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Passagen, die im Original nicht in Fraktur + gedruckt waren, sind hier mit "+" gekennzeichnet. Passagen, + die im Originaltext gesperrt gedruckt oder unterstrichen + waren, sind hier mit "_" gekennzeichnet. + + Im Originaltext wird bei Dezimalzahlen in einigen Fällen ein + Punkt, in anderen Fällen ein Komma verwendet. Dies wurde + unverändert übernommen. + + + + + Die Romantik der Chemie + + Von + + Dr. Oskar Nagel + + Mit 26 Abbildungen und 4 Tabellen + + [Illustration: Signet] + + _Stuttgart_ + + Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde + Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung + 1914 + + Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten. + + +Copyright 1914 by + Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.+ + + +STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI + HOLZINGER & Co. STUTTGART+ + + + + + [Illustration: Dekoration] + + +Wenn irgendeine Wissenschaft uns zu souveränen Herren der Natur gemacht und +uns aus Naturbeherrschten in Beherrscher der Natur umgewandelt hat, so ist +dies das spätgeborene Kulturkind der Menschheit, die Wissenschaft der +Chemie. Sie gleicht einem Kinde, das Jahrtausende dazu gebraucht hat, das +Sprechen zu erlernen, aber dann mit einemmal imstande war, die während der +Jahrtausende angehäuften Eindrücke, die es von der Welt empfangen, in +prachtvoller, sinnreicher, künstlerischer Sprache wiederzugeben. Sie +gleicht einer Pflanze, die durch Jahrtausende kräftig-fleischige Blätter +angesetzt hat, um plötzlich, über Nacht, die schönsten Blüten +hervorzubringen. Sie gleicht einem spät erkannten, lange verachteten Stein, +der, endlich gewürdigt und erkannt, durch diese Erkenntnis wie mit einem +Zauberstabe berührt, sich in jeden gewünschten, wunderbar-merkwürdigen +Stoff verwandelt; oder dem mystischen Schlüssel Mephistos, der den grauen +formlosen Nebel in Götter umformt. + +Wie geheimnisvoll und märchenhaft klingt schon der Name »Chemie«! Und in +der Tat, sie ist märchenhaft: ein Dornröschen, durch das reine Streben +geistvoller Männer aus dem Schlafe erweckt; ein Midas, der alles, was er +anfaßt, in Gold verwandelt; ein Heiliger, der Wasser aus dem Felsen +schlägt; ein vom edelsten Willen beseelter Erlöser, der alle Hungrigen +speisen möchte; ein Herakles, der den Augiasstall reinigt; ein licht- und +wärmebringender Prometheus; ein bergezertrümmernder Titan; ein heilender +Äskulap; eine kunstfertige, schmuckliebende Athene -- das alles ist die +Chemie. + +Ein Midas, der, was er berührt, in Gold oder Goldeswert verwandelt, der aus +schmutzigem Erz und Sand Gold und Eisen herstellt, anspruchslose Erden zu +sonnenhaftem Lichte erglühen läßt, durch Zusammenschmelzen weicher Stoffe +diamantharte Substanzen darstellt, durch Vermengung schwacher Materien +Sprengstoffe von ungeheurer Gewalt erzeugt, der aus traurig-schwarzer Kohle +prächtige Farben in heiterer Buntheit erstehen läßt, und so reichlich +erschafft, was die Natur kärglich hervorbringt. + +Midas ist das Sinnbild des nach Besitz gierigen und nach dem Besitz der +Besitze, nach Gold, hungrigen Menschen. Solange das Menschengeschlecht +lebt, lebt Midas. + +Das Gold hat schon frühzeitig durch seinen Glanz, seine auffallende Farbe +und seine Unveränderlichkeit die Aufmerksamkeit des vorhistorischen +Menschen auf sich gezogen, seine Habsucht erweckt und die Lust gereizt, +sich damit zu schmücken, zumal da es sehr leicht bearbeitet werden kann. +Goldene Hefteln, goldener Halsschmuck waren damals das Vorrecht der +Mächtigen und Reichen. -- Ursprünglich beachtete man wohl nur die größeren +in der Natur gediegen vorkommenden Goldklumpen und -klümpchen, doch +schärfte sich allmählich der golddurstige Blick, so daß der Mensch auch +Goldkörner zu sammeln begann, wie man sie in dem Flußsande mancher Gewässer +findet. Hierauf lernte man von den Flüssen das Waschen von Gold, das +Schlämmen und den daraus entstandenen einfachen Pfannenprozeß, indem man +fließendes Wasser durch goldhaltigen Sand leitete, so daß der leichtere +Sand mit dem Wasser fortgeführt, das schwere Gold aber zurückgelassen +wurde. Schließlich erfand man das »Pochwerk«, in dem goldreiches Gestein zu +Sand zerpocht und zerhämmert wurde, woraus dann durch Schlämmen das Gold +ausgewaschen werden konnte. Darüber kam man durch Jahrtausende nicht +hinaus. Und Handel und Industrie waren durch den Mangel an Gold, das +inzwischen zum Wertmesser erhöht worden war, in ihrer Entwicklung stark +gehemmt. + +So litt die Menschheit unter selbstauferlegten Fesseln, quälte sich ab in +dem selbstgezimmerten Prokrustesbette. Da kam ihnen ein Zauberer in ihrem +Kampfe ums Gold zu Hilfe. + +Die moderne Chemie lieferte neue Waffen für diesen Kampf, Waffen von bisher +ungeahnter Schärfe und Wirksamkeit, und ermöglichte die Gewinnung des +Goldes aus Gesteinen, die so wenig davon enthielten, daß man vorher nicht +nur die Gewinnung für unmöglich gehalten, sondern nicht einmal die +Anwesenheit des Goldes darin hätte feststellen können. Die ganze Art der +Goldgewinnung wurde damit von Grund aus geändert, ein völlig neues +Verfahren drängte das alte Waschverfahren in den Hintergrund und +gestattete eine bedeutende Vergrößerung der Golderzeugung der Welt. Die +Goldsucher, die sogenannten »+Prospectors+«, begannen wieder tätig zu +werden; mit ihrer einfachen Ausrüstung durchstreiften sie, golderzsuchend +und auf rohe Art -- so gut es eben ohne viel Sachkenntnis und mit einfachen +Mitteln möglich war -- auch golderzprüfend, die Goldgebiete Afrikas, +Amerikas und Australiens, nahmen Beschlag von den Minerallagern, in denen +sie Gold fanden, steckten ihre »Claims« aus, ließen diese ihre Ansprüche +von der Bergbauobrigkeit bestätigen, verteidigten ihre Rechte mit +scharfgeladenem Revolver und errichteten dann Schmelzwerke an Ort und +Stelle oder verkauften ihre Rechte an die großen Goldunternehmer. + +Während man also ursprünglich nur _das_ Gold gewann, das man mit seinen +eigen Augen sah, und später auch solches, das man nach einer einfachen +Schlämmprobe im »goldverdächtigen Sande« gefunden hatte, tritt mit den +Errungenschaften der neueren Chemie und Technik die Goldgewinnung in ein +neues Stadium. Der Laboratoriumschemiker hat nun seine Hilfsmittel derart +verfeinert, daß er das Gold in goldarmem Gestein selbst dann noch ganz +genau nachweisen kann, wenn bloß ein Gramm des Edelmetalls in +1000 Kilogramm Gestein enthalten sind, also selbst dann, wenn es bloß ein +Millionstel des Gesteinsgewichtes ausmacht. Und der technische Chemiker hat +nach vielen mühevollen Versuchen gelernt, diese Ergebnisse des +Laboratoriums zu benutzen und zwar gewinnbringend zu benutzen, wenn der +Goldgehalt des Gesteines in 1000 Kilogramm 6 Gramm oder mehr beträgt. Man +muß versuchen, sich dieses Gewichtsverhältnis vorzustellen, wenn man die +Größe dieser Leistung, die Romantik des Vollbrachten, würdigen will. Die +Zeit, wo der Alchimist vergeblich in seiner Kammer brütete, hat einer Zeit +genauer, sicherer, erfolgreicher und gewaltiger Arbeit Platz gemacht. Ganze +Sandberge werden heute in Amerika mit großen mechanischen Schaufeln +abgetragen, Berge von gemeinem, unscheinbarem Sand, Berge von Sand, die in +1000 Kilogramm 6 Gramm Gold enthalten, aus dem das Edelmetall mit großem +Vorteile gewonnen wird. + +Das Verfahren, durch das diese Gewinnung ermöglicht wird, ist das denkbar +einfachste. Das Erz wird -- wenn es nicht schon ohnehin sandförmig ist -- +zunächst gemahlen und zwar in sogenannten Kugelmühlen -- kurze, sich +drehende Trommeln mit Stahlkugelfüllung, worin die Kugeln durch die +drehende Bewegung geschüttelt werden und dadurch eine mahlende Wirkung +ausüben -- oder in sogenannten Rohrmühlen, in denen die mahlenden Kugeln in +einem langen Stahlrohre untergebracht sind. Manche Erze müssen vor dem +Zermahlen mit Hilfe von Röstöfen unter Luftzutritt erhitzt, »geröstet« +werden (Abb. 1, 2, 3). + + [Illustration: Abb. 1. Kugelmühle.] + + [Illustration: Abb. 2. Rohrmühle.] + +Die gemahlenen Erze kommen nun in große Bottiche, Zyanidbottiche genannt, +die in manchen Werken einen Durchmesser von 10 Metern haben und mehrere +Meter hoch sind. Verdünnte Zyankaliumlösung wird nun dazugetan, und diese +Lösung wird mit Hilfe einer Pumpe solange in Umlauf versetzt und in +Bewegung erhalten, bis das Gold vollständig aus dem Erz entfernt und im +Zyankalium gelöst ist. Die Zyankaliumgoldlösung wird nun aus dem Bottich +abgezogen und das darin enthaltene Gold entweder mit Hilfe des elektrischen +Stromes oder mit Hilfe von Zinkspänen, die das Gold zu »fällen« vermögen, +als feiner Goldschlamm gewonnen, der dann in kleinen Öfen umgeschmolzen +wird (Abb. 4, 5, 6, 7). + + [Illustration: Abb. 3. Mechanischer Röstofen.] + +Vor der Entdeckung dieses Verfahrens, des sogenannten Zyanidprozesses, +waren die Erze, die heute hauptsächlich damit verarbeitet werden, ganz +wertlos, da eine Gewinnung des Goldes durch Schlämmen aus ihnen unmöglich +war, weil einesteils das Gold darin in eigentümlichen Verbindungen, +gleichsam chemisch verwachsen vorkommt, und anderesteils in so feiner +Verteilung das Erz durchsetzt, daß man für den Schlämmprozeß ein Pulver von +mindestens 1/40 Millimeter Körnergröße hätte herstellen müssen. Das +bedeutet aber solche Feinheit, daß auch das Gold durch fließendes Wasser +fortgeschwemmt wird und sich lange Zeit in der Flüssigkeit schwebend +erhält. + +Sowohl in Amerika als auch in Afrika und Australien sind nun riesige +Zyanidanlagen in fortwährender Tätigkeit, um das Gold aus zermahlenem +Golderz oder schwach goldhaltigem Sande auszuziehen, und der größte Teil +der Weltproduktion, die im Jahre 1911 an 1900 Millionen Mark betrug, wird +auf diese Weise gewonnen. Im hügeligen und bergigen Gelände des +amerikanischen Westens sieht man häufig die eigenartig gebauten, an den +Bergabhang gelehnten Zyanidwerke, denen oben das Erz in Waggonladungen +zugeführt wird. Auf dem Wege nach unten wird dem Erz das Gold durch +Zyankalium entzogen und am unteren Ende der »Goldmühle« das gediegene Gold +in Barren gegossen. Unermüdlich mahlen die Mühlen, unermüdlich übt das +Zyankalium seine lösende Wirkung aus; ohne Ruhe und ohne Rast, Tag und +Nacht, in stetiger, einförmiger Gleichmäßigkeit wird hier gewonnen, was +dann draußen die Menge in rasende Aufregung versetzt, wird das Ziel der +Habgier gewonnen, wird das gewonnen, was viele für den eigentlichen +Lebenszweck halten, das, was sie für wertvoller achten als das Leben selbst +(Abb. 8). + + [Illustration: Abb. 4. Zyanidbottich.] + +Aber selbst durch die jetzt mögliche große Golderzeugung ist das Streben +nach Gold nicht befriedigt, und unbefriedigt ist auch die forschende +Neugier des Menschen. Gleich der Lernäischen Schlange bringt jede gelöste +Frage weitere Aufgaben hervor; ist ein neues Verfahren gefunden, da heißt +es wieder alle Einzelheiten des Verfahrens verbessern, und jede Einzelheit +stellt eine neue Aufgabe dar. Dazu kommt noch das beständige Streben nach +Verbilligung der Rohmaterialien, das Streben, selbst das elendeste Material +verwenden zu können. + +Man wird nun fragen: Kann für die Goldgewinnung noch minderes Material zur +Verwendung kommen, als das heute verwendete arme Erz? Ist es nicht +hinreichend, wenn man 6 Gramm Gold aus 1000 Kilogramm Gestein gewinnt? Die +Antwort lautet: Nein, für den strebenden Menschen ist nichts hinreichend. +Er kennt keinen Stillstand, soll keinen kennen. »Im Weiterschreiten find' +er Qual und Glück, Er, unbefriedigt jeden Augenblick.« + + [Illustration: Abb. 5. Spezialbottich zur Goldgewinnung.] + +So hat man denn die Aufmerksamkeit auf ein Goldlager gelenkt, das wohl groß +und mächtig ist, aber nur so geringe Spuren Goldes enthält, daß schon die +Absicht, es zu gewinnen, lächerlich und das Gelingen dieses Versuches als +wahrhaft romantisch erscheinen muß. Dieses große Goldlager ist der Ozean. +Während man bisher nach dem Zyanidverfahren 6 Gramm Gold aus 1000 Kilogramm +Erz gewinnt, handelt es sich nun darum, Gold aus dem Seewasser zu gewinnen, +das in mehr als 200 000 Kilogramm _ein_ Gramm Gold enthält, also nur 1/1200 +so viel wie die ärmsten heute verarbeiteten Erze. Aber man scheut eben auch +vor dem scheinbar Widersinnigen nicht zurück, man tritt guten Mutes an die +Aufgabe heran, Gold aus einer Lösung zu gewinnen, die in +200 000 000 Gewichtsteilen nur einen Gewichtsteil Gold enthält, und die +Frage, einmal aufgeworfen, wird fort und fort bearbeitet, bis sie gelöst +ist. Sie läßt den Kopf des Forschers nicht zur Ruhe kommen; er _muß_ sich +mit ihr beschäftigen, ganz gleichgültig, ob die Lösung für _ihn_ +gewinnbringend ist oder nicht. + +Hier müssen wir uns fragen, ob eine solche Gewinnung des im Meerwasser +_gelösten_ Goldes (wohlgemerkt, es ist gelöst und nicht als Pulver oder +Staub im Seewasser enthalten) die Golderzeugung der Welt bedeutend erhöhen, +ob sie gewinnbringend gestaltet werden und welche Folgen sie schließlich +für die menschliche Kultur haben könnte. + + [Illustration: Abb. 6. Fällkästen im Fällungsgebäude.] + +Ein Kubikmeter Seewasser enthält 5 Milligramm Gold; ein Kubikkilometer +5000 Kilogramm. Da nun die Weltmeere einen Rauminhalt von über +1 200 000 000 Kubikkilometer besitzen, so enthalten die Ozeane der Erde +6 000 000 000 000 Kilogramm Gold. Gegenwärtig beträgt die jährliche +Golderzeugung der Welt ungefähr 500 000 Kilogramm, und dürfte bei Anwendung +des Zyanidverfahrens eine Menge von 600 000 Kilogramm wohl niemals +überschreiten; demnach würde das Gold des Ozeans das Zehnmillionenfache der +gegenwärtigen Jahreserzeugung gegenüber darstellen. + +Eine mächtige Aufgabe also, dieses ungeheure Goldlager zu erschließen, den +Golddurst der Menschheit zu stillen, das Gold schließlich aus seiner +tyrannischen Ausnahmestellung, die es als Wertmesser und Geldmaßstab +innehat, zu verdrängen und dadurch die Menschheit vom Joche der +Goldsklaverei zu befreien, einer Sklaverei, die um so mehr zunehmen würde, +als die heutige Golderzeugung durch das Zyanidverfahren sich wohl nicht +lange auf der bisherigen Höhe wird halten können. + + [Illustration: Abb. 7. Goldschmelzofen.] + +So ist man denn kühn auf das Ziel zugeschritten. Die ersten Ideen und Pläne +zur Gewinnung des ozeanischen Goldes gingen darauf hinaus, das Wasser in +große Bottiche zu pumpen und ihm Zinnsalz zuzufügen; dadurch wollte man das +Gold als Pulver ausscheiden, da es sich auch aus gewöhnlicher Goldlösung +bei Zugabe dieses Salzes ausscheidet. Es fand aber wider Erwarten im +Bottich keine nennenswerte Goldausscheidung statt, da das Seewasser eine +unendlich verdünnte Goldlösung darstellt, in der eben das Zinnsalz nicht +mehr wirkt. Aber selbst wenn das Gold auf diese Weise ausgeschieden werden +würde, so wären infolge des äußerst geringen Goldgehaltes des Meerwassers, +der langen Zeitdauer, die das Absetzen des Goldstaubes in Anspruch nimmt, +usw., so viele und so große Holzbottiche zur Gewinnung selbst kleiner +Goldmengen nötig, daß ein solches Verfahren -- bei dem das Seewasser durch +lange Zeit hindurch in einem Bottiche gehalten werden muß -- von vornherein +jeden technischen Erfolg ausschließt. + +Und so schritt man in Amerika, an der Küste des Atlantischen Ozeans zu ganz +eigenartigen Versuchen, die in den Jahren 1910 und 1911 bei Fire Island, +und an verschiedenen Punkten der Küste von New Jersey ausgeführt wurden. +Man suchte und fand einen Stoff, der zu dem in äußerster Verdünnung +vorhandenen Golde eine so nahe chemische Verwandtschaft hat, daß Seewasser +beim Durchfließen eines mit diesem Stoff erfüllten Behälters das gelöste +Gold an den »Stoff« abgibt, in dem sich das Metall derartig anreichert, daß +man schließlich ein sehr goldreiches »künstliches« Erz erhält, aus dem dann +das Gold auf mannigfache Weise gewonnen werden kann. + + [Illustration: Abb. 8. Amerikanische Zyanidanlage.] + +Nach vielen Versuchen fand man nämlich, daß Hochofenschlacke, nachdem sie +mit Eisenvitriol behandelt worden war, und auch einige andere Stoffe die +Eigenschaft haben, das Gold dem Seewasser zu entziehen. Man fand, wie der +»Stoffbehälter«, durch den das Seewasser fließt, zweckmäßig gebaut und +angelegt werden müsse; man fand durch praktisches Ausprobieren der Pumpen, +daß die Förderung des Wassers aus dem Ozean in den »Stoffbehälter« sehr +billig ausgeführt werden könne; man fand, wie man an einer Landzunge eine +derartige Fabrikanlage errichten könne, so daß stets frisches Seewasser in +die Pumpen gelangt und das des Goldes beraubte Wasser in solchem Abstande +abfließt, daß es nicht wieder in die Pumpen gelangen kann. Und so ist nun +der Grundstein gelegt für eine neue chemisch-metallurgische Industrie. + +An diesem Beispiele sehen wir klar und deutlich, wie die Chemie ihre Mittel +und Methoden immer mehr verfeinert und wie sie mit Kleinem und Kleinerem, +Großes und Größeres erreicht. Nichts ist ihr zu gering, denn sie weiß +unzählige kleine Teile zu einer mächtigen Summe zusammen zu addieren, die +stoffliche Zerstreutheit wie durch eine Brennlinse zu mächtiger Einheit zu +sammeln. + + [Illustration: Abb. 9. Hochofenanlage mit Hafen in Rheinhausen + bei Duisburg (Firma Fried. Krupp A.-G., Essen.)] + +Dieselbe Sorgfalt, die man der Entdeckung und Verwertung von Spuren von +Gold gewidmet hat, ist auch den gröberen Metallen zuteil geworden, und +dadurch sind Gegenstände, die in früheren Zeiten nur den Reichsten zur +Verfügung standen, Allgemeingut geworden; die chemische Technik hat in +glänzender Weise die Aufgabe gelöst, ungeheure Massen von Rohmaterial zu +verarbeiten, um die Ansprüche des Menschengeschlechtes zu erfüllen. Auch +bei diesen gröberen Metallen hat man gelernt, mindere und ärmere +Rohmaterialien zu verwerten und dadurch -- da die armen Erze sich in schier +unerschöpflichen Lagern vorfinden -- das Fabrikat zu verbilligen. + +Was in dieser Hinsicht erreicht und geleistet worden ist, können wir +insbesondere an der Entwicklung der _Eisenindustrie_ sehen. In früherer +Zeit wurde nur ausgezeichnetes, reiches, stückförmiges Erz verarbeitet. In +kleinen, niedrigen Öfen wurde das Erz mit Holzkohle vermischt, der Wirkung +der Gebläseluft ausgesetzt, und mühsam arbeiteten die plumpen +Gebläsemaschinen. In kleinen Mengen wurde da das Gußeisen hergestellt, um +dann durch umständliche Handarbeit, durch Rühren auf Herdöfen, in Stahl +umgewandelt zu werden. Diese Umwandlung beruht, nebenbei bemerkt, im +wesentlichen darauf, daß Gußeisen, das stets an Kohlenstoff reich und +deshalb spröde ist, wenn es in geschmolzenem Zustande mit Luft in Berührung +kommt, einen großen Teil des Kohlenstoffes verliert, indem dieser durch die +Luft verbrannt wird. Dadurch geht das Gußeisen in ein kohlenstoffarmes, +elastisches Material, Stahl genannt, über. + +Aus dem kleinen Eisenschmelzofen ist im Laufe kurzer Zeit der riesige, +moderne Hochofen geworden; die verbrauchte Gebläseluft, die oben als +Gichtgas abzieht, wird heute in großen Gasmaschinen verbrannt; dadurch +werden Millionen von Pferdekräften, die vormals verloren gingen, als +Betriebskraft für riesige Gebläse- und andere Maschinen und zum Heizen von +Dampfkesseln nutzbar gemacht (Abb. 9, 10). + + [Illustration: Abb. 10. Blick in eines der Gasgebläsehäuser der + Gußstahlfabrik Fried. Krupp A.-G., Essen.] + +Anstatt reichen, stückförmigen Erzes wird heute minderwertiger Erzstaub +verarbeitet; hat man früher die Umwandlung von Roheisen in Stahl nur mühsam +vollbracht, so geschieht dies heute automatisch auf die allerbequemste +Weise in denkbar kürzester Zeit. Drei Stahlgewinnungsverfahren herrschen +heute in der Industrie, und ein viertes bewirbt sich rege um die +Mitherrschaft. Nach dem _Bessemerverfahren_ kommt das flüssige Roheisen in +ein großes, mit feuerfestem Ton ausgemauertes, birnenförmiges Gefäß, die +Bessemerbirne, die oben offen ist, während unten gepreßte Luft durch das in +der Birne enthaltene flüssige Roheisen geblasen wird, um es in wenigen +Minuten in Stahl zu verwandeln. Das _Thomasverfahren_ verwendet dieselbe +Vorrichtung, benützt aber Kalk und Magnesia als Ausmauerungsmaterial, was +zur Folge hat, daß phosphorsäurehaltige Erze, die im Bessemerverfahren +nicht verarbeitet werden können, zur erfolgreichsten Verwendung kommen, +während zugleich die phosphorsäurereiche Thomasschlacke, gepulvert +Thomasmehl genannt, als wertvolles Düngemittel erhalten wird. Das dritte +Verfahren ist das _Martinverfahren_, bei dem gasgefeuerte, horizontale Öfen +verwendet werden. Neuestens tritt die _Elektrostahlerzeugung_ auf den Plan +und wird in kohlenarmen Ländern, die über Wasserkräfte verfügen, von +täglich steigender Bedeutung, da sich in solchen Ländern bei der +Möglichkeit, Elektrizität billig herzustellen, der Betrieb elektrischer +Öfen gut lohnt (Abb. 11, 12, 13, 14.) + + [Illustration: Abb. 11. Geschnittene Bessemerbirne der Firma + Fried. Krupp. (Deutsches Museum.)] + + [Illustration: Abb. 12. Bessemerbirne gekippt zum Entleeren des + erzeugten Schmiedeeisens. (Deutsches Museum.)] + +Zumal in der jüngsten Vergangenheit hat sich die Eisenindustrie mächtig +entwickelt. Immer riesenhafter wurden die Maße genommen, von den Erzbunkern +bis zu den Werkstätten und Magazinen. Vorratskammern für Erz (Silos) bis zu +300 Metern Länge, zwei- und dreifach nebeneinander gebaut, sind gar nicht +selten. Und welche Massen werden mit einem Male auf die Gichtplateaus +gefördert, um von da in den Hochofen zu gelangen! In schwindelnder Höhe +schwebt der Erzkübel, der selbst seine sieben Tonnen wiegt; mit einem +ebenso schweren Inhalt an Erz. Die Gasreinigungen, durch die das oben +entweichende Hochofengas von Staub befreit wird, um zum Betrieb von +Gasmotoren brauchbar zu werden -- vor Jahren kleine Nebenanlagen -- sind +heute großmächtige Fabriken geworden, in denen ein Dutzend komplizierter +Apparate steht. Die »Zentralen«, in denen das Gichtgas zur Krafterzeugung +verwendet wird, zählen erst mit von 25 000 Pferdestärken an; und zwölf +mächtige Gasmotoren ist das gewöhnliche; manche Anlagen bergen vierzehn +dieser Ungeheuer mit 40 000 Pferdestärken und mehr; auf der einen Seite die +Hochofengebläse mit dem kurzen, stoßenden Atem, auf der anderen Seite die +Gasdynamos in Reihe und Glied, die ungeheueren Schwungräder bewegend. Die +Hochöfen werden immer höher und weitbauchiger. In Deutschland baut man sie +jetzt mit einem Fassungsraum von einer halben Million Kilogramm. Die +Mischer aber, in denen das flüssige Roheisen aufgespeichert wird, sind +doppelt so groß, was das Fassungsvermögen anlangt. Die Thomaswerke sind zu +Kolossalbauten geworden; den 30-Tonnen-»Konverter« sieht man schon sehr +oft, und Martinöfen von 110 Tonnen sind nichts Unerhörtes. + +Die Rohblöcke, die ins Walzwerk geschafft werden, sind bis auf fünf Tonnen +das Stück angewachsen. Man walzt Längen bis zu 120 Meter. In Hagendingen +ist die Halle vom Blockwalzwerk bis zur Verladung 530 Meter lang. + +Solche Massenräume mit ihren gigantischen Erzeugnissen verlangen +entsprechende _Transporteinrichtungen_. Man bedenke, daß allein auf dem +Hochofenwerk Kneuttingen des Lothringer Hütten-Vereins täglich 1200 Waggons +zu befördern sind. Da die verwendeten Erze nur wenig gehaltreich sind, +braucht man große Mengen, ebenso von Koks. Das Roheisen soll zum Mischer +und Sammelwerk, der Block zum Walzwerk, die Fertigfabrikate sollen in den +Waggon. Man sieht zwar auf einem alten Werk noch einige wohlgenährte +Pferdchen Schienen zu den Bearbeitungsmaschinen ziehen; in demselben Werk +mühen sich auch noch viele Männer ab, um einen Wagen mit Knüppeln zu +schieben. Aber das sind Ausnahmen, die heute ins Museum gehören und auch +bald verschwinden werden. Im übrigen hat die Industrie in der schweren +Massenbeförderung bewundernswerte Fortschritte gemacht. Da ist die +elektrische oder feuerlose Lokomotive und vor allem der Kran und die +Drahtseilbahn; Kräne bis 55 Meter Spannweite bestreichen die weiten Räume +und arbeiten dabei so leicht und geschickt, wie eine menschliche Hand. +Drahtseilbahnen von Meilenlängen sind keine Seltenheit, und gewaltige +Hochbahnen wecken unser Erstaunen. + +»_Ausschaltung der menschlichen Arbeitskraft_ ist das ideale Ziel. Die +Mechanisierung der Arbeit beherrscht die Werke. Du stehst in dem endlos +großen Hochofenwerk; vom Erzlager bis zu den Zentralen kaum ein Mensch; es +donnert und poltert, es braust und zischt, aber das Ganze scheint von +unsichtbaren Händen geleitet zu sein. In der Elektrohängebahn, die die Erze +auf den Ofen schafft, stehen an den entscheidenden Punkten einzelne Leute, +um das weitläufige Getriebe vor Störungen zu bewahren; Lichtsignale +erleichtern die Verständigung. Auf dem Gichtplateau des modernen Hochofens +sieht man keinen Menschen. Der Erzkübel setzt sich automatisch auf den +Hochofen, entleert sich in den Ofenschacht und schließt den Ofen. So geht +die Arbeit Tag und Nacht, Jahre hindurch, bis der Ofen seine Reise beendet +hat.« + + [Illustration: Abb. 13. Bessemerwerk (Fried. Krupp A.-G., + Essen).] + +An Licht und Luft ist nicht gespart. Schön und gewaltig hat man in den +letzten Jahren auch für den Arbeiter und Angestellten gebaut. Eine +Arbeiter- und Beamtenkolonie ist prächtiger als die andere; dazu kommen +Kasinos, Konsum-Anstalten, Ledigenheime, Speiseanstalten, Schlafhäuser. +Der Mann aus dem Mittelstande kann nicht besser untergebracht sein als die +Mehrzahl der Arbeiter und Beamten in den Eisenwerken. So muß es aber auch +sein. Man hat schon Sorgen genug, Arbeiter zu bekommen und festzuhalten. +Man muß den Leuten Annehmlichkeiten bieten, denn die nächste Stadt ist +weit und die Zeit sie zu besuchen, fehlt. So sind denn die +Wohlfahrtseinrichtungen unbedingt notwendig, und die Millionen, die dafür +aufgewendet werden, gehören zu den notwendigen Ausgaben. + +Man wirtschaftet sparsam; alle Abfallstoffe werden verwertet; das +Hochofengas zur Krafterzeugung; die Hochofenschlacke zur Zementfabrikation +und zur Erzeugung von Schlackenwolle, die als Filtriermaterial dient. + +Der Stahl der großen Stahlwerke wird dann von kleineren Spezialfabriken +noch weiter veredelt und wertvoller gemacht. Welche Werte die Veredelung +des Eisens schafft, möge ein Beispiel zeigen: 100 Kilogramm Roheisen kosten +5 Mark; in Form von Uhrfedern aber haben 100 Kilogramm Eisen einen Wert von +1 700 000 Mark. + +So veredelt die Chemie die Stoffe, die wir aus den dunklen Schächten und +aus der finsteren Meerestiefe heraufholen. Lichtverbreitend und aufklärend +schafft sie stets Fortschritt. _Lichtverbreitend_ auch im eigentlichen +Sinne des Wortes. Die Chemie hat uns die Mittel in die Hand gegeben, das +armselige Öllämpchen und die dürftige Talgkerze durch sonnenähnliche +Lichtquellen zu ersetzen. Sie brachte uns die Stearinkerze, diese sichere, +bequeme, tragbare Gasfabrik, in der das Stearin geschmolzen, vergast und +verbrannt wird; sie ließ uns das Leuchtgas finden und das Petroleum, das +Gasglühlicht, die Quecksilberdampflampe und das Azetylen; und sie half +mächtig mit bei der Verbesserung der elektrischen Glühlampen, so daß das +Meer von Licht, das heute von jeder Stadt ausgeht, und die Billigkeit des +modernen elektrischen Glühlichtes in hohem Maße der Chemie zu danken sind. + + [Illustration: Abb. 14. Martinwerk I (Fried. Krupp A.-G., Essen).] + +Das _Leuchtgas_, welch kühne Erfindung! Welche Überwindung von +Schwierigkeiten in der Anwendung! Welcher Arbeitsaufwand war erforderlich, +um nur die unterirdischen Röhren in einem die ganze Stadt versorgenden +Netze zu legen und diese Röhren mit der nötigen und wechselnden Gasmenge zu +speisen! Bei Tage geringer Verbrauch, bei Einbruch der Dunkelheit eine +plötzliche, riesige Inanspruchnahme. Das Ganze versorgt aus einem +Mittelpunkt, aus einem Herzen, das ganz verläßlich und tadellos arbeiten +muß, um überhaupt brauchbar zu sein. Die chemische Technik hat diese große +Aufgabe glänzend gelöst. Und heute wird in glatter Arbeit in all den +Gaswerken in Hunderttausenden großer Tonretorten Steinkohle erhitzt, wobei +Koks als wertvoller Rückstand bleibt, während das heiße Leuchtgas, mit Teer +gemischt, entweicht. Durch Kühlen und Waschen wird das Gas von Teer und +Verunreinigungen befreit und wandert in die großen Gasbehälter, die +modernen Wahrzeichen der Städte, um aus diesen stählernen Vorratskammern in +großen Mengen freigelassen zu werden, zur Stillung des mannigfaltigen +Lichtbedarfes der stets anspruchsvoller werdenden Menschheit (Abb. 15). + +Dann die Verdrängung der offenen gelben Gasflamme durch das blendend weiße +_Gasglühlicht_, nachdem man entdeckt hatte, daß gewisse Erden, insbesondere +Thoriumnitrat, das eine Spur Zernitrat enthält, in der Hitze der Gasflamme +ein weißes helles Licht ausstrahlen. Welche Schwierigkeiten waren da zu +überwinden infolge der Gebrechlichkeit der Glühstrümpfe und wie viel +größere noch infolge der Seltenheit des Rohmaterials. Doch sie wurden durch +Forschen und Suchen, durch stetige, vom Glücke begünstigte Arbeit +überwunden. Als das Glühlicht entdeckt wurde, kannte man nur spärliche +Lagerstätten des Monazits, jenes wertvollen Erzes, aus dem das Thorium und +Zer gewonnen werden, und beinahe wäre wegen der Knappheit der +Rohmaterialien die Glühlichterfindung gescheitert, hätte man nicht +zufälligerweise gerade damals große Monazitlager in Amerika entdeckt. So +trat das Leuchtgas, das man bereits durch die Elektrizität überwunden +glaubte, wieder mit frischer, erneuerter Jugendkraft auf und feierte eine +Wiedergeburt, die es mit dem elektrischen Lichte in erfolgreichen +Wettbewerb treten ließ. + + [Illustration: Abb. 15. Blick in die Nürnberger Gasanstalt mit + schrägliegenden Retorten. (Deutsches Museum.)] + +Nun konnten die Straßen und Häuser, Läden und Wohnungen, auch ohne +elektrische Leitung in glänzendem Lichte erstrahlen. Doch auch dem einsamen +Landhause schuf die Chemie Befreiung von dem lästigen Öllämpchen und von +der armseligen Unschlittkerze, auch von der viel besseren, aber immerhin +noch kümmerlichen Lichtquelle der Stearinkerzenflamme. Das _Petroleum_ +tritt auf. Man findet im Inneren der Erde Lagerstätten eines schmutzigen, +dickflüssigen, explosiven Öles, das in vergangenen Zeiträumen durch +Zersetzung pflanzlicher und tierischer Überreste entstanden ist. Was einst +im herrlichen Sonnenlichte erwachsen ist, dient nun, aus der Finsternis +wieder zutage gebracht, dazu, die Finsternis zu vernichten und die Nacht +zum Tage umzugestalten. Der Chemiker findet Wege, das schmutzige Erdöl zu +reinigen, indem er es mit starken Säuren und Laugen wäscht; er lernt, das +Erdöl sozusagen »mürbe« zu machen, indem er es durch Destillation zwingt, +in seine drei Hauptbestandteile zu zerfallen, in das flüchtige Benzin, in +das Leuchtöl, das ohne Explosionsgefahr in Lampen verbrannt werden kann, +und in das kostbare Schmieröl, das, den Reibungswiderstand vermindernd, ein +glattes Laufen der verschiedensten Maschinen ermöglicht. + +Aber eine noch bessere und schönere Lichtquelle wird für das einsame +Landhaus, für das Sommerhotel und für die Hochgebirgshütte gefunden, indem +man einen Stoff benutzt, der durch zwangsweise Vereinigung einer +unverbrennlichen weißen mit einer verbrennlichen schwarzen Masse entsteht. +Kalk und Kohle, in der Riesenhitze des elektrischen Ofens zur engsten +Verbindung genötigt, ergeben das als Kalziumkarbid bekannte Material, das, +mit Wasser übergossen, ein mit blendend weißer Flamme brennendes Gas, das +Azetylen, liefert. An mächtigen Wasserkräften stehen die elektrischen Öfen +und erzeugen große Mengen von Kalziumkarbid, das in Büchsen verpackt, in +entlegene Einsamkeiten versendet wird, um dort mit Hilfe eines sicheren, +handlichen, bequemen, kleineren oder größeren Apparates zur Gaserzeugung +verwendet zu werden. Nun kann jedes Landhaus seine eigene kleine Gasfabrik +haben, ja sogar jedes Fuhrwerk, jedes Automobil sich zur eigenen +Beleuchtung das nötige Azetylen in kleinen, im Wagen untergebrachten +Apparaten selbst herstellen. + +Auch die elektrische Beleuchtung wird durch die Ergebnisse chemischer +Forschung immer mehr gefördert. Tantal-, Wolfram- und Osramlampen, +Erzeugnisse der modernen chemischen Technik, bewirken eine außerordentliche +Kraftersparnis und gestatten die Erzeugung großer Lichtmengen auf eine +früher für unmöglich gehaltene billige Weise. Die Quecksilberdampflampe -- +mit ihrem grünen Lichte --, in amerikanischen Werkstätten überaus beliebt, +bedeutet eine weitere Kraftersparnis, so daß bei dem gegenwärtigen Stande +der Beleuchtungstechnik jeder Laden und jedes Hotel, jede Straße und jeder +Bahnhof mit geringem Kostenaufwande fast tageshell beleuchtet werden kann. + +Hier wollen wir auch kurz des _Glases_ Erwähnung tun, dieses bei allen +Beleuchtungsarten vielverwendeten Stoffes, der schon seit Jahrtausenden +bekannt und als seltene Kostbarkeit geschätzt, durch die chemische +Industrie zu einem ganz allgemeinen, selbst dem Ärmsten zugänglichen +Gebrauchsgegenstand geworden ist. + +Was vorher über die Umwandlung des früheren Kleineisengewerbes in die +moderne Großindustrie gesagt ist, gilt für die Glasindustrie in vielleicht +noch höherem Maße. Ursprünglich wurde wohl die Kunst des Glasschmelzens als +strenges Gewerbegeheimnis bewahrt, was um so leichter möglich war, als die +Rohmaterialien, Soda, Kalk und feiner Sand, bei den damals schwierigen +Transportverhältnissen nicht allgemein erhältlich waren. Durch die +Verbilligung der Soda wurde erst die Begründung einer Glas_industrie_ +möglich. Auch hier wurden die Schmelzöfen immer größer, auch hier lernte +man durch sorgfältigere Ausführung der Schmelzöfen die zur Schmelzung +erforderliche Brennstoffmenge vermindern und schließlich die menschliche +Arbeit beim Glasblasen und bei der Spiegelglaserzeugung durch genial +ersonnene Maschinenarbeit ersetzen. + +Man hat dann, in den letzten Jahrzehnten, auch neue Glassorten hergestellt, +das »Hartglas« und das »Quarzglas«. + +Das _Hartglas_ wird durch rasches Abkühlen des heißen Glases auf +Temperaturen von 200-300° hergestellt, indem man das zu härtende Glas rasch +in Bäder von Öl mit dieser Temperatur taucht. Dieses »abgeschreckte« Glas +kann schroffe Temperaturwechsel ertragen und ist zugleich sehr schwer +zerbrechlich. + +_Quarzglas_ wird durch Schmelzen von Quarz und Bergkristall im elektrischen +Ofen hergestellt. Es ist gegen plötzliche Temperaturänderungen ganz +unempfindlich; man kann es auf hohe Temperaturen erhitzen und dann ohne +weiteres in kaltes Wasser tauchen, ohne daß es zerspringt. + +Bei all den besprochenen Industrien bedarf der Chemiker in großer Menge +zweier »Kräfte«, wenn wir sie so nennen wollen, zweier Energien, nämlich +der _Kraft_ und der _Wärme_. Vor allem also müssen diese Energien billig +und bequem zu erlangen sein, da sie gleichsam die Grundlage der Technik +bilden. Vorderhand ist das wichtigste Rohmaterial zur Gewinnung von Kraft +und Wärme die _Kohle_. Aber auch der Kohlenvorrat der Erde wird schließlich +einmal erschöpft sein, und deshalb muß der Chemiker und der chemische +Ingenieur bei Zeiten vorbauen, indem er einerseits mit möglichst wenig +Kohle möglichst viel auszurichten sucht und dadurch die Erschöpfung der +Kohlenlager hinausschiebt, anderseits aber auch jetzt schon daran denkt, +wie man später auch ohne Kohle den Kulturzustand der Menschheit wird +aufrecht erhalten können. + + [Illustration: Abb. 16. Entstehung von Wassergas, Generatorengas + und Generatorenwassergas. (Deutsches Museum.)] + +In dem rastlosen Streben nach _möglichst guter Ausnützung der Kohle_ werden +zunächst die Feuerungen, die Roste und der Schornstein immer zweckmäßiger +gestaltet; man hat ferner gelernt, den früher wertlosen Abfall der +Kohlenbergwerke, den Kohlenstaub, zu verbrennen oder ihn in Form fester +Ziegel (Briketts) in den Handel zu bringen; man verwertet die Hitze der von +der Feuerung zum Kamin abgehenden Gase zum Vorwärmen des +Kesselspeisewassers, und schließlich bedient man sich immer mehr -- um +Kohle zu sparen und sehr hohe Temperaturen erreichen zu können -- der +Vergasung der Kohle in Gasgeneratoren, die nichts anderes sind als Öfen, +auf deren Rost anstatt einer niedrigen Kohlenschicht, wie sie in den +gewöhnlichen Öfen gebräuchlich ist, eine hohe Kohlenschicht von etwa +0.5 Meter aufgehäuft wird. Dadurch wird bewirkt, daß die dem Rost zunächst +befindliche Kohlenschicht vollkommen verbrannt wird; aber die +Verbrennungsgase können nicht, wie bei den gewöhnlichen Öfen, zum Kamin +entweichen, da sie durch die hohe Kohlenschicht gezwungen sind, zunächst +diese zu durchstreichen. Bei der Berührung der »unbrennbaren« +Verbrennungsgase mit der oberen Kohlenschicht verbindet sich deren +Kohlenstoff mit den unbrennbaren Gasen zu einem _brennbaren_ Gase, dem +sogenannten Generatorgas, das in größtem Maßstabe zur Beheizung von Stahl- +und Glasöfen dient und auch vielfach zum Zweck der Krafterzeugung in +Gasmotoren verbrannt wird; diese Verwendung bedeutet, im Vergleich zum +Kohlenverbrauch der Dampfmaschine, eine namhafte Ersparnis (Abb. 16, 17). + + [Illustration: Abb. 17. Gasgenerator.] + +Außerdem sucht man immer mehr die _natürlichen Kräftevorräte_, _die +Wasserfälle_, zu verwerten, was sehr geeignet ist, die Lebensdauer unserer +Kohlenlager bedeutend zu verlängern. Amerika und Afrika sind reich an +mächtigen Wasserfällen, auch Europa besitzt im Norden und in den Alpen +gewaltige Wasserkräfte, die, in Kohle oder Kraft umgerechnet, bedeutende +Werte darstellen. Der Niagarafall allein enthält so viel Kraft, als man +durch tägliche Verbrennung von einer Million Tonnen Kohle erzeugen könnte. +So erbaut man nun Fabriken, die sehr viel Kraft brauchen, wenn möglich in +der Nähe von Wasserkräften (Aluminiumfabriken). Aber auch solche Werke, die +starke Hitzegrade erfordern, verlege man in die Nähe von Wasserfällen, denn +der chemische Ingenieur hat es durch den Bau von elektrischen Öfen, die den +Strom in hohe Hitzegrade umwandeln, möglich gemacht, Grade zu erreichen, +die früher unerreichbar waren, und dadurch Stoffe zu erzeugen, die früher +nicht darstellbar waren. Des Kalziumkarbides ist bereits gedacht worden. +Nicht weniger interessant ist der Stoff, der im elektrischen Ofen durch +Zusammenschmelzen von Sand und Kohle erzeugt wird, das Karborundum, der +fast diamantenhart, als Schleif- und Poliermittel ausgedehnte Verwendung +findet und dem Schmirgel große Konkurrenz bereitet. + +Die Billigkeit, mit der der elektrische Strom aus Wasserkraft hergestellt +werden kann, hat eine neue Industrie, die _elektrochemische_, ins Leben +gerufen, wobei der elektrische Strom zur Zerlegung wertloserer Verbindungen +in ihre wertvolleren Bestandteile verwendet wird. So werden jetzt +zahlreiche Stoffe mit Hilfe des elektrischen Stromes, elektrochemisch, +dargestellt, insbesondere Natrium, Chlor, Ätznatron und Soda, deren +gemeinsames Ausgangsprodukt das Kochsalz ist. + +Wie bereits erwähnt, sorgt der Chemiker auch für die Zukunft. Er sucht +Verfahren zu finden, mit denen man auf billige Art Kraft erzeugen kann, +Verfahren, die darauf hinausgehen, aus der Kohle mehr Kraft als bisher +möglich zu gewinnen, oder die Kohle überhaupt überflüssig zu machen. Zu +diesem Zwecke benutzt er den unerschöpflichen Kräftevorrat, der dem +Menschengeschlecht so lange zur Verfügung stehen wird, als es bestehen +wird, da es selbst gleichsam nur ein Ausfluß und eine Wirkung dieser Kräfte +ist, er benutzt dazu das strahlende Licht, die strahlende Kraft, die +strahlende _Energie der Sonne_. Diese Kraft wird heute auf der +Erdoberfläche nur sehr spärlich ausgenutzt, indem sie nur von den Pflanzen +zum Aufbau ihres Körpers verwendet wird, während der Rest unbenutzt +»verloren« geht. Und doch könnte uns diese Kraftquelle mit schier +unendlichen Mengen von Kraft versorgen. Darum arbeitet man an der schweren +Aufgabe, das Sonnenlicht unmittelbar in Kraft umzuwandeln und zwar in _die +Kraft_, die sich am bequemsten, mit den geringsten Verlusten weiter +umwandeln läßt, in Elektrizität. + +Zunächst hat sich der Physiker damit begnügt, das Sonnenlicht in Wärme +umzuwandeln, indem er es in großen, kreisförmig angeordneten Hohlspiegeln +auffing, in deren Brennpunkt ein Dampfkessel eingebaut war, der einer, +nahebei aufgestellten Dampfmaschine Dampf lieferte. Ein solcher, in der +Anlage sehr kostspieliger Apparat ist in der Nähe von Los Angeles, in +Kalifornien -- da die Kohlen dort außerordentlich kostspielig sind -- in +lohnendem Betriebe. Man nutzt dort das Sonnenlicht den ganzen Tag hindurch +aus, indem das Spiegelsystem sich durch ein Uhrwerk der scheinbaren +Bewegung der Sonne gemäß dreht und stets so eingestellt ist, daß es +möglichst viel Licht von ihr empfängt. + +Diese Art der Verwendung des Sonnenlichtes, die Umwandlung in Wärme, ist +äußerst roh und nicht befriedigend; deshalb geht das Streben der Chemiker +dahin, eine Umsetzung der strahlenden in elektrische Energie zu bewirken. +Im kleinen Maßstabe ist dies bereits gelungen und zwar durch eigenartig +zusammengestellte Batterien, Zellen oder Elemente, die, sobald sie vom +Sonnenlicht getroffen werden, einen ununterbrochenen elektrischen Strom +abgeben, der so lange anhält, als die Batterie der Wirkung des +Sonnenlichtes ausgesetzt bleibt. + +Bei dem oben erwähnten Streben der Chemiker, aus der Kohle mehr Kraft, als +bisher möglich war, zu erzeugen, ja die ganze der Kohle innewohnende Kraft +zur Wirkung zu bringen, schwebte ihnen das Ziel vor, die chemische Kraft +der Kohle direkt in Elektrizität umzuwandeln. Auch diese Aufgabe ist +bereits grundsätzlich gelöst worden, so daß man nun, um mittels Kohle +Elektrizität zu erzeugen, nicht erst den verschwenderischen Umweg über den +Dampfkessel und die Dampfmaschine machen muß. Trotzdem werden die +Dampfmaschinen, solange der Preis der Kohle verhältnismäßig niedrig bleibt, +eine wichtige Stellung einnehmen, denn der Mensch, an das Alte gewöhnt, +entschließt sich nur schwer und gezwungen, das Neue anzunehmen. Darauf +beruht ja vielfach die Bitterkeit des Erfinderloses, weil das Leben des +Erfinders gewöhnlich kürzer ist als die Zeit, die die Menschheit nötig hat, +um sich mit der neuen Erfindung vertraut zu machen, sich an sie zu +gewöhnen, ihre Vorteile zu würdigen und sich zum Entschluß aufzuraffen, die +Neuheit benutzen zu wollen. + +Mit diesen Siegen und Erfolgen, mit der erfolgreichen Veredlung und +Nutzbarmachung der in der Natur in kleinsten und größten Mengen +vorkommenden Rohstoffe, gibt sich die Chemie nicht zufrieden. Sie will auch +die selteneren Stoffe der Natur der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, +und, wenn der natürliche Vorrat nicht reicht, sie künstlich herstellen. War +früher z. B. die Seide nur ein Material zur Bekleidung Auserlesener, so ist +sie heute ein notwendiger Gebrauchsgegenstand für alle geworden. Früher von +Königen und Fürsten mit Gold aufgewogen, wird sie heute von jeder Bäuerin, +beim Kirchgang wenigstens, als Kopfbedeckung getragen. Diese ungeheure +Zunahme des Seidenbedarfs wäre auf keine Weise zu befriedigen, wenn es der +Chemie nicht gelungen wäre, aus ganz billigen, leicht zur Verfügung +stehenden Rohstoffen, wie Baumwolle, Holz usw., einen Ersatz für Seide, +eine künstliche Seide, die _Kunstseide_ herzustellen, die an Festigkeit der +Seide nahe kommt und sie an Glanz weit übertrifft. Eine Seide, die nicht +durch mühselige Raupenzucht, sondern in ununterbrochener, gleichmäßiger +Fabrikarbeit durch chemische Prozesse und durch mechanische Hilfsmittel, +die man der Seidenraupe abgelauscht hat, gewonnen wird. Eine Seide, die von +Seidenraupenkrankheiten unabhängig, stets in beliebigen Mengen und in +irgendeinem Lande, an irgendeinem Orte hergestellt werden kann, so daß zu +ihrer Erzeugung _einheimische_ Arbeitskräfte verwendet und große +Geldbeträge, die sonst nach dem seidenerzeugenden China gingen, nun dem +eigenen Lande nutzbringend erhalten werden können. + +Schon im Jahre 1734 sagte Réaumur die Herstellung künstlicher Seide +prophetisch voraus. Doch sollten von der Prophezeiung bis zur Erfüllung +des Wortes hundertundfünzig Jahre vergehen: im Jahre 1884 meldete der +französische Chemiker Graf Hilaire de Chardonnet seine ersten Patente zur +Herstellung einer seither Chardonnetsche Seide genannten Kunstseide an. + +Das Verfahren Chardonnets ist sehr einfach: Gereinigte Baumwolle wird etwa +fünf oder sechs Minuten lang in eine Mischung von starker Salpetersäure und +Schwefelsäure eingetaucht. Hierauf nimmt man die Baumwolle aus dem +Säurebade, läßt die Säure 24 Stunden abtropfen und wäscht das Produkt mit +Sodalösung. Das auf diese Weise erhaltene Material gleicht im Ansehen zwar +der Baumwolle, aber ihr Charakter, ihre Seele ist vollkommen verändert: der +schwere Leidensweg durch das scharfe Säurebad hat, so möchte man meinen, +ihre geduldige Gleichgültigkeit in höchste Reizbarkeit, ihre milde Güte in +wilde Bosheit umgewandelt. Ein Schlag darauf, und sie explodiert heftig. +Sie ist nun nichts anderes als die bekannte Schießbaumwolle, die auch auf +»rauchloses Pulver« verarbeitet wird. + +Chardonnet löst nun diese Schießbaumwolle in einer Mischung von Äther und +Alkohol und erhält so eine dicke Flüssigkeit -- das in der Photographie und +Pharmazie viel verwendete Kollodium. Diese Lösung läßt er in einem +eigenartigen Apparat durch haardünne Öffnungen von 0,08 +mm+ Durchmesser +ausfließen und in Wasser eintreten. Hierbei geht der Alkohol an das Wasser +ab, und es bleibt ein feiner Seidenfaden zurück. Aber dieser Faden ist +leicht entflammbar, ja sogar sehr explosiv und gefährlich für den, der mit +ihm umzugehen hat. Er muß daher zur Entfernung seiner explosiven +Bestandteile in einer Lösung von Schwefelnatrium gewaschen und hierauf +getrocknet werden. Auf diese Weise erhält man eine ausgezeichnete +Kunstseide, die für Weberei, Wirkerei und Posamenterie ausgezeichnet +verwendbar ist. Chardonnet hat seine Aufgabe glänzend gelöst. + +»Wenn die Könige bau'n, haben die Kärrner zu tun.« Kaum hatte Chardonnet +einen entschiedenen Sieg errungen, als sich eine Unzahl von Chemikern auf +das Kunstseideproblem stürzte. Ein Pionier voll Geist hatte den Weg +gebahnt, die Masse folgte nach. Ein Adler war hoch hinaufgestiegen und +bemerkte nicht den Zaunkönig, wollte ihn nicht bemerken, den Zwerg, der auf +ihm saß, um, durch fremde Kraft in höchste Höhen getragen, ihn um einige +Meter zu überfliegen. + +Sechs Jahre später wurde eine neue Kunstseide patentiert: der sogenannte +Glanzstoff. Hier wird, wie auch von den späteren Nachfolgern und +Nachahmern, dasselbe Ausgangsprodukt und dasselbe mechanische Prinzip +zur Herstellung des Fadens verwendet. Der Unterschied besteht bloß in +der Lösungsflüssigkeit für die Baumwolle: bei Chardonnet +Salpeter-Schwefelsäure, beim Glanzstoff Kupferoxydammoniak und bei der +infolge ihrer Billigkeit immer mehr zur Verwendung gelangenden Viskose +Natronlauge und Schwefelkohlenstoff. -- An Stelle der Baumwolle kann +auch der aus Holz gewonnene Zellstoff als Ausgangsmaterial verwendet +werden. + +Von dem jetzigen Umfange der Kunstseideindustrie erhalten wir eine kleine +Vorstellung, wenn wir hören, daß jährlich weit über 3 000 000 +kg+ erzeugt +werden. Diese Industrie ist auch ein treffliches Beispiel für die +»veredelnde« Wirkung der chemischen Arbeit, da aus einem Raummeter Holz, +das im Wald einen Wert von 3 Mark hat, Kunstseide im Wert von 5000 Mark +erzeugt wird, also eine 1500 fache Werterhöhung. + +Dies alles klingt sehr wunderbar, aber in 50 Jahren wird kein Mensch +mehr die Kunstseide für etwas Wunderbares halten, denn durch die +Gewohnheit und durch stetigen Gebrauch wird auch das Wunderbare etwas +Selbstverständliches. Wer wundert sich denn heute noch über die +Billigkeit des _Papiers_, wer staunt in unserer Zeit noch darüber, daß +die Menschheit jährlich über 600 000 Waggonladungen Papier verbraucht? +Und doch ist die Zeit nicht allzufern, wo alles Papier »geschöpft« +wurde, mühselig geschöpft aus mühselig hergestelltem Hadernbrei. Und +heute? Heute werden ganze Waldungen von Holz in Riesenkochern durch eine +Lösung von schwefligsaurem Kalk, den man auf eine sehr einfache Art +herstellt, zu blendend weißen Fasern, Zellstoff oder Zellulose genannt, +zerkocht, und diese Fasern zu Papier verarbeitet. So ist auch das +heutige Papier und mit ihm unsere moderne Kultur, die zum großen Teile +darauf aufgebaut ist, einem Triumphe der Chemie zu danken. + +Doch noch andere, heute bereits unentbehrliche Ersatzstoffe sind von der +chemischen Technik geschaffen worden, und gar manche von ihnen dienen +Zwecken, die man zur Zeit der Erfindung gar nicht voraussehen oder ahnen +konnte. So suchte der Amerikaner Hyatt, 1880, nach einem Ersatz für +Buchdruckwalzenmasse, die bis heute durch Mischen von Gelatine und Glyzerin +in der Wärme hergestellt wird, und fand bei seinen Versuchen, als er eine +Lösung von Schießbaumwolle mit Kampfer zusammenknetete, etwas neues, +unendlich Wertvolleres, das _Zelluloid_, das heute zur Erzeugung der +mannigfaltigsten Gebrauchs- und Schmuckgegenstände dient, und dessen +Herstellung und Verarbeitung viele Tausende von Menschen beschäftigt. +Diesem ersten Ersatz für Hartgummi und Elfenbein folgten im Laufe der Zeit +mehrere andere, darunter der _Galalith_. Dieser wird aus dem Kasein, dem +Käsestoff der Milch, hergestellt, indem man diesen Stoff durch Hinzufügung +von gewissen Chemikalien, wie Formaldehyd usw., unlöslich macht. + +Die jüngste Errungenschaft auf dem Gebiete der Ersatzstoffe ist der +_künstliche Kautschuk_. Aber dessen Herstellungskosten müssen erst +bedeutend herabgesetzt werden, bevor ein erfolgreicher Wettbewerb mit dem +natürlichen Kautschuk möglich sein wird. + +Wenn wir von einer Romantik der Chemie sprechen, so geschieht dies nicht +zum mindesten deshalb, weil sie über ihren märchenhaften Zielen die +Bescheidenheit und die Liebe zum Kleinen nicht verlernt hat. In der Tat, +kein Gebiet, kein Stoff ist so gering, daß die Chemie ihm nicht die +sorgfältigste Aufmerksamkeit zuteil werden ließe. Die Chemie hat alle nicht +bloß berufen, sondern auch auserwählt. Vor ihrem Gerichtshof gibt es keine +Standesunterschiede. Nicht nur Seide und Elfenbein sind würdige Gegenstände +ihrer Bemühung, sondern ebenso der gewöhnliche Bauziegel und das Holz in +seinen verschiedenen Formen. + + Die Verwendung der Schwefelsäure in der chemischen Industrie. + | + | + Anorganische Chemie + | + +----------+--------+-------+------------+--------+-------------+----------~ + | | | | | | | + | | | | Mutterlauge des | | + Chilesalpeter | Chlorkalium | Chilesalpeters | Phosphorit + | | | | | | | + | Kochsalz | Brommagnesium- | Flusspat | + | | | Lauge | | | + | | | | | | | + | | | | Braunstein | | +---+----+ + +------+---+----+---+---+ +------+-----+ | | | + | | | | | | | | | + Salpeter- | Salzsäure | Brom Jod Flussäure Super- Phosphor- + säure | | phosphat säure + Sulfat Kaliumsulfat | + | | | + | | | + (Glas, Soda, Zellstoff) (Pottasche) (Phosphor) + + + ~----+------+---------+-------+----------+----------+-------------+ + | | | | | | | + | | | | | | | + | | | | | Kupferstein u. | + | Bauxit, Ton | Monazit | Schwarzkupfer | + | | | | | | | + Gaswasser | Chromerz | Silberhaltiges | Pyritabbrände + | | | | Gold | | + | | | | | | | + | | | | | | | + | | | | | | | + | | | | | Silberhalt. Rückst. | + | Aluminium- | Thorsulfat | u. Kupfervitriol | + | sulfat | | | | + Ammon- | Chromate | Feingold u. Kupfer-, Zink- + sulfat | | Feinsilber u. Eisenvitriol + | | | + (Alaun) (Glühkörper) (Höllenstein) + + + + + | + Organische Chemie + | + +-------+---------+--------+-------+----+-----+---------+---------+---------~ + | | | | | | | | + | | | | | | | | + | | | Rückstände | | | | + | | | der Erdöl- | Pflanzen-Rohöle | | + Alkohol Graukalk | Destillation | | | | + | | | | | | | | + | | Rohpetroleum, | Rohparaffin, | Fette Glycerin + | | Roh-Benzin | rohe Paraffinöle | | | + | | | | Ozokerit | | | + | | | | | | +----+----+ | Salpeter- + | | | | | | | | | säure + | | | | | | | | +----+---+~ + Aether Essig- Leucht- | Paraffine | Fett- Glycerin | + säure petroleum, | Paraffinöle | säuren, | + Benzin | Ceresin | Stearin Nitro- + | | glycerin + Schmieröle u. Gereinigte | + Vaselin Pflanzenöle Dynamit u. + Schiesspulver + + + ~---+-------+-------+---------+-------+-------+------+----------+--------+ + | | | | | | | | | + | | | | | | Benzol, | | + | | | | | | Naphtalin, | | + | | | | | | Phenole, | | + | | | | | | Naphtole | | + Cellulose | Papier | Phenolnatrium | etc. | Naphtalin + | | | | | | | | | + | Stärke | Rohe Stein- | Benzol, | Anthrachinon | + | | | kohlenteeröle | Naphtalin, | | | + | | | | | Naphtylamine |Salpeter- | | + | | | | | etc. | säure | | + ~---+ | | | | | +---+ | | + | | | | | | | | | + Nitro- | Vegetabilisches | Carbolsäure | Nitrokörper | Phtalsäure + Cellulose | Pergament | | | | | + | | | Sulfosäuren | Anthrachinon- | + | Stärkezucker Gereinigte | | sulfosäuren | + | Teeröle | | | | + | | | | (Indigo, + (Celluloid, Kunstseide, (Phenole, | | Eosine) + Explosivstoffe, Schiesspulver) Naphtole | | + Farbstoffe) | (Alizarinfarbstoffe) + | + (Amidokörper, Diazo- u. Azo- + verbindungen, Farbstoffe, + Medikamente) + +Ziegel und Holz sind, wie eigentlich alle Stoffe, am meisten in jenen +Gegenden geschätzt, die daran arm sind. Wo Bausteine und Tonlager fehlen, +da ist es natürlich um die Errichtung von Gebäuden, und damit um den +Kulturfortschritt, traurig bestellt. Da fand die Chemie einen Ausweg, +wenigstens für sandreiche Gegenden, indem sie den _Kalksandsteinziegel_ +bildete, der sich trotz seiner Jugend immer größere Verwendungsgebiete +erobert, und das mit Recht, denn sein Aussehen ist schön, seine Festigkeit +groß, seine Herstellung einfach und billig. Man mischt nämlich den Sand mit +so viel Kalkmilch, daß man ihn in Formen pressen kann, worauf diese Masse, +die eigentlich nichts anderes ist als fester Mörtel, in Ziegelform, mit +Dampf behandelt wird. Die Fabrikation dieser Ziegel nimmt weniger als +36 Stunden in Anspruch und unterscheidet sich durch diese Schnelligkeit +vorteilhaft von der Herstellung der Tonziegel. + +Ein ausgezeichneter Holzersatz für Fußboden- oder Treppenbelag der +hauptsächlich aus Sägespänen besteht, ist der _Xylolith_, ein Holzstein, +der fast die Wärme des Holzes und fast die Feuerfestigkeit des Steines +besitzt. Seine Herstellung ist äußerst einfach; man vermischt Sägespäne mit +etwas gebranntem Magnesit, feuchtet die Masse mit einer Lösung von +Chlormagnesium an, bis sie breiig-teigartig ist, und läßt sie, in beliebige +Formen gepreßt, an der Luft trocknen. Für fugenlosen Fußbodenbelag wird die +teigige Masse 1 +cm+ dick glatt auf den Blindboden aufgetragen, worauf man +sie trocknen läßt. Die trockene Xylolithmasse kann man ungefähr so wie Holz +bearbeiten. Da sie überdies durch Zumischung von Erdfarben zu den +Sägespänen beliebig gefärbt werden kann, ist es leicht begreiflich, daß +dieser »Holzzement« sich einer stets zunehmenden Beliebtheit und wachsenden +Verwendung erfreut. + + Die auf Seite 35 beigefügte Tabelle aus dem »Deutschen Museum« + zeigt uns die vielseitige Verwendung der Schwefelsäure in der + chemischen Industrie. + +So sorgt die Chemie, indem sie zahlreiche nützliche Stoffe herstellt, für +die Bequemlichkeit des Menschen. Darüber vernachlässigt sie aber nicht das +Gebiet des im höheren Sinne Angenehmen und Sinnerfreuenden. + +Seit der Mensch in Wahrheit ein Mensch ist, erfreut sich sein Auge an dem +saftigen Grün und den vielfarbigen Blumen der Wiesen, an dem Blau des +Himmels und dem Purpur und Rot des Sonnenaufganges. Das Schöne erfreut ihn, +das Schönste erscheint ihm heilig. Er liebt die _Farbe_, den bunten Schmuck +und glaubt, wenn er sich selbst damit ziert, liebenswerter zu werden. So +jauchzt er auf, wenn er irgendwo zufällig eine bunte, erdige Farbe findet +und bemalt sich mit dem kostbaren Gute in einfacher Weise Gesicht und +Körper. Hat er einmal die Stufe der Nacktheit überwunden und es bis zur +Herstellung von Gewändern, zum Verspinnen und Verweben von Flachs und +Schafwolle gebracht, so trachtet er, den Schmuck der Färbung auf das Gewebe +zu übertragen. Jahrhundertelang muß er da wohl suchen und versuchen, bis er +endlich durch Zufall einige brauchbare, dauerhafte Farbstoffe findet, den +Purpur der Purpurschnecke, den Krapp und den Indigo und einige Farbhölzer. + +Durch Jahrtausende blieb die Farbstoffkenntnis des Menschen auf diese +wenigen Stoffe beschränkt, unter denen der _Indigo_ der wichtigste ist. Er +wird als blaue Farbe aus dem Safte der Indigopflanze und des Waid in +primitiver Weise hergestellt. Kurz vor der Blüte werden die Pflanzen dicht +über dem Boden abgeschnitten, hierauf in Bottiche oder gemauerte Gruben +gebracht und mit Wasser bedeckt. Nach zwölf bis fünfzehn Stunden wird das +nun gelb gefärbte Wasser in einen zweiten, tiefer gelegenen Bottich +abgelassen und daselbst durch Schlagen mit schaufelartigen Stangen oder +durch ein Schaufelrad in vielfache innige Berührung mit der Luft gebracht, +wodurch der gelöste Pflanzensaft unlöslich wird und sich als blauer Schlamm +am Boden absetzt. Dieser Schlamm wird gut gewaschen, gepreßt und getrocknet +und stellt nun den »natürlichen« Indigo des Handels dar. + +Vor der Eröffnung des Seewegs nach Ostindien wurde der in Europa verwendete +Indigo aus dem Waid gewonnen, der seit dem neunten Jahrhundert in +Frankreich und Deutschland stark angebaut wurde. Nach der Eröffnung des +Seeweges wurde der Waid immer mehr durch den indischen Indigo verdrängt, +und weder Gesetze noch Monarchen waren imstande, die Einfuhr aus Indien zu +hemmen, so daß der europäische Waidbau schließlich zugrunde gehen mußte. + +Wenn wir uns vor Augen halten, daß der Indigo in der Indigopflanze nicht +fertig gebildet ist, und daß statt seiner die Pflanze nur eine fast +farblose Substanz, Indigoweiß genannt, enthält, daß dieses Indigoweiß sich +im Wasser löst und durch Berührung mit Luft blaues Indigopulver ergibt, +also auf ähnliche, aber umständlichere Weise entsteht wie der Eisenrost aus +dem Eisen, da wird es uns klar, daß diese Entdeckung sicherlich einer Reihe +höchst merkwürdiger Zufälle und dem Aufwande scharfer Beobachtung zu danken +ist. Durch Zufall ist wohl ein Bund von Indigopflanzen in einen +Wasserbottich oder Teich geraten, durch Zufall oder vielleicht in +gedankenlosem Spiele sind die Pflanzen dann durch Schaufeln oder sonstwie +mit Luft in Berührung gebracht und von einem scharfen Beobachter das +ausgeschiedene blaue Indigopulver bemerkt worden. Ähnlichen Zufällen hat +man wohl die Herstellung des Krapps aus der Färberröte und des Purpurs aus +der Purpurschnecke zu verdanken. + +So mußte sich denn die Färberei lange, lange Zeit hindurch mit ganz wenigen +Farbstoffen begnügen, bis man endlich, mit Hilfe der immer leistungsfähiger +werdenden Chemie und nicht ohne Benutzung glücklicher Zufälle dahin kam, +die längst erblaßte und vergangene Farbenpracht längst versunkener +geologischer Zeiten wieder herzustellen und aufzufrischen. Denn nichts +anderes als Leichname der Pflanzenwelt eines früheren Erdalters sind die +Kohlenlager, denen wir heute nebst so vielem anderen die Teerfarben, auch +_Anilinfarben_ genannt, zu verdanken haben, die an Mannigfaltigkeit die +Naturfarben übertreffend, die bunte Pracht der modernen gewerblichen +Erzeugnisse ermöglichen. + +Wenn man Kohle unter Luftabschluß erhitzt -- dies wird, wie bereits früher +bemerkt, von der Leuchtgas- und Koksindustrie in größtem Maßstabe +ausgeführt -- so hinterbleibt der bekannte poröse Koks, während Leuchtgas +und Teer in heißem Zustand entweichen. Durch Abkühlung wird der Teer +verflüssigt und dadurch zugleich das Leuchtgas in reinem, teerfreiem +Zustande erhalten. + +Dieser schwarze Steinkohlenteer ist der Grundstoff und der Ausgangspunkt +der Teerfarbenindustrie. + + Die nebenstehende Tafel zeigt die Vielseitigkeit der Farbstoffe + und der Nebenprodukte, die alle aus Teer gewonnen werden. + +Der Steinkohlenteer ist eine Mischung mehrerer Kohlenstoffverbindungen, von +denen Benzol, Phenol, Kresol, Naphthalin und Anthrazen die wichtigsten +sind. Sie alle werden bei der Destillation des Steinkohlenteers gewonnen +und ergeben, nachdem sie mehreren chemischen Verfahren unterzogen wurden, +die bekannten Teerfarbstoffe, deren erster, das Mauvein, im Jahre 1856 von +W. H. Perkin in London dargestellt wurde. + +Diese ursprünglich englische Industrie kam in Deutschland zu ungeahnter +Blüte und feierte hier ihre größten Triumphe. Sie trat mit der Natur selber +in Wettbewerb und übertraf, überwand, besiegte sie in dem Streite um das +Krapprot und in dem Streite um den Indigo. + + [Illustration: Gewinnung der Teerfarbstoffe und ihrer farblosen + Ausgangs- u. Zwischenprodukte aus dem Teer. Die Höhe der + schraffierten Streifen gibt annähernd die betreffende Mengen der + gewonnenen Farbstoffe wieder.] + +Vor dem Jahre 1868 wurde die Menge des jährlich erzeugten Krapps auf +70 Millionen Kilogramm geschätzt. Im Jahre 1868 entdeckten Graebe und +Liebermann, daß der Krapp, auch Alizarin genannt, auf eine sehr einfache +Art aus dem Anthrazen, einem der oben erwähnten Bestandteile des +Steinkohlenteers, hergestellt werden könne. Infolge dieser Entdeckung wird +heute das Krapprot nicht mehr aus der Pflanze, sondern in den chemischen +Fabriken erzeugt, und der Krappbau, der zumal für Südfrankreich von großer +Bedeutung war, hat heute fast vollständig aufgehört. + +Dasselbe Schicksal wird dem natürlichen Indigo zuteil, seitdem wir nach +A. v. Baeyers Entdeckung den Indigo billiger und reiner, als es die +Pflanzenkraft vermag, herstellen. So unterliegt auf diesem Gebiete die +Landwirtschaft der chemischen Industrie. Im Jahre 1889 kamen noch +33 612 Kisten Indigo aus Indien nach Europa. Heute hat die Einfuhr wegen +der gewaltigen Erzeugung des künstlichen Indigos in Deutschland fast ganz +aufgehört. Ein paar Fabriken bringen heute das hervor, was früher große +Landstrecken in Indien erzeugten. + +Eine riesige Industrie setzt in Deutschland die wissenschaftlichen +Errungenschaften der Teerfarbenchemie in wirtschaftliche Werte um. Von den +zahlreichen großen Fabriken dieser Art sei nur die größte, die im Jahre +1865 gegründete _Badische Anilin- und Sodafabrik_ in Ludwigshafen am Rhein, +mit einigen Ziffern gekennzeichnet, um von der Ausdehnung dieser Industrie +einen kleinen Begriff zu geben: + +Diese Fabrik beschäftigt heute über 200 Chemiker, 150 Ingenieure, +900 kaufmännische Beamte und über 8000 Arbeiter. Der Grundbesitz der Fabrik +beträgt 220 +ha+. Davon sind 411 200 +qm+ mit 450 Fabrikgebäuden, +656 Arbeiter- und 108 Beamtenwohnungen bebaut. Sie verbraucht jährlich etwa +35 000 Waggons Kohlen. Damit werden 160 große Dampfkessel geheizt, die +386 Dampfmaschinen treiben und 25 000 Pferdestärken erzeugen. Es werden +jährlich 50 000 000 Kubikmeter Wasser und 12 000 000 Kilogramm Eis +verbraucht. Eine eigene Gasfabrik liefert etwa 22 000 000 Kubikmeter Gas +zur Heizung und Beleuchtung. Außerdem sind Dynamomaschinen mit zusammen +10 000 Pferdestärken vorhanden, die 500 Elektromotoren, 1400 Bogenlampen +und 20 000 Glühlampen mit Elektrizität versorgen. + +Neben dieser Fabrik sind vor allem die Farbwerke vormals Meister, Lucius +und Brüning in Höchst am Main hervorzuheben (Abb. 18). + + [Illustration: Abb. 18. Gesamtansicht der Farbwerke vormals + Meister, Lucius u. Brüning, Höchst a. M.] + +Es sind heute insgesamt ungefähr siebzig Teerfarbenfabriken in Tätigkeit, +die jährlich Farbstoffe im Werte von über 200 000 000 Mark erzeugen und die +Farbengier der ganzen Welt befriedigen. Das Kopftuch der Böhmin, der Schal +der Kreolin, der Sombrero des Mexikaners, der Fez des Türken, das Gewand +des Muezzin, der feine Perser- und der billige Juteteppich, die +Steinnußknöpfe des Negers, der Turban des Mohammedaners, die bunten +Plakate der Tanzunterhaltungen, die Ornamente der Tanzordnung, die Schuhe +und Seidengewänder der Ballkönigin, die Uniform des Marschalls und des +gemeinen Soldaten, die Kutte des Mönches und der Purpur des Kardinals, der +Hut des Bettlers und die Schleppe der Königin, sie alle sind geziert, +geschmückt und gefärbt durch die wunderbaren Stoffe, die, aus der dunklen, +toten Kohle hervorgezaubert, den Triumph des regenbogenfarbigen Lebens +verkünden. So erwächst aus der Vernichtung der Vorwelt das Streben und die +Bejahung eines neuen Lebens, so folgt auch hier dem frostigen, dunklen +Winter ein neuer lichter Frühling, ein Wiedererwachen der schlummernden +Kräfte und Möglichkeiten der Natur. Ein geringer Stoff, die Kohle, ist zur +Königin geworden, weil er, ohne sich vorzudrängen, im Bewußtsein seines +Wertes seine Zeit abwartete. + +Hat hier die Chemie mit milder Ruhe farbige Schönheit geschaffen, so hat +sie in der Erzeugung von gewaltigen Zerstörungsmitteln, in der Steigerung +der menschlichen Kraft und Leistungsfähigkeit nicht weniger geleistet. Wenn +wir heute keine uneinnehmbaren Festungen mehr kennen, wenn wir die +mächtigsten Kriegsschiffe durch Torpedos vernichten, Felsen sprengen und +durchbohren, den Atlantischen Ozean mit dem Stillen verbinden und Berge +versetzen können, so ist dies nur möglich durch die wunderbar gewaltigen +Kräfte, die -- dank der Entwicklung der Chemie -- in einer kleinen +Stoffmenge aufgehäuft werden können, durch Kräfte, die wie gefesselte +Riesen, sich ruhig verhalten, bis die Fessel gelöst ist, durch jene Stoffe, +die nach der Art ihrer Wirkung, als _Sprengstoffe_ bezeichnet werden. + +Bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein war nur _ein_ Sprengstoff in +Verwendung, das bekannte Schießpulver, das eine Mischung von Kohle, +Schwefel und Salpeter ist, durch dessen Entzündung und darauffolgende +Verbrennung große Gasmengen so rasch gebildet werden, daß die fesselnde +Kapsel des Pulvers zersprengt und jedes Hindernis, das sich der Ausdehnung +der Gase in den Weg stellt, fortgeschleudert wird, daß, mit anderen Worten, +eine Sprengwirkung eintritt. Diese Mischung war vielleicht schon Hannibal +bekannt. Jedenfalls bedeutet das unklare Wort »+acetum+«, womit, wie Livius +sagt, Hannibal die seinen Marsch behindernden Felsen aus dem Wege räumte, +einen schießpulverähnlichen Sprengstoff, und nicht, wie die Philologen +sonderbarerweise meinen, »Essig«. + +Als zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die Chemie mündig ward, da wurde +nicht nur die Zahl der Sprengstoffe bedeutend vermehrt, sondern auch ihre +Wirkungskraft ins Riesenhafte erhöht. (Dabei spielt besonders die +Verwendung der Salpetersäure und der Salpeterschwefelsäure eine große +Rolle.)[1] Es wurde -- um nur die wichtigsten Produkte zu nennen -- die +Schießbaumwolle, das Dynamit, die Pikrinsäure und die Sprenggelatine +dargestellt. Die Schießbaumwolle ist heute ein Hauptbestandteil der meisten +rauchlosen Pulver, das Dynamit und die Sprenggelatine werden zu technischen +Sprengungen aller Art verwendet, während die Pikrinsäure den +Hauptbestandteil des französischen Melinits bildet, und das englische +Geschützpulver Lyddit nichts anderes ist als geschmolzene Pikrinsäure. + + [1] Über die vielseitige Verwendung der Salpetersäure und der + Salpeterschwefelsäure in der Sprengstoffabrikation wie in der + chemischen Technik überhaupt gibt die beifolgende Tabelle aus + dem »Deutschen Museum« Aufschluß: + + Die Verwendung der Salpetersäure in der chemischen Technik. + | + | + +-----+-----+--------+----+---+--+------+------+-----+------+----+------+ + | | | | | | | | | | | | + Schweflige| Ammoniak | Silber | Eisen |Quecksilber | Zucker, | + Säure | | | | | | | | | Holz etc. | + | | | | | | | | | | | | + | Salzsäure | Arsenik | Kalk | Thorerde | Alkohol | Stärke + | | | | | | | | |\____ | | | + | | | | | | | | | \| | | + Schwefel- | Ammon- | Silber- | Eisennitrat | Quecksil- | | | + säure | salpeter | nitrat | (Seiden- | bernitrat | Oxal- | + | | | | | färberei) | (Filzfa- | säure | + | | | | | | brikation) | | + | | | | | | | Dextrin + Königs- | Arsen- | Kalksalpeter Thornitrat Knall- + wasser | säure | (künstl. Dünger) | queck- + | | | | silber + (Sprengstoffe, | | (Glühkörper) + Lachgas) | | + | | + (Fuchsin) | + | + (Chlor-, Brom-, + Jodsilber etc.) + + + + Salpeterschwefelsäure + | + | + +-------+--------+------+------+----+----------+------+------+---------+ + | | | | | | | | | + Glycerin | Benzol | Phenol | Naphtol | Benzaldehyd + | | | | | | | | | + | Cellulose | Toluol | Naphtalin | Zimmtsäure | + | | | | |\_____ | | | | + | | | | | \ | | | | + Nitro- | Nitrobenzol | | Pikrinsäure | | Nitro- | + glycerin | | | | | | | zimmtsäure | + | | | | | | Nitro- | | | + | Nitrocellulose | Nitrotoluol | | naphtalin | | Nitrobenz- + | | | | | | | | | aldehyd + | | (Anilin) | Nitrophenole | | Martiusgelb | | + | | | | | +----+---+ + | (Collodium, | | | | | + | Celluloid, (Toluidin) | | (Naphtylamine) | + | Kunstseide, | | (Indigo) + | Explosivstoffe) (Amidophenole) | + | | + Dynamit (Pikratsprengstoffe) + (Sprengge- + latine etc.) + + Metallätzung: + Kupfer- und Stahlätzung (graphische Kunst), Gelbbrennen des Messings, + Färben des Goldes, Weissblechätzung. + +Alle diese Sprengstoffe entstehen durch die Einwirkung der für sich nicht +explosiven Salpetersäure auf ganz »unschuldige« Stoffe wie Baumwolle, +Glyzerin oder Phenol, das auch Karbolsäure genannt wird. Hier bewährt sich +wieder das Dichterwort: Verbunden werden auch die Schwachen mächtig. + +So verwandelt die Salpetersäure die Baumwolle in Schießbaumwolle, das +Glyzerin in das ölige Nitroglyzerin, die Karbolsäure in Pikrinsäure. Die +Schießbaumwolle wird entweder für sich angewendet oder mit Nitroglyzerin +vermischt (Sprenggelatine), oder mit Pikrinsäure vermischt (Melinit). + +Geschmolzene Pikrinsäure bildet den Lyddit. Das Nitroglyzerin hingegen, +eine ölige Flüssigkeit von gelber bis bräunlicher Farbe, findet in reinem +Zustand wegen seiner ungeheuren Explosivität keine Anwendung und muß, um +verwendbar zu werden, erst von Kieselgur, einer lockeren Erde, aufgesaugt +werden. Es heißt in dieser, von Alfred Nobel entdeckten Form, Dynamit +(Abb. 19). + +So ist das alte, rauchige, schwarze Schießpulver seiner höchsten Ehren +entkleidet worden. Nur zwei Gebiete sind seinem Machtbereich zum Teil +verblieben, die Jagd und die Feuerwerkerei. + +Die meisten der in der Feuerwerkerei unter dem Namen »_Feuerwerksätze_« +verwendeten Mischungen bestehen aus Schwarzpulver oder einer aus seinen +Bestandteilen, also aus Salpeter, Schwefel und Kohle, zusammengesetzten +Mischung, wobei je nach dem Zweck der eine oder andere dieser Bestandteile +überwiegt. Bei Leuchtsätzen, wo es also darauf ankommt, ein helles, +lebhaftes Licht zu erzielen, wird der Salpeter ganz oder teilweise durch +chlorsaures Kali ersetzt. Während die Leuchtsätze hauptsächlich chlorsaures +Kali, Salpeter und Schwefel, sowie färbende Bestandteile enthalten und als +Treibmittel für sie Schießpulvermehl verwendet wird, ist bei den +Brandsätzen dem Schießpulvermehl noch ein leicht verbrennlicher Körper +zugemischt, der so langsam verbrennt, daß er während des Brennens genügend +Zeit hat, andere Stoffe in Brand zu setzen. + +Die farbigen Feuer entstehen durch die Beimengung verschiedener Salze zu +den Leuchtsätzen. So wird für weiße, hell leuchtende Feuer, für +Leuchtkugeln, Signale usw. Magnesium als Grundlage benutzt. Grüne Farben +werden durch die Beimischung von Barytsalzen, rote durch Strontiumsalze, +blaue durch Kupfersalze und gelbe durch besonders große Mengen von Schwefel +und Salpeter erzeugt. + + [Illustration: Abb. 19. Apparat zur Herstellung von Dynamit. + (Aus der Aktiengesellschaft Dynamit Nobel, Wien.)] + +Nicht minder interessant und nicht minder wichtig als die mächtigen +Sprengstoffe sind die _Zündstoffe_, die uns in Form von Zündhölzchen +unentbehrlich geworden sind. Die Schwierigkeit und Unbequemlichkeit der +Feuerherstellung durch Stein und Zündschwamm können wir uns heute kaum mehr +vergegenwärtigen. Die einst vielbewunderte, uns plump erscheinende +Döbereinersche Zündmaschine, in der durch die Einwirkung von Schwefelsäure +auf Zink Wasserstoff erzeugt wird, der sich am Platinschwamm entzündet, ist +für uns nichts anderes als eine historische Merkwürdigkeit, ein Kuriosum +der Physikstunde. Und die Chanceschen Tunkfeuerzeuge, zu deren Gebrauch man +stets ein Fläschchen Schwefelsäure bei sich tragen mußte, um die trägen +Schwefelhölzchen zu entzünden, erscheinen uns heute ebenso gefährlich wie +unangenehm. Und mit Recht. Denn heute sind wir in der Lage, ein Streichholz +zu entzünden, ohne eine Flüssigkeit bei uns zu tragen, und ohne Gefahr +einer Selbstentzündung oder Vergiftung. Diese Gefahr der Selbstentzündung, +Vergiftung und Explosion bestand selbst bei den ersten Phosphorhölzchen, +und diese Nachteile mußten Schritt für Schritt durch mühselige, harte +Arbeit beseitigt werden. Zunächst setzte man die Entflammbarkeit des +Zündholzkopfes durch Zumischung von Schwefelnatrium und anderen Substanzen +herunter. + +Doch auch diese Hölzchen waren äußerst giftig und gefährlich, sowohl bei +der Herstellung wie bei der Verwendung, so daß nicht nur der Absatz +schwierig, sondern die Beschaffung von Arbeitern fast unmöglich war. Erst +gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden diese Mißstände behoben, indem +es gelang, den giftigen gelben Phosphor durch einfaches Erwärmen in eine +neue, ungiftige Abart, den roten, amorphen Phosphor zu verwandeln, der eine +neue Großindustrie, die Fabrikation der »schwedischen« Zündhölzchen, +ermöglichte. Die schwedischen Zündhölzer enthalten keinen Schwefel und +keinen Phosphor. Ihre Zündmasse besteht aus einem Gemenge von chlorsaurem +Kali, chromsaurem Kali, Glaspulver und Gummi als Bindemittel. Sie entzünden +sich nur an einer zubereiteten Reibfläche, die ein Gemenge von gleichen +Teilen von rotem amorphem Phosphor, Schwefelkies und Schwefelantimon +enthält. + +Die Zündhölzchenindustrie hat in verschiedenen Ländern eine große +Ausdehnung gewonnen. Schweden allein führte im Jahre 1897 über +10 000 000 Kilogramm aus. Und so schien es, als wäre durch die Gründung +solch großer Industrien die alte Frage des »Feueranmachens« zu endgültiger +Entscheidung gekommen. Aber für den menschlichen Geist gibt es keine +»endgültige« Entscheidung. Er steht nicht still, darf nicht still stehen. +»Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück, er, unbefriedigt jeden +Augenblick«. Und dieses Weiterschreiten ist oft ein scheinbares Zurückgehen +auf Altes. Ein solches Zurückgehen auf alte Feuerzeuge wird heute mit den +modernen Hilfsmitteln der Chemie versucht. + +Man hat gefunden, daß Zer, eines der selteneren Metalle, wenn es mit +30% Eisen zusammengeschmolzen wird, einen Stoff mit merkwürdigen +Eigenschaften ergibt. Fährt man mit der Klinge eines Taschenmessers oder +mit der Spitze einer Feile über eine solche Zer-Eisen-Mischung hinweg, so +entstehen, ohne Rauchentwicklung, Funken und Flammen von gewaltiger +Zündkraft, so daß hiermit ein an sich ganz unexplosiver Zündstoff gegeben +erscheint. Läßt man die Funken einer solchen Zer-Eisen-Legierung auf einen +mit Petroleum oder Benzin getränkten Docht überspringen, so entsteht eine +dauernde Flamme. Diese als _Feuerträger_ oder Pyrophore bezeichneten +Legierungen nutzen sich sehr wenig ab und werden wegen ihrer guten +Eigenschaften als Zigarrenanzünder und für ähnliche Zwecke gern verwendet. +Ob sie in der Zukunft eine bedeutende Rolle spielen werden, bleibt +abzuwarten.[2] + + [2] Geitel, Siegeslauf der Technik. + +So hat die Chemie den Menschen befähigt, mit jenen Urmächten der Natur zu +wetteifern, die die Erde aus dem Innern heraus erbeben machen, die auf der +Sonne ihr wildes Spiel treiben, die Welten zertrümmern, um Welten +aufzubauen. Aber der Mensch ist darin der Natur gleichgekommen, ja man +möchte fast sagen, er hat sie übertroffen, da er die Mächte, die er in der +Form von Sprengstoffen erzeugt, gefesselt, gebunden und derart unter seine +Herrschaft gebracht hat, daß sie genau die von ihm verlangte Arbeit leisten +und die erwartete Wirkung eintreten lassen. Ja, er hat sie so gebändigt und +in gewünschter Stärke gestaltet, daß sie in Form von Zündholzchen von jedem +Kinde gehandhabt werden können und in Form von Raketen und Feuerwerken in +genau vorherbestimmten Formen und Farben gegen den Himmel steigen, aus dem +Prometheus das erste Feuer zur Erde brachte. + +Hat diese Wirkung ins Große und Ferne, die durch die Chemie ermöglicht +wurde, unser Interesse in hohem Maße gefesselt, so verdient die Wirkung, +die uns die Chemie auf das Kleine und Nahe ausüben läßt, nicht minder +unsere Aufmerksamkeit. In der Tat, es ist nicht weniger bedeutsam, die +Vorgänge unseres Leibes sowie unser körperliches Wohlbefinden zu +beherrschen und körperliche Schäden, Gebrechen und Leiden zu beseitigen, +als Felsen zu durchbohren und Weltmeere miteinander zu verbinden. + +Es ist bemerkenswert, daß mit dem Aufblühen der Chemie auch die Medizin +einen ungeheuren Aufschwung nahm und aus dem Gebiete der Wunder und des +Aberglaubens einen Höhenflug im Reich der Wissenschaft antrat, der heute +noch nicht beendet ist. Die Zeiten, wo man, abergläubischer Überlieferung +folgend, gegen Rheumatismus ein paar Kastanien bei sich trug, das +Schöllkraut wegen seines gelben Saftes gegen Gelbsucht, die rotgefleckten +Blätter des Wasserbluts wegen ihrer Färbung als Wundmittel, die stacheligen +Blätter der Distel ihrer Stacheln wegen gegen Seitenstechen empfahl, sind +vorüber und damit auch die Zeiten der Beschwörungen und Alraune. Man ist +gründlicher geworden und haftet nicht mehr an der oberflächlichen +Erscheinung. Seitdem man die Ursache der Gelbsucht kennt, sucht man Mittel, +diese _Ursache_ zu beheben und ist nicht mehr damit zufrieden, dem +Gelbsüchtigen irgendeine gelbe Flüssigkeit einzugeben. Seit es Wöhler 1828 +gelang, den bis dahin nur im Tierkörper vorgefundenen Harnstoff künstlich +darzustellen, ist die Fabel, daß die Vorgänge des Körpers nicht den +chemischen, sondern ganz eigenartigen Lebensgesetzen folgen, immer mehr +entkräftet und widerlegt worden. Heute weiß man, daß der lebende Organismus +denselben chemischen Gesetzen untersteht wie die sogenannten anorganischen +Stoffe. Erst auf Grund dieser Erkenntnis konnte man die Chemie der Vorgänge +im tierischen Körper recht studieren und chemischen Mängeln des Organismus +mit chemischen Hilfsmitteln begegnen. Erst seitdem man die Chemie des +Blutes kennt, läßt sich Bleichsucht und Blutarmut erfolgreich behandeln. +Erst seitdem man die Säfte des Magens gründlich erforscht hat, kann man den +»chemischen« Magenbeschwerden beikommen. Erst seitdem man die Chemie des +Verdauungsprozesses genau kennt, ist man in der Lage, dem Zuckerkranken die +entsprechende Kost vorzuschreiben. + +Eine große Menge neuer Heilmittel ist aus demselben Stoff durch ähnliche +Prozesse dargestellt worden, dem wir auch die Anilinfarben verdanken, aus +dem Steinkohlenteer, der also gleichsam ein Extrakt nicht nur der +Farbenpracht, sondern auch der Heilkraft einer längst vergangenen +Pflanzenwelt ist. Die Wirkungsweise dieser neuen Heilmittel ist durch +gründliche Proben festgestellt worden. Von den nach Tausenden zählenden +Medikamenten dieser Art seien hier beispielsweise das Aspirin, Phenazetin, +Pyramidon, Migränin, Veronal, Melubrin und Sulfonal genannt (Abb. 20). + +Auch die Pflanzen- und Tierwelt bietet die Mittel zur Herstellung +medizinisch wertvoller Substanzen. So werden aus den Blättern der +tropischen Kokapflanze das betäubende Kokain, aus tierischen Organen das +blutdruckerhöhende Adrenalin usw. gewonnen. + +Noch wunderbarer als die Wirkung dieser Mittel sind die Erfolge der +sogenannten Serumchemie, die hauptsächlich auf dem Gebiete der durch +Bakterien verursachten Krankheiten große Triumphe zu verzeichnen hat. Das +Serum, die Blutflüssigkeit, in der die roten und weißen Blutkörperchen +umherschwimmen, ist, gleichsam als Auszug und Träger des Lebens, von der +Natur mit außerordentlichen Kräften und einem besonders starken +»Lebenswillen« bedacht worden. Es hat den Willen, sich zu erhalten, sich +gesund zu erhalten. Und es wehrt sich mit seiner ganzen Kraft gegen den +Einfall einer fremden Macht. Es sind im Serum Schutzmittel enthalten, die +eingewanderte Bakterien abzutöten vermögen. Ein Einfall _Gift_ +ausscheidender, krankheitserregender Bakterien in das Blut wird von dem +Serum mit der sofortigen Erzeugung von Gegengiften beantwortet, die die +Giftwirkung der Bakterien aufheben. So kämpft das Serum mit der Krankheit; +sein Sieg bedeutet Leben, seine Niederlage Tod. + + [Illustration: Abb. 20. Verpackungssaal der Firma Farbenfabriken + vormals Friedrich Bayer & Co. A.-G., Elberfeld.] + +Hier hat nun die Chemie eingegriffen und es ist ihr gelungen, ihr hohes +staunenswürdiges Ziel zu erreichen, nämlich die Wehrkraft des Serums zu +erhöhen. Wird nämlich das Gift krankheitserregender Bakterien zunächst in +ganz kleinen, dann allmählich steigenden Mengen einem gesunden Tiere, z. B. +einem Pferde, in die Adern eingespritzt, so erzeugt das Serum dieses Tieres +wachsende Mengen von Gegengift, so daß es an »Wehrkraft« stets zunimmt. +Wird nun ein solches Tierserum unter die Haut eines an der entsprechenden +Krankheit leidenden Menschen eingespritzt, so wird die »Wehrkraft« des +Serums dieses Menschen ebenfalls bedeutend erhöht (Diphtherieheilserum). + +Die Medizin ist überdies durch die von der Chemie erzeugten zahlreichen, +wirksamen und billigen mikrobenvernichtenden Desinfektionsmittel, wie +Karbol, Chlorkalk, Sublimat, Ozon, Lysol, gefördert worden. Späterhin hat +man die Desinfektion in der Form von Konservierungsmitteln auch auf das +Gebiet der Nahrungsmittel übertragen und zwar zur Hintanhaltung der +Fäulnis, der Gärung usw. Unter den üblichen Konservierungsmitteln sind +besonders Salizylsäure, Borax und Formaldehyd zu nennen. + +Aber nicht nur auf dem Gebiete der Heilkunde hat die Chemie für das Leben +und die Sicherheit des Menschen Großes getan, sondern sie hat sich auch auf +dem ihr scheinbar ferner liegenden Gebiete des Gerichtswesens verdient +gemacht. Sie hat gegen den Aberglauben gekämpft, Recht und Schuldlosigkeit +zu Ehren gebracht und den Verbrecher eingeschüchtert. So weiß man heute, +daß Erkrankungen infolge Genusses von Wurst, Fischen, Austern oder Fleisch +meist nicht die Folge absichtlicher Vergiftungen sind, sondern darin ihren +Grund haben, daß diese tierischen Stoffe, wenn sie faulen, gefährliche +Gifte, die sogenannten Leichengifte, in sich anhäufen. Die Chemie hat +ferner Mittel und Wege gefunden, Menschenblut, selbst in kleinsten Spuren, +als solches zu erkennen und scharf von jedem anderen Tierblute zu +unterscheiden. Diese Möglichkeit, die tierischen Blutarten mit Gewißheit +voneinander zu unterscheiden, ist der Serumchemie zu verdanken. Gründliche +Untersuchungen auf diesem Gebiete haben ergeben, daß ein mit Menschenblut +geimpftes Kaninchen ein Serum liefert, das nur mit klarer +Menschenblutlösung einen Niederschlag gibt, während Impfung mit Ochsenblut +ein nur Ochsenblut fällendes, Impfung mit Schweineblut nur Schweineblut +fällendes Serum hervorbringt. Dadurch kann man das Blut einer Tierart von +dem jeder anderen Tierart gut unterscheiden. Allerdings muß man sich +hierbei vor Augen halten, daß verwandte Tiergattungen gleichartige, wenn +auch nicht gleich starke Fällungen mit den betreffenden Serumarten ergeben. +So fällt Schweine-Kaninchen-Serum auch Wildschweinblut, +Pferde-Kaninchen-Serum Eselblut, Menschen-Kaninchen-Serum auch Affenblut +aus. + +Hier wird die entwicklungsgeschichtliche Tierforschung unmittelbar von den +Ergebnissen der Serumchemie angeregt und befruchtet. Denn die eben +angeführten Ergebnisse belehren uns über die Verwandtschaft der +Tiergattungen und erleichtern so die Aufstellung eines wirklich richtigen +Stammbaums der Tierwelt. Sie zeigen, daß das Blut _einer_ Gattung für die +_andere_ Gift ist, daß die Essenz der Fruchtbarkeit der einen Art für die +andere Art und für jede andere Art eine Essenz der Unfruchtbarkeit und des +Todes ist, und daß das jeder Gattung eigentümliche Serum ein Schutzwall +ist, den die Natur zum Zweck der Erhaltung um die Gattung gezogen hat. Nur +die Entstehung dieser Schutzmittel ermöglicht die Entstehung der Arten aus +gemeinsamem Ursprung, und nur die Erhaltung dieser Schutzmittel die +Erhaltung der Arten. Nur dadurch ist es erklärlich, daß Pferd und Esel nur +eine unfruchtbare Nachkommenschaft hervorbringen, und daß Tiere, die in der +Verwandtschaftsreihe noch weiter auseinanderstehen, eine Nachkommenschaft +überhaupt nicht hervorbringen können. Daher ist in instinktiver Voraussicht +der Unnatürlichkeit einer Verbindung auch zwischen den großen Rassen der +Menschheit eine gegenseitige Abneigung zu finden. + +Ohne dieses Schutzmittel der Natur würden im Laufe der Zeit nicht nur alle +menschlichen Rassen in eine aufgehen, sondern auch die Tiergattungen würden +Schritt für Schritt, langsam und allmählich sich miteinander vermischen und +eine gleichförmige Gattung bilden. Ähnliches würde in der Pflanzenwelt +Platz greifen, und offenbar würde dann auch die leblose Welt die Kraft, +sich dem Charakter des Stoffes gemäß zu gestalten, das heißt, zu +kristallisieren, verlieren und im Zustande einer Urmischung verharren. So +verkörpert die Kristallgestalt der Gesteine, das Eiweiß der Pflanzen und +das Serum der Tiere, den gestaltenden, vom Allgemeinen zum Besonderen +gehenden Trieb der Natur, den Willen des formenden Lebens. Sie ermöglichen +es, daß aus großem, festem, gleichförmigem Grundstoff die Natur sich +vielgestaltig und mannigfaltig erhebt, wie die tausend Türmchen, Männchen +und Ungeheuer eines gotischen Domes. + +Nach dieser kleinen Abschweifung wollen wir nun auf ein neues Gebiet der +»Romantik« der Chemie übergehen, auf die _Wohlgerüche und Riechstoffe_. + +Schon die ältesten Kulturvölker Asiens sammelten die in der Natur +vorkommenden wohlriechenden Kräuter, schätzten sie als Kostbarkeit und +boten sie als höchste Gabe dem Heiligsten und Liebsten, den Göttern und den +Toten dar. Wohlriechende Stoffe, wie Weihrauch, Zimt, Myrrhen usw., wurden +den Göttern als Rauchopfer dargebracht und zum Einbalsamieren der Toten +verwendet. + +Erst später kam die Sitte oder vielmehr die Unsitte auf, dem eigenen +lebenden Leib durch fremdartige Riechstoffe »Wohlgeruch« zu verleihen, eine +Unsitte, die bei den Griechen und Römern in den wahnsinnigsten Luxus +ausartete, die Völker zur Befriedigung unnützer, erkünstelter Bedürfnisse +verleitete, ihre Gedanken auf Nichtigkeiten lenkte, ihr Mark entnervte und +schließlich den Baum ihres Lebens vom Wipfel herab bis zur Wurzel tödlichem +Siechtum preisgab. + +So sind diese Riechstoffe, in höherem Grade als die anderen Gaben der Natur +und der sie benutzenden Chemie, ein zweischneidiges Schwert. Geister, die +nur ein weiser Zaubermeister, aber niemals ein törichter Zauberlehrling +lenken kann. Denn bei diesem wird aus dem gefesselten Maß unbeschränkte +Maßlosigkeit: in der Hand des der Zucht entbehrenden Zauberlehrlings wird +der nützliche Sprengstoff ein Mittel zu vernichtender Revolution, das +heilsame Morphium führt zum Morphinismus, und die Farbe, ohne Sinn, als +Selbstzweck angewendet, verdirbt sowohl den Geschmack als die Kunst. + + [Illustration: Abb. 21. Destillierblase.] + +Auch auf dem Gebiet der Riechstoffe ist jahrtausendelang, bis zum Erwachen +der modernen Chemie, ein Stillstand zu verzeichnen, man war mit den von der +Natur dargebotenen Riechstoffen zufrieden und verstärkte sie nur durch die +altbekannte Kunst des Destillierens (Abb. 21). + +Erst im neunzehnten Jahrhundert wurde die wichtige Tatsache entdeckt, daß +die pflanzlichen Riechstoffe, die sogenannten ätherischen Öle, den Pflanzen +durch Dampf, sogenannte Dampfdestillation, entzogen werden, daß sie nach +der Abkühlung des Dampfes auf dem kondensierten Wasser schwimmen und so +leicht abgeschöpft werden können. Dies gab der Riechstoffindustrie, z. B. +der Fabrikation des Kümmelöles, einen neuen Aufschwung. Andere Riechstoffe, +wie Bergamottöl, Zitronenöl, Pomeranzenöl, werden durch Auspressen der +Fruchtschalen gewonnen. Blütenparfüme werden entweder durch erwärmtes Fett +oder durch gewisse Lösungsmittel, wie Benzin, Chloroform usw., +»ausgezogen«, und hierauf das Lösungsmittel durch Wärme abgetrieben, so daß +der Riechstoff hinterbleibt (Abb. 22, 23). + + [Illustration: Abb. 22. Aus der Fabrik ätherischer Öle + Schimmel & Comp., Miltitz-Leipzig.] + +Solche »Blumenauszüge« sind natürlich sehr kostspielig, da sehr große +Blütenmengen zur Herstellung nennbarer Riechstoffmengen erforderlich sind. +Zur Fabrikation von 1 Kilogramm Orangenblüten- oder Rosenblütenauszug sind +700 Kilogramm frische Blüten, zur Herstellung von 1 Kilogramm +Veilchenblütenauszug, der einen Wert von über 3000 Mark hat, 1000 Kilogramm +Blüten nötig. + +Nur die südliche Natur verschwendet an ihre Flora die Wohlgerüche in +reichlicher Weise. Die nordische Natur ist karger. So ist denn in dieser +Hinsicht Frankreich und Italien wohl versorgt, Deutschland aber infolge +seiner Lage auf die südlichen Länder angewiesen. Deshalb hat es mit aller +Kraft versucht, durch die Chemie sich zu verschaffen, was ihm die Natur +versagt hat, so hat es »künstliche Riechstoffe« hergestellt, aus dem +billigen Öl des indischen Zitronengrases das kostbare Veilchenparfüm, +Jonon, aus dem gewöhnlichen Nelkenöl den wertvollen Riechstoff der Vanille, +das Vanillin, aus dem Terpentinöl das fliederduftige Terpineol, aus dem als +Safrol bekannten Öl das angenehme Heliotropin. + +Ist die Farbenpracht und die Heilkraft der Steinkohlenpflanzenwelt in den +Teerfarbstoffen und den modernen Heilmitteln wiedererstanden, so haben die +Chemiker auch den alten Duft aus dem Steinkohlenteer hervorgezaubert und +eine Reihe feiner Riechstoffe daraus dargestellt, indem sie die +Karbolsäure, das Benzol, das Toluol, die Salizylsäure usw. verarbeiteten. +So liefert die Karbolsäure das Wintergrünöl, das Benzol einen Jasminduft, +das Toluol ein künstliches Bittermandelöl und ein Zimtöl und die +Salizylsäure den als Cumarin bezeichneten Heu- und Waldmeistergeruch. + + [Illustration: Abb. 23. Aus der Fabrik ätherischer Öle + Schimmel & Comp., Miltitz-Leipzig.] + +Eine große Verwendung finden alle diese Riechstoffe in der +Toiletteseifenindustrie. Die gewöhnliche, grobe Seife wird durch Kochen von +Fetten mit Ätznatron dargestellt, wobei man das nützliche Glyzerin als +Abfallstoff erhält. Den so dargestellten Seifen werden zur Verwandlung in +Toiletteseifen Riechstoffe zugesetzt, um das Waschen und Sichreinigen zu +einer nicht nur nützlichen, sondern auch angenehmen Tätigkeit zu machen. + +Wir haben nun verschiedentlich die mit Hilfe der Chemie erlangten +Luxusgaben der Pflanzenwelt betrachtet, die einer bequemeren und schöneren +Ausgestaltung unseres Leben dienen. Doch dürfen wir darüber nicht die +notwendigen Gaben vergessen, ohne die ein tierisches Leben und eine +menschliche Kultur nicht möglich ist. Die gütige Allmutter Natur bringt das +nährende Weizenkorn hervor, dem die Kraft innewohnt, in einen hohen, +ährenbeschwerten Halm auszuwachsen, wenn es in dem »richtigen« Boden ruht. +Der Mensch ackert und streut seine Saat und hofft »daß sie entkeimen werde +zum Segen nach des Himmels Rat«. Und lange, lange Zeit wird er auf gutem +Ackerboden in dieser Hoffnung nicht enttäuscht. Reichlich und gern bringt +da die Natur das Gewünschte hervor. Aber nach und nach ermattet auch der +Acker, die Ernte wird kümmerlicher, und schließlich versagt der Boden ganz, +selbst wenn die Saat noch so kräftig und gesund ist. + +Das Weizenkorn gleicht eben einem Säugling. Es hat die Kraft, groß zu +werden, aber nur, wenn ihm genug Nahrung zugeführt wird. Und eben das, was +für den Säugling die Mutterbrust, ist für das Weizenkorn der Ackerboden. +Ist die Mutterbrust milcharm, so gedeiht der Säugling ebensowenig wie das +Weizenkorn im erschöpften Ackerboden. + +Das haben die Ackerbauer längst gemerkt. Sie fühlten, daß sie mit der +geernteten Frucht ein unbekanntes Etwas dem Boden entziehen. Und so gaben +sie, um die Kraft des Ackers zu erhalten, ihm das, was von der Ernte +schließlich übrig blieb, den tierischen Dünger, wieder zurück. Die +Wissenschaft selbst hätte nichts besseres raten können, als Düngen des +Ackers. + +Noch etwas lehrt den Bauer eine einfache Überlegung, für die erst nach +jahrtausendelanger Übung von der Wissenschaft eine befriedigende Erklärung +gefunden wurde. Nämlich, daß der in die Erde versenkte Teil der Pflanze +atmet und offenbar im Laufe der Zeit den Ackerboden vergiftet. Instinkt und +Erfahrung, Zufall und Überlegung lehrten ihn die Notwendigkeit der +Ackerlüftung, des Pflügens. + +Die Anschauung des Ackerbauers, daß die Nahrung der Pflanze im Ackerboden +enthalten sei und diesem -- soll der Acker fruchtbar bleiben -- stets +zugeführt werden müsse und zwar in demselben Ausmaße, wie sie mit der Ernte +fortgeführt werde, wurde durch die chemischen Forschungen des großen Justus +Liebig bestätigt, aufgeklärt und vervollkommnet, und damit eine neue +Wissenschaft, die _Agrikulturchemie_, begründet. + +Die Grundlehre dieser »Ackerbauchemie« ist die Tatsache, daß das Skelett +der Pflanze, dessen sie zu ihrem Gedeihen ebenso bedarf wie der Mensch, aus +mineralischen Stoffen aufgebaut ist. Wenn wir einen Halm oder ein +Weizenkorn verbrennen, so hinterbleibt stets ein mineralischer Rückstand, +eine Asche, die eben vom Ackerboden herrührt. Es werden also mit jeder +Ernte dem Acker große Mengen gewisser wichtiger Minerale entzogen, so daß +der Boden stetig ärmer an diesen Stoffen wird. Die meisten von ihnen, z. B. +die Kieselsäure, sind überall in reichlichem Maße vorhanden, so daß eine +Erschöpfung kaum jemals eintritt. Gewisse andere Stoffe hingegen, die +ebenfalls für den Aufbau des Pflanzenkörpers unentbehrlich sind, z. B. +Kali, Phosphorsäure und Stickstoff -- dieser entweder in der Form von +Ammoniak oder Salpeter -- sind spärlicher vorhanden, so daß sie einem +regelmäßig benutzten Ackerboden stets wieder zugeführt werden müssen, da +sonst eine rasche Abnahme der Fruchtbarkeit des Bodens eintritt. Die Chemie +hat gezeigt, daß ein Boden, dem alles Kali, alle Phosphorsäure und aller +Stickstoff entzogen sind, keinen Samen zur Entwicklung bringen kann, sie +hat gezeigt, wie vom Vorhandensein dieser Stoffe der Blattreichtum, die +Halmgröße und der Körnerreichtum der Pflanze abhängt. Man hat genau +berechnet, wieviel Kali, wieviel Phosphorsäure, wieviel Stickstoff mit +jeder Ernte aus einem Hektar Ackerlandes weggeführt wird, also wieviel von +jedem Bestandteile dem Acker wieder zugeführt werden muß, wenn die +Ergiebigkeit des Bodens nicht vermindert werden soll. Man hat gefunden, daß +diese Stoffe in rein mineralischer Form als Kalisalz, als löslicher +phosphorsaurer Kalk, als Salpeter, als schwefelsaures Ammoniak zugeführt, +ebensogut wirken wie der natürliche Dünger, und man ist aus diesem Grunde +heute fast ganz zur Verwendung der künstlichen Düngemittel übergegangen. +Dies ist insbesondere durch das ungeheure Anwachsen der Großstädte nötig +geworden, die den größten Teil des auf dem Lande erzeugten Getreides +verzehren, so daß infolge dieser örtlichen Scheidung zwischen Erzeugung und +Verbrauch an eine Zurückführung des tierischen Düngers nicht mehr zu denken +war, zumal dieser durch die heute üblichen großstädtischen Abwasseranlagen +und die damit verbundene große Verdünnung mit Wasser für die Landwirtschaft +kaum mehr nutzbringend verwendet werden kann. + +Der Urwald mit seinem jungfräulich fruchtbaren Boden bedarf keiner Düngung. +Denn solange er Urwald bleibt und kein Baumstamm aus ihm hinausgeschafft +wird, wird er durch die pflanzlichen Kadaver gedüngt, die im Tode dem Boden +die Mineralstoffe wieder zurückerstatten, die sie ihm während ihres Lebens +entzogen haben. Es bleibt eben alles an Ort und Stelle. Nichts wird +weggeführt. Mit Ackerland verhält es sich anders. Will man da stets +dieselben Erträge haben, so muß der mineralische Gehalt der Ernte stets +wieder ersetzt werden. Dieser Ersatz ist natürlich bei verschiedenen +Pflanzen verschieden. So beanspruchen Zuckerrübe und Tabak besonders viel +Kali, Hülsenfrüchte und Getreidearten besonders viel Phosphorsäure. + + [Illustration: +O+ = ohne Dünger. +KPN+ = Kali, Phosphorsäure u. + Stickstoff. +PN+ = Phosphorsäure u. Stickstoff. + Abb. 24. Geranien ohne und mit Düngung.] + +Der Ackerbauchemie ist die interessante Entdeckungen verdanken, daß das +erforderliche Verhältnis von Kali (+K+) zu Phosphorsäure (+P+) und +Stickstoff (+N+), für jede Pflanze ganz bestimmt ist, und daß sich der +Ertrag nach der vorhandenen Menge des »ungenügenden« Stoffes richtet, und +zwar in folgender Weise: Ist in einem Ackerboden Kali und Phosphorsäure in +genügender, Stickstoff hingegen in ungenügender Menge vorhanden, so richtet +sich der Ertrag ausschließlich nach der vorhandenen Stickstoffmenge. Dieses +Gesetz wird durch das folgende noch weiter ergänzt: Es ist nicht möglich, +durch erhöhte Zufuhr von Kali, Phosphorsäure und Stickstoff den Ertrag bis +ins Unendliche zu erhöhen. Von einem gewissen Punkte an bewirkt eine +vermehrte Düngerzufuhr keine Erhöhung des Ertrages. Dies ist leicht +begreiflich, wenn wir bedenken, daß die mineralischen Stoffe nur das +Skelett der Pflanze liefern, daß aber ihr »Fleisch und Fett« aus der +Atmosphäre gebildet wird, und daß die Pflanze infolge ihrer Organisation +nur mit einer gewissen Geschwindigkeit und nur bis zu einer bestimmten +Grenze wachsen kann. In dieser Hinsicht verhält sich der Pflanzenkörper +genau so wie der tierische Körper (Abb. 24, 25). + + [Illustration: Ohne Kali. Mit Kali. Ungedüngt. + Abb. 25. Düngung von Getreide.] + +Die moderne Kunstdüngerindustrie ist also von der größten Bedeutung für die +Ernährung des Menschen. Sie ist ein wahrer Zauberstab. Sie holt das Kali +aus den tiefen Schächten von Staßfurt und benutzt damit das Ergebnis +vergangener geologischer Zeiten, ein ausgetrocknetes Seewasserbecken +(600 000 Waggons Kalidünger werden auf diese Weise jährlich in Deutschland +gewonnen). Sie mahlt die wegen ihres Phosphorgehaltes wertvollen +Knochenabfälle, ferner die unter dem Namen Thomasmehl bekannten +phosphorhaltigen Schlacken der Stahlindustrie und benutzt sie zur Förderung +des Ackers. Ganze Berge mineralischen Phosphates aus Afrika und Amerika +werden durch einfache Behandlung mit Schwefelsäure in das als Dünger +überaus geschätzte Superphosphat verwandelt. Auch des kostbaren Guanos soll +Erwähnung getan werden, der in der Hauptsache aus Exkrementen von Vögeln +hervorgegangen, auf einigen Inseln nahe an der Westküste Südamerikas große +Lagerstätten bildet und von da in Schiffsladungen nach Europa verschickt +wird. + +Bis vor einigen Jahrzehnten war der Chilisalpeter der einzige »künstliche« +Stickstoffdünger. Auch heute noch ist er von der größten Bedeutung, doch +wird ihm nach und nach der Rang von anderen Stickstoffdüngemitteln +abgelaufen. In erster Linie steht da das schwefelsaure Ammoniak, das als +Nebenprodukt der Leuchtgasfabrikation und Kokserzeugung erhalten wird, +indem man das im Leuchtgas und Koksofengas enthaltene Ammoniak durch +Waschen des Gases mit Schwefelsäure in schwefelsaures Ammoniak überführt. +Der Stickstoff dieses schwefelsauren Ammoniaks ist also nichts anderes als +der Stickstoff der verarbeiteten Kohle, also der in vergangenen Zeiträumen +durch die Pflanzenwelt angesammelte Stickstoff -- eine Konserve der Natur. + +Bei der großen Nachfrage nach Stickstoffdünger darf es nicht wundernehmen, +daß die Chemie mit Nachdruck neue Stickstoffdünger zu bilden suchte und vor +allem bestrebt war, den trägen Stickstoff, der den Hauptbestandteil unserer +Atmosphäre ausmacht, in eine nützliche, von den Pflanzen aufnehmbare +Stickstoffverbindung überzuführen und so eine schier unendliche, überall +zugängliche Vorratskammer zu eröffnen. Die Herstellung solcher Erzeugnisse +ist auch wirklich gelungen. So erhält man durch Überleiten von Stickstoff +über feingepulvertes, erhitztes Kalziumkarbid, das bekanntlich zur +Herstellung von Azetylen dient, den »Kalkstickstoff«, ein treffliches +Düngemittel; durch die elektrische Kraft, die durch die großen Wasserkräfte +Norwegens sehr billig erzeugt werden kann und erzeugt wird, ist ein +weiteres Verfahren möglich geworden: die Herstellung von Salpetersäure +durch Durchleiten der Luft durch den elektrischen Flammenbogen. Hierbei +entsteht zunächst das sogenannte Stickstoffoxyd, ein Gas, das auf einfache +Weise in Salpetersäure übergeführt wird. + +Doch auch damit war der Stickstoffhunger der Menschheit nicht befriedigt. +Und mit Recht. Denn die Erschöpfung der chilenischen Salpeterlager und +damit die Notwendigkeit, den ganzen Stickstoffbedarf in chemischen Fabriken +herzustellen, ist nur eine Frage der Zeit. So hat man denn rastlos weiter +gearbeitet und ein neues Verfahren, das modernste, zur Herstellung von +Ammoniak gefunden, dessen chemische Bedeutung darin besteht, daß in ihm die +Trägheit des Luftstickstoffes, sein Widerwille und Widerstand gegen +irgendeine »Verbindung«, auf eine einfache Art und Weise überwunden +erscheint. Man hat nämlich gefunden, daß Stickstoff und Wasserstoff, wenn +man sie bei erhöhter Temperatur und unter hohem Druck durch oder über +gewisse »trägheitaufhebende« Stoffe leitet, sich glatt zu Ammoniak +vereinigen, und es scheint, daß dieses Verfahren, das bereits in großem +Maßstabe erprobt wurde, die Palme im Wettkampfe der Stickstoffverfahren +davontragen wird. + +Diese »trägheitaufhebenden« Stoffe, in der Chemie _Katalysatoren_ genannt, +sind höchst merkwürdige Körper, denn durch ihre bloße Anwesenheit werden +chemische Vorgänge bedeutend erleichtert und beschleunigt. Sie gleichen +einem guten, ermunternden Lehrer, dessen bloße Anwesenheit hinreicht, um +Aufgaben zu lösen, die allein zu lösen man nicht die Kraft hätte; sie +gleichen dem Schmieröl, das, die Reibungswiderstände einer Maschine +vermindernd, ihren geräuschlos-kräftigen Lauf ermöglicht. Diese +Katalysatoren nehmen keinen Anteil am chemischen Vorgang, sie ändern sich +nicht, sie verlieren ihre Wirkungskraft nicht. Es sind ganz wunderbare +Stoffe, die für die wissenschaftliche und technische Chemie von immer +größerer Bedeutung zu werden versprechen. In großer Zahl sind sie im +Pflanzenkörper wie auch im Tierkörper vorhanden, und nur ihnen ist es zu +danken, daß die Verdauung, die im chemischen Laboratorium viele Tage +erfordern würde, in den Pflanzen und Tieren so rasch vor sich geht. In der +Industrie spielen die Katalysatoren seit zwanzig Jahren, seit der +Einführung des katalytischen Schwefelsäureprozesses -- den man, weil es +dabei hauptsächlich auf Berührung (Kontakt) mit dem Katalysator ankommt, +als Kontaktprozeß bezeichnet --, eine große Rolle. Im Vergleich zu dem +alten umständlichen Schwefelsäureverfahren bedeutet das Kontaktverfahren +eine namhafte Vereinfachung. An Stelle der früher notwendigen riesigen +Bleikammern sind kleine Apparate, an die Stelle von Plumpheit ist damit +Eleganz getreten, eben, weil es durch den Katalysator -- in diesem Falle +feinverteiltes Platin -- möglich wurde, den früher träge verlaufenden +Vorgang der Schwefelsäurebildung rascher zu gestalten und überdies Säure in +beliebiger Stärke herzustellen. Nach dem Kontaktverfahren wird einfach +schweflige Säure, das ist das Gas, das bei der Verbrennung von Schwefel und +metallischen Schwefelverbindungen entsteht, mit Luft vermengt, über +feinverteiltes Platin geleitet, wobei unmittelbar das sogenannte +Schwefelsäureanhydrid gebildet wird. + +Ein ähnliches Verfahren, bei dem ebenfalls ein seltenes Metall als +Katalysator dient, wird den Stickstoffbedarf der ackerbautreibenden Welt +endgültig befriedigen. Denn die Rohmaterialien, die es verwendet, der +Stickstoff der Luft und der Wasserstoff des Wassers, sind überall in +beliebigen Mengen vorrätig, so daß das Menschengeschlecht -- so lange es +Kraft oder Wärme zu erzeugen imstande ist -- jeder Sorge um den +Stickstoffdünger enthoben ist. + +So fördert und regelt der Mensch die Arbeit der Natur, indem er ihr, so gut +er vermag, die Bausteine liefert, mit denen dann die Meisterin die endlose +Zahl von Stoffen aufbaut, die den Pflanzenkörper ausmachen, die Säfte, die +durch die Pflanze fließen, die Farben, die sie schmücken, und die +Wohlgerüche, die sie ausatmet. + +Unsere bisherige Wanderung hat uns gezeigt, was die Chemie, was der +Chemiker geleistet hat. Diese Leistungen und Ergebnisse auf dem Gebiet der +Industrie und Landwirtschaft erregen unsere Bewunderung, aber um so +mächtiger drängt sich uns die Frage auf: Wie ist die Chemie zu diesen +Erfolgen gekommen, wie arbeitet der Chemiker, wenn er die Geheimnisse der +Natur ergründen, neue Stoffe darstellen oder die Herstellungsweise bereits +bekannter Stoffe verbessern will? Wodurch gelingt es ihm das scheinbar +Unfaßbare zu fassen, das scheinbar Unbestimmte zu bestimmen? + +Da können wir denn sagen, daß der Chemiker ebenso arbeitet wie der +Mineraloge, der Botaniker, der Geologe, ja daß er eigentlich nicht anders +arbeitet, als jeder wahrhaft wissenschaftliche Arbeiter. Sie alle folgen +bei ihrer Arbeit dem vielsagenden Goetheschen Worte: + + Dich im Unendlichen zu finden, + Mußt unterscheiden und dann verbinden. + +Dieses Dichterwort, ins Prosaische übersetzt, heißt und bedeutet: Um dich +in der unendlichen Zahl der Gegenstände und Erscheinungen des Weltalls und +jedes Teiles des Weltalls zurechtzufinden, mußt du zunächst durch scharfe +Beobachtung die einzelnen Gegenstände voneinander unterscheiden. Mit dem +Unterscheiden allein ist es jedoch nicht getan. Denn dadurch verliert man +die Übersicht, zersplittert sich, gerät man ins Uferlose. Das Zurechtfinden +ist erst dann möglich, wenn man die zusammengehörigen, verwandten Stoffe +und Erscheinungen in Gruppen vereinigt. Dadurch erst erhält man eine +Übersicht über das ganze Gebiet. Statt mit Einzelheiten hat man es dann mit +Regeln zu tun, die eine große Masse von Erscheinungen umfassen, ebenso wie +die Regeln der Grammatik. + +Dieses Gruppieren, Zusammenfassen unter Gesetze -- die wichtigste +Tätigkeit und der Hauptzweck jeder Wissenschaft -- bedeutet für den +Lernenden eine wesentliche Arbeitsersparnis. Ist die Art der Gruppierung, +die Regel, einmal bekannt, so ist damit schon viel gewonnen. Wenn man den +pythagoräischen Lehrsatz kennt, so kann man leicht eine Kathete eines +rechtwinkligen Dreiecks berechnen, wenn die andere Kathete und die +Hypotenuse bekannt sind, weil dieser Lehrsatz für alle rechtwinkligen +Dreiecke gilt. + +Auf ähnliche Art erhält der Mineraloge eine Übersicht über das unendliche +Gebiet der Mineralogie, indem er die Mineralien zunächst erst einzeln +voneinander unterscheidet und dann die ähnlichen miteinander gruppiert, in +Metalle, Oxyde, Kiese, Blenden usw. Diese Gruppierungen sind oft sehr +schwierig und erfordern das Zusammenarbeiten zahlreicher wissenschaftlicher +Köpfe, denn zu einer einfachen, leicht übersichtlichen Gruppierung gehört +viel Geschick und eine gründliche Einsicht in den Gegenstand. Wenn wir +bedenken, daß durch die Kristallkunde die unendliche Zahl der +Kristallgestalten auf sechs Grundformen zurückgeführt ist, und daß jede +mögliche Kristallgestalt sich von einer dieser Urgestalten ableiten läßt, +obwohl die Kristallformen, für den oberflächlichen Beobachter, durchaus +nicht miteinander ähnlich sind, so sehen wir, daß eine ganze Menge Arbeit +in dieser Einteilung steckt und daß sie den größten praktischen Wert +besitzt. + +So werden auch in der Botanik zunächst die einzelnen Pflanzen voneinander +unterschieden und dann gruppiert. Diese Gruppierung erfolgte zuerst auf +eine rein äußerliche Weise (Linnésches System), während später eine +sinnreichere, auf Verwandtschaft der Pflanzen gegründete Einteilung +gefunden wurde, ähnlich der des Menschengeschlechtes in Rassen, Völker, +Stämme und Familien. + +Auch der Chemiker muß zunächst unterscheiden. Aber seine Unterscheidung ist +viel schwieriger als die des Mineralogen und Botanikers. Während diese die +Bausteine, die Elemente ihrer Betrachtung, fertig als Minerale und Pflanzen +vorfinden und schon die scharfe Betrachtung der von der Natur fertig +dargebotenen Gegenstände eine Einteilung ermöglicht, kommen die Bausteine +des Chemikers, die Elemente, zum größten Teile nicht rein in der Natur vor, +sondern nur bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt; während also der +Mineraloge oder Botaniker die einzelnen Erscheinungen, Individuen, +Bausteine, Elemente seines Wissensgebietes fertig in der Natur vorfindet, +muß der Chemiker die Bausteine der Chemie erst auf mühselige Art gewinnen. + +Der Grund hierfür ist die Tatsache, daß der Kristall, die einzelne Pflanze, +der einzelne Mensch, schon durch die Form kenntlich, ein abgeschlossenes +Ganzes für sich bilden und ihr Lieben und Hassen nur der eigenen Art zugute +kommen lassen, so daß man von der Erhaltung der Arten sprechen kann. Aber +die dem Chaos näherstehenden chemischen Bausteine sind nicht so +selbstbewußt und selbstzufrieden, sondern zeigen Liebe und Haß in viel +ungewählterer, mannigfaltigerer Weise, indem sie, fast immer, sich um jeden +Preis verbinden wollen zu etwas Neuem, ohne Rücksichtnahme auf die eigene +Art. + +Es müssen also die _chemischen Elemente_, bevor man sie unterscheiden und +gruppieren kann, vorerst _aus ihren Verbindungen getrennt_ werden. Ein +Beispiel wird dies deutlich machen. Das Kaolin, die Porzellanerde, ist ein +weißes, fettiges Pulver. Durch große Hitze oder Kälte wird es chemisch +nicht verändert, so daß man leicht glauben könnte, daß es ein chemisches +Element, das heißt ein einfacher, unzusammengesetzter und daher +unzerlegbarer Körper ist. Das ist aber nicht der Fall. Es ist den Chemikern +gelungen, dieses weiße Pulver in zwei nicht weiter zerlegbare Stoffe zu +spalten, in zwei Stoffe, die in ihren Eigenschaften voneinander und von der +Porzellanerde ganz verschieden sind, in zwei Stoffe, deren Verbindung eben +die Porzellanerde ist: in das heute allgemein bekannte Metall Aluminium und +in Sauerstoff, jenes Gas, das die Atmosphäre der Erde atembar macht, das +die Verbrennung unterhält, das einen glimmenden Holzspan entflammen macht, +das das Eisen bei Feuchtigkeit und gewöhnlicher Temperatur mit Rost +überzieht und bei höherer Temperatur das Aluminium wieder zu Porzellanerde +verbrennt oder verascht. + +Auf ähnliche Weise ist gefunden worden, daß das Wasser, von den Griechen +als Element angesehen, kein Element ist, sondern aus Sauerstoff und einem +brennbaren Gase, Wasserstoff, besteht. In seine Bestandteile kann es leicht +durch den elektrischen Strom gespalten und aus ihnen wieder durch den +elektrischen Funken zusammengesetzt werden. So sind alle mineralischen, +pflanzlichen und tierischen Stoffe von den Chemikern zerlegt, analysiert +worden, und man hat auf diese Weise die Elemente gefunden, aus denen die +Welt aufgebaut ist. Die Elemente sind die Bausteine aller bestehenden +Stoffe, und durch Gruppierung dieser Elemente hat man eine bequeme +Übersicht über die Zusammensetzung jedes Stoffes erhalten. Man hat zunächst +die Elemente in Metalle und Nichtmetalle gesondert, die Metalle hat man +wieder in fünf Gruppen geteilt, deren jede untereinander verwandte Metalle +enthält. In entsprechender Weise hat man auch die Nichtmetalle gruppiert. + +Will nun der Chemiker einen Stoff _analysieren_, das heißt, finden, aus +welchen Elementen er besteht, so verwendet er dazu gewisse Hilfsmittel, +Chemikalien, auch Reagenzien genannt. Er verfährt wie der Arzt bei der +Untersuchung eines Kranken. Wie dieser Organ für Organ untersucht, die +gesunden Organe von seiner Betrachtung ausschaltet und so lange sucht, bis +er das kranke Organ entdeckt und die Art der Erkrankung erkannt hat, so +auch der Chemiker. Er läßt seine Reagenzien auf den zu untersuchenden Stoff +einwirken und erkennt aus der Art der Einwirkung, aus der entstehenden +Färbung usw., welche Gruppen anwesend sind, und ob andere, bloß vermutete +Gruppen fehlen. Durch weitere Reagenzien scheidet er die anwesenden Gruppen +voneinander. Schließlich sucht er herauszufinden, welche Elemente jeder +Gruppe anwesend sind. Er geht also Schritt für Schritt vor, vom Allgemeinen +zum Besonderen, zum Einzelnen. + +Die von der Chemie gefundenen Elemente sind übrigens, um dies der +Vollständigkeit halber kurz zu streifen, die Bausteine nicht nur der Erde, +sondern des gesamten Weltalls. Mit der Erforschung der Erde nicht +zufrieden, ist die Wissenschaft an die Erforschung der Zusammensetzung der +Sonne und Gestirne getreten und zwar mit Hilfe der sogenannten +Spektralanalyse. Während nämlich feste und flüssige glühende Körper ein +ununterbrochenes regenbogenfarbiges Band, Spektrum liefern, wenn man das +von ihnen ausgestrahlte Licht durch ein Glasprisma gehen läßt, liefern +glühende Gase ein nur aus einzelnen hellen Linien oder Streifen bestehendes +Spektrum, dessen Linien, Linienzahl und Farbe für jedes Element anders, +also charakteristisch ist. Man hat so aus der Strahlung der Sonne und +anderer Gestirne ihre Zusammensetzung ersehen können und hat gefunden, daß +draußen im Weltall dieselben Elemente vorhanden sind, wie auf der kleinen +Erde, ein Beweis für die Gleichartigkeit und Einheitlichkeit der Welt. + +Aus den durch Zerlegung erhaltenen Elementen baut der Chemiker wieder die +mannigfaltigsten Stoffe der Natur auf, geht aber auch in der +Mannigfaltigkeit des Dargestellten über die Natur hinaus. Er vergrößert den +engen Rahmen der Natur, die nur einen kleinen Teil der _möglichen_ +Stoffverbindungen uns darbietet, und er stellt Stoffe dar, deren Erzeugung +die irdische Natur verabsäumt oder vernachlässigt hat. + +Bei dieser Vereinigung von Elementen oder Elementgruppen, bei dieser +Darstellung von Stoffen ist er jedoch beschränkt und zwar durch die +Beziehung der Elemente zueinander, durch ihr »Lieben und Hassen«, durch +ihre -- wie Goethe sagte -- _Wahlverwandtschaft_. + +»Diejenigen Naturen, die sich beim Zusammentreffen einander schnell +ergreifen und wechselseitig bestimmen, nennen wir verwandt. An den Alkalien +und Säuren, die, obgleich einander entgegengesetzt und vielleicht eben +deswegen, weil sie einander entgegengesetzt sind, sich am entschiedensten +suchen und fassen, sich modifizieren und zusammen einen neuen Körper +bilden, ist diese Verwandtschaft auffallend genug. Gedenken wir nur des +Kalks, der zu allen Säuren eine große Neigung, eine entschiedene +Vereinigungslust äußert. + +Z. B. was wir Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger reine Kalkerde, +innig mit einer zarten Säure verbunden, die uns in Luftform bekannt +geworden ist. Bringt man ein Stück solchen Steines in verdünnte +Schwefelsäure, so ergreift diese den Kalk und erscheint mit ihm als Gips; +jene zarte, luftige Säure hingegen entflieht. Hier ist eine Trennung, eine +neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich nunmehr berechtigt, +sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil es wirklich aussieht, +als wenn ein Verhältnis dem andern vorgezogen, eins vor dem andern erwählt +würde.« + +Wird hier die schwache, zarte Kohlensäure durch die rohe, starke +Schwefelsäure vertrieben und in die Einsamkeit hinausgejagt, so finden wir +auch Fälle, in denen der Chemiker, damit kein Stoff leer ausgehe, ein +Viertes zugesellt: + +»Diese Fälle sind allerdings die bedeutendsten und merkwürdigsten, wo man +das Anziehen, das Verwandtsein, dieses Verlassen, dieses Vereinigen +gleichsam übers Kreuz, wirklich darstellen kann; wo vier bisher je zwei zu +zwei verbundene Wesen, in Berührung gebracht, ihre bisherige Vereinigung +verlassen und sich aufs neue verbinden. In diesem Fahrenlassen und +Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich eine höhere +Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen oder +Wählen zu, und hält das Kunstwort Wahlverwandtschaft für vollkommen +gerechtfertigt. + +Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist, durch viele +Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen; denken Sie sich +ein C, das sich ebenso zu einem D verhält; bringen Sie nun die beiden Paare +in Berührung: A wird sich zu D, C zu B werfen, ohne daß man sagen kann, wer +das andere zuerst verlassen, wer sich mit dem andern zuerst wieder +verbunden habe.« + +Von den zahlreichen Beispielen dieses »Vereinigens übers Kreuz« wollen wir +nur eins anführen: Wenn wir zu einer klaren Lösung von Schwefelbaryum eine +klare Lösung von Zinksulfat hinzugießen, so entsteht ein dicker, weißer +Niederschlag, der das unlösliche Austauschprodukt »übers Kreuz« darstellt. +Der Schwefel des Schwefelbaryums reißt sich von dem Baryum los und folgt +der Anziehungskraft, die das Zink ausübt, so daß Schwefelzink entsteht. +Zugleich geht die Schwefelsäure des Zinksulfats an das Baryum und bildet +schwefelsaures Baryum. Es gehen also durch diesen Vorgang alle gelösten +Stoffe in den neugebildeten, unlöslichen Zustand, in den Niederschlag, +über. Der letztere liefert, getrocknet, eine vielverwendete weiße Farbe, +das Lithopon. + +Eine Haupttätigkeit des Chemikers im Laboratorium einer Fabrik ist die +Prüfung, Untersuchung, Analyse der Rohmaterialien, die ja eine gewisse +Beschaffenheit und einen gewissen Gehalt haben müssen, wenn ein Erzeugnis +von erforderlicher Reinheit und richtiger Zusammensetzung erzielt werden +soll. + +Doch die Arbeit des Laboratoriumschemikers besteht nicht bloß darin, die +Stoffe zu scheiden, zu analysieren, sondern auch darin, durch _Verbindung +von Stoffen_ neue, nützliche Substanzen herzustellen. Der Chemiker ist also +nicht bloß Scheidekünstler, sondern auch Verbindungskünstler. Ist die +Herstellung einer neuen Verbindung im Laboratorium gelungen, so wird sie in +großem Maßstabe ins Fabrikmäßige übertragen, wobei die kleinen Apparate des +Laboratoriums durch große Anlagen ersetzt werden. Diese Umwandlung des +Laboratoriumvorganges in einen Fabrikvorgang ist durchaus nicht einfach. +Eine Salzlösung in der Porzellanschale zu verdampfen, das heißt, das +Wasser in der Hitze abzutreiben, so daß das feste Salz zurückbleibt, ist +viel einfacher als die Durchführung dieses Vorganges im großen Maßstabe. +Hierzu gehören große Verdampfungsanlagen, die von zahlreichen Heizröhren +durchsetzt sind. Ebenso ist das Filtrieren mit Hilfe von Glastrichter und +Filtrierpapier viel leichter als das Filtrieren großer Mengen mit Hilfe +großer Filterpressen. Auch das Erhitzen erfordert im Fabrikbetrieb +mächtige, eigenartig gebaute Öfen. + +Die Herstellung neuer Stoffe, das Suchen und Finden neuer Verfahren und +neuer Fabrikapparate macht die eigentliche _Erfindertätigkeit des +Chemikers_ aus. Dieser Tätigkeit sollen hier auch einige Worte gewidmet +werden. + +Drei Eigenschaften zeichnen den Erfinder vor allem aus, scharfe +Beobachtungsgabe, rasches Denken und ein gesundes, kräftiges Urteil. Der +Erfinder muß den Gegenstand und das Gebiet, das er bearbeitet, genau +kennen, ohne durch unnötige Kenntnisse belastet und zersplittert zu werden. +Denn eine solche Zersplitterung wirkt stets schwächend. Der Gedankenhimmel +des Erfinders muß scharf begrenzt und klar, er darf nicht verschwommen und +bewölkt sein. Eine gewisse Kindlichkeit und Unbefangenheit muß vorhanden +sein, ohne jene gefährliche Stumpfheit, die durch allzuvieles Lernen +hervorgerufen wird. Wie das Kind naiv fragt, woher das Licht kommt, und +wohin es geht, so muß auch der Erfinder naiv-staunend nach Dingen fragen, +an denen die meisten ohne Aufmerksamkeit vorübergehen. Er muß also in +gewissem Sinne ein großes Kind sein. »Ich kenne nichts Schrecklicheres, als +die armen Menschen, die zu viel gelernt haben. Statt des gesunden, +kräftigen Urteils, das sich vielleicht eingestellt hätte, wenn sie _nichts_ +gelernt hätten, schleichen ihre Gedanken ängstlich und hypnotisch einigen +Worten, Sätzen, Formeln nach, immer auf _denselben_ Wegen. Was sie +besitzen, ist ein _Spinngewebe_ von Gedanken, zu schwach, um sich darauf zu +stützen, aber kompliziert genug, um zu verwirren.« + +Neue Verfahren und Verbesserungen werden entweder absichtlich gesucht oder +zufällig gefunden. Damit aber die Erfindung zur Tat werde, muß sich dem +absichtlichen Suchen der glückliche Zufall beigesellen, muß der Zufall von +einem scharf beobachtenden Kopfe, der ihn für seine Zwecke ausnützen kann, +bemerkt werden. Ohne glücklichen Zufall, wie er z. B. Röntgen zuteil wurde, +als er das erstemal »seine« Strahlen leuchten sah, verläuft auch das +fleißigste absichtliche Suchen oft erfolglos, weil die Möglichkeiten, +Erscheinungen und Zustände so mannigfaltig sind, daß man sie nicht alle +durchprobieren kann. Anderseits wird ohne scharfe Beobachtungsgabe auch der +günstigste Zufall oft übersehen. + +Das Erfinden ist eine künstlerische, schöpferische, herrliche Tätigkeit. +Der wahre, große Erfinder schafft aus Instinkt, aus Trieb. Der wahre +Erfinder ist durch die Erfindung genugsam belohnt, wie dem Vogel, der in +den Zweigen wohnt, das Lied, das aus der Kehle dringt, reichlicher Lohn +ist. Aber überdies wird dem Erfinder oft irdischer Lohn, Reichtum und +Wohlstand zuteil. Es sei hier nur an den Namen Alfred Nobel erinnert (siehe +Hennig: Alfred Nobel). + +Seit 1863 war Alfred Nobel unablässig bestrebt, das flüssige Sprengöl, +Nitroglyzerin, in einen festen Körper umzuwandeln. Lange war alles Suchen +vergeblich, bis schließlich ein seltsamer Zufall das gewünschte Ergebnis +herbeiführte und Alfred Nobel, der den Zufall bemerkte, würdigte und +benutzte, im Jahre 1866 seine berühmte Erfindung, das Dynamit, machen ließ. + +Es war ein blinder Zufall, der zur Entdeckung des Dynamits verhalf, ein +Zufall aber, der ohne jedes Ergebnis geblieben wäre, wenn er sich nicht +eben gerade Alfred Nobels stets wachem Erfindergeist geboten hätte. Es war +im Jahre 1866, als eines Tages in Nobels Laboratorium Nitroglyzerin aus +einem undicht gewordenen Gefäße auslief. Derartige Vorkommnisse waren an +sich nicht ungewöhnlich. Sie erhöhten sogar die Gefährlichkeit der +Aufbewahrung des Sprengöles in beträchtlichem Maße. In diesem Falle aber +tränkte die auslaufende Flüssigkeit die poröse Erdmasse, die zur Verpackung +der Nitroglyzeringefäße diente, und Nobel, der den Vorfall bemerkte und +untersuchte, stellte mit Erstaunen fest, daß die mit Nitroglyzerin +getränkte Erde stark explosive Eigenschaften bekommen hatte, die im +geeigneten Augenblick zur Entfaltung gebracht werden konnten. Damit war das +seit Jahren bestehende Problem, die explosiven Eigenschaften des +Nitroglyzerins an einen festen Körper zu binden, gelöst, und, um diese +Entdeckung technisch verwerten zu können, bedurfte es nur noch eines +porösen Körpers, der möglichst billig und leicht zu beschaffen war. Als für +diese Zwecke am geeignetsten wählte Nobel nach zahlreichen Untersuchungen +schließlich die Kieselgur, ein weißes, pulverartiges, damals so gut wie +wertloses Gestein, das aus den Schalen winziger, einzelliger Diatomeen +besteht und an vielen Orten, vornehmlich aber in der Gegend von Hannover, +aus Urtagen der Erde sich in großen Mengen aufgehäuft findet. Diese +Kieselgur war für Nobels Zwecke wie geschaffen. Es zeigte sich, daß sie +ganz gewaltige Mengen, nämlich das Dreifache ihres Gewichtes, an Sprengöl +aufzusaugen vermochte. Die Mischung der Kieselgur mit dem Nitroglyzerin +bildet dann eine mörtelähnliche Masse, deren Sprengkraft so groß ist, wie +die des flüssigen Sprengöls. + +Damit war jener fürchterliche Sprengstoff gefunden, der unter dem glücklich +gewählten Namen Dynamit Weltberühmtheit erlangt und seinen Erfinder zu +einem modernen Midas gemacht hat, der sich durch seine testamentarischen +Verfügungen als einer der größten bürgerlichen Mäzene aller Zeiten +offenbart hat, als Förderer der Wissenschaften, der Künste und des +Weltfriedens. + +In vielen Fällen aber wird dem Erfinder nicht der verdiente Lohn, ja in den +meisten Fällen nur Undank und Elend zuteil. Ein Beispiel dafür ist die +Geschichte _Leblancs_, der der Welt das erste brauchbare Verfahren zur +Herstellung von künstlicher Soda schenkte und dadurch den Grundstein für +die moderne chemische Industrie legte. + +Nicolas Leblanc, -- sein Name ist unsterblich in der Geschichte der +Erfindungen, -- wurde am 6. Dezember 1742 zu Ivoy-le-Pré im heutigen +Departement Cher geboren. Er stammte aus einer wenig begüterten Familie und +hat wohl keine hervorragende Erziehung genießen können. 1759 kam er nach +Paris, um Chirurgie, Medizin und Chemie zu studieren. 1776 verheiratet, und +unter sehr bescheidenen Verhältnissen den Beruf eines Arztes ausübend, war +er doch dabei wissenschaftlich noch auf anderen Gebieten tätig. Aus Anlaß +einer von der Akademie gestellten Preisfrage beschäftigte er sich mit dem +Problem der Darstellung von künstlicher Soda und kam hierbei 1787 auf den +richtigen Weg. Im Jahre 1789 schlug er dem Herzog von Orléans vor, das neue +Verfahren fabrikmäßig auszubeuten. Am 12. Januar 1790 kam vor dem Notar +James Lutherland in London ein auf 20 Jahre abgeschlossener Vertrag +zustande, an dem Leblanc, der Chemiker Dizé und der Herzog von Orléans +beteiligt waren. Leblanc verpflichtete sich, sein Sodaverfahren, und Dizé, +sein Bleiweißverfahren schriftlich und versiegelt bei dem Notar Brichard zu +hinterlegen. + +Am 25. September 1791 erhielt Leblanc ein Patent auf sein Verfahren für 15 +Jahre. Die Beschreibung des Verfahrens, die er darin gibt, verdient hier +wörtlich wiedergegeben zu werden, da sie in der Tat im wesentlichen dem bis +vor kurzem geübten entspricht: + +»Zwischen eisernen Walzen pulvert und mischt man folgende Substanzen: + + 100 Pfund wasserfreies Glaubersalz, + 100 Pfund reine Kalkerde, Kreide von Meudon, + 50 Pfund Kohle. + +Die Mischung wird in einem Flammenofen ausgebreitet, die Arbeitslöcher +(Ofentüren) verschlossen und geheizt; die Substanz gelangt in breiförmigen +Fluß, schäumt auf und verwandelt sich in Soda, die sich von der Soda des +Handels nur durch einen weit höheren Gehalt unterscheidet. Die Masse muß +während der Schmelzung häufig gerührt werden, wozu man sich eiserner +Krücken, Spatel usw. bedient. Aus der Oberfläche der schmelzenden Massen +brechen eine Menge Flämmchen hervor, die der Flamme einer Kerze ähnlich +sind. Sobald diese Erscheinung zu verschwinden anfängt, ist die Soda +fertig. Die Schmelze wird dann mit eisernen Krücken aus dem Ofen gezogen +und kann in beliebigen Formen aufgefangen werden, um ihr die Form der im +Handel vorkommenden Sodablöcke zu geben« (Abb. 26). + +Die von Leblanc und Dizé zu St. Denis unter dem Namen »+La Franciade+« +angelegte Fabrik scheint sehr gut gediehen zu sein: Täglich wurden 250 bis +300 +kg+ Soda, nebst Bleiweiß und Ammoniaksalz dargestellt, und infolge des +Krieges mit Spanien war der Preis der Pflanzensoda auf 110 Francs +gestiegen, so daß das Leblancsche Verfahren großen Nutzen abwerfen mußte. +Aber die Herrlichkeit sollte nur kurzen Bestand haben. Der Herzog von +Orléans, nunmehr »Bürger +Egalité+«, wurde im April 1793 vom +Wohlfahrtsausschuß verhaftet und am 6. November desselben Jahres +hingerichtet. Seine Güter, also auch die Fabrik +La Franciade+, wurden vom +Staate eingezogen und öffentlich verkauft. Am 8. Pluviose des Jahres II +(Februar 1794) wurde die Fabrik, deren Betrieb schon vorher zwangsweise +eingestellt war, von der Behörde inventarisiert; vier Tage später erschien +ein staatlicher Erlaß, der das immer noch sehr wertvolle Patent Leblancs +vernichtete. Der Wohlfahrtsausschuß hatte nämlich beschlossen, alle +Sodafabrikanten sollten die ihnen bekannten Mittel und Wege der +Sodaerzeugung binnen 20 Tagen einer besonderen Kommission zum besten des +Staates und mit Hintansetzung aller eigenen Vorteile bekanntgeben, um es +dadurch Frankreich zu ermöglichen, seinen Handel von fremden Völkern +unabhängig zu machen und neue Verteidigungsmittel zu gewinnen. Leblanc und +Dizé gaben ihr Verfahren sofort preis, wozu sie selbstverständlich bei +Gefahr ihres Lebens gezwungen waren. Damit war für Leblanc alles verloren; +man hatte ihm sein Patent und seine Fabrik genommen. + + [Illustration: Abb. 26. Sodafabrikation nach Leblanc. + (Deutsches Museum.)] + +Leblanc befand sich in bitterer Armut und mußte zusehen, wie an anderen +Orten Fabriken entstanden, die sein als öffentliches Eigentum erklärtes +Verfahren ausnutzten. Er richtete an die Regierung unaufhörlich Gesuch auf +Gesuch wegen des ihm für seine Fabrik und sein Verfahren zugesagten +Schadenersatzes, aber sieben Jahre lang ohne Erfolg. Endlich am +17. Floréal VIII. (1801), wurde die Fabrik in völlig verwahrlostem +Zustande an Leblanc und Dizé zurückgegeben, mit dem Versprechen späterer +Entschädigung. Nach abermals vier Jahren, am 5. November 1805, wurde der +Anspruch auf Entschädigung schiedsrichterlich festgestellt. Hiernach hätte +Leblanc die verhältnismäßig geringe Summe von 52 473 Francs erhalten +müssen, aber nicht einmal dieser Betrag ist Leblanc oder seinen Nachkommen +je ausgezahlt worden. Die endgültige gerichtliche Entscheidung fiel dahin +aus, daß Leblancs und Dizés Ansprüche durch die »unentgeltliche« +Überlassung der (in ihrem damaligen Zustande ganz wertlosen) Fabrik +La +Franciade+ als ausgeglichen zu betrachten seien. + +Für Leblanc, der die ihm gebührende Summe auf eine Million berechnet hatte, +war dies wie ein Todesurteil. Er hatte nach Überlassung der Fabrik seine +sämtlichen Mittel und alles, was er zu schweren Zinsen dazu borgen konnte, +auf die nötigsten Ausbesserungen verwendet, behielt aber nichts für den +Betrieb übrig. Den Preis der Akademie von 12 000 Francs von 1789 hatte er +nie erhalten. Im Jahre 1799 war ihm die Summe von 3000 Francs als +»Nationalbelohnung« für seine Erfindung, deren Wichtigkeit allgemein +anerkannt wurde, bewilligt worden; aber auch von dieser elenden Summe +wurden ihm nur 600 Francs ausgezahlt. _Ein Darlehen von 2000 Francs_, das +ihm im Jahre 1803 die +Société d'encouragement+ bewilligt hatte und ein vom +Minister Chaptal erhaltenes _Almosen von 300 Francs ist alles, was die +französische Nation weiter für Leblanc getan hat_, trotz seiner +unaufhörlichen Bitten und Gesuche. Die für ihn tatsächlich vernichtende +Entscheidung vom 5. November 1805 raubte ihm jede Hoffnung, aus der Armut, +in der er sich mit seiner Familie befand, jemals herauszukommen. Gebrochen +an Leib und Seele, kehrte er zu seiner kranken Frau, zu seiner darbenden +Familie, in seine in der ruinierten Fabrik befindliche Wohnung zurück. Dort +machte er am 16. Januar 1806 seiner verzweifelten Lage durch einen +Pistolenschuß ein Ende. So endete diese erschütternde Erfindertragödie, und +niemand weiß, wo das Grab eines der größten Erfinder Frankreichs sich +befindet. + +Der Trieb zum Erfinden und Erforschen ist dem intelligenten Menschen in +hohem Maße eigen, ebenso wie die Neugierde den höheren Tieren. Und dieser +Forschungstrieb richtet sich nach allen Seiten; nicht nur das Nützliche, +sondern alles, was er sieht, ja auch das, was er nicht sieht, will er +ergründen. So haben denn auch die chemischen Forscher alles Sichtbare und +Unsichtbare zu ergründen gesucht, vor allem auf dem Weltkörper, an den wir +Menschen gebannt sind, auf dieser Erde. + +Unsere Kenntnis der irdischen Stoffe erstreckt sich nur ein kleines Stück +unter die Erdoberfläche; was darüber hinausliegt, können wir nur vermuten, +nicht wissen. So ist also die Atmosphäre, der Ozean und eine dünne feste +Schicht alles, was wir unmittelbar untersuchen können, und dementsprechend +ist unser Wissen, soweit die Atmosphäre und der Ozean in Betracht kommen, +ziemlich ausreichend, gründlich und vollständig, während wir bei der +Betrachtung der festen Erdkruste eine willkürliche Grenze nach unten +annehmen müssen. Ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Stärke der +irdischen Steinrinde (Lithosphäre) scheint es sehr wahrscheinlich, daß das +felsige Material bis zu einer Tiefe von ungefähr 16 Kilometern den +vulkanischen Massen, die wir an der Erdoberfläche vorfinden, sehr ähnlich +ist. Wir können also als Grundlage unserer Betrachtung eine Felsstärke von +16 Kilometern annehmen. + +Der Rauminhalt der 16 Kilometer starken Kruste, mit Einschluß der +durchschnittlichen Erhebungen der Festländer über die See, beträgt +6 500 000 000 Kubikkilometer, mit dem spezifischen Gewicht 2,5 bis 2,7. Der +Rauminhalt der Ozeane beträgt 1 286 000 000 Kubikkilometer mit dem +spezifischen Gewicht 1.03. Die Masse der Atmosphäre ist ungefähr +5 000 000 Kubikkilometern Wasser gleichwertig. Wenn wir nun diese Angaben +zusammenfassen, so erhalten wir folgende Zahlen in bezug auf die +Zusammensetzung der Erde: + + _Spezifisches Gewicht der Kruste_ 2.6, + Atmosphäre 0.03%, + Ozean 6.97%, + Feste Rinde 93.00%. + +Was die Zusammensetzung der drei Schichten anlangt, so besteht die +Atmosphäre aus Sauerstoff, Stickstoff und Argon, dem Gewichte nach: + + Sauerstoff 23.024%, + Stickstoff 75.539%, + Argon 1.437%; + +im Raumverhältnisse ausgedrückt, enthält die Luft ungefähr 4/5 Stickstoff +und 1/5 Sauerstoff. + +Das ozeanische Wasser enthält 37,39 Gramm Seesalz im Kilogramm Wasser +aufgelöst. Das Seesalz besitzt das spezifische Gewicht 2,25 und besteht +vornehmlich aus Kochsalz, Chlormagnesium, Magnesiumsulfat und Gips. Es +dürfte sich lohnen, an dieser Stelle einen Augenblick zu verweilen, um die +große Masse der ozeanischen Salze zu würdigen. Aus den oben angeführten +Zahlen läßt sich berechnen, daß der Rauminhalt der Salzmasse des Ozeans +19 200 000 Kubikkilometer beträgt, also hinreichend ist, um ein Gebiet von +der Größe der Vereinigten Staaten von Nordamerika mit einer 2,5 Kilometer +starken Salzschicht zu bedecken. Verglichen mit dieser ungeheuren Masse, +erscheinen die Salzablagerungen von Staßfurt, die in der Nähe betrachtet, +so mächtig erscheinen, winzig klein. + +Die Felskruste besteht zu 75% aus kieselsaurer Tonerde (Ton); daneben +enthält sie 6% Sauerstoffverbindungen des Eisens, 4,5% Magnesia, 5% Kalk, +3,5% Natron, 2,7% Kali und überdies Spuren der übrigen Elemente. + +Nun wollen wir uns den chemischen Elementen unserer Erde zuwenden. Obwohl +jedes Element seine Eigenheiten, seinen eigenen, ausgesprochenen Charakter +hat, gibt es dennoch Beziehungen und Verwandtschaften unter den Elementen, +so daß sie in eine Anzahl von Gruppen geteilt werden können. Die Elemente +einer Gruppe gehen nicht nur ähnliche Verbindungen ein, sondern zeigen auch +eine stufenweise Änderung der Eigenschaften. Diese »Verwandtschaft« hat +eine sehr wichtige Verallgemeinerung ermöglicht -- das sogenannte +periodische Gesetz oder vielmehr die periodische Gruppierung der Elemente. +Im Lichte dieser Gruppierung angeschaut, wird die Beziehung der Elemente +untereinander in interessanter Weise offenbar. + +Wenn man nämlich die Elemente nach ihrem »Atomgewichte« ordnet, so wird +sofort eine bedeutsame Gesetzmäßigkeit klar, wie die nebenstehende Tabelle +zeigt. + +Diese Tabelle ist entstanden, indem man die chemischen Elemente, vom +leichtesten beginnend und beim schwersten endend, in eine Reihe schrieb, +dann, sobald ein ähnliches, verwandtes Element erreicht war, abteilte und +die so erhaltenen Abteilungen vertikal untereinander verzeichnete. Und da +wurde es offenbar, daß die Glieder einer und derselben vertikalen Reihe +nahe miteinander verwandt sind, indem sie sich in den meisten Beziehungen +ganz ähnlich verhalten, ganz ähnliche Verbindungen eingehen, und auch, was +Löslichkeit und Unlöslichkeit anlangt, keine großen Unterschiede zeigen. +Hingegen nimmt man, wenn man in einer horizontalen Reihe vorwärts +schreitet, eine stufenweise Änderung in den wesentlichen Eigenschaften +wahr. Daraus folgt zunächst, daß die Eigenschaften der Elemente von ihren +Atomgewichten abhängig sind. + + Periodisches System der Elemente. + (Die Zahlen hinter den Namen bedeuten die Atomgewichte.) + + ============================================================================== + Reihen | Gruppe 0 | Gruppe 1 | Gruppe 2 | Gruppe 3 | Gruppe 4 + ============================================================================== + | | | | | | + 1 | -- | Wasserstoff | -- | -- | -- | + | | 1 | | | | + | | | | | | + 2 | Helium 4 | Lithium 7 | Gluzinium | Bor 11 | Kohlenstoff | + | | | 9.1 | | 12 | + | | | | | | + 3 | Neon 20 | Natrium 23 | Magnesium | Aluminium | Silizium | + | | | 24.4 | 27.1 | 28.4 | + | | | | | | + | | | | | | + 4 | Argon 39.9 | Kalium 39.1 | Kalzium | Skandium | Titan 48.1 | + | | | 40.1 | 44.1 | | + | | | | | | + 5 | -- | Kupfer 63.6 | Zink 65.4 | Gallium 70 | Germanium | + | | | | | 72.5 | + | | | | | | + | | | | | | + 6 | Krypton | Rubidium | Strontium | Ytterbium | Zirkon 90.6 | + | 81.8 | 88.5 | 87.6 | 89 | | + | | | | | | + 7 | -- | Silber | Kadmium | Indium 115 | Zinn 119 | + | | 107.93 | 112.4 | | | + | | | | | | + 8 | Xenon 128 | Zäsium | Baryum | Lanthan | Zer 140.25 | + | | 132.9 | 137.4 | 138.9 | | + | | | | | | + 9 | -- | -- | -- | -- | -- | + | | | | | | + | | | | | | + 10 | -- | -- | -- | -- | -- | + | | | | | | + | | | | | | + 11 | -- | Gold 197 | Quecksilber | Thallium | Blei 206.9 | + | | | 200 | 204.1 | | + | | | | | | + 12 | -- | -- | Radium 225 | -- | Thorium | + | | | | | 235.5 | + + + + ~======================================================================= + | Gruppe 5 | Gruppe 6 | Gruppe 7 | Gruppe 8 | Reihen + ~======================================================================= + | | | | | + | -- | -- | -- | -- | 1 + | | | | | + | | | | | + | Stickstoff | Sauerstoff | Fluor 19 | -- | 2 + | 14 | 16 | | | + | | | | | + | Phosphor 31 | Schwefel 32 | Chlor 35.45 | -- | 3 + | | | | | + | | | | | + | | | | { Eisen 55.9 | + | Vanadium | Chrom 52.1 | Mangan 55 | { Nickel 58.7 | 4 + | 51.2 | | | { Kobalt 59 | + | | | | | + | Arsen 75 | Selen 79.2 | Brom 79.95 | -- | 5 + | | | | | + | | | | | + | | | | { Ruthenium 101.7 | + | Kolumbium | Molybdän 96 | -- | { Rhodium 103 | 6 + | 94 | | | { Palladium 106.5 | + | | | | | + | Antimon | Tellurium | Jod 126.97 | -- | 7 + | 120.23 | 127.6 | | | + | | | | | + | -- | -- | -- | -- | 8 + | | | | | + | | | | | + | -- | -- | -- | -- | 9 + | | | | | + | | | | { Osmium 191 | + | Tantal 181 | Wolfram 184 | -- | { Iridium 193 | 10 + | | | | { Platin 194.8 | + | | | | | + | Wismuth 208 | -- | -- | -- | 11 + | | | | | + | | | | | + | Uran 238.5 | -- | -- | -- | 12 + | | | | | + +Hier und da bemerken wir auf der Tafel leere Stellen, die offenbar bisher +unbekannten Elementen angehören. Als _Mendelejeff_ dieses periodische +Gesetz entdeckte, prophezeite er genau die Eigenschaften dreier fehlender +Elemente, die auch tatsächlich späterhin entdeckt wurden und deren +Eigenschaften vollkommen der Vorhersage Mendelejeffs entsprachen; es waren +Skandium, Gallium und Germanium. Mendelejeff sagte nicht nur das +Atomgewicht und spezifische Gewicht dieser Elemente voraus, sondern auch +die Art ihrer Verbindungen. Ein solches Vorhersagenkönnen ist ein +trefflicher Prüfstein für den Wert einer neuen Theorie und hat sich in +diesem Falle gut bewährt. -- Auch Radium, das jüngste der Elemente, finden +wir richtig unter dem ihm verwandten Baryum eingereiht. + +Wenn wir die Tafel vom Standpunkt des geologischen Chemikers, des +Geochemikers, ansehen, so bemerken wir, daß die Elemente einer und +derselben senkrechten Reihe gewöhnlich miteinander in der Natur vorkommen. +Wohl deshalb, weil sie ähnliche Verbindungen bilden, also sich unter +ähnlichen Umständen ablagern. So findet man z. B. Rubidium, Rhodium, +Palladium, Osmium, Iridium und Platin gewöhnlich beisammen. Schwefel ist in +der Regel mit Selen verunreinigt. Zinkerze enthalten fast immer etwas +Cadmium. Chlor, Brom und Jod sind mehr oder weniger miteinander vermischt +anzutreffen. + +Im _allgemeinen_ kann man sagen, daß die Elemente mit niedrigem Atomgewicht +am weitesten verbreitet sind. Was z. B. Gruppe 1, 4 und 7 anlangt, so +bemerken wir, daß die Häufigkeit des Vorkommens vom ersten zum zweiten +Element wächst, und dann bis zum Ende der Reihe abnimmt. So ist Lithium in +ganz kleinen Mengen weit verbreitet, Natrium in reichlichen Mengen +vorhanden, während Kalium dem Natrium und Rubidium dem Kalium an Menge +bedeutend nachsteht. Ganz ebenso verhalten sich die Gruppen 4 und 7. In +Gruppe 6 ist Sauerstoff, das erste Element, das häufigste, während nach +abwärts eine stetige Abnahme der vorkommenden Menge festzustellen ist. Doch +fehlt es auch nicht an Ausnahmen: so ist in Gruppe 2 Strontium weniger +häufig als Baryum, ein Widerspruch, der wohl mit unserem zunehmenden Wissen +seine Aufklärung finden wird. + +Bei der Besprechung der chemischen Verhältnisse der Erde sind wohl auch +einige Worte über den Ursprung unserer Atmosphäre gerechtfertigt, +wiewohl man hierin zu einem endgültig abschließenden Urteil noch nicht +gekommen ist, sondern sich ihm erst allmählich nähert. Einige Geologen +schließen aus dem Vorhandensein unserer gegenwärtigen Kohlenlagerstätten +und der großen Mengen von Kalkstein -- der als kohlensaurer Kalk 12% +Kohlenstoff enthält -- in der Erdrinde, daß in früheren geologischen +Weltaltern die Atmosphäre reicher an Kohlensäure war als heute, und daß +-- da eine kohlensäurereichere Atmosphäre mehr Sonnenwärme aufnimmt und +Kohlensäure das atmosphärische Nahrungsmittel der Pflanzen ist -- dies +der Grund sei für die gewaltige Flora früherer Zeiträume. Dagegen ist +aber einzuwenden, daß luftatmende Tiere in einer kohlensäurereichen +Atmosphäre nicht leben können. -- Wohl ist es gewiß, daß der Kohlenstoff +des Kalksteins einst zum größten Teile in der Atmosphäre enthalten war, +aber war dies jemals zu einer und derselben Zeit der Fall? + +Dies ist sehr unwahrscheinlich, da der Kohlenstoff der Erdrinde, in +Kohlensäure umgewandelt, 25 mal so schwer wäre als unsere gegenwärtige +Atmosphäre und der dadurch entstehende Druck fast groß genug wäre, um einen +Teil der Kohlensäure zu verflüssigen. + +Einige bedeutende Gelehrte, darunter auch Lord Kelvin, sind zu der +interessanten Theorie gelangt, daß die Uratmosphäre der Erde hauptsächlich +aus Wasserstoff, Stickstoff, Chloriden und Kohlenstoffverbindungen +bestanden habe, und daß der Sauerstoff, der heute in freiem Zustande zu +unserem Leben unerläßlich ist, damals mit Kohlenstoff und Eisen verbunden +war. Nach dieser Theorie begann der Sauerstoff erst frei zu werden, als +sich das erste, niedrigste Pflanzenleben auf der Erde entwickelte; der +Sauerstoffvorrat erreichte in der Steinkohlenzeit seinen Höhepunkt und +nimmt seither ab. Hiernach wäre der Gehalt der Atmosphäre an freiem +Sauerstoff durch die Arbeit der Pflanzenwelt entstanden. + +Immerhin ist es schwer, dieser Lehre beizustimmen, wenn man Anhänger der +Nebelflecktheorie ist und die Erde für einen Nebelfleckabkömmling hält. +Denn für den Nebelflecktheoretiker ist die Atmosphäre nichts als der +gasförmige Rückstand, der bei dem Festwerden der Erde zurückblieb. Dies ist +auch die vorherrschende Ansicht. + +Nach einer neueren Theorie (Chamberlains Meteoriten-Theorie), nach der die +Erde das Ergebnis der Vereinigung zahlloser kleiner Weltkörper ist, hat +jeder Meteorit seine eigene kleine Atmosphäre mit auf die Erde gebracht. +Diese Atmosphären, im Inneren unter hohem Druck eingeschlossen, gaben +schließlich zu so starker Temperaturerhöhung Anlaß, daß die Gase infolge +des vergrößerten Druckes und Volumens ausgetrieben wurden. Nach dieser +merkwürdigen Annahme ist also die Atmosphäre von innen heraus, aus kleinen +Anfängen, entstanden, während nach der Nebelflecktheorie die _Ur_atmosphäre +am größten war, da sie ja das Ganze der Erde in sich begriff. + +Diese zwei Theorien, die Nebelfleck- und die Meteoritentheorie, stehen sich +schroff gegenüber, nicht nur in der Frage nach der Entstehung der +Atmosphäre, sondern ebenso in der nach der Entstehung des Ozeans, der trotz +seines Alters von über 100 000 000 Jahren, sicherlich jünger ist, als die +Atmosphäre. + +Für die Anhänger der Nebelflecktheorie ist die Frage der Entstehung des +Ozeans verhältnismäßig leicht zu beantworten. Danach ist der Ozean nichts +anderes, als der Rückstand, der beim Kristallisieren der festen Erdmasse +zurückblieb. Nach der Meteoritentheorie enthielt die aus dem Inneren an die +Oberfläche entwichene Atmosphäre wasserlösliche Gase, die sich in dem bei +der Abkühlung der Erde gebildeten Wasser auflösten, dann weiter auf die +feste Kruste wirkten und so die Entstehung des Ozeans verursachten. + +Kein Kapitel der Geochemie ist wohl gründlicher erörtert worden als die +»Entstehung des Petroleums«. Hier stehen sich zwei Gruppen von Theorien +gegenüber, eine unorganische und eine organische. Nach jener ist das +Petroleum aus Kohlenstoff und Wasserstoff unter eigenartiger Mithilfe hoher +und höchster Temperaturen entstanden, nach dieser ist es aus toten +Pflanzen- und Tierkörpern hervorgegangen. + +Unter den unorganischen Theorien ist die berühmte Karbidtheorie +Mendelejeffs erwähnenswert. Mendelejeff meint, daß im Erdinnern +Eisenkarbide, Verbindungen von Eisen mit Kohlenstoff, vorhanden sind, daß +das Wasser der Erde zu diesen Zutritt hat, und daß dadurch +Kohlenwasserstoffe (Petroleum und Erdgas) erzeugt werden, ebenso wie +Kalziumkarbid mit Wasser Azetylen hervorbringt. Wenn solche Eisenkarbide in +mäßiger Tiefe der Erdrinde vorhanden wären, so würde die Voraussetzung +viel Wahrscheinlichkeit für sich haben; jedoch ist bisher das Vorhandensein +solcher Karbide im Erdinnern nicht nachgewiesen worden. + +Die unorganischem Theorien sind in den letzten Jahren mehr und mehr durch +die organischen verdrängt worden, nach denen das Petroleum aus Pflanzen- +und Tierresten früherer geologischer Zeiten entstanden sein soll. In der +Tat entstehen bei der Verwesung von Seepflanzen verschiedene +»Kohlenwasserstoffe«, doch ist trotzdem die »tierische« Theorie heute die +herrschende. Man könnte fragen, ob die großen Mengen Petroleum, die auf der +Erde vorhanden sind, wirklich aus Fischen hätten entstehen können, ob der +Fischvorrat der Erde zur Erzeugung solch gewaltiger Petroleummengen +hinreiche? Diese Frage muß unbedingt bejaht werden. Schon das Ergebnis des +Heringsfangs von 2500 Jahrgängen an der Nordküste Deutschlands würde, wenn +die Hälfte seiner Fette und Öle in Petroleum umgewandelt würde, so viel +Petroleum liefern, als Galizien bisher hervorgebracht hat. + +So hat die Chemie viele Geheimnisse der leblosen Erde ergründet. Die Art +der leblosen Stoffe hat sie erklärt; was sagt sie aber über das Lebende? +Hat die Wissenschaft keine Brücke geschlagen vom Ufer des Leblosen zum Ufer +des Lebenden? Ist wirklich nur dem Lebenden Tod und Vergänglichkeit, +Wehrkraft und Willen, Liebe und Haß, Erinnerung und Vererbung, +Fortpflanzung und Entwicklung eigen? Ist das Leblose wirklich so starr und +unveränderlich, wie man gemeinhin annimmt? Ist das Niedrigste der lebenden +Welt vom Höchsten der leblosen Welt tatsächlich durch eine Kluft getrennt? +Mit diesen Fragen wollen wir uns nun zum Schluß beschäftigen. + +Die Fähigkeit, sich zu _erinnern_, ist eine köstliche Gabe des +intelligenten Menschen. Diese Fähigkeit ermöglicht es, vergangene +Ereignisse im Geiste wieder zu vergegenwärtigen. Viel wesentlicher aber als +das bewußte Erinnern, das nur der Mensch, und vielleicht, in geringem Maße +die höheren Tiere besitzen, ist die Fähigkeit, das vergangene und erfahrene +Erlebnis sich so zu eigen zu machen, daß beim Eintreten des gleichen oder +eines ähnlichen Erlebnisses die Lehre der Vergangenheit benutzt wird. Diese +Fähigkeit aber ist auch den niederen Wesen eigen. Sie ist nichts anderes +als die bekannte Anpassung und Gewöhnung. Das Blut, unfähig, größere +Mengen fremden Serums aufzunehmen, nimmt willig kleine, stets wachsende +Mengen auf, es wird gleichsam gestärkt durch die Erinnerung, gefestigt +durch die vergangene Erfahrung. So ändert sich auch das Leblose durch jede +Erfahrung, die es macht, durch jeden Eindruck, den es erleidet, es erinnert +sich gewissermaßen der früheren Erfahrung und verhält sich bei der +Wiederkehr anders, als vorher.[3] + + [3] Siehe Nagel, Die Welt als Arbeit, Stuttgart, 1909. + +So »merkt« sich der Stahldraht jede Drehung, die er erfahren. Die +photographische Platte merkt sich ihre Begegnung mit dem Sonnenlichte. Wenn +man Eisen schmiedet, nimmt es mehr und mehr einen neuen, eigenartigen +Charakter an durch die zahlreichen, dauernd sich einprägenden +»Erfahrungen«, die ihm das Geschmiedetwerden beibringt. Eine _plötzliche_ +Erfahrung geht ebenso dauernd in das Besitztum des Leblosen über, wie in +das des Lebenden. Die Metallplatte, die einen Moment, leidend, durch die +Münzpresse gegangen ist, ist dauernd zur Münze geprägt, ebenso wie der +Mensch, dem ein plötzliches Unglück widerfährt, sofort daran gewöhnt, damit +vertraut und dadurch dauernd beeinflußt ist. Wenn wir von zwei erwärmten +Stahlstücken, das eine allmählich, das andere plötzlich abkühlen, so bleibt +jenes geschmeidig, während dieses spröde wird und spröde bleibt, ein +Beispiel, wie verschieden derselbe Stoff durch verschiedene Einwirkungen +oder Erfahrungen verändert wird. + +Dieser »Erinnerung«, im weitesten Sinne des Wortes, ist es zuzuschreiben, +daß nichts stille steht, daß alles fließt und sich stetig verändert, weil +es schon durch die Umgebung fortwährend beeinflußt wird. Der Stahlbalken +einer Brücke ändert sich von Tag zu Tag infolge der fortwährenden +Erschütterung, es ändert sich die Beschaffenheit der kleinen Kristalle, aus +denen er besteht; so wird er schließlich greisenhaft und bricht, er leidet +gleichsam an Arterienverkalkung. + +Aber der Tod? Ist der nicht das Vorrecht der Lebewesen? Hat das Leblose +eine ähnliche Erscheinung aufzuweisen? Jawohl, in gewissem Sinne. In dem +Sinne nämlich, daß ein neuer Zustand anbricht, in dem die Erinnerung an den +früheren Zustand erloschen ist. Der Tod erinnert sich nicht des Lebens, das +Leben nicht des Todes. In diesem Sinne können wir auch in der leblosen Welt +von »Leben und Tod« sprechen. + +Als willkürliches Beispiel nehmen wir ein Kupfergefäß. Jede Abnutzung durch +Gebrauch, jede durch Gewalt herbeigeführte Gestaltveränderung behält es +dauernd bei, erinnert sich gleichsam ihrer, benutzt die gemachte Erfahrung +und wird durch Leiden mürbe, wie der Mensch. Wenn wir in seine Oberfläche +hineinritzen oder feilen, so behält es die »Marke« bei und läßt sich dann +leicht an derselben Stelle tiefer ritzen. + +Wenn wir nun dieses Kupfergefäß einschmelzen und als Kupferblock erstarren +lassen, so weiß dieser Kupferblock, um im Bilde zu bleiben, nichts von den +Leiden und Freuden, die er als Kulturtopf erlitten und genossen, weiß +nichts von den Beulen, Hieben und Hammerschlägen. Er ist ein neues Wesen, +bereit, neue Erfahrungen aufzunehmen, bereit, von neuem Weh und Glück zu +empfangen, er ist wiedergeboren, wiederauferstanden. Um aber +wiederzuerstehen, mußte er durch die Lethe wandern, durch den +erinnerungraubenden Strom, durch den Tod -- durch den flüssigen Zustand. + +Von diesem Standpunkt aus ist der Tod nichts anderes als der Übergang aus +einem Aggregatzustand in einen andern, indem dabei die »Erinnerung« an den +ersten Aggregatzustand ganz verlischt. Um aber »Erinnerung« zu ermöglichen, +ist Form nötig, wie sie das Feste hat, das Flüssige und Gasförmige jedoch +nicht. Das Wasser, das ich aus dem Kruge in das Trinkglas und dann wieder +zurück in den Topf gieße, bleibt davon unbeeindruckt, »erinnert« sich +(dieser Wandlung) nicht, ebensowenig das Gas, das, gleich der Flüssigkeit, +formlos ist. Nur das Feste hat also, recht verstanden, Erinnerung, die +Flüssigkeit und das Gas aber sind erinnerungslos. + +So können wir den Zustand der Flüssigkeit und des Gases als _niedrige_ +Aggregatzustände bezeichnen, im Gegensatz zu dem _höheren_ festen Zustand +und können das Leben selbst als einen eigenartigen, _hohen_, besonders +reizbaren, besonders erinnerungsfähigen, besonders sorgfältig geformten +Aggregatzustand, als den _vierten_ Aggregatzustand einer Reihe ansprechen, +deren erster das Gas, deren zweiter das Flüssige, deren dritter das Feste +ist. + +Man sollte nun meinen, daß man im Gebiete des Leblosen keine Vorgänge +finden könnte, die der Fortpflanzung entsprechen, Vorgänge, in denen ein +Same, ein kleines Abbild des ausgewachsenen Individuums, zu einem großen +Wesen wird, von genau derselben Form, der dieser Same entstammt. Und doch +lassen sich solche Vorgänge im Gebiete des Leblosen leicht finden und zwar +in der Erscheinung der Kristallisation. + +Wenn wir in eine entsprechend starke Lösung von Glaubersalz ein kleines, +nur staubkorngroßes Glaubersalzkriställchen hineinwerfen, so kristallisiert +alsbald, unter Umständen augenblicklich, die ganze Masse in großen, dem +Glaubersalz eigentümlichen Kristallen. Die Glaubersalzlösung ist der +Mutterboden des Glaubersalzkristalles und nur des Glaubersalzkristalles, +genau so wie der Mutterleib nur den Samen der eigenen Art zur Entwicklung +bringen kann. + +Ja, wird man jetzt sagen, aber die Wehrkraft, das tatkräftige Abwehren, ist +ausschließlich Sache des Lebendigen; das Leblose ist stets nur passiv und +leidend. Dagegen ist einzuwenden, daß das Bestreben, den gewohnten Zustand +beizubehalten, die Trägheit, auch dem Leblosen eigen ist, und daß dieses +sich ebenso gegen jede Veränderung sträubt und wehrt wie das Lebende. Beide +wehren sich eben mit ihrer ganzen ihnen innewohnenden Kraft. Der Mensch +erwehrt sich seines Feindes so lange und so gut, wie er kann, und das +Stahlblech setzt ebenfalls dem Verbiegen seinen stärksten Widerstand +entgegen. Das Holz läßt sich nicht ohne weiteres durch die Säge zerspalten, +es muß dazu genau so viel Arbeit verwendet werden, als die Überwindung der +Wehrkraft des Holzbrettes erfordert. Die Art und Stärke der Wehrkraft macht +eben das Wesen und die Eigenschaften eines Stoffes aus. Das Holz wehrt +sich, das Sonnenlicht durchzulassen, ist darin erfolgreich und läßt das +Sonnenlicht nur noch als Wärme wirken. Das Glas wehrt sich gegen das Licht +nicht, und die dadurch bewirkte Durchsichtigkeit ist seine eigentümlichste +Eigenschaft. Das Zink hat keine Wehrkraft gegen Schwefelsäure, das Blei +eine sehr bedeutende, der es eben seine vielfache praktische Verwendung +verdankt. Die Wehrkraft des Tones gegen Wärme und Elektrizität ist sehr +bedeutend, die des Kupfers sehr gering. + +Die aktive Betätigung, die ja auch beim Menschen stets nur einer in oder +außer ihm liegenden Ursache, einer Anregung, einem Drucke von außen +entspringt, finden wir ebenfalls im Leblosen wieder: das in den Felsritzen +gefrierende Eis zersprengt den Felsblock. + +Auch das wichtigste Wehren der lebendigen Welt, das Wehren gegen den Tod, +den Todeskampf, finden wir im Leblosen wieder. Wehrt sich der Lebende +kräftig gegen alles Schädliche, so wehrt er sich ganz besonders, bis aufs +äußerste, mit dem ganzen Aufwand seiner Energie, gegen das ihm +Schädlichste, gegen das ihn Vernichtende, gegen den Tod. Ebenso wehrt sich +das Leblose ganz besonders gegen eine Veränderung seines Aggregatzustandes. +So wehrt sich das Eisen mit einem gewissen Kraftaufwande gegen die Aufnahme +von Wärme, gegen Erwärmung, und verwendet, seinen Widerstand zur Geltung +bringend, einen großen Teil der zugeführten Wärme, statt zur eigenen +Erwärmung, zur Vergrößerung seines Volums. Aber dieser Widerstand wächst +ins Riesige, wenn man, beim Schmelzpunkt angelangt, das Eisen schmelzen +will. Da muß eine außerordentlich große Menge Wärme, die Schmelzwärme, dem +Eisen aufgezwungen werden, um es zu töten, um es dazu zu bringen, seine +bisherige Eigenart aufzugeben, um es aus dem festen in den flüssigen +Zustand hinüberzuzwingen -- um es zu schmelzen. + +Vom Hassen und Lieben des Leblosen haben wir bereits früher gesprochen und +haben gesehen, wie sich die Elemente fliehen und suchen, wie sie das +Verwandte -- um sich damit zu verbinden -- auswählen (Wahlverwandtschaft), +so daß wir nun keinen Abgrund mehr sehen zwischen dem Leblosen und +Lebenden, sondern nur Stufen, die vom einen zum andern hinaufführen. + +Auch das Leblose paßt sich der Umgebung an; der Stein, indem er verwittert, +paßt sich der Einwirkung der Atmosphäre an, ändert sich und »entwickelt« +sich. Sowohl im Gebiete des Lebenden als dem des Leblosen werden +Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebnisse aufgehäuft, die das Individuum +verändern und dadurch sein zukünftiges Benehmen beeinflussen. In beiden +Gebieten finden wir Wehrkraft, also Charakter und Eigenschaften, ohne die +die Welt ein gleichförmiges, wüstes Chaos und nicht ein mannigfaltiger +Kosmos wäre. »Jeder freut sich seiner Stelle, bietet dem Verächter Trutz«. +In beiden Gebieten finden wir ein Aufeinanderwirken, einen Kampf zwischen +Außenwelt und Individuum, dessen Ergebnis eben die Gesamtentwicklung der +irdischen Natur ist. + +So ist die Entwicklung nichts anderes als die stetige Betätigung der +»Wehrkraft«, die, wenn auch tausendmal überwunden, immer wieder in +ursprünglicher Jugendfrische, herrlich wie am ersten Tag, erscheint. Die +Wehrkraft ist die unerschöpfliche Quelle der tätigen Natur, sie ist der +Wille der Welt. Sie ist die Wurzel, der Stamm, das Geäst und das Laubwerk +der knorrigen Esche Yggdrasil, die, in ihrem Grunde beharrend, ihren Wipfel +ausbreitend hinaufbaut in den Äther. + +Während infolge der Wehrkraft alles fließt und sich ändert, steht die +Wehrkraft selbst, der Wille der Welt, ewig still, wie der Regenbogen auf +dem tosenden Wasserfall. Sie bleibt sich ewig gleich, nur ihre Bekleidung, +die Weltmaskerade, wechselt. Der Schein wechselt, das Wesen bleibt. + +Auf diese Weise hat die Chemie die Erde zerlegt, gemessen und gewogen und +die Kluft zwischen Lebendigem und Leblosem zu überbrücken gesucht; aber sie +hat auch neues Licht geworfen auf die Stellung der Erde im Weltall und +insbesondere auf das Verhältnis der Erde zur Sonne. + +Bevor wir darauf eingehen, wollen wir fragen -- eine Frage, die unserem +Gegenstande nur scheinbar fern liegt -- was das Wesen einer Maschine ist. +Zur Beantwortung dieser Frage betrachten wir die Dampfmaschine und die +Dynamomaschine. Die Dampfmaschine verwandelt Wärme in mechanische Arbeit, +also Wärmeenergie in mechanische Energie; die Dynamomaschine verwandelt +mechanische Kraft in Elektrizität, also mechanische Energie in elektrische +Energie. Maschinen sind also Geräte, die eine Art von Energie in eine +andere verwandeln. + +Nun erhält die Erde von der Sonne strahlende Energie, Licht. Ein Teil +dieser Lichtstrahlung, dieser strahlenden Energie wird in der irdischen +Atmosphäre in Wärme umgesetzt. Als Umwandler der strahlenden Energie in +Wärmeenergie ist die Erde also eine Maschine, und die Wirkung der Arbeit +dieser Maschine sind die geologischen und meteorologischen Ereignisse. Auch +die pflanzlichen Organismen sind Maschinen, da in ihnen die strahlende +Energie der Sonne in chemische Kräfte, in chemische Energie umgewandelt und +zum Aufbau des Pflanzenkörpers verwendet wird. Die Tiere wieder nähren sich +von den chemischen Kräften der Pflanze und verwandeln sie in tierische +Masse, in Muskelkraft und in der weiteren Entwicklung, in Gehirnenergie, in +Intelligenz. So ist die Erde vor allem eine Maschine zur Umwandlung von +strahlender Energie in Wärme; die Pflanzen sind Maschinen zur Umwandlung +von strahlender in chemische Energie und die Tiere zur Umwandlung von +chemischer Energie in andere Formen. Je höher wir in der Entwicklungsreihe +der Pflanze aufwärts steigen, um so besser wird die der Pflanze zuteil +gewordene Lichtmenge ausgenutzt, um so wirksamer also wird die Maschine; +ebenso nimmt auch im Tierreich der Wirkungsgrad und überdies die +Mannigfaltigkeit der umgewandelten Energien stetig in der Entwicklungsreihe +zu. + +Während in den Sonnen die Umwandlung strahlender Energie in chemische, +mechanische und Wärme-Energie eine sehr wesentliche Rolle spielt, sind die +Nebelflecke offenbar Maschinen, in denen aus verdünnter schwacher Wärme und +strahlender Energie, auf dem Umwege über chemische und mechanische Energie, +starke, konzentrierte strahlende Energie erzeugt wird, wodurch sie +schließlich in Sonnen übergehen. + +Hiernach ist jeder Teil der Welt eine Maschine in bezug auf die von dem +Rest der Welt auf ihn einwirkenden Energien. Für die Sonne als +Dampfmaschine bedeutet der Rest des Weltalls den Dampfkessel. Die Planeten +sind Maschinen vor allem in bezug auf die von der Sonne erhaltene Energie. +Sie bringen selbst wieder im Laufe der Entwicklung Maschinen hervor, die +Organismen, die die Energie in stets neue Formen umwandeln und das bunte +Bild des Lebens zustande bringen. Für je mannigfaltigere Energien diese +Organismen empfänglich sind, und je mannigfaltiger und wirksamer sie sie +umwandeln, als um so vollkommener und höher bezeichnen wir sie. + +Wenn man also bisher annahm, daß das Weltall einem Kältetode entgegengehe, +so war diese Annahme nicht richtig. Denn dem Weltall stehen Mittel und Wege +zur Verfügung, hohe Temperaturen aus anderen, auch ganz schwachen, ganz +verdünnten Energien darzustellen. Die Möglichkeit, entweder unmittelbar +oder auf Umwegen schwache, verdünnte Energien, wie Wärme, Elektrizität +usw., in starke, konzentrierte umzuwandeln, ist eben durch den maschinellen +Charakter der Welt bedingt. Wenn diese Wiederverstärkung der Energien nicht +möglich wäre, dann müßte das Weltall -- wenn es ewig ist -- schon vor +Ewigkeiten dem Kältetode und der starren Ruhe verfallen sein. Da wir nun +aber sehen, daß die Sonnensysteme, die Sonnen, die Planeten, die +Nebelflecke ebensogut Maschinen entsprechen, wie die von den Menschen +gebauten Maschinen und die Organismen selbst, so können wir daraus die +Ewigkeit des Geschehens verstehen. + +Wenn wir nun den Begriff »Maschine« etwas genauer untersuchen, so sehen wir +alsbald, daß jeder Stoff, jede Materie, gleichgültig, ob lebend oder +leblos, eine Maschine ist, das heißt, daß in allen ein Teil der auf sie +einwirkenden Energien in andere Formen umgewandelt wird. Jede Materie und +nach unserer Erfahrung _nur_ die Materie ist eine Maschine zur Umwandlung +von Energien. Die Materie hat also im Weltganzen die Aufgabe eines +Energieumwandlers. Das Gesetz von der Erhaltung der Materie verbürgt die +Ewigkeit der Energieumwandlungen durch die Ewigkeit und Unverminderbarkeit +des Energieumwandlers. + +Wir haben oben gesagt, daß die Maschinen, je höher wir in der +Entwicklungsreihe aufwärts steigen, um so mannigfaltigere Tätigkeiten +ausüben, indem eine stets wachsende Zahl von Energiearten in stets +wirksamerer Weise in ihnen zur Umwandlung gelangt. So bedarf die Pflanze +nur einer beschränkten Zahl von Strahlenarten, auch das niedrige Tier +empfindet nur ein enges Gebiet der Strahlung, verglichen mit dem Menschen, +auf den eine ganze Menge von Strahlen einwirkt. + +Der maschinelle Charakter der unorganischen Stoffe ist viel einfacher als +der der Tiere, in denen durch die Entwicklung und Verfeinerung mehrerer +Sinne die Umwandlung einer viel größeren Zahl von Energien ermöglicht ist. +Die unorganischen Maschinen werden nur von einer geringen Zahl von +Energien, und von jeder nur in einem eigenen Wirkungsgrade beeinflußt. +Gewisse Energien werden mehr oder weniger umgewandelt, andere wieder gehen +völlig oder fast völlig unverändert durch. So läßt z. B. Fensterglas einen +großen Teil des Farbenspektrums, einen großen Teil der Sonnenstrahlung +unverändert durch, es ist aber eine Maschine in bezug auf die sogenannten +Ultrastrahlen, während es elektrische Energie im Gegensatz zu Kupfer gar +nicht durchläßt. Von gewissen unorganischen Materien wird strahlende +Energie, von anderen wieder Wärme in chemische Energie umgesetzt. Noch +weniger mannigfaltig in ihrer Wirkung als die natürlichen unorganischen +Maschinen sind die von den Menschen gebauten Maschinen, da sie nur der +Umwandlung _einer_ Energie fähig sind. So setzt die Dampfmaschine Wärme in +mechanische Energie um, ist aber völlig unbrauchbar zur Umwandlung von +mechanischer in elektrische Energie oder umgekehrt. + +Wir können also sagen: Alle Stoffe, alle Materien sind Maschinen, in allen +werden gewisse einwirkende Energien in andere Formen umgewandelt. Die Zahl +der umgewandelten Energien ist am geringsten und die Umwandlung am +unvollständigsten in unorganischen Materien. Die Zahl der umgewandelten +Energien, und die Vollständigkeit der Umwandlung wächst, wenn wir in der +Entwicklungsreihe der Organismen aufwärts steigen. + +Nun können wir auch den wesentlichen Unterschied zwischen physikalischen +und chemischen Vorgängen klar fassen: physikalische Erscheinungen sind +solche, bei denen eine Energieumwandlung mit Hilfe einer Materie +stattfindet, z. B. das Schmelzen eines Metalles, oder das Elektrischwerden +verschiedener Stoffe; dies ist vergleichbar einer in Gang kommenden oder im +Gang befindlichen Dampfmaschine. Eine chemische Erscheinung dagegen ist die +Herstellung einer neuen Maschine aus den Teilen zweier oder mehrerer alter +Maschinen und ist daher vergleichbar dem Bau oder der Konstruktion einer +neuen Maschine. Hier eine Maschinenfabrik, dort eine in Betrieb kommende +oder im Betriebe stehende Maschine. + +Alles Geschehen im Weltall beruht auf diesem Aufeinanderwirken von Materie +und Energie. In diesem ewigen Streite kämpft jeder der beiden Kämpfer so +weit, wie seine Kräfte reichen; sind die Kräfte des einen Kämpfers +erschöpft, so muß er sich ergeben oder zum mindesten nachgeben, und, auf +halbem Wege dem Gegner entgegenkommend, sich ihm anpassen. In dieser +wahrhaft ewigen, nie ruhenden Schlacht wird das eine durch das andere +beeinflußt, das eine durch das andere verändert. So ist die Materie der +große Energieumwandler, die Energie der große Materienumwandler. Durch den +Widerstand der Materie im elektrischen Widerstandsofen wird die +Elektrizität zur Wärme (Energieumwandlung), durch den Einfluß des +elektrischen Stromes wird das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt +(Materienumwandlung). + +Damit wollen wir unsere romantische Wanderung durch das Gebiet der Chemie +beschließen. + + + + +Sachregister. + + +Aggregatzustand 81 + +Ackerbauchemie 55 + +Aluminium 29 + +Analyse 64 + +Anilinfarben 38 + +Arbeit des Chemikers 61 + +Arten, Erhaltung der, 51 + +Atmosphäre 73, 77, 78 + +Atomgewichte 74 + +Azetylen 26, 78 + + +Baumwolle 32, 44 + +Baeyer 40 + +Bessemerverfahren 18 + +Bittermandelöl 54 + +Blutserum 49 + + +Cumarin 54 + + +Desinfektion 50 + +Diphtherieserum 50 + +Dynamit 43, 44, 68 + + +Eisenerzeugung 16 + +Elektrochemie 29 + +Elektrostahl 18 + +Elemente 63, 74 + +Energie 84 + +Erdrinde 73, 74 + +Erfindertätigkeit 67 + +Erhaltung der Arten 51 + +Erinnerung 79 + +Erzmahlung 8 + + +Fällung von Gold 9 + +Färberröte 38 + +Farbe 37 + +Feuerträger 47 + +Feuerwerksätze 44 + + +Galalith 34 + +Gasglühlicht 24 + +Gasmaschinen 16, 19, 29 + +Generatorgas 28 + +Gifte 50 + +Glas 26 + +Glanzstoff 33 + +Glyzerin 44 + +Gold 6 + +Gold im Ozean 14 + +Goldfällung 9 + +Goldsucher 7 + +Gruppierung 62 + + +Hartglas 27 + +Heliotropin 54 + +Hochofengas 16, 20 + + +Indigo 37, 40 + +Indigoweiß 37 + + +Jasminduft 54 + + +Kalidünger 56, 57 + +Kalksandstein 36 + +Kalkstickstoff 59 + +Kalziumkarbid 26 + +Kampfer 34 + +Karborundum 29 + +Kasein 34 + +Katalyse 60 + +Kautschuk 34 + +Kieselgur 44 + +Kohle 27 + +Kollodium 32 + +Krapp 38, 40 + +Kristallisation 82 + +Konservierungsmittel 50 + +Kugelmühle 8 + +Kunstseide 31 + + +Leblanc 69 + +Leuchtgas 24 + +Licht 22 + +Luftstickstoff 59 + +Lyddit 44 + + +Martinstahl 18 + +Martinwerk 23 + +Maschine 84 + +Materie 84 + +Mahlen von Erz 8 + +Medizin 48 + +Melinit 44 + +Mendelejeff 76 + + +Nitroglyzerin 44 + +Nobel 68 + + +Orangenblüten 53 + +Osramlampe 26 + +Ozean 11, 73, 78 + + +Papier 33 + +Periodisches System 75 + +Petroleum 25, 78 + +Pfannenprozeß 6 + +Pflügen 55 + +Phenol 44 + +Phosphor 46 + +Phosphorsäure 56, 58 + +Pikrinsäure 43, 44 + +Pochwerk 6 + +Purpur 38 + +Pyrophore 47 + + +Quarzglas 27 + + +Riechstoffe 52 ff. + +Rohrmühlen 8 + +Rosenblüten 53 + + +Salizylsäure 50, 54 + +Salpetersäure 43, 44 + +Salpeterschwefelsäure 43 + +Schießbaumwolle 34, 43 + +Schießpulver 43 + +Schlämmen von Gold 6 + +Schwefelsäure 35, 60 + +Seesalz 73 + +Seide 31 + +Seife 54 + +Serum 49 + +Soda 70 + +Sonnenstrahlung 30 + +Sprenggelatine 43, 44 + +Sprengstoffe 43, 44 + +Spektralanalyse 64 + +Stahlerzeugung 18 + +Steinkohlenteer 38, 48 + +Stickstoffdünger 56, 59 + + +Tantallampe 26 + +Teerfarben 38, 40 + +Terpineol 54 + +Thomasstahl 68 + +Thomasmehl 58 + +Tod 80, 82 + +Transporteinrichtungen 28 + + +Vanillin 54 + +Veilchenblüten 53 + +Verbindung von Stoffen 66 + +Veredlung 22, 33 + +Viskose 33 + + +Wahlverwandtschaft 65 + +Walzwerk 20 + +Waschen von Gold 6 + +Wasserkraft 29 + +Wehrkraft 82 + +Wintergrünöl 54 + +Wolframlampe 26 + + +Xylolith 36 + + +Zelluloid 34 + +Zinkspäne 9 + +Zündstoffe 45 + +Zyanidverfahren 8 + + + + +Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart + + +Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit +die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen in den +weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel glaubt die +Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu +erreichen mittels des + + #Kosmos#, Handweiser für Naturfreunde + Jährlich 12 Hefte. Preis M 2.80; + +ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten Sinne +gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es erscheinen +im Vereinsjahr 1914 (Änderungen vorbehalten): + + #Wilh. Bölsche, Tierwanderungen in der Urwelt.# + Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W. + + #Dr. Kurt Floericke, Meeresfische.# + Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W. + + #Dr. Alexander Lipschütz, Warum wir sterben.# + Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W. + + #Dr. Fritz Kahn, Die Milchstraße.# + Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W. + + #Dr. Oskar Nagel, Romantik der Chemie.# + Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W. + +Diese Veröffentlichungen sind durch _alle Buchhandlungen_ zu beziehen; +daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 4.80) zum +#Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde# (auch nachträglich noch für die +Jahre 1904/13 unter den gleichen günstigen Bedingungen), entgegengenommen. +(Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen Werke usw. siehe am +Schlusse dieses Werkes.) + +Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart. + + + + +Naturwissenschaftliche Bildung ist die Forderung des Tages! + + +Zum Beitritt in den »Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde«, laden wir + + alle Naturfreunde + +jeden Standes, sowie alle _Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw._ ein. -- +Außer dem geringen + + _Jahresbeitrag von nur M 4.80_ + +(Beim Bezug durch den Buchhandel 20 Pf. Bestellgeld, durch die Post Porto +besonders.) + += K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 erwachsen dem Mitglied #keinerlei# +Verpflichtungen, dagegen werden ihm folgende _große Vorteile geboten_: + +Die Mitglieder erhalten laut § 5 als Gegenleistung für ihren Jahresbeitrag +im Jahre 1914 #kostenlos#: + +I. Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. +Reich illustr. Mit mehreren Beiblättern (siehe S. 3 des Prospektes). Preis +für Nichtmitglieder M 2.80. + +II. Die ordentlichen Veröffentlichungen. +Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M 1.-- pro Band. + + Wilhelm Boelsche, Tierwanderungen in der Urwelt. + Dr. Kurt Floericke, Meeresfische. + Dr. Alexander Lipschütz, Warum wir sterben. + Dr. Fritz Kahn, Die Milchstraße. + Dr. Oskar Nagel, Die Romantik der Chemie. + +Änderungen vorbehalten. (Näheres wird im Kosmos-Handweiser bekanntgegeben.) + +III. Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden naturwissenschaftlichen +Werken (siehe Seite 7 des Prospektes). + +>>>> _Jede Buchhandlung_ nimmt Beitrittserklärungen entgegen und besorgt +die Zusendung. Gegebenenfalls wende man sich an die Geschäftsstelle des +Kosmos in Stuttgart. + +Jedermann kann jederzeit Mitglied werden. + +Bereits Erschienenes wird nachgeliefert. + + + + + Anmerkungen zur Transkription: + + S. 57: "Phosphorsäure (S)" wurde geändert in "Phosphorsäure (P)". + + S. 66: "Zinsulfats" wurde geändert in "Zinksulfats". + + S. 73: "1,286 000 000 Kubikkilometer" wurde geändert in + "1 286 000 000 Kubikkilometer". + + S. 75, Periodisches System der Elemente: "Gold 19.2" + wurde geändert in "Gold 197". + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Romantik der Chemie, by Oskar Nagel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ROMANTIK DER CHEMIE *** + +***** This file should be named 27254-8.txt or 27254-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/7/2/5/27254/ + +Produced by Norbert H. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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