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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:36:53 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Der Mantel, by Nicolaj Gogol
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Mantel
+ Eine Novelle
+
+Author: Nicolaj Gogol
+
+Translator: Rudolf Kassner
+
+Release Date: February 3, 2009 [EBook #27973]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANTEL ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
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+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
+ Im Original kursiv gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+ ]
+
+
+
+
+ DER MANTEL
+
+
+ Eine Novelle
+ von
+ Nicolaj Gogol
+
+
+
+ Ins Deutsche übertragen
+ von
+ Rudolf Kassner
+
+
+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+
+
+
+In einer Ministerialabteilung -- besser ich nenne sie nicht, denn
+es gibt nichts Empfindlicheres als unsere Beamten, Offiziere und
+Kanzlisten. Heute fühlt wirklich schon jeder Privatmensch in seiner
+Person die ganze Gesellschaft beleidigt. Da soll neulich der Bericht
+eines Polizeihauptmannes -- ich weiß nicht mehr aus welcher Stadt --
+vorgelegen haben, worin dieser breit ausführt, daß die kaiserlichen
+Verordnungen allenthalben nichts mehr gelten und der geheiligte Name
+eines Polizeihauptmannes mit unverhohlener Verachtung ausgesprochen
+werde, und zum Beweis legte er dem Bericht einen dickleibigen Roman bei,
+allwo auf jeder zehnten Seite ein Polizeihauptmann in völlig betrunkenem
+Zustande erscheint. Um also Unannehmlichkeiten zu vermeiden, nenne ich
+die Ministerialabteilung, um die es sich hier handelt, lieber =eine=
+Ministerialabteilung, irgendeine ...
+
+In einer Ministerialabteilung also diente ein Beamter, irgendeiner. Man
+kann nicht gut sagen, er hätte herausgeragt aus der Schar der anderen,
+denn er war klein, pockennarbig, rothaarig, kurzsichtig, hatte eine
+Glatze und kleine verrunzelte Bäckchen, und aus seiner Gesichtsfarbe
+konnte man auf Hämorrhoiden schließen. Doch dagegen ist nichts zu
+machen. Schuld trägt das Petersburger Klima. Um seinen Rang nicht zu
+vergessen, da man bei uns vor allem den Rang angeben muß -- er war das,
+was man einen ewigen Titularrat nennt, über welchen sich bekanntlich
+hier schon verschiedene Schriftsteller lustig gemacht haben; diese
+können nun einmal nicht von der Gewohnheit lassen, gerade auf solche
+Leute loszugehen, die sich nicht wehren können. Er hieß Baschmatschkin,
+und sein Vorname lautete Akaki Akakiewitsch. Es ist wohl möglich, daß
+letzterer dem Leser merkwürdig und ein wenig gesucht erscheine, doch ich
+kann ihm versichern, daß nach diesem Namen in Wirklichkeit nicht gesucht
+worden war, daß vielmehr Umstände eingetreten waren, die jeden anderen
+ausschlossen, und das hatte sich so zugetragen. Akaki Akakiewitsch
+wurde, wenn ich mich recht erinnere, in der Nacht des 23. März geboren.
+Seine selige Mutter, eine Beamtenfrau und ein überaus braves Weib,
+machte, wie sich das gehört, sofort Anstalten, daß das Kind getauft
+werde. Sie lag noch im Bett, und rechts von ihr stand der Pate
+Iwan Iwanowitsch Jeroschkin, Abteilungschef im Senat und ein ganz
+ausgezeichneter Mann, und die Patin Arina Semenowa Bjelobruschowa, die
+Gattin eines Polizeileutnants und zudem mit seltenen Tugenden begabt.
+Pate und Patin ließen der Wöchnerin die Wahl zuerst unter folgenden drei
+Namen: Mokia, Sossia und Chosdadat, der Märtyrer, doch sie wollte nicht:
+»Nein, das sind alles so Namen.« Um sie zufriedenzustellen, wurde der
+Kalender an einer anderen Stelle aufgeschlagen, und da kamen die Namen:
+Trefilius, Dula und Barachassius heraus. »Das ist ja wie eine Strafe
+Gottes!« rief jetzt die Mutter. »Was für schreckliche Namen! Nie noch
+habe ich diese Namen gehört! Wenn wenigstens Barabas oder Baruch dastünde
+-- aber Trefilius und Barachassius! Ach! Ach!« Noch einmal drehten der
+Pate und die Patin die Seite um: da standen aber Pafsikachius und
+Bachtissius. »Ich sehe schon,« schrie jetzt die Alte, »das ist sein Los.
+Und weil es nicht anders sein kann, so soll er wie sein Vater heißen.
+Dieser hieß Akaki und darum soll auch sein Sohn so heißen!« So kam
+es also zu Akaki Akakiewitsch. Die Taufe wurde nun vollzogen, und
+dabei weinte das Knäblein und verzog das Gesicht so, als hätte es
+vorausgefühlt, daß es einmal Titularrat sein würde. Ich habe das alles
+ausgeführt, damit der Leser selber sehe, daß es gar nicht anders sein
+konnte und ein anderer Name unter diesen Umständen rein unmöglich und
+gänzlich ausgeschlossen gewesen wäre.
+
+Wann Akaki Akakiewitsch nun ins Ministerium kam und wer ihn dorthin
+brachte, daran kann sich wohl niemand mehr erinnern. Die Direktoren
+und Kanzleivorsteher wechselten, doch ihn sah man immer auf demselben
+Posten, in derselben Haltung, bei derselben Arbeit, so daß einer glauben
+konnte, Akaki Akakiewitsch wäre so auf die Welt gekommen: in Uniform und
+mit der Glatze. In seiner Abteilung bewies man ihm auch weiter keine
+Achtung. Die Türsteher standen nicht nur nicht auf, wenn er kam, sondern
+sie sahen ihn nicht einmal, als wäre da anstatt eines Titularrats
+eine ganz kleine Fliege hereingeflogen gekommen. Die Kanzleivorstände
+behandelten ihn von oben herab. So ein Sekretär hielt ihm einfach den
+Stoß Papiere unter die Nase hin und nahm sich erst weiter nicht die Mühe
+hinzuzufügen: Bitte schreiben Sie das ab! oder: Heute gibt es wieder
+einmal eine hübsche, interessante Arbeit für Sie! oder sonst etwas
+Verbindliches, wie es sich unter wohlerzogenen Leuten schickt. Und Akaki
+Akakiewitsch nahm auch alles so entgegen, wie man es ihm bot, und hatte
+nur Augen für das Papier und sah gar nicht erst auf den, der es ihm
+reichte und ob dieser auch dazu berechtigt wäre; er nahm es entgegen und
+machte sich sofort an die Arbeit. Die jungen Beamten lachten ihn aus und
+machten Witze mit ihm, wie das solche Kanzleigehirne eben verstehen;
+so erzählten sie in seiner Gegenwart Geschichten über ihn und seine
+Wirtschafterin, ein siebzigjähriges Weib, und sagten, daß diese ihn
+prügle, oder fragten, wann Hochzeit sein werde; auch streuten sie
+Papierschnitzel auf seine Glatze und meinten, das sei Schnee. Doch Akaki
+Akakiewitsch erwiderte mit keiner Silbe und tat, als sähe er nichts. Es
+störte ihn auch nicht im geringsten in seiner Arbeit; mitten unter allen
+diesen Sticheleien machte er nicht einen einzigen Fehler im Briefe. Nur
+wenn sie schon ganz unerträglich waren und diese freundlichen Kollegen
+etwa seine Hand zu stoßen begannen und ihn also an der Arbeit hinderten,
+rief er: »So laßt mich doch in Ruhe! Warum müßt ihr mich in einem fort
+ärgern?« Und etwas Fremdes und Fernes lag stets in diesen seinen Worten
+und in der Stimme, mit der er sie sprach. Ich sage, darin ward etwas
+laut, was in den Menschen das Mitleid erregen mußte, so daß wirklich
+einmal ein junger Mann, der seit kurzem hier angestellt war und nach
+dem Muster der anderen sich auch allerhand Scherze mit Akaki Akakiewitsch
+erlaubte, ganz plötzlich davon abließ, als sähe er jetzt alles ganz
+anders und als hätte sich alles nun vor seinen Augen verkehrt und
+verwandelt. Eine wunderbare Macht trennte ihn für immer von seinen
+Kollegen, mit denen er sich schon befreundet hatte, in der Meinung, es
+wären eben liebenswürdige Leute von Welt wie andere auch. Und noch nach
+Jahren, in Augenblicken des Frohsinns, stand da plötzlich im Geiste der
+kleine Beamte mit der Glatze auf dem Kopfe vor ihm und sprach dieselben
+Worte: Laßt mich doch in Ruhe! Warum müßt ihr mich in einem fort ärgern?
+Und mit diesen Worten tönten andere mit: Ich bin dein Bruder. Und der
+junge Mann bedeckte sein Gesicht mit den Händen und erschrak jetzt und
+noch oft und oft in seinem Leben davor, wieviel Unmenschliches im
+Menschen wohne, wieviel Grausamkeit und Roheit gerade in diesen feinen,
+gebildeten Männern von Welt und weiß Gott auch in solchen noch stecke,
+welche allenthalben für gutmütig und rechtschaffen gelten.
+
+Es wäre wohl schwer gewesen, einen Menschen zu finden, der mehr in
+seinem Berufe lebte. Akaki Akakiewitsch diente mit Eifer, doch das ist
+noch nicht das Wort: er diente mit Liebe. Während er so schrieb, erstand
+vor seinem Auge eine bunte und ihm liebe Welt, und der Genuß an dieser
+Welt drückte sich auch in seinem Gesichte deutlich aus; da gab es immer
+Buchstaben, die er ganz besonders mochte; wenn er die zu Papier brachte,
+war er wie närrisch, lächelte in sich hinein, zwinkerte mit seinen
+kleinen Augen und half gleichsam mit den Lippen nach, so daß man aus
+seiner Grimasse wohl lesen konnte, welchen Buchstaben eben seine Feder
+produzierte. Wenn sie ihn nach seinem Eifer entlohnt hätten, müßte er
+schon längst Staatsrat sein -- wohl auch zu seinem eigenen Erstaunen; so
+hatte er sich, wie seine Kollegen sich ausdrückten, statt eines kleinen
+Bandes im Knopfloch die Hämorrhoiden ersessen. Natürlich will ich damit
+nicht behaupten, daß seine Vorgesetzten auf ihn nicht aufmerksam
+geworden wären. Einer, ein guter Mensch, wollte ihn auch für seinen
+langen Dienst belohnen und gab den Auftrag, ihm von nun an eine
+wichtigere Arbeit anzuvertrauen als das bloße Abschreiben wäre: Akaki
+Akakiewitsch sollte Berichte für ein anderes Bureau liefern, und die
+Arbeit bestand schließlich nur darin, daß er den Titel änderte und die
+erste Person in die dritte verwandelte, doch das machte ihm solche Mühe,
+daß er ganz in Schweiß geriet, sich die Stirn rieb und endlich bat:
+Nein, laßt mich lieber wieder abschreiben! Und seitdem schrieb er wieder
+ab.
+
+Was nicht zum Schreiben gehört, das existierte für Akaki Akakiewitsch
+nicht. So vergaß er ganz auf seine Kleidung. Die Uniform war nicht mehr
+grün, sondern rötlich und wie mit Mehl bestäubt; der Kragen war so eng
+und niedrig, daß sein Hals, der eigentlich kurz war, ganz lang erschien
+und der Titularrat jenen Katzen aus Gips glich, welche die Hausierer auf
+dem Kopfe, so ein Dutzend im Korbe, herumtragen. Und immer blieb etwas
+an seiner Uniform hängen: ein wenig Heu oder ein Bindfaden; zudem hatte
+er es darauf abgesehen, unter ein Fenster gerade in dem Augenblick zu
+treten, da man Kehricht auf das Pflaster warf, und so trug er stets etwas
+davon auf seinem Hute weiter: Stücke Schale von einer Wassermelone,
+Brotrinde und ähnliches. Man kann wohl behaupten, daß er dem, was
+täglich auf der Straße vorgeht, auch nicht die geringste Aufmerksamkeit
+schenkte. Bekanntlich läßt sein Bruder im Amte zu keiner Zeit die Augen
+davon, in der Tat hat er diese schon so geschärft, daß er es schon
+merkt, wenn einer auf dem anderen Trottoir unten die Hosen abgetreten
+hat, welcher Umstand ihn immer von neuem zu lautem Lachen reizt. Wohin
+immer Akaki blickte, überall sah er die sauberen, geraden Linien seiner
+Handschrift, und erst wenn sich ihm von ungefähr eine Pferdeschnauze auf
+die Schulter legte und ihn aus seinen großen Nüstern anblies, wurde er
+gewahr, daß er sich nicht mitten in einer Zeile, sondern mitten auf der
+Straße befände.
+
+Zuhause setzte er sich gleich zu Tisch, schlang die Suppe herunter und
+aß ein Stück Rindfleisch mit Knoblauch dazu. Er schmeckte nicht, was er
+aß, und so kam es, daß er auch die Fliegen und was sonst etwa noch auf
+dem Essen lag, mit herunterschluckte. Wenn er fühlte, daß der Magen voll
+zu werden anfing, stand er auf, nahm Tintenfaß und Feder heraus und
+schrieb nun die Briefe und Schriften ab, die er mit nach Hause gebracht
+hatte. Gab es zufällig keine Briefe, so hatte er sich Kopien mitgenommen
+und schrieb sie jetzt zu seinem Vergnügen ab, besonders gerne, wenn sich
+so ein Schriftstück weniger durch Schönheit des Stils, wie durch die
+Adresse an eine neue oder wichtige Persönlichkeit auszeichnete.
+
+Um die Zeit, da Petersburgs grauer Himmel sich völlig verdunkelt und das
+ganze Beamtenvolk jeder nach seinem Gehalt oder Geschmack abgegessen
+hat, um die Zeit, da alles sich vom Gekritzel der Federn, von den vielen
+Gängen für sich und für andere oder sonst welchen Mühen, die sich der
+Mensch freiwillig aufzwingt mehr als nötig, erholt, um die Zeit, da die
+Beamten alle sich beeilen, die noch übrige Zeit dem Vergnügen zu widmen:
+der eilt in ein Theater, dieser auf die Straße, um gewisse kleine
+Hüte zu begucken, ein dritter in eine Gesellschaft, um sich hier in
+Komplimenten zu verausgaben an ein zierliches Kind, den Stern eines
+kleinen Beamtenkreises, ein vierter -- und das kommt allerdings am
+häufigsten vor -- kriecht zu seinem Amtsbruder hinauf in den dritten
+oder vierten Stock, die Wohnung besteht aus zwei kleinen Zimmern mit
+Vorzimmer und Küche und ist nicht ganz ohne Ansprüche auf Schönheit, es
+steht da etwa eine Lampe drin nach dem neuesten Geschmack oder sonst ein
+seltener Gegenstand, der viel Opfer gekostet hat und ganz bestimmt nur
+um den Preis unterdrückter Mittagessen und unterlassener Theaterbesuche
+zu erstehen war; ich sage, um die Zeit, da diese Beamten sich in den
+Wohnungen ihrer Kollegen zerstreuen mit Whist, Tee und Zwieback, und
+einer sitzt dabei und dampft aus seinem langen Tschibuk, und ein anderer
+neben ihm erzählt einen Klatsch aus den höchsten Kreisen, ein Vergnügen,
+dem ein Russe niemals und unter gar keinen Bedingungen entsagen will,
+und wenn ihm keiner einfällt, so gibt er wohl zum hundertsten Male
+die Anekdote zum besten vom Kommandanten, dem gemeldet wird, daß ein
+Übeltäter dem Pferde am Denkmal Peters des Großen den Schweif abgehauen
+hätte, ich sage, um die Zeit, da alles die Freude und das Vergnügen
+sucht, blieb Akaki Akakiewitsch durchaus jeder Art von Zerstreuung
+ferne. Niemand konnte sagen, er hätte ihn jemals abends wo in
+Gesellschaft gesehen. Sobald er sich satt geschrieben hatte, ging
+er zu Bett, im voraus schon lächelnd beim Gedanken daran, was Gott
+ihm wohl morgen zum Abschreiben geben werde.
+
+So floß friedlich das Leben eines Menschen hin, der mit vierhundert Rubel
+Gehalt sich in sein Los schicken konnte, und dieses Leben wäre weiter
+so dahingeflossen in gleichem Frieden bis ins höchste Greisenalter, wenn
+es nicht böse Zufälle gäbe auf dem Lebenswege nicht nur der Titular-,
+sondern auch der Geheim-, der wirklichen Geheim- und der Hofräte, ja
+selbst derer, die niemandem einen Rat geben und auch von keinem einen
+solchen empfangen.
+
+Alle die mit einem Jahresgehalt von vierhundert Rubel und darum haben in
+Petersburg einen gar argen Feind, und dieser Feind ist kein anderer als
+unser Winterfrost, trotzdem er natürlich für sehr gesund gilt. So um
+neun Uhr morgens, um die Zeit, da sich die Straßen füllen mit solchen,
+die in die Ministerien müssen, beginnt er so kräftige und beißende
+Nasenstüber auszuteilen, daß die armen Beamten wirklich nicht mehr
+wissen wohin mit ihren Nasen. Und wenn denen in hoher Stellung schon die
+Stirn vor Kälte brennt und Tränen in die Augen treten, geht es unseren
+armen Titularräten erst recht schlecht. Das einzige, was diesen zu tun
+übrigbleibt, ist sich so schnell wie möglich in ihren dünnen Mäntelchen
+durch die fünf oder sechs Gassen zu schlagen und dann in der Portierloge
+sich die Füße am Ofen zu wärmen, so lange, bis alle auf dem Wege
+eingefrorenen Talente und Fähigkeiten zum Dienst wieder aufgetaut wären.
+Akaki Akakiewitsch begann nun schon seit einiger Zeit zu fühlen, daß ihn
+da was im Rücken und auf den Schultern gar heftig zwicke und beiße,
+trotzdem er sich bemühte, den Weg ins Bureau so schnell wie möglich
+zurückzulegen. Und er dachte, ob nicht am Ende sein Mantel die Schuld
+trüge, und richtig, da er ihn zu Hause genau durchsuchte, entdeckte er,
+daß an drei oder vier Stellen, gerade am Rücken und an den Schultern,
+sich der Stoff durchgerieben hatte und ganz durchsichtig geworden und
+daß auch das Futter zerrissen wäre. Man muß im übrigen wissen, daß die
+Kollegen auch diesen Mantel zur Zielscheibe ihres Spottes gewählt, daß
+sie ihm den ehrenwerten Namen eines Mantels überhaupt genommen und ihn
+Kapuze getauft hatten. In der Tat hatte er im Laufe der Zeit eine
+fragwürdige Form angenommen, auch war der Kragen von Jahr zu Jahr
+schmäler geworden, da er zum Flicken der anderen Teile herhalten mußte,
+und diese Flecken verrieten keineswegs die Kunst eines Schneiders,
+vielmehr waren sie von höchst ungeübter und grober Hand eingesetzt.
+
+Da nun Akaki Akakiewitsch mit Augen sah, woran er wäre, beschloß er,
+den Mantel sofort zu Petrowitsch, dem Schneider, zu tragen. Dieser
+lebte irgendwo im vierten Stock eines Hinterhauses und befaßte sich
+mit Reparaturen aller Art von Hosen und Fräcken der Beamten und anderer
+Leute, natürlich nur in Stunden, da er nüchtern und sein Kopf frei war.
+Ich brauchte über ihn natürlich nicht lange zu reden, doch da es nun
+einmal so Sitte ist, daß in einer Erzählung über den Charakter einer
+Figur kein Zweifel herrsche, so her mit diesem Schneider. Vor Jahren
+hieß er noch einfach Grigori und war Leibeigener bei irgendeinem Herrn.
+Petrowitsch begann er sich erst zu nennen, da er freigelassen wurde und
+sich an allen Feiertagen tüchtig zu betrinken anfing, zuerst nur an den
+großen, später aber an allen ohne Unterschied, wo immer nur im Kalender
+sich ein Kreuz fand. Darin war er der Sitte seiner Väter durchaus treu
+geblieben, und wenn er darob mit seinem Weibe zankte, so nannte er sie
+ein weltliches Geschöpf ohne Sitte und ohne Art und zudem eine Deutsche.
+Da ich nun schon einmal bei seinem Weibe bin, so muß ich auch über sie
+ein paar Worte sagen. Leider ist von ihr nicht viel mehr bekannt, als
+daß sie eben das Eheweib des Petrowitsch sei und daß sie eine Haube
+und nicht ein Tuch um den Kopf trage. Sie konnte sich wohl in keinem
+Falle rühmen, schön zu sein; höchstens daß Soldaten von der Garde ihr
+einmal unter die Haube guckten, doch sie drehten sich da jedesmal den
+Schnurrbart, lachten und sprachen ein nicht wiederzugebendes Wort aus.
+
+Auf der Stiege zu Petrowitsch -- die Wahrheit zu sagen war diese gerade
+frisch eingeseift und stank, wie alle Petersburger Hintertreppen, stark
+nach Schnaps -- ich sage auf der Stiege überlegte Akaki Akakiewitsch,
+wieviel Petrowitsch wohl verlangen dürfte, und war in Gedanken fest
+entschlossen, nicht mehr als zwei Rubel zu geben. Die Tür stand offen,
+denn die Küche, wo des Petrowitsch Weib einen Fisch briet, war so voll
+Rauch, daß man nicht einmal die Schwaben sehen konnte. Akaki konnte also
+durchgehen, ohne von der Wirtin gesehen zu werden, und trat ins Zimmer
+des Petrowitsch, welcher an einem breiten ungestrichenen Tisch saß und
+die Beine wie ein Pascha gekreuzt hatte. Die Füße waren wie bei allen
+Schneidern bloß, und vor allem mußte dem Kunden der Daumen auffallen;
+Akaki Akakiewitsch kannte ihn gut mit seinem verstümmelten Nagel, der
+dick und hart wie Schildpatt war. Um den Hals hingen ihm Fäden von Zwirn
+und Seide und auf den Knien hatte er einen alten Fetzen. Schon seit
+einigen Minuten suchte er den Zwirn in das Nadelöhr zu bekommen, doch
+es wollte ihm nicht gelingen, und da begann er denn auf die Finsternis
+zu schimpfen und auch auf den Zwirn: Er geht nicht hinein, das Luder.
+Akaki Akakiewitsch war es nicht angenehm, gerade in einem Augenblick zu
+kommen, da Petrowitsch in schlechter Stimmung war: es wäre ihm lieber
+gewesen, bei Petrowitsch eine Bestellung zu machen, da dieser seine
+Courage vertrunken hatte und nach Fusel roch. In diesem Zustande ging er
+nämlich auf alles ein und stand immer wieder von seinem Sitze auf und
+verbeugte sich in einem fort und war überaus dankbaren Gemütes. Freilich
+später kam dann das Weib und weinte und schrie, der Mann sei betrunken
+gewesen gestern und hätte nur darum die Arbeit für so wenig übernommen.
+Doch da legte man ein paar Kopeken zu, und die Sache war gemacht. Heute
+aber, schien es, war Petrowitsch nüchtern und darum fest, er tat den
+Mund nicht auf und war also eher geneigt, weiß Gott was für Preise zu
+verlangen. Akaki Akakiewitsch fühlte das sehr deutlich und wollte schon
+wieder zurück, doch er war schon zu weit gekommen, Petrowitsch hatte ihn
+erblickt und blinzelte ihn mit seinem einzigen Auge von der Seite an, so
+daß der Titularrat ganz gegen seinen Willen: »Guten Tag, Petrowitsch!«
+ausrief. »Gott zum Gruß, Herr!« erwiderte Petrowitsch, und das Auge des
+Schneiders fiel auf die Hand des Akaki Akakiewitsch und wollte wissen,
+was für eine Beute dieser ihm heute denn brächte. »Ich komme zu dir,
+Petrowitsch ... denn ... weil ...« Man muß wissen, daß der Titularrat
+sich meist nur in Umstands- und Beiwörtern und in sonst welchen Silben,
+die ganz ohne Sinn waren, ausdrückte. Und wenn eine Sache sehr schwierig
+war, hatte er die Gewohnheit, den Satz überhaupt nicht zu beenden ...
+
+»Was habt Ihr da?« sagte Petrowitsch und musterte inzwischen mit seinem
+einen Auge die ganze Uniform von oben bis unten, Kragen, Aermel, Rücken,
+Falten, Achselschlingen, er kannte das alles sehr gut, denn es war seine
+eigene Arbeit. Das ist bei Schneidern so Gewohnheit; das erste, was
+jeder tut.
+
+»Da hab ich was für dich, Petrowitsch. Den Mantel ... Das Tuch ... Du
+siehst, es ist überall noch gut, ganz fest. Er ist nur etwas verstaubt
+und sieht darum so alt aus, doch er ist noch ganz neu ... neu ... Nur
+hier ist so etwas ... am Rücken. Und auch noch auf der Schulter ist er
+ein wenig durchgewetzt, und dann da noch auf dieser Schulter ... Siehst
+du es auch? Das ist alles. Nicht viel Arbeit.«
+
+Petrowitsch nahm den Mantel, breitete ihn auf dem Tisch aus und prüfte
+ihn lange. Er schüttelte mit dem Kopfe, und seine Hand griff nach einer
+runden Tabaksdose mit dem Porträt eines Generals darauf -- man konnte
+nicht sehen welches, denn dort, wo das Gesicht hätte sein sollen, war
+das Holz mit dem Finger durchgedrückt und mit einem Stückchen Papier
+zugeklebt. Petrowitsch schnupfte ein wenig Tabak und hielt jetzt den
+Mantel gegen das Licht und schüttelte noch einmal sein Haupt; dann
+kehrte er das Futter heraus und schüttelte wieder mit dem Kopfe; noch
+einmal nahm er die Dose mit dem geköpften General, zog etwas Tabak ein,
+legte sie aufs Fensterbrett und sagte endlich: »Nein, da ist nichts mehr
+auszubessern. Der Mantel ist schlecht.«
+
+Dem Titularrat schlug das Herz. »Warum nicht, Petrowitsch?« fragte er
+mit der jammernden Stimme eines kleinen Kindes. »Er ist doch nur an den
+Schultern etwas durchgewetzt. Du hast sicher bei dir noch alte Flecken
+zum Stopfen.«
+
+»Die habe ich schon; aber man kann sie nicht mehr aufnähen. Das Tuch ist
+schon ganz mürbe und hält den Stich nicht mehr: so ist es!«
+
+»Da nähst du eben einen Lappen darauf!«
+
+»Worauf denn? Nein, nein, den kann man nicht mehr zusammenflicken, der
+hat schon zuviel durchgemacht.«
+
+»Doch, doch, stopf ihn nur!«
+
+»Nein,« sagte Petrowitsch jetzt ganz entschlossen, »da ist nichts mehr
+zu stopfen. Am besten, Ihr macht Euch, wenn der Winter kommt, Fußlappen
+daraus. Strümpfe sind doch nicht warm. Die haben die Deutschen erfunden,
+um noch mehr Geld zu machen. (Petrowitsch liebte es, gelegentlich auf
+die Deutschen zu schimpfen.) Den Mantel aber, versteht sich, müßt Ihr
+Euch neu machen lassen.«
+
+Bei dem Worte neu wurde es dem Titularrat dunkel vor den Augen, und
+alles drehte sich ihm im Zimmer, und er sah nur ganz klar vor sich den
+General mit dem zugeklebten Gesichte auf der Tabaksdose.
+
+»Wieso einen neuen?« rief er wie aus dem Traume. »Ich habe doch kein
+Geld dafür.«
+
+»Ja, einen neuen,« bestätigte Petrowitsch mit grausamer Ruhe.
+
+»Und wenn es schon ein neuer sein muß, was würde ...?«
+
+»Ihr meint, was er kostet?«
+
+»Ja.«
+
+»Nun, so hundertundfünfzig Rubel müßt Ihr darauf schon verwenden,«
+meinte Petrowitsch und kniff die Lippen zusammen. Er liebte nämlich die
+starken Effekte. Er liebte es, den Leuten Schrecken einzujagen und dann
+so von der Seite zuzusehen, was der Geschreckte für ein Gesicht machte.
+
+»Hundertundfünfzig Rubel für einen Mantel!« schrie Akaki Akakiewitsch
+auf, vielleicht das erstemal wieder nach seiner Geburt, denn für
+gewöhnlich eignete ihm große Stille.
+
+»Ja, gewiß!« sagte Petrowitsch. »Und wenn Ihr den Kragen aus Marder und
+die Kapuze mit Seide gefüttert haben wollt, so kommt er auf
+zweihundert.«
+
+»Petrowitsch, ich bitte dich,« flehte der Titularrat, ohne auf
+Petrowitsch zu hören und auf dessen Effekte zu achten, »bessere mir den
+Mantel aus, damit er noch einige Zeit wenigstens hält!«
+
+»Nein, das geht nicht. Das hieße Arbeit verschwenden und das Geld auf
+die Straße werfen,« schloß Petrowitsch, und Akaki Akakiewitsch lief
+hinaus. Petrowitsch jedoch behielt noch lange seine Stellung, kniff
+höchst bedeutsam die Lippen zusammen und ließ die Hände von der Arbeit,
+so zufrieden war er damit, daß er diesmal weder sich selber erniedrigt
+noch die Schneiderkunst verraten hatte.
+
+Auf der Straße ging Akaki Akakiewitsch wie im Traume. »So etwas. Ich
+hätte doch nicht gedacht, daß es dazu kommen würde!« Und dann fügte er
+hinzu nach einigem Überlegen: »So steht die Sache. Das kam dabei heraus.
+Wer hätte vermuten können, daß es damit so stände.« Und wieder schwieg
+er, und jetzt noch einmal: »So steht es also mit mir. Das konnte ich
+doch nicht erwarten, niemals ... So etwas ...« Anstatt nach Hause ging
+er nun, ohne es zu wissen, genau in der entgegengesetzten Richtung. Auf
+dem Wege streifte ihn ein Schornsteinfeger, und die Schulter war ganz
+schwarz davon. Auch fiel eine Kelle mit Kalk auf ihn von einem Hause,
+an welchem gebaut wurde. Er merkte nichts. Erst als er gegen einen
+Wachtposten angerannt war, der, die Hellebarde neben sich, aus seinem
+Beutel Tabak auf die schwielige Hand tat, wachte er auf, denn der Posten
+schrie ihn an: »Mußt du mir denn ins Maul kriechen? Wozu ist denn das
+Trottoir da?« Jetzt sah er auf und ging nach Hause. Und hier erst begann
+er die Gedanken zu sammeln und klar seine Lage zu übersehen, hier erst
+begann er mit sich nicht mehr zusammenhanglos, sondern überlegt und
+offen zu sprechen, als redete er mit einem klugen Freunde, dem man eine
+Herzenssache anvertrauen kann. »Nein, nein, heute kann niemand mit
+Petrowitsch reden. Sein Weib muß ihn durchgeprügelt haben. Ich gehe
+besser am nächsten Sonntag noch einmal zu ihm. Sonnabend ist er
+betrunken, und da bekommt er Sonntag darauf die Augen nicht auf und
+bedarf einer Stärkung. Sein Weib gibt ihm das Geld nicht, und da bin
+ich dann da und drücke ihm einen Sechser in die Hand, und so wird er mit
+sich reden lassen, und der Mantel wird dann noch gehen ...« So schloß
+der Titularrat, sprach sich Mut zu und wartete auf den nächsten Sonntag.
+Kaum hatte er gesehen, daß des Schneiders Weib aus dem Hause ging,
+eilte er schnurstracks zu ihm. In der Tat hatte Petrowitsch Mühe, sein
+einziges Auge aufzubekommen und war ganz voll Schlaf und ließ den Kopf
+hängen. Doch kaum hatte er verstanden, worum es sich wieder handle, als
+er schon wie vom Satan getrieben rief: »Nein, nein, das geht nicht. Ihr
+müßt einen neuen bestellen!« Der Augenblick war da, ihm den Sechser in
+die Hand zu drücken. »Ich danke Euch, Herr! Da kann ich mich ein wenig
+stärken gehen auf Eure Gesundheit. Doch den Mantel laßt nun einmal, er
+taugt wirklich nichts mehr. Ich mache Euch einen neuen, schönen und
+dabei bleibt es.« Der Titularrat fing immer wieder von der Reparatur an,
+doch Petrowitsch hörte gar nicht auf ihn und rief: »Ich mache Euch einen
+neuen. Verlaßt Euch auf mich, ich werde mir Mühe geben! Ich werde Euch
+sogar, weil es jetzt so Mode ist, silberne Pfötchen aufs Appliqué
+nähen.«
+
+Akaki Akakiewitsch sah nun ganz klar, daß der neue Mantel nicht mehr
+zu umgehen sei, und sein Mut war weg. Von welchem Gelde sollte er sich
+ihn nur machen lassen? Freilich durfte er auf die Remuneration zu den
+Feiertagen hoffen, doch die war schon im voraus eingeteilt: er brauchte
+neue Hosen, mußte den Schuster bezahlen fürs Ansetzen von Kappen an den
+Schuhen, und dann wollte er bei der Näherin drei Hemden bestellen. Kurz,
+das Geld war schon verausgabt. Und wenn auch der Direktor so gnädig
+wäre, ihm statt vierzig Rubel fünfundvierzig oder gar fünfzig zu
+bewilligen, würde die Kleinigkeit, die übrigbliebe, nur ein Tropfen im
+Meere sein im Vergleiche zu der Summe, die der neue Mantel kosten soll.
+Natürlich das wußte er schon, daß Petrowitsch, weiß der Teufel warum,
+bei guter Laune gerne solche verrückte Preise machte, so daß selbst sein
+Weib sich nicht mehr halten konnte und ihn anschrie: »Bist du närrisch
+geworden? Einmal arbeitest du für nichts und dann wieder treibt dich der
+Teufel, einen Preis zu verlangen, den du selber gar nicht wert bist.«
+Wenn der Titularrat auch wußte, daß Petrowitsch den Mantel für achtzig
+Rubel liefern würde -- woher aber die achtzig nehmen? Die Hälfte konnte
+er noch zusammenkriegen, ja, die Hälfte sogar sicher, vielleicht auch
+eine Kleinigkeit mehr: aber die andere Hälfte, wer sollte die ihm
+geben?... Doch der Leser muß zuerst erfahren, woher er die erste Hälfte
+nehmen wollte. Akaki Akakiewitsch hatte nämlich die Gewohnheit, von
+jedem verausgabten Rubel eine Kopeke in eine kleine Sparbüchse zu tun,
+die zugeschlossen war und einen schmalen Schlitz enthielt, durch den
+so eine Kopeke ging. Jedes halbe Jahr zählte er die Summe, die sich
+angesammelt hatte, und wechselte sie in Silber um. Das hatte er nun
+seit geraumer Zeit durchgeführt, und auf diese Weise war im Laufe von
+mehreren Jahren die Summe von vierzig Rubel zusammengekommen. Die eine
+Hälfte war also da, in seinen Händen, woher aber, noch einmal, die
+anderen vierzig Rubel? Akaki Akakiewitsch überlegte hin und her und
+beschloß endlich, mindestens ein ganzes Jahr sich einzuschränken, das
+heißt: keinen Tee mehr am Abend zu trinken, kein Licht mehr anzuzünden
+und, wenn er abends arbeiten müsse, zur Wirtin zu gehen und dort bei
+der Kerze zu schreiben; dann auf der Straße so leise und vorsichtig
+wie möglich aufzutreten, ja auf den Zehen zu gehen, um die Sohlen nicht
+durchzuwetzen; endlich die Wäsche so selten wie möglich zum Waschen zu
+geben und sie zu Hause gleich auszuziehen, damit sie nicht abgenützt
+werde, und im halbwollenen Schlafrock dazusitzen, der sehr alt sei und
+dem die Zeit darum nichts mehr anhaben könnte. Es fiel ihm ja, um die
+Wahrheit zu sagen, anfangs schwer, sich an alle diese Entbehrungen zu
+gewöhnen, doch mit der Zeit wurde es ihm immer leichter, ja allmählich
+ward er ein Meister in der Kunst zu hungern, im Geiste sich mit dem
+Gedanken an den neuen Mantel nährend.
+
+Und seit diesen Tagen wurde sein ganzes Wesen gleichsam voller, als
+hätte er geheiratet, als stünde ihm jetzt ein Wesen zur Seite, als
+wäre er nicht mehr allein und hätte sich eine köstliche Lebensgefährtin
+endlich entschlossen, den Weg des Lebens mit ihm zu wandeln, und ich
+sage, diese köstliche Lebensgefährtin war eben der Mantel, innen
+wattiert und mit starkem Futter versehen. Akaki Akakiewitsch wurde
+in der Tat lebhafter und fester gleich einem Menschen, der ein Ziel
+hat. Aus seinem Gesichte und aus seinen Schritten waren von selbst
+aller Zweifel, jegliche Unentschlossenheit, alle die schwankenden und
+unbestimmten Züge verschwunden. In sein Auge kam zuweilen Feuer und in
+seinem Hirne blitzten dann kühne, ja freche Gedanken auf: könnte der
+Kragen am Ende nicht doch aus Marder sein? Ich sage, Akaki Akakiewitsch
+wurde durch solche und ähnliche Gedanken zerstreut, und einmal hätte er
+beim Abschreiben beinahe einen Fehler gemacht, so daß er laut aufschrie
+und sich bekreuzte. Jeden Monat mindestens einmal klopfte er bei
+Petrowitsch an, um über den Mantel zu schwatzen: wo würde man wohl am
+besten das Tuch kaufen, und welche Farbe sollte es eigentlich haben und
+wie teuer wird es sein? Und jedesmal kam er, wenn auch nicht ganz ohne
+Kummer, so doch zufrieden nach Hause bei dem Gedanken, daß nun endlich
+die Zeit da sein werde, da man alles Notwendige kaufen und der Mantel
+fertig sein würde. Und die Zeit kam schneller als er geglaubt hatte,
+denn wider alles Erwarten hatte der Direktor ihm nicht nur vierzig,
+sondern ganze fünfzig Rubel bewilligt. Ob dieser es nun geahnt hat,
+daß Akaki Akakiewitsch einen neuen Mantel brauchte, oder ob das so von
+selber gekommen ist, Akaki Akakiewitsch hatte auf einmal zwanzig Rubel
+mehr. Und dieser Umstand beschleunigte die Sache. Noch zwei, drei Monate
+hungern, und Akaki Akakiewitsch hatte die achtzig Rubel beisammen. Sein
+sonst so ruhiges Herz begann laut zu schlagen, da er sich mit Petrowitsch
+zusammen nach dem Laden aufmachte. Sie kauften sehr gutes Tuch, nicht zu
+teuer, war dieses doch durch ein halbes Jahr hindurch der alleinige
+Gegenstand ihres Denkens gewesen und hatten sie doch selten einen Monat
+verstreichen lassen, ohne im Laden um den Preis zu handeln; dafür meinte
+aber auch Petrowitsch jetzt, daß es bestimmt kein besseres Tuch gebe.
+Als Futter wählten sie Coulaincour, guten, festen, der nach der Aussage
+des Petrowitsch besser wäre als Seide und auch so aussehe und glänze.
+Marder kauften sie nicht, das war zu teuer, dafür wählten sie aber ein
+Katzenfell, das beste, das sie im Laden fanden und das man im übrigen
+von weitem ganz gut für Marder halten konnte. Petrowitsch brauchte im
+ganzen vier Wochen für den Mantel, denn es gab viel zu steppen, sonst
+würde er wohl früher damit fertig geworden sein. Für die Arbeit nahm er
+zwanzig Rubel, billiger ging es schon nicht. Alles war auf Seide genäht,
+und bei jeder Naht half Petrowitsch noch mit den Zähnen nach.
+
+Es war nun -- ich kann nicht genau sagen, an welchem Tage -- es war
+jedenfalls am glorreichsten Tage in des Akaki Akakiewitsch Leben, daß
+Petrowitsch den Mantel endlich brachte. Am Morgen, genau um die Stunde,
+da der Titularrat ins Bureau mußte. Auch wäre zu keiner anderen
+Jahreszeit der Mantel so gelegen gekommen, denn die starken Fröste
+hatten schon eingesetzt und drohten allem Anschein nach noch heftiger zu
+werden. Petrowitsch erschien mit dem Mantel ganz so, wie sich das für
+einen guten Schneider gehört. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den
+Akaki Akakiewitsch an ihm noch nicht wahrgenommen hatte. Es schien, als
+fühlte er durchaus, daß er keine geringe Sache hier zur Vollendung
+gebracht hätte und daß er erst jetzt den Abgrund gewahr geworden wäre,
+der einen Flickschneider von jenem entschieden trenne, der neue Anzüge
+machte. Petrowitsch nahm den Mantel aus dem Tuch heraus, in das er ihn
+gewickelt hatte. (Das Tuch war frisch aus der Wäsche gekommen, und er
+legte es auch gleich wieder zusammen und steckte es ein zum sofortigen
+Gebrauch.) Er blickte ihn stolz an und warf ihn mit beiden Händen sehr
+leicht Akaki Akakiewitsch um die Schultern; dann zog er ihn ein wenig
+nach unten mit der Hand; dann mußte ihn Akaki Akakiewitsch aufgeknöpft
+lassen und der Mantel Falten werfen. Doch Akaki Akakiewitsch wollte als
+ein Mann von Erfahrung auch die Ärmel probieren; Petrowitsch half ihm
+-- auch die Ärmel paßten. Kurz der Mantel war vollkommen. Petrowitsch
+unterließ auch nicht die Bemerkung, daß er ihn deshalb nur so billig
+gemacht hätte, weil er weit vom Zentrum entfernt lebe und Akaki
+Akakiewitsch schon seit langem kenne; auf dem Newsky Prospekt hätte
+ihm ein Schneider für die Arbeit allein fünfundsiebzig Rubel genommen.
+Akaki Akakiewitsch wollte mit Petrowitsch darüber jetzt nicht rechten,
+fürchtete er doch überhaupt all die Riesensummen, mit denen der Schneider
+Staub zu machen liebte. Er zahlte ihn aus, dankte ihm noch und ging
+alsogleich mit dem neuen Mantel ins Bureau. Petrowitsch ging ihm nach
+und sah sich auf diese Weise seinen Mantel aus der Ferne an, er bog
+auch in eine Seitengasse ein und kam auf derselben Straße Akakiewitsch
+entgegen, so daß er den Mantel jetzt auch von vorne sehen konnte.
+Inzwischen aber schritt Akaki Akakiewitsch in wahrhaft feiertäglicher
+Laune weiter. Er fühlte es in jedem Augenblicke, daß er jetzt den neuen
+Mantel anhätte, und zuweilen lächelte er vor innerem Glücke. In der
+Tat brachte ihm der Mantel auch jeden Vorteil, das heißt: er war sowohl
+warm als auch gut überhaupt. Auf den Weg achtete der Titularrat nicht,
+und schon war er im Ministerium. Im Vorzimmer nahm er den Mantel
+ab, betrachtete ihn von allen Seiten und übergab ihn dem Portier zu
+besonderer Aufsicht. Ich weiß nicht, auf welche Weise die Kollegen im
+Amte erfahren hatten, daß Akaki Akakiewitsch einen neuen Mantel hätte
+und daß die alte Kapuze nicht mehr existierte: alle stürmten im selben
+Augenblicke ins Vorzimmer hinaus, um den Mantel zu sehen. Dort
+beglückwünschten und begrüßten sie feierlichst Akaki Akakiewitsch, so
+daß er anfangs wohl lachte, zuletzt aber ganz verlegen wurde. Als nun
+aber alle in ihn drangen, der neue Mantel müßte eingeweiht werden und er
+ihnen allen eine Gesellschaft geben, wußte Akaki Akakiewitsch schon gar
+nicht mehr wohin und was er antworten und wie er sich ausreden sollte,
+bis er ganz rot im Gesicht ihnen in seiner Einfalt versicherte, daß
+es doch kein neuer Mantel wäre, sondern ein alter. Doch da rief einer
+aus der Schar, ein Gehilfe des Chefs, wohl um zu zeigen, daß er nicht
+hochmütig sei und den Verkehr mit niederen Beamten nicht meide: »So ist
+es. Ich will an seiner Stelle die Gesellschaft geben und bitte euch
+alle für heute abend zu mir; im übrigen trifft es sich, daß heute mein
+Namenstag ist.« Die Beamten gratulierten jetzt dem Gehilfen und nahmen
+mit Freude die Einladung an. Nur Akaki Akakiewitsch bat um Entschuldigung,
+er könne nicht kommen; doch da redeten sie alle auf ihn ein, daß das
+ungezogen sei, ja einfach eine Schande, und so konnte er nicht nein
+sagen. Ja die Einladung war ihm sogar sehr lieb, da ihm jetzt einfiel,
+daß er auf diese Weise auch abends den neuen Mantel werde anziehen
+können.
+
+Der ganze Tag war nun für Akaki Akakiewitsch ein Fest und ein Triumph.
+Er ging in der allerglücklichsten Gemütsverfassung nach Hause, nahm dort
+den Mantel ab und hing ihn mit der größten Vorsicht an die Wand. Immer
+wieder liebäugelte er mit dem Stoff und dem Futter und nahm auch zum
+Vergleich die alte Kapuze heraus. Er mußte lachen, so groß erschien ihm
+der Unterschied zwischen beiden. Und noch lange nach dem Essen mußte er
+lachen, sooft ihm die überaus traurige Verfassung seiner alten Kapuze
+einfiel. Sein Mahl verzehrte er mit aller Heiterkeit, und diesmal
+schrieb er nach dem Essen nicht ab, vielmehr faulenzte er am Bett, bis
+es dunkel wurde. Doch dann schob er es nicht mehr hinaus, zog den neuen
+Mantel an und ging auf die Straße.
+
+Wo der Beamte lebte, der die Gesellschaft gab, das weiß ich leider
+nicht genau zu sagen; mein Gedächtnis läßt mich jetzt oft im Stich,
+und Petersburgs Häuser und Straßen gehen alle in meinem Kopfe so
+durcheinander, daß ich mich oft schwer darin zurechtfinde. Nur so viel
+weiß ich zu sagen, daß er im besten Viertel wohnte, also nicht sehr nahe
+von Akaki Akakiewitsch. Zuerst mußte dieser wohl noch durch öde Gassen
+mit spärlicher Beleuchtung schreiten, doch in dem Maße, als er sich der
+Wohnung des Gehilfen näherte, wurden die Straßen lebhafter, bewohnter
+und besser beleuchtet. Blitzschnell eilten Fußgänger an ihm vorbei,
+er sah schön gekleidete Frauen, die Herren trugen Biberkragen, das
+Auge begegnete hier nur ganz selten den hölzernen Bauernschlitten
+mit dem durchlöcherten Boden, hingegen flogen elegante Kutscher mit
+himbeerfarbenen Sammetmützen, lackierten Schlitten mit Bärendecken
+durch die Straßen, und die Kufen und Räder knirschten am Schnee. Für
+Akaki Akakiewitsch war das alles neu; schon seit vielen Jahren war
+er abends nicht auf der Straße gewesen. Neugierig blieb er vor einem
+hellerleuchteten Laden stehen und sah darin ein Bild, eine hübsche Frau
+darstellend, die sich den Schuh auszieht und so ihr Bein sehen läßt;
+hinter ihr steckt ein Herr mit Backenbart und Fliege unter der Lippe
+den Kopf zur Tür hinein. Akaki Akakiewitsch schüttelte den Kopf und
+lächelte und ging weiter. Und warum lächelte er? Weil er hier einer ihm
+ganz und gar fremden Welt zum ersten Male begegnete, für die auch ihm
+das Gefühl nicht ganz fehlen konnte. Oder dachte er so wie alle anderen
+Beamten: »Diese Franzosen! Die verstehen das!?« Vielleicht dachte er
+auch das nicht. Ach, wir vermögen ja dem Menschen nicht in die Seele zu
+blicken und zu wissen, was er denkt.
+
+Endlich erreichte er das Haus. Der Gehilfe lebte auf großem Fuße, die
+Treppe war erleuchtet, die Wohnung im zweiten Stock. Im Vorzimmer sah
+Akaki Akakiewitsch eine ganze lange Reihe Galoschen. Mitten unter ihnen
+dampfte ein Samowar. An den Wänden hingen die Mäntel, einige darunter
+mit Biberkragen oder Sammetaufschlägen. Hinter der Wand hörte man Lärm
+und Worte, die plötzlich klar und deutlich wurden, da sich die Tür
+öffnete und ein Diener heraustrat mit leeren Teegläsern, Sahne und einem
+Korb mit Zwieback auf der Tablette. Die Gäste waren also schon einige
+Zeit beisammen und hatten das erste Glas Tee schon getrunken. Akaki
+Akakiewitsch ging, nachdem er seinen Mantel eigenhändig an die Wand
+gehängt hatte, ins Zimmer, und vor seinen Augen glänzten im Nu die
+Kerzen, die Beamtenuniformen, die Pfeifen und Kartentische, und seine
+Ohren waren betäubt vom Lärm des Gespräches und des Stuhlrückens.
+Voller Scheu blieb er in der Mitte des Zimmers stehen und versuchte zu
+überlegen, was er denn weiter jetzt tun sollte. Doch kaum hatten ihn
+seine Kollegen bemerkt, als sie ihn mit großem Geschrei umringten und
+gleich auch hinaus ins Vorzimmer stürzten, um den Mantel noch einmal zu
+besichtigen. Akaki Akakiewitsch war nicht wenig verlegen, doch konnte
+er in seiner Einfalt nicht anders als sich freuen, da er sah, daß alle
+diesen Mantel priesen. Es versteht sich von selber, daß sie seinen
+Mantel sowie auch ihn sogleich stehen ließen und sich an die Whisttische
+setzten. Alles, der Lärm, das Reden, die Menge Leute, war für den
+Titularrat wie ein Traum, und er wußte nicht, wie ihm sei und wohin er
+mit den Händen und Füßen und überhaupt mit dem ganzen Körper sollte.
+Endlich setzte er sich an einen Whisttisch, sah bald in die Karten,
+bald von den Spielern dem oder jenem ins Gesicht, begann zu gähnen
+und fühlte, daß er sich langweile, um so mehr, als schon lange die
+Zeit gekommen war, da er zu Bett zu gehen pflegte. So wollte er sich
+verabschieden, doch das ließen sie nicht zu, er sollte noch mit ihnen
+ein Glas Champagner zu Ehren des neuen Mantels trinken. Nach einer
+Stunde wurde auch das Abendessen serviert: Suppe, kalter Kalbsbraten,
+Pastete, Kuchen und Champagner. Akaki Akakiewitsch mußte zwei Gläser
+Champagner mittrinken. Wenn er auch nach diesen fühlte, daß im Zimmer
+die Heiterkeit zunehme, so konnte er dennoch nicht vergessen, daß es
+schon zwölf Uhr und längst Zeit für ihn sei, nach Hause zu gehen. Damit
+sie sich aber nicht wieder etwas ausdachten, um ihn zurückzuhalten,
+ging er ganz leise und unbemerkt aus dem Zimmer und suchte nach seinem
+Mantel. Nicht ohne Mitgefühl sah er diesen am Boden liegen, und so
+schüttelte er ihn erst durch, nahm jedes Federchen weg, zog ihn an
+und ging hinaus und die Treppe hinunter auf die Straße. Einige kleine
+Branntweinläden, diese unvermeidlichen nächtlichen Sammelpunkte für die
+Türsteher und ähnliche Leute, waren noch offen, andere, die geschlossen
+waren, ließen dünne Lichtstrahlen durch alle Türritzen und bewiesen
+damit, daß sie noch nicht leer wären und Bediente hier ihren Klatsch
+fortsetzten und über die Herrschaft zu Gericht säßen. Akaki Akakiewitsch
+ging in heiterer Seelenstimmung, plötzlich war er sogar ganz von selber
+hinter einem Dämchen her, die wie ein Blitz an ihm vorbeigeschossen war
+und deren Körper ihm so merkwürdig beweglich vorkam. Doch blieb er bald
+zurück und ging wieder langsam weiter und war selber ganz erstaunt, wie
+er so plötzlich in den Trab gekommen wäre. Bald zogen sich vor ihm jene
+langen, öden Straßen hin, die schon bei Tage uns düster zu stimmen
+vermögen. Jetzt schienen sie noch tiefer und einsamer; die Laternen
+kamen immer seltener, immer spärlicher wurde hier anscheinend das Öl
+ausgefolgt. Schon kamen die Häuser und Zäune aus Holz. Nirgends eine
+Seele. Alles Licht kam vom Schnee auf der Straße, finster kauerten die
+niedrigen Hütten mit den geschlossenen Fensterläden. Akaki Akakiewitsch
+kam jetzt dorthin, wo eine Straße einen schier endlosen Platz
+durchschnitt, man konnte die Häuser gegenüber nicht mehr sehen, der
+Platz glich einer grauenhaften Wüste. Weit, Gott weiß wo, leuchtete ein
+schwaches Feuer in einer Bude, als welche in einem Kreis von Licht zu
+stehen schien. Akaki Akakiewitschs gute Laune war weg. Er betrat den
+Platz nicht ohne ein gewisses Grauen, als ahnte sein Herz Böses. Er sah
+sich um und zurück -- das Meer lag um ihn. »Besser nicht umsehen,«
+dachte er und ging mit geschlossenen Augen weiter, und als er sie wieder
+öffnete, um zu sehen, wo er denn wäre, sah er vor seiner Nase Leute
+stehen mit Bärten; mehr konnte er nicht mehr unterscheiden. Da wurde es
+plötzlich dunkel vor seinen Augen, und er spürte einen Schlag auf seiner
+Brust. »Das ist ja mein Mantel,« rief einer von den Männern und packte
+den Titularrat am Kragen. Akaki Akakiewitsch wollte nach der Wache
+schreien, als ihm ein Mann eine riesige Faust in den Mund stieß und
+rief: »Schrei nur!« Akaki Akakiewitsch fühlte, daß sie ihm den Mantel
+von den Schultern rissen und ihm eins mit den Knien versetzten, so daß
+er nach vorn in den Schnee fiel und nichts mehr von sich wußte. Nach
+einiger Zeit kam er zu sich und stand auf, doch war niemand mehr da. Er
+spürte, daß der Boden eiskalt und er ohne Mantel sei, und er wollte
+rufen, doch seine Stimme erreichte nicht einmal das andere Ende des
+Platzes. In seiner Verzweiflung lief er schreiend über den ganzen Platz
+bis zur Bude. Der Wachtposten stand, auf seine Hellebarde gestützt, da
+und sah anscheinend nicht ohne Neugierde zu, wer zum Teufel mit solchem
+Geschrei auf ihn zugelaufen komme. Akaki Akakiewitsch schrie mit
+erstickter Stimme ihn an, daß er schlafe und gar nicht sehe, wie man die
+Leute vor seinen Augen beraube. Der Wachtposten bestand darauf, daß er
+nichts gesehen hätte, zum mindesten nicht mehr, als daß zwei Menschen
+ihn mitten am Platz stehengelassen hätten, er habe gemeint, es wären
+Freunde; der Herr sollte nur, statt ihn hier ganz umsonst anzuschreien,
+morgen zur Polizei gehen, dort werde man schon nach dem Diebe fahnden.
+
+Akaki Akakiewitsch kam in vollständiger Unordnung zu Hause an; sein
+Haar, ohnehin nur mehr noch spärlich an der Schläfe und im Nacken, war
+zerzaust; die Seite, die Brust und die Hosen waren mit Schnee bedeckt.
+Seine alte Wirtin hörte ihn diesmal anders als sonst an der Tür klopfen,
+sprang eilig aus dem Bett und lief, nur mit einem Strumpfe, ihm die Tür
+zu öffnen, während sie ihr Hemd keusch an die Brust hielt; doch ließ sie
+dieses gleich los, da sie den Titularrat in seiner traurigen Verfassung
+erblickte. Und als sie nun vernahm, worum es sich handle, schlug sie
+die Hände zusammen und meinte, er müsse zum Polizeihauptmann, der
+Polizeileutnant sei eine Schlafmütze, mache Versprechungen und ziehe
+die Sache nur hinaus; sie kenne den Hauptmann, weil Anna, die Estin, die
+früher bei ihr in der Küche gewesen sei, jetzt bei ihm als Amme diene;
+auch sehe sie ihn selber öfters, wenn er am Hause hier vorbeifahre, im
+übrigen gehe er jeden Sonntag in die Kirche, sage sein Gebet und sehe
+dabei alle Leute sehr freundlich an, er sei jedenfalls nach allem, was
+man beobachten konnte, ein guter Mensch. Akaki Akakiewitsch hörte ihr
+zu und ging, ohne ein Wort zu sagen, in sein Zimmer -- wie er dort die
+Nacht verbracht hat, kann sich jeder denken, der sich an die Stelle
+eines anderen zu versetzen imstande ist. Am nächsten Morgen machte
+er sich gleich zum Polizeihauptmann auf. Man sagte ihm dort, der
+Polizeihauptmann schlafe. Er kam um zehn Uhr wieder: er schläft noch.
+Um elf Uhr hieß es, er sei nicht zu Hause. Akaki Akakiewitsch kam um
+die Mittagsstunde -- doch die Schreiber wollten ihn jetzt nicht einmal
+hereinlassen und mußten erst wissen, was ihn herbringe und was überhaupt
+geschehen sei, so daß Akaki Akakiewitsch endlich, wohl das erstemal in
+seinem Leben, Mut bewies und in abgerissenen Sätzen erwiderte, er müsse
+den Polizeihauptmann persönlich sprechen, sie sollten es nur wagen, ihn
+nicht hereinzulassen, er komme aus dem Ministerium in einer dienstlichen
+Angelegenheit, er würde über sie alle, wie sie da wären, Beschwerde
+führen, und sie würden dann das Weitere schon sehen. Dagegen konnten
+die Schreiber nichts mehr erwidern, und einer ging hinaus, den
+Polizeihauptmann zu holen. Dieser hatte nun eine ganz sonderbare Art,
+den Bericht entgegenzunehmen. Statt auf die Hauptsache, den Raub des
+Mantels, einzugehen, fragte er Akaki Akakiewitsch, warum er so spät nach
+Hause gegangen sei und ob er nicht vielleicht gar in einem verrufenen
+Hause gewesen sei? so daß Akaki Akakiewitsch ganz verlegen wurde und
+hinauseilte, ohne zu wissen, ob die Angelegenheit nun ihren Weg gehen
+werde oder nicht. Er ging nicht ins Amt (das einzige Mal in seinem
+Leben); erst am nächsten Tag erschien er wieder dort, bleich, verstört
+und mit der alten Kapuze, die heute noch trauriger aussah. Die Kunde vom
+Raub des Mantels rührte wohl die meisten seiner Kollegen -- natürlich
+fehlte es nicht an solchen, die auch diesmal die Gelegenheit nicht
+vorübergehen lassen wollten, sich über Akaki Akakiewitsch lustig zu
+machen. Sie beschlossen auch, eine Kollekte zu veranstalten, doch es kam
+nur eine Kleinigkeit zusammen, weil sie eben große Auslagen gehabt
+hatten mit dem Porträt des Direktors und einem Buche, das sie auf
+Betreiben des Abteilungschefs, einem Freunde des Verfassers, kaufen
+mußten. Einer von ihnen beschloß, vom Mitleid bewegt, Akaki Akakiewitsch
+wenigstens mit einem guten Rat beizustehen und meinte, er solle nicht
+zum Polizeileutnant gehen, denn es könnte vorkommen, daß dieser, um sich
+beim Hauptmann beliebt zu machen, den Mantel auf die eine oder andere
+Art finde, daß der Mantel aber trotzdem auf der Polizei liegenbleibe,
+es sei denn, daß er sein Eigentumsrecht auf den Mantel gesetzlich
+nachzuweisen vermöchte; nun wäre aber da eine hochstehende Persönlichkeit,
+an die sollte er sich wenden, denn durch ihre Verbindungen vermöchte
+diese die Sache schneller zu betreiben, sobald sie davon erfahren
+hätte. Wer gerade diese hochstehende Persönlichkeit gewesen wäre, ist
+bis jetzt ebenso unbekannt geblieben wie deren Stellung. Nur so viel war
+zu ermitteln, daß die hochstehende Persönlichkeit es erst vor kurzem
+geworden und bis dahin noch ganz und gar nicht hochgestanden wäre.
+Natürlich im Vergleiche mit einer noch höherstehenden ließ sich ihre
+Stellung überhaupt nicht zu den hochstehenden rechnen; aber es wird
+sich immer ein Kreis von Menschen finden, für den eine nicht sehr
+hochstehende Persönlichkeit eben schon eine sehr hochstehende ist.
+Selbstverständlich suchte sie ihre hohe Bedeutung auf alle Weise und
+mit allerlei Mitteln zu bekräftigen; so z. B. führte sie ein, daß
+die niederen Beamten ihr bis zur Stiege entgegengingen, sooft sie im
+Amt erschien; daß ferner niemand es wagen dürfe, direkt vor ihr zu
+erscheinen, sondern daß es in folgender Reihenfolge vor sich gehen
+sollte: der Registrator übernimmt das Gesuch und übermittelt es dem
+Gouvernementssekretär, dieser dem Titularsekretär, und so auf diesem und
+gar keinem anderen Wege könne eine Sache bis zu ihr gelangen. So ist
+eben im heiligen Rußland alles mit Nachäfferei angesteckt, und jeder
+tuts seinem Vorgesetzten nach und nicht anders. Als ein Titularrat
+Direktor einer kleinen Kanzlei wurde, soll er sich, so erzählt man,
+sofort ein eigenes Zimmer haben abstecken lassen, das er Dienstzimmer
+nannte; vor die Tür stellte er zwei Diener mit roten Kragen und goldnen
+Tressen, sie hatten jedem Hereinkommenden die Tür zu öffnen, und dabei
+konnte man im Zimmer mit Mühe mehr als einen Tisch unterbringen. Die
+Empfänge und überhaupt alle Gewohnheiten der hochstehenden Persönlichkeit
+waren sehr majestätisch, aber durchaus nicht unkompliziert. Ihr System
+war Strenge. »Nur Strenge und noch einmal und immer wieder Strenge,«
+sagte sie bei jeder Gelegenheit, und beim letzten Worte pflegte sie
+jedesmal dem, mit dem sie gerade sprach, höchst bedeutsam ins Gesicht zu
+blicken -- obwohl natürlich zu besonderer Strenge nicht die geringste
+Ursache vorhanden war, denn die zehn Beamten, die den Mechanismus ihrer
+Kanzlei bildeten, kamen ohnehin nie ganz aus der Furcht heraus; sobald
+sie ihrer nur ansichtig wurden, ließen sie die Arbeit liegen und standen
+auf und warteten, bis sie an ihnen vorbei wäre. Ihre übliche Ansprache
+an die Untergebenen war eben auch ganz durch jene Strenge gekennzeichnet
+und bestand im Grunde nur aus den drei Sätzen: »Wie können Sie es wagen?
+Wissen Sie, mit wem Sie reden? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht?« Dabei
+war er im Innersten seines Herzens ein guter Kerl, freundlich zu seinen
+Kameraden, gefällig; der Generalsrang hatte ihn eben ganz aus der
+Fassung gebracht. Er wurde durch diesen Titel in der Tat ganz verdreht,
+kam aus dem Geleise und wußte gar nicht mehr, wie ihm wäre. Mit
+Gleichgestellten gab er sich wie er ist -- als anständigen, in vieler
+Beziehung gar nicht dummen Menschen; fanden sich aber in der Gesellschaft
+Leute, die auch nur um eine einzige Stufe niedriger waren als er, war
+er wie verwandelt: er schwieg und schwieg, und seine Lage weckte um so
+mehr Bedauern, als er selber fühlte, daß er seine Zeit unvergleichlich
+angenehmer zubringen könnte. Man konnte ihm ja den Wunsch von den Augen
+ablesen, sich in ein interessantes Gespräch zu mischen oder einem Kreise
+beizugesellen, doch stets hielt ihn der Gedanke zurück: Wird es nicht
+von seiner Seite zu viel sein, wird es nicht familiär erscheinen, wird
+er dadurch nicht seiner Stellung schaden? Die Folge davon war, daß er
+ewig an ein und derselben Stelle wie angenagelt dastand, keinen Ton von
+sich gab und also sich den Ruf eines höchst langweiligen Menschen
+erwarb.
+
+Vor dieser hochstehenden Persönlichkeit erschien also Akaki Akakiewitsch
+im allerungünstigsten Augenblicke, will sagen: höchst ungünstig für
+sich selber, denn in einem gewissen Sinne kam er der hochstehenden
+Persönlichkeit ganz gelegen. Die hochstehende Persönlichkeit war in
+ihrem Kabinett und unterhielt sich sehr angeregt mit einem alten
+Bekannten und Jugendgespielen, der vor kurzem hier eingetroffen war
+und den sie lange nicht gesehen hatte. Und gerade in diesem Augenblicke
+mußte auch der Diener melden, daß ein gewisser Baschmatschkin draußen
+warte. Der General fragte sehr scharf: »Wer?« Die Antwort: »Ein
+Beamter.« »Er soll warten, ich habe jetzt keine Zeit.« Hier muß
+ich gleich bemerken, daß die hochstehende Persönlichkeit da ganz
+einfach log, sie hatte Zeit; die beiden Freunde hatten längst alles
+durchgesprochen und schon seit einiger Zeit die Unterhaltung mit leeren
+Phrasen zu füllen gesucht, wie: »Ja, ja, Iwan, so war es nun einmal!«
+oder »Stefan, es geht nicht anders auf der Welt,« einander abwechselnd
+auf die Schultern klopfend. Aber trotzdem ließ sie den Beamten warten,
+damit nämlich der Jugendgespiele, der seit langem nicht mehr diente und
+auf dem Dorfe lebte, erfahre, wie lange hier die Beamten im Vorzimmer
+zu warten verstünden. Erst nachdem sie sich, jeder an seiner Zigarre
+ziehend, in den sehr breiten, bequemen Fauteuils sattgeredet, vielmehr
+ausgeschwiegen hatten, fiel der hochstehenden Persönlichkeit wie von
+ungefähr etwas ein, und sie sagte zum Sekretär, der bei der Tür mit
+Schriften stand: »Draußen, scheint es, steht ein Beamter. Sagen Sie ihm,
+er kann herein!« Da sie nun das demütige Gesicht des Akaki Akakiewitsch
+und dessen abgetragene Uniform sah, kehrte sie sich ihm zu und schrie
+ihn ohne weiteres an: »Was wollt Ihr?« Mit ihrer schneidenden, harten
+Stimme, die sie zu Hause im Zimmer ganz allein vor dem Spiegel geprobt
+hatte, eine Woche schon, bevor sie ihren jetzigen Posten und den
+Generalsrang erhalten hatte. Akaki Akakiewitsch fühlte auch so die
+gebührende Ehrfurcht, war gleich verwirrt und erzählte, soweit
+Redefreiheit ihm erlaubt war, daß sein Mantel ganz neu, daß er auf eine
+ganz unmenschliche Weise beraubt worden wäre, daß er sich jetzt an seine
+Exzellenz wende, damit seine Exzellenz durch ihre Fürsprache etwa ...
+damit sie sich in Verbindung setze mit dem Herrn Oberpolizeimeister
+oder sonst jemandem von der Polizei und auf diese Weise nach dem Mantel
+gesucht werde. Seiner Exzellenz erschien nun diese Sprache zu familiär.
+»Was heißt denn das, mein Herr,« unterbrach er ihn, »kennen Sie nicht
+die Vorschrift? Wohin sind Sie denn überhaupt gekommen? Wissen Sie
+nicht, wie man in einem solchen Falle vorzugehen hat? Sie hätten zuerst
+ein Bittgesuch in der Kanzlei einreichen sollen, so wäre es zuerst in
+die Hände des Kanzleivorstehers gekommen, dieser hätte es dem Sekretär
+übergeben, und der Sekretär hat es dann mir einzuhändigen.«
+
+»Ach, Eure Exzellenz,« erwiderte Akaki Akakiewitsch, indem er alles,
+was er an Mut in seiner Seele barg, herausholte und fühlte, daß er ganz
+entsetzlich schwitze, »ich war so frei, Eure Exzellenz selber damit zu
+belästigen, weil die Sekretäre ... weil sich auf die Sekretäre doch kein
+Mensch auf der Welt verlassen kann!«
+
+»Was, was, was?« rief die hochstehende Persönlichkeit. »Woher dieser
+Geist? Woher solche Gedanken? Welcher Geist des Aufruhrs unter den
+jungen Leuten gegen ihre Vorgesetzten!« (Die hochstehende Persönlichkeit
+schien gar nicht zu bemerken, daß Akaki Akakiewitsch schon seine
+fünfzig Jahre beisammen hatte und daß er nur im Vergleiche zu einem
+Siebzigjährigen etwa noch jung genannt werden konnte.) »Wissen Sie,
+zu wem Sie reden? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht? Wissen Sie das
+oder nicht, frage ich?« Hier stampfte die Exzellenz mit dem Fuße auf
+den Boden und schrie so laut, daß sich auch ein anderer als Akaki
+Akakiewitsch gefürchtet hätte. Akaki Akakiewitsch verging vor Angst,
+zitterte am ganzen Körper und konnte sich kaum auf den Beinen erhalten;
+wenn die Diener ihn nicht gehalten hätten, wäre er zu Boden gesunken;
+sie trugen ihn wie leblos heraus. Die hochstehende Persönlichkeit,
+zufrieden damit, daß der Erfolg ihre Erwartungen übertroffen, ja
+berauscht von dem Gedanken, daß ein Wort von ihr einen Menschen des
+Bewußtseins zu berauben vermochte, sah den Freund von der Seite an, um
+sich zu vergewissern, wie dieser sich dabei benehme, und sie sah nicht
+ohne Vergnügen, daß dieser Freund sich äußerst unbehaglich fühlte und
+seinerseits auch schon Angst zu spüren begann.
+
+Wie er die Treppe herunter, wie er weiter auf die Straße gekommen sei,
+daran konnte Akaki Akakiewitsch sich nicht erinnern. Er spürte weder
+Hand noch Fuß; in seinem ganzen Leben war er noch nicht von einem
+General angeschrien worden, noch dazu von einem fremden. Auf der Straße
+wehte der Schnee, Akaki Akakiewitsch ging mit offenem Mund, der Wind
+blies wie immer in Petersburg von allen vier Seiten, im Nu hatte er sich
+erkältet, so kam er zu Hause an, ohne die Kraft zu haben, auch nur ein
+Wort zu sagen. Er fror und legte sich ins Bett. Den nächsten Tag lag
+er im Fieber. Dank dem großmütigen, hilfsbereiten Petersburger Klima
+schritt die Krankheit schneller vor, als man sonst hätte erwarten
+dürfen, und nachdem der Doktor ihm den Puls gefühlt hatte, fand er
+nichts anderes mehr zu tun vor, als ein Rezept zu schreiben, nur damit
+der Kranke nicht ganz ohne die wohltätige Hilfe der Medizin sei, und
+erklärte ihm auch, daß er nicht mehr als höchstens zwei Tage werde zu
+leben haben; und sich zur Wirtin kehrend, setzte er hinzu: »Und Ihr,
+Alte, verliert nur keine Zeit und bestellt lieber gleich einen Sarg aus
+Fichtenholz; einer aus Eiche ist für ihn sowieso zu teuer.« Hatte Akaki
+Akakiewitsch diese für ihn so überaus trostreichen Worte gehört oder
+nicht, haben sie ihn zu erschüttern vermocht, bedauerte er jetzt sein
+sorgenreiches, erbärmliches Leben -- niemand vermag es zu sagen, denn
+Akaki Akakiewitsch befand sich die ganze Zeit über im Delirium. Ein
+Gesicht nach dem anderen ohne Unterbrechung jagte durch sein Gehirn:
+Petrowitsch erschien ihm, und er bestellte bei ihm einen Mantel, in- und
+auswendig voll von Fallen gegen die Diebe; diese lagen unter dem Bett,
+und er schrie nach der Wirtin, sie sollte einen von ihnen unter seiner
+Bettdecke, wohin dieser schon geraten sei, hervorziehen. Dann fragte
+er, warum vor ihm die alte Kapuze hänge, da er jetzt doch einen neuen
+Mantel besäße; auch schien ihm, er stünde vor dem General und ließ
+sich herunterreißen und sagte nur immer wieder: Verzeihung, Exzellenz,
+Verzeihung! Dann wieder fluchte er und nahm so entsetzliche Worte in den
+Mund, daß sich die Wirtin bekreuzigte; noch nie hatte sie solche Worte
+aus diesem Munde vernommen, und jetzt folgten diese Flüche stets
+unmittelbar auf: »Eure Exzellenz«. Später sprach er nur mehr noch ganz
+sinnloses Zeug, man konnte nur unterscheiden, daß sie alle sich um ein
+und denselben Mantel drehten. Endlich gab der arme Akaki Akakiewitsch
+seinen Geist auf.
+
+Weder seine Zimmer noch irgendwelche Sachen darin wurden mit dem
+staatlichen Siegel versehen, denn erstens hatte er keine Erben und
+zweitens hinterließ er nur sehr wenig und zwar: ein Bündelchen mit
+Gänsefedern, ein Buch Amtspapier, drei Paar Socken, zwei bis drei
+abgerissene Hosenknöpfe und dann die dem Leser bekannte Kapuze. Wem das
+alles blieb, weiß Gott; ich gestehe, daß ich mich auch weiter darum
+nicht gekümmert habe.
+
+Sie trugen Akaki Akakiewitsch heraus und begruben ihn. Und Petersburg
+blieb nun ohne Akaki Akakiewitsch, als wie wenn er niemals in dieser Stadt
+gelebt hätte. Mit ihm schwand hin und verbarg sich für ewig ein Geschöpf,
+das keines Menschen Schutz genossen hatte, niemandem teuer und für
+niemand von irgendwelchem Interesse und nicht einmal die Aufmerksamkeit
+eines Naturforschers auf sich zu ziehen imstande war, als welcher es ja
+nicht einmal verschmäht, eine gemeine Fliege aufzuspießen und unter dem
+Mikroskop zu betrachten -- ergeben hatte er den Hohn seiner Kollegen
+ertragen und stieg, ohne irgendeine außerordentliche Tat verrichtet zu
+haben, ins Grab hinab. Doch auch er ist einmal, ganz kurz vor seinem
+Lebensende, im Licht gestanden, und der Mantel hatte für einen
+Augenblick sein armseliges Leben reich gemacht, und dann fiel ihn das
+Unglück an, nicht anders als es die Mächtigen der Erde anfällt.
+
+Einige Tage nach seinem Tode wurde aus dem Ministerium ein Diener in
+sein Quartier geschickt mit dem Befehle, sofort zu erscheinen, der
+Vorstand will es; doch kam der Amtsdiener ohne ihn zurück mit der
+Antwort, Akaki Akakiewitsch könne nicht mehr kommen. Auf die Frage:
+warum? erwiderte er: »Darum, er ist tot; vor vier Tagen haben sie ihn
+begraben.« So erfuhren sie im Amte den Tod des Akaki Akakiewitsch, und
+am nächsten Tage saß schon ein neuer an seiner Statt; dieser war viel
+größer und schrieb die Buchstaben bei weitem nicht mehr in so gerader
+Linie, sondern eben viel schiefer.
+
+Doch wer kann sich vorstellen, daß hier noch nicht alles von Akaki
+Akakiewitsch gesagt ist, daß dieser vielmehr verurteilt war, noch einige
+Tage fortzuleben nach seinem Tode, gleichsam zum Ersatz dafür, daß sein
+Leben so unbemerkt geblieben war. Es hatte sich jedenfalls so zugetragen,
+und unsere nüchterne Erzählung nimmt jetzt ganz unerwartet ein
+phantastisches Ende.
+
+In Petersburg entstand plötzlich das Gerücht, daß in der Umgebung der
+Kalinkinbrücke sich nachts ein Gespenst zeige, es gleiche einem Beamten,
+der so tue, als ob er einen Mantel suchte, den man ihm genommen hätte,
+und nun von allen Schultern, ohne Unterschied des Ranges und Berufes, in
+der Meinung, es sei sein eigener, alle Mäntel reiße, ob diese nun mit
+Katzen-, Biber-, Fuchs-, Nerz- oder Bärenfell oder auch nur mit Watte
+gefüttert wären. Ein Ministerialbeamter sah mit eigenen Augen das
+Gespenst und erkannte in ihm sofort Akaki Akakiewitsch, und er bekam
+davon einen solchen Schrecken, daß er auf und davon stürzte, das
+Gespenst nicht genauer betrachten konnte und nur sah, wie dieses ihm mit
+dem Finger drohte. Von allen Seiten liefen Klagen ein, daß nicht nur
+Titular-, sondern auch Hofräte von einer tüchtigen Erkältung befallen
+wären, weil ihnen der Pelz von den Schultern gerissen worden wäre. Die
+Polizei machte Anstalten, des Gespenstes tot oder lebendig habhaft zu
+werden und hatte den Beschluß gefaßt, dieses aufs strengste, anderen
+zur Warnung, zu bestrafen, doch blieb jede Bemühung ohne Erfolg. Einmal
+hatte ein Wachtposten in der Kiryschkingasse das Gespenst schon am
+Kragen, gerade im Augenblicke, als dieses einem verabschiedeten
+Musikanten, der seinerzeit die Flöte geblasen hat, den Mantel rauben
+wollte. Er hatte es schon, sage ich, fest und rief nur zwei Kameraden,
+die sollten ihn halten, solange bis er aus dem Stiefel seine Tabaksdose
+gezogen hätte, um seine mindestens schon sechsmal erfrorene Nase zu
+erfrischen, doch war der Tabak derart, daß ihn nicht einmal ein Gespenst
+aushalten konnte. Kaum hatte der Wachtposten, mit dem Finger das rechte
+Nasenloch zuhaltend, ins linke den Schnupftabak gezogen, als das
+Gespenst so heftig zu niesen begann, daß es nur so in aller drei Augen
+spritzte. Und so, während sie sich noch die Augen rieben, verschwand
+das Gespenst, und sie wußten später nicht einmal, ob sie es wirklich in
+Händen gehabt hätten oder nicht. Seitdem hatten die Wachtposten alle
+eine solche Furcht vor Gespenstern, daß sie es nicht mehr wagten, diese
+lebend zu fangen, und ihnen nur von weitem zuriefen: »Du, geh du nur
+deines Weges!« und das Gespenst des Titularrats sich jetzt schon
+jenseits der Kalinkinbrücke zeigte und dort allen furchtsamen Leuten
+keine geringe Angst einjagte.
+
+Doch wir haben ganz und gar die hochstehende Persönlichkeit sitzen
+lassen, die doch in Wirklichkeit die Ursache davon war, daß unsere wahre
+Geschichte nun eine so phantastische Richtung genommen hat. Zunächst
+sind wir es der Gerechtigkeit schuldig zu berichten, daß sie bald
+nachdem seinerzeit der arme, heruntergerissene Akaki Akakiewitsch
+herausgegangen war, etwas wie Bedauern fühlte. Mitleid war ihr ja nicht
+fremd: ihr Herz war guter Regungen entschieden fähig, wenn sie auch ihr
+Rang meist daran hinderte, diese zu äußern. Sowie sie aber ihr Freund
+verlassen hatte, fing sie an, sich über den armen Akaki Akakiewitsch
+Gedanken zu machen. Und seitdem sah er jeden Tag im Geiste den bleichen
+Titularrat vor sich, niedergedrückt von seinem Verweis. Ja der Gedanke
+an ihn beunruhigte ihn so, daß er nach einer Woche beschloß, zu ihm
+einen Beamten zu schicken, um zu erfahren, wer er denn sei und in
+welcher Lage, und ob man nicht etwas für ihn tun könnte; und als ihm
+berichtet wurde, daß Akaki Akakiewitsch kurz darauf an Fieber gestorben
+wäre, war er ganz betroffen, fühlte Gewissensbisse und konnte den ganzen
+Tag nicht in Stimmung kommen.
+
+Doch er wollte sich ein wenig zerstreuen und den peinlichen Eindruck
+vergessen, und darum fuhr er abends zu einem seiner Kameraden, wo er
+Leute aus der guten Gesellschaft vorfand und, was noch wichtiger war,
+alle beinahe denselben Rang hatten, so daß er sich ganz frei bewegen
+konnte. Und das hatte eine wunderbare Wirkung auf sein Gemüt. Er war
+aufgeweckt, war sehr zuvorkommend im Gespräche, liebenswürdig -- mit
+einem Worte, verbrachte den Abend äußerst angenehm. Zum Souper trank
+er zwei Gläser Champagner -- bekanntlich kein schlechtes Mittel, die
+Heiterkeit zu heben. Sie machten ihn zu tollen Streichen aufgelegt, das
+heißt: er beschloß, nicht nach Hause, sondern zu einer ihm bekannten
+Dame, Katharina Iwanowa, zu fahren, einer Deutschen, zu der er in sehr
+freundschaftlichen Beziehungen stand. Es muß noch gesagt werden, daß die
+hochstehende Persönlichkeit nicht mehr sehr jung, ein sehr guter Gatte
+und sehr ehrbarer Familienvater war. Zwei Söhne, von denen einer schon
+in der Kanzlei Dienst tat, und eine liebliche, sechzehnjährige Tochter
+mit einer hübschen, ein wenig gebogenen Nase gaben ihm jeden Morgen
+einen Kuß und sagten »bonjour, papa«. Seine Gattin, die weder alt noch
+häßlich war, reichte ihm jedesmal zuerst ihre Hand zum Kusse und küßte
+dann das Innere der Hand ihres Gatten. Trotzdem also die hochstehende
+Persönlichkeit mit den häuslichen Zärtlichkeiten sich durchaus
+zufrieden geben konnte, fand sie es doch sehr schicklich, für ihre
+Freundschaftsbedürfnisse eine Freundin in einem anderen Stadtteil zu
+haben. Diese war weder hübscher noch jünger als seine Frau, aber es
+gibt nun schon solche Rätsel im Leben der Menschen, und die zu lösen ist
+hier nicht meine Aufgabe. Die hochstehende Persönlichkeit ging also die
+Stiege hinab, setzte sich in den Schlitten und rief dem Kutscher zu: »Zu
+Katharina Iwanowa!« In ihren kostbaren, warmen Mantel eingewickelt,
+befand sie sich in der Gemütslage, die jeder Russe für die glücklichste
+hält, das heißt: er selber denkt an nichts, während so ein angenehmer
+Gedanke nach dem anderen ihm durch den Kopf geht, ohne daß er die Mühe
+hätte, nach ihnen zu jagen und sie zu suchen. Seine Exzellenz dachte an
+die Gesellschaft, aus der sie kam, erinnerte sich an alle die treffenden
+Aussprüche, mit welchen sie den ganzen Kreis zum Lachen gebracht hatte;
+einige wiederholte sie jetzt halblaut vor sich und fand, daß sie eben
+noch so witzig wären wie vorhin und daß es darum gar nicht dumm sei, wenn
+sie selber darüber gelacht habe. Nur zuweilen störte ihre gute Stimmung
+ein heftiger Windstoß, der sie, Gott weiß woher und warum, plötzlich
+überfiel, ihr ins Gesicht Schneeflocken trieb und den Mantelkragen ganz
+wie ein Segel blähte und diesen ihr mit unnatürlicher Kraft um den Kopf
+schlug, so daß ihre Kraft kaum reichte, sich da herauszuarbeiten. Doch
+da fühlte sie schon, daß jemand sie sehr fest am Kragen packe. Sie drehte
+sich um, sah einen Menschen von kleinem Wuchs in einer alten, abgetragenen
+Uniform, und erkannte in ihm nicht ohne Schrecken Akaki Akakiewitsch.
+Das Gesicht des Beamten war bleich wie Schnee, und er blickte wie ein
+Toter. Doch der Schrecken der hochstehenden Persönlichkeit war ohne
+Grenzen, da sie sah, daß der Mund des Toten sich auftat und, indem er
+einen entsetzlichen Leichengeruch ausströmte, die Worte sprach: »Da bist
+du endlich. Jetzt habe ich dich ... Deinen Mantel brauche ich! Du hast
+dich nicht um meinen gekümmert, du hast mich heruntergerissen! Jetzt her
+mit deinem!«
+
+Die hochstehende Persönlichkeit wäre vor Schreck beinahe gestorben. Wenn
+sie in der Kanzlei auch viel Mut besaß und jeder, der ihr männliches
+Gesicht und ihre Figur ansah, ausrief: O was für ein Kerl! doch jetzt
+empfand sie gleich vielen Riesen eine solche Angst, daß sie nicht ohne
+Grund für ihre Gesundheit fürchtete. Sie selber nahm von ihrer Schulter
+den Mantel und schrie dem Kutscher zu: »Nach Hause, so schnell du
+kannst!« Da der Kutscher die Stimme hörte, die gewöhnlich so nur in sehr
+entschlossenen Augenblicken tönte und dann meist von etwas begleitet
+war, das sehr handgreiflich war, duckte er seinen Kopf, schwang die
+Peitsche und kehrte wie der Blitz um. In sechs Minuten war die
+hochstehende Persönlichkeit schon vor der Einfahrt ihres Hauses. Bleich,
+geängstigt, ohne Mantel fuhr sie also statt bei Katharina Iwanowa bei
+sich selber vor, stahl sich irgendwie in ihr Zimmer und brachte dort
+die Nacht in solcher Unruhe zu, daß am nächsten Morgen beim Tee das
+Töchterchen zu ihr sagte: »Du bist aber bleich heute, Papa.« Doch Papa
+schwieg und sprach zu niemandem ein Wort von dem, was sich mit ihm
+zugetragen hätte, wo er gewesen wäre und wohin er fahren wollte.
+Das Erlebnis machte auf ihn einen starken Eindruck. Er redete schon
+bedeutend seltener seine Untergebenen an mit dem bekannten: Wie können
+Sie es wagen? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht? Und wenn es schon nicht
+anders ging, so geschah es doch niemals, bevor er nicht gehört hätte,
+worum es sich handelte.
+
+Aber noch bemerkenswerter erscheint mir, daß sich seitdem das Gespenst
+nicht mehr gezeigt hat. Anscheinend hatte ihm der Generalsmantel
+vollkommen gepaßt; zum mindesten hat man nicht mehr von Fällen gehört,
+daß nachts Mäntel von den Schultern der Passanten gerissen worden wären.
+Natürlich ließen sich einige geschäftige Leute nicht beruhigen und
+erzählten, in entfernten Stadtteilen hätte sich das Gespenst des Beamten
+wieder gezeigt. Und ein Wachtposten hat sogar mit eigenen Augen gesehen,
+wie die Erscheinung aus einem Hause gekommen sei, doch da er eher schwach
+von Kräften war -- so daß ihn einmal ein gewöhnliches ausgewachsenes
+Schwein, das aus einem Hof gestürzt kam, umwarf zum größten Gelächter
+der umstehenden Droschkenkutscher, von denen er sich dann einen Groschen
+für Tabak ausbat, weil sie Spott mit ihm getrieben hätten -- ich sage,
+da er eher schwach von Kräften war, wagte er nicht, es anzuhalten,
+vielmehr ging er ihm in der Finsternis nach so lange, bis sich das
+Gespenst plötzlich umdrehte und ihn fragte, was er eigentlich von ihm
+wolle, und ihm dabei eine solche Faust zeigte, wie man sie an Lebendigen
+nicht sieht. Der Wachtposten antwortete nur: »Nichts!« und drehte im
+Augenblick um. Nur war das Gespenst viel größer als der Titularrat und
+trug einen ungeheuren Schnurrbart. Es ging mit großen Schritten auf die
+Obuchoffsche Brücke zu und verschwand dort endgültig im Dunkel der
+Nacht.
+
+
+
+
+Nachwort
+
+
+Dostojewski schreibt an einen Freund: »Wir alle kommen aus dem =Mantel=.«
+Aus diesem Satze erhellt deutlich die Bedeutung dieser unvergleichlichen
+Erzählung. Es handelt sich hier nicht um eine neue Kunstform oder eine
+neue Stimmung, vielmehr ganz und gar um einen neuen Menschen. Was die
+Fresken Masaccios für die Renaissance bedeuten, das bedeutet Gogols
+»Mantel« für die großen Erzähler des russischen Volkes. In Dostojewskis
+»Karamasows« hat das, was im »=Mantel=« begonnen wurde, sein Ende und
+sein größtes Maß erreicht. Der Mensch im »Mantel« erst ist die völlige
+Überwindung des Menschen des achtzehnten Jahrhunderts, er ist es und
+nicht die Romantiker oder Edgar A. Poe oder der Mensch Balzacs.
+
+ R. K.
+
+ Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei, Leipzig
+
+
+
+
+Im Insel-Verlag zu Leipzig erschienen:
+
+TAUSEND UND EINE NACHT. Aus der von _Felix Paul Greve_ besorgten
+vollständigen Ausgabe ausgewählt von _Paul Ernst_. Doppeltitel,
+Initialen und Einbandzeichnung von _Marcus Behmer_. Vier Bände.
+In Halbleinen mit Überzug nach Zeichnung von _Marcus Behmer_ 16 M.;
+in Leder 28 M.
+
+Durch unsere vollständige Ausgabe erhielt der deutsche Leser zum
+erstenmal einen Begriff von der echten Dichtung der Tausend und ein
+Nächte, die bisher nur in Bearbeitungen bei uns bekannt war. Auch die
+neue Insel-Auswahl beruht auf der vollständigen Übertragung und ist
+wirklich Auswahl, nicht aber Kürzung und Bearbeitung.
+
+ * * * * *
+
+DIE ERZÄHLUNGEN AUS DEN TAUSEND UND EIN NÄCHTEN. Erste vollständige
+deutsche Ausgabe in zwölf Bänden, auf Grund der Burtonschen englischen
+Ausgabe besorgt von _Felix Paul Greve_. Mit einer Einleitung von _Hugo
+von Hofmannsthal_ und einer Abhandlung von Professor _Karl Dyroff_ über
+Entstehung und Geschichte des Werkes. Titel- und Einbandzeichnung von
+_Marcus Behmer_. Geheftet 60 M.; in Leinen 72 M.; in Leder 84 M.
+
+ * * * * *
+
+TAUSEND UND EIN TAG. Orientalische Erzählungen. Ausgewählt und
+eingeleitet von _Paul Ernst_. Übertragen von _Felix Paul Greve_ und
+_Paul Hansmann_. Titel- und Einbandzeichnung von _Marcus Behmer_. Vier
+Bände. In Leinen 20 M.; in Leder 28 M.
+
+Eine Sammlung, die die besten derjenigen Märchen und Erzählungen
+enthält, die in 1001 Nacht fehlen. Hermann Hesse im »März«: Wer Tausend
+und eine Nacht liebt, wird die Aussicht auf weitere vier Bände solcher
+orientalischer Geschichten mit heller Freude begrüßen.
+
+ * * * * *
+
+DOSTOJEWSKI: SCHULD UND SÜHNE. Deutsch von _H. Röhl_. In Leinen 3 M.; in
+Leder 5 M.
+
+ * * * * *
+
+MICHAEL LERMONTOFF: EIN HELD UNSERER ZEIT. Ein Roman. Übertragung von
+_Michael Feofanoff_. In Leinen 4 M.; in Leder 5 M.
+
+ * * * * *
+
+JWAN TURGENJEFF: GEDICHTE IN PROSA. Übertragen von _Th. Comichau_.
+_Zweite Auflage._ In Leinen 3 M.; in Leder M. 3.50.
+
+ * * * * *
+
+JWAN TURGENJEFF: VÄTER UND SÖHNE. Roman. In der vom Dichter selbst
+revidierten Übertragung. In Leinen 3 M.; in Leder 5 M.
+
+ * * * * *
+
+GUSTAVE FLAUBERT: FRAU BOVARY. Rom. Übertrag. v. _A. Schurig_. In Leinen
+3 M.; in Leder 5 M.
+
+ * * * * *
+
+GUSTAVE FLAUBERT: SALAMBO. Roman. Übertragen von _A. Schurig_. In Leinen
+3 M.; in Leder 5 M.
+
+ * * * * *
+
+GUSTAVE FLAUBERT: DIE LEGENDE VON ST. JULIAN DEM GASTFREIEN. Deutsch von
+_Ernst Hardt_. In Pappband M. --.50.
+
+ * * * * *
+
+ABBÉ PRÉVOST D'EXILES: GESCHICHTE DER MANON LESCAUT UND DES CHEVALIER
+DES GRIEUX. Deutsche Übertragung von _Julius Zeitler_. Mit 4 Vollbildern
+von _Fr. von Bayros_. _2. Auflage._ In Halbleder M. 6.50, in Leder
+M. 7.50.
+
+ * * * * *
+
+HENRI MURGER: DIE BOHÊME. Szenen aus dem Pariser Künstlerleben. Mit
+Titelzeichnung und fünf Vollbildern von _Franz von Bayros_. _Zweite
+Auflage._ In Leinen 6 M., in Leder M. 8.50. -- Nichtillustrierte
+Ausgabe: in Leinen 3 M., in Leder 5 M.
+
+
+
+
+[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+steht.
+
+hängen. Doch kaum hatte er verstanden, warum es sich wieder handle, als
+hängen. Doch kaum hatte er verstanden, worum es sich wieder handle, als
+
+worum es sich handelte
+worum es sich handelte.
+]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Mantel, by Nicolaj Gogol
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANTEL ***
+
+***** This file should be named 27973-8.txt or 27973-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+
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+will be renamed.
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+collection are in the public domain in the United States. If an
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+ License. You must require such a user to return or
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+electronic work or group of works on different terms than are set
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+refund. If you received the work electronically, the person or entity
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
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+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
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+der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p>
+</div>
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+von<br/>
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+<p class="center" style="line-height: 2em; letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em;"><small>Ins Deutsche übertragen<br/>
+von</small><br/>
+Rudolf Kassner</p>
+
+<p class="center" style="letter-spacing: 0.3em; margin: auto; padding-left: 0.3em; font-size: 1.1em; width: 20em; padding-top: 0.3em; border-top: 3px double black;">Im Insel-Verlag zu Leipzig</p>
+
+
+
+<p class="dropcap" style="margin-top: 6em;"><span class="first-word">In</span>
+<span class="pagenum"><a name="Page_5">5</a></span>
+einer Ministerialabteilung &ndash; besser ich nenne sie
+nicht, denn es gibt nichts Empfindlicheres als unsere
+Beamten, Offiziere und Kanzlisten. Heute fühlt wirklich
+schon jeder Privatmensch in seiner Person die
+ganze Gesellschaft beleidigt. Da soll neulich der
+Bericht eines Polizeihauptmannes &ndash; ich weiß nicht
+mehr aus welcher Stadt &ndash; vorgelegen haben, worin
+dieser breit ausführt, daß die kaiserlichen Verordnungen
+allenthalben nichts mehr gelten und der geheiligte
+Name eines Polizeihauptmannes mit unverhohlener
+Verachtung ausgesprochen werde, und zum
+Beweis legte er dem Bericht einen dickleibigen Roman
+bei, allwo auf jeder zehnten Seite ein Polizeihauptmann
+in völlig betrunkenem Zustande erscheint. Um
+also Unannehmlichkeiten zu vermeiden, nenne ich
+die Ministerialabteilung, um die es sich hier handelt,
+lieber <em class="gesperrt">eine</em> Ministerialabteilung, irgendeine&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>In einer Ministerialabteilung also diente ein Beamter,
+irgendeiner. Man kann nicht gut sagen, er
+hätte herausgeragt aus der Schar der anderen, denn
+er war klein, pockennarbig, rothaarig, kurzsichtig,
+hatte eine Glatze und kleine verrunzelte Bäckchen,
+und aus seiner Gesichtsfarbe konnte man auf Hämorrhoiden
+schließen. Doch dagegen ist nichts zu
+machen. Schuld trägt das Petersburger Klima. Um
+seinen Rang nicht zu vergessen, da man bei uns vor
+allem den Rang angeben muß &ndash; er war das, was
+man einen ewigen Titularrat nennt, über welchen
+sich bekanntlich hier schon verschiedene Schriftsteller
+lustig gemacht haben; diese können nun einmal
+<span class="pagenum"><a name="Page_6">6</a></span>nicht von der Gewohnheit lassen, gerade auf
+solche Leute loszugehen, die sich nicht wehren können.
+Er hieß Baschmatschkin, und sein Vorname
+lautete Akaki Akakiewitsch. Es ist wohl möglich,
+daß letzterer dem Leser merkwürdig und ein wenig
+gesucht erscheine, doch ich kann ihm versichern,
+daß nach diesem Namen in Wirklichkeit nicht gesucht
+worden war, daß vielmehr Umstände eingetreten
+waren, die jeden anderen ausschlossen, und
+das hatte sich so zugetragen. Akaki Akakiewitsch
+wurde, wenn ich mich recht erinnere, in der Nacht
+des 23. März geboren. Seine selige Mutter, eine
+Beamtenfrau und ein überaus braves Weib, machte,
+wie sich das gehört, sofort Anstalten, daß das Kind
+getauft werde. Sie lag noch im Bett, und rechts von
+ihr stand der Pate Iwan Iwanowitsch Jeroschkin, Abteilungschef
+im Senat und ein ganz ausgezeichneter
+Mann, und die Patin Arina Semenowa Bjelobruschowa,
+die Gattin eines Polizeileutnants und zudem mit
+seltenen Tugenden begabt. Pate und Patin ließen
+der Wöchnerin die Wahl zuerst unter folgenden drei
+Namen: Mokia, Sossia und Chosdadat, der Märtyrer,
+doch sie wollte nicht: »Nein, das sind alles so Namen.«
+Um sie zufriedenzustellen, wurde der Kalender an
+einer anderen Stelle aufgeschlagen, und da kamen
+die Namen: Trefilius, Dula und Barachassius heraus.
+»Das ist ja wie eine Strafe Gottes!« rief jetzt die
+Mutter. »Was für schreckliche Namen! Nie noch
+habe ich diese Namen gehört! Wenn wenigstens
+Barabas oder Baruch dastünde &ndash; aber Trefilius und
+<span class="pagenum"><a name="Page_7">7</a></span>Barachassius! Ach! Ach!« Noch einmal drehten der
+Pate und die Patin die Seite um: da standen aber
+Pafsikachius und Bachtissius. »Ich sehe schon,« schrie
+jetzt die Alte, »das ist sein Los. Und weil es nicht
+anders sein kann, so soll er wie sein Vater heißen.
+Dieser hieß Akaki und darum soll auch sein Sohn
+so heißen!« So kam es also zu Akaki Akakiewitsch.
+Die Taufe wurde nun vollzogen, und dabei weinte
+das Knäblein und verzog das Gesicht so, als hätte
+es vorausgefühlt, daß es einmal Titularrat sein würde.
+Ich habe das alles ausgeführt, damit der Leser selber
+sehe, daß es gar nicht anders sein konnte und ein
+anderer Name unter diesen Umständen rein unmöglich
+und gänzlich ausgeschlossen gewesen wäre.</p>
+
+<p>Wann Akaki Akakiewitsch nun ins Ministerium
+kam und wer ihn dorthin brachte, daran kann sich
+wohl niemand mehr erinnern. Die Direktoren und
+Kanzleivorsteher wechselten, doch ihn sah man immer
+auf demselben Posten, in derselben Haltung, bei derselben
+Arbeit, so daß einer glauben konnte, Akaki
+Akakiewitsch wäre so auf die Welt gekommen: in
+Uniform und mit der Glatze. In seiner Abteilung
+bewies man ihm auch weiter keine Achtung. Die Türsteher
+standen nicht nur nicht auf, wenn er kam,
+sondern sie sahen ihn nicht einmal, als wäre da anstatt
+eines Titularrats eine ganz kleine Fliege hereingeflogen
+gekommen. Die Kanzleivorstände behandelten ihn
+von oben herab. So ein Sekretär hielt ihm einfach
+den Stoß Papiere unter die Nase hin und nahm
+sich erst weiter nicht die Mühe hinzuzufügen: Bitte
+<span class="pagenum"><a name="Page_8">8</a></span>schreiben Sie das ab! oder: Heute gibt es wieder einmal
+eine hübsche, interessante Arbeit für Sie! oder
+sonst etwas Verbindliches, wie es sich unter wohlerzogenen
+Leuten schickt. Und Akaki Akakiewitsch
+nahm auch alles so entgegen, wie man es ihm bot,
+und hatte nur Augen für das Papier und sah gar nicht
+erst auf den, der es ihm reichte und ob dieser auch
+dazu berechtigt wäre; er nahm es entgegen und machte
+sich sofort an die Arbeit. Die jungen Beamten lachten
+ihn aus und machten Witze mit ihm, wie das solche
+Kanzleigehirne eben verstehen; so erzählten sie in
+seiner Gegenwart Geschichten über ihn und seine
+Wirtschafterin, ein siebzigjähriges Weib, und sagten,
+daß diese ihn prügle, oder fragten, wann Hochzeit sein
+werde; auch streuten sie Papierschnitzel auf seine
+Glatze und meinten, das sei Schnee. Doch Akaki
+Akakiewitsch erwiderte mit keiner Silbe und tat, als
+sähe er nichts. Es störte ihn auch nicht im geringsten
+in seiner Arbeit; mitten unter allen diesen Sticheleien
+machte er nicht einen einzigen Fehler im Briefe. Nur
+wenn sie schon ganz unerträglich waren und diese
+freundlichen Kollegen etwa seine Hand zu stoßen
+begannen und ihn also an der Arbeit hinderten, rief
+er: »So laßt mich doch in Ruhe! Warum müßt ihr
+mich in einem fort ärgern?« Und etwas Fremdes und
+Fernes lag stets in diesen seinen Worten und in der
+Stimme, mit der er sie sprach. Ich sage, darin ward
+etwas laut, was in den Menschen das Mitleid erregen
+mußte, so daß wirklich einmal ein junger Mann,
+der seit kurzem hier angestellt war und nach dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_9">9</a></span>Muster der anderen sich auch allerhand Scherze mit
+Akaki Akakiewitsch erlaubte, ganz plötzlich davon
+abließ, als sähe er jetzt alles ganz anders und als hätte
+sich alles nun vor seinen Augen verkehrt und verwandelt.
+Eine wunderbare Macht trennte ihn für
+immer von seinen Kollegen, mit denen er sich schon
+befreundet hatte, in der Meinung, es wären eben
+liebenswürdige Leute von Welt wie andere auch. Und
+noch nach Jahren, in Augenblicken des Frohsinns,
+stand da plötzlich im Geiste der kleine Beamte mit
+der Glatze auf dem Kopfe vor ihm und sprach dieselben
+Worte: Laßt mich doch in Ruhe! Warum
+müßt ihr mich in einem fort ärgern? Und mit diesen
+Worten tönten andere mit: Ich bin dein Bruder. Und
+der junge Mann bedeckte sein Gesicht mit den Händen
+und erschrak jetzt und noch oft und oft in seinem
+Leben davor, wieviel Unmenschliches im Menschen
+wohne, wieviel Grausamkeit und Roheit gerade in
+diesen feinen, gebildeten Männern von Welt und
+weiß Gott auch in solchen noch stecke, welche allenthalben
+für gutmütig und rechtschaffen gelten.</p>
+
+<p>Es wäre wohl schwer gewesen, einen Menschen
+zu finden, der mehr in seinem Berufe lebte. Akaki
+Akakiewitsch diente mit Eifer, doch das ist noch
+nicht das Wort: er diente mit Liebe. Während er
+so schrieb, erstand vor seinem Auge eine bunte und
+ihm liebe Welt, und der Genuß an dieser Welt drückte
+sich auch in seinem Gesichte deutlich aus; da gab
+es immer Buchstaben, die er ganz besonders mochte;
+wenn er die zu Papier brachte, war er wie närrisch,
+<span class="pagenum"><a name="Page_10">10</a></span>lächelte in sich hinein, zwinkerte mit seinen kleinen
+Augen und half gleichsam mit den Lippen nach, so
+daß man aus seiner Grimasse wohl lesen konnte,
+welchen Buchstaben eben seine Feder produzierte.
+Wenn sie ihn nach seinem Eifer entlohnt hätten,
+müßte er schon längst Staatsrat sein &ndash; wohl auch
+zu seinem eigenen Erstaunen; so hatte er sich, wie
+seine Kollegen sich ausdrückten, statt eines kleinen
+Bandes im Knopfloch die Hämorrhoiden ersessen.
+Natürlich will ich damit nicht behaupten, daß seine
+Vorgesetzten auf ihn nicht aufmerksam geworden
+wären. Einer, ein guter Mensch, wollte ihn auch
+für seinen langen Dienst belohnen und gab den Auftrag,
+ihm von nun an eine wichtigere Arbeit anzuvertrauen
+als das bloße Abschreiben wäre: Akaki
+Akakiewitsch sollte Berichte für ein anderes Bureau
+liefern, und die Arbeit bestand schließlich nur darin,
+daß er den Titel änderte und die erste Person in
+die dritte verwandelte, doch das machte ihm solche
+Mühe, daß er ganz in Schweiß geriet, sich die Stirn
+rieb und endlich bat: Nein, laßt mich lieber wieder
+abschreiben! Und seitdem schrieb er wieder ab.</p>
+
+<p>Was nicht zum Schreiben gehört, das existierte
+für Akaki Akakiewitsch nicht. So vergaß er ganz
+auf seine Kleidung. Die Uniform war nicht mehr
+grün, sondern rötlich und wie mit Mehl bestäubt;
+der Kragen war so eng und niedrig, daß sein Hals,
+der eigentlich kurz war, ganz lang erschien und der
+Titularrat jenen Katzen aus Gips glich, welche die
+Hausierer auf dem Kopfe, so ein Dutzend im Korbe,
+<span class="pagenum"><a name="Page_11">11</a></span>herumtragen. Und immer blieb etwas an seiner
+Uniform hängen: ein wenig Heu oder ein Bindfaden;
+zudem hatte er es darauf abgesehen, unter ein Fenster
+gerade in dem Augenblick zu treten, da man Kehricht
+auf das Pflaster warf, und so trug er stets etwas davon
+auf seinem Hute weiter: Stücke Schale von einer
+Wassermelone, Brotrinde und ähnliches. Man kann
+wohl behaupten, daß er dem, was täglich auf der
+Straße vorgeht, auch nicht die geringste Aufmerksamkeit
+schenkte. Bekanntlich läßt sein Bruder im Amte
+zu keiner Zeit die Augen davon, in der Tat hat
+er diese schon so geschärft, daß er es schon merkt,
+wenn einer auf dem anderen Trottoir unten die
+Hosen abgetreten hat, welcher Umstand ihn immer
+von neuem zu lautem Lachen reizt. Wohin immer
+Akaki blickte, überall sah er die sauberen, geraden
+Linien seiner Handschrift, und erst wenn sich ihm
+von ungefähr eine Pferdeschnauze auf die Schulter
+legte und ihn aus seinen großen Nüstern anblies,
+wurde er gewahr, daß er sich nicht mitten in einer
+Zeile, sondern mitten auf der Straße befände.</p>
+
+<p>Zuhause setzte er sich gleich zu Tisch, schlang
+die Suppe herunter und aß ein Stück Rindfleisch
+mit Knoblauch dazu. Er schmeckte nicht, was er aß,
+und so kam es, daß er auch die Fliegen und was
+sonst etwa noch auf dem Essen lag, mit herunterschluckte.
+Wenn er fühlte, daß der Magen voll zu
+werden anfing, stand er auf, nahm Tintenfaß und
+Feder heraus und schrieb nun die Briefe und Schriften
+ab, die er mit nach Hause gebracht hatte. Gab es
+<span class="pagenum"><a name="Page_12">12</a></span>zufällig keine Briefe, so hatte er sich Kopien mitgenommen
+und schrieb sie jetzt zu seinem Vergnügen
+ab, besonders gerne, wenn sich so ein Schriftstück
+weniger durch Schönheit des Stils, wie durch die
+Adresse an eine neue oder wichtige Persönlichkeit
+auszeichnete.</p>
+
+<p>Um die Zeit, da Petersburgs grauer Himmel sich
+völlig verdunkelt und das ganze Beamtenvolk jeder
+nach seinem Gehalt oder Geschmack abgegessen hat,
+um die Zeit, da alles sich vom Gekritzel der Federn,
+von den vielen Gängen für sich und für andere oder
+sonst welchen Mühen, die sich der Mensch freiwillig
+aufzwingt mehr als nötig, erholt, um die Zeit, da
+die Beamten alle sich beeilen, die noch übrige Zeit
+dem Vergnügen zu widmen: der eilt in ein Theater,
+dieser auf die Straße, um gewisse kleine Hüte zu begucken,
+ein dritter in eine Gesellschaft, um sich hier
+in Komplimenten zu verausgaben an ein zierliches
+Kind, den Stern eines kleinen Beamtenkreises, ein
+vierter &ndash; und das kommt allerdings am häufigsten
+vor &ndash; kriecht zu seinem Amtsbruder hinauf in den
+dritten oder vierten Stock, die Wohnung besteht aus
+zwei kleinen Zimmern mit Vorzimmer und Küche
+und ist nicht ganz ohne Ansprüche auf Schönheit,
+es steht da etwa eine Lampe drin nach dem neuesten
+Geschmack oder sonst ein seltener Gegenstand, der
+viel Opfer gekostet hat und ganz bestimmt nur um
+den Preis unterdrückter Mittagessen und unterlassener
+Theaterbesuche zu erstehen war; ich sage, um die
+Zeit, da diese Beamten sich in den Wohnungen ihrer
+<span class="pagenum"><a name="Page_13">13</a></span>Kollegen zerstreuen mit Whist, Tee und Zwieback,
+und einer sitzt dabei und dampft aus seinem langen
+Tschibuk, und ein anderer neben ihm erzählt einen
+Klatsch aus den höchsten Kreisen, ein Vergnügen,
+dem ein Russe niemals und unter gar keinen Bedingungen
+entsagen will, und wenn ihm keiner einfällt,
+so gibt er wohl zum hundertsten Male die
+Anekdote zum besten vom Kommandanten, dem gemeldet
+wird, daß ein Übeltäter dem Pferde am
+Denkmal Peters des Großen den Schweif abgehauen
+hätte, ich sage, um die Zeit, da alles die Freude und
+das Vergnügen sucht, blieb Akaki Akakiewitsch
+durchaus jeder Art von Zerstreuung ferne. Niemand
+konnte sagen, er hätte ihn jemals abends wo in Gesellschaft
+gesehen. Sobald er sich satt geschrieben
+hatte, ging er zu Bett, im voraus schon lächelnd beim
+Gedanken daran, was Gott ihm wohl morgen zum
+Abschreiben geben werde.</p>
+
+<p>So floß friedlich das Leben eines Menschen hin,
+der mit vierhundert Rubel Gehalt sich in sein Los
+schicken konnte, und dieses Leben wäre weiter so
+dahingeflossen in gleichem Frieden bis ins höchste
+Greisenalter, wenn es nicht böse Zufälle gäbe auf
+dem Lebenswege nicht nur der Titular-, sondern auch
+der Geheim-, der wirklichen Geheim- und der Hofräte,
+ja selbst derer, die niemandem einen Rat geben
+und auch von keinem einen solchen empfangen.</p>
+
+<p>Alle die mit einem Jahresgehalt von vierhundert
+Rubel und darum haben in Petersburg einen gar
+argen Feind, und dieser Feind ist kein anderer als
+<span class="pagenum"><a name="Page_14">14</a></span>unser Winterfrost, trotzdem er natürlich für sehr gesund
+gilt. So um neun Uhr morgens, um die Zeit,
+da sich die Straßen füllen mit solchen, die in die
+Ministerien müssen, beginnt er so kräftige und
+beißende Nasenstüber auszuteilen, daß die armen
+Beamten wirklich nicht mehr wissen wohin mit ihren
+Nasen. Und wenn denen in hoher Stellung schon
+die Stirn vor Kälte brennt und Tränen in die Augen
+treten, geht es unseren armen Titularräten erst recht
+schlecht. Das einzige, was diesen zu tun übrigbleibt,
+ist sich so schnell wie möglich in ihren dünnen Mäntelchen
+durch die fünf oder sechs Gassen zu schlagen
+und dann in der Portierloge sich die Füße am Ofen
+zu wärmen, so lange, bis alle auf dem Wege eingefrorenen
+Talente und Fähigkeiten zum Dienst wieder
+aufgetaut wären. Akaki Akakiewitsch begann nun
+schon seit einiger Zeit zu fühlen, daß ihn da was im
+Rücken und auf den Schultern gar heftig zwicke und
+beiße, trotzdem er sich bemühte, den Weg ins Bureau
+so schnell wie möglich zurückzulegen. Und er dachte,
+ob nicht am Ende sein Mantel die Schuld trüge, und
+richtig, da er ihn zu Hause genau durchsuchte, entdeckte
+er, daß an drei oder vier Stellen, gerade am
+Rücken und an den Schultern, sich der Stoff durchgerieben
+hatte und ganz durchsichtig geworden und
+daß auch das Futter zerrissen wäre. Man muß im
+übrigen wissen, daß die Kollegen auch diesen Mantel
+zur Zielscheibe ihres Spottes gewählt, daß sie ihm
+den ehrenwerten Namen eines Mantels überhaupt
+genommen und ihn Kapuze getauft hatten. In der
+<span class="pagenum"><a name="Page_15">15</a></span>Tat hatte er im Laufe der Zeit eine fragwürdige Form
+angenommen, auch war der Kragen von Jahr zu Jahr
+schmäler geworden, da er zum Flicken der anderen
+Teile herhalten mußte, und diese Flecken verrieten
+keineswegs die Kunst eines Schneiders, vielmehr waren
+sie von höchst ungeübter und grober Hand eingesetzt.</p>
+
+<p>Da nun Akaki Akakiewitsch mit Augen sah,
+woran er wäre, beschloß er, den Mantel sofort zu
+Petrowitsch, dem Schneider, zu tragen. Dieser lebte
+irgendwo im vierten Stock eines Hinterhauses und
+befaßte sich mit Reparaturen aller Art von Hosen
+und Fräcken der Beamten und anderer Leute, natürlich
+nur in Stunden, da er nüchtern und sein Kopf
+frei war. Ich brauchte über ihn natürlich nicht lange
+zu reden, doch da es nun einmal so Sitte ist, daß in
+einer Erzählung über den Charakter einer Figur kein
+Zweifel herrsche, so her mit diesem Schneider. Vor
+Jahren hieß er noch einfach Grigori und war Leibeigener
+bei irgendeinem Herrn. Petrowitsch begann
+er sich erst zu nennen, da er freigelassen wurde und
+sich an allen Feiertagen tüchtig zu betrinken anfing,
+zuerst nur an den großen, später aber an allen ohne
+Unterschied, wo immer nur im Kalender sich ein
+Kreuz fand. Darin war er der Sitte seiner Väter
+durchaus treu geblieben, und wenn er darob mit
+seinem Weibe zankte, so nannte er sie ein weltliches
+Geschöpf ohne Sitte und ohne Art und zudem eine
+Deutsche. Da ich nun schon einmal bei seinem
+Weibe bin, so muß ich auch über sie ein paar Worte
+sagen. Leider ist von ihr nicht viel mehr bekannt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_16">16</a></span>als daß sie eben das Eheweib des Petrowitsch sei
+und daß sie eine Haube und nicht ein Tuch um den
+Kopf trage. Sie konnte sich wohl in keinem Falle
+rühmen, schön zu sein; höchstens daß Soldaten von
+der Garde ihr einmal unter die Haube guckten, doch
+sie drehten sich da jedesmal den Schnurrbart, lachten
+und sprachen ein nicht wiederzugebendes Wort aus.</p>
+
+<p>Auf der Stiege zu Petrowitsch &ndash; die Wahrheit
+zu sagen war diese gerade frisch eingeseift und stank,
+wie alle Petersburger Hintertreppen, stark nach
+Schnaps &ndash; ich sage auf der Stiege überlegte Akaki
+Akakiewitsch, wieviel Petrowitsch wohl verlangen
+dürfte, und war in Gedanken fest entschlossen, nicht
+mehr als zwei Rubel zu geben. Die Tür stand offen,
+denn die Küche, wo des Petrowitsch Weib einen
+Fisch briet, war so voll Rauch, daß man nicht einmal
+die Schwaben sehen konnte. Akaki konnte also
+durchgehen, ohne von der Wirtin gesehen zu werden,
+und trat ins Zimmer des Petrowitsch, welcher
+an einem breiten ungestrichenen Tisch saß und die
+Beine wie ein Pascha gekreuzt hatte. Die Füße
+waren wie bei allen Schneidern bloß, und vor allem
+mußte dem Kunden der Daumen auffallen; Akaki
+Akakiewitsch kannte ihn gut mit seinem verstümmelten
+Nagel, der dick und hart wie Schildpatt war. Um
+den Hals hingen ihm Fäden von Zwirn und Seide
+und auf den Knien hatte er einen alten Fetzen. Schon
+seit einigen Minuten suchte er den Zwirn in das
+Nadelöhr zu bekommen, doch es wollte ihm nicht
+gelingen, und da begann er denn auf die Finsternis
+<span class="pagenum"><a name="Page_17">17</a></span>zu schimpfen und auch auf den Zwirn: Er geht
+nicht hinein, das Luder. Akaki Akakiewitsch war
+es nicht angenehm, gerade in einem Augenblick
+zu kommen, da Petrowitsch in schlechter Stimmung
+war: es wäre ihm lieber gewesen, bei Petrowitsch
+eine Bestellung zu machen, da dieser seine Courage
+vertrunken hatte und nach Fusel roch. In diesem
+Zustande ging er nämlich auf alles ein und stand
+immer wieder von seinem Sitze auf und verbeugte
+sich in einem fort und war überaus dankbaren
+Gemütes. Freilich später kam dann das Weib und
+weinte und schrie, der Mann sei betrunken gewesen
+gestern und hätte nur darum die Arbeit für so wenig
+übernommen. Doch da legte man ein paar Kopeken
+zu, und die Sache war gemacht. Heute aber, schien
+es, war Petrowitsch nüchtern und darum fest, er tat
+den Mund nicht auf und war also eher geneigt, weiß
+Gott was für Preise zu verlangen. Akaki Akakiewitsch
+fühlte das sehr deutlich und wollte schon wieder
+zurück, doch er war schon zu weit gekommen,
+Petrowitsch hatte ihn erblickt und blinzelte ihn mit
+seinem einzigen Auge von der Seite an, so daß der
+Titularrat ganz gegen seinen Willen: »Guten Tag,
+Petrowitsch!« ausrief. »Gott zum Gruß, Herr!« erwiderte
+Petrowitsch, und das Auge des Schneiders
+fiel auf die Hand des Akaki Akakiewitsch und wollte
+wissen, was für eine Beute dieser ihm heute denn
+brächte. »Ich komme zu dir, Petrowitsch &hellip; denn
+&hellip; weil&nbsp;&hellip;« Man muß wissen, daß der Titularrat
+sich meist nur in Umstands- und Beiwörtern und in
+<span class="pagenum"><a name="Page_18">18</a></span>sonst welchen Silben, die ganz ohne Sinn waren,
+ausdrückte. Und wenn eine Sache sehr schwierig
+war, hatte er die Gewohnheit, den Satz überhaupt
+nicht zu beenden&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>»Was habt Ihr da?« sagte Petrowitsch und
+musterte inzwischen mit seinem einen Auge die
+ganze Uniform von oben bis unten, Kragen, Aermel,
+Rücken, Falten, Achselschlingen, er kannte das alles
+sehr gut, denn es war seine eigene Arbeit. Das ist
+bei Schneidern so Gewohnheit; das erste, was jeder tut.</p>
+
+<p>»Da hab ich was für dich, Petrowitsch. Den
+Mantel &hellip; Das Tuch &hellip; Du siehst, es ist überall
+noch gut, ganz fest. Er ist nur etwas verstaubt und
+sieht darum so alt aus, doch er ist noch ganz neu
+&hellip; neu &hellip; Nur hier ist so etwas &hellip; am Rücken.
+Und auch noch auf der Schulter ist er ein wenig
+durchgewetzt, und dann da noch auf dieser Schulter
+&hellip; Siehst du es auch? Das ist alles. Nicht viel Arbeit.«</p>
+
+<p>Petrowitsch nahm den Mantel, breitete ihn auf
+dem Tisch aus und prüfte ihn lange. Er schüttelte
+mit dem Kopfe, und seine Hand griff nach einer
+runden Tabaksdose mit dem Porträt eines Generals
+darauf &ndash; man konnte nicht sehen welches, denn
+dort, wo das Gesicht hätte sein sollen, war das Holz
+mit dem Finger durchgedrückt und mit einem
+Stückchen Papier zugeklebt. Petrowitsch schnupfte
+ein wenig Tabak und hielt jetzt den Mantel gegen
+das Licht und schüttelte noch einmal sein Haupt;
+dann kehrte er das Futter heraus und schüttelte
+wieder mit dem Kopfe; noch einmal nahm er die
+<span class="pagenum"><a name="Page_19">19</a></span>Dose mit dem geköpften General, zog etwas Tabak
+ein, legte sie aufs Fensterbrett und sagte endlich:
+»Nein, da ist nichts mehr auszubessern. Der Mantel
+ist schlecht.«</p>
+
+<p>Dem Titularrat schlug das Herz. »Warum nicht,
+Petrowitsch?« fragte er mit der jammernden Stimme
+eines kleinen Kindes. »Er ist doch nur an den
+Schultern etwas durchgewetzt. Du hast sicher bei
+dir noch alte Flecken zum Stopfen.«</p>
+
+<p>»Die habe ich schon; aber man kann sie nicht
+mehr aufnähen. Das Tuch ist schon ganz mürbe und
+hält den Stich nicht mehr: so ist es!«</p>
+
+<p>»Da nähst du eben einen Lappen darauf!«</p>
+
+<p>»Worauf denn? Nein, nein, den kann man nicht
+mehr zusammenflicken, der hat schon zuviel durchgemacht.«</p>
+
+<p>»Doch, doch, stopf ihn nur!«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Petrowitsch jetzt ganz entschlossen,
+»da ist nichts mehr zu stopfen. Am besten, Ihr macht
+Euch, wenn der Winter kommt, Fußlappen daraus.
+Strümpfe sind doch nicht warm. Die haben die
+Deutschen erfunden, um noch mehr Geld zu machen.
+(Petrowitsch liebte es, gelegentlich auf die Deutschen
+zu schimpfen.) Den Mantel aber, versteht sich, müßt
+Ihr Euch neu machen lassen.«</p>
+
+<p>Bei dem Worte neu wurde es dem Titularrat
+dunkel vor den Augen, und alles drehte sich ihm im
+Zimmer, und er sah nur ganz klar vor sich den
+General mit dem zugeklebten Gesichte auf der Tabaksdose.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_20">20</a></span>
+»Wieso einen neuen?« rief er wie aus dem Traume.
+»Ich habe doch kein Geld dafür.«</p>
+
+<p>»Ja, einen neuen,« bestätigte Petrowitsch mit grausamer
+Ruhe.</p>
+
+<p>»Und wenn es schon ein neuer sein muß, was
+würde&nbsp;&hellip;?«</p>
+
+<p>»Ihr meint, was er kostet?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Nun, so hundertundfünfzig Rubel müßt Ihr
+darauf schon verwenden,« meinte Petrowitsch und
+kniff die Lippen zusammen. Er liebte nämlich die
+starken Effekte. Er liebte es, den Leuten Schrecken
+einzujagen und dann so von der Seite zuzusehen,
+was der Geschreckte für ein Gesicht machte.</p>
+
+<p>»Hundertundfünfzig Rubel für einen Mantel!«
+schrie Akaki Akakiewitsch auf, vielleicht das erstemal
+wieder nach seiner Geburt, denn für gewöhnlich
+eignete ihm große Stille.</p>
+
+<p>»Ja, gewiß!« sagte Petrowitsch. »Und wenn Ihr
+den Kragen aus Marder und die Kapuze mit Seide
+gefüttert haben wollt, so kommt er auf zweihundert.«</p>
+
+<p>»Petrowitsch, ich bitte dich,« flehte der Titularrat,
+ohne auf Petrowitsch zu hören und auf dessen Effekte
+zu achten, »bessere mir den Mantel aus, damit er noch
+einige Zeit wenigstens hält!«</p>
+
+<p>»Nein, das geht nicht. Das hieße Arbeit verschwenden
+und das Geld auf die Straße werfen,«
+schloß Petrowitsch, und Akaki Akakiewitsch lief
+hinaus. Petrowitsch jedoch behielt noch lange seine
+Stellung, kniff höchst bedeutsam die Lippen zusammen
+<span class="pagenum"><a name="Page_21">21</a></span>und ließ die Hände von der Arbeit, so zufrieden
+war er damit, daß er diesmal weder sich selber erniedrigt
+noch die Schneiderkunst verraten hatte.</p>
+
+<p>Auf der Straße ging Akaki Akakiewitsch wie im
+Traume. »So etwas. Ich hätte doch nicht gedacht,
+daß es dazu kommen würde!« Und dann fügte er
+hinzu nach einigem Überlegen: »So steht die Sache.
+Das kam dabei heraus. Wer hätte vermuten können,
+daß es damit so stände.« Und wieder schwieg er,
+und jetzt noch einmal: »So steht es also mit mir.
+Das konnte ich doch nicht erwarten, niemals &hellip; So
+etwas&nbsp;&hellip;« Anstatt nach Hause ging er nun, ohne es
+zu wissen, genau in der entgegengesetzten Richtung.
+Auf dem Wege streifte ihn ein Schornsteinfeger, und
+die Schulter war ganz schwarz davon. Auch fiel
+eine Kelle mit Kalk auf ihn von einem Hause, an
+welchem gebaut wurde. Er merkte nichts. Erst als
+er gegen einen Wachtposten angerannt war, der, die
+Hellebarde neben sich, aus seinem Beutel Tabak auf
+die schwielige Hand tat, wachte er auf, denn der
+Posten schrie ihn an: »Mußt du mir denn ins Maul
+kriechen? Wozu ist denn das Trottoir da?« Jetzt
+sah er auf und ging nach Hause. Und hier erst begann
+er die Gedanken zu sammeln und klar seine
+Lage zu übersehen, hier erst begann er mit sich nicht
+mehr zusammenhanglos, sondern überlegt und offen
+zu sprechen, als redete er mit einem klugen Freunde,
+dem man eine Herzenssache anvertrauen kann.
+»Nein, nein, heute kann niemand mit Petrowitsch
+reden. Sein Weib muß ihn durchgeprügelt haben.
+<span class="pagenum"><a name="Page_22">22</a></span>Ich gehe besser am nächsten Sonntag noch einmal
+zu ihm. Sonnabend ist er betrunken, und da bekommt
+er Sonntag darauf die Augen nicht auf und bedarf
+einer Stärkung. Sein Weib gibt ihm das Geld nicht,
+und da bin ich dann da und drücke ihm einen Sechser
+in die Hand, und so wird er mit sich reden lassen,
+und der Mantel wird dann noch gehen&nbsp;&hellip;« So
+schloß der Titularrat, sprach sich Mut zu und wartete
+auf den nächsten Sonntag. Kaum hatte er gesehen,
+daß des Schneiders Weib aus dem Hause ging, eilte
+er schnurstracks zu ihm. In der Tat hatte Petrowitsch
+Mühe, sein einziges Auge aufzubekommen und war
+ganz voll Schlaf und ließ den Kopf hängen. Doch
+kaum hatte er verstanden, <ins title="warum">worum</ins> es sich wieder
+handle, als er schon wie vom Satan getrieben rief:
+»Nein, nein, das geht nicht. Ihr müßt einen neuen
+bestellen!« Der Augenblick war da, ihm den Sechser
+in die Hand zu drücken. »Ich danke Euch, Herr!
+Da kann ich mich ein wenig stärken gehen auf Eure
+Gesundheit. Doch den Mantel laßt nun einmal, er
+taugt wirklich nichts mehr. Ich mache Euch einen
+neuen, schönen und dabei bleibt es.« Der Titularrat
+fing immer wieder von der Reparatur an, doch Petrowitsch
+hörte gar nicht auf ihn und rief: »Ich mache
+Euch einen neuen. Verlaßt Euch auf mich, ich werde
+mir Mühe geben! Ich werde Euch sogar, weil es jetzt
+so Mode ist, silberne Pfötchen aufs Appliqué nähen.«</p>
+
+<p>Akaki Akakiewitsch sah nun ganz klar, daß der
+neue Mantel nicht mehr zu umgehen sei, und sein
+Mut war weg. Von welchem Gelde sollte er sich ihn
+<span class="pagenum"><a name="Page_23">23</a></span>nur machen lassen? Freilich durfte er auf die Remuneration
+zu den Feiertagen hoffen, doch die war
+schon im voraus eingeteilt: er brauchte neue Hosen,
+mußte den Schuster bezahlen fürs Ansetzen von
+Kappen an den Schuhen, und dann wollte er bei der
+Näherin drei Hemden bestellen. Kurz, das Geld war
+schon verausgabt. Und wenn auch der Direktor so
+gnädig wäre, ihm statt vierzig Rubel fünfundvierzig
+oder gar fünfzig zu bewilligen, würde die Kleinigkeit,
+die übrigbliebe, nur ein Tropfen im Meere sein im
+Vergleiche zu der Summe, die der neue Mantel kosten
+soll. Natürlich das wußte er schon, daß Petrowitsch,
+weiß der Teufel warum, bei guter Laune gerne solche
+verrückte Preise machte, so daß selbst sein Weib sich
+nicht mehr halten konnte und ihn anschrie: »Bist du
+närrisch geworden? Einmal arbeitest du für nichts
+und dann wieder treibt dich der Teufel, einen Preis
+zu verlangen, den du selber gar nicht wert bist.«
+Wenn der Titularrat auch wußte, daß Petrowitsch
+den Mantel für achtzig Rubel liefern würde &ndash; woher
+aber die achtzig nehmen? Die Hälfte konnte er noch
+zusammenkriegen, ja, die Hälfte sogar sicher, vielleicht
+auch eine Kleinigkeit mehr: aber die andere
+Hälfte, wer sollte die ihm geben?&hellip; Doch der Leser
+muß zuerst erfahren, woher er die erste Hälfte nehmen
+wollte. Akaki Akakiewitsch hatte nämlich die Gewohnheit,
+von jedem verausgabten Rubel eine Kopeke
+in eine kleine Sparbüchse zu tun, die zugeschlossen
+war und einen schmalen Schlitz enthielt, durch den
+so eine Kopeke ging. Jedes halbe Jahr zählte er die
+<span class="pagenum"><a name="Page_24">24</a></span>Summe, die sich angesammelt hatte, und wechselte
+sie in Silber um. Das hatte er nun seit geraumer
+Zeit durchgeführt, und auf diese Weise war im Laufe
+von mehreren Jahren die Summe von vierzig Rubel
+zusammengekommen. Die eine Hälfte war also da,
+in seinen Händen, woher aber, noch einmal, die
+anderen vierzig Rubel? Akaki Akakiewitsch überlegte
+hin und her und beschloß endlich, mindestens
+ein ganzes Jahr sich einzuschränken, das heißt: keinen
+Tee mehr am Abend zu trinken, kein Licht mehr
+anzuzünden und, wenn er abends arbeiten müsse, zur
+Wirtin zu gehen und dort bei der Kerze zu schreiben;
+dann auf der Straße so leise und vorsichtig wie möglich
+aufzutreten, ja auf den Zehen zu gehen, um die
+Sohlen nicht durchzuwetzen; endlich die Wäsche so
+selten wie möglich zum Waschen zu geben und sie
+zu Hause gleich auszuziehen, damit sie nicht abgenützt
+werde, und im halbwollenen Schlafrock dazusitzen,
+der sehr alt sei und dem die Zeit darum nichts
+mehr anhaben könnte. Es fiel ihm ja, um die Wahrheit
+zu sagen, anfangs schwer, sich an alle diese Entbehrungen
+zu gewöhnen, doch mit der Zeit wurde
+es ihm immer leichter, ja allmählich ward er ein
+Meister in der Kunst zu hungern, im Geiste sich mit
+dem Gedanken an den neuen Mantel nährend.</p>
+
+<p>Und seit diesen Tagen wurde sein ganzes Wesen
+gleichsam voller, als hätte er geheiratet, als stünde
+ihm jetzt ein Wesen zur Seite, als wäre er nicht
+mehr allein und hätte sich eine köstliche Lebensgefährtin
+endlich entschlossen, den Weg des Lebens
+<span class="pagenum"><a name="Page_25">25</a></span>mit ihm zu wandeln, und ich sage, diese köstliche
+Lebensgefährtin war eben der Mantel, innen wattiert
+und mit starkem Futter versehen. Akaki Akakiewitsch
+wurde in der Tat lebhafter und fester gleich
+einem Menschen, der ein Ziel hat. Aus seinem Gesichte
+und aus seinen Schritten waren von selbst aller
+Zweifel, jegliche Unentschlossenheit, alle die schwankenden
+und unbestimmten Züge verschwunden. In
+sein Auge kam zuweilen Feuer und in seinem Hirne
+blitzten dann kühne, ja freche Gedanken auf: könnte
+der Kragen am Ende nicht doch aus Marder sein?
+Ich sage, Akaki Akakiewitsch wurde durch solche
+und ähnliche Gedanken zerstreut, und einmal hätte
+er beim Abschreiben beinahe einen Fehler gemacht,
+so daß er laut aufschrie und sich bekreuzte. Jeden
+Monat mindestens einmal klopfte er bei Petrowitsch
+an, um über den Mantel zu schwatzen: wo würde
+man wohl am besten das Tuch kaufen, und welche
+Farbe sollte es eigentlich haben und wie teuer wird
+es sein? Und jedesmal kam er, wenn auch nicht ganz
+ohne Kummer, so doch zufrieden nach Hause bei
+dem Gedanken, daß nun endlich die Zeit da sein
+werde, da man alles Notwendige kaufen und der
+Mantel fertig sein würde. Und die Zeit kam schneller
+als er geglaubt hatte, denn wider alles Erwarten hatte
+der Direktor ihm nicht nur vierzig, sondern ganze
+fünfzig Rubel bewilligt. Ob dieser es nun geahnt
+hat, daß Akaki Akakiewitsch einen neuen Mantel
+brauchte, oder ob das so von selber gekommen ist,
+Akaki Akakiewitsch hatte auf einmal zwanzig Rubel
+<span class="pagenum"><a name="Page_26">26</a></span>mehr. Und dieser Umstand beschleunigte die Sache.
+Noch zwei, drei Monate hungern, und Akaki Akakiewitsch
+hatte die achtzig Rubel beisammen. Sein
+sonst so ruhiges Herz begann laut zu schlagen, da
+er sich mit Petrowitsch zusammen nach dem Laden
+aufmachte. Sie kauften sehr gutes Tuch, nicht zu
+teuer, war dieses doch durch ein halbes Jahr hindurch
+der alleinige Gegenstand ihres Denkens gewesen und
+hatten sie doch selten einen Monat verstreichen lassen,
+ohne im Laden um den Preis zu handeln; dafür meinte
+aber auch Petrowitsch jetzt, daß es bestimmt kein
+besseres Tuch gebe. Als Futter wählten sie Coulaincour,
+guten, festen, der nach der Aussage des
+Petrowitsch besser wäre als Seide und auch so aussehe
+und glänze. Marder kauften sie nicht, das war
+zu teuer, dafür wählten sie aber ein Katzenfell, das
+beste, das sie im Laden fanden und das man im
+übrigen von weitem ganz gut für Marder halten konnte.
+Petrowitsch brauchte im ganzen vier Wochen für den
+Mantel, denn es gab viel zu steppen, sonst würde er
+wohl früher damit fertig geworden sein. Für die Arbeit
+nahm er zwanzig Rubel, billiger ging es schon nicht.
+Alles war auf Seide genäht, und bei jeder Naht half
+Petrowitsch noch mit den Zähnen nach.</p>
+
+<p>Es war nun &ndash; ich kann nicht genau sagen, an
+welchem Tage &ndash; es war jedenfalls am glorreichsten
+Tage in des Akaki Akakiewitsch Leben, daß Petrowitsch
+den Mantel endlich brachte. Am Morgen,
+genau um die Stunde, da der Titularrat ins Bureau
+mußte. Auch wäre zu keiner anderen Jahreszeit der
+<span class="pagenum"><a name="Page_27">27</a></span>Mantel so gelegen gekommen, denn die starken
+Fröste hatten schon eingesetzt und drohten allem
+Anschein nach noch heftiger zu werden. Petrowitsch
+erschien mit dem Mantel ganz so, wie sich das für
+einen guten Schneider gehört. In seinem Gesicht lag
+ein Ausdruck, den Akaki Akakiewitsch an ihm noch
+nicht wahrgenommen hatte. Es schien, als fühlte
+er durchaus, daß er keine geringe Sache hier zur
+Vollendung gebracht hätte und daß er erst jetzt den
+Abgrund gewahr geworden wäre, der einen Flickschneider
+von jenem entschieden trenne, der neue
+Anzüge machte. Petrowitsch nahm den Mantel aus
+dem Tuch heraus, in das er ihn gewickelt hatte.
+(Das Tuch war frisch aus der Wäsche gekommen,
+und er legte es auch gleich wieder zusammen und
+steckte es ein zum sofortigen Gebrauch.) Er blickte
+ihn stolz an und warf ihn mit beiden Händen sehr
+leicht Akaki Akakiewitsch um die Schultern; dann
+zog er ihn ein wenig nach unten mit der Hand;
+dann mußte ihn Akaki Akakiewitsch aufgeknöpft
+lassen und der Mantel Falten werfen. Doch Akaki
+Akakiewitsch wollte als ein Mann von Erfahrung
+auch die Ärmel probieren; Petrowitsch half ihm &ndash;
+auch die Ärmel paßten. Kurz der Mantel war vollkommen.
+Petrowitsch unterließ auch nicht die Bemerkung,
+daß er ihn deshalb nur so billig gemacht
+hätte, weil er weit vom Zentrum entfernt lebe und
+Akaki Akakiewitsch schon seit langem kenne; auf
+dem Newsky Prospekt hätte ihm ein Schneider für
+die Arbeit allein fünfundsiebzig Rubel genommen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_28">28</a></span>Akaki Akakiewitsch wollte mit Petrowitsch darüber
+jetzt nicht rechten, fürchtete er doch überhaupt all
+die Riesensummen, mit denen der Schneider Staub zu
+machen liebte. Er zahlte ihn aus, dankte ihm noch
+und ging alsogleich mit dem neuen Mantel ins Bureau.
+Petrowitsch ging ihm nach und sah sich auf diese
+Weise seinen Mantel aus der Ferne an, er bog auch in
+eine Seitengasse ein und kam auf derselben Straße
+Akakiewitsch entgegen, so daß er den Mantel jetzt
+auch von vorne sehen konnte. Inzwischen aber
+schritt Akaki Akakiewitsch in wahrhaft feiertäglicher
+Laune weiter. Er fühlte es in jedem Augenblicke,
+daß er jetzt den neuen Mantel anhätte, und zuweilen
+lächelte er vor innerem Glücke. In der Tat brachte
+ihm der Mantel auch jeden Vorteil, das heißt: er
+war sowohl warm als auch gut überhaupt. Auf
+den Weg achtete der Titularrat nicht, und schon war
+er im Ministerium. Im Vorzimmer nahm er den
+Mantel ab, betrachtete ihn von allen Seiten und
+übergab ihn dem Portier zu besonderer Aufsicht.
+Ich weiß nicht, auf welche Weise die Kollegen im
+Amte erfahren hatten, daß Akaki Akakiewitsch einen
+neuen Mantel hätte und daß die alte Kapuze nicht
+mehr existierte: alle stürmten im selben Augenblicke
+ins Vorzimmer hinaus, um den Mantel zu sehen. Dort
+beglückwünschten und begrüßten sie feierlichst Akaki
+Akakiewitsch, so daß er anfangs wohl lachte, zuletzt
+aber ganz verlegen wurde. Als nun aber alle in ihn
+drangen, der neue Mantel müßte eingeweiht werden
+und er ihnen allen eine Gesellschaft geben, wußte
+<span class="pagenum"><a name="Page_29">29</a></span>Akaki Akakiewitsch schon gar nicht mehr wohin
+und was er antworten und wie er sich ausreden
+sollte, bis er ganz rot im Gesicht ihnen in seiner
+Einfalt versicherte, daß es doch kein neuer Mantel
+wäre, sondern ein alter. Doch da rief einer aus der
+Schar, ein Gehilfe des Chefs, wohl um zu zeigen,
+daß er nicht hochmütig sei und den Verkehr mit
+niederen Beamten nicht meide: »So ist es. Ich will an
+seiner Stelle die Gesellschaft geben und bitte euch
+alle für heute abend zu mir; im übrigen trifft es sich,
+daß heute mein Namenstag ist.« Die Beamten
+gratulierten jetzt dem Gehilfen und nahmen mit
+Freude die Einladung an. Nur Akaki Akakiewitsch
+bat um Entschuldigung, er könne nicht kommen;
+doch da redeten sie alle auf ihn ein, daß das ungezogen
+sei, ja einfach eine Schande, und so konnte
+er nicht nein sagen. Ja die Einladung war ihm sogar
+sehr lieb, da ihm jetzt einfiel, daß er auf diese
+Weise auch abends den neuen Mantel werde anziehen
+können.</p>
+
+<p>Der ganze Tag war nun für Akaki Akakiewitsch
+ein Fest und ein Triumph. Er ging in der allerglücklichsten
+Gemütsverfassung nach Hause, nahm
+dort den Mantel ab und hing ihn mit der größten
+Vorsicht an die Wand. Immer wieder liebäugelte er
+mit dem Stoff und dem Futter und nahm auch zum
+Vergleich die alte Kapuze heraus. Er mußte lachen, so
+groß erschien ihm der Unterschied zwischen beiden.
+Und noch lange nach dem Essen mußte er lachen,
+sooft ihm die überaus traurige Verfassung seiner
+<span class="pagenum"><a name="Page_30">30</a></span>alten Kapuze einfiel. Sein Mahl verzehrte er mit aller
+Heiterkeit, und diesmal schrieb er nach dem Essen
+nicht ab, vielmehr faulenzte er am Bett, bis es dunkel
+wurde. Doch dann schob er es nicht mehr hinaus,
+zog den neuen Mantel an und ging auf die Straße.</p>
+
+<p>Wo der Beamte lebte, der die Gesellschaft gab,
+das weiß ich leider nicht genau zu sagen; mein Gedächtnis
+läßt mich jetzt oft im Stich, und Petersburgs
+Häuser und Straßen gehen alle in meinem Kopfe so
+durcheinander, daß ich mich oft schwer darin zurechtfinde.
+Nur so viel weiß ich zu sagen, daß er im
+besten Viertel wohnte, also nicht sehr nahe von Akaki
+Akakiewitsch. Zuerst mußte dieser wohl noch durch
+öde Gassen mit spärlicher Beleuchtung schreiten,
+doch in dem Maße, als er sich der Wohnung des
+Gehilfen näherte, wurden die Straßen lebhafter, bewohnter
+und besser beleuchtet. Blitzschnell eilten
+Fußgänger an ihm vorbei, er sah schön gekleidete
+Frauen, die Herren trugen Biberkragen, das Auge
+begegnete hier nur ganz selten den hölzernen Bauernschlitten
+mit dem durchlöcherten Boden, hingegen
+flogen elegante Kutscher mit himbeerfarbenen Sammetmützen,
+lackierten Schlitten mit Bärendecken durch die
+Straßen, und die Kufen und Räder knirschten am
+Schnee. Für Akaki Akakiewitsch war das alles neu;
+schon seit vielen Jahren war er abends nicht auf
+der Straße gewesen. Neugierig blieb er vor einem
+hellerleuchteten Laden stehen und sah darin ein Bild,
+eine hübsche Frau darstellend, die sich den Schuh
+auszieht und so ihr Bein sehen läßt; hinter ihr steckt
+<span class="pagenum"><a name="Page_31">31</a></span>ein Herr mit Backenbart und Fliege unter der
+Lippe den Kopf zur Tür hinein. Akaki Akakiewitsch
+schüttelte den Kopf und lächelte und ging
+weiter. Und warum lächelte er? Weil er hier einer
+ihm ganz und gar fremden Welt zum ersten Male
+begegnete, für die auch ihm das Gefühl nicht ganz
+fehlen konnte. Oder dachte er so wie alle anderen
+Beamten: »Diese Franzosen! Die verstehen das!?«
+Vielleicht dachte er auch das nicht. Ach, wir vermögen
+ja dem Menschen nicht in die Seele zu blicken
+und zu wissen, was er denkt.</p>
+
+<p>Endlich erreichte er das Haus. Der Gehilfe lebte
+auf großem Fuße, die Treppe war erleuchtet, die
+Wohnung im zweiten Stock. Im Vorzimmer sah Akaki
+Akakiewitsch eine ganze lange Reihe Galoschen. Mitten
+unter ihnen dampfte ein Samowar. An den Wänden
+hingen die Mäntel, einige darunter mit Biberkragen
+oder Sammetaufschlägen. Hinter der Wand hörte
+man Lärm und Worte, die plötzlich klar und deutlich
+wurden, da sich die Tür öffnete und ein Diener
+heraustrat mit leeren Teegläsern, Sahne und einem
+Korb mit Zwieback auf der Tablette. Die Gäste
+waren also schon einige Zeit beisammen und hatten
+das erste Glas Tee schon getrunken. Akaki Akakiewitsch
+ging, nachdem er seinen Mantel eigenhändig
+an die Wand gehängt hatte, ins Zimmer, und
+vor seinen Augen glänzten im Nu die Kerzen, die
+Beamtenuniformen, die Pfeifen und Kartentische, und
+seine Ohren waren betäubt vom Lärm des Gespräches
+und des Stuhlrückens. Voller Scheu blieb er in der
+<span class="pagenum"><a name="Page_32">32</a></span>Mitte des Zimmers stehen und versuchte zu überlegen,
+was er denn weiter jetzt tun sollte. Doch
+kaum hatten ihn seine Kollegen bemerkt, als sie ihn
+mit großem Geschrei umringten und gleich auch
+hinaus ins Vorzimmer stürzten, um den Mantel noch
+einmal zu besichtigen. Akaki Akakiewitsch war nicht
+wenig verlegen, doch konnte er in seiner Einfalt nicht
+anders als sich freuen, da er sah, daß alle diesen
+Mantel priesen. Es versteht sich von selber, daß sie
+seinen Mantel sowie auch ihn sogleich stehen ließen
+und sich an die Whisttische setzten. Alles, der Lärm,
+das Reden, die Menge Leute, war für den Titularrat
+wie ein Traum, und er wußte nicht, wie ihm sei und
+wohin er mit den Händen und Füßen und überhaupt
+mit dem ganzen Körper sollte. Endlich setzte
+er sich an einen Whisttisch, sah bald in die Karten,
+bald von den Spielern dem oder jenem ins Gesicht,
+begann zu gähnen und fühlte, daß er sich langweile,
+um so mehr, als schon lange die Zeit gekommen
+war, da er zu Bett zu gehen pflegte. So wollte er
+sich verabschieden, doch das ließen sie nicht zu, er
+sollte noch mit ihnen ein Glas Champagner zu Ehren
+des neuen Mantels trinken. Nach einer Stunde wurde
+auch das Abendessen serviert: Suppe, kalter Kalbsbraten,
+Pastete, Kuchen und Champagner. Akaki
+Akakiewitsch mußte zwei Gläser Champagner mittrinken.
+Wenn er auch nach diesen fühlte, daß im
+Zimmer die Heiterkeit zunehme, so konnte er dennoch
+nicht vergessen, daß es schon zwölf Uhr und längst
+Zeit für ihn sei, nach Hause zu gehen. Damit sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_33">33</a></span>sich aber nicht wieder etwas ausdachten, um ihn zurückzuhalten,
+ging er ganz leise und unbemerkt aus
+dem Zimmer und suchte nach seinem Mantel. Nicht
+ohne Mitgefühl sah er diesen am Boden liegen, und
+so schüttelte er ihn erst durch, nahm jedes Federchen
+weg, zog ihn an und ging hinaus und die Treppe
+hinunter auf die Straße. Einige kleine Branntweinläden,
+diese unvermeidlichen nächtlichen Sammelpunkte
+für die Türsteher und ähnliche Leute, waren
+noch offen, andere, die geschlossen waren, ließen
+dünne Lichtstrahlen durch alle Türritzen und bewiesen
+damit, daß sie noch nicht leer wären und Bediente
+hier ihren Klatsch fortsetzten und über die
+Herrschaft zu Gericht säßen. Akaki Akakiewitsch ging
+in heiterer Seelenstimmung, plötzlich war er sogar
+ganz von selber hinter einem Dämchen her, die wie
+ein Blitz an ihm vorbeigeschossen war und deren Körper
+ihm so merkwürdig beweglich vorkam. Doch
+blieb er bald zurück und ging wieder langsam weiter
+und war selber ganz erstaunt, wie er so plötzlich
+in den Trab gekommen wäre. Bald zogen sich vor
+ihm jene langen, öden Straßen hin, die schon bei
+Tage uns düster zu stimmen vermögen. Jetzt schienen
+sie noch tiefer und einsamer; die Laternen kamen
+immer seltener, immer spärlicher wurde hier anscheinend
+das Öl ausgefolgt. Schon kamen die Häuser
+und Zäune aus Holz. Nirgends eine Seele. Alles Licht
+kam vom Schnee auf der Straße, finster kauerten die
+niedrigen Hütten mit den geschlossenen Fensterläden.
+Akaki Akakiewitsch kam jetzt dorthin, wo eine
+<span class="pagenum"><a name="Page_34">34</a></span>Straße einen schier endlosen Platz durchschnitt, man
+konnte die Häuser gegenüber nicht mehr sehen, der
+Platz glich einer grauenhaften Wüste. Weit, Gott
+weiß wo, leuchtete ein schwaches Feuer in einer
+Bude, als welche in einem Kreis von Licht zu stehen
+schien. Akaki Akakiewitschs gute Laune war weg.
+Er betrat den Platz nicht ohne ein gewisses Grauen,
+als ahnte sein Herz Böses. Er sah sich um und zurück
+&ndash; das Meer lag um ihn. »Besser nicht umsehen,«
+dachte er und ging mit geschlossenen Augen weiter,
+und als er sie wieder öffnete, um zu sehen, wo er
+denn wäre, sah er vor seiner Nase Leute stehen mit
+Bärten; mehr konnte er nicht mehr unterscheiden.
+Da wurde es plötzlich dunkel vor seinen Augen,
+und er spürte einen Schlag auf seiner Brust. »Das
+ist ja mein Mantel,« rief einer von den Männern und
+packte den Titularrat am Kragen. Akaki Akakiewitsch
+wollte nach der Wache schreien, als ihm ein
+Mann eine riesige Faust in den Mund stieß und
+rief: »Schrei nur!« Akaki Akakiewitsch fühlte, daß
+sie ihm den Mantel von den Schultern rissen und
+ihm eins mit den Knien versetzten, so daß er nach
+vorn in den Schnee fiel und nichts mehr von sich
+wußte. Nach einiger Zeit kam er zu sich und stand
+auf, doch war niemand mehr da. Er spürte, daß der
+Boden eiskalt und er ohne Mantel sei, und er wollte
+rufen, doch seine Stimme erreichte nicht einmal das
+andere Ende des Platzes. In seiner Verzweiflung lief
+er schreiend über den ganzen Platz bis zur Bude.
+Der Wachtposten stand, auf seine Hellebarde gestützt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_35">35</a></span>da und sah anscheinend nicht ohne Neugierde zu,
+wer zum Teufel mit solchem Geschrei auf ihn zugelaufen
+komme. Akaki Akakiewitsch schrie mit erstickter
+Stimme ihn an, daß er schlafe und gar nicht
+sehe, wie man die Leute vor seinen Augen beraube. Der
+Wachtposten bestand darauf, daß er nichts gesehen
+hätte, zum mindesten nicht mehr, als daß zwei Menschen
+ihn mitten am Platz stehengelassen hätten, er
+habe gemeint, es wären Freunde; der Herr sollte nur,
+statt ihn hier ganz umsonst anzuschreien, morgen zur
+Polizei gehen, dort werde man schon nach dem
+Diebe fahnden.</p>
+
+<p>Akaki Akakiewitsch kam in vollständiger Unordnung
+zu Hause an; sein Haar, ohnehin nur mehr
+noch spärlich an der Schläfe und im Nacken, war
+zerzaust; die Seite, die Brust und die Hosen waren
+mit Schnee bedeckt. Seine alte Wirtin hörte ihn diesmal
+anders als sonst an der Tür klopfen, sprang eilig
+aus dem Bett und lief, nur mit einem Strumpfe,
+ihm die Tür zu öffnen, während sie ihr Hemd
+keusch an die Brust hielt; doch ließ sie dieses gleich
+los, da sie den Titularrat in seiner traurigen Verfassung
+erblickte. Und als sie nun vernahm, worum es sich
+handle, schlug sie die Hände zusammen und meinte,
+er müsse zum Polizeihauptmann, der Polizeileutnant
+sei eine Schlafmütze, mache Versprechungen und ziehe
+die Sache nur hinaus; sie kenne den Hauptmann,
+weil Anna, die Estin, die früher bei ihr in der Küche
+gewesen sei, jetzt bei ihm als Amme diene; auch sehe
+sie ihn selber öfters, wenn er am Hause hier vorbeifahre,
+<span class="pagenum"><a name="Page_36">36</a></span>im übrigen gehe er jeden Sonntag in die Kirche, sage
+sein Gebet und sehe dabei alle Leute sehr freundlich
+an, er sei jedenfalls nach allem, was man beobachten
+konnte, ein guter Mensch. Akaki Akakiewitsch hörte
+ihr zu und ging, ohne ein Wort zu sagen, in sein
+Zimmer &ndash; wie er dort die Nacht verbracht hat, kann
+sich jeder denken, der sich an die Stelle eines anderen
+zu versetzen imstande ist. Am nächsten Morgen
+machte er sich gleich zum Polizeihauptmann auf.
+Man sagte ihm dort, der Polizeihauptmann schlafe.
+Er kam um zehn Uhr wieder: er schläft noch. Um
+elf Uhr hieß es, er sei nicht zu Hause. Akaki
+Akakiewitsch kam um die Mittagsstunde &ndash; doch die
+Schreiber wollten ihn jetzt nicht einmal hereinlassen
+und mußten erst wissen, was ihn herbringe
+und was überhaupt geschehen sei, so daß Akaki
+Akakiewitsch endlich, wohl das erstemal in seinem
+Leben, Mut bewies und in abgerissenen Sätzen erwiderte,
+er müsse den Polizeihauptmann persönlich
+sprechen, sie sollten es nur wagen, ihn nicht hereinzulassen,
+er komme aus dem Ministerium in einer
+dienstlichen Angelegenheit, er würde über sie alle,
+wie sie da wären, Beschwerde führen, und sie würden
+dann das Weitere schon sehen. Dagegen konnten
+die Schreiber nichts mehr erwidern, und einer ging
+hinaus, den Polizeihauptmann zu holen. Dieser
+hatte nun eine ganz sonderbare Art, den Bericht
+entgegenzunehmen. Statt auf die Hauptsache, den
+Raub des Mantels, einzugehen, fragte er Akaki
+Akakiewitsch, warum er so spät nach Hause gegangen
+<span class="pagenum"><a name="Page_37">37</a></span>sei und ob er nicht vielleicht gar in einem verrufenen
+Hause gewesen sei? so daß Akaki Akakiewitsch
+ganz verlegen wurde und hinauseilte, ohne zu wissen,
+ob die Angelegenheit nun ihren Weg gehen werde
+oder nicht. Er ging nicht ins Amt (das einzige
+Mal in seinem Leben); erst am nächsten Tag erschien
+er wieder dort, bleich, verstört und mit der alten
+Kapuze, die heute noch trauriger aussah. Die Kunde
+vom Raub des Mantels rührte wohl die meisten seiner
+Kollegen &ndash; natürlich fehlte es nicht an solchen,
+die auch diesmal die Gelegenheit nicht vorübergehen
+lassen wollten, sich über Akaki Akakiewitsch
+lustig zu machen. Sie beschlossen auch, eine Kollekte
+zu veranstalten, doch es kam nur eine Kleinigkeit
+zusammen, weil sie eben große Auslagen gehabt
+hatten mit dem Porträt des Direktors und einem
+Buche, das sie auf Betreiben des Abteilungschefs,
+einem Freunde des Verfassers, kaufen mußten. Einer
+von ihnen beschloß, vom Mitleid bewegt, Akaki
+Akakiewitsch wenigstens mit einem guten Rat beizustehen
+und meinte, er solle nicht zum Polizeileutnant
+gehen, denn es könnte vorkommen, daß
+dieser, um sich beim Hauptmann beliebt zu machen,
+den Mantel auf die eine oder andere Art finde, daß
+der Mantel aber trotzdem auf der Polizei liegenbleibe,
+es sei denn, daß er sein Eigentumsrecht auf
+den Mantel gesetzlich nachzuweisen vermöchte; nun
+wäre aber da eine hochstehende Persönlichkeit, an
+die sollte er sich wenden, denn durch ihre Verbindungen
+vermöchte diese die Sache schneller zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_38">38</a></span>betreiben, sobald sie davon erfahren hätte. Wer
+gerade diese hochstehende Persönlichkeit gewesen
+wäre, ist bis jetzt ebenso unbekannt geblieben wie
+deren Stellung. Nur so viel war zu ermitteln, daß die
+hochstehende Persönlichkeit es erst vor kurzem
+geworden und bis dahin noch ganz und gar nicht
+hochgestanden wäre. Natürlich im Vergleiche mit
+einer noch höherstehenden ließ sich ihre Stellung
+überhaupt nicht zu den hochstehenden rechnen;
+aber es wird sich immer ein Kreis von Menschen
+finden, für den eine nicht sehr hochstehende Persönlichkeit
+eben schon eine sehr hochstehende ist. Selbstverständlich
+suchte sie ihre hohe Bedeutung auf
+alle Weise und mit allerlei Mitteln zu bekräftigen;
+so z.&nbsp;B. führte sie ein, daß die niederen Beamten
+ihr bis zur Stiege entgegengingen, sooft sie im Amt
+erschien; daß ferner niemand es wagen dürfe, direkt
+vor ihr zu erscheinen, sondern daß es in folgender
+Reihenfolge vor sich gehen sollte: der Registrator
+übernimmt das Gesuch und übermittelt es dem
+Gouvernementssekretär, dieser dem Titularsekretär,
+und so auf diesem und gar keinem anderen Wege
+könne eine Sache bis zu ihr gelangen. So ist eben
+im heiligen Rußland alles mit Nachäfferei angesteckt,
+und jeder tuts seinem Vorgesetzten nach und nicht
+anders. Als ein Titularrat Direktor einer kleinen
+Kanzlei wurde, soll er sich, so erzählt man, sofort
+ein eigenes Zimmer haben abstecken lassen, das er
+Dienstzimmer nannte; vor die Tür stellte er zwei
+Diener mit roten Kragen und goldnen Tressen, sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_39">39</a></span>hatten jedem Hereinkommenden die Tür zu öffnen,
+und dabei konnte man im Zimmer mit Mühe mehr
+als einen Tisch unterbringen. Die Empfänge und
+überhaupt alle Gewohnheiten der hochstehenden
+Persönlichkeit waren sehr majestätisch, aber durchaus
+nicht unkompliziert. Ihr System war Strenge.
+»Nur Strenge und noch einmal und immer wieder
+Strenge,« sagte sie bei jeder Gelegenheit, und beim
+letzten Worte pflegte sie jedesmal dem, mit dem sie gerade
+sprach, höchst bedeutsam ins Gesicht zu blicken
+&ndash; obwohl natürlich zu besonderer Strenge nicht die
+geringste Ursache vorhanden war, denn die zehn Beamten,
+die den Mechanismus ihrer Kanzlei bildeten,
+kamen ohnehin nie ganz aus der Furcht heraus; sobald
+sie ihrer nur ansichtig wurden, ließen sie die Arbeit
+liegen und standen auf und warteten, bis sie an ihnen
+vorbei wäre. Ihre übliche Ansprache an die Untergebenen
+war eben auch ganz durch jene Strenge gekennzeichnet
+und bestand im Grunde nur aus den
+drei Sätzen: »Wie können Sie es wagen? Wissen Sie,
+mit wem Sie reden? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht?«
+Dabei war er im Innersten seines Herzens ein guter
+Kerl, freundlich zu seinen Kameraden, gefällig; der
+Generalsrang hatte ihn eben ganz aus der Fassung
+gebracht. Er wurde durch diesen Titel in der Tat
+ganz verdreht, kam aus dem Geleise und wußte gar
+nicht mehr, wie ihm wäre. Mit Gleichgestellten gab
+er sich wie er ist &ndash; als anständigen, in vieler Beziehung
+gar nicht dummen Menschen; fanden sich
+aber in der Gesellschaft Leute, die auch nur um eine
+<span class="pagenum"><a name="Page_40">40</a></span>einzige Stufe niedriger waren als er, war er wie verwandelt:
+er schwieg und schwieg, und seine Lage
+weckte um so mehr Bedauern, als er selber fühlte,
+daß er seine Zeit unvergleichlich angenehmer zubringen
+könnte. Man konnte ihm ja den Wunsch
+von den Augen ablesen, sich in ein interessantes Gespräch
+zu mischen oder einem Kreise beizugesellen,
+doch stets hielt ihn der Gedanke zurück: Wird es
+nicht von seiner Seite zu viel sein, wird es nicht familiär
+erscheinen, wird er dadurch nicht seiner Stellung
+schaden? Die Folge davon war, daß er ewig an ein
+und derselben Stelle wie angenagelt dastand, keinen
+Ton von sich gab und also sich den Ruf eines höchst
+langweiligen Menschen erwarb.</p>
+
+<p>Vor dieser hochstehenden Persönlichkeit erschien
+also Akaki Akakiewitsch im allerungünstigsten Augenblicke,
+will sagen: höchst ungünstig für sich selber,
+denn in einem gewissen Sinne kam er der hochstehenden
+Persönlichkeit ganz gelegen. Die hochstehende
+Persönlichkeit war in ihrem Kabinett und
+unterhielt sich sehr angeregt mit einem alten Bekannten
+und Jugendgespielen, der vor kurzem hier
+eingetroffen war und den sie lange nicht gesehen
+hatte. Und gerade in diesem Augenblicke mußte
+auch der Diener melden, daß ein gewisser Baschmatschkin
+draußen warte. Der General fragte sehr
+scharf: »Wer?« Die Antwort: »Ein Beamter.« »Er
+soll warten, ich habe jetzt keine Zeit.« Hier muß
+ich gleich bemerken, daß die hochstehende Persönlichkeit
+da ganz einfach log, sie hatte Zeit; die beiden
+<span class="pagenum"><a name="Page_41">41</a></span>Freunde hatten längst alles durchgesprochen und
+schon seit einiger Zeit die Unterhaltung mit leeren
+Phrasen zu füllen gesucht, wie: »Ja, ja, Iwan, so war
+es nun einmal!« oder »Stefan, es geht nicht anders auf
+der Welt,« einander abwechselnd auf die Schultern
+klopfend. Aber trotzdem ließ sie den Beamten warten,
+damit nämlich der Jugendgespiele, der seit langem
+nicht mehr diente und auf dem Dorfe lebte, erfahre,
+wie lange hier die Beamten im Vorzimmer zu warten
+verstünden. Erst nachdem sie sich, jeder an seiner Zigarre
+ziehend, in den sehr breiten, bequemen Fauteuils
+sattgeredet, vielmehr ausgeschwiegen hatten, fiel der
+hochstehenden Persönlichkeit wie von ungefähr etwas
+ein, und sie sagte zum Sekretär, der bei der Tür
+mit Schriften stand: »Draußen, scheint es, steht ein
+Beamter. Sagen Sie ihm, er kann herein!« Da sie nun
+das demütige Gesicht des Akaki Akakiewitsch und
+dessen abgetragene Uniform sah, kehrte sie sich ihm
+zu und schrie ihn ohne weiteres an: »Was wollt Ihr?«
+Mit ihrer schneidenden, harten Stimme, die sie zu
+Hause im Zimmer ganz allein vor dem Spiegel geprobt
+hatte, eine Woche schon, bevor sie ihren jetzigen
+Posten und den Generalsrang erhalten hatte. Akaki
+Akakiewitsch fühlte auch so die gebührende Ehrfurcht,
+war gleich verwirrt und erzählte, soweit
+Redefreiheit ihm erlaubt war, daß sein Mantel ganz
+neu, daß er auf eine ganz unmenschliche Weise beraubt
+worden wäre, daß er sich jetzt an seine Exzellenz
+wende, damit seine Exzellenz durch ihre Fürsprache
+etwa &hellip; damit sie sich in Verbindung setze mit dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_42">42</a></span>Herrn Oberpolizeimeister oder sonst jemandem von
+der Polizei und auf diese Weise nach dem Mantel
+gesucht werde. Seiner Exzellenz erschien nun diese
+Sprache zu familiär. »Was heißt denn das, mein Herr,«
+unterbrach er ihn, »kennen Sie nicht die Vorschrift?
+Wohin sind Sie denn überhaupt gekommen? Wissen
+Sie nicht, wie man in einem solchen Falle vorzugehen
+hat? Sie hätten zuerst ein Bittgesuch in der Kanzlei
+einreichen sollen, so wäre es zuerst in die Hände des
+Kanzleivorstehers gekommen, dieser hätte es dem
+Sekretär übergeben, und der Sekretär hat es dann
+mir einzuhändigen.«</p>
+
+<p>»Ach, Eure Exzellenz,« erwiderte Akaki Akakiewitsch,
+indem er alles, was er an Mut in seiner Seele
+barg, herausholte und fühlte, daß er ganz entsetzlich
+schwitze, »ich war so frei, Eure Exzellenz selber
+damit zu belästigen, weil die Sekretäre &hellip; weil sich
+auf die Sekretäre doch kein Mensch auf der Welt
+verlassen kann!«</p>
+
+<p>»Was, was, was?« rief die hochstehende Persönlichkeit.
+»Woher dieser Geist? Woher solche Gedanken?
+Welcher Geist des Aufruhrs unter den
+jungen Leuten gegen ihre Vorgesetzten!« (Die hochstehende
+Persönlichkeit schien gar nicht zu bemerken,
+daß Akaki Akakiewitsch schon seine fünfzig Jahre
+beisammen hatte und daß er nur im Vergleiche zu
+einem Siebzigjährigen etwa noch jung genannt werden
+konnte.) »Wissen Sie, zu wem Sie reden? Wissen
+Sie, wer vor Ihnen steht? Wissen Sie das oder nicht,
+frage ich?« Hier stampfte die Exzellenz mit dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_43">43</a></span>Fuße auf den Boden und schrie so laut, daß sich
+auch ein anderer als Akaki Akakiewitsch gefürchtet
+hätte. Akaki Akakiewitsch verging vor Angst, zitterte
+am ganzen Körper und konnte sich kaum auf den
+Beinen erhalten; wenn die Diener ihn nicht gehalten
+hätten, wäre er zu Boden gesunken; sie trugen ihn
+wie leblos heraus. Die hochstehende Persönlichkeit,
+zufrieden damit, daß der Erfolg ihre Erwartungen
+übertroffen, ja berauscht von dem Gedanken, daß
+ein Wort von ihr einen Menschen des Bewußtseins
+zu berauben vermochte, sah den Freund von der
+Seite an, um sich zu vergewissern, wie dieser sich
+dabei benehme, und sie sah nicht ohne Vergnügen,
+daß dieser Freund sich äußerst unbehaglich fühlte
+und seinerseits auch schon Angst zu spüren begann.</p>
+
+<p>Wie er die Treppe herunter, wie er weiter auf die
+Straße gekommen sei, daran konnte Akaki Akakiewitsch
+sich nicht erinnern. Er spürte weder Hand
+noch Fuß; in seinem ganzen Leben war er noch nicht
+von einem General angeschrien worden, noch dazu
+von einem fremden. Auf der Straße wehte der
+Schnee, Akaki Akakiewitsch ging mit offenem Mund,
+der Wind blies wie immer in Petersburg von allen
+vier Seiten, im Nu hatte er sich erkältet, so kam er
+zu Hause an, ohne die Kraft zu haben, auch nur ein
+Wort zu sagen. Er fror und legte sich ins Bett.
+Den nächsten Tag lag er im Fieber. Dank dem
+großmütigen, hilfsbereiten Petersburger Klima schritt
+die Krankheit schneller vor, als man sonst hätte erwarten
+dürfen, und nachdem der Doktor ihm den
+<span class="pagenum"><a name="Page_44">44</a></span>Puls gefühlt hatte, fand er nichts anderes mehr zu
+tun vor, als ein Rezept zu schreiben, nur damit der
+Kranke nicht ganz ohne die wohltätige Hilfe der
+Medizin sei, und erklärte ihm auch, daß er nicht mehr
+als höchstens zwei Tage werde zu leben haben; und sich
+zur Wirtin kehrend, setzte er hinzu: »Und Ihr, Alte,
+verliert nur keine Zeit und bestellt lieber gleich einen
+Sarg aus Fichtenholz; einer aus Eiche ist für ihn sowieso
+zu teuer.« Hatte Akaki Akakiewitsch diese
+für ihn so überaus trostreichen Worte gehört oder
+nicht, haben sie ihn zu erschüttern vermocht, bedauerte
+er jetzt sein sorgenreiches, erbärmliches Leben
+&ndash; niemand vermag es zu sagen, denn Akaki Akakiewitsch
+befand sich die ganze Zeit über im Delirium.
+Ein Gesicht nach dem anderen ohne Unterbrechung
+jagte durch sein Gehirn: Petrowitsch erschien ihm,
+und er bestellte bei ihm einen Mantel, in- und auswendig
+voll von Fallen gegen die Diebe; diese lagen
+unter dem Bett, und er schrie nach der Wirtin, sie
+sollte einen von ihnen unter seiner Bettdecke, wohin
+dieser schon geraten sei, hervorziehen. Dann fragte
+er, warum vor ihm die alte Kapuze hänge, da er
+jetzt doch einen neuen Mantel besäße; auch schien
+ihm, er stünde vor dem General und ließ sich herunterreißen
+und sagte nur immer wieder: Verzeihung,
+Exzellenz, Verzeihung! Dann wieder fluchte er und
+nahm so entsetzliche Worte in den Mund, daß sich
+die Wirtin bekreuzigte; noch nie hatte sie solche
+Worte aus diesem Munde vernommen, und jetzt
+folgten diese Flüche stets unmittelbar auf: »Eure
+<span class="pagenum"><a name="Page_45">45</a></span>Exzellenz«. Später sprach er nur mehr noch ganz
+sinnloses Zeug, man konnte nur unterscheiden, daß
+sie alle sich um ein und denselben Mantel drehten.
+Endlich gab der arme Akaki Akakiewitsch seinen
+Geist auf.</p>
+
+<p>Weder seine Zimmer noch irgendwelche Sachen
+darin wurden mit dem staatlichen Siegel versehen,
+denn erstens hatte er keine Erben und zweitens
+hinterließ er nur sehr wenig und zwar: ein Bündelchen
+mit Gänsefedern, ein Buch Amtspapier, drei Paar
+Socken, zwei bis drei abgerissene Hosenknöpfe und
+dann die dem Leser bekannte Kapuze. Wem das
+alles blieb, weiß Gott; ich gestehe, daß ich mich auch
+weiter darum nicht gekümmert habe.</p>
+
+<p>Sie trugen Akaki Akakiewitsch heraus und begruben
+ihn. Und Petersburg blieb nun ohne Akaki
+Akakiewitsch, als wie wenn er niemals in dieser Stadt
+gelebt hätte. Mit ihm schwand hin und verbarg sich
+für ewig ein Geschöpf, das keines Menschen Schutz
+genossen hatte, niemandem teuer und für niemand
+von irgendwelchem Interesse und nicht einmal die
+Aufmerksamkeit eines Naturforschers auf sich zu
+ziehen imstande war, als welcher es ja nicht einmal
+verschmäht, eine gemeine Fliege aufzuspießen und
+unter dem Mikroskop zu betrachten &ndash; ergeben hatte er
+den Hohn seiner Kollegen ertragen und stieg, ohne
+irgendeine außerordentliche Tat verrichtet zu haben,
+ins Grab hinab. Doch auch er ist einmal, ganz kurz
+vor seinem Lebensende, im Licht gestanden, und der
+Mantel hatte für einen Augenblick sein armseliges
+<span class="pagenum"><a name="Page_46">46</a></span>Leben reich gemacht, und dann fiel ihn das Unglück
+an, nicht anders als es die Mächtigen der Erde anfällt.</p>
+
+<p>Einige Tage nach seinem Tode wurde aus dem
+Ministerium ein Diener in sein Quartier geschickt
+mit dem Befehle, sofort zu erscheinen, der Vorstand
+will es; doch kam der Amtsdiener ohne ihn zurück
+mit der Antwort, Akaki Akakiewitsch könne nicht
+mehr kommen. Auf die Frage: warum? erwiderte
+er: »Darum, er ist tot; vor vier Tagen haben sie
+ihn begraben.« So erfuhren sie im Amte den Tod
+des Akaki Akakiewitsch, und am nächsten Tage saß
+schon ein neuer an seiner Statt; dieser war viel größer
+und schrieb die Buchstaben bei weitem nicht mehr
+in so gerader Linie, sondern eben viel schiefer.</p>
+
+<p>Doch wer kann sich vorstellen, daß hier noch
+nicht alles von Akaki Akakiewitsch gesagt ist, daß
+dieser vielmehr verurteilt war, noch einige Tage fortzuleben
+nach seinem Tode, gleichsam zum Ersatz
+dafür, daß sein Leben so unbemerkt geblieben war.
+Es hatte sich jedenfalls so zugetragen, und unsere
+nüchterne Erzählung nimmt jetzt ganz unerwartet
+ein phantastisches Ende.</p>
+
+<p>In Petersburg entstand plötzlich das Gerücht,
+daß in der Umgebung der Kalinkinbrücke sich nachts
+ein Gespenst zeige, es gleiche einem Beamten, der
+so tue, als ob er einen Mantel suchte, den man ihm
+genommen hätte, und nun von allen Schultern, ohne
+Unterschied des Ranges und Berufes, in der Meinung,
+es sei sein eigener, alle Mäntel reiße, ob diese nun mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_47">47</a></span>Katzen-, Biber-, Fuchs-, Nerz- oder Bärenfell oder
+auch nur mit Watte gefüttert wären. Ein Ministerialbeamter
+sah mit eigenen Augen das Gespenst und
+erkannte in ihm sofort Akaki Akakiewitsch, und er
+bekam davon einen solchen Schrecken, daß er auf
+und davon stürzte, das Gespenst nicht genauer
+betrachten konnte und nur sah, wie dieses ihm mit
+dem Finger drohte. Von allen Seiten liefen Klagen
+ein, daß nicht nur Titular-, sondern auch Hofräte
+von einer tüchtigen Erkältung befallen wären, weil
+ihnen der Pelz von den Schultern gerissen worden
+wäre. Die Polizei machte Anstalten, des Gespenstes
+tot oder lebendig habhaft zu werden und hatte den
+Beschluß gefaßt, dieses aufs strengste, anderen zur
+Warnung, zu bestrafen, doch blieb jede Bemühung
+ohne Erfolg. Einmal hatte ein Wachtposten in der
+Kiryschkingasse das Gespenst schon am Kragen, gerade
+im Augenblicke, als dieses einem verabschiedeten
+Musikanten, der seinerzeit die Flöte geblasen hat,
+den Mantel rauben wollte. Er hatte es schon, sage
+ich, fest und rief nur zwei Kameraden, die sollten
+ihn halten, solange bis er aus dem Stiefel seine Tabaksdose
+gezogen hätte, um seine mindestens schon sechsmal
+erfrorene Nase zu erfrischen, doch war der Tabak
+derart, daß ihn nicht einmal ein Gespenst aushalten
+konnte. Kaum hatte der Wachtposten, mit dem Finger
+das rechte Nasenloch zuhaltend, ins linke den
+Schnupftabak gezogen, als das Gespenst so heftig
+zu niesen begann, daß es nur so in aller drei Augen
+spritzte. Und so, während sie sich noch die Augen
+<span class="pagenum"><a name="Page_48">48</a></span>rieben, verschwand das Gespenst, und sie wußten
+später nicht einmal, ob sie es wirklich in Händen
+gehabt hätten oder nicht. Seitdem hatten die Wachtposten
+alle eine solche Furcht vor Gespenstern, daß
+sie es nicht mehr wagten, diese lebend zu fangen,
+und ihnen nur von weitem zuriefen: »Du, geh du
+nur deines Weges!« und das Gespenst des Titularrats
+sich jetzt schon jenseits der Kalinkinbrücke zeigte
+und dort allen furchtsamen Leuten keine geringe
+Angst einjagte.</p>
+
+<p>Doch wir haben ganz und gar die hochstehende
+Persönlichkeit sitzen lassen, die doch in Wirklichkeit
+die Ursache davon war, daß unsere wahre Geschichte
+nun eine so phantastische Richtung genommen hat.
+Zunächst sind wir es der Gerechtigkeit schuldig
+zu berichten, daß sie bald nachdem seinerzeit der
+arme, heruntergerissene Akaki Akakiewitsch herausgegangen
+war, etwas wie Bedauern fühlte. Mitleid
+war ihr ja nicht fremd: ihr Herz war guter Regungen
+entschieden fähig, wenn sie auch ihr Rang meist daran
+hinderte, diese zu äußern. Sowie sie aber ihr Freund
+verlassen hatte, fing sie an, sich über den armen Akaki
+Akakiewitsch Gedanken zu machen. Und seitdem
+sah er jeden Tag im Geiste den bleichen Titularrat
+vor sich, niedergedrückt von seinem Verweis. Ja der
+Gedanke an ihn beunruhigte ihn so, daß er nach
+einer Woche beschloß, zu ihm einen Beamten zu
+schicken, um zu erfahren, wer er denn sei und in
+welcher Lage, und ob man nicht etwas für ihn tun
+könnte; und als ihm berichtet wurde, daß Akaki
+<span class="pagenum"><a name="Page_49">49</a></span>Akakiewitsch kurz darauf an Fieber gestorben wäre,
+war er ganz betroffen, fühlte Gewissensbisse und
+konnte den ganzen Tag nicht in Stimmung kommen.</p>
+
+<p>Doch er wollte sich ein wenig zerstreuen und
+den peinlichen Eindruck vergessen, und darum
+fuhr er abends zu einem seiner Kameraden, wo er
+Leute aus der guten Gesellschaft vorfand und, was
+noch wichtiger war, alle beinahe denselben Rang
+hatten, so daß er sich ganz frei bewegen konnte.
+Und das hatte eine wunderbare Wirkung auf sein
+Gemüt. Er war aufgeweckt, war sehr zuvorkommend
+im Gespräche, liebenswürdig &ndash; mit einem
+Worte, verbrachte den Abend äußerst angenehm.
+Zum Souper trank er zwei Gläser Champagner &ndash;
+bekanntlich kein schlechtes Mittel, die Heiterkeit
+zu heben. Sie machten ihn zu tollen Streichen
+aufgelegt, das heißt: er beschloß, nicht nach Hause,
+sondern zu einer ihm bekannten Dame, Katharina
+Iwanowa, zu fahren, einer Deutschen, zu der
+er in sehr freundschaftlichen Beziehungen stand.
+Es muß noch gesagt werden, daß die hochstehende
+Persönlichkeit nicht mehr sehr jung, ein sehr guter
+Gatte und sehr ehrbarer Familienvater war. Zwei
+Söhne, von denen einer schon in der Kanzlei Dienst
+tat, und eine liebliche, sechzehnjährige Tochter mit
+einer hübschen, ein wenig gebogenen Nase gaben
+ihm jeden Morgen einen Kuß und sagten »bonjour,
+papa«. Seine Gattin, die weder alt noch häßlich
+war, reichte ihm jedesmal zuerst ihre Hand zum
+Kusse und küßte dann das Innere der Hand ihres
+<span class="pagenum"><a name="Page_50">50</a></span>Gatten. Trotzdem also die hochstehende Persönlichkeit
+mit den häuslichen Zärtlichkeiten sich durchaus
+zufrieden geben konnte, fand sie es doch sehr schicklich,
+für ihre Freundschaftsbedürfnisse eine Freundin
+in einem anderen Stadtteil zu haben. Diese war
+weder hübscher noch jünger als seine Frau, aber es
+gibt nun schon solche Rätsel im Leben der Menschen,
+und die zu lösen ist hier nicht meine Aufgabe. Die
+hochstehende Persönlichkeit ging also die Stiege
+hinab, setzte sich in den Schlitten und rief dem
+Kutscher zu: »Zu Katharina Iwanowa!« In ihren
+kostbaren, warmen Mantel eingewickelt, befand sie
+sich in der Gemütslage, die jeder Russe für die
+glücklichste hält, das heißt: er selber denkt an nichts,
+während so ein angenehmer Gedanke nach dem
+anderen ihm durch den Kopf geht, ohne daß er die
+Mühe hätte, nach ihnen zu jagen und sie zu suchen.
+Seine Exzellenz dachte an die Gesellschaft, aus der sie
+kam, erinnerte sich an alle die treffenden Aussprüche,
+mit welchen sie den ganzen Kreis zum Lachen gebracht
+hatte; einige wiederholte sie jetzt halblaut vor sich
+und fand, daß sie eben noch so witzig wären wie
+vorhin und daß es darum gar nicht dumm sei, wenn
+sie selber darüber gelacht habe. Nur zuweilen störte
+ihre gute Stimmung ein heftiger Windstoß, der sie,
+Gott weiß woher und warum, plötzlich überfiel,
+ihr ins Gesicht Schneeflocken trieb und den Mantelkragen
+ganz wie ein Segel blähte und diesen ihr
+mit unnatürlicher Kraft um den Kopf schlug, so daß
+ihre Kraft kaum reichte, sich da herauszuarbeiten.
+<span class="pagenum"><a name="Page_51">51</a></span>Doch da fühlte sie schon, daß jemand sie sehr fest
+am Kragen packe. Sie drehte sich um, sah einen
+Menschen von kleinem Wuchs in einer alten, abgetragenen
+Uniform, und erkannte in ihm nicht
+ohne Schrecken Akaki Akakiewitsch. Das Gesicht
+des Beamten war bleich wie Schnee, und er blickte
+wie ein Toter. Doch der Schrecken der hochstehenden
+Persönlichkeit war ohne Grenzen, da sie sah, daß
+der Mund des Toten sich auftat und, indem er
+einen entsetzlichen Leichengeruch ausströmte, die
+Worte sprach: »Da bist du endlich. Jetzt habe ich
+dich &hellip; Deinen Mantel brauche ich! Du hast dich
+nicht um meinen gekümmert, du hast mich heruntergerissen!
+Jetzt her mit deinem!«</p>
+
+<p>Die hochstehende Persönlichkeit wäre vor Schreck
+beinahe gestorben. Wenn sie in der Kanzlei auch
+viel Mut besaß und jeder, der ihr männliches Gesicht
+und ihre Figur ansah, ausrief: O was für ein
+Kerl! doch jetzt empfand sie gleich vielen Riesen eine
+solche Angst, daß sie nicht ohne Grund für ihre
+Gesundheit fürchtete. Sie selber nahm von ihrer
+Schulter den Mantel und schrie dem Kutscher zu:
+»Nach Hause, so schnell du kannst!« Da der Kutscher
+die Stimme hörte, die gewöhnlich so nur in
+sehr entschlossenen Augenblicken tönte und dann
+meist von etwas begleitet war, das sehr handgreiflich
+war, duckte er seinen Kopf, schwang die Peitsche
+und kehrte wie der Blitz um. In sechs Minuten war
+die hochstehende Persönlichkeit schon vor der Einfahrt
+ihres Hauses. Bleich, geängstigt, ohne Mantel
+<span class="pagenum"><a name="Page_52">52</a></span>fuhr sie also statt bei Katharina Iwanowa bei sich
+selber vor, stahl sich irgendwie in ihr Zimmer und
+brachte dort die Nacht in solcher Unruhe zu, daß
+am nächsten Morgen beim Tee das Töchterchen zu
+ihr sagte: »Du bist aber bleich heute, Papa.« Doch
+Papa schwieg und sprach zu niemandem ein Wort
+von dem, was sich mit ihm zugetragen hätte, wo er
+gewesen wäre und wohin er fahren wollte. Das Erlebnis
+machte auf ihn einen starken Eindruck. Er
+redete schon bedeutend seltener seine Untergebenen
+an mit dem bekannten: Wie können Sie es wagen?
+Wissen Sie, wer vor Ihnen steht? Und wenn es schon
+nicht anders ging, so geschah es doch niemals, bevor
+er nicht gehört hätte, worum es sich <ins title="handelte">handelte.</ins></p>
+
+<p>Aber noch bemerkenswerter erscheint mir, daß
+sich seitdem das Gespenst nicht mehr gezeigt hat.
+Anscheinend hatte ihm der Generalsmantel vollkommen
+gepaßt; zum mindesten hat man nicht mehr
+von Fällen gehört, daß nachts Mäntel von den
+Schultern der Passanten gerissen worden wären.
+Natürlich ließen sich einige geschäftige Leute nicht
+beruhigen und erzählten, in entfernten Stadtteilen
+hätte sich das Gespenst des Beamten wieder gezeigt.
+Und ein Wachtposten hat sogar mit eigenen Augen
+gesehen, wie die Erscheinung aus einem Hause gekommen
+sei, doch da er eher schwach von Kräften
+war &ndash; so daß ihn einmal ein gewöhnliches ausgewachsenes
+Schwein, das aus einem Hof gestürzt kam,
+umwarf zum größten Gelächter der umstehenden
+Droschkenkutscher, von denen er sich dann einen
+<span class="pagenum"><a name="Page_53">53</a></span>Groschen für Tabak ausbat, weil sie Spott mit ihm
+getrieben hätten &ndash; ich sage, da er eher schwach
+von Kräften war, wagte er nicht, es anzuhalten, vielmehr
+ging er ihm in der Finsternis nach so lange, bis
+sich das Gespenst plötzlich umdrehte und ihn fragte,
+was er eigentlich von ihm wolle, und ihm dabei eine
+solche Faust zeigte, wie man sie an Lebendigen nicht
+sieht. Der Wachtposten antwortete nur: »Nichts!«
+und drehte im Augenblick um. Nur war das Gespenst
+viel größer als der Titularrat und trug einen
+ungeheuren Schnurrbart. Es ging mit großen Schritten
+auf die Obuchoffsche Brücke zu und verschwand
+dort endgültig im Dunkel der Nacht.</p>
+
+
+
+<div class="new-h2">&nbsp;</div>
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_54">54</a></span></p>
+<h2>Nachwort</h2>
+
+
+<p class="dropcap"><span class="first-word">Dostojewski</span> schreibt an einen Freund: »Wir
+alle kommen aus dem <span class="gesperrt">Mantel</span>.« Aus diesem Satze
+erhellt deutlich die Bedeutung dieser unvergleichlichen
+Erzählung. Es handelt sich hier nicht um eine neue
+Kunstform oder eine neue Stimmung, vielmehr ganz
+und gar um einen neuen Menschen. Was die Fresken
+Masaccios für die Renaissance bedeuten, das bedeutet
+Gogols »Mantel« für die großen Erzähler des russischen
+Volkes. In Dostojewskis »Karamasows« hat
+das, was im »<span class="gesperrt">Mantel</span>« begonnen wurde, sein Ende
+und sein größtes Maß erreicht. Der Mensch im
+»Mantel« erst ist die völlige Überwindung des
+Menschen des achtzehnten Jahrhunderts, er ist es
+und nicht die Romantiker oder Edgar A. Poe oder
+der Mensch Balzacs.</p>
+
+<p class="right">R. K.</p>
+
+<p class="center gesperrt" style="width: 33em; font-size: 0.8em; margin: 10em auto; padding-top: 0.2em; padding-left: 0.2em; border-top: 1px solid black;">Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei, Leipzig</p>
+
+<h2 style="width: 18em; margin: 1.5em auto; font-size: large; font-style: italic; padding-bottom: 0.2em; border-bottom: 3px double black;">Im Insel-Verlag zu Leipzig erschienen:</h2>
+
+<div id="ads">
+<p>TAUSEND UND EINE NACHT. Aus der von
+<i>Felix Paul Greve</i> besorgten vollständigen Ausgabe
+ausgewählt von <i>Paul Ernst</i>. Doppeltitel, Initialen und
+Einbandzeichnung von <i>Marcus Behmer</i>. Vier Bände.
+In Halbleinen mit Überzug nach Zeichnung von
+<i>Marcus Behmer</i> 16&nbsp;M.; in Leder 28&nbsp;M.</p>
+
+<p class="description dropcap">Durch unsere vollständige Ausgabe erhielt der deutsche
+Leser zum erstenmal einen Begriff von der echten Dichtung
+der Tausend und ein Nächte, die bisher nur in Bearbeitungen
+bei uns bekannt war. Auch die neue Insel-Auswahl beruht auf
+der vollständigen Übertragung und ist wirklich Auswahl, nicht
+aber Kürzung und Bearbeitung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>DIE ERZÄHLUNGEN AUS DEN TAUSEND
+UND EIN NÄCHTEN. Erste vollständige deutsche
+Ausgabe in zwölf Bänden, auf Grund der Burtonschen
+englischen Ausgabe besorgt von <i>Felix Paul
+Greve</i>. Mit einer Einleitung von <i>Hugo von Hofmannsthal</i>
+und einer Abhandlung von Professor <i>Karl
+Dyroff</i> über Entstehung und Geschichte des Werkes.
+Titel- und Einbandzeichnung von <i>Marcus Behmer</i>.
+Geheftet 60&nbsp;M.; in Leinen 72&nbsp;M.; in Leder 84&nbsp;M.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>TAUSEND UND EIN TAG. Orientalische Erzählungen.
+Ausgewählt und eingeleitet von <i>Paul
+Ernst</i>. Übertragen von <i>Felix Paul Greve</i> und <i>Paul
+Hansmann</i>. Titel- und Einbandzeichnung von <i>Marcus
+Behmer</i>. Vier Bände. In Leinen 20&nbsp;M.; in Leder 28&nbsp;M.</p>
+
+<p class="description dropcap">Eine Sammlung, die die besten derjenigen Märchen und Erzählungen
+enthält, die in 1001 Nacht fehlen. Hermann Hesse
+im »März«: Wer Tausend und eine Nacht liebt, wird die Aussicht
+auf weitere vier Bände solcher orientalischer Geschichten
+mit heller Freude begrüßen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>DOSTOJEWSKI: SCHULD UND SÜHNE.
+Deutsch von <i>H. Röhl</i>. In Leinen 3&nbsp;M.; in Leder 5&nbsp;M.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>MICHAEL LERMONTOFF: EIN HELD UNSERER
+ZEIT. Ein Roman. Übertragung von <i>Michael
+Feofanoff</i>. In Leinen 4&nbsp;M.; in Leder 5&nbsp;M.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>JWAN TURGENJEFF: GEDICHTE IN PROSA.
+Übertragen von <i>Th. Comichau</i>. <i>Zweite Auflage.</i> In
+Leinen 3&nbsp;M.; in Leder M.&nbsp;3.50.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>JWAN TURGENJEFF: VÄTER UND SÖHNE.
+Roman. In der vom Dichter selbst revidierten Übertragung.
+In Leinen 3&nbsp;M.; in Leder 5&nbsp;M.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>GUSTAVE FLAUBERT: FRAU BOVARY. Rom.
+Übertrag. v. <i>A. Schurig</i>. In Leinen 3&nbsp;M.; in Leder 5&nbsp;M.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>GUSTAVE FLAUBERT: SALAMBO. Roman.
+Übertragen von <i>A. Schurig</i>. In Leinen 3&nbsp;M.; in
+Leder 5&nbsp;M.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>GUSTAVE FLAUBERT: DIE LEGENDE VON
+ST. JULIAN DEM GASTFREIEN. Deutsch von
+<i>Ernst Hardt</i>. In Pappband M.&nbsp;&ndash;.50.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>ABBÉ PRÉVOST D'EXILES: GESCHICHTE
+DER MANON LESCAUT UND DES CHEVALIER
+DES GRIEUX. Deutsche Übertragung von
+<i>Julius Zeitler</i>. Mit 4 Vollbildern von <i>Fr. von Bayros</i>.
+<i>2.&nbsp;Auflage.</i> In Halbleder M.&nbsp;6.50, in Leder M.&nbsp;7.50.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>HENRI MURGER: DIE BOHÊME. Szenen aus
+dem Pariser Künstlerleben. Mit Titelzeichnung und
+fünf Vollbildern von <i>Franz von Bayros</i>. <i>Zweite Auflage.</i>
+In Leinen 6&nbsp;M., in Leder M.&nbsp;8.50. &ndash; Nichtillustrierte
+Ausgabe: in Leinen 3&nbsp;M., in Leder 5&nbsp;M.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
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+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANTEL ***
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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+approach us with offers to donate.
+
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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