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+The Project Gutenberg EBook of Die Romantik der Chemie, by Oskar Nagel
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Die Romantik der Chemie
+
+Author: Oskar Nagel
+
+Release Date: November 13, 2008 [EBook #27254]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ROMANTIK DER CHEMIE ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Im Original fett gedruckte Passagen sind hier mit "#"
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+ gedruckt waren, sind hier mit "+" gekennzeichnet. Passagen,
+ die im Originaltext gesperrt gedruckt oder unterstrichen
+ waren, sind hier mit "_" gekennzeichnet.
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+ Im Originaltext wird bei Dezimalzahlen in einigen Fällen ein
+ Punkt, in anderen Fällen ein Komma verwendet. Dies wurde
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+
+
+
+
+ Die Romantik der Chemie
+
+ Von
+
+ Dr. Oskar Nagel
+
+ Mit 26 Abbildungen und 4 Tabellen
+
+ [Illustration: Signet]
+
+ _Stuttgart_
+
+ Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
+ Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung
+ 1914
+
+ Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
+
+ +Copyright 1914 by
+ Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.+
+
+ +STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
+ HOLZINGER & Co. STUTTGART+
+
+
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+
+ [Illustration: Dekoration]
+
+
+Wenn irgendeine Wissenschaft uns zu souveränen Herren der Natur gemacht und
+uns aus Naturbeherrschten in Beherrscher der Natur umgewandelt hat, so ist
+dies das spätgeborene Kulturkind der Menschheit, die Wissenschaft der
+Chemie. Sie gleicht einem Kinde, das Jahrtausende dazu gebraucht hat, das
+Sprechen zu erlernen, aber dann mit einemmal imstande war, die während der
+Jahrtausende angehäuften Eindrücke, die es von der Welt empfangen, in
+prachtvoller, sinnreicher, künstlerischer Sprache wiederzugeben. Sie
+gleicht einer Pflanze, die durch Jahrtausende kräftig-fleischige Blätter
+angesetzt hat, um plötzlich, über Nacht, die schönsten Blüten
+hervorzubringen. Sie gleicht einem spät erkannten, lange verachteten Stein,
+der, endlich gewürdigt und erkannt, durch diese Erkenntnis wie mit einem
+Zauberstabe berührt, sich in jeden gewünschten, wunderbar-merkwürdigen
+Stoff verwandelt; oder dem mystischen Schlüssel Mephistos, der den grauen
+formlosen Nebel in Götter umformt.
+
+Wie geheimnisvoll und märchenhaft klingt schon der Name »Chemie«! Und in
+der Tat, sie ist märchenhaft: ein Dornröschen, durch das reine Streben
+geistvoller Männer aus dem Schlafe erweckt; ein Midas, der alles, was er
+anfaßt, in Gold verwandelt; ein Heiliger, der Wasser aus dem Felsen
+schlägt; ein vom edelsten Willen beseelter Erlöser, der alle Hungrigen
+speisen möchte; ein Herakles, der den Augiasstall reinigt; ein licht- und
+wärmebringender Prometheus; ein bergezertrümmernder Titan; ein heilender
+Äskulap; eine kunstfertige, schmuckliebende Athene -- das alles ist die
+Chemie.
+
+Ein Midas, der, was er berührt, in Gold oder Goldeswert verwandelt, der aus
+schmutzigem Erz und Sand Gold und Eisen herstellt, anspruchslose Erden zu
+sonnenhaftem Lichte erglühen läßt, durch Zusammenschmelzen weicher Stoffe
+diamantharte Substanzen darstellt, durch Vermengung schwacher Materien
+Sprengstoffe von ungeheurer Gewalt erzeugt, der aus traurig-schwarzer Kohle
+prächtige Farben in heiterer Buntheit erstehen läßt, und so reichlich
+erschafft, was die Natur kärglich hervorbringt.
+
+Midas ist das Sinnbild des nach Besitz gierigen und nach dem Besitz der
+Besitze, nach Gold, hungrigen Menschen. Solange das Menschengeschlecht
+lebt, lebt Midas.
+
+Das Gold hat schon frühzeitig durch seinen Glanz, seine auffallende Farbe
+und seine Unveränderlichkeit die Aufmerksamkeit des vorhistorischen
+Menschen auf sich gezogen, seine Habsucht erweckt und die Lust gereizt,
+sich damit zu schmücken, zumal da es sehr leicht bearbeitet werden kann.
+Goldene Hefteln, goldener Halsschmuck waren damals das Vorrecht der
+Mächtigen und Reichen. -- Ursprünglich beachtete man wohl nur die größeren
+in der Natur gediegen vorkommenden Goldklumpen und -klümpchen, doch
+schärfte sich allmählich der golddurstige Blick, so daß der Mensch auch
+Goldkörner zu sammeln begann, wie man sie in dem Flußsande mancher Gewässer
+findet. Hierauf lernte man von den Flüssen das Waschen von Gold, das
+Schlämmen und den daraus entstandenen einfachen Pfannenprozeß, indem man
+fließendes Wasser durch goldhaltigen Sand leitete, so daß der leichtere
+Sand mit dem Wasser fortgeführt, das schwere Gold aber zurückgelassen
+wurde. Schließlich erfand man das »Pochwerk«, in dem goldreiches Gestein zu
+Sand zerpocht und zerhämmert wurde, woraus dann durch Schlämmen das Gold
+ausgewaschen werden konnte. Darüber kam man durch Jahrtausende nicht
+hinaus. Und Handel und Industrie waren durch den Mangel an Gold, das
+inzwischen zum Wertmesser erhöht worden war, in ihrer Entwicklung stark
+gehemmt.
+
+So litt die Menschheit unter selbstauferlegten Fesseln, quälte sich ab in
+dem selbstgezimmerten Prokrustesbette. Da kam ihnen ein Zauberer in ihrem
+Kampfe ums Gold zu Hilfe.
+
+Die moderne Chemie lieferte neue Waffen für diesen Kampf, Waffen von bisher
+ungeahnter Schärfe und Wirksamkeit, und ermöglichte die Gewinnung des
+Goldes aus Gesteinen, die so wenig davon enthielten, daß man vorher nicht
+nur die Gewinnung für unmöglich gehalten, sondern nicht einmal die
+Anwesenheit des Goldes darin hätte feststellen können. Die ganze Art der
+Goldgewinnung wurde damit von Grund aus geändert, ein völlig neues
+Verfahren drängte das alte Waschverfahren in den Hintergrund und
+gestattete eine bedeutende Vergrößerung der Golderzeugung der Welt. Die
+Goldsucher, die sogenannten »+Prospectors+«, begannen wieder tätig zu
+werden; mit ihrer einfachen Ausrüstung durchstreiften sie, golderzsuchend
+und auf rohe Art -- so gut es eben ohne viel Sachkenntnis und mit einfachen
+Mitteln möglich war -- auch golderzprüfend, die Goldgebiete Afrikas,
+Amerikas und Australiens, nahmen Beschlag von den Minerallagern, in denen
+sie Gold fanden, steckten ihre »Claims« aus, ließen diese ihre Ansprüche
+von der Bergbauobrigkeit bestätigen, verteidigten ihre Rechte mit
+scharfgeladenem Revolver und errichteten dann Schmelzwerke an Ort und
+Stelle oder verkauften ihre Rechte an die großen Goldunternehmer.
+
+Während man also ursprünglich nur _das_ Gold gewann, das man mit seinen
+eigen Augen sah, und später auch solches, das man nach einer einfachen
+Schlämmprobe im »goldverdächtigen Sande« gefunden hatte, tritt mit den
+Errungenschaften der neueren Chemie und Technik die Goldgewinnung in ein
+neues Stadium. Der Laboratoriumschemiker hat nun seine Hilfsmittel derart
+verfeinert, daß er das Gold in goldarmem Gestein selbst dann noch ganz
+genau nachweisen kann, wenn bloß ein Gramm des Edelmetalls in
+1000 Kilogramm Gestein enthalten sind, also selbst dann, wenn es bloß ein
+Millionstel des Gesteinsgewichtes ausmacht. Und der technische Chemiker hat
+nach vielen mühevollen Versuchen gelernt, diese Ergebnisse des
+Laboratoriums zu benutzen und zwar gewinnbringend zu benutzen, wenn der
+Goldgehalt des Gesteines in 1000 Kilogramm 6 Gramm oder mehr beträgt. Man
+muß versuchen, sich dieses Gewichtsverhältnis vorzustellen, wenn man die
+Größe dieser Leistung, die Romantik des Vollbrachten, würdigen will. Die
+Zeit, wo der Alchimist vergeblich in seiner Kammer brütete, hat einer Zeit
+genauer, sicherer, erfolgreicher und gewaltiger Arbeit Platz gemacht. Ganze
+Sandberge werden heute in Amerika mit großen mechanischen Schaufeln
+abgetragen, Berge von gemeinem, unscheinbarem Sand, Berge von Sand, die in
+1000 Kilogramm 6 Gramm Gold enthalten, aus dem das Edelmetall mit großem
+Vorteile gewonnen wird.
+
+Das Verfahren, durch das diese Gewinnung ermöglicht wird, ist das denkbar
+einfachste. Das Erz wird -- wenn es nicht schon ohnehin sandförmig ist --
+zunächst gemahlen und zwar in sogenannten Kugelmühlen -- kurze, sich
+drehende Trommeln mit Stahlkugelfüllung, worin die Kugeln durch die
+drehende Bewegung geschüttelt werden und dadurch eine mahlende Wirkung
+ausüben -- oder in sogenannten Rohrmühlen, in denen die mahlenden Kugeln in
+einem langen Stahlrohre untergebracht sind. Manche Erze müssen vor dem
+Zermahlen mit Hilfe von Röstöfen unter Luftzutritt erhitzt, »geröstet«
+werden (Abb. 1, 2, 3).
+
+ [Illustration: Abb. 1. Kugelmühle.]
+
+ [Illustration: Abb. 2. Rohrmühle.]
+
+Die gemahlenen Erze kommen nun in große Bottiche, Zyanidbottiche genannt,
+die in manchen Werken einen Durchmesser von 10 Metern haben und mehrere
+Meter hoch sind. Verdünnte Zyankaliumlösung wird nun dazugetan, und diese
+Lösung wird mit Hilfe einer Pumpe solange in Umlauf versetzt und in
+Bewegung erhalten, bis das Gold vollständig aus dem Erz entfernt und im
+Zyankalium gelöst ist. Die Zyankaliumgoldlösung wird nun aus dem Bottich
+abgezogen und das darin enthaltene Gold entweder mit Hilfe des elektrischen
+Stromes oder mit Hilfe von Zinkspänen, die das Gold zu »fällen« vermögen,
+als feiner Goldschlamm gewonnen, der dann in kleinen Öfen umgeschmolzen
+wird (Abb. 4, 5, 6, 7).
+
+ [Illustration: Abb. 3. Mechanischer Röstofen.]
+
+Vor der Entdeckung dieses Verfahrens, des sogenannten Zyanidprozesses,
+waren die Erze, die heute hauptsächlich damit verarbeitet werden, ganz
+wertlos, da eine Gewinnung des Goldes durch Schlämmen aus ihnen unmöglich
+war, weil einesteils das Gold darin in eigentümlichen Verbindungen,
+gleichsam chemisch verwachsen vorkommt, und anderesteils in so feiner
+Verteilung das Erz durchsetzt, daß man für den Schlämmprozeß ein Pulver von
+mindestens 1/40 Millimeter Körnergröße hätte herstellen müssen. Das
+bedeutet aber solche Feinheit, daß auch das Gold durch fließendes Wasser
+fortgeschwemmt wird und sich lange Zeit in der Flüssigkeit schwebend
+erhält.
+
+Sowohl in Amerika als auch in Afrika und Australien sind nun riesige
+Zyanidanlagen in fortwährender Tätigkeit, um das Gold aus zermahlenem
+Golderz oder schwach goldhaltigem Sande auszuziehen, und der größte Teil
+der Weltproduktion, die im Jahre 1911 an 1900 Millionen Mark betrug, wird
+auf diese Weise gewonnen. Im hügeligen und bergigen Gelände des
+amerikanischen Westens sieht man häufig die eigenartig gebauten, an den
+Bergabhang gelehnten Zyanidwerke, denen oben das Erz in Waggonladungen
+zugeführt wird. Auf dem Wege nach unten wird dem Erz das Gold durch
+Zyankalium entzogen und am unteren Ende der »Goldmühle« das gediegene Gold
+in Barren gegossen. Unermüdlich mahlen die Mühlen, unermüdlich übt das
+Zyankalium seine lösende Wirkung aus; ohne Ruhe und ohne Rast, Tag und
+Nacht, in stetiger, einförmiger Gleichmäßigkeit wird hier gewonnen, was
+dann draußen die Menge in rasende Aufregung versetzt, wird das Ziel der
+Habgier gewonnen, wird das gewonnen, was viele für den eigentlichen
+Lebenszweck halten, das, was sie für wertvoller achten als das Leben selbst
+(Abb. 8).
+
+ [Illustration: Abb. 4. Zyanidbottich.]
+
+Aber selbst durch die jetzt mögliche große Golderzeugung ist das Streben
+nach Gold nicht befriedigt, und unbefriedigt ist auch die forschende
+Neugier des Menschen. Gleich der Lernäischen Schlange bringt jede gelöste
+Frage weitere Aufgaben hervor; ist ein neues Verfahren gefunden, da heißt
+es wieder alle Einzelheiten des Verfahrens verbessern, und jede Einzelheit
+stellt eine neue Aufgabe dar. Dazu kommt noch das beständige Streben nach
+Verbilligung der Rohmaterialien, das Streben, selbst das elendeste Material
+verwenden zu können.
+
+Man wird nun fragen: Kann für die Goldgewinnung noch minderes Material zur
+Verwendung kommen, als das heute verwendete arme Erz? Ist es nicht
+hinreichend, wenn man 6 Gramm Gold aus 1000 Kilogramm Gestein gewinnt? Die
+Antwort lautet: Nein, für den strebenden Menschen ist nichts hinreichend.
+Er kennt keinen Stillstand, soll keinen kennen. »Im Weiterschreiten find'
+er Qual und Glück, Er, unbefriedigt jeden Augenblick.«
+
+ [Illustration: Abb. 5. Spezialbottich zur Goldgewinnung.]
+
+So hat man denn die Aufmerksamkeit auf ein Goldlager gelenkt, das wohl groß
+und mächtig ist, aber nur so geringe Spuren Goldes enthält, daß schon die
+Absicht, es zu gewinnen, lächerlich und das Gelingen dieses Versuches als
+wahrhaft romantisch erscheinen muß. Dieses große Goldlager ist der Ozean.
+Während man bisher nach dem Zyanidverfahren 6 Gramm Gold aus 1000 Kilogramm
+Erz gewinnt, handelt es sich nun darum, Gold aus dem Seewasser zu gewinnen,
+das in mehr als 200 000 Kilogramm _ein_ Gramm Gold enthält, also nur 1/1200
+so viel wie die ärmsten heute verarbeiteten Erze. Aber man scheut eben auch
+vor dem scheinbar Widersinnigen nicht zurück, man tritt guten Mutes an die
+Aufgabe heran, Gold aus einer Lösung zu gewinnen, die in
+200 000 000 Gewichtsteilen nur einen Gewichtsteil Gold enthält, und die
+Frage, einmal aufgeworfen, wird fort und fort bearbeitet, bis sie gelöst
+ist. Sie läßt den Kopf des Forschers nicht zur Ruhe kommen; er _muß_ sich
+mit ihr beschäftigen, ganz gleichgültig, ob die Lösung für _ihn_
+gewinnbringend ist oder nicht.
+
+Hier müssen wir uns fragen, ob eine solche Gewinnung des im Meerwasser
+_gelösten_ Goldes (wohlgemerkt, es ist gelöst und nicht als Pulver oder
+Staub im Seewasser enthalten) die Golderzeugung der Welt bedeutend erhöhen,
+ob sie gewinnbringend gestaltet werden und welche Folgen sie schließlich
+für die menschliche Kultur haben könnte.
+
+ [Illustration: Abb. 6. Fällkästen im Fällungsgebäude.]
+
+Ein Kubikmeter Seewasser enthält 5 Milligramm Gold; ein Kubikkilometer
+5000 Kilogramm. Da nun die Weltmeere einen Rauminhalt von über
+1 200 000 000 Kubikkilometer besitzen, so enthalten die Ozeane der Erde
+6 000 000 000 000 Kilogramm Gold. Gegenwärtig beträgt die jährliche
+Golderzeugung der Welt ungefähr 500 000 Kilogramm, und dürfte bei Anwendung
+des Zyanidverfahrens eine Menge von 600 000 Kilogramm wohl niemals
+überschreiten; demnach würde das Gold des Ozeans das Zehnmillionenfache der
+gegenwärtigen Jahreserzeugung gegenüber darstellen.
+
+Eine mächtige Aufgabe also, dieses ungeheure Goldlager zu erschließen, den
+Golddurst der Menschheit zu stillen, das Gold schließlich aus seiner
+tyrannischen Ausnahmestellung, die es als Wertmesser und Geldmaßstab
+innehat, zu verdrängen und dadurch die Menschheit vom Joche der
+Goldsklaverei zu befreien, einer Sklaverei, die um so mehr zunehmen würde,
+als die heutige Golderzeugung durch das Zyanidverfahren sich wohl nicht
+lange auf der bisherigen Höhe wird halten können.
+
+ [Illustration: Abb. 7. Goldschmelzofen.]
+
+So ist man denn kühn auf das Ziel zugeschritten. Die ersten Ideen und Pläne
+zur Gewinnung des ozeanischen Goldes gingen darauf hinaus, das Wasser in
+große Bottiche zu pumpen und ihm Zinnsalz zuzufügen; dadurch wollte man das
+Gold als Pulver ausscheiden, da es sich auch aus gewöhnlicher Goldlösung
+bei Zugabe dieses Salzes ausscheidet. Es fand aber wider Erwarten im
+Bottich keine nennenswerte Goldausscheidung statt, da das Seewasser eine
+unendlich verdünnte Goldlösung darstellt, in der eben das Zinnsalz nicht
+mehr wirkt. Aber selbst wenn das Gold auf diese Weise ausgeschieden werden
+würde, so wären infolge des äußerst geringen Goldgehaltes des Meerwassers,
+der langen Zeitdauer, die das Absetzen des Goldstaubes in Anspruch nimmt,
+usw., so viele und so große Holzbottiche zur Gewinnung selbst kleiner
+Goldmengen nötig, daß ein solches Verfahren -- bei dem das Seewasser durch
+lange Zeit hindurch in einem Bottiche gehalten werden muß -- von vornherein
+jeden technischen Erfolg ausschließt.
+
+Und so schritt man in Amerika, an der Küste des Atlantischen Ozeans zu ganz
+eigenartigen Versuchen, die in den Jahren 1910 und 1911 bei Fire Island,
+und an verschiedenen Punkten der Küste von New Jersey ausgeführt wurden.
+Man suchte und fand einen Stoff, der zu dem in äußerster Verdünnung
+vorhandenen Golde eine so nahe chemische Verwandtschaft hat, daß Seewasser
+beim Durchfließen eines mit diesem Stoff erfüllten Behälters das gelöste
+Gold an den »Stoff« abgibt, in dem sich das Metall derartig anreichert, daß
+man schließlich ein sehr goldreiches »künstliches« Erz erhält, aus dem dann
+das Gold auf mannigfache Weise gewonnen werden kann.
+
+ [Illustration: Abb. 8. Amerikanische Zyanidanlage.]
+
+Nach vielen Versuchen fand man nämlich, daß Hochofenschlacke, nachdem sie
+mit Eisenvitriol behandelt worden war, und auch einige andere Stoffe die
+Eigenschaft haben, das Gold dem Seewasser zu entziehen. Man fand, wie der
+»Stoffbehälter«, durch den das Seewasser fließt, zweckmäßig gebaut und
+angelegt werden müsse; man fand durch praktisches Ausprobieren der Pumpen,
+daß die Förderung des Wassers aus dem Ozean in den »Stoffbehälter« sehr
+billig ausgeführt werden könne; man fand, wie man an einer Landzunge eine
+derartige Fabrikanlage errichten könne, so daß stets frisches Seewasser in
+die Pumpen gelangt und das des Goldes beraubte Wasser in solchem Abstande
+abfließt, daß es nicht wieder in die Pumpen gelangen kann. Und so ist nun
+der Grundstein gelegt für eine neue chemisch-metallurgische Industrie.
+
+An diesem Beispiele sehen wir klar und deutlich, wie die Chemie ihre Mittel
+und Methoden immer mehr verfeinert und wie sie mit Kleinem und Kleinerem,
+Großes und Größeres erreicht. Nichts ist ihr zu gering, denn sie weiß
+unzählige kleine Teile zu einer mächtigen Summe zusammen zu addieren, die
+stoffliche Zerstreutheit wie durch eine Brennlinse zu mächtiger Einheit zu
+sammeln.
+
+ [Illustration: Abb. 9. Hochofenanlage mit Hafen in Rheinhausen
+ bei Duisburg (Firma Fried. Krupp A.-G., Essen.)]
+
+Dieselbe Sorgfalt, die man der Entdeckung und Verwertung von Spuren von
+Gold gewidmet hat, ist auch den gröberen Metallen zuteil geworden, und
+dadurch sind Gegenstände, die in früheren Zeiten nur den Reichsten zur
+Verfügung standen, Allgemeingut geworden; die chemische Technik hat in
+glänzender Weise die Aufgabe gelöst, ungeheure Massen von Rohmaterial zu
+verarbeiten, um die Ansprüche des Menschengeschlechtes zu erfüllen. Auch
+bei diesen gröberen Metallen hat man gelernt, mindere und ärmere
+Rohmaterialien zu verwerten und dadurch -- da die armen Erze sich in schier
+unerschöpflichen Lagern vorfinden -- das Fabrikat zu verbilligen.
+
+Was in dieser Hinsicht erreicht und geleistet worden ist, können wir
+insbesondere an der Entwicklung der _Eisenindustrie_ sehen. In früherer
+Zeit wurde nur ausgezeichnetes, reiches, stückförmiges Erz verarbeitet. In
+kleinen, niedrigen Öfen wurde das Erz mit Holzkohle vermischt, der Wirkung
+der Gebläseluft ausgesetzt, und mühsam arbeiteten die plumpen
+Gebläsemaschinen. In kleinen Mengen wurde da das Gußeisen hergestellt, um
+dann durch umständliche Handarbeit, durch Rühren auf Herdöfen, in Stahl
+umgewandelt zu werden. Diese Umwandlung beruht, nebenbei bemerkt, im
+wesentlichen darauf, daß Gußeisen, das stets an Kohlenstoff reich und
+deshalb spröde ist, wenn es in geschmolzenem Zustande mit Luft in Berührung
+kommt, einen großen Teil des Kohlenstoffes verliert, indem dieser durch die
+Luft verbrannt wird. Dadurch geht das Gußeisen in ein kohlenstoffarmes,
+elastisches Material, Stahl genannt, über.
+
+Aus dem kleinen Eisenschmelzofen ist im Laufe kurzer Zeit der riesige,
+moderne Hochofen geworden; die verbrauchte Gebläseluft, die oben als
+Gichtgas abzieht, wird heute in großen Gasmaschinen verbrannt; dadurch
+werden Millionen von Pferdekräften, die vormals verloren gingen, als
+Betriebskraft für riesige Gebläse- und andere Maschinen und zum Heizen von
+Dampfkesseln nutzbar gemacht (Abb. 9, 10).
+
+ [Illustration: Abb. 10. Blick in eines der Gasgebläsehäuser der
+ Gußstahlfabrik Fried. Krupp A.-G., Essen.]
+
+Anstatt reichen, stückförmigen Erzes wird heute minderwertiger Erzstaub
+verarbeitet; hat man früher die Umwandlung von Roheisen in Stahl nur mühsam
+vollbracht, so geschieht dies heute automatisch auf die allerbequemste
+Weise in denkbar kürzester Zeit. Drei Stahlgewinnungsverfahren herrschen
+heute in der Industrie, und ein viertes bewirbt sich rege um die
+Mitherrschaft. Nach dem _Bessemerverfahren_ kommt das flüssige Roheisen in
+ein großes, mit feuerfestem Ton ausgemauertes, birnenförmiges Gefäß, die
+Bessemerbirne, die oben offen ist, während unten gepreßte Luft durch das in
+der Birne enthaltene flüssige Roheisen geblasen wird, um es in wenigen
+Minuten in Stahl zu verwandeln. Das _Thomasverfahren_ verwendet dieselbe
+Vorrichtung, benützt aber Kalk und Magnesia als Ausmauerungsmaterial, was
+zur Folge hat, daß phosphorsäurehaltige Erze, die im Bessemerverfahren
+nicht verarbeitet werden können, zur erfolgreichsten Verwendung kommen,
+während zugleich die phosphorsäurereiche Thomasschlacke, gepulvert
+Thomasmehl genannt, als wertvolles Düngemittel erhalten wird. Das dritte
+Verfahren ist das _Martinverfahren_, bei dem gasgefeuerte, horizontale Öfen
+verwendet werden. Neuestens tritt die _Elektrostahlerzeugung_ auf den Plan
+und wird in kohlenarmen Ländern, die über Wasserkräfte verfügen, von
+täglich steigender Bedeutung, da sich in solchen Ländern bei der
+Möglichkeit, Elektrizität billig herzustellen, der Betrieb elektrischer
+Öfen gut lohnt (Abb. 11, 12, 13, 14.)
+
+ [Illustration: Abb. 11. Geschnittene Bessemerbirne der Firma
+ Fried. Krupp. (Deutsches Museum.)]
+
+ [Illustration: Abb. 12. Bessemerbirne gekippt zum Entleeren des
+ erzeugten Schmiedeeisens. (Deutsches Museum.)]
+
+Zumal in der jüngsten Vergangenheit hat sich die Eisenindustrie mächtig
+entwickelt. Immer riesenhafter wurden die Maße genommen, von den Erzbunkern
+bis zu den Werkstätten und Magazinen. Vorratskammern für Erz (Silos) bis zu
+300 Metern Länge, zwei- und dreifach nebeneinander gebaut, sind gar nicht
+selten. Und welche Massen werden mit einem Male auf die Gichtplateaus
+gefördert, um von da in den Hochofen zu gelangen! In schwindelnder Höhe
+schwebt der Erzkübel, der selbst seine sieben Tonnen wiegt; mit einem
+ebenso schweren Inhalt an Erz. Die Gasreinigungen, durch die das oben
+entweichende Hochofengas von Staub befreit wird, um zum Betrieb von
+Gasmotoren brauchbar zu werden -- vor Jahren kleine Nebenanlagen -- sind
+heute großmächtige Fabriken geworden, in denen ein Dutzend komplizierter
+Apparate steht. Die »Zentralen«, in denen das Gichtgas zur Krafterzeugung
+verwendet wird, zählen erst mit von 25 000 Pferdestärken an; und zwölf
+mächtige Gasmotoren ist das gewöhnliche; manche Anlagen bergen vierzehn
+dieser Ungeheuer mit 40 000 Pferdestärken und mehr; auf der einen Seite die
+Hochofengebläse mit dem kurzen, stoßenden Atem, auf der anderen Seite die
+Gasdynamos in Reihe und Glied, die ungeheueren Schwungräder bewegend. Die
+Hochöfen werden immer höher und weitbauchiger. In Deutschland baut man sie
+jetzt mit einem Fassungsraum von einer halben Million Kilogramm. Die
+Mischer aber, in denen das flüssige Roheisen aufgespeichert wird, sind
+doppelt so groß, was das Fassungsvermögen anlangt. Die Thomaswerke sind zu
+Kolossalbauten geworden; den 30-Tonnen-»Konverter« sieht man schon sehr
+oft, und Martinöfen von 110 Tonnen sind nichts Unerhörtes.
+
+Die Rohblöcke, die ins Walzwerk geschafft werden, sind bis auf fünf Tonnen
+das Stück angewachsen. Man walzt Längen bis zu 120 Meter. In Hagendingen
+ist die Halle vom Blockwalzwerk bis zur Verladung 530 Meter lang.
+
+Solche Massenräume mit ihren gigantischen Erzeugnissen verlangen
+entsprechende _Transporteinrichtungen_. Man bedenke, daß allein auf dem
+Hochofenwerk Kneuttingen des Lothringer Hütten-Vereins täglich 1200 Waggons
+zu befördern sind. Da die verwendeten Erze nur wenig gehaltreich sind,
+braucht man große Mengen, ebenso von Koks. Das Roheisen soll zum Mischer
+und Sammelwerk, der Block zum Walzwerk, die Fertigfabrikate sollen in den
+Waggon. Man sieht zwar auf einem alten Werk noch einige wohlgenährte
+Pferdchen Schienen zu den Bearbeitungsmaschinen ziehen; in demselben Werk
+mühen sich auch noch viele Männer ab, um einen Wagen mit Knüppeln zu
+schieben. Aber das sind Ausnahmen, die heute ins Museum gehören und auch
+bald verschwinden werden. Im übrigen hat die Industrie in der schweren
+Massenbeförderung bewundernswerte Fortschritte gemacht. Da ist die
+elektrische oder feuerlose Lokomotive und vor allem der Kran und die
+Drahtseilbahn; Kräne bis 55 Meter Spannweite bestreichen die weiten Räume
+und arbeiten dabei so leicht und geschickt, wie eine menschliche Hand.
+Drahtseilbahnen von Meilenlängen sind keine Seltenheit, und gewaltige
+Hochbahnen wecken unser Erstaunen.
+
+»_Ausschaltung der menschlichen Arbeitskraft_ ist das ideale Ziel. Die
+Mechanisierung der Arbeit beherrscht die Werke. Du stehst in dem endlos
+großen Hochofenwerk; vom Erzlager bis zu den Zentralen kaum ein Mensch; es
+donnert und poltert, es braust und zischt, aber das Ganze scheint von
+unsichtbaren Händen geleitet zu sein. In der Elektrohängebahn, die die Erze
+auf den Ofen schafft, stehen an den entscheidenden Punkten einzelne Leute,
+um das weitläufige Getriebe vor Störungen zu bewahren; Lichtsignale
+erleichtern die Verständigung. Auf dem Gichtplateau des modernen Hochofens
+sieht man keinen Menschen. Der Erzkübel setzt sich automatisch auf den
+Hochofen, entleert sich in den Ofenschacht und schließt den Ofen. So geht
+die Arbeit Tag und Nacht, Jahre hindurch, bis der Ofen seine Reise beendet
+hat.«
+
+ [Illustration: Abb. 13. Bessemerwerk (Fried. Krupp A.-G.,
+ Essen).]
+
+An Licht und Luft ist nicht gespart. Schön und gewaltig hat man in den
+letzten Jahren auch für den Arbeiter und Angestellten gebaut. Eine
+Arbeiter- und Beamtenkolonie ist prächtiger als die andere; dazu kommen
+Kasinos, Konsum-Anstalten, Ledigenheime, Speiseanstalten, Schlafhäuser.
+Der Mann aus dem Mittelstande kann nicht besser untergebracht sein als die
+Mehrzahl der Arbeiter und Beamten in den Eisenwerken. So muß es aber auch
+sein. Man hat schon Sorgen genug, Arbeiter zu bekommen und festzuhalten.
+Man muß den Leuten Annehmlichkeiten bieten, denn die nächste Stadt ist
+weit und die Zeit sie zu besuchen, fehlt. So sind denn die
+Wohlfahrtseinrichtungen unbedingt notwendig, und die Millionen, die dafür
+aufgewendet werden, gehören zu den notwendigen Ausgaben.
+
+Man wirtschaftet sparsam; alle Abfallstoffe werden verwertet; das
+Hochofengas zur Krafterzeugung; die Hochofenschlacke zur Zementfabrikation
+und zur Erzeugung von Schlackenwolle, die als Filtriermaterial dient.
+
+Der Stahl der großen Stahlwerke wird dann von kleineren Spezialfabriken
+noch weiter veredelt und wertvoller gemacht. Welche Werte die Veredelung
+des Eisens schafft, möge ein Beispiel zeigen: 100 Kilogramm Roheisen kosten
+5 Mark; in Form von Uhrfedern aber haben 100 Kilogramm Eisen einen Wert von
+1 700 000 Mark.
+
+So veredelt die Chemie die Stoffe, die wir aus den dunklen Schächten und
+aus der finsteren Meerestiefe heraufholen. Lichtverbreitend und aufklärend
+schafft sie stets Fortschritt. _Lichtverbreitend_ auch im eigentlichen
+Sinne des Wortes. Die Chemie hat uns die Mittel in die Hand gegeben, das
+armselige Öllämpchen und die dürftige Talgkerze durch sonnenähnliche
+Lichtquellen zu ersetzen. Sie brachte uns die Stearinkerze, diese sichere,
+bequeme, tragbare Gasfabrik, in der das Stearin geschmolzen, vergast und
+verbrannt wird; sie ließ uns das Leuchtgas finden und das Petroleum, das
+Gasglühlicht, die Quecksilberdampflampe und das Azetylen; und sie half
+mächtig mit bei der Verbesserung der elektrischen Glühlampen, so daß das
+Meer von Licht, das heute von jeder Stadt ausgeht, und die Billigkeit des
+modernen elektrischen Glühlichtes in hohem Maße der Chemie zu danken sind.
+
+ [Illustration: Abb. 14. Martinwerk I (Fried. Krupp A.-G., Essen).]
+
+Das _Leuchtgas_, welch kühne Erfindung! Welche Überwindung von
+Schwierigkeiten in der Anwendung! Welcher Arbeitsaufwand war erforderlich,
+um nur die unterirdischen Röhren in einem die ganze Stadt versorgenden
+Netze zu legen und diese Röhren mit der nötigen und wechselnden Gasmenge zu
+speisen! Bei Tage geringer Verbrauch, bei Einbruch der Dunkelheit eine
+plötzliche, riesige Inanspruchnahme. Das Ganze versorgt aus einem
+Mittelpunkt, aus einem Herzen, das ganz verläßlich und tadellos arbeiten
+muß, um überhaupt brauchbar zu sein. Die chemische Technik hat diese große
+Aufgabe glänzend gelöst. Und heute wird in glatter Arbeit in all den
+Gaswerken in Hunderttausenden großer Tonretorten Steinkohle erhitzt, wobei
+Koks als wertvoller Rückstand bleibt, während das heiße Leuchtgas, mit Teer
+gemischt, entweicht. Durch Kühlen und Waschen wird das Gas von Teer und
+Verunreinigungen befreit und wandert in die großen Gasbehälter, die
+modernen Wahrzeichen der Städte, um aus diesen stählernen Vorratskammern in
+großen Mengen freigelassen zu werden, zur Stillung des mannigfaltigen
+Lichtbedarfes der stets anspruchsvoller werdenden Menschheit (Abb. 15).
+
+Dann die Verdrängung der offenen gelben Gasflamme durch das blendend weiße
+_Gasglühlicht_, nachdem man entdeckt hatte, daß gewisse Erden, insbesondere
+Thoriumnitrat, das eine Spur Zernitrat enthält, in der Hitze der Gasflamme
+ein weißes helles Licht ausstrahlen. Welche Schwierigkeiten waren da zu
+überwinden infolge der Gebrechlichkeit der Glühstrümpfe und wie viel
+größere noch infolge der Seltenheit des Rohmaterials. Doch sie wurden durch
+Forschen und Suchen, durch stetige, vom Glücke begünstigte Arbeit
+überwunden. Als das Glühlicht entdeckt wurde, kannte man nur spärliche
+Lagerstätten des Monazits, jenes wertvollen Erzes, aus dem das Thorium und
+Zer gewonnen werden, und beinahe wäre wegen der Knappheit der
+Rohmaterialien die Glühlichterfindung gescheitert, hätte man nicht
+zufälligerweise gerade damals große Monazitlager in Amerika entdeckt. So
+trat das Leuchtgas, das man bereits durch die Elektrizität überwunden
+glaubte, wieder mit frischer, erneuerter Jugendkraft auf und feierte eine
+Wiedergeburt, die es mit dem elektrischen Lichte in erfolgreichen
+Wettbewerb treten ließ.
+
+ [Illustration: Abb. 15. Blick in die Nürnberger Gasanstalt mit
+ schrägliegenden Retorten. (Deutsches Museum.)]
+
+Nun konnten die Straßen und Häuser, Läden und Wohnungen, auch ohne
+elektrische Leitung in glänzendem Lichte erstrahlen. Doch auch dem einsamen
+Landhause schuf die Chemie Befreiung von dem lästigen Öllämpchen und von
+der armseligen Unschlittkerze, auch von der viel besseren, aber immerhin
+noch kümmerlichen Lichtquelle der Stearinkerzenflamme. Das _Petroleum_
+tritt auf. Man findet im Inneren der Erde Lagerstätten eines schmutzigen,
+dickflüssigen, explosiven Öles, das in vergangenen Zeiträumen durch
+Zersetzung pflanzlicher und tierischer Überreste entstanden ist. Was einst
+im herrlichen Sonnenlichte erwachsen ist, dient nun, aus der Finsternis
+wieder zutage gebracht, dazu, die Finsternis zu vernichten und die Nacht
+zum Tage umzugestalten. Der Chemiker findet Wege, das schmutzige Erdöl zu
+reinigen, indem er es mit starken Säuren und Laugen wäscht; er lernt, das
+Erdöl sozusagen »mürbe« zu machen, indem er es durch Destillation zwingt,
+in seine drei Hauptbestandteile zu zerfallen, in das flüchtige Benzin, in
+das Leuchtöl, das ohne Explosionsgefahr in Lampen verbrannt werden kann,
+und in das kostbare Schmieröl, das, den Reibungswiderstand vermindernd, ein
+glattes Laufen der verschiedensten Maschinen ermöglicht.
+
+Aber eine noch bessere und schönere Lichtquelle wird für das einsame
+Landhaus, für das Sommerhotel und für die Hochgebirgshütte gefunden, indem
+man einen Stoff benutzt, der durch zwangsweise Vereinigung einer
+unverbrennlichen weißen mit einer verbrennlichen schwarzen Masse entsteht.
+Kalk und Kohle, in der Riesenhitze des elektrischen Ofens zur engsten
+Verbindung genötigt, ergeben das als Kalziumkarbid bekannte Material, das,
+mit Wasser übergossen, ein mit blendend weißer Flamme brennendes Gas, das
+Azetylen, liefert. An mächtigen Wasserkräften stehen die elektrischen Öfen
+und erzeugen große Mengen von Kalziumkarbid, das in Büchsen verpackt, in
+entlegene Einsamkeiten versendet wird, um dort mit Hilfe eines sicheren,
+handlichen, bequemen, kleineren oder größeren Apparates zur Gaserzeugung
+verwendet zu werden. Nun kann jedes Landhaus seine eigene kleine Gasfabrik
+haben, ja sogar jedes Fuhrwerk, jedes Automobil sich zur eigenen
+Beleuchtung das nötige Azetylen in kleinen, im Wagen untergebrachten
+Apparaten selbst herstellen.
+
+Auch die elektrische Beleuchtung wird durch die Ergebnisse chemischer
+Forschung immer mehr gefördert. Tantal-, Wolfram- und Osramlampen,
+Erzeugnisse der modernen chemischen Technik, bewirken eine außerordentliche
+Kraftersparnis und gestatten die Erzeugung großer Lichtmengen auf eine
+früher für unmöglich gehaltene billige Weise. Die Quecksilberdampflampe --
+mit ihrem grünen Lichte --, in amerikanischen Werkstätten überaus beliebt,
+bedeutet eine weitere Kraftersparnis, so daß bei dem gegenwärtigen Stande
+der Beleuchtungstechnik jeder Laden und jedes Hotel, jede Straße und jeder
+Bahnhof mit geringem Kostenaufwande fast tageshell beleuchtet werden kann.
+
+Hier wollen wir auch kurz des _Glases_ Erwähnung tun, dieses bei allen
+Beleuchtungsarten vielverwendeten Stoffes, der schon seit Jahrtausenden
+bekannt und als seltene Kostbarkeit geschätzt, durch die chemische
+Industrie zu einem ganz allgemeinen, selbst dem Ärmsten zugänglichen
+Gebrauchsgegenstand geworden ist.
+
+Was vorher über die Umwandlung des früheren Kleineisengewerbes in die
+moderne Großindustrie gesagt ist, gilt für die Glasindustrie in vielleicht
+noch höherem Maße. Ursprünglich wurde wohl die Kunst des Glasschmelzens als
+strenges Gewerbegeheimnis bewahrt, was um so leichter möglich war, als die
+Rohmaterialien, Soda, Kalk und feiner Sand, bei den damals schwierigen
+Transportverhältnissen nicht allgemein erhältlich waren. Durch die
+Verbilligung der Soda wurde erst die Begründung einer Glas_industrie_
+möglich. Auch hier wurden die Schmelzöfen immer größer, auch hier lernte
+man durch sorgfältigere Ausführung der Schmelzöfen die zur Schmelzung
+erforderliche Brennstoffmenge vermindern und schließlich die menschliche
+Arbeit beim Glasblasen und bei der Spiegelglaserzeugung durch genial
+ersonnene Maschinenarbeit ersetzen.
+
+Man hat dann, in den letzten Jahrzehnten, auch neue Glassorten hergestellt,
+das »Hartglas« und das »Quarzglas«.
+
+Das _Hartglas_ wird durch rasches Abkühlen des heißen Glases auf
+Temperaturen von 200-300° hergestellt, indem man das zu härtende Glas rasch
+in Bäder von Öl mit dieser Temperatur taucht. Dieses »abgeschreckte« Glas
+kann schroffe Temperaturwechsel ertragen und ist zugleich sehr schwer
+zerbrechlich.
+
+_Quarzglas_ wird durch Schmelzen von Quarz und Bergkristall im elektrischen
+Ofen hergestellt. Es ist gegen plötzliche Temperaturänderungen ganz
+unempfindlich; man kann es auf hohe Temperaturen erhitzen und dann ohne
+weiteres in kaltes Wasser tauchen, ohne daß es zerspringt.
+
+Bei all den besprochenen Industrien bedarf der Chemiker in großer Menge
+zweier »Kräfte«, wenn wir sie so nennen wollen, zweier Energien, nämlich
+der _Kraft_ und der _Wärme_. Vor allem also müssen diese Energien billig
+und bequem zu erlangen sein, da sie gleichsam die Grundlage der Technik
+bilden. Vorderhand ist das wichtigste Rohmaterial zur Gewinnung von Kraft
+und Wärme die _Kohle_. Aber auch der Kohlenvorrat der Erde wird schließlich
+einmal erschöpft sein, und deshalb muß der Chemiker und der chemische
+Ingenieur bei Zeiten vorbauen, indem er einerseits mit möglichst wenig
+Kohle möglichst viel auszurichten sucht und dadurch die Erschöpfung der
+Kohlenlager hinausschiebt, anderseits aber auch jetzt schon daran denkt,
+wie man später auch ohne Kohle den Kulturzustand der Menschheit wird
+aufrecht erhalten können.
+
+ [Illustration: Abb. 16. Entstehung von Wassergas, Generatorengas
+ und Generatorenwassergas. (Deutsches Museum.)]
+
+In dem rastlosen Streben nach _möglichst guter Ausnützung der Kohle_ werden
+zunächst die Feuerungen, die Roste und der Schornstein immer zweckmäßiger
+gestaltet; man hat ferner gelernt, den früher wertlosen Abfall der
+Kohlenbergwerke, den Kohlenstaub, zu verbrennen oder ihn in Form fester
+Ziegel (Briketts) in den Handel zu bringen; man verwertet die Hitze der von
+der Feuerung zum Kamin abgehenden Gase zum Vorwärmen des
+Kesselspeisewassers, und schließlich bedient man sich immer mehr -- um
+Kohle zu sparen und sehr hohe Temperaturen erreichen zu können -- der
+Vergasung der Kohle in Gasgeneratoren, die nichts anderes sind als Öfen,
+auf deren Rost anstatt einer niedrigen Kohlenschicht, wie sie in den
+gewöhnlichen Öfen gebräuchlich ist, eine hohe Kohlenschicht von etwa
+0.5 Meter aufgehäuft wird. Dadurch wird bewirkt, daß die dem Rost zunächst
+befindliche Kohlenschicht vollkommen verbrannt wird; aber die
+Verbrennungsgase können nicht, wie bei den gewöhnlichen Öfen, zum Kamin
+entweichen, da sie durch die hohe Kohlenschicht gezwungen sind, zunächst
+diese zu durchstreichen. Bei der Berührung der »unbrennbaren«
+Verbrennungsgase mit der oberen Kohlenschicht verbindet sich deren
+Kohlenstoff mit den unbrennbaren Gasen zu einem _brennbaren_ Gase, dem
+sogenannten Generatorgas, das in größtem Maßstabe zur Beheizung von Stahl-
+und Glasöfen dient und auch vielfach zum Zweck der Krafterzeugung in
+Gasmotoren verbrannt wird; diese Verwendung bedeutet, im Vergleich zum
+Kohlenverbrauch der Dampfmaschine, eine namhafte Ersparnis (Abb. 16, 17).
+
+ [Illustration: Abb. 17. Gasgenerator.]
+
+Außerdem sucht man immer mehr die _natürlichen Kräftevorräte_, _die
+Wasserfälle_, zu verwerten, was sehr geeignet ist, die Lebensdauer unserer
+Kohlenlager bedeutend zu verlängern. Amerika und Afrika sind reich an
+mächtigen Wasserfällen, auch Europa besitzt im Norden und in den Alpen
+gewaltige Wasserkräfte, die, in Kohle oder Kraft umgerechnet, bedeutende
+Werte darstellen. Der Niagarafall allein enthält so viel Kraft, als man
+durch tägliche Verbrennung von einer Million Tonnen Kohle erzeugen könnte.
+So erbaut man nun Fabriken, die sehr viel Kraft brauchen, wenn möglich in
+der Nähe von Wasserkräften (Aluminiumfabriken). Aber auch solche Werke, die
+starke Hitzegrade erfordern, verlege man in die Nähe von Wasserfällen, denn
+der chemische Ingenieur hat es durch den Bau von elektrischen Öfen, die den
+Strom in hohe Hitzegrade umwandeln, möglich gemacht, Grade zu erreichen,
+die früher unerreichbar waren, und dadurch Stoffe zu erzeugen, die früher
+nicht darstellbar waren. Des Kalziumkarbides ist bereits gedacht worden.
+Nicht weniger interessant ist der Stoff, der im elektrischen Ofen durch
+Zusammenschmelzen von Sand und Kohle erzeugt wird, das Karborundum, der
+fast diamantenhart, als Schleif- und Poliermittel ausgedehnte Verwendung
+findet und dem Schmirgel große Konkurrenz bereitet.
+
+Die Billigkeit, mit der der elektrische Strom aus Wasserkraft hergestellt
+werden kann, hat eine neue Industrie, die _elektrochemische_, ins Leben
+gerufen, wobei der elektrische Strom zur Zerlegung wertloserer Verbindungen
+in ihre wertvolleren Bestandteile verwendet wird. So werden jetzt
+zahlreiche Stoffe mit Hilfe des elektrischen Stromes, elektrochemisch,
+dargestellt, insbesondere Natrium, Chlor, Ätznatron und Soda, deren
+gemeinsames Ausgangsprodukt das Kochsalz ist.
+
+Wie bereits erwähnt, sorgt der Chemiker auch für die Zukunft. Er sucht
+Verfahren zu finden, mit denen man auf billige Art Kraft erzeugen kann,
+Verfahren, die darauf hinausgehen, aus der Kohle mehr Kraft als bisher
+möglich zu gewinnen, oder die Kohle überhaupt überflüssig zu machen. Zu
+diesem Zwecke benutzt er den unerschöpflichen Kräftevorrat, der dem
+Menschengeschlecht so lange zur Verfügung stehen wird, als es bestehen
+wird, da es selbst gleichsam nur ein Ausfluß und eine Wirkung dieser Kräfte
+ist, er benutzt dazu das strahlende Licht, die strahlende Kraft, die
+strahlende _Energie der Sonne_. Diese Kraft wird heute auf der
+Erdoberfläche nur sehr spärlich ausgenutzt, indem sie nur von den Pflanzen
+zum Aufbau ihres Körpers verwendet wird, während der Rest unbenutzt
+»verloren« geht. Und doch könnte uns diese Kraftquelle mit schier
+unendlichen Mengen von Kraft versorgen. Darum arbeitet man an der schweren
+Aufgabe, das Sonnenlicht unmittelbar in Kraft umzuwandeln und zwar in _die
+Kraft_, die sich am bequemsten, mit den geringsten Verlusten weiter
+umwandeln läßt, in Elektrizität.
+
+Zunächst hat sich der Physiker damit begnügt, das Sonnenlicht in Wärme
+umzuwandeln, indem er es in großen, kreisförmig angeordneten Hohlspiegeln
+auffing, in deren Brennpunkt ein Dampfkessel eingebaut war, der einer,
+nahebei aufgestellten Dampfmaschine Dampf lieferte. Ein solcher, in der
+Anlage sehr kostspieliger Apparat ist in der Nähe von Los Angeles, in
+Kalifornien -- da die Kohlen dort außerordentlich kostspielig sind -- in
+lohnendem Betriebe. Man nutzt dort das Sonnenlicht den ganzen Tag hindurch
+aus, indem das Spiegelsystem sich durch ein Uhrwerk der scheinbaren
+Bewegung der Sonne gemäß dreht und stets so eingestellt ist, daß es
+möglichst viel Licht von ihr empfängt.
+
+Diese Art der Verwendung des Sonnenlichtes, die Umwandlung in Wärme, ist
+äußerst roh und nicht befriedigend; deshalb geht das Streben der Chemiker
+dahin, eine Umsetzung der strahlenden in elektrische Energie zu bewirken.
+Im kleinen Maßstabe ist dies bereits gelungen und zwar durch eigenartig
+zusammengestellte Batterien, Zellen oder Elemente, die, sobald sie vom
+Sonnenlicht getroffen werden, einen ununterbrochenen elektrischen Strom
+abgeben, der so lange anhält, als die Batterie der Wirkung des
+Sonnenlichtes ausgesetzt bleibt.
+
+Bei dem oben erwähnten Streben der Chemiker, aus der Kohle mehr Kraft, als
+bisher möglich war, zu erzeugen, ja die ganze der Kohle innewohnende Kraft
+zur Wirkung zu bringen, schwebte ihnen das Ziel vor, die chemische Kraft
+der Kohle direkt in Elektrizität umzuwandeln. Auch diese Aufgabe ist
+bereits grundsätzlich gelöst worden, so daß man nun, um mittels Kohle
+Elektrizität zu erzeugen, nicht erst den verschwenderischen Umweg über den
+Dampfkessel und die Dampfmaschine machen muß. Trotzdem werden die
+Dampfmaschinen, solange der Preis der Kohle verhältnismäßig niedrig bleibt,
+eine wichtige Stellung einnehmen, denn der Mensch, an das Alte gewöhnt,
+entschließt sich nur schwer und gezwungen, das Neue anzunehmen. Darauf
+beruht ja vielfach die Bitterkeit des Erfinderloses, weil das Leben des
+Erfinders gewöhnlich kürzer ist als die Zeit, die die Menschheit nötig hat,
+um sich mit der neuen Erfindung vertraut zu machen, sich an sie zu
+gewöhnen, ihre Vorteile zu würdigen und sich zum Entschluß aufzuraffen, die
+Neuheit benutzen zu wollen.
+
+Mit diesen Siegen und Erfolgen, mit der erfolgreichen Veredlung und
+Nutzbarmachung der in der Natur in kleinsten und größten Mengen
+vorkommenden Rohstoffe, gibt sich die Chemie nicht zufrieden. Sie will auch
+die selteneren Stoffe der Natur der Allgemeinheit zur Verfügung stellen,
+und, wenn der natürliche Vorrat nicht reicht, sie künstlich herstellen. War
+früher z. B. die Seide nur ein Material zur Bekleidung Auserlesener, so ist
+sie heute ein notwendiger Gebrauchsgegenstand für alle geworden. Früher von
+Königen und Fürsten mit Gold aufgewogen, wird sie heute von jeder Bäuerin,
+beim Kirchgang wenigstens, als Kopfbedeckung getragen. Diese ungeheure
+Zunahme des Seidenbedarfs wäre auf keine Weise zu befriedigen, wenn es der
+Chemie nicht gelungen wäre, aus ganz billigen, leicht zur Verfügung
+stehenden Rohstoffen, wie Baumwolle, Holz usw., einen Ersatz für Seide,
+eine künstliche Seide, die _Kunstseide_ herzustellen, die an Festigkeit der
+Seide nahe kommt und sie an Glanz weit übertrifft. Eine Seide, die nicht
+durch mühselige Raupenzucht, sondern in ununterbrochener, gleichmäßiger
+Fabrikarbeit durch chemische Prozesse und durch mechanische Hilfsmittel,
+die man der Seidenraupe abgelauscht hat, gewonnen wird. Eine Seide, die von
+Seidenraupenkrankheiten unabhängig, stets in beliebigen Mengen und in
+irgendeinem Lande, an irgendeinem Orte hergestellt werden kann, so daß zu
+ihrer Erzeugung _einheimische_ Arbeitskräfte verwendet und große
+Geldbeträge, die sonst nach dem seidenerzeugenden China gingen, nun dem
+eigenen Lande nutzbringend erhalten werden können.
+
+Schon im Jahre 1734 sagte Réaumur die Herstellung künstlicher Seide
+prophetisch voraus. Doch sollten von der Prophezeiung bis zur Erfüllung
+des Wortes hundertundfünzig Jahre vergehen: im Jahre 1884 meldete der
+französische Chemiker Graf Hilaire de Chardonnet seine ersten Patente zur
+Herstellung einer seither Chardonnetsche Seide genannten Kunstseide an.
+
+Das Verfahren Chardonnets ist sehr einfach: Gereinigte Baumwolle wird etwa
+fünf oder sechs Minuten lang in eine Mischung von starker Salpetersäure und
+Schwefelsäure eingetaucht. Hierauf nimmt man die Baumwolle aus dem
+Säurebade, läßt die Säure 24 Stunden abtropfen und wäscht das Produkt mit
+Sodalösung. Das auf diese Weise erhaltene Material gleicht im Ansehen zwar
+der Baumwolle, aber ihr Charakter, ihre Seele ist vollkommen verändert: der
+schwere Leidensweg durch das scharfe Säurebad hat, so möchte man meinen,
+ihre geduldige Gleichgültigkeit in höchste Reizbarkeit, ihre milde Güte in
+wilde Bosheit umgewandelt. Ein Schlag darauf, und sie explodiert heftig.
+Sie ist nun nichts anderes als die bekannte Schießbaumwolle, die auch auf
+»rauchloses Pulver« verarbeitet wird.
+
+Chardonnet löst nun diese Schießbaumwolle in einer Mischung von Äther und
+Alkohol und erhält so eine dicke Flüssigkeit -- das in der Photographie und
+Pharmazie viel verwendete Kollodium. Diese Lösung läßt er in einem
+eigenartigen Apparat durch haardünne Öffnungen von 0,08 +mm+ Durchmesser
+ausfließen und in Wasser eintreten. Hierbei geht der Alkohol an das Wasser
+ab, und es bleibt ein feiner Seidenfaden zurück. Aber dieser Faden ist
+leicht entflammbar, ja sogar sehr explosiv und gefährlich für den, der mit
+ihm umzugehen hat. Er muß daher zur Entfernung seiner explosiven
+Bestandteile in einer Lösung von Schwefelnatrium gewaschen und hierauf
+getrocknet werden. Auf diese Weise erhält man eine ausgezeichnete
+Kunstseide, die für Weberei, Wirkerei und Posamenterie ausgezeichnet
+verwendbar ist. Chardonnet hat seine Aufgabe glänzend gelöst.
+
+»Wenn die Könige bau'n, haben die Kärrner zu tun.« Kaum hatte Chardonnet
+einen entschiedenen Sieg errungen, als sich eine Unzahl von Chemikern auf
+das Kunstseideproblem stürzte. Ein Pionier voll Geist hatte den Weg
+gebahnt, die Masse folgte nach. Ein Adler war hoch hinaufgestiegen und
+bemerkte nicht den Zaunkönig, wollte ihn nicht bemerken, den Zwerg, der auf
+ihm saß, um, durch fremde Kraft in höchste Höhen getragen, ihn um einige
+Meter zu überfliegen.
+
+Sechs Jahre später wurde eine neue Kunstseide patentiert: der sogenannte
+Glanzstoff. Hier wird, wie auch von den späteren Nachfolgern und
+Nachahmern, dasselbe Ausgangsprodukt und dasselbe mechanische Prinzip
+zur Herstellung des Fadens verwendet. Der Unterschied besteht bloß in
+der Lösungsflüssigkeit für die Baumwolle: bei Chardonnet
+Salpeter-Schwefelsäure, beim Glanzstoff Kupferoxydammoniak und bei der
+infolge ihrer Billigkeit immer mehr zur Verwendung gelangenden Viskose
+Natronlauge und Schwefelkohlenstoff. -- An Stelle der Baumwolle kann
+auch der aus Holz gewonnene Zellstoff als Ausgangsmaterial verwendet
+werden.
+
+Von dem jetzigen Umfange der Kunstseideindustrie erhalten wir eine kleine
+Vorstellung, wenn wir hören, daß jährlich weit über 3 000 000 +kg+ erzeugt
+werden. Diese Industrie ist auch ein treffliches Beispiel für die
+»veredelnde« Wirkung der chemischen Arbeit, da aus einem Raummeter Holz,
+das im Wald einen Wert von 3 Mark hat, Kunstseide im Wert von 5000 Mark
+erzeugt wird, also eine 1500 fache Werterhöhung.
+
+Dies alles klingt sehr wunderbar, aber in 50 Jahren wird kein Mensch
+mehr die Kunstseide für etwas Wunderbares halten, denn durch die
+Gewohnheit und durch stetigen Gebrauch wird auch das Wunderbare etwas
+Selbstverständliches. Wer wundert sich denn heute noch über die
+Billigkeit des _Papiers_, wer staunt in unserer Zeit noch darüber, daß
+die Menschheit jährlich über 600 000 Waggonladungen Papier verbraucht?
+Und doch ist die Zeit nicht allzufern, wo alles Papier »geschöpft«
+wurde, mühselig geschöpft aus mühselig hergestelltem Hadernbrei. Und
+heute? Heute werden ganze Waldungen von Holz in Riesenkochern durch eine
+Lösung von schwefligsaurem Kalk, den man auf eine sehr einfache Art
+herstellt, zu blendend weißen Fasern, Zellstoff oder Zellulose genannt,
+zerkocht, und diese Fasern zu Papier verarbeitet. So ist auch das
+heutige Papier und mit ihm unsere moderne Kultur, die zum großen Teile
+darauf aufgebaut ist, einem Triumphe der Chemie zu danken.
+
+Doch noch andere, heute bereits unentbehrliche Ersatzstoffe sind von der
+chemischen Technik geschaffen worden, und gar manche von ihnen dienen
+Zwecken, die man zur Zeit der Erfindung gar nicht voraussehen oder ahnen
+konnte. So suchte der Amerikaner Hyatt, 1880, nach einem Ersatz für
+Buchdruckwalzenmasse, die bis heute durch Mischen von Gelatine und Glyzerin
+in der Wärme hergestellt wird, und fand bei seinen Versuchen, als er eine
+Lösung von Schießbaumwolle mit Kampfer zusammenknetete, etwas neues,
+unendlich Wertvolleres, das _Zelluloid_, das heute zur Erzeugung der
+mannigfaltigsten Gebrauchs- und Schmuckgegenstände dient, und dessen
+Herstellung und Verarbeitung viele Tausende von Menschen beschäftigt.
+Diesem ersten Ersatz für Hartgummi und Elfenbein folgten im Laufe der Zeit
+mehrere andere, darunter der _Galalith_. Dieser wird aus dem Kasein, dem
+Käsestoff der Milch, hergestellt, indem man diesen Stoff durch Hinzufügung
+von gewissen Chemikalien, wie Formaldehyd usw., unlöslich macht.
+
+Die jüngste Errungenschaft auf dem Gebiete der Ersatzstoffe ist der
+_künstliche Kautschuk_. Aber dessen Herstellungskosten müssen erst
+bedeutend herabgesetzt werden, bevor ein erfolgreicher Wettbewerb mit dem
+natürlichen Kautschuk möglich sein wird.
+
+Wenn wir von einer Romantik der Chemie sprechen, so geschieht dies nicht
+zum mindesten deshalb, weil sie über ihren märchenhaften Zielen die
+Bescheidenheit und die Liebe zum Kleinen nicht verlernt hat. In der Tat,
+kein Gebiet, kein Stoff ist so gering, daß die Chemie ihm nicht die
+sorgfältigste Aufmerksamkeit zuteil werden ließe. Die Chemie hat alle nicht
+bloß berufen, sondern auch auserwählt. Vor ihrem Gerichtshof gibt es keine
+Standesunterschiede. Nicht nur Seide und Elfenbein sind würdige Gegenstände
+ihrer Bemühung, sondern ebenso der gewöhnliche Bauziegel und das Holz in
+seinen verschiedenen Formen.
+
+ Die Verwendung der Schwefelsäure in der chemischen Industrie.
+ |
+ |
+ Anorganische Chemie
+ |
+ +----------+--------+-------+------------+--------+-------------+----------~
+ | | | | | | |
+ | | | | Mutterlauge des | |
+ Chilesalpeter | Chlorkalium | Chilesalpeters | Phosphorit
+ | | | | | | |
+ | Kochsalz | Brommagnesium- | Flusspat |
+ | | | Lauge | | |
+ | | | | | | |
+ | | | | Braunstein | | +---+----+
+ +------+---+----+---+---+ +------+-----+ | | |
+ | | | | | | | | |
+ Salpeter- | Salzsäure | Brom Jod Flussäure Super- Phosphor-
+ säure | | phosphat säure
+ Sulfat Kaliumsulfat |
+ | | |
+ | | |
+ (Glas, Soda, Zellstoff) (Pottasche) (Phosphor)
+
+
+ ~----+------+---------+-------+----------+----------+-------------+
+ | | | | | | |
+ | | | | | | |
+ | | | | | Kupferstein u. |
+ | Bauxit, Ton | Monazit | Schwarzkupfer |
+ | | | | | | |
+ Gaswasser | Chromerz | Silberhaltiges | Pyritabbrände
+ | | | | Gold | |
+ | | | | | | |
+ | | | | | | |
+ | | | | | | |
+ | | | | | Silberhalt. Rückst. |
+ | Aluminium- | Thorsulfat | u. Kupfervitriol |
+ | sulfat | | | |
+ Ammon- | Chromate | Feingold u. Kupfer-, Zink-
+ sulfat | | Feinsilber u. Eisenvitriol
+ | | |
+ (Alaun) (Glühkörper) (Höllenstein)
+
+
+
+
+ |
+ Organische Chemie
+ |
+ +-------+---------+--------+-------+----+-----+---------+---------+---------~
+ | | | | | | | |
+ | | | | | | | |
+ | | | Rückstände | | | |
+ | | | der Erdöl- | Pflanzen-Rohöle | |
+ Alkohol Graukalk | Destillation | | | |
+ | | | | | | | |
+ | | Rohpetroleum, | Rohparaffin, | Fette Glycerin
+ | | Roh-Benzin | rohe Paraffinöle | | |
+ | | | | Ozokerit | | |
+ | | | | | | +----+----+ | Salpeter-
+ | | | | | | | | | säure
+ | | | | | | | | +----+---+~
+ Aether Essig- Leucht- | Paraffine | Fett- Glycerin |
+ säure petroleum, | Paraffinöle | säuren, |
+ Benzin | Ceresin | Stearin Nitro-
+ | | glycerin
+ Schmieröle u. Gereinigte |
+ Vaselin Pflanzenöle Dynamit u.
+ Schiesspulver
+
+
+ ~---+-------+-------+---------+-------+-------+------+----------+--------+
+ | | | | | | | | |
+ | | | | | | Benzol, | |
+ | | | | | | Naphtalin, | |
+ | | | | | | Phenole, | |
+ | | | | | | Naphtole | |
+ Cellulose | Papier | Phenolnatrium | etc. | Naphtalin
+ | | | | | | | | |
+ | Stärke | Rohe Stein- | Benzol, | Anthrachinon |
+ | | | kohlenteeröle | Naphtalin, | | |
+ | | | | | Naphtylamine |Salpeter- | |
+ | | | | | etc. | säure | |
+ ~---+ | | | | | +---+ | |
+ | | | | | | | | |
+ Nitro- | Vegetabilisches | Carbolsäure | Nitrokörper | Phtalsäure
+ Cellulose | Pergament | | | | |
+ | | | Sulfosäuren | Anthrachinon- |
+ | Stärkezucker Gereinigte | | sulfosäuren |
+ | Teeröle | | | |
+ | | | | (Indigo,
+ (Celluloid, Kunstseide, (Phenole, | | Eosine)
+ Explosivstoffe, Schiesspulver) Naphtole | |
+ Farbstoffe) | (Alizarinfarbstoffe)
+ |
+ (Amidokörper, Diazo- u. Azo-
+ verbindungen, Farbstoffe,
+ Medikamente)
+
+Ziegel und Holz sind, wie eigentlich alle Stoffe, am meisten in jenen
+Gegenden geschätzt, die daran arm sind. Wo Bausteine und Tonlager fehlen,
+da ist es natürlich um die Errichtung von Gebäuden, und damit um den
+Kulturfortschritt, traurig bestellt. Da fand die Chemie einen Ausweg,
+wenigstens für sandreiche Gegenden, indem sie den _Kalksandsteinziegel_
+bildete, der sich trotz seiner Jugend immer größere Verwendungsgebiete
+erobert, und das mit Recht, denn sein Aussehen ist schön, seine Festigkeit
+groß, seine Herstellung einfach und billig. Man mischt nämlich den Sand mit
+so viel Kalkmilch, daß man ihn in Formen pressen kann, worauf diese Masse,
+die eigentlich nichts anderes ist als fester Mörtel, in Ziegelform, mit
+Dampf behandelt wird. Die Fabrikation dieser Ziegel nimmt weniger als
+36 Stunden in Anspruch und unterscheidet sich durch diese Schnelligkeit
+vorteilhaft von der Herstellung der Tonziegel.
+
+Ein ausgezeichneter Holzersatz für Fußboden- oder Treppenbelag der
+hauptsächlich aus Sägespänen besteht, ist der _Xylolith_, ein Holzstein,
+der fast die Wärme des Holzes und fast die Feuerfestigkeit des Steines
+besitzt. Seine Herstellung ist äußerst einfach; man vermischt Sägespäne mit
+etwas gebranntem Magnesit, feuchtet die Masse mit einer Lösung von
+Chlormagnesium an, bis sie breiig-teigartig ist, und läßt sie, in beliebige
+Formen gepreßt, an der Luft trocknen. Für fugenlosen Fußbodenbelag wird die
+teigige Masse 1 +cm+ dick glatt auf den Blindboden aufgetragen, worauf man
+sie trocknen läßt. Die trockene Xylolithmasse kann man ungefähr so wie Holz
+bearbeiten. Da sie überdies durch Zumischung von Erdfarben zu den
+Sägespänen beliebig gefärbt werden kann, ist es leicht begreiflich, daß
+dieser »Holzzement« sich einer stets zunehmenden Beliebtheit und wachsenden
+Verwendung erfreut.
+
+ Die auf Seite 35 beigefügte Tabelle aus dem »Deutschen Museum«
+ zeigt uns die vielseitige Verwendung der Schwefelsäure in der
+ chemischen Industrie.
+
+So sorgt die Chemie, indem sie zahlreiche nützliche Stoffe herstellt, für
+die Bequemlichkeit des Menschen. Darüber vernachlässigt sie aber nicht das
+Gebiet des im höheren Sinne Angenehmen und Sinnerfreuenden.
+
+Seit der Mensch in Wahrheit ein Mensch ist, erfreut sich sein Auge an dem
+saftigen Grün und den vielfarbigen Blumen der Wiesen, an dem Blau des
+Himmels und dem Purpur und Rot des Sonnenaufganges. Das Schöne erfreut ihn,
+das Schönste erscheint ihm heilig. Er liebt die _Farbe_, den bunten Schmuck
+und glaubt, wenn er sich selbst damit ziert, liebenswerter zu werden. So
+jauchzt er auf, wenn er irgendwo zufällig eine bunte, erdige Farbe findet
+und bemalt sich mit dem kostbaren Gute in einfacher Weise Gesicht und
+Körper. Hat er einmal die Stufe der Nacktheit überwunden und es bis zur
+Herstellung von Gewändern, zum Verspinnen und Verweben von Flachs und
+Schafwolle gebracht, so trachtet er, den Schmuck der Färbung auf das Gewebe
+zu übertragen. Jahrhundertelang muß er da wohl suchen und versuchen, bis er
+endlich durch Zufall einige brauchbare, dauerhafte Farbstoffe findet, den
+Purpur der Purpurschnecke, den Krapp und den Indigo und einige Farbhölzer.
+
+Durch Jahrtausende blieb die Farbstoffkenntnis des Menschen auf diese
+wenigen Stoffe beschränkt, unter denen der _Indigo_ der wichtigste ist. Er
+wird als blaue Farbe aus dem Safte der Indigopflanze und des Waid in
+primitiver Weise hergestellt. Kurz vor der Blüte werden die Pflanzen dicht
+über dem Boden abgeschnitten, hierauf in Bottiche oder gemauerte Gruben
+gebracht und mit Wasser bedeckt. Nach zwölf bis fünfzehn Stunden wird das
+nun gelb gefärbte Wasser in einen zweiten, tiefer gelegenen Bottich
+abgelassen und daselbst durch Schlagen mit schaufelartigen Stangen oder
+durch ein Schaufelrad in vielfache innige Berührung mit der Luft gebracht,
+wodurch der gelöste Pflanzensaft unlöslich wird und sich als blauer Schlamm
+am Boden absetzt. Dieser Schlamm wird gut gewaschen, gepreßt und getrocknet
+und stellt nun den »natürlichen« Indigo des Handels dar.
+
+Vor der Eröffnung des Seewegs nach Ostindien wurde der in Europa verwendete
+Indigo aus dem Waid gewonnen, der seit dem neunten Jahrhundert in
+Frankreich und Deutschland stark angebaut wurde. Nach der Eröffnung des
+Seeweges wurde der Waid immer mehr durch den indischen Indigo verdrängt,
+und weder Gesetze noch Monarchen waren imstande, die Einfuhr aus Indien zu
+hemmen, so daß der europäische Waidbau schließlich zugrunde gehen mußte.
+
+Wenn wir uns vor Augen halten, daß der Indigo in der Indigopflanze nicht
+fertig gebildet ist, und daß statt seiner die Pflanze nur eine fast
+farblose Substanz, Indigoweiß genannt, enthält, daß dieses Indigoweiß sich
+im Wasser löst und durch Berührung mit Luft blaues Indigopulver ergibt,
+also auf ähnliche, aber umständlichere Weise entsteht wie der Eisenrost aus
+dem Eisen, da wird es uns klar, daß diese Entdeckung sicherlich einer Reihe
+höchst merkwürdiger Zufälle und dem Aufwande scharfer Beobachtung zu danken
+ist. Durch Zufall ist wohl ein Bund von Indigopflanzen in einen
+Wasserbottich oder Teich geraten, durch Zufall oder vielleicht in
+gedankenlosem Spiele sind die Pflanzen dann durch Schaufeln oder sonstwie
+mit Luft in Berührung gebracht und von einem scharfen Beobachter das
+ausgeschiedene blaue Indigopulver bemerkt worden. Ähnlichen Zufällen hat
+man wohl die Herstellung des Krapps aus der Färberröte und des Purpurs aus
+der Purpurschnecke zu verdanken.
+
+So mußte sich denn die Färberei lange, lange Zeit hindurch mit ganz wenigen
+Farbstoffen begnügen, bis man endlich, mit Hilfe der immer leistungsfähiger
+werdenden Chemie und nicht ohne Benutzung glücklicher Zufälle dahin kam,
+die längst erblaßte und vergangene Farbenpracht längst versunkener
+geologischer Zeiten wieder herzustellen und aufzufrischen. Denn nichts
+anderes als Leichname der Pflanzenwelt eines früheren Erdalters sind die
+Kohlenlager, denen wir heute nebst so vielem anderen die Teerfarben, auch
+_Anilinfarben_ genannt, zu verdanken haben, die an Mannigfaltigkeit die
+Naturfarben übertreffend, die bunte Pracht der modernen gewerblichen
+Erzeugnisse ermöglichen.
+
+Wenn man Kohle unter Luftabschluß erhitzt -- dies wird, wie bereits früher
+bemerkt, von der Leuchtgas- und Koksindustrie in größtem Maßstabe
+ausgeführt -- so hinterbleibt der bekannte poröse Koks, während Leuchtgas
+und Teer in heißem Zustand entweichen. Durch Abkühlung wird der Teer
+verflüssigt und dadurch zugleich das Leuchtgas in reinem, teerfreiem
+Zustande erhalten.
+
+Dieser schwarze Steinkohlenteer ist der Grundstoff und der Ausgangspunkt
+der Teerfarbenindustrie.
+
+ Die nebenstehende Tafel zeigt die Vielseitigkeit der Farbstoffe
+ und der Nebenprodukte, die alle aus Teer gewonnen werden.
+
+Der Steinkohlenteer ist eine Mischung mehrerer Kohlenstoffverbindungen, von
+denen Benzol, Phenol, Kresol, Naphthalin und Anthrazen die wichtigsten
+sind. Sie alle werden bei der Destillation des Steinkohlenteers gewonnen
+und ergeben, nachdem sie mehreren chemischen Verfahren unterzogen wurden,
+die bekannten Teerfarbstoffe, deren erster, das Mauvein, im Jahre 1856 von
+W. H. Perkin in London dargestellt wurde.
+
+Diese ursprünglich englische Industrie kam in Deutschland zu ungeahnter
+Blüte und feierte hier ihre größten Triumphe. Sie trat mit der Natur selber
+in Wettbewerb und übertraf, überwand, besiegte sie in dem Streite um das
+Krapprot und in dem Streite um den Indigo.
+
+ [Illustration: Gewinnung der Teerfarbstoffe und ihrer farblosen
+ Ausgangs- u. Zwischenprodukte aus dem Teer. Die Höhe der
+ schraffierten Streifen gibt annähernd die betreffende Mengen der
+ gewonnenen Farbstoffe wieder.]
+
+Vor dem Jahre 1868 wurde die Menge des jährlich erzeugten Krapps auf
+70 Millionen Kilogramm geschätzt. Im Jahre 1868 entdeckten Graebe und
+Liebermann, daß der Krapp, auch Alizarin genannt, auf eine sehr einfache
+Art aus dem Anthrazen, einem der oben erwähnten Bestandteile des
+Steinkohlenteers, hergestellt werden könne. Infolge dieser Entdeckung wird
+heute das Krapprot nicht mehr aus der Pflanze, sondern in den chemischen
+Fabriken erzeugt, und der Krappbau, der zumal für Südfrankreich von großer
+Bedeutung war, hat heute fast vollständig aufgehört.
+
+Dasselbe Schicksal wird dem natürlichen Indigo zuteil, seitdem wir nach
+A. v. Baeyers Entdeckung den Indigo billiger und reiner, als es die
+Pflanzenkraft vermag, herstellen. So unterliegt auf diesem Gebiete die
+Landwirtschaft der chemischen Industrie. Im Jahre 1889 kamen noch
+33 612 Kisten Indigo aus Indien nach Europa. Heute hat die Einfuhr wegen
+der gewaltigen Erzeugung des künstlichen Indigos in Deutschland fast ganz
+aufgehört. Ein paar Fabriken bringen heute das hervor, was früher große
+Landstrecken in Indien erzeugten.
+
+Eine riesige Industrie setzt in Deutschland die wissenschaftlichen
+Errungenschaften der Teerfarbenchemie in wirtschaftliche Werte um. Von den
+zahlreichen großen Fabriken dieser Art sei nur die größte, die im Jahre
+1865 gegründete _Badische Anilin- und Sodafabrik_ in Ludwigshafen am Rhein,
+mit einigen Ziffern gekennzeichnet, um von der Ausdehnung dieser Industrie
+einen kleinen Begriff zu geben:
+
+Diese Fabrik beschäftigt heute über 200 Chemiker, 150 Ingenieure,
+900 kaufmännische Beamte und über 8000 Arbeiter. Der Grundbesitz der Fabrik
+beträgt 220 +ha+. Davon sind 411 200 +qm+ mit 450 Fabrikgebäuden,
+656 Arbeiter- und 108 Beamtenwohnungen bebaut. Sie verbraucht jährlich etwa
+35 000 Waggons Kohlen. Damit werden 160 große Dampfkessel geheizt, die
+386 Dampfmaschinen treiben und 25 000 Pferdestärken erzeugen. Es werden
+jährlich 50 000 000 Kubikmeter Wasser und 12 000 000 Kilogramm Eis
+verbraucht. Eine eigene Gasfabrik liefert etwa 22 000 000 Kubikmeter Gas
+zur Heizung und Beleuchtung. Außerdem sind Dynamomaschinen mit zusammen
+10 000 Pferdestärken vorhanden, die 500 Elektromotoren, 1400 Bogenlampen
+und 20 000 Glühlampen mit Elektrizität versorgen.
+
+Neben dieser Fabrik sind vor allem die Farbwerke vormals Meister, Lucius
+und Brüning in Höchst am Main hervorzuheben (Abb. 18).
+
+ [Illustration: Abb. 18. Gesamtansicht der Farbwerke vormals
+ Meister, Lucius u. Brüning, Höchst a. M.]
+
+Es sind heute insgesamt ungefähr siebzig Teerfarbenfabriken in Tätigkeit,
+die jährlich Farbstoffe im Werte von über 200 000 000 Mark erzeugen und die
+Farbengier der ganzen Welt befriedigen. Das Kopftuch der Böhmin, der Schal
+der Kreolin, der Sombrero des Mexikaners, der Fez des Türken, das Gewand
+des Muezzin, der feine Perser- und der billige Juteteppich, die
+Steinnußknöpfe des Negers, der Turban des Mohammedaners, die bunten
+Plakate der Tanzunterhaltungen, die Ornamente der Tanzordnung, die Schuhe
+und Seidengewänder der Ballkönigin, die Uniform des Marschalls und des
+gemeinen Soldaten, die Kutte des Mönches und der Purpur des Kardinals, der
+Hut des Bettlers und die Schleppe der Königin, sie alle sind geziert,
+geschmückt und gefärbt durch die wunderbaren Stoffe, die, aus der dunklen,
+toten Kohle hervorgezaubert, den Triumph des regenbogenfarbigen Lebens
+verkünden. So erwächst aus der Vernichtung der Vorwelt das Streben und die
+Bejahung eines neuen Lebens, so folgt auch hier dem frostigen, dunklen
+Winter ein neuer lichter Frühling, ein Wiedererwachen der schlummernden
+Kräfte und Möglichkeiten der Natur. Ein geringer Stoff, die Kohle, ist zur
+Königin geworden, weil er, ohne sich vorzudrängen, im Bewußtsein seines
+Wertes seine Zeit abwartete.
+
+Hat hier die Chemie mit milder Ruhe farbige Schönheit geschaffen, so hat
+sie in der Erzeugung von gewaltigen Zerstörungsmitteln, in der Steigerung
+der menschlichen Kraft und Leistungsfähigkeit nicht weniger geleistet. Wenn
+wir heute keine uneinnehmbaren Festungen mehr kennen, wenn wir die
+mächtigsten Kriegsschiffe durch Torpedos vernichten, Felsen sprengen und
+durchbohren, den Atlantischen Ozean mit dem Stillen verbinden und Berge
+versetzen können, so ist dies nur möglich durch die wunderbar gewaltigen
+Kräfte, die -- dank der Entwicklung der Chemie -- in einer kleinen
+Stoffmenge aufgehäuft werden können, durch Kräfte, die wie gefesselte
+Riesen, sich ruhig verhalten, bis die Fessel gelöst ist, durch jene Stoffe,
+die nach der Art ihrer Wirkung, als _Sprengstoffe_ bezeichnet werden.
+
+Bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein war nur _ein_ Sprengstoff in
+Verwendung, das bekannte Schießpulver, das eine Mischung von Kohle,
+Schwefel und Salpeter ist, durch dessen Entzündung und darauffolgende
+Verbrennung große Gasmengen so rasch gebildet werden, daß die fesselnde
+Kapsel des Pulvers zersprengt und jedes Hindernis, das sich der Ausdehnung
+der Gase in den Weg stellt, fortgeschleudert wird, daß, mit anderen Worten,
+eine Sprengwirkung eintritt. Diese Mischung war vielleicht schon Hannibal
+bekannt. Jedenfalls bedeutet das unklare Wort »+acetum+«, womit, wie Livius
+sagt, Hannibal die seinen Marsch behindernden Felsen aus dem Wege räumte,
+einen schießpulverähnlichen Sprengstoff, und nicht, wie die Philologen
+sonderbarerweise meinen, »Essig«.
+
+Als zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die Chemie mündig ward, da wurde
+nicht nur die Zahl der Sprengstoffe bedeutend vermehrt, sondern auch ihre
+Wirkungskraft ins Riesenhafte erhöht. (Dabei spielt besonders die
+Verwendung der Salpetersäure und der Salpeterschwefelsäure eine große
+Rolle.)[1] Es wurde -- um nur die wichtigsten Produkte zu nennen -- die
+Schießbaumwolle, das Dynamit, die Pikrinsäure und die Sprenggelatine
+dargestellt. Die Schießbaumwolle ist heute ein Hauptbestandteil der meisten
+rauchlosen Pulver, das Dynamit und die Sprenggelatine werden zu technischen
+Sprengungen aller Art verwendet, während die Pikrinsäure den
+Hauptbestandteil des französischen Melinits bildet, und das englische
+Geschützpulver Lyddit nichts anderes ist als geschmolzene Pikrinsäure.
+
+ [1] Über die vielseitige Verwendung der Salpetersäure und der
+ Salpeterschwefelsäure in der Sprengstoffabrikation wie in der
+ chemischen Technik überhaupt gibt die beifolgende Tabelle aus
+ dem »Deutschen Museum« Aufschluß:
+
+ Die Verwendung der Salpetersäure in der chemischen Technik.
+ |
+ |
+ +-----+-----+--------+----+---+--+------+------+-----+------+----+------+
+ | | | | | | | | | | | |
+ Schweflige| Ammoniak | Silber | Eisen |Quecksilber | Zucker, |
+ Säure | | | | | | | | | Holz etc. |
+ | | | | | | | | | | | |
+ | Salzsäure | Arsenik | Kalk | Thorerde | Alkohol | Stärke
+ | | | | | | | | |\____ | | |
+ | | | | | | | | | \| | |
+ Schwefel- | Ammon- | Silber- | Eisennitrat | Quecksil- | | |
+ säure | salpeter | nitrat | (Seiden- | bernitrat | Oxal- |
+ | | | | | färberei) | (Filzfa- | säure |
+ | | | | | | brikation) | |
+ | | | | | | | Dextrin
+ Königs- | Arsen- | Kalksalpeter Thornitrat Knall-
+ wasser | säure | (künstl. Dünger) | queck-
+ | | | | silber
+ (Sprengstoffe, | | (Glühkörper)
+ Lachgas) | |
+ | |
+ (Fuchsin) |
+ |
+ (Chlor-, Brom-,
+ Jodsilber etc.)
+
+
+
+ Salpeterschwefelsäure
+ |
+ |
+ +-------+--------+------+------+----+----------+------+------+---------+
+ | | | | | | | | |
+ Glycerin | Benzol | Phenol | Naphtol | Benzaldehyd
+ | | | | | | | | |
+ | Cellulose | Toluol | Naphtalin | Zimmtsäure |
+ | | | | |\_____ | | | |
+ | | | | | \ | | | |
+ Nitro- | Nitrobenzol | | Pikrinsäure | | Nitro- |
+ glycerin | | | | | | | zimmtsäure |
+ | | | | | | Nitro- | | |
+ | Nitrocellulose | Nitrotoluol | | naphtalin | | Nitrobenz-
+ | | | | | | | | | aldehyd
+ | | (Anilin) | Nitrophenole | | Martiusgelb | |
+ | | | | | +----+---+
+ | (Collodium, | | | | |
+ | Celluloid, (Toluidin) | | (Naphtylamine) |
+ | Kunstseide, | | (Indigo)
+ | Explosivstoffe) (Amidophenole) |
+ | |
+ Dynamit (Pikratsprengstoffe)
+ (Sprengge-
+ latine etc.)
+
+ Metallätzung:
+ Kupfer- und Stahlätzung (graphische Kunst), Gelbbrennen des Messings,
+ Färben des Goldes, Weissblechätzung.
+
+Alle diese Sprengstoffe entstehen durch die Einwirkung der für sich nicht
+explosiven Salpetersäure auf ganz »unschuldige« Stoffe wie Baumwolle,
+Glyzerin oder Phenol, das auch Karbolsäure genannt wird. Hier bewährt sich
+wieder das Dichterwort: Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.
+
+So verwandelt die Salpetersäure die Baumwolle in Schießbaumwolle, das
+Glyzerin in das ölige Nitroglyzerin, die Karbolsäure in Pikrinsäure. Die
+Schießbaumwolle wird entweder für sich angewendet oder mit Nitroglyzerin
+vermischt (Sprenggelatine), oder mit Pikrinsäure vermischt (Melinit).
+
+Geschmolzene Pikrinsäure bildet den Lyddit. Das Nitroglyzerin hingegen,
+eine ölige Flüssigkeit von gelber bis bräunlicher Farbe, findet in reinem
+Zustand wegen seiner ungeheuren Explosivität keine Anwendung und muß, um
+verwendbar zu werden, erst von Kieselgur, einer lockeren Erde, aufgesaugt
+werden. Es heißt in dieser, von Alfred Nobel entdeckten Form, Dynamit
+(Abb. 19).
+
+So ist das alte, rauchige, schwarze Schießpulver seiner höchsten Ehren
+entkleidet worden. Nur zwei Gebiete sind seinem Machtbereich zum Teil
+verblieben, die Jagd und die Feuerwerkerei.
+
+Die meisten der in der Feuerwerkerei unter dem Namen »_Feuerwerksätze_«
+verwendeten Mischungen bestehen aus Schwarzpulver oder einer aus seinen
+Bestandteilen, also aus Salpeter, Schwefel und Kohle, zusammengesetzten
+Mischung, wobei je nach dem Zweck der eine oder andere dieser Bestandteile
+überwiegt. Bei Leuchtsätzen, wo es also darauf ankommt, ein helles,
+lebhaftes Licht zu erzielen, wird der Salpeter ganz oder teilweise durch
+chlorsaures Kali ersetzt. Während die Leuchtsätze hauptsächlich chlorsaures
+Kali, Salpeter und Schwefel, sowie färbende Bestandteile enthalten und als
+Treibmittel für sie Schießpulvermehl verwendet wird, ist bei den
+Brandsätzen dem Schießpulvermehl noch ein leicht verbrennlicher Körper
+zugemischt, der so langsam verbrennt, daß er während des Brennens genügend
+Zeit hat, andere Stoffe in Brand zu setzen.
+
+Die farbigen Feuer entstehen durch die Beimengung verschiedener Salze zu
+den Leuchtsätzen. So wird für weiße, hell leuchtende Feuer, für
+Leuchtkugeln, Signale usw. Magnesium als Grundlage benutzt. Grüne Farben
+werden durch die Beimischung von Barytsalzen, rote durch Strontiumsalze,
+blaue durch Kupfersalze und gelbe durch besonders große Mengen von Schwefel
+und Salpeter erzeugt.
+
+ [Illustration: Abb. 19. Apparat zur Herstellung von Dynamit.
+ (Aus der Aktiengesellschaft Dynamit Nobel, Wien.)]
+
+Nicht minder interessant und nicht minder wichtig als die mächtigen
+Sprengstoffe sind die _Zündstoffe_, die uns in Form von Zündhölzchen
+unentbehrlich geworden sind. Die Schwierigkeit und Unbequemlichkeit der
+Feuerherstellung durch Stein und Zündschwamm können wir uns heute kaum mehr
+vergegenwärtigen. Die einst vielbewunderte, uns plump erscheinende
+Döbereinersche Zündmaschine, in der durch die Einwirkung von Schwefelsäure
+auf Zink Wasserstoff erzeugt wird, der sich am Platinschwamm entzündet, ist
+für uns nichts anderes als eine historische Merkwürdigkeit, ein Kuriosum
+der Physikstunde. Und die Chanceschen Tunkfeuerzeuge, zu deren Gebrauch man
+stets ein Fläschchen Schwefelsäure bei sich tragen mußte, um die trägen
+Schwefelhölzchen zu entzünden, erscheinen uns heute ebenso gefährlich wie
+unangenehm. Und mit Recht. Denn heute sind wir in der Lage, ein Streichholz
+zu entzünden, ohne eine Flüssigkeit bei uns zu tragen, und ohne Gefahr
+einer Selbstentzündung oder Vergiftung. Diese Gefahr der Selbstentzündung,
+Vergiftung und Explosion bestand selbst bei den ersten Phosphorhölzchen,
+und diese Nachteile mußten Schritt für Schritt durch mühselige, harte
+Arbeit beseitigt werden. Zunächst setzte man die Entflammbarkeit des
+Zündholzkopfes durch Zumischung von Schwefelnatrium und anderen Substanzen
+herunter.
+
+Doch auch diese Hölzchen waren äußerst giftig und gefährlich, sowohl bei
+der Herstellung wie bei der Verwendung, so daß nicht nur der Absatz
+schwierig, sondern die Beschaffung von Arbeitern fast unmöglich war. Erst
+gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden diese Mißstände behoben, indem
+es gelang, den giftigen gelben Phosphor durch einfaches Erwärmen in eine
+neue, ungiftige Abart, den roten, amorphen Phosphor zu verwandeln, der eine
+neue Großindustrie, die Fabrikation der »schwedischen« Zündhölzchen,
+ermöglichte. Die schwedischen Zündhölzer enthalten keinen Schwefel und
+keinen Phosphor. Ihre Zündmasse besteht aus einem Gemenge von chlorsaurem
+Kali, chromsaurem Kali, Glaspulver und Gummi als Bindemittel. Sie entzünden
+sich nur an einer zubereiteten Reibfläche, die ein Gemenge von gleichen
+Teilen von rotem amorphem Phosphor, Schwefelkies und Schwefelantimon
+enthält.
+
+Die Zündhölzchenindustrie hat in verschiedenen Ländern eine große
+Ausdehnung gewonnen. Schweden allein führte im Jahre 1897 über
+10 000 000 Kilogramm aus. Und so schien es, als wäre durch die Gründung
+solch großer Industrien die alte Frage des »Feueranmachens« zu endgültiger
+Entscheidung gekommen. Aber für den menschlichen Geist gibt es keine
+»endgültige« Entscheidung. Er steht nicht still, darf nicht still stehen.
+»Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück, er, unbefriedigt jeden
+Augenblick«. Und dieses Weiterschreiten ist oft ein scheinbares Zurückgehen
+auf Altes. Ein solches Zurückgehen auf alte Feuerzeuge wird heute mit den
+modernen Hilfsmitteln der Chemie versucht.
+
+Man hat gefunden, daß Zer, eines der selteneren Metalle, wenn es mit
+30% Eisen zusammengeschmolzen wird, einen Stoff mit merkwürdigen
+Eigenschaften ergibt. Fährt man mit der Klinge eines Taschenmessers oder
+mit der Spitze einer Feile über eine solche Zer-Eisen-Mischung hinweg, so
+entstehen, ohne Rauchentwicklung, Funken und Flammen von gewaltiger
+Zündkraft, so daß hiermit ein an sich ganz unexplosiver Zündstoff gegeben
+erscheint. Läßt man die Funken einer solchen Zer-Eisen-Legierung auf einen
+mit Petroleum oder Benzin getränkten Docht überspringen, so entsteht eine
+dauernde Flamme. Diese als _Feuerträger_ oder Pyrophore bezeichneten
+Legierungen nutzen sich sehr wenig ab und werden wegen ihrer guten
+Eigenschaften als Zigarrenanzünder und für ähnliche Zwecke gern verwendet.
+Ob sie in der Zukunft eine bedeutende Rolle spielen werden, bleibt
+abzuwarten.[2]
+
+ [2] Geitel, Siegeslauf der Technik.
+
+So hat die Chemie den Menschen befähigt, mit jenen Urmächten der Natur zu
+wetteifern, die die Erde aus dem Innern heraus erbeben machen, die auf der
+Sonne ihr wildes Spiel treiben, die Welten zertrümmern, um Welten
+aufzubauen. Aber der Mensch ist darin der Natur gleichgekommen, ja man
+möchte fast sagen, er hat sie übertroffen, da er die Mächte, die er in der
+Form von Sprengstoffen erzeugt, gefesselt, gebunden und derart unter seine
+Herrschaft gebracht hat, daß sie genau die von ihm verlangte Arbeit leisten
+und die erwartete Wirkung eintreten lassen. Ja, er hat sie so gebändigt und
+in gewünschter Stärke gestaltet, daß sie in Form von Zündholzchen von jedem
+Kinde gehandhabt werden können und in Form von Raketen und Feuerwerken in
+genau vorherbestimmten Formen und Farben gegen den Himmel steigen, aus dem
+Prometheus das erste Feuer zur Erde brachte.
+
+Hat diese Wirkung ins Große und Ferne, die durch die Chemie ermöglicht
+wurde, unser Interesse in hohem Maße gefesselt, so verdient die Wirkung,
+die uns die Chemie auf das Kleine und Nahe ausüben läßt, nicht minder
+unsere Aufmerksamkeit. In der Tat, es ist nicht weniger bedeutsam, die
+Vorgänge unseres Leibes sowie unser körperliches Wohlbefinden zu
+beherrschen und körperliche Schäden, Gebrechen und Leiden zu beseitigen,
+als Felsen zu durchbohren und Weltmeere miteinander zu verbinden.
+
+Es ist bemerkenswert, daß mit dem Aufblühen der Chemie auch die Medizin
+einen ungeheuren Aufschwung nahm und aus dem Gebiete der Wunder und des
+Aberglaubens einen Höhenflug im Reich der Wissenschaft antrat, der heute
+noch nicht beendet ist. Die Zeiten, wo man, abergläubischer Überlieferung
+folgend, gegen Rheumatismus ein paar Kastanien bei sich trug, das
+Schöllkraut wegen seines gelben Saftes gegen Gelbsucht, die rotgefleckten
+Blätter des Wasserbluts wegen ihrer Färbung als Wundmittel, die stacheligen
+Blätter der Distel ihrer Stacheln wegen gegen Seitenstechen empfahl, sind
+vorüber und damit auch die Zeiten der Beschwörungen und Alraune. Man ist
+gründlicher geworden und haftet nicht mehr an der oberflächlichen
+Erscheinung. Seitdem man die Ursache der Gelbsucht kennt, sucht man Mittel,
+diese _Ursache_ zu beheben und ist nicht mehr damit zufrieden, dem
+Gelbsüchtigen irgendeine gelbe Flüssigkeit einzugeben. Seit es Wöhler 1828
+gelang, den bis dahin nur im Tierkörper vorgefundenen Harnstoff künstlich
+darzustellen, ist die Fabel, daß die Vorgänge des Körpers nicht den
+chemischen, sondern ganz eigenartigen Lebensgesetzen folgen, immer mehr
+entkräftet und widerlegt worden. Heute weiß man, daß der lebende Organismus
+denselben chemischen Gesetzen untersteht wie die sogenannten anorganischen
+Stoffe. Erst auf Grund dieser Erkenntnis konnte man die Chemie der Vorgänge
+im tierischen Körper recht studieren und chemischen Mängeln des Organismus
+mit chemischen Hilfsmitteln begegnen. Erst seitdem man die Chemie des
+Blutes kennt, läßt sich Bleichsucht und Blutarmut erfolgreich behandeln.
+Erst seitdem man die Säfte des Magens gründlich erforscht hat, kann man den
+»chemischen« Magenbeschwerden beikommen. Erst seitdem man die Chemie des
+Verdauungsprozesses genau kennt, ist man in der Lage, dem Zuckerkranken die
+entsprechende Kost vorzuschreiben.
+
+Eine große Menge neuer Heilmittel ist aus demselben Stoff durch ähnliche
+Prozesse dargestellt worden, dem wir auch die Anilinfarben verdanken, aus
+dem Steinkohlenteer, der also gleichsam ein Extrakt nicht nur der
+Farbenpracht, sondern auch der Heilkraft einer längst vergangenen
+Pflanzenwelt ist. Die Wirkungsweise dieser neuen Heilmittel ist durch
+gründliche Proben festgestellt worden. Von den nach Tausenden zählenden
+Medikamenten dieser Art seien hier beispielsweise das Aspirin, Phenazetin,
+Pyramidon, Migränin, Veronal, Melubrin und Sulfonal genannt (Abb. 20).
+
+Auch die Pflanzen- und Tierwelt bietet die Mittel zur Herstellung
+medizinisch wertvoller Substanzen. So werden aus den Blättern der
+tropischen Kokapflanze das betäubende Kokain, aus tierischen Organen das
+blutdruckerhöhende Adrenalin usw. gewonnen.
+
+Noch wunderbarer als die Wirkung dieser Mittel sind die Erfolge der
+sogenannten Serumchemie, die hauptsächlich auf dem Gebiete der durch
+Bakterien verursachten Krankheiten große Triumphe zu verzeichnen hat. Das
+Serum, die Blutflüssigkeit, in der die roten und weißen Blutkörperchen
+umherschwimmen, ist, gleichsam als Auszug und Träger des Lebens, von der
+Natur mit außerordentlichen Kräften und einem besonders starken
+»Lebenswillen« bedacht worden. Es hat den Willen, sich zu erhalten, sich
+gesund zu erhalten. Und es wehrt sich mit seiner ganzen Kraft gegen den
+Einfall einer fremden Macht. Es sind im Serum Schutzmittel enthalten, die
+eingewanderte Bakterien abzutöten vermögen. Ein Einfall _Gift_
+ausscheidender, krankheitserregender Bakterien in das Blut wird von dem
+Serum mit der sofortigen Erzeugung von Gegengiften beantwortet, die die
+Giftwirkung der Bakterien aufheben. So kämpft das Serum mit der Krankheit;
+sein Sieg bedeutet Leben, seine Niederlage Tod.
+
+ [Illustration: Abb. 20. Verpackungssaal der Firma Farbenfabriken
+ vormals Friedrich Bayer & Co. A.-G., Elberfeld.]
+
+Hier hat nun die Chemie eingegriffen und es ist ihr gelungen, ihr hohes
+staunenswürdiges Ziel zu erreichen, nämlich die Wehrkraft des Serums zu
+erhöhen. Wird nämlich das Gift krankheitserregender Bakterien zunächst in
+ganz kleinen, dann allmählich steigenden Mengen einem gesunden Tiere, z. B.
+einem Pferde, in die Adern eingespritzt, so erzeugt das Serum dieses Tieres
+wachsende Mengen von Gegengift, so daß es an »Wehrkraft« stets zunimmt.
+Wird nun ein solches Tierserum unter die Haut eines an der entsprechenden
+Krankheit leidenden Menschen eingespritzt, so wird die »Wehrkraft« des
+Serums dieses Menschen ebenfalls bedeutend erhöht (Diphtherieheilserum).
+
+Die Medizin ist überdies durch die von der Chemie erzeugten zahlreichen,
+wirksamen und billigen mikrobenvernichtenden Desinfektionsmittel, wie
+Karbol, Chlorkalk, Sublimat, Ozon, Lysol, gefördert worden. Späterhin hat
+man die Desinfektion in der Form von Konservierungsmitteln auch auf das
+Gebiet der Nahrungsmittel übertragen und zwar zur Hintanhaltung der
+Fäulnis, der Gärung usw. Unter den üblichen Konservierungsmitteln sind
+besonders Salizylsäure, Borax und Formaldehyd zu nennen.
+
+Aber nicht nur auf dem Gebiete der Heilkunde hat die Chemie für das Leben
+und die Sicherheit des Menschen Großes getan, sondern sie hat sich auch auf
+dem ihr scheinbar ferner liegenden Gebiete des Gerichtswesens verdient
+gemacht. Sie hat gegen den Aberglauben gekämpft, Recht und Schuldlosigkeit
+zu Ehren gebracht und den Verbrecher eingeschüchtert. So weiß man heute,
+daß Erkrankungen infolge Genusses von Wurst, Fischen, Austern oder Fleisch
+meist nicht die Folge absichtlicher Vergiftungen sind, sondern darin ihren
+Grund haben, daß diese tierischen Stoffe, wenn sie faulen, gefährliche
+Gifte, die sogenannten Leichengifte, in sich anhäufen. Die Chemie hat
+ferner Mittel und Wege gefunden, Menschenblut, selbst in kleinsten Spuren,
+als solches zu erkennen und scharf von jedem anderen Tierblute zu
+unterscheiden. Diese Möglichkeit, die tierischen Blutarten mit Gewißheit
+voneinander zu unterscheiden, ist der Serumchemie zu verdanken. Gründliche
+Untersuchungen auf diesem Gebiete haben ergeben, daß ein mit Menschenblut
+geimpftes Kaninchen ein Serum liefert, das nur mit klarer
+Menschenblutlösung einen Niederschlag gibt, während Impfung mit Ochsenblut
+ein nur Ochsenblut fällendes, Impfung mit Schweineblut nur Schweineblut
+fällendes Serum hervorbringt. Dadurch kann man das Blut einer Tierart von
+dem jeder anderen Tierart gut unterscheiden. Allerdings muß man sich
+hierbei vor Augen halten, daß verwandte Tiergattungen gleichartige, wenn
+auch nicht gleich starke Fällungen mit den betreffenden Serumarten ergeben.
+So fällt Schweine-Kaninchen-Serum auch Wildschweinblut,
+Pferde-Kaninchen-Serum Eselblut, Menschen-Kaninchen-Serum auch Affenblut
+aus.
+
+Hier wird die entwicklungsgeschichtliche Tierforschung unmittelbar von den
+Ergebnissen der Serumchemie angeregt und befruchtet. Denn die eben
+angeführten Ergebnisse belehren uns über die Verwandtschaft der
+Tiergattungen und erleichtern so die Aufstellung eines wirklich richtigen
+Stammbaums der Tierwelt. Sie zeigen, daß das Blut _einer_ Gattung für die
+_andere_ Gift ist, daß die Essenz der Fruchtbarkeit der einen Art für die
+andere Art und für jede andere Art eine Essenz der Unfruchtbarkeit und des
+Todes ist, und daß das jeder Gattung eigentümliche Serum ein Schutzwall
+ist, den die Natur zum Zweck der Erhaltung um die Gattung gezogen hat. Nur
+die Entstehung dieser Schutzmittel ermöglicht die Entstehung der Arten aus
+gemeinsamem Ursprung, und nur die Erhaltung dieser Schutzmittel die
+Erhaltung der Arten. Nur dadurch ist es erklärlich, daß Pferd und Esel nur
+eine unfruchtbare Nachkommenschaft hervorbringen, und daß Tiere, die in der
+Verwandtschaftsreihe noch weiter auseinanderstehen, eine Nachkommenschaft
+überhaupt nicht hervorbringen können. Daher ist in instinktiver Voraussicht
+der Unnatürlichkeit einer Verbindung auch zwischen den großen Rassen der
+Menschheit eine gegenseitige Abneigung zu finden.
+
+Ohne dieses Schutzmittel der Natur würden im Laufe der Zeit nicht nur alle
+menschlichen Rassen in eine aufgehen, sondern auch die Tiergattungen würden
+Schritt für Schritt, langsam und allmählich sich miteinander vermischen und
+eine gleichförmige Gattung bilden. Ähnliches würde in der Pflanzenwelt
+Platz greifen, und offenbar würde dann auch die leblose Welt die Kraft,
+sich dem Charakter des Stoffes gemäß zu gestalten, das heißt, zu
+kristallisieren, verlieren und im Zustande einer Urmischung verharren. So
+verkörpert die Kristallgestalt der Gesteine, das Eiweiß der Pflanzen und
+das Serum der Tiere, den gestaltenden, vom Allgemeinen zum Besonderen
+gehenden Trieb der Natur, den Willen des formenden Lebens. Sie ermöglichen
+es, daß aus großem, festem, gleichförmigem Grundstoff die Natur sich
+vielgestaltig und mannigfaltig erhebt, wie die tausend Türmchen, Männchen
+und Ungeheuer eines gotischen Domes.
+
+Nach dieser kleinen Abschweifung wollen wir nun auf ein neues Gebiet der
+»Romantik« der Chemie übergehen, auf die _Wohlgerüche und Riechstoffe_.
+
+Schon die ältesten Kulturvölker Asiens sammelten die in der Natur
+vorkommenden wohlriechenden Kräuter, schätzten sie als Kostbarkeit und
+boten sie als höchste Gabe dem Heiligsten und Liebsten, den Göttern und den
+Toten dar. Wohlriechende Stoffe, wie Weihrauch, Zimt, Myrrhen usw., wurden
+den Göttern als Rauchopfer dargebracht und zum Einbalsamieren der Toten
+verwendet.
+
+Erst später kam die Sitte oder vielmehr die Unsitte auf, dem eigenen
+lebenden Leib durch fremdartige Riechstoffe »Wohlgeruch« zu verleihen, eine
+Unsitte, die bei den Griechen und Römern in den wahnsinnigsten Luxus
+ausartete, die Völker zur Befriedigung unnützer, erkünstelter Bedürfnisse
+verleitete, ihre Gedanken auf Nichtigkeiten lenkte, ihr Mark entnervte und
+schließlich den Baum ihres Lebens vom Wipfel herab bis zur Wurzel tödlichem
+Siechtum preisgab.
+
+So sind diese Riechstoffe, in höherem Grade als die anderen Gaben der Natur
+und der sie benutzenden Chemie, ein zweischneidiges Schwert. Geister, die
+nur ein weiser Zaubermeister, aber niemals ein törichter Zauberlehrling
+lenken kann. Denn bei diesem wird aus dem gefesselten Maß unbeschränkte
+Maßlosigkeit: in der Hand des der Zucht entbehrenden Zauberlehrlings wird
+der nützliche Sprengstoff ein Mittel zu vernichtender Revolution, das
+heilsame Morphium führt zum Morphinismus, und die Farbe, ohne Sinn, als
+Selbstzweck angewendet, verdirbt sowohl den Geschmack als die Kunst.
+
+ [Illustration: Abb. 21. Destillierblase.]
+
+Auch auf dem Gebiet der Riechstoffe ist jahrtausendelang, bis zum Erwachen
+der modernen Chemie, ein Stillstand zu verzeichnen, man war mit den von der
+Natur dargebotenen Riechstoffen zufrieden und verstärkte sie nur durch die
+altbekannte Kunst des Destillierens (Abb. 21).
+
+Erst im neunzehnten Jahrhundert wurde die wichtige Tatsache entdeckt, daß
+die pflanzlichen Riechstoffe, die sogenannten ätherischen Öle, den Pflanzen
+durch Dampf, sogenannte Dampfdestillation, entzogen werden, daß sie nach
+der Abkühlung des Dampfes auf dem kondensierten Wasser schwimmen und so
+leicht abgeschöpft werden können. Dies gab der Riechstoffindustrie, z. B.
+der Fabrikation des Kümmelöles, einen neuen Aufschwung. Andere Riechstoffe,
+wie Bergamottöl, Zitronenöl, Pomeranzenöl, werden durch Auspressen der
+Fruchtschalen gewonnen. Blütenparfüme werden entweder durch erwärmtes Fett
+oder durch gewisse Lösungsmittel, wie Benzin, Chloroform usw.,
+»ausgezogen«, und hierauf das Lösungsmittel durch Wärme abgetrieben, so daß
+der Riechstoff hinterbleibt (Abb. 22, 23).
+
+ [Illustration: Abb. 22. Aus der Fabrik ätherischer Öle
+ Schimmel & Comp., Miltitz-Leipzig.]
+
+Solche »Blumenauszüge« sind natürlich sehr kostspielig, da sehr große
+Blütenmengen zur Herstellung nennbarer Riechstoffmengen erforderlich sind.
+Zur Fabrikation von 1 Kilogramm Orangenblüten- oder Rosenblütenauszug sind
+700 Kilogramm frische Blüten, zur Herstellung von 1 Kilogramm
+Veilchenblütenauszug, der einen Wert von über 3000 Mark hat, 1000 Kilogramm
+Blüten nötig.
+
+Nur die südliche Natur verschwendet an ihre Flora die Wohlgerüche in
+reichlicher Weise. Die nordische Natur ist karger. So ist denn in dieser
+Hinsicht Frankreich und Italien wohl versorgt, Deutschland aber infolge
+seiner Lage auf die südlichen Länder angewiesen. Deshalb hat es mit aller
+Kraft versucht, durch die Chemie sich zu verschaffen, was ihm die Natur
+versagt hat, so hat es »künstliche Riechstoffe« hergestellt, aus dem
+billigen Öl des indischen Zitronengrases das kostbare Veilchenparfüm,
+Jonon, aus dem gewöhnlichen Nelkenöl den wertvollen Riechstoff der Vanille,
+das Vanillin, aus dem Terpentinöl das fliederduftige Terpineol, aus dem als
+Safrol bekannten Öl das angenehme Heliotropin.
+
+Ist die Farbenpracht und die Heilkraft der Steinkohlenpflanzenwelt in den
+Teerfarbstoffen und den modernen Heilmitteln wiedererstanden, so haben die
+Chemiker auch den alten Duft aus dem Steinkohlenteer hervorgezaubert und
+eine Reihe feiner Riechstoffe daraus dargestellt, indem sie die
+Karbolsäure, das Benzol, das Toluol, die Salizylsäure usw. verarbeiteten.
+So liefert die Karbolsäure das Wintergrünöl, das Benzol einen Jasminduft,
+das Toluol ein künstliches Bittermandelöl und ein Zimtöl und die
+Salizylsäure den als Cumarin bezeichneten Heu- und Waldmeistergeruch.
+
+ [Illustration: Abb. 23. Aus der Fabrik ätherischer Öle
+ Schimmel & Comp., Miltitz-Leipzig.]
+
+Eine große Verwendung finden alle diese Riechstoffe in der
+Toiletteseifenindustrie. Die gewöhnliche, grobe Seife wird durch Kochen von
+Fetten mit Ätznatron dargestellt, wobei man das nützliche Glyzerin als
+Abfallstoff erhält. Den so dargestellten Seifen werden zur Verwandlung in
+Toiletteseifen Riechstoffe zugesetzt, um das Waschen und Sichreinigen zu
+einer nicht nur nützlichen, sondern auch angenehmen Tätigkeit zu machen.
+
+Wir haben nun verschiedentlich die mit Hilfe der Chemie erlangten
+Luxusgaben der Pflanzenwelt betrachtet, die einer bequemeren und schöneren
+Ausgestaltung unseres Leben dienen. Doch dürfen wir darüber nicht die
+notwendigen Gaben vergessen, ohne die ein tierisches Leben und eine
+menschliche Kultur nicht möglich ist. Die gütige Allmutter Natur bringt das
+nährende Weizenkorn hervor, dem die Kraft innewohnt, in einen hohen,
+ährenbeschwerten Halm auszuwachsen, wenn es in dem »richtigen« Boden ruht.
+Der Mensch ackert und streut seine Saat und hofft »daß sie entkeimen werde
+zum Segen nach des Himmels Rat«. Und lange, lange Zeit wird er auf gutem
+Ackerboden in dieser Hoffnung nicht enttäuscht. Reichlich und gern bringt
+da die Natur das Gewünschte hervor. Aber nach und nach ermattet auch der
+Acker, die Ernte wird kümmerlicher, und schließlich versagt der Boden ganz,
+selbst wenn die Saat noch so kräftig und gesund ist.
+
+Das Weizenkorn gleicht eben einem Säugling. Es hat die Kraft, groß zu
+werden, aber nur, wenn ihm genug Nahrung zugeführt wird. Und eben das, was
+für den Säugling die Mutterbrust, ist für das Weizenkorn der Ackerboden.
+Ist die Mutterbrust milcharm, so gedeiht der Säugling ebensowenig wie das
+Weizenkorn im erschöpften Ackerboden.
+
+Das haben die Ackerbauer längst gemerkt. Sie fühlten, daß sie mit der
+geernteten Frucht ein unbekanntes Etwas dem Boden entziehen. Und so gaben
+sie, um die Kraft des Ackers zu erhalten, ihm das, was von der Ernte
+schließlich übrig blieb, den tierischen Dünger, wieder zurück. Die
+Wissenschaft selbst hätte nichts besseres raten können, als Düngen des
+Ackers.
+
+Noch etwas lehrt den Bauer eine einfache Überlegung, für die erst nach
+jahrtausendelanger Übung von der Wissenschaft eine befriedigende Erklärung
+gefunden wurde. Nämlich, daß der in die Erde versenkte Teil der Pflanze
+atmet und offenbar im Laufe der Zeit den Ackerboden vergiftet. Instinkt und
+Erfahrung, Zufall und Überlegung lehrten ihn die Notwendigkeit der
+Ackerlüftung, des Pflügens.
+
+Die Anschauung des Ackerbauers, daß die Nahrung der Pflanze im Ackerboden
+enthalten sei und diesem -- soll der Acker fruchtbar bleiben -- stets
+zugeführt werden müsse und zwar in demselben Ausmaße, wie sie mit der Ernte
+fortgeführt werde, wurde durch die chemischen Forschungen des großen Justus
+Liebig bestätigt, aufgeklärt und vervollkommnet, und damit eine neue
+Wissenschaft, die _Agrikulturchemie_, begründet.
+
+Die Grundlehre dieser »Ackerbauchemie« ist die Tatsache, daß das Skelett
+der Pflanze, dessen sie zu ihrem Gedeihen ebenso bedarf wie der Mensch, aus
+mineralischen Stoffen aufgebaut ist. Wenn wir einen Halm oder ein
+Weizenkorn verbrennen, so hinterbleibt stets ein mineralischer Rückstand,
+eine Asche, die eben vom Ackerboden herrührt. Es werden also mit jeder
+Ernte dem Acker große Mengen gewisser wichtiger Minerale entzogen, so daß
+der Boden stetig ärmer an diesen Stoffen wird. Die meisten von ihnen, z. B.
+die Kieselsäure, sind überall in reichlichem Maße vorhanden, so daß eine
+Erschöpfung kaum jemals eintritt. Gewisse andere Stoffe hingegen, die
+ebenfalls für den Aufbau des Pflanzenkörpers unentbehrlich sind, z. B.
+Kali, Phosphorsäure und Stickstoff -- dieser entweder in der Form von
+Ammoniak oder Salpeter -- sind spärlicher vorhanden, so daß sie einem
+regelmäßig benutzten Ackerboden stets wieder zugeführt werden müssen, da
+sonst eine rasche Abnahme der Fruchtbarkeit des Bodens eintritt. Die Chemie
+hat gezeigt, daß ein Boden, dem alles Kali, alle Phosphorsäure und aller
+Stickstoff entzogen sind, keinen Samen zur Entwicklung bringen kann, sie
+hat gezeigt, wie vom Vorhandensein dieser Stoffe der Blattreichtum, die
+Halmgröße und der Körnerreichtum der Pflanze abhängt. Man hat genau
+berechnet, wieviel Kali, wieviel Phosphorsäure, wieviel Stickstoff mit
+jeder Ernte aus einem Hektar Ackerlandes weggeführt wird, also wieviel von
+jedem Bestandteile dem Acker wieder zugeführt werden muß, wenn die
+Ergiebigkeit des Bodens nicht vermindert werden soll. Man hat gefunden, daß
+diese Stoffe in rein mineralischer Form als Kalisalz, als löslicher
+phosphorsaurer Kalk, als Salpeter, als schwefelsaures Ammoniak zugeführt,
+ebensogut wirken wie der natürliche Dünger, und man ist aus diesem Grunde
+heute fast ganz zur Verwendung der künstlichen Düngemittel übergegangen.
+Dies ist insbesondere durch das ungeheure Anwachsen der Großstädte nötig
+geworden, die den größten Teil des auf dem Lande erzeugten Getreides
+verzehren, so daß infolge dieser örtlichen Scheidung zwischen Erzeugung und
+Verbrauch an eine Zurückführung des tierischen Düngers nicht mehr zu denken
+war, zumal dieser durch die heute üblichen großstädtischen Abwasseranlagen
+und die damit verbundene große Verdünnung mit Wasser für die Landwirtschaft
+kaum mehr nutzbringend verwendet werden kann.
+
+Der Urwald mit seinem jungfräulich fruchtbaren Boden bedarf keiner Düngung.
+Denn solange er Urwald bleibt und kein Baumstamm aus ihm hinausgeschafft
+wird, wird er durch die pflanzlichen Kadaver gedüngt, die im Tode dem Boden
+die Mineralstoffe wieder zurückerstatten, die sie ihm während ihres Lebens
+entzogen haben. Es bleibt eben alles an Ort und Stelle. Nichts wird
+weggeführt. Mit Ackerland verhält es sich anders. Will man da stets
+dieselben Erträge haben, so muß der mineralische Gehalt der Ernte stets
+wieder ersetzt werden. Dieser Ersatz ist natürlich bei verschiedenen
+Pflanzen verschieden. So beanspruchen Zuckerrübe und Tabak besonders viel
+Kali, Hülsenfrüchte und Getreidearten besonders viel Phosphorsäure.
+
+ [Illustration: +O+ = ohne Dünger. +KPN+ = Kali, Phosphorsäure u.
+ Stickstoff. +PN+ = Phosphorsäure u. Stickstoff.
+ Abb. 24. Geranien ohne und mit Düngung.]
+
+Der Ackerbauchemie ist die interessante Entdeckungen verdanken, daß das
+erforderliche Verhältnis von Kali (+K+) zu Phosphorsäure (+P+) und
+Stickstoff (+N+), für jede Pflanze ganz bestimmt ist, und daß sich der
+Ertrag nach der vorhandenen Menge des »ungenügenden« Stoffes richtet, und
+zwar in folgender Weise: Ist in einem Ackerboden Kali und Phosphorsäure in
+genügender, Stickstoff hingegen in ungenügender Menge vorhanden, so richtet
+sich der Ertrag ausschließlich nach der vorhandenen Stickstoffmenge. Dieses
+Gesetz wird durch das folgende noch weiter ergänzt: Es ist nicht möglich,
+durch erhöhte Zufuhr von Kali, Phosphorsäure und Stickstoff den Ertrag bis
+ins Unendliche zu erhöhen. Von einem gewissen Punkte an bewirkt eine
+vermehrte Düngerzufuhr keine Erhöhung des Ertrages. Dies ist leicht
+begreiflich, wenn wir bedenken, daß die mineralischen Stoffe nur das
+Skelett der Pflanze liefern, daß aber ihr »Fleisch und Fett« aus der
+Atmosphäre gebildet wird, und daß die Pflanze infolge ihrer Organisation
+nur mit einer gewissen Geschwindigkeit und nur bis zu einer bestimmten
+Grenze wachsen kann. In dieser Hinsicht verhält sich der Pflanzenkörper
+genau so wie der tierische Körper (Abb. 24, 25).
+
+ [Illustration: Ohne Kali. Mit Kali. Ungedüngt.
+ Abb. 25. Düngung von Getreide.]
+
+Die moderne Kunstdüngerindustrie ist also von der größten Bedeutung für die
+Ernährung des Menschen. Sie ist ein wahrer Zauberstab. Sie holt das Kali
+aus den tiefen Schächten von Staßfurt und benutzt damit das Ergebnis
+vergangener geologischer Zeiten, ein ausgetrocknetes Seewasserbecken
+(600 000 Waggons Kalidünger werden auf diese Weise jährlich in Deutschland
+gewonnen). Sie mahlt die wegen ihres Phosphorgehaltes wertvollen
+Knochenabfälle, ferner die unter dem Namen Thomasmehl bekannten
+phosphorhaltigen Schlacken der Stahlindustrie und benutzt sie zur Förderung
+des Ackers. Ganze Berge mineralischen Phosphates aus Afrika und Amerika
+werden durch einfache Behandlung mit Schwefelsäure in das als Dünger
+überaus geschätzte Superphosphat verwandelt. Auch des kostbaren Guanos soll
+Erwähnung getan werden, der in der Hauptsache aus Exkrementen von Vögeln
+hervorgegangen, auf einigen Inseln nahe an der Westküste Südamerikas große
+Lagerstätten bildet und von da in Schiffsladungen nach Europa verschickt
+wird.
+
+Bis vor einigen Jahrzehnten war der Chilisalpeter der einzige »künstliche«
+Stickstoffdünger. Auch heute noch ist er von der größten Bedeutung, doch
+wird ihm nach und nach der Rang von anderen Stickstoffdüngemitteln
+abgelaufen. In erster Linie steht da das schwefelsaure Ammoniak, das als
+Nebenprodukt der Leuchtgasfabrikation und Kokserzeugung erhalten wird,
+indem man das im Leuchtgas und Koksofengas enthaltene Ammoniak durch
+Waschen des Gases mit Schwefelsäure in schwefelsaures Ammoniak überführt.
+Der Stickstoff dieses schwefelsauren Ammoniaks ist also nichts anderes als
+der Stickstoff der verarbeiteten Kohle, also der in vergangenen Zeiträumen
+durch die Pflanzenwelt angesammelte Stickstoff -- eine Konserve der Natur.
+
+Bei der großen Nachfrage nach Stickstoffdünger darf es nicht wundernehmen,
+daß die Chemie mit Nachdruck neue Stickstoffdünger zu bilden suchte und vor
+allem bestrebt war, den trägen Stickstoff, der den Hauptbestandteil unserer
+Atmosphäre ausmacht, in eine nützliche, von den Pflanzen aufnehmbare
+Stickstoffverbindung überzuführen und so eine schier unendliche, überall
+zugängliche Vorratskammer zu eröffnen. Die Herstellung solcher Erzeugnisse
+ist auch wirklich gelungen. So erhält man durch Überleiten von Stickstoff
+über feingepulvertes, erhitztes Kalziumkarbid, das bekanntlich zur
+Herstellung von Azetylen dient, den »Kalkstickstoff«, ein treffliches
+Düngemittel; durch die elektrische Kraft, die durch die großen Wasserkräfte
+Norwegens sehr billig erzeugt werden kann und erzeugt wird, ist ein
+weiteres Verfahren möglich geworden: die Herstellung von Salpetersäure
+durch Durchleiten der Luft durch den elektrischen Flammenbogen. Hierbei
+entsteht zunächst das sogenannte Stickstoffoxyd, ein Gas, das auf einfache
+Weise in Salpetersäure übergeführt wird.
+
+Doch auch damit war der Stickstoffhunger der Menschheit nicht befriedigt.
+Und mit Recht. Denn die Erschöpfung der chilenischen Salpeterlager und
+damit die Notwendigkeit, den ganzen Stickstoffbedarf in chemischen Fabriken
+herzustellen, ist nur eine Frage der Zeit. So hat man denn rastlos weiter
+gearbeitet und ein neues Verfahren, das modernste, zur Herstellung von
+Ammoniak gefunden, dessen chemische Bedeutung darin besteht, daß in ihm die
+Trägheit des Luftstickstoffes, sein Widerwille und Widerstand gegen
+irgendeine »Verbindung«, auf eine einfache Art und Weise überwunden
+erscheint. Man hat nämlich gefunden, daß Stickstoff und Wasserstoff, wenn
+man sie bei erhöhter Temperatur und unter hohem Druck durch oder über
+gewisse »trägheitaufhebende« Stoffe leitet, sich glatt zu Ammoniak
+vereinigen, und es scheint, daß dieses Verfahren, das bereits in großem
+Maßstabe erprobt wurde, die Palme im Wettkampfe der Stickstoffverfahren
+davontragen wird.
+
+Diese »trägheitaufhebenden« Stoffe, in der Chemie _Katalysatoren_ genannt,
+sind höchst merkwürdige Körper, denn durch ihre bloße Anwesenheit werden
+chemische Vorgänge bedeutend erleichtert und beschleunigt. Sie gleichen
+einem guten, ermunternden Lehrer, dessen bloße Anwesenheit hinreicht, um
+Aufgaben zu lösen, die allein zu lösen man nicht die Kraft hätte; sie
+gleichen dem Schmieröl, das, die Reibungswiderstände einer Maschine
+vermindernd, ihren geräuschlos-kräftigen Lauf ermöglicht. Diese
+Katalysatoren nehmen keinen Anteil am chemischen Vorgang, sie ändern sich
+nicht, sie verlieren ihre Wirkungskraft nicht. Es sind ganz wunderbare
+Stoffe, die für die wissenschaftliche und technische Chemie von immer
+größerer Bedeutung zu werden versprechen. In großer Zahl sind sie im
+Pflanzenkörper wie auch im Tierkörper vorhanden, und nur ihnen ist es zu
+danken, daß die Verdauung, die im chemischen Laboratorium viele Tage
+erfordern würde, in den Pflanzen und Tieren so rasch vor sich geht. In der
+Industrie spielen die Katalysatoren seit zwanzig Jahren, seit der
+Einführung des katalytischen Schwefelsäureprozesses -- den man, weil es
+dabei hauptsächlich auf Berührung (Kontakt) mit dem Katalysator ankommt,
+als Kontaktprozeß bezeichnet --, eine große Rolle. Im Vergleich zu dem
+alten umständlichen Schwefelsäureverfahren bedeutet das Kontaktverfahren
+eine namhafte Vereinfachung. An Stelle der früher notwendigen riesigen
+Bleikammern sind kleine Apparate, an die Stelle von Plumpheit ist damit
+Eleganz getreten, eben, weil es durch den Katalysator -- in diesem Falle
+feinverteiltes Platin -- möglich wurde, den früher träge verlaufenden
+Vorgang der Schwefelsäurebildung rascher zu gestalten und überdies Säure in
+beliebiger Stärke herzustellen. Nach dem Kontaktverfahren wird einfach
+schweflige Säure, das ist das Gas, das bei der Verbrennung von Schwefel und
+metallischen Schwefelverbindungen entsteht, mit Luft vermengt, über
+feinverteiltes Platin geleitet, wobei unmittelbar das sogenannte
+Schwefelsäureanhydrid gebildet wird.
+
+Ein ähnliches Verfahren, bei dem ebenfalls ein seltenes Metall als
+Katalysator dient, wird den Stickstoffbedarf der ackerbautreibenden Welt
+endgültig befriedigen. Denn die Rohmaterialien, die es verwendet, der
+Stickstoff der Luft und der Wasserstoff des Wassers, sind überall in
+beliebigen Mengen vorrätig, so daß das Menschengeschlecht -- so lange es
+Kraft oder Wärme zu erzeugen imstande ist -- jeder Sorge um den
+Stickstoffdünger enthoben ist.
+
+So fördert und regelt der Mensch die Arbeit der Natur, indem er ihr, so gut
+er vermag, die Bausteine liefert, mit denen dann die Meisterin die endlose
+Zahl von Stoffen aufbaut, die den Pflanzenkörper ausmachen, die Säfte, die
+durch die Pflanze fließen, die Farben, die sie schmücken, und die
+Wohlgerüche, die sie ausatmet.
+
+Unsere bisherige Wanderung hat uns gezeigt, was die Chemie, was der
+Chemiker geleistet hat. Diese Leistungen und Ergebnisse auf dem Gebiet der
+Industrie und Landwirtschaft erregen unsere Bewunderung, aber um so
+mächtiger drängt sich uns die Frage auf: Wie ist die Chemie zu diesen
+Erfolgen gekommen, wie arbeitet der Chemiker, wenn er die Geheimnisse der
+Natur ergründen, neue Stoffe darstellen oder die Herstellungsweise bereits
+bekannter Stoffe verbessern will? Wodurch gelingt es ihm das scheinbar
+Unfaßbare zu fassen, das scheinbar Unbestimmte zu bestimmen?
+
+Da können wir denn sagen, daß der Chemiker ebenso arbeitet wie der
+Mineraloge, der Botaniker, der Geologe, ja daß er eigentlich nicht anders
+arbeitet, als jeder wahrhaft wissenschaftliche Arbeiter. Sie alle folgen
+bei ihrer Arbeit dem vielsagenden Goetheschen Worte:
+
+ Dich im Unendlichen zu finden,
+ Mußt unterscheiden und dann verbinden.
+
+Dieses Dichterwort, ins Prosaische übersetzt, heißt und bedeutet: Um dich
+in der unendlichen Zahl der Gegenstände und Erscheinungen des Weltalls und
+jedes Teiles des Weltalls zurechtzufinden, mußt du zunächst durch scharfe
+Beobachtung die einzelnen Gegenstände voneinander unterscheiden. Mit dem
+Unterscheiden allein ist es jedoch nicht getan. Denn dadurch verliert man
+die Übersicht, zersplittert sich, gerät man ins Uferlose. Das Zurechtfinden
+ist erst dann möglich, wenn man die zusammengehörigen, verwandten Stoffe
+und Erscheinungen in Gruppen vereinigt. Dadurch erst erhält man eine
+Übersicht über das ganze Gebiet. Statt mit Einzelheiten hat man es dann mit
+Regeln zu tun, die eine große Masse von Erscheinungen umfassen, ebenso wie
+die Regeln der Grammatik.
+
+Dieses Gruppieren, Zusammenfassen unter Gesetze -- die wichtigste
+Tätigkeit und der Hauptzweck jeder Wissenschaft -- bedeutet für den
+Lernenden eine wesentliche Arbeitsersparnis. Ist die Art der Gruppierung,
+die Regel, einmal bekannt, so ist damit schon viel gewonnen. Wenn man den
+pythagoräischen Lehrsatz kennt, so kann man leicht eine Kathete eines
+rechtwinkligen Dreiecks berechnen, wenn die andere Kathete und die
+Hypotenuse bekannt sind, weil dieser Lehrsatz für alle rechtwinkligen
+Dreiecke gilt.
+
+Auf ähnliche Art erhält der Mineraloge eine Übersicht über das unendliche
+Gebiet der Mineralogie, indem er die Mineralien zunächst erst einzeln
+voneinander unterscheidet und dann die ähnlichen miteinander gruppiert, in
+Metalle, Oxyde, Kiese, Blenden usw. Diese Gruppierungen sind oft sehr
+schwierig und erfordern das Zusammenarbeiten zahlreicher wissenschaftlicher
+Köpfe, denn zu einer einfachen, leicht übersichtlichen Gruppierung gehört
+viel Geschick und eine gründliche Einsicht in den Gegenstand. Wenn wir
+bedenken, daß durch die Kristallkunde die unendliche Zahl der
+Kristallgestalten auf sechs Grundformen zurückgeführt ist, und daß jede
+mögliche Kristallgestalt sich von einer dieser Urgestalten ableiten läßt,
+obwohl die Kristallformen, für den oberflächlichen Beobachter, durchaus
+nicht miteinander ähnlich sind, so sehen wir, daß eine ganze Menge Arbeit
+in dieser Einteilung steckt und daß sie den größten praktischen Wert
+besitzt.
+
+So werden auch in der Botanik zunächst die einzelnen Pflanzen voneinander
+unterschieden und dann gruppiert. Diese Gruppierung erfolgte zuerst auf
+eine rein äußerliche Weise (Linnésches System), während später eine
+sinnreichere, auf Verwandtschaft der Pflanzen gegründete Einteilung
+gefunden wurde, ähnlich der des Menschengeschlechtes in Rassen, Völker,
+Stämme und Familien.
+
+Auch der Chemiker muß zunächst unterscheiden. Aber seine Unterscheidung ist
+viel schwieriger als die des Mineralogen und Botanikers. Während diese die
+Bausteine, die Elemente ihrer Betrachtung, fertig als Minerale und Pflanzen
+vorfinden und schon die scharfe Betrachtung der von der Natur fertig
+dargebotenen Gegenstände eine Einteilung ermöglicht, kommen die Bausteine
+des Chemikers, die Elemente, zum größten Teile nicht rein in der Natur vor,
+sondern nur bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt; während also der
+Mineraloge oder Botaniker die einzelnen Erscheinungen, Individuen,
+Bausteine, Elemente seines Wissensgebietes fertig in der Natur vorfindet,
+muß der Chemiker die Bausteine der Chemie erst auf mühselige Art gewinnen.
+
+Der Grund hierfür ist die Tatsache, daß der Kristall, die einzelne Pflanze,
+der einzelne Mensch, schon durch die Form kenntlich, ein abgeschlossenes
+Ganzes für sich bilden und ihr Lieben und Hassen nur der eigenen Art zugute
+kommen lassen, so daß man von der Erhaltung der Arten sprechen kann. Aber
+die dem Chaos näherstehenden chemischen Bausteine sind nicht so
+selbstbewußt und selbstzufrieden, sondern zeigen Liebe und Haß in viel
+ungewählterer, mannigfaltigerer Weise, indem sie, fast immer, sich um jeden
+Preis verbinden wollen zu etwas Neuem, ohne Rücksichtnahme auf die eigene
+Art.
+
+Es müssen also die _chemischen Elemente_, bevor man sie unterscheiden und
+gruppieren kann, vorerst _aus ihren Verbindungen getrennt_ werden. Ein
+Beispiel wird dies deutlich machen. Das Kaolin, die Porzellanerde, ist ein
+weißes, fettiges Pulver. Durch große Hitze oder Kälte wird es chemisch
+nicht verändert, so daß man leicht glauben könnte, daß es ein chemisches
+Element, das heißt ein einfacher, unzusammengesetzter und daher
+unzerlegbarer Körper ist. Das ist aber nicht der Fall. Es ist den Chemikern
+gelungen, dieses weiße Pulver in zwei nicht weiter zerlegbare Stoffe zu
+spalten, in zwei Stoffe, die in ihren Eigenschaften voneinander und von der
+Porzellanerde ganz verschieden sind, in zwei Stoffe, deren Verbindung eben
+die Porzellanerde ist: in das heute allgemein bekannte Metall Aluminium und
+in Sauerstoff, jenes Gas, das die Atmosphäre der Erde atembar macht, das
+die Verbrennung unterhält, das einen glimmenden Holzspan entflammen macht,
+das das Eisen bei Feuchtigkeit und gewöhnlicher Temperatur mit Rost
+überzieht und bei höherer Temperatur das Aluminium wieder zu Porzellanerde
+verbrennt oder verascht.
+
+Auf ähnliche Weise ist gefunden worden, daß das Wasser, von den Griechen
+als Element angesehen, kein Element ist, sondern aus Sauerstoff und einem
+brennbaren Gase, Wasserstoff, besteht. In seine Bestandteile kann es leicht
+durch den elektrischen Strom gespalten und aus ihnen wieder durch den
+elektrischen Funken zusammengesetzt werden. So sind alle mineralischen,
+pflanzlichen und tierischen Stoffe von den Chemikern zerlegt, analysiert
+worden, und man hat auf diese Weise die Elemente gefunden, aus denen die
+Welt aufgebaut ist. Die Elemente sind die Bausteine aller bestehenden
+Stoffe, und durch Gruppierung dieser Elemente hat man eine bequeme
+Übersicht über die Zusammensetzung jedes Stoffes erhalten. Man hat zunächst
+die Elemente in Metalle und Nichtmetalle gesondert, die Metalle hat man
+wieder in fünf Gruppen geteilt, deren jede untereinander verwandte Metalle
+enthält. In entsprechender Weise hat man auch die Nichtmetalle gruppiert.
+
+Will nun der Chemiker einen Stoff _analysieren_, das heißt, finden, aus
+welchen Elementen er besteht, so verwendet er dazu gewisse Hilfsmittel,
+Chemikalien, auch Reagenzien genannt. Er verfährt wie der Arzt bei der
+Untersuchung eines Kranken. Wie dieser Organ für Organ untersucht, die
+gesunden Organe von seiner Betrachtung ausschaltet und so lange sucht, bis
+er das kranke Organ entdeckt und die Art der Erkrankung erkannt hat, so
+auch der Chemiker. Er läßt seine Reagenzien auf den zu untersuchenden Stoff
+einwirken und erkennt aus der Art der Einwirkung, aus der entstehenden
+Färbung usw., welche Gruppen anwesend sind, und ob andere, bloß vermutete
+Gruppen fehlen. Durch weitere Reagenzien scheidet er die anwesenden Gruppen
+voneinander. Schließlich sucht er herauszufinden, welche Elemente jeder
+Gruppe anwesend sind. Er geht also Schritt für Schritt vor, vom Allgemeinen
+zum Besonderen, zum Einzelnen.
+
+Die von der Chemie gefundenen Elemente sind übrigens, um dies der
+Vollständigkeit halber kurz zu streifen, die Bausteine nicht nur der Erde,
+sondern des gesamten Weltalls. Mit der Erforschung der Erde nicht
+zufrieden, ist die Wissenschaft an die Erforschung der Zusammensetzung der
+Sonne und Gestirne getreten und zwar mit Hilfe der sogenannten
+Spektralanalyse. Während nämlich feste und flüssige glühende Körper ein
+ununterbrochenes regenbogenfarbiges Band, Spektrum liefern, wenn man das
+von ihnen ausgestrahlte Licht durch ein Glasprisma gehen läßt, liefern
+glühende Gase ein nur aus einzelnen hellen Linien oder Streifen bestehendes
+Spektrum, dessen Linien, Linienzahl und Farbe für jedes Element anders,
+also charakteristisch ist. Man hat so aus der Strahlung der Sonne und
+anderer Gestirne ihre Zusammensetzung ersehen können und hat gefunden, daß
+draußen im Weltall dieselben Elemente vorhanden sind, wie auf der kleinen
+Erde, ein Beweis für die Gleichartigkeit und Einheitlichkeit der Welt.
+
+Aus den durch Zerlegung erhaltenen Elementen baut der Chemiker wieder die
+mannigfaltigsten Stoffe der Natur auf, geht aber auch in der
+Mannigfaltigkeit des Dargestellten über die Natur hinaus. Er vergrößert den
+engen Rahmen der Natur, die nur einen kleinen Teil der _möglichen_
+Stoffverbindungen uns darbietet, und er stellt Stoffe dar, deren Erzeugung
+die irdische Natur verabsäumt oder vernachlässigt hat.
+
+Bei dieser Vereinigung von Elementen oder Elementgruppen, bei dieser
+Darstellung von Stoffen ist er jedoch beschränkt und zwar durch die
+Beziehung der Elemente zueinander, durch ihr »Lieben und Hassen«, durch
+ihre -- wie Goethe sagte -- _Wahlverwandtschaft_.
+
+»Diejenigen Naturen, die sich beim Zusammentreffen einander schnell
+ergreifen und wechselseitig bestimmen, nennen wir verwandt. An den Alkalien
+und Säuren, die, obgleich einander entgegengesetzt und vielleicht eben
+deswegen, weil sie einander entgegengesetzt sind, sich am entschiedensten
+suchen und fassen, sich modifizieren und zusammen einen neuen Körper
+bilden, ist diese Verwandtschaft auffallend genug. Gedenken wir nur des
+Kalks, der zu allen Säuren eine große Neigung, eine entschiedene
+Vereinigungslust äußert.
+
+Z. B. was wir Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger reine Kalkerde,
+innig mit einer zarten Säure verbunden, die uns in Luftform bekannt
+geworden ist. Bringt man ein Stück solchen Steines in verdünnte
+Schwefelsäure, so ergreift diese den Kalk und erscheint mit ihm als Gips;
+jene zarte, luftige Säure hingegen entflieht. Hier ist eine Trennung, eine
+neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich nunmehr berechtigt,
+sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil es wirklich aussieht,
+als wenn ein Verhältnis dem andern vorgezogen, eins vor dem andern erwählt
+würde.«
+
+Wird hier die schwache, zarte Kohlensäure durch die rohe, starke
+Schwefelsäure vertrieben und in die Einsamkeit hinausgejagt, so finden wir
+auch Fälle, in denen der Chemiker, damit kein Stoff leer ausgehe, ein
+Viertes zugesellt:
+
+»Diese Fälle sind allerdings die bedeutendsten und merkwürdigsten, wo man
+das Anziehen, das Verwandtsein, dieses Verlassen, dieses Vereinigen
+gleichsam übers Kreuz, wirklich darstellen kann; wo vier bisher je zwei zu
+zwei verbundene Wesen, in Berührung gebracht, ihre bisherige Vereinigung
+verlassen und sich aufs neue verbinden. In diesem Fahrenlassen und
+Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich eine höhere
+Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen oder
+Wählen zu, und hält das Kunstwort Wahlverwandtschaft für vollkommen
+gerechtfertigt.
+
+Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist, durch viele
+Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen; denken Sie sich
+ein C, das sich ebenso zu einem D verhält; bringen Sie nun die beiden Paare
+in Berührung: A wird sich zu D, C zu B werfen, ohne daß man sagen kann, wer
+das andere zuerst verlassen, wer sich mit dem andern zuerst wieder
+verbunden habe.«
+
+Von den zahlreichen Beispielen dieses »Vereinigens übers Kreuz« wollen wir
+nur eins anführen: Wenn wir zu einer klaren Lösung von Schwefelbaryum eine
+klare Lösung von Zinksulfat hinzugießen, so entsteht ein dicker, weißer
+Niederschlag, der das unlösliche Austauschprodukt »übers Kreuz« darstellt.
+Der Schwefel des Schwefelbaryums reißt sich von dem Baryum los und folgt
+der Anziehungskraft, die das Zink ausübt, so daß Schwefelzink entsteht.
+Zugleich geht die Schwefelsäure des Zinksulfats an das Baryum und bildet
+schwefelsaures Baryum. Es gehen also durch diesen Vorgang alle gelösten
+Stoffe in den neugebildeten, unlöslichen Zustand, in den Niederschlag,
+über. Der letztere liefert, getrocknet, eine vielverwendete weiße Farbe,
+das Lithopon.
+
+Eine Haupttätigkeit des Chemikers im Laboratorium einer Fabrik ist die
+Prüfung, Untersuchung, Analyse der Rohmaterialien, die ja eine gewisse
+Beschaffenheit und einen gewissen Gehalt haben müssen, wenn ein Erzeugnis
+von erforderlicher Reinheit und richtiger Zusammensetzung erzielt werden
+soll.
+
+Doch die Arbeit des Laboratoriumschemikers besteht nicht bloß darin, die
+Stoffe zu scheiden, zu analysieren, sondern auch darin, durch _Verbindung
+von Stoffen_ neue, nützliche Substanzen herzustellen. Der Chemiker ist also
+nicht bloß Scheidekünstler, sondern auch Verbindungskünstler. Ist die
+Herstellung einer neuen Verbindung im Laboratorium gelungen, so wird sie in
+großem Maßstabe ins Fabrikmäßige übertragen, wobei die kleinen Apparate des
+Laboratoriums durch große Anlagen ersetzt werden. Diese Umwandlung des
+Laboratoriumvorganges in einen Fabrikvorgang ist durchaus nicht einfach.
+Eine Salzlösung in der Porzellanschale zu verdampfen, das heißt, das
+Wasser in der Hitze abzutreiben, so daß das feste Salz zurückbleibt, ist
+viel einfacher als die Durchführung dieses Vorganges im großen Maßstabe.
+Hierzu gehören große Verdampfungsanlagen, die von zahlreichen Heizröhren
+durchsetzt sind. Ebenso ist das Filtrieren mit Hilfe von Glastrichter und
+Filtrierpapier viel leichter als das Filtrieren großer Mengen mit Hilfe
+großer Filterpressen. Auch das Erhitzen erfordert im Fabrikbetrieb
+mächtige, eigenartig gebaute Öfen.
+
+Die Herstellung neuer Stoffe, das Suchen und Finden neuer Verfahren und
+neuer Fabrikapparate macht die eigentliche _Erfindertätigkeit des
+Chemikers_ aus. Dieser Tätigkeit sollen hier auch einige Worte gewidmet
+werden.
+
+Drei Eigenschaften zeichnen den Erfinder vor allem aus, scharfe
+Beobachtungsgabe, rasches Denken und ein gesundes, kräftiges Urteil. Der
+Erfinder muß den Gegenstand und das Gebiet, das er bearbeitet, genau
+kennen, ohne durch unnötige Kenntnisse belastet und zersplittert zu werden.
+Denn eine solche Zersplitterung wirkt stets schwächend. Der Gedankenhimmel
+des Erfinders muß scharf begrenzt und klar, er darf nicht verschwommen und
+bewölkt sein. Eine gewisse Kindlichkeit und Unbefangenheit muß vorhanden
+sein, ohne jene gefährliche Stumpfheit, die durch allzuvieles Lernen
+hervorgerufen wird. Wie das Kind naiv fragt, woher das Licht kommt, und
+wohin es geht, so muß auch der Erfinder naiv-staunend nach Dingen fragen,
+an denen die meisten ohne Aufmerksamkeit vorübergehen. Er muß also in
+gewissem Sinne ein großes Kind sein. »Ich kenne nichts Schrecklicheres, als
+die armen Menschen, die zu viel gelernt haben. Statt des gesunden,
+kräftigen Urteils, das sich vielleicht eingestellt hätte, wenn sie _nichts_
+gelernt hätten, schleichen ihre Gedanken ängstlich und hypnotisch einigen
+Worten, Sätzen, Formeln nach, immer auf _denselben_ Wegen. Was sie
+besitzen, ist ein _Spinngewebe_ von Gedanken, zu schwach, um sich darauf zu
+stützen, aber kompliziert genug, um zu verwirren.«
+
+Neue Verfahren und Verbesserungen werden entweder absichtlich gesucht oder
+zufällig gefunden. Damit aber die Erfindung zur Tat werde, muß sich dem
+absichtlichen Suchen der glückliche Zufall beigesellen, muß der Zufall von
+einem scharf beobachtenden Kopfe, der ihn für seine Zwecke ausnützen kann,
+bemerkt werden. Ohne glücklichen Zufall, wie er z. B. Röntgen zuteil wurde,
+als er das erstemal »seine« Strahlen leuchten sah, verläuft auch das
+fleißigste absichtliche Suchen oft erfolglos, weil die Möglichkeiten,
+Erscheinungen und Zustände so mannigfaltig sind, daß man sie nicht alle
+durchprobieren kann. Anderseits wird ohne scharfe Beobachtungsgabe auch der
+günstigste Zufall oft übersehen.
+
+Das Erfinden ist eine künstlerische, schöpferische, herrliche Tätigkeit.
+Der wahre, große Erfinder schafft aus Instinkt, aus Trieb. Der wahre
+Erfinder ist durch die Erfindung genugsam belohnt, wie dem Vogel, der in
+den Zweigen wohnt, das Lied, das aus der Kehle dringt, reichlicher Lohn
+ist. Aber überdies wird dem Erfinder oft irdischer Lohn, Reichtum und
+Wohlstand zuteil. Es sei hier nur an den Namen Alfred Nobel erinnert (siehe
+Hennig: Alfred Nobel).
+
+Seit 1863 war Alfred Nobel unablässig bestrebt, das flüssige Sprengöl,
+Nitroglyzerin, in einen festen Körper umzuwandeln. Lange war alles Suchen
+vergeblich, bis schließlich ein seltsamer Zufall das gewünschte Ergebnis
+herbeiführte und Alfred Nobel, der den Zufall bemerkte, würdigte und
+benutzte, im Jahre 1866 seine berühmte Erfindung, das Dynamit, machen ließ.
+
+Es war ein blinder Zufall, der zur Entdeckung des Dynamits verhalf, ein
+Zufall aber, der ohne jedes Ergebnis geblieben wäre, wenn er sich nicht
+eben gerade Alfred Nobels stets wachem Erfindergeist geboten hätte. Es war
+im Jahre 1866, als eines Tages in Nobels Laboratorium Nitroglyzerin aus
+einem undicht gewordenen Gefäße auslief. Derartige Vorkommnisse waren an
+sich nicht ungewöhnlich. Sie erhöhten sogar die Gefährlichkeit der
+Aufbewahrung des Sprengöles in beträchtlichem Maße. In diesem Falle aber
+tränkte die auslaufende Flüssigkeit die poröse Erdmasse, die zur Verpackung
+der Nitroglyzeringefäße diente, und Nobel, der den Vorfall bemerkte und
+untersuchte, stellte mit Erstaunen fest, daß die mit Nitroglyzerin
+getränkte Erde stark explosive Eigenschaften bekommen hatte, die im
+geeigneten Augenblick zur Entfaltung gebracht werden konnten. Damit war das
+seit Jahren bestehende Problem, die explosiven Eigenschaften des
+Nitroglyzerins an einen festen Körper zu binden, gelöst, und, um diese
+Entdeckung technisch verwerten zu können, bedurfte es nur noch eines
+porösen Körpers, der möglichst billig und leicht zu beschaffen war. Als für
+diese Zwecke am geeignetsten wählte Nobel nach zahlreichen Untersuchungen
+schließlich die Kieselgur, ein weißes, pulverartiges, damals so gut wie
+wertloses Gestein, das aus den Schalen winziger, einzelliger Diatomeen
+besteht und an vielen Orten, vornehmlich aber in der Gegend von Hannover,
+aus Urtagen der Erde sich in großen Mengen aufgehäuft findet. Diese
+Kieselgur war für Nobels Zwecke wie geschaffen. Es zeigte sich, daß sie
+ganz gewaltige Mengen, nämlich das Dreifache ihres Gewichtes, an Sprengöl
+aufzusaugen vermochte. Die Mischung der Kieselgur mit dem Nitroglyzerin
+bildet dann eine mörtelähnliche Masse, deren Sprengkraft so groß ist, wie
+die des flüssigen Sprengöls.
+
+Damit war jener fürchterliche Sprengstoff gefunden, der unter dem glücklich
+gewählten Namen Dynamit Weltberühmtheit erlangt und seinen Erfinder zu
+einem modernen Midas gemacht hat, der sich durch seine testamentarischen
+Verfügungen als einer der größten bürgerlichen Mäzene aller Zeiten
+offenbart hat, als Förderer der Wissenschaften, der Künste und des
+Weltfriedens.
+
+In vielen Fällen aber wird dem Erfinder nicht der verdiente Lohn, ja in den
+meisten Fällen nur Undank und Elend zuteil. Ein Beispiel dafür ist die
+Geschichte _Leblancs_, der der Welt das erste brauchbare Verfahren zur
+Herstellung von künstlicher Soda schenkte und dadurch den Grundstein für
+die moderne chemische Industrie legte.
+
+Nicolas Leblanc, -- sein Name ist unsterblich in der Geschichte der
+Erfindungen, -- wurde am 6. Dezember 1742 zu Ivoy-le-Pré im heutigen
+Departement Cher geboren. Er stammte aus einer wenig begüterten Familie und
+hat wohl keine hervorragende Erziehung genießen können. 1759 kam er nach
+Paris, um Chirurgie, Medizin und Chemie zu studieren. 1776 verheiratet, und
+unter sehr bescheidenen Verhältnissen den Beruf eines Arztes ausübend, war
+er doch dabei wissenschaftlich noch auf anderen Gebieten tätig. Aus Anlaß
+einer von der Akademie gestellten Preisfrage beschäftigte er sich mit dem
+Problem der Darstellung von künstlicher Soda und kam hierbei 1787 auf den
+richtigen Weg. Im Jahre 1789 schlug er dem Herzog von Orléans vor, das neue
+Verfahren fabrikmäßig auszubeuten. Am 12. Januar 1790 kam vor dem Notar
+James Lutherland in London ein auf 20 Jahre abgeschlossener Vertrag
+zustande, an dem Leblanc, der Chemiker Dizé und der Herzog von Orléans
+beteiligt waren. Leblanc verpflichtete sich, sein Sodaverfahren, und Dizé,
+sein Bleiweißverfahren schriftlich und versiegelt bei dem Notar Brichard zu
+hinterlegen.
+
+Am 25. September 1791 erhielt Leblanc ein Patent auf sein Verfahren für 15
+Jahre. Die Beschreibung des Verfahrens, die er darin gibt, verdient hier
+wörtlich wiedergegeben zu werden, da sie in der Tat im wesentlichen dem bis
+vor kurzem geübten entspricht:
+
+»Zwischen eisernen Walzen pulvert und mischt man folgende Substanzen:
+
+ 100 Pfund wasserfreies Glaubersalz,
+ 100 Pfund reine Kalkerde, Kreide von Meudon,
+ 50 Pfund Kohle.
+
+Die Mischung wird in einem Flammenofen ausgebreitet, die Arbeitslöcher
+(Ofentüren) verschlossen und geheizt; die Substanz gelangt in breiförmigen
+Fluß, schäumt auf und verwandelt sich in Soda, die sich von der Soda des
+Handels nur durch einen weit höheren Gehalt unterscheidet. Die Masse muß
+während der Schmelzung häufig gerührt werden, wozu man sich eiserner
+Krücken, Spatel usw. bedient. Aus der Oberfläche der schmelzenden Massen
+brechen eine Menge Flämmchen hervor, die der Flamme einer Kerze ähnlich
+sind. Sobald diese Erscheinung zu verschwinden anfängt, ist die Soda
+fertig. Die Schmelze wird dann mit eisernen Krücken aus dem Ofen gezogen
+und kann in beliebigen Formen aufgefangen werden, um ihr die Form der im
+Handel vorkommenden Sodablöcke zu geben« (Abb. 26).
+
+Die von Leblanc und Dizé zu St. Denis unter dem Namen »+La Franciade+«
+angelegte Fabrik scheint sehr gut gediehen zu sein: Täglich wurden 250 bis
+300 +kg+ Soda, nebst Bleiweiß und Ammoniaksalz dargestellt, und infolge des
+Krieges mit Spanien war der Preis der Pflanzensoda auf 110 Francs
+gestiegen, so daß das Leblancsche Verfahren großen Nutzen abwerfen mußte.
+Aber die Herrlichkeit sollte nur kurzen Bestand haben. Der Herzog von
+Orléans, nunmehr »Bürger +Egalité+«, wurde im April 1793 vom
+Wohlfahrtsausschuß verhaftet und am 6. November desselben Jahres
+hingerichtet. Seine Güter, also auch die Fabrik +La Franciade+, wurden vom
+Staate eingezogen und öffentlich verkauft. Am 8. Pluviose des Jahres II
+(Februar 1794) wurde die Fabrik, deren Betrieb schon vorher zwangsweise
+eingestellt war, von der Behörde inventarisiert; vier Tage später erschien
+ein staatlicher Erlaß, der das immer noch sehr wertvolle Patent Leblancs
+vernichtete. Der Wohlfahrtsausschuß hatte nämlich beschlossen, alle
+Sodafabrikanten sollten die ihnen bekannten Mittel und Wege der
+Sodaerzeugung binnen 20 Tagen einer besonderen Kommission zum besten des
+Staates und mit Hintansetzung aller eigenen Vorteile bekanntgeben, um es
+dadurch Frankreich zu ermöglichen, seinen Handel von fremden Völkern
+unabhängig zu machen und neue Verteidigungsmittel zu gewinnen. Leblanc und
+Dizé gaben ihr Verfahren sofort preis, wozu sie selbstverständlich bei
+Gefahr ihres Lebens gezwungen waren. Damit war für Leblanc alles verloren;
+man hatte ihm sein Patent und seine Fabrik genommen.
+
+ [Illustration: Abb. 26. Sodafabrikation nach Leblanc.
+ (Deutsches Museum.)]
+
+Leblanc befand sich in bitterer Armut und mußte zusehen, wie an anderen
+Orten Fabriken entstanden, die sein als öffentliches Eigentum erklärtes
+Verfahren ausnutzten. Er richtete an die Regierung unaufhörlich Gesuch auf
+Gesuch wegen des ihm für seine Fabrik und sein Verfahren zugesagten
+Schadenersatzes, aber sieben Jahre lang ohne Erfolg. Endlich am
+17. Floréal VIII. (1801), wurde die Fabrik in völlig verwahrlostem
+Zustande an Leblanc und Dizé zurückgegeben, mit dem Versprechen späterer
+Entschädigung. Nach abermals vier Jahren, am 5. November 1805, wurde der
+Anspruch auf Entschädigung schiedsrichterlich festgestellt. Hiernach hätte
+Leblanc die verhältnismäßig geringe Summe von 52 473 Francs erhalten
+müssen, aber nicht einmal dieser Betrag ist Leblanc oder seinen Nachkommen
+je ausgezahlt worden. Die endgültige gerichtliche Entscheidung fiel dahin
+aus, daß Leblancs und Dizés Ansprüche durch die »unentgeltliche«
+Überlassung der (in ihrem damaligen Zustande ganz wertlosen) Fabrik +La
+Franciade+ als ausgeglichen zu betrachten seien.
+
+Für Leblanc, der die ihm gebührende Summe auf eine Million berechnet hatte,
+war dies wie ein Todesurteil. Er hatte nach Überlassung der Fabrik seine
+sämtlichen Mittel und alles, was er zu schweren Zinsen dazu borgen konnte,
+auf die nötigsten Ausbesserungen verwendet, behielt aber nichts für den
+Betrieb übrig. Den Preis der Akademie von 12 000 Francs von 1789 hatte er
+nie erhalten. Im Jahre 1799 war ihm die Summe von 3000 Francs als
+»Nationalbelohnung« für seine Erfindung, deren Wichtigkeit allgemein
+anerkannt wurde, bewilligt worden; aber auch von dieser elenden Summe
+wurden ihm nur 600 Francs ausgezahlt. _Ein Darlehen von 2000 Francs_, das
+ihm im Jahre 1803 die +Société d'encouragement+ bewilligt hatte und ein vom
+Minister Chaptal erhaltenes _Almosen von 300 Francs ist alles, was die
+französische Nation weiter für Leblanc getan hat_, trotz seiner
+unaufhörlichen Bitten und Gesuche. Die für ihn tatsächlich vernichtende
+Entscheidung vom 5. November 1805 raubte ihm jede Hoffnung, aus der Armut,
+in der er sich mit seiner Familie befand, jemals herauszukommen. Gebrochen
+an Leib und Seele, kehrte er zu seiner kranken Frau, zu seiner darbenden
+Familie, in seine in der ruinierten Fabrik befindliche Wohnung zurück. Dort
+machte er am 16. Januar 1806 seiner verzweifelten Lage durch einen
+Pistolenschuß ein Ende. So endete diese erschütternde Erfindertragödie, und
+niemand weiß, wo das Grab eines der größten Erfinder Frankreichs sich
+befindet.
+
+Der Trieb zum Erfinden und Erforschen ist dem intelligenten Menschen in
+hohem Maße eigen, ebenso wie die Neugierde den höheren Tieren. Und dieser
+Forschungstrieb richtet sich nach allen Seiten; nicht nur das Nützliche,
+sondern alles, was er sieht, ja auch das, was er nicht sieht, will er
+ergründen. So haben denn auch die chemischen Forscher alles Sichtbare und
+Unsichtbare zu ergründen gesucht, vor allem auf dem Weltkörper, an den wir
+Menschen gebannt sind, auf dieser Erde.
+
+Unsere Kenntnis der irdischen Stoffe erstreckt sich nur ein kleines Stück
+unter die Erdoberfläche; was darüber hinausliegt, können wir nur vermuten,
+nicht wissen. So ist also die Atmosphäre, der Ozean und eine dünne feste
+Schicht alles, was wir unmittelbar untersuchen können, und dementsprechend
+ist unser Wissen, soweit die Atmosphäre und der Ozean in Betracht kommen,
+ziemlich ausreichend, gründlich und vollständig, während wir bei der
+Betrachtung der festen Erdkruste eine willkürliche Grenze nach unten
+annehmen müssen. Ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Stärke der
+irdischen Steinrinde (Lithosphäre) scheint es sehr wahrscheinlich, daß das
+felsige Material bis zu einer Tiefe von ungefähr 16 Kilometern den
+vulkanischen Massen, die wir an der Erdoberfläche vorfinden, sehr ähnlich
+ist. Wir können also als Grundlage unserer Betrachtung eine Felsstärke von
+16 Kilometern annehmen.
+
+Der Rauminhalt der 16 Kilometer starken Kruste, mit Einschluß der
+durchschnittlichen Erhebungen der Festländer über die See, beträgt
+6 500 000 000 Kubikkilometer, mit dem spezifischen Gewicht 2,5 bis 2,7. Der
+Rauminhalt der Ozeane beträgt 1 286 000 000 Kubikkilometer mit dem
+spezifischen Gewicht 1.03. Die Masse der Atmosphäre ist ungefähr
+5 000 000 Kubikkilometern Wasser gleichwertig. Wenn wir nun diese Angaben
+zusammenfassen, so erhalten wir folgende Zahlen in bezug auf die
+Zusammensetzung der Erde:
+
+ _Spezifisches Gewicht der Kruste_ 2.6,
+ Atmosphäre 0.03%,
+ Ozean 6.97%,
+ Feste Rinde 93.00%.
+
+Was die Zusammensetzung der drei Schichten anlangt, so besteht die
+Atmosphäre aus Sauerstoff, Stickstoff und Argon, dem Gewichte nach:
+
+ Sauerstoff 23.024%,
+ Stickstoff 75.539%,
+ Argon 1.437%;
+
+im Raumverhältnisse ausgedrückt, enthält die Luft ungefähr 4/5 Stickstoff
+und 1/5 Sauerstoff.
+
+Das ozeanische Wasser enthält 37,39 Gramm Seesalz im Kilogramm Wasser
+aufgelöst. Das Seesalz besitzt das spezifische Gewicht 2,25 und besteht
+vornehmlich aus Kochsalz, Chlormagnesium, Magnesiumsulfat und Gips. Es
+dürfte sich lohnen, an dieser Stelle einen Augenblick zu verweilen, um die
+große Masse der ozeanischen Salze zu würdigen. Aus den oben angeführten
+Zahlen läßt sich berechnen, daß der Rauminhalt der Salzmasse des Ozeans
+19 200 000 Kubikkilometer beträgt, also hinreichend ist, um ein Gebiet von
+der Größe der Vereinigten Staaten von Nordamerika mit einer 2,5 Kilometer
+starken Salzschicht zu bedecken. Verglichen mit dieser ungeheuren Masse,
+erscheinen die Salzablagerungen von Staßfurt, die in der Nähe betrachtet,
+so mächtig erscheinen, winzig klein.
+
+Die Felskruste besteht zu 75% aus kieselsaurer Tonerde (Ton); daneben
+enthält sie 6% Sauerstoffverbindungen des Eisens, 4,5% Magnesia, 5% Kalk,
+3,5% Natron, 2,7% Kali und überdies Spuren der übrigen Elemente.
+
+Nun wollen wir uns den chemischen Elementen unserer Erde zuwenden. Obwohl
+jedes Element seine Eigenheiten, seinen eigenen, ausgesprochenen Charakter
+hat, gibt es dennoch Beziehungen und Verwandtschaften unter den Elementen,
+so daß sie in eine Anzahl von Gruppen geteilt werden können. Die Elemente
+einer Gruppe gehen nicht nur ähnliche Verbindungen ein, sondern zeigen auch
+eine stufenweise Änderung der Eigenschaften. Diese »Verwandtschaft« hat
+eine sehr wichtige Verallgemeinerung ermöglicht -- das sogenannte
+periodische Gesetz oder vielmehr die periodische Gruppierung der Elemente.
+Im Lichte dieser Gruppierung angeschaut, wird die Beziehung der Elemente
+untereinander in interessanter Weise offenbar.
+
+Wenn man nämlich die Elemente nach ihrem »Atomgewichte« ordnet, so wird
+sofort eine bedeutsame Gesetzmäßigkeit klar, wie die nebenstehende Tabelle
+zeigt.
+
+Diese Tabelle ist entstanden, indem man die chemischen Elemente, vom
+leichtesten beginnend und beim schwersten endend, in eine Reihe schrieb,
+dann, sobald ein ähnliches, verwandtes Element erreicht war, abteilte und
+die so erhaltenen Abteilungen vertikal untereinander verzeichnete. Und da
+wurde es offenbar, daß die Glieder einer und derselben vertikalen Reihe
+nahe miteinander verwandt sind, indem sie sich in den meisten Beziehungen
+ganz ähnlich verhalten, ganz ähnliche Verbindungen eingehen, und auch, was
+Löslichkeit und Unlöslichkeit anlangt, keine großen Unterschiede zeigen.
+Hingegen nimmt man, wenn man in einer horizontalen Reihe vorwärts
+schreitet, eine stufenweise Änderung in den wesentlichen Eigenschaften
+wahr. Daraus folgt zunächst, daß die Eigenschaften der Elemente von ihren
+Atomgewichten abhängig sind.
+
+ Periodisches System der Elemente.
+ (Die Zahlen hinter den Namen bedeuten die Atomgewichte.)
+
+ ==============================================================================
+ Reihen | Gruppe 0 | Gruppe 1 | Gruppe 2 | Gruppe 3 | Gruppe 4
+ ==============================================================================
+ | | | | | |
+ 1 | -- | Wasserstoff | -- | -- | -- |
+ | | 1 | | | |
+ | | | | | |
+ 2 | Helium 4 | Lithium 7 | Gluzinium | Bor 11 | Kohlenstoff |
+ | | | 9.1 | | 12 |
+ | | | | | |
+ 3 | Neon 20 | Natrium 23 | Magnesium | Aluminium | Silizium |
+ | | | 24.4 | 27.1 | 28.4 |
+ | | | | | |
+ | | | | | |
+ 4 | Argon 39.9 | Kalium 39.1 | Kalzium | Skandium | Titan 48.1 |
+ | | | 40.1 | 44.1 | |
+ | | | | | |
+ 5 | -- | Kupfer 63.6 | Zink 65.4 | Gallium 70 | Germanium |
+ | | | | | 72.5 |
+ | | | | | |
+ | | | | | |
+ 6 | Krypton | Rubidium | Strontium | Ytterbium | Zirkon 90.6 |
+ | 81.8 | 88.5 | 87.6 | 89 | |
+ | | | | | |
+ 7 | -- | Silber | Kadmium | Indium 115 | Zinn 119 |
+ | | 107.93 | 112.4 | | |
+ | | | | | |
+ 8 | Xenon 128 | Zäsium | Baryum | Lanthan | Zer 140.25 |
+ | | 132.9 | 137.4 | 138.9 | |
+ | | | | | |
+ 9 | -- | -- | -- | -- | -- |
+ | | | | | |
+ | | | | | |
+ 10 | -- | -- | -- | -- | -- |
+ | | | | | |
+ | | | | | |
+ 11 | -- | Gold 197 | Quecksilber | Thallium | Blei 206.9 |
+ | | | 200 | 204.1 | |
+ | | | | | |
+ 12 | -- | -- | Radium 225 | -- | Thorium |
+ | | | | | 235.5 |
+
+
+
+ ~=======================================================================
+ | Gruppe 5 | Gruppe 6 | Gruppe 7 | Gruppe 8 | Reihen
+ ~=======================================================================
+ | | | | |
+ | -- | -- | -- | -- | 1
+ | | | | |
+ | | | | |
+ | Stickstoff | Sauerstoff | Fluor 19 | -- | 2
+ | 14 | 16 | | |
+ | | | | |
+ | Phosphor 31 | Schwefel 32 | Chlor 35.45 | -- | 3
+ | | | | |
+ | | | | |
+ | | | | { Eisen 55.9 |
+ | Vanadium | Chrom 52.1 | Mangan 55 | { Nickel 58.7 | 4
+ | 51.2 | | | { Kobalt 59 |
+ | | | | |
+ | Arsen 75 | Selen 79.2 | Brom 79.95 | -- | 5
+ | | | | |
+ | | | | |
+ | | | | { Ruthenium 101.7 |
+ | Kolumbium | Molybdän 96 | -- | { Rhodium 103 | 6
+ | 94 | | | { Palladium 106.5 |
+ | | | | |
+ | Antimon | Tellurium | Jod 126.97 | -- | 7
+ | 120.23 | 127.6 | | |
+ | | | | |
+ | -- | -- | -- | -- | 8
+ | | | | |
+ | | | | |
+ | -- | -- | -- | -- | 9
+ | | | | |
+ | | | | { Osmium 191 |
+ | Tantal 181 | Wolfram 184 | -- | { Iridium 193 | 10
+ | | | | { Platin 194.8 |
+ | | | | |
+ | Wismuth 208 | -- | -- | -- | 11
+ | | | | |
+ | | | | |
+ | Uran 238.5 | -- | -- | -- | 12
+ | | | | |
+
+Hier und da bemerken wir auf der Tafel leere Stellen, die offenbar bisher
+unbekannten Elementen angehören. Als _Mendelejeff_ dieses periodische
+Gesetz entdeckte, prophezeite er genau die Eigenschaften dreier fehlender
+Elemente, die auch tatsächlich späterhin entdeckt wurden und deren
+Eigenschaften vollkommen der Vorhersage Mendelejeffs entsprachen; es waren
+Skandium, Gallium und Germanium. Mendelejeff sagte nicht nur das
+Atomgewicht und spezifische Gewicht dieser Elemente voraus, sondern auch
+die Art ihrer Verbindungen. Ein solches Vorhersagenkönnen ist ein
+trefflicher Prüfstein für den Wert einer neuen Theorie und hat sich in
+diesem Falle gut bewährt. -- Auch Radium, das jüngste der Elemente, finden
+wir richtig unter dem ihm verwandten Baryum eingereiht.
+
+Wenn wir die Tafel vom Standpunkt des geologischen Chemikers, des
+Geochemikers, ansehen, so bemerken wir, daß die Elemente einer und
+derselben senkrechten Reihe gewöhnlich miteinander in der Natur vorkommen.
+Wohl deshalb, weil sie ähnliche Verbindungen bilden, also sich unter
+ähnlichen Umständen ablagern. So findet man z. B. Rubidium, Rhodium,
+Palladium, Osmium, Iridium und Platin gewöhnlich beisammen. Schwefel ist in
+der Regel mit Selen verunreinigt. Zinkerze enthalten fast immer etwas
+Cadmium. Chlor, Brom und Jod sind mehr oder weniger miteinander vermischt
+anzutreffen.
+
+Im _allgemeinen_ kann man sagen, daß die Elemente mit niedrigem Atomgewicht
+am weitesten verbreitet sind. Was z. B. Gruppe 1, 4 und 7 anlangt, so
+bemerken wir, daß die Häufigkeit des Vorkommens vom ersten zum zweiten
+Element wächst, und dann bis zum Ende der Reihe abnimmt. So ist Lithium in
+ganz kleinen Mengen weit verbreitet, Natrium in reichlichen Mengen
+vorhanden, während Kalium dem Natrium und Rubidium dem Kalium an Menge
+bedeutend nachsteht. Ganz ebenso verhalten sich die Gruppen 4 und 7. In
+Gruppe 6 ist Sauerstoff, das erste Element, das häufigste, während nach
+abwärts eine stetige Abnahme der vorkommenden Menge festzustellen ist. Doch
+fehlt es auch nicht an Ausnahmen: so ist in Gruppe 2 Strontium weniger
+häufig als Baryum, ein Widerspruch, der wohl mit unserem zunehmenden Wissen
+seine Aufklärung finden wird.
+
+Bei der Besprechung der chemischen Verhältnisse der Erde sind wohl auch
+einige Worte über den Ursprung unserer Atmosphäre gerechtfertigt,
+wiewohl man hierin zu einem endgültig abschließenden Urteil noch nicht
+gekommen ist, sondern sich ihm erst allmählich nähert. Einige Geologen
+schließen aus dem Vorhandensein unserer gegenwärtigen Kohlenlagerstätten
+und der großen Mengen von Kalkstein -- der als kohlensaurer Kalk 12%
+Kohlenstoff enthält -- in der Erdrinde, daß in früheren geologischen
+Weltaltern die Atmosphäre reicher an Kohlensäure war als heute, und daß
+-- da eine kohlensäurereichere Atmosphäre mehr Sonnenwärme aufnimmt und
+Kohlensäure das atmosphärische Nahrungsmittel der Pflanzen ist -- dies
+der Grund sei für die gewaltige Flora früherer Zeiträume. Dagegen ist
+aber einzuwenden, daß luftatmende Tiere in einer kohlensäurereichen
+Atmosphäre nicht leben können. -- Wohl ist es gewiß, daß der Kohlenstoff
+des Kalksteins einst zum größten Teile in der Atmosphäre enthalten war,
+aber war dies jemals zu einer und derselben Zeit der Fall?
+
+Dies ist sehr unwahrscheinlich, da der Kohlenstoff der Erdrinde, in
+Kohlensäure umgewandelt, 25 mal so schwer wäre als unsere gegenwärtige
+Atmosphäre und der dadurch entstehende Druck fast groß genug wäre, um einen
+Teil der Kohlensäure zu verflüssigen.
+
+Einige bedeutende Gelehrte, darunter auch Lord Kelvin, sind zu der
+interessanten Theorie gelangt, daß die Uratmosphäre der Erde hauptsächlich
+aus Wasserstoff, Stickstoff, Chloriden und Kohlenstoffverbindungen
+bestanden habe, und daß der Sauerstoff, der heute in freiem Zustande zu
+unserem Leben unerläßlich ist, damals mit Kohlenstoff und Eisen verbunden
+war. Nach dieser Theorie begann der Sauerstoff erst frei zu werden, als
+sich das erste, niedrigste Pflanzenleben auf der Erde entwickelte; der
+Sauerstoffvorrat erreichte in der Steinkohlenzeit seinen Höhepunkt und
+nimmt seither ab. Hiernach wäre der Gehalt der Atmosphäre an freiem
+Sauerstoff durch die Arbeit der Pflanzenwelt entstanden.
+
+Immerhin ist es schwer, dieser Lehre beizustimmen, wenn man Anhänger der
+Nebelflecktheorie ist und die Erde für einen Nebelfleckabkömmling hält.
+Denn für den Nebelflecktheoretiker ist die Atmosphäre nichts als der
+gasförmige Rückstand, der bei dem Festwerden der Erde zurückblieb. Dies ist
+auch die vorherrschende Ansicht.
+
+Nach einer neueren Theorie (Chamberlains Meteoriten-Theorie), nach der die
+Erde das Ergebnis der Vereinigung zahlloser kleiner Weltkörper ist, hat
+jeder Meteorit seine eigene kleine Atmosphäre mit auf die Erde gebracht.
+Diese Atmosphären, im Inneren unter hohem Druck eingeschlossen, gaben
+schließlich zu so starker Temperaturerhöhung Anlaß, daß die Gase infolge
+des vergrößerten Druckes und Volumens ausgetrieben wurden. Nach dieser
+merkwürdigen Annahme ist also die Atmosphäre von innen heraus, aus kleinen
+Anfängen, entstanden, während nach der Nebelflecktheorie die _Ur_atmosphäre
+am größten war, da sie ja das Ganze der Erde in sich begriff.
+
+Diese zwei Theorien, die Nebelfleck- und die Meteoritentheorie, stehen sich
+schroff gegenüber, nicht nur in der Frage nach der Entstehung der
+Atmosphäre, sondern ebenso in der nach der Entstehung des Ozeans, der trotz
+seines Alters von über 100 000 000 Jahren, sicherlich jünger ist, als die
+Atmosphäre.
+
+Für die Anhänger der Nebelflecktheorie ist die Frage der Entstehung des
+Ozeans verhältnismäßig leicht zu beantworten. Danach ist der Ozean nichts
+anderes, als der Rückstand, der beim Kristallisieren der festen Erdmasse
+zurückblieb. Nach der Meteoritentheorie enthielt die aus dem Inneren an die
+Oberfläche entwichene Atmosphäre wasserlösliche Gase, die sich in dem bei
+der Abkühlung der Erde gebildeten Wasser auflösten, dann weiter auf die
+feste Kruste wirkten und so die Entstehung des Ozeans verursachten.
+
+Kein Kapitel der Geochemie ist wohl gründlicher erörtert worden als die
+»Entstehung des Petroleums«. Hier stehen sich zwei Gruppen von Theorien
+gegenüber, eine unorganische und eine organische. Nach jener ist das
+Petroleum aus Kohlenstoff und Wasserstoff unter eigenartiger Mithilfe hoher
+und höchster Temperaturen entstanden, nach dieser ist es aus toten
+Pflanzen- und Tierkörpern hervorgegangen.
+
+Unter den unorganischen Theorien ist die berühmte Karbidtheorie
+Mendelejeffs erwähnenswert. Mendelejeff meint, daß im Erdinnern
+Eisenkarbide, Verbindungen von Eisen mit Kohlenstoff, vorhanden sind, daß
+das Wasser der Erde zu diesen Zutritt hat, und daß dadurch
+Kohlenwasserstoffe (Petroleum und Erdgas) erzeugt werden, ebenso wie
+Kalziumkarbid mit Wasser Azetylen hervorbringt. Wenn solche Eisenkarbide in
+mäßiger Tiefe der Erdrinde vorhanden wären, so würde die Voraussetzung
+viel Wahrscheinlichkeit für sich haben; jedoch ist bisher das Vorhandensein
+solcher Karbide im Erdinnern nicht nachgewiesen worden.
+
+Die unorganischem Theorien sind in den letzten Jahren mehr und mehr durch
+die organischen verdrängt worden, nach denen das Petroleum aus Pflanzen-
+und Tierresten früherer geologischer Zeiten entstanden sein soll. In der
+Tat entstehen bei der Verwesung von Seepflanzen verschiedene
+»Kohlenwasserstoffe«, doch ist trotzdem die »tierische« Theorie heute die
+herrschende. Man könnte fragen, ob die großen Mengen Petroleum, die auf der
+Erde vorhanden sind, wirklich aus Fischen hätten entstehen können, ob der
+Fischvorrat der Erde zur Erzeugung solch gewaltiger Petroleummengen
+hinreiche? Diese Frage muß unbedingt bejaht werden. Schon das Ergebnis des
+Heringsfangs von 2500 Jahrgängen an der Nordküste Deutschlands würde, wenn
+die Hälfte seiner Fette und Öle in Petroleum umgewandelt würde, so viel
+Petroleum liefern, als Galizien bisher hervorgebracht hat.
+
+So hat die Chemie viele Geheimnisse der leblosen Erde ergründet. Die Art
+der leblosen Stoffe hat sie erklärt; was sagt sie aber über das Lebende?
+Hat die Wissenschaft keine Brücke geschlagen vom Ufer des Leblosen zum Ufer
+des Lebenden? Ist wirklich nur dem Lebenden Tod und Vergänglichkeit,
+Wehrkraft und Willen, Liebe und Haß, Erinnerung und Vererbung,
+Fortpflanzung und Entwicklung eigen? Ist das Leblose wirklich so starr und
+unveränderlich, wie man gemeinhin annimmt? Ist das Niedrigste der lebenden
+Welt vom Höchsten der leblosen Welt tatsächlich durch eine Kluft getrennt?
+Mit diesen Fragen wollen wir uns nun zum Schluß beschäftigen.
+
+Die Fähigkeit, sich zu _erinnern_, ist eine köstliche Gabe des
+intelligenten Menschen. Diese Fähigkeit ermöglicht es, vergangene
+Ereignisse im Geiste wieder zu vergegenwärtigen. Viel wesentlicher aber als
+das bewußte Erinnern, das nur der Mensch, und vielleicht, in geringem Maße
+die höheren Tiere besitzen, ist die Fähigkeit, das vergangene und erfahrene
+Erlebnis sich so zu eigen zu machen, daß beim Eintreten des gleichen oder
+eines ähnlichen Erlebnisses die Lehre der Vergangenheit benutzt wird. Diese
+Fähigkeit aber ist auch den niederen Wesen eigen. Sie ist nichts anderes
+als die bekannte Anpassung und Gewöhnung. Das Blut, unfähig, größere
+Mengen fremden Serums aufzunehmen, nimmt willig kleine, stets wachsende
+Mengen auf, es wird gleichsam gestärkt durch die Erinnerung, gefestigt
+durch die vergangene Erfahrung. So ändert sich auch das Leblose durch jede
+Erfahrung, die es macht, durch jeden Eindruck, den es erleidet, es erinnert
+sich gewissermaßen der früheren Erfahrung und verhält sich bei der
+Wiederkehr anders, als vorher.[3]
+
+ [3] Siehe Nagel, Die Welt als Arbeit, Stuttgart, 1909.
+
+So »merkt« sich der Stahldraht jede Drehung, die er erfahren. Die
+photographische Platte merkt sich ihre Begegnung mit dem Sonnenlichte. Wenn
+man Eisen schmiedet, nimmt es mehr und mehr einen neuen, eigenartigen
+Charakter an durch die zahlreichen, dauernd sich einprägenden
+»Erfahrungen«, die ihm das Geschmiedetwerden beibringt. Eine _plötzliche_
+Erfahrung geht ebenso dauernd in das Besitztum des Leblosen über, wie in
+das des Lebenden. Die Metallplatte, die einen Moment, leidend, durch die
+Münzpresse gegangen ist, ist dauernd zur Münze geprägt, ebenso wie der
+Mensch, dem ein plötzliches Unglück widerfährt, sofort daran gewöhnt, damit
+vertraut und dadurch dauernd beeinflußt ist. Wenn wir von zwei erwärmten
+Stahlstücken, das eine allmählich, das andere plötzlich abkühlen, so bleibt
+jenes geschmeidig, während dieses spröde wird und spröde bleibt, ein
+Beispiel, wie verschieden derselbe Stoff durch verschiedene Einwirkungen
+oder Erfahrungen verändert wird.
+
+Dieser »Erinnerung«, im weitesten Sinne des Wortes, ist es zuzuschreiben,
+daß nichts stille steht, daß alles fließt und sich stetig verändert, weil
+es schon durch die Umgebung fortwährend beeinflußt wird. Der Stahlbalken
+einer Brücke ändert sich von Tag zu Tag infolge der fortwährenden
+Erschütterung, es ändert sich die Beschaffenheit der kleinen Kristalle, aus
+denen er besteht; so wird er schließlich greisenhaft und bricht, er leidet
+gleichsam an Arterienverkalkung.
+
+Aber der Tod? Ist der nicht das Vorrecht der Lebewesen? Hat das Leblose
+eine ähnliche Erscheinung aufzuweisen? Jawohl, in gewissem Sinne. In dem
+Sinne nämlich, daß ein neuer Zustand anbricht, in dem die Erinnerung an den
+früheren Zustand erloschen ist. Der Tod erinnert sich nicht des Lebens, das
+Leben nicht des Todes. In diesem Sinne können wir auch in der leblosen Welt
+von »Leben und Tod« sprechen.
+
+Als willkürliches Beispiel nehmen wir ein Kupfergefäß. Jede Abnutzung durch
+Gebrauch, jede durch Gewalt herbeigeführte Gestaltveränderung behält es
+dauernd bei, erinnert sich gleichsam ihrer, benutzt die gemachte Erfahrung
+und wird durch Leiden mürbe, wie der Mensch. Wenn wir in seine Oberfläche
+hineinritzen oder feilen, so behält es die »Marke« bei und läßt sich dann
+leicht an derselben Stelle tiefer ritzen.
+
+Wenn wir nun dieses Kupfergefäß einschmelzen und als Kupferblock erstarren
+lassen, so weiß dieser Kupferblock, um im Bilde zu bleiben, nichts von den
+Leiden und Freuden, die er als Kulturtopf erlitten und genossen, weiß
+nichts von den Beulen, Hieben und Hammerschlägen. Er ist ein neues Wesen,
+bereit, neue Erfahrungen aufzunehmen, bereit, von neuem Weh und Glück zu
+empfangen, er ist wiedergeboren, wiederauferstanden. Um aber
+wiederzuerstehen, mußte er durch die Lethe wandern, durch den
+erinnerungraubenden Strom, durch den Tod -- durch den flüssigen Zustand.
+
+Von diesem Standpunkt aus ist der Tod nichts anderes als der Übergang aus
+einem Aggregatzustand in einen andern, indem dabei die »Erinnerung« an den
+ersten Aggregatzustand ganz verlischt. Um aber »Erinnerung« zu ermöglichen,
+ist Form nötig, wie sie das Feste hat, das Flüssige und Gasförmige jedoch
+nicht. Das Wasser, das ich aus dem Kruge in das Trinkglas und dann wieder
+zurück in den Topf gieße, bleibt davon unbeeindruckt, »erinnert« sich
+(dieser Wandlung) nicht, ebensowenig das Gas, das, gleich der Flüssigkeit,
+formlos ist. Nur das Feste hat also, recht verstanden, Erinnerung, die
+Flüssigkeit und das Gas aber sind erinnerungslos.
+
+So können wir den Zustand der Flüssigkeit und des Gases als _niedrige_
+Aggregatzustände bezeichnen, im Gegensatz zu dem _höheren_ festen Zustand
+und können das Leben selbst als einen eigenartigen, _hohen_, besonders
+reizbaren, besonders erinnerungsfähigen, besonders sorgfältig geformten
+Aggregatzustand, als den _vierten_ Aggregatzustand einer Reihe ansprechen,
+deren erster das Gas, deren zweiter das Flüssige, deren dritter das Feste
+ist.
+
+Man sollte nun meinen, daß man im Gebiete des Leblosen keine Vorgänge
+finden könnte, die der Fortpflanzung entsprechen, Vorgänge, in denen ein
+Same, ein kleines Abbild des ausgewachsenen Individuums, zu einem großen
+Wesen wird, von genau derselben Form, der dieser Same entstammt. Und doch
+lassen sich solche Vorgänge im Gebiete des Leblosen leicht finden und zwar
+in der Erscheinung der Kristallisation.
+
+Wenn wir in eine entsprechend starke Lösung von Glaubersalz ein kleines,
+nur staubkorngroßes Glaubersalzkriställchen hineinwerfen, so kristallisiert
+alsbald, unter Umständen augenblicklich, die ganze Masse in großen, dem
+Glaubersalz eigentümlichen Kristallen. Die Glaubersalzlösung ist der
+Mutterboden des Glaubersalzkristalles und nur des Glaubersalzkristalles,
+genau so wie der Mutterleib nur den Samen der eigenen Art zur Entwicklung
+bringen kann.
+
+Ja, wird man jetzt sagen, aber die Wehrkraft, das tatkräftige Abwehren, ist
+ausschließlich Sache des Lebendigen; das Leblose ist stets nur passiv und
+leidend. Dagegen ist einzuwenden, daß das Bestreben, den gewohnten Zustand
+beizubehalten, die Trägheit, auch dem Leblosen eigen ist, und daß dieses
+sich ebenso gegen jede Veränderung sträubt und wehrt wie das Lebende. Beide
+wehren sich eben mit ihrer ganzen ihnen innewohnenden Kraft. Der Mensch
+erwehrt sich seines Feindes so lange und so gut, wie er kann, und das
+Stahlblech setzt ebenfalls dem Verbiegen seinen stärksten Widerstand
+entgegen. Das Holz läßt sich nicht ohne weiteres durch die Säge zerspalten,
+es muß dazu genau so viel Arbeit verwendet werden, als die Überwindung der
+Wehrkraft des Holzbrettes erfordert. Die Art und Stärke der Wehrkraft macht
+eben das Wesen und die Eigenschaften eines Stoffes aus. Das Holz wehrt
+sich, das Sonnenlicht durchzulassen, ist darin erfolgreich und läßt das
+Sonnenlicht nur noch als Wärme wirken. Das Glas wehrt sich gegen das Licht
+nicht, und die dadurch bewirkte Durchsichtigkeit ist seine eigentümlichste
+Eigenschaft. Das Zink hat keine Wehrkraft gegen Schwefelsäure, das Blei
+eine sehr bedeutende, der es eben seine vielfache praktische Verwendung
+verdankt. Die Wehrkraft des Tones gegen Wärme und Elektrizität ist sehr
+bedeutend, die des Kupfers sehr gering.
+
+Die aktive Betätigung, die ja auch beim Menschen stets nur einer in oder
+außer ihm liegenden Ursache, einer Anregung, einem Drucke von außen
+entspringt, finden wir ebenfalls im Leblosen wieder: das in den Felsritzen
+gefrierende Eis zersprengt den Felsblock.
+
+Auch das wichtigste Wehren der lebendigen Welt, das Wehren gegen den Tod,
+den Todeskampf, finden wir im Leblosen wieder. Wehrt sich der Lebende
+kräftig gegen alles Schädliche, so wehrt er sich ganz besonders, bis aufs
+äußerste, mit dem ganzen Aufwand seiner Energie, gegen das ihm
+Schädlichste, gegen das ihn Vernichtende, gegen den Tod. Ebenso wehrt sich
+das Leblose ganz besonders gegen eine Veränderung seines Aggregatzustandes.
+So wehrt sich das Eisen mit einem gewissen Kraftaufwande gegen die Aufnahme
+von Wärme, gegen Erwärmung, und verwendet, seinen Widerstand zur Geltung
+bringend, einen großen Teil der zugeführten Wärme, statt zur eigenen
+Erwärmung, zur Vergrößerung seines Volums. Aber dieser Widerstand wächst
+ins Riesige, wenn man, beim Schmelzpunkt angelangt, das Eisen schmelzen
+will. Da muß eine außerordentlich große Menge Wärme, die Schmelzwärme, dem
+Eisen aufgezwungen werden, um es zu töten, um es dazu zu bringen, seine
+bisherige Eigenart aufzugeben, um es aus dem festen in den flüssigen
+Zustand hinüberzuzwingen -- um es zu schmelzen.
+
+Vom Hassen und Lieben des Leblosen haben wir bereits früher gesprochen und
+haben gesehen, wie sich die Elemente fliehen und suchen, wie sie das
+Verwandte -- um sich damit zu verbinden -- auswählen (Wahlverwandtschaft),
+so daß wir nun keinen Abgrund mehr sehen zwischen dem Leblosen und
+Lebenden, sondern nur Stufen, die vom einen zum andern hinaufführen.
+
+Auch das Leblose paßt sich der Umgebung an; der Stein, indem er verwittert,
+paßt sich der Einwirkung der Atmosphäre an, ändert sich und »entwickelt«
+sich. Sowohl im Gebiete des Lebenden als dem des Leblosen werden
+Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebnisse aufgehäuft, die das Individuum
+verändern und dadurch sein zukünftiges Benehmen beeinflussen. In beiden
+Gebieten finden wir Wehrkraft, also Charakter und Eigenschaften, ohne die
+die Welt ein gleichförmiges, wüstes Chaos und nicht ein mannigfaltiger
+Kosmos wäre. »Jeder freut sich seiner Stelle, bietet dem Verächter Trutz«.
+In beiden Gebieten finden wir ein Aufeinanderwirken, einen Kampf zwischen
+Außenwelt und Individuum, dessen Ergebnis eben die Gesamtentwicklung der
+irdischen Natur ist.
+
+So ist die Entwicklung nichts anderes als die stetige Betätigung der
+»Wehrkraft«, die, wenn auch tausendmal überwunden, immer wieder in
+ursprünglicher Jugendfrische, herrlich wie am ersten Tag, erscheint. Die
+Wehrkraft ist die unerschöpfliche Quelle der tätigen Natur, sie ist der
+Wille der Welt. Sie ist die Wurzel, der Stamm, das Geäst und das Laubwerk
+der knorrigen Esche Yggdrasil, die, in ihrem Grunde beharrend, ihren Wipfel
+ausbreitend hinaufbaut in den Äther.
+
+Während infolge der Wehrkraft alles fließt und sich ändert, steht die
+Wehrkraft selbst, der Wille der Welt, ewig still, wie der Regenbogen auf
+dem tosenden Wasserfall. Sie bleibt sich ewig gleich, nur ihre Bekleidung,
+die Weltmaskerade, wechselt. Der Schein wechselt, das Wesen bleibt.
+
+Auf diese Weise hat die Chemie die Erde zerlegt, gemessen und gewogen und
+die Kluft zwischen Lebendigem und Leblosem zu überbrücken gesucht; aber sie
+hat auch neues Licht geworfen auf die Stellung der Erde im Weltall und
+insbesondere auf das Verhältnis der Erde zur Sonne.
+
+Bevor wir darauf eingehen, wollen wir fragen -- eine Frage, die unserem
+Gegenstande nur scheinbar fern liegt -- was das Wesen einer Maschine ist.
+Zur Beantwortung dieser Frage betrachten wir die Dampfmaschine und die
+Dynamomaschine. Die Dampfmaschine verwandelt Wärme in mechanische Arbeit,
+also Wärmeenergie in mechanische Energie; die Dynamomaschine verwandelt
+mechanische Kraft in Elektrizität, also mechanische Energie in elektrische
+Energie. Maschinen sind also Geräte, die eine Art von Energie in eine
+andere verwandeln.
+
+Nun erhält die Erde von der Sonne strahlende Energie, Licht. Ein Teil
+dieser Lichtstrahlung, dieser strahlenden Energie wird in der irdischen
+Atmosphäre in Wärme umgesetzt. Als Umwandler der strahlenden Energie in
+Wärmeenergie ist die Erde also eine Maschine, und die Wirkung der Arbeit
+dieser Maschine sind die geologischen und meteorologischen Ereignisse. Auch
+die pflanzlichen Organismen sind Maschinen, da in ihnen die strahlende
+Energie der Sonne in chemische Kräfte, in chemische Energie umgewandelt und
+zum Aufbau des Pflanzenkörpers verwendet wird. Die Tiere wieder nähren sich
+von den chemischen Kräften der Pflanze und verwandeln sie in tierische
+Masse, in Muskelkraft und in der weiteren Entwicklung, in Gehirnenergie, in
+Intelligenz. So ist die Erde vor allem eine Maschine zur Umwandlung von
+strahlender Energie in Wärme; die Pflanzen sind Maschinen zur Umwandlung
+von strahlender in chemische Energie und die Tiere zur Umwandlung von
+chemischer Energie in andere Formen. Je höher wir in der Entwicklungsreihe
+der Pflanze aufwärts steigen, um so besser wird die der Pflanze zuteil
+gewordene Lichtmenge ausgenutzt, um so wirksamer also wird die Maschine;
+ebenso nimmt auch im Tierreich der Wirkungsgrad und überdies die
+Mannigfaltigkeit der umgewandelten Energien stetig in der Entwicklungsreihe
+zu.
+
+Während in den Sonnen die Umwandlung strahlender Energie in chemische,
+mechanische und Wärme-Energie eine sehr wesentliche Rolle spielt, sind die
+Nebelflecke offenbar Maschinen, in denen aus verdünnter schwacher Wärme und
+strahlender Energie, auf dem Umwege über chemische und mechanische Energie,
+starke, konzentrierte strahlende Energie erzeugt wird, wodurch sie
+schließlich in Sonnen übergehen.
+
+Hiernach ist jeder Teil der Welt eine Maschine in bezug auf die von dem
+Rest der Welt auf ihn einwirkenden Energien. Für die Sonne als
+Dampfmaschine bedeutet der Rest des Weltalls den Dampfkessel. Die Planeten
+sind Maschinen vor allem in bezug auf die von der Sonne erhaltene Energie.
+Sie bringen selbst wieder im Laufe der Entwicklung Maschinen hervor, die
+Organismen, die die Energie in stets neue Formen umwandeln und das bunte
+Bild des Lebens zustande bringen. Für je mannigfaltigere Energien diese
+Organismen empfänglich sind, und je mannigfaltiger und wirksamer sie sie
+umwandeln, als um so vollkommener und höher bezeichnen wir sie.
+
+Wenn man also bisher annahm, daß das Weltall einem Kältetode entgegengehe,
+so war diese Annahme nicht richtig. Denn dem Weltall stehen Mittel und Wege
+zur Verfügung, hohe Temperaturen aus anderen, auch ganz schwachen, ganz
+verdünnten Energien darzustellen. Die Möglichkeit, entweder unmittelbar
+oder auf Umwegen schwache, verdünnte Energien, wie Wärme, Elektrizität
+usw., in starke, konzentrierte umzuwandeln, ist eben durch den maschinellen
+Charakter der Welt bedingt. Wenn diese Wiederverstärkung der Energien nicht
+möglich wäre, dann müßte das Weltall -- wenn es ewig ist -- schon vor
+Ewigkeiten dem Kältetode und der starren Ruhe verfallen sein. Da wir nun
+aber sehen, daß die Sonnensysteme, die Sonnen, die Planeten, die
+Nebelflecke ebensogut Maschinen entsprechen, wie die von den Menschen
+gebauten Maschinen und die Organismen selbst, so können wir daraus die
+Ewigkeit des Geschehens verstehen.
+
+Wenn wir nun den Begriff »Maschine« etwas genauer untersuchen, so sehen wir
+alsbald, daß jeder Stoff, jede Materie, gleichgültig, ob lebend oder
+leblos, eine Maschine ist, das heißt, daß in allen ein Teil der auf sie
+einwirkenden Energien in andere Formen umgewandelt wird. Jede Materie und
+nach unserer Erfahrung _nur_ die Materie ist eine Maschine zur Umwandlung
+von Energien. Die Materie hat also im Weltganzen die Aufgabe eines
+Energieumwandlers. Das Gesetz von der Erhaltung der Materie verbürgt die
+Ewigkeit der Energieumwandlungen durch die Ewigkeit und Unverminderbarkeit
+des Energieumwandlers.
+
+Wir haben oben gesagt, daß die Maschinen, je höher wir in der
+Entwicklungsreihe aufwärts steigen, um so mannigfaltigere Tätigkeiten
+ausüben, indem eine stets wachsende Zahl von Energiearten in stets
+wirksamerer Weise in ihnen zur Umwandlung gelangt. So bedarf die Pflanze
+nur einer beschränkten Zahl von Strahlenarten, auch das niedrige Tier
+empfindet nur ein enges Gebiet der Strahlung, verglichen mit dem Menschen,
+auf den eine ganze Menge von Strahlen einwirkt.
+
+Der maschinelle Charakter der unorganischen Stoffe ist viel einfacher als
+der der Tiere, in denen durch die Entwicklung und Verfeinerung mehrerer
+Sinne die Umwandlung einer viel größeren Zahl von Energien ermöglicht ist.
+Die unorganischen Maschinen werden nur von einer geringen Zahl von
+Energien, und von jeder nur in einem eigenen Wirkungsgrade beeinflußt.
+Gewisse Energien werden mehr oder weniger umgewandelt, andere wieder gehen
+völlig oder fast völlig unverändert durch. So läßt z. B. Fensterglas einen
+großen Teil des Farbenspektrums, einen großen Teil der Sonnenstrahlung
+unverändert durch, es ist aber eine Maschine in bezug auf die sogenannten
+Ultrastrahlen, während es elektrische Energie im Gegensatz zu Kupfer gar
+nicht durchläßt. Von gewissen unorganischen Materien wird strahlende
+Energie, von anderen wieder Wärme in chemische Energie umgesetzt. Noch
+weniger mannigfaltig in ihrer Wirkung als die natürlichen unorganischen
+Maschinen sind die von den Menschen gebauten Maschinen, da sie nur der
+Umwandlung _einer_ Energie fähig sind. So setzt die Dampfmaschine Wärme in
+mechanische Energie um, ist aber völlig unbrauchbar zur Umwandlung von
+mechanischer in elektrische Energie oder umgekehrt.
+
+Wir können also sagen: Alle Stoffe, alle Materien sind Maschinen, in allen
+werden gewisse einwirkende Energien in andere Formen umgewandelt. Die Zahl
+der umgewandelten Energien ist am geringsten und die Umwandlung am
+unvollständigsten in unorganischen Materien. Die Zahl der umgewandelten
+Energien, und die Vollständigkeit der Umwandlung wächst, wenn wir in der
+Entwicklungsreihe der Organismen aufwärts steigen.
+
+Nun können wir auch den wesentlichen Unterschied zwischen physikalischen
+und chemischen Vorgängen klar fassen: physikalische Erscheinungen sind
+solche, bei denen eine Energieumwandlung mit Hilfe einer Materie
+stattfindet, z. B. das Schmelzen eines Metalles, oder das Elektrischwerden
+verschiedener Stoffe; dies ist vergleichbar einer in Gang kommenden oder im
+Gang befindlichen Dampfmaschine. Eine chemische Erscheinung dagegen ist die
+Herstellung einer neuen Maschine aus den Teilen zweier oder mehrerer alter
+Maschinen und ist daher vergleichbar dem Bau oder der Konstruktion einer
+neuen Maschine. Hier eine Maschinenfabrik, dort eine in Betrieb kommende
+oder im Betriebe stehende Maschine.
+
+Alles Geschehen im Weltall beruht auf diesem Aufeinanderwirken von Materie
+und Energie. In diesem ewigen Streite kämpft jeder der beiden Kämpfer so
+weit, wie seine Kräfte reichen; sind die Kräfte des einen Kämpfers
+erschöpft, so muß er sich ergeben oder zum mindesten nachgeben, und, auf
+halbem Wege dem Gegner entgegenkommend, sich ihm anpassen. In dieser
+wahrhaft ewigen, nie ruhenden Schlacht wird das eine durch das andere
+beeinflußt, das eine durch das andere verändert. So ist die Materie der
+große Energieumwandler, die Energie der große Materienumwandler. Durch den
+Widerstand der Materie im elektrischen Widerstandsofen wird die
+Elektrizität zur Wärme (Energieumwandlung), durch den Einfluß des
+elektrischen Stromes wird das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt
+(Materienumwandlung).
+
+Damit wollen wir unsere romantische Wanderung durch das Gebiet der Chemie
+beschließen.
+
+
+
+
+Sachregister.
+
+
+Aggregatzustand 81
+
+Ackerbauchemie 55
+
+Aluminium 29
+
+Analyse 64
+
+Anilinfarben 38
+
+Arbeit des Chemikers 61
+
+Arten, Erhaltung der, 51
+
+Atmosphäre 73, 77, 78
+
+Atomgewichte 74
+
+Azetylen 26, 78
+
+
+Baumwolle 32, 44
+
+Baeyer 40
+
+Bessemerverfahren 18
+
+Bittermandelöl 54
+
+Blutserum 49
+
+
+Cumarin 54
+
+
+Desinfektion 50
+
+Diphtherieserum 50
+
+Dynamit 43, 44, 68
+
+
+Eisenerzeugung 16
+
+Elektrochemie 29
+
+Elektrostahl 18
+
+Elemente 63, 74
+
+Energie 84
+
+Erdrinde 73, 74
+
+Erfindertätigkeit 67
+
+Erhaltung der Arten 51
+
+Erinnerung 79
+
+Erzmahlung 8
+
+
+Fällung von Gold 9
+
+Färberröte 38
+
+Farbe 37
+
+Feuerträger 47
+
+Feuerwerksätze 44
+
+
+Galalith 34
+
+Gasglühlicht 24
+
+Gasmaschinen 16, 19, 29
+
+Generatorgas 28
+
+Gifte 50
+
+Glas 26
+
+Glanzstoff 33
+
+Glyzerin 44
+
+Gold 6
+
+Gold im Ozean 14
+
+Goldfällung 9
+
+Goldsucher 7
+
+Gruppierung 62
+
+
+Hartglas 27
+
+Heliotropin 54
+
+Hochofengas 16, 20
+
+
+Indigo 37, 40
+
+Indigoweiß 37
+
+
+Jasminduft 54
+
+
+Kalidünger 56, 57
+
+Kalksandstein 36
+
+Kalkstickstoff 59
+
+Kalziumkarbid 26
+
+Kampfer 34
+
+Karborundum 29
+
+Kasein 34
+
+Katalyse 60
+
+Kautschuk 34
+
+Kieselgur 44
+
+Kohle 27
+
+Kollodium 32
+
+Krapp 38, 40
+
+Kristallisation 82
+
+Konservierungsmittel 50
+
+Kugelmühle 8
+
+Kunstseide 31
+
+
+Leblanc 69
+
+Leuchtgas 24
+
+Licht 22
+
+Luftstickstoff 59
+
+Lyddit 44
+
+
+Martinstahl 18
+
+Martinwerk 23
+
+Maschine 84
+
+Materie 84
+
+Mahlen von Erz 8
+
+Medizin 48
+
+Melinit 44
+
+Mendelejeff 76
+
+
+Nitroglyzerin 44
+
+Nobel 68
+
+
+Orangenblüten 53
+
+Osramlampe 26
+
+Ozean 11, 73, 78
+
+
+Papier 33
+
+Periodisches System 75
+
+Petroleum 25, 78
+
+Pfannenprozeß 6
+
+Pflügen 55
+
+Phenol 44
+
+Phosphor 46
+
+Phosphorsäure 56, 58
+
+Pikrinsäure 43, 44
+
+Pochwerk 6
+
+Purpur 38
+
+Pyrophore 47
+
+
+Quarzglas 27
+
+
+Riechstoffe 52 ff.
+
+Rohrmühlen 8
+
+Rosenblüten 53
+
+
+Salizylsäure 50, 54
+
+Salpetersäure 43, 44
+
+Salpeterschwefelsäure 43
+
+Schießbaumwolle 34, 43
+
+Schießpulver 43
+
+Schlämmen von Gold 6
+
+Schwefelsäure 35, 60
+
+Seesalz 73
+
+Seide 31
+
+Seife 54
+
+Serum 49
+
+Soda 70
+
+Sonnenstrahlung 30
+
+Sprenggelatine 43, 44
+
+Sprengstoffe 43, 44
+
+Spektralanalyse 64
+
+Stahlerzeugung 18
+
+Steinkohlenteer 38, 48
+
+Stickstoffdünger 56, 59
+
+
+Tantallampe 26
+
+Teerfarben 38, 40
+
+Terpineol 54
+
+Thomasstahl 68
+
+Thomasmehl 58
+
+Tod 80, 82
+
+Transporteinrichtungen 28
+
+
+Vanillin 54
+
+Veilchenblüten 53
+
+Verbindung von Stoffen 66
+
+Veredlung 22, 33
+
+Viskose 33
+
+
+Wahlverwandtschaft 65
+
+Walzwerk 20
+
+Waschen von Gold 6
+
+Wasserkraft 29
+
+Wehrkraft 82
+
+Wintergrünöl 54
+
+Wolframlampe 26
+
+
+Xylolith 36
+
+
+Zelluloid 34
+
+Zinkspäne 9
+
+Zündstoffe 45
+
+Zyanidverfahren 8
+
+
+
+
+Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart
+
+
+Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit
+die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen in den
+weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel glaubt die
+Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu
+erreichen mittels des
+
+ #Kosmos#, Handweiser für Naturfreunde
+ Jährlich 12 Hefte. Preis M 2.80;
+
+ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten Sinne
+gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es erscheinen
+im Vereinsjahr 1914 (Änderungen vorbehalten):
+
+ #Wilh. Bölsche, Tierwanderungen in der Urwelt.#
+ Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
+
+ #Dr. Kurt Floericke, Meeresfische.#
+ Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
+
+ #Dr. Alexander Lipschütz, Warum wir sterben.#
+ Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
+
+ #Dr. Fritz Kahn, Die Milchstraße.#
+ Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
+
+ #Dr. Oskar Nagel, Romantik der Chemie.#
+ Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
+
+Diese Veröffentlichungen sind durch _alle Buchhandlungen_ zu beziehen;
+daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 4.80) zum
+#Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde# (auch nachträglich noch für die
+Jahre 1904/13 unter den gleichen günstigen Bedingungen), entgegengenommen.
+(Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen Werke usw. siehe am
+Schlusse dieses Werkes.)
+
+Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.
+
+
+
+
+Naturwissenschaftliche Bildung ist die Forderung des Tages!
+
+
+Zum Beitritt in den »Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde«, laden wir
+
+ alle Naturfreunde
+
+jeden Standes, sowie alle _Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw._ ein. --
+Außer dem geringen
+
+ _Jahresbeitrag von nur M 4.80_
+
+(Beim Bezug durch den Buchhandel 20 Pf. Bestellgeld, durch die Post Porto
+besonders.)
+
+= K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 erwachsen dem Mitglied #keinerlei#
+Verpflichtungen, dagegen werden ihm folgende _große Vorteile geboten_:
+
+Die Mitglieder erhalten laut § 5 als Gegenleistung für ihren Jahresbeitrag
+im Jahre 1914 #kostenlos#:
+
+I. Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde.
+Reich illustr. Mit mehreren Beiblättern (siehe S. 3 des Prospektes). Preis
+für Nichtmitglieder M 2.80.
+
+II. Die ordentlichen Veröffentlichungen.
+Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M 1.-- pro Band.
+
+ Wilhelm Boelsche, Tierwanderungen in der Urwelt.
+ Dr. Kurt Floericke, Meeresfische.
+ Dr. Alexander Lipschütz, Warum wir sterben.
+ Dr. Fritz Kahn, Die Milchstraße.
+ Dr. Oskar Nagel, Die Romantik der Chemie.
+
+Änderungen vorbehalten. (Näheres wird im Kosmos-Handweiser bekanntgegeben.)
+
+III. Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden naturwissenschaftlichen
+Werken (siehe Seite 7 des Prospektes).
+
+>>>> _Jede Buchhandlung_ nimmt Beitrittserklärungen entgegen und besorgt
+die Zusendung. Gegebenenfalls wende man sich an die Geschäftsstelle des
+Kosmos in Stuttgart.
+
+Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.
+
+Bereits Erschienenes wird nachgeliefert.
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ S. 57: "Phosphorsäure (S)" wurde geändert in "Phosphorsäure (P)".
+
+ S. 66: "Zinsulfats" wurde geändert in "Zinksulfats".
+
+ S. 73: "1,286 000 000 Kubikkilometer" wurde geändert in
+ "1 286 000 000 Kubikkilometer".
+
+ S. 75, Periodisches System der Elemente: "Gold 19.2"
+ wurde geändert in "Gold 197".
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Romantik der Chemie, by Oskar Nagel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ROMANTIK DER CHEMIE ***
+
+***** This file should be named 27254-8.txt or 27254-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/7/2/5/27254/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+
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+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
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+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
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+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+Gutenberg-tm License.
+
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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