summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--27254-8.txt3649
-rw-r--r--27254-8.zipbin0 -> 74759 bytes
-rw-r--r--27254-h.zipbin0 -> 1378348 bytes
-rw-r--r--27254-h/27254-h.htm4371
-rw-r--r--27254-h/images/abb01.jpgbin0 -> 15701 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb02.jpgbin0 -> 13377 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb03.jpgbin0 -> 19646 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb04.jpgbin0 -> 15516 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb05.jpgbin0 -> 20846 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb06.jpgbin0 -> 36910 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb07.jpgbin0 -> 13230 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb08.jpgbin0 -> 17069 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb09.jpgbin0 -> 40118 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb10.jpgbin0 -> 56082 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb11.jpgbin0 -> 16356 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb12.jpgbin0 -> 27057 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb13.jpgbin0 -> 59608 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb14.jpgbin0 -> 54291 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb15.jpgbin0 -> 25226 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb16.jpgbin0 -> 42411 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb17.jpgbin0 -> 33148 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb18.jpgbin0 -> 51601 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb19.jpgbin0 -> 22131 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb20.jpgbin0 -> 65290 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb21.jpgbin0 -> 9572 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb22.jpgbin0 -> 23260 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb23.jpgbin0 -> 23002 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb24.jpgbin0 -> 44371 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb25.jpgbin0 -> 45517 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/abb26.jpgbin0 -> 10810 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/decoration.pngbin0 -> 14052 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/hand.pngbin0 -> 618 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/signet.pngbin0 -> 1963 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/tab_p35.pngbin0 -> 77421 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/tab_p35_big.pngbin0 -> 49860 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/tab_p39.jpgbin0 -> 82911 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/tab_p39_big.jpgbin0 -> 161228 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/tab_p43.pngbin0 -> 55297 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/tab_p43_big.pngbin0 -> 23552 bytes
-rw-r--r--27254-h/images/title.jpgbin0 -> 34850 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
43 files changed, 8036 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/27254-8.txt b/27254-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..87d330f
--- /dev/null
+++ b/27254-8.txt
@@ -0,0 +1,3649 @@
+The Project Gutenberg EBook of Die Romantik der Chemie, by Oskar Nagel
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Romantik der Chemie
+
+Author: Oskar Nagel
+
+Release Date: November 13, 2008 [EBook #27254]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ROMANTIK DER CHEMIE ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Im Original fett gedruckte Passagen sind hier mit "#"
+ gekennzeichnet. Passagen, die im Original nicht in Fraktur
+ gedruckt waren, sind hier mit "+" gekennzeichnet. Passagen,
+ die im Originaltext gesperrt gedruckt oder unterstrichen
+ waren, sind hier mit "_" gekennzeichnet.
+
+ Im Originaltext wird bei Dezimalzahlen in einigen Fällen ein
+ Punkt, in anderen Fällen ein Komma verwendet. Dies wurde
+ unverändert übernommen.
+
+
+
+
+ Die Romantik der Chemie
+
+ Von
+
+ Dr. Oskar Nagel
+
+ Mit 26 Abbildungen und 4 Tabellen
+
+ [Illustration: Signet]
+
+ _Stuttgart_
+
+ Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
+ Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung
+ 1914
+
+ Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
+
+ +Copyright 1914 by
+ Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.+
+
+ +STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
+ HOLZINGER & Co. STUTTGART+
+
+
+
+
+ [Illustration: Dekoration]
+
+
+Wenn irgendeine Wissenschaft uns zu souveränen Herren der Natur gemacht und
+uns aus Naturbeherrschten in Beherrscher der Natur umgewandelt hat, so ist
+dies das spätgeborene Kulturkind der Menschheit, die Wissenschaft der
+Chemie. Sie gleicht einem Kinde, das Jahrtausende dazu gebraucht hat, das
+Sprechen zu erlernen, aber dann mit einemmal imstande war, die während der
+Jahrtausende angehäuften Eindrücke, die es von der Welt empfangen, in
+prachtvoller, sinnreicher, künstlerischer Sprache wiederzugeben. Sie
+gleicht einer Pflanze, die durch Jahrtausende kräftig-fleischige Blätter
+angesetzt hat, um plötzlich, über Nacht, die schönsten Blüten
+hervorzubringen. Sie gleicht einem spät erkannten, lange verachteten Stein,
+der, endlich gewürdigt und erkannt, durch diese Erkenntnis wie mit einem
+Zauberstabe berührt, sich in jeden gewünschten, wunderbar-merkwürdigen
+Stoff verwandelt; oder dem mystischen Schlüssel Mephistos, der den grauen
+formlosen Nebel in Götter umformt.
+
+Wie geheimnisvoll und märchenhaft klingt schon der Name »Chemie«! Und in
+der Tat, sie ist märchenhaft: ein Dornröschen, durch das reine Streben
+geistvoller Männer aus dem Schlafe erweckt; ein Midas, der alles, was er
+anfaßt, in Gold verwandelt; ein Heiliger, der Wasser aus dem Felsen
+schlägt; ein vom edelsten Willen beseelter Erlöser, der alle Hungrigen
+speisen möchte; ein Herakles, der den Augiasstall reinigt; ein licht- und
+wärmebringender Prometheus; ein bergezertrümmernder Titan; ein heilender
+Äskulap; eine kunstfertige, schmuckliebende Athene -- das alles ist die
+Chemie.
+
+Ein Midas, der, was er berührt, in Gold oder Goldeswert verwandelt, der aus
+schmutzigem Erz und Sand Gold und Eisen herstellt, anspruchslose Erden zu
+sonnenhaftem Lichte erglühen läßt, durch Zusammenschmelzen weicher Stoffe
+diamantharte Substanzen darstellt, durch Vermengung schwacher Materien
+Sprengstoffe von ungeheurer Gewalt erzeugt, der aus traurig-schwarzer Kohle
+prächtige Farben in heiterer Buntheit erstehen läßt, und so reichlich
+erschafft, was die Natur kärglich hervorbringt.
+
+Midas ist das Sinnbild des nach Besitz gierigen und nach dem Besitz der
+Besitze, nach Gold, hungrigen Menschen. Solange das Menschengeschlecht
+lebt, lebt Midas.
+
+Das Gold hat schon frühzeitig durch seinen Glanz, seine auffallende Farbe
+und seine Unveränderlichkeit die Aufmerksamkeit des vorhistorischen
+Menschen auf sich gezogen, seine Habsucht erweckt und die Lust gereizt,
+sich damit zu schmücken, zumal da es sehr leicht bearbeitet werden kann.
+Goldene Hefteln, goldener Halsschmuck waren damals das Vorrecht der
+Mächtigen und Reichen. -- Ursprünglich beachtete man wohl nur die größeren
+in der Natur gediegen vorkommenden Goldklumpen und -klümpchen, doch
+schärfte sich allmählich der golddurstige Blick, so daß der Mensch auch
+Goldkörner zu sammeln begann, wie man sie in dem Flußsande mancher Gewässer
+findet. Hierauf lernte man von den Flüssen das Waschen von Gold, das
+Schlämmen und den daraus entstandenen einfachen Pfannenprozeß, indem man
+fließendes Wasser durch goldhaltigen Sand leitete, so daß der leichtere
+Sand mit dem Wasser fortgeführt, das schwere Gold aber zurückgelassen
+wurde. Schließlich erfand man das »Pochwerk«, in dem goldreiches Gestein zu
+Sand zerpocht und zerhämmert wurde, woraus dann durch Schlämmen das Gold
+ausgewaschen werden konnte. Darüber kam man durch Jahrtausende nicht
+hinaus. Und Handel und Industrie waren durch den Mangel an Gold, das
+inzwischen zum Wertmesser erhöht worden war, in ihrer Entwicklung stark
+gehemmt.
+
+So litt die Menschheit unter selbstauferlegten Fesseln, quälte sich ab in
+dem selbstgezimmerten Prokrustesbette. Da kam ihnen ein Zauberer in ihrem
+Kampfe ums Gold zu Hilfe.
+
+Die moderne Chemie lieferte neue Waffen für diesen Kampf, Waffen von bisher
+ungeahnter Schärfe und Wirksamkeit, und ermöglichte die Gewinnung des
+Goldes aus Gesteinen, die so wenig davon enthielten, daß man vorher nicht
+nur die Gewinnung für unmöglich gehalten, sondern nicht einmal die
+Anwesenheit des Goldes darin hätte feststellen können. Die ganze Art der
+Goldgewinnung wurde damit von Grund aus geändert, ein völlig neues
+Verfahren drängte das alte Waschverfahren in den Hintergrund und
+gestattete eine bedeutende Vergrößerung der Golderzeugung der Welt. Die
+Goldsucher, die sogenannten »+Prospectors+«, begannen wieder tätig zu
+werden; mit ihrer einfachen Ausrüstung durchstreiften sie, golderzsuchend
+und auf rohe Art -- so gut es eben ohne viel Sachkenntnis und mit einfachen
+Mitteln möglich war -- auch golderzprüfend, die Goldgebiete Afrikas,
+Amerikas und Australiens, nahmen Beschlag von den Minerallagern, in denen
+sie Gold fanden, steckten ihre »Claims« aus, ließen diese ihre Ansprüche
+von der Bergbauobrigkeit bestätigen, verteidigten ihre Rechte mit
+scharfgeladenem Revolver und errichteten dann Schmelzwerke an Ort und
+Stelle oder verkauften ihre Rechte an die großen Goldunternehmer.
+
+Während man also ursprünglich nur _das_ Gold gewann, das man mit seinen
+eigen Augen sah, und später auch solches, das man nach einer einfachen
+Schlämmprobe im »goldverdächtigen Sande« gefunden hatte, tritt mit den
+Errungenschaften der neueren Chemie und Technik die Goldgewinnung in ein
+neues Stadium. Der Laboratoriumschemiker hat nun seine Hilfsmittel derart
+verfeinert, daß er das Gold in goldarmem Gestein selbst dann noch ganz
+genau nachweisen kann, wenn bloß ein Gramm des Edelmetalls in
+1000 Kilogramm Gestein enthalten sind, also selbst dann, wenn es bloß ein
+Millionstel des Gesteinsgewichtes ausmacht. Und der technische Chemiker hat
+nach vielen mühevollen Versuchen gelernt, diese Ergebnisse des
+Laboratoriums zu benutzen und zwar gewinnbringend zu benutzen, wenn der
+Goldgehalt des Gesteines in 1000 Kilogramm 6 Gramm oder mehr beträgt. Man
+muß versuchen, sich dieses Gewichtsverhältnis vorzustellen, wenn man die
+Größe dieser Leistung, die Romantik des Vollbrachten, würdigen will. Die
+Zeit, wo der Alchimist vergeblich in seiner Kammer brütete, hat einer Zeit
+genauer, sicherer, erfolgreicher und gewaltiger Arbeit Platz gemacht. Ganze
+Sandberge werden heute in Amerika mit großen mechanischen Schaufeln
+abgetragen, Berge von gemeinem, unscheinbarem Sand, Berge von Sand, die in
+1000 Kilogramm 6 Gramm Gold enthalten, aus dem das Edelmetall mit großem
+Vorteile gewonnen wird.
+
+Das Verfahren, durch das diese Gewinnung ermöglicht wird, ist das denkbar
+einfachste. Das Erz wird -- wenn es nicht schon ohnehin sandförmig ist --
+zunächst gemahlen und zwar in sogenannten Kugelmühlen -- kurze, sich
+drehende Trommeln mit Stahlkugelfüllung, worin die Kugeln durch die
+drehende Bewegung geschüttelt werden und dadurch eine mahlende Wirkung
+ausüben -- oder in sogenannten Rohrmühlen, in denen die mahlenden Kugeln in
+einem langen Stahlrohre untergebracht sind. Manche Erze müssen vor dem
+Zermahlen mit Hilfe von Röstöfen unter Luftzutritt erhitzt, »geröstet«
+werden (Abb. 1, 2, 3).
+
+ [Illustration: Abb. 1. Kugelmühle.]
+
+ [Illustration: Abb. 2. Rohrmühle.]
+
+Die gemahlenen Erze kommen nun in große Bottiche, Zyanidbottiche genannt,
+die in manchen Werken einen Durchmesser von 10 Metern haben und mehrere
+Meter hoch sind. Verdünnte Zyankaliumlösung wird nun dazugetan, und diese
+Lösung wird mit Hilfe einer Pumpe solange in Umlauf versetzt und in
+Bewegung erhalten, bis das Gold vollständig aus dem Erz entfernt und im
+Zyankalium gelöst ist. Die Zyankaliumgoldlösung wird nun aus dem Bottich
+abgezogen und das darin enthaltene Gold entweder mit Hilfe des elektrischen
+Stromes oder mit Hilfe von Zinkspänen, die das Gold zu »fällen« vermögen,
+als feiner Goldschlamm gewonnen, der dann in kleinen Öfen umgeschmolzen
+wird (Abb. 4, 5, 6, 7).
+
+ [Illustration: Abb. 3. Mechanischer Röstofen.]
+
+Vor der Entdeckung dieses Verfahrens, des sogenannten Zyanidprozesses,
+waren die Erze, die heute hauptsächlich damit verarbeitet werden, ganz
+wertlos, da eine Gewinnung des Goldes durch Schlämmen aus ihnen unmöglich
+war, weil einesteils das Gold darin in eigentümlichen Verbindungen,
+gleichsam chemisch verwachsen vorkommt, und anderesteils in so feiner
+Verteilung das Erz durchsetzt, daß man für den Schlämmprozeß ein Pulver von
+mindestens 1/40 Millimeter Körnergröße hätte herstellen müssen. Das
+bedeutet aber solche Feinheit, daß auch das Gold durch fließendes Wasser
+fortgeschwemmt wird und sich lange Zeit in der Flüssigkeit schwebend
+erhält.
+
+Sowohl in Amerika als auch in Afrika und Australien sind nun riesige
+Zyanidanlagen in fortwährender Tätigkeit, um das Gold aus zermahlenem
+Golderz oder schwach goldhaltigem Sande auszuziehen, und der größte Teil
+der Weltproduktion, die im Jahre 1911 an 1900 Millionen Mark betrug, wird
+auf diese Weise gewonnen. Im hügeligen und bergigen Gelände des
+amerikanischen Westens sieht man häufig die eigenartig gebauten, an den
+Bergabhang gelehnten Zyanidwerke, denen oben das Erz in Waggonladungen
+zugeführt wird. Auf dem Wege nach unten wird dem Erz das Gold durch
+Zyankalium entzogen und am unteren Ende der »Goldmühle« das gediegene Gold
+in Barren gegossen. Unermüdlich mahlen die Mühlen, unermüdlich übt das
+Zyankalium seine lösende Wirkung aus; ohne Ruhe und ohne Rast, Tag und
+Nacht, in stetiger, einförmiger Gleichmäßigkeit wird hier gewonnen, was
+dann draußen die Menge in rasende Aufregung versetzt, wird das Ziel der
+Habgier gewonnen, wird das gewonnen, was viele für den eigentlichen
+Lebenszweck halten, das, was sie für wertvoller achten als das Leben selbst
+(Abb. 8).
+
+ [Illustration: Abb. 4. Zyanidbottich.]
+
+Aber selbst durch die jetzt mögliche große Golderzeugung ist das Streben
+nach Gold nicht befriedigt, und unbefriedigt ist auch die forschende
+Neugier des Menschen. Gleich der Lernäischen Schlange bringt jede gelöste
+Frage weitere Aufgaben hervor; ist ein neues Verfahren gefunden, da heißt
+es wieder alle Einzelheiten des Verfahrens verbessern, und jede Einzelheit
+stellt eine neue Aufgabe dar. Dazu kommt noch das beständige Streben nach
+Verbilligung der Rohmaterialien, das Streben, selbst das elendeste Material
+verwenden zu können.
+
+Man wird nun fragen: Kann für die Goldgewinnung noch minderes Material zur
+Verwendung kommen, als das heute verwendete arme Erz? Ist es nicht
+hinreichend, wenn man 6 Gramm Gold aus 1000 Kilogramm Gestein gewinnt? Die
+Antwort lautet: Nein, für den strebenden Menschen ist nichts hinreichend.
+Er kennt keinen Stillstand, soll keinen kennen. »Im Weiterschreiten find'
+er Qual und Glück, Er, unbefriedigt jeden Augenblick.«
+
+ [Illustration: Abb. 5. Spezialbottich zur Goldgewinnung.]
+
+So hat man denn die Aufmerksamkeit auf ein Goldlager gelenkt, das wohl groß
+und mächtig ist, aber nur so geringe Spuren Goldes enthält, daß schon die
+Absicht, es zu gewinnen, lächerlich und das Gelingen dieses Versuches als
+wahrhaft romantisch erscheinen muß. Dieses große Goldlager ist der Ozean.
+Während man bisher nach dem Zyanidverfahren 6 Gramm Gold aus 1000 Kilogramm
+Erz gewinnt, handelt es sich nun darum, Gold aus dem Seewasser zu gewinnen,
+das in mehr als 200 000 Kilogramm _ein_ Gramm Gold enthält, also nur 1/1200
+so viel wie die ärmsten heute verarbeiteten Erze. Aber man scheut eben auch
+vor dem scheinbar Widersinnigen nicht zurück, man tritt guten Mutes an die
+Aufgabe heran, Gold aus einer Lösung zu gewinnen, die in
+200 000 000 Gewichtsteilen nur einen Gewichtsteil Gold enthält, und die
+Frage, einmal aufgeworfen, wird fort und fort bearbeitet, bis sie gelöst
+ist. Sie läßt den Kopf des Forschers nicht zur Ruhe kommen; er _muß_ sich
+mit ihr beschäftigen, ganz gleichgültig, ob die Lösung für _ihn_
+gewinnbringend ist oder nicht.
+
+Hier müssen wir uns fragen, ob eine solche Gewinnung des im Meerwasser
+_gelösten_ Goldes (wohlgemerkt, es ist gelöst und nicht als Pulver oder
+Staub im Seewasser enthalten) die Golderzeugung der Welt bedeutend erhöhen,
+ob sie gewinnbringend gestaltet werden und welche Folgen sie schließlich
+für die menschliche Kultur haben könnte.
+
+ [Illustration: Abb. 6. Fällkästen im Fällungsgebäude.]
+
+Ein Kubikmeter Seewasser enthält 5 Milligramm Gold; ein Kubikkilometer
+5000 Kilogramm. Da nun die Weltmeere einen Rauminhalt von über
+1 200 000 000 Kubikkilometer besitzen, so enthalten die Ozeane der Erde
+6 000 000 000 000 Kilogramm Gold. Gegenwärtig beträgt die jährliche
+Golderzeugung der Welt ungefähr 500 000 Kilogramm, und dürfte bei Anwendung
+des Zyanidverfahrens eine Menge von 600 000 Kilogramm wohl niemals
+überschreiten; demnach würde das Gold des Ozeans das Zehnmillionenfache der
+gegenwärtigen Jahreserzeugung gegenüber darstellen.
+
+Eine mächtige Aufgabe also, dieses ungeheure Goldlager zu erschließen, den
+Golddurst der Menschheit zu stillen, das Gold schließlich aus seiner
+tyrannischen Ausnahmestellung, die es als Wertmesser und Geldmaßstab
+innehat, zu verdrängen und dadurch die Menschheit vom Joche der
+Goldsklaverei zu befreien, einer Sklaverei, die um so mehr zunehmen würde,
+als die heutige Golderzeugung durch das Zyanidverfahren sich wohl nicht
+lange auf der bisherigen Höhe wird halten können.
+
+ [Illustration: Abb. 7. Goldschmelzofen.]
+
+So ist man denn kühn auf das Ziel zugeschritten. Die ersten Ideen und Pläne
+zur Gewinnung des ozeanischen Goldes gingen darauf hinaus, das Wasser in
+große Bottiche zu pumpen und ihm Zinnsalz zuzufügen; dadurch wollte man das
+Gold als Pulver ausscheiden, da es sich auch aus gewöhnlicher Goldlösung
+bei Zugabe dieses Salzes ausscheidet. Es fand aber wider Erwarten im
+Bottich keine nennenswerte Goldausscheidung statt, da das Seewasser eine
+unendlich verdünnte Goldlösung darstellt, in der eben das Zinnsalz nicht
+mehr wirkt. Aber selbst wenn das Gold auf diese Weise ausgeschieden werden
+würde, so wären infolge des äußerst geringen Goldgehaltes des Meerwassers,
+der langen Zeitdauer, die das Absetzen des Goldstaubes in Anspruch nimmt,
+usw., so viele und so große Holzbottiche zur Gewinnung selbst kleiner
+Goldmengen nötig, daß ein solches Verfahren -- bei dem das Seewasser durch
+lange Zeit hindurch in einem Bottiche gehalten werden muß -- von vornherein
+jeden technischen Erfolg ausschließt.
+
+Und so schritt man in Amerika, an der Küste des Atlantischen Ozeans zu ganz
+eigenartigen Versuchen, die in den Jahren 1910 und 1911 bei Fire Island,
+und an verschiedenen Punkten der Küste von New Jersey ausgeführt wurden.
+Man suchte und fand einen Stoff, der zu dem in äußerster Verdünnung
+vorhandenen Golde eine so nahe chemische Verwandtschaft hat, daß Seewasser
+beim Durchfließen eines mit diesem Stoff erfüllten Behälters das gelöste
+Gold an den »Stoff« abgibt, in dem sich das Metall derartig anreichert, daß
+man schließlich ein sehr goldreiches »künstliches« Erz erhält, aus dem dann
+das Gold auf mannigfache Weise gewonnen werden kann.
+
+ [Illustration: Abb. 8. Amerikanische Zyanidanlage.]
+
+Nach vielen Versuchen fand man nämlich, daß Hochofenschlacke, nachdem sie
+mit Eisenvitriol behandelt worden war, und auch einige andere Stoffe die
+Eigenschaft haben, das Gold dem Seewasser zu entziehen. Man fand, wie der
+»Stoffbehälter«, durch den das Seewasser fließt, zweckmäßig gebaut und
+angelegt werden müsse; man fand durch praktisches Ausprobieren der Pumpen,
+daß die Förderung des Wassers aus dem Ozean in den »Stoffbehälter« sehr
+billig ausgeführt werden könne; man fand, wie man an einer Landzunge eine
+derartige Fabrikanlage errichten könne, so daß stets frisches Seewasser in
+die Pumpen gelangt und das des Goldes beraubte Wasser in solchem Abstande
+abfließt, daß es nicht wieder in die Pumpen gelangen kann. Und so ist nun
+der Grundstein gelegt für eine neue chemisch-metallurgische Industrie.
+
+An diesem Beispiele sehen wir klar und deutlich, wie die Chemie ihre Mittel
+und Methoden immer mehr verfeinert und wie sie mit Kleinem und Kleinerem,
+Großes und Größeres erreicht. Nichts ist ihr zu gering, denn sie weiß
+unzählige kleine Teile zu einer mächtigen Summe zusammen zu addieren, die
+stoffliche Zerstreutheit wie durch eine Brennlinse zu mächtiger Einheit zu
+sammeln.
+
+ [Illustration: Abb. 9. Hochofenanlage mit Hafen in Rheinhausen
+ bei Duisburg (Firma Fried. Krupp A.-G., Essen.)]
+
+Dieselbe Sorgfalt, die man der Entdeckung und Verwertung von Spuren von
+Gold gewidmet hat, ist auch den gröberen Metallen zuteil geworden, und
+dadurch sind Gegenstände, die in früheren Zeiten nur den Reichsten zur
+Verfügung standen, Allgemeingut geworden; die chemische Technik hat in
+glänzender Weise die Aufgabe gelöst, ungeheure Massen von Rohmaterial zu
+verarbeiten, um die Ansprüche des Menschengeschlechtes zu erfüllen. Auch
+bei diesen gröberen Metallen hat man gelernt, mindere und ärmere
+Rohmaterialien zu verwerten und dadurch -- da die armen Erze sich in schier
+unerschöpflichen Lagern vorfinden -- das Fabrikat zu verbilligen.
+
+Was in dieser Hinsicht erreicht und geleistet worden ist, können wir
+insbesondere an der Entwicklung der _Eisenindustrie_ sehen. In früherer
+Zeit wurde nur ausgezeichnetes, reiches, stückförmiges Erz verarbeitet. In
+kleinen, niedrigen Öfen wurde das Erz mit Holzkohle vermischt, der Wirkung
+der Gebläseluft ausgesetzt, und mühsam arbeiteten die plumpen
+Gebläsemaschinen. In kleinen Mengen wurde da das Gußeisen hergestellt, um
+dann durch umständliche Handarbeit, durch Rühren auf Herdöfen, in Stahl
+umgewandelt zu werden. Diese Umwandlung beruht, nebenbei bemerkt, im
+wesentlichen darauf, daß Gußeisen, das stets an Kohlenstoff reich und
+deshalb spröde ist, wenn es in geschmolzenem Zustande mit Luft in Berührung
+kommt, einen großen Teil des Kohlenstoffes verliert, indem dieser durch die
+Luft verbrannt wird. Dadurch geht das Gußeisen in ein kohlenstoffarmes,
+elastisches Material, Stahl genannt, über.
+
+Aus dem kleinen Eisenschmelzofen ist im Laufe kurzer Zeit der riesige,
+moderne Hochofen geworden; die verbrauchte Gebläseluft, die oben als
+Gichtgas abzieht, wird heute in großen Gasmaschinen verbrannt; dadurch
+werden Millionen von Pferdekräften, die vormals verloren gingen, als
+Betriebskraft für riesige Gebläse- und andere Maschinen und zum Heizen von
+Dampfkesseln nutzbar gemacht (Abb. 9, 10).
+
+ [Illustration: Abb. 10. Blick in eines der Gasgebläsehäuser der
+ Gußstahlfabrik Fried. Krupp A.-G., Essen.]
+
+Anstatt reichen, stückförmigen Erzes wird heute minderwertiger Erzstaub
+verarbeitet; hat man früher die Umwandlung von Roheisen in Stahl nur mühsam
+vollbracht, so geschieht dies heute automatisch auf die allerbequemste
+Weise in denkbar kürzester Zeit. Drei Stahlgewinnungsverfahren herrschen
+heute in der Industrie, und ein viertes bewirbt sich rege um die
+Mitherrschaft. Nach dem _Bessemerverfahren_ kommt das flüssige Roheisen in
+ein großes, mit feuerfestem Ton ausgemauertes, birnenförmiges Gefäß, die
+Bessemerbirne, die oben offen ist, während unten gepreßte Luft durch das in
+der Birne enthaltene flüssige Roheisen geblasen wird, um es in wenigen
+Minuten in Stahl zu verwandeln. Das _Thomasverfahren_ verwendet dieselbe
+Vorrichtung, benützt aber Kalk und Magnesia als Ausmauerungsmaterial, was
+zur Folge hat, daß phosphorsäurehaltige Erze, die im Bessemerverfahren
+nicht verarbeitet werden können, zur erfolgreichsten Verwendung kommen,
+während zugleich die phosphorsäurereiche Thomasschlacke, gepulvert
+Thomasmehl genannt, als wertvolles Düngemittel erhalten wird. Das dritte
+Verfahren ist das _Martinverfahren_, bei dem gasgefeuerte, horizontale Öfen
+verwendet werden. Neuestens tritt die _Elektrostahlerzeugung_ auf den Plan
+und wird in kohlenarmen Ländern, die über Wasserkräfte verfügen, von
+täglich steigender Bedeutung, da sich in solchen Ländern bei der
+Möglichkeit, Elektrizität billig herzustellen, der Betrieb elektrischer
+Öfen gut lohnt (Abb. 11, 12, 13, 14.)
+
+ [Illustration: Abb. 11. Geschnittene Bessemerbirne der Firma
+ Fried. Krupp. (Deutsches Museum.)]
+
+ [Illustration: Abb. 12. Bessemerbirne gekippt zum Entleeren des
+ erzeugten Schmiedeeisens. (Deutsches Museum.)]
+
+Zumal in der jüngsten Vergangenheit hat sich die Eisenindustrie mächtig
+entwickelt. Immer riesenhafter wurden die Maße genommen, von den Erzbunkern
+bis zu den Werkstätten und Magazinen. Vorratskammern für Erz (Silos) bis zu
+300 Metern Länge, zwei- und dreifach nebeneinander gebaut, sind gar nicht
+selten. Und welche Massen werden mit einem Male auf die Gichtplateaus
+gefördert, um von da in den Hochofen zu gelangen! In schwindelnder Höhe
+schwebt der Erzkübel, der selbst seine sieben Tonnen wiegt; mit einem
+ebenso schweren Inhalt an Erz. Die Gasreinigungen, durch die das oben
+entweichende Hochofengas von Staub befreit wird, um zum Betrieb von
+Gasmotoren brauchbar zu werden -- vor Jahren kleine Nebenanlagen -- sind
+heute großmächtige Fabriken geworden, in denen ein Dutzend komplizierter
+Apparate steht. Die »Zentralen«, in denen das Gichtgas zur Krafterzeugung
+verwendet wird, zählen erst mit von 25 000 Pferdestärken an; und zwölf
+mächtige Gasmotoren ist das gewöhnliche; manche Anlagen bergen vierzehn
+dieser Ungeheuer mit 40 000 Pferdestärken und mehr; auf der einen Seite die
+Hochofengebläse mit dem kurzen, stoßenden Atem, auf der anderen Seite die
+Gasdynamos in Reihe und Glied, die ungeheueren Schwungräder bewegend. Die
+Hochöfen werden immer höher und weitbauchiger. In Deutschland baut man sie
+jetzt mit einem Fassungsraum von einer halben Million Kilogramm. Die
+Mischer aber, in denen das flüssige Roheisen aufgespeichert wird, sind
+doppelt so groß, was das Fassungsvermögen anlangt. Die Thomaswerke sind zu
+Kolossalbauten geworden; den 30-Tonnen-»Konverter« sieht man schon sehr
+oft, und Martinöfen von 110 Tonnen sind nichts Unerhörtes.
+
+Die Rohblöcke, die ins Walzwerk geschafft werden, sind bis auf fünf Tonnen
+das Stück angewachsen. Man walzt Längen bis zu 120 Meter. In Hagendingen
+ist die Halle vom Blockwalzwerk bis zur Verladung 530 Meter lang.
+
+Solche Massenräume mit ihren gigantischen Erzeugnissen verlangen
+entsprechende _Transporteinrichtungen_. Man bedenke, daß allein auf dem
+Hochofenwerk Kneuttingen des Lothringer Hütten-Vereins täglich 1200 Waggons
+zu befördern sind. Da die verwendeten Erze nur wenig gehaltreich sind,
+braucht man große Mengen, ebenso von Koks. Das Roheisen soll zum Mischer
+und Sammelwerk, der Block zum Walzwerk, die Fertigfabrikate sollen in den
+Waggon. Man sieht zwar auf einem alten Werk noch einige wohlgenährte
+Pferdchen Schienen zu den Bearbeitungsmaschinen ziehen; in demselben Werk
+mühen sich auch noch viele Männer ab, um einen Wagen mit Knüppeln zu
+schieben. Aber das sind Ausnahmen, die heute ins Museum gehören und auch
+bald verschwinden werden. Im übrigen hat die Industrie in der schweren
+Massenbeförderung bewundernswerte Fortschritte gemacht. Da ist die
+elektrische oder feuerlose Lokomotive und vor allem der Kran und die
+Drahtseilbahn; Kräne bis 55 Meter Spannweite bestreichen die weiten Räume
+und arbeiten dabei so leicht und geschickt, wie eine menschliche Hand.
+Drahtseilbahnen von Meilenlängen sind keine Seltenheit, und gewaltige
+Hochbahnen wecken unser Erstaunen.
+
+»_Ausschaltung der menschlichen Arbeitskraft_ ist das ideale Ziel. Die
+Mechanisierung der Arbeit beherrscht die Werke. Du stehst in dem endlos
+großen Hochofenwerk; vom Erzlager bis zu den Zentralen kaum ein Mensch; es
+donnert und poltert, es braust und zischt, aber das Ganze scheint von
+unsichtbaren Händen geleitet zu sein. In der Elektrohängebahn, die die Erze
+auf den Ofen schafft, stehen an den entscheidenden Punkten einzelne Leute,
+um das weitläufige Getriebe vor Störungen zu bewahren; Lichtsignale
+erleichtern die Verständigung. Auf dem Gichtplateau des modernen Hochofens
+sieht man keinen Menschen. Der Erzkübel setzt sich automatisch auf den
+Hochofen, entleert sich in den Ofenschacht und schließt den Ofen. So geht
+die Arbeit Tag und Nacht, Jahre hindurch, bis der Ofen seine Reise beendet
+hat.«
+
+ [Illustration: Abb. 13. Bessemerwerk (Fried. Krupp A.-G.,
+ Essen).]
+
+An Licht und Luft ist nicht gespart. Schön und gewaltig hat man in den
+letzten Jahren auch für den Arbeiter und Angestellten gebaut. Eine
+Arbeiter- und Beamtenkolonie ist prächtiger als die andere; dazu kommen
+Kasinos, Konsum-Anstalten, Ledigenheime, Speiseanstalten, Schlafhäuser.
+Der Mann aus dem Mittelstande kann nicht besser untergebracht sein als die
+Mehrzahl der Arbeiter und Beamten in den Eisenwerken. So muß es aber auch
+sein. Man hat schon Sorgen genug, Arbeiter zu bekommen und festzuhalten.
+Man muß den Leuten Annehmlichkeiten bieten, denn die nächste Stadt ist
+weit und die Zeit sie zu besuchen, fehlt. So sind denn die
+Wohlfahrtseinrichtungen unbedingt notwendig, und die Millionen, die dafür
+aufgewendet werden, gehören zu den notwendigen Ausgaben.
+
+Man wirtschaftet sparsam; alle Abfallstoffe werden verwertet; das
+Hochofengas zur Krafterzeugung; die Hochofenschlacke zur Zementfabrikation
+und zur Erzeugung von Schlackenwolle, die als Filtriermaterial dient.
+
+Der Stahl der großen Stahlwerke wird dann von kleineren Spezialfabriken
+noch weiter veredelt und wertvoller gemacht. Welche Werte die Veredelung
+des Eisens schafft, möge ein Beispiel zeigen: 100 Kilogramm Roheisen kosten
+5 Mark; in Form von Uhrfedern aber haben 100 Kilogramm Eisen einen Wert von
+1 700 000 Mark.
+
+So veredelt die Chemie die Stoffe, die wir aus den dunklen Schächten und
+aus der finsteren Meerestiefe heraufholen. Lichtverbreitend und aufklärend
+schafft sie stets Fortschritt. _Lichtverbreitend_ auch im eigentlichen
+Sinne des Wortes. Die Chemie hat uns die Mittel in die Hand gegeben, das
+armselige Öllämpchen und die dürftige Talgkerze durch sonnenähnliche
+Lichtquellen zu ersetzen. Sie brachte uns die Stearinkerze, diese sichere,
+bequeme, tragbare Gasfabrik, in der das Stearin geschmolzen, vergast und
+verbrannt wird; sie ließ uns das Leuchtgas finden und das Petroleum, das
+Gasglühlicht, die Quecksilberdampflampe und das Azetylen; und sie half
+mächtig mit bei der Verbesserung der elektrischen Glühlampen, so daß das
+Meer von Licht, das heute von jeder Stadt ausgeht, und die Billigkeit des
+modernen elektrischen Glühlichtes in hohem Maße der Chemie zu danken sind.
+
+ [Illustration: Abb. 14. Martinwerk I (Fried. Krupp A.-G., Essen).]
+
+Das _Leuchtgas_, welch kühne Erfindung! Welche Überwindung von
+Schwierigkeiten in der Anwendung! Welcher Arbeitsaufwand war erforderlich,
+um nur die unterirdischen Röhren in einem die ganze Stadt versorgenden
+Netze zu legen und diese Röhren mit der nötigen und wechselnden Gasmenge zu
+speisen! Bei Tage geringer Verbrauch, bei Einbruch der Dunkelheit eine
+plötzliche, riesige Inanspruchnahme. Das Ganze versorgt aus einem
+Mittelpunkt, aus einem Herzen, das ganz verläßlich und tadellos arbeiten
+muß, um überhaupt brauchbar zu sein. Die chemische Technik hat diese große
+Aufgabe glänzend gelöst. Und heute wird in glatter Arbeit in all den
+Gaswerken in Hunderttausenden großer Tonretorten Steinkohle erhitzt, wobei
+Koks als wertvoller Rückstand bleibt, während das heiße Leuchtgas, mit Teer
+gemischt, entweicht. Durch Kühlen und Waschen wird das Gas von Teer und
+Verunreinigungen befreit und wandert in die großen Gasbehälter, die
+modernen Wahrzeichen der Städte, um aus diesen stählernen Vorratskammern in
+großen Mengen freigelassen zu werden, zur Stillung des mannigfaltigen
+Lichtbedarfes der stets anspruchsvoller werdenden Menschheit (Abb. 15).
+
+Dann die Verdrängung der offenen gelben Gasflamme durch das blendend weiße
+_Gasglühlicht_, nachdem man entdeckt hatte, daß gewisse Erden, insbesondere
+Thoriumnitrat, das eine Spur Zernitrat enthält, in der Hitze der Gasflamme
+ein weißes helles Licht ausstrahlen. Welche Schwierigkeiten waren da zu
+überwinden infolge der Gebrechlichkeit der Glühstrümpfe und wie viel
+größere noch infolge der Seltenheit des Rohmaterials. Doch sie wurden durch
+Forschen und Suchen, durch stetige, vom Glücke begünstigte Arbeit
+überwunden. Als das Glühlicht entdeckt wurde, kannte man nur spärliche
+Lagerstätten des Monazits, jenes wertvollen Erzes, aus dem das Thorium und
+Zer gewonnen werden, und beinahe wäre wegen der Knappheit der
+Rohmaterialien die Glühlichterfindung gescheitert, hätte man nicht
+zufälligerweise gerade damals große Monazitlager in Amerika entdeckt. So
+trat das Leuchtgas, das man bereits durch die Elektrizität überwunden
+glaubte, wieder mit frischer, erneuerter Jugendkraft auf und feierte eine
+Wiedergeburt, die es mit dem elektrischen Lichte in erfolgreichen
+Wettbewerb treten ließ.
+
+ [Illustration: Abb. 15. Blick in die Nürnberger Gasanstalt mit
+ schrägliegenden Retorten. (Deutsches Museum.)]
+
+Nun konnten die Straßen und Häuser, Läden und Wohnungen, auch ohne
+elektrische Leitung in glänzendem Lichte erstrahlen. Doch auch dem einsamen
+Landhause schuf die Chemie Befreiung von dem lästigen Öllämpchen und von
+der armseligen Unschlittkerze, auch von der viel besseren, aber immerhin
+noch kümmerlichen Lichtquelle der Stearinkerzenflamme. Das _Petroleum_
+tritt auf. Man findet im Inneren der Erde Lagerstätten eines schmutzigen,
+dickflüssigen, explosiven Öles, das in vergangenen Zeiträumen durch
+Zersetzung pflanzlicher und tierischer Überreste entstanden ist. Was einst
+im herrlichen Sonnenlichte erwachsen ist, dient nun, aus der Finsternis
+wieder zutage gebracht, dazu, die Finsternis zu vernichten und die Nacht
+zum Tage umzugestalten. Der Chemiker findet Wege, das schmutzige Erdöl zu
+reinigen, indem er es mit starken Säuren und Laugen wäscht; er lernt, das
+Erdöl sozusagen »mürbe« zu machen, indem er es durch Destillation zwingt,
+in seine drei Hauptbestandteile zu zerfallen, in das flüchtige Benzin, in
+das Leuchtöl, das ohne Explosionsgefahr in Lampen verbrannt werden kann,
+und in das kostbare Schmieröl, das, den Reibungswiderstand vermindernd, ein
+glattes Laufen der verschiedensten Maschinen ermöglicht.
+
+Aber eine noch bessere und schönere Lichtquelle wird für das einsame
+Landhaus, für das Sommerhotel und für die Hochgebirgshütte gefunden, indem
+man einen Stoff benutzt, der durch zwangsweise Vereinigung einer
+unverbrennlichen weißen mit einer verbrennlichen schwarzen Masse entsteht.
+Kalk und Kohle, in der Riesenhitze des elektrischen Ofens zur engsten
+Verbindung genötigt, ergeben das als Kalziumkarbid bekannte Material, das,
+mit Wasser übergossen, ein mit blendend weißer Flamme brennendes Gas, das
+Azetylen, liefert. An mächtigen Wasserkräften stehen die elektrischen Öfen
+und erzeugen große Mengen von Kalziumkarbid, das in Büchsen verpackt, in
+entlegene Einsamkeiten versendet wird, um dort mit Hilfe eines sicheren,
+handlichen, bequemen, kleineren oder größeren Apparates zur Gaserzeugung
+verwendet zu werden. Nun kann jedes Landhaus seine eigene kleine Gasfabrik
+haben, ja sogar jedes Fuhrwerk, jedes Automobil sich zur eigenen
+Beleuchtung das nötige Azetylen in kleinen, im Wagen untergebrachten
+Apparaten selbst herstellen.
+
+Auch die elektrische Beleuchtung wird durch die Ergebnisse chemischer
+Forschung immer mehr gefördert. Tantal-, Wolfram- und Osramlampen,
+Erzeugnisse der modernen chemischen Technik, bewirken eine außerordentliche
+Kraftersparnis und gestatten die Erzeugung großer Lichtmengen auf eine
+früher für unmöglich gehaltene billige Weise. Die Quecksilberdampflampe --
+mit ihrem grünen Lichte --, in amerikanischen Werkstätten überaus beliebt,
+bedeutet eine weitere Kraftersparnis, so daß bei dem gegenwärtigen Stande
+der Beleuchtungstechnik jeder Laden und jedes Hotel, jede Straße und jeder
+Bahnhof mit geringem Kostenaufwande fast tageshell beleuchtet werden kann.
+
+Hier wollen wir auch kurz des _Glases_ Erwähnung tun, dieses bei allen
+Beleuchtungsarten vielverwendeten Stoffes, der schon seit Jahrtausenden
+bekannt und als seltene Kostbarkeit geschätzt, durch die chemische
+Industrie zu einem ganz allgemeinen, selbst dem Ärmsten zugänglichen
+Gebrauchsgegenstand geworden ist.
+
+Was vorher über die Umwandlung des früheren Kleineisengewerbes in die
+moderne Großindustrie gesagt ist, gilt für die Glasindustrie in vielleicht
+noch höherem Maße. Ursprünglich wurde wohl die Kunst des Glasschmelzens als
+strenges Gewerbegeheimnis bewahrt, was um so leichter möglich war, als die
+Rohmaterialien, Soda, Kalk und feiner Sand, bei den damals schwierigen
+Transportverhältnissen nicht allgemein erhältlich waren. Durch die
+Verbilligung der Soda wurde erst die Begründung einer Glas_industrie_
+möglich. Auch hier wurden die Schmelzöfen immer größer, auch hier lernte
+man durch sorgfältigere Ausführung der Schmelzöfen die zur Schmelzung
+erforderliche Brennstoffmenge vermindern und schließlich die menschliche
+Arbeit beim Glasblasen und bei der Spiegelglaserzeugung durch genial
+ersonnene Maschinenarbeit ersetzen.
+
+Man hat dann, in den letzten Jahrzehnten, auch neue Glassorten hergestellt,
+das »Hartglas« und das »Quarzglas«.
+
+Das _Hartglas_ wird durch rasches Abkühlen des heißen Glases auf
+Temperaturen von 200-300° hergestellt, indem man das zu härtende Glas rasch
+in Bäder von Öl mit dieser Temperatur taucht. Dieses »abgeschreckte« Glas
+kann schroffe Temperaturwechsel ertragen und ist zugleich sehr schwer
+zerbrechlich.
+
+_Quarzglas_ wird durch Schmelzen von Quarz und Bergkristall im elektrischen
+Ofen hergestellt. Es ist gegen plötzliche Temperaturänderungen ganz
+unempfindlich; man kann es auf hohe Temperaturen erhitzen und dann ohne
+weiteres in kaltes Wasser tauchen, ohne daß es zerspringt.
+
+Bei all den besprochenen Industrien bedarf der Chemiker in großer Menge
+zweier »Kräfte«, wenn wir sie so nennen wollen, zweier Energien, nämlich
+der _Kraft_ und der _Wärme_. Vor allem also müssen diese Energien billig
+und bequem zu erlangen sein, da sie gleichsam die Grundlage der Technik
+bilden. Vorderhand ist das wichtigste Rohmaterial zur Gewinnung von Kraft
+und Wärme die _Kohle_. Aber auch der Kohlenvorrat der Erde wird schließlich
+einmal erschöpft sein, und deshalb muß der Chemiker und der chemische
+Ingenieur bei Zeiten vorbauen, indem er einerseits mit möglichst wenig
+Kohle möglichst viel auszurichten sucht und dadurch die Erschöpfung der
+Kohlenlager hinausschiebt, anderseits aber auch jetzt schon daran denkt,
+wie man später auch ohne Kohle den Kulturzustand der Menschheit wird
+aufrecht erhalten können.
+
+ [Illustration: Abb. 16. Entstehung von Wassergas, Generatorengas
+ und Generatorenwassergas. (Deutsches Museum.)]
+
+In dem rastlosen Streben nach _möglichst guter Ausnützung der Kohle_ werden
+zunächst die Feuerungen, die Roste und der Schornstein immer zweckmäßiger
+gestaltet; man hat ferner gelernt, den früher wertlosen Abfall der
+Kohlenbergwerke, den Kohlenstaub, zu verbrennen oder ihn in Form fester
+Ziegel (Briketts) in den Handel zu bringen; man verwertet die Hitze der von
+der Feuerung zum Kamin abgehenden Gase zum Vorwärmen des
+Kesselspeisewassers, und schließlich bedient man sich immer mehr -- um
+Kohle zu sparen und sehr hohe Temperaturen erreichen zu können -- der
+Vergasung der Kohle in Gasgeneratoren, die nichts anderes sind als Öfen,
+auf deren Rost anstatt einer niedrigen Kohlenschicht, wie sie in den
+gewöhnlichen Öfen gebräuchlich ist, eine hohe Kohlenschicht von etwa
+0.5 Meter aufgehäuft wird. Dadurch wird bewirkt, daß die dem Rost zunächst
+befindliche Kohlenschicht vollkommen verbrannt wird; aber die
+Verbrennungsgase können nicht, wie bei den gewöhnlichen Öfen, zum Kamin
+entweichen, da sie durch die hohe Kohlenschicht gezwungen sind, zunächst
+diese zu durchstreichen. Bei der Berührung der »unbrennbaren«
+Verbrennungsgase mit der oberen Kohlenschicht verbindet sich deren
+Kohlenstoff mit den unbrennbaren Gasen zu einem _brennbaren_ Gase, dem
+sogenannten Generatorgas, das in größtem Maßstabe zur Beheizung von Stahl-
+und Glasöfen dient und auch vielfach zum Zweck der Krafterzeugung in
+Gasmotoren verbrannt wird; diese Verwendung bedeutet, im Vergleich zum
+Kohlenverbrauch der Dampfmaschine, eine namhafte Ersparnis (Abb. 16, 17).
+
+ [Illustration: Abb. 17. Gasgenerator.]
+
+Außerdem sucht man immer mehr die _natürlichen Kräftevorräte_, _die
+Wasserfälle_, zu verwerten, was sehr geeignet ist, die Lebensdauer unserer
+Kohlenlager bedeutend zu verlängern. Amerika und Afrika sind reich an
+mächtigen Wasserfällen, auch Europa besitzt im Norden und in den Alpen
+gewaltige Wasserkräfte, die, in Kohle oder Kraft umgerechnet, bedeutende
+Werte darstellen. Der Niagarafall allein enthält so viel Kraft, als man
+durch tägliche Verbrennung von einer Million Tonnen Kohle erzeugen könnte.
+So erbaut man nun Fabriken, die sehr viel Kraft brauchen, wenn möglich in
+der Nähe von Wasserkräften (Aluminiumfabriken). Aber auch solche Werke, die
+starke Hitzegrade erfordern, verlege man in die Nähe von Wasserfällen, denn
+der chemische Ingenieur hat es durch den Bau von elektrischen Öfen, die den
+Strom in hohe Hitzegrade umwandeln, möglich gemacht, Grade zu erreichen,
+die früher unerreichbar waren, und dadurch Stoffe zu erzeugen, die früher
+nicht darstellbar waren. Des Kalziumkarbides ist bereits gedacht worden.
+Nicht weniger interessant ist der Stoff, der im elektrischen Ofen durch
+Zusammenschmelzen von Sand und Kohle erzeugt wird, das Karborundum, der
+fast diamantenhart, als Schleif- und Poliermittel ausgedehnte Verwendung
+findet und dem Schmirgel große Konkurrenz bereitet.
+
+Die Billigkeit, mit der der elektrische Strom aus Wasserkraft hergestellt
+werden kann, hat eine neue Industrie, die _elektrochemische_, ins Leben
+gerufen, wobei der elektrische Strom zur Zerlegung wertloserer Verbindungen
+in ihre wertvolleren Bestandteile verwendet wird. So werden jetzt
+zahlreiche Stoffe mit Hilfe des elektrischen Stromes, elektrochemisch,
+dargestellt, insbesondere Natrium, Chlor, Ätznatron und Soda, deren
+gemeinsames Ausgangsprodukt das Kochsalz ist.
+
+Wie bereits erwähnt, sorgt der Chemiker auch für die Zukunft. Er sucht
+Verfahren zu finden, mit denen man auf billige Art Kraft erzeugen kann,
+Verfahren, die darauf hinausgehen, aus der Kohle mehr Kraft als bisher
+möglich zu gewinnen, oder die Kohle überhaupt überflüssig zu machen. Zu
+diesem Zwecke benutzt er den unerschöpflichen Kräftevorrat, der dem
+Menschengeschlecht so lange zur Verfügung stehen wird, als es bestehen
+wird, da es selbst gleichsam nur ein Ausfluß und eine Wirkung dieser Kräfte
+ist, er benutzt dazu das strahlende Licht, die strahlende Kraft, die
+strahlende _Energie der Sonne_. Diese Kraft wird heute auf der
+Erdoberfläche nur sehr spärlich ausgenutzt, indem sie nur von den Pflanzen
+zum Aufbau ihres Körpers verwendet wird, während der Rest unbenutzt
+»verloren« geht. Und doch könnte uns diese Kraftquelle mit schier
+unendlichen Mengen von Kraft versorgen. Darum arbeitet man an der schweren
+Aufgabe, das Sonnenlicht unmittelbar in Kraft umzuwandeln und zwar in _die
+Kraft_, die sich am bequemsten, mit den geringsten Verlusten weiter
+umwandeln läßt, in Elektrizität.
+
+Zunächst hat sich der Physiker damit begnügt, das Sonnenlicht in Wärme
+umzuwandeln, indem er es in großen, kreisförmig angeordneten Hohlspiegeln
+auffing, in deren Brennpunkt ein Dampfkessel eingebaut war, der einer,
+nahebei aufgestellten Dampfmaschine Dampf lieferte. Ein solcher, in der
+Anlage sehr kostspieliger Apparat ist in der Nähe von Los Angeles, in
+Kalifornien -- da die Kohlen dort außerordentlich kostspielig sind -- in
+lohnendem Betriebe. Man nutzt dort das Sonnenlicht den ganzen Tag hindurch
+aus, indem das Spiegelsystem sich durch ein Uhrwerk der scheinbaren
+Bewegung der Sonne gemäß dreht und stets so eingestellt ist, daß es
+möglichst viel Licht von ihr empfängt.
+
+Diese Art der Verwendung des Sonnenlichtes, die Umwandlung in Wärme, ist
+äußerst roh und nicht befriedigend; deshalb geht das Streben der Chemiker
+dahin, eine Umsetzung der strahlenden in elektrische Energie zu bewirken.
+Im kleinen Maßstabe ist dies bereits gelungen und zwar durch eigenartig
+zusammengestellte Batterien, Zellen oder Elemente, die, sobald sie vom
+Sonnenlicht getroffen werden, einen ununterbrochenen elektrischen Strom
+abgeben, der so lange anhält, als die Batterie der Wirkung des
+Sonnenlichtes ausgesetzt bleibt.
+
+Bei dem oben erwähnten Streben der Chemiker, aus der Kohle mehr Kraft, als
+bisher möglich war, zu erzeugen, ja die ganze der Kohle innewohnende Kraft
+zur Wirkung zu bringen, schwebte ihnen das Ziel vor, die chemische Kraft
+der Kohle direkt in Elektrizität umzuwandeln. Auch diese Aufgabe ist
+bereits grundsätzlich gelöst worden, so daß man nun, um mittels Kohle
+Elektrizität zu erzeugen, nicht erst den verschwenderischen Umweg über den
+Dampfkessel und die Dampfmaschine machen muß. Trotzdem werden die
+Dampfmaschinen, solange der Preis der Kohle verhältnismäßig niedrig bleibt,
+eine wichtige Stellung einnehmen, denn der Mensch, an das Alte gewöhnt,
+entschließt sich nur schwer und gezwungen, das Neue anzunehmen. Darauf
+beruht ja vielfach die Bitterkeit des Erfinderloses, weil das Leben des
+Erfinders gewöhnlich kürzer ist als die Zeit, die die Menschheit nötig hat,
+um sich mit der neuen Erfindung vertraut zu machen, sich an sie zu
+gewöhnen, ihre Vorteile zu würdigen und sich zum Entschluß aufzuraffen, die
+Neuheit benutzen zu wollen.
+
+Mit diesen Siegen und Erfolgen, mit der erfolgreichen Veredlung und
+Nutzbarmachung der in der Natur in kleinsten und größten Mengen
+vorkommenden Rohstoffe, gibt sich die Chemie nicht zufrieden. Sie will auch
+die selteneren Stoffe der Natur der Allgemeinheit zur Verfügung stellen,
+und, wenn der natürliche Vorrat nicht reicht, sie künstlich herstellen. War
+früher z. B. die Seide nur ein Material zur Bekleidung Auserlesener, so ist
+sie heute ein notwendiger Gebrauchsgegenstand für alle geworden. Früher von
+Königen und Fürsten mit Gold aufgewogen, wird sie heute von jeder Bäuerin,
+beim Kirchgang wenigstens, als Kopfbedeckung getragen. Diese ungeheure
+Zunahme des Seidenbedarfs wäre auf keine Weise zu befriedigen, wenn es der
+Chemie nicht gelungen wäre, aus ganz billigen, leicht zur Verfügung
+stehenden Rohstoffen, wie Baumwolle, Holz usw., einen Ersatz für Seide,
+eine künstliche Seide, die _Kunstseide_ herzustellen, die an Festigkeit der
+Seide nahe kommt und sie an Glanz weit übertrifft. Eine Seide, die nicht
+durch mühselige Raupenzucht, sondern in ununterbrochener, gleichmäßiger
+Fabrikarbeit durch chemische Prozesse und durch mechanische Hilfsmittel,
+die man der Seidenraupe abgelauscht hat, gewonnen wird. Eine Seide, die von
+Seidenraupenkrankheiten unabhängig, stets in beliebigen Mengen und in
+irgendeinem Lande, an irgendeinem Orte hergestellt werden kann, so daß zu
+ihrer Erzeugung _einheimische_ Arbeitskräfte verwendet und große
+Geldbeträge, die sonst nach dem seidenerzeugenden China gingen, nun dem
+eigenen Lande nutzbringend erhalten werden können.
+
+Schon im Jahre 1734 sagte Réaumur die Herstellung künstlicher Seide
+prophetisch voraus. Doch sollten von der Prophezeiung bis zur Erfüllung
+des Wortes hundertundfünzig Jahre vergehen: im Jahre 1884 meldete der
+französische Chemiker Graf Hilaire de Chardonnet seine ersten Patente zur
+Herstellung einer seither Chardonnetsche Seide genannten Kunstseide an.
+
+Das Verfahren Chardonnets ist sehr einfach: Gereinigte Baumwolle wird etwa
+fünf oder sechs Minuten lang in eine Mischung von starker Salpetersäure und
+Schwefelsäure eingetaucht. Hierauf nimmt man die Baumwolle aus dem
+Säurebade, läßt die Säure 24 Stunden abtropfen und wäscht das Produkt mit
+Sodalösung. Das auf diese Weise erhaltene Material gleicht im Ansehen zwar
+der Baumwolle, aber ihr Charakter, ihre Seele ist vollkommen verändert: der
+schwere Leidensweg durch das scharfe Säurebad hat, so möchte man meinen,
+ihre geduldige Gleichgültigkeit in höchste Reizbarkeit, ihre milde Güte in
+wilde Bosheit umgewandelt. Ein Schlag darauf, und sie explodiert heftig.
+Sie ist nun nichts anderes als die bekannte Schießbaumwolle, die auch auf
+»rauchloses Pulver« verarbeitet wird.
+
+Chardonnet löst nun diese Schießbaumwolle in einer Mischung von Äther und
+Alkohol und erhält so eine dicke Flüssigkeit -- das in der Photographie und
+Pharmazie viel verwendete Kollodium. Diese Lösung läßt er in einem
+eigenartigen Apparat durch haardünne Öffnungen von 0,08 +mm+ Durchmesser
+ausfließen und in Wasser eintreten. Hierbei geht der Alkohol an das Wasser
+ab, und es bleibt ein feiner Seidenfaden zurück. Aber dieser Faden ist
+leicht entflammbar, ja sogar sehr explosiv und gefährlich für den, der mit
+ihm umzugehen hat. Er muß daher zur Entfernung seiner explosiven
+Bestandteile in einer Lösung von Schwefelnatrium gewaschen und hierauf
+getrocknet werden. Auf diese Weise erhält man eine ausgezeichnete
+Kunstseide, die für Weberei, Wirkerei und Posamenterie ausgezeichnet
+verwendbar ist. Chardonnet hat seine Aufgabe glänzend gelöst.
+
+»Wenn die Könige bau'n, haben die Kärrner zu tun.« Kaum hatte Chardonnet
+einen entschiedenen Sieg errungen, als sich eine Unzahl von Chemikern auf
+das Kunstseideproblem stürzte. Ein Pionier voll Geist hatte den Weg
+gebahnt, die Masse folgte nach. Ein Adler war hoch hinaufgestiegen und
+bemerkte nicht den Zaunkönig, wollte ihn nicht bemerken, den Zwerg, der auf
+ihm saß, um, durch fremde Kraft in höchste Höhen getragen, ihn um einige
+Meter zu überfliegen.
+
+Sechs Jahre später wurde eine neue Kunstseide patentiert: der sogenannte
+Glanzstoff. Hier wird, wie auch von den späteren Nachfolgern und
+Nachahmern, dasselbe Ausgangsprodukt und dasselbe mechanische Prinzip
+zur Herstellung des Fadens verwendet. Der Unterschied besteht bloß in
+der Lösungsflüssigkeit für die Baumwolle: bei Chardonnet
+Salpeter-Schwefelsäure, beim Glanzstoff Kupferoxydammoniak und bei der
+infolge ihrer Billigkeit immer mehr zur Verwendung gelangenden Viskose
+Natronlauge und Schwefelkohlenstoff. -- An Stelle der Baumwolle kann
+auch der aus Holz gewonnene Zellstoff als Ausgangsmaterial verwendet
+werden.
+
+Von dem jetzigen Umfange der Kunstseideindustrie erhalten wir eine kleine
+Vorstellung, wenn wir hören, daß jährlich weit über 3 000 000 +kg+ erzeugt
+werden. Diese Industrie ist auch ein treffliches Beispiel für die
+»veredelnde« Wirkung der chemischen Arbeit, da aus einem Raummeter Holz,
+das im Wald einen Wert von 3 Mark hat, Kunstseide im Wert von 5000 Mark
+erzeugt wird, also eine 1500 fache Werterhöhung.
+
+Dies alles klingt sehr wunderbar, aber in 50 Jahren wird kein Mensch
+mehr die Kunstseide für etwas Wunderbares halten, denn durch die
+Gewohnheit und durch stetigen Gebrauch wird auch das Wunderbare etwas
+Selbstverständliches. Wer wundert sich denn heute noch über die
+Billigkeit des _Papiers_, wer staunt in unserer Zeit noch darüber, daß
+die Menschheit jährlich über 600 000 Waggonladungen Papier verbraucht?
+Und doch ist die Zeit nicht allzufern, wo alles Papier »geschöpft«
+wurde, mühselig geschöpft aus mühselig hergestelltem Hadernbrei. Und
+heute? Heute werden ganze Waldungen von Holz in Riesenkochern durch eine
+Lösung von schwefligsaurem Kalk, den man auf eine sehr einfache Art
+herstellt, zu blendend weißen Fasern, Zellstoff oder Zellulose genannt,
+zerkocht, und diese Fasern zu Papier verarbeitet. So ist auch das
+heutige Papier und mit ihm unsere moderne Kultur, die zum großen Teile
+darauf aufgebaut ist, einem Triumphe der Chemie zu danken.
+
+Doch noch andere, heute bereits unentbehrliche Ersatzstoffe sind von der
+chemischen Technik geschaffen worden, und gar manche von ihnen dienen
+Zwecken, die man zur Zeit der Erfindung gar nicht voraussehen oder ahnen
+konnte. So suchte der Amerikaner Hyatt, 1880, nach einem Ersatz für
+Buchdruckwalzenmasse, die bis heute durch Mischen von Gelatine und Glyzerin
+in der Wärme hergestellt wird, und fand bei seinen Versuchen, als er eine
+Lösung von Schießbaumwolle mit Kampfer zusammenknetete, etwas neues,
+unendlich Wertvolleres, das _Zelluloid_, das heute zur Erzeugung der
+mannigfaltigsten Gebrauchs- und Schmuckgegenstände dient, und dessen
+Herstellung und Verarbeitung viele Tausende von Menschen beschäftigt.
+Diesem ersten Ersatz für Hartgummi und Elfenbein folgten im Laufe der Zeit
+mehrere andere, darunter der _Galalith_. Dieser wird aus dem Kasein, dem
+Käsestoff der Milch, hergestellt, indem man diesen Stoff durch Hinzufügung
+von gewissen Chemikalien, wie Formaldehyd usw., unlöslich macht.
+
+Die jüngste Errungenschaft auf dem Gebiete der Ersatzstoffe ist der
+_künstliche Kautschuk_. Aber dessen Herstellungskosten müssen erst
+bedeutend herabgesetzt werden, bevor ein erfolgreicher Wettbewerb mit dem
+natürlichen Kautschuk möglich sein wird.
+
+Wenn wir von einer Romantik der Chemie sprechen, so geschieht dies nicht
+zum mindesten deshalb, weil sie über ihren märchenhaften Zielen die
+Bescheidenheit und die Liebe zum Kleinen nicht verlernt hat. In der Tat,
+kein Gebiet, kein Stoff ist so gering, daß die Chemie ihm nicht die
+sorgfältigste Aufmerksamkeit zuteil werden ließe. Die Chemie hat alle nicht
+bloß berufen, sondern auch auserwählt. Vor ihrem Gerichtshof gibt es keine
+Standesunterschiede. Nicht nur Seide und Elfenbein sind würdige Gegenstände
+ihrer Bemühung, sondern ebenso der gewöhnliche Bauziegel und das Holz in
+seinen verschiedenen Formen.
+
+ Die Verwendung der Schwefelsäure in der chemischen Industrie.
+ |
+ |
+ Anorganische Chemie
+ |
+ +----------+--------+-------+------------+--------+-------------+----------~
+ | | | | | | |
+ | | | | Mutterlauge des | |
+ Chilesalpeter | Chlorkalium | Chilesalpeters | Phosphorit
+ | | | | | | |
+ | Kochsalz | Brommagnesium- | Flusspat |
+ | | | Lauge | | |
+ | | | | | | |
+ | | | | Braunstein | | +---+----+
+ +------+---+----+---+---+ +------+-----+ | | |
+ | | | | | | | | |
+ Salpeter- | Salzsäure | Brom Jod Flussäure Super- Phosphor-
+ säure | | phosphat säure
+ Sulfat Kaliumsulfat |
+ | | |
+ | | |
+ (Glas, Soda, Zellstoff) (Pottasche) (Phosphor)
+
+
+ ~----+------+---------+-------+----------+----------+-------------+
+ | | | | | | |
+ | | | | | | |
+ | | | | | Kupferstein u. |
+ | Bauxit, Ton | Monazit | Schwarzkupfer |
+ | | | | | | |
+ Gaswasser | Chromerz | Silberhaltiges | Pyritabbrände
+ | | | | Gold | |
+ | | | | | | |
+ | | | | | | |
+ | | | | | | |
+ | | | | | Silberhalt. Rückst. |
+ | Aluminium- | Thorsulfat | u. Kupfervitriol |
+ | sulfat | | | |
+ Ammon- | Chromate | Feingold u. Kupfer-, Zink-
+ sulfat | | Feinsilber u. Eisenvitriol
+ | | |
+ (Alaun) (Glühkörper) (Höllenstein)
+
+
+
+
+ |
+ Organische Chemie
+ |
+ +-------+---------+--------+-------+----+-----+---------+---------+---------~
+ | | | | | | | |
+ | | | | | | | |
+ | | | Rückstände | | | |
+ | | | der Erdöl- | Pflanzen-Rohöle | |
+ Alkohol Graukalk | Destillation | | | |
+ | | | | | | | |
+ | | Rohpetroleum, | Rohparaffin, | Fette Glycerin
+ | | Roh-Benzin | rohe Paraffinöle | | |
+ | | | | Ozokerit | | |
+ | | | | | | +----+----+ | Salpeter-
+ | | | | | | | | | säure
+ | | | | | | | | +----+---+~
+ Aether Essig- Leucht- | Paraffine | Fett- Glycerin |
+ säure petroleum, | Paraffinöle | säuren, |
+ Benzin | Ceresin | Stearin Nitro-
+ | | glycerin
+ Schmieröle u. Gereinigte |
+ Vaselin Pflanzenöle Dynamit u.
+ Schiesspulver
+
+
+ ~---+-------+-------+---------+-------+-------+------+----------+--------+
+ | | | | | | | | |
+ | | | | | | Benzol, | |
+ | | | | | | Naphtalin, | |
+ | | | | | | Phenole, | |
+ | | | | | | Naphtole | |
+ Cellulose | Papier | Phenolnatrium | etc. | Naphtalin
+ | | | | | | | | |
+ | Stärke | Rohe Stein- | Benzol, | Anthrachinon |
+ | | | kohlenteeröle | Naphtalin, | | |
+ | | | | | Naphtylamine |Salpeter- | |
+ | | | | | etc. | säure | |
+ ~---+ | | | | | +---+ | |
+ | | | | | | | | |
+ Nitro- | Vegetabilisches | Carbolsäure | Nitrokörper | Phtalsäure
+ Cellulose | Pergament | | | | |
+ | | | Sulfosäuren | Anthrachinon- |
+ | Stärkezucker Gereinigte | | sulfosäuren |
+ | Teeröle | | | |
+ | | | | (Indigo,
+ (Celluloid, Kunstseide, (Phenole, | | Eosine)
+ Explosivstoffe, Schiesspulver) Naphtole | |
+ Farbstoffe) | (Alizarinfarbstoffe)
+ |
+ (Amidokörper, Diazo- u. Azo-
+ verbindungen, Farbstoffe,
+ Medikamente)
+
+Ziegel und Holz sind, wie eigentlich alle Stoffe, am meisten in jenen
+Gegenden geschätzt, die daran arm sind. Wo Bausteine und Tonlager fehlen,
+da ist es natürlich um die Errichtung von Gebäuden, und damit um den
+Kulturfortschritt, traurig bestellt. Da fand die Chemie einen Ausweg,
+wenigstens für sandreiche Gegenden, indem sie den _Kalksandsteinziegel_
+bildete, der sich trotz seiner Jugend immer größere Verwendungsgebiete
+erobert, und das mit Recht, denn sein Aussehen ist schön, seine Festigkeit
+groß, seine Herstellung einfach und billig. Man mischt nämlich den Sand mit
+so viel Kalkmilch, daß man ihn in Formen pressen kann, worauf diese Masse,
+die eigentlich nichts anderes ist als fester Mörtel, in Ziegelform, mit
+Dampf behandelt wird. Die Fabrikation dieser Ziegel nimmt weniger als
+36 Stunden in Anspruch und unterscheidet sich durch diese Schnelligkeit
+vorteilhaft von der Herstellung der Tonziegel.
+
+Ein ausgezeichneter Holzersatz für Fußboden- oder Treppenbelag der
+hauptsächlich aus Sägespänen besteht, ist der _Xylolith_, ein Holzstein,
+der fast die Wärme des Holzes und fast die Feuerfestigkeit des Steines
+besitzt. Seine Herstellung ist äußerst einfach; man vermischt Sägespäne mit
+etwas gebranntem Magnesit, feuchtet die Masse mit einer Lösung von
+Chlormagnesium an, bis sie breiig-teigartig ist, und läßt sie, in beliebige
+Formen gepreßt, an der Luft trocknen. Für fugenlosen Fußbodenbelag wird die
+teigige Masse 1 +cm+ dick glatt auf den Blindboden aufgetragen, worauf man
+sie trocknen läßt. Die trockene Xylolithmasse kann man ungefähr so wie Holz
+bearbeiten. Da sie überdies durch Zumischung von Erdfarben zu den
+Sägespänen beliebig gefärbt werden kann, ist es leicht begreiflich, daß
+dieser »Holzzement« sich einer stets zunehmenden Beliebtheit und wachsenden
+Verwendung erfreut.
+
+ Die auf Seite 35 beigefügte Tabelle aus dem »Deutschen Museum«
+ zeigt uns die vielseitige Verwendung der Schwefelsäure in der
+ chemischen Industrie.
+
+So sorgt die Chemie, indem sie zahlreiche nützliche Stoffe herstellt, für
+die Bequemlichkeit des Menschen. Darüber vernachlässigt sie aber nicht das
+Gebiet des im höheren Sinne Angenehmen und Sinnerfreuenden.
+
+Seit der Mensch in Wahrheit ein Mensch ist, erfreut sich sein Auge an dem
+saftigen Grün und den vielfarbigen Blumen der Wiesen, an dem Blau des
+Himmels und dem Purpur und Rot des Sonnenaufganges. Das Schöne erfreut ihn,
+das Schönste erscheint ihm heilig. Er liebt die _Farbe_, den bunten Schmuck
+und glaubt, wenn er sich selbst damit ziert, liebenswerter zu werden. So
+jauchzt er auf, wenn er irgendwo zufällig eine bunte, erdige Farbe findet
+und bemalt sich mit dem kostbaren Gute in einfacher Weise Gesicht und
+Körper. Hat er einmal die Stufe der Nacktheit überwunden und es bis zur
+Herstellung von Gewändern, zum Verspinnen und Verweben von Flachs und
+Schafwolle gebracht, so trachtet er, den Schmuck der Färbung auf das Gewebe
+zu übertragen. Jahrhundertelang muß er da wohl suchen und versuchen, bis er
+endlich durch Zufall einige brauchbare, dauerhafte Farbstoffe findet, den
+Purpur der Purpurschnecke, den Krapp und den Indigo und einige Farbhölzer.
+
+Durch Jahrtausende blieb die Farbstoffkenntnis des Menschen auf diese
+wenigen Stoffe beschränkt, unter denen der _Indigo_ der wichtigste ist. Er
+wird als blaue Farbe aus dem Safte der Indigopflanze und des Waid in
+primitiver Weise hergestellt. Kurz vor der Blüte werden die Pflanzen dicht
+über dem Boden abgeschnitten, hierauf in Bottiche oder gemauerte Gruben
+gebracht und mit Wasser bedeckt. Nach zwölf bis fünfzehn Stunden wird das
+nun gelb gefärbte Wasser in einen zweiten, tiefer gelegenen Bottich
+abgelassen und daselbst durch Schlagen mit schaufelartigen Stangen oder
+durch ein Schaufelrad in vielfache innige Berührung mit der Luft gebracht,
+wodurch der gelöste Pflanzensaft unlöslich wird und sich als blauer Schlamm
+am Boden absetzt. Dieser Schlamm wird gut gewaschen, gepreßt und getrocknet
+und stellt nun den »natürlichen« Indigo des Handels dar.
+
+Vor der Eröffnung des Seewegs nach Ostindien wurde der in Europa verwendete
+Indigo aus dem Waid gewonnen, der seit dem neunten Jahrhundert in
+Frankreich und Deutschland stark angebaut wurde. Nach der Eröffnung des
+Seeweges wurde der Waid immer mehr durch den indischen Indigo verdrängt,
+und weder Gesetze noch Monarchen waren imstande, die Einfuhr aus Indien zu
+hemmen, so daß der europäische Waidbau schließlich zugrunde gehen mußte.
+
+Wenn wir uns vor Augen halten, daß der Indigo in der Indigopflanze nicht
+fertig gebildet ist, und daß statt seiner die Pflanze nur eine fast
+farblose Substanz, Indigoweiß genannt, enthält, daß dieses Indigoweiß sich
+im Wasser löst und durch Berührung mit Luft blaues Indigopulver ergibt,
+also auf ähnliche, aber umständlichere Weise entsteht wie der Eisenrost aus
+dem Eisen, da wird es uns klar, daß diese Entdeckung sicherlich einer Reihe
+höchst merkwürdiger Zufälle und dem Aufwande scharfer Beobachtung zu danken
+ist. Durch Zufall ist wohl ein Bund von Indigopflanzen in einen
+Wasserbottich oder Teich geraten, durch Zufall oder vielleicht in
+gedankenlosem Spiele sind die Pflanzen dann durch Schaufeln oder sonstwie
+mit Luft in Berührung gebracht und von einem scharfen Beobachter das
+ausgeschiedene blaue Indigopulver bemerkt worden. Ähnlichen Zufällen hat
+man wohl die Herstellung des Krapps aus der Färberröte und des Purpurs aus
+der Purpurschnecke zu verdanken.
+
+So mußte sich denn die Färberei lange, lange Zeit hindurch mit ganz wenigen
+Farbstoffen begnügen, bis man endlich, mit Hilfe der immer leistungsfähiger
+werdenden Chemie und nicht ohne Benutzung glücklicher Zufälle dahin kam,
+die längst erblaßte und vergangene Farbenpracht längst versunkener
+geologischer Zeiten wieder herzustellen und aufzufrischen. Denn nichts
+anderes als Leichname der Pflanzenwelt eines früheren Erdalters sind die
+Kohlenlager, denen wir heute nebst so vielem anderen die Teerfarben, auch
+_Anilinfarben_ genannt, zu verdanken haben, die an Mannigfaltigkeit die
+Naturfarben übertreffend, die bunte Pracht der modernen gewerblichen
+Erzeugnisse ermöglichen.
+
+Wenn man Kohle unter Luftabschluß erhitzt -- dies wird, wie bereits früher
+bemerkt, von der Leuchtgas- und Koksindustrie in größtem Maßstabe
+ausgeführt -- so hinterbleibt der bekannte poröse Koks, während Leuchtgas
+und Teer in heißem Zustand entweichen. Durch Abkühlung wird der Teer
+verflüssigt und dadurch zugleich das Leuchtgas in reinem, teerfreiem
+Zustande erhalten.
+
+Dieser schwarze Steinkohlenteer ist der Grundstoff und der Ausgangspunkt
+der Teerfarbenindustrie.
+
+ Die nebenstehende Tafel zeigt die Vielseitigkeit der Farbstoffe
+ und der Nebenprodukte, die alle aus Teer gewonnen werden.
+
+Der Steinkohlenteer ist eine Mischung mehrerer Kohlenstoffverbindungen, von
+denen Benzol, Phenol, Kresol, Naphthalin und Anthrazen die wichtigsten
+sind. Sie alle werden bei der Destillation des Steinkohlenteers gewonnen
+und ergeben, nachdem sie mehreren chemischen Verfahren unterzogen wurden,
+die bekannten Teerfarbstoffe, deren erster, das Mauvein, im Jahre 1856 von
+W. H. Perkin in London dargestellt wurde.
+
+Diese ursprünglich englische Industrie kam in Deutschland zu ungeahnter
+Blüte und feierte hier ihre größten Triumphe. Sie trat mit der Natur selber
+in Wettbewerb und übertraf, überwand, besiegte sie in dem Streite um das
+Krapprot und in dem Streite um den Indigo.
+
+ [Illustration: Gewinnung der Teerfarbstoffe und ihrer farblosen
+ Ausgangs- u. Zwischenprodukte aus dem Teer. Die Höhe der
+ schraffierten Streifen gibt annähernd die betreffende Mengen der
+ gewonnenen Farbstoffe wieder.]
+
+Vor dem Jahre 1868 wurde die Menge des jährlich erzeugten Krapps auf
+70 Millionen Kilogramm geschätzt. Im Jahre 1868 entdeckten Graebe und
+Liebermann, daß der Krapp, auch Alizarin genannt, auf eine sehr einfache
+Art aus dem Anthrazen, einem der oben erwähnten Bestandteile des
+Steinkohlenteers, hergestellt werden könne. Infolge dieser Entdeckung wird
+heute das Krapprot nicht mehr aus der Pflanze, sondern in den chemischen
+Fabriken erzeugt, und der Krappbau, der zumal für Südfrankreich von großer
+Bedeutung war, hat heute fast vollständig aufgehört.
+
+Dasselbe Schicksal wird dem natürlichen Indigo zuteil, seitdem wir nach
+A. v. Baeyers Entdeckung den Indigo billiger und reiner, als es die
+Pflanzenkraft vermag, herstellen. So unterliegt auf diesem Gebiete die
+Landwirtschaft der chemischen Industrie. Im Jahre 1889 kamen noch
+33 612 Kisten Indigo aus Indien nach Europa. Heute hat die Einfuhr wegen
+der gewaltigen Erzeugung des künstlichen Indigos in Deutschland fast ganz
+aufgehört. Ein paar Fabriken bringen heute das hervor, was früher große
+Landstrecken in Indien erzeugten.
+
+Eine riesige Industrie setzt in Deutschland die wissenschaftlichen
+Errungenschaften der Teerfarbenchemie in wirtschaftliche Werte um. Von den
+zahlreichen großen Fabriken dieser Art sei nur die größte, die im Jahre
+1865 gegründete _Badische Anilin- und Sodafabrik_ in Ludwigshafen am Rhein,
+mit einigen Ziffern gekennzeichnet, um von der Ausdehnung dieser Industrie
+einen kleinen Begriff zu geben:
+
+Diese Fabrik beschäftigt heute über 200 Chemiker, 150 Ingenieure,
+900 kaufmännische Beamte und über 8000 Arbeiter. Der Grundbesitz der Fabrik
+beträgt 220 +ha+. Davon sind 411 200 +qm+ mit 450 Fabrikgebäuden,
+656 Arbeiter- und 108 Beamtenwohnungen bebaut. Sie verbraucht jährlich etwa
+35 000 Waggons Kohlen. Damit werden 160 große Dampfkessel geheizt, die
+386 Dampfmaschinen treiben und 25 000 Pferdestärken erzeugen. Es werden
+jährlich 50 000 000 Kubikmeter Wasser und 12 000 000 Kilogramm Eis
+verbraucht. Eine eigene Gasfabrik liefert etwa 22 000 000 Kubikmeter Gas
+zur Heizung und Beleuchtung. Außerdem sind Dynamomaschinen mit zusammen
+10 000 Pferdestärken vorhanden, die 500 Elektromotoren, 1400 Bogenlampen
+und 20 000 Glühlampen mit Elektrizität versorgen.
+
+Neben dieser Fabrik sind vor allem die Farbwerke vormals Meister, Lucius
+und Brüning in Höchst am Main hervorzuheben (Abb. 18).
+
+ [Illustration: Abb. 18. Gesamtansicht der Farbwerke vormals
+ Meister, Lucius u. Brüning, Höchst a. M.]
+
+Es sind heute insgesamt ungefähr siebzig Teerfarbenfabriken in Tätigkeit,
+die jährlich Farbstoffe im Werte von über 200 000 000 Mark erzeugen und die
+Farbengier der ganzen Welt befriedigen. Das Kopftuch der Böhmin, der Schal
+der Kreolin, der Sombrero des Mexikaners, der Fez des Türken, das Gewand
+des Muezzin, der feine Perser- und der billige Juteteppich, die
+Steinnußknöpfe des Negers, der Turban des Mohammedaners, die bunten
+Plakate der Tanzunterhaltungen, die Ornamente der Tanzordnung, die Schuhe
+und Seidengewänder der Ballkönigin, die Uniform des Marschalls und des
+gemeinen Soldaten, die Kutte des Mönches und der Purpur des Kardinals, der
+Hut des Bettlers und die Schleppe der Königin, sie alle sind geziert,
+geschmückt und gefärbt durch die wunderbaren Stoffe, die, aus der dunklen,
+toten Kohle hervorgezaubert, den Triumph des regenbogenfarbigen Lebens
+verkünden. So erwächst aus der Vernichtung der Vorwelt das Streben und die
+Bejahung eines neuen Lebens, so folgt auch hier dem frostigen, dunklen
+Winter ein neuer lichter Frühling, ein Wiedererwachen der schlummernden
+Kräfte und Möglichkeiten der Natur. Ein geringer Stoff, die Kohle, ist zur
+Königin geworden, weil er, ohne sich vorzudrängen, im Bewußtsein seines
+Wertes seine Zeit abwartete.
+
+Hat hier die Chemie mit milder Ruhe farbige Schönheit geschaffen, so hat
+sie in der Erzeugung von gewaltigen Zerstörungsmitteln, in der Steigerung
+der menschlichen Kraft und Leistungsfähigkeit nicht weniger geleistet. Wenn
+wir heute keine uneinnehmbaren Festungen mehr kennen, wenn wir die
+mächtigsten Kriegsschiffe durch Torpedos vernichten, Felsen sprengen und
+durchbohren, den Atlantischen Ozean mit dem Stillen verbinden und Berge
+versetzen können, so ist dies nur möglich durch die wunderbar gewaltigen
+Kräfte, die -- dank der Entwicklung der Chemie -- in einer kleinen
+Stoffmenge aufgehäuft werden können, durch Kräfte, die wie gefesselte
+Riesen, sich ruhig verhalten, bis die Fessel gelöst ist, durch jene Stoffe,
+die nach der Art ihrer Wirkung, als _Sprengstoffe_ bezeichnet werden.
+
+Bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein war nur _ein_ Sprengstoff in
+Verwendung, das bekannte Schießpulver, das eine Mischung von Kohle,
+Schwefel und Salpeter ist, durch dessen Entzündung und darauffolgende
+Verbrennung große Gasmengen so rasch gebildet werden, daß die fesselnde
+Kapsel des Pulvers zersprengt und jedes Hindernis, das sich der Ausdehnung
+der Gase in den Weg stellt, fortgeschleudert wird, daß, mit anderen Worten,
+eine Sprengwirkung eintritt. Diese Mischung war vielleicht schon Hannibal
+bekannt. Jedenfalls bedeutet das unklare Wort »+acetum+«, womit, wie Livius
+sagt, Hannibal die seinen Marsch behindernden Felsen aus dem Wege räumte,
+einen schießpulverähnlichen Sprengstoff, und nicht, wie die Philologen
+sonderbarerweise meinen, »Essig«.
+
+Als zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die Chemie mündig ward, da wurde
+nicht nur die Zahl der Sprengstoffe bedeutend vermehrt, sondern auch ihre
+Wirkungskraft ins Riesenhafte erhöht. (Dabei spielt besonders die
+Verwendung der Salpetersäure und der Salpeterschwefelsäure eine große
+Rolle.)[1] Es wurde -- um nur die wichtigsten Produkte zu nennen -- die
+Schießbaumwolle, das Dynamit, die Pikrinsäure und die Sprenggelatine
+dargestellt. Die Schießbaumwolle ist heute ein Hauptbestandteil der meisten
+rauchlosen Pulver, das Dynamit und die Sprenggelatine werden zu technischen
+Sprengungen aller Art verwendet, während die Pikrinsäure den
+Hauptbestandteil des französischen Melinits bildet, und das englische
+Geschützpulver Lyddit nichts anderes ist als geschmolzene Pikrinsäure.
+
+ [1] Über die vielseitige Verwendung der Salpetersäure und der
+ Salpeterschwefelsäure in der Sprengstoffabrikation wie in der
+ chemischen Technik überhaupt gibt die beifolgende Tabelle aus
+ dem »Deutschen Museum« Aufschluß:
+
+ Die Verwendung der Salpetersäure in der chemischen Technik.
+ |
+ |
+ +-----+-----+--------+----+---+--+------+------+-----+------+----+------+
+ | | | | | | | | | | | |
+ Schweflige| Ammoniak | Silber | Eisen |Quecksilber | Zucker, |
+ Säure | | | | | | | | | Holz etc. |
+ | | | | | | | | | | | |
+ | Salzsäure | Arsenik | Kalk | Thorerde | Alkohol | Stärke
+ | | | | | | | | |\____ | | |
+ | | | | | | | | | \| | |
+ Schwefel- | Ammon- | Silber- | Eisennitrat | Quecksil- | | |
+ säure | salpeter | nitrat | (Seiden- | bernitrat | Oxal- |
+ | | | | | färberei) | (Filzfa- | säure |
+ | | | | | | brikation) | |
+ | | | | | | | Dextrin
+ Königs- | Arsen- | Kalksalpeter Thornitrat Knall-
+ wasser | säure | (künstl. Dünger) | queck-
+ | | | | silber
+ (Sprengstoffe, | | (Glühkörper)
+ Lachgas) | |
+ | |
+ (Fuchsin) |
+ |
+ (Chlor-, Brom-,
+ Jodsilber etc.)
+
+
+
+ Salpeterschwefelsäure
+ |
+ |
+ +-------+--------+------+------+----+----------+------+------+---------+
+ | | | | | | | | |
+ Glycerin | Benzol | Phenol | Naphtol | Benzaldehyd
+ | | | | | | | | |
+ | Cellulose | Toluol | Naphtalin | Zimmtsäure |
+ | | | | |\_____ | | | |
+ | | | | | \ | | | |
+ Nitro- | Nitrobenzol | | Pikrinsäure | | Nitro- |
+ glycerin | | | | | | | zimmtsäure |
+ | | | | | | Nitro- | | |
+ | Nitrocellulose | Nitrotoluol | | naphtalin | | Nitrobenz-
+ | | | | | | | | | aldehyd
+ | | (Anilin) | Nitrophenole | | Martiusgelb | |
+ | | | | | +----+---+
+ | (Collodium, | | | | |
+ | Celluloid, (Toluidin) | | (Naphtylamine) |
+ | Kunstseide, | | (Indigo)
+ | Explosivstoffe) (Amidophenole) |
+ | |
+ Dynamit (Pikratsprengstoffe)
+ (Sprengge-
+ latine etc.)
+
+ Metallätzung:
+ Kupfer- und Stahlätzung (graphische Kunst), Gelbbrennen des Messings,
+ Färben des Goldes, Weissblechätzung.
+
+Alle diese Sprengstoffe entstehen durch die Einwirkung der für sich nicht
+explosiven Salpetersäure auf ganz »unschuldige« Stoffe wie Baumwolle,
+Glyzerin oder Phenol, das auch Karbolsäure genannt wird. Hier bewährt sich
+wieder das Dichterwort: Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.
+
+So verwandelt die Salpetersäure die Baumwolle in Schießbaumwolle, das
+Glyzerin in das ölige Nitroglyzerin, die Karbolsäure in Pikrinsäure. Die
+Schießbaumwolle wird entweder für sich angewendet oder mit Nitroglyzerin
+vermischt (Sprenggelatine), oder mit Pikrinsäure vermischt (Melinit).
+
+Geschmolzene Pikrinsäure bildet den Lyddit. Das Nitroglyzerin hingegen,
+eine ölige Flüssigkeit von gelber bis bräunlicher Farbe, findet in reinem
+Zustand wegen seiner ungeheuren Explosivität keine Anwendung und muß, um
+verwendbar zu werden, erst von Kieselgur, einer lockeren Erde, aufgesaugt
+werden. Es heißt in dieser, von Alfred Nobel entdeckten Form, Dynamit
+(Abb. 19).
+
+So ist das alte, rauchige, schwarze Schießpulver seiner höchsten Ehren
+entkleidet worden. Nur zwei Gebiete sind seinem Machtbereich zum Teil
+verblieben, die Jagd und die Feuerwerkerei.
+
+Die meisten der in der Feuerwerkerei unter dem Namen »_Feuerwerksätze_«
+verwendeten Mischungen bestehen aus Schwarzpulver oder einer aus seinen
+Bestandteilen, also aus Salpeter, Schwefel und Kohle, zusammengesetzten
+Mischung, wobei je nach dem Zweck der eine oder andere dieser Bestandteile
+überwiegt. Bei Leuchtsätzen, wo es also darauf ankommt, ein helles,
+lebhaftes Licht zu erzielen, wird der Salpeter ganz oder teilweise durch
+chlorsaures Kali ersetzt. Während die Leuchtsätze hauptsächlich chlorsaures
+Kali, Salpeter und Schwefel, sowie färbende Bestandteile enthalten und als
+Treibmittel für sie Schießpulvermehl verwendet wird, ist bei den
+Brandsätzen dem Schießpulvermehl noch ein leicht verbrennlicher Körper
+zugemischt, der so langsam verbrennt, daß er während des Brennens genügend
+Zeit hat, andere Stoffe in Brand zu setzen.
+
+Die farbigen Feuer entstehen durch die Beimengung verschiedener Salze zu
+den Leuchtsätzen. So wird für weiße, hell leuchtende Feuer, für
+Leuchtkugeln, Signale usw. Magnesium als Grundlage benutzt. Grüne Farben
+werden durch die Beimischung von Barytsalzen, rote durch Strontiumsalze,
+blaue durch Kupfersalze und gelbe durch besonders große Mengen von Schwefel
+und Salpeter erzeugt.
+
+ [Illustration: Abb. 19. Apparat zur Herstellung von Dynamit.
+ (Aus der Aktiengesellschaft Dynamit Nobel, Wien.)]
+
+Nicht minder interessant und nicht minder wichtig als die mächtigen
+Sprengstoffe sind die _Zündstoffe_, die uns in Form von Zündhölzchen
+unentbehrlich geworden sind. Die Schwierigkeit und Unbequemlichkeit der
+Feuerherstellung durch Stein und Zündschwamm können wir uns heute kaum mehr
+vergegenwärtigen. Die einst vielbewunderte, uns plump erscheinende
+Döbereinersche Zündmaschine, in der durch die Einwirkung von Schwefelsäure
+auf Zink Wasserstoff erzeugt wird, der sich am Platinschwamm entzündet, ist
+für uns nichts anderes als eine historische Merkwürdigkeit, ein Kuriosum
+der Physikstunde. Und die Chanceschen Tunkfeuerzeuge, zu deren Gebrauch man
+stets ein Fläschchen Schwefelsäure bei sich tragen mußte, um die trägen
+Schwefelhölzchen zu entzünden, erscheinen uns heute ebenso gefährlich wie
+unangenehm. Und mit Recht. Denn heute sind wir in der Lage, ein Streichholz
+zu entzünden, ohne eine Flüssigkeit bei uns zu tragen, und ohne Gefahr
+einer Selbstentzündung oder Vergiftung. Diese Gefahr der Selbstentzündung,
+Vergiftung und Explosion bestand selbst bei den ersten Phosphorhölzchen,
+und diese Nachteile mußten Schritt für Schritt durch mühselige, harte
+Arbeit beseitigt werden. Zunächst setzte man die Entflammbarkeit des
+Zündholzkopfes durch Zumischung von Schwefelnatrium und anderen Substanzen
+herunter.
+
+Doch auch diese Hölzchen waren äußerst giftig und gefährlich, sowohl bei
+der Herstellung wie bei der Verwendung, so daß nicht nur der Absatz
+schwierig, sondern die Beschaffung von Arbeitern fast unmöglich war. Erst
+gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden diese Mißstände behoben, indem
+es gelang, den giftigen gelben Phosphor durch einfaches Erwärmen in eine
+neue, ungiftige Abart, den roten, amorphen Phosphor zu verwandeln, der eine
+neue Großindustrie, die Fabrikation der »schwedischen« Zündhölzchen,
+ermöglichte. Die schwedischen Zündhölzer enthalten keinen Schwefel und
+keinen Phosphor. Ihre Zündmasse besteht aus einem Gemenge von chlorsaurem
+Kali, chromsaurem Kali, Glaspulver und Gummi als Bindemittel. Sie entzünden
+sich nur an einer zubereiteten Reibfläche, die ein Gemenge von gleichen
+Teilen von rotem amorphem Phosphor, Schwefelkies und Schwefelantimon
+enthält.
+
+Die Zündhölzchenindustrie hat in verschiedenen Ländern eine große
+Ausdehnung gewonnen. Schweden allein führte im Jahre 1897 über
+10 000 000 Kilogramm aus. Und so schien es, als wäre durch die Gründung
+solch großer Industrien die alte Frage des »Feueranmachens« zu endgültiger
+Entscheidung gekommen. Aber für den menschlichen Geist gibt es keine
+»endgültige« Entscheidung. Er steht nicht still, darf nicht still stehen.
+»Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück, er, unbefriedigt jeden
+Augenblick«. Und dieses Weiterschreiten ist oft ein scheinbares Zurückgehen
+auf Altes. Ein solches Zurückgehen auf alte Feuerzeuge wird heute mit den
+modernen Hilfsmitteln der Chemie versucht.
+
+Man hat gefunden, daß Zer, eines der selteneren Metalle, wenn es mit
+30% Eisen zusammengeschmolzen wird, einen Stoff mit merkwürdigen
+Eigenschaften ergibt. Fährt man mit der Klinge eines Taschenmessers oder
+mit der Spitze einer Feile über eine solche Zer-Eisen-Mischung hinweg, so
+entstehen, ohne Rauchentwicklung, Funken und Flammen von gewaltiger
+Zündkraft, so daß hiermit ein an sich ganz unexplosiver Zündstoff gegeben
+erscheint. Läßt man die Funken einer solchen Zer-Eisen-Legierung auf einen
+mit Petroleum oder Benzin getränkten Docht überspringen, so entsteht eine
+dauernde Flamme. Diese als _Feuerträger_ oder Pyrophore bezeichneten
+Legierungen nutzen sich sehr wenig ab und werden wegen ihrer guten
+Eigenschaften als Zigarrenanzünder und für ähnliche Zwecke gern verwendet.
+Ob sie in der Zukunft eine bedeutende Rolle spielen werden, bleibt
+abzuwarten.[2]
+
+ [2] Geitel, Siegeslauf der Technik.
+
+So hat die Chemie den Menschen befähigt, mit jenen Urmächten der Natur zu
+wetteifern, die die Erde aus dem Innern heraus erbeben machen, die auf der
+Sonne ihr wildes Spiel treiben, die Welten zertrümmern, um Welten
+aufzubauen. Aber der Mensch ist darin der Natur gleichgekommen, ja man
+möchte fast sagen, er hat sie übertroffen, da er die Mächte, die er in der
+Form von Sprengstoffen erzeugt, gefesselt, gebunden und derart unter seine
+Herrschaft gebracht hat, daß sie genau die von ihm verlangte Arbeit leisten
+und die erwartete Wirkung eintreten lassen. Ja, er hat sie so gebändigt und
+in gewünschter Stärke gestaltet, daß sie in Form von Zündholzchen von jedem
+Kinde gehandhabt werden können und in Form von Raketen und Feuerwerken in
+genau vorherbestimmten Formen und Farben gegen den Himmel steigen, aus dem
+Prometheus das erste Feuer zur Erde brachte.
+
+Hat diese Wirkung ins Große und Ferne, die durch die Chemie ermöglicht
+wurde, unser Interesse in hohem Maße gefesselt, so verdient die Wirkung,
+die uns die Chemie auf das Kleine und Nahe ausüben läßt, nicht minder
+unsere Aufmerksamkeit. In der Tat, es ist nicht weniger bedeutsam, die
+Vorgänge unseres Leibes sowie unser körperliches Wohlbefinden zu
+beherrschen und körperliche Schäden, Gebrechen und Leiden zu beseitigen,
+als Felsen zu durchbohren und Weltmeere miteinander zu verbinden.
+
+Es ist bemerkenswert, daß mit dem Aufblühen der Chemie auch die Medizin
+einen ungeheuren Aufschwung nahm und aus dem Gebiete der Wunder und des
+Aberglaubens einen Höhenflug im Reich der Wissenschaft antrat, der heute
+noch nicht beendet ist. Die Zeiten, wo man, abergläubischer Überlieferung
+folgend, gegen Rheumatismus ein paar Kastanien bei sich trug, das
+Schöllkraut wegen seines gelben Saftes gegen Gelbsucht, die rotgefleckten
+Blätter des Wasserbluts wegen ihrer Färbung als Wundmittel, die stacheligen
+Blätter der Distel ihrer Stacheln wegen gegen Seitenstechen empfahl, sind
+vorüber und damit auch die Zeiten der Beschwörungen und Alraune. Man ist
+gründlicher geworden und haftet nicht mehr an der oberflächlichen
+Erscheinung. Seitdem man die Ursache der Gelbsucht kennt, sucht man Mittel,
+diese _Ursache_ zu beheben und ist nicht mehr damit zufrieden, dem
+Gelbsüchtigen irgendeine gelbe Flüssigkeit einzugeben. Seit es Wöhler 1828
+gelang, den bis dahin nur im Tierkörper vorgefundenen Harnstoff künstlich
+darzustellen, ist die Fabel, daß die Vorgänge des Körpers nicht den
+chemischen, sondern ganz eigenartigen Lebensgesetzen folgen, immer mehr
+entkräftet und widerlegt worden. Heute weiß man, daß der lebende Organismus
+denselben chemischen Gesetzen untersteht wie die sogenannten anorganischen
+Stoffe. Erst auf Grund dieser Erkenntnis konnte man die Chemie der Vorgänge
+im tierischen Körper recht studieren und chemischen Mängeln des Organismus
+mit chemischen Hilfsmitteln begegnen. Erst seitdem man die Chemie des
+Blutes kennt, läßt sich Bleichsucht und Blutarmut erfolgreich behandeln.
+Erst seitdem man die Säfte des Magens gründlich erforscht hat, kann man den
+»chemischen« Magenbeschwerden beikommen. Erst seitdem man die Chemie des
+Verdauungsprozesses genau kennt, ist man in der Lage, dem Zuckerkranken die
+entsprechende Kost vorzuschreiben.
+
+Eine große Menge neuer Heilmittel ist aus demselben Stoff durch ähnliche
+Prozesse dargestellt worden, dem wir auch die Anilinfarben verdanken, aus
+dem Steinkohlenteer, der also gleichsam ein Extrakt nicht nur der
+Farbenpracht, sondern auch der Heilkraft einer längst vergangenen
+Pflanzenwelt ist. Die Wirkungsweise dieser neuen Heilmittel ist durch
+gründliche Proben festgestellt worden. Von den nach Tausenden zählenden
+Medikamenten dieser Art seien hier beispielsweise das Aspirin, Phenazetin,
+Pyramidon, Migränin, Veronal, Melubrin und Sulfonal genannt (Abb. 20).
+
+Auch die Pflanzen- und Tierwelt bietet die Mittel zur Herstellung
+medizinisch wertvoller Substanzen. So werden aus den Blättern der
+tropischen Kokapflanze das betäubende Kokain, aus tierischen Organen das
+blutdruckerhöhende Adrenalin usw. gewonnen.
+
+Noch wunderbarer als die Wirkung dieser Mittel sind die Erfolge der
+sogenannten Serumchemie, die hauptsächlich auf dem Gebiete der durch
+Bakterien verursachten Krankheiten große Triumphe zu verzeichnen hat. Das
+Serum, die Blutflüssigkeit, in der die roten und weißen Blutkörperchen
+umherschwimmen, ist, gleichsam als Auszug und Träger des Lebens, von der
+Natur mit außerordentlichen Kräften und einem besonders starken
+»Lebenswillen« bedacht worden. Es hat den Willen, sich zu erhalten, sich
+gesund zu erhalten. Und es wehrt sich mit seiner ganzen Kraft gegen den
+Einfall einer fremden Macht. Es sind im Serum Schutzmittel enthalten, die
+eingewanderte Bakterien abzutöten vermögen. Ein Einfall _Gift_
+ausscheidender, krankheitserregender Bakterien in das Blut wird von dem
+Serum mit der sofortigen Erzeugung von Gegengiften beantwortet, die die
+Giftwirkung der Bakterien aufheben. So kämpft das Serum mit der Krankheit;
+sein Sieg bedeutet Leben, seine Niederlage Tod.
+
+ [Illustration: Abb. 20. Verpackungssaal der Firma Farbenfabriken
+ vormals Friedrich Bayer & Co. A.-G., Elberfeld.]
+
+Hier hat nun die Chemie eingegriffen und es ist ihr gelungen, ihr hohes
+staunenswürdiges Ziel zu erreichen, nämlich die Wehrkraft des Serums zu
+erhöhen. Wird nämlich das Gift krankheitserregender Bakterien zunächst in
+ganz kleinen, dann allmählich steigenden Mengen einem gesunden Tiere, z. B.
+einem Pferde, in die Adern eingespritzt, so erzeugt das Serum dieses Tieres
+wachsende Mengen von Gegengift, so daß es an »Wehrkraft« stets zunimmt.
+Wird nun ein solches Tierserum unter die Haut eines an der entsprechenden
+Krankheit leidenden Menschen eingespritzt, so wird die »Wehrkraft« des
+Serums dieses Menschen ebenfalls bedeutend erhöht (Diphtherieheilserum).
+
+Die Medizin ist überdies durch die von der Chemie erzeugten zahlreichen,
+wirksamen und billigen mikrobenvernichtenden Desinfektionsmittel, wie
+Karbol, Chlorkalk, Sublimat, Ozon, Lysol, gefördert worden. Späterhin hat
+man die Desinfektion in der Form von Konservierungsmitteln auch auf das
+Gebiet der Nahrungsmittel übertragen und zwar zur Hintanhaltung der
+Fäulnis, der Gärung usw. Unter den üblichen Konservierungsmitteln sind
+besonders Salizylsäure, Borax und Formaldehyd zu nennen.
+
+Aber nicht nur auf dem Gebiete der Heilkunde hat die Chemie für das Leben
+und die Sicherheit des Menschen Großes getan, sondern sie hat sich auch auf
+dem ihr scheinbar ferner liegenden Gebiete des Gerichtswesens verdient
+gemacht. Sie hat gegen den Aberglauben gekämpft, Recht und Schuldlosigkeit
+zu Ehren gebracht und den Verbrecher eingeschüchtert. So weiß man heute,
+daß Erkrankungen infolge Genusses von Wurst, Fischen, Austern oder Fleisch
+meist nicht die Folge absichtlicher Vergiftungen sind, sondern darin ihren
+Grund haben, daß diese tierischen Stoffe, wenn sie faulen, gefährliche
+Gifte, die sogenannten Leichengifte, in sich anhäufen. Die Chemie hat
+ferner Mittel und Wege gefunden, Menschenblut, selbst in kleinsten Spuren,
+als solches zu erkennen und scharf von jedem anderen Tierblute zu
+unterscheiden. Diese Möglichkeit, die tierischen Blutarten mit Gewißheit
+voneinander zu unterscheiden, ist der Serumchemie zu verdanken. Gründliche
+Untersuchungen auf diesem Gebiete haben ergeben, daß ein mit Menschenblut
+geimpftes Kaninchen ein Serum liefert, das nur mit klarer
+Menschenblutlösung einen Niederschlag gibt, während Impfung mit Ochsenblut
+ein nur Ochsenblut fällendes, Impfung mit Schweineblut nur Schweineblut
+fällendes Serum hervorbringt. Dadurch kann man das Blut einer Tierart von
+dem jeder anderen Tierart gut unterscheiden. Allerdings muß man sich
+hierbei vor Augen halten, daß verwandte Tiergattungen gleichartige, wenn
+auch nicht gleich starke Fällungen mit den betreffenden Serumarten ergeben.
+So fällt Schweine-Kaninchen-Serum auch Wildschweinblut,
+Pferde-Kaninchen-Serum Eselblut, Menschen-Kaninchen-Serum auch Affenblut
+aus.
+
+Hier wird die entwicklungsgeschichtliche Tierforschung unmittelbar von den
+Ergebnissen der Serumchemie angeregt und befruchtet. Denn die eben
+angeführten Ergebnisse belehren uns über die Verwandtschaft der
+Tiergattungen und erleichtern so die Aufstellung eines wirklich richtigen
+Stammbaums der Tierwelt. Sie zeigen, daß das Blut _einer_ Gattung für die
+_andere_ Gift ist, daß die Essenz der Fruchtbarkeit der einen Art für die
+andere Art und für jede andere Art eine Essenz der Unfruchtbarkeit und des
+Todes ist, und daß das jeder Gattung eigentümliche Serum ein Schutzwall
+ist, den die Natur zum Zweck der Erhaltung um die Gattung gezogen hat. Nur
+die Entstehung dieser Schutzmittel ermöglicht die Entstehung der Arten aus
+gemeinsamem Ursprung, und nur die Erhaltung dieser Schutzmittel die
+Erhaltung der Arten. Nur dadurch ist es erklärlich, daß Pferd und Esel nur
+eine unfruchtbare Nachkommenschaft hervorbringen, und daß Tiere, die in der
+Verwandtschaftsreihe noch weiter auseinanderstehen, eine Nachkommenschaft
+überhaupt nicht hervorbringen können. Daher ist in instinktiver Voraussicht
+der Unnatürlichkeit einer Verbindung auch zwischen den großen Rassen der
+Menschheit eine gegenseitige Abneigung zu finden.
+
+Ohne dieses Schutzmittel der Natur würden im Laufe der Zeit nicht nur alle
+menschlichen Rassen in eine aufgehen, sondern auch die Tiergattungen würden
+Schritt für Schritt, langsam und allmählich sich miteinander vermischen und
+eine gleichförmige Gattung bilden. Ähnliches würde in der Pflanzenwelt
+Platz greifen, und offenbar würde dann auch die leblose Welt die Kraft,
+sich dem Charakter des Stoffes gemäß zu gestalten, das heißt, zu
+kristallisieren, verlieren und im Zustande einer Urmischung verharren. So
+verkörpert die Kristallgestalt der Gesteine, das Eiweiß der Pflanzen und
+das Serum der Tiere, den gestaltenden, vom Allgemeinen zum Besonderen
+gehenden Trieb der Natur, den Willen des formenden Lebens. Sie ermöglichen
+es, daß aus großem, festem, gleichförmigem Grundstoff die Natur sich
+vielgestaltig und mannigfaltig erhebt, wie die tausend Türmchen, Männchen
+und Ungeheuer eines gotischen Domes.
+
+Nach dieser kleinen Abschweifung wollen wir nun auf ein neues Gebiet der
+»Romantik« der Chemie übergehen, auf die _Wohlgerüche und Riechstoffe_.
+
+Schon die ältesten Kulturvölker Asiens sammelten die in der Natur
+vorkommenden wohlriechenden Kräuter, schätzten sie als Kostbarkeit und
+boten sie als höchste Gabe dem Heiligsten und Liebsten, den Göttern und den
+Toten dar. Wohlriechende Stoffe, wie Weihrauch, Zimt, Myrrhen usw., wurden
+den Göttern als Rauchopfer dargebracht und zum Einbalsamieren der Toten
+verwendet.
+
+Erst später kam die Sitte oder vielmehr die Unsitte auf, dem eigenen
+lebenden Leib durch fremdartige Riechstoffe »Wohlgeruch« zu verleihen, eine
+Unsitte, die bei den Griechen und Römern in den wahnsinnigsten Luxus
+ausartete, die Völker zur Befriedigung unnützer, erkünstelter Bedürfnisse
+verleitete, ihre Gedanken auf Nichtigkeiten lenkte, ihr Mark entnervte und
+schließlich den Baum ihres Lebens vom Wipfel herab bis zur Wurzel tödlichem
+Siechtum preisgab.
+
+So sind diese Riechstoffe, in höherem Grade als die anderen Gaben der Natur
+und der sie benutzenden Chemie, ein zweischneidiges Schwert. Geister, die
+nur ein weiser Zaubermeister, aber niemals ein törichter Zauberlehrling
+lenken kann. Denn bei diesem wird aus dem gefesselten Maß unbeschränkte
+Maßlosigkeit: in der Hand des der Zucht entbehrenden Zauberlehrlings wird
+der nützliche Sprengstoff ein Mittel zu vernichtender Revolution, das
+heilsame Morphium führt zum Morphinismus, und die Farbe, ohne Sinn, als
+Selbstzweck angewendet, verdirbt sowohl den Geschmack als die Kunst.
+
+ [Illustration: Abb. 21. Destillierblase.]
+
+Auch auf dem Gebiet der Riechstoffe ist jahrtausendelang, bis zum Erwachen
+der modernen Chemie, ein Stillstand zu verzeichnen, man war mit den von der
+Natur dargebotenen Riechstoffen zufrieden und verstärkte sie nur durch die
+altbekannte Kunst des Destillierens (Abb. 21).
+
+Erst im neunzehnten Jahrhundert wurde die wichtige Tatsache entdeckt, daß
+die pflanzlichen Riechstoffe, die sogenannten ätherischen Öle, den Pflanzen
+durch Dampf, sogenannte Dampfdestillation, entzogen werden, daß sie nach
+der Abkühlung des Dampfes auf dem kondensierten Wasser schwimmen und so
+leicht abgeschöpft werden können. Dies gab der Riechstoffindustrie, z. B.
+der Fabrikation des Kümmelöles, einen neuen Aufschwung. Andere Riechstoffe,
+wie Bergamottöl, Zitronenöl, Pomeranzenöl, werden durch Auspressen der
+Fruchtschalen gewonnen. Blütenparfüme werden entweder durch erwärmtes Fett
+oder durch gewisse Lösungsmittel, wie Benzin, Chloroform usw.,
+»ausgezogen«, und hierauf das Lösungsmittel durch Wärme abgetrieben, so daß
+der Riechstoff hinterbleibt (Abb. 22, 23).
+
+ [Illustration: Abb. 22. Aus der Fabrik ätherischer Öle
+ Schimmel & Comp., Miltitz-Leipzig.]
+
+Solche »Blumenauszüge« sind natürlich sehr kostspielig, da sehr große
+Blütenmengen zur Herstellung nennbarer Riechstoffmengen erforderlich sind.
+Zur Fabrikation von 1 Kilogramm Orangenblüten- oder Rosenblütenauszug sind
+700 Kilogramm frische Blüten, zur Herstellung von 1 Kilogramm
+Veilchenblütenauszug, der einen Wert von über 3000 Mark hat, 1000 Kilogramm
+Blüten nötig.
+
+Nur die südliche Natur verschwendet an ihre Flora die Wohlgerüche in
+reichlicher Weise. Die nordische Natur ist karger. So ist denn in dieser
+Hinsicht Frankreich und Italien wohl versorgt, Deutschland aber infolge
+seiner Lage auf die südlichen Länder angewiesen. Deshalb hat es mit aller
+Kraft versucht, durch die Chemie sich zu verschaffen, was ihm die Natur
+versagt hat, so hat es »künstliche Riechstoffe« hergestellt, aus dem
+billigen Öl des indischen Zitronengrases das kostbare Veilchenparfüm,
+Jonon, aus dem gewöhnlichen Nelkenöl den wertvollen Riechstoff der Vanille,
+das Vanillin, aus dem Terpentinöl das fliederduftige Terpineol, aus dem als
+Safrol bekannten Öl das angenehme Heliotropin.
+
+Ist die Farbenpracht und die Heilkraft der Steinkohlenpflanzenwelt in den
+Teerfarbstoffen und den modernen Heilmitteln wiedererstanden, so haben die
+Chemiker auch den alten Duft aus dem Steinkohlenteer hervorgezaubert und
+eine Reihe feiner Riechstoffe daraus dargestellt, indem sie die
+Karbolsäure, das Benzol, das Toluol, die Salizylsäure usw. verarbeiteten.
+So liefert die Karbolsäure das Wintergrünöl, das Benzol einen Jasminduft,
+das Toluol ein künstliches Bittermandelöl und ein Zimtöl und die
+Salizylsäure den als Cumarin bezeichneten Heu- und Waldmeistergeruch.
+
+ [Illustration: Abb. 23. Aus der Fabrik ätherischer Öle
+ Schimmel & Comp., Miltitz-Leipzig.]
+
+Eine große Verwendung finden alle diese Riechstoffe in der
+Toiletteseifenindustrie. Die gewöhnliche, grobe Seife wird durch Kochen von
+Fetten mit Ätznatron dargestellt, wobei man das nützliche Glyzerin als
+Abfallstoff erhält. Den so dargestellten Seifen werden zur Verwandlung in
+Toiletteseifen Riechstoffe zugesetzt, um das Waschen und Sichreinigen zu
+einer nicht nur nützlichen, sondern auch angenehmen Tätigkeit zu machen.
+
+Wir haben nun verschiedentlich die mit Hilfe der Chemie erlangten
+Luxusgaben der Pflanzenwelt betrachtet, die einer bequemeren und schöneren
+Ausgestaltung unseres Leben dienen. Doch dürfen wir darüber nicht die
+notwendigen Gaben vergessen, ohne die ein tierisches Leben und eine
+menschliche Kultur nicht möglich ist. Die gütige Allmutter Natur bringt das
+nährende Weizenkorn hervor, dem die Kraft innewohnt, in einen hohen,
+ährenbeschwerten Halm auszuwachsen, wenn es in dem »richtigen« Boden ruht.
+Der Mensch ackert und streut seine Saat und hofft »daß sie entkeimen werde
+zum Segen nach des Himmels Rat«. Und lange, lange Zeit wird er auf gutem
+Ackerboden in dieser Hoffnung nicht enttäuscht. Reichlich und gern bringt
+da die Natur das Gewünschte hervor. Aber nach und nach ermattet auch der
+Acker, die Ernte wird kümmerlicher, und schließlich versagt der Boden ganz,
+selbst wenn die Saat noch so kräftig und gesund ist.
+
+Das Weizenkorn gleicht eben einem Säugling. Es hat die Kraft, groß zu
+werden, aber nur, wenn ihm genug Nahrung zugeführt wird. Und eben das, was
+für den Säugling die Mutterbrust, ist für das Weizenkorn der Ackerboden.
+Ist die Mutterbrust milcharm, so gedeiht der Säugling ebensowenig wie das
+Weizenkorn im erschöpften Ackerboden.
+
+Das haben die Ackerbauer längst gemerkt. Sie fühlten, daß sie mit der
+geernteten Frucht ein unbekanntes Etwas dem Boden entziehen. Und so gaben
+sie, um die Kraft des Ackers zu erhalten, ihm das, was von der Ernte
+schließlich übrig blieb, den tierischen Dünger, wieder zurück. Die
+Wissenschaft selbst hätte nichts besseres raten können, als Düngen des
+Ackers.
+
+Noch etwas lehrt den Bauer eine einfache Überlegung, für die erst nach
+jahrtausendelanger Übung von der Wissenschaft eine befriedigende Erklärung
+gefunden wurde. Nämlich, daß der in die Erde versenkte Teil der Pflanze
+atmet und offenbar im Laufe der Zeit den Ackerboden vergiftet. Instinkt und
+Erfahrung, Zufall und Überlegung lehrten ihn die Notwendigkeit der
+Ackerlüftung, des Pflügens.
+
+Die Anschauung des Ackerbauers, daß die Nahrung der Pflanze im Ackerboden
+enthalten sei und diesem -- soll der Acker fruchtbar bleiben -- stets
+zugeführt werden müsse und zwar in demselben Ausmaße, wie sie mit der Ernte
+fortgeführt werde, wurde durch die chemischen Forschungen des großen Justus
+Liebig bestätigt, aufgeklärt und vervollkommnet, und damit eine neue
+Wissenschaft, die _Agrikulturchemie_, begründet.
+
+Die Grundlehre dieser »Ackerbauchemie« ist die Tatsache, daß das Skelett
+der Pflanze, dessen sie zu ihrem Gedeihen ebenso bedarf wie der Mensch, aus
+mineralischen Stoffen aufgebaut ist. Wenn wir einen Halm oder ein
+Weizenkorn verbrennen, so hinterbleibt stets ein mineralischer Rückstand,
+eine Asche, die eben vom Ackerboden herrührt. Es werden also mit jeder
+Ernte dem Acker große Mengen gewisser wichtiger Minerale entzogen, so daß
+der Boden stetig ärmer an diesen Stoffen wird. Die meisten von ihnen, z. B.
+die Kieselsäure, sind überall in reichlichem Maße vorhanden, so daß eine
+Erschöpfung kaum jemals eintritt. Gewisse andere Stoffe hingegen, die
+ebenfalls für den Aufbau des Pflanzenkörpers unentbehrlich sind, z. B.
+Kali, Phosphorsäure und Stickstoff -- dieser entweder in der Form von
+Ammoniak oder Salpeter -- sind spärlicher vorhanden, so daß sie einem
+regelmäßig benutzten Ackerboden stets wieder zugeführt werden müssen, da
+sonst eine rasche Abnahme der Fruchtbarkeit des Bodens eintritt. Die Chemie
+hat gezeigt, daß ein Boden, dem alles Kali, alle Phosphorsäure und aller
+Stickstoff entzogen sind, keinen Samen zur Entwicklung bringen kann, sie
+hat gezeigt, wie vom Vorhandensein dieser Stoffe der Blattreichtum, die
+Halmgröße und der Körnerreichtum der Pflanze abhängt. Man hat genau
+berechnet, wieviel Kali, wieviel Phosphorsäure, wieviel Stickstoff mit
+jeder Ernte aus einem Hektar Ackerlandes weggeführt wird, also wieviel von
+jedem Bestandteile dem Acker wieder zugeführt werden muß, wenn die
+Ergiebigkeit des Bodens nicht vermindert werden soll. Man hat gefunden, daß
+diese Stoffe in rein mineralischer Form als Kalisalz, als löslicher
+phosphorsaurer Kalk, als Salpeter, als schwefelsaures Ammoniak zugeführt,
+ebensogut wirken wie der natürliche Dünger, und man ist aus diesem Grunde
+heute fast ganz zur Verwendung der künstlichen Düngemittel übergegangen.
+Dies ist insbesondere durch das ungeheure Anwachsen der Großstädte nötig
+geworden, die den größten Teil des auf dem Lande erzeugten Getreides
+verzehren, so daß infolge dieser örtlichen Scheidung zwischen Erzeugung und
+Verbrauch an eine Zurückführung des tierischen Düngers nicht mehr zu denken
+war, zumal dieser durch die heute üblichen großstädtischen Abwasseranlagen
+und die damit verbundene große Verdünnung mit Wasser für die Landwirtschaft
+kaum mehr nutzbringend verwendet werden kann.
+
+Der Urwald mit seinem jungfräulich fruchtbaren Boden bedarf keiner Düngung.
+Denn solange er Urwald bleibt und kein Baumstamm aus ihm hinausgeschafft
+wird, wird er durch die pflanzlichen Kadaver gedüngt, die im Tode dem Boden
+die Mineralstoffe wieder zurückerstatten, die sie ihm während ihres Lebens
+entzogen haben. Es bleibt eben alles an Ort und Stelle. Nichts wird
+weggeführt. Mit Ackerland verhält es sich anders. Will man da stets
+dieselben Erträge haben, so muß der mineralische Gehalt der Ernte stets
+wieder ersetzt werden. Dieser Ersatz ist natürlich bei verschiedenen
+Pflanzen verschieden. So beanspruchen Zuckerrübe und Tabak besonders viel
+Kali, Hülsenfrüchte und Getreidearten besonders viel Phosphorsäure.
+
+ [Illustration: +O+ = ohne Dünger. +KPN+ = Kali, Phosphorsäure u.
+ Stickstoff. +PN+ = Phosphorsäure u. Stickstoff.
+ Abb. 24. Geranien ohne und mit Düngung.]
+
+Der Ackerbauchemie ist die interessante Entdeckungen verdanken, daß das
+erforderliche Verhältnis von Kali (+K+) zu Phosphorsäure (+P+) und
+Stickstoff (+N+), für jede Pflanze ganz bestimmt ist, und daß sich der
+Ertrag nach der vorhandenen Menge des »ungenügenden« Stoffes richtet, und
+zwar in folgender Weise: Ist in einem Ackerboden Kali und Phosphorsäure in
+genügender, Stickstoff hingegen in ungenügender Menge vorhanden, so richtet
+sich der Ertrag ausschließlich nach der vorhandenen Stickstoffmenge. Dieses
+Gesetz wird durch das folgende noch weiter ergänzt: Es ist nicht möglich,
+durch erhöhte Zufuhr von Kali, Phosphorsäure und Stickstoff den Ertrag bis
+ins Unendliche zu erhöhen. Von einem gewissen Punkte an bewirkt eine
+vermehrte Düngerzufuhr keine Erhöhung des Ertrages. Dies ist leicht
+begreiflich, wenn wir bedenken, daß die mineralischen Stoffe nur das
+Skelett der Pflanze liefern, daß aber ihr »Fleisch und Fett« aus der
+Atmosphäre gebildet wird, und daß die Pflanze infolge ihrer Organisation
+nur mit einer gewissen Geschwindigkeit und nur bis zu einer bestimmten
+Grenze wachsen kann. In dieser Hinsicht verhält sich der Pflanzenkörper
+genau so wie der tierische Körper (Abb. 24, 25).
+
+ [Illustration: Ohne Kali. Mit Kali. Ungedüngt.
+ Abb. 25. Düngung von Getreide.]
+
+Die moderne Kunstdüngerindustrie ist also von der größten Bedeutung für die
+Ernährung des Menschen. Sie ist ein wahrer Zauberstab. Sie holt das Kali
+aus den tiefen Schächten von Staßfurt und benutzt damit das Ergebnis
+vergangener geologischer Zeiten, ein ausgetrocknetes Seewasserbecken
+(600 000 Waggons Kalidünger werden auf diese Weise jährlich in Deutschland
+gewonnen). Sie mahlt die wegen ihres Phosphorgehaltes wertvollen
+Knochenabfälle, ferner die unter dem Namen Thomasmehl bekannten
+phosphorhaltigen Schlacken der Stahlindustrie und benutzt sie zur Förderung
+des Ackers. Ganze Berge mineralischen Phosphates aus Afrika und Amerika
+werden durch einfache Behandlung mit Schwefelsäure in das als Dünger
+überaus geschätzte Superphosphat verwandelt. Auch des kostbaren Guanos soll
+Erwähnung getan werden, der in der Hauptsache aus Exkrementen von Vögeln
+hervorgegangen, auf einigen Inseln nahe an der Westküste Südamerikas große
+Lagerstätten bildet und von da in Schiffsladungen nach Europa verschickt
+wird.
+
+Bis vor einigen Jahrzehnten war der Chilisalpeter der einzige »künstliche«
+Stickstoffdünger. Auch heute noch ist er von der größten Bedeutung, doch
+wird ihm nach und nach der Rang von anderen Stickstoffdüngemitteln
+abgelaufen. In erster Linie steht da das schwefelsaure Ammoniak, das als
+Nebenprodukt der Leuchtgasfabrikation und Kokserzeugung erhalten wird,
+indem man das im Leuchtgas und Koksofengas enthaltene Ammoniak durch
+Waschen des Gases mit Schwefelsäure in schwefelsaures Ammoniak überführt.
+Der Stickstoff dieses schwefelsauren Ammoniaks ist also nichts anderes als
+der Stickstoff der verarbeiteten Kohle, also der in vergangenen Zeiträumen
+durch die Pflanzenwelt angesammelte Stickstoff -- eine Konserve der Natur.
+
+Bei der großen Nachfrage nach Stickstoffdünger darf es nicht wundernehmen,
+daß die Chemie mit Nachdruck neue Stickstoffdünger zu bilden suchte und vor
+allem bestrebt war, den trägen Stickstoff, der den Hauptbestandteil unserer
+Atmosphäre ausmacht, in eine nützliche, von den Pflanzen aufnehmbare
+Stickstoffverbindung überzuführen und so eine schier unendliche, überall
+zugängliche Vorratskammer zu eröffnen. Die Herstellung solcher Erzeugnisse
+ist auch wirklich gelungen. So erhält man durch Überleiten von Stickstoff
+über feingepulvertes, erhitztes Kalziumkarbid, das bekanntlich zur
+Herstellung von Azetylen dient, den »Kalkstickstoff«, ein treffliches
+Düngemittel; durch die elektrische Kraft, die durch die großen Wasserkräfte
+Norwegens sehr billig erzeugt werden kann und erzeugt wird, ist ein
+weiteres Verfahren möglich geworden: die Herstellung von Salpetersäure
+durch Durchleiten der Luft durch den elektrischen Flammenbogen. Hierbei
+entsteht zunächst das sogenannte Stickstoffoxyd, ein Gas, das auf einfache
+Weise in Salpetersäure übergeführt wird.
+
+Doch auch damit war der Stickstoffhunger der Menschheit nicht befriedigt.
+Und mit Recht. Denn die Erschöpfung der chilenischen Salpeterlager und
+damit die Notwendigkeit, den ganzen Stickstoffbedarf in chemischen Fabriken
+herzustellen, ist nur eine Frage der Zeit. So hat man denn rastlos weiter
+gearbeitet und ein neues Verfahren, das modernste, zur Herstellung von
+Ammoniak gefunden, dessen chemische Bedeutung darin besteht, daß in ihm die
+Trägheit des Luftstickstoffes, sein Widerwille und Widerstand gegen
+irgendeine »Verbindung«, auf eine einfache Art und Weise überwunden
+erscheint. Man hat nämlich gefunden, daß Stickstoff und Wasserstoff, wenn
+man sie bei erhöhter Temperatur und unter hohem Druck durch oder über
+gewisse »trägheitaufhebende« Stoffe leitet, sich glatt zu Ammoniak
+vereinigen, und es scheint, daß dieses Verfahren, das bereits in großem
+Maßstabe erprobt wurde, die Palme im Wettkampfe der Stickstoffverfahren
+davontragen wird.
+
+Diese »trägheitaufhebenden« Stoffe, in der Chemie _Katalysatoren_ genannt,
+sind höchst merkwürdige Körper, denn durch ihre bloße Anwesenheit werden
+chemische Vorgänge bedeutend erleichtert und beschleunigt. Sie gleichen
+einem guten, ermunternden Lehrer, dessen bloße Anwesenheit hinreicht, um
+Aufgaben zu lösen, die allein zu lösen man nicht die Kraft hätte; sie
+gleichen dem Schmieröl, das, die Reibungswiderstände einer Maschine
+vermindernd, ihren geräuschlos-kräftigen Lauf ermöglicht. Diese
+Katalysatoren nehmen keinen Anteil am chemischen Vorgang, sie ändern sich
+nicht, sie verlieren ihre Wirkungskraft nicht. Es sind ganz wunderbare
+Stoffe, die für die wissenschaftliche und technische Chemie von immer
+größerer Bedeutung zu werden versprechen. In großer Zahl sind sie im
+Pflanzenkörper wie auch im Tierkörper vorhanden, und nur ihnen ist es zu
+danken, daß die Verdauung, die im chemischen Laboratorium viele Tage
+erfordern würde, in den Pflanzen und Tieren so rasch vor sich geht. In der
+Industrie spielen die Katalysatoren seit zwanzig Jahren, seit der
+Einführung des katalytischen Schwefelsäureprozesses -- den man, weil es
+dabei hauptsächlich auf Berührung (Kontakt) mit dem Katalysator ankommt,
+als Kontaktprozeß bezeichnet --, eine große Rolle. Im Vergleich zu dem
+alten umständlichen Schwefelsäureverfahren bedeutet das Kontaktverfahren
+eine namhafte Vereinfachung. An Stelle der früher notwendigen riesigen
+Bleikammern sind kleine Apparate, an die Stelle von Plumpheit ist damit
+Eleganz getreten, eben, weil es durch den Katalysator -- in diesem Falle
+feinverteiltes Platin -- möglich wurde, den früher träge verlaufenden
+Vorgang der Schwefelsäurebildung rascher zu gestalten und überdies Säure in
+beliebiger Stärke herzustellen. Nach dem Kontaktverfahren wird einfach
+schweflige Säure, das ist das Gas, das bei der Verbrennung von Schwefel und
+metallischen Schwefelverbindungen entsteht, mit Luft vermengt, über
+feinverteiltes Platin geleitet, wobei unmittelbar das sogenannte
+Schwefelsäureanhydrid gebildet wird.
+
+Ein ähnliches Verfahren, bei dem ebenfalls ein seltenes Metall als
+Katalysator dient, wird den Stickstoffbedarf der ackerbautreibenden Welt
+endgültig befriedigen. Denn die Rohmaterialien, die es verwendet, der
+Stickstoff der Luft und der Wasserstoff des Wassers, sind überall in
+beliebigen Mengen vorrätig, so daß das Menschengeschlecht -- so lange es
+Kraft oder Wärme zu erzeugen imstande ist -- jeder Sorge um den
+Stickstoffdünger enthoben ist.
+
+So fördert und regelt der Mensch die Arbeit der Natur, indem er ihr, so gut
+er vermag, die Bausteine liefert, mit denen dann die Meisterin die endlose
+Zahl von Stoffen aufbaut, die den Pflanzenkörper ausmachen, die Säfte, die
+durch die Pflanze fließen, die Farben, die sie schmücken, und die
+Wohlgerüche, die sie ausatmet.
+
+Unsere bisherige Wanderung hat uns gezeigt, was die Chemie, was der
+Chemiker geleistet hat. Diese Leistungen und Ergebnisse auf dem Gebiet der
+Industrie und Landwirtschaft erregen unsere Bewunderung, aber um so
+mächtiger drängt sich uns die Frage auf: Wie ist die Chemie zu diesen
+Erfolgen gekommen, wie arbeitet der Chemiker, wenn er die Geheimnisse der
+Natur ergründen, neue Stoffe darstellen oder die Herstellungsweise bereits
+bekannter Stoffe verbessern will? Wodurch gelingt es ihm das scheinbar
+Unfaßbare zu fassen, das scheinbar Unbestimmte zu bestimmen?
+
+Da können wir denn sagen, daß der Chemiker ebenso arbeitet wie der
+Mineraloge, der Botaniker, der Geologe, ja daß er eigentlich nicht anders
+arbeitet, als jeder wahrhaft wissenschaftliche Arbeiter. Sie alle folgen
+bei ihrer Arbeit dem vielsagenden Goetheschen Worte:
+
+ Dich im Unendlichen zu finden,
+ Mußt unterscheiden und dann verbinden.
+
+Dieses Dichterwort, ins Prosaische übersetzt, heißt und bedeutet: Um dich
+in der unendlichen Zahl der Gegenstände und Erscheinungen des Weltalls und
+jedes Teiles des Weltalls zurechtzufinden, mußt du zunächst durch scharfe
+Beobachtung die einzelnen Gegenstände voneinander unterscheiden. Mit dem
+Unterscheiden allein ist es jedoch nicht getan. Denn dadurch verliert man
+die Übersicht, zersplittert sich, gerät man ins Uferlose. Das Zurechtfinden
+ist erst dann möglich, wenn man die zusammengehörigen, verwandten Stoffe
+und Erscheinungen in Gruppen vereinigt. Dadurch erst erhält man eine
+Übersicht über das ganze Gebiet. Statt mit Einzelheiten hat man es dann mit
+Regeln zu tun, die eine große Masse von Erscheinungen umfassen, ebenso wie
+die Regeln der Grammatik.
+
+Dieses Gruppieren, Zusammenfassen unter Gesetze -- die wichtigste
+Tätigkeit und der Hauptzweck jeder Wissenschaft -- bedeutet für den
+Lernenden eine wesentliche Arbeitsersparnis. Ist die Art der Gruppierung,
+die Regel, einmal bekannt, so ist damit schon viel gewonnen. Wenn man den
+pythagoräischen Lehrsatz kennt, so kann man leicht eine Kathete eines
+rechtwinkligen Dreiecks berechnen, wenn die andere Kathete und die
+Hypotenuse bekannt sind, weil dieser Lehrsatz für alle rechtwinkligen
+Dreiecke gilt.
+
+Auf ähnliche Art erhält der Mineraloge eine Übersicht über das unendliche
+Gebiet der Mineralogie, indem er die Mineralien zunächst erst einzeln
+voneinander unterscheidet und dann die ähnlichen miteinander gruppiert, in
+Metalle, Oxyde, Kiese, Blenden usw. Diese Gruppierungen sind oft sehr
+schwierig und erfordern das Zusammenarbeiten zahlreicher wissenschaftlicher
+Köpfe, denn zu einer einfachen, leicht übersichtlichen Gruppierung gehört
+viel Geschick und eine gründliche Einsicht in den Gegenstand. Wenn wir
+bedenken, daß durch die Kristallkunde die unendliche Zahl der
+Kristallgestalten auf sechs Grundformen zurückgeführt ist, und daß jede
+mögliche Kristallgestalt sich von einer dieser Urgestalten ableiten läßt,
+obwohl die Kristallformen, für den oberflächlichen Beobachter, durchaus
+nicht miteinander ähnlich sind, so sehen wir, daß eine ganze Menge Arbeit
+in dieser Einteilung steckt und daß sie den größten praktischen Wert
+besitzt.
+
+So werden auch in der Botanik zunächst die einzelnen Pflanzen voneinander
+unterschieden und dann gruppiert. Diese Gruppierung erfolgte zuerst auf
+eine rein äußerliche Weise (Linnésches System), während später eine
+sinnreichere, auf Verwandtschaft der Pflanzen gegründete Einteilung
+gefunden wurde, ähnlich der des Menschengeschlechtes in Rassen, Völker,
+Stämme und Familien.
+
+Auch der Chemiker muß zunächst unterscheiden. Aber seine Unterscheidung ist
+viel schwieriger als die des Mineralogen und Botanikers. Während diese die
+Bausteine, die Elemente ihrer Betrachtung, fertig als Minerale und Pflanzen
+vorfinden und schon die scharfe Betrachtung der von der Natur fertig
+dargebotenen Gegenstände eine Einteilung ermöglicht, kommen die Bausteine
+des Chemikers, die Elemente, zum größten Teile nicht rein in der Natur vor,
+sondern nur bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt; während also der
+Mineraloge oder Botaniker die einzelnen Erscheinungen, Individuen,
+Bausteine, Elemente seines Wissensgebietes fertig in der Natur vorfindet,
+muß der Chemiker die Bausteine der Chemie erst auf mühselige Art gewinnen.
+
+Der Grund hierfür ist die Tatsache, daß der Kristall, die einzelne Pflanze,
+der einzelne Mensch, schon durch die Form kenntlich, ein abgeschlossenes
+Ganzes für sich bilden und ihr Lieben und Hassen nur der eigenen Art zugute
+kommen lassen, so daß man von der Erhaltung der Arten sprechen kann. Aber
+die dem Chaos näherstehenden chemischen Bausteine sind nicht so
+selbstbewußt und selbstzufrieden, sondern zeigen Liebe und Haß in viel
+ungewählterer, mannigfaltigerer Weise, indem sie, fast immer, sich um jeden
+Preis verbinden wollen zu etwas Neuem, ohne Rücksichtnahme auf die eigene
+Art.
+
+Es müssen also die _chemischen Elemente_, bevor man sie unterscheiden und
+gruppieren kann, vorerst _aus ihren Verbindungen getrennt_ werden. Ein
+Beispiel wird dies deutlich machen. Das Kaolin, die Porzellanerde, ist ein
+weißes, fettiges Pulver. Durch große Hitze oder Kälte wird es chemisch
+nicht verändert, so daß man leicht glauben könnte, daß es ein chemisches
+Element, das heißt ein einfacher, unzusammengesetzter und daher
+unzerlegbarer Körper ist. Das ist aber nicht der Fall. Es ist den Chemikern
+gelungen, dieses weiße Pulver in zwei nicht weiter zerlegbare Stoffe zu
+spalten, in zwei Stoffe, die in ihren Eigenschaften voneinander und von der
+Porzellanerde ganz verschieden sind, in zwei Stoffe, deren Verbindung eben
+die Porzellanerde ist: in das heute allgemein bekannte Metall Aluminium und
+in Sauerstoff, jenes Gas, das die Atmosphäre der Erde atembar macht, das
+die Verbrennung unterhält, das einen glimmenden Holzspan entflammen macht,
+das das Eisen bei Feuchtigkeit und gewöhnlicher Temperatur mit Rost
+überzieht und bei höherer Temperatur das Aluminium wieder zu Porzellanerde
+verbrennt oder verascht.
+
+Auf ähnliche Weise ist gefunden worden, daß das Wasser, von den Griechen
+als Element angesehen, kein Element ist, sondern aus Sauerstoff und einem
+brennbaren Gase, Wasserstoff, besteht. In seine Bestandteile kann es leicht
+durch den elektrischen Strom gespalten und aus ihnen wieder durch den
+elektrischen Funken zusammengesetzt werden. So sind alle mineralischen,
+pflanzlichen und tierischen Stoffe von den Chemikern zerlegt, analysiert
+worden, und man hat auf diese Weise die Elemente gefunden, aus denen die
+Welt aufgebaut ist. Die Elemente sind die Bausteine aller bestehenden
+Stoffe, und durch Gruppierung dieser Elemente hat man eine bequeme
+Übersicht über die Zusammensetzung jedes Stoffes erhalten. Man hat zunächst
+die Elemente in Metalle und Nichtmetalle gesondert, die Metalle hat man
+wieder in fünf Gruppen geteilt, deren jede untereinander verwandte Metalle
+enthält. In entsprechender Weise hat man auch die Nichtmetalle gruppiert.
+
+Will nun der Chemiker einen Stoff _analysieren_, das heißt, finden, aus
+welchen Elementen er besteht, so verwendet er dazu gewisse Hilfsmittel,
+Chemikalien, auch Reagenzien genannt. Er verfährt wie der Arzt bei der
+Untersuchung eines Kranken. Wie dieser Organ für Organ untersucht, die
+gesunden Organe von seiner Betrachtung ausschaltet und so lange sucht, bis
+er das kranke Organ entdeckt und die Art der Erkrankung erkannt hat, so
+auch der Chemiker. Er läßt seine Reagenzien auf den zu untersuchenden Stoff
+einwirken und erkennt aus der Art der Einwirkung, aus der entstehenden
+Färbung usw., welche Gruppen anwesend sind, und ob andere, bloß vermutete
+Gruppen fehlen. Durch weitere Reagenzien scheidet er die anwesenden Gruppen
+voneinander. Schließlich sucht er herauszufinden, welche Elemente jeder
+Gruppe anwesend sind. Er geht also Schritt für Schritt vor, vom Allgemeinen
+zum Besonderen, zum Einzelnen.
+
+Die von der Chemie gefundenen Elemente sind übrigens, um dies der
+Vollständigkeit halber kurz zu streifen, die Bausteine nicht nur der Erde,
+sondern des gesamten Weltalls. Mit der Erforschung der Erde nicht
+zufrieden, ist die Wissenschaft an die Erforschung der Zusammensetzung der
+Sonne und Gestirne getreten und zwar mit Hilfe der sogenannten
+Spektralanalyse. Während nämlich feste und flüssige glühende Körper ein
+ununterbrochenes regenbogenfarbiges Band, Spektrum liefern, wenn man das
+von ihnen ausgestrahlte Licht durch ein Glasprisma gehen läßt, liefern
+glühende Gase ein nur aus einzelnen hellen Linien oder Streifen bestehendes
+Spektrum, dessen Linien, Linienzahl und Farbe für jedes Element anders,
+also charakteristisch ist. Man hat so aus der Strahlung der Sonne und
+anderer Gestirne ihre Zusammensetzung ersehen können und hat gefunden, daß
+draußen im Weltall dieselben Elemente vorhanden sind, wie auf der kleinen
+Erde, ein Beweis für die Gleichartigkeit und Einheitlichkeit der Welt.
+
+Aus den durch Zerlegung erhaltenen Elementen baut der Chemiker wieder die
+mannigfaltigsten Stoffe der Natur auf, geht aber auch in der
+Mannigfaltigkeit des Dargestellten über die Natur hinaus. Er vergrößert den
+engen Rahmen der Natur, die nur einen kleinen Teil der _möglichen_
+Stoffverbindungen uns darbietet, und er stellt Stoffe dar, deren Erzeugung
+die irdische Natur verabsäumt oder vernachlässigt hat.
+
+Bei dieser Vereinigung von Elementen oder Elementgruppen, bei dieser
+Darstellung von Stoffen ist er jedoch beschränkt und zwar durch die
+Beziehung der Elemente zueinander, durch ihr »Lieben und Hassen«, durch
+ihre -- wie Goethe sagte -- _Wahlverwandtschaft_.
+
+»Diejenigen Naturen, die sich beim Zusammentreffen einander schnell
+ergreifen und wechselseitig bestimmen, nennen wir verwandt. An den Alkalien
+und Säuren, die, obgleich einander entgegengesetzt und vielleicht eben
+deswegen, weil sie einander entgegengesetzt sind, sich am entschiedensten
+suchen und fassen, sich modifizieren und zusammen einen neuen Körper
+bilden, ist diese Verwandtschaft auffallend genug. Gedenken wir nur des
+Kalks, der zu allen Säuren eine große Neigung, eine entschiedene
+Vereinigungslust äußert.
+
+Z. B. was wir Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger reine Kalkerde,
+innig mit einer zarten Säure verbunden, die uns in Luftform bekannt
+geworden ist. Bringt man ein Stück solchen Steines in verdünnte
+Schwefelsäure, so ergreift diese den Kalk und erscheint mit ihm als Gips;
+jene zarte, luftige Säure hingegen entflieht. Hier ist eine Trennung, eine
+neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich nunmehr berechtigt,
+sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil es wirklich aussieht,
+als wenn ein Verhältnis dem andern vorgezogen, eins vor dem andern erwählt
+würde.«
+
+Wird hier die schwache, zarte Kohlensäure durch die rohe, starke
+Schwefelsäure vertrieben und in die Einsamkeit hinausgejagt, so finden wir
+auch Fälle, in denen der Chemiker, damit kein Stoff leer ausgehe, ein
+Viertes zugesellt:
+
+»Diese Fälle sind allerdings die bedeutendsten und merkwürdigsten, wo man
+das Anziehen, das Verwandtsein, dieses Verlassen, dieses Vereinigen
+gleichsam übers Kreuz, wirklich darstellen kann; wo vier bisher je zwei zu
+zwei verbundene Wesen, in Berührung gebracht, ihre bisherige Vereinigung
+verlassen und sich aufs neue verbinden. In diesem Fahrenlassen und
+Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich eine höhere
+Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen oder
+Wählen zu, und hält das Kunstwort Wahlverwandtschaft für vollkommen
+gerechtfertigt.
+
+Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist, durch viele
+Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen; denken Sie sich
+ein C, das sich ebenso zu einem D verhält; bringen Sie nun die beiden Paare
+in Berührung: A wird sich zu D, C zu B werfen, ohne daß man sagen kann, wer
+das andere zuerst verlassen, wer sich mit dem andern zuerst wieder
+verbunden habe.«
+
+Von den zahlreichen Beispielen dieses »Vereinigens übers Kreuz« wollen wir
+nur eins anführen: Wenn wir zu einer klaren Lösung von Schwefelbaryum eine
+klare Lösung von Zinksulfat hinzugießen, so entsteht ein dicker, weißer
+Niederschlag, der das unlösliche Austauschprodukt »übers Kreuz« darstellt.
+Der Schwefel des Schwefelbaryums reißt sich von dem Baryum los und folgt
+der Anziehungskraft, die das Zink ausübt, so daß Schwefelzink entsteht.
+Zugleich geht die Schwefelsäure des Zinksulfats an das Baryum und bildet
+schwefelsaures Baryum. Es gehen also durch diesen Vorgang alle gelösten
+Stoffe in den neugebildeten, unlöslichen Zustand, in den Niederschlag,
+über. Der letztere liefert, getrocknet, eine vielverwendete weiße Farbe,
+das Lithopon.
+
+Eine Haupttätigkeit des Chemikers im Laboratorium einer Fabrik ist die
+Prüfung, Untersuchung, Analyse der Rohmaterialien, die ja eine gewisse
+Beschaffenheit und einen gewissen Gehalt haben müssen, wenn ein Erzeugnis
+von erforderlicher Reinheit und richtiger Zusammensetzung erzielt werden
+soll.
+
+Doch die Arbeit des Laboratoriumschemikers besteht nicht bloß darin, die
+Stoffe zu scheiden, zu analysieren, sondern auch darin, durch _Verbindung
+von Stoffen_ neue, nützliche Substanzen herzustellen. Der Chemiker ist also
+nicht bloß Scheidekünstler, sondern auch Verbindungskünstler. Ist die
+Herstellung einer neuen Verbindung im Laboratorium gelungen, so wird sie in
+großem Maßstabe ins Fabrikmäßige übertragen, wobei die kleinen Apparate des
+Laboratoriums durch große Anlagen ersetzt werden. Diese Umwandlung des
+Laboratoriumvorganges in einen Fabrikvorgang ist durchaus nicht einfach.
+Eine Salzlösung in der Porzellanschale zu verdampfen, das heißt, das
+Wasser in der Hitze abzutreiben, so daß das feste Salz zurückbleibt, ist
+viel einfacher als die Durchführung dieses Vorganges im großen Maßstabe.
+Hierzu gehören große Verdampfungsanlagen, die von zahlreichen Heizröhren
+durchsetzt sind. Ebenso ist das Filtrieren mit Hilfe von Glastrichter und
+Filtrierpapier viel leichter als das Filtrieren großer Mengen mit Hilfe
+großer Filterpressen. Auch das Erhitzen erfordert im Fabrikbetrieb
+mächtige, eigenartig gebaute Öfen.
+
+Die Herstellung neuer Stoffe, das Suchen und Finden neuer Verfahren und
+neuer Fabrikapparate macht die eigentliche _Erfindertätigkeit des
+Chemikers_ aus. Dieser Tätigkeit sollen hier auch einige Worte gewidmet
+werden.
+
+Drei Eigenschaften zeichnen den Erfinder vor allem aus, scharfe
+Beobachtungsgabe, rasches Denken und ein gesundes, kräftiges Urteil. Der
+Erfinder muß den Gegenstand und das Gebiet, das er bearbeitet, genau
+kennen, ohne durch unnötige Kenntnisse belastet und zersplittert zu werden.
+Denn eine solche Zersplitterung wirkt stets schwächend. Der Gedankenhimmel
+des Erfinders muß scharf begrenzt und klar, er darf nicht verschwommen und
+bewölkt sein. Eine gewisse Kindlichkeit und Unbefangenheit muß vorhanden
+sein, ohne jene gefährliche Stumpfheit, die durch allzuvieles Lernen
+hervorgerufen wird. Wie das Kind naiv fragt, woher das Licht kommt, und
+wohin es geht, so muß auch der Erfinder naiv-staunend nach Dingen fragen,
+an denen die meisten ohne Aufmerksamkeit vorübergehen. Er muß also in
+gewissem Sinne ein großes Kind sein. »Ich kenne nichts Schrecklicheres, als
+die armen Menschen, die zu viel gelernt haben. Statt des gesunden,
+kräftigen Urteils, das sich vielleicht eingestellt hätte, wenn sie _nichts_
+gelernt hätten, schleichen ihre Gedanken ängstlich und hypnotisch einigen
+Worten, Sätzen, Formeln nach, immer auf _denselben_ Wegen. Was sie
+besitzen, ist ein _Spinngewebe_ von Gedanken, zu schwach, um sich darauf zu
+stützen, aber kompliziert genug, um zu verwirren.«
+
+Neue Verfahren und Verbesserungen werden entweder absichtlich gesucht oder
+zufällig gefunden. Damit aber die Erfindung zur Tat werde, muß sich dem
+absichtlichen Suchen der glückliche Zufall beigesellen, muß der Zufall von
+einem scharf beobachtenden Kopfe, der ihn für seine Zwecke ausnützen kann,
+bemerkt werden. Ohne glücklichen Zufall, wie er z. B. Röntgen zuteil wurde,
+als er das erstemal »seine« Strahlen leuchten sah, verläuft auch das
+fleißigste absichtliche Suchen oft erfolglos, weil die Möglichkeiten,
+Erscheinungen und Zustände so mannigfaltig sind, daß man sie nicht alle
+durchprobieren kann. Anderseits wird ohne scharfe Beobachtungsgabe auch der
+günstigste Zufall oft übersehen.
+
+Das Erfinden ist eine künstlerische, schöpferische, herrliche Tätigkeit.
+Der wahre, große Erfinder schafft aus Instinkt, aus Trieb. Der wahre
+Erfinder ist durch die Erfindung genugsam belohnt, wie dem Vogel, der in
+den Zweigen wohnt, das Lied, das aus der Kehle dringt, reichlicher Lohn
+ist. Aber überdies wird dem Erfinder oft irdischer Lohn, Reichtum und
+Wohlstand zuteil. Es sei hier nur an den Namen Alfred Nobel erinnert (siehe
+Hennig: Alfred Nobel).
+
+Seit 1863 war Alfred Nobel unablässig bestrebt, das flüssige Sprengöl,
+Nitroglyzerin, in einen festen Körper umzuwandeln. Lange war alles Suchen
+vergeblich, bis schließlich ein seltsamer Zufall das gewünschte Ergebnis
+herbeiführte und Alfred Nobel, der den Zufall bemerkte, würdigte und
+benutzte, im Jahre 1866 seine berühmte Erfindung, das Dynamit, machen ließ.
+
+Es war ein blinder Zufall, der zur Entdeckung des Dynamits verhalf, ein
+Zufall aber, der ohne jedes Ergebnis geblieben wäre, wenn er sich nicht
+eben gerade Alfred Nobels stets wachem Erfindergeist geboten hätte. Es war
+im Jahre 1866, als eines Tages in Nobels Laboratorium Nitroglyzerin aus
+einem undicht gewordenen Gefäße auslief. Derartige Vorkommnisse waren an
+sich nicht ungewöhnlich. Sie erhöhten sogar die Gefährlichkeit der
+Aufbewahrung des Sprengöles in beträchtlichem Maße. In diesem Falle aber
+tränkte die auslaufende Flüssigkeit die poröse Erdmasse, die zur Verpackung
+der Nitroglyzeringefäße diente, und Nobel, der den Vorfall bemerkte und
+untersuchte, stellte mit Erstaunen fest, daß die mit Nitroglyzerin
+getränkte Erde stark explosive Eigenschaften bekommen hatte, die im
+geeigneten Augenblick zur Entfaltung gebracht werden konnten. Damit war das
+seit Jahren bestehende Problem, die explosiven Eigenschaften des
+Nitroglyzerins an einen festen Körper zu binden, gelöst, und, um diese
+Entdeckung technisch verwerten zu können, bedurfte es nur noch eines
+porösen Körpers, der möglichst billig und leicht zu beschaffen war. Als für
+diese Zwecke am geeignetsten wählte Nobel nach zahlreichen Untersuchungen
+schließlich die Kieselgur, ein weißes, pulverartiges, damals so gut wie
+wertloses Gestein, das aus den Schalen winziger, einzelliger Diatomeen
+besteht und an vielen Orten, vornehmlich aber in der Gegend von Hannover,
+aus Urtagen der Erde sich in großen Mengen aufgehäuft findet. Diese
+Kieselgur war für Nobels Zwecke wie geschaffen. Es zeigte sich, daß sie
+ganz gewaltige Mengen, nämlich das Dreifache ihres Gewichtes, an Sprengöl
+aufzusaugen vermochte. Die Mischung der Kieselgur mit dem Nitroglyzerin
+bildet dann eine mörtelähnliche Masse, deren Sprengkraft so groß ist, wie
+die des flüssigen Sprengöls.
+
+Damit war jener fürchterliche Sprengstoff gefunden, der unter dem glücklich
+gewählten Namen Dynamit Weltberühmtheit erlangt und seinen Erfinder zu
+einem modernen Midas gemacht hat, der sich durch seine testamentarischen
+Verfügungen als einer der größten bürgerlichen Mäzene aller Zeiten
+offenbart hat, als Förderer der Wissenschaften, der Künste und des
+Weltfriedens.
+
+In vielen Fällen aber wird dem Erfinder nicht der verdiente Lohn, ja in den
+meisten Fällen nur Undank und Elend zuteil. Ein Beispiel dafür ist die
+Geschichte _Leblancs_, der der Welt das erste brauchbare Verfahren zur
+Herstellung von künstlicher Soda schenkte und dadurch den Grundstein für
+die moderne chemische Industrie legte.
+
+Nicolas Leblanc, -- sein Name ist unsterblich in der Geschichte der
+Erfindungen, -- wurde am 6. Dezember 1742 zu Ivoy-le-Pré im heutigen
+Departement Cher geboren. Er stammte aus einer wenig begüterten Familie und
+hat wohl keine hervorragende Erziehung genießen können. 1759 kam er nach
+Paris, um Chirurgie, Medizin und Chemie zu studieren. 1776 verheiratet, und
+unter sehr bescheidenen Verhältnissen den Beruf eines Arztes ausübend, war
+er doch dabei wissenschaftlich noch auf anderen Gebieten tätig. Aus Anlaß
+einer von der Akademie gestellten Preisfrage beschäftigte er sich mit dem
+Problem der Darstellung von künstlicher Soda und kam hierbei 1787 auf den
+richtigen Weg. Im Jahre 1789 schlug er dem Herzog von Orléans vor, das neue
+Verfahren fabrikmäßig auszubeuten. Am 12. Januar 1790 kam vor dem Notar
+James Lutherland in London ein auf 20 Jahre abgeschlossener Vertrag
+zustande, an dem Leblanc, der Chemiker Dizé und der Herzog von Orléans
+beteiligt waren. Leblanc verpflichtete sich, sein Sodaverfahren, und Dizé,
+sein Bleiweißverfahren schriftlich und versiegelt bei dem Notar Brichard zu
+hinterlegen.
+
+Am 25. September 1791 erhielt Leblanc ein Patent auf sein Verfahren für 15
+Jahre. Die Beschreibung des Verfahrens, die er darin gibt, verdient hier
+wörtlich wiedergegeben zu werden, da sie in der Tat im wesentlichen dem bis
+vor kurzem geübten entspricht:
+
+»Zwischen eisernen Walzen pulvert und mischt man folgende Substanzen:
+
+ 100 Pfund wasserfreies Glaubersalz,
+ 100 Pfund reine Kalkerde, Kreide von Meudon,
+ 50 Pfund Kohle.
+
+Die Mischung wird in einem Flammenofen ausgebreitet, die Arbeitslöcher
+(Ofentüren) verschlossen und geheizt; die Substanz gelangt in breiförmigen
+Fluß, schäumt auf und verwandelt sich in Soda, die sich von der Soda des
+Handels nur durch einen weit höheren Gehalt unterscheidet. Die Masse muß
+während der Schmelzung häufig gerührt werden, wozu man sich eiserner
+Krücken, Spatel usw. bedient. Aus der Oberfläche der schmelzenden Massen
+brechen eine Menge Flämmchen hervor, die der Flamme einer Kerze ähnlich
+sind. Sobald diese Erscheinung zu verschwinden anfängt, ist die Soda
+fertig. Die Schmelze wird dann mit eisernen Krücken aus dem Ofen gezogen
+und kann in beliebigen Formen aufgefangen werden, um ihr die Form der im
+Handel vorkommenden Sodablöcke zu geben« (Abb. 26).
+
+Die von Leblanc und Dizé zu St. Denis unter dem Namen »+La Franciade+«
+angelegte Fabrik scheint sehr gut gediehen zu sein: Täglich wurden 250 bis
+300 +kg+ Soda, nebst Bleiweiß und Ammoniaksalz dargestellt, und infolge des
+Krieges mit Spanien war der Preis der Pflanzensoda auf 110 Francs
+gestiegen, so daß das Leblancsche Verfahren großen Nutzen abwerfen mußte.
+Aber die Herrlichkeit sollte nur kurzen Bestand haben. Der Herzog von
+Orléans, nunmehr »Bürger +Egalité+«, wurde im April 1793 vom
+Wohlfahrtsausschuß verhaftet und am 6. November desselben Jahres
+hingerichtet. Seine Güter, also auch die Fabrik +La Franciade+, wurden vom
+Staate eingezogen und öffentlich verkauft. Am 8. Pluviose des Jahres II
+(Februar 1794) wurde die Fabrik, deren Betrieb schon vorher zwangsweise
+eingestellt war, von der Behörde inventarisiert; vier Tage später erschien
+ein staatlicher Erlaß, der das immer noch sehr wertvolle Patent Leblancs
+vernichtete. Der Wohlfahrtsausschuß hatte nämlich beschlossen, alle
+Sodafabrikanten sollten die ihnen bekannten Mittel und Wege der
+Sodaerzeugung binnen 20 Tagen einer besonderen Kommission zum besten des
+Staates und mit Hintansetzung aller eigenen Vorteile bekanntgeben, um es
+dadurch Frankreich zu ermöglichen, seinen Handel von fremden Völkern
+unabhängig zu machen und neue Verteidigungsmittel zu gewinnen. Leblanc und
+Dizé gaben ihr Verfahren sofort preis, wozu sie selbstverständlich bei
+Gefahr ihres Lebens gezwungen waren. Damit war für Leblanc alles verloren;
+man hatte ihm sein Patent und seine Fabrik genommen.
+
+ [Illustration: Abb. 26. Sodafabrikation nach Leblanc.
+ (Deutsches Museum.)]
+
+Leblanc befand sich in bitterer Armut und mußte zusehen, wie an anderen
+Orten Fabriken entstanden, die sein als öffentliches Eigentum erklärtes
+Verfahren ausnutzten. Er richtete an die Regierung unaufhörlich Gesuch auf
+Gesuch wegen des ihm für seine Fabrik und sein Verfahren zugesagten
+Schadenersatzes, aber sieben Jahre lang ohne Erfolg. Endlich am
+17. Floréal VIII. (1801), wurde die Fabrik in völlig verwahrlostem
+Zustande an Leblanc und Dizé zurückgegeben, mit dem Versprechen späterer
+Entschädigung. Nach abermals vier Jahren, am 5. November 1805, wurde der
+Anspruch auf Entschädigung schiedsrichterlich festgestellt. Hiernach hätte
+Leblanc die verhältnismäßig geringe Summe von 52 473 Francs erhalten
+müssen, aber nicht einmal dieser Betrag ist Leblanc oder seinen Nachkommen
+je ausgezahlt worden. Die endgültige gerichtliche Entscheidung fiel dahin
+aus, daß Leblancs und Dizés Ansprüche durch die »unentgeltliche«
+Überlassung der (in ihrem damaligen Zustande ganz wertlosen) Fabrik +La
+Franciade+ als ausgeglichen zu betrachten seien.
+
+Für Leblanc, der die ihm gebührende Summe auf eine Million berechnet hatte,
+war dies wie ein Todesurteil. Er hatte nach Überlassung der Fabrik seine
+sämtlichen Mittel und alles, was er zu schweren Zinsen dazu borgen konnte,
+auf die nötigsten Ausbesserungen verwendet, behielt aber nichts für den
+Betrieb übrig. Den Preis der Akademie von 12 000 Francs von 1789 hatte er
+nie erhalten. Im Jahre 1799 war ihm die Summe von 3000 Francs als
+»Nationalbelohnung« für seine Erfindung, deren Wichtigkeit allgemein
+anerkannt wurde, bewilligt worden; aber auch von dieser elenden Summe
+wurden ihm nur 600 Francs ausgezahlt. _Ein Darlehen von 2000 Francs_, das
+ihm im Jahre 1803 die +Société d'encouragement+ bewilligt hatte und ein vom
+Minister Chaptal erhaltenes _Almosen von 300 Francs ist alles, was die
+französische Nation weiter für Leblanc getan hat_, trotz seiner
+unaufhörlichen Bitten und Gesuche. Die für ihn tatsächlich vernichtende
+Entscheidung vom 5. November 1805 raubte ihm jede Hoffnung, aus der Armut,
+in der er sich mit seiner Familie befand, jemals herauszukommen. Gebrochen
+an Leib und Seele, kehrte er zu seiner kranken Frau, zu seiner darbenden
+Familie, in seine in der ruinierten Fabrik befindliche Wohnung zurück. Dort
+machte er am 16. Januar 1806 seiner verzweifelten Lage durch einen
+Pistolenschuß ein Ende. So endete diese erschütternde Erfindertragödie, und
+niemand weiß, wo das Grab eines der größten Erfinder Frankreichs sich
+befindet.
+
+Der Trieb zum Erfinden und Erforschen ist dem intelligenten Menschen in
+hohem Maße eigen, ebenso wie die Neugierde den höheren Tieren. Und dieser
+Forschungstrieb richtet sich nach allen Seiten; nicht nur das Nützliche,
+sondern alles, was er sieht, ja auch das, was er nicht sieht, will er
+ergründen. So haben denn auch die chemischen Forscher alles Sichtbare und
+Unsichtbare zu ergründen gesucht, vor allem auf dem Weltkörper, an den wir
+Menschen gebannt sind, auf dieser Erde.
+
+Unsere Kenntnis der irdischen Stoffe erstreckt sich nur ein kleines Stück
+unter die Erdoberfläche; was darüber hinausliegt, können wir nur vermuten,
+nicht wissen. So ist also die Atmosphäre, der Ozean und eine dünne feste
+Schicht alles, was wir unmittelbar untersuchen können, und dementsprechend
+ist unser Wissen, soweit die Atmosphäre und der Ozean in Betracht kommen,
+ziemlich ausreichend, gründlich und vollständig, während wir bei der
+Betrachtung der festen Erdkruste eine willkürliche Grenze nach unten
+annehmen müssen. Ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Stärke der
+irdischen Steinrinde (Lithosphäre) scheint es sehr wahrscheinlich, daß das
+felsige Material bis zu einer Tiefe von ungefähr 16 Kilometern den
+vulkanischen Massen, die wir an der Erdoberfläche vorfinden, sehr ähnlich
+ist. Wir können also als Grundlage unserer Betrachtung eine Felsstärke von
+16 Kilometern annehmen.
+
+Der Rauminhalt der 16 Kilometer starken Kruste, mit Einschluß der
+durchschnittlichen Erhebungen der Festländer über die See, beträgt
+6 500 000 000 Kubikkilometer, mit dem spezifischen Gewicht 2,5 bis 2,7. Der
+Rauminhalt der Ozeane beträgt 1 286 000 000 Kubikkilometer mit dem
+spezifischen Gewicht 1.03. Die Masse der Atmosphäre ist ungefähr
+5 000 000 Kubikkilometern Wasser gleichwertig. Wenn wir nun diese Angaben
+zusammenfassen, so erhalten wir folgende Zahlen in bezug auf die
+Zusammensetzung der Erde:
+
+ _Spezifisches Gewicht der Kruste_ 2.6,
+ Atmosphäre 0.03%,
+ Ozean 6.97%,
+ Feste Rinde 93.00%.
+
+Was die Zusammensetzung der drei Schichten anlangt, so besteht die
+Atmosphäre aus Sauerstoff, Stickstoff und Argon, dem Gewichte nach:
+
+ Sauerstoff 23.024%,
+ Stickstoff 75.539%,
+ Argon 1.437%;
+
+im Raumverhältnisse ausgedrückt, enthält die Luft ungefähr 4/5 Stickstoff
+und 1/5 Sauerstoff.
+
+Das ozeanische Wasser enthält 37,39 Gramm Seesalz im Kilogramm Wasser
+aufgelöst. Das Seesalz besitzt das spezifische Gewicht 2,25 und besteht
+vornehmlich aus Kochsalz, Chlormagnesium, Magnesiumsulfat und Gips. Es
+dürfte sich lohnen, an dieser Stelle einen Augenblick zu verweilen, um die
+große Masse der ozeanischen Salze zu würdigen. Aus den oben angeführten
+Zahlen läßt sich berechnen, daß der Rauminhalt der Salzmasse des Ozeans
+19 200 000 Kubikkilometer beträgt, also hinreichend ist, um ein Gebiet von
+der Größe der Vereinigten Staaten von Nordamerika mit einer 2,5 Kilometer
+starken Salzschicht zu bedecken. Verglichen mit dieser ungeheuren Masse,
+erscheinen die Salzablagerungen von Staßfurt, die in der Nähe betrachtet,
+so mächtig erscheinen, winzig klein.
+
+Die Felskruste besteht zu 75% aus kieselsaurer Tonerde (Ton); daneben
+enthält sie 6% Sauerstoffverbindungen des Eisens, 4,5% Magnesia, 5% Kalk,
+3,5% Natron, 2,7% Kali und überdies Spuren der übrigen Elemente.
+
+Nun wollen wir uns den chemischen Elementen unserer Erde zuwenden. Obwohl
+jedes Element seine Eigenheiten, seinen eigenen, ausgesprochenen Charakter
+hat, gibt es dennoch Beziehungen und Verwandtschaften unter den Elementen,
+so daß sie in eine Anzahl von Gruppen geteilt werden können. Die Elemente
+einer Gruppe gehen nicht nur ähnliche Verbindungen ein, sondern zeigen auch
+eine stufenweise Änderung der Eigenschaften. Diese »Verwandtschaft« hat
+eine sehr wichtige Verallgemeinerung ermöglicht -- das sogenannte
+periodische Gesetz oder vielmehr die periodische Gruppierung der Elemente.
+Im Lichte dieser Gruppierung angeschaut, wird die Beziehung der Elemente
+untereinander in interessanter Weise offenbar.
+
+Wenn man nämlich die Elemente nach ihrem »Atomgewichte« ordnet, so wird
+sofort eine bedeutsame Gesetzmäßigkeit klar, wie die nebenstehende Tabelle
+zeigt.
+
+Diese Tabelle ist entstanden, indem man die chemischen Elemente, vom
+leichtesten beginnend und beim schwersten endend, in eine Reihe schrieb,
+dann, sobald ein ähnliches, verwandtes Element erreicht war, abteilte und
+die so erhaltenen Abteilungen vertikal untereinander verzeichnete. Und da
+wurde es offenbar, daß die Glieder einer und derselben vertikalen Reihe
+nahe miteinander verwandt sind, indem sie sich in den meisten Beziehungen
+ganz ähnlich verhalten, ganz ähnliche Verbindungen eingehen, und auch, was
+Löslichkeit und Unlöslichkeit anlangt, keine großen Unterschiede zeigen.
+Hingegen nimmt man, wenn man in einer horizontalen Reihe vorwärts
+schreitet, eine stufenweise Änderung in den wesentlichen Eigenschaften
+wahr. Daraus folgt zunächst, daß die Eigenschaften der Elemente von ihren
+Atomgewichten abhängig sind.
+
+ Periodisches System der Elemente.
+ (Die Zahlen hinter den Namen bedeuten die Atomgewichte.)
+
+ ==============================================================================
+ Reihen | Gruppe 0 | Gruppe 1 | Gruppe 2 | Gruppe 3 | Gruppe 4
+ ==============================================================================
+ | | | | | |
+ 1 | -- | Wasserstoff | -- | -- | -- |
+ | | 1 | | | |
+ | | | | | |
+ 2 | Helium 4 | Lithium 7 | Gluzinium | Bor 11 | Kohlenstoff |
+ | | | 9.1 | | 12 |
+ | | | | | |
+ 3 | Neon 20 | Natrium 23 | Magnesium | Aluminium | Silizium |
+ | | | 24.4 | 27.1 | 28.4 |
+ | | | | | |
+ | | | | | |
+ 4 | Argon 39.9 | Kalium 39.1 | Kalzium | Skandium | Titan 48.1 |
+ | | | 40.1 | 44.1 | |
+ | | | | | |
+ 5 | -- | Kupfer 63.6 | Zink 65.4 | Gallium 70 | Germanium |
+ | | | | | 72.5 |
+ | | | | | |
+ | | | | | |
+ 6 | Krypton | Rubidium | Strontium | Ytterbium | Zirkon 90.6 |
+ | 81.8 | 88.5 | 87.6 | 89 | |
+ | | | | | |
+ 7 | -- | Silber | Kadmium | Indium 115 | Zinn 119 |
+ | | 107.93 | 112.4 | | |
+ | | | | | |
+ 8 | Xenon 128 | Zäsium | Baryum | Lanthan | Zer 140.25 |
+ | | 132.9 | 137.4 | 138.9 | |
+ | | | | | |
+ 9 | -- | -- | -- | -- | -- |
+ | | | | | |
+ | | | | | |
+ 10 | -- | -- | -- | -- | -- |
+ | | | | | |
+ | | | | | |
+ 11 | -- | Gold 197 | Quecksilber | Thallium | Blei 206.9 |
+ | | | 200 | 204.1 | |
+ | | | | | |
+ 12 | -- | -- | Radium 225 | -- | Thorium |
+ | | | | | 235.5 |
+
+
+
+ ~=======================================================================
+ | Gruppe 5 | Gruppe 6 | Gruppe 7 | Gruppe 8 | Reihen
+ ~=======================================================================
+ | | | | |
+ | -- | -- | -- | -- | 1
+ | | | | |
+ | | | | |
+ | Stickstoff | Sauerstoff | Fluor 19 | -- | 2
+ | 14 | 16 | | |
+ | | | | |
+ | Phosphor 31 | Schwefel 32 | Chlor 35.45 | -- | 3
+ | | | | |
+ | | | | |
+ | | | | { Eisen 55.9 |
+ | Vanadium | Chrom 52.1 | Mangan 55 | { Nickel 58.7 | 4
+ | 51.2 | | | { Kobalt 59 |
+ | | | | |
+ | Arsen 75 | Selen 79.2 | Brom 79.95 | -- | 5
+ | | | | |
+ | | | | |
+ | | | | { Ruthenium 101.7 |
+ | Kolumbium | Molybdän 96 | -- | { Rhodium 103 | 6
+ | 94 | | | { Palladium 106.5 |
+ | | | | |
+ | Antimon | Tellurium | Jod 126.97 | -- | 7
+ | 120.23 | 127.6 | | |
+ | | | | |
+ | -- | -- | -- | -- | 8
+ | | | | |
+ | | | | |
+ | -- | -- | -- | -- | 9
+ | | | | |
+ | | | | { Osmium 191 |
+ | Tantal 181 | Wolfram 184 | -- | { Iridium 193 | 10
+ | | | | { Platin 194.8 |
+ | | | | |
+ | Wismuth 208 | -- | -- | -- | 11
+ | | | | |
+ | | | | |
+ | Uran 238.5 | -- | -- | -- | 12
+ | | | | |
+
+Hier und da bemerken wir auf der Tafel leere Stellen, die offenbar bisher
+unbekannten Elementen angehören. Als _Mendelejeff_ dieses periodische
+Gesetz entdeckte, prophezeite er genau die Eigenschaften dreier fehlender
+Elemente, die auch tatsächlich späterhin entdeckt wurden und deren
+Eigenschaften vollkommen der Vorhersage Mendelejeffs entsprachen; es waren
+Skandium, Gallium und Germanium. Mendelejeff sagte nicht nur das
+Atomgewicht und spezifische Gewicht dieser Elemente voraus, sondern auch
+die Art ihrer Verbindungen. Ein solches Vorhersagenkönnen ist ein
+trefflicher Prüfstein für den Wert einer neuen Theorie und hat sich in
+diesem Falle gut bewährt. -- Auch Radium, das jüngste der Elemente, finden
+wir richtig unter dem ihm verwandten Baryum eingereiht.
+
+Wenn wir die Tafel vom Standpunkt des geologischen Chemikers, des
+Geochemikers, ansehen, so bemerken wir, daß die Elemente einer und
+derselben senkrechten Reihe gewöhnlich miteinander in der Natur vorkommen.
+Wohl deshalb, weil sie ähnliche Verbindungen bilden, also sich unter
+ähnlichen Umständen ablagern. So findet man z. B. Rubidium, Rhodium,
+Palladium, Osmium, Iridium und Platin gewöhnlich beisammen. Schwefel ist in
+der Regel mit Selen verunreinigt. Zinkerze enthalten fast immer etwas
+Cadmium. Chlor, Brom und Jod sind mehr oder weniger miteinander vermischt
+anzutreffen.
+
+Im _allgemeinen_ kann man sagen, daß die Elemente mit niedrigem Atomgewicht
+am weitesten verbreitet sind. Was z. B. Gruppe 1, 4 und 7 anlangt, so
+bemerken wir, daß die Häufigkeit des Vorkommens vom ersten zum zweiten
+Element wächst, und dann bis zum Ende der Reihe abnimmt. So ist Lithium in
+ganz kleinen Mengen weit verbreitet, Natrium in reichlichen Mengen
+vorhanden, während Kalium dem Natrium und Rubidium dem Kalium an Menge
+bedeutend nachsteht. Ganz ebenso verhalten sich die Gruppen 4 und 7. In
+Gruppe 6 ist Sauerstoff, das erste Element, das häufigste, während nach
+abwärts eine stetige Abnahme der vorkommenden Menge festzustellen ist. Doch
+fehlt es auch nicht an Ausnahmen: so ist in Gruppe 2 Strontium weniger
+häufig als Baryum, ein Widerspruch, der wohl mit unserem zunehmenden Wissen
+seine Aufklärung finden wird.
+
+Bei der Besprechung der chemischen Verhältnisse der Erde sind wohl auch
+einige Worte über den Ursprung unserer Atmosphäre gerechtfertigt,
+wiewohl man hierin zu einem endgültig abschließenden Urteil noch nicht
+gekommen ist, sondern sich ihm erst allmählich nähert. Einige Geologen
+schließen aus dem Vorhandensein unserer gegenwärtigen Kohlenlagerstätten
+und der großen Mengen von Kalkstein -- der als kohlensaurer Kalk 12%
+Kohlenstoff enthält -- in der Erdrinde, daß in früheren geologischen
+Weltaltern die Atmosphäre reicher an Kohlensäure war als heute, und daß
+-- da eine kohlensäurereichere Atmosphäre mehr Sonnenwärme aufnimmt und
+Kohlensäure das atmosphärische Nahrungsmittel der Pflanzen ist -- dies
+der Grund sei für die gewaltige Flora früherer Zeiträume. Dagegen ist
+aber einzuwenden, daß luftatmende Tiere in einer kohlensäurereichen
+Atmosphäre nicht leben können. -- Wohl ist es gewiß, daß der Kohlenstoff
+des Kalksteins einst zum größten Teile in der Atmosphäre enthalten war,
+aber war dies jemals zu einer und derselben Zeit der Fall?
+
+Dies ist sehr unwahrscheinlich, da der Kohlenstoff der Erdrinde, in
+Kohlensäure umgewandelt, 25 mal so schwer wäre als unsere gegenwärtige
+Atmosphäre und der dadurch entstehende Druck fast groß genug wäre, um einen
+Teil der Kohlensäure zu verflüssigen.
+
+Einige bedeutende Gelehrte, darunter auch Lord Kelvin, sind zu der
+interessanten Theorie gelangt, daß die Uratmosphäre der Erde hauptsächlich
+aus Wasserstoff, Stickstoff, Chloriden und Kohlenstoffverbindungen
+bestanden habe, und daß der Sauerstoff, der heute in freiem Zustande zu
+unserem Leben unerläßlich ist, damals mit Kohlenstoff und Eisen verbunden
+war. Nach dieser Theorie begann der Sauerstoff erst frei zu werden, als
+sich das erste, niedrigste Pflanzenleben auf der Erde entwickelte; der
+Sauerstoffvorrat erreichte in der Steinkohlenzeit seinen Höhepunkt und
+nimmt seither ab. Hiernach wäre der Gehalt der Atmosphäre an freiem
+Sauerstoff durch die Arbeit der Pflanzenwelt entstanden.
+
+Immerhin ist es schwer, dieser Lehre beizustimmen, wenn man Anhänger der
+Nebelflecktheorie ist und die Erde für einen Nebelfleckabkömmling hält.
+Denn für den Nebelflecktheoretiker ist die Atmosphäre nichts als der
+gasförmige Rückstand, der bei dem Festwerden der Erde zurückblieb. Dies ist
+auch die vorherrschende Ansicht.
+
+Nach einer neueren Theorie (Chamberlains Meteoriten-Theorie), nach der die
+Erde das Ergebnis der Vereinigung zahlloser kleiner Weltkörper ist, hat
+jeder Meteorit seine eigene kleine Atmosphäre mit auf die Erde gebracht.
+Diese Atmosphären, im Inneren unter hohem Druck eingeschlossen, gaben
+schließlich zu so starker Temperaturerhöhung Anlaß, daß die Gase infolge
+des vergrößerten Druckes und Volumens ausgetrieben wurden. Nach dieser
+merkwürdigen Annahme ist also die Atmosphäre von innen heraus, aus kleinen
+Anfängen, entstanden, während nach der Nebelflecktheorie die _Ur_atmosphäre
+am größten war, da sie ja das Ganze der Erde in sich begriff.
+
+Diese zwei Theorien, die Nebelfleck- und die Meteoritentheorie, stehen sich
+schroff gegenüber, nicht nur in der Frage nach der Entstehung der
+Atmosphäre, sondern ebenso in der nach der Entstehung des Ozeans, der trotz
+seines Alters von über 100 000 000 Jahren, sicherlich jünger ist, als die
+Atmosphäre.
+
+Für die Anhänger der Nebelflecktheorie ist die Frage der Entstehung des
+Ozeans verhältnismäßig leicht zu beantworten. Danach ist der Ozean nichts
+anderes, als der Rückstand, der beim Kristallisieren der festen Erdmasse
+zurückblieb. Nach der Meteoritentheorie enthielt die aus dem Inneren an die
+Oberfläche entwichene Atmosphäre wasserlösliche Gase, die sich in dem bei
+der Abkühlung der Erde gebildeten Wasser auflösten, dann weiter auf die
+feste Kruste wirkten und so die Entstehung des Ozeans verursachten.
+
+Kein Kapitel der Geochemie ist wohl gründlicher erörtert worden als die
+»Entstehung des Petroleums«. Hier stehen sich zwei Gruppen von Theorien
+gegenüber, eine unorganische und eine organische. Nach jener ist das
+Petroleum aus Kohlenstoff und Wasserstoff unter eigenartiger Mithilfe hoher
+und höchster Temperaturen entstanden, nach dieser ist es aus toten
+Pflanzen- und Tierkörpern hervorgegangen.
+
+Unter den unorganischen Theorien ist die berühmte Karbidtheorie
+Mendelejeffs erwähnenswert. Mendelejeff meint, daß im Erdinnern
+Eisenkarbide, Verbindungen von Eisen mit Kohlenstoff, vorhanden sind, daß
+das Wasser der Erde zu diesen Zutritt hat, und daß dadurch
+Kohlenwasserstoffe (Petroleum und Erdgas) erzeugt werden, ebenso wie
+Kalziumkarbid mit Wasser Azetylen hervorbringt. Wenn solche Eisenkarbide in
+mäßiger Tiefe der Erdrinde vorhanden wären, so würde die Voraussetzung
+viel Wahrscheinlichkeit für sich haben; jedoch ist bisher das Vorhandensein
+solcher Karbide im Erdinnern nicht nachgewiesen worden.
+
+Die unorganischem Theorien sind in den letzten Jahren mehr und mehr durch
+die organischen verdrängt worden, nach denen das Petroleum aus Pflanzen-
+und Tierresten früherer geologischer Zeiten entstanden sein soll. In der
+Tat entstehen bei der Verwesung von Seepflanzen verschiedene
+»Kohlenwasserstoffe«, doch ist trotzdem die »tierische« Theorie heute die
+herrschende. Man könnte fragen, ob die großen Mengen Petroleum, die auf der
+Erde vorhanden sind, wirklich aus Fischen hätten entstehen können, ob der
+Fischvorrat der Erde zur Erzeugung solch gewaltiger Petroleummengen
+hinreiche? Diese Frage muß unbedingt bejaht werden. Schon das Ergebnis des
+Heringsfangs von 2500 Jahrgängen an der Nordküste Deutschlands würde, wenn
+die Hälfte seiner Fette und Öle in Petroleum umgewandelt würde, so viel
+Petroleum liefern, als Galizien bisher hervorgebracht hat.
+
+So hat die Chemie viele Geheimnisse der leblosen Erde ergründet. Die Art
+der leblosen Stoffe hat sie erklärt; was sagt sie aber über das Lebende?
+Hat die Wissenschaft keine Brücke geschlagen vom Ufer des Leblosen zum Ufer
+des Lebenden? Ist wirklich nur dem Lebenden Tod und Vergänglichkeit,
+Wehrkraft und Willen, Liebe und Haß, Erinnerung und Vererbung,
+Fortpflanzung und Entwicklung eigen? Ist das Leblose wirklich so starr und
+unveränderlich, wie man gemeinhin annimmt? Ist das Niedrigste der lebenden
+Welt vom Höchsten der leblosen Welt tatsächlich durch eine Kluft getrennt?
+Mit diesen Fragen wollen wir uns nun zum Schluß beschäftigen.
+
+Die Fähigkeit, sich zu _erinnern_, ist eine köstliche Gabe des
+intelligenten Menschen. Diese Fähigkeit ermöglicht es, vergangene
+Ereignisse im Geiste wieder zu vergegenwärtigen. Viel wesentlicher aber als
+das bewußte Erinnern, das nur der Mensch, und vielleicht, in geringem Maße
+die höheren Tiere besitzen, ist die Fähigkeit, das vergangene und erfahrene
+Erlebnis sich so zu eigen zu machen, daß beim Eintreten des gleichen oder
+eines ähnlichen Erlebnisses die Lehre der Vergangenheit benutzt wird. Diese
+Fähigkeit aber ist auch den niederen Wesen eigen. Sie ist nichts anderes
+als die bekannte Anpassung und Gewöhnung. Das Blut, unfähig, größere
+Mengen fremden Serums aufzunehmen, nimmt willig kleine, stets wachsende
+Mengen auf, es wird gleichsam gestärkt durch die Erinnerung, gefestigt
+durch die vergangene Erfahrung. So ändert sich auch das Leblose durch jede
+Erfahrung, die es macht, durch jeden Eindruck, den es erleidet, es erinnert
+sich gewissermaßen der früheren Erfahrung und verhält sich bei der
+Wiederkehr anders, als vorher.[3]
+
+ [3] Siehe Nagel, Die Welt als Arbeit, Stuttgart, 1909.
+
+So »merkt« sich der Stahldraht jede Drehung, die er erfahren. Die
+photographische Platte merkt sich ihre Begegnung mit dem Sonnenlichte. Wenn
+man Eisen schmiedet, nimmt es mehr und mehr einen neuen, eigenartigen
+Charakter an durch die zahlreichen, dauernd sich einprägenden
+»Erfahrungen«, die ihm das Geschmiedetwerden beibringt. Eine _plötzliche_
+Erfahrung geht ebenso dauernd in das Besitztum des Leblosen über, wie in
+das des Lebenden. Die Metallplatte, die einen Moment, leidend, durch die
+Münzpresse gegangen ist, ist dauernd zur Münze geprägt, ebenso wie der
+Mensch, dem ein plötzliches Unglück widerfährt, sofort daran gewöhnt, damit
+vertraut und dadurch dauernd beeinflußt ist. Wenn wir von zwei erwärmten
+Stahlstücken, das eine allmählich, das andere plötzlich abkühlen, so bleibt
+jenes geschmeidig, während dieses spröde wird und spröde bleibt, ein
+Beispiel, wie verschieden derselbe Stoff durch verschiedene Einwirkungen
+oder Erfahrungen verändert wird.
+
+Dieser »Erinnerung«, im weitesten Sinne des Wortes, ist es zuzuschreiben,
+daß nichts stille steht, daß alles fließt und sich stetig verändert, weil
+es schon durch die Umgebung fortwährend beeinflußt wird. Der Stahlbalken
+einer Brücke ändert sich von Tag zu Tag infolge der fortwährenden
+Erschütterung, es ändert sich die Beschaffenheit der kleinen Kristalle, aus
+denen er besteht; so wird er schließlich greisenhaft und bricht, er leidet
+gleichsam an Arterienverkalkung.
+
+Aber der Tod? Ist der nicht das Vorrecht der Lebewesen? Hat das Leblose
+eine ähnliche Erscheinung aufzuweisen? Jawohl, in gewissem Sinne. In dem
+Sinne nämlich, daß ein neuer Zustand anbricht, in dem die Erinnerung an den
+früheren Zustand erloschen ist. Der Tod erinnert sich nicht des Lebens, das
+Leben nicht des Todes. In diesem Sinne können wir auch in der leblosen Welt
+von »Leben und Tod« sprechen.
+
+Als willkürliches Beispiel nehmen wir ein Kupfergefäß. Jede Abnutzung durch
+Gebrauch, jede durch Gewalt herbeigeführte Gestaltveränderung behält es
+dauernd bei, erinnert sich gleichsam ihrer, benutzt die gemachte Erfahrung
+und wird durch Leiden mürbe, wie der Mensch. Wenn wir in seine Oberfläche
+hineinritzen oder feilen, so behält es die »Marke« bei und läßt sich dann
+leicht an derselben Stelle tiefer ritzen.
+
+Wenn wir nun dieses Kupfergefäß einschmelzen und als Kupferblock erstarren
+lassen, so weiß dieser Kupferblock, um im Bilde zu bleiben, nichts von den
+Leiden und Freuden, die er als Kulturtopf erlitten und genossen, weiß
+nichts von den Beulen, Hieben und Hammerschlägen. Er ist ein neues Wesen,
+bereit, neue Erfahrungen aufzunehmen, bereit, von neuem Weh und Glück zu
+empfangen, er ist wiedergeboren, wiederauferstanden. Um aber
+wiederzuerstehen, mußte er durch die Lethe wandern, durch den
+erinnerungraubenden Strom, durch den Tod -- durch den flüssigen Zustand.
+
+Von diesem Standpunkt aus ist der Tod nichts anderes als der Übergang aus
+einem Aggregatzustand in einen andern, indem dabei die »Erinnerung« an den
+ersten Aggregatzustand ganz verlischt. Um aber »Erinnerung« zu ermöglichen,
+ist Form nötig, wie sie das Feste hat, das Flüssige und Gasförmige jedoch
+nicht. Das Wasser, das ich aus dem Kruge in das Trinkglas und dann wieder
+zurück in den Topf gieße, bleibt davon unbeeindruckt, »erinnert« sich
+(dieser Wandlung) nicht, ebensowenig das Gas, das, gleich der Flüssigkeit,
+formlos ist. Nur das Feste hat also, recht verstanden, Erinnerung, die
+Flüssigkeit und das Gas aber sind erinnerungslos.
+
+So können wir den Zustand der Flüssigkeit und des Gases als _niedrige_
+Aggregatzustände bezeichnen, im Gegensatz zu dem _höheren_ festen Zustand
+und können das Leben selbst als einen eigenartigen, _hohen_, besonders
+reizbaren, besonders erinnerungsfähigen, besonders sorgfältig geformten
+Aggregatzustand, als den _vierten_ Aggregatzustand einer Reihe ansprechen,
+deren erster das Gas, deren zweiter das Flüssige, deren dritter das Feste
+ist.
+
+Man sollte nun meinen, daß man im Gebiete des Leblosen keine Vorgänge
+finden könnte, die der Fortpflanzung entsprechen, Vorgänge, in denen ein
+Same, ein kleines Abbild des ausgewachsenen Individuums, zu einem großen
+Wesen wird, von genau derselben Form, der dieser Same entstammt. Und doch
+lassen sich solche Vorgänge im Gebiete des Leblosen leicht finden und zwar
+in der Erscheinung der Kristallisation.
+
+Wenn wir in eine entsprechend starke Lösung von Glaubersalz ein kleines,
+nur staubkorngroßes Glaubersalzkriställchen hineinwerfen, so kristallisiert
+alsbald, unter Umständen augenblicklich, die ganze Masse in großen, dem
+Glaubersalz eigentümlichen Kristallen. Die Glaubersalzlösung ist der
+Mutterboden des Glaubersalzkristalles und nur des Glaubersalzkristalles,
+genau so wie der Mutterleib nur den Samen der eigenen Art zur Entwicklung
+bringen kann.
+
+Ja, wird man jetzt sagen, aber die Wehrkraft, das tatkräftige Abwehren, ist
+ausschließlich Sache des Lebendigen; das Leblose ist stets nur passiv und
+leidend. Dagegen ist einzuwenden, daß das Bestreben, den gewohnten Zustand
+beizubehalten, die Trägheit, auch dem Leblosen eigen ist, und daß dieses
+sich ebenso gegen jede Veränderung sträubt und wehrt wie das Lebende. Beide
+wehren sich eben mit ihrer ganzen ihnen innewohnenden Kraft. Der Mensch
+erwehrt sich seines Feindes so lange und so gut, wie er kann, und das
+Stahlblech setzt ebenfalls dem Verbiegen seinen stärksten Widerstand
+entgegen. Das Holz läßt sich nicht ohne weiteres durch die Säge zerspalten,
+es muß dazu genau so viel Arbeit verwendet werden, als die Überwindung der
+Wehrkraft des Holzbrettes erfordert. Die Art und Stärke der Wehrkraft macht
+eben das Wesen und die Eigenschaften eines Stoffes aus. Das Holz wehrt
+sich, das Sonnenlicht durchzulassen, ist darin erfolgreich und läßt das
+Sonnenlicht nur noch als Wärme wirken. Das Glas wehrt sich gegen das Licht
+nicht, und die dadurch bewirkte Durchsichtigkeit ist seine eigentümlichste
+Eigenschaft. Das Zink hat keine Wehrkraft gegen Schwefelsäure, das Blei
+eine sehr bedeutende, der es eben seine vielfache praktische Verwendung
+verdankt. Die Wehrkraft des Tones gegen Wärme und Elektrizität ist sehr
+bedeutend, die des Kupfers sehr gering.
+
+Die aktive Betätigung, die ja auch beim Menschen stets nur einer in oder
+außer ihm liegenden Ursache, einer Anregung, einem Drucke von außen
+entspringt, finden wir ebenfalls im Leblosen wieder: das in den Felsritzen
+gefrierende Eis zersprengt den Felsblock.
+
+Auch das wichtigste Wehren der lebendigen Welt, das Wehren gegen den Tod,
+den Todeskampf, finden wir im Leblosen wieder. Wehrt sich der Lebende
+kräftig gegen alles Schädliche, so wehrt er sich ganz besonders, bis aufs
+äußerste, mit dem ganzen Aufwand seiner Energie, gegen das ihm
+Schädlichste, gegen das ihn Vernichtende, gegen den Tod. Ebenso wehrt sich
+das Leblose ganz besonders gegen eine Veränderung seines Aggregatzustandes.
+So wehrt sich das Eisen mit einem gewissen Kraftaufwande gegen die Aufnahme
+von Wärme, gegen Erwärmung, und verwendet, seinen Widerstand zur Geltung
+bringend, einen großen Teil der zugeführten Wärme, statt zur eigenen
+Erwärmung, zur Vergrößerung seines Volums. Aber dieser Widerstand wächst
+ins Riesige, wenn man, beim Schmelzpunkt angelangt, das Eisen schmelzen
+will. Da muß eine außerordentlich große Menge Wärme, die Schmelzwärme, dem
+Eisen aufgezwungen werden, um es zu töten, um es dazu zu bringen, seine
+bisherige Eigenart aufzugeben, um es aus dem festen in den flüssigen
+Zustand hinüberzuzwingen -- um es zu schmelzen.
+
+Vom Hassen und Lieben des Leblosen haben wir bereits früher gesprochen und
+haben gesehen, wie sich die Elemente fliehen und suchen, wie sie das
+Verwandte -- um sich damit zu verbinden -- auswählen (Wahlverwandtschaft),
+so daß wir nun keinen Abgrund mehr sehen zwischen dem Leblosen und
+Lebenden, sondern nur Stufen, die vom einen zum andern hinaufführen.
+
+Auch das Leblose paßt sich der Umgebung an; der Stein, indem er verwittert,
+paßt sich der Einwirkung der Atmosphäre an, ändert sich und »entwickelt«
+sich. Sowohl im Gebiete des Lebenden als dem des Leblosen werden
+Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebnisse aufgehäuft, die das Individuum
+verändern und dadurch sein zukünftiges Benehmen beeinflussen. In beiden
+Gebieten finden wir Wehrkraft, also Charakter und Eigenschaften, ohne die
+die Welt ein gleichförmiges, wüstes Chaos und nicht ein mannigfaltiger
+Kosmos wäre. »Jeder freut sich seiner Stelle, bietet dem Verächter Trutz«.
+In beiden Gebieten finden wir ein Aufeinanderwirken, einen Kampf zwischen
+Außenwelt und Individuum, dessen Ergebnis eben die Gesamtentwicklung der
+irdischen Natur ist.
+
+So ist die Entwicklung nichts anderes als die stetige Betätigung der
+»Wehrkraft«, die, wenn auch tausendmal überwunden, immer wieder in
+ursprünglicher Jugendfrische, herrlich wie am ersten Tag, erscheint. Die
+Wehrkraft ist die unerschöpfliche Quelle der tätigen Natur, sie ist der
+Wille der Welt. Sie ist die Wurzel, der Stamm, das Geäst und das Laubwerk
+der knorrigen Esche Yggdrasil, die, in ihrem Grunde beharrend, ihren Wipfel
+ausbreitend hinaufbaut in den Äther.
+
+Während infolge der Wehrkraft alles fließt und sich ändert, steht die
+Wehrkraft selbst, der Wille der Welt, ewig still, wie der Regenbogen auf
+dem tosenden Wasserfall. Sie bleibt sich ewig gleich, nur ihre Bekleidung,
+die Weltmaskerade, wechselt. Der Schein wechselt, das Wesen bleibt.
+
+Auf diese Weise hat die Chemie die Erde zerlegt, gemessen und gewogen und
+die Kluft zwischen Lebendigem und Leblosem zu überbrücken gesucht; aber sie
+hat auch neues Licht geworfen auf die Stellung der Erde im Weltall und
+insbesondere auf das Verhältnis der Erde zur Sonne.
+
+Bevor wir darauf eingehen, wollen wir fragen -- eine Frage, die unserem
+Gegenstande nur scheinbar fern liegt -- was das Wesen einer Maschine ist.
+Zur Beantwortung dieser Frage betrachten wir die Dampfmaschine und die
+Dynamomaschine. Die Dampfmaschine verwandelt Wärme in mechanische Arbeit,
+also Wärmeenergie in mechanische Energie; die Dynamomaschine verwandelt
+mechanische Kraft in Elektrizität, also mechanische Energie in elektrische
+Energie. Maschinen sind also Geräte, die eine Art von Energie in eine
+andere verwandeln.
+
+Nun erhält die Erde von der Sonne strahlende Energie, Licht. Ein Teil
+dieser Lichtstrahlung, dieser strahlenden Energie wird in der irdischen
+Atmosphäre in Wärme umgesetzt. Als Umwandler der strahlenden Energie in
+Wärmeenergie ist die Erde also eine Maschine, und die Wirkung der Arbeit
+dieser Maschine sind die geologischen und meteorologischen Ereignisse. Auch
+die pflanzlichen Organismen sind Maschinen, da in ihnen die strahlende
+Energie der Sonne in chemische Kräfte, in chemische Energie umgewandelt und
+zum Aufbau des Pflanzenkörpers verwendet wird. Die Tiere wieder nähren sich
+von den chemischen Kräften der Pflanze und verwandeln sie in tierische
+Masse, in Muskelkraft und in der weiteren Entwicklung, in Gehirnenergie, in
+Intelligenz. So ist die Erde vor allem eine Maschine zur Umwandlung von
+strahlender Energie in Wärme; die Pflanzen sind Maschinen zur Umwandlung
+von strahlender in chemische Energie und die Tiere zur Umwandlung von
+chemischer Energie in andere Formen. Je höher wir in der Entwicklungsreihe
+der Pflanze aufwärts steigen, um so besser wird die der Pflanze zuteil
+gewordene Lichtmenge ausgenutzt, um so wirksamer also wird die Maschine;
+ebenso nimmt auch im Tierreich der Wirkungsgrad und überdies die
+Mannigfaltigkeit der umgewandelten Energien stetig in der Entwicklungsreihe
+zu.
+
+Während in den Sonnen die Umwandlung strahlender Energie in chemische,
+mechanische und Wärme-Energie eine sehr wesentliche Rolle spielt, sind die
+Nebelflecke offenbar Maschinen, in denen aus verdünnter schwacher Wärme und
+strahlender Energie, auf dem Umwege über chemische und mechanische Energie,
+starke, konzentrierte strahlende Energie erzeugt wird, wodurch sie
+schließlich in Sonnen übergehen.
+
+Hiernach ist jeder Teil der Welt eine Maschine in bezug auf die von dem
+Rest der Welt auf ihn einwirkenden Energien. Für die Sonne als
+Dampfmaschine bedeutet der Rest des Weltalls den Dampfkessel. Die Planeten
+sind Maschinen vor allem in bezug auf die von der Sonne erhaltene Energie.
+Sie bringen selbst wieder im Laufe der Entwicklung Maschinen hervor, die
+Organismen, die die Energie in stets neue Formen umwandeln und das bunte
+Bild des Lebens zustande bringen. Für je mannigfaltigere Energien diese
+Organismen empfänglich sind, und je mannigfaltiger und wirksamer sie sie
+umwandeln, als um so vollkommener und höher bezeichnen wir sie.
+
+Wenn man also bisher annahm, daß das Weltall einem Kältetode entgegengehe,
+so war diese Annahme nicht richtig. Denn dem Weltall stehen Mittel und Wege
+zur Verfügung, hohe Temperaturen aus anderen, auch ganz schwachen, ganz
+verdünnten Energien darzustellen. Die Möglichkeit, entweder unmittelbar
+oder auf Umwegen schwache, verdünnte Energien, wie Wärme, Elektrizität
+usw., in starke, konzentrierte umzuwandeln, ist eben durch den maschinellen
+Charakter der Welt bedingt. Wenn diese Wiederverstärkung der Energien nicht
+möglich wäre, dann müßte das Weltall -- wenn es ewig ist -- schon vor
+Ewigkeiten dem Kältetode und der starren Ruhe verfallen sein. Da wir nun
+aber sehen, daß die Sonnensysteme, die Sonnen, die Planeten, die
+Nebelflecke ebensogut Maschinen entsprechen, wie die von den Menschen
+gebauten Maschinen und die Organismen selbst, so können wir daraus die
+Ewigkeit des Geschehens verstehen.
+
+Wenn wir nun den Begriff »Maschine« etwas genauer untersuchen, so sehen wir
+alsbald, daß jeder Stoff, jede Materie, gleichgültig, ob lebend oder
+leblos, eine Maschine ist, das heißt, daß in allen ein Teil der auf sie
+einwirkenden Energien in andere Formen umgewandelt wird. Jede Materie und
+nach unserer Erfahrung _nur_ die Materie ist eine Maschine zur Umwandlung
+von Energien. Die Materie hat also im Weltganzen die Aufgabe eines
+Energieumwandlers. Das Gesetz von der Erhaltung der Materie verbürgt die
+Ewigkeit der Energieumwandlungen durch die Ewigkeit und Unverminderbarkeit
+des Energieumwandlers.
+
+Wir haben oben gesagt, daß die Maschinen, je höher wir in der
+Entwicklungsreihe aufwärts steigen, um so mannigfaltigere Tätigkeiten
+ausüben, indem eine stets wachsende Zahl von Energiearten in stets
+wirksamerer Weise in ihnen zur Umwandlung gelangt. So bedarf die Pflanze
+nur einer beschränkten Zahl von Strahlenarten, auch das niedrige Tier
+empfindet nur ein enges Gebiet der Strahlung, verglichen mit dem Menschen,
+auf den eine ganze Menge von Strahlen einwirkt.
+
+Der maschinelle Charakter der unorganischen Stoffe ist viel einfacher als
+der der Tiere, in denen durch die Entwicklung und Verfeinerung mehrerer
+Sinne die Umwandlung einer viel größeren Zahl von Energien ermöglicht ist.
+Die unorganischen Maschinen werden nur von einer geringen Zahl von
+Energien, und von jeder nur in einem eigenen Wirkungsgrade beeinflußt.
+Gewisse Energien werden mehr oder weniger umgewandelt, andere wieder gehen
+völlig oder fast völlig unverändert durch. So läßt z. B. Fensterglas einen
+großen Teil des Farbenspektrums, einen großen Teil der Sonnenstrahlung
+unverändert durch, es ist aber eine Maschine in bezug auf die sogenannten
+Ultrastrahlen, während es elektrische Energie im Gegensatz zu Kupfer gar
+nicht durchläßt. Von gewissen unorganischen Materien wird strahlende
+Energie, von anderen wieder Wärme in chemische Energie umgesetzt. Noch
+weniger mannigfaltig in ihrer Wirkung als die natürlichen unorganischen
+Maschinen sind die von den Menschen gebauten Maschinen, da sie nur der
+Umwandlung _einer_ Energie fähig sind. So setzt die Dampfmaschine Wärme in
+mechanische Energie um, ist aber völlig unbrauchbar zur Umwandlung von
+mechanischer in elektrische Energie oder umgekehrt.
+
+Wir können also sagen: Alle Stoffe, alle Materien sind Maschinen, in allen
+werden gewisse einwirkende Energien in andere Formen umgewandelt. Die Zahl
+der umgewandelten Energien ist am geringsten und die Umwandlung am
+unvollständigsten in unorganischen Materien. Die Zahl der umgewandelten
+Energien, und die Vollständigkeit der Umwandlung wächst, wenn wir in der
+Entwicklungsreihe der Organismen aufwärts steigen.
+
+Nun können wir auch den wesentlichen Unterschied zwischen physikalischen
+und chemischen Vorgängen klar fassen: physikalische Erscheinungen sind
+solche, bei denen eine Energieumwandlung mit Hilfe einer Materie
+stattfindet, z. B. das Schmelzen eines Metalles, oder das Elektrischwerden
+verschiedener Stoffe; dies ist vergleichbar einer in Gang kommenden oder im
+Gang befindlichen Dampfmaschine. Eine chemische Erscheinung dagegen ist die
+Herstellung einer neuen Maschine aus den Teilen zweier oder mehrerer alter
+Maschinen und ist daher vergleichbar dem Bau oder der Konstruktion einer
+neuen Maschine. Hier eine Maschinenfabrik, dort eine in Betrieb kommende
+oder im Betriebe stehende Maschine.
+
+Alles Geschehen im Weltall beruht auf diesem Aufeinanderwirken von Materie
+und Energie. In diesem ewigen Streite kämpft jeder der beiden Kämpfer so
+weit, wie seine Kräfte reichen; sind die Kräfte des einen Kämpfers
+erschöpft, so muß er sich ergeben oder zum mindesten nachgeben, und, auf
+halbem Wege dem Gegner entgegenkommend, sich ihm anpassen. In dieser
+wahrhaft ewigen, nie ruhenden Schlacht wird das eine durch das andere
+beeinflußt, das eine durch das andere verändert. So ist die Materie der
+große Energieumwandler, die Energie der große Materienumwandler. Durch den
+Widerstand der Materie im elektrischen Widerstandsofen wird die
+Elektrizität zur Wärme (Energieumwandlung), durch den Einfluß des
+elektrischen Stromes wird das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt
+(Materienumwandlung).
+
+Damit wollen wir unsere romantische Wanderung durch das Gebiet der Chemie
+beschließen.
+
+
+
+
+Sachregister.
+
+
+Aggregatzustand 81
+
+Ackerbauchemie 55
+
+Aluminium 29
+
+Analyse 64
+
+Anilinfarben 38
+
+Arbeit des Chemikers 61
+
+Arten, Erhaltung der, 51
+
+Atmosphäre 73, 77, 78
+
+Atomgewichte 74
+
+Azetylen 26, 78
+
+
+Baumwolle 32, 44
+
+Baeyer 40
+
+Bessemerverfahren 18
+
+Bittermandelöl 54
+
+Blutserum 49
+
+
+Cumarin 54
+
+
+Desinfektion 50
+
+Diphtherieserum 50
+
+Dynamit 43, 44, 68
+
+
+Eisenerzeugung 16
+
+Elektrochemie 29
+
+Elektrostahl 18
+
+Elemente 63, 74
+
+Energie 84
+
+Erdrinde 73, 74
+
+Erfindertätigkeit 67
+
+Erhaltung der Arten 51
+
+Erinnerung 79
+
+Erzmahlung 8
+
+
+Fällung von Gold 9
+
+Färberröte 38
+
+Farbe 37
+
+Feuerträger 47
+
+Feuerwerksätze 44
+
+
+Galalith 34
+
+Gasglühlicht 24
+
+Gasmaschinen 16, 19, 29
+
+Generatorgas 28
+
+Gifte 50
+
+Glas 26
+
+Glanzstoff 33
+
+Glyzerin 44
+
+Gold 6
+
+Gold im Ozean 14
+
+Goldfällung 9
+
+Goldsucher 7
+
+Gruppierung 62
+
+
+Hartglas 27
+
+Heliotropin 54
+
+Hochofengas 16, 20
+
+
+Indigo 37, 40
+
+Indigoweiß 37
+
+
+Jasminduft 54
+
+
+Kalidünger 56, 57
+
+Kalksandstein 36
+
+Kalkstickstoff 59
+
+Kalziumkarbid 26
+
+Kampfer 34
+
+Karborundum 29
+
+Kasein 34
+
+Katalyse 60
+
+Kautschuk 34
+
+Kieselgur 44
+
+Kohle 27
+
+Kollodium 32
+
+Krapp 38, 40
+
+Kristallisation 82
+
+Konservierungsmittel 50
+
+Kugelmühle 8
+
+Kunstseide 31
+
+
+Leblanc 69
+
+Leuchtgas 24
+
+Licht 22
+
+Luftstickstoff 59
+
+Lyddit 44
+
+
+Martinstahl 18
+
+Martinwerk 23
+
+Maschine 84
+
+Materie 84
+
+Mahlen von Erz 8
+
+Medizin 48
+
+Melinit 44
+
+Mendelejeff 76
+
+
+Nitroglyzerin 44
+
+Nobel 68
+
+
+Orangenblüten 53
+
+Osramlampe 26
+
+Ozean 11, 73, 78
+
+
+Papier 33
+
+Periodisches System 75
+
+Petroleum 25, 78
+
+Pfannenprozeß 6
+
+Pflügen 55
+
+Phenol 44
+
+Phosphor 46
+
+Phosphorsäure 56, 58
+
+Pikrinsäure 43, 44
+
+Pochwerk 6
+
+Purpur 38
+
+Pyrophore 47
+
+
+Quarzglas 27
+
+
+Riechstoffe 52 ff.
+
+Rohrmühlen 8
+
+Rosenblüten 53
+
+
+Salizylsäure 50, 54
+
+Salpetersäure 43, 44
+
+Salpeterschwefelsäure 43
+
+Schießbaumwolle 34, 43
+
+Schießpulver 43
+
+Schlämmen von Gold 6
+
+Schwefelsäure 35, 60
+
+Seesalz 73
+
+Seide 31
+
+Seife 54
+
+Serum 49
+
+Soda 70
+
+Sonnenstrahlung 30
+
+Sprenggelatine 43, 44
+
+Sprengstoffe 43, 44
+
+Spektralanalyse 64
+
+Stahlerzeugung 18
+
+Steinkohlenteer 38, 48
+
+Stickstoffdünger 56, 59
+
+
+Tantallampe 26
+
+Teerfarben 38, 40
+
+Terpineol 54
+
+Thomasstahl 68
+
+Thomasmehl 58
+
+Tod 80, 82
+
+Transporteinrichtungen 28
+
+
+Vanillin 54
+
+Veilchenblüten 53
+
+Verbindung von Stoffen 66
+
+Veredlung 22, 33
+
+Viskose 33
+
+
+Wahlverwandtschaft 65
+
+Walzwerk 20
+
+Waschen von Gold 6
+
+Wasserkraft 29
+
+Wehrkraft 82
+
+Wintergrünöl 54
+
+Wolframlampe 26
+
+
+Xylolith 36
+
+
+Zelluloid 34
+
+Zinkspäne 9
+
+Zündstoffe 45
+
+Zyanidverfahren 8
+
+
+
+
+Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart
+
+
+Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit
+die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen in den
+weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel glaubt die
+Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu
+erreichen mittels des
+
+ #Kosmos#, Handweiser für Naturfreunde
+ Jährlich 12 Hefte. Preis M 2.80;
+
+ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten Sinne
+gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es erscheinen
+im Vereinsjahr 1914 (Änderungen vorbehalten):
+
+ #Wilh. Bölsche, Tierwanderungen in der Urwelt.#
+ Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
+
+ #Dr. Kurt Floericke, Meeresfische.#
+ Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
+
+ #Dr. Alexander Lipschütz, Warum wir sterben.#
+ Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
+
+ #Dr. Fritz Kahn, Die Milchstraße.#
+ Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
+
+ #Dr. Oskar Nagel, Romantik der Chemie.#
+ Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
+
+Diese Veröffentlichungen sind durch _alle Buchhandlungen_ zu beziehen;
+daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 4.80) zum
+#Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde# (auch nachträglich noch für die
+Jahre 1904/13 unter den gleichen günstigen Bedingungen), entgegengenommen.
+(Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen Werke usw. siehe am
+Schlusse dieses Werkes.)
+
+Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.
+
+
+
+
+Naturwissenschaftliche Bildung ist die Forderung des Tages!
+
+
+Zum Beitritt in den »Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde«, laden wir
+
+ alle Naturfreunde
+
+jeden Standes, sowie alle _Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw._ ein. --
+Außer dem geringen
+
+ _Jahresbeitrag von nur M 4.80_
+
+(Beim Bezug durch den Buchhandel 20 Pf. Bestellgeld, durch die Post Porto
+besonders.)
+
+= K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 erwachsen dem Mitglied #keinerlei#
+Verpflichtungen, dagegen werden ihm folgende _große Vorteile geboten_:
+
+Die Mitglieder erhalten laut § 5 als Gegenleistung für ihren Jahresbeitrag
+im Jahre 1914 #kostenlos#:
+
+I. Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde.
+Reich illustr. Mit mehreren Beiblättern (siehe S. 3 des Prospektes). Preis
+für Nichtmitglieder M 2.80.
+
+II. Die ordentlichen Veröffentlichungen.
+Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M 1.-- pro Band.
+
+ Wilhelm Boelsche, Tierwanderungen in der Urwelt.
+ Dr. Kurt Floericke, Meeresfische.
+ Dr. Alexander Lipschütz, Warum wir sterben.
+ Dr. Fritz Kahn, Die Milchstraße.
+ Dr. Oskar Nagel, Die Romantik der Chemie.
+
+Änderungen vorbehalten. (Näheres wird im Kosmos-Handweiser bekanntgegeben.)
+
+III. Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden naturwissenschaftlichen
+Werken (siehe Seite 7 des Prospektes).
+
+>>>> _Jede Buchhandlung_ nimmt Beitrittserklärungen entgegen und besorgt
+die Zusendung. Gegebenenfalls wende man sich an die Geschäftsstelle des
+Kosmos in Stuttgart.
+
+Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.
+
+Bereits Erschienenes wird nachgeliefert.
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ S. 57: "Phosphorsäure (S)" wurde geändert in "Phosphorsäure (P)".
+
+ S. 66: "Zinsulfats" wurde geändert in "Zinksulfats".
+
+ S. 73: "1,286 000 000 Kubikkilometer" wurde geändert in
+ "1 286 000 000 Kubikkilometer".
+
+ S. 75, Periodisches System der Elemente: "Gold 19.2"
+ wurde geändert in "Gold 197".
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Romantik der Chemie, by Oskar Nagel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ROMANTIK DER CHEMIE ***
+
+***** This file should be named 27254-8.txt or 27254-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/7/2/5/27254/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/27254-8.zip b/27254-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..6dd9309
--- /dev/null
+++ b/27254-8.zip
Binary files differ
diff --git a/27254-h.zip b/27254-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..20e4623
--- /dev/null
+++ b/27254-h.zip
Binary files differ
diff --git a/27254-h/27254-h.htm b/27254-h/27254-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..4523a11
--- /dev/null
+++ b/27254-h/27254-h.htm
@@ -0,0 +1,4371 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
+ <head>
+ <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
+ <title>
+ The Project Gutenberg eBook of Die Romantik der Chemie, by Dr. Oskar Nagel
+ </title>
+ <style type="text/css">
+/*<![CDATA[ XML blockout */
+<!--
+ a:link { text-decoration: none; color: #0000C8; }
+ a:visited { text-decoration: none; color: #A000A0; }
+ a:hover { text-decoration: underline; }
+ a:active { text-decoration: underline; }
+
+ body { margin-left: 15%; margin-right: 15%; }
+
+ h1,h2 { text-align: center; clear: both; }
+
+ h1 { line-height: 2em; margin-top: 3em; margin-bottom: 2em; }
+
+ h2 { margin-top: 3em; margin-bottom: 2em; }
+
+ hr { width: 33%;
+ margin-top: 3em;
+ margin-bottom: 3em;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ clear: both; }
+
+ img { margin-top: 2em; margin-bottom: 0;}
+
+ p { line-height: 1.4em;
+ margin-top: 1em;
+ margin-bottom: 1em;
+ font-weight: normal;
+ text-align: justify; }
+
+ table { margin-left: auto; margin-right: auto; }
+
+ .bb { border-bottom: solid 1px; }
+ .bt { border-top: solid 1px; }
+
+ .anhang { border: thin dashed black; padding-left: 25px; padding-right: 25px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em; }
+
+ .antiqua { font-style: italic; }
+
+ .big { font-size: 140%; }
+
+ .blockquot { margin-left: 5%; margin-right: 5%; }
+ div.blockquot p {line-height: 1.2em; font-size: smaller; }
+
+ .caption { margin-top: 1em; margin-bottom: 0em; font-size: smaller; }
+
+ .center { text-align: center; }
+
+ .figcenter { margin: auto; text-align: center; }
+
+ .figleft { float: left; clear: left; margin-left: 0; margin-bottom: 1em; margin-top: 0em;
+ margin-right: 1em; padding: 0; text-align: center; }
+
+ .figright { float: right; clear: right; margin-left: 1em; margin-bottom: 1em;
+ margin-top: 0em; margin-right: 0; padding: 0; text-align: center; }
+
+ .footnote { margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: smaller; }
+ .footnote .label { position: absolute; right: 84%; text-align: right; }
+ .fnanchor { font-size: smaller; text-decoration: none; font-style: normal; letter-spacing: 0ex; }
+
+ ul.IX { font-size: smaller; list-style-type: none; font-size: inherit; }
+ .IX li { margin-top: 0; }
+
+ .ins { text-decoration: none; border-bottom: 1px dashed #0000C8; }
+
+ .invisible { visibility: hidden; }
+
+ .kosmos { list-style-type: none; }
+
+ .pagenum { position: absolute; right: 3%; font-size: small;
+ font-weight: normal; font-style: normal; text-align: right;
+ text-indent: 0em; letter-spacing: 0ex; }
+
+ .poem { margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left; }
+ .poem br { display: none; }
+ .poem .stanza { margin: 1em 0em 1em 0em; }
+ .poem span.i0 { display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em; }
+
+ .ppnote { background-color: #EEE; color: #000; padding: 10px;
+ font-family: sans-serif; font-size: smaller; border: thin solid #999;
+ margin-top: 3em; margin-bottom: 6em; }
+
+ .spaced { letter-spacing: 0.2em; }
+
+ .title { text-align: center; font-weight: bold; line-height: 2em; margin-top: 3em; margin-bottom: 2em; }
+ // -->
+ /* XML end ]]>*/
+ </style>
+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Die Romantik der Chemie, by Oskar Nagel
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Romantik der Chemie
+
+Author: Oskar Nagel
+
+Release Date: November 13, 2008 [EBook #27254]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ROMANTIK DER CHEMIE ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<div class="ppnote">
+<p style="font-weight: bold">Anmerkungen zur Transkription:</p>
+
+<p>Schreibweise und Zeichensetzung des Originaltextes wurden beibehalten, nur offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. Im Originaltext wird bei Dezimalzahlen in einigen F&auml;llen ein Punkt, in anderen F&auml;llen ein Komma verwendet.
+Dies wurde unver&auml;ndert &uuml;bernommen.</p>
+
+<p>&Auml;nderungen gegen&uuml;ber dem Originaltext sind durch eine <span class="ins" title="wie hier">gestrichelte blaue Linie</span>
+gekennzeichnet; der urspr&uuml;ngliche Text erscheint beim Dar&uuml;berfahren mit dem Mauszeiger.</p>
+
+<p>Der Originaltext ist vollst&auml;ndig wiedergegeben. Dass einige Seitenzahlen fehlen,
+liegt daran, dass im Originaltext einige ganzseitige Abbildungen mit Seitenzahlen versehen waren, die hier
+weggelassen wurden. Die Tabelle auf Seite&nbsp;75, die im Buch in den laufenden Text eingef&uuml;gt war,
+wurde hier an das Absatzende versetzt, daher sind die Seitenzahlen&nbsp;75 und 76 vertauscht.</p>
+
+<p>Das Verzeichnis der Abbildungen wurde zus&auml;tzlich eingef&uuml;gt.</p>
+</div>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/title.jpg" width="260" height="400" style="border: 1px solid black" alt="Cover" title="" />
+</div>
+
+
+<h1>
+<span class="big">Die Romantik<br /> der Chemie</span>
+</h1>
+
+<p class="title">
+Von<br />
+<span class="big">Dr. Oskar Nagel</span>
+</p>
+
+<p class="center" style="margin-bottom: 3em">
+Mit 26 Abbildungen und 4 Tabellen
+</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 64px;">
+<img src="images/signet.png" width="64" height="98" alt="Signet" title="" />
+</div>
+
+<p class="center" style="margin-top:3em; margin-bottom:3em">
+<span class="spaced">Stuttgart</span><br />
+Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde<br />
+Gesch&auml;ftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung<br />
+1914<br />
+Alle Rechte, besonders das &Uuml;bersetzungsrecht, vorbehalten.<br />
+<span class="antiqua">Copyright 1914 by<br /> Franckh&#8217;sche Verlagshandlung, Stuttgart.</span><br />
+</p>
+
+<p class="center antiqua" style="font-size: small">STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI<br />
+HOLZINGER &amp; Co. STUTTGART
+</p>
+
+<hr />
+
+<p class="title">Verzeichnis der Abbildungen</p>
+
+<table border="0" style="font-size: small" summary="Abbildungsverzeichnis">
+<colgroup>
+ <col width="15%" />
+ <col width="85%" />
+</colgroup>
+<tr>
+<td>Abbildung <span class="invisible">0</span>1</td>
+<td><a href="#abb01">Kugelm&uuml;hle</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung <span class="invisible">0</span>2</td>
+<td><a href="#abb02">Rohrm&uuml;hle</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung <span class="invisible">0</span>3</td>
+<td><a href="#abb03">Mechanischer R&ouml;stofen</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung <span class="invisible">0</span>4</td>
+<td><a href="#abb04">Zyanidbottich</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung <span class="invisible">0</span>5</td>
+<td><a href="#abb05">Spezialbottich zur Goldgewinnung</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung <span class="invisible">0</span>6</td>
+<td><a href="#abb06">F&auml;llk&auml;sten im F&auml;llungsgeb&auml;ude</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung <span class="invisible">0</span>7</td>
+<td><a href="#abb07">Goldschmelzofen</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung <span class="invisible">0</span>8</td>
+<td><a href="#abb08">Amerikanische Zyanidanlage</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung <span class="invisible">0</span>9</td>
+<td><a href="#abb09">Hochofenanlage mit Hafen in Rheinhausen bei Duisburg</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 10</td>
+<td><a href="#abb10">Blick in eines der Gasgebl&auml;seh&auml;user der Gu&szlig;stahlfabrik Fried. Krupp A.-G., Essen</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 11</td>
+<td><a href="#abb11">Geschnittene Bessemerbirne</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 12</td>
+<td><a href="#abb12">Bessemerbirne gekippt zum Entleeren des erzeugen Schmiedeeisens</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 13</td>
+<td><a href="#abb13">Bessemerwerk</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 14</td>
+<td><a href="#abb14">Martinwerk I</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 15</td>
+<td><a href="#abb15">Blick in die N&uuml;rnberger Gasanstalt</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 16</td>
+<td><a href="#abb16">Entstehung von Wassergas, Generatorengas und Generatorenwassergas</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 17</td>
+<td><a href="#abb17">Gasgenerator</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>&nbsp;</td>
+<td><a href="#tab_p35">Die Verwendung der Schwefels&auml;ure in der chemischen Industrie</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>&nbsp;</td>
+<td><a href="#tab_p39">Gewinnung der Teerfarbstoffe</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 18</td>
+<td><a href="#abb18">Gesamtansicht der Farbwerke vormals Meister, Lucius u. Br&uuml;ning, H&ouml;chst a.&nbsp;M.</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 19</td>
+<td><a href="#abb19">Apparat zur Herstellung von Dynamit</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 20</td>
+<td><a href="#abb20">Verpackungssaal der Firma Farbenfabriken vormals Friedrich Bayer&nbsp;&amp;&nbsp;Co.&nbsp;A.-G., Elberfeld</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 21</td>
+<td><a href="#abb21">Destillierblase</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 22</td>
+<td><a href="#abb22">Aus der Fabrik &auml;therischer &Ouml;le Schimmel &amp; Comp., Miltitz-Leipzig</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 23</td>
+<td><a href="#abb23">Aus der Fabrik &auml;therischer &Ouml;le Schimmel &amp; Comp., Miltitz-Leipzig</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 24</td>
+<td><a href="#abb24">Geranien ohne und mit D&uuml;ngung</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 25</td>
+<td><a href="#abb25">D&uuml;ngung von Getreide</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>Abbildung 26</td>
+<td><a href="#abb26">Sodafabrikation nach Leblanc</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>&nbsp;</td>
+<td><a href="#tab_p43">Die Verwendung der Salpeters&auml;ure und der Salpeterschwefels&auml;ure</a></td>
+</tr>
+</table>
+
+
+<div class="figcenter" style="width: 473px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/decoration.png" width="473" height="66" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Wenn irgendeine Wissenschaft uns zu souver&auml;nen Herren der
+Natur gemacht und uns aus Naturbeherrschten in Beherrscher der
+Natur umgewandelt hat, so ist dies das sp&auml;tgeborene Kulturkind
+der Menschheit, die Wissenschaft der Chemie. Sie gleicht einem Kinde,
+das Jahrtausende dazu gebraucht hat, das Sprechen zu erlernen,
+aber dann mit einemmal imstande war, die w&auml;hrend der Jahrtausende
+angeh&auml;uften Eindr&uuml;cke, die es von der Welt empfangen,
+in prachtvoller, sinnreicher, k&uuml;nstlerischer Sprache wiederzugeben. Sie
+gleicht einer Pflanze, die durch Jahrtausende kr&auml;ftig-fleischige Bl&auml;tter
+angesetzt hat, um pl&ouml;tzlich, &uuml;ber Nacht, die sch&ouml;nsten Bl&uuml;ten hervorzubringen.
+Sie gleicht einem sp&auml;t erkannten, lange verachteten Stein,
+der, endlich gew&uuml;rdigt und erkannt, durch diese Erkenntnis wie
+mit einem Zauberstabe ber&uuml;hrt, sich in jeden gew&uuml;nschten, wunderbar-merkw&uuml;rdigen
+Stoff verwandelt; oder dem mystischen Schl&uuml;ssel
+Mephistos, der den grauen formlosen Nebel in G&ouml;tter umformt.</p>
+
+<p>Wie geheimnisvoll und m&auml;rchenhaft klingt schon der Name
+&bdquo;Chemie&ldquo;! Und in der Tat, sie ist m&auml;rchenhaft: ein Dornr&ouml;schen,
+durch das reine Streben geistvoller M&auml;nner aus dem Schlafe erweckt;
+ein Midas, der alles, was er anfa&szlig;t, in Gold verwandelt; ein Heiliger,
+der Wasser aus dem Felsen schl&auml;gt; ein vom edelsten Willen beseelter
+Erl&ouml;ser, der alle Hungrigen speisen m&ouml;chte; ein Herakles, der den
+Augiasstall reinigt; ein licht- und w&auml;rmebringender Prometheus;
+ein bergezertr&uuml;mmernder Titan; ein heilender &Auml;skulap; eine kunstfertige,
+schmuckliebende Athene&nbsp;&ndash; das alles ist die Chemie.</p>
+
+<p>Ein Midas, der, was er ber&uuml;hrt, in Gold oder Goldeswert verwandelt,
+der aus schmutzigem Erz und Sand Gold und Eisen herstellt,
+anspruchslose Erden zu sonnenhaftem Lichte ergl&uuml;hen l&auml;&szlig;t,
+durch Zusammenschmelzen weicher Stoffe diamantharte Substanzen
+<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>
+darstellt, durch Vermengung schwacher Materien Sprengstoffe von
+ungeheurer Gewalt erzeugt, der aus traurig-schwarzer Kohle pr&auml;chtige
+Farben in heiterer Buntheit erstehen l&auml;&szlig;t, und so reichlich erschafft,
+was die Natur k&auml;rglich hervorbringt.</p>
+
+<p>Midas ist das Sinnbild des nach Besitz gierigen und nach dem
+Besitz der Besitze, nach Gold, hungrigen Menschen. Solange das
+Menschengeschlecht lebt, lebt Midas.</p>
+
+<p>Das Gold hat schon fr&uuml;hzeitig durch seinen Glanz, seine auffallende
+Farbe und seine Unver&auml;nderlichkeit die Aufmerksamkeit des
+vorhistorischen Menschen auf sich gezogen, seine Habsucht erweckt
+und die Lust gereizt, sich damit zu schm&uuml;cken, zumal da es sehr
+leicht bearbeitet werden kann. Goldene Hefteln, goldener Halsschmuck
+waren damals das Vorrecht der M&auml;chtigen und Reichen.&nbsp;&ndash;
+Urspr&uuml;nglich beachtete man wohl nur die gr&ouml;&szlig;eren in der Natur
+gediegen vorkommenden Goldklumpen und -kl&uuml;mpchen, doch sch&auml;rfte
+sich allm&auml;hlich der golddurstige Blick, so da&szlig; der Mensch auch Goldk&ouml;rner
+zu sammeln begann, wie man sie in dem Flu&szlig;sande mancher
+Gew&auml;sser findet. Hierauf lernte man von den Fl&uuml;ssen das Waschen
+von Gold, das Schl&auml;mmen und den daraus entstandenen einfachen
+Pfannenproze&szlig;, indem man flie&szlig;endes Wasser durch goldhaltigen
+Sand leitete, so da&szlig; der leichtere Sand mit dem Wasser fortgef&uuml;hrt,
+das schwere Gold aber zur&uuml;ckgelassen wurde. Schlie&szlig;lich erfand man
+das &bdquo;Pochwerk&ldquo;, in dem goldreiches Gestein zu Sand zerpocht und
+zerh&auml;mmert wurde, woraus dann durch Schl&auml;mmen das Gold ausgewaschen
+werden konnte. Dar&uuml;ber kam man durch Jahrtausende
+nicht hinaus. Und Handel und Industrie waren durch den Mangel
+an Gold, das inzwischen zum Wertmesser erh&ouml;ht worden war, in
+ihrer Entwicklung stark gehemmt.</p>
+
+<p>So litt die Menschheit unter selbstauferlegten Fesseln, qu&auml;lte
+sich ab in dem selbstgezimmerten Prokrustesbette. Da kam ihnen
+ein Zauberer in ihrem Kampfe ums Gold zu Hilfe.</p>
+
+<p>Die moderne Chemie lieferte neue Waffen f&uuml;r diesen Kampf,
+Waffen von bisher ungeahnter Sch&auml;rfe und Wirksamkeit, und
+erm&ouml;glichte die Gewinnung des Goldes aus Gesteinen, die so wenig
+davon enthielten, da&szlig; man vorher nicht nur die Gewinnung f&uuml;r
+unm&ouml;glich gehalten, sondern nicht einmal die Anwesenheit des Goldes
+darin h&auml;tte feststellen k&ouml;nnen. Die ganze Art der Goldgewinnung
+wurde damit von Grund aus ge&auml;ndert, ein v&ouml;llig neues Verfahren
+<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>
+dr&auml;ngte das alte Waschverfahren in den Hintergrund und gestattete
+eine bedeutende Vergr&ouml;&szlig;erung der Golderzeugung der Welt. Die
+Goldsucher, die sogenannten &bdquo;<span class="antiqua">Prospectors</span>&ldquo;, begannen wieder t&auml;tig
+zu werden; mit ihrer einfachen Ausr&uuml;stung durchstreiften sie, golderzsuchend
+und auf rohe Art&nbsp;&ndash; so gut es eben ohne viel Sachkenntnis
+und mit einfachen Mitteln m&ouml;glich war&nbsp;&ndash; auch golderzpr&uuml;fend,
+die Goldgebiete Afrikas, Amerikas und Australiens, nahmen
+Beschlag von den Minerallagern, in denen sie Gold fanden, steckten
+ihre &bdquo;Claims&ldquo; aus, lie&szlig;en diese ihre Anspr&uuml;che von der Bergbauobrigkeit
+best&auml;tigen, verteidigten ihre Rechte mit scharfgeladenem
+Revolver und errichteten dann Schmelzwerke an Ort und Stelle
+oder verkauften ihre Rechte an die gro&szlig;en Goldunternehmer.</p>
+
+<p>W&auml;hrend man also urspr&uuml;nglich nur <span class="spaced">das</span> Gold gewann, das
+man mit seinen eigen Augen sah, und sp&auml;ter auch solches, das man
+nach einer einfachen Schl&auml;mmprobe im &bdquo;goldverd&auml;chtigen Sande&ldquo;
+gefunden hatte, tritt mit den Errungenschaften der neueren Chemie
+und Technik die Goldgewinnung in ein neues Stadium. Der Laboratoriumschemiker
+hat nun seine Hilfsmittel derart verfeinert, da&szlig;
+er das Gold in goldarmem Gestein selbst dann noch ganz genau
+nachweisen kann, wenn blo&szlig; ein Gramm des Edelmetalls in 1000&nbsp;Kilogramm
+Gestein enthalten sind, also selbst dann, wenn es blo&szlig;
+ein Millionstel des Gesteinsgewichtes ausmacht. Und der technische
+Chemiker hat nach vielen m&uuml;hevollen Versuchen gelernt, diese Ergebnisse
+des Laboratoriums zu benutzen und zwar gewinnbringend
+zu benutzen, wenn der Goldgehalt des Gesteines in 1000&nbsp;Kilogramm
+6&nbsp;Gramm oder mehr betr&auml;gt. Man mu&szlig; versuchen, sich dieses
+Gewichtsverh&auml;ltnis vorzustellen, wenn man die Gr&ouml;&szlig;e dieser Leistung,
+die Romantik des Vollbrachten, w&uuml;rdigen will. Die Zeit, wo der
+Alchimist vergeblich in seiner Kammer br&uuml;tete, hat einer Zeit genauer,
+sicherer, erfolgreicher und gewaltiger Arbeit Platz gemacht. Ganze
+Sandberge werden heute in Amerika mit gro&szlig;en mechanischen
+Schaufeln abgetragen, Berge von gemeinem, unscheinbarem Sand,
+Berge von Sand, die in 1000&nbsp;Kilogramm 6&nbsp;Gramm Gold enthalten,
+aus dem das Edelmetall mit gro&szlig;em Vorteile gewonnen wird.</p>
+
+<p>Das Verfahren, durch das diese Gewinnung erm&ouml;glicht wird,
+ist das denkbar einfachste. Das Erz wird&nbsp;&ndash; wenn es nicht schon
+ohnehin sandf&ouml;rmig ist&nbsp;&ndash; zun&auml;chst gemahlen und zwar in sogenannten
+Kugelm&uuml;hlen&nbsp;&ndash; kurze, sich drehende Trommeln mit Stahlkugelf&uuml;llung,
+<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>
+worin die Kugeln durch die drehende Bewegung gesch&uuml;ttelt
+werden und dadurch eine mahlende Wirkung aus&uuml;ben&nbsp;&ndash; oder in
+sogenannten Rohrm&uuml;hlen, in denen die mahlenden Kugeln in einem
+langen Stahlrohre untergebracht sind. Manche Erze m&uuml;ssen vor dem
+Zermahlen mit Hilfe von R&ouml;st&ouml;fen unter Luftzutritt erhitzt, &bdquo;ger&ouml;stet&ldquo;
+werden (Abb.&nbsp;<a href="#abb01">1</a>, <a href="#abb02">2</a>, <a href="#abb03">3</a>).</p>
+
+<div>
+<a name="abb01" id="abb01"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/abb01.jpg" width="400" height="213" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 1. Kugelm&uuml;hle.</span>
+</div>
+
+<div>
+<a name="abb02" id="abb02"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/abb02.jpg" width="400" height="164" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 2. Rohrm&uuml;hle.</span>
+</div>
+
+<p>Die gemahlenen Erze kommen nun in gro&szlig;e Bottiche, Zyanidbottiche
+genannt, die in manchen Werken einen Durchmesser von
+10&nbsp;Metern haben und mehrere Meter hoch sind. Verd&uuml;nnte Zyankaliuml&ouml;sung
+wird nun dazugetan, und diese L&ouml;sung wird mit Hilfe
+einer Pumpe solange in Umlauf versetzt und in Bewegung erhalten,
+bis das Gold vollst&auml;ndig aus dem Erz entfernt und im Zyankalium
+gel&ouml;st ist. Die Zyankaliumgoldl&ouml;sung wird nun aus dem Bottich
+<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>
+abgezogen und das darin enthaltene Gold entweder mit Hilfe des
+elektrischen Stromes oder mit Hilfe von Zinksp&auml;nen, die das Gold
+zu &bdquo;f&auml;llen&ldquo; verm&ouml;gen, als feiner Goldschlamm gewonnen, der dann
+in kleinen &Ouml;fen umgeschmolzen wird (Abb.&nbsp;<a href="#abb04">4</a>, <a href="#abb05">5</a>,
+ <a href="#abb06">6</a>, <a href="#abb07">7</a>).</p>
+
+<div>
+<a name="abb03" id="abb03"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/abb03.jpg" width="400" height="244" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 3. Mechanischer R&ouml;stofen.</span>
+</div>
+
+<p>Vor der Entdeckung dieses Verfahrens, des sogenannten Zyanidprozesses,
+waren die Erze, die heute haupts&auml;chlich damit verarbeitet
+werden, ganz wertlos, da eine Gewinnung des Goldes durch Schl&auml;mmen
+aus ihnen unm&ouml;glich war, weil einesteils das Gold darin in
+eigent&uuml;mlichen Verbindungen, gleichsam chemisch verwachsen vorkommt,
+und anderesteils in so feiner Verteilung das Erz durchsetzt,
+da&szlig; man f&uuml;r den Schl&auml;mmproze&szlig; ein Pulver von mindestens
+1/40&nbsp;Millimeter K&ouml;rnergr&ouml;&szlig;e h&auml;tte herstellen m&uuml;ssen. Das bedeutet
+aber solche Feinheit, da&szlig; auch das Gold durch flie&szlig;endes Wasser
+fortgeschwemmt wird und sich lange Zeit in der Fl&uuml;ssigkeit schwebend
+erh&auml;lt.</p>
+
+<p>Sowohl in Amerika als auch in Afrika und Australien sind nun
+riesige Zyanidanlagen in fortw&auml;hrender T&auml;tigkeit, um das Gold aus
+zermahlenem Golderz oder schwach goldhaltigem Sande auszuziehen,
+und der gr&ouml;&szlig;te Teil der Weltproduktion, die im Jahre 1911 an
+1900&nbsp;Millionen Mark betrug, wird auf diese Weise gewonnen. Im
+h&uuml;geligen und bergigen Gel&auml;nde des amerikanischen Westens sieht
+<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>
+man h&auml;ufig die eigenartig gebauten, an den Bergabhang gelehnten
+Zyanidwerke, denen oben das Erz in Waggonladungen zugef&uuml;hrt
+wird. Auf dem Wege nach unten wird dem Erz das Gold durch Zyankalium
+entzogen und am unteren Ende der &bdquo;Goldm&uuml;hle&ldquo; das
+gediegene Gold in Barren gegossen. Unerm&uuml;dlich mahlen die M&uuml;hlen,
+unerm&uuml;dlich &uuml;bt das Zyankalium seine l&ouml;sende Wirkung aus; ohne
+Ruhe und ohne Rast, Tag und Nacht, in stetiger, einf&ouml;rmiger Gleichm&auml;&szlig;igkeit
+wird hier gewonnen, was dann drau&szlig;en die Menge in
+rasende Aufregung versetzt, wird das Ziel der Habgier gewonnen,
+wird das gewonnen, was viele f&uuml;r den eigentlichen Lebenszweck
+halten, das, was sie f&uuml;r wertvoller achten als das Leben selbst
+(Abb. <a href="#abb08">8</a>).</p>
+
+<div>
+<a name="abb04" id="abb04"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/abb04.jpg" width="400" height="240" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 4. Zyanidbottich.</span>
+</div>
+
+<p>Aber selbst durch die jetzt m&ouml;gliche gro&szlig;e Golderzeugung ist
+das Streben nach Gold nicht befriedigt, und unbefriedigt ist auch die
+forschende Neugier des Menschen. Gleich der Lern&auml;ischen Schlange
+bringt jede gel&ouml;ste Frage weitere Aufgaben hervor; ist ein neues
+Verfahren gefunden, da hei&szlig;t es wieder alle Einzelheiten des Verfahrens
+verbessern, und jede Einzelheit stellt eine neue Aufgabe dar.
+Dazu kommt noch das best&auml;ndige Streben nach Verbilligung der
+Rohmaterialien, das Streben, selbst das elendeste Material verwenden
+zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>
+Man wird nun fragen: Kann f&uuml;r die Goldgewinnung noch
+minderes Material zur Verwendung kommen, als das heute verwendete
+arme Erz? Ist es nicht hinreichend, wenn man 6&nbsp;Gramm
+Gold aus 1000&nbsp;Kilogramm Gestein gewinnt? Die Antwort lautet:
+Nein, f&uuml;r den strebenden Menschen ist nichts hinreichend. Er kennt
+keinen Stillstand, soll keinen kennen. &bdquo;Im Weiterschreiten find' er
+Qual und Gl&uuml;ck, Er, unbefriedigt jeden Augenblick.&ldquo;</p>
+
+<div>
+<a name="abb05" id="abb05"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/abb05.jpg" width="400" height="251" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 5. Spezialbottich zur Goldgewinnung.</span>
+</div>
+
+<p>So hat man denn die Aufmerksamkeit auf ein Goldlager gelenkt,
+das wohl gro&szlig; und m&auml;chtig ist, aber nur so geringe Spuren Goldes
+enth&auml;lt, da&szlig; schon die Absicht, es zu gewinnen, l&auml;cherlich und das
+Gelingen dieses Versuches als wahrhaft romantisch erscheinen mu&szlig;.
+Dieses gro&szlig;e Goldlager ist der Ozean. W&auml;hrend man bisher nach
+dem Zyanidverfahren 6&nbsp;Gramm Gold aus 1000&nbsp;Kilogramm Erz
+gewinnt, handelt es sich nun darum, Gold aus dem Seewasser zu
+gewinnen, das in mehr als 200&nbsp;000&nbsp;Kilogramm <span class="spaced">ein</span> Gramm Gold
+enth&auml;lt, also nur 1/1200 so viel wie die &auml;rmsten heute verarbeiteten
+Erze. Aber man scheut eben auch vor dem scheinbar Widersinnigen
+nicht zur&uuml;ck, man tritt guten Mutes an die Aufgabe heran, Gold
+aus einer L&ouml;sung zu gewinnen, die in 200&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;Gewichtsteilen
+nur einen Gewichtsteil Gold enth&auml;lt, und die Frage, einmal aufgeworfen,
+<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+wird fort und fort bearbeitet, bis sie gel&ouml;st ist. Sie l&auml;&szlig;t
+den Kopf des Forschers nicht zur Ruhe kommen; er <span class="spaced">mu&szlig;</span> sich mit
+ihr besch&auml;ftigen, ganz gleichg&uuml;ltig, ob die L&ouml;sung f&uuml;r <span class="spaced">ihn</span> gewinnbringend
+ist oder nicht.</p>
+
+<p>Hier m&uuml;ssen wir uns fragen, ob eine solche Gewinnung des
+im Meerwasser <span class="spaced">gel&ouml;sten</span> Goldes (wohlgemerkt, es ist gel&ouml;st und
+nicht als Pulver oder Staub im Seewasser enthalten) die Golderzeugung
+der Welt bedeutend erh&ouml;hen, ob sie gewinnbringend gestaltet
+werden und welche Folgen sie schlie&szlig;lich f&uuml;r die menschliche Kultur
+haben k&ouml;nnte.</p>
+
+<div>
+<a name="abb06" id="abb06"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/abb06.jpg" width="400" height="393" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 6. F&auml;llk&auml;sten im F&auml;llungsgeb&auml;ude.</span>
+</div>
+
+<p>Ein Kubikmeter Seewasser enth&auml;lt 5&nbsp;Milligramm Gold; ein
+Kubikkilometer 5000&nbsp;Kilogramm. Da nun die Weltmeere einen
+Rauminhalt von &uuml;ber 1&nbsp;200&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;Kubikkilometer besitzen, so enthalten
+die Ozeane der Erde 6&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;Kilogramm Gold.
+Gegenw&auml;rtig betr&auml;gt die j&auml;hrliche Golderzeugung der Welt ungef&auml;hr
+500&nbsp;000&nbsp;Kilogramm, und d&uuml;rfte bei Anwendung des Zyanidverfahrens
+<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>
+eine Menge von 600&nbsp;000&nbsp;Kilogramm wohl niemals &uuml;berschreiten;
+demnach w&uuml;rde das Gold des Ozeans das Zehnmillionenfache
+der gegenw&auml;rtigen Jahreserzeugung gegen&uuml;ber darstellen.</p>
+
+<div>
+<a name="abb07" id="abb07"></a>
+</div>
+<div class="figleft" style="width: 300px;">
+<img src="images/abb07.jpg" width="300" height="320" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 7. Goldschmelzofen.</span>
+</div>
+
+<p>Eine m&auml;chtige Aufgabe also, dieses ungeheure Goldlager zu
+erschlie&szlig;en, den Golddurst der Menschheit zu stillen, das Gold schlie&szlig;lich
+aus seiner tyrannischen Ausnahmestellung, die es als Wertmesser
+und Geldma&szlig;stab innehat, zu verdr&auml;ngen und dadurch die Menschheit
+vom Joche der Goldsklaverei
+zu befreien,
+einer Sklaverei, die
+um so mehr zunehmen
+w&uuml;rde, als die heutige
+Golderzeugung durch
+das Zyanidverfahren
+sich wohl nicht lange
+auf der bisherigen
+H&ouml;he wird halten
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>So ist man denn
+k&uuml;hn auf das Ziel zugeschritten.
+Die ersten
+Ideen und Pl&auml;ne zur
+Gewinnung des ozeanischen
+Goldes gingen darauf
+hinaus, das Wasser
+in gro&szlig;e Bottiche zu
+pumpen und ihm
+Zinnsalz zuzuf&uuml;gen; dadurch wollte man das Gold als Pulver ausscheiden,
+da es sich auch aus gew&ouml;hnlicher Goldl&ouml;sung bei Zugabe
+dieses Salzes ausscheidet. Es fand aber wider Erwarten im Bottich
+keine nennenswerte Goldausscheidung statt, da das Seewasser eine
+unendlich verd&uuml;nnte Goldl&ouml;sung darstellt, in der eben das Zinnsalz
+nicht mehr wirkt. Aber selbst wenn das Gold auf diese Weise ausgeschieden
+werden w&uuml;rde, so w&auml;ren infolge des &auml;u&szlig;erst geringen
+Goldgehaltes des Meerwassers, der langen Zeitdauer, die das Absetzen
+des Goldstaubes in Anspruch nimmt, usw., so viele und so
+gro&szlig;e Holzbottiche zur Gewinnung selbst kleiner Goldmengen n&ouml;tig,
+da&szlig; ein solches Verfahren&nbsp;&ndash; bei dem das Seewasser durch lange
+<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>
+Zeit hindurch in einem Bottiche gehalten werden mu&szlig;&nbsp;&ndash; von vornherein
+jeden technischen Erfolg ausschlie&szlig;t.</p>
+
+<p>Und so schritt man in Amerika, an der K&uuml;ste des Atlantischen
+Ozeans zu ganz eigenartigen Versuchen, die in den Jahren 1910 und
+1911 bei Fire Island, und an verschiedenen Punkten der K&uuml;ste von
+New Jersey ausgef&uuml;hrt wurden. Man suchte und fand einen Stoff,
+der zu dem in &auml;u&szlig;erster Verd&uuml;nnung vorhandenen Golde eine so
+nahe chemische Verwandtschaft hat, da&szlig; Seewasser beim Durchflie&szlig;en
+eines mit diesem Stoff erf&uuml;llten Beh&auml;lters das gel&ouml;ste Gold an den
+&bdquo;Stoff&ldquo; abgibt, in dem sich das Metall derartig anreichert, da&szlig; man
+schlie&szlig;lich ein sehr goldreiches &bdquo;k&uuml;nstliches&ldquo; Erz erh&auml;lt, aus dem
+dann das Gold auf mannigfache Weise gewonnen werden kann.</p>
+
+<div>
+<a name="abb08" id="abb08"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 600px;">
+<img src="images/abb08.jpg" width="600" height="234" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 8. Amerikanische Zyanidanlage.</span>
+</div>
+
+<p>Nach vielen Versuchen fand man n&auml;mlich, da&szlig; Hochofenschlacke,
+nachdem sie mit Eisenvitriol behandelt worden war, und auch einige
+andere Stoffe die Eigenschaft haben, das Gold dem Seewasser zu
+entziehen. Man fand, wie der &bdquo;Stoffbeh&auml;lter&ldquo;, durch den das Seewasser
+flie&szlig;t, zweckm&auml;&szlig;ig gebaut und angelegt werden m&uuml;sse; man
+fand durch praktisches Ausprobieren der Pumpen, da&szlig; die F&ouml;rderung
+des Wassers aus dem Ozean in den &bdquo;Stoffbeh&auml;lter&ldquo; sehr billig
+ausgef&uuml;hrt werden k&ouml;nne; man fand, wie man an einer Landzunge
+eine derartige Fabrikanlage errichten k&ouml;nne, so da&szlig; stets frisches
+Seewasser in die Pumpen gelangt und das des Goldes beraubte
+Wasser in solchem Abstande abflie&szlig;t, da&szlig; es nicht wieder in die
+Pumpen gelangen kann. Und so ist nun der Grundstein gelegt f&uuml;r
+eine neue chemisch-metallurgische Industrie.</p>
+
+<p>An diesem Beispiele sehen wir klar und deutlich, wie die Chemie
+ihre Mittel und Methoden immer mehr verfeinert und wie sie mit
+<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>
+Kleinem und Kleinerem, Gro&szlig;es und Gr&ouml;&szlig;eres erreicht. Nichts ist
+ihr zu gering, denn sie wei&szlig; unz&auml;hlige kleine Teile zu einer m&auml;chtigen
+Summe zusammen zu addieren, die stoffliche Zerstreutheit wie durch
+eine Brennlinse zu m&auml;chtiger Einheit zu sammeln.</p>
+
+<div>
+<a name="abb09" id="abb09"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 600px;">
+<img src="images/abb09.jpg" width="600" height="381" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 9. Hochofenanlage mit Hafen in Rheinhausen bei Duisburg (Firma Fried. Krupp A.-G., Essen.)</span>
+</div>
+
+<p>Dieselbe Sorgfalt, die man der Entdeckung und Verwertung
+von Spuren von Gold gewidmet hat, ist auch den gr&ouml;beren Metallen
+zuteil geworden, und dadurch sind Gegenst&auml;nde, die in fr&uuml;heren
+Zeiten nur den Reichsten zur Verf&uuml;gung standen, Allgemeingut
+geworden; die chemische Technik hat in gl&auml;nzender Weise die Aufgabe
+gel&ouml;st, ungeheure Massen von Rohmaterial zu verarbeiten, um
+die Anspr&uuml;che des Menschengeschlechtes zu erf&uuml;llen. Auch bei diesen
+gr&ouml;beren Metallen hat man gelernt, mindere und &auml;rmere Rohmaterialien
+zu verwerten und dadurch&nbsp;&ndash; da die armen Erze sich in
+schier unersch&ouml;pflichen Lagern vorfinden&nbsp;&ndash; das Fabrikat zu verbilligen.</p>
+
+<div>
+<a name="abb10" id="abb10"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 600px;">
+<img src="images/abb10.jpg" width="600" height="410" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 10. Blick in eines der Gasgebl&auml;seh&auml;user der Gu&szlig;stahlfabrik Fried. Krupp A.-G., Essen.</span>
+</div>
+
+<p>Was in dieser Hinsicht erreicht und geleistet worden ist, k&ouml;nnen
+wir insbesondere an der Entwicklung der <span class="spaced">Eisenindustrie</span> sehen.
+In fr&uuml;herer Zeit wurde nur ausgezeichnetes, reiches, st&uuml;ckf&ouml;rmiges
+Erz verarbeitet. In kleinen, niedrigen &Ouml;fen wurde das Erz mit
+Holzkohle vermischt, der Wirkung der Gebl&auml;seluft ausgesetzt, und
+m&uuml;hsam arbeiteten die plumpen Gebl&auml;semaschinen. In kleinen
+Mengen wurde da das Gu&szlig;eisen hergestellt, um dann durch umst&auml;ndliche
+Handarbeit, durch R&uuml;hren auf Herd&ouml;fen, in Stahl umgewandelt
+zu werden. Diese Umwandlung beruht, nebenbei bemerkt, im
+wesentlichen darauf, da&szlig; Gu&szlig;eisen, das stets an Kohlenstoff reich und
+deshalb spr&ouml;de ist, wenn es in geschmolzenem Zustande mit Luft in
+Ber&uuml;hrung kommt, einen gro&szlig;en Teil des Kohlenstoffes verliert,
+indem dieser durch die Luft verbrannt wird. Dadurch geht das Gu&szlig;eisen
+in ein kohlenstoffarmes, elastisches Material, Stahl genannt, &uuml;ber.</p>
+
+<p>Aus dem kleinen Eisenschmelzofen ist im Laufe kurzer Zeit
+der riesige, moderne Hochofen geworden; die verbrauchte Gebl&auml;seluft,
+die oben als Gichtgas abzieht, wird heute in gro&szlig;en Gasmaschinen
+verbrannt; dadurch werden Millionen von Pferdekr&auml;ften, die vormals
+verloren gingen, als Betriebskraft f&uuml;r riesige Gebl&auml;se- und
+andere Maschinen und zum Heizen von Dampfkesseln nutzbar gemacht
+(Abb.&nbsp;<a href="#abb09">9</a>, <a href="#abb10">10</a>).</p>
+
+<p>Anstatt reichen, st&uuml;ckf&ouml;rmigen Erzes wird heute minderwertiger
+Erzstaub verarbeitet; hat man fr&uuml;her die Umwandlung von Roheisen
+<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+in Stahl nur m&uuml;hsam vollbracht, so geschieht dies heute automatisch
+auf die allerbequemste Weise in denkbar k&uuml;rzester Zeit. Drei
+Stahlgewinnungsverfahren herrschen heute in der Industrie, und
+ein viertes bewirbt sich rege um die Mitherrschaft. Nach dem
+<span class="spaced">Bessemerverfahren</span> kommt das fl&uuml;ssige Roheisen in ein gro&szlig;es,
+mit feuerfestem Ton ausgemauertes,
+birnenf&ouml;rmiges
+Gef&auml;&szlig;, die Bessemerbirne,
+die oben offen ist, w&auml;hrend
+unten gepre&szlig;te Luft durch
+das in der Birne enthaltene
+fl&uuml;ssige Roheisen geblasen
+wird, um es in wenigen Minuten
+in Stahl zu verwandeln.
+Das <span class="spaced">Thomasverfahren</span>
+verwendet dieselbe
+Vorrichtung, ben&uuml;tzt aber
+Kalk und Magnesia als Ausmauerungsmaterial,
+was zur
+Folge hat, da&szlig; phosphors&auml;urehaltige
+Erze, die im
+Bessemerverfahren nicht verarbeitet
+werden k&ouml;nnen, zur
+erfolgreichsten Verwendung
+kommen, w&auml;hrend zugleich
+die phosphors&auml;urereiche Thomasschlacke,
+gepulvert Thomasmehl
+genannt, als wertvolles
+D&uuml;ngemittel erhalten
+wird. Das dritte Verfahren
+ist das <span class="spaced">Martinverfahren</span>,
+bei dem gasgefeuerte,
+horizontale &Ouml;fen verwendet werden. Neuestens tritt die <span class="spaced">Elektrostahlerzeugung</span>
+auf den Plan und wird in kohlenarmen L&auml;ndern,
+die &uuml;ber Wasserkr&auml;fte verf&uuml;gen, von t&auml;glich steigender Bedeutung,
+da sich in solchen L&auml;ndern bei der M&ouml;glichkeit, Elektrizit&auml;t billig
+herzustellen, der Betrieb elektrischer &Ouml;fen gut lohnt (Abb.&nbsp;<a href="#abb11">11</a>, <a href="#abb12">12</a>,
+<a href="#abb13">13</a>, <a href="#abb14">14</a>.)</p>
+
+<div>
+<a name="abb11" id="abb11"></a>
+</div>
+<div class="figleft" style="width: 225px;">
+<img src="images/abb11.jpg" width="225" height="400" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 11. Geschnittene Bessemerbirne<br />
+der Firma Fried. Krupp. (Deutsches Museum.)</span>
+</div>
+
+<div>
+<a name="abb12" id="abb12"></a>
+</div>
+<div class="figright" style="width: 289px;">
+<img src="images/abb12.jpg" width="289" height="400" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 12. Bessemerbirne
+gekippt zum Entleeren des erzeugten Schmiedeeisens.<br />
+(Deutsches Museum.)</span>
+</div>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>
+Zumal in der j&uuml;ngsten Vergangenheit hat sich die Eisenindustrie
+m&auml;chtig entwickelt. Immer riesenhafter wurden die Ma&szlig;e genommen,
+von den Erzbunkern bis zu den Werkst&auml;tten und Magazinen. Vorratskammern
+f&uuml;r Erz (Silos) bis zu 300&nbsp;Metern L&auml;nge, zwei- und
+dreifach nebeneinander gebaut, sind gar nicht selten. Und welche
+Massen werden mit einem Male auf die Gichtplateaus gef&ouml;rdert,
+um von da in den
+Hochofen zu gelangen!
+In schwindelnder
+H&ouml;he schwebt
+der Erzk&uuml;bel, der
+selbst seine sieben
+Tonnen wiegt; mit
+einem ebenso schweren
+Inhalt an Erz.
+Die Gasreinigungen,
+durch die das
+oben entweichende
+Hochofengas von
+Staub befreit wird,
+um zum Betrieb
+von Gasmotoren
+brauchbar zu werden
+&ndash;&nbsp;vor Jahren
+kleine Nebenanlagen
+&ndash;&nbsp;sind heute
+gro&szlig;m&auml;chtige Fabriken
+geworden,
+in denen ein Dutzend
+komplizierter
+Apparate steht.
+Die &bdquo;Zentralen&ldquo;,
+in denen das Gichtgas zur Krafterzeugung verwendet wird, z&auml;hlen
+erst mit von 25&nbsp;000&nbsp;Pferdest&auml;rken an; und zw&ouml;lf m&auml;chtige Gasmotoren
+ist das gew&ouml;hnliche; manche Anlagen bergen vierzehn dieser
+Ungeheuer mit 40&nbsp;000&nbsp;Pferdest&auml;rken und mehr; auf der einen Seite
+die Hochofengebl&auml;se mit dem kurzen, sto&szlig;enden Atem, auf der
+anderen Seite die Gasdynamos in Reihe und Glied, die ungeheueren
+<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>
+Schwungr&auml;der bewegend. Die Hoch&ouml;fen werden immer h&ouml;her und
+weitbauchiger. In Deutschland baut man sie jetzt mit einem Fassungsraum
+von einer halben Million Kilogramm. Die Mischer aber,
+in denen das fl&uuml;ssige Roheisen aufgespeichert wird, sind doppelt so
+gro&szlig;, was das Fassungsverm&ouml;gen anlangt. Die Thomaswerke sind
+zu Kolossalbauten geworden; den 30-Tonnen-&bdquo;Konverter&ldquo; sieht man
+schon sehr oft, und Martin&ouml;fen von 110&nbsp;Tonnen sind nichts Unerh&ouml;rtes.</p>
+
+<p>Die Rohbl&ouml;cke, die ins Walzwerk geschafft werden, sind bis auf
+f&uuml;nf Tonnen das St&uuml;ck angewachsen. Man walzt L&auml;ngen bis zu
+120&nbsp;Meter. In Hagendingen ist die Halle vom Blockwalzwerk bis
+zur Verladung 530&nbsp;Meter lang.</p>
+
+<p>Solche Massenr&auml;ume mit ihren gigantischen Erzeugnissen verlangen
+entsprechende <span class="spaced">Transporteinrichtungen</span>. Man bedenke,
+da&szlig; allein auf dem Hochofenwerk Kneuttingen des Lothringer
+H&uuml;tten-Vereins t&auml;glich 1200 Waggons zu bef&ouml;rdern sind. Da die
+verwendeten Erze nur wenig gehaltreich sind, braucht man gro&szlig;e
+Mengen, ebenso von Koks. Das Roheisen soll zum Mischer und Sammelwerk,
+der Block zum Walzwerk, die Fertigfabrikate sollen in den
+Waggon. Man sieht zwar auf einem alten Werk noch einige wohlgen&auml;hrte
+Pferdchen Schienen zu den Bearbeitungsmaschinen ziehen;
+in demselben Werk m&uuml;hen sich auch noch viele M&auml;nner ab, um
+einen Wagen mit Kn&uuml;ppeln zu schieben. Aber das sind Ausnahmen,
+die heute ins Museum geh&ouml;ren und auch bald verschwinden werden.
+Im &uuml;brigen hat die Industrie in der schweren Massenbef&ouml;rderung
+bewundernswerte Fortschritte gemacht. Da ist die elektrische oder
+feuerlose Lokomotive und vor allem der Kran und die Drahtseilbahn;
+Kr&auml;ne bis 55&nbsp;Meter Spannweite bestreichen die weiten R&auml;ume
+und arbeiten dabei so leicht und geschickt, wie eine menschliche Hand.
+Drahtseilbahnen von Meilenl&auml;ngen sind keine Seltenheit, und gewaltige
+Hochbahnen wecken unser Erstaunen.</p>
+
+<p>&bdquo;<span class="spaced">Ausschaltung der menschlichen Arbeitskraft</span> ist das
+ideale Ziel. Die Mechanisierung der Arbeit beherrscht die Werke.
+Du stehst in dem endlos gro&szlig;en Hochofenwerk; vom Erzlager
+bis zu den Zentralen kaum ein Mensch; es donnert und poltert,
+es braust und zischt, aber das Ganze scheint von unsichtbaren
+H&auml;nden geleitet zu sein. In der Elektroh&auml;ngebahn, die die Erze auf
+den Ofen schafft, stehen an den entscheidenden Punkten einzelne
+Leute, um das weitl&auml;ufige Getriebe vor St&ouml;rungen zu bewahren;
+<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>
+Lichtsignale erleichtern die Verst&auml;ndigung. Auf dem Gichtplateau
+des modernen Hochofens sieht man keinen Menschen. Der Erzk&uuml;bel
+setzt sich automatisch auf den Hochofen, entleert sich in den Ofenschacht
+und schlie&szlig;t den Ofen. So geht die Arbeit Tag und Nacht,
+Jahre hindurch, bis der Ofen seine Reise beendet hat.&ldquo;</p>
+
+<div>
+<a name="abb13" id="abb13"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 600px;">
+<img src="images/abb13.jpg" width="600" height="407" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 13. Bessemerwerk (Fried. Krupp A.-G., Essen).</span>
+</div>
+
+<p>An Licht und Luft ist nicht gespart. Sch&ouml;n und gewaltig hat
+man in den letzten Jahren auch f&uuml;r den Arbeiter und Angestellten
+gebaut. Eine Arbeiter- und Beamtenkolonie ist pr&auml;chtiger als die
+andere; dazu kommen Kasinos, Konsum-Anstalten, Ledigenheime,
+Speiseanstalten, Schlafh&auml;user. Der Mann aus dem Mittelstande kann
+nicht besser untergebracht sein als die Mehrzahl der Arbeiter und
+Beamten in den Eisenwerken. So mu&szlig; es aber auch sein. Man hat
+schon Sorgen genug, Arbeiter zu bekommen und festzuhalten. Man
+mu&szlig; den Leuten Annehmlichkeiten bieten, denn die n&auml;chste Stadt
+ist weit und die Zeit sie zu besuchen, fehlt. So sind denn die Wohlfahrtseinrichtungen
+unbedingt notwendig, und die Millionen, die
+daf&uuml;r aufgewendet werden, geh&ouml;ren zu den notwendigen Ausgaben.</p>
+
+<p>Man wirtschaftet sparsam; alle Abfallstoffe werden verwertet;
+das Hochofengas zur Krafterzeugung; die Hochofenschlacke zur
+Zementfabrikation und zur Erzeugung von Schlackenwolle, die als
+Filtriermaterial dient.</p>
+
+<p>Der Stahl der gro&szlig;en Stahlwerke wird dann von kleineren
+Spezialfabriken noch weiter veredelt und wertvoller gemacht. Welche
+Werte die Veredelung des Eisens schafft, m&ouml;ge ein Beispiel zeigen:
+100&nbsp;Kilogramm Roheisen kosten 5&nbsp;Mark; in Form von Uhrfedern
+aber haben 100&nbsp;Kilogramm Eisen einen Wert von 1&nbsp;700&nbsp;000&nbsp;Mark.</p>
+
+<p>So veredelt die Chemie die Stoffe, die wir aus den dunklen
+Sch&auml;chten und aus der finsteren Meerestiefe heraufholen. Lichtverbreitend
+und aufkl&auml;rend schafft sie stets Fortschritt. <span class="spaced">Lichtverbreitend</span>
+auch im eigentlichen Sinne des Wortes. Die Chemie hat
+uns die Mittel in die Hand gegeben, das armselige &Ouml;ll&auml;mpchen und
+die d&uuml;rftige Talgkerze durch sonnen&auml;hnliche Lichtquellen zu ersetzen.
+Sie brachte uns die Stearinkerze, diese sichere, bequeme, tragbare
+Gasfabrik, in der das Stearin geschmolzen, vergast und verbrannt
+wird; sie lie&szlig; uns das Leuchtgas finden und das Petroleum, das
+Gasgl&uuml;hlicht, die Quecksilberdampflampe und das Azetylen; und sie
+half m&auml;chtig mit bei der Verbesserung der elektrischen Gl&uuml;hlampen,
+so da&szlig; das Meer von Licht, das heute von jeder Stadt ausgeht, und
+<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>
+die Billigkeit des modernen elektrischen Gl&uuml;hlichtes in hohem Ma&szlig;e
+der Chemie zu danken sind.</p>
+
+<div>
+<a name="abb14" id="abb14"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 600px;">
+<img src="images/abb14.jpg" width="600" height="407" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 14. Martinwerk I (Fried. Krupp A.-G., Essen).</span>
+</div>
+
+<p>Das <span class="spaced">Leuchtgas</span>, welch k&uuml;hne Erfindung! Welche &Uuml;berwindung
+von Schwierigkeiten in der Anwendung! Welcher Arbeitsaufwand
+war erforderlich, um nur die unterirdischen R&ouml;hren in einem
+die ganze Stadt versorgenden Netze zu legen und diese R&ouml;hren mit
+der n&ouml;tigen und wechselnden Gasmenge zu speisen! Bei Tage geringer
+Verbrauch, bei Einbruch der Dunkelheit eine pl&ouml;tzliche, riesige Inanspruchnahme.
+Das Ganze versorgt aus einem Mittelpunkt, aus
+einem Herzen, das ganz verl&auml;&szlig;lich und tadellos arbeiten mu&szlig;, um
+&uuml;berhaupt brauchbar zu sein. Die chemische Technik hat diese gro&szlig;e
+Aufgabe gl&auml;nzend gel&ouml;st. Und heute wird in glatter Arbeit in all
+den Gaswerken in Hunderttausenden gro&szlig;er Tonretorten Steinkohle
+erhitzt, wobei Koks als wertvoller R&uuml;ckstand bleibt, w&auml;hrend das
+hei&szlig;e Leuchtgas, mit Teer gemischt, entweicht. Durch K&uuml;hlen und
+Waschen wird das Gas von Teer und Verunreinigungen befreit und
+wandert in die gro&szlig;en Gasbeh&auml;lter, die modernen Wahrzeichen der
+St&auml;dte, um aus diesen st&auml;hlernen Vorratskammern in gro&szlig;en
+Mengen freigelassen zu werden, zur Stillung des mannigfaltigen
+Lichtbedarfes der stets anspruchsvoller werdenden Menschheit
+(Abb.&nbsp;<a href="#abb15">15</a>).</p>
+
+<p>Dann die Verdr&auml;ngung der offenen gelben Gasflamme durch
+das blendend wei&szlig;e <span class="spaced">Gasgl&uuml;hlicht</span>, nachdem man entdeckt hatte,
+da&szlig; gewisse Erden, insbesondere Thoriumnitrat, das eine Spur
+Zernitrat enth&auml;lt, in der Hitze der Gasflamme ein wei&szlig;es helles
+Licht ausstrahlen. Welche Schwierigkeiten waren da zu &uuml;berwinden
+infolge der Gebrechlichkeit der Gl&uuml;hstr&uuml;mpfe und wie viel gr&ouml;&szlig;ere
+noch infolge der Seltenheit des Rohmaterials. Doch sie wurden durch
+Forschen und Suchen, durch stetige, vom Gl&uuml;cke beg&uuml;nstigte Arbeit
+&uuml;berwunden. Als das Gl&uuml;hlicht entdeckt wurde, kannte man nur
+sp&auml;rliche Lagerst&auml;tten des Monazits, jenes wertvollen Erzes, aus
+dem das Thorium und Zer gewonnen werden, und beinahe w&auml;re
+wegen der Knappheit der Rohmaterialien die Gl&uuml;hlichterfindung
+gescheitert, h&auml;tte man nicht zuf&auml;lligerweise gerade damals gro&szlig;e
+Monazitlager in Amerika entdeckt. So trat das Leuchtgas, das man
+bereits durch die Elektrizit&auml;t &uuml;berwunden glaubte, wieder mit
+frischer, erneuerter Jugendkraft auf und feierte eine Wiedergeburt,
+die es mit dem elektrischen Lichte in erfolgreichen Wettbewerb treten
+lie&szlig;.</p>
+
+<div>
+<a name="abb15" id="abb15"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 363px;">
+<img src="images/abb15.jpg" width="363" height="400" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 15. Blick in die N&uuml;rnberger Gasanstalt mit schr&auml;gliegenden Retorten.
+(Deutsches Museum.)</span>
+</div>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>
+Nun konnten die Stra&szlig;en und H&auml;user, L&auml;den und Wohnungen,
+auch ohne elektrische Leitung in gl&auml;nzendem Lichte erstrahlen. Doch
+auch dem einsamen Landhause schuf die Chemie Befreiung von dem
+l&auml;stigen &Ouml;ll&auml;mpchen und von der armseligen Unschlittkerze, auch von
+der viel besseren, aber immerhin noch k&uuml;mmerlichen Lichtquelle der
+Stearinkerzenflamme. Das <span class="spaced">Petroleum</span> tritt auf. Man findet im
+Inneren der Erde Lagerst&auml;tten eines schmutzigen, dickfl&uuml;ssigen, explosiven
+&Ouml;les, das in vergangenen Zeitr&auml;umen durch Zersetzung pflanzlicher
+und tierischer &Uuml;berreste entstanden ist. Was einst im herrlichen
+Sonnenlichte erwachsen ist, dient nun, aus der Finsternis
+wieder zutage gebracht, dazu, die Finsternis zu vernichten und die
+Nacht zum Tage umzugestalten. Der Chemiker findet Wege, das
+<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>
+schmutzige Erd&ouml;l zu reinigen, indem er es mit starken S&auml;uren und
+Laugen w&auml;scht; er lernt, das Erd&ouml;l sozusagen &bdquo;m&uuml;rbe&ldquo; zu machen,
+indem er es durch Destillation zwingt, in seine drei Hauptbestandteile
+zu zerfallen, in das fl&uuml;chtige Benzin, in das Leucht&ouml;l, das ohne
+Explosionsgefahr in Lampen verbrannt werden kann, und in das
+kostbare Schmier&ouml;l, das, den Reibungswiderstand vermindernd, ein
+glattes Laufen der verschiedensten Maschinen erm&ouml;glicht.</p>
+
+<p>Aber eine noch bessere und sch&ouml;nere Lichtquelle wird f&uuml;r das
+einsame Landhaus, f&uuml;r das Sommerhotel und f&uuml;r die Hochgebirgsh&uuml;tte
+gefunden, indem man einen Stoff benutzt, der durch zwangsweise
+Vereinigung einer unverbrennlichen wei&szlig;en mit einer verbrennlichen
+schwarzen Masse entsteht. Kalk und Kohle, in der
+Riesenhitze des elektrischen Ofens zur engsten Verbindung gen&ouml;tigt,
+ergeben das als Kalziumkarbid bekannte Material, das, mit Wasser
+&uuml;bergossen, ein mit blendend wei&szlig;er Flamme brennendes Gas, das
+Azetylen, liefert. An m&auml;chtigen Wasserkr&auml;ften stehen die elektrischen
+&Ouml;fen und erzeugen gro&szlig;e Mengen von Kalziumkarbid, das in
+B&uuml;chsen verpackt, in entlegene Einsamkeiten versendet wird, um
+dort mit Hilfe eines sicheren, handlichen, bequemen, kleineren oder
+gr&ouml;&szlig;eren Apparates zur Gaserzeugung verwendet zu werden. Nun
+kann jedes Landhaus seine eigene kleine Gasfabrik haben, ja sogar
+jedes Fuhrwerk, jedes Automobil sich zur eigenen Beleuchtung
+das n&ouml;tige Azetylen in kleinen, im Wagen untergebrachten Apparaten
+selbst herstellen.</p>
+
+<p>Auch die elektrische Beleuchtung wird durch die Ergebnisse
+chemischer Forschung immer mehr gef&ouml;rdert. Tantal-, Wolfram- und
+Osramlampen, Erzeugnisse der modernen chemischen Technik, bewirken
+eine au&szlig;erordentliche Kraftersparnis und gestatten die Erzeugung
+gro&szlig;er Lichtmengen auf eine fr&uuml;her f&uuml;r unm&ouml;glich gehaltene
+billige Weise. Die Quecksilberdampflampe&nbsp;&ndash; mit ihrem gr&uuml;nen
+Lichte&nbsp;&mdash;, in amerikanischen Werkst&auml;tten &uuml;beraus beliebt, bedeutet
+eine weitere Kraftersparnis, so da&szlig; bei dem gegenw&auml;rtigen Stande
+der Beleuchtungstechnik jeder Laden und jedes Hotel, jede Stra&szlig;e
+und jeder Bahnhof mit geringem Kostenaufwande fast tageshell
+beleuchtet werden kann.</p>
+
+<p>Hier wollen wir auch kurz des <span class="spaced">Glases</span> Erw&auml;hnung tun, dieses
+bei allen Beleuchtungsarten vielverwendeten Stoffes, der schon seit
+Jahrtausenden bekannt und als seltene Kostbarkeit gesch&auml;tzt, durch
+<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>
+die chemische Industrie zu einem ganz allgemeinen, selbst dem &Auml;rmsten
+zug&auml;nglichen Gebrauchsgegenstand geworden ist.</p>
+
+<p>Was vorher &uuml;ber die Umwandlung des fr&uuml;heren Kleineisengewerbes
+in die moderne Gro&szlig;industrie gesagt ist, gilt f&uuml;r die Glasindustrie
+in vielleicht noch h&ouml;herem Ma&szlig;e. Urspr&uuml;nglich wurde wohl
+die Kunst des Glasschmelzens als strenges Gewerbegeheimnis bewahrt,
+was um so leichter m&ouml;glich war, als die Rohmaterialien, Soda, Kalk
+und feiner Sand, bei den damals schwierigen Transportverh&auml;ltnissen
+nicht allgemein erh&auml;ltlich waren. Durch die Verbilligung der Soda
+wurde erst die Begr&uuml;ndung einer Gla<span class="spaced">sindustrie</span> m&ouml;glich. Auch
+hier wurden die Schmelz&ouml;fen immer gr&ouml;&szlig;er, auch hier lernte man
+durch sorgf&auml;ltigere Ausf&uuml;hrung der Schmelz&ouml;fen die zur Schmelzung
+erforderliche Brennstoffmenge vermindern und schlie&szlig;lich die menschliche
+Arbeit beim Glasblasen und bei der Spiegelglaserzeugung durch
+genial ersonnene Maschinenarbeit ersetzen.</p>
+
+<p>Man hat dann, in den letzten Jahrzehnten, auch neue Glassorten
+hergestellt, das &bdquo;Hartglas&ldquo; und das &bdquo;Quarzglas&ldquo;.</p>
+
+<p>Das <span class="spaced">Hartglas</span> wird durch rasches Abk&uuml;hlen des hei&szlig;en Glases
+auf Temperaturen von 200&ndash;300&deg; hergestellt, indem man das zu
+h&auml;rtende Glas rasch in B&auml;der von &Ouml;l mit dieser Temperatur taucht.
+Dieses &bdquo;abgeschreckte&ldquo; Glas kann schroffe Temperaturwechsel ertragen
+und ist zugleich sehr schwer zerbrechlich.</p>
+
+<p><span class="spaced">Quarzglas</span> wird durch Schmelzen von Quarz und Bergkristall
+im elektrischen Ofen hergestellt. Es ist gegen pl&ouml;tzliche Temperatur&auml;nderungen
+ganz unempfindlich; man kann es auf hohe
+Temperaturen erhitzen und dann ohne weiteres in kaltes Wasser
+tauchen, ohne da&szlig; es zerspringt.</p>
+
+<p>Bei all den besprochenen Industrien bedarf der Chemiker in
+gro&szlig;er Menge zweier &bdquo;Kr&auml;fte&ldquo;, wenn wir sie so nennen wollen,
+zweier Energien, n&auml;mlich der <span class="spaced">Kraft</span> und der <span class="spaced">W&auml;rme</span>. Vor allem
+also m&uuml;ssen diese Energien billig und bequem zu erlangen sein, da
+sie gleichsam die Grundlage der Technik bilden. Vorderhand ist das
+wichtigste Rohmaterial zur Gewinnung von Kraft und W&auml;rme die
+<span class="spaced">Kohle</span>. Aber auch der Kohlenvorrat der Erde wird schlie&szlig;lich einmal
+ersch&ouml;pft sein, und deshalb mu&szlig; der Chemiker und der chemische
+Ingenieur bei Zeiten vorbauen, indem er einerseits mit m&ouml;glichst
+wenig Kohle m&ouml;glichst viel auszurichten sucht und dadurch die Ersch&ouml;pfung
+der Kohlenlager hinausschiebt, anderseits aber auch jetzt
+<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>
+schon daran denkt, wie man sp&auml;ter auch ohne Kohle den Kulturzustand
+der Menschheit wird aufrecht erhalten k&ouml;nnen.</p>
+
+<div>
+<a name="abb16" id="abb16"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 600px;">
+<img src="images/abb16.jpg" width="600" height="333" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 16. Entstehung von Wassergas, Generatorengas und Generatorenwassergas.<br />
+(Deutsches Museum.)</span>
+</div>
+
+<p>In dem rastlosen Streben nach <span class="spaced">m&ouml;glichst guter Ausn&uuml;tzung
+der Kohle</span> werden zun&auml;chst die Feuerungen, die Roste und
+der Schornstein immer zweckm&auml;&szlig;iger gestaltet; man hat ferner
+gelernt, den fr&uuml;her wertlosen Abfall der Kohlenbergwerke, den Kohlenstaub,
+zu verbrennen oder ihn in Form fester Ziegel (Briketts)
+in den Handel zu bringen; man verwertet die Hitze der von der
+Feuerung zum Kamin abgehenden Gase zum Vorw&auml;rmen des Kesselspeisewassers,
+und schlie&szlig;lich bedient man sich immer mehr&nbsp;&ndash; um
+Kohle zu sparen und sehr hohe Temperaturen erreichen zu k&ouml;nnen
+&ndash;&nbsp;der Vergasung der Kohle in Gasgeneratoren, die nichts anderes
+sind als &Ouml;fen, auf deren Rost anstatt einer niedrigen Kohlenschicht,
+wie sie in den gew&ouml;hnlichen &Ouml;fen gebr&auml;uchlich ist, eine hohe Kohlenschicht
+von etwa 0.5&nbsp;Meter aufgeh&auml;uft wird. Dadurch wird bewirkt,
+da&szlig; die dem Rost zun&auml;chst befindliche Kohlenschicht vollkommen verbrannt
+wird; aber die Verbrennungsgase k&ouml;nnen nicht, wie bei den
+gew&ouml;hnlichen &Ouml;fen, zum Kamin entweichen, da sie durch die hohe
+Kohlenschicht gezwungen sind, zun&auml;chst diese zu durchstreichen. Bei
+der Ber&uuml;hrung der &bdquo;unbrennbaren&ldquo; Verbrennungsgase mit der
+oberen Kohlenschicht verbindet sich deren Kohlenstoff mit den unbrennbaren
+<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>
+Gasen zu einem <span class="spaced">brennbaren</span> Gase, dem sogenannten
+Generatorgas, das in gr&ouml;&szlig;tem Ma&szlig;stabe zur Beheizung von Stahl- und
+Glas&ouml;fen dient und auch vielfach zum Zweck der Krafterzeugung
+in Gasmotoren verbrannt wird; diese Verwendung bedeutet, im
+Vergleich zum Kohlenverbrauch der Dampfmaschine, eine namhafte
+Ersparnis (Abb.&nbsp;<a href="#abb16">16</a>, <a href="#abb17">17</a>).</p>
+
+<div>
+<a name="abb17" id="abb17"></a>
+</div>
+<div class="figright" style="width: 347px;">
+<img src="images/abb17.jpg" width="347" height="400" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 17. Gasgenerator.</span>
+</div>
+
+<p>Au&szlig;erdem sucht man immer mehr die <span class="spaced">nat&uuml;rlichen Kr&auml;ftevorr&auml;te</span>,
+<span class="spaced">die Wasserf&auml;lle</span>, zu verwerten, was sehr geeignet ist,
+die Lebensdauer unserer Kohlenlager
+bedeutend zu verl&auml;ngern.
+Amerika und Afrika sind
+reich an m&auml;chtigen Wasserf&auml;llen,
+auch Europa besitzt im Norden
+und in den Alpen gewaltige
+Wasserkr&auml;fte, die, in Kohle
+oder Kraft umgerechnet, bedeutende
+Werte darstellen. Der
+Niagarafall allein enth&auml;lt so
+viel Kraft, als man durch t&auml;gliche
+Verbrennung von einer
+Million Tonnen Kohle erzeugen
+k&ouml;nnte. So erbaut man nun
+Fabriken, die sehr viel Kraft
+brauchen, wenn m&ouml;glich in
+der N&auml;he von Wasserkr&auml;ften (Aluminiumfabriken). Aber auch
+solche Werke, die starke Hitzegrade erfordern, verlege man in die
+N&auml;he von Wasserf&auml;llen, denn der chemische Ingenieur hat es
+durch den Bau von elektrischen &Ouml;fen, die den Strom in hohe Hitzegrade
+umwandeln, m&ouml;glich gemacht, Grade zu erreichen, die fr&uuml;her
+unerreichbar waren, und dadurch Stoffe zu erzeugen, die fr&uuml;her
+nicht darstellbar waren. Des Kalziumkarbides ist bereits gedacht
+worden. Nicht weniger interessant ist der Stoff, der im elektrischen
+Ofen durch Zusammenschmelzen von Sand und Kohle erzeugt wird,
+das Karborundum, der fast diamantenhart, als Schleif- und Poliermittel
+ausgedehnte Verwendung findet und dem Schmirgel gro&szlig;e
+Konkurrenz bereitet.</p>
+
+<p>Die Billigkeit, mit der der elektrische Strom aus Wasserkraft
+hergestellt werden kann, hat eine neue Industrie, die <span class="spaced">elektrochemische</span>,
+<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>
+ins Leben gerufen, wobei der elektrische Strom zur
+Zerlegung wertloserer Verbindungen in ihre wertvolleren Bestandteile
+verwendet wird. So werden jetzt zahlreiche Stoffe mit Hilfe
+des elektrischen Stromes, elektrochemisch, dargestellt, insbesondere
+Natrium, Chlor, &Auml;tznatron und Soda, deren gemeinsames Ausgangsprodukt
+das Kochsalz ist.</p>
+
+<p>Wie bereits erw&auml;hnt, sorgt der Chemiker auch f&uuml;r die Zukunft.
+Er sucht Verfahren zu finden, mit denen man auf billige
+Art Kraft erzeugen kann, Verfahren, die darauf hinausgehen, aus
+der Kohle mehr Kraft als bisher m&ouml;glich zu gewinnen, oder die
+Kohle &uuml;berhaupt &uuml;berfl&uuml;ssig zu machen. Zu diesem Zwecke benutzt
+er den unersch&ouml;pflichen Kr&auml;ftevorrat, der dem Menschengeschlecht so
+lange zur Verf&uuml;gung stehen wird, als es bestehen wird, da es selbst
+gleichsam nur ein Ausflu&szlig; und eine Wirkung dieser Kr&auml;fte ist, er
+benutzt dazu das strahlende Licht, die strahlende Kraft, die strahlende
+<span class="spaced">Energie der Sonne</span>. Diese Kraft wird heute auf der Erdoberfl&auml;che
+nur sehr sp&auml;rlich ausgenutzt, indem sie nur von den Pflanzen
+zum Aufbau ihres K&ouml;rpers verwendet wird, w&auml;hrend der Rest unbenutzt
+&bdquo;verloren&ldquo; geht. Und doch k&ouml;nnte uns diese Kraftquelle
+mit schier unendlichen Mengen von Kraft versorgen. Darum arbeitet
+man an der schweren Aufgabe, das Sonnenlicht unmittelbar in Kraft
+umzuwandeln und zwar in <span class="spaced">die Kraft</span>, die sich am bequemsten, mit
+den geringsten Verlusten weiter umwandeln l&auml;&szlig;t, in Elektrizit&auml;t.</p>
+
+<p>Zun&auml;chst hat sich der Physiker damit begn&uuml;gt, das Sonnenlicht
+in W&auml;rme umzuwandeln, indem er es in gro&szlig;en, kreisf&ouml;rmig angeordneten
+Hohlspiegeln auffing, in deren Brennpunkt ein Dampfkessel
+eingebaut war, der einer, nahebei aufgestellten Dampfmaschine
+Dampf lieferte. Ein solcher, in der Anlage sehr kostspieliger Apparat
+ist in der N&auml;he von Los Angeles, in Kalifornien&nbsp;&ndash; da die Kohlen
+dort au&szlig;erordentlich kostspielig sind&nbsp;&ndash; in lohnendem Betriebe. Man
+nutzt dort das Sonnenlicht den ganzen Tag hindurch aus, indem
+das Spiegelsystem sich durch ein Uhrwerk der scheinbaren Bewegung
+der Sonne gem&auml;&szlig; dreht und stets so eingestellt ist, da&szlig; es m&ouml;glichst
+viel Licht von ihr empf&auml;ngt.</p>
+
+<p>Diese Art der Verwendung des Sonnenlichtes, die Umwandlung
+in W&auml;rme, ist &auml;u&szlig;erst roh und nicht befriedigend; deshalb geht das
+Streben der Chemiker dahin, eine Umsetzung der strahlenden in
+elektrische Energie zu bewirken. Im kleinen Ma&szlig;stabe ist dies bereits
+<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>
+gelungen und zwar durch eigenartig zusammengestellte Batterien,
+Zellen oder Elemente, die, sobald sie vom Sonnenlicht getroffen werden,
+einen ununterbrochenen elektrischen Strom abgeben, der so
+lange anh&auml;lt, als die Batterie der Wirkung des Sonnenlichtes ausgesetzt
+bleibt.</p>
+
+<p>Bei dem oben erw&auml;hnten Streben der Chemiker, aus der Kohle
+mehr Kraft, als bisher m&ouml;glich war, zu erzeugen, ja die ganze der
+Kohle innewohnende Kraft zur Wirkung zu bringen, schwebte ihnen
+das Ziel vor, die chemische Kraft der Kohle direkt in Elektrizit&auml;t
+umzuwandeln. Auch diese Aufgabe ist bereits grunds&auml;tzlich gel&ouml;st
+worden, so da&szlig; man nun, um mittels Kohle Elektrizit&auml;t zu erzeugen,
+nicht erst den verschwenderischen Umweg &uuml;ber den Dampfkessel und
+die Dampfmaschine machen mu&szlig;. Trotzdem werden die Dampfmaschinen,
+solange der Preis der Kohle verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig niedrig
+bleibt, eine wichtige Stellung einnehmen, denn der Mensch, an das
+Alte gew&ouml;hnt, entschlie&szlig;t sich nur schwer und gezwungen, das Neue
+anzunehmen. Darauf beruht ja vielfach die Bitterkeit des Erfinderloses,
+weil das Leben des Erfinders gew&ouml;hnlich k&uuml;rzer ist als die Zeit,
+die die Menschheit n&ouml;tig hat, um sich mit der neuen Erfindung vertraut
+zu machen, sich an sie zu gew&ouml;hnen, ihre Vorteile zu w&uuml;rdigen
+und sich zum Entschlu&szlig; aufzuraffen, die Neuheit benutzen zu wollen.</p>
+
+<p>Mit diesen Siegen und Erfolgen, mit der erfolgreichen Veredlung
+und Nutzbarmachung der in der Natur in kleinsten und gr&ouml;&szlig;ten
+Mengen vorkommenden Rohstoffe, gibt sich die Chemie nicht
+zufrieden. Sie will auch die selteneren Stoffe der Natur der Allgemeinheit
+zur Verf&uuml;gung stellen, und, wenn der nat&uuml;rliche Vorrat
+nicht reicht, sie k&uuml;nstlich herstellen. War fr&uuml;her z.&nbsp;B. die Seide nur
+ein Material zur Bekleidung Auserlesener, so ist sie heute ein notwendiger
+Gebrauchsgegenstand f&uuml;r alle geworden. Fr&uuml;her von K&ouml;nigen
+und F&uuml;rsten mit Gold aufgewogen, wird sie heute von jeder
+B&auml;uerin, beim Kirchgang wenigstens, als Kopfbedeckung getragen.
+Diese ungeheure Zunahme des Seidenbedarfs w&auml;re auf keine Weise
+zu befriedigen, wenn es der Chemie nicht gelungen w&auml;re, aus ganz
+billigen, leicht zur Verf&uuml;gung stehenden Rohstoffen, wie Baumwolle,
+Holz usw., einen Ersatz f&uuml;r Seide, eine k&uuml;nstliche Seide, die <span class="spaced">Kunstseide</span>
+herzustellen, die an Festigkeit der Seide nahe kommt und sie
+an Glanz weit &uuml;bertrifft. Eine Seide, die nicht durch m&uuml;hselige
+Raupenzucht, sondern in ununterbrochener, gleichm&auml;&szlig;iger Fabrikarbeit
+<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>
+durch chemische Prozesse und durch mechanische Hilfsmittel,
+die man der Seidenraupe abgelauscht hat, gewonnen wird. Eine
+Seide, die von Seidenraupenkrankheiten unabh&auml;ngig, stets in beliebigen
+Mengen und in irgendeinem Lande, an irgendeinem Orte hergestellt
+werden kann, so da&szlig; zu ihrer Erzeugung <span class="spaced">einheimische</span>
+Arbeitskr&auml;fte verwendet und gro&szlig;e Geldbetr&auml;ge, die sonst nach dem
+seidenerzeugenden China gingen, nun dem eigenen Lande nutzbringend
+erhalten werden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Schon im Jahre 1734 sagte R&eacute;aumur die Herstellung k&uuml;nstlicher
+Seide prophetisch voraus. Doch sollten von der Prophezeiung
+bis zur Erf&uuml;llung des Wortes hundertundf&uuml;nzig Jahre vergehen:
+im Jahre 1884 meldete der franz&ouml;sische Chemiker Graf Hilaire de
+Chardonnet seine ersten Patente zur Herstellung einer seither Chardonnetsche
+Seide genannten Kunstseide an.</p>
+
+<p>Das Verfahren Chardonnets ist sehr einfach: Gereinigte Baumwolle
+wird etwa f&uuml;nf oder sechs Minuten lang in eine Mischung
+von starker Salpeters&auml;ure und Schwefels&auml;ure eingetaucht. Hierauf
+nimmt man die Baumwolle aus dem S&auml;urebade, l&auml;&szlig;t die S&auml;ure
+24&nbsp;Stunden abtropfen und w&auml;scht das Produkt mit Sodal&ouml;sung. Das
+auf diese Weise erhaltene Material gleicht im Ansehen zwar der
+Baumwolle, aber ihr Charakter, ihre Seele ist vollkommen ver&auml;ndert:
+der schwere Leidensweg durch das scharfe S&auml;urebad hat, so m&ouml;chte
+man meinen, ihre geduldige Gleichg&uuml;ltigkeit in h&ouml;chste Reizbarkeit,
+ihre milde G&uuml;te in wilde Bosheit umgewandelt. Ein Schlag darauf, und
+sie explodiert heftig. Sie ist nun nichts anderes als die bekannte
+Schie&szlig;baumwolle, die auch auf &bdquo;rauchloses Pulver&ldquo; verarbeitet wird.</p>
+
+<p>Chardonnet l&ouml;st nun diese Schie&szlig;baumwolle in einer Mischung
+von &Auml;ther und Alkohol und erh&auml;lt so eine dicke Fl&uuml;ssigkeit&nbsp;&ndash; das
+in der Photographie und Pharmazie viel verwendete Kollodium. Diese
+L&ouml;sung l&auml;&szlig;t er in einem eigenartigen Apparat durch haard&uuml;nne &Ouml;ffnungen
+von 0,08&nbsp;<span class="antiqua">mm</span> Durchmesser ausflie&szlig;en und in Wasser eintreten.
+Hierbei geht der Alkohol an das Wasser ab, und es bleibt
+ein feiner Seidenfaden zur&uuml;ck. Aber dieser Faden ist leicht entflammbar,
+ja sogar sehr explosiv und gef&auml;hrlich f&uuml;r den, der mit
+ihm umzugehen hat. Er mu&szlig; daher zur Entfernung seiner explosiven
+Bestandteile in einer L&ouml;sung von Schwefelnatrium gewaschen und
+hierauf getrocknet werden. Auf diese Weise erh&auml;lt man eine ausgezeichnete
+Kunstseide, die f&uuml;r Weberei, Wirkerei und Posamenterie
+<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>
+ausgezeichnet verwendbar ist. Chardonnet hat seine Aufgabe gl&auml;nzend
+gel&ouml;st.</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn die K&ouml;nige bau'n, haben die K&auml;rrner zu tun.&ldquo; Kaum
+hatte Chardonnet einen entschiedenen Sieg errungen, als sich eine
+Unzahl von Chemikern auf das Kunstseideproblem st&uuml;rzte. Ein
+Pionier voll Geist hatte den Weg gebahnt, die Masse folgte nach. Ein
+Adler war hoch hinaufgestiegen und bemerkte nicht den Zaunk&ouml;nig,
+wollte ihn nicht bemerken, den Zwerg, der auf ihm sa&szlig;, um, durch
+fremde Kraft in h&ouml;chste H&ouml;hen getragen, ihn um einige Meter zu
+&uuml;berfliegen.</p>
+
+<p>Sechs Jahre sp&auml;ter wurde eine neue Kunstseide patentiert: der
+sogenannte Glanzstoff. Hier wird, wie auch von den sp&auml;teren Nachfolgern
+und Nachahmern, dasselbe Ausgangsprodukt und dasselbe
+mechanische Prinzip zur Herstellung des Fadens verwendet. Der
+Unterschied besteht blo&szlig; in der L&ouml;sungsfl&uuml;ssigkeit f&uuml;r die Baumwolle:
+bei Chardonnet Salpeter-Schwefels&auml;ure, beim Glanzstoff Kupferoxydammoniak
+und bei der infolge ihrer Billigkeit immer mehr
+zur Verwendung gelangenden Viskose Natronlauge und Schwefelkohlenstoff.
+&ndash;&nbsp;An Stelle der Baumwolle kann auch der aus Holz
+gewonnene Zellstoff als Ausgangsmaterial verwendet werden.</p>
+
+<p>Von dem jetzigen Umfange der Kunstseideindustrie erhalten wir
+eine kleine Vorstellung, wenn wir h&ouml;ren, da&szlig; j&auml;hrlich weit &uuml;ber
+3&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;<span class="antiqua">kg</span> erzeugt werden. Diese Industrie ist auch ein treffliches
+Beispiel f&uuml;r die &bdquo;veredelnde&ldquo; Wirkung der chemischen Arbeit,
+da aus einem Raummeter Holz, das im Wald einen Wert von 3&nbsp;Mark
+hat, Kunstseide im Wert von 5000&nbsp;Mark erzeugt wird, also eine
+1500&nbsp;fache Werterh&ouml;hung.</p>
+
+<p>Dies alles klingt sehr wunderbar, aber in 50&nbsp;Jahren wird kein
+Mensch mehr die Kunstseide f&uuml;r etwas Wunderbares halten, denn
+durch die Gewohnheit und durch stetigen Gebrauch wird auch das
+Wunderbare etwas Selbstverst&auml;ndliches. Wer wundert sich denn heute
+noch &uuml;ber die Billigkeit des <span class="spaced">Papiers</span>, wer staunt in unserer Zeit
+noch dar&uuml;ber, da&szlig; die Menschheit j&auml;hrlich &uuml;ber 600&nbsp;000&nbsp;Waggonladungen
+Papier verbraucht? Und doch ist die Zeit nicht allzufern,
+wo alles Papier &bdquo;gesch&ouml;pft&ldquo; wurde, m&uuml;hselig gesch&ouml;pft aus m&uuml;hselig
+hergestelltem Hadernbrei. Und heute? Heute werden ganze Waldungen
+von Holz in Riesenkochern durch eine L&ouml;sung von schwefligsaurem
+Kalk, den man auf eine sehr einfache Art herstellt, zu blendend
+<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>
+wei&szlig;en Fasern, Zellstoff oder Zellulose genannt, zerkocht, und
+diese Fasern zu Papier verarbeitet. So ist auch das heutige Papier
+und mit ihm unsere moderne Kultur, die zum gro&szlig;en Teile darauf
+aufgebaut ist, einem Triumphe der Chemie zu danken.</p>
+
+<p>Doch noch andere, heute bereits unentbehrliche Ersatzstoffe sind
+von der chemischen Technik geschaffen worden, und gar manche von
+ihnen dienen Zwecken, die man zur Zeit der Erfindung gar nicht
+voraussehen oder ahnen konnte. So suchte der Amerikaner Hyatt,
+1880, nach einem Ersatz f&uuml;r Buchdruckwalzenmasse, die bis heute
+durch Mischen von Gelatine und Glyzerin in der W&auml;rme hergestellt
+wird, und fand bei seinen Versuchen, als er eine L&ouml;sung von Schie&szlig;baumwolle
+mit Kampfer zusammenknetete, etwas neues, unendlich
+Wertvolleres, das <span class="spaced">Zelluloid</span>, das heute zur Erzeugung der mannigfaltigsten
+Gebrauchs- und Schmuckgegenst&auml;nde dient, und dessen
+Herstellung und Verarbeitung viele Tausende von Menschen besch&auml;ftigt.
+Diesem ersten Ersatz f&uuml;r Hartgummi und Elfenbein folgten
+im Laufe der Zeit mehrere andere, darunter der <span class="spaced">Galalith</span>.
+Dieser wird aus dem Kasein, dem K&auml;sestoff der Milch, hergestellt,
+indem man diesen Stoff durch Hinzuf&uuml;gung von gewissen Chemikalien,
+wie Formaldehyd usw., unl&ouml;slich macht.</p>
+
+<p>Die j&uuml;ngste Errungenschaft auf dem Gebiete der Ersatzstoffe ist
+der <span class="spaced">k&uuml;nstliche Kautschuk</span>. Aber dessen Herstellungskosten m&uuml;ssen
+erst bedeutend herabgesetzt werden, bevor ein erfolgreicher Wettbewerb
+mit dem nat&uuml;rlichen Kautschuk m&ouml;glich sein wird.</p>
+
+<p>Wenn wir von einer Romantik der Chemie sprechen, so geschieht
+dies nicht zum mindesten deshalb, weil sie &uuml;ber ihren m&auml;rchenhaften
+Zielen die Bescheidenheit und die Liebe zum Kleinen nicht verlernt
+hat. In der Tat, kein Gebiet, kein Stoff ist so gering, da&szlig; die Chemie
+ihm nicht die sorgf&auml;ltigste Aufmerksamkeit zuteil werden lie&szlig;e. Die
+Chemie hat alle nicht blo&szlig; berufen, sondern auch auserw&auml;hlt. Vor
+ihrem Gerichtshof gibt es keine Standesunterschiede. Nicht nur Seide
+und Elfenbein sind w&uuml;rdige Gegenst&auml;nde ihrer Bem&uuml;hung, sondern
+ebenso der gew&ouml;hnliche Bauziegel und das Holz in seinen verschiedenen
+Formen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span></p>
+
+<div>
+<a name="tab_p35" id="tab_p35"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 800px;">
+<img src="images/tab_p35.png" width="800" height="580" alt="Verwendung der Schwefels&auml;ure" title="" />
+<span class="caption"><a href="images/tab_p35_big.png">Gr&ouml;&szlig;ere Darstellung: bitte hier klicken</a></span>
+</div>
+
+<p>Ziegel und Holz sind, wie eigentlich alle Stoffe, am meisten in
+jenen Gegenden gesch&auml;tzt, die daran arm sind. Wo Bausteine und
+Tonlager fehlen, da ist es nat&uuml;rlich um die Errichtung von
+Geb&auml;uden, und damit um den Kulturfortschritt, traurig bestellt. Da
+<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>
+fand die Chemie einen Ausweg, wenigstens f&uuml;r sandreiche Gegenden,
+indem sie den <span class="spaced">Kalksandsteinziegel</span> bildete, der sich trotz seiner
+Jugend immer gr&ouml;&szlig;ere Verwendungsgebiete erobert, und das mit
+Recht, denn sein Aussehen ist sch&ouml;n, seine Festigkeit gro&szlig;, seine Herstellung
+einfach und billig. Man mischt n&auml;mlich den Sand mit so
+viel Kalkmilch, da&szlig; man ihn in Formen pressen kann, worauf diese
+Masse, die eigentlich nichts anderes ist als fester M&ouml;rtel, in Ziegelform,
+mit Dampf behandelt wird. Die Fabrikation dieser Ziegel
+nimmt weniger als 36&nbsp;Stunden in Anspruch und unterscheidet sich
+durch diese Schnelligkeit vorteilhaft von der Herstellung der Tonziegel.</p>
+
+<p>Ein ausgezeichneter Holzersatz f&uuml;r Fu&szlig;boden- oder Treppenbelag
+der haupts&auml;chlich aus S&auml;gesp&auml;nen besteht, ist der <span class="spaced">Xylolith</span>, ein
+Holzstein, der fast die W&auml;rme des Holzes und fast die Feuerfestigkeit
+des Steines besitzt. Seine Herstellung ist &auml;u&szlig;erst einfach; man vermischt
+S&auml;gesp&auml;ne mit etwas gebranntem Magnesit, feuchtet die Masse
+mit einer L&ouml;sung von Chlormagnesium an, bis sie breiig-teigartig ist,
+und l&auml;&szlig;t sie, in beliebige Formen gepre&szlig;t, an der Luft trocknen.
+F&uuml;r fugenlosen Fu&szlig;bodenbelag wird die teigige Masse 1&nbsp;<span class="antiqua">cm</span> dick glatt
+auf den Blindboden aufgetragen, worauf man sie trocknen l&auml;&szlig;t.
+Die trockene Xylolithmasse kann man ungef&auml;hr so wie Holz bearbeiten.
+Da sie &uuml;berdies durch Zumischung von Erdfarben zu den
+S&auml;gesp&auml;nen beliebig gef&auml;rbt werden kann, ist es leicht begreiflich,
+da&szlig; dieser &bdquo;Holzzement&ldquo; sich einer stets zunehmenden Beliebtheit
+und wachsenden Verwendung erfreut.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Die auf <a href="#Page_35">Seite&nbsp;35</a> beigef&uuml;gte Tabelle aus dem &bdquo;Deutschen Museum&ldquo;
+zeigt uns die vielseitige Verwendung der Schwefels&auml;ure in der chemischen
+Industrie.</p>
+</div>
+
+<p>So sorgt die Chemie, indem sie zahlreiche n&uuml;tzliche Stoffe herstellt,
+f&uuml;r die Bequemlichkeit des Menschen. Dar&uuml;ber vernachl&auml;ssigt
+sie aber nicht das Gebiet des im h&ouml;heren Sinne Angenehmen und
+Sinnerfreuenden.</p>
+
+<p>Seit der Mensch in Wahrheit ein Mensch ist, erfreut sich sein
+Auge an dem saftigen Gr&uuml;n und den vielfarbigen Blumen der
+Wiesen, an dem Blau des Himmels und dem Purpur und Rot des
+Sonnenaufganges. Das Sch&ouml;ne erfreut ihn, das Sch&ouml;nste erscheint
+ihm heilig. Er liebt die <span class="spaced">Farbe</span>, den bunten Schmuck und glaubt,
+wenn er sich selbst damit ziert, liebenswerter zu werden. So jauchzt
+<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>
+er auf, wenn er irgendwo zuf&auml;llig eine bunte, erdige Farbe findet
+und bemalt sich mit dem kostbaren Gute in einfacher Weise Gesicht
+und K&ouml;rper. Hat er einmal die Stufe der Nacktheit &uuml;berwunden
+und es bis zur Herstellung von Gew&auml;ndern, zum Verspinnen und
+Verweben von Flachs und Schafwolle gebracht, so trachtet er, den
+Schmuck der F&auml;rbung auf das Gewebe zu &uuml;bertragen. Jahrhundertelang
+mu&szlig; er da wohl suchen und versuchen, bis er endlich durch Zufall
+einige brauchbare, dauerhafte Farbstoffe findet, den Purpur der
+Purpurschnecke, den Krapp und den Indigo und einige Farbh&ouml;lzer.</p>
+
+<p>Durch Jahrtausende blieb die Farbstoffkenntnis des Menschen
+auf diese wenigen Stoffe beschr&auml;nkt, unter denen der <span class="spaced">Indigo</span> der
+wichtigste ist. Er wird als blaue Farbe aus dem Safte der Indigopflanze
+und des Waid in primitiver Weise hergestellt. Kurz vor
+der Bl&uuml;te werden die Pflanzen dicht &uuml;ber dem Boden abgeschnitten,
+hierauf in Bottiche oder gemauerte Gruben gebracht und mit Wasser
+bedeckt. Nach zw&ouml;lf bis f&uuml;nfzehn Stunden wird das nun gelb
+gef&auml;rbte Wasser in einen zweiten, tiefer gelegenen Bottich abgelassen
+und daselbst durch Schlagen mit schaufelartigen Stangen oder durch
+ein Schaufelrad in vielfache innige Ber&uuml;hrung mit der Luft gebracht,
+wodurch der gel&ouml;ste Pflanzensaft unl&ouml;slich wird und sich als blauer
+Schlamm am Boden absetzt. Dieser Schlamm wird gut gewaschen,
+gepre&szlig;t und getrocknet und stellt nun den &bdquo;nat&uuml;rlichen&ldquo; Indigo des
+Handels dar.</p>
+
+<p>Vor der Er&ouml;ffnung des Seewegs nach Ostindien wurde der in
+Europa verwendete Indigo aus dem Waid gewonnen, der seit dem
+neunten Jahrhundert in Frankreich und Deutschland stark angebaut
+wurde. Nach der Er&ouml;ffnung des Seeweges wurde der Waid immer
+mehr durch den indischen Indigo verdr&auml;ngt, und weder Gesetze noch
+Monarchen waren imstande, die Einfuhr aus Indien zu hemmen,
+so da&szlig; der europ&auml;ische Waidbau schlie&szlig;lich zugrunde gehen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Wenn wir uns vor Augen halten, da&szlig; der Indigo in der Indigopflanze
+nicht fertig gebildet ist, und da&szlig; statt seiner die Pflanze nur
+eine fast farblose Substanz, Indigowei&szlig; genannt, enth&auml;lt, da&szlig; dieses
+Indigowei&szlig; sich im Wasser l&ouml;st und durch Ber&uuml;hrung mit Luft blaues
+Indigopulver ergibt, also auf &auml;hnliche, aber umst&auml;ndlichere Weise
+entsteht wie der Eisenrost aus dem Eisen, da wird es uns klar, da&szlig;
+diese Entdeckung sicherlich einer Reihe h&ouml;chst merkw&uuml;rdiger Zuf&auml;lle
+und dem Aufwande scharfer Beobachtung zu danken ist. Durch Zufall
+<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>
+ist wohl ein Bund von Indigopflanzen in einen Wasserbottich oder
+Teich geraten, durch Zufall oder vielleicht in gedankenlosem Spiele
+sind die Pflanzen dann durch Schaufeln oder sonstwie mit Luft in
+Ber&uuml;hrung gebracht und von einem scharfen Beobachter das ausgeschiedene
+blaue Indigopulver bemerkt worden. &Auml;hnlichen Zuf&auml;llen
+hat man wohl die Herstellung des Krapps aus der F&auml;rberr&ouml;te
+und des Purpurs aus der Purpurschnecke zu verdanken.</p>
+
+<p>So mu&szlig;te sich denn die F&auml;rberei lange, lange Zeit hindurch
+mit ganz wenigen Farbstoffen begn&uuml;gen, bis man endlich, mit Hilfe
+der immer leistungsf&auml;higer werdenden Chemie und nicht ohne Benutzung
+gl&uuml;cklicher Zuf&auml;lle dahin kam, die l&auml;ngst erbla&szlig;te und vergangene
+Farbenpracht l&auml;ngst versunkener geologischer Zeiten wieder
+herzustellen und aufzufrischen. Denn nichts anderes als Leichname
+der Pflanzenwelt eines fr&uuml;heren Erdalters sind die Kohlenlager,
+denen wir heute nebst so vielem anderen die Teerfarben, auch <span class="spaced">Anilinfarben</span>
+genannt, zu verdanken haben, die an Mannigfaltigkeit
+die Naturfarben &uuml;bertreffend, die bunte Pracht der modernen
+gewerblichen Erzeugnisse erm&ouml;glichen.</p>
+
+<p>Wenn man Kohle unter Luftabschlu&szlig; erhitzt&nbsp;&ndash; dies wird, wie
+bereits fr&uuml;her bemerkt, von der Leuchtgas- und Koksindustrie in
+gr&ouml;&szlig;tem Ma&szlig;stabe ausgef&uuml;hrt&nbsp;&ndash; so hinterbleibt der bekannte por&ouml;se
+Koks, w&auml;hrend Leuchtgas und Teer in hei&szlig;em Zustand entweichen.
+Durch Abk&uuml;hlung wird der Teer verfl&uuml;ssigt und dadurch zugleich
+das Leuchtgas in reinem, teerfreiem Zustande erhalten.</p>
+
+<p>Dieser schwarze Steinkohlenteer ist der Grundstoff und der Ausgangspunkt
+der Teerfarbenindustrie.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Die nebenstehende <a href="#tab_p39">Tafel</a> zeigt die Vielseitigkeit der Farbstoffe und der
+Nebenprodukte, die alle aus Teer gewonnen werden.</p>
+</div>
+
+<p>Der Steinkohlenteer ist eine Mischung mehrerer Kohlenstoffverbindungen,
+von denen Benzol, Phenol, Kresol, Naphthalin und
+Anthrazen die wichtigsten sind. Sie alle werden bei der Destillation
+des Steinkohlenteers gewonnen und ergeben, nachdem sie mehreren
+chemischen Verfahren unterzogen wurden, die bekannten Teerfarbstoffe,
+deren erster, das Mauvein, im Jahre 1856 von W.&nbsp;H. Perkin
+in London dargestellt wurde.</p>
+
+<p>Diese urspr&uuml;nglich englische Industrie kam in Deutschland zu
+ungeahnter Bl&uuml;te und feierte hier ihre gr&ouml;&szlig;ten Triumphe. Sie trat
+mit der Natur selber in Wettbewerb und &uuml;bertraf, &uuml;berwand, besiegte
+<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>
+sie in dem Streite um das Krapprot und in dem Streite um den
+Indigo.</p>
+
+<div>
+<a name="tab_p39" id="tab_p39"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 800px;">
+<img src="images/tab_p39.jpg" width="800" height="569" alt="Gewinnung der Teerfarbstoffe" title="" />
+<span class="caption"><a href="images/tab_p39_big.jpg">Gr&ouml;&szlig;ere Darstellung: bitte hier klicken</a></span>
+</div>
+
+<p>Vor dem Jahre 1868 wurde die Menge des j&auml;hrlich erzeugten
+Krapps auf 70&nbsp;Millionen Kilogramm gesch&auml;tzt. Im Jahre 1868
+entdeckten Graebe und Liebermann, da&szlig; der Krapp, auch Alizarin
+genannt, auf eine sehr einfache Art aus dem Anthrazen, einem
+der oben erw&auml;hnten Bestandteile des Steinkohlenteers, hergestellt
+werden k&ouml;nne. Infolge dieser Entdeckung wird heute das Krapprot
+nicht mehr aus der Pflanze, sondern in den chemischen Fabriken
+erzeugt, und der Krappbau, der zumal f&uuml;r S&uuml;dfrankreich von gro&szlig;er
+Bedeutung war, hat heute fast vollst&auml;ndig aufgeh&ouml;rt.</p>
+
+<p>Dasselbe Schicksal wird dem nat&uuml;rlichen Indigo zuteil, seitdem
+wir nach A.&nbsp;v.&nbsp;Baeyers Entdeckung den Indigo billiger und reiner,
+als es die Pflanzenkraft vermag, herstellen. So unterliegt auf
+diesem Gebiete die Landwirtschaft der chemischen Industrie. Im
+Jahre 1889 kamen noch 33&nbsp;612&nbsp;Kisten Indigo aus Indien nach
+Europa. Heute hat die Einfuhr wegen der gewaltigen Erzeugung des
+k&uuml;nstlichen Indigos in Deutschland fast ganz aufgeh&ouml;rt. Ein paar
+Fabriken bringen heute das hervor, was fr&uuml;her gro&szlig;e Landstrecken in
+Indien erzeugten.</p>
+
+<p>Eine riesige Industrie setzt in Deutschland die wissenschaftlichen
+Errungenschaften der Teerfarbenchemie in wirtschaftliche Werte um.
+Von den zahlreichen gro&szlig;en Fabriken dieser Art sei nur die gr&ouml;&szlig;te,
+die im Jahre 1865 gegr&uuml;ndete <span class="spaced">Badische Anilin- und Sodafabrik</span>
+in Ludwigshafen am Rhein, mit einigen Ziffern gekennzeichnet,
+um von der Ausdehnung dieser Industrie einen kleinen
+Begriff zu geben:</p>
+
+<p>Diese Fabrik besch&auml;ftigt heute &uuml;ber 200&nbsp;Chemiker, 150&nbsp;Ingenieure,
+900&nbsp;kaufm&auml;nnische Beamte und &uuml;ber 8000&nbsp;Arbeiter. Der
+Grundbesitz der Fabrik betr&auml;gt 220&nbsp;<span class="antiqua">ha</span>. Davon sind 411&nbsp;200&nbsp;<span class="antiqua">qm</span>
+mit 450&nbsp;Fabrikgeb&auml;uden, 656&nbsp;Arbeiter- und 108&nbsp;Beamtenwohnungen
+bebaut. Sie verbraucht j&auml;hrlich etwa 35&nbsp;000&nbsp;Waggons Kohlen. Damit
+werden 160&nbsp;gro&szlig;e Dampfkessel geheizt, die 386&nbsp;Dampfmaschinen
+treiben und 25&nbsp;000 Pferdest&auml;rken erzeugen. Es werden j&auml;hrlich
+50&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;Kubikmeter Wasser und 12&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;Kilogramm Eis verbraucht.
+Eine eigene Gasfabrik liefert etwa 22&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;Kubikmeter
+Gas zur Heizung und Beleuchtung. Au&szlig;erdem sind Dynamomaschinen
+mit zusammen 10&nbsp;000&nbsp;Pferdest&auml;rken vorhanden, die 500&nbsp;Elektromotoren,
+<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>
+1400&nbsp;Bogenlampen und 20&nbsp;000&nbsp;Gl&uuml;hlampen mit Elektrizit&auml;t
+versorgen.</p>
+
+<p>Neben dieser Fabrik sind vor allem die Farbwerke vormals
+Meister, Lucius und Br&uuml;ning in H&ouml;chst am Main hervorzuheben
+(Abb.&nbsp;<a href="#abb18">18</a>).</p>
+
+<div>
+<a name="abb18" id="abb18"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 600px;">
+<img src="images/abb18.jpg" width="600" height="325" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 18. Gesamtansicht der Farbwerke vormals Meister, Lucius u. Br&uuml;ning, H&ouml;chst a.&nbsp;M.</span>
+</div>
+
+<p>Es sind heute insgesamt ungef&auml;hr siebzig Teerfarbenfabriken
+in T&auml;tigkeit, die j&auml;hrlich Farbstoffe im Werte von &uuml;ber 200&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;Mark
+erzeugen und die Farbengier der ganzen Welt befriedigen.
+Das Kopftuch der B&ouml;hmin, der Schal der Kreolin, der Sombrero
+des Mexikaners, der Fez des T&uuml;rken, das Gewand des Muezzin,
+der feine Perser- und der billige Juteteppich, die Steinnu&szlig;kn&ouml;pfe
+des Negers, der Turban des Mohammedaners, die bunten Plakate
+der Tanzunterhaltungen, die Ornamente der Tanzordnung, die Schuhe
+und Seidengew&auml;nder der Ballk&ouml;nigin, die Uniform des Marschalls
+und des gemeinen Soldaten, die Kutte des M&ouml;nches und der Purpur
+des Kardinals, der Hut des Bettlers und die Schleppe der K&ouml;nigin,
+sie alle sind geziert, geschm&uuml;ckt und gef&auml;rbt durch die wunderbaren
+Stoffe, die, aus der dunklen, toten Kohle hervorgezaubert, den
+Triumph des regenbogenfarbigen Lebens verk&uuml;nden. So erw&auml;chst
+aus der Vernichtung der Vorwelt das Streben und die Bejahung
+eines neuen Lebens, so folgt auch hier dem frostigen, dunklen Winter
+ein neuer lichter Fr&uuml;hling, ein Wiedererwachen der schlummernden
+Kr&auml;fte und M&ouml;glichkeiten der Natur. Ein geringer Stoff, die Kohle,
+ist zur K&ouml;nigin geworden, weil er, ohne sich vorzudr&auml;ngen, im Bewu&szlig;tsein
+seines Wertes seine Zeit abwartete.</p>
+
+<p>Hat hier die Chemie mit milder Ruhe farbige Sch&ouml;nheit
+geschaffen, so hat sie in der Erzeugung von gewaltigen Zerst&ouml;rungsmitteln,
+in der Steigerung der menschlichen Kraft und Leistungsf&auml;higkeit
+nicht weniger geleistet. Wenn wir heute keine uneinnehmbaren
+Festungen mehr kennen, wenn wir die m&auml;chtigsten Kriegsschiffe
+durch Torpedos vernichten, Felsen sprengen und durchbohren, den
+Atlantischen Ozean mit dem Stillen verbinden und Berge versetzen
+k&ouml;nnen, so ist dies nur m&ouml;glich durch die wunderbar gewaltigen
+Kr&auml;fte, die&nbsp;&ndash; dank der Entwicklung der Chemie&nbsp;&ndash; in einer kleinen
+Stoffmenge aufgeh&auml;uft werden k&ouml;nnen, durch Kr&auml;fte, die wie gefesselte
+Riesen, sich ruhig verhalten, bis die Fessel gel&ouml;st ist, durch jene
+Stoffe, die nach der Art ihrer Wirkung, als <span class="spaced">Sprengstoffe</span> bezeichnet
+werden.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>
+Bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein war nur <span class="spaced">ein</span> Sprengstoff
+in Verwendung, das bekannte Schie&szlig;pulver, das eine Mischung von
+Kohle, Schwefel und Salpeter ist, durch dessen Entz&uuml;ndung und darauffolgende
+Verbrennung gro&szlig;e Gasmengen so rasch gebildet werden,
+da&szlig; die fesselnde Kapsel des Pulvers zersprengt und jedes Hindernis,
+das sich der Ausdehnung der Gase in den Weg stellt, fortgeschleudert
+wird, da&szlig;, mit anderen Worten, eine Sprengwirkung eintritt. Diese
+Mischung war vielleicht schon Hannibal bekannt. Jedenfalls bedeutet
+das unklare Wort &bdquo;<span class="antiqua">acetum</span>&ldquo;, womit, wie Livius sagt, Hannibal die
+seinen Marsch behindernden Felsen aus dem Wege r&auml;umte, einen
+schie&szlig;pulver&auml;hnlichen Sprengstoff, und nicht, wie die Philologen
+sonderbarerweise meinen, &bdquo;Essig&ldquo;.</p>
+
+<p>Als zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die Chemie
+m&uuml;ndig ward, da wurde nicht nur die Zahl der Sprengstoffe bedeutend
+vermehrt, sondern auch ihre Wirkungskraft ins Riesenhafte erh&ouml;ht.
+(Dabei spielt besonders die Verwendung der Salpeters&auml;ure und
+der Salpeterschwefels&auml;ure eine gro&szlig;e Rolle.)<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Es wurde&nbsp;&ndash; um
+nur die wichtigsten Produkte zu nennen&nbsp;&ndash; die Schie&szlig;baumwolle,
+das Dynamit, die Pikrins&auml;ure und die Sprenggelatine dargestellt.
+Die Schie&szlig;baumwolle ist heute ein Hauptbestandteil der
+<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>
+meisten rauchlosen Pulver, das Dynamit und die Sprenggelatine
+werden zu technischen Sprengungen aller Art verwendet,
+w&auml;hrend die Pikrins&auml;ure den Hauptbestandteil des franz&ouml;sischen Melinits
+bildet, und das englische Gesch&uuml;tzpulver Lyddit nichts anderes ist
+als geschmolzene Pikrins&auml;ure.</p>
+
+<p>Alle diese Sprengstoffe entstehen durch die Einwirkung der f&uuml;r
+sich nicht explosiven Salpeters&auml;ure auf ganz &bdquo;unschuldige&ldquo; Stoffe
+wie Baumwolle, Glyzerin oder Phenol, das auch Karbols&auml;ure genannt
+wird. Hier bew&auml;hrt sich wieder das Dichterwort: Verbunden werden
+auch die Schwachen m&auml;chtig.</p>
+
+<p>So verwandelt die Salpeters&auml;ure die Baumwolle in Schie&szlig;baumwolle,
+das Glyzerin in das &ouml;lige Nitroglyzerin, die Karbols&auml;ure
+in Pikrins&auml;ure. Die Schie&szlig;baumwolle wird entweder f&uuml;r sich angewendet
+oder mit Nitroglyzerin vermischt (Sprenggelatine), oder
+mit Pikrins&auml;ure vermischt (Melinit).</p>
+
+<p>Geschmolzene Pikrins&auml;ure bildet den Lyddit. Das Nitroglyzerin
+hingegen, eine &ouml;lige Fl&uuml;ssigkeit von gelber bis br&auml;unlicher Farbe,
+findet in reinem Zustand wegen seiner ungeheuren Explosivit&auml;t keine
+Anwendung und mu&szlig;, um verwendbar zu werden, erst von Kieselgur,
+einer lockeren Erde, aufgesaugt werden. Es hei&szlig;t in dieser, von
+Alfred Nobel entdeckten Form, Dynamit (Abb.&nbsp;<a href="#abb19">19</a>).</p>
+
+<p>So ist das alte, rauchige, schwarze Schie&szlig;pulver seiner h&ouml;chsten
+Ehren entkleidet worden. Nur zwei Gebiete sind seinem Machtbereich
+zum Teil verblieben, die Jagd und die Feuerwerkerei.</p>
+
+<p>Die meisten der in der Feuerwerkerei unter dem Namen
+&bdquo;<span class="spaced">Feuerwerks&auml;tze</span>&ldquo; verwendeten Mischungen bestehen aus
+Schwarzpulver oder einer aus seinen Bestandteilen, also aus Salpeter,
+Schwefel und Kohle, zusammengesetzten Mischung, wobei je nach dem
+Zweck der eine oder andere dieser Bestandteile &uuml;berwiegt. Bei Leuchts&auml;tzen,
+wo es also darauf ankommt, ein helles, lebhaftes Licht zu
+erzielen, wird der Salpeter ganz oder teilweise durch chlorsaures
+Kali ersetzt. W&auml;hrend die Leuchts&auml;tze haupts&auml;chlich chlorsaures Kali,
+Salpeter und Schwefel, sowie f&auml;rbende Bestandteile enthalten und
+als Treibmittel f&uuml;r sie Schie&szlig;pulvermehl verwendet wird, ist bei
+den Brands&auml;tzen dem Schie&szlig;pulvermehl noch ein leicht verbrennlicher
+K&ouml;rper zugemischt, der so langsam verbrennt, da&szlig; er w&auml;hrend des
+Brennens gen&uuml;gend Zeit hat, andere Stoffe in Brand zu setzen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>
+Die farbigen Feuer entstehen durch die Beimengung verschiedener
+Salze zu den Leuchts&auml;tzen. So wird f&uuml;r wei&szlig;e, hell leuchtende
+Feuer, f&uuml;r Leuchtkugeln, Signale usw. Magnesium als Grundlage
+benutzt. Gr&uuml;ne Farben werden durch die Beimischung von Barytsalzen,
+rote durch Strontiumsalze, blaue durch Kupfersalze und gelbe
+durch besonders gro&szlig;e Mengen von Schwefel und Salpeter erzeugt.</p>
+
+<div>
+<a name="abb19" id="abb19"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/abb19.jpg" width="400" height="262" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 19. Apparat zur Herstellung von Dynamit.<br />
+(Aus der Aktiengesellschaft Dynamit Nobel, Wien.)</span>
+</div>
+
+<p>Nicht minder interessant und nicht minder wichtig als die
+m&auml;chtigen Sprengstoffe sind die <span class="spaced">Z&uuml;ndstoffe</span>, die uns in Form von
+Z&uuml;ndh&ouml;lzchen unentbehrlich geworden sind. Die Schwierigkeit und
+Unbequemlichkeit der Feuerherstellung durch Stein und Z&uuml;ndschwamm
+k&ouml;nnen wir uns heute kaum mehr vergegenw&auml;rtigen.
+Die einst vielbewunderte, uns plump erscheinende D&ouml;bereinersche
+Z&uuml;ndmaschine, in der durch die Einwirkung von Schwefels&auml;ure auf
+Zink Wasserstoff erzeugt wird, der sich am Platinschwamm entz&uuml;ndet,
+ist f&uuml;r uns nichts anderes als eine historische Merkw&uuml;rdigkeit, ein
+Kuriosum der Physikstunde. Und die Chanceschen Tunkfeuerzeuge,
+zu deren Gebrauch man stets ein Fl&auml;schchen Schwefels&auml;ure bei sich
+tragen mu&szlig;te, um die tr&auml;gen Schwefelh&ouml;lzchen zu entz&uuml;nden, erscheinen
+<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>
+uns heute ebenso gef&auml;hrlich wie unangenehm. Und mit Recht.
+Denn heute sind wir in der Lage, ein Streichholz zu entz&uuml;nden,
+ohne eine Fl&uuml;ssigkeit bei uns zu tragen, und ohne Gefahr einer Selbstentz&uuml;ndung
+oder Vergiftung. Diese Gefahr der Selbstentz&uuml;ndung,
+Vergiftung und Explosion bestand selbst bei den ersten Phosphorh&ouml;lzchen,
+und diese Nachteile mu&szlig;ten Schritt f&uuml;r Schritt durch m&uuml;hselige,
+harte Arbeit beseitigt werden. Zun&auml;chst setzte man die Entflammbarkeit
+des Z&uuml;ndholzkopfes durch Zumischung von Schwefelnatrium
+und anderen Substanzen herunter.</p>
+
+<p>Doch auch diese H&ouml;lzchen waren &auml;u&szlig;erst giftig und gef&auml;hrlich,
+sowohl bei der Herstellung wie bei der Verwendung, so da&szlig; nicht
+nur der Absatz schwierig, sondern die Beschaffung von Arbeitern
+fast unm&ouml;glich war. Erst gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts
+wurden diese Mi&szlig;st&auml;nde behoben, indem es gelang, den giftigen
+gelben Phosphor durch einfaches Erw&auml;rmen in eine neue, ungiftige
+Abart, den roten, amorphen Phosphor zu verwandeln, der eine
+neue Gro&szlig;industrie, die Fabrikation der &bdquo;schwedischen&ldquo; Z&uuml;ndh&ouml;lzchen,
+erm&ouml;glichte. Die schwedischen Z&uuml;ndh&ouml;lzer enthalten keinen Schwefel
+und keinen Phosphor. Ihre Z&uuml;ndmasse besteht aus einem Gemenge
+von chlorsaurem Kali, chromsaurem Kali, Glaspulver und Gummi
+als Bindemittel. Sie entz&uuml;nden sich nur an einer zubereiteten Reibfl&auml;che,
+die ein Gemenge von gleichen Teilen von rotem amorphem
+Phosphor, Schwefelkies und Schwefelantimon enth&auml;lt.</p>
+
+<p>Die Z&uuml;ndh&ouml;lzchenindustrie hat in verschiedenen L&auml;ndern eine
+gro&szlig;e Ausdehnung gewonnen. Schweden allein f&uuml;hrte im Jahre 1897
+&uuml;ber 10&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;Kilogramm aus. Und so schien es, als w&auml;re durch
+die Gr&uuml;ndung solch gro&szlig;er Industrien die alte Frage des &bdquo;Feueranmachens&ldquo;
+zu endg&uuml;ltiger Entscheidung gekommen. Aber f&uuml;r den
+menschlichen Geist gibt es keine &bdquo;endg&uuml;ltige&ldquo; Entscheidung. Er steht
+nicht still, darf nicht still stehen. &bdquo;Im Weiterschreiten find' er Qual
+und Gl&uuml;ck, er, unbefriedigt jeden Augenblick&ldquo;. Und dieses Weiterschreiten
+ist oft ein scheinbares Zur&uuml;ckgehen auf Altes. Ein solches
+Zur&uuml;ckgehen auf alte Feuerzeuge wird heute mit den modernen
+Hilfsmitteln der Chemie versucht.</p>
+
+<p>Man hat gefunden, da&szlig; Zer, eines der selteneren Metalle, wenn
+es mit 30%&nbsp;Eisen zusammengeschmolzen wird, einen Stoff mit merkw&uuml;rdigen
+Eigenschaften ergibt. F&auml;hrt man mit der Klinge eines
+Taschenmessers oder mit der Spitze einer Feile &uuml;ber eine solche Zer-Eisen-Mischung
+<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>
+hinweg, so entstehen, ohne Rauchentwicklung, Funken
+und Flammen von gewaltiger Z&uuml;ndkraft, so da&szlig; hiermit ein an sich
+ganz unexplosiver Z&uuml;ndstoff gegeben erscheint. L&auml;&szlig;t man die Funken
+einer solchen Zer-Eisen-Legierung auf einen mit Petroleum oder
+Benzin getr&auml;nkten Docht &uuml;berspringen, so entsteht eine dauernde
+Flamme. Diese als <span class="spaced">Feuertr&auml;ger</span> oder Pyrophore bezeichneten
+Legierungen nutzen sich sehr wenig ab und werden wegen ihrer guten
+Eigenschaften als Zigarrenanz&uuml;nder und f&uuml;r &auml;hnliche Zwecke gern
+verwendet. Ob sie in der Zukunft eine bedeutende Rolle spielen
+werden, bleibt abzuwarten.<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a></p>
+
+<p>So hat die Chemie den Menschen bef&auml;higt, mit jenen Urm&auml;chten
+der Natur zu wetteifern, die die Erde aus dem Innern heraus erbeben
+machen, die auf der Sonne ihr wildes Spiel treiben, die Welten
+zertr&uuml;mmern, um Welten aufzubauen. Aber der Mensch ist darin
+der Natur gleichgekommen, ja man m&ouml;chte fast sagen, er hat sie
+&uuml;bertroffen, da er die M&auml;chte, die er in der Form von Sprengstoffen
+erzeugt, gefesselt, gebunden und derart unter seine Herrschaft
+gebracht hat, da&szlig; sie genau die von ihm verlangte Arbeit leisten und
+die erwartete Wirkung eintreten lassen. Ja, er hat sie so geb&auml;ndigt
+und in gew&uuml;nschter St&auml;rke gestaltet, da&szlig; sie in Form von Z&uuml;ndholzchen
+von jedem Kinde gehandhabt werden k&ouml;nnen und in Form von
+Raketen und Feuerwerken in genau vorherbestimmten Formen und
+Farben gegen den Himmel steigen, aus dem Prometheus das erste
+Feuer zur Erde brachte.</p>
+
+<p>Hat diese Wirkung ins Gro&szlig;e und Ferne, die durch die Chemie
+erm&ouml;glicht wurde, unser Interesse in hohem Ma&szlig;e gefesselt, so verdient
+die Wirkung, die uns die Chemie auf das Kleine und Nahe
+aus&uuml;ben l&auml;&szlig;t, nicht minder unsere Aufmerksamkeit. In der Tat,
+es ist nicht weniger bedeutsam, die Vorg&auml;nge unseres Leibes sowie
+unser k&ouml;rperliches Wohlbefinden zu beherrschen und k&ouml;rperliche
+Sch&auml;den, Gebrechen und Leiden zu beseitigen, als Felsen zu durchbohren
+und Weltmeere miteinander zu verbinden.</p>
+
+<p>Es ist bemerkenswert, da&szlig; mit dem Aufbl&uuml;hen der Chemie auch
+die Medizin einen ungeheuren Aufschwung nahm und aus dem
+Gebiete der Wunder und des Aberglaubens einen H&ouml;henflug im Reich
+der Wissenschaft antrat, der heute noch nicht beendet ist. Die Zeiten,
+<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>
+wo man, abergl&auml;ubischer &Uuml;berlieferung folgend, gegen Rheumatismus
+ein paar Kastanien bei sich trug, das Sch&ouml;llkraut wegen seines gelben
+Saftes gegen Gelbsucht, die rotgefleckten Bl&auml;tter des Wasserbluts
+wegen ihrer F&auml;rbung als Wundmittel, die stacheligen Bl&auml;tter der
+Distel ihrer Stacheln wegen gegen Seitenstechen empfahl, sind vor&uuml;ber
+und damit auch die Zeiten der Beschw&ouml;rungen und Alraune.
+Man ist gr&uuml;ndlicher geworden und haftet nicht mehr an der oberfl&auml;chlichen
+Erscheinung. Seitdem man die Ursache der Gelbsucht
+kennt, sucht man Mittel, diese <span class="spaced">Ursache</span> zu beheben und ist nicht
+mehr damit zufrieden, dem Gelbs&uuml;chtigen irgendeine gelbe Fl&uuml;ssigkeit
+einzugeben. Seit es W&ouml;hler 1828 gelang, den bis dahin nur
+im Tierk&ouml;rper vorgefundenen Harnstoff k&uuml;nstlich darzustellen, ist die
+Fabel, da&szlig; die Vorg&auml;nge des K&ouml;rpers nicht den chemischen, sondern
+ganz eigenartigen Lebensgesetzen folgen, immer mehr entkr&auml;ftet und
+widerlegt worden. Heute wei&szlig; man, da&szlig; der lebende Organismus
+denselben chemischen Gesetzen untersteht wie die sogenannten anorganischen
+Stoffe. Erst auf Grund dieser Erkenntnis konnte man die
+Chemie der Vorg&auml;nge im tierischen K&ouml;rper recht studieren und
+chemischen M&auml;ngeln des Organismus mit chemischen Hilfsmitteln
+begegnen. Erst seitdem man die Chemie des Blutes kennt, l&auml;&szlig;t sich
+Bleichsucht und Blutarmut erfolgreich behandeln. Erst seitdem man
+die S&auml;fte des Magens gr&uuml;ndlich erforscht hat, kann man den &bdquo;chemischen&ldquo;
+Magenbeschwerden beikommen. Erst seitdem man die Chemie
+des Verdauungsprozesses genau kennt, ist man in der Lage, dem
+Zuckerkranken die entsprechende Kost vorzuschreiben.</p>
+
+<p>Eine gro&szlig;e Menge neuer Heilmittel ist aus demselben Stoff
+durch &auml;hnliche Prozesse dargestellt worden, dem wir auch die Anilinfarben
+verdanken, aus dem Steinkohlenteer, der also gleichsam ein
+Extrakt nicht nur der Farbenpracht, sondern auch der Heilkraft
+einer l&auml;ngst vergangenen Pflanzenwelt ist. Die Wirkungsweise dieser
+neuen Heilmittel ist durch gr&uuml;ndliche Proben festgestellt worden. Von
+den nach Tausenden z&auml;hlenden Medikamenten dieser Art seien hier
+beispielsweise das Aspirin, Phenazetin, Pyramidon, Migr&auml;nin, Veronal,
+Melubrin und Sulfonal genannt (Abb.&nbsp;<a href="#abb20">20</a>).</p>
+
+<p>Auch die Pflanzen- und Tierwelt bietet die Mittel zur Herstellung
+medizinisch wertvoller Substanzen. So werden aus den
+Bl&auml;ttern der tropischen Kokapflanze das bet&auml;ubende Kokain, aus tierischen
+Organen das blutdruckerh&ouml;hende Adrenalin usw. gewonnen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>
+Noch wunderbarer als die Wirkung dieser Mittel sind die Erfolge
+der sogenannten Serumchemie, die haupts&auml;chlich auf dem Gebiete
+der durch Bakterien verursachten Krankheiten gro&szlig;e Triumphe zu
+verzeichnen hat. Das Serum, die Blutfl&uuml;ssigkeit, in der die roten
+und wei&szlig;en Blutk&ouml;rperchen umherschwimmen, ist, gleichsam als Auszug
+und Tr&auml;ger des Lebens, von der Natur mit au&szlig;erordentlichen
+Kr&auml;ften und einem besonders starken &bdquo;Lebenswillen&ldquo; bedacht worden.
+Es hat den Willen, sich zu erhalten, sich gesund zu erhalten. Und es
+wehrt sich mit seiner ganzen Kraft gegen den Einfall einer fremden
+Macht. Es sind im Serum Schutzmittel enthalten, die eingewanderte
+Bakterien abzut&ouml;ten verm&ouml;gen. Ein Einfall <span class="spaced">Gift</span> ausscheidender,
+krankheitserregender Bakterien in das Blut wird von dem Serum
+mit der sofortigen Erzeugung von Gegengiften beantwortet, die die
+Giftwirkung der Bakterien aufheben. So k&auml;mpft das Serum mit der
+Krankheit; sein Sieg bedeutet Leben, seine Niederlage Tod.</p>
+
+<div>
+<a name="abb20" id="abb20"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 600px;">
+<img src="images/abb20.jpg" width="600" height="431" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 20. Verpackungssaal der Firma<br />
+Farbenfabriken vormals Friedrich Bayer&nbsp;&amp;&nbsp;Co.&nbsp;A.-G., Elberfeld.</span>
+</div>
+
+<p>Hier hat nun die Chemie eingegriffen und es ist ihr gelungen,
+ihr hohes staunensw&uuml;rdiges Ziel zu erreichen, n&auml;mlich die Wehrkraft
+<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>
+des Serums zu erh&ouml;hen. Wird n&auml;mlich das Gift krankheitserregender
+Bakterien zun&auml;chst in ganz kleinen, dann allm&auml;hlich steigenden
+Mengen einem gesunden Tiere, z.&nbsp;B. einem Pferde, in die Adern
+eingespritzt, so erzeugt das Serum dieses Tieres wachsende Mengen
+von Gegengift, so da&szlig; es an &bdquo;Wehrkraft&ldquo; stets zunimmt. Wird nun
+ein solches Tierserum unter die Haut eines an der entsprechenden
+Krankheit leidenden Menschen eingespritzt, so wird die &bdquo;Wehrkraft&ldquo;
+des Serums dieses Menschen ebenfalls bedeutend erh&ouml;ht (Diphtherieheilserum).</p>
+
+<p>Die Medizin ist &uuml;berdies durch die von der Chemie erzeugten
+zahlreichen, wirksamen und billigen mikrobenvernichtenden Desinfektionsmittel,
+wie Karbol, Chlorkalk, Sublimat, Ozon, Lysol,
+gef&ouml;rdert worden. Sp&auml;terhin hat man die Desinfektion in der Form
+von Konservierungsmitteln auch auf das Gebiet der Nahrungsmittel
+&uuml;bertragen und zwar zur Hintanhaltung der F&auml;ulnis, der G&auml;rung
+usw. Unter den &uuml;blichen Konservierungsmitteln sind besonders Salizyls&auml;ure,
+Borax und Formaldehyd zu nennen.</p>
+
+<p>Aber nicht nur auf dem Gebiete der Heilkunde hat die Chemie
+f&uuml;r das Leben und die Sicherheit des Menschen Gro&szlig;es getan,
+sondern sie hat sich auch auf dem ihr scheinbar ferner liegenden
+Gebiete des Gerichtswesens verdient gemacht. Sie hat gegen den
+Aberglauben gek&auml;mpft, Recht und Schuldlosigkeit zu Ehren gebracht
+und den Verbrecher eingesch&uuml;chtert. So wei&szlig; man heute, da&szlig; Erkrankungen
+infolge Genusses von Wurst, Fischen, Austern oder Fleisch
+meist nicht die Folge absichtlicher Vergiftungen sind, sondern darin
+ihren Grund haben, da&szlig; diese tierischen Stoffe, wenn sie faulen,
+gef&auml;hrliche Gifte, die sogenannten Leichengifte, in sich anh&auml;ufen. Die
+Chemie hat ferner Mittel und Wege gefunden, Menschenblut, selbst
+in kleinsten Spuren, als solches zu erkennen und scharf von jedem
+anderen Tierblute zu unterscheiden. Diese M&ouml;glichkeit, die tierischen
+Blutarten mit Gewi&szlig;heit voneinander zu unterscheiden, ist der Serumchemie
+zu verdanken. Gr&uuml;ndliche Untersuchungen auf diesem Gebiete
+haben ergeben, da&szlig; ein mit Menschenblut geimpftes Kaninchen ein
+Serum liefert, das nur mit klarer Menschenblutl&ouml;sung einen Niederschlag
+gibt, w&auml;hrend Impfung mit Ochsenblut ein nur Ochsenblut
+f&auml;llendes, Impfung mit Schweineblut nur Schweineblut f&auml;llendes
+Serum hervorbringt. Dadurch kann man das Blut einer Tierart von
+dem jeder anderen Tierart gut unterscheiden. Allerdings mu&szlig; man
+<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>
+sich hierbei vor Augen halten, da&szlig; verwandte Tiergattungen gleichartige,
+wenn auch nicht gleich starke F&auml;llungen mit den betreffenden
+Serumarten ergeben. So f&auml;llt Schweine-Kaninchen-Serum auch
+Wildschweinblut, Pferde-Kaninchen-Serum Eselblut, Menschen-Kaninchen-Serum
+auch Affenblut aus.</p>
+
+<p>Hier wird die entwicklungsgeschichtliche Tierforschung unmittelbar
+von den Ergebnissen der Serumchemie angeregt und befruchtet.
+Denn die eben angef&uuml;hrten Ergebnisse belehren uns &uuml;ber die Verwandtschaft
+der Tiergattungen und erleichtern so die Aufstellung eines
+wirklich richtigen Stammbaums der Tierwelt. Sie zeigen, da&szlig; das
+Blut <span class="spaced">einer</span> Gattung f&uuml;r die <span class="spaced">andere</span> Gift ist, da&szlig; die Essenz der
+Fruchtbarkeit der einen Art f&uuml;r die andere Art und f&uuml;r jede andere
+Art eine Essenz der Unfruchtbarkeit und des Todes ist, und da&szlig; das
+jeder Gattung eigent&uuml;mliche Serum ein Schutzwall ist, den die Natur
+zum Zweck der Erhaltung um die Gattung gezogen hat. Nur
+die Entstehung dieser Schutzmittel erm&ouml;glicht die Entstehung der
+Arten aus gemeinsamem Ursprung, und nur die Erhaltung
+dieser Schutzmittel die Erhaltung der Arten. Nur dadurch ist es
+erkl&auml;rlich, da&szlig; Pferd und Esel nur eine unfruchtbare Nachkommenschaft
+hervorbringen, und da&szlig; Tiere, die in der Verwandtschaftsreihe
+noch weiter auseinanderstehen, eine Nachkommenschaft &uuml;berhaupt
+nicht hervorbringen k&ouml;nnen. Daher ist in instinktiver Voraussicht der
+Unnat&uuml;rlichkeit einer Verbindung auch zwischen den gro&szlig;en Rassen
+der Menschheit eine gegenseitige Abneigung zu finden.</p>
+
+<p>Ohne dieses Schutzmittel der Natur w&uuml;rden im Laufe der Zeit
+nicht nur alle menschlichen Rassen in eine aufgehen, sondern auch die
+Tiergattungen w&uuml;rden Schritt f&uuml;r Schritt, langsam und allm&auml;hlich
+sich miteinander vermischen und eine gleichf&ouml;rmige Gattung bilden.
+&Auml;hnliches w&uuml;rde in der Pflanzenwelt Platz greifen, und offenbar w&uuml;rde
+dann auch die leblose Welt die Kraft, sich dem Charakter des Stoffes
+gem&auml;&szlig; zu gestalten, das hei&szlig;t, zu kristallisieren, verlieren und im
+Zustande einer Urmischung verharren. So verk&ouml;rpert die Kristallgestalt
+der Gesteine, das Eiwei&szlig; der Pflanzen und das Serum der
+Tiere, den gestaltenden, vom Allgemeinen zum Besonderen gehenden
+Trieb der Natur, den Willen des formenden Lebens. Sie erm&ouml;glichen
+es, da&szlig; aus gro&szlig;em, festem, gleichf&ouml;rmigem Grundstoff die Natur
+sich vielgestaltig und mannigfaltig erhebt, wie die tausend T&uuml;rmchen,
+M&auml;nnchen und Ungeheuer eines gotischen Domes.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>
+Nach dieser kleinen Abschweifung wollen wir nun auf ein neues
+Gebiet der &bdquo;Romantik&ldquo; der Chemie &uuml;bergehen, auf die <span class="spaced">Wohlger&uuml;che
+und Riechstoffe</span>.</p>
+
+<div>
+<a name="abb21" id="abb21"></a>
+</div>
+<div class="figleft" style="width: 171px;">
+<img src="images/abb21.jpg" width="171" height="260" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 21. Destillierblase.</span>
+</div>
+
+<p>Schon die &auml;ltesten Kulturv&ouml;lker Asiens sammelten die in der
+Natur vorkommenden wohlriechenden Kr&auml;uter, sch&auml;tzten sie als
+Kostbarkeit und boten sie als h&ouml;chste Gabe dem Heiligsten und Liebsten,
+den G&ouml;ttern und den Toten dar. Wohlriechende Stoffe, wie
+Weihrauch, Zimt, Myrrhen usw., wurden den G&ouml;ttern als Rauchopfer
+dargebracht und zum Einbalsamieren der Toten verwendet.</p>
+
+<p>Erst sp&auml;ter kam die Sitte oder vielmehr die Unsitte auf, dem
+eigenen lebenden Leib durch fremdartige Riechstoffe &bdquo;Wohlgeruch&ldquo;
+zu verleihen, eine Unsitte, die bei den Griechen und R&ouml;mern in den
+wahnsinnigsten Luxus ausartete, die V&ouml;lker zur Befriedigung unn&uuml;tzer,
+erk&uuml;nstelter Bed&uuml;rfnisse verleitete, ihre Gedanken auf Nichtigkeiten
+lenkte, ihr Mark entnervte und schlie&szlig;lich den Baum ihres
+Lebens vom Wipfel herab bis zur Wurzel t&ouml;dlichem Siechtum preisgab.</p>
+
+<p>So sind diese Riechstoffe, in h&ouml;herem Grade als die anderen
+Gaben der Natur und der sie benutzenden Chemie, ein zweischneidiges
+Schwert. Geister, die nur ein weiser Zaubermeister, aber niemals
+ein t&ouml;richter Zauberlehrling lenken kann. Denn bei diesem wird aus
+dem gefesselten Ma&szlig; unbeschr&auml;nkte Ma&szlig;losigkeit: in der Hand des
+der Zucht entbehrenden Zauberlehrlings wird der n&uuml;tzliche Sprengstoff
+ein Mittel zu vernichtender Revolution, das heilsame Morphium
+f&uuml;hrt zum Morphinismus, und die Farbe,
+ohne Sinn, als Selbstzweck angewendet, verdirbt
+sowohl den Geschmack als die Kunst.</p>
+
+<p>Auch auf dem Gebiet der Riechstoffe ist
+jahrtausendelang, bis zum Erwachen der modernen
+Chemie, ein Stillstand zu verzeichnen,
+man war mit den von der Natur dargebotenen
+Riechstoffen zufrieden und verst&auml;rkte
+sie nur durch die altbekannte Kunst
+des Destillierens (Abb.&nbsp;<a href="#abb21">21</a>).</p>
+
+<p>Erst im neunzehnten Jahrhundert
+wurde die wichtige Tatsache entdeckt, da&szlig;
+die pflanzlichen Riechstoffe, die sogenannten
+&auml;therischen &Ouml;le, den Pflanzen durch Dampf,
+sogenannte Dampfdestillation, entzogen werden,
+da&szlig; sie nach der Abk&uuml;hlung des
+<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>
+Dampfes auf dem kondensierten Wasser schwimmen und so leicht
+abgesch&ouml;pft werden k&ouml;nnen. Dies gab der Riechstoffindustrie, z.&nbsp;B.
+der Fabrikation des K&uuml;mmel&ouml;les, einen neuen Aufschwung. Andere
+Riechstoffe, wie Bergamott&ouml;l, Zitronen&ouml;l, Pomeranzen&ouml;l, werden durch
+Auspressen der Fruchtschalen gewonnen. Bl&uuml;tenparf&uuml;me werden entweder
+durch erw&auml;rmtes Fett oder durch gewisse L&ouml;sungsmittel, wie
+Benzin, Chloroform usw., &bdquo;ausgezogen&ldquo;, und hierauf das L&ouml;sungsmittel
+durch W&auml;rme abgetrieben, so da&szlig; der Riechstoff hinterbleibt
+(Abb.&nbsp;<a href="#abb22">22</a>, <a href="#abb23">23</a>).</p>
+
+<div>
+<a name="abb22" id="abb22"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/abb22.jpg" width="400" height="252" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 22. Aus der Fabrik &auml;therischer &Ouml;le Schimmel &amp; Comp., Miltitz-Leipzig.</span>
+</div>
+
+<p>Solche &bdquo;Blumenausz&uuml;ge&ldquo; sind nat&uuml;rlich sehr kostspielig, da sehr
+gro&szlig;e Bl&uuml;tenmengen zur Herstellung nennbarer Riechstoffmengen
+erforderlich sind. Zur Fabrikation von 1&nbsp;Kilogramm Orangenbl&uuml;ten- oder
+Rosenbl&uuml;tenauszug sind 700&nbsp;Kilogramm frische Bl&uuml;ten, zur
+Herstellung von 1&nbsp;Kilogramm Veilchenbl&uuml;tenauszug, der einen Wert
+von &uuml;ber 3000&nbsp;Mark hat, 1000&nbsp;Kilogramm Bl&uuml;ten n&ouml;tig.</p>
+
+<div>
+<a name="abb23" id="abb23"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/abb23.jpg" width="400" height="243" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 23. Aus der Fabrik &auml;therischer &Ouml;le Schimmel &amp; Comp., Miltitz-Leipzig.</span>
+</div>
+
+<p>Nur die s&uuml;dliche Natur verschwendet an ihre Flora die Wohlger&uuml;che
+in reichlicher Weise. Die nordische Natur ist karger. So ist
+denn in dieser Hinsicht Frankreich und Italien wohl versorgt, Deutschland
+aber infolge seiner Lage auf die s&uuml;dlichen L&auml;nder angewiesen.
+Deshalb hat es mit aller Kraft versucht, durch die Chemie sich zu
+<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>
+verschaffen, was ihm die Natur versagt hat, so hat es &bdquo;k&uuml;nstliche
+Riechstoffe&ldquo; hergestellt, aus dem billigen &Ouml;l des indischen Zitronengrases
+das kostbare Veilchenparf&uuml;m, Jonon, aus dem gew&ouml;hnlichen
+Nelken&ouml;l den wertvollen Riechstoff der Vanille, das Vanillin, aus
+dem Terpentin&ouml;l das fliederduftige Terpineol, aus dem als Safrol
+bekannten &Ouml;l das angenehme Heliotropin.</p>
+
+<p>Ist die Farbenpracht und die Heilkraft der Steinkohlenpflanzenwelt
+in den Teerfarbstoffen und den modernen Heilmitteln wiedererstanden,
+so haben die Chemiker auch den alten Duft aus dem Steinkohlenteer
+hervorgezaubert und eine Reihe feiner Riechstoffe daraus
+dargestellt, indem sie die Karbols&auml;ure, das Benzol, das Toluol, die
+Salizyls&auml;ure usw. verarbeiteten. So liefert die Karbols&auml;ure das
+Wintergr&uuml;n&ouml;l, das Benzol einen Jasminduft, das Toluol ein k&uuml;nstliches
+Bittermandel&ouml;l und ein Zimt&ouml;l und die Salizyls&auml;ure den als
+Cumarin bezeichneten Heu- und Waldmeistergeruch.</p>
+
+<p>Eine gro&szlig;e Verwendung finden alle diese Riechstoffe in der
+Toiletteseifenindustrie. Die gew&ouml;hnliche, grobe Seife wird durch
+Kochen von Fetten mit &Auml;tznatron dargestellt, wobei man das n&uuml;tzliche
+Glyzerin als Abfallstoff erh&auml;lt. Den so dargestellten Seifen
+werden zur Verwandlung in Toiletteseifen Riechstoffe zugesetzt, um
+<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>
+das Waschen und Sichreinigen zu einer nicht nur n&uuml;tzlichen, sondern
+auch angenehmen T&auml;tigkeit zu machen.</p>
+
+<p>Wir haben nun verschiedentlich die mit Hilfe der Chemie erlangten
+Luxusgaben der Pflanzenwelt betrachtet, die einer bequemeren
+und sch&ouml;neren Ausgestaltung unseres Leben dienen. Doch d&uuml;rfen wir
+dar&uuml;ber nicht die notwendigen Gaben vergessen, ohne die ein tierisches
+Leben und eine menschliche Kultur nicht m&ouml;glich ist. Die g&uuml;tige Allmutter
+Natur bringt das n&auml;hrende Weizenkorn hervor, dem die
+Kraft innewohnt, in einen hohen, &auml;hrenbeschwerten Halm auszuwachsen,
+wenn es in dem &bdquo;richtigen&ldquo; Boden ruht. Der Mensch ackert
+und streut seine Saat und hofft &bdquo;da&szlig; sie entkeimen werde zum Segen
+nach des Himmels Rat&ldquo;. Und lange, lange Zeit wird er auf gutem
+Ackerboden in dieser Hoffnung nicht entt&auml;uscht. Reichlich und gern
+bringt da die Natur das Gew&uuml;nschte hervor. Aber nach und nach
+ermattet auch der Acker, die Ernte wird k&uuml;mmerlicher, und schlie&szlig;lich
+versagt der Boden ganz, selbst wenn die Saat noch so kr&auml;ftig und
+gesund ist.</p>
+
+<p>Das Weizenkorn gleicht eben einem S&auml;ugling. Es hat die Kraft,
+gro&szlig; zu werden, aber nur, wenn ihm genug Nahrung zugef&uuml;hrt wird.
+Und eben das, was f&uuml;r den S&auml;ugling die Mutterbrust, ist f&uuml;r das
+Weizenkorn der Ackerboden. Ist die Mutterbrust milcharm, so gedeiht
+der S&auml;ugling ebensowenig wie das Weizenkorn im ersch&ouml;pften Ackerboden.</p>
+
+<p>Das haben die Ackerbauer l&auml;ngst gemerkt. Sie f&uuml;hlten, da&szlig;
+sie mit der geernteten Frucht ein unbekanntes Etwas dem Boden
+entziehen. Und so gaben sie, um die Kraft des Ackers zu erhalten,
+ihm das, was von der Ernte schlie&szlig;lich &uuml;brig blieb, den tierischen
+D&uuml;nger, wieder zur&uuml;ck. Die Wissenschaft selbst h&auml;tte nichts besseres
+raten k&ouml;nnen, als D&uuml;ngen des Ackers.</p>
+
+<p>Noch etwas lehrt den Bauer eine einfache &Uuml;berlegung, f&uuml;r die
+erst nach jahrtausendelanger &Uuml;bung von der Wissenschaft eine befriedigende
+Erkl&auml;rung gefunden wurde. N&auml;mlich, da&szlig; der in die Erde
+versenkte Teil der Pflanze atmet und offenbar im Laufe der Zeit
+den Ackerboden vergiftet. Instinkt und Erfahrung, Zufall und &Uuml;berlegung
+lehrten ihn die Notwendigkeit der Ackerl&uuml;ftung, des Pfl&uuml;gens.</p>
+
+<p>Die Anschauung des Ackerbauers, da&szlig; die Nahrung der Pflanze
+im Ackerboden enthalten sei und diesem&nbsp;&ndash; soll der Acker fruchtbar
+bleiben&nbsp;&ndash; stets zugef&uuml;hrt werden m&uuml;sse und zwar in demselben
+Ausma&szlig;e, wie sie mit der Ernte fortgef&uuml;hrt werde, wurde durch
+<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>
+die chemischen Forschungen des gro&szlig;en Justus Liebig best&auml;tigt, aufgekl&auml;rt
+und vervollkommnet, und damit eine neue Wissenschaft,
+die <span class="spaced">Agrikulturchemie</span>, begr&uuml;ndet.</p>
+
+<p>Die Grundlehre dieser &bdquo;Ackerbauchemie&ldquo; ist die Tatsache, da&szlig;
+das Skelett der Pflanze, dessen sie zu ihrem Gedeihen ebenso bedarf
+wie der Mensch, aus mineralischen Stoffen aufgebaut ist. Wenn wir
+einen Halm oder ein Weizenkorn verbrennen, so hinterbleibt stets
+ein mineralischer R&uuml;ckstand, eine Asche, die eben vom Ackerboden
+herr&uuml;hrt. Es werden also mit jeder Ernte dem Acker gro&szlig;e Mengen
+gewisser wichtiger Minerale entzogen, so da&szlig; der Boden stetig &auml;rmer
+an diesen Stoffen wird. Die meisten von ihnen, z.&nbsp;B. die Kiesels&auml;ure,
+sind &uuml;berall in reichlichem Ma&szlig;e vorhanden, so da&szlig; eine
+Ersch&ouml;pfung kaum jemals eintritt. Gewisse andere Stoffe hingegen,
+die ebenfalls f&uuml;r den Aufbau des Pflanzenk&ouml;rpers unentbehrlich sind,
+z.&nbsp;B. Kali, Phosphors&auml;ure und Stickstoff&nbsp;&ndash; dieser entweder in der
+Form von Ammoniak oder Salpeter&nbsp;&ndash; sind sp&auml;rlicher vorhanden,
+so da&szlig; sie einem regelm&auml;&szlig;ig benutzten Ackerboden stets wieder zugef&uuml;hrt
+werden m&uuml;ssen, da sonst eine rasche Abnahme der Fruchtbarkeit
+des Bodens eintritt. Die Chemie hat gezeigt, da&szlig; ein Boden,
+dem alles Kali, alle Phosphors&auml;ure und aller Stickstoff entzogen sind,
+keinen Samen zur Entwicklung bringen kann, sie hat gezeigt, wie
+vom Vorhandensein dieser Stoffe der Blattreichtum, die Halmgr&ouml;&szlig;e
+und der K&ouml;rnerreichtum der Pflanze abh&auml;ngt. Man hat genau
+berechnet, wieviel Kali, wieviel Phosphors&auml;ure, wieviel Stickstoff mit
+jeder Ernte aus einem Hektar Ackerlandes weggef&uuml;hrt wird, also
+wieviel von jedem Bestandteile dem Acker wieder zugef&uuml;hrt werden
+mu&szlig;, wenn die Ergiebigkeit des Bodens nicht vermindert werden
+soll. Man hat gefunden, da&szlig; diese Stoffe in rein mineralischer
+Form als Kalisalz, als l&ouml;slicher phosphorsaurer Kalk, als Salpeter,
+als schwefelsaures Ammoniak zugef&uuml;hrt, ebensogut wirken wie der
+nat&uuml;rliche D&uuml;nger, und man ist aus diesem Grunde heute fast ganz
+zur Verwendung der k&uuml;nstlichen D&uuml;ngemittel &uuml;bergegangen. Dies
+ist insbesondere durch das ungeheure Anwachsen der Gro&szlig;st&auml;dte n&ouml;tig
+geworden, die den gr&ouml;&szlig;ten Teil des auf dem Lande erzeugten Getreides
+verzehren, so da&szlig; infolge dieser &ouml;rtlichen Scheidung zwischen
+Erzeugung und Verbrauch an eine Zur&uuml;ckf&uuml;hrung des tierischen
+D&uuml;ngers nicht mehr zu denken war, zumal dieser durch die heute
+&uuml;blichen gro&szlig;st&auml;dtischen Abwasseranlagen und die damit verbundene
+<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>
+gro&szlig;e Verd&uuml;nnung mit Wasser f&uuml;r die Landwirtschaft kaum mehr
+nutzbringend verwendet werden kann.</p>
+
+<p>Der Urwald mit seinem jungfr&auml;ulich fruchtbaren Boden bedarf
+keiner D&uuml;ngung. Denn solange er Urwald bleibt und kein Baumstamm
+aus ihm hinausgeschafft wird, wird er durch die pflanzlichen
+Kadaver ged&uuml;ngt, die im Tode dem Boden die Mineralstoffe wieder
+zur&uuml;ckerstatten, die sie ihm w&auml;hrend ihres Lebens entzogen haben.
+Es bleibt eben alles an Ort und Stelle. Nichts wird weggef&uuml;hrt.
+Mit Ackerland verh&auml;lt es sich anders. Will man da stets dieselben
+Ertr&auml;ge haben, so mu&szlig; der mineralische Gehalt der Ernte stets wieder
+ersetzt werden. Dieser Ersatz ist nat&uuml;rlich bei verschiedenen Pflanzen
+verschieden. So beanspruchen Zuckerr&uuml;be und Tabak besonders viel
+Kali, H&uuml;lsenfr&uuml;chte und Getreidearten besonders viel Phosphors&auml;ure.</p>
+
+<div>
+<a name="abb24" id="abb24"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 600px;">
+<img src="images/abb24.jpg" width="600" height="293" alt="" title="" />
+<span class="caption"><span class="antiqua">O</span>&nbsp;=&nbsp;ohne D&uuml;nger. <span class="antiqua">KPN</span>&nbsp;=&nbsp;Kali, Phosphors&auml;ure u. Stickstoff.
+<span class="antiqua">PN</span>&nbsp;=&nbsp;Phosphors&auml;ure u. Stickstoff.<br />
+Abb. 24. Geranien ohne und mit D&uuml;ngung.</span>
+</div>
+
+<p>Der Ackerbauchemie ist die interessante Entdeckungen verdanken,
+da&szlig; das erforderliche Verh&auml;ltnis von Kali (<span class="antiqua">K</span>) zu
+<span class="ins" title="Phosphors&auml;ure (S)">Phosphors&auml;ure (<span class="antiqua">P</span>)</span>
+und Stickstoff (<span class="antiqua">N</span>), f&uuml;r jede Pflanze ganz bestimmt ist, und da&szlig; sich der Ertrag
+nach der vorhandenen Menge des &bdquo;ungen&uuml;genden&ldquo; Stoffes richtet,
+und zwar in folgender Weise: Ist in einem Ackerboden Kali und Phosphors&auml;ure
+in gen&uuml;gender, Stickstoff hingegen in ungen&uuml;gender Menge
+vorhanden, so richtet sich der Ertrag ausschlie&szlig;lich nach der vorhandenen
+Stickstoffmenge. Dieses Gesetz wird durch das folgende noch
+weiter erg&auml;nzt: Es ist nicht m&ouml;glich, durch erh&ouml;hte Zufuhr von Kali,
+Phosphors&auml;ure und Stickstoff den Ertrag bis ins Unendliche zu
+<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>
+erh&ouml;hen. Von einem gewissen Punkte an bewirkt eine vermehrte
+D&uuml;ngerzufuhr keine Erh&ouml;hung des Ertrages. Dies ist leicht begreiflich,
+wenn wir bedenken, da&szlig; die mineralischen Stoffe nur das Skelett
+der Pflanze liefern, da&szlig; aber ihr &bdquo;Fleisch und Fett&ldquo; aus der Atmosph&auml;re
+gebildet wird, und da&szlig; die Pflanze infolge ihrer Organisation
+nur mit einer gewissen Geschwindigkeit und nur bis zu einer bestimmten
+Grenze wachsen kann. In dieser Hinsicht verh&auml;lt sich der Pflanzenk&ouml;rper
+genau so wie der tierische K&ouml;rper (Abb.&nbsp;<a href="#abb24">24</a>, <a href="#abb25">25</a>).</p>
+
+<div>
+<a name="abb25" id="abb25"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 600px;">
+<img src="images/abb25.jpg" width="600" height="280" alt="" title="" />
+<span class="caption">Ohne Kali.&nbsp;&nbsp;&nbsp;Mit Kali.&nbsp;&nbsp;&nbsp;Unged&uuml;ngt.<br />
+Abb. 25. D&uuml;ngung von Getreide.</span>
+</div>
+
+<p>Die moderne Kunstd&uuml;ngerindustrie ist also von der gr&ouml;&szlig;ten
+Bedeutung f&uuml;r die Ern&auml;hrung des Menschen. Sie ist ein wahrer
+Zauberstab. Sie holt das Kali aus den tiefen Sch&auml;chten von Sta&szlig;furt
+und benutzt damit das Ergebnis vergangener geologischer Zeiten, ein
+ausgetrocknetes Seewasserbecken (600&nbsp;000&nbsp;Waggons Kalid&uuml;nger werden
+auf diese Weise j&auml;hrlich in Deutschland gewonnen). Sie mahlt
+die wegen ihres Phosphorgehaltes wertvollen Knochenabf&auml;lle, ferner
+die unter dem Namen Thomasmehl bekannten phosphorhaltigen
+Schlacken der Stahlindustrie und benutzt sie zur F&ouml;rderung des
+Ackers. Ganze Berge mineralischen Phosphates aus Afrika und
+Amerika werden durch einfache Behandlung mit Schwefels&auml;ure in
+das als D&uuml;nger &uuml;beraus gesch&auml;tzte Superphosphat verwandelt. Auch
+des kostbaren Guanos soll Erw&auml;hnung getan werden, der in der
+Hauptsache aus Exkrementen von V&ouml;geln hervorgegangen, auf einigen
+Inseln nahe an der Westk&uuml;ste S&uuml;damerikas gro&szlig;e Lagerst&auml;tten
+bildet und von da in Schiffsladungen nach Europa verschickt wird.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>
+Bis vor einigen Jahrzehnten war der Chilisalpeter der einzige
+&bdquo;k&uuml;nstliche&ldquo; Stickstoffd&uuml;nger. Auch heute noch ist er von der gr&ouml;&szlig;ten
+Bedeutung, doch wird ihm nach und nach der Rang von anderen
+Stickstoffd&uuml;ngemitteln abgelaufen. In erster Linie steht da das
+schwefelsaure Ammoniak, das als Nebenprodukt der Leuchtgasfabrikation
+und Kokserzeugung erhalten wird, indem man das im Leuchtgas
+und Koksofengas enthaltene Ammoniak durch Waschen des
+Gases mit Schwefels&auml;ure in schwefelsaures Ammoniak &uuml;berf&uuml;hrt. Der
+Stickstoff dieses schwefelsauren Ammoniaks ist also nichts anderes
+als der Stickstoff der verarbeiteten Kohle, also der in vergangenen
+Zeitr&auml;umen durch die Pflanzenwelt angesammelte Stickstoff&nbsp;&ndash; eine
+Konserve der Natur.</p>
+
+<p>Bei der gro&szlig;en Nachfrage nach Stickstoffd&uuml;nger darf es nicht
+wundernehmen, da&szlig; die Chemie mit Nachdruck neue Stickstoffd&uuml;nger
+zu bilden suchte und vor allem bestrebt war, den tr&auml;gen Stickstoff,
+der den Hauptbestandteil unserer Atmosph&auml;re ausmacht, in eine n&uuml;tzliche,
+von den Pflanzen aufnehmbare Stickstoffverbindung &uuml;berzuf&uuml;hren
+und so eine schier unendliche, &uuml;berall zug&auml;ngliche Vorratskammer
+zu er&ouml;ffnen. Die Herstellung solcher Erzeugnisse ist auch
+wirklich gelungen. So erh&auml;lt man durch &Uuml;berleiten von Stickstoff
+&uuml;ber feingepulvertes, erhitztes Kalziumkarbid, das bekanntlich zur
+Herstellung von Azetylen dient, den &bdquo;Kalkstickstoff&ldquo;, ein treffliches
+D&uuml;ngemittel; durch die elektrische Kraft, die durch die gro&szlig;en Wasserkr&auml;fte
+Norwegens sehr billig erzeugt werden kann und erzeugt wird,
+ist ein weiteres Verfahren m&ouml;glich geworden: die Herstellung von
+Salpeters&auml;ure durch Durchleiten der Luft durch den elektrischen
+Flammenbogen. Hierbei entsteht zun&auml;chst das sogenannte Stickstoffoxyd,
+ein Gas, das auf einfache Weise in Salpeters&auml;ure &uuml;bergef&uuml;hrt
+wird.</p>
+
+<p>Doch auch damit war der Stickstoffhunger der Menschheit
+nicht befriedigt. Und mit Recht. Denn die Ersch&ouml;pfung der chilenischen
+Salpeterlager und damit die Notwendigkeit, den ganzen Stickstoffbedarf
+in chemischen Fabriken herzustellen, ist nur eine Frage
+der Zeit. So hat man denn rastlos weiter gearbeitet und ein neues
+Verfahren, das modernste, zur Herstellung von Ammoniak gefunden,
+dessen chemische Bedeutung darin besteht, da&szlig; in ihm die Tr&auml;gheit des
+Luftstickstoffes, sein Widerwille und Widerstand gegen irgendeine
+&bdquo;Verbindung&ldquo;, auf eine einfache Art und Weise &uuml;berwunden erscheint.
+<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>
+Man hat n&auml;mlich gefunden, da&szlig; Stickstoff und Wasserstoff, wenn man
+sie bei erh&ouml;hter Temperatur und unter hohem Druck durch oder &uuml;ber
+gewisse &bdquo;tr&auml;gheitaufhebende&ldquo; Stoffe leitet, sich glatt zu Ammoniak
+vereinigen, und es scheint, da&szlig; dieses Verfahren, das bereits in
+gro&szlig;em Ma&szlig;stabe erprobt wurde, die Palme im Wettkampfe der
+Stickstoffverfahren davontragen wird.</p>
+
+<p>Diese &bdquo;tr&auml;gheitaufhebenden&ldquo; Stoffe, in der Chemie <span class="spaced">Katalysatoren</span>
+genannt, sind h&ouml;chst merkw&uuml;rdige K&ouml;rper, denn durch
+ihre blo&szlig;e Anwesenheit werden chemische Vorg&auml;nge bedeutend erleichtert
+und beschleunigt. Sie gleichen einem guten, ermunternden
+Lehrer, dessen blo&szlig;e Anwesenheit hinreicht, um Aufgaben zu l&ouml;sen,
+die allein zu l&ouml;sen man nicht die Kraft h&auml;tte; sie gleichen dem Schmier&ouml;l,
+das, die Reibungswiderst&auml;nde einer Maschine vermindernd, ihren
+ger&auml;uschlos-kr&auml;ftigen Lauf erm&ouml;glicht. Diese Katalysatoren nehmen
+keinen Anteil am chemischen Vorgang, sie &auml;ndern sich nicht, sie verlieren
+ihre Wirkungskraft nicht. Es sind ganz wunderbare Stoffe,
+die f&uuml;r die wissenschaftliche und technische Chemie von immer gr&ouml;&szlig;erer
+Bedeutung zu werden versprechen. In gro&szlig;er Zahl sind sie im Pflanzenk&ouml;rper
+wie auch im Tierk&ouml;rper vorhanden, und nur ihnen ist es
+zu danken, da&szlig; die Verdauung, die im chemischen Laboratorium
+viele Tage erfordern w&uuml;rde, in den Pflanzen und Tieren so rasch
+vor sich geht. In der Industrie spielen die Katalysatoren seit zwanzig
+Jahren, seit der Einf&uuml;hrung des katalytischen Schwefels&auml;ureprozesses
+&ndash;&nbsp;den man, weil es dabei haupts&auml;chlich auf Ber&uuml;hrung (Kontakt) mit
+dem Katalysator ankommt, als Kontaktproze&szlig; bezeichnet&nbsp;&ndash;, eine gro&szlig;e
+Rolle. Im Vergleich zu dem alten umst&auml;ndlichen Schwefels&auml;ureverfahren
+bedeutet das Kontaktverfahren eine namhafte Vereinfachung. An Stelle
+der fr&uuml;her notwendigen riesigen Bleikammern sind kleine Apparate,
+an die Stelle von Plumpheit ist damit Eleganz getreten, eben, weil
+es durch den Katalysator&nbsp;&ndash; in diesem Falle feinverteiltes Platin
+&ndash;&nbsp;m&ouml;glich wurde, den fr&uuml;her tr&auml;ge verlaufenden Vorgang der
+Schwefels&auml;urebildung rascher zu gestalten und &uuml;berdies S&auml;ure in
+beliebiger St&auml;rke herzustellen. Nach dem Kontaktverfahren wird
+einfach schweflige S&auml;ure, das ist das Gas, das bei der Verbrennung
+von Schwefel und metallischen Schwefelverbindungen entsteht, mit
+Luft vermengt, &uuml;ber feinverteiltes Platin geleitet, wobei unmittelbar
+das sogenannte Schwefels&auml;ureanhydrid gebildet wird.</p>
+
+<p>Ein &auml;hnliches Verfahren, bei dem ebenfalls ein seltenes Metall
+<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>
+als Katalysator dient, wird den Stickstoffbedarf der ackerbautreibenden
+Welt endg&uuml;ltig befriedigen. Denn die Rohmaterialien, die es
+verwendet, der Stickstoff der Luft und der Wasserstoff des Wassers,
+sind &uuml;berall in beliebigen Mengen vorr&auml;tig, so da&szlig; das Menschengeschlecht
+&ndash;&nbsp;so lange es Kraft oder W&auml;rme zu erzeugen imstande ist
+&ndash;&nbsp;jeder Sorge um den Stickstoffd&uuml;nger enthoben ist.</p>
+
+<p>So f&ouml;rdert und regelt der Mensch die Arbeit der Natur, indem
+er ihr, so gut er vermag, die Bausteine liefert, mit denen dann die
+Meisterin die endlose Zahl von Stoffen aufbaut, die den Pflanzenk&ouml;rper
+ausmachen, die S&auml;fte, die durch die Pflanze flie&szlig;en, die
+Farben, die sie schm&uuml;cken, und die Wohlger&uuml;che, die sie ausatmet.</p>
+
+<p>Unsere bisherige Wanderung hat uns gezeigt, was die Chemie,
+was der Chemiker geleistet hat. Diese Leistungen und Ergebnisse
+auf dem Gebiet der Industrie und Landwirtschaft erregen unsere
+Bewunderung, aber um so m&auml;chtiger dr&auml;ngt sich uns die Frage auf:
+Wie ist die Chemie zu diesen Erfolgen gekommen, wie arbeitet der
+Chemiker, wenn er die Geheimnisse der Natur ergr&uuml;nden, neue Stoffe
+darstellen oder die Herstellungsweise bereits bekannter Stoffe verbessern
+will? Wodurch gelingt es ihm das scheinbar Unfa&szlig;bare zu
+fassen, das scheinbar Unbestimmte zu bestimmen?</p>
+
+<p>Da k&ouml;nnen wir denn sagen, da&szlig; der Chemiker ebenso arbeitet
+wie der Mineraloge, der Botaniker, der Geologe, ja da&szlig; er eigentlich
+nicht anders arbeitet, als jeder wahrhaft wissenschaftliche Arbeiter.
+Sie alle folgen bei ihrer Arbeit dem vielsagenden Goetheschen Worte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Dich im Unendlichen zu finden,<br /></span>
+<span class="i0">Mu&szlig;t unterscheiden und dann verbinden.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Dieses Dichterwort, ins Prosaische &uuml;bersetzt, hei&szlig;t und bedeutet:
+Um dich in der unendlichen Zahl der Gegenst&auml;nde und Erscheinungen
+des Weltalls und jedes Teiles des Weltalls zurechtzufinden, mu&szlig;t du
+zun&auml;chst durch scharfe Beobachtung die einzelnen Gegenst&auml;nde voneinander
+unterscheiden. Mit dem Unterscheiden allein ist es jedoch
+nicht getan. Denn dadurch verliert man die &Uuml;bersicht, zersplittert
+sich, ger&auml;t man ins Uferlose. Das Zurechtfinden ist erst dann m&ouml;glich,
+wenn man die zusammengeh&ouml;rigen, verwandten Stoffe und Erscheinungen
+in Gruppen vereinigt. Dadurch erst erh&auml;lt man eine &Uuml;bersicht
+&uuml;ber das ganze Gebiet. Statt mit Einzelheiten hat man es dann
+mit Regeln zu tun, die eine gro&szlig;e Masse von Erscheinungen umfassen,
+ebenso wie die Regeln der Grammatik.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>
+Dieses Gruppieren, Zusammenfassen unter Gesetze&nbsp;&ndash; die wichtigste
+T&auml;tigkeit und der Hauptzweck jeder Wissenschaft&nbsp;&ndash; bedeutet
+f&uuml;r den Lernenden eine wesentliche Arbeitsersparnis. Ist die Art der
+Gruppierung, die Regel, einmal bekannt, so ist damit schon viel
+gewonnen. Wenn man den pythagor&auml;ischen Lehrsatz kennt, so kann
+man leicht eine Kathete eines rechtwinkligen Dreiecks berechnen,
+wenn die andere Kathete und die Hypotenuse bekannt sind, weil
+dieser Lehrsatz f&uuml;r alle rechtwinkligen Dreiecke gilt.</p>
+
+<p>Auf &auml;hnliche Art erh&auml;lt der Mineraloge eine &Uuml;bersicht &uuml;ber
+das unendliche Gebiet der Mineralogie, indem er die Mineralien
+zun&auml;chst erst einzeln voneinander unterscheidet und dann die &auml;hnlichen
+miteinander gruppiert, in Metalle, Oxyde, Kiese, Blenden usw. Diese
+Gruppierungen sind oft sehr schwierig und erfordern das Zusammenarbeiten
+zahlreicher wissenschaftlicher K&ouml;pfe, denn zu einer einfachen,
+leicht &uuml;bersichtlichen Gruppierung geh&ouml;rt viel Geschick und
+eine gr&uuml;ndliche Einsicht in den Gegenstand. Wenn wir bedenken, da&szlig;
+durch die Kristallkunde die unendliche Zahl der Kristallgestalten auf
+sechs Grundformen zur&uuml;ckgef&uuml;hrt ist, und da&szlig; jede m&ouml;gliche Kristallgestalt
+sich von einer dieser Urgestalten ableiten l&auml;&szlig;t, obwohl die
+Kristallformen, f&uuml;r den oberfl&auml;chlichen Beobachter, durchaus nicht miteinander
+&auml;hnlich sind, so sehen wir, da&szlig; eine ganze Menge Arbeit
+in dieser Einteilung steckt und da&szlig; sie den gr&ouml;&szlig;ten praktischen Wert
+besitzt.</p>
+
+<p>So werden auch in der Botanik zun&auml;chst die einzelnen Pflanzen
+voneinander unterschieden und dann gruppiert. Diese Gruppierung
+erfolgte zuerst auf eine rein &auml;u&szlig;erliche Weise (Linn&eacute;sches System),
+w&auml;hrend sp&auml;ter eine sinnreichere, auf Verwandtschaft der Pflanzen
+gegr&uuml;ndete Einteilung gefunden wurde, &auml;hnlich der des Menschengeschlechtes
+in Rassen, V&ouml;lker, St&auml;mme und Familien.</p>
+
+<p>Auch der Chemiker mu&szlig; zun&auml;chst unterscheiden. Aber seine
+Unterscheidung ist viel schwieriger als die des Mineralogen und
+Botanikers. W&auml;hrend diese die Bausteine, die Elemente ihrer Betrachtung,
+fertig als Minerale und Pflanzen vorfinden und schon die
+scharfe Betrachtung der von der Natur fertig dargebotenen Gegenst&auml;nde
+eine Einteilung erm&ouml;glicht, kommen die Bausteine des Chemikers,
+die Elemente, zum gr&ouml;&szlig;ten Teile nicht rein in der Natur vor,
+sondern nur bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt; w&auml;hrend
+also der Mineraloge oder Botaniker die einzelnen Erscheinungen,
+<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>
+Individuen, Bausteine, Elemente seines Wissensgebietes fertig in
+der Natur vorfindet, mu&szlig; der Chemiker die Bausteine der Chemie
+erst auf m&uuml;hselige Art gewinnen.</p>
+
+<p>Der Grund hierf&uuml;r ist die Tatsache, da&szlig; der Kristall, die einzelne
+Pflanze, der einzelne Mensch, schon durch die Form kenntlich, ein
+abgeschlossenes Ganzes f&uuml;r sich bilden und ihr Lieben und Hassen
+nur der eigenen Art zugute kommen lassen, so da&szlig; man von der
+Erhaltung der Arten sprechen kann. Aber die dem Chaos n&auml;herstehenden
+chemischen Bausteine sind nicht so selbstbewu&szlig;t und selbstzufrieden,
+sondern zeigen Liebe und Ha&szlig; in viel ungew&auml;hlterer,
+mannigfaltigerer Weise, indem sie, fast immer, sich um jeden Preis
+verbinden wollen zu etwas Neuem, ohne R&uuml;cksichtnahme auf die
+eigene Art.</p>
+
+<p>Es m&uuml;ssen also die <span class="spaced">chemischen Elemente</span>, bevor man sie
+unterscheiden und gruppieren kann, vorerst <span class="spaced">aus ihren Verbindungen
+getrennt</span> werden. Ein Beispiel wird dies deutlich machen.
+Das Kaolin, die Porzellanerde, ist ein wei&szlig;es, fettiges Pulver. Durch
+gro&szlig;e Hitze oder K&auml;lte wird es chemisch nicht ver&auml;ndert, so da&szlig;
+man leicht glauben k&ouml;nnte, da&szlig; es ein chemisches Element, das hei&szlig;t
+ein einfacher, unzusammengesetzter und daher unzerlegbarer K&ouml;rper
+ist. Das ist aber nicht der Fall. Es ist den Chemikern gelungen, dieses
+wei&szlig;e Pulver in zwei nicht weiter zerlegbare Stoffe zu spalten, in
+zwei Stoffe, die in ihren Eigenschaften voneinander und von der
+Porzellanerde ganz verschieden sind, in zwei Stoffe, deren Verbindung
+eben die Porzellanerde ist: in das heute allgemein bekannte
+Metall Aluminium und in Sauerstoff, jenes Gas, das die Atmosph&auml;re
+der Erde atembar macht, das die Verbrennung unterh&auml;lt, das einen
+glimmenden Holzspan entflammen macht, das das Eisen bei Feuchtigkeit
+und gew&ouml;hnlicher Temperatur mit Rost &uuml;berzieht und bei h&ouml;herer
+Temperatur das Aluminium wieder zu Porzellanerde verbrennt oder
+verascht.</p>
+
+<p>Auf &auml;hnliche Weise ist gefunden worden, da&szlig; das Wasser, von
+den Griechen als Element angesehen, kein Element ist, sondern aus
+Sauerstoff und einem brennbaren Gase, Wasserstoff, besteht. In
+seine Bestandteile kann es leicht durch den elektrischen Strom gespalten
+und aus ihnen wieder durch den elektrischen Funken zusammengesetzt
+werden. So sind alle mineralischen, pflanzlichen und tierischen
+Stoffe von den Chemikern zerlegt, analysiert worden, und man hat
+<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>
+auf diese Weise die Elemente gefunden, aus denen die Welt aufgebaut
+ist. Die Elemente sind die Bausteine aller bestehenden Stoffe, und
+durch Gruppierung dieser Elemente hat man eine bequeme &Uuml;bersicht
+&uuml;ber die Zusammensetzung jedes Stoffes erhalten. Man hat zun&auml;chst
+die Elemente in Metalle und Nichtmetalle gesondert, die Metalle hat
+man wieder in f&uuml;nf Gruppen geteilt, deren jede untereinander verwandte
+Metalle enth&auml;lt. In entsprechender Weise hat man auch die
+Nichtmetalle gruppiert.</p>
+
+<p>Will nun der Chemiker einen Stoff <span class="spaced">analysieren</span>, das hei&szlig;t,
+finden, aus welchen Elementen er besteht, so verwendet er dazu
+gewisse Hilfsmittel, Chemikalien, auch Reagenzien genannt. Er verf&auml;hrt
+wie der Arzt bei der Untersuchung eines Kranken. Wie dieser
+Organ f&uuml;r Organ untersucht, die gesunden Organe von seiner Betrachtung
+ausschaltet und so lange sucht, bis er das kranke Organ entdeckt
+und die Art der Erkrankung erkannt hat, so auch der Chemiker. Er
+l&auml;&szlig;t seine Reagenzien auf den zu untersuchenden Stoff einwirken und
+erkennt aus der Art der Einwirkung, aus der entstehenden F&auml;rbung
+usw., welche Gruppen anwesend sind, und ob andere, blo&szlig; vermutete
+Gruppen fehlen. Durch weitere Reagenzien scheidet er die anwesenden
+Gruppen voneinander. Schlie&szlig;lich sucht er herauszufinden, welche
+Elemente jeder Gruppe anwesend sind. Er geht also Schritt f&uuml;r
+Schritt vor, vom Allgemeinen zum Besonderen, zum Einzelnen.</p>
+
+<p>Die von der Chemie gefundenen Elemente sind &uuml;brigens, um
+dies der Vollst&auml;ndigkeit halber kurz zu streifen, die Bausteine nicht
+nur der Erde, sondern des gesamten Weltalls. Mit der Erforschung
+der Erde nicht zufrieden, ist die Wissenschaft an die Erforschung
+der Zusammensetzung der Sonne und Gestirne getreten und zwar mit
+Hilfe der sogenannten Spektralanalyse. W&auml;hrend n&auml;mlich feste und
+fl&uuml;ssige gl&uuml;hende K&ouml;rper ein ununterbrochenes regenbogenfarbiges
+Band, Spektrum liefern, wenn man das von ihnen ausgestrahlte Licht
+durch ein Glasprisma gehen l&auml;&szlig;t, liefern gl&uuml;hende Gase ein nur aus
+einzelnen hellen Linien oder Streifen bestehendes Spektrum, dessen
+Linien, Linienzahl und Farbe f&uuml;r jedes Element anders, also charakteristisch
+ist. Man hat so aus der Strahlung der Sonne und anderer
+Gestirne ihre Zusammensetzung ersehen k&ouml;nnen und hat gefunden,
+da&szlig; drau&szlig;en im Weltall dieselben Elemente vorhanden sind, wie
+auf der kleinen Erde, ein Beweis f&uuml;r die Gleichartigkeit und Einheitlichkeit
+der Welt.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>
+Aus den durch Zerlegung erhaltenen Elementen baut der Chemiker
+wieder die mannigfaltigsten Stoffe der Natur auf, geht aber
+auch in der Mannigfaltigkeit des Dargestellten &uuml;ber die Natur hinaus.
+Er vergr&ouml;&szlig;ert den engen Rahmen der Natur, die nur einen kleinen
+Teil der <span class="spaced">m&ouml;glichen</span> Stoffverbindungen uns darbietet, und er stellt
+Stoffe dar, deren Erzeugung die irdische Natur verabs&auml;umt oder
+vernachl&auml;ssigt hat.</p>
+
+<p>Bei dieser Vereinigung von Elementen oder Elementgruppen,
+bei dieser Darstellung von Stoffen ist er jedoch beschr&auml;nkt und zwar
+durch die Beziehung der Elemente zueinander, durch ihr &bdquo;Lieben
+und Hassen&ldquo;, durch ihre&nbsp;&ndash; wie Goethe sagte&nbsp;&ndash; <span class="spaced">Wahlverwandtschaft</span>.</p>
+
+<p>&bdquo;Diejenigen Naturen, die sich beim Zusammentreffen einander
+schnell ergreifen und wechselseitig bestimmen, nennen wir verwandt.
+An den Alkalien und S&auml;uren, die, obgleich einander entgegengesetzt
+und vielleicht eben deswegen, weil sie einander entgegengesetzt sind,
+sich am entschiedensten suchen und fassen, sich modifizieren und zusammen
+einen neuen K&ouml;rper bilden, ist diese Verwandtschaft auffallend
+genug. Gedenken wir nur des Kalks, der zu allen S&auml;uren
+eine gro&szlig;e Neigung, eine entschiedene Vereinigungslust &auml;u&szlig;ert.</p>
+
+<p>Z.&nbsp;B. was wir Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger
+reine Kalkerde, innig mit einer zarten S&auml;ure verbunden, die uns
+in Luftform bekannt geworden ist. Bringt man ein St&uuml;ck solchen
+Steines in verd&uuml;nnte Schwefels&auml;ure, so ergreift diese den Kalk und
+erscheint mit ihm als Gips; jene zarte, luftige S&auml;ure hingegen entflieht.
+Hier ist eine Trennung, eine neue Zusammensetzung entstanden,
+und man glaubt sich nunmehr berechtigt, sogar das Wort
+Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil es wirklich aussieht, als wenn
+ein Verh&auml;ltnis dem andern vorgezogen, eins vor dem andern erw&auml;hlt
+w&uuml;rde.&ldquo;</p>
+
+<p>Wird hier die schwache, zarte Kohlens&auml;ure durch die rohe, starke
+Schwefels&auml;ure vertrieben und in die Einsamkeit hinausgejagt, so finden
+wir auch F&auml;lle, in denen der Chemiker, damit kein Stoff leer
+ausgehe, ein Viertes zugesellt:</p>
+
+<p>&bdquo;Diese F&auml;lle sind allerdings die bedeutendsten und merkw&uuml;rdigsten,
+wo man das Anziehen, das Verwandtsein, dieses Verlassen,
+dieses Vereinigen gleichsam &uuml;bers Kreuz, wirklich darstellen kann;
+wo vier bisher je zwei zu zwei verbundene Wesen, in Ber&uuml;hrung
+<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>
+gebracht, ihre bisherige Vereinigung verlassen und sich aufs neue
+verbinden. In diesem Fahrenlassen und Ergreifen, in diesem Fliehen
+und Suchen glaubt man wirklich eine h&ouml;here Bestimmung zu sehen;
+man traut solchen Wesen eine Art von Wollen oder W&auml;hlen zu, und
+h&auml;lt das Kunstwort Wahlverwandtschaft f&uuml;r vollkommen gerechtfertigt.</p>
+
+<p>Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist,
+durch viele Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen;
+denken Sie sich ein C, das sich ebenso zu einem D verh&auml;lt; bringen
+Sie nun die beiden Paare in Ber&uuml;hrung: A wird sich zu D, C zu B
+werfen, ohne da&szlig; man sagen kann, wer das andere zuerst verlassen,
+wer sich mit dem andern zuerst wieder verbunden habe.&ldquo;</p>
+
+<p>Von den zahlreichen Beispielen dieses &bdquo;Vereinigens &uuml;bers Kreuz&ldquo;
+wollen wir nur eins anf&uuml;hren: Wenn wir zu einer klaren L&ouml;sung von
+Schwefelbaryum eine klare L&ouml;sung von Zinksulfat hinzugie&szlig;en, so
+entsteht ein dicker, wei&szlig;er Niederschlag, der das unl&ouml;sliche Austauschprodukt
+&bdquo;&uuml;bers Kreuz&ldquo; darstellt. Der Schwefel des Schwefelbaryums
+rei&szlig;t sich von dem Baryum los und folgt der Anziehungskraft, die
+das Zink aus&uuml;bt, so da&szlig; Schwefelzink entsteht. Zugleich geht die
+Schwefels&auml;ure des <span class="ins" title="Zinsulfats">Zinksulfats</span> an das Baryum und bildet schwefelsaures
+Baryum. Es gehen also durch diesen Vorgang alle gel&ouml;sten
+Stoffe in den neugebildeten, unl&ouml;slichen Zustand, in den Niederschlag,
+&uuml;ber. Der letztere liefert, getrocknet, eine vielverwendete
+wei&szlig;e Farbe, das Lithopon.</p>
+
+<p>Eine Hauptt&auml;tigkeit des Chemikers im Laboratorium einer
+Fabrik ist die Pr&uuml;fung, Untersuchung, Analyse der Rohmaterialien,
+die ja eine gewisse Beschaffenheit und einen gewissen Gehalt haben
+m&uuml;ssen, wenn ein Erzeugnis von erforderlicher Reinheit und richtiger
+Zusammensetzung erzielt werden soll.</p>
+
+<p>Doch die Arbeit des Laboratoriumschemikers besteht nicht blo&szlig;
+darin, die Stoffe zu scheiden, zu analysieren, sondern auch darin,
+durch <span class="spaced">Verbindung von Stoffen</span> neue, n&uuml;tzliche Substanzen herzustellen.
+Der Chemiker ist also nicht blo&szlig; Scheidek&uuml;nstler, sondern
+auch Verbindungsk&uuml;nstler. Ist die Herstellung einer neuen Verbindung
+im Laboratorium gelungen, so wird sie in gro&szlig;em Ma&szlig;stabe
+ins Fabrikm&auml;&szlig;ige &uuml;bertragen, wobei die kleinen Apparate des Laboratoriums
+durch gro&szlig;e Anlagen ersetzt werden. Diese Umwandlung
+des Laboratoriumvorganges in einen Fabrikvorgang ist durchaus
+<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>
+nicht einfach. Eine Salzl&ouml;sung in der Porzellanschale zu verdampfen,
+das hei&szlig;t, das Wasser in der Hitze abzutreiben, so da&szlig; das feste Salz
+zur&uuml;ckbleibt, ist viel einfacher als die Durchf&uuml;hrung dieses Vorganges
+im gro&szlig;en Ma&szlig;stabe. Hierzu geh&ouml;ren gro&szlig;e Verdampfungsanlagen,
+die von zahlreichen Heizr&ouml;hren durchsetzt sind. Ebenso ist das
+Filtrieren mit Hilfe von Glastrichter und Filtrierpapier viel leichter
+als das Filtrieren gro&szlig;er Mengen mit Hilfe gro&szlig;er Filterpressen.
+Auch das Erhitzen erfordert im Fabrikbetrieb m&auml;chtige, eigenartig
+gebaute &Ouml;fen.</p>
+
+<p>Die Herstellung neuer Stoffe, das Suchen und Finden neuer
+Verfahren und neuer Fabrikapparate macht die eigentliche <span class="spaced">Erfindert&auml;tigkeit
+des Chemikers</span> aus. Dieser T&auml;tigkeit sollen hier
+auch einige Worte gewidmet werden.</p>
+
+<p>Drei Eigenschaften zeichnen den Erfinder vor allem aus, scharfe
+Beobachtungsgabe, rasches Denken und ein gesundes, kr&auml;ftiges Urteil.
+Der Erfinder mu&szlig; den Gegenstand und das Gebiet, das er bearbeitet,
+genau kennen, ohne durch unn&ouml;tige Kenntnisse belastet und zersplittert
+zu werden. Denn eine solche Zersplitterung wirkt stets
+schw&auml;chend. Der Gedankenhimmel des Erfinders mu&szlig; scharf begrenzt
+und klar, er darf nicht verschwommen und bew&ouml;lkt sein. Eine gewisse
+Kindlichkeit und Unbefangenheit mu&szlig; vorhanden sein, ohne jene
+gef&auml;hrliche Stumpfheit, die durch allzuvieles Lernen hervorgerufen
+wird. Wie das Kind naiv fragt, woher das Licht kommt, und wohin
+es geht, so mu&szlig; auch der Erfinder naiv-staunend nach Dingen fragen,
+an denen die meisten ohne Aufmerksamkeit vor&uuml;bergehen. Er mu&szlig;
+also in gewissem Sinne ein gro&szlig;es Kind sein. &bdquo;Ich kenne nichts
+Schrecklicheres, als die armen Menschen, die zu viel gelernt haben.
+Statt des gesunden, kr&auml;ftigen Urteils, das sich vielleicht eingestellt
+h&auml;tte, wenn sie <span class="spaced">nichts</span> gelernt h&auml;tten, schleichen ihre Gedanken
+&auml;ngstlich und hypnotisch einigen Worten, S&auml;tzen, Formeln nach,
+immer auf <span class="spaced">denselben</span> Wegen. Was sie besitzen, ist ein <span class="spaced">Spinngewebe</span>
+von Gedanken, zu schwach, um sich darauf zu st&uuml;tzen, aber
+kompliziert genug, um zu verwirren.&ldquo;</p>
+
+<p>Neue Verfahren und Verbesserungen werden entweder absichtlich
+gesucht oder zuf&auml;llig gefunden. Damit aber die Erfindung zur Tat
+werde, mu&szlig; sich dem absichtlichen Suchen der gl&uuml;ckliche Zufall beigesellen,
+mu&szlig; der Zufall von einem scharf beobachtenden Kopfe, der
+ihn f&uuml;r seine Zwecke ausn&uuml;tzen kann, bemerkt werden. Ohne gl&uuml;cklichen
+<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>
+Zufall, wie er z.&nbsp;B. R&ouml;ntgen zuteil wurde, als er das erstemal
+&bdquo;seine&ldquo; Strahlen leuchten sah, verl&auml;uft auch das flei&szlig;igste absichtliche
+Suchen oft erfolglos, weil die M&ouml;glichkeiten, Erscheinungen und Zust&auml;nde
+so mannigfaltig sind, da&szlig; man sie nicht alle durchprobieren
+kann. Anderseits wird ohne scharfe Beobachtungsgabe auch der g&uuml;nstigste
+Zufall oft &uuml;bersehen.</p>
+
+<p>Das Erfinden ist eine k&uuml;nstlerische, sch&ouml;pferische, herrliche T&auml;tigkeit.
+Der wahre, gro&szlig;e Erfinder schafft aus Instinkt, aus Trieb.
+Der wahre Erfinder ist durch die Erfindung genugsam belohnt, wie
+dem Vogel, der in den Zweigen wohnt, das Lied, das aus der Kehle
+dringt, reichlicher Lohn ist. Aber &uuml;berdies wird dem Erfinder oft
+irdischer Lohn, Reichtum und Wohlstand zuteil. Es sei hier nur an
+den Namen Alfred Nobel erinnert (siehe Hennig: Alfred Nobel).</p>
+
+<p>Seit 1863 war Alfred Nobel unabl&auml;ssig bestrebt, das fl&uuml;ssige
+Spreng&ouml;l, Nitroglyzerin, in einen festen K&ouml;rper umzuwandeln. Lange
+war alles Suchen vergeblich, bis schlie&szlig;lich ein seltsamer Zufall das
+gew&uuml;nschte Ergebnis herbeif&uuml;hrte und Alfred Nobel, der den Zufall
+bemerkte, w&uuml;rdigte und benutzte, im Jahre 1866 seine ber&uuml;hmte
+Erfindung, das Dynamit, machen lie&szlig;.</p>
+
+<p>Es war ein blinder Zufall, der zur Entdeckung des Dynamits
+verhalf, ein Zufall aber, der ohne jedes Ergebnis geblieben w&auml;re,
+wenn er sich nicht eben gerade Alfred Nobels stets wachem Erfindergeist
+geboten h&auml;tte. Es war im Jahre 1866, als eines Tages in
+Nobels Laboratorium Nitroglyzerin aus einem undicht gewordenen
+Gef&auml;&szlig;e auslief. Derartige Vorkommnisse waren an sich nicht ungew&ouml;hnlich.
+Sie erh&ouml;hten sogar die Gef&auml;hrlichkeit der Aufbewahrung
+des Spreng&ouml;les in betr&auml;chtlichem Ma&szlig;e. In diesem Falle aber tr&auml;nkte
+die auslaufende Fl&uuml;ssigkeit die por&ouml;se Erdmasse, die zur Verpackung
+der Nitroglyzeringef&auml;&szlig;e diente, und Nobel, der den Vorfall bemerkte
+und untersuchte, stellte mit Erstaunen fest, da&szlig; die mit Nitroglyzerin
+getr&auml;nkte Erde stark explosive Eigenschaften bekommen hatte, die
+im geeigneten Augenblick zur Entfaltung gebracht werden konnten.
+Damit war das seit Jahren bestehende Problem, die explosiven Eigenschaften
+des Nitroglyzerins an einen festen K&ouml;rper zu binden, gel&ouml;st,
+und, um diese Entdeckung technisch verwerten zu k&ouml;nnen, bedurfte
+es nur noch eines por&ouml;sen K&ouml;rpers, der m&ouml;glichst billig und leicht
+zu beschaffen war. Als f&uuml;r diese Zwecke am geeignetsten w&auml;hlte
+Nobel nach zahlreichen Untersuchungen schlie&szlig;lich die Kieselgur, ein
+<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>
+wei&szlig;es, pulverartiges, damals so gut wie wertloses Gestein, das aus
+den Schalen winziger, einzelliger Diatomeen besteht und an vielen
+Orten, vornehmlich aber in der Gegend von Hannover, aus Urtagen
+der Erde sich in gro&szlig;en Mengen aufgeh&auml;uft findet. Diese Kieselgur
+war f&uuml;r Nobels Zwecke wie geschaffen. Es zeigte sich, da&szlig; sie ganz
+gewaltige Mengen, n&auml;mlich das Dreifache ihres Gewichtes, an Spreng&ouml;l
+aufzusaugen vermochte. Die Mischung der Kieselgur mit dem
+Nitroglyzerin bildet dann eine m&ouml;rtel&auml;hnliche Masse, deren Sprengkraft
+so gro&szlig; ist, wie die des fl&uuml;ssigen Spreng&ouml;ls.</p>
+
+<p>Damit war jener f&uuml;rchterliche Sprengstoff gefunden, der unter
+dem gl&uuml;cklich gew&auml;hlten Namen Dynamit Weltber&uuml;hmtheit erlangt
+und seinen Erfinder zu einem modernen Midas gemacht hat, der
+sich durch seine testamentarischen Verf&uuml;gungen als einer der gr&ouml;&szlig;ten
+b&uuml;rgerlichen M&auml;zene aller Zeiten offenbart hat, als F&ouml;rderer der
+Wissenschaften, der K&uuml;nste und des Weltfriedens.</p>
+
+<p>In vielen F&auml;llen aber wird dem Erfinder nicht der verdiente
+Lohn, ja in den meisten F&auml;llen nur Undank und Elend zuteil.
+Ein Beispiel daf&uuml;r ist die Geschichte <span class="spaced">Leblancs</span>, der der Welt das
+erste brauchbare Verfahren zur Herstellung von k&uuml;nstlicher Soda
+schenkte und dadurch den Grundstein f&uuml;r die moderne chemische Industrie
+legte.</p>
+
+<p>Nicolas Leblanc,&nbsp;&ndash; sein Name ist unsterblich in der Geschichte
+der Erfindungen,&nbsp;&ndash; wurde am 6.&nbsp;Dezember 1742 zu Ivoy-le-Pr&eacute;
+im heutigen Departement Cher geboren. Er stammte aus einer
+wenig beg&uuml;terten Familie und hat wohl keine hervorragende Erziehung
+genie&szlig;en k&ouml;nnen. 1759 kam er nach Paris, um Chirurgie,
+Medizin und Chemie zu studieren. 1776 verheiratet, und unter
+sehr bescheidenen Verh&auml;ltnissen den Beruf eines Arztes aus&uuml;bend,
+war er doch dabei wissenschaftlich noch auf anderen Gebieten t&auml;tig.
+Aus Anla&szlig; einer von der Akademie gestellten Preisfrage besch&auml;ftigte
+er sich mit dem Problem der Darstellung von k&uuml;nstlicher Soda und
+kam hierbei 1787 auf den richtigen Weg. Im Jahre 1789 schlug er
+dem Herzog von Orl&eacute;ans vor, das neue Verfahren fabrikm&auml;&szlig;ig auszubeuten.
+Am 12.&nbsp;Januar 1790 kam vor dem Notar James Lutherland
+in London ein auf 20 Jahre abgeschlossener Vertrag zustande,
+an dem Leblanc, der Chemiker Diz&eacute; und der Herzog von Orl&eacute;ans
+beteiligt waren. Leblanc verpflichtete sich, sein Sodaverfahren, und
+<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>
+Diz&eacute;, sein Bleiwei&szlig;verfahren schriftlich und versiegelt bei dem Notar
+Brichard zu hinterlegen.</p>
+
+<p>Am 25.&nbsp;September 1791 erhielt Leblanc ein Patent auf sein
+Verfahren f&uuml;r 15 Jahre. Die Beschreibung des Verfahrens, die er
+darin gibt, verdient hier w&ouml;rtlich wiedergegeben zu werden, da sie in
+der Tat im wesentlichen dem bis vor kurzem ge&uuml;bten entspricht:</p>
+
+<p>&bdquo;Zwischen eisernen Walzen pulvert und mischt man folgende
+Substanzen:</p>
+
+<ul class="kosmos">
+<li>100&nbsp;Pfund wasserfreies Glaubersalz,</li>
+<li>100&nbsp;Pfund reine Kalkerde, Kreide von Meudon,</li>
+<li><span class="invisible">0</span>50&nbsp;Pfund Kohle.</li>
+</ul>
+
+<p>Die Mischung wird in einem Flammenofen ausgebreitet, die Arbeitsl&ouml;cher
+(Ofent&uuml;ren) verschlossen und geheizt; die Substanz gelangt
+in breif&ouml;rmigen Flu&szlig;, sch&auml;umt auf und verwandelt sich in Soda,
+die sich von der Soda des Handels nur durch einen weit h&ouml;heren
+Gehalt unterscheidet. Die Masse mu&szlig; w&auml;hrend der Schmelzung h&auml;ufig
+ger&uuml;hrt werden, wozu man sich eiserner Kr&uuml;cken, Spatel usw. bedient.
+Aus der Oberfl&auml;che der schmelzenden Massen brechen eine
+Menge Fl&auml;mmchen hervor, die der Flamme einer Kerze &auml;hnlich sind.
+Sobald diese Erscheinung zu verschwinden anf&auml;ngt, ist die Soda fertig.
+Die Schmelze wird dann mit eisernen Kr&uuml;cken aus dem Ofen gezogen
+und kann in beliebigen Formen aufgefangen werden, um ihr die
+Form der im Handel vorkommenden Sodabl&ouml;cke zu geben&ldquo; (Abb.&nbsp;<a href="#abb26">26</a>).</p>
+
+<p>Die von Leblanc und Diz&eacute; zu St. Denis unter dem Namen &bdquo;<span class="antiqua">La
+Franciade</span>&ldquo; angelegte Fabrik scheint sehr gut gediehen zu sein: T&auml;glich
+wurden 250 bis 300&nbsp;<span class="antiqua">kg</span> Soda, nebst Bleiwei&szlig; und Ammoniaksalz
+dargestellt, und infolge des Krieges mit Spanien war der Preis
+der Pflanzensoda auf 110&nbsp;Francs gestiegen, so da&szlig; das Leblancsche
+Verfahren gro&szlig;en Nutzen abwerfen mu&szlig;te. Aber die Herrlichkeit
+sollte nur kurzen Bestand haben. Der Herzog von Orl&eacute;ans, nunmehr
+&bdquo;B&uuml;rger <span class="antiqua">Egalit&eacute;</span>&ldquo;, wurde im April 1793 vom Wohlfahrtsausschu&szlig;
+verhaftet und am 6.&nbsp;November desselben Jahres hingerichtet. Seine
+G&uuml;ter, also auch die Fabrik <span class="antiqua">La Franciade</span>, wurden vom Staate eingezogen
+und &ouml;ffentlich verkauft. Am 8.&nbsp;Pluviose des Jahres <span class="antiqua">II</span>
+(Februar 1794) wurde die Fabrik, deren Betrieb schon vorher
+zwangsweise eingestellt war, von der Beh&ouml;rde inventarisiert; vier
+Tage sp&auml;ter erschien ein staatlicher Erla&szlig;, der das immer noch sehr
+wertvolle Patent Leblancs vernichtete. Der Wohlfahrtsausschu&szlig;
+<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>
+hatte n&auml;mlich beschlossen, alle Sodafabrikanten sollten die ihnen
+bekannten Mittel und Wege der Sodaerzeugung binnen 20&nbsp;Tagen
+einer besonderen Kommission zum besten des Staates und mit Hintansetzung
+aller eigenen Vorteile bekanntgeben, um es dadurch Frankreich
+zu erm&ouml;glichen, seinen Handel von fremden V&ouml;lkern unabh&auml;ngig
+zu machen und neue Verteidigungsmittel zu gewinnen. Leblanc und
+Diz&eacute; gaben ihr Verfahren sofort preis, wozu sie selbstverst&auml;ndlich
+bei Gefahr ihres Lebens gezwungen waren. Damit war f&uuml;r Leblanc
+alles verloren; man hatte ihm sein Patent und seine Fabrik
+genommen.</p>
+
+<div>
+<a name="abb26" id="abb26"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/abb26.jpg" width="400" height="240" alt="" title="" />
+<span class="caption">Abb. 26. Sodafabrikation nach Leblanc. (Deutsches Museum.)</span>
+</div>
+
+<p>Leblanc befand sich in bitterer Armut und mu&szlig;te zusehen, wie
+an anderen Orten Fabriken entstanden, die sein als &ouml;ffentliches
+Eigentum erkl&auml;rtes Verfahren ausnutzten. Er richtete an die Regierung
+unaufh&ouml;rlich Gesuch auf Gesuch wegen des ihm f&uuml;r seine Fabrik
+und sein Verfahren zugesagten Schadenersatzes, aber sieben Jahre
+lang ohne Erfolg. Endlich am 17.&nbsp;Flor&eacute;al&nbsp;<span class="antiqua">VIII.</span> (1801), wurde die
+Fabrik in v&ouml;llig verwahrlostem Zustande an Leblanc und Diz&eacute; zur&uuml;ckgegeben,
+mit dem Versprechen sp&auml;terer Entsch&auml;digung. Nach abermals
+vier Jahren, am 5.&nbsp;November 1805, wurde der Anspruch auf
+Entsch&auml;digung schiedsrichterlich festgestellt. Hiernach h&auml;tte Leblanc
+<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>
+die verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig geringe Summe von 52&nbsp;473&nbsp;Francs erhalten
+m&uuml;ssen, aber nicht einmal dieser Betrag ist Leblanc oder seinen Nachkommen
+je ausgezahlt worden. Die endg&uuml;ltige gerichtliche Entscheidung
+fiel dahin aus, da&szlig; Leblancs und Diz&eacute;s Anspr&uuml;che durch die
+&bdquo;unentgeltliche&ldquo; &Uuml;berlassung der (in ihrem damaligen Zustande ganz
+wertlosen) Fabrik <span class="antiqua">La Franciade</span> als ausgeglichen zu betrachten seien.</p>
+
+<p>F&uuml;r Leblanc, der die ihm geb&uuml;hrende Summe auf eine Million
+berechnet hatte, war dies wie ein Todesurteil. Er hatte nach &Uuml;berlassung
+der Fabrik seine s&auml;mtlichen Mittel und alles, was er zu
+schweren Zinsen dazu borgen konnte, auf die n&ouml;tigsten Ausbesserungen
+verwendet, behielt aber nichts f&uuml;r den Betrieb &uuml;brig. Den Preis
+der Akademie von 12&nbsp;000&nbsp;Francs von 1789 hatte er nie erhalten.
+Im Jahre 1799 war ihm die Summe von 3000&nbsp;Francs als &bdquo;Nationalbelohnung&ldquo;
+f&uuml;r seine Erfindung, deren Wichtigkeit allgemein anerkannt
+wurde, bewilligt worden; aber auch von dieser elenden
+Summe wurden ihm nur 600&nbsp;Francs ausgezahlt. <span class="spaced">Ein Darlehen
+von 2000&nbsp;Francs</span>, das ihm im Jahre 1803 die <span class="antiqua">Soci&eacute;t&eacute; d'encouragement</span>
+bewilligt hatte und ein vom Minister Chaptal erhaltenes
+<span class="spaced">Almosen von 300&nbsp;Francs ist alles, was die franz&ouml;sische
+Nation weiter f&uuml;r Leblanc getan hat</span>, trotz seiner unaufh&ouml;rlichen
+Bitten und Gesuche. Die f&uuml;r ihn tats&auml;chlich vernichtende Entscheidung
+vom 5.&nbsp;November 1805 raubte ihm jede Hoffnung, aus der
+Armut, in der er sich mit seiner Familie befand, jemals herauszukommen.
+Gebrochen an Leib und Seele, kehrte er zu seiner kranken
+Frau, zu seiner darbenden Familie, in seine in der ruinierten Fabrik
+befindliche Wohnung zur&uuml;ck. Dort machte er am 16. Januar&nbsp;1806
+seiner verzweifelten Lage durch einen Pistolenschu&szlig; ein Ende. So
+endete diese ersch&uuml;tternde Erfindertrag&ouml;die, und niemand wei&szlig;, wo
+das Grab eines der gr&ouml;&szlig;ten Erfinder Frankreichs sich befindet.</p>
+
+<p>Der Trieb zum Erfinden und Erforschen ist dem intelligenten
+Menschen in hohem Ma&szlig;e eigen, ebenso wie die Neugierde den h&ouml;heren
+Tieren. Und dieser Forschungstrieb richtet sich nach allen Seiten;
+nicht nur das N&uuml;tzliche, sondern alles, was er sieht, ja auch das, was
+er nicht sieht, will er ergr&uuml;nden. So haben denn auch die chemischen
+Forscher alles Sichtbare und Unsichtbare zu ergr&uuml;nden gesucht, vor
+allem auf dem Weltk&ouml;rper, an den wir Menschen gebannt sind, auf
+dieser Erde.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>
+Unsere Kenntnis der irdischen Stoffe erstreckt sich nur ein kleines
+St&uuml;ck unter die Erdoberfl&auml;che; was dar&uuml;ber hinausliegt, k&ouml;nnen wir
+nur vermuten, nicht wissen. So ist also die Atmosph&auml;re, der Ozean
+und eine d&uuml;nne feste Schicht alles, was wir unmittelbar untersuchen
+k&ouml;nnen, und dementsprechend ist unser Wissen, soweit die Atmosph&auml;re
+und der Ozean in Betracht kommen, ziemlich ausreichend, gr&uuml;ndlich
+und vollst&auml;ndig, w&auml;hrend wir bei der Betrachtung der festen Erdkruste
+eine willk&uuml;rliche Grenze nach unten annehmen m&uuml;ssen. Ohne
+Ber&uuml;cksichtigung der tats&auml;chlichen St&auml;rke der irdischen Steinrinde
+(Lithosph&auml;re) scheint es sehr wahrscheinlich, da&szlig; das felsige Material
+bis zu einer Tiefe von ungef&auml;hr 16&nbsp;Kilometern den vulkanischen
+Massen, die wir an der Erdoberfl&auml;che vorfinden, sehr &auml;hnlich ist.
+Wir k&ouml;nnen also als Grundlage unserer Betrachtung eine Felsst&auml;rke
+von 16&nbsp;Kilometern annehmen.</p>
+
+<p>Der Rauminhalt der 16&nbsp;Kilometer starken Kruste, mit Einschlu&szlig;
+der durchschnittlichen Erhebungen der Festl&auml;nder &uuml;ber die See,
+betr&auml;gt 6&nbsp;500&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;Kubikkilometer, mit dem spezifischen Gewicht
+2,5 bis 2,7. Der Rauminhalt der Ozeane betr&auml;gt <span class="ins" title="1,286 000 000 Kubikkilometer">
+1&nbsp;286&nbsp;000&nbsp;000 Kubikkilometer</span> mit dem spezifischen Gewicht 1.03. Die Masse der
+Atmosph&auml;re ist ungef&auml;hr 5&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;Kubikkilometern Wasser gleichwertig.
+Wenn wir nun diese Angaben zusammenfassen, so erhalten
+wir folgende Zahlen in bezug auf die Zusammensetzung der Erde:</p>
+
+<p><span class="spaced">Spezifisches Gewicht der Kruste</span> 2.6,</p>
+
+<table border="0" style="margin-left: 10%" summary="Zusammensetzung der Erde">
+<tr>
+<td>Atmosph&auml;re</td>
+<td>&nbsp;&nbsp;&nbsp;</td>
+<td align="right">0.03%,</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Ozean</td>
+<td>&nbsp;&nbsp;&nbsp;</td>
+<td align="right">6.97%,</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Feste Rinde</td>
+<td>&nbsp;&nbsp;&nbsp;</td>
+<td align="right">93.00%.</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Was die Zusammensetzung der drei Schichten anlangt, so besteht
+die Atmosph&auml;re aus Sauerstoff, Stickstoff und Argon, dem Gewichte
+nach:</p>
+
+<table border="0" style="margin-left: 10%" summary="Zusammensetzung der Atmosph&auml;re">
+<tr>
+<td>Sauerstoff</td>
+<td>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</td>
+<td align="right">23.024%,</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Stickstoff</td>
+<td>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</td>
+<td align="right">75.539%,</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Argon</td>
+<td>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</td>
+<td align="right">1.437%;</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>im Raumverh&auml;ltnisse ausgedr&uuml;ckt, enth&auml;lt die Luft ungef&auml;hr 4/5&nbsp;Stickstoff
+und 1/5&nbsp;Sauerstoff.</p>
+
+<p>Das ozeanische Wasser enth&auml;lt 37,39&nbsp;Gramm Seesalz im Kilogramm
+Wasser aufgel&ouml;st. Das Seesalz besitzt das spezifische Gewicht
+2,25 und besteht vornehmlich aus Kochsalz, Chlormagnesium, Magnesiumsulfat
+<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>
+und Gips. Es d&uuml;rfte sich lohnen, an dieser Stelle einen
+Augenblick zu verweilen, um die gro&szlig;e Masse der ozeanischen Salze
+zu w&uuml;rdigen. Aus den oben angef&uuml;hrten Zahlen l&auml;&szlig;t sich berechnen,
+da&szlig; der Rauminhalt der Salzmasse des Ozeans 19&nbsp;200&nbsp;000&nbsp;Kubikkilometer
+betr&auml;gt, also hinreichend ist, um ein Gebiet von der Gr&ouml;&szlig;e
+der Vereinigten Staaten von Nordamerika mit einer 2,5&nbsp;Kilometer
+starken Salzschicht zu bedecken. Verglichen mit dieser ungeheuren
+Masse, erscheinen die Salzablagerungen von Sta&szlig;furt, die in der
+N&auml;he betrachtet, so m&auml;chtig erscheinen, winzig klein.</p>
+
+<p>Die Felskruste besteht zu 75% aus kieselsaurer Tonerde (Ton);
+daneben enth&auml;lt sie 6% Sauerstoffverbindungen des Eisens, 4,5%
+Magnesia, 5% Kalk, 3,5% Natron, 2,7% Kali und &uuml;berdies Spuren
+der &uuml;brigen Elemente.</p>
+
+<p>Nun wollen wir uns den chemischen Elementen unserer Erde
+zuwenden. Obwohl jedes Element seine Eigenheiten, seinen eigenen,
+ausgesprochenen Charakter hat, gibt es dennoch Beziehungen und
+Verwandtschaften unter den Elementen, so da&szlig; sie in eine Anzahl von
+Gruppen geteilt werden k&ouml;nnen. Die Elemente einer Gruppe gehen
+nicht nur &auml;hnliche Verbindungen ein, sondern zeigen auch eine stufenweise
+&Auml;nderung der Eigenschaften. Diese &bdquo;Verwandtschaft&ldquo; hat eine
+sehr wichtige Verallgemeinerung erm&ouml;glicht&nbsp;&ndash; das sogenannte periodische
+Gesetz oder vielmehr die periodische Gruppierung der Elemente.
+Im Lichte dieser Gruppierung angeschaut, wird die Beziehung
+der Elemente untereinander in interessanter Weise offenbar.</p>
+
+<p>Wenn man n&auml;mlich die Elemente nach ihrem &bdquo;Atomgewichte&ldquo;
+ordnet, so wird sofort eine bedeutsame Gesetzm&auml;&szlig;igkeit klar, wie
+die nebenstehende <a href="#Page_75">Tabelle</a> zeigt.</p>
+
+<p>Diese Tabelle ist entstanden, indem man die chemischen Elemente,
+vom leichtesten beginnend und beim schwersten endend, in eine Reihe
+schrieb, dann, sobald ein &auml;hnliches, verwandtes Element erreicht war,
+abteilte und die so erhaltenen Abteilungen vertikal untereinander
+verzeichnete. Und da wurde es offenbar, da&szlig; die Glieder einer und
+derselben vertikalen Reihe nahe miteinander verwandt sind, indem
+sie sich in den meisten Beziehungen ganz &auml;hnlich verhalten, ganz
+&auml;hnliche Verbindungen eingehen, und auch, was L&ouml;slichkeit und Unl&ouml;slichkeit
+anlangt, keine gro&szlig;en Unterschiede zeigen. Hingegen
+nimmt man, wenn man in einer horizontalen Reihe vorw&auml;rts
+schreitet, eine stufenweise &Auml;nderung in den wesentlichen Eigenschaften
+<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>
+wahr. Daraus folgt zun&auml;chst, da&szlig; die Eigenschaften der Elemente
+von ihren Atomgewichten abh&auml;ngig sind.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span></p>
+
+<table border="1" width="100%" cellpadding="4" summary="Periodisches System der Elemente">
+<colgroup>
+ <col width="1%" />
+ <col width="11%" />
+ <col width="11%" />
+ <col width="11%" />
+ <col width="11%" />
+ <col width="11%" />
+ <col width="11%" />
+ <col width="11%" />
+ <col width="11%" />
+ <col width="11%" />
+</colgroup>
+<thead>
+ <tr align="center">
+ <th>Reihen</th>
+ <th>Gruppe 0</th>
+ <th>Gruppe 1</th>
+ <th>Gruppe 2</th>
+ <th>Gruppe 3</th>
+ <th>Gruppe 4</th>
+ <th>Gruppe 5</th>
+ <th>Gruppe 6</th>
+ <th>Gruppe 7</th>
+ <th>Gruppe 8</th>
+ </tr>
+</thead>
+<tbody align="center" style="font-size: small">
+<tr>
+<td><span class="invisible">0</span>1</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>Wasserstoff 1</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td><span class="invisible">0</span>2</td>
+<td>Helium 4</td>
+<td>Lithium 7</td>
+<td>Gluzinium 9.1</td>
+<td>Bor 11</td>
+<td>Kohlenstoff 12</td>
+<td>Stickstoff 14</td>
+<td>Sauerstoff 16</td>
+<td>Fluor 19</td>
+<td>&mdash;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td><span class="invisible">0</span>3</td>
+<td>Neon 20</td>
+<td>Natrium 23</td>
+<td>Magnesium 24.4</td>
+<td>Aluminium 27.1</td>
+<td>Silizium 28.4</td>
+<td>Phosphor 31</td>
+<td>Schwefel 32</td>
+<td>Chlor 35.45</td>
+<td>&mdash;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td><span class="invisible">0</span>4</td>
+<td>Argon 39.9</td>
+<td>Kalium 39.1</td>
+<td>Kalzium 40.1</td>
+<td>Skandium 44.1</td>
+<td>Titan 48.1</td>
+<td>Vanadium 51.2</td>
+<td>Chrom 52.1</td>
+<td>Mangan 55</td>
+<td>Eisen 55.9<br />Nickel 58.7<br />Kobalt 59</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td><span class="invisible">0</span>5</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>Kupfer 63.6</td>
+<td>Zink 65.4</td>
+<td>Gallium 70</td>
+<td>Germanium 72.5</td>
+<td>Arsen 75</td>
+<td>Selen 79.2</td>
+<td>Brom 79.95</td>
+<td>&mdash;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td><span class="invisible">0</span>6</td>
+<td>Krypton 81.8</td>
+<td>Rubidium 85.5</td>
+<td>Strontium 87.6</td>
+<td>Ytterbium 89</td>
+<td>Zirkon 90.6</td>
+<td>Kolumbium 94</td>
+<td>Molybd&auml;n 96</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>Ruthenium 101.7<br />Rhodium 103<br />Palladium 106.5</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td><span class="invisible">0</span>7</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>Silber 107.93</td>
+<td>Kadmium 112.4</td>
+<td>Indium 115</td>
+<td>Zinn 119</td>
+<td>Antimon 120.2</td>
+<td>Tellurium 127.6</td>
+<td>Jod 126.97</td>
+<td>&mdash;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td><span class="invisible">0</span>8</td>
+<td>Xenon 128</td>
+<td>Z&auml;sium 132.9</td>
+<td>Baryum 137.4</td>
+<td>Lanthan 138.9</td>
+<td>Zer 140.25</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td><span class="invisible">0</span>9</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>10</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>Tantal 181</td>
+<td>Wolfram 184</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>Osmium 191<br />Iridium 193<br />Platin 194.8</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>11</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td><span class="ins" title="Gold 19.2">Gold 197</span></td>
+<td>Quecksilber 200</td>
+<td>Thallium 204.1</td>
+<td>Blei 206.9</td>
+<td>Wismuth 208</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>12</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>Radium 225</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>Thorium 235.5</td>
+<td>Uran 238.5</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+<td>&mdash;</td>
+</tr>
+</tbody>
+</table>
+
+<p>Hier und da bemerken wir auf der Tafel leere Stellen, die offenbar
+bisher unbekannten Elementen angeh&ouml;ren. Als <span class="spaced">Mendelejeff</span>
+dieses periodische Gesetz entdeckte, prophezeite er genau die Eigenschaften
+dreier fehlender Elemente, die auch tats&auml;chlich sp&auml;terhin entdeckt
+wurden und deren Eigenschaften vollkommen der Vorhersage
+Mendelejeffs entsprachen; es waren Skandium, Gallium und Germanium.
+Mendelejeff sagte nicht nur das Atomgewicht und spezifische
+Gewicht dieser Elemente voraus, sondern auch die Art ihrer Verbindungen.
+Ein solches Vorhersagenk&ouml;nnen ist ein trefflicher Pr&uuml;fstein
+f&uuml;r den Wert einer neuen Theorie und hat sich in diesem Falle gut
+bew&auml;hrt.&nbsp;&ndash; Auch Radium, das j&uuml;ngste der Elemente, finden wir
+richtig unter dem ihm verwandten Baryum eingereiht.</p>
+
+<p>Wenn wir die Tafel vom Standpunkt des geologischen Chemikers,
+des Geochemikers, ansehen, so bemerken wir, da&szlig; die Elemente einer
+und derselben senkrechten Reihe gew&ouml;hnlich miteinander in der Natur
+vorkommen. Wohl deshalb, weil sie &auml;hnliche Verbindungen bilden,
+also sich unter &auml;hnlichen Umst&auml;nden ablagern. So findet man z.&nbsp;B.
+Rubidium, Rhodium, Palladium, Osmium, Iridium und Platin gew&ouml;hnlich
+beisammen. Schwefel ist in der Regel mit Selen verunreinigt.
+Zinkerze enthalten fast immer etwas Cadmium. Chlor,
+Brom und Jod sind mehr oder weniger miteinander vermischt anzutreffen.</p>
+
+<p>Im <span class="spaced">allgemeinen</span> kann man sagen, da&szlig; die Elemente mit
+niedrigem Atomgewicht am weitesten verbreitet sind. Was z.&nbsp;B.
+Gruppe 1, 4 und 7 anlangt, so bemerken wir, da&szlig; die H&auml;ufigkeit des
+Vorkommens vom ersten zum zweiten Element w&auml;chst, und dann
+bis zum Ende der Reihe abnimmt. So ist Lithium in ganz kleinen
+Mengen weit verbreitet, Natrium in reichlichen Mengen vorhanden,
+w&auml;hrend Kalium dem Natrium und Rubidium dem Kalium an
+Menge bedeutend nachsteht. Ganz ebenso verhalten sich die Gruppen
+4 und 7. In Gruppe 6 ist Sauerstoff, das erste Element, das h&auml;ufigste,
+w&auml;hrend nach abw&auml;rts eine stetige Abnahme der vorkommenden
+Menge festzustellen ist. Doch fehlt es auch nicht an Ausnahmen: so
+ist in Gruppe 2 Strontium weniger h&auml;ufig als Baryum, ein Widerspruch,
+der wohl mit unserem zunehmenden Wissen seine Aufkl&auml;rung
+finden wird.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>
+Bei der Besprechung der chemischen Verh&auml;ltnisse der Erde sind
+wohl auch einige Worte &uuml;ber den Ursprung unserer Atmosph&auml;re
+gerechtfertigt, wiewohl man hierin zu einem endg&uuml;ltig abschlie&szlig;enden
+Urteil noch nicht gekommen ist, sondern sich ihm erst allm&auml;hlich
+n&auml;hert. Einige Geologen schlie&szlig;en aus dem Vorhandensein unserer
+gegenw&auml;rtigen Kohlenlagerst&auml;tten und der gro&szlig;en Mengen von Kalkstein
+&ndash;&nbsp;der als kohlensaurer Kalk 12% Kohlenstoff enth&auml;lt&nbsp;&ndash; in
+der Erdrinde, da&szlig; in fr&uuml;heren geologischen Weltaltern die Atmosph&auml;re
+reicher an Kohlens&auml;ure war als heute, und da&szlig;&nbsp;&ndash; da eine
+kohlens&auml;urereichere Atmosph&auml;re mehr Sonnenw&auml;rme aufnimmt und
+Kohlens&auml;ure das atmosph&auml;rische Nahrungsmittel der Pflanzen ist&nbsp;&ndash;
+dies der Grund sei f&uuml;r die gewaltige Flora fr&uuml;herer Zeitr&auml;ume.
+Dagegen ist aber einzuwenden, da&szlig; luftatmende Tiere in einer kohlens&auml;urereichen
+Atmosph&auml;re nicht leben k&ouml;nnen.&nbsp;&ndash; Wohl ist es gewi&szlig;,
+da&szlig; der Kohlenstoff des Kalksteins einst zum gr&ouml;&szlig;ten Teile in der
+Atmosph&auml;re enthalten war, aber war dies jemals zu einer und derselben
+Zeit der Fall?</p>
+
+<p>Dies ist sehr unwahrscheinlich, da der Kohlenstoff der Erdrinde,
+in Kohlens&auml;ure umgewandelt, 25&nbsp;mal so schwer w&auml;re als unsere
+gegenw&auml;rtige Atmosph&auml;re und der dadurch entstehende Druck fast
+gro&szlig; genug w&auml;re, um einen Teil der Kohlens&auml;ure zu verfl&uuml;ssigen.</p>
+
+<p>Einige bedeutende Gelehrte, darunter auch Lord Kelvin, sind
+zu der interessanten Theorie gelangt, da&szlig; die Uratmosph&auml;re der Erde
+haupts&auml;chlich aus Wasserstoff, Stickstoff, Chloriden und Kohlenstoffverbindungen
+bestanden habe, und da&szlig; der Sauerstoff, der heute in
+freiem Zustande zu unserem Leben unerl&auml;&szlig;lich ist, damals mit Kohlenstoff
+und Eisen verbunden war. Nach dieser Theorie begann der
+Sauerstoff erst frei zu werden, als sich das erste, niedrigste Pflanzenleben
+auf der Erde entwickelte; der Sauerstoffvorrat erreichte in der
+Steinkohlenzeit seinen H&ouml;hepunkt und nimmt seither ab. Hiernach
+w&auml;re der Gehalt der Atmosph&auml;re an freiem Sauerstoff durch die
+Arbeit der Pflanzenwelt entstanden.</p>
+
+<p>Immerhin ist es schwer, dieser Lehre beizustimmen, wenn man
+Anh&auml;nger der Nebelflecktheorie ist und die Erde f&uuml;r einen Nebelfleckabk&ouml;mmling
+h&auml;lt. Denn f&uuml;r den Nebelflecktheoretiker ist die
+Atmosph&auml;re nichts als der gasf&ouml;rmige R&uuml;ckstand, der bei dem Festwerden
+der Erde zur&uuml;ckblieb. Dies ist auch die vorherrschende
+Ansicht.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>
+Nach einer neueren Theorie (Chamberlains Meteoriten-Theorie),
+nach der die Erde das Ergebnis der Vereinigung zahlloser kleiner
+Weltk&ouml;rper ist, hat jeder Meteorit seine eigene kleine Atmosph&auml;re
+mit auf die Erde gebracht. Diese Atmosph&auml;ren, im Inneren unter
+hohem Druck eingeschlossen, gaben schlie&szlig;lich zu so starker Temperaturerh&ouml;hung
+Anla&szlig;, da&szlig; die Gase infolge des vergr&ouml;&szlig;erten Druckes
+und Volumens ausgetrieben wurden. Nach dieser merkw&uuml;rdigen Annahme
+ist also die Atmosph&auml;re von innen heraus, aus kleinen Anf&auml;ngen,
+entstanden, w&auml;hrend nach der Nebelflecktheorie die <span class="spaced">Ur</span>atmosph&auml;re
+am gr&ouml;&szlig;ten war, da sie ja das Ganze der Erde in sich begriff.</p>
+
+<p>Diese zwei Theorien, die Nebelfleck- und die Meteoritentheorie,
+stehen sich schroff gegen&uuml;ber, nicht nur in der Frage nach der Entstehung
+der Atmosph&auml;re, sondern ebenso in der nach der Entstehung
+des Ozeans, der trotz seines Alters von &uuml;ber 100&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;Jahren,
+sicherlich j&uuml;nger ist, als die Atmosph&auml;re.</p>
+
+<p>F&uuml;r die Anh&auml;nger der Nebelflecktheorie ist die Frage der Entstehung
+des Ozeans verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig leicht zu beantworten. Danach
+ist der Ozean nichts anderes, als der R&uuml;ckstand, der beim Kristallisieren
+der festen Erdmasse zur&uuml;ckblieb. Nach der Meteoritentheorie
+enthielt die aus dem Inneren an die Oberfl&auml;che entwichene Atmosph&auml;re
+wasserl&ouml;sliche Gase, die sich in dem bei der Abk&uuml;hlung der
+Erde gebildeten Wasser aufl&ouml;sten, dann weiter auf die feste Kruste
+wirkten und so die Entstehung des Ozeans verursachten.</p>
+
+<p>Kein Kapitel der Geochemie ist wohl gr&uuml;ndlicher er&ouml;rtert worden
+als die &bdquo;Entstehung des Petroleums&ldquo;. Hier stehen sich zwei Gruppen
+von Theorien gegen&uuml;ber, eine unorganische und eine organische. Nach
+jener ist das Petroleum aus Kohlenstoff und Wasserstoff unter eigenartiger
+Mithilfe hoher und h&ouml;chster Temperaturen entstanden, nach
+dieser ist es aus toten Pflanzen- und Tierk&ouml;rpern hervorgegangen.</p>
+
+<p>Unter den unorganischen Theorien ist die ber&uuml;hmte Karbidtheorie
+Mendelejeffs erw&auml;hnenswert. Mendelejeff meint, da&szlig; im
+Erdinnern Eisenkarbide, Verbindungen von Eisen mit Kohlenstoff,
+vorhanden sind, da&szlig; das Wasser der Erde zu diesen Zutritt hat, und
+da&szlig; dadurch Kohlenwasserstoffe (Petroleum und Erdgas) erzeugt
+werden, ebenso wie Kalziumkarbid mit Wasser Azetylen hervorbringt.
+Wenn solche Eisenkarbide in m&auml;&szlig;iger Tiefe der Erdrinde
+vorhanden w&auml;ren, so w&uuml;rde die Voraussetzung viel Wahrscheinlichkeit
+<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>
+f&uuml;r sich haben; jedoch ist bisher das Vorhandensein solcher Karbide
+im Erdinnern nicht nachgewiesen worden.</p>
+
+<p>Die unorganischem Theorien sind in den letzten Jahren mehr
+und mehr durch die organischen verdr&auml;ngt worden, nach denen das
+Petroleum aus Pflanzen- und Tierresten fr&uuml;herer geologischer Zeiten
+entstanden sein soll. In der Tat entstehen bei der Verwesung von
+Seepflanzen verschiedene &bdquo;Kohlenwasserstoffe&ldquo;, doch ist trotzdem die
+&bdquo;tierische&ldquo; Theorie heute die herrschende. Man k&ouml;nnte fragen, ob
+die gro&szlig;en Mengen Petroleum, die auf der Erde vorhanden sind,
+wirklich aus Fischen h&auml;tten entstehen k&ouml;nnen, ob der Fischvorrat
+der Erde zur Erzeugung solch gewaltiger Petroleummengen hinreiche?
+Diese Frage mu&szlig; unbedingt bejaht werden. Schon das Ergebnis
+des Heringsfangs von 2500&nbsp;Jahrg&auml;ngen an der Nordk&uuml;ste Deutschlands
+w&uuml;rde, wenn die H&auml;lfte seiner Fette und &Ouml;le in Petroleum
+umgewandelt w&uuml;rde, so viel Petroleum liefern, als Galizien bisher
+hervorgebracht hat.</p>
+
+<p>So hat die Chemie viele Geheimnisse der leblosen Erde ergr&uuml;ndet.
+Die Art der leblosen Stoffe hat sie erkl&auml;rt; was sagt sie aber
+&uuml;ber das Lebende? Hat die Wissenschaft keine Br&uuml;cke geschlagen
+vom Ufer des Leblosen zum Ufer des Lebenden? Ist wirklich nur
+dem Lebenden Tod und Verg&auml;nglichkeit, Wehrkraft und Willen,
+Liebe und Ha&szlig;, Erinnerung und Vererbung, Fortpflanzung und
+Entwicklung eigen? Ist das Leblose wirklich so starr und unver&auml;nderlich,
+wie man gemeinhin annimmt? Ist das Niedrigste der
+lebenden Welt vom H&ouml;chsten der leblosen Welt tats&auml;chlich durch eine
+Kluft getrennt? Mit diesen Fragen wollen wir uns nun zum Schlu&szlig;
+besch&auml;ftigen.</p>
+
+<p>Die F&auml;higkeit, sich zu <span class="spaced">erinnern</span>, ist eine k&ouml;stliche Gabe des
+intelligenten Menschen. Diese F&auml;higkeit erm&ouml;glicht es, vergangene
+Ereignisse im Geiste wieder zu vergegenw&auml;rtigen. Viel wesentlicher
+aber als das bewu&szlig;te Erinnern, das nur der Mensch, und vielleicht,
+in geringem Ma&szlig;e die h&ouml;heren Tiere besitzen, ist die F&auml;higkeit,
+das vergangene und erfahrene Erlebnis sich so zu eigen zu machen,
+da&szlig; beim Eintreten des gleichen oder eines &auml;hnlichen Erlebnisses
+die Lehre der Vergangenheit benutzt wird. Diese F&auml;higkeit aber ist
+auch den niederen Wesen eigen. Sie ist nichts anderes als die
+bekannte Anpassung und Gew&ouml;hnung. Das Blut, unf&auml;hig, gr&ouml;&szlig;ere
+Mengen fremden Serums aufzunehmen, nimmt willig kleine, stets
+<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>
+wachsende Mengen auf, es wird gleichsam gest&auml;rkt durch die Erinnerung,
+gefestigt durch die vergangene Erfahrung. So &auml;ndert sich auch
+das Leblose durch jede Erfahrung, die es macht, durch jeden Eindruck,
+den es erleidet, es erinnert sich gewisserma&szlig;en der fr&uuml;heren
+Erfahrung und verh&auml;lt sich bei der Wiederkehr anders, als vorher.<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a></p>
+
+<p>So &bdquo;merkt&ldquo; sich der Stahldraht jede Drehung, die er erfahren.
+Die photographische Platte merkt sich ihre Begegnung mit dem
+Sonnenlichte. Wenn man Eisen schmiedet, nimmt es mehr und mehr
+einen neuen, eigenartigen Charakter an durch die zahlreichen,
+dauernd sich einpr&auml;genden &bdquo;Erfahrungen&ldquo;, die ihm das Geschmiedetwerden
+beibringt. Eine <span class="spaced">pl&ouml;tzliche</span> Erfahrung geht ebenso dauernd
+in das Besitztum des Leblosen &uuml;ber, wie in das des Lebenden. Die
+Metallplatte, die einen Moment, leidend, durch die M&uuml;nzpresse gegangen
+ist, ist dauernd zur M&uuml;nze gepr&auml;gt, ebenso wie der Mensch, dem
+ein pl&ouml;tzliches Ungl&uuml;ck widerf&auml;hrt, sofort daran gew&ouml;hnt, damit vertraut
+und dadurch dauernd beeinflu&szlig;t ist. Wenn wir von zwei erw&auml;rmten
+Stahlst&uuml;cken, das eine allm&auml;hlich, das andere pl&ouml;tzlich abk&uuml;hlen,
+so bleibt jenes geschmeidig, w&auml;hrend dieses spr&ouml;de wird und
+spr&ouml;de bleibt, ein Beispiel, wie verschieden derselbe Stoff durch verschiedene
+Einwirkungen oder Erfahrungen ver&auml;ndert wird.</p>
+
+<p>Dieser &bdquo;Erinnerung&ldquo;, im weitesten Sinne des Wortes, ist es
+zuzuschreiben, da&szlig; nichts stille steht, da&szlig; alles flie&szlig;t und sich stetig
+ver&auml;ndert, weil es schon durch die Umgebung fortw&auml;hrend beeinflu&szlig;t
+wird. Der Stahlbalken einer Br&uuml;cke &auml;ndert sich von Tag zu
+Tag infolge der fortw&auml;hrenden Ersch&uuml;tterung, es &auml;ndert sich die
+Beschaffenheit der kleinen Kristalle, aus denen er besteht; so wird er
+schlie&szlig;lich greisenhaft und bricht, er leidet gleichsam an Arterienverkalkung.</p>
+
+<p>Aber der Tod? Ist der nicht das Vorrecht der Lebewesen? Hat
+das Leblose eine &auml;hnliche Erscheinung aufzuweisen? Jawohl, in
+gewissem Sinne. In dem Sinne n&auml;mlich, da&szlig; ein neuer Zustand anbricht,
+in dem die Erinnerung an den fr&uuml;heren Zustand erloschen
+ist. Der Tod erinnert sich nicht des Lebens, das Leben nicht des
+Todes. In diesem Sinne k&ouml;nnen wir auch in der leblosen Welt von
+&bdquo;Leben und Tod&ldquo; sprechen.</p>
+
+<p>Als willk&uuml;rliches Beispiel nehmen wir ein Kupfergef&auml;&szlig;. Jede
+Abnutzung durch Gebrauch, jede durch Gewalt herbeigef&uuml;hrte Gestaltver&auml;nderung
+<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>
+beh&auml;lt es dauernd bei, erinnert sich gleichsam ihrer, benutzt
+die gemachte Erfahrung und wird durch Leiden m&uuml;rbe, wie
+der Mensch. Wenn wir in seine Oberfl&auml;che hineinritzen oder feilen,
+so beh&auml;lt es die &bdquo;Marke&ldquo; bei und l&auml;&szlig;t sich dann leicht an derselben
+Stelle tiefer ritzen.</p>
+
+<p>Wenn wir nun dieses Kupfergef&auml;&szlig; einschmelzen und als Kupferblock
+erstarren lassen, so wei&szlig; dieser Kupferblock, um im Bilde zu
+bleiben, nichts von den Leiden und Freuden, die er als Kulturtopf
+erlitten und genossen, wei&szlig; nichts von den Beulen, Hieben und
+Hammerschl&auml;gen. Er ist ein neues Wesen, bereit, neue Erfahrungen
+aufzunehmen, bereit, von neuem Weh und Gl&uuml;ck zu empfangen, er
+ist wiedergeboren, wiederauferstanden. Um aber wiederzuerstehen,
+mu&szlig;te er durch die Lethe wandern, durch den erinnerungraubenden
+Strom, durch den Tod&nbsp;&ndash; durch den fl&uuml;ssigen Zustand.</p>
+
+<p>Von diesem Standpunkt aus ist der Tod nichts anderes als der
+&Uuml;bergang aus einem Aggregatzustand in einen andern, indem dabei
+die &bdquo;Erinnerung&ldquo; an den ersten Aggregatzustand ganz verlischt. Um
+aber &bdquo;Erinnerung&ldquo; zu erm&ouml;glichen, ist Form n&ouml;tig, wie sie das Feste
+hat, das Fl&uuml;ssige und Gasf&ouml;rmige jedoch nicht. Das Wasser, das ich
+aus dem Kruge in das Trinkglas und dann wieder zur&uuml;ck in den
+Topf gie&szlig;e, bleibt davon unbeeindruckt, &bdquo;erinnert&ldquo; sich (dieser
+Wandlung) nicht, ebensowenig das Gas, das, gleich der Fl&uuml;ssigkeit,
+formlos ist. Nur das Feste hat also, recht verstanden, Erinnerung,
+die Fl&uuml;ssigkeit und das Gas aber sind erinnerungslos.</p>
+
+<p>So k&ouml;nnen wir den Zustand der Fl&uuml;ssigkeit und des Gases
+als <span class="spaced">niedrige</span> Aggregatzust&auml;nde bezeichnen, im Gegensatz zu dem
+<span class="spaced">h&ouml;heren</span> festen Zustand und k&ouml;nnen das Leben selbst als einen
+eigenartigen, <span class="spaced">hohen</span>, besonders reizbaren, besonders erinnerungsf&auml;higen,
+besonders sorgf&auml;ltig geformten Aggregatzustand, als den
+<span class="spaced">vierten</span> Aggregatzustand einer Reihe ansprechen, deren erster das
+Gas, deren zweiter das Fl&uuml;ssige, deren dritter das Feste ist.</p>
+
+<p>Man sollte nun meinen, da&szlig; man im Gebiete des Leblosen keine
+Vorg&auml;nge finden k&ouml;nnte, die der Fortpflanzung entsprechen, Vorg&auml;nge,
+in denen ein Same, ein kleines Abbild des ausgewachsenen
+Individuums, zu einem gro&szlig;en Wesen wird, von genau derselben
+Form, der dieser Same entstammt. Und doch lassen sich solche Vorg&auml;nge
+im Gebiete des Leblosen leicht finden und zwar in der Erscheinung
+der Kristallisation.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>
+Wenn wir in eine entsprechend starke L&ouml;sung von Glaubersalz
+ein kleines, nur staubkorngro&szlig;es Glaubersalzkrist&auml;llchen hineinwerfen,
+so kristallisiert alsbald, unter Umst&auml;nden augenblicklich, die
+ganze Masse in gro&szlig;en, dem Glaubersalz eigent&uuml;mlichen Kristallen.
+Die Glaubersalzl&ouml;sung ist der Mutterboden des Glaubersalzkristalles
+und nur des Glaubersalzkristalles, genau so wie der Mutterleib nur
+den Samen der eigenen Art zur Entwicklung bringen kann.</p>
+
+<p>Ja, wird man jetzt sagen, aber die Wehrkraft, das tatkr&auml;ftige
+Abwehren, ist ausschlie&szlig;lich Sache des Lebendigen; das Leblose ist
+stets nur passiv und leidend. Dagegen ist einzuwenden, da&szlig; das
+Bestreben, den gewohnten Zustand beizubehalten, die Tr&auml;gheit, auch
+dem Leblosen eigen ist, und da&szlig; dieses sich ebenso gegen jede Ver&auml;nderung
+str&auml;ubt und wehrt wie das Lebende. Beide wehren sich
+eben mit ihrer ganzen ihnen innewohnenden Kraft. Der Mensch erwehrt
+sich seines Feindes so lange und so gut, wie er kann, und das
+Stahlblech setzt ebenfalls dem Verbiegen seinen st&auml;rksten Widerstand
+entgegen. Das Holz l&auml;&szlig;t sich nicht ohne weiteres durch die S&auml;ge zerspalten,
+es mu&szlig; dazu genau so viel Arbeit verwendet werden, als die
+&Uuml;berwindung der Wehrkraft des Holzbrettes erfordert. Die Art und
+St&auml;rke der Wehrkraft macht eben das Wesen und die Eigenschaften
+eines Stoffes aus. Das Holz wehrt sich, das Sonnenlicht durchzulassen,
+ist darin erfolgreich und l&auml;&szlig;t das Sonnenlicht nur noch als
+W&auml;rme wirken. Das Glas wehrt sich gegen das Licht nicht, und die
+dadurch bewirkte Durchsichtigkeit ist seine eigent&uuml;mlichste Eigenschaft.
+Das Zink hat keine Wehrkraft gegen Schwefels&auml;ure, das Blei eine
+sehr bedeutende, der es eben seine vielfache praktische Verwendung
+verdankt. Die Wehrkraft des Tones gegen W&auml;rme und Elektrizit&auml;t
+ist sehr bedeutend, die des Kupfers sehr gering.</p>
+
+<p>Die aktive Bet&auml;tigung, die ja auch beim Menschen stets nur einer
+in oder au&szlig;er ihm liegenden Ursache, einer Anregung, einem Drucke
+von au&szlig;en entspringt, finden wir ebenfalls im Leblosen wieder: das
+in den Felsritzen gefrierende Eis zersprengt den Felsblock.</p>
+
+<p>Auch das wichtigste Wehren der lebendigen Welt, das Wehren
+gegen den Tod, den Todeskampf, finden wir im Leblosen wieder.
+Wehrt sich der Lebende kr&auml;ftig gegen alles Sch&auml;dliche, so wehrt er
+sich ganz besonders, bis aufs &auml;u&szlig;erste, mit dem ganzen Aufwand
+seiner Energie, gegen das ihm Sch&auml;dlichste, gegen das ihn Vernichtende,
+gegen den Tod. Ebenso wehrt sich das Leblose ganz besonders
+<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>
+gegen eine Ver&auml;nderung seines Aggregatzustandes. So wehrt sich das
+Eisen mit einem gewissen Kraftaufwande gegen die Aufnahme von
+W&auml;rme, gegen Erw&auml;rmung, und verwendet, seinen Widerstand zur
+Geltung bringend, einen gro&szlig;en Teil der zugef&uuml;hrten W&auml;rme, statt
+zur eigenen Erw&auml;rmung, zur Vergr&ouml;&szlig;erung seines Volums. Aber
+dieser Widerstand w&auml;chst ins Riesige, wenn man, beim Schmelzpunkt
+angelangt, das Eisen schmelzen will. Da mu&szlig; eine au&szlig;erordentlich
+gro&szlig;e Menge W&auml;rme, die Schmelzw&auml;rme, dem Eisen aufgezwungen
+werden, um es zu t&ouml;ten, um es dazu zu bringen, seine bisherige Eigenart
+aufzugeben, um es aus dem festen in den fl&uuml;ssigen Zustand hin&uuml;berzuzwingen
+&ndash;&nbsp;um es zu schmelzen.</p>
+
+<p>Vom Hassen und Lieben des Leblosen haben wir bereits fr&uuml;her
+gesprochen und haben gesehen, wie sich die Elemente fliehen und
+suchen, wie sie das Verwandte&nbsp;&ndash; um sich damit zu verbinden&nbsp;&ndash;
+ausw&auml;hlen (Wahlverwandtschaft), so da&szlig; wir nun keinen Abgrund
+mehr sehen zwischen dem Leblosen und Lebenden, sondern nur
+Stufen, die vom einen zum andern hinauff&uuml;hren.</p>
+
+<p>Auch das Leblose pa&szlig;t sich der Umgebung an; der Stein, indem
+er verwittert, pa&szlig;t sich der Einwirkung der Atmosph&auml;re an, &auml;ndert
+sich und &bdquo;entwickelt&ldquo; sich. Sowohl im Gebiete des Lebenden als dem
+des Leblosen werden Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebnisse
+aufgeh&auml;uft, die das Individuum ver&auml;ndern und dadurch sein zuk&uuml;nftiges
+Benehmen beeinflussen. In beiden Gebieten finden wir
+Wehrkraft, also Charakter und Eigenschaften, ohne die die Welt ein
+gleichf&ouml;rmiges, w&uuml;stes Chaos und nicht ein mannigfaltiger Kosmos
+w&auml;re. &bdquo;Jeder freut sich seiner Stelle, bietet dem Ver&auml;chter Trutz&ldquo;.
+In beiden Gebieten finden wir ein Aufeinanderwirken, einen Kampf
+zwischen Au&szlig;enwelt und Individuum, dessen Ergebnis eben die
+Gesamtentwicklung der irdischen Natur ist.</p>
+
+<p>So ist die Entwicklung nichts anderes als die stetige Bet&auml;tigung
+der &bdquo;Wehrkraft&ldquo;, die, wenn auch tausendmal &uuml;berwunden,
+immer wieder in urspr&uuml;nglicher Jugendfrische, herrlich wie am ersten
+Tag, erscheint. Die Wehrkraft ist die unersch&ouml;pfliche Quelle der t&auml;tigen
+Natur, sie ist der Wille der Welt. Sie ist die Wurzel, der
+Stamm, das Ge&auml;st und das Laubwerk der knorrigen Esche Yggdrasil,
+die, in ihrem Grunde beharrend, ihren Wipfel ausbreitend hinaufbaut
+in den &Auml;ther.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>
+W&auml;hrend infolge der Wehrkraft alles flie&szlig;t und sich &auml;ndert,
+steht die Wehrkraft selbst, der Wille der Welt, ewig still, wie der
+Regenbogen auf dem tosenden Wasserfall. Sie bleibt sich ewig gleich,
+nur ihre Bekleidung, die Weltmaskerade, wechselt. Der Schein
+wechselt, das Wesen bleibt.</p>
+
+<p>Auf diese Weise hat die Chemie die Erde zerlegt, gemessen und
+gewogen und die Kluft zwischen Lebendigem und Leblosem zu &uuml;berbr&uuml;cken
+gesucht; aber sie hat auch neues Licht geworfen auf die
+Stellung der Erde im Weltall und insbesondere auf das Verh&auml;ltnis
+der Erde zur Sonne.</p>
+
+<p>Bevor wir darauf eingehen, wollen wir fragen&nbsp;&ndash; eine Frage,
+die unserem Gegenstande nur scheinbar fern liegt&nbsp;&ndash; was das Wesen
+einer Maschine ist. Zur Beantwortung dieser Frage betrachten wir
+die Dampfmaschine und die Dynamomaschine. Die Dampfmaschine
+verwandelt W&auml;rme in mechanische Arbeit, also W&auml;rmeenergie in
+mechanische Energie; die Dynamomaschine verwandelt mechanische
+Kraft in Elektrizit&auml;t, also mechanische Energie in elektrische Energie.
+Maschinen sind also Ger&auml;te, die eine Art von Energie in eine andere
+verwandeln.</p>
+
+<p>Nun erh&auml;lt die Erde von der Sonne strahlende Energie, Licht.
+Ein Teil dieser Lichtstrahlung, dieser strahlenden Energie wird in
+der irdischen Atmosph&auml;re in W&auml;rme umgesetzt. Als Umwandler der
+strahlenden Energie in W&auml;rmeenergie ist die Erde also eine Maschine,
+und die Wirkung der Arbeit dieser Maschine sind die geologischen
+und meteorologischen Ereignisse. Auch die pflanzlichen Organismen
+sind Maschinen, da in ihnen die strahlende Energie der Sonne in
+chemische Kr&auml;fte, in chemische Energie umgewandelt und zum Aufbau
+des Pflanzenk&ouml;rpers verwendet wird. Die Tiere wieder n&auml;hren
+sich von den chemischen Kr&auml;ften der Pflanze und verwandeln sie in
+tierische Masse, in Muskelkraft und in der weiteren Entwicklung, in
+Gehirnenergie, in Intelligenz. So ist die Erde vor allem eine
+Maschine zur Umwandlung von strahlender Energie in W&auml;rme; die
+Pflanzen sind Maschinen zur Umwandlung von strahlender in chemische
+Energie und die Tiere zur Umwandlung von chemischer Energie
+in andere Formen. Je h&ouml;her wir in der Entwicklungsreihe der
+Pflanze aufw&auml;rts steigen, um so besser wird die der Pflanze zuteil
+gewordene Lichtmenge ausgenutzt, um so wirksamer also wird die
+Maschine; ebenso nimmt auch im Tierreich der Wirkungsgrad und
+<span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>
+&uuml;berdies die Mannigfaltigkeit der umgewandelten Energien stetig
+in der Entwicklungsreihe zu.</p>
+
+<p>W&auml;hrend in den Sonnen die Umwandlung strahlender Energie
+in chemische, mechanische und W&auml;rme-Energie eine sehr wesentliche
+Rolle spielt, sind die Nebelflecke offenbar Maschinen, in denen aus
+verd&uuml;nnter schwacher W&auml;rme und strahlender Energie, auf dem Umwege
+&uuml;ber chemische und mechanische Energie, starke, konzentrierte
+strahlende Energie erzeugt wird, wodurch sie schlie&szlig;lich in Sonnen
+&uuml;bergehen.</p>
+
+<p>Hiernach ist jeder Teil der Welt eine Maschine in bezug auf die
+von dem Rest der Welt auf ihn einwirkenden Energien. F&uuml;r die
+Sonne als Dampfmaschine bedeutet der Rest des Weltalls den
+Dampfkessel. Die Planeten sind Maschinen vor allem in bezug auf
+die von der Sonne erhaltene Energie. Sie bringen selbst wieder im
+Laufe der Entwicklung Maschinen hervor, die Organismen, die die
+Energie in stets neue Formen umwandeln und das bunte Bild des
+Lebens zustande bringen. F&uuml;r je mannigfaltigere Energien diese
+Organismen empf&auml;nglich sind, und je mannigfaltiger und wirksamer
+sie sie umwandeln, als um so vollkommener und h&ouml;her bezeichnen
+wir sie.</p>
+
+<p>Wenn man also bisher annahm, da&szlig; das Weltall einem K&auml;ltetode
+entgegengehe, so war diese Annahme nicht richtig. Denn dem
+Weltall stehen Mittel und Wege zur Verf&uuml;gung, hohe Temperaturen
+aus anderen, auch ganz schwachen, ganz verd&uuml;nnten Energien darzustellen.
+Die M&ouml;glichkeit, entweder unmittelbar oder auf Umwegen
+schwache, verd&uuml;nnte Energien, wie W&auml;rme, Elektrizit&auml;t usw., in
+starke, konzentrierte umzuwandeln, ist eben durch den maschinellen
+Charakter der Welt bedingt. Wenn diese Wiederverst&auml;rkung der
+Energien nicht m&ouml;glich w&auml;re, dann m&uuml;&szlig;te das Weltall&nbsp;&ndash; wenn es
+ewig ist&nbsp;&ndash; schon vor Ewigkeiten dem K&auml;ltetode und der starren
+Ruhe verfallen sein. Da wir nun aber sehen, da&szlig; die Sonnensysteme,
+die Sonnen, die Planeten, die Nebelflecke ebensogut Maschinen entsprechen,
+wie die von den Menschen gebauten Maschinen und die
+Organismen selbst, so k&ouml;nnen wir daraus die Ewigkeit des Geschehens
+verstehen.</p>
+
+<p>Wenn wir nun den Begriff &bdquo;Maschine&ldquo; etwas genauer untersuchen,
+so sehen wir alsbald, da&szlig; jeder Stoff, jede Materie, gleichg&uuml;ltig,
+ob lebend oder leblos, eine Maschine ist, das hei&szlig;t, da&szlig; in allen
+<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>
+ein Teil der auf sie einwirkenden Energien in andere Formen umgewandelt
+wird. Jede Materie und nach unserer Erfahrung <span class="spaced">nur</span>
+die Materie ist eine Maschine zur Umwandlung von Energien. Die
+Materie hat also im Weltganzen die Aufgabe eines Energieumwandlers.
+Das Gesetz von der Erhaltung der Materie verb&uuml;rgt die Ewigkeit
+der Energieumwandlungen durch die Ewigkeit und Unverminderbarkeit
+des Energieumwandlers.</p>
+
+<p>Wir haben oben gesagt, da&szlig; die Maschinen, je h&ouml;her wir in der
+Entwicklungsreihe aufw&auml;rts steigen, um so mannigfaltigere T&auml;tigkeiten
+aus&uuml;ben, indem eine stets wachsende Zahl von Energiearten
+in stets wirksamerer Weise in ihnen zur Umwandlung gelangt. So
+bedarf die Pflanze nur einer beschr&auml;nkten Zahl von Strahlenarten,
+auch das niedrige Tier empfindet nur ein enges Gebiet der Strahlung,
+verglichen mit dem Menschen, auf den eine ganze Menge von Strahlen
+einwirkt.</p>
+
+<p>Der maschinelle Charakter der unorganischen Stoffe ist viel einfacher
+als der der Tiere, in denen durch die Entwicklung und Verfeinerung
+mehrerer Sinne die Umwandlung einer viel gr&ouml;&szlig;eren
+Zahl von Energien erm&ouml;glicht ist. Die unorganischen Maschinen
+werden nur von einer geringen Zahl von Energien, und von jeder
+nur in einem eigenen Wirkungsgrade beeinflu&szlig;t. Gewisse Energien
+werden mehr oder weniger umgewandelt, andere wieder gehen v&ouml;llig
+oder fast v&ouml;llig unver&auml;ndert durch. So l&auml;&szlig;t z.&nbsp;B. Fensterglas einen
+gro&szlig;en Teil des Farbenspektrums, einen gro&szlig;en Teil der Sonnenstrahlung
+unver&auml;ndert durch, es ist aber eine Maschine in bezug auf
+die sogenannten Ultrastrahlen, w&auml;hrend es elektrische Energie im
+Gegensatz zu Kupfer gar nicht durchl&auml;&szlig;t. Von gewissen unorganischen
+Materien wird strahlende Energie, von anderen wieder W&auml;rme
+in chemische Energie umgesetzt. Noch weniger mannigfaltig in ihrer
+Wirkung als die nat&uuml;rlichen unorganischen Maschinen sind die von
+den Menschen gebauten Maschinen, da sie nur der Umwandlung
+<span class="spaced">einer</span> Energie f&auml;hig sind. So setzt die Dampfmaschine W&auml;rme in
+mechanische Energie um, ist aber v&ouml;llig unbrauchbar zur Umwandlung
+von mechanischer in elektrische Energie oder umgekehrt.</p>
+
+<p>Wir k&ouml;nnen also sagen: Alle Stoffe, alle Materien sind Maschinen,
+in allen werden gewisse einwirkende Energien in andere
+Formen umgewandelt. Die Zahl der umgewandelten Energien ist
+am geringsten und die Umwandlung am unvollst&auml;ndigsten in unorganischen
+<span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>
+Materien. Die Zahl der umgewandelten Energien, und
+die Vollst&auml;ndigkeit der Umwandlung w&auml;chst, wenn wir in der Entwicklungsreihe
+der Organismen aufw&auml;rts steigen.</p>
+
+<p>Nun k&ouml;nnen wir auch den wesentlichen Unterschied zwischen
+physikalischen und chemischen Vorg&auml;ngen klar fassen: physikalische
+Erscheinungen sind solche, bei denen eine Energieumwandlung mit
+Hilfe einer Materie stattfindet, z.&nbsp;B. das Schmelzen eines Metalles,
+oder das Elektrischwerden verschiedener Stoffe; dies ist vergleichbar
+einer in Gang kommenden oder im Gang befindlichen Dampfmaschine.
+Eine chemische Erscheinung dagegen ist die Herstellung einer
+neuen Maschine aus den Teilen zweier oder mehrerer alter Maschinen
+und ist daher vergleichbar dem Bau oder der Konstruktion
+einer neuen Maschine. Hier eine Maschinenfabrik, dort eine in
+Betrieb kommende oder im Betriebe stehende Maschine.</p>
+
+<p>Alles Geschehen im Weltall beruht auf diesem Aufeinanderwirken
+von Materie und Energie. In diesem ewigen Streite k&auml;mpft
+jeder der beiden K&auml;mpfer so weit, wie seine Kr&auml;fte reichen; sind
+die Kr&auml;fte des einen K&auml;mpfers ersch&ouml;pft, so mu&szlig; er sich ergeben
+oder zum mindesten nachgeben, und, auf halbem Wege dem Gegner
+entgegenkommend, sich ihm anpassen. In dieser wahrhaft ewigen,
+nie ruhenden Schlacht wird das eine durch das andere beeinflu&szlig;t, das
+eine durch das andere ver&auml;ndert. So ist die Materie der gro&szlig;e Energieumwandler,
+die Energie der gro&szlig;e Materienumwandler. Durch
+den Widerstand der Materie im elektrischen Widerstandsofen wird
+die Elektrizit&auml;t zur W&auml;rme (Energieumwandlung), durch den Einflu&szlig;
+des elektrischen Stromes wird das Wasser in Wasserstoff und
+Sauerstoff zerlegt (Materienumwandlung).</p>
+
+<p>Damit wollen wir unsere romantische Wanderung durch das
+Gebiet der Chemie beschlie&szlig;en.</p>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2>Sachregister.</h2>
+
+<p class="center spaced">
+<a href="#IX_A"><b>A</b></a> <a href="#IX_B"><b>B</b></a> <a href="#IX_C"><b>C</b></a>
+<a href="#IX_D"><b>D</b></a> <a href="#IX_E"><b>E</b></a> <a href="#IX_F"><b>F</b></a>
+<a href="#IX_G"><b>G</b></a> <a href="#IX_H"><b>H</b></a> <a href="#IX_I"><b>I</b></a>
+<a href="#IX_J"><b>J</b></a> <a href="#IX_K"><b>K</b></a> <a href="#IX_L"><b>L</b></a>
+<a href="#IX_M"><b>M</b></a> <a href="#IX_N"><b>N</b></a> <a href="#IX_O"><b>O</b></a>
+<a href="#IX_P"><b>P</b></a> <a href="#IX_Q"><b>Q</b></a> <a href="#IX_R"><b>R</b></a>
+<a href="#IX_S"><b>S</b></a> <a href="#IX_T"><b>T</b></a> <a href="#IX_V"><b>V</b></a>
+<a href="#IX_W"><b>W</b></a> <a href="#IX_X"><b>X</b></a> <a href="#IX_Z"><b>Z</b></a>
+</p>
+
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_A" name="IX_A"></a>Aggregatzustand <a href="#Page_81">81</a></li>
+<li>Ackerbauchemie <a href="#Page_55">55</a></li>
+<li>Aluminium <a href="#Page_29">29</a></li>
+<li>Analyse <a href="#Page_64">64</a></li>
+<li>Anilinfarben <a href="#Page_38">38</a></li>
+<li>Arbeit des Chemikers <a href="#Page_61">61</a></li>
+<li>Arten, Erhaltung der, <a href="#Page_51">51</a></li>
+<li>Atmosph&auml;re <a href="#Page_73">73</a>, <a href="#Page_77">77</a>, <a href="#Page_78">78</a></li>
+<li>Atomgewichte <a href="#Page_74">74</a></li>
+<li>Azetylen <a href="#Page_26">26</a>, <a href="#Page_78">78</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_B" name="IX_B"></a>Baumwolle <a href="#Page_32">32</a>, <a href="#Page_44">44</a></li>
+<li>Baeyer <a href="#Page_40">40</a></li>
+<li>Bessemerverfahren <a href="#Page_18">18</a></li>
+<li>Bittermandel&ouml;l <a href="#Page_54">54</a></li>
+<li>Blutserum <a href="#Page_49">49</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_C" name="IX_C"></a>Cumarin <a href="#Page_54">54</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_D" name="IX_D"></a>Desinfektion <a href="#Page_50">50</a></li>
+<li>Diphtherieserum <a href="#Page_50">50</a></li>
+<li>Dynamit <a href="#Page_43">43</a>, <a href="#Page_44">44</a>, <a href="#Page_68">68</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_E" name="IX_E"></a>Eisenerzeugung <a href="#Page_16">16</a></li>
+<li>Elektrochemie <a href="#Page_29">29</a></li>
+<li>Elektrostahl <a href="#Page_18">18</a></li>
+<li>Elemente <a href="#Page_63">63</a>, <a href="#Page_74">74</a></li>
+<li>Energie <a href="#Page_84">84</a></li>
+<li>Erdrinde <a href="#Page_73">73</a>, <a href="#Page_74">74</a></li>
+<li>Erfindert&auml;tigkeit <a href="#Page_67">67</a></li>
+<li>Erhaltung der Arten <a href="#Page_51">51</a></li>
+<li>Erinnerung <a href="#Page_79">79</a></li>
+<li>Erzmahlung <a href="#Page_8">8</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_F" name="IX_F"></a>F&auml;llung von Gold <a href="#Page_9">9</a></li>
+<li>F&auml;rberr&ouml;te <a href="#Page_38">38</a></li>
+<li>Farbe <a href="#Page_37">37</a></li>
+<li>Feuertr&auml;ger <a href="#Page_47">47</a></li>
+<li>Feuerwerks&auml;tze <a href="#Page_44">44</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_G" name="IX_G"></a>Galalith <a href="#Page_34">34</a></li>
+<li>Gasgl&uuml;hlicht <a href="#Page_24">24</a></li>
+<li>Gasmaschinen <a href="#Page_16">16</a>, <a href="#Page_19">19</a>, <a href="#Page_29">29</a></li>
+<li>Generatorgas <a href="#Page_28">28</a></li>
+<li>Gifte <a href="#Page_50">50</a></li>
+<li>Glas <a href="#Page_26">26</a></li>
+<li>Glanzstoff <a href="#Page_33">33</a></li>
+<li>Glyzerin <a href="#Page_44">44</a></li>
+<li>Gold <a href="#Page_6">6</a></li>
+<li>Gold im Ozean <a href="#Page_14">14</a></li>
+<li>Goldf&auml;llung <a href="#Page_9">9</a></li>
+<li>Goldsucher <a href="#Page_7">7</a></li>
+<li>Gruppierung <a href="#Page_62">62</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_H" name="IX_H"></a>Hartglas <a href="#Page_27">27</a></li>
+<li>Heliotropin <a href="#Page_54">54</a></li>
+<li>Hochofengas <a href="#Page_16">16</a>, <a href="#Page_20">20</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_I" name="IX_I"></a>Indigo <a href="#Page_37">37</a>, <a href="#Page_40">40</a></li>
+<li>Indigowei&szlig; <a href="#Page_37">37</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_J" name="IX_J"></a>Jasminduft <a href="#Page_54">54</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_K" name="IX_K"></a>Kalid&uuml;nger <a href="#Page_56">56</a>, <a href="#Page_57">57</a></li>
+<li>Kalksandstein <a href="#Page_36">36</a></li>
+<li>Kalkstickstoff <a href="#Page_59">59</a></li>
+<li>Kalziumkarbid <a href="#Page_26">26</a></li>
+<li>Kampfer <a href="#Page_34">34</a></li>
+<li>Karborundum <a href="#Page_29">29</a></li>
+<li>Kasein <a href="#Page_34">34</a></li>
+<li>Katalyse <a href="#Page_60">60</a></li>
+<li>Kautschuk <a href="#Page_34">34</a></li>
+<li>Kieselgur <a href="#Page_44">44</a></li>
+<li>Kohle <a href="#Page_27">27</a></li>
+<li>Kollodium <a href="#Page_32">32</a></li>
+<li>Krapp <a href="#Page_38">38</a>, <a href="#Page_40">40</a></li>
+<li>Kristallisation <a href="#Page_82">82</a></li>
+<li>Konservierungsmittel <a href="#Page_50">50</a></li>
+<li>Kugelm&uuml;hle <a href="#Page_8">8</a></li>
+<li>Kunstseide <a href="#Page_31">31</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_L" name="IX_L"></a>Leblanc <a href="#Page_69">69</a></li>
+<li>Leuchtgas <a href="#Page_24">24</a></li>
+<li>Licht <a href="#Page_22">22</a></li>
+<li>Luftstickstoff <a href="#Page_59">59</a></li>
+<li>Lyddit <a href="#Page_44">44</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_M" name="IX_M"></a>Martinstahl <a href="#Page_18">18</a></li>
+<li>Martinwerk <a href="#abb14">23</a></li>
+<li>Maschine <a href="#Page_84">84</a></li>
+<li>Materie <a href="#Page_84">84</a></li>
+<li>Mahlen von Erz <a href="#Page_8">8</a></li>
+<li>Medizin <a href="#Page_48">48</a></li>
+<li>Melinit <a href="#Page_44">44</a></li>
+<li>Mendelejeff <a href="#Page_76">76</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_N" name="IX_N"></a>Nitroglyzerin <a href="#Page_44">44</a></li>
+<li>Nobel <a href="#Page_68">68</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_O" name="IX_O"></a>Orangenbl&uuml;ten <a href="#Page_53">53</a></li>
+<li>Osramlampe <a href="#Page_26">26</a></li>
+<li>Ozean <a href="#Page_11">11</a>, <a href="#Page_73">73</a>, <a href="#Page_78">78</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_P" name="IX_P"></a>Papier <a href="#Page_33">33</a></li>
+<li>Periodisches System <a href="#Page_75">75</a></li>
+<li>Petroleum <a href="#Page_25">25</a>, <a href="#Page_78">78</a></li>
+<li>Pfannenproze&szlig; <a href="#Page_6">6</a></li>
+<li>Pfl&uuml;gen <a href="#Page_55">55</a></li>
+<li>Phenol <a href="#Page_44">44</a></li>
+<li>Phosphor <a href="#Page_46">46</a></li>
+<li>Phosphors&auml;ure <a href="#Page_56">56</a>, <a href="#Page_58">58</a></li>
+<li>Pikrins&auml;ure <a href="#Page_43">43</a>, <a href="#Page_44">44</a></li>
+<li>Pochwerk <a href="#Page_6">6</a></li>
+<li>Purpur <a href="#Page_38">38</a></li>
+<li>Pyrophore <a href="#Page_47">47</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_Q" name="IX_Q"></a>Quarzglas <a href="#Page_27">27</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_R" name="IX_R"></a>Riechstoffe <a href="#Page_52">52</a> ff.</li>
+<li>Rohrm&uuml;hlen <a href="#Page_8">8</a></li>
+<li>Rosenbl&uuml;ten <a href="#Page_53">53</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_S" name="IX_S"></a>Salizyls&auml;ure <a href="#Page_50">50</a>, <a href="#Page_54">54</a></li>
+<li>Salpeters&auml;ure <a href="#Page_43">43</a>, <a href="#Page_44">44</a></li>
+<li>Salpeterschwefels&auml;ure <a href="#Page_43">43</a></li>
+<li>Schie&szlig;baumwolle <a href="#Page_34">34</a>, <a href="#Page_43">43</a></li>
+<li>Schie&szlig;pulver <a href="#Page_43">43</a></li>
+<li>Schl&auml;mmen von Gold <a href="#Page_6">6</a></li>
+<li>Schwefels&auml;ure <a href="#Page_35">35</a>, <a href="#Page_60">60</a></li>
+<li>Seesalz <a href="#Page_73">73</a></li>
+<li>Seide <a href="#Page_31">31</a></li>
+<li>Seife <a href="#Page_54">54</a></li>
+<li>Serum <a href="#Page_49">49</a></li>
+<li>Soda <a href="#Page_70">70</a></li>
+<li>Sonnenstrahlung <a href="#Page_30">30</a></li>
+<li>Sprenggelatine <a href="#Page_43">43</a>, <a href="#Page_44">44</a></li>
+<li>Sprengstoffe <a href="#Page_43">43</a>, <a href="#Page_44">44</a></li>
+<li>Spektralanalyse <a href="#Page_64">64</a></li>
+<li>Stahlerzeugung <a href="#Page_18">18</a></li>
+<li>Steinkohlenteer <a href="#Page_38">38</a>, <a href="#Page_48">48</a></li>
+<li>Stickstoffd&uuml;nger <a href="#Page_56">56</a>, <a href="#Page_59">59</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_T" name="IX_T"></a>Tantallampe <a href="#Page_26">26</a></li>
+<li>Teerfarben <a href="#Page_38">38</a>, <a href="#Page_40">40</a></li>
+<li>Terpineol <a href="#Page_54">54</a></li>
+<li>Thomasstahl <a href="#Page_68">68</a></li>
+<li>Thomasmehl <a href="#Page_58">58</a></li>
+<li>Tod <a href="#Page_80">80</a>, <a href="#Page_82">82</a></li>
+<li>Transporteinrichtungen <a href="#Page_28">28</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_V" name="IX_V"></a>Vanillin <a href="#Page_54">54</a></li>
+<li>Veilchenbl&uuml;ten <a href="#Page_53">53</a></li>
+<li>Verbindung von Stoffen <a href="#Page_66">66</a></li>
+<li>Veredlung <a href="#Page_22">22</a>, <a href="#Page_33">33</a></li>
+<li>Viskose <a href="#Page_33">33</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_W" name="IX_W"></a>Wahlverwandtschaft <a href="#Page_65">65</a></li>
+<li>Walzwerk <a href="#Page_20">20</a></li>
+<li>Waschen von Gold <a href="#Page_6">6</a></li>
+<li>Wasserkraft <a href="#Page_29">29</a></li>
+<li>Wehrkraft <a href="#Page_82">82</a></li>
+<li>Wintergr&uuml;n&ouml;l <a href="#Page_54">54</a></li>
+<li>Wolframlampe <a href="#Page_26">26</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_X" name="IX_X"></a>Xylolith <a href="#Page_36">36</a></li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_Z" name="IX_Z"></a>Zelluloid <a href="#Page_34">34</a></li>
+<li>Zinksp&auml;ne <a href="#Page_9">9</a></li>
+<li>Z&uuml;ndstoffe <a href="#Page_45">45</a></li>
+<li>Zyanidverfahren <a href="#Page_8">8</a></li>
+</ul>
+
+
+
+
+<div class="footnotes">
+<p class="title big">Fu&szlig;noten:</p>
+
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> &Uuml;ber die vielseitige Verwendung der Salpeters&auml;ure und der Salpeterschwefels&auml;ure
+in der Sprengstoffabrikation wie in der chemischen Technik
+&uuml;berhaupt gibt die beifolgende Tabelle aus dem &bdquo;Deutschen Museum&ldquo;
+Aufschlu&szlig;:</p>
+<div>
+<a name="tab_p43" id="tab_p43"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 800px;">
+<img src="images/tab_p43.png" width="800" height="472" alt="Verwendung der Salpeters&auml;ure" title="" />
+<span class="caption"><a href="images/tab_p43_big.png">Gr&ouml;&szlig;ere Darstellung: bitte hier klicken</a></span>
+</div>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Geitel, Siegeslauf der Technik.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Siehe Nagel, Die Welt als Arbeit, Stuttgart, 1909.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+
+
+<div class="anhang">
+
+
+<p class="title big">Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart</p>
+
+
+<p>Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit
+die Freude an der Natur und das Verst&auml;ndnis ihrer Erscheinungen in den
+weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten.&nbsp;&ndash; Dieses Ziel glaubt die
+Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu
+erreichen mittels des</p>
+
+<p class="center"><b>Kosmos</b>, Handweiser f&uuml;r Naturfreunde<br />
+J&auml;hrlich 12 Hefte. Preis M&nbsp;2.80;<br /></p>
+
+<p>ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfa&szlig;ter, im guten
+Sinne gemeinverst&auml;ndlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es
+erscheinen im Vereinsjahr 1914 (&Auml;nderungen vorbehalten):</p>
+
+<ul class="kosmos">
+ <li><b>Wilh. B&ouml;lsche, Tierwanderungen in der Urwelt.</b>
+ <ul class="kosmos">
+ <li>Reich illustriert. Geheftet M&nbsp;1.&ndash; = K&nbsp;1.20 h&nbsp;&ouml;.&nbsp;W.</li>
+ </ul></li>
+ <li><b>Dr. Kurt Floericke, Meeresfische.</b>
+ <ul class="kosmos">
+ <li>Reich illustriert. Geheftet M&nbsp;1.&ndash; = K&nbsp;1.20 h&nbsp;&ouml;.&nbsp;W.</li>
+ </ul></li>
+ <li><b>Dr. Alexander Lipsch&uuml;tz, Warum wir sterben.</b>
+ <ul class="kosmos">
+ <li>Reich illustriert. Geheftet M&nbsp;1.&ndash; = K&nbsp;1.20 h&nbsp;&ouml;.&nbsp;W.</li>
+ </ul></li>
+ <li><b>Dr. Fritz Kahn, Die Milchstra&szlig;e.</b>
+ <ul class="kosmos">
+ <li>Reich illustriert. Geheftet M&nbsp;1.&ndash; = K&nbsp;1.20 h&nbsp;&ouml;.&nbsp;W.</li>
+ </ul></li>
+ <li><b>Dr. Oskar Nagel, Romantik der Chemie.</b>
+ <ul class="kosmos">
+ <li>Reich illustriert. Geheftet M&nbsp;1.&ndash; = K&nbsp;1.20 h&nbsp;&ouml;.&nbsp;W.</li>
+ </ul></li>
+</ul>
+
+<p>Diese Ver&ouml;ffentlichungen sind durch <span class="spaced">alle Buchhandlungen</span> zu beziehen;
+daselbst werden Beitrittserkl&auml;rungen (Jahresbeitrag nur M&nbsp;4.80) zum <b>Kosmos,
+Gesellschaft der Naturfreunde</b> (auch nachtr&auml;glich noch f&uuml;r die Jahre 1904/13
+unter den gleichen g&uuml;nstigen Bedingungen), entgegengenommen. (Satzung,
+Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen Werke usw. siehe am Schlusse
+dieses Werkes.)</p>
+
+<p>Gesch&auml;ftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.</p>
+
+<hr style="width: 100%;" />
+
+
+
+
+<p class="title big">Naturwissenschaftliche Bildung ist die Forderung des Tages!</p>
+
+
+<p>Zum Beitritt in den &bdquo;Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde&ldquo;, laden wir</p>
+
+<p class="center"><b>alle Naturfreunde</b></p>
+
+<p>jeden Standes, sowie alle <span class="spaced">Schulen, Volksb&uuml;chereien, Vereine usw.</span> ein.&nbsp;&ndash;
+Au&szlig;er dem geringen</p>
+
+<p class="center"><b><span class="spaced">Jahresbeitrag von nur M&nbsp;4.80</span></b></p>
+
+<p>(Beim Bezug durch den Buchhandel 20&nbsp;Pf. Bestellgeld, durch die Post Porto
+besonders.)</p>
+
+<p>= K&nbsp;5.80 h&nbsp;&ouml;.&nbsp;W.&nbsp;= Frs&nbsp;6.40 erwachsen dem Mitglied <b>keinerlei</b>
+Verpflichtungen, dagegen werden ihm folgende <span class="spaced">gro&szlig;e Vorteile geboten</span>:</p>
+
+<p>Die Mitglieder erhalten laut &sect;&nbsp;5 als Gegenleistung f&uuml;r ihren Jahresbeitrag
+im Jahre 1914 <b>kostenlos</b>:</p>
+
+<p><b>I. Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser f&uuml;r Naturfreunde.</b> Reich
+illustr. Mit mehreren Beibl&auml;ttern (siehe S.&nbsp;3 des Prospektes). Preis
+f&uuml;r Nichtmitglieder M&nbsp;2.80.</p>
+
+<p><b>II. Die ordentlichen Ver&ouml;ffentlichungen.</b><br />
+Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M&nbsp;1.&ndash; pro Band.</p>
+
+<ul class="kosmos">
+<li><b>Wilhelm Boelsche, Tierwanderungen in der Urwelt.</b></li>
+<li><b>Dr. Kurt Floericke, Meeresfische.</b></li>
+<li><b>Dr. Alexander Lipsch&uuml;tz, Warum wir sterben.</b></li>
+<li><b>Dr. Fritz Kahn, Die Milchstra&szlig;e.</b></li>
+<li><b>Dr. Oskar Nagel, Die Romantik der Chemie.</b></li>
+</ul>
+
+<p>&Auml;nderungen vorbehalten. (N&auml;heres wird im Kosmos-Handweiser bekanntgegeben.)</p>
+
+<p><b>III. Verg&uuml;nstigungen beim Bezuge von hervorragenden naturwissenschaftlichen
+Werken</b> (siehe Seite&nbsp;7 des Prospektes).</p>
+
+<p><img src="images/hand.png" width="30" height="16" alt="Hand" /> <span class="spaced">Jede Buchhandlung</span> nimmt Beitrittserkl&auml;rungen entgegen und besorgt die
+Zusendung. Gegebenenfalls wende man sich an die Gesch&auml;ftsstelle des Kosmos
+in Stuttgart.</p>
+
+<p class="center"><b>Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.</b></p>
+
+<p class="center"><b>Bereits Erschienenes wird nachgeliefert.</b></p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Romantik der Chemie, by Oskar Nagel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ROMANTIK DER CHEMIE ***
+
+***** This file should be named 27254-h.htm or 27254-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/7/2/5/27254/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
diff --git a/27254-h/images/abb01.jpg b/27254-h/images/abb01.jpg
new file mode 100644
index 0000000..c1066c6
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb01.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb02.jpg b/27254-h/images/abb02.jpg
new file mode 100644
index 0000000..adbfb0f
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb02.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb03.jpg b/27254-h/images/abb03.jpg
new file mode 100644
index 0000000..f812297
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb03.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb04.jpg b/27254-h/images/abb04.jpg
new file mode 100644
index 0000000..db48377
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb04.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb05.jpg b/27254-h/images/abb05.jpg
new file mode 100644
index 0000000..209fe2b
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb05.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb06.jpg b/27254-h/images/abb06.jpg
new file mode 100644
index 0000000..7c271f6
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb06.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb07.jpg b/27254-h/images/abb07.jpg
new file mode 100644
index 0000000..e19d9c0
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb07.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb08.jpg b/27254-h/images/abb08.jpg
new file mode 100644
index 0000000..a9cdad7
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb08.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb09.jpg b/27254-h/images/abb09.jpg
new file mode 100644
index 0000000..7ba299d
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb09.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb10.jpg b/27254-h/images/abb10.jpg
new file mode 100644
index 0000000..adfec2f
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb10.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb11.jpg b/27254-h/images/abb11.jpg
new file mode 100644
index 0000000..c3dde77
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb11.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb12.jpg b/27254-h/images/abb12.jpg
new file mode 100644
index 0000000..55073ab
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb12.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb13.jpg b/27254-h/images/abb13.jpg
new file mode 100644
index 0000000..065f687
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb13.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb14.jpg b/27254-h/images/abb14.jpg
new file mode 100644
index 0000000..62c3cb8
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb14.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb15.jpg b/27254-h/images/abb15.jpg
new file mode 100644
index 0000000..33c4516
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb15.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb16.jpg b/27254-h/images/abb16.jpg
new file mode 100644
index 0000000..e848124
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb16.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb17.jpg b/27254-h/images/abb17.jpg
new file mode 100644
index 0000000..5a59998
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb17.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb18.jpg b/27254-h/images/abb18.jpg
new file mode 100644
index 0000000..50d1d29
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb18.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb19.jpg b/27254-h/images/abb19.jpg
new file mode 100644
index 0000000..c4ab68c
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb19.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb20.jpg b/27254-h/images/abb20.jpg
new file mode 100644
index 0000000..56732e9
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb20.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb21.jpg b/27254-h/images/abb21.jpg
new file mode 100644
index 0000000..2404f58
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb21.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb22.jpg b/27254-h/images/abb22.jpg
new file mode 100644
index 0000000..e7a49ab
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb22.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb23.jpg b/27254-h/images/abb23.jpg
new file mode 100644
index 0000000..6edc07b
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb23.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb24.jpg b/27254-h/images/abb24.jpg
new file mode 100644
index 0000000..9285e0d
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb24.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb25.jpg b/27254-h/images/abb25.jpg
new file mode 100644
index 0000000..05dd61e
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb25.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/abb26.jpg b/27254-h/images/abb26.jpg
new file mode 100644
index 0000000..e69d8d9
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/abb26.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/decoration.png b/27254-h/images/decoration.png
new file mode 100644
index 0000000..e1f7578
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/decoration.png
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/hand.png b/27254-h/images/hand.png
new file mode 100644
index 0000000..35c062d
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/hand.png
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/signet.png b/27254-h/images/signet.png
new file mode 100644
index 0000000..15ac517
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/signet.png
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/tab_p35.png b/27254-h/images/tab_p35.png
new file mode 100644
index 0000000..2136631
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/tab_p35.png
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/tab_p35_big.png b/27254-h/images/tab_p35_big.png
new file mode 100644
index 0000000..9f242eb
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/tab_p35_big.png
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/tab_p39.jpg b/27254-h/images/tab_p39.jpg
new file mode 100644
index 0000000..ac7c5d5
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/tab_p39.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/tab_p39_big.jpg b/27254-h/images/tab_p39_big.jpg
new file mode 100644
index 0000000..8882302
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/tab_p39_big.jpg
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/tab_p43.png b/27254-h/images/tab_p43.png
new file mode 100644
index 0000000..9ca3d54
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/tab_p43.png
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/tab_p43_big.png b/27254-h/images/tab_p43_big.png
new file mode 100644
index 0000000..270555c
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/tab_p43_big.png
Binary files differ
diff --git a/27254-h/images/title.jpg b/27254-h/images/title.jpg
new file mode 100644
index 0000000..bc6f65f
--- /dev/null
+++ b/27254-h/images/title.jpg
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..1169be7
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #27254 (https://www.gutenberg.org/ebooks/27254)