsames Ding: Arm in Arm gehen die fremdesten
+Menschen miteinander; aber Hand in Hand gehen nur Kinder und Liebende.
+Ein höherer Wille hatte ihre Hände ineinander gelegt und gesagt: Ich
+will, daß ihr euch findet.
+
+Das gab Asmus Sempern einen heiligen Mut, und zitternd sprach er:
+
+»Fräulein Chavonne – haben Sie mich lieb?«
+
+Sie blieb stehen und schien zu wanken. Sie konnte nicht sprechen.
+
+Da legte er den Arm um sie, damit er sie stütze, und sprach noch
+leiser:
+
+»Hilde, hast du mich lieb?«
+
+Ihr Kopf sank an seine Schulter, und sie sagte: »Ja.«
+
+Und er wagte nicht, ihr den Kopf aufzuheben; denn es schien ihm, daß
+sie ruhte. Aber dann hob sie von selbst den Kopf und sah ihn aus
+leuchtenden, weinenden Augen an. Und er zog sie fester an sich und
+preßte seine Lippen in einem langen, langen Kusse auf ihren edlen,
+frischen, roten Mund.
+
+Sie waren nur noch zehn Minuten von Hildens Hause entfernt; aber sie
+brauchten zu diesem Wege noch zwei Stunden. Denn immer wieder gingen
+sie in weitem Bogen um das Haus herum, obwohl ein unaufhörlicher
+feiner Regen herabrieselte. Sie freuten sich unbewußt dieses Regens;
+er kam herab wie sanfte Linderung einer langen Sehnsucht. Es schien
+ihnen auch, als brauche man nun um nichts mehr zu sorgen, als hätten
+sie nun des Glückes genug und brauchten nichts mehr als solch ein
+stilles, seliges ewiges Wandern.
+
+Sie sprachen nur wenig, und wenn sie sprachen, so war es fast immer
+dasselbe:
+
+»Hast du mich lieb, hast du mich wirklich, wirklich lieb?«
+
+»Ja, ich hab’ dich lieb – so lange schon, ach, wie lange schon.«
+
+Ganz, ganz anders waren sie schon wenige Tage darauf. Frost und Schnee
+waren hereingebrochen mit Macht, und Asmus schlug ihr einen Ausflug
+»ins Grüne« vor. Nach dem »Quellental« wollten sie wandern und die
+Elbe hinab. Ludwig Semper würde zu diesem Ausflug »bei dieser Kälte«
+lange den Kopf geschüttelt haben, wenn er darum gewußt hätte; aber
+darin folgte sein Sohn ihm nicht; Winterwanderungen, die liebte er vor
+allen andern; da gab es einen Kampf mit Frost und Wind, und wenn er
+dann durchgekämpft war, dann glühte in Wangen und Herzen eine ganz
+besondere, eine ganz wundersame Wärme auf, die war ganz anders als
+Lenz- und Sommerglut. Es war eigenes, selbstentzündetes Feuer! Und wie
+heilig schön die Winterwelt! Seltsam: die ersten Lieder, die der
+Zauber der Natur ihm entrungen hatte, waren Winterlieder gewesen. Aber
+er sang sie nicht in Wehmut und Trauer; der Winter war ihm Andacht und
+Stille, niemals Tod; denn in seinem Herzen glomm wie eine ewige Lampe
+die Gewißheit des Frühlings. So kam es denn ganz von selbst, daß
+Asmus, als sie auf frostklingenden Wegen dahinschritten und sein
+schüchternes Schnurrbärtchen von lauter Eisnadeln starrte, also zu
+singen anhob:
+
+ Die linden Lüfte sind erwacht,
+ Sie säuseln und weben Tag und Nacht;
+ Sie schaffen an allen Enden.
+
+und daß er erschrak, als Hilde in ein lautes Lachen ausbrach.
+
+»Herr Professor, Herr Professor, es ist Winter!« rief sie; da verstand
+er sie und lachte nun auch aus vollem Halse; weil sie aber so ganz
+besonders schön lachte, küßte er sie sieben Mal auf den
+winterfrischen Mund, und dabei lachten sie, weil das Lied so gar nicht
+paßte, und ihre Augen wurden feucht, weil es doch so gut paßte.
+
+Nun fand er Gefallen an dieser Antithese, und während der Schnee unter
+ihren Füßen knirschte, sang er:
+
+ Wie herrlich leuchtet
+ Mir die Natur,
+ Wie glänzt die Sonne,
+ Wie lacht die Flur!
+
+ Es dringen Blüten
+ Aus jedem Zweig
+ Und tausend Stimmen
+ Aus dem Gesträuch!
+
+und dann warf er ihr ganz sachte und heimtückisch ein Häuflein Schnee
+zwischen Hals und Kragen.
+
+Sie kreischte auf und schüttelte sich, und dann sah sie ihn mit einem
+langen Blick, mit einem Lächeln voll Wehmut und Staunen in die Augen.
+Sie bestaunte dies Wunder einer Fröhlichkeit, die sie in ihrem Leben
+noch nie gesehen hatte, die sie auch bei ihm nicht vermutet hatte;
+denn er war ihr meistens in ernster Stimmung entgegengetreten. Diese
+Lustigkeit berauschte sie, daß sie mit beiden Händen seinen Kopf
+ergriff und ihm das Gesicht mit Küssen bedeckte. – –
+
+ Ich hört’ ein Bächlein rauschen
+ Wohl aus dem Felsenquell
+
+sang er.
+
+»Wo?« rief sie lachend.
+
+Da legte er wieder den Arm um sie und sagte: »Überall. Überall hör’
+ich Quellen rauschen. Hörst du sie _nicht_?«
+
+Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt und die Augen geschlossen.
+»Hier laß mich liegen bleiben und träumen und immerfort deine Stimme
+hören und gar nicht wieder aufwachen.«
+
+Er neigte sich zu ihrem Ohr, wiegte sie sanft in seinen Armen hin und
+her und sang mit leiser, leiser Stimme:
+
+ Horch, horch, die Lerch’ im Ätherblau!
+ Und Phöbus, neu erweckt,
+ Tränkt seine Rosse mit dem Tau,
+ Der Blumenkelche deckt,
+ Der Ringelblume Knospe schleußt
+ Die hellen Äuglein auf:
+ Mit allem, was da reizend ist,
+ Du süße Maid, wach auf!
+
+Da machte sie langsam – weit – weit die Augen auf, und ihre Augen
+waren tiefernst.
+
+»Du bist ein böser Mensch,« sagte sie. »Weißt du, daß du ein böser
+Mensch bist? Ein Zauberer bist du!« und sie riß sich fast ängstlich
+von ihm los und lief ein groß Stück Weges voraus.
+
+Kurz vor dem Quellental hatte er sie wieder eingeholt und den Arm um
+ihre Hüfte gelegt. Und so schritten sie andächtig hinein in einen
+kristallenen Dom von uralten Bäumen.
+
+Hier wohnt ein Gedicht, dachte Asmus; denn die Gedichte wohnten ihm
+wie Dryas und Oreas in Bergen, Bäumen und Grotten, in Wiesen und
+Quellen. Wenn es sich zeigen wollte, dachte er. Da hauchte es ihm ins
+Ohr:
+
+ Wo vom nahen Strauch ein Vöglein schwebt
+ Stummen Fluges durch die träge Luft,
+ Und vom kaum gebog’nen Zweig der Schnee
+ Lautlos fällt auf Schnee .....
+
+Und Asmus lächelte dankbar und heimlich. Dann kamen sie vor die auf
+geringer Erhöhung liegende Mooshütte mit der Inschrift: »#Hoc erat in
+votis#« und gingen hinein. Aber es war ihnen zu warm und dumpfig
+drinnen; sie mußten wieder hinaus. Und bei der eingefrorenen Quelle,
+die am Abhang der kleinen Erhöhung entspringt, warf er seinen Mantel
+in den Schnee, lud sie zum Niedersitzen und setzte sich ihr zu Füßen.
+Er mußte heute immerfort singen. Und während von den Zweigen
+ringsherum von Zeit zu Zeit der Schnee in silbernen Trauben fiel, sang
+er:
+
+ Der Reimer Thomas lag am Bach,
+ Am Kieselbach bei Huntley-Schloß.
+ Da sah er eine blonde Frau,
+ Die saß auf einem weißen Roß.
+
+»Eine braune Frau!« rief sie mit anmutig gespieltem Schmollen.
+
+»Eine blonde Frau,« versetzte er.
+
+»Eine braune Frau.«
+
+»Eine blonde Frau.«
+
+»Hast du schon einmal eine blonde Frau geliebt?« fragte sie ängstlich
+forschend.
+
+»Ich habe keine Frau geliebt vor dir.«
+
+Dann sah sie lange vor sich hin und sagte:
+
+»Wie schrecklich dumm bin ich gewesen.«
+
+»Du?«
+
+»Ja. Weißt du, daß ich einmal furchtbar eifersüchtig gewesen bin?«
+
+»Eifersüchtig?«
+
+»Ja, auf das reizende blonde Mädchen, mit dem du zusammen sangst, auf
+dem Fest in der ‘Treue’ –«
+
+»Auf die kleine Lizzy?«
+
+»Ja. Ich hatte ja immer geglaubt, daß ich dir gleichgültig sei; aber
+als ich euch sah und singen hörte, mit solcher Begeisterung, und als
+eure Stimmen so innig zusammenklangen – das gab mir den Gnadenstoß.
+Bald darauf verlobte ich mich, weil ich mich von allen verlassen
+fühlte – aus Trauer – aus Bangigkeit – aus Trotz – ich weiß es nicht
+mehr.«
+
+»Auch aus Trotz?« fragte er.
+
+»Ja, ja, – o, du darfst mich um des Himmels willen nicht für so gut
+halten wie du es tust – ich bin lange nicht so gut, wie du glaubst –«
+
+»Du?« sagte er langsam, indem er das edle Oval ihres Gesichtes mit
+schwärmenden Blicken umschrieb:
+
+ Du bist die Himmelskönigin,
+ Du bist von dieser Erde nicht.
+
+Da lachte sie laut auf, und mit warnend erhobenem Finger sang sie:
+
+ Ich bin die Himmelsjungfrau nicht,
+ Ich bin die Elfenkönigin.
+ Nimm deine Harf’ und spiel und sing
+ Und laß dein schönstes Lied erschall’n!
+ Doch wenn du meine Lippe küßt,
+ Bist du mir sieben Jahr verfall’n.
+
+Asmus sprang auf und warf sich auf die Knie:
+
+ Wohl, sieben Jahr zu dienen dir,
+ O Königin, das schreckt mich kaum!
+
+ Er küßte sie –
+
+da küßte er sie –
+
+ sie küßte ihn –
+
+da küßte sie ihn.
+
+»Kein Vogel singt im Eschenbaum,« rief Asmus, »aber das schadet
+nichts; wir können’s ja selbst.«
+
+Dann sprangen sie auf; Asmus schüttelte seinen Mantel, daß die Flocken
+stoben, warf ihn sich um und stürmte im Galopp den abschüssigen Weg
+hinab ins dichtere Gehölz hinein, und im Galoppieren sang er laut:
+
+ Sie ritten durch den grünen Wald,
+ Wie glücklich da der Reimer war!
+ Sie ritten durch den grünen Wald
+ Bei Vogelsang und Sonnenschein –
+
+und als sie ihn einholte und von hinten her die Arme um seinen Hals
+schlang, da legte er den Kopf zurück, daß Wange an Wange lag, und
+sang:
+
+ Und wenn sie leis am Zügel zog,
+ Dann klangen hell die Glöckelein.
+
+
+
+
+LII. Kapitel.
+
+Hilde verliebt sich in Semper den Älteren, bekennt sich zu Chamisso
+und entpuppt sich als eine alte Bekannte.
+
+
+Mit der Bekanntmachung ihrer Verlobung hatten sie es nicht im
+geringsten eilig; ob die Welt sie für Brautleute hielt oder nicht, war
+ihnen beiden grenzenlos gleichgültig. Aber seinen Eltern wollt’ er’s
+nicht länger verbergen, obwohl ihn Zweifel befielen, wie sie es
+aufnehmen würden. Eigentlich zweifelte er nur an dem Beifall seiner
+Mutter. Ludwig Semper, das wußte er, so leer ihm das Haus ohne seinen
+Asmus werden mochte, würde Asmussens Erwählte willkommen heißen, bevor
+er sie gesehen; aber Rebekka –? Mütter sind eifersüchtig, und überdies
+war er erst 23 Jahre! Sie wird schelten, dachte er. Aber sie schalt
+nicht; sie schüttelte nur den Kopf und sagte: »Junge, Junge, du bist
+ja noch so jung!«
+
+»Aber Mutter!« rief Asmus lachend und faßte sie bei beiden Schultern,
+»du hast ja auch jung geheiratet!«
+
+»Ja, das war damals auch ganz anders!« rief sie.
+
+Ludwig Semper konnte dieser Geschichtsauffassung nicht beipflichten;
+er wußte noch, wie junge Herzen schlagen, und sagte, Asmus möge seine
+Braut am Sonntag nur mitbringen.
+
+Und an diesem Sonntag feuchtete er keinen Tabak an und grübelte er
+nicht; er hatte seinen guten schwarzen Rock angezogen und ein feines
+weißes Tuch umgelegt – denn ein gesteifter Kragen durfte ihm nicht an
+den Hals kommen – und ging munter und aufgeräumt im Hause umher, und
+wenn er sich allein wußte, sah er mit strahlenden Augen in die Ferne
+und summte vor sich hin: »Tränen, vom Freunde getrocknet.« Und als es
+hieß: »Sie kommen!« und die Tür aufging und Asmus rief: »Da ist meine
+Braut!« da stand Ludwig Semper da wie ein herrlicher, gütiger
+Nordlandskönig, dem sein Erbe die junge Königin zuführt; er streckte
+seine warme kräftige Hand aus und sagte nichts als:
+
+»Seien Sie uns herzlich willkommen!«
+
+Aber als sie sein Lächeln sah, mußte sie ihm entgegenlächeln wie sein
+eigenes Kind, war alle Befangenheit von ihr gefallen wie ein Schleier,
+wußte sie ganz, daß sie aufgenommen sei in den Frieden des Hauses.
+Rebekkas Willkommen war ganz anders. Sie rannte geschäftig hin und her
+und bemühte sich um den Gast, als sei er von einer mehrjährigen
+Nordpolfahrt heimgekehrt und müsse mit allen erfindbaren Mitteln
+aufgetaut, gewärmt, getränkt und gespeist werden. Ein bißchen
+Eifersucht saß ihr wohl trotzdem im Herzen; aber schon beim dritten
+Besuche Hildens sagte sie ganz von selbst:
+
+»Du bist ein süßes Geschöpf!«
+
+Hilde aber sagte schon nach ihrem ersten Besuche auf dem Heimwege zu
+Asmus:
+
+»Du, ich will dich nicht mehr; ich will deinen Vater heiraten.«
+
+»Nun ja,« sagte Asmus trocken, »sprechen Sie mit meiner Mutter. Sie
+ist nun wohl gute vierzig Jahre mit ihm verheiratet und ist mit ihm
+nie auf einen grünen Zweig gekommen; aber ich glaube nicht, daß sie
+ihn losläßt.«
+
+»Da hat sie recht,« sprach Hilde, »den gäbe ich auch nicht her.«
+
+Nach einiger Zeit bat sie um die Erlaubnis, »Vater« und »Mutter« sagen
+zu dürfen, und Ludwig und Rebekka waren froh und stolz, zu ihren acht
+Kindern noch ein so feines und liebes hinzu zu bekommen. Sie hatten
+inzwischen noch eine Tochter bekommen, ohne sie zu kennen. Johannes
+Semper hatte aus Amerika geschrieben, daß er dort ein Weib genommen.
+Das hatte die Alten gefreut; aber Rebekka hatte dazu geweint und
+gesagt: »Nun werden wir ihn wohl nicht wiedersehen.« Asmussen schnitt
+es durchs Herz, als er das hörte.
+
+Bald darauf erfuhr er, warum Hilde sich nach einer Mutter und fast
+mehr noch nach einem Vater sehnte.
+
+Sie sahen sich zwei- oder dreimal die Woche; und wenn sie nicht
+spazieren gingen, saßen sie in Hildens Zimmer stundenlang beieinander
+und waren plaudernd und schweigend miteinander glücklich. Sie
+bereitete vor seinen Augen den Tee und das Abendbrot, und jedesmal war
+es ihm, als ob ihre schlanken, weißen und geschickten Hände das
+einfache Brot und Fleisch in die erlesensten Leckerbissen verwandle.
+Zu Hause aß er wie ein Schulmeister von energischem Appetit; hier
+soupierte er bei denselben Speisen wie ein Gourmet.
+
+In manchen Stunden ergötzte er sich daran, ihr die langen, schweren
+Zöpfe aufzulösen, daß das Haar sie bis zu den Hüften wie ein
+goldbrauner Mantel umfloß, und im duftig-warmen Schatten ihres Haares
+küßte er sie, oder er schmiegte sich eine breite Strähne ihres Haares
+um Hals und Wange und las ihr so ein Gedicht vor, daß er ihr
+mitgebracht. Selten kam er ohne neue Verse zu ihr, und sie war sein
+empfänglichstes und unbestechlichstes Publikum. Wenn er geendet hatte
+und sie ihm freundlich zunickte, dann wußte er, daß das eine
+vernichtende Kritik war. Wenn ihm etwas Rechtes gelungen war, sah sie
+ihn mit großen, ernsten Augen und mit zuckendem Munde an, nahm ihm
+leise das Blatt aus der Hand und las es noch einmal. Und dann bedeckte
+sie das Blatt mit Küssen, und dann seinen Mund, seine Wangen, seine
+Augen mit Küssen, und dann barg sie das Blatt auf ihrer Brust, und er
+wußte, daß sie es wochenlang auf ihrem Herzen trug wie ein Amulett,
+bis es von einem andern abgelöst ward.
+
+Manchmal auch sangen sie, einzeln oder zu zweien, und dann sang er die
+Oberstimme, und sie sang mit einem vollen weichen Alt die
+Begleitstimme; so klang es besser als umgekehrt. Und einmal, als sie
+allein sang, sang sie:
+
+ Er, der Herrlichste von allen,
+ Wie so milde, wie so gut ...
+
+Als sie geendet hatte, fragte er: »Liebst du das Lied?«
+
+»Ja. Ich liebe den ganzen Zyklus unbeschreiblich.«
+
+»Die Verse oder die Musik?«
+
+»Beides. Aber die Verse noch weit mehr als die Musik. Sie sind nach
+meiner Meinung das Schönste, was von der Frau gesungen werden kann.«
+
+»Ja. Mir scheint auch, er hat die Frau nicht besungen, er hat sie
+gesungen. Das Weib, das in diesen Versen dasteht, überragt Gretchen
+und Klärchen an Schönheit, Lieblichkeit und Größe; es ist von
+klassischer Hoheit, aber es ist nicht antike, es ist deutsche Klassik.
+Wir haben überhaupt nur wenig so deutsche Dichter wie diesen
+Franzosen. Da fällt mir ein: ich wollte dich immer schon fragen, woher
+dein französischer Name stammt.«
+
+»Meine Urgroßeltern väterlicherseits wohnten im Elsaß.«
+
+»Ah – daher dein französisches Aussehen.«
+
+»Hast du’s nicht gern?«
+
+»Ich glaube, den Beweis erbracht zu haben. Du bringst das Kunststück
+fertig, pikant und deutsch zu sein.« Und dann rezitierte er leise:
+
+ Wandle, wandle deine Bahnen;
+ Nur betrachten deinen Schein,
+ Nur in Demut ihn betrachten,
+ Selig nur und traurig sein!
+
+ Höre nicht mein stilles Beten,
+ Deinem Glücke nur geweiht;
+ Darfst mich niedre Magd nicht kennen,
+ Hoher Stern der Herrlichkeit.
+
+ Nur die Würdigste von allen
+ Soll beglücken deine Wahl,
+ Und ich will die Hohe segnen,
+ Segnen viele tausendmal.
+
+»Heute gibt es nicht wenig Frauen, die darüber lachen und höhnen,«
+sprach er.
+
+»Kann man anders empfinden, wenn man liebt?« fragte sie. »Ich
+wenigstens kann mir keine andere Liebe denken.«
+
+»Und eine Frau, die so empfindet,« fuhr er fort, »wird im Hause des
+Mannes die stolzeste der Frauen sein, _sie_ wird der ‘Stern der
+Herrlichkeit’ sein, zu dem Mann und Kinder in der Stille ihres Herzen
+beten, zu dem sie aufblicken, wenn sie den Glauben an die Welt
+verloren haben und wiederfinden möchten.«
+
+»Muß sie dann nicht eine Heilige sein?«
+
+»Nein, so wenig wie je ein Mann die Verehrung verdienen kann, die aus
+den Frauenliedern Chamissos klingt. Nicht das entscheidet ja, was wir
+sind – du lieber Gott, wo bliebe ich! –, sondern wie sehr wir geliebt
+werden, das entscheidet. Das ist die Wahrheit des Christentums, daß
+uns Liebe erlöst.«
+
+»Asmus,« rief sie ängstlich, »ich zittere und bange, wenn du mich über
+dich erhebst. Wenn du wüßtest, wie wenig ich das verdiene –«
+
+»Zittere und bange nur,« rief er, »ich habe Mut, wenn ich dich ansehe,
+einen Mut, einen Mut –«
+
+Er riß sie jauchzend an sich und küßte sie, daß sie aufschrie.
+
+Und einmal, als er so bei ihr saß, in ihrem Nähkästchen kramte und mit
+allerlei zierlichen Büchschen und Kästchen spielte, die er darin fand,
+holte er einen Glasmarmel daraus hervor, eine durchsichtige Glaskugel,
+in der man eine geflügelte Gestalt, eine Fortuna, wie es schien,
+erblickte.
+
+»Sieh da,« sagte er, »genau solch einen Marmel hab’ ich auch einmal
+besessen. Eigentlich ein hübsches Symbol, wenn ich es jetzt betrachte.
+Die Glücksgöttin nicht über der Welt, sondern in der Welt, sie selbst
+nur ein Stück der rollenden Notwendigkeit ...«
+
+»Ich weiß eigentlich selbst nicht,« sagte sie lächelnd, »warum ich ihn
+immer aufgehoben habe. Wenn man solch ein Ding lange bei sich verwahrt
+hat, ist es gerade, als hätt’ es ein Recht an uns erworben, und wenn
+man es wegwerfen will, ist es, als säh es einen vorwurfsvoll an, und
+man kann es nicht aus den Fingern loswerden. Ich hab’ ihn vor vielen
+Jahren von einem kleinen Jungen bekommen.«
+
+Sie sagte das, indem sie sich auf ihre Näharbeit bückte; aber es war
+ihr, als zöge eine geheime Kraft ihren Kopf empor, und als sie
+aufblickte – wirklich, da starrte Asmus sie an mit einem Blick, der
+aus der Ferne einer längst vergangenen Zeit zu kommen schien.
+
+»Von einem kleinen Jungen hast du ihn bekommen?« sprach er langsam.
+»Wann? Wo?«
+
+»Ja, wenn ich das noch wüßte! – Was hast du? Warum bist du –«
+
+»Bitte, frag’ mich jetzt nicht – sag’, wann es war und wo?«
+
+»Ja – zwölf Jahre ist es zum mindesten her – ich weiß nur noch: ich
+saß auf der steinernen Treppe vor einer Gastwirtschaft und wartete auf
+meinen Vater, der erledigte drinnen ein Geschäft, da kam der kleine
+Junge und schenkte mir den Marmel.«
+
+»Hilde,« rief Asmus mit seltsam leuchtenden Blicken, »sah der Junge
+aus wie ein kleiner, dicker Asmus Semper?«
+
+Hilde starrte ihn sprachlos an.
+
+»Hilde,« rief er, »du hast einen Onkel in Griechenland –«
+
+»Ich hatte ihn – er ist tot –«
+
+»Den nannte man den ‘König der Mainotten’!«
+
+»Ja!«
+
+»Hilde! Wir haben uns also vor zwölf Jahren schon gesehen! Der kleine
+Junge war ich! Vor zwölf Jahren schon sind wir uns begegnet.« Er war
+so bewegt, daß er aufspringen und auf und ab gehen mußte. Und er
+erzählte ihr, wie wundersam ihn damals die Begegnung mit dem
+lieblichen, traurigen Kinde ergriffen habe, wie er wochenlang fast
+täglich nach der Wirtschaft zwischen den Bahndämmen in Oldensund
+gelaufen sei, um die »Königin der Mainotten« wiederzufinden – denn sie
+hatte erzählt, der Onkel wolle sie zu seiner »Königin« machen – wie er
+sie niemals wiedergesehen, aber wie ihre Erscheinung und ihr Wesen ihn
+mit einem jahrelang nachleuchtenden, tröstenden Licht erfüllt habe.
+
+»Hilde! Hilde!« – –
+
+Und ihr Gespräch ward ein leises, trauliches Fragen und Erzählen; sie
+erzählte ihm die Geschichte ihres Lebens. Was sie nicht erzählte, das
+ergänzte er sich leicht aus dem Zwange der Tatsachen und aus dem, was
+er früher von ihr und von andern gehört. Und immer wieder fühlte Asmus
+mit Beschämung, wie sehr ihn von je das Glück begünstigt habe, schon
+dadurch, daß er bis heute zwei liebende und geliebte Eltern besessen,
+und wieviel mehr der Kraft, des Mutes, der Liebe das Leben von ihr
+gefordert hatte als von ihm!
+
+
+
+
+LIII. Kapitel.
+
+Enthält die Geschichte Hildens vom Marschall Davoust an bis zu
+Fräulein Paulsen.
+
+
+Napoleon und sein Marschall Davoust hatten den Urgroßeltern Hildens
+ihr Glück zerstört. Diese hatten zu den 20 000 gehört, die man zu den
+Toren Hamburgs in Hunger und Kälte hinausgejagt, und Hildens
+Urgroßvater war unter denen gewesen, die auf dem Wege nach Oldensund
+zugrunde gegangen. Die seelenstarke Frau hatte selbst den toten
+Gatten bis nach Oldensund getragen, und dort hatte er teilgenommen an
+jenem ewig klagenden Grabe, das Friedrich Rückert besungen hat.
+
+ Wo finden wir Kost und Kleider,
+ Wir zwanzigtausend an Zahl?
+ Die andern schleppten sich weiter,
+ Wir blieben hier zumal.
+
+ Wir konnten nicht weiter keuchen,
+ Erschöpft war unsere Kraft:
+ Frost, Hunger, Elend und Seuchen
+ Sie haben uns hingerafft.
+
+ Ein ungeheurer Knäuel,
+ Zwölfhundert oder mehr,
+ Es zieht sich über den Greuel
+ Ein dünner Rasen her.
+
+Über diesen Rasen war Asmus in früher Kindheit spielend
+dahingesprungen – wie manchesmal!
+
+Die arme gute Großmutter, die das Elend der Eltern schaudernd
+miterlebt und früh den Gatten verloren hatte, war ein Stern in Hildens
+Jugend gewesen. Eine kindlich-fromme Frau, die ihren Glauben nicht als
+eine Tugend, sondern als ein Geschenk ihres Heilandes empfand, lehrte
+sie ihre Enkelkinder beten und geistliche Lieder singen. Aber nicht
+nur geistliche Lieder sang sie, sie sang:
+
+ Ich denk an euch, ihr himmlisch schönen Tage
+ Der seligen Vergangenheit!
+ Komm Götterkind, o Phantasie, und trage
+ Mein sehnend Herz zu seiner Blütezeit!
+
+und sobald sie das sang, stand die kleine großäugige Hilde an ihren
+Knien und trank ihr das Lied von den Lippen, und sie wußte, wenn die
+Großmutter das sang, dann erzählte sie auch bald von der Franzosenzeit
+und von lieben Toten. Unter dem Herzen dieser Frau hatte Hildens
+Mutter gelegen, und die grenzenlose Güte dieses Herzens war auf die
+Tochter übergegangen, nicht aber seine Festigkeit und Stärke. Hildens
+Mutter gehörte zu jenen Menschen, die aus Gutmütigkeit heiraten können
+und ihr Mitgefühl mit dem Werbenden für Liebe nehmen. Sie war wehrlos
+in der Hand ihres Mannes.
+
+Dieser Mann war der schwere, ewig lastende Schatten in Hildens
+Kindheit. Er war ein Selbstling von jener Art, die in Gegenwart eines
+vor Hunger Sterbenden einen Kapaun mit Genuß verzehren kann, die
+vielleicht ein Stückchen hergeben würde, wenn man sie daran erinnerte,
+aber nie von selbst auf diesen Gedanken verfällt. Als »Kaufmann« – er
+vertrieb als eine Art Stadtreisender allerlei Dinge für andere
+Geschäfte – dejeunierte, dinierte und soupierte er in besseren
+Restaurants und empfand es wie eine Niedertracht von seiner Frau, daß
+sie immer wieder Mittel für den Haushalt verlangte. Die wenigen Bissen
+aber, die er den Seinen hinwarf, würzte er ihnen mit hämischen,
+kränkenden Reden, und wenn er vollends angetrunken nach Hause kam,
+dann konnte er stundenlang immer in derselben Sofaecke sitzen und
+immer dieselben peinigenden Bosheiten wiederholen.
+
+Es war ein schlimmer, schlimmer Tag gewesen, als aus diesem Hause die
+Großmutter für immer geschieden war. Und nicht zu mahnen brauchte man
+die Kleine, daß sie hingehe und die Blumen auf dem Grabe der
+Heimgegangenen begieße! An jedem Tage der milderen Jahreszeit machte
+sie sich unaufgefordert auf den Weg nach dem Friedhof. Und wenn sie
+ihr frommes Werk getan hatte, setzte sie sich auf das Gitter des
+Grabes und dachte daran, wie schön die Großmutter gesungen hatte:
+
+ Umglänze mich, du Unschuld früher Jahre,
+ Du mein verlor’nes Paradies!
+ Du süße Hoffnung, die mir bis zur Bahre
+ Nur Sonnenschein und Blumenwege wies.
+
+Und bei dem Wort »Bahre« sah sie immer die Großmutter auf der Bahre
+liegen, und dann mußte sie weinen. – Neben der Großmutter lag auch die
+Tante Romona, die wunderschöne Spanierin Romona Viego, die mit 24
+Jahren schon acht Kinder gehabt hatte, und das jüngste lag ihr im Arm.
+Das war eine gefeierte Sängerin gewesen, und als die kleine Hilde
+einmal die herrliche Frau gesehen hatte, auf dem Divan liegend, ganz
+in weißen Gewändern und eine Zigarette rauchend, da war sie ihr als
+die oberste und heiligste aller Frauen erschienen. Das Grab der Tante
+Romona pflegte sie auch, und dann wandelte sie oft stundenlang
+zwischen den Hügeln des Friedhofes schauend und sinnend umher und
+fühlte sich heimischer als in der Gegenwart ihres Vaters.
+
+Zwischen diesem Manne und seiner ältesten Tochter war ein Gegensatz
+von Ewigkeiten her. Ihr Wesen war von jenem Adel getragen, dem am
+letzten Ende doch mit aller Brutalität nicht beizukommen ist, der wie
+eine uneinnehmbare innere Festung das Herz umgibt. Das aber ärgerte
+ihn, reizte ihn, und er schalt sie hochmütig, übergeschnappt und
+verhöhnte ihren regen Bildungstrieb. Sie duldete tapfer an der Seite
+ihrer Mutter und half ihr heimlich, soviel sie konnte, in ihren
+Ängsten und Nöten. Ihrem stolzen, wahrheitsliebenden Wesen war alle
+Heimlichkeit zuwider; aber sie begriff, daß es gegen einen gemeinsamen
+Feind zusammenzustehen galt. Und sie fürchtete ihn; er hatte sie
+wiederholt geschlagen. Einmal hatte er sie geschlagen, als sie bis
+spät in die Nacht das Haus hatte hüten müssen und eingeschlafen und
+durch langes Klopfen und Rütteln an der geschlossenen Haustür nicht zu
+erwecken gewesen war. Da, als sie wieder einhüten sollte und der Vater
+ihr streng befohlen hatte, weder zu schlafen noch sich einzuschließen,
+setzte sie sich an die Haustür, lehnte den Kopf dagegen und schlief
+beruhigt ein. Wenn die Haustür aufging, mußte sie ihren Kopf treffen,
+und dann mußte sie sicher erwachen. Als die Eltern sie so fanden,
+erklärte die Mutter, daß sie nicht wieder ausgehen werde, wenn das
+Kind nicht zu Bett gehen dürfe, was ihrem Gatten zu sehr ausgedehnten
+und sehr ironischen Bemerkungen Anlaß gab.
+
+Nur nach langen Kämpfen und unter verletzend spöttischen Glossen hatte
+er zugegeben, daß Hilde dem dringenden Rat ihrer Lehrer folge und ins
+Präparandeum eintrete. Und bald nachdem dies geschehen, hatte er
+seine Familie verlassen. Er gab ihnen keinen Pfennig zu ihrem
+Unterhalt; aber dennoch wünschten sie ihn nicht zurück; trotz allem
+Mangel und aller Sorge schien es ihnen, als wäre der Himmel heiterer
+geworden. Mit treu vereinten Kräften schlugen sie sich durch. Aber
+dann wurde die Mutter krank und kränker, und endlich lag sie ein
+ganzes Jahr lang auf dem Schmerzenslager. Nun mußten sie den Gatten
+und Vater doch an seine Pflicht gemahnen, und auf Mahnen und Drängen
+kam er ihr halbwegs und mit Verwünschungen nach. Hätte Hilde nicht
+eine Freundin gehabt, die ihr oft geholfen, so hätte sie das Seminar
+verlassen und einen Dienst annehmen müssen. Aber es kam der Tag, da
+sie mit drei kleineren Geschwistern am Sarge der Mutter stand. Da
+plötzlich erschien auch eine Tante mit ihren Töchtern und mit
+Trauerkränzen, und siehe, sie erhoben ein mehrstimmiges, schallendes
+Klagegeheul.
+
+»Geht hinaus!« sagte Hilde.
+
+Die Tante glaubte nicht recht zu hören.
+
+»Drei Jahre hat sie gelitten, und Ihr habt Euch nicht um sie und nicht
+um ihre Kinder gekümmert. Geht hinaus und nehmt Eure Kränze mit.«
+
+Und die Klageweiber schlichen betreten mit ihren Kränzen davon.
+
+Ein Bruder ihrer Mutter gab ihnen nun das Notdürftigste zum Leben. Die
+Verstorbene hatte immer darauf gehalten, daß ihre Kinder, wenn es
+irgend zu erschwingen war, am Sonntag einen Kuchen bekämen. Und eines
+Sonntags kaufte Hilde ihren Geschwistern für wenige Pfennige ein paar
+Kuchen, weil sie die verlangenden Blicke der Kleinen nicht ertragen
+konnte. Das hörte der Onkel und überhäufte sie mit Vorwürfen, daß sie
+nichts verdiene und fremdes Geld noch obendrein vergeude. Da beschloß
+sie, ein Ende zu machen. Sie ging zum Armenpfleger und sorgte dafür,
+daß ihre Geschwister bei wackeren Leuten ihrer Bekanntschaft
+untergebracht würden. Und dann ging sie zum Seminardirektor, um ihren
+Austritt aus dem Seminar anzumelden. Sie wollte einen Dienst annehmen,
+und wenn es der niedrigste wäre. Nur nicht mehr von der Gnade der
+Menschen abhängen!
+
+Herr Direktor #Dr.# Korn war noch im Schlafrock und Pantoffeln; aber
+er dachte nicht daran, diese Toilette einer jungen Dame wegen zu
+ändern.
+
+»Was wünschen Se?« fragte er unwirsch.
+
+Sie erklärte, daß sie auszutreten wünsche.
+
+Er starrte sie an und sagte: »Se sind wohl nicht recht jescheit.
+Jetzt, wo Se ’n halbes Jahr vor der Prüfung stehen?«
+
+Sie erklärte ihm, daß sie müsse und warum sie müsse.
+
+»Hm. Und wat woll’n Se denn jetzt anfangen?«
+
+»Irgendeinen Dienst annehmen.«
+
+»I Jott bewahre. Det jiebt’s nich. Wir lassen Se nich los. Wir jeben
+Ihnen in einem unserer Schulhäuser ’ne Wohnung, umsonst, mit Feurung.
+Für’s Essen wird sich auch Rat finden. Und vielleicht läßt sich auch
+noch irgendwo ’n kleines Stipendium losmachen.«
+
+Hilde hatte Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken.
+
+»Also austreten is nich. Det schlagen S’ sick man aus’m Kopf.«
+
+»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Direktor,« stotterte
+Hilde.
+
+»Is auch jar nich nötig. Halten Se man’n Kopf hoch.«
+
+»Vielen, vielen Dank, Herr Direktor.«
+
+»Bitte« sagte Korn _nicht_; all dergleichen Überflüssigkeiten
+verachtete er.
+
+So war nun der äußersten Not gewehrt, aber freilich nur der äußersten.
+Wohl hatte sie sechs Freitische: aber die Woche hatte noch immer
+sieben Tage, und auch am Morgen und am Abend empfindet der Mensch ein
+Bedürfnis nach Nahrung. Damit nun ihre Mitschülerinnen nicht auf den
+Gedanken verfielen, daß sie nichts zu essen habe, versagte sie sich
+das Abendbrot: dann hatte sie ein paar Groschen für ein Frühstück.
+Auch war es für ein siebzehnjähriges Mädchen ein unheimliches Wohnen
+hoch oben in dem verlassenen Schulhause, und in verzweifelten
+Augenblicken flüchtete sie sich in den Keller, an den Herd der
+Schuldienerfamilie. Aber es kam die Prüfung, die sie mit Auszeichnung
+bestand, und mit ihr kam das befreiende Gehalt von achthundert Mark
+#pro anno#. Als sie die erste Vierteljahrsrate empfangen hatte, zahlte
+sie zunächst alle ihre Schulden, und dann ging sie hin und kaufte für
+die Schuldienerfrau ein Geschenk, weil sie der Meinung war, daß man
+erwiesene Freundlichkeiten vergelten müsse, sobald man die Mittel dazu
+habe. Ihre Sympathie mit Ludwig Semper war nicht ohne einen tiefen
+Grund.
+
+Inzwischen aber war der reiche Onkel in Griechenland gestorben, der
+Besitzer großer Marmorbrüche, der »König der Mainotten«, der einmal
+gesagt hatte, wenn Hilde groß sei, solle sie seine Königin werden. Wie
+ein Meteor war er damals aufgetaucht und verschwunden. Nun war er tot,
+und alle Verwandten reisten nach Griechenland, um die Erbschaft in
+Empfang zu nehmen, nur die Chavonnes nicht; denn die hatten kein Geld
+zum Reisen. Und nach einiger Zeit hieß es, die Chavonnes seien bei der
+Erbschaft ausgefallen, der Onkel habe sie in seinem Testament nicht
+bedacht. Um ihrer Geschwister willen ging Hilde zu einem Anwalt, und
+der erklärte, wenn man viel Geld habe, könne man nach Griechenland
+prozessieren. »Das haben wir nicht,« sagte Hilde und ging mit dem
+ruhigsten Herzen von der Welt von dannen. Sie war ja imstande, sich
+selbst zu helfen; ihre Schwestern hatten ihr Auskommen, und ihren
+Bruder, der ein Handwerk lernte, konnte sie immerhin mit Taschengeld
+versorgen. In solcher Vermögenslage sich mit den Verwandten um Geld
+schlagen? Wozu?
+
+Auch bekam sie ja Privatstunden, mehrere Privatstunden an der Schule
+einer unglaublich frommen Schulvorsteherin. Aber Hilde hatte nicht
+mehr die Frömmigkeit der Großmutter; eine andere Frömmigkeit war in
+ihr emporgewachsen. Und als die gute alte Dame, die die junge Lehrerin
+ob ihres Wissens und ihres Lehrgeschicks nicht genug rühmen konnte,
+ihr auch den Geschichtsunterricht übertragen wollte, da lehnte sie ab.
+
+»Das kann ich nicht,« sagte sie. »Ich habe gehört, wie Sie
+den Geschichtsunterricht erteilen. Sie geben einen frommen
+Geschichtsunterricht; überall sehen Sie Gottes Fügung. Das – das kann
+ich nicht. Wenigstens _so_ nicht.«
+
+Da sah das kleine alte Fräulein Paulsen geraden Blickes hinauf in
+Hilde Chavonnes weit offene, dunkelleuchtende Augen und sagte: »Geben
+Sie nur ruhig den Geschichtsunterricht. Was Sie tun, kann nicht
+schlecht sein.«
+
+
+
+
+LIV. Kapitel.
+
+Asmus ringt mit höheren Töchtern und besteht ein schweres Examen nur
+mangelhaft.
+
+
+Als Hilde geendet hatte, ergriff Asmus leise ihre Hand und bedeckte
+sie mit langen, andächtigen Küssen. Das viele Leid, das sie erlitten,
+hatte sie ihm zwiefach geheiligt. Er unterschied sich insofern gewiß
+nicht von anderen Menschen, als ihm Geld und Gut keineswegs zu den
+unnötigen und unerfreulichen Dingen gehörten; aber doch schien es ihm,
+daß er dies Mädchen um seiner Armut und seiner Kämpfe willen nun
+doppelt und dreifach liebe. Auch war die Armut etwas, das nun mit
+jedem Tage mehr schwinden mußte. Nächste Ostern bekam er schon 1600
+Mark Gehalt; dann wollten sie heiraten.
+
+»Was? Ostern wollt ihr schon heiraten?« rief Frau Rebekka.
+
+»Bald nach Ostern, ja.«
+
+Das schien gar nicht nach Rebekkens Sinne zu sein.
+
+»Ich laß euch deshalb ja nicht im Stich,« sagte Asmus. »Hab’ deshalb
+nur keine Sorge.« Von den 1600 Mark und von den 200 Mark, die er mit
+Privatstunden verdiente, konnte er seinen Eltern ja leicht noch
+abgeben, ohne daß er und sein Weib Mangel litten.
+
+Die 200 Mark waren allerdings ein hartes Brot. Wenn er in seiner
+Schule fertig war, hastete er nach einer »Höheren Töchterschule«, um
+dort im Singen und im deutschen Aufsatz zu unterrichten. Es waren
+richtige »höhere« Töchter, das heißt sie hatten das Bewußtsein, zu den
+höheren Dingen zu gehören. In den sogenannten besseren Hamburger
+Familien ist der Klassendünkel nicht selten bis zur vollkommenen
+Verblendung entwickelt, und dieser traditionelle Geist oder Ungeist
+überträgt sich auf die Kinder. Es waren wohl liebe und gescheite
+Mädchen darunter; eine große Anzahl aber ging von dem Grundsatze aus:
+»Wie kämen wir dazu, zu antworten und uns anzustrengen; unser Vater
+bezahlt ja.« Asmus kam bald dahinter, daß seine Meinung, die
+wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« Familien zu unterrichten und
+zu erziehen, sei keine Kunst, ein ganz erheblicher Irrtum gewesen war.
+Im Gegenteil; er stieß hier gelegentlich auf raffinierte
+Niederträchtigkeiten und herzlose Tücken, die weit betrübender und
+hoffnungsloser waren als die Roheiten seiner Schüler aus der
+Hafengegend. Dazu waren die Machtmittel des Lehrers hier geringer.
+Einen Lümmel unter den Jungen nahm man, wenn’s not tat, beim Ohr oder
+versetzte ihm eine Ohrfeige – er hielt den Körper eines Schlingels
+nicht für unantastbar und erinnerte sich sehr gut, daß manche der
+Schläge, die er als Junge empfangen, ebenso begründet als nützlich
+gewesen waren – aber dergleichen Mittel waren bei Mädchen freilich
+ausgeschlossen. Obendrein standen die meisten seiner Schülerinnen im
+zwölften oder dreizehnten Lebensjahre, das will sagen: in den
+weiblichen Flegeljahren. Er bemühte sich, seinen Unterricht so
+anziehend wie möglich zu gestalten; aber eine ganze Reihe dieser Damen
+war gleichwohl von der Existenzberechtigung eines Lehrers nicht zu
+überzeugen. Endlich fand er dennoch ein Mittel, sie zu bändigen. Wenn
+eine sich mit besonderer Wohligkeit auf den passiven Widerstand
+verlegte, so las er einfach der Klasse ihren Aufsatz vor. Das half.
+Wenn er las:
+
+»Antigone hatte sich an dem zarten Bande ihres Schleiers
+emporgeknüpft,« oder »Schiller setzte dem wackeren Pfarrer Moser in
+seinen »Räubern« ein Denkmal, indem er den Räuberhauptmann nach ihm
+benannte,« oder »Er konnte den unbequemen Laut seines Innern nicht zum
+Schweigen bringen«; und wenn dann alles in stürmische Heiterkeit
+ausbrach (auch die, die Schlimmeres geschrieben hatten), dann fühlten
+sie doch etwas wie das Walten einer Nemesis. Asmus hatte entdeckt, daß
+die weibliche Seele außerordentlich empfindlich ist gegen den Spott,
+und von nun an brauchte er nur zu sagen:
+
+»Bertha Klapp, ich werde nächstens wieder einen Aufsatz vorlesen –«
+dann wurde Bertha ohne weiteres umgänglich.
+
+Von solchen und anderen Strapazen erholte er sich, indem er sich unter
+Hildens Oberaufsicht zum zweiten Examen vorbereitete, zu jenem Examen,
+das die feste Anstellung gewährleistete. Es war die lustigste und
+erfrischendste Büffelei von der Welt. Sie pilgerten hinaus in jenen
+anmutigen Garten »Zum Morgenstern«, wo sie sich um Erika und Calluna
+gestritten hatten, setzten sich in eine Laube und tranken Kaffee. Dann
+gab er ihr den betreffenden Schmöker in die Hand, und sie fragte ihn
+mit redlichem Eifer, was darin stand. Es war eine der schwersten
+Prüfungen, die man sich denken kann, viel schwerer als die
+gewöhnlichen; denn gewöhnlich haben die Examinatoren nicht solche
+Augen, solche Nase, solche Wangen, solchen Mund, solches Haar, solche
+Stimme! Eine Stunde wohl und länger gab er ihr treulich auf alles
+Bescheid, bis ihm die Sache doch zu unnatürlich wurde.
+
+»Einen Schluß nach Celarent,« verlangte sie von ihm.
+
+»Einen Schluß nach Celarent? #Bon!#«
+
+Kein Weib ist schön (nach Schopenhauer)!
+
+Alle Hilden sind Weiber.
+
+Also keine Hilde ist schön.«
+
+Sie drohte mit dem Finger. »Herr Semper? Ich werde Sie durchfallen
+lassen!«
+
+»Ach bitte, Herr Professor, lassen Sie mich nicht durchfallen, ich
+möchte so gern heiraten!«
+
+»Haha, heiraten wollen Sie? Wen denn?«
+
+»Ein entzückendes, ein wonniges, ach Gott, ein – Sie haben ja keine
+Ahnung, Herr Professor. Erlauben Sie, daß ich Sie küsse –«
+
+»Was fällt Ihnen ein!« Sie stieß ihn auf seinen Platz zurück. »Bilden
+Sie einen Schluß nach Darii!«
+
+»Nach Darii? Wie Sie wollen.
+
+Alle Basen färben rotes Lackmuspapier blau.
+
+Hilde ist eine Base.
+
+Also färbt Hilde rotes Lackmuspapier blau.«
+
+Dann sah sie wohl ein, daß mit ihm nichts mehr anzufangen sei; sie
+klappte lachend das Buch zusammen und schlug ihm damit auf die Finger.
+
+»Lieber, süßer Professor,« rief er, »die Logik, die Sie mir da
+abfragen, ist ja der gottvergessenste formalistische Quatsch, ist ja
+das blankste scholastische Blech von der Welt! Bevor ich etwas davon
+wußte, hab’ ich genau so konsequent gedacht wie jetzt, oder
+konsequenter. Ach bitte, Herr Professor, tun Sie Ihr Täschchen auf und
+geben Sie mir vom Brote des Lebens.«
+
+Dann verzehrten sie den Proviant, den Hilde mitgebracht und den sie
+mit gewohnter Delikatesse bereitet hatte; er ließ es sich mit Ausdauer
+schmecken und meinte: »Die Brotgelehrten haben doch nicht so ganz
+unrecht.«
+
+Zu solchen Stunden brachte er wohl auch trotz aller Examenbüffelei ein
+Gedicht mit, und eines Tages brachte er ihr eins, das eine
+»hartnäckige Liebe« besang.
+
+ Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht.
+ Er rettete damals die beiden Dänen,
+ Ihr wißt wohl – es wollte keiner dran –
+ Er riß sie dem blanken Hans aus den Zähnen.
+
+ Nun war da die Antje Nissen – ei ja,
+ Die mochte dem starken Jan wohl taugen!
+ Schmuck war sie, alles was recht ist – man bloß:
+ Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen.
+
+ Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts.
+ Und so freit’ er um Antje. Sie ziert’ sich nicht lange
+ Und sagte Ja und ward seine Braut.
+ Aber als sie’s war, da ward ihm doch bange.
+
+ Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg!
+ Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen,
+ Dann ist die Hochzeit. Sie läßt mich nicht los.
+ Aber sie ist ein Stachelrochen.
+
+ Da – denkt euch – da kommt ihm Hilf’ in der Not!
+ Bei Südsüdost wird Jan Reimers verschlagen –
+ Er rennt auf die Klippen – das Schiff zerkracht –
+ Eine Planke hat ihn nach England getragen.
+
+ Sein erster Gedanke war: »Jung, wat’n Glück,
+ Nu bin ick verschollen! Das ’s Gottes Wille!«
+ Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag
+ Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille.
+
+ Sein Ewer freilich war Grus und Mus.
+ »Na ja,« denkt Jan, »wat is dor Slimm’s bi!
+ Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.«
+ Und er lebte drei Jahre vergnügt in Grimsby.
+
+ Aber die Welt ist ein Rattenloch.
+ Ein Landsmann muß ihn gesehen haben. –
+ Jan bummelt am Hafen, die Fäust’ in der Tasch’,
+ Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben –
+
+ Da hört er plötzlich – ihm schießt’s in die Knie –
+ Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme:
+ »Jan Reimers! Jan Reimers!« Ihm war’s als rief
+ Des jüngsten Tages Posaun’ ihn mit Grimme!
+
+ Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub!
+ Da ruft Antje Nissen: »Du solltest dich schämen!
+ Nun tu’ doch nicht so, als wenn du nicht hörst.
+ Du Feigling, du!«
+ Da mußt’ er sie nehmen.
+
+Sie lachte, als er geendet hatte, und dann nahm er noch einmal das
+Blatt und schrieb mit Bleistift oben über das Gedicht:
+
+ »Meiner Antje Nissen
+ In Schauern der Ehrfurcht gewidmet.«
+
+Da lachte sie noch herzlicher, und ihr Lachen führte immer unfehlbar
+zum Küssen. Vom Küssen kamen sie dann wieder ins Lachen, kurz, es war
+der alte wohlbekannte #circulus vitiosus# der ja in der Logik eine
+wichtige Rolle spielt.
+
+Es kann nicht von allen Szenen dieser Art berichtet werden, um so
+weniger, als sie für den älteren Leser eher ärgerlich als unterhaltend
+sind. Nur so viel sei gesagt: Sie liebten sich so zärtlich, daß sie
+die zärtlichen Worte und Kosenamen unseres Sprachschatzes längst
+verbraucht hatten und, wenn sie ihre ganze Liebe in ein recht von
+Grund aus erschöpfendes Wort pressen wollten, zu Injurien greifen
+mußten. Wenn er sie zu hart angefaßt hatte, rief sie mit einem
+goldenen Lachen in den Augen: »Du Gassenjunge du, du Rowdy!« und er
+flüsterte mit überquellendem Jubel: »Du Hexe du, du Teufelsweib!« und
+meistens, wenn sie dergleichen gesagt hatten, kam gerade der Kellner.
+Asmus Semper war damals noch recht unbekannt, sonst würde gewiß eines
+Tages in den Zeitungen gestanden haben, daß er und seine Braut sich
+»Hexe« und »Gassenjunge« schimpften.
+
+Wenn sie dann nach der hochnotpeinlichen Prüfung an die Elbe
+hinunterwanderten, sich in den Sand streckten und die Schiffe kommen
+und gehen sahen, wenn Hilde heimlich herbeischlich, ihr Gesicht leise
+über das seine neigte und ihn küßte, wenn dann alles Glück der
+Kindheitserinnerung mit dem Glück der Gegenwart in Asmussens Herzen
+zusammenschmolz, dann mußte er laut oder schweigend ein Dankgebet
+sprechen. Er, dem in trüben und schweren Tagen nie der Gedanke an
+einen persönlichen, väterlich waltenden Gott kam, in Augenblicken
+überwältigenden Glückes hatte er das Bedürfnis nach irgendeinem Wesen,
+dem er danken könne, und unter Lachen und Tränen rief er stumm oder
+mit lautem Jubel in den Himmel hinauf: »Herrgott, du verwöhnst mich,
+du verwöhnst mich entschieden! Lieber Gott, laß mich nicht ersticken
+in meinem Glück!«
+
+
+
+
+LV. Kapitel.
+
+Zeichnet sich durch Kürze aus, die aber nicht Schuld des Verfassers
+ist.
+
+
+Nach dem zweiten Examen wollte Murow, der Seminardirektor, ihn an die
+Seminarschule ziehen. Aber Asmus lehnte abermals dankend ab.
+
+Und bald darauf machten die beiden sich auf, eine Wohnung zu suchen.
+In einer westlichen Vorstadt Hamburgs, in einem Hinterhäuschen, fanden
+sie zwei Zimmer, eine Kammer und eine Küche. Als sie diese Räume
+sahen, waren sie mit einem einzigen Blicke einverstanden: Hier kann
+das Glück wohnen. Als Asmus dem Hauswirt den »Gottespfennig« in die
+Hand drückte, war der erstaunt über die Größe des Geldstücks. Es war
+ein Taler. Heute konnte Asmus es sich leisten, Grundeigentümer zu
+beschenken. Er war dem Manne so dankbar, daß er ihm die reizende
+Wohnung abgelassen hatte!
+
+Als er aber für einen Aufsatz, den er in einer Zeitschrift
+veröffentlicht hatte, ein ansehnliches Honorar empfangen hatte,
+schenkte er der Geliebten ein Kleid von weißer Seide, und ihre
+Kolleginnen und Freundinnen schenkten ihr dazu einen Einsatz von
+köstlicher Stickerei. Wie eine Königin sollte sie aussehen.
+
+Die Ausstattung der künftigen Wohnung war ein ununterbrochenes Fest.
+Jeder Stuhl und jedes Kissen war eine Freude für sich, und wenn sie
+ein Dutzend Teller kauften, so waren es zwölf Freuden auf einmal. Als
+aber am Abend vor der Hochzeit die Freundinnen zu Hilden in das
+künftige Heim kamen, um die letzte Hand an den Brautputz zu legen,
+siehe, da hatte der treuherzige Handwerksmann die längst versprochenen
+Sitzmöbel noch immer nicht geliefert. Kurz entschlossen setzten sich
+die Mädchen in einem Kreis um Hilden herum auf den Fußboden und
+durchflochten ihr heiteres Werk mit Lachen und Singen.
+
+In einem Gartenlokal am Elbufer sollte die Hochzeit gefeiert werden.
+Nicht umsonst zog es ihn in heiligen Tagen seines Lebens immer wieder
+an diesen Strom; auf seinen Fluten war die Seele des Knaben und des
+Jünglings von je in alle Fernen der Hoffnung gewandert.
+
+Mit Wolken und leisem Regen begann der Hochzeitstag, und auch, als sie
+aus dem Wagen stiegen, regnete es ein wenig. »Es regnet in die
+Brautkrone,« sagte eine abergläubische Verwandte, »das bedeutet
+Glück«. Und dann ward es ein stiller, wolkenloser, in seiner eigenen
+Schönheit seliger Maientag.
+
+Ludwig Semper und Goers der Riese waren Trauzeugen gewesen, und als
+nun Goers, der Gütige, sich zu einem Trinkspruch auf das Brautpaar
+erhob und ihm aus treuem, lauterem Herzen eine Schar von blühenden
+Kindern wünschte, da errötete Hilde wohl, aber nicht in Unwillen,
+sondern in einem wirbelnden Gefühl von Scham und Glück.
+
+Und als sie noch beim bescheidenen Mahle saßen, erklang plötzlich ein
+langer, sanfter Geigenton; die Türen des kleinen Saales taten sich
+auf, wie von Geisterhand geöffnet, und von einem feinen und sauberen
+Streichquartett klang es herein:
+
+ Treulich geführt, ziehet dahin,
+ Wo euch der Segen der Liebe bewahr’!
+ Siegreicher Mut, Minnegewinn
+ Eint euch in Treue zum seligsten Paar.
+
+Und am Pulte des ersten Geigers saß niemand anders als Morieux.
+
+Asmus war aufs freudigste ergriffen von diesem zarten Geschenk; die
+Streicher wurden im Triumph an den Tisch geholt, und als alle genug
+gegessen und getrunken hatten, erhob man sich zum Tanz. Asmus und
+Hilde aber bestiegen den lange schon wartenden Wagen zur
+Hochzeitsreise nach dem Hinterhäuschen in der westlichen Vorstadt.
+
+Als sie an seinem Elternhause vorüberfuhren, neigte er sich ans
+Wagenfenster und sah so lange hinaus, bis das Haus seinen Blicken
+entschwunden war. In diesem Augenblick fuhr ihm wie ein Blitz ein
+künftiges Gedicht durchs Herz, und einige Tage später schrieb er es
+auf.
+
+ _Am Hochzeitstage._
+
+ Laut rollt der Hochzeitswagen durch die Gasse.
+ Wir ruhen drin, zu stillem Glück geeint.
+ Sieh, wie die Sonne glänzt durch Regenwolken:
+ Die Hoffnung lacht – und die Erinn’rung weint.
+
+ So ist’s ein Fest der Wonne wie der Trauer.
+ Ich fühl’s, da neue Liebe mich beglückt,
+ Wie lang genoss’ne, unvergoltne Liebe
+ Mit schwerem Vorwurf meine Seele drückt.
+
+ Der Eltern denk’ ich, der verlass’nen, alten,
+ Und während mich dein Zauber sanft umgibt,
+ Erfaßt es mich mit wehmutsvoller Mahnung,
+ Wie zärtlich sie mich je und je geliebt.
+
+ Sie ließen mich den Traum der Jugend träumen,
+ Leicht schlug mein Herz! – ihr Haupt war sorgenschwer.
+ So zweifle nicht, wenn sich mein Auge feuchtet.
+ Der Sommer prangt; ein Frühling kommt nicht mehr.
+
+ Wie rasch der Wagen rollt! Wir fliegen selig
+ Und zukunftstrunken in die Welt hinaus.
+ Euch Sternen meiner Jugend send’ ich Grüße
+ Ins abendrotumkränzte, stille Haus.
+
+ Verzeiht dem heißen Drang der jungen Seelen,
+ Der euch des vielgeliebten Sohns beraubt.
+ Unsterbliches Gedächtnis eurer Liebe
+ Und Segen über euer greises Haupt!
+
+
+
+
+LVI. Kapitel.
+
+Ein längeres Kapitel, weil darin von einem Leuchtturm, einer
+Nachtigall, einem Kinde, einem Rosenberg und von noch einem Kinde
+berichtet werden muß.
+
+
+Wenn Semper der Ehemann sich einen neuen, herzerquickenden Kunstgenuß
+bereiten wollte, dann lustwandelte er durch seine zwei Stuben, seine
+eine Kammer und seine Küche. Sie schimmerten und flimmerten, daß er
+sich nicht satt schauen konnte, und der phantasievolle Schloßherr der
+bayrischen Königsschlösser konnte mit seinen ungezählten Millionen
+keine tiefere Befriedigung gewonnen haben als der junge Schloßherr in
+der westlichen Vorstadt. Als Knabe hatte er einst geträumt, wenn er
+reich werde, wolle er sich ein großes Schloß bauen mit hohen
+Bogenfenstern und Marmorsäulen und Marmortreppen. Das war nun
+Wirklichkeit geworden, ohne Marmor und Bogenfenster, und doch alle
+Luftschlösser übertreffend. Wenn er auf dem Sofa lag und die Blicke
+über Wand und Decke, Schrank und Bücherbrett wandern ließ, und wenn er
+sich dann den ärmlichen Hausrat des Elternhauses vorstellte, dann
+dachte er: ich bin ein Emporkömmling; mit rasender Geschwindigkeit bin
+ich emporgekommen. Er erinnerte sich, gelesen zu haben, daß innerhalb
+desselben Geschlechtes nach einem Aufstieg mit einer gewissen
+Regelmäßigkeit eine »Decadence« der folgenden Generationen eintrete,
+und mit Wehmut erfüllte ihn der Gedanke, daß spätere Nachkommen von
+ihm gezwungen sein könnten, diese strahlende Höhe wieder zu verlassen.
+Er wußte freilich noch gar nicht, ob er überhaupt Nachkommen haben
+werde.
+
+Nun war aber an seiner ganzen Wohnstatt ganz gewiß nichts Kostbares im
+alltäglichen Sinne, und manche Frau trug in einem Ohrläppchen ein weit
+größeres Vermögen, als dieses ganze Schmuckkästchen mit allem, was
+darin war, gekostet hatte. Was dieser Heimstatt für die Seele des
+jungen Mannes den unnennbaren Glanz gab, das war sein Glück; was ihr
+aber auch für das Auge Schönheit verlieh, das war Hildens Hand. Nicht
+umsonst war sie die Jahre hindurch, als die Mutter krank lag, das
+alles umsorgende, alle betreuende Hausmütterchen gewesen. Und die
+Mutter war wie die Mutter des Goetheschen Gretchens gewesen. »Bei der
+Frau Chavonne kann man vom Fußboden essen,« hatte es bei den
+Nachbarinnen geheißen, und Nachbarinnen sind streng. Diese Tradition
+hielt Hilde aufrecht. Und wie es nun einmal wahr ist, daß die Grazien
+den, den sie lieben, in keiner Lage und zu keiner Stunde verlassen,
+so blieb ihre Anmut ihr auch bei den gröbsten Verrichtungen treu. Und
+sie durfte vor grober Arbeit nicht zurückscheuen; denn fremde Dienste
+konnten sich die jungen Semper nur als seltene Aushilfe gestatten.
+Aber sie dachte auch nicht daran, vor irgendeiner Arbeit
+zurückzuschrecken; in lächelnder Ruhe stand sie über jedem
+beschränkten Hochmut. Arbeit hatte sie geadelt, und sie adelte die
+Arbeit.
+
+Und wenn man nun bedenkt, daß jeden Abend, wenn sie zur Ruhe gegangen,
+die Nachtigall in ihr Geplauder, in ihre Träume, in ihren ersten
+Schlummer sang! Hinter den Fenstern ihres Schlafgemaches standen
+blühende Apfelbäume und andere Bäume, auch ein Goldregen, dessen
+Blüten herabhingen wie goldene Lampen in einem dämmergrünen Dom. Und
+aus einem der Bäume sang Abend für Abend die Nachtigall. Mitten in
+ihrem Liebesgeplauder verstummten sie oft entzückt und sagten: »Hör’
+nur – hör’ nur!« Ja, oft horchten sie fast erschrocken auf; denn es
+hatte geklungen wie eines Menschen weinende, schwellende, verhauchende
+Klage; dann wieder war es wie ein plätschernder Quell, durch den das
+Mondlicht glänzt. Alle Vögel haben ihre wiederkehrende Weise, dachte
+Asmus; nur sie hat immer neue Weisen; nie singt sie zweimal dasselbe;
+sie ist das Genie, dem die Welt immer neu erscheint, das immer Neues
+erkennt und Neues singt. Aller Vogelgesang ist lieblich; aber sie
+allein hat Kraft und Milde, sie allein hat Lust und Tiefe zugleich.
+Darum ist sie die Sängerin der Liebenden. Denn mit Sinnenkraft und
+Herzensmilde die Welt ergreifen, von höchster Geisteswonne bis zu
+tiefen Zuges trinkender Sinnlichkeit die Welt ausmessen: das ist
+Liebe. »Horch,« sagte Asmus, »wie langsam und klagend sie auch ihr
+Lied beginnen mag, immer endet sie mit jubelndem Geschmetter. Sie ist
+eine Optimistin; sie glaubt an das Leben. Glaubst du auch daran?«
+
+Ja, wenn sie bei ihm war, glaubte sie daran; wenn sie allein war,
+konnte sie noch immer nicht fassen, daß das Leben nicht mehr ihr Feind
+sei. Sie konnte noch immer dem neuen Gesicht des Lebens nicht trauen;
+ihr Vertrauen war in einem langen Winter bis auf den Grund gefroren,
+und jahrelangen Sonnenscheins bedurfte es, diesen See wieder bis zum
+Grunde zu erwärmen.
+
+Noch blieb ihnen die Sonne treu. Herrgott, wie es sich arbeitete in
+diesen ewig sonntäglichen Räumen! Und als er eines Mittags aus der
+Schule kam, sah er es Hildens Gesicht an, daß etwas Gutes passiert
+sei.
+
+»Wieviel erwartest du noch vom »Leuchtturm«? fragte sie gespannt.
+
+»Fünfundsiebzig Mark.«
+
+»Er schickt hundert!« Asmus riß den Begleitbrief auf und las: »Es
+entfallen auf Ihren Beitrag eigentlich nur fünfundsiebzig Mark; aber
+wir schicken Ihnen mit Vergnügen hundert, wenn Sie uns bald wieder
+bedenken wollen.« Er schlang Hilden den Arm um die Taille und tanzte
+mit ihr durchs Zimmer. In solchen Augenblicken tanzte er sogar gut.
+
+Fünfundzwanzig Mark wie vom Himmel gefallen! Sie kamen ja noch immer
+so eben, eben aus; aber sie konnten es schon brauchen.
+
+Aber es war doch noch eine ganz winzige Freude, eine wahre
+Lumpenfreude gegen die Freude eines andern Tages, jenes Tages, da sie
+ihm verriet, sie habe sichere Anzeichen dafür, daß sie nicht immer
+allein bleiben würden. Da tanzte er nicht mit ihr, da zog er sie sacht
+auf seine Knie herab und hielt lange, lange ihren Kopf an seiner
+Brust, als müßt’ er sie nun behüten auch vor dem leisesten Leid der
+Welt.
+
+Ja, das Schicksal war ihm in diesen Tagen hold gesinnt, und manchmal
+schon hatte er sich im stillen gefragt, wieviel es ihm abziehen werde,
+und was, und wann? Aber es schien an keinen Abzug zu denken; im
+Gegenteil; es schenkte ihm in dieser Zeit zu allem Glück noch einen
+neuen und echten Freund. Er hatte in einem Lehrerverein einen Vortrag
+über Hamerling gehalten und damit unter anderen den Beifall eines
+jüdischen Lehrers gefunden, der ihm nach dem Vortrag als #Dr.#
+Rosenberg vorgestellt wurde. Asmus fand sofort an dem ganzen Manne ein
+großes Gefallen, an seinem sympathischen Gesicht, an seinem offenen
+und doch bescheidenen und bei aller bescheidenen Zurückhaltung
+dennoch bewußten Wesen, an seinen Interessen und seinen Erlebnissen.
+Rosenberg war Philologe, war in Paris und London gewesen und erzählte,
+wie er in London lange vergeblich seinen Unterhalt durch Stundengeben
+gesucht und wie, als er eines Tages wieder von einem vergeblichen
+Gange heimgekehrt sei und auf dem Rücken eines Buches den Namen
+»Schiller« gelesen habe, bei diesem Namen die Tränen des bittersten
+Heimwehs unaufhaltsam hervorgebrochen seien. Es war der erste Jude,
+mit dem Asmus in nähere persönliche Berührung kam, und diese Begegnung
+war ihm so interessant und erfreulich, daß er den neuen Bekannten
+einlud, ihn zu besuchen. Rosenberg kam; Asmus erwiderte den Besuch,
+und auf die lebendigste Weise erwuchs nun ein Freundschaftsverhältnis,
+das fast alle früheren Freundschaften Asmussens an Dauerhaftigkeit
+übertreffen sollte.
+
+Als Rosenberg zum ersten Male bei Sempers gewesen war und die junge
+Frau Semper nur flüchtig gesehen hatte, da hatte er, wie er später
+gestand, im stillen gedacht: Er hätte doch so jung nicht heiraten
+sollen. Beim zweiten Besuche lernte er ganz anders denken und sah doch
+die junge Frau überhaupt nicht. Und das hatte alles seine guten
+Gründe.
+
+Als Rosenberg seinen zweiten Besuch machte, war es wieder ein
+Maientag, der Tag vor Pfingsten, und in grauender Frühe dieses Tages
+hatte Hilde ihren Gatten geweckt und ihn gebeten, daß er die Wehmutter
+hole. Und dann folgte ein Tag, für Asmus wohl nicht viel leichter als
+für Hilden. Er wanderte in seinem Zimmer rastlos auf und ab, und am
+Nachmittag war er so weit, es laut vor sich hinzusprechen: »Ich will
+lieber kein Kind haben – wenn sie nur nicht mehr zu leiden braucht.«
+Ein furchtbares Gewitter brach los; unmittelbar über dem Hause war ein
+unablässiges Flammen und Krachen, und jeder Schlag traf ihn, weil er
+daran dachte, wie es sie erschrecken müsse. Er hatte ihr angeboten,
+bei ihr zu sein; aber sie wollte mit der Wehmutter allein sein. Und
+erst um 7 Uhr des Abends vernahm er das Schreien eines Kindes; Isolde
+Semper war zur Welt gekommen. Als die Wärterin der jungen Mutter das
+Kind zeigte, rief sie: »O, das ist ja Mutter Rebekka!« und sank in die
+Kissen zurück.
+
+Auf den Fußspitzen war Asmus hereingekommen; er beugte sich über sie
+und küßte sie leise, leise auf die Stirn. Sie schlug die Augen auf,
+große, feuchte Augen und hauchte: »Du armer Mann, jetzt kann ich nicht
+für dich sorgen.«
+
+»Du närrischer Engel,« flüsterte er, »willst du gleich schweigen und
+schlafen?« und küßte ihr die Augen zu. Aber sie öffnete sie wieder und
+sah ihn an mit einem Blick voll übermenschlichen Glücks. Dann hob sie
+behutsam die Decke von dem Kindlein, das in ihren Armen lag.
+
+»Sieht sie nicht ganz aus wie Mutter Semper?« flüsterte sie. Er nickte
+»Ja«, obwohl er nichts dergleichen sah; er dachte nicht an das Kind:
+er dachte nur an sie. Die weise Frau versicherte ihm, daß alles gut
+verlaufen sei; da schlich er hinaus, nahm seinen Hut und ging auf die
+Straße. Er mußte Himmel über sich sehen.
+
+Als er nach einer halben Stunde heimkehrte, war Rosenberg dagewesen.
+Die junge Mutter hatte jemand kommen hören, hatte vernommen, wer es
+sei, und der Wärterin gesagt: »Sorgen Sie bitte dafür, daß der Herr
+eine Erfrischung bekommt.« Und Rosenberg erfuhr von der Wärterin, daß
+die junge Frau Semper vor kaum einer Stunde Mutter geworden sei und
+daß sie selbst den Trunk für ihn befohlen habe. Da dachte er: »Das muß
+eine seltene Frau sein.« Nie vergaß er ihr diesen Trunk, und schon bei
+einem nächsten Besuch, als sie selbst ihn bewirtete, dachte er: »Er
+hat keineswegs zu früh geheiratet.«
+
+In den folgenden Wachen und Monaten kam Asmussen seine Erziehung durch
+die Tabakstube, wo er unter unablässigen Gesprächen und Geräuschen die
+subtilsten Sachen studiert hatte, vorzüglich zustatten. Denn die
+Stimme Isoldens war vernehmlich und ausdauernd. Sie vollbrachte
+Leistungen, gegen die die Partie der Wagnerschen Isolde als Episode
+erscheint. Aber das störte ihn nicht. Er gehörte nicht zu den
+geistigen Arbeitern, die auf eine Meile im Umkreis Asphaltpflaster und
+Strohschütten brauchen. Der Platz vor seinem Hause war ein beliebter
+Spielplatz der ganzen nachbarlichen Kinderschar, und er schloß das
+Fenster nicht, wenn ihr Geschrei hereinklang; denn es war ihm wie ein
+fröhlicher Gruß des Lebens, das zum Wirken und Schaffen rief. Auch
+besaß er im Notfall noch immer die Kraft, eine Mauer um sich zu bauen;
+wenn er nicht wollte, so hörte er selbst Isolden nicht. Auch als
+Dichter gehörte er nicht zu denen, die nur auf persischen Teppichen
+und vor perlgrauen Seidentapeten dichten können, und die mancherlei
+kleinen Banalitäten, die ein enger Haushalt unweigerlich mit sich
+bringt, die selbst einer Hilde Hand nicht immer zu bannen vermag,
+verstimmten nicht sein Saitenspiel. Er verstand es so gut, daß
+Schiller in einem Zimmer, das nichts als einen halben Tisch, einen
+Stuhl und eine Schütte Kartoffeln enthielt, die »Louise Millerin«
+schreiben konnte. Was mußte das für ein Dichter sein, der die
+Ausstattung seines Zimmers, der seine Gesellschaft nicht jeden
+Augenblick selbst beschaffen, der nicht jeden Augenblick seine Zelle
+in das Boudoir der Lady Milford oder in den Hafen von Genua verwandeln
+konnte?!
+
+Und so erzog er in unbekümmertem Frohsinn neben der kleinen Isolde
+noch ein zweites, stilleres Kind, sein erstes Buch. Unbekümmert war
+dieser Frohsinn freilich nur in Hinsicht der äußeren Störungen; was
+die inneren Hemmnisse anlangt, war es ein oft unterbrochener Frohsinn.
+Nie hat jemand besser den Künstler beschrieben als Goethe, da er die
+liebende Seele beschrieb: »himmelhoch jauchzend – zum Tode betrübt«.
+Der Künstler wäre kein Künstler, der nicht himmelhoch jauchzte über
+ein gelungenes Werk und der nicht zum Tode betrübt sein könnte über
+dasselbe Werk. Und als ihn nun gar die Banalität der Druckkorrekturen
+überfiel, als er seine eigenen Verse immer wiederkäuen mußte, da
+übermannte ihn ein tiefes Verzagen. Aber Rosenberg riß seinen Mut
+wieder empor; Rosenberg war begeistert von diesen Versen. »Ich lege
+meine Hand dafür ins Feuer, daß Sie Anerkennung finden werden«,
+prophezeite er. Und wirklich fanden die »Gedichte« von Asmus Semper,
+als sie endlich erschienen waren, die freundlichste Aufnahme; denn da
+die Lyrik nichts einbringt, so erfährt sie oft eine sehr wohlwollende
+Beurteilung.
+
+
+
+
+LVII. Kapitel.
+
+Fängt fröhlich an und endet traurig; das Schicksal fordert seinen
+Zoll.
+
+
+Zu allen diesen Freuden schenkte das Schicksal, das ihn verziehen zu
+wollen schien, unserm Asmus noch eine sonnige Weihnacht. Schon zur
+vorigen Weihnacht hatte er die bisherige Ordnung der Dinge auf den
+Kopf gestellt und seinen Eltern den Tannenbaum geschmückt; diesmal, da
+er wieder ein feistes Honorar von siebzig Mark errungen hatte, sollten
+sie das zu essen bekommen, was in seinem Elternhause immer als das
+Weihnachtsgericht der Reichen gegolten hatte: Karpfen! Und Weißwein
+sollte dazu getrunken werden, ja Weißwein! Unmittelbar vor der
+allgemeinen Bescherung aber winkte Hilde ihren Gatten auf die Seite,
+zog ihn ins andere Zimmer, schlang die Arme um seinen Hals und
+flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn du lieb bist, hab’ ich noch ein
+besonderes Geschenk für dich – freilich noch nicht heute.« Er sah ihr
+mit jähem, frohem, fragendem Staunen ins Gesicht.
+
+»Ja??!«
+
+Sie nickte eifrig.
+
+»Wann denn?«
+
+»Ich denke, im Juli oder August.«
+
+Da küßte er sie unzählige Male und zog sie in das Weihnachtszimmer und
+war, noch bevor er den Weißwein genossen hatte, so trunken, daß er die
+Lichter des Tannenbaumes nicht doppelt, nein siebenfach, nein
+hundertfach sah.
+
+Rebekka Semper fand den Karpfen köstlich, fand überhaupt, daß Hilde
+eine »gebor’ne Köchin« sei, und Ludwig Semper lächelte sein stillstes
+und innigstes Lächeln, als habe er den Weg zurückgefunden zu den
+strahlenden Tannenbäumen seines Elternhauses. Er sprach mit Asmus von
+dessen Gedichten und nannte die, die ihm besonders gefallen hatten,
+und obwohl eines Vaters Beifall zu den Werken seines Sohnes vor der
+Welt keinen Klang hat, so wußte Asmus doch, daß ihm nie ein schönerer
+Lorbeer gedeihen könne als dieses schweigsamen Mannes Lob und Lächeln.
+Diesem großen und stillen Herzen zu gefallen, das war ein großer und
+stiller Ruhm. Aber nur ein Semper konnte das wissen.
+
+Ludwig Semper war aufgeräumt und gesprächig wie seit langem nicht; er
+erzählte, wie Asmus einst mit kleinen Kinderschrittchen neben ihm über
+die Wiese getrippelt sei und gerufen habe: »O Vater, hier ist es
+gerade so wie dein Geburtstag!« wie der Kleine unzählige Male an
+seinen Arbeitstisch gekommen sei und ihm nach Wunsch aus dem
+»Freischütz«, aus der »Nachtwandlerin« und wohl aus zwanzig andern
+Opern vorgeblasen, was er aufgefangen habe, ja, Ludwig Semper stieg
+weit in die eigene Kindheit hinab und sprach von seinem Vater, dem
+Kaufmann Carsten Semper, auf dessen Diele jeder Besucher Schinken
+essen und Kornschnaps trinken konnte, ohne zu bezahlen, und von dem
+Tage, da der Justizrat quer über die Straße auf seinen Vater
+zugelaufen kam und rief: »Wissen Sie schon, Herr Semper, Goethe ist
+tot!« Es war wie Sammlung und Rückblick in diesen Reden Ludwig
+Sempers; aber die Seinen merkten es nicht. Wohl war ihnen aufgefallen,
+daß er die Speisen kaum berührt hatte, selbst die Karpfen nicht; aber
+da er ihre Besorgnis mit Lachen zurückwies, so hatten sie sich
+beruhigt. Freilich hatte Frau Rebekka erklärt, daß er schon länger an
+Appetitlosigkeit leide und daß sie ihn »natürlich« nicht zum Arzt
+kriegen könne.
+
+Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage besuchte, hörte er, daß sein
+Vater sich von der Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach Hause
+geschleppt habe. »Ich werde den Weg nicht wieder machen können,« sagte
+Ludwig Semper mit wehmütigem Lächeln. »Ei was!« rief Asmus, »dann
+holen wir euch einfach in der Droschke; wir haben’s ja!« Und er dachte
+sich, welch eine Lust es sein werde, die »Alten« im Triumph
+einzuholen, zu Wagen, wie ein Fürstenpaar! Und noch einmal ging er
+beruhigt heim.
+
+Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater zum Schlimmen verändert. Er
+konnte nicht mehr arbeiten, saß in seinem alten Lehnstuhl und mochte
+nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war grau geworden, und wie Frau
+Rebekka mit Kümmernis erzählte, schlief er den größten Teil des Tages.
+Sein Appetit war nicht zurückgekehrt.
+
+Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal davon. Sollte das Schicksal –?
+Nein, einen so harten Zoll konnt’ es nicht fordern; so grausam konnt’
+es sein Glück nicht verkürzen wollen! Ja, wenn es ein achtzig-,
+neunzigjähriger Greis wäre, dann müßte man sich mit der Notwendigkeit
+versöhnen. Aber mit siebenundsechzig Jahren konnte das Schicksal
+diesen Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann nicht! Selbst völlig
+fremde Menschen mußten dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als Asmus
+vor nicht langer Zeit im Lehrerverein geredet und die Kunst als
+Erzieherin proklamiert hatte und auch sein Vater als Gast zugegen
+gewesen war, da hatte die Versammlung dem Redner ein Hoch gebracht.
+Gleich darauf aber hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen:
+»Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn ich in dem ehrwürdigen Manne, der
+unserm Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.« Und dann hatte
+er mit kühner, launiger und geschickter Psychologie aus dem Wesen des
+Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und hatte diesen Vater
+gefeiert, und mit brausendem Hurra hatte die Versammlung ihm
+zugestimmt. Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt und hatte
+gesehen, wie er sich freute, und daß dieser Mann, der sein ganzes
+reiches Pfund in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun doch einmal
+vor aller Welt die Ehren genoß, die ihm gebührten, das war doch von
+allen Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen.
+
+Und sollte das die letzte große Freude im Leben Ludwig Sempers gewesen
+sein? Nein, nicht die letzte.
+
+Als Asmus wieder nach Oldensund kam, waren Hilde und die kleine Isolde
+mit ihm. Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, saß er schlafend
+im Lehnstuhl; er erwachte auch nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten
+Herzens hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem Weinen berichtete.
+Er schlafe fast den ganzen Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und
+verstehe oft gar nicht, was man zu ihm sage. Während sie noch sprach,
+öffnete der Kranke die Augen; immer weiter öffnete er sie, bis sie so
+groß und freundlich waren wie in seinen besten Tagen.
+
+»Wem gehört das allerliebste Kind?« fragte er leise, mit frohem
+Staunen.
+
+Sie sagten ihm, daß es ja Isolde sei, Asmussens und Hildens Kind und
+seine eigene Enkelin.
+
+Da verbreitete sich noch einmal von diesen Augen aus über das ganze
+Gesicht des Leidenden das große, unerschöpflich gütige Lächeln, das
+über Asmussens ganzer Kindheit wie eine treulich wiederkehrende Sonne
+geleuchtet hatte, und dann schlossen sich die Augen wieder, und der
+Kranke war wieder entschlummert.
+
+Die Besucher schlichen hinaus, und draußen nahm Asmus seine Mutter auf
+die Seite und fragte: »Was sagt denn der Arzt?«
+
+Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten: laut jammernd rief sie: »Ach
+Gott, der schreckliche Mensch sagt, es wäre vielleicht Magenkrebs, –
+ich werd’ ja verrückt, wenn ich bloß daran denke!«
+
+Das machte Asmus vom Kopf bis zu den Füßen erstarren. Über all seine
+Befürchtungen hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es werde
+vorübergehen. Dieser Schlag betäubte ihn. Aber nur für einen
+Augenblick. Er schickte Hilden und das Kind nach Hause und rannte zum
+Arzt.
+
+»Ja,« sagte der, »alle Anzeichen sprechen dafür. Ich habe keine
+Magensäure gefunden, das ist das sicherste Symptom.«
+
+»Herr Doktor,« stammelte Asmus, »Sie dürfen mir nicht zürnen, – Sie
+sind ja auch nur ein Mensch, – Sie müssen sich in meine Lage
+versetzen, – es ist mein Vater, – würden Sie es mir übelnehmen, wenn
+ich noch einen zweiten Arzt befragte?«
+
+»Durchaus nicht,« versetzte der Arzt, »Sie machen sich freilich
+unnötige Kosten; aber wenn es Sie beruhigt –«
+
+Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der ihm als besonders tüchtig
+empfohlen war. Der ließ ihn kühl an. Wer denn seinen Vater behandle?
+
+Der Doktor Soundso.
+
+Ja, das sei ja ein sehr tüchtiger Arzt. Er wisse nicht, was er da
+solle.
+
+Asmus flehte ihn an, er möchte doch kommen.
+
+»Nun ja, ich kann ja hinkommen.«
+
+Und Asmus ging mit neuer Hoffnung: Der wird vielleicht zu einem
+anderen Ergebnis kommen.
+
+Als er andern Tages ins Elternhaus kam, war der zweite Arzt noch nicht
+dagewesen. Der Kranke aber delirierte und konnte nur mit größter Mühe
+im Bette festgehalten werden. Da kam Asmussen der Gedanke: Ins
+Krankenhaus. Hier, in diesen ärmlichen, beschränkten Verhältnissen
+konnte ja der Vater nicht gepflegt werden wie im Krankenhause, und
+wenn eine Operation nötig war, mußte er doch dorthin. Und dort waren
+die besten Ärzte. Er besorgte die Aufnahme ins Krankenhaus, nahm eine
+Droschke und fuhr vors Elternhaus. Nun holte er seinen Vater in der
+Droschke! Aber nicht im Triumph, ach Gott, nicht im Triumph!
+Ohnmächtig lag ihm sein Vater im Arm wie ein Kind, und als er so mit
+seinem Vater im Wagen allein war, rannen seine Tränen unaufhörlich.
+Als er den Vater endlich wohlgebettet sah, eilte er zum Arzt des
+Krankenhauses und erstattete ihm Bericht über den Kranken. Dieser Arzt
+war ein feiner und milder Mann; er hörte den Sohn, aus dessen Worten
+er wohl die fliegende Angst des Herzens vernahm, mit großer Teilnahme
+an und entließ ihn mit neuer Hoffnung. Nun kann noch alles gut werden,
+dachte Asmus. Dieser Arzt ist ein vortrefflicher Mann, und im
+Krankenhause hat man alles zur Hand, was man zur Pflege eines schwer
+Erkrankten braucht.
+
+Andern Mittags, als er aus der Schule heimkam, war sein erstes Wort:
+
+»Ist Nachricht vom Krankenhause da?«
+
+»Ja,« sagte Hilde ernst, »der Bote war hier.«
+
+»Und?« rief er begierig.
+
+»Du weißt es doch schon, nicht wahr?« sprach Hilde sanft. Er starrte
+sie an. »Ist er –?« Er brachte das Wort nicht heraus.
+
+Sie nickte stumm und legte den Arm um seinen Hals. Er aber fiel mit
+einem einzigen, lauten Aufschluchzen in die Sofaecke.
+
+Das also hatte er mit allen Mühen und Ängsten erreicht, daß sein Vater
+nun einsam gestorben war. Zwar: Ludwig Semper war nach dem Bericht
+der Wärter nicht wieder zum Bewußtsein erwacht, und morgens um zwei
+Uhr war er gestorben. Aber wenn er nun doch noch einen lichten
+Augenblick gehabt und wenn er Weib und Kinder gesucht hatte – mit
+diesem Gedanken zerfleischte sich Asmus das Herz, während er durch die
+Straßen rannte und die Formalitäten für die Bestattung erledigte.
+Dabei lief er oft stundenlang durch Gegenden, in denen er nichts zu
+suchen hatte; er wußte nicht, womit er sonst seine Zeit ausfüllen
+sollte.
+
+Als er dann an der Bahre seines Vaters stand und den starren,
+tränenlosen Blick auf das weiße Haupt des Toten heftete, da mußte er
+unaufhörlich denken: König Lear – König Lear. Dieser Mann hatte nicht
+aus Torheit ein Kind verstoßen, war kein Tyrann gewesen – und war
+seine Liebe vergolten worden, wie sie’s verdiente? Die Liebe eines
+Vaters kann man nicht vergelten, dachte er; jeder Vater ist ein König
+Lear. Und als er seine arme, gebeugte Mutter sah, als er daran dachte,
+daß ihre Kinder von ihr gegangen waren und das beste Teil ihres
+Herzens an andere gegeben hatten, da fügte er hinzu: und jede Mutter
+ist eine Niobe.
+
+Er riß sich gewaltsam empor aus seinem Brüten und sah sich um. Von
+seinen Freunden war nur einer erschienen: #Dr.# Rosenberg. Und das war
+die erste Freude in all diesem Leid.
+
+Als er am Grabe stand, war es wieder wie immer; er konnte nicht
+weinen. Er dachte, was müssen die Menschen von dir denken, daß du am
+Grabe deines Vaters ohne eine Träne stehst. Aber als er das dachte,
+konnte er um so weniger weinen. Er hatte seit jenem Aufschluchzen in
+Hildens Armen nicht geweint; auch als er heimgekommen war, weinte er
+nicht. Erst am Abend des folgenden Tages, als Hilde zu einer Besorgung
+das Haus verlassen hatte und er allein an seinem Schreibtisch saß,
+legte er den Kopf in den Sessel zurück und weinte, weinte unaufhaltsam
+wie ein kleines Kind, das im Gewühl und Gedränge der Menschen die Hand
+des Vaters verloren hat.
+
+
+
+
+LVIII. und letztes Kapitel.
+
+Asmus bekommt einen Preis, einen Wolfram und eine Weltanschauung, und
+da dies dem Verfasser genug dünkt, übrigens auch die Weltanschauung
+den Mann macht, so schließt er diese Geschichte eines Jünglings.
+
+
+Warum suchte denn Asmus in diesen schweren Tagen nicht Trost bei seiner
+Hilde? Wer am Schlusse dieses Buches noch so fragen würde, der würde das
+Wesen von Ludwig Sempers Sohn nicht ganz verstanden haben. Leute wie
+dieser Asmus können den Trost nicht bei anderen, sondern immer nur in
+sich selbst finden, und wenn sie auf den Trost anderer hören, so ist es,
+weil sie ihn schon in sich selbst gefunden haben. Zunächst suchte er
+auch keinen Trost; er wühlte vielmehr in seiner Wunde. Nicht alle
+Menschen rufen im Schmerze sofort nach Linderung wie das Kind nach dem
+Schnuller. Er fand es recht und gut, daß er litt, wo sein Vater so
+schwer und so lange geduldet hatte; er bildete sich nicht ein, ein
+Anrecht auf ein schmerzloses Dasein zu haben, wenn solche Menschen
+litten. Dann aber, als er sich recht in Ruhe und Einsamkeit sattgeweint
+hatte, trat seine angeborene Philosophie wieder in ihr Recht: Mit
+unabänderlichen Tatsachen nicht zu hadern und den Kampf des Lebens in
+Hoffnung und Vertrauen immer wieder aufzunehmen. War es doch inzwischen
+eine Hoffnung und ein Vertrauen geworden, die weit über den Kreis eines
+Einzeldaseins hinausreichten.
+
+So oft er auch an den frühen Hingang seines Vaters mit Schmerzen
+gedenken mochte – er konnte dessen auch in weit, weit späteren Jahren
+nur mit tiefer Wehmut gedenken – dieser Verlust gehörte, als er mit
+ihm abgeschlossen hatte, nicht mehr zu den Dingen, die sein Wirken und
+seine Entwicklung hemmen konnten. Er hätte auch keine Zeit gehabt zu
+melancholischen Meditationen; er erfuhr wieder einmal den Fluch und
+den Segen der Armut. Er hatte schließlich doch einsehen müssen, daß
+1800 Mark und selbst 2000 Mark nicht ausreichten, wenn man Eltern
+davon unterstützen und außerdem drei Menschen erhalten wollte, von
+denen zwei doch etwas mehr verlangten als Stillung des Hungers. Und
+seine Schriftstellerei war noch ein völlig unsicheres Brot; Arbeiten,
+die ihm später mit Kußhand abgenommen wurden, mußte er in diesen
+Jahren wie saures Bier an Dutzende von Blättern vergeblich ausbieten.
+Dazu stand die Geburt des zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg,
+der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht lesen mochte, hatte ihm in
+zartester Weise seine Hilfe angeboten; »ich verdiene weit mehr, als
+ich brauche,« hatte er gesagt, »und ich bin froh, wenn ich mein Geld
+so gut anwenden kann.« Aber Asmus hatte vorläufig mit Dank und Rührung
+abgelehnt. Er wußte, daß dieser Mann ihn niemals drängen würde; aber
+er hatte vor Schulden ein tiefes Grauen; sie waren das einzige
+gewesen, das die heiter gütige Seele seines Vaters verbittern konnte.
+So griff er denn zu einer Häufung der Privatstunden; er bereitete
+Lehrer und Lehrerinnen auf das zweite Examen vor. Die Nachbarinnen
+steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Was tun denn die jungen
+Damen immer bei Herrn Semper?« Dann sagte der Hauswirt: »Sie lernen
+bei ihm das Dichten.«
+
+Es war ein Glück, daß ihm in seiner regelmäßigen Tätigkeit eine große
+Wohltat geschehen war. Er war nun schließlich doch versetzt worden,
+und an dem Leiter dieser neuen Schule erkannte Asmus so recht, wie
+unsere Worte und Handlungen das Gesicht der Persönlichkeit tragen, aus
+der sie fließen. Auch dieser Chef legte zuweilen auf kleine Dinge
+einen Wert, der ihnen nicht zukam; aber er war ein jovialer Gentleman,
+der in seinen Kollegen bis zum Beweise des Gegenteils Gentlemen
+erblickte, und so bedeuteten alle Kleinigkeiten nichts auf dem großen
+Grunde des gegenseitigen Vertrauens. Kein Mißton trübte das Verhältnis
+zwischen diesem Manne und dem renitenten Herrn Semper.
+
+Und als er eines Mittags von diesem freieren und froheren Dienste nach
+Hause kam, da sah er an Hildens Gesicht, daß etwas Ähnliches geschehen
+sein müsse, wie damals mit den hundert Mark vom »Leuchtturm«, aber
+etwas noch weit Froheres. Auf ihrem schönen Gesicht, das ihm einst nur
+für den Ernst und die Trauer geschaffen schien, zuckten tausend
+Lichter des Frohsinns, und in ihrer Hand hatte sie einen Brief.
+
+»Du darfst nicht böse sein!« rief sie, »ich konnt’ es nicht aushalten
+– ich hab’ ihn geöffnet, als ich sah, woher er kam! Da lies selbst!«
+
+Er las, und als er gelesen hatte, wollt’ er sie wieder umarmen und mit
+ihr tanzen; aber nein – das durfte sie ja nicht! Da drückte er ihr
+Gesicht mit beiden Händen und zerknüllte dabei den Brief und dessen
+Inhalt vollständig und küßte sie, bis ihr der Atem verging; aber er
+mußte doch tanzen, er mußte tanzen, und er umarmte einen Stuhl und
+tanzte mit dem durch beide Zimmer.
+
+In einer süddeutschen Stadt gab es eine Schillerstiftung, die von Zeit
+zu Zeit an Versdichter einen Schillerpreis von 200 Mark verteilte.
+Dieser Preis war nun den »Gedichten von Asmus Semper« zuerkannt
+worden.
+
+Als er den Brief noch einmal gelesen und die beiden Hundertmarkscheine
+geglättet und genau betrachtet hatte, ob es auch richtige Banknoten
+und nicht etwa Ehrendiplome oder dergleichen wären, da drehte er sich
+auf einem Beine mehrmals um sich selbst. Aber plötzlich hielt er inne,
+ließ sich auf einen Stuhl fallen und wurde tiefernst. Und Hilde kniete
+zu ihm nieder und sagte:
+
+»Ich weiß, was du denkst!«
+
+»Ja, Hilde? Weißt du das? – Hilde! Wenn _er_ das noch erlebt hätte!
+Mein Gott, wenn _er_ das noch erlebt hätte! Das wäre ihm wie eine
+Krönung seines Lebens gewesen.« – – –
+
+So wenig sich Frau Hilde in den Gedanken ihres Mannes verrechnet
+hatte, so sehr hatte sie sich in der Zeit ihrer Erwartung verrechnet.
+Einen vollen Monat später, als sie gehofft, erschien das zweite Kind;
+dafür aber war es ein richtiger Junge. Der junge Herr Wolfram schrie
+genau so kraftvoll wie seine Schwester.
+
+Als Asmus seinem Freunde Rosenberg die Nachricht brachte, da rief der:
+»Nun, da muß man wahrhaftig sagen: Ein volles Glück! Mensch, Sie sind
+ein Liebling der Götter! Sie haben ein herrliches Weib, eine Tochter,
+einen Sohn und alle sind gesund, und Sie haben Glück und Freude _an_
+Ihrer Kunst und _in_ Ihrer Kunst! Bei Gott, ein volles Glück, ein
+volles Glück!«
+
+Er sprach es ohne Neid, obwohl ihm selbst eine frühe Hoffnung
+verhagelt war.
+
+Und doch ahnte der Freund bei weitem nicht den ganzen Umfang von
+Sempers Glück; er _konnt’_ es nicht kennen in seiner ganzen Fülle.
+Asmus hatte in den letzten Monden Kämpfe durchgerungen, von denen
+niemand wissen konnte. Er hatte für seinen frohen, hoffenden Glauben
+an das Leben nach einem tieferen und festeren Grunde gesucht und hatte
+ihn gefunden, für viele Jahre wenigstens gefunden.
+
+Wenn selbst ein Faust ausrief:
+
+ O glücklich, wer noch hoffen kann,
+ Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!
+
+und wenn Asmus dennoch hoffte, so fragte er sich: »Bin ich ein
+Wagner?« Nein, ein Wagner war er nicht, das durfte er sich zuerkennen.
+Nur in halbkindlichen Jahren hatte er geglaubt, daß ein Mensch viel
+wisse und daß er alles wissen könne. Auch war er nie so gemein
+gewesen, die Welt für vortrefflich zu halten, weil es ihm gut erging.
+Aber doch hatte er sich die Harmonie der Welt schon in engeren
+Kreisen, ach, schon im Bezirk eines Einzellebens vollendet gedacht.
+Daran war er irre geworden und hatte nun die Landmarken seiner
+Hoffnung weiter gesteckt, in die Jahrhunderttausende, in die
+Jahrmillionen hinein. Auf diesem langen Wege bedurft’ es eines starken
+Glaubens, nein, eines starken Wissens, und das hatte er gefunden.
+Nicht nur die unmittelbare Gewißheit des Sittengesetzes war ihm
+aufgegangen, er fühlte auch unmittelbare Gewißheit im Denken und im
+Schaffen, und er nannte dies Gefühl, das die Entwicklung des Menschen
+begleitet, das Richtungsgefühl. Trotz aller Schuld, alles Irrtums und
+alles Mißlings weiß der Mensch, in welcher Richtung Ausgang und Ende
+des Entwicklungsstromes liegen; in seiner Brust ist ein Magnet, der
+trotz allen Zitterns und allen Abirrens den Weg zur Vollendung weist.
+
+An einem köstlich milden Septemberabend, als er mit der froh genesenen
+Hilde am Fenster saß und noch ein letzter Hauch der Sonne auf den
+Bäumen lag, sprach er zu ihr:
+
+»Ich hab’ was geschrieben – willst du’s hören?«
+
+Mit der Freude eines Kindes ergriff sie seine Hand und drückte sie an
+ihr Herz und ließ sich dann zu seinen Füßen nieder. Er entfaltete ein
+Blatt und las:
+
+ _Chidhr._
+
+ Ein wunderbarer Traum hat mich besucht.
+ Ich saß an eines Berges Hang und schaute.
+ In einer flüchtigen Minute Raum
+ Gedrängt, den Daseinswechsel langer Zeiten.
+ Im Tal zu meinen Füßen sah ich Blumen
+ Auf Blumen sich erschließen und vergehn,
+ Sah’ Bäum’ und Sträucher keimen ich und sprossen
+ Und wachsen, blühen, welken und vermodern,
+ Und sah ich Menschen von der Wiege bis
+ Zum Sarg des Lebens kurzen Tag durchwandeln.
+ Ich sah sie lachen, weinen – weinen, lachen,
+ Sah sie verzweifeln, hoffen und – verzweifeln,
+ Sah, wie das Glück dem Unglück reicht die Rechte,
+ Wie Unglück seine Rechte reicht dem Glück
+ In ewiger Kette.
+
+ Namenlose Trauer
+ Sank mir mit schweren Schatten in die Seele.
+ »Wann endlich,« dacht’ ich, »sinnlos-blödes Spiel,
+ Wirst du dich enden? Auf und ab und auf
+ Wiegt seit Äonen sich die Lebensschaukel
+ – Auf einer Seite staunend sitzt das Leben,
+ Und auf der andern grinsend wippt der Tod –
+ Und auf und ab, stumpfsinnig, wird die Wippe
+ Durch Ewigkeiten gehn. Wo lebt der Gott,
+ Den dieses grause Einerlei vergnügt?
+ Der ärmste Menschengeist, er hätte längst
+ Voll Überdruß und Ekel dieses Spielzeug
+ Zertrümmert –!«
+
+ Wie ich also bei mir dachte,
+ Sah ich am Boden plötzlich einen Schatten –
+ Ich hob den Blick, und einen Jüngling sah ich
+ Mit himmelsheit’rer Stirn, wie junge Rosen
+ Der frohe Mund, das Auge sonnentief.
+ Er hob den Arm und winkte freundlich »Komm!«
+ »Wer bist du?« rief ich. Er drauf: »Chidhr bin ich,
+ Der Grüne, Ewigjunge, der im Lande
+ Der Finsternis des Lebens Quellen hütet.
+ Komm, folge mir.«
+
+ Und Falterflug des Traumes
+ Entführte mich auf lautlos dunklen Schwingen
+ In eine schreckendüstre Felsenwelt.
+ Doch sieh, aus tiefem Spalt granit’ner Berge
+ Sprang bläulich silbern einer Quelle Strahl,
+ Der wie ein ewig junges Lachen klang.
+ Und Chidhr sprach: »In hundert Jahren furcht
+ Der ruhlos rege Quell sein hartes Bette
+ Um eines Fingers Breite. Alexander,
+ Den bis nach Indien trug der Siegeswagen,
+ Stand einst wie du an diesem Lebensquell.
+ Seit jenem Tage grub der Silberstrang
+ Um einen Fuß sich tiefer ins Gestein.
+ Und einst wird diese Quelle im Verein
+ Mit ihren Schwestern diese Felsen wandeln
+ In ein begrüntes Tal, wie du’s verlassen.
+ Hier maß der göttergleiche Alexander
+ Sein Werk und seinen Ruhm am Maß der Welt
+ Und ging von diesem Ort zerstörten Herzens.
+ Und du, der schwach und klein ist bei den Menschen,
+ Kannst, wenn du willst, ein Gott von hinnen geh’n.
+
+ Wohl ihm, dem Freude sprüht aus dieser Quelle,
+ Wohl ihm, der ihr geheimes Lied versteht.
+ Wohl bleichen ihm die Lichtlein, die den Pfad
+ Ihm durch ein enges Leben schwach erhellten,
+ Die Lichtlein Ruhm, Unsterblichkeit und Macht.
+ Doch hinter weltenweiten Finsternissen
+ Geht eine Sonn’ ihm auf, die alle Sonnen
+ Und Sonnenchöre selig überstrahlt.
+ Er fühlt, wie klein der Mensch, und fühlt, wie groß,
+ Wie unbegreiflich schön, wie über alles
+ Verdienst und Ahnen göttlich sein Beruf,
+ Und aus dem Klang der Quelle trinkt sein Herz
+ Zwei Kräfte wundersam: Geduld und Sehnsucht.
+ Geduld, die heiß und tief verlangt, und Sehnsucht,
+ Die sich am Glanz des Zieles still getröstet.
+
+ O Menschen, habt Geduld, und tut es nicht
+ Den Kindlein gleich, die in den Boden kaum
+ Den Samen senkten und nach Blumen schon
+ Und reifen Früchten späh’n! Taucht die Gedanken
+ Ins märchengraue Alter dieser Welt
+ Und steigt empor dann und erkennt, daß gestern
+ Der Mörder Kain seinen Bruder schlug.
+
+ Du dachtest recht, mein Freund: wär’ diese Welt
+ Ein Einerlei, die Macht, die sie erschaffen,
+ Sie hätte längst zerstört ihr blödes Spiel.
+ Doch sieh, soweit in diesem Reich des Lebens
+ Die Wasser wandern, hat noch nie ein Quell,
+ Noch nie ein Strom den Weg zurückgenommen –
+ So glaube: auch der Strom des Lebens nicht.
+ »Vorwärts zum Licht!« das ist der Sinn der Quellen,
+ »Vorwärts zum Licht!« das ist der Ströme Sinn,
+ Die deine Seele, deinen Leib durchrinnen.
+ Er, der die Welt gewollt und dessen Namen
+ Kein endlich Wesen nennen darf noch kann,
+ Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen
+ Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s _wißt_!«
+
+ So sprach der Ewigjunge. Oder sprach’s
+ Der Quell? Im Silberklange rann zusammen,
+ Was Chidhr sprach und was die Quelle sang.
+ Und Falterflug des Traumes hob mich lautlos
+ Von dannen, und vom Tageslicht geblendet,
+ Erwacht’ ich jäh.
+ Am Waldesrand erwacht’ ich,
+ Wo singend aus dem Fels die Quelle springt,
+ Wo Morgenlicht von tausend Himmeln floß.
+
+Sie nahm Ihm leise das Blatt aus der Hand und suchte darin eine
+Stelle, und als sie sie gefunden hatte, sprach sie langsam und leise:
+
+ Er, der die Welt gewollt und dessen Namen
+ Kein endlich Wesen nennen darf noch kann,
+ Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen
+ Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s _wißt_!
+
+Wie immer hatte sie ihn verstanden. Und als sie nun die dunklen Augen in
+heiligem Ernste zu ihm erhob, und als sein froher Blick in diese Augen
+selig versank, da sprach Asmus Semper in seinem Herzen:
+
+»Ein volles Glück – bei Gott, ein volles Glück.«
+
+
+ +Ende.+
+
+
+ * * * * *
+
+
+Von demselben Verfasser erschien im gleichen Verlage:
+
+
+ +Asmus Sempers Jugendland+
+
+ Der Roman einer Kindheit
+
+ 86. bis 100. Tausend
+
+ Brosch. M 3.50, geb. M. 4.50
+
+ 100. Tausend Jubiläumsausgabe in Leder geb. M. 10.–
+
+
+Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in fremde Sprachen,
+vorbehalten
+
+#Published on the 19th of March 1908. Privilege of copyright in the
+United States of North America reserved under the act approved March 3,
+1905, by Otto Ernst.#
+
+ * * * * *
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen.
+
+Die Werbung für »Asmus Sempers Jugendland« von Otto Ernst wurde vom
+Anfang des Buches an das Ende verschoben.
+
+Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
+
+ S. 154: [Bindestrich entfernt] aus-dem Märchen -> aus dem Märchen
+ S. 287: In Amus wirbelte -> In Asmus wirbelte
+ S. 363: [Anführungszeichen nach ‘Sie’ ergänzt] »Meinetwegen
+ sag’ ‘Sie’«
+ S. 375: [‘ durch » ersetzt] ‘Werter Herr Semper«
+ -> »Werter Herr Semper«
+ S. 381: in Winter -> im Winter
+ S. 386: und lief ein groß Stück Weges vorauf. -> und lief ein groß
+ Stück Weges voraus. [vorauf -> voraus]
+
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+ Sperrung: _gesperrter Text_
+ Antiquaschrift: #Antiqua#
+ (In Antiqua gesetzte römische Ziffern wurden nicht gekennzeichnet.)
+ Fettgedruckter Text: +Text+
+ Kursivtext: /Text/
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING ***
+
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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@@ -0,0 +1,11420 @@
+The Project Gutenberg EBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Semper der Jüngling
+
+Author: Otto Ernst
+
+Release Date: February 14, 2009 [EBook #28083]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+ Semper
+ der Jüngling
+
+
+ Ein Bildungsroman
+
+ von
+
+ Otto Ernst
+
+
+ Sechsundfünfzigstes bis sechzigstes Tausend
+
+
+ Leipzig - Verlag von L. Staackmann - 1914
+
+
+
+
+ Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte
+ Der Schlaf hervor.
+ Schon raunte mir die ersten, leisen Worte
+ Der Traum ins Ohr.
+ Da klang von nahen Zweigen
+ Ein tiefer Freudenschall
+ Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen.
+ In meinen Traum sang eine Nachtigall.
+
+ Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume
+ Im Traum, im Traum.
+ Nur fern, o fern, durch mitternächt’gen Bäume
+ Ein lichter Saum.
+ Doch horch: von jenen Röten
+ Ein süß geheimer Hall,
+ Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten!
+ In meinen Traum sang eine Nachtigall.
+
+ Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme
+ Von je erklang
+ Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme
+ Voll Hoffnung sang.
+ Ein Land des Lichtes träumen
+ Wir armen Seelen all!
+ Ich aber höre Klang aus jenen Räumen:
+ In meinen Traum singt eine Nachtigall.
+
+
+
+
+Erstes Buch
+
+Spiel und Arbeit
+
+
+
+
+I. Kapitel.
+
+Handelt von Balladen und Präparanden, Gendarmen und hebräischen
+Handschriften, zum Glück auch von Präparandinnen.
+
+
+Asmus Semper, der halbwegs sechzehnjährige Schüler des Hamburger
+Präparandeums, schwamm bis über die Augenbrauen in Seligkeit. Vor
+seinen Blicken wogte eine warme, goldene Flut. Herr Tönnings, der
+Ordinarius, der genau so aussah wie die Geometrie mit einem Stehkragen
+und von dem ein Gerücht ging, daß er vor sieben Jahren den einen
+Mundwinkel zu dem Versuch eines Lächelns verzogen habe, Herr Tönnings
+also hatte soeben verkündet, daß u. a. auch Asmus Semper eine
+Hospitantenstelle erhalten solle. Man denke, was das heißt: eine
+Hospitantenstelle! Jeden Morgen von 8-12 Uhr sollte er in einer
+Volksschule dem Unterricht der Kleinen zuhören dürfen, und dafür bekam
+er noch obendrein ein jährliches Gehalt von dreihundertundsechzig
+Mark! Jeden Morgen sollt’ er aus nächster Nähe hineinhorchen dürfen in
+die Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis; das hohe
+Wunder sollt’ er nun begreifen: wie der Geist des Menschen Nahrung
+aufnimmt, wächst und sich vollendet!
+
+Und noch dreihundertundsechzig Mark! Er hatte ja nichts von dem Geld,
+wollte auch keinen Pfennig davon, haha – aber auf das Gesicht seiner
+Eltern freute er sich, daß ihm die Augen heiß wurden. Er wollt’ es
+ihnen nicht eher sagen, als bis er sie beide beisammen hatte, und dann
+wollte er die Wirkung beobachten; aber die kleine Wohnung der Semper
+betrat man durch die Küche, und in der Küche briet Frau Rebekka die
+Abendkartoffeln, und als er seine Mutter sah, konnte Asmus sich nicht
+mehr halten, und weil er wußte, was seine Mutter am meisten freute,
+rief er: »Ich kriege dreihundertundsechzig Mark das Jahr!«
+
+Im nächsten Augenblicke war Frau Rebekka schon in der anstoßenden
+Zigarrenmacherstube, schwang das Messer, mit dem sie die Kartoffeln
+umgerührt hatte, hoch in der Luft und rief: »Freude war in Trojas
+Hallen!« Aber da stand auch schon Asmus neben ihr, und damit sie ihm
+nicht zuvorkommen könne, rief er: »Laß, Mutter, laß, ich will es Vater
+sagen! – Ich krieg’ eine Hospitantenstelle mit dreihundertundsechzig
+Mark das Jahr!«
+
+Und da hatte Asmus wieder den Anblick, der ihm vielleicht von allen
+auf der Welt der liebste war: in dem weißumwallten Jupiterantlitz
+Ludwig Sempers gingen zwei Sonnen auf und verbreiteten Licht durch die
+ganze Welt.
+
+»Ach nein – es ist ja wohl nicht möglich!« rief der Vater, indem er
+den Kopf zurückwarf.
+
+»Ganz gewiß!« rief Asmus. »Nun verdiene ich mehr, als wenn ich
+Handwerker geworden wäre. Seht mal, wenn ich Tischler oder Hutmacher
+lernte, dann kriegte ich das erste Jahr gar nichts oder vielleicht
+drei Mark die Woche, und dies sind beinahe sieben Mark die Woche, und
+das geb’ ich natürlich alles euch!«
+
+Da schlug Ludwig Semper heftig das linke Bein über das rechte, wie er
+immer tat, wenn er in seinem Innern sehr zornig oder sehr lustig war,
+und redete fast den ganzen Rest des Abends mit stumm bewegten Lippen
+zu sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht laut und hell
+auf, ohne daß man einen Ton gehört hätte, und unzählige Tabakblätter
+verschnitt er an diesem Abend und warf sie in die Abfallschürze, weil
+er mit seinem Messer immer wieder sausend über die sonnigen Felder und
+Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er hatte ja auch studieren sollen;
+aber dann war der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters gekommen,
+und dann die Sorge, dann der Krieg mit den Dänen, dann seine Träumerei
+und sein erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und dann immer ein
+Kind nach dem andern. Und so machte er mit 58 Jahren noch immer
+Zigarren. Aber mit einem Schlage war jetzt seine Jugend wieder da – da
+stand sie vor ihm, fünfzehnjährig, rotwangig – nichts war verloren;
+denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus studierte, das war ja vollkommen
+dasselbe.
+
+Rebekka aber, als sie von »sieben Mark die Woche« hörte, vergaß all
+ihre Sparsamkeit, lief in die Küche und schob noch ein Stück
+Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie auch da noch ziemlich
+trocken ausschauten, griff sie leichtsinnig nach dem Teekessel und goß
+einen gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, daß eine mächtige Wolke
+wie eines Dankopfers zu den Himmlischen emporstieg.
+
+Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und sieben Semper versammelten sich
+andächtig um das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund, das sah
+man an den Bewegungen der Gabeln; aber Adalbert, der Jüngste, war so
+gesund, daß Frau Rebekka nach einer Weile ausrief: »Halt, mein Junge,
+du hast jetzt genug. Es wird kein Fresser geboren, es wird einer
+gemacht!«
+
+Adalbert wollte sich melancholisch zurückziehen, da sprach der Vater:
+»Laß doch den Jungen essen!« und trat seine Ansprüche an die
+Allgemeinheit ab.
+
+Und nach dem Essen – obwohl die Semper über das Abendbrot hinaus bis
+gegen Mitternacht zu arbeiten pflegten – warf Ludwig Semper Messer,
+Tabak und Rollklotz in die Ecke, holte den stark zerlesenen und
+vergilbten »Faust« vom Bücherbrett und las und warf das linke Bein
+über das rechte und bewegte die Lippen und lächelte. Und alle waren
+still, und Asmus wußte: Nun kommt eine heilige Stunde. Und wirklich,
+es währte nicht lange, da klang es durch den Raum:
+
+ »Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
+ Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
+ Dein Angesicht im Feuer zugewendet. –«
+
+– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
+
+In einem wunderlieben Dorfe, das sich jetzt zu einer großen, häßlichen
+Vorstadt Hamburgs ausgewachsen hat, damals aber noch im heitern
+Frieden seiner Kindheit lag, in einem Garten mit Rosen und Apfelbäumen
+fand Asmus die Schule, an der er hospitieren sollte. »Ich habe zuviel
+Glück,« dachte er, als er sie nach einstündiger Wanderung vor sich
+liegen sah. Gewöhnlich, wenn er solch ein stummes Dankgebet in den
+Himmel hinaufsandte, zog ihm gleich darauf das Glück etwas ab, als
+wenn es dächte: Der ist auch mit weniger zufrieden. Das erste nämlich,
+was er tun mußte, war: sich im Portal der Schule aufstellen und alle
+Schüler aufschreiben, die zu spät kamen. So hatte sich Asmus das
+Belauschen der Kindesseele nicht gedacht. Aber da es nun einmal sein
+Amt war, so notierte er gewissenhaft alles, was an Buben oder Mädchen
+den letzten Glockenschlag versäumte, obwohl es ihm bei den Mädchen
+mitunter schwer wurde. Anfangs empfand er wohl so etwas wie die Würde
+einer obrigkeitlichen Stellung, namentlich als ein Vater, der mit dem
+Schulgeld im Rückstande war, an ihn herantrat und bat, daß man noch
+ein wenig Geduld mit ihm haben möchte, und ihm heimlich ein paar
+Zigarren in die Hand drücken wollte. Asmus wich zwar ängstlich zurück
+und rief: »Darüber habe ich leider gar nichts zu sagen!« – aber als
+deutscher Jüngling fühlte er sich doch geschmeichelt, daß man ihn für
+eine Behörde hielt. Diese Reize indessen verflüchtigten sich schon
+nach wenigen Tagen. Dann kam eines Morgens ein blasses, frierendes,
+von Regen durchnäßtes Mägdelein, das weinte.
+
+»Warum weinst du?« fragte Asmus.
+
+»Ich konnte nicht eher kommen; mein Vater hat meine Mutter
+’rausgeschmissen.«
+
+»Warum das denn?«
+
+»Och, er is all wieder duhn (betrunken).«
+
+»So früh schon?«
+
+»Ja, er säuft immer ’rum.«
+
+Asmus erschrak. Gab es Kinder, die so über ihren Vater reden konnten?
+
+»Geh’ nur zu,« sagte er. Das war ja selbstverständlich, daß man die
+nicht aufschrieb. Er sah ihr nach und dachte daran, daß sie fror. Und
+dachte, wie er als Junge gefroren, wenn ihm der Wind unter die dünne
+Jacke fuhr.
+
+Von nun an fragte er öfter nach dem Grunde der Verspätung, und er
+notierte immer weniger. Und eines Tages sagte er sich: Entweder man
+muß alle aufschreiben oder keinen. Und nun ließ er alle vorbeilaufen
+und arbeitete an seiner ersten Ballade, die handelte von einem
+Fischer, der aufs Meer fuhr, um seinen Sohn zu retten, und der dann
+mit seinem Sohne ertrank. Das Schönste an dieser Ballade war eine
+Refrainstrophe, die mit den Zeilen schloß:
+
+ »Drunten klingt verworrner Klang,
+ Tönt es nicht wie Grabgesang?«
+
+Alles, was nach Grab und Unglück klang, das fand der glückliche Asmus
+jener Tage ohne weiteres schön.
+
+»Warum notieren Sie nicht die Zuspätkommenden?« fragte schließlich der
+Oberlehrer.
+
+»Ich mag das nicht,« sagte Asmus verlegen.
+
+»Ja, danach geht es nicht,« rief der Vorgesetzte. Aber bald darauf
+wurde die ganze Einrichtung aufgehoben, und der Posten des
+Kulturgendarmen wurde eingezogen.
+
+Der Oberlehrer schätzte den jungen Semper wegen anderer Fähigkeiten.
+Leider, dachte Asmus. Denn wenn die Wache am Portal vorüber war, mußte
+er im Amtszimmer des Schulleiters dickleibige Schülerregister anlegen
+und auf dem Laufenden halten, Schulgeldrechnungen schreiben, sie mit
+den Hebeprotokollen »kollationieren« und endlose Kolonnen von
+Schulgeldern addieren. Auch das führte den Begierigen nicht in die
+Tiefen der Kindesseele. Es waren fünf Präparanden da: zwei junge
+Mädchen und drei junge »Männer«, sie alle mußten Protokolle schreiben
+und Rechnungen addieren. Unter den jungen Herren war aber einer,
+dessen Handschrift man zunächst immer für hebräische Schriftzeichen
+hielt; erst nach und nach kam man dahinter, daß es die bekannten
+deutschen Buchstaben sein sollten. Da Claus Münz überdies ohne jedes
+Schamgefühl addierte, so wurde er schon nach drei Tagen in die Klassen
+zum Hospitieren geschickt. Asmus hingegen, weil er eine gute
+Handschrift hatte, seine Rechnungen sogar mit einem gewissen
+Schönheitsbedürfnis schrieb und es nicht über sich gewann, falsch zu
+addieren, Asmus durfte im Bureau sitzen bleiben. Ihm fielen die
+Verheißungen des Herrn Rösing, seines alten Lehrers ein, der jeden
+Morgen gesagt hatte: »Jungens, schafft euch ’ne schöne Handschrift an;
+wer ’ne schöne Handschrift hat, kommt überall fort!«
+
+Freilich: sein Schönheitsbedürfnis hatte auch schon in den ersten
+Tagen das Glück herausgefunden, das auch mit dieser Schreibstube
+wieder verbunden war, und dieses Glück war eine der Präparandinnen,
+die sehr hübsch war und noch obendrein brünett. Asmus schrieb und
+addierte den ganzen Morgen mit einer selig-schmerzlichen Spannung in
+der Brust, und der Schmerz kam daher, daß er sich sagte: Ich kann ja
+noch lange nicht heiraten. Und wenn ich heiraten kann, hat sie ein
+anderer geholt. Die andern beiden Jünglinge kokettierten in
+unschuldiger, aber fleißiger Weise mit den beiden Mädchen. Asmus
+dachte nicht daran, auch nur den Versuch zu wagen, weil er von seiner
+vollkommenen Tölpelhaftigkeit in dieser Hinsicht durchaus überzeugt
+war. Und eines Tages machte er dennoch den Versuch, zu imponieren. Das
+Zimmer war überheizt, wie alle Schreibstuben, und man klagte darüber.
+»Ja,« sagte Asmus, der nahe dem Ofen saß, »hier sitzt man wie die Sau
+am Spieß; denn er hatte das Gefühl, daß eine kraftvolle Ausdrucksweise
+den Mann verrate. Aber, o weh: die Damen fuhren wie wild mit den
+Köpfen in ihre Arbeit und kicherten, wie nur Backfische kichern
+können. Sie denken: das ist ein Bauerntölpel, sagte sich Asmus, und
+fühlte, daß er von den Haarwurzeln bis unter den Halskragen erröte.
+Und die männlichen Kollegen Asmussens, Herr Münz und Herr Morieux,
+betrachteten ihn mit überlegen-mitleidigen Blicken, als wollten sie
+sagen: Ist das ein ungebildeter Mensch. Aber als wenige Tage darauf
+von Rousseaus »Emile« die Rede war, da zeigte sich, daß nur Asmus
+wußte, was wirklich darin steht, und die Braune hielt ihre braunen
+Augen so lange auf ihn gerichtet, als wenn sie ihn heute zum ersten
+Male sehe.
+
+
+
+
+II. Kapitel.
+
+Wie Asmus im Vorhof der Pädagogik weilen durfte, wie er eine andere
+Religion bekam, auf den Spuren Aglaias wandelte und Herrn Rothgrün
+nicht hinaustrampeln wollte.
+
+
+Endlich, als einmal alle Rechnungen geschrieben waren und auch das
+letzte Protokoll »auf dem Laufenden« war, durften auch die übrigen
+Präparanden in die Klasse gehen und hospitieren. Welch’ ein Glück,
+dachte Asmus, und mit weihevollem Herzen ging er der erhofften
+Offenbarung entgegen. Aber zunächst kam er an einen Lehrer, der es
+liebte, die Kinder so still zu beschäftigen, daß sie ihn möglichst wenig
+belästigten, und der sich, während die Schüler schrieben und rechneten,
+mit dem jungen Semper über Gehalts- und Anstellungsverhältnisse, über
+seine Frau, über Bismarck, oder über den letzten Raubmord unterhielt.
+Das war ja nun recht unterhaltend und wenig anstrengend; aber es war
+nicht das, was Asmus gesucht hatte. Er kam zu einem andern Lehrer, der
+hatte das ganze Einmaleins auf Reime und Bilder gebracht: die Bilder
+hatte er auf die Wandtafel gezeichnet, und nun mußten die Kinder die
+zugehörigen Verse hersagen, z. B.:
+
+ 6×6 sind 36
+ In die große Schlackwurst beiß’ ich
+
+oder
+
+ 8×9 sind 72
+ Dieser Knabe übergibt sich,
+
+aber der gute Mann bedachte gar nicht, daß sich die Worte »beiß’ ich«
+ebensogut auf 32 wie auf 36 reimen, und wenn dann ein Schüler die
+falsche Zahl nannte, so schalt ihn der Lehrer in komischer
+Verwechslung einen Esel, zerriß sich vor Aufregung und ließ die
+kunstreichen Verse bis zum vollkommenen Stumpfsinn wiederholen.
+
+»Bei dem kann ich auch nichts lernen,« sagte Asmus zu jenem
+Mitpräparanden mit der hebräischen Handschrift, und dieser sah ihn ob
+solcher Anmaßung mit grenzenloser Verwunderung an.
+
+Und schließlich fand Asmus doch einen, der auf manchen stillen Wegen
+der Kindesseele heimisch war, der mit den Kindern in ihrer Sprache zu
+reden verstand und sie, wenn auch nicht immer, so doch manchmal, aus
+wirrer Dunkelheit den Weg zur Klarheit führen konnte. Er war kein
+hoher und starker Geist, dieser Mann; aber er war sein Lebenlang mit
+einem Fuß im Kinderlande stehen geblieben, und so verstand er
+unbewußt die Regungen der Kindesseele. Hier befiel nun den Hospitanten
+eine andere Not: er brannte vor Ungeduld, sich selbst vor den Kindern
+zu versuchen; ja, manchmal schien es ihm, als wisse er einen Ausweg,
+wenn der Lehrer in der Wirrnis des Kindergeistes stecken blieb. Aber
+er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als vor diesem Manne
+dergleichen laut werden zu lassen. Und alles Wippen von einem Fuß auf
+den andern, wenn er am Fenster stand und horchte und nicht einmal
+Finken und Apfelblüte seine Sinne nach außen zu locken vermochten,
+alle Ungeduld half ihm nichts; er mußte warten.
+
+Inzwischen feierte er jeden Nachmittag und jeden Abend hohe Feste. Er
+hatte ja in der Präparandenanstalt eines der herrlichsten Geschenke
+seines Lebens empfangen: da war ein Religionslehrer, der sagte nicht:
+Das muß man glauben, sonst ist man verdammt; der fragte überhaupt
+nicht, was man glaube; der trug Stunde für Stunde vor, was die
+Wissenschaft zu den Berichten der Bibel sagt. Gleich in der ersten
+Stunde, im Schöpfungsbericht, trennte er die Erzählung des Jehovisten
+von der des ersten Elohisten und von der des zweiten Elohisten, und
+vor den Augen des jungen Semper zerriß ein vieljähriger Nebel. Also
+hatte nicht Moses diese Dinge geschrieben, also war es nicht
+unfehlbares Gotteswort. Sie hatten ihn bedrückt wie eine dumpfe Last,
+hatten ihn gequält, geängstigt; aber er hatte keinen Ausweg gewußt.
+Mit einem Male gab ihm dieser Mann eine Waffe und ein Licht. Und mit
+solchem Licht und solcher Waffe durchwanderte der Mann die ganze
+Bibel, festen Schrittes und unablenkbar; was nur die menschliche
+Wissenschaft zur Bibel zu sagen wußte, das kannte er, und er trug es
+frei aus dem Kopfe vor. So fest hing Asmus an seinen Lippen, daß er
+kein Wort zu schreiben wagte, aus Furcht, es möchte ihm ein Wort des
+Redenden entgehen. Und sieh: wenn er am Abend daheim saß, dann konnte
+er den ganzen Vortrag von Anfang bis Ende niederschreiben; so fest
+hing alles mit ehernen Klammern zusammen.
+
+Ein merkwürdiger Mann, dieser Herr Stahmer. Er sprach außer seinen
+Vorträgen kaum ein Wort zu seinen Schülern; er verlängerte fast jede
+Stunde um die ganze folgende Erholungspause – ein Ding, das Schüler
+nicht lieben – er verlangte viel und verschonte weder Trägheit noch
+Dummheit. Aber er bedurfte keiner Disziplinarmittel. Von diesen jungen
+Leuten, unter denen manch ein dreister Gelbschnabel war, hätte nicht
+einer ein unehrerbietiges Wort gegen ihn gewagt; instinktiv verehrten
+sie in ihm das lautere Gefäß einer großen Kraft. Während zweier Jahre
+brauchte er wohl nie die Worte »Wahrheit« und »Gerechtigkeit«, und
+doch war das die stumme Lehre seines ganzen Wirkens: Wer Wissenschaft
+will, der muß wahrhaftig und gerecht sein, und wenn es das Leben
+gilt. Kein Gottesdienst hatte je das Herz des Asmus erhoben wie
+dieser.
+
+Leider gab es davon nur zwei Stunden die Woche. In seiner Dorfschule
+waren es wöchentlichen sieben bis acht Stunden gewesen. Und welchen
+Erfolg hatten die gehabt? Mit einem leidenschaftlichen Haß gegen diese
+sogenannte »Religion« hatte er die Schule verlassen. In dieser Schule
+hatte die »Religion« die ganze Naturgeschichte aufgefressen. Ein
+einziges Mal hatte Herr Cremer von den Giftpflanzen gesprochen und
+Bilder dazu gezeigt, nicht etwa die Pflanzen selbst, und ein andres
+Mal hatte ein anderer Lehrer ganz unmotiviert die Feigwurz behandelt.
+Die Giftpflanzen und #Ranunculus ficaria# – das war die
+Naturgeschichte, mit der Asmus Semper, ein Kind der darwinischen Zeit,
+das Präparandeum bezog. Aber da stapfte nun zweimal wöchentlich mit
+drolligen Koboldschritten der naturselige »Papa Hamann« herein; er
+schleppte jedesmal eine Botanisierdose, die so groß war wie er selbst,
+und sein Gesicht glänzte wie ein Pfannkuchen, wenn er mit anstoßender
+Zunge sagte: »Heute meine Herren, hab’ ich Ihnen etwath[1] ganth
+Bethondereth mitgebracht!«
+
+ [Fußnote 1: th sprich wie das englische #th#.]
+
+Und dann kramte er aus mit dem Gesicht eines Vaters, der seine Kinder
+zur Weihnacht überrascht, und Asmus hörte zum erstenmal vom Bau und
+vom Leben der Pflanze, und wenn man ihn sah, so konnte man glauben, er
+wolle die Pflanzen im wörtlichsten Sinne verschlingen, so versessen
+war er auf dies neue Erkennen. Freilich blieb die Wissenschaft des
+guten Papas einigermaßen an der Oberfläche; er sprach allerlei vom
+Chlorophyll; aber was es für eine Bedeutung habe, wußte er eigentlich
+selbst nicht. Für den ausgehungerten Geist des kleinen Semper aber war
+alles, was er ihm bot, Gewinn, und überdies war die Lehrweise des
+Alten so väterlich und fröhlich und mit so wundervollen Redeblumen
+geschmückt!
+
+»Eth mag wohl funfthehn Jahre thein,« sagte Papa Hamann zum Beispiel,
+»dath ich dath Vergnügen hatte, den Schwanth eineth Walfischeth von
+Angethicht zu Angethicht zu thehen!«
+
+Oder wenn er zu den Damen von den Pflanzen einer bestimmten Familie
+sprach, so sagte er:
+
+»Einige von ihnen, meine Damen, thind ganth reitthende Pfläntthchen;
+andere dagegen thind häthlich und widerlich!«
+
+Und darin hatte er recht, einige von diesen Präparandinnen, die in
+einer anstoßenden Straße unterrichtet wurden, waren wirklich ganz
+reizende Pflänzchen, und Asmus und ein paar Bürschchen mit ihm ließen
+es sich nicht nehmen, dreien von ihnen, die auf gleichem Wege
+heimwärts wandelten, an laulichen Abenden in respektvoller Entfernung
+zu folgen und sich ihnen durch lautgesprochene Galanterien und
+wundervolle Witze bemerklich zu machen. Bald schon taufte Asmus die
+drei auf die Namen Aglaia, Euphrosyne und Thalia, und die eine von
+ihnen – es war Aglaia – verehrte Asmus viele Monde hindurch, ohne
+jemals ihre Vorderseite gesehen zu haben. Aber sie hatte einen
+anmutsvollen Gang, und ein schöner Gang griff Asmussen ans Herz.
+
+Auf andern Wegen schwärmten andre Herzen, und nach den drei Grazien zu
+urteilen, schien den jungen Damen der schüchterne Kultus der Jünglinge
+durchaus nicht zu mißfallen; sie verfielen wenigstens aus einer
+zeitweiligen entrüsteten Gangart immer wieder in Kichern, Lachen und
+träumendes Hinschlendern; aber sei es nun, daß irgendwo ein Jüngling
+dem Drange seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, daß sich
+unter den verfolgten Unschulden ein strenges oder ein eifersüchtiges
+Herz befand – eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor ein,
+und dieser Mann hatte aus seinem heimischen Preußen und aus dem
+französischen Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, einige
+üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt eine donnernde Standrede und
+nannte die ritterlichen Präparanden »grüne Jungen«. Man war sich
+sofort darüber einig, daß man sich das mit fünfzehn bis sechzehn
+Jahren nicht mehr bieten lassen könne und daß der einmütige Austritt
+aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort auf diese Roheit sei.
+Am folgenden Tage dachte man milder über die Sache; man bedurfte ja
+der Einwilligung der Eltern zum Austritt, und man hielt es im stillen
+für möglich, daß die Eltern sich von der Auffassung des Direktors
+nicht wesentlich entfernen möchten. Am dritten Tage endlich beschloß
+man, die unqualifizierbare Äußerung des Direktors auf dessen
+preußische Unbildung zurückzuführen und ihn zu verachten.
+
+Nur ein pathetisches Herz vermochte sich nicht zu bezwingen. Der
+Träger dieses Herzens war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die
+Wandtafel einen Pfahl, der einen preußischen Adler trug, und dazu eine
+Kanone, die sich gegen das flügelspreizende Wappentier entlud. Der
+Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich lächelnd den schwarzweißen
+Stachelbart, tickte dann mit den Fingern auf den Adler und sagte zur
+Klasse: »Da können Se lange schießen, bis Se den runterkriegen ...«
+und wandte sich seinen Geschäften zu.
+
+Und als diese erledigt waren, trat in breiter Aufmachung Herr
+Rothgrün, der Lehrer der Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgrün
+auftrat, so sah das immer aus wie: Jetzt beginnt eine neue Epoche der
+Wissenschaft. Und Herr Rothgrün begann, Geschichtszahlen zu
+repetieren. Er nannte das Ereignis, und der Schüler mußte die Zahl
+nennen:
+
+»Amenemha III.?«
+
+»2200.«
+
+»Vertreibung der Hyksos?«
+
+»1580.«
+
+»Durch wen?«
+
+»Durch Thutmosis.«
+
+»Amenophis?«
+
+»1500.«
+
+Oder Herr Rothgrün nannte die Zahl und der Schüler das geschichtliche
+Faktum, was genau ebenso bildend und interessant war. So ging es die
+ganze Stunde hindurch; denn fortfahren in der Geschichte konnte Herr
+Rothgrün nicht, weil er heute nichts wußte.
+
+»Er war wieder mal nicht präpariert,« sagten die Präparanden, als er
+fort war.
+
+In der nächsten Geschichtsstunde begann Herr Rothgrün nach
+effektvollem Eintritt und imperatorenhafter Besteigung des Katheders
+von neuem:
+
+»Phul?«
+
+»770.«
+
+»Tiglat Pilesar?«
+
+»740.«
+
+Und so fort über Ägypter, Phönizier, Israeliten, Meder, Perser,
+Griechen und Römer bis zu den Franken und Merowingern. Wer die Zahl
+wußte, war gescheit, wer sie nicht wußte, dumm.
+
+Als auch diese Stunde der Pein vorüber war, ward es abgemacht: Wenn er
+die nächste Stunde wieder Zahlen büffelt, dann trampeln wir. Aber
+keiner darf sich melden! Man kannte Herrn Rothgrün schon als einen
+langatmigen Hasser, der sich auch bei den spätesten Examinibus derer
+erinnerte, die ihm einmal mißfallen hatten. Asmus und einige andere
+waren gegen dieses heimliche Verfahren. Das sei »unmännlich«. Man
+solle eine Abordnung zu Herrn Rothgrün schicken und sich über seinen
+Unterricht beschweren.
+
+»Ja, willst _du_ das tun?« riefen einige höhnend.
+
+»Ich gehe mit,« sagte Asmus. Aber die andern wollten nicht, und da
+sagte Asmus: »Allein will ich auch nicht.«
+
+»Semper will artig Kind spielen,« spottete einer.
+
+»Du bist ein Esel!« rief Asmus. »Trampeln tu ich nicht. Aber die
+Folgen trage ich natürlich mit.«
+
+
+
+
+III. Kapitel.
+
+Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit und wie
+sie die Dinge der lebendigen Welt sahen, und wie er darum mit diesen
+Augen zum Arzt mußte.
+
+
+Die nächste Geschichtsstunde erschien, und Herr Rothgrün begann:
+»Tiglat Pilesar?«
+
+»740,« sagte der Gefragte, und dann ging ein Trampeln durch die
+Klasse, das wie grollender Donner klang.
+
+Herr Rothgrün wurde weiß.
+
+»Was soll das?« rief er.
+
+Keine Antwort.
+
+»Was soll das heißen?«
+
+Eisiges Schweigen.
+
+»Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen und zu sagen, was
+das bedeuten soll?« schrie der Lehrer.
+
+Niemand rührte sich.
+
+»Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Herrn Direktor Korn zu
+melden, daß ich durch ein unerklärliches Geräusch im Unterricht
+gestört worden bin.«
+
+Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor keine Meldung; denn er
+wußte wohl, daß der einen sehr direkten Schluß auf seinen Unterricht
+ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze: »Unterrichtet nur
+gut; dann kommt der Respekt der Schüler von selbst.« Auch erklärte
+sich Herr Rothgrün das »unerklärliche Geräusch« sehr schnell und
+richtig; er begann sofort zu erzählen; diesmal erzählte er freilich
+noch mangelhaft, weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen
+beherrschte, aber von der nächsten Stunde an vorzüglich; denn wenn er
+wollte, so konnte er’s vielleicht am besten von allen Lehrern der
+Anstalt.
+
+Geschichte hören oder Geschichte lesen, das gab Asmus immer besondere
+Freuden. Nicht, daß er an die Geschichte geglaubt hätte, – er glaubte
+die profane Geschichte so wenig wie die biblische. Aus seiner
+»Faust«-Lektüre wußte er sehr wohl:
+
+ »Die Zeiten der Vergangenheit
+ Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
+ Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
+ Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
+ Darin die Zeiten sich bespiegeln.«
+
+und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um wirklich zu wissen, mußte
+man von all den Fürsten, Feldherren und Priestern, mußte man vor allem
+von der Menge des Volkes wissen, was sie bei ihren Handlungen dachten,
+fühlten, beabsichtigten und wünschten, und davon hörte man so gut wie
+nichts. Kaum daß einmal durch einen glücklichen Zufall ein Lichtschein
+in diese ewig versunkene Welt fiel, wie ein Sonnenstrahl in eine
+Kammer einer verschütteten Stadt. Und die Menschen der Geschichte
+waren ihm wie die Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die
+menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen erkennen lassen. Daß
+man aus der Geschichte etwas lernen könne, das glaubte er nicht. Aber
+lange Zeitläufte der Geschichte formten sich ihm zu riesigen Bildern
+von wunderbarer Gewalt, und in diese Bilder versank er mit
+aufgerissenen Augen und horchender Seele, wenn er hörte und las. Er
+sah ein Jahrhundert, da stille Mönche in stiller Zelle saßen und vom
+Virgil oder Cassiodor den Blick erhoben und durchs Fenster voll
+gläubiger Hoffnung schauten über weites, unbesiedeltes deutsches Land,
+indessen andere, das Kreuz in der Hand, durch unerforschte Wälder
+schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein oder eine Kapelle
+errichteten. Er sah ein Jahrhundert voll Weihrauch und Meßgewänder, da
+königliche Väter büßend vor unnatürlichen Söhnen knieten und lange
+Sündenregister, vom Priester singenden Tones verlesen, bekannten, und
+das ganze neunte Jahrhundert ward ihm zum »Lügenfeld«. Dann gab es
+eine lange Zeit, deren Angesicht in die bunte Glut des Ostens schaute
+und blinkende Ritter und düstere Mönche, Männer und Weiber, Greise und
+Kinder in jahrhundertelangen Zügen nach den ewigen Spuren des
+Nazareners wandern sah. Das ernste Jahrhundert des Wittenberger
+Mönches baute sich ihm auf mit den strengen und nüchternen Säulen
+eines lutherischen Gotteshauses, aus dem die streitbaren
+Glaubensgesänge hinausklangen in einen grauen und feuchten
+Novembertag; dann kam ein Jahrhundert, das lag verborgen unter den
+Brand- und Blutwolken eines endlosen Krieges, und so nah zogen die
+Wolken über den Erdboden dahin, daß die Menschen nur gebückt
+dahinschlichen. Aber das achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz
+aller Kriege und aller großen Revolution wie eine friedsame Stadt mit
+winkelig-sauberen Gäßchen, wo aus schnurrig gegiebelten Häusern
+Gelehrte mit Zöpfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam über die
+Straße schritten zum Nachbar von drüben, um mit ihm über die Schriften
+Voltaires oder über das neueste Werk des erstaunlichen Königsberger
+Professors zu streiten.
+
+So hörte, so sah er die Geschichtserzählungen des Herrn Rothgrün. Aber
+dann mußte dieser Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten werden,
+und die Vertretung übernahm Herr Stahmer, der Religionslehrer. Und
+wieder empfing Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer behandelte während
+eines ganzen Semesters einen Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte
+die Geschichte bis in die Kabinette von Wien, Berlin und Petersburg
+hinein und erzählte so ziemlich alles, was man über die zehn Jahre
+wußte. Und mit einem Male ward dem Jüngling die Geschichte zur
+Wissenschaft. Die rohe, unverdauliche Masse der Tatsachen, wie sie
+Herr Rothgrün und wie sie die üblichen Lehrbücher aufhäuften,
+absonderlich die Großtaten der Kriegesfürsten, die mit dem Schwerte
+die Welt durchzogen, waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig und
+langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male ahnte er etwas von
+geschichtlichen Zusammenhängen. Bei Herrn Stahmer sah er keine
+visionären Bilder; aber er sah das Leben, und eine andere, neue Freude
+wärmte ihm das Herz. Wieder verschlang er jedes Wort, fast eh’ es der
+Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des Abends im stillen Hause mit
+fliegender Feder zwanzig, dreißig Quartseiten voll, und wohl zehnmal
+mußte ihm sein Vater mit milde mahnendem Finger auf die Schulter
+tupfen, er möge sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer sagte sich
+Asmus: In der Geschichte muß man alles wissen, sonst weiß man nichts.
+Und etwas Größeres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar nichts; aber
+_eine_ Sache _ganz wissen_, das ist Aufklärung, Befreiung. Dann wird
+Wissen zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, die uns umgeben,
+ein Guckloch nach der Außenwelt. Als er später in der »Systematischen
+Pädagogik« das »#non multa sed multum#« bis zum Ekel wiederkäuen
+mußte, da begriff er nicht, warum man dies Wort immer wiederholte und
+niemals befolgte.
+
+Das und manches andere im heiligen Tempel des Präparandeums war nun
+wohl gut und schön; aber es gab auch gefürchtete Stunden, und die
+gefürchtetsten waren die Zeichenstunden, die in einer weit entlegenen
+Gewerbeschule genommen werden mußten. Sie waren so schlecht, daß sie
+sogar den Charakter verdarben.
+
+Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! Von früher Kindheit an
+hatte er gezeichnet, und in den Berg- und Waldlandschaften, die er
+kopiert hatte, hatte er ein frommes und seliges Leben gelebt. Selbst
+der kümmerliche Zeichenunterricht seiner Dorfschule hatte ihm noch
+Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male in dem riesigen Zeichensaal,
+der so viel mit der Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines
+Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da setzte ihm Herr Semmelhaack
+ein dreiseitiges Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig den
+Holzklotz und wartete die Wiederkunft des Lehrers ab.
+
+Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine Seitenfläche. (Bis
+dahin hatte es auf einer Grundfläche gestanden.)
+
+Asmus zeichnete den Klotz in der neuen Stellung und erwartete den
+Lehrer.
+
+Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine andere
+Seitenfläche.
+
+Asmus dachte: Aller Anfang ist öde, und zeichnete den Klotz zum
+dritten Male.
+
+Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung einiges auszusetzen und legte
+dann den Klotz auf die große Seitenfläche.
+
+Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind bitter; aber ihre Früchte
+sind süß, und porträtierte das interessante Holz zum vierten Male.
+
+Jetzt bin ich mit dem verdammten Klotz durch, dachte Asmus; da kam der
+Lehrer und stellte das Prisma etwas nach rechts.
+
+Asmus richtete einen langen Blick auf Herrn Semmelhaack und zeichnete
+dann das rechtsstehende Prisma.
+
+Danach kam Herr Semmelhaack und stellte der Abwechslung wegen das
+Prisma etwas nach links.
+
+#Per aspera ad astra#, dachte Semper und machte auch das.
+
+Hierauf nahm der »Lehrer« das Prisma und stellte es Sempern wieder
+gerade vor die Nase, aber »über Eck«, so daß man drei Flächen auf
+einmal sah.
+
+»Es ist allerdings etwas Anderes und Neues,« sagte sich Asmus,
+betrachtete Herrn Semmelhaack mit einem noch viel längeren Blick und
+machte sich wieder an seinen vertrauten Klotz.
+
+In verzweifelten Momenten schaute Asmus sich sehnenden Blickes um; es
+gab überall nur Holz und Gips. Der größte Künstler unter den Schülern
+zeichnete einen pompösen Blumenstrauß – von Gips. In der ganzen
+Anstalt, soweit er hineinblicken konnte, sah er kein lebendiges,
+erfreuendes Objekt.
+
+Er traute seinen Augen nicht, als Herr Semmelhaack eines Tages das
+dreiseitige Prisma wegnahm und einen neuen Klotz brachte. Dieser Klotz
+bestand aus zwei vierseitigen Prismen, die im rechten Winkel aneinander
+saßen. O, damit konnte man nun die tollsten und interessantesten, die
+bizarrsten und perversesten Dinge vornehmen; bis zum jüngsten Gericht
+konnte man das immer anders aufstellen. Als Asmus bei der siebenten
+Stellung war, da lag der Winkelklotz da wie eine Sphinx, die ihre Arme
+breit über die ganze lange Bank legte, den Kopf in die Hände stützte und
+ihn anglotzte und angähnte, und dann sagte die Sphinx, indem sie immer
+zwischen zwei Worten gähnte: »Ich kann – dreihundertfünfundneunzig
+Millionen – Stellungen – einnehmen – huu – ja.«
+
+»Das hält kein Nilpferd aus,« antwortete Asmus.
+
+»Sagten Sie etwas?« fragte Herr Semmelhaack.
+
+»Ja. Ich kann nicht mehr zeichnen. Ich habe Augenschmerzen.«
+
+Zum nächsten Unterricht ging er überhaupt nicht; er entschuldigte sich
+mit Augenschmerzen.
+
+Das ging nun wohl einmal, ging auch zweimal; dann aber sagte Herr
+Tönnings mit dem steifen Halskragen: »Ja, dann müssen Sie ein
+ärztliches Attest beibringen.«
+
+Also mußte Asmus zum Vertrauensarzt der Schulbehörde.
+
+
+
+
+IV. Kapitel.
+
+Asmus befreit sich aus einem Hungerturm und studiert in einem
+Taubenschlag.
+
+
+Von allen Qualen des Lebens hielt Asmus zwei für die unerträglichsten:
+Zahnschmerzen und Langeweile. Lieber als in dieser Kunstkaserne
+wöchentlich zwei Stunden, das heißt zwei Jahrhunderte an einen Klotz
+geschmiedet zu sein, lieber wollte er ein schlechter Mensch werden.
+Und so rieb er sich im Vorzimmer des Arztes tüchtig die Augen und
+kniff sie ein Dutzend Mal zusammen.
+
+»Die Augen tränen,« sagte der Arzt, und er schrieb ein Attest, daß der
+Patient wegen tränender Augen sechs Wochen lang nicht zeichnen dürfe.
+
+Asmus barg das kostbare Blatt sorgfältig wie eine Banknote in der
+Tasche, fühlte unterwegs mehrmals nach, ob er’s auch noch habe, und
+überreichte es frohen, tränenlosen Blickes Herrn Tönnings.
+
+Herr Tönnings vertrat mit Recht die exaktesten Wissenschaften. Man
+weiß, wie es zugeht, wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes
+Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder saust die Ramme herab,
+immer wieder, hundertmal, tausendmal, stundenlang, tagelang. So
+unterrichtete Herr Tönnings: immer wieder auf denselben Pfahl, immer
+wieder drauf. Dann aber saß er auch für die Ewigkeit, und man konnte
+ein Haus drauf bauen. Was man bei ihm gelernt hatte, vergaß man
+niemals wieder. Aber leider vergaß er ebensowenig. Und also sprach
+genau nach sechs Wochen Herr Tönnings, der niemals Lächelnde: »Ihr
+Attest ist abgelaufen.«
+
+Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und rieb rechtzeitig seine Augen.
+
+»Die Augen tränen noch immer,« konstatierte der Arzt sehr richtig und
+dispensierte den Kranken »bis auf weiteres« vom Zeichenunterricht.
+
+»Ja, damit müssen Sie wohl zum Direktor gehen,« sagte Herr Tönnings.
+
+Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er los: »Das jibt’s nicht.
+Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben!« Er durchbohrte Asmus mehrere Male
+mit Blicken und wartete, ob er etwas sagen werde. Aber Asmus wußte
+schon Bescheid: er sagte nichts. »’n Lehrer, der nicht sehen kann,
+können wir nicht brauchen!« schrie Herr Direktor Korn, durchbohrte mit
+seinen glitzernden Brillenaugen den jungen Semper noch ein paar Mal
+und wartete auf eine Erwiderung. Aber der sagte nichts. Es war in der
+Anstalt alte Überlieferung: man muß ihn ein paar Minuten kochen
+lassen, dann wird er genießbar. »Dann müssen Sie die Anstalt
+verlassen!« stieß der Direktor hervor, kratzte sich hörbar seine
+silbernen Bartstacheln und durchbohrte Sempern noch drei- bis viermal.
+Semper sagte nichts. »Wie heißen Sie noch?« Direktor Korn warf einen
+Blick ins Attest. »Semper?«
+
+»Jawohl, Herr Direktor!«
+
+»Waren Sie das nicht, der neulich den ‘Erlkönig’ vortrug, als ich
+hospitierte?«
+
+»Jawohl, Herr Direktor!«
+
+»Na. – Das war jut. – Kennen Sie denn sonst noch was von Joethe?«
+
+Asmus wurde lebendig. Er begann aufzuzählen.
+
+»Na, das ist ja so ziemlich alles. Haben Sie denn auch alles
+verstanden?«
+
+»Das – wohl kaum!«
+
+»Welche Dichter haben Sie denn noch jelesen?«
+
+Asmus nannte eine lange Reihe.
+
+»Haben Sie Jean Paul jelesen?« Doktor Korn hatte ein ganz sonniges
+Gesicht bekommen. Das war sein Liebling.
+
+Asmus nannte ein paar Romane Jean Pauls.
+
+»Na, Sie haben ja ’ne janze Masse jelesen. Dabei haben S’ sich wohl
+die Augen verdorben?«
+
+»Die Augen?« wollte Asmus schon verwundert fragen; da fiel sein Blick
+noch rechtzeitig auf das Attest. Er blieb stumm und errötete tief; so
+viel Freundlichkeit konnte er nicht mit offenen Augen anlügen.
+
+»’s is jut. Sie können jehen,« sagte der Herr Direktor. Und Asmus
+betrat das Holzmagazin niemals wieder. Der Direktor mochte eine Ahnung
+haben von den Schrecken jenes Hungerturms, wo der Geist an einen Klotz
+geschmiedet und mit Gips ernährt wurde.
+
+Viktoria! Nun konnte er wöchentlich noch zwei Stunden länger in
+seinem Arbeitszimmer sitzen und sich immer tiefer in den Kuchenberg
+des Weltalls hineinessen. Ja, das Weltall war ein Kuchenberg,
+nahrhaft und süß, und das Leben ein Schlaraffenland und sein
+Arbeitszimmer eine heilige Halle, obwohl es eigentlich kein Zimmer,
+sondern ein Tisch mit zwei Beinen war, den man mit der einen Seite
+an die Wand genagelt hatte. Dieser Tisch stand in der allgemeinen
+Arbeitsstube, wo der Tabak zubereitet und die Zigarren gemacht
+wurden; denn im Winter durfte der Sparsamkeit halber nur ein Raum
+geheizt werden, und als der Sommer kam, war es Asmussen eine liebe
+Gewohnheit geworden, unter den schwatzenden, lachenden und sich
+streitenden Arbeitern seine Quadratwurzeln auszuziehen, Vokabeln zu
+lernen und Aufsätze zu schreiben. In diesem bescheidenen Raume saßen
+Ludwig Semper, der Vater, Johannes, sein Sohn und Gehilfe, zwei
+andere Gehilfen, ein Tabakzurichter, gewöhnlich auch Rebekka, die
+Mutter, beim Tabak helfend oder mit einer häuslichen Verrichtung
+beschäftigt, und endlich der Präparand Semper. Das war der
+Personenstand in ruhigen Zeiten. Aber das Arbeitszimmer der Semper
+war ein Taubenschlag, wo es von seltsamem Geflügel immer aus- und
+einflog. Da kamen sozialdemokratische Parteihäupter, die mit
+Johannes Semper wichtige Dinge von aufgelösten und anzumeldenden
+Versammlungen zu beraten hatten. Da kam der Kontrolleur des
+Fabrikanten, der nachschauen mußte, ob die Zigarren gut und nicht zu
+schwer gemacht würden, ein ernster, steifer Mann, der aber jedesmal
+warm wurde, wenn Ludwig Semper mit ihm vom Theater sprach, und der
+diesem angelegentlichst empfahl, er möchte sich doch einmal den
+»Lohengrin« anhören. Ludwig Semper faßte denn auch um diese Zeit zum
+ersten Male den Entschluß, in den »Lohengrin« zu gehen.
+
+Da kam schrecklicherweise auch der Barbier Ludwig Sempers, der drei
+Minuten rasierte und dann zwei Stunden schwatzte; er glich in Miene
+und Gestalt, in seiner Stimme und seiner Schwatzhaftigkeit einem alten
+Weibe; nur seine Hand und sein Messer lasteten schwer auf der Wange
+seiner Opfer wie die Keule des Herkules.
+
+»Ein schrecklicher Zwirnbeutel,« sagte Ludwig Semper, wenn er gegangen
+war, und das war ein treffender Vergleich. Wie man aus dem Nähbeutel
+einer unordentlichen alten Dame, in dem sich die Garnknäuel vieler
+Generationen verwirrt und verfitzt haben, nur nach stundenlanger Mühe
+einen Faden hervorholt, so holte er aus seinem Erinnerungssack seine
+zwirndünnen Geschichten hervor; jede auftretende Person verfolgte er
+bis in ihre entferntesten Verwandtschaften; er entwickelte die
+Genealogien der unbekanntesten Milchleute und der gleichgültigsten
+Grünwarenhändler.
+
+»Und geschnitten hat er mich auch wieder,« pflegte Ludwig nach solchen
+Besuchen zu sagen.
+
+»Ja, mein Gott,« rief Frau Rebekka erregt, »warum schaffst du ihn denn
+nicht ab!«
+
+»Ach, das mag ich nicht,« sagte Ludwig lächelnd, »er schneidet mich
+nun schon so viele Jahre.«
+
+Nicht der Geringste aber von allen, die da kamen, war Heinrich
+Moldenhuber, genannt der »Wolkenschieber«, weil er lieber Wolken schob
+als Zigarren machte und lieber hoch oben auf der Galerie des
+Stadttheaters saß als in der Tabakstube. Wie ein Komet schoß er von
+Zeit zu Zeit in die Arbeitsstube der Semper, und in der Tat, für Asmus
+war dieser Mann wie ein Stern der Kinderzeit; er erinnerte ihn an
+manche Feierstunde voll Gedanken und Träume, und jedesmal mußte er
+nach den hinteren Rocktaschen des Wolkenschiebers blicken, aus denen
+er einmal einen Apfel und ein Bilderbuch hatte hervorholen dürfen.
+
+Aber wenn er wollte, so konnte er auch im zehnten Teil einer Sekunde
+eine hundert Fuß dicke und tausend Fuß hohe Mauer um sich aufrichten,
+durch die kein Ton und Bild der Kommenden und Gehenden, der
+Plappernden und Klappernden hindurchdrang. Wenn er wollte, so konnte
+er jeden Augenblick allein sein, ganz allein, wie in einem Grabe.
+
+Aber wahrlich nicht wie in einem Grabe war es in dieser Stille. Es war
+wie in einer wuchernden Waldwildnis voll wirren Gezweigs, voll Blätter
+und Blumen, voll Duft und tropfenden Lichts, voll jenes ewigen
+Summens, das aus dem inneren Getriebe der Welt zu kommen scheint. Wie
+er sich als Knabe in das innerste Dickicht eines Gehölzes verkrochen
+und dort stundenlang gehockt und nur geschaut und gehorcht hatte, als
+müss’ er eines Tages etwas vernehmen wie den _Atem der Welt_, so
+konnte er sich in die innerste Einsamkeit seiner Seele zurückziehen
+und selig sein. Aber freilich: schöner noch als am Alltag war es am
+Sonntag, wenn die Arbeit der andern ruhte und nur sein Vater,
+schweigend und nimmermüde, den Tabak für die kommende Woche
+vorbereitete. Dann war Sonntag außen und innen, Sonntag lag in allen
+Büchern, wo man sie auch aufschlug, selbst die Logarithmen hatten
+Sonntag, und, wenn er’s auch gar nicht sah, Asmus wußt’ es immer, wann
+die warmen Augen seines Vaters auf ihm ruhten, und er war glücklich
+unter dem Glanz dieser Sterne.
+
+
+
+
+V. Kapitel.
+
+Ob der Mensch schlafen muß oder nicht. Von stummer Liebe und von
+stygischen Gewässern.
+
+
+Der Präparand hatte ein kindliches Vergnügen daran, wenn die Bücher
+sich neben ihm aufhäuften. An Faust mußte er denken, der hatte auch
+»über Büchern und Papier« gesessen. Faust hatte alle Fakultäten
+durchstudiert und sagte dann, er sei so klug als wie zuvor. Aber das
+war im 16. Jahrhundert! Jetzt war die Sache schon anders. Asmus wollte
+auch alles studieren, alles! Und dann wollte er doch sehen! Er wollt’
+es schon herausbekommen,
+
+ »was die Welt
+ Im Innersten zusammenhält«!
+
+Und er konnte dem Famulus eigentlich nicht so unwirsch begegnen, wie
+es Faust tat. Freilich:
+
+ »Man sieht sich bald an Wald und Feldern satt;
+ Des Vogels Fittig werd’ ich nie beneiden«
+
+das war natürlich Torheit, oder, wie Asmus in jugendlicher Kraft
+sagte: »Blödsinn«; aber was dann folgte, das war doch wahr und schön!
+
+ »Wie anders tragen uns des Geistes Freuden
+ Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
+ Da werden Winternächte hold und schön,
+ Ein selig Leben wärmet alle Glieder –«
+
+Ja, ja, ja, so war es, da hatte der »trockne Schleicher« dennoch
+recht! Und zuweilen fragte sich Asmus, ob es nicht das schönste Leben
+wäre, immer am Tische zu sitzen, links Bücher und rechts Bücher, vor
+sich Bücher und hinter sich Bücher, und gar nicht wieder aufzustehen
+und niemals schlafen zu gehen. Wenn Ludwig Semper ihm mit leisem
+Finger auf die Schulter klopfte und sagte: »Du mußt zu Bett gehen,«
+dann fragte sich Asmus immer: »Warum geht man eigentlich schlafen? Ich
+werde noch einmal beweisen, daß man überhaupt nicht zu schlafen
+braucht.«
+
+Er hatte den Gang und die Haltung seines Vaters geerbt; sein Vater
+aber ging mit großen Schritten und mit gesenktem Kopf.
+
+»Jung’, geh’ doch grade!« rief seine Mutter; »grad auf wie ich, sagte
+der schiefe Tanzmeister,« so rief sie viele hundert Male, und dann
+richtete Asmus den Kopf empor und trug ihn über eine Minute lang hoch in
+den Lüften; dann aber sank er langsam, langsam wieder hinab, dem Tal der
+Träume zu.
+
+Wer aber nun gefürchtet hätte, daß Asmus Semper ein Bücherwurm und
+Stubenhocker werden könnte, der würde doch nur den vierten Teil seines
+Wesens gekannt haben. Wie er als Knabe zu seinen Einkaufgängen immer
+mehr Zeit gebraucht hatte, als der Weg eigentlich erforderte, so fand
+er noch immer auf seinen Schul- und Heimwegen an diesem wunderbaren,
+ewig sich wandelnden Panorama der Welt ein unermeßliches Vergnügen. Da
+war zum Beispiel ein hübsches Mädchen, das ihm jeden Morgen begegnete.
+Sie war sehr einfach, aber ordentlich gekleidet und schien eine etwas
+bessere Stellung in einer Fabrik zu haben. Eines Morgens trafen sich
+ihre Blicke. Und von da ab traf es sich jeden Morgen, daß sie ihm in
+die Augen sah und er ihr. Das traf sich wohl monatelang so. Zuletzt
+fanden sich ihre Blicke schon ganz von weitem, auf zwanzig Schritte,
+und blieben so lange ineinander haften, bis die beiden Morgenwanderer
+aneinander vorbei waren. Und eines Morgens – war es möglich? war es
+denkbar? – eines Morgens schien sie leise zu nicken. Asmus griff an
+den Hut; aber weil er so verwirrt war, tat er es erst, als sie schon
+vorüber war. Dann fragte er sich auch, ob es nicht eine kolossale
+Dreistigkeit wäre, sie zu grüßen. Aber am nächsten Morgen nickte sie
+schon ganz deutlich, und tief zog Asmus den Hut, als wäre sie die
+Königin Semiramis. Und nach und nach nickte sie immer deutlicher und
+lächelte dabei, und Asmus zog den Hut und lächelte ebenfalls. Er mußte
+an Don Juan denken, der auch mit allen Mädchen angebunden hatte. Als
+aber nun die Semper auf Frau Rebekkas Betreiben wieder einmal
+umgezogen waren und Asmus einen andern Weg zur Schule nehmen mußte,
+da hörten die Begegnungen auf. Es wußte wohl keiner vom andern, wer er
+sei, und ob ihm ein Glück vorübergegangen oder ein Unglück. Langsam,
+wie der Regenbogen aus dem Grau hervorgetreten war, ward er wieder
+aufgesogen vom Grau.
+
+Er ging durch manche graue Straße und manchen grauen Tag; denn der
+Himmel Hamburgs verhüllt sich oft wochenlang. Aber immer war er
+erstaunt, wenn er die andern seufzen hörte: »Nun haben wir in drei
+Wochen die Sonne nicht gesehen!« Brauchte man denn die Sonne? Gewiß,
+wenn sie am Himmel stand, dann war die Welt über alles Begreifen
+schön; aber konnte man nicht auch ohne Sonne fröhlich, glücklich und
+begeistert sein? »Drei Wochen keine Sonne?« fragte er ungläubig. Er
+hatte sie nicht vermißt. Ihm war es, als wäre eben noch Sonnenschein
+gewesen. Unter seiner Hirnschale wölbte sich ein ewig heiterer Himmel.
+Aber merkwürdigerweise sah man ihm das nicht an. Er schaute meistens
+mit einem ernsten Gesicht in die Welt, wohl darum, weil er sie über
+alles Erwarten schön fand.
+
+Und in warmem Behagen stapfte er durch den tagelangen, wochenlangen
+Nebel und den »fisselnden« Regen Hamburgs und schaute mit Behagen in
+die grauen Kanäle und mit Behagen empor an den altersgrauen Häusern
+der ehrwürdigen Stadt. Jedes dieser Häuser sah anders aus und guckte
+einen an wie ein Mensch und sagte: »Hier ist sicheres und behagliches
+Wohnen.« Und seltsam, obwohl die Straßen schmal und dunkel waren,
+glaubte man’s doch, während man draußen durch die neuen Viertel seines
+heißgeliebten Oldensund, wo die wachsende Industrie eine Mietskaserne
+nach der andern aufwarf, nur mit Ekel und Grauen ging. Asmus Semper
+hatte sich nie eine Vorstellung von der Hölle machen können; seitdem
+er diese neuen Arbeiterviertel, diese rauchbeschmutzten
+Kasernenreihen, diese Kolumbarien, diese vierstöckigen Hundehütten –
+nein, Hundehütten waren gewöhnlich hübscher – seitdem er die freche
+Prosa, die schamlose Häßlichkeit dieser Zementkisten gesehen hatte,
+seitdem konnte er sich ein Bild machen von einem Ort der ewigen
+Verdammnis. Seine Seele hatte ja Millionen von Saugfäden, die selbst
+aus dem ärmsten und dunkelsten Winkel noch Schönheit und Freude sogen;
+auch in seiner Tabak- und Studierstube fand er noch Schönheit und
+Freude; aber vor dem gemeinen Blick dieser Häuser zogen sich alle
+Fäden seiner Seele schaudernd zurück, und nie empfand er ein
+grimmigeres Mitleid mit den Armen, als wenn er durch diese Straßen
+ging.
+
+O, wie hatte er’s dagegen wieder gut getroffen mit seiner neuen
+Wohnung in der roten Twiete. Diesmal hatte die quecksilberne Frau
+Rebekka einen guten Griff getan, und sie triumphierte in hellen Tönen.
+Das Haus selbst war freilich auch nur eine Mietskaserne; aber
+gegenüber lag ein Park mit uralten Bäumen, und davor stand eine
+unbewohnte, strohbedeckte Hütte, und neben dem Park öffnete sich unter
+hohen Baumkronen, schmal und schattenheimlich, wie ein Weg zur
+Unterwelt, der Philosophenweg. O nein, es fiel dem Präparanden Semper
+gar nicht ein, um der Bücher willen solche Dinge stehen und liegen zu
+lassen; er durchkostete den Park bis in seine fernsten, zartesten
+Wipfel, wenn auch nur mit den Augen – denn im Klettern hatte er’s
+niemals weit gebracht – er bevölkerte die Strohdachhütte mit den
+Gestalten Pestalozzis und Jeremias Gotthelfs, Berthold Auerbachs und
+Fritz Reuters; am Eingange des Philosophenweges aber sah er den
+Laertiaden Odysseus die Opferbräuche vollziehen, die den Schatten des
+Teiresias dem Hades entlocken sollten. Er war schon hundertmal durch
+diesen Philosophenweg gegangen und wußte ganz genau, daß nur ein
+kümmerliches Rinnsal ihn begleitete und daß er auf eine
+Goldleistenfabrik mündete – aber wenn er von seinem Bett aus durchs
+Fenster nach dem Eingang des Weges sah, dann war es der Ort,
+
+ »Wo in den Acheron sich der Pyriphlegethon stürzet
+ Und der Strom Kokytos, ein Arm der stygischen Wasser.«
+
+daran hätten siebzigtausend Goldleistenfabriken nichts zu ändern
+vermocht.
+
+
+
+
+VI. Kapitel.
+
+Fortsetzung des Beweises, daß Asmus kein Bücherwurm, sondern ein
+Sklave irdischer Lust ist.
+
+
+Aber auch derbere Freuden verschmähte Asmus nicht; der Welt- und
+Sinnenlust war er ergeben wie in seiner Kindheit. Nicht jeden Sonntag
+und nicht den ganzen Sonntag verbrachte er bei den Büchern, nein,
+gewöhnlich suchte er am Sonntag nachmittag seine Freunde Knapp und
+Diepenbrock auf, die ehemaligen Mitdirektoren seines Puppentheaters.
+Zunächst ging er zu Knapp, den er gewöhnlich mit seinem Vater zusammen
+im Garten beschäftigt fand. Einmal waren sie bei der Mohrrübenernte,
+da sagte der alte Knapp:
+
+»Na, Asmus, haust du deine Jungens auch fix?«
+
+»Nein,« rief Asmus lachend, »ich unterrichte überhaupt noch gar
+nicht.«
+
+»Ja, hauen mußt du sie, sons wird da nix aus.«
+
+Und dann zog der alte Knapp eine Mohrrübe aus und gab sie Asmussen.
+
+»Da – muß deine Kinder mitnehmen un muß sie sagen: »So wächsen die
+Worzeln.«
+
+Asmus sah den Bildungswert dieses Verfahrens nicht ohne weiteres ein;
+aber er dankte höflich und steckte die Wurzel ein.
+
+Und wenn die beiden dann zu Diepenbrock kamen, dessen Eltern ein
+Logier- und Speisehaus hatten, dann sah er da einen interessanten Mann
+auf dem Sofa liegen. Er hieß Zöllner, war Zigarrenmacher und lag jeden
+Sonntag, den Gott werden ließ, auf dem Sofa und las. Er besaß nicht
+nur den großen Meyer, sondern auch sämtliche Klassiker und
+Halbklassiker in prächtigen Einbänden. Und wenn er zwölf Sonntage
+hintereinander auf dem Sofa gelegen und gelesen hatte, dann ging er am
+dreizehnten hin und betrank sich so vollständig und andauernd, daß er
+eine Woche lang nicht aus dem Rausche herauskam; dann kehrte er wieder
+zu Meyer und den Klassikern zurück. Diepenbrock hatte viele Messer und
+Gabeln zu putzen, und Ewald Knapp und Asmus Semper halfen ihm dabei,
+damit er schneller fertig werde; aber Asmus mußte zwischendurch immer
+wieder nach dem Mann auf dem Sofa blicken, der ein schönes, vornehmes
+Gesicht mit einem langen braunen Bart hatte.
+
+Wenn sie dann endlich fertig waren, gingen die drei fast eine Stunde
+weit nach der Hamburgischen Vorstadt St. Pauli, nach diesem St. Pauli,
+das in der ganzen Welt bekannt war als ein Stapelplatz irdischer Genüsse
+und Seligkeiten für Anspruchslose. Da gab es nicht nur Kuchenbuden,
+Obstbuden, Bücherkarren, Karren mit Spielsachen, mit Kokusnüssen, die
+vor den Augen des Publikums geöffnet wurden, mit ambulantem Käse, der
+sich alle Düfte der Vorstadt unterwarf, mit Limonaden und Likören, da
+gab es auch Kasperletheater, Mordgeschichtenbilder, fliegende Museen,
+Naturalienhandlungen, Wachsfigurenkabinette, Theater, Singspielhallen –
+o, diese Singspielhallen! Am Abend waren die Portale mit hunderten von
+bunten Lichtern umkränzt, und wenn eine Tür aufging, sah man durch
+Rauchwolken wunderschöne Frauen tanzen – »wenn ich Lehrer bin und viel
+Geld verdiene, da geh ich auch hinein,« sagte sich Asmus.
+
+Das erste aber, was die drei taten, war regelmäßig, daß sie – immer
+bei demselben »Konditor« – einen Eisenbahnkuchen kauften. Das war ein
+Gemisch von zerriebenem Schwarzbrot und Syrup mit einer Zuckerglasur
+darüber und war vielleicht eher zu den Laxiermitteln als zur Gattung
+der Kuchen zu rechnen; aber es schmeckte um so schöner, als es für 5
+Pfennige einen halben Kubikdezimeter gab. Dann gaben sie sich
+zufrieden dem Genuß des Schauens, Kauens und Staunens hin.
+
+»Der siebenfache Raub- und Elternmörder Timm Thode, das größte
+Scheusal in Menschengestalt!« schrie ein dickes Weib und schlug mit
+einem Rohrstock klatschend gegen ein 12teiliges »Gemälde«, das die
+Leistungen des Gefeierten im einzelnen zur Darstellung brachte. Schon
+von weitem schlug Asmus einen andern Weg ein, er wußte auf der Welt
+nichts Widerwärtigeres als diese Bilder und die erklärenden Gesänge
+der Schausteller.
+
+Aber dann gab es einen Mann auf dem »Spielbudenplatze«, der war am
+ganzen Leibe mit Musik bewaffnet. Mit dem Fuße schlug er Becken und
+Triangel, mit dem Ellbogen eine große Trommel, mit der rechten drehte
+er einen Leierkasten, mit dem Munde blies er eine Panflöte, und wenn
+er den Kopf schüttelte, erklangen von seinem Hute, der einer
+chinesischen Pagode glich, eine Menge von Glöcklein. Die Musik war
+gewiß scheußlich; aber die Fertigkeit des schwitzenden Mannes blieb
+bewundernswert. Er hatte denn auch immer ein Rudel von Jungen um sich,
+und darum mußte er die linke Hand frei behalten.
+
+»Käupt, Lüd, käupt!« schrie mit furchtbarer Schnapsstimme, die dem
+Bellen eines heiseren Wüstenwolfes glich, ein Mann, der Datteln
+verkaufte. Aber es waren keine Datteln mehr, es war nur noch ein
+unerklärbares Mus, das zu Klumpen geballt auf der Karre lag. »Tein
+Penn dat Pund, Lüd!« schrie der Mann. »Ick verkäup se mit Schoden,
+Lüd; ick sett dor noch bi too! Blos ut Schobernack käupt mi wat af,
+Lüd!«
+
+Und einmal kam Asmus an eine Bude, auf deren Vorderseite ein Schwein
+mit Menschenaugen abgebildet war. Das Tier hatte einen seelenvollen
+Blick und schien darüber nachzusinnen, ob es ein Mensch oder ein
+Schwein sei. Was es in seinem Zweifel noch bestärken konnte, war der
+Umstand, daß es an den Hinterfüßen fünf menschliche Zehen hatte. Wohl
+hundertmal drehte Asmus sein Zehnpfennigstück in den Händen herum;
+aber dann sagte er sich, daß ein zukünftiger Lehrer seiner Bildung
+jedes Opfer bringen müsse; er gab es hin und trat ein. Er fand in
+einem Glashafen voll Spiritus ein kleines totes Ferkel, das genau wie
+jedes andere Ferkel aussah. Der Schausteller, ein großer Kerl in
+Hemdärmeln, erklärte ihm, das Ferkelauge sei ein vollkommenes
+Menschenauge, und die hinteren Zehen seien Menschenzehen. Asmus
+blickte schon lange nicht mehr auf das Ferkel im Glashafen, sondern
+auf den Mann in Hemdärmeln; er sah ihn mit staunenden Blicken an; denn
+er begriff nicht, daß ein Mensch so unverschämt sein könne.
+
+»Das ist ja alles Schwindel!« sagte Asmus. Im nächsten Augenblick
+fühlte er sich unsanft vor die Bude befördert, und wenig fehlte, so
+wäre er die Stiege, die zum Eingang hinaufführte, hinuntergefallen. Es
+war nicht die erste Erfahrung dieser Art, die er im »Kampfe gegen das
+Unrecht« machte; aber noch viel, viel weniger war es die letzte.
+
+Nach solchen Erlebnissen gab es einen Wirbel in seinem Kopfe. Wie
+konnte so etwas geschehen! _Das war doch Unrecht!_ Und Unrecht
+brauchte man sich doch nicht gefallen zu lassen! Unrecht _durfte_ man
+sich gar nicht gefallen lassen ...
+
+Wenn es sich aber traf, daß die drei sich männlich aufgelegt fühlten,
+so wandten sie den kindlichen Freuden des Spielbudenplatzes nach
+gründlicher Betrachtung mit kritisch geschürzten Lippen den Rücken und
+gingen noch dreiviertel Stunden weiter nach Hamburg hinein. Dort gab
+es nämlich eine Wirtschaft, wo man ein ganzes Seidel »echtes
+Kulmbacher« für fünfzehn Pfennige verzapfte und sechzehnjährige Männer
+mit Hochachtung behandelte. Sie saßen dort eine Stunde lang bei einem
+Glase und übten Kritik nach Art der Jugend, das heißt sie rezensierten
+die Bälle der Billardspieler, ohne von diesem Spiel etwas zu kennen.
+Auch das Billardspiel war ein #pium desiderium# Asmussens; aber ach,
+zu all dergleichen gehörte ein Lehrergehalt. Ja, wenn man 1200 Mark
+verdiente – nach einem vorzüglichen Examen bekam man sogar 1300 Mark
+das Jahr – dann ließen sich alle Sehnsüchte kühlen.
+
+Wenn sie mehr Geld als gewöhnlich hatten, so gingen sie in ein
+Vorstadttheater, wo die Vorstellung 7 Stunden dauerte. Da gab es Musik,
+Couplets, Liedervorträge, Männer, die abgeschossene Kanonenkugeln
+auffingen, wunderschöne Trapezkünstlerinnen in Trikots und dazu noch ganze
+Dramen in fünf oder mehr Akten, z. B. Anna Field, die Frau in Weiß oder ein
+Opfer der Liebe von Charlotte Birch-Pfeiffer. Aus den Stücken machte sich
+Asmus nicht viel; aber der jugendliche Held und Liebhaber gefiel ihm über
+die Maßen. Asmussens Vater behauptete, diesen Mann schon vor dreißig Jahren
+als jugendlichen Liebhaber gesehen zu haben, und taxierte ihn auf sechzig
+Jahre. Aber er hatte sich aus besseren Tagen in Spiel und Stimme einen
+edlen Rest bewahrt, und dieser genügte, um Asmus zu entflammen. Vor allem
+diese Sprache! Das mußte auch in Wirklichkeit ein edler, seelenguter Mensch
+sein, davon war Asmus tief überzeugt. Und die Liebhaberinnen verehrte und
+liebte er ohne Ausnahme; denn er war etwas kurzsichtig und saß auf einem
+billigen Platze weit hinten. Eine sanfte Stimme und ein weißes Gewand
+genügten, um ihn von der heiligen Unschuld einer Heldin zu überzeugen. Er
+war in jenem Alter, wo die Ästhetik der jungen Leute immer dem andern
+Geschlechte recht zu geben pflegt.
+
+Wenn sie aber sehr viel Geld hatten, fünfzig Pfennige oder noch mehr,
+dann gingen sie in ein »richtiges« Theater, wie Asmus es nannte, das
+heißt ins Stadt- oder Thaliatheater. Einmal erwischte Asmus auf der
+höchsten Galerie einen Platz, von dem aus er nur dann die Bühne
+erblicken konnte, wenn er seinen Körper in einen fast rechten Winkel
+bog. Man gab Don Carlos, ein Stück, das zwischen sechs- und
+siebentausend Verse hat. In den Zwischenakten hatte er beachtenswerte
+Kreuzschmerzen; aber sobald der Vorhang wieder aufging, waren sie
+verschwunden. Es war eine Begeisterung mit Hindernissen; aber so stark
+war sie, daß die Jünglinge noch stundenlang im Regen spazieren gingen
+und sich nur in Ausrufungssätzen über den Don Carlos und seinen
+Dichter unterhielten. An solchen Abenden hatte Asmus stärker denn je
+das Gefühl: Warum geht man eigentlich zu Bett? Man verliert ja die
+Hälfte des Lebens, die Hälfte der Welt! Und als er eines Tages bei
+Grabbe die Worte fand: »Die Zeit, die man nicht schläft, heiß ich dem
+Tode abgewonnen,« da jauchzte er förmlich auf: Ja, das ist mein Mann.
+
+
+
+
+VII. Kapitel.
+
+Wie Asmus sang, trank, lachte, weinte und prustete.
+
+
+Es muß andrerseits gesagt werden, daß er dasselbe Gefühl auch beim
+Biertrinken hatte, und das Biertrinken studierte er außer anderem bei
+Herrn Bockholm. Franz Bockholm war ein blindgeborener Orgel- und
+Klaviervirtuos und wohnte, obwohl er ein ziemlich wohlhabender Mann
+war, in einer winzigen, obskuren Arbeiterkneipe, die innen und außen
+vom Ruß der nahen Glashütten geschwärzt war. Asmus wurde eines Tages
+durch einen Zigarrenarbeiter, dem er Privatstunden gab und der das
+Honorar für das abgelaufene Vierteljahr in einem Glase Bier erlegen
+wollte, dorthin geführt. Natürlich genoß der blinde Künstler in diesen
+Räumen die Verehrung eines weißen Elefanten, und Asmus empfand eine
+tiefe Ehrerbietung, als er ihm in aller Form vorgestellt wurde. Schon
+vor dem Unglück der Blindheit allein empfand er eine heilige
+Ehrfurcht; als sich nun aber der Blinde gar ans Klavier setzte und
+wunderschön aus der »Zauberflöte« phantasierte, da vergaß er »in
+diesen heiligen Hallen« vollends, daß es eine Schnaps- und Bierschenke
+war. Dann unterhielt man sich, und Asmus fiel es auf, daß Herr
+Bockholm den Kopf neigte und horchte.
+
+»Donnerwetter!« schrie plötzlich der Blinde, »Donnerwetter! Sie müssen
+doch singen können!«
+
+Asmus stotterte verlegen, daß er nur ein bißchen singen könne –
+»eigentlich gar nicht!« rief er schnell; denn er hatte Angst.
+
+»Kommen Sie, kommen Sie!« rief Bockholm, und schon saß er wieder am
+Klavier. »Sie haben einen Bariton. Was können Sie singen?«
+
+Asmus begann mit bebendem Herzen das Lied des Zaren »Einst spielt’ ich
+mit Zepter«, und als er das beendet hatte, schrie Herr Bockholm:
+»Weiter, was können Sie noch?«
+
+Und nun sang Asmus, kühner geworden:
+
+ »Horch auf den Klang der Zither.«
+
+»Verflucht!« schrie der Blinde, sprang auf, schlug sich auf den
+Schenkel und lachte übers ganze Gesicht, »verflucht! Er hat eine
+Stimme wie Krückl!« Das war ein Bariton, der am Stadttheater den
+Mozartschen Almaviva und den Rossinischen Figaro sang.
+
+»Frau Piefke, Bier!!« brüllte der Musiker mit vehementer Lustigkeit,
+und nun mußte Asmus auf seine Kosten eins trinken und noch eins und
+noch eins. Noch am selben Abend mußte Asmus mit dem weißen Elefanten
+auf du und du trinken, obwohl dieser ein viertel Jahrhundert älter
+war, und dann wurde nicht weniger abgemacht als dies: Asmus solle
+jeden Tag kommen und bei Bockholm das Klavierspiel lernen und solle
+sich Gesangsnoten verschaffen, z. B. die Balladen von Löwe, und zum
+Entgelt solle er dem Blinden hin und wieder etwas vorlesen.
+
+Und ungefähr so geschah es. Asmus kam, wenn auch nicht täglich, so
+doch oft, lernte Klavierspielen, sang den »Archibald Douglas« – »darin
+steckt mehr als in mancher großen Oper,« schrie Bockholm mitten im
+Spiel – las seinem Lehrer die Zeitung bis in den Inseratenteil vor –
+denn der Blinde wollte alles wissen – und übte sich im Biertrinken.
+
+In dieser Kunst leistete der Meister noch mehr als in der Musik; ein
+Seidel voll schien auf einen Schluck, wie in einer Klappe, zu
+verschwinden, und er hatte begnadete Tage, wo er es auf dreißig Seidel
+brachte. Das sah nun Asmus freilich mit Staunen und mit Grauen; aber
+er hielt es doch für Ehrensache, es auf vier oder fünf zu bringen.
+Zuweilen allerdings kam ihm die ganze Atmosphäre etwas trüb und
+traurig vor; es kamen da Gesellen, bei denen er sich wunderte, daß
+Bockholm ihnen vorspielte und mit ihnen trank; aber dann kamen auch
+wieder Leute, ungebildete Arbeiter, in berußten Blusen und
+kalkbefleckten Kitteln, die mit einer schier leidenschaftlichen
+Begierde und mit innerster Teilnahme zuhörten. Und Kerle mit Humor
+kamen da! Eines Tages, als Bockholm ein Bravourstück mit ungeheurer
+Fingerfertigkeit gespielt hatte, sagte ein Steinbrügger:
+
+»Junge – wenn ick den sin’n Kopp harr!« und ein anderer versetzte
+langsam und gedankenvoll:
+
+»Djä – – un wenn du denn so dumm wärs wie jetz, denn nütz di dat ook
+nix.«
+
+»Och,« sagte dann wieder der erste, »wenn ick man din Mul harr, denn
+gung dat woll,« und dann stießen sie miteinander an und lachten.
+
+Ja, das war doch auch wieder etwas, wobei einem das Herz ganz frei und
+warm wurde!
+
+Gewöhnlich wollten die Arbeiter unzählige Seidel Bier für den Künstler
+zahlen; aber das nahm er nur unter der Bedingung an, daß er sich
+revanchieren dürfe, und so kam er immer häufiger auf die dreißig
+Seidel und mit jedem Tage seinem frühen Ende um zwei Tage näher.
+
+Die Privatstunden im Biertrinken kamen Asmus zu statten bei den
+heimlichen Zusammenkünften der Albingia. Die Albingia war eine
+heimliche Präparandenverbindung mit Burschenbändern, Zereviskappen und
+allem Zubehör eines regelrechten Komments. Durch ein bemoostes Haupt,
+das die Geheimnisse der Albingia mit dem furchtbaren Ernste des
+Verschwörers behandelte und an ein Sakrament der Kneipe zu glauben
+schien, wurde Asmus in diesen nächtlichen Zirkel eingeführt. Gleich
+bei der ersten Kneipe hieß es: »Semper muß aus ’m Faust rezitieren,«
+und Asmus ließ sich vom Kellner ein Fläschchen voll braunen Saftes
+und ein Glas bringen und bestieg die kleine Bühne am Ende des Saales.
+Er sprach die ersten Monologe des Faust bis zum Anbruch des
+Ostermorgens, und als er an die Stelle kam:
+
+ »Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen;
+ Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen;
+ Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht.
+ Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle;
+ Den ich bereitet, den ich wähle,
+ Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele
+ Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht!«
+
+da goß Asmus den Inhalt des Fläschchens in das Glas. Der Saft war
+nichts anderes als Bier; aber nicht nur Asmus, nein, die ganze
+Versammlung würde den mit ewiger Verachtung belegt haben, der darüber
+gelacht hätte.
+
+Sonst aber lachte er lieber als alle anderen. Er fand es ungemein
+possierlich, daß er als Fuchs den andern Bier einzapfen und ihnen die
+lange Pfeife anzünden mußte, und er war glücklich und stolz, als er
+endlich »entschwänzt« wurde und in der Biertaufe den Namen »Dr. Faust«
+erhielt. Er war noch gewohnt, alle Dinge des Lebens tief zu nehmen,
+und hielt es für heilige Pflicht, einen »Kuhschluck« und einen
+»Bierjungen« genau so ernst zu nehmen wie die Gedanken Rousseaus und
+die Entstehung des Pentateuchs. Er konnt’ es nicht begreifen, wie man
+trotz der Ermahnungen des Vorsitzenden, auszuharren, dennoch um drei
+Uhr morgens aufbrechen konnte, wo es doch die einfachste deutsche
+Treue gebot, den Präsidenten nicht im Stich zu lassen. Und am
+wenigsten konnt’ er begreifen, daß sie nicht lustiger waren, daß sie
+all diese fidelen Bräuche, diese köstlichen Lieder und Schnurren, von
+denen das Kommersbuch förmlich platzte, für gewöhnlich so frostig,
+gleichsam geschäftsmäßig abmachten. Mein Gott – als er sich das
+Kommersbuch zu Hause vornahm – da lachten und schwärmten ja ganze
+Jahrhunderte daraus hervor; die Romantik, der Übermut, der
+Jugendglaube von zwanzig Generationen zogen durch seine Brust; alle
+Augenblick mußt’ er aufspringen, mit den Fingern schnalzen,
+Tanzsprünge durchs Zimmer machen; auf seinen Wangen mischten sich
+Lachtränen und Weintränen – o, wie mußte das über alle Begriffe
+herrlich sein, wenn solch ein Lied durch den Saal brauste, wie
+göttlich lustig mußte das sein, wenn sie alle mit Leichenbittermienen
+sangen:
+
+ O wie bimmel, bammel, bummelt,
+ O wie bimmel, bammel, bummelt,
+ O wie bummelt mir mein Frack!
+ Ich hab noch nie einen Frack gehabt,
+ der mir so sehr gebimmelbammelt hat –
+
+aber wenn dann die Kneipe da war, ja, da gab es wohl zuweilen lustige
+Stunden; aber es war nicht das, was er gehofft hatte; es fehlte ein
+Duft – ein Glanz – eine unnennbare Weihe – es fehlten die rosigen,
+silbernen Wolken über der Versammlung – – –!
+
+Er begriff überhaupt nicht, warum die Menschen nicht öfter lachten und
+nicht öfter weinten, da doch die Welt so reichen Anlaß dazu bot. Als
+er einmal eine Molieresche Komödie sah und die Situation auf der Bühne
+plötzlich eine künftige Situation von großer Komik ahnen ließ, da
+schoß ihm ein so gewaltiges Lachen in die Nase, daß er es nicht
+zurückhalten konnte; da er es aber dennoch zurückhalten wollte, so kam
+ein eigentümlicher Prust-, Schnupf- und Grunzlaut zustande, über den
+das ganze Publikum in laute Heiterkeit ausbrach. So hatte sich Asmus
+vermutlich noch nie geschämt wie in diesem Augenblick; es ist
+anzunehmen, daß er bis in die Zehenspitzen errötete; aber nachher
+mußte er sich doch fragen: Warum habe ich denn allein gelacht? Warum
+lachten nicht alle?
+
+
+
+
+VIII. Kapitel.
+
+Warum Ludwig Semper nicht in den »Lohengrin« ging und Asmus mit einem
+Windhund verkehrte.
+
+
+Wenn er von der monatlichen Kneipe der Albingia einmal spät nach Hause
+kam, so schüttelte Frau Rebekka den Kopf und äußerte ihre Besorgnisse;
+aber Ludwig Semper lachte vergnügt in sich hinein und sagte: »Laß ihn;
+das gehört dazu.« Auch er hatte zu Schleswig seine heimlichen
+Gymnasiastenkneipen gefeiert und den Landesvater gesungen, und
+manchesmal, wenn das Vergangene in ihm erwachte, hatte er, am
+Tabakstische sitzend und das blanke Zigarrenmesser schwingend,
+gesungen:
+
+ »Seht ihn blinken
+ In der Linken
+ Diesen Schläger, nie entweiht!
+ Ich durchbohr den Hut und schwöre:
+ Halten will ich stets auf Ehre,
+ Stets ein braver Bursche sein!«
+
+Dagegen hatte Ludwig Semper für eine andere Neigung seines Sohnes
+durchaus kein Verständnis: Er begriff nicht, wie man ohne Not einen
+Weg von mehr als einer Viertel- oder gar halben Stunde machen konnte.
+Wenn Asmus in den Ferien Spaziergänge von vier Stunden machte, so
+schüttelte Ludwig andauernd den Kopf; bei einem acht- oder
+zehnstündigen Ausflug aber wurde er sozusagen böse, warf das linke
+Bein über das rechte und murmelte: »Verrückt!« Er schien das für
+gesundheitsschädlich zu halten, und einer der Gründe, weshalb er noch
+immer nicht den Lohengrin gehört hatte, war der, daß man ins Hamburger
+Stadttheater eine Stunde zu gehen hatte. Asmus hingegen hatte Seume
+gelesen, und einer seiner Träume war es, einen Spaziergang nach
+Syrakus zu machen, wie ihn dieser etwas nüchterne, etwas trockene,
+aber in seiner Unabhängigkeit, Kraft und Lauterkeit dennoch poetische
+Mann gemacht hatte.
+
+Unter den Studiengenossen, mit denen Asmus seine botanisch-zoologisch-
+mineralogisch-poetisch-politisch-philosophisch-cerealisch-bacchischen
+Ausflüge – denn das Frühstück spielt bei Siebzehnjährigen eine genau
+so große Rolle wie der Idealismus – zu unternehmen pflegte, waren es
+besonders zwei, zu denen er in ein näheres Verhältnis trat. Der eine
+war sein Mithospitant Morieux, und dieser hatte Eigenschaften, die
+wohl auf einen französischen Vorfahren schließen lassen konnten. Er
+war ein hübscher, schlanker, geschmeidiger Bursche mit dunklem Haar
+und einem famosen schwarzen Schnurrbärtchen und zeigte in Sprache und
+Gebärden eine überschießende, ja, in seinen Mienen nicht selten eine
+fratzenhafte Lebhaftigkeit. Die Jugend urteilt wie die Frauen und wie
+das Publikum mit Vorliebe nach dem Instinkt und trifft damit
+gewöhnlich das Richtige. So erhielt denn auch Morieux in der Biertaufe
+den Namen Fritz Triddelfitz, mit der Begründung, daß er ein
+»langschinkiger, dünnrippiger Windhund« sei. Von den Windhunden sagt
+man, daß sie selbstsüchtig und wenig treu seien, und das stimmte bei
+Morieux insofern, als er nur eine halbe Treue besaß. Wenn Asmus in der
+Klasse irgend einen größeren Erfolg erzielt hatte, so beglückwünschte
+ihn Morieux mit fulminanten Worten und war dabei blaß bis in die
+Lippen, und Asmus sah mit vollkommener Gewißheit, daß der Neid, ja der
+Haß ihn innerlich zerwühlten. Aber er sah auch, daß Morieux mit diesem
+Neide kämpfte, daß er sich die Lippen fast blutig biß. Und immer
+wieder kehrte er zu Asmus zurück und zog seinen Umgang jedem anderen
+vor. Er überhäufte den Freund mit Ausdrücken einer so schwärmerischen,
+überschwenglichen Bewunderung, daß Asmus abwechselnd rot und blaß
+wurde und an die Aufrichtigkeit dieser Apotheosen niemals glauben
+konnte, und doch wußte er, daß Morieux in derselben Weise zu andern
+über ihn sprach. Auch Asmussens Eltern hatte er solchermaßen den Ruhm
+ihres Sohnes verkündet, und Frau Rebekka hatte alles geglaubt und mit
+Entrüstung ausgerufen: »Der dumme Bengel! Und davon sagt er zu Hause
+kein Wort!« Im innersten Herzen fühlte sich Asmus von diesem Freunde
+wohl mehr abgestoßen als angezogen; aber eines besaß dieser Freund,
+was ihn festhielt, und das war seine außerordentliche musikalische
+Begabung, im besonderen sein vorzügliches Geigenspiel. Morieux ließ
+nicht locker, bis sich Asmus von ihm die Anfangsgründe des
+Geigenspiels zeigen ließ, und alsbald traktierte der junge Semper mit
+solcher Versessenheit das schwierige Instrument, daß sie nach einigen
+Wochen schon leichte Duette spielten. Dieses Band hielt sie zusammen
+und zog sie bald zu einem Bratschisten und einem Cellisten hin und
+geleitete ihren jugendlichen Wagemut endlich zu den Quartetten Haydns,
+Mozarts, Beethovens und Schuberts.
+
+Aber leider hatte der langschinkige, dünnrippige Windhund eine fatale
+Neigung, andere Leute aufzuziehen. Er hielt sich für so gescheit, daß
+er allen andern etwas aufbinden könne; er gab sich bei den gemeinsamen
+Ausflügen den einfachen Landbewohnern gegenüber für einen
+ausstudierten Lehrer, für einen Arzt, für einen höheren Beamten oder
+dergleichen aus, nur um ihnen allerlei Abenteuer und Räubergeschichten
+aufzubinden und sich an ihrer Leichtgläubigkeit zu weiden. Nun
+schlummert freilich hinter den träumerisch-gutmütigen Augen des
+Schleswig-Holsteiners eine feine und stattliche Klugheit, die nur
+dann vollends aufwacht, wenn es durchaus notwendig ist, und
+gelegentlich wurde der Aufschneider wohl durch ein ironisches Lächeln
+oder ein spöttisches Wort zurückgewiesen; aber manchmal fand er auch
+Gläubige, und solch ein Mißbrauch eines freundlichen Vertrauens
+verdroß Asmus jedesmal über die Maßen. Am wenigsten konnte er’s
+vertragen, daß alte Leute in weißen Haaren gefoppt wurden, und wie
+wurde ihm nun gar zumute, als Morieux sich eines Tages einfallen ließ,
+seine Eltern, seine Mutter Rebekka Semper, seinen Vater Ludwig Semper
+anzulügen und zu hänseln. Als hätte man ihm mit der Peitsche ins
+Gesicht geschlagen, so war es ihm. Um seine Eltern nichts merken zu
+lassen, machte er gute Miene zum bösen Spiel und lenkte mit einer
+gewaltsamen Anstrengung das Gespräch geschwind auf einen anderen
+Gegenstand: nachher aber, beim Abschied vor der Tür, weigerte er dem
+Frevler die Hand und sagte:
+
+»Du brauchst mich nicht wieder zu besuchen. Wir sind geschiedene
+Leute.«
+
+Morieux ging lächelnd und mit einem höhnischen Achselzucken davon.
+
+
+
+
+IX. Kapitel.
+
+Ein Afrikaforscher, der nicht revanchelüstern ist.
+
+
+Ganz, ganz anders war Sempers zweiter Wandergenosse. Er war hager,
+sehnig und steif, von scharfgeschnittenem Gesicht, und sein
+silberweißes kurzgeschorenes Haar stand senkrecht aufgerichtet wie
+Nägel. Eigentlich hieß er Herrig; aber nach einem Vororte Hamburgs, wo
+die Insassen einer gewissen Anstalt gezwungenermaßen kurzgeschoren
+gingen, nannte der liebevolle Witz seiner Klassengenossen ihn
+»Fuhlsbüttel«. Weit davon entfernt, musikalisch zu sein, sang er, wenn
+er die Wacht am Rhein singen wollte, die Lorelei, die aber auch noch
+falsch. Er war überhaupt vom Kopf bis zu den Füßen amusisch, und unter
+allen Kunst- und Literaturschätzen der Welt gab es nichts, was seinen
+Herzschlag beschleunigen konnte. Allein auch er hatte etwas, was ihn
+Sempern interessant machte: nämlich eine grammatische Nase, und in der
+Analyse knifflicher Satzgebilde galten er und Asmus für Rivalen. Auch
+kannte er eine Menge Pflanzen und Insekten bei Namen, und Asmus, den
+seine Dorfschule in dieser Hinsicht mit wahrhaft imposanten Lücken
+ausgestattet hatte, ergriff mit Freuden die Gelegenheit, sich aus dem
+»Thesaurus« seines Freundes zu bereichern. Dafür bereicherte sich John
+Herrig, wie man sehen wird, aus einem anderen Schatze seines Freundes
+Asmus.
+
+Zunächst freilich war es eine Bereicherung von zweifelhaftem Wert. Sie
+unterhielten sich auf ihren Wanderungen stundenlang mit bitterem Ernst
+über Fragen der Politik, der Volkswirtschaft, der Gesellschaftsmoral,
+der Philosophie, kurz #de omnibus rebus et quibusdam aliis#. (Morieux
+war immer nach zwei Minuten auf eine Hanswursterei abgesprungen.)
+Dabei sprachen sie auch von ihrer Zukunft.
+
+»Ich bleibe nicht Lehrer,« sagte Herrig, »ich werde Afrikaforscher.«
+Da war es Asmussen, als ob plötzlich eine unbekannte Gewalt, von der
+er nie gewußt, die gar nicht aus seinem Innern, sondern aus einer
+weiten Zukunft zu kommen schien, ihm ein Wort auf die Lippen legte:
+
+»Ich – ich –« sprach er zögernd, »ich _möchte_ ja wohl Dichter
+werden!« Und schnell setzte er hinzu: »Aber das ist ja natürlich
+Unsinn.«
+
+Dann gab es einen Tag, da gingen John und Asmus lange schweigend
+nebeneinander her.
+
+»Warum reden wir eigentlich nichts?« sagte Asmus endlich.
+
+»Hm,« machte Herrig, »weil wir nichts mehr zu streiten haben. Ich habe
+nach und nach alle deine Anschauungen angenommen.«
+
+Asmus erschrak fast, als Herrig so nüchtern den wahren Sachverhalt
+feststellte. Er hatte recht: das innere Freundschaftsverhältnis war
+eigentlich abgestorben. Anschauungen aber, die man von einem anderen
+angenommen hat, weil man nichts mehr zu erwidern wußte, sind immer ein
+zweifelhafter Reichtum gewesen.
+
+Asmus indessen ertrug es nicht, einen toten Freund mit sich
+herumzuschleppen. Er versuchte, von seinem Blut in die Adern seines
+kalten, blaßhaarigen Freundes hinüberzuleiten. Sie wollten an den
+herrlichen Sonnabend-Feierabenden etwas zusammen arbeiten. Und er
+holte Schillers Briefe über ästhetische Erziehung hervor, an denen er
+sich schon einmal geärgert hatte, weil er sie nicht verstand.
+Vielleicht gelang es, sie mit zwei Köpfen zu bewältigen. Aber nach
+einigen Briefen mußten sie’s abermals aufgeben. Nun studierten sie
+Latein zusammen und lasen den Gallischen Krieg. Auch andere römische
+Autoren lasen sie; wenn sie ihnen lateinisch zu schwer waren, dann in
+Übersetzungen, und in den anschließenden Unterhaltungen fanden die
+alten Herren eine mehr oder weniger endgültige Beurteilung.
+
+»Dieser Ovid ist doch ein fürchterlicher Quatschkopp!« rief Herrig
+eines Abends aus.
+
+Das ärgerte Asmus und er versetzte:
+
+»Und dein Sueton ist ein altes Waschweib.«
+
+Auf solche Weise erwärmte sich nach und nach wieder das
+Freundschaftsverhältnis; bald aber sollte es trotzdem für immer
+erkalten.
+
+John Herrig schöpfte nämlich aus seinem Freunde noch einen reelleren
+Reichtum als den der Weltanschauung. Wenn sie auf ihren Ausflügen
+einkehrten, um zu ihrem mitgenommenen Frühstück ein Glas Bier zu
+trinken, so zahlte Asmus regelmäßig die Zeche und teilte die vom Vater
+erhaltenen Zigarren mit seinem Freunde. Er sagte sich nämlich: Wenn er
+Geld hat, so wird er sich natürlich revanchieren; wenn er keins hat,
+versteht es sich von selbst, daß der bezahlt, der etwas hat. Und Asmus
+erwischte hin und wieder Privatstunden, die mit 50 Pfg. bezahlt
+wurden.
+
+Und wenn sie rückkehrend, hungrig, durstig und müde von der
+Sonnenhitze, in Oldensund eintrafen, dann fand es Asmus unmenschlich,
+den Freund noch eine Stunde weit nach seinem Mittagessen gehen zu
+lassen, und er sagte: »Komm mit und iß mit mir; meine Mutter wird wohl
+soviel haben.«
+
+Und Frau Rebekka, die für sieben Menschen kochte, darunter für fünf
+Söhne, deren Appetit täglich wuchs und sich nach oben hin jedem
+Voranschlag entzog, hatte auch noch genug für einen achten, und sie,
+die nach einem Worte ihres Gatten so sparsam war, »daß sie den Flicken
+eines Flickens flickte«, und das so akkurat, daß Herr Aufderhardt,
+der Schneider, ausrief: »Das ist so schön gemacht, daß _ich_ es nicht
+besser kann!« – sie, die aus einem Rock eine Weste, aus der Weste eine
+Mütze, aus der Mütze einen Handschuh, aus dem Handschuh einen
+Putzlappen machte, und so das arme Tuch in Wahrheit zu Tode hetzte, um
+es zuletzt noch an den Lumpenhändler zu verkaufen, – sie strahlte von
+Heiterkeit und Stolz, wenn ein Gast an ihrem Tische saß und tüchtig
+einhieb. Das war eben eine der leichtsinnigen Anmaßungen, die sie von
+ihrem Gatten übernommen hatte, daß sie sich für berechtigt hielt,
+unbeschränkte Gastfreundschaft zu üben. Wer im Augenblick einer
+Mahlzeit als Freund das Semperische Haus betrat, der wurde an den
+Tisch gebeten, das war eine Überlieferung von Semperischen Urvätern
+her.
+
+Und nun merkte Asmus eines Tages, daß dieser Satan, dieser Herrig,
+_doch_ Geld hatte! Und daß es ihm gleichwohl gar nicht einfiel, sich
+zu »revanchieren«. Diese Entdeckung machte Asmussen von oben bis unten
+gefrieren. Von allen Lastern, soweit er sie bis jetzt kennen gelernt
+hatte, war ihm eins immer als das häßlichste erschienen: der Geiz. Und
+mit einem Schlage war er aufgetaut, und aus dem Grunde seines Herzens
+atmete er auf, als Herrig bald darauf, nachdem er den Freund für die
+nächste gemeinsame Arbeit in seine Wohnung geladen hatte, hinzufügte:
+»Du kannst ja dann bei mir zu Abend essen.«
+
+Gott sei Dank, dachte Asmus, er ist doch nicht geizig.
+
+Als Asmus am nächsten Sonnabend in die Stube seines Freundes trat,
+fiel ihm sofort dessen Verlegenheit auf. Nach einiger Zeit stotterte
+Herrig:
+
+»Abend – Abendbrot hast du wohl schon gegessen!«
+
+»Ja,« sagte Asmus, »Adieu!« Und nun war er sich klar über John Herrig.
+
+Er hatte vorläufig kein Glück mit den »Freunden« unter seinen
+Studiengenossen.
+
+
+
+
+X. Kapitel.
+
+Asmus als Königsmörder und Galeerensträfling, als Gallo und Petrarca.
+Er erneuert eine gewisse, für die Folge nicht unwichtige
+Bekanntschaft.
+
+
+Ob er den Freund in seinem andern Mithospitanten, jenem Jüngling mit
+der hebräischen Handschrift finden sollte, der seit einiger Zeit mit
+ihm denselben Weg zur Schule ging? Claus Münz war ein guter Kerl; aber
+er redete zu viel von seinen Muskeln. Er war nämlich vierschrötig und
+starkknochig wie ein Arbeitspferd, und wenn er Sempern die Hand gab,
+drückte er sie zum Beweise seiner Heldennatur so stark, daß Asmus das
+Gesicht verzog, und dann wieherte Claus Münz aus vollem Halse wie ein
+Roß. Er entblößte täglich einmal seinen Arm, um den Bizeps zu zeigen,
+und hatte den sehnlichen Wunsch, einmal mit einem Athleten vom
+Spezialitätentheater ringen zu dürfen. Es sei ein Jammer, sagte er,
+daß er als Schulmeister nur sechs Wochen dienen könne, sonst würde er
+zu den Gardehusaren kommen, und dann hätte er vielleicht einmal
+tüchtig in die Franzosen einhauen können. Er hatte als Knabe jenen
+Geschichtsunterricht empfangen, nach dem die Franzosen Lumpenhunde
+sind, die Deutschen hingegen bieder und treu. Asmus machte sich
+anfangs ein Vergnügen daraus, die Franzosen auf jede Weise
+herauszustreichen; aber bald ward ihm dieser Streit zu dumm. Claus
+Münz war auch in allen Muskeln und Knochen königstreu; Asmus hingegen
+war überzeugter Tyrannenmörder. Zwar konnte er kein Tier, geschweige
+denn einen Menschen leiden sehen, und sein schlimmster Feind hörte
+auf, sein Feind zu sein, sobald er litt; aber so sehr er Cäsarn
+bewunderte und liebte, an den Iden des März und bei Philippi hatte
+er’s mit Brutus gehalten, sein Herz hatte den Möros, den Harmodius und
+Aristogeiton, den Tell und ihren Genossen gehört. Nun war es
+geschehen, daß ein Mann namens Nobiling auf den Kaiser Wilhelm
+geschossen und ihn verwundet hatte. Claus Münz war außer sich vor
+Entrüstung. Asmus, der in der Arbeitsstube der Zigarrenmacher den
+ersten Wilhelm kaum anders als »Kartätschenprinz« hatte nennen hören,
+hatte ein lebhaftes Mitgefühl mit dem alten Manne, wenn er ihn sich
+auf seinem Schmerzenslager dachte, und beklagte die Tat des Mörders;
+aber er ersuchte doch auch den mit allen Muskeln wütenden Freund,
+gefälligst nicht zu vergessen, daß Wilhelm I. und Bismarck Tyrannen
+seien. Er war der Meinung, daß es Fürsten und Minister, Herrschende
+und Besitzende durchaus in der Hand hätten, dem Volke Brot und
+Freiheit zu geben, und daß nur Herrschsucht und Habsucht sie daran
+hinderten. Die Erkenntnis, daß wir alle unter dem Zwange der
+Notwendigkeit stehen und daß es keine abhängigeren Menschen gibt als
+die Herrschenden, daß wir alle an Händen und Füßen, die Herrschenden
+aber an jedem Finger und jedem Haar von Fäden gezogen und geleitet
+werden, die aus dem Unendlichen kommen, es sollte noch lange währen,
+bis ihm diese Erkenntnis aufging. Die Geschichtsstunden des Herrn
+Stahmer hatten wohl ein leises Ahnen von der ehernen Verkettung der
+Dinge in ihm erweckt; aber dieser Unterricht war zu kurz gewesen und
+hätte wohl auch, wenn er länger gewährt, aus den jungen Keimen einer
+Jünglingsseele – einer Kindesseele fast – keine Bäume machen können.
+Die Geisteskräfte des guten Claus Münz aber waren vollends nicht dazu
+geschaffen, den jungen Semper zu überwältigen; dieser gab es sogar
+vollständig auf, zu streiten, weil Claus Münz immer nur muskulöse
+Behauptungen vorbrachte, und Asmus schleppte geduldig, aber gemartert,
+jeden Morgen den Geist des Claus Münz hinter sich her wie die Kugel
+eines Galeerensträflings.
+
+Aber wie schon oft, so sollte er auch jetzt Erquickung und Trost
+finden bei den Frauen. Die Schule, an der er jeden Morgen hospitierte,
+hatte sich vergrößert und unter anderen Lehrkräften auch drei neue
+Lehrerinnen bekommen. Unter diesen war eine musikalische Dame von
+einer weichen und sanften Schönheit, und es dauerte natürlich keine
+zwei Tage, bis Asmus sie heimlich besang und in seinem Gedicht
+versicherte, daß die heilige Cäcilie unter den Irdischen wandle. Sie
+hatte oft eine Gefährtin bei sich, der Asmus eines Tages »die
+bezauberte Rose« von Ernst Schulze lieh, die ihm das Buch aber schon
+am folgenden Tage zurückgab, weil sie es nicht lesen könne, so fromm
+und tugendsam war sie. Asmus war empört und schwärmte ihr nun recht
+zum Trotz von Rousseau und Voltaire. Morieux hatte den beiden Damen
+mit Grimassen und schlenkernden Armen verraten, daß Semper Gedichte
+mache, »wunderbare, großartige Gedichte!« Und nun, wenn die Schule
+vorüber war, saßen die beiden Damen auf dem Pult wie auf einem Thron,
+und Morieux und Semper saßen auf den Kinderbänken zu ihren Füßen;
+Morieux geigte und Asmus las, fremde Gedichte und eigene; er hatte der
+Ballade vom ertrunkenen Fischer noch eine Ballade von einer
+gespenstischen Burgruine hinzugefügt, und Asmus dachte: So war es am
+Musenhof zu Ferrara oder Avignon.
+
+Noch einen stärkeren Widerhall aber fand Asmus bei einer Frauenseele,
+von der man kaum begriff, daß sie in ihrem Körper Platz habe. Das war
+die Seele des Fräulein Wieselin, einer 38jährigen Jungfrau, Lehrerin
+und Dichterin. Sie war so klein und dünn, daß sie sozusagen nur eine
+Nadel war, in die der Herrgott einen Lebensfaden gezogen hatte, und
+diese Nadel fuhr unablässig auf und ab und verarbeitete ihren
+Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und Opfersinn. Im Gesicht sah
+sie aus wie ein Geheimrat, der immer in einem überheizten Zimmer
+gesessen hat und darum etwas eingetrocknet ist. Tausend Mark Gehalt
+erhielt sie im Jahr, und davon ernährte sie sich und ihre Mutter und
+unterstützte sie die Familie eines kranken Bruders. Sie war damals
+schon fünfzehn Jahre Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher,
+und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten der Kleinen; die
+Kleinsten zu lehren ist aber größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher,
+die sie las, mußte sie sich leihen; denn kaufen konnte sie sich keine;
+aber als sie nach fünfunddreißig Jahren der Mühsal ihr Ende nahen
+fühlte, da sagte sie: »Ich kann ja zufrieden sterben; ich habe ja ein
+reiches Leben gehabt.«
+
+In ihren seltenen Mußestunden machte sie auch Verse, kleine,
+unbedeutende Gelegenheitssächlein; aber da Asmus sie nicht loben
+konnte, so sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen sprach viel
+von den seinigen, rühmte sie und sprach ihre Verwunderung darüber aus,
+daß er gleich mit epischen Gedichten anfange, während die jungen Leute
+sonst immer mit allgemeinen Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel
+leichter sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: »Ich habe
+immer das Gefühl, daß Sie kein Lehrer werden, daß wir Sie noch ’mal
+auf ganz anderen Pfaden wandeln sehen!«
+
+»Vielleicht heirate ich auch die!« dachte Asmus.
+
+Die dritte der neuangestellten Damen hieß Hilde Chavonne, war eine
+schlanke Brünette mit großen, schmachtenden braunen Augen und einem
+sanften Stolz der Bewegungen und trotz alledem eine Hamburgerin. Sie
+und Asmus schenkten einander zu Anfang nur wenig Beachtung,
+unvergleichlich viel weniger als später. Aber doch mußte er darüber
+nachdenken, wo er sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war die
+»Dame in Trauer«, die Seminaristin, die einmal ganz zu Beginn seiner
+Präparandenzeit mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges zusammen
+gegangen war. Daß er ihr schon viel, viel früher einmal begegnet war,
+das konnte er nicht mehr wissen.
+
+
+
+
+XI. Kapitel.
+
+Wie Asmus plötzlich eine glänzende Karriere machte und dabei auf den
+Hund kam.
+
+
+Zu diesen ganzen und halben Freunden gewann Asmus endlich eine ganze
+Schar von kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre seines
+Präparandentums eines Morgens in die Schule kam, ließ ihn der
+Oberlehrer in sein Zimmer rufen. »Herr Dohrmann hat sich krank
+gemeldet,« sagte er, »und wird voraussichtlich in acht Wochen nicht
+kommen können. Ich habe Sie zu seiner Vertretung ausersehen.
+Übernehmen Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen
+rechtfertigen werden.« Asmus konnte vor Überraschung nicht sprechen;
+er nickte nur stumm und verließ das Zimmer.
+
+Als er draußen stand, war sein erstes Gefühl ein wirbelnder Jubel.
+Lehrer! Er sollte Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er
+vorstehen, er ganz allein! Er wußte im nächsten Augenblick selbst
+nicht, wie er die drei Treppen zum obersten Stockwerk hinaufgekommen
+war. Und als er vor der Klassentür stand und die führerlosen Kinder
+lärmen hörte, da stak ihm das Herz, das noch eben so hoch geflogen
+war, tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, der kleinste und
+jüngste von den drei Präparanden, den kranken Lehrer vertreten? Warum
+nicht Morieux, der ein ganzes Jahr länger an der Schule war als er?
+Warum nicht Claus Münz, der Große und Starke, der den Kindern gewiß
+mehr imponierte als er? Er kannte ja nichts vom Unterrichten, rein gar
+nichts. Ach ja, er wußte wohl: alle in der Schule hielten ihn für
+außerordentlich ernst und gesetzt. Die Leiden, die Verfolgungen, die
+er als Knabe erduldet, hatten seinem Gesicht, seinem ganzen Wesen
+einen zusammengerafften, entschlossenen Ernst gegeben, und wer ihn
+nicht in vertrauten Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daß
+hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne stand. Er hatte gerade
+um jene Zeit auf Menschen solcher Art in schwerhinwandelnden Versen
+ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte er »Erscheinung«.
+
+ Eine düstre Wolke seh’ ich schwimmen
+ Durch den abendlichen Himmelsraum.
+ Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen
+ Zarte Lichter wie ein Flockensaum.
+
+ Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen
+ Ragt die Wolke hoch in den Azur,
+ Doch um ihre Stirne lichtgetroffen
+ Hängt des Alpenglühens Rosenflur.
+
+ Denn verborgen hinter jener Mauer
+ Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts,
+ Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer,
+ Blickt nach dort verklärten Angesichts.
+
+ Also sah ich düstre Menschenstirnen
+ In den Grenzen dieser Erde auch:
+ Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen
+ Eines fremden Lichtes leiser Hauch.
+
+ Augen sah ich, die dem Hier entrinnen,
+ Das mit Tränenschatten sie umhüllt;
+ Doch versunken war ihr Blick nach innen
+ Und von dort mit sel’gem Glanz erfüllt. –
+
+Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten Blick, ein
+überirdisches Angesicht, weil er das für erhabener hielt und er damals
+gerade ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler werden wollte; in
+Wirklichkeit aber sprang seine Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens
+mit frischen Jugendbeinen auf der Erde umher. Das wußten die in der
+Schule nicht. Sie schrieben ihm auch weit größere Kenntnisse und
+Fähigkeiten zu, als er besaß, und das machte ihm Unbehagen, weil es
+ihm vorkam, als täuschte er sie, als müßte er seine Kenntnisse einmal
+alle aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch legen, damit sie
+sähen, wie wenig er wisse und könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben
+stand er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der Unberufenheit.
+
+Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er endlich die Klassentür auf. Er
+stand vor den Kindern.
+
+Sie verstummten vor Überraschung. Was will _der_ denn, dachten sie.
+Asmus gebot ihnen, ihre Sachen unter den Tisch zu legen und sich
+ordentlich hinzusetzen. Sie gehorchten; aber einige duckten sich
+hinter den Rücken des Vordermannes und kicherten, weil der kleine
+Schreiber aus dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister sein wollte. Da
+steckte Asmus von seinen ernsten Gesichtern das allerernsteste auf und
+sah den Aufsässigen ruhig in die Augen – da saßen sie still und ohne
+Laut. Das fühlte er sofort, die Zügel in der Hand behalten, das war
+nicht so schwer; aber das Unterrichten!
+
+Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für die einfachste Sache von
+der Welt. Man sagt den Kindern, was sie wissen sollen, und dann wissen
+sie’s ja! Aber man soll ihnen gar nichts sagen, das ist’s ja gerade!
+Alles sollen sie selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll man’s
+aus ihnen herausholen; so verlangt es das »erotematische« oder
+»katechetische« oder »heuristische« Lehrverfahren. Asmus kannte diese
+gelehrten Vorschriften wohl; aber als er nun vor den sechzig
+Gesichtern stand, wußte er nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle
+er den Kindern über ein meilenbreites Wasser die Hand reichen. Und
+wenn ihm vorher das Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er
+jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den Schuhen, eines im Halse,
+das ihn würgte, eines in der Brust, das ihm wehtat und eines in der
+Darmgegend. Und nun kamen überdies noch Münz und Morieux herein; denn
+es war Brauch, daß, wenn ein Präparand unterrichtete, die andern
+zuhörten und hernach ihre Kritik übten. Wie ein Doppelbeckmesser
+mußten sie aufpassen, ob auch alle Fragen des Katecheten mit »#W#«
+anfingen (denn so verlangt es das »System«), ob Asmus auch keine
+»Wahlfragen« stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja oder Nein
+zu antworten brauchte, die also die Schüler zum Raten verleiteten, ob
+er auch rechtzeitig zusammenfasse und wiederhole, ob er auch alle
+Kinder gefragt habe, bevor er eins zum zweitenmal frage, ob er auch
+tadle, wenn ein Schüler beim Fingerzeigen aus der Bank trete, ob er
+auch bemerkt habe, daß Müller sich in vereinfachter Manier die Nase
+geputzt habe usw.
+
+Asmus sollte zunächst eine Anschauungsstunde geben, und er holte sich
+aus dem kleinen Schulmuseum einen ausgestopften Fuchs, der aber dank
+der Kunst des Ausstopfers den Hinterleib einer feisten Katze hatte.
+
+»Was ist das?« fragte Asmus.
+
+»Das ist ein Hund,« antwortete ein Schüler; denn die Stadtkinder
+kannten keinen Fuchs.
+
+Statt nun an diese nicht ganz unrichtige Antwort anzuknüpfen und den
+Fuchs zunächst als Hund zu behandeln, oder aber mit Eleganz darüber
+hinwegzugehen und einen anderen zu fragen, biß sich Asmus sofort in
+diese Antwort fest.
+
+»Nein, ein Hund ist das nicht,« sagte er, »woran sieht man, daß es
+kein Hund ist?«
+
+»Er hat gar keinen Maulkorb um!« rief ein kleiner Bursche.
+
+»Haben denn alle Hunde Maulkörbe?« fragte der junge Präzeptor. (O weh,
+eine »Wahlfrage!«)
+
+»Nein,« riefen viele Kinder. (O weh, der Präzeptor duldete, daß die
+Schüler im Chor antworteten, ohne es zu tadeln! Münz und Morieux
+notierten eifrig in ihren Heften.)
+
+»Wozu gehört der Maulkorb also gar nicht?«
+
+»Der Maulkorb gehört gar nicht zum Hund,« sagte ein Schüler.
+
+Das genügte Asmus nicht so ganz. Er wollte den Irrtum beseitigen, daß
+der Maulkorb ein organischer Bestandteil des Hundes sei (er wußte, daß
+die Kinder auch das Hufeisen für einen Teil des Pferdehufes halten),
+er wollte die Antwort: »Der Maulkorb gehört nicht zum Körper des
+Hundes;« aber wie sollte er aus diesen Kleinen das Wort »Körper«
+herauskatechisieren? Sollte er fragen: »Ist der Maulkorb etwa ein
+Körperteil des Hundes?« Nein, das durfte er nicht, das war eine »Ja-
+und Nein-Frage«. Er versuchte es auf mancherlei Weise; denn er meinte,
+jeder auftauchende Irrtum müsse sofort und gründlich beseitigt
+werden; aber das ersehnte Wort kam nicht. So biß er sich im Maulkorb
+des Hundes fest und war noch immer nicht beim Fuchs, obwohl er schon
+am ganzen Körper schwitzte.
+
+Endlich mußte er das Rätsel doch aufgeben, und so war Zeit und Mühe
+verloren.
+
+»Also ein Hund ist das nicht. Woran sieht man das?«
+
+Da stand ein Genie auf und sagte:
+
+»’n Hund hat nicht solchen Schwanz!«
+
+»Na also!« jubelte Asmus, und in seiner Freude über das erlösende Wort
+vergaß er, daß das Genie »’n Hund« statt »ein Hund« gesagt hatte. Münz
+und Morieux notierten das.
+
+
+
+
+XII. Kapitel.
+
+Asmus ringt gewaltig mit einem Schüler wegen eines Frosches: er
+empfängt Rippenstöße, und der gewisse Seybold besteht das Examen.
+
+
+Aber schon von der nächsten Stunde ab mußten Münz und Morieux wieder
+Listen und Protokolle schreiben, und Asmus sprach mit seinen Schülern,
+wie ihm der Schnabel gewachsen war. Und sieh, mit einem Male ging
+alles freier und besser. Wenn er sich nun aus dem Schulmuseum einen
+Hasen geholt hatte, so erinnerte er sich jenes Lehrers, bei dem er
+gern gehorcht hatte und der auch nicht immer im Stechschritt des
+Systems gegangen war. Er sang ihnen vor allen Dingen Lieder vom Hasen
+vor:
+
+ »Als der Mond schien helle,
+ Kam ein Häslein schnelle«
+
+und
+
+ »Gestern abend ging ich aus,
+ Ging wohl in den Wald hinaus«
+
+und
+
+ »Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal
+ Saßen einst zwei Hasen«
+
+und nachdem ihnen Herr Lampe mit so vorzüglichen Empfehlungen
+vorgestellt war, schauten sie ihn mit ganz anderen Augen an. Und als
+Asmus heraushaben wollte, daß der Hase ein Säugetier sei, da fragte er
+sie:
+
+»Was für ein Vogel ist denn der Hase?« Halloh, da gingen sie fast über
+die Bänke vor Lachen und Weisheit und riefen: »Das ist ja gar kein
+Vogel!« und erklärten ihm mit Begeisterung, warum der Hase kein Vogel
+sei! O Gott, wenn Münz und Morieux, und gar der Herr Oberlehrer
+dagewesen wären! Überhaupt fand er, daß es den Kindern ein besonderes
+Vergnügen bereitete, wenn er sich recht dumm stellte und sich dann von
+ihnen aufklären ließ. Der alte Sokrates kannte seine Leute.
+
+Natürlich stieß er trotzdem noch täglich, ach, stündlich in seinem
+Fahrwasser auf Klippen, Untiefen und Stromschnellen. Da hatte er ihnen
+das Märchen vom Froschkönig und dem eisernen Heinrich erzählt. Der
+Frosch hatte der Königstochter ihren goldenen Ball aus dem Brunnen
+geholt unter der Bedingung, daß er mit ihr an einem Tische essen und
+in einem Bettchen schlafen dürfe. Und sie hatte es ihm doch hoch und
+heilig versprochen. Als nun der Frosch ins Schloß kam, wollte sie ihr
+Königswort nicht halten. Das ist mit Königsworten öfters so, ist aber
+unsittlich. Und Asmus wollte entwickeln, daß man sein Wort halten
+müsse, und wenn es auch noch so schwer sei.
+
+»Warum wollte sie denn nicht mit dem Frosch zu Bett gehen?« fragte
+Asmus einen Schüler.
+
+»Ich weiß nicht,« sagte der.
+
+»Möchtest Du denn einen Frosch im Bett haben?«
+
+»Ja!« rief das Bürschchen begeistert.
+
+Hm. Das war ein unerwartetes Hindernis. Aber Asmus besann sich.
+Vielleicht sprach das Kind so aus ethischen Erwägungen. Es meinte wohl
+im stillen: wenn ich es versprochen hätte.
+
+»Schön,« fuhr der Magister fort, »du möchtest also bei einem Frosch
+schlafen. _Aber doch nur wann?_«
+
+»Immer!« versetzte strahlend der Gefragte.
+
+Hm, hm. Wie sollte man diesem perversen Individuum die Moral der
+Geschichte begreiflich machen? Man mußte einfach die Segel streichen.
+Der kluge Magister begriff erst später die Freude der Kinder an allem
+Spiel mit den Tieren.
+
+Aber solche und ernstere Schwierigkeiten erhöhten gerade die Lust an
+der Arbeit, und er widmete sich ihr auch mit so viel körperlichem
+Eifer, daß er infolge des vielen Sprechens von einer Heiserkeit in die
+andere fiel. Überdies kam der erkrankte Lehrer nicht wieder, aus den
+acht Wochen wurde ein Vierteljahr, aus dem Vierteljahr ein halbes.
+Asmus hatte morgens eine Stunde weit zur Schule und ging mittags
+denselben Weg zurück. Dann aß er eilig zu Mittag und ging abermals zur
+Schule, um den Nachmittagsunterricht zu erteilen. Danach begab er
+sich von der Schule ins Präparandeum, und abends hatte er eine gute
+Stunde nach Hause. Dann erst konnte er an seine Präparationen für
+Schule und Präparandeum gehen. Das machte etwa elf Stunden Arbeit und
+fünf Stunden Marsch. Aber Asmus war noch immer tief davon
+durchdrungen, daß der Schlaf ein eingebildetes Bedürfnis sei, eine
+Überzeugung, die er bald genug ablegen sollte. Einstweilen aber ging
+er nicht nur jeden Sonnabend zu Bockholm ans Klavier, er machte auf
+seinen Wanderungen auch noch Gedichte, die den Beifall Lauras, nämlich
+Fräulein Wieselins, und der beiden Leonoren fanden.
+
+Nur einen Menschen gab es, dem die vielfältige Beschäftigung Asmussens
+Sorge machte, und das war seine Mutter. Nicht, daß sie für seine
+Gesundheit gefürchtet hätte, – seine vollen, roten Wangen ließen
+solche Befürchtungen nicht aufkommen, – nein, sie bangte wegen des
+bevorstehenden Abgangs-Examens. Im nahen März sollte Asmus ins Seminar
+übergehen, und sie fürchtete, daß er sich bei so viel Arbeit nicht
+ordentlich vorbereiten könne und dann womöglich durchfalle. Und sie
+schickte heimlich einen Seminaristen aus der Bekanntschaft ab, der
+sich bei einem Lehrer des Präparandeums nach den Aussichten ihres
+Sohnes erkundigen sollte. »Zu Hause sagt der Bengel ja nichts,« klagte
+sie. »Er macht auch Gedichte; aber meinen Sie, er zeigt sie uns? Wenn
+ich nicht mal eins in seiner Schublade finde, erfahren wir nichts
+davon.«
+
+Seine Gedichte zu Hause zeigen, – nein, das brachte Asmus nicht über
+sich. Eine Scham, die er sich selbst nicht deuten konnte, hielt ihn
+davon zurück. Wir mögen auf der Gasse nicht im Nachtgewand und daheim
+nicht in der #Toga palmata# erscheinen.
+
+Jener geheime Emissär geriet an den Lehrer für deutsche Sprache und
+Literatur, einen großen Mann mit einer prachtvollen Römerglatze und
+energischen Zügen, die lieber dem Spott als der Liebenswürdigkeit
+dienten. Er maß den Frager von oben bis unten mit höhnischem Blick und
+sagte dann: »Ja, wenn wir den durchfallen ließen, wen sollten wir dann
+bestehen lassen?«
+
+Dieser Bescheid beruhigte Frau Rebekka einigermaßen, aber keineswegs
+vollständig. Als der erste Tag des schriftlichen Examens anbrach,
+strich sie unaufhörlich mit liebkosenden Händen an ihrem Sohne auf und
+ab, als ginge er den Weg zum Schafott und kehre nicht mehr zurück. Als
+ihn acht Tage später der Mann mit der Römerglatze auf die Seite
+genommen und mit spöttischem Lächeln gesagt hatte: »Ich gratuliere
+Ihnen. Sie haben den besten Aufsatz geschrieben,« da brachte er
+fliegenden Laufes wie der Bote von Marathon seiner Mutter die
+Nachricht, damit sie sich beruhige. Und wirklich wurde sie etwas
+ruhiger.
+
+Ludwig Semper konnte zu der Unrast Rebekkens immer nur lächeln. »Du
+bist nicht gescheit,« sagte er kopfschüttelnd und blickte zum Fenster
+hinaus in die Ferne.
+
+Asmus aber war aus Sicherheit und Unruhe wunderbar gemischt. Er
+pflegte weder sich noch anderen Demutsflausen vorzumachen und sagte
+sich wohl: »So viel wie die anderen weiß ich auch«; aber alles Leben,
+das er noch nicht kannte, stellte er sich als Wunder vor, als gutes
+oder schlimmes Wunder, und das Examen rechnete er vorläufig zu den
+schlimmen. Er dacht’ es sich im Grunde als eine Lotterie, die der
+Zufall entschied; er stellte sich vor, daß Dr. Korn, der als Direktor
+natürlich alles wußte, oder Herr Stahmer, der ebensoviel wußte, ihm
+die abenteuerlichsten Fragen vorlegen könnten, die schwersten Fragen,
+an die er nie gedacht, und dann war ihm ungefähr zumut wie dem armen
+Gretchen beim #dies irae#.
+
+ #Quid sum miser tunc dicturus
+ »Quem patronum rogaturus?«#
+
+Vielleicht war er der unruhigste von allen Examinanden. Sein
+Platznachbar Seybold z. B. schrieb im schriftlichen Examen einfach
+alles nach, was er mit seinen vortrefflichen Augen von Sempers
+Schriftstücken ablas, und war darum viel ruhiger als dieser. Ja,
+dieser Jüngling setzte ein so heiteres Vertrauen in die Kräfte seines
+Nebenmannes, daß er noch unmittelbar vor der naturgeschichtlichen
+Prüfung im Bücherschrank der Klasse von möglichst dicken Wälzern nach
+dem System »Mausefalle« einen babylonischen Turm errichtete, der bei
+der geringsten Erschütterung durch die angelehnte Schranktür ins
+Zimmer stürzen mußte. Der Campanile brach denn auch mit wunderbarer
+Präzision und furchtbarem Getöse zusammen, als Papa Hamann gerade die
+Frage von den Monocotyledonen und den Dicotyledonen diktierte.
+Natürlich mußte Asmus Semper wieder prusten, und als Papa Hamann ihn
+lachen sah, sagte er:
+
+»Themper, thie gehen mit einem geradethu thträflichen Leichtthinn inth
+Ekthamen!«
+
+In der mündlichen Prüfung war Seybold freilich erheblich unruhiger,
+und wenn der Examinator sich seinem Platze näherte, stieß er Sempern
+so heftig in die Rippen und trat ihm so deutlich auf den Fuß, damit er
+ihm aushelfe, daß Asmus noch drei Tage nachher die blauen Flecke
+beobachten konnte. Nun konnte er zwar nicht einblasen, wenn er sich
+nicht selbst ans Messer liefern wollte; aber der gute Seybold bestand
+trotzdem, und Asmus stellte ernste Erwägungen darüber an, warum man
+eigentlich Examina vornähme, wenn auch die Seybolde durchkämen.
+
+
+
+
+XIII. Kapitel.
+
+Frühlings- und Ferienlust; Wiederauftreten des Herrn Morieux; ein
+längerer Blick der »Dame in Trauer«, ein Aufstieg ins Gebirge und ein
+Gärtner mit einer Schere.
+
+
+In der Tat, das einzige Gute, das solche Prüfungen haben, sind die
+Ferien, die sich ihnen gewöhnlich anschließen. Drei Wochen hatte er
+nun frei – er warf sich daheim aufs Sofa und streckte die Beine, als
+wenn er sie gleich durch die ganzen drei Wochen hindurchstrecken
+wollte. Und auch gefeiert wurde er! Frau Rebekka, die nun endlich ganz
+beruhigt war, fragte ihn feierlich, was er denn heute essen wolle. Das
+war noch nicht dagewesen. Und Asmus nahm seinen Flug bis zum Gipfel
+der Imagination und sagte nach einigem Erwägen: »Pfannkuchen mit
+Pflaumenmus.« »Sollst du haben,« sagte Frau Rebekka und flog in die
+Küche an den Herd.
+
+Was sein Vater ihm gab, war anderer Art. Asmus saß mit einem Buch an
+seinem gewohnten »Schreibtisch«, und Ludwig Semper saß an seinem
+Arbeitstisch und machte Zigarren. Und obwohl Asmus ihn nicht ansah,
+wußte er wieder ganz genau, daß die Augen seines Vaters auf ihm
+ruhten, und er hütete sich wohl, den Blick zu erheben und die
+zärtlichen, sommerwarmen Augen seines Vaters zu verscheuchen. Er las
+nicht mehr, er sah immer auf dasselbe Wort und dehnte sich in der
+Juliwärme dieses Blickes, dehnte sich langsam, kaum merklich, aus
+Furcht, die Sonne möcht’ es merken und sich verhüllen; er fühlte sich
+von einem heiligen Licht umflossen und sah in diesem Licht wie goldene
+Stäubchen die Millionen seligen Erinnerungen seiner Kindheit wirbeln.
+
+Und noch ein andres Herzensglück sollten diese Tage ihm bringen. Als
+Asmus eines warmen Frühlingstages am Fenster stand und auf seiner Zehn
+Marks-Geige nach einer Notenschrift in den Wolken fantasierte, wurde
+heftig geklopft. Im selben Augenblick sprang auch schon die Tür auf,
+und wer trat herein? Morieux. Morieux mit bleichem, verzerrtem Gesicht
+und weit vorgestreckter Hand.
+
+»Ich wollte dir die Hand zur Versöhnung bieten,« sagte er.
+
+»Bravo!« rief Asmus, indem er klatschend einschlug, »wie geht’s dir?
+Was machst du? Komm, setz’ dich ins Sofa! Steck’ dir eine Zigarre an,
+eine feine Brasil. Trinkst du lieber Bier oder Kaffee?«
+
+Er war nahe daran, seinem Freunde Kost und Logis für drei Monate
+anzubieten; denn er mußte reden, um seiner Gemütsbewegung Herr zu
+werden. Er schämte sich viel mehr als sein Freund; er war über und
+über rot geworden, lief planlos im Zimmer hin und her und stellte
+seinem Gast die beiden besten Stühle hin, obwohl er ihn ins Sofa
+gebeten hatte.
+
+Morieux fing an, von seinem Verschulden zu sprechen.
+
+»Aber ich bitte dich!« rief Asmus, »sprich nicht davon. Wenn ich mich
+vertrage, hab’ ich alles Vergangene vergessen. Ich hatt’ es sowieso
+schon vergessen. Da – hier – spiel’ mir was vor!« Er drückte ihm die
+Geige in die Hand. »Bitte, bitte, die F-Dur-Romanze!«
+
+Und Beethovens Töne schwemmten alle Kleinigkeiten hinweg.
+
+Drei Wochen sollte er so genießen! Was konnte man da für Spaziergänge
+machen, für Bücher lesen, für Duette spielen, für Gedichte machen – es
+war nicht auszudenken! Ganze Epopöen konnte man dichten! Er begann
+auch sofort mit einer breit angelegten Dichtung »Niobe«, in der die
+vierzehn Kinder der bejammernswerten Tantalstochter einzeln starben.
+Ach ja, Ferien waren doch noch schöner als die schönsten
+Unterrichtsstunden! Auch als Junge war er – wenn seine Mitschüler ihn
+nicht peinigten – mit Lust zur Schule gegangen, ja, die Geschichts-
+und Geographie- und Physikstunden des Herrn Cremer waren ihm zuzeiten
+das Liebste auf der Welt gewesen; aber das Allerliebste blieben doch
+die Ferien. Als er noch in der Klasse des Herrn Rösing gewesen war, da
+war eines Morgens ein Lehrer gekommen und hatte gesagt:
+
+»Ihr könnt wieder nach Hause gehen, Herr Rösing ist krank.«
+
+»Hurra!« hatte die ganze Klasse geschrien. Da hatte der Lehrer
+gerufen: »Jungens, seid ihr des Teufels? Wenn euer Lehrer krank ist,
+brüllt ihr Hurra?«
+
+Aber das war eine tendenziöse Zusammenstellung. Sie dachten gar nicht
+an die Krankheit des Herrn Rösing; sie dachten nur an ihre Freiheit.
+Sie gönnten dem Lehrer jedes Wohlbefinden, wenn er nur nicht kommen
+wollte. Und auch Asmus hatte Hurra geschrien ...
+
+Aber seine Ferien waren noch nicht ganz; einige Tage mußte er noch in
+die Schule zum Unterrichten, und dann mußte er noch eine Prüfung
+ablegen: prüfend sollte er geprüft werden. Da der kranke Lehrer noch
+immer nicht wieder erschienen war, so mußte Asmus »seine« Klasse bei
+der öffentlichen Prüfung vorreiten. Das war wieder eine bange Stunde;
+denn hinter ihm, neben ihm, an den Wänden entlang und auf den Bänken
+der Kinder saßen und standen sämtliche Damen und Herren des
+Kollegiums. Auch Laura war natürlich da und die beiden Leonoren; und
+ganz hinten auf der letzten Bank saß Beatrice, oder, wie sie
+eigentlich hieß: Hilde Chavonne. Sie hatte zum ersten Male die Trauer
+abgelegt, wenn auch nur in ihren Kleidern; sie trug ein leuchtend
+braunes Kleid, und in diesem Kleide, mit ihrem reichen braunen Haar
+und ihren melancholisch-braunen Augen war sie brünetter, hübscher und
+stolzer denn je. Und mit einem Male sprang in Asmussens Seele ein
+Imperativ empor: dieser Stolzen sollst du imponieren. Den Blick dieses
+Mädchens wählte er sich zum Leitstern durch die schwere Stunde, und
+nichts gibt der Arbeit eines Siebzehnjährigen einen feurigeren
+Aufschwung, als wenn auf ihr der Blick eines Weibes ruht.
+
+Als die Prüfung vorüber war, sagte der Oberlehrer nichts; er wiegte
+nur wohlwollend auf und ab das Haupt. Als die Damen das Zimmer
+verließen, sah Asmus, daß Fräulein Chavonne sich mit einer Kollegin
+über ihn unterhielt; denn diese blickte ihn wiederholt von der Seite
+an; Hilde Chavonne aber heftete, bevor sie hinausschritt, noch einmal
+den Blick auf ihn, als habe sie den kleinen Herrn erst heute kennen
+gelernt, und was das Merkwürdige war: sie wandte den Blick nicht weg,
+wie es sonst die Mädchen zu tun pflegen, wenn der Blick eines
+Jünglings ihrem beobachtenden Auge begegnet; nein: offen, fest und
+ernst blickte sie ihm ins Auge.
+
+Nach völlig beendigter Prüfung wollte Semper sich von den Herren des
+Kollegiums verabschieden.
+
+»Was fällt Ihnen ein!« rief einer der Herren, »Sie müssen mit uns.«
+
+Asmus erklärte, er könne nicht, er habe »furchtbar viel zu tun,« und
+als der joviale Herr ihn nicht lassen wollte, sagte er leise: »Ich
+habe kein Geld.«
+
+»Wofür halten Sie mich denn?« rief der Lehrer lachend, »wenn ich Sie
+einlade, brauchen Sie doch kein Geld.«
+
+Nun ging es in eine halbländliche Kneipe, wo man in Lauben saß und der
+Wirt noch ein Käppchen trug. Asmus war glücklich und stolz; die Herren
+behandelten ihn nicht nur als Kollegen, sie nannten ihn sogar so. Und
+sie waren über die Maßen lustig und erzählten sich in seiner Gegenwart
+die ausgelassensten Schnurren. Asmus saß mit weit offenen, lachenden
+Augen da. Er hatte mit jener scheuen Ehrfurcht, die er vor allem
+Unbekannten hegte, diese Herren für Halbgötter gehalten, die hoch über
+der Lust gewöhnlicher Sterblicher dahinwandelten. Die Entdeckung, daß
+sie fröhliche Menschen waren, war ihm ein fröhliches Wunder. So
+gefielen sie ihm noch viel besser.
+
+Einer der Herren zog Asmus in ein Gespräch über Rousseau. Er meinte,
+das Leben Rousseaus sei tadelnswert und seine Theorien seien nicht
+ausführbar. Aber Asmus war schon beim dritten Glas und verteidigte
+seinen Liebling wie eine Löwin ihr Junges. Rousseau sei der beste der
+Menschen gewesen, und alle seine Ideen seien ausführbar, wenn man nur
+wolle.
+
+»Na, Herr Semper,« warf ein etwas eingetrockneter Herr aus der Runde
+ein, »darüber können Sie doch wohl noch nicht urteilen.«
+
+»Wissen Sie, was Schiller sagt?« rief Asmus.
+
+»Nee,« sagte der Herr.
+
+Und Asmus rezitierte mit hochgeröteten Wangen:
+
+ »Monument von unsrer Zeiten Schande,
+ Ew’ge Schmachschrift deiner Mutterlande,
+ Rousseaus Grab, gegrüßet seist du mir!
+ Fried’ und Ruh’ den Trümmern deines Lebens!
+ Fried’ und Ruhe suchtest du vergebens;
+ Fried’ und Ruhe fand’st du hier.
+
+ Wann wird doch die alte Wunde narben?
+ Einst war’s finster, und die Weisen starben;
+ Nun ist’s lichter, und der Weise stirbt.
+ Sokrates ging unter durch Sophisten,
+ Rousseau leidet, Rousseau fällt durch Christen,
+ Rousseau – der aus Christen Menschen wirbt.«
+
+Die Worte »Schande«, »Schmachschrift«, »Sophisten« und »Christen«
+hatte Asmus mit anzüglicher Betonung hervorgehoben.
+
+»Ja, das ist ja sehr formvollendet,« sagte der Gedörrte mit einer
+empörenden Kälte, »aber Schiller ist für mich auch nicht maßgebend.«
+
+»Was? Schiller –?«
+
+Asmus wollte aufspringen; aber jener andere Herr legte ihm die Hand
+auf die Schulter und sagte: »Ich werde Ihnen mal Rousseaus
+»Bekenntnisse« leihen; die werden Sie interessieren.«
+
+»O ja! Herzlichen Dank!« rief Asmus, und am nächsten Tage stürzte er
+sich in die »Bekenntnisse«.
+
+Das war Öl ins Feuer. Den Kopf in beide Hände vergraben, las er
+stundenlang mit heißen und heißeren Wangen. Da plötzlich sprang er
+auf, warf die Arme nach beiden Seiten und rief ganz laut: »O Gott – o
+Gott!« Er hatte die Stelle gelesen, wo Rousseau sich vor dem Leser zu
+jenem Diebstahl bekennt, den er hartnäckig geleugnet hat. Wohl eine
+Stunde lang stürmte Asmus im Zimmer auf und ab, oder er warf sich ins
+Sofa, vergrub das Gesicht in beide Hände und atmete schwer. Welch ein
+Mut, welch ein Wahrheitsmut! Welch eine erschütternde Liebe zur
+Wahrheit! Asmus wollte weiterlesen; aber kaum hatte er das Buch
+berührt, so schlug er es heftig zu. Er konnte nicht weiterlesen; eine
+geheimnisvolle Macht verwehrte ihm, die heiligste, größte Stunde
+seiner Jugend selbst zu töten. Er lief ins Freie, rannte durch Felder
+und Wiesen und sah von Feldern und Wiesen nichts; er füllte nur eine
+unaufhörliche Brandung gegen die Wände seines Herzens schlagen. Gegen
+Abend kehrte er ruhiger nach Hause zurück. Wieder schlug er das Buch
+auf, und langsam, zärtlich, mit ferngewandtem Blick machte er es
+wieder zu. Wie der Bergwanderer, der einen höchsten Grat erstiegen und
+nun die freie und reine Herrlichkeit der Täler und Gipfel erschaut,
+sich nicht entschließen kann, wieder dort hinabzusteigen, wo alles das
+ihm entschwinden wird, so konnte es Asmus nicht über sich gewinnen,
+die Höhe zu verlassen, wo himmlische Luft sein Herz durchbraust hatte.
+
+Und zu diesem Rousseau würde nun bald im Seminar Pestalozzi kommen und
+Comenius und die Alten: Plato, Aristoteles, die Kirchenväter – er
+hatte Einblick in den Lehrplan des Seminars bekommen – ach: was gab es
+da nicht alles in der Psychologie, in der Logik, in der Methodik, in
+Literatur und Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften – ihm
+lief das Wasser im Munde zusammen wie einem Schlemmer, der vom
+Gastmahl des Trimalchion liest, von einem jener römischen Gelage, wo
+ganze Ochsen und Eber auf goldenen Wagen herangefahren wurden und
+Speisen und Getränke aus der Decke, aus den Wänden und aus dem Boden
+hervorkamen. Das alles, was da in dem Lehrplan stand, sollte er
+studieren dürfen, bis in die tiefsten Schachte der Wissenschaft
+hinein, und zu Hause würde er noch Zeit haben, noch ebensoviel dazu zu
+lernen –
+
+ »O Erd’, o Sonne,
+ O Glück, o Lust!«
+
+das war der tägliche Text seines Herzschlages, die immer
+wiederkehrende Melodie seines Gedankenreigens. Was sich draußen golden
+und grün über Felder und Hecken breitete und was sich golden und grün
+über unendliche Fluren in seinem Herzen dehnte: es war derselbe
+Frühling, derselbe lerchenfrohe Lebensmorgen.
+
+Der alte Moor fiel ihm ein, der, seines Erstgeborenen gedenkend,
+erzählt: »Da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel und
+rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?«
+
+Im Übermute seines Herzens mußte er es still in sich hineinrufen: Bin
+ich nicht ein glücklicher Mann?
+
+Freilich: der alte Moor war dann nichts weniger als glücklich
+geworden.
+
+»Aber ich bin glücklich!« rief Asmus in sich hinein »und ich werde
+glücklich sein, ich weiß es.«
+
+Mit solchen Empfindungen überschritt er an einem Aprilmorgen zum
+ersten Male die Schwelle des Seminars.
+
+Er hörte nicht die Schere klingen, die Schere des Gärtners, der
+herankam, sein Glück zu beschneiden.
+
+
+
+
+Zweites Buch
+
+Arbeit und Kampf
+
+
+
+
+XIV. Kapitel.
+
+Der Gärtner beginnt, seine Schere zu handhaben.
+
+
+Asmus war erst wenige Tage im Seminar, als er sich auf dem Heimwege,
+auf demselben Spielbudenplatze, der seine sonntäglichen Schwelgereien
+in nun vergangenen Tagen gesehen hatte, von einer weiblichen Stimme
+anrufen hörte.
+
+»Asmus, sei man nich so stolz!« rief die weibliche Stimme.
+
+Er fuhr aus seinen Gedanken auf und starrte in das Gesicht einer Frau,
+die ein Kind auf dem Arme trug.
+
+Ja, war’s denn möglich – das war ja Adolfine Moses, die mütterliche
+Gespielin früherer Jahre, die treffliche Sibylle, in deren Hexenküche
+er so manchen Buchweizenkloß gegessen hatte, die ihm die erste
+Nachricht vom Ausbruch des Krieges mit Frankreich gebracht hatte.
+
+»Kenns mich woll ganich mehr?« rief Adolfine und verzog lachend den
+Mund bis an beide Ohren.
+
+»Aber natürlich, Adolfine, natürlich kenn ich dich!« rief Asmus. Ihre
+Häßlichkeit war im wesentlichen nicht anders geworden, nur reifer.
+
+»Wie geht’s dir denn?«
+
+»Och, ich bin jetz verheirat’t. Dies is mein Jung; mags ihn leiden?«
+
+»Ja, natürlich,« sagte Asmus.
+
+»Was bist du denn geworden,« forschte Adolfine.
+
+»Ich will Lehrer werden,« antwortete Asmus.
+
+Da klaffte Adolfinens Mund wie eine Löwengrube, und sie lachte, daß es
+über den ganzen Platz hallte.
+
+»Bis woll verrückt!« schrie sie.
+
+Asmus sah sich unwillkürlich um. »Schrei doch nicht so!« rief er.
+»Natürlich werd’ ich Lehrer.«
+
+Aber es kostete viel Mühe, sie daran glauben zu machen. Und langsam
+und gradweise, wie sie ihm Glauben schenkte, öffnete sich wieder ihr
+Mund.
+
+»Kanns das denn alles in’n Kopf behalten?« fragte Adolfine. Sie dachte
+an ihre eigene Schulzeit.
+
+»Jaa – ziemlich,« versetzte er langsam. »Aber jetzt muß ich weiter.
+Adieu, laß dir’s gut gehen!«
+
+Er gab ihr die Hand; aber sie war jetzt sprachlos, und als er schon
+fünfzig Schritte weit war, stand ihr Mund noch immer offen. – –
+
+Hinter der Satyrmaske Adolfinens war das Schicksal verborgen gewesen
+und hatte gerufen: »Du bist wohl verrückt!« – – – –
+
+Das drohende Tabakmonopol und später die erhöhte Tabaksteuer lasteten
+schwer auf dem Gewerbe der Zigarrenmacher; wenigstens hatten die
+Fabrikanten die ohnedies bescheidenen Arbeitslöhne noch herabgesetzt.
+Der Urheber der Steuer nannte sich Bismarck, und dieser Bismarck wurde
+in den Stuben der Zigarrenarbeiter um dessen willen nicht geliebt.
+Aber dieser Bismarck hatte noch etwas anderes hervorgebracht, und das
+war das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie. Asmussens Bruder
+Johannes aber war leidenschaftlicher Sozialdemokrat. Nicht als Redner
+trat er hervor; aber er war im Vorstand der Ortsgruppe und wirkte
+still und begeistert für die Organisation. In harter Winterzeit machte
+er Agitationsreisen ins unberührteste Schleswig-Holstein, dorthin, wo
+die Landbevölkerung den »Dezimalkroaten« Unterkunft und Nahrung
+weigerte und sie nicht selten mit Hofhunden an Leib und Leben
+bedrohte.
+
+Einmal aber trat Heinrich Moldenhuber, der »Wolkenschieber« oder, wie
+ihn Ludwig Semper ob seiner sturmgeschwellten Rockschöße gewöhnlich
+nannte: Heinrich der Seefahrer ins Arbeitszimmer der Semper und sagte
+mit stoischem Lächeln:
+
+»Ich bin ausgewiesen.«
+
+Man glaubte anfangs, er scherze. Aber er zeigte lächelnd den
+Ausweisungsbefehl. Und man begriff noch immer nicht. Wie? Dieses
+neunundzwanzigjährige Kinderherz sollte »gemeingefährlich« sein? Wie?
+dachte Asmus, dieser Mann, der zu den besten Stücken meiner Jugend und
+meiner Heimat gehört – den verbannt man aus seiner Heimat? Gewiß würde
+Moldenhuber auch auf der Barrikade seine Schuldigkeit getan haben;
+aber nie würde er aufgefordert haben, eine zu bauen; er würde viel
+mehr versucht haben, den Fürsten Bismarck oder den das Standrecht
+ausübenden General von seinem Irrtum und von der Richtigkeit der
+sozialistischen Lehre zu überzeugen.
+
+Aber alles Verwundern half nichts gegenüber der brutalen Tatsache.
+
+»Wohin willst du denn?« fragte Ludwig Semper.
+
+»Nach Amerika,« antwortete Moldenhuber ruhig.
+
+Nach Amerika! Der Wolkenschieber nach Amerika! Das war so, als wenn
+Hölderlin auf die Hamburger Börse gegangen wäre, um hinfort in Kaffee
+zu spekulieren. Ludwig Semper riet ihm dringend ab; aber der Seefahrer
+war heiter entschlossen. Fast schien es, als ob ihm die
+Schicksalswendung willkommen wäre und er sich auf die Entdeckung
+Amerikas durch Heinrich den Seefahrer freue. Was konnte ihm geschehen?
+Nahm er nicht seine Dichter und Philosophen überallhin im Kopfe mit?
+Und für eine Bücherkiste war wohl auch noch Platz im Zwischendeck.
+
+Amerika! Asmussens Brüdern, Johannes und Alfred, hatte dies Land schon
+oft vor der Seele gestanden als ein Bereich, wo man aus dem ewigen
+Schuften und Sorgen herauskomme, wo brauchbare Arbeit einen
+reichlichen Lohn finde. Der Entschluß, dahin auszuwandern, war immer
+wieder verschoben worden; denn diese Heimat mit all ihrem Schuften und
+Sorgen übte ihre stille Kraft. Aber die Polizei kam ihrer
+Unentschlossenheit zur Hilfe. Ein Beamter, der Ludwig Sempern
+freundlich gesinnt war, teilte ihm unter der Hand mit, daß auch sein
+Sohn Johannes auf der Proskriptionsliste stehe und demnächst
+»drankomme«. Vielleicht ziehe er es vor, noch vordem auszuwandern.
+
+Das gab einen Aufruhr im Hause Semper! Frau Rebekka sprach sich über
+Thron und Altar, über Bismarck und die Polizei in einer Weise aus, die
+ihr gegebenen Falles 100 Jahre Gefängnis gesichert hätten, und im
+stillen weinte sie. Ludwig Semper trug das Unglück schweigend wie
+immer, nur warf er öfter als sonst das linke Bein über das rechte und
+bewegte heftig die Lippen, und nur einmal rief er: »Die Narren, wenn
+sie glauben, daß ihnen das was hilft!«
+
+Am muntersten nahm Alfred die Neuigkeit auf. Er wollte sofort mit
+seinem Bruder nach Amerika, obwohl ihn niemand forttrieb und obwohl
+er sich ein Sümmchen erspart hatte. Aber er wollt’ es »zu was bringen«
+und erbot sich, seinem Bruder das Geld für die Überfahrt zu leihen.
+
+Und Johannes schlug ein. Entschlossen, nach Amerika zu gehen, war auch
+er. Aber seine Entschlossenheit hatte zwei Gesichter, die in den
+nächsten acht Tagen oft miteinander wechselten. Das eine pflegte mit
+unternehmendem Blick durchs Fenster nach Westen zu sehen, das andere
+die Blicke wandern zu lassen über Wände und Winkel, Gassen und Felder
+in Haus und Heimat, von denen er scheiden sollte.
+
+
+
+
+XV. Kapitel.
+
+Asmus hört ein französisches Lied von deutschem Heimweh, gibt
+Privatstunden bei Lachtauben und Häschen und erhält sein erstes
+Dichterhonorar.
+
+
+Schon acht Tage später bewegte sich durch die Straßen von Oldensund
+und Altenberg ein Trupp von Auswanderern dem Hamburger Hafen zu. Außer
+Moldenhuber und Johannes Semper waren noch andere ausgewiesen worden;
+Europamüde hatten sich ihnen angeschlossen, und zahlreiche Verwandte
+und Freunde gaben ihnen das Geleite bis zu den Landungsbrücken. Man
+war auf gewisse Weise heiter; einige hatten ihrer Heiterkeit mit
+Alkohol auf die müden Beine geholfen. Man konnt’ es Heiterkeit nennen,
+wie man es Sonnenschein nennen kann, wenn durch unaufhörlich ziehende
+Wolken hin und wieder auf Minuten die Sonne mit stechendem Glanze
+hindurchblickt. Man sang sogar, man sang lustige Lieder; aber kein
+Mensch nahm sie lustig. Asmus ging eine Weile allein neben seinem
+Bruder Johannes. Sie sangen beide nicht mit; aber plötzlich sang etwas
+in Asmus. Er hatte es oft, daß plötzlich eine Melodie in ihm
+aufwachte, die er nur einmal gehört und die er dann wochenlang,
+monatelang vergeblich in seiner Erinnerung gesucht hatte. Vor mehr als
+einem Vierteljahr hatte er mit dem blinden Pianisten zusammen die
+»Fantastische Symphonie, op. 14« von Berlioz gehört. Und da hatte ganz
+besonders ein Gesang gedämpfter Geigen sich wie ein weicher, warmer
+Herbsttag ihm in das Herz gelegt. Er hatte sich die Worte gemerkt, die
+den Komponisten zu diesem Gesange angeregt hatten; aber die Melodie
+hatte er doch vergessen. Heute mit einem Male schlug jene wundersame,
+süß-traurige Weise die Augen auf.
+
+[Illustration:
+#/Largo./#
+
+Musiknoten
+
+Liedtext:
+#Je vais donc quitter pour jamais, mon doux pays, ma douce amie!#]
+
+sang es in ihm. Dann hörte er seinen Bruder sprechen.
+
+»Sobald ich drüben bin, schick’ ich meine Adresse; dann mußt du mir
+fleißig schreiben.«
+
+»Gewiß,« sagte Asmus.
+
+»Schreib mir sobald als möglich, wie es Vater und Mutter geht – sie
+werden allmählich alt.«
+
+»Ja, ja,« sagte Asmus nachdenklich.
+
+»Mach’ ihnen nur recht viel Freude. Sowie ich etwas übrig habe,
+schick’ ich auch Geld.«
+
+»Aber überarbeite dich auch nicht,« fügte Johannes noch hinzu. Dann
+schwiegen sie wieder. Und wieder hub in Asmus die sanfte, traurige
+Weise an:
+
+ #Je vais donc quitter pour jamais
+ Mon doux pays# – – –
+
+Endlich waren sie am Landungsplatz, und da griff der Anblick der
+vielen Hunderte von Zwischendeckspassagieren wie mit Krallen in
+Asmussens Herz. Er wußte ja von all diesen Leuten gar nicht, warum sie
+auswanderten, ob sie es gern oder ungern taten, was sie erhofften und
+was sie verließen; aber er sah in dieser ganzen Masse von Männern,
+Weibern und Kindern mit ihrer in Bündel geschnürten Habe nur ein
+großes Elend, ein großes, bitteres Elend, und zum ersten Male in
+diesen Tagen des Abschieds traten ihm heiße, reichliche Tränen ins
+Auge. Er trocknete sie schnell; denn es galt, Abschied zu nehmen und
+den Brüdern ein fröhliches, ermunterndes Gesicht zu zeigen. Der guten
+Frau Rebekka wollte fast das Herz brechen, und sie empfahl ihren
+Söhnen noch hundert Dinge, die sie nicht vergessen sollten; sie
+knöpfte Alfred den Rock zu und knotete Johannes den Schal fester um
+den Hals, um sie gegen die rauhe Seeluft zu schützen, die indessen von
+Hamburg noch fünf Stunden weit entfernt ist. Endlich fuhr das Schiff
+unter Hurrarufen und Winken der Zurückbleibenden davon.
+
+Als Asmus wieder daheim war, ging er heimlich ins Schlafzimmer, wie er
+von jeher getan, wenn er mit sich allein sein wollte. Er trat ans
+Fenster und blickte nach Westen. Wo werden sie jetzt sein, dachte er.
+
+ #Je vais donc quitter – – –#
+
+Die Melodie schlang sich wie ein Gewinde von Orangenblüten durch alle
+seine Gedanken.
+
+ #Je vais donc quitter pour jamais
+ Mon doux pays, ma douce amie!
+ Loin d’eux je vais trainer ma vie
+ Dans les pleurs et dans les regrets.#
+
+Das Lied paßte ja eigentlich gar nicht so recht zu diesem Tage: es war
+ein französisches Lied, und hier handelte es sich um eine deutsche
+Heimat; auch der Sinn der Worte paßte nur halb; aber die Töne, die
+Töne sangen ein wunderbares Heimweh, und sie folgten ihm bis in den
+Traum und bis in manchen folgenden Tag.
+
+Viel Zeit war indessen für wehmütige Stimmungen und Gedankenspiele
+nicht übrig; das Leben schickte sich an, unserm Seminaristen mit
+realen Forderungen hart auf den Leib zu rücken. Mit den beiden Söhnen
+hatten die alten Semper zwar zwei beträchtliche Esser, zugleich aber
+einen für ihren Haushalt noch beträchtlicheren Geldzuschuß verloren.
+Vorübergehende Arbeitslosigkeit kam hinzu, und die fetten Jahre der
+dreihundertundsechzig Mark #pro anno# waren vorbei; im ersten
+Seminarjahr gab es nur einhundertundzwanzig Mark Stipendien, im
+zweiten zweihundert, im dritten zweihundertundvierzig. Aber wie
+sollten nun die Semper ihren Studenten durch drei endlose Jahre
+hindurchschleppen?!
+
+Frau Rebekka verzagte an diesem Unternehmen. Durch den Spalt einer
+angelehnten Tür belauschte Asmus eines Tages ein Gespräch seiner
+Eltern.
+
+»Dann muß er eben den Lehrer an den Nagel hängen und Zigarrenmacher
+werden,« sagte die Mutter.
+
+»Ach, Unsinn!« klang die Stimme Ludwig Sempers.
+
+»Ja, Unsinn! Weißt du, woher das Geld kommen soll? Ich weiß es nicht.
+Wir riechen nach Geld wie die Gänse nach Franzbranntwein.«
+
+»Na ja, das findet sich,« sagte Ludwig.
+
+»Ja, das sagst du immer,« meinte Rebekka. »Wozu auch?« fuhr sie fort.
+»Die anderen Kinder sind auch alle begabt und sind auch keine Lehrer
+geworden.«
+
+Sie sagte das nicht lieblos; sie sagte es mit jener Resignation des
+Armen, der das Gefühl hat, daß das Talent für den Mittellosen ein
+Unglück ist.
+
+Aber obwohl sie das Wort nicht lieblos gesprochen hatte, ging es
+Asmussen wie ein Messer durch’s Herz. Sie hatte Wahrheit gesprochen,
+die Mutter. Seine Brüder waren wohl ebenso begabt wie er, vielleicht
+begabter, und mußten Zigarren drehen. Sollte er seinen Eltern, die
+sich von Sorge zu Sorge schleppten, drei Jahre lang auf der Tasche
+liegen? Nein.
+
+Asmus beschloß, seinen Unterhalt durch Privatstunden selbst zu
+verdienen. Dazu waren freilich nicht wenige solcher Stunden nötig.
+
+Er ging dreimal in der Woche zu den Kindern eines Fettwarenhändlers,
+drei allerliebsten, wohlerzogenen Kindern, zwei Mädeln und einem
+Buben. Die Älteste war ein Lachtäubchen, und wenn Asmus über eine
+seltsame Aufgabenlösung ein humoristisches Augenrollen vollführte,
+wollte sie sich unter den Tisch kichern; nur wenn er die Frage an das
+etwas »thumbe« Brüderlein richtete, machte sie ein bekümmertes
+Muttergottesgesichtchen. Die Stunden wurden glänzend bezahlt, mit 75
+Pfennigen, und jeden Monat zählte der blendend weiß beschürzte Vater
+mit verbindlichstem Dank und höflichen Komplimenten die blanken
+Silberstücke auf die Ladenbank. Hier war alles warm und gut.
+
+Auch mit dem einzigen Kinde des Gelehrten, zu dem er sechsmal die
+Woche ging, lebte er gute und feine Stunden. Freilich nicht von Anfang
+an. Als er bei dem sechsjährigen Bürschchen mit dem Unterricht
+beginnen wollte, bemerkte er, daß es kaum die Entwicklung eines
+Vierjährigen hatte. Infolge von Krankheit oder Verzärtelung war es so
+zurückgeblieben, daß es fast gar nicht sprechen konnte, und wenn es
+nach vielen Ermunterungen und Mühen endlich den Mund auftat, so sagte
+es »trein« statt »klein« und »Josche« statt »Rose«. O, o, oh, dachte
+Asmus, was fang ich da an. Zudem war der Kleine furchtsam wie ein
+Häslein; er starrte seinen Lehrmeister nach Wochen noch an wie einen
+bösen Mann und war durch die zündendsten »Witze« und die komischsten
+Gesichter nicht ins Lachen zu bringen. Hundertmal, tausendmal sprach
+ihm Asmus die richtigen Laute vergeblich vor – das konnte nicht immer
+kurzweilig und fröhlich sein; dem Kleinen traten dicke Tränen ins
+Auge, und dann war alles vorbei ... Dann mußte Asmus aufspringen und
+ein paarmal auf und ab gehen und sich sagen, daß er die Geschichte vom
+Sisyphos bisher immer viel zu leichtfertig und teilnahmlos aufgefaßt
+habe. Endlich, nach sechs Wochen, sagte das Bübchen plötzlich ganz
+richtig »klein« und »Klavier«. Asmus traute seinen Ohren nicht.
+
+»Sag’ mal Klaus!« – »Klaus.«
+
+»Klemme!« – »Klemme!«
+
+»Klosett!« – »Klosett!«
+
+»Hurra« brüllte Asmus, »hurra, er kann es!« und er sprang – er konnte
+nicht anders – er sprang über einen Stuhl. Da lachte das Bürschchen
+zum ersten Male laut auf, und nun kam Sonnenschein ins Werk. Von nun
+an ging es vorwärts, und nach einem halben Jahre streckte sich aus
+den verhutzelten Hüllblättchen der kleinen Menschenknospe ein
+vollkommen helles und frisches Geistchen hervor.
+
+Die Wirksamkeit in diesem Hause hatte für Asmus noch ein anderes
+Ergebnis. Irgend jemand hatte dem Vater seines Schülers gesteckt, daß
+der junge Herr Semper auch dichte, und eines Tages erbat der Vater von
+seinem Hauslehrer ein Lied für eine Naturforscherversammlung. Asmus
+sagte zu und dichtete etwas hervorragend Ungeeignetes. Der Doktor
+hatte sich ein munteres Kneiplied gedacht; Asmussens Werk aber war mit
+mehreren Zentnern Naturphilosophie befrachtet. Der Gelehrte, ein
+Gentleman, fragte gleichwohl mit verbindlichem Dank nach seiner
+Schuldigkeit. Vor Asmussens Phantasie stieg wie eine Leuchtkugel ein
+funkelndes Fünfmarkstück auf; aber er ließ sich grundsätzlich nicht
+übergentlemannen und sagte, es sei eine Gefälligkeit, für die er kein
+Honorar beanspruche.
+
+»Nun, dann werd’ ich es auf andere Weise gutzumachen versuchen,« sagte
+der Doktor.
+
+Und von nun an erschien in jeder Unterrichtsstunde eine Tasse Kaffee,
+ein wundervoller Kaffee, nicht mit Zichorien wie zu Hause. Und da er
+ein Jahr lang im Hause des Gelehrten wirkte, so kamen Hunderte von
+Tassen Kaffee heraus, und sie waren sein erstes Dichterhonorar, ein so
+hohes, wie er es viele Jahre später noch nicht erreichen sollte.
+
+
+
+
+XVI. Kapitel.
+
+Handelt von sonderbaren Studenten und von einem unvergleichlichen
+Architekten.
+
+
+Soweit waren die Privatstunden gut und schön. Mit den zwei Kaufleuten
+aber ging es schon anders. Das waren zwei Kompagnons, die Englisch
+lernen wollten. Aber nicht das Englisch der Schulgrammatik, des
+Landpredigers von Wakefield und des Verlorenen Paradieses, sondern das
+Englisch der Butter-, Eier- und Buckskinhändler. Also kaufte sich
+Asmus eine Grammatik der englischen Kaufmanns- und Gewerbesprache und
+studierte mit Volldampf englische Tratten, Rimessen, Konnossemente,
+Fakturen, Beschwerden über unbefriedigende Hosenstoffe und
+Insolvenzerklärungen. Die beiden Schüler waren so ungleich wie nur
+denkbar; der eine begriff nichts, der andere alles, und das mochte
+diesen bewogen haben, sich mit jenem zu assoziieren. Wie sollte man
+mit zwei solchen Pferden vorwärts kommen! Und obendrein mußte man doch
+noch immer auf der Hut sein, den verstopften Geist seine
+Beschränktheit allzu beschämend fühlen zu lassen! Aber die Qual
+sollte nicht allzulange dauern. Als Asmus nach zehn Unterrichtsstunden
+zur elften erschien, erklärte ihm die Frau, bei der die beiden
+Junggesellen gewohnt hatten, daß seine Schüler verzogen seien
+»unbekannt, wohin«. Sein Honorar hatten die Kompagnons mitgenommen.
+Asmus stand eine Weile sinnend vor dem Hause und betrachtete beim
+Schein der Gaslaterne die Grammatik für Kaufmannsenglisch, die vier
+Mark gekostet hatte und für die er nie im Leben wieder Verwendung
+finden sollte.
+
+Mit diesen Stunden hatte er besonders gerechnet. Er verdiente
+allgemach so viel, daß er seinen Eltern Kost und Wohnung vergüten
+konnte, und diese Stunden sollten es ihm endlich ermöglichen, von
+seinem Verdienst ein weniges für sich zu behalten. Wenn die Stunden
+eine Weile fortgingen, wollte er sich ein Klavier mieten! Und auf
+diesem einst zu mietenden Klavier hatte Ludwig Sempers Sohn auf
+Spaziergängen und an stillen Feierabenden schon manches #Adagio
+cantabile# und manches #Presto furioso# gespielt. Denn er war
+vielleicht der größte und kühnste Luftschloßarchitekt seines
+Jahrhunderts. Aus einem einzigen Stein baute er ein Schloß; aber er
+ließ es nicht etwa, wie die meisten dieser Künstler, bei dem Gerüst
+oder bei der Fassade bewenden; nein, er führte es durch und hinauf bis
+zu den letzten Fialen und Türmchen, die mit den Mondstrahlen stritten
+an Feinheit und Glanz; er baute es aus von der Halle bis ins
+verschwiegenste Gemach, von der breitschimmernden Treppe bis in die
+Kammer des Türmers, vom lauschigen Erker bis zum lachenden Balkon, der
+in prangende Gärten hinabsah. Denn was wäre ein Schloß ohne einen Park
+mit Brücken und Lauben, mit singenden Wassern und horchenden
+Steinbildern, mit hundert Abgründen für den Traum und hundert Grotten
+und Höhlen für die Erinnerung?
+
+Aber das merkwürdigste war, daß er, wenn das Schloß nun plötzlich im
+leeren Grau verschwand, nur drei Sekunden brauchte, um sich mit dieser
+vollendeten Tatsache abzufinden. Er galt bei denen, die ihn kannten,
+für einen Menschen von Talent; aber sein größtes Talent kannten weder
+sie noch er selbst: sein unerhörtes Talent, glücklich zu sein. In
+einem heimlichen Schubfach seines Herzens lagen tausend Baupläne zu
+neuen Luftschlössern; hinter seiner Stirn brannte wie ein wandelloser
+Stern die Hoffnung: Einmal bau ich mir doch ein Schloß, ein Schloß aus
+wirklichem Glück, und so viele, so herrliche Schlösser ihm versinken
+mochten – er versöhnte sich mit jeder Notwendigkeit und kannte nichts
+Unsinnigeres als Trauer um das Unabänderliche.
+
+Und so schob er denn die Grammatik der englischen Handelssprache unter
+den Arm und sagte sich: »Ich habe doch meine Kenntnis des Englischen
+erweitert und einen gewissen Einblick in geschäftliche Dinge bekommen
+– wer weiß, ob ich sonst jemals dazu gekommen wäre.« Damit waren die
+Kompagnons erledigt.
+
+Die Lust, etwas zu lernen, ist unter den Menschen weit verbreitet, die
+Lust, sich darum anzustrengen, nicht. Es gab wohl allerlei Leute, die
+Privatstunden haben wollten; aber sie gaben sie gewöhnlich schnell
+wieder auf, wenn sie merkten, daß das Lernen bei aller Milde der
+Methoden doch etwas anderes ist als eine schmerzlose Einspritzung ins
+Gehirn. So gingen allerlei Leute durch Asmussens Hände: ein
+Opernsänger, der fast so begabt war wie der beschränkte Kompagnon,
+aber nicht singen konnte; ein Franzose, der Deutsch lernen wollte, der
+– #ayant oublié son porte-monnaie# Asmussen um drei Mark anpumpte und
+dann nicht wiederkam; ein Gastwirt, der eine feinere Wirtschaft
+übernahm und darum Bildung lernen wollte, und manche andere; es gab
+Wochen, in denen »das Geschäft blühte«; aber sie wechselten mit
+Monaten, Vierteljahren, an denen es darniederlag. Und wenn den
+Glückspilz Asmus Semper etwas andauernd unglücklich machen konnte, so
+war es das Gefühl, seinen Eltern zur Last zu liegen, und die Furcht,
+in den Augen seiner Mutter den stummen Vorwurf zu lesen, daß er seinen
+Eltern Opfer und Sorgen auferlege, die keines der anderen Kinder
+verlangt habe.
+
+
+
+
+XVII. Kapitel.
+
+Das Schicksal führt uns zu wunderlichen Tischgenossen.
+
+
+In solcher Zeit ward ihm einmal Hilfe durch einen Lehrer, der ihm in
+»feinen Häusern« drei Freitische verschaffte. Asmus jubelte, erstens
+weil er seinen Eltern drei Mittagsmahle ersparte, und zweitens, weil
+ihm ein Klassenkollege und Freitischler auf Spaziergängen zu
+wiederholten Malen die Leckerbissen geschildert hatte, die es in
+solchen Häusern gebe. Schneebälle zum Beispiel, Schneebälle zum
+Nachtisch, man denke! Asmus freute sich wie ein Kind auf die zu
+erwartenden Festgerichte und ahnte nicht, womit sie gewürzt waren. Und
+bei dem Architekten war es wirklich schön! Die kinderlosen, noch
+jungen Eheleute behandelten ihn ganz wie einen Gast; das Mädchen
+servierte erst der gnädigen Frau, dann ihm und dann erst dem
+Hausherrn, und die gnädige Frau schanzte ihm immer besonders gute
+Bissen zu und schälte und zerlegte ihm mit eigenen Händen Äpfel und
+Apfelsinen. Asmus war von dieser reinen Güte so beschämt, daß er
+anfangs vor Beklommenheit nicht reden und nicht essen konnte. Aber
+die ungezwungene Freundlichkeit der Wirte, die keine seiner
+Verlegenheiten und Unbeholfenheiten zu bemerken schien, half ihm über
+alle Ängste hinweg; der Hausherr schenkte ihm immer wieder ein,
+behandelte ihn als alten Kneipgesellen und neckte bei aller Zartheit
+seine Frau so lustig und unbefangen, als wäre niemand zugegen denn ein
+alter Freund!
+
+»Greifen Sie zu, Herr Semper, greifen Sie zu!« rief er. »Meine Frau
+hofft natürlich, daß von dem Eis was nachbleibt – sie nascht nämlich;
+aber wir sind für ihre Gesundheit verantwortlich; es darf nichts übrig
+bleiben.«
+
+Dann drohte die sanfte Frau ihrem Gatten lächelnd mit dem Finger und
+schob Asmussen die Eistorte zu mit einem Glanz in den Augen, als
+pflege sie in dem kleinen Seminaristen ihr ersehntes Kind.
+
+Wie ganz anders ging es da »bei Stadtrats« zu. Da kam Asmus gleich
+beim ersten Male neben einer pompösen Dame zu sitzen; sie hieß »Frau
+Senator«, und er war sozusagen ihr Tischherr. Zwischen ihr und ihm
+stand auf dem Tisch eine Flasche Rotwein. Als der erste Gang nach der
+Suppe aufgetragen war, sagte die dicke Frau in einem bösen Tone:
+
+»Na, wenn _Sie_ keinen Wein mögen, _ich mag_ Wein!« nahm heftig den
+Stöpsel von der Flasche und schenkte sich ein.
+
+Asmus war’s, als ob ihm siedendes Wasser über den ganzen Leib liefe.
+Wie sollte er denn dazu kommen, sich an einer Flasche Wein zu
+vergreifen, die andern Leuten gehörte, und diesen Wein einer Dame
+anzubieten, einer Dame »furchtbar prächtig wie blutiger
+Nordlichtschein«! Wenn er auch in der Theorie noch Königsmörder war
+und wußte, daß es schlechte Könige und Minister gebe, in der Praxis
+glaubte er noch fest, daß ein Mensch, der »Frau Senator« heiße, auch
+wirklich etwas Hervorragendes und Feines sein müsse.
+
+Da war aber auch noch jedesmal ein Kandidat, der bei jeder passenden
+und unpassenden Gelegenheit auf die Juden schimpfte, sonst aber keine
+geistige Regsamkeit erkennen ließ. In Asmussens Herzen war die Stelle
+noch sonnenwarm, an die er vor Jahren Lessings Gedicht von Nathan dem
+Weisen gedrückt hatte. Der Kandidat war ihm furchtbar zuwider. Er
+konnt’ es begreifen, daß man einzelne Menschen haßte, wenn sie
+schlecht waren; auch er konnte hassen, o gewiß, leidenschaftlich, wenn
+auch nicht lange; aber daß man eine ganze Menschenklasse hassen,
+verdammen, beschimpfen und ihr alles Leid an den Hals wünschen konnte,
+das empörte ihn wie eine Roheit des Herzens, und diese Empörung
+schwoll eines Tages so gewaltig in ihm auf, daß er, über und über
+errötend, dem Kandidaten erwiderte:
+
+»Vergessen Sie doch nicht, wie man die Juden behandelt hat.«
+
+»O, das war nicht so schlimm,« meinte der Gottesgelehrte spöttisch.
+
+»So? Haben Sie Freytags »Bilder aus der Deutschen Vergangenheit«
+gelesen?«
+
+»Nee.«
+
+»Nun, da können Sie’s nachlesen; Freytag ist gewiß unparteiisch. Und
+ich muß sagen: Wenn man mich so behandelte, würde ich nur eine Antwort
+kennen: Haß, unauslöschlichen Haß.«
+
+Man ging schnell über die Taktlosigkeit des Freitischlers hinweg, und
+als Asmus zehn Minuten später eine bescheidene Bemerkung an die »Frau
+Senator« richtete, tat sie, als hätte sie nichts gehört.
+
+Das nächste Mal war ein Professor von der Familie zugegen. Er zog den
+jungen Semper sehr wohlwollend in ein Gespräch über die Schule, und im
+Laufe dieses Gesprächs erklärte Asmus die allgemeine Volksschule für
+sein Ideal.
+
+»Ja, mein lieber Herr – Semler, nicht wahr?«
+
+»Semper.«
+
+»Semper! Pardon! – sehen Sie, das macht sich in der Theorie ja alles
+sehr schön; aber wie wollen Sie das durchführen? Wir können doch
+unsere Kinder nicht mit Krethi und Plethi zusammen erziehen lassen.
+Wenn unsere Töchter mit den Töchtern unseres Grünhökers auf derselben
+Schulbank sitzen, woher sollen wir denn unsere Frauen nehmen?«
+
+Asmus empfand eine deutliche Ohrfeige. Für Krethi und Plethi und
+Grünhöker konnte man auch »Zigarrendreher« sagen. Übrigens hatte der
+Professor Asmussen nicht nur eine feine Zigarre gereicht, sondern ihm
+sogar Feuer gegeben.
+
+Als der Seminarist eine Viertelstunde später die mit dicken Teppichen
+belegte Treppe hinabstieg und das Dienstmädchen ihm mit Herablassung
+den Überzieher reichte, fragte er sich: Durfte ich dazu nun schweigen?
+Durfte ich sozusagen meine Eltern beschimpfen lassen für ein feines
+Diner? Darf ich überhaupt zu all diesen schrecklichen Ansichten
+schweigen und den Anschein erwecken, daß ich sie teile?
+
+Natürlich mußte er schweigen; denn dreinzureden wäre sehr unbescheiden
+gewesen. Aber er konnte das nicht mit anhören, ohne jeden Augenblick
+aufzuzucken. Und ihm fiel das schöne Aristokratenwort seines
+Landsmannes Th. Storm ein:
+
+ »Wo zum Weib du nicht die Tochter
+ Wagen würdest zu begehren,
+ Halte dich zu wert, um gastlich
+ In dem Hause zu verkehren.«
+
+Der Kopfhänger Asmus richtete sich hoch auf, und zu Hause angelangt,
+schrieb er sofort an »Stadtratens«, daß er durch Privatstunden und
+andere Pflichten leider verhindert sei, fernerhin zum Essen zu kommen,
+und daß er für die erwiesene Güte danke.
+
+Bei dem reichen Lederhändler aber, der Senator werden wollte, hielt
+er’s nur eine einzige Mahlzeit aus. Als man zum Essen ging, wollte
+Asmus schon seinen Stuhl vom Tische abrücken, um sich darauf zu
+setzen, da bemerkte er, daß alle hinter ihren Stühlen stehen blieben
+zum Gebet. Er trat schnell ebenfalls hinter seinen Stuhl, faltete aber
+weder die Hände noch senkte er den Kopf, um nicht den Anschein zu
+erwecken, daß er mitbete. Der Hausvater tat, als habe er nichts
+bemerkt; aber gegen Ende der Mahlzeit flocht er in sein erbauliches
+Gespräch ein Sprüchlein ein, das lautete:
+
+ »Wer ungebetet zu Tische geht
+ Und ungebetet vom Tisch aufsteht,
+ Der ist dem Öchs- und Eslein gleich
+ Und hat nicht teil am Himmelreich.«
+
+Durch diese liebevolle Weltanschauung fühlte sich indessen Asmus nicht
+einmal so weit überzeugt, daß er beim Gebet nach Tisch die Hände
+faltete, vielmehr sagte er sich auf dem Nachhausewege: »Kann ich
+erwarten, daß die Leute meinetwegen nicht beten? Ganz gewiß nicht.
+Können sie verlangen, daß ich aus Dankbarkeit für das Mittagessen
+mitbete? Ebensowenig. Ich bete nicht. _So_ nicht. _So_ nicht!« rief
+der Jüngling, der nach der Ansicht des Lederhändlers keinen Teil am
+Himmelreich hatte, laut vor sich hin, so laut, daß ein kleiner Junge
+ihn anstarrte und ihm eine Weile nachschaute. Und merkwürdig, wieder
+fiel ihm ein steifnackiges Wort Theodor Storms ein:
+
+ »Auch bleib der Priester meinem Grabe fern;
+ Zwar sind es Worte, die der Wind verweht;
+ Doch will es sich nicht schicken, daß Protest
+ Gepredigt werde dem, was ich gewesen,
+ Indes ich ruh im Bann des ew’gen Schweigens!«
+
+
+
+
+XVIII. Kapitel.
+
+Wie Asmus schlafwandelte und die Gedankenwelt des Herrn Quasebarth
+auf den Kopf stellte.
+
+
+Als obendrein der Architekt nach Süddeutschland übersiedelte und auch
+diese Speisung ihr Ende fand, sah Asmus sich wieder ganz auf dem alten
+Punkte. Es galt, eifriger denn je nach Privatstunden auszuschauen, und
+er fand auch immer wieder neue; aber da sie meistens schlecht bezahlt
+wurden, so mußte er ihrer so viele geben, daß er an gewissen Tagen mit
+einer dreiviertelstündigen Unterbrechung von sieben Uhr morgens bis
+elf Uhr abends bei der Arbeit oder auf dem Marsche war. Um sechs Uhr
+abends kam er dann zum Mittagessen. Das Diner war in zehn Minuten
+erledigt, und dann lehnte er sich ins Sofa zurück, um 35 Minuten lang
+nichts, gar nichts zu tun. Solche Bedürfnisse hatte er früher nicht
+gekannt. Mit dem Blick auf die Uhr genoß er die Minuten einzeln, und
+die Zeit schien dadurch länger zu werden. »Noch sieben schöne
+Minuten,« dachte er, »noch sechs, noch vier,« und die letzten Minuten
+kostete er, wie man Tropfen eines kostbaren Weines einzeln auf der
+Zunge zergehen läßt. O weh, dann war er doch ins Träumen geraten und
+hatte fünf Minuten über die Zeit genossen! Nun hieß es rennen.
+
+Eines Abends auf dem Heimwege stieß er mit dem Kopfe gegen den
+Mauerpfeiler eines Gartenportals. Wie konnte denn das angehen? Hatte
+er denn im Gehen geschlafen? Nein, das war nicht möglich. Er blutete
+an der Wange, und am andern Tage neckte man ihn in der Klasse, er sei
+bekneipt gewesen.
+
+Wenige Tage später, auf demselben Wege, erwachte er plötzlich auf
+einem freien Platze. Er mußte sich lange besinnen, eh’ er begriff, wo
+er war. Er war in einer ganz verkehrten Richtung gegangen und hatte
+nun einen noch weiteren Weg nach Hause als sonst. Er war so erschöpft,
+daß er nach zehn Schritten immer wieder einschlief; aber der
+einstündige Weg mußte gemacht werden, da half nichts. Er nahm ein
+heftiges Tempo an und stampfte den Boden wie ein Grenadier beim
+Parademarsch; aber nach wenigen Minuten wurden seine Schritte
+langsamer – langsamer – langsamer. Am andern Morgen erinnerte er sich
+nicht, wie er nach Hause gekommen.
+
+Und noch einige Tage später erwachte er auf demselben Heimwege von
+einem trappelnden Geräusch. Verstört blickte er auf und fand, daß er
+vor zwei sich bäumenden Pferden stand, die um seinetwillen nicht
+weiter wollten. Er sprang zur Seite, und der Kutscher fuhr fluchend
+weiter und schimpfte etwas von »Besoffenheit« vor sich hin.
+
+Dieser Schreck war von so nachhaltiger Wirkung, daß Asmus nicht wieder
+im Gehen einschlief. Die Theorie, daß der Mensch eigentlich überhaupt
+keinen Schlaf brauche, hatte er aufgegeben.
+
+Manchesmal in dieser Zeit mußte er an Adolfinen denken, wie sie
+lachend ihren großen Mund aufriß und rief: »Du willst Lehrer werden?
+Du bist wohl verrückt!« – – – –
+
+Und wer wußte, ob er nicht wirklich eines Tages die Flinte ins Korn
+warf und ans Zigarrenbrett ging! Aber da war Ludwig Semper, sein
+Vater. Je älter Ludwig wurde, desto früher stand er auf; er schlief
+nur wenige Stunden in der Nacht. Und in der Frühe des Morgens
+bereitete er seinem Sohne den Kaffee und strich ihm sein Brot. Und
+wenn Asmus seine bescheidene Toilette beendet und sich zum Frühtrunk
+gesetzt hatte, dann wußte er, ohne aufzublicken, daß der Blick seines
+Vaters auf ihm ruhte. »Er freut sich, daß es mir schmeckt,« dachte
+Asmus. »Und er freut sich, daß ich ins Seminar gehen kann und etwas
+werde, was er nicht werden durfte.«
+
+O ja, zu Hause schmeckte ihm noch das Brot; aber er mußte auch den Tag
+über von Brot leben, weil er erst um 5 oder um 6 Uhr zum Mittagessen
+kam, und wenn er in der Mittagspause im Seminar sein Frühstück
+auswickelte, dann schauderte er oft zurück und wickelte es wieder ein.
+Die Luft dieser alten Schulkasernen belegt alle Luft- und Speisewege
+wie mit einer übelschmeckenden Schicht; bis in den Magen hinein fühlte
+man diese Luft; er mußte sich Gewalt antun, wenn er einen Bissen
+hinunterwürgen wollte, und wenn einem Achtzehnjährigen der Appetit
+fehlt, so fehlt ihm ein Stück Jugend. Und eines Morgens fragte ihn
+Herr Rothgrün in der Geschichtsstunde:
+
+»Stehen Sie morgens so früh auf?«
+
+»Ich – o nein,« sagte Asmus ohne Verständnis.
+
+»Sie schliefen nämlich eben,« fuhr Herr Rothgrün pikierten Tones fort.
+
+»Ich? Nein!« erklärte Asmus wie alle Leute, die der Schlaf wider
+Willen überfällt, und in der Tat war der Schlaf nur wie ein leises
+Wölkchen vor seinen Augen vorübergezogen. Er hatte Herrn Rothgrün noch
+vom zweiten Samniterkriege sprechen hören, und jetzt sprach er vom
+dritten, also konnte nicht viel Zeit verstrichen sein; denn Herr
+Rothgrün erledigte solche Sachen sehr schnell. Und in eben dieser
+Aufmachung interessierten Asmus die Samniterkriege nur äußerst
+schwach.
+
+Da ihn sein fröhlichstes Gefühl, sein Kraftgefühl in diesen Zeiten
+verließ, fühlte er sich ernstlich unglücklich. Daß er in der Klasse
+eingeschlafen war, empfand er bei seinem peinlichen Ehrgefühl als
+eine Schmach, und daß er Herrn Rothgrün in seiner Eitelkeit verletzt
+hatte, war nicht gut; denn Herr Rothgrün vergaß dergleichen schwer;
+aber das alles bedeutete nichts gegen einen anderen Schmerz.
+
+Das war kein Studieren mehr, was er jetzt trieb! Das war nichts als ein
+Aufschnappen und Wiederfahrenlassen im Husch und Hui. Er war es gewohnt,
+zu dem, was das Seminar ihm gab, wenigstens ebensoviel durch eigene
+Arbeit hinzuzutun. Bei wichtigen Fragen und Aufgaben – und seinem
+Feuereifer schien fast alles wichtig – holte er sich alle Darstellungen
+und Behandlungen herbei, die ihm Neues bieten konnten, und durchackerte
+sie; aber nie beruhigte er sich bei den Büchern; er zwang sich, die
+Ideen eines Bacon, eines Comenius, eines Pestalozzi und Herbart, die
+Abhandlungen eines Schiller und Lessing, die Darstellungen eines Ranke
+und Mommsen unabhängig vom Buch, in eigener Form zu rekonstruieren, ihre
+Zusammenhänge, da, wo sie ihm fehlten, selbst zu finden; er hielt sich
+gleichsam selbst Vorträge; ja, er diskutierte im Schlafzimmer laut mit
+sich selbst und stellte Grund und Gegengrund sozusagen im
+kontradiktorischen Verfahren einander gegenüber, so daß Frau Rebekka,
+die für den Frieden eines Studierzimmers nicht allzuviel Verständnis
+hatte, zuweilen lächelnd hereinkam und rief: »Junge, du priesterst ja
+wieder ordentlich.« Er hatte nun einmal dies leidenschaftliche
+Bedürfnis nach Klarheit; es war, als ob eine Stimme in ihm rief: Nichts
+Dunkles hinter dir zurücklassen, sonst verwirrt sich alles Künftige, und
+er hatte den heiligen Glauben, daß, wer sich bei keinem unklaren
+Gedanken beruhige, endlich auch die letzten Rätsel lösen müsse. Er war
+in der Mathematik nicht zufrieden damit, die Lehrsätze zu beweisen und
+die Aufgaben zu lösen, er wollte auch die Axiome beweisen und begründen.
+Daß jede Größe sich selbst gleich ist – natürlich, die Wahrheit dieses
+Satzes begriff er intuitiv wie jeder normale Mensch; aber er wollte sie
+auch beweisen, und das konnte man nicht, und die ihm in späteren Jahren
+das bedrückte Herz befreien sollten: die intuitiven Gewißheiten, sie
+machten ihm in diesen Jahren Pein. Aber noch mehr: alles, was er logisch
+begriffen hatte, wollte er auch sinnlich erfassen. Es war der Künstler
+in ihm, der sich nicht beim Abstrakten beruhigen wollte. Den Satz des
+Menelaos von der Transversale, die die Seiten eines Dreiecks schneidet,
+logisch begreifen und beweisen, das konnte ein Kind; aber er wollte auch
+_sehen_, daß die Produkte der nicht anstoßenden Abschnitte einander
+gleich seien. Und das konnte man nicht. Ja, man konnt’ es ja ausrechnen,
+aber das war kein _Sehen_! Und nun kam noch hinzu, daß er mit einem
+Mangel in seiner Anlage zu kämpfen hatte: in gewissen Dingen der Physik,
+der Anatomie, der Botanik und so weiter machte ihm das dreidimensionale
+Vorstellen Schwierigkeiten. Wenn er sich den Längsdurchschnitt des
+menschlichen Körpers oder einer Maschine oder eines pflanzlichen
+Gefäßsystems vorstellte, so ward es ihm bitter schwer, sich zugleich den
+Querdurchschnitt vorzustellen, und er grub die Nägel in die Stirnhaut,
+daß es schmerzte, bis er die rechte Anschauung gewann. Er hatte das
+Gefühl, als könne er sein Gehirn anspannen, wie die Muskeln seiner
+geballten Faust. Daß die Molekularbewegung und das Atomgewicht, der
+Magnetismus, die Elektrizität und vieles andere ihm Sorge machten, ist
+selbstverständlich. Warum wirkte am doppeltlangen Hebelarm das halbe
+Pfund genau so stark wie das ganze Pfund am einfachen, warum, in drei
+Teufels Namen warum? Es war so leicht, zu lernen, und so schwer, zu
+erkennen. Und er fand in seinem Seelendrange nicht immer Unterstützung.
+Um sich im raschen und klaren Erfassen geometrischer Verhältnisse zu
+üben, liebte es Asmus, die Figuren nicht mechanisch, sondern mit den
+möglichen Veränderungen in Konstruktion und Lage zu wiederholen, und
+bekanntlich ist es der Geometrie fabelhaft gleichgültig, ob das
+Hypothenusenquadrat oben oder unten, rechts oder links liegt, dieweilen
+sie von oben und unten, rechts und links überhaupt nichts weiß. Aber
+Herr Quasebarth, der Lehrer der Mathematik, dachte nicht so
+vorurteilslos, und als Asmus eines Tages fünf Konstruktionsaufgaben
+einreichte, die nicht so standen, wie es Herr Quasebarth seit
+siebenundzwanzig Jahren gewohnt war, sondern auf dem Bauche oder auf dem
+Rücken lagen oder auf dem Kopfe standen, da schrieb er mit Wucht
+darunter »falsch« und eine Vier, das schlechteste Zeugnis; denn er
+durchflog die Hefte seiner Schüler wie ein Schnellzug, der unterwegs
+nicht hält. Asmus machte ihn darauf aufmerksam, daß alle Aufgaben
+zweifellos richtig gelöst seien und nur sozusagen andere Hosen anhätten
+als sonst. Herr Quasebarth sagte höhnisch: »So« und dann sah er ins Heft
+und sagte: »Die« – und dann sagte er unsicheren Tones: »Das« – und
+nachdem er noch »Hm« gesagt hatte, rief er ärgerlich: »Ja, richtig sind
+sie wohl; aber was sollen die Veränderungen: machen Sie es doch, wie es
+alle anderen machen!« und er nahm die Feder und erhöhte das Zeugnis –
+um einen halben Grad. Er wollte damit ausdrücken, daß der Schüler
+richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen recht habe.
+
+
+
+
+XIX. Kapitel.
+
+Asmus klagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und wird in Verruf
+erklärt.
+
+
+Ja, die Gesetze des Hebels und die Wunder des Spektrums und vor allem
+jener fatale Abgrund, der zwischen Körperwelt und Gedankenwelt klafft,
+jener Abgrund, den wir immerfort überspringen, ohne ihn jemals zu
+sehen, sie hatten seinem bohrenden Geiste wilde Sorgen gemacht; aber
+es waren holde Sorgen gewesen, fröhliche Sorgen, Sorgen, die man nicht
+scheuchte, sondern suchte; denn das ist das göttliche Wunder in allem
+geistigen Ringen, daß auch die Niederlagen uns stärker und freier
+machen, solange uns Hoffnung bleibt.
+
+Die schöne Zeit dieser Sorgen war dahin. Bei den vielen Privatstunden
+konnte er nur das Notdürftigste pauken, konnte er eigentlich nur für
+den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er eine Reihe von Regeln oder
+Vokabeln oder eine Biographie oder einen Geschichtsabschnitt einmal
+durchgelesen hatte, so wußte er sie, aber für wie lange? Und was hatte
+dies oberflächliche »Wissen« für einen Wert? Was sollte das für ein
+Wissensgebäude werden, das so schwindelhaft gebaute Partien aufwies.
+In der Tat: er kam sich vor wie ein gewissenloser Baumeister, der
+schadhafte Mauern unterm Putz verbirgt, und dies Bewußtsein einer Art
+Unredlichkeit peinigte ihn mehr als alles andre, obgleich niemand mehr
+von ihm verlangte, als er leistete, das ließen seine Zeugnisse
+deutlich erkennen.
+
+Mit diesen Zeugnissen hatte er gleich nach dem ersten Quartal ein
+Malheur gehabt, das von eigenartigen Folgen sein sollte. Am
+Quartalsschluß hatte nämlich der Ordinarius gesprochen: »Das Kollegium
+ist einstimmig der Ansicht, daß die Klasse sich nicht in dem Maße
+anspannt, wie sie es könnte, und hat darum beschlossen, die höchste
+Zensur im Fleiß mit einer einzigen Ausnahme nicht zu vergeben. Diese
+Ausnahme bildet Semper; ihm ist eine Eins zuerkannt worden.«
+
+Das war ehrenvoll und sehr gefährlich. Asmus empfand sofort mit jenem
+Tastgefühl, das weit über die Grenzen des Körpers hinausreicht, daß
+seine Klassenkollegen ihm anders begegneten als sonst. Es waren wohl
+manche da, die es ihm freudig gönnten; aber die andern waren in der
+Mehrzahl. Unter diesen andern war Wiedemann, ein langer Jüngling mit
+der Stimme einer alten Tante, den Bewegungen einer Raupe und
+feuchtkalten Händen. Asmussens Hände waren trocken und sehr warm,
+fast heiß. Zwischen solchen Menschen steht etwas, was nicht zu
+überwinden ist. Asmus konnte gegen diesen Kameraden nicht freundlich
+tun; aber Wiedemann tat freundlich. Es gab in der Klasse einen
+vorzüglichen Mathematiker, der es namentlich im Rechnen allen andern
+zuvortat.
+
+»Der Mollwitz ist doch ein großartiger Mathematiker, was?« sagte
+Wiedemann mit lauerndem Lächeln zu Semper.
+
+»Das ist er,« versetzte dieser.
+
+»Ich halte ihn für den besten Mathematiker in der ganzen Klasse,« fuhr
+der Lauernde fort.
+
+»Ich auch,« erklärte Semper und begriff nicht recht, was Wiedemann mit
+diesen Selbstverständlichkeiten beabsichtigte.
+
+Wiedemann war enttäuscht.
+
+Es gab aber auch einen Seminaristen namens Frey, der ein klarer,
+tüchtiger Kopf war und auch einen guten Stil schrieb.
+
+Eines Tages schob sich die Raupe wieder heran.
+
+»Der Frey schreibt doch ’n großartigen Aufsatz, was?« forschte
+Wiedemann.
+
+»Er schreibt ’n guten Aufsatz, ja,« sagte Asmus.
+
+»Na, das mußt du doch auch sagen, seinen Aufsatz macht ihm doch keiner
+nach!«
+
+»Soo?« machte Semper.
+
+»Ja, bist du nicht der Meinung?«
+
+»Nein,« erwiderte Asmus kalt. Er wußte ganz genau, daß er’s besser
+konnte. Das sagte er zwar nicht; aber er sah auch nicht den
+geringsten Anlaß, das Gegenteil zu lügen.
+
+Wiedemann machte noch immer ein lammfreundliches Gesicht mit Ausnahme
+der Augen. Augen sind Löcher, die der Herrgott im Menschenkörper
+gelassen hat wie die Gucklöcher in einer Verbrecherzelle, damit der
+Mensch nicht allzu ungehindert heucheln könne. Augen heucheln nicht
+mit. Wiedemanns Antlitz und Stimme streichelten; aber seine Augen
+stachen, als er nun fragte:
+
+»Wer schreibt hier denn einen besseren Aufsatz?«
+
+Und obwohl ihm Asmus jetzt durch die grünglimmernden Augen bis in die
+Nieren schaute, sagte er:
+
+»Du nicht.«
+
+In solchen Augenblicken kam etwas wie Husarengeist über ihn. Wiedemann
+ging erquickt von dannen.
+
+Und er ging aus wie ein Säemann, zu säen seinen Samen, und verbreitete
+die Kunde, Semper habe sich für den besten Aufsatzschreiber der ganzen
+Klasse erklärt, er halte sich überhaupt für den Klügsten von allen und
+finde die Arbeiten Freys nur »so ziemlich«. Dies sagte er besonders zu
+Frey. Seltsamerweise blieben aber Frey und Semper die besten Freunde.
+
+Sonst aber fiel Wiedemanns Samen auf gutes, fruchtbares Land, und
+Asmus fühlte wohl, daß die Stimmung gegen ihn wuchs.
+
+Sollten sich hier die Leiden aus der Knabenschule wiederholen? O, sie
+sollten es nicht nur hier!
+
+Unter den Giftpflanzen ist eine, die keines Samens und keines Keimes
+bedarf, die auch aus Nichts entstehen kann wie die Schöpfung Jahwehs,
+das ist die Verleumdung. Sie braucht nur einen guten Boden, dann
+erzeugt sie sich aus nichts.
+
+Eines Tages wurde Asmus von Seybold gestellt, von demselben Seybold,
+der bei der Präparandenprüfung einen so sichern Blick für Sempers
+Arbeiten und eine so lebhafte Teilnahme an seinen Erfolgen bekundet
+hatte. Er war von einer ganzen Korona von Seminaristen umgeben und hub
+also an:
+
+»Hier wird behauptet, du hättest dem Direktor angezeigt, daß Müller
+und Warncke nach der letzten Kneipe den Unterricht geschwänzt und im
+Botanischen Garten ihren Kater spazieren geführt hätten.«
+
+Wäre nun Asmus Semper irgend ein anderer gewesen, so würde er
+vielleicht gesagt haben:
+
+»Bemühe dich bitte sofort mit mir zum Direktor, damit wir die
+vollkommene Unwahrheit dieser Behauptung feststellen.«
+
+Oder er würde wie jener Yankee gesprochen haben, den jemand einen
+Schurken nannte und der freundlich erwiderte:
+
+»Damit, mein Verehrtester, daß Sie es behaupten, ist es noch lange
+nicht bewiesen.« Aber wär’ er besonnen gewesen, so wäre er nicht der
+Semper gewesen, und also erwiderte er:
+
+»Wer das sagt, ist entweder ein Lump oder ein Idiot.« Das Blut seiner
+Mutter schlug mit Flammen zum Dach hinaus.
+
+Auch diese Antwort war ja richtig; aber ihre Richtigkeit wurde nicht
+zugestanden.
+
+»Hahaaa,« johlte die Korona, »da haben wir’s, wir sind alle Lumpen und
+Idioten!«
+
+Wäre Asmus jener Yankee gewesen, so hätte er gesagt: »Dieser Schluß
+entbehrt durchaus der logischen Richtigkeit«; statt dessen verzog er
+das bleiche Gesicht zu einem Ausdruck grenzenloser Verachtung und
+sagte:
+
+»Bitte, ich sagte: oder«.
+
+Sie stutzten einen Augenblick, und als sie diese Antwort begriffen
+hatten, tobten sie und erklärten Asmus Semper wegen seines »Hochmuts«,
+seiner »Frechheit« und seiner »Inkollegialität« in Verruf. Die
+Inkollegialität bestand darin, daß er mehr wußte und konnte als
+Seybold, Wiedemann und Kompanie und dies in seinen Arbeiten schamlos
+zu erkennen gab.
+
+Vor Asmussens Augen stand sein alter herrlicher Schulmeister, Herr
+Cremer, wie er dem Quintus Fabius nachahmte. Er pflegte zwei Falten in
+seinen Rock zu machen und zu sagen: »So stand Quintus Fabius vor der
+karthagischen Ratsversammlung und sagte: Hier in den Falten meiner
+Toga habe ich Krieg und Frieden – wählt!« So hatte das Schicksal in
+Gestalt der Seybold, Wiedemann und Genossen vor ihm gestanden, und
+genau wie die Karthager hatte er geantwortet: »Gebt, was ihr wollt.«
+Und Quintus Fabius Seybold hatte gesagt: So hab denn Krieg.
+
+Und so war es also Krieg.
+
+Ja, wenn es noch ein richtiger, ehrlicher Krieg gewesen wäre. Aber es
+war die bekannte Guerilla böser Schikanen, in deren Erfindung die
+Jugend so grausam ist und in der das »Zwanzig gegen Einen« durchaus
+nicht für unehrenhaft gilt. Wenn er des Morgens kam – gerade jetzt
+wieder in einem geschenkten Rock, der ihm viel zu weit war – dann
+bildeten sie Spalier, erwiesen ihm höhnische Ehren und spotteten über
+seinen Rock.
+
+»Der Kerl is ’n richtiges Originaol!« rief der Bauernsohn Rohweder,
+der seinen heimischen Akzent nicht abzulegen vermochte. Er hielt
+»Original« für etwas sehr Schimpfliches.
+
+Oder sie lösten ihm von der Milchflasche, die in seinem Bücherfach lag
+und deren Inhalt sein Frühstück ausmachte, wenn das Brot nicht
+schmecken wollte, den Stöpsel, so daß die Milch über seine Hefte und
+Bücher floß und ihm seine sorgfältigen Ausarbeitungen verdarb. Daß er
+dann nichts zu trinken hatte, war schlimm: daß seine Arbeiten
+beschmutzt waren, war schlimmer; aber das Schlimmste war die
+Niedrigkeit, die sich in solchen Tücken zu erkennen gab: sie
+beschmutzte ihm sein Weltbild. Den Haß nahm er hin als etwas
+Gleichgültiges; er liebte den geselligen Verkehr mit Menschen, aber er
+brauchte ihn nicht; wie sein Vater, so war er, wenn es sein mußte,
+sich selber Gesellschaft genug. Aber Niedrigkeiten konnten ihn in eine
+heilige Wut und dann in eine tiefe, vollkommene Niedergeschlagenheit
+versetzen. Wenn so etwas in der Welt möglich war, dann ..... Er
+verfolgte den Gedanken nicht weiter; er wollte ihn nicht weiter
+verfolgen.
+
+Er wußte sehr wohl, daß die Hauptursache ihrer Feindseligkeit der Neid
+war. Aber auch andere Schüler gaben wohl einmal Anlaß zum Neide; warum
+kam der Haß nicht auch gegen sie zum Ausbruch, oder wenn er zum
+Ausbruch kam, in so viel harmloserer Form? Er hatte nicht die Gabe,
+die Menschen im ersten Ansturm zu gewinnen, das wußte er. Er war nicht
+schön, wenn auch Flora, die verführerische Nachbarstochter, und jenes
+kleine Fräulein, mit dem zusammen er einmal Komödie gespielt hatte,
+ihn unverkennbar gern gehabt und ihm dies keineswegs verborgen hatten;
+er hatte keine Liebenswürdigkeiten, die schnell bezaubern. Aber hatte
+er denn etwas Abstoßendes, etwas, das ihm Feinde machen mußte?
+
+Er hatte es, ohne es zu wissen und zu wollen.
+
+Das Wort des Polonius an seinen Sohn:
+
+ »Härte deine Hand nicht durch den Druck
+ Von jedem neu geheckten Bruder«
+
+hatte ihm deshalb immer so gut gefallen, weil es seinem Wesen so gut
+entsprach. Oft empfand er gleich bei der ersten Begegnung mit einem
+Menschen Zuneigung oder Abneigung, und wo er Abneigung empfand, hatte
+er sogleich etwas von einer schroffen Wand, an der nicht
+hinaufzukommen war. Das nehmen die Menschen sehr übel und nennen es
+hochfahrend oder arrogant. Und er war viel zu jung, um sich objektiv
+zu betrachten und diesen Zug an sich selbst zu erkennen.
+
+Immerhin hatte er eine Minorität auf seiner Seite. Sofort bei Ausbruch
+des Konfliktes hatte sich Morieux mit tausend heroischen Gesichts- und
+Körperverrenkungen zu Semper geschlagen, etwa wie Herzog Ernst zu
+Werner von Kiburg, wenn er ruft:
+
+ »Hin fahr ich, ein zwiefach Geächteter,
+ An meine Fersen heftet sich der Tod,
+ Und unter Flüchen krachet mein Genick.
+ Vom Werner laß ich nicht!«
+
+und sieben oder acht Beherzte hatten sich ihm angeschlossen. Das war
+nun die Fraktion Semper; bei den Feinden aber hießen sie »die
+Schäflein«, weil sie nach deren Meinung im allgemeinen ein unrühmlich
+gesittetes Betragen zeigten.
+
+
+
+
+XX. Kapitel.
+
+Asmus ist trotz seiner trüben Erfahrungen anderer Meinung als
+Schiller und verfällt in eine unglückliche Liebe.
+
+
+Die Schäflein hätten nun nicht deutsche Jünglinge sein müssen, wenn
+sie sich nicht sofort zu einem Verein zusammengeschlossen hätten. Der
+Verein erhielt den Namen »Treue von 1880«, womit aber nicht gesagt
+sein sollte, daß dies für die Treue ein besonders guter Jahrgang sei;
+man wollte nur, da der Bund doch zweifellos bis in die Zeiten des
+jüngsten Gerichts dauern würde, den nachlebenden Geschlechtern das
+Gründungsjahr ein für allemal einprägen. Den acht oder neun
+Seminaristen gesellten sich bald einige Musiker, junge Kaufleute und
+Beamte zu, und nun ging es an die höchsten und tiefsten Probleme der
+Kunst und des Lebens, und Fragen wurden gelöst, die vorher und
+merkwürdigerweise auch noch nachher die stärksten Geister in Bewegung
+gesetzt haben. Semper wurde Präses und sprach heute über den
+Gralstempel bei Albrecht von Scharfenberg und den gotischen Baustil,
+das nächste Mal über Meteore und Meteorite, und wieder das nächste Mal
+knüpfte er kühne Gedanken an Schillers Gedicht »Der Antritt des neuen
+Jahrhunderts«, dessen resigniertem Pessimismus er sich natürlich als
+Achtzehnjähriger nicht anschließen konnte. Seine Glanznummer aber war
+der »Faust«, den er aus dem Kopfe vortrug, und nur das eine betrübte
+ihn ein wenig, daß seine Freunde, so beifällig sie auch die ernsten
+Partien der Dichtung aufnahmen, doch immer am unbändigsten über die
+Sauferei in Auerbachs Keller und über das »verdammte Aas« und die
+»verfluchte Sau« in der Hexenküche jubelten. Fühlten sie denn nicht,
+daß der Prolog im Himmel, die Monologe, die Gretchenlieder, die
+Kerkerszene viel gewaltiger und schöner waren? Das Schlimmste war aber
+doch, daß bei einem Vereinsfeste, bei dem auch Gäste zugegen waren,
+ein dicker Magazinverwalter auf ihn zutrat und sagte:
+
+»Djunger Mann, Sie haob’n jao’n kullosaoles Gedächtnis! Mit dem
+Gedächtnis können Sie ’ne Frau mit achtzigtausend Mark kriegen.«
+
+Er dachte sich dies Gedächtnis in einem Magazin angestellt. Und das,
+nachdem Asmus den Tasso rezitiert hatte – man denke: den Tasso!
+
+In etwa siebenundzwanzig Vorträgen sprach Morieux – sehr stilvoller
+Weise – über Voltaire, und bei jeder Spitzbüberei des Herrn Arouet
+mußte er vor unbezähmbarem Vergnügen feixen. Die Vorträge und
+Rezitationen wechselten mit Musik, gesungen, gegeigt und gehämmert,
+und unter den Musikanten waren solche, die einstmals echte und
+namhafte Künstler werden sollten und in diesen Stunden, wenn nicht ihr
+Bestes, so vielleicht ihr Heiligstes gaben. Auch gemeinsame Ausflüge
+unternahmen sie, und einer dieser Ausflüge führte sie in den
+Sachsenwald.
+
+Bismarck, der Johannes Semper und Heinrich den Seefahrer verbannt
+hatte, war in Berlin, und das war Asmussen eben recht; er hätte ihm
+damals nicht begegnen mögen. Aber im Sachsenwalde war ein Förster, der
+eines Mitgliedes Onkel war. Dieses Mitglied hatte einmal »Das Blatt im
+Buche« in durchaus ernsthafter Absicht deklamiert und damit eine
+komische Wirkung erzielt, die durch keine Selbstbeherrschung zu
+unterdrücken war. »Ich hab’ eine alte Muhme«, so beginnt das Gedicht,
+und genau das Organ einer alten Muhme hatte der Deklamator. Aber den
+Sachsenwald kannte der Deklamator; er kannte jeden Weg und Steg, und
+Asmus wollte ihm schon seine Bewunderung aussprechen, als sie
+plötzlich vor dem Försterhause standen und aus dem Hause die
+Försterstochter ihnen zur Begrüßung entgegentrat. Jetzt wunderte sich
+Asmus nicht mehr, daß das »geschätzte Mitglied« hier herum Weg und
+Steg kannte; denn diese Försterstochter war wohl das Hübscheste, was
+der Sachsenwald zu geben hatte. Sogleich empfand Asmus in der
+Herzgegend ein so süßes Weh, daß er bei dem bald darauf aufgetragenen
+Mahle nur Flüssiges genießen konnte und den Deklamator des »Blattes im
+Buche« mit argwöhnisch brennenden Blicken ansah. Nach dem Essen sollte
+Asmus rezitieren, und zwar die Szene zwischen dem Patriarchen und dem
+Tempelherrn, weil es Morieux »kolossal« fand, wie er zugleich das edle
+Ungestüm des Ritters und die bornierte Heimtücke des Pfaffen zum
+Ausdruck bringe, sogar im Gesicht! Und Asmussens Herz stieg wie das
+Roß eines Ritters, der in die Schranken reitet und vom Balkon die
+Farben seiner Dame winken sieht. Er machte seine Sache auch gewiß so
+gut wie je, und als er geendet hatte, klatschte auch die
+Försterstochter mit den Händen, aber nur ein einziges Mal; sie hatte
+nämlich eine Motte gefangen, die sie schon minutenlang mit den Augen
+verfolgt und nur aus Rücksicht auf die Kunst so lange verschont hatte.
+Unmittelbar nach Semper erhob sich, wenn auch unaufgefordert, der
+Führer durch den Sachsenwald, um »das Blatt im Buche« zu rezitieren.
+Da die Vereinsmitglieder an die Schrecken dieser Deklamation schon
+gewöhnt waren, so ging es mit einigen zerbissenen Lippen und
+zerrungenen Händen ab; nur Morieux explodierte natürlich in einem
+jähen Nasenlaut, den er durch ein heftig gezogenes Taschentuch in ein
+dringend nötiges Ausschnupfen maskierte. Die Tochter des Waldes aber
+blickte strahlend auf den Handlungsgehilfen, als wollte sie sagen:
+»Ein Künstler bist du _auch_ noch?«
+
+»So’n Syrupskringel!« knirscht Asmus in sich hinein, und damit
+meinte er nur den Handlungsgehilfen, obwohl es in gewissem Sinne
+auch auf die Tochter des Waldes paßte. Asmus hatte ja bald heraus,
+daß sie zu den höheren Dingen keine Beziehungen unterhielt; aber
+doch blieb er ganz in ihr gefangen; sie war eine Brezel, die der
+himmlische Menschenbäcker mit unendlich vielem Syrup bestrichen
+hatte. Und als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und »Dritten
+abschlagen« spielten, da traf es sich merkwürdig oft so, daß die
+Försterstochter vor dem alten Muhmen-Deklamator stand, und dann
+legte er – dieser Frechling – ganz ungeniert, wie im Eifer des
+Spiels die Hände um die Taille des hochatmenden wonnigen Geschöpfes.
+»Der Schuft,« dachte Asmus, und die Treue von 1880 wankte in ihren
+Grundfesten. Er fragte sich, ob er es auch wagen würde, ihr die
+Hände um die Hüften zu legen. »Nie,« sagte er sich. Wenn sie es ihm
+verwiesen hätte, wäre er vor Scham und Stolz gestorben. Und als es
+das Spiel so fügte, daß sie beide vor ihm standen und er als
+»Dritter« den Platz räumen mußte, um nicht »abgeschlagen« zu werden,
+da nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol. Beim Abendbrot
+holte er dann nach, was er mittags versäumt hatte; in seiner
+grollenden Versunkenheit fraß er alles in sich hinein, was ihm
+vorkam: Schinken, Rühreier, Schwarzbrot und Liebesgram. Beim
+Abschied wollte er erst ohne Gruß verschwinden; aber sie sollte sich
+nicht einbilden, daß sie ihn verwundet habe, und mit blutendem
+Herzen gab er ihr lächelnd die Hand, und wie die andern winkte er,
+im Waldesdunkel langsam verschwindend, noch lange mit Lächeln
+zurück. Zu Hause verfiel er sofort in vierfüßige Trochäen, und das
+dauerte auch den folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht wohl
+an tausend Füße hatte, fühlte er sich bedeutend ruhiger. Und als er
+nach dreien Tagen in einem uralten Exemplar von Herders »Ideen zur
+Philosophie der Geschichte der Menschheit« las und plötzlich aus
+einer Waldwirrnis von Gedanken die hübsche Försterstochter
+auftauchte, da war der Generalsuperintendent aus Weimar schon
+stärker als die Blume des Waldes. Das blutende Herz war geheilt wie
+eine Stecknadelwunde.
+
+Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch eine bessere Liebe und eine
+tiefere Herzenswunde bringen.
+
+
+
+
+XXI. Kapitel.
+
+Wie Asmus eine bessere Liebe fand.
+
+
+Alfred Sturm, ein junger Kaufmann, war dem Verein beigetreten an jenem
+Abend, als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers mit
+bemerkenswerter Kühnheit optimistische Gedanken geknüpft hatte. »Als ich
+deinen Vortrag über Schillers »Antritt des neuen Jahrhunderts« gehört
+hatte, war ich dir für immer verfallen,« sagte Sturm in vertrauter
+Stunde. Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht weniger tief,
+und sie bildeten einen stillen Bund im Bunde, bildeten innerhalb der
+»Treue von 1880« eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit. Asmus fand bei
+seinem Freunde etwas Köstliches, das die Deutschen nur verschwindend
+selten besitzen und niemals zu würdigen wissen. Die Deutschen haben
+eigentlich nur zwei Humore, den behäbigen Bier- und Tabakhumor, der noch
+ihr bester ist, und den mit spitzen Lippen säuerlich-lächelnden
+Geheimratshumor, von dem die Milch gerinnt und der Lachen für unfein
+hält; was sie fast nie haben und auch bei Shakespeare – obwohl sie’s
+heucheln nicht zu schätzen wissen, das ist der genial-groteske Ulk, der
+tiefsinnige Clownhumor. Die Spitznäsigen nennen ihn »blödsinnig«, und
+die Knoten heißen ihn »unvornehm«. Diesen Humor nun, wie alle kräftigen
+Humore, liebte Asmus aus innerster Seele, und den besaß Sturm. Wenn
+Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler darstellte, oder aus dem
+Stegreif eine Hintertreppen-Familientragödie mimte, oder einen
+Volksredner oder auch die Ilsebill aus dem Märchen »vom Fischer un syner
+Fru« verkörperte, dann lachten zwar die andern auch; aber Asmus lachte
+so, daß er endlich rufen mußte: »Hör’ auf, ich sterbe!« Aber dieser
+Humor würde vielleicht doch nicht das ganze Herz des Asmus eingenommen
+haben, wenn sich damit nicht ein merkwürdig leidenschaftlicher
+Aufwärtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs- und Vervollkommnungsstreben
+verbunden hätte. Diese beiden Eigenschaften, die immer wie Gegensätze
+aussehen und die doch durchaus keine Gegensätze sind, ließen Asmus in
+diesem Jüngling den Freund erkennen, den er unbewußt gesucht hatte.
+Sturm dagegen sah in dem jungen Semper den Menschen, der ihm endlich zu
+jedem ersehnten Aufschwung verhelfen könne, und wenn Asmus solche
+enthusiastischen Überschätzungen mit Händen und Füßen ängstlich
+abwehrte, so ging Sturm mit dem Lächeln des Besserwissenden darüber
+hinweg und sang aus dem damals oft gespielten Boccaccio:
+
+ »Hab ich nur deine Liebe,
+ Die »Treue« brauch ich nicht.«
+
+Aber das quälte ihn, daß er diese Liebe nicht ganz zu besitzen
+glaubte; er war eifersüchtig. Eifersüchtig auf Morieux. Mit dem sollte
+Semper sich nicht einlassen.
+
+»Wie kannst du nur so viel mit dem Morieux verkehren! Morieux! Auf dem
+Dom[2] gab es früher ein Affentheater von »Morieux«. Das paßt. Dieser
+ganze Morieux ist ein Affentheater, das von morgens bis abends
+Vorstellungen gibt. Das ist doch kein Charakter!«
+
+ [Fußnote 2: Der Hamburger Weihnachtsmarkt wird »Dom« genannt.]
+
+»Nein, das ist er nicht,« räumte Semper ein. »Er ist oft ein
+unangenehmer Kerl. Der Schöpfer aller Dinge hat ihn aus Resten
+gemacht, die zu ganzen Menschen nicht mehr ausreichten. Er hat ein
+blaues Bein und ein gelbes, eine halb rote und halb grüne Jacke, wie
+ein Harlekin. Aber aus allen Schlacken und Aschen seiner Seele
+schlagen doch zuweilen reine Flammen auf. Er hat sich in einem
+schweren Streit und gegen eine große Übermacht auf meine Seite
+gestellt; er hat um mich gelitten; das kann ich doch nicht einfach
+vergessen.«
+
+Dann setzte Sturm sich schweigend, aber unzufrieden ans Klavier und
+introduzierte ein neues Lied; denn singen mußte Asmus zu seiner
+Begleitung, sobald ein Klavier in erreichbarer Nähe war. Eines Tages
+aber, als sie am Abend vorher in der »Treue« wieder die schönsten und
+die verrücktesten Dinge getrieben hatten – Asmus saß wieder in seiner
+engen Klause und übersetzte Byron – da klopfte jemand. Auf Asmussens
+»Herein« trat Alfred Sturm ein, um sogleich auf einen Stuhl neben der
+Tür zu sinken und in Tränen auszubrechen. Sein Gesicht war aschfahl;
+in der Hand hielt er eine gelbe Rose. Er hatte soeben in Gemeinschaft
+mit seinem Vater seine Mutter in eine Anstalt für Geisteskranke
+bringen müssen.
+
+»Ich hoffte bei dir ein wenig Trost zu finden,« sprach er unter
+Schluchzen. Und diese Erwartung erschütterte Sempern fast so sehr wie
+die Unglücksnachricht. Trost suchte sein Freund bei ihm! Bei einem
+Neunzehnjährigen! Der nichts erfahren hatte! Sein Freund war ja älter
+als er! Aber sein Freund suchte Trost, und also mußte er ihn finden.
+Er wuchs über sein Alter hinaus. Er dachte an den Tag, da er seinen
+Bruder Leonhard durch den Tod verloren hatte. Und sogleich wußte er
+eins: Sprechen, mit Worten trösten, wäre in diesem Augenblick Roheit.
+Und er legte den Arm um seinen Freund, klopfte ihm langsam und leise,
+wie eine tröstende Mutter, die Schulter und ließ ihn weinen. Und
+wirklich: der Unglückliche beruhigte sich zusehends. Dann sagte Asmus
+mit sanftem Tone: »Ich habe einen Weg zu machen; es wäre riesig nett
+von Dir, wenn du mich begleiten wolltest.«
+
+Sturm nickte nur.
+
+»Da,« sagte er, »die Rose solltest du haben – jetzt ist sie verwelkt.
+Na – ist ja alles einerlei!« – und er wollte sie zum Fenster
+hinauswerfen.
+
+»Gib!« rief Asmus und nahm ihm die Blume aus der Hand. »Sie wird sich
+erholen.« Und er stellte sie in ein Wasserglas.
+
+Und dann führte er den Freund zu seinem eigenen großen Tröster, führte
+ihn an den Elbstrom unterhalb Oldenfunds, bis Blankenese und darüber
+hinaus, wo die Flut immer breiter und breiter sich dehnt, daß das
+jenseitige Ufer dem Blick entschwindet, und wo der sinnende Wanderer
+oder der still hintreibende Segler ahnt und fühlt, daß alles Sehnen
+und Sorgen in einem großen Meere endet. Dorthin führte er den Freund,
+wo er von je auf Wiesen und Wellen wie eine himmlische Stadt die
+künftige Welt gesehen hatte, die künftige Welt, wo alles größer und
+heller und freier war, wo die Gedanken größer waren und die Gefühle,
+wo die Menschen trotz allen Schaffens und Ringens einander mit offenem
+Lächeln begegneten und das Leben immer mehr ein Sonntag und Sonnentag
+wurde.
+
+Sturm hatte ausführlicher von seiner Mutter erzählt, und Asmus hatte
+erwidert, daß eine Schwermut, wie sie die fünfzigjährige Frau befallen
+habe, doch schon oft geheilt worden sei. Unter anderen Beispielen fiel
+ihm Gutzkow ein, der schwer gemütskrank gewesen sei und danach wieder
+produziert habe. Durch Gutzkow kamen sie von selbst in die Literatur
+hinein, und von der Literatur ganz sachte in die Musik. Alfred Sturm
+war fanatischer Wagnerianer; nach zwei Takten schwamm er schon »auf
+wolkigen Höh’n«; Asmus folgte ihm darin nicht einmal bis über die
+Bäume. Da kam ihm nun eine köstliche List. Er brachte das Gespräch auf
+Wagner und ließ sich in weniger als zehn Minuten bekehren. Nicht ganz,
+damit es nicht auffiel, aber doch zu sieben Achteln. Sturm war
+glückselig und lächelte wieder; es war ein höheres, ein verklärtes
+Lächeln. Sein Freund erkannte die Größe Wagners – nun konnte man es
+wirklich wieder mit dem Leben versuchen! Beim Abschied hielt er die
+Hand des Asmus fest.
+
+»Du –« sagte er. »Ich habe dich zuweilen gelangweilt mit diesem
+Morieux. Vergiß es, es war furchtbar kleinlich von mir. Was ist
+Morieux an solchem Abend, du lieber Gott! Diesen Abend vergeß ich dir
+nicht, _solange ich lebe_!«
+
+Dann kam der Zug; Sturm stieg ein und blieb auch dann noch am Fenster
+stehen, als der Zug schon fuhr. Und durch die tiefe Dämmerung des
+Abends sah Asmus noch lange das erdfahle Gesicht am Wagenfenster. Als
+er wieder in seinem Zimmer war, fiel sein Blick auf die gelbe Rose.
+Sie hatte sich nicht erholt.
+
+
+
+
+XXII. Kapitel.
+
+Wie Asmus verlor, was er gefunden.
+
+
+Diesen Abend nicht zu vergessen – es sollte dem armen Sturm nicht
+schwer werden. Wohl erholte seine Mutter sich nach einigen Wochen
+zusehends; aber dann kam Schlimmeres. Es sollte gerade wieder das
+»Stiftungsfest« der »Treue« begangen werden, und Sturm und Semper
+gedachten durch »Adelaide«, »Das Lied an den Abendstern«, »Tom der
+Reimer« und andere Kostbarkeiten die Welt in Erstaunen zu versetzen,
+da kam am Morgen des großen Tages der Vater Sturms zu Asmus ins
+Seminar und bat mit seiner leisen, höflichen Stimme um Entschuldigung
+für seinen Sohn, der heute nicht kommen könne, weil er einen Blutsturz
+gehabt habe. Es habe wohl nichts Schlimmes zu bedeuten; aber er müsse
+natürlich im Bette bleiben.
+
+Asmus nahm an den folgenden Stunden ohne Aufmerksamkeit teil und eilte
+sofort nach Schluß des Seminars an das Bett des Freundes. Sein Gesicht
+war fahler denn je, die Augen groß und feucht. Aber von Krankheit
+wollte er nichts wissen. Die Eltern erzählten, daß er durchaus am
+Abend zum Stiftungsfest wolle und beschworen Semper um seinen
+Beistand. »Was Sie sagen, das tut er,« meinten sie. Asmus bezweifelte
+das, behandelte aber dem Kranken gegenüber den Besuch des Festes als
+etwas selbstverständlich Unmögliches. Da wurde Sturm, der sich anfangs
+über Sempers Anwesenheit gefreut hatte, bitter und verbissen; mit
+einem zürnenden Blick sagte er: »Du bist wie alle andern« und kehrte
+sich zur Wand. Asmus streichelte ihm leise die Hand und ging.
+
+Am Abend erschien Alfred Sturm auf dem Stiftungsfest, heiter und
+humorvoll, und was Asmus auch einwenden mochte, Sturm wollte ihn auf
+dem Klavier begleiten. »Soll vielleicht Morieux dich begleiten?«
+fragte er mit einem krankhaften Feuer in den Augen. Man mußte ihn
+gewähren lassen. Aber als die Lieder gesungen waren, war seine
+Munterkeit wie abgeschnitten; ohne das Mahl und den Tanz abzuwarten,
+hüllte er sich in seinen Überzieher, legte sorgsam und glatt, wie es
+einem eleganten jungen Kaufmann geziemt, das seidene Tuch um den Hals
+und ging heim.
+
+Der Exzeß schien ihm nichts geschadet zu haben; nach acht Tagen saß er
+wieder im Kontor. Aber schon nach vier Wochen streckte ein neuer,
+heftigerer Anfall ihn nieder.
+
+»Ich möchte mich zerfleischen,« sagte er zu dem Freunde, der an seinem
+Bette saß. »Ich bin abscheulich gegen meine Eltern und meine
+Geschwister, und dabei opfern sie sich für mich auf. Das weiß ich ganz
+genau, und doch kann ich nicht anders. Mich ärgert alles, was ich
+sehe, und wenn ich allein bin, heul’ ich vor Reue wie ein dummer
+Junge.«
+
+Er rappelte sich abermals heraus und zog nun ans Elbufer; von der Luft
+dort hoffte er Genesung. Zu einer weiteren Reise langten die Mittel
+nicht. Dort hatten die beiden in Ritschers Garten noch einen schönen,
+sonnigen Nachmittag.
+
+»Ich hab’ in einer Ewigkeit keine Zigarre geraucht,« sagte Sturm leise
+vor sich hin, »ob ich’s mal wieder riskiere?«
+
+Asmus riet ihm ab. »Wart’ noch ’n bißchen, dann kannst du rauchen,
+soviel du willst.«
+
+»Meinst du wirklich, daß ich wieder ganz gesund werden kann?« fragte
+Sturm schnell, eifrig, mit sehnsüchtig-heiteren Blicken. Das Licht der
+untergehenden Sonne stand in seinen Augen.
+
+Asmus lachte laut auf über diesen Zweifel an etwas
+Selbstverständlichem. Und Sturm lächelte glücklich und glaubte dem
+Freunde alle Versicherungen, die er sonst zurückgewiesen hatte.
+
+Und nach einem glücklichen Schweigen sagte er:
+
+»Du – gib mir _doch_ eine Zigarre.«
+
+»Ich hab’ leider keine mehr bei mir,« log Asmus.
+
+»Das ist nicht wahr; ich habe ja gesehen, daß du noch mehrere hast.
+Daran seh’ ich, was du in Wahrheit von meiner Gesundheit hältst.«
+
+»Na, lieber Freund, wer nicht rauchen darf, ist deshalb doch noch kein
+Todeskandidat; bedenk’ doch, daß du erst –«
+
+»Ach, laß nur,« machte Sturm und erhob sich. Seine Hoffnung war
+erloschen wie ein Licht von einem Windstoß. Auf dem Heimwege fielen
+nur ein paar nichtssagende Worte. Asmus machte wohl einen Versuch, den
+Freund wieder zu ermuntern; aber dieser sah ihn nur mit großen ernsten
+Augen von der Seite an und schwieg. In seiner Verlegenheit und in
+seinem Kummer tat Asmus das Verkehrteste, was er tun konnte, er zog
+die Zigarrentasche und sagte: »Willst du eine Zigarre haben?«
+
+Sturm lachte kurz auf. »Nein, ich danke, jetzt nicht mehr.«
+
+Als Asmus ihn nach drei Tagen besuchen wollte, vernahm er, daß Alfred
+Sturm »seit gestern« im Hamburger Krankenhause liege, und als Asmus
+dorthin kam, durfte der Kranke nur ganz wenig und im leisesten
+Flüstertone sprechen.
+
+»Wie geht’s?« fragte Asmus.
+
+»Sehr gut, ich darf nur nicht sprechen,« flüsterte der Kranke. Und
+Asmus erzählte von diesem und jenem, wie vernünftig es sei, ins
+Krankenhaus zu gehen, wo die Pflege natürlich viel umfassender sein
+könne als zu Hause, und wie sehr man den Freund in der »Treue«
+vermisse; aber es schien ihm, als ob der Patient nur mit halber
+Aufmerksamkeit zuhöre und als ob er um einen Entschluß kämpfe. Endlich
+zog er unter der Bettdecke ein Blatt Papier hervor und hielt es dem
+Freunde hin:
+
+»Da – es ist natürlich Unsinn – aber ich wollt’ es dir doch geben –.«
+Asmus nahm das Blatt und las:
+
+ »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
+ Den müden Geist zu dichterischem Flug,
+ Und schon seit langem streb’ ich ernst genug,
+ Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen ..«
+
+Es war ein Sonett, in dem der Verfasser den Freund mit aller
+schwärmenden Begeisterung der Jugend pries.
+
+»Ich hab’ – ’ne ganze Nacht – daran gezimmert,« hauchte der Kranke mit
+ironischem Lächeln. »Du wirst darüber lachen ....«
+
+Die Wärterin erschien und mahnte mit einem Blick, der keinen
+Widerspruch duldete, zum Aufbruch. Asmus ergriff die Hand des Freundes
+und beugte sich über ihn, und sie hatten in diesem Augenblick beide
+dasselbe Gefühl: der Freund kam ihm mit mühsam erhobenem Haupte
+entgegen, und sie küßten sich auf den Mund.
+
+Das ist unter niederdeutschen Jünglingen etwas Seltenes und Heiliges.
+Asmus pflegte nicht einmal seine Geschwister, nicht einmal seine
+Eltern zu küssen; er hatte nicht einmal seine Brüder geküßt, als sie
+nach Amerika gingen. Die Menschen dieses Himmelsstrichs, wenn sie
+Abschied nehmen, tun es mit einem Händedruck und mit dem Verlangen
+nach einer Umarmung; aber sie geben diesem Verlangen keinen Ausdruck.
+
+Schon am folgenden Tage erhielt Asmus die Todesnachricht.
+
+Bei dem Begräbnis ging es ihm wie bisher bei fast allen Begräbnissen;
+er konnte nicht andächtig und traurig sein. Dieses herkömmliche
+Bestattungszeremoniell mit seinem zelotischen Pfaffengesicht (»Jetzt
+haben wir dich, du Sünder«) mit seiner tristen Banalität war ihm so
+unsäglich zuwider, daß er zu keinem reinen Gedanken an den Freund
+kommen konnte. Erst zu Hause dehnte sich wieder das Herz. Er zog sich
+in sein Zimmer zurück – für die wärmere Jahreszeit war er nun doch mit
+seinen Studien aus der Zigarrenstube in das Wohnzimmer übergesiedelt –
+und ging viele Stunden lang auf und ab; nur hin und wieder blieb er am
+Fenster stehen und blickte nach der Richtung, wo sein Freund nun in
+der Erde lag. Trauriger Wahn, dachte er, auch den toten Menschen noch
+an die finstere Erde zu kerkern, statt ihn den freien, seligen Lüften
+zu geben.
+
+Von dem endlosen Wandern erschöpft, fiel er endlich aufs Sofa und
+wußte nicht, warum er so erschöpft sei. Als er sich erholt hatte, zog
+er die Lampe näher heran, desgleichen Tinte und Papier und begann zu
+schreiben:
+
+ _An meinen toten Freund A. S._
+
+ »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
+ Den müden Geist zu dichterischem Flug,
+ Und schon seit langem streb’ ich ernst genug,
+ Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.«
+
+ So schriebst Du jüngst nach qualerfülltem Ringen,
+ Als nächtens nach des Schlummers mildem Trug
+ Dein brennend Aug’ umsonst Verlangen trug,
+ Und heute hör’ ich’s noch im Herzen klingen.
+
+ Begnüge Dich! Du trägst nach heißem Ringen
+ Ins Reich der Geister ungetrübt von hinnen
+ Die hehre Poesie der Herzensreinheit.
+
+ Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
+ Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen,
+ So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit.
+
+ * * * * *
+
+ Auf Deinen Sarg fällt manche Träne nieder
+ Und bange Seufzer irren durch die Luft.
+ Ich starre trocknen Auges in die Gruft;
+ Kein warmer Tropfen quillt durch meine Lider.
+
+ Ich steh’ betäubt, von Schmerz gelähmt die Glieder,
+ Und faß es nicht, daß unter Glanz und Duft
+ So holder Blumen gähnt die düstre Kluft ...
+ Ich kann nicht weinen. Doch ich kehre wieder!
+
+ Wenn ich die Menschheit jammernd höre sagen:
+ »Die Besten müssen früh von hinnen gehen!«
+ Dann wird zu Dir mich die Erinnrung tragen.
+
+ An Deiner Gruft werd’ ich im Geiste stehen,
+ Und von der Menschheit angsterfülltem Klagen
+ Wird auch ein Hauch um diese Stätte wehen.
+
+ * * * * *
+
+Aber tiefer und sehrender, als es aus diesen pathetischen
+Jünglingsversen klang, wurde das Weh, als nun die Tage kamen und
+gingen ohne den Freund und als er in der nächsten Versammlung der
+»Treue« das Gesicht des Besten vergebens suchte. Er war einsilbig und
+ernst und ging lange vor der gewohnten Zeit nach Hause.
+
+
+
+
+XXIII. Kapitel.
+
+Asmus als Verteidiger zweifelhafter Unschulden und Adolfine Moles als
+Seminardirektor.
+
+
+Das gigantische Schicksal, das immer vornehm bleibt, hat eine kleine
+schieläugige, bucklige und boshafte Schwester, die ein Vergnügen daran
+findet, den Verfolgten und Leidenden im Augenblick ihres größten
+Unglücks noch einen kleinen Extraprügel zwischen die Beine zu werfen,
+oder sie durch einen heimlich angefügten Zettel lächerlich zu machen,
+oder ihnen just in dem Augenblick, da ihr Recht an den Tag kommen
+soll, eine kleine Schuld vor die Füße zu rollen, daß sie straucheln.
+Wenn ein Lump und ein Ehrenmann vor dem Richter stehen, dann wird im
+Gerichtssaal immer ein Steinchen liegen, an dem der Redliche sich den
+Fuß verstaucht. So gingen denn zu der Zeit, als Semper den eben
+verlorenen Freund betrauerte und der »Klassenkampf« zwischen den
+Seybolden und den »Schäflein« (ein ewiger Klassenkampf!) den höchsten
+Hitzegrad erreicht hatte, Morieux, Semper und zwei andere Schäflein,
+Namens Klöhn und Wackerbarth, über den »Dragonerstall« durch das
+Holstentor. Morieux hatte gerade einen kolossalen Witz erzählt, und
+alle vier Jünglinge lachten laut, als ihnen ein langer, grauer Pastor
+in den Weg kam.
+
+»Halloh, Pastor Zump!« rief Klöhn nicht eben laut, aber doch laut
+genug für das Ohr des Geistlichen, und da die vier einmal im Lachen
+waren, so lachten sie weiter. Es war eine Art Backfischgekicher ins
+Jungenhafte übersetzt. Asmus kannte keinen Pastor Zump und fragte: Wer
+ist das? und bemerkte den Mann erst, als er vorüber war. Er hatte rein
+nach dem Gesetz der Beharrung weitergelacht. Aber »langgebeint, mit
+langen Sätzen« kam der Mann alsbald zurück.
+
+»Wie heißen Sie?« fuhr er Morieux an.
+
+»Wieso?« fragte der.
+
+»Wollen Sie mir Ihren Namen nennen?«
+
+»Nein. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.«
+
+»Wollen _Sie_ mir Ihren Namen nennen?« wandte er sich an Wackerbarth.
+
+»Ja, das kann ich ja tun,« sagte der, »ich heiße Wackerbarth.«
+
+Das genügte dem Geistlichen. Als er gegangen war, erfuhr Asmus, daß
+Herr Zump ein hochorthodoxer, ja pietistischer Geistlicher sei, der
+ein ganz frommes Blättchen herausgebe und mit diesem Blättchen oft in
+der liberalen Presse verspottet werde.
+
+Am andern Morgen wurde Wackerbarth zum Direktor zitiert, und dem mußte
+er die »Mitschuldigen« nennen. Semper nannte er nicht mit, weil er ihn
+für gänzlich unbeteiligt hielt. Eine Stunde später schnob und stob
+Herr #Dr.# Korn zur Klasse herein und stellte sich am Katheder auf.
+
+»Wackerbarth!« rief er.
+
+»Hier.«
+
+»Klöhn.«
+
+»Hier.«
+
+»Morieux!«
+
+»Hier.«
+
+»Sie haben jestern einen Geistlichen auf offener Straße verhöhnt...
+Was woll’n Sie?« schnauzte er Sempern an, der aufgestanden war.
+
+»Ich war auch mit dabei,« sagte Semper. Der »Pfaffe« reizte seinen
+Zorn.
+
+Der Direktor schnappte. Was? Semper? Der Musterknabe? Er war einen
+Augenblick sprachlos. Aber dann fuhr er los mit gedoppelter Kraft:
+
+»Also: man sollt’s kaum jlauben! Vier junge Leute, die sich zu den
+jebildeten rechnen, _die Lehrer werden wollen_! (hier brüllte der gute
+Korn förmlich) betragen sich wie der Janhagel und insultieren auf
+offener Straße einen Jeistlichen unserer Vaterstadt! Und als der Mann
+den einen um seinen Namen fragt, hat der die Impertinenz, zu sagen:
+‘Ick habe die Ehre, Sie nich zu kennen!’«
+
+Semper und Morieux erhoben sich wie zwei abgeschossene Raketen.
+
+»Wat woll’n Sie?« schrie der Direktor Morieux an.
+
+»Das habe ich _nicht_ gesagt,« rief Morieux, der in der Erregung die
+wunderbarsten Fratzen schnitt.
+
+»Wat woll’n _Sie_?« heulte der Direktor gegen Asmus.
+
+»Ich will bezeugen, daß Morieux das _nicht_ gesagt hat. Er hat gesagt:
+»Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.« Und dann erzählte Asmus den
+ganzen Vorgang, wie er sich zugetragen hatte.
+
+»So,« machte Korn und schnappte wieder. »Na, ick sage Ihnen soviel:
+Sie jehen noch heute alle mit’nander hin zu dem Mann. Nimmt er Ihre
+Erklärung an, is’s jut. Tut er’s nicht, dann sind Se hier fertig. Dann
+werden Sie eliminiert.« Und damit stampfte er aus der Klasse.
+
+Da war er ja in eine hübsche Affäre hineingeraten! Und dabei hatte er
+wirklich nicht über Seine Hochwürden gelacht, sondern über den Witz.
+Aber sollte er sich jetzt, da sie in der Klemme waren, von den
+Gefährten, die ihm Treue gehalten, trennen und wie ein Bübchen rufen:
+»Ich bin es nicht gewesen!?« Das würde wie Feigheit aussehen, und
+darum war es ausgeschlossen.
+
+Die drei ernannten Sempern zu ihrem Sprecher, und vier Mann hoch
+zogen sie im Studierzimmer Sr. Hochwürden auf. Es war ein so langer
+Pastor, daß Asmus, wenn er die Augen geradeaus richtete, genau auf den
+Magen des Gottesmannes blickte. Und da es ihm unnatürlich war, den
+Kopf in den Nacken zu legen, so richtete er seine Ansprache
+schließlich nur noch an den Bauch des Herrn Pastors.
+
+»Der Herr Direktor verlangt,« sagte Asmus, »daß wir Ihnen eine
+Erklärung unseres Verhaltens geben. Mein Freund hat uns ein Wortspiel
+erzählt, und darüber haben wir gelacht. Mitten im Gelächter hat dann
+einer gesagt: ‘Da kommt Pastor Zump!’ Wir haben aber nicht über Sie
+gelacht.«
+
+Das stimmte nun nicht recht; aber Asmus als erwählter Führer hielt es
+für Ehrenpflicht, seine Kameraden herauszupauken.
+
+Der Geistliche antwortete im schönsten Kanzelton:
+
+»Sie erwarten doch wohl nicht, daß ich diese Erklärung annehme. Ich
+habe den Herrn Direktor gebeten, Sie nicht zu bestrafen (das stimmte)
+und wenn Sie kommen, um Verzeihung zu bitten, so ist die Sache für
+mich erledigt; wenn Sie aber erklären, Sie hätten nicht über mich,
+sondern über ein Wortspiel gelacht – #quod non#!«
+
+»Wir können nichts anderes sagen,« bemerkte Asmus gegen den Bauch des
+Herrn Zump.
+
+»Und Sie?« wandte Zump sich an Klöhn. »Können Sie mir auch nichts
+anderes sagen? Sie waren es doch, der da rief: ‘Halloh, Pastor Zump’
+und höhnisch dazu lachte.«
+
+»Das hat er nicht getan!« rief Asmus.
+
+»Schweigen Sie doch!« rief der Pastor zornig, »wie können Sie das
+wissen?«
+
+»Weil ich meinen Freund kenne; dergleichen tut er nicht,« versetzte
+Asmus als Eideshelfer.
+
+»Ich rede überhaupt nicht mehr mit Ihnen!« eiferte Zump gegen Sempern
+und wandte sich an Morieux.
+
+»Und Sie? Haben Sie etwa nicht gesagt: »Ich habe die Ehre, Sie nicht
+zu kennen!« (Das schien der Pastor also wirklich gehört zu haben.)
+
+»Nein,« rief Morieux mit diabolischen Gesichtsverzerrungen, »ich habe
+gesagt, daß ich nicht die Ehre hätte, Sie zu kennen.«
+
+»Jawohl, das hat er gesagt,« erklärte Asmus mit Nachdruck, und die
+andern stimmten zu.
+
+Pastor Zump warf einen Blick auf ihn wie der Prophet Elisa auf jene
+Knaben, die er von zween Bären zerreißen ließ, dieweil sie gerufen
+hatten: »Kahlkopf, komm herauf!«
+
+Und dann machte er eine große Armbewegung über alle vier Köpfe hin und
+sagte: »Ich bin fertig mit Ihnen, Adieu.« Aber als sie nahe der Tür
+waren, sprach er mit einem besonderen Blick für die drei anderen
+(Asmussen würdigte er keines Blickes mehr): »Wenn der eine oder der
+andere von Ihnen mir etwas anzuvertrauen hat, so werde ich ihn gern
+empfangen.«
+
+Er mochte wohl hoffen, daß einer von den dreien vor Unterleibsschwäche
+abfallen und reumütiges Bekenntnis ablegen werde, und das war nicht
+fein von ihm. Nach vielen Jahren erst erfuhr Asmus aus wahrem Munde,
+daß dieser Pastor Zump ein guter, hilfsbereiter und opferfreudiger
+Mann gewesen sei. Seine Verfolgung der vier Jünglinge war vermutlich
+auch so ein Steinchen gewesen, das ihm die bucklige Schwester des
+Schicksals unter die Füße gerollt hatte.
+
+Einstweilen war er für Asmussen der rachsüchtige Pfaffe, der
+Hoogstraten und Peter Arbues, den er nie in seinem Leben um Verzeihung
+bitten würde. Dann aber kam die Relegation. Dann war alle Mühe und
+Sorge von viertehalb Jahren dahin, dann konnte er alle seine
+Frühlingshoffnungen begraben und Zigarrenmacher werden. Das Geld, ihn
+auf einem auswärtigen Seminar zu erhalten, konnten weder er noch seine
+Eltern aufbringen. Ihm war übel ums Herz, und er verbrachte eine
+schlaflose Nacht.
+
+Das Schlimmste war, daß das Herz nicht ganz frei war. Er selbst hatte
+zwar den Mann nicht verlacht; aber er hatte die andern unbedingt in
+Schutz genommen, und das war doch gewiß: zum mindesten Klöhn hatte
+eine starke Ungezogenheit begangen. Wenn man wahr sein wollte, mußte
+man das eingestehen. Aber darum Buße tun in Sack und Asche, wie Uriel
+Acosta, vor diesem »hochmütigen, intriganten Priester«?! Asmus fuhr
+mit einem kurzen Lachen von seinem Bett empor und warf sich wuchtig
+wieder zurück auf das zerwühlte Lager. Aber übel war ihm zu Sinn; es
+ist schlimm, wenn eine Wunde nicht ganz rein ist.
+
+Erst nahe vor Morgen verfiel er in einen leisen Halbschlaf. Der
+Direktor stand vor ihm und sagte: »_Sie_ wollen Lehrer werden? Sie
+sind wohl verrückt!« Und dabei hatte er vollkommen das Gesicht von
+Adolfine Moses.
+
+
+
+
+XXIV. Kapitel.
+
+Die Bucklige lacht: aber die Schlanke macht es wieder gut. – Der
+Schiffbrüchige von Salas y Gomez als Mittler zwischen den Parteien.
+
+
+Zwei Stunden später traten die vier im Gänsemarsch bei dem Direktor
+ein, Semper wieder voran.
+
+»Wir haben dem Herrn Pastor erklärt, daß unser Lachen nicht ihm
+gegolten habe; aber er will diese Erklärung nicht annehmen,«
+berichtete Asmus und erwartete das Vernichtungsurteil.
+
+Der Direktor ging einmal das Zimmer auf und ab und durchstach dann
+alle vier, jeden einzeln, mit einem Blick. Dann ging er noch einmal
+auf und ab und durchstach hierauf Asmussen mit einem besonders langen
+Blick. Und dann sagte er:
+
+»Sie können jeh’n.«
+
+Die Angelegenheit war erledigt. Sie war erledigt für den Direktor und
+den Pastor; keiner kam wieder darauf zurück.
+
+Aber nicht erledigt war sie für die Seybolde und Wiedemänner. Das war
+ja köstlich! Das war ja erbaulich! Also so waren die »Schäflein«, wenn
+sie unter sich waren! Dann betrugen sie sich wie die Gassenbuben und
+bewarfen Geistliche (im Ornat! versicherte einer) mit Steinen! mit
+Schmutz! Das waren also die Leutchen, die eine Eins bekamen, wenn
+andere nur eine Zwei kriegten! Das waren die Herren, die mit
+hochmütiger Verachtung erwiderten, wenn man ihnen vorhielt, daß sie
+ihre Kollegen beim Direktor verraten hätten! Für die Schäflein, und
+sonderlich natürlich für Asmussen, kamen schlimme Tage, und die kleine
+schieläugige Schwester des Schicksals lachte, daß ihr der Buckel
+tanzte und rief:
+
+»Du glaubst, wer recht hat, müsse obendrein auch noch Recht
+_bekommen_? Du bist wohl verrückt?!«
+
+In dieser Zeit, da ihm die Welt ein ausgesucht widerwärtiges Gesicht
+machte, sollte er etwas erleben, was nach »Duplizität der Ereignisse«
+aussah. Wie sich ihm nämlich einst, da er noch ein Knabe war, aus
+dunklem Bangen ein Weg ins Licht gezeigt hatte, als er zwischen den
+Bahndämmen in der Rainstraße, vor der Tür einer Schenke, einem lieben
+braunen Mädchen begegnet war, so sollte er auch jetzt wieder bei einem
+braunen Mädchen Erhebung und Erheiterung des Herzens finden. Herr
+Mansfeld, ein befreundeter Lehrer, hatte ihn zum Abendbrot eingeladen,
+und als Asmus nun die Treppen zur Wohnung des Gastfreundes
+emporstieg, stand da auf einem Absatz eine rankgewachsene Brünette und
+blickte nachdenklich auf einen Koffer ihr zu Füßen, der nicht allzu
+leicht sein mochte. Es war Fräulein Hilde Chavonne, seine ehemalige
+Kollegin. Sie stand im Begriff, zu eben den Lehrersleuten, die Asmus
+geladen hatten, in Pension zu gehen, und Asmus bat bescheidentlich um
+die Erlaubnis, ihr den Koffer hinauftragen zu dürfen. Das gewährte sie
+mit einem gnädigen Lächeln, und als man droben war, halfen Asmus und
+Herr Mansfeld beim Auspacken der Bücher, die der Koffer enthielt.
+Dabei schlug sich von selbst ein starkes, längliches Heft auf, das mit
+der Hand gezeichnete und kolorierte Landkarten enthielt.
+
+»O, wie famos!« rief Asmus. »Haben Sie die gezeichnet?«
+
+Hilde klappte schnell das Heft zu. »Machen Sie sich nicht lustig
+darüber!« rief sie ängstlich. »Sie können es gewiß tausendmal besser.«
+
+»Ich? Ich kann gar nichts, ich kann überhaupt nicht zeichnen,« sagte
+Asmus.
+
+Sie sah ihn zweifelnd an; aber als sie in seine Augen sah, glaubte sie
+ihm, und nun schlug sie langsam selbst das Heft wieder auf, und von
+Blatt zu Blatt, wie er staunte und lobte, wurde sie heiterer und
+stolzer. Sie stand dicht neben ihm, und dabei geschah es, als er sich
+über das Heft bückte, daß der Ärmel ihres Kleides seine Wange
+streifte. Von diesem Augenblick an war Asmus wieder glücklich.
+
+Sie erschien nicht beim Abendbrot, weil sie müde war, und überhaupt
+blieb es auf lange Zeit hinaus bei dieser flüchtigen Begegnung.
+
+Merkwürdig, dachte er im Nachhausegehen: ein ganz ähnliches Gefühl hab
+ich schon einmal gehabt – ganz so wie jetzt war die Welt schon einmal
+– nicht die gewöhnliche Welt, aber die andre, die immer über ihr
+schwebt wie Morgenduft über den Hügeln, die war schon einmal so,
+damals, als ich zwischen den Bahndämmen »am Rain« mit dem kleinen
+braunen Mädchen geplaudert hatte, mit der »Königin der Mainotten«. Und
+was noch merkwürdiger ist, die beiden haben in gewisser Hinsicht etwas
+Übereinstimmendes – nicht nur, daß sie beide braunes Haar und braune
+Augen haben, das will nichts sagen – auch der Teint und das ganze
+Aussehen – auch das Fräulein Chavonne hat etwas Fremdländisches – so –
+so etwas Französisches – übrigens ist ja auch ihr Name französisch.
+Aber ihr Wesen ist – gewiß: es ist deutsch – und doch wieder so ganz
+anders als das des fürchterlichen »deutschen Weibes« mit der
+Häkelnadel. Wenn man sie zu Pferde sähe, dachte er, mit wehendem
+Schleier, den Falken auf der Faust, auf dieser seinen, schmalen Faust
+– es würde keinen Augenblick überraschen.
+
+ »Wie sitzest du zu Pferde
+ So königlich und schlank!«
+
+sang er vor sich hin, daß ein vorübergehender Bürger stutzte und ihn
+anstarrte....
+
+Seit diesem Abend fühlte sich Asmus auf eine wunderbare Weise frei und
+leicht, und er trug das Leben wieder mit aufgerichteten Schultern. Er
+hätte nicht sagen können, woher das kam; es kam aber einfach daher,
+daß ihn in dieser armen, bürgerlichen Lehrerin ein adliger Mensch
+berührt hatte, und das hatte um so wundersamer gewirkt, als es
+menschlicher Pöbel war, der sein Leben verfinstert hatte.
+
+Seybold und Wiedemann waren ganz unzweifelhaft Pöbel; daß aber unter
+den anderen Feinden auch anderes Material war, das sollte er bald
+erfahren. Zunächst freilich schienen die Gegensätze noch
+unversöhnlich. Herr Quasebarth brachte eines Tages die Rede auf den
+die Klasse zerspaltenden Streit und sprach sein Bedauern aus.
+
+»Ja,« rief eines der Antischäflein, »die andere Partei macht ja auch
+nicht den geringsten Versuch zu einer Annäherung.«
+
+Da lachte Asmus laut auf, daß es durch die Klasse scholl.
+
+Seit vielen Monaten geschah ihnen Unrecht auf Unrecht – und da sollten
+sie etwa noch um Frieden betteln? Lieber »Kampf bis zur Vernichtung«.
+
+Seiner Jugend erschien die Welt als ein ehrenhaftes Geschäft, bei dem
+man eine berechtigte Forderung nur zu präsentieren brauche, um sofort
+Zahlung zu erhalten. Er ahnte noch nicht, daß dieses allerdings reelle
+Geschäft eine sehr weitsichtige Buchführung hat und daß seine Bilanzen
+oft erst nach zehn, nach fünfzig, nach hundert Jahren oder später
+erscheinen, je nach der Größe des Gegenstandes. Man kann diese Welt
+auch ein Gericht nennen und das Leben einen Prozeß, der durch hundert
+oder tausend Instanzen geht. Man bekommt gewöhnlich sein Recht, aber
+oft mit einer Begründung, die man nicht erwartet hat, und manchmal,
+wenn man das Urteil erhält, ist man tot.
+
+Bald darauf, in der Rezitationsstunde trug Asmus aus dem Kopfe »Salas
+y Gomez« vor, mit sämtlichen drei Schiefertafeln. Als er nach dieser
+Stunde über den Korridor ging, stieß er auf Herrn Rothgrün, der in der
+Nachbarklasse Sempers Freudenschrei:
+
+ »Ein Schiff! Ein Schiff! Mit vollen Segeln lenkt
+ Es herwärts seinen Lauf, mit vollem Winde!«
+
+vernommen hatte. Und Rothgrün meinte mit wohlwollendem Lächeln:
+»Glauben Sie wohl, daß der Mann noch eine so starke Stimme hatte,
+nachdem er jahrelang bloß von Eiern gelebt hatte?« Rothgrün war eben
+Kritiker. Anders aber war der Seminarist Blankenburg. Er trat nach
+dieser Stunde an einige Häupter seiner Partei heran und sagte:
+
+»Ich finde, es geht nicht länger. Wir können den Verruf nicht weiter
+aufrechterhalten. Im Grunde war es ja doch nur Neid. Daß er Kollegen
+beim Direktor verpetzen könnte, glaubt ja längst kein Mensch mehr. Wir
+blamieren uns. Und _wir_ müssen wieder anfangen.«
+
+Und in den andern wachte die Hochherzigkeit des Jünglingsalters
+freudig wieder auf, und es wurde beschlossen, auf dem bevorstehenden
+Bergfeste die feierliche Versöhnung zu begehen.
+
+
+
+
+XXV. Kapitel.
+
+Was eigentlich ein Bergfest ist, und warum Dr. Korn den ersten Toast
+bekam.
+
+
+Das Bergfest! Wenn von den sechs Seminarsemestern drei verflossen
+waren und also der Berg des Ärgernisses bis zum Gipfel überwunden war,
+pflegte man das »Bergfest« zu feiern. Und diesmal sollten der Direktor
+und alle Lehrer dazu geladen werden.
+
+Vor der nächsten psychologischen Stunde hub der Herr Direktor also an:
+»’n Bergfest woll’n Se feiern. Ich habe erst jar nicht verstanden, was
+das sein soll. Ich habe jedacht: wieso woll’n denn Seminaristen des
+Flachlandes ’n »Bergfest« feiern! Schließlich hab ich mir’s erklären
+lassen. Das heißt: »Jott sei Dank, nu sind wir über’n Berg!« Ick will
+Ihnen mal wat sagen: Freu’n Se sich, wenn Se noch Zeit und Jelegenheit
+haben, wat zu lernen; später wird’s anders! Wenn Se Ihr Examen jemacht
+haben, feiern Se meinetwegen Feste, aber _den_ Unsinn mach’ ick nich
+mit!«
+
+Er fing immer ziemlich hochdeutsch an, aber je länger er sprach,
+desto berlinerischer wurde er und desto mehr würzte er seinen Vortrag
+mit Berliner Anekdoten. Wenn er mit einem Vortrag über Zeit und Raum
+begonnen hatte, so war er nach einer Viertelstunde bei Bismarck oder
+Moltke oder bei seinen Lehrern Lazarus und Steinthal (»der Steinthal
+is man so’n janz kleenes Männeken mit’n Zahntuch um’n Kopp – wenn
+man’n auf der Straße sieht, möcht’ man ihm ’n Jroschen schenken« – und
+dann pries er ihn in begeisterten Erinnerungen) oder er kam auf die
+Berliner Schutzleute oder auf Eugen Richter.
+
+»Wenn man den Richter nachts aufweckt und sagt: Richter, halt mal ’ne
+Rede! denn kann er’s, un wenn man sagt: Richter, nu halt mal eine
+dajegen! denn kann er’s ooch. Aber ’n janzer Kerl is er doch!«
+
+Das Bergfest wurde also ohne Direktor und ohne Lehrer,
+nichtsdestoweniger aber mit Glanz gefeiert. Niemand rührte mit Wort
+oder Miene an das Vergangene; Schäflein und Wölfe benahmen sich gleich
+taktvoll; nur Morieux zog einmal Sempern auf die Seite und flüsterte
+erregt:
+
+»Du mußt eine Rede halten!«
+
+»Ich? Worüber?«
+
+»Na – zum Dank für die Einladung!«
+
+Asmus brach in ein schallendes Gelächter aus.
+
+»Das könnte mir fehlen! Nein, mein Junge, ich bin sehr vergnügt und
+feire das Fest ohne jeden Hintergedanken – aber auch noch »danke«
+sagen –? Das mach du nur selber! Das heißt, wenn du’s tust, erschlage
+ich dich!« fügte er schnell hinzu.
+
+Und zu den hübschesten Dingen dieses Festes gehörte es, daß der erste
+Trinkspruch, den der Präside ausbrachte, dem Direktor galt. Er hatte
+sie auch bei dieser Gelegenheit nicht eben liebenswürdig behandelt;
+aber sie liebten ihn alle; denn er hatte das eine, für das die Jugend
+ein so besonders feines und lebhaftes Empfinden besitzt:
+Gerechtigkeitsgefühl. Die Jugend versöhnt sich mit dem strengsten
+Zuchtmeister, wenn er gerecht ist, und sie verachtet, sie haßt den
+willfährigsten Lenker, wenn er das Recht beugt. Sie wußten es alle:
+dieser #Dr.# Korn hatte ein Rückgrat nach oben und nach unten, und
+wenn es in einem Konflikt zwischen Lehrer und Schüler zu entscheiden
+galt, so waren sie ihm nicht Lehrer und Schüler, sondern Menschen. In
+aller Gedächtnis strahlte mit unauslöschlichem Glanze ein
+Richterspruch des »Alten«. Ein Religionslehrer hatte mit allerlei
+verfänglichen Fragen einen verdächtigen Jüngling auf seine
+Rechtgläubigkeit untersucht. Der Jüngling beschwerte sich bei dem
+Direktor über diese Belästigungen, und Korn, als er beide Parteien
+gehört hatte, sagte: »Herr Doktor, Sie haben sich aller
+Jewissensfragen zu enthalten. Wir sind hier tolerant.«
+
+Es war zu jener Zeit, als der leise schreitende Einfluß der
+Geistlichkeit noch nicht überall war und die oberen Stellen nicht mit
+den Günstlingen der Kirche, sondern mit den Günstlingen Minervens
+besetzt wurden.
+
+Von der orthodoxen Theologie war der Mann allerdings weit entfernt; er
+war Philolog und Philosoph und liebte das Zeitalter der Aufklärung und
+der Enzyklopädisten, das er mit sprühendem Geist, lebendig und groß
+darzustellen wußte, so groß, daß Asmus, wenn ihm später der banale
+Aufkläricht in seiner ganzen Schrecknis begegnete, nie mehr vergessen
+konnte, wie die Gedanken, die klein sind in den kleinen Köpfen, groß
+gewesen in den großen. Wenn er ein Kapitel des christlichen Glaubens
+behandelte, etwa die Dreieinigkeit, so trug er es genau nach der
+Dogmatik vor, ohne Kritik und ohne Polemik, und wenn er fertig war,
+sagte er aufatmend:
+
+»So. Das lehrt die Kirche. Was Sie davon jlauben wollen, steht bei
+Ihnen.«
+
+Diesen Grundsatz bewährte er nach jeder Richtung. Der Gläubige atmete
+unter ihm so frei wie der Zweifler.
+
+Und obwohl Asmus das Brandenburgisch-Preußische sonst nicht liebte, –
+die Schleswig-Holsteiner sind keine Kommißnaturen, – so sagte er sich
+doch, daß der Geist dieses Mannes das Beste am ganzen Seminar, ja, daß
+er beinahe das einzige Gute an dieser Anstalt war. Sein goldener
+Präparandentraum vom reich besetzten Tisch der Wissenschaften und
+Künste hatte einer großen Ernüchterung Platz gemacht; aus der Hochzeit
+des Kamacho, wo die Rinder, Hammel und Hasen und die Schläuche Weines
+nicht zu zählen gewesen, war ein Gastmahl des Harpagon geworden. Von
+einem, der studieren will, sagen die plattdeutschen Bauern: »he will
+studeern leern« und sprechen damit, ohne es zu wissen, ein feines
+Wort. In drei oder vier Jahren kann man nicht viel studieren; aber man
+kann studieren _lernen_, und das ist viel mehr. Bei Korn lernte man
+studieren. Nach seinen Vorträgen rief es in Asmus mit tausend
+Begierden: Mehr! mehr! und ihm war, als müßte er mit Armen des Geistes
+das ganze Firmament der Gedanken umspannen und in seine Brust
+herabziehen. Nach den Stunden der andern hatte man immer genug, und
+wußte doch, daß es nichts war. Sie gaben trockenes Brot, das schnell
+satt macht, oder sie gaben Steine statt des Brotes, oder sie gaben
+nicht einmal Steine. Ein Glück noch, wenn sie komisch waren, wie der
+gute Mister Belly, und wenigstens auf solche Art die Jugendlust
+lebendig erhielten.
+
+
+
+
+XXVI. Kapitel.
+
+Mister Belly und der geheimnisvolle Zimmermann.
+
+
+Mister Bellys Stunden waren freilich in einer gewissen Hinsicht lauter
+Feste. Mister Belly war eines jener Wunderkinder gewesen, die schon
+mit drei Jahren Englisch sprechen, weil sie in England geboren sind,
+und das war sein Hauptverdienst. Zu diesem Englisch hatte er nur noch
+zweierlei hinzugelernt: ein Französisch mit englischer Aussprache und
+Betonung und ein für einen Ausländer recht passables Deutsch. Auf
+weitere Anforderungen aber reagierte er nicht. Es ist nie ans Licht
+gekommen, ob er von Goethe, Schiller und Lessing irgend etwas kannte;
+das aber stand fest, daß er von der nachgoethischen Literatur nur den
+»Königsleutnant« von Gutzkow kannte. Ein Engländer gesteht dergleichen
+ganz kaltblütig ein und hält es für Nationalbewußtsein. Von Zeit zu
+Zeit fragten ihn die Seminaristen:
+
+»Mister Belly, wie heißt noch das deutsche Drama, das Sie kennen?« und
+dann antwortete er mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt:
+
+»Also mal »The King’s Lieutenant«, denn er leitete jeden Satz mit den
+Worten »also mal« ein.
+
+Wenn nun aber auch Mr. Belly recht gut deutsch sprach, so sprachen es
+die deutschen Seminaristen doch besser, und als Lehrer ohne
+imponierende Kräfte unter übermütige Kinder einer fremden Sprache
+versetzt sein, das ist gerade so schön, wie als Taubstummer unter
+Kannibalen geraten. Da beim englischen Unterricht eine Grammatik von
+Gurcke gebraucht wurde, so sagte der unglückliche Belly eines Tages:
+»Bringen Sie zur nächsten Stunde Ihre Gurke mit« und an solchen und
+ähnlichen Gurken hatte der Gute natürlich lange zu kauen. Unter der
+gütigen Leitung Mr. Bellys mußte unser Asmus etwa hundertmal die
+Geschichte von Robin Hood lesen (Mr. Belly wollte auf solche Weise bei
+seinen Schülern eine gute Aussprache erzielen); aber dennoch brachte
+jede Stunde eine Abwechslung. Heute war es ein Hampelmann, der hinter
+Mr. Belly an der Wand hing und durch einen dünnen, bei dem
+Seminaristen Stelling endigenden Faden dirigiert wurde, morgen war es
+ein Seminarist, der in den Kartenschrank eingesperrt wurde und dort
+während der Stunde gespenstische Geräusche hervorbringen mußte,
+übermorgen ein Seminarist, der aus Turnjacken, Turnhosen, Turnschuhen
+und einer Mütze hergestellt, dann in ein kleines Kabinett gesetzt und
+für »eingeschlafen« erklärt wurde, so daß Mr. Belly hinging, um ihn
+zu wecken, und so mit und ohne Grazie ins Unendliche. Ein Rouleau, das
+hochgezogen werden sollte, entwickelte sich regelmäßig zu einer ganzen
+komischen Oper; denn natürlich fiel der Vorhang, wenn er endlich nach
+langen Mühen aufgewickelt war, mit furchtbarem Gerassel wieder herab,
+und je mehr hilfreiche Hände herbeikamen, desto unmöglicher erschien
+natürlich die Bändigung des heimtückischen Vorhangs. Der eigentliche
+Belly-Spezialist aber war jener Stelling.
+
+Stelling war ein glänzend begabter Bursche, der aber am Unterricht
+eigentlich nur als wohlwollender Zuhörer teilnahm und eine
+unüberwindliche Abneigung gegen Bücher und Hefte hegte. Was er an
+solchen Dingen mit sich führte, beschränkte sich für gewöhnlich auf
+ein kleines Heftchen, das er, um seine ganze Verachtung des Buchstaben
+zu zeigen, zusammengerollt in der hinteren Hosentasche trug. Kraft
+seiner vorzüglichen Anlagen war er trotzdem immer so ziemlich auf dem
+Laufenden; nur in der »Charakterbildung« schien er sich auf der Stufe
+des »großen Jungen« so wohl zu fühlen, daß er an einen Fortschritt
+nicht dachte.
+
+Eines drückend heißen Sommertages brachte der nämliche Stelling einen
+Hammer mit in die Klasse, und gerade las ein Schüler mit halb
+entschlummerter Stimme die erschütternden Verse:
+
+ #»Here underneath this little stone
+ Lies Robert Earl of Huntingdone;
+ Ne’er archer was as he so good,
+ And people called him Robin Hood ...#
+
+als in der Gegend Stellings ein ungemein rhythmisches Klopfen ertönte.
+
+»Also mal: was ist das?« fragte Mr. Belly.
+
+Stelling trat an das offene Fenster, neben dem er saß, und sagte
+trocken:
+
+»Das ist also mal ein Zimmermann, Mr. Belly.«
+
+»Also mal: ist gut, setzen Sie sich,« sagte Belly, dem schon schwül
+wurde, wenn Stelling sich einer Sache annahm.
+
+Stelling setzte sich und klopfte.
+
+»Das ist aber doch sehr störend!« rief jetzt der Nachbar Stellings mit
+einem abgefeimten Lerneifer im Gesicht.
+
+»Soll ich den Mann also mal bitten, daß er also mal aufhört?« fragte
+Stelling bescheiden.
+
+Belly, der der suggestiven Frechheit dieses Jünglings nicht gewachsen
+war, sagte: »Also mal: bitte, wenn Sie durchaus wollen –?«
+
+Stelling trat wieder ans Fenster und rief mit der Stimme eines
+versoffenen Feldwebels: »Hören Sie auf!!!«
+
+»Also mal bitte, was ist das für ein Ton!« rief Mr. Belly erschrocken;
+»also seien Sie mal höflich, nicht wahr?«
+
+»Ganz, wie Sie wünschen, Herr Belly,« erwiderte Stelling und begann zu
+singen:
+
+ »Wackrer Zimmermann,
+ Hast ja Freude dran,
+
+aber uns stört es; möchten Sie nicht die Gewogenheit zeitigen, mit
+diesem frevelhaften Geballer aufzuhören? – Wie meinen Sie?«
+
+Stelling wandte sich wieder ins Zimmer zurück und sagte mit dem
+ruhigsten Gesicht:
+
+»Er antwortet: ’Pett di man keen Hoor in’n Foot!’«
+
+»Also mal, das ist Plattdeutsch,« bemerkte Belly sehr richtig, »was
+heißt das?«
+
+»Das heißt: #Don’t run a hair into your foot!#«
+
+»Also mal: Das versteh’ ich nicht.«
+
+»Das verstehen Sie also mal nicht? Das ist eine Beleidigung! – Wie
+heißen Sie?!« schrie Stelling zum Fenster hinaus mit zornrotem
+Gesicht.
+
+»Also mal bitte: seien Sie nicht so erregt!« rief Belly ängstlich.
+
+»Er sagt, er heißt Hummel!«[3] berichtete Stelling. »Was soll ich ihm
+sagen?« Natürlich wollte die Klasse sterben vor Lachen.
+
+ [Fußnote 3: Name eines in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts
+ in Hamburg verstorbenen komischen Originals. Die Hamburger pflegen
+ auf den Zuruf »Hummel« mit einem sehr derben Ausruf zu antworten.]
+
+Mr. Belly erhob sich endlich, um selbst mit dem Manne zu sprechen.
+
+»Da – eben geht er ins Haus!« rief Stelling. »Vor Ihnen hat er
+natürlich Angst.«
+
+Als Mr. Belly an sein Pult zurückgekehrt war und das Klopfen von neuem
+anhub, sprang Stelling auf und schritt nach der Tür: »Ich werde also
+mal hinuntergehen und mit dem Mann sprechen.«
+
+»Also mal: Stelling, bleiben Sie also mal hier,« sagte Mr. Belly.
+
+»Ja aber, Herr Belly, soll man sich denn das gefallen lassen?«
+
+»Also mal: wollen Sie sich jetzt setzen?«
+
+»#Yes, mister#« sagte Stelling und ging an seinen Platz.
+
+»Also mal: Sie sagen: »#Yes, mister!#« Heißt es so?«
+
+»#Yes, gentleman!#«
+
+»Also mal: Sie _wollen_ es nicht richtig sagen! Sie sind also ein
+Heuchler!«
+
+»Herr Belly,« sagte Stelling kaltblütig, »ich nehme an, daß Sie die
+wahre Bedeutung dieses Wortes gar nicht kennen, sonst würde ich Sie
+fordern.«
+
+»Aber, Herr Belly,« riefen jetzt viele durcheinander, »wie konnten Sie
+so etwas sagen: das ist ja eine tödliche Beleidigung!«
+
+»Also mal: ich habe Sie nicht beleidigen wollen,« lenkte Belly ein, es
+heißt also mal: #Yes, Sir!#«
+
+»Na ja, wenn einem das in Güte und Freundlichkeit gesagt wird ....«
+
+Inzwischen war aber in Mr. Bellys Kopfe etwas wie Morgendämmerung
+angebrochen, und als das Klopfen wieder ertönte, belauerte er den
+Übeltäter und sah ihn schnell etwas unter den Tisch legen.
+
+Nun ging er ruhigen Schrittes auf Stellings Platz zu, klappte den
+Tischdeckel hoch, nahm den Hammer, ging damit wieder nach vorn, legte
+ihn auf’s Pult und sagte: »Lesen Sie weiter, Müller.« Er tat das alles
+ohne jedes Zeichen der Erregung, nur mit dem Ausdruck einer stoischen
+Geringschätzung, ja, einer leisen Verachtung im Gesicht. Und diese
+Art, dergleichen Bubenstreiche abzutun wie Dinge, die an die Würde
+eines Gentleman nicht heranreichen, diese Art, die der guten
+englischen Erziehungsregel: #Be a gentleman!# entspringt, nahm Asmus
+doch immer wieder für ihn ein. Man sah es dem guten Belly an, daß
+solche Ruchlosigkeiten ihm weh taten, daß sie ihm aber zu kindisch
+waren für seinen Zorn, und das ging nicht nur Asmus, es ging
+schließlich auch anderen Jünglingen zu Herzen. In einer Pause fand
+eine feierliche Beratung statt mit dem Ergebnis: Da Mr. Belly nicht
+imstande sei, Disziplin zu halten, so müsse man selbst für Disziplin
+sorgen, und von nun an wolle man sich vernünftig benehmen. Das ging
+auch einige Stunden ganz gut. Als aber ein Seminarist einen Stiefel
+ausgezogen hatte, weil er ihn drückte, und sein Nachbar diesen Stiefel
+mit einem kräftigen Stoß nach vorn befördert hatte, Mr. Belly den
+Stiefel als #corpus delicti# konfiszierte und damit die Klasse
+verließ, der Einstiefler, der von Natur eine rote Nase hatte, ihm
+protestierend nachhumpelte und Mr. Belly endlich sagte: »Also mal: Sie
+verfolgen mich: Sie haben eine rote Nase, also Sie sind ein Nihilist!«
+da brachen ob dieser rätselhaften Ideenverbindung alle Dämme der guten
+Zucht zusammen, und der jugendliche Übermut nahm wieder freien Lauf.
+
+
+
+
+XXVII. Kapitel.
+
+Handelt von würdigen und unwürdigen Kollegen Mister Bellys.
+
+
+Es gab an diesem Seminar wohl Lehrer, die noch untauglicher waren als
+Mr. Belly; aber sie waren höchstens für eine satirische Beleuchtung
+amüsant. Zu einer solchen Betrachtung zwang Asmussen wider seinen
+Willen der Herr Pastor Dinnebeil, der eine Zeitlang den
+Religionsunterricht erteilte.
+
+Einstmals Stahmer und jetzt Dinnebeil! Das war wie David Friedrich
+Strauß und Hengstenberg. Nur war Hengstenberg ein Gelehrter, was
+Dinnebeil, wenn er es war, geschickt zu verbergen wußte. Er
+plätscherte unaufhörlich im laulichen Wasser jener fürchterlichen
+Traktätchen-Terminologie, die in drei Sekunden mit sieben Synonymen
+hantiert, nach Art der Jongleure, die mit Teller, Ei und Schnupftuch
+so geschwinde Fangball spielen, daß man nicht mehr weiß, was Teller,
+was Ei und was Schnupftuch ist. Diesen Hamburger Jünglingen, diesen
+Schülern des vortrefflichen Herrn Stahmer, wollte Pastor Dinnebeil die
+abgelagertsten Dogmen einreden, wollte er eine Art Christentum für
+Papuas beibringen. Er versuchte es in einem Tone, der aus Huld und
+Würde lieblich gemenget war. Anfangs hörten die verblüfften
+Seminaristen diesem Phrasenschwall, der wie ein Landregen von Schmalz
+und Honig niederging, mit offenem Munde zu; aber schon nach der
+dritten Stunde war die Langeweile so ins Unendliche gewachsen, daß man
+beschloß, sich einen Spaß zu machen und auf die Fragen des Mannes
+immer abwechselnd zu antworten: »Der Glaube« und »Die Liebe«.
+
+Das geschah denn auch und paßte fast immer, und wenn es nicht paßte,
+so nahm es Pastor Dinnebeil doch wohlwollend hin als das Zeugnis eines
+frommen Sinnes. Nur zwei machten sich dem Späherauge Dinnebeils
+verdächtig: Stelling und Semper. Asmus hatte schon tausend Zweifel und
+Einwürfe ins Dunkel seiner Brust hinabgeduckt; als aber Dinnebeil
+allen Ernstes die Worte im Matthäus 28, 19: »Gehet hin und lehret alle
+Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des
+heiligen Geistes« als Beweis für die Dreieinigkeit ausgab, da hielt es
+Asmussen doch nicht länger, und als er gerade am Wort war, sprach er:
+
+»Verzeihung, Herr Pastor, aber ist das nicht ein späterer,
+tendenziöser Zusatz?«
+
+»Was? Wieso?« fragte Hochwürden indigniert.
+
+»Nun, die Jünger vertraten doch noch auf dem Jerusalemer
+Apostel-Konvent im Jahre 52 Paulus gegenüber den Grundsatz, daß nur
+den Juden das Evangelium gepredigt werden dürfe; das wäre doch
+ausgeschlossen, wenn Christus denselben Jüngern befohlen hätte, alle
+Völker zu seinen Jüngern zu machen. Ferner wurde bis zur Mitte des
+zweiten Jahrhunderts doch nur auf den Namen Jesu getauft; es ist da
+undenkbar, daß die Jünger den Befehl empfangen hätten, auf drei Namen
+zu taufen. Und da das Evangelium nach Matthäus im letzten Viertel des
+ersten Jahrhunderts geschrieben wurde, so werden die Worte 28, 19 ein
+späterer Zusatz sein; sie ...«
+
+»Ach was, klauben Sie mir nicht immer an der Bibel herum!« rief
+Dinnebeil sittlich entrüstet. »Fahren Sie fort, Seybold!«
+
+Asmus war wirklich erschrocken. Er hatte bis dahin geglaubt, ein
+Lehrer müsse sich freuen, wenn es seinen Schülern ernst sei um ihre
+Überzeugung; aber dieser wurde gereizt, wenn man nachdachte und
+forschte. Er ließ einfach »fortfahren«. Fortfahren war allerdings das
+Leichteste. Von nun an »klaubte« Asmus nicht mehr; aber er »glaubte«
+noch weniger, zum mindesten dem Herrn Dinnebeil. Er nahm nun auch die
+Sache humoristisch und ließ die Sermones des jungen Mannes über sich
+ergehen wie das Geräusch einer Wasserleitung, und wenn Herr Dinnebeil
+ihn durch eine Frage aufschreckte, so rief er: »Der Glaube!!« oder
+»Die Liebe!!«
+
+Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrer, ein anderer Mann! Der
+war auch fromm, köhlerfromm, sozusagen; aber er war ein Mensch. Sie
+hatten einer am andern einen Narren gefressen, Bruhn und Semper, ja,
+Meister Bruhn begegnete dem Jüngling mit einer Art von Verehrung, und
+zu dieser Verehrung war Asmus so billig wie nur möglich gekommen. Die
+Hochachtung des Lehrers gründete sich auf Asmussens Zuverlässigkeit
+und auf sein Wissen. Mit der Zuverlässigkeit hatte es folgende
+Bewandtnis.
+
+Alljährlich veranstalteten die Seminaristen mit hohem direktorialen
+Privilegio eine Konzert- und Theater-Aufführung, und vor dem Konzert
+hatte Meister Bruhn, der mit Johannes Brahms zusammen studiert und
+dessen Kompositionen Liszt und Rubinstein zu spielen für wert gefunden
+hatten, regelmäßig ein Lampenfieber von mindestens vierzig Grad. Er
+ordnete deshalb an, daß alle Mitspielenden zwei Stunden vor Beginn der
+Aufführung da sein möchten, damit er selbst alle Instrumente
+wiederholt durchstimmen könne. Man lächelte über diese Ängstlichkeit,
+auch Asmus lächelte; aber weil er den alten Herrn lieb hatte und ihn
+nicht ängstigen wollte, ging er rechtzeitig hin. Meister Bruhn lief
+schon erregt auf und ab und trocknete sich mit immer neuen
+Taschentüchern den Todesschweiß.
+
+»Nu seh’n Se, lieber Semper!« rief er, »die Uhr is sechs und Sie sind
+der Einz’che! Sie sind der einz’che Zuverläß’che von der kanzen
+Kesellschaft! Keben Se her die Cheiche.«
+
+Er fuhr mit dem Bogen darüber und sagte: »Nu ja, se stimmt. Aber das
+is immer so: die’s _nich_ nöt’ch haben, die kommen; aber die’s nöt’ch
+haben, die kommen _nich_.« Und er legte väterlich den Arm um Semper
+und sagte:
+
+»Mein lieber Semper, klauben Sie’s mir: darauf kommt’s an im Leben:
+auf Zuverläß’chkeit. Sie sind ä zuverläß’cher Mensch.«
+
+Das war also billig. Aber noch viel billiger war es, bei Bruhn in den
+Ruf der Gelehrsamkeit zu kommen, und da er in den Konferenzen
+natürlich vernommen hatte, daß Asmus Semper zu den Begabteren gehöre,
+so hielt er ihn für eine Art Casaubon oder Leibniz. Meister Bruhn
+pflegte, wenn er eine Frage stellte, gleich die schwierige Hälfte der
+Antwort selbst zu geben, etwa so:
+
+»Nun, Semper, welcher Ton muß also hier folchen? Gi – gi –?«
+
+»Gis«, antwortete Asmus, und dann rief Meister Bruhn: »Der weiß
+alles!«
+
+Diese Meinung teilte Asmus nun freilich nicht; aber doch ward es ihm
+wohl und warm bei Meister Bruhn und seinen Sonnabendstunden, die im
+Winter bis in das Dunkel des Abends hineinreichten.
+
+Dem »Musiksaale« gegenüber lag ein Haus mit einer
+Schneiderinnenstube, und die Seminaristen stellten sich gern ans
+Fenster, warfen schwärmende Blicke hinüber zu den Mädchen und strichen
+so gefühlvoll dazu die Saiten wie der Geiger von Gmünd vor dem
+Marienbilde. Und die fünf oder sechs Marien nickten so fleißig
+herüber, als hätten sie gern einen Schuh und mehr dahingegeben. Wenn
+Meister Bruhn das sah, dann lächelte er mild-ironisch und sagte:
+»Müller, sehn Se beim Spielen hierher; die nehmen doch lieber Keld als
+Muszik.« Und das ernüchterte.
+
+
+
+
+XXVIII. Kapitel.
+
+Ein Kapitel, in dem aber auch rein gar nichts geschieht und das der
+gewöhnliche Leser wütend überschlagen wird.
+
+
+Asmus Semper hatte nicht das Geringste gegen hübsche
+Schneidermamsellen; aber ob sie hübsch waren, eben das konnte er nicht
+feststellen, weil seine Augen für eine so große Entfernung nicht
+ausreichten. So schützte, wie es wohl öfter kommen mag, die
+Kurzsichtigkeit seine Tugend. Aber wenn er auch die Schneiderinnen
+deutlich hätte erkennen können, würde er wohl wenig nach ihnen
+ausgeschaut haben, weil es innerhalb des düsteren, kahlen Musiksaales
+weit Schöneres zu sehen gab. In diesem Musiksaal wurden alle
+Volkslieder gesungen und gegeigt, die je von deutschem Kindermund
+erklungen sind; denn was sie die Kinder lehren sollten, das mußten die
+künftigen Lehrer selber spielen und singen können. Wenn er diese
+Lieder hörte, stützte Asmus den Ellenbogen aufs Knie und den Kopf in
+die Hand und sah in einen dunklen Winkel des Saales, und seine
+kurzsichtigen Augen wurden fernsichtig.
+
+Da sah er hinein in jahrtausendtiefen Wald und hörte aus einem fernen
+Jahrhundert den dämmergrünen Grund herauf ein fröhliches Blasen:
+
+ Ein Jäger aus Kurpfalz,
+ Der reitet durch den grünen Wald,
+ Er schießt das Wild daher,
+ Gleichwie es ihm gefallt.
+ Ju ja, Ju ja
+ gar lustig ist die Jägerei
+ Allhier auf grüner Heid’.
+
+Aber das zweite »Ju ja« hallte leise aus wunderbaren Fernen her.
+
+Und langsam schritt er tiefer in den Wald hinein, dorthin, wo im
+ewigen Dunkel zwischen Moos und Stein ein Waldelf sitzt und seit
+hunderttausend Jahren in die Quelle starrt, um ihr Geheimnis zu
+ergründen. Und Asmus neigte das Ohr und horchte dem murmelnden
+Selbstgespräch der Quelle, und immer war’s ihm, nun müßt’ er’s gleich
+verstehen, und verstand es doch nie. Und wie er noch lauschte, winkte
+ihm aus tauigem Dunkel ein purpurner Schein.
+
+ Ein Männlein steht im Walde
+ Ganz still und stumm,
+ Es hat von lauter Purpur
+ Ein Mäntlein um.
+
+Das Lied hatte ihn sogleich angelacht wie ein rotwangiger Apfel, da
+er’s in früher Kindheit zum ersten Male gehört. Nun aber strahlte
+durch die braunen Stämme ein goldener Glanz; er ging darauf zu und
+wußte nicht: ist es goldene Sonne, oder goldenes Korn? Und als er am
+Feldrain stand, war es goldenes Korn in goldener Sonne.
+
+ Horch, wie schallt’s dorten so lieblich hervor!
+ Fürchte Gott!
+ Fürchte Gott!
+ Ruft mir die Wachtel ins Ohr.
+ Sitzend im Grünen, von Halmen umhüllt,
+ Mahnt sie den Horcher am Saatengefild:
+ Liebe Gott!
+ Liebe Gott!
+ Er ist so gütig und mild!
+
+Die Hitze hatte drohende Wolken gebraut, und die fernsten Ähren
+standen schon in graublauer Luft.
+
+ Schreckt dich im Wetter der Herr der Natur:
+ Bitte Gott!
+ Bitte Gott!
+ Und er verschonet die Flur.
+ Machen die künftigen Tage dir bang,
+ Tröste dich wieder der Wachtel Gesang:
+ Traue Gott!
+ Traue Gott!
+ Deutet ihr lieblicher Klang.
+
+Was war das für eine Zeit gewesen, da die Menschen mit solchen
+Empfindungen durch die Felder gingen? Lichte Zeit? Dunkle Zeit? Eine
+heimelnde Zeit gewiß. War sie je gewesen? Würde sie jemals sein? Er
+grübelte nach, da klang aus dem verlassenen Walde her ein zauberischer
+Schall.
+
+ Wie lieblich schallt
+ Durch Busch und Wald
+ Des Waldhorns süßer Klang!
+ Der Widerhall
+ Im Eichental
+ Hallt’s nach so lang – so lang!
+
+Ja, wahrlich, – himmelsfern und himmelsleise klang der Widerhall aus
+einem Tal, das seine Augen nicht sahen – das keine Augen jemals sehen.
+Lange, lange klang der Widerhall, bis in die Abendröte hinein, in
+deren Glut er sich verlor.
+
+ Goldne Abendsonne,
+ Wie bist du so schön!
+ Nie kann ohne Wonne
+ Deinen Glanz ich seh’n.
+
+ Schon in früher Jugend
+ Sah ich gern nach dir,
+ Und der Trieb zur Tugend
+ Glühte mehr in mir.
+
+Das hatten wohl schon die Urgroßeltern gesungen, und doch war es noch
+immer so: unendlich groß und unendlich gut müßte ein Herz sein, um
+solcher heiligen Schönheit wert zu sein! Und es möchte groß sein, das
+Herz, groß wie der Glanz der Abendsonne, und es schwillt auf und
+drängt und tut weh. Da ist es fast Erlösung, ist es Friede, wenn sie
+sinkt und graue Dämmerung aus den Feldern steigt.
+
+ Willkommen, o seliger Abend
+ Dem Herzen, das froh dich genießt!
+ Du bist so erquickend, so labend,
+ Drum sei uns recht herzlich gegrüßt!
+
+Das Lied kam aus jener Zeit, da es noch einen Abend gab und die
+Menschen am Tagesende sich fanden in Ruhe, Sammlung und Genügen.
+Damals war der Mond noch ein Hausfreund der Menschen, der sich zu
+ihnen gesellte, wenn sie am Abend plaudernd vor der Tür ihrer Hütte
+saßen.
+
+ Guter Mond, du gehst so stille
+ Durch die Abendwolken hin,
+ Labest nach des Tages Schwüle
+ Durch dein freundlich Licht den Sinn.
+
+ Leuchte freundlich jedem Müden
+ In das stille Kämmerlein!
+ Und dein Schimmer gieße Frieden
+ Ins bedrängte Herz hinein!
+
+Damals waren überall noch Wiesen, wo jetzt Häuser stehen; auf allen
+Wiesen gingen weidende Herden, und auch der Mond war ein Schäfer. Das
+war, als die Mütter noch sangen.
+
+ Wer hat die schönsten Schäfchen?
+ Die hat der goldne Mond,
+ Der hinter unsern Bäumen, Bäumen,
+ Am Himmel droben wohnt.
+
+Und bei dem »Bäumen-Bäumen« hörte Asmus eine Wiege gehn und sah er ein
+Händchen nach den Schäflein des Mondes greifen. Das Kind tastete noch
+auf dem Deckkissen nach den Schäflein, als es schon schlief, und die
+Leute traten fröstelnd ins Haus zurück, und es war Nacht. Asmus stand
+wieder allein und schaute über Felder und Äcker hinaus nach anderen
+Äckern, wo ihm Freund und Bruder lagen.
+
+ Ein getreues Herze wissen
+ Hat des höchsten Schatzes Preis;
+ Der ist selig zu begrüßen,
+ Der ein solches Kleinod weiß.
+ Mir ist wohl bei höchstem Schmerz;
+ Denn ich weiß ein treues Herz.
+
+Wußte er solch ein Herz? Er hatte Eltern und Geschwister; aber das war
+angeborener Besitz, kein erworbener. Ein Mensch muß ein erworbenes
+Herz wissen, sonst ist er dennoch einsam. Eines hatte er gewußt; aber
+das war tot. Gewiß: es waren ihm manche Herzen freundlich gesinnt;
+aber:
+
+ Ein getreues Herz hilft streiten
+ Wider alles, was ist feind.
+
+solch ein Herz war nicht darunter. Ja, wenn die schlanke, braune Hilde
+Chavonne – – ach, die stand hoch über menschlichen Wünschen. Da hörte
+er hinter einer Wand von dreizehn Jahren eine holde Jugendweise:
+
+ Der beste Freund ist in dem Himmel,
+ Auf Erden sind nicht Freunde viel,
+ Und in dem falschen Weltgetümmel
+ Ist Redlichkeit oft auf dem Spiel.
+ Drum hab’ ich’s immer so gemeint:
+ Im Himmel ist der beste Freund.
+
+Er sah die Dorfschule, in der er gesessen, sah seinen ersten Lehrer,
+wie er die Geige unter den braunen Bart schob, sah sich selbst als
+siebenjährigen Knaben, wie er das Lied sang und dabei mit staunenden
+Augen auf die Geige wie auf ein Wunder starrte. Was das Lied
+versicherte, glaubte er ja nicht. Er glaubte, daß es auf dieser Erde
+nie Größeres und Schöneres gegeben habe als Jesus von Nazareth; aber
+er glaubte nicht an seine Göttlichkeit; er glaubte überhaupt an keinen
+»Freund im Himmel«. Aber an dies Lied glaubte er und an den Glauben
+seines Sängers. Denn einen ebensolchen Glauben hatte er ja selbst,
+nicht denselben Glauben, aber einen ebensolchen. Und er hatte den
+Freund, den besten Freund: nicht Jesus hieß er – er hatte keinen Namen
+– nicht im Himmel war er – er war überall. Er sehnte sich nach einem
+menschlichen Freunde; aber den großen, übermenschlichen Freund hatte
+er längst, hatte er immer. Wer hätte ihn sonst ermuntert und erquickt
+in seinen Kämpfen, ihm über die Schulter so freundlich zugeflüstert in
+seinen Mühen und Sorgen: »Halt aus, du siegst!?« Dies treue Lied hatte
+grüne Tage seiner Kindheit umklungen, darum war es ihm ewig verknüpft
+mit allem Frühen und Morgendlichen, mit allem Keimen und Hoffen.
+
+ »Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele –«
+
+wie dem lebenssatten Faust, so hätte ihm dieses Lied den Todesbecher
+mit Gewalt vom Munde gezogen.
+
+ »Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!«
+
+so rief auch Faust, – aber doch zog ihn das Lied vom Tod ins Leben
+zurück.
+
+Und die Nacht, die Asmus umgeben hatte, bei diesem Lied aus
+Morgentagen hatte sie sich im Osten leise gelichtet. Und er sah, wie
+das weite Feld, in dem er noch immer stand, ein wundersames Leben
+erfüllte: er sah – undeutlich – menschliche Gestalten wie Nebelriesen
+um düstre Lagerfeuer liegen und stehen, hörte Stampfen und Klirren und
+sah Pferde den weißen Hauch in die Kühle des Herbstmorgens schnauben,
+und von einem fernen Lagerfeuer her hörte er ein Lied wie Sieges- und
+Todesgewißheit: Ein Morgen des Sieges wird kommen; aber wir werden
+ihn nicht mehr sehen.
+
+ Erhebt euch von der Erde,
+ Ihr Schläfer, aus der Ruh!
+ Schon wiehern uns die Pferde
+ Den guten Morgen zu.
+ Die lieben Waffen glänzen
+ So hell im Morgenrot;
+ Man träumt von Siegeskränzen,
+ Man denkt auch an den Tod. – –
+
+ Ein Morgen soll noch kommen,
+ Ein Morgen mild und klar;
+ Sein harren alle Frommen,
+ Ihn schaut der Engel Schar.
+ Bald scheint er sonder Hülle
+ Auf jeden deutschen Mann:
+ O brich, du Tag der Fülle,
+ Du Freiheitstag, brich an!
+
+Diese Zeit des deutschen Leides, wie groß, wie heilig und rein mußte
+sie gewesen sein! Und als nun von einem Lagerfeuer die Stimme Meister
+Bruhns erklang:
+
+»Nun, Semper, was wollen Sie uns denn heute vorspielen?« da schnellte
+Asmus hoch, schob die Geige unters Kinn und strich die Saiten mit
+Wucht und Sturm:
+
+ Freiheit, die ich meine,
+ Die mein Herz erfüllt,
+ Komm mit deinem Scheine,
+ Süßes Engelsbild!
+
+ Magst du nie dich zeigen
+ Der bedrängten Welt?
+ Führest deinen Reigen
+ Nur am Sternenzelt?
+
+Asmus Semper betete. Er wollte die Freiheit vom Himmel herabbeten:
+aber er dachte unter Freiheit nicht nur die Erlösung von fremden und
+heimischen Tyrannen, von Pfaffen und Geldsäcken; er dachte unter
+Freiheit alles Große und Herrliche, das sehnenden Menschenseelen in
+künftigen Welten aufgehoben ist für jenen Tag, der kommen wird. Sein
+Geigenspiel war ein Gebet aus bebendem, glühendem Herzen, und jener
+Lederhändler, der die bei Tische nicht betenden Mitmenschen zu den
+»Öchslein und Eselein« stellte, würde seltsame Augen gemacht haben,
+wenn er in diesem Augenblick in das semperische Herz geblickt hätte.
+
+Im deutschen Liede sah er das deutsche Land. Er hatte ja mit
+leiblichen Augen nichts davon gesehen als seine engere Heimat; aber –
+o, was für ein Land mußte das sein! Jahre, bevor er nach Amerika ging,
+war sein Bruder Johannes durch Deutschland und die Schweiz gewandert,
+hatte Briefe und Bilder von Burgen und Bergen und Trauben vom Rhein
+geschickt; aber das Schönste, was er dann mit nach Hause gebracht, war
+ein Lied gewesen, das Asmus damals noch nicht kannte.
+
+ An der Saale hellem Strande
+ Stehen Burgen stolz und kühn.
+ Ihre Dächer sind zerfallen,
+ Und der Wind streicht durch die Hallen;
+ Wolken ziehen drüber hin.
+
+Auch dieses Lied spielte Asmus; denn er hörte alles darin, was der
+Deutsche ist oder was er von Herzen gern sein möchte: tapfer und mild,
+erfindungsreich und träumerisch, zärtlich und gedankenvoll. Dies Lied
+kam aus einem Land voll großer Geschichte und tiefsinniger Sage, aus
+einem Land der singenden Wälder und klingenden Ströme. Daß man solch
+ein Land liebte – nicht, wie Mutter oder Bruder, nicht wie ein Mädchen
+– nein, mit einer Liebe, die es nur einmal gibt, die seltsam und ganz
+eigen ist – das war ja selbstverständlich. Daß man für ein Land, dem
+solche Lieder entblühen, freudig sterben kann, das war ihm
+selbstverständlich.
+
+Gewiß waren andere Länder ebenso schön oder schöner; aber ein zweites
+Deutschland gab es dennoch nicht. Gewiß hatte kein Land solche
+Weihnachtslieder wie Deutschland. Da war ein Lied, das war klein und
+groß, wie eine deutsche Hütte, darin eine Mutter mit ihrem Kinde
+liegt. Da kommen die Töne behutsam herein auf leisesten Sohlen und
+knien wie Kinder vor der Wiege in stumm zitternder Seligkeit, und
+halten den Atem, halten den Schlag des Herzens an, das zerspringen
+will vor heiliger Erwartung, weil es das Kindlein sehen soll!
+
+ Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all,
+ Zur Krippe her kommet in Betlehems Stall
+ Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
+ Der Vater im Himmel für Freude euch macht!
+
+»Das ist doch eigentlich ein ziemlich triviales Lied,« meinte der
+Seminarist Gärtner.
+
+»Mein lieber Kärtner,« versetzte Meister Bruhn mit seinem
+mild-ironischen Lächeln, »mein lieber Kärtner, wenn ich das Lied
+k’macht hätte, denn kuckt’ ich Sie karnicht an!«
+
+»Das ist das feinste, lieblichste Weihnachtslied, das ich kenne!« rief
+Asmus begeistert.
+
+»Ja, ja, mein lieber Semper, awer solche Sachen macht man heutz’tache
+nich mehr.«
+
+»Warum nicht?« forschte Asmus begierig.
+
+»Weil man den Klauben haben muß, um so was machen zu können; die
+jetz’che Zeit hat awer keinen Klauben mehr.«
+
+»O!« machte Semper.
+
+»Ja ja, lieber Freund, Se können’s mir klauben. In einer Zeit, wo
+David Friedrich Strauß herrscht, da macht man solche Lieder nich.«
+
+»Haben Sie Strauß gelesen?« rief Asmus.
+
+»Nee, nee!« rief Bruhn ängstlich und flüchtete sich in die Musik,
+indem er auf dem »Klafier« zu präludieren begann.
+
+»Ja, David Strauß ist mein Mann!« rief Asmus.
+
+Bruhn sah ihn erschrocken von der Seite an und präludierte
+ängstlicher.
+
+»Aber darum hab’ ich doch all diese herrlichen Lieder gern, auch die
+frommen, die wunderschönen Choräle, z. B. »Befiehl du deine Wege« und
+»Ein feste Burg« und »Wachet auf, ruft uns die Stimme« und »In allen
+meinen Taten« und »Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’«. Er hätte noch
+lange fortfahren können; aber Bruhn starrte ihn immer hilfloser an und
+spielte jetzt bereits #forte#. Aber dann brach er ab.
+
+»Nee, lieber Semper, es ist so,« sprach er, »wenn der kalte,
+mathemat’sche Verstand dazukommt, denn is es mit’m Klauben und mit der
+Kunst vorbei.«
+
+»Das wäre ja schrecklich!« rief Asmus. »Aber es ist ja gar nicht so!
+Der Verstand ist ja gar nicht kalt! Und die Mathematik ebensowenig!«
+Er mußte an die Stunden denken, da er zu Hause über mathematischen
+Aufgaben gesessen hatte. Aufgesprungen war er oft, durchs Zimmer war
+er getanzt und den Fensterpfosten hatte er umarmt, so wohl und warm
+war ihm gewesen. Eine warme, fröhliche Sonnenklarheit war um ihn her
+gewesen!
+
+Er wurde immer eifriger, und er suchte nach Worten; denn was er
+meinte, war schwer zu sagen. Plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke.
+
+»Das ist, wie ich es mal in einem Theater gesehen habe!« rief er. »Da
+gingen immer neue Vorhänge hoch, immer einer nach dem andern, und es
+wurde immer heller, und jedesmal bekam man Neues zu sehen, und das
+Neue bildete mit dem Alten zusammen immer schönere Bilder. Nur daß es
+auf dem Theater ein Ende hatte; in der Welt hat es kein Ende.«
+
+Bruhn, der sich inzwischen wieder in ein #forte fortissimo#
+hineingespielt hatte, brach wiederum ab und sah den Jüngling lange mit
+forschenden Blicken an. Dann sagte er: »Nu’ ja, es mag ja sein – aber
+nu müssen wir weiter.« Und der Unterricht nahm seinen Fortgang.
+
+Auf dem ganzen Heimweg verließ ihn das Problem nicht. Das hatte er nun
+so oft gehört: ein ungehemmter, schrankenloser Gebrauch des Verstandes
+vernichte die Blüten des Herzens. Und immer hatte ihn diese Behauptung
+gequält, geschmerzt, geärgert, ja erzürnt; denn er hatte das Gegenteil
+erfahren. Je mehr sich sein Wissen und sein Gedankenkreis erweitert
+hatten, ein desto heißeres Glühen hatte sich in seiner Brust
+entzündet. Wie, weil man alte Irrtümer und alte Dogmen überwand und
+abtat, deshalb sollte das Herz veröden? Nein, und tausendmal nein!
+Gedanken können Gedanken töten, niemals aber unsterbliche Lieder und
+Gestalten. Und selbst wenn die Lieder und Träume vergangener Zeiten
+erfrieren müßten in der kalten Gipfelluft verwegenster Gedanken, das
+Herz wird immer wieder blühen, sonst wär’ es kein Herz. Aber sie
+erfrieren nicht, die alten Blüten und Früchte! Wie innig liebte er
+diese alten, frommen Lieder mit ihrer lieblichen Einfalt, ihrem
+rührenden Vertrauen, ihrem seligen Frieden. Warum sollte er sie nicht
+lieben? Der Glaube vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte war so
+schön und so köstlich wie aller Glaube kommender Zeiten, weil er
+Glaube war. Warum sollte er ihn nicht lieben?
+
+Durch ein anderes Erlebnis sollte seine Überzeugung bald darauf eine
+tiefe Befestigung erfahren.
+
+
+
+
+XXIX. Kapitel.
+
+Asmus hört eine feierliche Messe und zieht mit den Juden durch die
+Wüste, und Rebekka Semper hält Kant für überflüssig.
+
+
+Doch im letzten Seminarjahr bekam Asmus einen anderen Direktor;
+#Dr.# Korn war zum Schulrat ernannt worden – »ich habe mich nie um ein
+Amt beworben,« konnte er mit Stolz in seiner Abschiedsrede sagen – und
+an seine Stelle war Herr Murow getreten, ein breiter, hünenhafter Mann
+und liberaler Theologe, der in seiner Antrittsrede seine Heimat sehr
+deutlich verriet, als er erklärte, daß »das Wark des Lahrers nur
+jäde–ihen könne, wenn das Harz dabei wäre.«
+
+Murow und Semper waren nach wenigen Wochen Freunde, und eines Morgens
+winkte der Direktor den Jüngling mit heimlichem Lächeln auf die Seite.
+
+»Hier hab’ ich ’n Konzartbillet – #Missa solemnis# von Cherubini –
+sahr jute Musik – haben Sie Lust?« Und er reichte ihm die Karte hin.
+
+Ob Asmus Lust hatte! Er wußte gar nicht, was er sagen sollte, und
+stammelte etwas hervor, was ein Dank sein sollte.
+
+Am Abend saß er in der Petrikirche in Hamburg, auf einem Platze, wo er
+weder Sänger, noch Orgel, noch Orchester sehen konnte. Das war’s, was
+er brauchte. Denn seine Musik kam von andern Orten her, als dorther,
+wo sie erzeugt wurde. Sein Theater und sein Konzert war immer noch
+anderswo als auf der Bühne und auf dem Podium – über einem Baumwipfel
+des Hintergrundes, in einem Winkel des Saales, im Lichtkreis einer
+einsamen Lampe sah er weit hinter dem Geschehen der Bühne, hörte er
+hoch über den Klängen der Musik Erlebtes und – nie Erlebtes, fühlte er
+ein Leben – ach, das man nur in solchen Stunden erleben kann, das man
+nie in Wirklichkeit erleben wird. Wo, in welchen nie geahnten Kammern
+seiner Seele hatten diese Bilder geschlummert, die für Sekunden
+erwachten und dann verschwanden, um niemals wieder zu erscheinen?
+Waren es Erinnerungen aus einem vergangenen Leben – Ahnungen eines
+künftigen Seins? War es das Unentwickelte, Unerwachte, das in der Welt
+ist und das aus dem Traume sprach? .....
+
+Und es kam ein Orgelbrausen und ein Frauengesang, der ging über alle
+Winkel und Lichter der Kirchenhalle hinaus, das war ein Strom, für den
+die Gewölbe des Hauses zu niedrig waren; wie ein ungeheurer
+Flammenstrom fuhr er durch alle Schranken von Stein und Erz hinauf in
+den unendlichen Himmel. Da betete Asmus Semper abermals. Er betete,
+daß er einst, wenn er wirklich ein Dichter werde, eine Dichtung
+schaffen wolle, deren Held ein König des Verstandes sein solle. Vor
+der klaren Schärfe seines Verstandes sollte verjährter Wahn und Glaube
+zergehen wie Nebel vor der Sonne. Und die Menge sollte ihn hassen,
+verfolgen, ihn steinigen, weil er ihre Welt entgöttert habe. Und das
+würde das tragische Schicksal dieses Zertrümmerers sein: die andern
+würden nicht wissen, nicht ahnen, daß er ein Mensch war, der beim
+Klingen einer Quelle lachen und weinen konnte, daß seine Brust ein Dom
+war, der von tausend Orgel- und Engelstimmen klang und hinter dessen
+bunten Fenstern alle süßen Farben und alle heiligen Dämmerungen des
+Lebens wohnten; niemand sollte es verstehen, daß er das zarteste Herz
+von allen besaß.
+
+Als Asmus unter einem klaren, sternenreichen Winterhimmel nach Hause
+ging, war er sich klar darüber, daß es nichts sei mit Meister Bruhns
+Anschauungen über Verstand und Gemüt. Aber trotz dieser und noch weit
+größer Meinungsverschiedenheiten schauten sie einander doch mit
+Freundschaft und Liebe in die Augen an jenen wahren Sonnabenden, da
+die Sonne des Abends aufs Klavier schien und der Meister zu Asmussens
+Geige die Begleitung spielte oder – die strenge Pflicht auf eine Weile
+vergessend – ganz von selbst in einen Beethoven oder Bach überging.
+
+Der Weg nach Hause führte Asmus regelmäßig durch einen Stadtteil, der
+stark, wenn nicht vorwiegend von Juden bewohnt war, und wenn er nun
+von den sonnabendlichen Feierstunden bei Meister Bruhn heimkehrte,
+paßte es immer sonderlich gut zu seiner Stimmung, wenn ihm die Juden
+in Festtagskleidung begegneten und in ihrem Gang und ihren Mienen den
+Sabbath erkennen ließen. Er fand es schön, den Feiertag am Abend zu
+beginnen mit dem Blick in ein heiliges »Morgen«; auch sein Sonntag
+begann immer am Samstagabend, begann oft schon in der Musikstunde,
+wenn er deutsche Lieder hörte, begann manchmal schon mit der Vorfreude
+auf diese Stunde. Aber nicht fand er es schön, wie es die Juden taten,
+den Feiertag auch am Abend mit Sonnenuntergang zu beschließen. Er
+wenigstens konnte aus den heiligen Geheimnissen des Sabbats nicht
+zurückfinden in den Alltag, wenn nicht ein langer, tiefer Schlaf
+dazwischen lag. Immer und immer riefen ihm diese festlich gekleideten
+Juden die Kindheit zurück, die unvergeßliche Zeit, da er mitten im
+verschneiten Winter das sonnige Land Abrahams gesehen und mit Elieser
+um Rebekka geworben hatte, am Brunnen der Stadt Nahors. Wenn er sie
+aber gar am Laubhüttenfest mit dem Paradiesapfel und mit Myrten,
+Palmen und Weiden nach der Synagoge wandeln sah, dann verwandelte
+sich der Weg nach Oldensund in die vierzigjährige Wüstenwanderung vom
+bitteren Wasser zu Mara und der Oase Elim bis zu dem Tage, da Jericho
+fiel unterm Hall der Posaunen, dann sah er die ährensammelnde Ruth auf
+dem Acker des Boas und sah die Harfe Israels hangen an den Weiden
+Babylons.
+
+Schön wie die Kindheit war nun nach allen Sorgen und Kämpfen die Zeit
+des Seminarbesuchs geworden, als sie sich ihrem Ende zuneigte. Ludwig
+Sempers Verdienst hatte sich ein wenig erhöht; Asmussens Stipendium
+war auf zweihundertundvierzig Mark im Jahre gestiegen; ein paar gute
+Privatstunden taten ein übriges, eine Zeitschrift hatte ein paar
+Gedichte von Asmus Semper angenommen, und aus Amerika kamen gute
+Nachrichten.
+
+Aber unter alledem war noch nicht das Beste. Das, was die ganze Welt
+so heilig und schön machte, war das Studium. Nicht das Studium fürs
+Seminar; bei dem war immer noch nicht viel Freude zu holen. Nein, das
+Studium, das niemand von ihm verlangte als er selbst. Und darum war
+der Sonnabend so unaussprechlich schön, weil er nun den ganzen Sonntag
+über studieren konnte, was er wollte. Freilich hatte Frau Rebekka ihre
+Bedenken. Das Examen nahte wieder heran, und ob Kant und Spinoza und
+Gedichtemachen und Hamletdeklamieren dazu nötig sei, darüber hegte sie
+schüchterne Zweifel. Sie gab diesen Zweifeln auch Ausdruck und
+meinte, ob er sich nicht zu sehr zersplittere.
+
+»Ich hab’ da neulich in so’n Buch von Kant hineingeguckt, – das ist
+ja’n fürchterlicher Schnack; daraus wird ja kein Deubel klug.«
+
+»Ja, mitunter ist es sehr schwer,« sagte Asmus.
+
+»Ja, ist denn das notwendig, daß du das lernst?«
+
+»Ja, Mutter, das ist sehr notwendig.«
+
+»Wenigstens solltest du das Dichten aufschieben, bis du mehr Zeit
+hast, das strengt dich doch auch an.«
+
+»Na ja, wenn es mich anstrengt, werd ich es aufgeben«, versicherte
+Asmus und lächelte nach innen.
+
+
+
+
+XXX. Kapitel.
+
+Das unlesbarste Kapitel des ganzen Buches: Asmus prügelt sich mit
+Kant und Spinoza und verrenkt sich mehrere Hüften.
+
+
+»Jung, du verschmierst ja all die schönen Bücher!« rief Frau Rebekka
+eines anderen Tages erschrocken, als sie ihm über die Schulter in die
+»Kritik der reinen Vernunft« hineinblickte.
+
+Ja, das tat er freilich. Wenn er ein Buch wirklich las, so
+durchackerte er es mit dem Bleistift und warf jede Scholle herum und
+erquickte sich an dem frischen Ackerduft, der dann emporstieg; alle
+Bedenken, alle Zweifel, alle Widersprüche, die ihm aufstiegen, schrieb
+er an den Rand, und das gab einen wunderlichen Buchschmuck. Gar oft
+ging es ihm wie seinem geliebten Faust:
+
+ »Hier stock ich schon und kann nicht weiter fort;
+ Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
+ Ich muß es anders übersetzen,
+ Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin ...«
+
+und das war immer der schlimmste Zweifel: ob er vom Geiste _recht_
+erleuchtet war. Er balgte sich mit dem dürren Königsberger Männchen
+wie wahnsinnig; aber er wußte wohl, daß er mit einem Gottessohne rang
+wie Jakob an der Stätte Pniel, und daß man sich dabei die Hüfte
+verrenken konnte. Er verrenkte sie sich mehr als einmal und mußte
+manchmal einsehen, daß er nur deshalb widersprochen hatte, weil er
+nicht richtig verstanden hatte; das beschämte ihn wohl, aber hielt ihn
+von immer erneutem Ringen nicht ab. Nichts lag ihm ferner als
+Überhebung; seine Pietät gegen das Genie war eher zu groß als zu
+klein, und selbst solche Sätze wie:
+
+ »Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegenprobe der
+ Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer
+ Vernunfterkenntnis #a priori#«
+
+konnten in ihm nicht den Verdacht erwecken, daß es dem
+»Alleszermalmer« denn doch wohl hin und wieder recht sehr an der
+Fähigkeit gemangelt habe, seine Gedanken gut und klar zum Ausdruck zu
+bringen. Es war einige Jahre später, daß er bei Schopenhauer an den
+Rand schrieb: Ach, hätte doch der Kant so schreiben können wie der
+Schopenhauer! Selbst, wo er für den Augenblick das sichere Gefühl
+hatte, gegen Kant oder Spinoza im Recht zu sein, zweifelte er nicht,
+daß ein späterer Tag ihm die Einsicht seines Irrtums bringen werde.
+Einstweilen war er überzeugt – und er blieb es auch später – daß der
+Monismus Spinozas kein Monismus sei; der Parallelismus von Bewegungs-
+und Bewußtseinsvorgängen war nur ein umschriebener Dualismus. Denn
+warum und wozu war diese Maschine »Mensch« so gebaut, daß ihr derselbe
+Vorgang als »Ausdehnung« und »Denken« erschien? Der Dualismus war in
+den Menschen verlegt – das war alles. Und Körper und Seele aus der
+Welt schaffen, indem man sie einfach als Attribute _einer_ Substanz
+auffasste – was war damit getan? Das Verfahren konnte man bei jedem
+unbequemen Gegensatze anwenden, und die »Substanz« war wie »das Ding
+an sich« ein Nichts, aus dem man alles machen konnte.
+
+Sein Denken wurzelte fest im Empirischen, und so gern seine Seele ihr
+Haupt in transzendenten Lüften wiegte – ihren Boden wollte sie nicht
+ohne Not verlassen. So hatte er die Ideenlehre Platos wunderschön
+gefunden; aber sogleich hatte er sich gesagt: das ist Dichtung, ist
+Glaube, nicht Erkennen.
+
+Gegen den strengen Gedanken von der Notwendigkeit alles Geschehens,
+dem der Mann sich unterwarf, lehnte der Jüngling sich auf. Sein die
+Arme reckender und streckender Wille verlangte nach Willensfreiheit,
+und doch schien ihm die transzendentale Willensfreiheit Kants nur eine
+Ausflucht. Gegen diesen Immanuel Kant, dessen Leben er mehr bewunderte
+als liebte, hatte er noch gar manches auf dem Herzen.
+
+Da stand:
+
+ »daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist
+ gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen
+ sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch
+ Gegenstände, die unsere Sinne assizieren ...«
+
+und an anderer Stelle hieß es:
+
+ »Daß es nun dergleichen notwendige und im strengsten Sinne
+ allgemeine, mithin reine Urteile a priori im menschlichen
+ Erkenntnis wirklich gebe, ist leicht zu zeigen ...«
+
+und wiederum:
+
+ »Von den Erkenntnissen #a priori# heißen aber diejenigen rein,
+ denen gar nichts Empirisches beigemischt ist ...«
+
+War das nicht unreimbarer Widerspruch? Und wenn es dann gar hieß:
+
+ »So ist z. B. der Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache,
+ ein Satz a priori, allein nicht rein, weil Veränderung ein
+ Begriff ist, der nur aus der Erfahrung gezogen werden kann«.
+
+Was sollte man dazu sagen? Der Begriff der Ursache war entweder genau
+so gut aus der Erfahrung gezogen wie der der Veränderung oder sie
+waren beide gleich »rein«. Unzweifelhaft hatten sie aber beide
+»empirische Beimischung«. Und was sollte es heißen, wenn nun Kant als
+ein Beispiel für »dergleichen notwendige und im strengsten Sinne
+allgemeine, mithin reine Urteile #a priori#« die Mathematik aufführte?
+Die Mathematik war doch menschlich konstruierte Realität, nicht von
+der Natur gegeben, wie Kant in der Einleitung an dem »ersten
+Demonstrator des gleichschenkligen Dreiecks« selbst zugegeben hatte.
+So waren die Sätze der Mathematik zwar allgemein und notwendig (daß
+das zweierlei sei, wollte Sempern auch nicht in den Sinn); aber sie
+waren auch für die Erkenntnis des Weltwesens vollkommen wertlos, wenn
+man sich nicht zu den Pythagoreern gesellte. Und was sollte man
+endlich gar dazu sagen, wenn Kant, ganz im Widerspruch zu dem
+Vorhergehenden, fortfuhr:
+
+ »will man ein Beispiel aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, so
+ kann der Satz, daß alle Veränderung eine Ursache haben müsse,
+ dazu dienen ...«
+
+und dann gegen Hume polemisierte, der diesen Satz
+
+ »von einer öfteren Beigesellung dessen, was geschieht, mit dem,
+ was vorhergeht, und einer daraus entspringenden Gewohnheit,
+ Vorstellungen zu verknüpfen, ableiten wollte.«
+
+Asmus hielt es ganz entschieden mit Hume und war der Überzeugung, daß
+jedes Naturgesetz der empirischen Wissenschaften genau so »allgemein
+und notwendig, mithin rein #a priori#« oder genau so bloß komparativ
+allgemein und #a posteriori# sei wie der Satz von der Veränderung und
+ihrer Ursache.
+
+Ach, schon diese Einteilung der Urteile in analytische und
+synthetische! Asmussens Bleistift wurde temperamentvoll und machte
+schwungvolle Fragezeichen und wuchtige Ausrufungszeichen! Warum sollte
+denn das Urteil »Alle Körper sind ausgedehnt« analytisch und dagegen
+das andere »Alle Körper sind schwer« synthetisch sein? Das Merkmal der
+Schwere war doch für den Körper genau so wesentlich wie das der
+Ausdehnung und war also genau so gut wie dieses im Begriff des Körpers
+schon gegeben! Wieso bedurfte es da der Synthese? Und gesetzt: man
+entdeckte ein wesentliches Merkmal eines Begriffes, das man bisher
+nicht gekannt hatte, so konnte man im Augenblick der Entdeckung
+allenfalls von einer »Synthese« sprechen und konnte das neue Urteil
+ein synthetisches nennen; aber sobald man wußte, daß das neue Merkmal
+zum Wesen des Begriffes gehöre, war es doch auch mit diesem Begriff
+gegeben, und das Urteil war so »analytisch« wie irgend ein anderes. O,
+wenn Asmus damals gewußt hätte, daß auch andere Leute, und zwar höchst
+gelehrte und gescheite Männer diese Unterscheidung für verworren und
+zwecklos hielten! So aber sagte er sich: »Daß Kant so unklar gedacht
+habe, ist ausgeschlossen; also tappe ich im Dunkeln, also ist mit
+dieser Unterscheidung noch etwas andres gemeint, das ich nicht
+verstehe« – und das setzte ihm zu mit harter Pein.
+
+Und endlich dieses berühmte »Ding an sich«. Man könne es nicht
+erkennen, hieß es. Aber es »affizierte« uns durch Erscheinungen, stand
+also in Beziehung zu uns, machte uns Mitteilungen! Wozu machte es uns
+diese Mitteilungen? Nur um uns zu foppen? Dann war freilich alles
+Denken und Leben Unfug. Oder verrieten uns diese Mitteilungen, wie es
+jede Mitteilung tut, etwas vom Wesen des Mitteilenden? Doch wohl; Kant
+verwahrte sich ja auch selbst dagegen, daß man die »Erscheinung« als
+»Schein« verstehe. Warum nun affizierte uns das Ding an sich so, wie
+es uns affiziert, und nicht anders. Es mußte zu seinem Wesen gehören,
+uns so zu affizieren und nicht anders. Dann aber _wußten_ wir etwas
+von seinem Wesen, und wenn wir _etwas_ wußten, warum sollten wir dann
+nicht mehr wissen können? »Hier ist ein Wirbel«, sagte sich Asmus.
+Sein Bleistift fragte in aller Bescheidenheit: Was nötigt uns, hinter
+der »schönen grünen Weide« der Erscheinungen ein unerkennbares Ding an
+sich anzunehmen, und wer hat etwas von diesem Ding an sich? Die
+Beschränktheit menschlicher Erkenntnis leuchtet auch so ein. Daß wir
+nicht Zentrum der Welt sind, daß der Mensch, der kleine Fußsoldat,
+unmöglich den Plan kennen kann, nach dem der »Herr der Heerscharen«
+die Weltenschlacht schlagen läßt, – das wissen wir seit Kopernikus
+auch so. Also warum soll der Pfahl, an dem ich mir die Nase blutig
+stoße, durchaus Erscheinung und nicht Ding an sich sein? Und warum
+setzen wir diese Skepsis nicht ins Grenzenlose fort? Es setzte Sempern
+in großes Erstaunen, als er las:
+
+ »Was es für eine Bewandtnis mit den Gegenständen an sich ...
+ haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts als
+ unsere Art, sie wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch
+ nicht notwendig jedem Wesen, _obzwar jedem Menschen_ zukommen
+ muß.«
+
+Das »obzwar jedem Menschen« war es, was ihn in Staunen versetzte.
+
+»Wirklich?« schrieb er an den Rand. »Könnte der Welturheber den Spaß
+dieses Sommernachtstraumes nicht noch weiter ausgedehnt haben und die
+Menschen Verschiedenes wahrnehmen lassen, wenn sie dasselbe nennen,
+und Verschiedenes nennen lassen, wenn sie dasselbe wahrnehmen?« Und er
+hatte eine herzliche Freude, als er später las, daß Fichte den
+kantischen Zweifel an der Dinglichkeit der Erscheinungswelt zu Ende
+geführt, das Ding an sich als widersinnig verworfen und erklärt habe:
+Außer mir gibt es nur Vorstellungen und sonst nichts. Mit einem
+wunderschön weichen, tiefschwarzen Bleistift schrieb Asmus in
+Riesenbuchstaben dazu:
+
+»_Gott sei Dank!! Das ist wenigstens konsequent!!_«
+
+
+
+
+XXXI. Kapitel.
+
+Der Mensch ist ein fliegender Holländer, und Asmus bekommt das
+Lampenfieber.
+
+
+In diesen Sonntagsstudien gab es Minuten, Stunden, Tage der Klarheit,
+die er für nichts auf der Welt dahingegeben hätte.
+
+ »Das ist ein Augenblick der Seligkeit,
+ Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke
+ Das Hirn durchzuckt und so die Seele faßt,
+ Daß sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke!
+
+ Da wähnt das Aug, es sähe groß und klar
+ Den Geist des Alls durch Erd’ und Himmel wandeln;
+ Aufatmend spricht das Herz: Ich bin getrost;
+ Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.«
+
+Aber oft währte die Klarheit nicht von einem Sonntag zum andern,
+manchmal nicht von einer Minute zur andern. Stellt ein Glas voll
+reinsten Quellwassers hin, das durchsichtiger ist als Kristall – mit
+jeder Stunde schwindet von selbst seine Klarheit dahin. Hängt einen
+Spiegel auf so rein und eben, wie ihr ihn finden mögt – in wenig Stund
+wird er sich trüben vom Anhauch des Lebens.
+
+ »Gewißheit – schöner Wahn des Augenblicks!
+ Bald wieder wird der alte Zweifel nagen;
+ Der feste Boden weicht – dir schwindelt – weit
+ Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen.
+
+ Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer
+ In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre,
+ Bis endlich deinem Fuß das Schicksal gönnt,
+ Daß er der Heimat festen Grund gewahre.
+ Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht
+ Der Wind am hohen Mast die weißen Linnen:
+ Kaum hast du noch des Ufers Sand geküßt,
+ So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.«
+
+In einem ganz eigenen Sinne tauchte ihm die Geschichte von Herkules
+wieder auf, der die Hydra schlug. Wenn man triumphierend einem Zweifel
+den Kopf abschlug, so wuchsen zwei wieder aus dem Rumpf hervor. Und
+eine sonderbare Beobachtung glaubte er zu machen. Wenn er sich einer
+Wahrheit recht nah fühlte und ihr nun mit starrenden Augen immer näher
+auf den Leib rückte, dann _sah er_ förmlich, wie sie plötzlich
+zurückwich und dichte Nebelschleier um sich schlug, wie ein Weib, das
+nicht gesehen sein _wollte_! Noch eben jetzt hatte er sie klar zu
+sehen vermeint, und plötzlich stand er in lauter Nebeln. Und seltsam:
+weibliche Gestalten mischten sich jetzt so oft in seine Vorstellungen
+und Gedanken; ja, es war, als hätten diese Gedanken und Vorstellungen
+selbst etwas von weiblichem Wesen und weiblichem Reiz, und alles, was
+er suchte, suchte er mit unerklärlicher leiser Wonne und mit leisem
+Schmerz. Auf dem Wege zum Seminar gab es Läden, in denen Bilder von
+weiblichen Schönheiten in halber oder nahezu ganzer Enthüllung
+ausgestellt waren. Vier Jahre lang und darüber war er an diesen Läden
+ohne jegliches Interesse vorübergegangen; seit einiger Zeit sah er
+diese Bilder mit anderen Augen an, und er verweilte mit seiner
+Betrachtung auch bei solchen, von denen er sich sagen konnte, daß sie
+nicht gerade in künstlerischer und überhaupt nicht in der allerbesten
+Absicht dorthin gelegt seien. Und als er in dieser Zeit von der
+höchsten Galerie des Theaters den »Lohengrin« hörte und als Elsa mit
+wundersüßer Stimme und ergreifendem Glauben sang:
+
+ »Kehr’ bei mir ein! Laß mich dich lehren,
+ Wie süß die Wonne reinster Treu!
+ Laß zu dem Glauben dich bekehren:
+ Es gibt ein Glück, das ohne Reu!«
+
+da brach in seiner Brust ein Damm von einer langgestauten Flut, da
+entstürzten Tränen seinen Augen; denn sie hatte nicht nur die holde
+Schönheit weiblichen Wesens, hatte nicht nur das Glück der Liebe
+gesungen; sie hatte von allem Triumphe alles Hohen gesungen; sie hatte
+ihm gesungen: Es gibt ein Wissen ohne Trug, es gibt ein Leben ohne
+Haß, es gibt eine Welt ohne Leid.
+
+Und wenn er auch jenen Versen die Überschrift »Menschenlos« gegeben
+und wenn er sie auch mit den verzweifelten Worten gekrönt hatte:
+
+ »Und dies bleibt immer deines Denkens Los:
+ Wenn dich ein Strahl aus höchstem Himmel grüßte,
+ Er bleibt nicht dein; er schwindet hin in Nacht,
+ Wie die Morgana schwindet in der Wüste.«
+
+so war es ihm damit nur auf Stunden ernst, und es war darin ein gut
+Teil von jenem wunderlichen Komödiantentum der Jugend, das sich bei
+roten Wangen in düsteren Gebärden gefällt und nicht nur die Ansprüche,
+sondern auch die Resignation der reifen Jahre vorwegzunehmen liebt.
+Hatte er doch auch gesungen:
+
+ »Dich hieß ich wie kein andres Weib willkommen;
+ Laut schlug mein Herz – du hast es nicht vernommen.«
+
+und hatte dabei an Hilde Chavonne gedacht und war doch um so weniger
+berechtigt, dem guten Mädchen daraus einen Vorwurf zu machen, als er
+selbst nicht genau wußte, ob sein Herz für Hilde oder für das Weib im
+allgemeinen schlug. Nein, mochten seine »Gewißheiten« zuweilen nur ein
+Minutenleben haben, seine Niedergeschlagenheiten lebten meistens nur
+Sekunden; auf dem Grunde seiner Natur mußte eine Feder sein, die mit
+unversiegbarer Kraft wieder emporschnellte, wenn der schwerste Druck
+nur einen Augenblick nachließ. Die Absolutheit der Sittengesetze, der
+doch die menschliche Schwäche in diesem Leben nicht genügen konnte,
+erforderte nach Kant die Unsterblichkeit der Seele. Dann war also auch
+das Leben nach dem Tode ein Entwicklungsgang; denn es hätte keinen
+Sinn, wenn wir aus dem Tode einfach als vollkommene Wesen erwachten.
+Und wenn die Unbefriedigung unseres Gewissens ein künftiges Leben
+verlangte, so verlangte die immer strebende Unbefriedigung des Geistes
+ein Gleiches. Wo Fortschritt der Sittlichkeit möglich war, da mußte
+auch Fortschritt der Erkenntnis möglich sein, und wenn in einem
+künftigen Leben, so auch im gegenwärtigen.
+
+Und er glaubte an den Fortschritt mit aller Gewalt seiner sehnenden
+Seele; er glaubte nicht an die ewig gleich geartete Seligkeit des
+Kirchenhimmels; er konnte sie sich nicht vorstellen; aber er glaubte
+an die ewig wachsende Seligkeit des Werdens und sich Vollendens; die
+begriff er, die hatte er in Stunden unnennbarer Weihe selber gefühlt.
+Und in wenigen Monaten sollte er nun ein Führer werden auf solchen
+Wegen des Werdens, sollte sich ihm ein Beruf auftun, der ihn Hunderte,
+Tausende von jungen Seelen die rechten Wege zur Vervollkommnung weisen
+hieß. Er ein Führer! Er, der es wußte, wie sehr er selbst noch der
+Führung bedurfte! Wenn er an diese nahe Wendung dachte, wurde ihm, er
+wußte selbst nicht, wie. Eine hohe, berauschende Freude überlief ihn;
+aber gleich darauf überfiel ihn immer ein herzstockendes Bangen; es
+war wohl höhere Freude, aber auch tieferes Bangen als damals, da er
+vor der Klassentür gestanden und den erkrankten Herrn Dohrmann hatte
+vertreten sollen. Denn er war reifer und klüger geworden und verstand
+tiefer als damals, um was es sich handle.
+
+Bevor er jedoch diesen Beruf ergriff, lernte er schnell noch einen
+anderen kennen, nämlich den des Schauspielers.
+
+
+
+
+XXXII. Kapitel.
+
+Semper der Jüngling als Heldenvater und Liebhaber.
+
+
+Kurz nach Weihnachten sollte wieder Konzert und Theater sein, und zwar
+sollte Gutzkows »Zopf und Schwert« gegeben werden. Obwohl Asmus im
+Seminar weder als Mime noch als Regisseur jemals irgend einen Posten
+bekleidet hatte, war man doch einstimmig der Meinung, daß er den König
+Friedrich Wilhelm I. geben und die Regie führen müsse. Man glaubte,
+Rezitieren und Komödie spielen sei dasselbe.
+
+Die Proben im Musiksaal begannen, und Asmus stürzte sich mit
+Begeisterung in seinen neuen Beruf. Er hatte harte Arbeit; denn unter
+den Mitwirkenden gab es einige übertriebene Talentlosigkeiten. Da war
+einer, der die Prinzessin geben sollte, – denn auch die weiblichen
+Rollen mußten der Feuersicherheit wegen von Jünglingen gespielt
+werden, ein Zopf, den der neue Direktor im Jahre darauf mit einem
+Schwertstreich abhieb, – und dieser Prinzessinnendarsteller hatte
+offenbar beim Spielen das Gefühl, daß er mindestens acht Hände habe,
+von denen er dann immer zwei in die Hosentaschen steckte.
+
+»Mensch,« rief Asmus, »bedenk doch, daß du als Prinzessin nicht die
+Hände in die Hosentaschen stecken kannst!«
+
+Und dann zog Lau, so hieß er, die Hände wieder heraus; aber beim
+nächsten Satze staken sie schon wieder drin. Asmus gab ihm endlich
+eine kleinere Rolle und dann eine noch kleinere; aber es half nichts;
+Laus starke Persönlichkeit brach sich durch jede Rolle Bahn; er war
+ein penetrantes Talent.
+
+Aber es waren auch zweifellose Begabungen darunter, und im ganzen
+fühlte sich Asmus in dieser ganz ungewohnten Tätigkeit unbeschreiblich
+wohl. Er hätte seinen Zustand mit einem Champagnerrausch vergleichen
+können, wenn er die für diesen Vergleich erforderlichen Kenntnisse
+gehabt hätte. Als der Abend der Aufführung herangekommen war, ging es
+ihm genau wie Meister Bruhn: er war zwei Stunden vor Beginn zur Stelle
+und hatte nach zehn Minuten schon auf sämtlichen Stühlen gesessen,
+aber auf keinem länger als zwei Sekunden; er mußte gehen, gehen wie
+immer, wenn er erregt war, immer auf und ab, wie der Tiger des
+Zoologischen Gartens im Käfig. Dabei hatte er das Gefühl, daß er fest
+auftreten müsse, damit ihn nicht ein Lufthauch davontrage. Und wog
+doch gewiß seine 120 Pfund. Er war nervös wie ein sichernder Hirsch,
+der ein Knacken im Gezweig vernommen hat; aber es war eine wohlige,
+prickelnde Nervosität. Der König hat seinen ersten Auftritt hinter der
+Szene zu sprechen, und das war gut; denn wenn er an das Auditorium
+dachte, dann war es, als ob plötzlich etwas furchtbar Schweres
+furchtbar tief in seinen Leib hinunterfiele und ein Emporfliegen war
+dann nicht mehr zu fürchten.
+
+Der Vorhang ging endlich auf, und schon nach den ersten Szenen war der
+Erfolg des ersten Aktes gesichert; denn der Darsteller der Königin
+hatte in der Erregung unter den königlichen Kleidern seine männlichen
+Dessous und seine Zugstiefeletten anbehalten, und das genügte für den
+1. Akt. Jedesmal, wenn die hohe Frau sich setzte und ihr Reifrock sich
+hob, brauste ein Sturm des Entzückens durch das vollbesetzte Haus.
+Asmus lief wie besessen hinter der Szene auf und ab.
+
+»Was hat das Publikum? Was hat das Publikum?« flüsterte er. Stelling,
+der hinter der ersten Kulisse stand, rief:
+
+»Kneist hat die Stiefeletten anbehalten« und wollte bersten vor
+Lachen. Er konnte lachen; über dies schwere Unglück konnte er lachen.
+Asmus war außer sich, und als Ihre Majestät die Bühne verlassen hatte
+und ihm in den Wurf kam, da fluchte er wie ein altgedienter
+Oberregisseur.
+
+»Eine Schlamperei ist das einfach, eine skandalöse Schlamperei!«
+flüsterte er; denn laut durfte er ja nicht werden; aber er flüsterte
+sehr vehement.
+
+»Gott, was ist denn dabei?« versetzte Kneist, die Königin, mit
+bewundernswerter Ruhe. »Das Ganze ist doch nur ’n Spaß.« Das verschlug
+Asmussen die Rede allerdings gründlich. Gegen eine so bodenlos frivole
+Auffassung von der Kunst war er nicht gewappnet. Er war so verstört ob
+dieser Antwort, daß er fast seinen Auftritt versäumt hätte. Als er
+dann mit seinen Worten beim Publikum Heiterkeit erweckte, sagte er
+sich: Gott sei Dank, deinem Aussehen kann das nicht gelten; sie sehen
+dich ja gar nicht.
+
+Aber auch als sie ihn sahen, hörten sie ihm freundlich und mit öfterem
+Lachen zu, und als er in der Szene des Tabakkollegiums zu den Worten
+gekommen war:
+
+ »Die Kreaturen zittern? – Ich will allein
+ sein.«
+
+da war das Auditorium eine einzige Stille, und als er dann im nächsten
+Akte wieder auftrat, bekam er einen großen Schreck; denn sie empfingen
+ihn mit stürmischem Händeklatschen. Ja, ein großer Schreck war es;
+aber es war der freudigste, den er empfangen hatte seit jenem
+Weihnachtabend, als er plötzlich vor dem Puppentheater, dem Geschenk
+seines Bruders Johannes, gestanden hatte. O ja, ja, es mußte herrlich
+sein, so jeden Abend, vom Beifall der Menge umbraust, auf der Bühne zu
+stehen! Der Beruf des Schauspielers war ihm immer in einem
+märchenhaften Glanze erschienen; jetzt war er tief davon überzeugt,
+daß es keinen freudenreicheren, verlockenderen gebe als ihn.
+
+Er sollte auch für den Rest des Abends aus diesem kindlichen Wahne
+nicht aufgeschreckt werden. Murow, der Direktor, kam ihm mit beiden
+dargebotenen Händen entgegen und rief:
+
+»Alle Watter, mein lieber Samper, harzlichen Glückwunsch! Sie sind ja
+der jäborne Haldenvater!«
+
+»Na, dazu reicht doch wohl meine Länge nicht,« meinte Asmus zaghaft.
+
+»Nu – es hat auch kleine Haldenväter jäjäben! Sie sind ’n
+Napoleon-Darstaller! Überhaupt, mein lieber Samper« – und dabei legte
+er seine mächtige Hand auf die Schulter des Jünglings – »Talant
+ersatzt jede Körperlänge.« Und mit behaglichem Lachen schritt er
+weiter, um auch den andern Darstellern freundliche Worte zu sagen;
+denn er war als preußischer Landtagsabgeordneter beim Reichskanzler
+und bei Hofe gewesen und verstand sich auf die Courtoisie eines
+Herrschers.
+
+Als aber Asmus nun auf Flügeln des Triumphes weiter durch den Saal
+schritt, da erblickte er gar an einem Tische hinten im Winkel neben
+ihren Logisgebern Hilde Chavonne. _Sie_ war also da! Sie hatte ihn
+spielen sehen! O, wenn er das gewußt hätte, dann hätte er noch ganz
+anders gespielt! Er bildete sich ein, daß er dann besser gespielt
+hätte; aber sehr wahrscheinlich würde er dann den Gamaschenkönig mit
+dem tanzenden Krückstock als Romeo gespielt haben. Er wußte noch immer
+nicht, ob er irgendein Mädchen auf der Welt »liebe«; er war noch ganz
+in jenem dunklen Vorstadium der Liebe, wo die Jünglinge den Jungfrauen
+im allgemeinen imponieren wollen und die Jungfrauen den Jünglingen im
+allgemeinen gefallen möchten. Dieser Hilde Chavonne zu imponieren,
+hielt er freilich für einen besonders berechtigten Ehrgeiz; denn sie
+war hübsch und vornehm und stellte hohe Ansprüche, die höchsten
+allerdings an sich selbst. Und dieser Asmus Semper, dieser
+unglaubliche Tölpel, merkte nichts, als ihm das Fräulein nun ein
+kleines Veilchenbukett, das sie im Haar getragen hatte, zum Geschenk
+machte und errötend hinzufügte: »Für den König!« Er nahm es für eine
+Ehre, der Dummkopf, für eine Ehre! Er freute sich unendlich über
+dieses Sträußchen; aber er hatte keine Ahnung davon, daß es eine hohe
+Gunst des Herzens ist, wenn ein Mädchen sich eines Blumenschmucks
+beraubt und ihn einem jungen Manne schenkt. So unheilbar beschränkt
+war er, daß er nicht einmal die Verstimmung merkte, die das Mädchen
+darüber empfand, daß seine Gabe nicht so aufgenommen wurde, wie sie es
+erwarten konnte. Du lieber Gott, was sollte Asmus von jungen Mädchen
+wissen! Seine beiden Schwestern waren schon bei fremden Leuten
+gewesen, als er noch auf dem Fußboden spielte und den hölzernen
+Schemel voll tausend Nägel schlug. Als größerer Knabe hatte er dann
+freilich öfters mit Mädchen gespielt, und jede, mit der er gespielt,
+hatte er auch geliebt, ja, jenes braune Kind, das er einst vor dem
+Wirtshause zwischen den Bahndämmen gefunden hatte, hatte er sogar mit
+schmerzlichem Sehnen geliebt; aber es war doch Kinderliebe gewesen.
+Und nun, als Präparand und Seminarist, hatte er fast ein mönchisches
+Dasein geführt. Gewiß: er hatte Präparandinnen und Lehrerinnen gesehen
+und hatte alle diese Leonoren, Lauren und Beatricen selbstverständlich
+geliebt; aber keiner einzigen war er gesellschaftlich näher getreten.
+Die Damen des Lehrberufs haben meistens keine den Mann ermunternden
+Gewohnheiten, und für Asmus war nun vollends alles Weibliche eine
+unnahbare Welt. Die germanische Ehrfurcht vor dem Weibe lag ihm tief
+im Blut, und seine Armut machte diese Ehrfurcht zur Schüchternheit.
+Wenn er aus den Liebesromanen sah, daß zur Anbahnung eines
+Liebesverhältnisses eine längere Liebeserklärung gehöre, noch dazu
+eine im schwierigeren Periodenbau, auf den er sich sonst wohl
+verstand, dann sagte er sich: »Das wird mir nie gelingen, nie; ich
+werde wohl Junggeselle bleiben.«
+
+Zum Glück hatte Hilde Chavonne kein Gänseherz, sondern ein ganz echtes
+großes Mädchenherz, und so vergaß sie bald ihre Verstimmung und
+unterhielt sich mit Asmussen so lebhaft und gutherzig wie immer.
+
+»Wissen Sie, was Sie von den andern unterschied?« sagte sie.
+
+»Nun?«
+
+»Sie spielten immer, auch wenn Sie nichts zu sprechen hatten; die
+andern spielten nur, während sie sprachen. Auch wenn Sie kein Glied
+rührten, sah man, daß Sie ununterbrochen mit der Handlung gingen. Ja,
+sogar, wenn Sie dem Publikum den Rücken kehrten, sah man, daß Sie
+innerlich spielten. Ich habe einmal von »durchsichtigen Schauspielern«
+gehört. Das Wort trifft auf Sie zu.«
+
+Asmus war so glücklich, daß er nur eine ganz banale
+Bescheidenheitsphrase stottern konnte. Er war glücklich wegen der
+»Ehre«. Daß sie ihn sehr genau und sehr andauernd beobachtet haben
+müsse, darauf verfiel er nicht. Als sie noch sprachen, kam eilends ein
+Seminarist auf Sempern zu. »Du möchtest mal zu Herrn Doktor Kieselberg
+kommen.«
+
+Doktor Kieselberg hatte den Literaturunterricht; bei ihm hatte Semper
+die längsten und schönsten Sachen rezitiert.
+
+»Hören Sie, lieber Semper, wenn es Ihnen recht ist, schreib’ ich über
+Sie an Cheri Maurice. Maurice muß Sie kennen lernen. Sie müssen für
+die Bühne gerettet werden. Die Jungens unterrichten, das können
+schließlich viele andere Leute auch. Aber so spielen, das können
+nicht viele. Also soll ich ihm schreiben?«
+
+»Wenn Sie die Güte haben wollen, dann bitte ich darum.«
+
+»Gut. Meine Frau läßt Sie bitten, morgen mit uns zu speisen. Zwei Uhr,
+bitte. Sind Sie noch frei?«
+
+Du lieber Gott! Ob er noch frei war! Für sämtliche Mittage seines
+Lebens war er noch frei.
+
+Also Schauspieler! Bei der bekannten Geschwindigkeit, mit der er seine
+Schlösser baute, spielte er schon im nächsten Augenblick den »Faust«
+auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Und bei einem seiner Lehrer
+eingeladen zum Essen! Was konnte das Leben einem noch mehr bieten! Er
+schwamm in der vollen, naiven Freude eines ersten öffentlichen
+Erfolges. Ihm war, als ob alle Menschen aller Länder ihm hold gesinnt
+wären und ihm von Herzen das Beste wünschten. Er hatte nicht die
+leiseste Ahnung davon, daß Lau erzählte, Semper habe ihm die Rolle der
+Prinzessin nur aus Neid weggenommen, und wenn ihm jemand gesagt hätte,
+daß Lau das erzähle, so würde er gesagt haben: »Du lügst.«
+
+Als er sich wieder dem Platze Hildens näherte, war sie nicht da. Er
+ließ die Blicke durch den Saal schweifen – da – sie tanzte! O weh, sie
+tanzte!
+
+
+
+
+XXXIII. Kapitel.
+
+Asmus gibt fernere Beweise von seiner Dummheit, baut ein Schloß und
+eine Kirche und landet schließlich in einer Zelle.
+
+
+Merkwürdig, es war ihm nicht ganz recht, daß sie tanzte. Warum sollte
+sie nicht tanzen? Es war doch selbstverständlich, daß sie tanzte; sie
+hatte sich ja auch zum Tanze angekleidet, sehr geschmackvoll, wie
+immer, sehr einfach, und doch – so besonders. Er verstand nicht das
+Geringste von Frauengarderoben; aber daß sie mit ihren neunhundert
+Mark Gehalt keine kostbaren Gewänder kaufen konnte, war ihm klar. Und
+doch – sie hatte immer etwas Besonderes und Nobles in ihrer
+Erscheinung.
+
+Tanzen! Ja, das war auch so eine Mauer, die ihn vom weiblichen
+Geschlechte trennte. Frauen wollen tanzen, und er konnte nicht tanzen.
+Die Semper konnten ihren Kindern keine Tanzstunden geben lassen. Nicht
+einmal Schlittschuhlaufen hatte er gelernt; denn als Knabe war er nie
+so reich gewesen, ein Paar Schlittschuhe erwerben zu können, und als
+Jüngling hatte er keine Zeit mehr dazu gefunden. Als Achtjähriger
+hatte er einmal getanzt, auf einem sogenannten »Kindergrün«, mit einer
+siebenjährigen Dame, fünf Stunden lang war er herumgesprungen wie ein
+Heupferdchen, immer mit derselben Dame, und es war herrlich gewesen.
+Er sah es so unendlich gern, wenn ein Paar sich mit Anmut im Tanze
+drehte. Nie glaubte er fester an eine schönere Welt, als wenn er
+Menschen in anmutiger Bewegung sah. Und Hilde Chavonne tanzte schön.
+Wenn er sie aufforderte....
+
+Hahahahaaaa! Er wußte wohl eine ganze Reihe junger Leute, die
+ungeniert eine Dame aufforderten, obwohl sie nicht tanzen konnten, und
+dann so lange mit Todesverachtung herumhopsten, bis sie’s heraus
+hatten. Woher sie den Mut nahmen, einer Dame dergleichen zuzumuten,
+das blieb ihm ein Rätsel.
+
+Sobald er sein Lehrergehalt bezog, wollte er tanzen lernen. Sein
+Lehrergehalt? Er wollte ja Schauspieler werden.....
+
+»Tanzen Sie nicht?« fragte ihn Hilde.
+
+»Ich kann nicht tanzen,« sagte er. Und er erzählte ihr, daß er
+Schauspieler werden solle. Sie war aber sehr dagegen; mit auffallender
+Lebhaftigkeit riet sie ihm ab. Was sie denn dagegen habe, fragte er
+verwundert. Da wurde sie rot und sehr verlegen. Schließlich sagte sie,
+sie habe immer gehört, daß auch das Los der größten und berühmtesten
+Bühnenkünstler nur ein glänzendes Elend sei. Überhaupt habe er doch noch
+ganz andere Fähigkeiten. Er müsse Dichter werden.
+
+Jetzt machte er riesengroße Augen, und das Rotwerden war an ihm.
+»Woher wissen Sie denn, daß ich dichte?«
+
+»Sie haben doch Fräulein Wieselin erlaubt daß sie sich Ihre Balladen
+abschrieb –«
+
+»Und die haben Sie gelesen?« rief Asmus erschrocken.
+
+»Die haben alle an der Schule gelesen –«
+
+Asmus hätte in den Boden sinken mögen. »Das ist aber sehr unrecht von
+Fräulein Wieselin,« rief er.
+
+»Warum?« fragte Hilde erstaunt. »Durfte sie sie nicht zeigen?«
+
+»Aber ich bitte Sie! Diesen Schund! Diesen Unsinn! Das ist ja
+törichtes, kindisches Zeug –.«
+
+Hilde schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das glaube ich nicht,« sagte
+sie. »Unreif mögen diese Gedichte sein, – aber es ist etwas drin.«
+
+Als ein Tänzer kam und sich vor Hilde verbeugte, lehnte sie ab. Sie
+lehnte auch alle folgenden Einladungen ab, und bis zum Ende des Balles
+saßen sie beide an demselben Tisch und plauderten. Er fühlte sich wohl
+und glücklich; aber er merkte nichts.
+
+Und als das ganze »Künstlervolk« mit seinem Anhang nach dem letzten
+Tanze in ein Café schwärmte, – morgens um vier Uhr in ein Café! Asmus
+kam sich wie ein Roué vor, als er sich eine Schokolade bestellte, – da
+schienen es beide selbstverständlich zu finden, daß sie wieder
+beieinander saßen. Es war etwas Seltsames um ihre Unterhaltung. Sie
+sagten natürlich »Sie« zueinander und »Herr Semper« und »Fräulein
+Chavonne« (denn das »gnädige Fräulein« war damals noch nicht Mode),
+und was sie sprachen, hatte die höfliche und respektvolle Form, die
+unter wenig Bekannten zweierlei Geschlechts gebräuchlich ist; aber in
+ihren Herzen war ein Glauben und Vertrauen, von dem sie selbst noch
+nichts wußten; ihre Herzen sagten »Lieber Herr Semper« und »Liebes
+Fräulein Chavonne«, ohne daß sie selber es hörten, und dieser
+Gegensatz zwischen fremden Worten und vertrauter Meinung erfüllte
+Asmussens Herz mit jener wohligen Spannung, wie sie in frühen Knospen
+sein mag. Aber so dunkel, so wenig bewußt war dieses Gefühl, daß er
+sich keinen Augenblick nach seiner Ursache fragte, es vielmehr ohne
+Nachdenken genoß wie die Sonne eines Maientags.
+
+Als er früh gegen sechs eine Stunde weit nach Hause ging, fühlte er
+nicht die leiseste Ermüdung; denn er war jung und war König. Aber als
+er die ruhigen Atemzüge seiner schlafenden Eltern hörte, und als er
+die Ärmlichkeit des elterlichen Hausrats betrachtete, da fiel es ihm
+schwer aufs Herz, daß er Schauspieler werden sollte.
+
+Gleichwohl sprach er davon zu seinem Vater. Obwohl Ludwig Semper seit
+längerem wieder von seinem alten asthmatischen Leiden geplagt wurde,
+war doch seit Monaten Heiterkeit in all seinem Reden und Tun, ja
+selbst in seinen Hustenanfällen und Atemängsten gewesen; denn nun war
+seine zärtlichste Hoffnung der Erfüllung nah; in kurzem sollte Asmus
+Lehrer sein und das Geschlecht der Semper sollte wieder emporkommen.
+Wie die lächelnde Wehmut eines Sonnenunterganges ging es über Ludwig
+Sempers Gesicht, als er hörte, daß Asmus, nahe dem Ziele seiner Bahn,
+einen ganz neuen Weg voll jahrelangen Mühens betreten solle, und
+obwohl er fühlte, daß er dann den Aufstieg seines Sohnes nicht erleben
+werde, sagte er lächelnd:
+
+»Ja, – wenn Du meinst, daß Du Schauspieler werden mußt, – ich habe
+nichts dagegen.«
+
+Und in dem Lächeln des schönen Angesichts war ein Scheiden vom
+Liebsten und Letzten. Das Herz flog Asmus in den Hals, und er hatte
+Mühe, die Tränen zurückzudrängen, als er rief:
+
+»Nicht doch, Vater, nicht doch! Ich werde ja nicht darauf eingehen!
+Ich denke ja nicht daran!«
+
+Seiner Mutter sprach er nicht erst davon. Er mußte lächeln, wenn er
+sich ihr ökonomisches Entsetzen ausmalte. Und sie hatte ja recht.
+
+Am Nachmittage sagte er es Dr. Kieselberg, seinem Wirte: »Meine Eltern
+haben mich fünf Jahre lang unter den größten Sorgen und Mühen
+erhalten, wenigstens zum großen Teil erhalten; jetzt ist es höchste
+Zeit, daß ich sie unterstütze. Als Lehrer bekomme ich ein Gehalt von
+1200 oder 1300 Mark, dann kann ich ihnen helfen; als Schauspieler
+verdiente ich vorläufig wenig oder nichts. Ich würde die Hoffnung
+meiner Eltern vernichten, und das ist ausgeschlossen.«
+
+»Nun, dagegen kann ich natürlich nichts sagen,« erwiderte Kieselberg.
+»Ich hatte das Gefühl einer Pflicht; ich glaubte ein Unrecht zu
+begehen, wenn ich Sie nicht auf den Weg zur Bühne wiese; aber wenn die
+Dinge so stehen – das ist natürlich etwas anderes.«
+
+Als Asmus durch die wunderschönen Alleen vor dem Dammtor nach Hause
+ging, war der Bühnentraum erloschen; das Schloß aus Rampenlicht und
+Lorbeerduft war versunken, und an seiner Stelle ragte schon ein
+anderes. Ein Wort seines Lehrers hatte ihn gestern befremdet. Er hatte
+gesagt:
+
+»Jungens unterrichten, das können die andern auch.«
+
+War Unterrichten denn wirklich etwas, was jeder Beliebige konnte,
+wenn er nur nicht allzu dumm war? Waren Schulmeister nicht genau so
+gut Künstler wie Schauspieler? Konnte man nicht auch so unterrichten,
+daß man unersetzlich war, so unersetzlich wie ein Künstler? So
+wenigstens hatte er sich’s immer geträumt. Was war denn ein Lehrer,
+wenn er nicht ein Künstler war?
+
+Und in den Wolken strahlte ein Schloß, das war aus Morgenlicht und
+Kinderlächeln gebaut.
+
+Er blickte in die ragenden Bäume hinauf und dachte: Welch ein
+wunderschöner Tag! Ein wahrer Sonntag! Zuerst beim Lehrer zu Mittag
+gegessen – die fremde Küche hatte ihm zwar nicht geschmeckt, aber was
+sagte das? Es war herrlich gewesen! – Nun dieser Weg unter hohen, von
+weißem, weißem Schnee bedeckten Bäumen! Diese Kirche wird nur an
+seltensten Feiertagen geöffnet. Ihr Altar ist die sinkende Sonne, und
+ihr Gesang ist das Schweigen. Er dichtete im Gehen:
+
+ Ich weiß es nun gewiß:
+ Es schwebt ein selig Leben
+ Schon über dieser Welt
+ Und ist uns schon gegeben.
+
+ Ich weiß seit diesem Tag:
+ Es tönt Gesang und Reigen
+ Aus einer reinen Welt
+ In jedes tiefe Schweigen.
+
+Und endlich, wenn er zu Hause war, wollte er seinen Pestalozzi lesen.
+Er kam heim und schlug ihn auf bei der »Abendstunde eines
+Einsiedlers«.
+
+»O, meine Zelle, Wonne um dich her!«
+
+Das fügte sich gut zu dieser Stunde. Er schaute sich um in seiner
+Kammer und dachte:
+
+O, meine Zelle, Wonne um dich her!
+
+
+
+
+XXXIV. Kapitel.
+
+Bewegt sich zwischen Pestalozzi und Herrn Quasebarth.
+
+
+Und er vergrub den Kopf in beide Hände und versenkte sich in die
+heiligen Träumereien dieses unschuldsvollen Einsiedlers und Poeten,
+den er liebte, wie man sonst nur lebendige Menschen liebt. Ja, das war
+wahrhaftig ein Einsiedler unter den Tagesmenschen! Schon wiederholt
+hatte Asmus diese Schrift gelesen, und immer hatte ihn eine
+eigentümliche Scheu gehindert, tiefer in ihr Dunkel einzudringen, wie
+man sich scheut, in ein Dickicht einzudringen, aus dem die Nachtigall
+schlägt. Heute war die Nachtigall fortgeflogen, und er drang ein und
+fand hinter dem Rankengewirr eine köstliche Architektur, die die
+einfachen, großzügigen Grundlinien eines wunderbaren Baues zeigte. Da
+stand, daß Leben und Menschsein ganz dasselbe ist in der Hütte und auf
+dem Thron. Das aber haben die Menschen vergessen. Sie erziehen und
+unterrichten nach tausenderlei äußeren und Tagesbedürfnissen, nach
+Berufs- und Standesrücksichten, nach Eitelkeit und Vorteil. Und
+vergessen, daß ein Mensch zuvor zum Menschen gebildet sein muß, eh’ er
+etwas anderes wird. Aber zum Menschen kann man ihn nur von _seiner_
+Natur aus, von seiner Individualität aus machen, nicht von einer
+allgemeingültigen Schablone aus.
+
+Das also war es: Nicht sollt ihr zum Kinde sagen: Das sollst Du werden
+und das will ich aus Dir machen wie aus allen Deinen Genossen, sondern
+ihr sollt fragen: Wer bist Du? Wie mach’ ich Dich zum Menschen? Welche
+Wege sind in _Deiner_ Natur vorgezeichnet, die zu jenem Menschentum
+führen, das _allen_ gemeinsam ist und aus dem alles andere von selbst
+entsprießt?
+
+Das schälte sich heraus aus dem Aphorismengewirr des krausen und
+dennoch geraden Denkers, und in diesem Geiste wollte Asmus sein Amt
+führen. Im Geiste dieser Schrift wollte er wirken, dieser Schrift, die
+in einem innigen, treuen Gottesglauben gipfelte, der nicht der
+Gottesglaube der Semper war. An den sorgenden Vater glaubten die
+Semper nicht. Aber das hatte Asmus seit langem empfunden, daß alle
+Menschen an einen Gott glauben, wie verschieden sie ihn auch nennen.
+
+ Es sagen’s allerorten
+ Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,
+
+und Asmus hatte nie begriffen, warum man von den Atheisten glaubte,
+sie hätten keinen Gott und könnten nicht fromm sein.
+
+So stellte er denn auch in dem bald beginnenden schriftlichen Examen
+seinen Aufsatz nicht auf die Basis theistischer Frömmigkeit, die sonst
+über so manche Prüfungen hinweghilft. Die jungen Leute sollten über
+das Thema schreiben:
+
+ »Vor jedem steht ein Bild dess’, das er werden soll;
+ So lang’ er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.«
+
+und die meisten Jünglinge erklärten Jesus Christus für das Idealbild,
+das vor ihnen stehe. Nun gab es unter den Abiturienten gewiß keinen,
+der den natürlich erzeugten Gottessohn von Nazareth inniger liebte als
+er; aber den Ruf, daß er ein Jesus Christus oder etwas ihm Ähnliches
+werden solle, vernahm er in seinem Herzen nicht. Er glaubte nicht, daß
+die Welt durch Leiden erlöst werden könne; er fühlte wenigstens, wenn
+er sich ehrlich fragte, daß er nicht gemacht sei, ohne Widerstand zu
+leiden. Er knüpfte an die Ideenlehre Platos an und erklärte den
+Unfrieden des Menschen aus der Sehnsucht nach seiner »Idee«, und er
+setzte auseinander, was er für seine Idee, für die Idee des Menschen
+im allgemeinen und für die des Asmus Semper im besonderen halte. Er
+fand damit bei der vorurteilslosen Prüfungskommission nicht nur
+vollste Anerkennung, sondern er hatte noch den Erfolg, daß ein
+Mitglied dieser Kommission, ein alter Jurist, zu Beginn der mündlichen
+Prüfung die Brille aufsetzte und rief:
+
+»Wo ist Herr Semper?«
+
+»Das ist nämlich ein Philosoph!« rief er den andern Herren zu.
+
+Asmus war hervorgetreten.
+
+»Sie sind Herr Semper?«
+
+»Jawohl!«
+
+»Sie sind ein Philosoph, mein junger Freund; ich habe Ihre Arbeit mit
+herzlicher Freude gelesen; ich danke Ihnen.«
+
+Im übrigen ging es ihm wie »auf der Fortuna ihrem Schiff«, will sagen:
+auf und ab. In der Lehrprobe vergriff er sich. Er sollte Ägypten
+behandeln, dasselbe Ägypten, das er als kleiner Junge für eine Wiese
+mit Störchen gehalten hatte. Und er verfuhr ganz nach der Regel:
+Geographische Lage, Grenzen, Gestalt, Größe, Einwohnerzahl usw. usw.
+Zum Nil kam er in der halben Stunde des praktischen Examens überhaupt
+nicht. Als er fertig war, nahm ihn Murow, der Riese, beiseite.
+
+»Nun, me–in lieber Samper, wann man Äjüpten behandeln will, womit
+fängt man dann wohl am basten an?«
+
+Da wußte er’s sofort. »Mit dem Nil,« sagte er. Und er hätte sich
+ohrfeigen mögen, daß er, der die Schablone haßte, sich ihr so
+gedankenlos und träge unterworfen hatte. Der Nil! das war der
+Schöpfer des Landes, war eigentlich das Land selbst; der Nil war die
+Individualität Ägyptens, von der man ausgehen mußte, wenn man sich
+rühmte, ein Jünger Pestalozzis zu sein! Er empfand eine tiefe Scham
+darüber, daß er so ahnungslos in Ketten ging, deren er gespottet
+hatte.
+
+Und im schriftlichen Chemie-Examen hatte er eine Arbeit von grotesker
+Unzulänglichkeit geliefert. Er hatte einst die Chemie mit allem Feuer
+der Jugend geliebt; aber Herrn Quasebarths Chemie hatte darin
+bestanden, daß er aus einem ehrwürdigen Heft ablas, dessen verblaßte
+Schrift er zuweilen selbst nicht mehr entziffern konnte. »Man nehme
+einen Probierzylinder und fülle ihn zur Hälfte mit Braunstein –« las
+Herr Quasebarth; aber er nahm keinen. Stelling, der Skrupellose, hatte
+ihm eines Tages einen furchtbaren Limburger Käse unter den Pultdeckel
+gelegt, so daß seine Nase jedesmal, wenn sie ins Heft tauchen wollte,
+entsetzt zurückfuhr. Nachdem er sich wiederholt vergeblich erkundigt
+hatte, woher der »abscheuliche Geruch« stamme, und Stelling bemerkt
+hatte, daß er ihn sich auch nicht erklären könne, »da hier doch nie
+experimentiert werde«, entdeckte er schließlich die Ursache; aber er
+ging ungeheilt von dannen.
+
+So hatte denn Asmus seit langem nicht mehr zugehört, in der
+Chemiestunde lieber Gedichte gemacht und beim Examen einen fast
+unberührten weißen Bogen abgeliefert. Das war aber Herrn Quasebarth
+in die Glieder gefahren; denn er sagte sich, daß der chemische
+Durchfall eines Schülers wie Asmus Semper vom Prüfungs-Kollegium als
+ein Durchfall des Herrn Quasebarth empfunden werden müsse. Er beschwor
+also Sempern in einer vertraulichen Unterredung, doch ja bis zum
+mündlichen Examen noch »tüchtig zu repetieren«, damit er die Scharte
+auswetze. Semper genierte diese Scharte gar nicht; denn er hatte sich
+längst vorgenommen, später auf eigene Hand Chemie zu treiben; aber er
+versprach sein Möglichstes.
+
+Und wiederum hob ihn das Schiff der Fortuna in der Mathematik so hoch,
+daß er die erste Zensur erwischte, während Mollwitz, der Magister
+Matheseos, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde: »das einseitige
+Prisma«, durch einen reinen Zufall nur den zweiten Grad errang. Dieses
+Erfolges konnte Asmus nicht recht froh werden; denn die Sache war
+nicht ganz in der Ordnung. Daß Glücksgüter vom Zufall verteilt wurden,
+das wußte er; aber auch geistige Ehren? Kam das auch sonst im Leben
+vor? Das _sollte_ nicht vorkommen.
+
+Aber er sollte noch was ganz anderes erleben. Am Abend vor der
+mündlichen Prüfung entschloß er sich nach schwerem Zögern, ein
+Lehrbuch der Chemie zur Hand zu nehmen, damit Quasebarth nicht wieder
+durchfalle. Er las auch das Kapitel von der Methylwasserstoffreihe,
+dann aber griff er energisch nach Zolas Conquête de Plassans, die er
+wesentlich anziehender fand. Denn sich ein Wortwissen ohne Anschauung
+und Übung in den Kopf zu pfropfen, das war ihm von jeher ein Greuel
+gewesen.
+
+Die Stunde der chemischen Prüfung kam und mit ihr Herr Quasebarth, der
+an Leib und Seele immer denselben grauen Rock trug.
+
+»Na, mein lieber Semper,« sagte er mit einem lockenden Lächeln,
+»erzählen Sie uns mal, was sie von den Methylwasserstoffen wissen!«
+
+Und siehe da: Asmus Semper redete wie ein junger Liebig; denn heute
+wußte er noch sehr gut, was er gestern gelesen hatte.
+
+
+
+
+XXXV. Kapitel.
+
+Asmus wird im Examen gepufft und getreten und ist unzufrieden, aber
+sehr glücklich.
+
+
+Und so kam er denn mit allen Ehren und ohne Schaden durch das Examen,
+wenn man von einigen blauen Flecken an seinem linken Fuße und in der
+linken Rippengegend absah. Diese Flecke rührten wieder von Seybold
+her, von demselben Seybold, der ihn als »Schäflein« wegen seiner
+»Inkollegialität« und seiner »Anmaßung« so bieder gehaßt hatte. Das
+mathematische Examen hatte Seybold sehr glatt bestanden. Seybold
+konnte nicht einmal ein Dreieck berechnen; aber während der
+schriftlichen Prüfung wandelte einen Freund von ihm ein Bedürfnis an,
+und der Freund ging hinunter und deponierte an einem dunklen Orte die
+Lösung aller Aufgaben. Nach einer halben Stunde hatte Seybold
+merkwürdigerweise auch ein Bedürfnis.
+
+»Muß es denn sein?« fragte argwöhnisch der die Aufsicht führende Herr
+Rothgrün.
+
+»Ja, ich hab’n Durchfall,« erklärte Seybold.
+
+»Aber damit hätt’ es ja noch Zeit gehabt,« schmunzelte Herr Rothgrün
+wohlwollend. »Nun, gehen Sie nur.«
+
+Seybold ging hinunter, »fand die Lösung«, dachte »Heureka«,
+beantwortete solchermaßen durch Vorspiegelungen der Verdauungsorgane
+Fragen, die eigentlich an das Gehirn gerichtet waren, und half sich
+mittels eines Durchfalls durchs Examen. Zunächst durchs mathematische.
+
+Bei den Klausuraufsätzen saß Seybold wieder neben Semper, und als
+dieser gelegentlich einen Blick in die Papiere seines Nachbarn warf,
+sah er, daß dieser wörtlich von ihm abschrieb.
+
+»Mensch, bist du des Teufels?« flüsterte Asmus. »Das muß ja
+herauskommen. Schreib’ wenigstens auch von anderen ab.«
+
+Seybold sah das ein und schrieb die andere Hälfte der Arbeit von
+seinem Vordermann ab; denn er hatte einen weiten Blick.
+
+»Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben,« hatte Korn gesagt.
+
+Nur dies verdammte mündliche Examen! Da konnte man nicht sagen:
+»Erlauben Sie, daß ich austrete!« Und wenn Asmus blind und taub
+gewesen wäre, so würde er das Nahen des Examinators doch immer
+rechtzeitig erfahren haben; denn wenn dieser noch drei Schüler weit
+entfernt war, begann Seybold schon wie ein Räder-, Walzen- und
+Kolbenwerk zu treten, zu puffen und zu zischen: »Sag’ mir zu! Sag’ mir
+zu!« und so trug Asmus Semper Seyboldens Reifezeugnis auf dem Leibe
+davon.
+
+Auch Seybold bestand wiederum das Examen, und der ganze praktische
+Unterschied bestand darin, daß er ein Anfangsgehalt von 1200 Mark,
+Asmus aber ein solches von 1300 Mark erhielt, worin Seybold eine große
+Ungerechtigkeit erblickte.
+
+1300 Mark! Insofern war Asmus sehr zufrieden; denn unbegrenzte
+Möglichkeiten lagen in dieser Summe. Aber wenn er den verflossenen
+Lebensabschnitt überblickte – was rechtfertigte eigentlich das
+»glänzende Examen«, das er nach der allgemeinen Ansicht gemacht hatte?
+Die Kollegen hatten ihm erzählt, was der Schulrat Korn vor einer
+anderen Abteilung der Prüflinge über ihn gesagt hatte, und darüber
+freute er sich zwar von Herzen; aber eigentlich war ihm alles das ein
+großes Rätsel, ein Wunder: denn ihm waren diese verflossenen drei
+Jahre eine zerstörte Illusion. Was hatte er sich von diesen Jahren
+versprochen an geistigem Aufschwung! Und wie bitter-bitter-wenig hatte
+er vor sich gebracht. Er hatte überhaupt nicht das Gefühl, daß er
+geistig gewachsen wäre. Wiederum hatte er, wie schon öfter, die
+Empfindung, daß die Menschen merkwürdig wenig von ihm verlangten,
+viel, viel weniger, als er selbst von sich zu fordern pflegte.
+
+Nur wenn er die beiden »Alten« betrachtete, war er _ganz_ glücklich.
+Die solltens jetzt besser haben. Frau Rebekka lief mit ihren
+sechzigjährigen Beinen wie ein Wiesel immer von einem Zimmer ins
+andere und sang:
+
+ »Nach Sevilla, nach Sevilla!
+ Wo die letzten Häuser stehen,
+ Sich die Nachbarn freundlich grüßen,
+ Mädchen aus dem Fenster sehen,
+ Ihre Blumen zu begießen,
+ Ach, da sehnt mein Herz sich hin!«
+
+und wie in seiner früheren Kindheit sah Asmus bei dem Wort »Sevilla«
+einen freien Platz mit Häusern, auf den eine unendlich goldene Sonne
+und ein unendlich helles, unendlich stummes Feiertagsglück
+herabschien.
+
+Und dabei dachte Rebekkens Herz gar nicht an Sevilla, was schon daraus
+hervorging, daß sie im nächsten Augenblick sang:
+
+ »Herr Junker, lat hee mit tofred’n,
+ rudiridiridirallalla,
+ Ick mutt min Swin to freten ge’m,
+ rudiridiridirallalla!
+
+Das war nämlich das Bruchstück eines Liedes, in dem ein Junker seiner
+Magd mit Liebesanträgen nachstellt, die diese dann mit der
+einleuchtenden Begründung zurückweist, daß sie ihren Schweinen zu
+fressen geben müsse. Die Schweine gehen vor, das mußte der Junker
+einsehen. Aber auch an Junker, Magd und Schweine dachte das singende
+Herz der Rebekka nicht; es dachte an den Triumph des Sohnes, an den
+leckeren Pfannkuchen, den sie ihm backen wollte, und an den besseren
+Rock, den ihr Gatte nun bekommen sollte; denn es gab ihr einen Stich
+ins Herz, wenn der stattliche Mann in abgetragenem Gewande ging. »Er
+fragt ja nichts danach,« klagte sie kopfschüttelnd.
+
+Aber auch Ludwig Semper wollte sich diesmal einen Extragenuß
+vergönnen. Heute war Dienstag, und am Freitag gab es »Lohengrin« im
+Theater. Diesmal wollte er _wirklich_ hin.
+
+»Aber nun tu’s auch!« riefen Asmus und Rebekka wie aus einem Munde.
+
+»Ja, ja – natürlich!« beteuerte Ludwig.
+
+Am Mittwoch sagten Asmus und seine Mutter wieder: »Geh nun aber auch
+wirklich hin!«
+
+»Gewiß, gewiß!« sagte Ludwig.
+
+Am Donnerstag sagten sie: »Wirst du nun auch nicht wieder sagen: ’Ach,
+wozu soll ich hingehen?’«
+
+»Nein, nein – wenn ich’s doch sage!«
+
+Er war auch am Freitag mittag noch fest entschlossen und freute sich.
+Als er um sechs Uhr noch keine Miene zum Aufbruch machte, rief Frau
+Rebekka:
+
+»Du, du – du mußt jetzt gehen.«
+
+»Ach, ich hab mir’s anders überlegt,« sagte Ludwig. »Was soll ich da.«
+
+Ja, was sollte er da.
+
+Erstens war sein Asmus nun am Ziel, und das war ein Glück, das
+eigentlich für den Rest seines Lebens allein ausreichte und das er
+jedesmal neu genoß, wenn Asmus den Blick wegwandte und er ihn
+ungestört betrachten konnte.
+
+Zweitens hatte er am Lohengrin schon so viel Vorfreude genossen, daß
+eine Steigerung nicht mehr denkbar war.
+
+Und drittens tauchten auf der grauen Wand vor seinem Zigarrentische,
+sobald er befahl, alle Sagen der Vorwelt auf, nicht die vom
+Schwanenritter allein, und belebte sich der stauberfüllte Raum mit
+Klängen, die an kein irdisches Instrument und keine menschliche
+Schrift gebunden waren.
+
+Frau Rebekka war gründlich böse und schalt. »Ich versteh den Mann
+nicht,« rief sie.
+
+Asmus verstand ihn. Er dachte daran, daß er nun bald als Lehrer vor 60
+Kindern stehen werde; er blickte von der Seite her in des Vaters Auge,
+in dem die Abendsonne liebend verweilte, und er verstand es, daß man
+selig sein kann im Glück seiner Träume.
+
+
+
+
+Drittes Buch
+
+Kampf und Liebe
+
+
+
+
+XXXVI. Kapitel.
+
+Was für ein Mann Herr Drögemüller war und was für Lieder deutsche
+Kinder singen.
+
+
+Der erste Eindruck, den Asmus Semper von Herrn Drögemüller, seinem
+Hauptlehrer und Vorgesetzten, empfing, war nicht übertrieben
+verlockend. Der Kopf des Mannes glich einer stark vergrößerten
+Billardkugel, der man einen Rettichschwanz als Bart angeheftet und die
+man im übrigen noch mit einer blauen Brille geschmückt hat. Nase, Mund
+und Stirn wären in jedem Signalement als gewöhnlich bezeichnet worden.
+Herr Drögemüller kanzelte gerade einen kleinen, kümmerlich
+dreinschauenden Buben ab, weil er auf Holzpantoffeln zur Schule kam.
+Er behandelte das gleichsam wie einen moralischen Defekt, dessen man
+sich zu schämen habe, und erklärte dem verschüchtert dastehenden
+Kinde, wenn das noch einmal vorkomme, werde er ihm einen »Tadel in
+Ordnung« geben.
+
+»Wenn man das hingehen läßt,« sagte Herr Drögemüller, »dann kommen
+immer mehr mit Holzpantoffeln, und man kann das Geklapper auf den
+Treppen nicht mehr aushalten.«
+
+Asmus hatte auf der Zunge, zu sagen: »Aus Übermut trägt wohl der
+Mensch keine Holzklötze an den Füßen; Stiefel sind ihm ohne Zweifel
+bequemer, wenn er sie hat«; aber er wollte sich nicht gleich
+opponierend einführen und sagte deshalb nur:
+
+»Gibt es nicht einen Verein, der solche Kinder mit Stiefeln versorgt?«
+
+»Gewiß!« versetzte der Hauptlehrer; »ich könnte ihm ein Paar Stiefel
+anweisen; aber seine Mutter, das ist eine ganz Renitente. Als ich ihr
+sagte, sie solle den Jungen doch taufen lassen – getauft ist er
+nämlich auch nicht – da sagte sie, das täte ihr Mann nicht, und was
+ihr Mann wolle, daß wolle sie auch.«
+
+»Hm,« machte Asmus. Ein Pestalozzi war dieser Mann nicht, das war
+schon festgestellt.
+
+Er unterschied sich insofern vorteilhaft von dem »Schulmeister von
+Stanz«, als er sauber und ordentlich gekleidet war; aber es war
+Ordnung ohne Geschmack und Gefälligkeit, eine Ordnung mit
+schlechtsitzenden Hosen und kreuzweis geknoteten Bindeschlipsen, und
+als Asmus wie hypnotisiert die Karrees des grauen Rockes betrachtete,
+da las er unaufhörlich 1 × 1 × 1 × 1 × 1 × 1 ....
+
+Nein, ein Dichter, wie der unordentliche Verfasser von »Lienhard und
+Gertrud« war dieser Mann gewiß nicht, »Abendstunden eines Einsiedlers«
+träumte er sicherlich nicht; aber das konnte man auch schließlich
+nicht verlangen, und als er die Papiere des ihm von der Behörde
+zugewiesenen Jünglings eingesehen hatte, bemerkte er sogar
+liebenswürdig, er beglückwünsche sich, einen Mann von solchen
+Fähigkeiten gerade an der »ihm unterstellten« Schule angestellt zu
+sehen.
+
+Wie ganz anders ward Asmussen ums Herz, als er sich wenige Tage später
+mitten in einen Garten von sechzig jungen Menschenpflanzen gestellt
+sah, wo sechzig lebendige Brünnlein aus roten Lippen sprangen. In
+einem Punkte freilich hinkte der Vergleich mit einem Garten
+bedenklich: die Pflanzen haben die gute Gewohnheit, ihren Ort nicht
+willkürlich zu verändern; diese Menge von Kindern aber war in ihren
+Bewegungen höchst willkürlich, und Asmussen kam es vor, als habe er
+einen Topf voll Mäuse zu hüten und müsse aufpassen, daß keine über den
+Rand springe. Einige zwar saßen bang und verschüchtert da; sie mochten
+ein unerhört Neues, ein fürchterlich Geheimnisvolles erwarten und
+waren vielleicht mit der Vorstellung gekommen, daß der Bakel
+unaufhörlich durch die Schulstube sause wie die Sense des Mähers übers
+Feld; denn es gibt Eltern, die die Arbeit des Lehrers liebevoll
+vorbereiten, indem sie Kindern, die sie nicht bändigen können, mit der
+Aussicht drohen: »Na, warte nur, wenn du zur Schule kommst! Der Lehrer
+wird dich schon bläuen.« Aber sobald diese Beklommenen merkten, daß
+der »Herr Lerrer« kein Menschenfresser sei und sogar großartigen
+»Spaß« mache, zogen gerade sie die weitesten Konsequenzen und gingen
+über Tisch und Bänke. Und sieh, da schritt schon einer festen
+Schrittes auf die Tür zu.
+
+»Wohin?« fragte Asmus.
+
+»Ich will’n büschen ’raus!« versetzte das Bürschchen unbefangen.
+
+»Was willst du denn draußen?«
+
+»Och, ’n büschen spielen.«
+
+»Ja, Mensch, so allein spielen, das macht doch keinen Spaß. Wart’ nur
+noch einen Augenblick, dann gehen wir alle hinaus und spielen »Jäger
+und Hund«.
+
+Das leuchtete dem Flüchtling ein. »O djä!« rief er, senkte beide
+Fäustchen in die Hosentaschen und ging wieder auf seinen Platz.
+
+»Du, ich hab’ Limburger Käse aufs Brot!« rief eine Stimme aus dem
+Hintergrunde. Asmus ging hin und äußerte seine teilnehmende
+Begeisterung über den Limburger Käse. Natürlich mußte er jetzt den
+Inhalt zahlloser Frühstücksdosen bewundern.
+
+»Ich hab’ Leberwurst auf’m Brot!« »Ich hab’ ’ne Apfelsine!« »Ich hab’
+Schokolade!« schrie es durcheinander.
+
+»Ihr könnt wohl lachen!« sagte Asmus. »Meine Mutter hat mir keine
+Schokolade mitgegeben.«
+
+»Da!« Ein Junge sprang aus der Bank und hielt ihm ein Stück Schokolade
+hin.
+
+Asmus dankte gerührt, löste das Papier von der Schokolade und wollte
+sie dem Geber in den Mund schieben; der aber lehnte entschieden ab.
+
+Da sah Asmus zwei brennende Augen in verzehrendem Verlangen auf sich
+gerichtet; es waren die Augen eines dürftig gekleideten, blassen
+Bürschchens.
+
+»Soll _er_ sie haben?« fragte Asmus den Spender.
+
+Der nickte eifrig ja, und begierig griff der Verlangende nach der
+köstlichen Leckerei.
+
+Um den Schwarm endlich zu beruhigen, sagte Asmus: »Soll ich euch mal
+’ne Geschichte erzählen?«
+
+»O ja, man zu, man zu!« schrien sie durcheinander. Und er erzählte
+ihnen das Ur- und Anfangsmärchen vom Rotkäppchen, das sie alle
+verstehen und das sie beim hundertsten Male ebenso gern hören wie beim
+ersten Male.
+
+Als er mitten im Erzählen war, kam ein Junge aus der Bank heraus, ging
+auf Asmussen zu, ergriff dessen Hand und sagte:
+
+»Du, ich mag dir gerne leiden.«
+
+»Soo?« sagte Asmus; »Junge, das ist ja prachtvoll; ich dich auch; aber
+dann mußt du jetzt auch ganz still sitzen bleiben und zuhören!«
+
+»Ja,« erklärte der Kleine überzeugt und ging ruhig wieder an seinen
+Platz.
+
+Für einen andern aber hatte Asmussens Erzählung offenbar keinen Reiz.
+Er erhob sich und steuerte geraden Wegs auf die Tür zu.
+
+»Was willst du denn?« fragte Asmus.
+
+»Ick will noh Hus,« lautete die sehr entschiedene Antwort.
+
+»Jä, dat geiht ober nich; du muß noch’n bitten hierblieben.«
+
+Der kleine dicke Bursche explodierte in einem furchtbaren Geheul.
+
+»Ick will ober noh Huuus!« brüllte er.
+
+»Wat wullt du denn dor?«
+
+»Ick will bi min Mudder sin!«
+
+»Minsch, de Klüten (Klöße) sünd jo noch gornich fertig.«
+
+Der Kleine nahm die Fäuste von den Augen und starrte ihn sprachlos an.
+
+»Du wullt wull gern Klüten un Plum’n (Pflaumen) eeten, wat?« fragte
+Asmus.
+
+»Jo,« versetzte der Kleine, von so viel Verständnis seiner Seele
+überrascht.
+
+»Jä, Hein, de sünd jo noch gornich gor! Bliev man noch’n bitten
+sitten; ich segg Di denn Bescheed, wenn din Mudder se fertig hett.«
+
+Auf diesen Kontrakt ging Heinrich Lohmann ein und verfügte sich
+langsam wieder an seinen Platz.
+
+Als die Geschichte zu Ende war und die Geisterchen wieder nach allen
+Himmelsrichtungen anseinanderfielen, sprach er:
+
+»Nun paßt aber mal auf, was jetzt kommt!«
+
+Sie waren plötzlich still.
+
+Mit geheimnisvollen Mienen ging Asmus an einen Schrank.
+
+»Was ich wohl hier im Schrank habe!« sagte er.
+
+»Frühstück!«
+
+»Nein.«
+
+»Schokolade!«
+
+»Nein.«
+
+»’n Bilderbuch!«
+
+»Nein. In diesem Schrank hab’ ich einen Vogel; wenn man den
+streichelt, dann singt er.«
+
+»Oooh – laß ihn mal ’raus!« riefen einige.
+
+»Ja, ich will ihn mal herauslassen.« Er öffnete den Schrank und nahm
+einen Geigenkasten heraus.
+
+»O, ich weiß, Herr Lehrer, ich weiß!« riefen ein paar Gescheite.
+
+»Pst! Nichts verraten! Das ist das Vogelbauer. Paßt gut auf, daß er
+nicht herausfliegt,« sagte er zu den Nächsten, und sie spreizten die
+Händchen und öffneten die Mäulchen, als wollten sie den Flüchtling mit
+Mund und Händen auffangen. Die Hintensitzenden stiegen auf die Tische
+und reckten die Hälse. Asmus öffnete den Kasten und nahm Geige und
+Bogen heraus.
+
+»Hurra – hallo,« schrien sie alle; aber dann wurden sie noch stiller
+als zuvor, und nun hatten alle die Schnäbel offen.
+
+Asmus setzte den Bogen an und spielte einen raschen Lauf vom kleinen #g#
+bis zum dreigestrichenen.
+
+Da waren sie plötzlich wie »voll süßen Weins«, sie gingen über Tisch
+und Bänke, hopsten, sprangen und faßten sich an und tanzten.
+
+»Was soll ich nun ’mal spielen« fragte Asmus.
+
+Ach, was mußte er da für Erfahrungen machen! Einige nannten ein paar
+Spiellieder, die sie in einem Kindergarten gelernt hatten; die meisten
+aber nannten Gassenhauer und Operettenmelodien, die auf die Drehorgel
+gekommen waren. Ein rechtes, gutes Volkslied nannte nicht einer; denn
+das deutsche Volkslied wird im deutschen Hause nicht mehr gesungen.
+
+Asmus erzählte ihnen von dem Häslein, das der Jäger totschießen
+wollte, und dann sang er:
+
+ Als der Mond schien helle,
+ Kam ein Häslein schnelle,
+ Suchte sich sein Abendbrot,
+ Hu, ein Jäger schoß mit Schrot.
+
+Er sang, wie das Häslein den Mond bat, sein Licht auszulöschen, und
+wie es dem Jäger entkam.
+
+ Häslein ging zur Ruhe,
+ Zog aus Rock und Schuhe,
+ Legte sich ins weiche Moos,
+ Schlief wie auf der Mutter Schoß.
+
+und die Lieblichkeit von Wort und Weise, die Unschuld der Kindertage,
+da er sie zuerst gesungen, die Schönheit der Stunden, da er sie bei
+Meister Bruhn gehört und gegeigt, und die saugende Andacht all dieser
+reinen Augen, die durstig an seinen Lippen hingen, überströmten sein
+Herz mit einem so überschwenglichen Glück, daß ihm die Augen feucht
+wurden.
+
+»Nun will ich’s einmal spielen,« sprach er und spielte das Lied.
+
+»Wollt ihr jetzt ’mal mitsingen?«
+
+Jubelnd ergriffen sie diesen Vorschlag.
+
+Und alle sangen sie mit. Ei, ei, ei, war das eine Musik! Es klang noch
+ganz furchtbar. Aber sie fanden es schön, und am eifrigsten sang Peter
+Brandenburg, dessen Gehör und Stimme nur einen einzigen Ton hatten,
+und der klang wie das Surren einer Hummel, die man in eine Schachtel
+eingesperrt hat.
+
+»Wer will mir nun ’mal was vorsingen?« fragte Asmus.
+
+Manche getrauten sich nicht; aber die meisten hielten mit ihrem Talent
+nicht zurück und sangen frisch von der Leber weg.
+
+ »Denke dir, mein Liebchen,
+ Was ich im Traume geseh’n«
+
+oder
+
+ »Dat Scheunste, wat man hett,
+ Dat is so’n Zigarett’«
+
+oder
+
+ »Ach, mein Schreck, ach, mein Schreck!
+ Meine teure Hulda ist weg!«
+
+nein, so viel Asmus auch horchte und forschte und hoffte, er hörte
+nichts Gutes, Schönes, Gesundes. Wohl aber begann ein Bürschlein
+frisch und frei ein ausgesprochenes Zotenlied zu singen.
+
+»Genug, genug!« rief Asmus und hieß das Kind schweigen. Dies Lied, von
+frischen Kinderlippen ahnungslos gesungen, hatte ihm einen furchtbaren
+Eindruck gemacht. Die Schule lag in der Hafengegend; unter ihrem
+Publikum gab es mancherlei Armut und Verwahrlosung, und unter den
+Schülern waren auch Kinder »anrüchiger« Straßen.
+
+
+
+
+XXXVII. Kapitel.
+
+Herr Drögemüller als Einkassierer des Schicksals.
+
+
+So groß sein Mitgefühl mit den Kindern der Enterbten und Verachteten
+war, so schien ihm doch seine Aufgabe um so schöner und lockender, je
+schwieriger sie war. Die wohlgepflegten Kinder reicher und »guter«
+Familien erziehen, das war keine Kunst – so dachte er wenigstens
+damals; er sollte noch anders darüber denken lernen – aber hier galt
+es, Knoten zu lösen und Hindernisse zu überwinden. Und schon nach
+wenigen Tagen sollte ihn ein »Riesenerfolg« in seinem Glauben an sein
+Werk bestärken. Am vierten oder fünften Tage seines Lehrertums kam
+Herr Drögemüller mit einer Liste in die Klasse und fragte: »Ist
+Heinrich Lohmann hier?«
+
+Jawohl, Heinrich Lohmann war _da_; es war derselbe, den am ersten Tage
+die Sehnsucht nach den Klößen seiner Mutter ergriffen hatte und der
+dies Gefühl in reinstem Plattdeutsch unverhohlen zum Ausdruck gebracht
+hatte. Er gehörte in eine Nachbarschule und war irrtümlich in Sempers
+Klasse gekommen.
+
+»Du gehörst in eine andere Schule, mein Sohn,« sagte Herr Drögemüller.
+»Pack’ deine Sachen und komm mit.«
+
+»Nee,« sagte Heinrich Lohmann munter, »ick will hier blieben.« Selbst
+Herr Drögemüller mußte lachen.
+
+»Ja, mein Junge, das geht nicht,« sagte er, »komm nur schnell.«
+
+»Ick will ober leever hier blieben,« wandte Lohmann mit schwächerem
+Widerstande ein.
+
+»Na, nu’ mach flink, Junge, mach flink!« drängte der Hauptlehrer.
+
+Lohmann packte widerstrebend seine Sachen und folgte Herrn
+Drögemüller; aber als er nun Sempern die Hand zum Abschied geben
+sollte, warf er alles, was er trug, auf den Boden, umklammerte
+Asmussens Bein und schrie: »Ick will bi di blieben! Ick will bi di
+blieben!«
+
+Asmussen wurde es wunderlich ums Herz.
+
+»Kann er denn nicht hier bleiben?« fragte er den Hauptlehrer.
+»Vielleicht kann ja ein anderer – –?«
+
+»Nein, das geht nicht!« versetzte Drögemüller kurz. »Er wohnt ja nicht
+in unserm Bezirk. – Jetz komm, Junge, sonst – –«
+
+Asmus klopfte dem Kleinen die Wangen und sagte: »Na, Heinrich, dann
+geh nur mit. Wenn die Schule aus ist, besuchst du mich mal, was? Und
+ich besuch’ dich auch mal, ja?«
+
+Da gab sich Heinrich Lohmann zufrieden, sammelte unter Tränen seine
+Bibliothek zusammen und schlich davon.
+
+Asmus Semper war glücklich. Also schien ihm die Kraft gegeben zu sein,
+die Herzen der Kinder zu gewinnen, und darüber war er unsäglich froh.
+Überhaupt lebte er wie in einem Rausche. Diese tausendfältigen,
+rückhaltlosen Offenbarungen der Kindesseele überwältigten seine
+Beobachtungskraft; er wußte nicht, wie er diesen Reichtum in die
+Scheuern bringen und verwerten sollte. Und viel zu früh schloß er den
+Kindern den Mund durch regelrechten Unterricht; seine Taten hinkten
+noch weit hinter seinen Ideen her. Er hätte noch länger die Eigenart
+jedes einzelnen Kindes hervorlocken sollen, wenn er den Wegen
+Pestalozzis folgen wollte; aber er fürchtete, die Kinder würden nicht
+lernen, was sie nach dem »Pensum der Klasse« lernen sollten, wenn er
+nicht den stundenplanmäßigen Unterricht beginne. Herr Drögemüller
+hatte sich ohnedies schon bemerkbar gemacht. Als Asmus eines Tages
+einen Knaben ein Märchen erzählen ließ, war Herr Drögemüller, der es
+nicht für ein Gebot der Höflichkeit hielt, anzuklopfen, in die Klasse
+getreten, hatte durch seine blaue Brille auf den an der Wand hängenden
+Stundenplan geblickt und gesagt:
+
+»Sie haben jetzt eigentlich Rechnen, nicht wahr?«
+
+»Jawohl,« hatte Asmus gesagt.
+
+»Hm,« hatte dann Herr Drögemüller gesagt, und er war wieder
+hinausgegangen. – – Ja, Asmus war glücklich; aber wie es das Schicksal
+gewöhnlich mit ihm gehalten hatte, so tat es auch diesmal; von dem
+vollen, hundertprozentigen Glück, das es ihm gegeben, zog es neunzig
+Prozent Wucherzinsen ab, und der Exekutor, der die neunzig Prozent
+einkassierte, war diesmal Herr Drögemüller.
+
+Herr Drögemüller war Junggeselle, und so hatte er zu viel Zeit für
+seinen Beruf. Man hat immer dann zu viel Zeit für seinen Beruf, wenn
+man sie zur Auffindung neuer und fruchtbarer Gedanken aus einem
+gewissen inneren Mangel nicht anwenden kann, sie vielmehr mit der
+Erfindung immer neuer Reglements-Paragraphen verbringen muß. Jedesmal,
+wenn Herr Drögemüller ein paar freie Stunden gehabt hatte, trug
+alsbald danach ein Knabe durch alle Klassen eine Verfügung, unter die
+jeder Lehrer sein »#Vidi#« setzen mußte. Herr Drögemüller wußte aus
+der Arithmetik, daß, wenn man unablässig addiert, zuletzt eine hohe
+Summe herauskommen muß, und so hoffte er durch unermüdliche
+Hinzufügung von »Verbesserungen« seine Schule auf den Gipfel der
+Vollendung zu bringen. Wenn ihm aber jemand mit umwälzenden Methoden
+oder gar mit neuen Lehrzielen kam, dann bekam er Entrüstung mit
+Fieber. Welche Anmaßung, wenn ein Lehrer es besser wissen wollte als
+Drögemüllers Seminardirektor! Seine Berufsanschauung ruhte auf drei
+Axiomen als auf drei unerschütterlichen Säulen:
+
+ 1. Die Alten sind klüger als die Jungen.
+
+ 2. Die Toten sind klüger als die Lebendigen.
+
+ 3. Die Vorgesetzten sind klüger als alle.
+
+und seine Berufsanschauung war auch seine Weltanschauung; denn er war
+der Meinung, ein Lehrer habe sich weder um Kunst und Literatur, noch
+um Politik, noch sonst um etwas anderes als allein um seinen Beruf zu
+kümmern.
+
+Er verbrachte denn auch seine Tage am Schreibtisch seines Bureaus;
+seine Wohnung war eigentlich nur Schlafstelle, und in seiner
+bescheidenen Bibliothek stand kein neues Buch. Trotzdem hielt er sich
+für einen gewissenhaften Beamten.
+
+Daß er mit diesem Mann nicht lange in Frieden leben werde, davon hatte
+Asmus eine deutliche Ahnung. Schon wenn er ihn sprechen hörte, wurde
+ihm unbehaglich. Er war immer so empfindlich gewesen für menschliche
+Stimmen; die Stimme war ihm der Mensch, und besonders wahr und schön
+war’s ihm immer erschienen, daß der wahnsinnige Lear von der Stimme
+der toten Cordelia sprach. Drögemüller aber heulte durch die Nase und
+sprach, als wenn er einen zu schmal gewölbten Gaumen hätte.
+
+Gleich am ersten Tage sah Asmus etwas, was ihn geradezu erschreckte.
+Kinder während der Schulpause – das war ihm immer ein Bild befreiter,
+sprudelnder Jugendlust gewesen. Es war ihm gar nicht der Gedanke
+gekommen, daß das anders aussehen könne. Und hier sah er die Kinder,
+zu Vieren geordnet, langsam hintereinander hertappen, wie Gefangene,
+die man gerade so viel lüftet, wie zur Erzielung einer guten
+Gesundheitsstatistik unbedingt erforderlich ist. Und in der Mitte des
+Schulhofs ging ein Lehrer auf und ab, der darauf achten mußte, daß
+keiner aus der Reihe trat. Nun bemerkte Asmus freilich bald, daß der
+größere Teil des Kollegiums die Verfügung des Chefs nicht mehr
+sonderlich ernst nahm; die Herren ließen denn auch den spazierenden
+Kindern die Zügel leidlich locker. Dann freilich tauchte gelegentlich
+Herr Drögemüller auf und verwies laut scheltend die zuchtlosen
+Elemente in ihre Reihen zurück, um dem Aufseher zu demonstrieren, daß
+er seine Pflicht verletze. Die Herren, meistens ältere, wohlverdiente
+und zum Teil ihrem Chef bei weitem überlegene Männer, aßen ihr
+Frühstück ruhig weiter und taten nach wie vor, was sie für gut
+hielten. Aber jetzt waren drei junge Herren ins Kollegium gekommen,
+und die wollte Herr Drögemüller gleich richtig an die Kandare nehmen,
+damit sie ihm nicht über den Kopf wüchsen.
+
+Als Asmus zum erstenmal die Aufsicht führte, freute er sich über
+jeden, der die Ordnung der Sektionen verließ. Aber siehe, schon war
+Herr Drögemüller da und heulte durch die Nase und trieb die
+Schwarmgeister an ihren Platz.
+
+»Das geht aber nicht, Herr Semper; achten Sie bitte strenge darauf,
+daß die Schüler zu vieren gehen.«
+
+»Ja, da kann dann freilich von Erholung nicht mehr die Rede sein,«
+bemerkte Asmus.
+
+»Ooh, das wollen wir doch nicht sagen!«
+
+»Ja, für siebzigjährige Spittelleute mag das ja eine genügende
+Erholung sein; aber junge Körper, wenn sie stundenlang in der Bank
+gesessen haben, wollen sich gehörig tummeln und die Lungen
+reinpumpen.«
+
+»Herr Semper, wenn wir das einreißen ließen, dann würden wir jeden Tag
+blutige Nasen und gebrochene Gliedmaßen und hinterher die Klagen der
+Eltern haben.«
+
+»Herr Drögemüller, wir haben uns als Jungen auf dem Schulhof
+geschlagen wie Hunnen und Nibelungen, und blutige Nasen habe ich mehr
+als eine davongetragen; ich habe aber Blut genug übrig behalten,
+vielleicht noch zuviel. Nach Ihren Grundsätzen müßte man den Kindern
+das Spiel überhaupt verbieten; denn Unfälle, sogar tödliche, sind
+freilich niemals ausgeschlossen.«
+
+»Was anderswo passiert, ist mir einerlei, in _meiner_ Schule soll aber
+so etwas nicht vorkommen, und darum muß ich darauf dringen, daß meine
+Anordnungen befolgt werden.«
+
+In Asmus wirbelte etwas empor; aber der Vorgesetzte hatte bereits den
+Rücken gewandt und war gegangen.
+
+
+
+
+XXXVIII. Kapitel.
+
+Schon wieder gibt es einen Zusammenstoß.
+
+
+Sempern erfüllte ein seltsam unbehagliches Gefühl. Sollte ein Lehrer
+sich wie ein Handlanger traktieren lassen? Sein aufbrausendes Blut,
+das sich schnell über jedes Unrecht empörte, wollte ihn zu offener
+Auflehnung fortreißen. Dazu kam, daß seine Jugend, wenn auch nicht von
+revolutionärem Sinn, so doch von revolutionären Gedanken genährt war.
+Er hielt es noch immer mit den Tyrannenmördern und Volksbefreiern.
+Aber andrerseits hatte er zu viel klaren Verstand, um an eine Welt
+ohne Regierung und Gesetz zu glauben. Jeder mußte sich unterordnen,
+das wußte er wohl. Und wenn ein Vorgesetzter schwach war, – die, die
+ihn eingesetzt hatten, waren Menschen und dem Irrtum unterworfen wie
+er selbst. Aber wenn die Obrigkeit in der Wahl der Oberen gar zu
+töricht oder gewissenlos war, dann war Auflehnung so natürlich und
+notwendig wie sonst die Unterordnung, dann war Widerstand Pflicht, vor
+allem der Kinder wegen. Aus diesem Zwiespalt kam er nicht heraus.
+
+Andere Skrupel und Sorgen kamen hinzu. Er mußte den Kleinen
+Religionsunterricht geben. Waren nun diese biblischen Geschichten
+geoffenbartes Gotteswort, dessen Wahrheit sich auch dem kaum erwachten
+kindlichen Geiste auf wunderbar intuitiven Wegen erschloß? Nein, das
+glaubte er nicht, konnte er also auch nicht lehren. Sollte er also die
+Geschichte der Juden und das Leben Jesu kritisch, rationalistisch,
+liberal-theologisch behandeln? Der Hamburgische Staat nahm es im
+Gegensatz zu andern deutschen Staaten mit der Gewissensfreiheit
+leidlich ernst und schrieb seinen Lehrern nicht vor, wie sie die Bibel
+zu behandeln hätten. Aber wenn dies alles nicht zweifellose, der
+kindlichen Seele ohne weiteres zugängliche göttliche Wahrheit war –
+dann war es ja heller Unsinn, diese Materien mit sechs- bis
+siebenjährigen Kindern zu behandeln, dann waren es Materien für reife
+Jünglinge und Männer. Diese religiösen Bedenken verfitzten sich mit
+pädagogischen und künstlerischen. Die biblischen Historien mit den
+Worten der Bibel erzählen, das hieß nach seiner Meinung, die armen
+kleinen Kerle mit unverständlichen Worten und Begriffen quälen und war
+also unmöglich. Die alten Berichte aber mit eigenen, modernen Worten
+erzählen, dagegen sträubte sich alles in ihm, das schien ihm eine
+unerhörte vandalische Versündigung gegen die erhabene, ehrwürdige
+Kraft und Schönheit dieser Mythen. Man konnte ja auch den »Faust« mit
+anderen Worten erzählen; aber war das der »Faust«?
+
+Aber das Allerschlimmste war doch, daß diese Geschichten unzweifelhaft
+einen persönlichen Gott annahmen und von einem Jesus berichteten, der
+Wunder tat, vom Tode auferstand und gen Himmel fuhr. Sich mit leeren
+Worten um diese Fragen herumdrücken, war unwürdig, war ihm unmöglich.
+Freilich, er konnte es machen wie #Dr.# Korn; er konnte den Kindern
+sagen: So berichtet die Bibel; was ihr glauben wollt, ist eure Sache.
+Aber das konnte man vor Jünglingen tun, nicht vor sechs- bis
+siebenjährigen Knäblein. Die konnten noch nicht sondern und wählen;
+die hingen mit dem treuen Blick des Glaubens an seinem Munde; die
+glaubten alles, was er sagte, und ahnten noch nicht, daß ein Lehrer
+etwas sagen könne, was er selbst nicht glaube.
+
+Endlich blieb noch der Ausweg, sich als »Beamten« zu fühlen, der ein
+Amt und keine Meinung habe. Er konnte diese Dinge einfach nach der
+orthodoxen Dogmatik behandeln und zum Beispiel die Stelle von der
+Schlange, die »denselbigen in die Ferse stechen werde«, als
+messianische Weissagung hinstellen, am Ende des Monats sein Gehalt
+einstreichen und die Verantwortung denen überlassen, die den
+Religionsunterricht verlangten, das war das sicherste. Aber diese
+handwerkerliche Auffassung von seinem Beruf konnte er sich eben nicht
+angewöhnen, so selbstverständlich sie auch Herrn Drögemüller schien.
+Denn diese sechzig Kinder wurden einmal sechzig Menschen, und was er
+als winziges Körnchen in ihre Seele warf, war vielleicht nach zwanzig
+Jahren ein Baum, ein nährender Fruchtbaum oder ein Giftbaum oder ein
+leeres Gestrüpp. Der Arzt, der nach bestem Wissen und Können in einen
+lebendigen Menschen hineinschnitt, konnte auch nicht zur Verantwortung
+gezogen werden; aber es war doch ein verteufeltes Gefühl, einen
+Menschen unter dem Messer zu haben.
+
+Er beschloß bei sich, diesen Unterricht so bald wie möglich abzugeben,
+und fand, daß der Modus seines ehemaligen Direktors noch der
+redlichste und erträglichste sei. Er trug den Kindern die Bibel vor,
+wie sie war, und enthielt sich jeder kritischen Beleuchtung. Nur sagte
+er dann nicht: Ihr könnt’s glauben, könnt’s auch lassen, sondern
+getröstete sich der Hoffnung, daß sie sich bei wachsender Reife in der
+Stille ihres Herzens wohl selbst mit diesen Dingen abfinden würden.
+
+Ein herzlicher Unterricht konnte das freilich nur in solchen
+Augenblicken werden, wo die Naivität der biblischen Geschichten mit
+der Naivität der Kindesseele zusammenfiel; und in solchen Augenblicken
+atmete das Herz des jungen Schulmeisters erleichtert und beglückt. Und
+eine Fülle der Freuden quoll fast aus allen andern Stunden. Nur
+stampfte ihm Herr Drögemüller eines Tages auch in den Leseunterricht
+hinein. Herr Drögemüller dachte es sich wunderschön, wenn alle drei
+neuangestellten Lehrer den Leseunterricht auf völlig gleiche Weise
+erteilen würden, und zwar auf ebendieselbe Weise, die er vor 25 Jahren
+auf dem Seminar erlernt habe. In seiner Schule sollte alles ordentlich
+hergehen: alle sollten auf Schuhen kommen, alle sollten Schulgeld
+zahlen, alle denselben Glauben haben und auf dieselbe Weise »gebildet«
+werden.
+
+Einer der neuen Herren tat ihm auch den Gefallen; Asmus aber und der
+andere gingen ihre eigenen Wege. Herr Drögemüller bemerkte das mit
+Mißfallen.
+
+»Machen Sie es nicht so, wie ich es Ihnen neulich gezeigt habe, Herr
+Semper?« fragte er.
+
+»Nein,« lautete die ebenso kurze wie unzweideutige Antwort.
+
+»Warum denn nicht?«
+
+»Weil ich meine Weise für richtiger halte.«
+
+»Aber Herr Semper – Sie werden wohl zugeben, daß ich mehr Erfahrung
+habe als Sie –.«
+
+»Das mag sein; aber ich muß meine Methode selber finden, und nur nach
+der Methode, die meiner Überzeugung entspringt, kann ich unterrichten.
+Wenn es die Jungen immer machen müßten wie die Alten, dann könnten Sie
+und ich überhaupt noch nicht lesen.«
+
+»Das ist ja wohl sehr geistreich, Herr Semper; aber gleichwohl muß ich
+Sie bitten, meine Wünsche zu respektieren.«
+
+»Mit Recht sagen Sie »Wünsche«, Herr Drögemüller, und nicht »Befehle«.
+Denn »Befehle« gibt es hier nicht. Ich bin nur verpflichtet, meine
+Schüler zu fördern. Welche Methoden ich dabei anwende, ist ganz allein
+meine Sache.«
+
+Drögemüller war bleigrau im Gesicht geworden und schnappte, als wenn
+er Luft für einen längeren Satz einnehme; er entschied sich dann aber
+nur für ein: »Na, wenn Sie meinen –« und ging mit rachsüchtig
+geschwungenen Beinen hinaus. Als er draußen war, stenographierte er
+etwas sehr Langes in sein Notizbuch. Die Methode ist frei, dachte
+Drögemüller, darin hat er recht; aber ich werde schon andere Pfeifen
+schnitzen, nach denen er tanzen soll.
+
+Zunächst indessen sollte Asmus ein wenig nach den Pfeifen des
+Exerzierplatzes tanzen. Bei der Generalmusterung im Sommer war er
+endgültig »gezogen« worden, und nun war die Order gekommen, daß er
+sich am 1. Oktober auf dem Altenberger Kasernenhofe einzufinden habe.
+
+
+
+
+XXXIX. Kapitel.
+
+Ist teilweise im Kasernenstil geschrieben und belehrt uns durch die
+Güte des Herrn Schieß-Unteroffiziers, was für ein Mensch dieser Asmus
+Semper eigentlich ist.
+
+
+Was ihm an diesen Musterungs- und Gestellungsbefehlen aufgefallen war,
+das war die Ängstlichkeit, mit der auch der leiseste Verdacht einer
+höflichen Gesinnung vermieden war. Er fand, daß dieselben Befehle mit
+derselben Entschiedenheit in einer Form gegeben werden könnten, die
+mehr nach menschlicher Gesellschaft klang. Sie berührten ihn, als
+wären sie mit Absicht so schroff wie möglich formuliert, um das
+persönliche Selbstbewußtsein von vornherein auf den Nullpunkt
+zurückzutreiben. Überhaupt begann er diese sechs Wochen, die er als
+»Schulamtskandidat« unter Waffen zubringen sollte, nicht mit gehobenen
+Gefühlen. Ludwig Semper freilich sprach noch immer von seinen
+Soldaten- und Kriegsjahren als von einer frischen, fröhlichen Zeit;
+aber »beim Preußen« war’s anders, und die vielen und abscheulichen
+Soldatenmißhandlungen, von denen die Zeitungen berichteten, hatten
+Asmussen immer mit Zorn und Entsetzen erfüllt. Frau Rebekka schwankte
+zwischen Stolz und Bangen. Sie war stolz, daß man ihren Sohn für
+tauglich befunden hatte, und sie bangte, daß man ihn mißhandeln und
+überanstrengen könne.
+
+Und gleich der ganze erste Tag war eine Mißhandlung, aber keine
+böswillige. Die Herren Schulamtskandidaten standen nämlich mit kleinen
+Unterbrechungen von morgens acht bis abends sieben Uhr auf dem
+Kasernenhof und warteten. Einmal erschien ein Feldwebel und rief ihre
+Namen auf, und dann warteten sie wieder sechs Stunden. Einmal
+beobachtete Asmus einen Haufen Offiziere, und ein sehr temperamentvoller
+Herr unter ihnen schrie: »Denken Sie, der Seckendorff läßt sich wegen
+Krankheit beurlauben und verzehrt ein großes Beefsteak mit
+Spiegeleiern.« Asmus fand dies merkwürdig, aber für einen Tag war es
+nicht Unterhaltung genug. Er gehörte sonst zu den Menschen, die man wohl
+langweilen kann, die sich aber niemals selbst langweilen, weil die
+Gedankenmühle von selber geht wie ein #perpetuum mobile#. Aber so auf
+einem Fleck stehend und immer wartend, konnte man weder Gedichte machen,
+noch Gedankenspiele treiben; er litt Höllenqualen der Langenweile.
+Endlich, um sieben Uhr abends erschien ein Sergeant und erklärte ihnen,
+sie könnten nach Hause gehen. Denn die Schulamtskandidaten durften zu
+Hause schlafen und essen.
+
+Am andern Morgen ging es endlich los. Der Sergeant Greifenberg trat
+vor die Front von Asmussens Abteilung und hielt eine Rede.
+
+»Meine Herren,« sagte er, »ick hoffe, dat Sie als jebildete Herren mir
+meine Arbeit so leicht wie möglich machen wer’n. Ick werde Se nu mal
+ausbild’n. Wenn Se ooch noch so jelehrt sind, hier müssen Se doch noch
+wat zulernen. Sie sind Lehrers; aber ick bin der Lehrer von die
+Lehrers. Schtilljeschtanden!«
+
+»Un denn merken Se sick jleich,« sagte Herr Greifenberg, indem er auf
+einen der Kandidaten losging, »jelacht wird nich im Jliede. Wat ick
+sage, is nich zum Lachen; de Sache is sehr ernst.«
+
+Und nun begannen die Übungen; aber Herr Greifenberg stellte keine
+unmenschlichen Anforderungen, und Herr von Birkenfeld, der ausbildende
+Leutnant, noch weniger. Furchtsame Gemüter konnte freilich Herr von
+Birkenfeld zunächst abschrecken; denn er markierte den rauhen
+Kriegsmann, der weder Teufel noch Kognak fürchtet und »Sauerei« und
+»Schweinekram« für verblümte Redensarten hält. Wenn ihm die Richtung
+eines Gliedes nicht gefiel, so sagte er, in einem milden, väterlichen
+Tone beginnend:
+
+»Ei, ei, ei, das Glied steht ja schweinemäßig! Der rechte Flügelmann,
+nehmen Sie den Bauch herein, ins drei Deubels Namen! Der Kerl taugt
+zum Flügelmann wie der Igel zum Schnupftuch!« Er sagte aber nicht
+»Schnupftuch«, sondern ganz etwas anderes, und wenn er von den
+unteren menschlichen Extremitäten sprach, so gebrauchte er eine
+Bezeichnung, die man nur unter Männern wiederholen kann, wenn keine
+Theologen zugegen sind. Im übrigen hatte er mit dem Flügelmann nicht
+unrecht. Der Schulamtskandidat Plambeck war der längste und dickste
+von allen; aber als er ein Gewehr mit einer Platzpatrone darin
+abdrücken sollte, da versagte er.
+
+»Warum drücken Sie nicht ab?« rief Herr von Birkenfeld.
+
+Plambeck hob den Kolben wieder an die bleiche Wange und setzte wieder
+ab.
+
+»Na, wollen Sie jetzt vielleicht die Liebenswürdigkeit haben,
+abzudrücken?« schrie der Leutnant.
+
+Plambeck hob schlotternd das Gewehr und ließ es abermals sinken.
+
+Jetzt trat Birkenfeld nahe an Plambeck heran und sagte ruhig:
+
+»Sagen Sie, fürchten Sie sich?«
+
+»Ja,« versetzte Plambeck ehrlich.
+
+»Na, Sie sehen doch, die andern haben auch geschossen und sind auch
+ganz geblieben. Ich werde jetzt kommandieren und Sie werden schießen.
+Legt an! – Feuer!«
+
+I, keine Spur von Feuer.
+
+»Heiliges Astloch!« schrie Birkenfeld. »So was ist mir denn doch noch
+nicht vorgekommen! Sagen Sie mal, wie denken Sie sich das eigentlich,
+’n Soldat, der nich schießt! ’n Soldat, der sich vor seiner Knarre
+fürchtet! Was wollen Se denn eigentlich machen, wenn –«
+
+»Bums!« Plambeck hatte abgedrückt und lächelte stolz.
+
+»Himmel, Schnaps und Wolkenbruch! Jetzt schießt mir der Kerl gleich in
+die Visage!« schrie Birkenfeld. »Herrrr, ich werde Sie ins Loch
+stecken, Herrrr!«
+
+Aber er steckte niemanden ins Loch, nicht einmal Büsing, der es doch
+einigermaßen verdient hatte. Büsing hatte morgens bei der Schießübung
+zu viel »Zielwasser« getrunken; die Kneipe lag in allzu verlockender
+Nähe des Schießstandes. Herr von Birkenfeld, der eine verständnisvolle
+Leber besaß, hatte gesagt: »Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie
+aus.« Das hatte Büsing so gründlich besorgt, daß er nachmittags eine
+Stunde zu spät zum Dienst gekommen war. Büsing war das aber noch immer
+nicht des Frevels genug gewesen; er hatte sich lächelnden Mundes bei
+dem Herrn Leutnant gemeldet mit den Worten:
+
+»Vom Ausschlafen zurück!«
+
+Da hatte ihm Birkenfeld zwar drei Tage aufgebrummt; aber er hatte sie
+ihm noch am selben Tage erlassen. Wenn er fluchend und wetternd und
+mit gezücktem Degen den Parademarsch abnahm und sein breiter blonder
+Bart im Winde wehte, dann sah er aus wie ein Eisenfresser, und doch
+war er ein vom Grund des Herzens humaner Mann, für den die Worte
+»gutes, kameradschaftliches Verhalten« nicht nur auf dem Papier
+standen und der im gemeinen Soldaten den gleichwertigen Menschen und
+Waffengenossen sah. Einmal hatte er aber doch etwas zu saftig
+geschimpft. Als der Schulamtskandidat Thölemann, der wie ein künftiger
+Pastor aussah, sprach und fühlte, gleich einer nassen Unterhose am
+Reck hing und ebensowenig wie dieses Kleidungsstück einen Klimmzug zu
+machen imstande war, da schrie Birkenfeld:
+
+»Herrrr, sei’n Se nich so schlapp, Herrrr! Deubel noch’n mal! Kerl hat
+natürlich die ganze Nacht bei Wachtmann ’rumgeh–t!«
+
+»Wachtmann« war ein ziemlich unethisches Tanz- und Nachtlokal, und das
+wollte sich Thölemann nicht bieten lassen. Er wollte sich über
+Birkenfeld beschweren. Und es war das beste Zeugnis für diesen
+Leutnant, daß die Kameraden Thölemannen abrieten, weil man die
+Schimpfreden Birkenfelds nicht tragisch nehmen dürfe, und nicht am
+wenigsten trat Asmus für den Beleidiger ein. Er liebte solche
+Menschen, die sich von Temperament und Leidenschaft fortreißen ließen
+und es im Grunde des Herzens doch gut meinten; er fühlte sich ihnen
+verwandt. Übrigens überlegte sich Birkenfeld seine Diagnose noch
+einmal, bat Thölemann um Entschuldigung, und die Sache war erledigt.
+
+Daß Schimpfen und Schimpfen zweierlei ist, das bewies Asmussen Seine
+Exzellenz der Herr Schießunteroffizier. Asmus hatte durch irgendeinen
+Zufall keine Exerzierpatronen erhalten und sollte sie sich vom
+Schießunteroffizier holen. Er suchte den Herrn auf, nahm die
+vorschriftsmäßige Haltung ein und sagte:
+
+»Darf ich bitten um meine Exerzierpatronen?«
+
+Da sah der Herr Schießunteroffizier Asmus Sempern mit einem langen
+Blick sprachloser Entrüstung an. Endlich aber fand er Worte und sprach
+den gewichtigen Satz:
+
+»Mensch, Sie sind doch ebenso dumm wie frech!«
+
+Die grenzenlose Dummheit und Frechheit Asmussens lag nämlich darin,
+daß er annahm, der Herr Schießunteroffizier werde jetzt, außerhalb der
+Empfangszeit, Lust haben, ihm die Patronen zu geben.
+
+Asmus, der über die erfahrene Beschimpfung bis hinter die Ohren
+errötet war, sah dem Manne scharf in die Augen und sagte nur:
+
+»Der Herr Leutnant schickt mich.«
+
+Keineswegs behauptete jetzt der Herr Unteroffizier, daß der Leutnant
+ebenso dumm wie frech sei; er beeilte sich vielmehr, Sempern die
+Patronen zu verabfolgen. Es war derselbe avancierte Bauernbursche, der
+einen Schulamtskandidaten darüber belehrt hatte, daß es nicht
+»Serschant«, sondern »Schersant« und nicht »Premjé-Leutnant«, sondern
+»Premihr-Leutnant« heiße.
+
+Als Asmus mit seinen Patronen auf den Kasernenhof zurückkehrte und
+sich die empfangene Charakteristik wiederholte, da mußte er laut
+auflachen über die Komik der Situation. Aber als er der Physiognomie
+dieses Menschen gegenübergestanden hatte, da war es ihm doch heiß ins
+Gehirn geschossen, dem Lümmel hinter die Ohren zu schlagen; denn aus
+diesen kaltfrechen Augen hatte ihn die machttrunkene Brutalität der
+emporgekommenen Roheit, hatte ihn der Typus des Soldatenschinders
+angestarrt.
+
+Und doch war der Schießunteroffizier noch lieb im Vergleich zu dem
+Assistenzarzt Dr. Rheinland.
+
+
+
+
+XL. Kapitel.
+
+Was? Hinkt der Kerl auf einem Fuß? Asmus lernt einen dummen und einen
+klugen Doktor kennen.
+
+
+Asmus vertrug sich mit seinem Dienste ausgezeichnet; der »langsame
+Schritt« und die Gewehrgriffe waren ja nicht brennend interessant und
+mit Rousseau- oder Kantlektüre nicht zu vergleichen; aber er sagte sich,
+das Leben kann nicht immer kurzweilig sein, und wenn er eine Arbeit
+anfaßte, so machte er sie so gut wie möglich. Er hatte denn auch die
+ausdrückliche Anerkennung des Herrn von Birkenfeld und des #magister
+magistorum# Greifenberg gefunden. Und die Marsch- und Felddienstübungen
+waren nun geradezu ein Vergnügen und eine Lust. Sie lehrten ihn seine
+körperliche Kraft und Ausdauer kennen, die er weit unterschätzt hatte.
+Wenn er sah, daß er es bei voller feldmarschmäßiger Belastung im Laufen
+und Springen hügelauf und hügelab den Längsten und Dicksten gleichtat,
+ja länger aushielt als mancher Schlagetot – denn die Größten sind nicht
+die Stärksten – dann hob seine Brust ein unaussprechliches Glücksgefühl,
+das Gefühl eines Siegers, der sich selbst überwand und seine ganze
+eigene Welt beherrscht. Oft klopfte ihm wild das Herz, und nicht immer
+ward es ihm leicht, dies Vorwärtsstürmen und Niederwerfen und
+Wiederaufspringen und Wiedervorwärtsstürmen; aber wie ein Rausch
+entzückte ihn das Gefühl, seine Kraft bis auf den letzten Rest und aus
+den verborgensten Quellen hervorzurufen und durch ein bloßes »Ich
+_will_« jede Schwierigkeit zu überwinden. Und zu allem hatte noch dies
+Kriegsspiel, dies Streifen durch Feld und Heide, dies auf Feldwache
+liegen und Patrouillengehen seine Schönheit, seinen Zauber, seine
+Poesie. Aber trotz alledem lahmte er eines Morgens; er hatte es mit dem
+langsamen Schritt und Parademarsch so gut gemeint, daß er sich eine
+Zerrung der Achillessehne am linken Fuße zugezogen hatte. Gleichwohl
+versuchte er regelrecht zu marschieren und den Schmerz zu verbeißen;
+aber er machte es damit nur schlimmer.
+
+»Melden Sie sich revierkrank!« sagte Herr v. Birkenfeld.
+
+Im Revier saß der Assistenzarzt Dr. Rheinland. Er würdigte die kranken
+Partien der Patienten kaum eines Blicks, im übrigen sah er sie
+überhaupt nicht an. Er kurierte ohne Ansehen der Person. Er drückte
+kräftig mit dem Finger auf die geschwollene Ferse des Musketiers
+Semper, und dieser zuckte zusammen.
+
+»Was fällt Ihnen ein!« schnauzte der Herr Doktor. Asmus wußte noch
+nicht, daß ein Soldat niemals zuckt. Er wußte freilich auch nicht,
+wie der Arzt sonst von seinen Schmerzen erfahren sollte, da er weder
+fragte, noch sich irgendwie auf eine weitere Untersuchung einließ. Er
+erklärte Sempern für dienstfähig; denn er gehörte zu jenen
+Militärärzten, die die Krankheiten wegmachen, ehe sie sie erkannt
+haben. Man macht auf diese Weise einen schneidigen Eindruck, schreckt
+die Simulanten ab, erzielt eine gute Gesundheitsstatistik und reicht
+weiter mit seinen Kenntnissen.
+
+Natürlich hinkte Asmus weiter.
+
+»Semper, hol’ Sie der Deubel! Sie hinken ja noch immer!« schrie der
+Leutnant.
+
+Asmus berichtete, wie es ihm ergangen.
+
+»Treten Sie aus und gehen Sie morgen wieder hin!« entschied
+Birkenfeld.
+
+Am andern Morgen erschien Asmus wieder im Revier. Diesmal drückte Herr
+Rheinland nicht einmal mit dem Finger; er warf einen verächtlichen
+Blick auf die gemeine Soldatenferse und schrieb, daß der Musketier
+Semper dienstfähig sei.
+
+Beim Parademarsch exerzierte der Musketier Semper genau wie ein
+Musketier Hephästos oder Mephistopheles.
+
+»Semper!« brüllte v. Birkenfeld. »Herr Semper, ich befehle Ihnen, daß
+Sie das Hinken lassen; ich verbiete Ihnen einfach das Hinken,
+Herrrr!«
+
+Die Befehle des Herrn Leutnants waren aber der Achillessehne nicht
+maßgebend.
+
+»Musketier Semper!« schrie Herr v. Birkenfeld. Asmus faßte das Gewehr
+an und lief hinkend zu seinem Vorgesetzten. »Was hat denn der Arzt
+gesagt?«
+
+»Er hat mich ohne Untersuchung und ohne ein Wort zu sprechen,
+dienstfähig geschrieben.«
+
+»Also geh’n Sie nach Hause, legen Sie sich aufs Sofa und fragen Sie ’n
+studierten Mediziner. Wegtreten!«
+
+Das tat Asmus. Der »studierte Mediziner« legte einen Verband an, und
+in zwei Tagen war die Sehne geheilt.
+
+Im übrigen schied er von dieser Zeit mit unvergleichlich
+freundlicheren Gefühlen, als er sie beim Eintritt empfunden hatte.
+Freilich, das Leben in der Kaserne hatte er nur sehr flüchtig kennen
+gelernt und wenn er sich vorstellte: drei Jahre in der schrecklichen
+Banalität dieser Räume, in der erdrosselnden Prosa dieses »inneren
+Dienstes« verbringen – dann lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter.
+Aber wenn er gerecht sein wollte, dann mußte er bekennen, daß in
+_seiner_ Erfahrung die guten und heilsamen Eindrücke überwogen. Nicht
+wenig trug zu dieser Stimmung ein gehobenes Gesundheitsgefühl bei. Er
+war immer ein gesunder Mensch gewesen; aber jetzt ward ihm seine
+Gesundheit förmlich bewußt; er fühlte wie in einem Rausch seine Adern
+strotzen und seine Muskeln schwellen. Von trüben Seminarzeiten
+abgesehen, hatte er auch immer einen gesegneten Appetit bekundet; aber
+nie hatte er solche Wonnen verzehrender Andacht empfunden, wie nach
+strammem Dienste vor den Würsten und Bierflaschen der Kantine. Wenn er
+nach vierstündigem Marsche solch eine Literflasche voll Braunbier an
+den Mund hob – denn der Soldat hat nicht immer ein Glas zur Hand – und
+minutenlang nicht wieder absetzte, dann schloß er fromm die Augen, und
+auch das war ein brünstiges Dankgebet an die Macht, die ihn gesund
+erschaffen und solcher Freuden fähig gemacht hatte. Überhaupt waren
+diese sechs Wochen ein Leben im Fleische; ihn interessierte nur
+Körperliches, und wenn er an sein Bücherbrett trat und auf den Rücken
+der Bände Namen wie »Lessing«, »Comenius« und »Euripides« las, dann
+kamen ihm diese Zivilisten wie Leute vor, von denen er in längst
+vergangenen Zeiten einmal hatte reden hören; der Gedanke, ein Buch
+herauszunehmen und zu lesen, erschien ihm vollkommen absurd. Der
+Körper ließ dem Geiste nur so viel Kraft übrig, als zu einer sanften
+Verblödung unbedingt nötig war: Asmus vegetierte in diesen sechs
+Wochen, und daran änderte selbst das geistige Moment des Dienstes, die
+Instruktionsstunden über Gewehrputzen, Rangverhältnisse und
+Kriegsartikel nichts Wesentliches, so schön sie auch manchmal sein
+mochten. Sergeant Greifenberg, der Lehrer von die Lehrers, wußte
+selbst die einfachsten Dinge für die gescheitesten Köpfe unklar zu
+machen, und wenn er über das Schloß des Infanteriegewehres Modell 71
+instruierte, dann hätte der Erfinder des Schlosses, wenn er zugehört
+hätte, seine eigene Erfindung nicht mehr verstanden. Herr von
+Birkenfeld hingegen betrieb die subtilsten logischen Sonderungen,
+besonders wenn er Kognak geladen hatte.
+
+»Was ist Mut und was ist Tapferkeit?« fragte er eines Tages den
+Musketier Semper.
+
+Asmus mußte sich einen Augenblick besinnen und sagte dann: »Mut und
+Tapferkeit sind wohl im wesentlichen dasselbe; eine Gemütsstimmung,
+die sich durch eine erkannte Gefahr nicht schrecken läßt. Man könnte
+sagen, daß der Mut mehr eine Sache persönlicher Veranlagung und mehr
+impulsiver Natur ist, während die Tapferkeit ein pflichtbewußtes
+Ausdauern in der Gefahr in sich schließt .....!«
+
+»Nee, nee, das is nichts,« rief Herr von Birkenfeld abwinkend.
+»Gemütsstimmung, was Gemütsstimmung! Der Soldat hat keine
+Gemütsstimmungen! Wenn es heißt: die Mauer da muß hinuntergesprungen
+werden, dann springt er, und das ist _Mut_. Tapferkeit is hingegen ganz
+was andres. _Tapferkeit_ zeigt der Soldat den feindlichen Kugeln und
+Bajonetten gegenüber!«
+
+Von solchen Stunden kam Asmus immer sehr vergnügt nach Hause, und wenn
+dann seine Brüder Reinhold und Adalbert dastanden und Front machten,
+dann dankte er ganz von oben herunter, etwa wie ein alleroberster
+Kriegsherr oder wie der Assistenzarzt Rheinland, wenn man ihm eine
+Achillesferse zeigte. Dann schrien Reinhold und Adalbert: »Seht den
+Hanswurst, er spielt sich auf!« Und dann zog Asmus das Seitengewehr
+und rief: »Bei Angriffen auf seine Soldatenehre darf der Soldat von
+der Waffe Gebrauch machen!« und nahm Aufstellung zum Brudermord.
+
+Und noch an einem der letzten Nachmittage seiner Dienstzeit machte
+Asmus eine höchst sympathische Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve
+erläuterte Plan und Idee der am Morgen unternommenen Felddienstübung,
+und er machte das so fein, so frisch und so klar, daß Asmussens
+Schulmeisterherz vor Freuden hüpfte. »Wenn das kein Schulmeister ist,
+so will ich Erzbischof sein,« dachte Asmus, und als die Entladung aus
+dem Dienste in der Kantine mit einem gemeinsamen Trunk gefeiert wurde,
+kam Asmus in die Nachbarschaft desselben Leutnants, der sich bald als
+Gymnasiallehrer #Dr.# Rumolt zu erkennen gab.
+
+Man sang das gefühl- und weihevolle Lied:
+
+ »Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja!
+ Erwarten euch die himmlischen Freuden, ja!«
+
+»Ja, ja, die himmlischen Freuden!« sagte Rumolt. »Jetzt geht’s wieder
+in die Schulstube.«
+
+»Ja!« versetzte Asmus mit Fröhlichkeit.
+
+»Freuen Sie sich darauf?«
+
+»O ja!«
+
+»Dann sind Sie ein glücklicher Mensch.«
+
+»Sind Sie nicht gern Lehrer?«
+
+»O,« machte Rumolt, »ich wüßte nichts Schöneres als Lehrer sein – wenn
+man es nur sein könnte.«
+
+»Wie meinen Sie das?« fragte Asmus begierig, und nun kamen sie in ein
+Gespräch über moderne Erziehung, und Asmus machte in diesem Manne
+einen Fund, der ihm in den kommenden Kämpfen mit dem System
+Drögemüller ein Labsal werden sollte.
+
+
+
+
+XLI. Kapitel.
+
+Die Schule am Wiesenhang.
+
+
+Und die Kämpfe mit diesem System nahmen bald wieder ihren
+frisch-fröhlichen Anfang, und in Asmussen stiegen lebhafte Zweifel
+darüber auf, ob es sich angenehmer unter dem Korporalstock oder unter
+dem Federhalter eines Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen,
+Drögemüller hatte meistens den Buchstaben des Gesetzes für sich, und
+es gab viele Gesetze mit vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten
+erträglich sein in der Hand eines Mannes, der den Geist vom Buchstaben
+zu sondern wußte; er aber verschärfte diese Gesetze noch durch seine
+Persönlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen suchte, daß der Lehrer ein
+Künstler sei, der zu seinem Werk der freien Bewegung, der guten Laune
+und einer schaffensfröhlichen Stimmung bedürfe, den man deshalb mit
+Liberalität und mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln müsse, dann
+zeigte Drögemüllers Angesicht ein irres, aber überlegenes Lächeln, als
+spräche man Chinesisch zu ihm und als verstünde er das Chinesische
+besser. Wenn die Verordnung vier schriftliche Hausarbeiten in der
+Woche vorschrieb und nur drei gemacht waren, dann kümmerte es
+Drögemüller nicht, daß der Verbrecher mit aufopfernder Begeisterung
+und treustem Eifer zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit
+fortgeschritten war wie irgendeine – er kannte keine Scham vor dem
+Geiste und bestand auf seinem Schein. Nicht das Geschaffene zu
+würdigen und zu mehren, sondern auf Übertretungen zu fahnden – darin
+erkannte er seinen göttlichen Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er
+überall mit seinem Notizbuch umher, zu diesem Zwecke horchte er sogar
+an den Türen, und es verbesserte seine Stimmung gegen Asmussen nicht,
+als dieser eines Tages eine Tür, hinter der er Herrn Drögemüller
+ahnte, mit großer Kraft öffnete und dabei den spitzesten Ellbogen des
+Vorgesetzten traf.
+
+»Pardon,« sagte Asmus, »ich konnte nicht ahnen, daß Sie hinter der Tür
+ständen.«
+
+Wenn sich nun auch Asmus bewußt war, daß er alles leistete, was eine
+menschliche Behörde von ihm verlangen konnte, so verdarb ihm doch
+diese Aufpasserei einen Teil seiner besten Kraft. Ihm war dabei zumute
+wie dem Reisenden, der eine geweihte Stätte besucht und der aus allen
+Winkeln trinkgeldsaugende Blicke auf sich gerichtet sieht; eine große,
+freie Bewegung des Herzens konnte nicht aufkommen. So war es denn
+Trost und Erquickung, mit #Dr.# Rumolt, seinem neuen Freunde, in
+freien Abendstunden von der Schule der Zukunft wenigstens reden zu
+können.
+
+Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste Landstraße der
+Welt, hinuntergewandert, waren in einen zum Flußufer hinabführenden
+Engpaß eingebogen und hatten sich auf einer Bank in halber Höhe des
+Weges niedergelassen. Vor ihnen breitete sich ein beblümter
+Wiesenhang, von Gebüsch umkränzt, und über die Büsche hinweg sah man
+den großen, stillen, majestätischen Strom. Die Wiese gehörte zu einem
+Mühlengehöft, und die alte Mühle drehte schläfrig ihre Flügel.
+
+»Sehen Sie,« sagte Rumolt, »das wär’ eine Schulstube, gelt? Was meinen
+Sie: auf dieser Wiese mit seinen Jungens oder Mädels liegen und von
+Gras und Blumen sprechen, von Frosch und Schmetterling, von Busch und
+Baum, von Rind und Schaf, von Müller und Mühle, von Schiff und
+Seefahrt, von den Flotten der Hansa und von Störtebekers
+Räuberfahrten, und dann mit Jungen oder Mädchen hinunterrudern oder
+-segeln und ihnen zeigen, wo die Helden der Gudrunsage auf dem
+Wulpensande kämpften und wo Hettel von Hegelingen gewohnt. Meinen Sie
+nicht, daß ihnen da eine andere Welt aufgehen würde als die, die ihnen
+zwischen vier Mauern als »Welt« vorgetäuscht wird?«
+
+»Das meine ich allerdings.«
+
+»Hinaus ins Freie! – Das ist das ganze Geheimnis der Pädagogik. Die
+Welt anschauen und anfassen, das ist alles. Sie nennen es bei Gott
+Anschauung, wenn sie Bilder und Präparate im Zimmer vorzeigen. Das
+ist, wie wenn jemand einen Vortrag übers Meer halten und zur
+Veranschaulichung ein paar Tropfen Seewasser in einem Probiergläschen
+vorzeigen wollte. Sie zeigen ein paar Tropfen vom Meere des Lebens. –
+Sehen Sie hier, diese Wiese, dieses Gehöft, dieser Strom, so weit wir
+ihn sehen, dieser Himmel, sie umschließen nahezu alles menschliche
+Wissen und Erkennen. Auf diesem Fleckchen könnte man eigentlich alles
+lernen, was der Mensch wissen und brauchen kann.«
+
+»Aber auf die Dauer würde es Ihren Schülern langweilig werden.«
+
+»Gewiß, wir wollen ja auch von Ort zu Ort wandern. Ich will ja nur
+zeigen, daß die Natur überall Millionen Anknüpfungspunkte bietet, die
+in der Schulstube nur in der Einbildung vorhanden sind. Denn das
+Wissen der Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist Können; nur was man
+kann, das weiß man auch. Selbst handeln, selbst schaffen muß das Kind,
+wenn es lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf wäre, so müßten
+meine Schüler ohne Ausnahme Ackerbau treiben. Nicht, daß sie alle
+Landleute würden, bewahre; viele würden ja gar kein Talent dazu haben
+– aber der Ackerbau umfaßt nahezu den ganzen Kreis des menschlichen
+Wissens und Könnens, und er lehrt dieses Wissen und Können durch
+_Tat_!«
+
+»Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken,« sagte Asmus, »würde
+allerdings eine wesentlich kleinere Schülerzahl voraussetzen.«
+
+»Gewiß,« fuhr Rumolt fort. »Ich denke, ein Lehrer kann nur so viele
+Kinder wirklich erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann, und
+zwölf, die ehrwürdige Patriarchenzahl, erscheint mir da als das
+äußerste Maß.«
+
+»Da brauchen wir viele Lehrer, und zwar Männer von außerordentlich
+vielseitiger Bildung.«
+
+»Daß unsere Lehrer eine bessere Bildung empfangen könnten, als sie
+auf Seminaren und Universitäten meistens finden, daß sie ihre beste
+Kraft in einem öden Datenwissen verzehren und verzetteln müssen, das
+wissen Sie so gut wie ich. Im übrigen aber dürfen Sie sich meinen
+Lehrer nicht wie einen allwissenden Magister von heute vorstellen.
+Er wird sich nicht schämen, ein Lernender mit Lernenden zu sein, und
+wird keinen Augenblick zaudern, zu sagen: ‘Das weiß ich nicht, ich
+werde mich zu unterrichten suchen’, oder ‘Forscht selber nach, und wer
+es gefunden hat, der sag es uns’.«
+
+»Der banalste Einwand ist der gewichtigste,« meinte Asmus, »das Geld.
+Der Staat müßte sich einen ganz andern Schulsäckel zulegen als den
+heutigen.«
+
+»Ja – hahahaha – das müßte er,« lachte Rumolt. »Er müßte sich an den
+eigentlich doch recht naheliegenden Gedanken gewöhnen, daß er keine
+höhere Aufgabe hat als die Erziehung seiner Bürger, daß er gar nicht
+besser für seinen eigenen Bestand sorgen kann als durch die Erziehung
+seiner Bürger, und daß er darum kein größeres Budget haben sollte als
+sein Erziehungsbudget.«
+
+»Statt dessen macht er das Einjährigen-Zeugnis zum Erziehungsideal,«
+bemerkte Asmus.
+
+»Ja!« Rumolt schlug ihm lachend aufs Knie. »Ist eigentlich eine ärgere
+Posse denkbar? Eine militärische Vergünstigung als Speck in der
+Seelenfalle! Und nach diesem Zeugnis müssen sie nun alle ohne
+Unterschied streben – die das Geld dazu haben, natürlich – und alle,
+die im Leben »etwas Besseres« werden wollen, müssen dasselbe famose
+Abiturium machen. Da schimpfen sie auf die Gleichmacherei der
+Kommunisten und Sozialdemokraten – aber gibt es eigentlich eine
+schlimmere Gleichmacherei als unsere Prüfungsvorschriften? Da hab ich
+einen Burschen in der Untersekunda, einen Prachtbengel, vorzüglich
+begabt in der Mathematik und allen Naturwissenschaften, von merkwürdigem
+Geschick in allem Technischen – was er anfaßt, gelingt ihm, und
+obendrein noch hochmusikalisch. Aber auf dem Kriegsfuß mit allem, was
+fremde Sprachen heißt. Nun sitzt er das zweite Jahr in meiner Klasse,
+und wenn seine fremdsprachlichen Leistungen nicht besser werden – und
+dazu ist keine Hoffnung – dann bleibt er zu Ostern wieder sitzen und
+erreicht nicht einmal das Einjährigen-Zeugnis. Und ich halt es für sehr
+wohl möglich, daß er nach sieben Jahren der Angst und Mühe hingeht und
+sich erschießt. Nun frage ich Sie: warum soll dieser Mensch _nicht_ auf
+die Universität gehen und Naturwissenschaften studieren, warum soll er
+_nicht_ aufs Polytechnikum gehen und Ingenieur werden dürfen? Wäre nicht
+denkbar, daß er einmal von seinem Laboratorium aus die Welt aus den
+Angeln höbe, ohne den Beistand der Herren Xenophon, Ovid und Victor
+Hugo? Doch –« Rumolt zeigte nach Westen –
+
+ »Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn
+ nicht verkümmern! – Sie rückt, sie weicht, der Tag ist überlebt!«
+
+Was denken Sie, wenn man bei solchem Anblick mit seinen Schülern von
+der Sonne spräche, nicht von ihrer chemischen Zusammensetzung und
+ihrem Kubikinhalt – das würd’ ich am Tage tun –, aber von den Ländern,
+denen sie jetzt das erste Licht bringt, von der Sonne als Gottheit und
+Symbol, von Karl Moors Wehmut: ‘So stirbt ein Held’ und von Faustens
+Sehnsucht, ihr zu folgen? Müßten da nicht in den Seelen der Kinder und
+Jünglinge wie von selbst die Ewigkeitsgedanken erwachen?«
+
+
+
+
+XLII. Kapitel.
+
+Der Skat und die Metaphysik, das Billard und Emilia Galotti, Herr
+Strecker und die deutsche Treue, Herr Drögemüller und ein Krach.
+
+
+Erholung und Stütze fand Asmus auch bei den Herren seiner Schule, und
+es hatte nicht lange gewährt, bis er, einen einzigen ausgenommen, zu
+allen in das beste kollegiale Verhältnis kam. Wie natürlich, hatte
+aber sein Herz unter diesen Männern eine engere Wahl getroffen und am
+besten hatten ihm zwei gefallen, Fritz Goers, ein wohlbeleibter,
+jovialer Riese, der Asmussens Vater sein konnte, und Klaus Heide, ein
+sehniger, knorriger Dithmarscher. Und wenn es nun in den Konferenzen
+etwas Gutes und Neues durchzusetzen galt, zogen diese Triumvirn an
+_einem_ Strang.
+
+Aber sie zogen nicht nur an einem Strang, sie sogen auch oft an
+_einem_ Trank, der bei Herrn Kuhlmann besonders kühl und frisch
+verzapft wurde. Herr Kuhlmann hieß Akademos, und sein Garten wurde die
+Akademie genannt. Es war für Asmus zunächst eine Skat- und
+Billard-Akademie. Dem Skat vermochte er keinen Geschmack
+abzugewinnen; er gewann es nicht über sich, diese Kunst mit dem
+strengen, sittlichen Ernste zu üben, den sie verlangte; er dachte
+immer an irgend etwas andres, »wimmelte« Aß und Zehn in die Stiche des
+Gegners hinein und hatte außer fortgesetzten Verweisen wegen
+Unaufmerksamkeit nichts davon als die Ehre, bezahlen zu dürfen.
+Dagegen entwickelte er unter Goehrs, des Riesen mildväterlicher
+Führung das Billardspiel zur Leidenschaft. Um Mitternacht begann dann
+die pädagogisch-ästhetisch-philosophische Sitzung, die Heide
+gewöhnlich durch irgendein wildes Paradoxon eröffnete, welches
+Paradoxon dem Asmus Semper alsbald wie eine Rakete durch den Leib
+fuhr. Damit es an Meinungen und Temperament nicht fehle, kam
+gewöhnlich noch Heides Freund, der kleine Stockelsdorf hinzu, und in
+der Regel endeten diese schweren Verhandlungen morgens um sechs Uhr
+unter einer Straßenlaterne, mit einem Streit über die Frage, ob Raum
+und Zeit Anschauungen #a posteriori# oder #a priori# seien, oder über
+ähnliche Bagatellfragen, und die vorübergehenden Milch- und Brotleute
+pflegten sich über die Erregung der Herren baß zu verwundern. Eines
+herbstlichen Abends aber, als sie auf dem Hamburger Gänsemarkt, dem
+Lessing-Denkmal gegenüber, in einem Café saßen, ward Asmus plötzlich
+stumm.
+
+»Was hast du?« fragte Heide, der Dithmarscher.
+
+»Ich betrachte schon eine ganze Zeit lang dies wunderbare Licht da auf
+dem Scheitel des Lessing,« sagte Asmus, »und kann mir nicht erklären,
+woher dieser rötliche Schein kommt. Diese Erscheinung hat für mich
+etwas Ergreifendes.«
+
+Die andern bestätigten seine Beobachtung und zerbrachen sich den Kopf,
+wo dieses magische Licht seinen Ursprung haben möge.
+
+»Das ist die Sonne,« sagte der Kellner, der eben eine Runde Grog
+brachte.
+
+»Wieso Sonne?« rief Asmus. »Die Mitternachtssonne, was?«
+
+»Es ist sechs Uhr,« sagte der Kellner.
+
+Die vier zogen gleichzeitig die Uhr. Es war sechs. Sie hatten in ihrer
+Unschuld gemeint, es sei ein bißchen nach Mitternacht.
+
+Jetzt tranken sie ihren Grog aus, traten auf den Markt hinaus und
+hatten vor dem Lessing-Denkmal noch einen dreiviertelstündigen Streit
+darüber, ob Emilia Galotti den Prinzen liebe oder nicht; dann
+schlenderten sie in die Vorstadt hinaus und befriedigten auf dem Wege
+unaufhörlich metaphysische Bedürfnisse.
+
+»Wie kann ein Volk wie das französische ohne Metaphysik leben!« krähte
+Stockelsdorf um die Wette mit einem Hahn, der aus einem nahen Stalle
+seinen Weckruf erschallen ließ.
+
+Und Asmus, der nicht ohne Metaphysik leben konnte, bewies
+Stockelsdorfen, daß man sehr gut ohne Metaphysik leben könne; denn es
+war in diesem Kreise stillschweigendes Gesetz, daß keine Behauptung
+unwiderlegt bleiben dürfe. Das war eine gute Übung; denn was sie dabei
+an Unsinn produziert hatten, das fiel ihnen am andern Tage von selbst
+ein und war eine wohltätige Verschärfung ihres Katers.
+
+Trotz dieser außerordentlichen Anstrengungen schnitt Asmussens Klasse
+bei der Osterprüfung vortrefflich ab, und ein angesehener Spezialist
+des Rechenunterrichts sagte: »Die Klasse rechnet besser als die
+meine.« Auch Herr Drögemüller fand nicht das geringste zu erinnern;
+aber Frieden konnte er darum doch nicht halten. Der Bund der Triumvirn
+war ihm ein Pfahl im Fleische; denn die Festigkeit der Dreie steifte
+auch andern Herren den Nacken. Freilich hatte er einen gewissen Trost
+und eine stille Freude an Herrn Strecker. Herr Strecker war ein Mann,
+der wiederholt nicht nur vor dem ökonomischen, sondern vor allen
+möglichen anderen Bankrotten gestanden hatte. Als es am schlimmsten um
+ihn stand, hatte er Buß’ und Reu’ in sich erweckt; fromme Hände, die
+gewöhnlich mächtig sind, hatten ihm unter die Arme gegriffen und ihn
+vor der Katastrophe bewahrt, und nun suchte er den oberen Stellen
+seine Schönheit zu beweisen durch strotzende Religiosität, heftigen
+Patriotismus mit gelegentlicher Denunziation von Majestätsbeleidigern
+und durch lackierte Pflichterfüllung. Seine Schüler sprangen wie ein
+Mann auf die Füße, wenn der Herr Hauptlehrer eintrat, gingen auf dem
+Hofe immer genau zu Vieren, und jeden Morgen eröffnete er mit Gebet
+und Choral. Zwar kam er manchmal zu spät; aber seine Schüler konnten
+ihn schon von weitem die Straße heraufkommen sehen, und wenn er dann
+den Schirm hob, setzten sie sofort ein mit
+
+ »Dich seh’ ich wieder, Morgenlicht! –«
+
+so vorzüglich waren sie geschult. Seine Hefte waren immer richtig
+korrigiert; er hatte aber auch für die Korrektur der Hefte, die größte
+Plage des Lehrers, ein ingeniöses, zeit- und nervensparendes Verfahren
+erfunden. Der Präparand nämlich, der bei ihm hospitieren und die Kunst
+des Unterrichtens erlauschen sollte, stand hinter einer geöffneten
+Schranktür, hatte im Schrank die Hefte und die rote Tinte vor sich und
+korrigierte. Wenn dann Herr Drögemüller zur Tür hereintrat, rief Herr
+Strecker:
+
+»Rieffelstahl! Sitz gerade!« oder
+
+»Rieffelstahl! Schau hierher!«
+
+und »Rieffelstahl!« war immer das Zeichen, daß der Präparand die
+Schranktür unauffällig schließen und mit einem sittlich reinen
+Angesichte hervortreten solle. Solche Mannen wie Strecker – »ich bin
+ein deutscher Mann«, pflegte er zu sagen, – sind nun freilich keine
+starken Helfer im offenen Streit; aber er trug seinem Hauptlehrer
+manche schätzenswerte Nachricht über seine Kollegen zu; auch er führte
+ein Notizbuch. Und so berichtete er Herrn Drögemüller unter anderem,
+daß Herr Semper im Zeichenunterricht allerlei Allotria treibe, die gar
+nicht im Lehrplan dieses Unterrichts stünden.
+
+Asmussens Schüler hatten nämlich schweigend, aber deutlich gezeigt,
+daß sie die unaufhörliche Fabrikation von senkrechten, wagerechten und
+schrägen Strichen, von Vierecken, Dreiecken, Sechsecken und ähnlichen
+schönen Figuren betäubend langweilig fänden, und Asmus hatte ihnen
+darin von Herzen zugestimmt. Er ließ sie darum im letzten Teil der
+Stunde allerlei Dinge zeichnen, die ihnen Vergnügen machten und die
+sie mit Feuereifer nachzubilden suchten. Er verfolgte damit ein
+Prinzip, von dem ihm schien, daß jeder vernünftige Unterricht es zum
+Ausgang nehmen solle. Da kam Herr Drögemüller in die Stunde, ging
+zwischen den Bänken umher und entbot dann Herrn Semper für die nächste
+Pause in sein Kontor.
+
+»Herr Semper, ich muß Sie abermals ersuchen, sich in Ihren Stunden
+durchaus an den Lehrplan zu halten.«
+
+Asmus zwang sich zur Ruhe und versuchte, seinem Chef in höflichster
+Form seine Beweggründe mitzuteilen. Um gerade Striche machen zu
+lernen, sei es doch nicht nötig, daß man ununterbrochen gerade Striche
+nebeneinander setze; man könne das doch auch an Figuren lernen, die
+dem Leben entnommen seien: oberstes Gesetz sei doch, daß der
+Unterricht lebendig und interessant sei; Striche und Quadrate seien
+aber weder lebendig noch interessant für kleine Kinder ...
+
+Aber das waren sozusagen Gedanken, und auf Gedanken ließ sich
+Drögemüller, um kein Präjudiz zu schaffen, niemals ein.
+
+»O, Herr Semper,« rief er, »Quadrate sind wohl interessant, wenn Sie
+sie nur vorher mit den Kindern ausführlich besprechen, wie ich es
+Ihnen gezeigt habe.«
+
+»Was Sie mir gezeigt haben, ist Geometrie und gehört – da Sie doch
+immer auf den Lehrplan pochen – in eine höhere Klasse. Das würde mich
+nun zwar nicht hindern; aber eine lange und breite Besprechung des
+Quadrats würde die Kinder schon deshalb öden, weil sie gar nicht
+begreifen würden, was ein Quadrat sie überhaupt angehe.«
+
+Mit dem Hinweis auf den Lehrplan hatte dieser fatale Semper recht, und
+darum wurde Drögemüller jetzt ganz unangenehm.
+
+»Herr Semper,« heulte er nach Art einer Schiffsirene, »ich frage Sie
+formell und dienstlich, ob Sie sich meinen Anordnungen fügen wollen
+oder nicht!«
+
+»In diesem Falle nein,« versetzte Asmus.
+
+»Gut. Dann werde ich dem Herrn Schulrat Bericht erstatten.«
+
+»Ich auch,« sagte Asmus und ging.
+
+Nach drei Tagen hatte er die Vorladung vor den Schulrat #Dr.# Korn.
+
+
+
+
+XLIII. Kapitel.
+
+Von zweierlei Schulräten.
+
+
+Als er am Abend mit Doktor Rumolt spazierte, zeigte er ihm die
+Vorladung und erzählte, was vorhergegangen.
+
+»Haha« – Rumolt lachte bitter auf, und dann fuhr er wehmütigen Tones
+fort: »Das wird Ihnen noch oft begegnen, lieber Freund. Nirgends ist
+der Fortschritt verhaßter, nirgends werden neue Ideen feindseliger
+befehdet als in der Pädagogik. Denken Sie z. B. an unsern braven
+Valentin Ickelsamer. Der fand zu Luthers Zeiten, daß es ein Unsinn
+sei, die Kinder nach Buchstabennamen lesen zu lehren, man müsse das
+Wort in seine wirklichen Laute zerlegen und die Kinder lautierend
+lesen lassen. Er machte das damals schon so klar, daß es ein
+Schwachkopf begreifen konnte. Und in der zweiten Hälfte des
+neunzehnten Jahrhunderts entschloß die Schule sich wirklich, diesen
+einfachen und darum freilich genialen Gedanken zur Ausführung zu
+bringen. Aber das ist ein Beispiel von fabelhafter Geschwindigkeit. In
+den Klosterschulen des Mittelalters bildete man den Geist am
+Griechischen und Lateinischen, weil man nichts Besseres hatte; heute
+bildet man den Geist unserer Jugend am Griechischen und Lateinischen
+mit der ernsten Gesichtes abgegebenen Versicherung, daß man nichts
+Besseres habe. Der typische Scholarch weist jede ernste und gründliche
+Neuerung mit einem durch die kommenden Jahrhunderte gestreckten Arme
+von sich, und wenn er im Gegensatz zu einem Vorgänger den Aorist _vor_
+dem Perfekt behandelt, hält er sich für einen Umstürzler. Ich habe ein
+Buch erscheinen lassen ‘Das Recht des Schülers’ –«
+
+»Ich kenne es,« sagte Asmus, »und freue mich, daß es so großen Anklang
+gefunden hat.«
+
+»Anklang, ja aber bei den Kollegen war der Anklang nur schwach, der
+Widerspruch um so stärker. Das ist kein Unglück, soweit es offener und
+durchdachter Widerspruch ist. Aber was muß ich erleben? Kaum ein Tag
+vergeht, daß ich nicht im Konferenzzimmer, recht auffällig auf den
+Tisch gelegt, irgend eine abfällige Kritik meines Buches finde, in der
+die Kraftstellen mit roter Tinte angestrichen sind. Kein Gespräch
+verläuft ohne hämische Seitenhiebe gegen mich und meine Ideen; keine
+Wochenrede meines Direktors geht zu Ende ohne einige Fußtritte, bei
+denen die Schüler sich zuraunen: ‘Das geht auf Rumolt.’ Die Herren
+glauben, daß ihre Kritik mich verletze, und haben keine Ahnung, daß es
+ihr Wesen ist, das mich verwundet. Ich habe keinen frohen Tag mehr,
+und da ich von meinen Ideen und ihrer Verkündung nicht lassen kann, so
+werde ich über kurz oder lang das Spiel verlaufen müssen.«
+
+»Das ist traurig,« sagte Asmus gedankenvoll, »traurig und schrecklich.
+Ich gestehe Ihnen offen, daß auch ich gegen Ihre Schrift manches
+einzuwenden habe; aber das Ganze Ihrer Gedanken und Forderungen
+erschien mir wahr und herrlich. Und sollten nun nicht die Menschen
+jubelnd herbeieilen und rufen: Hier ist etwas Neues und Köstliches –
+es ist noch nicht vollkommen – aber kommt alle herbei, es zu hegen und
+zu fördern, etwa so wie die Verwandten sich fröhlich um eine Wiege
+scharen und sich geloben, das Neugeborene zu schützen und zu pflegen,
+daß es groß und stark werde?«
+
+»Lassen Sie sich zur Antwort darauf erzählen, daß mein Direktor mich
+seit Wochen an allen Ecken und Enden inspiziert und zurechtweist,
+obwohl er ganz genau weiß, daß ich meine Pflicht tue. Er will mir zu
+Gemüte führen, wie vermessen es von einem fehlbaren Menschen
+gewesen, gegen den von Gott geoffenbarten Gymnasialunterricht zu
+schreiben. Und gestern war auch richtig der Herr Regierungs- und
+Schulrat da und hospitierte vier Stunden hintereinander bei mir.
+‘Suchet, so werdet Ihr finden,’ sagt der rachsüchtige Gerichtsdiener
+bei Hebbel. Und natürlich wurde was gefunden. ‘Gebt mir zwei Worte
+von einem Menschen, und ich will ihn an den Galgen bringen.’ Laßt
+einen Schulmeister fünf Minuten unterrichten, und ich will ihm den
+Hals brechen. Zwar den Hals konnte mir der Herr Regierungsrat nicht
+brechen; aber hundert Nadelstiche erzielen ja mit der Zeit denselben
+Effekt. ‘Sie haben die und die Gesänge der Odyssee nicht behandelt.’
+– ‘Sie haben am 13. April das vorgeschriebene Extemporale ausfallen
+lassen.’ – ‘Sie sind mit dem Geschichtspensum im Rückstand’ usw. usw. Es
+stimmte alles. Und wenn der Mann gesagt hätte: Ihr ganzer Unterricht
+taugt nichts, so würde er für jenen Tag gewiß und vielleicht
+überhaupt recht gehabt haben; denn wenn man in den Zwiespalt
+zwischen Altem und Neuem gestellt ist, kann man nichts Ganzes
+schaffen. Nach meinen Ideen _darf_ ich nicht arbeiten, und nach den
+alten _kann_ ich nicht arbeiten, weil es gegen das Herz ist.«
+
+»Aber forschte er denn nicht vor allen Dingen, ob Ihre Schüler geistig
+frisch und lebendig seien, ob sie einen neuen Stoff mit Begierde und
+Klarheit ergriffen, ob sie in sittlicher Hinsicht lauter, ehrlich,
+wahrhaftig seien –«
+
+»Vielleicht tat er das im stillen – ich sah ihn freilich keine
+Anstrengungen machen. Dazu war er ja auch nicht geholt und geschickt.
+‘Rumolt soll stranguliert werden,’ flüsterten sich die Schüler zu.
+Die Jugend hat jenes intuitive Auge, das durch die Hüllen dringt.«
+
+Die Stimmung, mit der Asmus dem Besuch beim Schulrat entgegensah, war
+durch das Gespräch nicht gehoben worden. Um so fester war er
+entschlossen, sich nichts Unwürdiges bieten zu lassen.
+
+Als er ins Amtszimmer des Schulrats gerufen wurde, saß Drögemüller
+schon da. Asmus verbeugte sich vor dem Schulrat, und dieser rief:
+
+»Juten Tag, Herr Semper. Setzen Sie sich.«
+
+»Herr Drögemüller,« begann alsdann der Schulrat, »hat allerlei Klagen
+jegen Sie vorjebracht. Meistens handelt es sich um Kleinigkeiten, die
+ich nich berühren will. Aber Herr Drögemüller beschuldigt Sie der
+fortgesetzten Renitenz; was haben Sie dazu zu sagen.«
+
+»Herr Schulrat,« sagte Asmus, »ich kann Sie ja selbst als Zeugen
+darüber anrufen, ob ich in den vierundeinhalb Jahren, da ich Ihr
+Schüler war, eine renitente Veranlagung bekundet habe –«
+
+»Det haben Se _nich_,« sagte Korn mit Nachdruck.
+
+»Ich bin auch nicht so töricht, zu meinen, daß ein Hauptlehrer lauter
+vortreffliche Anordnungen treffen müsse und daß ein Lehrer berechtigt
+sei, sich gegen jede Verfügung, die ihm verfehlt erscheint,
+aufzulehnen. Ich füge mich gern, soweit es möglich ist, wenn man mir
+mit Vertrauen begegnet und wenn man mich nicht in meinen besten
+Kräften lahmlegt. Das tut aber Herr Drögemüller. Gleich zu Anfang
+schon verlangte Herr Drögemüller von uns drei neuangestellten Lehrern,
+daß wir alle auf dieselbe Weise den Leseunterricht erteilen sollten,
+und zwar auf die von ihm vorgeschriebene Weise –«
+
+»Aber Herr Semper,« lachte Korn, »det müssen Se mißverstanden haben;
+sonst müßte ja Herr Drögemüller (er deutete auf seine Stirn) hier nich
+janz richtig sein!«
+
+Drögemüller erblaßte sehr tief. »Ich habe es keineswegs befohlen,«
+stammelte er, »ich habe es nur gewünscht –«
+
+»Warum?« fragte Korn.
+
+»Weil – weil es doch wünschenswert ist, daß der Unterricht an einer
+Schule gleichmäßig erteilt wird.«
+
+»Warum?« fragte Korn.
+
+»Nun – es ist dann doch – alles – übersichtlicher –.« Drögemüller
+machte eine vage Handbewegung.
+
+»Wieso?« forschte der grausame Korn.
+
+»Man kann doch dann die Fortschritte besser kontrollieren.«
+
+»So. Na, dann weiß ich schon Bescheid. Wat woll’n Sie sagen, Herr
+Semper?«
+
+»Herr Drögemüller hat allerdings die Form des Wunsches, aber den Ton
+des Befehls gewählt, und da ich diesen Wünschen nicht nachkomme,
+verfolgt er mich mit Aufpassereien, die mich ärgern und kränken
+müssen und die mir die Lust an der Arbeit vernichten.«
+
+»Na ja, zum Aufpassen ist Herr Drögemüller ja da,« sagte Korn, der das
+Gefühl hatte, daß er den zusammengesunkenen Drögemüller ein wenig
+wieder aufrichten müsse; »es gibt leider auch faule und unfähige
+Lehrer, die einen Aufpasser brauchen. _Aber schikaniert wird hier
+keiner_«, fuhr er mit erhobener Stimme und mit einem Seitenblick auf
+den Ankläger fort. »_Wenn ein Lehrer was kann und was will, dann soll
+er jede mögliche Freiheit jenießen und nicht mit Quisquilien behelligt
+werden._ Aber verjessen Se nich, Herr Semper, dat Se Beamter sind, den
+Rat jebe ich Ihnen. – Sie können jehen, Herr Drögemüller. Sie bleiben
+noch, Herr Semper.«
+
+»Soll ick Sie an die Seminarschule versetzen?« fragte Korn, als sie
+allein waren.
+
+Das war sozusagen eine Beförderung; denn es stand fest, daß die Lehrer
+an der Seminarschule schneller avancierten als die anderen. Mit dieser
+Kenntnis hatte Asmus immer die Vorstellung von Karrierenluft
+verbunden, und diese bloße Vorstellung genügte, ihn zurückzuschrecken.
+Es mußte ja Aufpasser geben in der Welt; aber er mochte keiner sein.
+Und wo man Karriere machte, da paßten gar die Strebenden einer auf den
+andern! Er fand es ungleich schöner, immer in unmittelbarer
+Verbindung mit den Kindern zu bleiben. Konnte man sich Pestalozzi als
+inspizierenden Oberlehrer denken? Asmus sah ihn immer nur unter
+Kindern.
+
+»Ich danke Ihnen sehr, Herr Schulrat,« sagte Asmus, »aber ich möchte
+die Kinder, die ich nun einigermaßen kenne, noch einige Jahre
+weiterführen. Und dann hab’ ich in meinem Kollegium so liebe Freunde
+gefunden, daß ich mich ungern von ihnen trennen würde –«
+
+»Na, wenn Se nich wollen –« rief Korn in halber Verstimmung, »denn
+sehn Se zu, wie Sie sich mit dem Drögemüller vertragen. Mit’m Kopp
+durch die Wand kann keiner, und jefallen lassen müssen wir uns alle
+was. Ich auch. Adieu!«
+
+»Adieu, Herr Schulrat. Herzlichen Dank!«
+
+Asmus verließ das Gebäude der Oberschulbehörde mit dem frohen Gefühl,
+daß es Männer gebe, denen alle hierarchische Rangordnung nichts gelte,
+wenn es sich um Recht und Billigkeit handle. Er war fest überzeugt,
+daß die Welt überhaupt so eingerichtet sei, und daß man, wenn man sich
+nur nicht beim Unrecht beruhige, immer zuletzt den Ort finden müsse,
+wo das Recht in smaragdener Schale ausgehoben und gehütet sei wie das
+heilige Blut der Welt. So blickte er gläubig und heiter in den schönen
+Frühlingstag, während zu Hause auf seinem Tische das Schicksal lag und
+lauerte, um ihm die Krallen ins Fleisch zu schlagen.
+
+
+
+
+XLIV. Kapitel.
+
+Zwei Briefe, und jeder ein Schlag.
+
+
+Er hatte seinen Eltern nichts von der Vorladung vor den Schulrat
+gesagt, um sie nicht zu beunruhigen; er sagte ihnen auch nichts von
+dem Ausgange; denn seine Mutter würde doch Bemerkungen über seinen
+»Hitzkopf« gemacht haben. Eben weil sie so hitzköpfig war, verurteilte
+sie alle Hitzköpfigkeit.
+
+»Drinnen auf’m Tisch liegen zwei Briefe für dich,« sagte Frau Rebekka.
+
+Eilig ging er hinein, öffnete den einen der Briefe und las:
+
+ Hilde Chavonne
+ Hermann Kiefer
+ Verlobte.
+
+Hamburg, den – – – – –
+
+Das Blatt war seinen Händen entfallen.
+
+Er sah nach der Tür – sie war noch offen – schnell ging er hin und
+drückte sie ins Schloß. Nur allein sein. Dann ließ er sich auf einen
+Stuhl fallen.
+
+Merkwürdig, wie ihn das traf. War es denn nicht selbstverständlich,
+daß Hilde Chavonne sich einmal verlobte? Und hatte er denn je
+geglaubt, sie werde sich mit ihm verloben? Nein, nicht einmal im Traum
+hatte er das gehofft. Darum hatte er ja auch nie die geringste
+Anstrengung gemacht, sie zu gewinnen. Er war ihr während des letzten
+Jahres fast völlig ferngeblieben, nicht eigentlich mit Absicht; aber
+da es sich so gefügt hatte, daß sie sich nur selten und flüchtig
+sahen, war es ihm recht gewesen. Vor einem Vierteljahr hatte er sie
+zuletzt gesehen, an einem Festabend der »Treue von 1880«, als er mit
+einem hübschen Mädchen zusammen ein Duett gesungen hatte. Das Fräulein
+Chavonne war an jenem Abend sehr still, sehr ernst, und obwohl
+freundlich, doch sehr zurückhaltend gewesen.
+
+Und jetzt – verlobt! –
+
+Er war längst wieder aufgesprungen und hatte instinktiv zu seinem
+Beruhigungsmittel gegriffen: zum Wandern. Auf und ab gehen, immer auf
+und ab, dann hat man das Gefühl der Bewegung, das Gefühl: Es geht
+vorüber – es geht vorüber.
+
+Sie ist verlobt! Wie konnte sie ihm das antun! Haha – im selben
+Augenblick mußte er laut auflachen. Hatte sie denn die geringste
+Verpflichtung, auf ihn zu warten, auf _ihn_? Hatte er ihr das
+geringste Zeichen gegeben, daß sie auf ihn warten solle? Hatte er
+überhaupt ans Heiraten gedacht? Nein, er, der als Präparand alles
+heiraten wollte, was ihm in den Weg kam, er hatte in den letzten
+Jahren das Heiraten als ein Ding angesehen, das noch in weiter Ferne
+liege; ja, es war ihm eine gewisse Beruhigung gewesen, daß es mit dem
+Kniefall und mit der langen Liebeserklärung in Periodenform noch gute
+Weile habe. Seine Arbeit, sein Beruf hatten sein ganzes Interesse
+aufgesogen.
+
+Jetzt, jetzt mit einem Male wußte er’s: Nur an Hilde hatte er gedacht,
+wenn er überhaupt an eine Frau gedacht hatte. Wenn er sich das Weib an
+sich gedacht hatte, das hehre Weib, das edle Weib, das holde Weib –
+nur an Hilde Chavonne hatte er gedacht, nur an sie. Wenn er
+Liebesgedichte gemacht hatte, platonisch-elegische Liebesgedichte in
+weinenden Odenstrophen – hatte er an sie gedacht. Jetzt wußte er’s,
+daß er sich nur eine als sein Weib denken konnte: Hilde – und er
+begriff nicht, daß er das nicht gewußt hatte, bevor er diesen Brief
+geöffnet. Er begriff es nicht, weil er sich seiner Unreife nicht
+bewußt war. In ehrlicher Gedankenarbeit war sein Hirn über seine Jahre
+gereift; aber sein Herz war noch unreif wie ein Apfel im Frühling, und
+unreif wie der Same in solch einem Apfel war die Liebe in diesem
+Herzen. Jetzt, da das Schicksal einen tiefen Schnitt in dieses Herz
+getan hatte, entdeckte er die Liebe darinnen.
+
+So fühlte er nicht den rasenden Schmerz des Betrogenen,
+Zurückgestoßenen; denn er hatte nicht die rasende Lust des Liebenden
+und Hoffenden gefühlt; er empfand die Wehmut eines Mannes, der eines
+Morgens ein zartes Bäumchen seines Gartens erfroren findet und
+erkennt, daß es sein schönstes Bäumchen gewesen; er empfand eine
+Trauer, wie sie junge Eltern empfinden, denen ein kaum Geborenes
+gestorben ist; er empfand den dumpfen, unbefreiten Schmerz um ein
+Werdendes, das, zu großer Schönheit bestimmt, im Keime vernichtet war.
+
+Mechanisch griff er nach dem zweiten Briefe; mechanisch öffnete er ihn
+– er war von Rumolt – mechanisch überflog er die ersten Zeilen, aber
+nur die ersten.
+
+ »Mein lieber Freund!
+
+ Von Ihnen hätte ich mündlich Abschied nehmen mögen. Aber es durfte
+ nicht sein; denn Sie würden versucht haben, mich zurückzuhalten. Sie
+ sind von festerem Stoff als ich und werden, das weiß ich, den Kampf
+ besser bestehen, den Kampf gegen der Menschen Stumpfsinn, Trägheit und
+ Niedrigkeit. Meiner Hand entsinken die Waffen. Damit Sie es nicht in
+ gehässiger Entstellung hören, was mich zu meinem Scheiden veranlaßt,
+ will ich es Ihnen selbst sagen. Ich habe einem meiner Schüler – ich
+ glaube, ich habe Ihnen von ihm gesprochen – einem Untersekundaner, der
+ zum zweiten Male hoffnungslos vor dem Examen stand und dessen Qualen
+ ich nicht mehr mit ansehen mochte, in unerlaubter Weise geholfen, habe
+ ihm die Examenaufgaben vorher mitgeteilt. In seiner Freude hat es der
+ Junge nachher selbst ausgeplaudert. So bracht’ die Sonn’ es an den
+ Tag. Hätte er das Examen nicht bestanden, wär’ er aus der Welt
+ gegangen; nun gehe ich, und das ist besser. Leben Sie wohl, teurer
+ Freund; unsere Freundschaft war kurz, aber wahr. Ich danke Ihnen
+ schöne Stunden, von denen ich dort erzählen will, wohin ich gehe.
+
+ Rumolt.«
+
+Asmus hatte die letzten Zeilen mit fliegendem Atem gelesen; jetzt
+sprang er nach der Tür.
+
+»Wo willst du hin?« rief Frau Rebekka, »dein Essen ist fertig!«
+
+»Ich esse nichts – ich muß –«
+
+»Junge, du hast ja keinen Hut auf! Was ist denn los –?«
+
+Er entriß ihr den dargebotenen Hut und stürmte mit dem Rufe: »Ich muß
+weg!« hinaus.
+
+Ohne Besinnen stürzte er über Stock und Stein nach Rumolts Wohnung.
+Die Wirtin bestätigte ihm weinend das Schreckliche. Am Ufer des
+Kanals hatte man Rock und Hut gefunden, die Leiche war noch nicht
+gefunden worden.
+
+Aber am nächsten Tage fand man auch sie. –
+
+Das war eine denkwürdige Post gewesen. Zwei Briefe, und jeder ein
+Schlag. An einem Tage Freund und Geliebte verloren; denn von nun an
+war sie ihm Geliebte.
+
+
+
+
+XLV. Kapitel.
+
+Wenn’s kommt, dann kommt’s in Haufen.
+
+
+Was wird nun kommen? dachte Asmus. Denn er glaubte an sein
+heimatliches Sprichwort: »Wenn’t kummt, denn kummt’t in Hupen.«
+
+Und ein drittes Unglück kam, aber nicht von außen, sondern ganz
+heimtückisch aus dem tiefsten Innern richtete es sich auf wie eine
+Natter aus dunklem Dickicht. Ihm kamen Zweifel am Wert seines Berufes.
+
+Mit dem jähen Optimismus der Jugend war er an diesen Beruf
+herangetreten. Jeder Jüngling, auch der bescheidenste, hat, wenn auch
+kaum bewußt, das Gefühl: Wenn ich in die Welt eingreife, wird es
+anders, wird es schneller vorwärtsgehen – wie ein ungestümer
+Reisender, dem der Zug zu langsam fährt, das Gefühl hat: Könnt’ ich
+aussteigen und nachschieben!
+
+ »Hätt’ ich tausend Arme zu rühren!
+ Könnt’ ich brausend die Räder führen!
+ Könnt’ ich wehen durch die Haine!
+ Könnt’ ich drehen alle Steine!«
+
+und wenn er sich auch sagt, daß vor und mit ihm Bessere und Stärkere
+wirken und gewirkt haben – er glaubt nicht, daß einer so viel Lust und
+Mut gehabt wie er, vor allem nicht, daß einer so viel Glück gehabt,
+wie _er_ haben wird!
+
+Und nun erreichte er nicht mehr als die andern! Nun ja, er leistete
+vielleicht etwas mehr als dieser und jener, und seine Kollegen und
+Freunde rühmten zuweilen seine Leistungen; aber ganz etwas anderes
+hatte er gehofft, ganz etwas anderes! Er wußte ja freilich von früher
+her, daß Unterrichten kein ununterbrochener Sieges- und Eroberungszug
+sei; aber doch hatte er sich Erziehung und Unterricht im stillen als
+eine Fleischwerdung des Lehrwortes gedacht. Aber das Wort ward _nicht_
+Fleisch: Seine Jungen konnten am Ende des Jahres etwas mehr als zu
+Anfang; aber sie waren dieselben Menschen geblieben, wenigsten merkte
+er keine Änderung. Die Guten, Offenen, Zarten waren zwar offen, zart
+und gut geblieben; aber die Rohen, Hinterhältigen, Unwahrhaftigen
+waren sich nicht minder treu geblieben. Es schien ihm auch, daß die
+Klugen zwar klug blieben, die Dummen aber auch dumm. Und gerade die
+Dummen waren das ewige Ziel seiner Mühen; zu ihnen kehrte er, wie
+magnetisch gezogen, immer wieder zurück; denn daß die Klugen etwas
+begriffen hatten, bedeutete ihm nichts, solange die Dummen im Dunkel
+saßen. Das schien ihm die furchtbarste Ungleichheit und
+Ungerechtigkeit der Welt, daß die einen spielend und lachend
+erhaschten, was die andern mit Ängsten und Mühen nicht erringen
+konnten. Und die Welt kommt nicht vorwärts, wenn die Dummen nicht
+mitkommen, dachte er. Und er machte es sich zur tollkühnen Aufgabe,
+aus den Dummen Kluge zu machen; alle sollten alles lernen; in seiner
+Schar sollte keiner zurückbleiben. Herr Drögemüller hielt ihm vor, daß
+er im Pensum zurück sei, und das war deshalb, weil es ihn immer wieder
+zu den Schwächsten hinzog, weil ihn immer wieder dies wunderbare
+Geheimnis der Dummheit lockte. Er konnte sich Viertelstunden, halbe
+Stunden lang mit solch einem verschlossenen Geiste einkapseln und das
+verworrene, zerrissene Gespinst seiner Vorstellungen mit langsam
+tastenden Fragen zu ordnen und zu entwirren suchen; er gab in einer
+Oberklasse den geographischen Unterricht, und er setzte sich vor,
+nicht zu ruhen, bis alle die Entstehung der Jahreszeiten aus der
+Stellung der Erdachse zur Ekliptik begriffen hätten, und zuweilen
+sprang plötzlich aus solch einem leeren Auge ein Funke wie aus einem
+toten Stein, und dann kam aus Asmussens Augen ein Strahl, und Licht
+floß zusammen mit Licht und machte die Erde selig und schön – aber
+wenn das Hirn sich dem einen erschlossen hatte, verschloß es sich dem
+andern um so fester, und ob Asmus auch mit zusammengebissenen Zähnen
+rang und bohrte – er mußte daran zweifeln, allen seinen Schülern den
+auf- und abschwebenden Jahresreigen von Licht und Schatten
+verständlich zu machen.
+
+Dabei quälte ihn mit Recht der Gedanke, daß er über den Schwachen die
+Starken vernachlässige und sie durch den langsamen Gang des
+Unterrichts langweilen und unlustig machen müsse. Aber konnte er sich
+denn überhaupt allen so hingeben, wie es geschehen müßte, wenn man ihm
+fünfzig, ja sechzig Menschenkinder auf den Hals lud? Es konnte ja
+alles nur oberflächliche Husch- und Pfuscharbeit, nur äußerlicher
+Bildungsaufputz werden. Es bemächtigte sich seiner das Gefühl, daß
+überhaupt alles töricht und falsch sei, was er da treibe, und zwar von
+der Wurzel aus falsch; von einem tieferen Grunde her müsse alles
+anders angefaßt, müsse auch ganz anderes erstrebt werden. Er erinnerte
+sich, daß sein bestes Lernen immer ein Erleben gewesen sei. Aber dies
+Lernen in der Schule, wie er es nach dem herrschenden Formalismus
+betreiben mußte, war kein Erleben. Es drang nicht zum Innersten und
+Tiefsten des Menschen hinab. Und er dachte sich einen Menschen, mitten
+in den Kampf des Lebens gestellt. Was er da brauchte – gab ihm das die
+Schule? #Non scholae sed vitae#! hatte es im Seminar geheißen. Leerer
+Schall! Das Meiste, was er den Kindern geben mußte, war nicht
+Lebensbrot, waren nicht Lebensworte, nicht Lebenswerte.
+
+So hoch ihn sein Optimismus getragen hatte, so tief versank er jetzt
+in Mißmut und Verzagen, und Melancholie bog seinen Mut »wie eine junge
+Weide bis an den Rand des Lebens«. Jene unversiegliche Federkraft aus
+tiefstem Lebensgrunde – nun schien sie dennoch versiegt.
+
+Öfter als sonst bezog er in Gemeinschaft mit Heide, Goers und
+Stockelsdorf die Akademie des Herrn Kuhlmann und war dann nicht selten
+der Ausgelassenste von allen; aber seine Scherze hatten eine
+Bitterkeit und Schärfe, die die Freunde oft erstaunt und befremdet
+aufblicken ließ. Manchmal verstummte er mitten in der tollsten
+Lustigkeit, mitten im eifrigsten Diskurs und sprach dann den ganzen
+Abend kein Wort mehr. Dann hatte ihn das Gefühl überfallen: Was soll
+der ganze Unsinn? Darum ging er auch noch öfter allein ins Wirtshaus.
+Er hatte ein abgelegenes Hotel entdeckt, in dessen Speisesaal er ganz
+allein den Abend verbringen konnte. Das liebte er jetzt: ganz allein
+mit einer Flasche in einem möglichst großen Saale sitzen und sinnen
+und träumen. Nur wenn der Kellner kam, unterhielt er sich gern eine
+Weile mit ihm. Es hatte ihn immer schwer geärgert, wenn er einen
+Kellner schlecht und geringschätzig behandelt sah, wie es ihm
+überhaupt so schien, als wenn die Menschen diejenigen, die ihnen die
+härtesten und lästigsten Arbeiten abnahmen, am verächtlichsten
+behandelten. Er suchte, es an seinem Teile gutzumachen, behandelt die
+Kellner nun extra als Gentlemen und gab ihnen so reichliche
+Trinkgelder, daß einige, allerdings wenige von ihnen zuweilen eine
+abwehrende Gebärde machten und sagten: »Ooh – lassen Sie doch – ich
+habe ja erst vorher bekommen!« Sie nahmen es aber immer.
+
+
+
+
+XLVI. Kapitel.
+
+Angetrunkene Einfälle, die bei jedem vernünftigen Menschen nur
+Kopfschütteln erregen können. Im übrigen ein Beweis, daß die
+Optimisten nicht immer Optimisten sind.
+
+
+Wenn er dann so ganz mit sich allein war, dann war er vom Kopf bis zu
+den Füßen sein Vater Ludwig Semper. Er bemalte dann die hohen Wände
+des Saales mit ganzen Epochen der Geschichte, mit Werken der
+Dichtkunst und der Malerei, ließ sich von einem verdeckten Orchester
+Symphonien und Ouvertüren vorspielen, sah sein ganzes Leben durch den
+Lichtkreis der einsamen Lampe wandern, kämpfte mit Schopenhauer gegen
+Hegel, gab Unterrichtsstunden, zog plötzlich ein Kuvert oder eine
+Rechnung oder sonst einen Zettel aus der Tasche und notierte sich die
+Idee zu einem wundervollen Gedicht oder Drama, das er schreiben
+wollte. Auch Gedanken notierte er sich, die ihm des Aufhebens wert
+dünkten, und wenn er nach Tagen oder Wochen bei einem zufälligen Griff
+in die Tasche die Zettel wieder hervorholte, knäulte er sie ingrimmig
+zusammen und warf sie mit einem gemurmelten »Blech« oder derberen
+Worten in den Ofen. Je weiter der Abend fortschritt und je öfter der
+Kellner aufgetreten war, desto eigenwilliger wurden natürlich seine
+Gedanken; sie kümmerten sich schließlich gar nicht mehr um diesen
+Herrn Semper, dem sie angeblich entsprungen sein sollten, und
+schnitten Gesichter wie losgelassene Buben. Einige von diesen
+Aphorismen, die sich weniger durch dauerhaften Wert als durch den
+Zufall erhalten haben, mögen hier Platz finden und zeigen, welche Art
+von Luftblasen in jenen Tagen aus den trüben Wirbeln der Semperischen
+Seele aufstiegen.
+
+ *
+
+Wir nehmen den Sonnenaufgang für ein Bild des siegenden Lichtes, der
+erfüllten Hoffnung! Aber die Sonne blieb, wo sie war; nur wir drehten
+uns – um uns selbst.
+
+ *
+
+Ein Goldstück fiel ins Wasser und ging unter. »Das kommt davon, wenn
+man nicht den beständigen Trieb nach oben in sich hat, wie ich!« rief
+ein schwimmender Kork.
+
+ *
+
+Wie sie sich blähen, die »Praktischen«, die »sich nicht mit vagen
+Zukunftsideen abgeben«! Fressen sich voll und grinsen über die, die
+dafür sorgen, daß auch morgen zu essen da ist.
+
+ *
+
+So ist alle Arbeit auf der Welt auf das weiseste verteilt: der eine
+hält edle Reden, und der andere handelt darnach.
+
+ *
+
+Wer klug ist und dennoch gut, der ist wahrhaft gut. Das heißt die
+Gefahr kennen und dennoch tapfer sein.
+
+ *
+
+Der Sonntag ist so schön, weil er in sieben Tagen nur einmal kommt. Er
+ist schön wie das Lächeln eines ernsten Menschen.
+
+ *
+
+Man sagt von etwas Unpassendem: »Das paßt wie die Faust aufs Auge«,
+und die paßt doch mitunter so gut dahin!
+
+ *
+
+Das Leben ist ein langsamer Vergiftungsprozeß.
+
+ *
+
+Dumm und schlecht, – in einer Stunde der Selbsterkenntnis fand der
+Mensch für diese Verbindung das Wort »gemein«.
+
+ *
+
+Aus den Augen des Menschen blickt zuweilen ein gequältes Tier, das
+nicht reden kann.
+
+ *
+
+Die Erde ist eine alte Metze, die sich in jedem Frühling wieder das
+Gesicht bemalt.
+
+ *
+
+Man muß Ambos oder Hammer sein, und wer keins von beiden sein will,
+kommt zwischen beide. Armer Rumolt!
+
+ *
+
+Wenn die Dummköpfe auf Geist stoßen, so grinsen sie überlegen.
+
+ *
+
+Manche Brust ist ein Eisschrank, in dem sich die Gefühle vortrefflich
+konservieren.
+
+ *
+
+Beethovens fünfte Symphonie, letzter Satz: Donner der Seligkeit aus
+aufgerissenen Himmeln.
+
+ *
+
+Die Welt besteht durch Gehorsam; aber weitergekommen ist sie immer nur
+durch Ungehorsam.
+
+ *
+
+»Er ist ein enorm gebildeter Mensch,« sagen die Leute und meinen
+damit: Er weiß dasselbe, was ich weiß.
+
+ *
+
+Was fliegt, ist beliebt; was kriecht, ist verhaßt. Selbst der Floh ist
+angesehener als die Laus; denn er springt.
+
+ *
+
+Ein richtiger Neidhammel beneidet auch eine erfolgreiche Ballerine,
+wenn er selbst Professor der Ethik ist.
+
+ *
+
+Man soll die Menschen aufklären, gewiß; aber es gibt Geister, die
+durch Rippenstöße geweckt sein wollen.
+
+ *
+
+Wenn man seine Dummheiten bei der Obrigkeit rechtzeitig als
+Heiligtümer anmeldet, genießen sie gesetzlichen Schutz.
+
+ *
+
+Auf dem Lande gibt es Kollegen, die sich ein Schwein fett machen. Ich
+will aufs Land gehen und mir einen borstigen Menschenhaß fett machen.
+
+ *
+
+Selbst Herkules hat nur die Ställe des Augias ausgemistet.
+
+ *
+
+Der Ochse, der tausendmal auf die Weide getrieben wurde, sammelt
+freilich »Erfahrungen«. Aber weniger in der Botanik als im Fressen.
+
+ *
+
+»Endlich wird mir Genugtuung!« rief die Distel, da hatte der Blitz die
+Eiche zerschmettert.
+
+ *
+
+Keine Tiergattung, die so viele und so verschiedene Varietäten
+aufweist wie der Hund. Grenzenloses Akkomodationsvermögen ist ein
+Merkmal der Hundenatur.
+
+ *
+
+Ich habe Professoren und Schulmeister kennen gelernt, die
+bereitwilligst zugaben, daß Goethe die Formgewandtheit vor ihnen
+voraus habe.
+
+ *
+
+Wenn die Könige bau’n und wenn sie niederreißen, – ein rechter
+Karrenschieber findet immer sein Brot.
+
+ *
+
+Das Leben ist das allmähliche Erwachen eines Gefangenen, der von der
+Freiheit träumte.
+
+ *
+
+Man kann die größten Dummheiten mit der Ruhe des Weisen sprechen.
+
+ *
+
+Es gibt Künstler, die ihr Talent in schmale Riemen zerschneiden, um es
+auszubeuten. Sie können es, wie Dido, zu einem ansehnlichen
+Grundbesitz bringen.
+
+ *
+
+Es war ein kleines Mädchen, dessen Mutter hatte man ins Irrenhaus
+bringen müssen. Und man stopfte ihm die Hände voll Äpfel und Backwerk,
+daß es nicht mehr an die Mutter denken sollte. Aber es konnte die
+Mutter nicht vergessen.
+
+ *
+
+Wenn ein Mandrill den Husten hat, so vergißt man seine Häßlichkeit,
+oder man ist ein Ästhet und Hallunke.
+
+ *
+
+Niemand ist vor seinem Tode ein Goethe, sagte der Professor.
+
+ *
+
+Schon bei der Geburt tritt der Mensch in etwas, das man Leben nennt.
+
+ *
+
+Italien scheint mir ein alter, zerfallener Gorgonzola unter einer
+wunderschönen Kristallglocke zu sein.
+
+ *
+
+O, dieses Korsett! Man glaubt ein Weib zu umarmen und man umarmt einen
+Hummer.
+
+ *
+
+Die Ratte hat keinen Freund – das könnte mich zu ihrem Freunde machen.
+
+ *
+
+Bei jedem schweren Gange sage dir dies: Bei Abschied und Wiederkehr
+sind die Leute da mit Hurra und Trara – den langen, bittern Weg mußt
+du allein gehen.
+
+
+
+
+XLVII. Kapitel.
+
+Asmus wird stutzig und entsagt der sündigen Gewohnheit, aber mit Maß.
+Er erfährt eine überraschende Neuigkeit.
+
+
+Wohl kam ihm in besinnlicheren Augenblicken der Gedanke, ob dies
+verwegene Spiel mit seiner Kraft auch gesund sei; aber dann zog er
+einfach einen Zettel aus der Tasche und schrieb darauf:
+
+»Was wären wir, wenn wir immer unserer Gesundheit lebten! Nicht einmal
+gesund!« und dann war diese Angelegenheit einstweilen erledigt. Auch
+erwog er öfters den Gedanken, ob es nicht köstlicher, lohnender,
+vernünftiger sei, langsam und fröhlich zu verlumpen, als in dieser
+Welt zu wirken und zu streben.
+
+»Ich fuhr einmal auf einer Rutschbahn,« schrieb er, »und das sausende
+Fahrzeug glitt zuletzt in die hochaufschäumenden Wasser eines Sees. So
+köstlich ist der Leichtsinn: die Sinne schwindelt’s, die Gedanken
+vergehen, und hochauf spritzen und schäumen die Fluten des Lebens!«
+
+Und wenn das Fahrzeug ein bißchen zu tief eintauchte und umschlug –
+war’s denn schlimm? Er sah seinen toten Bruder vor sich, seinen
+Bruder Leonhard, der an seinem Leichtsinn zugrunde gegangen war. Aber
+gewiß hatte er auch manche schäumende, tanzende, wirbelnde Stunde
+genossen! Es kam darauf an, was das Gescheitere war. »Sehen Sie, das
+ist so verschieden,« hatte eines Morgens ein Mann in einem verruchten
+Nachtlokal zu ihm gesagt, »der eine ißt gern Rebhühner und der andere
+möchte gern ein Ehrenmann sein.« Der Mann, der das sagte, war ihm
+freilich zuwider gewesen.
+
+Im Geschlecht der Semper tauchte hie und da ein Hang zur Verschwendung
+auf. Wie wär’s, wenn man sich selbst verschwendete! Sich selbst mit
+Bewußtsein langsam zerstören und mit forschenden Augen alle Schauer
+und Schönheit, alle Tollheit und Tragik des eigenen Unterganges
+kosten! Da müßte man in sich und in den andern Dinge sehen, die auf
+der Hauptstraße des Lebens nicht gezeigt wurden. Es machen wie jener
+Zöllner, den er bei seinem Freunde Diepenbrock auf dem Sofa hatte
+liegen sehen: wochenlang immer trinken und sinken, trinken und sinken
+ins Bodenlose hinab, und dann wieder emporsteigen zu Goethe,
+Shakespeare und Dante! Hinabsteigen in alle Tiefen des Lumpentums; mit
+Laster und Verbrechen auf du und du stehen und im Innersten doch der
+bleiben, der man war, bis zum Tod! Das müßte sein wie eine
+Entdeckungsfahrt von gefahrumwitterter Romantik. Das waren seine
+Gedanken, wenn er durchs Kneipenfenster in die aufzuckende Morgenröte
+starrte und immer noch ein neues Glas bestellte. Und im Graus des
+Sinkens und Untergehens zuweilen an _sie_ denken, die er vor kurzem am
+Arm ihres Verlobten lachend über die Straße hatte gehen sehen! Dann
+mischte sich Morgengrauen und Morgenröte, wie in der traurigen Freude
+dieser Morgenstunden, wenn er zurückgelehnten Hauptes in den Himmel
+starrte. Mit der steigenden Sonne aber überfiel ihn oft ein
+plötzliches Frösteln, dann fühlte er sich namenlos elend, und einmal
+in solch einer Stunde machte ein Gedanke ihn stutzig. Im Rausch fühlte
+er sich glücklich, stolz, von Kraft geschwellt und leicht wie auf
+Schwingen, zu jeder großen Tat bereit und zu jedem herrlichen Werke
+geschickt. Wenn er sich aber am nachfolgenden Tage die Freuden seines
+Rausches erinnernd zurückrufen wollte, so fehlte ihm jede Vorstellung,
+jede Freude an der Freude; die Stunden des Rausches waren ihm eine
+leere, tote Zeit. Er wußte wohl, daß er sich gefreut hatte an dem
+Kaleidoskop seiner Phantasien; aber er konnte diese Freude nicht
+zurückrufen. Warum war das nicht so mit andern Freuden, mit den
+Freuden der Kindheitsspiele, des Studierzimmers, der Kunst, der
+Wanderung in Feld und Flur? Da war jede Freude ein anderer Genius mit
+anderem Angesicht, mit Augen, die schöner werden mit jeder Erinnerung,
+da war jede Freude ein unverlierbarer, ein wachsender Besitz! Und
+nachdenklich zog er die Rechnung, auf der seine Zeche stand, aus der
+Tasche und schrieb auf die Rückseite:
+
+»Der Rausch ist ein liebloser Gastfreund; er spendet nicht das
+Gastgeschenk der Erinnerung.«
+
+Und als er bald darauf eines Morgens unmittelbar von der Schenke in
+die Schule ging – er blieb immer Herr seines Handelns und gab nach
+solchen Nächten oft seine besten Stunden – aber als er nun mit einem
+aus Hohlheit und Übersättigung gemachten Gefühle vor den Kindern stand
+und in rotwangige Gesichter, in klare Augen sah, die in der Schönheit
+und Hoffnung des jungen Morgens zu ihm kamen, da sagte er leise, aber
+ihm selbst hörbar, vor sich hin:
+
+»Nun ist es genug.«
+
+Nein, man blieb nicht, der man war, und die Romantik der Verlumpung
+war eine Lüge. Er hatte Abschied von ihr genommen.
+
+Frau Rebekka hatte über seine nächtlichen Ausflüge genug geklagt und
+gejammert; ihre Gardinenpredigten konnten sich neben den besten ihrer
+Gattung hören lassen, und mütterliche Gardinenpredigten mögen wohl
+noch eindringlicher sein als eheliche, weil sie aus selbstloseren
+Gründen entspringen. Rebekkens Bemühungen, auch ihren Gatten zu
+solchen Predigten aufzumuntern, blieben freilich ganz erfolglos.
+Ludwig antwortete im Geiste seiner Philosophie:
+
+»Laß ihn, was soll ich ihm sagen!«
+
+»Ja, wenn ich dir das erst sagen soll – wenn du das nicht selbst weißt
+–!« rief Frau Rebekka. »Merkwürdig! ’n Mann, der den Kopf voll
+Gelehrsamkeit hat und alle Sprachen spricht –«
+
+»Nicht alle,« versetzte Ludwig trocken –
+
+»– und verlangt von mir, daß ich ihm sage, was er sagen soll!«
+
+»Ja, ich bin zu dumm dazu,« sagte Ludwig mit seinem Lächeln.
+
+»Ach Gott, mit dir ist ja kein Auskommen!« rief Rebekka, lief in die
+Küche hinaus und klagte laut den Tellern und Töpfen ihr Leid.
+
+Ludwig und Asmus Semper verband nun einmal aus Vordaseinszeiten her
+ein Vertrauen, das die sorgende Frau Rebekka nicht begreifen konnte.
+
+Übrigens beabsichtigte Asmus keineswegs, die Welt- und Fleischeslust
+in sich zu ertöten und auf die Freuden eines geselligen Trunkes
+prinzipiell zu verzichten. Und er hatte es nicht zu bereuen, daß er an
+einem vielverheißenden Vorfrühlingstage in die Kuhlmännische Akademie
+ging. Er traf dort seinen Kollegen Mansfeld, eben jenen Herrn, der
+eine Pensionärin Namens Hilde Chavonne im Hause hatte. Asmus
+schwankte, ob er sich zu ihm setzen solle; aber eine eigentümliche
+Gewalt zog ihn fast gegen seinen Willen an denselben Tisch.
+
+»Sie sollten sich mal mein neuestes Bild ansehen,« sagte Mansfeld, der
+in seinen Mußestunden malte, im Laufe des Gesprächs. »Kommen Sie mit
+und essen Sie mit uns zu Abend. Meine Frau wird sich freuen.«
+
+»O,« stammelte Asmus, »das ist sehr liebenswürdig, ich komme natürlich
+gern einmal – aber heute hab’ ich eine wichtige Sitzung, bei der ich
+auf keinen Fall fehlen darf.«
+
+»Das ist was anderes,« sagte Mansfeld.
+
+Die Rede kam aber doch bald auf die Pensionärin, und Asmus fragte mit
+glänzend aufgepuffter Munterkeit und mit einem sehr kunstreichen
+Lächeln:
+
+»Na, wie geht’s ihr denn?«
+
+»Na, – soso lala!«
+
+»Wieso?« rief Asmus erblassend. »Ist sie nicht glücklich?«
+
+»Dscha – wie man’s nehmen will. Ihre Verlobung ist ja zurückgegangen,
+das wissen Sie doch?«
+
+»Zurück –?« Asmus war aufgesprungen. »Zurückgegangen? Ich weiß kein
+Wort. Ich bitte Sie – warum?« Er hatte sich wieder gesetzt.
+
+»Gott – das arme Kind – sie hat eine schwere, traurige Kindheit
+verlebt und von den Menschen nicht viel Gutes erfahren. Vater und
+Mutter sind tot; als ihr da einer von Liebe sprach, schmolz ihr das
+weiche Herz und sie glaubte, das Glück wär’ endlich da!«
+
+»Nun – und? Was weiter?« Asmus bog sich immer weiter über den Tisch.
+
+»Nach wenigen Wochen erkannte sie, daß sie sich geirrt hatte,
+vollkommen geirrt. Übrigens ein braver, ordentlicher Kerl, aber nicht
+das, was das Herz einer Hilde Chavonne braucht. Entschlossen und
+mutig, wie sie bei all ihrer Milde ist, trug sie ihrem Verlobten die
+Lösung des Verhältnisses an. Und er, wie er kein Mann für sie war,
+hatte wohl auch nicht erkannt, was er an ihr besaß; er erklärte sich
+schließlich einverstanden.«
+
+Und so weit Asmus sich vorgebeugt hatte, so weit lehnte er sich jetzt
+zurück und blickte schweigend vor sich hin.
+
+Wenn eine lange getragene Last von uns abfällt, fühlen wir erst, wie
+schwer sie gewesen ist. Auf seinen Soldatenmärschen hatte er Mantel und
+Tornister, Helm, Patronen und Waffen als etwas Selbstverständliches ohne
+Murren getragen; aber wenn er, in die Kaserne zurückgekehrt, alles
+abgelegt hatte, dann hatte er gefühlt, wie schwer die Bürde gewesen.
+Ganz so war es ihm jetzt, ganz so; denn es war ihm, als habe es ihm auf
+Hirn, auf Nacken und Schultern gedrückt.
+
+»Übrigens,« rief er ganz unvermittelt und wurde über und über rot, »da
+fällt mir ein: die Sitzung ist ja erst morgen. (Ein Geschickterer
+würde vielleicht gesagt haben: In acht Tagen!) Wenn Sie Ihre Einladung
+nicht bereuen, nehm’ ich sie jetzt noch an.«
+
+Mansfeld unterdrückte ein Lächeln und erklärte, daß ihm nichts
+erfreulicher sein könne als dieser Entschluß. Und Asmus ging mit.
+
+
+
+
+XLVIII. Kapitel.
+
+»Wiederum tanzt eine Salome: wiederum heischt sie das Haupt des
+Johannes.« Johannes Chrysostomos
+
+
+Als die beiden Männer in das Wohnzimmer traten, fanden sie Frau
+Mansfeld mit einer Handarbeit, Fräulein Chavonne mit den
+Vorbereitungen zum Unterricht des folgenden Tages beschäftigt. Die
+junge Dame saß mit dem Rücken gegen das Licht; aber gleichwohl glaubte
+Asmus zu bemerken, daß sie erschrecke und erblasse. Zwar lächelte sie,
+als sie ihm dann die Hand gab; er zweifelte aber doch nicht daran, daß
+er ihr unangenehm und unwillkommen sei. Mansfeld holte sein Bild
+hervor, und Asmus nahm es in Augenschein; wäre er verpflichtetes
+Mitglied einer Jury gewesen, so würde der gute Mansfeld wohl nicht
+allzuviel Schmeichelhaftes zu hören bekommen haben; aber abgesehen
+davon, daß Asmus sich durchaus nicht als Kenner fühlte, gehörte er
+nicht zu jenen »unentwegten« Bekennern, die die Wahrheit auch dann
+sagen, wenn sie nur verletzt und keinem nützt; er machte also dem
+harmlosen Dilettantismus Mansfeldens neben einigen Ausstellungen ein
+paar balsamische Komplimente.
+
+Nach dem Abendessen sagte Mansfeld: »Ich habe Sie so lange nicht
+gehört – möchten Sie nicht ein Gedicht sprechen?«
+
+Asmus, ohne sich zu zieren, stand auf und sprach, zwar in Hinblick auf
+die Anwesenheit der Damen mit einiger Befangenheit, »Des Sängers
+Fluch«. Frau Mansfeld war eine überaus fleißige und praktische Frau
+und ließ auch während des furchtbarsten Fluches die Häkelnadel nicht
+ruhen; Hilde aber, die inzwischen zu einer Stickerei gegriffen hatte,
+ließ schon nach den ersten Versen die Hände in den Schoß sinken und
+horchte mit großen Augen. Nun schlug Mansfeld vor, man möchte doch
+jede Woche einmal zusammenkommen und etwas Gutes lesen, namentlich
+Dramatisches; er komme fast nie ins Theater, und Asmus setzte für
+nächsten Mittwoch »Emilia Galotti« aufs Repertoire. Frau Mansfeld
+indessen, die die Claudia lesen sollte, lehnte jede Beteiligung
+entschieden ab; sie wollte mit dem Theater nichts zu tun haben. Sie
+konnte sich nicht verstellen; sie war Frau Mansfeld aus Hamburg und
+nicht Claudia Galotti aus Italien, und überdies wußte sie ganz gut,
+daß in dem Stück ein junges Mädchen verführt werden sollte. So etwas
+paßte sich nicht für eine Lehrersfrau, und im Grunde ihres Herzens
+mochte sie es etwas »frei« von dem Fräulein Chavonne finden, daß es
+sich auf Asmussens Bitte bereit erklärte, sogar das zu verführende
+Mädchen selbst zu verkörpern. Asmus las den Prinzen und Appiani,
+Mansfeld den Marinelli und den Odoardo; aber es ging doch nicht.
+Dieser las nämlich den Marinelli wie einen stellungsuchenden
+Schneidergesellen, und sein Odoardo wäre durch ein gutes Glas Bier mit
+Leichtigkeit zu besänftigen gewesen. Er sah das auch selbst ein, und
+Asmus widersprach seiner Selbstkritik mit keinem Wort. Einig waren
+alle darin, daß Fräulein Chavonne die Angst Emiliens und die
+Eifersucht der Gräfin Orfina vorzüglich gelesen habe. Asmus war
+überrascht: hatte sie schon einmal Eifersucht empfunden? Es war etwas
+Echtes und Elementares in ihrem Vortrag gewesen.
+
+Von nun an mußte Asmus allein lesen, und als man dahinter gekommen
+war, daß er plattdeutsch reden könne wie ein Oldensunder Bauernjunge
+und wie ein Hamburger Ewerführer, da mußte er Groth und Reuter lesen.
+Und als er die nun las, da machte er eine wundersame Entdeckung: Hilde
+Chavonne konnte lachen! Natürlich hatte er sie auch sonst schon lachen
+sehen; aber immer hatte nur ein Teil ihres Wesens gelacht, und nur ein
+kleinerer Teil; der tiefe, fast traurige Ernst ihres Wesens hatte
+immer das Übergewicht behalten; es war immer ein Lachen mit ernstem
+Grundton gewesen, nicht jenes Lachen des ganzen Menschen, das aus dem
+Mittelpunkt unseres Wesens elementar hervorbricht und alle unsere
+Seelen- und Körperteile kräftig durcheinander zu schütteln scheint.
+Und sie selbst schien beseligt, berauscht von der Entdeckung dieser
+Kraft wie ein Kind, dem man zur Weihnacht beschert; wenn er den Blick
+vom Buche erhob und in ihr lachendes Gesicht sah, dann glühten ihn
+zwei jauchzende Augen an, und niemand hätte sagen können, ob es Lust
+oder Dankbarkeit sei, was ihnen den feuchten Schimmer gab. Wenn er
+aber von traurigen Dingen las und – anfangs zufällig, bald mit Absicht
+– die Augen über den Rand des Buches hinausgehen ließ, dann sah er
+ihre Augen auf sich ruhen, als wäre es _sein_ Leid und _sein_ Kummer,
+von dem er gelesen. Und obgleich die beiden Mansfeld ein dankbares
+Publikum waren, dachte er bald bei allem, was er las, nur das eine:
+Wie wird es _ihr_ in die Seele klingen? fühlte er bei jedem Wort den
+unhörbaren Widerhall _ihres_ Herzens.
+
+Es ist klar, daß ein Ereignis oder eine Erwägung, die ihn von den
+Mittwoch-Besuchen hätte zurückhalten können, bald zu den undenkbaren
+Dingen gehörte. Zu Hause und unter den Freunden, in Konzert und Theater,
+in Wissenschaft und Kunst gab es keine Freuden, und am allerwenigsten
+gab es unter dem himmlischen Gezelte Naturerscheinungen, die ihn hätten
+hindern können, am Mittwoch nachmittag nach dem ländlichen Vororte
+hinauszupilgern, in dem die Mansfelds wohnten. Die altgeheiligte
+Ordnung des Wochenreigens hatte sich verkehrt; der Mittwoch war zum
+Sonntag geworden. Sehr schlau bemerkte Frau Rebekka eines Tages mit dem
+Scharfblick des Weibes und der Mutter: »Da bei den Mansfelds, da muß ein
+Magnet sein.«
+
+Mit dem Magnet hatte es seine Richtigkeit. Wenn der Sommernachmittag
+gar zu verlockend ins Fenster lachte, ließen sie Bücher Bücher sein,
+wanderten zu vieren hinaus nach Eppendorf, Lokstedt oder Niendorf und
+ergaben sich auf einer Wiese dem Reifenspiel. Von den Freundinnen
+Hildes hatte er gehört, daß ihr Turnlehrer sie immer vor allen gerühmt
+habe wegen ihrer Anmut; eines Tages, als sie sich zu schwach gefühlt
+und sich von der kaum erfaßten Reckstange wieder hatte fallen lassen,
+da hatte der Lehrer gerufen: »Fräulein Chavonne fällt sogar mit Grazie
+vom Reck!« Asmus konnte dem Manne nur von ganzem Herzen recht geben,
+und wie der »Magnet« beim Lesen seine Blicke, seine Stimme, seine
+Gedanken anzog, so flogen ihm jetzt die meisten der Reifen zu, die
+Asmus zu versenden hatte, wenn er auch galant genug war, sich hin und
+wieder der gnädigen Frau zu erinnern.
+
+Ein Spiel auf grünem Rasen in heller Sommerluft, das war nun ohnehin
+für das Herz des Asmus ein ununterbrochener Freudentanz; als er nun
+aber auch noch das liebliche Mädchen mit seinen schmalen Füßen, in
+flatterndem Gewande über den sonnengrünen Teppich hüpfen sah, da
+schien ihm, daß die Welt wohl überhaupt schön sei, daß sie aber noch
+nie so schön gewesen sei wie an diesem Tage. Anmut der Bewegung und
+körperliche Geschicklichkeit waren nicht seine Stärke; aber mit dem,
+was er konnte, kokettierte er redlich, und er hatte das Gefühl, daß er
+plötzlich mehr könne, als er sich zugetraut. Freilich, bei einem
+unparteiischen Zuschauer würde auch Hilde Chavonne den Verdacht
+erweckt haben, daß ihr der Eindruck ihrer Sprünge und Tanzschrittchen
+nicht gleichgültig sei, und daß sie wie jedes junge, schöne, tanzende
+Weib um den Kopf eines Mannes tanze.
+
+Und gewiß hätte Asmus ihr lieber seinen Kopf auf einer Schüssel
+entgegengetragen, als ihr von Liebe zu sprechen. Wenn es sich auf dem
+Heimwege traf, daß sie allein nebeneinander gingen, dann begann wieder
+jenes wunderlich-närrische Doppelspiel von Lippen und Herzen, das sie
+schon damals, nach Asmussens einmaligem Auftreten als König getrieben
+hatten. Sie sprachen über einen Roman oder über eine Schulverordnung
+oder über ein Sonnentaugewächs, das sie gefunden, oder über eine
+Wolkenbildung, und mit allem, was sie sagten, meinten sie: »Ich liebe
+dich – ich liebe dich!« Es war eine Chiffresprache, die sie redeten.
+»Dieser Weg führt nach Bahrenfeld,« bedeutete soviel wie: »Du bist
+ein entzückendes Geschöpf!« »Die Linden haben ausgeblüht« sollte
+heißen: »Ich möchte dich küssen;« aber keiner hatte den Schlüssel zur
+Sprache des andern. Das Herz des Asmus drängte, raunte, flüsterte ihm
+zu wie ein eifriger Souffleur: »Sag’ es ihr, sag’ es ihr, tu den Mund
+auf – es ist gar nicht schwer – und sag: »Süße Hilde, ich hab’ dich
+lieb!« – »Wie kann ich denn ‘du’ zu ihr sagen!« erwiderte Asmus.
+»Meinetwegen sag’ ‘Sie’«, entgegnete das Herz, »aber sag’ etwas!«, und
+dann tat Asmus wirklich den Mund auf und sagte: »Jetzt wird ja auch
+bald der neue Bahnhof eröffnet.« Sie war doch zu hoch, zu heilig; sie
+_konnte_ sich an einem Menschen wie ihm nicht genügen lassen. Sie
+hatte es ja auch bewiesen, als sie sich verlobte. An ihm war sie
+vorbeigegangen.
+
+Endlich, endlich kam eine prächtige Gelegenheit, dem Herzen Luft zu
+machen. Mansfeld hatte mit seinen Schülern einen Ferien-Ausflug
+unternommen, und Asmus und die Damen hatten sich angeschlossen. In
+einer hübschen Gartenwirtschaft, die den freundlichen Namen »Zum
+Morgenstern« führte, hielt man Rast, und Hilde hatte sich daran
+gemacht, die gepflückten Feldblumen zu einem Strauße zu ordnen, als
+Asmus zu ihr trat. Mansfeld und Frau waren abseits mit den Kindern
+beschäftigt.
+
+
+
+
+XLIX. Kapitel.
+
+Asmus Semper wird streitsüchtig, wettet, lügt, vergreift sich an
+Goethe und benimmt sich feige.
+
+
+»Wo haben Sie die Calluna gepflückt?« fragte Asmus, indem er einen
+Zweig der Glockenheide aufnahm.
+
+»Im Moor. Aber das ist nicht Calluna, das ist Erika.«
+
+»Das ist Calluna.«
+
+»Das ist Erika.«
+
+»Das ist Calluna.«
+
+»Das ist Erika.« Sie lachten beide.
+
+»Das Heidekraut ist Erika, und Calluna ist die Glockenheide,« sagte
+Asmus. Er hatte sich’s inzwischen überlegt und wußte, daß sie recht
+habe; aber er fand es viel hübscher, mit ihr zu streiten.
+
+»Im Gegenteil,« lachte sie, »die Glockenheide heißt Erika.«
+
+»Wetten?« rief Asmus.
+
+»Ja!« Ihre Augen leuchteten.
+
+»Um was?«
+
+Sie machte plötzlich ein ernstes Gesicht und sagte zögernd:
+
+»Wenn Sie verlieren, müssen Sie mir ein Gedicht schenken. Das ist wohl
+schrecklich unbescheiden, nicht wahr?« fügte sie schnell hinzu.
+
+»Ich fürchte, es ist nur allzu bescheiden,« sagte Asmus. »Und was
+geben Sie mir, wenn ich rechte habe?«
+
+»Das – weiß ich noch nicht – das findet sich dann,« sagte sie
+errötend.
+
+Am Abend hatte er es fast eilig, von ihr fort zu kommen, damit er zum
+Dichten komme. Sie wollte ein Gedicht von ihm! War das nicht ein
+Zeichen von Liebe? Ach nein, ach nein. Andere Damen hatten ihn auch
+schon darum gebeten, sicherlich, ohne ihn zu lieben. Die Mädchen
+prunken gern mit dergleichen – so weit kannte er die Mädchen auch.
+Freilich: so war _sie_ nun eigentlich nicht....
+
+Einen Augenblick dachte er, er wolle ein Akrostichon auf ihren Namen
+machen, weil das so schön deutlich sei. Aber er schalt sich sofort
+darüber aus: »Erstens ist es läppisch und keine Dichtung, und zweitens
+wäre es nicht mehr deutlich, sondern frech.« Er nahm nun eine Maske
+vor, die Maske eines Mannes, der sich aus dieser Welt des Alltags nach
+der Welt der Romantik, nach der Zeit der schönen Melusinen, der
+Minnesinger und der Ritter sonder Furcht und Tadel sehnt, und schloß
+sein Ottaverimengebäude also:
+
+ »Wie schlüg’ ich gern, ein schwertgewandter Ritter,
+ Mit leichtem Mut mein Leben in die Schanze,
+ Wie schwäng’ ich gern im Schlachtenungewitter
+ Für der Bedrückten Recht die wucht’ge Lanze!
+ Vor Raubverließen sprengt’ ich Wall und Gitter
+ Und kehrte heim mit wohlverdientem Kranze.
+ Dann blühte mir, die Frucht von blut’gen Saaten,
+ In starker Brust das stolze Glück der Taten.
+
+ Wie gern ... doch still! Es öffnen sich die Zweige –
+ Ein leises Knistern über meinem Haupte –
+ Ich forsche, daß der süße Mund sich zeige,
+ Der so verstohlen-leisen Kuß mir raubte –
+ Du bist’s Geliebte! Komm hervor und neige
+ Dein Haupt mir zu, das frühlingsgrün-umlaubte!
+ Verlassen hat ein schöner Traum die Lider –
+ Die schön’re Wirklichkeit erkenn’ ich wieder!
+
+ Mich trog ein alter Wahn – bis ich erwachte
+ In deinem Arm, im heimatlichen Walde! –
+ Ob je so schön wie heut’ herüberlachte
+ Der Silberstrom, die farbenreiche Halde? –
+ Auch heut’ bekämpf’ ich kühn, was ich verachte,
+ Zwar nicht als Ritter, doch als freier Skalde;
+ O sieh zum Horizont die Sonne gleiten:
+ Noch lebt die Schönheit wie in alten Zeiten!«
+
+Ob das zu kühn war? Ach nein – jedenfalls: vor dem Tintenfaß hatte er
+Mut; er schrieb es auf sein schönstes Papier, schob es in einen feinen
+Briefumschlag, liebkoste jeden Buchstaben ihres Namens mit den Augen,
+als er die Adresse schrieb, und ging zum Briefkasten. Als der Brief
+schon halb in der Spalte des Kastens steckte, zauderte er einen
+Augenblick. Sollte er’s wagen? Aber ein höherer Wille stieß ihm an den
+Ellbogen, und der Brief fiel hinein.
+
+Asmus seufzte tief auf. Das war ein entscheidender Schritt, dachte er. –
+
+Schon am übernächsten Morgen hatte er einen Brief.
+
+ »Sehr geehrter Herr Semper!
+
+ Haben Sie innigsten Dank für das wunderschöne Gedicht! Ich hab’ es
+ schon viele Male gelesen, und jedesmal gefällt es mir besser. Aber
+ wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen; denn solchen Einsätzen vermag
+ ich nichts entgegenzustellen.
+
+ Ich werde Ihr Gedicht an sicherer Stelle verwahren.
+
+ Mit schönsten Grüßen
+ Ihre sehr ergebene
+ Hilde Chavonne.«
+
+Beim ersten Lesen schien ihm der Brief eine feurige Liebeserklärung;
+beim zweiten schien er ihm nur noch eine Liebeserklärung, und je
+öfter er ihn las, desto mehr wurde er sich klar, daß diesen Brief
+auch jede andere Dame geschrieben haben könnte. Jede? Nun ja, er war
+sehr freundschaftlich gehalten; aber gute Freunde waren sie ja
+schließlich wohl. »Ich werde Ihr Gedicht an sichrer Stelle verwahren!«
+das konnte heißen: Ich werde es am Busen tragen – es konnte aber auch
+heißen: Ich werde es in meiner Kommode verschließen. Und dann der
+Satz: »Aber wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen!« Sie gab ihm zwar
+eine sehr bescheidene Begründung; aber konnte nicht auch ein feiner
+Verweis darin liegen: Du bist zu dreist gewesen!? Freilich: da stand:
+»Mit _schönsten_ Grüßen Ihre _sehr_ ergebene.« Das war sehr viel! Aber
+eine steife, »zippe« Hamburgerin, die den Herren nur die Fingerspitzen
+reicht und beim Gruß nur mit der Hutfeder nickt, war sie ja überhaupt
+nicht, obwohl sie in Hamburg geboren war. Und »Ihre _ganz_ ergebene«
+stand nicht da ...
+
+Als er sie wiedersah – es war an einem Sonntagmorgen – fühlte er wohl
+bald an ihrem Dank und ihrem Geplauder, daß sie an einen »Verweis«
+nicht gedacht haben könne; aber sie trug ein weißes Morgenkleid mit
+rosa Bändern, und darin sah sie nun aus wie eine Königin der Lilien!
+Ach, armer Asmus! Du hast im Ernste geglaubt, solch ein Weib könnte
+für _dich_ blühen? Dies Kleid schlug all seine Hoffnungen nieder.
+
+Und so war er denn genau so weit wie vordem. Zum Glück ließ die
+Wirkung des Kleides, als er die Trägerin nicht mehr vor Augen hatte,
+nach, und er gelangte zu dem Ergebnis: Ich muß noch einmal mit ihr
+wetten!
+
+Er traf sie bei seinem nächsten Besuch mit einer zierlichen Arbeit
+beschäftigt. Auf ein weißes Blatt legte sie in mehreren Schichten
+nacheinander schöne Blätter der verschiedensten Pflanzen, und nach
+jeder Lage besprengte sie das Ganze mit einer dünnen Sepialösung. Wenn
+alles beendigt war, kam ein anmutiges Bukett der reizendsten
+Blattformen zum Vorschein. Es war eine Arbeit, die nicht viel Kunst,
+wohl aber Sorgfalt und Geschmack erforderte.
+
+Als sie nahezu beendet war, betrachtete Hilde ihr Werk mit geneigtem
+Kopfe und sagte:
+
+»Die Grazien sind leider ausgeblieben.«
+
+Halt, dachte Asmus, das ist eine Gelegenheit.
+
+»Sagt Schiller,« fügte er hinzu. Er wußte ganz genau, daß er sich an
+Goethe vergriff.
+
+»Ist das nicht von Goethe?« fragte sie, einen Augenblick durch seine
+Bestimmtheit unsicher gemacht.
+
+»Nein, von Schiller.« Da wurde er doch rot.
+
+»Doch – es ist aus »Tasso!« rief sie.
+
+»Keine Spur. Von Schiller ist es.«
+
+Sie lachte: »Fangen Sie schon wieder an?«
+
+»Wollen wir wetten, daß es von Schiller ist?« rief er.
+
+Sie wurde purpurrot und rief: »Ja!«
+
+»Um was?«
+
+»Wenn Sie unrecht haben – nein, es wäre zu unbescheiden!«
+
+»Sie können nicht unbescheiden sein.«
+
+»Ein Gedicht? Wollen Sie?«
+
+»Mit Freuden. Und wenn Sie unrecht haben?«
+
+»Was verlangen Sie dann?«
+
+Asmus hob die eben vollendete Arbeit auf. »Dieses Blatt!«
+
+»Nicht dies, aber ein besseres!«
+
+Dann holte sie den Tasso vom Bücherbrett, konnte aber die Stelle nicht
+sofort finden.
+
+»Darf ich?« fragte Asmus. »_Wenn_ es drinsteht, werd’ ich es bald
+finden.« Er blätterte einen Augenblick. »Wahrhaftig, Sie haben recht!
+Tasso sagt es vom Antonio.«
+
+Sie triumphierte. – – –
+
+Diesmal fiel sein Gedicht deutlicher aus. Es war etwas herkömmlich im
+Ton, etwas heine-geibelig sozusagen; aber deutlich war es.
+
+ »Wir standen auf hoher Warte
+ In klarer Sommerluft;
+ Tief unten lag die Erde
+ In lauter Glanz und Duft.
+
+ Und über unsern Häuptern
+ Der Himmel hoch und hehr
+ Ein unergründlich tiefes,
+ Ein weites, blaues Meer!
+
+ Es strebte mein Geist zum Himmel
+ Und strebte zur Erde auch:
+ Ihn lockte die himmlische Reine,
+ Der irdische Wonnenhauch.
+
+ Fern waren Erd’ und Himmel;
+ Du aber warst bei mir,
+ Und haften blieb mein Auge,
+ Das sehnende – an dir. –
+
+ Du bringst mir irdische Wonnen
+ Auf rosigen Lippen dar;
+ Es fließt der Schönheit Zauber
+ Von deinem goldnen Haar.
+
+ Du trägst des Himmels Reinheit
+ Und Frieden im Angesicht;
+ Treu glänzen deine Augen
+ Wie seiner Sterne Licht.
+
+ Vergessen die prangende Erde,
+ Vergessen das himmlische Zelt!
+ In dir halt ich umfangen
+ Den Himmel, die Erde – die Welt!«
+
+Er hatte erst schreiben wollen:
+
+ »Von deinem _braunen_ Haar«
+
+aber das schien ihm denn doch zu deutlich, und er machte ein goldenes
+Haar daraus; dann konnte sie das ganze Gedicht auch auf eine andere
+beziehen. Daß man hübschen jungen Mädchen keine solchen Gedichte
+schenkt, wenn sie sich auf andere beziehen, das fiel ihm nicht ein.
+Seine geistige Begabung lag auf anderen Gebieten.
+
+Als er den Briefumschlag mit der Zunge feuchtete, hielt er plötzlich
+inne und starrte vor sich hin. War es nicht eigentlich unwürdig, ihr
+das Gedicht so hinterrücks durch den Postboten zuzustellen? War es
+nicht männlicher, einfach vor sie hinzutreten und zu sagen: Hier ist
+das Gedicht!? Aber, wenn Sie’s dann las – nein, nein, nein, nein! Dann
+war es noch männlicher, ihr ins Gesicht zu sagen: »Hilde Chavonne, ich
+liebe dich!« und das konnte er eben nicht. War das Feigheit? O, wenn
+es nicht Hilde, wenn es Drögemüller wäre, dann wollte er schon zeigen,
+daß er offen und mutig die Stirn zeigen konnte. Aber Hilde – – wenn
+das feige war, dann war es eben feige, daran war nichts zu ändern. Er
+schloß den Brief und steckte ihn ein. Aber als er ihn fallen hörte, da
+war’s ihm, als höre er auch sein Herz in den Kasten fallen. Es war
+doch eine Riesenkühnheit. Wenn sie jetzt zürnte – nun, dann liebte sie
+ihn nicht, dann war alle Hoffnung zu Ende.
+
+Wenn sie ihm aber nicht zürnte – was war damit bewiesen?
+
+Eigentlich nichts. – Nun, man würde ja sehen.
+
+
+
+
+L. Kapitel.
+
+Der Verfasser durchbricht aus Wut über seinen Helden die Kunstform.
+
+
+Der nächste Tag war ein Mittwoch; mit klopfendem Herzen trat er zu den
+Mansfeld ins Zimmer – sie war nicht da. Ein schlimmes Zeichen. Sonst
+war sie immer dagewesen. Das Gespräch mit den Mansfeld wollte nicht in
+Gang kommen. Endlich, nach einer Viertelstunde, die Sempern zu einer
+Ewigkeit angeschwollen war, trat das Fräulein herein. Sie wollte
+unbefangen erscheinen; aber alle Anstrengung half ihr nichts; sie
+wurde blutrot und senkte den Blick, als sie Asmussen die Hand gab und
+ihm sagte:
+
+»Ich danke Ihnen _sehr_!«
+
+Dann flog ein Engel durchs Zimmer. Und noch einer. Und noch einer.
+Hilfreiche Engel waren es nicht; denn sie halfen dem blutschwitzenden
+Asmus auch nicht mit einem Wörtchen aus. Endlich half er sich selbst,
+indem er heftig das linke Bein über das rechte schlug (genau wie
+Ludwig Semper). Das half.
+
+»Sonnabend wird der ‘Freischütz’ gegeben, in einer vorzüglichen
+Besetzung,« rief er, und wußte selbst nicht, warum er so laut sprach.
+Man kam überein, daß man gemeinsam hingehen wolle; die Unterhaltung
+kam in Fluß; Hilde nahm daran teil und sprach auch mit Asmus, sogar
+unter freundlichem Lächeln. Böse war sie nicht, das stand nach diesem
+Lächeln fest; aber sonst –
+
+Ja, sonst war er immer noch auf dem alten Fleck. Wie konnt’ es auch
+anders sein. Konnte sie nach diesem Gedicht zu ihm kommen und sagen:
+»Ihr Antrag ehrt mich« oder: »Ich teile vollkommen Ihre Gefühle; hier
+ist meine Hand?« Es war eine ganz verteufelte Sache. _Sie_ mußte einmal
+eine Wette verlieren, und dann würde sich ja zeigen, was _sie_ ihm
+schenkte! Als er daheim in seiner Zelle diesen Gedanken erwog, brachte
+ihm der Postbote ein dünnes Paket.
+
+Ihre Handschrift!
+
+Er riß die Umhüllung herunter und fand eine Mappe, die auf beiden
+Deckeln allerliebste Blattsträuße in zahlreichen und zarten
+Abstufungen von Sepia-Braun zeigte. Ein Briefchen dabei!
+
+ Werter Herr Semper!
+
+ Da Sie Gefallen an der Spielerei fanden, so sende ich Ihnen diese
+ Mappe, die sich vielleicht durch Aufbewahrung von Notizen und dergl.
+ nützlich machen kann. Sie soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein;
+ eine solche Gabe zu lohnen, bin ich leider außerstande.
+
+ Mit den herzlichsten Grüßen
+ Ihre dankbare
+ Hilde Chavonne.«
+
+»Sie liebt mich!« jubilierte Asmus in seinem Herzen. »Sie beschenkt
+mich! Und wie beschenkt sie mich! Wie reich, mit welcher Sorgfalt ist
+das gemacht! Mit Goldpapierstreifen umrändert! Mit weißseidenen
+Bändern gebunden!« Und wie zärtlich schrieb sie, wie liebevoll!
+
+Er nahm den Brief wieder her – ein ganz zarter Duft ging mit diesen
+Zeilen, ein kaum merkbarer, aber ein feiner, milder, warmer Duft!
+»_Werter_ Herr Semper« schrieb sie. Also er war ihr wert! Und »Sie
+soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; eine solche Gabe zu
+lohnen, bin ich leider außerstande – –!«
+
+Hm. Es fiel ihm plötzlich auf, daß das zweierlei bedeuten könne. Es
+konnte heißen: Das Gedicht ist so schön, daß ich ihm nichts
+Gleichwertiges gegenüberstellen kann, wie man den Wert eines echten
+Kunstwerks (»wenn dies eins wäre!« klammerte Asmus ein) überhaupt
+nicht mit materiellen Gütern ausmessen kann. Aber die Liebe eines
+Menschen war doch gewiß etwas Gleichwertiges, ja, war unendlich viel
+mehr – sollte das bedeuten: »Den Lohn, du dir denkst – meine Liebe –
+kann ich dir nicht gewähren«? – O, o, o, wie der ganze Brief gleich
+anders aussah! »_Werter_ Herr Semper,« das war viel legerer als »_Sehr
+geehrter_ Herr Semper«, viel weniger achtungsvoll. – Und »Da Sie
+Gefallen an der Spielerei fanden« – sie legte der ganzen Sache keinen
+Wert bei; es war ein Nichts – warum sollte sie es ihm nicht schenken –
+dann waren sie quitt, und sie war ihm nichts mehr schuldig –
+
+O diese verteufelte Auslegung, o diese verwetterten Ausleger! Sie
+verhunzen die frischesten Offenbarungen der Menschenseele! Durch
+»Exegese« verhunzte er sich dieses Geschenk eines Mädchens, das mit
+vor Bangen, vor Eifer, vor Freude bebenden Händen Tage und Nächte an
+diesem Kunstwerk gebaut hatte, bei jeder Linie, jedem Bändchen voll
+Hoffnung, daß sie ihm gefallen, voll Sorge, daß sie ihm mißfallen
+möchten!
+
+Freilich: Mädchenbriefe wie dieser sind geschrieben, um Liebe ganz zu
+offenbaren und ganz zu verbergen, und es war kein Wunder, daß Asmus
+diese Sprache noch nicht verstand. Er ahnte zum Beispiel nicht, daß
+das Wort »Notizen« mit »Gedichte« zu übersetzen war und daß der ganze
+Satz bedeuten sollte: »Wenn du Verse geschrieben hast, leg’ sie in
+diese Mappe; das wird mir sein, als dürft’ ich selbst sie hegen.«
+
+Das Schicksal war dem Zauderer günstiger, als er es eigentlich
+verdiente. Am »Freischütz«-Abend folgten die Mansfeld einer Einladung,
+die sie nicht ablehnen konnten, und Asmus saß allein neben der
+Stillgeliebten! Er saß neben ihr, und da die billigen Plätze sehr
+schmal waren, saß er sogar recht dicht neben ihr, in beständiger
+Berührung mit ihrem Kleid, und einmal, als ihr der Zettel entfallen
+war und sie ihn aufheben wollte, streifte sogar ihr Haar, ihr
+köstliches Haar seine Wange! Solche weihevollen Berührungen entzückten
+ihn tief und entmutigten ihn ganz. Denn je herrlicher sie war, desto
+weniger wagte er sie zu begehren; ihm war, als solle er in einen
+hochumgitterten Schloßgarten gehen und dort die seltenste Blume
+brechen. Eine tiefe Demütigung müßte die Folge sein.
+
+Aber schon ungestört mit ihr zu plaudern, war warmes, heimliches
+Glück. Er erzählte ihr, wie er als Knabe auf seinem Puppentheater den
+»Freischütz« gespielt habe und wie ihm das Liebste daran die
+Wolfsschlucht mit dem feurigen Rad und allem Teufelsspuk gewesen sei.
+
+»Wenn ich ehrlich sein soll,« sagte er, »ich freue mich noch heute auf
+die Wolfsschlucht, und jeden Tag möcht’ ich mir wieder ein
+Puppentheater bauen und damit spielen. Freilich: auf die Musik freu’
+ich mich noch ganz anders. Wenn die ganze deutsche Nation zugrunde
+ginge und nur der »Freischütz« erhalten bliebe, könnte man aus dieser
+Oper alle Eigentümlichkeiten der deutschen Seele erkennen.«
+
+Sie hatte den »Freischütz« noch nicht gehört, war überhaupt noch nicht
+oft im Theater gewesen; ihre Kindheit hatte ihr solche Freuden nicht
+gewährt, und nun beglückte es ihn, wie sie mit frommer Begierde Musik,
+Wort und Bild in sich einsog, und er war grenzenlos stolz, ihr Führer
+sein zu dürfen.
+
+Als sie den Heimweg durchs Dunkel antraten, bot er ihr seinen Arm. Das
+durfte man wagen. Wie leicht sie an seinem Arme hing! Er hätte
+gewünscht, daß sie sich ganz auf ihn stützte, sich ganz von ihm tragen
+ließe. Während er ihr von Oberon, Euryanthe und Preziosa erzählte,
+dachte er ununterbrochen: Soll ich ihr’s jetzt sagen? Nein, nein,
+lautete die Antwort. Wenn es sie erschreckte, bekümmerte, beleidigte?
+In welcher Pein würde das arme Mädchen den Rest des Weges zurücklegen;
+in welche Pein würdest du dich selber stürzen! Du hast heute die
+Pflicht des Ritters, du hast dafür zu sorgen, daß sie unbehelligt und
+auf möglichst angenehme Weise nach Hause komme – es wäre ein unzarter
+Mißbrauch der Gelegenheit, sie jetzt mit einer Liebeserklärung zu
+überfallen. Beim Abschied vor ihrer Tür, dann willst du’s ihr sagen.
+Und beim Abschied sagte er:
+
+»Haben Sie tausend, tausend Dank für den wunderschönen Abend!«
+
+»Ich habe Ihnen zu danken!« rief sie. »Der Abend wird mir unvergeßlich
+sein.« Sie zögerte einen Augenblick. – »Gute Nacht.«
+
+»– Gute Nacht.«
+
+Unmittelbar darauf dachte er: Das war eine Gelegenheit! Sie ist
+unwiederbringlich verpaßt.
+
+Unwiederbringlich? Wie er es zuvor mit der Methode der Wetten versucht
+hatte, so versuchte er es jetzt mit der Methode des gemeinsamen
+Theaterbesuchs. Eine Woche später sollte der »Vampyr« von Marschner
+gegeben werden. Er hatte eine Schwäche für diese Oper, gerade wegen
+ihres verschrieenen schaurig-romantischen Stoffes. Er liebte das
+Düstre, Grauenvolle wie das Sonnig-Behagliche, das starrend Erhabene
+wie das Komisch-Gemütliche, bis zum Putzigen und Ulkigen herab, wie er
+alle Tage und Nächte, alle Lichter und Schatten der Welt liebte. Er
+liebte Dante Alighieri und Fritz Reuter, und er haßte die
+flachköpfigen Ästhetiker, die beim Aufbau ihrer Systeme immer eines
+vergaßen, entweder den Dante oder den Reuter.
+
+Frau Mansfeld mocht’ es im stillen unpassend finden, daß ein junges
+Mädchen mit einem ihm nicht verlobten jungen Manne allein ins Theater
+ging und sich von ihm nach Hause geleiten ließ. Aber solche Ängste
+kannte Hilde nicht; sie hatte nur die feine Erziehung, die ein feines
+Herz gibt. Also holte sie jubelnd ihr Portemonnaie und zahlte Asmussen
+eine Mark zwanzig auf den Tisch; denn soviel kostete der Eintritt zum
+dritten Rang.
+
+Aber der »Vampyr« hatte genau dieselbe Wirkung wie der »Freischütz«,
+insofern, als Asmus sich wieder vor Hildens Tür mit nichts als einem
+(zwar bewegten Herzens gesprochenen) Danke verabschiedete und sich
+dann auf dem einsamen Heimwege mit Vorwürfen und nicht gerade
+schonenden Titulaturen überhäufte.
+
+Und auch der Verfasser kann nicht umhin, hier zum Entsetzen aller
+Literaturaufseher »die Kunstform zu durchbrechen« und der Leserin zu
+versichern, daß er ihre Entrüstung über diesen Herrn Semper vollkommen
+teilt. Aber was soll der Verfasser tun? Er kann seinen Helden nicht
+anders machen, als er ist.
+
+Endlich brachte ein trüber, wolkenschwerer Novemberabend die
+Entscheidung.
+
+
+
+
+LI. Kapitel.
+
+Von rauschenden Bächen im Winter.
+
+
+»Heute _soll_ es sich entscheiden,« hatte sich Asmus gesagt. Er hatte
+sie eingeladen, mit ihm in Zacharias Werners »Martin Luther oder die
+Weihe der Kraft« zu gehen. Er liebte das Stück durchaus nicht, fand es
+schwülstig, verworren und langweilig; aber jetzt war ihm schon jedes
+Mittel recht; er wäre mit ihr ins Theater gegangen, und wenn man dort
+den Jahresbericht der Handelskammer rezitiert hätte. Auf dem Heimwege
+sprachen sie nur wenig; jede Unterhaltung kam bald ins Stocken; wie
+eine Vorahnung lag es auf beiden. Sie waren der Wohnung Hildens schon
+ziemlich nahe, als Asmus, das Herz im Halse, mit leiser Stimme fragte:
+
+»Sind Sie mir eigentlich böse, Fräulein Chavonne?«
+
+»Warum sollte ich Ihnen böse sein?« fragte sie ebenso leise, mit
+starren Augen geradeausblickend. Und alles, was sie noch sprachen,
+klang leise wie der Regen, der gleichmäßig herabtroff und gegen den
+sie keinen Schutz begehrten.
+
+»Sie haben mir eigentlich kein Wort über mein letztes Gedicht gesagt,«
+begann Asmus wieder. »Da glaubte ich, daß Sie mir zürnten.«
+
+»Wie wäre das möglich?« sprach sie noch leiser, mit bebender Stimme.
+
+Wiederum schwiegen sie eine kurze Weile.
+
+Ihr Kopftuch hatte sich verschoben, und um es zu ordnen, zog sie leise
+ihren Arm aus dem seinen. Im selben Augenblick ließ er seinen Arm
+sinken; ihre Hände berührten sich, und Asmus faßte Hildens Hand.
+
+Nun ist es ein seltsames Ding: Arm in Arm gehen die fremdesten
+Menschen miteinander; aber Hand in Hand gehen nur Kinder und Liebende.
+Ein höherer Wille hatte ihre Hände ineinander gelegt und gesagt: Ich
+will, daß ihr euch findet.
+
+Das gab Asmus Sempern einen heiligen Mut, und zitternd sprach er:
+
+»Fräulein Chavonne – haben Sie mich lieb?«
+
+Sie blieb stehen und schien zu wanken. Sie konnte nicht sprechen.
+
+Da legte er den Arm um sie, damit er sie stütze, und sprach noch
+leiser:
+
+»Hilde, hast du mich lieb?«
+
+Ihr Kopf sank an seine Schulter, und sie sagte: »Ja.«
+
+Und er wagte nicht, ihr den Kopf aufzuheben; denn es schien ihm, daß
+sie ruhte. Aber dann hob sie von selbst den Kopf und sah ihn aus
+leuchtenden, weinenden Augen an. Und er zog sie fester an sich und
+preßte seine Lippen in einem langen, langen Kusse auf ihren edlen,
+frischen, roten Mund.
+
+Sie waren nur noch zehn Minuten von Hildens Hause entfernt; aber sie
+brauchten zu diesem Wege noch zwei Stunden. Denn immer wieder gingen
+sie in weitem Bogen um das Haus herum, obwohl ein unaufhörlicher
+feiner Regen herabrieselte. Sie freuten sich unbewußt dieses Regens;
+er kam herab wie sanfte Linderung einer langen Sehnsucht. Es schien
+ihnen auch, als brauche man nun um nichts mehr zu sorgen, als hätten
+sie nun des Glückes genug und brauchten nichts mehr als solch ein
+stilles, seliges ewiges Wandern.
+
+Sie sprachen nur wenig, und wenn sie sprachen, so war es fast immer
+dasselbe:
+
+»Hast du mich lieb, hast du mich wirklich, wirklich lieb?«
+
+»Ja, ich hab’ dich lieb – so lange schon, ach, wie lange schon.«
+
+Ganz, ganz anders waren sie schon wenige Tage darauf. Frost und Schnee
+waren hereingebrochen mit Macht, und Asmus schlug ihr einen Ausflug
+»ins Grüne« vor. Nach dem »Quellental« wollten sie wandern und die
+Elbe hinab. Ludwig Semper würde zu diesem Ausflug »bei dieser Kälte«
+lange den Kopf geschüttelt haben, wenn er darum gewußt hätte; aber
+darin folgte sein Sohn ihm nicht; Winterwanderungen, die liebte er vor
+allen andern; da gab es einen Kampf mit Frost und Wind, und wenn er
+dann durchgekämpft war, dann glühte in Wangen und Herzen eine ganz
+besondere, eine ganz wundersame Wärme auf, die war ganz anders als
+Lenz- und Sommerglut. Es war eigenes, selbstentzündetes Feuer! Und wie
+heilig schön die Winterwelt! Seltsam: die ersten Lieder, die der
+Zauber der Natur ihm entrungen hatte, waren Winterlieder gewesen. Aber
+er sang sie nicht in Wehmut und Trauer; der Winter war ihm Andacht und
+Stille, niemals Tod; denn in seinem Herzen glomm wie eine ewige Lampe
+die Gewißheit des Frühlings. So kam es denn ganz von selbst, daß
+Asmus, als sie auf frostklingenden Wegen dahinschritten und sein
+schüchternes Schnurrbärtchen von lauter Eisnadeln starrte, also zu
+singen anhob:
+
+ Die linden Lüfte sind erwacht,
+ Sie säuseln und weben Tag und Nacht;
+ Sie schaffen an allen Enden.
+
+und daß er erschrak, als Hilde in ein lautes Lachen ausbrach.
+
+»Herr Professor, Herr Professor, es ist Winter!« rief sie; da verstand
+er sie und lachte nun auch aus vollem Halse; weil sie aber so ganz
+besonders schön lachte, küßte er sie sieben Mal auf den
+winterfrischen Mund, und dabei lachten sie, weil das Lied so gar nicht
+paßte, und ihre Augen wurden feucht, weil es doch so gut paßte.
+
+Nun fand er Gefallen an dieser Antithese, und während der Schnee unter
+ihren Füßen knirschte, sang er:
+
+ Wie herrlich leuchtet
+ Mir die Natur,
+ Wie glänzt die Sonne,
+ Wie lacht die Flur!
+
+ Es dringen Blüten
+ Aus jedem Zweig
+ Und tausend Stimmen
+ Aus dem Gesträuch!
+
+und dann warf er ihr ganz sachte und heimtückisch ein Häuflein Schnee
+zwischen Hals und Kragen.
+
+Sie kreischte auf und schüttelte sich, und dann sah sie ihn mit einem
+langen Blick, mit einem Lächeln voll Wehmut und Staunen in die Augen.
+Sie bestaunte dies Wunder einer Fröhlichkeit, die sie in ihrem Leben
+noch nie gesehen hatte, die sie auch bei ihm nicht vermutet hatte;
+denn er war ihr meistens in ernster Stimmung entgegengetreten. Diese
+Lustigkeit berauschte sie, daß sie mit beiden Händen seinen Kopf
+ergriff und ihm das Gesicht mit Küssen bedeckte. – –
+
+ Ich hört’ ein Bächlein rauschen
+ Wohl aus dem Felsenquell
+
+sang er.
+
+»Wo?« rief sie lachend.
+
+Da legte er wieder den Arm um sie und sagte: »Überall. Überall hör’
+ich Quellen rauschen. Hörst du sie _nicht_?«
+
+Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt und die Augen geschlossen.
+»Hier laß mich liegen bleiben und träumen und immerfort deine Stimme
+hören und gar nicht wieder aufwachen.«
+
+Er neigte sich zu ihrem Ohr, wiegte sie sanft in seinen Armen hin und
+her und sang mit leiser, leiser Stimme:
+
+ Horch, horch, die Lerch’ im Ätherblau!
+ Und Phöbus, neu erweckt,
+ Tränkt seine Rosse mit dem Tau,
+ Der Blumenkelche deckt,
+ Der Ringelblume Knospe schleußt
+ Die hellen Äuglein auf:
+ Mit allem, was da reizend ist,
+ Du süße Maid, wach auf!
+
+Da machte sie langsam – weit – weit die Augen auf, und ihre Augen
+waren tiefernst.
+
+»Du bist ein böser Mensch,« sagte sie. »Weißt du, daß du ein böser
+Mensch bist? Ein Zauberer bist du!« und sie riß sich fast ängstlich
+von ihm los und lief ein groß Stück Weges voraus.
+
+Kurz vor dem Quellental hatte er sie wieder eingeholt und den Arm um
+ihre Hüfte gelegt. Und so schritten sie andächtig hinein in einen
+kristallenen Dom von uralten Bäumen.
+
+Hier wohnt ein Gedicht, dachte Asmus; denn die Gedichte wohnten ihm
+wie Dryas und Oreas in Bergen, Bäumen und Grotten, in Wiesen und
+Quellen. Wenn es sich zeigen wollte, dachte er. Da hauchte es ihm ins
+Ohr:
+
+ Wo vom nahen Strauch ein Vöglein schwebt
+ Stummen Fluges durch die träge Luft,
+ Und vom kaum gebog’nen Zweig der Schnee
+ Lautlos fällt auf Schnee .....
+
+Und Asmus lächelte dankbar und heimlich. Dann kamen sie vor die auf
+geringer Erhöhung liegende Mooshütte mit der Inschrift: »#Hoc erat in
+votis#« und gingen hinein. Aber es war ihnen zu warm und dumpfig
+drinnen; sie mußten wieder hinaus. Und bei der eingefrorenen Quelle,
+die am Abhang der kleinen Erhöhung entspringt, warf er seinen Mantel
+in den Schnee, lud sie zum Niedersitzen und setzte sich ihr zu Füßen.
+Er mußte heute immerfort singen. Und während von den Zweigen
+ringsherum von Zeit zu Zeit der Schnee in silbernen Trauben fiel, sang
+er:
+
+ Der Reimer Thomas lag am Bach,
+ Am Kieselbach bei Huntley-Schloß.
+ Da sah er eine blonde Frau,
+ Die saß auf einem weißen Roß.
+
+»Eine braune Frau!« rief sie mit anmutig gespieltem Schmollen.
+
+»Eine blonde Frau,« versetzte er.
+
+»Eine braune Frau.«
+
+»Eine blonde Frau.«
+
+»Hast du schon einmal eine blonde Frau geliebt?« fragte sie ängstlich
+forschend.
+
+»Ich habe keine Frau geliebt vor dir.«
+
+Dann sah sie lange vor sich hin und sagte:
+
+»Wie schrecklich dumm bin ich gewesen.«
+
+»Du?«
+
+»Ja. Weißt du, daß ich einmal furchtbar eifersüchtig gewesen bin?«
+
+»Eifersüchtig?«
+
+»Ja, auf das reizende blonde Mädchen, mit dem du zusammen sangst, auf
+dem Fest in der ‘Treue’ –«
+
+»Auf die kleine Lizzy?«
+
+»Ja. Ich hatte ja immer geglaubt, daß ich dir gleichgültig sei; aber
+als ich euch sah und singen hörte, mit solcher Begeisterung, und als
+eure Stimmen so innig zusammenklangen – das gab mir den Gnadenstoß.
+Bald darauf verlobte ich mich, weil ich mich von allen verlassen
+fühlte – aus Trauer – aus Bangigkeit – aus Trotz – ich weiß es nicht
+mehr.«
+
+»Auch aus Trotz?« fragte er.
+
+»Ja, ja, – o, du darfst mich um des Himmels willen nicht für so gut
+halten wie du es tust – ich bin lange nicht so gut, wie du glaubst –«
+
+»Du?« sagte er langsam, indem er das edle Oval ihres Gesichtes mit
+schwärmenden Blicken umschrieb:
+
+ Du bist die Himmelskönigin,
+ Du bist von dieser Erde nicht.
+
+Da lachte sie laut auf, und mit warnend erhobenem Finger sang sie:
+
+ Ich bin die Himmelsjungfrau nicht,
+ Ich bin die Elfenkönigin.
+ Nimm deine Harf’ und spiel und sing
+ Und laß dein schönstes Lied erschall’n!
+ Doch wenn du meine Lippe küßt,
+ Bist du mir sieben Jahr verfall’n.
+
+Asmus sprang auf und warf sich auf die Knie:
+
+ Wohl, sieben Jahr zu dienen dir,
+ O Königin, das schreckt mich kaum!
+
+ Er küßte sie –
+
+da küßte er sie –
+
+ sie küßte ihn –
+
+da küßte sie ihn.
+
+»Kein Vogel singt im Eschenbaum,« rief Asmus, »aber das schadet
+nichts; wir können’s ja selbst.«
+
+Dann sprangen sie auf; Asmus schüttelte seinen Mantel, daß die Flocken
+stoben, warf ihn sich um und stürmte im Galopp den abschüssigen Weg
+hinab ins dichtere Gehölz hinein, und im Galoppieren sang er laut:
+
+ Sie ritten durch den grünen Wald,
+ Wie glücklich da der Reimer war!
+ Sie ritten durch den grünen Wald
+ Bei Vogelsang und Sonnenschein –
+
+und als sie ihn einholte und von hinten her die Arme um seinen Hals
+schlang, da legte er den Kopf zurück, daß Wange an Wange lag, und
+sang:
+
+ Und wenn sie leis am Zügel zog,
+ Dann klangen hell die Glöckelein.
+
+
+
+
+LII. Kapitel.
+
+Hilde verliebt sich in Semper den Älteren, bekennt sich zu Chamisso
+und entpuppt sich als eine alte Bekannte.
+
+
+Mit der Bekanntmachung ihrer Verlobung hatten sie es nicht im
+geringsten eilig; ob die Welt sie für Brautleute hielt oder nicht, war
+ihnen beiden grenzenlos gleichgültig. Aber seinen Eltern wollt’ er’s
+nicht länger verbergen, obwohl ihn Zweifel befielen, wie sie es
+aufnehmen würden. Eigentlich zweifelte er nur an dem Beifall seiner
+Mutter. Ludwig Semper, das wußte er, so leer ihm das Haus ohne seinen
+Asmus werden mochte, würde Asmussens Erwählte willkommen heißen, bevor
+er sie gesehen; aber Rebekka –? Mütter sind eifersüchtig, und überdies
+war er erst 23 Jahre! Sie wird schelten, dachte er. Aber sie schalt
+nicht; sie schüttelte nur den Kopf und sagte: »Junge, Junge, du bist
+ja noch so jung!«
+
+»Aber Mutter!« rief Asmus lachend und faßte sie bei beiden Schultern,
+»du hast ja auch jung geheiratet!«
+
+»Ja, das war damals auch ganz anders!« rief sie.
+
+Ludwig Semper konnte dieser Geschichtsauffassung nicht beipflichten;
+er wußte noch, wie junge Herzen schlagen, und sagte, Asmus möge seine
+Braut am Sonntag nur mitbringen.
+
+Und an diesem Sonntag feuchtete er keinen Tabak an und grübelte er
+nicht; er hatte seinen guten schwarzen Rock angezogen und ein feines
+weißes Tuch umgelegt – denn ein gesteifter Kragen durfte ihm nicht an
+den Hals kommen – und ging munter und aufgeräumt im Hause umher, und
+wenn er sich allein wußte, sah er mit strahlenden Augen in die Ferne
+und summte vor sich hin: »Tränen, vom Freunde getrocknet.« Und als es
+hieß: »Sie kommen!« und die Tür aufging und Asmus rief: »Da ist meine
+Braut!« da stand Ludwig Semper da wie ein herrlicher, gütiger
+Nordlandskönig, dem sein Erbe die junge Königin zuführt; er streckte
+seine warme kräftige Hand aus und sagte nichts als:
+
+»Seien Sie uns herzlich willkommen!«
+
+Aber als sie sein Lächeln sah, mußte sie ihm entgegenlächeln wie sein
+eigenes Kind, war alle Befangenheit von ihr gefallen wie ein Schleier,
+wußte sie ganz, daß sie aufgenommen sei in den Frieden des Hauses.
+Rebekkas Willkommen war ganz anders. Sie rannte geschäftig hin und her
+und bemühte sich um den Gast, als sei er von einer mehrjährigen
+Nordpolfahrt heimgekehrt und müsse mit allen erfindbaren Mitteln
+aufgetaut, gewärmt, getränkt und gespeist werden. Ein bißchen
+Eifersucht saß ihr wohl trotzdem im Herzen; aber schon beim dritten
+Besuche Hildens sagte sie ganz von selbst:
+
+»Du bist ein süßes Geschöpf!«
+
+Hilde aber sagte schon nach ihrem ersten Besuche auf dem Heimwege zu
+Asmus:
+
+»Du, ich will dich nicht mehr; ich will deinen Vater heiraten.«
+
+»Nun ja,« sagte Asmus trocken, »sprechen Sie mit meiner Mutter. Sie
+ist nun wohl gute vierzig Jahre mit ihm verheiratet und ist mit ihm
+nie auf einen grünen Zweig gekommen; aber ich glaube nicht, daß sie
+ihn losläßt.«
+
+»Da hat sie recht,« sprach Hilde, »den gäbe ich auch nicht her.«
+
+Nach einiger Zeit bat sie um die Erlaubnis, »Vater« und »Mutter« sagen
+zu dürfen, und Ludwig und Rebekka waren froh und stolz, zu ihren acht
+Kindern noch ein so feines und liebes hinzu zu bekommen. Sie hatten
+inzwischen noch eine Tochter bekommen, ohne sie zu kennen. Johannes
+Semper hatte aus Amerika geschrieben, daß er dort ein Weib genommen.
+Das hatte die Alten gefreut; aber Rebekka hatte dazu geweint und
+gesagt: »Nun werden wir ihn wohl nicht wiedersehen.« Asmussen schnitt
+es durchs Herz, als er das hörte.
+
+Bald darauf erfuhr er, warum Hilde sich nach einer Mutter und fast
+mehr noch nach einem Vater sehnte.
+
+Sie sahen sich zwei- oder dreimal die Woche; und wenn sie nicht
+spazieren gingen, saßen sie in Hildens Zimmer stundenlang beieinander
+und waren plaudernd und schweigend miteinander glücklich. Sie
+bereitete vor seinen Augen den Tee und das Abendbrot, und jedesmal war
+es ihm, als ob ihre schlanken, weißen und geschickten Hände das
+einfache Brot und Fleisch in die erlesensten Leckerbissen verwandle.
+Zu Hause aß er wie ein Schulmeister von energischem Appetit; hier
+soupierte er bei denselben Speisen wie ein Gourmet.
+
+In manchen Stunden ergötzte er sich daran, ihr die langen, schweren
+Zöpfe aufzulösen, daß das Haar sie bis zu den Hüften wie ein
+goldbrauner Mantel umfloß, und im duftig-warmen Schatten ihres Haares
+küßte er sie, oder er schmiegte sich eine breite Strähne ihres Haares
+um Hals und Wange und las ihr so ein Gedicht vor, daß er ihr
+mitgebracht. Selten kam er ohne neue Verse zu ihr, und sie war sein
+empfänglichstes und unbestechlichstes Publikum. Wenn er geendet hatte
+und sie ihm freundlich zunickte, dann wußte er, daß das eine
+vernichtende Kritik war. Wenn ihm etwas Rechtes gelungen war, sah sie
+ihn mit großen, ernsten Augen und mit zuckendem Munde an, nahm ihm
+leise das Blatt aus der Hand und las es noch einmal. Und dann bedeckte
+sie das Blatt mit Küssen, und dann seinen Mund, seine Wangen, seine
+Augen mit Küssen, und dann barg sie das Blatt auf ihrer Brust, und er
+wußte, daß sie es wochenlang auf ihrem Herzen trug wie ein Amulett,
+bis es von einem andern abgelöst ward.
+
+Manchmal auch sangen sie, einzeln oder zu zweien, und dann sang er die
+Oberstimme, und sie sang mit einem vollen weichen Alt die
+Begleitstimme; so klang es besser als umgekehrt. Und einmal, als sie
+allein sang, sang sie:
+
+ Er, der Herrlichste von allen,
+ Wie so milde, wie so gut ...
+
+Als sie geendet hatte, fragte er: »Liebst du das Lied?«
+
+»Ja. Ich liebe den ganzen Zyklus unbeschreiblich.«
+
+»Die Verse oder die Musik?«
+
+»Beides. Aber die Verse noch weit mehr als die Musik. Sie sind nach
+meiner Meinung das Schönste, was von der Frau gesungen werden kann.«
+
+»Ja. Mir scheint auch, er hat die Frau nicht besungen, er hat sie
+gesungen. Das Weib, das in diesen Versen dasteht, überragt Gretchen
+und Klärchen an Schönheit, Lieblichkeit und Größe; es ist von
+klassischer Hoheit, aber es ist nicht antike, es ist deutsche Klassik.
+Wir haben überhaupt nur wenig so deutsche Dichter wie diesen
+Franzosen. Da fällt mir ein: ich wollte dich immer schon fragen, woher
+dein französischer Name stammt.«
+
+»Meine Urgroßeltern väterlicherseits wohnten im Elsaß.«
+
+»Ah – daher dein französisches Aussehen.«
+
+»Hast du’s nicht gern?«
+
+»Ich glaube, den Beweis erbracht zu haben. Du bringst das Kunststück
+fertig, pikant und deutsch zu sein.« Und dann rezitierte er leise:
+
+ Wandle, wandle deine Bahnen;
+ Nur betrachten deinen Schein,
+ Nur in Demut ihn betrachten,
+ Selig nur und traurig sein!
+
+ Höre nicht mein stilles Beten,
+ Deinem Glücke nur geweiht;
+ Darfst mich niedre Magd nicht kennen,
+ Hoher Stern der Herrlichkeit.
+
+ Nur die Würdigste von allen
+ Soll beglücken deine Wahl,
+ Und ich will die Hohe segnen,
+ Segnen viele tausendmal.
+
+»Heute gibt es nicht wenig Frauen, die darüber lachen und höhnen,«
+sprach er.
+
+»Kann man anders empfinden, wenn man liebt?« fragte sie. »Ich
+wenigstens kann mir keine andere Liebe denken.«
+
+»Und eine Frau, die so empfindet,« fuhr er fort, »wird im Hause des
+Mannes die stolzeste der Frauen sein, _sie_ wird der ‘Stern der
+Herrlichkeit’ sein, zu dem Mann und Kinder in der Stille ihres Herzen
+beten, zu dem sie aufblicken, wenn sie den Glauben an die Welt
+verloren haben und wiederfinden möchten.«
+
+»Muß sie dann nicht eine Heilige sein?«
+
+»Nein, so wenig wie je ein Mann die Verehrung verdienen kann, die aus
+den Frauenliedern Chamissos klingt. Nicht das entscheidet ja, was wir
+sind – du lieber Gott, wo bliebe ich! –, sondern wie sehr wir geliebt
+werden, das entscheidet. Das ist die Wahrheit des Christentums, daß
+uns Liebe erlöst.«
+
+»Asmus,« rief sie ängstlich, »ich zittere und bange, wenn du mich über
+dich erhebst. Wenn du wüßtest, wie wenig ich das verdiene –«
+
+»Zittere und bange nur,« rief er, »ich habe Mut, wenn ich dich ansehe,
+einen Mut, einen Mut –«
+
+Er riß sie jauchzend an sich und küßte sie, daß sie aufschrie.
+
+Und einmal, als er so bei ihr saß, in ihrem Nähkästchen kramte und mit
+allerlei zierlichen Büchschen und Kästchen spielte, die er darin fand,
+holte er einen Glasmarmel daraus hervor, eine durchsichtige Glaskugel,
+in der man eine geflügelte Gestalt, eine Fortuna, wie es schien,
+erblickte.
+
+»Sieh da,« sagte er, »genau solch einen Marmel hab’ ich auch einmal
+besessen. Eigentlich ein hübsches Symbol, wenn ich es jetzt betrachte.
+Die Glücksgöttin nicht über der Welt, sondern in der Welt, sie selbst
+nur ein Stück der rollenden Notwendigkeit ...«
+
+»Ich weiß eigentlich selbst nicht,« sagte sie lächelnd, »warum ich ihn
+immer aufgehoben habe. Wenn man solch ein Ding lange bei sich verwahrt
+hat, ist es gerade, als hätt’ es ein Recht an uns erworben, und wenn
+man es wegwerfen will, ist es, als säh es einen vorwurfsvoll an, und
+man kann es nicht aus den Fingern loswerden. Ich hab’ ihn vor vielen
+Jahren von einem kleinen Jungen bekommen.«
+
+Sie sagte das, indem sie sich auf ihre Näharbeit bückte; aber es war
+ihr, als zöge eine geheime Kraft ihren Kopf empor, und als sie
+aufblickte – wirklich, da starrte Asmus sie an mit einem Blick, der
+aus der Ferne einer längst vergangenen Zeit zu kommen schien.
+
+»Von einem kleinen Jungen hast du ihn bekommen?« sprach er langsam.
+»Wann? Wo?«
+
+»Ja, wenn ich das noch wüßte! – Was hast du? Warum bist du –«
+
+»Bitte, frag’ mich jetzt nicht – sag’, wann es war und wo?«
+
+»Ja – zwölf Jahre ist es zum mindesten her – ich weiß nur noch: ich
+saß auf der steinernen Treppe vor einer Gastwirtschaft und wartete auf
+meinen Vater, der erledigte drinnen ein Geschäft, da kam der kleine
+Junge und schenkte mir den Marmel.«
+
+»Hilde,« rief Asmus mit seltsam leuchtenden Blicken, »sah der Junge
+aus wie ein kleiner, dicker Asmus Semper?«
+
+Hilde starrte ihn sprachlos an.
+
+»Hilde,« rief er, »du hast einen Onkel in Griechenland –«
+
+»Ich hatte ihn – er ist tot –«
+
+»Den nannte man den ‘König der Mainotten’!«
+
+»Ja!«
+
+»Hilde! Wir haben uns also vor zwölf Jahren schon gesehen! Der kleine
+Junge war ich! Vor zwölf Jahren schon sind wir uns begegnet.« Er war
+so bewegt, daß er aufspringen und auf und ab gehen mußte. Und er
+erzählte ihr, wie wundersam ihn damals die Begegnung mit dem
+lieblichen, traurigen Kinde ergriffen habe, wie er wochenlang fast
+täglich nach der Wirtschaft zwischen den Bahndämmen in Oldensund
+gelaufen sei, um die »Königin der Mainotten« wiederzufinden – denn sie
+hatte erzählt, der Onkel wolle sie zu seiner »Königin« machen – wie er
+sie niemals wiedergesehen, aber wie ihre Erscheinung und ihr Wesen ihn
+mit einem jahrelang nachleuchtenden, tröstenden Licht erfüllt habe.
+
+»Hilde! Hilde!« – –
+
+Und ihr Gespräch ward ein leises, trauliches Fragen und Erzählen; sie
+erzählte ihm die Geschichte ihres Lebens. Was sie nicht erzählte, das
+ergänzte er sich leicht aus dem Zwange der Tatsachen und aus dem, was
+er früher von ihr und von andern gehört. Und immer wieder fühlte Asmus
+mit Beschämung, wie sehr ihn von je das Glück begünstigt habe, schon
+dadurch, daß er bis heute zwei liebende und geliebte Eltern besessen,
+und wieviel mehr der Kraft, des Mutes, der Liebe das Leben von ihr
+gefordert hatte als von ihm!
+
+
+
+
+LIII. Kapitel.
+
+Enthält die Geschichte Hildens vom Marschall Davoust an bis zu
+Fräulein Paulsen.
+
+
+Napoleon und sein Marschall Davoust hatten den Urgroßeltern Hildens
+ihr Glück zerstört. Diese hatten zu den 20 000 gehört, die man zu den
+Toren Hamburgs in Hunger und Kälte hinausgejagt, und Hildens
+Urgroßvater war unter denen gewesen, die auf dem Wege nach Oldensund
+zugrunde gegangen. Die seelenstarke Frau hatte selbst den toten
+Gatten bis nach Oldensund getragen, und dort hatte er teilgenommen an
+jenem ewig klagenden Grabe, das Friedrich Rückert besungen hat.
+
+ Wo finden wir Kost und Kleider,
+ Wir zwanzigtausend an Zahl?
+ Die andern schleppten sich weiter,
+ Wir blieben hier zumal.
+
+ Wir konnten nicht weiter keuchen,
+ Erschöpft war unsere Kraft:
+ Frost, Hunger, Elend und Seuchen
+ Sie haben uns hingerafft.
+
+ Ein ungeheurer Knäuel,
+ Zwölfhundert oder mehr,
+ Es zieht sich über den Greuel
+ Ein dünner Rasen her.
+
+Über diesen Rasen war Asmus in früher Kindheit spielend
+dahingesprungen – wie manchesmal!
+
+Die arme gute Großmutter, die das Elend der Eltern schaudernd
+miterlebt und früh den Gatten verloren hatte, war ein Stern in Hildens
+Jugend gewesen. Eine kindlich-fromme Frau, die ihren Glauben nicht als
+eine Tugend, sondern als ein Geschenk ihres Heilandes empfand, lehrte
+sie ihre Enkelkinder beten und geistliche Lieder singen. Aber nicht
+nur geistliche Lieder sang sie, sie sang:
+
+ Ich denk an euch, ihr himmlisch schönen Tage
+ Der seligen Vergangenheit!
+ Komm Götterkind, o Phantasie, und trage
+ Mein sehnend Herz zu seiner Blütezeit!
+
+und sobald sie das sang, stand die kleine großäugige Hilde an ihren
+Knien und trank ihr das Lied von den Lippen, und sie wußte, wenn die
+Großmutter das sang, dann erzählte sie auch bald von der Franzosenzeit
+und von lieben Toten. Unter dem Herzen dieser Frau hatte Hildens
+Mutter gelegen, und die grenzenlose Güte dieses Herzens war auf die
+Tochter übergegangen, nicht aber seine Festigkeit und Stärke. Hildens
+Mutter gehörte zu jenen Menschen, die aus Gutmütigkeit heiraten können
+und ihr Mitgefühl mit dem Werbenden für Liebe nehmen. Sie war wehrlos
+in der Hand ihres Mannes.
+
+Dieser Mann war der schwere, ewig lastende Schatten in Hildens
+Kindheit. Er war ein Selbstling von jener Art, die in Gegenwart eines
+vor Hunger Sterbenden einen Kapaun mit Genuß verzehren kann, die
+vielleicht ein Stückchen hergeben würde, wenn man sie daran erinnerte,
+aber nie von selbst auf diesen Gedanken verfällt. Als »Kaufmann« – er
+vertrieb als eine Art Stadtreisender allerlei Dinge für andere
+Geschäfte – dejeunierte, dinierte und soupierte er in besseren
+Restaurants und empfand es wie eine Niedertracht von seiner Frau, daß
+sie immer wieder Mittel für den Haushalt verlangte. Die wenigen Bissen
+aber, die er den Seinen hinwarf, würzte er ihnen mit hämischen,
+kränkenden Reden, und wenn er vollends angetrunken nach Hause kam,
+dann konnte er stundenlang immer in derselben Sofaecke sitzen und
+immer dieselben peinigenden Bosheiten wiederholen.
+
+Es war ein schlimmer, schlimmer Tag gewesen, als aus diesem Hause die
+Großmutter für immer geschieden war. Und nicht zu mahnen brauchte man
+die Kleine, daß sie hingehe und die Blumen auf dem Grabe der
+Heimgegangenen begieße! An jedem Tage der milderen Jahreszeit machte
+sie sich unaufgefordert auf den Weg nach dem Friedhof. Und wenn sie
+ihr frommes Werk getan hatte, setzte sie sich auf das Gitter des
+Grabes und dachte daran, wie schön die Großmutter gesungen hatte:
+
+ Umglänze mich, du Unschuld früher Jahre,
+ Du mein verlor’nes Paradies!
+ Du süße Hoffnung, die mir bis zur Bahre
+ Nur Sonnenschein und Blumenwege wies.
+
+Und bei dem Wort »Bahre« sah sie immer die Großmutter auf der Bahre
+liegen, und dann mußte sie weinen. – Neben der Großmutter lag auch die
+Tante Romona, die wunderschöne Spanierin Romona Viego, die mit 24
+Jahren schon acht Kinder gehabt hatte, und das jüngste lag ihr im Arm.
+Das war eine gefeierte Sängerin gewesen, und als die kleine Hilde
+einmal die herrliche Frau gesehen hatte, auf dem Divan liegend, ganz
+in weißen Gewändern und eine Zigarette rauchend, da war sie ihr als
+die oberste und heiligste aller Frauen erschienen. Das Grab der Tante
+Romona pflegte sie auch, und dann wandelte sie oft stundenlang
+zwischen den Hügeln des Friedhofes schauend und sinnend umher und
+fühlte sich heimischer als in der Gegenwart ihres Vaters.
+
+Zwischen diesem Manne und seiner ältesten Tochter war ein Gegensatz
+von Ewigkeiten her. Ihr Wesen war von jenem Adel getragen, dem am
+letzten Ende doch mit aller Brutalität nicht beizukommen ist, der wie
+eine uneinnehmbare innere Festung das Herz umgibt. Das aber ärgerte
+ihn, reizte ihn, und er schalt sie hochmütig, übergeschnappt und
+verhöhnte ihren regen Bildungstrieb. Sie duldete tapfer an der Seite
+ihrer Mutter und half ihr heimlich, soviel sie konnte, in ihren
+Ängsten und Nöten. Ihrem stolzen, wahrheitsliebenden Wesen war alle
+Heimlichkeit zuwider; aber sie begriff, daß es gegen einen gemeinsamen
+Feind zusammenzustehen galt. Und sie fürchtete ihn; er hatte sie
+wiederholt geschlagen. Einmal hatte er sie geschlagen, als sie bis
+spät in die Nacht das Haus hatte hüten müssen und eingeschlafen und
+durch langes Klopfen und Rütteln an der geschlossenen Haustür nicht zu
+erwecken gewesen war. Da, als sie wieder einhüten sollte und der Vater
+ihr streng befohlen hatte, weder zu schlafen noch sich einzuschließen,
+setzte sie sich an die Haustür, lehnte den Kopf dagegen und schlief
+beruhigt ein. Wenn die Haustür aufging, mußte sie ihren Kopf treffen,
+und dann mußte sie sicher erwachen. Als die Eltern sie so fanden,
+erklärte die Mutter, daß sie nicht wieder ausgehen werde, wenn das
+Kind nicht zu Bett gehen dürfe, was ihrem Gatten zu sehr ausgedehnten
+und sehr ironischen Bemerkungen Anlaß gab.
+
+Nur nach langen Kämpfen und unter verletzend spöttischen Glossen hatte
+er zugegeben, daß Hilde dem dringenden Rat ihrer Lehrer folge und ins
+Präparandeum eintrete. Und bald nachdem dies geschehen, hatte er
+seine Familie verlassen. Er gab ihnen keinen Pfennig zu ihrem
+Unterhalt; aber dennoch wünschten sie ihn nicht zurück; trotz allem
+Mangel und aller Sorge schien es ihnen, als wäre der Himmel heiterer
+geworden. Mit treu vereinten Kräften schlugen sie sich durch. Aber
+dann wurde die Mutter krank und kränker, und endlich lag sie ein
+ganzes Jahr lang auf dem Schmerzenslager. Nun mußten sie den Gatten
+und Vater doch an seine Pflicht gemahnen, und auf Mahnen und Drängen
+kam er ihr halbwegs und mit Verwünschungen nach. Hätte Hilde nicht
+eine Freundin gehabt, die ihr oft geholfen, so hätte sie das Seminar
+verlassen und einen Dienst annehmen müssen. Aber es kam der Tag, da
+sie mit drei kleineren Geschwistern am Sarge der Mutter stand. Da
+plötzlich erschien auch eine Tante mit ihren Töchtern und mit
+Trauerkränzen, und siehe, sie erhoben ein mehrstimmiges, schallendes
+Klagegeheul.
+
+»Geht hinaus!« sagte Hilde.
+
+Die Tante glaubte nicht recht zu hören.
+
+»Drei Jahre hat sie gelitten, und Ihr habt Euch nicht um sie und nicht
+um ihre Kinder gekümmert. Geht hinaus und nehmt Eure Kränze mit.«
+
+Und die Klageweiber schlichen betreten mit ihren Kränzen davon.
+
+Ein Bruder ihrer Mutter gab ihnen nun das Notdürftigste zum Leben. Die
+Verstorbene hatte immer darauf gehalten, daß ihre Kinder, wenn es
+irgend zu erschwingen war, am Sonntag einen Kuchen bekämen. Und eines
+Sonntags kaufte Hilde ihren Geschwistern für wenige Pfennige ein paar
+Kuchen, weil sie die verlangenden Blicke der Kleinen nicht ertragen
+konnte. Das hörte der Onkel und überhäufte sie mit Vorwürfen, daß sie
+nichts verdiene und fremdes Geld noch obendrein vergeude. Da beschloß
+sie, ein Ende zu machen. Sie ging zum Armenpfleger und sorgte dafür,
+daß ihre Geschwister bei wackeren Leuten ihrer Bekanntschaft
+untergebracht würden. Und dann ging sie zum Seminardirektor, um ihren
+Austritt aus dem Seminar anzumelden. Sie wollte einen Dienst annehmen,
+und wenn es der niedrigste wäre. Nur nicht mehr von der Gnade der
+Menschen abhängen!
+
+Herr Direktor #Dr.# Korn war noch im Schlafrock und Pantoffeln; aber
+er dachte nicht daran, diese Toilette einer jungen Dame wegen zu
+ändern.
+
+»Was wünschen Se?« fragte er unwirsch.
+
+Sie erklärte, daß sie auszutreten wünsche.
+
+Er starrte sie an und sagte: »Se sind wohl nicht recht jescheit.
+Jetzt, wo Se ’n halbes Jahr vor der Prüfung stehen?«
+
+Sie erklärte ihm, daß sie müsse und warum sie müsse.
+
+»Hm. Und wat woll’n Se denn jetzt anfangen?«
+
+»Irgendeinen Dienst annehmen.«
+
+»I Jott bewahre. Det jiebt’s nich. Wir lassen Se nich los. Wir jeben
+Ihnen in einem unserer Schulhäuser ’ne Wohnung, umsonst, mit Feurung.
+Für’s Essen wird sich auch Rat finden. Und vielleicht läßt sich auch
+noch irgendwo ’n kleines Stipendium losmachen.«
+
+Hilde hatte Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken.
+
+»Also austreten is nich. Det schlagen S’ sick man aus’m Kopf.«
+
+»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Direktor,« stotterte
+Hilde.
+
+»Is auch jar nich nötig. Halten Se man’n Kopf hoch.«
+
+»Vielen, vielen Dank, Herr Direktor.«
+
+»Bitte« sagte Korn _nicht_; all dergleichen Überflüssigkeiten
+verachtete er.
+
+So war nun der äußersten Not gewehrt, aber freilich nur der äußersten.
+Wohl hatte sie sechs Freitische: aber die Woche hatte noch immer
+sieben Tage, und auch am Morgen und am Abend empfindet der Mensch ein
+Bedürfnis nach Nahrung. Damit nun ihre Mitschülerinnen nicht auf den
+Gedanken verfielen, daß sie nichts zu essen habe, versagte sie sich
+das Abendbrot: dann hatte sie ein paar Groschen für ein Frühstück.
+Auch war es für ein siebzehnjähriges Mädchen ein unheimliches Wohnen
+hoch oben in dem verlassenen Schulhause, und in verzweifelten
+Augenblicken flüchtete sie sich in den Keller, an den Herd der
+Schuldienerfamilie. Aber es kam die Prüfung, die sie mit Auszeichnung
+bestand, und mit ihr kam das befreiende Gehalt von achthundert Mark
+#pro anno#. Als sie die erste Vierteljahrsrate empfangen hatte, zahlte
+sie zunächst alle ihre Schulden, und dann ging sie hin und kaufte für
+die Schuldienerfrau ein Geschenk, weil sie der Meinung war, daß man
+erwiesene Freundlichkeiten vergelten müsse, sobald man die Mittel dazu
+habe. Ihre Sympathie mit Ludwig Semper war nicht ohne einen tiefen
+Grund.
+
+Inzwischen aber war der reiche Onkel in Griechenland gestorben, der
+Besitzer großer Marmorbrüche, der »König der Mainotten«, der einmal
+gesagt hatte, wenn Hilde groß sei, solle sie seine Königin werden. Wie
+ein Meteor war er damals aufgetaucht und verschwunden. Nun war er tot,
+und alle Verwandten reisten nach Griechenland, um die Erbschaft in
+Empfang zu nehmen, nur die Chavonnes nicht; denn die hatten kein Geld
+zum Reisen. Und nach einiger Zeit hieß es, die Chavonnes seien bei der
+Erbschaft ausgefallen, der Onkel habe sie in seinem Testament nicht
+bedacht. Um ihrer Geschwister willen ging Hilde zu einem Anwalt, und
+der erklärte, wenn man viel Geld habe, könne man nach Griechenland
+prozessieren. »Das haben wir nicht,« sagte Hilde und ging mit dem
+ruhigsten Herzen von der Welt von dannen. Sie war ja imstande, sich
+selbst zu helfen; ihre Schwestern hatten ihr Auskommen, und ihren
+Bruder, der ein Handwerk lernte, konnte sie immerhin mit Taschengeld
+versorgen. In solcher Vermögenslage sich mit den Verwandten um Geld
+schlagen? Wozu?
+
+Auch bekam sie ja Privatstunden, mehrere Privatstunden an der Schule
+einer unglaublich frommen Schulvorsteherin. Aber Hilde hatte nicht
+mehr die Frömmigkeit der Großmutter; eine andere Frömmigkeit war in
+ihr emporgewachsen. Und als die gute alte Dame, die die junge Lehrerin
+ob ihres Wissens und ihres Lehrgeschicks nicht genug rühmen konnte,
+ihr auch den Geschichtsunterricht übertragen wollte, da lehnte sie ab.
+
+»Das kann ich nicht,« sagte sie. »Ich habe gehört, wie Sie
+den Geschichtsunterricht erteilen. Sie geben einen frommen
+Geschichtsunterricht; überall sehen Sie Gottes Fügung. Das – das kann
+ich nicht. Wenigstens _so_ nicht.«
+
+Da sah das kleine alte Fräulein Paulsen geraden Blickes hinauf in
+Hilde Chavonnes weit offene, dunkelleuchtende Augen und sagte: »Geben
+Sie nur ruhig den Geschichtsunterricht. Was Sie tun, kann nicht
+schlecht sein.«
+
+
+
+
+LIV. Kapitel.
+
+Asmus ringt mit höheren Töchtern und besteht ein schweres Examen nur
+mangelhaft.
+
+
+Als Hilde geendet hatte, ergriff Asmus leise ihre Hand und bedeckte
+sie mit langen, andächtigen Küssen. Das viele Leid, das sie erlitten,
+hatte sie ihm zwiefach geheiligt. Er unterschied sich insofern gewiß
+nicht von anderen Menschen, als ihm Geld und Gut keineswegs zu den
+unnötigen und unerfreulichen Dingen gehörten; aber doch schien es ihm,
+daß er dies Mädchen um seiner Armut und seiner Kämpfe willen nun
+doppelt und dreifach liebe. Auch war die Armut etwas, das nun mit
+jedem Tage mehr schwinden mußte. Nächste Ostern bekam er schon 1600
+Mark Gehalt; dann wollten sie heiraten.
+
+»Was? Ostern wollt ihr schon heiraten?« rief Frau Rebekka.
+
+»Bald nach Ostern, ja.«
+
+Das schien gar nicht nach Rebekkens Sinne zu sein.
+
+»Ich laß euch deshalb ja nicht im Stich,« sagte Asmus. »Hab’ deshalb
+nur keine Sorge.« Von den 1600 Mark und von den 200 Mark, die er mit
+Privatstunden verdiente, konnte er seinen Eltern ja leicht noch
+abgeben, ohne daß er und sein Weib Mangel litten.
+
+Die 200 Mark waren allerdings ein hartes Brot. Wenn er in seiner
+Schule fertig war, hastete er nach einer »Höheren Töchterschule«, um
+dort im Singen und im deutschen Aufsatz zu unterrichten. Es waren
+richtige »höhere« Töchter, das heißt sie hatten das Bewußtsein, zu den
+höheren Dingen zu gehören. In den sogenannten besseren Hamburger
+Familien ist der Klassendünkel nicht selten bis zur vollkommenen
+Verblendung entwickelt, und dieser traditionelle Geist oder Ungeist
+überträgt sich auf die Kinder. Es waren wohl liebe und gescheite
+Mädchen darunter; eine große Anzahl aber ging von dem Grundsatze aus:
+»Wie kämen wir dazu, zu antworten und uns anzustrengen; unser Vater
+bezahlt ja.« Asmus kam bald dahinter, daß seine Meinung, die
+wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« Familien zu unterrichten und
+zu erziehen, sei keine Kunst, ein ganz erheblicher Irrtum gewesen war.
+Im Gegenteil; er stieß hier gelegentlich auf raffinierte
+Niederträchtigkeiten und herzlose Tücken, die weit betrübender und
+hoffnungsloser waren als die Roheiten seiner Schüler aus der
+Hafengegend. Dazu waren die Machtmittel des Lehrers hier geringer.
+Einen Lümmel unter den Jungen nahm man, wenn’s not tat, beim Ohr oder
+versetzte ihm eine Ohrfeige – er hielt den Körper eines Schlingels
+nicht für unantastbar und erinnerte sich sehr gut, daß manche der
+Schläge, die er als Junge empfangen, ebenso begründet als nützlich
+gewesen waren – aber dergleichen Mittel waren bei Mädchen freilich
+ausgeschlossen. Obendrein standen die meisten seiner Schülerinnen im
+zwölften oder dreizehnten Lebensjahre, das will sagen: in den
+weiblichen Flegeljahren. Er bemühte sich, seinen Unterricht so
+anziehend wie möglich zu gestalten; aber eine ganze Reihe dieser Damen
+war gleichwohl von der Existenzberechtigung eines Lehrers nicht zu
+überzeugen. Endlich fand er dennoch ein Mittel, sie zu bändigen. Wenn
+eine sich mit besonderer Wohligkeit auf den passiven Widerstand
+verlegte, so las er einfach der Klasse ihren Aufsatz vor. Das half.
+Wenn er las:
+
+»Antigone hatte sich an dem zarten Bande ihres Schleiers
+emporgeknüpft,« oder »Schiller setzte dem wackeren Pfarrer Moser in
+seinen »Räubern« ein Denkmal, indem er den Räuberhauptmann nach ihm
+benannte,« oder »Er konnte den unbequemen Laut seines Innern nicht zum
+Schweigen bringen«; und wenn dann alles in stürmische Heiterkeit
+ausbrach (auch die, die Schlimmeres geschrieben hatten), dann fühlten
+sie doch etwas wie das Walten einer Nemesis. Asmus hatte entdeckt, daß
+die weibliche Seele außerordentlich empfindlich ist gegen den Spott,
+und von nun an brauchte er nur zu sagen:
+
+»Bertha Klapp, ich werde nächstens wieder einen Aufsatz vorlesen –«
+dann wurde Bertha ohne weiteres umgänglich.
+
+Von solchen und anderen Strapazen erholte er sich, indem er sich unter
+Hildens Oberaufsicht zum zweiten Examen vorbereitete, zu jenem Examen,
+das die feste Anstellung gewährleistete. Es war die lustigste und
+erfrischendste Büffelei von der Welt. Sie pilgerten hinaus in jenen
+anmutigen Garten »Zum Morgenstern«, wo sie sich um Erika und Calluna
+gestritten hatten, setzten sich in eine Laube und tranken Kaffee. Dann
+gab er ihr den betreffenden Schmöker in die Hand, und sie fragte ihn
+mit redlichem Eifer, was darin stand. Es war eine der schwersten
+Prüfungen, die man sich denken kann, viel schwerer als die
+gewöhnlichen; denn gewöhnlich haben die Examinatoren nicht solche
+Augen, solche Nase, solche Wangen, solchen Mund, solches Haar, solche
+Stimme! Eine Stunde wohl und länger gab er ihr treulich auf alles
+Bescheid, bis ihm die Sache doch zu unnatürlich wurde.
+
+»Einen Schluß nach Celarent,« verlangte sie von ihm.
+
+»Einen Schluß nach Celarent? #Bon!#«
+
+Kein Weib ist schön (nach Schopenhauer)!
+
+Alle Hilden sind Weiber.
+
+Also keine Hilde ist schön.«
+
+Sie drohte mit dem Finger. »Herr Semper? Ich werde Sie durchfallen
+lassen!«
+
+»Ach bitte, Herr Professor, lassen Sie mich nicht durchfallen, ich
+möchte so gern heiraten!«
+
+»Haha, heiraten wollen Sie? Wen denn?«
+
+»Ein entzückendes, ein wonniges, ach Gott, ein – Sie haben ja keine
+Ahnung, Herr Professor. Erlauben Sie, daß ich Sie küsse –«
+
+»Was fällt Ihnen ein!« Sie stieß ihn auf seinen Platz zurück. »Bilden
+Sie einen Schluß nach Darii!«
+
+»Nach Darii? Wie Sie wollen.
+
+Alle Basen färben rotes Lackmuspapier blau.
+
+Hilde ist eine Base.
+
+Also färbt Hilde rotes Lackmuspapier blau.«
+
+Dann sah sie wohl ein, daß mit ihm nichts mehr anzufangen sei; sie
+klappte lachend das Buch zusammen und schlug ihm damit auf die Finger.
+
+»Lieber, süßer Professor,« rief er, »die Logik, die Sie mir da
+abfragen, ist ja der gottvergessenste formalistische Quatsch, ist ja
+das blankste scholastische Blech von der Welt! Bevor ich etwas davon
+wußte, hab’ ich genau so konsequent gedacht wie jetzt, oder
+konsequenter. Ach bitte, Herr Professor, tun Sie Ihr Täschchen auf und
+geben Sie mir vom Brote des Lebens.«
+
+Dann verzehrten sie den Proviant, den Hilde mitgebracht und den sie
+mit gewohnter Delikatesse bereitet hatte; er ließ es sich mit Ausdauer
+schmecken und meinte: »Die Brotgelehrten haben doch nicht so ganz
+unrecht.«
+
+Zu solchen Stunden brachte er wohl auch trotz aller Examenbüffelei ein
+Gedicht mit, und eines Tages brachte er ihr eins, das eine
+»hartnäckige Liebe« besang.
+
+ Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht.
+ Er rettete damals die beiden Dänen,
+ Ihr wißt wohl – es wollte keiner dran –
+ Er riß sie dem blanken Hans aus den Zähnen.
+
+ Nun war da die Antje Nissen – ei ja,
+ Die mochte dem starken Jan wohl taugen!
+ Schmuck war sie, alles was recht ist – man bloß:
+ Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen.
+
+ Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts.
+ Und so freit’ er um Antje. Sie ziert’ sich nicht lange
+ Und sagte Ja und ward seine Braut.
+ Aber als sie’s war, da ward ihm doch bange.
+
+ Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg!
+ Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen,
+ Dann ist die Hochzeit. Sie läßt mich nicht los.
+ Aber sie ist ein Stachelrochen.
+
+ Da – denkt euch – da kommt ihm Hilf’ in der Not!
+ Bei Südsüdost wird Jan Reimers verschlagen –
+ Er rennt auf die Klippen – das Schiff zerkracht –
+ Eine Planke hat ihn nach England getragen.
+
+ Sein erster Gedanke war: »Jung, wat’n Glück,
+ Nu bin ick verschollen! Das ’s Gottes Wille!«
+ Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag
+ Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille.
+
+ Sein Ewer freilich war Grus und Mus.
+ »Na ja,« denkt Jan, »wat is dor Slimm’s bi!
+ Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.«
+ Und er lebte drei Jahre vergnügt in Grimsby.
+
+ Aber die Welt ist ein Rattenloch.
+ Ein Landsmann muß ihn gesehen haben. –
+ Jan bummelt am Hafen, die Fäust’ in der Tasch’,
+ Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben –
+
+ Da hört er plötzlich – ihm schießt’s in die Knie –
+ Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme:
+ »Jan Reimers! Jan Reimers!« Ihm war’s als rief
+ Des jüngsten Tages Posaun’ ihn mit Grimme!
+
+ Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub!
+ Da ruft Antje Nissen: »Du solltest dich schämen!
+ Nun tu’ doch nicht so, als wenn du nicht hörst.
+ Du Feigling, du!«
+ Da mußt’ er sie nehmen.
+
+Sie lachte, als er geendet hatte, und dann nahm er noch einmal das
+Blatt und schrieb mit Bleistift oben über das Gedicht:
+
+ »Meiner Antje Nissen
+ In Schauern der Ehrfurcht gewidmet.«
+
+Da lachte sie noch herzlicher, und ihr Lachen führte immer unfehlbar
+zum Küssen. Vom Küssen kamen sie dann wieder ins Lachen, kurz, es war
+der alte wohlbekannte #circulus vitiosus# der ja in der Logik eine
+wichtige Rolle spielt.
+
+Es kann nicht von allen Szenen dieser Art berichtet werden, um so
+weniger, als sie für den älteren Leser eher ärgerlich als unterhaltend
+sind. Nur so viel sei gesagt: Sie liebten sich so zärtlich, daß sie
+die zärtlichen Worte und Kosenamen unseres Sprachschatzes längst
+verbraucht hatten und, wenn sie ihre ganze Liebe in ein recht von
+Grund aus erschöpfendes Wort pressen wollten, zu Injurien greifen
+mußten. Wenn er sie zu hart angefaßt hatte, rief sie mit einem
+goldenen Lachen in den Augen: »Du Gassenjunge du, du Rowdy!« und er
+flüsterte mit überquellendem Jubel: »Du Hexe du, du Teufelsweib!« und
+meistens, wenn sie dergleichen gesagt hatten, kam gerade der Kellner.
+Asmus Semper war damals noch recht unbekannt, sonst würde gewiß eines
+Tages in den Zeitungen gestanden haben, daß er und seine Braut sich
+»Hexe« und »Gassenjunge« schimpften.
+
+Wenn sie dann nach der hochnotpeinlichen Prüfung an die Elbe
+hinunterwanderten, sich in den Sand streckten und die Schiffe kommen
+und gehen sahen, wenn Hilde heimlich herbeischlich, ihr Gesicht leise
+über das seine neigte und ihn küßte, wenn dann alles Glück der
+Kindheitserinnerung mit dem Glück der Gegenwart in Asmussens Herzen
+zusammenschmolz, dann mußte er laut oder schweigend ein Dankgebet
+sprechen. Er, dem in trüben und schweren Tagen nie der Gedanke an
+einen persönlichen, väterlich waltenden Gott kam, in Augenblicken
+überwältigenden Glückes hatte er das Bedürfnis nach irgendeinem Wesen,
+dem er danken könne, und unter Lachen und Tränen rief er stumm oder
+mit lautem Jubel in den Himmel hinauf: »Herrgott, du verwöhnst mich,
+du verwöhnst mich entschieden! Lieber Gott, laß mich nicht ersticken
+in meinem Glück!«
+
+
+
+
+LV. Kapitel.
+
+Zeichnet sich durch Kürze aus, die aber nicht Schuld des Verfassers
+ist.
+
+
+Nach dem zweiten Examen wollte Murow, der Seminardirektor, ihn an die
+Seminarschule ziehen. Aber Asmus lehnte abermals dankend ab.
+
+Und bald darauf machten die beiden sich auf, eine Wohnung zu suchen.
+In einer westlichen Vorstadt Hamburgs, in einem Hinterhäuschen, fanden
+sie zwei Zimmer, eine Kammer und eine Küche. Als sie diese Räume
+sahen, waren sie mit einem einzigen Blicke einverstanden: Hier kann
+das Glück wohnen. Als Asmus dem Hauswirt den »Gottespfennig« in die
+Hand drückte, war der erstaunt über die Größe des Geldstücks. Es war
+ein Taler. Heute konnte Asmus es sich leisten, Grundeigentümer zu
+beschenken. Er war dem Manne so dankbar, daß er ihm die reizende
+Wohnung abgelassen hatte!
+
+Als er aber für einen Aufsatz, den er in einer Zeitschrift
+veröffentlicht hatte, ein ansehnliches Honorar empfangen hatte,
+schenkte er der Geliebten ein Kleid von weißer Seide, und ihre
+Kolleginnen und Freundinnen schenkten ihr dazu einen Einsatz von
+köstlicher Stickerei. Wie eine Königin sollte sie aussehen.
+
+Die Ausstattung der künftigen Wohnung war ein ununterbrochenes Fest.
+Jeder Stuhl und jedes Kissen war eine Freude für sich, und wenn sie
+ein Dutzend Teller kauften, so waren es zwölf Freuden auf einmal. Als
+aber am Abend vor der Hochzeit die Freundinnen zu Hilden in das
+künftige Heim kamen, um die letzte Hand an den Brautputz zu legen,
+siehe, da hatte der treuherzige Handwerksmann die längst versprochenen
+Sitzmöbel noch immer nicht geliefert. Kurz entschlossen setzten sich
+die Mädchen in einem Kreis um Hilden herum auf den Fußboden und
+durchflochten ihr heiteres Werk mit Lachen und Singen.
+
+In einem Gartenlokal am Elbufer sollte die Hochzeit gefeiert werden.
+Nicht umsonst zog es ihn in heiligen Tagen seines Lebens immer wieder
+an diesen Strom; auf seinen Fluten war die Seele des Knaben und des
+Jünglings von je in alle Fernen der Hoffnung gewandert.
+
+Mit Wolken und leisem Regen begann der Hochzeitstag, und auch, als sie
+aus dem Wagen stiegen, regnete es ein wenig. »Es regnet in die
+Brautkrone,« sagte eine abergläubische Verwandte, »das bedeutet
+Glück«. Und dann ward es ein stiller, wolkenloser, in seiner eigenen
+Schönheit seliger Maientag.
+
+Ludwig Semper und Goers der Riese waren Trauzeugen gewesen, und als
+nun Goers, der Gütige, sich zu einem Trinkspruch auf das Brautpaar
+erhob und ihm aus treuem, lauterem Herzen eine Schar von blühenden
+Kindern wünschte, da errötete Hilde wohl, aber nicht in Unwillen,
+sondern in einem wirbelnden Gefühl von Scham und Glück.
+
+Und als sie noch beim bescheidenen Mahle saßen, erklang plötzlich ein
+langer, sanfter Geigenton; die Türen des kleinen Saales taten sich
+auf, wie von Geisterhand geöffnet, und von einem feinen und sauberen
+Streichquartett klang es herein:
+
+ Treulich geführt, ziehet dahin,
+ Wo euch der Segen der Liebe bewahr’!
+ Siegreicher Mut, Minnegewinn
+ Eint euch in Treue zum seligsten Paar.
+
+Und am Pulte des ersten Geigers saß niemand anders als Morieux.
+
+Asmus war aufs freudigste ergriffen von diesem zarten Geschenk; die
+Streicher wurden im Triumph an den Tisch geholt, und als alle genug
+gegessen und getrunken hatten, erhob man sich zum Tanz. Asmus und
+Hilde aber bestiegen den lange schon wartenden Wagen zur
+Hochzeitsreise nach dem Hinterhäuschen in der westlichen Vorstadt.
+
+Als sie an seinem Elternhause vorüberfuhren, neigte er sich ans
+Wagenfenster und sah so lange hinaus, bis das Haus seinen Blicken
+entschwunden war. In diesem Augenblick fuhr ihm wie ein Blitz ein
+künftiges Gedicht durchs Herz, und einige Tage später schrieb er es
+auf.
+
+ _Am Hochzeitstage._
+
+ Laut rollt der Hochzeitswagen durch die Gasse.
+ Wir ruhen drin, zu stillem Glück geeint.
+ Sieh, wie die Sonne glänzt durch Regenwolken:
+ Die Hoffnung lacht – und die Erinn’rung weint.
+
+ So ist’s ein Fest der Wonne wie der Trauer.
+ Ich fühl’s, da neue Liebe mich beglückt,
+ Wie lang genoss’ne, unvergoltne Liebe
+ Mit schwerem Vorwurf meine Seele drückt.
+
+ Der Eltern denk’ ich, der verlass’nen, alten,
+ Und während mich dein Zauber sanft umgibt,
+ Erfaßt es mich mit wehmutsvoller Mahnung,
+ Wie zärtlich sie mich je und je geliebt.
+
+ Sie ließen mich den Traum der Jugend träumen,
+ Leicht schlug mein Herz! – ihr Haupt war sorgenschwer.
+ So zweifle nicht, wenn sich mein Auge feuchtet.
+ Der Sommer prangt; ein Frühling kommt nicht mehr.
+
+ Wie rasch der Wagen rollt! Wir fliegen selig
+ Und zukunftstrunken in die Welt hinaus.
+ Euch Sternen meiner Jugend send’ ich Grüße
+ Ins abendrotumkränzte, stille Haus.
+
+ Verzeiht dem heißen Drang der jungen Seelen,
+ Der euch des vielgeliebten Sohns beraubt.
+ Unsterbliches Gedächtnis eurer Liebe
+ Und Segen über euer greises Haupt!
+
+
+
+
+LVI. Kapitel.
+
+Ein längeres Kapitel, weil darin von einem Leuchtturm, einer
+Nachtigall, einem Kinde, einem Rosenberg und von noch einem Kinde
+berichtet werden muß.
+
+
+Wenn Semper der Ehemann sich einen neuen, herzerquickenden Kunstgenuß
+bereiten wollte, dann lustwandelte er durch seine zwei Stuben, seine
+eine Kammer und seine Küche. Sie schimmerten und flimmerten, daß er
+sich nicht satt schauen konnte, und der phantasievolle Schloßherr der
+bayrischen Königsschlösser konnte mit seinen ungezählten Millionen
+keine tiefere Befriedigung gewonnen haben als der junge Schloßherr in
+der westlichen Vorstadt. Als Knabe hatte er einst geträumt, wenn er
+reich werde, wolle er sich ein großes Schloß bauen mit hohen
+Bogenfenstern und Marmorsäulen und Marmortreppen. Das war nun
+Wirklichkeit geworden, ohne Marmor und Bogenfenster, und doch alle
+Luftschlösser übertreffend. Wenn er auf dem Sofa lag und die Blicke
+über Wand und Decke, Schrank und Bücherbrett wandern ließ, und wenn er
+sich dann den ärmlichen Hausrat des Elternhauses vorstellte, dann
+dachte er: ich bin ein Emporkömmling; mit rasender Geschwindigkeit bin
+ich emporgekommen. Er erinnerte sich, gelesen zu haben, daß innerhalb
+desselben Geschlechtes nach einem Aufstieg mit einer gewissen
+Regelmäßigkeit eine »Decadence« der folgenden Generationen eintrete,
+und mit Wehmut erfüllte ihn der Gedanke, daß spätere Nachkommen von
+ihm gezwungen sein könnten, diese strahlende Höhe wieder zu verlassen.
+Er wußte freilich noch gar nicht, ob er überhaupt Nachkommen haben
+werde.
+
+Nun war aber an seiner ganzen Wohnstatt ganz gewiß nichts Kostbares im
+alltäglichen Sinne, und manche Frau trug in einem Ohrläppchen ein weit
+größeres Vermögen, als dieses ganze Schmuckkästchen mit allem, was
+darin war, gekostet hatte. Was dieser Heimstatt für die Seele des
+jungen Mannes den unnennbaren Glanz gab, das war sein Glück; was ihr
+aber auch für das Auge Schönheit verlieh, das war Hildens Hand. Nicht
+umsonst war sie die Jahre hindurch, als die Mutter krank lag, das
+alles umsorgende, alle betreuende Hausmütterchen gewesen. Und die
+Mutter war wie die Mutter des Goetheschen Gretchens gewesen. »Bei der
+Frau Chavonne kann man vom Fußboden essen,« hatte es bei den
+Nachbarinnen geheißen, und Nachbarinnen sind streng. Diese Tradition
+hielt Hilde aufrecht. Und wie es nun einmal wahr ist, daß die Grazien
+den, den sie lieben, in keiner Lage und zu keiner Stunde verlassen,
+so blieb ihre Anmut ihr auch bei den gröbsten Verrichtungen treu. Und
+sie durfte vor grober Arbeit nicht zurückscheuen; denn fremde Dienste
+konnten sich die jungen Semper nur als seltene Aushilfe gestatten.
+Aber sie dachte auch nicht daran, vor irgendeiner Arbeit
+zurückzuschrecken; in lächelnder Ruhe stand sie über jedem
+beschränkten Hochmut. Arbeit hatte sie geadelt, und sie adelte die
+Arbeit.
+
+Und wenn man nun bedenkt, daß jeden Abend, wenn sie zur Ruhe gegangen,
+die Nachtigall in ihr Geplauder, in ihre Träume, in ihren ersten
+Schlummer sang! Hinter den Fenstern ihres Schlafgemaches standen
+blühende Apfelbäume und andere Bäume, auch ein Goldregen, dessen
+Blüten herabhingen wie goldene Lampen in einem dämmergrünen Dom. Und
+aus einem der Bäume sang Abend für Abend die Nachtigall. Mitten in
+ihrem Liebesgeplauder verstummten sie oft entzückt und sagten: »Hör’
+nur – hör’ nur!« Ja, oft horchten sie fast erschrocken auf; denn es
+hatte geklungen wie eines Menschen weinende, schwellende, verhauchende
+Klage; dann wieder war es wie ein plätschernder Quell, durch den das
+Mondlicht glänzt. Alle Vögel haben ihre wiederkehrende Weise, dachte
+Asmus; nur sie hat immer neue Weisen; nie singt sie zweimal dasselbe;
+sie ist das Genie, dem die Welt immer neu erscheint, das immer Neues
+erkennt und Neues singt. Aller Vogelgesang ist lieblich; aber sie
+allein hat Kraft und Milde, sie allein hat Lust und Tiefe zugleich.
+Darum ist sie die Sängerin der Liebenden. Denn mit Sinnenkraft und
+Herzensmilde die Welt ergreifen, von höchster Geisteswonne bis zu
+tiefen Zuges trinkender Sinnlichkeit die Welt ausmessen: das ist
+Liebe. »Horch,« sagte Asmus, »wie langsam und klagend sie auch ihr
+Lied beginnen mag, immer endet sie mit jubelndem Geschmetter. Sie ist
+eine Optimistin; sie glaubt an das Leben. Glaubst du auch daran?«
+
+Ja, wenn sie bei ihm war, glaubte sie daran; wenn sie allein war,
+konnte sie noch immer nicht fassen, daß das Leben nicht mehr ihr Feind
+sei. Sie konnte noch immer dem neuen Gesicht des Lebens nicht trauen;
+ihr Vertrauen war in einem langen Winter bis auf den Grund gefroren,
+und jahrelangen Sonnenscheins bedurfte es, diesen See wieder bis zum
+Grunde zu erwärmen.
+
+Noch blieb ihnen die Sonne treu. Herrgott, wie es sich arbeitete in
+diesen ewig sonntäglichen Räumen! Und als er eines Mittags aus der
+Schule kam, sah er es Hildens Gesicht an, daß etwas Gutes passiert
+sei.
+
+»Wieviel erwartest du noch vom »Leuchtturm«? fragte sie gespannt.
+
+»Fünfundsiebzig Mark.«
+
+»Er schickt hundert!« Asmus riß den Begleitbrief auf und las: »Es
+entfallen auf Ihren Beitrag eigentlich nur fünfundsiebzig Mark; aber
+wir schicken Ihnen mit Vergnügen hundert, wenn Sie uns bald wieder
+bedenken wollen.« Er schlang Hilden den Arm um die Taille und tanzte
+mit ihr durchs Zimmer. In solchen Augenblicken tanzte er sogar gut.
+
+Fünfundzwanzig Mark wie vom Himmel gefallen! Sie kamen ja noch immer
+so eben, eben aus; aber sie konnten es schon brauchen.
+
+Aber es war doch noch eine ganz winzige Freude, eine wahre
+Lumpenfreude gegen die Freude eines andern Tages, jenes Tages, da sie
+ihm verriet, sie habe sichere Anzeichen dafür, daß sie nicht immer
+allein bleiben würden. Da tanzte er nicht mit ihr, da zog er sie sacht
+auf seine Knie herab und hielt lange, lange ihren Kopf an seiner
+Brust, als müßt’ er sie nun behüten auch vor dem leisesten Leid der
+Welt.
+
+Ja, das Schicksal war ihm in diesen Tagen hold gesinnt, und manchmal
+schon hatte er sich im stillen gefragt, wieviel es ihm abziehen werde,
+und was, und wann? Aber es schien an keinen Abzug zu denken; im
+Gegenteil; es schenkte ihm in dieser Zeit zu allem Glück noch einen
+neuen und echten Freund. Er hatte in einem Lehrerverein einen Vortrag
+über Hamerling gehalten und damit unter anderen den Beifall eines
+jüdischen Lehrers gefunden, der ihm nach dem Vortrag als #Dr.#
+Rosenberg vorgestellt wurde. Asmus fand sofort an dem ganzen Manne ein
+großes Gefallen, an seinem sympathischen Gesicht, an seinem offenen
+und doch bescheidenen und bei aller bescheidenen Zurückhaltung
+dennoch bewußten Wesen, an seinen Interessen und seinen Erlebnissen.
+Rosenberg war Philologe, war in Paris und London gewesen und erzählte,
+wie er in London lange vergeblich seinen Unterhalt durch Stundengeben
+gesucht und wie, als er eines Tages wieder von einem vergeblichen
+Gange heimgekehrt sei und auf dem Rücken eines Buches den Namen
+»Schiller« gelesen habe, bei diesem Namen die Tränen des bittersten
+Heimwehs unaufhaltsam hervorgebrochen seien. Es war der erste Jude,
+mit dem Asmus in nähere persönliche Berührung kam, und diese Begegnung
+war ihm so interessant und erfreulich, daß er den neuen Bekannten
+einlud, ihn zu besuchen. Rosenberg kam; Asmus erwiderte den Besuch,
+und auf die lebendigste Weise erwuchs nun ein Freundschaftsverhältnis,
+das fast alle früheren Freundschaften Asmussens an Dauerhaftigkeit
+übertreffen sollte.
+
+Als Rosenberg zum ersten Male bei Sempers gewesen war und die junge
+Frau Semper nur flüchtig gesehen hatte, da hatte er, wie er später
+gestand, im stillen gedacht: Er hätte doch so jung nicht heiraten
+sollen. Beim zweiten Besuche lernte er ganz anders denken und sah doch
+die junge Frau überhaupt nicht. Und das hatte alles seine guten
+Gründe.
+
+Als Rosenberg seinen zweiten Besuch machte, war es wieder ein
+Maientag, der Tag vor Pfingsten, und in grauender Frühe dieses Tages
+hatte Hilde ihren Gatten geweckt und ihn gebeten, daß er die Wehmutter
+hole. Und dann folgte ein Tag, für Asmus wohl nicht viel leichter als
+für Hilden. Er wanderte in seinem Zimmer rastlos auf und ab, und am
+Nachmittag war er so weit, es laut vor sich hinzusprechen: »Ich will
+lieber kein Kind haben – wenn sie nur nicht mehr zu leiden braucht.«
+Ein furchtbares Gewitter brach los; unmittelbar über dem Hause war ein
+unablässiges Flammen und Krachen, und jeder Schlag traf ihn, weil er
+daran dachte, wie es sie erschrecken müsse. Er hatte ihr angeboten,
+bei ihr zu sein; aber sie wollte mit der Wehmutter allein sein. Und
+erst um 7 Uhr des Abends vernahm er das Schreien eines Kindes; Isolde
+Semper war zur Welt gekommen. Als die Wärterin der jungen Mutter das
+Kind zeigte, rief sie: »O, das ist ja Mutter Rebekka!« und sank in die
+Kissen zurück.
+
+Auf den Fußspitzen war Asmus hereingekommen; er beugte sich über sie
+und küßte sie leise, leise auf die Stirn. Sie schlug die Augen auf,
+große, feuchte Augen und hauchte: »Du armer Mann, jetzt kann ich nicht
+für dich sorgen.«
+
+»Du närrischer Engel,« flüsterte er, »willst du gleich schweigen und
+schlafen?« und küßte ihr die Augen zu. Aber sie öffnete sie wieder und
+sah ihn an mit einem Blick voll übermenschlichen Glücks. Dann hob sie
+behutsam die Decke von dem Kindlein, das in ihren Armen lag.
+
+»Sieht sie nicht ganz aus wie Mutter Semper?« flüsterte sie. Er nickte
+»Ja«, obwohl er nichts dergleichen sah; er dachte nicht an das Kind:
+er dachte nur an sie. Die weise Frau versicherte ihm, daß alles gut
+verlaufen sei; da schlich er hinaus, nahm seinen Hut und ging auf die
+Straße. Er mußte Himmel über sich sehen.
+
+Als er nach einer halben Stunde heimkehrte, war Rosenberg dagewesen.
+Die junge Mutter hatte jemand kommen hören, hatte vernommen, wer es
+sei, und der Wärterin gesagt: »Sorgen Sie bitte dafür, daß der Herr
+eine Erfrischung bekommt.« Und Rosenberg erfuhr von der Wärterin, daß
+die junge Frau Semper vor kaum einer Stunde Mutter geworden sei und
+daß sie selbst den Trunk für ihn befohlen habe. Da dachte er: »Das muß
+eine seltene Frau sein.« Nie vergaß er ihr diesen Trunk, und schon bei
+einem nächsten Besuch, als sie selbst ihn bewirtete, dachte er: »Er
+hat keineswegs zu früh geheiratet.«
+
+In den folgenden Wachen und Monaten kam Asmussen seine Erziehung durch
+die Tabakstube, wo er unter unablässigen Gesprächen und Geräuschen die
+subtilsten Sachen studiert hatte, vorzüglich zustatten. Denn die
+Stimme Isoldens war vernehmlich und ausdauernd. Sie vollbrachte
+Leistungen, gegen die die Partie der Wagnerschen Isolde als Episode
+erscheint. Aber das störte ihn nicht. Er gehörte nicht zu den
+geistigen Arbeitern, die auf eine Meile im Umkreis Asphaltpflaster und
+Strohschütten brauchen. Der Platz vor seinem Hause war ein beliebter
+Spielplatz der ganzen nachbarlichen Kinderschar, und er schloß das
+Fenster nicht, wenn ihr Geschrei hereinklang; denn es war ihm wie ein
+fröhlicher Gruß des Lebens, das zum Wirken und Schaffen rief. Auch
+besaß er im Notfall noch immer die Kraft, eine Mauer um sich zu bauen;
+wenn er nicht wollte, so hörte er selbst Isolden nicht. Auch als
+Dichter gehörte er nicht zu denen, die nur auf persischen Teppichen
+und vor perlgrauen Seidentapeten dichten können, und die mancherlei
+kleinen Banalitäten, die ein enger Haushalt unweigerlich mit sich
+bringt, die selbst einer Hilde Hand nicht immer zu bannen vermag,
+verstimmten nicht sein Saitenspiel. Er verstand es so gut, daß
+Schiller in einem Zimmer, das nichts als einen halben Tisch, einen
+Stuhl und eine Schütte Kartoffeln enthielt, die »Louise Millerin«
+schreiben konnte. Was mußte das für ein Dichter sein, der die
+Ausstattung seines Zimmers, der seine Gesellschaft nicht jeden
+Augenblick selbst beschaffen, der nicht jeden Augenblick seine Zelle
+in das Boudoir der Lady Milford oder in den Hafen von Genua verwandeln
+konnte?!
+
+Und so erzog er in unbekümmertem Frohsinn neben der kleinen Isolde
+noch ein zweites, stilleres Kind, sein erstes Buch. Unbekümmert war
+dieser Frohsinn freilich nur in Hinsicht der äußeren Störungen; was
+die inneren Hemmnisse anlangt, war es ein oft unterbrochener Frohsinn.
+Nie hat jemand besser den Künstler beschrieben als Goethe, da er die
+liebende Seele beschrieb: »himmelhoch jauchzend – zum Tode betrübt«.
+Der Künstler wäre kein Künstler, der nicht himmelhoch jauchzte über
+ein gelungenes Werk und der nicht zum Tode betrübt sein könnte über
+dasselbe Werk. Und als ihn nun gar die Banalität der Druckkorrekturen
+überfiel, als er seine eigenen Verse immer wiederkäuen mußte, da
+übermannte ihn ein tiefes Verzagen. Aber Rosenberg riß seinen Mut
+wieder empor; Rosenberg war begeistert von diesen Versen. »Ich lege
+meine Hand dafür ins Feuer, daß Sie Anerkennung finden werden«,
+prophezeite er. Und wirklich fanden die »Gedichte« von Asmus Semper,
+als sie endlich erschienen waren, die freundlichste Aufnahme; denn da
+die Lyrik nichts einbringt, so erfährt sie oft eine sehr wohlwollende
+Beurteilung.
+
+
+
+
+LVII. Kapitel.
+
+Fängt fröhlich an und endet traurig; das Schicksal fordert seinen
+Zoll.
+
+
+Zu allen diesen Freuden schenkte das Schicksal, das ihn verziehen zu
+wollen schien, unserm Asmus noch eine sonnige Weihnacht. Schon zur
+vorigen Weihnacht hatte er die bisherige Ordnung der Dinge auf den
+Kopf gestellt und seinen Eltern den Tannenbaum geschmückt; diesmal, da
+er wieder ein feistes Honorar von siebzig Mark errungen hatte, sollten
+sie das zu essen bekommen, was in seinem Elternhause immer als das
+Weihnachtsgericht der Reichen gegolten hatte: Karpfen! Und Weißwein
+sollte dazu getrunken werden, ja Weißwein! Unmittelbar vor der
+allgemeinen Bescherung aber winkte Hilde ihren Gatten auf die Seite,
+zog ihn ins andere Zimmer, schlang die Arme um seinen Hals und
+flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn du lieb bist, hab’ ich noch ein
+besonderes Geschenk für dich – freilich noch nicht heute.« Er sah ihr
+mit jähem, frohem, fragendem Staunen ins Gesicht.
+
+»Ja??!«
+
+Sie nickte eifrig.
+
+»Wann denn?«
+
+»Ich denke, im Juli oder August.«
+
+Da küßte er sie unzählige Male und zog sie in das Weihnachtszimmer und
+war, noch bevor er den Weißwein genossen hatte, so trunken, daß er die
+Lichter des Tannenbaumes nicht doppelt, nein siebenfach, nein
+hundertfach sah.
+
+Rebekka Semper fand den Karpfen köstlich, fand überhaupt, daß Hilde
+eine »gebor’ne Köchin« sei, und Ludwig Semper lächelte sein stillstes
+und innigstes Lächeln, als habe er den Weg zurückgefunden zu den
+strahlenden Tannenbäumen seines Elternhauses. Er sprach mit Asmus von
+dessen Gedichten und nannte die, die ihm besonders gefallen hatten,
+und obwohl eines Vaters Beifall zu den Werken seines Sohnes vor der
+Welt keinen Klang hat, so wußte Asmus doch, daß ihm nie ein schönerer
+Lorbeer gedeihen könne als dieses schweigsamen Mannes Lob und Lächeln.
+Diesem großen und stillen Herzen zu gefallen, das war ein großer und
+stiller Ruhm. Aber nur ein Semper konnte das wissen.
+
+Ludwig Semper war aufgeräumt und gesprächig wie seit langem nicht; er
+erzählte, wie Asmus einst mit kleinen Kinderschrittchen neben ihm über
+die Wiese getrippelt sei und gerufen habe: »O Vater, hier ist es
+gerade so wie dein Geburtstag!« wie der Kleine unzählige Male an
+seinen Arbeitstisch gekommen sei und ihm nach Wunsch aus dem
+»Freischütz«, aus der »Nachtwandlerin« und wohl aus zwanzig andern
+Opern vorgeblasen, was er aufgefangen habe, ja, Ludwig Semper stieg
+weit in die eigene Kindheit hinab und sprach von seinem Vater, dem
+Kaufmann Carsten Semper, auf dessen Diele jeder Besucher Schinken
+essen und Kornschnaps trinken konnte, ohne zu bezahlen, und von dem
+Tage, da der Justizrat quer über die Straße auf seinen Vater
+zugelaufen kam und rief: »Wissen Sie schon, Herr Semper, Goethe ist
+tot!« Es war wie Sammlung und Rückblick in diesen Reden Ludwig
+Sempers; aber die Seinen merkten es nicht. Wohl war ihnen aufgefallen,
+daß er die Speisen kaum berührt hatte, selbst die Karpfen nicht; aber
+da er ihre Besorgnis mit Lachen zurückwies, so hatten sie sich
+beruhigt. Freilich hatte Frau Rebekka erklärt, daß er schon länger an
+Appetitlosigkeit leide und daß sie ihn »natürlich« nicht zum Arzt
+kriegen könne.
+
+Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage besuchte, hörte er, daß sein
+Vater sich von der Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach Hause
+geschleppt habe. »Ich werde den Weg nicht wieder machen können,« sagte
+Ludwig Semper mit wehmütigem Lächeln. »Ei was!« rief Asmus, »dann
+holen wir euch einfach in der Droschke; wir haben’s ja!« Und er dachte
+sich, welch eine Lust es sein werde, die »Alten« im Triumph
+einzuholen, zu Wagen, wie ein Fürstenpaar! Und noch einmal ging er
+beruhigt heim.
+
+Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater zum Schlimmen verändert. Er
+konnte nicht mehr arbeiten, saß in seinem alten Lehnstuhl und mochte
+nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war grau geworden, und wie Frau
+Rebekka mit Kümmernis erzählte, schlief er den größten Teil des Tages.
+Sein Appetit war nicht zurückgekehrt.
+
+Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal davon. Sollte das Schicksal –?
+Nein, einen so harten Zoll konnt’ es nicht fordern; so grausam konnt’
+es sein Glück nicht verkürzen wollen! Ja, wenn es ein achtzig-,
+neunzigjähriger Greis wäre, dann müßte man sich mit der Notwendigkeit
+versöhnen. Aber mit siebenundsechzig Jahren konnte das Schicksal
+diesen Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann nicht! Selbst völlig
+fremde Menschen mußten dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als Asmus
+vor nicht langer Zeit im Lehrerverein geredet und die Kunst als
+Erzieherin proklamiert hatte und auch sein Vater als Gast zugegen
+gewesen war, da hatte die Versammlung dem Redner ein Hoch gebracht.
+Gleich darauf aber hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen:
+»Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn ich in dem ehrwürdigen Manne, der
+unserm Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.« Und dann hatte
+er mit kühner, launiger und geschickter Psychologie aus dem Wesen des
+Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und hatte diesen Vater
+gefeiert, und mit brausendem Hurra hatte die Versammlung ihm
+zugestimmt. Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt und hatte
+gesehen, wie er sich freute, und daß dieser Mann, der sein ganzes
+reiches Pfund in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun doch einmal
+vor aller Welt die Ehren genoß, die ihm gebührten, das war doch von
+allen Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen.
+
+Und sollte das die letzte große Freude im Leben Ludwig Sempers gewesen
+sein? Nein, nicht die letzte.
+
+Als Asmus wieder nach Oldensund kam, waren Hilde und die kleine Isolde
+mit ihm. Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, saß er schlafend
+im Lehnstuhl; er erwachte auch nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten
+Herzens hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem Weinen berichtete.
+Er schlafe fast den ganzen Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und
+verstehe oft gar nicht, was man zu ihm sage. Während sie noch sprach,
+öffnete der Kranke die Augen; immer weiter öffnete er sie, bis sie so
+groß und freundlich waren wie in seinen besten Tagen.
+
+»Wem gehört das allerliebste Kind?« fragte er leise, mit frohem
+Staunen.
+
+Sie sagten ihm, daß es ja Isolde sei, Asmussens und Hildens Kind und
+seine eigene Enkelin.
+
+Da verbreitete sich noch einmal von diesen Augen aus über das ganze
+Gesicht des Leidenden das große, unerschöpflich gütige Lächeln, das
+über Asmussens ganzer Kindheit wie eine treulich wiederkehrende Sonne
+geleuchtet hatte, und dann schlossen sich die Augen wieder, und der
+Kranke war wieder entschlummert.
+
+Die Besucher schlichen hinaus, und draußen nahm Asmus seine Mutter auf
+die Seite und fragte: »Was sagt denn der Arzt?«
+
+Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten: laut jammernd rief sie: »Ach
+Gott, der schreckliche Mensch sagt, es wäre vielleicht Magenkrebs, –
+ich werd’ ja verrückt, wenn ich bloß daran denke!«
+
+Das machte Asmus vom Kopf bis zu den Füßen erstarren. Über all seine
+Befürchtungen hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es werde
+vorübergehen. Dieser Schlag betäubte ihn. Aber nur für einen
+Augenblick. Er schickte Hilden und das Kind nach Hause und rannte zum
+Arzt.
+
+»Ja,« sagte der, »alle Anzeichen sprechen dafür. Ich habe keine
+Magensäure gefunden, das ist das sicherste Symptom.«
+
+»Herr Doktor,« stammelte Asmus, »Sie dürfen mir nicht zürnen, – Sie
+sind ja auch nur ein Mensch, – Sie müssen sich in meine Lage
+versetzen, – es ist mein Vater, – würden Sie es mir übelnehmen, wenn
+ich noch einen zweiten Arzt befragte?«
+
+»Durchaus nicht,« versetzte der Arzt, »Sie machen sich freilich
+unnötige Kosten; aber wenn es Sie beruhigt –«
+
+Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der ihm als besonders tüchtig
+empfohlen war. Der ließ ihn kühl an. Wer denn seinen Vater behandle?
+
+Der Doktor Soundso.
+
+Ja, das sei ja ein sehr tüchtiger Arzt. Er wisse nicht, was er da
+solle.
+
+Asmus flehte ihn an, er möchte doch kommen.
+
+»Nun ja, ich kann ja hinkommen.«
+
+Und Asmus ging mit neuer Hoffnung: Der wird vielleicht zu einem
+anderen Ergebnis kommen.
+
+Als er andern Tages ins Elternhaus kam, war der zweite Arzt noch nicht
+dagewesen. Der Kranke aber delirierte und konnte nur mit größter Mühe
+im Bette festgehalten werden. Da kam Asmussen der Gedanke: Ins
+Krankenhaus. Hier, in diesen ärmlichen, beschränkten Verhältnissen
+konnte ja der Vater nicht gepflegt werden wie im Krankenhause, und
+wenn eine Operation nötig war, mußte er doch dorthin. Und dort waren
+die besten Ärzte. Er besorgte die Aufnahme ins Krankenhaus, nahm eine
+Droschke und fuhr vors Elternhaus. Nun holte er seinen Vater in der
+Droschke! Aber nicht im Triumph, ach Gott, nicht im Triumph!
+Ohnmächtig lag ihm sein Vater im Arm wie ein Kind, und als er so mit
+seinem Vater im Wagen allein war, rannen seine Tränen unaufhörlich.
+Als er den Vater endlich wohlgebettet sah, eilte er zum Arzt des
+Krankenhauses und erstattete ihm Bericht über den Kranken. Dieser Arzt
+war ein feiner und milder Mann; er hörte den Sohn, aus dessen Worten
+er wohl die fliegende Angst des Herzens vernahm, mit großer Teilnahme
+an und entließ ihn mit neuer Hoffnung. Nun kann noch alles gut werden,
+dachte Asmus. Dieser Arzt ist ein vortrefflicher Mann, und im
+Krankenhause hat man alles zur Hand, was man zur Pflege eines schwer
+Erkrankten braucht.
+
+Andern Mittags, als er aus der Schule heimkam, war sein erstes Wort:
+
+»Ist Nachricht vom Krankenhause da?«
+
+»Ja,« sagte Hilde ernst, »der Bote war hier.«
+
+»Und?« rief er begierig.
+
+»Du weißt es doch schon, nicht wahr?« sprach Hilde sanft. Er starrte
+sie an. »Ist er –?« Er brachte das Wort nicht heraus.
+
+Sie nickte stumm und legte den Arm um seinen Hals. Er aber fiel mit
+einem einzigen, lauten Aufschluchzen in die Sofaecke.
+
+Das also hatte er mit allen Mühen und Ängsten erreicht, daß sein Vater
+nun einsam gestorben war. Zwar: Ludwig Semper war nach dem Bericht
+der Wärter nicht wieder zum Bewußtsein erwacht, und morgens um zwei
+Uhr war er gestorben. Aber wenn er nun doch noch einen lichten
+Augenblick gehabt und wenn er Weib und Kinder gesucht hatte – mit
+diesem Gedanken zerfleischte sich Asmus das Herz, während er durch die
+Straßen rannte und die Formalitäten für die Bestattung erledigte.
+Dabei lief er oft stundenlang durch Gegenden, in denen er nichts zu
+suchen hatte; er wußte nicht, womit er sonst seine Zeit ausfüllen
+sollte.
+
+Als er dann an der Bahre seines Vaters stand und den starren,
+tränenlosen Blick auf das weiße Haupt des Toten heftete, da mußte er
+unaufhörlich denken: König Lear – König Lear. Dieser Mann hatte nicht
+aus Torheit ein Kind verstoßen, war kein Tyrann gewesen – und war
+seine Liebe vergolten worden, wie sie’s verdiente? Die Liebe eines
+Vaters kann man nicht vergelten, dachte er; jeder Vater ist ein König
+Lear. Und als er seine arme, gebeugte Mutter sah, als er daran dachte,
+daß ihre Kinder von ihr gegangen waren und das beste Teil ihres
+Herzens an andere gegeben hatten, da fügte er hinzu: und jede Mutter
+ist eine Niobe.
+
+Er riß sich gewaltsam empor aus seinem Brüten und sah sich um. Von
+seinen Freunden war nur einer erschienen: #Dr.# Rosenberg. Und das war
+die erste Freude in all diesem Leid.
+
+Als er am Grabe stand, war es wieder wie immer; er konnte nicht
+weinen. Er dachte, was müssen die Menschen von dir denken, daß du am
+Grabe deines Vaters ohne eine Träne stehst. Aber als er das dachte,
+konnte er um so weniger weinen. Er hatte seit jenem Aufschluchzen in
+Hildens Armen nicht geweint; auch als er heimgekommen war, weinte er
+nicht. Erst am Abend des folgenden Tages, als Hilde zu einer Besorgung
+das Haus verlassen hatte und er allein an seinem Schreibtisch saß,
+legte er den Kopf in den Sessel zurück und weinte, weinte unaufhaltsam
+wie ein kleines Kind, das im Gewühl und Gedränge der Menschen die Hand
+des Vaters verloren hat.
+
+
+
+
+LVIII. und letztes Kapitel.
+
+Asmus bekommt einen Preis, einen Wolfram und eine Weltanschauung, und
+da dies dem Verfasser genug dünkt, übrigens auch die Weltanschauung
+den Mann macht, so schließt er diese Geschichte eines Jünglings.
+
+
+Warum suchte denn Asmus in diesen schweren Tagen nicht Trost bei seiner
+Hilde? Wer am Schlusse dieses Buches noch so fragen würde, der würde das
+Wesen von Ludwig Sempers Sohn nicht ganz verstanden haben. Leute wie
+dieser Asmus können den Trost nicht bei anderen, sondern immer nur in
+sich selbst finden, und wenn sie auf den Trost anderer hören, so ist es,
+weil sie ihn schon in sich selbst gefunden haben. Zunächst suchte er
+auch keinen Trost; er wühlte vielmehr in seiner Wunde. Nicht alle
+Menschen rufen im Schmerze sofort nach Linderung wie das Kind nach dem
+Schnuller. Er fand es recht und gut, daß er litt, wo sein Vater so
+schwer und so lange geduldet hatte; er bildete sich nicht ein, ein
+Anrecht auf ein schmerzloses Dasein zu haben, wenn solche Menschen
+litten. Dann aber, als er sich recht in Ruhe und Einsamkeit sattgeweint
+hatte, trat seine angeborene Philosophie wieder in ihr Recht: Mit
+unabänderlichen Tatsachen nicht zu hadern und den Kampf des Lebens in
+Hoffnung und Vertrauen immer wieder aufzunehmen. War es doch inzwischen
+eine Hoffnung und ein Vertrauen geworden, die weit über den Kreis eines
+Einzeldaseins hinausreichten.
+
+So oft er auch an den frühen Hingang seines Vaters mit Schmerzen
+gedenken mochte – er konnte dessen auch in weit, weit späteren Jahren
+nur mit tiefer Wehmut gedenken – dieser Verlust gehörte, als er mit
+ihm abgeschlossen hatte, nicht mehr zu den Dingen, die sein Wirken und
+seine Entwicklung hemmen konnten. Er hätte auch keine Zeit gehabt zu
+melancholischen Meditationen; er erfuhr wieder einmal den Fluch und
+den Segen der Armut. Er hatte schließlich doch einsehen müssen, daß
+1800 Mark und selbst 2000 Mark nicht ausreichten, wenn man Eltern
+davon unterstützen und außerdem drei Menschen erhalten wollte, von
+denen zwei doch etwas mehr verlangten als Stillung des Hungers. Und
+seine Schriftstellerei war noch ein völlig unsicheres Brot; Arbeiten,
+die ihm später mit Kußhand abgenommen wurden, mußte er in diesen
+Jahren wie saures Bier an Dutzende von Blättern vergeblich ausbieten.
+Dazu stand die Geburt des zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg,
+der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht lesen mochte, hatte ihm in
+zartester Weise seine Hilfe angeboten; »ich verdiene weit mehr, als
+ich brauche,« hatte er gesagt, »und ich bin froh, wenn ich mein Geld
+so gut anwenden kann.« Aber Asmus hatte vorläufig mit Dank und Rührung
+abgelehnt. Er wußte, daß dieser Mann ihn niemals drängen würde; aber
+er hatte vor Schulden ein tiefes Grauen; sie waren das einzige
+gewesen, das die heiter gütige Seele seines Vaters verbittern konnte.
+So griff er denn zu einer Häufung der Privatstunden; er bereitete
+Lehrer und Lehrerinnen auf das zweite Examen vor. Die Nachbarinnen
+steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Was tun denn die jungen
+Damen immer bei Herrn Semper?« Dann sagte der Hauswirt: »Sie lernen
+bei ihm das Dichten.«
+
+Es war ein Glück, daß ihm in seiner regelmäßigen Tätigkeit eine große
+Wohltat geschehen war. Er war nun schließlich doch versetzt worden,
+und an dem Leiter dieser neuen Schule erkannte Asmus so recht, wie
+unsere Worte und Handlungen das Gesicht der Persönlichkeit tragen, aus
+der sie fließen. Auch dieser Chef legte zuweilen auf kleine Dinge
+einen Wert, der ihnen nicht zukam; aber er war ein jovialer Gentleman,
+der in seinen Kollegen bis zum Beweise des Gegenteils Gentlemen
+erblickte, und so bedeuteten alle Kleinigkeiten nichts auf dem großen
+Grunde des gegenseitigen Vertrauens. Kein Mißton trübte das Verhältnis
+zwischen diesem Manne und dem renitenten Herrn Semper.
+
+Und als er eines Mittags von diesem freieren und froheren Dienste nach
+Hause kam, da sah er an Hildens Gesicht, daß etwas Ähnliches geschehen
+sein müsse, wie damals mit den hundert Mark vom »Leuchtturm«, aber
+etwas noch weit Froheres. Auf ihrem schönen Gesicht, das ihm einst nur
+für den Ernst und die Trauer geschaffen schien, zuckten tausend
+Lichter des Frohsinns, und in ihrer Hand hatte sie einen Brief.
+
+»Du darfst nicht böse sein!« rief sie, »ich konnt’ es nicht aushalten
+– ich hab’ ihn geöffnet, als ich sah, woher er kam! Da lies selbst!«
+
+Er las, und als er gelesen hatte, wollt’ er sie wieder umarmen und mit
+ihr tanzen; aber nein – das durfte sie ja nicht! Da drückte er ihr
+Gesicht mit beiden Händen und zerknüllte dabei den Brief und dessen
+Inhalt vollständig und küßte sie, bis ihr der Atem verging; aber er
+mußte doch tanzen, er mußte tanzen, und er umarmte einen Stuhl und
+tanzte mit dem durch beide Zimmer.
+
+In einer süddeutschen Stadt gab es eine Schillerstiftung, die von Zeit
+zu Zeit an Versdichter einen Schillerpreis von 200 Mark verteilte.
+Dieser Preis war nun den »Gedichten von Asmus Semper« zuerkannt
+worden.
+
+Als er den Brief noch einmal gelesen und die beiden Hundertmarkscheine
+geglättet und genau betrachtet hatte, ob es auch richtige Banknoten
+und nicht etwa Ehrendiplome oder dergleichen wären, da drehte er sich
+auf einem Beine mehrmals um sich selbst. Aber plötzlich hielt er inne,
+ließ sich auf einen Stuhl fallen und wurde tiefernst. Und Hilde kniete
+zu ihm nieder und sagte:
+
+»Ich weiß, was du denkst!«
+
+»Ja, Hilde? Weißt du das? – Hilde! Wenn _er_ das noch erlebt hätte!
+Mein Gott, wenn _er_ das noch erlebt hätte! Das wäre ihm wie eine
+Krönung seines Lebens gewesen.« – – –
+
+So wenig sich Frau Hilde in den Gedanken ihres Mannes verrechnet
+hatte, so sehr hatte sie sich in der Zeit ihrer Erwartung verrechnet.
+Einen vollen Monat später, als sie gehofft, erschien das zweite Kind;
+dafür aber war es ein richtiger Junge. Der junge Herr Wolfram schrie
+genau so kraftvoll wie seine Schwester.
+
+Als Asmus seinem Freunde Rosenberg die Nachricht brachte, da rief der:
+»Nun, da muß man wahrhaftig sagen: Ein volles Glück! Mensch, Sie sind
+ein Liebling der Götter! Sie haben ein herrliches Weib, eine Tochter,
+einen Sohn und alle sind gesund, und Sie haben Glück und Freude _an_
+Ihrer Kunst und _in_ Ihrer Kunst! Bei Gott, ein volles Glück, ein
+volles Glück!«
+
+Er sprach es ohne Neid, obwohl ihm selbst eine frühe Hoffnung
+verhagelt war.
+
+Und doch ahnte der Freund bei weitem nicht den ganzen Umfang von
+Sempers Glück; er _konnt’_ es nicht kennen in seiner ganzen Fülle.
+Asmus hatte in den letzten Monden Kämpfe durchgerungen, von denen
+niemand wissen konnte. Er hatte für seinen frohen, hoffenden Glauben
+an das Leben nach einem tieferen und festeren Grunde gesucht und hatte
+ihn gefunden, für viele Jahre wenigstens gefunden.
+
+Wenn selbst ein Faust ausrief:
+
+ O glücklich, wer noch hoffen kann,
+ Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!
+
+und wenn Asmus dennoch hoffte, so fragte er sich: »Bin ich ein
+Wagner?« Nein, ein Wagner war er nicht, das durfte er sich zuerkennen.
+Nur in halbkindlichen Jahren hatte er geglaubt, daß ein Mensch viel
+wisse und daß er alles wissen könne. Auch war er nie so gemein
+gewesen, die Welt für vortrefflich zu halten, weil es ihm gut erging.
+Aber doch hatte er sich die Harmonie der Welt schon in engeren
+Kreisen, ach, schon im Bezirk eines Einzellebens vollendet gedacht.
+Daran war er irre geworden und hatte nun die Landmarken seiner
+Hoffnung weiter gesteckt, in die Jahrhunderttausende, in die
+Jahrmillionen hinein. Auf diesem langen Wege bedurft’ es eines starken
+Glaubens, nein, eines starken Wissens, und das hatte er gefunden.
+Nicht nur die unmittelbare Gewißheit des Sittengesetzes war ihm
+aufgegangen, er fühlte auch unmittelbare Gewißheit im Denken und im
+Schaffen, und er nannte dies Gefühl, das die Entwicklung des Menschen
+begleitet, das Richtungsgefühl. Trotz aller Schuld, alles Irrtums und
+alles Mißlings weiß der Mensch, in welcher Richtung Ausgang und Ende
+des Entwicklungsstromes liegen; in seiner Brust ist ein Magnet, der
+trotz allen Zitterns und allen Abirrens den Weg zur Vollendung weist.
+
+An einem köstlich milden Septemberabend, als er mit der froh genesenen
+Hilde am Fenster saß und noch ein letzter Hauch der Sonne auf den
+Bäumen lag, sprach er zu ihr:
+
+»Ich hab’ was geschrieben – willst du’s hören?«
+
+Mit der Freude eines Kindes ergriff sie seine Hand und drückte sie an
+ihr Herz und ließ sich dann zu seinen Füßen nieder. Er entfaltete ein
+Blatt und las:
+
+ _Chidhr._
+
+ Ein wunderbarer Traum hat mich besucht.
+ Ich saß an eines Berges Hang und schaute.
+ In einer flüchtigen Minute Raum
+ Gedrängt, den Daseinswechsel langer Zeiten.
+ Im Tal zu meinen Füßen sah ich Blumen
+ Auf Blumen sich erschließen und vergehn,
+ Sah’ Bäum’ und Sträucher keimen ich und sprossen
+ Und wachsen, blühen, welken und vermodern,
+ Und sah ich Menschen von der Wiege bis
+ Zum Sarg des Lebens kurzen Tag durchwandeln.
+ Ich sah sie lachen, weinen – weinen, lachen,
+ Sah sie verzweifeln, hoffen und – verzweifeln,
+ Sah, wie das Glück dem Unglück reicht die Rechte,
+ Wie Unglück seine Rechte reicht dem Glück
+ In ewiger Kette.
+
+ Namenlose Trauer
+ Sank mir mit schweren Schatten in die Seele.
+ »Wann endlich,« dacht’ ich, »sinnlos-blödes Spiel,
+ Wirst du dich enden? Auf und ab und auf
+ Wiegt seit Äonen sich die Lebensschaukel
+ – Auf einer Seite staunend sitzt das Leben,
+ Und auf der andern grinsend wippt der Tod –
+ Und auf und ab, stumpfsinnig, wird die Wippe
+ Durch Ewigkeiten gehn. Wo lebt der Gott,
+ Den dieses grause Einerlei vergnügt?
+ Der ärmste Menschengeist, er hätte längst
+ Voll Überdruß und Ekel dieses Spielzeug
+ Zertrümmert –!«
+
+ Wie ich also bei mir dachte,
+ Sah ich am Boden plötzlich einen Schatten –
+ Ich hob den Blick, und einen Jüngling sah ich
+ Mit himmelsheit’rer Stirn, wie junge Rosen
+ Der frohe Mund, das Auge sonnentief.
+ Er hob den Arm und winkte freundlich »Komm!«
+ »Wer bist du?« rief ich. Er drauf: »Chidhr bin ich,
+ Der Grüne, Ewigjunge, der im Lande
+ Der Finsternis des Lebens Quellen hütet.
+ Komm, folge mir.«
+
+ Und Falterflug des Traumes
+ Entführte mich auf lautlos dunklen Schwingen
+ In eine schreckendüstre Felsenwelt.
+ Doch sieh, aus tiefem Spalt granit’ner Berge
+ Sprang bläulich silbern einer Quelle Strahl,
+ Der wie ein ewig junges Lachen klang.
+ Und Chidhr sprach: »In hundert Jahren furcht
+ Der ruhlos rege Quell sein hartes Bette
+ Um eines Fingers Breite. Alexander,
+ Den bis nach Indien trug der Siegeswagen,
+ Stand einst wie du an diesem Lebensquell.
+ Seit jenem Tage grub der Silberstrang
+ Um einen Fuß sich tiefer ins Gestein.
+ Und einst wird diese Quelle im Verein
+ Mit ihren Schwestern diese Felsen wandeln
+ In ein begrüntes Tal, wie du’s verlassen.
+ Hier maß der göttergleiche Alexander
+ Sein Werk und seinen Ruhm am Maß der Welt
+ Und ging von diesem Ort zerstörten Herzens.
+ Und du, der schwach und klein ist bei den Menschen,
+ Kannst, wenn du willst, ein Gott von hinnen geh’n.
+
+ Wohl ihm, dem Freude sprüht aus dieser Quelle,
+ Wohl ihm, der ihr geheimes Lied versteht.
+ Wohl bleichen ihm die Lichtlein, die den Pfad
+ Ihm durch ein enges Leben schwach erhellten,
+ Die Lichtlein Ruhm, Unsterblichkeit und Macht.
+ Doch hinter weltenweiten Finsternissen
+ Geht eine Sonn’ ihm auf, die alle Sonnen
+ Und Sonnenchöre selig überstrahlt.
+ Er fühlt, wie klein der Mensch, und fühlt, wie groß,
+ Wie unbegreiflich schön, wie über alles
+ Verdienst und Ahnen göttlich sein Beruf,
+ Und aus dem Klang der Quelle trinkt sein Herz
+ Zwei Kräfte wundersam: Geduld und Sehnsucht.
+ Geduld, die heiß und tief verlangt, und Sehnsucht,
+ Die sich am Glanz des Zieles still getröstet.
+
+ O Menschen, habt Geduld, und tut es nicht
+ Den Kindlein gleich, die in den Boden kaum
+ Den Samen senkten und nach Blumen schon
+ Und reifen Früchten späh’n! Taucht die Gedanken
+ Ins märchengraue Alter dieser Welt
+ Und steigt empor dann und erkennt, daß gestern
+ Der Mörder Kain seinen Bruder schlug.
+
+ Du dachtest recht, mein Freund: wär’ diese Welt
+ Ein Einerlei, die Macht, die sie erschaffen,
+ Sie hätte längst zerstört ihr blödes Spiel.
+ Doch sieh, soweit in diesem Reich des Lebens
+ Die Wasser wandern, hat noch nie ein Quell,
+ Noch nie ein Strom den Weg zurückgenommen –
+ So glaube: auch der Strom des Lebens nicht.
+ »Vorwärts zum Licht!« das ist der Sinn der Quellen,
+ »Vorwärts zum Licht!« das ist der Ströme Sinn,
+ Die deine Seele, deinen Leib durchrinnen.
+ Er, der die Welt gewollt und dessen Namen
+ Kein endlich Wesen nennen darf noch kann,
+ Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen
+ Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s _wißt_!«
+
+ So sprach der Ewigjunge. Oder sprach’s
+ Der Quell? Im Silberklange rann zusammen,
+ Was Chidhr sprach und was die Quelle sang.
+ Und Falterflug des Traumes hob mich lautlos
+ Von dannen, und vom Tageslicht geblendet,
+ Erwacht’ ich jäh.
+ Am Waldesrand erwacht’ ich,
+ Wo singend aus dem Fels die Quelle springt,
+ Wo Morgenlicht von tausend Himmeln floß.
+
+Sie nahm Ihm leise das Blatt aus der Hand und suchte darin eine
+Stelle, und als sie sie gefunden hatte, sprach sie langsam und leise:
+
+ Er, der die Welt gewollt und dessen Namen
+ Kein endlich Wesen nennen darf noch kann,
+ Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen
+ Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s _wißt_!
+
+Wie immer hatte sie ihn verstanden. Und als sie nun die dunklen Augen in
+heiligem Ernste zu ihm erhob, und als sein froher Blick in diese Augen
+selig versank, da sprach Asmus Semper in seinem Herzen:
+
+»Ein volles Glück – bei Gott, ein volles Glück.«
+
+
+ +Ende.+
+
+
+ * * * * *
+
+
+Von demselben Verfasser erschien im gleichen Verlage:
+
+
+ +Asmus Sempers Jugendland+
+
+ Der Roman einer Kindheit
+
+ 86. bis 100. Tausend
+
+ Brosch. M 3.50, geb. M. 4.50
+
+ 100. Tausend Jubiläumsausgabe in Leder geb. M. 10.–
+
+
+Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in fremde Sprachen,
+vorbehalten
+
+#Published on the 19th of March 1908. Privilege of copyright in the
+United States of North America reserved under the act approved March 3,
+1905, by Otto Ernst.#
+
+ * * * * *
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen.
+
+Die Werbung für »Asmus Sempers Jugendland« von Otto Ernst wurde vom
+Anfang des Buches an das Ende verschoben.
+
+Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
+
+ S. 154: [Bindestrich entfernt] aus-dem Märchen -> aus dem Märchen
+ S. 287: In Amus wirbelte -> In Asmus wirbelte
+ S. 363: [Anführungszeichen nach ‘Sie’ ergänzt] »Meinetwegen
+ sag’ ‘Sie’«
+ S. 375: [‘ durch » ersetzt] ‘Werter Herr Semper«
+ -> »Werter Herr Semper«
+ S. 381: in Winter -> im Winter
+ S. 386: und lief ein groß Stück Weges vorauf. -> und lief ein groß
+ Stück Weges voraus. [vorauf -> voraus]
+
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+ Sperrung: _gesperrter Text_
+ Antiquaschrift: #Antiqua#
+ (In Antiqua gesetzte römische Ziffern wurden nicht gekennzeichnet.)
+ Fettgedruckter Text: +Text+
+ Kursivtext: /Text/
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING ***
+
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
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+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
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+particular state visit http://pglaf.org
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+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
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+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Semper der Jüngling
+
+Author: Otto Ernst
+
+Release Date: February 14, 2009 [EBook #28083]
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+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
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+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+<div class="titlepage">
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<hr />
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h1>Semper der J&uuml;ngling</h1>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<hr />
+
+
+<p class="ad">Von demselben Verfasser erschien im gleichen Verlage:</p>
+<p class="ad1">Asmus Sempers Jugendland</p>
+<p class="ad2">Der Roman einer Kindheit</p>
+<p class="ad3">86. bis 100. Tausend</p>
+<p class="ad4">Brosch. M 3.50, geb. M. 4.50<br />
+100. Tausend Jubil&auml;umsausgabe in Leder geb. M. 10.&#8211;
+</p>
+
+<hr />
+<p class="copyright">Alle Rechte, besonders das der &Uuml;bersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten<br />
+<em class="antiqua">Published on the 19<sup>th</sup> of March 1908. Privilege of copyright in the United States of<br />
+North America reserved under the act approved March 3, 1905, by Otto&nbsp;Ernst.</em></p>
+
+
+
+<hr />
+
+<h3><a href="#Inhalt"><b>Inhalt</b></a></h3>
+
+<hr />
+
+<!-- <h2><a name="Semper" id="Semper"></a><b>Semper<br/>
+der J&uuml;ngling</b></h2>
+
+<p>Ein Bildungsroman</p>
+
+<p>von</p>
+
+<p>Otto Ernst</p>
+
+<p>Sechsundf&uuml;nfzigstes bis sechzigstes Tausend</p>
+
+
+<p>Leipzig - Verlag von L. Staackmann - 1914</p>-->
+
+<p class ="illustration">
+<img src ="images/titelseite.png" alt="Titelseite" /></p>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0"><span class="bigletter">S</span>chon trat aus ferner, tannendunkler Pforte</span>
+<span class="i0">Der Schlaf hervor.</span>
+<span class="i0">Schon raunte mir die ersten, leisen Worte</span>
+<span class="i0">Der Traum ins Ohr.</span>
+<span class="i0">Da klang von nahen Zweigen</span>
+<span class="i0">Ein tiefer Freudenschall</span>
+<span class="i0">Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen.</span>
+<span class="i0">In meinen Traum sang eine Nachtigall.</span></div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesr&auml;ume</span>
+<span class="i0">Im Traum, im Traum.</span>
+<span class="i0">Nur fern, o fern, durch mittern&auml;cht&#8217;gen B&auml;ume</span>
+<span class="i0">Ein lichter Saum.</span>
+<span class="i0">Doch horch: von jenen R&ouml;ten</span>
+<span class="i0">Ein s&uuml;&szlig; geheimer Hall,</span>
+<span class="i0">Ein weiches, tiefes, morgenstilles Fl&ouml;ten!</span>
+<span class="i0">In meinen Traum sang eine Nachtigall.</span></div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Nun wei&szlig; ich auch, da&szlig; mir dieselbe Stimme</span>
+<span class="i0">Von je erklang</span>
+<span class="i0">Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme</span>
+<span class="i0">Voll Hoffnung sang.</span>
+<span class="i0">Ein Land des Lichtes tr&auml;umen</span>
+<span class="i0">Wir armen Seelen all!</span>
+<span class="i0">Ich aber h&ouml;re Klang aus jenen R&auml;umen:</span>
+<span class="i0">In meinen Traum singt eine Nachtigall.</span>
+</div></div>
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+
+
+
+<hr />
+
+<div class="titlepage"><h2><a name="Erstes_Buch" id="Erstes_Buch"></a>Erstes Buch</h2>
+
+<!-- Page 2 -->
+<h1>Spiel und Arbeit</h1>
+<hr />
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+
+<h3><!-- Page 3 --><span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>
+<a name="I_Kapitel" id="I_Kapitel"></a>I. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Handelt von Balladen und Pr&auml;paranden, Gendarmen
+und hebr&auml;ischen Handschriften, zum Gl&uuml;ck auch von
+Pr&auml;parandinnen.</div>
+
+
+
+<p><span class="bigletter">A</span>smus Semper, der halbwegs sechzehnj&auml;hrige
+Sch&uuml;ler des Hamburger Pr&auml;parandeums,
+schwamm bis &uuml;ber die Augenbrauen
+in Seligkeit. Vor seinen Blicken wogte eine
+warme, goldene Flut. Herr T&ouml;nnings, der Ordinarius,
+der genau so aussah wie die Geometrie
+mit einem Stehkragen und von dem ein
+Ger&uuml;cht ging, da&szlig; er vor sieben Jahren den
+einen Mundwinkel zu dem Versuch eines L&auml;chelns
+verzogen habe, Herr T&ouml;nnings also hatte
+soeben verk&uuml;ndet, da&szlig; u. a. auch Asmus Semper
+eine Hospitantenstelle erhalten solle. Man
+denke, was das hei&szlig;t: eine Hospitantenstelle!
+Jeden Morgen von 8-12 Uhr sollte er in
+einer Volksschule dem Unterricht der Kleinen
+zuh&ouml;ren d&uuml;rfen, und daf&uuml;r bekam er noch obendrein
+ein j&auml;hrliches Gehalt von dreihundertundsechzig
+Mark! Jeden Morgen sollt&#8217; er aus
+n&auml;chster N&auml;he hineinhorchen d&uuml;rfen in die
+Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis;
+das hohe Wunder sollt&#8217; er nun begreifen:
+<!-- Page 4 --><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>
+wie der Geist des Menschen Nahrung
+aufnimmt, w&auml;chst und sich vollendet!</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Und noch dreihundertundsechzig Mark! Er
+hatte ja nichts von dem Geld, wollte auch keinen
+Pfennig davon, haha &#8211; aber auf das Gesicht
+seiner Eltern freute er sich, da&szlig; ihm die Augen
+hei&szlig; wurden. Er wollt&#8217; es ihnen nicht eher
+sagen, als bis er sie beide beisammen hatte,
+und dann wollte er die Wirkung beobachten;
+aber die kleine Wohnung der Semper betrat man
+durch die K&uuml;che, und in der K&uuml;che briet Frau
+Rebekka die Abendkartoffeln, und als er seine
+Mutter sah, konnte Asmus sich nicht mehr halten,
+und weil er wu&szlig;te, was seine Mutter am
+meisten freute, rief er: &raquo;Ich kriege dreihundertundsechzig
+Mark das Jahr!&laquo;</p>
+
+<p>Im n&auml;chsten Augenblicke war Frau Rebekka
+schon in der ansto&szlig;enden Zigarrenmacherstube,
+schwang das Messer, mit dem sie die Kartoffeln
+umger&uuml;hrt hatte, hoch in der Luft und rief:
+&raquo;Freude war in Trojas Hallen!&laquo; Aber da
+stand auch schon Asmus neben ihr, und damit
+sie ihm nicht zuvorkommen k&ouml;nne, rief er: &raquo;La&szlig;,
+Mutter, la&szlig;, ich will es Vater sagen! &#8211; Ich
+krieg&#8217; eine Hospitantenstelle mit dreihundertundsechzig
+Mark das Jahr!&laquo;</p>
+
+<p>Und da hatte Asmus wieder den Anblick,
+der ihm vielleicht von allen auf der Welt der
+liebste war: in dem wei&szlig;umwallten Jupiterantlitz
+Ludwig Sempers gingen zwei Sonnen
+auf und verbreiteten Licht durch die ganze Welt.
+</p>
+
+<p><!-- Page 5 --><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>
+&raquo;Ach nein &#8211; es ist ja wohl nicht m&ouml;glich!&laquo;
+rief der Vater, indem er den Kopf zur&uuml;ckwarf.</p>
+
+<p>&raquo;Ganz gewi&szlig;!&laquo; rief Asmus. &raquo;Nun verdiene
+ich mehr, als wenn ich Handwerker geworden
+w&auml;re. Seht mal, wenn ich Tischler oder Hutmacher
+lernte, dann kriegte ich das erste Jahr
+gar nichts oder vielleicht drei Mark die Woche,
+und dies sind beinahe sieben Mark die Woche,
+und das geb&#8217; ich nat&uuml;rlich alles euch!&laquo;</p>
+
+<p>Da schlug Ludwig Semper heftig das linke
+Bein &uuml;ber das rechte, wie er immer tat, wenn
+er in seinem Innern sehr zornig oder sehr
+lustig war, und redete fast den ganzen Rest
+des Abends mit stumm bewegten Lippen zu
+sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht
+laut und hell auf, ohne da&szlig; man einen
+Ton geh&ouml;rt h&auml;tte, und unz&auml;hlige Tabakbl&auml;tter
+verschnitt er an diesem Abend und warf sie in
+die Abfallsch&uuml;rze, weil er mit seinem Messer
+immer wieder sausend &uuml;ber die sonnigen Felder
+und Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er
+hatte ja auch studieren sollen; aber dann war
+der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters
+gekommen, und dann die Sorge, dann der Krieg
+mit den D&auml;nen, dann seine Tr&auml;umerei und sein
+erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und
+dann immer ein Kind nach dem andern. Und
+so machte er mit 58 Jahren noch immer Zigarren.
+Aber mit einem Schlage war jetzt seine
+Jugend wieder da &#8211; da stand sie vor ihm,
+f&uuml;nfzehnj&auml;hrig, rotwangig &#8211; nichts war verloren;
+<!-- Page 6 --><span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>
+denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus
+studierte, das war ja vollkommen dasselbe.</p>
+
+<p>Rebekka aber, als sie von &raquo;sieben Mark die
+Woche&laquo; h&ouml;rte, verga&szlig; all ihre Sparsamkeit,
+lief in die K&uuml;che und schob noch ein St&uuml;ck
+Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie
+auch da noch ziemlich trocken ausschauten, griff
+sie leichtsinnig nach dem Teekessel und go&szlig; einen
+gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, da&szlig;
+eine m&auml;chtige Wolke wie eines Dankopfers zu
+den Himmlischen emporstieg.</p>
+
+<p>Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und
+sieben Semper versammelten sich and&auml;chtig um
+das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund,
+das sah man an den Bewegungen der
+Gabeln; aber Adalbert, der J&uuml;ngste, war so
+gesund, da&szlig; Frau Rebekka nach einer Weile
+ausrief: &raquo;Halt, mein Junge, du hast jetzt genug.
+Es wird kein Fresser geboren, es wird einer
+gemacht!&laquo;</p>
+
+<p>Adalbert wollte sich melancholisch zur&uuml;ckziehen,
+da sprach der Vater: &raquo;La&szlig; doch den
+Jungen essen!&laquo; und trat seine Anspr&uuml;che an
+die Allgemeinheit ab.</p>
+
+<p>Und nach dem Essen &#8211; obwohl die Semper
+&uuml;ber das Abendbrot hinaus bis gegen Mitternacht
+zu arbeiten pflegten &#8211; warf Ludwig
+Semper Messer, Tabak und Rollklotz in die
+Ecke, holte den stark zerlesenen und vergilbten
+&raquo;Faust&laquo; vom B&uuml;cherbrett und las und warf
+das linke Bein &uuml;ber das rechte und bewegte
+<!-- Page 7 --><span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>
+die Lippen und l&auml;chelte. Und alle waren still,
+und Asmus wu&szlig;te: Nun kommt eine heilige
+Stunde. Und wirklich, es w&auml;hrte nicht lange,
+da klang es durch den Raum:</p>
+</div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,</span>
+<span class="i0">Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst</span>
+<span class="i0">Dein Angesicht im Feuer zugewendet.&nbsp;&#8211;&laquo;</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="gesperrt">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</em></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>In einem wunderlieben Dorfe, das sich
+jetzt zu einer gro&szlig;en, h&auml;&szlig;lichen Vorstadt Hamburgs
+ausgewachsen hat, damals aber noch im
+heitern Frieden seiner Kindheit lag, in einem
+Garten mit Rosen und Apfelb&auml;umen fand Asmus
+die Schule, an der er hospitieren sollte.
+&raquo;Ich habe zuviel Gl&uuml;ck,&laquo; dachte er, als er sie
+nach einst&uuml;ndiger Wanderung vor sich liegen
+sah. Gew&ouml;hnlich, wenn er solch ein stummes
+Dankgebet in den Himmel hinaufsandte, zog
+ihm gleich darauf das Gl&uuml;ck etwas ab, als wenn
+es d&auml;chte: Der ist auch mit weniger zufrieden.
+Das erste n&auml;mlich, was er tun mu&szlig;te, war:
+sich im Portal der Schule aufstellen und alle
+Sch&uuml;ler aufschreiben, die zu sp&auml;t kamen. So
+hatte sich Asmus das Belauschen der Kindesseele
+nicht gedacht. Aber da es nun einmal
+sein Amt war, so notierte er gewissenhaft alles,
+was an Buben oder M&auml;dchen den letzten
+Glockenschlag vers&auml;umte, obwohl es ihm bei den
+M&auml;dchen mitunter schwer wurde. Anfangs empfand
+<!-- Page 8 --><span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>
+er wohl so etwas wie die W&uuml;rde einer
+obrigkeitlichen Stellung, namentlich als ein
+Vater, der mit dem Schulgeld im R&uuml;ckstande
+war, an ihn herantrat und bat, da&szlig; man noch
+ein wenig Geduld mit ihm haben m&ouml;chte, und
+ihm heimlich ein paar Zigarren in die Hand
+dr&uuml;cken wollte. Asmus wich zwar &auml;ngstlich zur&uuml;ck
+und rief: &raquo;Dar&uuml;ber habe ich leider gar
+nichts zu sagen!&laquo; &#8211; aber als deutscher J&uuml;ngling
+f&uuml;hlte er sich doch geschmeichelt, da&szlig; man
+ihn f&uuml;r eine Beh&ouml;rde hielt. Diese Reize indessen
+verfl&uuml;chtigten sich schon nach wenigen Tagen.
+Dann kam eines Morgens ein blasses, frierendes,
+von Regen durchn&auml;&szlig;tes M&auml;gdelein, das
+weinte.</p>
+
+<p>&raquo;Warum weinst du?&laquo; fragte Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Ich konnte nicht eher kommen; mein Vater
+hat meine Mutter &#8217;rausgeschmissen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum das denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Och, er is all wieder duhn (betrunken).&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So fr&uuml;h schon?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, er s&auml;uft immer &#8217;rum.&laquo;</p>
+
+<p>Asmus erschrak. Gab es Kinder, die so
+&uuml;ber ihren Vater reden konnten?</p>
+
+<p>&raquo;Geh&#8217; nur zu,&laquo; sagte er. Das war ja selbstverst&auml;ndlich,
+da&szlig; man die nicht aufschrieb. Er
+sah ihr nach und dachte daran, da&szlig; sie fror.
+Und dachte, wie er als Junge gefroren, wenn
+ihm der Wind unter die d&uuml;nne Jacke fuhr.</p>
+
+<p>Von nun an fragte er &ouml;fter nach dem
+Grunde der Versp&auml;tung, und er notierte immer
+<!-- Page 9 --><span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>
+weniger. Und eines Tages sagte er sich: Entweder
+man mu&szlig; alle aufschreiben oder keinen.
+Und nun lie&szlig; er alle vorbeilaufen und arbeitete
+an seiner ersten Ballade, die handelte von einem
+Fischer, der aufs Meer fuhr, um seinen Sohn
+zu retten, und der dann mit seinem Sohne
+ertrank. Das Sch&ouml;nste an dieser Ballade war
+eine Refrainstrophe, die mit den Zeilen schlo&szlig;:</p>
+</div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Drunten klingt verworrner Klang,</span>
+<span class="i0">T&ouml;nt es nicht wie Grabgesang?&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Alles, was nach Grab und Ungl&uuml;ck klang,
+das fand der gl&uuml;ckliche Asmus jener Tage ohne
+weiteres sch&ouml;n.</p>
+
+<p>&raquo;Warum notieren Sie nicht die Zusp&auml;tkommenden?&laquo;
+fragte schlie&szlig;lich der Oberlehrer.</p>
+
+<p>&raquo;Ich mag das nicht,&laquo; sagte Asmus verlegen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, danach geht es nicht,&laquo; rief der Vorgesetzte.
+Aber bald darauf wurde die ganze
+Einrichtung aufgehoben, und der Posten des
+Kulturgendarmen wurde eingezogen.</p>
+
+<p>Der Oberlehrer sch&auml;tzte den jungen Semper
+wegen anderer F&auml;higkeiten. Leider, dachte Asmus.
+Denn wenn die Wache am Portal vor&uuml;ber
+war, mu&szlig;te er im Amtszimmer des Schulleiters
+dickleibige Sch&uuml;lerregister anlegen und
+auf dem Laufenden halten, Schulgeldrechnungen
+schreiben, sie mit den Hebeprotokollen &raquo;kollationieren&laquo;
+und endlose Kolonnen von Schulgeldern
+addieren. Auch das f&uuml;hrte den Begierigen
+nicht in die Tiefen der Kindesseele.
+<!-- Page 10 --><span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>
+Es waren f&uuml;nf Pr&auml;paranden da: zwei junge
+M&auml;dchen und drei junge &raquo;M&auml;nner&laquo;, sie alle
+mu&szlig;ten Protokolle schreiben und Rechnungen
+addieren. Unter den jungen Herren war aber
+einer, dessen Handschrift man zun&auml;chst immer
+f&uuml;r hebr&auml;ische Schriftzeichen hielt; erst nach und
+nach kam man dahinter, da&szlig; es die bekannten
+deutschen Buchstaben sein sollten. Da Claus
+M&uuml;nz &uuml;berdies ohne jedes Schamgef&uuml;hl addierte,
+so wurde er schon nach drei Tagen in
+die Klassen zum Hospitieren geschickt. Asmus
+hingegen, weil er eine gute Handschrift hatte,
+seine Rechnungen sogar mit einem gewissen
+Sch&ouml;nheitsbed&uuml;rfnis schrieb und es nicht &uuml;ber
+sich gewann, falsch zu addieren, Asmus durfte
+im Bureau sitzen bleiben. Ihm fielen die Verhei&szlig;ungen
+des Herrn R&ouml;sing, seines alten
+Lehrers ein, der jeden Morgen gesagt hatte:
+&raquo;Jungens, schafft euch &#8217;ne sch&ouml;ne Handschrift
+an; wer &#8217;ne sch&ouml;ne Handschrift hat, kommt &uuml;berall
+fort!&laquo;</p>
+
+<p>Freilich: sein Sch&ouml;nheitsbed&uuml;rfnis hatte auch
+schon in den ersten Tagen das Gl&uuml;ck herausgefunden,
+das auch mit dieser Schreibstube
+wieder verbunden war, und dieses Gl&uuml;ck war
+eine der Pr&auml;parandinnen, die sehr h&uuml;bsch war
+und noch obendrein br&uuml;nett. Asmus schrieb
+und addierte den ganzen Morgen mit einer
+selig-schmerzlichen Spannung in der Brust, und
+der Schmerz kam daher, da&szlig; er sich sagte: Ich
+kann ja noch lange nicht heiraten. Und wenn
+<!-- Page 11 --><span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>
+ich heiraten kann, hat sie ein anderer geholt.
+Die andern beiden J&uuml;nglinge kokettierten in
+unschuldiger, aber flei&szlig;iger Weise mit den beiden
+M&auml;dchen. Asmus dachte nicht daran, auch nur
+den Versuch zu wagen, weil er von seiner vollkommenen
+T&ouml;lpelhaftigkeit in dieser Hinsicht
+durchaus &uuml;berzeugt war. Und eines Tages
+machte er dennoch den Versuch, zu imponieren.
+Das Zimmer war &uuml;berheizt, wie alle Schreibstuben,
+und man klagte dar&uuml;ber. &raquo;Ja,&laquo; sagte
+Asmus, der nahe dem Ofen sa&szlig;, &raquo;hier sitzt man
+wie die Sau am Spie&szlig;; denn er hatte das
+Gef&uuml;hl, da&szlig; eine kraftvolle Ausdrucksweise den
+Mann verrate. Aber, o weh: die Damen fuhren
+wie wild mit den K&ouml;pfen in ihre Arbeit und
+kicherten, wie nur Backfische kichern k&ouml;nnen. Sie
+denken: das ist ein Bauernt&ouml;lpel, sagte sich Asmus,
+und f&uuml;hlte, da&szlig; er von den Haarwurzeln
+bis unter den Halskragen err&ouml;te. Und die
+m&auml;nnlichen Kollegen Asmussens, Herr M&uuml;nz
+und Herr Morieux, betrachteten ihn mit &uuml;berlegen-mitleidigen
+Blicken, als wollten sie sagen:
+Ist das ein ungebildeter Mensch. Aber als
+wenige Tage darauf von Rousseaus &raquo;Emile&laquo;
+die Rede war, da zeigte sich, da&szlig; nur Asmus
+wu&szlig;te, was wirklich darin steht, und die Braune
+hielt ihre braunen Augen so lange auf ihn gerichtet,
+als wenn sie ihn heute zum ersten
+Male sehe.</p>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<!-- Page 12 -->
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+<a name="II_Kapitel" id="II_Kapitel"></a>II. Kapitel.</h3>
+<div class="center">Wie Asmus im Vorhof der P&auml;dagogik weilen durfte,
+wie er eine andere Religion bekam, auf den Spuren
+Aglaias wandelte und Herrn Rothgr&uuml;n nicht hinaustrampeln
+wollte.</div>
+
+<p><span class="bigletter">E</span>ndlich, als einmal alle Rechnungen geschrieben
+waren und auch das letzte Protokoll
+&raquo;auf dem Laufenden&laquo; war, durften auch die
+&uuml;brigen Pr&auml;paranden in die Klasse gehen und
+hospitieren. Welch&#8217; ein Gl&uuml;ck, dachte Asmus,
+und mit weihevollem Herzen ging er der erhofften
+Offenbarung entgegen. Aber zun&auml;chst
+kam er an einen Lehrer, der es liebte, die
+Kinder so still zu besch&auml;ftigen, da&szlig; sie ihn m&ouml;glichst
+wenig bel&auml;stigten, und der sich, w&auml;hrend
+die Sch&uuml;ler schrieben und rechneten, mit dem
+jungen Semper &uuml;ber Gehalts- und Anstellungsverh&auml;ltnisse,
+&uuml;ber seine Frau, &uuml;ber Bismarck,
+oder &uuml;ber den letzten Raubmord unterhielt.
+Das war ja nun recht unterhaltend und wenig
+anstrengend; aber es war nicht das, was
+Asmus gesucht hatte. Er kam zu einem andern
+Lehrer, der hatte das ganze Einmaleins auf
+Reime und Bilder gebracht: die Bilder hatte
+<!-- Page 13 --><span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>
+er auf die Wandtafel gezeichnet, und nun
+mu&szlig;ten die Kinder die zugeh&ouml;rigen Verse hersagen,
+z. B.:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i4">6&times;6 sind 36</span>
+<span class="i4">In die gro&szlig;e Schlackwurst bei&szlig;&#8217; ich</span>
+</div></div>
+
+<p>oder</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i4">8&times;9 sind 72</span>
+<span class="i4">Dieser Knabe &uuml;bergibt sich,</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>aber der gute Mann bedachte gar nicht, da&szlig;
+sich die Worte &raquo;bei&szlig;&#8217; ich&laquo; ebensogut auf 32
+wie auf 36 reimen, und wenn dann ein Sch&uuml;ler
+die falsche Zahl nannte, so schalt ihn der Lehrer
+in komischer Verwechslung einen Esel, zerri&szlig;
+sich vor Aufregung und lie&szlig; die kunstreichen
+Verse bis zum vollkommenen Stumpfsinn
+wiederholen.</p>
+
+<p>&raquo;Bei dem kann ich auch nichts lernen,&laquo;
+sagte Asmus zu jenem Mitpr&auml;paranden mit
+der hebr&auml;ischen Handschrift, und dieser sah ihn
+ob solcher Anma&szlig;ung mit grenzenloser Verwunderung
+an.</p>
+
+<p>Und schlie&szlig;lich fand Asmus doch einen, der
+auf manchen stillen Wegen der Kindesseele
+heimisch war, der mit den Kindern in ihrer
+Sprache zu reden verstand und sie, wenn auch
+nicht immer, so doch manchmal, aus wirrer
+Dunkelheit den Weg zur Klarheit f&uuml;hren konnte.
+Er war kein hoher und starker Geist, dieser
+Mann; aber er war sein Lebenlang mit einem
+Fu&szlig; im Kinderlande stehen geblieben, und so
+<!-- Page 14 --><span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>
+verstand er unbewu&szlig;t die Regungen der Kindesseele.
+Hier befiel nun den Hospitanten eine
+andere Not: er brannte vor Ungeduld, sich selbst
+vor den Kindern zu versuchen; ja, manchmal
+schien es ihm, als wisse er einen Ausweg, wenn
+der Lehrer in der Wirrnis des Kindergeistes
+stecken blieb. Aber er h&auml;tte sich eher die Zunge
+abgebissen, als vor diesem Manne dergleichen
+laut werden zu lassen. Und alles Wippen von
+einem Fu&szlig; auf den andern, wenn er am Fenster
+stand und horchte und nicht einmal Finken und
+Apfelbl&uuml;te seine Sinne nach au&szlig;en zu locken
+vermochten, alle Ungeduld half ihm nichts; er
+mu&szlig;te warten.</p>
+
+<p>Inzwischen feierte er jeden Nachmittag und
+jeden Abend hohe Feste. Er hatte ja in der
+Pr&auml;parandenanstalt eines der herrlichsten Geschenke
+seines Lebens empfangen: da war ein
+Religionslehrer, der sagte nicht: Das mu&szlig; man
+glauben, sonst ist man verdammt; der fragte
+&uuml;berhaupt nicht, was man glaube; der trug
+Stunde f&uuml;r Stunde vor, was die Wissenschaft
+zu den Berichten der Bibel sagt. Gleich in
+der ersten Stunde, im Sch&ouml;pfungsbericht, trennte
+er die Erz&auml;hlung des Jehovisten von der des
+ersten Elohisten und von der des zweiten Elohisten,
+und vor den Augen des jungen Semper
+zerri&szlig; ein vielj&auml;hriger Nebel. Also hatte nicht
+Moses diese Dinge geschrieben, also war es
+nicht unfehlbares Gotteswort. Sie hatten ihn
+bedr&uuml;ckt wie eine dumpfe Last, hatten ihn gequ&auml;lt,
+<!-- Page 15 --><span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>
+ge&auml;ngstigt; aber er hatte keinen Ausweg
+gewu&szlig;t. Mit einem Male gab ihm dieser
+Mann eine Waffe und ein Licht. Und mit
+solchem Licht und solcher Waffe durchwanderte
+der Mann die ganze Bibel, festen Schrittes und
+unablenkbar; was nur die menschliche Wissenschaft
+zur Bibel zu sagen wu&szlig;te, das kannte
+er, und er trug es frei aus dem Kopfe vor.
+So fest hing Asmus an seinen Lippen, da&szlig;
+er kein Wort zu schreiben wagte, aus Furcht,
+es m&ouml;chte ihm ein Wort des Redenden entgehen.
+Und sieh: wenn er am Abend daheim
+sa&szlig;, dann konnte er den ganzen Vortrag von
+Anfang bis Ende niederschreiben; so fest hing
+alles mit ehernen Klammern zusammen.</p>
+
+<p>Ein merkw&uuml;rdiger Mann, dieser Herr
+Stahmer. Er sprach au&szlig;er seinen Vortr&auml;gen
+kaum ein Wort zu seinen Sch&uuml;lern; er verl&auml;ngerte
+fast jede Stunde um die ganze folgende
+Erholungspause &#8211; ein Ding, das Sch&uuml;ler
+nicht lieben &#8211; er verlangte viel und verschonte
+weder Tr&auml;gheit noch Dummheit. Aber er bedurfte
+keiner Disziplinarmittel. Von diesen
+jungen Leuten, unter denen manch ein dreister
+Gelbschnabel war, h&auml;tte nicht einer ein unehrerbietiges
+Wort gegen ihn gewagt; instinktiv
+verehrten sie in ihm das lautere Gef&auml;&szlig; einer
+gro&szlig;en Kraft. W&auml;hrend zweier Jahre brauchte
+er wohl nie die Worte &raquo;Wahrheit&laquo; und &raquo;Gerechtigkeit&laquo;,
+und doch war das die stumme Lehre
+seines ganzen Wirkens: Wer Wissenschaft will,
+<!-- Page 16 --><span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>
+der mu&szlig; wahrhaftig und gerecht sein, und wenn
+es das Leben gilt. Kein Gottesdienst hatte
+je das Herz des Asmus erhoben wie dieser.</p>
+
+<p>Leider gab es davon nur zwei Stunden die
+Woche. In seiner Dorfschule waren es w&ouml;chentlichen
+sieben bis acht Stunden gewesen. Und
+welchen Erfolg hatten die gehabt? Mit einem
+leidenschaftlichen Ha&szlig; gegen diese sogenannte
+&raquo;Religion&laquo; hatte er die Schule verlassen. In
+dieser Schule hatte die &raquo;Religion&laquo; die ganze
+Naturgeschichte aufgefressen. Ein einziges Mal
+hatte Herr Cremer von den Giftpflanzen gesprochen
+und Bilder dazu gezeigt, nicht etwa
+die Pflanzen selbst, und ein andres Mal hatte
+ein anderer Lehrer ganz unmotiviert die Feigwurz
+behandelt. Die Giftpflanzen und <em class="antiqua">Ranunculus
+ficaria</em> &#8211; das war die Naturgeschichte,
+mit der Asmus Semper, ein Kind
+der darwinischen Zeit, das Pr&auml;parandeum bezog.
+Aber da stapfte nun zweimal w&ouml;chentlich
+mit drolligen Koboldschritten der naturselige
+&raquo;Papa Hamann&laquo; herein; er schleppte
+jedesmal eine Botanisierdose, die so gro&szlig; war
+wie er selbst, und sein Gesicht gl&auml;nzte wie ein
+Pfannkuchen, wenn er mit ansto&szlig;ender Zunge
+sagte: &raquo;Heute meine Herren, hab&#8217; ich Ihnen
+etwath<a name="FNanchor_1" id="FNanchor_1"></a><a href="#Footnote_1" class="fnanchor">[1]</a>
+ganth Bethondereth mitgebracht!&laquo;</p>
+
+<p>Und dann kramte er aus mit dem Gesicht
+eines Vaters, der seine Kinder zur Weihnacht
+<!-- Page 17 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>
+&uuml;berrascht, und Asmus h&ouml;rte zum erstenmal
+vom Bau und vom Leben der Pflanze, und
+wenn man ihn sah, so konnte man glauben, er
+wolle die Pflanzen im w&ouml;rtlichsten Sinne verschlingen,
+so versessen war er auf dies neue
+Erkennen. Freilich blieb die Wissenschaft des
+guten Papas einigerma&szlig;en an der Oberfl&auml;che;
+er sprach allerlei vom Chlorophyll; aber was
+es f&uuml;r eine Bedeutung habe, wu&szlig;te er eigentlich
+selbst nicht. F&uuml;r den ausgehungerten Geist
+des kleinen Semper aber war alles, was er
+ihm bot, Gewinn, und &uuml;berdies war die Lehrweise
+des Alten so v&auml;terlich und fr&ouml;hlich und
+mit so wundervollen Redeblumen geschm&uuml;ckt!</p>
+
+<p>&raquo;Eth mag wohl funfthehn Jahre thein,&laquo;
+sagte Papa Hamann zum Beispiel, &raquo;dath ich
+dath Vergn&uuml;gen hatte, den Schwanth eineth
+Walfischeth von Angethicht zu Angethicht zu
+thehen!&laquo;</p>
+
+<p>Oder wenn er zu den Damen von den
+Pflanzen einer bestimmten Familie sprach, so
+sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;Einige von ihnen, meine Damen, thind
+ganth reitthende Pfl&auml;ntthchen; andere dagegen
+thind h&auml;thlich und widerlich!&laquo;</p>
+
+<p>Und darin hatte er recht, einige von diesen
+Pr&auml;parandinnen, die in einer ansto&szlig;enden
+Stra&szlig;e unterrichtet wurden, waren wirklich ganz
+reizende Pfl&auml;nzchen, und Asmus und ein paar
+B&uuml;rschchen mit ihm lie&szlig;en es sich nicht nehmen,
+dreien von ihnen, die auf gleichem Wege heimw&auml;rts
+<!-- Page 18 --><span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+wandelten, an laulichen Abenden in respektvoller
+Entfernung zu folgen und sich ihnen
+durch lautgesprochene Galanterien und wundervolle
+Witze bemerklich zu machen. Bald schon
+taufte Asmus die drei auf die Namen Aglaia,
+Euphrosyne und Thalia, und die eine von ihnen
+&#8211; es war Aglaia &#8211; verehrte Asmus viele
+Monde hindurch, ohne jemals ihre Vorderseite
+gesehen zu haben. Aber sie hatte einen anmutsvollen
+Gang, und ein sch&ouml;ner Gang griff Asmussen
+ans Herz.</p>
+
+<p>Auf andern Wegen schw&auml;rmten andre Herzen,
+und nach den drei Grazien zu urteilen, schien
+den jungen Damen der sch&uuml;chterne Kultus der
+J&uuml;nglinge durchaus nicht zu mi&szlig;fallen; sie verfielen
+wenigstens aus einer zeitweiligen entr&uuml;steten
+Gangart immer wieder in Kichern,
+Lachen und tr&auml;umendes Hinschlendern; aber sei
+es nun, da&szlig; irgendwo ein J&uuml;ngling dem Drange
+seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es,
+da&szlig; sich unter den verfolgten Unschulden ein
+strenges oder ein eifers&uuml;chtiges Herz befand &#8211;
+eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor
+ein, und dieser Mann hatte aus seinem
+heimischen Preu&szlig;en und aus dem franz&ouml;sischen
+Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten,
+einige &uuml;ble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt
+eine donnernde Standrede und nannte die ritterlichen
+Pr&auml;paranden &raquo;gr&uuml;ne Jungen&laquo;. Man war
+sich sofort dar&uuml;ber einig, da&szlig; man sich das mit
+f&uuml;nfzehn bis sechzehn Jahren nicht mehr bieten
+<!-- Page 19 --><span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>
+lassen k&ouml;nne und da&szlig; der einm&uuml;tige Austritt
+aller aus der Anstalt die einzig w&uuml;rdige Antwort
+auf diese Roheit sei. Am folgenden Tage
+dachte man milder &uuml;ber die Sache; man bedurfte
+ja der Einwilligung der Eltern zum Austritt,
+und man hielt es im stillen f&uuml;r m&ouml;glich,
+da&szlig; die Eltern sich von der Auffassung des Direktors
+nicht wesentlich entfernen m&ouml;chten. Am
+dritten Tage endlich beschlo&szlig; man, die unqualifizierbare
+&Auml;u&szlig;erung des Direktors auf dessen
+preu&szlig;ische Unbildung zur&uuml;ckzuf&uuml;hren und ihn zu
+verachten.</p>
+
+<p>Nur ein pathetisches Herz vermochte sich
+nicht zu bezwingen. Der Tr&auml;ger dieses Herzens
+war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die
+Wandtafel einen Pfahl, der einen preu&szlig;ischen
+Adler trug, und dazu eine Kanone, die sich
+gegen das fl&uuml;gelspreizende Wappentier entlud.
+Der Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich
+l&auml;chelnd den schwarzwei&szlig;en Stachelbart, tickte
+dann mit den Fingern auf den Adler und sagte
+zur Klasse: &raquo;Da k&ouml;nnen Se lange schie&szlig;en, bis
+Se den runterkriegen&nbsp;...&laquo; und wandte sich
+seinen Gesch&auml;ften zu.</p>
+
+<p>Und als diese erledigt waren, trat in breiter
+Aufmachung Herr Rothgr&uuml;n, der Lehrer der
+Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgr&uuml;n auftrat,
+so sah das immer aus wie: Jetzt beginnt
+eine neue Epoche der Wissenschaft. Und Herr
+Rothgr&uuml;n begann, Geschichtszahlen zu repetieren.
+<!-- Page 20 --><span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>
+Er nannte das Ereignis, und der
+Sch&uuml;ler mu&szlig;te die Zahl nennen:</p>
+
+<p>&raquo;Amenemha <em class="antiqua">III.</em>?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;2200.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vertreibung der Hyksos?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;1580.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Durch wen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Durch Thutmosis.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Amenophis?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;1500.&laquo;</p>
+
+<p>Oder Herr Rothgr&uuml;n nannte die Zahl und
+der Sch&uuml;ler das geschichtliche Faktum, was genau
+ebenso bildend und interessant war. So
+ging es die ganze Stunde hindurch; denn fortfahren
+in der Geschichte konnte Herr Rothgr&uuml;n
+nicht, weil er heute nichts wu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Er war wieder mal nicht pr&auml;pariert,&laquo;
+sagten die Pr&auml;paranden, als er fort war.</p>
+
+<p>In der n&auml;chsten Geschichtsstunde begann Herr
+Rothgr&uuml;n nach effektvollem Eintritt und imperatorenhafter
+Besteigung des Katheders von
+neuem:</p>
+
+<p>&raquo;Phul?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;770.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tiglat Pilesar?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;740.&laquo;</p>
+
+<p>Und so fort &uuml;ber &Auml;gypter, Ph&ouml;nizier, Israeliten,
+Meder, Perser, Griechen und R&ouml;mer bis
+zu den Franken und Merowingern. Wer die
+Zahl wu&szlig;te, war gescheit, wer sie nicht wu&szlig;te,
+dumm.</p>
+
+<p><!-- Page 21 --><span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>
+Als auch diese Stunde der Pein vor&uuml;ber
+war, ward es abgemacht: Wenn er die n&auml;chste
+Stunde wieder Zahlen b&uuml;ffelt, dann trampeln
+wir. Aber keiner darf sich melden! Man kannte
+Herrn Rothgr&uuml;n schon als einen langatmigen
+Hasser, der sich auch bei den sp&auml;testen Examinibus
+derer erinnerte, die ihm einmal mi&szlig;fallen
+hatten. Asmus und einige andere waren gegen
+dieses heimliche Verfahren. Das sei &raquo;unm&auml;nnlich&laquo;.
+Man solle eine Abordnung zu Herrn
+Rothgr&uuml;n schicken und sich &uuml;ber seinen Unterricht
+beschweren.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, willst <em class="gesperrt">du</em> das tun?&laquo; riefen einige
+h&ouml;hnend.</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehe mit,&laquo; sagte Asmus. Aber die
+andern wollten nicht, und da sagte Asmus:
+&raquo;Allein will ich auch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Semper will artig Kind spielen,&laquo; spottete
+einer.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Esel!&laquo; rief Asmus. &raquo;Trampeln
+tu ich nicht. Aber die Folgen trage ich nat&uuml;rlich
+mit.&laquo;
+</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1" id="Footnote_1">
+</a><a href="#FNanchor_1"><span class="label">[1]</span></a>
+ th sprich wie das englische <em class="antiqua">th</em>.</p>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 22 --><span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>
+<a name="III_Kapitel" id="III_Kapitel"></a>III. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit
+und wie sie die Dinge der lebendigen Welt
+sahen, und wie er darum mit diesen Augen zum Arzt
+mu&szlig;te.</div>
+
+
+<p><span class="bigletter">D</span>ie n&auml;chste Geschichtsstunde erschien, und Herr
+Rothgr&uuml;n begann: &raquo;Tiglat Pilesar?&laquo;</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;740,&laquo; sagte der Gefragte, und dann ging
+ein Trampeln durch die Klasse, das wie grollender
+Donner klang.</p>
+
+<p>Herr Rothgr&uuml;n wurde wei&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Was soll das?&laquo; rief er.</p>
+
+<p>Keine Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Was soll das hei&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>Eisiges Schweigen.</p>
+
+<p>&raquo;Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen
+und zu sagen, was das bedeuten soll?&laquo;
+schrie der Lehrer.</p>
+
+<p>Niemand r&uuml;hrte sich.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, dann bleibt mir nichts anderes &uuml;brig,
+als Herrn Direktor Korn zu melden, da&szlig; ich
+durch ein unerkl&auml;rliches Ger&auml;usch im Unterricht
+gest&ouml;rt worden bin.&laquo;</p>
+
+<p>Aber Herr Rothgr&uuml;n erstattete dem Direktor
+keine Meldung; denn er wu&szlig;te wohl, da&szlig; der
+<!-- Page 23 --><span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>
+einen sehr direkten Schlu&szlig; auf seinen Unterricht
+ziehen w&uuml;rde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze:
+&raquo;Unterrichtet nur gut; dann kommt der
+Respekt der Sch&uuml;ler von selbst.&laquo; Auch erkl&auml;rte
+sich Herr Rothgr&uuml;n das &raquo;unerkl&auml;rliche Ger&auml;usch&laquo;
+sehr schnell und richtig; er begann sofort zu erz&auml;hlen;
+diesmal erz&auml;hlte er freilich noch mangelhaft,
+weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen
+beherrschte, aber von der n&auml;chsten Stunde
+an vorz&uuml;glich; denn wenn er wollte, so konnte
+er&#8217;s vielleicht am besten von allen Lehrern der
+Anstalt.</p>
+
+<p>Geschichte h&ouml;ren oder Geschichte lesen, das
+gab Asmus immer besondere Freuden. Nicht,
+da&szlig; er an die Geschichte geglaubt h&auml;tte, &#8211; er
+glaubte die profane Geschichte so wenig wie die
+biblische. Aus seiner &raquo;Faust&laquo;-Lekt&uuml;re wu&szlig;te er
+sehr wohl:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Die Zeiten der Vergangenheit</span>
+<span class="i0">Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.</span>
+<span class="i0">Was ihr den Geist der Zeiten hei&szlig;t,</span>
+<span class="i0">Das ist im Grund der Herren eigner Geist,</span>
+<span class="i0">Darin die Zeiten sich bespiegeln.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p>und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um
+wirklich zu wissen, mu&szlig;te man von all den
+F&uuml;rsten, Feldherren und Priestern, mu&szlig;te man
+vor allem von der Menge des Volkes wissen,
+was sie bei ihren Handlungen dachten, f&uuml;hlten,
+beabsichtigten und w&uuml;nschten, und davon h&ouml;rte
+man so gut wie nichts. Kaum da&szlig; einmal durch
+einen gl&uuml;cklichen Zufall ein Lichtschein in diese ewig
+<!-- Page 24 --><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>
+versunkene Welt fiel, wie ein Sonnenstrahl in
+eine Kammer einer versch&uuml;tteten Stadt. Und
+die Menschen der Geschichte waren ihm wie die
+Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die
+menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen
+erkennen lassen. Da&szlig; man aus der Geschichte
+etwas lernen k&ouml;nne, das glaubte er nicht. Aber
+lange Zeitl&auml;ufte der Geschichte formten sich ihm
+zu riesigen Bildern von wunderbarer Gewalt,
+und in diese Bilder versank er mit aufgerissenen
+Augen und horchender Seele, wenn er h&ouml;rte und
+las. Er sah ein Jahrhundert, da stille M&ouml;nche
+in stiller Zelle sa&szlig;en und vom Virgil oder Cassiodor
+den Blick erhoben und durchs Fenster voll
+gl&auml;ubiger Hoffnung schauten &uuml;ber weites, unbesiedeltes
+deutsches Land, indessen andere, das
+Kreuz in der Hand, durch unerforschte W&auml;lder
+schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein
+oder eine Kapelle errichteten. Er sah ein
+Jahrhundert voll Weihrauch und Me&szlig;gew&auml;nder,
+da k&ouml;nigliche V&auml;ter b&uuml;&szlig;end vor unnat&uuml;rlichen
+S&ouml;hnen knieten und lange S&uuml;ndenregister, vom
+Priester singenden Tones verlesen, bekannten,
+und das ganze neunte Jahrhundert ward ihm
+zum &raquo;L&uuml;genfeld&laquo;. Dann gab es eine lange
+Zeit, deren Angesicht in die bunte Glut des
+Ostens schaute und blinkende Ritter und d&uuml;stere
+M&ouml;nche, M&auml;nner und Weiber, Greise und Kinder
+in jahrhundertelangen Z&uuml;gen nach den
+ewigen Spuren des Nazareners wandern sah.
+Das ernste Jahrhundert des Wittenberger M&ouml;nches
+<!-- Page 25 --><span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>
+baute sich ihm auf mit den strengen und
+n&uuml;chternen S&auml;ulen eines lutherischen Gotteshauses,
+aus dem die streitbaren Glaubensges&auml;nge
+hinausklangen in einen grauen und feuchten
+Novembertag; dann kam ein Jahrhundert,
+das lag verborgen unter den Brand- und Blutwolken
+eines endlosen Krieges, und so nah zogen
+die Wolken &uuml;ber den Erdboden dahin, da&szlig; die
+Menschen nur geb&uuml;ckt dahinschlichen. Aber das
+achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz aller
+Kriege und aller gro&szlig;en Revolution wie eine
+friedsame Stadt mit winkelig-sauberen G&auml;&szlig;chen,
+wo aus schnurrig gegiebelten H&auml;usern Gelehrte
+mit Z&ouml;pfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam
+&uuml;ber die Stra&szlig;e schritten zum Nachbar
+von dr&uuml;ben, um mit ihm &uuml;ber die Schriften Voltaires
+oder &uuml;ber das neueste Werk des erstaunlichen
+K&ouml;nigsberger Professors zu streiten.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>So h&ouml;rte, so sah er die Geschichtserz&auml;hlungen
+des Herrn Rothgr&uuml;n. Aber dann mu&szlig;te dieser
+Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten
+werden, und die Vertretung &uuml;bernahm Herr
+Stahmer, der Religionslehrer. Und wieder empfing
+Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer
+behandelte w&auml;hrend eines ganzen Semesters einen
+Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte die Geschichte
+bis in die Kabinette von Wien, Berlin
+und Petersburg hinein und erz&auml;hlte so ziemlich
+alles, was man &uuml;ber die zehn Jahre wu&szlig;te.
+Und mit einem Male ward dem J&uuml;ngling die
+Geschichte zur Wissenschaft. Die rohe, unverdauliche
+<!-- Page 26 --><span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>
+Masse der Tatsachen, wie sie Herr Rothgr&uuml;n
+und wie sie die &uuml;blichen Lehrb&uuml;cher aufh&auml;uften,
+absonderlich die Gro&szlig;taten der Kriegesf&uuml;rsten,
+die mit dem Schwerte die Welt durchzogen,
+waren ihm von jeher furchtbar gleichg&uuml;ltig
+und langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male
+ahnte er etwas von geschichtlichen Zusammenh&auml;ngen.
+Bei Herrn Stahmer sah er keine vision&auml;ren
+Bilder; aber er sah das Leben, und eine
+andere, neue Freude w&auml;rmte ihm das Herz.
+Wieder verschlang er jedes Wort, fast eh&#8217; es
+der Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des
+Abends im stillen Hause mit fliegender Feder
+zwanzig, drei&szlig;ig Quartseiten voll, und wohl
+zehnmal mu&szlig;te ihm sein Vater mit milde mahnendem
+Finger auf die Schulter tupfen, er m&ouml;ge
+sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer
+sagte sich Asmus: In der Geschichte mu&szlig; man
+alles wissen, sonst wei&szlig; man nichts. Und etwas
+Gr&ouml;&szlig;eres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar
+nichts; aber <em class="gesperrt">eine</em> Sache <em class="gesperrt">ganz wissen</em>, das
+ist Aufkl&auml;rung, Befreiung. Dann wird Wissen
+zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster,
+die uns umgeben, ein Guckloch nach der Au&szlig;enwelt.
+Als er sp&auml;ter in der &raquo;Systematischen P&auml;dagogik&laquo;
+das &raquo;<em class="antiqua">non multa sed multum</em>&laquo; bis zum
+Ekel wiederk&auml;uen mu&szlig;te, da begriff er nicht,
+warum man dies Wort immer wiederholte und
+niemals befolgte.</p>
+
+<p>Das und manches andere im heiligen Tempel
+des Pr&auml;parandeums war nun wohl gut
+<!-- Page 27 --><span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>
+und sch&ouml;n; aber es gab auch gef&uuml;rchtete Stunden,
+und die gef&uuml;rchtetsten waren die Zeichenstunden,
+die in einer weit entlegenen Gewerbeschule
+genommen werden mu&szlig;ten. Sie waren so
+schlecht, da&szlig; sie sogar den Charakter verdarben.</p>
+
+<p>Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut!
+Von fr&uuml;her Kindheit an hatte er gezeichnet, und
+in den Berg- und Waldlandschaften, die er kopiert
+hatte, hatte er ein frommes und seliges
+Leben gelebt. Selbst der k&uuml;mmerliche Zeichenunterricht
+seiner Dorfschule hatte ihm noch
+Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male
+in dem riesigen Zeichensaal, der so viel mit der
+Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines
+Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da
+setzte ihm Herr Semmelhaack ein dreiseitiges
+Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig
+den Holzklotz und wartete die Wiederkunft des
+Lehrers ab.</p>
+
+<p>Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma
+auf eine Seitenfl&auml;che. (Bis dahin hatte es
+auf einer Grundfl&auml;che gestanden.)</p>
+
+<p>Asmus zeichnete den Klotz in der neuen
+Stellung und erwartete den Lehrer.</p>
+
+<p>Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma
+auf eine andere Seitenfl&auml;che.</p>
+
+<p>Asmus dachte: Aller Anfang ist &ouml;de, und
+zeichnete den Klotz zum dritten Male.</p>
+
+<p>Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung
+einiges auszusetzen und legte dann den Klotz
+auf die gro&szlig;e Seitenfl&auml;che.
+</p>
+
+<p><!-- Page 28 --><span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>
+Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind
+bitter; aber ihre Fr&uuml;chte sind s&uuml;&szlig;, und portr&auml;tierte
+das interessante Holz zum vierten Male.</p>
+
+<p>Jetzt bin ich mit dem verdammten Klotz
+durch, dachte Asmus; da kam der Lehrer und
+stellte das Prisma etwas nach rechts.</p>
+
+<p>Asmus richtete einen langen Blick auf Herrn
+Semmelhaack und zeichnete dann das rechtsstehende
+Prisma.</p>
+
+<p>Danach kam Herr Semmelhaack und stellte
+der Abwechslung wegen das Prisma etwas nach
+links.</p>
+
+<p><em class="antiqua">Per aspera ad astra</em>, dachte Semper und
+machte auch das.</p>
+
+<p>Hierauf nahm der &raquo;Lehrer&laquo; das Prisma
+und stellte es Sempern wieder gerade vor die
+Nase, aber &raquo;&uuml;ber Eck&laquo;, so da&szlig; man drei Fl&auml;chen
+auf einmal sah.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist allerdings etwas Anderes und
+Neues,&laquo; sagte sich Asmus, betrachtete Herrn
+Semmelhaack mit einem noch viel l&auml;ngeren Blick
+und machte sich wieder an seinen vertrauten
+Klotz.</p>
+
+<p>In verzweifelten Momenten schaute Asmus
+sich sehnenden Blickes um; es gab &uuml;berall nur
+Holz und Gips. Der gr&ouml;&szlig;te K&uuml;nstler unter den
+Sch&uuml;lern zeichnete einen pomp&ouml;sen Blumenstrau&szlig;
+&#8211; von Gips. In der ganzen Anstalt, soweit er
+hineinblicken konnte, sah er kein lebendiges, erfreuendes
+Objekt.</p>
+
+<p>Er traute seinen Augen nicht, als Herr
+<!-- Page 29 --><span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>
+Semmelhaack eines Tages das dreiseitige Prisma
+wegnahm und einen neuen Klotz brachte.
+Dieser Klotz bestand aus zwei vierseitigen Prismen,
+die im rechten Winkel aneinander sa&szlig;en.
+O, damit konnte man nun die tollsten und interessantesten,
+die bizarrsten und perversesten Dinge
+vornehmen; bis zum j&uuml;ngsten Gericht konnte
+man das immer anders aufstellen. Als Asmus
+bei der siebenten Stellung war, da lag der
+Winkelklotz da wie eine Sphinx, die ihre Arme
+breit &uuml;ber die ganze lange Bank legte, den
+Kopf in die H&auml;nde st&uuml;tzte und ihn anglotzte und
+ang&auml;hnte, und dann sagte die Sphinx, indem
+sie immer zwischen zwei Worten g&auml;hnte: &raquo;Ich
+kann &#8211; dreihundertf&uuml;nfundneunzig Millionen
+&#8211; Stellungen &#8211; einnehmen &#8211; huu &#8211; ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das h&auml;lt kein Nilpferd aus,&laquo; antwortete
+Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Sagten Sie etwas?&laquo; fragte Herr Semmelhaack.</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ich kann nicht mehr zeichnen. Ich
+habe Augenschmerzen.&laquo;</p>
+
+<p>Zum n&auml;chsten Unterricht ging er &uuml;berhaupt
+nicht; er entschuldigte sich mit Augenschmerzen.</p>
+
+<p>Das ging nun wohl einmal, ging auch zweimal;
+dann aber sagte Herr T&ouml;nnings mit dem
+steifen Halskragen: &raquo;Ja, dann m&uuml;ssen Sie ein
+&auml;rztliches Attest beibringen.&laquo;</p>
+
+<p>Also mu&szlig;te Asmus zum Vertrauensarzt der
+Schulbeh&ouml;rde.</p>
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+
+<h3><!-- Page 30 --><span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>
+<a name="IV_Kapitel" id="IV_Kapitel"></a>IV. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus befreit sich aus einem Hungerturm und studiert
+in einem Taubenschlag.</div>
+
+<p><span class="bigletter">V</span>on allen Qualen des Lebens hielt Asmus
+zwei f&uuml;r die unertr&auml;glichsten: Zahnschmerzen
+und Langeweile. Lieber als in dieser Kunstkaserne
+w&ouml;chentlich zwei Stunden, das hei&szlig;t zwei
+Jahrhunderte an einen Klotz geschmiedet zu sein,
+lieber wollte er ein schlechter Mensch werden.
+Und so rieb er sich im Vorzimmer des Arztes
+t&uuml;chtig die Augen und kniff sie ein Dutzend Mal
+zusammen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Die Augen tr&auml;nen,&laquo; sagte der Arzt, und
+er schrieb ein Attest, da&szlig; der Patient wegen
+tr&auml;nender Augen sechs Wochen lang nicht zeichnen
+d&uuml;rfe.</p>
+
+<p>Asmus barg das kostbare Blatt sorgf&auml;ltig
+wie eine Banknote in der Tasche, f&uuml;hlte unterwegs
+mehrmals nach, ob er&#8217;s auch noch habe,
+und &uuml;berreichte es frohen, tr&auml;nenlosen Blickes
+Herrn T&ouml;nnings.</p>
+
+<p>Herr T&ouml;nnings vertrat mit Recht die exaktesten
+Wissenschaften. Man wei&szlig;, wie es zugeht,
+wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes
+<!-- Page 31 --><span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>
+Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder
+saust die Ramme herab, immer wieder, hundertmal,
+tausendmal, stundenlang, tagelang. So
+unterrichtete Herr T&ouml;nnings: immer wieder auf
+denselben Pfahl, immer wieder drauf. Dann
+aber sa&szlig; er auch f&uuml;r die Ewigkeit, und man
+konnte ein Haus drauf bauen. Was man bei
+ihm gelernt hatte, verga&szlig; man niemals wieder.
+Aber leider verga&szlig; er ebensowenig. Und also
+sprach genau nach sechs Wochen Herr T&ouml;nnings,
+der niemals L&auml;chelnde: &raquo;Ihr Attest ist abgelaufen.&laquo;</p>
+
+<p>Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und
+rieb rechtzeitig seine Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Die Augen tr&auml;nen noch immer,&laquo; konstatierte
+der Arzt sehr richtig und dispensierte den
+Kranken &raquo;bis auf weiteres&laquo; vom Zeichenunterricht.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, damit m&uuml;ssen Sie wohl zum Direktor
+gehen,&laquo; sagte Herr T&ouml;nnings.</p>
+
+<p>Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er
+los: &raquo;Das jibt&#8217;s nicht. Ein Lehrer mu&szlig; jesunde
+Sinne haben!&laquo; Er durchbohrte Asmus
+mehrere Male mit Blicken und wartete, ob er
+etwas sagen werde. Aber Asmus wu&szlig;te schon
+Bescheid: er sagte nichts. &raquo;&#8217;n Lehrer, der nicht
+sehen kann, k&ouml;nnen wir nicht brauchen!&laquo; schrie
+Herr Direktor Korn, durchbohrte mit seinen
+glitzernden Brillenaugen den jungen Semper
+noch ein paar Mal und wartete auf eine Erwiderung.
+Aber der sagte nichts. Es war in
+<!-- Page 32 --><span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>
+der Anstalt alte &Uuml;berlieferung: man mu&szlig; ihn
+ein paar Minuten kochen lassen, dann wird er
+genie&szlig;bar. &raquo;Dann m&uuml;ssen Sie die Anstalt verlassen!&laquo;
+stie&szlig; der Direktor hervor, kratzte sich
+h&ouml;rbar seine silbernen Bartstacheln und durchbohrte
+Sempern noch drei- bis viermal. Semper
+sagte nichts. &raquo;Wie hei&szlig;en Sie noch?&laquo; Direktor
+Korn warf einen Blick ins Attest. &raquo;Semper?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl, Herr Direktor!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Waren Sie das nicht, der neulich den &#8216;Erlk&ouml;nig&#8217;
+vortrug, als ich hospitierte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl, Herr Direktor!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na. &#8211; Das war jut. &#8211; Kennen Sie denn
+sonst noch was von Joethe?&laquo;</p>
+
+<p>Asmus wurde lebendig. Er begann aufzuz&auml;hlen.</p>
+
+<p>&raquo;Na, das ist ja so ziemlich alles. Haben
+Sie denn auch alles verstanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das &#8211; wohl kaum!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche Dichter haben Sie denn noch jelesen?&laquo;</p>
+
+<p>Asmus nannte eine lange Reihe.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie Jean Paul jelesen?&laquo; Doktor
+Korn hatte ein ganz sonniges Gesicht bekommen.
+Das war sein Liebling.</p>
+
+<p>Asmus nannte ein paar Romane Jean
+Pauls.</p>
+
+<p>&raquo;Na, Sie haben ja &#8217;ne janze Masse jelesen.
+Dabei haben S&#8217; sich wohl die Augen verdorben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Augen?&laquo; wollte Asmus schon verwundert
+<!-- Page 33 --><span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>
+fragen; da fiel sein Blick noch rechtzeitig
+auf das Attest. Er blieb stumm und
+err&ouml;tete tief; so viel Freundlichkeit konnte er
+nicht mit offenen Augen anl&uuml;gen.</p>
+
+<p>&raquo;&#8217;s is jut. Sie k&ouml;nnen jehen,&laquo; sagte der
+Herr Direktor. Und Asmus betrat das Holzmagazin
+niemals wieder. Der Direktor mochte
+eine Ahnung haben von den Schrecken jenes
+Hungerturms, wo der Geist an einen Klotz geschmiedet
+und mit Gips ern&auml;hrt wurde.</p>
+
+<p>Viktoria! Nun konnte er w&ouml;chentlich noch
+zwei Stunden l&auml;nger in seinem Arbeitszimmer
+sitzen und sich immer tiefer in den Kuchenberg
+des Weltalls hineinessen. Ja, das Weltall war
+ein Kuchenberg, nahrhaft und s&uuml;&szlig;, und das
+Leben ein Schlaraffenland und sein Arbeitszimmer
+eine heilige Halle, obwohl es eigentlich
+kein Zimmer, sondern ein Tisch mit zwei Beinen
+war, den man mit der einen Seite an die Wand
+genagelt hatte. Dieser Tisch stand in der allgemeinen
+Arbeitsstube, wo der Tabak zubereitet
+und die Zigarren gemacht wurden; denn im
+Winter durfte der Sparsamkeit halber nur ein
+Raum geheizt werden, und als der Sommer kam,
+war es Asmussen eine liebe Gewohnheit geworden,
+unter den schwatzenden, lachenden und
+sich streitenden Arbeitern seine Quadratwurzeln
+auszuziehen, Vokabeln zu lernen und Aufs&auml;tze
+zu schreiben. In diesem bescheidenen Raume
+sa&szlig;en Ludwig Semper, der Vater, Johannes,
+sein Sohn und Gehilfe, zwei andere Gehilfen,
+<!-- Page 34 --><span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>
+ein Tabakzurichter, gew&ouml;hnlich auch Rebekka,
+die Mutter, beim Tabak helfend oder mit einer
+h&auml;uslichen Verrichtung besch&auml;ftigt, und endlich
+der Pr&auml;parand Semper. Das war der Personenstand
+in ruhigen Zeiten. Aber das Arbeitszimmer
+der Semper war ein Taubenschlag,
+wo es von seltsamem Gefl&uuml;gel immer aus- und
+einflog. Da kamen sozialdemokratische Parteih&auml;upter,
+die mit Johannes Semper wichtige
+Dinge von aufgel&ouml;sten und anzumeldenden Versammlungen
+zu beraten hatten. Da kam der
+Kontrolleur des Fabrikanten, der nachschauen
+mu&szlig;te, ob die Zigarren gut und nicht zu schwer
+gemacht w&uuml;rden, ein ernster, steifer Mann, der
+aber jedesmal warm wurde, wenn Ludwig Semper
+mit ihm vom Theater sprach, und der diesem
+angelegentlichst empfahl, er m&ouml;chte sich doch einmal
+den &raquo;Lohengrin&laquo; anh&ouml;ren. Ludwig Semper
+fa&szlig;te denn auch um diese Zeit zum ersten Male
+den Entschlu&szlig;, in den &raquo;Lohengrin&laquo; zu gehen.</p>
+
+<p>Da kam schrecklicherweise auch der Barbier
+Ludwig Sempers, der drei Minuten rasierte
+und dann zwei Stunden schwatzte; er glich in
+Miene und Gestalt, in seiner Stimme und seiner
+Schwatzhaftigkeit einem alten Weibe; nur seine
+Hand und sein Messer lasteten schwer auf der
+Wange seiner Opfer wie die Keule des Herkules.</p>
+
+<p>&raquo;Ein schrecklicher Zwirnbeutel,&laquo; sagte Ludwig
+Semper, wenn er gegangen war, und das
+war ein treffender Vergleich. Wie man aus dem
+N&auml;hbeutel einer unordentlichen alten Dame, in
+<!-- Page 35 --><span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>
+dem sich die Garnkn&auml;uel vieler Generationen
+verwirrt und verfitzt haben, nur nach stundenlanger
+M&uuml;he einen Faden hervorholt, so holte
+er aus seinem Erinnerungssack seine zwirnd&uuml;nnen
+Geschichten hervor; jede auftretende
+Person verfolgte er bis in ihre entferntesten
+Verwandtschaften; er entwickelte die Genealogien
+der unbekanntesten Milchleute und der
+gleichg&uuml;ltigsten Gr&uuml;nwarenh&auml;ndler.</p>
+
+<p>&raquo;Und geschnitten hat er mich auch wieder,&laquo;
+pflegte Ludwig nach solchen Besuchen zu sagen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein Gott,&laquo; rief Frau Rebekka erregt,
+&raquo;warum schaffst du ihn denn nicht ab!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, das mag ich nicht,&laquo; sagte Ludwig
+l&auml;chelnd, &raquo;er schneidet mich nun schon so viele
+Jahre.&laquo;</p>
+
+<p>Nicht der Geringste aber von allen, die da
+kamen, war Heinrich Moldenhuber, genannt der
+&raquo;Wolkenschieber&laquo;, weil er lieber Wolken schob
+als Zigarren machte und lieber hoch oben auf
+der Galerie des Stadttheaters sa&szlig; als in der
+Tabakstube. Wie ein Komet scho&szlig; er von Zeit
+zu Zeit in die Arbeitsstube der Semper, und
+in der Tat, f&uuml;r Asmus war dieser Mann wie
+ein Stern der Kinderzeit; er erinnerte ihn an
+manche Feierstunde voll Gedanken und Tr&auml;ume,
+und jedesmal mu&szlig;te er nach den hinteren Rocktaschen
+des Wolkenschiebers blicken, aus denen
+er einmal einen Apfel und ein Bilderbuch hatte
+hervorholen d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Aber wenn er wollte, so konnte er auch im
+<!-- Page 36 --><span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>
+zehnten Teil einer Sekunde eine hundert Fu&szlig;
+dicke und tausend Fu&szlig; hohe Mauer um sich aufrichten,
+durch die kein Ton und Bild der Kommenden
+und Gehenden, der Plappernden und
+Klappernden hindurchdrang. Wenn er wollte,
+so konnte er jeden Augenblick allein sein, ganz
+allein, wie in einem Grabe.</p>
+
+<p>Aber wahrlich nicht wie in einem Grabe war
+es in dieser Stille. Es war wie in einer
+wuchernden Waldwildnis voll wirren Gezweigs,
+voll Bl&auml;tter und Blumen, voll Duft und tropfenden
+Lichts, voll jenes ewigen Summens, das
+aus dem inneren Getriebe der Welt zu kommen
+scheint. Wie er sich als Knabe in das innerste
+Dickicht eines Geh&ouml;lzes verkrochen und dort stundenlang
+gehockt und nur geschaut und gehorcht
+hatte, als m&uuml;ss&#8217; er eines Tages etwas vernehmen
+wie den <em class="gesperrt">Atem der Welt</em>, so konnte er
+sich in die innerste Einsamkeit seiner Seele zur&uuml;ckziehen
+und selig sein. Aber freilich: sch&ouml;ner
+noch als am Alltag war es am Sonntag, wenn
+die Arbeit der andern ruhte und nur sein Vater,
+schweigend und nimmerm&uuml;de, den Tabak f&uuml;r
+die kommende Woche vorbereitete. Dann war
+Sonntag au&szlig;en und innen, Sonntag lag in
+allen B&uuml;chern, wo man sie auch aufschlug, selbst
+die Logarithmen hatten Sonntag, und, wenn
+er&#8217;s auch gar nicht sah, Asmus wu&szlig;t&#8217; es immer,
+wann die warmen Augen seines Vaters auf ihm
+ruhten, und er war gl&uuml;cklich unter dem Glanz
+dieser Sterne.</p>
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 37 --><span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>
+<a name="V_Kapitel" id="V_Kapitel"></a>V. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Ob der Mensch schlafen mu&szlig; oder nicht. Von stummer
+Liebe und von stygischen Gew&auml;ssern.</div>
+
+<p><span class="bigletter">D</span>er Pr&auml;parand hatte ein kindliches Vergn&uuml;gen
+daran, wenn die B&uuml;cher sich neben ihm
+aufh&auml;uften. An Faust mu&szlig;te er denken, der
+hatte auch &raquo;&uuml;ber B&uuml;chern und Papier&laquo; gesessen.
+Faust hatte alle Fakult&auml;ten durchstudiert und
+sagte dann, er sei so klug als wie zuvor. Aber
+das war im 16. Jahrhundert! Jetzt war die
+Sache schon anders. Asmus wollte auch alles
+studieren, alles! Und dann wollte er doch sehen!
+Er wollt&#8217; es schon herausbekommen,</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;was die Welt</span>
+<span class="i0">Im Innersten zusammenh&auml;lt&laquo;!</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Und er konnte dem Famulus eigentlich nicht so
+unwirsch begegnen, wie es Faust tat. Freilich:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Man sieht sich bald an Wald und Feldern satt;</span>
+<span class="i0">Des Vogels Fittig werd&#8217; ich nie beneiden&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p>das war nat&uuml;rlich Torheit, oder, wie Asmus
+in jugendlicher Kraft sagte: &raquo;Bl&ouml;dsinn&laquo;; aber
+was dann folgte, das war doch wahr und sch&ouml;n!</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wie anders tragen uns des Geistes Freuden</span>
+<!-- Page 38 --><span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>
+<span class="i0">Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!</span>
+<span class="i0">Da werden Wintern&auml;chte hold und sch&ouml;n,</span>
+<span class="i0">Ein selig Leben w&auml;rmet alle Glieder&nbsp;&#8211;&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<div class="textbody">
+<p>Ja, ja, ja, so war es, da hatte der &raquo;trockne
+Schleicher&laquo; dennoch recht! Und zuweilen fragte
+sich Asmus, ob es nicht das sch&ouml;nste Leben w&auml;re,
+immer am Tische zu sitzen, links B&uuml;cher und
+rechts B&uuml;cher, vor sich B&uuml;cher und hinter sich
+B&uuml;cher, und gar nicht wieder aufzustehen und
+niemals schlafen zu gehen. Wenn Ludwig Semper
+ihm mit leisem Finger auf die Schulter
+klopfte und sagte: &raquo;Du mu&szlig;t zu Bett gehen,&laquo;
+dann fragte sich Asmus immer: &raquo;Warum geht
+man eigentlich schlafen? Ich werde noch einmal
+beweisen, da&szlig; man &uuml;berhaupt nicht zu schlafen
+braucht.&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte den Gang und die Haltung seines
+Vaters geerbt; sein Vater aber ging mit gro&szlig;en
+Schritten und mit gesenktem Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Jung&#8217;, geh&#8217; doch grade!&laquo; rief seine Mutter;
+&raquo;grad auf wie ich, sagte der schiefe Tanzmeister,&laquo;
+so rief sie viele hundert Male, und dann richtete
+Asmus den Kopf empor und trug ihn &uuml;ber
+eine Minute lang hoch in den L&uuml;ften; dann
+aber sank er langsam, langsam wieder hinab,
+dem Tal der Tr&auml;ume zu.</p>
+
+<p>Wer aber nun gef&uuml;rchtet h&auml;tte, da&szlig; Asmus
+Semper ein B&uuml;cherwurm und Stubenhocker werden
+k&ouml;nnte, der w&uuml;rde doch nur den vierten Teil
+seines Wesens gekannt haben. Wie er als Knabe
+zu seinen Einkaufg&auml;ngen immer mehr Zeit gebraucht
+<!-- Page 39 --><span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>
+hatte, als der Weg eigentlich erforderte,
+so fand er noch immer auf seinen Schul- und
+Heimwegen an diesem wunderbaren, ewig sich
+wandelnden Panorama der Welt ein unerme&szlig;liches
+Vergn&uuml;gen. Da war zum Beispiel ein
+h&uuml;bsches M&auml;dchen, das ihm jeden Morgen begegnete.
+Sie war sehr einfach, aber ordentlich
+gekleidet und schien eine etwas bessere Stellung
+in einer Fabrik zu haben. Eines Morgens trafen
+sich ihre Blicke. Und von da ab traf es sich
+jeden Morgen, da&szlig; sie ihm in die Augen sah
+und er ihr. Das traf sich wohl monatelang so.
+Zuletzt fanden sich ihre Blicke schon ganz von
+weitem, auf zwanzig Schritte, und blieben so
+lange ineinander haften, bis die beiden Morgenwanderer
+aneinander vorbei waren. Und eines
+Morgens &#8211; war es m&ouml;glich? war es denkbar?
+&#8211; eines Morgens schien sie leise zu nicken. Asmus
+griff an den Hut; aber weil er so verwirrt
+war, tat er es erst, als sie schon vor&uuml;ber war.
+Dann fragte er sich auch, ob es nicht eine kolossale
+Dreistigkeit w&auml;re, sie zu gr&uuml;&szlig;en. Aber
+am n&auml;chsten Morgen nickte sie schon ganz deutlich,
+und tief zog Asmus den Hut, als w&auml;re
+sie die K&ouml;nigin Semiramis. Und nach und nach
+nickte sie immer deutlicher und l&auml;chelte dabei,
+und Asmus zog den Hut und l&auml;chelte ebenfalls.
+Er mu&szlig;te an Don Juan denken, der auch mit
+allen M&auml;dchen angebunden hatte. Als aber nun
+die Semper auf Frau Rebekkas Betreiben wieder
+einmal umgezogen waren und Asmus einen
+<!-- Page 40 --><span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>
+andern Weg zur Schule nehmen mu&szlig;te, da h&ouml;rten
+die Begegnungen auf. Es wu&szlig;te wohl keiner
+vom andern, wer er sei, und ob ihm ein Gl&uuml;ck
+vor&uuml;bergegangen oder ein Ungl&uuml;ck. Langsam,
+wie der Regenbogen aus dem Grau hervorgetreten
+war, ward er wieder aufgesogen vom Grau.</p>
+
+<p>Er ging durch manche graue Stra&szlig;e und
+manchen grauen Tag; denn der Himmel Hamburgs
+verh&uuml;llt sich oft wochenlang. Aber immer
+war er erstaunt, wenn er die andern seufzen
+h&ouml;rte: &raquo;Nun haben wir in drei Wochen die
+Sonne nicht gesehen!&laquo; Brauchte man denn die
+Sonne? Gewi&szlig;, wenn sie am Himmel stand,
+dann war die Welt &uuml;ber alles Begreifen sch&ouml;n;
+aber konnte man nicht auch ohne Sonne fr&ouml;hlich,
+gl&uuml;cklich und begeistert sein? &raquo;Drei
+Wochen keine Sonne?&laquo; fragte er ungl&auml;ubig.
+Er hatte sie nicht vermi&szlig;t. Ihm war es, als
+w&auml;re eben noch Sonnenschein gewesen. Unter
+seiner Hirnschale w&ouml;lbte sich ein ewig heiterer
+Himmel. Aber merkw&uuml;rdigerweise sah man ihm
+das nicht an. Er schaute meistens mit einem
+ernsten Gesicht in die Welt, wohl darum, weil
+er sie &uuml;ber alles Erwarten sch&ouml;n fand.</p>
+
+<p>Und in warmem Behagen stapfte er durch
+den tagelangen, wochenlangen Nebel und den
+&raquo;fisselnden&laquo; Regen Hamburgs und schaute mit
+Behagen in die grauen Kan&auml;le und mit Behagen
+empor an den altersgrauen H&auml;usern der
+ehrw&uuml;rdigen Stadt. Jedes dieser H&auml;user sah
+anders aus und guckte einen an wie ein Mensch
+<!-- Page 41 --><span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>
+und sagte: &raquo;Hier ist sicheres und behagliches
+Wohnen.&laquo; Und seltsam, obwohl die Stra&szlig;en
+schmal und dunkel waren, glaubte man&#8217;s doch,
+w&auml;hrend man drau&szlig;en durch die neuen Viertel
+seines hei&szlig;geliebten Oldensund, wo die wachsende
+Industrie eine Mietskaserne nach der
+andern aufwarf, nur mit Ekel und Grauen ging.
+Asmus Semper hatte sich nie eine Vorstellung
+von der H&ouml;lle machen k&ouml;nnen; seitdem er diese
+neuen Arbeiterviertel, diese rauchbeschmutzten
+Kasernenreihen, diese Kolumbarien, diese vierst&ouml;ckigen
+Hundeh&uuml;tten &#8211; nein, Hundeh&uuml;tten
+waren gew&ouml;hnlich h&uuml;bscher &#8211; seitdem er die
+freche Prosa, die schamlose H&auml;&szlig;lichkeit dieser
+Zementkisten gesehen hatte, seitdem konnte er
+sich ein Bild machen von einem Ort der ewigen
+Verdammnis. Seine Seele hatte ja Millionen
+von Saugf&auml;den, die selbst aus dem &auml;rmsten und
+dunkelsten Winkel noch Sch&ouml;nheit und Freude
+sogen; auch in seiner Tabak- und Studierstube
+fand er noch Sch&ouml;nheit und Freude; aber vor
+dem gemeinen Blick dieser H&auml;user zogen sich
+alle F&auml;den seiner Seele schaudernd zur&uuml;ck, und
+nie empfand er ein grimmigeres Mitleid mit den
+Armen, als wenn er durch diese Stra&szlig;en ging.</p>
+
+<p>O, wie hatte er&#8217;s dagegen wieder gut getroffen
+mit seiner neuen Wohnung in der roten
+Twiete. Diesmal hatte die quecksilberne Frau
+Rebekka einen guten Griff getan, und sie
+triumphierte in hellen T&ouml;nen. Das Haus selbst
+war freilich auch nur eine Mietskaserne; aber
+<!-- Page 42 --><span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>
+gegen&uuml;ber lag ein Park mit uralten B&auml;umen,
+und davor stand eine unbewohnte, strohbedeckte
+H&uuml;tte, und neben dem Park &ouml;ffnete sich unter
+hohen Baumkronen, schmal und schattenheimlich,
+wie ein Weg zur Unterwelt, der Philosophenweg.
+O nein, es fiel dem Pr&auml;paranden Semper
+gar nicht ein, um der B&uuml;cher willen solche Dinge
+stehen und liegen zu lassen; er durchkostete den
+Park bis in seine fernsten, zartesten Wipfel,
+wenn auch nur mit den Augen &#8211; denn im
+Klettern hatte er&#8217;s niemals weit gebracht &#8211;
+er bev&ouml;lkerte die Strohdachh&uuml;tte mit den Gestalten
+Pestalozzis und Jeremias Gotthelfs,
+Berthold Auerbachs und Fritz Reuters; am Eingange
+des Philosophenweges aber sah er den
+Laertiaden Odysseus die Opferbr&auml;uche vollziehen,
+die den Schatten des Teiresias dem Hades entlocken
+sollten. Er war schon hundertmal durch
+diesen Philosophenweg gegangen und wu&szlig;te
+ganz genau, da&szlig; nur ein k&uuml;mmerliches Rinnsal
+ihn begleitete und da&szlig; er auf eine Goldleistenfabrik
+m&uuml;ndete &#8211; aber wenn er von seinem
+Bett aus durchs Fenster nach dem Eingang
+des Weges sah, dann war es der Ort,</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wo in den Acheron sich der Pyriphlegethon st&uuml;rzet</span>
+<span class="i0">Und der Strom Kokytos, ein Arm der stygischen Wasser.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p>daran h&auml;tten siebzigtausend Goldleistenfabriken
+nichts zu &auml;ndern vermocht.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 43 --><span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>
+<a name="VI_Kapitel" id="VI_Kapitel"></a>VI. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Fortsetzung des Beweises, da&szlig; Asmus kein B&uuml;cherwurm,
+sondern ein Sklave irdischer Lust ist.</div>
+
+<p><span class="bigletter">A</span>ber auch derbere Freuden verschm&auml;hte Asmus
+nicht; der Welt- und Sinnenlust war
+er ergeben wie in seiner Kindheit. Nicht jeden
+Sonntag und nicht den ganzen Sonntag verbrachte
+er bei den B&uuml;chern, nein, gew&ouml;hnlich
+suchte er am Sonntag nachmittag seine Freunde
+Knapp und Diepenbrock auf, die ehemaligen
+Mitdirektoren seines Puppentheaters. Zun&auml;chst
+ging er zu Knapp, den er gew&ouml;hnlich mit seinem
+Vater zusammen im Garten besch&auml;ftigt fand.
+Einmal waren sie bei der Mohrr&uuml;benernte, da
+sagte der alte Knapp:</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Na, Asmus, haust du deine Jungens
+auch fix?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; rief Asmus lachend, &raquo;ich unterrichte
+&uuml;berhaupt noch gar nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, hauen mu&szlig;t du sie, sons wird da
+nix aus.&laquo;</p>
+
+<p>Und dann zog der alte Knapp eine Mohrr&uuml;be
+aus und gab sie Asmussen.</p>
+
+<p>&raquo;Da &#8211; mu&szlig; deine Kinder mitnehmen un
+mu&szlig; sie sagen: &raquo;So w&auml;chsen die Worzeln.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 44 --><span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>
+Asmus sah den Bildungswert dieses Verfahrens
+nicht ohne weiteres ein; aber er dankte
+h&ouml;flich und steckte die Wurzel ein.</p>
+
+<p>Und wenn die beiden dann zu Diepenbrock
+kamen, dessen Eltern ein Logier- und Speisehaus
+hatten, dann sah er da einen interessanten
+Mann auf dem Sofa liegen. Er hie&szlig; Z&ouml;llner,
+war Zigarrenmacher und lag jeden Sonntag,
+den Gott werden lie&szlig;, auf dem Sofa und las.
+Er besa&szlig; nicht nur den gro&szlig;en Meyer, sondern
+auch s&auml;mtliche Klassiker und Halbklassiker in
+pr&auml;chtigen Einb&auml;nden. Und wenn er zw&ouml;lf
+Sonntage hintereinander auf dem Sofa gelegen
+und gelesen hatte, dann ging er am dreizehnten
+hin und betrank sich so vollst&auml;ndig und andauernd,
+da&szlig; er eine Woche lang nicht aus
+dem Rausche herauskam; dann kehrte er wieder
+zu Meyer und den Klassikern zur&uuml;ck. Diepenbrock
+hatte viele Messer und Gabeln zu putzen,
+und Ewald Knapp und Asmus Semper halfen
+ihm dabei, damit er schneller fertig werde; aber
+Asmus mu&szlig;te zwischendurch immer wieder nach
+dem Mann auf dem Sofa blicken, der ein sch&ouml;nes,
+vornehmes Gesicht mit einem langen braunen
+Bart hatte.</p>
+
+<p>Wenn sie dann endlich fertig waren, gingen
+die drei fast eine Stunde weit nach der Hamburgischen
+Vorstadt St. Pauli, nach diesem
+St. Pauli, das in der ganzen Welt bekannt
+war als ein Stapelplatz irdischer Gen&uuml;sse und
+Seligkeiten f&uuml;r Anspruchslose. Da gab es nicht
+<!-- Page 45 --><span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>
+nur Kuchenbuden, Obstbuden, B&uuml;cherkarren, Karren
+mit Spielsachen, mit Kokusn&uuml;ssen, die vor
+den Augen des Publikums ge&ouml;ffnet wurden, mit
+ambulantem K&auml;se, der sich alle D&uuml;fte der Vorstadt
+unterwarf, mit Limonaden und Lik&ouml;ren, da
+gab es auch Kasperletheater, Mordgeschichtenbilder,
+fliegende Museen, Naturalienhandlungen,
+Wachsfigurenkabinette, Theater, Singspielhallen
+&#8211; o, diese Singspielhallen! Am
+Abend waren die Portale mit hunderten von
+bunten Lichtern umkr&auml;nzt, und wenn eine T&uuml;r
+aufging, sah man durch Rauchwolken wundersch&ouml;ne
+Frauen tanzen &#8211; &raquo;wenn ich Lehrer bin
+und viel Geld verdiene, da geh ich auch hinein,&laquo;
+sagte sich Asmus.</p>
+
+<p>Das erste aber, was die drei taten, war
+regelm&auml;&szlig;ig, da&szlig; sie &#8211; immer bei demselben
+&raquo;Konditor&laquo; &#8211; einen Eisenbahnkuchen kauften.
+Das war ein Gemisch von zerriebenem Schwarzbrot
+und Syrup mit einer Zuckerglasur dar&uuml;ber
+und war vielleicht eher zu den Laxiermitteln als
+zur Gattung der Kuchen zu rechnen; aber es
+schmeckte um so sch&ouml;ner, als es f&uuml;r 5 Pfennige
+einen halben Kubikdezimeter gab. Dann gaben
+sie sich zufrieden dem Genu&szlig; des Schauens,
+Kauens und Staunens hin.</p>
+
+<p>&raquo;Der siebenfache Raub- und Elternm&ouml;rder
+Timm Thode, das gr&ouml;&szlig;te Scheusal in Menschengestalt!&laquo;
+schrie ein dickes Weib und schlug mit
+einem Rohrstock klatschend gegen ein 12teiliges
+&raquo;Gem&auml;lde&laquo;, das die Leistungen des Gefeierten
+<!-- Page 46 --><span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>
+im einzelnen zur Darstellung brachte. Schon
+von weitem schlug Asmus einen andern Weg ein,
+er wu&szlig;te auf der Welt nichts Widerw&auml;rtigeres
+als diese Bilder und die erkl&auml;renden Ges&auml;nge der
+Schausteller.</p>
+
+<p>Aber dann gab es einen Mann auf dem
+&raquo;Spielbudenplatze&laquo;, der war am ganzen Leibe
+mit Musik bewaffnet. Mit dem Fu&szlig;e schlug er
+Becken und Triangel, mit dem Ellbogen eine
+gro&szlig;e Trommel, mit der rechten drehte er einen
+Leierkasten, mit dem Munde blies er eine Panfl&ouml;te,
+und wenn er den Kopf sch&uuml;ttelte, erklangen
+von seinem Hute, der einer chinesischen Pagode
+glich, eine Menge von Gl&ouml;cklein. Die Musik
+war gewi&szlig; scheu&szlig;lich; aber die Fertigkeit des
+schwitzenden Mannes blieb bewundernswert. Er
+hatte denn auch immer ein Rudel von Jungen
+um sich, und darum mu&szlig;te er die linke Hand
+frei behalten.</p>
+
+<p>&raquo;K&auml;upt, L&uuml;d, k&auml;upt!&laquo; schrie mit furchtbarer
+Schnapsstimme, die dem Bellen eines heiseren
+W&uuml;stenwolfes glich, ein Mann, der Datteln verkaufte.
+Aber es waren keine Datteln mehr, es
+war nur noch ein unerkl&auml;rbares Mus, das zu
+Klumpen geballt auf der Karre lag. &raquo;Tein Penn
+dat Pund, L&uuml;d!&laquo; schrie der Mann. &raquo;Ick verk&auml;up
+se mit Schoden, L&uuml;d; ick sett dor noch bi
+too! Blos ut Schobernack k&auml;upt mi wat af, L&uuml;d!&laquo;</p>
+
+<p>Und einmal kam Asmus an eine Bude, auf
+deren Vorderseite ein Schwein mit Menschenaugen
+abgebildet war. Das Tier hatte einen
+<!-- Page 47 --><span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>
+seelenvollen Blick und schien dar&uuml;ber nachzusinnen,
+ob es ein Mensch oder ein Schwein
+sei. Was es in seinem Zweifel noch best&auml;rken
+konnte, war der Umstand, da&szlig; es an den Hinterf&uuml;&szlig;en
+f&uuml;nf menschliche Zehen hatte. Wohl hundertmal
+drehte Asmus sein Zehnpfennigst&uuml;ck in den
+H&auml;nden herum; aber dann sagte er sich, da&szlig; ein
+zuk&uuml;nftiger Lehrer seiner Bildung jedes Opfer
+bringen m&uuml;sse; er gab es hin und trat ein.
+Er fand in einem Glashafen voll Spiritus ein
+kleines totes Ferkel, das genau wie jedes andere
+Ferkel aussah. Der Schausteller, ein gro&szlig;er
+Kerl in Hemd&auml;rmeln, erkl&auml;rte ihm, das Ferkelauge
+sei ein vollkommenes Menschenauge, und
+die hinteren Zehen seien Menschenzehen. Asmus
+blickte schon lange nicht mehr auf das Ferkel
+im Glashafen, sondern auf den Mann in Hemd&auml;rmeln;
+er sah ihn mit staunenden Blicken an;
+denn er begriff nicht, da&szlig; ein Mensch so unversch&auml;mt
+sein k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ja alles Schwindel!&laquo; sagte Asmus.
+Im n&auml;chsten Augenblick f&uuml;hlte er sich unsanft
+vor die Bude bef&ouml;rdert, und wenig fehlte, so
+w&auml;re er die Stiege, die zum Eingang hinauff&uuml;hrte,
+hinuntergefallen. Es war nicht die erste
+Erfahrung dieser Art, die er im &raquo;Kampfe gegen
+das Unrecht&laquo; machte; aber noch viel, viel weniger
+war es die letzte.</p>
+
+<p>Nach solchen Erlebnissen gab es einen Wirbel
+in seinem Kopfe. Wie konnte so etwas geschehen!
+<em class="gesperrt">Das war doch Unrecht!</em> Und Unrecht
+<!-- Page 48 --><span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>
+brauchte man sich doch nicht gefallen zu
+lassen! Unrecht <em class="gesperrt">durfte</em> man sich gar nicht gefallen
+lassen&nbsp;...</p>
+
+<p>Wenn es sich aber traf, da&szlig; die drei sich
+m&auml;nnlich aufgelegt f&uuml;hlten, so wandten sie den
+kindlichen Freuden des Spielbudenplatzes nach
+gr&uuml;ndlicher Betrachtung mit kritisch gesch&uuml;rzten
+Lippen den R&uuml;cken und gingen noch dreiviertel
+Stunden weiter nach Hamburg hinein. Dort
+gab es n&auml;mlich eine Wirtschaft, wo man ein
+ganzes Seidel &raquo;echtes Kulmbacher&laquo; f&uuml;r f&uuml;nfzehn
+Pfennige verzapfte und sechzehnj&auml;hrige M&auml;nner
+mit Hochachtung behandelte. Sie sa&szlig;en dort
+eine Stunde lang bei einem Glase und &uuml;bten
+Kritik nach Art der Jugend, das hei&szlig;t sie rezensierten
+die B&auml;lle der Billardspieler, ohne von
+diesem Spiel etwas zu kennen. Auch das Billardspiel
+war ein <em class="antiqua">pium desiderium</em> Asmussens; aber
+ach, zu all dergleichen geh&ouml;rte ein Lehrergehalt.
+Ja, wenn man 1200 Mark verdiente &#8211; nach
+einem vorz&uuml;glichen Examen bekam man sogar
+1300 Mark das Jahr &#8211; dann lie&szlig;en sich alle
+Sehns&uuml;chte k&uuml;hlen.</p>
+
+<p>Wenn sie mehr Geld als gew&ouml;hnlich hatten,
+so gingen sie in ein Vorstadttheater, wo die Vorstellung
+7&nbsp;Stunden dauerte. Da gab es Musik,
+Couplets, Liedervortr&auml;ge, M&auml;nner, die abgeschossene
+Kanonenkugeln auffingen, wundersch&ouml;ne
+Trapezk&uuml;nstlerinnen in Trikots und dazu noch
+ganze Dramen in f&uuml;nf oder mehr Akten, z. B.
+Anna Field, die Frau in Wei&szlig; oder ein Opfer
+<!-- Page 49 --><span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>
+der Liebe von Charlotte Birch-Pfeiffer. Aus
+den St&uuml;cken machte sich Asmus nicht viel; aber
+der jugendliche Held und Liebhaber gefiel ihm
+&uuml;ber die Ma&szlig;en. Asmussens Vater behauptete,
+diesen Mann schon vor drei&szlig;ig Jahren als
+jugendlichen Liebhaber gesehen zu haben, und
+taxierte ihn auf sechzig Jahre. Aber er hatte sich
+aus besseren Tagen in Spiel und Stimme einen
+edlen Rest bewahrt, und dieser gen&uuml;gte, um Asmus
+zu entflammen. Vor allem diese Sprache!
+Das mu&szlig;te auch in Wirklichkeit ein edler, seelenguter
+Mensch sein, davon war Asmus tief &uuml;berzeugt.
+Und die Liebhaberinnen verehrte und
+liebte er ohne Ausnahme; denn er war etwas
+kurzsichtig und sa&szlig; auf einem billigen Platze
+weit hinten. Eine sanfte Stimme und ein wei&szlig;es
+Gewand gen&uuml;gten, um ihn von der heiligen Unschuld
+einer Heldin zu &uuml;berzeugen. Er war in
+jenem Alter, wo die &Auml;sthetik der jungen Leute
+immer dem andern Geschlechte recht zu geben
+pflegt.</p>
+
+<p>Wenn sie aber sehr viel Geld hatten, f&uuml;nfzig
+Pfennige oder noch mehr, dann gingen sie in
+ein &raquo;richtiges&laquo; Theater, wie Asmus es nannte,
+das hei&szlig;t ins Stadt- oder Thaliatheater. Einmal
+erwischte Asmus auf der h&ouml;chsten Galerie
+einen Platz, von dem aus er nur dann die
+B&uuml;hne erblicken konnte, wenn er seinen K&ouml;rper
+in einen fast rechten Winkel bog. Man gab
+Don Carlos, ein St&uuml;ck, das zwischen sechs- und
+siebentausend Verse hat. In den Zwischenakten
+<!-- Page 50 --><span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>
+hatte er beachtenswerte Kreuzschmerzen; aber
+sobald der Vorhang wieder aufging, waren sie
+verschwunden. Es war eine Begeisterung mit
+Hindernissen; aber so stark war sie, da&szlig; die
+J&uuml;nglinge noch stundenlang im Regen spazieren
+gingen und sich nur in Ausrufungss&auml;tzen &uuml;ber
+den Don Carlos und seinen Dichter unterhielten.
+An solchen Abenden hatte Asmus st&auml;rker denn
+je das Gef&uuml;hl: Warum geht man eigentlich zu
+Bett? Man verliert ja die H&auml;lfte des Lebens,
+die H&auml;lfte der Welt! Und als er eines Tages
+bei Grabbe die Worte fand: &raquo;Die Zeit, die man
+nicht schl&auml;ft, hei&szlig; ich dem Tode abgewonnen,&laquo;
+da jauchzte er f&ouml;rmlich auf: Ja, das ist mein
+Mann.</p>
+</div>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 51 --><span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>
+<a name="VII_Kapitel" id="VII_Kapitel"></a>VII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Wie Asmus sang, trank, lachte, weinte und prustete.</div>
+
+
+<p><span class="bigletter">E</span>s mu&szlig; andrerseits gesagt werden, da&szlig; er dasselbe
+Gef&uuml;hl auch beim Biertrinken hatte,
+und das Biertrinken studierte er au&szlig;er anderem
+bei Herrn Bockholm. Franz Bockholm war ein
+blindgeborener Orgel- und Klaviervirtuos und
+wohnte, obwohl er ein ziemlich wohlhabender
+Mann war, in einer winzigen, obskuren Arbeiterkneipe,
+die innen und au&szlig;en vom Ru&szlig;
+der nahen Glash&uuml;tten geschw&auml;rzt war. Asmus
+wurde eines Tages durch einen Zigarrenarbeiter,
+dem er Privatstunden gab und der das Honorar
+f&uuml;r das abgelaufene Vierteljahr in einem
+Glase Bier erlegen wollte, dorthin gef&uuml;hrt. Nat&uuml;rlich
+geno&szlig; der blinde K&uuml;nstler in diesen R&auml;umen
+die Verehrung eines wei&szlig;en Elefanten, und
+Asmus empfand eine tiefe Ehrerbietung, als er
+ihm in aller Form vorgestellt wurde. Schon
+vor dem Ungl&uuml;ck der Blindheit allein empfand
+er eine heilige Ehrfurcht; als sich nun aber der
+Blinde gar ans Klavier setzte und wundersch&ouml;n
+aus der &raquo;Zauberfl&ouml;te&laquo; phantasierte, da verga&szlig;
+er &raquo;in diesen heiligen Hallen&laquo; vollends, da&szlig;
+es eine Schnaps- und Bierschenke war. Dann
+<!-- Page 52 --><span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>
+unterhielt man sich, und Asmus fiel es auf,
+da&szlig; Herr Bockholm den Kopf neigte und horchte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Donnerwetter!&laquo; schrie pl&ouml;tzlich der Blinde,
+&raquo;Donnerwetter! Sie m&uuml;ssen doch singen k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>Asmus stotterte verlegen, da&szlig; er nur ein
+bi&szlig;chen singen k&ouml;nne &#8211; &raquo;eigentlich gar nicht!&laquo;
+rief er schnell; denn er hatte Angst.</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie, kommen Sie!&laquo; rief Bockholm,
+und schon sa&szlig; er wieder am Klavier.
+&raquo;Sie haben einen Bariton. Was k&ouml;nnen Sie
+singen?&laquo;</p>
+
+<p>Asmus begann mit bebendem Herzen das
+Lied des Zaren &raquo;Einst spielt&#8217; ich mit Zepter&laquo;,
+und als er das beendet hatte, schrie Herr Bockholm:
+&raquo;Weiter, was k&ouml;nnen Sie noch?&laquo;</p>
+
+<p>Und nun sang Asmus, k&uuml;hner geworden:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Horch auf den Klang der Zither.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Verflucht!&laquo; schrie der Blinde, sprang auf,
+schlug sich auf den Schenkel und lachte &uuml;bers
+ganze Gesicht, &raquo;verflucht! Er hat eine Stimme
+wie Kr&uuml;ckl!&laquo; Das war ein Bariton, der am
+Stadttheater den Mozartschen Almaviva und
+den Rossinischen Figaro sang.</p>
+
+<p>&raquo;Frau Piefke, Bier!!&laquo; br&uuml;llte der Musiker
+mit vehementer Lustigkeit, und nun mu&szlig;te Asmus
+auf seine Kosten eins trinken und noch
+eins und noch eins. Noch am selben Abend
+mu&szlig;te Asmus mit dem wei&szlig;en Elefanten auf
+du und du trinken, obwohl dieser ein viertel
+Jahrhundert &auml;lter war, und dann wurde nicht
+<!-- Page 53 --><span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>
+weniger abgemacht als dies: Asmus solle jeden
+Tag kommen und bei Bockholm das Klavierspiel
+lernen und solle sich Gesangsnoten verschaffen,
+z. B. die Balladen von L&ouml;we, und
+zum Entgelt solle er dem Blinden hin und wieder
+etwas vorlesen.</p>
+
+<p>Und ungef&auml;hr so geschah es. Asmus kam,
+wenn auch nicht t&auml;glich, so doch oft, lernte Klavierspielen,
+sang den &raquo;Archibald Douglas&laquo; &#8211;
+&raquo;darin steckt mehr als in mancher gro&szlig;en Oper,&laquo;
+schrie Bockholm mitten im Spiel &#8211; las seinem
+Lehrer die Zeitung bis in den Inseratenteil vor
+&#8211; denn der Blinde wollte alles wissen &#8211; und
+&uuml;bte sich im Biertrinken.</p>
+
+<p>In dieser Kunst leistete der Meister noch
+mehr als in der Musik; ein Seidel voll schien
+auf einen Schluck, wie in einer Klappe, zu verschwinden,
+und er hatte begnadete Tage, wo
+er es auf drei&szlig;ig Seidel brachte. Das sah nun
+Asmus freilich mit Staunen und mit Grauen;
+aber er hielt es doch f&uuml;r Ehrensache, es auf
+vier oder f&uuml;nf zu bringen. Zuweilen allerdings
+kam ihm die ganze Atmosph&auml;re etwas tr&uuml;b und
+traurig vor; es kamen da Gesellen, bei denen
+er sich wunderte, da&szlig; Bockholm ihnen vorspielte
+und mit ihnen trank; aber dann kamen auch
+wieder Leute, ungebildete Arbeiter, in beru&szlig;ten
+Blusen und kalkbefleckten Kitteln, die mit einer
+schier leidenschaftlichen Begierde und mit innerster
+Teilnahme zuh&ouml;rten. Und Kerle mit Humor
+kamen da! Eines Tages, als Bockholm ein
+<!-- Page 54 --><span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>
+Bravourst&uuml;ck mit ungeheurer Fingerfertigkeit
+gespielt hatte, sagte ein Steinbr&uuml;gger:</p>
+
+<p>&raquo;Junge &#8211; wenn ick den sin&#8217;n Kopp harr!&laquo;
+und ein anderer versetzte langsam und gedankenvoll:</p>
+
+<p>&raquo;Dj&auml; &#8211; &#8211; un wenn du denn so dumm
+w&auml;rs wie jetz, denn n&uuml;tz di dat ook nix.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Och,&laquo; sagte dann wieder der erste, &raquo;wenn
+ick man din Mul harr, denn gung dat woll,&laquo;
+und dann stie&szlig;en sie miteinander an und lachten.</p>
+
+<p>Ja, das war doch auch wieder etwas, wobei
+einem das Herz ganz frei und warm wurde!</p>
+
+<p>Gew&ouml;hnlich wollten die Arbeiter unz&auml;hlige
+Seidel Bier f&uuml;r den K&uuml;nstler zahlen; aber das
+nahm er nur unter der Bedingung an, da&szlig; er
+sich revanchieren d&uuml;rfe, und so kam er immer
+h&auml;ufiger auf die drei&szlig;ig Seidel und mit jedem
+Tage seinem fr&uuml;hen Ende um zwei Tage n&auml;her.</p>
+
+<p>Die Privatstunden im Biertrinken kamen
+Asmus zu statten bei den heimlichen Zusammenk&uuml;nften
+der Albingia. Die Albingia war eine
+heimliche Pr&auml;parandenverbindung mit Burschenb&auml;ndern,
+Zereviskappen und allem Zubeh&ouml;r
+eines regelrechten Komments. Durch ein bemoostes
+Haupt, das die Geheimnisse der Albingia
+mit dem furchtbaren Ernste des Verschw&ouml;rers
+behandelte und an ein Sakrament der
+Kneipe zu glauben schien, wurde Asmus in
+diesen n&auml;chtlichen Zirkel eingef&uuml;hrt. Gleich bei
+der ersten Kneipe hie&szlig; es: &raquo;Semper mu&szlig; aus
+&#8217;m Faust rezitieren,&laquo; und Asmus lie&szlig; sich vom
+<!-- Page 55 --><span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>
+Kellner ein Fl&auml;schchen voll braunen Saftes und
+ein Glas bringen und bestieg die kleine B&uuml;hne
+am Ende des Saales. Er sprach die ersten Monologe
+des Faust bis zum Anbruch des Ostermorgens,
+und als er an die Stelle kam:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i">&raquo;Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen;</span>
+<span class="i0">Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen;</span>
+<span class="i0">Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht.</span>
+<span class="i0">Mit brauner Flut erf&uuml;llt er deine H&ouml;hle;</span>
+<span class="i0">Den ich bereitet, den ich w&auml;hle,</span>
+<span class="i0">Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele</span>
+<span class="i0">Als festlich hoher Gru&szlig; dem Morgen zugebracht!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>da go&szlig; Asmus den Inhalt des Fl&auml;schchens in
+das Glas. Der Saft war nichts anderes als
+Bier; aber nicht nur Asmus, nein, die ganze
+Versammlung w&uuml;rde den mit ewiger Verachtung
+belegt haben, der dar&uuml;ber gelacht h&auml;tte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Sonst aber lachte er lieber als alle anderen.
+Er fand es ungemein possierlich, da&szlig; er als
+Fuchs den andern Bier einzapfen und ihnen die
+lange Pfeife anz&uuml;nden mu&szlig;te, und er war gl&uuml;cklich
+und stolz, als er endlich &raquo;entschw&auml;nzt&laquo;
+wurde und in der Biertaufe den Namen &raquo;Dr.&nbsp;Faust&laquo; erhielt.
+Er war noch gewohnt, alle
+Dinge des Lebens tief zu nehmen, und hielt es
+f&uuml;r heilige Pflicht, einen &raquo;Kuhschluck&laquo; und einen
+&raquo;Bierjungen&laquo; genau so ernst zu nehmen wie
+<!-- Page 56 --><span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>
+die Gedanken Rousseaus und die Entstehung
+des Pentateuchs. Er konnt&#8217; es nicht begreifen,
+wie man trotz der Ermahnungen des Vorsitzenden,
+auszuharren, dennoch um drei Uhr
+morgens aufbrechen konnte, wo es doch die einfachste
+deutsche Treue gebot, den Pr&auml;sidenten
+nicht im Stich zu lassen. Und am wenigsten
+konnt&#8217; er begreifen, da&szlig; sie nicht lustiger waren,
+da&szlig; sie all diese fidelen Br&auml;uche, diese k&ouml;stlichen
+Lieder und Schnurren, von denen das Kommersbuch
+f&ouml;rmlich platzte, f&uuml;r gew&ouml;hnlich so
+frostig, gleichsam gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ig abmachten.
+Mein Gott &#8211; als er sich das Kommersbuch zu
+Hause vornahm &#8211; da lachten und schw&auml;rmten
+ja ganze Jahrhunderte daraus hervor; die Romantik,
+der &Uuml;bermut, der Jugendglaube von
+zwanzig Generationen zogen durch seine Brust;
+alle Augenblick mu&szlig;t&#8217; er aufspringen, mit den
+Fingern schnalzen, Tanzspr&uuml;nge durchs Zimmer
+machen; auf seinen Wangen mischten sich Lachtr&auml;nen
+und Weintr&auml;nen &#8211; o, wie mu&szlig;te das
+&uuml;ber alle Begriffe herrlich sein, wenn solch ein
+Lied durch den Saal brauste, wie g&ouml;ttlich lustig
+mu&szlig;te das sein, wenn sie alle mit Leichenbittermienen
+sangen:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">O wie bimmel, bammel, bummelt,</span>
+<span class="i0">O wie bimmel, bammel, bummelt,</span>
+<span class="i0">O wie bummelt mir mein Frack!</span>
+<span class="i0">Ich hab noch nie einen Frack gehabt,</span>
+<span class="i0">der mir so sehr gebimmelbammelt hat &#8211;</span>
+</div></div>
+
+
+<p><!-- Page 57 --><span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>
+aber wenn dann die Kneipe da war, ja, da
+gab es wohl zuweilen lustige Stunden; aber
+es war nicht das, was er gehofft hatte; es
+fehlte ein Duft &#8211; ein Glanz &#8211; eine unnennbare
+Weihe &#8211; es fehlten die rosigen, silbernen
+Wolken &uuml;ber der Versammlung&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;!</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Er begriff &uuml;berhaupt nicht, warum die Menschen
+nicht &ouml;fter lachten und nicht &ouml;fter weinten,
+da doch die Welt so reichen Anla&szlig; dazu bot.
+Als er einmal eine Molieresche Kom&ouml;die sah
+und die Situation auf der B&uuml;hne pl&ouml;tzlich eine
+k&uuml;nftige Situation von gro&szlig;er Komik ahnen
+lie&szlig;, da scho&szlig; ihm ein so gewaltiges Lachen in
+die Nase, da&szlig; er es nicht zur&uuml;ckhalten konnte;
+da er es aber dennoch zur&uuml;ckhalten wollte, so
+kam ein eigent&uuml;mlicher Prust-, Schnupf- und
+Grunzlaut zustande, &uuml;ber den das ganze Publikum
+in laute Heiterkeit ausbrach. So hatte
+sich Asmus vermutlich noch nie gesch&auml;mt wie in
+diesem Augenblick; es ist anzunehmen, da&szlig; er
+bis in die Zehenspitzen err&ouml;tete; aber nachher
+mu&szlig;te er sich doch fragen: Warum habe ich denn
+allein gelacht? Warum lachten nicht alle?
+</p></div>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 58 --><span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>
+<a name="VIII_Kapitel" id="VIII_Kapitel"></a>VIII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Warum Ludwig Semper nicht in den &raquo;Lohengrin&laquo; ging
+und Asmus mit einem Windhund verkehrte.</div>
+
+<p><span class="bigletter">W</span>enn er von der monatlichen Kneipe der
+Albingia einmal sp&auml;t nach Hause kam, so
+sch&uuml;ttelte Frau Rebekka den Kopf und &auml;u&szlig;erte
+ihre Besorgnisse; aber Ludwig Semper lachte
+vergn&uuml;gt in sich hinein und sagte: &raquo;La&szlig; ihn;
+das geh&ouml;rt dazu.&laquo; Auch er hatte zu Schleswig
+seine heimlichen Gymnasiastenkneipen gefeiert
+und den Landesvater gesungen, und manchesmal,
+wenn das Vergangene in ihm erwachte,
+hatte er, am Tabakstische sitzend und das blanke
+Zigarrenmesser schwingend, gesungen:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Seht ihn blinken</span>
+<span class="i0">In der Linken</span>
+<span class="i0">Diesen Schl&auml;ger, nie entweiht!</span>
+<span class="i0">Ich durchbohr den Hut und schw&ouml;re:</span>
+<span class="i0">Halten will ich stets auf Ehre,</span>
+<span class="i0">Stets ein braver Bursche sein!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Dagegen hatte Ludwig Semper f&uuml;r eine andere
+Neigung seines Sohnes durchaus kein Verst&auml;ndnis:
+Er begriff nicht, wie man ohne Not
+einen Weg von mehr als einer Viertel- oder
+<!-- Page 59 --><span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>
+gar halben Stunde machen konnte. Wenn Asmus
+in den Ferien Spazierg&auml;nge von vier Stunden
+machte, so sch&uuml;ttelte Ludwig andauernd den
+Kopf; bei einem acht- oder zehnst&uuml;ndigen Ausflug
+aber wurde er sozusagen b&ouml;se, warf das
+linke Bein &uuml;ber das rechte und murmelte: &raquo;Verr&uuml;ckt!&laquo;
+Er schien das f&uuml;r gesundheitssch&auml;dlich
+zu halten, und einer der Gr&uuml;nde, weshalb er
+noch immer nicht den Lohengrin geh&ouml;rt hatte,
+war der, da&szlig; man ins Hamburger Stadttheater
+eine Stunde zu gehen hatte. Asmus hingegen
+hatte Seume gelesen, und einer seiner Tr&auml;ume
+war es, einen Spaziergang nach Syrakus zu
+machen, wie ihn dieser etwas n&uuml;chterne, etwas
+trockene, aber in seiner Unabh&auml;ngigkeit, Kraft
+und Lauterkeit dennoch poetische Mann gemacht
+hatte.</p>
+
+<p>Unter den Studiengenossen, mit denen Asmus seine&nbsp;
+<span class="longword">botanisch-zoologisch-mineralogisch-poetisch-politisch-philosophisch-cerealisch-bacchischen</span>&nbsp;
+Ausfl&uuml;ge &#8211; denn das Fr&uuml;hst&uuml;ck spielt
+bei Siebzehnj&auml;hrigen eine genau so gro&szlig;e Rolle
+wie der Idealismus &#8211; zu unternehmen pflegte,
+waren es besonders zwei, zu denen er in ein
+n&auml;heres Verh&auml;ltnis trat. Der eine war sein
+Mithospitant Morieux, und dieser hatte Eigenschaften,
+die wohl auf einen franz&ouml;sischen Vorfahren
+schlie&szlig;en lassen konnten. Er war ein
+h&uuml;bscher, schlanker, geschmeidiger Bursche mit
+dunklem Haar und einem famosen schwarzen
+Schnurrb&auml;rtchen und zeigte in Sprache und Geb&auml;rden
+<!-- Page 60 --><span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>
+eine &uuml;berschie&szlig;ende, ja, in seinen Mienen
+nicht selten eine fratzenhafte Lebhaftigkeit. Die
+Jugend urteilt wie die Frauen und wie das
+Publikum mit Vorliebe nach dem Instinkt und
+trifft damit gew&ouml;hnlich das Richtige. So erhielt
+denn auch Morieux in der Biertaufe den
+Namen Fritz Triddelfitz, mit der Begr&uuml;ndung,
+da&szlig; er ein &raquo;langschinkiger, d&uuml;nnrippiger Windhund&laquo;
+sei. Von den Windhunden sagt man, da&szlig;
+sie selbsts&uuml;chtig und wenig treu seien, und das
+stimmte bei Morieux insofern, als er nur eine
+halbe Treue besa&szlig;. Wenn Asmus in der Klasse
+irgend einen gr&ouml;&szlig;eren Erfolg erzielt hatte, so
+begl&uuml;ckw&uuml;nschte ihn Morieux mit fulminanten
+Worten und war dabei bla&szlig; bis in die Lippen,
+und Asmus sah mit vollkommener Gewi&szlig;heit,
+da&szlig; der Neid, ja der Ha&szlig; ihn innerlich zerw&uuml;hlten.
+Aber er sah auch, da&szlig; Morieux mit
+diesem Neide k&auml;mpfte, da&szlig; er sich die Lippen
+fast blutig bi&szlig;. Und immer wieder kehrte er
+zu Asmus zur&uuml;ck und zog seinen Umgang jedem
+anderen vor. Er &uuml;berh&auml;ufte den Freund mit
+Ausdr&uuml;cken einer so schw&auml;rmerischen, &uuml;berschwenglichen
+Bewunderung, da&szlig; Asmus abwechselnd
+rot und bla&szlig; wurde und an die
+Aufrichtigkeit dieser Apotheosen niemals glauben
+konnte, und doch wu&szlig;te er, da&szlig; Morieux in
+derselben Weise zu andern &uuml;ber ihn sprach. Auch
+Asmussens Eltern hatte er solcherma&szlig;en den
+Ruhm ihres Sohnes verk&uuml;ndet, und Frau Rebekka
+hatte alles geglaubt und mit Entr&uuml;stung
+<!-- Page 61 --><span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>
+ausgerufen: &raquo;Der dumme Bengel! Und davon
+sagt er zu Hause kein Wort!&laquo; Im innersten
+Herzen f&uuml;hlte sich Asmus von diesem Freunde
+wohl mehr abgesto&szlig;en als angezogen; aber eines
+besa&szlig; dieser Freund, was ihn festhielt, und das
+war seine au&szlig;erordentliche musikalische Begabung,
+im besonderen sein vorz&uuml;gliches Geigenspiel.
+Morieux lie&szlig; nicht locker, bis sich Asmus
+von ihm die Anfangsgr&uuml;nde des Geigenspiels
+zeigen lie&szlig;, und alsbald traktierte der
+junge Semper mit solcher Versessenheit das
+schwierige Instrument, da&szlig; sie nach einigen
+Wochen schon leichte Duette spielten. Dieses
+Band hielt sie zusammen und zog sie bald zu
+einem Bratschisten und einem Cellisten hin und
+geleitete ihren jugendlichen Wagemut endlich zu
+den Quartetten Haydns, Mozarts, Beethovens
+und Schuberts.</p>
+
+<p>Aber leider hatte der langschinkige, d&uuml;nnrippige
+Windhund eine fatale Neigung, andere
+Leute aufzuziehen. Er hielt sich f&uuml;r so gescheit,
+da&szlig; er allen andern etwas aufbinden k&ouml;nne;
+er gab sich bei den gemeinsamen Ausfl&uuml;gen den
+einfachen Landbewohnern gegen&uuml;ber f&uuml;r einen
+ausstudierten Lehrer, f&uuml;r einen Arzt, f&uuml;r einen
+h&ouml;heren Beamten oder dergleichen aus, nur um
+ihnen allerlei Abenteuer und R&auml;ubergeschichten
+aufzubinden und sich an ihrer Leichtgl&auml;ubigkeit
+zu weiden. Nun schlummert freilich hinter den
+tr&auml;umerisch-gutm&uuml;tigen Augen des Schleswig-Holsteiners
+eine feine und stattliche Klugheit,
+<!-- Page 62 --><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>
+die nur dann vollends aufwacht, wenn es durchaus
+notwendig ist, und gelegentlich wurde der
+Aufschneider wohl durch ein ironisches L&auml;cheln
+oder ein sp&ouml;ttisches Wort zur&uuml;ckgewiesen; aber
+manchmal fand er auch Gl&auml;ubige, und solch ein
+Mi&szlig;brauch eines freundlichen Vertrauens verdro&szlig;
+Asmus jedesmal &uuml;ber die Ma&szlig;en. Am
+wenigsten konnte er&#8217;s vertragen, da&szlig; alte Leute
+in wei&szlig;en Haaren gefoppt wurden, und wie
+wurde ihm nun gar zumute, als Morieux sich
+eines Tages einfallen lie&szlig;, seine Eltern, seine
+Mutter Rebekka Semper, seinen Vater Ludwig
+Semper anzul&uuml;gen und zu h&auml;nseln. Als h&auml;tte
+man ihm mit der Peitsche ins Gesicht geschlagen,
+so war es ihm. Um seine Eltern nichts merken
+zu lassen, machte er gute Miene zum b&ouml;sen Spiel
+und lenkte mit einer gewaltsamen Anstrengung
+das Gespr&auml;ch geschwind auf einen anderen Gegenstand:
+nachher aber, beim Abschied vor der
+T&uuml;r, weigerte er dem Frevler die Hand und
+sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Du brauchst mich nicht wieder zu besuchen.
+Wir sind geschiedene Leute.&laquo;</p>
+
+<p>Morieux ging l&auml;chelnd und mit einem h&ouml;hnischen
+Achselzucken davon.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 63 --><span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>
+<a name="IX_Kapitel" id="IX_Kapitel"></a>IX. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Ein Afrikaforscher, der nicht revanchel&uuml;stern ist.</div>
+
+<p><span class="bigletter">G</span>anz, ganz anders war Sempers zweiter
+Wandergenosse. Er war hager, sehnig und
+steif, von scharfgeschnittenem Gesicht, und sein
+silberwei&szlig;es kurzgeschorenes Haar stand senkrecht
+aufgerichtet wie N&auml;gel. Eigentlich hie&szlig; er
+Herrig; aber nach einem Vororte Hamburgs,
+wo die Insassen einer gewissen Anstalt gezwungenerma&szlig;en
+kurzgeschoren gingen, nannte der
+liebevolle Witz seiner Klassengenossen ihn &raquo;Fuhlsb&uuml;ttel&laquo;.
+Weit davon entfernt, musikalisch zu sein,
+sang er, wenn er die Wacht am Rhein singen
+wollte, die Lorelei, die aber auch noch falsch.
+Er war &uuml;berhaupt vom Kopf bis zu den F&uuml;&szlig;en
+amusisch, und unter allen Kunst- und Literatursch&auml;tzen
+der Welt gab es nichts, was seinen Herzschlag
+beschleunigen konnte. Allein auch er hatte
+etwas, was ihn Sempern interessant machte:
+n&auml;mlich eine grammatische Nase, und in der
+Analyse knifflicher Satzgebilde galten er und
+Asmus f&uuml;r Rivalen. Auch kannte er eine
+Menge Pflanzen und Insekten bei Namen, und
+<!-- Page 64 --><span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>
+Asmus, den seine Dorfschule in dieser Hinsicht
+mit wahrhaft imposanten L&uuml;cken ausgestattet
+hatte, ergriff mit Freuden die Gelegenheit, sich
+aus dem &raquo;Thesaurus&laquo; seines Freundes zu bereichern.
+Daf&uuml;r bereicherte sich John Herrig,
+wie man sehen wird, aus einem anderen Schatze
+seines Freundes Asmus.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Zun&auml;chst freilich war es eine Bereicherung
+von zweifelhaftem Wert. Sie unterhielten sich
+auf ihren Wanderungen stundenlang mit bitterem
+Ernst &uuml;ber Fragen der Politik, der Volkswirtschaft,
+der Gesellschaftsmoral, der Philosophie,
+kurz <em class="antiqua">de omnibus rebus et quibusdam aliis</em>.
+(Morieux war immer nach zwei Minuten auf
+eine Hanswursterei abgesprungen.) Dabei sprachen
+sie auch von ihrer Zukunft.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bleibe nicht Lehrer,&laquo; sagte Herrig, &raquo;ich
+werde Afrikaforscher.&laquo; Da war es Asmussen, als
+ob pl&ouml;tzlich eine unbekannte Gewalt, von der er
+nie gewu&szlig;t, die gar nicht aus seinem Innern,
+sondern aus einer weiten Zukunft zu kommen
+schien, ihm ein Wort auf die Lippen legte:</p>
+
+<p>&raquo;Ich &#8211; ich &#8211;&laquo; sprach er z&ouml;gernd, &raquo;ich
+<em class="gesperrt">m&ouml;chte</em> ja wohl Dichter werden!&laquo; Und schnell
+setzte er hinzu: &raquo;Aber das ist ja nat&uuml;rlich Unsinn.&laquo;</p>
+
+<p>Dann gab es einen Tag, da gingen John
+und Asmus lange schweigend nebeneinander her.</p>
+
+<p>&raquo;Warum reden wir eigentlich nichts?&laquo; sagte
+Asmus endlich.
+</p>
+
+<p><!-- Page 65 --><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>
+&raquo;Hm,&laquo; machte Herrig, &raquo;weil wir nichts mehr
+zu streiten haben. Ich habe nach und nach alle
+deine Anschauungen angenommen.&laquo;</p>
+
+<p>Asmus erschrak fast, als Herrig so n&uuml;chtern
+den wahren Sachverhalt feststellte. Er hatte recht:
+das innere Freundschaftsverh&auml;ltnis war eigentlich
+abgestorben. Anschauungen aber, die man
+von einem anderen angenommen hat, weil man
+nichts mehr zu erwidern wu&szlig;te, sind immer
+ein zweifelhafter Reichtum gewesen.</p>
+
+<p>Asmus indessen ertrug es nicht, einen toten
+Freund mit sich herumzuschleppen. Er versuchte,
+von seinem Blut in die Adern seines kalten,
+bla&szlig;haarigen Freundes hin&uuml;berzuleiten. Sie
+wollten an den herrlichen Sonnabend-Feierabenden
+etwas zusammen arbeiten. Und er holte
+Schillers Briefe &uuml;ber &auml;sthetische Erziehung hervor,
+an denen er sich schon einmal ge&auml;rgert hatte,
+weil er sie nicht verstand. Vielleicht gelang es,
+sie mit zwei K&ouml;pfen zu bew&auml;ltigen. Aber nach
+einigen Briefen mu&szlig;ten sie&#8217;s abermals aufgeben.
+Nun studierten sie Latein zusammen und lasen
+den Gallischen Krieg. Auch andere r&ouml;mische Autoren
+lasen sie; wenn sie ihnen lateinisch zu
+schwer waren, dann in &Uuml;bersetzungen, und in
+den anschlie&szlig;enden Unterhaltungen fanden die
+alten Herren eine mehr oder weniger endg&uuml;ltige
+Beurteilung.</p>
+
+<p>&raquo;Dieser Ovid ist doch ein f&uuml;rchterlicher
+Quatschkopp!&laquo; rief Herrig eines Abends aus.</p>
+
+<p>Das &auml;rgerte Asmus und er versetzte:
+</p>
+
+<p><!-- Page 66 --><span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>
+&raquo;Und dein Sueton ist ein altes Waschweib.&laquo;</p>
+
+<p>Auf solche Weise erw&auml;rmte sich nach und nach
+wieder das Freundschaftsverh&auml;ltnis; bald aber
+sollte es trotzdem f&uuml;r immer erkalten.</p>
+
+<p>John Herrig sch&ouml;pfte n&auml;mlich aus seinem
+Freunde noch einen reelleren Reichtum als den
+der Weltanschauung. Wenn sie auf ihren Ausfl&uuml;gen
+einkehrten, um zu ihrem mitgenommenen
+Fr&uuml;hst&uuml;ck ein Glas Bier zu trinken, so zahlte
+Asmus regelm&auml;&szlig;ig die Zeche und teilte die vom
+Vater erhaltenen Zigarren mit seinem Freunde.
+Er sagte sich n&auml;mlich: Wenn er Geld hat, so
+wird er sich nat&uuml;rlich revanchieren; wenn er
+keins hat, versteht es sich von selbst, da&szlig; der
+bezahlt, der etwas hat. Und Asmus erwischte
+hin und wieder Privatstunden, die mit 50 Pfg.
+bezahlt wurden.</p>
+
+<p>Und wenn sie r&uuml;ckkehrend, hungrig, durstig
+und m&uuml;de von der Sonnenhitze, in Oldensund
+eintrafen, dann fand es Asmus unmenschlich,
+den Freund noch eine Stunde weit nach seinem
+Mittagessen gehen zu lassen, und er sagte:
+&raquo;Komm mit und i&szlig; mit mir; meine Mutter
+wird wohl soviel haben.&laquo;</p>
+
+<p>Und Frau Rebekka, die f&uuml;r sieben Menschen
+kochte, darunter f&uuml;r f&uuml;nf S&ouml;hne, deren Appetit
+t&auml;glich wuchs und sich nach oben hin jedem Voranschlag
+entzog, hatte auch noch genug f&uuml;r einen
+achten, und sie, die nach einem Worte ihres
+Gatten so sparsam war, &raquo;da&szlig; sie den Flicken
+eines Flickens flickte&laquo;, und das so akkurat, da&szlig;
+<!-- Page 67 --><span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>
+Herr Aufderhardt, der Schneider, ausrief: &raquo;Das
+ist so sch&ouml;n gemacht, da&szlig; <em class="gesperrt">ich</em> es nicht besser kann!&laquo;
+&#8211; sie, die aus einem Rock eine Weste, aus der
+Weste eine M&uuml;tze, aus der M&uuml;tze einen Handschuh,
+aus dem Handschuh einen Putzlappen
+machte, und so das arme Tuch in Wahrheit zu
+Tode hetzte, um es zuletzt noch an den Lumpenh&auml;ndler
+zu verkaufen, &#8211; sie strahlte von Heiterkeit
+und Stolz, wenn ein Gast an ihrem Tische
+sa&szlig; und t&uuml;chtig einhieb. Das war eben eine der
+leichtsinnigen Anma&szlig;ungen, die sie von ihrem
+Gatten &uuml;bernommen hatte, da&szlig; sie sich f&uuml;r berechtigt
+hielt, unbeschr&auml;nkte Gastfreundschaft zu
+&uuml;ben. Wer im Augenblick einer Mahlzeit als
+Freund das Semperische Haus betrat, der wurde
+an den Tisch gebeten, das war eine &Uuml;berlieferung
+von Semperischen Urv&auml;tern her.</p>
+
+<p>Und nun merkte Asmus eines Tages, da&szlig;
+dieser Satan, dieser Herrig, <em class="gesperrt">doch</em> Geld hatte!
+Und da&szlig; es ihm gleichwohl gar nicht einfiel,
+sich zu &raquo;revanchieren&laquo;. Diese Entdeckung machte
+Asmussen von oben bis unten gefrieren. Von
+allen Lastern, soweit er sie bis jetzt kennen gelernt
+hatte, war ihm eins immer als das h&auml;&szlig;lichste
+erschienen: der Geiz. Und mit einem
+Schlage war er aufgetaut, und aus dem Grunde
+seines Herzens atmete er auf, als Herrig bald
+darauf, nachdem er den Freund f&uuml;r die n&auml;chste
+gemeinsame Arbeit in seine Wohnung geladen
+hatte, hinzuf&uuml;gte: &raquo;Du kannst ja dann bei mir
+zu Abend essen.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 68 --><span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>
+Gott sei Dank, dachte Asmus, er ist doch
+nicht geizig.</p>
+
+<p>Als Asmus am n&auml;chsten Sonnabend in die
+Stube seines Freundes trat, fiel ihm sofort dessen
+Verlegenheit auf. Nach einiger Zeit stotterte
+Herrig:</p>
+
+<p>&raquo;Abend &#8211; Abendbrot hast du wohl schon
+gegessen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Asmus, &raquo;Adieu!&laquo; Und nun
+war er sich klar &uuml;ber John Herrig.</p>
+
+<p>Er hatte vorl&auml;ufig kein Gl&uuml;ck mit den
+&raquo;Freunden&laquo; unter seinen Studiengenossen.
+</p></div>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 69 --><span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>
+<a name="X_Kapitel" id="X_Kapitel"></a>X. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus als K&ouml;nigsm&ouml;rder und Galeerenstr&auml;fling, als
+Gallo und Petrarca. Er erneuert eine gewisse, f&uuml;r die
+Folge nicht unwichtige Bekanntschaft.</div>
+
+<p><span class="bigletter">O</span>b er den Freund in seinem andern Mithospitanten,
+jenem J&uuml;ngling mit der hebr&auml;ischen
+Handschrift finden sollte, der seit einiger
+Zeit mit ihm denselben Weg zur Schule ging?
+Claus M&uuml;nz war ein guter Kerl; aber er redete
+zu viel von seinen Muskeln. Er war n&auml;mlich
+vierschr&ouml;tig und starkknochig wie ein Arbeitspferd,
+und wenn er Sempern die Hand gab,
+dr&uuml;ckte er sie zum Beweise seiner Heldennatur
+so stark, da&szlig; Asmus das Gesicht verzog, und
+dann wieherte Claus M&uuml;nz aus vollem Halse
+wie ein Ro&szlig;. Er entbl&ouml;&szlig;te t&auml;glich einmal seinen
+Arm, um den Bizeps zu zeigen, und hatte den
+sehnlichen Wunsch, einmal mit einem Athleten
+vom Spezialit&auml;tentheater ringen zu d&uuml;rfen. Es
+sei ein Jammer, sagte er, da&szlig; er als Schulmeister
+nur sechs Wochen dienen k&ouml;nne, sonst w&uuml;rde er
+zu den Gardehusaren kommen, und dann h&auml;tte
+er vielleicht einmal t&uuml;chtig in die Franzosen einhauen
+<!-- Page 70 --><span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>
+k&ouml;nnen. Er hatte als Knabe jenen Geschichtsunterricht
+empfangen, nach dem die Franzosen
+Lumpenhunde sind, die Deutschen hingegen
+bieder und treu. Asmus machte sich anfangs
+ein Vergn&uuml;gen daraus, die Franzosen auf jede
+Weise herauszustreichen; aber bald ward ihm
+dieser Streit zu dumm. Claus M&uuml;nz war auch
+in allen Muskeln und Knochen k&ouml;nigstreu; Asmus
+hingegen war &uuml;berzeugter Tyrannenm&ouml;rder.
+Zwar konnte er kein Tier, geschweige denn einen
+Menschen leiden sehen, und sein schlimmster Feind
+h&ouml;rte auf, sein Feind zu sein, sobald er litt; aber
+so sehr er C&auml;sarn bewunderte und liebte, an
+den Iden des M&auml;rz und bei Philippi hatte er&#8217;s
+mit Brutus gehalten, sein Herz hatte den M&ouml;ros,
+den Harmodius und Aristogeiton, den Tell und
+ihren Genossen geh&ouml;rt. Nun war es geschehen,
+da&szlig; ein Mann namens Nobiling auf den Kaiser
+Wilhelm geschossen und ihn verwundet hatte.
+Claus M&uuml;nz war au&szlig;er sich vor Entr&uuml;stung.
+Asmus, der in der Arbeitsstube der Zigarrenmacher
+den ersten Wilhelm kaum anders als
+&raquo;Kart&auml;tschenprinz&laquo; hatte nennen h&ouml;ren, hatte ein
+lebhaftes Mitgef&uuml;hl mit dem alten Manne, wenn
+er ihn sich auf seinem Schmerzenslager dachte,
+und beklagte die Tat des M&ouml;rders; aber er ersuchte
+doch auch den mit allen Muskeln w&uuml;tenden
+Freund, gef&auml;lligst nicht zu vergessen, da&szlig;
+Wilhelm I. und Bismarck Tyrannen seien. Er
+war der Meinung, da&szlig; es F&uuml;rsten und Minister,
+Herrschende und Besitzende durchaus in der Hand
+<!-- Page 71 --><span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>
+h&auml;tten, dem Volke Brot und Freiheit zu geben,
+und da&szlig; nur Herrschsucht und Habsucht sie daran
+hinderten. Die Erkenntnis, da&szlig; wir alle unter
+dem Zwange der Notwendigkeit stehen und da&szlig;
+es keine abh&auml;ngigeren Menschen gibt als die
+Herrschenden, da&szlig; wir alle an H&auml;nden und
+F&uuml;&szlig;en, die Herrschenden aber an jedem Finger
+und jedem Haar von F&auml;den gezogen und geleitet
+werden, die aus dem Unendlichen kommen,
+es sollte noch lange w&auml;hren, bis ihm diese Erkenntnis
+aufging. Die Geschichtsstunden des
+Herrn Stahmer hatten wohl ein leises Ahnen
+von der ehernen Verkettung der Dinge in ihm
+erweckt; aber dieser Unterricht war zu kurz gewesen
+und h&auml;tte wohl auch, wenn er l&auml;nger gew&auml;hrt,
+aus den jungen Keimen einer J&uuml;nglingsseele
+&#8211; einer Kindesseele fast &#8211; keine B&auml;ume
+machen k&ouml;nnen. Die Geisteskr&auml;fte des guten
+Claus M&uuml;nz aber waren vollends nicht dazu
+geschaffen, den jungen Semper zu &uuml;berw&auml;ltigen;
+dieser gab es sogar vollst&auml;ndig auf, zu streiten,
+weil Claus M&uuml;nz immer nur muskul&ouml;se Behauptungen
+vorbrachte, und Asmus schleppte geduldig,
+aber gemartert, jeden Morgen den Geist
+des Claus M&uuml;nz hinter sich her wie die Kugel
+eines Galeerenstr&auml;flings.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Aber wie schon oft, so sollte er auch jetzt Erquickung
+und Trost finden bei den Frauen. Die
+Schule, an der er jeden Morgen hospitierte, hatte
+sich vergr&ouml;&szlig;ert und unter anderen Lehrkr&auml;ften
+auch drei neue Lehrerinnen bekommen. Unter
+<!-- Page 72 --><span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>
+diesen war eine musikalische Dame von einer
+weichen und sanften Sch&ouml;nheit, und es dauerte
+nat&uuml;rlich keine zwei Tage, bis Asmus sie heimlich
+besang und in seinem Gedicht versicherte,
+da&szlig; die heilige C&auml;cilie unter den Irdischen
+wandle. Sie hatte oft eine Gef&auml;hrtin bei sich,
+der Asmus eines Tages &raquo;die bezauberte Rose&laquo;
+von Ernst Schulze lieh, die ihm das Buch aber
+schon am folgenden Tage zur&uuml;ckgab, weil sie es
+nicht lesen k&ouml;nne, so fromm und tugendsam war
+sie. Asmus war emp&ouml;rt und schw&auml;rmte ihr nun
+recht zum Trotz von Rousseau und Voltaire.
+Morieux hatte den beiden Damen mit Grimassen
+und schlenkernden Armen verraten, da&szlig; Semper
+Gedichte mache, &raquo;wunderbare, gro&szlig;artige
+Gedichte!&laquo; Und nun, wenn die Schule vor&uuml;ber
+war, sa&szlig;en die beiden Damen auf dem Pult wie
+auf einem Thron, und Morieux und Semper
+sa&szlig;en auf den Kinderb&auml;nken zu ihren F&uuml;&szlig;en;
+Morieux geigte und Asmus las, fremde Gedichte
+und eigene; er hatte der Ballade vom ertrunkenen
+Fischer noch eine Ballade von einer
+gespenstischen Burgruine hinzugef&uuml;gt, und Asmus
+dachte: So war es am Musenhof zu Ferrara
+oder Avignon.</p>
+
+<p>Noch einen st&auml;rkeren Widerhall aber fand
+Asmus bei einer Frauenseele, von der man kaum
+begriff, da&szlig; sie in ihrem K&ouml;rper Platz habe.
+Das war die Seele des Fr&auml;ulein Wieselin, einer
+38j&auml;hrigen Jungfrau, Lehrerin und Dichterin.
+Sie war so klein und d&uuml;nn, da&szlig; sie sozusagen
+<!-- Page 73 --><span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>
+nur eine Nadel war, in die der Herrgott einen
+Lebensfaden gezogen hatte, und diese Nadel fuhr
+unabl&auml;ssig auf und ab und verarbeitete ihren
+Lebensfaden mit einem r&uuml;hrenden Eifer und
+Opfersinn. Im Gesicht sah sie aus wie ein Geheimrat,
+der immer in einem &uuml;berheizten Zimmer
+gesessen hat und darum etwas eingetrocknet
+ist. Tausend Mark Gehalt erhielt sie im Jahr,
+und davon ern&auml;hrte sie sich und ihre Mutter
+und unterst&uuml;tzte sie die Familie eines kranken
+Bruders. Sie war damals schon f&uuml;nfzehn Jahre
+Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher,
+und Jahr f&uuml;r Jahr &uuml;bernahm sie die Kleinsten
+der Kleinen; die Kleinsten zu lehren ist aber
+gr&ouml;&szlig;te M&uuml;he und gr&ouml;&szlig;te Kunst. Die B&uuml;cher,
+die sie las, mu&szlig;te sie sich leihen; denn kaufen
+konnte sie sich keine; aber als sie nach f&uuml;nfunddrei&szlig;ig
+Jahren der M&uuml;hsal ihr Ende nahen
+f&uuml;hlte, da sagte sie: &raquo;Ich kann ja zufrieden
+sterben; ich habe ja ein reiches Leben gehabt.&laquo;</p>
+
+<p>In ihren seltenen Mu&szlig;estunden machte sie
+auch Verse, kleine, unbedeutende Gelegenheitss&auml;chlein;
+aber da Asmus sie nicht loben konnte,
+so sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen
+sprach viel von den seinigen, r&uuml;hmte sie
+und sprach ihre Verwunderung dar&uuml;ber aus, da&szlig;
+er gleich mit epischen Gedichten anfange, w&auml;hrend
+die jungen Leute sonst immer mit allgemeinen
+Gef&uuml;hlserg&uuml;ssen anfingen, was auch viel leichter
+sei. Und sie schlo&szlig; gew&ouml;hnlich mit den Worten:
+&raquo;Ich habe immer das Gef&uuml;hl, da&szlig; Sie kein
+<!-- Page 74 --><span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>
+Lehrer werden, da&szlig; wir Sie noch &#8217;mal auf ganz
+anderen Pfaden wandeln sehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht heirate ich auch die!&laquo; dachte
+Asmus.</p>
+
+<p>Die dritte der neuangestellten Damen hie&szlig;
+Hilde Chavonne, war eine schlanke Br&uuml;nette
+mit gro&szlig;en, schmachtenden braunen Augen und
+einem sanften Stolz der Bewegungen und trotz
+alledem eine Hamburgerin. Sie und Asmus
+schenkten einander zu Anfang nur wenig Beachtung,
+unvergleichlich viel weniger als sp&auml;ter.
+Aber doch mu&szlig;te er dar&uuml;ber nachdenken, wo er
+sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war
+die &raquo;Dame in Trauer&laquo;, die Seminaristin, die
+einmal ganz zu Beginn seiner Pr&auml;parandenzeit
+mit ihm und einem Bekannten ein St&uuml;ck Weges
+zusammen gegangen war. Da&szlig; er ihr schon viel,
+viel fr&uuml;her einmal begegnet war, das konnte er
+nicht mehr wissen.</p>
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 75 --><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>
+<a name="XI_Kapitel" id="XI_Kapitel"></a>XI. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Wie Asmus pl&ouml;tzlich eine gl&auml;nzende Karriere machte
+und dabei auf den Hund kam.</div>
+
+<p><span class="bigletter">Z</span>u diesen ganzen und halben Freunden gewann
+Asmus endlich eine ganze Schar von
+kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre
+seines Pr&auml;parandentums eines Morgens in die
+Schule kam, lie&szlig; ihn der Oberlehrer in sein
+Zimmer rufen. &raquo;Herr Dohrmann hat sich krank
+gemeldet,&laquo; sagte er, &raquo;und wird voraussichtlich
+in acht Wochen nicht kommen k&ouml;nnen. Ich
+habe Sie zu seiner Vertretung ausersehen. &Uuml;bernehmen
+Sie die Klasse. Ich bin &uuml;berzeugt, da&szlig;
+Sie mein Vertrauen rechtfertigen werden.&laquo; Asmus
+konnte vor &Uuml;berraschung nicht sprechen; er
+nickte nur stumm und verlie&szlig; das Zimmer.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Als er drau&szlig;en stand, war sein erstes Gef&uuml;hl
+ein wirbelnder Jubel. Lehrer! Er sollte
+Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er vorstehen,
+er ganz allein! Er wu&szlig;te im n&auml;chsten
+Augenblick selbst nicht, wie er die drei Treppen
+zum obersten Stockwerk hinaufgekommen war.
+Und als er vor der Klassent&uuml;r stand und die
+<!-- Page 76 --><span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>
+f&uuml;hrerlosen Kinder l&auml;rmen h&ouml;rte, da stak ihm
+das Herz, das noch eben so hoch geflogen war,
+tief unten in den Schuhen. Warum sollte er,
+der kleinste und j&uuml;ngste von den drei Pr&auml;paranden,
+den kranken Lehrer vertreten? Warum
+nicht Morieux, der ein ganzes Jahr l&auml;nger an
+der Schule war als er? Warum nicht Claus
+M&uuml;nz, der Gro&szlig;e und Starke, der den Kindern
+gewi&szlig; mehr imponierte als er? Er kannte ja
+nichts vom Unterrichten, rein gar nichts. Ach
+ja, er wu&szlig;te wohl: alle in der Schule hielten
+ihn f&uuml;r au&szlig;erordentlich ernst und gesetzt. Die
+Leiden, die Verfolgungen, die er als Knabe erduldet,
+hatten seinem Gesicht, seinem ganzen
+Wesen einen zusammengerafften, entschlossenen
+Ernst gegeben, und wer ihn nicht in vertrauten
+Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, da&szlig;
+hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne
+stand. Er hatte gerade um jene Zeit auf Menschen
+solcher Art in schwerhinwandelnden Versen
+ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte er
+&raquo;Erscheinung&laquo;.</p></div>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Eine d&uuml;stre Wolke seh&#8217; ich schwimmen</span>
+<span class="i0">Durch den abendlichen Himmelsraum.</span>
+<span class="i0">Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen</span>
+<span class="i0">Zarte Lichter wie ein Flockensaum.</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Gleichwie starrgewalt&#8217;ge Bergesschroffen</span>
+<span class="i0">Ragt die Wolke hoch in den Azur,</span>
+<span class="i0">Doch um ihre Stirne lichtgetroffen</span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>
+<span class="i0">H&auml;ngt des Alpengl&uuml;hens Rosenflur.</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Denn verborgen hinter jener Mauer</span>
+<span class="i0">Str&ouml;mt der Gnadenquell des Sonnenlichts,</span>
+<span class="i0">Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer,</span>
+<span class="i0">Blickt nach dort verkl&auml;rten Angesichts.</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Also sah ich d&uuml;stre Menschenstirnen</span>
+<span class="i0">In den Grenzen dieser Erde auch:</span>
+<span class="i0">Sie umflo&szlig; wie Glanz der Alpenfirnen</span>
+<span class="i0">Eines fremden Lichtes leiser Hauch.</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Augen sah ich, die dem Hier entrinnen,</span>
+<span class="i0">Das mit Tr&auml;nenschatten sie umh&uuml;llt;</span>
+<span class="i0">Doch versunken war ihr Blick nach innen</span>
+<span class="i0">Und von dort mit sel&#8217;gem Glanz erf&uuml;llt. &#8211;</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten
+Blick, ein &uuml;berirdisches Angesicht, weil
+er das f&uuml;r erhabener hielt und er damals gerade
+ein Dichter wie Klopstock und die Hainb&uuml;ndler
+werden wollte; in Wirklichkeit aber sprang seine
+Fr&ouml;hlichkeit wie diejenige Klopstockens mit frischen
+Jugendbeinen auf der Erde umher. Das
+wu&szlig;ten die in der Schule nicht. Sie schrieben
+ihm auch weit gr&ouml;&szlig;ere Kenntnisse und F&auml;higkeiten
+zu, als er besa&szlig;, und das machte ihm
+Unbehagen, weil es ihm vorkam, als t&auml;uschte er
+sie, als m&uuml;&szlig;te er seine Kenntnisse einmal alle
+aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch
+legen, damit sie s&auml;hen, wie wenig er wisse und
+k&ouml;nne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben stand
+er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gef&uuml;hl der
+Unberufenheit.</p>
+
+<p><!-- Page 78 --><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>
+Mit solchem Gef&uuml;hl im Herzen dr&uuml;ckte er
+endlich die Klassent&uuml;r auf. Er stand vor den
+Kindern.</p>
+
+<p>Sie verstummten vor &Uuml;berraschung. Was
+will <em class="gesperrt">der</em> denn, dachten sie. Asmus gebot ihnen,
+ihre Sachen unter den Tisch zu legen und
+sich ordentlich hinzusetzen. Sie gehorchten; aber
+einige duckten sich hinter den R&uuml;cken des Vordermannes
+und kicherten, weil der kleine Schreiber
+aus dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister
+sein wollte. Da steckte Asmus von seinen ernsten
+Gesichtern das allerernsteste auf und sah den
+Aufs&auml;ssigen ruhig in die Augen &#8211; da sa&szlig;en
+sie still und ohne Laut. Das f&uuml;hlte er sofort,
+die Z&uuml;gel in der Hand behalten, das war nicht
+so schwer; aber das Unterrichten!</p>
+
+<p>Ja, die Unkundigen halten Unterrichten f&uuml;r
+die einfachste Sache von der Welt. Man sagt
+den Kindern, was sie wissen sollen, und dann
+wissen sie&#8217;s ja! Aber man soll ihnen gar nichts
+sagen, das ist&#8217;s ja gerade! Alles sollen sie
+selber sagen, durch unaufh&ouml;rliche Fragen soll
+man&#8217;s aus ihnen herausholen; so verlangt es
+das &raquo;erotematische&laquo; oder &raquo;katechetische&laquo; oder
+&raquo;heuristische&laquo; Lehrverfahren. Asmus kannte
+diese gelehrten Vorschriften wohl; aber als er
+nun vor den sechzig Gesichtern stand, wu&szlig;te er
+nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle
+er den Kindern &uuml;ber ein meilenbreites Wasser
+die Hand reichen. Und wenn ihm vorher das
+Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er
+<!-- Page 79 --><span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>
+jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den
+Schuhen, eines im Halse, das ihn w&uuml;rgte, eines
+in der Brust, das ihm wehtat und eines in der
+Darmgegend. Und nun kamen &uuml;berdies noch
+M&uuml;nz und Morieux herein; denn es war
+Brauch, da&szlig;, wenn ein Pr&auml;parand unterrichtete,
+die andern zuh&ouml;rten und hernach ihre Kritik
+&uuml;bten. Wie ein Doppelbeckmesser mu&szlig;ten sie
+aufpassen, ob auch alle Fragen des Katecheten
+mit &raquo;<em class="antiqua">W</em>&laquo; anfingen (denn so verlangt es das
+&raquo;System&laquo;), ob Asmus auch keine &raquo;Wahlfragen&laquo;
+stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja
+oder Nein zu antworten brauchte, die also die
+Sch&uuml;ler zum Raten verleiteten, ob er auch rechtzeitig
+zusammenfasse und wiederhole, ob er auch
+alle Kinder gefragt habe, bevor er eins zum
+zweitenmal frage, ob er auch tadle, wenn ein
+Sch&uuml;ler beim Fingerzeigen aus der Bank trete,
+ob er auch bemerkt habe, da&szlig; M&uuml;ller sich in vereinfachter
+Manier die Nase geputzt habe usw.</p>
+
+<p>Asmus sollte zun&auml;chst eine Anschauungsstunde
+geben, und er holte sich aus dem kleinen
+Schulmuseum einen ausgestopften Fuchs, der
+aber dank der Kunst des Ausstopfers den Hinterleib
+einer feisten Katze hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist das?&laquo; fragte Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein Hund,&laquo; antwortete ein Sch&uuml;ler;
+denn die Stadtkinder kannten keinen Fuchs.</p>
+
+<p>Statt nun an diese nicht ganz unrichtige
+Antwort anzukn&uuml;pfen und den Fuchs zun&auml;chst
+als Hund zu behandeln, oder aber mit Eleganz
+<!-- Page 80 --><span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>
+dar&uuml;ber hinwegzugehen und einen anderen zu
+fragen, bi&szlig; sich Asmus sofort in diese Antwort
+fest.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ein Hund ist das nicht,&laquo; sagte er,
+&raquo;woran sieht man, da&szlig; es kein Hund ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat gar keinen Maulkorb um!&laquo; rief ein
+kleiner Bursche.</p>
+
+<p>&raquo;Haben denn alle Hunde Maulk&ouml;rbe?&laquo;
+fragte der junge Pr&auml;zeptor. (O weh, eine
+&raquo;Wahlfrage!&laquo;)</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; riefen viele Kinder. (O weh, der
+Pr&auml;zeptor duldete, da&szlig; die Sch&uuml;ler im Chor
+antworteten, ohne es zu tadeln! M&uuml;nz und
+Morieux notierten eifrig in ihren Heften.)</p>
+
+<p>&raquo;Wozu geh&ouml;rt der Maulkorb also gar nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Maulkorb geh&ouml;rt gar nicht zum Hund,&laquo;
+sagte ein Sch&uuml;ler.</p>
+
+<p>Das gen&uuml;gte Asmus nicht so ganz. Er
+wollte den Irrtum beseitigen, da&szlig; der Maulkorb
+ein organischer Bestandteil des Hundes sei
+(er wu&szlig;te, da&szlig; die Kinder auch das Hufeisen
+f&uuml;r einen Teil des Pferdehufes halten), er wollte
+die Antwort: &raquo;Der Maulkorb geh&ouml;rt nicht zum
+K&ouml;rper des Hundes;&laquo; aber wie sollte er aus
+diesen Kleinen das Wort &raquo;K&ouml;rper&laquo; herauskatechisieren?
+Sollte er fragen: &raquo;Ist der Maulkorb
+etwa ein K&ouml;rperteil des Hundes?&laquo; Nein,
+das durfte er nicht, das war eine &raquo;Ja- und
+Nein-Frage&laquo;. Er versuchte es auf mancherlei
+Weise; denn er meinte, jeder auftauchende Irrtum
+m&uuml;sse sofort und gr&uuml;ndlich beseitigt werden;
+<!-- Page 81 --><span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>
+aber das ersehnte Wort kam nicht. So bi&szlig; er
+sich im Maulkorb des Hundes fest und war noch
+immer nicht beim Fuchs, obwohl er schon am
+ganzen K&ouml;rper schwitzte.</p>
+
+<p>Endlich mu&szlig;te er das R&auml;tsel doch aufgeben,
+und so war Zeit und M&uuml;he verloren.</p>
+
+<p>&raquo;Also ein Hund ist das nicht. Woran sieht
+man das?&laquo;</p>
+
+<p>Da stand ein Genie auf und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;&#8217;n Hund hat nicht solchen Schwanz!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na also!&laquo; jubelte Asmus, und in seiner
+Freude &uuml;ber das erl&ouml;sende Wort verga&szlig; er, da&szlig;
+das Genie &raquo;&#8217;n Hund&laquo; statt &raquo;ein Hund&laquo; gesagt
+hatte. M&uuml;nz und Morieux notierten das.</p>
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 82 --><span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>
+<a name="XII_Kapitel" id="XII_Kapitel"></a>XII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus ringt gewaltig mit einem Sch&uuml;ler wegen eines
+Frosches: er empf&auml;ngt Rippenst&ouml;&szlig;e, und der gewisse
+Seybold besteht das Examen.</div>
+
+<p><span class="bigletter">A</span>ber schon von der n&auml;chsten Stunde ab mu&szlig;ten
+M&uuml;nz und Morieux wieder Listen und
+Protokolle schreiben, und Asmus sprach mit seinen
+Sch&uuml;lern, wie ihm der Schnabel gewachsen
+war. Und sieh, mit einem Male ging alles
+freier und besser. Wenn er sich nun aus dem
+Schulmuseum einen Hasen geholt hatte, so erinnerte
+er sich jenes Lehrers, bei dem er gern
+gehorcht hatte und der auch nicht immer im
+Stechschritt des Systems gegangen war. Er sang
+ihnen vor allen Dingen Lieder vom Hasen vor:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Als der Mond schien helle,</span>
+<span class="i0">Kam ein H&auml;slein schnelle&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p>und</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Gestern abend ging ich aus,</span>
+<span class="i0">Ging wohl in den Wald hinaus&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p>und</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal</span>
+<span class="i0">Sa&szlig;en einst zwei Hasen&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p><!-- Page 83 --><span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>
+und nachdem ihnen Herr Lampe mit so vorz&uuml;glichen
+Empfehlungen vorgestellt war, schauten
+sie ihn mit ganz anderen Augen an. Und als
+Asmus heraushaben wollte, da&szlig; der Hase ein
+S&auml;ugetier sei, da fragte er sie:</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Was f&uuml;r ein Vogel ist denn der Hase?&laquo;
+Halloh, da gingen sie fast &uuml;ber die B&auml;nke vor
+Lachen und Weisheit und riefen: &raquo;Das ist ja
+gar kein Vogel!&laquo; und erkl&auml;rten ihm mit Begeisterung,
+warum der Hase kein Vogel sei!
+O Gott, wenn M&uuml;nz und Morieux, und gar
+der Herr Oberlehrer dagewesen w&auml;ren! &Uuml;berhaupt
+fand er, da&szlig; es den Kindern ein besonderes
+Vergn&uuml;gen bereitete, wenn er sich recht
+dumm stellte und sich dann von ihnen aufkl&auml;ren
+lie&szlig;. Der alte Sokrates kannte seine Leute.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich stie&szlig; er trotzdem noch t&auml;glich, ach,
+st&uuml;ndlich in seinem Fahrwasser auf Klippen, Untiefen
+und Stromschnellen. Da hatte er ihnen
+das M&auml;rchen vom Froschk&ouml;nig und dem eisernen
+Heinrich erz&auml;hlt. Der Frosch hatte der K&ouml;nigstochter
+ihren goldenen Ball aus dem Brunnen
+geholt unter der Bedingung, da&szlig; er mit ihr
+an einem Tische essen und in einem Bettchen
+schlafen d&uuml;rfe. Und sie hatte es ihm doch hoch
+und heilig versprochen. Als nun der Frosch ins
+Schlo&szlig; kam, wollte sie ihr K&ouml;nigswort nicht
+halten. Das ist mit K&ouml;nigsworten &ouml;fters so,
+ist aber unsittlich. Und Asmus wollte entwickeln,
+da&szlig; man sein Wort halten m&uuml;sse, und wenn es
+auch noch so schwer sei.</p>
+
+<p><!-- Page 84 --><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>
+&raquo;Warum wollte sie denn nicht mit dem
+Frosch zu Bett gehen?&laquo; fragte Asmus einen
+Sch&uuml;ler.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht,&laquo; sagte der.</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;chtest Du denn einen Frosch im Bett
+haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja!&laquo; rief das B&uuml;rschchen begeistert.</p>
+
+<p>Hm. Das war ein unerwartetes Hindernis.
+Aber Asmus besann sich. Vielleicht sprach das
+Kind so aus ethischen Erw&auml;gungen. Es meinte
+wohl im stillen: wenn ich es versprochen h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n,&laquo; fuhr der Magister fort, &raquo;du m&ouml;chtest
+also bei einem Frosch schlafen. <em class="gesperrt">Aber doch
+nur wann?</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Immer!&laquo; versetzte strahlend der Gefragte.</p>
+
+<p>Hm, hm. Wie sollte man diesem perversen
+Individuum die Moral der Geschichte begreiflich
+machen? Man mu&szlig;te einfach die Segel streichen.
+Der kluge Magister begriff erst sp&auml;ter die Freude
+der Kinder an allem Spiel mit den Tieren.</p>
+
+<p>Aber solche und ernstere Schwierigkeiten erh&ouml;hten
+gerade die Lust an der Arbeit, und er
+widmete sich ihr auch mit so viel k&ouml;rperlichem
+Eifer, da&szlig; er infolge des vielen Sprechens von
+einer Heiserkeit in die andere fiel. &Uuml;berdies
+kam der erkrankte Lehrer nicht wieder, aus den
+acht Wochen wurde ein Vierteljahr, aus dem
+Vierteljahr ein halbes. Asmus hatte morgens
+eine Stunde weit zur Schule und ging mittags
+denselben Weg zur&uuml;ck. Dann a&szlig; er eilig zu
+Mittag und ging abermals zur Schule, um den
+<!-- Page 85 --><span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>
+Nachmittagsunterricht zu erteilen. Danach begab
+er sich von der Schule ins Pr&auml;parandeum,
+und abends hatte er eine gute Stunde nach
+Hause. Dann erst konnte er an seine Pr&auml;parationen
+f&uuml;r Schule und Pr&auml;parandeum gehen.
+Das machte etwa elf Stunden Arbeit und f&uuml;nf
+Stunden Marsch. Aber Asmus war noch immer
+tief davon durchdrungen, da&szlig; der Schlaf ein
+eingebildetes Bed&uuml;rfnis sei, eine &Uuml;berzeugung,
+die er bald genug ablegen sollte. Einstweilen
+aber ging er nicht nur jeden Sonnabend zu
+Bockholm ans Klavier, er machte auf seinen
+Wanderungen auch noch Gedichte, die den Beifall
+Lauras, n&auml;mlich Fr&auml;ulein Wieselins, und
+der beiden Leonoren fanden.</p>
+
+<p>Nur einen Menschen gab es, dem die vielf&auml;ltige
+Besch&auml;ftigung Asmussens Sorge machte,
+und das war seine Mutter. Nicht, da&szlig; sie f&uuml;r
+seine Gesundheit gef&uuml;rchtet h&auml;tte, &#8211; seine vollen,
+roten Wangen lie&szlig;en solche Bef&uuml;rchtungen nicht
+aufkommen, &#8211; nein, sie bangte wegen des bevorstehenden
+Abgangs-Examens. Im nahen
+M&auml;rz sollte Asmus ins Seminar &uuml;bergehen,
+und sie f&uuml;rchtete, da&szlig; er sich bei so viel Arbeit
+nicht ordentlich vorbereiten k&ouml;nne und dann wom&ouml;glich
+durchfalle. Und sie schickte heimlich einen
+Seminaristen aus der Bekanntschaft ab, der sich
+bei einem Lehrer des Pr&auml;parandeums nach den
+Aussichten ihres Sohnes erkundigen sollte. &raquo;Zu
+Hause sagt der Bengel ja nichts,&laquo; klagte sie.
+&raquo;Er macht auch Gedichte; aber meinen Sie, er
+<!-- Page 86 --><span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>
+zeigt sie uns? Wenn ich nicht mal eins in
+seiner Schublade finde, erfahren wir nichts
+davon.&laquo;</p>
+
+<p>Seine Gedichte zu Hause zeigen, &#8211; nein,
+das brachte Asmus nicht &uuml;ber sich. Eine Scham,
+die er sich selbst nicht deuten konnte, hielt ihn
+davon zur&uuml;ck. Wir m&ouml;gen auf der Gasse nicht
+im Nachtgewand und daheim nicht in der <em class="antiqua">Toga
+palmata</em> erscheinen.</p>
+
+<p>Jener geheime Emiss&auml;r geriet an den Lehrer
+f&uuml;r deutsche Sprache und Literatur, einen gro&szlig;en
+Mann mit einer prachtvollen R&ouml;merglatze und
+energischen Z&uuml;gen, die lieber dem Spott als der
+Liebensw&uuml;rdigkeit dienten. Er ma&szlig; den Frager
+von oben bis unten mit h&ouml;hnischem Blick und
+sagte dann: &raquo;Ja, wenn wir den durchfallen
+lie&szlig;en, wen sollten wir dann bestehen lassen?&laquo;</p>
+
+<p>Dieser Bescheid beruhigte Frau Rebekka
+einigerma&szlig;en, aber keineswegs vollst&auml;ndig. Als
+der erste Tag des schriftlichen Examens anbrach,
+strich sie unaufh&ouml;rlich mit liebkosenden H&auml;nden
+an ihrem Sohne auf und ab, als ginge er den
+Weg zum Schafott und kehre nicht mehr zur&uuml;ck.
+Als ihn acht Tage sp&auml;ter der Mann mit der
+R&ouml;merglatze auf die Seite genommen und mit
+sp&ouml;ttischem L&auml;cheln gesagt hatte: &raquo;Ich gratuliere
+Ihnen. Sie haben den besten Aufsatz geschrieben,&laquo;
+da brachte er fliegenden Laufes wie
+der Bote von Marathon seiner Mutter die Nachricht,
+damit sie sich beruhige. Und wirklich wurde
+sie etwas ruhiger.</p>
+
+<p><!-- Page 87 --><span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>
+Ludwig Semper konnte zu der Unrast Rebekkens
+immer nur l&auml;cheln. &raquo;Du bist nicht gescheit,&laquo;
+sagte er kopfsch&uuml;ttelnd und blickte zum
+Fenster hinaus in die Ferne.</p>
+
+<p>Asmus aber war aus Sicherheit und Unruhe
+wunderbar gemischt. Er pflegte weder sich
+noch anderen Demutsflausen vorzumachen und
+sagte sich wohl: &raquo;So viel wie die anderen wei&szlig;
+ich auch&laquo;; aber alles Leben, das er noch nicht
+kannte, stellte er sich als Wunder vor, als gutes
+oder schlimmes Wunder, und das Examen rechnete
+er vorl&auml;ufig zu den schlimmen. Er dacht&#8217;
+es sich im Grunde als eine Lotterie, die der Zufall
+entschied; er stellte sich vor, da&szlig; Dr.&nbsp;Korn,
+der als Direktor nat&uuml;rlich alles wu&szlig;te, oder Herr
+Stahmer, der ebensoviel wu&szlig;te, ihm die abenteuerlichsten
+Fragen vorlegen k&ouml;nnten, die
+schwersten Fragen, an die er nie gedacht, und
+dann war ihm ungef&auml;hr zumut wie dem armen
+Gretchen beim <em class="antiqua">dies irae</em>.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="antiqua">Quid sum miser tunc dicturus</em></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">&raquo;Quem patronum rogaturus?&laquo;</em></span>
+</div></div>
+
+
+<p>Vielleicht war er der unruhigste von allen
+Examinanden. Sein Platznachbar Seybold z. B.
+schrieb im schriftlichen Examen einfach alles nach,
+was er mit seinen vortrefflichen Augen von
+Sempers Schriftst&uuml;cken ablas, und war darum
+viel ruhiger als dieser. Ja, dieser J&uuml;ngling
+setzte ein so heiteres Vertrauen in die Kr&auml;fte
+seines Nebenmannes, da&szlig; er noch unmittelbar
+<!-- Page 88 --><span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>
+vor der naturgeschichtlichen Pr&uuml;fung im B&uuml;cherschrank
+der Klasse von m&ouml;glichst dicken W&auml;lzern
+nach dem System &raquo;Mausefalle&laquo; einen babylonischen
+Turm errichtete, der bei der geringsten
+Ersch&uuml;tterung durch die angelehnte Schrankt&uuml;r
+ins Zimmer st&uuml;rzen mu&szlig;te. Der Campanile
+brach denn auch mit wunderbarer Pr&auml;zision und
+furchtbarem Get&ouml;se zusammen, als Papa Hamann
+gerade die Frage von den Monocotyledonen
+und den Dicotyledonen diktierte. Nat&uuml;rlich
+mu&szlig;te Asmus Semper wieder prusten,
+und als Papa Hamann ihn lachen sah, sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;Themper, thie gehen mit einem geradethu
+thtr&auml;flichen Leichtthinn inth Ekthamen!&laquo;</p>
+
+<p>In der m&uuml;ndlichen Pr&uuml;fung war Seybold
+freilich erheblich unruhiger, und wenn der Examinator
+sich seinem Platze n&auml;herte, stie&szlig; er Sempern
+so heftig in die Rippen und trat ihm so
+deutlich auf den Fu&szlig;, damit er ihm aushelfe,
+da&szlig; Asmus noch drei Tage nachher die blauen
+Flecke beobachten konnte. Nun konnte er zwar
+nicht einblasen, wenn er sich nicht selbst ans
+Messer liefern wollte; aber der gute Seybold
+bestand trotzdem, und Asmus stellte ernste Erw&auml;gungen
+dar&uuml;ber an, warum man eigentlich
+Examina vorn&auml;hme, wenn auch die Seybolde
+durchk&auml;men.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 89 --><span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>
+<a name="XIII_Kapitel" id="XIII_Kapitel"></a>XIII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Fr&uuml;hlings- und Ferienlust; Wiederauftreten des Herrn
+Morieux; ein l&auml;ngerer Blick der &raquo;Dame in Trauer&laquo;,
+ein Aufstieg ins Gebirge und ein G&auml;rtner mit einer
+Schere.</div>
+
+
+<p><span class="bigletter">I</span>n der Tat, das einzige Gute, das solche Pr&uuml;fungen
+haben, sind die Ferien, die sich ihnen
+gew&ouml;hnlich anschlie&szlig;en. Drei Wochen hatte er
+nun frei &#8211; er warf sich daheim aufs Sofa und
+streckte die Beine, als wenn er sie gleich durch
+die ganzen drei Wochen hindurchstrecken wollte.
+Und auch gefeiert wurde er! Frau Rebekka,
+die nun endlich ganz beruhigt war, fragte ihn
+feierlich, was er denn heute essen wolle. Das
+war noch nicht dagewesen. Und Asmus nahm
+seinen Flug bis zum Gipfel der Imagination
+und sagte nach einigem Erw&auml;gen: &raquo;Pfannkuchen
+mit Pflaumenmus.&laquo; &raquo;Sollst du haben,&laquo; sagte
+Frau Rebekka und flog in die K&uuml;che an den Herd.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Was sein Vater ihm gab, war anderer Art.
+Asmus sa&szlig; mit einem Buch an seinem gewohnten
+&raquo;Schreibtisch&laquo;, und Ludwig Semper sa&szlig;
+an seinem Arbeitstisch und machte Zigarren.
+<!-- Page 90 --><span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>
+Und obwohl Asmus ihn nicht ansah, wu&szlig;te er
+wieder ganz genau, da&szlig; die Augen seines Vaters
+auf ihm ruhten, und er h&uuml;tete sich wohl, den
+Blick zu erheben und die z&auml;rtlichen, sommerwarmen
+Augen seines Vaters zu verscheuchen.
+Er las nicht mehr, er sah immer auf dasselbe
+Wort und dehnte sich in der Juliw&auml;rme dieses
+Blickes, dehnte sich langsam, kaum merklich,
+aus Furcht, die Sonne m&ouml;cht&#8217; es merken und
+sich verh&uuml;llen; er f&uuml;hlte sich von einem heiligen
+Licht umflossen und sah in diesem Licht wie
+goldene St&auml;ubchen die Millionen seligen Erinnerungen
+seiner Kindheit wirbeln.</p>
+
+<p>Und noch ein andres Herzensgl&uuml;ck sollten
+diese Tage ihm bringen. Als Asmus eines
+warmen Fr&uuml;hlingstages am Fenster stand und
+auf seiner Zehn Marks-Geige nach einer Notenschrift
+in den Wolken fantasierte, wurde heftig
+geklopft. Im selben Augenblick sprang auch schon
+die T&uuml;r auf, und wer trat herein? Morieux.
+Morieux mit bleichem, verzerrtem Gesicht und
+weit vorgestreckter Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte dir die Hand zur Vers&ouml;hnung
+bieten,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Bravo!&laquo; rief Asmus, indem er klatschend
+einschlug, &raquo;wie geht&#8217;s dir? Was machst du?
+Komm, setz&#8217; dich ins Sofa! Steck&#8217; dir eine Zigarre
+an, eine feine Brasil. Trinkst du lieber
+Bier oder Kaffee?&laquo;</p>
+
+<p>Er war nahe daran, seinem Freunde Kost
+und Logis f&uuml;r drei Monate anzubieten; denn
+<!-- Page 91 --><span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>
+er mu&szlig;te reden, um seiner Gem&uuml;tsbewegung
+Herr zu werden. Er sch&auml;mte sich viel mehr als
+sein Freund; er war &uuml;ber und &uuml;ber rot geworden,
+lief planlos im Zimmer hin und her
+und stellte seinem Gast die beiden besten St&uuml;hle
+hin, obwohl er ihn ins Sofa gebeten hatte.</p>
+
+<p>Morieux fing an, von seinem Verschulden
+zu sprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich bitte dich!&laquo; rief Asmus, &raquo;sprich
+nicht davon. Wenn ich mich vertrage, hab&#8217; ich
+alles Vergangene vergessen. Ich hatt&#8217; es sowieso
+schon vergessen. Da &#8211; hier &#8211; spiel&#8217;
+mir was vor!&laquo; Er dr&uuml;ckte ihm die Geige in
+die Hand. &raquo;Bitte, bitte, die F-Dur-Romanze!&laquo;</p>
+
+<p>Und Beethovens T&ouml;ne schwemmten alle
+Kleinigkeiten hinweg.</p>
+
+<p>Drei Wochen sollte er so genie&szlig;en! Was
+konnte man da f&uuml;r Spazierg&auml;nge machen, f&uuml;r
+B&uuml;cher lesen, f&uuml;r Duette spielen, f&uuml;r Gedichte
+machen &#8211; es war nicht auszudenken! Ganze
+Epop&ouml;en konnte man dichten! Er begann auch
+sofort mit einer breit angelegten Dichtung
+&raquo;Niobe&laquo;, in der die vierzehn Kinder der bejammernswerten
+Tantalstochter einzeln starben.
+Ach ja, Ferien waren doch noch sch&ouml;ner als die
+sch&ouml;nsten Unterrichtsstunden! Auch als Junge
+war er &#8211; wenn seine Mitsch&uuml;ler ihn nicht
+peinigten &#8211; mit Lust zur Schule gegangen, ja,
+die Geschichts- und Geographie- und Physikstunden
+des Herrn Cremer waren ihm zuzeiten
+das Liebste auf der Welt gewesen; aber das
+<!-- Page 92 --><span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>
+Allerliebste blieben doch die Ferien. Als er noch
+in der Klasse des Herrn R&ouml;sing gewesen war,
+da war eines Morgens ein Lehrer gekommen
+und hatte gesagt:</p>
+
+<p>&raquo;Ihr k&ouml;nnt wieder nach Hause gehen, Herr
+R&ouml;sing ist krank.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hurra!&laquo; hatte die ganze Klasse geschrien.
+Da hatte der Lehrer gerufen: &raquo;Jungens, seid
+ihr des Teufels? Wenn euer Lehrer krank ist,
+br&uuml;llt ihr Hurra?&laquo;</p>
+
+<p>Aber das war eine tendenzi&ouml;se Zusammenstellung.
+Sie dachten gar nicht an die Krankheit
+des Herrn R&ouml;sing; sie dachten nur an ihre
+Freiheit. Sie g&ouml;nnten dem Lehrer jedes Wohlbefinden,
+wenn er nur nicht kommen wollte.
+Und auch Asmus hatte Hurra geschrien&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber seine Ferien waren noch nicht ganz;
+einige Tage mu&szlig;te er noch in die Schule zum
+Unterrichten, und dann mu&szlig;te er noch eine Pr&uuml;fung
+ablegen: pr&uuml;fend sollte er gepr&uuml;ft werden.
+Da der kranke Lehrer noch immer nicht wieder
+erschienen war, so mu&szlig;te Asmus &raquo;seine&laquo; Klasse
+bei der &ouml;ffentlichen Pr&uuml;fung vorreiten. Das
+war wieder eine bange Stunde; denn hinter
+ihm, neben ihm, an den W&auml;nden entlang und
+auf den B&auml;nken der Kinder sa&szlig;en und standen
+s&auml;mtliche Damen und Herren des Kollegiums.
+Auch Laura war nat&uuml;rlich da und die beiden
+Leonoren; und ganz hinten auf der letzten Bank
+sa&szlig; Beatrice, oder, wie sie eigentlich hie&szlig;: Hilde
+Chavonne. Sie hatte zum ersten Male die
+<!-- Page 93 --><span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>
+Trauer abgelegt, wenn auch nur in ihren Kleidern;
+sie trug ein leuchtend braunes Kleid, und
+in diesem Kleide, mit ihrem reichen braunen
+Haar und ihren melancholisch-braunen Augen
+war sie br&uuml;netter, h&uuml;bscher und stolzer denn je.
+Und mit einem Male sprang in Asmussens Seele
+ein Imperativ empor: dieser Stolzen sollst du
+imponieren. Den Blick dieses M&auml;dchens w&auml;hlte
+er sich zum Leitstern durch die schwere Stunde,
+und nichts gibt der Arbeit eines Siebzehnj&auml;hrigen
+einen feurigeren Aufschwung, als wenn
+auf ihr der Blick eines Weibes ruht.</p>
+
+<p>Als die Pr&uuml;fung vor&uuml;ber war, sagte der
+Oberlehrer nichts; er wiegte nur wohlwollend
+auf und ab das Haupt. Als die Damen das
+Zimmer verlie&szlig;en, sah Asmus, da&szlig; Fr&auml;ulein
+Chavonne sich mit einer Kollegin &uuml;ber ihn unterhielt;
+denn diese blickte ihn wiederholt von der
+Seite an; Hilde Chavonne aber heftete, bevor
+sie hinausschritt, noch einmal den Blick auf ihn,
+als habe sie den kleinen Herrn erst heute kennen
+gelernt, und was das Merkw&uuml;rdige war: sie
+wandte den Blick nicht weg, wie es sonst die
+M&auml;dchen zu tun pflegen, wenn der Blick eines
+J&uuml;nglings ihrem beobachtenden Auge begegnet;
+nein: offen, fest und ernst blickte sie ihm ins
+Auge.</p>
+
+<p>Nach v&ouml;llig beendigter Pr&uuml;fung wollte Semper
+sich von den Herren des Kollegiums verabschieden.
+</p>
+
+<p><!-- Page 94 --><span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>
+&raquo;Was f&auml;llt Ihnen ein!&laquo; rief einer der
+Herren, &raquo;Sie m&uuml;ssen mit uns.&laquo;</p>
+
+<p>Asmus erkl&auml;rte, er k&ouml;nne nicht, er habe
+&raquo;furchtbar viel zu tun,&laquo; und als der joviale
+Herr ihn nicht lassen wollte, sagte er leise: &raquo;Ich
+habe kein Geld.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wof&uuml;r halten Sie mich denn?&laquo; rief der
+Lehrer lachend, &raquo;wenn ich Sie einlade, brauchen
+Sie doch kein Geld.&laquo;</p>
+
+<p>Nun ging es in eine halbl&auml;ndliche Kneipe,
+wo man in Lauben sa&szlig; und der Wirt noch ein
+K&auml;ppchen trug. Asmus war gl&uuml;cklich und stolz;
+die Herren behandelten ihn nicht nur als Kollegen,
+sie nannten ihn sogar so. Und sie waren
+&uuml;ber die Ma&szlig;en lustig und erz&auml;hlten sich in seiner
+Gegenwart die ausgelassensten Schnurren. Asmus
+sa&szlig; mit weit offenen, lachenden Augen da.
+Er hatte mit jener scheuen Ehrfurcht, die er vor
+allem Unbekannten hegte, diese Herren f&uuml;r Halbg&ouml;tter
+gehalten, die hoch &uuml;ber der Lust gew&ouml;hnlicher
+Sterblicher dahinwandelten. Die Entdeckung,
+da&szlig; sie fr&ouml;hliche Menschen waren, war
+ihm ein fr&ouml;hliches Wunder. So gefielen sie ihm
+noch viel besser.</p>
+
+<p>Einer der Herren zog Asmus in ein Gespr&auml;ch
+&uuml;ber Rousseau. Er meinte, das Leben Rousseaus
+sei tadelnswert und seine Theorien seien nicht
+ausf&uuml;hrbar. Aber Asmus war schon beim dritten
+Glas und verteidigte seinen Liebling wie eine
+L&ouml;win ihr Junges. Rousseau sei der beste der
+<!-- Page 95 --><span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>
+Menschen gewesen, und alle seine Ideen seien
+ausf&uuml;hrbar, wenn man nur wolle.</p>
+
+<p>&raquo;Na, Herr Semper,&laquo; warf ein etwas eingetrockneter
+Herr aus der Runde ein, &raquo;dar&uuml;ber
+k&ouml;nnen Sie doch wohl noch nicht urteilen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wissen Sie, was Schiller sagt?&laquo; rief Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Nee,&laquo; sagte der Herr.</p>
+
+<p>Und Asmus rezitierte mit hochger&ouml;teten
+Wangen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Monument von unsrer Zeiten Schande,</span>
+<span class="i0">Ew&#8217;ge Schmachschrift deiner Mutterlande,</span>
+<span class="i0">Rousseaus Grab, gegr&uuml;&szlig;et seist du mir!</span>
+<span class="i0">Fried&#8217; und Ruh&#8217; den Tr&uuml;mmern deines Lebens!</span>
+<span class="i0">Fried&#8217; und Ruhe suchtest du vergebens;</span>
+<span class="i0">Fried&#8217; und Ruhe fand&#8217;st du hier.</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Wann wird doch die alte Wunde narben?</span>
+<span class="i0">Einst war&#8217;s finster, und die Weisen starben;</span>
+<span class="i0">Nun ist&#8217;s lichter, und der Weise stirbt.</span>
+<span class="i0">Sokrates ging unter durch Sophisten,</span>
+<span class="i0">Rousseau leidet, Rousseau f&auml;llt durch Christen,</span>
+<span class="i0">Rousseau &#8211; der aus Christen Menschen wirbt.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Die Worte &raquo;Schande&laquo;, &raquo;Schmachschrift&laquo;,
+&raquo;Sophisten&laquo; und &raquo;Christen&laquo; hatte Asmus mit
+anz&uuml;glicher Betonung hervorgehoben.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das ist ja sehr formvollendet,&laquo; sagte
+der Ged&ouml;rrte mit einer emp&ouml;renden K&auml;lte, &raquo;aber
+Schiller ist f&uuml;r mich auch nicht ma&szlig;gebend.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 96 --><span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>
+&raquo;Was? Schiller &#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>Asmus wollte aufspringen; aber jener andere
+Herr legte ihm die Hand auf die Schulter
+und sagte: &raquo;Ich werde Ihnen mal Rousseaus
+&raquo;Bekenntnisse&laquo; leihen; die werden Sie interessieren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O ja! Herzlichen Dank!&laquo; rief Asmus, und
+am n&auml;chsten Tage st&uuml;rzte er sich in die &raquo;Bekenntnisse&laquo;.</p>
+
+<p>Das war &Ouml;l ins Feuer. Den Kopf in beide
+H&auml;nde vergraben, las er stundenlang mit hei&szlig;en
+und hei&szlig;eren Wangen. Da pl&ouml;tzlich sprang er
+auf, warf die Arme nach beiden Seiten und rief
+ganz laut: &raquo;O Gott &#8211; o Gott!&laquo; Er hatte die
+Stelle gelesen, wo Rousseau sich vor dem Leser
+zu jenem Diebstahl bekennt, den er hartn&auml;ckig
+geleugnet hat. Wohl eine Stunde lang st&uuml;rmte
+Asmus im Zimmer auf und ab, oder er warf
+sich ins Sofa, vergrub das Gesicht in beide H&auml;nde
+und atmete schwer. Welch ein Mut, welch ein
+Wahrheitsmut! Welch eine ersch&uuml;tternde Liebe
+zur Wahrheit! Asmus wollte weiterlesen; aber
+kaum hatte er das Buch ber&uuml;hrt, so schlug er es
+heftig zu. Er konnte nicht weiterlesen; eine geheimnisvolle
+Macht verwehrte ihm, die heiligste,
+gr&ouml;&szlig;te Stunde seiner Jugend selbst zu t&ouml;ten. Er
+lief ins Freie, rannte durch Felder und Wiesen
+und sah von Feldern und Wiesen nichts; er f&uuml;llte
+nur eine unaufh&ouml;rliche Brandung gegen die
+W&auml;nde seines Herzens schlagen. Gegen Abend
+kehrte er ruhiger nach Hause zur&uuml;ck. Wieder
+<!-- Page 97 --><span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>
+schlug er das Buch auf, und langsam, z&auml;rtlich,
+mit ferngewandtem Blick machte er es wieder zu.
+Wie der Bergwanderer, der einen h&ouml;chsten Grat
+erstiegen und nun die freie und reine Herrlichkeit
+der T&auml;ler und Gipfel erschaut, sich nicht entschlie&szlig;en
+kann, wieder dort hinabzusteigen, wo
+alles das ihm entschwinden wird, so konnte es
+Asmus nicht &uuml;ber sich gewinnen, die H&ouml;he zu
+verlassen, wo himmlische Luft sein Herz durchbraust
+hatte.</p>
+
+<p>Und zu diesem Rousseau w&uuml;rde nun bald im
+Seminar Pestalozzi kommen und Comenius und
+die Alten: Plato, Aristoteles, die Kirchenv&auml;ter
+&#8211; er hatte Einblick in den Lehrplan des Seminars
+bekommen &#8211; ach: was gab es da nicht
+alles in der Psychologie, in der Logik, in der
+Methodik, in Literatur und Geschichte, Mathematik
+und Naturwissenschaften &#8211; ihm lief das
+Wasser im Munde zusammen wie einem Schlemmer,
+der vom Gastmahl des Trimalchion liest,
+von einem jener r&ouml;mischen Gelage, wo ganze
+Ochsen und Eber auf goldenen Wagen herangefahren
+wurden und Speisen und Getr&auml;nke aus
+der Decke, aus den W&auml;nden und aus dem Boden
+hervorkamen. Das alles, was da in dem Lehrplan
+stand, sollte er studieren d&uuml;rfen, bis in die
+tiefsten Schachte der Wissenschaft hinein, und zu
+Hause w&uuml;rde er noch Zeit haben, noch ebensoviel
+dazu zu lernen&nbsp;&#8211;</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;O Erd&#8217;, o Sonne,</span>
+<span class="i0">O Gl&uuml;ck, o Lust!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p><!-- Page 98 --><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>
+das war der t&auml;gliche Text seines Herzschlages,
+die immer wiederkehrende Melodie seines Gedankenreigens.
+Was sich drau&szlig;en golden und
+gr&uuml;n &uuml;ber Felder und Hecken breitete und was
+sich golden und gr&uuml;n &uuml;ber unendliche Fluren in
+seinem Herzen dehnte: es war derselbe Fr&uuml;hling,
+derselbe lerchenfrohe Lebensmorgen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Der alte Moor fiel ihm ein, der, seines
+Erstgeborenen gedenkend, erz&auml;hlt: &raquo;Da ihn die
+Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel
+und rief: Bin ich nicht ein gl&uuml;cklicher Mann?&laquo;</p>
+
+<p>Im &Uuml;bermute seines Herzens mu&szlig;te er es
+still in sich hineinrufen: Bin ich nicht ein gl&uuml;cklicher
+Mann?</p>
+
+<p>Freilich: der alte Moor war dann nichts
+weniger als gl&uuml;cklich geworden.</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich bin gl&uuml;cklich!&laquo; rief Asmus in sich
+hinein &raquo;und ich werde gl&uuml;cklich sein, ich wei&szlig; es.&laquo;</p>
+
+<p>Mit solchen Empfindungen &uuml;berschritt er an
+einem Aprilmorgen zum ersten Male die Schwelle
+des Seminars.</p>
+
+<p>Er h&ouml;rte nicht die Schere klingen, die Schere
+des G&auml;rtners, der herankam, sein Gl&uuml;ck zu beschneiden.</p>
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<hr />
+<p><!-- Page 99 --><span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span></p>
+
+<div class="titlepage"><h2><a name="Zweites_Buch" id="Zweites_Buch"></a>Zweites Buch</h2>
+
+<h1>Arbeit und Kampf</h1>
+<!-- <p><span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span></p> -->
+
+<hr />
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 101 --><span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>
+<a name="XIV_Kapitel" id="XIV_Kapitel"></a>XIV. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Der G&auml;rtner beginnt, seine Schere zu handhaben.</div>
+
+<p><span class="bigletter">A</span>smus war erst wenige Tage im Seminar,
+als er sich auf dem Heimwege, auf demselben
+Spielbudenplatze, der seine sonnt&auml;glichen Schwelgereien
+in nun vergangenen Tagen gesehen hatte,
+von einer weiblichen Stimme anrufen h&ouml;rte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Asmus, sei man nich so stolz!&laquo; rief die
+weibliche Stimme.</p>
+
+<p>Er fuhr aus seinen Gedanken auf und starrte
+in das Gesicht einer Frau, die ein Kind auf dem
+Arme trug.</p>
+
+<p>Ja, war&#8217;s denn m&ouml;glich &#8211; das war ja Adolfine
+Moses, die m&uuml;tterliche Gespielin fr&uuml;herer
+Jahre, die treffliche Sibylle, in deren Hexenk&uuml;che
+er so manchen Buchweizenklo&szlig; gegessen hatte, die
+ihm die erste Nachricht vom Ausbruch des Krieges
+mit Frankreich gebracht hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Kenns mich woll ganich mehr?&laquo; rief Adolfine
+und verzog lachend den Mund bis an beide
+Ohren.</p>
+
+<p>&raquo;Aber nat&uuml;rlich, Adolfine, nat&uuml;rlich kenn ich
+dich!&laquo; rief Asmus. Ihre H&auml;&szlig;lichkeit war im
+<!-- Page 102 --><span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>
+wesentlichen nicht anders geworden, nur reifer.</p>
+
+<p>&raquo;Wie geht&#8217;s dir denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Och, ich bin jetz verheirat&#8217;t. Dies is mein
+Jung; mags ihn leiden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, nat&uuml;rlich,&laquo; sagte Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Was bist du denn geworden,&laquo; forschte Adolfine.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will Lehrer werden,&laquo; antwortete Asmus.</p>
+
+<p>Da klaffte Adolfinens Mund wie eine L&ouml;wengrube,
+und sie lachte, da&szlig; es &uuml;ber den ganzen
+Platz hallte.</p>
+
+<p>&raquo;Bis woll verr&uuml;ckt!&laquo; schrie sie.</p>
+
+<p>Asmus sah sich unwillk&uuml;rlich um. &raquo;Schrei
+doch nicht so!&laquo; rief er. &raquo;Nat&uuml;rlich werd&#8217; ich
+Lehrer.&laquo;</p>
+
+<p>Aber es kostete viel M&uuml;he, sie daran glauben
+zu machen. Und langsam und gradweise, wie
+sie ihm Glauben schenkte, &ouml;ffnete sich wieder ihr
+Mund.</p>
+
+<p>&raquo;Kanns das denn alles in&#8217;n Kopf behalten?&laquo;
+fragte Adolfine. Sie dachte an ihre
+eigene Schulzeit.</p>
+
+<p>&raquo;Jaa &#8211; ziemlich,&laquo; versetzte er langsam.
+&raquo;Aber jetzt mu&szlig; ich weiter. Adieu, la&szlig; dir&#8217;s
+gut gehen!&laquo;</p>
+
+<p>Er gab ihr die Hand; aber sie war jetzt
+sprachlos, und als er schon f&uuml;nfzig Schritte weit
+war, stand ihr Mund noch immer offen.&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<!-- Page 103 -->
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span></p>
+<p>Hinter der Satyrmaske Adolfinens war das
+Schicksal verborgen gewesen und hatte gerufen:
+&raquo;Du bist wohl verr&uuml;ckt!&laquo;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Das drohende Tabakmonopol und sp&auml;ter die
+erh&ouml;hte Tabaksteuer lasteten schwer auf dem Gewerbe
+der Zigarrenmacher; wenigstens hatten
+die Fabrikanten die ohnedies bescheidenen Arbeitsl&ouml;hne
+noch herabgesetzt. Der Urheber der
+Steuer nannte sich Bismarck, und dieser Bismarck
+wurde in den Stuben der Zigarrenarbeiter
+um dessen willen nicht geliebt. Aber dieser Bismarck
+hatte noch etwas anderes hervorgebracht,
+und das war das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie.
+Asmussens Bruder Johannes
+aber war leidenschaftlicher Sozialdemokrat. Nicht
+als Redner trat er hervor; aber er war im Vorstand
+der Ortsgruppe und wirkte still und begeistert
+f&uuml;r die Organisation. In harter Winterzeit
+machte er Agitationsreisen ins unber&uuml;hrteste
+Schleswig-Holstein, dorthin, wo die Landbev&ouml;lkerung
+den &raquo;Dezimalkroaten&laquo; Unterkunft und
+Nahrung weigerte und sie nicht selten mit Hofhunden
+an Leib und Leben bedrohte.</p>
+
+<p>Einmal aber trat Heinrich Moldenhuber, der
+&raquo;Wolkenschieber&laquo; oder, wie ihn Ludwig Semper
+ob seiner sturmgeschwellten Rocksch&ouml;&szlig;e gew&ouml;hnlich
+nannte: Heinrich der Seefahrer ins Arbeitszimmer
+der Semper und sagte mit stoischem
+L&auml;cheln:</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ausgewiesen.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 104 --><span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>
+Man glaubte anfangs, er scherze. Aber er
+zeigte l&auml;chelnd den Ausweisungsbefehl. Und man
+begriff noch immer nicht. Wie? Dieses neunundzwanzigj&auml;hrige
+Kinderherz sollte &raquo;gemeingef&auml;hrlich&laquo;
+sein? Wie? dachte Asmus, dieser
+Mann, der zu den besten St&uuml;cken meiner Jugend
+und meiner Heimat geh&ouml;rt &#8211; den verbannt
+man aus seiner Heimat? Gewi&szlig; w&uuml;rde
+Moldenhuber auch auf der Barrikade seine Schuldigkeit
+getan haben; aber nie w&uuml;rde er aufgefordert
+haben, eine zu bauen; er w&uuml;rde viel
+mehr versucht haben, den F&uuml;rsten Bismarck oder
+den das Standrecht aus&uuml;benden General von
+seinem Irrtum und von der Richtigkeit der sozialistischen
+Lehre zu &uuml;berzeugen.</p>
+
+<p>Aber alles Verwundern half nichts gegen&uuml;ber
+der brutalen Tatsache.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin willst du denn?&laquo; fragte Ludwig
+Semper.</p>
+
+<p>&raquo;Nach Amerika,&laquo; antwortete Moldenhuber
+ruhig.</p>
+
+<p>Nach Amerika! Der Wolkenschieber nach
+Amerika! Das war so, als wenn H&ouml;lderlin
+auf die Hamburger B&ouml;rse gegangen w&auml;re, um
+hinfort in Kaffee zu spekulieren. Ludwig Semper
+riet ihm dringend ab; aber der Seefahrer
+war heiter entschlossen. Fast schien es, als ob
+ihm die Schicksalswendung willkommen w&auml;re
+und er sich auf die Entdeckung Amerikas durch
+Heinrich den Seefahrer freue. Was konnte ihm
+geschehen? Nahm er nicht seine Dichter und
+<!-- Page 105 --><span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>
+Philosophen &uuml;berallhin im Kopfe mit? Und f&uuml;r
+eine B&uuml;cherkiste war wohl auch noch Platz im
+Zwischendeck.</p>
+
+<p>Amerika! Asmussens Br&uuml;dern, Johannes
+und Alfred, hatte dies Land schon oft vor der
+Seele gestanden als ein Bereich, wo man aus
+dem ewigen Schuften und Sorgen herauskomme,
+wo brauchbare Arbeit einen reichlichen Lohn
+finde. Der Entschlu&szlig;, dahin auszuwandern, war
+immer wieder verschoben worden; denn diese
+Heimat mit all ihrem Schuften und Sorgen &uuml;bte
+ihre stille Kraft. Aber die Polizei kam ihrer Unentschlossenheit
+zur Hilfe. Ein Beamter, der
+Ludwig Sempern freundlich gesinnt war, teilte
+ihm unter der Hand mit, da&szlig; auch sein Sohn
+Johannes auf der Proskriptionsliste stehe und
+demn&auml;chst &raquo;drankomme&laquo;. Vielleicht ziehe er es
+vor, noch vordem auszuwandern.</p>
+
+<p>Das gab einen Aufruhr im Hause Semper!
+Frau Rebekka sprach sich &uuml;ber Thron und Altar,
+&uuml;ber Bismarck und die Polizei in einer Weise
+aus, die ihr gegebenen Falles 100 Jahre Gef&auml;ngnis
+gesichert h&auml;tten, und im stillen weinte
+sie. Ludwig Semper trug das Ungl&uuml;ck schweigend
+wie immer, nur warf er &ouml;fter als sonst
+das linke Bein &uuml;ber das rechte und bewegte
+heftig die Lippen, und nur einmal rief er: &raquo;Die
+Narren, wenn sie glauben, da&szlig; ihnen das was
+hilft!&laquo;</p>
+
+<p>Am muntersten nahm Alfred die Neuigkeit
+auf. Er wollte sofort mit seinem Bruder nach
+<!-- Page 106 --><span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>
+Amerika, obwohl ihn niemand forttrieb und obwohl
+er sich ein S&uuml;mmchen erspart hatte. Aber
+er wollt&#8217; es &raquo;zu was bringen&laquo; und erbot sich,
+seinem Bruder das Geld f&uuml;r die &Uuml;berfahrt zu
+leihen.</p>
+
+<p>Und Johannes schlug ein. Entschlossen, nach
+Amerika zu gehen, war auch er. Aber seine
+Entschlossenheit hatte zwei Gesichter, die in den
+n&auml;chsten acht Tagen oft miteinander wechselten.
+Das eine pflegte mit unternehmendem Blick
+durchs Fenster nach Westen zu sehen, das andere
+die Blicke wandern zu lassen &uuml;ber W&auml;nde und
+Winkel, Gassen und Felder in Haus und Heimat,
+von denen er scheiden sollte.</p>
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 107 --><span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>
+<a name="XV_Kapitel" id="XV_Kapitel"></a>XV. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus h&ouml;rt ein franz&ouml;sisches Lied von deutschem
+Heimweh, gibt Privatstunden bei Lachtauben und H&auml;schen
+und erh&auml;lt sein erstes Dichterhonorar.</div>
+
+<p><span class="bigletter">S</span>chon acht Tage sp&auml;ter bewegte sich durch die
+Stra&szlig;en von Oldensund und Altenberg ein
+Trupp von Auswanderern dem Hamburger Hafen
+zu. Au&szlig;er Moldenhuber und Johannes
+Semper waren noch andere ausgewiesen worden;
+Europam&uuml;de hatten sich ihnen angeschlossen,
+und zahlreiche Verwandte und Freunde gaben
+ihnen das Geleite bis zu den Landungsbr&uuml;cken.
+Man war auf gewisse Weise heiter; einige hatten
+ihrer Heiterkeit mit Alkohol auf die m&uuml;den Beine
+geholfen. Man konnt&#8217; es Heiterkeit nennen, wie
+man es Sonnenschein nennen kann, wenn durch
+unaufh&ouml;rlich ziehende Wolken hin und wieder
+auf Minuten die Sonne mit stechendem Glanze
+hindurchblickt. Man sang sogar, man sang lustige
+Lieder; aber kein Mensch nahm sie lustig. Asmus
+ging eine Weile allein neben seinem Bruder
+Johannes. Sie sangen beide nicht mit; aber
+pl&ouml;tzlich sang etwas in Asmus. Er hatte es oft,
+da&szlig; pl&ouml;tzlich eine Melodie in ihm aufwachte,
+<!-- Page 108 --><span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>
+die er nur einmal geh&ouml;rt und die er dann wochenlang,
+monatelang vergeblich in seiner Erinnerung
+gesucht hatte. Vor mehr als einem Vierteljahr
+hatte er mit dem blinden Pianisten zusammen
+die &raquo;Fantastische Symphonie, op. 14&laquo; von
+Berlioz geh&ouml;rt. Und da hatte ganz besonders
+ein Gesang ged&auml;mpfter Geigen sich wie ein weicher,
+warmer Herbsttag ihm in das Herz gelegt.
+Er hatte sich die Worte gemerkt, die den Komponisten
+zu diesem Gesange angeregt hatten; aber
+die Melodie hatte er doch vergessen. Heute mit
+einem Male schlug jene wundersame, s&uuml;&szlig;-traurige
+Weise die Augen auf.</p>
+
+<p class="illustration">
+<img src="images/music.png" alt="Je vais donc quitter pour jamais, mon doux pays, ma douce amie!" />
+</p>
+
+<p>sang es in ihm. Dann h&ouml;rte er seinen Bruder
+sprechen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Sobald ich dr&uuml;ben bin, schick&#8217; ich meine
+Adresse; dann mu&szlig;t du mir flei&szlig;ig schreiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;,&laquo; sagte Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Schreib mir sobald als m&ouml;glich, wie es
+Vater und Mutter geht &#8211; sie werden allm&auml;hlich
+alt.&laquo;</p>
+
+
+<p><!-- Page 109 --><span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>
+&raquo;Ja, ja,&laquo; sagte Asmus nachdenklich.</p>
+
+<p>&raquo;Mach&#8217; ihnen nur recht viel Freude. Sowie
+ich etwas &uuml;brig habe, schick&#8217; ich auch Geld.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber &uuml;berarbeite dich auch nicht,&laquo; f&uuml;gte Johannes
+noch hinzu. Dann schwiegen sie wieder.
+Und wieder hub in Asmus die sanfte, traurige
+Weise an:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="antiqua">Je vais donc quitter pour jamais</em></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">Mon doux pays &#8211; &#8211; &#8211;</em></span>
+</div></div>
+
+
+<p>Endlich waren sie am Landungsplatz, und
+da griff der Anblick der vielen Hunderte von
+Zwischendeckspassagieren wie mit Krallen in Asmussens
+Herz. Er wu&szlig;te ja von all diesen Leuten
+gar nicht, warum sie auswanderten, ob sie
+es gern oder ungern taten, was sie erhofften und
+was sie verlie&szlig;en; aber er sah in dieser ganzen
+Masse von M&auml;nnern, Weibern und Kindern mit
+ihrer in B&uuml;ndel geschn&uuml;rten Habe nur ein gro&szlig;es
+Elend, ein gro&szlig;es, bitteres Elend, und zum
+ersten Male in diesen Tagen des Abschieds traten
+ihm hei&szlig;e, reichliche Tr&auml;nen ins Auge. Er
+trocknete sie schnell; denn es galt, Abschied zu
+nehmen und den Br&uuml;dern ein fr&ouml;hliches, ermunterndes
+Gesicht zu zeigen. Der guten Frau Rebekka
+wollte fast das Herz brechen, und sie empfahl
+ihren S&ouml;hnen noch hundert Dinge, die sie
+nicht vergessen sollten; sie kn&ouml;pfte Alfred den
+Rock zu und knotete Johannes den Schal fester
+um den Hals, um sie gegen die rauhe Seeluft
+zu sch&uuml;tzen, die indessen von Hamburg noch f&uuml;nf
+<!-- Page 110 --><span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>
+Stunden weit entfernt ist. Endlich fuhr das
+Schiff unter Hurrarufen und Winken der Zur&uuml;ckbleibenden
+davon.</p>
+
+<p>Als Asmus wieder daheim war, ging er
+heimlich ins Schlafzimmer, wie er von jeher getan,
+wenn er mit sich allein sein wollte. Er trat
+ans Fenster und blickte nach Westen. Wo werden
+sie jetzt sein, dachte er.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="antiqua">Je vais donc quitter &#8211; &#8211; &#8211;</em></span>
+</div></div>
+
+
+<p>Die Melodie schlang sich wie ein Gewinde
+von Orangenbl&uuml;ten durch alle seine Gedanken.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="antiqua">Je vais donc quitter pour jamais</em></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">Mon doux pays, ma douce amie!</em></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">Loin d&#8217;eux je vais trainer ma vie</em></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">Dans les pleurs et dans les regrets.</em></span>
+</div></div>
+
+
+<p>Das Lied pa&szlig;te ja eigentlich gar nicht so
+recht zu diesem Tage: es war ein franz&ouml;sisches
+Lied, und hier handelte es sich um eine deutsche
+Heimat; auch der Sinn der Worte pa&szlig;te nur
+halb; aber die T&ouml;ne, die T&ouml;ne sangen ein wunderbares
+Heimweh, und sie folgten ihm bis in
+den Traum und bis in manchen folgenden Tag.</p>
+
+<p>Viel Zeit war indessen f&uuml;r wehm&uuml;tige Stimmungen
+und Gedankenspiele nicht &uuml;brig; das
+Leben schickte sich an, unserm Seminaristen mit
+realen Forderungen hart auf den Leib zu r&uuml;cken.
+Mit den beiden S&ouml;hnen hatten die alten Semper
+zwar zwei betr&auml;chtliche Esser, zugleich aber
+einen f&uuml;r ihren Haushalt noch betr&auml;chtlicheren
+Geldzuschu&szlig; verloren. Vor&uuml;bergehende Arbeitslosigkeit
+<!-- Page 111 --><span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>
+kam hinzu, und die fetten Jahre der
+dreihundertundsechzig Mark <em class="antiqua">pro anno</em> waren
+vorbei; im ersten Seminarjahr gab es nur einhundertundzwanzig
+Mark Stipendien, im zweiten
+zweihundert, im dritten zweihundertundvierzig.
+Aber wie sollten nun die Semper ihren Studenten
+durch drei endlose Jahre hindurchschleppen?!</p>
+
+<p>Frau Rebekka verzagte an diesem Unternehmen.
+Durch den Spalt einer angelehnten T&uuml;r
+belauschte Asmus eines Tages ein Gespr&auml;ch seiner
+Eltern.</p>
+
+<p>&raquo;Dann mu&szlig; er eben den Lehrer an den Nagel
+h&auml;ngen und Zigarrenmacher werden,&laquo; sagte die
+Mutter.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Unsinn!&laquo; klang die Stimme Ludwig
+Sempers.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Unsinn! Wei&szlig;t du, woher das Geld
+kommen soll? Ich wei&szlig; es nicht. Wir riechen
+nach Geld wie die G&auml;nse nach Franzbranntwein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na ja, das findet sich,&laquo; sagte Ludwig.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das sagst du immer,&laquo; meinte Rebekka.
+&raquo;Wozu auch?&laquo; fuhr sie fort. &raquo;Die anderen Kinder
+sind auch alle begabt und sind auch keine
+Lehrer geworden.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sagte das nicht lieblos; sie sagte es mit
+jener Resignation des Armen, der das Gef&uuml;hl
+hat, da&szlig; das Talent f&uuml;r den Mittellosen ein Ungl&uuml;ck
+ist.</p>
+
+<p>Aber obwohl sie das Wort nicht lieblos gesprochen
+hatte, ging es Asmussen wie ein Messer
+<!-- Page 112 --><span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>
+durch&#8217;s Herz. Sie hatte Wahrheit gesprochen,
+die Mutter. Seine Br&uuml;der waren wohl ebenso
+begabt wie er, vielleicht begabter, und mu&szlig;ten
+Zigarren drehen. Sollte er seinen Eltern, die
+sich von Sorge zu Sorge schleppten, drei Jahre
+lang auf der Tasche liegen? Nein.</p>
+
+<p>Asmus beschlo&szlig;, seinen Unterhalt durch Privatstunden
+selbst zu verdienen. Dazu waren
+freilich nicht wenige solcher Stunden n&ouml;tig.</p>
+
+<p>Er ging dreimal in der Woche zu den Kindern
+eines Fettwarenh&auml;ndlers, drei allerliebsten,
+wohlerzogenen Kindern, zwei M&auml;deln und einem
+Buben. Die &Auml;lteste war ein Lacht&auml;ubchen, und
+wenn Asmus &uuml;ber eine seltsame Aufgabenl&ouml;sung
+ein humoristisches Augenrollen vollf&uuml;hrte, wollte
+sie sich unter den Tisch kichern; nur wenn er die
+Frage an das etwas &raquo;thumbe&laquo; Br&uuml;derlein richtete,
+machte sie ein bek&uuml;mmertes Muttergottesgesichtchen.
+Die Stunden wurden gl&auml;nzend bezahlt,
+mit 75 Pfennigen, und jeden Monat
+z&auml;hlte der blendend wei&szlig; besch&uuml;rzte Vater mit
+verbindlichstem Dank und h&ouml;flichen Komplimenten
+die blanken Silberst&uuml;cke auf die Ladenbank.
+Hier war alles warm und gut.</p>
+
+<p>Auch mit dem einzigen Kinde des Gelehrten,
+zu dem er sechsmal die Woche ging, lebte er
+gute und feine Stunden. Freilich nicht von Anfang
+an. Als er bei dem sechsj&auml;hrigen B&uuml;rschchen
+mit dem Unterricht beginnen wollte, bemerkte er,
+da&szlig; es kaum die Entwicklung eines Vierj&auml;hrigen
+hatte. Infolge von Krankheit oder Verz&auml;rtelung
+<!-- Page 113 --><span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span>
+war es so zur&uuml;ckgeblieben, da&szlig; es fast gar nicht
+sprechen konnte, und wenn es nach vielen Ermunterungen
+und M&uuml;hen endlich den Mund
+auftat, so sagte es &raquo;trein&laquo; statt &raquo;klein&laquo; und
+&raquo;Josche&laquo; statt &raquo;Rose&laquo;. O, o, oh, dachte Asmus,
+was fang ich da an. Zudem war der Kleine
+furchtsam wie ein H&auml;slein; er starrte seinen Lehrmeister
+nach Wochen noch an wie einen b&ouml;sen
+Mann und war durch die z&uuml;ndendsten &raquo;Witze&laquo;
+und die komischsten Gesichter nicht ins Lachen
+zu bringen. Hundertmal, tausendmal sprach ihm
+Asmus die richtigen Laute vergeblich vor &#8211; das
+konnte nicht immer kurzweilig und fr&ouml;hlich sein;
+dem Kleinen traten dicke Tr&auml;nen ins Auge, und
+dann war alles vorbei&nbsp;... Dann mu&szlig;te Asmus
+aufspringen und ein paarmal auf und
+ab gehen und sich sagen, da&szlig; er die Geschichte
+vom Sisyphos bisher immer viel zu leichtfertig
+und teilnahmlos aufgefa&szlig;t habe. Endlich, nach
+sechs Wochen, sagte das B&uuml;bchen pl&ouml;tzlich ganz
+richtig &raquo;klein&laquo; und &raquo;Klavier&laquo;. Asmus traute
+seinen Ohren nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Sag&#8217; mal Klaus!&laquo; &#8211; &raquo;Klaus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Klemme!&laquo; &#8211; &raquo;Klemme!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Klosett!&laquo; &#8211; &raquo;Klosett!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hurra&laquo; br&uuml;llte Asmus, &raquo;hurra, er kann
+es!&laquo; und er sprang &#8211; er konnte nicht anders
+&#8211; er sprang &uuml;ber einen Stuhl. Da lachte das
+B&uuml;rschchen zum ersten Male laut auf, und nun
+kam Sonnenschein ins Werk. Von nun an ging
+es vorw&auml;rts, und nach einem halben Jahre
+<!-- Page 114 --><span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>
+streckte sich aus den verhutzelten H&uuml;llbl&auml;ttchen
+der kleinen Menschenknospe ein vollkommen
+helles und frisches Geistchen hervor.</p>
+
+<p>Die Wirksamkeit in diesem Hause hatte f&uuml;r
+Asmus noch ein anderes Ergebnis. Irgend
+jemand hatte dem Vater seines Sch&uuml;lers gesteckt,
+da&szlig; der junge Herr Semper auch dichte, und
+eines Tages erbat der Vater von seinem Hauslehrer
+ein Lied f&uuml;r eine Naturforscherversammlung.
+Asmus sagte zu und dichtete etwas hervorragend
+Ungeeignetes. Der Doktor hatte sich
+ein munteres Kneiplied gedacht; Asmussens Werk
+aber war mit mehreren Zentnern Naturphilosophie
+befrachtet. Der Gelehrte, ein Gentleman,
+fragte gleichwohl mit verbindlichem Dank nach
+seiner Schuldigkeit. Vor Asmussens Phantasie
+stieg wie eine Leuchtkugel ein funkelndes F&uuml;nfmarkst&uuml;ck
+auf; aber er lie&szlig; sich grunds&auml;tzlich nicht
+&uuml;bergentlemannen und sagte, es sei eine Gef&auml;lligkeit,
+f&uuml;r die er kein Honorar beanspruche.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, dann werd&#8217; ich es auf andere Weise
+gutzumachen versuchen,&laquo; sagte der Doktor.</p>
+
+<p>Und von nun an erschien in jeder Unterrichtsstunde
+eine Tasse Kaffee, ein wundervoller
+Kaffee, nicht mit Zichorien wie zu Hause. Und
+da er ein Jahr lang im Hause des Gelehrten
+wirkte, so kamen Hunderte von Tassen Kaffee
+heraus, und sie waren sein erstes Dichterhonorar,
+ein so hohes, wie er es viele Jahre sp&auml;ter
+noch nicht erreichen sollte.</p>
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 115 --><span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>
+<a name="XVI_Kapitel" id="XVI_Kapitel"></a>XVI. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Handelt von sonderbaren Studenten und von einem
+unvergleichlichen Architekten.</div>
+
+<p><span class="bigletter">S</span>oweit waren die Privatstunden gut und sch&ouml;n.
+Mit den zwei Kaufleuten aber ging es schon
+anders. Das waren zwei Kompagnons, die Englisch
+lernen wollten. Aber nicht das Englisch
+der Schulgrammatik, des Landpredigers von
+Wakefield und des Verlorenen Paradieses, sondern
+das Englisch der Butter-, Eier- und Buckskinh&auml;ndler.
+Also kaufte sich Asmus eine Grammatik
+der englischen Kaufmanns- und Gewerbesprache
+und studierte mit Volldampf englische
+Tratten, Rimessen, Konnossemente, Fakturen,
+Beschwerden &uuml;ber unbefriedigende Hosenstoffe
+und Insolvenzerkl&auml;rungen. Die beiden Sch&uuml;ler
+waren so ungleich wie nur denkbar; der eine begriff
+nichts, der andere alles, und das mochte
+diesen bewogen haben, sich mit jenem zu assoziieren.
+Wie sollte man mit zwei solchen Pferden
+vorw&auml;rts kommen! Und obendrein mu&szlig;te man
+doch noch immer auf der Hut sein, den verstopften
+Geist seine Beschr&auml;nktheit allzu besch&auml;mend
+<!-- Page 116 --><span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>
+f&uuml;hlen zu lassen! Aber die Qual sollte
+nicht allzulange dauern. Als Asmus nach zehn
+Unterrichtsstunden zur elften erschien, erkl&auml;rte
+ihm die Frau, bei der die beiden Junggesellen
+gewohnt hatten, da&szlig; seine Sch&uuml;ler verzogen seien
+&raquo;unbekannt, wohin&laquo;. Sein Honorar hatten die
+Kompagnons mitgenommen. Asmus stand eine
+Weile sinnend vor dem Hause und betrachtete
+beim Schein der Gaslaterne die Grammatik
+f&uuml;r Kaufmannsenglisch, die vier Mark gekostet
+hatte und f&uuml;r die er nie im Leben wieder Verwendung
+finden sollte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Mit diesen Stunden hatte er besonders gerechnet.
+Er verdiente allgemach so viel, da&szlig; er
+seinen Eltern Kost und Wohnung verg&uuml;ten
+konnte, und diese Stunden sollten es ihm endlich
+erm&ouml;glichen, von seinem Verdienst ein weniges
+f&uuml;r sich zu behalten. Wenn die Stunden eine
+Weile fortgingen, wollte er sich ein Klavier
+mieten! Und auf diesem einst zu mietenden
+Klavier hatte Ludwig Sempers Sohn auf Spazierg&auml;ngen
+und an stillen Feierabenden schon
+manches <em class="antiqua">Adagio cantabile</em> und manches <em class="antiqua">Presto
+furioso</em> gespielt. Denn er war vielleicht der
+gr&ouml;&szlig;te und k&uuml;hnste Luftschlo&szlig;architekt seines
+Jahrhunderts. Aus einem einzigen Stein baute
+er ein Schlo&szlig;; aber er lie&szlig; es nicht etwa, wie
+die meisten dieser K&uuml;nstler, bei dem Ger&uuml;st oder
+bei der Fassade bewenden; nein, er f&uuml;hrte es
+durch und hinauf bis zu den letzten Fialen und
+T&uuml;rmchen, die mit den Mondstrahlen stritten an
+<!-- Page 117 --><span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>
+Feinheit und Glanz; er baute es aus von der
+Halle bis ins verschwiegenste Gemach, von der
+breitschimmernden Treppe bis in die Kammer
+des T&uuml;rmers, vom lauschigen Erker bis zum
+lachenden Balkon, der in prangende G&auml;rten hinabsah.
+Denn was w&auml;re ein Schlo&szlig; ohne einen
+Park mit Br&uuml;cken und Lauben, mit singenden
+Wassern und horchenden Steinbildern, mit hundert
+Abgr&uuml;nden f&uuml;r den Traum und hundert
+Grotten und H&ouml;hlen f&uuml;r die Erinnerung?</p>
+
+<p>Aber das merkw&uuml;rdigste war, da&szlig; er, wenn
+das Schlo&szlig; nun pl&ouml;tzlich im leeren Grau verschwand,
+nur drei Sekunden brauchte, um sich
+mit dieser vollendeten Tatsache abzufinden. Er
+galt bei denen, die ihn kannten, f&uuml;r einen Menschen
+von Talent; aber sein gr&ouml;&szlig;tes Talent
+kannten weder sie noch er selbst: sein unerh&ouml;rtes
+Talent, gl&uuml;cklich zu sein. In einem heimlichen
+Schubfach seines Herzens lagen tausend
+Baupl&auml;ne zu neuen Luftschl&ouml;ssern; hinter seiner
+Stirn brannte wie ein wandelloser Stern die
+Hoffnung: Einmal bau ich mir doch ein Schlo&szlig;,
+ein Schlo&szlig; aus wirklichem Gl&uuml;ck, und so viele,
+so herrliche Schl&ouml;sser ihm versinken mochten &#8211;
+er vers&ouml;hnte sich mit jeder Notwendigkeit und
+kannte nichts Unsinnigeres als Trauer um das
+Unab&auml;nderliche.</p>
+
+<p>Und so schob er denn die Grammatik der englischen
+Handelssprache unter den Arm und sagte
+sich: &raquo;Ich habe doch meine Kenntnis des Englischen
+erweitert und einen gewissen Einblick in
+<!-- Page 118 --><span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>
+gesch&auml;ftliche Dinge bekommen &#8211; wer wei&szlig;, ob
+ich sonst jemals dazu gekommen w&auml;re.&laquo; Damit
+waren die Kompagnons erledigt.</p>
+
+<p>Die Lust, etwas zu lernen, ist unter den
+Menschen weit verbreitet, die Lust, sich darum
+anzustrengen, nicht. Es gab wohl allerlei Leute,
+die Privatstunden haben wollten; aber sie gaben
+sie gew&ouml;hnlich schnell wieder auf, wenn sie
+merkten, da&szlig; das Lernen bei aller Milde der
+Methoden doch etwas anderes ist als eine
+schmerzlose Einspritzung ins Gehirn. So gingen
+allerlei Leute durch Asmussens H&auml;nde: ein
+Operns&auml;nger, der fast so begabt war wie der
+beschr&auml;nkte Kompagnon, aber nicht singen konnte;
+ein Franzose, der Deutsch lernen wollte, der &#8211;
+<em class="antiqua">ayant oubli&eacute; son porte-monnaie</em> Asmussen um
+drei Mark anpumpte und dann nicht wiederkam;
+ein Gastwirt, der eine feinere Wirtschaft
+&uuml;bernahm und darum Bildung lernen wollte,
+und manche andere; es gab Wochen, in denen
+&raquo;das Gesch&auml;ft bl&uuml;hte&laquo;; aber sie wechselten mit
+Monaten, Vierteljahren, an denen es darniederlag.
+Und wenn den Gl&uuml;ckspilz Asmus Semper
+etwas andauernd ungl&uuml;cklich machen konnte,
+so war es das Gef&uuml;hl, seinen Eltern zur Last
+zu liegen, und die Furcht, in den Augen seiner
+Mutter den stummen Vorwurf zu lesen, da&szlig; er
+seinen Eltern Opfer und Sorgen auferlege, die
+keines der anderen Kinder verlangt habe.</p>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 119 --><span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>
+<a name="XVII_Kapitel" id="XVII_Kapitel"></a>XVII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Das Schicksal f&uuml;hrt uns zu wunderlichen Tischgenossen.</div>
+
+<p><span class="bigletter">I</span>n solcher Zeit ward ihm einmal Hilfe durch
+einen Lehrer, der ihm in &raquo;feinen H&auml;usern&laquo;
+drei Freitische verschaffte. Asmus jubelte, erstens
+weil er seinen Eltern drei Mittagsmahle ersparte,
+und zweitens, weil ihm ein Klassenkollege
+und Freitischler auf Spazierg&auml;ngen zu
+wiederholten Malen die Leckerbissen geschildert
+hatte, die es in solchen H&auml;usern gebe. Schneeb&auml;lle
+zum Beispiel, Schneeb&auml;lle zum Nachtisch,
+man denke! Asmus freute sich wie ein Kind
+auf die zu erwartenden Festgerichte und ahnte
+nicht, womit sie gew&uuml;rzt waren. Und bei dem
+Architekten war es wirklich sch&ouml;n! Die kinderlosen,
+noch jungen Eheleute behandelten ihn
+ganz wie einen Gast; das M&auml;dchen servierte erst
+der gn&auml;digen Frau, dann ihm und dann erst dem
+Hausherrn, und die gn&auml;dige Frau schanzte ihm
+immer besonders gute Bissen zu und sch&auml;lte und
+zerlegte ihm mit eigenen H&auml;nden &Auml;pfel und
+Apfelsinen. Asmus war von dieser reinen G&uuml;te
+so besch&auml;mt, da&szlig; er anfangs vor Beklommenheit
+<!-- Page 120 --><span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span>
+nicht reden und nicht essen konnte. Aber
+die ungezwungene Freundlichkeit der Wirte, die
+keine seiner Verlegenheiten und Unbeholfenheiten
+zu bemerken schien, half ihm &uuml;ber alle &Auml;ngste
+hinweg; der Hausherr schenkte ihm immer wieder
+ein, behandelte ihn als alten Kneipgesellen
+und neckte bei aller Zartheit seine Frau so lustig
+und unbefangen, als w&auml;re niemand zugegen
+denn ein alter Freund!</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Greifen Sie zu, Herr Semper, greifen Sie
+zu!&laquo; rief er. &raquo;Meine Frau hofft nat&uuml;rlich, da&szlig;
+von dem Eis was nachbleibt &#8211; sie nascht n&auml;mlich;
+aber wir sind f&uuml;r ihre Gesundheit verantwortlich;
+es darf nichts &uuml;brig bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>Dann drohte die sanfte Frau ihrem Gatten
+l&auml;chelnd mit dem Finger und schob Asmussen
+die Eistorte zu mit einem Glanz in den Augen,
+als pflege sie in dem kleinen Seminaristen ihr
+ersehntes Kind.</p>
+
+<p>Wie ganz anders ging es da &raquo;bei Stadtrats&laquo;
+zu. Da kam Asmus gleich beim ersten
+Male neben einer pomp&ouml;sen Dame zu sitzen; sie
+hie&szlig; &raquo;Frau Senator&laquo;, und er war sozusagen
+ihr Tischherr. Zwischen ihr und ihm stand auf
+dem Tisch eine Flasche Rotwein. Als der erste
+Gang nach der Suppe aufgetragen war, sagte
+die dicke Frau in einem b&ouml;sen Tone:</p>
+
+<p>&raquo;Na, wenn <em class="gesperrt">Sie</em> keinen Wein m&ouml;gen, <em class="gesperrt">ich
+mag</em> Wein!&laquo; nahm heftig den St&ouml;psel von der
+Flasche und schenkte sich ein.
+</p>
+
+<p><!-- Page 121 --><span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>
+Asmus war&#8217;s, als ob ihm siedendes Wasser
+&uuml;ber den ganzen Leib liefe. Wie sollte er denn
+dazu kommen, sich an einer Flasche Wein zu
+vergreifen, die andern Leuten geh&ouml;rte, und diesen
+Wein einer Dame anzubieten, einer Dame
+&raquo;furchtbar pr&auml;chtig wie blutiger Nordlichtschein&laquo;!
+Wenn er auch in der Theorie noch K&ouml;nigsm&ouml;rder
+war und wu&szlig;te, da&szlig; es schlechte K&ouml;nige
+und Minister gebe, in der Praxis glaubte er
+noch fest, da&szlig; ein Mensch, der &raquo;Frau Senator&laquo;
+hei&szlig;e, auch wirklich etwas Hervorragendes und
+Feines sein m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Da war aber auch noch jedesmal ein Kandidat,
+der bei jeder passenden und unpassenden
+Gelegenheit auf die Juden schimpfte, sonst aber
+keine geistige Regsamkeit erkennen lie&szlig;. In Asmussens
+Herzen war die Stelle noch sonnenwarm,
+an die er vor Jahren Lessings Gedicht von
+Nathan dem Weisen gedr&uuml;ckt hatte. Der Kandidat
+war ihm furchtbar zuwider. Er konnt&#8217;
+es begreifen, da&szlig; man einzelne Menschen ha&szlig;te,
+wenn sie schlecht waren; auch er konnte hassen,
+o gewi&szlig;, leidenschaftlich, wenn auch nicht lange;
+aber da&szlig; man eine ganze Menschenklasse hassen,
+verdammen, beschimpfen und ihr alles Leid an
+den Hals w&uuml;nschen konnte, das emp&ouml;rte ihn wie
+eine Roheit des Herzens, und diese Emp&ouml;rung
+schwoll eines Tages so gewaltig in ihm auf, da&szlig;
+er, &uuml;ber und &uuml;ber err&ouml;tend, dem Kandidaten erwiderte:
+</p>
+
+<p><!-- Page 122 --><span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>
+&raquo;Vergessen Sie doch nicht, wie man die
+Juden behandelt hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, das war nicht so schlimm,&laquo; meinte der
+Gottesgelehrte sp&ouml;ttisch.</p>
+
+<p>&raquo;So? Haben Sie Freytags &raquo;Bilder aus
+der Deutschen Vergangenheit&laquo; gelesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nee.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, da k&ouml;nnen Sie&#8217;s nachlesen; Freytag
+ist gewi&szlig; unparteiisch. Und ich mu&szlig; sagen:
+Wenn man mich so behandelte, w&uuml;rde ich nur
+eine Antwort kennen: Ha&szlig;, unausl&ouml;schlichen
+Ha&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Man ging schnell &uuml;ber die Taktlosigkeit des
+Freitischlers hinweg, und als Asmus zehn Minuten
+sp&auml;ter eine bescheidene Bemerkung an die
+&raquo;Frau Senator&laquo; richtete, tat sie, als h&auml;tte sie
+nichts geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>Das n&auml;chste Mal war ein Professor von der
+Familie zugegen. Er zog den jungen Semper
+sehr wohlwollend in ein Gespr&auml;ch &uuml;ber die Schule,
+und im Laufe dieses Gespr&auml;chs erkl&auml;rte Asmus
+die allgemeine Volksschule f&uuml;r sein Ideal.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein lieber Herr &#8211; Semler, nicht
+wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Semper.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Semper! Pardon! &#8211; sehen Sie, das macht
+sich in der Theorie ja alles sehr sch&ouml;n; aber wie
+wollen Sie das durchf&uuml;hren? Wir k&ouml;nnen doch
+unsere Kinder nicht mit Krethi und Plethi zusammen
+erziehen lassen. Wenn unsere T&ouml;chter
+mit den T&ouml;chtern unseres Gr&uuml;nh&ouml;kers auf derselben
+<!-- Page 123 --><span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>
+Schulbank sitzen, woher sollen wir denn
+unsere Frauen nehmen?&laquo;</p>
+
+<p>Asmus empfand eine deutliche Ohrfeige.
+F&uuml;r Krethi und Plethi und Gr&uuml;nh&ouml;ker konnte
+man auch &raquo;Zigarrendreher&laquo; sagen. &Uuml;brigens
+hatte der Professor Asmussen nicht nur eine
+feine Zigarre gereicht, sondern ihm sogar Feuer
+gegeben.</p>
+
+<p>Als der Seminarist eine Viertelstunde sp&auml;ter
+die mit dicken Teppichen belegte Treppe hinabstieg
+und das Dienstm&auml;dchen ihm mit Herablassung
+den &Uuml;berzieher reichte, fragte er sich:
+Durfte ich dazu nun schweigen? Durfte ich sozusagen
+meine Eltern beschimpfen lassen f&uuml;r ein
+feines Diner? Darf ich &uuml;berhaupt zu all diesen
+schrecklichen Ansichten schweigen und den Anschein
+erwecken, da&szlig; ich sie teile?</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich mu&szlig;te er schweigen; denn dreinzureden
+w&auml;re sehr unbescheiden gewesen. Aber
+er konnte das nicht mit anh&ouml;ren, ohne jeden
+Augenblick aufzuzucken. Und ihm fiel das
+sch&ouml;ne Aristokratenwort seines Landsmannes
+Th. Storm ein:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wo zum Weib du nicht die Tochter</span>
+<span class="i0">Wagen w&uuml;rdest zu begehren,</span>
+<span class="i0">Halte dich zu wert, um gastlich</span>
+<span class="i0">In dem Hause zu verkehren.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Der Kopfh&auml;nger Asmus richtete sich hoch auf,
+und zu Hause angelangt, schrieb er sofort an
+&raquo;Stadtratens&laquo;, da&szlig; er durch Privatstunden und
+<!-- Page 124 --><span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span>
+andere Pflichten leider verhindert sei, fernerhin
+zum Essen zu kommen, und da&szlig; er f&uuml;r die
+erwiesene G&uuml;te danke.</p>
+
+<p>Bei dem reichen Lederh&auml;ndler aber, der Senator
+werden wollte, hielt er&#8217;s nur eine einzige
+Mahlzeit aus. Als man zum Essen ging, wollte
+Asmus schon seinen Stuhl vom Tische abr&uuml;cken,
+um sich darauf zu setzen, da bemerkte er, da&szlig;
+alle hinter ihren St&uuml;hlen stehen blieben zum Gebet.
+Er trat schnell ebenfalls hinter seinen Stuhl,
+faltete aber weder die H&auml;nde noch senkte er den
+Kopf, um nicht den Anschein zu erwecken, da&szlig;
+er mitbete. Der Hausvater tat, als habe er
+nichts bemerkt; aber gegen Ende der Mahlzeit
+flocht er in sein erbauliches Gespr&auml;ch ein Spr&uuml;chlein
+ein, das lautete:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wer ungebetet zu Tische geht</span>
+<span class="i0">Und ungebetet vom Tisch aufsteht,</span>
+<span class="i0">Der ist dem &Ouml;chs- und Eslein gleich</span>
+<span class="i0">Und hat nicht teil am Himmelreich.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Durch diese liebevolle Weltanschauung f&uuml;hlte
+sich indessen Asmus nicht einmal so weit &uuml;berzeugt,
+da&szlig; er beim Gebet nach Tisch die H&auml;nde
+faltete, vielmehr sagte er sich auf dem Nachhausewege:
+&raquo;Kann ich erwarten, da&szlig; die Leute
+meinetwegen nicht beten? Ganz gewi&szlig; nicht.
+K&ouml;nnen sie verlangen, da&szlig; ich aus Dankbarkeit
+f&uuml;r das Mittagessen mitbete? Ebensowenig.
+Ich bete nicht. <em class="gesperrt">So</em> nicht. <em class="gesperrt">So</em> nicht!&laquo; rief der
+J&uuml;ngling, der nach der Ansicht des Lederh&auml;ndlers
+<!-- Page 125 --><span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>
+keinen Teil am Himmelreich hatte, laut vor sich
+hin, so laut, da&szlig; ein kleiner Junge ihn anstarrte
+und ihm eine Weile nachschaute. Und merkw&uuml;rdig,
+wieder fiel ihm ein steifnackiges Wort
+Theodor Storms ein:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Auch bleib der Priester meinem Grabe fern;</span>
+<span class="i0">Zwar sind es Worte, die der Wind verweht;</span>
+<span class="i0">Doch will es sich nicht schicken, da&szlig; Protest</span>
+<span class="i0">Gepredigt werde dem, was ich gewesen,</span>
+<span class="i0">Indes ich ruh im Bann des ew&#8217;gen Schweigens!&laquo;</span>
+</div></div></div>
+
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 126 --><span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>
+<a name="XVIII_Kapitel" id="XVIII_Kapitel"></a>XVIII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Wie Asmus schlafwandelte und die Gedankenwelt des
+Herrn Quasebarth auf den Kopf stellte.</div>
+
+<p><span class="bigletter">A</span>ls obendrein der Architekt nach S&uuml;ddeutschland
+&uuml;bersiedelte und auch diese Speisung
+ihr Ende fand, sah Asmus sich wieder ganz auf
+dem alten Punkte. Es galt, eifriger denn je
+nach Privatstunden auszuschauen, und er fand
+auch immer wieder neue; aber da sie meistens
+schlecht bezahlt wurden, so mu&szlig;te er ihrer so
+viele geben, da&szlig; er an gewissen Tagen mit einer
+dreiviertelst&uuml;ndigen Unterbrechung von sieben
+Uhr morgens bis elf Uhr abends bei der Arbeit
+oder auf dem Marsche war. Um sechs Uhr
+abends kam er dann zum Mittagessen. Das
+Diner war in zehn Minuten erledigt, und dann
+lehnte er sich ins Sofa zur&uuml;ck, um 35 Minuten
+lang nichts, gar nichts zu tun. Solche Bed&uuml;rfnisse
+hatte er fr&uuml;her nicht gekannt. Mit dem
+Blick auf die Uhr geno&szlig; er die Minuten einzeln,
+und die Zeit schien dadurch l&auml;nger zu
+werden. &raquo;Noch sieben sch&ouml;ne Minuten,&laquo; dachte
+er, &raquo;noch sechs, noch vier,&laquo; und die letzten Minuten
+<!-- Page 127 --><span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span>
+kostete er, wie man Tropfen eines kostbaren
+Weines einzeln auf der Zunge zergehen
+l&auml;&szlig;t. O weh, dann war er doch ins Tr&auml;umen
+geraten und hatte f&uuml;nf Minuten &uuml;ber die Zeit
+genossen! Nun hie&szlig; es rennen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Eines Abends auf dem Heimwege stie&szlig; er
+mit dem Kopfe gegen den Mauerpfeiler eines
+Gartenportals. Wie konnte denn das angehen?
+Hatte er denn im Gehen geschlafen? Nein, das
+war nicht m&ouml;glich. Er blutete an der Wange,
+und am andern Tage neckte man ihn in der
+Klasse, er sei bekneipt gewesen.</p>
+
+<p>Wenige Tage sp&auml;ter, auf demselben Wege,
+erwachte er pl&ouml;tzlich auf einem freien Platze. Er
+mu&szlig;te sich lange besinnen, eh&#8217; er begriff, wo er
+war. Er war in einer ganz verkehrten Richtung
+gegangen und hatte nun einen noch weiteren
+Weg nach Hause als sonst. Er war so ersch&ouml;pft,
+da&szlig; er nach zehn Schritten immer wieder einschlief;
+aber der einst&uuml;ndige Weg mu&szlig;te gemacht
+werden, da half nichts. Er nahm ein heftiges
+Tempo an und stampfte den Boden wie ein
+Grenadier beim Parademarsch; aber nach wenigen
+Minuten wurden seine Schritte langsamer
+&#8211; langsamer &#8211; langsamer. Am andern Morgen
+erinnerte er sich nicht, wie er nach Hause gekommen.</p>
+
+<p>Und noch einige Tage sp&auml;ter erwachte er auf
+demselben Heimwege von einem trappelnden Ger&auml;usch.
+Verst&ouml;rt blickte er auf und fand, da&szlig; er
+vor zwei sich b&auml;umenden Pferden stand, die um
+<!-- Page 128 --><span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>
+seinetwillen nicht weiter wollten. Er sprang zur
+Seite, und der Kutscher fuhr fluchend weiter
+und schimpfte etwas von &raquo;Besoffenheit&laquo; vor sich
+hin.</p>
+
+<p>Dieser Schreck war von so nachhaltiger Wirkung,
+da&szlig; Asmus nicht wieder im Gehen einschlief.
+Die Theorie, da&szlig; der Mensch eigentlich
+&uuml;berhaupt keinen Schlaf brauche, hatte er aufgegeben.</p>
+
+<p>Manchesmal in dieser Zeit mu&szlig;te er an
+Adolfinen denken, wie sie lachend ihren gro&szlig;en
+Mund aufri&szlig; und rief: &raquo;Du willst Lehrer werden?
+Du bist wohl verr&uuml;ckt!&laquo;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Und wer wu&szlig;te, ob er nicht wirklich eines
+Tages die Flinte ins Korn warf und ans Zigarrenbrett
+ging! Aber da war Ludwig Semper,
+sein Vater. Je &auml;lter Ludwig wurde, desto
+fr&uuml;her stand er auf; er schlief nur wenige Stunden
+in der Nacht. Und in der Fr&uuml;he des Morgens
+bereitete er seinem Sohne den Kaffee und
+strich ihm sein Brot. Und wenn Asmus seine
+bescheidene Toilette beendet und sich zum Fr&uuml;htrunk
+gesetzt hatte, dann wu&szlig;te er, ohne aufzublicken,
+da&szlig; der Blick seines Vaters auf ihm
+ruhte. &raquo;Er freut sich, da&szlig; es mir schmeckt,&laquo;
+dachte Asmus. &raquo;Und er freut sich, da&szlig; ich ins
+Seminar gehen kann und etwas werde, was er
+nicht werden durfte.&laquo;</p>
+
+<p>O ja, zu Hause schmeckte ihm noch das Brot;
+aber er mu&szlig;te auch den Tag &uuml;ber von Brot
+leben, weil er erst um 5 oder um 6 Uhr zum
+<!-- Page 129 --><span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>
+Mittagessen kam, und wenn er in der Mittagspause
+im Seminar sein Fr&uuml;hst&uuml;ck auswickelte,
+dann schauderte er oft zur&uuml;ck und wickelte es
+wieder ein. Die Luft dieser alten Schulkasernen
+belegt alle Luft- und Speisewege wie mit einer
+&uuml;belschmeckenden Schicht; bis in den Magen
+hinein f&uuml;hlte man diese Luft; er mu&szlig;te sich Gewalt
+antun, wenn er einen Bissen hinunterw&uuml;rgen
+wollte, und wenn einem Achtzehnj&auml;hrigen
+der Appetit fehlt, so fehlt ihm ein St&uuml;ck Jugend.
+Und eines Morgens fragte ihn Herr Rothgr&uuml;n
+in der Geschichtsstunde:</p>
+
+<p>&raquo;Stehen Sie morgens so fr&uuml;h auf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich &#8211; o nein,&laquo; sagte Asmus ohne Verst&auml;ndnis.</p>
+
+<p>&raquo;Sie schliefen n&auml;mlich eben,&laquo; fuhr Herr
+Rothgr&uuml;n pikierten Tones fort.</p>
+
+<p>&raquo;Ich? Nein!&laquo; erkl&auml;rte Asmus wie alle Leute,
+die der Schlaf wider Willen &uuml;berf&auml;llt, und in
+der Tat war der Schlaf nur wie ein leises W&ouml;lkchen
+vor seinen Augen vor&uuml;bergezogen. Er hatte
+Herrn Rothgr&uuml;n noch vom zweiten Samniterkriege
+sprechen h&ouml;ren, und jetzt sprach er vom
+dritten, also konnte nicht viel Zeit verstrichen
+sein; denn Herr Rothgr&uuml;n erledigte solche Sachen
+sehr schnell. Und in eben dieser Aufmachung
+interessierten Asmus die Samniterkriege nur
+&auml;u&szlig;erst schwach.</p>
+
+<p>Da ihn sein fr&ouml;hlichstes Gef&uuml;hl, sein Kraftgef&uuml;hl
+in diesen Zeiten verlie&szlig;, f&uuml;hlte er sich
+ernstlich ungl&uuml;cklich. Da&szlig; er in der Klasse eingeschlafen
+<!-- Page 130 --><span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>
+war, empfand er bei seinem peinlichen
+Ehrgef&uuml;hl als eine Schmach, und da&szlig; er Herrn
+Rothgr&uuml;n in seiner Eitelkeit verletzt hatte, war
+nicht gut; denn Herr Rothgr&uuml;n verga&szlig; dergleichen
+schwer; aber das alles bedeutete nichts
+gegen einen anderen Schmerz.</p>
+
+<p>Das war kein Studieren mehr, was er jetzt
+trieb! Das war nichts als ein Aufschnappen
+und Wiederfahrenlassen im Husch und Hui. Er
+war es gewohnt, zu dem, was das Seminar
+ihm gab, wenigstens ebensoviel durch eigene
+Arbeit hinzuzutun. Bei wichtigen Fragen und
+Aufgaben &#8211; und seinem Feuereifer schien fast
+alles wichtig &#8211; holte er sich alle Darstellungen
+und Behandlungen herbei, die ihm Neues bieten
+konnten, und durchackerte sie; aber nie beruhigte
+er sich bei den B&uuml;chern; er zwang sich, die Ideen
+eines Bacon, eines Comenius, eines Pestalozzi
+und Herbart, die Abhandlungen eines Schiller
+und Lessing, die Darstellungen eines Ranke und
+Mommsen unabh&auml;ngig vom Buch, in eigener
+Form zu rekonstruieren, ihre Zusammenh&auml;nge, da,
+wo sie ihm fehlten, selbst zu finden; er hielt sich
+gleichsam selbst Vortr&auml;ge; ja, er diskutierte im
+Schlafzimmer laut mit sich selbst und stellte
+Grund und Gegengrund sozusagen im kontradiktorischen
+Verfahren einander gegen&uuml;ber, so
+da&szlig; Frau Rebekka, die f&uuml;r den Frieden eines
+Studierzimmers nicht allzuviel Verst&auml;ndnis
+hatte, zuweilen l&auml;chelnd hereinkam und rief:
+&raquo;Junge, du priesterst ja wieder ordentlich.&laquo; Er
+<!-- Page 131 --><span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>
+hatte nun einmal dies leidenschaftliche Bed&uuml;rfnis
+nach Klarheit; es war, als ob eine Stimme
+in ihm rief: Nichts Dunkles hinter dir zur&uuml;cklassen,
+sonst verwirrt sich alles K&uuml;nftige, und
+er hatte den heiligen Glauben, da&szlig;, wer sich
+bei keinem unklaren Gedanken beruhige, endlich
+auch die letzten R&auml;tsel l&ouml;sen m&uuml;sse. Er war in
+der Mathematik nicht zufrieden damit, die Lehrs&auml;tze
+zu beweisen und die Aufgaben zu l&ouml;sen,
+er wollte auch die Axiome beweisen und begr&uuml;nden.
+Da&szlig; jede Gr&ouml;&szlig;e sich selbst gleich ist &#8211;
+nat&uuml;rlich, die Wahrheit dieses Satzes begriff
+er intuitiv wie jeder normale Mensch; aber er
+wollte sie auch beweisen, und das konnte man
+nicht, und die ihm in sp&auml;teren Jahren das bedr&uuml;ckte
+Herz befreien sollten: die intuitiven Gewi&szlig;heiten,
+sie machten ihm in diesen Jahren
+Pein. Aber noch mehr: alles, was er logisch
+begriffen hatte, wollte er auch sinnlich erfassen.
+Es war der K&uuml;nstler in ihm, der sich nicht beim
+Abstrakten beruhigen wollte. Den Satz des Menelaos
+von der Transversale, die die Seiten
+eines Dreiecks schneidet, logisch begreifen und
+beweisen, das konnte ein Kind; aber er wollte
+auch <em class="gesperrt">sehen</em>, da&szlig; die Produkte der nicht
+ansto&szlig;enden Abschnitte einander gleich seien.
+Und das konnte man nicht. Ja, man konnt&#8217;
+es ja ausrechnen, aber das war kein <em class="gesperrt">Sehen</em>!
+Und nun kam noch hinzu, da&szlig; er mit
+einem Mangel in seiner Anlage zu k&auml;mpfen
+hatte: in gewissen Dingen der Physik, der Anatomie,
+<!-- Page 132 --><span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>
+der Botanik und so weiter machte ihm
+das dreidimensionale Vorstellen Schwierigkeiten.
+Wenn er sich den L&auml;ngsdurchschnitt des menschlichen
+K&ouml;rpers oder einer Maschine oder eines
+pflanzlichen Gef&auml;&szlig;systems vorstellte, so ward es
+ihm bitter schwer, sich zugleich den Querdurchschnitt
+vorzustellen, und er grub die N&auml;gel in
+die Stirnhaut, da&szlig; es schmerzte, bis er die
+rechte Anschauung gewann. Er hatte das Gef&uuml;hl,
+als k&ouml;nne er sein Gehirn anspannen, wie
+die Muskeln seiner geballten Faust. Da&szlig; die
+Molekularbewegung und das Atomgewicht, der
+Magnetismus, die Elektrizit&auml;t und vieles andere
+ihm Sorge machten, ist selbstverst&auml;ndlich. Warum
+wirkte am doppeltlangen Hebelarm das halbe
+Pfund genau so stark wie das ganze Pfund am
+einfachen, warum, in drei Teufels Namen warum?
+Es war so leicht, zu lernen, und so schwer,
+zu erkennen. Und er fand in seinem Seelendrange
+nicht immer Unterst&uuml;tzung. Um sich im
+raschen und klaren Erfassen geometrischer Verh&auml;ltnisse
+zu &uuml;ben, liebte es Asmus, die Figuren
+nicht mechanisch, sondern mit den m&ouml;glichen Ver&auml;nderungen
+in Konstruktion und Lage zu wiederholen,
+und bekanntlich ist es der Geometrie
+fabelhaft gleichg&uuml;ltig, ob das Hypothenusenquadrat
+oben oder unten, rechts oder links liegt,
+dieweilen sie von oben und unten, rechts und
+links &uuml;berhaupt nichts wei&szlig;. Aber Herr Quasebarth,
+der Lehrer der Mathematik, dachte nicht
+so vorurteilslos, und als Asmus eines Tages
+<!-- Page 133 --><span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span>
+f&uuml;nf Konstruktionsaufgaben einreichte, die nicht
+so standen, wie es Herr Quasebarth seit siebenundzwanzig
+Jahren gewohnt war, sondern auf
+dem Bauche oder auf dem R&uuml;cken lagen oder
+auf dem Kopfe standen, da schrieb er mit Wucht
+darunter &raquo;falsch&laquo; und eine Vier, das schlechteste
+Zeugnis; denn er durchflog die Hefte seiner
+Sch&uuml;ler wie ein Schnellzug, der unterwegs nicht
+h&auml;lt. Asmus machte ihn darauf aufmerksam,
+da&szlig; alle Aufgaben zweifellos richtig gel&ouml;st seien
+und nur sozusagen andere Hosen anh&auml;tten als
+sonst. Herr Quasebarth sagte h&ouml;hnisch: &raquo;So&laquo;
+und dann sah er ins Heft und sagte: &raquo;Die&laquo;
+&#8211; und dann sagte er unsicheren Tones: &raquo;Das&laquo;
+&#8211; und nachdem er noch &raquo;Hm&laquo; gesagt hatte, rief
+er &auml;rgerlich: &raquo;Ja, richtig sind sie wohl; aber was
+sollen die Ver&auml;nderungen: machen Sie es doch,
+wie es alle anderen machen!&laquo; und er nahm die
+Feder und erh&ouml;hte das Zeugnis &#8211; um einen
+halben Grad. Er wollte damit ausdr&uuml;cken, da&szlig;
+der Sch&uuml;ler richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen
+recht habe.</p>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 134 --><span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>
+<a name="XIX_Kapitel" id="XIX_Kapitel"></a>XIX. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus klagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und
+wird in Verruf erkl&auml;rt.</div>
+
+<p><span class="bigletter">J</span>a, die Gesetze des Hebels und die Wunder des
+Spektrums und vor allem jener fatale Abgrund,
+der zwischen K&ouml;rperwelt und Gedankenwelt
+klafft, jener Abgrund, den wir immerfort
+&uuml;berspringen, ohne ihn jemals zu sehen, sie
+hatten seinem bohrenden Geiste wilde Sorgen
+gemacht; aber es waren holde Sorgen gewesen,
+fr&ouml;hliche Sorgen, Sorgen, die man nicht scheuchte,
+sondern suchte; denn das ist das g&ouml;ttliche Wunder
+in allem geistigen Ringen, da&szlig; auch die
+Niederlagen uns st&auml;rker und freier machen, solange
+uns Hoffnung bleibt.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Die sch&ouml;ne Zeit dieser Sorgen war dahin.
+Bei den vielen Privatstunden konnte er nur das
+Notd&uuml;rftigste pauken, konnte er eigentlich nur
+f&uuml;r den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er eine
+Reihe von Regeln oder Vokabeln oder eine Biographie
+oder einen Geschichtsabschnitt einmal
+durchgelesen hatte, so wu&szlig;te er sie, aber f&uuml;r
+wie lange? Und was hatte dies oberfl&auml;chliche
+<!-- Page 135 --><span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span>
+&raquo;Wissen&laquo; f&uuml;r einen Wert? Was sollte das f&uuml;r
+ein Wissensgeb&auml;ude werden, das so schwindelhaft
+gebaute Partien aufwies. In der Tat: er kam
+sich vor wie ein gewissenloser Baumeister, der
+schadhafte Mauern unterm Putz verbirgt, und
+dies Bewu&szlig;tsein einer Art Unredlichkeit peinigte
+ihn mehr als alles andre, obgleich niemand
+mehr von ihm verlangte, als er leistete, das
+lie&szlig;en seine Zeugnisse deutlich erkennen.</p>
+
+<p>Mit diesen Zeugnissen hatte er gleich nach
+dem ersten Quartal ein Malheur gehabt, das
+von eigenartigen Folgen sein sollte. Am Quartalsschlu&szlig;
+hatte n&auml;mlich der Ordinarius gesprochen:
+&raquo;Das Kollegium ist einstimmig der Ansicht,
+da&szlig; die Klasse sich nicht in dem Ma&szlig;e
+anspannt, wie sie es k&ouml;nnte, und hat darum beschlossen,
+die h&ouml;chste Zensur im Flei&szlig; mit einer
+einzigen Ausnahme nicht zu vergeben. Diese
+Ausnahme bildet Semper; ihm ist eine Eins zuerkannt
+worden.&laquo;</p>
+
+<p>Das war ehrenvoll und sehr gef&auml;hrlich. Asmus
+empfand sofort mit jenem Tastgef&uuml;hl, das
+weit &uuml;ber die Grenzen des K&ouml;rpers hinausreicht,
+da&szlig; seine Klassenkollegen ihm anders begegneten
+als sonst. Es waren wohl manche da, die es
+ihm freudig g&ouml;nnten; aber die andern waren
+in der Mehrzahl. Unter diesen andern war
+Wiedemann, ein langer J&uuml;ngling mit der
+Stimme einer alten Tante, den Bewegungen
+einer Raupe und feuchtkalten H&auml;nden. Asmussens
+H&auml;nde waren trocken und sehr warm,
+<!-- Page 136 --><span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>
+fast hei&szlig;. Zwischen solchen Menschen steht etwas,
+was nicht zu &uuml;berwinden ist. Asmus konnte
+gegen diesen Kameraden nicht freundlich tun;
+aber Wiedemann tat freundlich. Es gab in der
+Klasse einen vorz&uuml;glichen Mathematiker, der es
+namentlich im Rechnen allen andern zuvortat.</p>
+
+<p>&raquo;Der Mollwitz ist doch ein gro&szlig;artiger
+Mathematiker, was?&laquo; sagte Wiedemann mit
+lauerndem L&auml;cheln zu Semper.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist er,&laquo; versetzte dieser.</p>
+
+<p>&raquo;Ich halte ihn f&uuml;r den besten Mathematiker
+in der ganzen Klasse,&laquo; fuhr der Lauernde fort.</p>
+
+<p>&raquo;Ich auch,&laquo; erkl&auml;rte Semper und begriff
+nicht recht, was Wiedemann mit diesen Selbstverst&auml;ndlichkeiten
+beabsichtigte.</p>
+
+<p>Wiedemann war entt&auml;uscht.</p>
+
+<p>Es gab aber auch einen Seminaristen namens
+Frey, der ein klarer, t&uuml;chtiger Kopf war
+und auch einen guten Stil schrieb.</p>
+
+<p>Eines Tages schob sich die Raupe wieder
+heran.</p>
+
+<p>&raquo;Der Frey schreibt doch &#8217;n gro&szlig;artigen Aufsatz,
+was?&laquo; forschte Wiedemann.</p>
+
+<p>&raquo;Er schreibt &#8217;n guten Aufsatz, ja,&laquo; sagte Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Na, das mu&szlig;t du doch auch sagen, seinen
+Aufsatz macht ihm doch keiner nach!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soo?&laquo; machte Semper.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, bist du nicht der Meinung?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; erwiderte Asmus kalt. Er wu&szlig;te
+ganz genau, da&szlig; er&#8217;s besser konnte. Das sagte
+<!-- Page 137 --><span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>
+er zwar nicht; aber er sah auch nicht den geringsten
+Anla&szlig;, das Gegenteil zu l&uuml;gen.</p>
+
+<p>Wiedemann machte noch immer ein lammfreundliches
+Gesicht mit Ausnahme der Augen.
+Augen sind L&ouml;cher, die der Herrgott im Menschenk&ouml;rper
+gelassen hat wie die Guckl&ouml;cher in
+einer Verbrecherzelle, damit der Mensch nicht
+allzu ungehindert heucheln k&ouml;nne. Augen heucheln
+nicht mit. Wiedemanns Antlitz und Stimme
+streichelten; aber seine Augen stachen, als er nun
+fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Wer schreibt hier denn einen besseren Aufsatz?&laquo;</p>
+
+<p>Und obwohl ihm Asmus jetzt durch die gr&uuml;nglimmernden
+Augen bis in die Nieren schaute,
+sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;Du nicht.&laquo;</p>
+
+<p>In solchen Augenblicken kam etwas wie Husarengeist
+&uuml;ber ihn. Wiedemann ging erquickt
+von dannen.</p>
+
+<p>Und er ging aus wie ein S&auml;emann, zu s&auml;en
+seinen Samen, und verbreitete die Kunde, Semper
+habe sich f&uuml;r den besten Aufsatzschreiber der
+ganzen Klasse erkl&auml;rt, er halte sich &uuml;berhaupt f&uuml;r
+den Kl&uuml;gsten von allen und finde die Arbeiten
+Freys nur &raquo;so ziemlich&laquo;. Dies sagte er besonders
+zu Frey. Seltsamerweise blieben aber Frey
+und Semper die besten Freunde.</p>
+
+<p>Sonst aber fiel Wiedemanns Samen auf
+gutes, fruchtbares Land, und Asmus f&uuml;hlte
+wohl, da&szlig; die Stimmung gegen ihn wuchs.
+</p>
+
+<p><!-- Page 138 --><span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span>
+Sollten sich hier die Leiden aus der Knabenschule
+wiederholen? O, sie sollten es nicht nur
+hier!</p>
+
+<p>Unter den Giftpflanzen ist eine, die keines
+Samens und keines Keimes bedarf, die auch
+aus Nichts entstehen kann wie die Sch&ouml;pfung
+Jahwehs, das ist die Verleumdung. Sie braucht
+nur einen guten Boden, dann erzeugt sie sich
+aus nichts.</p>
+
+<p>Eines Tages wurde Asmus von Seybold
+gestellt, von demselben Seybold, der bei der
+Pr&auml;parandenpr&uuml;fung einen so sichern Blick f&uuml;r
+Sempers Arbeiten und eine so lebhafte Teilnahme
+an seinen Erfolgen bekundet hatte. Er
+war von einer ganzen Korona von Seminaristen
+umgeben und hub also an:</p>
+
+<p>&raquo;Hier wird behauptet, du h&auml;ttest dem Direktor
+angezeigt, da&szlig; M&uuml;ller und Warncke nach
+der letzten Kneipe den Unterricht geschw&auml;nzt und
+im Botanischen Garten ihren Kater spazieren gef&uuml;hrt
+h&auml;tten.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;re nun Asmus Semper irgend ein anderer
+gewesen, so w&uuml;rde er vielleicht gesagt
+haben:</p>
+
+<p>&raquo;Bem&uuml;he dich bitte sofort mit mir zum Direktor,
+damit wir die vollkommene Unwahrheit
+dieser Behauptung feststellen.&laquo;</p>
+
+<p>Oder er w&uuml;rde wie jener Yankee gesprochen
+haben, den jemand einen Schurken nannte und
+der freundlich erwiderte:</p>
+
+<p>&raquo;Damit, mein Verehrtester, da&szlig; Sie es behaupten,
+<!-- Page 139 --><span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span>
+ist es noch lange nicht bewiesen.&laquo; Aber
+w&auml;r&#8217; er besonnen gewesen, so w&auml;re er nicht der
+Semper gewesen, und also erwiderte er:</p>
+
+<p>&raquo;Wer das sagt, ist entweder ein Lump oder
+ein Idiot.&laquo; Das Blut seiner Mutter schlug
+mit Flammen zum Dach hinaus.</p>
+
+<p>Auch diese Antwort war ja richtig; aber ihre
+Richtigkeit wurde nicht zugestanden.</p>
+
+<p>&raquo;Hahaaa,&laquo; johlte die Korona, &raquo;da haben
+wir&#8217;s, wir sind alle Lumpen und Idioten!&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;re Asmus jener Yankee gewesen, so h&auml;tte
+er gesagt: &raquo;Dieser Schlu&szlig; entbehrt durchaus der
+logischen Richtigkeit&laquo;; statt dessen verzog er das
+bleiche Gesicht zu einem Ausdruck grenzenloser
+Verachtung und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, ich sagte: oder&laquo;.</p>
+
+<p>Sie stutzten einen Augenblick, und als sie
+diese Antwort begriffen hatten, tobten sie und
+erkl&auml;rten Asmus Semper wegen seines &raquo;Hochmuts&laquo;,
+seiner &raquo;Frechheit&laquo; und seiner &raquo;Inkollegialit&auml;t&laquo;
+in Verruf. Die Inkollegialit&auml;t bestand
+darin, da&szlig; er mehr wu&szlig;te und konnte als Seybold,
+Wiedemann und Kompanie und dies in
+seinen Arbeiten schamlos zu erkennen gab.</p>
+
+<p>Vor Asmussens Augen stand sein alter herrlicher
+Schulmeister, Herr Cremer, wie er dem
+Quintus Fabius nachahmte. Er pflegte zwei
+Falten in seinen Rock zu machen und zu sagen:
+&raquo;So stand Quintus Fabius vor der karthagischen
+Ratsversammlung und sagte: Hier in den
+Falten meiner Toga habe ich Krieg und Frieden
+<!-- Page 140 --><span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>
+&#8211; w&auml;hlt!&laquo; So hatte das Schicksal in Gestalt
+der Seybold, Wiedemann und Genossen vor ihm
+gestanden, und genau wie die Karthager hatte
+er geantwortet: &raquo;Gebt, was ihr wollt.&laquo; Und
+Quintus Fabius Seybold hatte gesagt: So hab
+denn Krieg.</p>
+
+<p>Und so war es also Krieg.</p>
+
+<p>Ja, wenn es noch ein richtiger, ehrlicher
+Krieg gewesen w&auml;re. Aber es war die bekannte
+Guerilla b&ouml;ser Schikanen, in deren Erfindung
+die Jugend so grausam ist und in der das
+&raquo;Zwanzig gegen Einen&laquo; durchaus nicht f&uuml;r unehrenhaft
+gilt. Wenn er des Morgens kam &#8211;
+gerade jetzt wieder in einem geschenkten Rock,
+der ihm viel zu weit war &#8211; dann bildeten sie
+Spalier, erwiesen ihm h&ouml;hnische Ehren und spotteten
+&uuml;ber seinen Rock.</p>
+
+<p>&raquo;Der Kerl is &#8217;n richtiges Originaol!&laquo; rief
+der Bauernsohn Rohweder, der seinen heimischen
+Akzent nicht abzulegen vermochte. Er hielt &raquo;Original&laquo;
+f&uuml;r etwas sehr Schimpfliches.</p>
+
+<p>Oder sie l&ouml;sten ihm von der Milchflasche,
+die in seinem B&uuml;cherfach lag und deren Inhalt
+sein Fr&uuml;hst&uuml;ck ausmachte, wenn das Brot nicht
+schmecken wollte, den St&ouml;psel, so da&szlig; die Milch
+&uuml;ber seine Hefte und B&uuml;cher flo&szlig; und ihm seine
+sorgf&auml;ltigen Ausarbeitungen verdarb. Da&szlig; er
+dann nichts zu trinken hatte, war schlimm: da&szlig;
+seine Arbeiten beschmutzt waren, war schlimmer;
+aber das Schlimmste war die Niedrigkeit, die
+sich in solchen T&uuml;cken zu erkennen gab: sie beschmutzte
+<!-- Page 141 --><span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>
+ihm sein Weltbild. Den Ha&szlig; nahm
+er hin als etwas Gleichg&uuml;ltiges; er liebte den
+geselligen Verkehr mit Menschen, aber er
+brauchte ihn nicht; wie sein Vater, so war er,
+wenn es sein mu&szlig;te, sich selber Gesellschaft
+genug. Aber Niedrigkeiten konnten ihn in eine
+heilige Wut und dann in eine tiefe, vollkommene
+Niedergeschlagenheit versetzen. Wenn so etwas
+in der Welt m&ouml;glich war, dann&nbsp;..... Er
+verfolgte den Gedanken nicht weiter; er wollte
+ihn nicht weiter verfolgen.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te sehr wohl, da&szlig; die Hauptursache
+ihrer Feindseligkeit der Neid war. Aber auch
+andere Sch&uuml;ler gaben wohl einmal Anla&szlig; zum
+Neide; warum kam der Ha&szlig; nicht auch gegen
+sie zum Ausbruch, oder wenn er zum Ausbruch
+kam, in so viel harmloserer Form? Er hatte
+nicht die Gabe, die Menschen im ersten Ansturm
+zu gewinnen, das wu&szlig;te er. Er war
+nicht sch&ouml;n, wenn auch Flora, die verf&uuml;hrerische
+Nachbarstochter, und jenes kleine Fr&auml;ulein, mit
+dem zusammen er einmal Kom&ouml;die gespielt hatte,
+ihn unverkennbar gern gehabt und ihm dies
+keineswegs verborgen hatten; er hatte keine
+Liebensw&uuml;rdigkeiten, die schnell bezaubern. Aber
+hatte er denn etwas Absto&szlig;endes, etwas, das
+ihm Feinde machen mu&szlig;te?</p>
+
+<p>Er hatte es, ohne es zu wissen und zu wollen.</p>
+
+<p>Das Wort des Polonius an seinen Sohn:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;H&auml;rte deine Hand nicht durch den Druck</span>
+<span class="i0">Von jedem neu geheckten Bruder&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p><!-- Page 142 --><span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>
+hatte ihm deshalb immer so gut gefallen, weil
+es seinem Wesen so gut entsprach. Oft empfand
+er gleich bei der ersten Begegnung mit einem
+Menschen Zuneigung oder Abneigung, und wo
+er Abneigung empfand, hatte er sogleich etwas
+von einer schroffen Wand, an der nicht hinaufzukommen
+war. Das nehmen die Menschen sehr
+&uuml;bel und nennen es hochfahrend oder arrogant.
+Und er war viel zu jung, um sich objektiv zu
+betrachten und diesen Zug an sich selbst zu erkennen.</p>
+
+<p>Immerhin hatte er eine Minorit&auml;t auf seiner
+Seite. Sofort bei Ausbruch des Konfliktes hatte
+sich Morieux mit tausend heroischen Gesichts- und
+K&ouml;rperverrenkungen zu Semper geschlagen,
+etwa wie Herzog Ernst zu Werner von Kiburg,
+wenn er ruft:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Hin fahr ich, ein zwiefach Ge&auml;chteter,</span>
+<span class="i0">An meine Fersen heftet sich der Tod,</span>
+<span class="i0">Und unter Fl&uuml;chen krachet mein Genick.</span>
+<span class="i0">Vom Werner la&szlig; ich nicht!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>und sieben oder acht Beherzte hatten sich ihm
+angeschlossen. Das war nun die Fraktion Semper;
+bei den Feinden aber hie&szlig;en sie &raquo;die Sch&auml;flein&laquo;,
+weil sie nach deren Meinung im allgemeinen
+ein unr&uuml;hmlich gesittetes Betragen
+zeigten.</p>
+</div>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 143 --><span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span>
+<a name="XX_Kapitel" id="XX_Kapitel"></a>XX. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus ist trotz seiner tr&uuml;ben Erfahrungen anderer
+Meinung als Schiller und verf&auml;llt in eine ungl&uuml;ckliche
+Liebe.</div>
+
+<p><span class="bigletter">D</span>ie Sch&auml;flein h&auml;tten nun nicht deutsche J&uuml;nglinge
+sein m&uuml;ssen, wenn sie sich nicht sofort
+zu einem Verein zusammengeschlossen h&auml;tten.
+Der Verein erhielt den Namen &raquo;Treue von 1880&laquo;,
+womit aber nicht gesagt sein sollte, da&szlig;
+dies f&uuml;r die Treue ein besonders guter Jahrgang
+sei; man wollte nur, da der Bund doch
+zweifellos bis in die Zeiten des j&uuml;ngsten Gerichts
+dauern w&uuml;rde, den nachlebenden Geschlechtern
+das Gr&uuml;ndungsjahr ein f&uuml;r allemal
+einpr&auml;gen. Den acht oder neun Seminaristen
+gesellten sich bald einige Musiker, junge Kaufleute
+und Beamte zu, und nun ging es an die
+h&ouml;chsten und tiefsten Probleme der Kunst und
+des Lebens, und Fragen wurden gel&ouml;st, die
+vorher und merkw&uuml;rdigerweise auch noch nachher
+die st&auml;rksten Geister in Bewegung gesetzt
+haben. Semper wurde Pr&auml;ses und sprach heute
+&uuml;ber den Gralstempel bei Albrecht von Scharfenberg
+<!-- Page 144 --><span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span>
+und den gotischen Baustil, das n&auml;chste Mal
+&uuml;ber Meteore und Meteorite, und wieder das
+n&auml;chste Mal kn&uuml;pfte er k&uuml;hne Gedanken an Schillers
+Gedicht &raquo;Der Antritt des neuen Jahrhunderts&laquo;,
+dessen resigniertem Pessimismus er
+sich nat&uuml;rlich als Achtzehnj&auml;hriger nicht anschlie&szlig;en
+konnte. Seine Glanznummer aber war
+der &raquo;Faust&laquo;, den er aus dem Kopfe vortrug,
+und nur das eine betr&uuml;bte ihn ein wenig, da&szlig;
+seine Freunde, so beif&auml;llig sie auch die ernsten
+Partien der Dichtung aufnahmen, doch immer
+am unb&auml;ndigsten &uuml;ber die Sauferei in Auerbachs
+Keller und &uuml;ber das &raquo;verdammte Aas&laquo;
+und die &raquo;verfluchte Sau&laquo; in der Hexenk&uuml;che
+jubelten. F&uuml;hlten sie denn nicht, da&szlig; der Prolog
+im Himmel, die Monologe, die Gretchenlieder,
+die Kerkerszene viel gewaltiger und sch&ouml;ner
+waren? Das Schlimmste war aber doch, da&szlig;
+bei einem Vereinsfeste, bei dem auch G&auml;ste zugegen
+waren, ein dicker Magazinverwalter auf
+ihn zutrat und sagte:</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Djunger Mann, Sie haob&#8217;n jao&#8217;n kullosaoles
+Ged&auml;chtnis! Mit dem Ged&auml;chtnis k&ouml;nnen
+Sie &#8217;ne Frau mit achtzigtausend Mark kriegen.&laquo;</p>
+
+<p>Er dachte sich dies Ged&auml;chtnis in einem
+Magazin angestellt. Und das, nachdem Asmus
+den Tasso rezitiert hatte &#8211; man denke: den
+Tasso!</p>
+
+<p>In etwa siebenundzwanzig Vortr&auml;gen sprach
+Morieux &#8211; sehr stilvoller Weise &#8211; &uuml;ber Voltaire,
+und bei jeder Spitzb&uuml;berei des Herrn
+<!-- Page 145 --><span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>
+Arouet mu&szlig;te er vor unbez&auml;hmbarem Vergn&uuml;gen
+feixen. Die Vortr&auml;ge und Rezitationen
+wechselten mit Musik, gesungen, gegeigt und
+geh&auml;mmert, und unter den Musikanten waren
+solche, die einstmals echte und namhafte K&uuml;nstler
+werden sollten und in diesen Stunden, wenn
+nicht ihr Bestes, so vielleicht ihr Heiligstes gaben.
+Auch gemeinsame Ausfl&uuml;ge unternahmen sie,
+und einer dieser Ausfl&uuml;ge f&uuml;hrte sie in den
+Sachsenwald.</p>
+
+<p>Bismarck, der Johannes Semper und Heinrich
+den Seefahrer verbannt hatte, war in
+Berlin, und das war Asmussen eben recht; er
+h&auml;tte ihm damals nicht begegnen m&ouml;gen. Aber
+im Sachsenwalde war ein F&ouml;rster, der eines
+Mitgliedes Onkel war. Dieses Mitglied hatte
+einmal &raquo;Das Blatt im Buche&laquo; in durchaus
+ernsthafter Absicht deklamiert und damit eine
+komische Wirkung erzielt, die durch keine Selbstbeherrschung
+zu unterdr&uuml;cken war. &raquo;Ich hab&#8217;
+eine alte Muhme&laquo;, so beginnt das Gedicht, und
+genau das Organ einer alten Muhme hatte der
+Deklamator. Aber den Sachsenwald kannte der
+Deklamator; er kannte jeden Weg und Steg,
+und Asmus wollte ihm schon seine Bewunderung
+aussprechen, als sie pl&ouml;tzlich vor dem F&ouml;rsterhause
+standen und aus dem Hause die F&ouml;rsterstochter
+ihnen zur Begr&uuml;&szlig;ung entgegentrat. Jetzt
+wunderte sich Asmus nicht mehr, da&szlig; das &raquo;gesch&auml;tzte
+Mitglied&laquo; hier herum Weg und Steg
+kannte; denn diese F&ouml;rsterstochter war wohl
+<!-- Page 146 --><span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span>
+das H&uuml;bscheste, was der Sachsenwald zu geben
+hatte. Sogleich empfand Asmus in der Herzgegend
+ein so s&uuml;&szlig;es Weh, da&szlig; er bei dem bald
+darauf aufgetragenen Mahle nur Fl&uuml;ssiges genie&szlig;en
+konnte und den Deklamator des &raquo;Blattes
+im Buche&laquo; mit argw&ouml;hnisch brennenden Blicken
+ansah. Nach dem Essen sollte Asmus rezitieren,
+und zwar die Szene zwischen dem
+Patriarchen und dem Tempelherrn, weil es Morieux
+&raquo;kolossal&laquo; fand, wie er zugleich das edle
+Ungest&uuml;m des Ritters und die bornierte Heimt&uuml;cke
+des Pfaffen zum Ausdruck bringe, sogar
+im Gesicht! Und Asmussens Herz stieg wie das
+Ro&szlig; eines Ritters, der in die Schranken reitet
+und vom Balkon die Farben seiner Dame winken
+sieht. Er machte seine Sache auch gewi&szlig; so
+gut wie je, und als er geendet hatte, klatschte
+auch die F&ouml;rsterstochter mit den H&auml;nden, aber
+nur ein einziges Mal; sie hatte n&auml;mlich eine
+Motte gefangen, die sie schon minutenlang mit
+den Augen verfolgt und nur aus R&uuml;cksicht auf
+die Kunst so lange verschont hatte. Unmittelbar
+nach Semper erhob sich, wenn auch unaufgefordert,
+der F&uuml;hrer durch den Sachsenwald,
+um &raquo;das Blatt im Buche&laquo; zu rezitieren. Da
+die Vereinsmitglieder an die Schrecken dieser
+Deklamation schon gew&ouml;hnt waren, so ging es
+mit einigen zerbissenen Lippen und zerrungenen
+H&auml;nden ab; nur Morieux explodierte nat&uuml;rlich
+in einem j&auml;hen Nasenlaut, den er durch ein
+heftig gezogenes Taschentuch in ein dringend
+<!-- Page 147 --><span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span>
+n&ouml;tiges Ausschnupfen maskierte. Die Tochter
+des Waldes aber blickte strahlend auf den Handlungsgehilfen,
+als wollte sie sagen: &raquo;Ein K&uuml;nstler bist du <em class="gesperrt">auch</em> noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So&#8217;n Syrupskringel!&laquo; knirscht Asmus in
+sich hinein, und damit meinte er nur den Handlungsgehilfen,
+obwohl es in gewissem Sinne
+auch auf die Tochter des Waldes pa&szlig;te. Asmus
+hatte ja bald heraus, da&szlig; sie zu den h&ouml;heren
+Dingen keine Beziehungen unterhielt; aber doch
+blieb er ganz in ihr gefangen; sie war eine
+Brezel, die der himmlische Menschenb&auml;cker mit
+unendlich vielem Syrup bestrichen hatte. Und
+als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und
+&raquo;Dritten abschlagen&laquo; spielten, da traf es sich
+merkw&uuml;rdig oft so, da&szlig; die F&ouml;rsterstochter vor
+dem alten Muhmen-Deklamator stand, und dann
+legte er &#8211; dieser Frechling &#8211; ganz ungeniert,
+wie im Eifer des Spiels die H&auml;nde um die
+Taille des hochatmenden wonnigen Gesch&ouml;pfes.
+&raquo;Der Schuft,&laquo; dachte Asmus, und die Treue
+von 1880 wankte in ihren Grundfesten. Er
+fragte sich, ob er es auch wagen w&uuml;rde, ihr die
+H&auml;nde um die H&uuml;ften zu legen. &raquo;Nie,&laquo; sagte
+er sich. Wenn sie es ihm verwiesen h&auml;tte, w&auml;re
+er vor Scham und Stolz gestorben. Und als
+es das Spiel so f&uuml;gte, da&szlig; sie beide vor ihm
+standen und er als &raquo;Dritter&laquo; den Platz r&auml;umen
+mu&szlig;te, um nicht &raquo;abgeschlagen&laquo; zu werden, da
+nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol.
+Beim Abendbrot holte er dann nach, was er
+<!-- Page 148 --><span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span>
+mittags vers&auml;umt hatte; in seiner grollenden
+Versunkenheit fra&szlig; er alles in sich hinein, was
+ihm vorkam: Schinken, R&uuml;hreier, Schwarzbrot
+und Liebesgram. Beim Abschied wollte er erst
+ohne Gru&szlig; verschwinden; aber sie sollte sich nicht
+einbilden, da&szlig; sie ihn verwundet habe, und mit
+blutendem Herzen gab er ihr l&auml;chelnd die Hand,
+und wie die andern winkte er, im Waldesdunkel
+langsam verschwindend, noch lange mit L&auml;cheln
+zur&uuml;ck. Zu Hause verfiel er sofort in vierf&uuml;&szlig;ige
+Troch&auml;en, und das dauerte auch den
+folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht
+wohl an tausend F&uuml;&szlig;e hatte, f&uuml;hlte er sich bedeutend
+ruhiger. Und als er nach dreien Tagen
+in einem uralten Exemplar von Herders &raquo;Ideen
+zur Philosophie der Geschichte der Menschheit&laquo;
+las und pl&ouml;tzlich aus einer Waldwirrnis von
+Gedanken die h&uuml;bsche F&ouml;rsterstochter auftauchte,
+da war der Generalsuperintendent aus Weimar
+schon st&auml;rker als die Blume des Waldes. Das
+blutende Herz war geheilt wie eine Stecknadelwunde.</p>
+
+<p>Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch
+eine bessere Liebe und eine tiefere Herzenswunde
+bringen.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 149 --><span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>
+<a name="XXI_Kapitel" id="XXI_Kapitel"></a>XXI. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Wie Asmus eine bessere Liebe fand.</div>
+
+<p><span class="bigletter">A</span>lfred Sturm, ein junger Kaufmann, war
+dem Verein beigetreten an jenem Abend,
+als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers
+mit bemerkenswerter K&uuml;hnheit optimistische Gedanken
+gekn&uuml;pft hatte. &raquo;Als ich deinen Vortrag
+&uuml;ber Schillers &raquo;Antritt des neuen Jahrhunderts&laquo;
+geh&ouml;rt hatte, war ich dir f&uuml;r immer
+verfallen,&laquo; sagte Sturm in vertrauter Stunde.
+Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht
+weniger tief, und sie bildeten einen stillen Bund
+im Bunde, bildeten innerhalb der &raquo;Treue von
+1880&laquo; eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit.
+Asmus fand bei seinem Freunde etwas K&ouml;stliches,
+das die Deutschen nur verschwindend
+selten besitzen und niemals zu w&uuml;rdigen wissen.
+Die Deutschen haben eigentlich nur zwei Humore,
+den beh&auml;bigen Bier- und Tabakhumor,
+der noch ihr bester ist, und den mit spitzen
+Lippen s&auml;uerlich-l&auml;chelnden Geheimratshumor,
+von dem die Milch gerinnt und der Lachen f&uuml;r
+unfein h&auml;lt; was sie fast nie haben und auch
+bei Shakespeare &#8211; obwohl sie&#8217;s heucheln
+<!-- Page 150 --><span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span>nicht
+zu sch&auml;tzen wissen, das ist der genial-groteske
+Ulk, der tiefsinnige Clownhumor. Die
+Spitzn&auml;sigen nennen ihn &raquo;bl&ouml;dsinnig&laquo;, und die
+Knoten hei&szlig;en ihn &raquo;unvornehm&laquo;. Diesen Humor
+nun, wie alle kr&auml;ftigen Humore, liebte Asmus
+aus innerster Seele, und den besa&szlig; Sturm.
+Wenn Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler
+darstellte, oder aus dem Stegreif eine
+Hintertreppen-Familientrag&ouml;die mimte, oder
+einen Volksredner oder auch die Ilsebill <ins class="correction" title="&#8211; entfernt">aus dem</ins>
+M&auml;rchen &raquo;vom Fischer un syner Fru&laquo; verk&ouml;rperte,
+dann lachten zwar die andern auch;
+aber Asmus lachte so, da&szlig; er endlich rufen
+mu&szlig;te: &raquo;H&ouml;r&#8217; auf, ich sterbe!&laquo; Aber dieser
+Humor w&uuml;rde vielleicht doch nicht das ganze
+Herz des Asmus eingenommen haben, wenn
+sich damit nicht ein merkw&uuml;rdig leidenschaftlicher
+Aufw&auml;rtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs-
+und Vervollkommnungsstreben verbunden
+h&auml;tte. Diese beiden Eigenschaften, die
+immer wie Gegens&auml;tze aussehen und die doch
+durchaus keine Gegens&auml;tze sind, lie&szlig;en Asmus
+in diesem J&uuml;ngling den Freund erkennen, den
+er unbewu&szlig;t gesucht hatte. Sturm dagegen sah
+in dem jungen Semper den Menschen, der ihm
+endlich zu jedem ersehnten Aufschwung verhelfen
+k&ouml;nne, und wenn Asmus solche enthusiastischen
+&Uuml;bersch&auml;tzungen mit H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en &auml;ngstlich
+abwehrte, so ging Sturm mit dem L&auml;cheln
+des Besserwissenden dar&uuml;ber hinweg und sang
+aus dem damals oft gespielten Boccaccio:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>
+<span class="i0">&raquo;Hab ich nur deine Liebe,</span>
+<span class="i0">Die &raquo;Treue&laquo; brauch ich nicht.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Aber das qu&auml;lte ihn, da&szlig; er diese Liebe
+nicht ganz zu besitzen glaubte; er war eifers&uuml;chtig.
+Eifers&uuml;chtig auf Morieux. Mit dem
+sollte Semper sich nicht einlassen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie kannst du nur so viel mit dem Morieux
+verkehren! Morieux! Auf dem Dom<a name="FNanchor_2" id="FNanchor_2"></a><a href="#Footnote_2" class="fnanchor">[2]</a>
+gab es fr&uuml;her ein Affentheater von &raquo;Morieux&laquo;.
+Das pa&szlig;t. Dieser ganze Morieux ist ein Affentheater,
+das von morgens bis abends Vorstellungen
+gibt. Das ist doch kein Charakter!&laquo;</p>
+
+
+<p>&raquo;Nein, das ist er nicht,&laquo; r&auml;umte Semper
+ein. &raquo;Er ist oft ein unangenehmer Kerl. Der
+Sch&ouml;pfer aller Dinge hat ihn aus Resten gemacht,
+die zu ganzen Menschen nicht mehr ausreichten.
+Er hat ein blaues Bein und ein gelbes,
+eine halb rote und halb gr&uuml;ne Jacke, wie ein
+Harlekin. Aber aus allen Schlacken und Aschen
+seiner Seele schlagen doch zuweilen reine Flammen
+auf. Er hat sich in einem schweren Streit
+und gegen eine gro&szlig;e &Uuml;bermacht auf meine Seite
+gestellt; er hat um mich gelitten; das kann ich
+doch nicht einfach vergessen.&laquo;</p>
+
+<p>Dann setzte Sturm sich schweigend, aber
+unzufrieden ans Klavier und introduzierte ein
+neues Lied; denn singen mu&szlig;te Asmus zu seiner
+Begleitung, sobald ein Klavier in erreichbarer
+N&auml;he war. Eines Tages aber, als sie am Abend
+<!-- Page 152 --><span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>
+vorher in der &raquo;Treue&laquo; wieder die sch&ouml;nsten
+und die verr&uuml;cktesten Dinge getrieben hatten
+&#8211; Asmus sa&szlig; wieder in seiner engen Klause
+und &uuml;bersetzte Byron &#8211; da klopfte jemand. Auf
+Asmussens &raquo;Herein&laquo; trat Alfred Sturm ein,
+um sogleich auf einen Stuhl neben der T&uuml;r zu
+sinken und in Tr&auml;nen auszubrechen. Sein Gesicht
+war aschfahl; in der Hand hielt er eine
+gelbe Rose. Er hatte soeben in Gemeinschaft
+mit seinem Vater seine Mutter in eine Anstalt
+f&uuml;r Geisteskranke bringen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich hoffte bei dir ein wenig Trost zu finden,&laquo;
+sprach er unter Schluchzen. Und diese
+Erwartung ersch&uuml;tterte Sempern fast so sehr
+wie die Ungl&uuml;cksnachricht. Trost suchte sein
+Freund bei ihm! Bei einem Neunzehnj&auml;hrigen!
+Der nichts erfahren hatte! Sein Freund war
+ja &auml;lter als er! Aber sein Freund suchte Trost,
+und also mu&szlig;te er ihn finden. Er wuchs &uuml;ber
+sein Alter hinaus. Er dachte an den Tag, da
+er seinen Bruder Leonhard durch den Tod verloren
+hatte. Und sogleich wu&szlig;te er eins:
+Sprechen, mit Worten tr&ouml;sten, w&auml;re in diesem
+Augenblick Roheit. Und er legte den Arm um
+seinen Freund, klopfte ihm langsam und leise,
+wie eine tr&ouml;stende Mutter, die Schulter und
+lie&szlig; ihn weinen. Und wirklich: der Ungl&uuml;ckliche
+beruhigte sich zusehends. Dann sagte Asmus
+mit sanftem Tone: &raquo;Ich habe einen Weg zu
+machen; es w&auml;re riesig nett von Dir, wenn du
+mich begleiten wolltest.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 153 --><span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span>
+Sturm nickte nur.</p>
+
+<p>&raquo;Da,&laquo; sagte er, &raquo;die Rose solltest du haben
+&#8211; jetzt ist sie verwelkt. Na &#8211; ist ja alles
+einerlei!&laquo; &#8211; und er wollte sie zum Fenster
+hinauswerfen.</p>
+
+<p>&raquo;Gib!&laquo; rief Asmus und nahm ihm die
+Blume aus der Hand. &raquo;Sie wird sich erholen.&laquo;
+Und er stellte sie in ein Wasserglas.</p>
+
+<p>Und dann f&uuml;hrte er den Freund zu seinem
+eigenen gro&szlig;en Tr&ouml;ster, f&uuml;hrte ihn an den Elbstrom
+unterhalb Oldenfunds, bis Blankenese und
+dar&uuml;ber hinaus, wo die Flut immer breiter
+und breiter sich dehnt, da&szlig; das jenseitige Ufer
+dem Blick entschwindet, und wo der sinnende
+Wanderer oder der still hintreibende Segler ahnt
+und f&uuml;hlt, da&szlig; alles Sehnen und Sorgen in
+einem gro&szlig;en Meere endet. Dorthin f&uuml;hrte er
+den Freund, wo er von je auf Wiesen und
+Wellen wie eine himmlische Stadt die k&uuml;nftige
+Welt gesehen hatte, die k&uuml;nftige Welt, wo alles
+gr&ouml;&szlig;er und heller und freier war, wo die Gedanken
+gr&ouml;&szlig;er waren und die Gef&uuml;hle, wo die
+Menschen trotz allen Schaffens und Ringens
+einander mit offenem L&auml;cheln begegneten und
+das Leben immer mehr ein Sonntag und
+Sonnentag wurde.</p>
+
+<p>Sturm hatte ausf&uuml;hrlicher von seiner Mutter
+erz&auml;hlt, und Asmus hatte erwidert, da&szlig; eine
+Schwermut, wie sie die f&uuml;nfzigj&auml;hrige Frau befallen
+habe, doch schon oft geheilt worden sei.
+Unter anderen Beispielen fiel ihm Gutzkow ein,
+<!-- Page 154 --><span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span>
+der schwer gem&uuml;tskrank gewesen sei und danach
+wieder produziert habe. Durch Gutzkow kamen
+sie von selbst in die Literatur hinein, und von
+der Literatur ganz sachte in die Musik. Alfred
+Sturm war fanatischer Wagnerianer; nach zwei
+Takten schwamm er schon &raquo;auf wolkigen H&ouml;h&#8217;n&laquo;;
+Asmus folgte ihm darin nicht einmal bis &uuml;ber
+die B&auml;ume. Da kam ihm nun eine k&ouml;stliche
+List. Er brachte das Gespr&auml;ch auf Wagner und
+lie&szlig; sich in weniger als zehn Minuten bekehren.
+Nicht ganz, damit es nicht auffiel, aber doch
+zu sieben Achteln. Sturm war gl&uuml;ckselig und
+l&auml;chelte wieder; es war ein h&ouml;heres, ein verkl&auml;rtes
+L&auml;cheln. Sein Freund erkannte die
+Gr&ouml;&szlig;e Wagners &#8211; nun konnte man es wirklich
+wieder mit dem Leben versuchen! Beim Abschied
+hielt er die Hand des Asmus fest.</p>
+
+<p>&raquo;Du &#8211;&laquo; sagte er. &raquo;Ich habe dich zuweilen
+gelangweilt mit diesem Morieux. Vergi&szlig; es,
+es war furchtbar kleinlich von mir. Was ist
+Morieux an solchem Abend, du lieber Gott!
+Diesen Abend verge&szlig; ich dir nicht, <em class="gesperrt">solange
+ich lebe</em>!&laquo;</p>
+
+<p>Dann kam der Zug; Sturm stieg ein und
+blieb auch dann noch am Fenster stehen, als
+der Zug schon fuhr. Und durch die tiefe D&auml;mmerung
+des Abends sah Asmus noch lange das
+erdfahle Gesicht am Wagenfenster. Als er wieder
+in seinem Zimmer war, fiel sein Blick auf
+die gelbe Rose. Sie hatte sich nicht erholt.</p>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2" id="Footnote_2">
+</a><a href="#FNanchor_2"><span class="label">[2]</span></a>
+ Der Hamburger Weihnachtsmarkt wird &raquo;Dom&laquo; genannt.</p>
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 155 --><span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span>
+<a name="XXII_Kapitel" id="XXII_Kapitel"></a>XXII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Wie Asmus verlor, was er gefunden.</div>
+
+<p><span class="bigletter">D</span>iesen Abend nicht zu vergessen &#8211; es sollte
+dem armen Sturm nicht schwer werden.
+Wohl erholte seine Mutter sich nach einigen
+Wochen zusehends; aber dann kam Schlimmeres.
+Es sollte gerade wieder das &raquo;Stiftungsfest&laquo; der
+&raquo;Treue&laquo; begangen werden, und Sturm und
+Semper gedachten durch &raquo;Adelaide&laquo;, &raquo;Das Lied
+an den Abendstern&laquo;, &raquo;Tom der Reimer&laquo; und
+andere Kostbarkeiten die Welt in Erstaunen zu
+versetzen, da kam am Morgen des gro&szlig;en Tages
+der Vater Sturms zu Asmus ins Seminar
+und bat mit seiner leisen, h&ouml;flichen Stimme um
+Entschuldigung f&uuml;r seinen Sohn, der heute nicht
+kommen k&ouml;nne, weil er einen Blutsturz gehabt
+habe. Es habe wohl nichts Schlimmes zu bedeuten;
+aber er m&uuml;sse nat&uuml;rlich im Bette bleiben.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Asmus nahm an den folgenden Stunden
+ohne Aufmerksamkeit teil und eilte sofort nach
+Schlu&szlig; des Seminars an das Bett des Freundes.
+Sein Gesicht war fahler denn je, die
+Augen gro&szlig; und feucht. Aber von Krankheit
+<!-- Page 156 --><span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>
+wollte er nichts wissen. Die Eltern erz&auml;hlten,
+da&szlig; er durchaus am Abend zum Stiftungsfest
+wolle und beschworen Semper um seinen Beistand.
+&raquo;Was Sie sagen, das tut er,&laquo; meinten
+sie. Asmus bezweifelte das, behandelte aber
+dem Kranken gegen&uuml;ber den Besuch des Festes
+als etwas selbstverst&auml;ndlich Unm&ouml;gliches. Da
+wurde Sturm, der sich anfangs &uuml;ber Sempers
+Anwesenheit gefreut hatte, bitter und verbissen;
+mit einem z&uuml;rnenden Blick sagte er: &raquo;Du bist
+wie alle andern&laquo; und kehrte sich zur Wand.
+Asmus streichelte ihm leise die Hand und ging.</p>
+
+<p>Am Abend erschien Alfred Sturm auf dem
+Stiftungsfest, heiter und humorvoll, und was
+Asmus auch einwenden mochte, Sturm wollte
+ihn auf dem Klavier begleiten. &raquo;Soll vielleicht
+Morieux dich begleiten?&laquo; fragte er mit
+einem krankhaften Feuer in den Augen. Man
+mu&szlig;te ihn gew&auml;hren lassen. Aber als die Lieder
+gesungen waren, war seine Munterkeit wie
+abgeschnitten; ohne das Mahl und den Tanz
+abzuwarten, h&uuml;llte er sich in seinen &Uuml;berzieher,
+legte sorgsam und glatt, wie es einem eleganten
+jungen Kaufmann geziemt, das seidene Tuch
+um den Hals und ging heim.</p>
+
+<p>Der Exze&szlig; schien ihm nichts geschadet zu
+haben; nach acht Tagen sa&szlig; er wieder im Kontor.
+Aber schon nach vier Wochen streckte ein
+neuer, heftigerer Anfall ihn nieder.</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte mich zerfleischen,&laquo; sagte er zu
+dem Freunde, der an seinem Bette sa&szlig;. &raquo;Ich
+<!-- Page 157 --><span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span>
+bin abscheulich gegen meine Eltern und meine
+Geschwister, und dabei opfern sie sich f&uuml;r mich
+auf. Das wei&szlig; ich ganz genau, und doch kann
+ich nicht anders. Mich &auml;rgert alles, was ich
+sehe, und wenn ich allein bin, heul&#8217; ich vor
+Reue wie ein dummer Junge.&laquo;</p>
+
+<p>Er rappelte sich abermals heraus und zog
+nun ans Elbufer; von der Luft dort hoffte er
+Genesung. Zu einer weiteren Reise langten die
+Mittel nicht. Dort hatten die beiden in Ritschers
+Garten noch einen sch&ouml;nen, sonnigen Nachmittag.</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab&#8217; in einer Ewigkeit keine Zigarre
+geraucht,&laquo; sagte Sturm leise vor sich hin, &raquo;ob
+ich&#8217;s mal wieder riskiere?&laquo;</p>
+
+<p>Asmus riet ihm ab. &raquo;Wart&#8217; noch &#8217;n bi&szlig;chen,
+dann kannst du rauchen, soviel du willst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinst du wirklich, da&szlig; ich wieder ganz
+gesund werden kann?&laquo; fragte Sturm schnell,
+eifrig, mit sehns&uuml;chtig-heiteren Blicken. Das
+Licht der untergehenden Sonne stand in seinen
+Augen.</p>
+
+<p>Asmus lachte laut auf &uuml;ber diesen Zweifel
+an etwas Selbstverst&auml;ndlichem. Und Sturm l&auml;chelte
+gl&uuml;cklich und glaubte dem Freunde alle
+Versicherungen, die er sonst zur&uuml;ckgewiesen hatte.</p>
+
+<p>Und nach einem gl&uuml;cklichen Schweigen
+sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;Du &#8211; gib mir <em class="gesperrt">doch</em> eine Zigarre.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab&#8217; leider keine mehr bei mir,&laquo; log
+Asmus.
+</p>
+
+<p><!-- Page 158 --><span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>
+&raquo;Das ist nicht wahr; ich habe ja gesehen,
+da&szlig; du noch mehrere hast. Daran seh&#8217; ich, was
+du in Wahrheit von meiner Gesundheit h&auml;ltst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, lieber Freund, wer nicht rauchen darf,
+ist deshalb doch noch kein Todeskandidat; bedenk&#8217;
+doch, da&szlig; du erst&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, la&szlig; nur,&laquo; machte Sturm und erhob
+sich. Seine Hoffnung war erloschen wie ein
+Licht von einem Windsto&szlig;. Auf dem Heimwege
+fielen nur ein paar nichtssagende Worte.
+Asmus machte wohl einen Versuch, den Freund
+wieder zu ermuntern; aber dieser sah ihn nur
+mit gro&szlig;en ernsten Augen von der Seite an
+und schwieg. In seiner Verlegenheit und in
+seinem Kummer tat Asmus das Verkehrteste,
+was er tun konnte, er zog die Zigarrentasche
+und sagte: &raquo;Willst du eine Zigarre haben?&laquo;</p>
+
+<p>Sturm lachte kurz auf. &raquo;Nein, ich danke,
+jetzt nicht mehr.&laquo;</p>
+
+<p>Als Asmus ihn nach drei Tagen besuchen
+wollte, vernahm er, da&szlig; Alfred Sturm &raquo;seit
+gestern&laquo; im Hamburger Krankenhause liege, und
+als Asmus dorthin kam, durfte der Kranke nur
+ganz wenig und im leisesten Fl&uuml;stertone sprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie geht&#8217;s?&laquo; fragte Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Sehr gut, ich darf nur nicht sprechen,&laquo;
+fl&uuml;sterte der Kranke. Und Asmus erz&auml;hlte von
+diesem und jenem, wie vern&uuml;nftig es sei, ins
+Krankenhaus zu gehen, wo die Pflege nat&uuml;rlich
+viel umfassender sein k&ouml;nne als zu Hause, und
+wie sehr man den Freund in der &raquo;Treue&laquo; vermisse;
+<!-- Page 159 --><span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span>
+aber es schien ihm, als ob der Patient
+nur mit halber Aufmerksamkeit zuh&ouml;re und als
+ob er um einen Entschlu&szlig; k&auml;mpfe. Endlich zog
+er unter der Bettdecke ein Blatt Papier hervor
+und hielt es dem Freunde hin:</p>
+
+<p>&raquo;Da &#8211; es ist nat&uuml;rlich Unsinn &#8211; aber ich
+wollt&#8217; es dir doch geben &#8211;.&laquo; Asmus nahm
+das Blatt und las:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Auch ich erh&ouml;be gern auf leichten Schwingen</span>
+<span class="i0">Den m&uuml;den Geist zu dichterischem Flug,</span>
+<span class="i0">Und schon seit langem streb&#8217; ich ernst genug,</span>
+<span class="i0">Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen ..&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Es war ein Sonett, in dem der Verfasser
+den Freund mit aller schw&auml;rmenden Begeisterung
+der Jugend pries.</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab&#8217; &#8211; &#8217;ne ganze Nacht &#8211; daran
+gezimmert,&laquo; hauchte der Kranke mit ironischem
+L&auml;cheln. &raquo;Du wirst dar&uuml;ber lachen&nbsp;....&laquo;</p>
+
+<p>Die W&auml;rterin erschien und mahnte mit einem
+Blick, der keinen Widerspruch duldete, zum Aufbruch.
+Asmus ergriff die Hand des Freundes
+und beugte sich &uuml;ber ihn, und sie hatten in
+diesem Augenblick beide dasselbe Gef&uuml;hl: der
+Freund kam ihm mit m&uuml;hsam erhobenem Haupte
+entgegen, und sie k&uuml;&szlig;ten sich auf den Mund.</p>
+
+<p>Das ist unter niederdeutschen J&uuml;nglingen
+etwas Seltenes und Heiliges. Asmus pflegte
+nicht einmal seine Geschwister, nicht einmal seine
+Eltern zu k&uuml;ssen; er hatte nicht einmal seine
+<!-- Page 160 --><span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span>
+Br&uuml;der gek&uuml;&szlig;t, als sie nach Amerika gingen.
+Die Menschen dieses Himmelsstrichs, wenn sie
+Abschied nehmen, tun es mit einem H&auml;ndedruck
+und mit dem Verlangen nach einer Umarmung;
+aber sie geben diesem Verlangen keinen Ausdruck.</p>
+
+<p>Schon am folgenden Tage erhielt Asmus
+die Todesnachricht.</p>
+
+<p>Bei dem Begr&auml;bnis ging es ihm wie bisher
+bei fast allen Begr&auml;bnissen; er konnte nicht
+and&auml;chtig und traurig sein. Dieses herk&ouml;mmliche
+Bestattungszeremoniell mit seinem zelotischen
+Pfaffengesicht (&raquo;Jetzt haben wir dich, du
+S&uuml;nder&laquo;) mit seiner tristen Banalit&auml;t war ihm
+so uns&auml;glich zuwider, da&szlig; er zu keinem reinen
+Gedanken an den Freund kommen konnte. Erst
+zu Hause dehnte sich wieder das Herz. Er
+zog sich in sein Zimmer zur&uuml;ck &#8211; f&uuml;r die w&auml;rmere
+Jahreszeit war er nun doch mit seinen
+Studien aus der Zigarrenstube in das Wohnzimmer
+&uuml;bergesiedelt &#8211; und ging viele Stunden
+lang auf und ab; nur hin und wieder blieb
+er am Fenster stehen und blickte nach der Richtung,
+wo sein Freund nun in der Erde lag.
+Trauriger Wahn, dachte er, auch den toten Menschen
+noch an die finstere Erde zu kerkern, statt
+ihn den freien, seligen L&uuml;ften zu geben.</p>
+
+<p>Von dem endlosen Wandern ersch&ouml;pft, fiel
+er endlich aufs Sofa und wu&szlig;te nicht, warum
+er so ersch&ouml;pft sei. Als er sich erholt hatte, zog
+er die Lampe n&auml;her heran, desgleichen Tinte
+und Papier und begann zu schreiben:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<!-- Page 161 -->
+<span class="i0"><span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span>
+<em class="gesperrt">An meinen toten Freund A. S.</em></span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Auch ich erh&ouml;be gern auf leichten Schwingen</span>
+<span class="i0">Den m&uuml;den Geist zu dichterischem Flug,</span>
+<span class="i0">Und schon seit langem streb&#8217; ich ernst genug,</span>
+<span class="i0">Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.&laquo;</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">So schriebst Du j&uuml;ngst nach qualerf&uuml;lltem Ringen,</span>
+<span class="i0">Als n&auml;chtens nach des Schlummers mildem Trug</span>
+<span class="i0">Dein brennend Aug&#8217; umsonst Verlangen trug,</span>
+<span class="i0">Und heute h&ouml;r&#8217; ich&#8217;s noch im Herzen klingen.</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Begn&uuml;ge Dich! Du tr&auml;gst nach hei&szlig;em Ringen</span>
+<span class="i0">Ins Reich der Geister ungetr&uuml;bt von hinnen</span>
+<span class="i0">Die hehre Poesie der Herzensreinheit.</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Auch ich erh&ouml;be gern auf leichten Schwingen</span>
+<span class="i0">Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen,</span>
+<span class="i0">So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit.</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i8">*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Auf Deinen Sarg f&auml;llt manche Tr&auml;ne nieder</span>
+<span class="i0">Und bange Seufzer irren durch die Luft.</span>
+<span class="i0">Ich starre trocknen Auges in die Gruft;</span>
+<span class="i0">Kein warmer Tropfen quillt durch meine Lider.</span>
+</div>
+
+
+<div class="stanza">
+<!-- Page 162 --><span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>
+<span class="i0">Ich steh&#8217; bet&auml;ubt, von Schmerz gel&auml;hmt die Glieder,</span>
+<span class="i0">Und fa&szlig; es nicht, da&szlig; unter Glanz und Duft</span>
+<span class="i0">So holder Blumen g&auml;hnt die d&uuml;stre Kluft&nbsp;...</span>
+<span class="i0">Ich kann nicht weinen. Doch ich kehre wieder!</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn ich die Menschheit jammernd h&ouml;re sagen:</span>
+<span class="i0">&raquo;Die Besten m&uuml;ssen fr&uuml;h von hinnen gehen!&laquo;</span>
+<span class="i0">Dann wird zu Dir mich die Erinnrung tragen.</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">An Deiner Gruft werd&#8217; ich im Geiste stehen,</span>
+<span class="i0">Und von der Menschheit angsterf&uuml;lltem Klagen</span>
+<span class="i0">Wird auch ein Hauch um diese St&auml;tte wehen.</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i8">*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*</span>
+</div></div>
+
+<p>Aber tiefer und sehrender, als es aus diesen
+pathetischen J&uuml;nglingsversen klang, wurde das
+Weh, als nun die Tage kamen und gingen
+ohne den Freund und als er in der n&auml;chsten
+Versammlung der &raquo;Treue&laquo; das Gesicht des
+Besten vergebens suchte. Er war einsilbig und
+ernst und ging lange vor der gewohnten Zeit
+nach Hause.</p>
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 163 --><span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>
+<a name="XXIII_Kapitel" id="XXIII_Kapitel"></a>XXIII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus als Verteidiger zweifelhafter Unschulden und
+Adolfine Moles als Seminardirektor.</div>
+
+<p><span class="bigletter">D</span>as gigantische Schicksal, das immer vornehm
+bleibt, hat eine kleine schiel&auml;ugige, bucklige
+und boshafte Schwester, die ein Vergn&uuml;gen
+daran findet, den Verfolgten und Leidenden
+im Augenblick ihres gr&ouml;&szlig;ten Ungl&uuml;cks noch einen
+kleinen Extrapr&uuml;gel zwischen die Beine zu werfen,
+oder sie durch einen heimlich angef&uuml;gten
+Zettel l&auml;cherlich zu machen, oder ihnen just
+in dem Augenblick, da ihr Recht an den Tag
+kommen soll, eine kleine Schuld vor die F&uuml;&szlig;e
+zu rollen, da&szlig; sie straucheln. Wenn ein Lump
+und ein Ehrenmann vor dem Richter stehen,
+dann wird im Gerichtssaal immer ein Steinchen
+liegen, an dem der Redliche sich den Fu&szlig;
+verstaucht. So gingen denn zu der Zeit, als
+Semper den eben verlorenen Freund betrauerte
+und der &raquo;Klassenkampf&laquo; zwischen den Seybolden
+und den &raquo;Sch&auml;flein&laquo; (ein ewiger Klassenkampf!)
+den h&ouml;chsten Hitzegrad erreicht hatte, Morieux,
+Semper und zwei andere Sch&auml;flein, Namens
+<!-- Page 164 --><span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>
+Kl&ouml;hn und Wackerbarth, &uuml;ber den &raquo;Dragonerstall&laquo;
+durch das Holstentor. Morieux hatte gerade
+einen kolossalen Witz erz&auml;hlt, und alle vier
+J&uuml;nglinge lachten laut, als ihnen ein langer,
+grauer Pastor in den Weg kam.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Halloh, Pastor Zump!&laquo; rief Kl&ouml;hn nicht
+eben laut, aber doch laut genug f&uuml;r das Ohr
+des Geistlichen, und da die vier einmal im
+Lachen waren, so lachten sie weiter. Es war
+eine Art Backfischgekicher ins Jungenhafte &uuml;bersetzt.
+Asmus kannte keinen Pastor Zump und
+fragte: Wer ist das? und bemerkte den Mann
+erst, als er vor&uuml;ber war. Er hatte rein nach
+dem Gesetz der Beharrung weitergelacht. Aber
+&raquo;langgebeint, mit langen S&auml;tzen&laquo; kam der
+Mann alsbald zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;en Sie?&laquo; fuhr er Morieux an.</p>
+
+<p>&raquo;Wieso?&laquo; fragte der.</p>
+
+<p>&raquo;Wollen Sie mir Ihren Namen nennen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu
+kennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollen <em class="gesperrt">Sie</em> mir Ihren Namen nennen?&laquo;
+wandte er sich an Wackerbarth.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das kann ich ja tun,&laquo; sagte der, &raquo;ich
+hei&szlig;e Wackerbarth.&laquo;</p>
+
+<p>Das gen&uuml;gte dem Geistlichen. Als er gegangen
+war, erfuhr Asmus, da&szlig; Herr Zump ein
+hochorthodoxer, ja pietistischer Geistlicher sei, der
+ein ganz frommes Bl&auml;ttchen herausgebe und mit
+diesem Bl&auml;ttchen oft in der liberalen Presse verspottet
+werde.</p>
+
+<p><!-- Page 165 --><span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span>
+Am andern Morgen wurde Wackerbarth zum
+Direktor zitiert, und dem mu&szlig;te er die &raquo;Mitschuldigen&laquo;
+nennen. Semper nannte er nicht
+mit, weil er ihn f&uuml;r g&auml;nzlich unbeteiligt hielt.
+Eine Stunde sp&auml;ter schnob und stob Herr <em class="antiqua">Dr.</em>
+Korn zur Klasse herein und stellte sich am Katheder
+auf.</p>
+
+<p>&raquo;Wackerbarth!&laquo; rief er.</p>
+
+<p>&raquo;Hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kl&ouml;hn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Morieux!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben jestern einen Geistlichen auf
+offener Stra&szlig;e verh&ouml;hnt... Was woll&#8217;n Sie?&laquo;
+schnauzte er Sempern an, der aufgestanden war.</p>
+
+<p>&raquo;Ich war auch mit dabei,&laquo; sagte Semper.
+Der &raquo;Pfaffe&laquo; reizte seinen Zorn.</p>
+
+<p>Der Direktor schnappte. Was? Semper?
+Der Musterknabe? Er war einen Augenblick
+sprachlos. Aber dann fuhr er los mit gedoppelter
+Kraft:</p>
+
+<p>&raquo;Also: man sollt&#8217;s kaum jlauben! Vier
+junge Leute, die sich zu den jebildeten rechnen,
+<em class="gesperrt">die Lehrer werden wollen</em>! (hier br&uuml;llte
+der gute Korn f&ouml;rmlich) betragen sich wie der
+Janhagel und insultieren auf offener Stra&szlig;e
+einen Jeistlichen unserer Vaterstadt! Und als
+der Mann den einen um seinen Namen fragt,
+hat der die Impertinenz, zu sagen: &#8216;Ick habe
+die Ehre, Sie nich zu kennen!&#8217;&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 166 --><span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>
+Semper und Morieux erhoben sich wie zwei
+abgeschossene Raketen.</p>
+
+<p>&raquo;Wat woll&#8217;n Sie?&laquo; schrie der Direktor Morieux
+an.</p>
+
+<p>&raquo;Das habe ich <em class="gesperrt">nicht</em> gesagt,&laquo; rief Morieux,
+der in der Erregung die wunderbarsten Fratzen
+schnitt.</p>
+
+<p>&raquo;Wat woll&#8217;n <em class="gesperrt">Sie</em>?&laquo; heulte der Direktor
+gegen Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will bezeugen, da&szlig; Morieux das <em class="gesperrt">nicht</em>
+gesagt hat. Er hat gesagt: &raquo;Ich habe nicht die
+Ehre, Sie zu kennen.&laquo; Und dann erz&auml;hlte Asmus
+den ganzen Vorgang, wie er sich zugetragen
+hatte.</p>
+
+<p>&raquo;So,&laquo; machte Korn und schnappte wieder.
+&raquo;Na, ick sage Ihnen soviel: Sie jehen noch
+heute alle mit&#8217;nander hin zu dem Mann.
+Nimmt er Ihre Erkl&auml;rung an, is&#8217;s jut. Tut
+er&#8217;s nicht, dann sind Se hier fertig. Dann
+werden Sie eliminiert.&laquo; Und damit stampfte
+er aus der Klasse.</p>
+
+<p>Da war er ja in eine h&uuml;bsche Aff&auml;re hineingeraten!
+Und dabei hatte er wirklich nicht
+&uuml;ber Seine Hochw&uuml;rden gelacht, sondern &uuml;ber
+den Witz. Aber sollte er sich jetzt, da sie in
+der Klemme waren, von den Gef&auml;hrten, die
+ihm Treue gehalten, trennen und wie ein B&uuml;bchen
+rufen: &raquo;Ich bin es nicht gewesen!?&laquo; Das
+w&uuml;rde wie Feigheit aussehen, und darum war
+es ausgeschlossen.</p>
+
+<p>Die drei ernannten Sempern zu ihrem
+<!-- Page 167 --><span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>
+Sprecher, und vier Mann hoch zogen sie im
+Studierzimmer Sr. Hochw&uuml;rden auf. Es war
+ein so langer Pastor, da&szlig; Asmus, wenn er
+die Augen geradeaus richtete, genau auf den
+Magen des Gottesmannes blickte. Und da es
+ihm unnat&uuml;rlich war, den Kopf in den Nacken
+zu legen, so richtete er seine Ansprache schlie&szlig;lich
+nur noch an den Bauch des Herrn Pastors.</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr Direktor verlangt,&laquo; sagte Asmus,
+&raquo;da&szlig; wir Ihnen eine Erkl&auml;rung unseres
+Verhaltens geben. Mein Freund hat uns ein
+Wortspiel erz&auml;hlt, und dar&uuml;ber haben wir gelacht.
+Mitten im Gel&auml;chter hat dann einer gesagt:
+&#8216;Da kommt Pastor Zump!&#8217; Wir haben
+aber nicht &uuml;ber Sie gelacht.&laquo;</p>
+
+<p>Das stimmte nun nicht recht; aber Asmus
+als erw&auml;hlter F&uuml;hrer hielt es f&uuml;r Ehrenpflicht,
+seine Kameraden herauszupauken.</p>
+
+<p>Der Geistliche antwortete im sch&ouml;nsten
+Kanzelton:</p>
+
+<p>&raquo;Sie erwarten doch wohl nicht, da&szlig; ich
+diese Erkl&auml;rung annehme. Ich habe den Herrn
+Direktor gebeten, Sie nicht zu bestrafen (das
+stimmte) und wenn Sie kommen, um Verzeihung
+zu bitten, so ist die Sache f&uuml;r mich
+erledigt; wenn Sie aber erkl&auml;ren, Sie h&auml;tten
+nicht &uuml;ber mich, sondern &uuml;ber ein Wortspiel
+gelacht &#8211; <em class="antiqua">quod non</em>!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir k&ouml;nnen nichts anderes sagen,&laquo; bemerkte
+Asmus gegen den Bauch des Herrn Zump.</p>
+
+<p><!-- Page 168 --><span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>
+&raquo;Und Sie?&laquo; wandte Zump sich an Kl&ouml;hn.
+&raquo;K&ouml;nnen Sie mir auch nichts anderes sagen?
+Sie waren es doch, der da rief: &#8216;Halloh, Pastor
+Zump&#8217; und h&ouml;hnisch dazu lachte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das hat er nicht getan!&laquo; rief Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Schweigen Sie doch!&laquo; rief der Pastor
+zornig, &raquo;wie k&ouml;nnen Sie das wissen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich meinen Freund kenne; dergleichen
+tut er nicht,&laquo; versetzte Asmus als Eideshelfer.</p>
+
+<p>&raquo;Ich rede &uuml;berhaupt nicht mehr mit Ihnen!&laquo;
+eiferte Zump gegen Sempern und wandte sich
+an Morieux.</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie? Haben Sie etwa nicht gesagt:
+&raquo;Ich habe die Ehre, Sie nicht zu kennen!&laquo;
+(Das schien der Pastor also wirklich geh&ouml;rt zu
+haben.)</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; rief Morieux mit diabolischen Gesichtsverzerrungen,
+&raquo;ich habe gesagt, da&szlig; ich
+nicht die Ehre h&auml;tte, Sie zu kennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl, das hat er gesagt,&laquo; erkl&auml;rte Asmus
+mit Nachdruck, und die andern stimmten zu.</p>
+
+<p>Pastor Zump warf einen Blick auf ihn
+wie der Prophet Elisa auf jene Knaben, die
+er von zween B&auml;ren zerrei&szlig;en lie&szlig;, dieweil sie
+gerufen hatten: &raquo;Kahlkopf, komm herauf!&laquo;</p>
+
+<p>Und dann machte er eine gro&szlig;e Armbewegung
+&uuml;ber alle vier K&ouml;pfe hin und sagte:
+&raquo;Ich bin fertig mit Ihnen, Adieu.&laquo; Aber als
+sie nahe der T&uuml;r waren, sprach er mit einem
+besonderen Blick f&uuml;r die drei anderen (Asmussen
+w&uuml;rdigte er keines Blickes mehr): &raquo;Wenn der
+<!-- Page 169 --><span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span>
+eine oder der andere von Ihnen mir etwas
+anzuvertrauen hat, so werde ich ihn gern empfangen.&laquo;</p>
+
+<p>Er mochte wohl hoffen, da&szlig; einer von den
+dreien vor Unterleibsschw&auml;che abfallen und reum&uuml;tiges
+Bekenntnis ablegen werde, und das
+war nicht fein von ihm. Nach vielen Jahren
+erst erfuhr Asmus aus wahrem Munde, da&szlig;
+dieser Pastor Zump ein guter, hilfsbereiter und
+opferfreudiger Mann gewesen sei. Seine Verfolgung
+der vier J&uuml;nglinge war vermutlich auch
+so ein Steinchen gewesen, das ihm die bucklige
+Schwester des Schicksals unter die F&uuml;&szlig;e gerollt
+hatte.</p>
+
+<p>Einstweilen war er f&uuml;r Asmussen der rachs&uuml;chtige
+Pfaffe, der Hoogstraten und Peter Arbues,
+den er nie in seinem Leben um Verzeihung
+bitten w&uuml;rde. Dann aber kam die Relegation.
+Dann war alle M&uuml;he und Sorge von
+viertehalb Jahren dahin, dann konnte er alle
+seine Fr&uuml;hlingshoffnungen begraben und Zigarrenmacher
+werden. Das Geld, ihn auf einem
+ausw&auml;rtigen Seminar zu erhalten, konnten
+weder er noch seine Eltern aufbringen. Ihm
+war &uuml;bel ums Herz, und er verbrachte eine
+schlaflose Nacht.</p>
+
+<p>Das Schlimmste war, da&szlig; das Herz nicht
+ganz frei war. Er selbst hatte zwar den Mann
+nicht verlacht; aber er hatte die andern unbedingt
+in Schutz genommen, und das war doch gewi&szlig;:
+zum mindesten Kl&ouml;hn hatte eine starke Ungezogenheit
+<!-- Page 170 --><span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>
+begangen. Wenn man wahr sein
+wollte, mu&szlig;te man das eingestehen. Aber
+darum Bu&szlig;e tun in Sack und Asche, wie Uriel
+Acosta, vor diesem &raquo;hochm&uuml;tigen, intriganten
+Priester&laquo;?! Asmus fuhr mit einem kurzen
+Lachen von seinem Bett empor und warf sich
+wuchtig wieder zur&uuml;ck auf das zerw&uuml;hlte Lager.
+Aber &uuml;bel war ihm zu Sinn; es ist schlimm,
+wenn eine Wunde nicht ganz rein ist.</p>
+
+<p>Erst nahe vor Morgen verfiel er in einen
+leisen Halbschlaf. Der Direktor stand vor ihm
+und sagte: &raquo;<em class="gesperrt">Sie</em> wollen Lehrer werden? Sie
+sind wohl verr&uuml;ckt!&laquo; Und dabei hatte er vollkommen
+das Gesicht von Adolfine Moses.</p>
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 171 --><span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>
+<a name="XXIV_Kapitel" id="XXIV_Kapitel"></a>XXIV. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Die Bucklige lacht: aber die Schlanke macht es wieder
+gut. &#8211; Der Schiffbr&uuml;chige von Salas y Gomez als
+Mittler zwischen den Parteien.</div>
+
+
+<p><span class="bigletter">Z</span>wei Stunden sp&auml;ter traten die vier im G&auml;nsemarsch
+bei dem Direktor ein, Semper wieder
+voran.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Wir haben dem Herrn Pastor erkl&auml;rt, da&szlig;
+unser Lachen nicht ihm gegolten habe; aber
+er will diese Erkl&auml;rung nicht annehmen,&laquo; berichtete
+Asmus und erwartete das Vernichtungsurteil.</p>
+
+<p>Der Direktor ging einmal das Zimmer auf
+und ab und durchstach dann alle vier, jeden
+einzeln, mit einem Blick. Dann ging er noch
+einmal auf und ab und durchstach hierauf Asmussen
+mit einem besonders langen Blick. Und
+dann sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen jeh&#8217;n.&laquo;</p>
+
+<p>Die Angelegenheit war erledigt. Sie war
+erledigt f&uuml;r den Direktor und den Pastor;
+keiner kam wieder darauf zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Aber nicht erledigt war sie f&uuml;r die Seybolde
+<!-- Page 172 --><span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>
+und Wiedem&auml;nner. Das war ja k&ouml;stlich! Das
+war ja erbaulich! Also so waren die &raquo;Sch&auml;flein&laquo;,
+wenn sie unter sich waren! Dann betrugen
+sie sich wie die Gassenbuben und bewarfen
+Geistliche (im Ornat! versicherte einer)
+mit Steinen! mit Schmutz! Das waren also die
+Leutchen, die eine Eins bekamen, wenn andere
+nur eine Zwei kriegten! Das waren die Herren,
+die mit hochm&uuml;tiger Verachtung erwiderten,
+wenn man ihnen vorhielt, da&szlig; sie ihre Kollegen
+beim Direktor verraten h&auml;tten! F&uuml;r die Sch&auml;flein,
+und sonderlich nat&uuml;rlich f&uuml;r Asmussen,
+kamen schlimme Tage, und die kleine schiel&auml;ugige
+Schwester des Schicksals lachte, da&szlig; ihr
+der Buckel tanzte und rief:</p>
+
+<p>&raquo;Du glaubst, wer recht hat, m&uuml;sse obendrein
+auch noch Recht <em class="gesperrt">bekommen</em>? Du bist wohl
+verr&uuml;ckt?!&laquo;</p>
+
+<p>In dieser Zeit, da ihm die Welt ein ausgesucht
+widerw&auml;rtiges Gesicht machte, sollte er
+etwas erleben, was nach &raquo;Duplizit&auml;t der Ereignisse&laquo;
+aussah. Wie sich ihm n&auml;mlich einst,
+da er noch ein Knabe war, aus dunklem Bangen
+ein Weg ins Licht gezeigt hatte, als er zwischen
+den Bahnd&auml;mmen in der Rainstra&szlig;e, vor der
+T&uuml;r einer Schenke, einem lieben braunen M&auml;dchen
+begegnet war, so sollte er auch jetzt wieder
+bei einem braunen M&auml;dchen Erhebung und Erheiterung
+des Herzens finden. Herr Mansfeld,
+ein befreundeter Lehrer, hatte ihn zum Abendbrot
+eingeladen, und als Asmus nun die Treppen
+<!-- Page 173 --><span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>
+zur Wohnung des Gastfreundes emporstieg,
+stand da auf einem Absatz eine rankgewachsene
+Br&uuml;nette und blickte nachdenklich auf einen
+Koffer ihr zu F&uuml;&szlig;en, der nicht allzu leicht sein
+mochte. Es war Fr&auml;ulein Hilde Chavonne, seine
+ehemalige Kollegin. Sie stand im Begriff, zu
+eben den Lehrersleuten, die Asmus geladen
+hatten, in Pension zu gehen, und Asmus bat
+bescheidentlich um die Erlaubnis, ihr den Koffer
+hinauftragen zu d&uuml;rfen. Das gew&auml;hrte sie mit
+einem gn&auml;digen L&auml;cheln, und als man droben
+war, halfen Asmus und Herr Mansfeld beim
+Auspacken der B&uuml;cher, die der Koffer enthielt.
+Dabei schlug sich von selbst ein starkes, l&auml;ngliches
+Heft auf, das mit der Hand gezeichnete
+und kolorierte Landkarten enthielt.</p>
+
+<p>&raquo;O, wie famos!&laquo; rief Asmus. &raquo;Haben Sie
+die gezeichnet?&laquo;</p>
+
+<p>Hilde klappte schnell das Heft zu. &raquo;Machen
+Sie sich nicht lustig dar&uuml;ber!&laquo; rief sie &auml;ngstlich.
+&raquo;Sie k&ouml;nnen es gewi&szlig; tausendmal besser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich? Ich kann gar nichts, ich kann &uuml;berhaupt
+nicht zeichnen,&laquo; sagte Asmus.</p>
+
+<p>Sie sah ihn zweifelnd an; aber als sie in
+seine Augen sah, glaubte sie ihm, und nun schlug
+sie langsam selbst das Heft wieder auf, und
+von Blatt zu Blatt, wie er staunte und lobte,
+wurde sie heiterer und stolzer. Sie stand dicht
+neben ihm, und dabei geschah es, als er sich
+&uuml;ber das Heft b&uuml;ckte, da&szlig; der &Auml;rmel ihres Kleides
+<!-- Page 174 --><span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>
+seine Wange streifte. Von diesem Augenblick an
+war Asmus wieder gl&uuml;cklich.</p>
+
+<p>Sie erschien nicht beim Abendbrot, weil sie
+m&uuml;de war, und &uuml;berhaupt blieb es auf lange
+Zeit hinaus bei dieser fl&uuml;chtigen Begegnung.</p>
+
+<p>Merkw&uuml;rdig, dachte er im Nachhausegehen:
+ein ganz &auml;hnliches Gef&uuml;hl hab ich schon einmal
+gehabt &#8211; ganz so wie jetzt war die Welt schon
+einmal &#8211; nicht die gew&ouml;hnliche Welt, aber die
+andre, die immer &uuml;ber ihr schwebt wie Morgenduft
+&uuml;ber den H&uuml;geln, die war schon einmal
+so, damals, als ich zwischen den Bahnd&auml;mmen
+&raquo;am Rain&laquo; mit dem kleinen braunen M&auml;dchen
+geplaudert hatte, mit der &raquo;K&ouml;nigin der Mainotten&laquo;.
+Und was noch merkw&uuml;rdiger ist, die
+beiden haben in gewisser Hinsicht etwas &Uuml;bereinstimmendes
+&#8211; nicht nur, da&szlig; sie beide braunes
+Haar und braune Augen haben, das will nichts
+sagen &#8211; auch der Teint und das ganze Aussehen
+&#8211; auch das Fr&auml;ulein Chavonne hat etwas
+Fremdl&auml;ndisches &#8211; so &#8211; so etwas Franz&ouml;sisches
+&#8211; &uuml;brigens ist ja auch ihr Name franz&ouml;sisch.
+Aber ihr Wesen ist &#8211; gewi&szlig;: es ist deutsch
+&#8211; und doch wieder so ganz anders als das des
+f&uuml;rchterlichen &raquo;deutschen Weibes&laquo; mit der H&auml;kelnadel.
+Wenn man sie zu Pferde s&auml;he, dachte er,
+mit wehendem Schleier, den Falken auf der
+Faust, auf dieser seinen, schmalen Faust &#8211; es
+w&uuml;rde keinen Augenblick &uuml;berraschen.</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wie sitzest du zu Pferde</span>
+<span class="i0">So k&ouml;niglich und schlank!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p><!-- Page 175 --><span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>
+sang er vor sich hin, da&szlig; ein vor&uuml;bergehender
+B&uuml;rger stutzte und ihn anstarrte....</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Seit diesem Abend f&uuml;hlte sich Asmus auf
+eine wunderbare Weise frei und leicht, und er
+trug das Leben wieder mit aufgerichteten Schultern.
+Er h&auml;tte nicht sagen k&ouml;nnen, woher das
+kam; es kam aber einfach daher, da&szlig; ihn in
+dieser armen, b&uuml;rgerlichen Lehrerin ein adliger
+Mensch ber&uuml;hrt hatte, und das hatte um so wundersamer
+gewirkt, als es menschlicher P&ouml;bel war,
+der sein Leben verfinstert hatte.</p>
+
+<p>Seybold und Wiedemann waren ganz unzweifelhaft
+P&ouml;bel; da&szlig; aber unter den anderen
+Feinden auch anderes Material war, das sollte
+er bald erfahren. Zun&auml;chst freilich schienen die
+Gegens&auml;tze noch unvers&ouml;hnlich. Herr Quasebarth
+brachte eines Tages die Rede auf den die Klasse
+zerspaltenden Streit und sprach sein Bedauern
+aus.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; rief eines der Antisch&auml;flein, &raquo;die andere
+Partei macht ja auch nicht den geringsten
+Versuch zu einer Ann&auml;herung.&laquo;</p>
+
+<p>Da lachte Asmus laut auf, da&szlig; es durch
+die Klasse scholl.</p>
+
+<p>Seit vielen Monaten geschah ihnen Unrecht
+auf Unrecht &#8211; und da sollten sie etwa noch
+um Frieden betteln? Lieber &raquo;Kampf bis zur
+Vernichtung&laquo;.</p>
+
+<p>Seiner Jugend erschien die Welt als ein
+ehrenhaftes Gesch&auml;ft, bei dem man eine berechtigte
+Forderung nur zu pr&auml;sentieren brauche, um
+<!-- Page 176 --><span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>
+sofort Zahlung zu erhalten. Er ahnte noch
+nicht, da&szlig; dieses allerdings reelle Gesch&auml;ft eine
+sehr weitsichtige Buchf&uuml;hrung hat und da&szlig;
+seine Bilanzen oft erst nach zehn, nach f&uuml;nfzig,
+nach hundert Jahren oder sp&auml;ter erscheinen, je
+nach der Gr&ouml;&szlig;e des Gegenstandes. Man kann
+diese Welt auch ein Gericht nennen und das
+Leben einen Proze&szlig;, der durch hundert oder
+tausend Instanzen geht. Man bekommt gew&ouml;hnlich
+sein Recht, aber oft mit einer Begr&uuml;ndung,
+die man nicht erwartet hat, und
+manchmal, wenn man das Urteil erh&auml;lt, ist
+man tot.</p>
+
+<p>Bald darauf, in der Rezitationsstunde trug
+Asmus aus dem Kopfe &raquo;Salas y Gomez&laquo; vor,
+mit s&auml;mtlichen drei Schiefertafeln. Als er nach
+dieser Stunde &uuml;ber den Korridor ging, stie&szlig; er
+auf Herrn Rothgr&uuml;n, der in der Nachbarklasse
+Sempers Freudenschrei:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ein Schiff! Ein Schiff! Mit vollen Segeln lenkt</span>
+<span class="i0">Es herw&auml;rts seinen Lauf, mit vollem Winde!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>vernommen hatte. Und Rothgr&uuml;n meinte mit
+wohlwollendem L&auml;cheln: &raquo;Glauben Sie wohl,
+da&szlig; der Mann noch eine so starke Stimme
+hatte, nachdem er jahrelang blo&szlig; von Eiern
+gelebt hatte?&laquo; Rothgr&uuml;n war eben Kritiker.
+Anders aber war der Seminarist Blankenburg.
+Er trat nach dieser Stunde an einige H&auml;upter
+seiner Partei heran und sagte:</p>
+
+<div class="textbody">
+<p><!-- Page 177 --><span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>
+&raquo;Ich finde, es geht nicht l&auml;nger. Wir k&ouml;nnen
+den Verruf nicht weiter aufrechterhalten. Im
+Grunde war es ja doch nur Neid. Da&szlig; er
+Kollegen beim Direktor verpetzen k&ouml;nnte, glaubt
+ja l&auml;ngst kein Mensch mehr. Wir blamieren
+uns. Und <em class="gesperrt">wir</em> m&uuml;ssen wieder anfangen.&laquo;</p>
+
+<p>Und in den andern wachte die Hochherzigkeit
+des J&uuml;nglingsalters freudig wieder auf,
+und es wurde beschlossen, auf dem bevorstehenden
+Bergfeste die feierliche Vers&ouml;hnung zu begehen.</p>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 178 --><span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>
+<a name="XXV_Kapitel" id="XXV_Kapitel"></a>XXV. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Was eigentlich ein Bergfest ist, und warum Dr.&nbsp;Korn
+den ersten Toast bekam.</div>
+
+<p><span class="bigletter">D</span>as Bergfest! Wenn von den sechs Seminarsemestern
+drei verflossen waren und also
+der Berg des &Auml;rgernisses bis zum Gipfel &uuml;berwunden
+war, pflegte man das &raquo;Bergfest&laquo; zu
+feiern. Und diesmal sollten der Direktor und
+alle Lehrer dazu geladen werden.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Vor der n&auml;chsten psychologischen Stunde hub
+der Herr Direktor also an: &raquo;&#8217;n Bergfest woll&#8217;n
+Se feiern. Ich habe erst jar nicht verstanden,
+was das sein soll. Ich habe jedacht: wieso
+woll&#8217;n denn Seminaristen des Flachlandes &#8217;n
+&raquo;Bergfest&laquo; feiern! Schlie&szlig;lich hab ich mir&#8217;s
+erkl&auml;ren lassen. Das hei&szlig;t: &raquo;Jott sei Dank, nu
+sind wir &uuml;ber&#8217;n Berg!&laquo; Ick will Ihnen mal
+wat sagen: Freu&#8217;n Se sich, wenn Se noch Zeit
+und Jelegenheit haben, wat zu lernen; sp&auml;ter
+wird&#8217;s anders! Wenn Se Ihr Examen jemacht
+haben, feiern Se meinetwegen Feste, aber
+<em class="gesperrt">den</em> Unsinn mach&#8217; ick nich mit!&laquo;</p>
+
+<p>Er fing immer ziemlich hochdeutsch an, aber
+<!-- Page 179 --><span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>
+je l&auml;nger er sprach, desto berlinerischer wurde
+er und desto mehr w&uuml;rzte er seinen Vortrag
+mit Berliner Anekdoten. Wenn er mit einem
+Vortrag &uuml;ber Zeit und Raum begonnen hatte,
+so war er nach einer Viertelstunde bei Bismarck
+oder Moltke oder bei seinen Lehrern Lazarus
+und Steinthal (&raquo;der Steinthal is man so&#8217;n janz
+kleenes M&auml;nneken mit&#8217;n Zahntuch um&#8217;n Kopp
+&#8211; wenn man&#8217;n auf der Stra&szlig;e sieht, m&ouml;cht&#8217; man
+ihm &#8217;n Jroschen schenken&laquo; &#8211; und dann pries er
+ihn in begeisterten Erinnerungen) oder er kam
+auf die Berliner Schutzleute oder auf Eugen
+Richter.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn man den Richter nachts aufweckt
+und sagt: Richter, halt mal &#8217;ne Rede! denn
+kann er&#8217;s, un wenn man sagt: Richter, nu halt
+mal eine dajegen! denn kann er&#8217;s ooch. Aber
+&#8217;n janzer Kerl is er doch!&laquo;</p>
+
+<p>Das Bergfest wurde also ohne Direktor und
+ohne Lehrer, nichtsdestoweniger aber mit Glanz
+gefeiert. Niemand r&uuml;hrte mit Wort oder Miene
+an das Vergangene; Sch&auml;flein und W&ouml;lfe benahmen
+sich gleich taktvoll; nur Morieux zog
+einmal Sempern auf die Seite und fl&uuml;sterte
+erregt:</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t eine Rede halten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich? Wor&uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na &#8211; zum Dank f&uuml;r die Einladung!&laquo;</p>
+
+<p>Asmus brach in ein schallendes Gel&auml;chter
+aus.</p>
+
+<p>&raquo;Das k&ouml;nnte mir fehlen! Nein, mein Junge,
+<!-- Page 180 --><span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span>
+ich bin sehr vergn&uuml;gt und feire das Fest ohne
+jeden Hintergedanken &#8211; aber auch noch &raquo;danke&laquo;
+sagen &#8211;? Das mach du nur selber! Das
+hei&szlig;t, wenn du&#8217;s tust, erschlage ich dich!&laquo; f&uuml;gte
+er schnell hinzu.</p>
+
+<p>Und zu den h&uuml;bschesten Dingen dieses Festes
+geh&ouml;rte es, da&szlig; der erste Trinkspruch, den der
+Pr&auml;side ausbrachte, dem Direktor galt. Er hatte
+sie auch bei dieser Gelegenheit nicht eben liebensw&uuml;rdig
+behandelt; aber sie liebten ihn alle;
+denn er hatte das eine, f&uuml;r das die Jugend ein
+so besonders feines und lebhaftes Empfinden
+besitzt: Gerechtigkeitsgef&uuml;hl. Die Jugend vers&ouml;hnt
+sich mit dem strengsten Zuchtmeister, wenn
+er gerecht ist, und sie verachtet, sie ha&szlig;t den willf&auml;hrigsten
+Lenker, wenn er das Recht beugt. Sie
+wu&szlig;ten es alle: dieser <em class="antiqua">Dr.</em> Korn hatte ein R&uuml;ckgrat
+nach oben und nach unten, und wenn es
+in einem Konflikt zwischen Lehrer und Sch&uuml;ler
+zu entscheiden galt, so waren sie ihm nicht Lehrer
+und Sch&uuml;ler, sondern Menschen. In aller Ged&auml;chtnis
+strahlte mit unausl&ouml;schlichem Glanze
+ein Richterspruch des &raquo;Alten&laquo;. Ein Religionslehrer
+hatte mit allerlei verf&auml;nglichen Fragen
+einen verd&auml;chtigen J&uuml;ngling auf seine Rechtgl&auml;ubigkeit
+untersucht. Der J&uuml;ngling beschwerte
+sich bei dem Direktor &uuml;ber diese Bel&auml;stigungen,
+und Korn, als er beide Parteien geh&ouml;rt hatte,
+sagte: &raquo;Herr Doktor, Sie haben sich aller Jewissensfragen
+zu enthalten. Wir sind hier tolerant.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 181 --><span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>
+Es war zu jener Zeit, als der leise schreitende
+Einflu&szlig; der Geistlichkeit noch nicht &uuml;berall
+war und die oberen Stellen nicht mit den
+G&uuml;nstlingen der Kirche, sondern mit den G&uuml;nstlingen
+Minervens besetzt wurden.</p>
+
+<p>Von der orthodoxen Theologie war der
+Mann allerdings weit entfernt; er war Philolog und Philosoph
+und liebte das Zeitalter der
+Aufkl&auml;rung und der Enzyklop&auml;disten, das er
+mit spr&uuml;hendem Geist, lebendig und gro&szlig; darzustellen
+wu&szlig;te, so gro&szlig;, da&szlig; Asmus, wenn
+ihm sp&auml;ter der banale Aufkl&auml;richt in seiner
+ganzen Schrecknis begegnete, nie mehr vergessen
+konnte, wie die Gedanken, die klein sind in den
+kleinen K&ouml;pfen, gro&szlig; gewesen in den gro&szlig;en.
+Wenn er ein Kapitel des christlichen Glaubens
+behandelte, etwa die Dreieinigkeit, so trug er
+es genau nach der Dogmatik vor, ohne Kritik
+und ohne Polemik, und wenn er fertig war,
+sagte er aufatmend:</p>
+
+<p>&raquo;So. Das lehrt die Kirche. Was Sie davon
+jlauben wollen, steht bei Ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>Diesen Grundsatz bew&auml;hrte er nach jeder
+Richtung. Der Gl&auml;ubige atmete unter ihm so
+frei wie der Zweifler.</p>
+
+<p>Und obwohl Asmus das Brandenburgisch-Preu&szlig;ische
+sonst nicht liebte, &#8211; die Schleswig-Holsteiner
+sind keine Kommi&szlig;naturen, &#8211; so
+sagte er sich doch, da&szlig; der Geist dieses Mannes
+das Beste am ganzen Seminar, ja, da&szlig; er beinahe
+das einzige Gute an dieser Anstalt war.
+<!-- Page 182 --><span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span>
+Sein goldener Pr&auml;parandentraum vom reich
+besetzten Tisch der Wissenschaften und K&uuml;nste
+hatte einer gro&szlig;en Ern&uuml;chterung Platz gemacht;
+aus der Hochzeit des Kamacho, wo die Rinder,
+Hammel und Hasen und die Schl&auml;uche Weines
+nicht zu z&auml;hlen gewesen, war ein Gastmahl des
+Harpagon geworden. Von einem, der studieren
+will, sagen die plattdeutschen Bauern: &raquo;he will
+studeern leern&laquo; und sprechen damit, ohne es zu
+wissen, ein feines Wort. In drei oder vier
+Jahren kann man nicht viel studieren; aber man
+kann studieren <em class="gesperrt">lernen</em>, und das ist viel mehr.
+Bei Korn lernte man studieren. Nach seinen
+Vortr&auml;gen rief es in Asmus mit tausend Begierden:
+Mehr! mehr! und ihm war, als m&uuml;&szlig;te
+er mit Armen des Geistes das ganze Firmament
+der Gedanken umspannen und in seine Brust
+herabziehen. Nach den Stunden der andern
+hatte man immer genug, und wu&szlig;te doch, da&szlig;
+es nichts war. Sie gaben trockenes Brot, das
+schnell satt macht, oder sie gaben Steine statt
+des Brotes, oder sie gaben nicht einmal Steine.
+Ein Gl&uuml;ck noch, wenn sie komisch waren, wie
+der gute Mister Belly, und wenigstens auf solche
+Art die Jugendlust lebendig erhielten.</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 183 --><span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span>
+<a name="XXVI_Kapitel" id="XXVI_Kapitel"></a>XXVI. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Mister Belly und der geheimnisvolle Zimmermann.</div>
+
+
+<p><span class="bigletter">M</span>ister Bellys Stunden waren freilich in einer
+gewissen Hinsicht lauter Feste. Mister Belly
+war eines jener Wunderkinder gewesen, die schon
+mit drei Jahren Englisch sprechen, weil sie in
+England geboren sind, und das war sein Hauptverdienst.
+Zu diesem Englisch hatte er nur noch
+zweierlei hinzugelernt: ein Franz&ouml;sisch mit englischer
+Aussprache und Betonung und ein f&uuml;r
+einen Ausl&auml;nder recht passables Deutsch. Auf
+weitere Anforderungen aber reagierte er nicht.
+Es ist nie ans Licht gekommen, ob er von Goethe,
+Schiller und Lessing irgend etwas kannte; das
+aber stand fest, da&szlig; er von der nachgoethischen
+Literatur nur den &raquo;K&ouml;nigsleutnant&laquo; von Gutzkow
+kannte. Ein Engl&auml;nder gesteht dergleichen
+ganz kaltbl&uuml;tig ein und h&auml;lt es f&uuml;r Nationalbewu&szlig;tsein.
+Von Zeit zu Zeit fragten ihn die
+Seminaristen:</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Mister Belly, wie hei&szlig;t noch das deutsche
+Drama, das Sie kennen?&laquo; und dann antwortete
+er mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt:</p>
+
+<p><!-- Page 184 --><span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span>
+&raquo;Also mal &raquo;The King&#8217;s Lieutenant&laquo;, denn
+er leitete jeden Satz mit den Worten &raquo;also
+mal&laquo; ein.</p>
+
+<p>Wenn nun aber auch Mr.&nbsp;Belly recht gut
+deutsch sprach, so sprachen es die deutschen Seminaristen
+doch besser, und als Lehrer ohne imponierende
+Kr&auml;fte unter &uuml;berm&uuml;tige Kinder einer
+fremden Sprache versetzt sein, das ist gerade so
+sch&ouml;n, wie als Taubstummer unter Kannibalen
+geraten. Da beim englischen Unterricht eine
+Grammatik von Gurcke gebraucht wurde, so sagte
+der ungl&uuml;ckliche Belly eines Tages: &raquo;Bringen
+Sie zur n&auml;chsten Stunde Ihre Gurke mit&laquo; und
+an solchen und &auml;hnlichen Gurken hatte der Gute
+nat&uuml;rlich lange zu kauen. Unter der g&uuml;tigen
+Leitung Mr.&nbsp;Bellys mu&szlig;te unser Asmus etwa
+hundertmal die Geschichte von Robin Hood lesen
+(Mr.&nbsp;Belly wollte auf solche Weise bei seinen
+Sch&uuml;lern eine gute Aussprache erzielen); aber
+dennoch brachte jede Stunde eine Abwechslung.
+Heute war es ein Hampelmann, der hinter Mr.
+Belly an der Wand hing und durch einen
+d&uuml;nnen, bei dem Seminaristen Stelling endigenden
+Faden dirigiert wurde, morgen war es
+ein Seminarist, der in den Kartenschrank eingesperrt
+wurde und dort w&auml;hrend der Stunde gespenstische
+Ger&auml;usche hervorbringen mu&szlig;te, &uuml;bermorgen
+ein Seminarist, der aus Turnjacken,
+Turnhosen, Turnschuhen und einer M&uuml;tze hergestellt,
+dann in ein kleines Kabinett gesetzt und
+f&uuml;r &raquo;eingeschlafen&laquo; erkl&auml;rt wurde, so da&szlig; Mr.
+<!-- Page 185 --><span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>
+Belly hinging, um ihn zu wecken, und so mit und
+ohne Grazie ins Unendliche. Ein Rouleau, das
+hochgezogen werden sollte, entwickelte sich regelm&auml;&szlig;ig
+zu einer ganzen komischen Oper; denn
+nat&uuml;rlich fiel der Vorhang, wenn er endlich nach
+langen M&uuml;hen aufgewickelt war, mit furchtbarem
+Gerassel wieder herab, und je mehr hilfreiche
+H&auml;nde herbeikamen, desto unm&ouml;glicher erschien
+nat&uuml;rlich die B&auml;ndigung des heimt&uuml;ckischen Vorhangs.
+Der eigentliche Belly-Spezialist aber
+war jener Stelling.</p>
+
+<p>Stelling war ein gl&auml;nzend begabter Bursche,
+der aber am Unterricht eigentlich nur als wohlwollender
+Zuh&ouml;rer teilnahm und eine un&uuml;berwindliche
+Abneigung gegen B&uuml;cher und Hefte
+hegte. Was er an solchen Dingen mit sich f&uuml;hrte,
+beschr&auml;nkte sich f&uuml;r gew&ouml;hnlich auf ein kleines
+Heftchen, das er, um seine ganze Verachtung des
+Buchstaben zu zeigen, zusammengerollt in der
+hinteren Hosentasche trug. Kraft seiner vorz&uuml;glichen
+Anlagen war er trotzdem immer so ziemlich
+auf dem Laufenden; nur in der &raquo;Charakterbildung&laquo;
+schien er sich auf der Stufe des &raquo;gro&szlig;en
+Jungen&laquo; so wohl zu f&uuml;hlen, da&szlig; er an einen
+Fortschritt nicht dachte.</p>
+
+<p>Eines dr&uuml;ckend hei&szlig;en Sommertages brachte
+der n&auml;mliche Stelling einen Hammer mit in
+die Klasse, und gerade las ein Sch&uuml;ler mit
+halb entschlummerter Stimme die ersch&uuml;tternden
+Verse:</p></div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<!-- Page 186 --><span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">&raquo;Here underneath this little stone</em></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">Lies Robert Earl of Huntingdone;</em></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">Ne&#8217;er archer was as he so good,</em></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">And people called him Robin Hood&nbsp;...</em></span>
+</div></div>
+
+
+<p>als in der Gegend Stellings ein ungemein rhythmisches
+Klopfen ert&ouml;nte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Also mal: was ist das?&laquo; fragte Mr.&nbsp;Belly.</p>
+
+<p>Stelling trat an das offene Fenster, neben
+dem er sa&szlig;, und sagte trocken:</p>
+
+<p>&raquo;Das ist also mal ein Zimmermann, Mr.
+Belly.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also mal: ist gut, setzen Sie sich,&laquo; sagte
+Belly, dem schon schw&uuml;l wurde, wenn Stelling
+sich einer Sache annahm.</p>
+
+<p>Stelling setzte sich und klopfte.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist aber doch sehr st&ouml;rend!&laquo; rief jetzt
+der Nachbar Stellings mit einem abgefeimten
+Lerneifer im Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Soll ich den Mann also mal bitten, da&szlig;
+er also mal aufh&ouml;rt?&laquo; fragte Stelling bescheiden.</p>
+
+<p>Belly, der der suggestiven Frechheit dieses
+J&uuml;nglings nicht gewachsen war, sagte: &raquo;Also
+mal: bitte, wenn Sie durchaus wollen&nbsp;&#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>Stelling trat wieder ans Fenster und rief
+mit der Stimme eines versoffenen Feldwebels:
+&raquo;H&ouml;ren Sie auf!!!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also mal bitte, was ist das f&uuml;r ein Ton!&laquo;
+rief Mr.&nbsp;Belly erschrocken; &raquo;also seien Sie mal
+h&ouml;flich, nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 187 --><span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span>
+&raquo;Ganz, wie Sie w&uuml;nschen, Herr Belly,&laquo; erwiderte
+Stelling und begann zu singen:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wackrer Zimmermann,</span>
+<span class="i0">Hast ja Freude dran,</span>
+</div></div>
+
+
+<p>aber uns st&ouml;rt es; m&ouml;chten Sie nicht die Gewogenheit
+zeitigen, mit diesem frevelhaften Geballer
+aufzuh&ouml;ren? &#8211; Wie meinen Sie?&laquo;</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Stelling wandte sich wieder ins Zimmer
+zur&uuml;ck und sagte mit dem ruhigsten Gesicht:</p>
+
+<p>&raquo;Er antwortet: &#8217;Pett di man keen Hoor in&#8217;n
+Foot!&#8217;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also mal, das ist Plattdeutsch,&laquo; bemerkte
+Belly sehr richtig, &raquo;was hei&szlig;t das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das hei&szlig;t: <em class="antiqua">Don&#8217;t run a hair into your foot!</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also mal: Das versteh&#8217; ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das verstehen Sie also mal nicht? Das ist
+eine Beleidigung! &#8211; Wie hei&szlig;en Sie?!&laquo; schrie
+Stelling zum Fenster hinaus mit zornrotem Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Also mal bitte: seien Sie nicht so erregt!&laquo;
+rief Belly &auml;ngstlich.</p>
+
+<p>&raquo;Er sagt, er hei&szlig;t Hummel!&laquo;
+<a name="FNanchor_3" id="FNanchor_3"></a>
+<a href="#Footnote_3" class="fnanchor">[3]</a> berichtete
+Stelling. &raquo;Was soll ich ihm sagen?&laquo; Nat&uuml;rlich
+wollte die Klasse sterben vor Lachen.</p>
+
+<p>Mr.&nbsp;Belly erhob sich endlich, um selbst mit
+dem Manne zu sprechen.</p>
+
+<p><!-- Page 188 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span></p><p>&raquo;Da &#8211;
+eben geht er ins Haus!&laquo; rief Stelling.
+&raquo;Vor Ihnen hat er nat&uuml;rlich Angst.&laquo;</p>
+
+<p>Als Mr.&nbsp;Belly an sein Pult zur&uuml;ckgekehrt
+war und das Klopfen von neuem anhub, sprang
+Stelling auf und schritt nach der T&uuml;r: &raquo;Ich
+werde also mal hinuntergehen und mit dem
+Mann sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also mal: Stelling, bleiben Sie also mal
+hier,&laquo; sagte Mr.&nbsp;Belly.</p>
+
+<p>&raquo;Ja aber, Herr Belly, soll man sich denn
+das gefallen lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also mal: wollen Sie sich jetzt setzen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes, mister</em>&laquo; sagte Stelling und ging an
+seinen Platz.</p>
+
+<p>&raquo;Also mal: Sie sagen: &raquo;<em class="antiqua">Yes, mister!</em>&laquo; Hei&szlig;t
+es so?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes, gentleman!</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also mal: Sie <em class="gesperrt">wollen</em> es nicht richtig
+sagen! Sie sind also ein Heuchler!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Belly,&laquo; sagte Stelling kaltbl&uuml;tig, &raquo;ich
+nehme an, da&szlig; Sie die wahre Bedeutung dieses
+Wortes gar nicht kennen, sonst w&uuml;rde ich Sie
+fordern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, Herr Belly,&laquo; riefen jetzt viele durcheinander,
+&raquo;wie konnten Sie so etwas sagen: das
+ist ja eine t&ouml;dliche Beleidigung!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also mal: ich habe Sie nicht beleidigen
+wollen,&laquo; lenkte Belly ein, es hei&szlig;t also mal:
+<em class="antiqua">Yes, Sir!</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na ja, wenn einem das in G&uuml;te und
+Freundlichkeit gesagt wird&nbsp;....&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 189 --><span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>
+Inzwischen war aber in Mr.&nbsp;Bellys Kopfe
+etwas wie Morgend&auml;mmerung angebrochen, und
+als das Klopfen wieder ert&ouml;nte, belauerte er
+den &Uuml;belt&auml;ter und sah ihn schnell etwas unter
+den Tisch legen.</p>
+
+<p>Nun ging er ruhigen Schrittes auf Stellings
+Platz zu, klappte den Tischdeckel hoch, nahm den
+Hammer, ging damit wieder nach vorn, legte
+ihn auf&#8217;s Pult und sagte: &raquo;Lesen Sie weiter,
+M&uuml;ller.&laquo; Er tat das alles ohne jedes Zeichen
+der Erregung, nur mit dem Ausdruck einer stoischen
+Geringsch&auml;tzung, ja, einer leisen Verachtung
+im Gesicht. Und diese Art, dergleichen
+Bubenstreiche abzutun wie Dinge, die an die
+W&uuml;rde eines Gentleman nicht heranreichen, diese
+Art, die der guten englischen Erziehungsregel:
+<em class="antiqua">Be a gentleman!</em> entspringt, nahm Asmus doch
+immer wieder f&uuml;r ihn ein. Man sah es dem
+guten Belly an, da&szlig; solche Ruchlosigkeiten ihm
+weh taten, da&szlig; sie ihm aber zu kindisch waren
+f&uuml;r seinen Zorn, und das ging nicht nur Asmus,
+es ging schlie&szlig;lich auch anderen J&uuml;nglingen
+zu Herzen. In einer Pause fand eine
+feierliche Beratung statt mit dem Ergebnis: Da
+Mr.&nbsp;Belly nicht imstande sei, Disziplin zu halten,
+so m&uuml;sse man selbst f&uuml;r Disziplin sorgen, und
+von nun an wolle man sich vern&uuml;nftig benehmen.
+Das ging auch einige Stunden ganz gut. Als
+aber ein Seminarist einen Stiefel ausgezogen
+hatte, weil er ihn dr&uuml;ckte, und sein Nachbar
+diesen Stiefel mit einem kr&auml;ftigen Sto&szlig; nach
+<!-- Page 190 --><span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span>
+vorn bef&ouml;rdert hatte, Mr.&nbsp;Belly den Stiefel als
+<em class="antiqua">corpus delicti</em> konfiszierte und damit die Klasse
+verlie&szlig;, der Einstiefler, der von Natur eine rote
+Nase hatte, ihm protestierend nachhumpelte und
+Mr.&nbsp;Belly endlich sagte: &raquo;Also mal: Sie verfolgen
+mich: Sie haben eine rote Nase, also Sie
+sind ein Nihilist!&laquo; da brachen ob dieser r&auml;tselhaften
+Ideenverbindung alle D&auml;mme der guten
+Zucht zusammen, und der jugendliche &Uuml;bermut
+nahm wieder freien Lauf.</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3" id="Footnote_3">
+</a><a href="#FNanchor_3"><span class="label">[3]</span></a>
+Name eines in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Hamburg
+verstorbenen komischen Originals. Die Hamburger pflegen auf den Zuruf
+&raquo;Hummel&laquo; mit einem sehr derben Ausruf zu antworten.</p>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 191 --><span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>
+<a name="XXVII_Kapitel" id="XXVII_Kapitel"></a>XXVII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Handelt von w&uuml;rdigen und unw&uuml;rdigen Kollegen Mister
+Bellys.</div>
+
+
+<p><span class="bigletter">E</span>s gab an diesem Seminar wohl Lehrer, die
+noch untauglicher waren als Mr.&nbsp;Belly;
+aber sie waren h&ouml;chstens f&uuml;r eine satirische Beleuchtung
+am&uuml;sant. Zu einer solchen Betrachtung
+zwang Asmussen wider seinen Willen der
+Herr Pastor Dinnebeil, der eine Zeitlang den
+Religionsunterricht erteilte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Einstmals Stahmer und jetzt Dinnebeil! Das
+war wie David Friedrich Strau&szlig; und Hengstenberg.
+Nur war Hengstenberg ein Gelehrter, was
+Dinnebeil, wenn er es war, geschickt zu verbergen
+wu&szlig;te. Er pl&auml;tscherte unaufh&ouml;rlich im laulichen
+Wasser jener f&uuml;rchterlichen Trakt&auml;tchen-Terminologie,
+die in drei Sekunden mit sieben Synonymen
+hantiert, nach Art der Jongleure, die
+mit Teller, Ei und Schnupftuch so geschwinde
+Fangball spielen, da&szlig; man nicht mehr wei&szlig;,
+was Teller, was Ei und was Schnupftuch ist.
+Diesen Hamburger J&uuml;nglingen, diesen Sch&uuml;lern
+des vortrefflichen Herrn Stahmer, wollte Pastor
+Dinnebeil die abgelagertsten Dogmen einreden,
+<!-- Page 192 --><span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span>
+wollte er eine Art Christentum f&uuml;r Papuas beibringen.
+Er versuchte es in einem Tone, der aus
+Huld und W&uuml;rde lieblich gemenget war. Anfangs
+h&ouml;rten die verbl&uuml;fften Seminaristen diesem
+Phrasenschwall, der wie ein Landregen von
+Schmalz und Honig niederging, mit offenem
+Munde zu; aber schon nach der dritten Stunde
+war die Langeweile so ins Unendliche gewachsen,
+da&szlig; man beschlo&szlig;, sich einen Spa&szlig; zu machen
+und auf die Fragen des Mannes immer abwechselnd
+zu antworten: &raquo;Der Glaube&laquo; und
+&raquo;Die Liebe&laquo;.</p>
+
+<p>Das geschah denn auch und pa&szlig;te fast immer,
+und wenn es nicht pa&szlig;te, so nahm es Pastor
+Dinnebeil doch wohlwollend hin als das Zeugnis
+eines frommen Sinnes. Nur zwei machten
+sich dem Sp&auml;herauge Dinnebeils verd&auml;chtig:
+Stelling und Semper. Asmus hatte schon tausend
+Zweifel und Einw&uuml;rfe ins Dunkel seiner
+Brust hinabgeduckt; als aber Dinnebeil allen
+Ernstes die Worte im Matth&auml;us 28, 19: &raquo;Gehet
+hin und lehret alle V&ouml;lker und taufet sie im
+Namen des Vaters und des Sohnes und des
+heiligen Geistes&laquo; als Beweis f&uuml;r die Dreieinigkeit
+ausgab, da hielt es Asmussen doch nicht
+l&auml;nger, und als er gerade am Wort war,
+sprach er:</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihung, Herr Pastor, aber ist das nicht
+ein sp&auml;terer, tendenzi&ouml;ser Zusatz?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was? Wieso?&laquo; fragte Hochw&uuml;rden indigniert.
+</p>
+
+<p><!-- Page 193 --><span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span>
+&raquo;Nun, die J&uuml;nger vertraten doch noch auf
+dem Jerusalemer Apostel-Konvent im Jahre 52
+Paulus gegen&uuml;ber den Grundsatz, da&szlig; nur den
+Juden das Evangelium gepredigt werden d&uuml;rfe;
+das w&auml;re doch ausgeschlossen, wenn Christus
+denselben J&uuml;ngern befohlen h&auml;tte, alle V&ouml;lker
+zu seinen J&uuml;ngern zu machen. Ferner wurde
+bis zur Mitte des zweiten Jahrhunderts doch
+nur auf den Namen Jesu getauft; es ist da
+undenkbar, da&szlig; die J&uuml;nger den Befehl
+empfangen h&auml;tten, auf drei Namen zu taufen.
+Und da das Evangelium nach Matth&auml;us im
+letzten Viertel des ersten Jahrhunderts geschrieben
+wurde, so werden die Worte 28, 19 ein
+sp&auml;terer Zusatz sein; sie&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was, klauben Sie mir nicht immer an
+der Bibel herum!&laquo; rief Dinnebeil sittlich entr&uuml;stet.
+&raquo;Fahren Sie fort, Seybold!&laquo;</p>
+
+<p>Asmus war wirklich erschrocken. Er hatte
+bis dahin geglaubt, ein Lehrer m&uuml;sse sich freuen,
+wenn es seinen Sch&uuml;lern ernst sei um ihre &Uuml;berzeugung;
+aber dieser wurde gereizt, wenn man
+nachdachte und forschte. Er lie&szlig; einfach &raquo;fortfahren&laquo;.
+Fortfahren war allerdings das Leichteste.
+Von nun an &raquo;klaubte&laquo; Asmus nicht mehr;
+aber er &raquo;glaubte&laquo; noch weniger, zum mindesten
+dem Herrn Dinnebeil. Er nahm nun auch die
+Sache humoristisch und lie&szlig; die Sermones des
+jungen Mannes &uuml;ber sich ergehen wie das Ger&auml;usch
+einer Wasserleitung, und wenn Herr
+<!-- Page 194 --><span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>
+Dinnebeil ihn durch eine Frage aufschreckte, so
+rief er: &raquo;Der Glaube!!&laquo; oder &raquo;Die Liebe!!&laquo;</p>
+
+<p>Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrer,
+ein anderer Mann! Der war auch fromm,
+k&ouml;hlerfromm, sozusagen; aber er war ein Mensch.
+Sie hatten einer am andern einen Narren gefressen,
+Bruhn und Semper, ja, Meister Bruhn
+begegnete dem J&uuml;ngling mit einer Art von Verehrung,
+und zu dieser Verehrung war Asmus
+so billig wie nur m&ouml;glich gekommen. Die Hochachtung
+des Lehrers gr&uuml;ndete sich auf Asmussens
+Zuverl&auml;ssigkeit und auf sein Wissen. Mit der
+Zuverl&auml;ssigkeit hatte es folgende Bewandtnis.</p>
+
+<p>Allj&auml;hrlich veranstalteten die Seminaristen
+mit hohem direktorialen Privilegio eine Konzert- und
+Theater-Auff&uuml;hrung, und vor dem Konzert
+hatte Meister Bruhn, der mit Johannes Brahms
+zusammen studiert und dessen Kompositionen
+Liszt und Rubinstein zu spielen f&uuml;r wert gefunden
+hatten, regelm&auml;&szlig;ig ein Lampenfieber
+von mindestens vierzig Grad. Er ordnete deshalb
+an, da&szlig; alle Mitspielenden zwei Stunden
+vor Beginn der Auff&uuml;hrung da sein m&ouml;chten,
+damit er selbst alle Instrumente wiederholt durchstimmen
+k&ouml;nne. Man l&auml;chelte &uuml;ber diese &Auml;ngstlichkeit,
+auch Asmus l&auml;chelte; aber weil er den
+alten Herrn lieb hatte und ihn nicht &auml;ngstigen
+wollte, ging er rechtzeitig hin. Meister Bruhn
+lief schon erregt auf und ab und trocknete sich
+mit immer neuen Taschent&uuml;chern den Todesschwei&szlig;.
+</p>
+
+<p><!-- Page 195 --><span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>
+&raquo;Nu seh&#8217;n Se, lieber Semper!&laquo; rief er, &raquo;die
+Uhr is sechs und Sie sind der Einz&#8217;che! Sie
+sind der einz&#8217;che Zuverl&auml;&szlig;&#8217;che von der kanzen
+Kesellschaft! Keben Se her die Cheiche.&laquo;</p>
+
+<p>Er fuhr mit dem Bogen dar&uuml;ber und sagte:
+&raquo;Nu ja, se stimmt. Aber das is immer so: die&#8217;s
+<em class="gesperrt">nich</em> n&ouml;t&#8217;ch haben, die kommen; aber die&#8217;s n&ouml;t&#8217;ch
+haben, die kommen <em class="gesperrt">nich</em>.&laquo; Und er legte v&auml;terlich
+den Arm um Semper und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber Semper, klauben Sie&#8217;s mir:
+darauf kommt&#8217;s an im Leben: auf Zuverl&auml;&szlig;&#8217;chkeit.
+Sie sind &auml; zuverl&auml;&szlig;&#8217;cher Mensch.&laquo;</p>
+
+<p>Das war also billig. Aber noch viel billiger
+war es, bei Bruhn in den Ruf der Gelehrsamkeit
+zu kommen, und da er in den Konferenzen
+nat&uuml;rlich vernommen hatte, da&szlig; Asmus Semper
+zu den Begabteren geh&ouml;re, so hielt er ihn
+f&uuml;r eine Art Casaubon oder Leibniz. Meister
+Bruhn pflegte, wenn er eine Frage stellte, gleich
+die schwierige H&auml;lfte der Antwort selbst zu geben,
+etwa so:</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Semper, welcher Ton mu&szlig; also hier
+folchen? Gi&nbsp;&#8211;&nbsp;gi&nbsp;&#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gis&laquo;, antwortete Asmus, und dann rief
+Meister Bruhn: &raquo;Der wei&szlig; alles!&laquo;</p>
+
+<p>Diese Meinung teilte Asmus nun freilich
+nicht; aber doch ward es ihm wohl und warm
+bei Meister Bruhn und seinen Sonnabendstunden,
+die im Winter bis in das Dunkel des
+Abends hineinreichten.</p>
+
+<p>Dem &raquo;Musiksaale&laquo; gegen&uuml;ber lag ein Haus
+<!-- Page 196 --><span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>
+mit einer Schneiderinnenstube, und die Seminaristen
+stellten sich gern ans Fenster, warfen
+schw&auml;rmende Blicke hin&uuml;ber zu den M&auml;dchen und
+strichen so gef&uuml;hlvoll dazu die Saiten wie der
+Geiger von Gm&uuml;nd vor dem Marienbilde. Und
+die f&uuml;nf oder sechs Marien nickten so flei&szlig;ig
+her&uuml;ber, als h&auml;tten sie gern einen Schuh und
+mehr dahingegeben. Wenn Meister Bruhn das
+sah, dann l&auml;chelte er mild-ironisch und sagte:
+&raquo;M&uuml;ller, sehn Se beim Spielen hierher; die
+nehmen doch lieber Keld als Muszik.&laquo; Und
+das ern&uuml;chterte.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 197 --><span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>
+<a name="XXVIII_Kapitel" id="XXVIII_Kapitel"></a>XXVIII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Ein Kapitel, in dem aber auch rein gar nichts geschieht
+und das der gew&ouml;hnliche Leser w&uuml;tend &uuml;berschlagen
+wird.</div>
+
+
+<p><span class="bigletter">A</span>smus Semper hatte nicht das Geringste gegen
+h&uuml;bsche Schneidermamsellen; aber ob sie
+h&uuml;bsch waren, eben das konnte er nicht feststellen,
+weil seine Augen f&uuml;r eine so gro&szlig;e Entfernung
+nicht ausreichten. So sch&uuml;tzte, wie es
+wohl &ouml;fter kommen mag, die Kurzsichtigkeit seine
+Tugend. Aber wenn er auch die Schneiderinnen
+deutlich h&auml;tte erkennen k&ouml;nnen, w&uuml;rde er wohl
+wenig nach ihnen ausgeschaut haben, weil es
+innerhalb des d&uuml;steren, kahlen Musiksaales weit
+Sch&ouml;neres zu sehen gab. In diesem Musiksaal
+wurden alle Volkslieder gesungen und gegeigt,
+die je von deutschem Kindermund erklungen sind;
+denn was sie die Kinder lehren sollten, das
+mu&szlig;ten die k&uuml;nftigen Lehrer selber spielen und
+singen k&ouml;nnen. Wenn er diese Lieder h&ouml;rte,
+st&uuml;tzte Asmus den Ellenbogen aufs Knie und
+den Kopf in die Hand und sah in einen dunklen
+Winkel des Saales, und seine kurzsichtigen
+Augen wurden fernsichtig.
+</p>
+
+<div class="textbody">
+<p><!-- Page 198 --><span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>
+Da sah er hinein in jahrtausendtiefen
+Wald und h&ouml;rte aus einem fernen Jahrhundert
+den d&auml;mmergr&uuml;nen Grund herauf ein fr&ouml;hliches
+Blasen:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein J&auml;ger aus Kurpfalz,</span>
+<span class="i0">Der reitet durch den gr&uuml;nen Wald,</span>
+<span class="i0">Er schie&szlig;t das Wild daher,</span>
+<span class="i0">Gleichwie es ihm gefallt.</span>
+<span class="i2">Ju ja, Ju ja</span>
+<span class="i0">gar lustig ist die J&auml;gerei</span>
+<span class="i0">Allhier auf gr&uuml;ner Heid&#8217;.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Aber das zweite &raquo;Ju ja&laquo; hallte leise aus
+wunderbaren Fernen her.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Und langsam schritt er tiefer in den Wald
+hinein, dorthin, wo im ewigen Dunkel zwischen
+Moos und Stein ein Waldelf sitzt und seit hunderttausend
+Jahren in die Quelle starrt, um ihr
+Geheimnis zu ergr&uuml;nden. Und Asmus neigte
+das Ohr und horchte dem murmelnden Selbstgespr&auml;ch
+der Quelle, und immer war&#8217;s ihm,
+nun m&uuml;&szlig;t&#8217; er&#8217;s gleich verstehen, und verstand
+es doch nie. Und wie er noch lauschte, winkte
+ihm aus tauigem Dunkel ein purpurner Schein.</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein M&auml;nnlein steht im Walde</span>
+<span class="i0">Ganz still und stumm,</span>
+<span class="i0">Es hat von lauter Purpur</span>
+<span class="i0">Ein M&auml;ntlein um.</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Das Lied hatte ihn sogleich angelacht wie
+ein rotwangiger Apfel, da er&#8217;s in fr&uuml;her Kindheit
+zum ersten Male geh&ouml;rt. Nun aber strahlte
+<!-- Page 199 --><span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>
+durch die braunen St&auml;mme ein goldener Glanz;
+er ging darauf zu und wu&szlig;te nicht: ist es
+goldene Sonne, oder goldenes Korn? Und als
+er am Feldrain stand, war es goldenes Korn
+in goldener Sonne.</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Horch, wie schallt&#8217;s dorten so lieblich hervor!</span>
+<span class="i4">F&uuml;rchte Gott!</span>
+<span class="i4">F&uuml;rchte Gott!</span>
+<span class="i0">Ruft mir die Wachtel ins Ohr.</span>
+<span class="i0">Sitzend im Gr&uuml;nen, von Halmen umh&uuml;llt,</span>
+<span class="i0">Mahnt sie den Horcher am Saatengefild:</span>
+<span class="i4">Liebe Gott!</span>
+<span class="i4">Liebe Gott!</span>
+<span class="i0">Er ist so g&uuml;tig und mild!</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Die Hitze hatte drohende Wolken gebraut, und
+die fernsten &Auml;hren standen schon in graublauer
+Luft.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Schreckt dich im Wetter der Herr der Natur:</span>
+<span class="i4">Bitte Gott!</span>
+<span class="i4">Bitte Gott!</span>
+<span class="i0">Und er verschonet die Flur.</span>
+<span class="i0">Machen die k&uuml;nftigen Tage dir bang,</span>
+<span class="i0">Tr&ouml;ste dich wieder der Wachtel Gesang:</span>
+<span class="i4">Traue Gott!</span>
+<span class="i4">Traue Gott!</span>
+<span class="i0">Deutet ihr lieblicher Klang.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Was war das f&uuml;r eine Zeit gewesen, da die
+Menschen mit solchen Empfindungen durch die
+<!-- Page 200 --><span class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span>
+Felder gingen? Lichte Zeit? Dunkle Zeit?
+Eine heimelnde Zeit gewi&szlig;. War sie je gewesen?
+W&uuml;rde sie jemals sein? Er gr&uuml;belte
+nach, da klang aus dem verlassenen Walde her
+ein zauberischer Schall.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie lieblich schallt</span>
+<span class="i0">Durch Busch und Wald</span>
+<span class="i0">Des Waldhorns s&uuml;&szlig;er Klang!</span>
+<span class="i0">Der Widerhall</span>
+<span class="i0">Im Eichental</span>
+<span class="i0">Hallt&#8217;s nach so lang &#8211; so lang!</span>
+</div><div class="stanza">
+</div></div>
+
+
+<p>Ja, wahrlich, &#8211; himmelsfern und himmelsleise
+klang der Widerhall aus einem Tal, das
+seine Augen nicht sahen &#8211; das keine Augen
+jemals sehen. Lange, lange klang der Widerhall,
+bis in die Abendr&ouml;te hinein, in deren
+Glut er sich verlor.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Goldne Abendsonne,</span>
+<span class="i0">Wie bist du so sch&ouml;n!</span>
+<span class="i0">Nie kann ohne Wonne</span>
+<span class="i0">Deinen Glanz ich seh&#8217;n.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schon in fr&uuml;her Jugend</span>
+<span class="i0">Sah ich gern nach dir,</span>
+<span class="i0">Und der Trieb zur Tugend</span>
+<span class="i0">Gl&uuml;hte mehr in mir.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Das hatten wohl schon die Urgro&szlig;eltern gesungen,
+und doch war es noch immer so: unendlich
+gro&szlig; und unendlich gut m&uuml;&szlig;te ein Herz
+sein, um solcher heiligen Sch&ouml;nheit wert zu
+<!-- Page 201 --><span class='pagenum'><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span>
+sein! Und es m&ouml;chte gro&szlig; sein, das Herz,
+gro&szlig; wie der Glanz der Abendsonne, und es
+schwillt auf und dr&auml;ngt und tut weh. Da ist
+es fast Erl&ouml;sung, ist es Friede, wenn sie sinkt
+und graue D&auml;mmerung aus den Feldern steigt.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Willkommen, o seliger Abend</span>
+<span class="i0">Dem Herzen, das froh dich genie&szlig;t!</span>
+<span class="i0">Du bist so erquickend, so labend,</span>
+<span class="i0">Drum sei uns recht herzlich gegr&uuml;&szlig;t!</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Das Lied kam aus jener Zeit, da es noch
+einen Abend gab und die Menschen am Tagesende
+sich fanden in Ruhe, Sammlung und Gen&uuml;gen.
+Damals war der Mond noch ein Hausfreund
+der Menschen, der sich zu ihnen gesellte,
+wenn sie am Abend plaudernd vor der T&uuml;r
+ihrer H&uuml;tte sa&szlig;en.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Guter Mond, du gehst so stille</span>
+<span class="i0">Durch die Abendwolken hin,</span>
+<span class="i0">Labest nach des Tages Schw&uuml;le</span>
+<span class="i0">Durch dein freundlich Licht den Sinn.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Leuchte freundlich jedem M&uuml;den</span>
+<span class="i0">In das stille K&auml;mmerlein!</span>
+<span class="i0">Und dein Schimmer gie&szlig;e Frieden</span>
+<span class="i0">Ins bedr&auml;ngte Herz hinein!</span>
+</div></div>
+
+<p>Damals waren &uuml;berall noch Wiesen, wo jetzt
+H&auml;user stehen; auf allen Wiesen gingen weidende
+Herden, und auch der Mond war ein
+Sch&auml;fer. Das war, als die M&uuml;tter noch
+sangen.
+</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<!-- Page 202 --><span class='pagenum'><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span>
+<span class="i0">Wer hat die sch&ouml;nsten Sch&auml;fchen?</span>
+<span class="i0">Die hat der goldne Mond,</span>
+<span class="i0">Der hinter unsern B&auml;umen, B&auml;umen,</span>
+<span class="i0">Am Himmel droben wohnt.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Und bei dem &raquo;B&auml;umen-B&auml;umen&laquo; h&ouml;rte Asmus
+eine Wiege gehn und sah er ein H&auml;ndchen nach
+den Sch&auml;flein des Mondes greifen. Das Kind
+tastete noch auf dem Deckkissen nach den Sch&auml;flein,
+als es schon schlief, und die Leute traten
+fr&ouml;stelnd ins Haus zur&uuml;ck, und es war Nacht.
+Asmus stand wieder allein und schaute &uuml;ber
+Felder und &Auml;cker hinaus nach anderen &Auml;ckern,
+wo ihm Freund und Bruder lagen.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein getreues Herze wissen</span>
+<span class="i0">Hat des h&ouml;chsten Schatzes Preis;</span>
+<span class="i0">Der ist selig zu begr&uuml;&szlig;en,</span>
+<span class="i0">Der ein solches Kleinod wei&szlig;.</span>
+<span class="i0">Mir ist wohl bei h&ouml;chstem Schmerz;</span>
+<span class="i0">Denn ich wei&szlig; ein treues Herz.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Wu&szlig;te er solch ein Herz? Er hatte Eltern
+und Geschwister; aber das war angeborener Besitz,
+kein erworbener. Ein Mensch mu&szlig; ein erworbenes
+Herz wissen, sonst ist er dennoch einsam.
+Eines hatte er gewu&szlig;t; aber das war
+tot. Gewi&szlig;: es waren ihm manche Herzen
+freundlich gesinnt; aber:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein getreues Herz hilft streiten</span>
+<span class="i0">Wider alles, was ist feind.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>
+<!-- Page 203 --><span class='pagenum'><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span>
+solch ein Herz war nicht darunter. Ja, wenn
+die schlanke, braune Hilde Chavonne &#8211; &#8211; ach,
+die stand hoch &uuml;ber menschlichen W&uuml;nschen. Da
+h&ouml;rte er hinter einer Wand von dreizehn
+Jahren eine holde Jugendweise:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der beste Freund ist in dem Himmel,</span>
+<span class="i0">Auf Erden sind nicht Freunde viel,</span>
+<span class="i0">Und in dem falschen Weltget&uuml;mmel</span>
+<span class="i0">Ist Redlichkeit oft auf dem Spiel.</span>
+<span class="i0">Drum hab&#8217; ich&#8217;s immer so gemeint:</span>
+<span class="i0">Im Himmel ist der beste Freund.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Er sah die Dorfschule, in der er gesessen, sah
+seinen ersten Lehrer, wie er die Geige unter
+den braunen Bart schob, sah sich selbst als siebenj&auml;hrigen
+Knaben, wie er das Lied sang und
+dabei mit staunenden Augen auf die Geige wie
+auf ein Wunder starrte. Was das Lied versicherte,
+glaubte er ja nicht. Er glaubte, da&szlig;
+es auf dieser Erde nie Gr&ouml;&szlig;eres und Sch&ouml;neres
+gegeben habe als Jesus von Nazareth; aber
+er glaubte nicht an seine G&ouml;ttlichkeit; er glaubte
+&uuml;berhaupt an keinen &raquo;Freund im Himmel&laquo;.
+Aber an dies Lied glaubte er und an den
+Glauben seines S&auml;ngers. Denn einen ebensolchen
+Glauben hatte er ja selbst, nicht denselben
+Glauben, aber einen ebensolchen. Und
+er hatte den Freund, den besten Freund: nicht
+Jesus hie&szlig; er &#8211; er hatte keinen Namen &#8211;
+nicht im Himmel war er &#8211; er war &uuml;berall.
+Er sehnte sich nach einem menschlichen Freunde;
+<!-- Page 204 --><span class='pagenum'><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span>
+aber den gro&szlig;en, &uuml;bermenschlichen Freund hatte
+er l&auml;ngst, hatte er immer. Wer h&auml;tte ihn sonst
+ermuntert und erquickt in seinen K&auml;mpfen, ihm
+&uuml;ber die Schulter so freundlich zugefl&uuml;stert in
+seinen M&uuml;hen und Sorgen: &raquo;Halt aus, du
+siegst!?&laquo; Dies treue Lied hatte gr&uuml;ne Tage
+seiner Kindheit umklungen, darum war es ihm
+ewig verkn&uuml;pft mit allem Fr&uuml;hen und Morgendlichen,
+mit allem Keimen und Hoffen.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Dies Lied verk&uuml;ndete der Jugend muntre Spiele&nbsp;&#8211;&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>wie dem lebenssatten Faust, so h&auml;tte ihm dieses
+Lied den Todesbecher mit Gewalt vom Munde
+gezogen.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Die Botschaft h&ouml;r&#8217; ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>so rief auch Faust, &#8211; aber doch zog ihn das
+Lied vom Tod ins Leben zur&uuml;ck.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Und die Nacht, die Asmus umgeben hatte,
+bei diesem Lied aus Morgentagen hatte sie sich
+im Osten leise gelichtet. Und er sah, wie das
+weite Feld, in dem er noch immer stand, ein
+wundersames Leben erf&uuml;llte: er sah &#8211; undeutlich
+&#8211; menschliche Gestalten wie Nebelriesen
+um d&uuml;stre Lagerfeuer liegen und stehen, h&ouml;rte
+Stampfen und Klirren und sah Pferde den
+wei&szlig;en Hauch in die K&uuml;hle des Herbstmorgens
+schnauben, und von einem fernen Lagerfeuer
+her h&ouml;rte er ein Lied wie Sieges- und Todesgewi&szlig;heit:
+<!-- Page 205 --><span class='pagenum'><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span>
+Ein Morgen des Sieges wird kommen;
+aber wir werden ihn nicht mehr sehen.</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Erhebt euch von der Erde,</span>
+<span class="i0">Ihr Schl&auml;fer, aus der Ruh!</span>
+<span class="i0">Schon wiehern uns die Pferde</span>
+<span class="i0">Den guten Morgen zu.</span>
+<span class="i0">Die lieben Waffen gl&auml;nzen</span>
+<span class="i0">So hell im Morgenrot;</span>
+<span class="i0">Man tr&auml;umt von Siegeskr&auml;nzen,</span>
+<span class="i0">Man denkt auch an den Tod. &#8211; &#8211;</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Morgen soll noch kommen,</span>
+<span class="i0">Ein Morgen mild und klar;</span>
+<span class="i0">Sein harren alle Frommen,</span>
+<span class="i0">Ihn schaut der Engel Schar.</span>
+<span class="i0">Bald scheint er sonder H&uuml;lle</span>
+<span class="i0">Auf jeden deutschen Mann:</span>
+<span class="i0">O brich, du Tag der F&uuml;lle,</span>
+<span class="i0">Du Freiheitstag, brich an!</span>
+</div></div>
+
+<p>Diese Zeit des deutschen Leides, wie gro&szlig;,
+wie heilig und rein mu&szlig;te sie gewesen sein!
+Und als nun von einem Lagerfeuer die Stimme
+Meister Bruhns erklang:</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Nun, Semper, was wollen Sie uns denn
+heute vorspielen?&laquo; da schnellte Asmus hoch,
+schob die Geige unters Kinn und strich die Saiten
+mit Wucht und Sturm:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Freiheit, die ich meine,</span>
+<span class="i0">Die mein Herz erf&uuml;llt,</span>
+<span class="i0">Komm mit deinem Scheine,</span>
+<span class="i0">S&uuml;&szlig;es Engelsbild!</span>
+</div><div class="stanza">
+<!-- Page 206 --><span class='pagenum'><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span>
+<span class="i0">Magst du nie dich zeigen</span>
+<span class="i0">Der bedr&auml;ngten Welt?</span>
+<span class="i0">F&uuml;hrest deinen Reigen</span>
+<span class="i0">Nur am Sternenzelt?</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Asmus Semper betete. Er wollte die Freiheit
+vom Himmel herabbeten: aber er dachte unter
+Freiheit nicht nur die Erl&ouml;sung von fremden
+und heimischen Tyrannen, von Pfaffen und
+Gelds&auml;cken; er dachte unter Freiheit alles Gro&szlig;e
+und Herrliche, das sehnenden Menschenseelen in
+k&uuml;nftigen Welten aufgehoben ist f&uuml;r jenen Tag,
+der kommen wird. Sein Geigenspiel war ein
+Gebet aus bebendem, gl&uuml;hendem Herzen, und
+jener Lederh&auml;ndler, der die bei Tische nicht
+betenden Mitmenschen zu den &raquo;&Ouml;chslein und
+Eselein&laquo; stellte, w&uuml;rde seltsame Augen gemacht
+haben, wenn er in diesem Augenblick in das
+semperische Herz geblickt h&auml;tte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Im deutschen Liede sah er das deutsche Land.
+Er hatte ja mit leiblichen Augen nichts davon
+gesehen als seine engere Heimat; aber &#8211; o,
+was f&uuml;r ein Land mu&szlig;te das sein! Jahre,
+bevor er nach Amerika ging, war sein Bruder
+Johannes durch Deutschland und die Schweiz
+gewandert, hatte Briefe und Bilder von Burgen
+und Bergen und Trauben vom Rhein geschickt;
+aber das Sch&ouml;nste, was er dann mit nach Hause
+gebracht, war ein Lied gewesen, das Asmus
+damals noch nicht kannte.</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<!-- Page 207 --><span class='pagenum'><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span>
+<span class="i0">An der Saale hellem Strande</span>
+<span class="i0">Stehen Burgen stolz und k&uuml;hn.</span>
+<span class="i0">Ihre D&auml;cher sind zerfallen,</span>
+<span class="i0">Und der Wind streicht durch die Hallen;</span>
+<span class="i0">Wolken ziehen dr&uuml;ber hin.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Auch dieses Lied spielte Asmus; denn er h&ouml;rte
+alles darin, was der Deutsche ist oder was er
+von Herzen gern sein m&ouml;chte: tapfer und mild,
+erfindungsreich und tr&auml;umerisch, z&auml;rtlich und
+gedankenvoll. Dies Lied kam aus einem Land
+voll gro&szlig;er Geschichte und tiefsinniger Sage,
+aus einem Land der singenden W&auml;lder und
+klingenden Str&ouml;me. Da&szlig; man solch ein Land
+liebte &#8211; nicht, wie Mutter oder Bruder, nicht
+wie ein M&auml;dchen &#8211; nein, mit einer Liebe, die
+es nur einmal gibt, die seltsam und ganz eigen
+ist &#8211; das war ja selbstverst&auml;ndlich. Da&szlig; man
+f&uuml;r ein Land, dem solche Lieder entbl&uuml;hen,
+freudig sterben kann, das war ihm selbstverst&auml;ndlich.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Gewi&szlig; waren andere L&auml;nder ebenso sch&ouml;n
+oder sch&ouml;ner; aber ein zweites Deutschland gab
+es dennoch nicht. Gewi&szlig; hatte kein Land solche
+Weihnachtslieder wie Deutschland. Da war ein
+Lied, das war klein und gro&szlig;, wie eine deutsche
+H&uuml;tte, darin eine Mutter mit ihrem Kinde liegt.
+Da kommen die T&ouml;ne behutsam herein auf leisesten
+Sohlen und knien wie Kinder vor der Wiege
+in stumm zitternder Seligkeit, und halten den
+Atem, halten den Schlag des Herzens an, das
+<!-- Page 208 --><span class='pagenum'><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span>
+zerspringen will vor heiliger Erwartung, weil
+es das Kindlein sehen soll!</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i-4">Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all,</span>
+<span class="i0">Zur Krippe her kommet in Betlehems Stall</span>
+<span class="i0">Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht</span>
+<span class="i0">Der Vater im Himmel f&uuml;r Freude euch macht!</span>
+</div></div>
+
+
+<p>&raquo;Das ist doch eigentlich ein ziemlich triviales
+Lied,&laquo; meinte der Seminarist G&auml;rtner.</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber K&auml;rtner,&laquo; versetzte Meister
+Bruhn mit seinem mild-ironischen L&auml;cheln,
+&raquo;mein lieber K&auml;rtner, wenn ich das Lied k&#8217;macht
+h&auml;tte, denn kuckt&#8217; ich Sie karnicht an!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist das feinste, lieblichste Weihnachtslied,
+das ich kenne!&laquo; rief Asmus begeistert.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, mein lieber Semper, awer solche
+Sachen macht man heutz&#8217;tache nich mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo; forschte Asmus begierig.</p>
+
+<p>&raquo;Weil man den Klauben haben mu&szlig;, um
+so was machen zu k&ouml;nnen; die jetz&#8217;che Zeit hat
+awer keinen Klauben mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O!&laquo; machte Semper.</p>
+
+<p>&raquo;Ja ja, lieber Freund, Se k&ouml;nnen&#8217;s mir
+klauben. In einer Zeit, wo David Friedrich
+Strau&szlig; herrscht, da macht man solche Lieder
+nich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie Strau&szlig; gelesen?&laquo; rief Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Nee, nee!&laquo; rief Bruhn &auml;ngstlich und fl&uuml;chtete
+sich in die Musik, indem er auf dem
+&raquo;Klafier&laquo; zu pr&auml;ludieren begann.
+</p>
+
+<p><!-- Page 209 --><span class='pagenum'><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span>
+&raquo;Ja, David Strau&szlig; ist mein Mann!&laquo; rief
+Asmus.</p>
+
+<p>Bruhn sah ihn erschrocken von der Seite an
+und pr&auml;ludierte &auml;ngstlicher.</p>
+
+<p>&raquo;Aber darum hab&#8217; ich doch all diese herrlichen
+Lieder gern, auch die frommen, die
+wundersch&ouml;nen Chor&auml;le, z. B. &raquo;Befiehl du deine
+Wege&laquo; und &raquo;Ein feste Burg&laquo; und &raquo;Wachet auf,
+ruft uns die Stimme&laquo; und &raquo;In allen meinen
+Taten&laquo; und &raquo;Allein Gott in der H&ouml;h&#8217; sei Ehr&#8217;&laquo;.
+Er h&auml;tte noch lange fortfahren k&ouml;nnen; aber
+Bruhn starrte ihn immer hilfloser an und spielte
+jetzt bereits <em class="antiqua">forte</em>. Aber dann brach er ab.</p>
+
+<p>&raquo;Nee, lieber Semper, es ist so,&laquo; sprach er,
+&raquo;wenn der kalte, mathemat&#8217;sche Verstand dazukommt,
+denn is es mit&#8217;m Klauben und mit der
+Kunst vorbei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das w&auml;re ja schrecklich!&laquo; rief Asmus.
+&raquo;Aber es ist ja gar nicht so! Der Verstand ist
+ja gar nicht kalt! Und die Mathematik ebensowenig!&laquo;
+Er mu&szlig;te an die Stunden denken, da
+er zu Hause &uuml;ber mathematischen Aufgaben gesessen
+hatte. Aufgesprungen war er oft, durchs
+Zimmer war er getanzt und den Fensterpfosten
+hatte er umarmt, so wohl und warm war ihm
+gewesen. Eine warme, fr&ouml;hliche Sonnenklarheit
+war um ihn her gewesen!</p>
+
+<p>Er wurde immer eifriger, und er suchte
+nach Worten; denn was er meinte, war schwer
+zu sagen. Pl&ouml;tzlich kam ihm ein rettender
+Gedanke.</p>
+
+<p><!-- Page 210 --><span class='pagenum'><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span>
+&raquo;Das ist, wie ich es mal in einem Theater
+gesehen habe!&laquo; rief er. &raquo;Da gingen immer neue
+Vorh&auml;nge hoch, immer einer nach dem andern,
+und es wurde immer heller, und jedesmal bekam
+man Neues zu sehen, und das Neue bildete
+mit dem Alten zusammen immer sch&ouml;nere Bilder.
+Nur da&szlig; es auf dem Theater ein Ende hatte;
+in der Welt hat es kein Ende.&laquo;</p>
+
+<p>Bruhn, der sich inzwischen wieder in ein
+<em class="antiqua">forte fortissimo</em> hineingespielt hatte, brach
+wiederum ab und sah den J&uuml;ngling lange mit
+forschenden Blicken an. Dann sagte er: &raquo;Nu&#8217;
+ja, es mag ja sein &#8211; aber nu m&uuml;ssen wir
+weiter.&laquo; Und der Unterricht nahm seinen
+Fortgang.</p>
+
+<p>Auf dem ganzen Heimweg verlie&szlig; ihn das
+Problem nicht. Das hatte er nun so oft geh&ouml;rt:
+ein ungehemmter, schrankenloser Gebrauch
+des Verstandes vernichte die Bl&uuml;ten des Herzens.
+Und immer hatte ihn diese Behauptung gequ&auml;lt,
+geschmerzt, ge&auml;rgert, ja erz&uuml;rnt; denn
+er hatte das Gegenteil erfahren. Je mehr sich
+sein Wissen und sein Gedankenkreis erweitert
+hatten, ein desto hei&szlig;eres Gl&uuml;hen hatte sich in
+seiner Brust entz&uuml;ndet. Wie, weil man alte
+Irrt&uuml;mer und alte Dogmen &uuml;berwand und abtat,
+deshalb sollte das Herz ver&ouml;den? Nein,
+und tausendmal nein! Gedanken k&ouml;nnen Gedanken
+t&ouml;ten, niemals aber unsterbliche Lieder
+und Gestalten. Und selbst wenn die Lieder und
+Tr&auml;ume vergangener Zeiten erfrieren m&uuml;&szlig;ten
+<!-- Page 211 --><span class='pagenum'><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span>
+in der kalten Gipfelluft verwegenster Gedanken,
+das Herz wird immer wieder bl&uuml;hen, sonst w&auml;r&#8217;
+es kein Herz. Aber sie erfrieren nicht, die alten
+Bl&uuml;ten und Fr&uuml;chte! Wie innig liebte er diese
+alten, frommen Lieder mit ihrer lieblichen Einfalt,
+ihrem r&uuml;hrenden Vertrauen, ihrem seligen
+Frieden. Warum sollte er sie nicht lieben?
+Der Glaube vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte
+war so sch&ouml;n und so k&ouml;stlich wie aller
+Glaube kommender Zeiten, weil er Glaube war.
+Warum sollte er ihn nicht lieben?</p>
+
+<p>Durch ein anderes Erlebnis sollte seine
+&Uuml;berzeugung bald darauf eine tiefe Befestigung
+erfahren.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 212 --><span class='pagenum'><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>
+<a name="XXIX_Kapitel" id="XXIX_Kapitel"></a>XXIX. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus h&ouml;rt eine feierliche Messe und zieht mit den
+Juden durch die W&uuml;ste, und Rebekka Semper h&auml;lt
+Kant f&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssig.</div>
+
+<p><span class="bigletter">D</span>och im letzten Seminarjahr bekam Asmus
+einen anderen Direktor; <em class="antiqua">Dr.</em>&nbsp;Korn war
+zum Schulrat ernannt worden &#8211; &raquo;ich habe mich
+nie um ein Amt beworben,&laquo; konnte er mit Stolz
+in seiner Abschiedsrede sagen &#8211; und an seine
+Stelle war Herr Murow getreten, ein breiter,
+h&uuml;nenhafter Mann und liberaler Theologe, der
+in seiner Antrittsrede seine Heimat sehr deutlich
+verriet, als er erkl&auml;rte, da&szlig; &raquo;das Wark des
+Lahrers nur j&auml;de&#8211;ihen k&ouml;nne, wenn das Harz
+dabei w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Murow und Semper waren nach wenigen
+Wochen Freunde, und eines Morgens winkte
+der Direktor den J&uuml;ngling mit heimlichem
+L&auml;cheln auf die Seite.</p>
+
+<p>&raquo;Hier hab&#8217; ich &#8217;n Konzartbillet &#8211; <em class="antiqua">Missa
+solemnis</em> von Cherubini &#8211; sahr jute Musik
+&#8211; haben Sie Lust?&laquo; Und er reichte ihm die
+Karte hin.
+</p>
+
+<p><!-- Page 213 --><span class='pagenum'><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span>
+Ob Asmus Lust hatte! Er wu&szlig;te gar nicht,
+was er sagen sollte, und stammelte etwas hervor,
+was ein Dank sein sollte.</p>
+
+<p>Am Abend sa&szlig; er in der Petrikirche in Hamburg,
+auf einem Platze, wo er weder S&auml;nger,
+noch Orgel, noch Orchester sehen konnte. Das
+war&#8217;s, was er brauchte. Denn seine Musik kam
+von andern Orten her, als dorther, wo sie erzeugt
+wurde. Sein Theater und sein Konzert
+war immer noch anderswo als auf der B&uuml;hne
+und auf dem Podium &#8211; &uuml;ber einem Baumwipfel
+des Hintergrundes, in einem Winkel des
+Saales, im Lichtkreis einer einsamen Lampe sah
+er weit hinter dem Geschehen der B&uuml;hne, h&ouml;rte
+er hoch &uuml;ber den Kl&auml;ngen der Musik Erlebtes
+und &#8211; nie Erlebtes, f&uuml;hlte er ein Leben &#8211; ach,
+das man nur in solchen Stunden erleben kann,
+das man nie in Wirklichkeit erleben wird. Wo,
+in welchen nie geahnten Kammern seiner Seele
+hatten diese Bilder geschlummert, die f&uuml;r Sekunden
+erwachten und dann verschwanden, um
+niemals wieder zu erscheinen? Waren es Erinnerungen
+aus einem vergangenen Leben &#8211;
+Ahnungen eines k&uuml;nftigen Seins? War es das
+Unentwickelte, Unerwachte, das in der Welt ist
+und das aus dem Traume sprach?&nbsp;.....</p>
+
+<p>Und es kam ein Orgelbrausen und ein
+Frauengesang, der ging &uuml;ber alle Winkel und
+Lichter der Kirchenhalle hinaus, das war ein
+Strom, f&uuml;r den die Gew&ouml;lbe des Hauses zu
+niedrig waren; wie ein ungeheurer Flammenstrom
+<!-- Page 214 --><span class='pagenum'><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>
+fuhr er durch alle Schranken von Stein
+und Erz hinauf in den unendlichen Himmel.
+Da betete Asmus Semper abermals. Er betete,
+da&szlig; er einst, wenn er wirklich ein Dichter werde,
+eine Dichtung schaffen wolle, deren Held ein
+K&ouml;nig des Verstandes sein solle. Vor der klaren
+Sch&auml;rfe seines Verstandes sollte verj&auml;hrter Wahn
+und Glaube zergehen wie Nebel vor der Sonne.
+Und die Menge sollte ihn hassen, verfolgen,
+ihn steinigen, weil er ihre Welt entg&ouml;ttert habe.
+Und das w&uuml;rde das tragische Schicksal dieses
+Zertr&uuml;mmerers sein: die andern w&uuml;rden nicht
+wissen, nicht ahnen, da&szlig; er ein Mensch war, der
+beim Klingen einer Quelle lachen und weinen
+konnte, da&szlig; seine Brust ein Dom war, der von
+tausend Orgel- und Engelstimmen klang und
+hinter dessen bunten Fenstern alle s&uuml;&szlig;en Farben
+und alle heiligen D&auml;mmerungen des Lebens
+wohnten; niemand sollte es verstehen, da&szlig; er
+das zarteste Herz von allen besa&szlig;.</p>
+
+<p>Als Asmus unter einem klaren, sternenreichen
+Winterhimmel nach Hause ging, war er
+sich klar dar&uuml;ber, da&szlig; es nichts sei mit Meister
+Bruhns Anschauungen &uuml;ber Verstand und Gem&uuml;t.
+Aber trotz dieser und noch weit gr&ouml;&szlig;er
+Meinungsverschiedenheiten schauten sie einander
+doch mit Freundschaft und Liebe in die Augen
+an jenen wahren Sonnabenden, da die Sonne
+des Abends aufs Klavier schien und der Meister
+zu Asmussens Geige die Begleitung spielte oder
+&#8211; die strenge Pflicht auf eine Weile vergessend
+<!-- Page 215 --><span class='pagenum'><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span>
+&#8211; ganz von selbst in einen Beethoven oder
+Bach &uuml;berging.</p>
+
+<p>Der Weg nach Hause f&uuml;hrte Asmus regelm&auml;&szlig;ig
+durch einen Stadtteil, der stark, wenn
+nicht vorwiegend von Juden bewohnt war, und
+wenn er nun von den sonnabendlichen Feierstunden
+bei Meister Bruhn heimkehrte, pa&szlig;te
+es immer sonderlich gut zu seiner Stimmung,
+wenn ihm die Juden in Festtagskleidung begegneten
+und in ihrem Gang und ihren Mienen
+den Sabbath erkennen lie&szlig;en. Er fand es sch&ouml;n,
+den Feiertag am Abend zu beginnen mit dem
+Blick in ein heiliges &raquo;Morgen&laquo;; auch sein Sonntag
+begann immer am Samstagabend, begann
+oft schon in der Musikstunde, wenn er deutsche
+Lieder h&ouml;rte, begann manchmal schon mit der
+Vorfreude auf diese Stunde. Aber nicht fand er
+es sch&ouml;n, wie es die Juden taten, den Feiertag
+auch am Abend mit Sonnenuntergang zu beschlie&szlig;en.
+Er wenigstens konnte aus den heiligen
+Geheimnissen des Sabbats nicht zur&uuml;ckfinden
+in den Alltag, wenn nicht ein langer, tiefer
+Schlaf dazwischen lag. Immer und immer riefen
+ihm diese festlich gekleideten Juden die Kindheit
+zur&uuml;ck, die unverge&szlig;liche Zeit, da er mitten im
+verschneiten Winter das sonnige Land Abrahams
+gesehen und mit Elieser um Rebekka geworben
+hatte, am Brunnen der Stadt Nahors.
+Wenn er sie aber gar am Laubh&uuml;ttenfest mit dem
+Paradiesapfel und mit Myrten, Palmen und
+Weiden nach der Synagoge wandeln sah, dann
+<!-- Page 216 --><span class='pagenum'><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span>
+verwandelte sich der Weg nach Oldensund in die
+vierzigj&auml;hrige W&uuml;stenwanderung vom bitteren
+Wasser zu Mara und der Oase Elim bis zu
+dem Tage, da Jericho fiel unterm Hall der
+Posaunen, dann sah er die &auml;hrensammelnde Ruth
+auf dem Acker des Boas und sah die Harfe
+Israels hangen an den Weiden Babylons.</p>
+
+<p>Sch&ouml;n wie die Kindheit war nun nach allen
+Sorgen und K&auml;mpfen die Zeit des Seminarbesuchs
+geworden, als sie sich ihrem Ende zuneigte.
+Ludwig Sempers Verdienst hatte sich
+ein wenig erh&ouml;ht; Asmussens Stipendium war
+auf zweihundertundvierzig Mark im Jahre gestiegen;
+ein paar gute Privatstunden taten ein
+&uuml;briges, eine Zeitschrift hatte ein paar Gedichte
+von Asmus Semper angenommen, und aus
+Amerika kamen gute Nachrichten.</p>
+
+<p>Aber unter alledem war noch nicht das Beste.
+Das, was die ganze Welt so heilig und sch&ouml;n
+machte, war das Studium. Nicht das Studium
+f&uuml;rs Seminar; bei dem war immer noch nicht
+viel Freude zu holen. Nein, das Studium, das
+niemand von ihm verlangte als er selbst. Und
+darum war der Sonnabend so unaussprechlich
+sch&ouml;n, weil er nun den ganzen Sonntag &uuml;ber
+studieren konnte, was er wollte. Freilich hatte
+Frau Rebekka ihre Bedenken. Das Examen
+nahte wieder heran, und ob Kant und Spinoza
+und Gedichtemachen und Hamletdeklamieren dazu
+n&ouml;tig sei, dar&uuml;ber hegte sie sch&uuml;chterne Zweifel.
+<!-- Page 217 --><span class='pagenum'><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span>
+Sie gab diesen Zweifeln auch Ausdruck und
+meinte, ob er sich nicht zu sehr zersplittere.</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab&#8217; da neulich in so&#8217;n Buch von Kant
+hineingeguckt, &#8211; das ist ja&#8217;n f&uuml;rchterlicher
+Schnack; daraus wird ja kein Deubel klug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mitunter ist es sehr schwer,&laquo; sagte
+Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ist denn das notwendig, da&szlig; du das
+lernst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Mutter, das ist sehr notwendig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenigstens solltest du das Dichten aufschieben,
+bis du mehr Zeit hast, das strengt
+dich doch auch an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na ja, wenn es mich anstrengt, werd ich es
+aufgeben&laquo;, versicherte Asmus und l&auml;chelte nach
+innen.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 218 --><span class='pagenum'><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span>
+<a name="XXX_Kapitel" id="XXX_Kapitel"></a>XXX. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Das unlesbarste Kapitel des ganzen Buches: Asmus
+pr&uuml;gelt sich mit Kant und Spinoza und verrenkt sich
+mehrere H&uuml;ften.</div>
+
+<p>&raquo;<span class="bigletter">J</span>ung, du verschmierst ja all die sch&ouml;nen B&uuml;cher!&laquo;
+rief Frau Rebekka eines anderen
+Tages erschrocken, als sie ihm &uuml;ber die Schulter
+in die &raquo;Kritik der reinen Vernunft&laquo; hineinblickte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Ja, das tat er freilich. Wenn er ein Buch
+wirklich las, so durchackerte er es mit dem Bleistift
+und warf jede Scholle herum und erquickte
+sich an dem frischen Ackerduft, der dann emporstieg;
+alle Bedenken, alle Zweifel, alle Widerspr&uuml;che,
+die ihm aufstiegen, schrieb er an den
+Rand, und das gab einen wunderlichen Buchschmuck.
+Gar oft ging es ihm wie seinem geliebten
+Faust:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Hier stock ich schon und kann nicht weiter fort;</span>
+<span class="i0">Ich kann das Wort so hoch unm&ouml;glich sch&auml;tzen,</span>
+<span class="i0">Ich mu&szlig; es anders &uuml;bersetzen,</span>
+<span class="i0">Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin&nbsp;...&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>und das war immer der schlimmste Zweifel: ob
+er vom Geiste <em class="gesperrt">recht</em> erleuchtet war. Er balgte
+<!-- Page 219 --><span class='pagenum'><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>
+sich mit dem d&uuml;rren K&ouml;nigsberger M&auml;nnchen
+wie wahnsinnig; aber er wu&szlig;te wohl, da&szlig; er
+mit einem Gottessohne rang wie Jakob an der
+St&auml;tte Pniel, und da&szlig; man sich dabei die H&uuml;fte
+verrenken konnte. Er verrenkte sie sich mehr als
+einmal und mu&szlig;te manchmal einsehen, da&szlig; er
+nur deshalb widersprochen hatte, weil er nicht
+richtig verstanden hatte; das besch&auml;mte ihn wohl,
+aber hielt ihn von immer erneutem Ringen nicht
+ab. Nichts lag ihm ferner als &Uuml;berhebung; seine
+Piet&auml;t gegen das Genie war eher zu gro&szlig; als
+zu klein, und selbst solche S&auml;tze wie:</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;Aber hierin liegt eben das Experiment
+einer Gegenprobe der Wahrheit des Resultats
+jener ersten W&uuml;rdigung unserer Vernunfterkenntnis
+<em class="antiqua">a priori</em>&laquo;</p></div>
+
+<p>konnten in ihm nicht den Verdacht erwecken,
+da&szlig; es dem &raquo;Alleszermalmer&laquo; denn doch wohl
+hin und wieder recht sehr an der F&auml;higkeit gemangelt
+habe, seine Gedanken gut und klar zum
+Ausdruck zu bringen. Es war einige Jahre
+sp&auml;ter, da&szlig; er bei Schopenhauer an den Rand
+schrieb: Ach, h&auml;tte doch der Kant so schreiben
+k&ouml;nnen wie der Schopenhauer! Selbst, wo er
+f&uuml;r den Augenblick das sichere Gef&uuml;hl hatte,
+gegen Kant oder Spinoza im Recht zu sein,
+zweifelte er nicht, da&szlig; ein sp&auml;terer Tag ihm die
+Einsicht seines Irrtums bringen werde. Einstweilen
+war er &uuml;berzeugt &#8211; und er blieb es auch
+sp&auml;ter &#8211; da&szlig; der Monismus Spinozas kein
+<!-- Page 220 --><span class='pagenum'><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span>
+Monismus sei; der Parallelismus von Bewegungs-
+und Bewu&szlig;tseinsvorg&auml;ngen war nur ein
+umschriebener Dualismus. Denn warum und
+wozu war diese Maschine &raquo;Mensch&laquo; so gebaut,
+da&szlig; ihr derselbe Vorgang als &raquo;Ausdehnung&laquo;
+und &raquo;Denken&laquo; erschien? Der Dualismus war
+in den Menschen verlegt &#8211; das war alles. Und
+K&ouml;rper und Seele aus der Welt schaffen, indem
+man sie einfach als Attribute <em class="gesperrt">einer</em> Substanz
+auffasste &#8211; was war damit getan? Das Verfahren
+konnte man bei jedem unbequemen Gegensatze
+anwenden, und die &raquo;Substanz&laquo; war
+wie &raquo;das Ding an sich&laquo; ein Nichts, aus dem
+man alles machen konnte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Sein Denken wurzelte fest im Empirischen,
+und so gern seine Seele ihr Haupt in transzendenten
+L&uuml;ften wiegte &#8211; ihren Boden wollte sie
+nicht ohne Not verlassen. So hatte er die Ideenlehre
+Platos wundersch&ouml;n gefunden; aber sogleich
+hatte er sich gesagt: das ist Dichtung, ist
+Glaube, nicht Erkennen.</p>
+
+<p>Gegen den strengen Gedanken von der Notwendigkeit
+alles Geschehens, dem der Mann sich
+unterwarf, lehnte der J&uuml;ngling sich auf. Sein
+die Arme reckender und streckender Wille verlangte
+nach Willensfreiheit, und doch schien ihm
+die transzendentale Willensfreiheit Kants nur
+eine Ausflucht. Gegen diesen Immanuel Kant,
+dessen Leben er mehr bewunderte als liebte,
+hatte er noch gar manches auf dem Herzen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 221 --><span class='pagenum'><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span>
+Da stand:</p></div>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;da&szlig; alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung
+anfange, daran ist gar kein Zweifel; denn wodurch
+sollte das Erkenntnisverm&ouml;gen sonst zur
+Aus&uuml;bung erweckt werden, gesch&auml;he es nicht
+durch Gegenst&auml;nde, die unsere Sinne assizieren&nbsp;...&laquo;</p></div>
+
+<p>und an anderer Stelle hie&szlig; es:</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;Da&szlig; es nun dergleichen notwendige und im
+strengsten Sinne allgemeine, mithin reine Urteile
+a priori im menschlichen Erkenntnis wirklich
+gebe, ist leicht zu zeigen&nbsp;...&laquo;</p></div>
+
+<p>und wiederum:</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;Von den Erkenntnissen <em class="antiqua">a priori</em>
+hei&szlig;en aber
+diejenigen rein, denen gar nichts Empirisches
+beigemischt ist&nbsp;...&laquo;</p></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>War das nicht unreimbarer Widerspruch?
+Und wenn es dann gar hie&szlig;:</p></div>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;So ist z. B. der Satz: eine jede Ver&auml;nderung
+hat ihre Ursache, ein Satz a priori, allein nicht
+rein, weil Ver&auml;nderung ein Begriff ist, der
+nur aus der Erfahrung gezogen werden kann&laquo;.</p></div>
+
+<p>Was sollte man dazu sagen? Der Begriff der
+Ursache war entweder genau so gut aus der
+Erfahrung gezogen wie der der Ver&auml;nderung
+oder sie waren beide gleich &raquo;rein&laquo;. Unzweifelhaft
+hatten sie aber beide &raquo;empirische Beimischung&laquo;.
+Und was sollte es hei&szlig;en, wenn nun Kant als
+ein Beispiel f&uuml;r &raquo;dergleichen notwendige und
+<!-- Page 222 --><span class='pagenum'><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span>
+im strengsten Sinne allgemeine, mithin reine
+Urteile <em class="antiqua">a priori</em>&laquo; die Mathematik auff&uuml;hrte?
+Die Mathematik war doch menschlich konstruierte
+Realit&auml;t, nicht von der Natur gegeben, wie Kant
+in der Einleitung an dem &raquo;ersten Demonstrator
+des gleichschenkligen Dreiecks&laquo; selbst zugegeben
+hatte. So waren die S&auml;tze der Mathematik zwar
+allgemein und notwendig (da&szlig; das zweierlei sei,
+wollte Sempern auch nicht in den Sinn); aber sie
+waren auch f&uuml;r die Erkenntnis des Weltwesens
+vollkommen wertlos, wenn man sich nicht zu den
+Pythagoreern gesellte. Und was sollte man endlich
+gar dazu sagen, wenn Kant, ganz im Widerspruch
+zu dem Vorhergehenden, fortfuhr:</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;will man ein Beispiel aus dem gemeinsten
+Verstandesgebrauche, so kann der Satz, da&szlig;
+alle Ver&auml;nderung eine Ursache haben m&uuml;sse,
+dazu dienen&nbsp;...&laquo;</p></div>
+
+<p>und dann gegen Hume polemisierte, der diesen
+Satz</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;von einer &ouml;fteren Beigesellung dessen, was
+geschieht, mit dem, was vorhergeht, und einer
+daraus entspringenden Gewohnheit, Vorstellungen
+zu verkn&uuml;pfen, ableiten wollte.&laquo;</p></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Asmus hielt es ganz entschieden mit Hume
+und war der &Uuml;berzeugung, da&szlig; jedes Naturgesetz
+der empirischen Wissenschaften genau so &raquo;allgemein
+und notwendig, mithin rein <em class="antiqua">a priori</em>&laquo;
+oder genau so blo&szlig; komparativ allgemein und
+<!-- Page 223 --><span class='pagenum'><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>
+<em class="antiqua">a posteriori</em> sei wie der Satz von der Ver&auml;nderung
+und ihrer Ursache.</p>
+
+<p>Ach, schon diese Einteilung der Urteile in
+analytische und synthetische! Asmussens Bleistift
+wurde temperamentvoll und machte schwungvolle
+Fragezeichen und wuchtige Ausrufungszeichen!
+Warum sollte denn das Urteil &raquo;Alle K&ouml;rper sind
+ausgedehnt&laquo; analytisch und dagegen das andere
+&raquo;Alle K&ouml;rper sind schwer&laquo; synthetisch sein? Das
+Merkmal der Schwere war doch f&uuml;r den K&ouml;rper
+genau so wesentlich wie das der Ausdehnung
+und war also genau so gut wie dieses im Begriff
+des K&ouml;rpers schon gegeben! Wieso bedurfte es
+da der Synthese? Und gesetzt: man entdeckte ein
+wesentliches Merkmal eines Begriffes, das man
+bisher nicht gekannt hatte, so konnte man im
+Augenblick der Entdeckung allenfalls von einer
+&raquo;Synthese&laquo; sprechen und konnte das neue Urteil
+ein synthetisches nennen; aber sobald man wu&szlig;te,
+da&szlig; das neue Merkmal zum Wesen des Begriffes
+geh&ouml;re, war es doch auch mit diesem Begriff gegeben,
+und das Urteil war so &raquo;analytisch&laquo; wie
+irgend ein anderes. O, wenn Asmus damals gewu&szlig;t
+h&auml;tte, da&szlig; auch andere Leute, und zwar
+h&ouml;chst gelehrte und gescheite M&auml;nner diese Unterscheidung
+f&uuml;r verworren und zwecklos hielten!
+So aber sagte er sich: &raquo;Da&szlig; Kant so unklar gedacht
+habe, ist ausgeschlossen; also tappe ich im
+Dunkeln, also ist mit dieser Unterscheidung noch
+etwas andres gemeint, das ich nicht verstehe&laquo;
+&#8211; und das setzte ihm zu mit harter Pein.
+</p>
+
+<p><!-- Page 224 --><span class='pagenum'><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span>
+Und endlich dieses ber&uuml;hmte &raquo;Ding an sich&laquo;.
+Man k&ouml;nne es nicht erkennen, hie&szlig; es. Aber es
+&raquo;affizierte&laquo; uns durch Erscheinungen, stand also
+in Beziehung zu uns, machte uns Mitteilungen!
+Wozu machte es uns diese Mitteilungen? Nur
+um uns zu foppen? Dann war freilich alles
+Denken und Leben Unfug. Oder verrieten uns
+diese Mitteilungen, wie es jede Mitteilung tut,
+etwas vom Wesen des Mitteilenden? Doch wohl;
+Kant verwahrte sich ja auch selbst dagegen, da&szlig;
+man die &raquo;Erscheinung&laquo; als &raquo;Schein&laquo; verstehe.
+Warum nun affizierte uns das Ding an sich so,
+wie es uns affiziert, und nicht anders. Es mu&szlig;te
+zu seinem Wesen geh&ouml;ren, uns so zu affizieren
+und nicht anders. Dann aber <em class="gesperrt">wu&szlig;ten</em> wir
+etwas von seinem Wesen, und wenn wir <em class="gesperrt">etwas</em>
+wu&szlig;ten, warum sollten wir dann nicht mehr
+wissen k&ouml;nnen? &raquo;Hier ist ein Wirbel&laquo;, sagte sich
+Asmus. Sein Bleistift fragte in aller Bescheidenheit:
+Was n&ouml;tigt uns, hinter der &raquo;sch&ouml;nen
+gr&uuml;nen Weide&laquo; der Erscheinungen ein unerkennbares
+Ding an sich anzunehmen, und wer hat
+etwas von diesem Ding an sich? Die Beschr&auml;nktheit
+menschlicher Erkenntnis leuchtet auch so ein.
+Da&szlig; wir nicht Zentrum der Welt sind, da&szlig; der
+Mensch, der kleine Fu&szlig;soldat, unm&ouml;glich den
+Plan kennen kann, nach dem der &raquo;Herr der
+Heerscharen&laquo; die Weltenschlacht schlagen l&auml;&szlig;t,
+&#8211; das wissen wir seit Kopernikus auch so. Also
+warum soll der Pfahl, an dem ich mir die Nase
+blutig sto&szlig;e, durchaus Erscheinung und nicht
+<!-- Page 225 --><span class='pagenum'><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span>
+Ding an sich sein? Und warum setzen wir diese
+Skepsis nicht ins Grenzenlose fort? Es setzte
+Sempern in gro&szlig;es Erstaunen, als er las:</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;Was es f&uuml;r eine Bewandtnis mit den
+Gegenst&auml;nden an sich&nbsp;... haben m&ouml;ge, bleibt
+uns g&auml;nzlich unbekannt. Wir kennen nichts
+als unsere Art, sie wahrzunehmen, die uns
+eigent&uuml;mlich ist, die auch nicht notwendig jedem
+Wesen, <em class="gesperrt">obzwar jedem Menschen</em> zukommen
+mu&szlig;.&laquo;</p></div>
+
+<p>Das &raquo;obzwar jedem Menschen&laquo; war es, was
+ihn in Staunen versetzte.</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich?&laquo; schrieb er an den Rand. &raquo;K&ouml;nnte
+der Welturheber den Spa&szlig; dieses Sommernachtstraumes
+nicht noch weiter ausgedehnt haben und
+die Menschen Verschiedenes wahrnehmen lassen,
+wenn sie dasselbe nennen, und Verschiedenes
+nennen lassen, wenn sie dasselbe wahrnehmen?&laquo;
+Und er hatte eine herzliche Freude, als er sp&auml;ter
+las, da&szlig; Fichte den kantischen Zweifel an der
+Dinglichkeit der Erscheinungswelt zu Ende gef&uuml;hrt,
+das Ding an sich als widersinnig verworfen
+und erkl&auml;rt habe: Au&szlig;er mir gibt es
+nur Vorstellungen und sonst nichts. Mit einem
+wundersch&ouml;n weichen, tiefschwarzen Bleistift schrieb
+Asmus in Riesenbuchstaben dazu:</p>
+
+<p>&raquo;<em class="gesperrt">Gott sei Dank!! Das ist wenigstens
+konsequent!!</em>&laquo;</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 226 --><span class='pagenum'><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span>
+<a name="XXXI_Kapitel" id="XXXI_Kapitel"></a>XXXI. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Der Mensch ist ein fliegender Holl&auml;nder, und Asmus
+bekommt das Lampenfieber.</div>
+
+<p><span class="bigletter">I</span>n diesen Sonntagsstudien gab es Minuten,
+Stunden, Tage der Klarheit, die er f&uuml;r nichts
+auf der Welt dahingegeben h&auml;tte.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Das ist ein Augenblick der Seligkeit,</span>
+<span class="i0">Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke</span>
+<span class="i0">Das Hirn durchzuckt und so die Seele fa&szlig;t,</span>
+<span class="i0">Da&szlig; sie durchbrochen w&auml;hnt des Denkens Schranke!</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Da w&auml;hnt das Aug, es s&auml;he gro&szlig; und klar</span>
+<span class="i0">Den Geist des Alls durch Erd&#8217; und Himmel wandeln;</span>
+<span class="i0">Aufatmend spricht das Herz: Ich bin getrost;</span>
+<span class="i0">Fest ruht fortan mein F&uuml;hlen und mein Handeln.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Aber oft w&auml;hrte die Klarheit nicht von einem
+Sonntag zum andern, manchmal nicht von einer
+Minute zur andern. Stellt ein Glas voll reinsten
+Quellwassers hin, das durchsichtiger ist als Kristall
+&#8211; mit jeder Stunde schwindet von selbst
+<!-- Page 227 --><span class='pagenum'><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span>
+seine Klarheit dahin. H&auml;ngt einen Spiegel auf
+so rein und eben, wie ihr ihn finden m&ouml;gt &#8211;
+in wenig Stund wird er sich tr&uuml;ben vom Anhauch
+des Lebens.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Gewi&szlig;heit &#8211; sch&ouml;ner Wahn des Augenblicks!</span>
+<span class="i0">Bald wieder wird der alte Zweifel nagen;</span>
+<span class="i0">Der feste Boden weicht &#8211; dir schwindelt &#8211; weit</span>
+<span class="i0">Ins &ouml;de Meer hinaus wirst du verschlagen.</span>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Dem Schiffer gleich f&auml;hrst du auf hohem Meer</span>
+<span class="i0">In Nacht und Sturm durch lange, d&uuml;stre Jahre,</span>
+<span class="i0">Bis endlich deinem Fu&szlig; das Schicksal g&ouml;nnt,</span>
+<span class="i0">Da&szlig; er der Heimat festen Grund gewahre.</span>
+<span class="i0">Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bl&auml;ht</span>
+<span class="i0">Der Wind am hohen Mast die wei&szlig;en Linnen:</span>
+<span class="i0">Kaum hast du noch des Ufers Sand gek&uuml;&szlig;t,</span>
+<span class="i0">So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>In einem ganz eigenen Sinne tauchte ihm
+die Geschichte von Herkules wieder auf, der die
+Hydra schlug. Wenn man triumphierend einem
+Zweifel den Kopf abschlug, so wuchsen zwei
+wieder aus dem Rumpf hervor. Und eine sonderbare
+Beobachtung glaubte er zu machen.
+Wenn er sich einer Wahrheit recht nah f&uuml;hlte
+und ihr nun mit starrenden Augen immer n&auml;her
+auf den Leib r&uuml;ckte, dann <em class="gesperrt">sah er</em> f&ouml;rmlich, wie
+sie pl&ouml;tzlich zur&uuml;ckwich und dichte Nebelschleier
+um sich schlug, wie ein Weib, das nicht gesehen
+<!-- Page 228 --><span class='pagenum'><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span>
+sein <em class="gesperrt">wollte</em>! Noch eben jetzt hatte er sie klar
+zu sehen vermeint, und pl&ouml;tzlich stand er in
+lauter Nebeln. Und seltsam: weibliche Gestalten
+mischten sich jetzt so oft in seine Vorstellungen
+und Gedanken; ja, es war, als h&auml;tten diese
+Gedanken und Vorstellungen selbst etwas von
+weiblichem Wesen und weiblichem Reiz, und
+alles, was er suchte, suchte er mit unerkl&auml;rlicher
+leiser Wonne und mit leisem Schmerz. Auf
+dem Wege zum Seminar gab es L&auml;den, in
+denen Bilder von weiblichen Sch&ouml;nheiten in
+halber oder nahezu ganzer Enth&uuml;llung ausgestellt
+waren. Vier Jahre lang und dar&uuml;ber war
+er an diesen L&auml;den ohne jegliches Interesse vor&uuml;bergegangen;
+seit einiger Zeit sah er diese
+Bilder mit anderen Augen an, und er verweilte
+mit seiner Betrachtung auch bei solchen,
+von denen er sich sagen konnte, da&szlig; sie nicht
+gerade in k&uuml;nstlerischer und &uuml;berhaupt nicht in
+der allerbesten Absicht dorthin gelegt seien. Und
+als er in dieser Zeit von der h&ouml;chsten Galerie
+des Theaters den &raquo;Lohengrin&laquo; h&ouml;rte und als
+Elsa mit wunders&uuml;&szlig;er Stimme und ergreifendem
+Glauben sang:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Kehr&#8217; bei mir ein! La&szlig; mich dich lehren,</span>
+<span class="i0">Wie s&uuml;&szlig; die Wonne reinster Treu!</span>
+<span class="i0">La&szlig; zu dem Glauben dich bekehren:</span>
+<span class="i0">Es gibt ein Gl&uuml;ck, das ohne Reu!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>da brach in seiner Brust ein Damm von einer
+langgestauten Flut, da entst&uuml;rzten Tr&auml;nen seinen
+<!-- Page 229 --><span class='pagenum'><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span>
+Augen; denn sie hatte nicht nur die holde Sch&ouml;nheit
+weiblichen Wesens, hatte nicht nur das
+Gl&uuml;ck der Liebe gesungen; sie hatte von allem
+Triumphe alles Hohen gesungen; sie hatte ihm
+gesungen: Es gibt ein Wissen ohne Trug, es
+gibt ein Leben ohne Ha&szlig;, es gibt eine Welt
+ohne Leid.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Und wenn er auch jenen Versen die &Uuml;berschrift
+&raquo;Menschenlos&laquo; gegeben und wenn er sie
+auch mit den verzweifelten Worten gekr&ouml;nt
+hatte:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und dies bleibt immer deines Denkens Los:</span>
+<span class="i0">Wenn dich ein Strahl aus h&ouml;chstem Himmel gr&uuml;&szlig;te,</span>
+<span class="i0">Er bleibt nicht dein; er schwindet hin in Nacht,</span>
+<span class="i0">Wie die Morgana schwindet in der W&uuml;ste.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>so war es ihm damit nur auf Stunden ernst,
+und es war darin ein gut Teil von jenem
+wunderlichen Kom&ouml;diantentum der Jugend, das
+sich bei roten Wangen in d&uuml;steren Geb&auml;rden
+gef&auml;llt und nicht nur die Anspr&uuml;che, sondern
+auch die Resignation der reifen Jahre vorwegzunehmen
+liebt. Hatte er doch auch gesungen:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Dich hie&szlig; ich wie kein andres Weib willkommen;</span>
+<span class="i0">Laut schlug mein Herz &#8211; du hast es nicht vernommen.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>und hatte dabei an Hilde Chavonne gedacht
+und war doch um so weniger berechtigt, dem
+<!-- Page 230 --><span class='pagenum'><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span>
+guten M&auml;dchen daraus einen Vorwurf zu
+machen, als er selbst nicht genau wu&szlig;te, ob
+sein Herz f&uuml;r Hilde oder f&uuml;r das Weib im allgemeinen
+schlug. Nein, mochten seine &raquo;Gewi&szlig;heiten&laquo;
+zuweilen nur ein Minutenleben haben,
+seine Niedergeschlagenheiten lebten meistens nur
+Sekunden; auf dem Grunde seiner Natur mu&szlig;te
+eine Feder sein, die mit unversiegbarer Kraft
+wieder emporschnellte, wenn der schwerste Druck
+nur einen Augenblick nachlie&szlig;. Die Absolutheit
+der Sittengesetze, der doch die menschliche
+Schw&auml;che in diesem Leben nicht gen&uuml;gen konnte,
+erforderte nach Kant die Unsterblichkeit der
+Seele. Dann war also auch das Leben nach
+dem Tode ein Entwicklungsgang; denn es h&auml;tte
+keinen Sinn, wenn wir aus dem Tode einfach
+als vollkommene Wesen erwachten. Und wenn
+die Unbefriedigung unseres Gewissens ein k&uuml;nftiges
+Leben verlangte, so verlangte die immer
+strebende Unbefriedigung des Geistes ein Gleiches.
+Wo Fortschritt der Sittlichkeit m&ouml;glich
+war, da mu&szlig;te auch Fortschritt der Erkenntnis
+m&ouml;glich sein, und wenn in einem k&uuml;nftigen
+Leben, so auch im gegenw&auml;rtigen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Und er glaubte an den Fortschritt mit aller
+Gewalt seiner sehnenden Seele; er glaubte nicht
+an die ewig gleich geartete Seligkeit des Kirchenhimmels;
+er konnte sie sich nicht vorstellen; aber
+er glaubte an die ewig wachsende Seligkeit des
+Werdens und sich Vollendens; die begriff er,
+die hatte er in Stunden unnennbarer Weihe
+<!-- Page 231 --><span class='pagenum'><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span>
+selber gef&uuml;hlt. Und in wenigen Monaten sollte
+er nun ein F&uuml;hrer werden auf solchen Wegen
+des Werdens, sollte sich ihm ein Beruf auftun,
+der ihn Hunderte, Tausende von jungen Seelen
+die rechten Wege zur Vervollkommnung weisen
+hie&szlig;. Er ein F&uuml;hrer! Er, der es wu&szlig;te, wie
+sehr er selbst noch der F&uuml;hrung bedurfte!
+Wenn er an diese nahe Wendung dachte, wurde
+ihm, er wu&szlig;te selbst nicht, wie. Eine hohe,
+berauschende Freude &uuml;berlief ihn; aber gleich
+darauf &uuml;berfiel ihn immer ein herzstockendes
+Bangen; es war wohl h&ouml;here Freude, aber auch
+tieferes Bangen als damals, da er vor der
+Klassent&uuml;r gestanden und den erkrankten Herrn
+Dohrmann hatte vertreten sollen. Denn er war
+reifer und kl&uuml;ger geworden und verstand tiefer
+als damals, um was es sich handle.</p>
+
+<p>Bevor er jedoch diesen Beruf ergriff, lernte
+er schnell noch einen anderen kennen, n&auml;mlich
+den des Schauspielers.</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 232 --><span class='pagenum'><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>
+<a name="XXXII_Kapitel" id="XXXII_Kapitel"></a>XXXII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Semper der J&uuml;ngling als Heldenvater und Liebhaber.</div>
+
+<p><span class="bigletter">K</span>urz nach Weihnachten sollte wieder Konzert
+und Theater sein, und zwar sollte Gutzkows
+&raquo;Zopf und Schwert&laquo; gegeben werden.
+Obwohl Asmus im Seminar weder als Mime
+noch als Regisseur jemals irgend einen Posten
+bekleidet hatte, war man doch einstimmig der
+Meinung, da&szlig; er den K&ouml;nig Friedrich Wilhelm <em class="antiqua">I</em>.
+geben und die Regie f&uuml;hren m&uuml;sse.
+Man glaubte, Rezitieren und Kom&ouml;die spielen
+sei dasselbe.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Die Proben im Musiksaal begannen, und
+Asmus st&uuml;rzte sich mit Begeisterung in seinen
+neuen Beruf. Er hatte harte Arbeit; denn unter
+den Mitwirkenden gab es einige &uuml;bertriebene
+Talentlosigkeiten. Da war einer, der die Prinzessin
+geben sollte, &#8211; denn auch die weiblichen
+Rollen mu&szlig;ten der Feuersicherheit wegen von
+J&uuml;nglingen gespielt werden, ein Zopf, den der
+neue Direktor im Jahre darauf mit einem
+Schwertstreich abhieb, &#8211; und dieser Prinzessinnendarsteller
+hatte offenbar beim Spielen
+<!-- Page 233 --><span class='pagenum'><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span>
+das Gef&uuml;hl, da&szlig; er mindestens acht H&auml;nde habe,
+von denen er dann immer zwei in die Hosentaschen
+steckte.</p>
+
+<p>&raquo;Mensch,&laquo; rief Asmus, &raquo;bedenk doch, da&szlig;
+du als Prinzessin nicht die H&auml;nde in die Hosentaschen
+stecken kannst!&laquo;</p>
+
+<p>Und dann zog Lau, so hie&szlig; er, die H&auml;nde
+wieder heraus; aber beim n&auml;chsten Satze staken
+sie schon wieder drin. Asmus gab ihm endlich
+eine kleinere Rolle und dann eine noch kleinere;
+aber es half nichts; Laus starke Pers&ouml;nlichkeit
+brach sich durch jede Rolle Bahn; er war ein
+penetrantes Talent.</p>
+
+<p>Aber es waren auch zweifellose Begabungen
+darunter, und im ganzen f&uuml;hlte sich Asmus in
+dieser ganz ungewohnten T&auml;tigkeit unbeschreiblich
+wohl. Er h&auml;tte seinen Zustand mit einem
+Champagnerrausch vergleichen k&ouml;nnen, wenn er
+die f&uuml;r diesen Vergleich erforderlichen Kenntnisse
+gehabt h&auml;tte. Als der Abend der Auff&uuml;hrung
+herangekommen war, ging es ihm genau
+wie Meister Bruhn: er war zwei Stunden
+vor Beginn zur Stelle und hatte nach zehn
+Minuten schon auf s&auml;mtlichen St&uuml;hlen gesessen,
+aber auf keinem l&auml;nger als zwei Sekunden; er
+mu&szlig;te gehen, gehen wie immer, wenn er erregt
+war, immer auf und ab, wie der Tiger
+des Zoologischen Gartens im K&auml;fig. Dabei hatte
+er das Gef&uuml;hl, da&szlig; er fest auftreten m&uuml;sse, damit
+ihn nicht ein Lufthauch davontrage. Und
+wog doch gewi&szlig; seine 120 Pfund. Er war nerv&ouml;s
+<!-- Page 234 --><span class='pagenum'><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span>
+wie ein sichernder Hirsch, der ein Knacken im Gezweig
+vernommen hat; aber es war eine wohlige,
+prickelnde Nervosit&auml;t. Der K&ouml;nig hat seinen
+ersten Auftritt hinter der Szene zu sprechen, und
+das war gut; denn wenn er an das Auditorium
+dachte, dann war es, als ob pl&ouml;tzlich etwas
+furchtbar Schweres furchtbar tief in seinen Leib
+hinunterfiele und ein Emporfliegen war dann
+nicht mehr zu f&uuml;rchten.</p>
+
+<p>Der Vorhang ging endlich auf, und schon
+nach den ersten Szenen war der Erfolg des ersten
+Aktes gesichert; denn der Darsteller der K&ouml;nigin
+hatte in der Erregung unter den k&ouml;niglichen
+Kleidern seine m&auml;nnlichen Dessous und seine
+Zugstiefeletten anbehalten, und das gen&uuml;gte f&uuml;r
+den 1.&nbsp;Akt. Jedesmal, wenn die hohe Frau sich
+setzte und ihr Reifrock sich hob, brauste ein Sturm
+des Entz&uuml;ckens durch das vollbesetzte Haus.
+Asmus lief wie besessen hinter der Szene auf
+und ab.</p>
+
+<p>&raquo;Was hat das Publikum? Was hat das
+Publikum?&laquo; fl&uuml;sterte er. Stelling, der hinter der
+ersten Kulisse stand, rief:</p>
+
+<p>&raquo;Kneist hat die Stiefeletten anbehalten&laquo; und
+wollte bersten vor Lachen. Er konnte lachen;
+&uuml;ber dies schwere Ungl&uuml;ck konnte er lachen. Asmus
+war au&szlig;er sich, und als Ihre Majest&auml;t die
+B&uuml;hne verlassen hatte und ihm in den Wurf kam,
+da fluchte er wie ein altgedienter Oberregisseur.</p>
+
+<p>&raquo;Eine Schlamperei ist das einfach, eine skandal&ouml;se
+Schlamperei!&laquo; fl&uuml;sterte er; denn laut
+<!-- Page 235 --><span class='pagenum'><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span>
+durfte er ja nicht werden; aber er fl&uuml;sterte sehr
+vehement.</p>
+
+<p>&raquo;Gott, was ist denn dabei?&laquo; versetzte Kneist,
+die K&ouml;nigin, mit bewundernswerter Ruhe. &raquo;Das
+Ganze ist doch nur &#8217;n Spa&szlig;.&laquo; Das verschlug
+Asmussen die Rede allerdings gr&uuml;ndlich. Gegen
+eine so bodenlos frivole Auffassung von der
+Kunst war er nicht gewappnet. Er war so verst&ouml;rt
+ob dieser Antwort, da&szlig; er fast seinen Auftritt
+vers&auml;umt h&auml;tte. Als er dann mit seinen
+Worten beim Publikum Heiterkeit erweckte, sagte
+er sich: Gott sei Dank, deinem Aussehen kann
+das nicht gelten; sie sehen dich ja gar nicht.</p>
+
+<p>Aber auch als sie ihn sahen, h&ouml;rten sie ihm
+freundlich und mit &ouml;fterem Lachen zu, und als
+er in der Szene des Tabakkollegiums zu den
+Worten gekommen war:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Die Kreaturen zittern? &#8211; Ich will allein</span>
+<span class="i0">sein.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>da war das Auditorium eine einzige Stille, und
+als er dann im n&auml;chsten Akte wieder auftrat,
+bekam er einen gro&szlig;en Schreck; denn sie empfingen
+ihn mit st&uuml;rmischem H&auml;ndeklatschen. Ja,
+ein gro&szlig;er Schreck war es; aber es war der
+freudigste, den er empfangen hatte seit jenem
+Weihnachtabend, als er pl&ouml;tzlich vor dem
+Puppentheater, dem Geschenk seines Bruders
+Johannes, gestanden hatte. O ja, ja, es mu&szlig;te
+herrlich sein, so jeden Abend, vom Beifall der
+Menge umbraust, auf der B&uuml;hne zu stehen! Der
+<!-- Page 236 --><span class='pagenum'><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span>
+Beruf des Schauspielers war ihm immer in
+einem m&auml;rchenhaften Glanze erschienen; jetzt
+war er tief davon &uuml;berzeugt, da&szlig; es keinen
+freudenreicheren, verlockenderen gebe als ihn.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Er sollte auch f&uuml;r den Rest des Abends
+aus diesem kindlichen Wahne nicht aufgeschreckt
+werden. Murow, der Direktor, kam ihm mit
+beiden dargebotenen H&auml;nden entgegen und rief:</p>
+
+<p>&raquo;Alle Watter, mein lieber Samper, harzlichen
+Gl&uuml;ckwunsch! Sie sind ja der j&auml;borne
+Haldenvater!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, dazu reicht doch wohl meine L&auml;nge
+nicht,&laquo; meinte Asmus zaghaft.</p>
+
+<p>&raquo;Nu &#8211; es hat auch kleine Haldenv&auml;ter j&auml;j&auml;ben!
+Sie sind &#8217;n Napoleon-Darstaller! &Uuml;berhaupt,
+mein lieber Samper&laquo; &#8211; und dabei legte
+er seine m&auml;chtige Hand auf die Schulter des
+J&uuml;nglings &#8211; &raquo;Talant ersatzt jede K&ouml;rperl&auml;nge.&laquo;
+Und mit behaglichem Lachen schritt er weiter,
+um auch den andern Darstellern freundliche
+Worte zu sagen; denn er war als preu&szlig;ischer
+Landtagsabgeordneter beim Reichskanzler und
+bei Hofe gewesen und verstand sich auf die Courtoisie
+eines Herrschers.</p>
+
+<p>Als aber Asmus nun auf Fl&uuml;geln des
+Triumphes weiter durch den Saal schritt, da
+erblickte er gar an einem Tische hinten im
+Winkel neben ihren Logisgebern Hilde Chavonne.
+<em class="gesperrt">Sie</em> war also da! Sie hatte ihn spielen
+sehen! O, wenn er das gewu&szlig;t h&auml;tte, dann
+h&auml;tte er noch ganz anders gespielt! Er bildete
+<!-- Page 237 --><span class='pagenum'><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span>
+sich ein, da&szlig; er dann besser gespielt h&auml;tte; aber
+sehr wahrscheinlich w&uuml;rde er dann den Gamaschenk&ouml;nig
+mit dem tanzenden Kr&uuml;ckstock als Romeo
+gespielt haben. Er wu&szlig;te noch immer nicht, ob
+er irgendein M&auml;dchen auf der Welt &raquo;liebe&laquo;;
+er war noch ganz in jenem dunklen Vorstadium
+der Liebe, wo die J&uuml;nglinge den Jungfrauen
+im allgemeinen imponieren wollen und die
+Jungfrauen den J&uuml;nglingen im allgemeinen
+gefallen m&ouml;chten. Dieser Hilde Chavonne zu
+imponieren, hielt er freilich f&uuml;r einen besonders
+berechtigten Ehrgeiz; denn sie war h&uuml;bsch und
+vornehm und stellte hohe Anspr&uuml;che, die h&ouml;chsten
+allerdings an sich selbst. Und dieser Asmus
+Semper, dieser unglaubliche T&ouml;lpel, merkte nichts,
+als ihm das Fr&auml;ulein nun ein kleines Veilchenbukett,
+das sie im Haar getragen hatte, zum
+Geschenk machte und err&ouml;tend hinzuf&uuml;gte: &raquo;F&uuml;r
+den K&ouml;nig!&laquo; Er nahm es f&uuml;r eine Ehre, der
+Dummkopf, f&uuml;r eine Ehre! Er freute sich unendlich
+&uuml;ber dieses Str&auml;u&szlig;chen; aber er hatte
+keine Ahnung davon, da&szlig; es eine hohe Gunst
+des Herzens ist, wenn ein M&auml;dchen sich eines
+Blumenschmucks beraubt und ihn einem jungen
+Manne schenkt. So unheilbar beschr&auml;nkt war er,
+da&szlig; er nicht einmal die Verstimmung merkte,
+die das M&auml;dchen dar&uuml;ber empfand, da&szlig; seine
+Gabe nicht so aufgenommen wurde, wie sie es
+erwarten konnte. Du lieber Gott, was sollte
+Asmus von jungen M&auml;dchen wissen! Seine
+beiden Schwestern waren schon bei fremden
+<!-- Page 238 --><span class='pagenum'><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span>
+Leuten gewesen, als er noch auf dem Fu&szlig;boden
+spielte und den h&ouml;lzernen Schemel voll tausend
+N&auml;gel schlug. Als gr&ouml;&szlig;erer Knabe hatte er dann
+freilich &ouml;fters mit M&auml;dchen gespielt, und jede,
+mit der er gespielt, hatte er auch geliebt, ja,
+jenes braune Kind, das er einst vor dem Wirtshause
+zwischen den Bahnd&auml;mmen gefunden hatte,
+hatte er sogar mit schmerzlichem Sehnen geliebt;
+aber es war doch Kinderliebe gewesen.
+Und nun, als Pr&auml;parand und Seminarist, hatte
+er fast ein m&ouml;nchisches Dasein gef&uuml;hrt. Gewi&szlig;:
+er hatte Pr&auml;parandinnen und Lehrerinnen gesehen
+und hatte alle diese Leonoren, Lauren
+und Beatricen selbstverst&auml;ndlich geliebt; aber
+keiner einzigen war er gesellschaftlich n&auml;her
+getreten. Die Damen des Lehrberufs haben
+meistens keine den Mann ermunternden Gewohnheiten,
+und f&uuml;r Asmus war nun vollends
+alles Weibliche eine unnahbare Welt. Die germanische
+Ehrfurcht vor dem Weibe lag ihm tief
+im Blut, und seine Armut machte diese Ehrfurcht
+zur Sch&uuml;chternheit. Wenn er aus den Liebesromanen
+sah, da&szlig; zur Anbahnung eines Liebesverh&auml;ltnisses
+eine l&auml;ngere Liebeserkl&auml;rung geh&ouml;re,
+noch dazu eine im schwierigeren Periodenbau,
+auf den er sich sonst wohl verstand, dann
+sagte er sich: &raquo;Das wird mir nie gelingen, nie;
+ich werde wohl Junggeselle bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>Zum Gl&uuml;ck hatte Hilde Chavonne kein
+G&auml;nseherz, sondern ein ganz echtes gro&szlig;es
+M&auml;dchenherz, und so verga&szlig; sie bald ihre Verstimmung
+<!-- Page 239 --><span class='pagenum'><a name="Page_239" id="Page_239">[239]</a></span>
+und unterhielt sich mit Asmussen so
+lebhaft und gutherzig wie immer.</p>
+
+<p>&raquo;Wissen Sie, was Sie von den andern
+unterschied?&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie spielten immer, auch wenn Sie nichts
+zu sprechen hatten; die andern spielten nur,
+w&auml;hrend sie sprachen. Auch wenn Sie kein
+Glied r&uuml;hrten, sah man, da&szlig; Sie ununterbrochen
+mit der Handlung gingen. Ja, sogar, wenn
+Sie dem Publikum den R&uuml;cken kehrten, sah
+man, da&szlig; Sie innerlich spielten. Ich habe einmal
+von &raquo;durchsichtigen Schauspielern&laquo; geh&ouml;rt. Das
+Wort trifft auf Sie zu.&laquo;</p>
+
+<p>Asmus war so gl&uuml;cklich, da&szlig; er nur eine
+ganz banale Bescheidenheitsphrase stottern konnte.
+Er war gl&uuml;cklich wegen der &raquo;Ehre&laquo;. Da&szlig; sie
+ihn sehr genau und sehr andauernd beobachtet
+haben m&uuml;sse, darauf verfiel er nicht. Als sie
+noch sprachen, kam eilends ein Seminarist auf
+Sempern zu. &raquo;Du m&ouml;chtest mal zu Herrn Doktor
+Kieselberg kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Doktor Kieselberg hatte den Literaturunterricht;
+bei ihm hatte Semper die l&auml;ngsten und
+sch&ouml;nsten Sachen rezitiert.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;ren Sie, lieber Semper, wenn es Ihnen
+recht ist, schreib&#8217; ich &uuml;ber Sie an Cheri Maurice.
+Maurice mu&szlig; Sie kennen lernen. Sie m&uuml;ssen
+f&uuml;r die B&uuml;hne gerettet werden. Die Jungens
+unterrichten, das k&ouml;nnen schlie&szlig;lich viele andere
+<!-- Page 240 --><span class='pagenum'><a name="Page_240" id="Page_240">[240]</a></span>
+Leute auch. Aber so spielen, das k&ouml;nnen nicht
+viele. Also soll ich ihm schreiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie die G&uuml;te haben wollen, dann
+bitte ich darum.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut. Meine Frau l&auml;&szlig;t Sie bitten, morgen
+mit uns zu speisen. Zwei Uhr, bitte. Sind Sie
+noch frei?&laquo;</p>
+
+<p>Du lieber Gott! Ob er noch frei war!
+F&uuml;r s&auml;mtliche Mittage seines Lebens war er
+noch frei.</p>
+
+<p>Also Schauspieler! Bei der bekannten Geschwindigkeit,
+mit der er seine Schl&ouml;sser baute,
+spielte er schon im n&auml;chsten Augenblick den
+&raquo;Faust&laquo; auf der B&uuml;hne des Wiener Burgtheaters.
+Und bei einem seiner Lehrer eingeladen
+zum Essen! Was konnte das Leben
+einem noch mehr bieten! Er schwamm in der
+vollen, naiven Freude eines ersten &ouml;ffentlichen
+Erfolges. Ihm war, als ob alle Menschen aller
+L&auml;nder ihm hold gesinnt w&auml;ren und ihm von
+Herzen das Beste w&uuml;nschten. Er hatte nicht
+die leiseste Ahnung davon, da&szlig; Lau erz&auml;hlte,
+Semper habe ihm die Rolle der Prinzessin nur
+aus Neid weggenommen, und wenn ihm jemand
+gesagt h&auml;tte, da&szlig; Lau das erz&auml;hle, so w&uuml;rde
+er gesagt haben: &raquo;Du l&uuml;gst.&laquo;</p>
+
+<p>Als er sich wieder dem Platze Hildens
+n&auml;herte, war sie nicht da. Er lie&szlig; die Blicke
+durch den Saal schweifen &#8211; da &#8211; sie tanzte!
+O weh, sie tanzte!</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 241 --><span class='pagenum'><a name="Page_241" id="Page_241">[241]</a></span>
+<a name="XXXIII_Kapitel" id="XXXIII_Kapitel"></a>XXXIII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus gibt fernere Beweise von seiner Dummheit, baut
+ein Schlo&szlig; und eine Kirche und landet schlie&szlig;lich in
+einer Zelle.</div>
+
+
+<p><span class="bigletter">M</span>erkw&uuml;rdig, es war ihm nicht ganz recht, da&szlig;
+sie tanzte. Warum sollte sie nicht tanzen?
+Es war doch selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; sie tanzte;
+sie hatte sich ja auch zum Tanze angekleidet,
+sehr geschmackvoll, wie immer, sehr einfach, und
+doch &#8211; so besonders. Er verstand nicht das
+Geringste von Frauengarderoben; aber da&szlig; sie
+mit ihren neunhundert Mark Gehalt keine kostbaren
+Gew&auml;nder kaufen konnte, war ihm klar.
+Und doch &#8211; sie hatte immer etwas Besonderes
+und Nobles in ihrer Erscheinung.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Tanzen! Ja, das war auch so eine Mauer,
+die ihn vom weiblichen Geschlechte trennte.
+Frauen wollen tanzen, und er konnte nicht
+tanzen. Die Semper konnten ihren Kindern
+keine Tanzstunden geben lassen. Nicht einmal
+Schlittschuhlaufen hatte er gelernt; denn als
+Knabe war er nie so reich gewesen, ein Paar
+Schlittschuhe erwerben zu k&ouml;nnen, und als J&uuml;ngling
+<!-- Page 242 --><span class='pagenum'><a name="Page_242" id="Page_242">[242]</a></span>
+hatte er keine Zeit mehr dazu gefunden.
+Als Achtj&auml;hriger hatte er einmal getanzt, auf
+einem sogenannten &raquo;Kindergr&uuml;n&laquo;, mit einer
+siebenj&auml;hrigen Dame, f&uuml;nf Stunden lang war
+er herumgesprungen wie ein Heupferdchen, immer
+mit derselben Dame, und es war herrlich gewesen.
+Er sah es so unendlich gern, wenn ein
+Paar sich mit Anmut im Tanze drehte. Nie
+glaubte er fester an eine sch&ouml;nere Welt, als
+wenn er Menschen in anmutiger Bewegung sah.
+Und Hilde Chavonne tanzte sch&ouml;n. Wenn er
+sie aufforderte....</p>
+
+<p>Hahahahaaaa! Er wu&szlig;te wohl eine ganze
+Reihe junger Leute, die ungeniert eine Dame
+aufforderten, obwohl sie nicht tanzen konnten,
+und dann so lange mit Todesverachtung herumhopsten,
+bis sie&#8217;s heraus hatten. Woher sie den
+Mut nahmen, einer Dame dergleichen zuzumuten,
+das blieb ihm ein R&auml;tsel.</p>
+
+<p>Sobald er sein Lehrergehalt bezog, wollte
+er tanzen lernen. Sein Lehrergehalt? Er wollte
+ja Schauspieler werden.....</p>
+
+<p>&raquo;Tanzen Sie nicht?&laquo; fragte ihn Hilde.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht tanzen,&laquo; sagte er. Und er
+erz&auml;hlte ihr, da&szlig; er Schauspieler werden solle.
+Sie war aber sehr dagegen; mit auffallender
+Lebhaftigkeit riet sie ihm ab. Was sie denn
+dagegen habe, fragte er verwundert. Da wurde
+sie rot und sehr verlegen. Schlie&szlig;lich sagte sie,
+sie habe immer geh&ouml;rt, da&szlig; auch das Los der
+<!-- Page 243 --><span class='pagenum'><a name="Page_243" id="Page_243">[243]</a></span>
+gr&ouml;&szlig;ten und ber&uuml;hmtesten B&uuml;hnenk&uuml;nstler nur
+ein gl&auml;nzendes Elend sei. &Uuml;berhaupt habe er
+doch noch ganz andere F&auml;higkeiten. Er m&uuml;sse
+Dichter werden.</p>
+
+<p>Jetzt machte er riesengro&szlig;e Augen, und das
+Rotwerden war an ihm. &raquo;Woher wissen Sie
+denn, da&szlig; ich dichte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben doch Fr&auml;ulein Wieselin erlaubt
+da&szlig; sie sich Ihre Balladen abschrieb&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die haben Sie gelesen?&laquo; rief Asmus
+erschrocken.</p>
+
+<p>&raquo;Die haben alle an der Schule gelesen&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Asmus h&auml;tte in den Boden sinken m&ouml;gen.
+&raquo;Das ist aber sehr unrecht von Fr&auml;ulein Wieselin,&laquo;
+rief er.</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo; fragte Hilde erstaunt. &raquo;Durfte
+sie sie nicht zeigen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich bitte Sie! Diesen Schund! Diesen
+Unsinn! Das ist ja t&ouml;richtes, kindisches Zeug &#8211;.&laquo;</p>
+
+<p>Hilde sch&uuml;ttelte nachdenklich den Kopf. &raquo;Das
+glaube ich nicht,&laquo; sagte sie. &raquo;Unreif m&ouml;gen
+diese Gedichte sein, &#8211; aber es ist etwas drin.&laquo;</p>
+
+<p>Als ein T&auml;nzer kam und sich vor Hilde
+verbeugte, lehnte sie ab. Sie lehnte auch alle
+folgenden Einladungen ab, und bis zum Ende
+des Balles sa&szlig;en sie beide an demselben Tisch
+und plauderten. Er f&uuml;hlte sich wohl und gl&uuml;cklich;
+aber er merkte nichts.</p>
+
+<p>Und als das ganze &raquo;K&uuml;nstlervolk&laquo; mit
+<!-- Page 244 --><span class='pagenum'><a name="Page_244" id="Page_244">[244]</a></span>
+seinem Anhang nach dem letzten Tanze in ein
+Caf&eacute; schw&auml;rmte, &#8211; morgens um vier Uhr in
+ein Caf&eacute;! Asmus kam sich wie ein Rou&eacute; vor,
+als er sich eine Schokolade bestellte, &#8211; da
+schienen es beide selbstverst&auml;ndlich zu finden,
+da&szlig; sie wieder beieinander sa&szlig;en. Es war etwas
+Seltsames um ihre Unterhaltung. Sie sagten
+nat&uuml;rlich &raquo;Sie&laquo; zueinander und &raquo;Herr Semper&laquo;
+und &raquo;Fr&auml;ulein Chavonne&laquo; (denn das &raquo;gn&auml;dige
+Fr&auml;ulein&laquo; war damals noch nicht Mode), und
+was sie sprachen, hatte die h&ouml;fliche und respektvolle
+Form, die unter wenig Bekannten zweierlei
+Geschlechts gebr&auml;uchlich ist; aber in ihren Herzen
+war ein Glauben und Vertrauen, von dem sie
+selbst noch nichts wu&szlig;ten; ihre Herzen sagten
+&raquo;Lieber Herr Semper&laquo; und &raquo;Liebes Fr&auml;ulein
+Chavonne&laquo;, ohne da&szlig; sie selber es h&ouml;rten, und
+dieser Gegensatz zwischen fremden Worten und
+vertrauter Meinung erf&uuml;llte Asmussens Herz
+mit jener wohligen Spannung, wie sie in fr&uuml;hen
+Knospen sein mag. Aber so dunkel, so wenig
+bewu&szlig;t war dieses Gef&uuml;hl, da&szlig; er sich keinen
+Augenblick nach seiner Ursache fragte, es vielmehr
+ohne Nachdenken geno&szlig; wie die Sonne
+eines Maientags.</p>
+
+<p>Als er fr&uuml;h gegen sechs eine Stunde weit
+nach Hause ging, f&uuml;hlte er nicht die leiseste Erm&uuml;dung;
+denn er war jung und war K&ouml;nig.
+Aber als er die ruhigen Atemz&uuml;ge seiner
+schlafenden Eltern h&ouml;rte, und als er die &Auml;rmlichkeit
+des elterlichen Hausrats betrachtete, da
+<!-- Page 245 --><span class='pagenum'><a name="Page_245" id="Page_245">[245]</a></span>
+fiel es ihm schwer aufs Herz, da&szlig; er Schauspieler
+werden sollte.</p>
+
+<p>Gleichwohl sprach er davon zu seinem
+Vater. Obwohl Ludwig Semper seit l&auml;ngerem
+wieder von seinem alten asthmatischen Leiden
+geplagt wurde, war doch seit Monaten Heiterkeit
+in all seinem Reden und Tun, ja selbst in
+seinen Hustenanf&auml;llen und Atem&auml;ngsten gewesen;
+denn nun war seine z&auml;rtlichste Hoffnung der
+Erf&uuml;llung nah; in kurzem sollte Asmus Lehrer
+sein und das Geschlecht der Semper sollte wieder
+emporkommen. Wie die l&auml;chelnde Wehmut eines
+Sonnenunterganges ging es &uuml;ber Ludwig Sempers
+Gesicht, als er h&ouml;rte, da&szlig; Asmus, nahe
+dem Ziele seiner Bahn, einen ganz neuen Weg
+voll jahrelangen M&uuml;hens betreten solle, und
+obwohl er f&uuml;hlte, da&szlig; er dann den Aufstieg
+seines Sohnes nicht erleben werde, sagte er
+l&auml;chelnd:</p>
+
+<p>&raquo;Ja, &#8211; wenn Du meinst, da&szlig; Du Schauspieler
+werden mu&szlig;t, &#8211; ich habe nichts dagegen.&laquo;</p>
+
+<p>Und in dem L&auml;cheln des sch&ouml;nen Angesichts
+war ein Scheiden vom Liebsten und Letzten.
+Das Herz flog Asmus in den Hals, und er
+hatte M&uuml;he, die Tr&auml;nen zur&uuml;ckzudr&auml;ngen, als
+er rief:</p>
+
+<p>&raquo;Nicht doch, Vater, nicht doch! Ich werde
+ja nicht darauf eingehen! Ich denke ja nicht
+daran!&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 246 --><span class='pagenum'><a name="Page_246" id="Page_246">[246]</a></span>
+Seiner Mutter sprach er nicht erst davon.
+Er mu&szlig;te l&auml;cheln, wenn er sich ihr &ouml;konomisches
+Entsetzen ausmalte. Und sie hatte ja recht.</p>
+
+<p>Am Nachmittage sagte er es Dr.&nbsp;Kieselberg,
+seinem Wirte: &raquo;Meine Eltern haben mich
+f&uuml;nf Jahre lang unter den gr&ouml;&szlig;ten Sorgen
+und M&uuml;hen erhalten, wenigstens zum gro&szlig;en
+Teil erhalten; jetzt ist es h&ouml;chste Zeit, da&szlig; ich
+sie unterst&uuml;tze. Als Lehrer bekomme ich ein
+Gehalt von 1200 oder 1300 Mark, dann kann
+ich ihnen helfen; als Schauspieler verdiente ich
+vorl&auml;ufig wenig oder nichts. Ich w&uuml;rde die
+Hoffnung meiner Eltern vernichten, und das
+ist ausgeschlossen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, dagegen kann ich nat&uuml;rlich nichts
+sagen,&laquo; erwiderte Kieselberg. &raquo;Ich hatte das
+Gef&uuml;hl einer Pflicht; ich glaubte ein Unrecht
+zu begehen, wenn ich Sie nicht auf den Weg
+zur B&uuml;hne wiese; aber wenn die Dinge so stehen
+&#8211; das ist nat&uuml;rlich etwas anderes.&laquo;</p>
+
+<p>Als Asmus durch die wundersch&ouml;nen Alleen
+vor dem Dammtor nach Hause ging, war der
+B&uuml;hnentraum erloschen; das Schlo&szlig; aus Rampenlicht
+und Lorbeerduft war versunken, und an
+seiner Stelle ragte schon ein anderes. Ein Wort
+seines Lehrers hatte ihn gestern befremdet. Er
+hatte gesagt:</p>
+
+<p>&raquo;Jungens unterrichten, das k&ouml;nnen die
+andern auch.&laquo;</p>
+
+<p>War Unterrichten denn wirklich etwas, was
+<!-- Page 247 --><span class='pagenum'><a name="Page_247" id="Page_247">[247]</a></span>
+jeder Beliebige konnte, wenn er nur nicht allzu
+dumm war? Waren Schulmeister nicht genau
+so gut K&uuml;nstler wie Schauspieler? Konnte man
+nicht auch so unterrichten, da&szlig; man unersetzlich
+war, so unersetzlich wie ein K&uuml;nstler? So wenigstens
+hatte er sich&#8217;s immer getr&auml;umt. Was war
+denn ein Lehrer, wenn er nicht ein K&uuml;nstler war?</p>
+
+<p>Und in den Wolken strahlte ein Schlo&szlig;,
+das war aus Morgenlicht und Kinderl&auml;cheln
+gebaut.</p>
+
+<p>Er blickte in die ragenden B&auml;ume hinauf
+und dachte: Welch ein wundersch&ouml;ner Tag! Ein
+wahrer Sonntag! Zuerst beim Lehrer zu Mittag
+gegessen &#8211; die fremde K&uuml;che hatte ihm zwar
+nicht geschmeckt, aber was sagte das? Es war
+herrlich gewesen! &#8211; Nun dieser Weg unter
+hohen, von wei&szlig;em, wei&szlig;em Schnee bedeckten
+B&auml;umen! Diese Kirche wird nur an seltensten
+Feiertagen ge&ouml;ffnet. Ihr Altar ist die sinkende
+Sonne, und ihr Gesang ist das Schweigen. Er
+dichtete im Gehen:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich wei&szlig; es nun gewi&szlig;:</span>
+<span class="i0">Es schwebt ein selig Leben</span>
+<span class="i0">Schon &uuml;ber dieser Welt</span>
+<span class="i0">Und ist uns schon gegeben.</span>
+</div>
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Ich wei&szlig; seit diesem Tag:</span>
+<span class="i0">Es t&ouml;nt Gesang und Reigen</span>
+<span class="i0">Aus einer reinen Welt</span>
+<span class="i0">In jedes tiefe Schweigen.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>
+<!-- Page 248 --><span class='pagenum'><a name="Page_248" id="Page_248">[248]</a></span>
+Und endlich, wenn er zu Hause war, wollte
+er seinen Pestalozzi lesen. Er kam heim und
+schlug ihn auf bei der &raquo;Abendstunde eines Einsiedlers&laquo;.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;O, meine Zelle, Wonne um dich her!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Das f&uuml;gte sich gut zu dieser Stunde. Er
+schaute sich um in seiner Kammer und dachte:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">O, meine Zelle, Wonne um dich her!</span>
+</div></div>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 249 --><span class='pagenum'><a name="Page_249" id="Page_249">[249]</a></span>
+<a name="XXXIV_Kapitel" id="XXXIV_Kapitel"></a>XXXIV. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Bewegt sich zwischen Pestalozzi und Herrn Quasebarth.</div>
+
+<p><span class="bigletter">U</span>nd er vergrub den Kopf in beide H&auml;nde
+und versenkte sich in die heiligen Tr&auml;umereien
+dieses unschuldsvollen Einsiedlers und
+Poeten, den er liebte, wie man sonst nur lebendige
+Menschen liebt. Ja, das war wahrhaftig
+ein Einsiedler unter den Tagesmenschen! Schon
+wiederholt hatte Asmus diese Schrift gelesen,
+und immer hatte ihn eine eigent&uuml;mliche Scheu
+gehindert, tiefer in ihr Dunkel einzudringen,
+wie man sich scheut, in ein Dickicht einzudringen,
+aus dem die Nachtigall schl&auml;gt. Heute war die
+Nachtigall fortgeflogen, und er drang ein und
+fand hinter dem Rankengewirr eine k&ouml;stliche
+Architektur, die die einfachen, gro&szlig;z&uuml;gigen
+Grundlinien eines wunderbaren Baues zeigte.
+Da stand, da&szlig; Leben und Menschsein ganz dasselbe
+ist in der H&uuml;tte und auf dem Thron.
+Das aber haben die Menschen vergessen. Sie
+erziehen und unterrichten nach tausenderlei
+&auml;u&szlig;eren und Tagesbed&uuml;rfnissen, nach Berufs- und
+Standesr&uuml;cksichten, nach Eitelkeit und Vorteil.
+<!-- Page 250 --><span class='pagenum'><a name="Page_250" id="Page_250">[250]</a></span>
+Und vergessen, da&szlig; ein Mensch zuvor zum
+Menschen gebildet sein mu&szlig;, eh&#8217; er etwas anderes
+wird. Aber zum Menschen kann man ihn nur
+von <em class="gesperrt">seiner</em> Natur aus, von seiner Individualit&auml;t
+aus machen, nicht von einer allgemeing&uuml;ltigen
+Schablone aus.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Das also war es: Nicht sollt ihr zum Kinde
+sagen: Das sollst Du werden und das will
+ich aus Dir machen wie aus allen Deinen Genossen,
+sondern ihr sollt fragen: Wer bist Du?
+Wie mach&#8217; ich Dich zum Menschen? Welche
+Wege sind in <em class="gesperrt">Deiner</em> Natur vorgezeichnet,
+die zu jenem Menschentum f&uuml;hren, das <em class="gesperrt">allen</em>
+gemeinsam ist und aus dem alles andere von
+selbst entsprie&szlig;t?</p>
+
+<p>Das sch&auml;lte sich heraus aus dem Aphorismengewirr
+des krausen und dennoch geraden Denkers,
+und in diesem Geiste wollte Asmus sein Amt
+f&uuml;hren. Im Geiste dieser Schrift wollte er
+wirken, dieser Schrift, die in einem innigen,
+treuen Gottesglauben gipfelte, der nicht der
+Gottesglaube der Semper war. An den sorgenden
+Vater glaubten die Semper nicht. Aber das
+hatte Asmus seit langem empfunden, da&szlig; alle
+Menschen an einen Gott glauben, wie verschieden
+sie ihn auch nennen.</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es sagen&#8217;s allerorten</span>
+<span class="i0">Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,</span>
+</div></div>
+
+<p>und Asmus hatte nie begriffen, warum man
+<!-- Page 251 --><span class='pagenum'><a name="Page_251" id="Page_251">[251]</a></span>
+von den Atheisten glaubte, sie h&auml;tten keinen
+Gott und k&ouml;nnten nicht fromm sein.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>So stellte er denn auch in dem bald beginnenden
+schriftlichen Examen seinen Aufsatz
+nicht auf die Basis theistischer Fr&ouml;mmigkeit, die
+sonst &uuml;ber so manche Pr&uuml;fungen hinweghilft.
+Die jungen Leute sollten &uuml;ber das Thema
+schreiben:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Vor jedem steht ein Bild dess&#8217;, das er werden soll;</span>
+<span class="i0">So lang&#8217; er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>und die meisten J&uuml;nglinge erkl&auml;rten Jesus
+Christus f&uuml;r das Idealbild, das vor ihnen stehe.
+Nun gab es unter den Abiturienten gewi&szlig;
+keinen, der den nat&uuml;rlich erzeugten Gottessohn
+von Nazareth inniger liebte als er; aber den
+Ruf, da&szlig; er ein Jesus Christus oder etwas
+ihm &Auml;hnliches werden solle, vernahm er in
+seinem Herzen nicht. Er glaubte nicht, da&szlig; die
+Welt durch Leiden erl&ouml;st werden k&ouml;nne; er f&uuml;hlte
+wenigstens, wenn er sich ehrlich fragte, da&szlig;
+er nicht gemacht sei, ohne Widerstand zu leiden.
+Er kn&uuml;pfte an die Ideenlehre Platos an und
+erkl&auml;rte den Unfrieden des Menschen aus der
+Sehnsucht nach seiner &raquo;Idee&laquo;, und er setzte auseinander,
+was er f&uuml;r seine Idee, f&uuml;r die Idee
+des Menschen im allgemeinen und f&uuml;r die des
+Asmus Semper im besonderen halte. Er fand
+damit bei der vorurteilslosen Pr&uuml;fungskommission
+<!-- Page 252 --><span class='pagenum'><a name="Page_252" id="Page_252">[252]</a></span>
+nicht nur vollste Anerkennung, sondern er
+hatte noch den Erfolg, da&szlig; ein Mitglied dieser
+Kommission, ein alter Jurist, zu Beginn der
+m&uuml;ndlichen Pr&uuml;fung die Brille aufsetzte und rief:</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Wo ist Herr Semper?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist n&auml;mlich ein Philosoph!&laquo; rief er
+den andern Herren zu.</p>
+
+<p>Asmus war hervorgetreten.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind Herr Semper?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind ein Philosoph, mein junger
+Freund; ich habe Ihre Arbeit mit herzlicher
+Freude gelesen; ich danke Ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>Im &uuml;brigen ging es ihm wie &raquo;auf der
+Fortuna ihrem Schiff&laquo;, will sagen: auf und ab.
+In der Lehrprobe vergriff er sich. Er sollte
+&Auml;gypten behandeln, dasselbe &Auml;gypten, das er
+als kleiner Junge f&uuml;r eine Wiese mit St&ouml;rchen
+gehalten hatte. Und er verfuhr ganz nach der
+Regel: Geographische Lage, Grenzen, Gestalt,
+Gr&ouml;&szlig;e, Einwohnerzahl usw. usw. Zum Nil kam
+er in der halben Stunde des praktischen Examens
+&uuml;berhaupt nicht. Als er fertig war, nahm ihn
+Murow, der Riese, beiseite.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, me&#8211;in lieber Samper, wann man
+&Auml;j&uuml;pten behandeln will, womit f&auml;ngt man dann
+wohl am basten an?&laquo;</p>
+
+<p>Da wu&szlig;te er&#8217;s sofort. &raquo;Mit dem Nil,&laquo; sagte
+er. Und er h&auml;tte sich ohrfeigen m&ouml;gen, da&szlig; er,
+der die Schablone ha&szlig;te, sich ihr so gedankenlos
+und tr&auml;ge unterworfen hatte. Der Nil! das war
+<!-- Page 253 --><span class='pagenum'><a name="Page_253" id="Page_253">[253]</a></span>
+der Sch&ouml;pfer des Landes, war eigentlich das
+Land selbst; der Nil war die Individualit&auml;t
+&Auml;gyptens, von der man ausgehen mu&szlig;te, wenn
+man sich r&uuml;hmte, ein J&uuml;nger Pestalozzis zu
+sein! Er empfand eine tiefe Scham dar&uuml;ber,
+da&szlig; er so ahnungslos in Ketten ging, deren er
+gespottet hatte.</p>
+
+<p>Und im schriftlichen Chemie-Examen hatte
+er eine Arbeit von grotesker Unzul&auml;nglichkeit
+geliefert. Er hatte einst die Chemie mit allem
+Feuer der Jugend geliebt; aber Herrn Quasebarths
+Chemie hatte darin bestanden, da&szlig; er
+aus einem ehrw&uuml;rdigen Heft ablas, dessen verbla&szlig;te
+Schrift er zuweilen selbst nicht mehr
+entziffern konnte. &raquo;Man nehme einen Probierzylinder
+und f&uuml;lle ihn zur H&auml;lfte mit Braunstein &#8211;&laquo;
+las Herr Quasebarth; aber er nahm
+keinen. Stelling, der Skrupellose, hatte ihm eines
+Tages einen furchtbaren Limburger K&auml;se unter
+den Pultdeckel gelegt, so da&szlig; seine Nase jedesmal,
+wenn sie ins Heft tauchen wollte, entsetzt zur&uuml;ckfuhr.
+Nachdem er sich wiederholt vergeblich erkundigt
+hatte, woher der &raquo;abscheuliche Geruch&laquo;
+stamme, und Stelling bemerkt hatte, da&szlig; er
+ihn sich auch nicht erkl&auml;ren k&ouml;nne, &raquo;da hier doch
+nie experimentiert werde&laquo;, entdeckte er schlie&szlig;lich
+die Ursache; aber er ging ungeheilt von dannen.</p>
+
+<p>So hatte denn Asmus seit langem nicht
+mehr zugeh&ouml;rt, in der Chemiestunde lieber Gedichte
+gemacht und beim Examen einen fast unber&uuml;hrten
+wei&szlig;en Bogen abgeliefert. Das war
+<!-- Page 254 --><span class='pagenum'><a name="Page_254" id="Page_254">[254]</a></span>
+aber Herrn Quasebarth in die Glieder gefahren;
+denn er sagte sich, da&szlig; der chemische Durchfall
+eines Sch&uuml;lers wie Asmus Semper vom Pr&uuml;fungs-Kollegium
+als ein Durchfall des Herrn
+Quasebarth empfunden werden m&uuml;sse. Er beschwor
+also Sempern in einer vertraulichen
+Unterredung, doch ja bis zum m&uuml;ndlichen
+Examen noch &raquo;t&uuml;chtig zu repetieren&laquo;, damit er
+die Scharte auswetze. Semper genierte diese
+Scharte gar nicht; denn er hatte sich l&auml;ngst vorgenommen,
+sp&auml;ter auf eigene Hand Chemie zu
+treiben; aber er versprach sein M&ouml;glichstes.</p>
+
+<p>Und wiederum hob ihn das Schiff der Fortuna
+in der Mathematik so hoch, da&szlig; er die
+erste Zensur erwischte, w&auml;hrend Mollwitz, der
+Magister Matheseos, oder, wie er gew&ouml;hnlich
+genannt wurde: &raquo;das einseitige Prisma&laquo;, durch
+einen reinen Zufall nur den zweiten Grad errang.
+Dieses Erfolges konnte Asmus nicht recht
+froh werden; denn die Sache war nicht ganz in
+der Ordnung. Da&szlig; Gl&uuml;cksg&uuml;ter vom Zufall
+verteilt wurden, das wu&szlig;te er; aber auch geistige
+Ehren? Kam das auch sonst im Leben vor?
+Das <em class="gesperrt">sollte</em> nicht vorkommen.</p>
+
+<p>Aber er sollte noch was ganz anderes erleben.
+Am Abend vor der m&uuml;ndlichen Pr&uuml;fung
+entschlo&szlig; er sich nach schwerem Z&ouml;gern, ein
+Lehrbuch der Chemie zur Hand zu nehmen,
+damit Quasebarth nicht wieder durchfalle. Er
+las auch das Kapitel von der Methylwasserstoffreihe,
+dann aber griff er energisch nach Zolas
+<!-- Page 255 --><span class='pagenum'><a name="Page_255" id="Page_255">[255]</a></span>
+Conqu&ecirc;te de Plassans, die er wesentlich anziehender
+fand. Denn sich ein Wortwissen ohne
+Anschauung und &Uuml;bung in den Kopf zu pfropfen,
+das war ihm von jeher ein Greuel gewesen.</p>
+
+<p>Die Stunde der chemischen Pr&uuml;fung kam und
+mit ihr Herr Quasebarth, der an Leib und
+Seele immer denselben grauen Rock trug.</p>
+
+<p>&raquo;Na, mein lieber Semper,&laquo; sagte er mit
+einem lockenden L&auml;cheln, &raquo;erz&auml;hlen Sie uns mal,
+was sie von den Methylwasserstoffen wissen!&laquo;</p>
+
+<p>Und siehe da: Asmus Semper redete wie
+ein junger Liebig; denn heute wu&szlig;te er noch
+sehr gut, was er gestern gelesen hatte.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 256 --><span class='pagenum'><a name="Page_256" id="Page_256">[256]</a></span>
+<a name="XXXV_Kapitel" id="XXXV_Kapitel"></a>XXXV. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus wird im Examen gepufft und getreten und ist
+unzufrieden, aber sehr gl&uuml;cklich.</div>
+
+<p><span class="bigletter">U</span>nd so kam er denn mit allen Ehren und ohne
+Schaden durch das Examen, wenn man
+von einigen blauen Flecken an seinem linken
+Fu&szlig;e und in der linken Rippengegend absah.
+Diese Flecke r&uuml;hrten wieder von Seybold her,
+von demselben Seybold, der ihn als &raquo;Sch&auml;flein&laquo;
+wegen seiner &raquo;Inkollegialit&auml;t&laquo; und seiner
+&raquo;Anma&szlig;ung&laquo; so bieder geha&szlig;t hatte. Das mathematische
+Examen hatte Seybold sehr glatt bestanden.
+Seybold konnte nicht einmal ein Dreieck
+berechnen; aber w&auml;hrend der schriftlichen Pr&uuml;fung
+wandelte einen Freund von ihm ein Bed&uuml;rfnis
+an, und der Freund ging hinunter und
+deponierte an einem dunklen Orte die L&ouml;sung
+aller Aufgaben. Nach einer halben Stunde hatte
+Seybold merkw&uuml;rdigerweise auch ein Bed&uuml;rfnis.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Mu&szlig; es denn sein?&laquo; fragte argw&ouml;hnisch
+der die Aufsicht f&uuml;hrende Herr Rothgr&uuml;n.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich hab&#8217;n Durchfall,&laquo; erkl&auml;rte Seybold.</p>
+
+<p>&raquo;Aber damit h&auml;tt&#8217; es ja noch Zeit gehabt,&laquo;
+<!-- Page 257 --><span class='pagenum'><a name="Page_257" id="Page_257">[257]</a></span>
+schmunzelte Herr Rothgr&uuml;n wohlwollend. &raquo;Nun,
+gehen Sie nur.&laquo;</p>
+
+<p>Seybold ging hinunter, &raquo;fand die L&ouml;sung&laquo;,
+dachte &raquo;Heureka&laquo;, beantwortete solcherma&szlig;en
+durch Vorspiegelungen der Verdauungsorgane
+Fragen, die eigentlich an das Gehirn gerichtet
+waren, und half sich mittels eines Durchfalls
+durchs Examen. Zun&auml;chst durchs mathematische.</p>
+
+<p>Bei den Klausuraufs&auml;tzen sa&szlig; Seybold wieder
+neben Semper, und als dieser gelegentlich einen
+Blick in die Papiere seines Nachbarn warf, sah
+er, da&szlig; dieser w&ouml;rtlich von ihm abschrieb.</p>
+
+<p>&raquo;Mensch, bist du des Teufels?&laquo; fl&uuml;sterte
+Asmus. &raquo;Das mu&szlig; ja herauskommen. Schreib&#8217;
+wenigstens auch von anderen ab.&laquo;</p>
+
+<p>Seybold sah das ein und schrieb die andere
+H&auml;lfte der Arbeit von seinem Vordermann ab;
+denn er hatte einen weiten Blick.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Lehrer mu&szlig; jesunde Sinne haben,&laquo;
+hatte Korn gesagt.</p>
+
+<p>Nur dies verdammte m&uuml;ndliche Examen!
+Da konnte man nicht sagen: &raquo;Erlauben Sie,
+da&szlig; ich austrete!&laquo; Und wenn Asmus blind
+und taub gewesen w&auml;re, so w&uuml;rde er das Nahen
+des Examinators doch immer rechtzeitig erfahren
+haben; denn wenn dieser noch drei Sch&uuml;ler
+weit entfernt war, begann Seybold schon wie
+ein R&auml;der-, Walzen- und Kolbenwerk zu treten,
+zu puffen und zu zischen: &raquo;Sag&#8217; mir zu! Sag&#8217;
+mir zu!&laquo; und so trug Asmus Semper Seyboldens
+Reifezeugnis auf dem Leibe davon.</p>
+
+<p><!-- Page 258 --><span class='pagenum'><a name="Page_258" id="Page_258">[258]</a></span>
+Auch Seybold bestand wiederum das Examen,
+und der ganze praktische Unterschied bestand
+darin, da&szlig; er ein Anfangsgehalt von 1200 Mark,
+Asmus aber ein solches von 1300 Mark erhielt,
+worin Seybold eine gro&szlig;e Ungerechtigkeit
+erblickte.</p>
+
+<p>1300 Mark! Insofern war Asmus sehr
+zufrieden; denn unbegrenzte M&ouml;glichkeiten lagen
+in dieser Summe. Aber wenn er den verflossenen
+Lebensabschnitt &uuml;berblickte &#8211; was
+rechtfertigte eigentlich das &raquo;gl&auml;nzende Examen&laquo;,
+das er nach der allgemeinen Ansicht gemacht
+hatte? Die Kollegen hatten ihm erz&auml;hlt, was
+der Schulrat Korn vor einer anderen Abteilung
+der Pr&uuml;flinge &uuml;ber ihn gesagt hatte, und dar&uuml;ber
+freute er sich zwar von Herzen; aber
+eigentlich war ihm alles das ein gro&szlig;es R&auml;tsel,
+ein Wunder: denn ihm waren diese verflossenen
+drei Jahre eine zerst&ouml;rte Illusion. Was hatte
+er sich von diesen Jahren versprochen an
+geistigem Aufschwung! Und wie bitter-bitter-wenig
+hatte er vor sich gebracht. Er hatte
+&uuml;berhaupt nicht das Gef&uuml;hl, da&szlig; er geistig gewachsen
+w&auml;re. Wiederum hatte er, wie schon
+&ouml;fter, die Empfindung, da&szlig; die Menschen merkw&uuml;rdig
+wenig von ihm verlangten, viel, viel
+weniger, als er selbst von sich zu fordern
+pflegte.</p>
+
+<p>Nur wenn er die beiden &raquo;Alten&laquo; betrachtete,
+war er <em class="gesperrt">ganz</em> gl&uuml;cklich. Die solltens jetzt besser
+haben. Frau Rebekka lief mit ihren sechzigj&auml;hrigen
+<!-- Page 259 --><span class='pagenum'><a name="Page_259" id="Page_259">[259]</a></span>
+Beinen wie ein Wiesel immer von
+einem Zimmer ins andere und sang:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Nach Sevilla, nach Sevilla!</span>
+<span class="i0">Wo die letzten H&auml;user stehen,</span>
+<span class="i0">Sich die Nachbarn freundlich gr&uuml;&szlig;en,</span>
+<span class="i0">M&auml;dchen aus dem Fenster sehen,</span>
+<span class="i0">Ihre Blumen zu begie&szlig;en,</span>
+<span class="i0">Ach, da sehnt mein Herz sich hin!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+
+<p>und wie in seiner fr&uuml;heren Kindheit sah Asmus
+bei dem Wort &raquo;Sevilla&laquo; einen freien Platz mit
+H&auml;usern, auf den eine unendlich goldene Sonne
+und ein unendlich helles, unendlich stummes
+Feiertagsgl&uuml;ck herabschien.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Und dabei dachte Rebekkens Herz gar nicht
+an Sevilla, was schon daraus hervorging, da&szlig;
+sie im n&auml;chsten Augenblick sang:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Herr Junker, lat hee mit tofred&#8217;n,</span>
+<span class="i2">rudiridiridirallalla,</span>
+<span class="i0">Ick mutt min Swin to freten ge&#8217;m,</span>
+<span class="i2">rudiridiridirallalla!</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Das war n&auml;mlich das Bruchst&uuml;ck eines
+Liedes, in dem ein Junker seiner Magd mit
+Liebesantr&auml;gen nachstellt, die diese dann mit
+der einleuchtenden Begr&uuml;ndung zur&uuml;ckweist, da&szlig;
+sie ihren Schweinen zu fressen geben m&uuml;sse.
+Die Schweine gehen vor, das mu&szlig;te der Junker
+einsehen. Aber auch an Junker, Magd und
+Schweine dachte das singende Herz der Rebekka
+nicht; es dachte an den Triumph des Sohnes,
+<!-- Page 260 --><span class='pagenum'><a name="Page_260" id="Page_260">[260]</a></span>
+an den leckeren Pfannkuchen, den sie ihm backen
+wollte, und an den besseren Rock, den ihr Gatte
+nun bekommen sollte; denn es gab ihr einen
+Stich ins Herz, wenn der stattliche Mann in
+abgetragenem Gewande ging. &raquo;Er fragt ja
+nichts danach,&laquo; klagte sie kopfsch&uuml;ttelnd.</p>
+
+<p>Aber auch Ludwig Semper wollte sich diesmal
+einen Extragenu&szlig; verg&ouml;nnen. Heute war
+Dienstag, und am Freitag gab es &raquo;Lohengrin&laquo;
+im Theater. Diesmal wollte er <em class="gesperrt">wirklich</em> hin.</p>
+
+<p>&raquo;Aber nun tu&#8217;s auch!&laquo; riefen Asmus und
+Rebekka wie aus einem Munde.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja &#8211; nat&uuml;rlich!&laquo; beteuerte Ludwig.</p>
+
+<p>Am Mittwoch sagten Asmus und seine
+Mutter wieder: &raquo;Geh nun aber auch wirklich
+hin!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;, gewi&szlig;!&laquo; sagte Ludwig.</p>
+
+<p>Am Donnerstag sagten sie: &raquo;Wirst du nun
+auch nicht wieder sagen: &#8216;Ach, wozu soll ich
+hingehen?&#8217;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein &#8211; wenn ich&#8217;s doch sage!&laquo;</p>
+
+<p>Er war auch am Freitag mittag noch fest
+entschlossen und freute sich. Als er um sechs
+Uhr noch keine Miene zum Aufbruch machte,
+rief Frau Rebekka:</p>
+
+<p>&raquo;Du, du &#8211; du mu&szlig;t jetzt gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, ich hab mir&#8217;s anders &uuml;berlegt,&laquo; sagte
+Ludwig. &raquo;Was soll ich da.&laquo;</p>
+
+<p>Ja, was sollte er da.
+<!-- Page 261 --><span class='pagenum'><a name="Page_261" id="Page_261">[261]</a></span></p>
+
+<p>Erstens war sein Asmus nun am Ziel, und
+das war ein Gl&uuml;ck, das eigentlich f&uuml;r den Rest
+seines Lebens allein ausreichte und das er
+jedesmal neu geno&szlig;, wenn Asmus den Blick
+wegwandte und er ihn ungest&ouml;rt betrachten
+konnte.</p>
+
+<p>Zweitens hatte er am Lohengrin schon so
+viel Vorfreude genossen, da&szlig; eine Steigerung
+nicht mehr denkbar war.</p>
+
+<p>Und drittens tauchten auf der grauen Wand
+vor seinem Zigarrentische, sobald er befahl, alle
+Sagen der Vorwelt auf, nicht die vom Schwanenritter
+allein, und belebte sich der stauberf&uuml;llte
+Raum mit Kl&auml;ngen, die an kein irdisches Instrument
+und keine menschliche Schrift gebunden
+waren.</p>
+
+<p>Frau Rebekka war gr&uuml;ndlich b&ouml;se und schalt.
+&raquo;Ich versteh den Mann nicht,&laquo; rief sie.</p>
+
+<p>Asmus verstand ihn. Er dachte daran, da&szlig;
+er nun bald als Lehrer vor 60 Kindern stehen
+werde; er blickte von der Seite her in des
+Vaters Auge, in dem die Abendsonne liebend
+verweilte, und er verstand es, da&szlig; man selig
+sein kann im Gl&uuml;ck seiner Tr&auml;ume.</p></div>
+<!-- <span class='pagenum'><a name="Page_262" id="Page_262">[262]</a></span> -->
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+
+<hr />
+<p><!-- Page 263 --><span class='pagenum'><a name="Page_263" id="Page_263">[263]</a></span></p>
+
+<div class="titlepage"><h2><a name="Drittes_Buch" id="Drittes_Buch"></a>Drittes Buch</h2>
+
+<h1>Kampf und Liebe</h1>
+<hr /></div>
+<!-- <p><span class='pagenum'><a name="Page_264" id="Page_264">[264]</a></span></p> -->
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 265 --><span class='pagenum'><a name="Page_265" id="Page_265">[265]</a></span>
+<a name="XXXVI_Kapitel" id="XXXVI_Kapitel"></a>XXXVI. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Was f&uuml;r ein Mann Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller war und was f&uuml;r
+Lieder deutsche Kinder singen.</div>
+
+
+<p><span class="bigletter">D</span>er erste Eindruck, den Asmus Semper von
+Herrn Dr&ouml;gem&uuml;ller, seinem Hauptlehrer und
+Vorgesetzten, empfing, war nicht &uuml;bertrieben
+verlockend. Der Kopf des Mannes glich einer
+stark vergr&ouml;&szlig;erten Billardkugel, der man einen
+Rettichschwanz als Bart angeheftet und die man
+im &uuml;brigen noch mit einer blauen Brille geschm&uuml;ckt
+hat. Nase, Mund und Stirn w&auml;ren in
+jedem Signalement als gew&ouml;hnlich bezeichnet
+worden. Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller kanzelte gerade einen
+kleinen, k&uuml;mmerlich dreinschauenden Buben ab,
+weil er auf Holzpantoffeln zur Schule kam.
+Er behandelte das gleichsam wie einen moralischen
+Defekt, dessen man sich zu sch&auml;men habe,
+und erkl&auml;rte dem versch&uuml;chtert dastehenden Kinde,
+wenn das noch einmal vorkomme, werde er ihm
+einen &raquo;Tadel in Ordnung&laquo; geben.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Wenn man das hingehen l&auml;&szlig;t,&laquo; sagte Herr
+Dr&ouml;gem&uuml;ller, &raquo;dann kommen immer mehr mit
+Holzpantoffeln, und man kann das Geklapper
+auf den Treppen nicht mehr aushalten.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 266 --><span class='pagenum'><a name="Page_266" id="Page_266">[266]</a></span>
+Asmus hatte auf der Zunge, zu sagen:
+&raquo;Aus &Uuml;bermut tr&auml;gt wohl der Mensch keine
+Holzkl&ouml;tze an den F&uuml;&szlig;en; Stiefel sind ihm ohne
+Zweifel bequemer, wenn er sie hat&laquo;; aber er
+wollte sich nicht gleich opponierend einf&uuml;hren
+und sagte deshalb nur:</p>
+
+<p>&raquo;Gibt es nicht einen Verein, der solche
+Kinder mit Stiefeln versorgt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;!&laquo; versetzte der Hauptlehrer; &raquo;ich
+k&ouml;nnte ihm ein Paar Stiefel anweisen; aber seine
+Mutter, das ist eine ganz Renitente. Als ich
+ihr sagte, sie solle den Jungen doch taufen lassen
+&#8211; getauft ist er n&auml;mlich auch nicht &#8211; da sagte
+sie, das t&auml;te ihr Mann nicht, und was ihr
+Mann wolle, da&szlig; wolle sie auch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm,&laquo; machte Asmus. Ein Pestalozzi war
+dieser Mann nicht, das war schon festgestellt.</p>
+
+<p>Er unterschied sich insofern vorteilhaft von
+dem &raquo;Schulmeister von Stanz&laquo;, als er sauber
+und ordentlich gekleidet war; aber es war Ordnung
+ohne Geschmack und Gef&auml;lligkeit, eine Ordnung
+mit schlechtsitzenden Hosen und kreuzweis
+geknoteten Bindeschlipsen, und als Asmus wie
+hypnotisiert die Karrees des grauen Rockes
+betrachtete, da las er unaufh&ouml;rlich 1 &times; 1 &times; 1 &times; 1 &times; 1 &times; 1&nbsp;....</p>
+
+<p>Nein, ein Dichter, wie der unordentliche Verfasser
+von &raquo;Lienhard und Gertrud&laquo; war dieser
+Mann gewi&szlig; nicht, &raquo;Abendstunden eines Einsiedlers&laquo;
+tr&auml;umte er sicherlich nicht; aber das
+konnte man auch schlie&szlig;lich nicht verlangen, und
+<!-- Page 267 --><span class='pagenum'><a name="Page_267" id="Page_267">[267]</a></span>
+als er die Papiere des ihm von der Beh&ouml;rde
+zugewiesenen J&uuml;nglings eingesehen hatte, bemerkte
+er sogar liebensw&uuml;rdig, er begl&uuml;ckw&uuml;nsche
+sich, einen Mann von solchen F&auml;higkeiten gerade
+an der &raquo;ihm unterstellten&laquo; Schule angestellt zu
+sehen.</p>
+
+<p>Wie ganz anders ward Asmussen ums Herz,
+als er sich wenige Tage sp&auml;ter mitten in einen
+Garten von sechzig jungen Menschenpflanzen
+gestellt sah, wo sechzig lebendige Br&uuml;nnlein aus
+roten Lippen sprangen. In einem Punkte freilich
+hinkte der Vergleich mit einem Garten bedenklich:
+die Pflanzen haben die gute Gewohnheit,
+ihren Ort nicht willk&uuml;rlich zu ver&auml;ndern; diese
+Menge von Kindern aber war in ihren Bewegungen
+h&ouml;chst willk&uuml;rlich, und Asmussen kam
+es vor, als habe er einen Topf voll M&auml;use zu
+h&uuml;ten und m&uuml;sse aufpassen, da&szlig; keine &uuml;ber den
+Rand springe. Einige zwar sa&szlig;en bang und
+versch&uuml;chtert da; sie mochten ein unerh&ouml;rt Neues,
+ein f&uuml;rchterlich Geheimnisvolles erwarten und
+waren vielleicht mit der Vorstellung gekommen,
+da&szlig; der Bakel unaufh&ouml;rlich durch die Schulstube
+sause wie die Sense des M&auml;hers &uuml;bers
+Feld; denn es gibt Eltern, die die Arbeit des
+Lehrers liebevoll vorbereiten, indem sie Kindern,
+die sie nicht b&auml;ndigen k&ouml;nnen, mit der Aussicht
+drohen: &raquo;Na, warte nur, wenn du zur
+Schule kommst! Der Lehrer wird dich schon
+bl&auml;uen.&laquo; Aber sobald diese Beklommenen merkten,
+da&szlig; der &raquo;Herr Lerrer&laquo; kein Menschenfresser
+<!-- Page 268 --><span class='pagenum'><a name="Page_268" id="Page_268">[268]</a></span>
+sei und sogar gro&szlig;artigen &raquo;Spa&szlig;&laquo; mache, zogen
+gerade sie die weitesten Konsequenzen und gingen
+&uuml;ber Tisch und B&auml;nke. Und sieh, da schritt schon
+einer festen Schrittes auf die T&uuml;r zu.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo; fragte Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will&#8217;n b&uuml;schen &#8217;raus!&laquo; versetzte das
+B&uuml;rschchen unbefangen.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du denn drau&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Och, &#8217;n b&uuml;schen spielen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Mensch, so allein spielen, das macht
+doch keinen Spa&szlig;. Wart&#8217; nur noch einen Augenblick,
+dann gehen wir alle hinaus und spielen
+&raquo;J&auml;ger und Hund&laquo;.</p>
+
+<p>Das leuchtete dem Fl&uuml;chtling ein. &raquo;O dj&auml;!&laquo;
+rief er, senkte beide F&auml;ustchen in die Hosentaschen
+und ging wieder auf seinen Platz.</p>
+
+<p>&raquo;Du, ich hab&#8217; Limburger K&auml;se aufs Brot!&laquo;
+rief eine Stimme aus dem Hintergrunde. Asmus
+ging hin und &auml;u&szlig;erte seine teilnehmende
+Begeisterung &uuml;ber den Limburger K&auml;se. Nat&uuml;rlich
+mu&szlig;te er jetzt den Inhalt zahlloser Fr&uuml;hst&uuml;cksdosen
+bewundern.</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab&#8217; Leberwurst auf&#8217;m Brot!&laquo; &raquo;Ich
+hab&#8217; &#8217;ne Apfelsine!&laquo; &raquo;Ich hab&#8217; Schokolade!&laquo;
+schrie es durcheinander.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr k&ouml;nnt wohl lachen!&laquo; sagte Asmus.
+&raquo;Meine Mutter hat mir keine Schokolade mitgegeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da!&laquo; Ein Junge sprang aus der Bank
+und hielt ihm ein St&uuml;ck Schokolade hin.</p>
+
+<p>Asmus dankte ger&uuml;hrt, l&ouml;ste das Papier
+<!-- Page 269 --><span class='pagenum'><a name="Page_269" id="Page_269">[269]</a></span>
+von der Schokolade und wollte sie dem Geber
+in den Mund schieben; der aber lehnte entschieden
+ab.</p>
+
+<p>Da sah Asmus zwei brennende Augen in
+verzehrendem Verlangen auf sich gerichtet; es
+waren die Augen eines d&uuml;rftig gekleideten,
+blassen B&uuml;rschchens.</p>
+
+<p>&raquo;Soll <em class="gesperrt">er</em> sie haben?&laquo; fragte Asmus den
+Spender.</p>
+
+<p>Der nickte eifrig ja, und begierig griff der
+Verlangende nach der k&ouml;stlichen Leckerei.</p>
+
+<p>Um den Schwarm endlich zu beruhigen, sagte
+Asmus: &raquo;Soll ich euch mal &#8217;ne Geschichte erz&auml;hlen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O ja, man zu, man zu!&laquo; schrien sie durcheinander.
+Und er erz&auml;hlte ihnen das Ur- und
+Anfangsm&auml;rchen vom Rotk&auml;ppchen, das sie alle
+verstehen und das sie beim hundertsten Male
+ebenso gern h&ouml;ren wie beim ersten Male.</p>
+
+<p>Als er mitten im Erz&auml;hlen war, kam ein
+Junge aus der Bank heraus, ging auf Asmussen
+zu, ergriff dessen Hand und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Du, ich mag dir gerne leiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soo?&laquo; sagte Asmus; &raquo;Junge, das ist ja
+prachtvoll; ich dich auch; aber dann mu&szlig;t du
+jetzt auch ganz still sitzen bleiben und zuh&ouml;ren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; erkl&auml;rte der Kleine &uuml;berzeugt und
+ging ruhig wieder an seinen Platz.</p>
+
+<p>F&uuml;r einen andern aber hatte Asmussens
+Erz&auml;hlung offenbar keinen Reiz. Er erhob sich
+und steuerte geraden Wegs auf die T&uuml;r zu.</p>
+
+<p><!-- Page 270 --><span class='pagenum'><a name="Page_270" id="Page_270">[270]</a></span>
+&raquo;Was willst du denn?&laquo; fragte Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Ick will noh Hus,&laquo; lautete die sehr entschiedene
+Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;J&auml;, dat geiht ober nich; du mu&szlig; noch&#8217;n
+bitten hierblieben.&laquo;</p>
+
+<p>Der kleine dicke Bursche explodierte in einem
+furchtbaren Geheul.</p>
+
+<p>&raquo;Ick will ober noh Huuus!&laquo; br&uuml;llte er.</p>
+
+<p>&raquo;Wat wullt du denn dor?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ick will bi min Mudder sin!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Minsch, de Kl&uuml;ten (Kl&ouml;&szlig;e) s&uuml;nd jo noch
+gornich fertig.&laquo;</p>
+
+<p>Der Kleine nahm die F&auml;uste von den Augen
+und starrte ihn sprachlos an.</p>
+
+<p>&raquo;Du wullt wull gern Kl&uuml;ten un Plum&#8217;n
+(Pflaumen) eeten, wat?&laquo; fragte Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Jo,&laquo; versetzte der Kleine, von so viel Verst&auml;ndnis
+seiner Seele &uuml;berrascht.</p>
+
+<p>&raquo;J&auml;, Hein, de s&uuml;nd jo noch gornich gor!
+Bliev man noch&#8217;n bitten sitten; ich segg Di
+denn Bescheed, wenn din Mudder se fertig hett.&laquo;</p>
+
+<p>Auf diesen Kontrakt ging Heinrich Lohmann
+ein und verf&uuml;gte sich langsam wieder an seinen
+Platz.</p>
+
+<p>Als die Geschichte zu Ende war und die
+Geisterchen wieder nach allen Himmelsrichtungen
+anseinanderfielen, sprach er:</p>
+
+<p>&raquo;Nun pa&szlig;t aber mal auf, was jetzt kommt!&laquo;</p>
+
+<p>Sie waren pl&ouml;tzlich still.</p>
+
+<p>Mit geheimnisvollen Mienen ging Asmus
+an einen Schrank.
+</p>
+
+<p><!-- Page 271 --><span class='pagenum'><a name="Page_271" id="Page_271">[271]</a></span>
+&raquo;Was ich wohl hier im Schrank habe!&laquo;
+sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Fr&uuml;hst&uuml;ck!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schokolade!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&#8217;n Bilderbuch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. In diesem Schrank hab&#8217; ich einen
+Vogel; wenn man den streichelt, dann singt er.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oooh &#8211; la&szlig; ihn mal &#8217;raus!&laquo; riefen einige.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich will ihn mal herauslassen.&laquo; Er
+&ouml;ffnete den Schrank und nahm einen Geigenkasten
+heraus.</p>
+
+<p>&raquo;O, ich wei&szlig;, Herr Lehrer, ich wei&szlig;!&laquo; riefen
+ein paar Gescheite.</p>
+
+<p>&raquo;Pst! Nichts verraten! Das ist das Vogelbauer.
+Pa&szlig;t gut auf, da&szlig; er nicht herausfliegt,&laquo;
+sagte er zu den N&auml;chsten, und sie spreizten
+die H&auml;ndchen und &ouml;ffneten die M&auml;ulchen, als
+wollten sie den Fl&uuml;chtling mit Mund und H&auml;nden
+auffangen. Die Hintensitzenden stiegen auf
+die Tische und reckten die H&auml;lse. Asmus &ouml;ffnete
+den Kasten und nahm Geige und Bogen heraus.</p>
+
+<p>&raquo;Hurra &#8211; hallo,&laquo; schrien sie alle; aber
+dann wurden sie noch stiller als zuvor, und
+nun hatten alle die Schn&auml;bel offen.</p>
+
+<p>Asmus setzte den Bogen an und spielte einen
+raschen Lauf vom kleinen <em class="antiqua">g</em> bis zum dreigestrichenen.</p>
+
+<p>Da waren sie pl&ouml;tzlich wie &raquo;voll s&uuml;&szlig;en
+<!-- Page 272 --><span class='pagenum'><a name="Page_272" id="Page_272">[272]</a></span>
+Weins&laquo;, sie gingen &uuml;ber Tisch und B&auml;nke, hopsten,
+sprangen und fa&szlig;ten sich an und tanzten.</p>
+
+<p>&raquo;Was soll ich nun &#8217;mal spielen&laquo; fragte
+Asmus.</p>
+
+<p>Ach, was mu&szlig;te er da f&uuml;r Erfahrungen
+machen! Einige nannten ein paar Spiellieder,
+die sie in einem Kindergarten gelernt hatten;
+die meisten aber nannten Gassenhauer und
+Operettenmelodien, die auf die Drehorgel gekommen
+waren. Ein rechtes, gutes Volkslied
+nannte nicht einer; denn das deutsche Volkslied
+wird im deutschen Hause nicht mehr gesungen.</p>
+
+<p>Asmus erz&auml;hlte ihnen von dem H&auml;slein, das
+der J&auml;ger totschie&szlig;en wollte, und dann sang er:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Als der Mond schien helle,</span>
+<span class="i0">Kam ein H&auml;slein schnelle,</span>
+<span class="i0">Suchte sich sein Abendbrot,</span>
+<span class="i0">Hu, ein J&auml;ger scho&szlig; mit Schrot.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Er sang, wie das H&auml;slein den Mond bat,
+sein Licht auszul&ouml;schen, und wie es dem J&auml;ger
+entkam.</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">H&auml;slein ging zur Ruhe,</span>
+<span class="i0">Zog aus Rock und Schuhe,</span>
+<span class="i0">Legte sich ins weiche Moos,</span>
+<span class="i0">Schlief wie auf der Mutter Scho&szlig;.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>und die Lieblichkeit von Wort und Weise, die
+Unschuld der Kindertage, da er sie zuerst gesungen,
+die Sch&ouml;nheit der Stunden, da er sie
+bei Meister Bruhn geh&ouml;rt und gegeigt, und die
+<!-- Page 273 --><span class='pagenum'><a name="Page_273" id="Page_273">[273]</a></span>
+saugende Andacht all dieser reinen Augen, die
+durstig an seinen Lippen hingen, &uuml;berstr&ouml;mten
+sein Herz mit einem so &uuml;berschwenglichen Gl&uuml;ck,
+da&szlig; ihm die Augen feucht wurden.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Nun will ich&#8217;s einmal spielen,&laquo; sprach er
+und spielte das Lied.</p>
+
+<p>&raquo;Wollt ihr jetzt &#8217;mal mitsingen?&laquo;</p>
+
+<p>Jubelnd ergriffen sie diesen Vorschlag.</p>
+
+<p>Und alle sangen sie mit. Ei, ei, ei, war
+das eine Musik! Es klang noch ganz furchtbar.
+Aber sie fanden es sch&ouml;n, und am eifrigsten sang
+Peter Brandenburg, dessen Geh&ouml;r und Stimme
+nur einen einzigen Ton hatten, und der klang
+wie das Surren einer Hummel, die man in
+eine Schachtel eingesperrt hat.</p>
+
+<p>&raquo;Wer will mir nun &#8217;mal was vorsingen?&laquo;
+fragte Asmus.</p>
+
+<p>Manche getrauten sich nicht; aber die meisten
+hielten mit ihrem Talent nicht zur&uuml;ck und sangen
+frisch von der Leber weg.</p></div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Denke dir, mein Liebchen,</span>
+<span class="i0">Was ich im Traume geseh&#8217;n&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p>oder</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Dat Scheunste, wat man hett,</span>
+<span class="i0">Dat is so&#8217;n Zigarett&#8217;&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p>oder</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ach, mein Schreck, ach, mein Schreck!</span>
+<span class="i0">Meine teure Hulda ist weg!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p>nein, so viel Asmus auch horchte und forschte
+und hoffte, er h&ouml;rte nichts Gutes, Sch&ouml;nes,
+<!-- Page 274 --><span class='pagenum'><a name="Page_274" id="Page_274">[274]</a></span>
+Gesundes. Wohl aber begann ein B&uuml;rschlein
+frisch und frei ein ausgesprochenes Zotenlied
+zu singen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Genug, genug!&laquo; rief Asmus und hie&szlig; das
+Kind schweigen. Dies Lied, von frischen Kinderlippen
+ahnungslos gesungen, hatte ihm einen
+furchtbaren Eindruck gemacht. Die Schule lag
+in der Hafengegend; unter ihrem Publikum gab
+es mancherlei Armut und Verwahrlosung, und
+unter den Sch&uuml;lern waren auch Kinder &raquo;anr&uuml;chiger&laquo;
+Stra&szlig;en.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 275 --><span class='pagenum'><a name="Page_275" id="Page_275">[275]</a></span>
+<a name="XXXVII_Kapitel" id="XXXVII_Kapitel"></a>XXXVII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller als Einkassierer des Schicksals.</div>
+
+<p><span class="bigletter">S</span>o gro&szlig; sein Mitgef&uuml;hl mit den Kindern der
+Enterbten und Verachteten war, so schien
+ihm doch seine Aufgabe um so sch&ouml;ner und
+lockender, je schwieriger sie war. Die wohlgepflegten
+Kinder reicher und &raquo;guter&laquo; Familien
+erziehen, das war keine Kunst &#8211; so dachte
+er wenigstens damals; er sollte noch anders
+dar&uuml;ber denken lernen &#8211; aber hier galt es,
+Knoten zu l&ouml;sen und Hindernisse zu &uuml;berwinden.
+Und schon nach wenigen Tagen sollte ihn ein
+&raquo;Riesenerfolg&laquo; in seinem Glauben an sein Werk
+best&auml;rken. Am vierten oder f&uuml;nften Tage seines
+Lehrertums kam Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller mit einer
+Liste in die Klasse und fragte: &raquo;Ist Heinrich
+Lohmann hier?&laquo;</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Jawohl, Heinrich Lohmann war <em class="gesperrt">da</em>; es war
+derselbe, den am ersten Tage die Sehnsucht
+nach den Kl&ouml;&szlig;en seiner Mutter ergriffen hatte
+und der dies Gef&uuml;hl in reinstem Plattdeutsch
+unverhohlen zum Ausdruck gebracht hatte. Er
+geh&ouml;rte in eine Nachbarschule und war irrt&uuml;mlich
+in Sempers Klasse gekommen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 276 --><span class='pagenum'><a name="Page_276" id="Page_276">[276]</a></span>
+&raquo;Du geh&ouml;rst in eine andere Schule, mein
+Sohn,&laquo; sagte Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller. &raquo;Pack&#8217; deine
+Sachen und komm mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nee,&laquo; sagte Heinrich Lohmann munter, &raquo;ick
+will hier blieben.&laquo; Selbst Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller
+mu&szlig;te lachen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein Junge, das geht nicht,&laquo; sagte
+er, &raquo;komm nur schnell.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ick will ober leever hier blieben,&laquo; wandte
+Lohmann mit schw&auml;cherem Widerstande ein.</p>
+
+<p>&raquo;Na, nu&#8217; mach flink, Junge, mach flink!&laquo;
+dr&auml;ngte der Hauptlehrer.</p>
+
+<p>Lohmann packte widerstrebend seine Sachen
+und folgte Herrn Dr&ouml;gem&uuml;ller; aber als er
+nun Sempern die Hand zum Abschied geben
+sollte, warf er alles, was er trug, auf den
+Boden, umklammerte Asmussens Bein und
+schrie: &raquo;Ick will bi di blieben! Ick will bi
+di blieben!&laquo;</p>
+
+<p>Asmussen wurde es wunderlich ums Herz.</p>
+
+<p>&raquo;Kann er denn nicht hier bleiben?&laquo; fragte
+er den Hauptlehrer. &raquo;Vielleicht kann ja ein
+anderer &#8211; &#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das geht nicht!&laquo; versetzte Dr&ouml;gem&uuml;ller
+kurz. &raquo;Er wohnt ja nicht in unserm
+Bezirk. &#8211; Jetz komm, Junge, sonst&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Asmus klopfte dem Kleinen die Wangen
+und sagte: &raquo;Na, Heinrich, dann geh nur mit.
+Wenn die Schule aus ist, besuchst du mich mal,
+was? Und ich besuch&#8217; dich auch mal, ja?&laquo;</p>
+
+<p>Da gab sich Heinrich Lohmann zufrieden,
+<!-- Page 277 --><span class='pagenum'><a name="Page_277" id="Page_277">[277]</a></span>
+sammelte unter Tr&auml;nen seine Bibliothek zusammen
+und schlich davon.</p>
+
+<p>Asmus Semper war gl&uuml;cklich. Also schien
+ihm die Kraft gegeben zu sein, die Herzen der
+Kinder zu gewinnen, und dar&uuml;ber war er uns&auml;glich
+froh. &Uuml;berhaupt lebte er wie in einem
+Rausche. Diese tausendf&auml;ltigen, r&uuml;ckhaltlosen
+Offenbarungen der Kindesseele &uuml;berw&auml;ltigten
+seine Beobachtungskraft; er wu&szlig;te nicht, wie er
+diesen Reichtum in die Scheuern bringen und
+verwerten sollte. Und viel zu fr&uuml;h schlo&szlig; er
+den Kindern den Mund durch regelrechten Unterricht;
+seine Taten hinkten noch weit hinter seinen
+Ideen her. Er h&auml;tte noch l&auml;nger die Eigenart
+jedes einzelnen Kindes hervorlocken sollen, wenn
+er den Wegen Pestalozzis folgen wollte; aber
+er f&uuml;rchtete, die Kinder w&uuml;rden nicht lernen,
+was sie nach dem &raquo;Pensum der Klasse&laquo; lernen
+sollten, wenn er nicht den stundenplanm&auml;&szlig;igen
+Unterricht beginne. Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller hatte sich
+ohnedies schon bemerkbar gemacht. Als Asmus
+eines Tages einen Knaben ein M&auml;rchen erz&auml;hlen
+lie&szlig;, war Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller, der es nicht f&uuml;r
+ein Gebot der H&ouml;flichkeit hielt, anzuklopfen, in
+die Klasse getreten, hatte durch seine blaue Brille
+auf den an der Wand h&auml;ngenden Stundenplan
+geblickt und gesagt:</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben jetzt eigentlich Rechnen, nicht
+wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl,&laquo; hatte Asmus gesagt.</p>
+
+<p>&raquo;Hm,&laquo; hatte dann Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller gesagt,
+<!-- Page 278 --><span class='pagenum'><a name="Page_278" id="Page_278">[278]</a></span>
+und er war wieder hinausgegangen. &#8211; &#8211;
+Ja, Asmus war gl&uuml;cklich; aber wie es das
+Schicksal gew&ouml;hnlich mit ihm gehalten hatte, so
+tat es auch diesmal; von dem vollen, hundertprozentigen
+Gl&uuml;ck, das es ihm gegeben, zog es
+neunzig Prozent Wucherzinsen ab, und der Exekutor,
+der die neunzig Prozent einkassierte, war
+diesmal Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller.</p>
+
+<p>Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller war Junggeselle, und so
+hatte er zu viel Zeit f&uuml;r seinen Beruf. Man
+hat immer dann zu viel Zeit f&uuml;r seinen Beruf,
+wenn man sie zur Auffindung neuer und fruchtbarer
+Gedanken aus einem gewissen inneren
+Mangel nicht anwenden kann, sie vielmehr mit
+der Erfindung immer neuer Reglements-Paragraphen
+verbringen mu&szlig;. Jedesmal, wenn Herr
+Dr&ouml;gem&uuml;ller ein paar freie Stunden gehabt
+hatte, trug alsbald danach ein Knabe durch
+alle Klassen eine Verf&uuml;gung, unter die jeder
+Lehrer sein &raquo;<em class="antiqua">Vidi</em>&laquo; setzen mu&szlig;te. Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller
+wu&szlig;te aus der Arithmetik, da&szlig;, wenn
+man unabl&auml;ssig addiert, zuletzt eine hohe Summe
+herauskommen mu&szlig;, und so hoffte er durch unerm&uuml;dliche
+Hinzuf&uuml;gung von &raquo;Verbesserungen&laquo;
+seine Schule auf den Gipfel der Vollendung zu
+bringen. Wenn ihm aber jemand mit umw&auml;lzenden
+Methoden oder gar mit neuen Lehrzielen
+kam, dann bekam er Entr&uuml;stung mit
+Fieber. Welche Anma&szlig;ung, wenn ein Lehrer
+es besser wissen wollte als Dr&ouml;gem&uuml;llers Seminardirektor!
+Seine Berufsanschauung ruhte
+<!-- Page 279 --><span class='pagenum'><a name="Page_279" id="Page_279">[279]</a></span>
+auf drei Axiomen als auf drei unersch&uuml;tterlichen
+S&auml;ulen:</p></div>
+
+<div class="blockquot">
+1. Die Alten sind kl&uuml;ger als die Jungen.<br />
+2. Die Toten sind kl&uuml;ger als die Lebendigen.<br />
+3. Die Vorgesetzten sind kl&uuml;ger als alle.
+</div>
+
+<p>und seine Berufsanschauung war auch seine
+Weltanschauung; denn er war der Meinung,
+ein Lehrer habe sich weder um Kunst und Literatur,
+noch um Politik, noch sonst um etwas
+anderes als allein um seinen Beruf zu k&uuml;mmern.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Er verbrachte denn auch seine Tage am
+Schreibtisch seines Bureaus; seine Wohnung war
+eigentlich nur Schlafstelle, und in seiner bescheidenen
+Bibliothek stand kein neues Buch.
+Trotzdem hielt er sich f&uuml;r einen gewissenhaften
+Beamten.</p>
+
+<p>Da&szlig; er mit diesem Mann nicht lange in
+Frieden leben werde, davon hatte Asmus eine
+deutliche Ahnung. Schon wenn er ihn sprechen
+h&ouml;rte, wurde ihm unbehaglich. Er war immer
+so empfindlich gewesen f&uuml;r menschliche Stimmen;
+die Stimme war ihm der Mensch, und besonders
+wahr und sch&ouml;n war&#8217;s ihm immer erschienen,
+da&szlig; der wahnsinnige Lear von der Stimme der
+toten Cordelia sprach. Dr&ouml;gem&uuml;ller aber heulte
+durch die Nase und sprach, als wenn er einen
+zu schmal gew&ouml;lbten Gaumen h&auml;tte.</p>
+
+<p>Gleich am ersten Tage sah Asmus etwas,
+was ihn geradezu erschreckte. Kinder w&auml;hrend
+der Schulpause &#8211; das war ihm immer ein
+Bild befreiter, sprudelnder Jugendlust gewesen.
+<!-- Page 280 --><span class='pagenum'><a name="Page_280" id="Page_280">[280]</a></span>
+Es war ihm gar nicht der Gedanke gekommen,
+da&szlig; das anders aussehen k&ouml;nne. Und hier sah
+er die Kinder, zu Vieren geordnet, langsam
+hintereinander hertappen, wie Gefangene, die
+man gerade so viel l&uuml;ftet, wie zur Erzielung
+einer guten Gesundheitsstatistik unbedingt erforderlich
+ist. Und in der Mitte des Schulhofs
+ging ein Lehrer auf und ab, der darauf achten
+mu&szlig;te, da&szlig; keiner aus der Reihe trat. Nun
+bemerkte Asmus freilich bald, da&szlig; der gr&ouml;&szlig;ere
+Teil des Kollegiums die Verf&uuml;gung des Chefs
+nicht mehr sonderlich ernst nahm; die Herren
+lie&szlig;en denn auch den spazierenden Kindern die
+Z&uuml;gel leidlich locker. Dann freilich tauchte gelegentlich
+Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller auf und verwies
+laut scheltend die zuchtlosen Elemente in ihre
+Reihen zur&uuml;ck, um dem Aufseher zu demonstrieren,
+da&szlig; er seine Pflicht verletze. Die
+Herren, meistens &auml;ltere, wohlverdiente und zum
+Teil ihrem Chef bei weitem &uuml;berlegene M&auml;nner,
+a&szlig;en ihr Fr&uuml;hst&uuml;ck ruhig weiter und taten nach
+wie vor, was sie f&uuml;r gut hielten. Aber jetzt
+waren drei junge Herren ins Kollegium gekommen,
+und die wollte Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller gleich
+richtig an die Kandare nehmen, damit sie ihm
+nicht &uuml;ber den Kopf w&uuml;chsen.</p>
+
+<p>Als Asmus zum erstenmal die Aufsicht
+f&uuml;hrte, freute er sich &uuml;ber jeden, der die Ordnung
+der Sektionen verlie&szlig;. Aber siehe, schon war
+Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller da und heulte durch die Nase
+und trieb die Schwarmgeister an ihren Platz.
+</p>
+
+<p><!-- Page 281 --><span class='pagenum'><a name="Page_281" id="Page_281">[281]</a></span>
+&raquo;Das geht aber nicht, Herr Semper; achten
+Sie bitte strenge darauf, da&szlig; die Sch&uuml;ler zu
+vieren gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, da kann dann freilich von Erholung
+nicht mehr die Rede sein,&laquo; bemerkte Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Ooh, das wollen wir doch nicht sagen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, f&uuml;r siebzigj&auml;hrige Spittelleute mag das
+ja eine gen&uuml;gende Erholung sein; aber junge
+K&ouml;rper, wenn sie stundenlang in der Bank gesessen
+haben, wollen sich geh&ouml;rig tummeln und
+die Lungen reinpumpen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Semper, wenn wir das einrei&szlig;en
+lie&szlig;en, dann w&uuml;rden wir jeden Tag blutige
+Nasen und gebrochene Gliedma&szlig;en und hinterher
+die Klagen der Eltern haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller, wir haben uns als
+Jungen auf dem Schulhof geschlagen wie
+Hunnen und Nibelungen, und blutige Nasen
+habe ich mehr als eine davongetragen; ich habe
+aber Blut genug &uuml;brig behalten, vielleicht noch
+zuviel. Nach Ihren Grunds&auml;tzen m&uuml;&szlig;te man den
+Kindern das Spiel &uuml;berhaupt verbieten; denn
+Unf&auml;lle, sogar t&ouml;dliche, sind freilich niemals ausgeschlossen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was anderswo passiert, ist mir einerlei,
+in <em class="gesperrt">meiner</em> Schule soll aber so etwas nicht
+vorkommen, und darum mu&szlig; ich darauf dringen,
+da&szlig; meine Anordnungen befolgt werden.&laquo;</p>
+
+<p>In <ins class="correction" title="
+Original: 'Amus'">Asmus</ins> wirbelte etwas empor; aber der
+Vorgesetzte hatte bereits den R&uuml;cken gewandt
+und war gegangen.</p></div>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 282 --><span class='pagenum'><a name="Page_282" id="Page_282">[282]</a></span>
+<a name="XXXVIII_Kapitel" id="XXXVIII_Kapitel"></a>XXXVIII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Schon wieder gibt es einen Zusammensto&szlig;.</div>
+
+<p><span class="bigletter">S</span>empern erf&uuml;llte ein seltsam unbehagliches Gef&uuml;hl.
+Sollte ein Lehrer sich wie ein Handlanger
+traktieren lassen? Sein aufbrausendes
+Blut, das sich schnell &uuml;ber jedes Unrecht emp&ouml;rte,
+wollte ihn zu offener Auflehnung fortrei&szlig;en.
+Dazu kam, da&szlig; seine Jugend, wenn
+auch nicht von revolution&auml;rem Sinn, so doch
+von revolution&auml;ren Gedanken gen&auml;hrt war. Er
+hielt es noch immer mit den Tyrannenm&ouml;rdern
+und Volksbefreiern. Aber andrerseits hatte er
+zu viel klaren Verstand, um an eine Welt ohne
+Regierung und Gesetz zu glauben. Jeder mu&szlig;te
+sich unterordnen, das wu&szlig;te er wohl. Und wenn
+ein Vorgesetzter schwach war, &#8211; die, die ihn
+eingesetzt hatten, waren Menschen und dem Irrtum
+unterworfen wie er selbst. Aber wenn die
+Obrigkeit in der Wahl der Oberen gar zu t&ouml;richt
+oder gewissenlos war, dann war Auflehnung
+so nat&uuml;rlich und notwendig wie sonst die Unterordnung,
+dann war Widerstand Pflicht, vor
+allem der Kinder wegen. Aus diesem Zwiespalt
+kam er nicht heraus.
+</p>
+
+<div class="textbody">
+<p><!-- Page 283 --><span class='pagenum'><a name="Page_283" id="Page_283">[283]</a></span>
+Andere Skrupel und Sorgen kamen hinzu.
+Er mu&szlig;te den Kleinen Religionsunterricht
+geben. Waren nun diese biblischen Geschichten
+geoffenbartes Gotteswort, dessen Wahrheit sich
+auch dem kaum erwachten kindlichen Geiste auf
+wunderbar intuitiven Wegen erschlo&szlig;? Nein,
+das glaubte er nicht, konnte er also auch nicht
+lehren. Sollte er also die Geschichte der Juden
+und das Leben Jesu kritisch, rationalistisch,
+liberal-theologisch behandeln? Der Hamburgische
+Staat nahm es im Gegensatz zu andern
+deutschen Staaten mit der Gewissensfreiheit leidlich
+ernst und schrieb seinen Lehrern nicht vor,
+wie sie die Bibel zu behandeln h&auml;tten. Aber
+wenn dies alles nicht zweifellose, der kindlichen
+Seele ohne weiteres zug&auml;ngliche g&ouml;ttliche Wahrheit
+war &#8211; dann war es ja heller Unsinn, diese
+Materien mit sechs- bis siebenj&auml;hrigen Kindern
+zu behandeln, dann waren es Materien f&uuml;r reife
+J&uuml;nglinge und M&auml;nner. Diese religi&ouml;sen Bedenken
+verfitzten sich mit p&auml;dagogischen und
+k&uuml;nstlerischen. Die biblischen Historien mit den
+Worten der Bibel erz&auml;hlen, das hie&szlig; nach seiner
+Meinung, die armen kleinen Kerle mit unverst&auml;ndlichen
+Worten und Begriffen qu&auml;len und
+war also unm&ouml;glich. Die alten Berichte aber
+mit eigenen, modernen Worten erz&auml;hlen, dagegen
+str&auml;ubte sich alles in ihm, das schien ihm
+eine unerh&ouml;rte vandalische Vers&uuml;ndigung gegen
+die erhabene, ehrw&uuml;rdige Kraft und Sch&ouml;nheit
+dieser Mythen. Man konnte ja auch den &raquo;Faust&laquo;
+<!-- Page 284 --><span class='pagenum'><a name="Page_284" id="Page_284">[284]</a></span>
+mit anderen Worten erz&auml;hlen; aber war das der
+&raquo;Faust&laquo;?</p>
+
+<p>Aber das Allerschlimmste war doch, da&szlig; diese
+Geschichten unzweifelhaft einen pers&ouml;nlichen Gott
+annahmen und von einem Jesus berichteten, der
+Wunder tat, vom Tode auferstand und gen
+Himmel fuhr. Sich mit leeren Worten um diese
+Fragen herumdr&uuml;cken, war unw&uuml;rdig, war ihm
+unm&ouml;glich. Freilich, er konnte es machen wie
+<em class="antiqua">Dr.</em>&nbsp;Korn; er konnte den Kindern sagen: So
+berichtet die Bibel; was ihr glauben wollt, ist
+eure Sache. Aber das konnte man vor J&uuml;nglingen
+tun, nicht vor sechs- bis siebenj&auml;hrigen
+Kn&auml;blein. Die konnten noch nicht sondern und
+w&auml;hlen; die hingen mit dem treuen Blick des
+Glaubens an seinem Munde; die glaubten alles,
+was er sagte, und ahnten noch nicht, da&szlig; ein
+Lehrer etwas sagen k&ouml;nne, was er selbst nicht
+glaube.</p>
+
+<p>Endlich blieb noch der Ausweg, sich als
+&raquo;Beamten&laquo; zu f&uuml;hlen, der ein Amt und keine
+Meinung habe. Er konnte diese Dinge einfach
+nach der orthodoxen Dogmatik behandeln und
+zum Beispiel die Stelle von der Schlange, die
+&raquo;denselbigen in die Ferse stechen werde&laquo;, als
+messianische Weissagung hinstellen, am Ende
+des Monats sein Gehalt einstreichen und die
+Verantwortung denen &uuml;berlassen, die den
+Religionsunterricht verlangten, das war das
+sicherste. Aber diese handwerkerliche Auffassung
+von seinem Beruf konnte er sich eben nicht angew&ouml;hnen,
+<!-- Page 285 --><span class='pagenum'><a name="Page_285" id="Page_285">[285]</a></span>
+so selbstverst&auml;ndlich sie auch Herrn
+Dr&ouml;gem&uuml;ller schien. Denn diese sechzig Kinder
+wurden einmal sechzig Menschen, und was er
+als winziges K&ouml;rnchen in ihre Seele warf, war
+vielleicht nach zwanzig Jahren ein Baum, ein
+n&auml;hrender Fruchtbaum oder ein Giftbaum oder
+ein leeres Gestr&uuml;pp. Der Arzt, der nach bestem
+Wissen und K&ouml;nnen in einen lebendigen Menschen
+hineinschnitt, konnte auch nicht zur Verantwortung
+gezogen werden; aber es war doch
+ein verteufeltes Gef&uuml;hl, einen Menschen unter
+dem Messer zu haben.</p>
+
+<p>Er beschlo&szlig; bei sich, diesen Unterricht so bald
+wie m&ouml;glich abzugeben, und fand, da&szlig; der Modus
+seines ehemaligen Direktors noch der redlichste
+und ertr&auml;glichste sei. Er trug den Kindern die
+Bibel vor, wie sie war, und enthielt sich jeder
+kritischen Beleuchtung. Nur sagte er dann nicht:
+Ihr k&ouml;nnt&#8217;s glauben, k&ouml;nnt&#8217;s auch lassen, sondern
+getr&ouml;stete sich der Hoffnung, da&szlig; sie sich bei
+wachsender Reife in der Stille ihres Herzens
+wohl selbst mit diesen Dingen abfinden w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Ein herzlicher Unterricht konnte das freilich
+nur in solchen Augenblicken werden, wo die
+Naivit&auml;t der biblischen Geschichten mit der Naivit&auml;t
+der Kindesseele zusammenfiel; und in solchen
+Augenblicken atmete das Herz des jungen
+Schulmeisters erleichtert und begl&uuml;ckt. Und eine
+F&uuml;lle der Freuden quoll fast aus allen andern
+Stunden. Nur stampfte ihm Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller
+eines Tages auch in den Leseunterricht hinein.
+<!-- Page 286 --><span class='pagenum'><a name="Page_286" id="Page_286">[286]</a></span>
+Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller dachte es sich wundersch&ouml;n,
+wenn alle drei neuangestellten Lehrer den Leseunterricht
+auf v&ouml;llig gleiche Weise erteilen w&uuml;rden,
+und zwar auf ebendieselbe Weise, die er
+vor 25 Jahren auf dem Seminar erlernt habe.
+In seiner Schule sollte alles ordentlich hergehen:
+alle sollten auf Schuhen kommen, alle
+sollten Schulgeld zahlen, alle denselben Glauben
+haben und auf dieselbe Weise &raquo;gebildet&laquo; werden.</p>
+
+<p>Einer der neuen Herren tat ihm auch den
+Gefallen; Asmus aber und der andere gingen
+ihre eigenen Wege. Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller bemerkte
+das mit Mi&szlig;fallen.</p>
+
+<p>&raquo;Machen Sie es nicht so, wie ich es Ihnen
+neulich gezeigt habe, Herr Semper?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; lautete die ebenso kurze wie unzweideutige
+Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Warum denn nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich meine Weise f&uuml;r richtiger halte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Herr Semper &#8211; Sie werden wohl
+zugeben, da&szlig; ich mehr Erfahrung habe als
+Sie &#8211;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mag sein; aber ich mu&szlig; meine Methode
+selber finden, und nur nach der Methode,
+die meiner &Uuml;berzeugung entspringt, kann ich
+unterrichten. Wenn es die Jungen immer
+machen m&uuml;&szlig;ten wie die Alten, dann k&ouml;nnten
+Sie und ich &uuml;berhaupt noch nicht lesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ja wohl sehr geistreich, Herr Semper;
+aber gleichwohl mu&szlig; ich Sie bitten, meine
+W&uuml;nsche zu respektieren.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 287 --><span class='pagenum'><a name="Page_287" id="Page_287">[287]</a></span>
+&raquo;Mit Recht sagen Sie &raquo;W&uuml;nsche&laquo;, Herr
+Dr&ouml;gem&uuml;ller, und nicht &raquo;Befehle&laquo;. Denn &raquo;Befehle&laquo;
+gibt es hier nicht. Ich bin nur verpflichtet,
+meine Sch&uuml;ler zu f&ouml;rdern. Welche Methoden
+ich dabei anwende, ist ganz allein meine
+Sache.&laquo;</p>
+
+<p>Dr&ouml;gem&uuml;ller war bleigrau im Gesicht geworden
+und schnappte, als wenn er Luft f&uuml;r
+einen l&auml;ngeren Satz einnehme; er entschied sich
+dann aber nur f&uuml;r ein: &raquo;Na, wenn Sie
+meinen &#8211;&laquo; und ging mit rachs&uuml;chtig geschwungenen
+Beinen hinaus. Als er drau&szlig;en
+war, stenographierte er etwas sehr Langes in
+sein Notizbuch. Die Methode ist frei, dachte
+Dr&ouml;gem&uuml;ller, darin hat er recht; aber ich werde
+schon andere Pfeifen schnitzen, nach denen er
+tanzen soll.</p>
+
+<p>Zun&auml;chst indessen sollte Asmus ein wenig
+nach den Pfeifen des Exerzierplatzes tanzen.
+Bei der Generalmusterung im Sommer war er
+endg&uuml;ltig &raquo;gezogen&laquo; worden, und nun war die
+Order gekommen, da&szlig; er sich am 1. Oktober
+auf dem Altenberger Kasernenhofe einzufinden
+habe.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 288 --><span class='pagenum'><a name="Page_288" id="Page_288">[288]</a></span>
+<a name="XXXIX_Kapitel" id="XXXIX_Kapitel"></a>XXXIX. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Ist teilweise im Kasernenstil geschrieben und belehrt
+uns durch die G&uuml;te des Herrn Schie&szlig;-Unteroffiziers,
+was f&uuml;r ein Mensch dieser Asmus Semper eigentlich ist.</div>
+
+<p><span class="bigletter">W</span>as ihm an diesen Musterungs- und Gestellungsbefehlen
+aufgefallen war, das war
+die &Auml;ngstlichkeit, mit der auch der leiseste Verdacht
+einer h&ouml;flichen Gesinnung vermieden war.
+Er fand, da&szlig; dieselben Befehle mit derselben
+Entschiedenheit in einer Form gegeben werden
+k&ouml;nnten, die mehr nach menschlicher Gesellschaft
+klang. Sie ber&uuml;hrten ihn, als w&auml;ren sie mit
+Absicht so schroff wie m&ouml;glich formuliert, um
+das pers&ouml;nliche Selbstbewu&szlig;tsein von vornherein
+auf den Nullpunkt zur&uuml;ckzutreiben. &Uuml;berhaupt
+begann er diese sechs Wochen, die er als &raquo;Schulamtskandidat&laquo;
+unter Waffen zubringen sollte,
+nicht mit gehobenen Gef&uuml;hlen. Ludwig Semper
+freilich sprach noch immer von seinen Soldaten- und
+Kriegsjahren als von einer frischen, fr&ouml;hlichen
+Zeit; aber &raquo;beim Preu&szlig;en&laquo; war&#8217;s anders,
+und die vielen und abscheulichen Soldatenmi&szlig;handlungen,
+von denen die Zeitungen berichteten,
+hatten Asmussen immer mit Zorn
+<!-- Page 289 --><span class='pagenum'><a name="Page_289" id="Page_289">[289]</a></span>
+und Entsetzen erf&uuml;llt. Frau Rebekka schwankte
+zwischen Stolz und Bangen. Sie war stolz, da&szlig;
+man ihren Sohn f&uuml;r tauglich befunden hatte,
+und sie bangte, da&szlig; man ihn mi&szlig;handeln und
+&uuml;beranstrengen k&ouml;nne.</p>
+
+
+<div class="textbody">
+<p>Und gleich der ganze erste Tag war eine
+Mi&szlig;handlung, aber keine b&ouml;swillige. Die Herren
+Schulamtskandidaten standen n&auml;mlich mit kleinen
+Unterbrechungen von morgens acht bis abends
+sieben Uhr auf dem Kasernenhof und warteten.
+Einmal erschien ein Feldwebel und rief ihre
+Namen auf, und dann warteten sie wieder sechs
+Stunden. Einmal beobachtete Asmus einen
+Haufen Offiziere, und ein sehr temperamentvoller
+Herr unter ihnen schrie: &raquo;Denken Sie,
+der Seckendorff l&auml;&szlig;t sich wegen Krankheit beurlauben
+und verzehrt ein gro&szlig;es Beefsteak mit
+Spiegeleiern.&laquo; Asmus fand dies merkw&uuml;rdig,
+aber f&uuml;r einen Tag war es nicht Unterhaltung
+genug. Er geh&ouml;rte sonst zu den Menschen, die
+man wohl langweilen kann, die sich aber niemals
+selbst langweilen, weil die Gedankenm&uuml;hle
+von selber geht wie ein <em class="antiqua">perpetuum mobile</em>.
+Aber so auf einem Fleck stehend und immer
+wartend, konnte man weder Gedichte machen,
+noch Gedankenspiele treiben; er litt H&ouml;llenqualen
+der Langenweile. Endlich, um sieben Uhr abends
+erschien ein Sergeant und erkl&auml;rte ihnen, sie
+k&ouml;nnten nach Hause gehen. Denn die Schulamtskandidaten
+durften zu Hause schlafen und
+essen.</p>
+
+<p><!-- Page 290 --><span class='pagenum'><a name="Page_290" id="Page_290">[290]</a></span>
+Am andern Morgen ging es endlich los.
+Der Sergeant Greifenberg trat vor die Front
+von Asmussens Abteilung und hielt eine Rede.</p>
+
+<p>&raquo;Meine Herren,&laquo; sagte er, &raquo;ick hoffe, dat Sie
+als jebildete Herren mir meine Arbeit so leicht
+wie m&ouml;glich machen wer&#8217;n. Ick werde Se nu
+mal ausbild&#8217;n. Wenn Se ooch noch so jelehrt
+sind, hier m&uuml;ssen Se doch noch wat zulernen.
+Sie sind Lehrers; aber ick bin der Lehrer von
+die Lehrers. Schtilljeschtanden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Un denn merken Se sick jleich,&laquo; sagte Herr
+Greifenberg, indem er auf einen der Kandidaten
+losging, &raquo;jelacht wird nich im Jliede. Wat ick
+sage, is nich zum Lachen; de Sache is sehr
+ernst.&laquo;</p>
+
+<p>Und nun begannen die &Uuml;bungen; aber Herr
+Greifenberg stellte keine unmenschlichen Anforderungen,
+und Herr von Birkenfeld, der ausbildende
+Leutnant, noch weniger. Furchtsame
+Gem&uuml;ter konnte freilich Herr von Birkenfeld zun&auml;chst
+abschrecken; denn er markierte den rauhen
+Kriegsmann, der weder Teufel noch Kognak
+f&uuml;rchtet und &raquo;Sauerei&laquo; und &raquo;Schweinekram&laquo; f&uuml;r
+verbl&uuml;mte Redensarten h&auml;lt. Wenn ihm die
+Richtung eines Gliedes nicht gefiel, so sagte er,
+in einem milden, v&auml;terlichen Tone beginnend:</p>
+
+<p>&raquo;Ei, ei, ei, das Glied steht ja schweinem&auml;&szlig;ig!
+Der rechte Fl&uuml;gelmann, nehmen Sie den Bauch
+herein, ins drei Deubels Namen! Der Kerl
+taugt zum Fl&uuml;gelmann wie der Igel zum
+Schnupftuch!&laquo; Er sagte aber nicht &raquo;Schnupftuch&laquo;,
+<!-- Page 291 --><span class='pagenum'><a name="Page_291" id="Page_291">[291]</a></span>
+sondern ganz etwas anderes, und wenn
+er von den unteren menschlichen Extremit&auml;ten
+sprach, so gebrauchte er eine Bezeichnung, die
+man nur unter M&auml;nnern wiederholen kann,
+wenn keine Theologen zugegen sind. Im &uuml;brigen
+hatte er mit dem Fl&uuml;gelmann nicht unrecht.
+Der Schulamtskandidat Plambeck war der
+l&auml;ngste und dickste von allen; aber als er ein
+Gewehr mit einer Platzpatrone darin abdr&uuml;cken
+sollte, da versagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Warum dr&uuml;cken Sie nicht ab?&laquo; rief Herr
+von Birkenfeld.</p>
+
+<p>Plambeck hob den Kolben wieder an die
+bleiche Wange und setzte wieder ab.</p>
+
+<p>&raquo;Na, wollen Sie jetzt vielleicht die Liebensw&uuml;rdigkeit
+haben, abzudr&uuml;cken?&laquo; schrie der Leutnant.</p>
+
+<p>Plambeck hob schlotternd das Gewehr und
+lie&szlig; es abermals sinken.</p>
+
+<p>Jetzt trat Birkenfeld nahe an Plambeck heran
+und sagte ruhig:</p>
+
+<p>&raquo;Sagen Sie, f&uuml;rchten Sie sich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; versetzte Plambeck ehrlich.</p>
+
+<p>&raquo;Na, Sie sehen doch, die andern haben
+auch geschossen und sind auch ganz geblieben.
+Ich werde jetzt kommandieren und Sie werden
+schie&szlig;en. Legt an! &#8211; Feuer!&laquo;</p>
+
+<p>I, keine Spur von Feuer.</p>
+
+<p>&raquo;Heiliges Astloch!&laquo; schrie Birkenfeld. &raquo;So
+was ist mir denn doch noch nicht vorgekommen!
+Sagen Sie mal, wie denken Sie sich das
+<!-- Page 292 --><span class='pagenum'><a name="Page_292" id="Page_292">[292]</a></span>
+eigentlich, &#8217;n Soldat, der nich schie&szlig;t! &#8217;n Soldat,
+der sich vor seiner Knarre f&uuml;rchtet! Was wollen
+Se denn eigentlich machen, wenn&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bums!&laquo; Plambeck hatte abgedr&uuml;ckt und
+l&auml;chelte stolz.</p>
+
+<p>&raquo;Himmel, Schnaps und Wolkenbruch! Jetzt
+schie&szlig;t mir der Kerl gleich in die Visage!&laquo; schrie
+Birkenfeld. &raquo;Herrrr, ich werde Sie ins Loch
+stecken, Herrrr!&laquo;</p>
+
+<p>Aber er steckte niemanden ins Loch, nicht
+einmal B&uuml;sing, der es doch einigerma&szlig;en verdient
+hatte. B&uuml;sing hatte morgens bei der
+Schie&szlig;&uuml;bung zu viel &raquo;Zielwasser&laquo; getrunken;
+die Kneipe lag in allzu verlockender N&auml;he des
+Schie&szlig;standes. Herr von Birkenfeld, der eine
+verst&auml;ndnisvolle Leber besa&szlig;, hatte gesagt:
+&raquo;Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie aus.&laquo;
+Das hatte B&uuml;sing so gr&uuml;ndlich besorgt, da&szlig; er
+nachmittags eine Stunde zu sp&auml;t zum Dienst
+gekommen war. B&uuml;sing war das aber noch
+immer nicht des Frevels genug gewesen; er
+hatte sich l&auml;chelnden Mundes bei dem Herrn
+Leutnant gemeldet mit den Worten:</p>
+
+<p>&raquo;Vom Ausschlafen zur&uuml;ck!&laquo;</p>
+
+<p>Da hatte ihm Birkenfeld zwar drei Tage
+aufgebrummt; aber er hatte sie ihm noch am
+selben Tage erlassen. Wenn er fluchend und
+wetternd und mit gez&uuml;cktem Degen den Parademarsch
+abnahm und sein breiter blonder Bart
+im Winde wehte, dann sah er aus wie ein
+Eisenfresser, und doch war er ein vom Grund
+<!-- Page 293 --><span class='pagenum'><a name="Page_293" id="Page_293">[293]</a></span>
+des Herzens humaner Mann, f&uuml;r den die Worte
+&raquo;gutes, kameradschaftliches Verhalten&laquo; nicht nur
+auf dem Papier standen und der im gemeinen
+Soldaten den gleichwertigen Menschen und
+Waffengenossen sah. Einmal hatte er aber doch
+etwas zu saftig geschimpft. Als der Schulamtskandidat
+Th&ouml;lemann, der wie ein k&uuml;nftiger
+Pastor aussah, sprach und f&uuml;hlte, gleich einer
+nassen Unterhose am Reck hing und ebensowenig
+wie dieses Kleidungsst&uuml;ck einen Klimmzug zu
+machen imstande war, da schrie Birkenfeld:</p>
+
+<p>&raquo;Herrrr, sei&#8217;n Se nich so schlapp, Herrrr!
+Deubel noch&#8217;n mal! Kerl hat nat&uuml;rlich die
+ganze Nacht bei Wachtmann &#8217;rumgeh&#8211;t!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wachtmann&laquo; war ein ziemlich unethisches
+Tanz- und Nachtlokal, und das wollte sich Th&ouml;lemann
+nicht bieten lassen. Er wollte sich &uuml;ber
+Birkenfeld beschweren. Und es war das beste
+Zeugnis f&uuml;r diesen Leutnant, da&szlig; die Kameraden
+Th&ouml;lemannen abrieten, weil man die Schimpfreden
+Birkenfelds nicht tragisch nehmen d&uuml;rfe,
+und nicht am wenigsten trat Asmus f&uuml;r den
+Beleidiger ein. Er liebte solche Menschen, die
+sich von Temperament und Leidenschaft fortrei&szlig;en
+lie&szlig;en und es im Grunde des Herzens
+doch gut meinten; er f&uuml;hlte sich ihnen verwandt.
+&Uuml;brigens &uuml;berlegte sich Birkenfeld seine
+Diagnose noch einmal, bat Th&ouml;lemann um Entschuldigung,
+und die Sache war erledigt.</p>
+
+<p>Da&szlig; Schimpfen und Schimpfen zweierlei ist,
+das bewies Asmussen Seine Exzellenz der Herr
+<!-- Page 294 --><span class='pagenum'><a name="Page_294" id="Page_294">[294]</a></span>
+Schie&szlig;unteroffizier. Asmus hatte durch irgendeinen
+Zufall keine Exerzierpatronen erhalten
+und sollte sie sich vom Schie&szlig;unteroffizier holen.
+Er suchte den Herrn auf, nahm die vorschriftsm&auml;&szlig;ige
+Haltung ein und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich bitten um meine Exerzierpatronen?&laquo;</p>
+
+<p>Da sah der Herr Schie&szlig;unteroffizier Asmus
+Sempern mit einem langen Blick sprachloser
+Entr&uuml;stung an. Endlich aber fand er Worte
+und sprach den gewichtigen Satz:</p>
+
+<p>&raquo;Mensch, Sie sind doch ebenso dumm wie
+frech!&laquo;</p>
+
+<p>Die grenzenlose Dummheit und Frechheit
+Asmussens lag n&auml;mlich darin, da&szlig; er annahm,
+der Herr Schie&szlig;unteroffizier werde jetzt, au&szlig;erhalb
+der Empfangszeit, Lust haben, ihm die
+Patronen zu geben.</p>
+
+<p>Asmus, der &uuml;ber die erfahrene Beschimpfung
+bis hinter die Ohren err&ouml;tet war, sah dem
+Manne scharf in die Augen und sagte nur:</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr Leutnant schickt mich.&laquo;</p>
+
+<p>Keineswegs behauptete jetzt der Herr Unteroffizier,
+da&szlig; der Leutnant ebenso dumm wie
+frech sei; er beeilte sich vielmehr, Sempern die
+Patronen zu verabfolgen. Es war derselbe
+avancierte Bauernbursche, der einen Schulamtskandidaten
+dar&uuml;ber belehrt hatte, da&szlig; es nicht
+&raquo;Serschant&laquo;, sondern &raquo;Schersant&laquo; und nicht
+&raquo;Premj&eacute;-Leutnant&laquo;, sondern &raquo;Premihr-Leutnant&laquo; hei&szlig;e.
+</p>
+
+<p><!-- Page 295 --><span class='pagenum'><a name="Page_295" id="Page_295">[295]</a></span>
+Als Asmus mit seinen Patronen auf den
+Kasernenhof zur&uuml;ckkehrte und sich die empfangene
+Charakteristik wiederholte, da mu&szlig;te er laut auflachen
+&uuml;ber die Komik der Situation. Aber als
+er der Physiognomie dieses Menschen gegen&uuml;bergestanden
+hatte, da war es ihm doch hei&szlig; ins
+Gehirn geschossen, dem L&uuml;mmel hinter die Ohren
+zu schlagen; denn aus diesen kaltfrechen Augen
+hatte ihn die machttrunkene Brutalit&auml;t der
+emporgekommenen Roheit, hatte ihn der Typus
+des Soldatenschinders angestarrt.</p>
+
+<p>Und doch war der Schie&szlig;unteroffizier noch
+lieb im Vergleich zu dem Assistenzarzt Dr.&nbsp;Rheinland.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 296 --><span class='pagenum'><a name="Page_296" id="Page_296">[296]</a></span>
+<a name="XL_Kapitel" id="XL_Kapitel"></a>XL. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Was? Hinkt der Kerl auf einem Fu&szlig;? Asmus lernt
+einen dummen und einen klugen Doktor kennen.</div>
+
+<p><span class="bigletter">A</span>smus vertrug sich mit seinem Dienste ausgezeichnet;
+der &raquo;langsame Schritt&laquo; und die Gewehrgriffe
+waren ja nicht brennend interessant
+und mit Rousseau- oder Kantlekt&uuml;re nicht zu
+vergleichen; aber er sagte sich, das Leben kann
+nicht immer kurzweilig sein, und wenn er eine
+Arbeit anfa&szlig;te, so machte er sie so gut wie
+m&ouml;glich. Er hatte denn auch die ausdr&uuml;ckliche
+Anerkennung des Herrn von Birkenfeld und
+des <em class="antiqua">magister magistorum</em> Greifenberg gefunden.
+Und die Marsch- und Felddienst&uuml;bungen
+waren nun geradezu ein Vergn&uuml;gen und eine
+Lust. Sie lehrten ihn seine k&ouml;rperliche Kraft
+und Ausdauer kennen, die er weit untersch&auml;tzt
+hatte. Wenn er sah, da&szlig; er es bei voller
+feldmarschm&auml;&szlig;iger Belastung im Laufen und
+Springen h&uuml;gelauf und h&uuml;gelab den L&auml;ngsten
+und Dicksten gleichtat, ja l&auml;nger aushielt als
+mancher Schlagetot &#8211; denn die Gr&ouml;&szlig;ten sind
+nicht die St&auml;rksten &#8211; dann hob seine Brust
+ein unaussprechliches Gl&uuml;cksgef&uuml;hl, das Gef&uuml;hl
+<!-- Page 297 --><span class='pagenum'><a name="Page_297" id="Page_297">[297]</a></span>
+eines Siegers, der sich selbst &uuml;berwand und
+seine ganze eigene Welt beherrscht. Oft klopfte
+ihm wild das Herz, und nicht immer ward
+es ihm leicht, dies Vorw&auml;rtsst&uuml;rmen und Niederwerfen
+und Wiederaufspringen und Wiedervorw&auml;rtsst&uuml;rmen;
+aber wie ein Rausch entz&uuml;ckte
+ihn das Gef&uuml;hl, seine Kraft bis auf den letzten
+Rest und aus den verborgensten Quellen hervorzurufen
+und durch ein blo&szlig;es &raquo;Ich <em class="gesperrt">will</em>&laquo; jede
+Schwierigkeit zu &uuml;berwinden. Und zu allem
+hatte noch dies Kriegsspiel, dies Streifen durch
+Feld und Heide, dies auf Feldwache liegen und
+Patrouillengehen seine Sch&ouml;nheit, seinen Zauber,
+seine Poesie. Aber trotz alledem lahmte er eines
+Morgens; er hatte es mit dem langsamen Schritt
+und Parademarsch so gut gemeint, da&szlig; er sich
+eine Zerrung der Achillessehne am linken Fu&szlig;e
+zugezogen hatte. Gleichwohl versuchte er regelrecht
+zu marschieren und den Schmerz zu verbei&szlig;en;
+aber er machte es damit nur schlimmer.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Melden Sie sich revierkrank!&laquo; sagte Herr
+v.&nbsp;Birkenfeld.</p>
+
+<p>Im Revier sa&szlig; der Assistenzarzt Dr.&nbsp;Rheinland.
+Er w&uuml;rdigte die kranken Partien der
+Patienten kaum eines Blicks, im &uuml;brigen sah
+er sie &uuml;berhaupt nicht an. Er kurierte ohne
+Ansehen der Person. Er dr&uuml;ckte kr&auml;ftig mit
+dem Finger auf die geschwollene Ferse des
+Musketiers Semper, und dieser zuckte zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Was f&auml;llt Ihnen ein!&laquo; schnauzte der Herr
+Doktor. Asmus wu&szlig;te noch nicht, da&szlig; ein
+<!-- Page 298 --><span class='pagenum'><a name="Page_298" id="Page_298">[298]</a></span>
+Soldat niemals zuckt. Er wu&szlig;te freilich auch
+nicht, wie der Arzt sonst von seinen Schmerzen
+erfahren sollte, da er weder fragte, noch sich
+irgendwie auf eine weitere Untersuchung einlie&szlig;.
+Er erkl&auml;rte Sempern f&uuml;r dienstf&auml;hig;
+denn er geh&ouml;rte zu jenen Milit&auml;r&auml;rzten, die
+die Krankheiten wegmachen, ehe sie sie erkannt
+haben. Man macht auf diese Weise einen
+schneidigen Eindruck, schreckt die Simulanten ab,
+erzielt eine gute Gesundheitsstatistik und reicht
+weiter mit seinen Kenntnissen.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich hinkte Asmus weiter.</p>
+
+<p>&raquo;Semper, hol&#8217; Sie der Deubel! Sie hinken
+ja noch immer!&laquo; schrie der Leutnant.</p>
+
+<p>Asmus berichtete, wie es ihm ergangen.</p>
+
+<p>&raquo;Treten Sie aus und gehen Sie morgen
+wieder hin!&laquo; entschied Birkenfeld.</p>
+
+<p>Am andern Morgen erschien Asmus wieder
+im Revier. Diesmal dr&uuml;ckte Herr Rheinland
+nicht einmal mit dem Finger; er warf einen
+ver&auml;chtlichen Blick auf die gemeine Soldatenferse
+und schrieb, da&szlig; der Musketier Semper
+dienstf&auml;hig sei.</p>
+
+<p>Beim Parademarsch exerzierte der Musketier
+Semper genau wie ein Musketier Heph&auml;stos
+oder Mephistopheles.</p>
+
+<p>&raquo;Semper!&laquo; br&uuml;llte v.&nbsp;Birkenfeld. &raquo;Herr
+Semper, ich befehle Ihnen, da&szlig; Sie das Hinken
+lassen; ich verbiete Ihnen einfach das Hinken,
+Herrrr!&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 299 --><span class='pagenum'><a name="Page_299" id="Page_299">[299]</a></span>
+Die Befehle des Herrn Leutnants waren
+aber der Achillessehne nicht ma&szlig;gebend.</p>
+
+<p>&raquo;Musketier Semper!&laquo; schrie Herr v.&nbsp;Birkenfeld.
+Asmus fa&szlig;te das Gewehr an und lief
+hinkend zu seinem Vorgesetzten. &raquo;Was hat denn
+der Arzt gesagt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat mich ohne Untersuchung und ohne
+ein Wort zu sprechen, dienstf&auml;hig geschrieben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also geh&#8217;n Sie nach Hause, legen Sie sich
+aufs Sofa und fragen Sie &#8217;n studierten Mediziner.
+Wegtreten!&laquo;</p>
+
+<p>Das tat Asmus. Der &raquo;studierte Mediziner&laquo;
+legte einen Verband an, und in zwei
+Tagen war die Sehne geheilt.</p>
+
+<p>Im &uuml;brigen schied er von dieser Zeit mit
+unvergleichlich freundlicheren Gef&uuml;hlen, als er
+sie beim Eintritt empfunden hatte. Freilich, das
+Leben in der Kaserne hatte er nur sehr fl&uuml;chtig
+kennen gelernt und wenn er sich vorstellte: drei
+Jahre in der schrecklichen Banalit&auml;t dieser
+R&auml;ume, in der erdrosselnden Prosa dieses
+&raquo;inneren Dienstes&laquo; verbringen &#8211; dann lief es
+ihm eiskalt den R&uuml;cken hinunter. Aber wenn
+er gerecht sein wollte, dann mu&szlig;te er bekennen,
+da&szlig; in <em class="gesperrt">seiner</em> Erfahrung die guten und heilsamen
+Eindr&uuml;cke &uuml;berwogen. Nicht wenig trug
+zu dieser Stimmung ein gehobenes Gesundheitsgef&uuml;hl
+bei. Er war immer ein gesunder Mensch
+gewesen; aber jetzt ward ihm seine Gesundheit
+f&ouml;rmlich bewu&szlig;t; er f&uuml;hlte wie in einem Rausch
+seine Adern strotzen und seine Muskeln schwellen.
+<!-- Page 300 --><span class='pagenum'><a name="Page_300" id="Page_300">[300]</a></span>
+Von tr&uuml;ben Seminarzeiten abgesehen, hatte er
+auch immer einen gesegneten Appetit bekundet;
+aber nie hatte er solche Wonnen verzehrender
+Andacht empfunden, wie nach strammem Dienste
+vor den W&uuml;rsten und Bierflaschen der Kantine.
+Wenn er nach vierst&uuml;ndigem Marsche solch eine
+Literflasche voll Braunbier an den Mund hob
+&#8211; denn der Soldat hat nicht immer ein Glas
+zur Hand &#8211; und minutenlang nicht wieder absetzte,
+dann schlo&szlig; er fromm die Augen, und
+auch das war ein br&uuml;nstiges Dankgebet an die
+Macht, die ihn gesund erschaffen und solcher
+Freuden f&auml;hig gemacht hatte. &Uuml;berhaupt waren
+diese sechs Wochen ein Leben im Fleische; ihn
+interessierte nur K&ouml;rperliches, und wenn er an
+sein B&uuml;cherbrett trat und auf den R&uuml;cken der
+B&auml;nde Namen wie &raquo;Lessing&laquo;, &raquo;Comenius&laquo; und
+&raquo;Euripides&laquo; las, dann kamen ihm diese Zivilisten
+wie Leute vor, von denen er in l&auml;ngst vergangenen
+Zeiten einmal hatte reden h&ouml;ren;
+der Gedanke, ein Buch herauszunehmen und zu
+lesen, erschien ihm vollkommen absurd. Der
+K&ouml;rper lie&szlig; dem Geiste nur so viel Kraft &uuml;brig,
+als zu einer sanften Verbl&ouml;dung unbedingt
+n&ouml;tig war: Asmus vegetierte in diesen sechs
+Wochen, und daran &auml;nderte selbst das geistige
+Moment des Dienstes, die Instruktionsstunden
+&uuml;ber Gewehrputzen, Rangverh&auml;ltnisse und Kriegsartikel
+nichts Wesentliches, so sch&ouml;n sie auch
+manchmal sein mochten. Sergeant Greifenberg,
+der Lehrer von die Lehrers, wu&szlig;te selbst die
+<!-- Page 301 --><span class='pagenum'><a name="Page_301" id="Page_301">[301]</a></span>
+einfachsten Dinge f&uuml;r die gescheitesten K&ouml;pfe
+unklar zu machen, und wenn er &uuml;ber das Schlo&szlig;
+des Infanteriegewehres Modell 71 instruierte,
+dann h&auml;tte der Erfinder des Schlosses, wenn
+er zugeh&ouml;rt h&auml;tte, seine eigene Erfindung nicht
+mehr verstanden. Herr von Birkenfeld hingegen
+betrieb die subtilsten logischen Sonderungen, besonders
+wenn er Kognak geladen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist Mut und was ist Tapferkeit?&laquo;
+fragte er eines Tages den Musketier Semper.</p>
+
+<p>Asmus mu&szlig;te sich einen Augenblick besinnen
+und sagte dann: &raquo;Mut und Tapferkeit
+sind wohl im wesentlichen dasselbe; eine Gem&uuml;tsstimmung,
+die sich durch eine erkannte Gefahr
+nicht schrecken l&auml;&szlig;t. Man k&ouml;nnte sagen,
+da&szlig; der Mut mehr eine Sache pers&ouml;nlicher Veranlagung
+und mehr impulsiver Natur ist,
+w&auml;hrend die Tapferkeit ein pflichtbewu&szlig;tes Ausdauern
+in der Gefahr in sich schlie&szlig;t&nbsp;.....!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nee, nee, das is nichts,&laquo; rief Herr von
+Birkenfeld abwinkend. &raquo;Gem&uuml;tsstimmung, was
+Gem&uuml;tsstimmung! Der Soldat hat keine Gem&uuml;tsstimmungen!
+Wenn es hei&szlig;t: die Mauer
+da mu&szlig; hinuntergesprungen werden, dann
+springt er, und das ist <em class="gesperrt">Mut</em>. Tapferkeit is hingegen
+ganz was andres. <em class="gesperrt">Tapferkeit</em> zeigt
+der Soldat den feindlichen Kugeln und Bajonetten
+gegen&uuml;ber!&laquo;</p>
+
+<p>Von solchen Stunden kam Asmus immer
+sehr vergn&uuml;gt nach Hause, und wenn dann seine
+Br&uuml;der Reinhold und Adalbert dastanden und
+<!-- Page 302 --><span class='pagenum'><a name="Page_302" id="Page_302">[302]</a></span>
+Front machten, dann dankte er ganz von oben
+herunter, etwa wie ein alleroberster Kriegsherr
+oder wie der Assistenzarzt Rheinland, wenn
+man ihm eine Achillesferse zeigte. Dann schrien
+Reinhold und Adalbert: &raquo;Seht den Hanswurst,
+er spielt sich auf!&laquo; Und dann zog Asmus das
+Seitengewehr und rief: &raquo;Bei Angriffen auf seine
+Soldatenehre darf der Soldat von der Waffe
+Gebrauch machen!&laquo; und nahm Aufstellung zum
+Brudermord.</p>
+
+<p>Und noch an einem der letzten Nachmittage
+seiner Dienstzeit machte Asmus eine h&ouml;chst sympathische
+Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve
+erl&auml;uterte Plan und Idee der am Morgen
+unternommenen Felddienst&uuml;bung, und er machte
+das so fein, so frisch und so klar, da&szlig; Asmussens
+Schulmeisterherz vor Freuden h&uuml;pfte. &raquo;Wenn
+das kein Schulmeister ist, so will ich Erzbischof
+sein,&laquo; dachte Asmus, und als die Entladung
+aus dem Dienste in der Kantine mit einem
+gemeinsamen Trunk gefeiert wurde, kam Asmus
+in die Nachbarschaft desselben Leutnants, der
+sich bald als Gymnasiallehrer <em class="antiqua">Dr.</em> Rumolt zu
+erkennen gab.</p>
+
+<p>Man sang das gef&uuml;hl- und weihevolle Lied:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja!</span>
+<span class="i0">Erwarten euch die himmlischen Freuden, ja!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p>
+&raquo;Ja, ja, die himmlischen Freuden!&laquo; sagte
+Rumolt. &raquo;Jetzt geht&#8217;s wieder in die Schulstube.&laquo;</p>
+
+
+<p><!-- Page 303 --><span class='pagenum'><a name="Page_303" id="Page_303">[303]</a></span>
+&raquo;Ja!&laquo; versetzte Asmus mit Fr&ouml;hlichkeit.</p>
+
+<p>&raquo;Freuen Sie sich darauf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O ja!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann sind Sie ein gl&uuml;cklicher Mensch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind Sie nicht gern Lehrer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O,&laquo; machte Rumolt, &raquo;ich w&uuml;&szlig;te nichts
+Sch&ouml;neres als Lehrer sein &#8211; wenn man es
+nur sein k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie meinen Sie das?&laquo; fragte Asmus begierig,
+und nun kamen sie in ein Gespr&auml;ch &uuml;ber
+moderne Erziehung, und Asmus machte in
+diesem Manne einen Fund, der ihm in den
+kommenden K&auml;mpfen mit dem System Dr&ouml;gem&uuml;ller
+ein Labsal werden sollte.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 304 --><span class='pagenum'><a name="Page_304" id="Page_304">[304]</a></span>
+<a name="XLI_Kapitel" id="XLI_Kapitel"></a>XLI. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Die Schule am Wiesenhang.</div>
+
+
+<p><span class="bigletter">U</span>nd die K&auml;mpfe mit diesem System nahmen
+bald wieder ihren frisch-fr&ouml;hlichen Anfang,
+und in Asmussen stiegen lebhafte Zweifel dar&uuml;ber
+auf, ob es sich angenehmer unter dem
+Korporalstock oder unter dem Federhalter eines
+Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen,
+Dr&ouml;gem&uuml;ller hatte meistens den Buchstaben des
+Gesetzes f&uuml;r sich, und es gab viele Gesetze mit
+vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten ertr&auml;glich
+sein in der Hand eines Mannes, der den
+Geist vom Buchstaben zu sondern wu&szlig;te; er
+aber versch&auml;rfte diese Gesetze noch durch seine
+Pers&ouml;nlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen
+suchte, da&szlig; der Lehrer ein K&uuml;nstler sei, der zu
+seinem Werk der freien Bewegung, der guten
+Laune und einer schaffensfr&ouml;hlichen Stimmung
+bed&uuml;rfe, den man deshalb mit Liberalit&auml;t und
+mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln
+m&uuml;sse, dann zeigte Dr&ouml;gem&uuml;llers Angesicht ein
+irres, aber &uuml;berlegenes L&auml;cheln, als spr&auml;che man
+Chinesisch zu ihm und als verst&uuml;nde er das
+<!-- Page 305 --><span class='pagenum'><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span>
+Chinesische besser. Wenn die Verordnung vier
+schriftliche Hausarbeiten in der Woche vorschrieb
+und nur drei gemacht waren, dann k&uuml;mmerte
+es Dr&ouml;gem&uuml;ller nicht, da&szlig; der Verbrecher mit
+aufopfernder Begeisterung und treustem Eifer
+zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit
+fortgeschritten war wie irgendeine &#8211; er kannte
+keine Scham vor dem Geiste und bestand auf
+seinem Schein. Nicht das Geschaffene zu w&uuml;rdigen
+und zu mehren, sondern auf &Uuml;bertretungen
+zu fahnden &#8211; darin erkannte er seinen g&ouml;ttlichen
+Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er &uuml;berall
+mit seinem Notizbuch umher, zu diesem Zwecke
+horchte er sogar an den T&uuml;ren, und es verbesserte
+seine Stimmung gegen Asmussen nicht, als dieser
+eines Tages eine T&uuml;r, hinter der er Herrn
+Dr&ouml;gem&uuml;ller ahnte, mit gro&szlig;er Kraft &ouml;ffnete
+und dabei den spitzesten Ellbogen des Vorgesetzten
+traf.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Pardon,&laquo; sagte Asmus, &raquo;ich konnte nicht
+ahnen, da&szlig; Sie hinter der T&uuml;r st&auml;nden.&laquo;</p>
+
+<p>Wenn sich nun auch Asmus bewu&szlig;t war,
+da&szlig; er alles leistete, was eine menschliche Beh&ouml;rde
+von ihm verlangen konnte, so verdarb
+ihm doch diese Aufpasserei einen Teil seiner
+besten Kraft. Ihm war dabei zumute wie dem
+Reisenden, der eine geweihte St&auml;tte besucht und
+der aus allen Winkeln trinkgeldsaugende Blicke
+auf sich gerichtet sieht; eine gro&szlig;e, freie Bewegung
+des Herzens konnte nicht aufkommen.
+So war es denn Trost und Erquickung, mit
+<!-- Page 306 --><span class='pagenum'><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span>
+<em class="antiqua">Dr.</em> Rumolt, seinem neuen Freunde, in freien
+Abendstunden von der Schule der Zukunft
+wenigstens reden zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste
+Landstra&szlig;e der Welt, hinuntergewandert,
+waren in einen zum Flu&szlig;ufer hinabf&uuml;hrenden
+Engpa&szlig; eingebogen und hatten sich auf einer
+Bank in halber H&ouml;he des Weges niedergelassen.
+Vor ihnen breitete sich ein bebl&uuml;mter Wiesenhang,
+von Geb&uuml;sch umkr&auml;nzt, und &uuml;ber die
+B&uuml;sche hinweg sah man den gro&szlig;en, stillen,
+majest&auml;tischen Strom. Die Wiese geh&ouml;rte zu
+einem M&uuml;hlengeh&ouml;ft, und die alte M&uuml;hle drehte
+schl&auml;frig ihre Fl&uuml;gel.</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie,&laquo; sagte Rumolt, &raquo;das w&auml;r&#8217;
+eine Schulstube, gelt? Was meinen Sie: auf
+dieser Wiese mit seinen Jungens oder M&auml;dels
+liegen und von Gras und Blumen sprechen,
+von Frosch und Schmetterling, von Busch und
+Baum, von Rind und Schaf, von M&uuml;ller und
+M&uuml;hle, von Schiff und Seefahrt, von den Flotten
+der Hansa und von St&ouml;rtebekers R&auml;uberfahrten,
+und dann mit Jungen oder M&auml;dchen
+hinunterrudern oder -segeln und ihnen zeigen,
+wo die Helden der Gudrunsage auf dem Wulpensande
+k&auml;mpften und wo Hettel von Hegelingen
+gewohnt. Meinen Sie nicht, da&szlig; ihnen da eine
+andere Welt aufgehen w&uuml;rde als die, die ihnen
+zwischen vier Mauern als &raquo;Welt&laquo; vorget&auml;uscht
+wird?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das meine ich allerdings.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 307 --><span class='pagenum'><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span>
+&raquo;Hinaus ins Freie! &#8211; Das ist das ganze
+Geheimnis der P&auml;dagogik. Die Welt anschauen
+und anfassen, das ist alles. Sie nennen es bei
+Gott Anschauung, wenn sie Bilder und Pr&auml;parate
+im Zimmer vorzeigen. Das ist, wie wenn
+jemand einen Vortrag &uuml;bers Meer halten und
+zur Veranschaulichung ein paar Tropfen Seewasser
+in einem Probiergl&auml;schen vorzeigen
+wollte. Sie zeigen ein paar Tropfen vom
+Meere des Lebens. &#8211; Sehen Sie hier, diese
+Wiese, dieses Geh&ouml;ft, dieser Strom, so weit wir
+ihn sehen, dieser Himmel, sie umschlie&szlig;en nahezu
+alles menschliche Wissen und Erkennen. Auf
+diesem Fleckchen k&ouml;nnte man eigentlich alles
+lernen, was der Mensch wissen und brauchen
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber auf die Dauer w&uuml;rde es Ihren
+Sch&uuml;lern langweilig werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;, wir wollen ja auch von Ort zu
+Ort wandern. Ich will ja nur zeigen, da&szlig; die
+Natur &uuml;berall Millionen Ankn&uuml;pfungspunkte
+bietet, die in der Schulstube nur in der Einbildung
+vorhanden sind. Denn das Wissen der
+Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist K&ouml;nnen;
+nur was man kann, das wei&szlig; man auch. Selbst
+handeln, selbst schaffen mu&szlig; das Kind, wenn es
+lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf
+w&auml;re, so m&uuml;&szlig;ten meine Sch&uuml;ler ohne Ausnahme
+Ackerbau treiben. Nicht, da&szlig; sie alle
+Landleute w&uuml;rden, bewahre; viele w&uuml;rden ja
+gar kein Talent dazu haben &#8211; aber der Ackerbau
+<!-- Page 308 --><span class='pagenum'><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span>
+umfa&szlig;t nahezu den ganzen Kreis des
+menschlichen Wissens und K&ouml;nnens, und er lehrt
+dieses Wissen und K&ouml;nnen durch <em class="gesperrt">Tat</em>!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken,&laquo;
+sagte Asmus, &raquo;w&uuml;rde allerdings eine wesentlich
+kleinere Sch&uuml;lerzahl voraussetzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;,&laquo; fuhr Rumolt fort. &raquo;Ich denke,
+ein Lehrer kann nur so viele Kinder wirklich
+erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann,
+und zw&ouml;lf, die ehrw&uuml;rdige Patriarchenzahl, erscheint
+mir da als das &auml;u&szlig;erste Ma&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da brauchen wir viele Lehrer, und zwar
+M&auml;nner von au&szlig;erordentlich vielseitiger Bildung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; unsere Lehrer eine bessere Bildung
+empfangen k&ouml;nnten, als sie auf Seminaren und
+Universit&auml;ten meistens finden, da&szlig; sie ihre beste
+Kraft in einem &ouml;den Datenwissen verzehren und
+verzetteln m&uuml;ssen, das wissen Sie so gut wie
+ich. Im &uuml;brigen aber d&uuml;rfen Sie sich meinen
+Lehrer nicht wie einen allwissenden Magister
+von heute vorstellen. Er wird sich nicht sch&auml;men,
+ein Lernender mit Lernenden zu sein, und wird
+keinen Augenblick zaudern, zu sagen: &#8216;Das wei&szlig;
+ich nicht, ich werde mich zu unterrichten suchen&#8217;,
+oder &#8216;Forscht selber nach, und wer es gefunden
+hat, der sag es uns&#8217;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der banalste Einwand ist der gewichtigste,&laquo;
+meinte Asmus, &raquo;das Geld. Der Staat m&uuml;&szlig;te
+sich einen ganz andern Schuls&auml;ckel zulegen als
+den heutigen.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 309 --><span class='pagenum'><a name="Page_309" id="Page_309">[309]</a></span>
+&raquo;Ja &#8211; hahahaha &#8211; das m&uuml;&szlig;te er,&laquo; lachte
+Rumolt. &raquo;Er m&uuml;&szlig;te sich an den eigentlich doch
+recht naheliegenden Gedanken gew&ouml;hnen, da&szlig;
+er keine h&ouml;here Aufgabe hat als die Erziehung
+seiner B&uuml;rger, da&szlig; er gar nicht besser f&uuml;r seinen
+eigenen Bestand sorgen kann als durch die Erziehung
+seiner B&uuml;rger, und da&szlig; er darum kein
+gr&ouml;&szlig;eres Budget haben sollte als sein Erziehungsbudget.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Statt dessen macht er das Einj&auml;hrigen-Zeugnis
+zum Erziehungsideal,&laquo; bemerkte Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Ja!&laquo; Rumolt schlug ihm lachend aufs
+Knie. &raquo;Ist eigentlich eine &auml;rgere Posse denkbar?
+Eine milit&auml;rische Verg&uuml;nstigung als Speck
+in der Seelenfalle! Und nach diesem Zeugnis
+m&uuml;ssen sie nun alle ohne Unterschied streben &#8211;
+die das Geld dazu haben, nat&uuml;rlich &#8211; und
+alle, die im Leben &raquo;etwas Besseres&laquo; werden
+wollen, m&uuml;ssen dasselbe famose Abiturium
+machen. Da schimpfen sie auf die Gleichmacherei
+der Kommunisten und Sozialdemokraten &#8211; aber
+gibt es eigentlich eine schlimmere Gleichmacherei
+als unsere Pr&uuml;fungsvorschriften? Da hab ich
+einen Burschen in der Untersekunda, einen
+Prachtbengel, vorz&uuml;glich begabt in der Mathematik
+und allen Naturwissenschaften, von merkw&uuml;rdigem
+Geschick in allem Technischen &#8211; was
+er anfa&szlig;t, gelingt ihm, und obendrein noch hochmusikalisch.
+Aber auf dem Kriegsfu&szlig; mit allem,
+was fremde Sprachen hei&szlig;t. Nun sitzt er das
+zweite Jahr in meiner Klasse, und wenn seine
+<!-- Page 310 --><span class='pagenum'><a name="Page_310" id="Page_310">[310]</a></span>
+fremdsprachlichen Leistungen nicht besser werden
+&#8211; und dazu ist keine Hoffnung &#8211; dann bleibt
+er zu Ostern wieder sitzen und erreicht nicht
+einmal das Einj&auml;hrigen-Zeugnis. Und ich halt
+es f&uuml;r sehr wohl m&ouml;glich, da&szlig; er nach sieben
+Jahren der Angst und M&uuml;he hingeht und sich
+erschie&szlig;t. Nun frage ich Sie: warum soll dieser
+Mensch <em class="gesperrt">nicht</em> auf die Universit&auml;t gehen und
+Naturwissenschaften studieren, warum soll er
+<em class="gesperrt">nicht</em> aufs Polytechnikum gehen und Ingenieur
+werden d&uuml;rfen? W&auml;re nicht denkbar, da&szlig; er
+einmal von seinem Laboratorium aus die Welt
+aus den Angeln h&ouml;be, ohne den Beistand der
+Herren Xenophon, Ovid und Victor Hugo?
+Doch &#8211;&laquo; Rumolt zeigte nach Westen&nbsp;&#8211;</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;Doch la&szlig; uns dieser Stunde sch&ouml;nes Gut
+Durch solchen Tr&uuml;bsinn nicht verk&uuml;mmern! &#8211;
+Sie r&uuml;ckt, sie weicht, der Tag ist &uuml;berlebt!&laquo;</p></div>
+
+<p>Was denken Sie, wenn man bei solchem
+Anblick mit seinen Sch&uuml;lern von der Sonne
+spr&auml;che, nicht von ihrer chemischen Zusammensetzung
+und ihrem Kubikinhalt &#8211; das w&uuml;rd&#8217;
+ich am Tage tun &#8211;, aber von den L&auml;ndern,
+denen sie jetzt das erste Licht bringt, von der
+Sonne als Gottheit und Symbol, von Karl
+Moors Wehmut: &#8216;So stirbt ein Held&#8217; und von
+Faustens Sehnsucht, ihr zu folgen? M&uuml;&szlig;ten
+da nicht in den Seelen der Kinder und J&uuml;nglinge
+wie von selbst die Ewigkeitsgedanken erwachen?&laquo;</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 311 --><span class='pagenum'><a name="Page_311" id="Page_311">[311]</a></span>
+<a name="XLII_Kapitel" id="XLII_Kapitel"></a>XLII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Der Skat und die Metaphysik, das Billard und Emilia
+Galotti, Herr Strecker und die deutsche Treue, Herr
+Dr&ouml;gem&uuml;ller und ein Krach.</div>
+
+<p><span class="bigletter">E</span>rholung und St&uuml;tze fand Asmus auch bei
+den Herren seiner Schule, und es hatte
+nicht lange gew&auml;hrt, bis er, einen einzigen ausgenommen,
+zu allen in das beste kollegiale Verh&auml;ltnis
+kam. Wie nat&uuml;rlich, hatte aber sein
+Herz unter diesen M&auml;nnern eine engere Wahl
+getroffen und am besten hatten ihm zwei gefallen,
+Fritz Goers, ein wohlbeleibter, jovialer
+Riese, der Asmussens Vater sein konnte, und
+Klaus Heide, ein sehniger, knorriger Dithmarscher.
+Und wenn es nun in den Konferenzen etwas
+Gutes und Neues durchzusetzen galt, zogen diese
+Triumvirn an <em class="gesperrt">einem</em> Strang.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Aber sie zogen nicht nur an einem Strang,
+sie sogen auch oft an <em class="gesperrt">einem</em> Trank, der bei
+Herrn Kuhlmann besonders k&uuml;hl und frisch verzapft
+wurde. Herr Kuhlmann hie&szlig; Akademos,
+und sein Garten wurde die Akademie genannt.
+Es war f&uuml;r Asmus zun&auml;chst eine Skat- und
+Billard-Akademie. Dem Skat vermochte er
+<!-- Page 312 --><span class='pagenum'><a name="Page_312" id="Page_312">[312]</a></span>
+keinen Geschmack abzugewinnen; er gewann es
+nicht &uuml;ber sich, diese Kunst mit dem strengen,
+sittlichen Ernste zu &uuml;ben, den sie verlangte; er
+dachte immer an irgend etwas andres, &raquo;wimmelte&laquo;
+A&szlig; und Zehn in die Stiche des Gegners
+hinein und hatte au&szlig;er fortgesetzten Verweisen
+wegen Unaufmerksamkeit nichts davon als die
+Ehre, bezahlen zu d&uuml;rfen. Dagegen entwickelte
+er unter Goehrs, des Riesen mildv&auml;terlicher
+F&uuml;hrung das Billardspiel zur Leidenschaft. Um
+Mitternacht begann dann die p&auml;dagogisch-&auml;sthetisch-philosophische
+Sitzung, die Heide gew&ouml;hnlich
+durch irgendein wildes Paradoxon er&ouml;ffnete,
+welches Paradoxon dem Asmus Semper alsbald
+wie eine Rakete durch den Leib fuhr. Damit
+es an Meinungen und Temperament nicht fehle,
+kam gew&ouml;hnlich noch Heides Freund, der kleine
+Stockelsdorf hinzu, und in der Regel endeten
+diese schweren Verhandlungen morgens um sechs
+Uhr unter einer Stra&szlig;enlaterne, mit einem
+Streit &uuml;ber die Frage, ob Raum und Zeit
+Anschauungen <em class="antiqua">a posteriori</em> oder <em class="antiqua">a priori</em> seien,
+oder &uuml;ber &auml;hnliche Bagatellfragen, und die vor&uuml;bergehenden
+Milch- und Brotleute pflegten sich
+&uuml;ber die Erregung der Herren ba&szlig; zu verwundern.
+Eines herbstlichen Abends aber, als
+sie auf dem Hamburger G&auml;nsemarkt, dem Lessing-Denkmal
+gegen&uuml;ber, in einem Caf&eacute; sa&szlig;en, ward
+Asmus pl&ouml;tzlich stumm.</p>
+
+<p>&raquo;Was hast du?&laquo; fragte Heide, der Dithmarscher.</p>
+
+<p><!-- Page 313 --><span class='pagenum'><a name="Page_313" id="Page_313">[313]</a></span>
+&raquo;Ich betrachte schon eine ganze Zeit lang
+dies wunderbare Licht da auf dem Scheitel des
+Lessing,&laquo; sagte Asmus, &raquo;und kann mir nicht
+erkl&auml;ren, woher dieser r&ouml;tliche Schein kommt.
+Diese Erscheinung hat f&uuml;r mich etwas Ergreifendes.&laquo;</p>
+
+<p>Die andern best&auml;tigten seine Beobachtung
+und zerbrachen sich den Kopf, wo dieses magische
+Licht seinen Ursprung haben m&ouml;ge.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist die Sonne,&laquo; sagte der Kellner, der
+eben eine Runde Grog brachte.</p>
+
+<p>&raquo;Wieso Sonne?&laquo; rief Asmus. &raquo;Die Mitternachtssonne,
+was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist sechs Uhr,&laquo; sagte der Kellner.</p>
+
+<p>Die vier zogen gleichzeitig die Uhr. Es
+war sechs. Sie hatten in ihrer Unschuld gemeint,
+es sei ein bi&szlig;chen nach Mitternacht.</p>
+
+<p>Jetzt tranken sie ihren Grog aus, traten
+auf den Markt hinaus und hatten vor dem
+Lessing-Denkmal noch einen dreiviertelst&uuml;ndigen
+Streit dar&uuml;ber, ob Emilia Galotti den Prinzen
+liebe oder nicht; dann schlenderten sie in die
+Vorstadt hinaus und befriedigten auf dem Wege
+unaufh&ouml;rlich metaphysische Bed&uuml;rfnisse.</p>
+
+<p>&raquo;Wie kann ein Volk wie das franz&ouml;sische
+ohne Metaphysik leben!&laquo; kr&auml;hte Stockelsdorf um
+die Wette mit einem Hahn, der aus einem
+nahen Stalle seinen Weckruf erschallen lie&szlig;.</p>
+
+<p>Und Asmus, der nicht ohne Metaphysik
+leben konnte, bewies Stockelsdorfen, da&szlig; man
+sehr gut ohne Metaphysik leben k&ouml;nne; denn
+<!-- Page 314 --><span class='pagenum'><a name="Page_314" id="Page_314">[314]</a></span>
+es war in diesem Kreise stillschweigendes Gesetz,
+da&szlig; keine Behauptung unwiderlegt bleiben d&uuml;rfe.
+Das war eine gute &Uuml;bung; denn was sie dabei
+an Unsinn produziert hatten, das fiel ihnen
+am andern Tage von selbst ein und war eine
+wohlt&auml;tige Versch&auml;rfung ihres Katers.</p>
+
+<p>Trotz dieser au&szlig;erordentlichen Anstrengungen
+schnitt Asmussens Klasse bei der Osterpr&uuml;fung
+vortrefflich ab, und ein angesehener Spezialist
+des Rechenunterrichts sagte: &raquo;Die Klasse rechnet
+besser als die meine.&laquo; Auch Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller
+fand nicht das geringste zu erinnern; aber
+Frieden konnte er darum doch nicht halten.
+Der Bund der Triumvirn war ihm ein Pfahl
+im Fleische; denn die Festigkeit der Dreie steifte
+auch andern Herren den Nacken. Freilich hatte
+er einen gewissen Trost und eine stille Freude
+an Herrn Strecker. Herr Strecker war ein
+Mann, der wiederholt nicht nur vor dem &ouml;konomischen,
+sondern vor allen m&ouml;glichen anderen
+Bankrotten gestanden hatte. Als es am schlimmsten
+um ihn stand, hatte er Bu&szlig;&#8217; und Reu&#8217;
+in sich erweckt; fromme H&auml;nde, die gew&ouml;hnlich
+m&auml;chtig sind, hatten ihm unter die Arme gegriffen
+und ihn vor der Katastrophe bewahrt,
+und nun suchte er den oberen Stellen seine
+Sch&ouml;nheit zu beweisen durch strotzende Religiosit&auml;t,
+heftigen Patriotismus mit gelegentlicher
+Denunziation von Majest&auml;tsbeleidigern
+und durch lackierte Pflichterf&uuml;llung. Seine
+Sch&uuml;ler sprangen wie ein Mann auf die F&uuml;&szlig;e,
+<!-- Page 315 --><span class='pagenum'><a name="Page_315" id="Page_315">[315]</a></span>
+wenn der Herr Hauptlehrer eintrat, gingen auf
+dem Hofe immer genau zu Vieren, und jeden
+Morgen er&ouml;ffnete er mit Gebet und Choral.
+Zwar kam er manchmal zu sp&auml;t; aber seine
+Sch&uuml;ler konnten ihn schon von weitem die
+Stra&szlig;e heraufkommen sehen, und wenn er dann
+den Schirm hob, setzten sie sofort ein mit</p></div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Dich seh&#8217; ich wieder, Morgenlicht!&nbsp;&#8211;&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p>so vorz&uuml;glich waren sie geschult. Seine Hefte
+waren immer richtig korrigiert; er hatte aber
+auch f&uuml;r die Korrektur der Hefte, die gr&ouml;&szlig;te
+Plage des Lehrers, ein ingeni&ouml;ses, zeit- und
+nervensparendes Verfahren erfunden. Der Pr&auml;parand
+n&auml;mlich, der bei ihm hospitieren und
+die Kunst des Unterrichtens erlauschen sollte,
+stand hinter einer ge&ouml;ffneten Schrankt&uuml;r, hatte
+im Schrank die Hefte und die rote Tinte vor
+sich und korrigierte. Wenn dann Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller
+zur T&uuml;r hereintrat, rief Herr Strecker:</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Rieffelstahl! Sitz gerade!&laquo; oder</p>
+
+<p>&raquo;Rieffelstahl! Schau hierher!&laquo;</p></div>
+
+<p>und &raquo;Rieffelstahl!&laquo; war immer das Zeichen,
+da&szlig; der Pr&auml;parand die Schrankt&uuml;r unauff&auml;llig
+schlie&szlig;en und mit einem sittlich reinen Angesichte
+hervortreten solle. Solche Mannen wie Strecker
+&#8211; &raquo;ich bin ein deutscher Mann&laquo;, pflegte er zu
+sagen, &#8211; sind nun freilich keine starken Helfer
+im offenen Streit; aber er trug seinem Hauptlehrer
+manche sch&auml;tzenswerte Nachricht &uuml;ber seine
+Kollegen zu; auch er f&uuml;hrte ein Notizbuch. Und
+so berichtete er Herrn Dr&ouml;gem&uuml;ller unter anderem,
+<!-- Page 316 --><span class='pagenum'><a name="Page_316" id="Page_316">[316]</a></span>
+da&szlig; Herr Semper im Zeichenunterricht
+allerlei Allotria treibe, die gar nicht im Lehrplan
+dieses Unterrichts st&uuml;nden.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Asmussens Sch&uuml;ler hatten n&auml;mlich schweigend,
+aber deutlich gezeigt, da&szlig; sie die unaufh&ouml;rliche
+Fabrikation von senkrechten, wagerechten
+und schr&auml;gen Strichen, von Vierecken, Dreiecken,
+Sechsecken und &auml;hnlichen sch&ouml;nen Figuren bet&auml;ubend
+langweilig f&auml;nden, und Asmus hatte
+ihnen darin von Herzen zugestimmt. Er lie&szlig;
+sie darum im letzten Teil der Stunde allerlei
+Dinge zeichnen, die ihnen Vergn&uuml;gen machten
+und die sie mit Feuereifer nachzubilden suchten.
+Er verfolgte damit ein Prinzip, von dem ihm
+schien, da&szlig; jeder vern&uuml;nftige Unterricht es zum
+Ausgang nehmen solle. Da kam Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller
+in die Stunde, ging zwischen den B&auml;nken
+umher und entbot dann Herrn Semper f&uuml;r die
+n&auml;chste Pause in sein Kontor.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Semper, ich mu&szlig; Sie abermals ersuchen,
+sich in Ihren Stunden durchaus an den
+Lehrplan zu halten.&laquo;</p>
+
+<p>Asmus zwang sich zur Ruhe und versuchte,
+seinem Chef in h&ouml;flichster Form seine Beweggr&uuml;nde
+mitzuteilen. Um gerade Striche machen
+zu lernen, sei es doch nicht n&ouml;tig, da&szlig; man
+ununterbrochen gerade Striche nebeneinander
+setze; man k&ouml;nne das doch auch an Figuren
+lernen, die dem Leben entnommen seien: oberstes
+Gesetz sei doch, da&szlig; der Unterricht lebendig und
+interessant sei; Striche und Quadrate seien aber
+<!-- Page 317 --><span class='pagenum'><a name="Page_317" id="Page_317">[317]</a></span>
+weder lebendig noch interessant f&uuml;r kleine
+Kinder&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber das waren sozusagen Gedanken, und
+auf Gedanken lie&szlig; sich Dr&ouml;gem&uuml;ller, um kein
+Pr&auml;judiz zu schaffen, niemals ein.</p>
+
+<p>&raquo;O, Herr Semper,&laquo; rief er, &raquo;Quadrate sind
+wohl interessant, wenn Sie sie nur vorher mit
+den Kindern ausf&uuml;hrlich besprechen, wie ich es
+Ihnen gezeigt habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was Sie mir gezeigt haben, ist Geometrie
+und geh&ouml;rt &#8211; da Sie doch immer auf den
+Lehrplan pochen &#8211; in eine h&ouml;here Klasse. Das
+w&uuml;rde mich nun zwar nicht hindern; aber eine
+lange und breite Besprechung des Quadrats
+w&uuml;rde die Kinder schon deshalb &ouml;den, weil sie
+gar nicht begreifen w&uuml;rden, was ein Quadrat sie
+&uuml;berhaupt angehe.&laquo;</p>
+
+<p>Mit dem Hinweis auf den Lehrplan hatte
+dieser fatale Semper recht, und darum wurde
+Dr&ouml;gem&uuml;ller jetzt ganz unangenehm.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Semper,&laquo; heulte er nach Art einer
+Schiffsirene, &raquo;ich frage Sie formell und dienstlich,
+ob Sie sich meinen Anordnungen f&uuml;gen
+wollen oder nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In diesem Falle nein,&laquo; versetzte Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Gut. Dann werde ich dem Herrn Schulrat
+Bericht erstatten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich auch,&laquo; sagte Asmus und ging.</p>
+
+<p>Nach drei Tagen hatte er die Vorladung
+vor den Schulrat <em class="antiqua">Dr.</em> Korn.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 318 --><span class='pagenum'><a name="Page_318" id="Page_318">[318]</a></span>
+<a name="XLIII_Kapitel" id="XLIII_Kapitel"></a>XLIII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Von zweierlei Schulr&auml;ten.</div>
+
+<p><span class="bigletter">A</span>ls er am Abend mit Doktor Rumolt spazierte,
+zeigte er ihm die Vorladung und
+erz&auml;hlte, was vorhergegangen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Haha&laquo; &#8211; Rumolt lachte bitter auf, und
+dann fuhr er wehm&uuml;tigen Tones fort: &raquo;Das
+wird Ihnen noch oft begegnen, lieber Freund.
+Nirgends ist der Fortschritt verha&szlig;ter, nirgends
+werden neue Ideen feindseliger befehdet als in
+der P&auml;dagogik. Denken Sie z. B. an unsern
+braven Valentin Ickelsamer. Der fand zu
+Luthers Zeiten, da&szlig; es ein Unsinn sei, die
+Kinder nach Buchstabennamen lesen zu lehren,
+man m&uuml;sse das Wort in seine wirklichen Laute
+zerlegen und die Kinder lautierend lesen lassen.
+Er machte das damals schon so klar, da&szlig; es
+ein Schwachkopf begreifen konnte. Und in der
+zweiten H&auml;lfte des neunzehnten Jahrhunderts
+entschlo&szlig; die Schule sich wirklich, diesen einfachen
+und darum freilich genialen Gedanken zur
+Ausf&uuml;hrung zu bringen. Aber das ist ein Beispiel
+von fabelhafter Geschwindigkeit. In den
+<!-- Page 319 --><span class='pagenum'><a name="Page_319" id="Page_319">[319]</a></span>
+Klosterschulen des Mittelalters bildete man den
+Geist am Griechischen und Lateinischen, weil man
+nichts Besseres hatte; heute bildet man den
+Geist unserer Jugend am Griechischen und Lateinischen
+mit der ernsten Gesichtes abgegebenen
+Versicherung, da&szlig; man nichts Besseres habe.
+Der typische Scholarch weist jede ernste und
+gr&uuml;ndliche Neuerung mit einem durch die kommenden
+Jahrhunderte gestreckten Arme von sich,
+und wenn er im Gegensatz zu einem Vorg&auml;nger
+den Aorist <em class="gesperrt">vor</em> dem Perfekt behandelt, h&auml;lt er
+sich f&uuml;r einen Umst&uuml;rzler. Ich habe ein Buch
+erscheinen lassen &#8216;Das Recht des Sch&uuml;lers&#8217;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne es,&laquo; sagte Asmus, &raquo;und freue
+mich, da&szlig; es so gro&szlig;en Anklang gefunden hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Anklang, ja aber bei den Kollegen war
+der Anklang nur schwach, der Widerspruch um
+so st&auml;rker. Das ist kein Ungl&uuml;ck, soweit es offener
+und durchdachter Widerspruch ist. Aber was
+mu&szlig; ich erleben? Kaum ein Tag vergeht, da&szlig;
+ich nicht im Konferenzzimmer, recht auff&auml;llig
+auf den Tisch gelegt, irgend eine abf&auml;llige Kritik
+meines Buches finde, in der die Kraftstellen
+mit roter Tinte angestrichen sind. Kein Gespr&auml;ch
+verl&auml;uft ohne h&auml;mische Seitenhiebe gegen
+mich und meine Ideen; keine Wochenrede meines
+Direktors geht zu Ende ohne einige Fu&szlig;tritte,
+bei denen die Sch&uuml;ler sich zuraunen: &#8216;Das geht
+auf Rumolt.&#8217; Die Herren glauben, da&szlig; ihre
+Kritik mich verletze, und haben keine Ahnung,
+da&szlig; es ihr Wesen ist, das mich verwundet.
+<!-- Page 320 --><span class='pagenum'><a name="Page_320" id="Page_320">[320]</a></span>
+Ich habe keinen frohen Tag mehr, und da ich
+von meinen Ideen und ihrer Verk&uuml;ndung nicht
+lassen kann, so werde ich &uuml;ber kurz oder lang
+das Spiel verlaufen m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist traurig,&laquo; sagte Asmus gedankenvoll,
+&raquo;traurig und schrecklich. Ich gestehe Ihnen
+offen, da&szlig; auch ich gegen Ihre Schrift manches
+einzuwenden habe; aber das Ganze Ihrer Gedanken
+und Forderungen erschien mir wahr und
+herrlich. Und sollten nun nicht die Menschen
+jubelnd herbeieilen und rufen: Hier ist etwas
+Neues und K&ouml;stliches &#8211; es ist noch nicht vollkommen
+&#8211; aber kommt alle herbei, es zu hegen
+und zu f&ouml;rdern, etwa so wie die Verwandten
+sich fr&ouml;hlich um eine Wiege scharen und sich
+geloben, das Neugeborene zu sch&uuml;tzen und zu
+pflegen, da&szlig; es gro&szlig; und stark werde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lassen Sie sich zur Antwort darauf erz&auml;hlen,
+da&szlig; mein Direktor mich seit Wochen
+an allen Ecken und Enden inspiziert und zurechtweist,
+obwohl er ganz genau wei&szlig;, da&szlig; ich
+meine Pflicht tue. Er will mir zu Gem&uuml;te
+f&uuml;hren, wie vermessen es von einem fehlbaren
+Menschen gewesen, gegen den von Gott geoffenbarten
+Gymnasialunterricht zu schreiben.
+Und gestern war auch richtig der Herr Regierungs- und
+Schulrat da und hospitierte vier
+Stunden hintereinander bei mir. &#8216;Suchet, so
+werdet Ihr finden,&#8217; sagt der rachs&uuml;chtige Gerichtsdiener
+bei Hebbel. Und nat&uuml;rlich wurde
+was gefunden. &#8216;Gebt mir zwei Worte von
+<!-- Page 321 --><span class='pagenum'><a name="Page_321" id="Page_321">[321]</a></span>
+einem Menschen, und ich will ihn an den Galgen
+bringen.&#8217; La&szlig;t einen Schulmeister f&uuml;nf Minuten
+unterrichten, und ich will ihm den Hals
+brechen. Zwar den Hals konnte mir der Herr
+Regierungsrat nicht brechen; aber hundert Nadelstiche
+erzielen ja mit der Zeit denselben Effekt.
+&#8216;Sie haben die und die Ges&auml;nge der Odyssee
+nicht behandelt.&#8217; &#8211; &#8216;Sie haben am 13. April
+das vorgeschriebene Extemporale ausfallen lassen.&#8217;
+&#8211; &#8216;Sie sind mit dem Geschichtspensum
+im R&uuml;ckstand&#8217; usw. usw. Es stimmte alles.
+Und wenn der Mann gesagt h&auml;tte: Ihr ganzer
+Unterricht taugt nichts, so w&uuml;rde er f&uuml;r jenen
+Tag gewi&szlig; und vielleicht &uuml;berhaupt recht gehabt
+haben; denn wenn man in den Zwiespalt
+zwischen Altem und Neuem gestellt ist, kann
+man nichts Ganzes schaffen. Nach meinen Ideen
+<em class="gesperrt">darf</em> ich nicht arbeiten, und nach den alten
+<em class="gesperrt">kann</em> ich nicht arbeiten, weil es gegen das
+Herz ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber forschte er denn nicht vor allen
+Dingen, ob Ihre Sch&uuml;ler geistig frisch und
+lebendig seien, ob sie einen neuen Stoff mit
+Begierde und Klarheit ergriffen, ob sie in sittlicher
+Hinsicht lauter, ehrlich, wahrhaftig
+seien&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht tat er das im stillen &#8211; ich sah
+ihn freilich keine Anstrengungen machen. Dazu
+war er ja auch nicht geholt und geschickt. &#8217;Rumolt
+soll stranguliert werden,&#8217; fl&uuml;sterten sich die
+<!-- Page 322 --><span class='pagenum'><a name="Page_322" id="Page_322">[322]</a></span>
+Sch&uuml;ler zu. Die Jugend hat jenes intuitive
+Auge, das durch die H&uuml;llen dringt.&laquo;</p>
+
+<p>Die Stimmung, mit der Asmus dem Besuch
+beim Schulrat entgegensah, war durch das
+Gespr&auml;ch nicht gehoben worden. Um so fester
+war er entschlossen, sich nichts Unw&uuml;rdiges bieten
+zu lassen.</p>
+
+<p>Als er ins Amtszimmer des Schulrats gerufen
+wurde, sa&szlig; Dr&ouml;gem&uuml;ller schon da. Asmus
+verbeugte sich vor dem Schulrat, und dieser rief:</p>
+
+<p>&raquo;Juten Tag, Herr Semper. Setzen Sie sich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller,&laquo; begann alsdann der
+Schulrat, &raquo;hat allerlei Klagen jegen Sie vorjebracht.
+Meistens handelt es sich um Kleinigkeiten,
+die ich nich ber&uuml;hren will. Aber Herr
+Dr&ouml;gem&uuml;ller beschuldigt Sie der fortgesetzten
+Renitenz; was haben Sie dazu zu sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Schulrat,&laquo; sagte Asmus, &raquo;ich kann
+Sie ja selbst als Zeugen dar&uuml;ber anrufen, ob
+ich in den vierundeinhalb Jahren, da ich Ihr
+Sch&uuml;ler war, eine renitente Veranlagung bekundet
+habe&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Det haben Se <em class="gesperrt">nich</em>,&laquo; sagte Korn mit
+Nachdruck.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin auch nicht so t&ouml;richt, zu meinen,
+da&szlig; ein Hauptlehrer lauter vortreffliche Anordnungen
+treffen m&uuml;sse und da&szlig; ein Lehrer berechtigt
+sei, sich gegen jede Verf&uuml;gung, die ihm
+verfehlt erscheint, aufzulehnen. Ich f&uuml;ge mich
+gern, soweit es m&ouml;glich ist, wenn man mir mit
+Vertrauen begegnet und wenn man mich nicht
+<!-- Page 323 --><span class='pagenum'><a name="Page_323" id="Page_323">[323]</a></span>
+in meinen besten Kr&auml;ften lahmlegt. Das tut
+aber Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller. Gleich zu Anfang schon
+verlangte Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller von uns drei neuangestellten
+Lehrern, da&szlig; wir alle auf dieselbe
+Weise den Leseunterricht erteilen sollten, und
+zwar auf die von ihm vorgeschriebene Weise&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Herr Semper,&laquo; lachte Korn, &raquo;det
+m&uuml;ssen Se mi&szlig;verstanden haben; sonst m&uuml;&szlig;te
+ja Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller (er deutete auf seine Stirn)
+hier nich janz richtig sein!&laquo;</p>
+
+<p>Dr&ouml;gem&uuml;ller erbla&szlig;te sehr tief. &raquo;Ich habe
+es keineswegs befohlen,&laquo; stammelte er, &raquo;ich habe
+es nur gew&uuml;nscht&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo; fragte Korn.</p>
+
+<p>&raquo;Weil &#8211; weil es doch w&uuml;nschenswert ist,
+da&szlig; der Unterricht an einer Schule gleichm&auml;&szlig;ig
+erteilt wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo; fragte Korn.</p>
+
+<p>&raquo;Nun &#8211; es ist dann doch &#8211; alles &#8211;
+&uuml;bersichtlicher &#8211;.&laquo; Dr&ouml;gem&uuml;ller machte eine vage
+Handbewegung.</p>
+
+<p>&raquo;Wieso?&laquo; forschte der grausame Korn.</p>
+
+<p>&raquo;Man kann doch dann die Fortschritte besser
+kontrollieren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So. Na, dann wei&szlig; ich schon Bescheid.
+Wat woll&#8217;n Sie sagen, Herr Semper?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller hat allerdings die Form
+des Wunsches, aber den Ton des Befehls gew&auml;hlt,
+und da ich diesen W&uuml;nschen nicht nachkomme,
+verfolgt er mich mit Aufpassereien, die
+<!-- Page 324 --><span class='pagenum'><a name="Page_324" id="Page_324">[324]</a></span>
+mich &auml;rgern und kr&auml;nken m&uuml;ssen und die mir
+die Lust an der Arbeit vernichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na ja, zum Aufpassen ist Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller
+ja da,&laquo; sagte Korn, der das Gef&uuml;hl
+hatte, da&szlig; er den zusammengesunkenen Dr&ouml;gem&uuml;ller
+ein wenig wieder aufrichten m&uuml;sse; &raquo;es
+gibt leider auch faule und unf&auml;hige Lehrer, die
+einen Aufpasser brauchen. <em class="gesperrt">Aber schikaniert
+wird hier keiner</em>&laquo;, fuhr er mit erhobener
+Stimme und mit einem Seitenblick auf den
+Ankl&auml;ger fort. &raquo;<em class="gesperrt">Wenn ein Lehrer was
+kann und was will, dann soll er jede
+m&ouml;gliche Freiheit jenie&szlig;en und nicht
+mit Quisquilien behelligt werden.</em> Aber
+verjessen Se nich, Herr Semper, dat Se Beamter
+sind, den Rat jebe ich Ihnen. &#8211; Sie
+k&ouml;nnen jehen, Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller. Sie bleiben
+noch, Herr Semper.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soll ick Sie an die Seminarschule versetzen?&laquo;
+fragte Korn, als sie allein waren.</p>
+
+<p>Das war sozusagen eine Bef&ouml;rderung; denn
+es stand fest, da&szlig; die Lehrer an der Seminarschule
+schneller avancierten als die anderen.
+Mit dieser Kenntnis hatte Asmus immer die
+Vorstellung von Karrierenluft verbunden, und
+diese blo&szlig;e Vorstellung gen&uuml;gte, ihn zur&uuml;ckzuschrecken.
+Es mu&szlig;te ja Aufpasser geben in
+der Welt; aber er mochte keiner sein. Und wo
+man Karriere machte, da pa&szlig;ten gar die Strebenden
+einer auf den andern! Er fand es ungleich
+sch&ouml;ner, immer in unmittelbarer Verbindung
+<!-- Page 325 --><span class='pagenum'><a name="Page_325" id="Page_325">[325]</a></span>
+mit den Kindern zu bleiben. Konnte
+man sich Pestalozzi als inspizierenden Oberlehrer
+denken? Asmus sah ihn immer nur unter
+Kindern.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen sehr, Herr Schulrat,&laquo;
+sagte Asmus, &raquo;aber ich m&ouml;chte die Kinder, die
+ich nun einigerma&szlig;en kenne, noch einige Jahre
+weiterf&uuml;hren. Und dann hab&#8217; ich in meinem
+Kollegium so liebe Freunde gefunden, da&szlig; ich
+mich ungern von ihnen trennen w&uuml;rde&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, wenn Se nich wollen &#8211;&laquo; rief Korn
+in halber Verstimmung, &raquo;denn sehn Se zu, wie
+Sie sich mit dem Dr&ouml;gem&uuml;ller vertragen. Mit&#8217;m
+Kopp durch die Wand kann keiner, und jefallen
+lassen m&uuml;ssen wir uns alle was. Ich auch.
+Adieu!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Adieu, Herr Schulrat. Herzlichen Dank!&laquo;</p>
+
+<p>Asmus verlie&szlig; das Geb&auml;ude der Oberschulbeh&ouml;rde
+mit dem frohen Gef&uuml;hl, da&szlig; es M&auml;nner
+gebe, denen alle hierarchische Rangordnung
+nichts gelte, wenn es sich um Recht und Billigkeit
+handle. Er war fest &uuml;berzeugt, da&szlig; die
+Welt &uuml;berhaupt so eingerichtet sei, und da&szlig; man,
+wenn man sich nur nicht beim Unrecht beruhige,
+immer zuletzt den Ort finden m&uuml;sse, wo das
+Recht in smaragdener Schale ausgehoben und
+geh&uuml;tet sei wie das heilige Blut der Welt. So
+blickte er gl&auml;ubig und heiter in den sch&ouml;nen
+Fr&uuml;hlingstag, w&auml;hrend zu Hause auf seinem
+Tische das Schicksal lag und lauerte, um ihm
+die Krallen ins Fleisch zu schlagen.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 326 --><span class='pagenum'><a name="Page_326" id="Page_326">[326]</a></span>
+<a name="XLIV_Kapitel" id="XLIV_Kapitel"></a>XLIV. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Zwei Briefe, und jeder ein Schlag.</div>
+
+<p><span class="bigletter">E</span>r hatte seinen Eltern nichts von der Vorladung
+vor den Schulrat gesagt, um sie
+nicht zu beunruhigen; er sagte ihnen auch nichts
+von dem Ausgange; denn seine Mutter w&uuml;rde
+doch Bemerkungen &uuml;ber seinen &raquo;Hitzkopf&laquo; gemacht
+haben. Eben weil sie so hitzk&ouml;pfig war,
+verurteilte sie alle Hitzk&ouml;pfigkeit.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Drinnen auf&#8217;m Tisch liegen zwei Briefe
+f&uuml;r dich,&laquo; sagte Frau Rebekka.</p>
+
+<p>Eilig ging er hinein, &ouml;ffnete den einen der
+Briefe und las:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 6.5em;">Hilde Chavonne</span><br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">Hermann Kiefer</span><br />
+<span style="margin-left: 9em;">Verlobte.</span>
+</p>
+
+<div class="blockquot">Hamburg, den &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211;
+</div>
+
+<p>Das Blatt war seinen H&auml;nden entfallen.</p>
+
+<p>Er sah nach der T&uuml;r &#8211; sie war noch offen
+&#8211; schnell ging er hin und dr&uuml;ckte sie ins Schlo&szlig;.
+Nur allein sein. Dann lie&szlig; er sich auf einen
+Stuhl fallen.</p>
+
+<p><!-- Page 327 --><span class='pagenum'><a name="Page_327" id="Page_327">[327]</a></span>
+Merkw&uuml;rdig, wie ihn das traf. War es
+denn nicht selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; Hilde Chavonne
+sich einmal verlobte? Und hatte er denn je
+geglaubt, sie werde sich mit ihm verloben? Nein,
+nicht einmal im Traum hatte er das gehofft.
+Darum hatte er ja auch nie die geringste Anstrengung
+gemacht, sie zu gewinnen. Er war
+ihr w&auml;hrend des letzten Jahres fast v&ouml;llig
+ferngeblieben, nicht eigentlich mit Absicht; aber
+da es sich so gef&uuml;gt hatte, da&szlig; sie sich nur
+selten und fl&uuml;chtig sahen, war es ihm recht gewesen.
+Vor einem Vierteljahr hatte er sie
+zuletzt gesehen, an einem Festabend der &raquo;Treue
+von 1880&laquo;, als er mit einem h&uuml;bschen M&auml;dchen
+zusammen ein Duett gesungen hatte. Das
+Fr&auml;ulein Chavonne war an jenem Abend sehr
+still, sehr ernst, und obwohl freundlich, doch
+sehr zur&uuml;ckhaltend gewesen.</p>
+
+<p>Und jetzt &#8211; verlobt!&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Er war l&auml;ngst wieder aufgesprungen und
+hatte instinktiv zu seinem Beruhigungsmittel
+gegriffen: zum Wandern. Auf und ab gehen,
+immer auf und ab, dann hat man das Gef&uuml;hl
+der Bewegung, das Gef&uuml;hl: Es geht vor&uuml;ber
+&#8211; es geht vor&uuml;ber.</p>
+
+<p>Sie ist verlobt! Wie konnte sie ihm das
+antun! Haha &#8211; im selben Augenblick mu&szlig;te
+er laut auflachen. Hatte sie denn die geringste
+Verpflichtung, auf ihn zu warten, auf <em class="gesperrt">ihn</em>?
+Hatte er ihr das geringste Zeichen gegeben, da&szlig;
+sie auf ihn warten solle? Hatte er &uuml;berhaupt
+<!-- Page 328 --><span class='pagenum'><a name="Page_328" id="Page_328">[328]</a></span>
+ans Heiraten gedacht? Nein, er, der als Pr&auml;parand
+alles heiraten wollte, was ihm in den
+Weg kam, er hatte in den letzten Jahren das
+Heiraten als ein Ding angesehen, das noch in
+weiter Ferne liege; ja, es war ihm eine gewisse
+Beruhigung gewesen, da&szlig; es mit dem
+Kniefall und mit der langen Liebeserkl&auml;rung
+in Periodenform noch gute Weile habe. Seine
+Arbeit, sein Beruf hatten sein ganzes Interesse
+aufgesogen.</p>
+
+<p>Jetzt, jetzt mit einem Male wu&szlig;te er&#8217;s:
+Nur an Hilde hatte er gedacht, wenn er &uuml;berhaupt
+an eine Frau gedacht hatte. Wenn er
+sich das Weib an sich gedacht hatte, das hehre
+Weib, das edle Weib, das holde Weib &#8211; nur
+an Hilde Chavonne hatte er gedacht, nur an
+sie. Wenn er Liebesgedichte gemacht hatte,
+platonisch-elegische Liebesgedichte in weinenden
+Odenstrophen &#8211; hatte er an sie gedacht. Jetzt
+wu&szlig;te er&#8217;s, da&szlig; er sich nur eine als sein Weib
+denken konnte: Hilde &#8211; und er begriff nicht,
+da&szlig; er das nicht gewu&szlig;t hatte, bevor er diesen
+Brief ge&ouml;ffnet. Er begriff es nicht, weil er
+sich seiner Unreife nicht bewu&szlig;t war. In ehrlicher
+Gedankenarbeit war sein Hirn &uuml;ber seine
+Jahre gereift; aber sein Herz war noch unreif
+wie ein Apfel im Fr&uuml;hling, und unreif wie
+der Same in solch einem Apfel war die Liebe
+in diesem Herzen. Jetzt, da das Schicksal einen
+tiefen Schnitt in dieses Herz getan hatte, entdeckte
+er die Liebe darinnen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 329 --><span class='pagenum'><a name="Page_329" id="Page_329">[329]</a></span>
+So f&uuml;hlte er nicht den rasenden Schmerz
+des Betrogenen, Zur&uuml;ckgesto&szlig;enen; denn er hatte
+nicht die rasende Lust des Liebenden und
+Hoffenden gef&uuml;hlt; er empfand die Wehmut
+eines Mannes, der eines Morgens ein zartes
+B&auml;umchen seines Gartens erfroren findet und
+erkennt, da&szlig; es sein sch&ouml;nstes B&auml;umchen gewesen;
+er empfand eine Trauer, wie sie junge
+Eltern empfinden, denen ein kaum Geborenes
+gestorben ist; er empfand den dumpfen, unbefreiten
+Schmerz um ein Werdendes, das, zu
+gro&szlig;er Sch&ouml;nheit bestimmt, im Keime vernichtet
+war.</p>
+
+<p>Mechanisch griff er nach dem zweiten Briefe;
+mechanisch &ouml;ffnete er ihn &#8211; er war von Rumolt
+&#8211; mechanisch &uuml;berflog er die ersten Zeilen, aber
+nur die ersten.</p>
+
+
+<div class="blockquot">
+<span style="margin-left: 8em;">&raquo;Mein lieber Freund!</span><br />
+
+Von Ihnen h&auml;tte ich m&uuml;ndlich Abschied
+nehmen m&ouml;gen. Aber es durfte nicht sein;
+denn Sie w&uuml;rden versucht haben, mich zur&uuml;ckzuhalten.
+Sie sind von festerem Stoff als ich
+und werden, das wei&szlig; ich, den Kampf besser
+bestehen, den Kampf gegen der Menschen
+Stumpfsinn, Tr&auml;gheit und Niedrigkeit. Meiner
+Hand entsinken die Waffen. Damit Sie es
+nicht in geh&auml;ssiger Entstellung h&ouml;ren, was
+mich zu meinem Scheiden veranla&szlig;t, will ich
+es Ihnen selbst sagen. Ich habe einem
+<!-- Page 330 --><span class='pagenum'><a name="Page_330" id="Page_330">[330]</a></span>
+meiner Sch&uuml;ler &#8211; ich glaube, ich habe Ihnen
+von ihm gesprochen &#8211; einem Untersekundaner,
+der zum zweiten Male hoffnungslos vor dem
+Examen stand und dessen Qualen ich nicht
+mehr mit ansehen mochte, in unerlaubter
+Weise geholfen, habe ihm die Examenaufgaben
+vorher mitgeteilt. In seiner Freude hat
+es der Junge nachher selbst ausgeplaudert.
+So bracht&#8217; die Sonn&#8217; es an den Tag. H&auml;tte
+er das Examen nicht bestanden, w&auml;r&#8217; er aus
+der Welt gegangen; nun gehe ich, und das
+ist besser. Leben Sie wohl, teurer Freund;
+unsere Freundschaft war kurz, aber wahr. Ich
+danke Ihnen sch&ouml;ne Stunden, von denen ich
+dort erz&auml;hlen will, wohin ich gehe.<br />
+<br />
+<div class="column_right">Rumolt.&laquo;</div>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>Asmus hatte die letzten Zeilen mit fliegendem
+Atem gelesen; jetzt sprang er nach der T&uuml;r.</p>
+
+<p>&raquo;Wo willst du hin?&laquo; rief Frau Rebekka,
+&raquo;dein Essen ist fertig!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich esse nichts &#8211; ich mu&szlig;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Junge, du hast ja keinen Hut auf! Was
+ist denn los &#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>Er entri&szlig; ihr den dargebotenen Hut und
+st&uuml;rmte mit dem Rufe: &raquo;Ich mu&szlig; weg!&laquo; hinaus.</p>
+
+<p>Ohne Besinnen st&uuml;rzte er &uuml;ber Stock und
+Stein nach Rumolts Wohnung. Die Wirtin best&auml;tigte
+ihm weinend das Schreckliche. Am Ufer
+<!-- Page 331 --><span class='pagenum'><a name="Page_331" id="Page_331">[331]</a></span>
+des Kanals hatte man Rock und Hut gefunden,
+die Leiche war noch nicht gefunden worden.</p>
+
+<p>Aber am n&auml;chsten Tage fand man auch sie.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Das war eine denkw&uuml;rdige Post gewesen.
+Zwei Briefe, und jeder ein Schlag. An einem
+Tage Freund und Geliebte verloren; denn von
+nun an war sie ihm Geliebte.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 332 --><span class='pagenum'><a name="Page_332" id="Page_332">[332]</a></span>
+<a name="XLV_Kapitel" id="XLV_Kapitel"></a>XLV. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Wenn&#8217;s kommt, dann kommt&#8217;s in Haufen.</div>
+
+<p><span class="bigletter">W</span>as wird nun kommen? dachte Asmus.
+Denn er glaubte an sein heimatliches
+Sprichwort: &raquo;Wenn&#8217;t kummt, denn kummt&#8217;t in
+Hupen.&laquo;</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Und ein drittes Ungl&uuml;ck kam, aber nicht von
+au&szlig;en, sondern ganz heimt&uuml;ckisch aus dem tiefsten
+Innern richtete es sich auf wie eine Natter aus
+dunklem Dickicht. Ihm kamen Zweifel am Wert
+seines Berufes.</p>
+
+<p>Mit dem j&auml;hen Optimismus der Jugend
+war er an diesen Beruf herangetreten. Jeder
+J&uuml;ngling, auch der bescheidenste, hat, wenn auch
+kaum bewu&szlig;t, das Gef&uuml;hl: Wenn ich in die
+Welt eingreife, wird es anders, wird es schneller
+vorw&auml;rtsgehen &#8211; wie ein ungest&uuml;mer Reisender,
+dem der Zug zu langsam f&auml;hrt, das Gef&uuml;hl
+hat: K&ouml;nnt&#8217; ich aussteigen und nachschieben!</p></div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;H&auml;tt&#8217; ich tausend Arme zu r&uuml;hren!</span>
+<span class="i0">K&ouml;nnt&#8217; ich brausend die R&auml;der f&uuml;hren!</span>
+<span class="i0">K&ouml;nnt&#8217; ich wehen durch die Haine!</span>
+<span class="i0">K&ouml;nnt&#8217; ich drehen alle Steine!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p><!-- Page 333 --><span class='pagenum'><a name="Page_333" id="Page_333">[333]</a></span></p>
+<p>und wenn er sich auch sagt, da&szlig; vor und mit
+ihm Bessere und St&auml;rkere wirken und gewirkt
+haben &#8211; er glaubt nicht, da&szlig; einer so viel
+Lust und Mut gehabt wie er, vor allem nicht,
+da&szlig; einer so viel Gl&uuml;ck gehabt, wie <em class="gesperrt">er</em> haben
+wird!</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Und nun erreichte er nicht mehr als die
+andern! Nun ja, er leistete vielleicht etwas
+mehr als dieser und jener, und seine Kollegen
+und Freunde r&uuml;hmten zuweilen seine Leistungen;
+aber ganz etwas anderes hatte er gehofft, ganz
+etwas anderes! Er wu&szlig;te ja freilich von fr&uuml;her
+her, da&szlig; Unterrichten kein ununterbrochener
+Sieges- und Eroberungszug sei; aber doch hatte
+er sich Erziehung und Unterricht im stillen als
+eine Fleischwerdung des Lehrwortes gedacht.
+Aber das Wort ward <em class="gesperrt">nicht</em> Fleisch: Seine
+Jungen konnten am Ende des Jahres etwas
+mehr als zu Anfang; aber sie waren dieselben
+Menschen geblieben, wenigsten merkte er keine
+&Auml;nderung. Die Guten, Offenen, Zarten waren
+zwar offen, zart und gut geblieben; aber die
+Rohen, Hinterh&auml;ltigen, Unwahrhaftigen waren
+sich nicht minder treu geblieben. Es schien ihm
+auch, da&szlig; die Klugen zwar klug blieben, die
+Dummen aber auch dumm. Und gerade die
+Dummen waren das ewige Ziel seiner M&uuml;hen;
+zu ihnen kehrte er, wie magnetisch gezogen,
+immer wieder zur&uuml;ck; denn da&szlig; die Klugen
+etwas begriffen hatten, bedeutete ihm nichts,
+solange die Dummen im Dunkel sa&szlig;en. Das
+<!-- Page 334 --><span class='pagenum'><a name="Page_334" id="Page_334">[334]</a></span>
+schien ihm die furchtbarste Ungleichheit und Ungerechtigkeit
+der Welt, da&szlig; die einen spielend
+und lachend erhaschten, was die andern mit
+&Auml;ngsten und M&uuml;hen nicht erringen konnten.
+Und die Welt kommt nicht vorw&auml;rts, wenn
+die Dummen nicht mitkommen, dachte er. Und
+er machte es sich zur tollk&uuml;hnen Aufgabe, aus
+den Dummen Kluge zu machen; alle sollten
+alles lernen; in seiner Schar sollte keiner zur&uuml;ckbleiben.
+Herr Dr&ouml;gem&uuml;ller hielt ihm vor, da&szlig;
+er im Pensum zur&uuml;ck sei, und das war deshalb,
+weil es ihn immer wieder zu den Schw&auml;chsten
+hinzog, weil ihn immer wieder dies wunderbare
+Geheimnis der Dummheit lockte. Er konnte
+sich Viertelstunden, halbe Stunden lang mit
+solch einem verschlossenen Geiste einkapseln und
+das verworrene, zerrissene Gespinst seiner Vorstellungen
+mit langsam tastenden Fragen zu
+ordnen und zu entwirren suchen; er gab in
+einer Oberklasse den geographischen Unterricht,
+und er setzte sich vor, nicht zu ruhen, bis alle
+die Entstehung der Jahreszeiten aus der
+Stellung der Erdachse zur Ekliptik begriffen
+h&auml;tten, und zuweilen sprang pl&ouml;tzlich aus solch
+einem leeren Auge ein Funke wie aus einem
+toten Stein, und dann kam aus Asmussens
+Augen ein Strahl, und Licht flo&szlig; zusammen
+mit Licht und machte die Erde selig und sch&ouml;n
+&#8211; aber wenn das Hirn sich dem einen erschlossen
+hatte, verschlo&szlig; es sich dem andern um
+so fester, und ob Asmus auch mit zusammengebissenen
+<!-- Page 335 --><span class='pagenum'><a name="Page_335" id="Page_335">[335]</a></span>
+Z&auml;hnen rang und bohrte &#8211; er mu&szlig;te
+daran zweifeln, allen seinen Sch&uuml;lern den auf- und
+abschwebenden Jahresreigen von Licht und
+Schatten verst&auml;ndlich zu machen.</p>
+
+<p>Dabei qu&auml;lte ihn mit Recht der Gedanke,
+da&szlig; er &uuml;ber den Schwachen die Starken vernachl&auml;ssige
+und sie durch den langsamen Gang
+des Unterrichts langweilen und unlustig machen
+m&uuml;sse. Aber konnte er sich denn &uuml;berhaupt allen
+so hingeben, wie es geschehen m&uuml;&szlig;te, wenn man
+ihm f&uuml;nfzig, ja sechzig Menschenkinder auf den
+Hals lud? Es konnte ja alles nur oberfl&auml;chliche
+Husch- und Pfuscharbeit, nur &auml;u&szlig;erlicher Bildungsaufputz
+werden. Es bem&auml;chtigte sich seiner
+das Gef&uuml;hl, da&szlig; &uuml;berhaupt alles t&ouml;richt und
+falsch sei, was er da treibe, und zwar von
+der Wurzel aus falsch; von einem tieferen
+Grunde her m&uuml;sse alles anders angefa&szlig;t, m&uuml;sse
+auch ganz anderes erstrebt werden. Er erinnerte
+sich, da&szlig; sein bestes Lernen immer ein Erleben
+gewesen sei. Aber dies Lernen in der Schule,
+wie er es nach dem herrschenden Formalismus
+betreiben mu&szlig;te, war kein Erleben. Es drang
+nicht zum Innersten und Tiefsten des Menschen
+hinab. Und er dachte sich einen Menschen, mitten
+in den Kampf des Lebens gestellt. Was er
+da brauchte &#8211; gab ihm das die Schule? <em class="antiqua">Non
+scholae sed vitae</em>! hatte es im Seminar gehei&szlig;en.
+Leerer Schall! Das Meiste, was er
+den Kindern geben mu&szlig;te, war nicht Lebensbrot,
+waren nicht Lebensworte, nicht Lebenswerte.</p>
+
+<p><!-- Page 336 --><span class='pagenum'><a name="Page_336" id="Page_336">[336]</a></span>
+So hoch ihn sein Optimismus getragen hatte,
+so tief versank er jetzt in Mi&szlig;mut und Verzagen,
+und Melancholie bog seinen Mut &raquo;wie
+eine junge Weide bis an den Rand des Lebens&laquo;.
+Jene unversiegliche Federkraft aus tiefstem
+Lebensgrunde &#8211; nun schien sie dennoch versiegt.</p>
+
+<p>&Ouml;fter als sonst bezog er in Gemeinschaft
+mit Heide, Goers und Stockelsdorf die Akademie
+des Herrn Kuhlmann und war dann nicht selten
+der Ausgelassenste von allen; aber seine Scherze
+hatten eine Bitterkeit und Sch&auml;rfe, die die
+Freunde oft erstaunt und befremdet aufblicken
+lie&szlig;. Manchmal verstummte er mitten in der
+tollsten Lustigkeit, mitten im eifrigsten Diskurs
+und sprach dann den ganzen Abend kein Wort
+mehr. Dann hatte ihn das Gef&uuml;hl &uuml;berfallen:
+Was soll der ganze Unsinn? Darum ging er
+auch noch &ouml;fter allein ins Wirtshaus. Er hatte
+ein abgelegenes Hotel entdeckt, in dessen Speisesaal
+er ganz allein den Abend verbringen konnte.
+Das liebte er jetzt: ganz allein mit einer Flasche
+in einem m&ouml;glichst gro&szlig;en Saale sitzen und
+sinnen und tr&auml;umen. Nur wenn der Kellner
+kam, unterhielt er sich gern eine Weile mit
+ihm. Es hatte ihn immer schwer ge&auml;rgert, wenn
+er einen Kellner schlecht und geringsch&auml;tzig behandelt
+sah, wie es ihm &uuml;berhaupt so schien,
+als wenn die Menschen diejenigen, die ihnen
+die h&auml;rtesten und l&auml;stigsten Arbeiten abnahmen,
+am ver&auml;chtlichsten behandelten. Er suchte, es
+<!-- Page 337 --><span class='pagenum'><a name="Page_337" id="Page_337">[337]</a></span>
+an seinem Teile gutzumachen, behandelt die
+Kellner nun extra als Gentlemen und gab ihnen
+so reichliche Trinkgelder, da&szlig; einige, allerdings
+wenige von ihnen zuweilen eine abwehrende
+Geb&auml;rde machten und sagten: &raquo;Ooh &#8211; lassen
+Sie doch &#8211; ich habe ja erst vorher bekommen!&laquo;
+Sie nahmen es aber immer.</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 338 --><span class='pagenum'><a name="Page_338" id="Page_338">[338]</a></span>
+<a name="XLVI_Kapitel" id="XLVI_Kapitel"></a>XLVI. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Angetrunkene Einf&auml;lle, die bei jedem vern&uuml;nftigen
+Menschen nur Kopfsch&uuml;tteln erregen k&ouml;nnen. Im &uuml;brigen
+ein Beweis, da&szlig; die Optimisten nicht immer Optimisten
+sind.</div>
+
+<p><span class="bigletter">W</span>enn er dann so ganz mit sich allein war,
+dann war er vom Kopf bis zu den F&uuml;&szlig;en
+sein Vater Ludwig Semper. Er bemalte dann
+die hohen W&auml;nde des Saales mit ganzen
+Epochen der Geschichte, mit Werken der Dichtkunst
+und der Malerei, lie&szlig; sich von einem
+verdeckten Orchester Symphonien und Ouvert&uuml;ren
+vorspielen, sah sein ganzes Leben durch
+den Lichtkreis der einsamen Lampe wandern,
+k&auml;mpfte mit Schopenhauer gegen Hegel, gab
+Unterrichtsstunden, zog pl&ouml;tzlich ein Kuvert oder
+eine Rechnung oder sonst einen Zettel aus der
+Tasche und notierte sich die Idee zu einem
+wundervollen Gedicht oder Drama, das er
+schreiben wollte. Auch Gedanken notierte er
+sich, die ihm des Aufhebens wert d&uuml;nkten, und
+wenn er nach Tagen oder Wochen bei einem
+zuf&auml;lligen Griff in die Tasche die Zettel wieder
+<!-- Page 339 --><span class='pagenum'><a name="Page_339" id="Page_339">[339]</a></span>
+hervorholte, kn&auml;ulte er sie ingrimmig zusammen
+und warf sie mit einem gemurmelten &raquo;Blech&laquo;
+oder derberen Worten in den Ofen. Je weiter
+der Abend fortschritt und je &ouml;fter der Kellner
+aufgetreten war, desto eigenwilliger wurden
+nat&uuml;rlich seine Gedanken; sie k&uuml;mmerten sich
+schlie&szlig;lich gar nicht mehr um diesen Herrn
+Semper, dem sie angeblich entsprungen sein sollten,
+und schnitten Gesichter wie losgelassene
+Buben. Einige von diesen Aphorismen, die
+sich weniger durch dauerhaften Wert als durch
+den Zufall erhalten haben, m&ouml;gen hier Platz
+finden und zeigen, welche Art von Luftblasen
+in jenen Tagen aus den tr&uuml;ben Wirbeln der
+Semperischen Seele aufstiegen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<div class="blockquot">
+<h1>*</h1>
+
+
+<p>Wir nehmen den Sonnenaufgang f&uuml;r ein
+Bild des siegenden Lichtes, der erf&uuml;llten Hoffnung!
+Aber die Sonne blieb, wo sie war; nur
+wir drehten uns &#8211; um uns selbst.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Ein Goldst&uuml;ck fiel ins Wasser und ging
+unter. &raquo;Das kommt davon, wenn man nicht
+den best&auml;ndigen Trieb nach oben in sich hat,
+wie ich!&laquo; rief ein schwimmender Kork.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Wie sie sich bl&auml;hen, die &raquo;Praktischen&laquo;, die
+&raquo;sich nicht mit vagen Zukunftsideen abgeben&laquo;!
+Fressen sich voll und grinsen &uuml;ber die, die daf&uuml;r
+sorgen, da&szlig; auch morgen zu essen da ist.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p><!-- Page 340 --><span class='pagenum'><a name="Page_340" id="Page_340">[340]</a></span>
+So ist alle Arbeit auf der Welt auf das
+weiseste verteilt: der eine h&auml;lt edle Reden, und
+der andere handelt darnach.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Wer klug ist und dennoch gut, der ist wahrhaft
+gut. Das hei&szlig;t die Gefahr kennen und
+dennoch tapfer sein.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Der Sonntag ist so sch&ouml;n, weil er in sieben
+Tagen nur einmal kommt. Er ist sch&ouml;n wie
+das L&auml;cheln eines ernsten Menschen.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Man sagt von etwas Unpassendem: &raquo;Das
+pa&szlig;t wie die Faust aufs Auge&laquo;, und die pa&szlig;t
+doch mitunter so gut dahin!</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Das Leben ist ein langsamer Vergiftungsproze&szlig;.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Dumm und schlecht, &#8211; in einer Stunde
+der Selbsterkenntnis fand der Mensch f&uuml;r diese
+Verbindung das Wort &raquo;gemein&laquo;.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Aus den Augen des Menschen blickt zuweilen
+ein gequ&auml;ltes Tier, das nicht reden kann.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Die Erde ist eine alte Metze, die sich in
+jedem Fr&uuml;hling wieder das Gesicht bemalt.</p>
+
+
+<h1>*</h1>
+
+<p><!-- Page 341 --><span class='pagenum'><a name="Page_341" id="Page_341">[341]</a></span>
+Man mu&szlig; Ambos oder Hammer sein, und
+wer keins von beiden sein will, kommt zwischen
+beide. Armer Rumolt!</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Wenn die Dummk&ouml;pfe auf Geist sto&szlig;en, so
+grinsen sie &uuml;berlegen.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Manche Brust ist ein Eisschrank, in dem
+sich die Gef&uuml;hle vortrefflich konservieren.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Beethovens f&uuml;nfte Symphonie, letzter Satz:
+Donner der Seligkeit aus aufgerissenen Himmeln.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Die Welt besteht durch Gehorsam; aber
+weitergekommen ist sie immer nur durch Ungehorsam.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>&raquo;Er ist ein enorm gebildeter Mensch,&laquo; sagen
+die Leute und meinen damit: Er wei&szlig; dasselbe,
+was ich wei&szlig;.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Was fliegt, ist beliebt; was kriecht, ist verha&szlig;t.
+Selbst der Floh ist angesehener als die
+Laus; denn er springt.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Ein richtiger Neidhammel beneidet auch eine
+erfolgreiche Ballerine, wenn er selbst Professor
+der Ethik ist.</p>
+
+
+<h1>*</h1>
+
+<p><!-- Page 342 --><span class='pagenum'><a name="Page_342" id="Page_342">[342]</a></span>
+Man soll die Menschen aufkl&auml;ren, gewi&szlig;;
+aber es gibt Geister, die durch Rippenst&ouml;&szlig;e geweckt
+sein wollen.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Wenn man seine Dummheiten bei der Obrigkeit
+rechtzeitig als Heiligt&uuml;mer anmeldet, genie&szlig;en
+sie gesetzlichen Schutz.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Auf dem Lande gibt es Kollegen, die sich
+ein Schwein fett machen. Ich will aufs Land
+gehen und mir einen borstigen Menschenha&szlig;
+fett machen.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Selbst Herkules hat nur die St&auml;lle des
+Augias ausgemistet.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Der Ochse, der tausendmal auf die Weide
+getrieben wurde, sammelt freilich &raquo;Erfahrungen&laquo;.
+Aber weniger in der Botanik als im Fressen.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>&raquo;Endlich wird mir Genugtuung!&laquo; rief die
+Distel, da hatte der Blitz die Eiche zerschmettert.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Keine Tiergattung, die so viele und so verschiedene
+Variet&auml;ten aufweist wie der Hund.
+Grenzenloses Akkomodationsverm&ouml;gen ist ein
+Merkmal der Hundenatur.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Ich habe Professoren und Schulmeister
+kennen gelernt, die bereitwilligst zugaben, da&szlig;
+<!-- Page 343 --><span class='pagenum'><a name="Page_343" id="Page_343">[343]</a></span>
+Goethe die Formgewandtheit vor ihnen voraus
+habe.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Wenn die K&ouml;nige bau&#8217;n und wenn sie niederrei&szlig;en,
+&#8211; ein rechter Karrenschieber findet
+immer sein Brot.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Das Leben ist das allm&auml;hliche Erwachen
+eines Gefangenen, der von der Freiheit tr&auml;umte.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Man kann die gr&ouml;&szlig;ten Dummheiten mit
+der Ruhe des Weisen sprechen.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Es gibt K&uuml;nstler, die ihr Talent in schmale
+Riemen zerschneiden, um es auszubeuten. Sie
+k&ouml;nnen es, wie Dido, zu einem ansehnlichen
+Grundbesitz bringen.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Es war ein kleines M&auml;dchen, dessen Mutter
+hatte man ins Irrenhaus bringen m&uuml;ssen. Und
+man stopfte ihm die H&auml;nde voll &Auml;pfel und Backwerk,
+da&szlig; es nicht mehr an die Mutter denken
+sollte. Aber es konnte die Mutter nicht vergessen.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Wenn ein Mandrill den Husten hat, so vergi&szlig;t
+man seine H&auml;&szlig;lichkeit, oder man ist ein
+&Auml;sthet und Hallunke.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Niemand ist vor seinem Tode ein Goethe,
+sagte der Professor.</p>
+
+
+<h1>*</h1>
+
+<p><!-- Page 344 --><span class='pagenum'><a name="Page_344" id="Page_344">[344]</a></span>
+Schon bei der Geburt tritt der Mensch in
+etwas, das man Leben nennt.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Italien scheint mir ein alter, zerfallener
+Gorgonzola unter einer wundersch&ouml;nen Kristallglocke
+zu sein.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>O, dieses Korsett! Man glaubt ein Weib
+zu umarmen und man umarmt einen Hummer.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Die Ratte hat keinen Freund &#8211; das k&ouml;nnte
+mich zu ihrem Freunde machen.</p>
+
+<h1>*</h1>
+
+<p>Bei jedem schweren Gange sage dir dies:
+Bei Abschied und Wiederkehr sind die Leute da
+mit Hurra und Trara&nbsp;&#8211; den langen, bittern
+Weg mu&szlig;t du allein gehen.</p>
+</div></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 345 --><span class='pagenum'><a name="Page_345" id="Page_345">[345]</a></span>
+<a name="XLVII_Kapitel" id="XLVII_Kapitel"></a>XLVII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus wird stutzig und entsagt der s&uuml;ndigen Gewohnheit,
+aber mit Ma&szlig;. Er erf&auml;hrt eine &uuml;berraschende Neuigkeit.</div>
+
+<p><span class="bigletter">W</span>ohl kam ihm in besinnlicheren Augenblicken
+der Gedanke, ob dies verwegene Spiel mit
+seiner Kraft auch gesund sei; aber dann zog
+er einfach einen Zettel aus der Tasche und
+schrieb darauf:</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Was w&auml;ren wir, wenn wir immer unserer
+Gesundheit lebten! Nicht einmal gesund!&laquo; und
+dann war diese Angelegenheit einstweilen erledigt.
+Auch erwog er &ouml;fters den Gedanken,
+ob es nicht k&ouml;stlicher, lohnender, vern&uuml;nftiger
+sei, langsam und fr&ouml;hlich zu verlumpen, als in
+dieser Welt zu wirken und zu streben.</p>
+
+<p>&raquo;Ich fuhr einmal auf einer Rutschbahn,&laquo;
+schrieb er, &raquo;und das sausende Fahrzeug glitt
+zuletzt in die hochaufsch&auml;umenden Wasser eines
+Sees. So k&ouml;stlich ist der Leichtsinn: die Sinne
+schwindelt&#8217;s, die Gedanken vergehen, und hochauf
+spritzen und sch&auml;umen die Fluten des Lebens!&laquo;</p>
+
+<p>Und wenn das Fahrzeug ein bi&szlig;chen zu
+tief eintauchte und umschlug &#8211; war&#8217;s denn
+<!-- Page 346 --><span class='pagenum'><a name="Page_346" id="Page_346">[346]</a></span>
+schlimm? Er sah seinen toten Bruder vor sich,
+seinen Bruder Leonhard, der an seinem Leichtsinn
+zugrunde gegangen war. Aber gewi&szlig; hatte
+er auch manche sch&auml;umende, tanzende, wirbelnde
+Stunde genossen! Es kam darauf an, was das
+Gescheitere war. &raquo;Sehen Sie, das ist so verschieden,&laquo;
+hatte eines Morgens ein Mann in
+einem verruchten Nachtlokal zu ihm gesagt, &raquo;der
+eine i&szlig;t gern Rebh&uuml;hner und der andere m&ouml;chte
+gern ein Ehrenmann sein.&laquo; Der Mann, der
+das sagte, war ihm freilich zuwider gewesen.</p>
+
+<p>Im Geschlecht der Semper tauchte hie und
+da ein Hang zur Verschwendung auf. Wie
+w&auml;r&#8217;s, wenn man sich selbst verschwendete! Sich
+selbst mit Bewu&szlig;tsein langsam zerst&ouml;ren und
+mit forschenden Augen alle Schauer und Sch&ouml;nheit,
+alle Tollheit und Tragik des eigenen Unterganges
+kosten! Da m&uuml;&szlig;te man in sich und in
+den andern Dinge sehen, die auf der Hauptstra&szlig;e
+des Lebens nicht gezeigt wurden. Es
+machen wie jener Z&ouml;llner, den er bei seinem
+Freunde Diepenbrock auf dem Sofa hatte liegen
+sehen: wochenlang immer trinken und sinken,
+trinken und sinken ins Bodenlose hinab, und
+dann wieder emporsteigen zu Goethe, Shakespeare
+und Dante! Hinabsteigen in alle Tiefen
+des Lumpentums; mit Laster und Verbrechen
+auf du und du stehen und im Innersten
+doch der bleiben, der man war, bis zum
+Tod! Das m&uuml;&szlig;te sein wie eine Entdeckungsfahrt
+von gefahrumwitterter Romantik. Das
+<!-- Page 347 --><span class='pagenum'><a name="Page_347" id="Page_347">[347]</a></span>
+waren seine Gedanken, wenn er durchs Kneipenfenster
+in die aufzuckende Morgenr&ouml;te starrte
+und immer noch ein neues Glas bestellte.
+Und im Graus des Sinkens und Untergehens
+zuweilen an <em class="gesperrt">sie</em> denken, die er vor kurzem
+am Arm ihres Verlobten lachend &uuml;ber die
+Stra&szlig;e hatte gehen sehen! Dann mischte sich
+Morgengrauen und Morgenr&ouml;te, wie in der
+traurigen Freude dieser Morgenstunden, wenn
+er zur&uuml;ckgelehnten Hauptes in den Himmel
+starrte. Mit der steigenden Sonne aber &uuml;berfiel
+ihn oft ein pl&ouml;tzliches Fr&ouml;steln, dann
+f&uuml;hlte er sich namenlos elend, und einmal in
+solch einer Stunde machte ein Gedanke ihn
+stutzig. Im Rausch f&uuml;hlte er sich gl&uuml;cklich, stolz,
+von Kraft geschwellt und leicht wie auf Schwingen,
+zu jeder gro&szlig;en Tat bereit und zu jedem
+herrlichen Werke geschickt. Wenn er sich aber
+am nachfolgenden Tage die Freuden seines Rausches
+erinnernd zur&uuml;ckrufen wollte, so fehlte ihm
+jede Vorstellung, jede Freude an der Freude;
+die Stunden des Rausches waren ihm eine leere,
+tote Zeit. Er wu&szlig;te wohl, da&szlig; er sich gefreut
+hatte an dem Kaleidoskop seiner Phantasien;
+aber er konnte diese Freude nicht zur&uuml;ckrufen.
+Warum war das nicht so mit andern Freuden,
+mit den Freuden der Kindheitsspiele, des
+Studierzimmers, der Kunst, der Wanderung in
+Feld und Flur? Da war jede Freude ein anderer
+Genius mit anderem Angesicht, mit Augen, die
+sch&ouml;ner werden mit jeder Erinnerung, da war
+<!-- Page 348 --><span class='pagenum'><a name="Page_348" id="Page_348">[348]</a></span>
+jede Freude ein unverlierbarer, ein wachsender
+Besitz! Und nachdenklich zog er die Rechnung,
+auf der seine Zeche stand, aus der Tasche und
+schrieb auf die R&uuml;ckseite:</p>
+
+<p>&raquo;Der Rausch ist ein liebloser Gastfreund;
+er spendet nicht das Gastgeschenk der Erinnerung.&laquo;</p>
+
+<p>Und als er bald darauf eines Morgens
+unmittelbar von der Schenke in die Schule
+ging &#8211; er blieb immer Herr seines Handelns
+und gab nach solchen N&auml;chten oft seine besten
+Stunden &#8211; aber als er nun mit einem aus
+Hohlheit und &Uuml;bers&auml;ttigung gemachten Gef&uuml;hle
+vor den Kindern stand und in rotwangige Gesichter,
+in klare Augen sah, die in der Sch&ouml;nheit
+und Hoffnung des jungen Morgens zu ihm
+kamen, da sagte er leise, aber ihm selbst h&ouml;rbar,
+vor sich hin:</p>
+
+<p>&raquo;Nun ist es genug.&laquo;</p>
+
+<p>Nein, man blieb nicht, der man war, und
+die Romantik der Verlumpung war eine L&uuml;ge.
+Er hatte Abschied von ihr genommen.</p>
+
+<p>Frau Rebekka hatte &uuml;ber seine n&auml;chtlichen
+Ausfl&uuml;ge genug geklagt und gejammert; ihre
+Gardinenpredigten konnten sich neben den besten
+ihrer Gattung h&ouml;ren lassen, und m&uuml;tterliche
+Gardinenpredigten m&ouml;gen wohl noch eindringlicher
+sein als eheliche, weil sie aus selbstloseren
+Gr&uuml;nden entspringen. Rebekkens Bem&uuml;hungen,
+auch ihren Gatten zu solchen Predigten aufzumuntern,
+<!-- Page 349 --><span class='pagenum'><a name="Page_349" id="Page_349">[349]</a></span>
+blieben freilich ganz erfolglos. Ludwig
+antwortete im Geiste seiner Philosophie:</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; ihn, was soll ich ihm sagen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wenn ich dir das erst sagen soll &#8211;
+wenn du das nicht selbst wei&szlig;t &#8211;!&laquo; rief Frau
+Rebekka. &raquo;Merkw&uuml;rdig! &#8217;n Mann, der den
+Kopf voll Gelehrsamkeit hat und alle Sprachen
+spricht&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht alle,&laquo; versetzte Ludwig trocken&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>&raquo;&#8211; und verlangt von mir, da&szlig; ich ihm
+sage, was er sagen soll!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich bin zu dumm dazu,&laquo; sagte Ludwig
+mit seinem L&auml;cheln.</p>
+
+<p>&raquo;Ach Gott, mit dir ist ja kein Auskommen!&laquo;
+rief Rebekka, lief in die K&uuml;che hinaus und klagte
+laut den Tellern und T&ouml;pfen ihr Leid.</p>
+
+<p>Ludwig und Asmus Semper verband nun
+einmal aus Vordaseinszeiten her ein Vertrauen,
+das die sorgende Frau Rebekka nicht begreifen
+konnte.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens beabsichtigte Asmus keineswegs,
+die Welt- und Fleischeslust in sich zu ert&ouml;ten
+und auf die Freuden eines geselligen Trunkes
+prinzipiell zu verzichten. Und er hatte es nicht
+zu bereuen, da&szlig; er an einem vielverhei&szlig;enden
+Vorfr&uuml;hlingstage in die Kuhlm&auml;nnische Akademie
+ging. Er traf dort seinen Kollegen Mansfeld,
+eben jenen Herrn, der eine Pension&auml;rin
+Namens Hilde Chavonne im Hause hatte. Asmus
+schwankte, ob er sich zu ihm setzen solle; aber
+<!-- Page 350 --><span class='pagenum'><a name="Page_350" id="Page_350">[350]</a></span>
+eine eigent&uuml;mliche Gewalt zog ihn fast gegen
+seinen Willen an denselben Tisch.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sollten sich mal mein neuestes Bild
+ansehen,&laquo; sagte Mansfeld, der in seinen Mu&szlig;estunden
+malte, im Laufe des Gespr&auml;chs. &raquo;Kommen
+Sie mit und essen Sie mit uns zu Abend.
+Meine Frau wird sich freuen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O,&laquo; stammelte Asmus, &raquo;das ist sehr
+liebensw&uuml;rdig, ich komme nat&uuml;rlich gern einmal
+&#8211; aber heute hab&#8217; ich eine wichtige Sitzung,
+bei der ich auf keinen Fall fehlen darf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist was anderes,&laquo; sagte Mansfeld.</p>
+
+<p>Die Rede kam aber doch bald auf die Pension&auml;rin,
+und Asmus fragte mit gl&auml;nzend aufgepuffter
+Munterkeit und mit einem sehr kunstreichen
+L&auml;cheln:</p>
+
+<p>&raquo;Na, wie geht&#8217;s ihr denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, &#8211; soso lala!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wieso?&laquo; rief Asmus erblassend. &raquo;Ist sie
+nicht gl&uuml;cklich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dscha &#8211; wie man&#8217;s nehmen will. Ihre
+Verlobung ist ja zur&uuml;ckgegangen, das wissen
+Sie doch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zur&uuml;ck &#8211;?&laquo; Asmus war aufgesprungen.
+&raquo;Zur&uuml;ckgegangen? Ich wei&szlig; kein Wort. Ich
+bitte Sie &#8211; warum?&laquo; Er hatte sich wieder
+gesetzt.</p>
+
+<p>&raquo;Gott &#8211; das arme Kind &#8211; sie hat eine
+schwere, traurige Kindheit verlebt und von den
+Menschen nicht viel Gutes erfahren. Vater und
+Mutter sind tot; als ihr da einer von Liebe
+<!-- Page 351 --><span class='pagenum'><a name="Page_351" id="Page_351">[351]</a></span>
+sprach, schmolz ihr das weiche Herz und sie
+glaubte, das Gl&uuml;ck w&auml;r&#8217; endlich da!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun &#8211; und? Was weiter?&laquo; Asmus bog
+sich immer weiter &uuml;ber den Tisch.</p>
+
+<p>&raquo;Nach wenigen Wochen erkannte sie, da&szlig;
+sie sich geirrt hatte, vollkommen geirrt. &Uuml;brigens
+ein braver, ordentlicher Kerl, aber nicht das,
+was das Herz einer Hilde Chavonne braucht.
+Entschlossen und mutig, wie sie bei all ihrer
+Milde ist, trug sie ihrem Verlobten die L&ouml;sung
+des Verh&auml;ltnisses an. Und er, wie er kein Mann
+f&uuml;r sie war, hatte wohl auch nicht erkannt, was
+er an ihr besa&szlig;; er erkl&auml;rte sich schlie&szlig;lich einverstanden.&laquo;</p>
+
+<p>Und so weit Asmus sich vorgebeugt hatte,
+so weit lehnte er sich jetzt zur&uuml;ck und blickte
+schweigend vor sich hin.</p>
+
+<p>Wenn eine lange getragene Last von uns
+abf&auml;llt, f&uuml;hlen wir erst, wie schwer sie gewesen
+ist. Auf seinen Soldatenm&auml;rschen hatte er Mantel
+und Tornister, Helm, Patronen und Waffen als
+etwas Selbstverst&auml;ndliches ohne Murren getragen;
+aber wenn er, in die Kaserne zur&uuml;ckgekehrt,
+alles abgelegt hatte, dann hatte er
+gef&uuml;hlt, wie schwer die B&uuml;rde gewesen. Ganz
+so war es ihm jetzt, ganz so; denn es war
+ihm, als habe es ihm auf Hirn, auf Nacken
+und Schultern gedr&uuml;ckt.</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;brigens,&laquo; rief er ganz unvermittelt und
+wurde &uuml;ber und &uuml;ber rot, &raquo;da f&auml;llt mir ein:
+<!-- Page 352 --><span class='pagenum'><a name="Page_352" id="Page_352">[352]</a></span>
+die Sitzung ist ja erst morgen. (Ein Geschickterer
+w&uuml;rde vielleicht gesagt haben: In acht
+Tagen!) Wenn Sie Ihre Einladung nicht bereuen,
+nehm&#8217; ich sie jetzt noch an.&laquo;</p>
+
+<p>Mansfeld unterdr&uuml;ckte ein L&auml;cheln und erkl&auml;rte,
+da&szlig; ihm nichts erfreulicher sein k&ouml;nne
+als dieser Entschlu&szlig;. Und Asmus ging mit.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 353 --><span class='pagenum'><a name="Page_353" id="Page_353">[353]</a></span>
+<a name="XLVIII_Kapitel" id="XLVIII_Kapitel"></a>XLVIII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">&raquo;Wiederum tanzt eine Salome: wiederum heischt sie das
+Haupt des Johannes.&laquo;
+<br />
+<span style="margin-left: 20em;">Johannes Chrysostomos</span>
+</div>
+
+
+<p><span class="bigletter">A</span>ls die beiden M&auml;nner in das Wohnzimmer
+traten, fanden sie Frau Mansfeld mit einer
+Handarbeit, Fr&auml;ulein Chavonne mit den Vorbereitungen
+zum Unterricht des folgenden Tages
+besch&auml;ftigt. Die junge Dame sa&szlig; mit dem R&uuml;cken
+gegen das Licht; aber gleichwohl glaubte Asmus
+zu bemerken, da&szlig; sie erschrecke und erblasse.
+Zwar l&auml;chelte sie, als sie ihm dann die Hand
+gab; er zweifelte aber doch nicht daran, da&szlig;
+er ihr unangenehm und unwillkommen sei.
+Mansfeld holte sein Bild hervor, und Asmus
+nahm es in Augenschein; w&auml;re er verpflichtetes
+Mitglied einer Jury gewesen, so w&uuml;rde der
+gute Mansfeld wohl nicht allzuviel Schmeichelhaftes
+zu h&ouml;ren bekommen haben; aber abgesehen
+davon, da&szlig; Asmus sich durchaus nicht
+als Kenner f&uuml;hlte, geh&ouml;rte er nicht zu jenen
+&raquo;unentwegten&laquo; Bekennern, die die Wahrheit
+auch dann sagen, wenn sie nur verletzt und
+keinem n&uuml;tzt; er machte also dem harmlosen
+<!-- Page 354 --><span class='pagenum'><a name="Page_354" id="Page_354">[354]</a></span>
+Dilettantismus Mansfeldens neben einigen
+Ausstellungen ein paar balsamische Komplimente.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Nach dem Abendessen sagte Mansfeld: &raquo;Ich
+habe Sie so lange nicht geh&ouml;rt &#8211; m&ouml;chten Sie
+nicht ein Gedicht sprechen?&laquo;</p>
+
+<p>Asmus, ohne sich zu zieren, stand auf und
+sprach, zwar in Hinblick auf die Anwesenheit
+der Damen mit einiger Befangenheit, &raquo;Des
+S&auml;ngers Fluch&laquo;. Frau Mansfeld war eine
+&uuml;beraus flei&szlig;ige und praktische Frau und lie&szlig;
+auch w&auml;hrend des furchtbarsten Fluches die
+H&auml;kelnadel nicht ruhen; Hilde aber, die inzwischen
+zu einer Stickerei gegriffen hatte, lie&szlig;
+schon nach den ersten Versen die H&auml;nde in den
+Scho&szlig; sinken und horchte mit gro&szlig;en Augen.
+Nun schlug Mansfeld vor, man m&ouml;chte doch
+jede Woche einmal zusammenkommen und etwas
+Gutes lesen, namentlich Dramatisches; er komme
+fast nie ins Theater, und Asmus setzte f&uuml;r
+n&auml;chsten Mittwoch &raquo;Emilia Galotti&laquo; aufs Repertoire.
+Frau Mansfeld indessen, die die Claudia
+lesen sollte, lehnte jede Beteiligung entschieden
+ab; sie wollte mit dem Theater nichts zu tun
+haben. Sie konnte sich nicht verstellen; sie war
+Frau Mansfeld aus Hamburg und nicht Claudia
+Galotti aus Italien, und &uuml;berdies wu&szlig;te sie
+ganz gut, da&szlig; in dem St&uuml;ck ein junges M&auml;dchen
+verf&uuml;hrt werden sollte. So etwas pa&szlig;te
+sich nicht f&uuml;r eine Lehrersfrau, und im Grunde
+ihres Herzens mochte sie es etwas &raquo;frei&laquo; von
+dem Fr&auml;ulein Chavonne finden, da&szlig; es sich
+<!-- Page 355 --><span class='pagenum'><a name="Page_355" id="Page_355">[355]</a></span>
+auf Asmussens Bitte bereit erkl&auml;rte, sogar das
+zu verf&uuml;hrende M&auml;dchen selbst zu verk&ouml;rpern.
+Asmus las den Prinzen und Appiani, Mansfeld
+den Marinelli und den Odoardo; aber es ging
+doch nicht. Dieser las n&auml;mlich den Marinelli
+wie einen stellungsuchenden Schneidergesellen,
+und sein Odoardo w&auml;re durch ein gutes Glas
+Bier mit Leichtigkeit zu bes&auml;nftigen gewesen.
+Er sah das auch selbst ein, und Asmus widersprach
+seiner Selbstkritik mit keinem Wort. Einig
+waren alle darin, da&szlig; Fr&auml;ulein Chavonne die
+Angst Emiliens und die Eifersucht der Gr&auml;fin
+Orfina vorz&uuml;glich gelesen habe. Asmus war
+&uuml;berrascht: hatte sie schon einmal Eifersucht
+empfunden? Es war etwas Echtes und Elementares
+in ihrem Vortrag gewesen.</p>
+
+<p>Von nun an mu&szlig;te Asmus allein lesen,
+und als man dahinter gekommen war, da&szlig; er
+plattdeutsch reden k&ouml;nne wie ein Oldensunder
+Bauernjunge und wie ein Hamburger Ewerf&uuml;hrer,
+da mu&szlig;te er Groth und Reuter lesen.
+Und als er die nun las, da machte er eine
+wundersame Entdeckung: Hilde Chavonne konnte
+lachen! Nat&uuml;rlich hatte er sie auch sonst schon
+lachen sehen; aber immer hatte nur ein Teil
+ihres Wesens gelacht, und nur ein kleinerer
+Teil; der tiefe, fast traurige Ernst ihres Wesens
+hatte immer das &Uuml;bergewicht behalten; es war
+immer ein Lachen mit ernstem Grundton gewesen,
+nicht jenes Lachen des ganzen Menschen,
+das aus dem Mittelpunkt unseres Wesens elementar
+<!-- Page 356 --><span class='pagenum'><a name="Page_356" id="Page_356">[356]</a></span>
+hervorbricht und alle unsere Seelen- und
+K&ouml;rperteile kr&auml;ftig durcheinander zu sch&uuml;tteln
+scheint. Und sie selbst schien beseligt, berauscht
+von der Entdeckung dieser Kraft wie ein Kind,
+dem man zur Weihnacht beschert; wenn er den
+Blick vom Buche erhob und in ihr lachendes
+Gesicht sah, dann gl&uuml;hten ihn zwei jauchzende
+Augen an, und niemand h&auml;tte sagen k&ouml;nnen,
+ob es Lust oder Dankbarkeit sei, was ihnen
+den feuchten Schimmer gab. Wenn er aber
+von traurigen Dingen las und &#8211; anfangs zuf&auml;llig,
+bald mit Absicht &#8211; die Augen &uuml;ber den
+Rand des Buches hinausgehen lie&szlig;, dann sah
+er ihre Augen auf sich ruhen, als w&auml;re es
+<em class="gesperrt">sein</em> Leid und <em class="gesperrt">sein</em> Kummer, von dem er
+gelesen. Und obgleich die beiden Mansfeld ein
+dankbares Publikum waren, dachte er bald bei
+allem, was er las, nur das eine: Wie wird
+es <em class="gesperrt">ihr</em> in die Seele klingen? f&uuml;hlte er bei
+jedem Wort den unh&ouml;rbaren Widerhall <em class="gesperrt">ihres</em>
+Herzens.</p>
+
+<p>Es ist klar, da&szlig; ein Ereignis oder eine
+Erw&auml;gung, die ihn von den Mittwoch-Besuchen
+h&auml;tte zur&uuml;ckhalten k&ouml;nnen, bald zu den undenkbaren
+Dingen geh&ouml;rte. Zu Hause und unter
+den Freunden, in Konzert und Theater, in
+Wissenschaft und Kunst gab es keine Freuden,
+und am allerwenigsten gab es unter dem himmlischen
+Gezelte Naturerscheinungen, die ihn h&auml;tten
+hindern k&ouml;nnen, am Mittwoch nachmittag nach
+dem l&auml;ndlichen Vororte hinauszupilgern, in dem
+<!-- Page 357 --><span class='pagenum'><a name="Page_357" id="Page_357">[357]</a></span>
+die Mansfelds wohnten. Die altgeheiligte Ordnung
+des Wochenreigens hatte sich verkehrt;
+der Mittwoch war zum Sonntag geworden.
+Sehr schlau bemerkte Frau Rebekka eines Tages
+mit dem Scharfblick des Weibes und der Mutter:
+&raquo;Da bei den Mansfelds, da mu&szlig; ein Magnet
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>Mit dem Magnet hatte es seine Richtigkeit.
+Wenn der Sommernachmittag gar zu verlockend
+ins Fenster lachte, lie&szlig;en sie B&uuml;cher
+B&uuml;cher sein, wanderten zu vieren hinaus nach
+Eppendorf, Lokstedt oder Niendorf und ergaben
+sich auf einer Wiese dem Reifenspiel. Von den
+Freundinnen Hildes hatte er geh&ouml;rt, da&szlig; ihr
+Turnlehrer sie immer vor allen ger&uuml;hmt habe
+wegen ihrer Anmut; eines Tages, als sie sich
+zu schwach gef&uuml;hlt und sich von der kaum erfa&szlig;ten
+Reckstange wieder hatte fallen lassen, da
+hatte der Lehrer gerufen: &raquo;Fr&auml;ulein Chavonne
+f&auml;llt sogar mit Grazie vom Reck!&laquo; Asmus
+konnte dem Manne nur von ganzem Herzen
+recht geben, und wie der &raquo;Magnet&laquo; beim Lesen
+seine Blicke, seine Stimme, seine Gedanken anzog,
+so flogen ihm jetzt die meisten der Reifen
+zu, die Asmus zu versenden hatte, wenn er
+auch galant genug war, sich hin und wieder
+der gn&auml;digen Frau zu erinnern.</p>
+
+<p>Ein Spiel auf gr&uuml;nem Rasen in heller
+Sommerluft, das war nun ohnehin f&uuml;r das
+Herz des Asmus ein ununterbrochener Freudentanz;
+als er nun aber auch noch das liebliche
+<!-- Page 358 --><span class='pagenum'><a name="Page_358" id="Page_358">[358]</a></span>
+M&auml;dchen mit seinen schmalen F&uuml;&szlig;en, in flatterndem
+Gewande &uuml;ber den sonnengr&uuml;nen Teppich
+h&uuml;pfen sah, da schien ihm, da&szlig; die Welt
+wohl &uuml;berhaupt sch&ouml;n sei, da&szlig; sie aber noch nie
+so sch&ouml;n gewesen sei wie an diesem Tage. Anmut
+der Bewegung und k&ouml;rperliche Geschicklichkeit
+waren nicht seine St&auml;rke; aber mit dem,
+was er konnte, kokettierte er redlich, und er
+hatte das Gef&uuml;hl, da&szlig; er pl&ouml;tzlich mehr k&ouml;nne,
+als er sich zugetraut. Freilich, bei einem unparteiischen
+Zuschauer w&uuml;rde auch Hilde Chavonne
+den Verdacht erweckt haben, da&szlig; ihr der
+Eindruck ihrer Spr&uuml;nge und Tanzschrittchen
+nicht gleichg&uuml;ltig sei, und da&szlig; sie wie jedes
+junge, sch&ouml;ne, tanzende Weib um den Kopf eines
+Mannes tanze.</p>
+
+<p>Und gewi&szlig; h&auml;tte Asmus ihr lieber seinen
+Kopf auf einer Sch&uuml;ssel entgegengetragen, als
+ihr von Liebe zu sprechen. Wenn es sich auf
+dem Heimwege traf, da&szlig; sie allein nebeneinander
+gingen, dann begann wieder jenes wunderlich-n&auml;rrische
+Doppelspiel von Lippen und Herzen,
+das sie schon damals, nach Asmussens einmaligem
+Auftreten als K&ouml;nig getrieben hatten.
+Sie sprachen &uuml;ber einen Roman oder &uuml;ber eine
+Schulverordnung oder &uuml;ber ein Sonnentaugew&auml;chs,
+das sie gefunden, oder &uuml;ber eine
+Wolkenbildung, und mit allem, was sie sagten,
+meinten sie: &raquo;Ich liebe dich &#8211; ich liebe dich!&laquo;
+Es war eine Chiffresprache, die sie redeten.
+&raquo;Dieser Weg f&uuml;hrt nach Bahrenfeld,&laquo; bedeutete
+<!-- Page 359 --><span class='pagenum'><a name="Page_359" id="Page_359">[359]</a></span>
+soviel wie: &raquo;Du bist ein entz&uuml;ckendes Gesch&ouml;pf!&laquo;
+&raquo;Die Linden haben ausgebl&uuml;ht&laquo; sollte
+hei&szlig;en: &raquo;Ich m&ouml;chte dich k&uuml;ssen;&laquo; aber keiner
+hatte den Schl&uuml;ssel zur Sprache des andern.
+Das Herz des Asmus dr&auml;ngte, raunte, fl&uuml;sterte
+ihm zu wie ein eifriger Souffleur: &raquo;Sag&#8217; es
+ihr, sag&#8217; es ihr, tu den Mund auf &#8211; es ist
+gar nicht schwer &#8211; und sag: &raquo;S&uuml;&szlig;e Hilde,
+ich hab&#8217; dich lieb!&laquo; &#8211; &raquo;Wie kann ich denn &#8216;du&#8217;
+zu ihr sagen!&laquo; erwiderte Asmus. &raquo;Meinetwegen
+sag&#8217; <ins class="correction" title="
+Anf&uuml;hrungszeichen nach &#8216;Sie&#8217; erg&auml;nzt">&#8216;Sie&#8217;&laquo;</ins>,
+entgegnete das Herz, &raquo;aber
+sag&#8217; etwas!&laquo;, und dann tat Asmus wirklich
+den Mund auf und sagte: &raquo;Jetzt wird ja auch
+bald der neue Bahnhof er&ouml;ffnet.&laquo; Sie war
+doch zu hoch, zu heilig; sie <em class="gesperrt">konnte</em> sich an
+einem Menschen wie ihm nicht gen&uuml;gen lassen.
+Sie hatte es ja auch bewiesen, als sie sich verlobte.
+An ihm war sie vorbeigegangen.</p>
+
+<p>Endlich, endlich kam eine pr&auml;chtige Gelegenheit,
+dem Herzen Luft zu machen. Mansfeld
+hatte mit seinen Sch&uuml;lern einen Ferien-Ausflug
+unternommen, und Asmus und die Damen
+hatten sich angeschlossen. In einer h&uuml;bschen
+Gartenwirtschaft, die den freundlichen Namen
+&raquo;Zum Morgenstern&laquo; f&uuml;hrte, hielt man Rast, und
+Hilde hatte sich daran gemacht, die gepfl&uuml;ckten
+Feldblumen zu einem Strau&szlig;e zu ordnen, als
+Asmus zu ihr trat. Mansfeld und Frau waren
+abseits mit den Kindern besch&auml;ftigt.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 360 --><span class='pagenum'><a name="Page_360" id="Page_360">[360]</a></span>
+<a name="XLIX_Kapitel" id="XLIX_Kapitel"></a>XLIX. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus Semper wird streits&uuml;chtig, wettet, l&uuml;gt, vergreift
+sich an Goethe und benimmt sich feige.</div>
+
+<p>&raquo;<span class="bigletter">W</span>o haben Sie die Calluna gepfl&uuml;ckt?&laquo; fragte
+Asmus, indem er einen Zweig der Glockenheide
+aufnahm.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Im Moor. Aber das ist nicht Calluna,
+das ist Erika.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist Calluna.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist Erika.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist Calluna.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist Erika.&laquo; Sie lachten beide.</p>
+
+<p>&raquo;Das Heidekraut ist Erika, und Calluna ist
+die Glockenheide,&laquo; sagte Asmus. Er hatte sich&#8217;s
+inzwischen &uuml;berlegt und wu&szlig;te, da&szlig; sie recht
+habe; aber er fand es viel h&uuml;bscher, mit ihr
+zu streiten.</p>
+
+<p>&raquo;Im Gegenteil,&laquo; lachte sie, &raquo;die Glockenheide
+hei&szlig;t Erika.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wetten?&laquo; rief Asmus.</p>
+
+<p>&raquo;Ja!&laquo; Ihre Augen leuchteten.</p>
+
+<p>&raquo;Um was?&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 361 --><span class='pagenum'><a name="Page_361" id="Page_361">[361]</a></span>
+Sie machte pl&ouml;tzlich ein ernstes Gesicht und
+sagte z&ouml;gernd:</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie verlieren, m&uuml;ssen Sie mir ein
+Gedicht schenken. Das ist wohl schrecklich unbescheiden,
+nicht wahr?&laquo; f&uuml;gte sie schnell hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Ich f&uuml;rchte, es ist nur allzu bescheiden,&laquo;
+sagte Asmus. &raquo;Und was geben Sie mir, wenn
+ich rechte habe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das &#8211; wei&szlig; ich noch nicht &#8211; das findet
+sich dann,&laquo; sagte sie err&ouml;tend.</p>
+
+<p>Am Abend hatte er es fast eilig, von ihr
+fort zu kommen, damit er zum Dichten komme.
+Sie wollte ein Gedicht von ihm! War das
+nicht ein Zeichen von Liebe? Ach nein, ach nein.
+Andere Damen hatten ihn auch schon darum
+gebeten, sicherlich, ohne ihn zu lieben. Die
+M&auml;dchen prunken gern mit dergleichen &#8211; so
+weit kannte er die M&auml;dchen auch. Freilich:
+so war <em class="gesperrt">sie</em> nun eigentlich nicht....</p>
+
+<p>Einen Augenblick dachte er, er wolle ein
+Akrostichon auf ihren Namen machen, weil das
+so sch&ouml;n deutlich sei. Aber er schalt sich sofort
+dar&uuml;ber aus: &raquo;Erstens ist es l&auml;ppisch und keine
+Dichtung, und zweitens w&auml;re es nicht mehr deutlich,
+sondern frech.&laquo; Er nahm nun eine Maske
+vor, die Maske eines Mannes, der sich aus
+dieser Welt des Alltags nach der Welt der Romantik,
+nach der Zeit der sch&ouml;nen Melusinen,
+der Minnesinger und der Ritter sonder Furcht
+und Tadel sehnt, und schlo&szlig; sein Ottaverimengeb&auml;ude
+also:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<!-- Page 362 --><span class='pagenum'><a name="Page_362" id="Page_362">[362]</a></span>
+<span class="i0">&raquo;Wie schl&uuml;g&#8217; ich gern, ein schwertgewandter Ritter,</span>
+<span class="i0">Mit leichtem Mut mein Leben in die Schanze,</span>
+<span class="i0">Wie schw&auml;ng&#8217; ich gern im Schlachtenungewitter</span>
+<span class="i0">F&uuml;r der Bedr&uuml;ckten Recht die wucht&#8217;ge Lanze!</span>
+<span class="i0">Vor Raubverlie&szlig;en sprengt&#8217; ich Wall und Gitter</span>
+<span class="i0">Und kehrte heim mit wohlverdientem Kranze.</span>
+<span class="i0">Dann bl&uuml;hte mir, die Frucht von blut&#8217;gen Saaten,</span>
+<span class="i0">In starker Brust das stolze Gl&uuml;ck der Taten.</span>
+</div>
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Wie gern&nbsp;... doch still! Es &ouml;ffnen sich die Zweige &#8211;</span>
+<span class="i0">Ein leises Knistern &uuml;ber meinem Haupte &#8211;</span>
+<span class="i0">Ich forsche, da&szlig; der s&uuml;&szlig;e Mund sich zeige,</span>
+<span class="i0">Der so verstohlen-leisen Ku&szlig; mir raubte &#8211;</span>
+<span class="i0">Du bist&#8217;s Geliebte! Komm hervor und neige</span>
+<span class="i0">Dein Haupt mir zu, das fr&uuml;hlingsgr&uuml;n-umlaubte!</span>
+<span class="i0">Verlassen hat ein sch&ouml;ner Traum die Lider &#8211;</span>
+<span class="i0">Die sch&ouml;n&#8217;re Wirklichkeit erkenn&#8217; ich wieder!</span>
+</div>
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Mich trog ein alter Wahn &#8211; bis ich erwachte</span>
+<span class="i0">In deinem Arm, im heimatlichen Walde! &#8211;</span>
+<span class="i0">Ob je so sch&ouml;n wie heut&#8217; her&uuml;berlachte</span>
+<span class="i0">Der Silberstrom, die farbenreiche Halde? &#8211;</span>
+<span class="i0">Auch heut&#8217; bek&auml;mpf&#8217; ich k&uuml;hn, was ich verachte,</span>
+<span class="i0">Zwar nicht als Ritter, doch als freier Skalde;</span>
+<span class="i0">O sieh zum Horizont die Sonne gleiten:</span>
+<span class="i0">Noch lebt die Sch&ouml;nheit wie in alten Zeiten!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p><!-- Page 363 --><span class='pagenum'><a name="Page_363" id="Page_363">[363]</a></span>
+Ob das zu k&uuml;hn war? Ach nein &#8211; jedenfalls:
+vor dem Tintenfa&szlig; hatte er Mut; er
+schrieb es auf sein sch&ouml;nstes Papier, schob es
+in einen feinen Briefumschlag, liebkoste jeden
+Buchstaben ihres Namens mit den Augen, als
+er die Adresse schrieb, und ging zum Briefkasten.
+Als der Brief schon halb in der Spalte
+des Kastens steckte, zauderte er einen Augenblick.
+Sollte er&#8217;s wagen? Aber ein h&ouml;herer
+Wille stie&szlig; ihm an den Ellbogen, und der Brief
+fiel hinein.</p>
+
+<p>Asmus seufzte tief auf. Das war ein entscheidender
+Schritt, dachte er.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Schon am &uuml;bern&auml;chsten Morgen hatte er
+einen Brief.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>
+&raquo;Sehr geehrter Herr Semper!<br />
+</p>
+
+<p>Haben Sie innigsten Dank f&uuml;r das
+wundersch&ouml;ne Gedicht! Ich hab&#8217; es schon viele
+Male gelesen, und jedesmal gef&auml;llt es mir
+besser. Aber wetten darf ich nicht wieder mit
+Ihnen; denn solchen Eins&auml;tzen vermag ich
+nichts entgegenzustellen.</p>
+
+<p>Ich werde Ihr Gedicht an sicherer Stelle
+verwahren.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 4em;">Mit sch&ouml;nsten Gr&uuml;&szlig;en</span><br />
+<span style="margin-left: 8em;">Ihre sehr ergebene</span><br />
+<span style="margin-left: 12em;">Hilde Chavonne.&laquo;</span><br />
+</p>
+</div>
+
+
+<p>Beim ersten Lesen schien ihm der Brief eine
+feurige Liebeserkl&auml;rung; beim zweiten schien er
+ihm nur noch eine Liebeserkl&auml;rung, und je &ouml;fter
+<!-- Page 364 --><span class='pagenum'><a name="Page_364" id="Page_364">[364]</a></span>
+er ihn las, desto mehr wurde er sich klar, da&szlig;
+diesen Brief auch jede andere Dame geschrieben
+haben k&ouml;nnte. Jede? Nun ja, er war sehr
+freundschaftlich gehalten; aber gute Freunde
+waren sie ja schlie&szlig;lich wohl. &raquo;Ich werde Ihr
+Gedicht an sichrer Stelle verwahren!&laquo; das konnte
+hei&szlig;en: Ich werde es am Busen tragen &#8211; es
+konnte aber auch hei&szlig;en: Ich werde es in meiner
+Kommode verschlie&szlig;en. Und dann der Satz:
+&raquo;Aber wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen!&laquo;
+Sie gab ihm zwar eine sehr bescheidene Begr&uuml;ndung;
+aber konnte nicht auch ein feiner
+Verweis darin liegen: Du bist zu dreist gewesen!?
+Freilich: da stand: &raquo;Mit <em class="gesperrt">sch&ouml;nsten</em>
+Gr&uuml;&szlig;en Ihre <em class="gesperrt">sehr</em> ergebene.&laquo; Das war sehr
+viel! Aber eine steife, &raquo;zippe&laquo; Hamburgerin,
+die den Herren nur die Fingerspitzen reicht und
+beim Gru&szlig; nur mit der Hutfeder nickt, war
+sie ja &uuml;berhaupt nicht, obwohl sie in Hamburg
+geboren war. Und &raquo;Ihre <em class="gesperrt">ganz</em> ergebene&laquo; stand
+nicht da&nbsp;...</p>
+
+<p>Als er sie wiedersah &#8211; es war an einem
+Sonntagmorgen &#8211; f&uuml;hlte er wohl bald an ihrem
+Dank und ihrem Geplauder, da&szlig; sie an einen
+&raquo;Verweis&laquo; nicht gedacht haben k&ouml;nne; aber sie
+trug ein wei&szlig;es Morgenkleid mit rosa B&auml;ndern,
+und darin sah sie nun aus wie eine K&ouml;nigin
+der Lilien! Ach, armer Asmus! Du hast im
+Ernste geglaubt, solch ein Weib k&ouml;nnte f&uuml;r <em class="gesperrt">dich</em>
+bl&uuml;hen? Dies Kleid schlug all seine Hoffnungen
+nieder.
+</p>
+
+<p><!-- Page 365 --><span class='pagenum'><a name="Page_365" id="Page_365">[365]</a></span>
+Und so war er denn genau so weit wie
+vordem. Zum Gl&uuml;ck lie&szlig; die Wirkung des
+Kleides, als er die Tr&auml;gerin nicht mehr vor
+Augen hatte, nach, und er gelangte zu dem
+Ergebnis: Ich mu&szlig; noch einmal mit ihr
+wetten!</p>
+
+<p>Er traf sie bei seinem n&auml;chsten Besuch mit
+einer zierlichen Arbeit besch&auml;ftigt. Auf ein
+wei&szlig;es Blatt legte sie in mehreren Schichten
+nacheinander sch&ouml;ne Bl&auml;tter der verschiedensten
+Pflanzen, und nach jeder Lage besprengte sie
+das Ganze mit einer d&uuml;nnen Sepial&ouml;sung.
+Wenn alles beendigt war, kam ein anmutiges
+Bukett der reizendsten Blattformen zum Vorschein.
+Es war eine Arbeit, die nicht viel Kunst,
+wohl aber Sorgfalt und Geschmack erforderte.</p>
+
+<p>Als sie nahezu beendet war, betrachtete Hilde
+ihr Werk mit geneigtem Kopfe und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Die Grazien sind leider ausgeblieben.&laquo;</p>
+
+<p>Halt, dachte Asmus, das ist eine Gelegenheit.</p>
+
+<p>&raquo;Sagt Schiller,&laquo; f&uuml;gte er hinzu. Er wu&szlig;te
+ganz genau, da&szlig; er sich an Goethe vergriff.</p>
+
+<p>&raquo;Ist das nicht von Goethe?&laquo; fragte sie,
+einen Augenblick durch seine Bestimmtheit unsicher
+gemacht.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, von Schiller.&laquo; Da wurde er
+doch rot.</p>
+
+<p>&raquo;Doch &#8211; es ist aus &raquo;Tasso!&laquo; rief sie.</p>
+
+<p>&raquo;Keine Spur. Von Schiller ist es.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 366 --><span class='pagenum'><a name="Page_366" id="Page_366">[366]</a></span>
+Sie lachte: &raquo;Fangen Sie schon wieder an?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollen wir wetten, da&szlig; es von Schiller
+ist?&laquo; rief er.</p>
+
+<p>Sie wurde purpurrot und rief: &raquo;Ja!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie unrecht haben &#8211; nein, es w&auml;re
+zu unbescheiden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen nicht unbescheiden sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Gedicht? Wollen Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit Freuden. Und wenn Sie unrecht
+haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was verlangen Sie dann?&laquo;</p>
+
+<p>Asmus hob die eben vollendete Arbeit auf.
+&raquo;Dieses Blatt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht dies, aber ein besseres!&laquo;</p>
+
+<p>Dann holte sie den Tasso vom B&uuml;cherbrett,
+konnte aber die Stelle nicht sofort finden.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich?&laquo; fragte Asmus. &raquo;<em class="gesperrt">Wenn</em> es
+drinsteht, werd&#8217; ich es bald finden.&laquo; Er bl&auml;tterte
+einen Augenblick. &raquo;Wahrhaftig, Sie haben
+recht! Tasso sagt es vom Antonio.&laquo;</p>
+
+<p>Sie triumphierte.&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Diesmal fiel sein Gedicht deutlicher aus.
+Es war etwas herk&ouml;mmlich im Ton, etwas heine-geibelig
+sozusagen; aber deutlich war es.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wir standen auf hoher Warte</span>
+<span class="i0">In klarer Sommerluft;</span>
+<span class="i0">Tief unten lag die Erde</span>
+<span class="i0">In lauter Glanz und Duft.</span>
+</div>
+<div class="stanza">
+<!-- Page 367 --><span class='pagenum'><a name="Page_367" id="Page_367">[367]</a></span>
+<span class="i0">Und &uuml;ber unsern H&auml;uptern</span>
+<span class="i0">Der Himmel hoch und hehr</span>
+<span class="i0">Ein unergr&uuml;ndlich tiefes,</span>
+<span class="i0">Ein weites, blaues Meer!</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es strebte mein Geist zum Himmel</span>
+<span class="i0">Und strebte zur Erde auch:</span>
+<span class="i0">Ihn lockte die himmlische Reine,</span>
+<span class="i0">Der irdische Wonnenhauch.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Fern waren Erd&#8217; und Himmel;</span>
+<span class="i0">Du aber warst bei mir,</span>
+<span class="i0">Und haften blieb mein Auge,</span>
+<span class="i0">Das sehnende &#8211; an dir. &#8211;</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du bringst mir irdische Wonnen</span>
+<span class="i0">Auf rosigen Lippen dar;</span>
+<span class="i0">Es flie&szlig;t der Sch&ouml;nheit Zauber</span>
+<span class="i0">Von deinem goldnen Haar.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du tr&auml;gst des Himmels Reinheit</span>
+<span class="i0">Und Frieden im Angesicht;</span>
+<span class="i0">Treu gl&auml;nzen deine Augen</span>
+<span class="i0">Wie seiner Sterne Licht.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Vergessen die prangende Erde,</span>
+<span class="i0">Vergessen das himmlische Zelt!</span>
+<span class="i0">In dir halt ich umfangen</span>
+<span class="i0">Den Himmel, die Erde &#8211; die Welt!&laquo;</span>
+</div><div class="stanza">
+</div></div>
+
+<p>Er hatte erst schreiben wollen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Von deinem <em class="gesperrt">braunen</em> Haar&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p>aber das schien ihm denn doch zu deutlich, und
+er machte ein goldenes Haar daraus; dann
+<!-- Page 368 --><span class='pagenum'><a name="Page_368" id="Page_368">[368]</a></span>
+konnte sie das ganze Gedicht auch auf eine
+andere beziehen. Da&szlig; man h&uuml;bschen jungen
+M&auml;dchen keine solchen Gedichte schenkt, wenn sie
+sich auf andere beziehen, das fiel ihm nicht ein.
+Seine geistige Begabung lag auf anderen Gebieten.</p>
+
+<p>Als er den Briefumschlag mit der Zunge
+feuchtete, hielt er pl&ouml;tzlich inne und starrte vor
+sich hin. War es nicht eigentlich unw&uuml;rdig, ihr
+das Gedicht so hinterr&uuml;cks durch den Postboten
+zuzustellen? War es nicht m&auml;nnlicher,
+einfach vor sie hinzutreten und zu sagen: Hier
+ist das Gedicht!? Aber, wenn Sie&#8217;s dann las
+&#8211; nein, nein, nein, nein! Dann war es noch
+m&auml;nnlicher, ihr ins Gesicht zu sagen: &raquo;Hilde
+Chavonne, ich liebe dich!&laquo; und das konnte er
+eben nicht. War das Feigheit? O, wenn es
+nicht Hilde, wenn es Dr&ouml;gem&uuml;ller w&auml;re, dann
+wollte er schon zeigen, da&szlig; er offen und mutig
+die Stirn zeigen konnte. Aber Hilde &#8211; &#8211;
+wenn das feige war, dann war es eben feige,
+daran war nichts zu &auml;ndern. Er schlo&szlig; den
+Brief und steckte ihn ein. Aber als er ihn
+fallen h&ouml;rte, da war&#8217;s ihm, als h&ouml;re er auch
+sein Herz in den Kasten fallen. Es war doch
+eine Riesenk&uuml;hnheit. Wenn sie jetzt z&uuml;rnte &#8211;
+nun, dann liebte sie ihn nicht, dann war alle
+Hoffnung zu Ende.</p>
+
+<p>Wenn sie ihm aber nicht z&uuml;rnte &#8211; was
+war damit bewiesen?</p>
+
+<p>Eigentlich nichts. &#8211; Nun, man w&uuml;rde ja
+sehen.</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 369 --><span class='pagenum'><a name="Page_369" id="Page_369">[369]</a></span>
+<a name="L_Kapitel" id="L_Kapitel"></a>L. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Der Verfasser durchbricht aus Wut &uuml;ber seinen Helden
+die Kunstform.</div>
+
+<p><span class="bigletter">D</span>er n&auml;chste Tag war ein Mittwoch; mit klopfendem
+Herzen trat er zu den Mansfeld
+ins Zimmer &#8211; sie war nicht da. Ein schlimmes
+Zeichen. Sonst war sie immer dagewesen.
+Das Gespr&auml;ch mit den Mansfeld wollte nicht
+in Gang kommen. Endlich, nach einer Viertelstunde,
+die Sempern zu einer Ewigkeit angeschwollen
+war, trat das Fr&auml;ulein herein. Sie
+wollte unbefangen erscheinen; aber alle Anstrengung
+half ihr nichts; sie wurde blutrot
+und senkte den Blick, als sie Asmussen die Hand
+gab und ihm sagte:</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen <em class="gesperrt">sehr</em>!&laquo;</p>
+
+<p>Dann flog ein Engel durchs Zimmer. Und
+noch einer. Und noch einer. Hilfreiche Engel
+waren es nicht; denn sie halfen dem blutschwitzenden
+Asmus auch nicht mit einem W&ouml;rtchen
+aus. Endlich half er sich selbst, indem
+er heftig das linke Bein &uuml;ber das rechte schlug
+(genau wie Ludwig Semper). Das half.
+</p>
+
+<p><!-- Page 370 --><span class='pagenum'><a name="Page_370" id="Page_370">[370]</a></span>
+&raquo;Sonnabend wird der &#8216;Freisch&uuml;tz&#8217; gegeben,
+in einer vorz&uuml;glichen Besetzung,&laquo; rief er, und
+wu&szlig;te selbst nicht, warum er so laut sprach.
+Man kam &uuml;berein, da&szlig; man gemeinsam hingehen
+wolle; die Unterhaltung kam in Flu&szlig;;
+Hilde nahm daran teil und sprach auch mit
+Asmus, sogar unter freundlichem L&auml;cheln. B&ouml;se
+war sie nicht, das stand nach diesem L&auml;cheln
+fest; aber sonst&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Ja, sonst war er immer noch auf dem alten
+Fleck. Wie konnt&#8217; es auch anders sein. Konnte
+sie nach diesem Gedicht zu ihm kommen und
+sagen: &raquo;Ihr Antrag ehrt mich&laquo; oder: &raquo;Ich
+teile vollkommen Ihre Gef&uuml;hle; hier ist meine
+Hand?&laquo; Es war eine ganz verteufelte Sache.
+<em class="gesperrt">Sie</em> mu&szlig;te einmal eine Wette verlieren, und
+dann w&uuml;rde sich ja zeigen, was <em class="gesperrt">sie</em> ihm schenkte!
+Als er daheim in seiner Zelle diesen Gedanken
+erwog, brachte ihm der Postbote ein d&uuml;nnes
+Paket.</p>
+
+<p>Ihre Handschrift!</p>
+
+<p>Er ri&szlig; die Umh&uuml;llung herunter und fand
+eine Mappe, die auf beiden Deckeln allerliebste
+Blattstr&auml;u&szlig;e in zahlreichen und zarten Abstufungen
+von Sepia-Braun zeigte. Ein Briefchen
+dabei!</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>
+<span style="margin-left: 2em;">Werter Herr Semper!</span><br />
+</p>
+
+<p>Da Sie Gefallen an der Spielerei fanden,
+so sende ich Ihnen diese Mappe, die
+sich vielleicht durch Aufbewahrung von Notizen
+<!-- Page 371 --><span class='pagenum'><a name="Page_371" id="Page_371">[371]</a></span>
+und dergl. n&uuml;tzlich machen kann. Sie
+soll keine Vergeltung f&uuml;r Ihr Gedicht sein;
+eine solche Gabe zu lohnen, bin ich leider
+au&szlig;erstande.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 4em;">Mit den herzlichsten Gr&uuml;&szlig;en</span><br />
+<span style="margin-left: 10em;">Ihre dankbare</span><br />
+<span style="margin-left: 12em;">Hilde Chavonne.&laquo;</span><br />
+</p></div>
+
+<p>&raquo;Sie liebt mich!&laquo; jubilierte Asmus in seinem
+Herzen. &raquo;Sie beschenkt mich! Und wie beschenkt
+sie mich! Wie reich, mit welcher Sorgfalt
+ist das gemacht! Mit Goldpapierstreifen
+umr&auml;ndert! Mit wei&szlig;seidenen B&auml;ndern gebunden!&laquo;
+Und wie z&auml;rtlich schrieb sie, wie
+liebevoll!</p>
+
+<p>Er nahm den Brief wieder her &#8211; ein ganz
+zarter Duft ging mit diesen Zeilen, ein kaum
+merkbarer, aber ein feiner, milder, warmer
+Duft! <ins class="correction" title="&#8216; durch &raquo; ersetzt">&raquo;<em class="gesperrt">Werter</em></ins> Herr Semper&laquo; schrieb sie. Also
+er war ihr wert! Und &raquo;Sie soll keine Vergeltung
+f&uuml;r Ihr Gedicht sein; eine solche Gabe
+zu lohnen, bin ich leider au&szlig;erstande &#8211; &#8211;!&laquo;</p>
+
+<p>Hm. Es fiel ihm pl&ouml;tzlich auf, da&szlig; das
+zweierlei bedeuten k&ouml;nne. Es konnte hei&szlig;en:
+Das Gedicht ist so sch&ouml;n, da&szlig; ich ihm nichts
+Gleichwertiges gegen&uuml;berstellen kann, wie man
+den Wert eines echten Kunstwerks (&raquo;wenn dies
+eins w&auml;re!&laquo; klammerte Asmus ein) &uuml;berhaupt
+nicht mit materiellen G&uuml;tern ausmessen kann.
+Aber die Liebe eines Menschen war doch gewi&szlig;
+etwas Gleichwertiges, ja, war unendlich
+<!-- Page 372 --><span class='pagenum'><a name="Page_372" id="Page_372">[372]</a></span>
+viel mehr &#8211; sollte das bedeuten: &raquo;Den Lohn,
+du dir denkst &#8211; meine Liebe &#8211; kann ich dir
+nicht gew&auml;hren&laquo;? &#8211; O, o, o, wie der ganze
+Brief gleich anders aussah! &raquo;<em class="gesperrt">Werter</em> Herr
+Semper,&laquo; das war viel legerer als &raquo;<em class="gesperrt">Sehr
+geehrter</em> Herr Semper&laquo;, viel weniger achtungsvoll.
+&#8211; Und &raquo;Da Sie Gefallen an der
+Spielerei fanden&laquo; &#8211; sie legte der ganzen Sache
+keinen Wert bei; es war ein Nichts &#8211; warum
+sollte sie es ihm nicht schenken &#8211; dann waren
+sie quitt, und sie war ihm nichts mehr schuldig&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>O diese verteufelte Auslegung, o diese verwetterten
+Ausleger! Sie verhunzen die frischesten
+Offenbarungen der Menschenseele! Durch
+&raquo;Exegese&laquo; verhunzte er sich dieses Geschenk eines
+M&auml;dchens, das mit vor Bangen, vor Eifer,
+vor Freude bebenden H&auml;nden Tage und N&auml;chte
+an diesem Kunstwerk gebaut hatte, bei jeder
+Linie, jedem B&auml;ndchen voll Hoffnung, da&szlig; sie
+ihm gefallen, voll Sorge, da&szlig; sie ihm mi&szlig;fallen
+m&ouml;chten!</p>
+
+<p>Freilich: M&auml;dchenbriefe wie dieser sind geschrieben,
+um Liebe ganz zu offenbaren und
+ganz zu verbergen, und es war kein Wunder,
+da&szlig; Asmus diese Sprache noch nicht verstand.
+Er ahnte zum Beispiel nicht, da&szlig; das Wort
+&raquo;Notizen&laquo; mit &raquo;Gedichte&laquo; zu &uuml;bersetzen war und
+da&szlig; der ganze Satz bedeuten sollte: &raquo;Wenn du
+Verse geschrieben hast, leg&#8217; sie in diese Mappe;
+das wird mir sein, als d&uuml;rft&#8217; ich selbst sie
+hegen.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 373 --><span class='pagenum'><a name="Page_373" id="Page_373">[373]</a></span>
+Das Schicksal war dem Zauderer g&uuml;nstiger,
+als er es eigentlich verdiente. Am &raquo;Freisch&uuml;tz&laquo;-Abend
+folgten die Mansfeld einer Einladung,
+die sie nicht ablehnen konnten, und Asmus sa&szlig;
+allein neben der Stillgeliebten! Er sa&szlig; neben
+ihr, und da die billigen Pl&auml;tze sehr schmal
+waren, sa&szlig; er sogar recht dicht neben ihr, in
+best&auml;ndiger Ber&uuml;hrung mit ihrem Kleid, und
+einmal, als ihr der Zettel entfallen war und
+sie ihn aufheben wollte, streifte sogar ihr Haar,
+ihr k&ouml;stliches Haar seine Wange! Solche weihevollen
+Ber&uuml;hrungen entz&uuml;ckten ihn tief und entmutigten
+ihn ganz. Denn je herrlicher sie war,
+desto weniger wagte er sie zu begehren; ihm
+war, als solle er in einen hochumgitterten
+Schlo&szlig;garten gehen und dort die seltenste
+Blume brechen. Eine tiefe Dem&uuml;tigung m&uuml;&szlig;te
+die Folge sein.</p>
+
+<p>Aber schon ungest&ouml;rt mit ihr zu plaudern,
+war warmes, heimliches Gl&uuml;ck. Er erz&auml;hlte ihr,
+wie er als Knabe auf seinem Puppentheater
+den &raquo;Freisch&uuml;tz&laquo; gespielt habe und wie ihm das
+Liebste daran die Wolfsschlucht mit dem feurigen
+Rad und allem Teufelsspuk gewesen sei.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich ehrlich sein soll,&laquo; sagte er, &raquo;ich
+freue mich noch heute auf die Wolfsschlucht, und
+jeden Tag m&ouml;cht&#8217; ich mir wieder ein Puppentheater
+bauen und damit spielen. Freilich: auf
+die Musik freu&#8217; ich mich noch ganz anders.
+Wenn die ganze deutsche Nation zugrunde ginge
+und nur der &raquo;Freisch&uuml;tz&laquo; erhalten bliebe, k&ouml;nnte
+<!-- Page 374 --><span class='pagenum'><a name="Page_374" id="Page_374">[374]</a></span>
+man aus dieser Oper alle Eigent&uuml;mlichkeiten
+der deutschen Seele erkennen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatte den &raquo;Freisch&uuml;tz&laquo; noch nicht geh&ouml;rt,
+war &uuml;berhaupt noch nicht oft im Theater gewesen;
+ihre Kindheit hatte ihr solche Freuden
+nicht gew&auml;hrt, und nun begl&uuml;ckte es ihn, wie
+sie mit frommer Begierde Musik, Wort und
+Bild in sich einsog, und er war grenzenlos stolz,
+ihr F&uuml;hrer sein zu d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Als sie den Heimweg durchs Dunkel antraten,
+bot er ihr seinen Arm. Das durfte man
+wagen. Wie leicht sie an seinem Arme hing!
+Er h&auml;tte gew&uuml;nscht, da&szlig; sie sich ganz auf ihn
+st&uuml;tzte, sich ganz von ihm tragen lie&szlig;e. W&auml;hrend
+er ihr von Oberon, Euryanthe und Preziosa
+erz&auml;hlte, dachte er ununterbrochen: Soll
+ich ihr&#8217;s jetzt sagen? Nein, nein, lautete die
+Antwort. Wenn es sie erschreckte, bek&uuml;mmerte,
+beleidigte? In welcher Pein w&uuml;rde das arme
+M&auml;dchen den Rest des Weges zur&uuml;cklegen; in
+welche Pein w&uuml;rdest du dich selber st&uuml;rzen! Du
+hast heute die Pflicht des Ritters, du hast daf&uuml;r
+zu sorgen, da&szlig; sie unbehelligt und auf m&ouml;glichst
+angenehme Weise nach Hause komme &#8211; es w&auml;re
+ein unzarter Mi&szlig;brauch der Gelegenheit, sie
+jetzt mit einer Liebeserkl&auml;rung zu &uuml;berfallen.
+Beim Abschied vor ihrer T&uuml;r, dann willst du&#8217;s
+ihr sagen. Und beim Abschied sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie tausend, tausend Dank f&uuml;r den
+wundersch&ouml;nen Abend!&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 375 --><span class='pagenum'><a name="Page_375" id="Page_375">[375]</a></span>
+&raquo;Ich habe Ihnen zu danken!&laquo; rief sie. &raquo;Der
+Abend wird mir unverge&szlig;lich sein.&laquo; Sie z&ouml;gerte
+einen Augenblick. &#8211; &raquo;Gute Nacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&#8211; Gute Nacht.&laquo;</p>
+
+<p>Unmittelbar darauf dachte er: Das war eine
+Gelegenheit! Sie ist unwiederbringlich verpa&szlig;t.</p>
+
+<p>Unwiederbringlich? Wie er es zuvor mit
+der Methode der Wetten versucht hatte, so versuchte
+er es jetzt mit der Methode des gemeinsamen
+Theaterbesuchs. Eine Woche sp&auml;ter sollte
+der &raquo;Vampyr&laquo; von Marschner gegeben werden.
+Er hatte eine Schw&auml;che f&uuml;r diese Oper, gerade
+wegen ihres verschrieenen schaurig-romantischen
+Stoffes. Er liebte das D&uuml;stre, Grauenvolle
+wie das Sonnig-Behagliche, das starrend Erhabene
+wie das Komisch-Gem&uuml;tliche, bis zum
+Putzigen und Ulkigen herab, wie er alle Tage
+und N&auml;chte, alle Lichter und Schatten der Welt
+liebte. Er liebte Dante Alighieri und Fritz
+Reuter, und er ha&szlig;te die flachk&ouml;pfigen &Auml;sthetiker,
+die beim Aufbau ihrer Systeme immer
+eines verga&szlig;en, entweder den Dante oder den
+Reuter.</p>
+
+<p>Frau Mansfeld mocht&#8217; es im stillen unpassend
+finden, da&szlig; ein junges M&auml;dchen mit
+einem ihm nicht verlobten jungen Manne allein
+ins Theater ging und sich von ihm nach Hause
+geleiten lie&szlig;. Aber solche &Auml;ngste kannte Hilde
+nicht; sie hatte nur die feine Erziehung, die
+ein feines Herz gibt. Also holte sie jubelnd
+ihr Portemonnaie und zahlte Asmussen eine
+<!-- Page 376 --><span class='pagenum'><a name="Page_376" id="Page_376">[376]</a></span>
+Mark zwanzig auf den Tisch; denn soviel
+kostete der Eintritt zum dritten Rang.</p>
+
+<p>Aber der &raquo;Vampyr&laquo; hatte genau dieselbe
+Wirkung wie der &raquo;Freisch&uuml;tz&laquo;, insofern, als
+Asmus sich wieder vor Hildens T&uuml;r mit nichts
+als einem (zwar bewegten Herzens gesprochenen)
+Danke verabschiedete und sich dann auf dem
+einsamen Heimwege mit Vorw&uuml;rfen und nicht
+gerade schonenden Titulaturen &uuml;berh&auml;ufte.</p>
+
+<p>Und auch der Verfasser kann nicht umhin,
+hier zum Entsetzen aller Literaturaufseher &raquo;die
+Kunstform zu durchbrechen&laquo; und der Leserin
+zu versichern, da&szlig; er ihre Entr&uuml;stung &uuml;ber diesen
+Herrn Semper vollkommen teilt. Aber was
+soll der Verfasser tun? Er kann seinen Helden
+nicht anders machen, als er ist.</p>
+
+<p>Endlich brachte ein tr&uuml;ber, wolkenschwerer
+Novemberabend die Entscheidung.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 377 --><span class='pagenum'><a name="Page_377" id="Page_377">[377]</a></span>
+<a name="LI_Kapitel" id="LI_Kapitel"></a>LI. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Von rauschenden B&auml;chen <ins class="correction"
+title="Original: 'in'">im</ins> Winter.</div>
+
+<p>&raquo;<span class="bigletter">H</span>eute <em class="gesperrt">soll</em>
+es sich entscheiden,&laquo; hatte sich Asmus
+gesagt. Er hatte sie eingeladen, mit
+ihm in Zacharias Werners &raquo;Martin Luther
+oder die Weihe der Kraft&laquo; zu gehen. Er liebte
+das St&uuml;ck durchaus nicht, fand es schw&uuml;lstig,
+verworren und langweilig; aber jetzt war ihm
+schon jedes Mittel recht; er w&auml;re mit ihr ins
+Theater gegangen, und wenn man dort den
+Jahresbericht der Handelskammer rezitiert
+h&auml;tte. Auf dem Heimwege sprachen sie nur
+wenig; jede Unterhaltung kam bald ins Stocken;
+wie eine Vorahnung lag es auf beiden. Sie
+waren der Wohnung Hildens schon ziemlich
+nahe, als Asmus, das Herz im Halse, mit
+leiser Stimme fragte:</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Sind Sie mir eigentlich b&ouml;se, Fr&auml;ulein
+Chavonne?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum sollte ich Ihnen b&ouml;se sein?&laquo; fragte
+sie ebenso leise, mit starren Augen geradeausblickend.
+Und alles, was sie noch sprachen,
+klang leise wie der Regen, der gleichm&auml;&szlig;ig
+<!-- Page 378 --><span class='pagenum'><a name="Page_378" id="Page_378">[378]</a></span>
+herabtroff und gegen den sie keinen Schutz begehrten.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben mir eigentlich kein Wort &uuml;ber
+mein letztes Gedicht gesagt,&laquo; begann Asmus
+wieder. &raquo;Da glaubte ich, da&szlig; Sie mir z&uuml;rnten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie w&auml;re das m&ouml;glich?&laquo; sprach sie noch
+leiser, mit bebender Stimme.</p>
+
+<p>Wiederum schwiegen sie eine kurze Weile.</p>
+
+<p>Ihr Kopftuch hatte sich verschoben, und um
+es zu ordnen, zog sie leise ihren Arm aus dem
+seinen. Im selben Augenblick lie&szlig; er seinen
+Arm sinken; ihre H&auml;nde ber&uuml;hrten sich, und
+Asmus fa&szlig;te Hildens Hand.</p>
+
+<p>Nun ist es ein seltsames Ding: Arm in Arm
+gehen die fremdesten Menschen miteinander;
+aber Hand in Hand gehen nur Kinder und
+Liebende. Ein h&ouml;herer Wille hatte ihre H&auml;nde
+ineinander gelegt und gesagt: Ich will, da&szlig;
+ihr euch findet.</p>
+
+<p>Das gab Asmus Sempern einen heiligen
+Mut, und zitternd sprach er:</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;ulein Chavonne &#8211; haben Sie mich
+lieb?&laquo;</p>
+
+<p>Sie blieb stehen und schien zu wanken. Sie
+konnte nicht sprechen.</p>
+
+<p>Da legte er den Arm um sie, damit er sie
+st&uuml;tze, und sprach noch leiser:</p>
+
+<p>&raquo;Hilde, hast du mich lieb?&laquo;</p>
+
+<p>Ihr Kopf sank an seine Schulter, und sie
+sagte: &raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 379 --><span class='pagenum'><a name="Page_379" id="Page_379">[379]</a></span>
+Und er wagte nicht, ihr den Kopf aufzuheben;
+denn es schien ihm, da&szlig; sie ruhte. Aber
+dann hob sie von selbst den Kopf und sah ihn
+aus leuchtenden, weinenden Augen an. Und
+er zog sie fester an sich und pre&szlig;te seine Lippen
+in einem langen, langen Kusse auf ihren edlen,
+frischen, roten Mund.</p>
+
+<p>Sie waren nur noch zehn Minuten von
+Hildens Hause entfernt; aber sie brauchten zu
+diesem Wege noch zwei Stunden. Denn immer
+wieder gingen sie in weitem Bogen um das
+Haus herum, obwohl ein unaufh&ouml;rlicher feiner
+Regen herabrieselte. Sie freuten sich unbewu&szlig;t
+dieses Regens; er kam herab wie sanfte Linderung
+einer langen Sehnsucht. Es schien ihnen
+auch, als brauche man nun um nichts mehr zu
+sorgen, als h&auml;tten sie nun des Gl&uuml;ckes genug
+und brauchten nichts mehr als solch ein stilles,
+seliges ewiges Wandern.</p>
+
+<p>Sie sprachen nur wenig, und wenn sie
+sprachen, so war es fast immer dasselbe:</p>
+
+<p>&raquo;Hast du mich lieb, hast du mich wirklich,
+wirklich lieb?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich hab&#8217; dich lieb &#8211; so lange schon,
+ach, wie lange schon.&laquo;</p>
+
+<p>Ganz, ganz anders waren sie schon wenige
+Tage darauf. Frost und Schnee waren hereingebrochen
+mit Macht, und Asmus schlug ihr
+einen Ausflug &raquo;ins Gr&uuml;ne&laquo; vor. Nach dem
+&raquo;Quellental&laquo; wollten sie wandern und die
+Elbe hinab. Ludwig Semper w&uuml;rde zu diesem
+<!-- Page 380 --><span class='pagenum'><a name="Page_380" id="Page_380">[380]</a></span>
+Ausflug &raquo;bei dieser K&auml;lte&laquo; lange den Kopf gesch&uuml;ttelt
+haben, wenn er darum gewu&szlig;t h&auml;tte;
+aber darin folgte sein Sohn ihm nicht; Winterwanderungen,
+die liebte er vor allen andern; da
+gab es einen Kampf mit Frost und Wind, und
+wenn er dann durchgek&auml;mpft war, dann gl&uuml;hte
+in Wangen und Herzen eine ganz besondere, eine
+ganz wundersame W&auml;rme auf, die war ganz
+anders als Lenz- und Sommerglut. Es war
+eigenes, selbstentz&uuml;ndetes Feuer! Und wie heilig
+sch&ouml;n die Winterwelt! Seltsam: die ersten
+Lieder, die der Zauber der Natur ihm entrungen
+hatte, waren Winterlieder gewesen. Aber
+er sang sie nicht in Wehmut und Trauer; der
+Winter war ihm Andacht und Stille, niemals
+Tod; denn in seinem Herzen glomm wie eine
+ewige Lampe die Gewi&szlig;heit des Fr&uuml;hlings.
+So kam es denn ganz von selbst, da&szlig; Asmus,
+als sie auf frostklingenden Wegen dahinschritten
+und sein sch&uuml;chternes Schnurrb&auml;rtchen von lauter
+Eisnadeln starrte, also zu singen anhob:</p></div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die linden L&uuml;fte sind erwacht,</span>
+<span class="i0">Sie s&auml;useln und weben Tag und Nacht;</span>
+<span class="i0">Sie schaffen an allen Enden.</span>
+</div></div>
+
+<p>und da&szlig; er erschrak, als Hilde in ein lautes
+Lachen ausbrach.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Herr Professor, Herr Professor, es ist
+Winter!&laquo; rief sie; da verstand er sie und lachte
+nun auch aus vollem Halse; weil sie aber so
+ganz besonders sch&ouml;n lachte, k&uuml;&szlig;te er sie sieben
+<!-- Page 381 --><span class='pagenum'><a name="Page_381" id="Page_381">[381]</a></span>
+Mal auf den winterfrischen Mund, und dabei
+lachten sie, weil das Lied so gar nicht pa&szlig;te,
+und ihre Augen wurden feucht, weil es doch so
+gut pa&szlig;te.</p>
+
+<p>Nun fand er Gefallen an dieser Antithese,
+und w&auml;hrend der Schnee unter ihren F&uuml;&szlig;en
+knirschte, sang er:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie herrlich leuchtet</span>
+<span class="i0">Mir die Natur,</span>
+<span class="i0">Wie gl&auml;nzt die Sonne,</span>
+<span class="i0">Wie lacht die Flur!</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es dringen Bl&uuml;ten</span>
+<span class="i0">Aus jedem Zweig</span>
+<span class="i0">Und tausend Stimmen</span>
+<span class="i0">Aus dem Gestr&auml;uch!</span>
+</div></div>
+
+
+<p>und dann warf er ihr ganz sachte und heimt&uuml;ckisch
+ein H&auml;uflein Schnee zwischen Hals und
+Kragen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Sie kreischte auf und sch&uuml;ttelte sich, und
+dann sah sie ihn mit einem langen Blick, mit
+einem L&auml;cheln voll Wehmut und Staunen in
+die Augen. Sie bestaunte dies Wunder einer
+Fr&ouml;hlichkeit, die sie in ihrem Leben noch nie
+gesehen hatte, die sie auch bei ihm nicht vermutet
+hatte; denn er war ihr meistens in ernster
+Stimmung entgegengetreten. Diese Lustigkeit
+berauschte sie, da&szlig; sie mit beiden H&auml;nden seinen
+Kopf ergriff und ihm das Gesicht mit K&uuml;ssen
+bedeckte.&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p></div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<!-- Page 382 --><span class='pagenum'><a name="Page_382" id="Page_382">[382]</a></span>
+<span class="i0">Ich h&ouml;rt&#8217; ein B&auml;chlein rauschen</span>
+<span class="i0">Wohl aus dem Felsenquell</span>
+</div></div>
+
+<p>sang er.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Wo?&laquo; rief sie lachend.</p>
+
+<p>Da legte er wieder den Arm um sie und
+sagte: &raquo;&Uuml;berall. &Uuml;berall h&ouml;r&#8217; ich Quellen
+rauschen. H&ouml;rst du sie <em class="gesperrt">nicht</em>?&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt
+und die Augen geschlossen. &raquo;Hier la&szlig; mich
+liegen bleiben und tr&auml;umen und immerfort deine
+Stimme h&ouml;ren und gar nicht wieder aufwachen.&laquo;</p>
+
+<p>Er neigte sich zu ihrem Ohr, wiegte sie
+sanft in seinen Armen hin und her und sang
+mit leiser, leiser Stimme:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Horch, horch, die Lerch&#8217; im &Auml;therblau!</span>
+<span class="i0">Und Ph&ouml;bus, neu erweckt,</span>
+<span class="i0">Tr&auml;nkt seine Rosse mit dem Tau,</span>
+<span class="i0">Der Blumenkelche deckt,</span>
+<span class="i0">Der Ringelblume Knospe schleu&szlig;t</span>
+<span class="i0">Die hellen &Auml;uglein auf:</span>
+<span class="i0">Mit allem, was da reizend ist,</span>
+<span class="i0">Du s&uuml;&szlig;e Maid, wach auf!</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Da machte sie langsam &#8211; weit &#8211; weit die
+Augen auf, und ihre Augen waren tiefernst.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein b&ouml;ser Mensch,&laquo; sagte sie.
+&raquo;Wei&szlig;t du, da&szlig; du ein b&ouml;ser Mensch bist?
+Ein Zauberer bist du!&laquo; und sie ri&szlig; sich fast
+&auml;ngstlich von ihm los und lief ein gro&szlig; St&uuml;ck
+Weges <ins class="correction" title="Original: vorauf">voraus</ins>.</p>
+
+<p><!-- Page 383 --><span class='pagenum'><a name="Page_383" id="Page_383">[383]</a></span>
+Kurz vor dem Quellental hatte er sie wieder
+eingeholt und den Arm um ihre H&uuml;fte gelegt.
+Und so schritten sie and&auml;chtig hinein in einen
+kristallenen Dom von uralten B&auml;umen.</p>
+
+<p>Hier wohnt ein Gedicht, dachte Asmus;
+denn die Gedichte wohnten ihm wie Dryas und
+Oreas in Bergen, B&auml;umen und Grotten, in
+Wiesen und Quellen. Wenn es sich zeigen wollte,
+dachte er. Da hauchte es ihm ins Ohr:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wo vom nahen Strauch ein V&ouml;glein schwebt</span>
+<span class="i0">Stummen Fluges durch die tr&auml;ge Luft,</span>
+<span class="i0">Und vom kaum gebog&#8217;nen Zweig der Schnee</span>
+<span class="i0">Lautlos f&auml;llt auf Schnee&nbsp;.....</span>
+</div></div>
+
+<p>Und Asmus l&auml;chelte dankbar und heimlich.
+Dann kamen sie vor die auf geringer Erh&ouml;hung
+liegende Moosh&uuml;tte mit der Inschrift: &raquo;<em class="antiqua">Hoc
+erat in votis</em>&laquo; und gingen hinein. Aber es
+war ihnen zu warm und dumpfig drinnen; sie
+mu&szlig;ten wieder hinaus. Und bei der eingefrorenen
+Quelle, die am Abhang der kleinen
+Erh&ouml;hung entspringt, warf er seinen Mantel in
+den Schnee, lud sie zum Niedersitzen und setzte
+sich ihr zu F&uuml;&szlig;en. Er mu&szlig;te heute immerfort
+singen. Und w&auml;hrend von den Zweigen ringsherum
+von Zeit zu Zeit der Schnee in silbernen
+Trauben fiel, sang er:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Reimer Thomas lag am Bach,</span>
+<span class="i0">Am Kieselbach bei Huntley-Schlo&szlig;.</span>
+<span class="i0">Da sah er eine blonde Frau,</span>
+<span class="i0">Die sa&szlig; auf einem wei&szlig;en Ro&szlig;.</span>
+</div></div>
+
+<p><!-- Page 384 --><span class='pagenum'><a name="Page_384" id="Page_384">[384]</a></span>
+&raquo;Eine braune Frau!&laquo; rief sie mit anmutig
+gespieltem Schmollen.</p>
+
+<p>&raquo;Eine blonde Frau,&laquo; versetzte er.</p>
+
+<p>&raquo;Eine braune Frau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine blonde Frau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du schon einmal eine blonde Frau
+geliebt?&laquo; fragte sie &auml;ngstlich forschend.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe keine Frau geliebt vor dir.&laquo;</p>
+
+<p>Dann sah sie lange vor sich hin und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Wie schrecklich dumm bin ich gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Wei&szlig;t du, da&szlig; ich einmal furchtbar
+eifers&uuml;chtig gewesen bin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eifers&uuml;chtig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, auf das reizende blonde M&auml;dchen, mit
+dem du zusammen sangst, auf dem Fest in der
+&#8216;Treue&#8217;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf die kleine Lizzy?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ich hatte ja immer geglaubt, da&szlig; ich
+dir gleichg&uuml;ltig sei; aber als ich euch sah und
+singen h&ouml;rte, mit solcher Begeisterung, und als
+eure Stimmen so innig zusammenklangen &#8211;
+das gab mir den Gnadensto&szlig;. Bald darauf
+verlobte ich mich, weil ich mich von allen verlassen
+f&uuml;hlte &#8211; aus Trauer &#8211; aus Bangigkeit
+&#8211; aus Trotz &#8211; ich wei&szlig; es nicht mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch aus Trotz?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, &#8211; o, du darfst mich um des Himmels
+willen nicht f&uuml;r so gut halten wie du
+es tust &#8211; ich bin lange nicht so gut, wie du
+glaubst&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 385 --><span class='pagenum'><a name="Page_385" id="Page_385">[385]</a></span>
+&raquo;Du?&laquo; sagte er langsam, indem er das
+edle Oval ihres Gesichtes mit schw&auml;rmenden
+Blicken umschrieb:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du bist die Himmelsk&ouml;nigin,</span>
+<span class="i0">Du bist von dieser Erde nicht.</span>
+</div></div>
+
+<p>Da lachte sie laut auf, und mit warnend
+erhobenem Finger sang sie:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich bin die Himmelsjungfrau nicht,</span>
+<span class="i0">Ich bin die Elfenk&ouml;nigin.</span>
+<span class="i0">Nimm deine Harf&#8217; und spiel und sing</span>
+<span class="i0">Und la&szlig; dein sch&ouml;nstes Lied erschall&#8217;n!</span>
+<span class="i0">Doch wenn du meine Lippe k&uuml;&szlig;t,</span>
+<span class="i0">Bist du mir sieben Jahr verfall&#8217;n.</span>
+</div></div>
+
+<p>Asmus sprang auf und warf sich auf die
+Knie:</p></div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wohl, sieben Jahr zu dienen dir,</span>
+<span class="i0">O K&ouml;nigin, das schreckt mich kaum!</span>
+<span class="i0">Er k&uuml;&szlig;te sie &#8211;</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">da k&uuml;&szlig;te er sie &#8211;</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><span style="margin-left: 12em;">sie k&uuml;&szlig;te ihn &#8211;</span></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">da k&uuml;&szlig;te sie ihn.</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Kein Vogel singt im Eschenbaum,&laquo; rief
+Asmus, &raquo;aber das schadet nichts; wir k&ouml;nnen&#8217;s
+ja selbst.&laquo;</p>
+
+<p>Dann sprangen sie auf; Asmus sch&uuml;ttelte
+seinen Mantel, da&szlig; die Flocken stoben, warf
+ihn sich um und st&uuml;rmte im Galopp den absch&uuml;ssigen
+Weg hinab ins dichtere Geh&ouml;lz hinein,
+und im Galoppieren sang er laut:</p></div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<!-- Page 386 --><span class='pagenum'><a name="Page_386" id="Page_386">[386]</a></span>
+<span class="i0">Sie ritten durch den gr&uuml;nen Wald,</span>
+<span class="i0">Wie gl&uuml;cklich da der Reimer war!</span>
+<span class="i0">Sie ritten durch den gr&uuml;nen Wald</span>
+<span class="i0">Bei Vogelsang und Sonnenschein &#8211;</span>
+</div></div>
+
+<p>und als sie ihn einholte und von hinten her
+die Arme um seinen Hals schlang, da legte er
+den Kopf zur&uuml;ck, da&szlig; Wange an Wange lag,
+und sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und wenn sie leis am Z&uuml;gel zog,</span>
+<span class="i0">Dann klangen hell die Gl&ouml;ckelein.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 387 --><span class='pagenum'><a name="Page_387" id="Page_387">[387]</a></span>
+<a name="LII_Kapitel" id="LII_Kapitel"></a>LII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Hilde verliebt sich in Semper den &Auml;lteren, bekennt sich
+zu Chamisso und entpuppt sich als eine alte Bekannte.</div>
+
+<p><span class="bigletter">M</span>it der Bekanntmachung ihrer Verlobung
+hatten sie es nicht im geringsten eilig; ob
+die Welt sie f&uuml;r Brautleute hielt oder nicht,
+war ihnen beiden grenzenlos gleichg&uuml;ltig. Aber
+seinen Eltern wollt&#8217; er&#8217;s nicht l&auml;nger verbergen,
+obwohl ihn Zweifel befielen, wie sie es aufnehmen
+w&uuml;rden. Eigentlich zweifelte er nur an
+dem Beifall seiner Mutter. Ludwig Semper, das
+wu&szlig;te er, so leer ihm das Haus ohne seinen
+Asmus werden mochte, w&uuml;rde Asmussens Erw&auml;hlte
+willkommen hei&szlig;en, bevor er sie gesehen;
+aber Rebekka &#8211;? M&uuml;tter sind eifers&uuml;chtig, und
+&uuml;berdies war er erst 23 Jahre! Sie wird
+schelten, dachte er. Aber sie schalt nicht; sie
+sch&uuml;ttelte nur den Kopf und sagte: &raquo;Junge,
+Junge, du bist ja noch so jung!&laquo;</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Aber Mutter!&laquo; rief Asmus lachend und
+fa&szlig;te sie bei beiden Schultern, &raquo;du hast ja auch
+jung geheiratet!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das war damals auch ganz anders!&laquo;
+rief sie.</p>
+
+<p><!-- Page 388 --><span class='pagenum'><a name="Page_388" id="Page_388">[388]</a></span>
+Ludwig Semper konnte dieser Geschichtsauffassung
+nicht beipflichten; er wu&szlig;te noch, wie
+junge Herzen schlagen, und sagte, Asmus m&ouml;ge
+seine Braut am Sonntag nur mitbringen.</p>
+
+<p>Und an diesem Sonntag feuchtete er keinen
+Tabak an und gr&uuml;belte er nicht; er hatte seinen
+guten schwarzen Rock angezogen und ein feines
+wei&szlig;es Tuch umgelegt &#8211; denn ein gesteifter
+Kragen durfte ihm nicht an den Hals kommen
+&#8211; und ging munter und aufger&auml;umt im Hause
+umher, und wenn er sich allein wu&szlig;te, sah er
+mit strahlenden Augen in die Ferne und summte
+vor sich hin: &raquo;Tr&auml;nen, vom Freunde getrocknet.&laquo;
+Und als es hie&szlig;: &raquo;Sie kommen!&laquo; und die
+T&uuml;r aufging und Asmus rief: &raquo;Da ist meine
+Braut!&laquo; da stand Ludwig Semper da wie ein
+herrlicher, g&uuml;tiger Nordlandsk&ouml;nig, dem sein
+Erbe die junge K&ouml;nigin zuf&uuml;hrt; er streckte
+seine warme kr&auml;ftige Hand aus und sagte
+nichts als:</p>
+
+<p>&raquo;Seien Sie uns herzlich willkommen!&laquo;</p>
+
+<p>Aber als sie sein L&auml;cheln sah, mu&szlig;te sie
+ihm entgegenl&auml;cheln wie sein eigenes Kind, war
+alle Befangenheit von ihr gefallen wie ein
+Schleier, wu&szlig;te sie ganz, da&szlig; sie aufgenommen
+sei in den Frieden des Hauses. Rebekkas Willkommen
+war ganz anders. Sie rannte gesch&auml;ftig
+hin und her und bem&uuml;hte sich um den Gast,
+als sei er von einer mehrj&auml;hrigen Nordpolfahrt
+heimgekehrt und m&uuml;sse mit allen erfindbaren
+Mitteln aufgetaut, gew&auml;rmt, getr&auml;nkt und gespeist
+<!-- Page 389 --><span class='pagenum'><a name="Page_389" id="Page_389">[389]</a></span>
+werden. Ein bi&szlig;chen Eifersucht sa&szlig; ihr
+wohl trotzdem im Herzen; aber schon beim dritten
+Besuche Hildens sagte sie ganz von selbst:</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein s&uuml;&szlig;es Gesch&ouml;pf!&laquo;</p>
+
+<p>Hilde aber sagte schon nach ihrem ersten
+Besuche auf dem Heimwege zu Asmus:</p>
+
+<p>&raquo;Du, ich will dich nicht mehr; ich will deinen
+Vater heiraten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun ja,&laquo; sagte Asmus trocken, &raquo;sprechen
+Sie mit meiner Mutter. Sie ist nun wohl gute
+vierzig Jahre mit ihm verheiratet und ist mit
+ihm nie auf einen gr&uuml;nen Zweig gekommen;
+aber ich glaube nicht, da&szlig; sie ihn losl&auml;&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da hat sie recht,&laquo; sprach Hilde, &raquo;den g&auml;be
+ich auch nicht her.&laquo;</p>
+
+<p>Nach einiger Zeit bat sie um die Erlaubnis,
+&raquo;Vater&laquo; und &raquo;Mutter&laquo; sagen zu d&uuml;rfen, und
+Ludwig und Rebekka waren froh und stolz, zu
+ihren acht Kindern noch ein so feines und liebes
+hinzu zu bekommen. Sie hatten inzwischen noch
+eine Tochter bekommen, ohne sie zu kennen.
+Johannes Semper hatte aus Amerika geschrieben,
+da&szlig; er dort ein Weib genommen. Das
+hatte die Alten gefreut; aber Rebekka hatte dazu
+geweint und gesagt: &raquo;Nun werden wir ihn wohl
+nicht wiedersehen.&laquo; Asmussen schnitt es durchs
+Herz, als er das h&ouml;rte.</p>
+
+<p>Bald darauf erfuhr er, warum Hilde sich
+nach einer Mutter und fast mehr noch nach
+einem Vater sehnte.
+</p>
+
+<p><!-- Page 390 --><span class='pagenum'><a name="Page_390" id="Page_390">[390]</a></span>
+Sie sahen sich zwei- oder dreimal die Woche;
+und wenn sie nicht spazieren gingen, sa&szlig;en sie
+in Hildens Zimmer stundenlang beieinander und
+waren plaudernd und schweigend miteinander
+gl&uuml;cklich. Sie bereitete vor seinen Augen den
+Tee und das Abendbrot, und jedesmal war es
+ihm, als ob ihre schlanken, wei&szlig;en und geschickten
+H&auml;nde das einfache Brot und Fleisch
+in die erlesensten Leckerbissen verwandle. Zu
+Hause a&szlig; er wie ein Schulmeister von energischem
+Appetit; hier soupierte er bei denselben
+Speisen wie ein Gourmet.</p>
+
+<p>In manchen Stunden erg&ouml;tzte er sich daran,
+ihr die langen, schweren Z&ouml;pfe aufzul&ouml;sen, da&szlig;
+das Haar sie bis zu den H&uuml;ften wie ein goldbrauner
+Mantel umflo&szlig;, und im duftig-warmen
+Schatten ihres Haares k&uuml;&szlig;te er sie, oder er
+schmiegte sich eine breite Str&auml;hne ihres Haares
+um Hals und Wange und las ihr so ein Gedicht
+vor, da&szlig; er ihr mitgebracht. Selten kam
+er ohne neue Verse zu ihr, und sie war sein
+empf&auml;nglichstes und unbestechlichstes Publikum.
+Wenn er geendet hatte und sie ihm freundlich
+zunickte, dann wu&szlig;te er, da&szlig; das eine vernichtende
+Kritik war. Wenn ihm etwas Rechtes
+gelungen war, sah sie ihn mit gro&szlig;en, ernsten
+Augen und mit zuckendem Munde an, nahm
+ihm leise das Blatt aus der Hand und las es
+noch einmal. Und dann bedeckte sie das Blatt
+mit K&uuml;ssen, und dann seinen Mund, seine
+Wangen, seine Augen mit K&uuml;ssen, und dann
+<!-- Page 391 --><span class='pagenum'><a name="Page_391" id="Page_391">[391]</a></span>
+barg sie das Blatt auf ihrer Brust, und er
+wu&szlig;te, da&szlig; sie es wochenlang auf ihrem Herzen
+trug wie ein Amulett, bis es von einem andern
+abgel&ouml;st ward.</p>
+
+<p>Manchmal auch sangen sie, einzeln oder zu
+zweien, und dann sang er die Oberstimme, und
+sie sang mit einem vollen weichen Alt die Begleitstimme;
+so klang es besser als umgekehrt.
+Und einmal, als sie allein sang, sang sie:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Er, der Herrlichste von allen,</span>
+<span class="i0">Wie so milde, wie so gut&nbsp;...</span>
+</div></div>
+
+<p>Als sie geendet hatte, fragte er: &raquo;Liebst
+du das Lied?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ich liebe den ganzen Zyklus unbeschreiblich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Verse oder die Musik?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beides. Aber die Verse noch weit mehr
+als die Musik. Sie sind nach meiner Meinung
+das Sch&ouml;nste, was von der Frau gesungen werden
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Mir scheint auch, er hat die Frau
+nicht besungen, er hat sie gesungen. Das Weib,
+das in diesen Versen dasteht, &uuml;berragt Gretchen
+und Kl&auml;rchen an Sch&ouml;nheit, Lieblichkeit und
+Gr&ouml;&szlig;e; es ist von klassischer Hoheit, aber es ist
+nicht antike, es ist deutsche Klassik. Wir haben
+&uuml;berhaupt nur wenig so deutsche Dichter wie
+diesen Franzosen. Da f&auml;llt mir ein: ich wollte
+dich immer schon fragen, woher dein franz&ouml;sischer
+Name stammt.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 392 --><span class='pagenum'><a name="Page_392" id="Page_392">[392]</a></span>
+&raquo;Meine Urgro&szlig;eltern v&auml;terlicherseits wohnten
+im Elsa&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah &#8211; daher dein franz&ouml;sisches Aussehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du&#8217;s nicht gern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, den Beweis erbracht zu haben.
+Du bringst das Kunstst&uuml;ck fertig, pikant und
+deutsch zu sein.&laquo; Und dann rezitierte er leise:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wandle, wandle deine Bahnen;</span>
+<span class="i0">Nur betrachten deinen Schein,</span>
+<span class="i0">Nur in Demut ihn betrachten,</span>
+<span class="i0">Selig nur und traurig sein!</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">H&ouml;re nicht mein stilles Beten,</span>
+<span class="i0">Deinem Gl&uuml;cke nur geweiht;</span>
+<span class="i0">Darfst mich niedre Magd nicht kennen,</span>
+<span class="i0">Hoher Stern der Herrlichkeit.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nur die W&uuml;rdigste von allen</span>
+<span class="i0">Soll begl&uuml;cken deine Wahl,</span>
+<span class="i0">Und ich will die Hohe segnen,</span>
+<span class="i0">Segnen viele tausendmal.</span>
+</div></div>
+
+<p>&raquo;Heute gibt es nicht wenig Frauen, die
+dar&uuml;ber lachen und h&ouml;hnen,&laquo; sprach er.</p>
+
+<p>&raquo;Kann man anders empfinden, wenn man
+liebt?&laquo; fragte sie. &raquo;Ich wenigstens kann mir
+keine andere Liebe denken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und eine Frau, die so empfindet,&laquo; fuhr er
+fort, &raquo;wird im Hause des Mannes die stolzeste
+der Frauen sein, <em class="gesperrt">sie</em> wird der &#8216;Stern der Herrlichkeit&#8217;
+sein, zu dem Mann und Kinder in
+<!-- Page 393 --><span class='pagenum'><a name="Page_393" id="Page_393">[393]</a></span>
+der Stille ihres Herzen beten, zu dem sie aufblicken,
+wenn sie den Glauben an die Welt
+verloren haben und wiederfinden m&ouml;chten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mu&szlig; sie dann nicht eine Heilige sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, so wenig wie je ein Mann die Verehrung
+verdienen kann, die aus den Frauenliedern
+Chamissos klingt. Nicht das entscheidet
+ja, was wir sind &#8211; du lieber Gott, wo bliebe
+ich! &#8211;, sondern wie sehr wir geliebt werden,
+das entscheidet. Das ist die Wahrheit des
+Christentums, da&szlig; uns Liebe erl&ouml;st.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Asmus,&laquo; rief sie &auml;ngstlich, &raquo;ich zittere und
+bange, wenn du mich &uuml;ber dich erhebst. Wenn
+du w&uuml;&szlig;test, wie wenig ich das verdiene&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zittere und bange nur,&laquo; rief er, &raquo;ich habe
+Mut, wenn ich dich ansehe, einen Mut, einen
+Mut&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Er ri&szlig; sie jauchzend an sich und k&uuml;&szlig;te sie,
+da&szlig; sie aufschrie.</p>
+
+<p>Und einmal, als er so bei ihr sa&szlig;, in ihrem
+N&auml;hk&auml;stchen kramte und mit allerlei zierlichen
+B&uuml;chschen und K&auml;stchen spielte, die er darin
+fand, holte er einen Glasmarmel daraus hervor,
+eine durchsichtige Glaskugel, in der man
+eine gefl&uuml;gelte Gestalt, eine Fortuna, wie es
+schien, erblickte.</p>
+
+<p>&raquo;Sieh da,&laquo; sagte er, &raquo;genau solch einen
+Marmel hab&#8217; ich auch einmal besessen. Eigentlich
+ein h&uuml;bsches Symbol, wenn ich es jetzt
+betrachte. Die Gl&uuml;cksg&ouml;ttin nicht &uuml;ber der Welt,
+<!-- Page 394 --><span class='pagenum'><a name="Page_394" id="Page_394">[394]</a></span>
+sondern in der Welt, sie selbst nur ein St&uuml;ck
+der rollenden Notwendigkeit&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; eigentlich selbst nicht,&laquo; sagte sie
+l&auml;chelnd, &raquo;warum ich ihn immer aufgehoben
+habe. Wenn man solch ein Ding lange bei
+sich verwahrt hat, ist es gerade, als h&auml;tt&#8217; es
+ein Recht an uns erworben, und wenn man
+es wegwerfen will, ist es, als s&auml;h es einen
+vorwurfsvoll an, und man kann es nicht aus
+den Fingern loswerden. Ich hab&#8217; ihn vor
+vielen Jahren von einem kleinen Jungen bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sagte das, indem sie sich auf ihre N&auml;harbeit
+b&uuml;ckte; aber es war ihr, als z&ouml;ge eine
+geheime Kraft ihren Kopf empor, und als sie
+aufblickte &#8211; wirklich, da starrte Asmus sie an
+mit einem Blick, der aus der Ferne einer
+l&auml;ngst vergangenen Zeit zu kommen schien.</p>
+
+<p>&raquo;Von einem kleinen Jungen hast du ihn
+bekommen?&laquo; sprach er langsam. &raquo;Wann? Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wenn ich das noch w&uuml;&szlig;te! &#8211; Was
+hast du? Warum bist du&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, frag&#8217; mich jetzt nicht &#8211; sag&#8217;, wann
+es war und wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &#8211; zw&ouml;lf Jahre ist es zum mindesten
+her &#8211; ich wei&szlig; nur noch: ich sa&szlig; auf der
+steinernen Treppe vor einer Gastwirtschaft und
+wartete auf meinen Vater, der erledigte drinnen
+ein Gesch&auml;ft, da kam der kleine Junge und
+schenkte mir den Marmel.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 395 --><span class='pagenum'><a name="Page_395" id="Page_395">[395]</a></span>
+&raquo;Hilde,&laquo; rief Asmus mit seltsam leuchtenden
+Blicken, &raquo;sah der Junge aus wie ein kleiner,
+dicker Asmus Semper?&laquo;</p>
+
+<p>Hilde starrte ihn sprachlos an.</p>
+
+<p>&raquo;Hilde,&laquo; rief er, &raquo;du hast einen Onkel in
+Griechenland&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hatte ihn &#8211; er ist tot&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den nannte man den &#8216;K&ouml;nig der Mainotten&#8217;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hilde! Wir haben uns also vor zw&ouml;lf
+Jahren schon gesehen! Der kleine Junge war
+ich! Vor zw&ouml;lf Jahren schon sind wir uns begegnet.&laquo;
+Er war so bewegt, da&szlig; er aufspringen
+und auf und ab gehen mu&szlig;te. Und er erz&auml;hlte
+ihr, wie wundersam ihn damals die Begegnung
+mit dem lieblichen, traurigen Kinde ergriffen
+habe, wie er wochenlang fast t&auml;glich nach der
+Wirtschaft zwischen den Bahnd&auml;mmen in Oldensund
+gelaufen sei, um die &raquo;K&ouml;nigin der Mainotten&laquo;
+wiederzufinden &#8211; denn sie hatte erz&auml;hlt,
+der Onkel wolle sie zu seiner &raquo;K&ouml;nigin&laquo; machen
+&#8211; wie er sie niemals wiedergesehen, aber wie
+ihre Erscheinung und ihr Wesen ihn mit einem
+jahrelang nachleuchtenden, tr&ouml;stenden Licht erf&uuml;llt
+habe.</p>
+
+<p>&raquo;Hilde! Hilde!&laquo;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Und ihr Gespr&auml;ch ward ein leises, trauliches
+Fragen und Erz&auml;hlen; sie erz&auml;hlte ihm die Geschichte
+ihres Lebens. Was sie nicht erz&auml;hlte,
+das erg&auml;nzte er sich leicht aus dem Zwange der
+<!-- Page 396 --><span class='pagenum'><a name="Page_396" id="Page_396">[396]</a></span>
+Tatsachen und aus dem, was er fr&uuml;her von ihr
+und von andern geh&ouml;rt. Und immer wieder
+f&uuml;hlte Asmus mit Besch&auml;mung, wie sehr ihn
+von je das Gl&uuml;ck beg&uuml;nstigt habe, schon dadurch,
+da&szlig; er bis heute zwei liebende und geliebte
+Eltern besessen, und wieviel mehr der Kraft, des
+Mutes, der Liebe das Leben von ihr gefordert
+hatte als von ihm!</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 397 --><span class='pagenum'><a name="Page_397" id="Page_397">[397]</a></span>
+<a name="LIII_Kapitel" id="LIII_Kapitel"></a>LIII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Enth&auml;lt die Geschichte Hildens vom Marschall Davoust
+an bis zu Fr&auml;ulein Paulsen.</div>
+
+<p><span class="bigletter">N</span>apoleon und sein Marschall Davoust hatten
+den Urgro&szlig;eltern Hildens ihr Gl&uuml;ck zerst&ouml;rt.
+Diese hatten zu den 20 000 geh&ouml;rt, die
+man zu den Toren Hamburgs in Hunger und
+K&auml;lte hinausgejagt, und Hildens Urgro&szlig;vater
+war unter denen gewesen, die auf dem Wege
+nach Oldensund zugrunde gegangen. Die seelenstarke
+Frau hatte selbst den toten Gatten bis
+nach Oldensund getragen, und dort hatte er teilgenommen
+an jenem ewig klagenden Grabe,
+das Friedrich R&uuml;ckert besungen hat.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wo finden wir Kost und Kleider,</span>
+<span class="i0">Wir zwanzigtausend an Zahl?</span>
+<span class="i0">Die andern schleppten sich weiter,</span>
+<span class="i0">Wir blieben hier zumal.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir konnten nicht weiter keuchen,</span>
+<span class="i0">Ersch&ouml;pft war unsere Kraft:</span>
+<span class="i0">Frost, Hunger, Elend und Seuchen</span>
+<span class="i0">Sie haben uns hingerafft.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">
+<!-- Page 398 --><span class='pagenum'><a name="Page_398" id="Page_398">[398]</a></span></span>
+<span class="i0">Ein ungeheurer Kn&auml;uel,</span>
+<span class="i0">Zw&ouml;lfhundert oder mehr,</span>
+<span class="i0">Es zieht sich &uuml;ber den Greuel</span>
+<span class="i0">Ein d&uuml;nner Rasen her.</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&Uuml;ber diesen Rasen war Asmus in fr&uuml;her
+Kindheit spielend dahingesprungen &#8211; wie
+manchesmal!</p>
+
+<p>Die arme gute Gro&szlig;mutter, die das Elend
+der Eltern schaudernd miterlebt und fr&uuml;h den
+Gatten verloren hatte, war ein Stern in Hildens
+Jugend gewesen. Eine kindlich-fromme
+Frau, die ihren Glauben nicht als eine Tugend,
+sondern als ein Geschenk ihres Heilandes empfand,
+lehrte sie ihre Enkelkinder beten und geistliche
+Lieder singen. Aber nicht nur geistliche
+Lieder sang sie, sie sang:</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich denk an euch, ihr himmlisch sch&ouml;nen Tage</span>
+<span class="i0">Der seligen Vergangenheit!</span>
+<span class="i0">Komm G&ouml;tterkind, o Phantasie, und trage</span>
+<span class="i0">Mein sehnend Herz zu seiner Bl&uuml;tezeit!</span>
+</div></div>
+
+
+<p>und sobald sie das sang, stand die kleine gro&szlig;&auml;ugige
+Hilde an ihren Knien und trank ihr
+das Lied von den Lippen, und sie wu&szlig;te, wenn
+die Gro&szlig;mutter das sang, dann erz&auml;hlte sie
+auch bald von der Franzosenzeit und von lieben
+Toten. Unter dem Herzen dieser Frau hatte
+Hildens Mutter gelegen, und die grenzenlose
+G&uuml;te dieses Herzens war auf die Tochter &uuml;bergegangen,
+nicht aber seine Festigkeit und St&auml;rke.
+<!-- Page 399 --><span class='pagenum'><a name="Page_399" id="Page_399">[399]</a></span>
+Hildens Mutter geh&ouml;rte zu jenen Menschen,
+die aus Gutm&uuml;tigkeit heiraten k&ouml;nnen und ihr
+Mitgef&uuml;hl mit dem Werbenden f&uuml;r Liebe nehmen.
+Sie war wehrlos in der Hand ihres Mannes.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Dieser Mann war der schwere, ewig lastende
+Schatten in Hildens Kindheit. Er war ein
+Selbstling von jener Art, die in Gegenwart
+eines vor Hunger Sterbenden einen Kapaun
+mit Genu&szlig; verzehren kann, die vielleicht ein
+St&uuml;ckchen hergeben w&uuml;rde, wenn man sie daran
+erinnerte, aber nie von selbst auf diesen Gedanken
+verf&auml;llt. Als &raquo;Kaufmann&laquo; &#8211; er vertrieb
+als eine Art Stadtreisender allerlei Dinge
+f&uuml;r andere Gesch&auml;fte &#8211; dejeunierte, dinierte
+und soupierte er in besseren Restaurants und
+empfand es wie eine Niedertracht von seiner
+Frau, da&szlig; sie immer wieder Mittel f&uuml;r den
+Haushalt verlangte. Die wenigen Bissen aber,
+die er den Seinen hinwarf, w&uuml;rzte er ihnen
+mit h&auml;mischen, kr&auml;nkenden Reden, und wenn
+er vollends angetrunken nach Hause kam, dann
+konnte er stundenlang immer in derselben Sofaecke
+sitzen und immer dieselben peinigenden Bosheiten
+wiederholen.</p>
+
+<p>Es war ein schlimmer, schlimmer Tag gewesen,
+als aus diesem Hause die Gro&szlig;mutter
+f&uuml;r immer geschieden war. Und nicht zu mahnen
+brauchte man die Kleine, da&szlig; sie hingehe und
+die Blumen auf dem Grabe der Heimgegangenen
+begie&szlig;e! An jedem Tage der milderen Jahreszeit
+machte sie sich unaufgefordert auf den Weg
+<!-- Page 400 --><span class='pagenum'><a name="Page_400" id="Page_400">[400]</a></span>
+nach dem Friedhof. Und wenn sie ihr frommes
+Werk getan hatte, setzte sie sich auf das Gitter
+des Grabes und dachte daran, wie sch&ouml;n die
+Gro&szlig;mutter gesungen hatte:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Umgl&auml;nze mich, du Unschuld fr&uuml;her Jahre,</span>
+<span class="i0">Du mein verlor&#8217;nes Paradies!</span>
+<span class="i0">Du s&uuml;&szlig;e Hoffnung, die mir bis zur Bahre</span>
+<span class="i0">Nur Sonnenschein und Blumenwege wies.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Und bei dem Wort &raquo;Bahre&laquo; sah sie immer
+die Gro&szlig;mutter auf der Bahre liegen, und
+dann mu&szlig;te sie weinen. &#8211; Neben der Gro&szlig;mutter
+lag auch die Tante Romona, die wundersch&ouml;ne
+Spanierin Romona Viego, die mit
+24 Jahren schon acht Kinder gehabt hatte, und
+das j&uuml;ngste lag ihr im Arm. Das war eine
+gefeierte S&auml;ngerin gewesen, und als die kleine
+Hilde einmal die herrliche Frau gesehen hatte,
+auf dem Divan liegend, ganz in wei&szlig;en Gew&auml;ndern
+und eine Zigarette rauchend, da war
+sie ihr als die oberste und heiligste aller Frauen
+erschienen. Das Grab der Tante Romona pflegte
+sie auch, und dann wandelte sie oft stundenlang
+zwischen den H&uuml;geln des Friedhofes schauend
+und sinnend umher und f&uuml;hlte sich heimischer
+als in der Gegenwart ihres Vaters.</p>
+
+<p>Zwischen diesem Manne und seiner &auml;ltesten
+Tochter war ein Gegensatz von Ewigkeiten her.
+Ihr Wesen war von jenem Adel getragen, dem
+am letzten Ende doch mit aller Brutalit&auml;t nicht
+beizukommen ist, der wie eine uneinnehmbare
+<!-- Page 401 --><span class='pagenum'><a name="Page_401" id="Page_401">[401]</a></span>
+innere Festung das Herz umgibt. Das aber
+&auml;rgerte ihn, reizte ihn, und er schalt sie hochm&uuml;tig,
+&uuml;bergeschnappt und verh&ouml;hnte ihren regen
+Bildungstrieb. Sie duldete tapfer an der Seite
+ihrer Mutter und half ihr heimlich, soviel sie
+konnte, in ihren &Auml;ngsten und N&ouml;ten. Ihrem
+stolzen, wahrheitsliebenden Wesen war alle
+Heimlichkeit zuwider; aber sie begriff, da&szlig; es
+gegen einen gemeinsamen Feind zusammenzustehen
+galt. Und sie f&uuml;rchtete ihn; er hatte
+sie wiederholt geschlagen. Einmal hatte er sie
+geschlagen, als sie bis sp&auml;t in die Nacht das
+Haus hatte h&uuml;ten m&uuml;ssen und eingeschlafen und
+durch langes Klopfen und R&uuml;tteln an der geschlossenen
+Haust&uuml;r nicht zu erwecken gewesen
+war. Da, als sie wieder einh&uuml;ten sollte und
+der Vater ihr streng befohlen hatte, weder zu
+schlafen noch sich einzuschlie&szlig;en, setzte sie sich
+an die Haust&uuml;r, lehnte den Kopf dagegen und
+schlief beruhigt ein. Wenn die Haust&uuml;r aufging,
+mu&szlig;te sie ihren Kopf treffen, und dann mu&szlig;te
+sie sicher erwachen. Als die Eltern sie so fanden,
+erkl&auml;rte die Mutter, da&szlig; sie nicht wieder ausgehen
+werde, wenn das Kind nicht zu Bett
+gehen d&uuml;rfe, was ihrem Gatten zu sehr ausgedehnten
+und sehr ironischen Bemerkungen
+Anla&szlig; gab.</p>
+
+<p>Nur nach langen K&auml;mpfen und unter verletzend
+sp&ouml;ttischen Glossen hatte er zugegeben,
+da&szlig; Hilde dem dringenden Rat ihrer Lehrer
+folge und ins Pr&auml;parandeum eintrete. Und
+<!-- Page 402 --><span class='pagenum'><a name="Page_402" id="Page_402">[402]</a></span>
+bald nachdem dies geschehen, hatte er seine Familie
+verlassen. Er gab ihnen keinen Pfennig
+zu ihrem Unterhalt; aber dennoch w&uuml;nschten sie
+ihn nicht zur&uuml;ck; trotz allem Mangel und aller
+Sorge schien es ihnen, als w&auml;re der Himmel
+heiterer geworden. Mit treu vereinten Kr&auml;ften
+schlugen sie sich durch. Aber dann wurde die
+Mutter krank und kr&auml;nker, und endlich lag sie
+ein ganzes Jahr lang auf dem Schmerzenslager.
+Nun mu&szlig;ten sie den Gatten und Vater
+doch an seine Pflicht gemahnen, und auf Mahnen
+und Dr&auml;ngen kam er ihr halbwegs und mit
+Verw&uuml;nschungen nach. H&auml;tte Hilde nicht eine
+Freundin gehabt, die ihr oft geholfen, so h&auml;tte
+sie das Seminar verlassen und einen Dienst annehmen
+m&uuml;ssen. Aber es kam der Tag, da sie
+mit drei kleineren Geschwistern am Sarge der
+Mutter stand. Da pl&ouml;tzlich erschien auch eine
+Tante mit ihren T&ouml;chtern und mit Trauerkr&auml;nzen,
+und siehe, sie erhoben ein mehrstimmiges,
+schallendes Klagegeheul.</p>
+
+<p>&raquo;Geht hinaus!&laquo; sagte Hilde.</p>
+
+<p>Die Tante glaubte nicht recht zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Drei Jahre hat sie gelitten, und Ihr habt
+Euch nicht um sie und nicht um ihre Kinder
+gek&uuml;mmert. Geht hinaus und nehmt Eure
+Kr&auml;nze mit.&laquo;</p>
+
+<p>Und die Klageweiber schlichen betreten mit
+ihren Kr&auml;nzen davon.</p>
+
+<p>Ein Bruder ihrer Mutter gab ihnen nun
+das Notd&uuml;rftigste zum Leben. Die Verstorbene
+<!-- Page 403 --><span class='pagenum'><a name="Page_403" id="Page_403">[403]</a></span>
+hatte immer darauf gehalten, da&szlig; ihre Kinder,
+wenn es irgend zu erschwingen war, am Sonntag
+einen Kuchen bek&auml;men. Und eines Sonntags
+kaufte Hilde ihren Geschwistern f&uuml;r wenige
+Pfennige ein paar Kuchen, weil sie die verlangenden
+Blicke der Kleinen nicht ertragen
+konnte. Das h&ouml;rte der Onkel und &uuml;berh&auml;ufte sie
+mit Vorw&uuml;rfen, da&szlig; sie nichts verdiene und
+fremdes Geld noch obendrein vergeude. Da beschlo&szlig;
+sie, ein Ende zu machen. Sie ging zum
+Armenpfleger und sorgte daf&uuml;r, da&szlig; ihre Geschwister
+bei wackeren Leuten ihrer Bekanntschaft
+untergebracht w&uuml;rden. Und dann ging sie zum
+Seminardirektor, um ihren Austritt aus dem
+Seminar anzumelden. Sie wollte einen Dienst
+annehmen, und wenn es der niedrigste w&auml;re.
+Nur nicht mehr von der Gnade der Menschen
+abh&auml;ngen!</p>
+
+<p>Herr Direktor <em class="antiqua">Dr.</em> Korn war noch im Schlafrock
+und Pantoffeln; aber er dachte nicht daran,
+diese Toilette einer jungen Dame wegen zu
+&auml;ndern.</p>
+
+<p>&raquo;Was w&uuml;nschen Se?&laquo; fragte er unwirsch.</p>
+
+<p>Sie erkl&auml;rte, da&szlig; sie auszutreten w&uuml;nsche.</p>
+
+<p>Er starrte sie an und sagte: &raquo;Se sind wohl
+nicht recht jescheit. Jetzt, wo Se &#8217;n halbes Jahr
+vor der Pr&uuml;fung stehen?&laquo;</p>
+
+<p>Sie erkl&auml;rte ihm, da&szlig; sie m&uuml;sse und warum
+sie m&uuml;sse.</p>
+
+<p>&raquo;Hm. Und wat woll&#8217;n Se denn jetzt anfangen?&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 404 --><span class='pagenum'><a name="Page_404" id="Page_404">[404]</a></span>
+&raquo;Irgendeinen Dienst annehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;I Jott bewahre. Det jiebt&#8217;s nich. Wir lassen
+Se nich los. Wir jeben Ihnen in einem unserer
+Schulh&auml;user &#8217;ne Wohnung, umsonst, mit Feurung.
+F&uuml;r&#8217;s Essen wird sich auch Rat finden.
+Und vielleicht l&auml;&szlig;t sich auch noch irgendwo &#8217;n
+kleines Stipendium losmachen.&laquo;</p>
+
+<p>Hilde hatte M&uuml;he, ihre Tr&auml;nen zu unterdr&uuml;cken.</p>
+
+<p>&raquo;Also austreten is nich. Det schlagen S&#8217;
+sick man aus&#8217;m Kopf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht, wie ich Ihnen danken soll,
+Herr Direktor,&laquo; stotterte Hilde.</p>
+
+<p>&raquo;Is auch jar nich n&ouml;tig. Halten Se man&#8217;n
+Kopf hoch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielen, vielen Dank, Herr Direktor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte&laquo; sagte Korn <em class="gesperrt">nicht</em>; all dergleichen
+&Uuml;berfl&uuml;ssigkeiten verachtete er.</p>
+
+<p>So war nun der &auml;u&szlig;ersten Not gewehrt,
+aber freilich nur der &auml;u&szlig;ersten. Wohl hatte sie
+sechs Freitische: aber die Woche hatte noch immer
+sieben Tage, und auch am Morgen und am
+Abend empfindet der Mensch ein Bed&uuml;rfnis nach
+Nahrung. Damit nun ihre Mitsch&uuml;lerinnen nicht
+auf den Gedanken verfielen, da&szlig; sie nichts zu
+essen habe, versagte sie sich das Abendbrot:
+dann hatte sie ein paar Groschen f&uuml;r ein Fr&uuml;hst&uuml;ck.
+Auch war es f&uuml;r ein siebzehnj&auml;hriges
+M&auml;dchen ein unheimliches Wohnen hoch oben
+in dem verlassenen Schulhause, und in verzweifelten
+Augenblicken fl&uuml;chtete sie sich in den
+<!-- Page 405 --><span class='pagenum'><a name="Page_405" id="Page_405">[405]</a></span>
+Keller, an den Herd der Schuldienerfamilie.
+Aber es kam die Pr&uuml;fung, die sie mit Auszeichnung
+bestand, und mit ihr kam das befreiende
+Gehalt von achthundert Mark <em class="antiqua">pro anno</em>. Als
+sie die erste Vierteljahrsrate empfangen hatte,
+zahlte sie zun&auml;chst alle ihre Schulden, und dann
+ging sie hin und kaufte f&uuml;r die Schuldienerfrau
+ein Geschenk, weil sie der Meinung war,
+da&szlig; man erwiesene Freundlichkeiten vergelten
+m&uuml;sse, sobald man die Mittel dazu habe. Ihre
+Sympathie mit Ludwig Semper war nicht ohne
+einen tiefen Grund.</p>
+
+<p>Inzwischen aber war der reiche Onkel in
+Griechenland gestorben, der Besitzer gro&szlig;er
+Marmorbr&uuml;che, der &raquo;K&ouml;nig der Mainotten&laquo;, der
+einmal gesagt hatte, wenn Hilde gro&szlig; sei, solle
+sie seine K&ouml;nigin werden. Wie ein Meteor war
+er damals aufgetaucht und verschwunden. Nun
+war er tot, und alle Verwandten reisten nach
+Griechenland, um die Erbschaft in Empfang
+zu nehmen, nur die Chavonnes nicht; denn die
+hatten kein Geld zum Reisen. Und nach einiger
+Zeit hie&szlig; es, die Chavonnes seien bei der Erbschaft
+ausgefallen, der Onkel habe sie in seinem
+Testament nicht bedacht. Um ihrer Geschwister
+willen ging Hilde zu einem Anwalt, und der
+erkl&auml;rte, wenn man viel Geld habe, k&ouml;nne man
+nach Griechenland prozessieren. &raquo;Das haben wir
+nicht,&laquo; sagte Hilde und ging mit dem ruhigsten
+Herzen von der Welt von dannen. Sie war
+ja imstande, sich selbst zu helfen; ihre Schwestern
+<!-- Page 406 --><span class='pagenum'><a name="Page_406" id="Page_406">[406]</a></span>
+hatten ihr Auskommen, und ihren Bruder, der
+ein Handwerk lernte, konnte sie immerhin mit
+Taschengeld versorgen. In solcher Verm&ouml;genslage
+sich mit den Verwandten um Geld schlagen?
+Wozu?</p>
+
+<p>Auch bekam sie ja Privatstunden, mehrere
+Privatstunden an der Schule einer unglaublich
+frommen Schulvorsteherin. Aber Hilde hatte
+nicht mehr die Fr&ouml;mmigkeit der Gro&szlig;mutter;
+eine andere Fr&ouml;mmigkeit war in ihr emporgewachsen.
+Und als die gute alte Dame, die
+die junge Lehrerin ob ihres Wissens und ihres
+Lehrgeschicks nicht genug r&uuml;hmen konnte, ihr
+auch den Geschichtsunterricht &uuml;bertragen wollte,
+da lehnte sie ab.</p>
+
+<p>&raquo;Das kann ich nicht,&laquo; sagte sie. &raquo;Ich habe
+geh&ouml;rt, wie Sie den Geschichtsunterricht erteilen.
+Sie geben einen frommen Geschichtsunterricht;
+&uuml;berall sehen Sie Gottes F&uuml;gung. Das &#8211;
+das kann ich nicht. Wenigstens <em class="gesperrt">so</em> nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Da sah das kleine alte Fr&auml;ulein Paulsen
+geraden Blickes hinauf in Hilde Chavonnes
+weit offene, dunkelleuchtende Augen und sagte:
+&raquo;Geben Sie nur ruhig den Geschichtsunterricht.
+Was Sie tun, kann nicht schlecht sein.&laquo;</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 407 --><span class='pagenum'><a name="Page_407" id="Page_407">[407]</a></span>
+<a name="LIV_Kapitel" id="LIV_Kapitel"></a>LIV. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus ringt mit h&ouml;heren T&ouml;chtern und besteht ein
+schweres Examen nur mangelhaft.</div>
+
+<p><span class="bigletter">A</span>ls Hilde geendet hatte, ergriff Asmus leise
+ihre Hand und bedeckte sie mit langen, and&auml;chtigen
+K&uuml;ssen. Das viele Leid, das sie erlitten,
+hatte sie ihm zwiefach geheiligt. Er unterschied
+sich insofern gewi&szlig; nicht von anderen
+Menschen, als ihm Geld und Gut keineswegs
+zu den unn&ouml;tigen und unerfreulichen Dingen
+geh&ouml;rten; aber doch schien es ihm, da&szlig; er dies
+M&auml;dchen um seiner Armut und seiner K&auml;mpfe
+willen nun doppelt und dreifach liebe. Auch
+war die Armut etwas, das nun mit jedem Tage
+mehr schwinden mu&szlig;te. N&auml;chste Ostern bekam
+er schon 1600 Mark Gehalt; dann wollten sie
+heiraten.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Was? Ostern wollt ihr schon heiraten?&laquo;
+rief Frau Rebekka.</p>
+
+<p>&raquo;Bald nach Ostern, ja.&laquo;</p>
+
+<p>Das schien gar nicht nach Rebekkens Sinne
+zu sein.</p>
+
+<p><!-- Page 408 --><span class='pagenum'><a name="Page_408" id="Page_408">[408]</a></span>
+&raquo;Ich la&szlig; euch deshalb ja nicht im Stich,&laquo;
+sagte Asmus. &raquo;Hab&#8217; deshalb nur keine Sorge.&laquo;
+Von den 1600 Mark und von den 200 Mark,
+die er mit Privatstunden verdiente, konnte er
+seinen Eltern ja leicht noch abgeben, ohne da&szlig;
+er und sein Weib Mangel litten.</p>
+
+<p>Die 200 Mark waren allerdings ein hartes
+Brot. Wenn er in seiner Schule fertig war,
+hastete er nach einer &raquo;H&ouml;heren T&ouml;chterschule&laquo;,
+um dort im Singen und im deutschen Aufsatz
+zu unterrichten. Es waren richtige &raquo;h&ouml;here&laquo;
+T&ouml;chter, das hei&szlig;t sie hatten das Bewu&szlig;tsein,
+zu den h&ouml;heren Dingen zu geh&ouml;ren. In den
+sogenannten besseren Hamburger Familien ist
+der Klassend&uuml;nkel nicht selten bis zur vollkommenen
+Verblendung entwickelt, und dieser
+traditionelle Geist oder Ungeist &uuml;bertr&auml;gt sich
+auf die Kinder. Es waren wohl liebe und gescheite
+M&auml;dchen darunter; eine gro&szlig;e Anzahl
+aber ging von dem Grundsatze aus: &raquo;Wie k&auml;men
+wir dazu, zu antworten und uns anzustrengen;
+unser Vater bezahlt ja.&laquo; Asmus kam bald dahinter,
+da&szlig; seine Meinung, die wohlgepflegten
+Kinder reicher und &raquo;guter&laquo; Familien zu unterrichten
+und zu erziehen, sei keine Kunst, ein
+ganz erheblicher Irrtum gewesen war. Im
+Gegenteil; er stie&szlig; hier gelegentlich auf raffinierte
+Niedertr&auml;chtigkeiten und herzlose T&uuml;cken,
+die weit betr&uuml;bender und hoffnungsloser waren
+als die Roheiten seiner Sch&uuml;ler aus der Hafengegend.
+Dazu waren die Machtmittel des
+<!-- Page 409 --><span class='pagenum'><a name="Page_409" id="Page_409">[409]</a></span>
+Lehrers hier geringer. Einen L&uuml;mmel unter
+den Jungen nahm man, wenn&#8217;s not tat, beim
+Ohr oder versetzte ihm eine Ohrfeige &#8211; er
+hielt den K&ouml;rper eines Schlingels nicht f&uuml;r unantastbar
+und erinnerte sich sehr gut, da&szlig; manche
+der Schl&auml;ge, die er als Junge empfangen, ebenso
+begr&uuml;ndet als n&uuml;tzlich gewesen waren &#8211; aber
+dergleichen Mittel waren bei M&auml;dchen freilich
+ausgeschlossen. Obendrein standen die meisten
+seiner Sch&uuml;lerinnen im zw&ouml;lften oder dreizehnten
+Lebensjahre, das will sagen: in den weiblichen
+Flegeljahren. Er bem&uuml;hte sich, seinen Unterricht
+so anziehend wie m&ouml;glich zu gestalten; aber
+eine ganze Reihe dieser Damen war gleichwohl
+von der Existenzberechtigung eines Lehrers nicht
+zu &uuml;berzeugen. Endlich fand er dennoch ein
+Mittel, sie zu b&auml;ndigen. Wenn eine sich mit
+besonderer Wohligkeit auf den passiven Widerstand
+verlegte, so las er einfach der Klasse ihren
+Aufsatz vor. Das half. Wenn er las:</p>
+
+<p>&raquo;Antigone hatte sich an dem zarten Bande
+ihres Schleiers emporgekn&uuml;pft,&laquo; oder &raquo;Schiller
+setzte dem wackeren Pfarrer Moser in seinen
+&raquo;R&auml;ubern&laquo; ein Denkmal, indem er den R&auml;uberhauptmann
+nach ihm benannte,&laquo; oder &raquo;Er
+konnte den unbequemen Laut seines Innern
+nicht zum Schweigen bringen&laquo;; und wenn dann
+alles in st&uuml;rmische Heiterkeit ausbrach (auch die,
+die Schlimmeres geschrieben hatten), dann f&uuml;hlten
+sie doch etwas wie das Walten einer Nemesis.
+Asmus hatte entdeckt, da&szlig; die weibliche
+<!-- Page 410 --><span class='pagenum'><a name="Page_410" id="Page_410">[410]</a></span>
+Seele au&szlig;erordentlich empfindlich ist gegen den
+Spott, und von nun an brauchte er nur zu
+sagen:</p>
+
+<p>&raquo;Bertha Klapp, ich werde n&auml;chstens wieder
+einen Aufsatz vorlesen &#8211;&laquo;
+dann wurde Bertha ohne weiteres umg&auml;nglich.</p>
+
+<p>Von solchen und anderen Strapazen erholte
+er sich, indem er sich unter Hildens Oberaufsicht
+zum zweiten Examen vorbereitete, zu jenem
+Examen, das die feste Anstellung gew&auml;hrleistete.
+Es war die lustigste und erfrischendste B&uuml;ffelei
+von der Welt. Sie pilgerten hinaus in jenen
+anmutigen Garten &raquo;Zum Morgenstern&laquo;, wo
+sie sich um Erika und Calluna gestritten hatten,
+setzten sich in eine Laube und tranken Kaffee.
+Dann gab er ihr den betreffenden Schm&ouml;ker in
+die Hand, und sie fragte ihn mit redlichem
+Eifer, was darin stand. Es war eine der
+schwersten Pr&uuml;fungen, die man sich denken kann,
+viel schwerer als die gew&ouml;hnlichen; denn gew&ouml;hnlich
+haben die Examinatoren nicht solche
+Augen, solche Nase, solche Wangen, solchen
+Mund, solches Haar, solche Stimme! Eine
+Stunde wohl und l&auml;nger gab er ihr treulich
+auf alles Bescheid, bis ihm die Sache doch zu
+unnat&uuml;rlich wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Einen Schlu&szlig; nach Celarent,&laquo; verlangte sie
+von ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Einen Schlu&szlig; nach Celarent? <em class="antiqua">Bon!</em>&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 411 --><span class='pagenum'><a name="Page_411" id="Page_411">[411]</a></span>
+Kein Weib ist sch&ouml;n (nach Schopenhauer)!</p>
+
+<p>Alle Hilden sind Weiber.</p>
+
+<p>Also keine Hilde ist sch&ouml;n.&laquo;</p>
+
+<p>Sie drohte mit dem Finger. &raquo;Herr Semper?
+Ich werde Sie durchfallen lassen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach bitte, Herr Professor, lassen Sie mich
+nicht durchfallen, ich m&ouml;chte so gern heiraten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haha, heiraten wollen Sie? Wen denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein entz&uuml;ckendes, ein wonniges, ach Gott,
+ein &#8211; Sie haben ja keine Ahnung, Herr Professor.
+Erlauben Sie, da&szlig; ich Sie k&uuml;sse&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&auml;llt Ihnen ein!&laquo; Sie stie&szlig; ihn auf
+seinen Platz zur&uuml;ck. &raquo;Bilden Sie einen Schlu&szlig;
+nach Darii!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Darii? Wie Sie wollen.</p>
+
+<p>Alle Basen f&auml;rben rotes Lackmuspapier blau.</p>
+
+<p>Hilde ist eine Base.</p>
+
+<p>Also f&auml;rbt Hilde rotes Lackmuspapier blau.&laquo;</p>
+
+<p>Dann sah sie wohl ein, da&szlig; mit ihm nichts
+mehr anzufangen sei; sie klappte lachend das
+Buch zusammen und schlug ihm damit auf die
+Finger.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber, s&uuml;&szlig;er Professor,&laquo; rief er, &raquo;die
+Logik, die Sie mir da abfragen, ist ja der gottvergessenste
+formalistische Quatsch, ist ja das
+blankste scholastische Blech von der Welt! Bevor
+ich etwas davon wu&szlig;te, hab&#8217; ich genau so konsequent
+gedacht wie jetzt, oder konsequenter. Ach
+bitte, Herr Professor, tun Sie Ihr T&auml;schchen
+auf und geben Sie mir vom Brote des Lebens.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 412 --><span class='pagenum'><a name="Page_412" id="Page_412">[412]</a></span>
+Dann verzehrten sie den Proviant, den Hilde
+mitgebracht und den sie mit gewohnter Delikatesse
+bereitet hatte; er lie&szlig; es sich mit Ausdauer
+schmecken und meinte: &raquo;Die Brotgelehrten
+haben doch nicht so ganz unrecht.&laquo;</p>
+
+<p>Zu solchen Stunden brachte er wohl auch
+trotz aller Examenb&uuml;ffelei ein Gedicht mit, und
+eines Tages brachte er ihr eins, das eine &raquo;hartn&auml;ckige
+Liebe&laquo; besang.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht.</span>
+<span class="i0">Er rettete damals die beiden D&auml;nen,</span>
+<span class="i0">Ihr wi&szlig;t wohl &#8211; es wollte keiner dran &#8211;</span>
+<span class="i0">Er ri&szlig; sie dem blanken Hans aus den Z&auml;hnen.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun war da die Antje Nissen &#8211; ei ja,</span>
+<span class="i0">Die mochte dem starken Jan wohl taugen!</span>
+<span class="i0">Schmuck war sie, alles was recht ist &#8211; man blo&szlig;:</span>
+<span class="i0">Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts.</span>
+<span class="i0">Und so freit&#8217; er um Antje. Sie ziert&#8217; sich nicht lange</span>
+<span class="i0">Und sagte Ja und ward seine Braut.</span>
+<span class="i0">Aber als sie&#8217;s war, da ward ihm doch bange.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg!</span>
+<span class="i0">Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen,</span>
+<span class="i0">Dann ist die Hochzeit. Sie l&auml;&szlig;t mich nicht los.</span>
+<span class="i0">
+<!-- Page 413 --><span class='pagenum'><a name="Page_413" id="Page_413">[413]</a></span>
+Aber sie ist ein Stachelrochen.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da &#8211; denkt euch &#8211; da kommt ihm Hilf&#8217; in der Not!</span>
+<span class="i0">Bei S&uuml;ds&uuml;dost wird Jan Reimers verschlagen &#8211;</span>
+<span class="i0">Er rennt auf die Klippen &#8211; das Schiff zerkracht &#8211;</span>
+<span class="i0">Eine Planke hat ihn nach England getragen.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sein erster Gedanke war: &raquo;Jung, wat&#8217;n Gl&uuml;ck,</span>
+<span class="i0">Nu bin ick verschollen! Das &#8217;s Gottes Wille!&laquo;</span>
+<span class="i0">Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag</span>
+<span class="i0">Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sein Ewer freilich war Grus und Mus.</span>
+<span class="i0">&raquo;Na ja,&laquo; denkt Jan, &raquo;wat is dor Slimm&#8217;s bi!</span>
+<span class="i0">Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.&laquo;</span>
+<span class="i0">Und er lebte drei Jahre vergn&uuml;gt in Grimsby.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber die Welt ist ein Rattenloch.</span>
+<span class="i0">Ein Landsmann mu&szlig; ihn gesehen haben. &#8211;</span>
+<span class="i0">Jan bummelt am Hafen, die F&auml;ust&#8217; in der Tasch&#8217;,</span>
+<span class="i0">Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben &#8211;</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da h&ouml;rt er pl&ouml;tzlich &#8211; ihm schie&szlig;t&#8217;s in die Knie &#8211;</span>
+<span class="i0">Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme:</span>
+<span class="i0">&raquo;Jan Reimers! Jan Reimers!&laquo; Ihm war&#8217;s als rief</span>
+<span class="i0">Des j&uuml;ngsten Tages Posaun&#8217; ihn mit Grimme!</span>
+<span class="i0"><!-- Page 414 --><span class='pagenum'><a name="Page_414" id="Page_414">[414]</a></span></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub!</span>
+<span class="i0">Da ruft Antje Nissen: &raquo;Du solltest dich sch&auml;men!</span>
+<span class="i0">Nun tu&#8217; doch nicht so, als wenn du nicht h&ouml;rst.</span>
+<span class="i0">Du Feigling, du!&laquo;</span>
+<span class="i8">Da mu&szlig;t&#8217; er sie nehmen.</span>
+</div></div>
+
+<p>Sie lachte, als er geendet hatte, und dann
+nahm er noch einmal das Blatt und schrieb
+mit Bleistift oben &uuml;ber das Gedicht:</p>
+
+<div class="blockquot">
+&raquo;Meiner Antje Nissen<br />
+In Schauern der Ehrfurcht gewidmet.&laquo;<br />
+</div>
+
+<p>Da lachte sie noch herzlicher, und ihr Lachen
+f&uuml;hrte immer unfehlbar zum K&uuml;ssen. Vom
+K&uuml;ssen kamen sie dann wieder ins Lachen, kurz,
+es war der alte wohlbekannte <em class="antiqua">circulus vitiosus</em>
+der ja in der Logik eine wichtige Rolle spielt.</p>
+
+<p>Es kann nicht von allen Szenen dieser Art
+berichtet werden, um so weniger, als sie f&uuml;r den
+&auml;lteren Leser eher &auml;rgerlich als unterhaltend
+sind. Nur so viel sei gesagt: Sie liebten sich
+so z&auml;rtlich, da&szlig; sie die z&auml;rtlichen Worte und
+Kosenamen unseres Sprachschatzes l&auml;ngst verbraucht
+hatten und, wenn sie ihre ganze Liebe
+in ein recht von Grund aus ersch&ouml;pfendes Wort
+pressen wollten, zu Injurien greifen mu&szlig;ten.
+Wenn er sie zu hart angefa&szlig;t hatte, rief sie
+mit einem goldenen Lachen in den Augen: &raquo;Du
+Gassenjunge du, du Rowdy!&laquo; und er fl&uuml;sterte
+<!-- Page 415 --><span class='pagenum'><a name="Page_415" id="Page_415">[415]</a></span>
+mit &uuml;berquellendem Jubel: &raquo;Du Hexe du, du
+Teufelsweib!&laquo; und meistens, wenn sie dergleichen
+gesagt hatten, kam gerade der Kellner. Asmus
+Semper war damals noch recht unbekannt, sonst
+w&uuml;rde gewi&szlig; eines Tages in den Zeitungen gestanden
+haben, da&szlig; er und seine Braut sich
+&raquo;Hexe&laquo; und &raquo;Gassenjunge&laquo; schimpften.</p>
+
+<p>Wenn sie dann nach der hochnotpeinlichen
+Pr&uuml;fung an die Elbe hinunterwanderten, sich
+in den Sand streckten und die Schiffe kommen
+und gehen sahen, wenn Hilde heimlich herbeischlich,
+ihr Gesicht leise &uuml;ber das seine neigte
+und ihn k&uuml;&szlig;te, wenn dann alles Gl&uuml;ck der
+Kindheitserinnerung mit dem Gl&uuml;ck der Gegenwart
+in Asmussens Herzen zusammenschmolz,
+dann mu&szlig;te er laut oder schweigend ein Dankgebet
+sprechen. Er, dem in tr&uuml;ben und schweren
+Tagen nie der Gedanke an einen pers&ouml;nlichen,
+v&auml;terlich waltenden Gott kam, in Augenblicken
+&uuml;berw&auml;ltigenden Gl&uuml;ckes hatte er das Bed&uuml;rfnis
+nach irgendeinem Wesen, dem er danken k&ouml;nne,
+und unter Lachen und Tr&auml;nen rief er stumm
+oder mit lautem Jubel in den Himmel hinauf:
+&raquo;Herrgott, du verw&ouml;hnst mich, du verw&ouml;hnst
+mich entschieden! Lieber Gott, la&szlig; mich nicht
+ersticken in meinem Gl&uuml;ck!&laquo;</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 416 --><span class='pagenum'><a name="Page_416" id="Page_416">[416]</a></span>
+<a name="LV_Kapitel" id="LV_Kapitel"></a>LV. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Zeichnet sich durch K&uuml;rze aus, die aber nicht Schuld
+des Verfassers ist.</div>
+
+<p><span class="bigletter">N</span>ach dem zweiten Examen wollte Murow,
+der Seminardirektor, ihn an die Seminarschule
+ziehen. Aber Asmus lehnte abermals
+dankend ab.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Und bald darauf machten die beiden sich
+auf, eine Wohnung zu suchen. In einer westlichen
+Vorstadt Hamburgs, in einem Hinterh&auml;uschen,
+fanden sie zwei Zimmer, eine Kammer
+und eine K&uuml;che. Als sie diese R&auml;ume sahen,
+waren sie mit einem einzigen Blicke einverstanden:
+Hier kann das Gl&uuml;ck wohnen. Als
+Asmus dem Hauswirt den &raquo;Gottespfennig&laquo; in
+die Hand dr&uuml;ckte, war der erstaunt &uuml;ber die
+Gr&ouml;&szlig;e des Geldst&uuml;cks. Es war ein Taler.
+Heute konnte Asmus es sich leisten, Grundeigent&uuml;mer
+zu beschenken. Er war dem Manne
+so dankbar, da&szlig; er ihm die reizende Wohnung
+abgelassen hatte!</p>
+
+<p>Als er aber f&uuml;r einen Aufsatz, den er in
+einer Zeitschrift ver&ouml;ffentlicht hatte, ein ansehnliches
+<!-- Page 417 --><span class='pagenum'><a name="Page_417" id="Page_417">[417]</a></span>
+Honorar empfangen hatte, schenkte er der
+Geliebten ein Kleid von wei&szlig;er Seide, und ihre
+Kolleginnen und Freundinnen schenkten ihr dazu
+einen Einsatz von k&ouml;stlicher Stickerei. Wie eine
+K&ouml;nigin sollte sie aussehen.</p>
+
+<p>Die Ausstattung der k&uuml;nftigen Wohnung
+war ein ununterbrochenes Fest. Jeder Stuhl
+und jedes Kissen war eine Freude f&uuml;r sich, und
+wenn sie ein Dutzend Teller kauften, so waren
+es zw&ouml;lf Freuden auf einmal. Als aber am
+Abend vor der Hochzeit die Freundinnen zu
+Hilden in das k&uuml;nftige Heim kamen, um die
+letzte Hand an den Brautputz zu legen, siehe,
+da hatte der treuherzige Handwerksmann die
+l&auml;ngst versprochenen Sitzm&ouml;bel noch immer nicht
+geliefert. Kurz entschlossen setzten sich die M&auml;dchen
+in einem Kreis um Hilden herum auf den
+Fu&szlig;boden und durchflochten ihr heiteres Werk
+mit Lachen und Singen.</p>
+
+<p>In einem Gartenlokal am Elbufer sollte
+die Hochzeit gefeiert werden. Nicht umsonst zog
+es ihn in heiligen Tagen seines Lebens immer
+wieder an diesen Strom; auf seinen Fluten
+war die Seele des Knaben und des J&uuml;nglings
+von je in alle Fernen der Hoffnung gewandert.</p>
+
+<p>Mit Wolken und leisem Regen begann der
+Hochzeitstag, und auch, als sie aus dem Wagen
+stiegen, regnete es ein wenig. &raquo;Es regnet in
+die Brautkrone,&laquo; sagte eine abergl&auml;ubische Verwandte,
+&raquo;das bedeutet Gl&uuml;ck&laquo;. Und dann ward
+<!-- Page 418 --><span class='pagenum'><a name="Page_418" id="Page_418">[418]</a></span>
+es ein stiller, wolkenloser, in seiner eigenen
+Sch&ouml;nheit seliger Maientag.</p>
+
+<p>Ludwig Semper und Goers der Riese
+waren Trauzeugen gewesen, und als nun
+Goers, der G&uuml;tige, sich zu einem Trinkspruch
+auf das Brautpaar erhob und ihm aus treuem,
+lauterem Herzen eine Schar von bl&uuml;henden
+Kindern w&uuml;nschte, da err&ouml;tete Hilde wohl, aber
+nicht in Unwillen, sondern in einem wirbelnden
+Gef&uuml;hl von Scham und Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Und als sie noch beim bescheidenen Mahle
+sa&szlig;en, erklang pl&ouml;tzlich ein langer, sanfter
+Geigenton; die T&uuml;ren des kleinen Saales taten
+sich auf, wie von Geisterhand ge&ouml;ffnet, und von
+einem feinen und sauberen Streichquartett klang
+es herein:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Treulich gef&uuml;hrt, ziehet dahin,</span>
+<span class="i0">Wo euch der Segen der Liebe bewahr&#8217;!</span>
+<span class="i0">Siegreicher Mut, Minnegewinn</span>
+<span class="i0">Eint euch in Treue zum seligsten Paar.</span>
+</div></div>
+
+
+<p>Und am Pulte des ersten Geigers sa&szlig; niemand
+anders als Morieux.</p>
+
+<p>Asmus war aufs freudigste ergriffen von
+diesem zarten Geschenk; die Streicher wurden
+im Triumph an den Tisch geholt, und als
+alle genug gegessen und getrunken hatten, erhob
+man sich zum Tanz. Asmus und Hilde
+aber bestiegen den lange schon wartenden Wagen
+zur Hochzeitsreise nach dem Hinterh&auml;uschen in
+der westlichen Vorstadt.</p>
+
+<p><!-- Page 419 --><span class='pagenum'><a name="Page_419" id="Page_419">[419]</a></span>
+Als sie an seinem Elternhause vor&uuml;berfuhren,
+neigte er sich ans Wagenfenster und
+sah so lange hinaus, bis das Haus seinen Blicken
+entschwunden war. In diesem Augenblick fuhr
+ihm wie ein Blitz ein k&uuml;nftiges Gedicht durchs
+Herz, und einige Tage sp&auml;ter schrieb er es auf.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i4"><em class="gesperrt">Am Hochzeitstage.</em></span>
+</div>
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Laut rollt der Hochzeitswagen durch die Gasse.</span>
+<span class="i0">Wir ruhen drin, zu stillem Gl&uuml;ck geeint.</span>
+<span class="i0">Sieh, wie die Sonne gl&auml;nzt durch Regenwolken:</span>
+<span class="i0">Die Hoffnung lacht &#8211; und die Erinn&#8217;rung weint.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So ist&#8217;s ein Fest der Wonne wie der Trauer.</span>
+<span class="i0">Ich f&uuml;hl&#8217;s, da neue Liebe mich begl&uuml;ckt,</span>
+<span class="i0">Wie lang genoss&#8217;ne, unvergoltne Liebe</span>
+<span class="i0">Mit schwerem Vorwurf meine Seele dr&uuml;ckt.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Eltern denk&#8217; ich, der verlass&#8217;nen, alten,</span>
+<span class="i0">Und w&auml;hrend mich dein Zauber sanft umgibt,</span>
+<span class="i0">Erfa&szlig;t es mich mit wehmutsvoller Mahnung,</span>
+<span class="i0">Wie z&auml;rtlich sie mich je und je geliebt.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie lie&szlig;en mich den Traum der Jugend tr&auml;umen,</span>
+<span class="i0">
+<!-- Page 420 --><span class='pagenum'><a name="Page_420" id="Page_420">[420]</a></span></span>
+<span class="i0">Leicht schlug mein Herz! &#8211; ihr Haupt war sorgenschwer.</span>
+<span class="i0">So zweifle nicht, wenn sich mein Auge feuchtet.</span>
+<span class="i0">Der Sommer prangt; ein Fr&uuml;hling kommt nicht mehr.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie rasch der Wagen rollt! Wir fliegen selig</span>
+<span class="i0">Und zukunftstrunken in die Welt hinaus.</span>
+<span class="i0">Euch Sternen meiner Jugend send&#8217; ich Gr&uuml;&szlig;e</span>
+<span class="i0">Ins abendrotumkr&auml;nzte, stille Haus.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Verzeiht dem hei&szlig;en Drang der jungen Seelen,</span>
+<span class="i0">Der euch des vielgeliebten Sohns beraubt.</span>
+<span class="i0">Unsterbliches Ged&auml;chtnis eurer Liebe</span>
+<span class="i0">Und Segen &uuml;ber euer greises Haupt!</span>
+</div></div>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 421 --><span class='pagenum'><a name="Page_421" id="Page_421">[421]</a></span>
+<a name="LVI_Kapitel" id="LVI_Kapitel"></a>LVI. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Ein l&auml;ngeres Kapitel, weil darin von einem Leuchtturm,
+einer Nachtigall, einem Kinde, einem Rosenberg und
+von noch einem Kinde berichtet werden mu&szlig;.</div>
+
+<p><span class="bigletter">W</span>enn Semper der Ehemann sich einen neuen,
+herzerquickenden Kunstgenu&szlig; bereiten
+wollte, dann lustwandelte er durch seine zwei
+Stuben, seine eine Kammer und seine K&uuml;che.
+Sie schimmerten und flimmerten, da&szlig; er sich
+nicht satt schauen konnte, und der phantasievolle
+Schlo&szlig;herr der bayrischen K&ouml;nigsschl&ouml;sser konnte
+mit seinen ungez&auml;hlten Millionen keine tiefere
+Befriedigung gewonnen haben als der junge
+Schlo&szlig;herr in der westlichen Vorstadt. Als
+Knabe hatte er einst getr&auml;umt, wenn er reich
+werde, wolle er sich ein gro&szlig;es Schlo&szlig; bauen
+mit hohen Bogenfenstern und Marmors&auml;ulen und
+Marmortreppen. Das war nun Wirklichkeit geworden,
+ohne Marmor und Bogenfenster, und
+doch alle Luftschl&ouml;sser &uuml;bertreffend. Wenn er
+auf dem Sofa lag und die Blicke &uuml;ber Wand
+und Decke, Schrank und B&uuml;cherbrett wandern
+lie&szlig;, und wenn er sich dann den &auml;rmlichen
+<!-- Page 422 --><span class='pagenum'><a name="Page_422" id="Page_422">[422]</a></span>
+Hausrat des Elternhauses vorstellte, dann dachte
+er: ich bin ein Empork&ouml;mmling; mit rasender
+Geschwindigkeit bin ich emporgekommen. Er erinnerte
+sich, gelesen zu haben, da&szlig; innerhalb
+desselben Geschlechtes nach einem Aufstieg mit
+einer gewissen Regelm&auml;&szlig;igkeit eine &raquo;Decadence&laquo;
+der folgenden Generationen eintrete, und mit
+Wehmut erf&uuml;llte ihn der Gedanke, da&szlig; sp&auml;tere
+Nachkommen von ihm gezwungen sein k&ouml;nnten,
+diese strahlende H&ouml;he wieder zu verlassen. Er
+wu&szlig;te freilich noch gar nicht, ob er &uuml;berhaupt
+Nachkommen haben werde.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Nun war aber an seiner ganzen Wohnstatt
+ganz gewi&szlig; nichts Kostbares im allt&auml;glichen
+Sinne, und manche Frau trug in einem Ohrl&auml;ppchen
+ein weit gr&ouml;&szlig;eres Verm&ouml;gen, als dieses
+ganze Schmuckk&auml;stchen mit allem, was darin
+war, gekostet hatte. Was dieser Heimstatt f&uuml;r
+die Seele des jungen Mannes den unnennbaren
+Glanz gab, das war sein Gl&uuml;ck; was ihr aber
+auch f&uuml;r das Auge Sch&ouml;nheit verlieh, das war
+Hildens Hand. Nicht umsonst war sie die Jahre
+hindurch, als die Mutter krank lag, das alles
+umsorgende, alle betreuende Hausm&uuml;tterchen gewesen.
+Und die Mutter war wie die Mutter
+des Goetheschen Gretchens gewesen. &raquo;Bei der
+Frau Chavonne kann man vom Fu&szlig;boden
+essen,&laquo; hatte es bei den Nachbarinnen gehei&szlig;en,
+und Nachbarinnen sind streng. Diese Tradition
+hielt Hilde aufrecht. Und wie es nun einmal
+wahr ist, da&szlig; die Grazien den, den sie lieben,
+<!-- Page 423 --><span class='pagenum'><a name="Page_423" id="Page_423">[423]</a></span>
+in keiner Lage und zu keiner Stunde verlassen,
+so blieb ihre Anmut ihr auch bei den gr&ouml;bsten
+Verrichtungen treu. Und sie durfte vor grober
+Arbeit nicht zur&uuml;ckscheuen; denn fremde Dienste
+konnten sich die jungen Semper nur als seltene
+Aushilfe gestatten. Aber sie dachte auch nicht
+daran, vor irgendeiner Arbeit zur&uuml;ckzuschrecken;
+in l&auml;chelnder Ruhe stand sie &uuml;ber jedem beschr&auml;nkten
+Hochmut. Arbeit hatte sie geadelt,
+und sie adelte die Arbeit.</p>
+
+<p>Und wenn man nun bedenkt, da&szlig; jeden
+Abend, wenn sie zur Ruhe gegangen, die Nachtigall
+in ihr Geplauder, in ihre Tr&auml;ume, in
+ihren ersten Schlummer sang! Hinter den Fenstern
+ihres Schlafgemaches standen bl&uuml;hende
+Apfelb&auml;ume und andere B&auml;ume, auch ein Goldregen,
+dessen Bl&uuml;ten herabhingen wie goldene
+Lampen in einem d&auml;mmergr&uuml;nen Dom. Und
+aus einem der B&auml;ume sang Abend f&uuml;r Abend
+die Nachtigall. Mitten in ihrem Liebesgeplauder
+verstummten sie oft entz&uuml;ckt und sagten: &raquo;H&ouml;r&#8217;
+nur &#8211; h&ouml;r&#8217; nur!&laquo; Ja, oft horchten sie fast erschrocken
+auf; denn es hatte geklungen wie eines
+Menschen weinende, schwellende, verhauchende
+Klage; dann wieder war es wie ein pl&auml;tschernder
+Quell, durch den das Mondlicht gl&auml;nzt. Alle
+V&ouml;gel haben ihre wiederkehrende Weise, dachte
+Asmus; nur sie hat immer neue Weisen; nie
+singt sie zweimal dasselbe; sie ist das Genie,
+dem die Welt immer neu erscheint, das immer
+Neues erkennt und Neues singt. Aller Vogelgesang
+<!-- Page 424 --><span class='pagenum'><a name="Page_424" id="Page_424">[424]</a></span>
+ist lieblich; aber sie allein hat Kraft und
+Milde, sie allein hat Lust und Tiefe zugleich.
+Darum ist sie die S&auml;ngerin der Liebenden. Denn
+mit Sinnenkraft und Herzensmilde die Welt
+ergreifen, von h&ouml;chster Geisteswonne bis zu
+tiefen Zuges trinkender Sinnlichkeit die Welt
+ausmessen: das ist Liebe. &raquo;Horch,&laquo; sagte Asmus,
+&raquo;wie langsam und klagend sie auch ihr Lied
+beginnen mag, immer endet sie mit jubelndem
+Geschmetter. Sie ist eine Optimistin; sie glaubt
+an das Leben. Glaubst du auch daran?&laquo;</p>
+
+<p>Ja, wenn sie bei ihm war, glaubte sie
+daran; wenn sie allein war, konnte sie noch
+immer nicht fassen, da&szlig; das Leben nicht mehr
+ihr Feind sei. Sie konnte noch immer dem
+neuen Gesicht des Lebens nicht trauen; ihr Vertrauen
+war in einem langen Winter bis auf den
+Grund gefroren, und jahrelangen Sonnenscheins
+bedurfte es, diesen See wieder bis zum Grunde
+zu erw&auml;rmen.</p>
+
+<p>Noch blieb ihnen die Sonne treu. Herrgott,
+wie es sich arbeitete in diesen ewig sonnt&auml;glichen
+R&auml;umen! Und als er eines Mittags aus
+der Schule kam, sah er es Hildens Gesicht an,
+da&szlig; etwas Gutes passiert sei.</p>
+
+<p>&raquo;Wieviel erwartest du noch vom &raquo;Leuchtturm&laquo;?
+fragte sie gespannt.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;nfundsiebzig Mark.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er schickt hundert!&laquo; Asmus ri&szlig; den Begleitbrief
+auf und las: &raquo;Es entfallen auf Ihren
+Beitrag eigentlich nur f&uuml;nfundsiebzig Mark;
+<!-- Page 425 --><span class='pagenum'><a name="Page_425" id="Page_425">[425]</a></span>
+aber wir schicken Ihnen mit Vergn&uuml;gen hundert,
+wenn Sie uns bald wieder bedenken
+wollen.&laquo; Er schlang Hilden den Arm um die
+Taille und tanzte mit ihr durchs Zimmer. In
+solchen Augenblicken tanzte er sogar gut.</p>
+
+<p>F&uuml;nfundzwanzig Mark wie vom Himmel
+gefallen! Sie kamen ja noch immer so eben,
+eben aus; aber sie konnten es schon brauchen.</p>
+
+<p>Aber es war doch noch eine ganz winzige
+Freude, eine wahre Lumpenfreude gegen die
+Freude eines andern Tages, jenes Tages, da
+sie ihm verriet, sie habe sichere Anzeichen daf&uuml;r,
+da&szlig; sie nicht immer allein bleiben w&uuml;rden. Da
+tanzte er nicht mit ihr, da zog er sie sacht auf
+seine Knie herab und hielt lange, lange ihren
+Kopf an seiner Brust, als m&uuml;&szlig;t&#8217; er sie nun
+beh&uuml;ten auch vor dem leisesten Leid der Welt.</p>
+
+<p>Ja, das Schicksal war ihm in diesen Tagen
+hold gesinnt, und manchmal schon hatte er sich
+im stillen gefragt, wieviel es ihm abziehen
+werde, und was, und wann? Aber es schien
+an keinen Abzug zu denken; im Gegenteil; es
+schenkte ihm in dieser Zeit zu allem Gl&uuml;ck noch
+einen neuen und echten Freund. Er hatte in
+einem Lehrerverein einen Vortrag &uuml;ber Hamerling
+gehalten und damit unter anderen den
+Beifall eines j&uuml;dischen Lehrers gefunden, der
+ihm nach dem Vortrag als <em class="antiqua">Dr.</em> Rosenberg vorgestellt
+wurde. Asmus fand sofort an dem
+ganzen Manne ein gro&szlig;es Gefallen, an seinem
+sympathischen Gesicht, an seinem offenen und
+<!-- Page 426 --><span class='pagenum'><a name="Page_426" id="Page_426">[426]</a></span>
+doch bescheidenen und bei aller bescheidenen
+Zur&uuml;ckhaltung dennoch bewu&szlig;ten Wesen, an
+seinen Interessen und seinen Erlebnissen. Rosenberg
+war Philologe, war in Paris und London
+gewesen und erz&auml;hlte, wie er in London lange
+vergeblich seinen Unterhalt durch Stundengeben
+gesucht und wie, als er eines Tages wieder
+von einem vergeblichen Gange heimgekehrt sei
+und auf dem R&uuml;cken eines Buches den Namen
+&raquo;Schiller&laquo; gelesen habe, bei diesem Namen die
+Tr&auml;nen des bittersten Heimwehs unaufhaltsam
+hervorgebrochen seien. Es war der erste Jude,
+mit dem Asmus in n&auml;here pers&ouml;nliche Ber&uuml;hrung
+kam, und diese Begegnung war ihm so
+interessant und erfreulich, da&szlig; er den neuen
+Bekannten einlud, ihn zu besuchen. Rosenberg
+kam; Asmus erwiderte den Besuch, und auf
+die lebendigste Weise erwuchs nun ein Freundschaftsverh&auml;ltnis,
+das fast alle fr&uuml;heren Freundschaften
+Asmussens an Dauerhaftigkeit &uuml;bertreffen
+sollte.</p>
+
+<p>Als Rosenberg zum ersten Male bei Sempers
+gewesen war und die junge Frau Semper
+nur fl&uuml;chtig gesehen hatte, da hatte er, wie er
+sp&auml;ter gestand, im stillen gedacht: Er h&auml;tte
+doch so jung nicht heiraten sollen. Beim zweiten
+Besuche lernte er ganz anders denken und sah
+doch die junge Frau &uuml;berhaupt nicht. Und das
+hatte alles seine guten Gr&uuml;nde.</p>
+
+<p>Als Rosenberg seinen zweiten Besuch machte,
+war es wieder ein Maientag, der Tag vor
+<!-- Page 427 --><span class='pagenum'><a name="Page_427" id="Page_427">[427]</a></span>
+Pfingsten, und in grauender Fr&uuml;he dieses Tages
+hatte Hilde ihren Gatten geweckt und ihn gebeten,
+da&szlig; er die Wehmutter hole. Und dann
+folgte ein Tag, f&uuml;r Asmus wohl nicht viel
+leichter als f&uuml;r Hilden. Er wanderte in seinem
+Zimmer rastlos auf und ab, und am Nachmittag
+war er so weit, es laut vor sich hinzusprechen:
+&raquo;Ich will lieber kein Kind haben &#8211;
+wenn sie nur nicht mehr zu leiden braucht.&laquo; Ein
+furchtbares Gewitter brach los; unmittelbar &uuml;ber
+dem Hause war ein unabl&auml;ssiges Flammen und
+Krachen, und jeder Schlag traf ihn, weil er
+daran dachte, wie es sie erschrecken m&uuml;sse. Er
+hatte ihr angeboten, bei ihr zu sein; aber sie
+wollte mit der Wehmutter allein sein. Und erst
+um 7 Uhr des Abends vernahm er das Schreien
+eines Kindes; Isolde Semper war zur Welt
+gekommen. Als die W&auml;rterin der jungen Mutter
+das Kind zeigte, rief sie: &raquo;O, das ist ja Mutter
+Rebekka!&laquo; und sank in die Kissen zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Auf den Fu&szlig;spitzen war Asmus hereingekommen;
+er beugte sich &uuml;ber sie und k&uuml;&szlig;te sie
+leise, leise auf die Stirn. Sie schlug die Augen
+auf, gro&szlig;e, feuchte Augen und hauchte: &raquo;Du
+armer Mann, jetzt kann ich nicht f&uuml;r dich sorgen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du n&auml;rrischer Engel,&laquo; fl&uuml;sterte er, &raquo;willst
+du gleich schweigen und schlafen?&laquo; und k&uuml;&szlig;te
+ihr die Augen zu. Aber sie &ouml;ffnete sie wieder
+und sah ihn an mit einem Blick voll &uuml;bermenschlichen
+Gl&uuml;cks. Dann hob sie behutsam
+<!-- Page 428 --><span class='pagenum'><a name="Page_428" id="Page_428">[428]</a></span>
+die Decke von dem Kindlein, das in ihren
+Armen lag.</p>
+
+<p>&raquo;Sieht sie nicht ganz aus wie Mutter
+Semper?&laquo; fl&uuml;sterte sie. Er nickte &raquo;Ja&laquo;, obwohl
+er nichts dergleichen sah; er dachte nicht an das
+Kind: er dachte nur an sie. Die weise Frau
+versicherte ihm, da&szlig; alles gut verlaufen sei; da
+schlich er hinaus, nahm seinen Hut und ging auf
+die Stra&szlig;e. Er mu&szlig;te Himmel &uuml;ber sich sehen.</p>
+
+<p>Als er nach einer halben Stunde heimkehrte,
+war Rosenberg dagewesen. Die junge
+Mutter hatte jemand kommen h&ouml;ren, hatte vernommen,
+wer es sei, und der W&auml;rterin gesagt:
+&raquo;Sorgen Sie bitte daf&uuml;r, da&szlig; der Herr eine
+Erfrischung bekommt.&laquo; Und Rosenberg erfuhr
+von der W&auml;rterin, da&szlig; die junge Frau Semper
+vor kaum einer Stunde Mutter geworden sei
+und da&szlig; sie selbst den Trunk f&uuml;r ihn befohlen
+habe. Da dachte er: &raquo;Das mu&szlig; eine seltene
+Frau sein.&laquo; Nie verga&szlig; er ihr diesen Trunk,
+und schon bei einem n&auml;chsten Besuch, als sie
+selbst ihn bewirtete, dachte er: &raquo;Er hat keineswegs
+zu fr&uuml;h geheiratet.&laquo;</p>
+
+<p>In den folgenden Wachen und Monaten kam
+Asmussen seine Erziehung durch die Tabakstube,
+wo er unter unabl&auml;ssigen Gespr&auml;chen und Ger&auml;uschen
+die subtilsten Sachen studiert hatte,
+vorz&uuml;glich zustatten. Denn die Stimme Isoldens
+war vernehmlich und ausdauernd. Sie vollbrachte
+Leistungen, gegen die die Partie der
+Wagnerschen Isolde als Episode erscheint. Aber
+<!-- Page 429 --><span class='pagenum'><a name="Page_429" id="Page_429">[429]</a></span>
+das st&ouml;rte ihn nicht. Er geh&ouml;rte nicht zu den
+geistigen Arbeitern, die auf eine Meile im Umkreis
+Asphaltpflaster und Strohsch&uuml;tten brauchen.
+Der Platz vor seinem Hause war ein beliebter
+Spielplatz der ganzen nachbarlichen Kinderschar,
+und er schlo&szlig; das Fenster nicht, wenn ihr Geschrei
+hereinklang; denn es war ihm wie ein
+fr&ouml;hlicher Gru&szlig; des Lebens, das zum Wirken
+und Schaffen rief. Auch besa&szlig; er im Notfall
+noch immer die Kraft, eine Mauer um sich zu
+bauen; wenn er nicht wollte, so h&ouml;rte er selbst
+Isolden nicht. Auch als Dichter geh&ouml;rte er nicht
+zu denen, die nur auf persischen Teppichen und
+vor perlgrauen Seidentapeten dichten k&ouml;nnen,
+und die mancherlei kleinen Banalit&auml;ten, die ein
+enger Haushalt unweigerlich mit sich bringt, die
+selbst einer Hilde Hand nicht immer zu bannen
+vermag, verstimmten nicht sein Saitenspiel. Er
+verstand es so gut, da&szlig; Schiller in einem
+Zimmer, das nichts als einen halben Tisch,
+einen Stuhl und eine Sch&uuml;tte Kartoffeln enthielt,
+die &raquo;Louise Millerin&laquo; schreiben konnte.
+Was mu&szlig;te das f&uuml;r ein Dichter sein, der die
+Ausstattung seines Zimmers, der seine Gesellschaft
+nicht jeden Augenblick selbst beschaffen,
+der nicht jeden Augenblick seine Zelle in das
+Boudoir der Lady Milford oder in den Hafen
+von Genua verwandeln konnte?!</p>
+
+<p>Und so erzog er in unbek&uuml;mmertem Frohsinn
+neben der kleinen Isolde noch ein zweites,
+stilleres Kind, sein erstes Buch. Unbek&uuml;mmert
+<!-- Page 430 --><span class='pagenum'><a name="Page_430" id="Page_430">[430]</a></span>
+war dieser Frohsinn freilich nur in Hinsicht der
+&auml;u&szlig;eren St&ouml;rungen; was die inneren Hemmnisse
+anlangt, war es ein oft unterbrochener
+Frohsinn. Nie hat jemand besser den K&uuml;nstler
+beschrieben als Goethe, da er die liebende Seele
+beschrieb: &raquo;himmelhoch jauchzend &#8211; zum Tode
+betr&uuml;bt&laquo;. Der K&uuml;nstler w&auml;re kein K&uuml;nstler, der
+nicht himmelhoch jauchzte &uuml;ber ein gelungenes
+Werk und der nicht zum Tode betr&uuml;bt sein k&ouml;nnte
+&uuml;ber dasselbe Werk. Und als ihn nun gar die
+Banalit&auml;t der Druckkorrekturen &uuml;berfiel, als er
+seine eigenen Verse immer wiederk&auml;uen mu&szlig;te,
+da &uuml;bermannte ihn ein tiefes Verzagen. Aber
+Rosenberg ri&szlig; seinen Mut wieder empor; Rosenberg
+war begeistert von diesen Versen. &raquo;Ich
+lege meine Hand daf&uuml;r ins Feuer, da&szlig; Sie
+Anerkennung finden werden&laquo;, prophezeite er.
+Und wirklich fanden die &raquo;Gedichte&laquo; von Asmus
+Semper, als sie endlich erschienen waren, die
+freundlichste Aufnahme; denn da die Lyrik nichts
+einbringt, so erf&auml;hrt sie oft eine sehr wohlwollende
+Beurteilung.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 431 --><span class='pagenum'><a name="Page_431" id="Page_431">[431]</a></span>
+<a name="LVII_Kapitel" id="LVII_Kapitel"></a>LVII. Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">F&auml;ngt fr&ouml;hlich an und endet traurig; das Schicksal
+fordert seinen Zoll.</div>
+
+<p><span class="bigletter">Z</span>u allen diesen Freuden schenkte das Schicksal,
+das ihn verziehen zu wollen schien, unserm
+Asmus noch eine sonnige Weihnacht. Schon
+zur vorigen Weihnacht hatte er die bisherige
+Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt und
+seinen Eltern den Tannenbaum geschm&uuml;ckt; diesmal,
+da er wieder ein feistes Honorar von
+siebzig Mark errungen hatte, sollten sie das zu
+essen bekommen, was in seinem Elternhause
+immer als das Weihnachtsgericht der Reichen
+gegolten hatte: Karpfen! Und Wei&szlig;wein sollte
+dazu getrunken werden, ja Wei&szlig;wein! Unmittelbar
+vor der allgemeinen Bescherung aber winkte
+Hilde ihren Gatten auf die Seite, zog ihn ins
+andere Zimmer, schlang die Arme um seinen
+Hals und fl&uuml;sterte ihm ins Ohr: &raquo;Wenn du
+lieb bist, hab&#8217; ich noch ein besonderes Geschenk
+f&uuml;r dich &#8211; freilich noch nicht heute.&laquo; Er sah
+ihr mit j&auml;hem, frohem, fragendem Staunen ins
+Gesicht.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p><!-- Page 432 --><span class='pagenum'><a name="Page_432" id="Page_432">[432]</a></span>
+&raquo;Ja??!&laquo;</p>
+
+<p>Sie nickte eifrig.</p>
+
+<p>&raquo;Wann denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke, im Juli oder August.&laquo;</p>
+
+<p>Da k&uuml;&szlig;te er sie unz&auml;hlige Male und zog sie
+in das Weihnachtszimmer und war, noch bevor
+er den Wei&szlig;wein genossen hatte, so trunken,
+da&szlig; er die Lichter des Tannenbaumes nicht
+doppelt, nein siebenfach, nein hundertfach sah.</p>
+
+<p>Rebekka Semper fand den Karpfen k&ouml;stlich,
+fand &uuml;berhaupt, da&szlig; Hilde eine &raquo;gebor&#8217;ne
+K&ouml;chin&laquo; sei, und Ludwig Semper l&auml;chelte sein
+stillstes und innigstes L&auml;cheln, als habe er den
+Weg zur&uuml;ckgefunden zu den strahlenden Tannenb&auml;umen
+seines Elternhauses. Er sprach mit
+Asmus von dessen Gedichten und nannte die,
+die ihm besonders gefallen hatten, und obwohl
+eines Vaters Beifall zu den Werken seines
+Sohnes vor der Welt keinen Klang hat, so
+wu&szlig;te Asmus doch, da&szlig; ihm nie ein sch&ouml;nerer
+Lorbeer gedeihen k&ouml;nne als dieses schweigsamen
+Mannes Lob und L&auml;cheln. Diesem gro&szlig;en und
+stillen Herzen zu gefallen, das war ein gro&szlig;er
+und stiller Ruhm. Aber nur ein Semper konnte
+das wissen.</p>
+
+<p>Ludwig Semper war aufger&auml;umt und gespr&auml;chig
+wie seit langem nicht; er erz&auml;hlte, wie
+Asmus einst mit kleinen Kinderschrittchen neben
+ihm &uuml;ber die Wiese getrippelt sei und gerufen
+habe: &raquo;O Vater, hier ist es gerade so wie dein
+Geburtstag!&laquo; wie der Kleine unz&auml;hlige Male
+<!-- Page 433 --><span class='pagenum'><a name="Page_433" id="Page_433">[433]</a></span>
+an seinen Arbeitstisch gekommen sei und ihm
+nach Wunsch aus dem &raquo;Freisch&uuml;tz&laquo;, aus der
+&raquo;Nachtwandlerin&laquo; und wohl aus zwanzig andern
+Opern vorgeblasen, was er aufgefangen habe,
+ja, Ludwig Semper stieg weit in die eigene
+Kindheit hinab und sprach von seinem Vater,
+dem Kaufmann Carsten Semper, auf dessen
+Diele jeder Besucher Schinken essen und Kornschnaps
+trinken konnte, ohne zu bezahlen, und
+von dem Tage, da der Justizrat quer &uuml;ber die
+Stra&szlig;e auf seinen Vater zugelaufen kam und
+rief: &raquo;Wissen Sie schon, Herr Semper, Goethe
+ist tot!&laquo; Es war wie Sammlung und R&uuml;ckblick
+in diesen Reden Ludwig Sempers; aber die
+Seinen merkten es nicht. Wohl war ihnen aufgefallen,
+da&szlig; er die Speisen kaum ber&uuml;hrt hatte,
+selbst die Karpfen nicht; aber da er ihre Besorgnis
+mit Lachen zur&uuml;ckwies, so hatten sie sich
+beruhigt. Freilich hatte Frau Rebekka erkl&auml;rt,
+da&szlig; er schon l&auml;nger an Appetitlosigkeit leide
+und da&szlig; sie ihn &raquo;nat&uuml;rlich&laquo; nicht zum Arzt
+kriegen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage
+besuchte, h&ouml;rte er, da&szlig; sein Vater sich von der
+Weihnachtsfeier nur mit uns&auml;glicher M&uuml;he nach
+Hause geschleppt habe. &raquo;Ich werde den Weg
+nicht wieder machen k&ouml;nnen,&laquo; sagte Ludwig
+Semper mit wehm&uuml;tigem L&auml;cheln. &raquo;Ei was!&laquo;
+rief Asmus, &raquo;dann holen wir euch einfach in
+der Droschke; wir haben&#8217;s ja!&laquo; Und er dachte
+sich, welch eine Lust es sein werde, die &raquo;Alten&laquo;
+<!-- Page 434 --><span class='pagenum'><a name="Page_434" id="Page_434">[434]</a></span>
+im Triumph einzuholen, zu Wagen, wie ein
+F&uuml;rstenpaar! Und noch einmal ging er beruhigt
+heim.</p>
+
+<p>Beim n&auml;chsten Besuch fand er seinen Vater
+zum Schlimmen ver&auml;ndert. Er konnte nicht mehr
+arbeiten, sa&szlig; in seinem alten Lehnstuhl und
+mochte nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war
+grau geworden, und wie Frau Rebekka mit
+K&uuml;mmernis erz&auml;hlte, schlief er den gr&ouml;&szlig;ten Teil
+des Tages. Sein Appetit war nicht zur&uuml;ckgekehrt.</p>
+
+<p>Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal
+davon. Sollte das Schicksal &#8211;? Nein,
+einen so harten Zoll konnt&#8217; es nicht fordern;
+so grausam konnt&#8217; es sein Gl&uuml;ck nicht verk&uuml;rzen
+wollen! Ja, wenn es ein achtzig-, neunzigj&auml;hriger
+Greis w&auml;re, dann m&uuml;&szlig;te man sich mit
+der Notwendigkeit vers&ouml;hnen. Aber mit siebenundsechzig
+Jahren konnte das Schicksal diesen
+Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann
+nicht! Selbst v&ouml;llig fremde Menschen mu&szlig;ten
+dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als
+Asmus vor nicht langer Zeit im Lehrerverein
+geredet und die Kunst als Erzieherin proklamiert
+hatte und auch sein Vater als Gast zugegen
+gewesen war, da hatte die Versammlung dem
+Redner ein Hoch gebracht. Gleich darauf aber
+hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen:
+&raquo;Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn
+ich in dem ehrw&uuml;rdigen Manne, der unserm
+Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.&laquo;
+<!-- Page 435 --><span class='pagenum'><a name="Page_435" id="Page_435">[435]</a></span>
+Und dann hatte er mit k&uuml;hner, launiger und
+geschickter Psychologie aus dem Wesen des
+Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und
+hatte diesen Vater gefeiert, und mit brausendem
+Hurra hatte die Versammlung ihm zugestimmt.
+Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt
+und hatte gesehen, wie er sich freute, und
+da&szlig; dieser Mann, der sein ganzes reiches Pfund
+in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun
+doch einmal vor aller Welt die Ehren geno&szlig;,
+die ihm geb&uuml;hrten, das war doch von allen
+Erfolgen Asmussens der begl&uuml;ckendste gewesen.</p>
+
+<p>Und sollte das die letzte gro&szlig;e Freude im
+Leben Ludwig Sempers gewesen sein? Nein,
+nicht die letzte.</p>
+
+<p>Als Asmus wieder nach Oldensund kam,
+waren Hilde und die kleine Isolde mit ihm.
+Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten,
+sa&szlig; er schlafend im Lehnstuhl; er erwachte auch
+nicht von ihrem Eintritt. Bek&uuml;mmerten Herzens
+h&ouml;rten sie, was Mutter Rebekka mit leisem
+Weinen berichtete. Er schlafe fast den ganzen
+Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und verstehe
+oft gar nicht, was man zu ihm sage.
+W&auml;hrend sie noch sprach, &ouml;ffnete der Kranke die
+Augen; immer weiter &ouml;ffnete er sie, bis sie so
+gro&szlig; und freundlich waren wie in seinen besten
+Tagen.</p>
+
+<p>&raquo;Wem geh&ouml;rt das allerliebste Kind?&laquo; fragte
+er leise, mit frohem Staunen.</p>
+
+<p>
+<!-- Page 436 --><span class='pagenum'><a name="Page_436" id="Page_436">[436]</a></span>
+Sie sagten ihm, da&szlig; es ja Isolde sei,
+Asmussens und Hildens Kind und seine eigene
+Enkelin.</p>
+
+<p>Da verbreitete sich noch einmal von diesen
+Augen aus &uuml;ber das ganze Gesicht des Leidenden
+das gro&szlig;e, unersch&ouml;pflich g&uuml;tige L&auml;cheln,
+das &uuml;ber Asmussens ganzer Kindheit wie eine
+treulich wiederkehrende Sonne geleuchtet hatte,
+und dann schlossen sich die Augen wieder, und
+der Kranke war wieder entschlummert.</p>
+
+<p>Die Besucher schlichen hinaus, und drau&szlig;en
+nahm Asmus seine Mutter auf die Seite und
+fragte: &raquo;Was sagt denn der Arzt?&laquo;</p>
+
+<p>Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten:
+laut jammernd rief sie: &raquo;Ach Gott, der schreckliche
+Mensch sagt, es w&auml;re vielleicht Magenkrebs,
+&#8211; ich werd&#8217; ja verr&uuml;ckt, wenn ich blo&szlig;
+daran denke!&laquo;</p>
+
+<p>Das machte Asmus vom Kopf bis zu den
+F&uuml;&szlig;en erstarren. &Uuml;ber all seine Bef&uuml;rchtungen
+hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es
+werde vor&uuml;bergehen. Dieser Schlag bet&auml;ubte
+ihn. Aber nur f&uuml;r einen Augenblick. Er schickte
+Hilden und das Kind nach Hause und rannte
+zum Arzt.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte der, &raquo;alle Anzeichen sprechen
+daf&uuml;r. Ich habe keine Magens&auml;ure gefunden,
+das ist das sicherste Symptom.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Doktor,&laquo; stammelte Asmus, &raquo;Sie
+d&uuml;rfen mir nicht z&uuml;rnen, &#8211; Sie sind ja auch
+nur ein Mensch, &#8211; Sie m&uuml;ssen sich in meine
+<!-- Page 437 --><span class='pagenum'><a name="Page_437" id="Page_437">[437]</a></span>
+Lage versetzen, &#8211; es ist mein Vater, &#8211; w&uuml;rden
+Sie es mir &uuml;belnehmen, wenn ich noch einen
+zweiten Arzt befragte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Durchaus nicht,&laquo; versetzte der Arzt, &raquo;Sie
+machen sich freilich unn&ouml;tige Kosten; aber wenn
+es Sie beruhigt&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der
+ihm als besonders t&uuml;chtig empfohlen war. Der
+lie&szlig; ihn k&uuml;hl an. Wer denn seinen Vater behandle?</p>
+
+<p>Der Doktor Soundso.</p>
+
+<p>Ja, das sei ja ein sehr t&uuml;chtiger Arzt. Er
+wisse nicht, was er da solle.</p>
+
+<p>Asmus flehte ihn an, er m&ouml;chte doch kommen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun ja, ich kann ja hinkommen.&laquo;</p>
+
+<p>Und Asmus ging mit neuer Hoffnung: Der
+wird vielleicht zu einem anderen Ergebnis
+kommen.</p>
+
+<p>Als er andern Tages ins Elternhaus kam,
+war der zweite Arzt noch nicht dagewesen. Der
+Kranke aber delirierte und konnte nur mit
+gr&ouml;&szlig;ter M&uuml;he im Bette festgehalten werden.
+Da kam Asmussen der Gedanke: Ins Krankenhaus.
+Hier, in diesen &auml;rmlichen, beschr&auml;nkten
+Verh&auml;ltnissen konnte ja der Vater nicht gepflegt
+werden wie im Krankenhause, und wenn eine
+Operation n&ouml;tig war, mu&szlig;te er doch dorthin.
+Und dort waren die besten &Auml;rzte. Er besorgte
+die Aufnahme ins Krankenhaus, nahm eine
+Droschke und fuhr vors Elternhaus. Nun holte
+er seinen Vater in der Droschke! Aber nicht
+<!-- Page 438 --><span class='pagenum'><a name="Page_438" id="Page_438">[438]</a></span>
+im Triumph, ach Gott, nicht im Triumph! Ohnm&auml;chtig
+lag ihm sein Vater im Arm wie ein
+Kind, und als er so mit seinem Vater im Wagen
+allein war, rannen seine Tr&auml;nen unaufh&ouml;rlich.
+Als er den Vater endlich wohlgebettet sah, eilte
+er zum Arzt des Krankenhauses und erstattete
+ihm Bericht &uuml;ber den Kranken. Dieser Arzt
+war ein feiner und milder Mann; er h&ouml;rte
+den Sohn, aus dessen Worten er wohl die
+fliegende Angst des Herzens vernahm, mit
+gro&szlig;er Teilnahme an und entlie&szlig; ihn mit neuer
+Hoffnung. Nun kann noch alles gut werden,
+dachte Asmus. Dieser Arzt ist ein vortrefflicher
+Mann, und im Krankenhause hat man alles
+zur Hand, was man zur Pflege eines schwer
+Erkrankten braucht.</p>
+
+<p>Andern Mittags, als er aus der Schule
+heimkam, war sein erstes Wort:</p>
+
+<p>&raquo;Ist Nachricht vom Krankenhause da?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Hilde ernst, &raquo;der Bote war
+hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und?&laquo; rief er begierig.</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t es doch schon, nicht wahr?&laquo;
+sprach Hilde sanft. Er starrte sie an. &raquo;Ist
+er &#8211;?&laquo; Er brachte das Wort nicht heraus.</p>
+
+<p>Sie nickte stumm und legte den Arm um
+seinen Hals. Er aber fiel mit einem einzigen,
+lauten Aufschluchzen in die Sofaecke.</p>
+
+<p>Das also hatte er mit allen M&uuml;hen und
+&Auml;ngsten erreicht, da&szlig; sein Vater nun einsam
+<!-- Page 439 --><span class='pagenum'><a name="Page_439" id="Page_439">[439]</a></span>
+gestorben war. Zwar: Ludwig Semper war
+nach dem Bericht der W&auml;rter nicht wieder zum
+Bewu&szlig;tsein erwacht, und morgens um zwei Uhr
+war er gestorben. Aber wenn er nun doch noch
+einen lichten Augenblick gehabt und wenn er
+Weib und Kinder gesucht hatte &#8211; mit diesem
+Gedanken zerfleischte sich Asmus das Herz,
+w&auml;hrend er durch die Stra&szlig;en rannte und die
+Formalit&auml;ten f&uuml;r die Bestattung erledigte. Dabei
+lief er oft stundenlang durch Gegenden, in denen
+er nichts zu suchen hatte; er wu&szlig;te nicht, womit
+er sonst seine Zeit ausf&uuml;llen sollte.</p>
+
+<p>Als er dann an der Bahre seines Vaters
+stand und den starren, tr&auml;nenlosen Blick auf das
+wei&szlig;e Haupt des Toten heftete, da mu&szlig;te er
+unaufh&ouml;rlich denken: K&ouml;nig Lear &#8211; K&ouml;nig
+Lear. Dieser Mann hatte nicht aus Torheit
+ein Kind versto&szlig;en, war kein Tyrann gewesen
+&#8211; und war seine Liebe vergolten worden, wie
+sie&#8217;s verdiente? Die Liebe eines Vaters kann
+man nicht vergelten, dachte er; jeder Vater ist
+ein K&ouml;nig Lear. Und als er seine arme, gebeugte
+Mutter sah, als er daran dachte, da&szlig;
+ihre Kinder von ihr gegangen waren und das
+beste Teil ihres Herzens an andere gegeben
+hatten, da f&uuml;gte er hinzu: und jede Mutter
+ist eine Niobe.</p>
+
+<p>Er ri&szlig; sich gewaltsam empor aus seinem
+Br&uuml;ten und sah sich um. Von seinen Freunden
+war nur einer erschienen: <em class="antiqua">Dr.</em> Rosenberg. Und
+das war die erste Freude in all diesem Leid.</p>
+
+<p><!-- Page 440 --><span class='pagenum'><a name="Page_440" id="Page_440">[440]</a></span>
+Als er am Grabe stand, war es wieder
+wie immer; er konnte nicht weinen. Er dachte,
+was m&uuml;ssen die Menschen von dir denken, da&szlig;
+du am Grabe deines Vaters ohne eine Tr&auml;ne
+stehst. Aber als er das dachte, konnte er um
+so weniger weinen. Er hatte seit jenem Aufschluchzen
+in Hildens Armen nicht geweint; auch
+als er heimgekommen war, weinte er nicht.
+Erst am Abend des folgenden Tages, als Hilde
+zu einer Besorgung das Haus verlassen hatte
+und er allein an seinem Schreibtisch sa&szlig;, legte
+er den Kopf in den Sessel zur&uuml;ck und weinte,
+weinte unaufhaltsam wie ein kleines Kind, das
+im Gew&uuml;hl und Gedr&auml;nge der Menschen die
+Hand des Vaters verloren hat.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><!-- Page 441 --><span class='pagenum'><a name="Page_441" id="Page_441">[441]</a></span>
+<a name="LVIII_und_letztes_Kapitel" id="LVIII_und_letztes_Kapitel"></a>LVIII. und letztes Kapitel.</h3>
+
+<div class="center">Asmus bekommt einen Preis, einen Wolfram und eine
+Weltanschauung, und da dies dem Verfasser genug
+d&uuml;nkt, &uuml;brigens auch die Weltanschauung den Mann
+macht, so schlie&szlig;t er diese Geschichte eines J&uuml;nglings.</div>
+
+<p><span class="bigletter">W</span>arum suchte denn Asmus in diesen schweren
+Tagen nicht Trost bei seiner Hilde? Wer
+am Schlusse dieses Buches noch so fragen w&uuml;rde,
+der w&uuml;rde das Wesen von Ludwig Sempers
+Sohn nicht ganz verstanden haben. Leute wie
+dieser Asmus k&ouml;nnen den Trost nicht bei
+anderen, sondern immer nur in sich selbst finden,
+und wenn sie auf den Trost anderer h&ouml;ren,
+so ist es, weil sie ihn schon in sich selbst gefunden
+haben. Zun&auml;chst suchte er auch keinen
+Trost; er w&uuml;hlte vielmehr in seiner Wunde.
+Nicht alle Menschen rufen im Schmerze sofort
+nach Linderung wie das Kind nach dem Schnuller.
+Er fand es recht und gut, da&szlig; er litt, wo sein
+Vater so schwer und so lange geduldet hatte;
+er bildete sich nicht ein, ein Anrecht auf ein
+schmerzloses Dasein zu haben, wenn solche Menschen
+litten. Dann aber, als er sich recht in
+Ruhe und Einsamkeit sattgeweint hatte, trat
+<!-- Page 442 --><span class='pagenum'><a name="Page_442" id="Page_442">[442]</a></span>
+seine angeborene Philosophie wieder in ihr
+Recht: Mit unab&auml;nderlichen Tatsachen nicht zu
+hadern und den Kampf des Lebens in Hoffnung
+und Vertrauen immer wieder aufzunehmen. War
+es doch inzwischen eine Hoffnung und ein Vertrauen
+geworden, die weit &uuml;ber den Kreis eines
+Einzeldaseins hinausreichten.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>So oft er auch an den fr&uuml;hen Hingang
+seines Vaters mit Schmerzen gedenken mochte
+&#8211; er konnte dessen auch in weit, weit sp&auml;teren
+Jahren nur mit tiefer Wehmut gedenken &#8211;
+dieser Verlust geh&ouml;rte, als er mit ihm abgeschlossen
+hatte, nicht mehr zu den Dingen, die
+sein Wirken und seine Entwicklung hemmen
+konnten. Er h&auml;tte auch keine Zeit gehabt zu
+melancholischen Meditationen; er erfuhr wieder
+einmal den Fluch und den Segen der Armut.
+Er hatte schlie&szlig;lich doch einsehen m&uuml;ssen, da&szlig;
+1800 Mark und selbst 2000 Mark nicht ausreichten,
+wenn man Eltern davon unterst&uuml;tzen
+und au&szlig;erdem drei Menschen erhalten wollte,
+von denen zwei doch etwas mehr verlangten
+als Stillung des Hungers. Und seine Schriftstellerei
+war noch ein v&ouml;llig unsicheres Brot;
+Arbeiten, die ihm sp&auml;ter mit Ku&szlig;hand abgenommen
+wurden, mu&szlig;te er in diesen Jahren
+wie saures Bier an Dutzende von Bl&auml;ttern vergeblich
+ausbieten. Dazu stand die Geburt des
+zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg,
+der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht
+lesen mochte, hatte ihm in zartester Weise seine
+<!-- Page 443 --><span class='pagenum'><a name="Page_443" id="Page_443">[443]</a></span>
+Hilfe angeboten; &raquo;ich verdiene weit mehr, als
+ich brauche,&laquo; hatte er gesagt, &raquo;und ich bin froh,
+wenn ich mein Geld so gut anwenden kann.&laquo;
+Aber Asmus hatte vorl&auml;ufig mit Dank und
+R&uuml;hrung abgelehnt. Er wu&szlig;te, da&szlig; dieser
+Mann ihn niemals dr&auml;ngen w&uuml;rde; aber er
+hatte vor Schulden ein tiefes Grauen; sie
+waren das einzige gewesen, das die heiter
+g&uuml;tige Seele seines Vaters verbittern konnte.
+So griff er denn zu einer H&auml;ufung der Privatstunden;
+er bereitete Lehrer und Lehrerinnen
+auf das zweite Examen vor. Die Nachbarinnen
+steckten die K&ouml;pfe zusammen und fragten: &raquo;Was
+tun denn die jungen Damen immer bei Herrn
+Semper?&laquo; Dann sagte der Hauswirt: &raquo;Sie
+lernen bei ihm das Dichten.&laquo;</p>
+
+<p>Es war ein Gl&uuml;ck, da&szlig; ihm in seiner regelm&auml;&szlig;igen
+T&auml;tigkeit eine gro&szlig;e Wohltat geschehen
+war. Er war nun schlie&szlig;lich doch versetzt worden,
+und an dem Leiter dieser neuen Schule erkannte
+Asmus so recht, wie unsere Worte und Handlungen
+das Gesicht der Pers&ouml;nlichkeit tragen,
+aus der sie flie&szlig;en. Auch dieser Chef legte zuweilen
+auf kleine Dinge einen Wert, der ihnen
+nicht zukam; aber er war ein jovialer Gentleman,
+der in seinen Kollegen bis zum Beweise
+des Gegenteils Gentlemen erblickte, und so bedeuteten
+alle Kleinigkeiten nichts auf dem gro&szlig;en
+Grunde des gegenseitigen Vertrauens. Kein
+Mi&szlig;ton tr&uuml;bte das Verh&auml;ltnis zwischen diesem
+Manne und dem renitenten Herrn Semper.</p>
+
+<p><!-- Page 444 --><span class='pagenum'><a name="Page_444" id="Page_444">[444]</a></span>
+Und als er eines Mittags von diesem freieren
+und froheren Dienste nach Hause kam, da sah
+er an Hildens Gesicht, da&szlig; etwas &Auml;hnliches
+geschehen sein m&uuml;sse, wie damals mit den hundert
+Mark vom &raquo;Leuchtturm&laquo;, aber etwas noch weit
+Froheres. Auf ihrem sch&ouml;nen Gesicht, das ihm
+einst nur f&uuml;r den Ernst und die Trauer geschaffen
+schien, zuckten tausend Lichter des Frohsinns,
+und in ihrer Hand hatte sie einen Brief.</p>
+
+<p>&raquo;Du darfst nicht b&ouml;se sein!&laquo; rief sie, &raquo;ich
+konnt&#8217; es nicht aushalten &#8211; ich hab&#8217; ihn ge&ouml;ffnet,
+als ich sah, woher er kam! Da lies
+selbst!&laquo;</p>
+
+<p>Er las, und als er gelesen hatte, wollt&#8217; er
+sie wieder umarmen und mit ihr tanzen; aber
+nein &#8211; das durfte sie ja nicht! Da dr&uuml;ckte
+er ihr Gesicht mit beiden H&auml;nden und zerkn&uuml;llte
+dabei den Brief und dessen Inhalt vollst&auml;ndig
+und k&uuml;&szlig;te sie, bis ihr der Atem verging; aber
+er mu&szlig;te doch tanzen, er mu&szlig;te tanzen, und
+er umarmte einen Stuhl und tanzte mit dem
+durch beide Zimmer.</p>
+
+<p>In einer s&uuml;ddeutschen Stadt gab es eine
+Schillerstiftung, die von Zeit zu Zeit an Versdichter
+einen Schillerpreis von 200 Mark verteilte.
+Dieser Preis war nun den &raquo;Gedichten
+von Asmus Semper&laquo; zuerkannt worden.</p>
+
+<p>Als er den Brief noch einmal gelesen und
+die beiden Hundertmarkscheine gegl&auml;ttet und
+genau betrachtet hatte, ob es auch richtige Banknoten
+und nicht etwa Ehrendiplome oder dergleichen
+<!-- Page 445 --><span class='pagenum'><a name="Page_445" id="Page_445">[445]</a></span>
+w&auml;ren, da drehte er sich auf einem
+Beine mehrmals um sich selbst. Aber pl&ouml;tzlich
+hielt er inne, lie&szlig; sich auf einen Stuhl fallen
+und wurde tiefernst. Und Hilde kniete zu ihm
+nieder und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;, was du denkst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Hilde? Wei&szlig;t du das? &#8211; Hilde!
+Wenn <em class="gesperrt">er</em> das noch erlebt h&auml;tte! Mein Gott,
+wenn <em class="gesperrt">er</em> das noch erlebt h&auml;tte! Das w&auml;re
+ihm wie eine Kr&ouml;nung seines Lebens gewesen.&laquo;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>So wenig sich Frau Hilde in den Gedanken
+ihres Mannes verrechnet hatte, so sehr hatte
+sie sich in der Zeit ihrer Erwartung verrechnet.
+Einen vollen Monat sp&auml;ter, als sie
+gehofft, erschien das zweite Kind; daf&uuml;r aber
+war es ein richtiger Junge. Der junge Herr
+Wolfram schrie genau so kraftvoll wie seine
+Schwester.</p>
+
+<p>Als Asmus seinem Freunde Rosenberg die
+Nachricht brachte, da rief der: &raquo;Nun, da mu&szlig;
+man wahrhaftig sagen: Ein volles Gl&uuml;ck!
+Mensch, Sie sind ein Liebling der G&ouml;tter! Sie
+haben ein herrliches Weib, eine Tochter, einen
+Sohn und alle sind gesund, und Sie haben
+Gl&uuml;ck und Freude <em class="gesperrt">an</em> Ihrer Kunst und <em class="gesperrt">in</em> Ihrer
+Kunst! Bei Gott, ein volles Gl&uuml;ck, ein volles
+Gl&uuml;ck!&laquo;</p>
+
+<p>Er sprach es ohne Neid, obwohl ihm selbst
+eine fr&uuml;he Hoffnung verhagelt war.</p>
+
+
+<p><!-- Page 446 --><span class='pagenum'><a name="Page_446" id="Page_446">[446]</a></span>
+Und doch ahnte der Freund bei weitem nicht
+den ganzen Umfang von Sempers Gl&uuml;ck; er
+<em class="gesperrt">konnt&#8217;</em> es nicht kennen in seiner ganzen F&uuml;lle.
+Asmus hatte in den letzten Monden K&auml;mpfe
+durchgerungen, von denen niemand wissen
+konnte. Er hatte f&uuml;r seinen frohen, hoffenden
+Glauben an das Leben nach einem tieferen und
+festeren Grunde gesucht und hatte ihn gefunden,
+f&uuml;r viele Jahre wenigstens gefunden.</p>
+
+<p>Wenn selbst ein Faust ausrief:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">O gl&uuml;cklich, wer noch hoffen kann,</span>
+<span class="i0">Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!</span>
+</div></div>
+
+
+<p>und wenn Asmus dennoch hoffte, so fragte
+er sich: &raquo;Bin ich ein Wagner?&laquo; Nein, ein
+Wagner war er nicht, das durfte er sich zuerkennen.
+Nur in halbkindlichen Jahren hatte
+er geglaubt, da&szlig; ein Mensch viel wisse und da&szlig;
+er alles wissen k&ouml;nne. Auch war er nie so gemein
+gewesen, die Welt f&uuml;r vortrefflich zu halten,
+weil es ihm gut erging. Aber doch hatte er
+sich die Harmonie der Welt schon in engeren
+Kreisen, ach, schon im Bezirk eines Einzellebens
+vollendet gedacht. Daran war er irre geworden
+und hatte nun die Landmarken seiner Hoffnung
+weiter gesteckt, in die Jahrhunderttausende, in
+die Jahrmillionen hinein. Auf diesem langen
+Wege bedurft&#8217; es eines starken Glaubens, nein,
+eines starken Wissens, und das hatte er gefunden.
+Nicht nur die unmittelbare Gewi&szlig;heit
+des Sittengesetzes war ihm aufgegangen, er
+f&uuml;hlte auch unmittelbare Gewi&szlig;heit im Denken
+<!-- Page 447 --><span class='pagenum'><a name="Page_447" id="Page_447">[447]</a></span>
+und im Schaffen, und er nannte dies Gef&uuml;hl,
+das die Entwicklung des Menschen begleitet,
+das Richtungsgef&uuml;hl. Trotz aller Schuld, alles
+Irrtums und alles Mi&szlig;lings wei&szlig; der
+Mensch, in welcher Richtung Ausgang und Ende
+des Entwicklungsstromes liegen; in seiner Brust
+ist ein Magnet, der trotz allen Zitterns und allen
+Abirrens den Weg zur Vollendung weist.</p>
+
+<p>An einem k&ouml;stlich milden Septemberabend,
+als er mit der froh genesenen Hilde am Fenster
+sa&szlig; und noch ein letzter Hauch der Sonne auf
+den B&auml;umen lag, sprach er zu ihr:</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab&#8217; was geschrieben &#8211; willst du&#8217;s
+h&ouml;ren?&laquo;</p>
+
+<p>Mit der Freude eines Kindes ergriff sie
+seine Hand und dr&uuml;ckte sie an ihr Herz und
+lie&szlig; sich dann zu seinen F&uuml;&szlig;en nieder. Er entfaltete
+ein Blatt und las:</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i4"><em class="gesperrt">Chidhr.</em></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein wunderbarer Traum hat mich besucht.</span>
+<span class="i0">Ich sa&szlig; an eines Berges Hang und schaute.</span>
+<span class="i0">In einer fl&uuml;chtigen Minute Raum</span>
+<span class="i0">Gedr&auml;ngt, den Daseinswechsel langer Zeiten.</span>
+<span class="i0">Im Tal zu meinen F&uuml;&szlig;en sah ich Blumen</span>
+<span class="i0">Auf Blumen sich erschlie&szlig;en und vergehn,</span>
+<span class="i0">Sah&#8217; B&auml;um&#8217; und Str&auml;ucher keimen ich und sprossen</span>
+<span class="i0">Und wachsen, bl&uuml;hen, welken und vermodern,</span>
+<!-- Page 448 --><span class='pagenum'><a name="Page_448" id="Page_448">[448]</a></span>
+<span class="i0">Und sah ich Menschen von der Wiege bis</span>
+<span class="i0">Zum Sarg des Lebens kurzen Tag durchwandeln.</span>
+<span class="i0">Ich sah sie lachen, weinen &#8211; weinen, lachen,</span>
+<span class="i0">Sah sie verzweifeln, hoffen und &#8211; verzweifeln,</span>
+<span class="i0">Sah, wie das Gl&uuml;ck dem Ungl&uuml;ck reicht die Rechte,</span>
+<span class="i0">Wie Ungl&uuml;ck seine Rechte reicht dem Gl&uuml;ck</span>
+<span class="i0">In ewiger Kette.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i8">Namenlose Trauer</span>
+<span class="i0">Sank mir mit schweren Schatten in die Seele.</span>
+<span class="i0">&raquo;Wann endlich,&laquo; dacht&#8217; ich, &raquo;sinnlos-bl&ouml;des Spiel,</span>
+<span class="i0">Wirst du dich enden? Auf und ab und auf</span>
+<span class="i0">Wiegt seit &Auml;onen sich die Lebensschaukel</span>
+<span class="i0">&#8211; Auf einer Seite staunend sitzt das Leben,</span>
+<span class="i0">Und auf der andern grinsend wippt der Tod &#8211;</span>
+<span class="i0">Und auf und ab, stumpfsinnig, wird die Wippe</span>
+<span class="i0">Durch Ewigkeiten gehn. Wo lebt der Gott,</span>
+<span class="i0">Den dieses grause Einerlei vergn&uuml;gt?</span>
+<span class="i0">Der &auml;rmste Menschengeist, er h&auml;tte l&auml;ngst</span>
+<span class="i0">Voll &Uuml;berdru&szlig; und Ekel dieses Spielzeug</span>
+<span class="i0">Zertr&uuml;mmert &#8211;!&laquo;</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i8">Wie ich also bei mir dachte,</span>
+<span class="i0">Sah ich am Boden pl&ouml;tzlich einen Schatten &#8211;</span>
+<span class="i0">Ich hob den Blick, und einen J&uuml;ngling sah ich</span>
+<span class="i0">Mit himmelsheit&#8217;rer Stirn, wie junge Rosen</span>
+<span class="i0">Der frohe Mund, das Auge sonnentief.</span>
+<span class="i0">Er hob den Arm und winkte freundlich &raquo;Komm!&laquo;</span>
+<!-- Page 449 --><span class='pagenum'><a name="Page_449" id="Page_449">[449]</a></span>
+<span class="i0">&raquo;Wer bist du?&laquo; rief ich. Er drauf: &raquo;Chidhr bin ich,</span>
+<span class="i0">Der Gr&uuml;ne, Ewigjunge, der im Lande</span>
+<span class="i0">Der Finsternis des Lebens Quellen h&uuml;tet.</span>
+<span class="i0">Komm, folge mir.&laquo;</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i8">Und Falterflug des Traumes</span>
+<span class="i0">Entf&uuml;hrte mich auf lautlos dunklen Schwingen</span>
+<span class="i0">In eine schreckend&uuml;stre Felsenwelt.</span>
+<span class="i0">Doch sieh, aus tiefem Spalt granit&#8217;ner Berge</span>
+<span class="i0">Sprang bl&auml;ulich silbern einer Quelle Strahl,</span>
+<span class="i0">Der wie ein ewig junges Lachen klang.</span>
+<span class="i0">Und Chidhr sprach: &raquo;In hundert Jahren furcht</span>
+<span class="i0">Der ruhlos rege Quell sein hartes Bette</span>
+<span class="i0">Um eines Fingers Breite. Alexander,</span>
+<span class="i0">Den bis nach Indien trug der Siegeswagen,</span>
+<span class="i0">Stand einst wie du an diesem Lebensquell.</span>
+<span class="i0">Seit jenem Tage grub der Silberstrang</span>
+<span class="i0">Um einen Fu&szlig; sich tiefer ins Gestein.</span>
+<span class="i0">Und einst wird diese Quelle im Verein</span>
+<span class="i0">Mit ihren Schwestern diese Felsen wandeln</span>
+<span class="i0">In ein begr&uuml;ntes Tal, wie du&#8217;s verlassen.</span>
+<span class="i0">Hier ma&szlig; der g&ouml;ttergleiche Alexander</span>
+<span class="i0">Sein Werk und seinen Ruhm am Ma&szlig; der Welt</span>
+<span class="i0">Und ging von diesem Ort zerst&ouml;rten Herzens.</span>
+<span class="i0">Und du, der schwach und klein ist bei den Menschen,</span>
+<span class="i0">Kannst, wenn du willst, ein Gott von hinnen geh&#8217;n.</span>
+<!-- Page 450 --><span class='pagenum'><a name="Page_450" id="Page_450">[450]</a></span>
+<span class="i0">Wohl ihm, dem Freude spr&uuml;ht aus dieser Quelle,</span>
+<span class="i0">Wohl ihm, der ihr geheimes Lied versteht.</span>
+<span class="i0">Wohl bleichen ihm die Lichtlein, die den Pfad</span>
+<span class="i0">Ihm durch ein enges Leben schwach erhellten,</span>
+<span class="i0">Die Lichtlein Ruhm, Unsterblichkeit und Macht.</span>
+<span class="i0">Doch hinter weltenweiten Finsternissen</span>
+<span class="i0">Geht eine Sonn&#8217; ihm auf, die alle Sonnen</span>
+<span class="i0">Und Sonnench&ouml;re selig &uuml;berstrahlt.</span>
+<span class="i0">Er f&uuml;hlt, wie klein der Mensch, und f&uuml;hlt, wie gro&szlig;,</span>
+<span class="i0">Wie unbegreiflich sch&ouml;n, wie &uuml;ber alles</span>
+<span class="i0">Verdienst und Ahnen g&ouml;ttlich sein Beruf,</span>
+<span class="i0">Und aus dem Klang der Quelle trinkt sein Herz</span>
+<span class="i0">Zwei Kr&auml;fte wundersam: Geduld und Sehnsucht.</span>
+<span class="i0">Geduld, die hei&szlig; und tief verlangt, und Sehnsucht,</span>
+<span class="i0">Die sich am Glanz des Zieles still getr&ouml;stet.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O Menschen, habt Geduld, und tut es nicht</span>
+<span class="i0">Den Kindlein gleich, die in den Boden kaum</span>
+<span class="i0">Den Samen senkten und nach Blumen schon</span>
+<span class="i0">Und reifen Fr&uuml;chten sp&auml;h&#8217;n! Taucht die Gedanken</span>
+<span class="i0">Ins m&auml;rchengraue Alter dieser Welt</span>
+<span class="i0">Und steigt empor dann und erkennt, da&szlig; gestern</span>
+<span class="i0">Der M&ouml;rder Kain seinen Bruder schlug.</span>
+<!-- Page 451 --><span class='pagenum'><a name="Page_451" id="Page_451">[451]</a></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du dachtest recht, mein Freund: w&auml;r&#8217; diese Welt</span>
+<span class="i0">Ein Einerlei, die Macht, die sie erschaffen,</span>
+<span class="i0">Sie h&auml;tte l&auml;ngst zerst&ouml;rt ihr bl&ouml;des Spiel.</span>
+<span class="i0">Doch sieh, soweit in diesem Reich des Lebens</span>
+<span class="i0">Die Wasser wandern, hat noch nie ein Quell,</span>
+<span class="i0">Noch nie ein Strom den Weg zur&uuml;ckgenommen &#8211;</span>
+<span class="i0">So glaube: auch der Strom des Lebens nicht.</span>
+<span class="i0">&raquo;Vorw&auml;rts zum Licht!&laquo; das ist der Sinn der Quellen,</span>
+<span class="i0">&raquo;Vorw&auml;rts zum Licht!&laquo; das ist der Str&ouml;me Sinn,</span>
+<span class="i0">Die deine Seele, deinen Leib durchrinnen.</span>
+<span class="i0">Er, der die Welt gewollt und dessen Namen</span>
+<span class="i0">Kein endlich Wesen nennen darf noch kann,</span>
+<span class="i0">Er gab, da&szlig; eures Wesens tiefste Quellen</span>
+<span class="i0">Zum Lichte geh&#8217;n &#8211; und gab euch, da&szlig; ihr&#8217;s
+<em class="gesperrt">wi&szlig;t</em>!&laquo;</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So sprach der Ewigjunge. Oder sprach&#8217;s</span>
+<span class="i0">Der Quell? Im Silberklange rann zusammen,</span>
+<span class="i0">Was Chidhr sprach und was die Quelle sang.</span>
+<span class="i0">Und Falterflug des Traumes hob mich lautlos</span>
+<span class="i0">Von dannen, und vom Tageslicht geblendet,</span>
+<span class="i0">Erwacht&#8217; ich j&auml;h.</span>
+<span class="i8">Am Waldesrand erwacht&#8217; ich,</span>
+<span class="i0">Wo singend aus dem Fels die Quelle springt,</span>
+<span class="i0">Wo Morgenlicht von tausend Himmeln flo&szlig;.</span>
+</div></div>
+
+
+<p><!-- Page 452 --><span class='pagenum'><a name="Page_452" id="Page_452">[452]</a></span>
+Sie nahm Ihm leise das Blatt aus der
+Hand und suchte darin eine Stelle, und als sie
+sie gefunden hatte, sprach sie langsam und leise:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Er, der die Welt gewollt und dessen Namen</span>
+<span class="i0">Kein endlich Wesen nennen darf noch kann,</span>
+<span class="i0">Er gab, da&szlig; eures Wesens tiefste Quellen</span>
+<span class="i0">Zum Lichte geh&#8217;n &#8211; und gab euch,
+da&szlig; ihr&#8217;s <em class="gesperrt">wi&szlig;t</em>!</span>
+</div></div>
+
+<p>Wie immer hatte sie ihn verstanden. Und
+als sie nun die dunklen Augen in heiligem
+Ernste zu ihm erhob, und als sein froher Blick
+in diese Augen selig versank, da sprach Asmus
+Semper in seinem Herzen:</p>
+
+<p>&raquo;Ein volles Gl&uuml;ck &#8211; bei Gott, ein volles
+Gl&uuml;ck.&laquo;</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3><b>Ende.</b></h3>
+
+<!-- TOC. -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
+
+<tr><td><a name="Inhalt" id="Inhalt"><b>Inhalt</b></a></td></tr>
+<tr><td></td></tr>
+<tr><td><a href="#Erstes_Buch"><b>Erstes Buch</b></a></td></tr>
+<tr><td></td></tr>
+<tr><td><a href="#I_Kapitel">I. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#II_Kapitel">II. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#III_Kapitel">III. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#IV_Kapitel">IV. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#V_Kapitel">V. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#VI_Kapitel">VI. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#VII_Kapitel">VII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#VIII_Kapitel">VIII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#IX_Kapitel">IX. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#X_Kapitel">X. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XI_Kapitel">XI. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XII_Kapitel">XII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XIII_Kapitel">XIII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td></td></tr>
+<tr><td></td></tr>
+<tr><td><a href="#Zweites_Buch"><b>Zweites Buch</b></a></td></tr>
+<tr><td></td></tr>
+<tr><td><a href="#XIV_Kapitel">XIV. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XV_Kapitel">XV. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XVI_Kapitel">XVI. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XVII_Kapitel">XVII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XVIII_Kapitel">XVIII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XIX_Kapitel">XIX. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XX_Kapitel">XX. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXI_Kapitel">XXI. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXII_Kapitel">XXII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXIII_Kapitel">XXIII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXIV_Kapitel">XXIV. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXV_Kapitel">XXV. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXVI_Kapitel">XXVI. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXVII_Kapitel">XXVII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXVIII_Kapitel">XXVIII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXIX_Kapitel">XXIX. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXX_Kapitel">XXX. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXXI_Kapitel">XXXI. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXXII_Kapitel">XXXII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXXIII_Kapitel">XXXIII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXXIV_Kapitel">XXXIV. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXXV_Kapitel">XXXV. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td></td></tr>
+<tr><td></td></tr>
+<tr><td><a href="#Drittes_Buch"><b>Drittes Buch</b></a></td></tr>
+<tr><td></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXXVI_Kapitel">XXXVI. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXXVII_Kapitel">XXXVII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXXVIII_Kapitel">XXXVIII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XXXIX_Kapitel">XXXIX. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XL_Kapitel">XL. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XLI_Kapitel">XLI. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XLII_Kapitel">XLII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XLIII_Kapitel">XLIII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XLIV_Kapitel">XLIV. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XLV_Kapitel">XLV. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XLVI_Kapitel">XLVI. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XLVII_Kapitel">XLVII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XLVIII_Kapitel">XLVIII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#XLIX_Kapitel">XLIX. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#L_Kapitel">L. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#LI_Kapitel">LI. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#LII_Kapitel">LII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#LIII_Kapitel">LIII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#LIV_Kapitel">LIV. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#LV_Kapitel">LV. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#LVI_Kapitel">LVI. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#LVII_Kapitel">LVII. Kapitel.</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#LVIII_und_letztes_Kapitel">LVIII. und letztes Kapitel.</a></td></tr>
+</table>
+
+<!-- End TOC. -->
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<div class="note">
+
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong></p>
+
+<p>Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen.</p>
+
+<p>Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen in Antiqua (nicht in Fraktur)
+wurden folgendermaßen gekennzeichnet: <em class="antiqua">Text</em></p>
+
+<p>Das Inhaltsverzeichnis wurde der Transkription zur Leseerleichterung beigef&uuml;gt.</p>
+
+<p>Auflistung aller gegen&uuml;ber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_150">S. 150:</a> [Bindestrich entfernt] aus-dem M&auml;rchen --> aus dem M&auml;rchen</li>
+<li><a href="#Page_281">S. 281:</a> In Amus wirbelte --> In Asmus wirbelte</li>
+<li><a href="#Page_359">S. 359:</a> [Anf&uuml;hrungszeichen nach &#8216;Sie&#8217; erg&auml;nzt] &raquo;Meinetwegen
+sag&rsquo; &#8216;Sie&#8217;&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_371">S. 371:</a> [&#8216; durch &raquo; ersetzt] &#8216;Werter Herr Semper&laquo; --> &raquo;Werter Herr Semper&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_377">S. 377:</a> in Winter --> im Winter</li>
+<li><a href="#Page_382">S. 382:</a> und lief ein groß Stück Weges vorauf. -> und lief ein groß
+Stück Weges voraus. [vorauf -> voraus]</li>
+
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Semper der Jüngling, by Otto Ernst
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING ***
+
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+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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