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+ The Project Gutenberg eBook of Engelhart Ratgeber, by Jakob Wassermann
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+The Project Gutenberg EBook of Engelhart Ratgeber, by Jakob Wassermann
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Engelhart Ratgeber
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+Author: Jakob Wassermann
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+Release Date: August 23, 2008 [EBook #26402]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ENGELHART RATGEBER ***
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<h1>Engelhart Ratgeber</h1>
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+<p class="details">Roman<br />
+<small>von</small></p>
+<p class="author">Jakob Wassermann</p>
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+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel</h2>
+
+
+<p class="newsection"><span class="dropcap">E</span>ngelharts erste Kindheitserinnerung kn&uuml;pfte sich
+an eine Feuersbrunst. Die Mutter sa&szlig; am
+offenen Fenster, und der Knabe spielte zu
+ihren F&uuml;&szlig;en in der N&auml;he eines Kochtopfes, in dessen
+Innern sich &Uuml;berreste von Pflaumenmus befanden.
+Da wurde Frau Ratgeber durch einen Aufschrei von der
+Gasse veranla&szlig;t, zum Fenster hinauszuschauen. Neugierig
+kletterte Engelhart auf einen Stuhl, beugte sich
+&uuml;ber das Sims und sah, von der Mutter beim
+&Auml;rmel festgehalten, eine ragende Feuers&auml;ule, die fern
+aus der Tiefe der Stra&szlig;e emporscho&szlig;. Nachdem er
+das Schauspiel mit erstaunten Blicken betrachtet, kehrte
+er wieder zum Fu&szlig;boden zur&uuml;ck und benutzte die
+anderswo hingelenkte Aufmerksamkeit der Mutter,
+um aus dem Pflaumentopf ein paar Fingerspitzen
+voll zu naschen.</p>
+
+<p>Am folgenden Tag um die D&auml;mmerungszeit nahm
+er ein kleines Spielh&auml;uschen, begab sich damit und
+mit Z&uuml;ndh&ouml;lzern versehen in den abgelegensten Winkel
+des Hofes, scharrte einen Sandh&uuml;gel zusammen, trug
+Sp&auml;ne herbei und machte im Innern seines Geb&auml;udes
+Feuer an. Die Flammen schlugen j&auml;h aus dem
+kleinen Tor heraus, die durch rote Farbenflecke angedeuteten
+Fensterchen begannen zu zerflie&szlig;en, der
+ganze Hof lag in lichterlohem Schein. Bald kamen
+Leute gelaufen, die den Miniaturbrand l&ouml;schten und
+den Knaben verpr&uuml;gelten.</p>
+
+<p>Im Erdgescho&szlig; des Hauses befand sich eine Gastwirtschaft.
+Jede Nacht drang der Zecher L&auml;rm herauf,
+nicht selten kam es zu einer Schl&auml;gerei, und ein
+Gestochener br&uuml;llte die schlafenden Bewohner wach.
+Schlimmer war f&uuml;r Engelhart das allw&ouml;chentliche
+Schweineschlachten. Das Todesgeschrei schnitt ihm
+furchtbar durch die Brust, seine Phantasie war damit
+belastet, sein Denken wurde verdunkelt, und wenn das
+Tier unter dem letzten Messerstich ersterbend wimmerte,
+schlich Engelhart totenbleich in die Kleiderkammer,
+ri&szlig; eine Schrankt&uuml;r auf und steckte den Kopf zwischen
+die h&auml;ngenden Gew&auml;nder. Es war ein Gl&uuml;ck, da&szlig;
+seine Eltern, kurz nachdem er f&uuml;nf Jahre alt geworden
+war, in die nahegelegene Theatergasse verzogen.</p>
+
+<p>In jenem Sommer heiratete die j&uuml;ngste von Frau
+Ratgebers Schwestern. Da die Hochzeit in Karlstadt
+stattfand, einem uralten &Ouml;rtchen am Main, reisten
+Herr und Frau Ratgeber dorthin und nahmen Engelhart
+mit, w&auml;hrend die beiden kleineren Geschwister,
+die dreij&auml;hrige Gerda und der kaum ein Jahr alte
+Abel, unter der Obhut einer treuen Magd zu Hause
+blieben. Es war ein d&uuml;ster bew&ouml;lkter Tag. Der
+Knabe blickte mit dankbarem Gef&uuml;hl auf den Vater,
+der, kaum da&szlig; die Fahrt begonnen hatte, ein gebratenes
+Huhn aus der Reisetasche nahm und mit dem
+ihm eignen seltsam verlegenen Schmunzeln verzehrte.
+Frau Agathe sa&szlig; versonnen da, bisweilen warf sie
+einen fl&uuml;chtigen Blick auf die Landschaft hinaus.</p>
+
+<p>Das Hotel, in dem sie zu sp&auml;ter Nacht ankamen,
+war ein fr&uuml;heres Kloster und hatte weitgew&ouml;lbte
+R&auml;ume. Engelhart wurde in ein entlegenes Gemach
+gef&uuml;hrt, wo vier Betten standen. Im blassen Kerzenlicht
+sah er mit verschlafenen Augen drei M&auml;dchengestalten,
+und man erkl&auml;rte ihm, da&szlig; es seine Cousinen
+aus Gunzenhausen seien. Die M&auml;dchen fl&uuml;sterten und
+lachten, endlich trat die j&uuml;ngste, die schon im Hemde
+war, vor ihn hin und sagte, es schicke sich nicht, da&szlig;
+Knaben bei den M&auml;dchen schliefen. Er kroch in einen
+Mauerwinkel, um sich in Eile zu entkleiden, dann
+setzte sich Frau Ratgeber zu ihm an den Bettrand,
+es wurde noch eine Weile hin und her gesprochen,
+Engelhart sah einen haarumwallten M&auml;dchenkopf, der
+sich &uuml;ber die Schulter seiner Mutter beugte, und,
+schon auf der Schwelle des Schlummers taumelnd,
+starrte er noch einmal in das &uuml;berm&uuml;tige Gesicht seiner
+j&uuml;ngsten Vetterin.</p>
+
+<p>Am andern Tag war die Hochzeit. W&auml;hrend der
+<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>Trauung h&ouml;rte man die Braut weinen, es schien, als
+ahne sie ihr trauriges Schicksal voraus, w&auml;hrend der
+Br&auml;utigam, Herr Peter Salomon Curius, selbstbewu&szlig;t
+und h&ouml;hnisch l&auml;chelnd um sich blickte. Die Sache
+war die, da&szlig; es kein Gesch&ouml;pf auf Gottes Erdboden
+gab, dem er sich nicht &uuml;berlegen gef&uuml;hlt h&auml;tte.</p>
+
+<p>Als das Hochzeitsmahl zu Ende war, wurde
+Engelhart mit den andern Kindern ins Freie geschickt.
+Es war ein lieblicher Garten hinter dem Haus, voll
+Apfel- und Kirschenb&auml;umen. In dem dumpfen Trieb
+aufzufallen, sonderte sich Engelhart von der Gesellschaft
+ab und schritt in einer den Erwachsenen abgelauschten
+Gangart in der Tiefe des Gartens hin
+und her. Was ihm unbewu&szlig;t dabei vorgeschwebt
+hatte, geschah; die j&uuml;ngste Cousine folgte ihm, stellte
+sich ihm gegen&uuml;ber und blitzte ihn mit dunkeln Augen
+schweigend an. Nach einer Weile fragte Engelhart um
+ihren Namen, den er wohl schon einige Male geh&ouml;rt,
+aber nicht eigentlich begriffen hatte. Sie hie&szlig; Esmeralda,
+nach der Frau des Onkels Michael in Wien,
+und man rief sie Esmee. Dieser Umstand erweckte
+von neuem Engelharts prickelnde Eifersucht, und er
+fing an, prahlerische Reden zu f&uuml;hren. Der L&uuml;gengeist
+kam &uuml;ber ihn, zum Schlu&szlig; stand er seinem
+wahnvollen Gerede machtlos gegen&uuml;ber, und Esmee,
+die ihn verwundert angestarrt hatte, lief sp&ouml;ttisch
+lachend davon.</p>
+
+<p>Um diese Zeit fa&szlig;ten seine Eltern den Beschlu&szlig;,
+ihn, obwohl er zum pflichtm&auml;&szlig;igen Schulbesuch noch
+ein Jahr Zeit hatte, in eine Vorbereitungsklasse zu
+schicken, die ein alter Lehrer namens Herschkamm
+leitete. Herr Ratgeber, der gro&szlig;e St&uuml;cke auf Engelharts
+Begabung hielt und gro&szlig;e Erwartungen von
+seiner Zukunft hegte, war ungeduldig, ihn in den
+Kreis des Lebens eintreten, von der Quelle des
+Wissens trinken zu sehen. Er dachte an seine eigne
+entbehrungs- und m&uuml;hevolle Jugend. Noch in den
+ersten Jahren seiner Ehe liebte er gehaltvolle Gespr&auml;che
+und gute B&uuml;cher und bewahrte eine schw&auml;rmerische
+Achtung f&uuml;r alles, was ihm geistig versagt und
+durch &auml;u&szlig;erliche Umst&auml;nde vorenthalten blieb.</p>
+
+<p>Nun war der alte Herschkamm ein seltsam gew&auml;hlter
+Pf&ouml;rtner an den Toren der Bildung, ein
+dicker kleiner Greis mit dem Wesen eines betrunkenen
+Kobolds. Er hielt sich best&auml;ndig f&uuml;r &uuml;berlistet und
+tanzte in Anf&auml;llen grenzenloser Wut von einem Ende
+der winzigen Schulstube zum andern; dabei hielt er
+einen langen Flederwisch in der Hand, mit dem er
+ein geisterhaftes Ger&auml;usch machte, er spie und gurgelte,
+stampfte, klopfte, br&uuml;llte, und alles etwa um ein
+harmloses Wort. Das Schauspiel f&uuml;llte Engelharts
+Herz mit Bangigkeit, doch bald war er daran gew&ouml;hnt
+und heckte mit den andern freche Streiche aus.
+Ein beliebtes Vergn&uuml;gen war es, da&szlig; w&auml;hrend des
+Unterrichts und w&auml;hrend der kurzsichtige Herschkamm
+seine Figuren an die Tafel malte, einer um den
+andern seinen Platz verlie&szlig; und sich zur T&uuml;re hinausstahl,
+so da&szlig; schlie&szlig;lich nur noch zwei oder drei lautlos
+grinsend dasa&szlig;en. Dann begann das Tanzen
+und Fauchen, der Flederwisch wurde hervorgezogen,
+der Alte sauste hinaus und trieb die Schar vor sich
+her wie ein bellender Hund das gackernde Gefl&uuml;gel.
+Das Wunderbare war, da&szlig; dieses w&uuml;tigtolle M&auml;nnchen
+sonst in jeder Beziehung ein sanftes, ja dem&uuml;tiges
+Benehmen zeigte. Er lebte mit einer uralten Schwester,
+und oftmals, an Sonntagen und sch&ouml;nen Sommerabenden,
+sah man die beiden Arm in Arm friedlich
+und den Bekannten zul&auml;chelnd durch die Alleen am
+Bahnhof trippeln.</p>
+
+<p>Der Weg nach Herschkamms Schule f&uuml;hrte Engelhart
+am st&auml;dtischen Waisenhaus vor&uuml;ber, und t&auml;glich
+sah er die Waisenknaben, schwarz gekleidet, mit schwarzen
+M&uuml;tzen und bleichen Gesichtern in Hof und Garten
+wandeln, ein auffallendes Gegenbild zu der Ungebundenheit
+und dem rohen &Uuml;bermut seiner Kameraden. Bisweilen
+begegnete er ihnen, wenn sie in langem Zug
+durch die Stra&szlig;en gingen; ihr leiser Gang, ihr
+murmelndes Sprechen, ihr scheues Auge bedr&uuml;ckten
+und erschreckten ihn, oft sah er im Traum den langen
+Zug vor&uuml;berziehen, schwarz und bleich wie Kadetten
+des Todes.</p>
+
+<p>Zu solchen Bildern gesellten sich Erz&auml;hlungen und
+M&auml;rchen. Ratgebers hatten seit Jahren eine Magd
+namens Ketti, und von dieser wurde Engelhart sehr
+geliebt. Sie stammte aus Heilbronn und hatte neben
+fr&auml;nkischer Herbheit auch das Gem&uuml;thafte und Phantasievolle,
+das dem schw&auml;bischen Wesen eignet. Um die
+D&auml;mmerungsstunde, am liebsten im Winter und sp&auml;ten
+Herbst, wenn die Arbeit getan war und die K&uuml;che
+vom Glanz der geputzten Geschirre strahlte, nahm sie
+den Knaben bei der Hand, kauerte mit ihm zum
+Ofen, und w&auml;hrend sie aus Holzscheiten Sprei&szlig;el ri&szlig;
+und die St&uuml;cke behutsam vor sich hinlegte, erz&auml;hlte
+sie ihre Geschichten. Es war gut, da&szlig; in der Person
+der Magd das Volk zu ihm redete und seine vielfache,
+zu Sage und Gedicht verwebte Not und Lust,
+aber es war schlimm, da&szlig; ihm auf andre Weise die
+Wirklichkeit entr&uuml;ckt ward und da&szlig; er sich selber zum
+Gegenstand phantastischer Vorstellungen machte. Er
+schuf sich den Wahn, da&szlig; er ein Kind von k&ouml;niglicher
+Abkunft sei, da&szlig; ihm der Thron vorenthalten werden
+solle und da&szlig; Abenteuer gef&auml;hrlicher Art ihn einst
+auf dem Weg seiner Sendung erwarteten. Es kam
+so weit, da&szlig; er der Eltern in mitleidiger Herablassung
+gedachte und den Geschwistern durch einen beziehungsvollen
+Hochmut unleidlich wurde. Jedes Geringf&uuml;gige<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>
+gewann einen besonderen Glanz, schon allein das
+blo&szlig;e Hinrollen von Tag und Nacht, und Sinnloses
+erhielt tiefen Sinn. Frau Ratgeber hatte einen Verwandten
+in der Stadt, einen alten Sonderling namens
+Zederholz, man nannte ihn kurzweg Vetter Zederholz.
+Er kam oft an Sonntagen zu Besuch, wobei er sich
+der Mutter gegen&uuml;ber mit veralteter Galanterie geb&auml;rdete;
+Engelhart aber reichte er jedesmal mit einer
+leichten Verbeugung die Hand und sagte mit dem
+Ausdruck feierlicher Hochachtung, wobei er den Zeigefinger
+hob: &raquo;Engelhart ist eine Kapazit&auml;t.&laquo; Obwohl
+der Knabe nicht wu&szlig;te, was das Wort zu bedeuten
+habe, legte er es in der f&uuml;r seine Einbildung g&uuml;nstigsten
+Weise aus und schm&uuml;ckte sich damit.</p>
+
+<p>Seine Mutter konnte den Hirngespinsten wenig
+entgegensetzen, denn ihre zur&uuml;ckhaltende und geschehenlassende
+Natur war &uuml;berhaupt nicht geeignet, gegen
+so bestimmte und absurde Neigungen anzuk&auml;mpfen.
+Frau Agathe verkehrte selten mit andern Frauen, sie
+war viel allein und wurde von schlimmen Ahnungen
+geplagt. Sie hatte etwas Fernhaltendes f&uuml;r Menschen,
+sei es durch ihre Sch&ouml;nheit &ndash; man nannte sie die
+sch&ouml;nste Frau von Franken&nbsp;&ndash;, sei es durch eine angeborene
+Traurigkeit des Herzens. Herr Ratgeber
+konnte sich nur in seinen Ausruhestunden lebhafter des
+Sohnes annehmen. Er war &uuml;ber den gr&ouml;&szlig;ten Teil
+des Jahres auf Reisen, die M&uuml;hseligkeit der Gesch&auml;fte
+stumpfte ihn ab. Er war noch immer von ungeheuern
+Hoffnungen f&uuml;r die Zukunft erf&uuml;llt, obwohl
+ihm nichts Rechtes gelingen wollte. Er war
+immer voll von Pl&auml;nen, Pl&auml;ne und Entw&uuml;rfe besa&szlig;en
+eine au&szlig;erordentliche Macht &uuml;ber sein Gem&uuml;t,
+aber etwas verkettete, verstrickte ihn, er blieb im Kleinen
+stecken und kam nicht vom Pfennig los. Der best&auml;ndig
+sich erneuernde Kummer dar&uuml;ber trug dazu
+bei, die Stimmung zwischen ihm und seinem Weibe
+zu verdunkeln, der Ehrgeiz hielt ihn ab, sich mit
+v&ouml;lliger Offenheit zu geben, und jenes edlere, der
+gr&ouml;bsten Notdurft abgewandte Dasein, von dem sie
+beide vielleicht getr&auml;umt, blieb eben ein Traum. Frau
+Agathe lie&szlig; sich nichts merken, alles Leiden pre&szlig;te sie
+in ihr d&auml;mmerndes Innere zur&uuml;ck, nur bisweilen, etwa
+in einem Brief an ihre Geschwister, brach es wie ein
+fahler Blitz hervor, gegen ihren Willen und sie selbst
+erschreckend.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2>
+
+
+<p class="newsection"><span class="dropcap">N</span>och war der Knabe im Schlaf, im tiefen Schlaf
+des Unbewu&szlig;tseins, und h&ouml;chstens ein Traum lie&szlig;
+ihn Leben ahnen. Spiel war ihm alles, Spieltrieb
+erf&uuml;llte ihn ganz. Abends, wenn er schon im
+Bette war, die Mutter sa&szlig; bei der Lampe und n&auml;hte,
+spielte er mit Stahlfedern, gebrauchten Z&uuml;ndh&ouml;lzern
+und einigen Bleisoldaten folgendes Spiel. Er hielt
+die Knie unter dem Deckkissen so gespreizt, da&szlig; dieses
+allerlei Erh&ouml;hungen, Falten und Mulden bildete, und
+darin sah er ein unheimlich zerkl&uuml;ftetes Gebirge mit
+finsteren Schluchten und schroffen Gipfeln. Die
+S&ouml;ldnerscharen begingen die H&ouml;hen und Tiefen und
+k&auml;mpften mit Zwergen und wilden Tieren; vom gespensterhaften
+Schein der Lampe bestrahlt, schwebten
+Feen &uuml;ber das Bettgebirge, und den Schlu&szlig; bildete
+ein gewaltiges Erdbeben, die Geister und Soldaten
+flehten um Gnade, aber Engelhart war gesonnen, die
+Rolle des Weltensch&ouml;pfers folgerichtig zu vollenden,
+mitleidlos fielen seine Knie nieder, und das malerische
+Felsenland ward zur &ouml;den Ebene, Weltennacht brach
+ein. Oft ermahnte die Mutter zum Schlaf, oder
+Ketti kam und warf eine moralische Bemerkung hin,
+w&auml;hrend sie mit der Herrin die Ausgaben verrechnete.
+Bevor Frau Agathe in ihr Schlafzimmer ging, pflegte
+sie eine Weile zu ruhen und zu denken, ihr Kopf mit
+der hohen Haarkrone beugte sich herab und ein Seufzer
+war das Ende ihres Sinnens. Woran mochte sie
+denken? An ihre Einsamkeit? An den fr&uuml;hen Tod?</p>
+
+<p>Bald wurde an Engelhart eine &uuml;bergro&szlig;e Begehrlichkeit
+bemerkbar, und er glaubte nur in die
+Welt gesetzt zu sein, um ihre Sch&auml;tze an seine Brust
+zu dr&uuml;cken, liebend oder hassend. Wo h&auml;tte er auch
+Grenzen finden sollen? Das Auge ist uners&auml;ttlich.
+Einmal hing er seine Lust an eine Orange. Orangen
+waren teuer, man konnte sie nur beim Konditor haben,
+aber Engelhart wu&szlig;te Rat. Er ging um jene Zeit
+schon in die &ouml;ffentliche Schule und erhielt jeden
+Morgen von der Mutter drei Pfennige zum Vesperbrot.
+Er berechnete, da&szlig; er siebenmal kein Brot
+kaufen d&uuml;rfe, um in den Besitz der Orange zu gelangen.
+Das Geld versteckte er in einem heimlichen
+Winkel, und als die Frist verstrichen war, schlich er
+aufgeregt und eilig zum Konditor. Es gab ein vielfaches
+Geklapper, als er seine Kupferm&uuml;nzen auf den
+Steintisch legte. Nun geschah es, da&szlig; pl&ouml;tzlich sein
+Vater vor ihm stand, als er den Laden verlie&szlig;. Herr
+Ratgeber sagte nichts und Engelhart auch nichts; jeder
+merkte an des andern Schweigen, wie die Sache stand.
+Herr Ratgeber l&ouml;ste die m&uuml;hsam erworbene Frucht
+aus der umklammernden Hand des Knaben; vom Hause
+gegen&uuml;ber sah der Major Friedlein zu, der Tag f&uuml;r
+Tag von morgens bis abends aus dem Fenster lehnte,
+eine lange Pfeife rauchte und in seinem pechschwarzen
+Bart aussah finster wie das Gewissen der ganzen
+Stadt. Zuhause gab es ein scharfes Verh&ouml;r und
+Vorw&uuml;rfe, auch von der Mutter. Das w&auml;re in Ordnung
+gewesen, aber von seiner Orange bekam er nichts
+mehr zu sehen, und es ritzte ihn wie ein giftiger
+Stachel das Gef&uuml;hl erlittener Ungerechtigkeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>Kurz danach war Weihnachten, und Engelhart
+begab sich mit Bruder und Schwester auf die Christbaumbesuche.
+Da sie Juden waren, hatten sie keinen
+Baum zu Hause, aber mitten unter protestantischen
+Christen lebend, blitzte die fremde Festtagslust in ihre
+&ouml;den Zimmer, und Sehnsucht trieb sie fort. Wie
+Bettelkinder gingen sie von T&uuml;r zu T&uuml;r, wurden
+&uuml;berall wohl aufgenommen und mit Lebkuchen und
+N&uuml;ssen beschenkt. Am liebsten verweilte Engelhart
+dann bei Webers unten im Haus. Da waren zwei
+Schwestern, Thekla und Selma. Sie waren Waisen
+und wohnten allein bei der Gro&szlig;mutter. Die Mutter
+hatte sie unehelichen Standes geboren und hatte ein
+abenteuerndes Leben durch Selbstmord geendet. Die
+alte Frau Weber war wunderlich; sie war sehr dick
+und ha&szlig;te die Menschen. Da&szlig; sie Engelhart und
+seine Geschwister an den Weihnachtstagen zu sich lud,
+geschah aus einer Vorliebe, die sie f&uuml;r Frau Ratgeber
+hegte. Aber sie lie&szlig; nicht alle drei zu gleicher Zeit
+ein; eins mu&szlig;te nach dem andern kommen und durfte
+nicht l&auml;nger als eine Stunde bleiben. In den Zimmern
+hatte alles ein geheimnisvolles Aussehen. Die
+Schwestern spielten still vor sich hin, die Gro&szlig;mutter
+sa&szlig; auf einem erh&ouml;hten Tritt beim Fenster und las
+in einem dicken Buch, auf dem Weihnachtsbaum
+strahlten die Kerzenflammen wie zuckende Sternchen.</p>
+
+<p>Thekla war ein robustes Gesch&ouml;pf, das den ganzen
+Tag arbeitete, kochte, Wasser schleppte und die B&ouml;den
+fegte. Die sechsj&auml;hrige Selma war dagegen zart und
+fein. Stirn, Wangen und H&auml;nde waren wei&szlig; an
+ihr, auch die Haare waren beinahe wei&szlig;. Ihr Anblick
+erschreckte Engelhart. &Auml;hnliches sp&uuml;rte er in der
+Nacht, wenn er aufwachend die Ruhe der Welt bis
+ins Herz empfand und hinaushorchend in ihrer Grenzenlosigkeit
+sich nie zurechtzufinden f&uuml;rchtete. Einmal
+kam er an einem Winternachmittag von der Schule
+zur&uuml;ck und fand niemand daheim. Er l&auml;utete mehrmals,
+die Glocke schrillte wie Gebell durchs Haus,
+schlie&szlig;lich schritt er langsam besinnend die Treppe
+hinab, und da er das Gatter bei Webers offen stehen
+sah, ging er hinein, um zu fragen, wo seine Leute
+seien. Er hatte Hunger. Er &ouml;ffnete die T&uuml;re der
+fremden Wohnung und sah nun Selma nackt vor
+einem Badetrog stehen; ihre Kleider, von Schnee und
+Schmutz bedeckt, lagen daneben. Engelhart war erstaunt
+und ergriffen; das Menschenbild gefiel ihm,
+Selma wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen blickten
+tr&auml;g und mi&szlig;mutig, pl&ouml;tzlich lief sie unh&ouml;rbar ins
+Nebenzimmer. Die alte Frau Weber drehte sich auf
+ihrem Stuhl beim Fenster um, und als sie das
+dem&uuml;tig best&uuml;rzte Gesicht des Knaben gewahrte, lachte
+sie mit tiefen m&auml;nnlichen T&ouml;nen.</p>
+
+<p>Als es Fr&uuml;hling wurde, durfte Engelhart an
+Sonntagnachmittagen mit seinem Vater nach Altenberg
+gehen, einem kleinen Dorf zwischen N&uuml;rnberg
+und Kadolzburg, wo Herrn Ratgebers Vater wohnte.
+Der alte Ratgeber war Seiler, und oft schaute
+Engelhart zu, wenn der Greis im steingepflasterten
+Hof tappend, auf und ab schreitend, seine Stricke drehte.
+Auf ihm lasteten die Zeit und die Sorge sichtbar. Er
+war gew&ouml;hnlich still und m&uuml;de, aber ein h&ouml;herer Glanz
+ging von ihm aus, wenn er von seiner Gesellen- und
+Wanderzeit erz&auml;hlte. Er hatte die Welt gesehen und
+sprach mit scheuer Verehrung davon. &raquo;Als ich im
+Jahr drei&szlig;ig nach Wien kam,&laquo; sagte er und berichtete,
+bei welchem Tor er eingezogen und durch welche
+Stra&szlig;en er gegangen war. Er meinte, damals sei
+das Leben noch lebenswert gewesen. &#8250;Im Jahre
+drei&szlig;ig,&#8249; dachte Engelhart; er wu&szlig;te nicht, da&szlig; achtzehnhundertdrei&szlig;ig
+gemeint sei, und er sah im Gro&szlig;vater
+eine Figur von mythisch gotthaftem Alter.</p>
+
+<p>Bisweilen war auch der Bruder des Herrn Ratgeber
+anwesend. Die beiden Br&uuml;der hatten gemeinschaftlich
+das Gesch&auml;ft in der Stadt, aber sie waren
+feindselig gegeneinander gestimmt. Herrn Ratgebers
+Bruder Hermann war ein Mann, der nichts in der
+Welt liebte au&szlig;er seine eigne Person, die aber gr&uuml;ndlich.
+Er pflegte mit selbstzufriedenem Schmunzeln von
+seiner Geschicklichkeit im Sparen zu sprechen, von
+seiner trockenen Gesch&auml;ftspraxis; f&uuml;r die geistig &uuml;berschauende
+Art des &auml;lteren Bruders hatte er kein Verst&auml;ndnis,
+er bezeichnete diese Art als phantastisch und
+ging insgeheim mit dem Plane um, die Firma ganz
+an sich zu bringen. Er hatte den siebziger Krieg als
+Trompeter mitgemacht; es war auch in seiner Stimme
+etwas Trompeterhaftes, aber wenn er schwieg, sah er
+schlau und schl&auml;frig aus.</p>
+
+<p>Einmal erz&auml;hlte Frau Agathe auch von ihren verstorbenen
+Eltern. Es war an einem sch&ouml;nen Tag im
+Mai, und Engelhart ging mit der Mutter &uuml;ber die
+Wiesen jenseits der Maxbr&uuml;cke gegen die Wolfschlucht.
+Dort setzten sie sich unter einem Kastanienbaum nieder,
+Frau Ratgeber nahm ihre Handarbeit, und dann begann
+sie kameradschaftlich mit dem Knaben zu sprechen;
+seine Fragen f&uuml;hrten auf den Weg ihrer eignen Gedanken.</p>
+
+<p>Ihr Vater war ein weitgewanderter gebildeter
+Mann von lebhaftem Geist gewesen. Er hatte an
+der Rhone, in Marseille, in der Lombardei und in
+Z&uuml;rich gearbeitet, und als er mit nicht geringen Ersparnissen
+in seine unterfr&auml;nkische Heimat zur&uuml;ckkehrte,
+kaufte er vier Webst&uuml;hle, nahm vier Gesellen ins
+Haus und machte sich in kurzer Zeit als Verfertiger
+solider Ware unter den Abnehmern bekannt. Bald
+dachte er daran, sich zu verheiraten. Auf der Heimreise
+hatte er in Uhlfeld bei F&uuml;rth ein &uuml;beraus
+<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>sch&ouml;nes M&auml;dchen aus vornehmer Judenfamilie kennen
+gelernt, und er hielt um ihre Hand an. Nun war
+es &uuml;blich, nicht nur da&szlig; der Mann im Haus der
+Braut einen Besuch abstattete, sondern da&szlig; auch das
+M&auml;dchen ins Haus des Br&auml;utigams kam, und zwar
+allein. Daher machte sich die sch&ouml;ne Uhlfelderin auf
+und marschierte drei Tage lang zu Fu&szlig;, da eine
+Postfahrt zu viel Geld gekostet h&auml;tte, nach Sommerhausen
+am Main. Wenn ihr das Gehen in den
+Stiefeln beschwerlich wurde, zog sie diese aus und
+stopfte sie in das B&uuml;ndel auf ihrem R&uuml;cken. Der
+Br&auml;utigam kam ihr bis Ochsenfurt entgegen.</p>
+
+<p>Die Weberei nahm einen guten Aufschwung, die
+Familie geriet in Wohlstand und konnte einen Weinberg,
+ein St&uuml;ck Ackerland und einen Gem&uuml;segarten
+erwerben. Dazu brachte Herr David Herz einige
+Verbesserungen an den Webst&uuml;hlen an. Aber mit
+einem Male kamen die Maschinenwebst&uuml;hle auf und
+Tausende der kleinen Webermeister gingen rasch zugrunde.
+David Herz wartete nicht das letzte Ende
+ab; er schickte die Gesellen fort, lie&szlig; die St&uuml;hle auf
+den Speicher bringen und er&ouml;ffnete einen Tuchladen.
+Weil aber keine K&auml;ufer kamen, mu&szlig;te man mit den
+Waren &uuml;ber Land gehen, doch war es nach damaligem
+Gesetz den Juden verboten, zu hausieren, und das
+Gesetz mu&szlig;te umgangen werden, wenn anders die
+Familie vor Hunger bewahrt werden sollte. Nach und
+nach waren zehn Kinder auf die Welt gekommen, die
+&auml;ltesten halfen schon, sie mu&szlig;ten bei Nacht und Nebel
+mit dem Warenb&uuml;ndel auf Schleichwegen in die D&ouml;rfer
+wandern, und die Gendarmen mu&szlig;ten mit kostbarem
+Geld bestochen werden. Aber es wurde noch schlechter,
+Mi&szlig;ernten kamen, politische Finsternis hielt die Regsamkeit
+des Landes und der Gewerbe in Fesseln,
+Emilie, die &auml;lteste, sollte vorteilhaft heiraten, aber das
+sogenannte Matrikelgesetz erschwerte auf die grausamste
+Weise die Ehe der Juden. Sechs Kinder starben
+innerhalb dreier Jahre hinweg, darauf folgte die
+Mutter, ersch&ouml;pft an Leib und Seele, und der Vater
+war ebenfalls vernichtet durch die Zeiten. Ihn hatte
+das Handwerk betrogen, die Erde gab ihm keine Frucht,
+er verlor den Glauben an Gott und Menschheit und
+starb, noch nicht f&uuml;nfzig Jahre alt.</p>
+
+<p>Engelhart ward betr&uuml;bt von der Erz&auml;hlung. Das
+Ereignisvolle daran, Tod, Krankheit, Armut, pr&auml;gte
+sich ihm unverge&szlig;lich ein. Als er mit der Mutter
+nach Hause wanderte, begann schon der Mond in die
+silberne Abendd&auml;mmerung zu blicken. Frau Agathe
+nahm den Knaben an der Hand und sie schritten
+schweigsam dahin. Engelhart begriff pl&ouml;tzlich, da&szlig;
+seine Mutter nicht gl&uuml;cklich war.</p>
+
+<p>In einer der folgenden N&auml;chte erwachte Engelhart
+und merkte, da&szlig; fremde Leute in den Zimmern waren,
+Leute mit einem &auml;ngstlichen und gesch&auml;ftigen Wesen.
+In dem Raum, wo Engelhart lag, blieb das Licht
+brennen; bald kam einer und schraubte es h&ouml;her, bald
+ein andrer und drehte es tiefer, sie fl&uuml;sterten, sie
+l&auml;chelten, und da sich der Knabe schlafend stellte, achteten
+sie nicht ihrer Worte, und er fing ein paar
+Wendungen auf, die ihm zu denken gaben. Da h&ouml;rte
+er aus dem Zimmer der Mutter ein St&ouml;hnen, das
+ihm durch Mark und Bein ging. Er richtete sich auf,
+sah sich allein und lauschte. Die ersch&uuml;tternden T&ouml;ne
+wiederholten sich. Er sprang aus dem Bett, schl&uuml;pfte
+mit Eile in die Kleider und wollte zur Mutter. Aber
+eine unbezwingliche Scheu hielt ihn zur&uuml;ck, Ahnung
+nicht, Halbahnung vielleicht. Er lief in die K&uuml;che.
+Ketti sa&szlig; am Herd; ihr rannen Tr&auml;nen &uuml;ber die
+Backen, doch trank sie mit ziemlicher Seelenruhe eine
+Schale aufgew&auml;rmten Kaffees. Sie begehrte auf, als
+sie des Knaben ansichtig wurde, er entwischte ihr und
+begab sich in den Hof, setzte sich, in der Nachtk&uuml;hle
+schauernd, auf die H&uuml;hnersteige und schlief dort unversehens
+ein. Er schlief &uuml;ber eine Stunde, das
+Kr&auml;hen des Hahns weckte ihn, da ging er ins Haus
+zur&uuml;ck und begegnete auf der Treppe der Tante Iduna
+Hopf, einer Verwandten des Herrn Ratgeber. Sie
+war gro&szlig; und hager, ein riesenhafter gr&uuml;ner Schal
+hing um ihre Schultern, mit strengem Erstaunen betrachtete
+sie den Knaben und sagte endlich mit zweideutigem
+L&auml;cheln und unehrlicher Kameraderie in ihrer
+hellen Stimme: &raquo;Nun, Engelhart, der Storch ist zu
+euch gekommen und hat ein Br&uuml;derchen gebracht. Hast
+du ihn nicht klappern geh&ouml;rt?&laquo;</p>
+
+<p>Engelhart senkte den Kopf und erwiderte: &raquo;Nein,
+ich habe die Mutter weinen geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>Es malte sich in seinem Bewu&szlig;tsein dies: nicht,
+da&szlig; ein Kind gebracht, sondern da&szlig; es geboren worden
+sei. Eine tote Buch- oder Zeitungswendung wurde
+in seinem Geiste flammend lebendig. Am andern Tag
+ging er zu Fr&auml;ulein Fr&uuml;hwald, die mit Ratgebers
+auf demselben Flur wohnte. Fr&auml;ulein Fr&uuml;hwald war
+eine Person, die immer Neuigkeiten wissen wollte.
+Das einzige Zimmer, das sie innehatte, war voll von
+S&auml;gesp&auml;nen, denn sie verdiente ihren Unterhalt damit,
+da&szlig; sie Blechkapseln gl&auml;nzend machte. W&auml;hrend sie
+Engelhart in ein Gespr&auml;ch zu verwickeln versuchte,
+schlug dieser ein umf&auml;ngliches Buch auf, das auf dem
+Tische lag. Es war die Bibel, Altes und Neues
+Testament. Er bl&auml;tterte unschl&uuml;ssig umher, da fiel
+sein Blick auf die Stelle: Gideon aber hatte siebzig
+S&ouml;hne, die alle aus seiner Lende entsprossen waren,
+denn er hatte viele Weiber. &raquo;Was ist das, eine
+Lende?&laquo; fragte er das unabl&auml;ssig redende Fr&auml;ulein.
+Sie antwortete, eine Lende sei ein St&uuml;ck Fleisch.
+&raquo;Auch beim Menschen ein St&uuml;ck Fleisch?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>&raquo;Gewi&szlig;,&laquo; rief sie lachend und schlug sich auf die
+H&uuml;fte, &raquo;hier.&laquo;</p>
+
+<p>Er kam nun &ouml;fter zu Fr&auml;ulein Fr&uuml;hwald, die f&uuml;r
+jede Gesellschaft dankbar war, setzte sich an den Tisch
+und las in der Bibel. Doch erwuchs ihm wenig
+Verstand daraus, obwohl er das Fabelm&auml;&szlig;ige leicht
+begriff. Die erwachten Zweifel &uuml;ber Geburt und Geborenwerden
+fanden Nahrung, doch keine L&ouml;sung;
+Unverstehbares mischte sich mit der geahnten Natur,
+die er auch in seinem Innern beben und wachsen
+f&uuml;hlte. Eines aber ri&szlig; sein Gem&uuml;t hin, vielleicht weil
+es mit Worten nicht ausgedr&uuml;ckt war, n&auml;mlich das
+Landschaftliche: die Finsternis des Anfangs, das
+Paradies mit seinem Frieden, die Wasserflut und die
+um den Berg Ararat neu sich hebende Welt, der
+Turmbau im babylonischen Land, der Brand der s&uuml;ndhaften
+St&auml;dte und das Meer &uuml;ber ihnen. Mit
+andern Augen als bisher trat er unter den freien
+Himmel; es war ihm derselbe Himmel, der jene L&auml;nder
+und Zeiten &uuml;berw&ouml;lbt hatte, und wie eine Stirn die
+Erinnerung des Gelebten aufbewahrt, glaubte er im
+Firmament das Andenken jener gewaltigen Ereignisse
+vergraben.</p>
+
+<p>Als er zum erstenmal wieder die Mutter sehen
+durfte, vermochte er kein Wort &uuml;ber die Lippen zu
+bringen. Stumm blieb er am Bette stehen, als sie
+mit der alten klaren Stimme einige belanglose Fragen
+stellte. Zuerst wunderte sich Frau Agathe, dann schalt
+sie, noch halb gutm&uuml;tig, dann wandte sie sich unwillig,
+ja verletzt von ihm ab. Als Herr Ratgeber nach
+Hause kam, berichtete sie &uuml;ber die Verstocktheit des
+Knaben. Herr Ratgeber glaubte, da&szlig; Engelhart irgendetwas
+auf dem Gewissen habe, er nahm ihn bei der
+Hand, f&uuml;hrte ihn beiseite und fing ebenfalls an zu
+fragen. Die aufgerissenen Augen und das unbewegliche
+Stillehalten des Knaben best&auml;rkten seinen Verdacht,
+er wurde zornig und schlug Engelhart mit
+Heftigkeit ins Gesicht. Die unbegreifliche Tat entpre&szlig;te
+dem Gez&uuml;chtigten Tr&auml;nen, es schien ihm, als
+ob die Unbill alles Ma&szlig; &uuml;bersteige, es erfa&szlig;te ihn
+auf einmal ein Gef&uuml;hl von Liebe f&uuml;r etwas Unsichtbares,
+Unnennbares, das au&szlig;erhalb der Welt lag,
+in der er sich bewegte.</p>
+
+<p>Zwei Tage lang durfte er nicht zur Mutter. Am
+dritten entschlo&szlig; er sich, ohne Erlaubnis an ihr Bett
+zu kommen, um sie zu vers&ouml;hnen. Doch sie hatte
+Besuch. Der alte Ratgeber aus Altenberg war da
+und au&szlig;erdem dessen Vater, der also Engelharts Urahn
+war, ein Mann von sechsundneunzig Jahren.
+Er lebte in Rot am Sand, zwei Stunden hinter N&uuml;rnberg.
+Ein zottiger Bart von r&ouml;tlichwei&szlig;er Farbe schlo&szlig; das
+ungemein gro&szlig;e, rote, zerw&uuml;hlte, volle Gesicht wie in
+einen Rahmen. Als er Engelhart gewahrte, hielt er
+die Hand wie einen Schirm vor die dicken Brauen
+und stierte mit den scheu versteckten Augen auf ihn
+wie auf etwas Weitentferntes, Winziges, gleich als
+ob er zeigen wolle, da&szlig; achtundachtzig Jahre zwischen
+ihm und diesem Kinde l&auml;gen. Er griff in die Manteltasche
+und reichte mit der zitronengelben Hand Engelhart
+zwei halbverschimmelte Schokoladest&uuml;ckchen. Seit
+drei&szlig;ig Jahren war er nicht in der Stadt gewesen,
+und nicht etwa die Liebe zu seinem Geschlecht hatte
+ihn angetrieben, sondern die blo&szlig;e Neugierde zu sehen,
+was die Zeiten gebracht h&auml;tten. Der andre Alte verhielt
+sich gleichm&uuml;tig, der Besuch des Vaters war ihm,
+dem Siebzigj&auml;hrigen, eine Last. Frau Agathe blickte
+mit stiller Verwunderung auf die beiden Greise, von
+denen keiner um die N&auml;he des Grabes zu wissen schien.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2>
+
+
+<p class="newsection"><span class="dropcap">M</span>itte Juli mu&szlig;te Herr Ratgeber eine Reise antreten,
+die ihn f&uuml;r einige Monate von seiner Familie
+trennte. Frau Agathe beschlo&szlig;, diese Zeit auf dem
+Lande zuzubringen und mit den Kindern ihre Schwester
+Emilie Wahrmann in Gunzenhausen zu besuchen. Ihr
+Leib, ihr Geist bedurften der Ruhe. Die Tage vor
+der Fahrt vergingen mit vielfacher Arbeit. Noch in
+der letzten Stunde war sie besch&auml;ftigt, die Polsterm&ouml;bel
+zu &uuml;berziehen, die L&auml;den herabzulassen, Kampfer zu
+streuen; dann stand sie erm&uuml;det auf der Schwelle,
+ihre Gestalt hob sich schmal aus dem D&auml;mmer des
+verdunkelten Raumes, sie war bla&szlig; von dem &uuml;berstandenen
+Wochenbett, die Stirn, f&uuml;r eine Frauenstirn
+ungew&ouml;hnlich hoch, war an den Schl&auml;fen wie Marmor
+von blauen Adern durchzogen, ihre Augen hatten einen
+doppelten Blick, den nach au&szlig;en f&uuml;r die Gegenst&auml;nde,
+und den ruhigen, warmen s&uuml;&szlig;en Blick nach innen f&uuml;r
+das Unbekannte.</p>
+
+<p>Die Familie Wahrmann bewohnte ein einst&ouml;ckiges
+Haus an der Stra&szlig;e, die vom Tor des Blasturms
+aus gegen den Wald f&uuml;hrte und wenige hundert Meter
+weiter schon Landstra&szlig;e wurde. Auf jeder Seite
+standen etwa ein Dutzend solcher H&auml;user von ganz
+gleicher Bauart, und zwischen je zweien war ein
+kleiner Garten oder Hof. Frau Agathe fand bei der
+Schwester, was sie vom Leben innig w&uuml;nschte: Sorglosigkeit.
+Die Erinnerung an ihre M&auml;dchentage erwachte;
+hier hatte sie, nachdem der Vater gestorben
+war, bis zu ihrer Verheiratung gelebt; hier hatte sie
+manche Nacht durchtanzt, hier hatte sie Herr Ratgeber
+zum erstenmal erblickt. Nun war sie wieder da, von
+liebreicher Gastfreundschaft gehegt, und vier Kinder
+mit ihr als Zeugen der verflossenen Jahre. Ihre gehobene
+Stimmung wirkte wie ein seelenvolles Leuchten
+auf die Gem&uuml;ter der andern Hausbewohner.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>Engelhart vertrug sich gut mit den Cousinen.
+Helene, die &auml;lteste, liebte es, ihn zu necken. Nicht
+seine Gedanken waren vor ihrem Spott sicher. Sie
+war selten schlecht gelaunt, sie entdeckte mit Scharfblick
+an jedem Menschen die komische Seite und jeder
+bot ihr daher unersch&ouml;pflichen Stoff zum Lachen.
+Sie hatte aber auch Respekt f&uuml;r geistige Dinge, f&uuml;r
+gute B&uuml;cher, es war nichts Kleinst&auml;dtisches in ihr.
+Ganz anders Jettchen, die zweite. Sie war eine tr&uuml;be
+Tr&auml;umerin, stets von Unzufriedenheit und zielloser
+Eifersucht erf&uuml;llt. Sie neigte schon als Kind zu einer
+halb schw&auml;rmerischen, halb gottmeisternden Fr&ouml;mmigkeit,
+und da sie nicht h&uuml;bsch war, sprach sie gern mit
+Verachtung von dem eiteln Wesen sch&ouml;ner M&auml;dchen.
+Die j&uuml;ngste nun, Esmee, hatte etwas Teuflisches f&uuml;r
+Engelhart; er f&uuml;rchtete sie, wenn sie an den Sommerabenden
+auf der Stra&szlig;e wandelten und sich das M&auml;dchen
+l&auml;chelnd an ihn dr&auml;ngte, ihren Arm in den seinen
+schob und beim Sprechen ihr Gesicht so nahe wie
+m&ouml;glich an das seine brachte. Sie war immer von
+einem einzigen Zustand vollkommen beherrscht, von
+Wildheit oder Angst, M&uuml;digkeit oder Begierde. An
+Regentagen geb&auml;rdete sie sich oft, als wolle sie vor
+Ungeduld die Mauern niederrei&szlig;en, und im Wald
+pflegte sie mit schmetternder Stimme zu singen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;In den Garten wollen wir gehn,<br /></span>
+<span class="i0">Wo die sch&ouml;nen Rosen stehn,<br /></span>
+<span class="i0">Stehn der Rosen gar zu viel,<br /></span>
+<span class="i0">Brech&#8217; ich mir eine, wo ich will.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Am Anfang des Waldes stand ein Wirtshaus,
+kurzweg die &raquo;H&ouml;he&laquo; genannt, und an Sonntagen pilgerte
+das halbe St&auml;dtchen hinauf. Engelhart fand
+sich dann unbehaglich in dem Menschentrubel, und er
+schlich davon. Er hatte einen Lieblingsplatz im Wald
+unter einer alten Eiche; nahebei war ein Ruinenstein
+der r&ouml;mischen Mauer. So sa&szlig; er einmal und lauschte
+auf die Tanzmusik, die von der &raquo;H&ouml;he&laquo; her&uuml;berklang.
+Da legten sich zwei kleine H&auml;nde &uuml;ber seine Augen
+und eine zarte Stimme wisperte: &raquo;Wer bin ich?&laquo;
+Eigensinnig schwieg er still, und als sich Esmee
+schmollend an seine Seite setzte, herrschte er sie an:
+&raquo;Warum bist du mir denn nachgelaufen?&laquo; Sie antwortete
+nichts, sondern sch&uuml;ttelte heftig ihr lose h&auml;ngendes
+Haar. Er verfiel wieder in sein verstocktes
+Schweigen. Es flogen Gl&uuml;hw&uuml;rmer auf, hinter dem
+Weg schimmerte es goldgelb vom Mond, aus dem
+Westen brummte dumpf der Donner. Pl&ouml;tzlich sprang
+Esmee auf, packte blitzschnell mit beiden H&auml;nden
+Engelharts Kopf und bi&szlig; ihn ins Ohr. Er schrie,
+sie lief davon, ihr Lachen vermischte sich mit dem
+Rascheln der Zweige, Engelhart eilte ihr nach. Als
+er in den Wirtsgarten kam, hatten sich die G&auml;ste
+schon in den Saal gefl&uuml;chtet, da es zu tr&ouml;pfeln anfing.
+Esmee stand auf der obersten Stufe der Terrasse.
+Sie hatte einen Zipfel ihres Taschentuchs zwischen
+den Z&auml;hnen und ri&szlig; daran, w&auml;hrend sie in den Saal
+blickte, die Augen in unheimlicher Wildheit funkelnd.</p>
+
+<p>Engelhart trat, mit der Hand das schmerzende
+Ohr bedeckend, in den Saal und gewahrte unter den
+ersten Paaren, die sich zum Walzer anschickten, seine
+Mutter und den Premierleutnant Siderlich. Er erstaunte
+&uuml;ber ihr Aussehen, &uuml;ber ihre roten Wangen
+und gl&auml;nzenden Augen. Ihre Bewegungen hatten
+etwas Fr&auml;uleinhaftes, wenn sie dankte, den Kopf zur
+Schulter neigte, den Fu&szlig; zum Tanz vorsetzte.</p>
+
+<p>Der Premierleutnant Siderlich lag schon seit zehn
+Jahren mit einer Halbkompagnie im Ort, man sagte,
+da&szlig; es eine ewige Strafversetzung sei. Er wohnte bei
+Wahrmanns zur Miete, doch gingen diese mit dem
+Plan um, ihm zu k&uuml;ndigen, da er in der letzten Zeit
+oft betrunken war. Das gew&ouml;hnliche Volk nannte
+ihn wegen seiner au&szlig;ergew&ouml;hnlichen L&auml;nge und Magerkeit
+den Lattenhanni. Er verkehrte mit niemand,
+hatte weder Kameraden noch Freunde und empfing
+oder schrieb nie einen Brief. Jeden Abend um acht
+Uhr ging er ins Gasthaus zur Post und verzehrte
+dort sein k&auml;rgliches Nachtessen. Wenn er fertig war
+und neben seinem Tisch bekam etwa ein andrer Gast
+zu essen, so beugte er sich gegen dessen Teller her&uuml;ber
+und sagte, mit der Zunge schnalzend, gierig und &uuml;berrascht:
+&raquo;Ah, das ist aber ein sch&ouml;ner Braten, so einen
+Braten bekomme ich nie,&laquo; oder: &raquo;Das ist aber ein
+kolossaler Fisch, so einen bekomme ich nie.&laquo; Hierauf
+rief er die Kellnerin oder den Wirt und fragte mit
+trauriger Stimme: &raquo;Warum bekomme ich nie eine so
+gro&szlig;e Portion wie der Herr Expeditor?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich bitte, Herr Premier,&laquo; sagte der Wirt,
+&raquo;es ist ganz genau dasselbe St&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>Beim n&auml;chtlichen Nachhausegehen nahm er sich auf
+der Stra&szlig;e sehr zusammen, kaum hatte er jedoch die
+Haust&uuml;re bei Wahrmanns aufgesperrt, so stimmte er
+einen greulich unmelodischen Gesang an und stolperte
+ger&auml;uschvoll die Stiege empor.</p>
+
+<p>Seit Frau Ratgeber im Hause weilte, betrank er
+sich nicht mehr und verwendete gr&ouml;&szlig;ere Sorgfalt
+als bisher auf seinen Anzug. Am Morgen nach dem
+kleinen Tanzfest schickte er seinen Burschen mit einem
+Strau&szlig; von Rosen und einer Visitenkarte, auf deren
+R&uuml;ckseite in sorgf&auml;ltig gemalten Buchstaben zu lesen
+stand:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sch&ouml;nheit besiegt ein jedes Herz<br /></span>
+<span class="i0">Und sei es auch so hart wie Erz.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Bald danach h&ouml;rte man ihn mit klirrendem
+Wehrgeh&auml;nge die Stiege herabpoltern, er machte im
+Fr&uuml;hst&uuml;ckszimmer seine Aufwartung, aber seine Haltung
+verlor an Sicherheit, als die Kinder, durch sein
+<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>wunderliches Grimassenschneiden belustigt, kichernd entflohen.</p>
+
+<p>Es nahte die Zeit der Reife, das Obst auf den
+B&auml;umen wurde schwer. T&auml;glich wanderten die Kinder
+in die Beeren. Sp&auml;t nachmittags zog die belebte
+Schar heimw&auml;rts, die M&uuml;tter kamen ihnen auf der
+Landstra&szlig;e entgegen und freuten sich der reichen Ausbeute.
+An einem sch&ouml;nen Septembertag brachen beide
+Familien morgens um f&uuml;nf Uhr auf und fuhren nach
+Pappenheim, wo sie von Bekannten zur Obstlese eingeladen
+waren. Engelhart, sich von den Seinen mit
+Absicht entfernend, schritt durch den riesengro&szlig;en
+Garten, der &uuml;ber mehrere H&uuml;gel hingebreitet war,
+und sah ein Schlo&szlig;, das den Gipfel eines Berges
+kr&ouml;nte. Es wurde ihm feurig zu Sinn, als er wieder
+zu den andern zur&uuml;ckkehrte, stie&szlig; er ein Jubelgeschrei
+aus. Doch diese waren ebenfalls in Gl&uuml;ckseligkeit gefangen,
+Frau Agathe schritt mit stillem L&auml;cheln umher
+und deutete manchmal auf den Himmel, der so strahlend
+war, als ob ein blaues Feuer ihn erf&uuml;llte.
+Dann sank die Sonne, Engelhart hatte ein schneidendes
+Gef&uuml;hl von Schmerz, es t&ouml;nte eine Stimme: jetzt
+ist es genug der Freuden.</p>
+
+<p>Wenige Tage sp&auml;ter mu&szlig;ten sie nach Hause reisen,
+Herr Ratgeber war fr&uuml;her, als er gedacht, zur&uuml;ckgekehrt.
+Kisten und Koffer wurden gepackt, und gegen Abend
+setzte sich die ganze Karawane nach dem Bahnhof in
+Bewegung. Erst dort begriff Engelhart, da&szlig; es sich
+um Scheiden und Trennung handle. Wie im Schlaf
+k&uuml;&szlig;te er die M&auml;dchen, sp&auml;ter durchzuckte es ihn, da&szlig;
+er Esmees Mund feucht auf dem seinen gef&uuml;hlt. Der
+Zug rasselte davon, die Nacht brach ein, fremde Leute
+sa&szlig;en im Coup&eacute;, Ketti hielt den S&auml;ugling im Arm,
+Gerda und Abel schlummerten aneinandergelehnt. Auch
+Frau Agathe schien m&uuml;de, ihr Blick war in die
+Dunkelheit hinaus gerichtet, die H&auml;nde lagen still im
+Scho&szlig;. Engelhart schaute sie an und seine Lippen
+murmelten wie von selber Esmees Verse und zerhackten
+sie mit dem Takt der Eisenbahnr&auml;der:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;In den Garten wollen wir gehn,<br /></span>
+<span class="i0">Wo die sch&ouml;nen Rosen stehn,<br /></span>
+<span class="i0">Stehn der Rosen gar zu viel,<br /></span>
+<span class="i0">Brech&#8217; ich mir eine, wo ich will.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Er tr&auml;umte, da&szlig; ein ungeheurer Mensch k&auml;me
+und ihn wie ein St&uuml;ck Holz unter den Arm schiebe.
+Der Mensch schritt durch eine eiserne T&uuml;r, die er
+hinter sich zuschlug, und betrat ein dunkleres Gemach.
+Er eilte weiter zur n&auml;chsten T&uuml;r, die er ebenfalls
+zuschlug, und so weiter, von T&uuml;r zu T&uuml;r, bis sie in
+einen grauenvoll finstern Raum kamen.</p>
+
+<p>Ein paar Tage hernach schrieb Frau Agathe einen
+langen Brief an ihre Schwester in Gunzenhausen.
+Sie meldete die gl&uuml;ckliche Ankunft, und da&szlig; weder den
+Kleinen noch den Gro&szlig;en ein Unfall zugesto&szlig;en sei.
+Dann beschrieb sie ausf&uuml;hrlich, in welchem Zustand
+sie die Wohnung angetroffen habe; in den Fugen des
+Flurgatters sei der Staub fingersdick gelegen, das
+T&uuml;rschlo&szlig; im Wohnzimmer sei vollst&auml;ndig eingerostet;
+im gr&uuml;nen Zimmer h&auml;tten die Motten trotz aller
+Schutzma&szlig;regeln die R&uuml;cklehne des Pl&uuml;schsofas angefressen;
+in der K&uuml;che sei vom Hagelwetter im August
+ein Fenster zertr&uuml;mmert worden. Nachdem alles das
+ausf&uuml;hrlich geschildert war, dankte Frau Ratgeber
+ihrer Schwester und deren Gatten f&uuml;r die lange Gastfreundschaft.
+Sie dr&uuml;ckte ihre Dankbarkeit in den
+leidenschaftlichsten Worten aus, zu denen sie in m&uuml;ndlicher
+Rede nie den Mut gefunden h&auml;tte, und erkl&auml;rte
+sich unverm&ouml;gend, solche Opfer nur ann&auml;hernd in
+gleicher M&uuml;nze zu bezahlen. Sie gestand, da&szlig; sie
+sich seit der Abreise grenzenlos ungl&uuml;cklich f&uuml;hle und
+da&szlig; sie wisse, eine geheime Stimme habe es ihr zugefl&uuml;stert,
+sie werde die Schwester und die Nichten
+nicht mehr wiedersehen. Sie erz&auml;hlte, wie trostlos
+Engelhart sich benehme und f&uuml;gte hinzu, da&szlig; sie seines
+versteckten und tr&auml;umerischen Charakters wegen recht
+besorgt sei.</p>
+
+<p>Ungern besuchte Engelhart die Schule. Aber er
+mu&szlig;te. Schon t&ouml;nte das Wort Pflicht als ein Fanfarensto&szlig;
+an seine Ohren. Ihm war es das liebste,
+zu gehen, wohin er wollte, zu unternehmen, wozu sein
+Inneres ihn antrieb. Er spielte mit sich selbst; sogar
+das Sehen seiner Augen wurde zum Spiel; auf der
+Gasse gehend, probierte er, ob man nicht auch mit
+dem Mund sehen k&ouml;nne. Er dachte kl&uuml;ger zu sein
+als Gott oder ihn wenigstens zu kontrollieren. Er
+schlo&szlig; die Augendeckel, schob die Lippen vor, und da
+er nun weiter zu gehen vermochte, dachte er in seiner
+Albernheit, Gott eines Bessern belehrt zu haben,
+w&auml;hrend er ihn nur beschummelt hatte, denn ein ganz
+klein wenig hatte er doch durch den Spalt zwischen
+den Lidern gesp&auml;ht.</p>
+
+<p>Herr Ratgeber tadelte das Guckindieluftwesen
+heftig. &raquo;H&auml;nde aus den Taschen! Frisch, frisch!
+Munter!&laquo; rief er, wenn der Knabe sinnend einhertrottete.
+Aber Engelhart fand sich nur eingesch&uuml;chtert,
+und er verbarg eifers&uuml;chtig sein Herz. Tausend Fragen
+waren in ihm erwacht, Bedeutendes und Nichtiges lag
+gleich schwer vor seinem Weg. Er hatte niemand,
+um zu fragen; die Mutter war in solchen Dingen
+nicht entgegenkommend, dem Vater war nichts l&auml;stiger,
+als wenn man ihn viel und um vielerlei befragte.
+Von den Lehrern erwartete er nichts und sie gaben
+auch nichts.</p>
+
+<p>Im Sp&auml;therbst verbreitete sich das Ger&uuml;cht von
+einem Weltuntergang. Der furchtbare Termin war
+f&uuml;r Anfang November prophezeit. Engelhart wunderte
+<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>sich &uuml;ber das gefa&szlig;te Wesen der Leute, er wunderte
+sich, da&szlig; sie noch a&szlig;en und tranken, da&szlig; sie schwatzend
+unter den Haustoren standen und den hellen Himmel
+betrachteten, und er freute sich auf ihren Schrecken
+und ihre Verzweiflung, wenn das Ungeheure kam.
+Er spazierte in der Mitte der Stra&szlig;e auf und ab,
+um beim Zusammensturz der H&auml;user verschont zu
+bleiben. Allm&auml;hlich sammelten sich vor der Pfistergasse,
+wo man den Ausblick auf das freie Feld hatte,
+viele Erwartungsvolle an und starrten in den aufgehenden
+Mond. Die Abergl&auml;ubischen hatten wenig
+Zuspruch, wer Angst hatte, wollte sie doch nicht zeigen,
+denn man lebte in einer aufgekl&auml;rten Protestantenstadt.
+Dennoch war die Entt&auml;uschung allgemein, als
+es Abend ward und Himmel und Erde ihr friedliches
+Aussehen nicht ver&auml;nderten. Engelharts Unzufriedenheit
+wurde gemildert durch das gebundene und sehns&uuml;chtige
+Gef&uuml;hl, das ihm der Mond einfl&ouml;&szlig;te; die
+unsichtbare Bewegung des Gestirns bewegte ihn mit.
+Auf dem Heimweg traf er Selma Weber, sie gingen
+zusammen und plauderten; doch da unterbrach Selma
+das Gespr&auml;ch und fragte &auml;ngstlich: &raquo;Ist es wahr,
+da&szlig; du ein Jud bist?&laquo; Er stutzte, bejahte, aber der
+Ton ihrer Stimme wollte ihm nicht aus dem Kopf.
+Eines Tages, es war schon Winter geworden, tiefer
+Schnee lag, vergn&uuml;gte er sich damit, in die Fu&szlig;stapfen
+eines vor ihm her gehenden Knaben zu treten.
+Da dieser aber viel gr&ouml;&szlig;ere Schritte machte, mu&szlig;te
+er seine Beine &uuml;berm&auml;&szlig;ig spreizen, was einen komischen
+Anblick bot. Er h&ouml;rte denn auch ein schallendes
+Gel&auml;chter und sah Fr&auml;ulein Holl&auml;nder, die am Fenster
+ihrer ebenerdigen Wohnung lehnte und sein Treiben
+belustigt mitansah. Dieses Fr&auml;ulein war eine J&uuml;din,
+eine &auml;ltliche Jungfer, die mit ihrer Mutter ein kleines
+H&auml;uschen gegen den Spitalgarten bewohnte. Engelhart
+kam oft dorthin, weil das Hoftor mit bunten Glasscheiben
+versehen war, und er liebte es, durch die
+farbigen Gl&auml;ser auf die fernen H&uuml;gel des Vestnerwaldes
+und auf die Wiesen des Flu&szlig;tals hinunterzublicken.</p>
+
+<p>Als der gr&ouml;&szlig;ere Knabe das Lachen vernahm,
+blieb er stehen und sah sich um, und Engelhart, mit
+beiden F&uuml;&szlig;en in einer einzigen seiner Fu&szlig;stapfen,
+blieb ebenfalls stehen. Der andre stierte ihn drohend
+an und sagte ha&szlig;erf&uuml;llt: &raquo;Du Jud.&laquo; Darauf kamen
+noch ein paar Burschen, stellten sich um Engelhart
+herum und beobachteten ein feindseliges Schweigen.
+Er wu&szlig;te sich beschimpft, begriff aber nicht, wodurch.
+Er gr&uuml;belte noch in sich hinein, als jene schon verschwunden
+waren; da winkte ihm Fr&auml;ulein Holl&auml;nder
+zu, er folgte, und als er im Zimmer war, schlo&szlig; sie
+das Fenster, reichte ihm einen gebratenen Apfel aus
+der Ofenr&ouml;hre, und w&auml;hrend er a&szlig;, holte sie ein
+dickes Buch herbei, schlug es auf und las ihm folgende
+Stelle vor: &raquo;Da wohnten die Nachkommen der Juden
+aus der babylonischen Gefangenschaft. Sie bewahrten
+noch ihre Stammb&auml;ume und konnten ihre Geschlechter
+auf die F&uuml;rsten und Propheten Judas zur&uuml;ckf&uuml;hren.
+Ihr Oberhaupt wohnte zu Bagdad und f&uuml;hrte den
+Titel: F&uuml;rst der Gefangenschaft. Er stammte in
+gerader Linie vom K&ouml;nig David; Christen und Heiden
+anerkannten seine Abkunft und nannten ihn unser
+Herr, der Sohn Davids. Sein Ansehen erstreckte sich
+&uuml;ber die L&auml;nder des Ostens bis Tibet und Hindostan.
+Es wurden ihm die gr&ouml;&szlig;ten Ehren erwiesen, und
+wenn er &ouml;ffentlich erschien, trug er Kleider von gestickter
+Seide und einen wei&szlig;en Turban mit goldenem
+Diademe.&laquo;</p>
+
+<p>Engelhart senkte den Kopf und dachte nach. &raquo;Ist
+es ein M&auml;rchenbuch?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, kein M&auml;rchenbuch!&laquo; erwiderte sie. Sie
+zeigte das Titelblatt, und er las: Benjamin von
+Tudelas Reisen. Da l&auml;chelte Engelhart aufatmend
+vor sich hin und war dessen gewiss, da&szlig; er ein Mensch
+unter Menschen bleiben durfte. Nachmittags kam
+Fr&auml;ulein Holl&auml;nder zu Frau Agathe. Sie trug gelbe
+Handschuhe, die an allen zehn Fingerspitzen zerrissen
+waren, einen au&szlig;erordentlich gro&szlig;en Hut mit Federn
+und ein kupfergl&auml;nzendes Seidenkleid. Sie sprach
+mit der ihr eignen geschraubten Lebhaftigkeit &uuml;ber
+den Knaben, &uuml;ber seine Begabung, sein sch&ouml;nes, belebtes
+Gesicht und schlo&szlig; ihre Rede mit den Worten
+aus der Geschichte Bileams: &raquo;Es wird ein Stern
+aufgehen aus Jakob.&laquo; Frau Ratgeber ward es angst
+und schw&uuml;l, und sie war froh, als die Person wieder
+fort war.</p>
+
+<p>An seinem Geburtstag, wo er neun Jahre alt
+wurde, erhielt Engelhart die Erlaubnis, sich Spielwaren
+aus dem Gesch&auml;ft des Vaters zu holen. Am
+Nachmittag nach der Schule ging er hin. Es waren
+niedrige, lichtlose R&auml;ume dort. Hinter einem Holzgitter
+sa&szlig;en Herr Ratgeber und sein Bruder, ein
+jeder wachsam im dumpfen Ha&szlig;. Nebenan befanden
+sich die jungen Leute und Peter Salomon Curius,
+den Herr Ratgeber als Buchhalter angestellt hatte.
+Er war stets muntrer Laune, schmunzelte zum Fenster
+hinaus, wenn die Dienstm&auml;dchen der Nachbarschaft
+vor&uuml;bergingen, rauchte, trank Bier, erz&auml;hlte Geschichten,
+die alle einen Anhauch von Gr&ouml;&szlig;enwahn hatten. Er
+glich einem Herzog, der zum Scherz Lakaiendienste
+verrichtet, oder einem Million&auml;r, der zur Belustigung
+seiner G&auml;ste selber den Koch macht. Er wu&szlig;te alles
+besser, und wenn einer die Kunst zu fliegen erfunden,
+h&auml;tte Herr Peter Salomon mit geringsch&auml;tzigem Lachen
+<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>gesagt: &raquo;Ach was, das hab&#8217; ich schon vor zehn Jahren
+gekonnt, es ist gar nichts weiter dabei, jeder windige
+Sperling macht dasselbe, ich habe es l&auml;ngst aufgegeben,
+denn, unter uns, es ist eine langweilige Sache.&laquo;</p>
+
+<p>In den verliesartigen Zimmern roch es nach
+Tinte, Staub und Spinnweben. Lange suchte Engelhart,
+um etwas zu finden, was nicht blo&szlig; der augenblicklichen
+Lust, sondern auch zuk&uuml;nftigen W&uuml;nschen
+Gen&uuml;ge tun konnte, und er w&auml;hlte schlie&szlig;lich eine
+Trommel und einen Spiegel. Zu Hause fingen Gerda
+und Abel zu weinen an und wollten auch etwas
+haben; er lachte sie aus, die Mutter schalt, sie empfand
+vielleicht dunkel, da&szlig; da keine Unschuld mehr sei, wo
+mi&szlig;g&uuml;nstiges Behagen an fremdem Neid sich s&auml;ttigt.
+Sie warf ihm vor, er habe kein Herz f&uuml;r seine Geschwister,
+doch konnte sie nicht ermessen, wie es sich
+damit in Wirklichkeit verhielt.</p>
+
+<p>Wie ihr alles in der Stille Sorge machte, so
+auch dies. Zudem erfuhr sie von einer ungew&ouml;hnlich
+hinterlistigen Handlung, die er bald hernach beging,
+und ihr Urteil &uuml;ber den Knaben verwirrte sich noch
+mehr. Er hatte mit den Kindern des Pedells von
+der nahegelegenen B&uuml;rgerschule Bekanntschaft geschlossen
+und jagte mit ihnen oft in dem gro&szlig;en, mit B&auml;umen
+bepflanzten Hof umher. An den Spielen beteiligte
+sich Selma Weber, ferner das T&ouml;chterchen des Direktors,
+ein liebliches, ausgelassenes Ding, und Sophie Hellmut,
+das Kind eines Arztes. Vor den drei M&auml;dchen
+suchte sich Engelhart durch Geschrei und heldenm&auml;&szlig;iges
+Wesen hervorzutun, oder wenn nicht so, dann durch
+ein gekr&auml;nktes und sauert&ouml;pfisches Beiseitestehen, das
+ganz grundlos war, wodurch er aber doch die Aufmerksamkeit
+auf sich zu lenken w&auml;hnte. Den tiefsten
+Eindruck machte Sophie Hellmut auf ihn. Sie war
+so schwerm&uuml;tig wie eine Nacht, die von St&uuml;rmen in
+der Ferne zittert und doch ihre Wolken ruhig vor&uuml;bergleiten
+l&auml;&szlig;t, weil sie hofft, da&szlig; es Morgen wird.</p>
+
+<p>Nun war ein gewisser Rindsblatt in der Gesellschaft,
+ein rothaariger, h&auml;&szlig;licher Knabe, der sich scharwenzelnd
+und prahlend um Sophie zu schaffen machte
+und gegen den Engelhart b&ouml;sen Groll hegte. Einmal
+fing es an zu regnen, und alle fl&uuml;chteten in eines
+der leeren Schulzimmer. Sie schrien und l&auml;rmten,
+bis die D&auml;mmerung einbrach, da kam Rindsblatt
+dazu, sprang mit einem Satz auf den Katheder, lie&szlig;
+die Beine baumeln und spuckte mit einem Ausdruck
+zur Seite, als wolle er s&auml;mtliche Lehrer der Welt
+totspucken. Die M&auml;dchen wurden von unten zum
+Nachtessen gerufen und schossen tobend hinaus, Engelhart
+folgte verdrossen, nur Rindsblatt blieb sitzen,
+um zu zeigen, da&szlig; er keinem Ruf gehorchen m&uuml;sse,
+und begann laut zu singen; Engelhart kehrte noch
+einmal zur T&uuml;r zur&uuml;ck und h&ouml;rte, wie die Stiefelhacken
+des Knaben hohl gegen das Brett schlugen, er
+sah den Schl&uuml;ssel im Schlo&szlig; stecken und drehte ihn
+um, so da&szlig; der Verha&szlig;te gefangen war. Dann
+rannte er die Treppe hinab und setzte sich auf die
+Brunnenbank im Hof. Der Abend war schon eingebrochen,
+hohe Mauern blickten durch den rieselnden
+Regen. Lang blieb es still, endlich wurde oben ein
+Fenster aufgerissen, und Rindsblatt schrie. Niemand
+h&ouml;rte, er wiederholte sein Geschrei, schon sa&szlig; ihm die
+Furcht in der Kehle. Engelhart versp&uuml;rte eine trotzige
+Genugtuung, den trockenen Prahler so bang zu wissen,
+gleichwohl schlich er zaghaft in den Flur, da sah er
+den Pedell mit der Lampe die Stiege hinaufschreiten,
+denn oben h&auml;mmerte es so f&uuml;rchterlich an die T&uuml;re,
+da&szlig; das Treppenhaus dr&ouml;hnte. Rindsblatt wu&szlig;te,
+wer ihm den Streich gespielt, und gab es an. Doch
+lie&szlig; er sich Engelhart gegen&uuml;ber nichts merken, er
+r&auml;chte sich nicht, obschon er st&auml;rker und &auml;lter war.
+Das erschreckte Engelhart, nie ging er ohne das unheimlichste
+Gef&uuml;hl an dem Burschen vor&uuml;ber, und er
+ahnte, da&szlig; in jener Brust ein gef&auml;hrlich-giftiger Ha&szlig;
+br&uuml;te und sich mit Vorsicht der rechten Stunde gew&auml;rtig
+hielt.</p>
+
+<p>Es wurde Fr&uuml;hling. Am zweiten Sonntag im
+April w&auml;hrend eines Spazierganges sagte Frau Ratgeber,
+es sei ihr heute besonders wohl zumut. Aber
+als sie nach Hause kamen, war Engelhart eine Zeitlang
+mit der Mutter allein im Zimmer, Herr Ratgeber
+war im Hohlwegsgarten zu einem Glas Bier
+eingekehrt, Gerda und Abel waren bei Tante Curius,
+Ketti ging mit dem kleinen Benjamin noch auf der
+Stra&szlig;e, da sah Frau Ratgeber den Knaben eigent&uuml;mlich
+an und sagte, es verlange sie, ins Bett zu gehen und
+zu ruhen. Sie klagte &uuml;ber Schmerzen im Ohr.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag begannen die Osterferien. Festlich
+gestimmt trat Engelhart nach der Schule ins Schlafzimmer,
+wo Frau Agathe lag. Die gr&uuml;nen Roll&auml;den
+waren herabgelassen, um die Sonnenstrahlen
+abzuhalten, auf dem Tischchen stand eine Arzneiflasche
+mit brauner Fl&uuml;ssigkeit. Die Mutter fragte ihn nach
+diesem und jenem und gab ihm Ermahnungen allgemeiner
+Art. Sie meinte, das beste im Leben sei
+Gehorsam und Sichf&uuml;gen. Aber Engelhart suchte den
+Sinn ihrer Worte als etwas Unbehagliches beiseite
+zu schieben. Was war ihm Gehorsam? Ein Zwang,
+dem seine Schw&auml;che unterlag. Er wollte frei sein,
+er hatte die eigensinnige &Uuml;berzeugung von einer im
+Innern der Brust wirkenden Kraft, die sich frech
+&uuml;ber alle Vernunft der Wohlgesinnten hinwegsetzte.
+Er erwiderte nichts, und da Frau Agathe den Zustand
+des verstockten Schweigens bei ihm kannte und
+f&uuml;rchtete, hie&szlig; sie ihn gehen. Als er die Schwelle
+des Zimmers &uuml;berschritt, h&ouml;rte er sie seufzen.</p>
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2>
+
+
+<p class="newsection"><span class="dropcap">E</span>ine weite Ebene, Wiesen und Felder, in spinnwebgrauem
+Nebel. Die Landstra&szlig;e mit den hohen
+Pappeln kriecht wei&szlig; und leer in den Nebel hinaus,
+und so absonderlich wie der bl&uuml;henden Fr&uuml;hlingslandschaft
+in dem herbstlichen Dunst ist es Engelhart
+zumut. Eine tr&uuml;gerisch-schwerm&uuml;tige Stille liegt &uuml;ber
+der Welt, der Bauer steht auf dem Acker und faltet
+bedenklich die Stirn. Ein liebliches Kindergesichtchen
+taucht aus dem Nebel, es ist Benjamin auf Kettis
+Arm. Man schickt ihn zu den Gro&szlig;eltern nach Altenberg,
+im Haus darf er nicht mehr bleiben, Frau
+Agathe mu&szlig; Ruhe haben. Das kleine B&uuml;bchen jauchzt,
+da Engelhart possenhaft vor ihm hertanzt, es wei&szlig;
+nicht, da&szlig; es bald sterben wird. Dr&uuml;ben im Dorf
+wartet der Tod auf Benjamin, der Tod hat die
+Nebelschwaden aufs gr&uuml;ne Land gebreitet.</p>
+
+<p>Auch Engelhart, Gerda und Abel mu&szlig;ten das
+elterliche Haus verlassen und wurden bei der Familie
+Dessauer in einem vornehmen Haus an der Bahnhofstra&szlig;e
+untergebracht. Frau Dessauer war eine entfernte
+Verwandte der Mutter und lebte mit ihrem
+Sohn und seiner Frau in der Abgeschlossenheit reicher
+Leute. Dort mu&szlig;te man leise gehen und leise
+sprechen, man mu&szlig;te die Klinke in der Hand halten,
+bis die T&uuml;re geschlossen war, man mu&szlig;te artig sein.
+Artig, artig! hallte es aus jedem Winkel.</p>
+
+<p>Die Kinder wagten schlie&szlig;lich vor lauter Artigkeit
+nicht zu gestehen, wann sie Hunger hatten, Engelhart
+schlich bedr&uuml;ckt durch die langen Korridore und betrachtete
+stumm die hohen T&uuml;ren. Er vernahm die
+Kl&auml;nge eines Klaviers und lauschte. Eine Singstimme
+fiel ein. Das Lied zog ihn unwiderstehlich
+an, und er betrat das Zimmer. Die alte Frau sa&szlig;
+am Instrument, die junge stand daneben und sang.
+Als sie den Knaben gewahrten, unterbrachen sie Spiel
+und Gesang, zwei Augenpaare blickten ihn d&uuml;rr und
+strafend an. Man tritt nie in ein Zimmer, ohne
+anzuklopfen, hie&szlig; es, er solle wieder hinaus und sich
+melden. Er schaute starr zu Boden, dann lief er
+davon und auf die Stra&szlig;e. Die beiden Frauen
+kamen &uuml;berein, da&szlig; der Knabe von einem b&ouml;sartigen
+Geist erf&uuml;llt sei und da&szlig; man vor ihm auf der Hut
+sein m&uuml;sse. Indessen lief Engelhart zum Bahndamm
+hin&uuml;ber und spazierte an den schimmernden Geleisen
+entlang, die gleichsam eigenbeweglich in die Ferne
+liefen. Sehnsucht packte ihn, er sp&uuml;rte unter den
+Sohlen ein Zittern, als er sich auf das blanke Eisen
+stellte, dann warf er sich platt zur Erde und legte
+das Ohr auf die Schiene. Das Ungl&uuml;ck brachte
+gerade in dieser Minute den jungen Dessauer des
+Wegs, er befahl Engelhart aufzustehen und f&uuml;hrte
+ihn wortlos in das stille Haus zur&uuml;ck. Dort wurde
+ein Verh&ouml;r angestellt, und der Beschlu&szlig; war, da&szlig;
+Engelhart fortgeschafft wurde, da man f&uuml;r einen
+Knaben von so verbrecherischen Anlagen nicht die
+Verantwortung &uuml;bernehmen wollte.</p>
+
+<p>Er kam zu Frau Iduna Hopf. Wieder eine
+neue Welt; ein uraltes Haus am Helmplatz, im
+finstern Flur der Backofen eines B&auml;ckers, morsche
+Treppen, die bei jedem Schritt j&auml;mmerlich &auml;chzten,
+und oben die winzigen St&uuml;bchen. Im Wohnzimmer
+war ein B&uuml;cherschrank mit einer Glast&uuml;re, davor
+stand Engelhart, betrachtete die enggepre&szlig;ten Reihen
+der B&uuml;cher und las die Titel auf den R&uuml;cken der
+Einb&auml;nde. Iduna Hopf behauptete, es seien die
+tiefsinnigsten Werke der Welt, au&szlig;er ihrem Immanuel
+w&uuml;rden alle Leute wahnsinnig, die darin l&auml;sen.
+Sp&auml;ter einmal, wenn Engelhart zu Jahren und Verstand
+gekommen, werde sie trachten, ihm das Heiligtum
+zu erschlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Er vertraute diesem &raquo;Sp&auml;ter&laquo; ohne weiteres. Er
+ahnte, was ihm im dunkeln Spiel der Zuf&auml;lle und
+Schicksale f&uuml;r ein Los fallen k&ouml;nne, und da&szlig; er, an
+&ouml;dem Strande kauernd, sich begn&uuml;gen w&uuml;rde, wenn
+ihm die Woge aus einem Schiffbruch ein armseliges
+Buch vor die F&uuml;&szlig;e sp&uuml;lte. Nach Wissen und Belehrung
+stand ihm der Sinn nicht vor dem B&uuml;cherkasten,
+er verlangte nach anderm, nach Seelenspeise,
+W&auml;rme des Herzens.</p>
+
+<p>Tag um Tag verging, denn sie lassen sich nicht
+halten, die Sonne steigt und sinkt, die Sterne scheinen
+und verschwinden, der Tag des Schicksals ist seiner
+Sache sicher und kann warten. Auf einmal ber&uuml;hrte
+Engelhart aus dem Ungef&auml;hr heraus ein Gedanke:
+es geschieht etwas zu Hause; da hielt es ihn nicht
+l&auml;nger. Als er vor der elterlichen Wohnung l&auml;utete,
+gab die Glocke, die sonst schrill und frech gegellt, nur
+einen d&uuml;nnen, ged&auml;mpften Ton. Der Kl&ouml;ppel war
+mit Leinwand umwickelt. Er war verwundert, als
+er im Wohnzimmer den Onkel Michael aus Wien,
+den einzigen Bruder der Mutter, und dessen Frau
+traf. Auch ein paar andre Leute waren zugegen.
+Kein L&auml;cheln begr&uuml;&szlig;te ihn, alle schienen wie in die
+Betrachtung eines Loches vertieft. Herr Ratgeber
+lehnte regungslos im Sessel, der sonst so gl&auml;nzende
+und martialische Schnurrbart hing kraftlos &uuml;ber die
+Lippen. Eine fremde Person kam aus dem Krankenzimmer
+und lispelte: &raquo;Ach, du bist da, Engelhart &ndash;
+deine Mutter hat heute nach dir verlangt.&laquo;</p>
+
+<p>Er ging in das dunkle Zimmer, und allm&auml;hlich
+l&ouml;sten seine Blicke die wei&szlig;e Gestalt mit der wei&szlig;en
+Binde um die Stirn aus der D&auml;mmerung. An das
+Lager tretend, hatte er ein zerflossenes, b&ouml;ses Gef&uuml;hl,
+wie wenn der Sturmwind Sand in die Augen treibt.
+<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span>Er fand die Mutter so ver&auml;ndert, da&szlig; er furchtsam
+den Kopf senkte und mit seinen Fingern spielte. Frau
+Ratgeber streckte den Arm aus dem Bette und suchte
+seine Hand, und er, r&auml;tselhafte Verstocktheit, machte
+es ihr nicht leichter, sondern stellte sich, als s&auml;he er
+es nicht.</p>
+
+<p>Frau Agathe war den Tag vorher operiert worden.
+Der Professor hatte schon wenige Stunden sp&auml;ter
+gesehen, da&szlig; die Sache eine schlimme Wendung nahm.
+Der Tod, winzig wie ein Elf, w&uuml;hlte in den geheimnisvollen
+G&auml;ngen des Ohres.</p>
+
+<p>In der Nacht wurde Engelhart pl&ouml;tzlich vom
+Schlaf verlassen. Es umschauerte ihn; sein Herz
+wu&szlig;te, was es verlieren sollte, es str&auml;ubte sich und
+fing an zu brennen wie eine Schnittwunde am Finger.
+Es sp&uuml;rte, was f&uuml;r Wetter nun heranziehen w&uuml;rde,
+und da&szlig; die Paradieseszeiten, paradiesisch Schmerz und
+Lust, vor&uuml;ber seien. So kam ihm das Gef&uuml;hl des
+Vers&auml;umnisses, zum erstenmal das Gef&uuml;hl der Unwiederbringlichkeit,
+das wie ein schwarzer Schatten
+aus der Finsternis trat und ihm das Wort und den
+Begriff Verlust hinschleuderte. Das war kein Tr&auml;umen
+mehr, sondern ein doppeltes Erwachen des Leibes
+und der Seele, kein Spiel mehr, sondern der wilde,
+unbewegliche Ernst.</p>
+
+<p>Er n&auml;chtigte in dem Bretterverschlag, den sonst
+die Magd innehatte, verlie&szlig; das Bett und schlich barf&uuml;&szlig;ig
+in den Flur. Aber Nachtk&auml;lte und Nachtfurcht
+hauchten ihn an, er kehrte um und blieb, ohne zu
+schlafen, bis der Morgen graute. Dann kleidete er
+sich an und ging hin&uuml;ber. Auf der Schwelle ihrer
+Wohnung stand kreidebleich das Fr&auml;ulein Fr&uuml;hwald,
+den Kopf an den T&uuml;rpfosten gelehnt. Es wurde dem
+Knaben k&uuml;hl um die Brust, unsicheren Fu&szlig;es betrat
+er das kleine Zimmer neben dem Wohnzimmer. Dort
+lag Herr Ratgeber auf dem Sofa, das Gesicht gegen
+die Wand gekehrt, den Kopf zwischen den Armen,
+und gab T&ouml;ne von sich, die wie Gel&auml;chter klangen.
+Engelhart ging weiter, endlich hatte er ein abgelegenes
+Pl&auml;tzchen gefunden. Er lehnte die Stirn gegen den
+Rand eines eisernen &Ouml;fchens und sah seine Tr&auml;nen
+vor sich auf den Boden fallen.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter erschienen viele Leute, gegen Abend wurde
+der Sarg gebracht. Als es am dritten Tag zum
+Begr&auml;bnis ging, standen die Hausbewohner und die
+Nachbarn vorm Tor. Die Goldschl&auml;ger h&ouml;rten auf
+zu h&auml;mmern und traten in respektvoller Haltung auf
+die Stra&szlig;e. Der Major Friedlein schaute wie immer
+aus seinem Fenster, doch hatte er diesmal keine Pfeife.
+Bis der Zug zum Gottesacker kam, hatten sich unz&auml;hlig
+viele Menschen angeschlossen, aus manchem
+Fenster hing ein schwarzes Tuch oder blickte eine
+weinende Frau.</p>
+
+<p>Engelhart mu&szlig;te die Schaufel nehmen und Erde
+ins Grab werfen. Als alles aus war, kam der
+Vetter Zederholz, klopfte ihm auf die Schulter und
+sagte: &raquo;Lieber Sohn, so etwas kommt nicht zum
+zweitenmal.&laquo; Er blickte freundlich und traurig zugleich
+auf den Knaben, und zwischen den Fettfalten
+seiner Wangen gl&auml;nzte es feucht.</p>
+
+<p>So war die sch&ouml;ne Seele hinunter. Es war, als
+ob sie nie gelebt, als ob ihr L&auml;cheln nie gelebt h&auml;tte,
+ihr volles, wahres Auge, ihr karges und wohlgemeintes
+Wort. Nur die toten Dinge blieben: die Stra&szlig;e und
+das Haus; das Bett, in dem sie geruht; der Teller,
+von dem sie gegessen.</p>
+
+<p>Schlimm, da&szlig; Engelhart durch einen &auml;u&szlig;erlichen
+Trauerdienst der Trauer seines Gem&uuml;ts entf&uuml;hrt
+wurde. Jeden Morgen, sobald der Tag graute, mu&szlig;te
+er aufstehen und zum Gebetshaus eilen, um das
+Totengebet dort laut zu beten. Jeden Morgen allzu
+fr&uuml;h ri&szlig; ihn eine rauhe Hand zum Wachsein auf,
+und noch halb schlafend wankte er durch die Gassen.
+Gott wolle es und das Seelenheil der Mutter, sagte
+man ihm. Er glaubte nicht an einen Gott, der dieses
+wollte, er verhielt sich feindselig gegen einen Gott,
+der es darauf abgesehen hatte, seinen Schlaf zu zerrei&szlig;en.
+Das war schlimm, denn dadurch wurde sein
+Himmel pl&ouml;tzlich leer. Innerliche G&uuml;ter statt in
+K&auml;mpfen in verstimmter Selbstsucht verlieren, hei&szlig;t
+ohne W&uuml;rde und Gewinn verlieren. Freilich war
+Engelhart darin von je ungeleitet geblieben, der Vater
+stand diesen Dingen scheu gegen&uuml;ber, es war ihm unbequem,
+daran zu r&uuml;hren, und er hatte keine Zeit,
+dar&uuml;ber nachzudenken; die Mutter, einfach in ihrem Glauben
+wie in ihrem Wesen, hatte gemeint, das w&uuml;chse von
+selber in der Brust wie der Baum in guter Erde.
+Aber es kam kein Baum heraus, nur ein schm&auml;chtiges
+Reis, das vor dem ersten Windhauch zerbrach. Zudem
+lebte das werdende Geschlecht damals in einer Luft
+n&uuml;chterner Praktiken, und der h&ouml;here Sinn fand in
+kr&auml;nklicher Sehnsucht sein Heil.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>Kurze Zeit nach Frau Agathes Tod sagte Ketti
+den Dienst auf. Es blieb unbekannt, was sie
+vertrieb. Zu einigen Leuten &auml;u&szlig;erte sie, sie
+wolle nicht bei mutterlosen Kindern bleiben. Man wandte
+ein, da&szlig; sie nun erst recht n&ouml;tig und am Platze w&auml;re,
+aber sie sagte, es t&auml;te ihr zu weh; sie m&ouml;ge auch keinen
+andern Dienst mehr annehmen und gehe in ihre Heimat.
+Sie war zehn Jahre im Haus gewesen, und Herr Ratgeber
+lie&szlig; sie ungern ziehen. Er war den ganzen
+Tag im Gesch&auml;ft, zu Mittag schlang er hastig seine
+Mahlzeit hinunter, warf kaum einen Blick auf die
+Kinder, z&uuml;ndete die Zigarre an und ging wieder. Die
+Verwandten sagten ihm, da&szlig; die Kinder auf diese
+Weise verwildern m&uuml;&szlig;ten, auch kostete der kleine Haushalt
+mehr als je zu den Zeiten der Frau. Da entschlo&szlig;
+er sich, eine Wirtschafterin zu nehmen, und er
+hielt Nachfrage nach einer entsprechenden Person, die
+zugleich eine gewisse Geistesbildung besitzen sollte. Es
+dauerte nicht lange, da erschien ein gro&szlig;es blasses,
+blondes Frauenzimmer im Haus, und Herr Ratgeber
+glaubte gut gew&auml;hlt zu haben. Wenige Tage, nachdem
+das Fr&auml;ulein, dessen Name Adele Spanheim
+war, seine Stellung angetreten hatte, &uuml;bergab er
+ihr das Wirtschaftsgeld f&uuml;r drei Monate und reiste
+fort. Mehr als je tr&auml;umte er jetzt von Reichtum
+oder doch von behaglicher Wohlhabenheit; er spannte
+alle Kr&auml;fte an, um sich auf jene H&ouml;he des Lebens
+zu schwingen, auf der man von den Menschen geachtet
+werden mu&szlig;; es war, als ob das nun erstarrte
+Herz ihm keinerlei R&uuml;cksichten des Gef&uuml;hls auferlegte,
+er mu&szlig;te nicht und nirgends mehr verweilen, konnte
+sich v&ouml;llig seinen Projekten hingeben, und wenn ihm
+auch nicht verg&ouml;nnt war, ins Weite hinaus zu wirken,
+das wu&szlig;te er, so wollte er doch in seinem Kreis
+etwas gelten. Er war nie ein Jammerer, er beklagte
+nie sein Geschick; diese Kraft, sich zu verschlie&szlig;en, entfremdete
+ihn aber auch der Teilnahme der denk- und
+gem&uuml;tfaulen Leute, die rings um ihn gem&auml;chlich ihre
+Existenz bauten.</p>
+
+<p>Adele Spanheim verlangte blinden Gehorsam von
+den Kindern. Die beiden Kleinen bequemten sich
+dazu, sie konnten ja noch nicht sehend wollen. Engelhart
+widerstrebte trotzig. Das Blut scho&szlig; ihm in die
+Stirn, wenn sie lachend einen Befehl gab, nicht aus
+Einsicht, sondern aus blo&szlig;er Lust am Kommandieren.
+In einem ihrer w&ouml;chentlichen Berichte &uuml;ber die Ausgaben
+und die Vorf&auml;lle im Haus, die sie Herrn Ratgeber
+zu senden hatte, klagte sie, da&szlig; Engelhart ihr
+ohne den geb&uuml;hrenden Respekt begegne und da&szlig; es ihr
+schwer falle, gegen seine freche Selbstherrlichkeit aufzukommen.
+Darauf schrieb Herr Ratgeber zur&uuml;ck,
+wenn sich der Knabe nicht bessern wolle, erlaube er
+ihr jede Form der Z&uuml;chtigung. Diese Briefstelle las
+ihm das Fr&auml;ulein vor. Engelhart vernahm mit Unglauben
+und Schmerz des Vaters Worte, die so fremdartig
+aus der Ferne klangen, so kaltherzig auf dem
+Papier standen. Er forderte Fr&auml;ulein Spanheim auf,
+ihm den Brief zu zeigen, sie willfahrte, und es wurde
+ihm leicht, die sch&ouml;nen klaren Schriftz&uuml;ge zu lesen.
+Niedergedr&uuml;ckt schlich der Knabe im Haus umher und
+stellte sich, des schlechten Wetters nicht achtend, unter
+das Haustor. Die anbrechende Nacht verscheuchte ihn,
+und als er hinaufging, hatte er Kopfschmerz und
+jagende Hitze. Adele Spanheim sah ihn bleich hereinschwanken
+und wurde besorgt. Sie entkleidete ihn
+und strich ihm kosend &uuml;ber das Haar, aber ihr ver&auml;ndertes
+&auml;ngstliches Benehmen beleidigte seinen Stolz.</p>
+
+<p>Er bekam den Scharlach in der gef&auml;hrlichsten
+Form, lag vier Tage bewu&szlig;tlos, b&auml;umte sich aus der
+pflegenden Hand und schrie vor sich hin. Danach,
+als er genas, f&uuml;llte sich seine Brust mit S&uuml;&szlig;igkeit,
+es wurde ihm offenbar, da&szlig; er durch ein dunkles Tor
+neuerdings ins Leben trat, etwas von Lebenssch&ouml;nheit
+wurde ihm bewu&szlig;t, &uuml;ber einem langhinlaufenden Weg
+<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span>strahlte die Sonne mit herrlicher Gewalt, an beiden
+Seiten hingen Rosengirlanden und &uuml;ber smaragdenen
+Wiesen flogen V&ouml;gel, wie er sie nie zuvor erblickt, sie
+hatten etwas menschlich Sanftes im Ausdruck ihrer
+Augen und es wirkte beruhigend, wenn sie langsam
+sichere Kreise um denselben Mittelpunkt zogen. Gleichzeitig
+h&ouml;rte er die vertrauten Ger&auml;usche von der Stra&szlig;e,
+das H&auml;mmern der Goldschl&auml;ger, dies meisterhafte
+Schlagen im kurzen Wechseltakt, das Geschrei der
+spielenden Kinder, den Gesang vom Wirtshaus und
+vieles andre. Der Tod h&ouml;rte auf, ein Wort f&uuml;r ihn
+zu sein. Er wurde Bild und glich dem Bild des
+Lebens, nur da&szlig; alles umschattet und erstarrt war.
+Die Frage entstand: W&auml;ren die Stadt und ihre H&auml;user
+noch vorhanden, wenn ich tot w&auml;re? W&uuml;rden die B&auml;lle
+der Kinder drau&szlig;en noch ebenso in die Luft fliegen,
+die Leute im Wirtshaus noch ebenso singen? Er begriff
+oder f&uuml;hlte dunkel das Einzige des Lebens, die
+wunderbare unerme&szlig;liche unbegreifliche Macht, die den
+Menschen atmen l&auml;&szlig;t und die ihn zugleich die Finsternis
+ahnen l&auml;&szlig;t &ndash; dort, jenseits des Rosenwegs, &uuml;ber
+welchen die sanft&auml;ugigen V&ouml;gel fliegen, die er im
+Halbtraum gewahrt.</p>
+
+<p>T&auml;glich kam Doktor Federlein, fl&uuml;sterte eine Weile
+mit Fr&auml;ulein Adele, dann trat er ans Lager, von
+Karbolgeruch umwallt wie ein Priester von Weihrauch,
+nickte dem Knaben zu, schrieb ein neues Rezept, bef&uuml;hlte
+seinen Puls, kitzelte ihn am Kinn, sch&uuml;ttelte
+vor dem Spiegel seine dunkeln, bereits angegrauten
+Locken und ging wieder. Herr Ratgeber war von der
+Reise zur&uuml;ckgekehrt, Engelhart sah ihn aber nur des
+Abends. Neues Ungl&uuml;ck hatte ihn getroffen, der kleine
+Benjamin war drau&szlig;en in Altenberg gestorben. Wie
+ein Schatten war er seiner Mutter nachgefolgt, als
+ob sie, schon unter der Erde, das winzige Seelchen
+noch verlangt h&auml;tte, das in unergr&uuml;ndlicher Trauer
+sein Leben kr&auml;nkelnd hinschleppte.</p>
+
+<p>Als Engelhart zum erstenmal wieder ausgehen
+durfte, fuhr Adele Spanheim mit ihm und den beiden
+Geschwistern nach N&uuml;rnberg zu ihren Eltern. Es war
+pr&auml;chtiges Wetter, kristallen w&ouml;lbte sich der Himmel, die
+Bl&auml;tter begannen schon gelb zu werden und hingen
+gl&uuml;hend an den B&auml;umen des Stadtgrabens, vieleckig,
+vielt&uuml;rmig, mit strahlend roten D&auml;chern erhob sich die
+Burg und zur Rechten die s&auml;ulenschlanken T&uuml;rme von
+Sankt Sebald. Zwischen dem Henkersteg und dem
+Weinmarkt traten sie in das d&uuml;stre Tor eines altert&uuml;mlichen
+Hauses, stiegen eine riesenbreite Treppe mit
+flachen Stufen hinan und schritten oben &uuml;ber eine
+Holzgalerie mit sch&ouml;n geschnitztem Gel&auml;nder. Unten
+war der Hof, es pl&auml;tscherte Wasser aus dem Brunnen
+in ein steinernes Becken. In der Wohnstube befanden
+sich zwei alte Leute und f&uuml;nf erwachsene junge M&auml;nner,
+Adeles Br&uuml;der. Die Kinder wurden in die Ecke des
+Zimmers an einen kleinen Tisch gesetzt und erhielten
+Kaffee und Kuchen. Die acht Leute redeten leise miteinander,
+bisweilen flog ein musternder Blick zu den
+Kindern her&uuml;ber. An den W&auml;nden des gro&szlig;en Raums
+standen hochbeinige St&uuml;hle und zwischen den Fenstern
+hing ein Bild, ein M&auml;dchenkopf mit schwarzen, zur
+Schulter fallenden Haaren. Der Ausdruck des Gesichts
+erinnerte Engelhart an Sophie Hellmut, der
+Blick hatte etwas Z&auml;rtliches und Fragendes, und er
+konnte sein Auge nicht davon wenden. Er stand auf,
+um das sch&ouml;ne Gesicht n&auml;her zu haben, da ert&ouml;nte
+vom Kaffeetisch aus, das Wispern durchbrechend, Adele
+Spanheims Stimme: &raquo;Engelhart, sitzen bleiben!&laquo; Die
+Tasse an den Lippen, betrachtete sie ihn erwartungsvoll,
+auch die f&uuml;nf Br&uuml;der sahen ihn an. Mit verzerrtem
+Gesicht starrte der Knabe zu Boden, und es
+w&auml;re vielleicht zu einem Auftritt gekommen, wenn
+nicht die Ankunft eines neuen Gastes die Aufmerksamkeit
+des Fr&auml;uleins abgelenkt h&auml;tte. Diesen Umstand
+benutzte Engelhart und stahl sich aus dem
+Zimmer. Drau&szlig;en lehnte er sich einige Minuten
+lang &uuml;ber die Galerie und blickte entz&uuml;ckt in das
+blaue Himmelsviereck; auf der andern Seite konnte
+er durch eine ge&ouml;ffnete T&uuml;re in ein halbdunkles Zimmer
+sehen, in dessen Mitte ein Aquarium stand; Goldfische
+blitzten an der Glaswand vorbei, und ein schmaler
+Sonnenstreifen lag wie ein goldener Stab quer im
+gr&uuml;nen Wasser.</p>
+
+<p>Die Furcht, entdeckt und geholt zu werden, trieb
+ihn weiter, auf die Stra&szlig;e, &uuml;ber den Platz zur Sebalderkirche.
+Zaudernd stand er dort vor einer offenen
+Seitent&uuml;re. Es zog ihn hinein, und doch l&auml;hmte ein
+Unbekanntes seinen Fu&szlig;. Fr&ouml;mmigkeit, der Genu&szlig;
+des Wunderglaubens, die Seligkeit des Gebets, alles
+das war ihm fremd geblieben, aber die Furcht, Gottesfurcht,
+nicht im biblischen Sinn, behauchte ihn bisweilen
+wie die K&auml;lte der Winternacht, die durch die
+Fensterfugen in das erw&auml;rmte Zimmer streicht. Und
+nun der gewaltige Bau, die schwere D&auml;mmerung
+drinnen, und das Fremde und Steinerne, das den
+Christen und das Christentum in seinen Augen umgab.</p>
+
+<p>Er ging hinein. Die gewaltigen Pfeiler, die erhabenen
+Bogen und Gew&ouml;lbe, wie schr&auml;g gefaltete
+ungeheure H&auml;nde nach oben geneigt, das Halblicht,
+verst&auml;rkt und bemalt durch die bunten Glasfenster,
+die Stille des Ortes und seine ungeheure Raumf&uuml;lle,
+dies Emporstrebende, Emporweisende, es machte ihn
+schaudern bis ins Mark. Als dann die Glocke im
+Turm zu l&auml;uten anfing und ihn die Kl&auml;nge umschwirrten
+wie das Fl&uuml;gelschlagen mystischer Wesen,
+trugen ihn die Beine kaum mehr, er suchte einen
+Winkel, um sich zu verkriechen, und taumelte vorw&auml;rts,
+<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>bis ein schwarzes Gitter ihn aufhielt. Es war das
+Sebaldusgrab. Langsam wich die Blindheit von seinen
+Augen, er gewahrte zahllose kleine Fig&uuml;rchen, lieblich
+gestaltet, in stiller, vorgesetzter Bewegung, und sein
+Erstaunen war gro&szlig;. Das Zittern, das Grauen wich,
+auf einmal fand er sich heimisch, als h&auml;tte er Spiel
+und Spielgenossen entdeckt, und lange konnte er sich
+nicht trennen.</p>
+
+<p>Zu sp&auml;t erinnerte er sich der verflossenen Zeit.
+Alle Spanheims waren auf der Suche nach ihm.
+Adele stand im Flur und empfing ihn wortlos, mit
+eisig kalter Miene. Auch Gerda und Abel behandelten
+ihn hochm&uuml;tig, denn sie waren durch seinen Fehltritt
+in Gnade gekommen. Nach und nach kamen die
+Br&uuml;der Adelens zur&uuml;ck, lachten sp&ouml;ttisch, und einer
+zwickte den Knaben ins Ohr. Auf der Heimfahrt
+bewahrte Adele ihre bedeutungsvolle Zur&uuml;ckhaltung,
+und als er sich zum Schlafengehen anschickte, nahm
+sie einen Stock, stellte sich an das Bett und geno&szlig;
+seine stumme Angst, seinen flehenden Blick. &raquo;Wo
+warst du, w&auml;hrend wir dich gesucht haben?&laquo; fragte
+sie durch die geschlossenen Z&auml;hne. Da er nichts antwortete,
+geriet sie vor Zorn au&szlig;er sich, packte ihn
+beim Hemd, und wie er zur&uuml;ckwich, ri&szlig; das Hemd
+entzwei. Der Knabe lief nackt gegen das Fenster
+und, den Leib gegen die Mauer gepre&szlig;t, den Arm
+abwehrend zur&uuml;ckgestreckt, rief er wild: &raquo;Schlagen
+Sie mich nicht!&laquo;</p>
+
+<p>In Adele Spanheims Gesicht ging eine wunderliche
+Ver&auml;nderung vor. Sie err&ouml;tete, nahm die Kerze vom
+Tisch und sagte mit dunklerer, rauherer Stimme, ohne
+die Augen von der Gestalt des Knaben abzuwenden:
+&raquo;Geh nur schlafen, du ... Bub.&laquo; Bei diesem z&ouml;gernd
+ausgesprochenen Wort l&auml;chelte sie. Im Bette liegend,
+dachte Engelhart an ihr sonderbares L&auml;cheln und
+schlief in Scham und Traurigkeit ein.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Fuenftes_Kapitel" id="Fuenftes_Kapitel"></a>F&uuml;nftes Kapitel</h2>
+
+
+<p class="newsection"><span class="dropcap">A</span>dele Spanheims Herrlichkeit nahm bald ein Ende.
+Eines Nachmittags betrat Herr Ratgeber wider seine
+Gewohnheit die K&uuml;che und sah, da&szlig; Fr&auml;ulein Adele
+mit tr&auml;umerisch aufgerissenen Augen vor einem Topf
+mit eingemachten Preiselbeeren sa&szlig; und von Zeit zu
+Zeit einen Kaffeel&ouml;ffel voll in den Mund steckte. Gerda
+und Abel kauerten l&uuml;stern dabei, man sp&uuml;rte, wie
+ihnen der Mund w&auml;sserte. Da Herr Ratgeber auch
+sonst unzufrieden war mit der Leitung des Haushalts,
+sagte er: jetzt ist es genug, und gab der naschhaften
+Dame den Laufpa&szlig;. Damit gewann die Sorge um
+die f&uuml;hrerlosen Kinder neue Macht.</p>
+
+<p>Herr Ratgeber hatte sich inzwischen mit seinem
+Bruder Hermann endg&uuml;ltig entzweit. Er war im Begriff,
+aus dem gemeinsamen Gesch&auml;ft zu scheiden und
+eine Fabrik zu gr&uuml;nden; Produzent sein, die Ware gleichsam
+aus dem Nichts erschaffen, die H&auml;nde des Arbeiters
+unmittelbar in seinen Dienst nehmen, Maschinen in
+Betrieb setzen und im gro&szlig;en Stil wirtschaften, das
+war sein Traum. Er hatte es satt, B&auml;nder und
+Pfeifenspitzen zu verkaufen, wie er sich ver&auml;chtlich
+ausdr&uuml;ckte, und um jeden Groschen Verdienst m&uuml;hevoll
+schwatzen zu m&uuml;ssen. Nach langen Erw&auml;gungen entschlo&szlig;
+er sich f&uuml;r die Holzwarenbranche, und da er
+vorerst nicht viel von der Sache verstand, suchte er
+sich durch n&auml;chtelanges Studieren zu helfen. Aber so
+stolz seine Pl&auml;ne waren, es fehlte Herrn Ratgeber an
+Kapital. Er wandte sich an den reichen Bruder seiner
+verstorbenen Frau, und da er eine wunderbar &uuml;berzeugende
+Art zu schreiben hatte, lie&szlig; sich Michael Herz
+bestimmen, zehntausend Mark herzugeben. Aber damit
+hatte Herr Ratgeber nicht genug. Er war leidenschaftlich
+bem&uuml;ht, seiner Idee unter den bisherigen
+Gesch&auml;ftsfreunden geldkr&auml;ftige Anh&auml;nger zu gewinnen,
+und phantasievoll und tatgierig, wie er war, versprach
+er einem jeden goldne Berge. Mit weithinaus gerichtetem
+Blick ging er in dieser Zeit umher, best&auml;ndig
+ein L&auml;cheln zwischen den Lippen verh&uuml;llend, welches
+sagen sollte: La&szlig;t mich nur gew&auml;hren, la&szlig;t mich nur
+ans Ruder kommen. Er glaubte, die Stunde sei reif,
+wo er die nacheilenden Schatten seiner bedr&uuml;ckten
+Jugend in die Flucht schlagen k&ouml;nne, und sagte sich
+mit st&uuml;rmischer Entschlossenheit: Es mu&szlig; sein, mu&szlig;
+gelingen. Dieses Mu&szlig; trieb ihn zeit seines Lebens
+von M&uuml;hsal zu M&uuml;hsal und von Mi&szlig;lingen zu Mi&szlig;lingen.</p>
+
+<p>Nun gab es einen Mann in der Stadt, der das
+Treiben des Herrn Ratgeber mit der gr&ouml;&szlig;ten Neugierde
+verfolgte. Er hie&szlig; Teilheimer, hatte brandrote
+Haare, ein mit Sommersprossen bedecktes Gesicht,
+und sein Beruf war, &uuml;ber die Angelegenheiten seiner
+Mitb&uuml;rger aufs genaueste unterrichtet zu sein. Er
+sa&szlig; zum Beispiel im Wirtshaus und summte scheinbar
+achtlos vor sich hin. Da ging der Weinh&auml;ndler Strunz
+am Fenster vor&uuml;ber. Teilheimer zwinkerte listig mit
+den Augen und sagte: &raquo;Schau, schau, da geht der
+Strunz zum Bezirksarzt, um seinen f&auml;lligen Wechsel
+einzukassieren; wird ihm aber nichts nutzen, der Mann
+hat selbst kein Geld und der Schwiegervater gibt
+nichts mehr her; b&ouml;se Geschichte.&laquo; Oder man redete
+in einer Gesellschaft &uuml;ber das gesunde Aussehen und
+die Frische einer sch&ouml;nen Frau, was den roten Teilheimer
+zu der beil&auml;ufigen Bemerkung veranla&szlig;te, da&szlig;
+diese Frau den Krebs in der Leber sitzen habe und
+da&szlig; ihr nur noch ein Jahr und etliche Tage zu leben
+verg&ouml;nnt sei.</p>
+
+<p>Dieser magische Seher machte sich auf, um Herrn
+<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span>Ratgeber beizustehen. Eines Tages kam Engelhart
+von der Schule und st&uuml;rmte ins Zimmer. Da sah
+er den Vater am Ofen stehen, den Kopf geb&uuml;ckt, in
+unbewegliches Nachdenken versunken. Am Tisch ihm
+gegen&uuml;ber sa&szlig; der rote Teilheimer, ein Bein &uuml;bers
+andre geschlagen, einen Zigarrenstummel mit vergn&uuml;glicher
+Miene &uuml;ber die Lippen w&auml;lzend und einen Bleistift
+auf ein mit Zahlen beschriebenes Blatt bohrend,
+als ob er den Speer in die Brust eines Besiegten
+tauche. Sein Auge blitzte feldherrnhaft, als er dem
+Knaben mit einer Handbewegung das Zimmer verwies.
+Am darauffolgenden Nachmittag war es wieder
+so, nur da&szlig; noch Iduna Hopf dabei war; Herr Ratgeber
+stand wieder vor dem Ofen und schien qualvoll
+unentschieden, der rote Teilheimer spie&szlig;te wieder den
+Bleistift k&uuml;hn in die Zahlenleiber. Iduna Hopf
+machte dem Knaben ein Zeichen, er aber wollte es
+nicht verstehen und blieb in ahnungsvollem Trotz. Da
+sagte Iduna Hopf, gegen Herrn Ratgeber gewendet:
+&raquo;Da sieh mal, Joseph, wie vernachl&auml;ssigt der Junge
+herumgeht.&laquo; Herr Ratgeber blickte zerstreut und unruhig
+in des Knaben Gesicht.</p>
+
+<p>Eine Woche sp&auml;ter kam Herr Ratgeber zu fr&uuml;herer
+Stunde als sonst nach Haus, schritt erregt im Zimmer
+auf und ab, befahl der Magd, sogleich sein Essen zu
+bereiten, er fahre &uuml;ber den Abend nach N&uuml;rnberg.
+Dann kleidete er sich sonnt&auml;glich an, kam wieder zu
+den Kindern heraus, pfiff leise vor sich hin, &ouml;ffnete,
+als sei ihm zu hei&szlig;, das Fenster und beugte sich
+eine Weile hinaus. Inzwischen war der Braten aufgetragen
+worden, er setzte sich zu Tisch, und da ihn
+die Kinder and&auml;chtig umstanden und jedem Bissen
+nachschauten, der in seinem Munde verschwand, schnitt
+er drei gleich gro&szlig;e St&uuml;cke Brotes ab, legte auf jedes
+eine Scheibe Fleisch und teilte aus. W&auml;hrend sie alle
+drei schmausten, gab er sich einen Ruck und sagte:
+&raquo;Ihr werdet jetzt eine neue Mutter bekommen, damit
+wieder Ordnung unter euch ist. Seid anst&auml;ndig und
+macht mir Ehre.&laquo; Er vermied es bei diesen Worten,
+seine Augen vom Teller zu erheben, doch bevor er
+aufstand, richtete er den Blick mit pl&ouml;tzlicher Strenge
+auf Engelhart, der den Vater atemlos anstarrte.</p>
+
+<p>Am folgenden Tag, noch vor Tisch, traten zwei
+fremde Frauen ins Zimmer. Die eine von ihnen
+sagte: &raquo;Guten Tag, Kinder, gebt mir die Hand, ich
+bin eure neue Mutter.&laquo; Sie hatte ein s&uuml;&szlig;liches
+Wesen. &raquo;Sehr sch&ouml;ne Kinder,&laquo; sagte die andre Frau,
+die eine helle kalte Stimme hatte. Darauf begaben
+sich beide an die Besichtigung der Wohnung und
+unterwarfen jedes M&ouml;belst&uuml;ck und jedes Porzellanfig&uuml;rchen
+einer eingehenden Beurteilung.</p>
+
+<p>Engelhart verhielt sich stille, an manchen Tagen
+aber kam es &uuml;ber ihn und trieb ihn umher wie einen
+Ball, der von unsichtbaren H&auml;nden von einem Eck
+ins andre geworfen wird. Da fand er die Kleider
+zu eng, das Haus zu klein, den Himmel zu niedrig,
+und er lief ohne Sinn und Ziel durch die Gassen,
+bis er in einem Winkel Halt machte und in die Luft
+starrte. Er hatte in einem Buch die Geschichte gelesen
+von dem der auszog, das Gruseln zu lernen,
+und diese Geschichte machte Eindruck auf ihn durch
+etwas, das hinter den erz&auml;hlten Vorg&auml;ngen steckte,
+wie in einem Nebel des Grauens hin und her wogend.
+Er sp&uuml;rte die Kluft, die ihn von jenem trennte, der
+das Gruseln nicht lernen konnte, denn im Anfang
+seines Denkens war die Furcht, Furcht vor dem Ungewissen,
+Unsichtbaren, Unnennbaren, Furcht mitten in
+der Freude und im Spiel. Zagend stand er einem
+d&auml;monenhaften Wesen gegen&uuml;ber, dessen Wille es ist,
+zu zerst&ouml;ren und irrezuf&uuml;hren, den freifliegenden Wunsch
+aufzufangen und an die Erde zu fesseln.</p>
+
+<p>Im sogenannten Feldschl&ouml;&szlig;chen, eine halbe Stunde
+von N&uuml;rnberg entfernt, feierte Herr Ratgeber seine
+zweite Hochzeit. Die Kinder sa&szlig;en an diesem Tag
+in dumpfer Spannung zu Hause. Gegen Abend
+brachte jemand von der Hochzeitsgesellschaft eine Torte
+und Gr&uuml;&szlig;e vom Vater, der mit seiner neuen Frau
+schon abgereist war. Die Botschaft wurde kaum geh&ouml;rt,
+alle machten sie sich &uuml;ber die Torte her, auch
+die Magd erhielt ein St&uuml;ck, und um sich erkenntlich
+zu zeigen, verschwand sie dann und &uuml;berlie&szlig; die Kinder
+f&uuml;r den ganzen Abend sich selber. Sie befanden sich
+im gro&szlig;en Wohnzimmer, und Engelhart besch&auml;ftigte
+sich, die Aufsichtslosigkeit nutzend, mit der gro&szlig;en
+Wanduhr. Er liebte diese Uhr und die lautlosen
+Schwingungen des gelbfunkelnden Perpendikels; er
+suchte eine Seele in ihr. Zu diesem Zweck stellte er
+einen Schemel auf einen Stuhl, kletterte hinauf,
+&ouml;ffnete den Glasdeckel und lauschte dem heimlichen
+R&auml;dergesurr; bisweilen gab es ein Ger&auml;usch, das
+einem Seufzer glich. Nach einer Weile begann er
+an dem Zifferblatt zu hantieren, es gelang ihm, eine
+Schraube zu lockern, und auf einmal hatte er beide
+Zeiger in der Hand. Er erschrak, ihm war zumute,
+als seien einem lebenden Wesen die Arme abgefallen;
+umsonst probierte er, das &Uuml;bel wieder gut zu machen,
+pl&ouml;tzlich stieg er herunter und legte die Zeiger kleinlaut
+auf die Kommode. Es war ein ziemlich st&uuml;rmischer
+Abend, das Feuer im Ofen war erloschen,
+die Kinder froren. Zudem ging auch das &Ouml;l in der
+Lampe auf die Neige. Auf der Stra&szlig;e und im Haus
+war es totenstill, Abel war am Tische sitzend &uuml;ber
+seiner Schiefertafel eingeschlummert, Gerda schlich eine
+Weile in dem d&uuml;ster werdenden Zimmer hin und her,
+dann dr&uuml;ckte sie sich in die Ofenecke und fing an,
+leise vor sich hinzuweinen. Engelhart verbarg seine
+<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span>Gef&uuml;hle, so gut es m&ouml;glich war, er stellte sich gegen
+die T&uuml;r und horchte und wagte endlich zu &ouml;ffnen.
+Drau&szlig;en war&#8217;s finster. Er &uuml;berredete sich zur Tapferkeit
+und schritt hinaus, um nach der Magd zu rufen.
+Doch war die Finsternis so gro&szlig;, da&szlig; ihm das Ger&auml;usch
+des eignen Herzens Angst einfl&ouml;&szlig;te. Nie
+hatte er etwas so Teuflisches in der Nacht geahnt,
+er machte eine betende Bewegung mit den Armen,
+sein Auge fand aber keinen Aufblick. Dies machte
+die Finsternis doppelt schwer und &ouml;de, und da Gerda
+&auml;ngstlich seinen Namen rief, kehrte er zur&uuml;ck. Er
+schaute zur Uhr, um zu sehen, wie sp&auml;t es sei, und
+das Grauen &uuml;berlief seine Haut, als er ihr zeigerloses
+Blatt gewahrte und darunter den Perpendikel,
+ernsthaft schwingend, wie wenn nichts geschehen w&auml;re.
+Es schien, als ob die Zeit ihr Ma&szlig; verloren habe
+und die Nacht kein Ende nehmen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Acht Tage sp&auml;ter spielten die Kinder im Flur
+neben der Stiege, Engelhart hatte aus St&uuml;hlen eine
+Kutsche gebaut, Abel war Postillon, Gerda, in einem
+unerme&szlig;lich langen, weit &uuml;ber die Dielen schweifenden
+Mantel der Mutter und einen gro&szlig;en Federhut auf
+dem Kopf, machte die vornehme Passagierin, und
+Engelhart war der R&auml;uber, der die Kutsche im Wald
+zu &uuml;berfallen hatte. Mitten im gr&ouml;&szlig;ten Get&ouml;se tauchten
+Herr Ratgeber und die fremde Frau, die neue Mutter,
+auf und blieben auf der halben H&ouml;he der Treppe
+stehen. Herr Ratgeber, das Reisek&ouml;fferchen tragend,
+winkte den Kindern lachend zu, innezuhalten, die
+Frau sch&uuml;ttelte verdrossen l&auml;chelnd den Kopf, und
+ihre Blicke blieben auf Gerda haften, die vergeblich
+bem&uuml;ht war, sich aus dem Reisemantel zu befreien.</p>
+
+<p>Von Stund an ging alles einen andern Gang
+im Hause. Fr&uuml;h, mit dem Glockenschlag sieben hie&szlig;
+es aufstehen; es war keine Minute der Besinnung
+erlaubt, kein Sichdehnen, kein Zur&uuml;ckdenken an die
+Tr&auml;ume, ein R&uuml;tteln an der Schulter und: heraus.
+Besonders f&uuml;r den kleinen krummbeinigen Abel war
+es hart, oft, wenn er schon gewaschen und angekleidet
+war, fielen ihm am Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch die Augen wieder
+zu. Es gab keine Pfennige mehr zum Vesperbrot,
+und damit war eine der sch&ouml;nsten Vergn&uuml;gungen zerst&ouml;rt:
+den Schulhof verlassen, &uuml;ber die Stra&szlig;e zum
+B&auml;cker laufen und so mit einigen andern, welche die
+gleiche Schicksalsgunst genossen, eine scheinhafte kurze
+Freiheit erobern. Nach der Schule mu&szlig;te man in
+gemessener Zeit zu Hause sein, Frau Ratgeber ha&szlig;te
+das Streunen. Am Abend, kaum war das Brot gegessen,
+hie&szlig; es wieder: ins Bett, ins Bett; kein Einwand
+galt, alles war Befehl und Regel geworden.
+Die neue Frau Ratgeber meinte es nicht schlecht mit
+den Kindern, sie glaubte das Rechte zu wollen und
+zu tun, auch wenn sie das Brot, bis auf den Millimeter
+berechnet, vorschnitt, Fleisch nur in den winzigsten
+Portionen verteilte, den Zucker zum Kaffee
+abschaffte, so da&szlig; das wasserd&uuml;nne graubraune Getr&auml;nk
+kaum hinunterzubringen war. Engelhart wu&szlig;te
+nat&uuml;rlich nichts von dem Zwang, zu sparen, unter
+dem sie stand, und da&szlig; sie nur durch die scharfsinnigste
+Strategie in den Ausgaben mit dem zugewiesenen
+Wochengeld den Haushalt bestreiten konnte.
+Er sp&uuml;rte nur die ha&szlig;artige Lieblosigkeit, die ihm
+vorenthielt, was er bis jetzt genossen hatte; er b&auml;umte
+sich auf unter tyrannischen Verboten, er wurde hinterlistig,
+wenn er sich hinterlistig angeklagt sah, feig oder
+rasend den aufgebauschten Beschuldigungen gegen&uuml;ber,
+die stets vor das Tribunal des Vaters gebracht
+wurden, und er blieb bei gro&szlig;en Versehungen reuelos,
+weil auch die kleinsten ungro&szlig;m&uuml;tig verdammt
+wurden. Bald griff er zur L&uuml;ge aus Furcht, aus
+Diplomatie, zur gedankenlosen L&uuml;ge, ja zur L&uuml;ge, die
+er nur erfand, um sich in einer dumpfen Weise an
+der Frau zu r&auml;chen. Nicht selten gebrauchte er langwierige
+Ausreden, um sich eines erb&auml;rmlichen Vorteils
+zu versichern, und war einmal ein ausk&ouml;mmlicher
+Tag mit der Stiefmutter, so tat er freundlicher gegen
+sie, als ihm zumute war, schmeichelte ihrem Bed&uuml;rfnis
+nach Klatsch durch allerhand Geschichten und suchte sie
+m&ouml;glichst lang bei guter Laune zu erhalten. Zweimal
+in der Woche ging sie des Abends zum Fleischer, da
+begleitete er sie, schleppte den schweren Korb nach
+Hause, sa&szlig; am Tisch bei ihr, wenn sie Linsen klaubte
+oder &Auml;pfel sch&auml;lte, und wenn er im Plaudern war
+und sie bisweilen zum Lachen brachte, dann &uuml;bersah
+sie es, da&szlig; er die Butzen der &Auml;pfel a&szlig; oder das in
+den Streifschalen verbliebene Fruchtfleisch mit den
+Z&auml;hnen herausschabte; dann durfte er auch noch eine
+halbe Stunde in seinem geliebten Don Quichotte lesen
+oder aus Zwirn, Gl&auml;sern und allerlei Schachteln
+sonderbare Pal&auml;ste bauen. Wies sie ihn aber zu
+Bett, so durfte kein Widerspruch fallen. Das freie,
+arglose Wort fand kein Echo in ihr, die r&uuml;ckhaltlose
+Heiterkeit erweckte ihr Verdru&szlig; und Mi&szlig;trauen, der
+offene Blick erschien ihr frech. In ihr selbst war
+nichts als tart&uuml;ffisches Ducken gegen gesellschaftlich
+H&ouml;herstehende, auch wenn sie nachgewiesenerma&szlig;en
+nur hundert Mark mehr Einkommen besa&szlig;en. In
+den engsten und dunkelsten Verh&auml;ltnissen eines fr&auml;nkischen
+Judendorfs aufgewachsen, war sie von einer
+d&auml;monischen Liebe zum Geld besessen. Im Geld
+suchte sie die Quellen des Lebens. Sie war aufs
+genaueste mit den Verh&auml;ltnissen aller Familien der
+Stadt bekannt und richtete auf der Stra&szlig;e ihren
+Gru&szlig; nach eines jeden Besitz. Wenn ein reicher
+Mann starb, war sie immer ein wenig erstaunt
+dar&uuml;ber, da&szlig; Gott seine Hand auch nach einem solchen
+<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>Inbegriff irdischer Macht ausstreckte. Ihr ganzes
+Tun und Lassen war von r&auml;tselhaftem Neid durchflutet.
+Ihre Z&uuml;ge waren zerrissen von Unruhe, Unmut,
+Ungen&uuml;gsamkeit und Ehrgeiz, ihr Blick war
+stechend, ihr Mund bitter und &auml;rgerlich zusammengepre&szlig;t.
+Sie war eine Natur, alles Wohlwollens
+bar, ohne sanftes Verweilen im Augenblick, ohne
+frauenhaftes Tr&auml;umen. Wenn andre Tausende auf
+Tausende h&auml;uften, wollte sie wenigstens Pfennig um
+Pfennig sammeln, und weil sie darin kein Ende sah
+und alle Geister des Behagens auf immer von der
+Schwelle verscheucht wurden, an der sie begehrlich
+lechzend stand, so entsprang Fried- und Lichtlosigkeit
+aus allem, woran sie die H&auml;nde r&uuml;hrte. Ihr war
+es nicht gegeben, Zutrauen zu erwecken, die fr&uuml;heren
+Freunde der Familie blieben fern. Kein gem&uuml;tliches
+Bild, keine anziehende Vorstellung belebte die R&auml;ume,
+wenn Engelhart, fern vom Hause, sie sich gegenw&auml;rtig
+hielt. Einsam sparte und haderte die Frau und
+f&uuml;llte ihre Tage mit ersch&ouml;pfender Arbeit.</p>
+
+<p>Einmal kam Engelhart hungrig aus der Schule,
+und als er durch die K&uuml;che ging, wo sich gerade niemand
+aufhielt, sah er einen Korb voll kleiner &Auml;pfel
+auf dem Anricht stehen. Unbedenklich nahm er zwei
+&Auml;pfel, verzehrte sie im Zimmer, entledigte sich des
+Schulger&auml;ts und schickte sich an, m&ouml;glichst schnell zu
+entkommen, denn es war der erste sch&ouml;ne Tag nach
+regnerischen Wochen. Pl&ouml;tzlich stand die Stiefmutter
+vor ihm und fragte atemlos: &raquo;Wer hat von den
+&Auml;pfeln gestohlen?&laquo;</p>
+
+<p>Der Knabe starrte sie an; er war im Begriff,
+es ruhig zu bekennen, doch das Wort &raquo;gestohlen&laquo;
+machte ihn stutzig. &raquo;Ich habe nichts gestohlen,&laquo; antwortete
+er. Das Zittern seiner Stimme und besonders
+das Err&ouml;ten strafte ihn L&uuml;gen.</p>
+
+<p>&raquo;Leugne nicht,&laquo; sagte die Frau, &raquo;ich habe die
+&Auml;pfel gez&auml;hlt; du wirst ja feuerrot, du schlechter
+Mensch.&laquo; Damit schlug sie ihn vor den Kopf, da&szlig;
+er zur&uuml;cktaumelte; noch einmal erhob sie den Arm,
+Engelhart fing ihn auf und hielt ihn krampfhaft fest,
+darauf wurde sie von Wut und Bosheit &uuml;bermannt
+und schlug aus aller Kraft mit beiden F&auml;usten los.
+Der Knabe schrie; je mehr er schrie, je wilder wurde
+die Frau; die Leute vom Haus liefen zusammen, die
+Magd rannte von der Waschk&uuml;che herauf. Endlich
+gelang es Engelhart zu entkommen, er taumelte in
+den Flur, tastete sich am Gitter entlang und verkroch
+sich im finsteren Ende des Korridors zwischen zwei
+Schr&auml;nken. Er blieb unbeweglich dort, um zu warten,
+bis der Vater kam. Endlich vernahm er seine kurzen
+hastigen Schritte und atmete auf. Es verflo&szlig; geraume
+Zeit, bevor Herr Ratgeber das Zimmer wieder
+verlie&szlig;. Schon bedr&uuml;ckte den Knaben die Einsamkeit
+und Halbdunkelheit, er glaubte es aber so lang ertragen
+zu m&uuml;ssen, bis er mit G&uuml;te ins Licht zur&uuml;ckgef&uuml;hrt
+w&uuml;rde. Da rief die Stimme des Vaters
+seinen Namen, doch mit so hartem Klang, da&szlig; er
+erschrak und sich nicht r&uuml;hrte. Noch einmal t&ouml;nte der
+Ruf, lauter, gereizter, ungeduldiger.</p>
+
+<p>&raquo;Dort hinten steckt er,&laquo; sagte Abel, der herangeschlichen
+war und den Bruder verlegen zwinkernd
+betrachtete.</p>
+
+<p>Herr Ratgeber packte Engelhart am Arm und
+zerrte ihn hinein. &raquo;Zum L&uuml;gner bist du geworden,
+zum Dieb? Du willst mir Kummer machen, ich wei&szlig;
+es schon lang, fort aus meinen Augen, ich kann dich
+nicht mehr sehen!&laquo; Damit wandte sich Herr Ratgeber
+ab, ging in das n&auml;chste Zimmer und schlug die T&uuml;r
+zu. Die Sprache, die er gef&uuml;hrt, raubte Engelhart
+beinahe das Gef&uuml;hl des Lebens. Besonders der Umstand,
+da&szlig; er gar nicht gefragt worden, da&szlig; kein
+F&uuml;nkchen Recht auf seiner Seite gelten sollte, da&szlig; der
+Vater den Worten seiner Frau ohne weiteres Glauben
+schenkte, das umkrampfte seine Brust, und er hatte
+eine solche Verzweiflung bisher noch nicht kennen
+gelernt.</p>
+
+<p>Nicht mehr ganz derselbe wie vorher verlie&szlig; er
+das Haus und ging &uuml;ber den Bahndamm bis auf
+den Dambacher Weg. Der sch&ouml;ne Tag, die vollkommene
+Ruhe der Felder und Wiesen, der lautlos
+dahinflie&szlig;ende Rednitzflu&szlig; mit seinen Wasserr&auml;dern,
+die alte Schwedenfeste in der Ferne und der Wald
+rings um sie wie ein blauer Kranz: dies alles zog
+ihn empor aus dem Abgrund seines Schmerzes. Er
+setzte sich unter einen Weidenbaum dicht am Ufer und
+verfolgte das Treiben der Kr&auml;hen, die sich in seiner
+Nachbarschaft furchtlos niederlie&szlig;en. Das Flu&szlig;bett
+war vom langen Regen hoch angeschwollen, das Wasser
+trug auf seinem R&uuml;cken Hunderte von Baumzweigen
+dahin. H&auml;tte ihn nicht der Hunger gequ&auml;lt, so w&auml;re
+Engelhart bis in die Nacht hier geblieben; er umfa&szlig;te
+Land, Wald, Wasser und Himmel mit einer
+neuen, ernsten Empfindung, er f&uuml;hlte mit dunkler
+Genugtuung, was ihm beschieden sein k&ouml;nnte, wenn
+er in sich wirken lassen w&uuml;rde, was so gro&szlig;, so feierlich
+sich als Welt, als Natur vor ihm hinbreitete.
+Als er heimw&auml;rts wanderte, sank die Sonne hinter
+den Waldr&auml;ndern, der Himmel sah aus, wie wenn
+aus verborgenen Quellen rotgl&uuml;hendes Eisen &uuml;ber ihn
+hingestr&ouml;mt w&auml;re. Dar&uuml;ber streckten sich, aus einem
+Mittelpunkt hervorlaufend, gr&uuml;ne Strahlenb&uuml;schel,
+einzelne Wolken hingen gleich ruhig brennenden
+Schiffen im Zenit und die Ebene zitterte im r&ouml;tlichen
+Dunst.</p>
+
+<p>Fremd und fremder fand sich Engelhart dem
+Vater gegen&uuml;ber, und auch dieser verga&szlig; seinen Groll
+<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>diesmal lange nicht, vielleicht um die Ahnung von
+eigner Schuld zu ersticken. An einem Sonntagabend
+holte Herr Ratgeber die Gitarre von der Wand. In
+fr&uuml;heren Zeiten hatte er oft und gern darauf gespielt
+und Lieder gesungen, die er noch aus seiner Knabenzeit
+kannte. Er pflegte damals unbestimmt, doch
+gl&uuml;cklich vor sich hin zu l&auml;cheln, und seine Augen
+f&uuml;llten sich mit einem Ausdruck schamhafter Schw&auml;rmerei.
+Heute schlug er wie suchend ein paar Akkorde
+an; Engelhart bat, er m&ouml;ge doch singen, aber Herr
+Ratgeber zog die Stirn in Falten, legte das Instrument
+beiseite, machte eine abwehrende Bewegung mit
+der Hand und sagte rauh: &raquo;Du kannst schlafen gehen.&laquo;
+Die Gitarre wanderte bald darauf in die Rumpelkammer.
+Herr Ratgeber zeigte nie mehr Verlangen
+nach ihr.</p>
+
+<p>Die Fabrik war im Gang, sechsundzwanzig Arbeiter
+waren an den Hobelb&auml;nken, an der Kreiss&auml;ge,
+am Gasmotor t&auml;tig. Herr Ratgeber war tagelang
+besch&auml;ftigt, die fertiggestellten Holzschachteln mit Bildern
+zu bekleben und diese dann zu lackieren. Er
+hatte aus Sparsamkeitsr&uuml;cksichten nur einen einzigen
+Kommis aufgenommen, einen gewissen Lechner, der
+an Epilepsie litt. Oft schien es, als lausche Herr
+Ratgeber mit Befriedigung auf das furchtbar jauchzende
+Kreischen der S&auml;ge, das von den Fabrikr&auml;umen
+hereindrang, lauter und wilder, wenn eine T&uuml;r
+ge&ouml;ffnet wurde; meist aber war er traurig und verstimmt.
+An den Zahltagen kamen die Arbeiter zur
+Kasse, es gab nicht selten Streit, die Leute nahmen
+eine drohende Haltung an. Wenn Herr Ratgeber
+dann wieder allein war, rechnete er stundenlang,
+stellte den Umsatz fest, &uuml;berschlug die Herstellungskosten
+eines neuen Artikels und beriet mit dem Werkf&uuml;hrer
+&uuml;ber L&ouml;hne und Holzsorten. Sp&auml;t am Abend
+schrieb er Briefe und Fakturen, zeichnete Muster und
+Pl&auml;ne oder lackierte abermals die einf&auml;ltigen Bilder
+auf den Schachteln. Oft kam Engelhart und erinnerte
+den Vater an das Nachtessen, dann l&ouml;schte Herr Ratgeber
+mit einem letzten Blick und Seufzen die Lichter,
+versperrte Laden, Geldschrank und T&uuml;ren und ging
+schweigend mit dem Knaben nach Hause. Unbewu&szlig;t
+schnitt es Engelhart ins Herz, wenn der Vater einmal
+wieder vergn&uuml;gt war, etwa wenn Fremde da waren
+&ndash; wenn er mit seinen funkelnden Augen an harmlosen
+Gespr&auml;chen teilnahm, wenn er sich selbst wieder
+sp&uuml;rte und die Zeitl&auml;ufte verga&szlig;. Es wohnten ungelenkte
+Kr&auml;fte in seiner Brust, aber Kr&auml;fte waren
+es; mit beiden F&auml;usten hielt er sich grimmig an der
+Lebensleiter fest und konnte nicht empor, vielleicht
+weil ein brutaler Vorg&auml;nger die Sprossen zerbrochen
+hatte.</p>
+
+<p>Die Kinder sahen nur noch die richterliche Gewalt
+in ihm, er schien nicht mehr Teilnahme f&uuml;r sie zu
+hegen als der Drahtziehende im Puppentheater an
+den gehorchenm&uuml;ssenden Marionetten. Bei Tisch durfte
+nicht gesprochen werden, anst&auml;ndige Kinder sprechen
+nicht bei Tisch, hie&szlig; es. Ein Verbot wurde ausgesprochen,
+die Kinder wollten den Grund wissen,
+dies setzte oft in Verlegenheit, und jede Er&ouml;rterung
+wurde mit dem Satz abgeschnitten: Genug, ein Kind
+fragt nicht warum. Der Vater verlor das Licht in
+Engelharts Augen, es kam vor, da&szlig; er beim Schall
+seiner Schritte zitterte. Er lernte in den Blicken und
+zwischen den Lippen der Menschen lesen, erf&uuml;llt von
+Mi&szlig;trauen und allgemeiner Angst. Gerade in dieser
+Zeit fand er einen Kameraden. Sein Name war
+Philipp Raimund, es war ein aufgeweckter Knabe
+von grazi&ouml;sem Wesen; er hatte etwas Beschwingtes,
+Beherztes, das in seinem Gang und in seiner Art,
+den Kopf zu tragen, zur Geltung kam, seine Stimmung
+war durchsichtig wie Glas, alles an ihm war
+hell, seine &Auml;u&szlig;erungen hatten eine famose angeborene
+Kr&auml;ftigkeit. An einem Mittwochnachmittag marschierten
+sie zusammen in den Burgfarnbacher Wald, bis
+sie an eine tiefeinsame Stelle kamen. Dort rasteten
+sie. Raimund teilte sein Butterbrot mit Engelhart,
+sie sprachen &uuml;ber die Schule, dann &uuml;ber ihre Eltern,
+und Raimund fragte beil&auml;ufig, ob es Engelhart nicht
+gut zu Hause habe.</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben jetzt eine Stiefmutter,&laquo; entgegnete
+dieser in einem Ton, als ob es sich um eine kleine
+vor&uuml;bergehende Unannehmlichkeit handle.</p>
+
+<p>&raquo;Autsch!&laquo; rief Raimund teilnehmend und patschte
+sich auf die Schenkel. Von da an wurde sein Benehmen
+noch zarter und freundlicher; er ber&uuml;hrte
+diesen Umstand niemals wieder. Immer mehr nahm
+die Philosophie von ihren Unterhaltungen Besitz, und
+sie stritten mit Eifer &uuml;ber die Existenz Gottes.
+Engelhart leugnete Gott; das bek&uuml;mmerte Raimund,
+und er hatte viele Gr&uuml;nde dagegen. &raquo;K&ouml;nnen denn
+die Blumen und die B&auml;ume von selbst entstehen?&laquo;
+fragte er eindringlich, &raquo;und die Sonne, sie ist doch
+da, folglich mu&szlig; sie geschaffen worden sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist ewig,&laquo; antwortete Engelhart.</p>
+
+<p>&raquo;Ewig? Was hei&szlig;t das?&laquo; warf Raimund nachdenklich
+entgegen. &raquo;Ewig ist nichts, das ist doch nur
+ein Wort.&laquo;</p>
+
+<p>Dieser Einwand machte Engelhart stutzig, er h&auml;tte
+nichts zu sagen gewu&szlig;t, wenn Raimund nicht hinzugef&uuml;gt
+h&auml;tte: &raquo;Und der Mensch, so sch&ouml;n und lebendig,
+glaubst du, durch Zauberei ist er gekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Menschen entstehen aus sich selbst,&laquo; sagte
+Engelhart.</p>
+
+<p>&raquo;Wie, aus sich selbst?&laquo; fragte der andre erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es,&laquo; behauptete Engelhart finster, dennoch
+<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>sank in diesem Augenblick seine Wissenschaft in
+Nichts zusammen, und aus Groll dar&uuml;ber ward er
+st&ouml;rrisch. &raquo;Wie ist denn Gott?&laquo; warf er dem Freunde
+grimmig ein. &raquo;Was ist denn Gott? wie denkst du
+ihn? wie sieht er aus?&laquo;</p>
+
+<p>Raimund l&auml;chelte sonderbar liebensw&uuml;rdig und
+sagte ruhig: &raquo;Er ist ein Wesen.&laquo; Dazu machte er
+eine getragene Handbewegung und sein Gesicht hatte
+den Ausdruck der Verehrung.</p>
+
+<p>Dies geistige Einander- und Sichselbstsuchen im
+kindischen Wortgefecht, dies warme Emporsehnen und
+Hinausf&uuml;hlen war genug des Gl&uuml;cks, was konnte ein
+Ja oder Nein daran vermehren oder davon rauben?
+Ihre Worte glichen leerem Fliegengesurr in sommerlicher
+Luft, was Engelhart dachte, teilte er dem
+Freunde mit, aber was sie empfanden, verbargen sie
+einander sorgsam, so wurde ihr Beisammensein reich
+an unterirdischen Quellen. Raimund zuerst fand
+Engelharts Herz voll von Freundschaft, er bereitete
+es zu f&uuml;r die Freundschaft, er machte ihm das Gespr&auml;ch
+mit einem vertrauten Genossen unentbehrlich.</p>
+
+<p>Eines Tages durfte Gerda an einem Spaziergang
+der Freunde teilnehmen, und das kam so:
+Engelhart hatte Raimund abgeholt, und sie gingen
+an dem Haus vorbei, wo Ratgebers wohnten. Da
+sahen sie Gerda auf der Steintreppe des Spenglerladens
+sitzen und weinen. Die Knaben fragten sie
+aus, und sie erz&auml;hlte, sie habe ein Glas zerbrochen
+und sei geschlagen worden. Der mitleidige Raimund
+lud sie ein, mitzukommen, und sie besann sich nicht
+lang. Sie wanderten in den Vestnerwald, Gerdas
+blasses Gesicht f&auml;rbte sich in der belebenden Luft,
+und ihre Augen, deren Ausdruck stets zwischen Pfiffigkeit
+und Tr&auml;umerei wechselte, blickten freier. Sie
+gab nur Angst vor neuer Z&uuml;chtigung zu erkennen,
+weil sie so weit vom Hause war, aber Raimund
+lachte und meinte, das wolle er schon richten. In
+der Tat hatte Frau Ratgeber eine Schw&auml;che f&uuml;r den
+Knaben, weil er angesehener Leute Kind war und
+ihr sein Verkehr mit Engelhart schmeichelhaft vorkam;
+er war der Sohn eines Landgerichtsrats.</p>
+
+<p>Die drei zogen tiefer in den Wald und beachteten
+kaum, da&szlig; die D&auml;mmerung einbrach. Bisweilen blieb
+Raimund stehen und hielt mit scharfen Augen Umschau.
+Ein Uhu schrie in der Ferne, es wurde schnell
+dunkel, gerade da&szlig; sie noch den Waldrand und die
+Landstra&szlig;e erreichten, ohne in die Irre gegangen zu
+sein. Gerda war pl&ouml;tzlich todm&uuml;de, sie war nicht
+gewohnt zu marschieren, sie sank nieder in das feuchte
+Gras und sch&uuml;ttelte auf Raimunds scherzhaften Vorschlag,
+da&szlig; er und Engelhart sie tragen k&ouml;nnten,
+matt l&auml;chelnd den Kopf. Gleich darauf war sie eingeschlafen.</p>
+
+<p>&raquo;Lassen wir sie ein wenig schlafen,&laquo; murmelte
+Engelhart, &raquo;jetzt ist alles eins, Pr&uuml;gel gibt&#8217;s sowieso.&laquo;
+Vor ihnen im Osten stieg der Vollmond auf;
+zur Mulde vertieft, lagen die &Auml;cker, und auf dem
+Kamm des langgestreckten H&uuml;gels standen drei Pappelb&auml;ume,
+scharf in den Himmel gezeichnet. Raimund
+machte sich lustig &uuml;ber Engelharts Schweigsamkeit,
+auch sp&auml;ter, als sie schon auf dem Heimweg waren,
+das verschlafene M&auml;dchen in ihrer Mitte f&uuml;hrend.
+Aber er konnte nicht anders, es war ihm bang ums
+Herz, und er vermochte nicht Rechenschaft zu geben
+warum, er fand kein Wort, keinen Gedanken daf&uuml;r.
+Es war, als verursache die Sch&ouml;nheit der Nacht
+ihm Schmerz, er sp&uuml;rte eine Kraft in sich, die er
+nicht anzuwenden wu&szlig;te, es beunruhigte ihn eine
+F&uuml;lle, welche die Brust zu sprengen drohte.</p>
+
+<p>Raimund begleitete die Geschwister bis nach Hause
+und machte einen so geschickten F&uuml;rsprecher, da&szlig; man
+Gnade walten lie&szlig;. Das war der letzte sch&ouml;ne Tag
+mit Raimund, bald darauf verlie&szlig;en seine Eltern
+die Stadt, sein Vater war nach Bamberg versetzt
+worden.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2>
+
+
+<p class="newsection"><span class="dropcap">I</span>m darauffolgenden Herbst zogen Ratgebers in
+jenes Haus, in dessen Hoftrakt sich die Fabrik des
+Vaters befand. Engelhart hatte jetzt ernsthaft f&uuml;r
+die Schule zu arbeiten, wenn er vorw&auml;rts kommen
+wollte, doch er gen&uuml;gte keineswegs allen Anspr&uuml;chen
+und brachte vielfach schlechte Zensuren.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist nicht bei der Sache,&laquo; sagte Herr Ratgeber
+streng, &raquo;du tr&auml;umst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist ein Duckm&auml;user,&laquo; f&uuml;gte die Stiefmutter
+hinzu, &raquo;sieh ihn nur an, er hat keinen freien Blick.&laquo;
+Dieser Vorwurf traf den Knaben empfindlich; er
+wu&szlig;te sein Auge nach innen besch&auml;ftigt, wenn ihn
+jemand anrief, ri&szlig; er sich erst los von einem inneren
+Bild, aber dann f&uuml;hlte er seinen Blick ohne Scheu,
+er f&uuml;rchtete die Augen der Menschen nicht, h&ouml;chstens
+die der fremden Frau, die er Mutter nennen sollte.
+Er konnte sich freilich nicht geben, sondern wollte
+genommen werden, doch liebte er die Menschen, und
+das mit jedem Tage mehr; selbst vom Gleichg&uuml;ltigsten
+zur&uuml;ckgesto&szlig;en zu werden, war ihm &auml;rgerlich. Er
+suchte Zuneigung, Zustimmung, Einverst&auml;ndnis und
+gewahrte, wohin er auch sah, die Spuren halbverwischter,
+m&uuml;hsam verdeckter Leiden und die Schatten
+des Hasses, alle qu&auml;lten sich aneinander, einer sch&uuml;rfte
+sich am andern wund, auch im eignen kleinen Kreis
+war niemals Frieden. Die Sparwut der Stiefmutter
+&uuml;berschritt jedes Ma&szlig;, bei den Bekannten in der
+Stadt sprach man offen davon, da&szlig; die Ratgeberschen
+Kinder hungern m&uuml;&szlig;ten, Frau Karoline Curius schrieb
+<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>es an Michael Herz nach Wien. Dieser gab nun
+seiner Schwester eine Summe in Verwahrung, sie
+solle sich der Kinder annehmen, und Engelhart solle
+w&ouml;chentlich eine Mark Taschengeld erhalten. Ferner
+beschlo&szlig; er, Gerda aus dem elterlichen Haus zu
+nehmen; er verst&auml;ndigte sich mit dem Vater, und ehe
+Weihnachten kam, reiste das gl&uuml;ckliche M&auml;dchen, jetzt
+erst seiner Kindheit wiedergegeben, nach dem oberfr&auml;nkischen
+St&auml;dtchen Neustadt, wo sie in einem
+r&uuml;hmlich bekannten Pensionat Aufnahme fand.</p>
+
+<p>Engelhart erschien sich mit seiner w&ouml;chentlichen
+Rente als reicher Mann, doch erwuchs ihm keine
+Freude daraus. Wenn er den Besitz genie&szlig;en wollte,
+mu&szlig;te er ihn &auml;ngstlich geheimhalten, und diese
+Heimlichkeit bedr&uuml;ckte ihn: das lichtscheue Gebaren
+beim Kauf jedes St&uuml;ckchen Brotes, das Verstecken
+seiner Pfennige am Abend vor dem Schlafengehen;
+was eine Erleichterung h&auml;tte sein sollen, beschwerte
+ihn, er ha&szlig;te sich, wenn er seinen Hunger stillte, und
+inbr&uuml;nstig suchte sich sein Geist aus der tr&uuml;ben
+T&auml;glichkeit zu l&ouml;sen. Durch Zufall kam ihm ein
+popul&auml;res Buch &uuml;ber die Sternenwelt in die Hand,
+und entz&uuml;ckt sog er das fabelhafte Neue in sich auf.
+Welch ein Himmel, welch eine Welt! Die Gestirne
+ein feuerfl&uuml;ssiges Chaos, alles Werden ein Spiel von
+Jahrmillionen, die unscheinbare Milchstra&szlig;e in zahl-
+und namenlose Sonnen geteilt, jede sich regend in
+grauenhafter Gesetzm&auml;&szlig;igkeit, das ganze Universum
+ein Bild zielloser Eile, ein Hinrasen durch unendliche
+Finsternis. Des Knaben Gedanken tasteten sich
+schauernd von Erscheinung zu Erscheinung, wie
+Schneegest&ouml;ber in einen Garten mit jungen Bl&auml;ttern
+wirbelte und st&uuml;rzte dies alles in seinen Kopf, Andacht
+mischte sich mit Traurigkeit, und es schien ihm
+vergeblich, ein Gl&uuml;ck f&uuml;r das eigne schwanke Herz zu
+suchen, das wie ein Atom im Staubmeer unter einem
+kurzen Lichtstrahl leuchtend zuckt, um dann still in
+die Dunkelheit zu gleiten. Oft drohte ihm die Brust
+zu zerspringen, und wenn er lange in einer entlegenen
+Ecke vor sich hingegr&uuml;belt, lief er hinaus durch die
+Stra&szlig;en ins freie Feld, redete laut vor sich hin, berauschte
+sich in unsinnigen Ges&auml;ngen, um an einem
+einsamen Punkt der Landschaft pl&ouml;tzlich stehen zu
+bleiben und sehns&uuml;chtig auf Stimmen zu horchen, die
+seine entbrannte Phantasie in die Fernen und Tiefen
+zauberte.</p>
+
+<p>War all das nur ein buntes, b&ouml;ses Tr&auml;umen der
+ums Wachsein sich qu&auml;lenden Seele? An Nebeltagen
+verschwimmen Himmel und Erde, und der Schatten
+an einer Mauer scheint sich in die Wolken zu recken.</p>
+
+<p>In dieser Zeit kam Engelhart fast t&auml;glich ins
+Haus der Tante Curius. Herr Peter Salomon hatte
+seinen Posten im Ratgeberschen Gesch&auml;ft l&auml;ngst aufgegeben
+und betrieb eine Kohlenhandlung, aber seine
+Eink&uuml;nfte h&auml;tten ihm nicht gestattet, das Feinschmeckerleben
+zu f&uuml;hren, zu dem er sich ausersehen glaubte,
+wenn nicht Michael Herz in Wien regelm&auml;&szlig;ige und
+bedeutende Zusch&uuml;sse gew&auml;hrt h&auml;tte. Peter Salomon
+betrachtete das als einen selbstverst&auml;ndlichen Tribut,
+und wenn kein Geld mehr da war, sagte er mit einer
+gravit&auml;tischen Handbewegung: &raquo;Karoline, du mu&szlig;t
+nach Wien schreiben; dein Michael mu&szlig; bluten, da
+hilft kein Herrgott.&laquo; Dann t&auml;nzelte er l&auml;chelnd von
+einem Fu&szlig; auf den andern, tr&auml;llerte ein Lied und
+ging ins Wirtshaus. Der Kohlenhandel ging nat&uuml;rlich
+schlecht, da Herr Curius nicht zu arbeiten liebte; er
+begn&uuml;gte sich mit dem Bewu&szlig;tsein, da&szlig; in ihm das
+Talent zu einem Million&auml;r stecke. Eines Tages kaufte
+er f&uuml;r zw&ouml;lftausend Mark, es war alles, was er
+&uuml;berhaupt besa&szlig;, einen Bauplatz, der am &auml;u&szlig;ersten
+Rande der Stadt gegen Muggenhof zu lag, und obwohl
+ihm alle vern&uuml;nftigen Leute die Aussichtslosigkeit
+des Projektes lebhaft vor Augen stellten, f&uuml;hrte
+er seinen Willen durch, und seine Hauptbesch&auml;ftigung
+bestand von nun an darin, erstens so oft als tunlich
+auf seinem eignen Grund und Boden spazieren zu
+gehen, zweitens zu warten, bis irgendein wunderbares
+Ereignis die Landpreise so in die H&ouml;he treibe, da&szlig;
+er zum reichen Manne w&uuml;rde. &raquo;In zehn Jahren,&laquo;
+behauptete er mit jener Sicherheit, die ihn in den
+Augen seiner Frau zu einem Genie machte, &raquo;wird
+man mir zweimalhunderttausend Mark anbieten, aber
+ich werde noch weitere zehn Jahre zusehen. Ihr sollt
+den Curius kennen lernen.&laquo;</p>
+
+<p>Nun war beinahe seit dem ersten Tag der Ehe
+eine Person namens Barbara Kroner im Hause, die
+zuerst als K&ouml;chin, dann als Wirtschafterin galt, die
+aber in Wirklichkeit die Geliebte Peter Salomons war.
+Man erz&auml;hlte sich, da&szlig; alle drei, Mann, Frau und
+Magd, in demselben Zimmer schliefen und da&szlig; die
+Frau gezwungen sei, die Z&auml;rtlichkeit ihres Mannes
+mit der Fremden zu sehen, man entr&uuml;stete sich dar&uuml;ber
+und gab der Frau schuld, da sie etwas beschr&auml;nkten
+Geistes war. Aber sie liebte ihren Peter Salomon
+so abg&ouml;ttisch, da&szlig; sie in seiner Gegenwart nicht den
+Blick von ihm wandte, und ihre Selbstverleugnung
+war so gro&szlig;, da&szlig; sie die andre mitliebte, da&szlig; die
+andre die Herrin spielen und mit demselben Allerweltshohn
+wie Curius jede Billigkeit vergessen durfte.
+Barbara Kroner weigerte sich schlie&szlig;lich, die gemeine
+Hausarbeit zu verrichten, und drang darauf, da&szlig; ein
+Dienstm&auml;dchen angestellt werde. Peter Salomon benutzte
+die Gelegenheit und w&auml;hlte unter denen, die
+sich dazu anboten, ein h&ouml;chst scharmuzierliches Frauenzimmer,
+<span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>wie er sich ausdr&uuml;ckte, eine gewisse Anna
+Wild aus der Gegend von Baireuth. Sie gefiel
+Peter Salomon so &uuml;ber die Ma&szlig;en, da&szlig; er Frau
+samt Kebsweib verga&szlig; und sich emsig hinter die Neue
+machte. Anna Wild war in der Tat ein sch&ouml;nes
+Weib; sie ging meist mit kokett gesenkten Augen, und
+wenn sie l&auml;chelte, flammten hinter den feuchten Lippen
+die wei&szlig;esten Z&auml;hne. Die Kroner wurde von Eifersucht
+erfa&szlig;t, es gab fortw&auml;hrend Z&auml;nkereien, einmal
+wollte die Wild Phosphorkappen von Z&uuml;ndh&ouml;lzern in
+ihrer Suppe gefunden haben. Alledem sah Frau
+Curius still zu. Nicht nur, da&szlig; sie die Unbequemlichkeiten
+ertrug, sondern sie warb auch noch bei Anna
+Wild f&uuml;r ihren Gatten und beg&uuml;nstigte sie, als sie
+in ihr die Mehrgeliebte sah.</p>
+
+<p>An einem Abend kam Engelhart hin&uuml;ber und sah
+Anna Wild hinter der Kellert&uuml;r sitzen, ein &Ouml;ll&auml;mpchen
+neben sich, und in die Tiefe starren. Der Knabe
+fragte, auf wen sie warte, sie blickte ihn fl&uuml;chtig an,
+sch&uuml;ttelte den Kopf und rief nach einer kleinen Weile
+gegen die Wohnung hinauf: &raquo;Herr Curius! Herr
+Curius!&laquo; Es kam keine Antwort, das M&auml;dchen
+wandte sich zu Engelhart und forderte ihn auf, sie
+in den Keller zu begleiten, sie f&uuml;rchte sich allein. Er
+ging mit, sie rollte ein kleines Bierfa&szlig; aus dem
+Verschlag, stellte es auf die Bank, wo das L&auml;mpchen
+stand, nahm den Hammer und hieb mit starken
+Schl&auml;gen den Keil in den Spund. Dann nahm sie
+den Abzugsschlauch, steckte ihn in die &Ouml;ffnung und
+trank am andern Ende mit langen, durstigen Schl&uuml;cken.
+Pl&ouml;tzlich hielt sie inne und sagte: &raquo;Du k&ouml;nntest mir
+gleich einen Ku&szlig; geben, du Kleiner.&laquo; Da er nicht
+antwortete, zog sie ihn am Arm heran und hie&szlig; ihn
+aus dem Schlauch trinken, wie sie selbst getan.
+&raquo;Ordentlich!&laquo; befahl sie. &raquo;Du wirst kein Mann, wenn
+du nicht trinken kannst.&laquo; Und ehe er sich dessen
+versah, ergriff sie ihn ganz wie er war, dr&uuml;ckte seine
+Schulter an ihre Brust, packte mit der Hand sein
+Kinn und k&uuml;&szlig;te ihn mitten auf den Mund. Engelhart
+packte sie zornig bei den Haaren und suchte ihren
+Kopf zur&uuml;ckzustemmen, ihm war, als ber&uuml;hre ein
+zuckender, k&uuml;hler Fisch seine Lippen, endlich ri&szlig; er
+sich mit aller Kraft los und stolperte die finstere
+Treppe hinauf. Anna Wild lachte hinter ihm drein
+und rief: &raquo;Wirst kein Mann, wenn du nicht k&uuml;ssen
+kannst.&laquo;</p>
+
+<p>Tagelang vermied Engelhart den Blick der Menschen,
+und wenn ihn jemand anredete, erschrak er. Bisweilen
+rieb er mit den Fingern seine Lippen ab, als suche
+er das Ged&auml;chtnis an jenen fischhaften Druck fortzuwischen.
+Wenn er aus dem Schlaf erwachte, blickte
+er unruhig in die Finsternis, der Wind r&uuml;ttelte am
+Fenster, und es war ihm, als laure drau&szlig;en, den
+Raum zwischen Himmel und Erde f&uuml;llend, ein ungeheures
+Raubtier. Vielleicht h&auml;tte er das ganze
+Erlebnis wieder vergessen, wenn nicht andre Dinge
+sich ereignet h&auml;tten, die seinem Nachdenken und seiner
+dumpfen Verst&ouml;rtheit neue Nahrung gaben. Die
+Magd bei Ratgebers hatte einen Liebhaber aus der
+Fabrik, und es kam heraus, da&szlig; dieser sich alln&auml;chtlich
+in ihre Kammer schlich. Eines Nachts wachte Engelhart
+von wildem Schreien und Schimpfen auf. Er
+erhob sich und lugte durch die T&uuml;rspalte. Die Magd
+und ihr Liebhaber standen beide im Hemd vor Herrn
+Ratgeber, das Weib heulte, der Liebhaber und Herr
+Ratgeber br&uuml;llten. Oben und unten &ouml;ffneten sich
+T&uuml;ren, verschlafene Leute erschienen, und endlich
+mu&szlig;te das Paar, nachdem es sich angekleidet hatte,
+schimpflich das Haus verlassen. Darauf folgte eine
+angstvolle Zeit, in jeder Nacht vor Torschlu&szlig; l&auml;utete
+die Flurglocke st&uuml;rmisch, der Liebhaber und seine
+Kumpane standen drau&szlig;en und verlangten unter unheimlichen
+Reden den Lohn der Magd f&uuml;r die nichteingehaltene
+K&uuml;ndigungsfrist. Da nicht aufgemacht
+wurde, stie&szlig;en sie das Glas an der T&uuml;re ein und
+einer warf sein Messer in den Korridor. Das ging
+so fort, bis die Polizei dem Treiben ein Ende machte.</p>
+
+<p>Langsam und mit unerbittlicher Gewalt tauchte
+f&uuml;r Engelhart ein Warum nach dem andern aus der
+Tiefe des Nichtwissens empor. Er d&uuml;rstete nach
+Wahrheit und Aufkl&auml;rung und mu&szlig;te unerl&ouml;st hangen
+zwischen L&uuml;ge und Feigheit, mu&szlig;te zitternd weilen
+wie der Blinde, der an einen Stein st&ouml;&szlig;t und sich
+nicht weiter wagt, trotzdem zu beiden Seiten kein
+andres Hindernis ist. Ja, er mu&szlig;te in der Luft der
+Heuchelei zum Heuchler werden, so da&szlig; ihm bangte,
+wenn von den mysteri&ouml;sen Dingen zu Hause oder
+unter Freunden gefl&uuml;stert wurde und er sich anschickte,
+mit Befangenheit den Unbefangenen zu spielen.
+Was er auch von den Menschen und ihren Einrichtungen
+beurteilen lernte, erschien ihm widersinnig
+und grausam.</p>
+
+<p>Es war im Karneval, da ereignete es sich, da&szlig;
+unter Engelharts Mitsch&uuml;lern das Ger&uuml;cht umlief, ein
+gewisser Bachmann, der dieselbe Klasse besuchte, aber
+zwei Jahre &auml;lter und wegen seines gewaltt&auml;tigen
+Wesens von allen gef&uuml;rchtet und gemieden war, habe
+seinem Vater eine gro&szlig;e Summe Geldes entwendet
+und alles im Verlauf kurzer Zeit in einem &ouml;ffentlichen
+Haus verpra&szlig;t. Die Sage kam zu den Ohren der
+Lehrer und des Rektors, es fand eine gro&szlig;e Untersuchung
+statt, in die auch einige Sch&uuml;ler der oberen
+Klassen verwickelt wurden, und Bachmann und seine
+Mitschuldigen wurden dimittiert. Am Nachmittag des
+Faschingdienstags kehrte Engelhart mit einer Schar
+von Kameraden von der Turnstunde zur&uuml;ck. Die
+<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>Turnhalle war etwas au&szlig;erhalb der Stadt gelegen,
+und ohne da&szlig; Engelhart wu&szlig;te, was im Werk war,
+bemerkte er pl&ouml;tzlich ein heimliches Raunen und aufgeregtes
+Tuscheln unter den Knaben, und sie zogen
+in eine Seitengasse, wo ein paar unscheinbare H&auml;user
+standen, deren Fenster mit gr&uuml;nen L&auml;den verschlossen
+waren. Die Schar, es waren zwanzig bis f&uuml;nfundzwanzig
+Knaben, wurde immer stiller, einige sahen
+sich mit furchtsamen, fast irr gl&auml;nzenden Augen um,
+andre l&auml;chelten scheu. Sie standen eine Weile unschl&uuml;ssig,
+zwei oder drei rieten umzukehren, da &ouml;ffnete
+sich im oberen Stock eines H&auml;uschens ein Fenster,
+und der dicke Bachmann, der Stier, wie sein Spitzname
+lautete, lehnte sich &uuml;ber das Sims. Er hatte
+eine Harlekinm&uuml;tze auf dem Kopf und sah w&uuml;st und
+verkommen aus. Hinter ihm erschienen zwei oder
+drei M&auml;dchen, bis zur Brust entbl&ouml;&szlig;t; sie lachten und
+klapperten zugleich vor K&auml;lte mit den Z&auml;hnen, die
+eine hielt eine Weinflasche in die H&ouml;he, die andre
+stie&szlig; Lockrufe aus, wie wenn man Hunde lockt.
+Auch sie hatten bunte Papierm&uuml;tzen, mit klingenden
+Schellen behangen.</p>
+
+<p>Unten standen die Knaben vollst&auml;ndig lautlos.
+Von denen, die r&uuml;ckw&auml;rts standen, schlichen einige
+&auml;ngstlich davon. Bachmann forderte sie auf, ins Haus
+zu kommen, er habe Geld genug, doch keiner antwortete.
+Es dunkelte schon, und nach und nach
+machten sich alle aus dem Staub. Engelhart trieb
+sich noch eine Weile in der heute mehr als sonst
+belebten Stadt umher; als er heimkam, sah er unten
+im Packraum neben dem Schreibzimmer des Vaters
+den Kommis Lechner. Es dr&auml;ngte ihn, mit irgend
+jemand zu sprechen. Er hatte die Gesellschaft gerade
+dieses Menschen bis jetzt gemieden, er war einmal
+dabei gewesen, als Lechner im epileptischen Krampf
+niedergest&uuml;rzt war, Tisch und Bank mit sich rei&szlig;end,
+in grauenhaftem Gebr&uuml;ll mit allen Gliedern zuckend;
+seitdem war ihm seine N&auml;he unertr&auml;glich, und doch
+konnte er heute nicht anders, er gesellte sich zu ihm,
+begann scheinbar harmlos zu plaudern und erz&auml;hlte
+ihm die Geschichte mit Bachmann stockend und umst&auml;ndlich.
+Gewi&szlig; merkte Lechner das Bedr&uuml;ckte und
+Fragende in Engelharts Gebaren, und er benutzte
+den Anla&szlig;, um als Wissender den Unwissenden zu
+sticheln. Engelhart setzte sich auf eine Kiste und h&ouml;rte
+zu wie einer, der Vorw&uuml;rfe verdient. Da nahm
+Lechner einen mitleidig-lehrhaften und vertraulichen
+Ton an, lehnte sich fl&uuml;sternd &uuml;ber den Tisch und
+seine Augen flackerten glimmerig. Von namenloser
+Scham wie ger&auml;dert, lauschte Engelhart den
+unverkleideten Worten des Menschen. Sein erster
+stechender Gedanke war: &#8250;Und meine Mutter?&#8249; Es erleichterte
+ihn, da&szlig; er ihr nicht begegnen mu&szlig;te, da&szlig;
+ihr Tod ihm erspart hatte, sie mit Augen voll solcher
+Kenntnis ansehen zu sollen. Mit einem Abscheu vor
+Lechner, der keines Wortes f&auml;hig war, erhob er sich
+und ging. Der andre, der Dankbarkeit und begieriges
+Eingehen erwartet hatte, war erz&uuml;rnt; er ha&szlig;te den
+Knaben von da an und verfolgte ihn bei jeder Gelegenheit
+mit h&auml;mischen Anspielungen. Ja, seine T&uuml;cke
+scheute nicht davor zur&uuml;ck, Herrn Ratgeber mit dem
+wohlgemeinten Hinweis auf Engelharts fr&uuml;he und
+gef&auml;hrliche Reife zu beunruhigen.</p>
+
+<p>Engelhart schlief mit seinem Bruder Abel, der
+jetzt neun Jahre alt war, in einem Bette. Abel war
+ein ganz und gar verpr&uuml;geltes Kind; die steten Gefahren,
+von denen er umlauert war, hatten ihn
+t&uuml;ckisch und verschlagen gemacht, und da ihm jede
+wahre Zucht mangelte, bot sein Charakter dem
+Schlechten und Niedrigen immer weniger Hemmungen
+dar. Engelhart hatte ihn wegen kleiner Verr&auml;tereien,
+durch die sich Abel bei der Stiefmutter ein St&uuml;ck
+Brot oder ein gutes Wort erkaufte, vielfach zu f&uuml;rchten,
+doch hatte er schlie&szlig;lich ein Mittel gefunden, durch
+das er den Bruder im Zaum halten und an sich
+fesseln konnte: er erz&auml;hlte ihm allabendlich vor dem
+Einschlafen Geschichten, M&auml;rchen und Abenteuer, die
+er gelesen hatte, und als ihm der Vorrat ausging,
+fing er an, selbsterfundene Geschichten zu erz&auml;hlen,
+und zwar solche, die er nicht zu Ende f&uuml;hrte, sondern
+in schlauer Manier stets im spannendsten Moment
+mit der Zeitungsphrase abbrach: Fortsetzung folgt
+morgen. So entstanden nicht selten sonderbare und
+raffinierte Verwicklungen, deren L&ouml;sung immer weiter
+hinausgeschoben wurde und die an Engelharts Ged&auml;chtnis
+gro&szlig;e Anforderungen stellten. Abel war ein
+atemloser Zuh&ouml;rer, es kam vor, da&szlig; er den Bruder
+auch bei Tag bedr&auml;ngte, weil ihm die Neugier keine
+Ruhe lie&szlig;.</p>
+
+<p>Heute lag Engelhart schweigend neben Abel in
+der Dunkelheit, und so sehr ihn dieser auch um die
+Weitererz&auml;hlung der Geschichte best&uuml;rmte, er konnte
+kein Wort &uuml;ber die Lippen bringen; das Reden schien
+ihm h&auml;&szlig;lich, im unverf&auml;nglichsten Worte sp&uuml;rte er
+pl&ouml;tzlich einen Stachel, der die Seele ritzte. Als Abel
+sich endlich zufrieden gegeben hatte und schlief, erhob
+sich Engelhart aus dem Bett und setzte sich im Hemd
+ans Fenster. Weite dunkle H&ouml;fe lagen vor ihm, und
+schwarze D&auml;cher klebten am Gew&ouml;lke, hinter dem
+umri&szlig;los der gelbe Mond zerflo&szlig;. Engelhart st&uuml;tzte
+den Ellbogen auf das Sims, sein Herz badete erleichtert
+in der wunderbaren Nachtstille, und Tr&auml;nen
+st&uuml;rzten ihm aus den Augen.</p>
+
+<p>Frau Wahrmann hatte Engelhart schon im Winter
+eingeladen, die Osterzeit bei ihr zu verbringen; Herr
+Ratgeber verweigerte seine Erlaubnis, doch, besorgt
+<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span>&uuml;ber des Knaben Fortschritte in der Schule, gab er
+das Versprechen, ihn zu den Sommerferien nach
+Gunzenhausen zu schicken, wenn er in die h&ouml;here
+Klasse aufsteigen d&uuml;rfe. Engelhart geh&ouml;rte nicht zu
+den Naturen, f&uuml;r die eine Belohnung zum inneren
+Ansporn wird, im Gegenteil, er fand sich durch Erwartungen,
+die er erregte, entschieden gel&auml;hmt; nichts
+ward bei ihm durch Entschlu&szlig; und klar bewu&szlig;tes
+Handeln, alles wuchs aus einem ungeheuern Druck
+und Trieb hervor, und das seinem Wesen Widrige
+nahm oft nur durch die F&uuml;gung eines guten Sterns
+keinen &uuml;beln Ausgang. So hatte er geringe Hoffnungen
+f&uuml;r einen Sommer, wie ihn seine Sehnsucht
+wollte, jetzt, wo alle Lernfreudigkeit geschwunden war
+und sein tiefbetr&uuml;bter Geist, der Unschuld des Betrachtens
+entrissen, lichtscheu an den Wurzeln des
+Lebens nagte. Es vergingen die Monate, und er
+ertrug ungeduldiger als jemals die gleichm&auml;&szlig;ige
+Fesselung durch ehern eingeteilte Stunden, oft wurde
+seine Ruhelosigkeit so gro&szlig;, da&szlig; ihn kein noch so
+geliebtes Buch zu halten vermochte, und er sp&uuml;rte es:
+wenn er diesen Sommer die Freiheit nicht bekam,
+und das, was er, geheimnisvoll vorauserlebend, in
+ihm ahnte, dann mu&szlig;te er den feindseligen Gewalten
+erliegen, denen er keinen Namen geben konnte.
+Einmal, auf dem Weg zur Schule, h&ouml;rte er bei einem
+Neubau einige Leute aufschreien und ihm zuwinken;
+in derselben Sekunde vernahm er ein unheimliches
+Klirren und Knattern, rings um ihn schwirrte es,
+da sah er sich mitten in dem Fl&uuml;gel eines gro&szlig;en
+Fensterstockes stehen, der aus der zweiten Etage herabgest&uuml;rzt
+war. Das riesige Ding war durch den erstaunlichsten
+Zufall gleichsam rings um ihn herumgefallen,
+die Scheiben waren nach au&szlig;en geflogen
+und auf dem Pflaster zersplittert, er stand unverletzt
+mitten im Rahmen, als h&auml;tte er sich hineingestellt.
+Wie trunken blieb er eine Weile stehen und wurde
+von den Zuschauern kopfsch&uuml;ttelnd betrachtet. Er
+nahm es als ein gutes Vorzeichen, er fa&szlig;te wieder
+Vertrauen, und s&uuml;&szlig;e Lebenssicherheit ergriff Besitz
+von ihm.</p>
+
+<p>Endlich kam die Entscheidung, und sie fiel g&uuml;nstig
+aus. Anfangs August durfte er reisen. Des Abends
+langte er an, herzlich begr&uuml;&szlig;t, und lag bald darauf
+wieder im selben Bett wie vor sechs Jahren, h&ouml;rte
+die dr&ouml;hnenden, langsamen Stundenschl&auml;ge der Blasturmglocke,
+den mahnenden Gesang des Nachtw&auml;chters,
+die Eisenbahnz&uuml;ge im Tal drau&szlig;en, wie auf einer
+Br&uuml;cke durch den Weltraum rollend. In der Fr&uuml;he
+fragte ihn Frau Wahrmann &uuml;ber die Verh&auml;ltnisse
+daheim aus; sie war eine gute und gerechte Frau
+und geriet beinahe au&szlig;er sich &uuml;ber seine Erz&auml;hlungen,
+in denen er zudem alles ihn selbst Dem&uuml;tigende
+verschwieg.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span>Im Hause der Frau Wahrmann hatte sich wenig
+ge&auml;ndert. Helene war nun ein heiratsf&auml;higes
+M&auml;dchen, aber sie machte sich wenig Gedanken
+dar&uuml;ber, und ihre Hauptsorge war auf ein
+harmloses Am&uuml;sement gerichtet; die zweite, die Gottsucherin,
+ergr&uuml;belte sich ein Leben voll eingelernter
+Idealismen, und ihr Los war schon jetzt die best&auml;ndig
+seufzende Trauer dar&uuml;ber, da&szlig; das Lebendig-Seiende
+mit dem sehns&uuml;chtig Erdachten so wenig
+&uuml;bereinstimmte. In Esmee zeigte sich die Unbefangenheit
+einer kr&auml;ftig auf Form und Erscheinung
+gerichteten Natur, und sie war immer wieder die
+Vers&ouml;hnerin zwischen der sp&ouml;ttisch-&uuml;berlegenen Helene
+und der hadernd-unzufriedenen Jette; sie lie&szlig; alles
+Unangenehme an sich herankommen und wurde dann
+spielend damit fertig. So sehr sie noch Kind war,
+so hatte ihr Herz schon f&uuml;r immer gew&auml;hlt, einen
+jungen Studenten, Spiel- und Schulkameraden. Dies
+zu wissen war f&uuml;r Engelhart schmerzlich, nicht als
+ob seine Gedanken jemals w&uuml;nschevoll um Esmees
+Bild gewebt h&auml;tten, aber sie schon in Besitz genommen
+zu wissen, das erregte seinen Unwillen. Es war
+etwas Gehemmtes und Zelotisches in seinem Blick,
+wenn er ihre naiv koketten K&uuml;nste beobachtete, er
+suchte Streit mit dem M&auml;dchen wie mit dem h&uuml;bschen
+Gymnasiasten, der ihr Freund war. Schien es nicht,
+als ob Lechners Enth&uuml;llungen das Liebestreiben der
+Menschen f&uuml;r ihn zu einem epileptischen Krampf gemacht
+h&auml;tten? Oft geschah es, da&szlig; er sich absonderte,
+wenn die M&auml;dchen und Knaben hinaus in die Wiesen
+wanderten, doch er ging dann nicht seine eignen Wege,
+sondern folgte jenen wie ein Spion, verbarg sich hinter
+Geb&uuml;sch, wenn sie rasteten, beobachtete argw&ouml;hnisch und
+erregt ihr Treiben und wandte das Auge nicht von Esmee
+und ihrem Anbeter. Und wie schimpflich, wie erniedrigt
+erschien er sich dabei, ausgesto&szlig;en von dem Kreis fr&ouml;hlicher
+Beziehungen, unt&ouml;tbaren Neid in der Brust.</p>
+
+<p>Es kam auch ein junger Mensch namens Benedikt
+Knoll ins Wahrmannsche Haus, gleichfalls ein
+Student, siebzehn Jahre alt, also drei Jahre &auml;lter
+als Engelhart, und dieser gewann durch Scharfsinn
+und vielfaches Wissen dort eine geistige Oberherrschaft,
+ja eine Art Tyrannei. Er war ein sehr kleiner,
+h&auml;&szlig;licher Mensch von fr&uuml;h entwickeltem sarkastischen
+Witz, ein Jude und eine echte Judennatur, den frommen
+und gedr&uuml;ckten Geschlechtern entsprossen und unbewu&szlig;t
+bem&uuml;ht, diese Abkunft durch ausschweifende Freigeisterei
+und ein br&uuml;nstiges Streben nach Unabh&auml;ngigkeit zu
+verleugnen. Ihm n&auml;herte sich Engelhart sch&uuml;chtern,
+bereit, eine &Uuml;berlegenheit anzuerkennen, die sich so
+selbstherrlich gab und die keinen Widerspruch, sondern
+nur Bewunderung erfuhr. Benedikt Knoll lie&szlig; sich
+die Gelegenheit nicht entgehen, seine erzieherischen
+Ideen zu verwirklichen, und am lebhaftesten experimentierte
+er dann an Engelhart, wenn er an den
+M&auml;dchen willige und and&auml;chtige Zuh&ouml;rerinnen hatte.
+Er hatte sehr viel Heine gelesen und verachtete, wie
+es damals unter jungen Leuten Brauch war, Schiller
+und Schillersche Begeisterung; mit einem Heineschen
+Witz lie&szlig; sich jede ins Traumhafte und Fantastische
+schweifende Wendung des Gespr&auml;chs m&uuml;helos und unter
+dem Dank des Publikums ersticken. An Sommerabenden,
+wo man unter dem klaren Sternenhimmel
+zwischen den H&auml;usern und duftenden G&auml;rten auf und
+ab wandelte, wurde mit wenigen ironischen Seitenhieben
+Gott aus der Welt gejagt und Wissenschaft,
+das hei&szlig;t bl&ouml;der Augenschein trat an seine Stelle.
+Nun hatte ja Engelhart freilich auf seine Weise schon
+Gott verloren, nur nicht so leicht, so &uuml;berhebend, so
+hausbacken, und immerhin lag im verlassenen, noch
+nicht entheiligten Tempel der schutzlose Mensch ehrf&uuml;rchtig
+auf den Knien. Dies aber verwirrte sein
+Gem&uuml;t schwer, und bei all der unwiderstehlichen,
+prickelnden Gewalt, die Benedikt &uuml;ber ihn gewonnen
+<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span>hatte, fing er doch an, ihn im Innersten zu hassen
+und zu f&uuml;rchten. Dann bestach ihn wieder die freiere
+Anschauung von den Dingen des Lebens und das
+k&uuml;hnere Urteil des kleinen Studenten, und sie verabredeten,
+in Korrespondenz zu bleiben. Engelhart
+trat jetzt in ein Alter, wo Geist oder die Maske des
+Geistes, das scheinhafte Wort, schon als Triumph
+&uuml;ber die lastenden Schicksalsm&auml;chte gilt. Diese Andacht
+des Alleshinnehmens und Alleseinsaugens kam
+dem kritischen Knoll verd&auml;chtig vor, er &auml;rgerte sich
+&uuml;ber die zage Verschleierung des Ausdrucks, wenn
+Engelhart von der Zukunft und seinem k&uuml;nftigen
+Beruf sprach. &raquo;Da dich dein Vater zum Kaufmann
+machen will, so tu nicht, als ob du zu was Besserem
+geboren w&auml;rst,&laquo; schalt er grob; &raquo;du gehabst dich, als
+ob&#8217;s eine Schande w&auml;re, aber es sitzen noch ganz
+andre Leute wie du auf dem Drehsessel.&laquo;</p>
+
+<p>Engelhart schwieg, und eine dunkle Verstimmung
+bem&auml;chtigte sich seiner. Was konnte es helfen, er
+hatte keine Lust dazu. Aber wozu sonst? Die Zukunft
+war ihm eine finstre Nacht, aus deren Tiefe
+wie ein scharlachner Brand irgendetwas Unbekanntes
+strahlte. Auch wenn er in sein Inneres schaute, sah
+er dieses Feuer, dessen er sich vor den Menschen
+sch&auml;mte und das ihn beunruhigte, wenn er allein war.
+Es schwebte ihm etwas vor, &auml;hnlich wie atemloses
+Graben und Schaufeln im Innern der Erde und da&szlig;
+junge Frauen aus einer j&auml;h ge&ouml;ffneten Pforte traten,
+um ihm schweigend und ergriffen zuzuh&ouml;ren, wenn er
+von der Finsternis und seiner Einsamkeit erz&auml;hlte.
+Oder er dachte sich in einem seit Jahrhunderten verlassenen
+und verfallenen Haus von Gemach zu Gemach
+wandernd; nur die letzte T&uuml;r war verriegelt,
+und als er weitergehen wollte, vernahm er aus
+dem Innern eine Stimme, die voll unerh&ouml;rten
+Schmerzes ein unerh&ouml;rtes Leiden berichtete. Er sah
+auch das Bild zahlloser, &uuml;ber eine Heide hinst&uuml;rmender
+wilder Pferde, und er selbst kam des Wegs,
+die ungest&uuml;me Schar blieb versteinert stehen und er
+schritt ruhig durch die willigen Reihen. Er sehnte
+sich nach den Menschen im allgemeinen und f&uuml;rchtete
+sie wieder im besonderen. Er liebte es, mit halbgeschlossenen
+Augen dazuliegen und &uuml;ber etwas zu
+l&auml;cheln, was ungreifbar, ein s&uuml;&szlig;er Hauch, &uuml;ber seine
+Seele flog. Das war es ungef&auml;hr, und es erschien
+ihm verwerflich und unfruchtbar, so zu sein, aber er
+konnte nicht anders.</p>
+
+<p>An einem Regentag zeigte sich ein fremdes Gesicht
+im vertrauten Kreis, ein M&auml;dchen namens Hedwig
+Andergast, eine Offizierstochter aus N&uuml;rnberg, die bei
+ihren Verwandten, den Notarsleuten, zu Besuch weilte.
+Sie war ein wenig &auml;lter als Engelhart; da er sie
+sah, hatte er ein h&ouml;chst wunderliches Gef&uuml;hl: ihm war, als
+tr&auml;ume er und sie tanze luftig leicht auf seiner ausgestreckten
+Hand. Er wurde sp&auml;ter gefragt, ob er sie
+h&uuml;bsch f&auml;nde, und er konnte nicht antworten, weil er,
+kaum da&szlig; sie aus dem Zimmer gegangen, sich an
+keinen Zug ihres Gesichts erinnern konnte. Die M&auml;dchen
+bedr&auml;ngten ihn, besonders Helene h&auml;tte gern gewu&szlig;t,
+ob die Fremde den Vorrang vor ihr verdiente,
+da tat er eine feindselige &Auml;u&szlig;erung gegen Hedwig
+Andergast, ganz ohne Ursache, in unklarer Wallung
+des Gem&uuml;ts. Nat&uuml;rlich kam Hedwig oft, sie hatte
+Gefallen an den Wahrmannschen M&auml;dchen gefunden,
+und da hatte Esmee, boshaft gelaunt, den Einfall,
+Hedwig die Worte Engelharts in seinem Beisein zu
+wiederholen. Das M&auml;dchen sagte nichts, sie zuckte
+nur die Achseln, aber der ruhige, verwunderte Blick
+ihrer grauen Augen traf ihn tief.</p>
+
+<p>An einem Nachmittag, wo es regnete und gewitterte,
+wurde beschlossen, auf den gro&szlig;en Dachboden
+zu gehen und dort zu spielen. Die meisten Spiele
+erwiesen sich f&uuml;r l&auml;ngere Dauer als unzul&auml;nglich;
+Helene und Jettchen brachten Blumen herauf, steckten
+sie mit den Stengeln der Reihe nach in die Fugen
+zwischen die Dielen, und der &ouml;de Dachboden stellte
+einen Garten vor. Man dachte sich einen hohen Zaun
+ringsum, Helene war Pf&ouml;rtnerin und lie&szlig; nur diejenigen
+hinein, die einen selbstgereimten Vers aufzusagen
+wu&szlig;ten. Alle zogen sich mehr oder weniger
+geschickt aus der Schlinge, nur Engelhart brachte in
+der kritischen Lage nicht ein Wort &uuml;ber die Lippen.
+Dies schmerzte ihn selbst, denn er wu&szlig;te etwas und
+konnte es nur nicht sagen, h&auml;tte es nicht sagen k&ouml;nnen
+um keinen Preis der Welt. Als sie ihn verspotteten,
+nahm er eine Holzlatte, hieb den Blumen die K&ouml;pfe
+ab und fuchtelte derart um sich, da&szlig; die Cousinen
+schreiend in eine Ecke fl&uuml;chteten, w&auml;hrend Hedwig
+Andergast sich in den gro&szlig;en Schlitten setzte, der hier
+oben seine Sommersiesta hielt, und gleichg&uuml;ltig, ja
+etwas m&uuml;de vor sich hin blickte. Schlie&szlig;lich, sein Gebaren
+wurde ihm selber unbehaglich, sprang Engelhart
+auf eine Kiste und schleuderte die Latte wie einen
+Speer von sich. Sie traf Hedwig seitw&auml;rts an der
+Stirn, ein Aufschrei folgte, Engelhart sah Blut, die
+M&auml;dchen kamen bleich aus ihren Verstecken, Esmee
+lief, um Wasser zu holen, Helene wusch die unbedeutende
+Wunde und band ein Tuch um Hedwigs Stirne.
+Nachher gingen sie alle ins Klavierzimmer hinunter,
+r&auml;umten Tische und St&uuml;hle beiseite, um zu tanzen,
+denn Hedwig wollte zeigen, da&szlig; sie sich aus dem Unfall
+nichts mache. Aber Engelhart war verschwunden.
+Er hatte sich eine Weile im Hof herumgetrieben und
+war dann in die Scheune gegangen, wo er sich oben
+zwischen den Holzst&ouml;&szlig;en verbarg. Das Gewitter hatte
+aufgeh&ouml;rt, die Sonne schien in das kleine Fenster an
+<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span>der Mauer; er sah hinaus, &uuml;ber ein schmales G&auml;&szlig;chen
+hinweg bot sich der Blick auf den Garten des
+Kasinos und auf die leuchtenden tropfenden B&auml;ume.
+Unten ging Premierleutnant Siderlich vorbei und wie
+gew&ouml;hnlich folgten ihm einige Knaben mit h&ouml;hnenden
+Zurufen. Premierleutnant Siderlich wohnte l&auml;ngst
+nicht mehr bei Wahrmanns, auch war er aus dem
+Heeresdienst entlassen, lief in Zivilkleidung herum und
+war zur &ouml;ffentlichen Spottgestalt geworden. Die Knaben
+machten sich &uuml;ber seine Trunkenheit lustig, vielleicht
+schien er auch nur betrunken und war in Wirklichkeit
+krank, jedenfalls torkelte er haltlos am Zaun entlang.
+W&auml;hrenddem kam Hedwig Andergast aus dem Wahrmannschen
+Hause und betrat das G&auml;&szlig;chen. Sie hatte
+noch das wei&szlig;e Tuch um die Schl&auml;fe gebunden. Der
+Premierleutnant Siderlich blieb vor ihr stehen und
+legte, als ob er noch Soldat w&auml;re, die Hand salutierend
+an den Hut. Die Knaben johlten, Siderlich
+l&auml;chelte verzerrt. Hedwig sagte zu dem vordersten der
+Knaben: &raquo;Sch&auml;mt euch doch, ihr Buben, seht ihr denn
+nicht, da&szlig; sich der Mann nicht wehren kann?&laquo; Einer
+aus der Schar entgegnete frech: &raquo;Er wirft immer in
+der Nacht Steine nach den Fenstern.&laquo; Der Premierleutnant
+machte eine protestierende Geste, aber die
+andern lachten und schrien: &raquo;Ja, ja!&laquo; Hedwig sah
+noch eine Weile zu, bis sie alle fort waren, dann ging
+sie weiter. Engelhart h&ouml;rte sie etwas murmeln und
+sie sch&uuml;ttelte den Kopf. Ein unwillk&uuml;rlicher Ausruf
+oder ein R&auml;uspern von ihm lie&szlig; sie emporschauen;
+sie hemmte ihren Schritt und lachte, wobei sich ein
+goldiger Glanz &uuml;ber ihre Lider breitete; Engelhart
+war es, als ob er durch den lachenden Mund bis in
+ihr Herz hinabsehen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Am Abend trat eine Gestalt an sein Bett und
+hie&szlig; ihn aufstehen. Er gehorchte und kleidete sich an.
+Die Gestalt f&uuml;hrte ihn hinaus. Am Himmel zuckten
+best&auml;ndige Blitze; es sah aus, als ob unter den R&auml;ndern
+der Erde ein gro&szlig;es Spiritusfeuer kochte und
+die Flammen schlugen best&auml;ndig &uuml;ber. Er wurde von
+der Gestalt bis zum Altm&uuml;hlflu&szlig; gef&uuml;hrt. Dort lag
+ein Boot, und sie stiegen ein, fuhren ohne Stange
+noch Ruder stromaufw&auml;rts, und da erwies es sich
+pl&ouml;tzlich, da&szlig; die Gestalt Hedwig Andergast war; ihr
+Gesicht war wie mit einem Silberschleier behangen,
+und als er sie sch&uuml;chtern fragte, warum sie nicht
+spreche, legte sie stumm die Hand auf die Brust und
+seufzte.</p>
+
+<p>Es war ein Wunschbild nat&uuml;rlich, aber Wahrheit
+steckte darin. So sah er sie und sich selbst, ringsum
+von Wundern umgeben. Es war nicht mehr die alte
+Erde, auf der er wandelte, es erschien ihm ein wenig
+l&auml;cherlich, zu gehen, zu sprechen und zu schlafen. Er
+mied Hedwig Andergasts N&auml;he, nichts entt&auml;uschte ihn
+so sehr, als ihre Stimme zu h&ouml;ren, und nichts begl&uuml;ckte
+ihn so, als einen Raum zu betreten und zu
+wissen, da&szlig; sie dagewesen war. Es stimmte ihn b&ouml;se,
+wenn sie in seiner Gegenwart von ihrem Elternhaus
+erz&auml;hlte, von ihren Kleidern oder von Vergn&uuml;gungen
+und Gesellschaften, er sah sie dann so wild an, da&szlig;
+das M&auml;dchen erstaunte und erschrak; dagegen suchte
+er am Abend den Garten und die dunkle Laube auf
+und sa&szlig; regungslos, bis es zehn Uhr schlug und die
+Tante zum Schlafengehen rief. Dort wurde ihm der
+Tag erst Wirklichkeit und holdes Schauen, er f&uuml;hlte
+den Leib der B&auml;ume von sommerlichen S&auml;ften strotzen,
+in den Mondstreifen leuchtete das Blut der Blumen,
+alle Dinge waren doppelt entbl&ouml;&szlig;t und doppelt verh&uuml;llt.
+Es erschien ihm wichtig, da&szlig; man g&uuml;tig und
+anerkennend gegen ihn sei, und Hedwig Andergast
+w&auml;hlte er vor allen andern aus, da&szlig; sie es sei. Wenn
+er im Freien ging, im Wald, warf er sich bisweilen
+zur Erde und horchte; der Wind sang, im Innern
+der Erde sang es mit, die ganze Natur hatte Atem,
+Stimme, Bewegung, Antlitz, Mark und Sehnsucht.
+Wenn er an Hedwigs Gestalt und Namen dachte, erzitterte
+sein Herz, aber wenn sie kam und ging und
+ihm wie allen die Hand reichte, schaute er finster zur
+Seite. Er empfand es als eine Dem&uuml;tigung, von ihr
+gekannt zu sein. Schlie&szlig;lich wu&szlig;ten doch bald alle,
+was mit ihm vorging, er geh&ouml;rte nicht zu denen, die
+ihre inneren Zust&auml;nde verbergen k&ouml;nnen, da wurde
+jedes Zusammensein eine Qual, und es gen&uuml;gte, wenn
+Hedwig bei einer Anspielung err&ouml;tete, da&szlig; er aufsprang,
+forteilte und sich den ganzen Tag &uuml;ber nicht
+mehr sehen lie&szlig;. Von allem am meisten ha&szlig;te er das
+Wort Liebe; er wurde bla&szlig; und seine F&auml;uste ballten
+sich, wenn er es h&ouml;rte; das epileptisch verkrampfte Gesicht
+Lechners tauchte hinter dem Wort empor, er erschien
+sich besudelt und unwert seiner Tr&auml;ume. Damit
+hing es auch zusammen, da&szlig; ihm der Anblick
+seines nackten K&ouml;rpers schmerzlich und peinvoll war
+und da&szlig; er nach dem Bad mit gr&ouml;&szlig;ter Hast wieder
+in die Kleider schl&uuml;pfte; am liebsten h&auml;tte er im Finstern
+gebadet. Wenn er k&ouml;rperlich an Hedwig Andergast
+dachte, geschah es mit demselben Schauder, den
+er damals gesp&uuml;rt, als bei Lechners h&uuml;ndischen Erkl&auml;rungen
+der Gedanke an die Mutter sein Gem&uuml;t
+aufgew&uuml;hlt hatte.</p>
+
+<p>Die Tage wurden merklich k&uuml;rzer, ein herbstlicher
+Hauch ging durch die Landschaft. Die Kirchweih kam,
+die gew&ouml;hnlich das Ende des Sommers bedeutete; auf
+dem Rasen vor den Ruinen der alten Stadtmauer
+wurden die Buden errichtet, sa&szlig;en die Bauern auf
+Bretterb&auml;nken im Freien und tranken Bier aus steinernen
+Kr&uuml;gen. Die Cousinen schauten vor den
+Fenstern der Wirtsh&auml;user dem Tanze zu und Engelhart,
+<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>abgesto&szlig;en von dem L&auml;rm und Gew&uuml;hl, spazierte
+am Schilf des Ufers hin, und wenn er sich umkehrte,
+sah er die Figur eines Seilt&auml;nzerm&auml;dchens im himbeerroten
+Trikot auf hohem Seil voltigieren; es war,
+als ob sie durch den bla&szlig;blauen &Auml;ther des Himmels
+schwebte.</p>
+
+<p>Bevor die sch&ouml;nen Tage verstrichen, wollte man
+noch einen Ausflug auf den Hesselberg unternehmen,
+und an einem Abend, wo der Barometer und die
+Prophezeiungen der Bauern g&uuml;nstig waren, wurde
+eine fr&uuml;he Morgenstunde zum Abmarsch festgesetzt. Es
+war herrliches Wetter. Bei dem Dorf Wurmbach
+verlie&szlig; man die Landstra&szlig;e und wanderte &uuml;ber die
+Wiesen. Knoll und Esmees Student machten die
+F&uuml;hrer, Frau Wahrmann und Helene schlossen den
+Zug. Die M&auml;dchen sangen Lieder und pfl&uuml;ckten
+Blumen, an den Ufern eines Waldbachs war Mittagsrast.
+Durch D&ouml;rfer ging&#8217;s, die unber&uuml;hrt von
+der gro&szlig;en Welt am Bergeshang versteckt lagen wie
+die Perle in der Muschel. Engelhart sammelte Steine,
+oben im Schlo&szlig; verfolgte er eine Eidechse bis ins
+Innere eines verfallenen Turms. Nicht mehr so belebt
+war der Heimmarsch, die M&auml;dchen wurden m&uuml;de,
+Esmee klagte &uuml;ber ihre wunden F&uuml;&szlig;e, Engelhart gab
+sich, wie oft in der D&auml;mmerungsstunde, einer selbsts&uuml;chtigen
+Traurigkeit hin. Der Himmel war mit
+Purpur begossen, die Bl&auml;tter der B&auml;ume glichen Blutstropfen,
+dann kam die Dunkelheit, feuchte D&uuml;nste entstiegen
+dem Boden, Fr&ouml;sche quakten, das Grillengezirp
+erf&uuml;llte die Luft wie ein Sausen; aus der verblassenden
+Glut hinter den H&uuml;geln wanderten die Sterne
+herauf. Wie zuf&auml;llig hatten sich Engelhart und Hedwig
+Andergast einander gesellt. &raquo;Sieh mal die Sterne,&laquo;
+sagte Engelhart und deutete hinauf. Sie sah die
+Sterne an, aber sie hatte sie schon zu oft gesehen, es
+machte ihr wenig Eindruck. Sie fragte ihn, ob er
+wisse, da&szlig; sie &uuml;bermorgen wieder nach Hause reise; er
+wu&szlig;te es nicht; ob er wisse, wo ihre Eltern in N&uuml;rnberg
+wohnten; er wu&szlig;te es nicht, sie erkl&auml;rte es ihm.
+Dann schwiegen sie lange Zeit.</p>
+
+<p>Dem M&auml;dchen wurde sonderbar zumute. Vielleicht
+f&uuml;hlte sie das zum Springen volle Herz ihres
+Gef&auml;hrten und da&szlig; ihm von allen Menschenworten
+keins zu Gebote stand, um sich zu erleichtern. Irgend
+etwas Namenloses ri&szlig; sie pl&ouml;tzlich hin, sie schwankte
+zwischen Ungeduld und Bangigkeit, der bunte Jahrmarkt
+ihrer Gedanken und W&uuml;nsche bedeckte sich mit
+dem Mantel sanfter Schwermut. Ihr war, als m&uuml;sse
+sie ihm helfen, aber sie wu&szlig;te nicht wie, sie war
+genau so hilflos wie er. Die Dunkelheit, die Stille,
+die Einsamkeit, die M&uuml;digkeit, die sie empfand, der
+weite Weg, der noch vor ihnen lag, all das machte
+sie zaghaft, einem unbestimmten Mitleid zug&auml;nglich,
+und aus dem Kind wurde pl&ouml;tzlich ein Weib, wenigstens
+f&uuml;r diese eine Stunde. Ihre Blicke suchten einander,
+konnten sich aber nicht treffen und flohen dann
+wieder erschreckt in die Ferne. Das mattere und
+vollere Schlagen der Herzen wechselte wie im Takt,
+das Gras bog sich williger unter ihren F&uuml;&szlig;en und
+sie versanken so in ihr gegenseitiges Schweigen, da&szlig;
+sie wie aus dem Schlaf emporschreckten, als dicht
+hinter ihnen die Ba&szlig;stimme des kleinen Knoll ert&ouml;nte,
+der sich mit Helene &uuml;ber das Leben in der gro&szlig;en
+Stadt unterhielt. Es war sp&auml;t, als sie heimkamen;
+vor der T&uuml;r des Wahrmannschen Hauses fand ein
+h&ouml;chst ger&auml;uschvolles Gutenachtsagen statt. Esmee setzte
+sich auf die Steintreppe und nahm einen Vorschu&szlig; auf
+den Schlaf ihrer Nacht. Hedwig stand eine Weile bei
+den andern, dann kam sie wieder zu Engelhart, dann
+entfernte sie sich wieder und kam abermals, schlang
+den Arm um den Laternenpfahl und schaute mit erregt
+gl&auml;nzenden Augen die leere Stra&szlig;e hinunter. Es
+war ein unbewu&szlig;tes Nichtvoneinanderk&ouml;nnen. Wenn
+ein weiser Geist zwischen ihnen schwebte, so hat er
+vielleicht gel&auml;chelt &uuml;ber das kindlich bitters&uuml;&szlig;e Spiel.</p>
+
+<p>Am &uuml;bern&auml;chsten Tag reiste Hedwig, und nun war
+doch die Welt ver&ouml;det f&uuml;r Engelhart. Auch seine Frist
+war um. Die Trennung von dem liebreichen Haus
+fiel ihm schwer aufs Herz. Am Ende der dritten
+Septemberwoche traf er im elterlichen Hause ein. Dort
+hatte sich nichts ver&auml;ndert. Der Vater webte in seiner
+Arbeit und in seinen Sorgen wie in Qualm, Abel
+war verpr&uuml;gelter als vordem, ein von schlechten Einfl&uuml;ssen
+durchaus in die Enge getriebener Knabe. Er
+war h&auml;&szlig;lich geworden, auf seinem fahlen Gesicht k&uuml;ndigten
+sich die Laster an, nur in den Augen schimmerte
+noch, tief und immer tiefer schlummernd, das
+Weh um eine ert&ouml;tete Kindheit. Engelhart wurde
+freudlos empfangen; Frau Ratgeber, gleichwie aufgereizt
+durch den Widerschein der verlebten Tage auf
+seiner Stirn, verfolgte ihn mit unverstelltem Ha&szlig;.
+Er nahm es hin. Seine F&auml;higkeit, Widerw&auml;rtiges
+zu tragen, war gr&ouml;&szlig;er geworden.</p>
+
+<p>An einem Nachmittag in jeder Woche entri&szlig; er
+sich allen Pflichten und marschierte heimlich nach N&uuml;rnberg
+und vor das Haus an der Rosenau, wo Hedwig
+Andergast wohnte. Er langte gew&ouml;hnlich an, wenn
+es schon dunkel wurde, stellte sich an die gegen&uuml;berliegende
+Stra&szlig;enseite und blickte zu den erleuchteten
+Fenstern hinauf. Wenn sich ein Schatten an den
+Gardinen zeigte, krampfte sich ihm die Brust zusammen,
+wenn jemand aus dem Tor trat, hielt er
+den Atem an. Der Winter kam, er f&uuml;rchtete kein
+Wetter, scheute nicht den langen Weg hin und zur&uuml;ck,
+in Schnee, in St&uuml;rmen stand er dort und verlie&szlig; den
+Warteposten erst wieder, wenn die Zeit dr&auml;ngte und
+<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span>er bis in die Adern durchfroren war. Er bekam
+Hedwig Andergast nicht ein einziges Mal zu Gesicht,
+er sah sie &uuml;berhaupt niemals wieder und die Tr&uuml;bnis
+des allt&auml;glichen Lebens schwemmte die frohen Farben
+der Erinnerung aus seinem Geiste hinweg.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2>
+
+
+<p class="newsection"><span class="dropcap">V</span>on Woche zu Woche nahm in Engelhart der
+Abscheu gegen die Schule zu. Er verachtete die Auszeichnungen,
+die dem stumpfen Flei&szlig;, dem tierischen
+Gehorsam, der gedankenlosen Aufmerksamkeit zuteil
+wurden, angewidert von dieser ungeschm&uuml;ckten Welt,
+der aufreibenden Wiederholung mechanischer Gesch&auml;ftigkeiten,
+versank sein Geist in die Sph&auml;re des Traums
+so tief, da&szlig; es ihn oft M&uuml;he kostete, die Stimme
+eines Menschen zu vernehmen, der vor ihm stand und
+mit ihm redete. Man sagte dann von ihm, er sei
+zerstreut, und er zog sich das Mi&szlig;trauen und die
+Geringsch&auml;tzung fast aller Lehrer zu, die seiner Begabung
+das beste und seinem guten Willen das
+schlechteste Zeugnis ausstellten, was zur Folge hatte,
+da&szlig; jede seiner Handlungen als Ausgeburt einer b&ouml;swilligen
+Gesinnung aufgenommen und durch z&uuml;chtlerische
+Ma&szlig;regeln bestraft wurde.</p>
+
+<p>Keine wohlmeinende und freundliche Gestalt trat
+ihm unter seinen Lehrern entgegen. Es waren M&auml;nner,
+die nicht einen Beruf erf&uuml;llten, sondern ein Amt innehatten.
+Sie k&uuml;mmerten sich nicht um die Seele, sondern
+nur um die Kenntnis der Knaben. Sie hatten
+der h&ouml;heren Stelle, der sie untergeordnet waren, nur
+den Beweis zu erbringen, da&szlig; sie ein vorgeschriebenes
+Pensum erledigten, so wie die Kellner dem Wirt die
+Ablieferung der Zahlmarken schuldig sind. Sie n&auml;hrten
+den Wissensdurst mit Regeln und belohnten den Flei&szlig;
+durch Zensuren, das unterweisende Wort war nur eine
+Grimasse, der Geist der Belehrung eine Mumie, vertrocknet
+durch viele Jahre eines wesenlosen Treibens.
+Ihre Belebtheit war aufgedunsen, ihre Vertraulichkeit
+voll falscher T&ouml;ne, ihre Strenge lieblos und zynisch.
+Die meisten erschienen gleichsam mit einer Maske vor
+dem Gesicht, hielten sie unruhig und krampfhaft fest
+und sch&auml;umten vor Zorn, wenn sie ihnen bei einer
+unerwarteten Gelegenheit entfiel. Wenn er einem
+Lehrer auf der Stra&szlig;e begegnete, war es Engelhart
+oft, als sch&auml;me sich der Mann seines Stra&szlig;engesichts,
+der antwortende Gru&szlig; war dann widerwillig oder
+von &uuml;bertriebener Gef&auml;lligkeit. Auch in den Lehrstunden
+sp&uuml;rte er mit unsicherem Staunen, wie in
+manchem eine Art Angst oder Scheu nicht blo&szlig; vor
+der Meinung und dem Urteil, sondern vor dem Menschlichen,
+Fleischlichen der Sch&uuml;ler zutage trat; da wurde
+ein gef&uuml;rchteter Tyrann unversehens kindisch und es
+sah aus, als wolle er durch eine t&ouml;lpische Z&auml;rtlichkeit
+seinen Mangel an Herzensbeteiligung vergessen machen.
+Um den Mund des einen zuckte best&auml;ndig ein unbegreiflicher
+Hohn; ein andrer f&uuml;rchtete, l&auml;cherlich zu
+werden, und war wortkarg wie ein Einsiedler; der
+dritte, puppenhaft geziert und seine ganze Natur verh&uuml;llend
+unter einer starren Sachlichkeit, w&auml;hlte sich
+einige Lieblinge, die er verh&auml;tschelte, w&auml;hrend er allen
+andern kalt und hart begegnete; der vierte benahm
+sich wie ein Sklavenhalter; der f&uuml;nfte liebte es, eine
+erheuchelte Gutm&uuml;tigkeit und Umg&auml;nglichkeit als Falle
+zu benutzen, der sechste war ein unf&auml;higer Schw&auml;chling,
+der siebente ein Narr. Kein echter und ganzer
+Mensch; was sie lehrten, blieb tot: Regeln, Formeln,
+Zahlen, Register. Da sie nicht Teilnahme erwecken
+konnten, hielten sie die Furcht in Atem, Drohung
+und Strafe waren ihre B&uuml;ttel. Sie wu&szlig;ten nichts
+vom Geiste, und der Sache waren sie entfremdet; ihr
+Ziel: Dressur. Sie waren beherrscht von jenem
+Parade- und Uniforminstinkt, der die Glieder des
+jugendlichen Reichs f&uuml;r immer verkr&uuml;ppelt hat.</p>
+
+<p>Eines wirkt ins andre; auf einem Distelstrauch
+wachsen nicht Rosen. Engelharts Mitsch&uuml;ler waren
+in ihrem innersten Wesen zuchtlos. Nur mit der gemeinsten
+Notdurft der Dinge vertraut, waren sie jeglichen
+Aufschwungs bar, und seltsam war es, die angeborenen
+Eigenschaften, Roheit, T&uuml;cke, Heuchelei,
+feiges Kriechen, von dem d&uuml;nnen Schimmer unechter
+Bildung &uuml;bert&uuml;ncht zu sehen. Sie waren mit den
+R&auml;tseln des Daseins fertig, ehe noch das Leben die
+erste Silbe zu ihnen gesprochen hatte; sie waren nur
+f&uuml;reinander geschaffen, nicht f&uuml;r sich selbst; wenn so
+ein Knabe allein auf der Stra&szlig;e ging, hatte sein
+Gesicht den Ausdruck des Schlafs. In ihrer Brust
+war keine Musik, und Respekt hatten sie nur vor
+dem Gelde. Eines war Engelhart immer aufgefallen,
+n&auml;mlich da&szlig; sie nicht sprechen konnten, da&szlig; sie nicht
+ruhig sitzen oder gehen konnten, um gut und nat&uuml;rlich
+zu sprechen; entweder schrien sie oder sie tuschelten.
+Dies letztere erregte seinen Abscheu in hohem Grad,
+denn er ahnte, was sie mit ihrem Munde und ihren
+Gedanken beschmutzten, wenn sie zu dreien oder vieren
+beisammenstanden und erregt grinsend einander das
+Wort von der Lippe rissen. Bisweilen gesellte er
+sich hinzu, um sich zu sch&uuml;tzen, denn aus Absonderung
+erwuchs ihm Ha&szlig;, aber sie nahmen sich in acht vor
+ihm, auch ummauerte sich sein Wesen, und ohne da&szlig;
+er darum wu&szlig;te, ward seine Haltung feindselig. Die
+meisten hatten Reiz und Anmut der Jugend schon
+eingeb&uuml;&szlig;t, ihre Gesichter waren hohl und fahl von
+Stubenluft und ungesunden Trieben, in seine untersten
+Schl&uuml;nde hinabgesto&szlig;en war der edle Kindergenius
+und schon thronte auf den Stirnen der brutale Zweck.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>Nichtsdestoweniger fand Engelhart ein paar Kameraden,
+die manche seiner Neigungen teilten. Mit
+ihnen verabredete er sich zu weiten Spazierg&auml;ngen,
+und daraus wurde schlie&szlig;lich etwas wie ein Kultus
+mit wunderlichen Zeremonien und Gepflogenheiten.
+Sie versammelten sich an einem m&ouml;glichst abgelegenen
+Punkt der Stadt, und bevor der Marsch begann, erhielt
+jeder einen Spielnamen, der zugleich eine bestimmte
+Rolle in sich schlo&szlig;. Die Mitglieder der Gesellschaft
+leisteten das Gel&uuml;bde des Schweigens, und
+die Formen des Verkehrs, feierlicher gemacht durch
+Worte aus einer selbsterfundenen Sprache und durch
+eine k&uuml;nstliche Rangordnung geregelt, suchten auf die
+Haltung und den Geist der Truppe zu wirken. Mit
+Anbruch des Fr&uuml;hlings wurden die M&auml;rsche bis gegen
+den Moritzberg und die W&auml;lder an den Ufern der
+Zenn ausgedehnt. Wenn das einsame Schlo&szlig; des
+befreundeten K&ouml;nigs erreicht war, n&auml;mlich ein Forsthaus
+oder eine Fuhrmannskneipe, sonderte sich Engelhart
+von den Genossen ab und stellte in der tiefen
+Wildnis dem Auerochsen und dem B&auml;ren nach oder
+er ging horchend dahin, untertauchend in die Stille
+und die Augen zu Boden geheftet wie der traurige
+Prinz, dessen Herz vor Sehnsucht krank ist. Er besa&szlig;
+das Land, das sie durchzogen, es war in Wahrheit
+sein Eigentum; es war ihm herrlich zu Sinn, wenn
+sie alle schweigend in einer fast leidenschaftlichen Gangart
+dahineilten und der Wind sch&uuml;ttelte die Baumkronen
+und die Kr&auml;hen schwirrten vor ihnen auf. Er
+brachte etwas St&uuml;rmisches und Atemloses in diese
+Wanderz&uuml;ge, nicht so sehr durch die Begierde nach
+immer neuen Eroberungen als durch die unbeschreibliche
+Unruhe und das Dr&auml;ngende, G&auml;rende, Wollende
+seines ganzen Wesens. Am liebsten h&auml;tte er nirgends
+Rast gemacht, nur immer ziehen, ziehen, ziehen, die
+Welt war so gro&szlig;, der Himmel so weit.</p>
+
+<p>An Tagen, wo es unm&ouml;glich war, die Stadt oder
+gar das Haus zu verlassen, schlo&szlig; er sich in die
+Kammer ein, rannte stundenlang auf und ab und
+sang dazu, indem er sich von einem unsichtbaren Orchester
+begleitet w&auml;hnte. Dann war sein Schlaf schwer
+und oft unterbrochen, auch war ihm das Zubettgehen
+mehr als je verha&szlig;t und er meinte durch den Schlummer
+eine Einbu&szlig;e an Leben zu erleiden. Es geschah immer
+h&auml;ufiger, da&szlig; er sich zur vorger&uuml;ckten Abendzeit heimlich
+aus dem Hause stahl, und er wu&szlig;te die Magd
+zu bereden, da&szlig; sie ihn heimlich wieder einlie&szlig;. Am
+Pegnitzufer, dicht neben der Mauer des protestantischen
+Kirchhofs, stand ein altes und wegen einer Senkung
+des feuchten Erdreichs unl&auml;ngst verlassenes Haus. Der
+Besitzer wollte es nicht abtragen lassen, da der Grund
+ziemlich wertlos war; so hatte man an den Seitenmauern
+einstweilen St&uuml;tzbalken angebracht, und um
+die W&auml;nde im Innern vor weiterer F&auml;ulnis zu bewahren,
+standen Trocken&ouml;fen in den R&auml;umen und die
+rote Glut strahlte aus den Fenstern weit in die Nacht.
+Das Tor war verriegelt, doch Engelhart stieg durch
+eines der erdgesch&ouml;ssigen Fenster ein, kauerte sich in
+einen Winkel und gab sich dem Abenteuerlichen und
+Gesuchten seiner Lage mit erwartungsvollem Trotze
+hin. Es war ihm recht, wenn es in den Dielen &uuml;ber
+ihm geisterhaft knackte oder im Keller die Ratten
+rumorten. Die N&auml;he des Kirchhofs war es besonders,
+die ihn ergriff; durch ein seitliches Fenster konnte er
+die Trauerweiden und Grabsteinkreuze ungeachtet der
+Dunkelheit gewahren. Es steckt ein doppelg&auml;ngerisches
+Wesen in der menschlichen Brust; sein Revier ist der
+Traum, es macht das Unbegreifliche zum Bild, den
+Willen bindet es und wie die Spinne das Insekt,
+umklammert es die Seele und entsaugt ihm die Kr&auml;fte
+einer behaglichen Freiheit. Bei manchem durchbricht
+es seinen Bezirk, bem&auml;chtigt sich auch des wachen
+Geistes, pr&auml;gt die Marke der H&ouml;rigkeit selbst auf die
+jugendliche Stirn, will vernommen sein, und wenn
+es nicht gegenw&auml;rtig ist, will es best&auml;ndig erharrt
+werden, es macht den Stetigen fl&uuml;chtig und den freundlichen
+Charakter einsam, mit holden Versprechungen
+umgaukelt es das Herz, mischt das Gift der Ungeduld
+in jede freudig ruhende Stunde und tr&auml;gt das Bewu&szlig;tsein
+des Lebens mit bed&auml;chtiger Grausamkeit
+fr&uuml;hzeitig auf die Wege des Todes, l&auml;&szlig;t um das
+Ende wissen, wenn noch nicht einmal die erste Frucht
+des Daseins reif geworden ist.</p>
+
+<p>Drei- oder viermal mochte Engelhart unbehelligt
+in dem leeren Hause geweilt haben, da sah er einst,
+w&auml;hrend er sich erhob und zum Fenster schritt, ein
+verzerrt-grinsendes Gesicht von drau&szlig;en hereinblicken.
+Er erschrak, und erst als das Gesicht verschwunden
+war, erkannte er seinen alten Feind, den rothaarigen
+Rindsblatt. Seit er ihm vor Jahren den &uuml;beln Streich
+gespielt, hatte er nicht ein Wort mit ihm gewechselt.
+Engelhart begriff, da&szlig; ihm der Bursche aufgelauert
+haben m&uuml;sse, vielleicht war er selbst auf der Stra&szlig;e
+an ihm vorbeigegangen, ohne ihn zu sehen. Er verbarg
+sich wieder, wartete geraume Weile, dann &ouml;ffnete
+er vorsichtig das Fenster, schaute hinaus und da er
+nichts Verd&auml;chtiges wahrnahm, verlie&szlig; er seinen Zufluchtsort.
+Kaum war er drau&szlig;en, so kam von der
+Uferb&ouml;schung eine Gestalt auf ihn zu, die den Arm
+drohend erhob. Es war Rindsblatt. Engelhart begann
+zu laufen, der andre lief hinterdrein. Engelhart
+lief hinunter gegen den Markt, das Wasser der
+Pf&uuml;tzen spritzte unter seinen Stiefeln auf, sein Gewand
+war mit Kot bedeckt, die Schritte hallten von
+den H&auml;usermauern zur&uuml;ck, das anf&auml;ngliche Lustgef&uuml;hl
+der raschen Bewegung verwandelte sich in Angst, die
+<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span>Angst wuchs und versperrte seine Kehle, er lief blindlings,
+ohne zu wissen wohin, der andre ihm nach,
+endlich kamen sie in die absch&uuml;ssigen Stra&szlig;en der
+Altstadt, Wasser und Wassergepl&auml;tscher machten ein
+Ende, dort unten war alles &uuml;berschwemmt, weit &uuml;ber
+den Schie&szlig;anger und das neue Schlachthaus hinaus,
+und wo sie standen, besp&uuml;lte die Flut schon die Torstufen
+der H&auml;user. Mondschein lag auf dem weiten
+Spiegel des Sees, dr&uuml;ben beim Wehr spr&uuml;hte silbern
+die Gischt. Engelhart stierte hinab, keuchend vom
+Lauf, Rindsblatts Gesicht war schweflig fahl und er
+sagte durch die verpre&szlig;ten Z&auml;hne: &raquo;Ich will dich jetzt
+ins Wasser werfen und ers&auml;ufen. Dann sind wir
+quitt.&laquo; Engelhart keuchte ver&auml;chtlich: &raquo;Ein schlechter
+Kerl, wer seine Rache so lang aufhebt.&laquo; Mit gr&uuml;nlich
+glitzernden Augen schnellte Rindsblatt auf ihn zu,
+da kam aus einer Seitengasse ein ungeheurer schwarzer
+Fleischerhund, stellte sich b&ouml;sartig knurrend zwischen
+die beiden Knaben und fixierte einen um den andern
+mit offenem Maul und h&auml;ngender Zunge. Sie wagten
+nicht, sich zu r&uuml;hren, und als das Tier durch einen
+schrillen Pfiff zur&uuml;ckgerufen wurde, schien sich Rindsblatt
+eines andern besonnen zu haben, er machte kehrt
+und seine plump schreitende Gestalt entfernte sich langsam
+gegen den Lilienplatz.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag wurde Engelhart zum Rektor
+berufen, Rindsblatt hatte die n&auml;chtlichen Ausfl&uuml;ge und
+das Einsteigen in das fremde Haus denunziert. Engelharts
+Benehmen war das eines Schuldigen; feierliche
+Verh&ouml;re zerbrachen bei ihm jeden Widerstand und
+jedes Selbstgef&uuml;hl, seine &auml;u&szlig;ere Haltung wurde durchaus
+von der Haltung der andern hervorgebracht. Da
+der Rektor nichts Wesentliches herausbringen konnte
+und da das, was Engelhart berichtete, ziemlich verhalten
+und konfus klang, glaubte er an einen verstockten
+Heuchler geraten zu sein. Auch der Ordinarius
+hegte den Verdacht, da&szlig; hier eine geheime
+Verbindung oder Verschw&ouml;rung im Werk war, doch
+keine der &uuml;blichen Pressionen und moralischen Folterungen
+f&uuml;hrte zu einem Aufschlu&szlig;, der unbekannten
+&Uuml;beltat war nicht beizukommen, und so wurde Engelhart
+schlie&szlig;lich zu mehrst&uuml;ndiger Einsperrung verurteilt
+und sein Vater erhielt &uuml;ber das Vorgefallene ausf&uuml;hrlichen
+Bericht. Alles nahm einen amtlich-wichtigtuerischen
+Weg, jeder, der ein bi&szlig;chen Macht hatte,
+spielte auf seine Weise Polizei, auf Subordination
+war jeder Geist gedrillt und keinen kam ein menschliches
+L&auml;cheln an. Auch Herr Ratgeber fa&szlig;te das
+Geschehnis v&ouml;llig als Staatshandlung auf und verbarg
+nicht seinen Kummer und seine Entt&auml;uschung um
+den Sohn. Engelhart mu&szlig;te sich zu Hause abermals
+einer Reihe von Verh&ouml;ren unterwerfen, und Frau
+Ratgeber strafte ihn, wie sie eben zu strafen pflegte,
+durch Dem&uuml;tigungen berechnetster Art und dadurch,
+da&szlig; sie ihm verschiedentlich die Mahlzeiten vorenthielt.</p>
+
+<p>In dieser Zeit wuchs f&uuml;r Engelhart nicht viel
+Trost. Er ging mit gesenktem Kopf herum, auch sein
+inneres Schauen war verschleiert. Oft beobachtete er
+M&auml;nner auf der Stra&szlig;e mit dem furchtbaren Hintergedanken,
+welcher von diesen wildfremden Leuten ihm
+wohl besser h&auml;tte Vater sein k&ouml;nnen als der eigne
+Vater. Bisweilen ruhte er am Tisch zu Hause von
+den anstrengenden und sinnlos weitl&auml;ufigen Schularbeiten
+aus und blickte an der Lampe vorbei in das
+auf die Zeitung herabgebeugte Gesicht seines Vaters.
+Er fa&szlig;te die M&ouml;glichkeit ins Auge, mit ihm zu
+sprechen, etwa wie mit einem Freund, und schon der
+Gedanke hatte etwas Absurdes. In allen B&uuml;chern
+war die Rede von dem heiligen Band zwischen Vater
+und Kind, er sp&uuml;rte es nicht, er sp&uuml;rte nur das Joch
+unliebsamer Strenge und schablonenhafter Zucht. Die
+Worte, die sie hie und da wechselten, waren aus der
+kargen Enge des praktischen Bedarfs geboren, hatten
+niemals einen geistigen Hauch, vom Scherz nicht zu
+reden. Er wu&szlig;te sich&#8217;s nicht zu gestehen und f&uuml;hlte
+doch, da&szlig; ein solches Beieinanderleben, selbst wenn es
+dem nat&uuml;rlichsten Gesetz der Dinge entstammte, etwas
+Unwahres, ja Frevelhaftes hatte, und er glaubte
+au&szlig;erdem dessen gewi&szlig; zu sein, da&szlig; er dem Vater
+zur Last war und da&szlig; das unaufh&ouml;rliche Hindr&auml;ngen
+gegen die Zukunft nichts weiter vorstelle als die Ungeduld,
+sich seiner zu entledigen. Er sah, wie r&uuml;cksichtsvoll
+sich der Vater gegen seine zweite Frau benahm
+und wie er alles geschehen lie&szlig;, was sie gegen
+ihn und den Bruder unternahm, und wie er geflissentlich
+schwieg oder nur sch&uuml;chtern zu widerstreben wagte,
+wenn ein offenbares Unrecht ihm zu Ohren kam;
+Engelhart h&ouml;rte auf zu hadern, er w&auml;hnte, irgendeine
+bindende Verpflichtung des Vaters l&auml;ge dem zugrunde,
+der Vater m&uuml;sse sich irgendwie an dieser Frau
+vergangen haben, sei in Schuld und S&uuml;hne verstrickt
+und finde nicht mehr zu sich selbst. Unter solchen Erw&auml;gungen
+wurde ihm Frau Ratgeber zu einer hassenswerten
+Gestalt und den Vater gab er f&uuml;r sein Herz,
+einer unerbittlichen Logik gehorchend, verloren.</p>
+
+<p>Nun befand er sich einst in dem Zimmer, wo
+auf einem m&auml;&szlig;ig gro&szlig;en Regal die B&uuml;cher des Vaters
+aufbewahrt wurden, und kramte nach seiner Lieblingsgewohnheit
+unter den alten Scharteken, die s&auml;mtlich
+aus Herrn Ratgebers Jugend und J&uuml;nglingsalter
+waren. Beim Aufschlagen eines grauen, mehr von der
+Zeit als vom Lesen zerst&ouml;rten Bandes, einer Abhandlung
+&uuml;ber das Prinzip der Elektrizit&auml;t, gewahrte er
+auf dem Vorsatzblatt ein Gedicht von der Hand seines
+Vaters. Die Verse waren &uuml;berschrieben: An Agathe
+<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span>Herz; er las, platt auf dem Boden liegend, mit aufgest&uuml;tzten
+Armen, vor sich hin:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ist es bestimmt in Gottes Walten,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich Agathe soll erhalten,<br /></span>
+<span class="i0">Die mir des Lebens Inhalt gibt,<br /></span>
+<span class="i0">Dann will ich keine M&uuml;he scheuen,<br /></span>
+<span class="i0">Mich selbst durch Tugend zu erneuen,<br /></span>
+<span class="i0">Denn fromm ist nur ein Mann, der liebt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ach, dieses holde Bl&uuml;hn auf Erden!<br /></span>
+<span class="i0">So sch&ouml;n war noch kein Lenzeswerden<br /></span>
+<span class="i0">Meiner Dunkelheit gewohnten Brust.<br /></span>
+<span class="i0">Doch s&uuml;&szlig;er, als wenn Zephyr f&auml;chelt,<br /></span>
+<span class="i0">Ist&#8217;s, wenn Agathes Auge l&auml;chelt,<br /></span>
+<span class="i0">Davor wird jeder Schmerz zur Lust.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Lange blickte Engelhart auf das Blatt, ohne es
+zu wagen, sich einer sanften Regung v&ouml;llig zu ergeben.
+Die gelesenen Worte ver&auml;nderten unerwartet das Bild
+des Vaters. Er war so verwundert, wie wenn ein
+Gesch&ouml;pf, das er f&uuml;r stumm gehalten, pl&ouml;tzlich zu
+reden begonnen h&auml;tte. Ob wohl die Mutter um dies
+Gedicht gewu&szlig;t? Wenn nicht, so mu&szlig;te sie zeitlebens
+&uuml;ber die Empfindungen des Gatten im unklaren geblieben
+sein, denn da&szlig; der Vater je mit ihr davon
+gesprochen haben k&ouml;nne, schien ihm undenkbar. Jedenfalls
+verbarg er seine Entdeckung sorgf&auml;ltig und lie&szlig;
+sich nichts merken, doch schaute er bisweilen den Vater
+so gedankenverloren an, da&szlig; dieser, unangenehm ber&uuml;hrt,
+sich das freche Anstarren, wie er es nannte,
+verbat.</p>
+
+<p>Herr Ratgeber durfte nicht zur Ruhe kommen.
+Sein Ungl&uuml;ck erf&uuml;llte sich nicht auf einen Schlag, es
+nippte langsam, Schluck f&uuml;r Schluck von den Kr&auml;ften
+seiner Seele. Durch die Unvorsichtigkeit eines Lehrlings
+brach w&auml;hrend einer Mittagsstunde ein Brand
+in der Fabrik aus. Herr Ratgeber sa&szlig; gerade beim
+Essen und schien etwas heiterer gestimmt als sonst,
+da gellte von drunten der durchdringende Schrei:
+Feuer! Mit den Worten: &raquo;um Gottes Himmels
+willen&laquo; sprang Herr Ratgeber auf und raste hinunter.
+Wei&szlig;er, dicker Dampf quoll durch alle Fenster des
+Erdgeschosses, das Holz und die S&auml;gesp&auml;ne waren
+eine gar zu leichte Beute f&uuml;r die Flammen. Nach
+wenigen Minuten bliesen die Feuertrompeten, die
+gro&szlig;en Leiter- und Spritzenwagen konnten nicht durch
+den Toreingang des Vorderhauses fahren, die Leitern
+mu&szlig;ten abgeladen und die Schl&auml;uche bis auf die
+Stra&szlig;e gelegt werden, wodurch eine verh&auml;ngnisvolle
+Verz&ouml;gerung entstand. Herr Ratgeber war indessen
+von seinem Bureau aus in das Innere der brennenden
+Werkst&auml;tten gedrungen; sp&auml;ter wurde er gefragt,
+warum er dies getan, da er doch als einzelner auf
+keinen Fall etwas h&auml;tte ausrichten k&ouml;nnen; er wu&szlig;te
+nichts zu antworten, es war nur der blinde Trieb
+gewesen. Es dauerte nicht lange, so war er derma&szlig;en
+in Qualm geh&uuml;llt, da&szlig; er weder vor- noch
+r&uuml;ckw&auml;rts konnte, die Sinne schwanden ihm und er
+fiel um. Zum Gl&uuml;ck durchbrachen die Feuerwehrm&auml;nner
+in demselben Augenblick eine hier befindliche,
+mit Brettern verschlagene T&uuml;r, sie sahen Herrn Ratgeber
+liegen und schleppten ihn hinaus. Engelhart
+schaute vom Fenster oben zu; er r&uuml;hrte sich nicht,
+Frau Ratgeber weinte und schrie, r&auml;umte die Schr&auml;nke
+aus, warf das Silberzeug in eine Kiste, er stand am
+Fenster wie versteinert. Im ersten Stock des Fabrikgeb&auml;udes
+war eine Gipsgie&szlig;erei; auf den Simsen
+lagen gew&ouml;hnlich allerlei Masken und Reliefs, und
+Engelhart beobachtete mit einer der dumpfesten Angst
+sich entringenden Spannung, wie die Figuren vom
+Rauch geschw&auml;rzt wurden und die Gesichter der Masken
+sich langsam verzerrten.</p>
+
+<p>Die Folge des Brandes war, da&szlig; die Polizei den
+ferneren Betrieb der Fabrik nicht mehr gestattete, da
+die Lage des zwischen Hinterh&auml;usern eingezw&auml;ngten
+Traktes als zu gef&auml;hrlich befunden wurde. Herr Ratgeber
+mu&szlig;te so schnell als m&ouml;glich eine andre Lokalit&auml;t
+haben, auch sann er auf Vergr&ouml;&szlig;erung der ganzen
+Anlage, obwohl der bisherige Erfolg ihn keineswegs
+dazu ermuntern konnte. Er hatte wenig Kredit, seine
+Pl&auml;ne begegneten dem Mi&szlig;trauen der Geldleute, und
+wie um ihn zu dem&uuml;tigen, wies man darauf hin, da&szlig;
+sein Bruder, seitdem er allein das Gesch&auml;ft in H&auml;nden
+habe, trefflich gedeihe. &raquo;Gewi&szlig;,&laquo; entgegnete Herr
+Ratgeber, &raquo;ich bin eben kein Kr&auml;mertalent, ich bin
+Fabrikant.&laquo; Schlie&szlig;lich gewann er durch seine geduldige
+und &uuml;berzeugende Beredsamkeit doch noch einen
+Kapitalisten, der zugleich sein stiller Teilhaber wurde,
+er mietete ein leerstehendes Haus am &auml;u&szlig;ersten Rande
+der Schwabacher Landstra&szlig;e, unweit davon stand,
+gleichfalls in gro&szlig;er Einsamkeit und Stadtferne, ein
+neuerrichtetes Zinshaus, dessen zweiten Stock er mit
+seiner Familie bezog. Nach der R&uuml;ckseite breiteten
+sich die Wiesen aus, und ein mageres Waldst&uuml;ck
+schlo&szlig; den Blick ab, vorne, gegen die Rednitz hinunter,
+lag das Dambacher Land, dann die tiefen Forste, die
+sich bis gegen Kadolzburg und Erlangen dehnten.
+Das auf der H&ouml;he der Chaussee gelegene Geb&auml;ude
+war den herbstlichen St&uuml;rmen von allen Seiten schutzlos
+preisgegeben und zitterte oft unter dem Anprall
+bis in seine Grundmauern; wenn die Sonne unterging,
+waren die W&auml;nde und Fensterscheiben wie mit
+Blut bestrichen, alle Gegenst&auml;nde im Zimmer gl&uuml;hten
+von innen heraus und im Spiegel &uuml;ber dem Sofa
+malte sich noch einmal das flammende Himmelsmeer
+&uuml;ber der auf ihre st&auml;rksten und einfachsten Linien
+zur&uuml;ckgef&uuml;hrten Landschaft. Die Verlassenheit hier
+drau&szlig;en wirkte nicht wohlt&auml;tig auf Engelhart; Besuche
+kamen h&ouml;chst selten, auch f&uuml;r die Kameraden
+<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span>wohnte er zu weit, und innerhalb der Familie war
+doch Herz dem Herzen fremd. Einer lauerte des
+andern Verfehlungen und S&uuml;nden auf, nur Furcht
+vereinte sie hie und da einmal, zum Beispiel als in
+einem nahegelegenen Wirtshaus ein durchreisender
+Fremdling ermordet wurde und die Regungslosigkeit
+der darauffolgenden N&auml;chte allen zehnfach f&uuml;hlbar
+wurde. So w&uuml;hlte sich Engelhart immer mehr in
+gef&auml;hrliches Abgeschlossensein, dunkler f&auml;rbten sich seine
+Tr&auml;ume, von Tag zu Tag ward ihm wesenloser, was
+alle Menschen rings um ihn herum an ihr Dasein
+kn&uuml;pfte. Drei Elemente webten in seiner Brust, n&auml;mlich
+ein schwaches, ein s&uuml;&szlig;es und ein diabolisches.
+Das erste f&uuml;gte sich jedem Druck des Windes und
+der Trauer jedes Augenblicks, f&uuml;gte sich und unterlag,
+es gab ihn fruchtlosen Erwartungen preis und
+machte ihn zum Knecht allerlei schlechter Gewohnheiten;
+das zweite verlieh ihm tiefen Atem, tiefes Weilen bei
+sich selbst und die Liebe f&uuml;r die kleinen Dinge, an
+denen andre gleichg&uuml;ltig vor&uuml;bergehen, es schuf D&auml;mmerung
+um seine Augen und breitete eine gewisse Andacht
+&uuml;ber seine z&uuml;gellosen Phantasien; das dritte
+war schuld an der Heftigkeit seiner Begierden, es erzeugte
+aus jeder Bewegung des Gem&uuml;ts einen leidenschaftlichen
+Rausch, erweckte Anspr&uuml;che an das Leben,
+die sich niemals erf&uuml;llen konnten, vertauschte im Nu
+Freude und Angst, Ungeduld und Apathie, &Uuml;berheblichkeit
+und Demut, Starrsinn und Nachgiebigkeit. In
+einem alten Buche las er einmal Worte, die ihm
+lange Zeit r&auml;tselhaft erschienen und sp&auml;ter pl&ouml;tzlich
+eine furchtbare Bedeutung enth&uuml;llten: Da stehst du
+am Abgrund des B&ouml;sen, armseliger Mensch, und
+scheuest dich, hinunterzublicken, aber wenn du auch
+deinen Pfad abkehrst, so werden dich dennoch die
+Geister ewig verfolgen, denen du nur ein einziges
+Mal freiwillig das Ohr geliehen hast.</p>
+
+<p>Er war der Stadt und ihrer Menschen m&uuml;de, er
+sehnte sich nach Freiheit und nach der Welt; ganze
+Nachmittage lang lag er am Bahndamm und blickte
+die Gleise hinauf und hinab, an die unbekannte
+Ferne denkend. Aber die Zeit erf&uuml;llte sich. Als der
+Sommer kam, der letzte Sommer der Knechtschaft, wie
+er meinte, teilte ihm der Vater mit, da&szlig; Michael
+Herz in Wien sich entschlossen habe, den Neffen zu
+sich ins Gesch&auml;ft zu nehmen. Es habe genug Schwierigkeiten
+gekostet, meinte Herr Ratgeber, den Mann so
+weit zu bringen, er selbst habe sich f&uuml;r den guten
+Willen und das ehrliche Streben Engelharts gleichsam
+verb&uuml;rgen m&uuml;ssen; Engelhart beruhigte seinen Vater,
+er versprach alles, was man wollte, er dachte gar nicht
+an die Dinge, zu denen er sich verpflichtete, und da&szlig;
+er dem Vater wie dem Onkel gegen&uuml;ber eine ernsthafte
+Verantwortung auf sich nahm, es dr&auml;ngte ihn
+hinaus, etwas andres &uuml;berlegte er nicht. Aus den
+Briefen des Oheims sp&uuml;rte er heraus, da&szlig; dieser
+gro&szlig;e Hoffnungen auf ihn setze, doch da&szlig; er nichts
+so sehr f&uuml;rchte als entt&auml;uscht zu werden. Michael Herz
+wollte Sicherheit und sichere Gew&auml;hr. Er war ein
+kinderloser Mann, hatte sich aus eigener Kraft aus
+dem Nichts zu Wohlhabenheit und einer angesehenen
+Stellung emporgearbeitet und gefiel sich in dem Gedanken,
+da&szlig; der Sohn seiner geliebtesten Schwester
+berufen sei, sein eignes Werk und Leben fortzusetzen.
+Aber vielleicht sagte ihm eine Ahnung, wie viel
+Schmerz und Kr&auml;nkung ihm aus diesem Vorhaben
+erwachsen k&ouml;nne, deshalb konnte er lange Zeit keinen
+Entschlu&szlig; fassen. Von alldem wandte Engelhart seine
+Gedanken ab; den guten Willen, den sp&uuml;rte er, aber
+es war ihm zumute wie einem Hungrigen, der f&uuml;r
+ein St&uuml;ck Brot alle m&ouml;glichen Dinge zu leisten verspricht;
+er wei&szlig;, da&szlig; sein Sinn sich wenden wird,
+wenn er das St&uuml;ck Brot gegessen hat, aber daran
+will er nicht denken. Es kam die Zeit der Abgangspr&uuml;fung;
+Engelhart war stets ein mittelm&auml;&szlig;iger
+Sch&uuml;ler gewesen, die Seinen zitterten zu Hause um
+den Erfolg, auch sie waren es m&uuml;de, einen sechzehnj&auml;hrigen
+Burschen, der Geld verdienen konnte, noch
+l&auml;nger auf dem Hals sitzen zu haben, aber Engelhart
+war seiner Sache sicher, ohne sie doch zu besitzen, er
+schrieb und arbeitete wie aus dem Schlaf heraus und
+es gelang, das Widerw&auml;rtige ergab sich, es war
+irgend etwas Freudiges und Freudeerregendes in ihm,
+man begegnete ihm zarter, wohlwollender, heiterer als
+sonst und durchstrich das Konto seiner Schuld. Es
+war ein Aufwachen unbekannter Kr&auml;fte, und h&auml;tte
+sich Engelhart anstatt in einem leuchtenden Taumel
+ihnen wissender, fr&ouml;mmer, forschender hingegeben, so
+w&auml;ren sie vielleicht in seinem Dienst verblieben und
+h&auml;tten ihm Wege gebahnt.</p>
+
+<p>Als alles gl&uuml;cklich abgelaufen war, wurde seine
+Ausr&uuml;stung notd&uuml;rftig instand gesetzt und Frau Ratgeber
+entdeckte auf einmal ein besorgliches Herz f&uuml;r
+den Stiefsohn. Es war zu guter Letzt noch eine gute
+Zeit. An einem Septembertag wanderte Engelhart
+mit dem Vater nach Altenberg, um vom Gro&szlig;vater
+Abschied zu nehmen. Dort war es auch l&auml;ngst nicht
+mehr, wie es vordem gewesen. Der Greis hatte, da
+seine zweite Frau gestorben, um seiner Einsamkeit abzuhelfen,
+den Schwiegersohn mit seiner Familie von
+einer kleinen, doch sicheren Stellung in einem badischen
+Dorf zu sich ins Haus gerufen. Es waren
+sechs Kinder da, die Frau, Herrn Ratgebers Schwester,
+war unheilbar krank, der Mann war ein Fr&ouml;mmler
+und verstand nicht zu arbeiten, der &auml;lteste Sohn war
+<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span>ein Taugenichts, zwei Kinder lagen noch in der Wiege,
+das ganze Wesen verwandelte sich in Elend und Sorge.
+Der alte Ratgeber zog sich in eine Kammer zur&uuml;ck
+und betrauerte seine Jahre. Dort sah Engelhart den
+sehr verfallenen Mann, er sa&szlig; in einem schmutzigen
+Ledersessel und reichte ihm die kalte Hand. Engelhart
+f&uuml;hlte dr&uuml;ckend und fast besch&auml;mt seine prahlerische
+Jugend, die mit dem Glanz ihrer herausfordernden
+Hoffnungen vor diesem Ende eines Lebens stand.
+Nachdem beide lange geschwiegen und einander blo&szlig;
+angeschaut hatten, holte der Alte aus einer Schublade
+ein kleines schwarzes Gebetbuch hervor und schenkte
+es dem Enkel. Dieser z&ouml;gerte, es zu nehmen, denn
+es war ihm wertlos, dann sagte der Greis unvermittelt:
+&raquo;Deine Mutter war eine feine Frau, Engelhart,
+eine feine Frau, hat mir arg leid getan um
+die Frau. Dein Vater hat kein Gl&uuml;ck mehr, seit sie
+tot ist.&laquo;</p>
+
+<p>Es vergingen noch zwei Wochen, dann stand
+Engelhart eines Abends mit seinem Vater im Regen
+vor der Bahnhofshalle, und sie warteten auf den Zug.
+Immer von neuem wiederholte Herr Ratgeber: &raquo;Sei
+ein braver Mensch, werde ein braver Mann.&laquo; Er
+lie&szlig; sich keine R&uuml;hrung anmerken, und als Engelhart
+schon im Coup&eacute; sa&szlig; und aus dem erleuchteten Fenster
+blickte, l&auml;chelte Herr Ratgeber sein seltsames, verlegenes,
+zuckendes L&auml;cheln. Dann rollte der Zug davon,
+Herr Ratgeber schaute der roten Laterne des
+letzten Wagens so lange nach, bis die Finsternis und
+die Ferne das Licht verschlungen hatten, darauf seufzte
+er, spannte seinen Regenschirm auf und ging in tiefem
+Sinnen nach Hause. Er setzte sich zur Lampe, machte
+Ausz&uuml;ge und schrieb Fakturen bis gegen zwei Uhr
+nachts, und als er fertig war, sah er, da&szlig; es aus
+war mit seinen stolzen Pl&auml;nen und Hoffnungen. Der
+Zusammenbruch war unvermeidlich. Da er das Schlafzimmer
+betrat, erwachte seine Frau, und er teilte ihr
+alles mit. Sie lag stumm da, Bitterkeit und Wut
+verschlossen ihr den Mund. Sie hatte einst von einem
+schwarzen Seidenkleid getr&auml;umt, ferner von einem Hut
+mit echten Strau&szlig;federn. Damit war es nichts; sie
+knirschte mit den Z&auml;hnen, legte sich auf die andre
+Seite und schlief mit b&ouml;sem Gesicht wieder ein.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2>
+
+
+<p class="newsection"><span class="dropcap">M</span>it seinem kleinen K&ouml;fferchen stand Engelhart vor
+der hohen T&uuml;r im wei&szlig;en, erleuchteten Treppenhaus
+und suchte ziemlich lange nach dem Glockenzug; den
+elektrischen Knopf &uuml;bersah er. Schlie&szlig;lich klopfte er
+mit dem Finger zaghaft an, das Stubenm&auml;dchen &ouml;ffnete,
+sah ihn l&auml;chelnd stehen und meldete seine Ankunft
+der Herrschaft. Herr und Frau Herz kamen
+heraus, begr&uuml;&szlig;ten ihn und musterten ebenfalls l&auml;chelnd
+seinen Anzug und sein linkisches Wesen. Er verlor
+unter ihren Blicken die vertrauensvolle Ruhe des Sichselbstbesitzens.</p>
+
+<p>Der erste Gang durch die Stra&szlig;en; was er sah,
+schien ihm begehrenswert, alles war Erscheinung. Mit
+Gier starrte er in die Gesichter fremder Menschen,
+glaubte ihre Gef&uuml;hle und W&uuml;nsche zu erraten; der
+L&auml;rm der Fuhrwerke machte ihn trunken vor Gl&uuml;ck,
+das Glockenl&auml;uten von den Kirchen versetzte ihn in
+eine wogende, atembeklemmende Erregung. Zu den
+H&auml;usern, zur Luft, zu all dem Unbekannten in der
+gro&szlig;en Stadt kn&uuml;pfte er st&auml;rkere Beziehungen, als zu
+den beiden Menschen, mit denen er lebte und auf die
+er angewiesen war. Seine abgekehrte Haltung erregte
+Befremden. Nur bei den Mahlzeiten war er verst&auml;ndlich,
+weil er Portionen vertilgte wie ein ausgehungerter
+Str&auml;fling. Mit dem Zustand seines Gem&uuml;ts
+besch&auml;ftigte man sich nicht, es war nicht &uuml;blich;
+da&szlig; er sich gl&uuml;cklich f&uuml;hlen m&uuml;sse, wurde vorausgesetzt.
+Herr Ratgeber richtete einen Brief an Michael Herz,
+worin er bat, jeden Fehltritt Engelharts mit unerbittlicher
+Strenge zu ahnden. Solche Worte waren
+nicht im Sinne von Michael Herz; leider bemerkte er
+bei Engelhart wenig Lust und Liebe zur Sache, er
+schien nicht einmal die allgemeine Richtung wahrzunehmen,
+wohin das vielartige Treiben ziele, es war
+nichts Eigent&auml;tiges an ihm.</p>
+
+<p>Der Packraum der Fabrik befand sich in einer
+Art von &uuml;berdecktem Schacht, dort mu&szlig;ten den ganzen
+Tag die Gasflammen brennen. Eine gewundene Holztreppe
+f&uuml;hrte zu den Werkst&auml;tten empor. Der Oberpacker
+glossierte den Inhalt eines Theaterst&uuml;cks, das
+er gestern gesehen; als er fertig war, kramte ein
+andrer seine Erinnerungen an den Ringtheaterbrand
+aus. Sie redeten zumeist vom Theater und von
+Schauspielern. Engelhart sa&szlig; tr&auml;ge auf den Sprossen
+einer Leiter. Als dem Verwandten des Chefs wurden
+ihm gewisse R&uuml;cksichten entgegengebracht, und die bezahlten
+Leute, von denen niemand eine wirkliche Pflicht
+erf&uuml;llte, sahen seine Vers&auml;umnisse nicht ungern. Sie
+wu&szlig;ten aber nichts mit ihm anzufangen, er war und
+blieb ein Fremdling.</p>
+
+<p>Auf der Holztreppe erschien jetzt ein gro&szlig;es
+schlankes Fabrikm&auml;dchen und richtete den lauernden
+Blick auf Engelhart. Er erbla&szlig;te. Das M&auml;dchen
+ging absichtlich nahe und langsam an ihm vor&uuml;ber
+und ihr Rock streifte seine Knie. Er stand auf, schlich
+in den halbdunkeln Nebenraum und warf sich seufzend
+auf eine schmale Kiste. Pl&ouml;tzlich sah er empor,
+Michael Herz stand vor ihm und schaute ihn mit
+einem tiefen Blick des Vorwurfs schweigend an.
+Dieser innerliche Blick der blauen Augen erinnerte
+<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>Engelhart an den Blick der Mutter. Er hatte eine
+un&uuml;berwindliche Scheu vor dem Oheim, er sah in ihm
+das Ideal eines Mannes und Menschen, auch &auml;u&szlig;erlich;
+Gestalt, Gesicht, Haltung und Betragen waren
+die eines Aristokraten aus altem Geschlecht. Er war
+kein Gesch&auml;ftsmann in gew&ouml;hnlichem Sinn; er arbeitete
+mit dem bohrenden, zur Tiefe gerichteten Ernst eines
+K&uuml;nstlers. Zu Hause war er aufger&auml;umt, ja &uuml;berm&uuml;tig
+und am gl&uuml;cklichsten dann, wenn er G&auml;ste hatte,
+die sich bei ihm wohl f&uuml;hlten.</p>
+
+<p>Kurz vor Weihnachten kam Engelhart in die Buchhalterei,
+wo er mehr unter Aufsicht und Arbeitszwang
+stand. Um ihn anzufeuern, setzte ihm der Oheim
+zwanzig Gulden Gehalt aus. Sein Platz war vor
+einem hohen Pult am Fenster. Neben ihm sa&szlig; Herr
+Patkul, der eine Schnapsflasche in seinem Pult hatte
+und alle Viertelstunden einen Schluck nahm. Am
+Abend, wenn andre anfingen, sich zu betrinken, war
+er schon so voll, da&szlig; er den Hut nicht mehr auf den
+Kopf brachte. Herr Hallwachs, der Korrespondent,
+behandelte Engelhart mit sp&ouml;ttischem Hochmut. Er
+sagte: &raquo;In Franken mu&szlig; es recht merkw&uuml;rdige Charaktere
+geben,&laquo; wenn Engelhart einen Tintenklecks
+auf einen Brief machte.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben diesen Posten auf Soll geschrieben
+anstatt auf Haben, wie ich Ihnen ausdr&uuml;cklich gesagt
+habe, Herr Ratgeber,&laquo; rief der Buchhalter mit schmerzlichem
+Augenaufschlag. Er war ein w&uuml;rdiger, gelassener
+Mann, ein treuer Diener der Firma. Herr Patkul
+knurrte bedeutungsvoll; es hie&szlig; so viel als: mich h&auml;tte
+man l&auml;ngst hinausgeworfen bei solcher Unf&auml;higkeit.</p>
+
+<p>Ein breiter Sonnenstreifen fiel auf die liniierten
+Bl&auml;tter des Buches vor Engelhart. Er erzitterte wie
+bei einer elektrischen Ber&uuml;hrung. &raquo;Woran denken Sie
+denn?&laquo; fragte Herr Hallwachs mit sanftem Tadel;
+&raquo;an das selige Franken? Dort scheint man freilich
+von Soll und Haben wenig zu wissen.&laquo; Herr Patkul
+rief Bravo und klatschte in die H&auml;nde, der Buchhalter
+lie&szlig; ein vorsichtiges Lachen h&ouml;ren.</p>
+
+<p>Ja, woran dachte Engelhart? An einen Traum
+der letzten Nacht. Die Tr&auml;ume waren es, die ihn
+so schlaff machten. Hin und wieder versuchte er es,
+sie seinem neuen Bekannten Emil Oesterle zu erz&auml;hlen,
+sah jedoch, da&szlig; von ihrem Duft und Grauen nichts
+an den Worten haften blieb. Die Tintenluft lastete
+bleiern auf seinem Kopf. Die Zahlenreihen, die er
+addieren sollte, glichen einem Haufen d&uuml;nnf&uuml;&szlig;iger
+K&auml;fer, sie krabbelten davon, w&auml;hrend er sie mit der
+Bleistiftspitze verfolgte; unm&ouml;glich, die bewegliche,
+d&uuml;nnbeinige Masse zum Stillstand zu bringen. Dann
+klang ein Leierkasten von einem nachbarlichen Hof
+her&uuml;ber und sein Herz krampfte sich zusammen vor
+Sehnsucht nach der Freiheit.</p>
+
+<p>&raquo;Gib mir einen Rat, lieber Freund, ich ertrage
+nicht dies Dasein,&laquo; schrieb er abends, als die Verwandten
+im Theater waren, an den Studenten Benedikt
+Knoll in M&uuml;nchen. Vor ihm auf dem Tisch
+stand die gef&uuml;llte Teekanne, und das hei&szlig;e Getr&auml;nk
+erhitzte vollends sein Blut. Er schrieb und schrieb,
+zw&ouml;lf, f&uuml;nfzehn, zwanzig Seiten. Am Ende machte
+die &Uuml;berschwenglichkeit seine Handschrift unleserlich.
+Nach langer Pause war der Briefwechsel von beiden
+wieder aufgenommen worden; Knoll &uuml;bernahm die
+Rolle des Erziehers. Er blinzelte in seinen Briefen
+&uuml;ber Engelhart hinweg Herrn Michael Herz zu. Engelhart
+merkte es kaum. Die Person Benedikts war
+ihm nicht so wichtig wie die Stunde, in der er an
+ihn schrieb, und die Gelegenheit, sich mitzuteilen.</p>
+
+<p>Um elf Uhr kam Tante Esmee unerwartet ins
+Zimmer. &raquo;Ich habe dir doch verboten, bis in die
+Nacht hinein zu schreiben,&laquo; rief sie aus. Ihr Gesicht
+war wei&szlig; vor &Auml;rger. Sie drehte ihm das Licht vor
+der Nase ab. Sie ha&szlig;te ihn, seit sie wu&szlig;te, da&szlig; ihr
+Mann sich des Knaben wegen sorgte und k&uuml;mmerte.
+Sie verstand sich darauf, zu hassen. In Engelharts
+Gegenwart war jede ihrer Bewegungen von Verachtung
+und Widerwillen getr&auml;nkt. Seine Neigung, von
+Dingen au&szlig;erhalb des praktischen Lebens zu reden,
+fertigte sie mit h&ouml;hnischer Gelassenheit ab. Eine zufahrende,
+heftige und trockene Natur, entbehrte sie wie
+die meisten kinderlosen Frauen des Gleichgewichts.
+Sie liebte abg&ouml;ttisch ihren Gatten, war zugleich seine
+Magd und seine Herrin; wenn sie allein war, war
+sie verdrie&szlig;lich und zerqu&auml;lt und wu&szlig;te kein Mittel,
+der Langeweile zu entgehen, die sie folterte.</p>
+
+<p>Zwei bis drei Stunden lag Engelhart wach im
+Bett und seine Sinne waren so erregt, da&szlig; ihm die
+Finsternis als ein purpurner Rauch erschien, der sich
+zu Gestalten ballte.</p>
+
+<p>Am Sonntag zeigte ihm Emil Oesterle die Stadt,
+sie gingen im Prater spazieren, und wenn sie nach
+Hause kamen, tranken sie Tee und spielten Schach.
+Oesterle war ein sanfter Bursche, aber es mi&szlig;fiel
+Engelhart, da&szlig; er vor Michael Herz ein kriechendes
+Benehmen zur Schau trug. Er sollte Engelharts
+Interesse an kaufm&auml;nnischen Gegenst&auml;nden wecken und
+franz&ouml;sische Konversation mit ihm treiben, doch Engelhart
+sah ihn dann so sp&ouml;ttisch an, da&szlig; er verstummte.
+Sie waren schon ziemlich vertraut und duzten einander;
+an einem Feiertag nach Tisch holte Engelhart
+den Gef&auml;hrten von seiner Wohnung ab. Beil&auml;ufig
+fragte Oesterle, ob Engelhart des Morgens im Bureau
+gearbeitet habe, und dieser bejahte. Am folgenden
+Tag erfuhr Oesterle jedoch, da&szlig; Engelhart keineswegs
+in der Fabrik gewesen sei, sondern sich in den Stra&szlig;en
+herumgetrieben habe; bla&szlig; und aufgeregt kam er und
+<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span>stellte Engelhart, der nun als L&uuml;gner dastand, zur
+Rede. Warum er nicht die Wahrheit gesagt, er wu&szlig;te
+es kaum, ein Nein, ein Ja, es entflog oft den Lippen,
+ehe er nur dachte, und manchmal w&uuml;nschte er geradezu
+zu l&uuml;gen. Oesterle gab seinen Abscheu gegen die
+L&uuml;ge mit Entr&uuml;stung kund und sagte: &raquo;Wenn du
+mich noch ein einziges Mal bel&uuml;gst, Engelhart, werde
+ich aufh&ouml;ren, dein Freund zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>T&uuml;ckische F&auml;den spinnt das Schicksal; wenige
+Jahre sp&auml;ter endete Oesterle im Zuchthaus, weil er
+in dem Gesch&auml;ft, wo er angestellt war, gro&szlig;e Geldunterschlagungen
+begangen hatte.</p>
+
+<p>Als der Winter um war, wurde es klar, da&szlig; es
+auf diese Weise mit Engelhart nicht weiterging. Er
+hielt es keine Stunde hintereinander in dem Schreibzimmer
+aus. Wenn Michael Herz hereinkam, fragte
+er mit leiser Stimme, wo sein Neffe sei; der Buchhalter
+zuckte die Achseln, Herr Hallwachs l&auml;chelte vielsagend,
+Herr Patkul knurrte. Eines Tages f&uuml;hlte
+sich der Buchhalter verpflichtet, seinem Chef die volle
+Wahrheit &uuml;ber den jungen Ratgeber zu sagen.</p>
+
+<p>Um zw&ouml;lf Uhr ging Engelhart mit Onkel Michael
+zusammen nach Hause. Es herrschte ein beklommenes
+Schweigen zwischen ihnen. Auch bei Tische schwieg
+Michael Herz; Frau Esmee bemerkte, da&szlig; er einen
+starken Kummer in sich hineindr&auml;nge. Pl&ouml;tzlich schien
+es, als ob eine Geb&auml;rde, ein Blick Engelharts seinen
+offenen Zorn furchtbar entfesselte. Er schleuderte
+Messer und Gabel von sich, sein Gesicht wurde dunkelrot
+und er stie&szlig; ma&szlig;lose Drohungen und Vorw&uuml;rfe
+gegen Engelhart aus, der wie gel&auml;hmt dasa&szlig;. Frau
+Esmee umhalste den erregten Mann und suchte ihm
+Ruhe und Fassung zur&uuml;ckzuschmeicheln, zugleich winkte
+sie Engelhart gebieterisch zu, er solle das Zimmer
+verlassen.</p>
+
+<p>Er suchte Emil Oesterle auf, um das Vorgefallene
+mit ihm zu besprechen. Aber der furchtsame Mensch
+h&uuml;tete sich, etwas zu sagen, was Michael Herz h&auml;tte
+mi&szlig;billigen k&ouml;nnen. Den gr&ouml;&szlig;ten Teil des Nachmittags
+verwandte Engelhart dazu, um einen dringlichen
+Brief an Benedikt Knoll zu schreiben. Es war sein
+verderblicher Wahn, stets von den andern Menschen
+Billigung, Verst&auml;ndnis, Hilfe zu erwarten.</p>
+
+<p>Er sp&uuml;rte irgendeine unfa&szlig;bare Kraft in sich, sein
+Blut wirbelte in den Adern, Begl&uuml;cktheit und tiefste
+Trauer wechselten von einer Minute zur andern.
+Lauer Fr&uuml;hlingswind strich durch den Park, in dem
+er ging, durch die hohen Fenster des Konzertsaals
+fiel das Licht auf die schwarzen B&auml;ume. Es war,
+als w&uuml;rde der Walzer drinnen von Geistern gespielt,
+die Menschheit lag im Todesschlaf, er allein war der
+Lebende, f&uuml;r ihn allein war die Welt entstanden.</p>
+
+<p>Benedikt Knoll schrieb: &raquo;Wenn Du ernsten Willen
+hast und Notabene Geld, so komm. Ich werde Dich
+bald so weit haben, da&szlig; Du Vorlesungen besuchen
+kannst. Es sind nicht lauter erleuchtete Geister, die
+sich am Busen der Alma mater m&auml;sten. Schlie&szlig;lich
+vermag Minerva ihre Mannen so gut zu ern&auml;hren
+wie Merkur die seinen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, was willst du eigentlich? was schwebt dir
+vor?&laquo; fragte Michael Herz. &raquo;Bist du zur Besinnung
+gekommen?&laquo; &ndash; Z&ouml;gernd offenbarte Engelhart seinen
+gl&uuml;henden Wunsch zu studieren. Michael Herz schwieg.
+Seine ger&ouml;teten, hochgew&ouml;lbten Lider senkten sich &uuml;ber
+die unruhig irrenden Augen. &raquo;Gut, studiere,&laquo; entgegnete
+er endlich schroff. &raquo;Ich gebe keinen Kreuzer
+daf&uuml;r her. Wer so wie du sein Gl&uuml;ck mit F&uuml;&szlig;en
+tritt, ist nicht mehr wert, als zu verhungern. Das
+merke dir: und wenn ich dich an einer Stra&szlig;enecke
+liegen sehe und du schnappst nach Brot, ich h&ouml;re nichts,
+ich kenne dich nicht.&laquo; &ndash; &raquo;Du hast mich gefragt, was
+ich will, ich habe ehrlich geantwortet, Onkel,&laquo; sagte
+Engelhart. &raquo;Nat&uuml;rlich, ich bin arm und kann ohne
+deine Zustimmung nichts tun.&laquo; Frau Esmee kam
+dazu, und die ungemessene Verachtung, die sie Engelhart
+bezeugte, machte ihn v&ouml;llig verstockt. Jedes unbefangene
+Wort auf eine bestimmte Dankesschuld hin
+beurteilt zu sehen, das erbittert.</p>
+
+<p>Michael Herz sprach mit seinen Freunden &uuml;ber
+den Fall. Sie sagten zumeist das, was er oder
+vielmehr was Frau Esmee h&ouml;ren wollte. Nur ein
+einziger, auf dessen Klugheit und Weltkenntnis er
+gro&szlig;e St&uuml;cke hielt &ndash; es war der Hausarzt&nbsp;&ndash;, machte
+sich anheischig, mit Engelhart zu reden, und stellte ihm
+das Unbillige, ja Vernunftlose seines Verhaltens vor.
+Engelhart horchte auf. Das war der erste Mann,
+der menschlich mit ihm redete und nicht wie von einem
+Turm herunter allgemein t&ouml;nende Worte von sich gab.
+&raquo;Ich kann nicht,&laquo; war alles, was Engelhart zu antworten
+vermochte, doch hatte seine Stimme einen
+flehentlichen Klang.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span>Am ersten Mai fuhr das Ehepaar Herz f&uuml;r einige
+Tage aufs Land. Engelhart blickte von seinem
+Zimmer aus in den Hof auf die fensterlose
+R&uuml;ckenmauer des Nachbarhauses. Auf einem vorspringenden
+Steinabsatz sa&szlig; ein Sperling. &raquo;Bleibt er
+sitzen, bis ich zwanzig z&auml;hle, so tue ich&#8217;s noch heute,&laquo;
+sagte Engelhart. Mit vorgenommener Langsamkeit fing
+er an zu z&auml;hlen. Sein Herz klopfte bang. Als er
+bei zw&ouml;lf war, legte der Vogel das K&ouml;pfchen schr&auml;g
+ins Gefieder und schaute in die Richtung, wo Engelhart
+stand. Er konnte bis dreiundzwanzig z&auml;hlen,
+da flog das Tierchen auf und zwitscherte ins Sonnenlicht
+hinein.</p>
+
+<p>Engelhart &uuml;berrechnete seine Barschaft; er hatte
+sich ungef&auml;hr f&uuml;nfzig Gulden erspart und meinte, es
+sei viel Geld. Dann ging er ins Museum, sah aber
+keine Bilder an, sondern setzte sich in eine Ecke und
+beobachtete lange Zeit das Spiel eines Sonnenstrahls,
+der sich um eine Marmors&auml;ule wand. Eine sch&ouml;ne
+Frau, in dunkeln Sammet gekleidet, schritt vor&uuml;ber,
+ohne ihn zu sehen. Sie trug zwei gelbe Rosen in
+der Hand, und er h&ouml;rte sie mit gedankenvoll l&auml;chelndem
+Mund etwas fl&uuml;stern.</p>
+
+<p>Nachmittags packte er seinen Koffer, die Dienstboten
+k&uuml;mmerten sich nicht um ihn. Als es dunkel
+wurde, verlie&szlig; er das Haus. Es war ein g&ouml;ttlich
+milder Abend; der Mond lag zwischen scharfgeschnittenen
+Wolken wie in einer dunkelblauen Sch&uuml;ssel.
+Jetzt war es ihm doch gar eigen ums Herz, weder
+traurig noch lustig, sondern weh und verantwortungsvoll.
+Auf dem Bahnhof kaufte er ein Billett nach
+M&uuml;nchen. Er mu&szlig;te &uuml;ber eine Stunde bis zur Abfahrt
+warten, dann wurde er in einem unabgeteilten
+Wagen mit mehr als drei&szlig;ig Personen zusammengepfercht.
+Nach den ersten Stationen wurde es ertr&auml;glicher,
+aber die Luft war schlecht und die Beleuchtung
+tr&uuml;be. Engelhart dr&uuml;ckte die Stirn an die
+Fensterscheibe und schaute in die mondbeschienene Wald-
+und H&uuml;gellandschaft.</p>
+
+<p>Ihm gegen&uuml;ber sa&szlig; eine Bauernmagd; sie hatte
+ein rotes Tuch &uuml;ber die Holzlehne gebreitet, darauf
+hatte sie den Kopf gelegt und schlief. Ein sonderbarer
+Kitzel trieb ihn, an dem Tuch zu zupfen; die
+Nachbarn sahen zu und lachten. Der Beifall ermunterte
+ihn und er wiederholte es, jetzt rutschte das
+Haupt der Schl&auml;ferin ein St&uuml;ck herunter. Die Zuschauer
+waren h&ouml;chst belustigt, die ganze Gesellschaft
+wurde munter, und als die B&auml;uerin schlie&szlig;lich ein
+unwilliges Gebrumm h&ouml;ren lie&szlig;, brachen alle in
+dr&ouml;hnendes Gel&auml;chter aus. Engelhart nahm einen
+Zigarettenstummel und steckte ihn der immer noch
+Schlummernden in den Mund. Die Leute f&uuml;hlten
+sich wie im Theater, ein altes Weib bekam vor Lachen
+einen Hustenanfall. Die Schl&auml;ferin schlug die Augen
+auf, ihr versch&auml;mtes und best&uuml;rztes Gesicht vermehrte
+den Jubel. Engelhart lie&szlig; es damit nicht genug sein,
+es kam wie eine Wut der Tollheit &uuml;ber ihn, er bellte,
+kr&auml;hte, wieherte, nannte einen dicken, trief&auml;ugigen
+Menschen best&auml;ndig &raquo;Herr Professor&laquo;, stieg auf die
+Bank und hielt eine unsinnige Ansprache, dabei empfand
+er im Innern ein finsteres Staunen &uuml;ber sich.
+Der Raum war von Tabaksqualm erf&uuml;llt, die lachenden
+Gesichter verzerrten sich vor seinen Augen zu unheimlichen
+Gebilden. Am andern Ende des Wagens
+sa&szlig; ein Pr&auml;lat; dieser wandte sich an die Zun&auml;chstsitzenden
+und sagte: &raquo;Der junge Mensch kommt mir
+verd&auml;chtig vor.&laquo; Darauf erhob sich ein andrer, offenbar
+ein Handlungsreisender, und rief Engelhart zu:
+&raquo;Sie, sagen Sie mal, sind Sie vielleicht Ihrem Herrn
+Vater mit dem Geld davongelaufen?&laquo; Engelhart stutzte,
+dann erwiderte er mit gespielter Verachtung: &raquo;Mein
+Vater hat gar kein Geld.&laquo; Da sah Engelhart ein
+strenges Augenpaar auf sich gerichtet. Es war ein
+blasser, einfach gekleideter Mann mit einer Narbe auf
+<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span>der Stirn. Streng und drohend war der auf ihn
+geheftete Blick. Allm&auml;hlich wich das berauschte Wesen
+einer tiefen Niedergeschlagenheit. &#8250;Warum starrt er
+mich so d&uuml;ster an?&#8249; gr&uuml;belte Engelhart. Er w&uuml;nschte
+mit dem Fremden zu sprechen; es lag ihm daran,
+jenem mitzuteilen, da&szlig; er nichts B&ouml;ses im Schilde
+f&uuml;hre, da&szlig; es &uuml;berfl&uuml;ssig sei, ihm unfreundlich entgegenzutreten,
+und da&szlig; er Menschen suche, von denen
+er geliebt sein wollte. Aber es gab keinen Weg von
+ihm zu dem Fremden, obwohl sie nur drei Schritte
+voneinander entfernt waren, es gab kein Mittel, den
+Unvers&ouml;hnlichen milder zu stimmen.</p>
+
+<p>Als der Zug sich der Grenze n&auml;herte, wurde es
+Tag. Zur Rechten lagen die rosig umhauchten Gipfel
+der Berge in der gl&auml;sernen Fr&uuml;hluft. Eine dumpfe
+Stimme rief: &raquo;Engelhart! Engelhart!&laquo; War es nicht
+der Mann mit der Narbe? Nein, jener war fort,
+der Platz, auf dem er gesessen, war leer.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Wieviel Geld hast du mitgebracht?&laquo; fragte Benedikt
+Knoll. Engelhart nannte die Summe, die er noch
+besa&szlig;. &raquo;Und f&uuml;r wie lange soll das reichen?&laquo; fragte
+Knoll weiter. Darauf wu&szlig;te Engelhart keine Antwort.
+Knoll war erschrocken. &raquo;Kommst du denn
+ohne die Einwilligung deines Onkels?&laquo; fragte er und
+erfuhr, da&szlig; Engelhart als Fl&uuml;chtling kam. Nun hatte
+der kleine Student nicht mehr das geringste Wohlgefallen
+an der Ankunft des Freundes. Indessen
+schmiedeten sie noch am selben Tag einen diplomatischen
+Brief an Michael Herz. Knoll teilte dem von
+ihm verehrten Manne mit, wie die Dinge standen
+und da&szlig; er sich f&uuml;r die anst&auml;ndige F&uuml;hrung Engelharts
+verb&uuml;rge. Wenn er wirklich das Zeug zu einem
+Manne der Wissenschaft habe, d&uuml;rfe man ihn doch
+nicht untergehen lassen; Herr Herz m&ouml;ge Gnade walten
+lassen und den Hilflosen vor Not sch&uuml;tzen. Als Antwort
+kam nach acht Tagen nichts weiter als eine gesch&auml;ftliche
+Notiz der Firma, wonach Engelhart bis auf
+weiteres an jedem Monatsersten f&uuml;nfzig Mark ausgezahlt
+erhalten sollte. Benedikt Knoll rang die H&auml;nde.
+&raquo;F&uuml;nfzig Mark!&laquo; rief er aus, &raquo;da mu&szlig;t du von
+jedem F&uuml;nfzehnten ab einen vierzehnt&auml;gigen Schlaf
+tun.&laquo; Das Zimmer, das er f&uuml;r Engelhart gemietet,
+kostete allein den dritten Teil dieser Summe. Aber
+wenn Engelhart f&uuml;nfzig Mark in der Hand hatte,
+hielt er es f&uuml;r unm&ouml;glich, da&szlig; so viel Geld jemals
+ganz ausgegeben werden k&ouml;nne. Erst wenn die letzten
+Groschen in der Tasche klimperten, wurde ihm unbehaglich
+zumute.</p>
+
+<p>Knoll sp&uuml;rte wenig Lust, den Lehrer zu machen,
+und Engelhart noch weniger, Sch&uuml;ler zu sein. Er
+hatte genug gelernt, nun wollte er sehen, atmen, leben.
+Trotzdem verbrachten sie einen Tag damit, auf dem
+B&uuml;chermarkt eine lateinische und eine griechische
+Grammatik einzuhandeln. Es geschah der Form wegen.
+Dann kamen auch Stunden, wo Engelhart sich aufraffte
+und seinem Ged&auml;chtnis eine Reihe von Vokabeln
+einpr&auml;gte, die er am n&auml;chsten Tag wieder verga&szlig;. Es
+ist aussichtslos, dachte Benedikt Knoll und sann darauf,
+wie er sich der l&auml;stigen Verantwortung entledigen
+k&ouml;nne. Inzwischen lebten sie als gute Kameraden,
+und da Engelhart an einem unstillbaren Hunger nach
+Menschen litt, machte ihn Knoll mit seinen Kommilitonen
+bekannt. Engelhart kam jedem einzelnen mit
+kindlichem Vertrauen entgegen, aber er setzte sie damit
+in Verlegenheit; sie wunderten sich &uuml;ber ihn, was er
+sagte, erschien sonderbar einf&auml;ltig oder unverst&auml;ndlich.
+Knoll hingegen war beliebt, und wenn er Engelhart zur
+Zielscheibe seines Witzes machte, sahen sie auch diesen mit
+g&uuml;nstigeren Augen an, weil sie &uuml;ber ihn lachen konnten.</p>
+
+<p>Sie standen fest auf ihren F&uuml;&szlig;en, die Studenten
+und Studentlein. Jeder ver&uuml;bte mit dem, was er
+besa&szlig;, und war es noch so wenig, greulich viel L&auml;rm
+und Geklapper, so da&szlig; seiner Armseligkeit nicht beizukommen
+war. Ungeachtet aller Liederbuchphrasen von
+deutschem M&auml;nnerstolz und echtem Germanentum
+waren sie die Knechte eines j&auml;mmerlichen Formelwesens,
+und der ganze Freiheitsdrang hatte ausgetobt, wenn
+sie eine Stra&szlig;enlaterne zerschlagen und einen Nachtw&auml;chter
+beschimpft hatten. Sie waren &uuml;berzeugt, als
+Schirmherren f&uuml;r die idealen G&uuml;ter der Nation bestellt
+zu sein, doch im Grunde betrachteten sie all das
+wissenschaftliche oder patriotische Getue als ein Gesch&auml;ft
+wie jedes andre. Kr&auml;fte der Ahnung, Kr&auml;fte
+des Herzens wurden im Bier ers&auml;uft.</p>
+
+<p>Es war ein Juniabend, Knoll und Engelhart
+spazierten mit f&uuml;nf andern Studenten &uuml;ber die Ludwigstra&szlig;e,
+Knolls Intimus, ein gewisser Schustermann,
+f&uuml;hrte seinen Hund an der Leine, eine sch&ouml;ne
+d&auml;nische Dogge. Pl&ouml;tzlich ri&szlig; sich das Tier los, verfolgte
+einen andern Hund, kam aber, als sein Herr
+pfiff, sogleich zur&uuml;ck. Nun war jedoch Schustermann,
+auch sonst ein galliger Bursche, diesmal in boshaft
+trunkener Laune. Er fing an, den Hund aufs grausamste
+zu schlagen, und schlie&szlig;lich blutete das Tier
+aus mehreren Wunden. Je mehr es mi&szlig;handelt
+wurde, je erb&auml;rmlicher winselte es um Gnade; Schustermanns
+Freunde standen lachend herum, und einer
+sagte: &raquo;Der Hund ist wie ein Jud.&laquo; Engelhart fuhr
+zusammen und erwiderte mit stockender Stimme:
+&raquo;Wenn man die Juden auch blutig schl&auml;gt, um Gnade
+pflegen sie nicht zu betteln.&laquo; Die Studenten fanden
+den Auftritt peinlich, und der &auml;lteste bemerkte naser&uuml;mpfend:
+&raquo;Mir scheint, er bildet sich was darauf ein,
+da&szlig; er ein Jude ist.&laquo; Knoll war w&uuml;tend und zischte
+Engelhart zu: &raquo;Nur nicht pathetisch sein, das gibt
+es hier nicht.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span>Am andern Tag kam er zu Engelhart ins Zimmer
+und machte ihm f&ouml;rmliche Vorhaltungen. &raquo;Was k&uuml;mmert
+es die Leute, da&szlig; du Jude bist,&laquo; eiferte er. &raquo;Schlimm
+genug, da&szlig; wir es sind, wir haben nicht n&ouml;tig, viel
+Aufhebens davon zu machen. Wir wollen endlich
+Ruhe haben und alles vergessen, und jene sollen gleichfalls
+vergessen.&laquo;</p>
+
+<p>Doch Engelhart war satt von jenen, es verlangte
+ihn nicht mehr nach ihrer Gesellschaft.</p>
+
+<p>&raquo;Wie willst du &uuml;berhaupt vorw&auml;rts kommen mit
+deiner beispiellosen Anma&szlig;ung?&laquo; fuhr Knoll fort.</p>
+
+<p>&raquo;Ich &ndash; anma&szlig;end?&laquo; fl&uuml;sterte Engelhart erstaunt
+und best&uuml;rzt. &raquo;Ebensogut k&ouml;nntest du sagen, Schustermanns
+Hund sei gestern abend mutig gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>Knoll beachtete die Einrede nicht. &raquo;Du arbeitest
+nichts, du hast kein Ziel, keinen Ehrgeiz, und ich bereue,
+was ich f&uuml;r dich getan habe,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>Engelhart trat zum Fenster und schaute stumm in
+die Abendr&ouml;te. Fern zwischen H&auml;usern schwebte noch
+ein schmales Sonnensegment. Herz der Welt, du
+sollst ergl&uuml;hen, dachte er mit j&auml;hem Entz&uuml;cken &ndash;
+Worte, die er nie fr&uuml;her geh&ouml;rt. Von einem gegen&uuml;berliegenden
+Wirtshaus drangen Harfen- und Geigenkl&auml;nge
+herauf. Ach Musik, Musik, all sein Sinn,
+sein ganzer Leib lechzte nach Musik, bebte von chaotischer
+Musik, das D&auml;mmern und Weben der Zeit,
+ihre Rufe, ihre Stimmen, alles Musik, ein Wogen
+unfa&szlig;barer Akkorde.</p>
+
+<p>&raquo;Komm, Benedikt,&laquo; sagte er vers&ouml;hnend, &raquo;la&szlig;
+uns eine Partie Schach spielen.&laquo; Knoll war es zufrieden,
+und da er gewann, kehrte seine gute Laune
+zur&uuml;ck. Dennoch kritisierte er bald darauf in einem
+Brief an Frau Wahrmann Engelharts Treiben h&ouml;chst
+abf&auml;llig. Das machte b&ouml;ses Blut, auch Herr Ratgeber,
+der jetzt in W&uuml;rzburg wohnte und dort als
+Versicherungsinspektor t&auml;tig war, erhielt Nachricht, wie
+die Sache stand. Er schrieb sogleich an Engelhart
+und beschwor ihn, umzukehren, solange es noch Zeit
+sei. &raquo;Willst du denn das geistige Proletariat um
+eine hoffnungslose Existenz vermehren?&laquo; schrieb Herr
+Ratgeber. &raquo;Ist es denn kein Beruf, der deiner w&uuml;rdig
+ist, Kaufmann zu sein? Wer bist du denn eigentlich?
+O, alles Ungl&uuml;ck kommt &uuml;ber mich, auch diese Erwartungen
+nun zuschanden, und wie steh&#8217; ich vor
+meinem Schwager Herz da! Wenn deine Mutter noch
+lebte, das w&uuml;rde sie t&ouml;ten. Kann dich nichts andres
+bestimmen, von deinem Wahn zu lassen, so denke an
+die Leiden und Entbehrungen, die dir bevorstehen.&laquo;</p>
+
+<p>So von allen Seiten in die Enge getrieben,
+verlor Engelhart selbst das Vertrauen zu dem gegenw&auml;rtigen
+Zustand. Das Schlimmste war, da&szlig; er mit
+dem Geld nicht auskam und gegen das Ende des
+Monats nicht wu&szlig;te, wovon er leben sollte. Er konnte
+nicht einmal in der elenden Kneipe, wo er zu essen
+pflegte, den Mittagstisch bezahlen. Er tr&auml;umte sich
+hinweg &uuml;ber die Mi&szlig;lichkeiten, sein Inneres befand
+sich in einer best&auml;ndigen Glut.</p>
+
+<p>Im Juli begannen die Ferien; Knoll reiste nach
+Hause, auch die geringe Zahl der &uuml;brigen Bekannten
+verlie&szlig; die Stadt. Engelhart wanderte unter den
+Arkaden umher, bis das Nachmittagskonzert zu Ende
+war. Das Gewimmel geputzter Menschen stimmte ihn
+traurig. Vor der kleinen Rotunde begegnete ihm eine
+auffallend sch&ouml;ne Frau, er blieb stehen und sah ihr
+mit erstarrendem Gesicht nach. Dann ging er in den
+Englischen Garten. Bei der M&uuml;hle lagen riesige Felsen
+im Wasser, er kletterte von Stein zu Stein und ruhte
+endlich auf einem moosbewachsenen Block. Es waren
+nicht Gedanken, denen er nachhing, vielmehr war ein
+mystisches Weben in seinem Innern, das einen Zustand
+von D&auml;mmerung erzeugte. Auf dem Nachhauseweg
+kam er an einer offenen Kirche vorbei; er trat
+hinein und lie&szlig; sich von der k&uuml;hlen Stille woll&uuml;stig
+umschauern.</p>
+
+<p>Es war ihm zumute wie einem Seilt&auml;nzer, dem
+die Balancierstange entfallen und der nun die Augen
+schlie&szlig;t und bebend in die Luft greift, um nicht zu
+st&uuml;rzen. An einem Regentag war er zu Hause geblieben.
+Er merkte nicht, da&szlig; es im Zimmer dunkel
+wurde. Um neun Uhr pochte die Hausfrau und
+brachte unaufgefordert die Lampe. Er erhob sich j&auml;h
+und glaubte eine Erscheinung zu sehen, ein Weib mit
+engelhaften Z&uuml;gen und einer sanften Gewalt der
+Augen. Doch die Wirtin war eine bejahrte Dame,
+die ein Seifen- und Kerzengesch&auml;ft f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Seine Schwester Gerda hatte jetzt das Pensionat
+verlassen und weilte bei den Eltern in W&uuml;rzburg, von
+wo sie ihm einen ihrer kindlichen und unbedeutenden
+Briefe schickte. Ohne Verzug antwortete er ihr, schrieb
+wie im Weinrausch mit Fingern, die von der Aufregung
+schlaff waren. War es doch ein weibliches
+Wesen, das ihm von Bluts wegen zugeh&ouml;rte. Stundenlang
+sa&szlig; er in der Nacht und betrachtete immer wieder
+das Bildnis der Schwester.</p>
+
+<p>Mitte August verlangte Herr Ratgeber mit Strenge,
+da&szlig; Engelhart der M&uuml;&szlig;igg&auml;ngerei ein Ende mache
+und einstweilen nach W&uuml;rzburg reise. Engelhart war
+der entschiedenen Weisung froh, denn die Zeit flo&szlig;
+fruchtlos hin. Er packte seine sieben Sachen zusammen,
+mu&szlig;te aber seine Uhrkette verkaufen, da sonst
+das Geld zur Fahrt nicht gereicht h&auml;tte. Er wurde
+nicht sehr freundlich empfangen. Der Vater sah abgearbeitet
+aus. Trotzdem schien Herr Ratgeber nie
+verdrossen, eher bek&uuml;mmert, und auch dies nur, wenn
+er sich unbeobachtet wu&szlig;te. Er litt unter seinem
+neuen Beruf, denn es war der j&auml;mmerlichste von allen
+<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>Berufen der Welt und zwang den zur&uuml;ckhaltenden
+Mann zur Aufdringlichkeit. Da die Konkurrenz unversch&auml;mt
+war, durfte kein Mittel verschm&auml;ht werden,
+und wer am meisten schwatzen konnte, trug den Sieg
+davon.</p>
+
+<p>Abel war Lehrling in einem Tuchgesch&auml;ft; in der
+Schule hatte er nicht l&auml;nger bleiben wollen, aber in
+seiner Stellung tat er auch nicht gut, er machte
+schlimme Geschichten. Kurz vor Engelharts Ankunft
+war beschlossen worden, ihn nach Amerika zu expedieren;
+Herr Ratgeber hatte sich an einen Jugendfreund
+gewandt, der dr&uuml;ben reich geworden war. Am
+zehnten September ging das Schiff von Bremen ab,
+bis dahin mu&szlig;te Abel reisefertig sein.</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t nach Wien schreiben und Abbitte
+leisten,&laquo; war das erste Wort morgens und das letzte
+abends f&uuml;r Engelhart. Er str&auml;ubte sich aus allen
+Kr&auml;ften, der blo&szlig;e Gedanke machte ihn sich selber
+zum Abscheu. Aber die Tage sind lang und das
+Gnadenbrot schmeckt bitter. Mehr als die Dem&uuml;tigungen
+und Vorw&uuml;rfe von seiten der Stiefmutter
+wirkte der stille Kummer des Vaters. Herr Ratgeber
+vermochte dem Sohn gegen&uuml;ber nicht beredt zu
+werden, wie er sich&#8217;s vorgenommen hatte. Er nahm
+in Engelharts Wesen etwas wahr, irgendeinen Funken
+im Auge, einen Tonfall der Sprache, was ihn an die
+eigne Jugend gemahnte; unvermutet fand er sein
+Herz milder als sein Urteil. Es war &ouml;de um ihn,
+unwillk&uuml;rlich suchte er im Gef&uuml;hl zu den Kindern
+einen Halt.</p>
+
+<p>Es war ein wunderbar verbl&uuml;hender Sommer,
+ein stetiges Abflammen in den Herbst hinein. Engelhart
+trieb sich in den Weinbergen herum und schaute
+von oben auf die t&uuml;rmereiche Stadt nieder. Im Hause
+war er gern, wenn Gerda zugegen war. Sie war
+sch&ouml;n zu nennen, zart von Gestalt, bla&szlig; von Gesicht;
+ihr sch&uuml;chternes Auge, ihr sanftes Hintr&auml;umen machten
+einen innigen Reiz aus. Engelhart brachte ihr Blumen;
+sie lachte; vom Bruder beschenkt zu werden, erschien
+ihr komisch.</p>
+
+<p>Es war Nacht, und ein heftiges Gewitter tobte.
+Engelhart stand auf, klopfte an Gerdas Schlafzimmert&uuml;re
+und fragte, ob sie sich f&uuml;rchte. Sie schlief und
+h&ouml;rte nichts. Er wartete und hielt Wache, bis das
+Donnern in die Ferne zog. Er dachte dar&uuml;ber nach,
+ob Gerda einst gl&uuml;cklich sein w&uuml;rde. Auf der Stra&szlig;e
+bemerkte er sie von weitem und blieb in unbesieglicher
+Erregung stehen. Doch wenn er sie nicht sah und
+ihre Gegenwart nicht empfand, erschien ihm dies Betragen
+tadelnswert &uuml;berschwenglich, und er erinnerte
+sich mi&szlig;billigend an die seltsame Gewohnheit, die sie
+hatte, Kalk von den W&auml;nden zu schaben und zu essen.</p>
+
+<p>Gef&auml;hrten hatte er hier keinen. Es gab viele
+Studenten in der Stadt, doch er f&uuml;hlte sich nicht zu
+ihnen geh&ouml;rig; es gab auch viele Kaufleute, und zu
+den Kaufleuten geh&ouml;rte er gleichfalls nicht.</p>
+
+<p>Endlich war der Schicksalsbrief an Michael Herz
+geschrieben und abgeschickt, vier Seiten voll von Versprechungen
+und Selbstanklagen. Vor der Stadtmauer
+beim Hofgarten war ein Brunnen, aus dem
+kein Wasser mehr lief. Dorthin eilte Engelhart,
+w&uuml;hlte das Gesicht ins Moos, und nachdem er eine
+Weile geweint hatte, wurde es ruhig in ihm, er legte
+sich auf den R&uuml;cken und studierte die Wolken. Oben
+auf der Mauer war eine einsame, von Birken- und
+Ahornb&auml;umen gebildete Allee. Am Tag vor Abels
+Abreise ging er mit dem Bruder hier spazieren. Der
+dumpfe Abel hatte keinen Begriff von Reise und Ferne,
+er freute sich nur, der unertr&auml;glichen Tyrannei der
+Stiefmutter entrinnen zu k&ouml;nnen. Widerwillig war
+er mit Engelhart gegangen und fand dessen Fragen
+und Ratschl&auml;ge l&auml;stig. Sie setzten sich auf eine Steinbank,
+und Abel sagte gelangweilt: &raquo;Du k&ouml;nntest mir
+wenigstens eine Geschichte erz&auml;hlen, Engelhart, wie
+fr&uuml;her, wei&szlig;t du noch?&laquo; &ndash; &raquo;Sch&ouml;n, ich will dir
+etwas erz&auml;hlen,&laquo; antwortete Engelhart, &raquo;die Geschichte
+vom ewigen Br&auml;utigam.&laquo; Er schaute eine Weile besinnend
+in die Luft, bis Abel ungeduldig wurde, da
+fing er an:</p>
+
+<p>Es lebte einmal ein ganz gew&ouml;hnlicher Hirtenjunge,
+dessen gr&ouml;&szlig;tes Vergn&uuml;gen war es, auf der
+Erde zu liegen und in die Luft zu gucken. Je nachdem
+die Sonne sich drehte, drehte er sich mit, da&szlig; sie
+ihm nicht ins Gesicht schien. Wenn man ihn fragte:
+&raquo;Nichts zu tun, Jackele?&laquo; so antwortete er: &raquo;Alles schon
+getan,&laquo; und sie nannten ihn daher Jackele Katzenpelz.
+Einmal wurde Jackele mit den G&auml;nsen auf eine Waldwiese
+geschickt, und als er hinkam, legte er sich gleich
+auf den R&uuml;cken und dachte dar&uuml;ber nach, was wohl
+hinter dem blauen Himmelsvorhang verborgen sein
+m&ouml;chte. Die Zeit verging, und als die Sonne sank,
+erhob er sich und wollte die G&auml;nse zusammenrufen.
+Da sah er einen gro&szlig;en rosigen Flamingo, der vom
+Walde aus auf seine Herde zustolzierte, langsam die
+Fl&uuml;gel ausbreitete und mit einem hellen Schrei in die
+Luft flog. Kaum hatten die G&auml;nse den zauberhaften
+Ruf vernommen, so flatterte eine nach der andern
+hinauf, und sie zogen in langer wei&szlig;er Linie zuerst
+um die Baumkronen und dann in den abendlichen
+&Auml;ther. Als Jackele ohne die G&auml;nse heimkam, fielen
+die Dorfbewohner &uuml;ber ihn her, pr&uuml;gelten ihn erb&auml;rmlich,
+und sein Vater wies ihn von der T&uuml;r und
+sagte, er solle ihm nicht mehr vor Augen kommen
+ohne die G&auml;nseherde. Mitten in der Nacht mu&szlig;te er
+aus dem Dorf wandern und sann dar&uuml;ber nach, wie
+er wieder zu den albernen G&auml;nsen kommen k&ouml;nnte.
+<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span>Die Fr&ouml;sche hockten aufgeblasen in der Wiese und
+quackten:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Jackele, Jackele, wo sind denn deine G&auml;ns&#8217;?<br /></span>
+<span class="i0">Sie sitzen vielleicht am Weiherle und waschen ihre Schw&auml;nz&#8217;.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Jackele ging zum Weiher, sah aber nichts von den
+G&auml;nsen und wurde traurig. Da tauchte ein silberner
+Strahlgeist aus dem schwarzen Wasser empor, tanzte
+eine Weile umher und fl&uuml;sterte endlich:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Jackele, nicht weinen,<br /></span>
+<span class="i0">Sternlein soll scheinen,<br /></span>
+<span class="i0">Sturmwind soll wehn,<br /></span>
+<span class="i0">Mu&szlig;t durch die sieben finstern L&auml;nder gehn.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>&#8250;Wie soll ich den Weg durch die sieben finstern
+L&auml;nder finden?&#8249; dachte Jackele. Aber die Sterne
+schienen so hell vor ihm her, da&szlig; er nicht in die Irre
+geraten konnte, und als er anfing, m&uuml;de zu werden,
+kam der Wind, nahm ihn auf seine Schulter und trug
+ihn bis dorthin, wo wieder die Sonne am Himmel
+stand. Da sah er auch schon die schimmernden Mauern
+der k&ouml;niglichen Burg in einem Garten mit lauter
+dunkelroten Blumen. Und wie er aufhorchte, h&ouml;rte
+er von drinnen ein wohlbekanntes Geschnatter und
+wu&szlig;te, da&szlig; seine G&auml;nse im Schlo&szlig; des K&ouml;nigs seien.
+Er pochte sch&uuml;chtern an das eiserne Tor, doch niemand
+h&ouml;rte ihn, und es ward nicht ge&ouml;ffnet. Schon fing
+sein Mut wieder an zu schwinden, da flog ein Bienenschwarm
+heran, kreiste um seinen Kopf, und wie er
+mit den H&auml;nden Gesicht und Augen verdeckte, um sich
+vor ihren Stichen zu sch&uuml;tzen, h&ouml;rte er, wie sie summten:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Mu&szlig;t das feige Blut bezwingen,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht nur warten, nicht nur hoffen,<br /></span>
+<span class="i0">Wolle nur, so wird&#8217;s gelingen,<br /></span>
+<span class="i0">Riegel f&auml;llt und Tor ist offen.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Als er dies vernommen, nahm er seine ganze
+Kraft und alle Gedanken zusammen und schritt auf
+das Tor los, und wirklich, es tat sich auf. Der
+Soldat, der vor der T&uuml;r des K&ouml;nigs Wache hielt,
+lie&szlig; vor Schrecken das Gewehr fallen und eilte, den
+Vorgang zu melden. Auch der K&ouml;nig geriet in Angst,
+und dachte, ein Zauberer sei gekommen, um ihn zu
+vernichten. Er warf den Purpurmantel &uuml;ber die
+Schulter, ging dem Fremdling entgegen, lud ihn ins
+Schlo&szlig; und bot ihm eine Stelle als Reichsminister
+an. Der alberne Hirtenjunge sch&uuml;ttelte den Kopf und
+forderte nichts weiter als seine G&auml;nse. Da l&auml;chelte
+der K&ouml;nig, lie&szlig; den Stall &ouml;ffnen, die G&auml;nse marschierten
+freudig gackernd heraus, Jackele trieb sie aus
+dem Tor und sie wanderten allesamt gegen die Heimat.
+Nun befand sich jedoch unter den H&ouml;flingen des K&ouml;nigs
+ein wirklicher Zauberer; dieser hatte alles mitangesehen
+und sich in seinem verzwickten Verstand gesagt, mit
+den G&auml;nsen m&uuml;sse es eine eigne Bewandtnis haben;
+kurzum, er glaubte nicht an die Einfalt des Hirten
+und meinte, Jackele sei vielleicht ein Mensch, der &uuml;ber
+geheimnisvolle Kr&auml;fte der Geisterwelt verf&uuml;ge. Er
+setzte sich deshalb in den Kopf, ihm die G&auml;nse abzulisten,
+eilte ihm nach, verwandelte sich in einen
+Zwerg und stand pl&ouml;tzlich wie aus der Erde gewachsen
+vor Jackele da. &raquo;Gib mir deine G&auml;nse,&laquo; sagte er,
+&raquo;und ich will dir geben, was noch kein Mensch besa&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du mir geben?&laquo; fragte der Hirt.</p>
+
+<p>Der Zwerg hielt ihm eine goldne Sch&uuml;ssel entgegen,
+und darauf lagen drei Dinge: ein wei&szlig;er Edelstein,
+ein gl&auml;sernes Auge und ein frisch blutendes
+Herz, so klein wie eines Vogels Herz. &raquo;W&auml;hle,&laquo;
+sagte der Zwerg.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist es mit dem Edelstein?&laquo; fragte Jackele.</p>
+
+<p>&raquo;Er gibt Reichtum,&laquo; antwortete der Zwerg.</p>
+
+<p>&raquo;Und mit dem Auge?&laquo; fragte der Hirt.</p>
+
+<p>&raquo;Es gibt Wissen,&laquo; sagte der Zwerg.</p>
+
+<p>&raquo;Und das Herz?&laquo;</p>
+
+<p>Da sch&uuml;ttelte der Zwerg den Kopf und entgegnete,
+dar&uuml;ber k&ouml;nne er keine Auskunft geben.</p>
+
+<p>Da griff Jackele schnell nach dem Herzen, und
+kaum hielt er es in der Hand, so war der Zwerg
+samt allen G&auml;nsen verschwunden. Jackele sp&uuml;rte aber
+auf einmal eine m&auml;chtige Unruhe in seinem Innern.
+Als er in das Dorf zur&uuml;ckkam, fand er in allen Gesichtern
+Spott und Ha&szlig;. Die Kunde, da&szlig; er um der
+elenden G&auml;nse willen des K&ouml;nigs Gnade ausgeschlagen
+hatte, war ihm vorausgeeilt, und da er nun nicht
+einmal die G&auml;nse zur&uuml;ckbrachte, verw&uuml;nschten sie ihn
+wegen seiner Dummheit, jagten ihn davon und schrien:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Katzenpelz-Jackele,<br /></span>
+<span class="i0">Kein Geld im Sackele,<br /></span>
+<span class="i0">Im Kopf kein Verstand,<br /></span>
+<span class="i0">Der &auml;rgste Tropf im Land.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Immer gewaltiger wurde aber die Unruhe in der
+armen Brust des Hirten. Es zog ihn die kreuz und
+die quer durch das Land, es zog ihn zu den Menschen,
+er fand auch da und dort Aufnahme, aber er
+konnte nirgends bleiben, immer trieb es ihn weiter
+und schlie&szlig;lich fingen die Leute an, ihm zu mi&szlig;trauen
+und sagten: Man mu&szlig; sich h&uuml;ten vor ihm, er hat
+einen b&ouml;sen Blick. Da er auch kein Geld besa&szlig;, so
+gaben sie ihm nichts mehr zu essen, und er mu&szlig;te
+hungern. Nach &uuml;berlangem Wandern begegnete er
+auf der Landstra&szlig;e einem d&uuml;rren alten Weiblein und
+fragte, ob sie nicht wisse, wie man Sch&auml;tze erwerben
+k&ouml;nne, denn er bereute jetzt aufs heftigste, da&szlig; er damals
+nicht den Edelstein von der goldenen Sch&uuml;ssel
+genommen.</p>
+
+<p>&raquo;Zieh nur weiter bis gegen Mittag,&laquo; sagte das
+Weiblein, &raquo;da kommt ein Berg und da wohnt ein
+Schmied, der wei&szlig;, wie man Sch&auml;tze erwerben kann.&laquo;</p>
+
+<p>Jackele kam richtig vor die Schmiede und bat den
+<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span>Schmied, der nackt, mit ru&szlig;geschw&auml;rztem Leibe vor
+der Esse stand, er m&ouml;ge ihm helfen, Sch&auml;tze zu erwerben.
+Der Schmied f&uuml;hrte ihn in die Werkstatt
+und hie&szlig; ihn den Blasbalg treten. Das Feuer fauchte
+auf und Jackele sah gl&uuml;hendes Gold in den Flammen
+liegen; seine Begehrlichkeit erwachte, ohne zu &uuml;berlegen
+griff er mitten in die Glut und wollte das
+Gold nehmen. Aber das Feuer verbrannte seine beiden
+Arme bis an die Ellbogen hinauf, und er warf
+sich auf die Erde hin und schrie vor Schmerzen. Der
+Schmied lachte, ergriff den gro&szlig;en Hammer, lie&szlig; ihn
+viele Male auf den Ambo&szlig; heruntersausen und bei
+jedem Schlag rief er lachend aus: &raquo;Schaff dir das
+Herz vom Leibe! Schaff dir das Herz vom Leibe!&laquo;
+Jackele verlie&szlig; die Schmiede und kam alsbald in den
+dunkelsten Wald, den er je gesehen. Es wurde ihm
+so einsam, da&szlig; er zu sterben f&uuml;rchtete, au&szlig;erdem
+schmerzten ihn die verbrannten Arme. Als es Abend
+wurde, machte er am Rande eines verfallenen Brunnens
+Rast, und da ungeachtet aller M&uuml;digkeit doch
+wieder die treibende Unruhe &uuml;ber ihn kam, dachte er
+an die Worte des Schmieds, nahm das blutende
+Herz, das so klein wie eines Vogels Herz war und
+sagte: &raquo;Du teuflisches Ding, du hast mir die Seele
+vergiftet, hast mir die Ruhe genommen, so fahr in
+die Tiefe, ich will deiner los sein.&laquo; Damit schleuderte
+er das Geschenk des Zwergs in den Brunnen
+hinab.</p>
+
+<p>Auf einmal h&ouml;rte er wieder jenes vertraute Geschnatter
+in der Luft wie vor dem K&ouml;nigsschlo&szlig;, und
+als er emporschaute, sah er drei G&auml;nse aus seiner
+Herde, und jede sa&szlig; auf der Krone eines Baumes.
+Jetzt flatterte die erste herab, setzte sich an den Rand
+des schwarzen Loches und rief:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Herz der Welt, du sollst ergl&uuml;hen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich bring&#8217; dir einen Br&auml;utigam,<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; ihm deine Sch&auml;tze bl&uuml;hen.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Darauf entstand ein Leuchten in der Tiefe des
+Brunnens, wie wenn alle Finsternis des Erdenscho&szlig;es
+sich in eitel Feuer verwandelt h&auml;tte. Die B&auml;ume
+fingen an zu rauschen wie Orgeln, die V&ouml;gel zwitscherten,
+da&szlig; es wie der Gesang von Elfen ert&ouml;nte, und Jackele
+starrte hinab, sah der Welten Herz ergl&uuml;hen und seine
+Sehnsucht und Reue wurden so gro&szlig;, da&szlig; er meinte,
+es werde ihm die Brust auseinanderrei&szlig;en. Die zweite
+von den G&auml;nsen rief indessen immerfort: &raquo;Du bist
+der Br&auml;utigam, du bist der Br&auml;utigam;&laquo; und die
+dritte, die schwarzfl&uuml;glige, flog auf, lie&szlig; sich, als sie
+&uuml;ber der Mitte des Brunnens schwebte, langsam zur
+Tiefe sinken, und da sie unten war, fing sie an zu
+brennen, ward aber pl&ouml;tzlich verzaubert und kam als
+herrlicher Paradiesvogel wieder empor. Sie lie&szlig; ein
+paar Wassertropfen aus dem Schnabel auf Jackeles
+Wunden fallen, da&szlig; sie sogleich heilten, und sagte:
+&raquo;Das Herz der Welt l&auml;&szlig;t dich gr&uuml;&szlig;en, du sollst hinuntersteigen
+und dich ihm anverm&auml;hlen.&laquo; Inzwischen war
+Jackele von einem Holzknecht bemerkt worden, der es
+den Leuten im Dorf verraten hatte. Diese eilten nun
+mit Dreschflegeln herbei, um den unn&uuml;tzen Gesellen
+totzuschlagen. Wie staunten sie aber, als sie ihn mit
+einem silbernen Kleide angetan am Rand des Brunnens
+sitzen sahen, den fremden Vogel auf der Schulter.
+Sie wagten ihn kaum anzuschauen und gingen schlie&szlig;lich
+be&auml;ngstigt und kopfsch&uuml;ttelnd wieder nach Hause.
+Nun sollte Jackele in den Brunnen steigen, doch das
+war ein so schweres Unternehmen, da&szlig; Tag um Tag
+verging und er nicht einen Schritt weiterkam. Es
+gab kein Seil, das lang genug gewesen w&auml;re; er
+mochte graben und schaufeln und Leitern bauen, es
+half alles nichts, und w&auml;re nicht der Gesang des
+Paradiesvogels gewesen und der beseligende Anblick
+des gl&uuml;henden Herzens in der Tiefe, so w&auml;re er verzweifelt
+und h&auml;tte von seinem Vorhaben abgelassen.
+Was weiter mit ihm geschehen ist, kann ich nicht sagen,
+weil ich&#8217;s nicht wei&szlig;. Vielleicht ist es ihm am letzten
+Tag vor seinem Tode doch gelungen.</p>
+
+<p>Abel war unzufrieden mit dieser Geschichte. Er
+sagte, an Zaubereien glaube er nicht, und da&szlig; G&auml;nse
+und Fr&ouml;sche sprechen k&ouml;nnten, sei nicht wahr. Sie
+schritten w&auml;hrenddem beide &uuml;ber die gewundenen
+Terrassen herab in die Lauben- und Efeug&auml;nge des
+Gartens und sahen die vielfach verzierte Fassade des
+Schlosses vom bleichen Abendlicht &uuml;bergossen. Engelhart
+war tief in Gedanken und durch die Luft wie
+durch die Blumenger&uuml;che gleicherweise erregt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[261]</a></span>In der Fr&uuml;he um halb f&uuml;nf nahm Abel Abschied.
+Engelhart und der Vater begleiteten ihn zum
+Bahnhof. Herrn Ratgeber ging es nahe; auch
+hatten ihm einige Bekannte die Sache bedenklich gemacht,
+es sei doch gef&auml;hrlich, einen Knaben von dreizehn Jahren
+bis ans andre Ende der Welt zu schicken. Als sie
+wieder auf dem Heimweg waren, bemerkte Engelhart,
+da&szlig; es um den Mund des Vaters verr&auml;terisch zuckte.
+Gleich darauf trafen sie am Glacis einen Rimparer
+Bauern, der mit einer Fuhr zum Markt kam, Herr
+Ratgeber rief ihn an, fragte, was in den S&auml;cken enthalten
+sei, und verhandelte dann eifrig wegen eines
+Zentners Kartoffeln mit ihm.</p>
+
+<p>Wenige Tage sp&auml;ter kam der Antwortbrief von
+Michael Herz. Er wolle den Gel&ouml;bnissen trauen und
+es noch ein einziges und letztes Mal probieren. In
+<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[262]</a></span>sein eignes Gesch&auml;ft k&ouml;nne er Engelhart schon aus
+Gr&uuml;nden der Disziplin nicht zur&uuml;cknehmen, er habe
+einen Freund, den Chef des angesehenen Exporthauses
+Freitag und Sohn, bewogen, Engelhart als Lehrling
+aufzunehmen. Es h&auml;nge alles andre davon ab, ob
+er dort ernsten Willen und dauernde Besserung zeige.
+Durch seinen Wahnsinn habe er ein ganzes Jahr vergeudet,
+hoffentlich h&auml;tten ihn seine Erfahrungen f&uuml;r
+immer belehrt. Darauf folgten noch Anweisungen
+&uuml;ber die Reise; er solle nach der Ankunft in einem
+billigen Vorstadthotel &uuml;bernachten und sich am Morgen
+gleich seinem k&uuml;nftigen Chef vorstellen. Ihn in seinem
+eignen Hause wohnen zu lassen, halte er nicht f&uuml;r
+angemessen, einer solchen Verg&uuml;nstigung m&uuml;sse sich
+Engelhart erst w&uuml;rdig zeigen. Er habe einen seiner
+Angestellten, Herrn Kapeller, beauftragt, ein Zimmer
+zu mieten. &raquo;Zu Mittag kannst du bei uns sein,&laquo;
+schlo&szlig; das polizeim&auml;&szlig;ig sachliche Schreiben, an dessen
+Inhalt Engelhart schluckte und w&uuml;rgte, &raquo;das Abendbrot
+bekommst du bei der Familie Kapeller.&laquo;</p>
+
+<p>Herr Ratgeber war gl&uuml;cklich &uuml;ber den Verlauf.
+Er nahm den Sohn mit ins Kaffeehaus, zahlte die
+Zeche f&uuml;r ihn und erteilte ihm gute Lehren. Die aufrichtig
+gemeinten Worte schwirrten inhaltslos an
+Engelharts Ohr vor&uuml;ber.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2>
+
+
+<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>ie tr&uuml;bselige Reise, das &Uuml;bernachten in einem
+schmutzigen Hotel, das peinliche Wiedersehen mit dem
+Oheim, es glich einem Traum von nicht unerwarteter
+H&auml;&szlig;lichkeit. Im Vorzimmer der Firma Freitag und
+Sohn mu&szlig;te Engelhart stundenlang warten. Junge
+Leute mit bleichen und hochm&uuml;tigen Gesichtern sa&szlig;en
+an den Pulten im Kontor, in das er durch eine
+Glast&uuml;r blicken konnte. Ein schwarzb&auml;rtiger finsterer
+Herr f&uuml;hrte ihn schlie&szlig;lich ins Privatgemach des Chefs.
+Dieser Raum zeigte einen weibischen Luxus und glich
+mehr dem Boudoir einer Kokotte als dem Zimmer
+eines Gesch&auml;ftsmannes. Herr Freitag, ein kleines
+grauhaariges M&auml;nnchen, lag in einem ungeheuern
+Ledersessel und hielt, nach Art der Weitsichtigen lesend,
+in der ausgestreckten Hand ein Buch. Erst nachdem
+Engelhart den sch&uuml;chternen Gru&szlig; wiederholt hatte,
+wendete Herr Freitag den Kopf und starrte, scheinbar
+h&ouml;chst &uuml;berrascht, den jungen Menschen mit herausquellenden
+Augen von oben bis unten an. &raquo;Bevor
+Sie das n&auml;chste Mal in ein anst&auml;ndiges Zimmer
+treten, lassen Sie Ihre Stiefel s&auml;ubern, Verehrtester,&laquo;
+zeterte er mit einem umkippenden Kastratenstimmchen.
+&raquo;Sie sind also der Ausrei&szlig;er, wie? Sch&ouml;n, sch&ouml;n,
+wir werden ja sehen, wenn Sie nicht parieren, werf&#8217;
+ich Sie hinaus. Adieu, junger Mann.&laquo;</p>
+
+<p>Ein enges d&uuml;stres Loch im Erdgescho&szlig; eines
+engen d&uuml;stern Hauses war das Zimmer, das Engelhart
+bewohnen sollte. Es hatte keinen eignen Eingang
+und war nur durch die K&uuml;che und das Wohnzimmer
+der Partei zu erreichen. Nebenan war die
+Stra&szlig;e, wenn ein Fuhrwerk &uuml;ber das Pflaster donnerte,
+begannen die Fensterscheiben und das Geschirr
+auf dem Waschtisch zu klappern. Engelhart dachte,
+es sei nicht m&ouml;glich, hier zu schlafen, es sei nicht
+m&ouml;glich, hier zu leben. Er setzte sich auf einen Stuhl
+mit zerrissenem Rohrgeflecht, und erst nach einer
+Stunde regungslosen Hinbr&uuml;tens ging er daran, seinen
+Koffer auszupacken. Er hatte das Gef&uuml;hl, als ob
+sein Blut bitter geworden sei.</p>
+
+<p>Kapellers wohnten ein Stockwerk h&ouml;her. Es waren
+vier Br&uuml;der, die bei der Mutter lebten, lauter junge
+M&auml;nner, denen das blo&szlig;e Aufderweltsein schon gewaltigen
+Spa&szlig; machte; wenn sie au&szlig;erdem noch tanzen und ins
+Theater gehen konnten, waren ihre Anspr&uuml;che an das
+Leben erf&uuml;llt. Die Frau besa&szlig; ein kleines Gesch&auml;ft
+auf der Hauptstra&szlig;e und brachte sich knapp durch,
+aber sie lie&szlig; sich nichts abgehen und war die lustigste
+von allen. Zuerst begegneten sie Engelhart mit der
+Achtung, die sie dem Neffen eines reichen Mannes
+schuldig zu sein glaubten, bald jedoch stimmte sie sein
+insichgekehrtes Wesen und sein Nichtmithalten feindselig.
+Es kam auch vor, da&szlig; er aus sich herausging
+und zu plaudern begann; es durfte nur ein sympathischer
+Hauch an ihn heranwehen, dann strahlten
+seine Augen auf, er fand Worte, die ihnen fremdartig
+klangen, sie wurden von Mi&szlig;trauen gegen diese
+Worte erfa&szlig;t, waren &uuml;berhaupt beunruhigt, str&auml;ubten
+sich gegen den ganzen Menschen und waren erleichtert,
+wenn er endlich gute Nacht sagte. War er dann gegangen,
+so brach der Streit aus. Die j&uuml;ngeren
+schimpften auf den Gast, Franz Kapeller, der bei
+Michael Herz angestellt war und Engelhart schon
+von fr&uuml;her kannte, nahm sich seiner an, suchte die
+Natur des Knaben nach irgendeiner gel&auml;ufigen Schablone
+zu erl&auml;utern, auch die Mutter war nicht abgeneigt,
+den Fremden in Schutz zu nehmen, betrachtete ihn
+aber doch nur wie einen Schauspieler, der einem f&uuml;r
+bestimmtes Eintrittsgeld etwas vorspielt; endlich fand
+der dritte Sohn das richtige Wort, das fernere Er&ouml;rterungen
+abschnitt, und sagte: &raquo;Er ist halt ein Jud.&laquo;
+Am n&auml;chsten Tag gab ihnen Engelhart wieder neuen
+Stoff zu Redereien. Nach dem Essen setzte sich der
+j&uuml;ngste Kapeller ans Klavier und spielte in roh klappernder
+Manier und mit wahren B&auml;rentatzen ein paar
+M&auml;rsche und Walzer herunter. W&auml;hrend er eine
+Pause machte, sagte Engelhart ernsthaft: &raquo;Ich kann
+auch Klavier spielen,&laquo; und unter dem neugierigen
+Schweigen der Familie setzte er sich vor das Instrument,
+schaute eine Weile in die Luft und viele
+<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[263]</a></span>Monate lang verga&szlig; er die drangvolle Sehnsucht nicht,
+die ihn in diesen Augenblicken erf&uuml;llte. Es war wie
+ein Wahn, er hatte gedacht, er m&uuml;sse spielen k&ouml;nnen,
+die Tasten und die Saiten k&ouml;nnten nicht anders, als
+seinem vollen Innern gehorchen. Endlich mu&szlig;te er
+unter dem h&auml;mischen Gel&auml;chter der am Tische Sitzenden
+abziehen, und obwohl tief besch&auml;mt, lachte er mit
+ihnen.</p>
+
+<p>Im Freitagschen Gesch&auml;ft k&uuml;mmerte man sich
+weniger um ihn, als er erwartet hatte. Im Anfang
+hatte er guten Willen gezeigt, aber da niemand von
+seiner Bem&uuml;hung Notiz nahm und es gleichg&uuml;ltig
+schien, ob er viel oder wenig tat, erlahmte er schnell.
+Was soll ich denn hier? war die Frage, die ihm best&auml;ndig
+durch den Kopf ging. Und wirklich, was sollte
+er hier vor sich bringen, wodurch seiner Zukunft
+n&uuml;tzen? Nach Gelderwerb stand ihm nicht der Sinn,
+und die Dinge, die sein Herz aufregten, wenn er sie
+nur dachte, lagen weltenweit. Er wurde hierhin und
+dorthin geschoben, keiner scherte sich um den andern,
+es wurde nur gerade das Notwendige geleistet und
+das mit viel L&auml;rm und Wichtigtuerei. Herr Freitag
+selbst war Spekulant und hatte an der B&ouml;rse ein
+gro&szlig;es Verm&ouml;gen gewonnen. Er betrachtete das
+Warengesch&auml;ft als eine Spielerei und hielt es nur
+mit R&uuml;cksicht auf seine S&ouml;hne in Gang, von denen
+sich aber niemals einer blicken lie&szlig;. Wenn sich
+Herr Freitag vorn in den Schreibstuben befand,
+wurden in der sogenannten Auslieferung, wo Engelhart
+besch&auml;ftigt war, zwei Lehrlinge als Wachtposten
+aufgestellt, damit er seine Leute nicht &uuml;berrumple.
+Schon von weitem h&ouml;rte man ihn fauchen, spucken
+und kreischen, er schien wie eine alte Henne mit Fl&uuml;geln
+um sich zu schlagen, wenn er durch die drei S&auml;le
+zappelte, steckte seine Nase in jedes St&uuml;ck Papier und
+behauptete unabl&auml;ssig, er sehe alles, er h&ouml;re alles,
+ihm entgehe nichts. Gef&uuml;rchtet wurde blo&szlig; Herr
+Gallus, der finstere Schwarzb&auml;rtige, der Prokurist der
+Firma, und dessen Vertrauensperson war die Expedientin,
+Fr&auml;ulein Ernestine Kirchner. Sie mochte
+nicht mehr ganz jung sein, vielleicht achtundzwanzig
+Jahre alt, hatte eine h&uuml;bsche Gestalt, einen langsamen
+und anmutigen Gang und blasse, starke Lippen. Sie
+wurde von allen, auch von Herrn Freitag, mit Respekt
+behandelt, nur der finstere Gallus nannte sie
+kurzweg beim Vornamen. Durch ein gleichm&auml;&szlig;ig
+heiteres Naturell wirkte sie bes&auml;nftigend auf die verschiedenartigen
+Elemente, und sie beobachtete Engelharts
+unruhvolles Nichtstun mit schweigender Teilnahme.
+Hatte sie ihm des Morgens eine Arbeit
+auferlegt und sie war am Nachmittag noch ungetan,
+so lie&szlig; sie keinen Vorwurf h&ouml;ren, sondern ging in
+aller Stille selbst daran. Da erschrak Engelhart vor
+der Dankverpflichtung, die sie ihm auferlegte, und
+nahm sich das n&auml;chste Mal zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Woran denken Sie eigentlich?&laquo; fragte sie ihn
+einmal und sah ihn mit ihren dunkelblauen Augen
+erstaunt an; &raquo;wie kann man unaufh&ouml;rlich denken!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke gar nichts,&laquo; erwiderte er, &raquo;ich bin nur
+traurig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach du himmlische G&uuml;te!&laquo; rief sie aus und
+schlug gutm&uuml;tig spottend die H&auml;nde zusammen. Sie
+fuhr aber fort, ihn zu betrachten, in ihrem Blick war
+ein Aufgl&auml;nzen, es schien ihr, als habe sie diesen
+dunkeln Kopf mit den gesammelten Z&uuml;gen vor vielen
+Jahren schon gesehen, es &uuml;berrieselte sie eine freudige
+Erinnerung.</p>
+
+<p>In demselben Raum arbeitete ein h&auml;&szlig;licher, ein&auml;ugiger
+und fast zahnloser Mensch namens Zeis; er
+war t&uuml;chtig und der einzige, der kaufm&auml;nnischen Ehrgeiz
+besa&szlig;, aber aus Furcht vor der Aufs&auml;ssigkeit der
+lediglich tagl&ouml;hnernden Genossen versteckte er sich hinter
+einem schlappen und schl&auml;frigen Wesen. Mit Mi&szlig;vergn&uuml;gen
+war er Zeuge des guten Einvernehmens
+zwischen Ernestine und dem Knaben. Da er mit
+Franz Kapeller bekannt war, erfuhr er einiges &uuml;ber
+Engelharts fr&uuml;heres Schicksal und benutzte dann seine
+Wissenschaft zu b&ouml;sartigen Entstellungen. Au&szlig;erdem
+hetzte er die andern Lehrlinge gegen ihn auf, alles
+in der Stille und mit einer wirkungsvollen Gleichg&uuml;ltigkeit.
+Einmal mu&szlig;te Engelhart mit dem &auml;ltesten
+Lehrling, dessen Name Porkowsky war, Geld zur Bank
+tragen, es war Abend, als sie zur&uuml;ckkehrten, Porkowsky
+blieb auf der belebten Stra&szlig;e bei einer Dirne
+stehen und f&uuml;hrte ein freches Gespr&auml;ch, um sich vor
+Engelhart als Lebemann aufzuspielen. Engelhart h&ouml;rte
+eine Weile wie versteinert zu, dann machte er sich
+davon und kam lange vor dem andern ins Gesch&auml;ft.
+Dies mu&szlig;te auffallen; wenn Geld zur Bank gebracht
+wurde, war es streng untersagt, da&szlig; die Boten sich
+trennten, selbst auf dem Heimweg. Engelhart trug
+Scheu, den wahren Grund anzugeben, Porkowsky
+machte sich diesen Umstand zunutze und brachte bei
+Herrn Gallus eine L&uuml;ge vor, durch die Engelhart
+schuldig schien. Herr Gallus war ohnehin nicht gut
+zu sprechen auf Engelhart; er schimpfte nicht, dazu
+war er zu vornehm, er begn&uuml;gte sich mit einem geringsch&auml;tzigen
+L&auml;cheln, das sich m&uuml;de durch seinen kohlschwarzen
+Bart stahl. Zu Neujahr nun erhielten alle
+Angestellten ein Geldgeschenk, von den Lehrlingen bekam
+jeder zwei oder drei Dukaten, Engelhart allein
+ging leer aus. Es hie&szlig;, der Chef sei unzufrieden
+mit seinen Leistungen. Er hatte sehr auf das Geld
+gerechnet, weil er einige B&uuml;cher davon hatte kaufen
+wollen, nach denen er l&auml;ngst Begierde empfand, und
+er war verzweifelt. Bei Kapellers fragten sie ihn,
+<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[264]</a></span>wieviel er bekommen habe, und er erz&auml;hlte, er habe
+zwanzig Gulden bekommen. Sie erfuhren bald die
+Wahrheit, es war auch eine gar zu unvorsichtige L&uuml;ge,
+doch stellten sie ihn nicht offen zur Rede, sondern
+suchten ihn durch t&auml;gliche versteckte Bosheiten zu besch&auml;men.
+Sie glaubten jetzt seinen Charakter durchschaut
+zu haben.</p>
+
+<p>Vor dem Oheim lie&szlig; sich nat&uuml;rlich nichts verheimlichen.
+Aber er nahm es nicht so schwer, wie
+Engelhart gef&uuml;rchtet, es war, als ob er sich zur Nachsicht
+entschlossen h&auml;tte. Es ging Michael Herz eigen
+mit Engelhart. Etwas widerstrebte ihm an dem
+jungen Menschen aufs &auml;u&szlig;erste, die ganze Art der
+Lebensf&uuml;hrung, das unbestimmte Hinundher, die Unsicherheit
+des Auftretens, etwas feige Beklommenes,
+worunter es seltsam zuckte und w&uuml;hlte wie bei jemand,
+der nicht schlafen kann, weil er sich vor dem
+Ausbruch eines Feuers f&uuml;rchtet. Anderseits sprach
+das Blut mit deutlicher Stimme f&uuml;r den Neffen; wenn
+er mit Engelhart allein war, bestach ihn oft ein Wort,
+das so lebendig und neu klang, wie er es sonst von
+keinem Mund noch geh&ouml;rt, und er konnte sich dem
+flehentlichen Werben eines Blickes so wenig entziehen,
+da&szlig; er ihn aufs g&uuml;tigste und doch so scheu, als beginge
+er ein Verbrechen, nach irgendeinem Wunsch
+befragte. Dies r&uuml;hrte Engelhart stets, und er h&auml;tte
+sich der K&auml;uflichkeit des Gef&uuml;hls schuldig gefunden,
+wenn er bei solchem Anla&szlig; ein Verlangen ge&auml;u&szlig;ert
+h&auml;tte. So wurde nichts besser, dort blieb das Mi&szlig;trauen
+und hier ein unfruchtbares Sichverschlie&szlig;en.
+Michael Herz verga&szlig; rasch; er verga&szlig; das &Uuml;ble, was
+man ihm zugef&uuml;gt, und er verga&szlig; den g&uuml;nstigen Eindruck,
+den er erhalten; alle Kr&auml;fte des Willens und
+der Energie verbrauchte er in seinem Beruf, sonst lebte
+er nur d&auml;mmernd hin und war jeder fremden Einfl&uuml;sterung
+zug&auml;nglich, insonderheit von seiten der Frau,
+die er in seiner stillen Weise unendlich verg&ouml;tterte.
+Es machte Engelhart Kummer, da&szlig; er die Abneigung
+dieser Frau nicht zu besiegen vermochte. Als er eines
+Mittags bei Schneegest&ouml;ber das Gesch&auml;ft verlie&szlig;, bot
+eine Blumenh&auml;ndlerin ihm wie allen Vor&uuml;bergehenden
+Veilchen zum Kauf an. Er &uuml;berlegte im Weitergehen,
+kehrte um und nahm drei Str&auml;u&szlig;chen, die er
+zusammenband. In allem Ernst dachte er, da&szlig; er
+Frau Esmee durch die Blumen milder stimmen k&ouml;nne.
+Es kam Farbe in seine Wangen, er verdoppelte seine
+Schritte und begl&uuml;ckw&uuml;nschte sich zu dem Einfall.
+Frau Esmee nahm den Strau&szlig; mit unbewegter Miene
+entgegen, nicht gerade verdrossen, aber doch gelangweilt
+oder als ob er einen Gegenstand vom Teppich
+aufgehoben h&auml;tte, den sie fallen gelassen. W&auml;hrend
+des Essens war sein Gesicht wei&szlig; wie der Teller und
+der Oheim &auml;u&szlig;erte sich besorgt &uuml;ber seinen Mangel
+an Appetit. Sp&auml;ter mu&szlig;te er bei einigen Handwerkern
+in der Vorstadt Bestellungen abliefern; er
+sah da immer viel Elend, kranke Weiber, betrunkene
+M&auml;nner, rhachitische Kinder, armselige Stuben,
+in denen alles bis auf einen Strohsack versetzt war.
+In tiefer Betr&uuml;bnis kam er gegen Anbruch der D&auml;mmerung
+ins Gesch&auml;ft zur&uuml;ck. Von den Herren im
+Magazin war keiner zu sehen, auch die Lehrlinge
+waren fort, Ernestine Kirchner sa&szlig; allein an ihrem
+Schreibpult, und als er eintrat, schob sie einen angefangenen
+Brief beiseite, st&uuml;tzte den Kopf in die Hand
+und schaute in den immer dichter fallenden Schnee
+hinaus, der die Gasse mit bl&auml;ulichem Licht f&uuml;llte.
+Endlich sagte sie, sie habe heute Vorw&uuml;rfe dar&uuml;ber
+h&ouml;ren m&uuml;ssen, da&szlig; sie seine L&auml;ssigkeit nicht nur dulde,
+sondern geradeswegs unterst&uuml;tze. Er seufzte, und ohne
+sie anzuschauen, griff er zur Feder. Sie lehnte sich
+mit gekreuzten Armen neben ihn hin, ihre Schulter
+streifte die seine, und sie blickte auf seine Finger, die
+langsam und maschinenm&auml;&szlig;ig Zahlen und Buchstaben
+aufs Papier schrieben.</p>
+
+<p>Ernestine dachte, da&szlig; vielleicht ein Geheimnis auf
+ihm laste. Sie w&uuml;nschte, da&szlig; der leidenschaftlich verpre&szlig;te
+Mund sich &ouml;ffnen solle. Freilich wu&szlig;te sie
+schon, da&szlig; er die Dinge zu schwer nahm und alles
+zu nahe an sich herantreten lie&szlig;, da&szlig; er zu bed&uuml;rftig
+um die Herzen der Menschen warb und sich wehrlos
+der umklammernden Verstimmung preisgab, wenn er
+sich fortgesto&szlig;en f&uuml;hlte. Pl&ouml;tzlich warf er den Kopf
+etwas zur&uuml;ck und sagte: &raquo;Ich bin nicht daf&uuml;r geboren,
+damit Sie es nur wissen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte, und ihr verwunderter Blick schien
+fragen zu wollen: und wof&uuml;r bist du denn geboren?
+&raquo;Aber Kind,&laquo; sagte sie sanft, nahm seinen Kopf
+zwischen beide H&auml;nde und drehte ihn wie den einer
+Puppe, bis sie seine Augen den ihren gegen&uuml;ber hatte.
+&raquo;Ich wei&szlig; alles,&laquo; sagte sie mit einem gespannten
+und heiteren Ausdruck in den Mienen, &raquo;alles, alles,
+alles.&laquo; Damit k&uuml;&szlig;te sie ihn dreimal auf die Lippen.
+Engelhart lehnte die Stirn an ihre Wange; er sp&uuml;rte
+einen leichten Schrecken, als befinde er sich nun in
+Schuld. Gleich hernach h&ouml;rten sie Schritte; Herr
+Gallus kam und fragte grob, warum noch kein Licht
+brenne. Er schritt ein paarmal schweigend auf und
+ab, reichte Ernestine ein kleines, verschn&uuml;rtes Paket
+und ging wieder.</p>
+
+<p>Jetzt hatte Engelhart doch einen Menschen zur
+Seite. Zum erstenmal im Leben durfte er sich aussprechen,
+mit seinen eignen Worten sprechen, ohne
+R&uuml;ckhalt und Bedenken sagen, wie ihm zumute war.
+Noch nie hatte Ernestine dergleichen geh&ouml;rt; sie war
+erstaunt. Welcher Trotz, welche Glut! Im Nu entstanden
+Hoffnungen, im Nu waren sie schon verwirklicht,
+<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[265]</a></span>ein Funkenschwall von gro&szlig;en Worten prasselte,
+berauscht vom offenbar Unm&ouml;glichen, begann er zu
+tanzen, aber die einfache Frage: was willst du? wohinaus,
+J&uuml;ngling? die auf Ernestinens Lippen brannte,
+vermochte er nicht zu beantworten. Ein neugieriger
+Blick des M&auml;dchens verletzte ihn, und er fiel in
+dumpfes Schweigen. Niemand war wie er verurteilt,
+durch Worte, durch Blicke, durch das Beargw&ouml;hnen
+fremder Gedanken zu leiden. Sie war z&auml;rtlicher als
+eine Mutter gegen ihn, und wenn sie seine Leidenschaft
+erweckt hatte, bekam sie Angst und suchte zu
+d&auml;mpfen. &raquo;Mein Liebling,&laquo; sagte sie zu ihm. Immer
+trug sie sein trunkenes Gesicht im Innern, das geistige
+Auge, aber das liebste war ihr sein Tr&auml;umerl&auml;cheln,
+wenn er vor ihr sa&szlig; mit verschleiertem Blick, still
+und aufrecht wie eine Pflanze.</p>
+
+<p>Es kam der Fr&uuml;hling, und mit ihm eine bange
+Zeit f&uuml;r Engelhart. An einem der ersten sch&ouml;nen
+Tage begleitete er Ernestine vom Gesch&auml;ft aus in ein
+entferntes Stadtviertel, wo sie eine Freundin besuchen
+wollte. Sie plauderten ruhig, Engelhart erz&auml;hlte
+von seinen Eltern; es umfing ihn stets ein
+tiefes Wohlbehagen, wenn er Seite an Seite mit
+Ernestine ging und wenn sie mit einem wunderbaren
+Ernst ihm zuh&ouml;rte. Dann trennten sie sich,
+und er kehrte allein zur&uuml;ck. Die Sonne war schon
+untergegangen, rosiger Staub erf&uuml;llte die Stra&szlig;e, die
+Luft roch wie Wein. Engelhart sp&uuml;rte eine schreckliche
+Erregung, er sp&uuml;rte sie wie kleine Kugeln durch die
+Adern rollen. Bei jeder Ecke blieb er stehen und
+atmete schwer. Menschen und Dinge erschienen ihm
+wie Wahngebilde. Von den jungen Frauen und
+M&auml;dchen, die er sah, fielen pl&ouml;tzlich die Gew&auml;nder
+ab, und sie schritten nackt dahin; er sah, wie ihre
+Knie sich bogen und die Haut &uuml;ber den H&uuml;ften
+schimmerte wie Schnee. Er blickte durch die Mauern
+der H&auml;user hindurch und gewahrte &uuml;berall das, was
+ihm Grauen und Lust erregte. In seiner Kammer
+angekommen, lie&szlig; er die Roll&auml;den herab, verstopfte
+mit Baumwolle die Ohren und br&uuml;tete vor sich hin.
+In der Nacht konnte er nicht schlafen. Er w&auml;lzte
+sich wie ein Vergifteter auf dem Lager. Die leichte
+Decke lag wie Blei auf ihm, die Kissen wurden ihm
+hei&szlig;, er schleuderte sie fort. Um zwei Uhr z&uuml;ndete
+er die Kerze an und versuchte zu lesen. Das Herz
+schlug so laut, wie wenn man mit dem Kn&ouml;chel an
+ein Brett pocht. Darauf kehrte er von neuem den
+Kopf gegen die Wand, aber die Stille hatte tausend
+Zungen und f&uuml;hrte Bilder herauf, die vor Scham
+seine Glieder zittern machten. Mit aller Anstrengung
+sammelte er die Gedanken und dachte an Ernestine.
+Da trat sie schon an das Lager, und er k&uuml;&szlig;te sie
+wie nie zuvor. Sie verlor das Leben in seinen
+Armen, er warf sich schluchzend &uuml;ber sie hin und
+lie&szlig; Blut von seinem Blut in ihre Pulse str&ouml;men.
+Doch seltsam, als er am n&auml;chsten Tag mit ihr allein
+war, da schwieg der entsetzliche Aufruhr, und die
+Erinnerung an die W&uuml;nsche der Nacht lie&szlig; ihn vor
+Scham erbleichen. Und kaum war er allein, so kam
+es wieder; am Abend floh er aus seinem Zimmer
+auf die Stra&szlig;e und marschierte weit, bis er zu dem
+Haus kam, wo Ernestine wohnte. Es beruhigte ihn,
+zu ihren Fenstern emporzublicken, und das tolle Fieber
+wich vollends, als er m&uuml;de war vom Stehen.</p>
+
+<p>Wohl bemerkte Ernestine die Ver&auml;nderung in
+seinem Wesen, und sie ahnte den Grund. Ihre Unbefangenheit
+und die seelenvolle Freiheit ihm gegen&uuml;ber
+schwanden langsam hin, und das schmerzte sie.
+Sie hatte kein leichtes Leben; vielerlei Entbehrungen
+lagen hinter ihr; durch gewisse Verpflichtungen war
+sie nach oben und unten mannigfach verstrickt, und
+dies kann den Geist mehr umd&uuml;stern als unmittelbare
+Leiden. Demungeachtet war ihr eine s&uuml;&szlig;e Heiterkeit
+des Herzens verblieben, und ihr Gem&uuml;t war das jener
+Frauen, die immer vergeben, immer verzeihen und
+f&uuml;r alle Bitterkeiten, welche sie erfahren m&uuml;ssen, in
+ihrer Brust eine ganz besondere, ehern verschlossene
+Kammer besitzen. Sie hatte nicht beabsichtigt, in
+Engelharts Dasein eine Rolle zu spielen, es war nur
+so gekommen; jetzt f&uuml;hlte sie sich auf einmal wunderlich
+verkettet, und das machte sie schwerm&uuml;tig. Er glaubte,
+sie wisse nichts von seinen verborgenen Drangsalen,
+aber sie wu&szlig;te alles, da sie schon ein erfahrenes
+Weib war und das Leben kennen gelernt hatte.
+Freilich hatte sie gedacht, ihn f&uuml;hren, ihm helfen zu
+k&ouml;nnen, etwas in ihm erhob sie &uuml;ber sich selbst; nun
+f&uuml;hlte sie sich hingerissen, und sie wehrte sich. In
+einer Stunde, wo sie allein waren, sagte sie ihm, es
+w&auml;re besser, wenn sie nun wieder einander fremd
+w&uuml;rden. Aber als sie ihn dann ansah, bereute sie
+ihre Worte; in ein Gesicht zu sehen, bedeutet eben
+viel; selbst die ungern durchlebte Vergangenheit
+schwindet im Leuchten eines geliebten Auges hin.
+Sie dr&uuml;ckte die Lippen auf seine Haare, w&auml;hrend er
+in sich versank; seine Glieder nahmen eine eigent&uuml;mliche
+Schlaffheit an, halb sitzend, halb hingelehnt blieb er,
+regungslos wie eine Zielscheibe f&uuml;r die Geschosse des
+Schicksals. Er konnte ihr nicht widersprechen, denn
+er liebte ja Ernestine nicht; was ihm Liebe war, das
+lag in mystischer Ferne, schien fast unerreichbar und
+hatte kaum Gestalt; es schwamm hoch im Bereich des
+Traumes gleich einer Wolke &uuml;ber Schneegipfeln.</p>
+
+<p>Inzwischen war die vertrauliche Beziehung der
+beiden nicht unbemerkt geblieben. Der ein&auml;ugige
+<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[266]</a></span>Zeis erging sich in erbitterten Anspielungen und
+konnte seine Wut nicht mehr bemeistern. Er wagte
+es, Ernestine zur Rede zu stellen; sie fertigte ihn
+nach Geb&uuml;hr ab. Darauf machte er sich an den
+Prokuristen. Herr Gallus war zu hochm&uuml;tig, um
+Notiz davon zu nehmen, wenigstens blieb er &auml;u&szlig;erlich
+kalt. Doch war er an diesem Tag finsterer denn je,
+und als der Korrespondent ihm einen Brief zur
+Unterschrift reichte, ri&szlig; er das beschriebene Blatt
+ohne Anla&szlig; mitten durch und knirschte mit den
+Z&auml;hnen. Man sagte allgemein, da&szlig; er Ernestine
+Kirchner heiraten wolle und da&szlig; sie sich ihm versprochen
+habe. Sie verlie&szlig;en auch oft zusammen das
+Gesch&auml;ft, und einmal bei Regenwetter waren sie Arm
+in Arm gegangen. Wenn Engelhart dar&uuml;ber etwas
+erfahren wollte, sch&uuml;ttelte Ernestine bed&auml;chtig den
+Kopf, und es schien, als ob sie nicht gern davon
+sprechen h&ouml;re. Im &uuml;brigen zeigte sie sich jenen Umtrieben
+gegen&uuml;ber sorglos wie jemand, der seiner
+Macht sicher ist. Herr Zeis wu&szlig;te immer mehr die
+Lehrlinge aufzuhetzen, von denen Porkowsky schon
+l&auml;ngst Engelharts geschworener Feind war; sie
+schn&uuml;ffelten unaufh&ouml;rlich um ihn herum, kontrollierten
+seine Arbeit, wu&szlig;ten es anzustellen, da&szlig; er m&ouml;glichst
+viel in der Stadt herumlaufen mu&szlig;te, streuten b&ouml;sartige
+Verleumdungen aus, und wenn man den Urheber
+fassen wollte, zerflo&szlig; alles in Luft und Gel&auml;chter.
+Engelhart glaubte es oft kaum ertragen zu
+k&ouml;nnen, er atmete wie in Gewitterschw&uuml;le, er wurde
+mutlos und krankhaft erregt, dazu kamen nun die
+hei&szlig;en Tage des Sommers und jenes andre, das
+ihm die Ruhe des Geistes raubte und das unbefangene
+Gef&uuml;hl seines Leibes, so da&szlig; ihm zumute war wie
+einem Menschen, der vor dem Spiegel steht und sein
+eignes Bild nicht gewahrt.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags, es war Ende Juli, lie&szlig; der
+Buchhalter Herrn Zeis eine Faktura abfordern, die
+er ihm den Tag vorher gegeben haben wollte. Herr
+Zeis behauptete, er habe die Faktura nicht bekommen,
+erinnerte sich aber, sie auf Fr&auml;ulein Kirchners Tisch
+gesehen zu haben. Es wurde gesucht, alle Schubladen
+aufgerissen, alle Mappen durchst&ouml;bert, schlie&szlig;lich wurde
+die Vermutung laut, Engelhart habe das Schriftst&uuml;ck
+zur Eintragung ins Lagerbuch bekommen. Der Lehrling
+Porkowsky versicherte sogar, Zeuge gewesen zu
+sein. Engelhart protestierte, es kam Herr Gallus
+hinzu, &ouml;ffnete selbst die Lade seines Schreibplatzes
+und murmelte etwas Ver&auml;chtliches &uuml;ber die Unordnung
+darin. Engelhart bemerkte sch&uuml;chtern, Porkowsky habe
+schon in der Lade gesucht. Herr Gallus zuckte die
+Achseln, und auf einmal wurde er stutzig und streifte
+Engelhart mit einem Blick ma&szlig;loser Geringsch&auml;tzung.
+Er hatte die Schreibmappe Engelharts aufgeschlagen
+und zwischen zwei L&ouml;schbl&auml;ttern ein Bild hervorgezogen,
+eine Photographie, welche in ekelhafter Roheit einen
+ekelhaften Vorgang darstellte. Die Lehrlinge hatten
+sich neugierig hinzugedr&auml;ngt und kicherten. Herr
+Gallus faltete das Blatt schweigend zusammen; er
+stand mit gespreizten Beinen und wippte langsam auf
+den Fu&szlig;spitzen. Dann wandte er sich zu Ernestine,
+die au&szlig;erordentlich bla&szlig; geworden war, und sagte:
+&raquo;Das scheint ja ein hoffnungsvoller J&uuml;ngling zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>Engelhart zitterte am ganzen K&ouml;rper. Er sp&uuml;rte
+Nadelstiche im Kopf und griff unwillk&uuml;rlich an seine
+Stirn. Er hatte beide Lippen gleichsam zwischen die
+Z&auml;hne geschl&uuml;rft, und seine Z&uuml;ge zeigten einen be&auml;ngstigenden
+Ausdruck. Da fiel sein irrer Blick auf
+Porkowsky, und nicht so bald hatte er das h&ouml;hnisch-feindselige
+und dumpf-verlegene L&auml;cheln auf dessen
+vollwangigem und fahlem Gesicht bemerkt, als ihm
+alles klar wurde. Ohne Besinnung st&uuml;rzte er auf
+den Burschen zu, packte ihn mit der einen Faust an
+der Kehle, mit der andern bei der Schulter und ri&szlig;
+ihn mit einem Ruck zu Boden. Ernestine schrie auf,
+der Prokurist und Herr Zeis fielen dem Rasenden in
+die Arme und dr&auml;ngten ihn gegen das Fenster, wo
+er noch immer zitternd und fieberhaft atmend stehen
+blieb. Porkowsky st&ouml;hnte und lag dann still da,
+doch war er nicht verletzt. Herr Gallus ging zu der
+Glast&uuml;re, die von diesem Raum aus auf die Stra&szlig;e
+f&uuml;hrte, &ouml;ffnete sie, streckte die Hand aus und rief
+Engelhart zu: &raquo;Marsch!&laquo; Engelhart nahm seinen
+Hut und ging, ohne den Blick zu erheben.</p>
+
+<p>In demselben Schritt und derselben geduckten
+Haltung, wie er jene verlassen, schlich er weiter und
+wurde noch in entfernten Stra&szlig;en von ihren ha&szlig;erf&uuml;llten
+Blicken verfolgt. Er hatte Durst und trat
+in ein Kaffeehaus, das ganz leer war, hielt sich
+jedoch nicht lange auf, sondern ging nach Hause,
+warf sich auf das Bett und schlief ein. Er tr&auml;umte,
+da&szlig; er sich in einer herrlichen Sommerlandschaft befinde,
+&uuml;ber der sich jedoch statt des Himmels eine
+seltsam gr&uuml;ne, moosartige Decke w&ouml;lbte. Freudig
+wollte er in das Gefilde hinausschreiten, da sah er
+sich durch eine gl&auml;serne Wand gehemmt, die er vorher
+nicht bemerkt. Er versuchte es nach einer andern
+Seite, und es erging ihm nicht besser, ringsum
+waren gl&auml;serne W&auml;nde, und allm&auml;hlich wurde ihm
+der Anblick der Sch&ouml;nheit zur Qual, in der er dann
+aufwachte.</p>
+
+<p>Kapellers lie&szlig;en ihn wissen, da&szlig; sie den Abend
+auf dem Kahlenberg zubringen wollten, wenn er mitzutun
+Lust habe, sei er willkommen, wenn nicht, finde
+er kaltes Nachtessen bereit. Er schlug das Anerbieten
+aus; um acht Uhr a&szlig; er oben alleine, und als er
+wieder herunterkam, fand er einen Brief von Ernestine,
+<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[267]</a></span>den ein Bote gebracht hatte. &raquo;Mein Liebling,&laquo; schrieb
+sie, &raquo;ich wei&szlig;, da&szlig; Du unschuldig bist. Du sollst
+nicht verzweifeln, ich will alles wieder f&uuml;r Dich richten.
+Vertraue nur auf mich, mein Liebling, mehr kann
+ich Dir f&uuml;r heute nicht sagen.&laquo; Da beschlo&szlig; er, in
+ihre Wohnung zu gehen. Nach einer halben Stunde
+war er dort und l&auml;utete. Es wurde erst nach geraumer
+Weile ge&ouml;ffnet. Ernestine schien befangen,
+als sie ihn sah. Sie bat ihn, zu warten, darauf
+ging sie ins Zimmer zur&uuml;ck, fl&uuml;sterte dort mit jemand,
+und als er sp&auml;ter eintrat, war sie allein. Doch
+hinter der verschlossenen T&uuml;r des Nebenzimmers h&ouml;rte
+er ungeniertes Lachen und Scherzen. Ernestine erz&auml;hlte
+ihm, da&szlig; sie die Wohnung mit einer Freundin
+teile, einer Ladnerin aus der Inneren Stadt, und
+das M&auml;dchen habe ihren Verlobten bei sich. Allm&auml;hlich
+wurde es drinnen sonderbar still, auch das Gespr&auml;ch
+zwischen Engelhart und Ernestine geriet ins Stocken.
+Er hatte geglaubt, freier mit ihr reden zu k&ouml;nnen,
+doch sie war bedr&uuml;ckt und nachdenklich, auch k&uuml;&szlig;te sie
+ihn nicht. Es war ein schw&uuml;ler Abend, beide Fenster
+waren offen, das Zimmer lag hoch, man blickte &uuml;ber
+D&auml;cher in den purpurnen Abendhimmel, auf der
+andern Seite des Horizonts grollte leiser Donner.
+Engelhart erhob sich und trat zum Fenster, Ernestine
+folgte ihm und legte den Arm um seine Schulter; so
+starrten sie ziemlich lange gegen die Stra&szlig;e hinunter,
+h&ouml;rten ihr Blut rauschen und ihr Herz pochen, und
+beides klang fremd und be&auml;ngstigend. Ernestine
+wu&szlig;te nun um das Unab&auml;nderliche, das kommen
+mu&szlig;te, und h&auml;tte es gerne nicht geschehen lassen,
+aber es gibt Stunden, wo der Wille wie ein abgeschlagenes
+Tier m&uuml;de wird. Beim Lampenlicht
+beugte sie sich noch einmal &uuml;ber Engelhart und blickte
+ihm tief in die Augen. &raquo;Ach,&laquo; seufzte sie und deckte
+die Hand &uuml;ber seine Lider, &raquo;du wei&szlig;t noch nichts
+von der Welt.&laquo; Er glich einem Kind, als er stundenlang
+schweigend an ihrer Brust lag. Er dachte,
+mehr von der Welt zu wissen sei &uuml;berfl&uuml;ssig. D&uuml;nkte
+ihm dies schon zu viel.</p>
+
+<p>In den n&auml;chsten Tagen trieb er sich m&uuml;&szlig;ig umher.
+Jeden Morgen erhielt er ein Briefchen von
+Ernestine, worin sie ihn benachrichtigte, wie die Dinge
+standen. Sie hatte es durchgesetzt, da&szlig; Herrn Freitag
+von dem Vorfall keine Mitteilung gemacht wurde,
+doch Herr Zeis hatte den Lehrling Porkowsky, der
+eine Verletzung am Kopf erlitten zu haben behauptete,
+zur Forderung eines Schadenersatzes aufgehetzt.
+Porkowsky verlangte f&uuml;nfzig Gulden und drohte,
+wenn er diese nicht erhalte, sich an Herrn Freitag
+und an Michael Herz zu wenden. Ernestine stellte
+ihm vor, da&szlig; er den Denkzettel wohl verdient habe
+und da&szlig; Engelhart Ratgeber selbst ein armer Mensch
+sei, aber da die Geschichte Geld zu tragen versprach,
+blieb der Bursche starrsinnig und beteuerte au&szlig;erdem
+seine Unschuld. Engelhart wu&szlig;te nicht, wie er eine
+so gro&szlig;e Summe auftreiben solle, und doch durfte
+der Oheim um keinen Preis das Geschehene erfahren,
+ein unausl&ouml;schlicher Schimpf w&auml;re haften geblieben;
+er vermochte sich gegen solche Dinge mit Worten
+nicht zu verteidigen. Nun war aber Michael Herz
+seit drei Wochen verreist und hatte Engelhart, um
+ihm einen Beweis des Vertrauens und der wieder
+erwachenden guten Gesinnung zu geben, bis zu einem
+gewissen Grad freien Kredit an der Kasse der Firma
+er&ouml;ffnet. Engelhart hatte sogleich begriffen, da&szlig; dies
+nichts andres bedeutete als eine Probe f&uuml;r sein
+Anstandsgef&uuml;hl, selbst wenn es kein berechneter Plan
+des Oheims war, und er hatte bis jetzt nicht den
+geringsten Gebrauch von der Verg&uuml;nstigung gemacht.
+Porkowskys Verhalten wurde drohender, Ernestine
+meinte sch&uuml;chtern, sie wolle Engelhart einen Teil des
+Geldes leihen, so viel sie eben entbehren k&ouml;nne. Er
+schlug es aus, ging am andern Tag zum Kassier der
+Firma Herz, lie&szlig; sich f&uuml;nfzig Gulden auszahlen und
+schickte sie an Ernestine mit der Bitte, den Elenden
+zu befriedigen.</p>
+
+<p>Der Oheim kam zur&uuml;ck und war erstaunt, da&szlig;
+Engelhart einen verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig so bedeutenden Betrag
+auf einmal erhoben hatte; sein Erstaunen verwandelte
+sich in Unwillen, als der junge Mensch &uuml;ber
+die Verwendung des Geldes keine Auskunft geben
+konnte oder wollte, und er vermutete nat&uuml;rlich das
+Schlimmste. Eines kam zum andern, Michael Herz
+erkundigte sich bei seinem Gesch&auml;ftsfreund Freitag;
+dieser, von Herrn Gallus beraten, wu&szlig;te nichts Gutes
+&uuml;ber Engelhart zu berichten und litt au&szlig;erdem zu
+der kritischen Stunde an Podagra, was ihn boshaft
+und menschenfeindlich machte. Noch am selben Tag
+lie&szlig; Frau Esmee Engelhart zu sich rufen; sie lag
+im Bette, da sie Migr&auml;ne hatte, und sah verweint
+aus. Engelhart mu&szlig;te bittere Worte schlucken, der
+ganze Kummer des Oheims sprach aus dem Munde
+der Frau. Der Onkel wolle ihn nicht mehr sehen,
+wurde ihm gesagt, er m&ouml;ge nach Hause reisen und
+sich auf eigne Faust durchs Leben schlagen. Der
+Wille des Oheims sei, da&szlig; er jetzt sein Milit&auml;rjahr
+abdiene, vielleicht k&ouml;nne strenge Zucht ihn noch
+vor dem moralischen Untergang retten. Da er zweitausend
+Mark m&uuml;tterliches Verm&ouml;gen habe, werde ihm
+ein Teil dieses Geldes zur Bestreitung seiner Bed&uuml;rfnisse
+ausgesetzt werden. In solchem Sinne hatte
+Michael Herz bereits an Herrn Ratgeber geschrieben,
+hatte aber aus R&uuml;cksicht f&uuml;r den vielfach entt&auml;uschten
+Mann Engelharts Vergehungen nur fl&uuml;chtig und in
+verschleierter Form erw&auml;hnt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[268]</a></span>An einem sch&ouml;nen Abend war Engelhart noch
+einmal mit Ernestine beisammen. Sie waren weit
+drau&szlig;en an der Westbahn, und nachdem sie lange
+&uuml;ber die Wiesen spazieren gegangen waren und nun
+die lieblichen H&uuml;gel von blauer Dunkelheit umsponnen
+wurden, kehrten sie in einem Wirtsgarten ein, wo
+eine Musikkapelle spielte. &Uuml;ber ihnen dehnte sich das
+schwere Laubgew&ouml;lbe uralter Kastanienb&auml;ume, und
+wenn die Musik schwieg, h&ouml;rten sie hin und wieder
+eine Frucht dumpf zur Erde fallen. Engelhart hatte
+dem M&auml;dchen noch nicht gesagt, da&szlig; er reisen m&uuml;sse
+und schon morgen reisen m&uuml;sse, aber sie merkte an
+seiner bedr&uuml;ckten Schweigsamkeit, was im Werke war.
+Sie summte ein sentimentales Liedchen mit, das der
+Hornist in die Nacht hinausschmetterte, Engelhart
+trank von dem roten Landwein, lehnte den Kopf
+etwas zur&uuml;ck und blickte mit aufleuchtenden Augen
+gegen den Sternenhimmel. Er wu&szlig;te eigentlich nicht,
+wie ihm geschah, er lebte und lebte doch nicht, er
+sp&uuml;rte die Erde und liebte die Erde und war ihr
+wieder fremd, sie schoben ihn, ohne seinen Willen
+ging es hierhin und dorthin, und doch f&uuml;hlte er sich,
+wenn er deutlich die Bewegung erkundete, von einer
+geheimnisvollen Str&ouml;mung sicher getragen. Mochten
+sie ihm alles rauben, die verg&auml;ngliche Lust des Tages,
+ja auch das Brot zur Stillung des Hungers, so besa&szlig;
+er sich doch selbst, und wenn er &auml;rmer schien als
+der &Auml;rmste, so war er in Wirklichkeit noch reicher
+als die Reichsten, und er dachte: &#8250;mir geh&ouml;ren doch
+die Sterne&#8249;.</p>
+
+<p>Auf der Heimfahrt sagte er dann zu Ernestine,
+da&szlig; er heute Abschied von ihr nehme. Sie erwiderte
+nichts. Er ging noch mit ihr in die Wohnung, und
+als er aufbrach, war es sp&auml;t. Ernestine suchte
+aus einem K&auml;stchen einen schmalen Goldring mit
+einem T&uuml;rkis hervor und steckte ihn an Engelharts
+Finger. &raquo;Leb wohl, Liebling,&laquo; sagte sie mit erstickter
+Stimme, &raquo;und Gott segne dich.&laquo; Der Duft
+von ihrem K&ouml;rper blieb an seinen Kleidern haften
+und war ihm noch l&auml;nger in die Erinnerung gegraben
+als das Bild ihrer leicht schreitenden Gestalt.</p>
+
+<p>Bei Regenwetter war er damals von W&uuml;rzburg
+abgefahren, bei Regenwetter kam er dahin zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Gerda weilte nicht mehr beim Vater, sie war bei
+den Verwandten in Gunzenhausen und sollte mit
+Helene Wahrmann im Oktober nach Wien reisen.</p>
+
+<p>Herr Ratgeber war derselben Ansicht wie Michael
+Herz, n&auml;mlich da&szlig; der Milit&auml;rdienst auf den undisziplinierten
+Geist des J&uuml;nglings als eine wohltuende
+Zucht wirken werde. Herr Ratgeber sah schon
+einen Halbverlorenen in ihm, und die Stiefmutter
+sagte, er ist ein echter Ratgeber, er liebt nur sich
+selbst. F&uuml;r seine Bed&uuml;rfnisse sorgte sie schlecht und
+recht; es war nicht Herzensgebot, sondern eine durch
+die Au&szlig;enwelt vorgeschriebene Pflicht, alles geschah
+mit R&uuml;cksicht auf die Augen der Leute, und wenn
+einem was verg&ouml;nnt wurde, hie&szlig; es gleichsam: Na,
+seht mal her, Leute, ob das nicht wohlgetan ist!
+Herr Ratgeber hatte in seinem neuen Beruf &Auml;rger
+und Zur&uuml;cksetzung genug erfahren m&uuml;ssen. Beim Antritt
+seiner Stellung hatte die Direktion der Gesellschaft
+versprochen, da&szlig; kein zweiter Inspektor neben
+ihm arbeiten solle; kaum aber hatte er sich bekannt
+gemacht und durch seinen unerm&uuml;dlichen Eifer die
+Anstalt, der er diente, wahrhaft gef&ouml;rdert, als sie
+alle Abmachungen verga&szlig;en und doch einen zweiten
+anstellten, einen sehr windigen Herrn namens Dingelfeld,
+der sich darauf verlegte, Herrn Ratgeber die
+Kunden wegzuschnappen, und durch ein anma&szlig;endes
+Wesen jeden Einspruch vergeblich machte. Dazu war
+dieser Dingelfeld f&uuml;r alles, was er war und hatte,
+Herrn Ratgeber zu Dank verpflichtet, da er ihn einst
+vor v&ouml;lligem Untergang bewahrt, ja sogar seinen guten
+Namen gerettet hatte. Niedrige Seelen werden durch den
+Druck solcher Verpflichtungen zur Rachsucht gestimmt,
+und Herr Ratgeber konnte das nicht verwinden. Er
+w&uuml;rgte seinen Gram in sich hinein, sein lebhaftes und
+stolzes Auge begann unsicherer zu werden, oft, wenn
+er mit Engelhart allein war, machte er pessimistische
+Bemerkungen &uuml;ber die Menschen, und das war bei
+ihm der Ausdruck einer tiefen Verd&uuml;sterung. Mehr
+als das unsolide Gebaren seines Nebenbuhlers schmerzte
+ihn die Wortbr&uuml;chigkeit der Vorgesetzten. Sein Blut
+geriet in Wallung, wenn er der Unbill gedachte, die
+er erfahren, und in jedem Brief wies er auf seine
+Leistungen hin und forderte Gerechtigkeit. Jene lie&szlig;en
+sich jedoch auf pers&ouml;nliche Dinge nicht ein, sie suchten
+den unzufriedenen Mann durch Schmeicheleien und
+gro&szlig;e Versprechungen kirre zu machen oder schnitten
+jede Er&ouml;rterung mit einer amtlichen Phrase ab, die
+das unwillk&uuml;rliche Eingest&auml;ndnis enthielt: Wir d&uuml;rfen
+Vertr&auml;ge brechen, denn wir sind die M&auml;chtigen, wir
+sitzen auf dem Geldsack.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[279]</a></span>Engelhart hatte sich zum Dienst gemeldet, war
+untersucht und trotz seiner Jugend angenommen
+worden. Am ersten Oktober stand er mit
+vielen andern auf dem Kasernenhof, sie wurden den
+verschiedenen Kompagnien zugeteilt, dann f&uuml;hrte ein
+Unteroffizier ihn und sieben oder acht Gef&auml;hrten in
+das Bataillonsgeb&auml;ude, die Monturen wurden ausgeteilt,
+die R&auml;ume angewiesen und man war Soldat.
+Alles lief schweigend ab, hatte beinahe etwas Drohendes,
+der Ton absoluten Befehls ber&uuml;hrte Engelhart
+zun&auml;chst erstaunlich, er konnte den Ernst des Vorgangs
+kaum fassen, und als der Feldwebel die Namen
+der Neulinge in eine Liste eintrug, fehlte nicht viel
+und er h&auml;tte &uuml;ber die Berserkerstimme des Mannes
+gelacht. Aber das Lachen verging ihm bald.</p>
+
+<p>Ihm schien, als ob er nur spiele, als ob er, fern
+von sich selbst, etwas seinem Wesen ungeheuer Fremdes
+vollbringe, und er mu&szlig;te sich bisweilen besinnen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[280]</a></span>wo er war und was er davon denken sollte. Die
+Kaserne durfte er in den n&auml;chsten Wochen nur zu
+den Mahlzeiten verlassen. Der Anblick der kahlen,
+langen, wei&szlig;get&uuml;nchten W&auml;nde verursachte Fr&ouml;steln.
+Wenn er am Fenster stand, sah er die Bauern auf
+dem Feld und beneidete sie um ihre Freiheit.</p>
+
+<p>Die Kameraden, die mit ihm zu gleicher Zeit den
+Dienst angetreten hatten, behandelten ihn mit K&auml;lte;
+einerseits war er ihnen zu jung, anderseits erregte
+er ihr Mi&szlig;trauen, ohne da&szlig; sie den Grund h&auml;tten
+bezeichnen k&ouml;nnen; das alte Mi&szlig;trauen, das Engelhart
+nun so oft und in so vielen Augen wahrgenommen.
+Um neben ihnen, die lauter vollw&uuml;chsige
+und robuste Burschen waren, nicht zur&uuml;ckzustehen,
+spannte er bei den k&ouml;rperlichen &Uuml;bungen seine Willenskraft
+aufs &auml;u&szlig;erste an, so da&szlig; er nach dem stundenlangen
+Exerzieren nicht mehr die Stiege hinaufgehen
+konnte, sondern sich am Gel&auml;nder m&uuml;hsam emporwinden
+mu&szlig;te. Eines Tages befahl der Feldwebel
+den Einj&auml;hrigen, eine kurze Beschreibung ihres bisherigen
+Lebens zu verfassen und die Handschrift nach
+gemessener Zeit in der Kanzlei abzuliefern. Jeder
+verstand die Sache so, wie sie eben zu verstehen war,
+nur Engelhart beging die sonderbare Torheit, nicht
+allein seine bisherige Laufbahn mit durchaus nicht
+erforderlicher Breite, sondern auch seine Gef&uuml;hle zu
+schildern, seiner Verfehlungen sich anzuklagen, und
+machte im ungl&uuml;ckseligen Drang zu einer Beichte, was
+nichts als ein bureaukratisches Dokument sein sollte.
+Und als er fertig war, setzte er folgende Zeilen an
+den Schlu&szlig;, die ihm wie die Erinnerung an ein altes
+Lied durch den Sinn schossen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Die Seele, die ber&uuml;hrst du nicht,<br /></span>
+<span class="i0">Die ist im Leib vergraben,<br /></span>
+<span class="i0">Sie wei&szlig; nicht, was die Lippe spricht,<br /></span>
+<span class="i0">Will&#8217;s auch nicht Kunde haben.<br /></span>
+<span class="i0">Im stillen tr&auml;umt und bl&uuml;ht sie hin,<br /></span>
+<span class="i0">L&auml;&szlig;t Leid und Gl&uuml;ck verfluten<br /></span>
+<span class="i0">Und ziehet ewigen Gewinn<br /></span>
+<span class="i0">Vom B&ouml;sen und vom Guten.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Am andern Morgen wurde er zum Hauptmann
+gerufen, einem dicken asthmatischen Herrn, der v&ouml;llig
+unter dem Einflu&szlig; des Feldwebels stand und au&szlig;erdem
+in best&auml;ndiger H&ouml;llenangst vor allen Vorgesetzten
+lebte. Der Mann stellte sich ganz rabiat wie &uuml;ber
+eine angetane Schmach, warf Engelhart die beschriebenen
+B&ouml;gen zerrissen vor die F&uuml;&szlig;e und forderte den
+Feldwebel auf, ein scharfes Auge auf den jungen
+Menschen zu haben. Die Sache wurde auch weiterhin
+ruchbar und erregte den Hohn der Mannschaft
+und die Entr&uuml;stung der andern Einj&auml;hrigen. Gef&uuml;hle
+zu &auml;u&szlig;ern war ein schimpflicher Versto&szlig; gegen den
+allgemeinen Geist der Truppe, jedes andre Vergehen
+w&auml;re ihm leichter verziehen worden; Engelhart sah es
+zu sp&auml;t ein. Er lernte die Z&auml;hne zusammenbei&szlig;en.
+Es ging nicht an, sich von jedem Tropf &uuml;ber die
+Achsel ansehen zu lassen. So sehr es ihm an &auml;u&szlig;erer
+Sicherheit gebrach, so wenig fehlte ihm das Wissen
+seines Wertes. Wie lang es auch dauerte, bis er sich
+an die Roheit des herrschenden Tons und an die ausgesuchte
+Perfidie und Lust zu qu&auml;len gew&ouml;hnt hatte,
+die alle diese Leute wie eine Krankheit oder ein unstillbarer
+Rachetrieb beseelte, so nahm er doch alle
+Kr&auml;fte zusammen, um sich nichts merken zu lassen.
+Immerhin blieb sein Gesicht verd&auml;chtig und sein still
+beobachtender Blick unbequem.</p>
+
+<p>Er erhielt einen Burschen zugewiesen, der f&uuml;r ein
+bestimmtes Wochengeld seine Kleider und Ausr&uuml;stungsst&uuml;cke
+instand zu halten hatte. Es war ein Soldat
+im dritten Jahr namens S&ouml;hnlein, ein unansehnlicher
+Mensch mit krebsrotem, immer fettgl&auml;nzendem Gesicht
+und einem halb bl&ouml;den, halb furchtsamen L&auml;cheln.
+War es Zufall oder &Uuml;belwollen oder berechnete Bosheit,
+jedenfalls war dieser S&ouml;hnlein der verachtetste
+Mensch in der Kompagnie, ja im ganzen Regiment.
+Er konnte nicht unangefochten durch ein Zimmer gehen,
+er brauchte nur den Mund aufzutun, gleich flog ihm
+eine Beleidigung an den Kopf; wenn irgendwo etwas
+schief ging, hie&szlig; es: der S&ouml;hnlein, wenn die Kompagnie
+schlecht exerziert hatte, mu&szlig;te es zumeist der
+Ungl&uuml;ckliche b&uuml;&szlig;en, und er war bisweilen in der Nacht
+aus dem Schlaf gerissen und entsetzlich mi&szlig;handelt
+worden. Einmal sah Engelhart den Schrank des
+Soldaten offen und an der Innenfl&auml;che der T&uuml;re eine
+zahllose Menge von Kreidestrichen; er fragte, was
+dies bedeuten sollte, und S&ouml;hnlein verriet ihm sch&uuml;chtern
+und mit aufleuchtendem Blick, da&szlig; er noch so
+viel Tage zu dienen habe, als sich Striche auf dem
+Brett befanden. An jedem Morgen war sein erstes
+Gesch&auml;ft, wieder einen Kreidestrich auszuwischen. Offenbar
+hatte mit diesem Burschen noch niemand so geredet,
+wie man mit einem Menschen spricht, denn er
+bezeigte Engelhart, den er als seinen Herrn betrachtete,
+eine so leidenschaftliche Dankbarkeit und Anh&auml;nglichkeit,
+da&szlig; dieser sich kaum erwehren konnte und, um
+h&auml;&szlig;lichen Sticheleien zu entgehen, schwach genug war,
+auch seinerseits einen Stein auf den Gepeinigten zu
+werfen, wenn die andern Steine warfen. Und als
+ob S&ouml;hnlein in seinem dumpfen Gem&uuml;t solchen &auml;u&szlig;eren
+Zwang zu ahnen verm&ouml;chte, wurde seine Zuneigung
+f&uuml;r Engelhart nicht geringer, und er stellte sich wie
+taub, wenn dieser gleichfalls anfing, ihn zu verfolgen.</p>
+
+<p>Einst im November wurden s&auml;mtliche Mannschaften
+des Regiments um vier Uhr morgens aus dem Schlaf
+geweckt. Die Strohs&auml;cke wurden in den Hof geschafft,
+um frische F&uuml;llung zu erhalten. Es war eine eiskalte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[281]</a></span>aber klare Nacht; als Engelhart ins Freie trat,
+verschwand seine bet&auml;ubende Schlafsucht, und er blickte
+&uuml;berrascht zum Himmel empor; so hatte er die Sterne
+noch nie gesehen, so diamanten, so funkelnd rein und
+dicht ges&auml;t. Er wusch beim Brunnen das Gesicht,
+und wie er zum Tor zur&uuml;ckkehren wollte, sah er einige
+Leute um einen schon halbgeleerten Sack versammelt,
+auf dem ein Mensch wie schlafend lag. Es war
+S&ouml;hnlein, der versicherte, da&szlig; er sich krank f&uuml;hle.
+Die Soldaten lachten, und der Zimmer&auml;lteste befahl
+ihm, aufzustehen. Er versuchte es und fiel wieder
+zur&uuml;ck. Da nahmen einige Leute den Sack, zwei an
+jeder Ecke, hoben ihn samt dem Daraufliegenden empor
+und schleuderten ihn f&uuml;nf- oder sechsmal in die
+Luft, wobei sie das &auml;ngstliche Schreien des Mannes
+nicht achteten.</p>
+
+<p>Engelhart wandte sich gewaltsam ab und starrte
+&uuml;ber den weiten d&auml;mmerigen Raum des Hofes, der
+sich wie eine Sandw&uuml;ste vor ihm dehnte, bev&ouml;lkert
+von schw&auml;rzlichen Gestalten. Es war ihm, als ob er
+mit wilden Tieren zusammengekettet w&auml;re. Alle verzehrten
+sich in der Sehnsucht nach Freiheit, alle waren
+von Ha&szlig; ergl&uuml;ht gegen die B&auml;ndiger, aber wenn der
+B&auml;ndiger erschien und nur mit der Wimper zuckte, so
+hielten sie den Atem an. Es war ein ungeheures
+Geb&auml;ude gegenseitiger Verantwortung, begr&uuml;ndet auf
+Furcht und Heuchelei, und Br&uuml;der verleugneten einander,
+wenn der eine f&uuml;rchtete, f&uuml;r den andern verantwortlich
+zu werden. Es ward Engelhart unheimlich
+in dieser Welt, es ward ihm unheimlich unter
+den Menschen.</p>
+
+<p>Die Soldaten hatten den S&ouml;hnlein inzwischen losgelassen,
+weil ein Unteroffizier hinzugetreten war.
+S&ouml;hnlein taumelte diesem &uuml;ber die Strohb&uuml;schel entgegen
+und stie&szlig; ein paar unartikulierte Laute hervor.
+&raquo;Er stellt sich krank,&laquo; sagte einer von der Schneiderwerkst&auml;tte.
+Dem Korporal kam dies sehr ungelegen,
+denn er war f&uuml;r den Gesundheitsstand seiner Abteilung
+in gewissem Sinne verantwortlich. Er fing
+an, in der unfl&auml;tigsten Weise auf den Mann einzuschimpfen,
+und hob schlie&szlig;lich, rasend und berauscht
+von dem Zustand des Zorns, den er geno&szlig; wie jeden
+andern Rausch, die Arme zum Schlag. S&ouml;hnlein
+muckste nicht, denn er wu&szlig;te, wenn er nur die Miene
+der Widersetzlichkeit annahm, w&uuml;rde er so bald keinen
+Kreidestrich mehr von seiner Schrankt&uuml;r l&ouml;schen k&ouml;nnen.
+So l&auml;chelte er eben in seiner albernen und best&uuml;rzten
+Weise vor sich hin.</p>
+
+<p>Beim Anblick all der infamen Willk&uuml;r drehte sich
+Engelhart das Herz im Leibe um. Nie hatte er sich
+so v&ouml;llig in eines andern Seele versetzt, und als
+S&ouml;hnleins Augenlider krampfhaft zu blinzeln begannen,
+sp&uuml;rte er dies unmittelbar und empfand die
+ratlose Verzweiflung, die jenen erf&uuml;llen mu&szlig;te. &#8250;Aber
+warum hilfst du ihm nicht?&#8249; rief eine Stimme in
+seinem Innern, &#8250;warum schweigst du, Feigling? Warum
+nimmt sogar dein Gesicht einen wohlgef&auml;lligen Ausdruck
+an, wenn der Blick des B&auml;ndigers dich trifft?&#8249;</p>
+
+<p>Die Vernunft ist eine beredte Kupplerin im Dienst
+des gemeinen Nutzens, wenn es sich darum handelt,
+Vorw&uuml;rfe h&ouml;herer Art zu ersticken. Aber es kam doch
+mehr und mehr so, da&szlig; Engelhart sich verh&auml;rtete und
+da&szlig; er das Schlimmste tat, was ein Mensch an seiner
+Seele begehen kann, da&szlig; er sich verachten lernte, da&szlig;
+er b&ouml;se ward wie die andern und gleichg&uuml;ltig wie die
+andern und da&szlig; eine innere Welt des Traumes, der
+Sehnsucht, der Ideale sich deutlich trennte von der
+&auml;u&szlig;eren Welt des Essens, des Schlafens, des Gelderwerbs
+und der simplen N&uuml;chternheit. Eines ist der
+Himmel, ein zweites die Erde, und wenn so sich Licht
+von Finsternis geschieden hat, dann waltet die kupplerische
+Vernunft ihres Tr&ouml;steramts und meint, nun
+seiest du reif geworden. Aber dies Reifwerden ist
+kein S&uuml;&szlig;werden und kein Fruchtbarwerden, davon
+&uuml;berzeugte sich Engelhart bald, es ist ein Bitterwerden
+und Leerwerden. Da ist ein Damm aufgebaut zwischen
+der Menschheit und dem Menschen; die Menschheit
+ist das &Auml;u&szlig;ere und der Mensch das Innere,
+und die inneren Wasser stauen sich, bohren Abgr&uuml;nde
+und unheilvolle L&ouml;cher, kein Aus- und Einstr&ouml;men
+mehr, kein gesegnetes Gleichma&szlig;; allgemeines Unheil
+wird zum Spiel, zum bemalten Vorhang, der sich
+verschiebt und, sobald es dem Geiste beliebt, einem
+weniger aufdringlichen Gegenstand Platz macht. Engelhart
+f&uuml;hlte, da&szlig; er sich verstockte, aber die fortw&auml;hrende
+Ersch&ouml;pfung des K&ouml;rpers, der er ausgesetzt war, lie&szlig;
+ihn nicht mehr zum Nachdenken gelangen. Wenn ihn
+das Schicksal zur Ruhe und zum Gl&uuml;ck kommen lie&szlig;,
+war er verloren. Die Seele, die ber&uuml;hrt man nicht,
+das ist wahr, und sie braucht auch nicht zu erfahren,
+was die Lippe spricht, aber sie mu&szlig; unschuldig bleiben,
+und sie bleibt es eher, wenn die Hand einen Mord
+begeht, als wenn die Zunge schweigt, wo ein h&ouml;chstes
+Gebot sie zu reden auffordert.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p class="newsection"><span class="dropcap">K</span>urz vor Weihnachten mu&szlig;te Engelhart vor der
+alten Kaserne am Mainufer das erstemal Wache stehen.
+Es war eigen, in der tiefen Finsternis zwischen zwei
+festen Grenzpunkten stundenlang auf und ab zu wandeln.
+Das Verrinnen der Zeit glich dem Abtropfen der
+Fl&uuml;ssigkeit aus einem Gef&auml;&szlig;e. Von sieben Uhren der
+Stadt h&ouml;rte er die Viertelstundenschl&auml;ge. Auf dem
+Strom bis gegen die Steinbr&uuml;cke hin waren Holzk&auml;hne
+verankert und das Wasser schlickerte unter ihnen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[282]</a></span>Oben auf der Festung brannte ein rotes Signallicht.
+Das Gewehr lag Engelhart wie ein Baum auf der
+Schulter, und die fallenden Schneeflocken erz&auml;hlten
+vom Schlaf, sie waren wie sichtbarer Schlaf, sie
+machten die Glieder trunken von Schlaf.</p>
+
+<p>Mit dem Fr&uuml;hjahr begannen auf dem Galgenberg
+die Kompagnie- und Bataillons&uuml;bungen. Da zuckte
+jedes Glied des Truppenk&ouml;rpers von Verantwortlichkeitsangst,
+jeder Soldat zitterte vor seinem Korporal,
+der Leutnant vor dem Hauptmann, der Hauptmann
+vor dem Major, der Major vor dem Oberst, der
+Oberst vor dem General. Ein schlechtgeputzter Knopf,
+ein schiefh&auml;ngendes Seitengewehr raubte ganzen Kategorien
+von Vorgesetzten die Besinnung, hundert Leute
+mu&szlig;ten das kleinste Versehen eines einzelnen b&uuml;&szlig;en,
+ein Strauchelnder entfesselte die Wut des ganzen
+Haufens, und dies gegenseitige viehische Entsetzen war
+es, was man Disziplin nannte. Was bedeutete daneben
+der eingebildete &raquo;Feind&laquo;? Der Feind steht da
+und dort, hie&szlig; es, gegen den Feind mu&szlig;te vorgegangen,
+auf den Feind gefeuert werden, alle sprachen
+von ihm mit Respekt und wie von etwas Furchtbarem,
+er war Anfang und Antrieb zu dem waffenstarrenden
+Spiel, Gr&uuml;nder und Erhalter des Systems,
+der unbewegliche G&ouml;tze, dessen Name jeden Schrecken
+heiligte, und doch, er war nirgends zu sehen, er war
+Luft, ein Wort, ein Nichts.</p>
+
+<p>Im Innern stak der Feind, aber das wu&szlig;ten sie nicht.</p>
+
+<p>Mit dem Vorschreiten der Jahreszeit nahmen die
+Anstrengungen des Dienstes zu. Zw&ouml;lf- bis vierzehnhundert
+lautlose Sklaven, schwer bepackt, noch m&uuml;de
+vom vergangenen Tag, noch schlaff von unvollendeter
+Ruhe, marschierten t&auml;glich durch das noch schlummernde
+Land.</p>
+
+<p>Der kraftvolle Gleichschritt der Kolonnen gibt der
+Bewegung den d&uuml;stern Rhythmus, verleiht ihr etwas
+von dem Erstaunlichen einer ungeheuern Maschine,
+ihr tiefes Schweigen r&uuml;hrt ans Herz. Die Sonne
+kommt, die graublaue Fr&uuml;hluft ergl&uuml;ht. Engelhart
+liebt den Morgen, es ist die einzige Stunde, wo seine
+Hoffnungen wieder frisch werden. Es geht &uuml;ber die
+Br&uuml;cke, an den sanften Biegungen der Weinberge entlang,
+h&uuml;gelauf, h&uuml;gelab, die Stra&szlig;e schl&auml;gt sich durch
+den Wald. Hier allein sein d&uuml;rfen, denkt Engelhart,
+nur eine Stunde auf dem Moos liegen d&uuml;rfen. Eine
+uralte verwitterte Eiche steht inmitten einer gr&uuml;nen
+Lichtung; es ist etwas f&uuml;rstlich Einsames um sie, erst
+in weitem Abstand wagen andre B&auml;ume zu wachsen.
+Engelhart gr&auml;bt ihr Bild in sein Ged&auml;chtnis, hier will
+er weilen, wenn er frei sein wird.</p>
+
+<p>Der Tag wird hei&szlig;, schwer lastet der Tornister
+auf den Schultern, der Kasten des Gewehrs schneidet
+ins Fleisch, der Helmrand beginnt auf Stirn und
+Augen unheimlich zu dr&uuml;cken. Es ist ein Spa&szlig;macher
+in Engelharts Abteilung, der immerfort Geschichten
+erz&auml;hlt und der die Mannschaft oft ihrer M&uuml;hsal
+vergessen l&auml;&szlig;t; er ist deshalb wohlgelitten bei den
+Offizieren und erlaubt sich Freiheiten, die den andern
+ein l&uuml;gnerisches Gef&uuml;hl von Freiheit geben.</p>
+
+<p>Endlich naht der Feind. Das Verfolgungs- und
+Versteckenspiel beginnt. Ein Bataillon st&uuml;rmt zum
+Angriff vor und st&ouml;&szlig;t ein Geschrei aus, wodurch es
+seine Bereitwilligkeit zu sterben kundgibt. Dies Hurraschreien
+klingt durchaus nicht begeistert, sondern qual-
+und hohnvoll. Die S&auml;umigen werden von z&auml;hneknirschenden
+Unteroffizieren zu gr&ouml;&szlig;erer Eile angetrieben.
+Eine Kompagnie verirrt sich, der Regimentsadjutant
+rast auf sch&auml;umendem Gaul zu dem unseligen
+Hauptmann, der sich die Haare rauft. Die Trompeter
+blasen Halt; kurze Rast; Heimkehr.</p>
+
+<p>Der Anblick der endlosen Landstra&szlig;e fl&ouml;&szlig;t Grauen
+ein. Die Soldaten k&ouml;nnen nicht mehr vorw&auml;rts blicken,
+jeder stiert auf die Stiefel des Vordermanns. Wer
+aus dem Schritt ger&auml;t, wird mit L&auml;sterungen &uuml;berh&auml;uft.
+Der hei&szlig;e, wei&szlig;e, blendende Staub umh&uuml;llt
+den Zug wie Nebel; Wimpern, Lippen und Z&auml;hne
+sind voll Staub. Widerliche Ger&uuml;che steigen auf.
+Engelhart, m&uuml;de und durstgepeinigt, richtet die Gedanken
+mit schlaffer Beharrlichkeit auf das Mittagessen.
+Manchmal empfindet er den trotzigen Antrieb, stehen
+zu bleiben, es reizt ihn, die Grausamkeit der Nachfolgenden
+herauszufordern. Die Gespr&auml;che der Leute
+verstummen, schwei&szlig;triefend, mit wunden F&uuml;&szlig;en und
+wunden Schenkeln schwanken viele daher, Zerrbilder
+des lebendigen Menschen. Es wird befohlen zu singen,
+niemand r&uuml;hrt sich, der Befehl wird wiederholt, da
+erhebt sich zuerst die d&uuml;nne Stimme des Spa&szlig;machers,
+andre fallen ein, der Rhythmus r&uuml;ttelt sie auf. Es
+scheint ein lustiges Lied von volksm&auml;&szlig;iger Einfachheit,
+doch hinter den Worten murrt der Zorn, einige Wendungen
+werden von den S&auml;ngern der Harmlosigkeit
+beraubt und klingen wie Stichworte des Aufruhrs.
+Engelhart vermag nicht zu singen, der Sergeant ruft
+drohend seinen Namen, er &ouml;ffnet mechanisch den Mund.
+Und nun sieht man talabw&auml;rts die roten Backsteinbaracken
+der Kaserne, in der prallen Mittagssonne
+gleichen sie ungeheuern Giftblasen, aber alle schauen
+sehns&uuml;chtig hinab wie nach einem Paradies der Ruhe.
+Welche Qual, wenn der Hauptmann sich zuletzt noch
+zu einer Ansprache bem&uuml;&szlig;igt findet. Er liebt es, in
+v&auml;terlichem Ton zu reden, er h&auml;lt auf Popularit&auml;t.
+W&uuml;&szlig;te er um die Gedanken der t&uuml;ckisch l&auml;chelnden
+Soldaten, er z&ouml;ge vor zu schweigen. Es ist der Wahn,
+den ihn seine Kaste gelehrt hat und der sein Hirn
+in einem Taumel erh&auml;lt, da&szlig; er sich geliebt und bewundert
+glaubt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[283]</a></span>Eine Viertelstunde von der Kaserne entfernt lag
+ein altes Minoritenkloster am Mainufer. Hohe Mauern
+und ein Ring gleichm&auml;&szlig;ig gesetzter Pappelb&auml;ume umgaben
+die zahlreichen Geb&auml;ude, von denen Frieden &uuml;ber
+die ganze liebliche Landschaft auszustr&ouml;men schien.
+Engelhart zog es bei Spazierg&auml;ngen oftmals hierher,
+auch von der Landstra&szlig;e aus lie&szlig; er sich mit einer
+F&auml;hre &uuml;bersetzen und wanderte langsam dem efeubehangenen
+Tor zu. Seitab vom Fu&szlig;weg stand ein
+Christuskreuz, und vor diesem verweilte Engelhart bisweilen
+in tiefem Nachdenken, wobei uralt feindseliges
+Mi&szlig;trauen und bange Lust der Ann&auml;herung sich
+mischten. Nicht als ob er einen Gott hier gesucht
+h&auml;tte, mehr noch einen Menschen. Was ihn zu dem
+Erl&ouml;serbildnis trieb, war die Idee des Opfers, der
+bet&auml;ubte Wille rang um Erl&ouml;sung, er suchte f&uuml;r seinen
+Schmerz das h&ouml;chste Symbol. Das war es; er war
+Opfer und suchte die Wollust des Opfers. Es ergriff
+ihn jener schw&auml;rmerische Fatalismus, der eine
+Trunksucht der Seele ist, der zur Unverantwortlichkeit
+strebt und alles Bewu&szlig;tsein im Traum und Wahn
+aufl&ouml;st.</p>
+
+<p>Es war in den Hundstagen. An einem Morgen
+war Bataillonsexerzieren gewesen, zur&uuml;ckgekehrt, mu&szlig;te
+die Kompagnie zur Schie&szlig;st&auml;tte, die in einem anderthalb
+Stunden entfernten Wald lag. Erst um halb
+drei Uhr nachmittags waren die Leute, aufs h&ouml;chste
+ersch&ouml;pft, wieder in der Kaserne. Engelhart erbat
+und erhielt Urlaub vom Appell und ging nach Hause,
+nichts w&uuml;nschend als Schlaf. Er schlang die Mahlzeit
+hinunter und legte sich entkleidet ins Bett. Um
+sechs Uhr wurde heftig an der Wohnungsglocke gel&auml;utet.
+Es war S&ouml;hnlein. Er hob Engelhart beinahe
+aus den Kissen und trieb ihn zur &auml;u&szlig;ersten Eile.
+Beim Appell war Nacht&uuml;bung angesagt worden, um
+sieben Uhr sollte das Regiment bereit sein. Engelhart
+flog in die Kleider, sie st&uuml;rmten auf die Stra&szlig;e, und
+da die Kaserne fast eine halbe Stunde Wegs entfernt
+war, wollten sie einen Wagen auftreiben, fanden aber
+keinen. So mu&szlig;ten sie im Laufschritt unter dem
+Aufsehen der Passanten &uuml;ber die Glacis rennen; als
+sie auf dem Domplatze waren, schlug es schon dreiviertel.
+Sie kamen an, als die Kompagnien schon
+im Hof zusammentraten, oben mu&szlig;ten sie sich in
+rasender Hast feldmarschm&auml;&szlig;ig r&uuml;sten, doch es lief
+glimpflich ab, die Offiziere begannen eben die Musterung,
+als Engelhart an seinen leergelassenen Platz trat.</p>
+
+<p>S&ouml;hnlein war zufrieden, da&szlig; es ihm gelungen
+war, seinen Herrn vor Strafe zu bewahren, und
+achtete nicht der bissigen Reden seiner Nebenm&auml;nner.
+Er war &uuml;berhaupt in der letzten Zeit immer heiterer
+geworden, denn auf seiner Schrankt&uuml;re befanden sich
+nur noch vierundvierzig Kreidestriche.</p>
+
+<p>Der Marsch ging &uuml;ber das Dorf Randersacker
+nach dem H&uuml;gelland in der Gegend von Eibelstadt.
+Die Luft war zuerst dunstig, wurde jedoch am Abend
+rein und k&uuml;hl. Engelharts wie der andern Leute
+von der Kompagnie bem&auml;chtigte sich nach und nach
+eine solche M&uuml;digkeit, da&szlig; sie sich nur noch hinzuschleppen
+vermochten. Der Hauptmann, besorgt, da&szlig;
+ihm seine Abteilung Schande machen werde, ritt auf
+seinem alten dicken Gaul unaufh&ouml;rlich an den Reihen
+hin und her, wobei er die Leute in seiner halb
+keifenden, halb g&ouml;nnerhaften Weise zu ermuntern suchte.
+Trotzdem traten f&uuml;nf oder sechs Rekruten aus und
+blieben am Stra&szlig;engraben liegen. Bei der ersten
+Raststelle fielen die meisten um wie die St&ouml;cke. Der
+Feind befand sich hinter einem zwei Kilometer entfernten
+Weiler, und die Kompagnie erhielt den Befehl,
+Vorposten zu stellen. Der Oberleutnant w&auml;hlte f&uuml;nf
+Soldaten aus, unter ihnen Engelhart und S&ouml;hnlein.
+Sie marschierten &uuml;ber einen langgezogenen Hang bis
+an den Rand eines tiefen Forstes. S&ouml;hnlein wurde
+als erster Posten ausgestellt, und an dem schwankenden
+Schritt, mit dem er sich entfernte, sah man seine
+au&szlig;erordentliche Ersch&ouml;pfung. Die andern standen
+schweigend gegen den mattleuchtenden Himmel gekehrt,
+aus dessen &ouml;stlicher Tiefe sich langsam schwebend der
+Mond erhob und eine scharlachne R&ouml;te auf das Gel&auml;nde
+warf. Der Leutnant schritt im taufeuchten
+Wiesenrain auf und ab; nach einer Weile d&uuml;nkte es
+ihm notwendig, einen zweiten Posten &uuml;ber den ersten
+hinauszuschieben, und er bezeichnete Engelhart einen
+Punkt auf dem Kamm des H&uuml;gels bei einer einzelnen
+Pappel. Engelhart schulterte das Gewehr und marschierte
+ab. Der Weg f&uuml;hrte ihn dort vor&uuml;ber, wo
+S&ouml;hnlein stehen sollte, doch als er hinkam, gewahrte
+er jenen nicht, sah sich um und erblickte ihn endlich
+schlafend gegen das Mooskissen eines Baumes gelehnt.</p>
+
+<p>Der Anblick &uuml;berraschte und r&uuml;hrte ihn. Anstatt
+den Pflichtvergessenen ohne Z&ouml;gern zu wecken, stellte
+er sich hin, st&uuml;tzte das Kinn auf die Gewehrm&uuml;ndung
+und starrte verloren in das Kindergesicht des Schl&auml;fers,
+das wie ein rosiges Abbild des Mondes aussah. Es
+war eine heilige Stille rings. Gelbliche Lichtflecke
+zitterten auf dem Boden. Das d&uuml;rre Bl&auml;tterwerk,
+das dem Schlafenden zum Lager diente, strahlte wie
+gel&auml;utertes Gold. Pl&ouml;tzlich vernahm Engelhart dicht
+hinter sich Pferdeschritte. Erschrocken beugte er sich
+nieder, um S&ouml;hnlein aufzuwecken, aber es war zu
+sp&auml;t, der Reiter, es war der Adjutant des Majors,
+der die Posten inspizieren sollte, hatte den Ungl&uuml;cklichen
+schon bemerkt. S&ouml;hnlein schaute eine Weile benommen
+um sich, und als ihm das Bewu&szlig;tsein wiederkehrte,
+wurde er wei&szlig; wie Kalk. Engelhart war es, als
+m&uuml;sse er sich vor dem Offizier niederwerfen und um
+<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[284]</a></span>Gnade f&uuml;r den Menschen flehen, er ahnte den entsetzlichen
+Jammer, der in S&ouml;hnleins Brust tobte,
+und f&uuml;hlte sich mitschuldig. Der Adjutant fragte
+mit eisiger Sachlichkeit, ob er schon l&auml;nger hier sei
+oder soeben dazugekommen sei, und er antwortete, er
+sei soeben dazugekommen, war daher f&uuml;r seinen Teil
+in Sicherheit.</p>
+
+<p>Es wurde Meldung an die Kompagnie und das
+Regiment erstattet. Der Hauptmann wurde zum Oberst
+befohlen und kam au&szlig;er sich vor Wut zur&uuml;ck. S&ouml;hnleins
+Gesicht behielt sein fahles Aussehen, seine Augen
+waren tr&uuml;b und irr. Die Kameraden betrachteten
+ihn scheu und ohne Mitleid. Auf dem Heimmarsch
+sangen sie begeisterter, gleichsam dienstwilliger ihre
+Lieder. Vor dem Schlafengehen beobachtete der Zimmer&auml;lteste,
+wie S&ouml;hnlein eine Weile unbeweglich vor
+seinem Schrank stand, und er sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Na, S&ouml;hnlein, das kostet dich ein paar Monate.
+Aber mach dir nichts daraus, da brauchst du wenigstens
+nicht zu schuften.&laquo;</p>
+
+<p>Auch die aufreibenden Wochen der gro&szlig;en Herbst&uuml;bungen
+gingen vor&uuml;ber, und dann war Engelhart frei.
+Langentbehrte Wonne, den Tag, die Stunde wieder
+zu besitzen, den fr&uuml;hen Morgen verschlafen zu d&uuml;rfen,
+der eignen Entschl&uuml;sse Herr zu sein, Zeit zu haben,
+viel Zeit ... Am ersten Tag suchte er den Park des
+Veitsh&ouml;chheimer Schlosses auf und schlenderte in musikalischer
+Entz&uuml;ckung durch die beschnittenen Alleen und
+k&uuml;nstlichen Laubeng&auml;nge. Vor einer der verwitterten
+Statuen, die um das gro&szlig;e Wasserbassin aufgestellt
+waren, blieb er lange stehen, und es schien, als ob
+die Figur zu ihm spreche, ja er h&ouml;rte deutlich ihre
+Worte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Des Sommers verdorrte Bl&auml;tter rollen<br /></span>
+<span class="i0">Um meinen Fu&szlig;.<br /></span>
+<span class="i0">Unaufh&ouml;rliches Spiel der Jahre!<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; &uuml;ber meine k&uuml;hlen Glieder, Zeit,<br /></span>
+<span class="i0">Den weitges&auml;umten Mantel streifen,<br /></span>
+<span class="i0">Und achte nicht, was mir die Brust f&uuml;llt,<br /></span>
+<span class="i0">Den bittern Gleichmut.<br /></span>
+<span class="i0">Du, Wanderer, eile dem Bilde vorbei,<br /></span>
+<span class="i0">Das &uuml;ber stolzen Geschlechtern trauert,<br /></span>
+<span class="i0">Unlebendig,<br /></span>
+<span class="i0">Zerrbild alles Gewesenen.<br /></span>
+<span class="i0">Wenn der Abend kommt und die Finsternis aufschwillt,<br /></span>
+<span class="i0">Wird die Vergangenheit Traum<br /></span>
+<span class="i0">Und die Gegenwart f&uuml;hlbarer Tod.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Das gl&uuml;ckliche Schw&auml;rmen durfte nicht lange
+dauern. Es wurde von Anfang an verd&uuml;stert durch
+die Frage, was nun werden solle. Was nun, was
+anfangen? Womit das Leben verdienen? Es galt,
+einen Beruf zu ergreifen oder vielmehr ein Gesch&auml;ft
+zu betreiben und von niemandes Gnade abh&auml;ngig zu
+sein. Herr Ratgeber meinte bek&uuml;mmert, er sei jetzt
+alt genug, um die Torheiten zu lassen und an eine
+geordnete Existenz zu denken. Nach mancherlei Erw&auml;gungen
+wandte sich Herr Ratgeber an seinen unmittelbaren
+Vorgesetzten, den Generalagenten in N&uuml;rnberg,
+und fragte an, ob Engelhart in dessen Bureau
+einen Posten finden k&ouml;nne, und die Antwort war bejahend;
+es sei gerade eine Korrespondentenstelle frei,
+wenn der junge Ratgeber einige stilistische Gewandtheit
+und au&szlig;erdem guten Willen besitze, stehe seiner
+Anstellung nichts im Wege, der vorl&auml;ufige Gehalt sei
+sechzig Mark f&uuml;r den Monat. Das war j&auml;mmerlich
+wenig, doch Engelhart durfte sich nicht besinnen, er
+mu&szlig;te den ersten besten Strick erfassen, den man ihm
+zuwarf, und Herr Ratgeber war froh, der bedr&auml;ngendsten
+Sorge los zu sein. Auch f&uuml;r ihn selbst war des
+Bleibens in W&uuml;rzburg ein Ende; zwischen ihm und
+Inspektor Dingelfeld war offene Feindschaft ausgebrochen,
+der Elende suchte Streit, wo er konnte,
+und sein eingestandener Zweck war, den &auml;lteren Rivalen
+zu verdr&auml;ngen. Herr Ratgeber hatte schlie&szlig;lich
+von der Gesellschaft seinen Abschied verlangt, aber
+diese wollte einen so t&uuml;chtigen Arbeiter durchaus nicht
+verlieren und erkl&auml;rte sich bereit, ihn unter Gehaltserh&ouml;hung
+nach M&uuml;nchen zu versetzen. Der Wettstreit
+zwischen den beiden Nebenbuhlern war den Herren
+nicht unangenehm gewesen, er f&ouml;rderte entschieden das
+Gesch&auml;ft, nur zum &Auml;u&szlig;ersten durfte es nicht kommen.
+Herr Ratgeber war denn auch zufrieden und fand
+seine Ehre wiederhergestellt; die Aufbesserung seines
+k&uuml;mmerlichen Lohnes machte ihm mehr Freude als
+ein Lotteriegewinst, es war doch irgendeine Anerkennung
+f&uuml;r all die M&uuml;he; er brauchte Anerkennung.</p>
+
+<p>Engelhart mietete sich in N&uuml;rnberg auf dem
+Jakobsplatz ein, der Kirche gegen&uuml;ber. Es war die
+billigste Wohnungsgelegenheit, die er hatte auftreiben
+k&ouml;nnen, er zahlte nur acht Mark monatlich. Es war
+ein liliputanisches Zimmer, und das h&ouml;chst bauf&auml;llige
+H&auml;uschen, in dem es sich befand, geh&ouml;rte dem Ehepaar
+Hadebusch, wunderlichen Leuten, die jene Mischung
+von Bosheit und Gem&uuml;tlichkeit besa&szlig;en, wie sie im
+untern B&uuml;rgerstand h&auml;ufig ist. Der Mann, schon
+ein Siebziger, war B&uuml;rstenmacher; es roch im Haus
+best&auml;ndig nach Borsten, Leim und Laugenwasser.
+W&auml;hrend Engelhart in der d&uuml;stern Wohnstube das
+Fr&uuml;hst&uuml;ck verzehrte, politisierte der Alte, das hei&szlig;t
+er pries die vergangenen Zeiten. Frau Hadebusch
+war ein dickes, habgieriges Weib; wenn sie Geld sah,
+konnte sie sich kaum beherrschen und lachte &uuml;bers
+ganze Gesicht. Mit &uuml;berlegener Schlauheit und scheinbar
+unverf&auml;nglichen Fragen suchte sie sich &uuml;ber Engelharts
+Verm&ouml;gensverh&auml;ltnisse Klarheit zu verschaffen,
+und wenn sie merkte, da&szlig; er es &uuml;belnahm, suchte sie
+ihn mit scheinheiligem Gejammer und den ungereimtesten
+Geschichten von ihrer eignen Armut zu vers&ouml;hnen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[285]</a></span>Sie hatte einen Sohn, der ein Idiot war und nur
+zum Holzhacken und Stubenauskehren zu gebrauchen
+war.</p>
+
+<p>Frau Hadebusch hatte eine un&uuml;berwindliche Abneigung
+gegen Steinkohlen. Sie beschwor, da&szlig; seit
+Menschengedenken kein solch schwarzes Teufelszeug in
+ihr Haus gekommen sei, beutete aber diesen Umstand
+aus und berechnete das Holz zum Heizen mit unversch&auml;mten
+Preisen. Engelhart wagte bei seinem
+d&uuml;rftigen Einkommen nicht, das eiserne &Ouml;flein in
+seiner Kammer so lange zu speisen, da&szlig; es f&uuml;r den
+Abend ausreichende W&auml;rme gab, und so sa&szlig; er oft
+frierend bei seinen B&uuml;chern oder er legte sich ins Bett
+und las weiter bis Mitternacht. Die morschen Dachsparren
+&uuml;ber ihm krachten manchmal so laut, da&szlig; er
+aus dem Schlaf erwachte, und durch die Fugen der
+schlecht schlie&szlig;enden winzigen Fenster surrte der Wind.
+Au&szlig;erdem st&ouml;rte ihn die N&auml;he des Kirchturmes und
+seiner dr&ouml;hnenden Glocke nicht wenig.</p>
+
+<p>Sein ordnungsloses B&uuml;cherlesen entsprang nicht
+der Lernbegierde und hatte keinen reingeistigen Antrieb.
+Nichts beruhigte, nichts befriedigte ihn dabei, alles
+stachelte ihn auf. Er suchte die Welt, er suchte das,
+was die J&uuml;nglinge mit feierlicher Deutung &raquo;das
+Leben&laquo; zu nennen pflegen. Er konnte sich nicht zu
+der Annahme entschlie&szlig;en, da&szlig; das, was er bisher
+gelebt, schon &raquo;das Leben&laquo; sei, und erschien sich
+wie ein Wesen, das wohl Fl&uuml;gel besitzt, sie aber nicht
+gebrauchen darf. Tag f&uuml;r Tag, vom Morgen bis
+zum Abend befand er sich in einer innerlich verzitternden
+Erregung und seine Seele glich dem gl&uuml;henden
+Draht &uuml;ber einer Flamme, der nicht nachgeben,
+sich nicht biegen kann, weil er an den Enden festgenietet
+ist. Die w&auml;hrend des Fronjahrs eingeschlummerten
+Kr&auml;fte und versiegten Quellen sprudelten jetzt
+um so gewaltsamer hervor, und Engelhart war sich
+seines Zustandes als einer unaufh&ouml;rlichen Gefahr
+wohl bewu&szlig;t; er w&uuml;nschte, sich selber zu entfliehen,
+und wie nie zuvor trieb es ihn zu den Menschen. Er
+wollte mit Worten vernehmen, wie es um sie und wie
+es um ihn stand. Er glaubte an einen, irgendeinen,
+der den Schl&uuml;ssel zu dem gro&szlig;en Mysterium besa&szlig;,
+und es d&uuml;rstete ihn nach lebendigem Wissen, lebendigem
+Wort, lebendiger Freundschaft.</p>
+
+<p>Die elende Kammer wurde ihm zuwider. Er suchte
+an den Abenden andern Aufenthalt und lief, kein Unwetter
+scheuend, sich die Beine m&uuml;d, um schlie&szlig;lich
+in einer abgelegenen Kneipe zu landen und bei einer
+Tasse Kaffee tr&uuml;bselig vor sich hinzustarren. Einst zu
+sp&auml;ter Stunde kam er in ein enges Seiteng&auml;&szlig;chen und
+blieb lauschend stehen. Eine dunkle, in leidenschaftlichen
+Worten einsam redende Stimme drang wie aus
+dem Innern der Erde zu ihm. &raquo;Da trat hervor einer,
+anzusehen wie die Sternennacht, der hatte in seiner
+Hand einen eisernen Siegelring, den hielt er zwischen
+Aufgang und Niedergang und sprach: &#8250;Ewig, heilig,
+gerecht, unverf&auml;lschbar! Es ist nur eine Wahrheit,
+es ist nur eine Tugend! Wehe, wehe, wehe dem
+zweifelndem Wurme!&#8249;&laquo; ... Engelhart ging zu einem
+Fensterloch dicht &uuml;ber dem Boden und blickte wie in
+einen Trichter hinunter. Er sah einen matterleuchteten
+Raum mit Wirtshaustischen und -b&auml;nken. Auf einer
+Bank an der Mauer sa&szlig; eine kleine Gesellschaft junger
+Leute, ein einzelner kauerte vor ihnen auf den Steinfliesen,
+und die Worte, die er sprach, hatten sein Gesicht
+zerw&uuml;hlt, seine Lippen f&ouml;rmlich zerrissen und seine
+Augen im Wahnsinn gebadet. &raquo;Gnade, Gnade jedem
+S&uuml;nder der Erde und des Abgrunds!&laquo; schrie er jetzt
+und schlug die H&auml;nde an die Wangen. Engelhart
+schauderte.</p>
+
+<p>Bald darauf war es zu Ende und die Zuh&ouml;rer
+klatschten. &raquo;Diesen Franz macht dir kein Schauspieler
+der Welt nach, Klewein!&laquo; lie&szlig; sich jetzt die heisere
+Stimme eines langen, hageren Menschen vernehmen,
+und mit ver&auml;chtlichem Lachen, beide H&auml;nde in den
+Hosentaschen, fuhr er fort: &raquo;Im &uuml;brigen war dieser
+Schiller doch ein Mordsst&uuml;mper. Es ist nur eine
+Wahrheit, es ist nur eine Tugend! L&auml;cherlich! Hunderttausend
+Wahrheiten, Millionen Tugenden und
+schlie&szlig;lich wieder keine; keine Wahrheit, das ist&#8217;s,
+Kinder, denn wenn es eine Wahrheit g&auml;be, warum
+sollten wir sie nicht erkannt haben?&laquo;</p>
+
+<p>Wehm&uuml;tig an seine abgesonderte Existenz gemahnt,
+die ihn wie durch ein fortwirkendes Gesetz von jeder
+wahrhaft geselligen Vereinigung ausschlo&szlig;, lauschte
+Engelhart durstigen Ohrs den Gespr&auml;chen, die von
+einem Geist gro&szlig;artiger Weltverachtung durchweht
+schienen. Nach einer Weile schritt er zum Eingang,
+&uuml;berlegte hin und her, z&auml;hlte in Gedanken seine Barschaft
+nach und stieg endlich die steinerne Treppe zu
+dem Weinkeller hinab.</p>
+
+<p>Sein sch&uuml;chterner Gru&szlig; blieb unbemerkt. Er setzte
+sich abseits und bestellte ein kleines Fl&auml;schchen italienischen
+Landweins. Sein Betragen erregte die Aufmerksamkeit
+des langen Hageren, den seine Kumpane
+Peter Palm nannten. Engelhart err&ouml;tete, als er dem
+stumpflohenden Blick der schwarzen Augen begegnete. Es
+war der Blick eines J&auml;gers, eines Wilddiebs, bevor er
+die Flinte anlegt. Jener Klewein, der den Monolog
+gesprochen, br&uuml;tete schweigend vor sich hin; &uuml;ber seinem
+hart markierten Schauspielergesicht bebte die Haut wie
+Wasser, das leichter Wind zu Falten bl&auml;st. Niemals
+hatte Engelhart den Ausdruck des schlechten Gewissens
+so deutlich und wild auf einem Antlitz gesehen. Die
+<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[286]</a></span>drei andern waren ein wenig betrunken oder stellten
+sich so. Einer, den sie Baron nannten, hatte ein verblasenes
+L&auml;cheln auf dem b&uuml;bchenhaften Gesicht; diesem
+fl&uuml;sterte der Lange etwas zu, er kam an Engelharts
+Tisch und forderte ihn mit gezierter H&ouml;flichkeit auf,
+sich zu der Gesellschaft zu setzen. Engelhart dankte;
+Spannung und Entz&uuml;cken benahmen ihm fast die Sinne.</p>
+
+<p>So glaubte er endlich das Tor betreten zu haben,
+das ins Leben f&uuml;hrt, in das ber&uuml;hmte &raquo;Leben&laquo;. Von
+nun an wurde die Nacht sein Tag, wie f&uuml;r den
+Schmuggler, und schmugglerhaft war dies Herumziehen
+an den Grenzen der b&uuml;rgerlichen Bezirke, auf den
+Lippen Hohn und in der Brust die Furcht vor ihren
+Zollw&auml;chtern. Oft kam er erst um vier Uhr morgens
+nach Hause, schlief dann &uuml;ber die Zeit, kam versp&auml;tet,
+dumpf und m&uuml;de ins Bureau und wurde unverl&auml;&szlig;lich
+bei der Arbeit. Diese Arbeit bestand im Briefeschreiben
+an s&auml;umige Zahler, an unschl&uuml;ssige Versicherungskandidaten,
+in Beantwortung von Beschwerdeschriften,
+in juridischen und &ouml;konomischen Aufkl&auml;rungen, Agenteninstruktionen,
+im Ausstellen von Pr&auml;mienquittungen,
+Berichten an die Direktion und vielem andern. Er
+hatte sich geschickt und willig gezeigt, der Bureauchef
+sch&auml;tzte den denkenden Kopf in ihm, wie er sagte,
+und zeichnete ihn dadurch aus, da&szlig; er ein t&auml;glich
+wachsendes Pensum erledigt haben wollte. Der Bureauchef
+war ein kleines, zartes, wachsbleiches, schweigsames
+M&auml;nnchen namens Zittel, eine Schreibernatur
+durch und durch, geschmeidig, flink, giftig. Als Engelhart
+j&auml;hlings zu erlahmen begann wie eine Maschine,
+an der ein R&auml;dchen zerbrochen ist, heftete er bisweilen
+seine kalten Reptilaugen, die hinter dicken Brillengl&auml;sern
+glitzerten, forschend und streng auf ihn und
+sagte mit berechneter Sanftmut: &raquo;Schade, Herr Ratgeber,
+wirklich schade.&laquo; Doch Engelhart empfand
+Ekel; nie wurde er das Gef&uuml;hl einer ungeheuern Vers&auml;umnis
+los, und besa&szlig; er dann die Zeit, nach der
+er sich gesehnt, so rann sie ihm aus den Fingern, wie
+Sand durch ein Sieb l&auml;uft. Manchen Tag vermochte
+er zu Herrn Zittels Bek&uuml;mmernis nicht drei S&auml;tze
+aufs Papier zu bringen, pl&ouml;tzlich packte ihn die Angst
+vor der Brotlosigkeit, er arbeitete in zehn Stunden
+ab, was sich in zehn Tagen angeh&auml;uft hatte, und
+Herr Zittel konnte dann nicht umhin, eine solche
+Leistung kopfsch&uuml;ttelnd zu bewundern. Schlimm war
+es, da&szlig; er mit dem Geld in verzweifelte Unordnung
+kam. Schon am f&uuml;nften, am siebenten des Monats
+mu&szlig;te er um Vorschu&szlig; bitten, f&uuml;r viele Wochen hinaus
+konnte er nicht mehr auf seinen vollen Gehalt
+rechnen, an notwendige Anschaffungen f&uuml;r Kleidungsst&uuml;cke
+oder gar an B&uuml;cherkaufen war nicht zu denken,
+und wenn er die Miete und das Mittagessen gezahlt
+hatte, so lief das &uuml;brige rasch bei den n&auml;chtlichen Gelagen
+davon. Und weil unter dem Einflu&szlig; Peter
+Palms niemand sich anders f&uuml;hrte, jeder aus dem
+Leeren wirtschaftete und dies tr&uuml;bselige Wesen zum
+Heldentum emporgelogen wurde, so dachte Engelhart,
+alles m&uuml;sse so sein, wie es war, und es sei ein
+Schimpf, anders aufzutreten, als mit prahlerischen
+Anspr&uuml;chen an eine blind undankbare Welt.</p>
+
+<p>Peter Palm stammte aus den niedrigsten Verh&auml;ltnissen.
+Seine Mutter war eine Waschfrau in
+Plobenhof, den Vater hatte er nie gekannt. Er hatte
+studiert, Stipendien hatten ihm anfangs fortgeholfen,
+jetzt war er im siebzehnten oder achtzehnten Semester
+und brachte es nicht weiter. Er hatte viel erlebt und
+viel gelesen; in seinem Charakter herrschte das B&ouml;se
+vor. Sein Gem&uuml;t war verbittert, ja gleichsam mit
+Schw&auml;ren bedeckt, nicht nur durch Armut und Entbehrungen
+war es dahin gekommen, sondern auch durch
+angeborne Z&uuml;gellosigkeit des Herzens. Er hielt sich
+f&uuml;r eine Art modernen Sokrates, doch mi&szlig;handelte er
+seine Mutter, um ein paar Pfennige von ihr zu erpressen.
+Von allen, die um ihn waren, hatte er
+Franz Klewein am unbedingtesten in seiner Gewalt.
+Auch dieser war arm, hatte abenteuerliche Fahrten
+hinter sich, war Matrose gewesen, hatte in einem indischen
+Hafen desertiert, war in einem Reisfeld von
+Hindus aufgefunden und verpflegt worden; dann nach
+Europa zur&uuml;ckgekehrt, trieb es ihn zur Schauspielerei,
+aber er fand damit nur ein k&uuml;mmerliches Auskommen.
+Er war der leidenschaftlichste Mensch, den Engelhart
+je gesehen. Er hatte etwas von einem edeln Tier;
+&auml;u&szlig;erlich trat er wortkarg und mit gemessener Ruhe
+auf, nur in den kleinen unter vorspringenden Stirnknochen
+versteckten Augen flackerten unheimliche Feuer.
+Sein Scharfsinn war gro&szlig;, er beobachtete mit Lust
+und mit Ha&szlig; und seine Bemerkungen ritzten f&ouml;rmlich die
+Haut durch ihre &auml;tzende Bosheit. Er war noch jung,
+kaum sechsundzwanzig, ehedem war er sicherlich eine
+zum Positiven geneigte Natur gewesen, aber das
+Schicksal hatte ihn m&uuml;de gejagt. Dazu kam noch
+Peter Palm &uuml;ber ihn; er hatte ihn in einer Berliner
+Lasterh&ouml;hle kennen gelernt, gerade als er mit dem
+Entschlu&szlig; k&auml;mpfte, seinem Leben ein Ende zu machen.
+Durch Palm wurde er aus der d&auml;mmernden Bahn
+gerissen, die Helligkeit der Zweifel machte ihn sich
+selber doppelt verachtenswert. Er hatte kein Engagement
+mehr, kaum ein Unterkommen, und niemand
+wu&szlig;te, wie er sein Leben fristete. Den gr&ouml;&szlig;ten Teil
+seiner Zeit verbrachte er gr&uuml;blerisch erstarrt im Paradieschen.</p>
+
+<p>Das Paradieschen war ein winziges Geb&auml;ude,
+dicht am Stadtgraben erbaut; jenseits erhob sich der
+kolossale Turm des Ludwigstores. Zur Nachtzeit
+blickten die erleuchteten Fensterchen einladend &uuml;ber den
+<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[287]</a></span>stillen Platz und r&uuml;ckw&auml;rts fiel der Lichtschein in das
+Pflanzengewinde &uuml;ber der uralten Festungsmauer. Im
+Paradieschen war alles winzig: der Wirt, die Kellnerin,
+der Spiegel im Goldrahmen, Tische, St&uuml;hle,
+Tassen, L&ouml;ffel und das Stehklavier an der Wand.
+Palms treuester Trabant, ein einf&auml;ltiger Sachse
+namens Jentsch f&uuml;hrte auf dem gebrechlichen Instrument
+seine wesenlosen Phantasien aus. Er machte
+die Stimmung. Stimmung, das war das gro&szlig;e Wort.
+Keiner wu&szlig;te, was im Kern darunter zu verstehen
+sei, sie wollten vergessen, es war ein Aufprasseln
+letzter Gem&uuml;tskr&auml;fte. Es war zum Beispiel ein Mann
+dabei, der f&uuml;r einen Erfinder galt, ein bejahrter Herr;
+er hatte ein Verm&ouml;gen f&uuml;r seine Hirngespinste verschwendet
+und war jetzt im Elend; dieser zog immer
+sein Taschentuch und wischte die Tr&auml;nen ab, wenn
+Jentsch spielte. &raquo;Nur zu, nur zu,&laquo; murmelte er bei
+jeder Pause, &raquo;das tut wohl, lieber Jentsch, das tut
+mir wohl.&laquo; Doch dieser stellte sich selten ein und
+wurde nie recht ernst genommen, denn es fehlte ihm
+der flagellantische Geist, der alle Schl&auml;ge des Geschicks
+dadurch mildert, da&szlig; er eine Selbstpeinigung daraus
+macht und jede Schuld mit der Krone des Martyriums
+schm&uuml;ckt.</p>
+
+<p>Einer aus der Gesellschaft hatte das Wort aufgebracht:
+wir sind die Totengr&auml;ber der Ideale. Engelhart
+suchte hinter den totengr&auml;berischen Worten die
+neuen Ideale. Mit beklemmter Brust sa&szlig; er da und
+lauschte und wurde trunken von Worten. Gef&uuml;hl
+und Wort waren ihm noch untrennbar eins. Die
+gro&szlig;e Geb&auml;rde ri&szlig; ihn hin. Alles ward geleugnet;
+ein Spiel seiner selbst rollte der Erdball gesetzlos
+durch den ver&ouml;deten Raum. Engelhart sp&uuml;rte Angst
+vor seiner Existenz und bewunderte den Mut der
+Leugner. Peter Palm durchschaute seine J&uuml;nger;
+wenn er ihre Schw&auml;che erkannt hatte, durfte er
+alles wagen. Die Vergeblichkeit menschlichen M&uuml;hens
+wurde in seinem Munde ein Argument des Triumphes.
+Er nannte sich in einer geistreichen Stunde den Beichtvater
+der Todgeweihten; er versah die sinkenden Seelen
+mit den Sakramenten. Wenn er redete, schwiegen
+alle. In seinem br&auml;unlichen, langgezogenen Fanatikergesicht
+zitterte Wut gegen jeden Besitz, gegen jede
+Hoffnung, ja gegen jeden Kampf. &raquo;Du bist ein Moslem,&laquo;
+sagte Klewein ver&auml;chtlich und mit dem Schmerz,
+den er um sein gestrandetes Leben empfand, &raquo;deine
+Ausbr&uuml;che sind Konvulsionen des Quietismus.&laquo; Klewein
+glich dem im K&auml;fig eingesperrten Wolf; dasselbe
+ruhelose Auf und Ab, dasselbe sinnlos verstockte
+Starren auf das eiserne Gitter. Einmal blieb er in
+der Nacht vor der Frauenkirche stehen und hob die
+geballten F&auml;uste. Dann drehte er sich um und schrie:
+&raquo;Ein Weib, ein Weib, ein K&ouml;nigreich f&uuml;r ein Weib!&laquo;
+Peter Palm lachte und suchte nachzuweisen, da&szlig; das
+wahrhaft moderne Weib in der Dirne kristallisiert sei.
+Engelhart widersprach. Die treuherzige Unschuld seiner
+Rede erbitterte Palm und er riet ihm, mit einem
+Kindertrompetchen vor eine M&auml;dchenschule zu ziehen
+und Reveille zu blasen. &raquo;Sie sind auch einer von
+denen, die Helena in jedem Weibe sehen,&laquo; sagte er
+und prophezeite ihm ein Leben der Schmach und der
+Entt&auml;uschungen. Darauf wu&szlig;te Engelhart nichts zu
+entgegnen. Alles, was gesagt wurde, nahm er ganz
+so, wie es gesagt wurde, das am&uuml;sierte Peter Palm
+im stillen. Doch &auml;rgerte er sich &uuml;ber ein Unbezeichenbares
+in den Augen des jungen Menschen, er &auml;rgerte
+sich sogar, wenn Engelhart seinen, Palms, Worten
+allzuviel Gewicht beilegte, und eines Tages bemerkte
+er gegen Klewein, da&szlig; da doch nicht Blut von seinem
+Blut sei; fremde Rasse; solche Burschen m&uuml;&szlig;ten von
+Rechts wegen reich sein, dann k&ouml;nne man sie mit
+gutem Gewissen verachten. &raquo;Ich bin &uuml;berzeugt, er
+wird einmal das gro&szlig;e Los gewinnen,&laquo; schlo&szlig; er
+h&auml;misch.</p>
+
+<p>Doch im Grunde wu&szlig;te er besser Bescheid &uuml;ber
+Engelhart, als er sich zugestehen mochte, er wu&szlig;te
+besser Bescheid als Engelhart selbst. Er nannte ihn
+Seelensp&uuml;rhund, Gef&uuml;hlsparasit. Doch hier war ein
+Etwas, das er nicht zerrei&szlig;en noch zerbrechen konnte,
+gleichsam aus der eignen Hand des Sch&ouml;pfers hervorgegangenes
+Gespinst, das man nicht anr&uuml;hren darf,
+ohne vom Blitz getroffen zu werden. Sein Hinundherzittern
+&uuml;ber den Gebilden des Lebens gemahnte
+Palm an die Kompa&szlig;nadel, die bei allem Zittern
+stetig zum Pole zeigt. Sein zerr&uuml;tteter Organismus
+sp&uuml;rte die Gesundheit des Gesunden traumhaft scharf,
+bald war er sich auch klar, wohin das unbewu&szlig;te
+Wesen heimlich ziele, von dem Engelhart so qualvoll
+beunruhigt wurde, und ein gelegentlicher Fund best&auml;tigte
+seine Mutma&szlig;ung.</p>
+
+<p>An einem Sonntagnachmittag lag Engelhart, von
+Kopfschmerzen gequ&auml;lt, auf dem Sofa (er wohnte
+jetzt im zweiten Stock eines Hauses in Steinb&uuml;hl), als
+Palm und Klewein erschienen. Sie machten sich&#8217;s
+nach ihrer Art bequem, schwadronierten von diesem
+und jenem, Klewein entwickelte nicht zum erstenmal
+seinen Plan, nach Amerika auszuwandern, Palm
+hatte indessen die Tischlade aufgezogen und st&ouml;berte
+ungeniert unter den Briefen und Papieren Engelharts.
+Es fiel ihm ein dicht bekritzelter Bogen in
+die Hand, auf dem die Geschichte vom kleinen Br&auml;utigam
+aufgeschrieben war, die Engelhart seinem Bruder
+erz&auml;hlt hatte; einzelne Merkworte waren ihm nicht aus
+dem Sinn gegangen und er hatte, vor Monaten schon,
+sich der ganzen Bilderfolge durch Niederschreiben entledigt.
+Palm las und las, begann sp&ouml;ttisch zu l&auml;cheln,
+<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[288]</a></span>dann laut zu kreischen, Engelhart merkte zu sp&auml;t, was
+vorging. Palm lie&szlig; sich den Raub nicht mehr entrei&szlig;en,
+auch Kleweins Einspruch half nichts, Palm bestand
+darauf, das Elaborat m&uuml;sse im Paradieschen verlesen
+werden, auch Herr Barbeck habe heute zu kommen versprochen,
+das treffe sich ausgezeichnet, der sei der rechte
+Mann f&uuml;r so was. Welche Verachtung lag in seinen
+Worten! Engelhart glaubte, seine Unf&auml;higkeit werde an
+den Pranger gestellt, und wollte vor Scham vergehen. Die
+Verlesung fand zu einer Stunde statt, wo noch keine
+fremden G&auml;ste im Paradieschen waren; die simple
+Geschichte wurde mit blutigem Hohn aufgenommen
+und vollst&auml;ndig niederkritisiert. Zuh&ouml;rer waren Palm,
+Klewein, Jentsch, der Baron, dann ein halbn&auml;rrischer
+Maler, der den Spitznamen Krapotkin hatte, da er
+unaufh&ouml;rlich Stellen aus den Schriften dieses Anarchistenf&uuml;hrers
+deklamierte, und ferner Herr Barbeck.
+Dieser gab sich den Anschein, als nehme er die Geschichte
+ernst, und fragte Engelhart am Schlusse, was
+das Ganze zu bedeuten habe und von wo die Verse
+abgeschrieben seien. Engelhart schwieg. &raquo;Was haben
+Sie denn vor, was wollen Sie werden?&laquo; fuhr Barbeck
+mit geheimnisvollem Grinsen zu fragen fort. Und
+als Engelhart verlegen die Achseln zuckte, lachten alle,
+Barbeck aber sagte: &raquo;Na, J&uuml;ngling, mich werden Sie
+nicht hinters Licht f&uuml;hren, ich kenne das, bin selber
+dort gewesen, hinterm Licht n&auml;mlich, hab&#8217; selber &Auml;pfel
+gestohlen.&laquo;</p>
+
+<p>Barbeck kam von da an allabendlich ins Paradieschen.
+Mit seinem t&uuml;ckisch-vielsagenden L&auml;cheln versicherte
+er, da&szlig; ihm der kleine Br&auml;utigam, auf diesen
+Spitznamen nagelte er Engelhart fest, Interesse eingefl&ouml;&szlig;t
+habe. Es hatte eine eigne Bewandtnis mit
+Herrn Barbeck, und Engelhart f&uuml;rchtete den Mann
+mehr noch, als er mit der Zeit Peter Palm f&uuml;rchten
+gelernt hatte. Peter Palm gab sich wenigstens wie
+er war, eher noch schlechter als besser, es war etwas
+Ehrliches in seiner d&uuml;rren D&auml;monenhaftigkeit, aber
+dieser wechselte best&auml;ndig sein Wesen und war ungreifbar
+wie die schillernde Qualle. Er war Privatgelehrter,
+das hei&szlig;t, er betitelte sich so. Er behauptete,
+Astrologie und Alchymie zu studieren, und
+meinte, wenn die Rede darauf kam, die alten Burschen
+in Babylon seien gar nicht so dumm gewesen.
+Dabei lie&szlig; er die frivol gl&auml;nzenden &Auml;uglein forschend
+von Gesicht zu Gesicht wandern, denn er war
+ungemein eitel, so eitel, da&szlig; er nicht vertrug, wenn
+jemand in der Gesellschaft einen guten Witz machte,
+gerade als ob es nur ein bestimmtes Quantum Gel&auml;chter
+in der Welt gebe und er um seinen Anteil zu
+kommen f&uuml;rchte. Er besa&szlig; lange glatte, blonde Haare,
+die am Hinterkopf kunstvoll beschnitten waren und
+den m&auml;dchenhaft zarten Nacken frei lie&szlig;en; h&auml;ufig strich
+er mit der Hand &uuml;ber den Kopf, wobei er z&auml;rtlich
+sinnend oder boshaft triumphierend in die Luft schaute.
+Wenn jemand seinen Worten widersprach, so fing er
+an, irgendeine Melodie vor sich hinzusummen, und
+drehte den Kopf wie eine Soubrette mit schmachtendem
+Blick zur Seite. Er war wohlhabend, aber
+geizig; einmal war es Peter Palm gelungen, ihn
+anzupumpen, darauf hatte sich Barbeck monatelang
+nicht mehr blicken lassen. Bei Tag war er ein
+B&uuml;rger, nie h&auml;tte er sich bei Tag etwas gegen die
+b&uuml;rgerliche Ordnung zuschulden kommen lassen; bei
+Nacht dagegen setzte er Ehre darein, f&uuml;r einen erfahrenen
+Gl&uuml;cks- und Lebemann zu gelten, sprach mit
+pfiffig verschlagener Miene von seinen Abenteuern
+und von gewissen H&auml;usern der Liebe an der Stadtmauer
+dr&uuml;ben. Alle andern verachteten immer nur
+die Menschen im allgemeinen mit Ausnahme der Anwesenden,
+jeder Anwesende war eine Pers&ouml;nlichkeit
+von Bedeutung; Barbeck verachtete alle und zeigte
+jedem, da&szlig; er ihn verachte, ihm konnte man nichts
+vormachen, der &auml;lteste Ruhm zerstob vor seinen Augen
+in Dunst, und er pflegte nur hin und wieder mit
+feinschmeckerischem Zungeschnalzen Dinge zu loben, &uuml;ber
+die sich niemand eines Lobes versah oder die zu tadeln
+albern gewesen w&auml;re.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[301]</a></span>Engelhart wurde bis ins tiefste Herz beunruhigt.
+Dies gef&uuml;hllose Fertigsein; dies unbedingte
+Sichersitzen auf felsenfesten Urteilen; diese
+hohnlachende Philosophie, die ohne Skrupel das Erhabene
+von seinem Thron zerrte. Oft sa&szlig; er wie im
+Fieber und jeder Abend endete mit Stunden des
+Lebens&uuml;berdrusses. Denn wozu leben, wenn das,
+was er so g&ouml;ttlich in seinem Innern walten f&uuml;hlte,
+nur ein aberwitziges Spiel war, ein Traumgesicht,
+das vor andern zur Grimasse erstarrte? Mit Angst
+hielt er sich fest, um nicht zu fallen. Die &uuml;berflie&szlig;ende
+Empfindung suchte er zu verbergen, es
+war freilich umsonst, sie wu&szlig;ten es alle, sie machten
+sich zu Meistern seiner Unsicherheit und zerh&auml;mmerten
+sein Herz. Wie das Weltkind unter Pfaffen gezwungen
+wird, sein nat&uuml;rliches Betragen f&uuml;r eine
+S&uuml;nde anzusehen, so bequemte er sich, um doch
+wenigstens f&uuml;r ebenb&uuml;rtig genommen zu werden, mit
+ihren Geb&auml;rden zu reden und ihren Anschauungen
+beizupflichten. Er war der erste und der letzte bei
+allen Gelagen, geno&szlig; unzureichenden Schlaf und n&auml;hrte
+sich schlecht. Seine Lebensf&uuml;hrung war unsinnig, er
+mu&szlig;te Schulden machen, und anst&auml;ndige Leute, die
+ihm bisher wohlgewollt, wurden ihm feindselig gesinnt.
+Es war alles umsonst, Peter Palm glaubte
+ihm nicht. &raquo;Geben Sie sich keine M&uuml;he,&laquo; sagte er,
+&raquo;Sie sind ja doch nur ein verkappter Philister, der
+z&auml;hneklappernd einen Ausflug ins feindliche Land
+macht.&laquo; O dieser D&auml;mon im Schlafrock!</p>
+
+<p>Eines Nachts kam Barbeck aufgeregt ins Paradieschen
+und verk&uuml;ndete, Am&ouml;na Siebert sei in der
+Stadt und tanze in den Reichshallen. Daraufhin
+wurde der Beschlu&szlig; gefa&szlig;t, aufzubrechen, um die
+Siebert zu sehen, die nach Peter Palms Beteuerung
+das genialste Weib unter der Sonne war. Am&ouml;na
+Siebert war vor acht oder zehn Jahren Kellnerin im
+Wirtshaus zum Mondschein gewesen, und das siebzehnj&auml;hrige
+M&auml;dchen, ohne durch Sch&ouml;nheit aufzufallen,
+fand wegen ihrer Heiterkeit viele Anbeter.
+Eines Morgens nach einem Ball hatte sie den kleinen
+Saal aufzur&auml;umen, und pl&ouml;tzlich fiel ihr bei, eine
+Menge St&uuml;hle in zwei Reihen zu setzen, diese f&uuml;r
+T&auml;nzer und T&auml;nzerinnen anzusehen und zwischen
+ihnen hindurch die Touren einer Anglaise zu tanzen,<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[302]</a></span>
+ein Vergn&uuml;gen, das sie leidenschaftlich liebte, weil sie
+dabei die Leichtigkeit und Anmut ihrer Bewegungen
+sp&uuml;ren konnte. Ein durchreisender Fremder belauschte
+und &uuml;berraschte sie, er machte ihr das Anerbieten, sie
+ausbilden zu lassen, einige Monate darauf h&ouml;rte man
+von ihren gro&szlig;en Triumphen, pl&ouml;tzlich war sie verschollen
+und es hie&szlig;, ein italienischer Graf habe sie
+entf&uuml;hrt. Viel sp&auml;ter war sie noch einmal in der
+Stadt gewesen und hatte getanzt, darauf hie&szlig; es
+wieder, ein Liebhaber habe sich ihre Gutm&uuml;tigkeit zunutze
+gemacht und sie zugrunde gerichtet. Jedenfalls
+ging es ihr jetzt schlecht, sonst w&auml;re sie nicht in den
+Reichshallen aufgetreten, einem Lokal letzten Rangs.
+An diesem Abend tanzte sie nicht, am n&auml;chsten Abend
+sah sie Engelhart zum erstenmal, hatte aber keinen
+guten Eindruck von ihr; ihre Bewegungen erschienen
+ihm frech und gewaltsam, nur die traurigen, starr in
+die rauchige Luft des eklen Raums gerichteten Augen
+ber&uuml;hrten sympathisch. Barbeck machte sich hinter einen
+von Am&ouml;na Sieberts Bekannten, und dieser versprach,
+ihn und seine Freunde mit der T&auml;nzerin zusammenzubringen,
+die gegenw&auml;rtig ohne Anhang sei. Barbeck
+hatte Bedenken, die Sache drohte Geld zu kosten, er
+war der einzige Zahlungsf&auml;hige bei der Partie, indessen
+gab er sich der Hoffnung hin, auf die Kosten
+zu kommen, und gegen Mitternacht zog die ganze Gesellschaft
+mit Am&ouml;na in einen Weinkeller. Am&ouml;na
+Siebert trug sich wie eine vornehme Dame. Ihr
+oberfl&auml;chlich lustiger Ton zeugte von der stetigen Gewohnheit
+des Verkehrs mit fremden Leuten. Mehrmals
+hatte es dennoch den Anschein, als f&uuml;hle sie
+sich unbehaglich und aus dem verschleierten Blick
+spr&uuml;hte Widerwillen. Barbeck benahm sich wie ein
+Faun, er trank mehr, als er vertragen konnte, und
+wurde nach und nach zudringlich, Klewein, bebend
+vor Wut, lie&szlig; ihn barsch an, es entstand Streit,
+Peter Palm mu&szlig;te sich ins Mittel legen, am Ende
+stritten auch Klewein und Palm und warfen einander
+Wahrheiten an den Kopf. Der Baron suchte Am&ouml;na
+mit aristokratischen Manieren zu bestechen, w&auml;hrend
+Jentsch und Krapotkin die Gelegenheit des Freitisches
+benutzten, um sich g&uuml;tlich zu tun. Engelhart litt.
+Eine mahnende Stimme ert&ouml;nte in seinem Innern,
+und wie unter einer Bergeslast st&uuml;tzte er den Kopf
+in die H&auml;nde.</p>
+
+<p>Es blieb nicht verborgen, da&szlig; Klewein f&uuml;r die
+Siebert leidenschaftlich entbrannt war. Er opferte
+das letzte, was er hatte, um sich einen tadellosen Anzug
+zu verschaffen. Ob er erh&ouml;rt wurde, war nicht
+zu erfahren, man wu&szlig;te nur, da&szlig; er mitsamt seinem
+feinen Anzug obdachlos war, denn Palm, bei dem er
+oft gen&auml;chtigt, wollte nichts mehr von ihm wissen. Es
+beleidigte ihn, sich um eines Frauenzimmers willen
+beiseite geschoben zu sehen. Jentsch und der Erfinder
+gingen einmal sp&auml;t nachts am G&uuml;terbahnhof spazieren,
+da &uuml;berraschten sie Klewein, wie er sich auf einem
+Frachtfuhrwerk das Lager zum Schlafen richtete. Er
+machte humoristische Glossen dar&uuml;ber, die beiden
+dummen Menschen lie&szlig;en sich t&auml;uschen und lachten
+mit ihm. Barbeck war die ganze Zeit &uuml;ber voll Gift
+und Galle, tr&ouml;stete sich aber immer wieder mit Peter
+Palms Versicherung, da&szlig; die Siebert unm&ouml;glich einem
+Klewein ihre Gunst schenken k&ouml;nne. Eine Woche
+sp&auml;ter hie&szlig; es, Am&ouml;na Siebert sei krank und die
+Direktion der Reichshallen mache Schwierigkeiten mit
+dem Kontrakt, das M&auml;dchen habe ihre Wohnung aufgeben
+m&uuml;ssen und sei zu einer armen Verwandten
+gezogen.</p>
+
+<p>Eines Abends trafen sich Engelhart und Klewein
+am Laufertor, schlenderten eine Weile planlos um
+den Graben, und Klewein wurde von Minute zu
+Minute d&uuml;sterer und zerstreuter. Engelhart dachte,
+es seien die Geldsorgen schuld, und da Monatsanfang
+war und er gerade ein paar Taler in der Tasche
+hatte, fragte er Klewein, ob er ihm aushelfen k&ouml;nne.
+Das Anerbieten wurde dankbar angenommen, aber
+Kleweins Betragen ver&auml;nderte sich deshalb nicht.
+Engelhart war nicht f&auml;hig, jemand auszuforschen, er
+liebte gar nicht Gest&auml;ndnisse eines andern, er war zu
+sehr mit sich selbst besch&auml;ftigt. Klewein schlug ihm
+vor, mit in die Reichshallen zu gehen, und auf dem
+Wege dorthin erz&auml;hlte er, offenbar in dem qualvollen
+Drang, sich irgendwem zu er&ouml;ffnen, wie ihn Am&ouml;na
+Siebert an der Nase herumf&uuml;hre, wie sie ihn leiden
+lasse durch seine Leidenschaft und da&szlig; er dar&uuml;ber des
+Lebens satt und &uuml;bersatt geworden sei. Wie aus
+Fieberphantasien stieg Am&ouml;nas Bild empor als das
+einer Vergifterin, eines Molochs.</p>
+
+<p>Stumm sa&szlig;en sie w&auml;hrend der Vorstellung in
+den Reichshallen, geh&auml;ssig aufgeregt durch den L&auml;rm,
+die widerliche Musik und den Anblick der verw&uuml;steten
+M&auml;nner- und Weibergesichter. Sp&auml;ter gingen sie mit
+Am&ouml;na in ein nahegelegenes Caf&eacute;. Klewein redete
+best&auml;ndig, Am&ouml;na unterbrach ihn oft mit einer
+sp&ouml;ttisch stachelnden Bemerkung, sie sah matt und
+bla&szlig; aus, oft schien es, als werde ihre Brust ausgegl&uuml;ht
+von einer verborgenen rasenden Ungeduld.</p>
+
+<p>Engelhart schwieg zumeist. Ihn erbarmte des
+Weibes, er wu&szlig;te nicht wie und warum. Die Gegenwart
+einer Frau stimmte ihn &uuml;berhaupt stets milder
+und s&uuml;&szlig;er. Auf dem Heimweg entstand pl&ouml;tzlich ein
+Wortwechsel zwischen Klewein und Am&ouml;na; eigentlich
+um nichts, der Zwiespalt lag mehr in den beiden
+Menschen selber als in ihrer Wirkung aufeinander.
+Als Klewein sie aufs &auml;u&szlig;erste gereizt hatte, blieb
+Am&ouml;na stehen und sagte kalt: &raquo;Jetzt habe ich genug
+<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">[303]</a></span>von Ihnen,&laquo; und streckte dabei befehlend den Arm
+aus. Klewein starrte sie an, dann verbeugte er sich
+sarkastisch und ging hinweg. Seine heftigen Schritte
+verklangen in der Finsternis. Am&ouml;na wendete sich
+mit einem drohenden Blick zu Engelhart und fragte:
+&raquo;Sind Sie auch so einer?&laquo; Und da er schwieg,
+nahm sie seinen Arm, und da er ihr nicht werbend
+entgegenkam, schien sie zu erstaunen. Unter einer
+Gaslaterne nahm sie ihm den Hut ab, legte die
+Hand auf seine Schulter, sah ihn pr&uuml;fend an und
+sagte halb l&auml;chelnd, halb traurig: &raquo;So jung, so
+jung!&laquo; Sie blieben eine Weile stehen, dann sagte
+sie: &raquo;Jetzt gehen Sie nach Hause und schlafen
+Sie sich mal aus, und morgen abend um neun
+Uhr kommen Sie zu mir, ich tanze morgen nicht,
+ich f&uuml;hle mich wieder unwohl, kommen Sie zu mir
+in die Wohnung.&laquo; Sie nannte ihm die Stra&szlig;e
+und das Haus, nickte kokett und schritt langsam
+davon. Engelhart kam taumelnd heim, entschlief
+erst, als der Tag anbrach, und wurde durch einen
+Abgesandten des Bureaus aufgeweckt, der ihm ein
+Schreiben von Herrn Zittel &uuml;bergab. Herr Zittel
+schrieb, seine Geduld sei nun zu Ende, nur der R&uuml;cksicht,
+die man auf seinen Vater nehme, habe es
+Engelhart zu verdanken, da&szlig; man ihn noch nicht
+davongejagt. Engelhart schrieb zur Antwort, er sei
+krank, versprach morgen zu kommen, versprach sich zu
+bessern. Als er um sieben Uhr nachmittags ins Paradieschen
+kam, war Barbeck zugegen, es wurde nat&uuml;rlich
+&uuml;ber Klewein und Am&ouml;na geredet, durch ein unvorsichtiges
+Wort machte er den immer lauernden und
+mi&szlig;trauischen Barbeck stutzig und sein Err&ouml;ten setzte
+ihn noch mehr in Verdacht. Es erschienen auf einmal
+viele Leute, meist unbekannte Gesichter, einer von
+ihnen trat zum Tisch und begr&uuml;&szlig;te Barbeck, es war
+ein schlanker Mensch mit au&szlig;erordentlich sch&ouml;nen,
+bleichen Z&uuml;gen, hinter dem Zwicker funkelten feurige
+Augen. Engelhart war es l&auml;ngst m&uuml;de, immer wieder
+Menschen zu sehen, ihm bangte vor jedem neuen
+Namen, auch dieser Fremde machte ihn ungeduldig,
+indessen ward er sehr best&uuml;rzt durch den ernsten, tiefen,
+mitleidigen Blick, der ihn aus jenen Augen traf. Er
+begann zornig zu werden und schaute mit Absicht in
+eine andre Richtung, endlich zahlte er und brach auf.
+Barbeck bat, auf ihn zu warten, er wolle ihn begleiten,
+Engelhart z&ouml;gerte und erwog, wie er sich des
+Mannes entledigen k&ouml;nne, es war schon halb neun.
+Drau&szlig;en fragte er nach dem schwarzb&auml;rtigen Herrn,
+der ihm so &auml;rgerlich gewesen war, und Barbeck sagte,
+das sei ein toller Kauz, ein ganz toller Kauz. Das
+war alles. &raquo;Was ist er denn? wie hei&szlig;t er?&laquo; fragte
+Engelhart mit best&auml;ndig wachsendem Groll. Er hei&szlig;e
+Justin Schildknecht und sei ... eben ein toller Kauz.
+Barbeck lachte wieder einmal geheimnisvoll in sich
+hinein.</p>
+
+<p>In Wirklichkeit verhielt sich die Sache so. Barbeck
+hatte sich einst, ohne Vorwissen Engelharts, eine
+stenographische Abschrift von der Geschichte vom kleinen
+Br&auml;utigam gemacht. Vor kurzem war er mit Justin
+Schildknecht, einem seiner b&uuml;rgerlichen Tagesbekannten,
+beisammen gewesen, und um zur Erlustigung beizutragen,
+hatte er das Geschichtchen vorgelesen, gespickt
+mit eignen witzigen Einschiebseln. Der Zuh&ouml;rer hatte
+sich aber in andrer Weise daf&uuml;r erw&auml;rmt und den
+Wunsch ge&auml;u&szlig;ert, Engelhart kennen zu lernen. Nichts
+leichter als das, meinte Barbeck, kommen Sie um die
+und die Stunde da und da hin.</p>
+
+<p>Es war schw&uuml;l. Bleifarbene Wolken ums&auml;umten
+den Himmel, die den vergehenden Tag wie Tiere in
+unsichtbaren Klauen noch zu halten schienen. W&auml;hrend
+Engelhart &uuml;berlegte, wie er von Barbeck loskommen
+k&ouml;nne, war ihm der Zufall bei seinem Vorhaben behilflich.
+Von der Haller Wiese her zog ein gro&szlig;er
+Trupp Menschen, lauter Arbeiter. Es war eine Kundgebung.
+Die Leute von den Spiegelglasfabriken
+hatten einen Streik veranstaltet. Aus dem Tor marschierten
+Polizeileute. Junge Burschen pfiffen und
+johlten, ein Herr im Zylinder rannte in gr&ouml;&szlig;ter Eile
+inmitten der Fahrstra&szlig;e, Engelhart entschl&uuml;pfte in das
+Gedr&auml;nge.</p>
+
+<p>Als er vor dem Haus anlangte, wo Am&ouml;na
+wohnte, es war ein altes Geb&auml;ude nahe der Insel
+Sch&uuml;tt, fing es an zu regnen. Sein Blut war so
+aufgeregt, da&szlig; der Arm zitterte, als er an der Glocke
+zog, und ungeduldigstes Verlangen machte sein Auge
+feucht. Ein altes buckliges Weib, wie einer Hexengeschichte
+entlaufen, &ouml;ffnete und f&uuml;hrte ihn &uuml;ber einen
+modrig riechenden Gang in ein kellerartiges Gemach.
+Ein riesiger Altn&uuml;rnberger Schrank und eine Ampel
+mit rotem Glas konnten nicht den Eindruck der Armseligkeit
+mildern. An einigen N&auml;geln an der Wand
+hingen die bunten Gew&auml;nder der T&auml;nzerin und sie
+selbst sa&szlig; auf dem Sofa und n&auml;hte eine blaue Schleife
+auf ihren Hut. Sie schwatzte wie ein kleines M&auml;dchen,
+fragte ihn, ob er reich sei, ob er reich werden wolle,
+schimpfte auf die reichen Leute, auf das Geld, auf
+die M&auml;nner, auf die ganze Welt. &raquo;Fr&uuml;her ist man
+wenigstens in die Kirche gegangen,&laquo; sagte sie, &raquo;jetzt
+fehlt auch das.&laquo; Dann blickte sie pl&ouml;tzlich auf und
+fragte mit seltsamer Heftigkeit, ob er sie sch&ouml;n finde;
+und da er betreten schwieg, ob er sie h&uuml;bsch finde,
+ob sie schon verbl&uuml;ht sei. &raquo;Die Spiegel l&uuml;gen,&laquo; rief
+sie aus, &raquo;nur die Weiber sind ehrlich, wenn sie aufh&ouml;ren,
+neidisch zu sein.&laquo; Sie stand auf, ging zur
+T&uuml;r, lauschte, riegelte zu, trat dann zu Engelhart
+und sah wartend, l&auml;chelnd, nicht ganz ohne Befangenheit
+<span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[304]</a></span>in sein Gesicht. Alles an ihr war ein wenig
+gelblich, das Haar, die Haut, ja sogar die Augen.</p>
+
+<p>Engelhart vermochte weder zu reden noch sich zu
+bewegen, er sa&szlig; wie angeschmiedet und erstaunte selbst
+&uuml;ber seinen unbegreiflichen Zustand. Nicht als ob
+ihm Am&ouml;na auf einmal reizlos erschienen w&auml;re. Er
+f&uuml;hlte noch dasselbe dumpfe Verlangen nach ihr wie
+vordem. Aber zuerst war es dies gewesen: er glaubte
+sie durch eine Miene oder Geb&auml;rde der Ann&auml;herung
+zu beleidigen, sie, die er doch kaum kannte; dann
+f&uuml;rchtete er etwas andres, das Leben hinter ihr, die
+Bitterkeit in ihrer Brust, und au&szlig;erdem war es ihm
+unm&ouml;glich, ihr auch nur ein einziges z&auml;rtliches Wort
+zu sagen, weil er keine Z&auml;rtlichkeit empfand und weil
+er sie nicht niedrig genug sch&auml;tzte, um skrupellos zu
+nehmen, was vielleicht mit Mut und Selbstverleugnung
+gegeben wurde. Es war zugleich Stolz und
+Feigheit, Achtung vor dem Weibe und Angst vor
+einer Verantwortung, Trotz und Scham, doch haupts&auml;chlich
+wohl Scham und schlie&szlig;lich auch eine nagende,
+beklemmende Traurigkeit. Alles das war es, nur
+kein Zugreifen und unbek&uuml;mmertes Wagen. Zu viel
+enthielt jeder Augenblick f&uuml;r ihn, zu eifrig schaute er
+vorw&auml;rts und r&uuml;ckw&auml;rts und seitw&auml;rts und nach innen
+hinein in die Tiefe. Ein Mensch war ihm etwas unergr&uuml;ndlich
+Vielfaches, Schwieriges, Gewundenes,
+R&auml;tselhaftes, und ein Weib, das war nun ganz und
+gar ein Geheimnis.</p>
+
+<p>Am&ouml;na hatte ihn zu liebkosen versucht; sie lie&szlig;
+nun ab und setzte sich bleich und stumm auf den
+Rand ihres Bettes. Sie warf einen schnellen Blick
+in den Spiegel, der nebenan an der Wand hing, und
+ihr Gesicht hatte einen herausfordernden, wild-ver&auml;chtlichen
+Ausdruck. Dann ging eine ganze Kette
+von Ver&auml;nderungen in ihrem Gesicht vor; die Z&uuml;ge
+erschlafften, unter den gesenkten Lidern hervor sickerte
+eine hohle M&uuml;digkeit &uuml;ber Wangen und Mund, &uuml;ber
+den Leib flog ein Schauder, sie warf sich quer &uuml;ber
+das Bett und seufzte aus furchtbar bedr&auml;ngter Brust.
+Engelhart war sehr best&uuml;rzt dar&uuml;ber, was er da angerichtet,
+er h&auml;tte es gern wieder ungeschehen gemacht,
+aber das war nun vorbei. So stand er auf, ging
+zur T&uuml;re und sagte sch&uuml;chtern gute Nacht.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en regnete es noch in Str&ouml;men, wie Peitschenschl&auml;ge
+klatschte es aufs Pflaster. Indes er unter
+dem Toreingang wartete und den Hutrand herunterst&uuml;lpte,
+weil das Wasser vom Pfosten ab und ihm
+ins Gesicht spritzte, l&ouml;ste sich aus der Dunkelheit der
+gegen&uuml;berliegenden Mauer eine Gestalt und kam rasch
+auf ihn zu. Es war Franz Klewein. Engelhart
+erschrak. Klewein trat dicht vor ihn hin, ergriff mit
+beiden H&auml;nden seine Rechte und mit schlotternden
+Kinnladen murmelte er: &raquo;Mensch! Mensch!&laquo; Es war
+nichts Tobendes in seiner Stimme, nur Schmerz und
+leidenschaftliche Bewegtheit. Engelhart befand sich
+jedoch in wunderlicher Lage; er konnte jenem nicht
+sagen: das, was du f&uuml;rchtest, ist nicht geschehen, denn
+es gibt eine M&auml;nnereitelkeit, die st&auml;rker ist als jedes
+Gef&uuml;hl von S&uuml;nde.</p>
+
+<p>Klewein schien es auch als ein Fatum zu nehmen.
+Ja, er behandelte Engelhart herzlicher als vorher
+und suchte im &uuml;brigen wieder Peter Palms Gesellschaft,
+die ihm immer unentbehrlicher wurde; sie besch&auml;ftigten
+sich nach alter Gewohnheit damit, H&ouml;hlen
+zu bauen und andrer Leute Vorratskammern zu pl&uuml;ndern.</p>
+
+<p>Es begann damals ein neuer Wind durch die
+Zeiten zu wehen; vieles zerbarst, was bislang in
+unantastbarer Scheinherrlichkeit gestanden, ein Fr&uuml;hling
+des Gedankens war es, ein M&auml;rz der Hoffnungen,
+mit Fug durfte man Gewohntem mi&szlig;trauen, es brachen
+Bl&uuml;ten auf, so fremdartig, da&szlig; m&uuml;de Augen sie f&uuml;r
+Traumgebilde nahmen, es war wieder einmal freier
+zu atmen und mancherlei stand im Wachsen. Engelhart
+sp&uuml;rte es in allen Fasern und wu&szlig;te nicht, wohinaus
+damit; ein heftiges, blindes Wollen machte
+ihn unf&auml;hig, dem Augenblick, der gegenw&auml;rtigen
+Stunde genugzutun, seine Sehnsucht schien ihm doch
+nicht die rechte zu sein, da sie ihn nicht an die rechte
+Stelle f&uuml;hrte. Jene aber, an die er sich drangvoll
+anschlo&szlig;, taten, als w&uuml;&szlig;ten sie von nichts. Wenn
+der Sturm brauste, sagten sie: &raquo;Ach was, das Fenster
+schlie&szlig;t wieder einmal nicht&laquo;, und statt die Richtung
+zu deuten, machten sie sich &uuml;ber die Wetterfahne lustig.
+Sie verw&uuml;hlten sich, und um nichts zu sehen, wenn
+es am wettertr&auml;chtigen Himmel leuchtete, schlossen sie
+krampfhaft die Augen und schrien: Es ist finster.
+Engelhart, in jeder Weise allzu intensiv auf Menschen
+angewiesen, ward um sein Lauschen betrogen
+und etwas Arges, Schm&auml;hliches kam &uuml;ber ihn.</p>
+
+<p>Mit dem trotzigen Entschlu&szlig; zur Verworfenheit,
+gleichsam mit verh&auml;ngtem Gesicht und aufgerissener
+Brust hatte sich Klewein in ein lasterhaft-ausschweifendes
+Treiben gest&uuml;rzt. Der Baron, ebenfalls ein
+Mensch, der das Leben dort suchte, wo andre es wegwarfen,
+unterst&uuml;tzte ihn, Barbeck machte den l&uuml;sternen
+Neugierigen und Peter Palm sprach von sozialwissenschaftlichen
+Forschungsreisen, damit die Sache ein
+M&auml;ntelchen habe. Es mu&szlig;te alles ein M&auml;ntelchen
+haben, jeder Mann und jedes Ding. &raquo;Kommen Sie,
+Freundchen,&laquo; sagte er zu Engelhart, als dieser einmal
+schmerzlich z&ouml;gerte, &raquo;die verlorenen S&ouml;hne geh&ouml;ren
+zu den verlorenen T&ouml;chtern.&laquo; Sie traten in
+ein Haus, auf dessen Steinschwelle sich eine Lache
+geronnenen Blutes befand; daneben lag ein zerschnittener,
+halbverfaulter Apfel.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span>Aus schmutzigen Kneipen lasen sie verwahrloste
+Frauenzimmer auf und zogen mit ihnen umher. Am
+Abgrund taumelnde Wesen waren es, die mit Lust
+den letzten Funken der Unschuld in ihrer von Leiden
+durchpfl&uuml;gten Brust versch&uuml;tteten. Engelhart ward
+seinem Mitleid und seinem Abscheu ein Spielball.
+Ihre Gesichter erschienen ihm im Traum und glichen
+den offenen Gr&auml;bern f&uuml;r alle Hoffnungen des Lebens.
+Aber die Dirne ist vogelfrei, sie steht au&szlig;erhalb
+der Welt, sie ist kein Weib mehr, sie ist die
+Kreatur schlechtweg, sie fordert keine Scham heraus,
+sie ist pflichtenlos und legt niemandem eine
+Pflicht auf.</p>
+
+<p>Engelhart wu&szlig;te, was er beging. Wie der Geldborger
+den besten Freund fliehen und f&uuml;rchten lernt,
+dem er verschuldet wird, so geht es auch dem, der
+sein eignes Herz zum Gl&auml;ubiger macht; er findet einen
+unerbittlich stumm mahnenden Feind in ihm. Je
+mehr Engelhart sich mit Schuld bedeckte, je mehr bet&ouml;rte
+er sich mit dem Traum einer gro&szlig;en Erl&ouml;sung.
+Er sah das Weib in seiner schmachvollsten Niedrigkeit
+und baute innerlich ein Gebilde von unnennbarer
+Keuschheit, eine Gespielin der G&ouml;tter. Da&szlig; Engelhart,
+so f&uuml;r die Liebe geschaffen wie keiner, gerade an ihr
+zum Frevler werden mu&szlig;te und zum immer wissenden
+Frevler, zum s&uuml;hneerwartenden; seine Jugend hinwerfen
+mu&szlig;te, das verirrte Gef&uuml;hl nicht bewahren
+konnte, im Wahnwitz der Ungeduld um ein Ziel und
+eine Bestimmung alles von sich werfen mu&szlig;te, was
+ihn stark und rein erhalten konnte!</p>
+
+<p>Es war eine Septembernacht, der Morgen lie&szlig;
+schon die Giebel der H&auml;user erblassen, da ging Engelhart
+mit wunderlicher Langsamkeit, die H&auml;nde vor das
+Gesicht gedr&uuml;ckt, Schritt f&uuml;r Schritt seiner Wohnung
+zu. Er mochte nicht emporblicken, die schwarzen Fenster
+der H&auml;user wurden ihm zu Augen, wie die Augen
+von Dirnen traurig und leer. In dieser Stunde der
+Verzweiflung begegnete ihm jener Justin Schildknecht,
+den er durch Barbeck kennen gelernt und den er seitdem
+nicht wiedergesehen hatte. Er hatte die H&auml;nde
+vom Gesicht genommen, als der halb Unbekannte vor&uuml;berging,
+und sah ihm unwillk&uuml;rlich nach. Pl&ouml;tzlich
+drehte sich Schildknecht um, kam wieder zur&uuml;ck, sie
+wechselten ein paar Worte, auf einmal f&uuml;hlte Engelhart
+wie durch einen Zauberschl&uuml;ssel sein Inneres aufgeschlossen,
+sie gingen miteinander weiter, redeten,
+redeten, Verwicklungen l&ouml;sten sich, Nebel entschwebten,
+der Himmel wurde licht, Engelhart fand sich so herrlich
+verstanden, z&auml;rtlich beruhigt, endlich ein h&ouml;rendes
+Ohr, ein sehendes Auge, ihm war, als steige er aus
+Bergwerkssch&auml;chten empor, und als sie sich trennten,
+besa&szlig; er einen Freund.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2>
+
+
+<p class="newsection"><span class="dropcap">J</span>ustin Schildknecht trat als Prediger und Reformator
+in den Lebenskreis Engelharts. Dies und
+dies ist ganz verkehrt und jetzt werden wir die Sache
+so und so anfassen, sagte er; Engelhart wu&szlig;te, wie
+verkehrt alles war und wo das Rechte lag, und war
+doch entz&uuml;ckt, es mit Worten zu vernehmen. Bisher
+hatte niemand sich die M&uuml;he genommen, ihm einen
+Weg zu weisen, als ob es gleichg&uuml;ltig sei, wohin er
+ging, da er nicht stille hielt vor der Krippe, wo sie
+ihn haben wollten. Schildknecht aber sagte: &raquo;Du geh&ouml;rst
+ja gar nicht an die Krippe in den Stall, du
+geh&ouml;rst hinaus in die Welt, du geh&ouml;rst der Welt und
+geh&ouml;rst dir selbst.&laquo; Das machte Engelhart sicher wie
+einen, der lange Zeit ein von der Beh&ouml;rde nicht konzessioniertes
+Gesch&auml;ft betrieben hat und nun den Erlaubnisschein
+vom Minister selbst erh&auml;lt.</p>
+
+<p>Zun&auml;chst hei&szlig;t es sich von Peter Palm und seiner
+Sippe losmachen, erkl&auml;rte Schildknecht. Nichts schien
+leichter; Engelhart dachte: &#8250;Ich meide die Gesellschaft
+und alles ist in Ordnung.&#8249; Aber wenn die Stunde
+kam, trieb es ihn an die gewohnte St&auml;tte, als w&auml;re
+sein Blut vergiftet von der Luft dort, von den Blicken,
+Worten und Zeichen, von all dem Nichts, und f&auml;nde
+nicht eher Ruhe, bis es wieder Gift genossen. Auch
+lag in seiner Natur eine gewisse sinnliche Treue gegen
+Menschen, denen er einmal nur den geringsten Teil
+seines Herzens geschenkt, und er verstand es nicht,
+irgendein Band, das ihn fesselte, wenn auch verderblich
+fesselte, unbek&uuml;mmert zu zerschneiden. Er schleppte
+immer s&auml;mtliche &Uuml;berbleibsel aller Beziehungen zu
+Menschen schwerf&auml;llig hinter sich her.</p>
+
+<p>Dazu kam, da&szlig; Peter Palm pl&ouml;tzlich Besitzrechte
+an Engelhart geltend machte wie an einen Sklaven,
+der die Freiheit will. Engelhart nahm das sehr ernst.
+Er erachtete sich f&uuml;r gebunden, ihm schien, als ob ein
+Vertrag ihn fe&szlig;le. Da&szlig; Schildknecht um dessentwillen
+nicht an ihm irre ward und hinter der schw&auml;chlichen
+Handlung das verzagte Gem&uuml;t sp&uuml;rte, das war ein
+sch&ouml;ner Zug an ihm. Er folgte Engelhart; er lie&szlig;
+sich zum Schein selbst von den F&auml;den umgarnen, aus
+denen er ihn l&ouml;sen wollte, zog n&auml;chtelang mit umher,
+und wenn sie dann allein waren, redete er ihm g&uuml;tig
+zu und ri&szlig; den Flitterschleier von dem genialischen
+Unwesen.</p>
+
+<p>Schildknecht wohnte mit seiner Mutter in einem
+uralten Hause am Egydienplatz. &Uuml;ber dem Tor war
+der K&ouml;rper eines aufhorchenden, im Lauf stillestehenden
+Windspiels in Stein gemei&szlig;elt. Schildknechts
+Wesen und Erscheinung erinnerten sehr an dies Sinnbild
+nerv&ouml;ser Wachsamkeit. Er war reizbar und scheu
+<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span>wie ein eingesperrtes Tier. Einmal f&uuml;hrte er Engelhart
+in ein leeres Zimmer des Hauses, wo das
+Bildnis seines Vaters hing. Engelhart empfand beinahe
+Furcht vor dem schwarzb&auml;rtigen Gesicht mit den
+durchdringenden Augen und beneidete dennoch den
+Freund, &uuml;ber dessen Leben eine so verehrungsw&uuml;rdige
+und gewaltige Erscheinung thronte. In seiner behaglich-breiten
+und schn&ouml;rkelhaft-abschweifenden Manier
+erz&auml;hlte Schildknecht, wie sein Vater im Revolutionsjahr
+in die B&uuml;rgerversammlung gekommen war und
+wie der Anblick seiner majest&auml;tischen Person gen&uuml;gte,
+um die Zwietr&auml;chtigen eines Sinnes zu machen. Aber
+die Erinnerung an diesen Mann, die R&uuml;ckwirkung
+einer tyrannischen und kl&ouml;sterlichen Erziehung beirrte
+Justins bis zur Schmerzhaftigkeit empf&auml;nglichen Geist
+mehr, als sie ihn festigte.</p>
+
+<p>Er war Entwurfzeichner f&uuml;r eine chromolithographische
+Anstalt und verdiente ziemlich karg sein
+Brot. Der Kopf war ihm voll von Pl&auml;nen und
+Ideen, die ihn in seinem engen Lebenskreis umherpeitschten,
+und er fand nicht den Weg in die gro&szlig;e
+Welt. Vielfaches Mi&szlig;lingen hatte ihn argw&ouml;hnisch
+gemacht und die Kleinlichkeit seiner Umgebung benahm
+ihm den Atem. Er war verlobt mit einem sch&ouml;nen
+M&auml;dchen aus wohlhabender Familie, die Eltern der
+Braut wollten von einer Heirat nichts wissen, solange
+Schildknecht ohne sichere Stellung war. Zwei Schwestern,
+giftige Schlangen, nur im Neid vegetierend,
+trugen schmutzigen Klatsch ins Haus, machten die
+Braut zum Aschenbr&ouml;del, h&auml;uften die Erbitterung.
+Schildknechts Vergangenheit wurde b&ouml;swillig durchforscht,
+anonyme Briefe tauchten auf, das Verh&auml;ltnis
+mit der Geliebten wurde zur Qual. Schildknecht war
+zu stolz, sich zu rechtfertigen, aber die Unbill verzehrte
+ihn. Wochenlang durfte er dem M&auml;dchen nicht nahen,
+dann hielt er sich geflissentlich fern. Engelhart sah
+einmal das junge Ding, versch&uuml;chtert ging sie daher,
+doch gleich Beatrice &raquo;macht&#8217; ihr Anblick jedes Ding
+bescheiden&laquo;, und in ihrem Gesicht lag ein holdes Ertragen.
+Schildknecht sprach selten von ihr und nur
+in Andeutungen, denn in allem, was Frauen und
+Liebe betraf, war er scheu und keusch.</p>
+
+<p>Justin Schildknecht liebte die Kunst. Doch was
+irgend mit Werkt&auml;tigkeit zusammenhing, schob er in
+weite Ferne: aus Ehrfurcht, um nicht mit unfertiger
+Hand zu freveln. Er meinte, es m&uuml;sse wie Sturmflut
+&uuml;ber ihn kommen, und es sei nichts vonn&ouml;ten,
+als der gemeinen Misere enthoben zu sein. Einstweilen
+bi&szlig; er sich die Lippen blutig an der Kette,
+die ihn hielt. Seltsam war es f&uuml;r Engelhart, mit
+Schildknecht vor dem Sebaldusgrab zu stehen, das er
+als Knabe in der dumpfen Lust an Gestaltlichkeit betrachtet
+hatte, und doch ahnend, wie Sch&ouml;nheit aus
+dem innersten Kern der Welt sprie&szlig;t. Schildknecht
+verg&ouml;tterte die alten Meister, in ihnen sah er alles
+verk&ouml;rpert, was ihm die Heimat war und geben konnte.
+Engelharts stille Bewunderung war ihm nicht genug,
+er stachelte ihn zu lautem Bekennen, und das war zu
+viel, das erm&uuml;dete Engelhart, unter solchem Zwang
+h&auml;tte er auch im Paradies trotzig die Augen geschlossen.
+So entwand ihm Schildknechts Herrischkeit manches,
+manches Werk, manchen Menschen, manches freie
+Staunen. Um sich und den Freund baute Schildknecht
+eine Mauer des Hasses, und Engelhart &ouml;ffnete
+sein Ohr f&uuml;r Schildknechts b&ouml;ses Hadern gegen die
+Zeit; mit der Gabe des Wohlwollens ohnehin sp&auml;rlich
+bedacht wie alle, deren wunde Brust ruhelos der
+Menschheit entgegendr&auml;ngt, entfernte sich Engelhart,
+selber noch Ringender, hoff&auml;rtig und besserwissend von
+den Ringenden, als ob er darum schon des Irrtums
+enthoben w&auml;re, weil er angefangen, fremdes Irren
+zu durchschauen. Der eine, einzige, der ihm, zum
+erstenmal, das Gef&uuml;hl eignen Wertes gab, gen&uuml;gte,
+um einer Welt den R&uuml;cken zu kehren. Und als Schildknecht
+den Freund so weit hatte, als er nur sch&uuml;chtern
+glimmende Hoffnungen zu st&auml;rkerer Glut angefacht
+hatte, dem unaufh&ouml;rlich fragenden Herzen in seiner
+ganzen Person ein verk&ouml;rpertes, lebendiges, trotziges
+Ja geworden war, da fiel es ihm nicht mehr schwer,
+ihn aus Peter Palms Zauberkreis zu befreien, und
+Engelhart war verwundert und besch&auml;mt, als es ihn
+pl&ouml;tzlich nicht mehr zur&uuml;ckzog in die dunkle Sph&auml;re.</p>
+
+<p>Schildknecht erlaubte nicht, da&szlig; Engelhart das
+armselige Loch in der Arbeitervorstadt weiter bewohnte.
+Sie fanden ein wohlfeiles Zimmer in Sankt Johannis
+vor dem Tor, in einem stillen Gartenhaus, und bald
+sp&uuml;rte Engelhart das Wohltuende von Ruhe, Luft und
+Licht. Bis in die sp&auml;te Nacht, auch wenn Schildknecht
+schon l&auml;ngst gegangen war, konnte Engelhart
+nicht schlafen und lag oft noch mit offenen Augen,
+wenn die Morgend&auml;mmerung durch die Gardinen
+blinzelte. Gestalten, denen er nie begegnet, regten
+sich wie Schattenbilder an der Wand, l&ouml;sten sich von
+der Wand und schauten ihn an: ganz Blick, ganz
+Schicksal. In ihrem Schreiten war Musik. Der
+Wille, sie festzuhalten, ersch&uuml;tterte jeden Nerv. Sie
+waren St&uuml;cke seiner selbst, gleichwohl waren sie ihm
+fremd; ihr Antlitz war fremd, aber mit ihrem Innern
+war er vertraut. Sie sprachen nicht, sie t&ouml;nten, und
+nicht die Freude, sondern das Leiden machte sie t&ouml;nend.
+Die Wonne des geisterhaften Seins umgab ihre dunkeln
+K&ouml;rper mit rosiger Kontur. Sie folgten keineswegs
+einem Rufe, sie erschienen, nach echter Gespensterart,
+wann es ihnen beliebte.</p>
+
+<p>Engelharts Blut wurde trunken und matt und
+wieder trunken durch die verf&uuml;hrerische Gaukelei.
+<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span>Feindselig empfing ihn der gemeine Werktag. Er irrte
+im Bodenlosen und n&auml;hrte den Geist mit den Verlockungen
+der Phantome. In den letzten Tagen des
+Sp&auml;therbstes wurde es so schlimm, da&szlig; er die Erf&uuml;llung
+der notwendigen Pflichten hintansetzte. Eine Woche
+lang verlie&szlig; er das Zimmer nur zur Nachtzeit, um
+mit Schildknecht umherzustreifen. Ohne eigentlich
+krank zu sein, war sein K&ouml;rper von unbeschreiblicher
+Schlaffheit umfangen. Es qu&auml;lte ihn ein seltsamer
+Durst, der vor jeder Labung in Ekel &uuml;berging. Im
+Schlummer empfand er wie Sturmgebrause die Lebensangst,
+und alle Zweifel sah er in der ge&ouml;ffneten Brust
+als gelbe W&uuml;rmer sich winden. Eines Abends hockte
+er j&auml;mmerlich beklommen vor dem Ofen und starrte
+durch das offene T&uuml;rchen in die Glut. Da barst eine
+Kohle knisternd auseinander, und eines von den Gespenstern
+stieg daraus empor; es war wie ein Knabe
+anzusehen, winzig klein, und es setzte sich Engelhart
+auf den Scho&szlig;. Der ganze Raum war pl&ouml;tzlich von
+einer bisweilen stockenden Melodie erf&uuml;llt:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es war ein Bild im Bilde,<br /></span>
+<span class="i0">Als ich den Tod erdacht,<br /></span>
+<span class="i0">Sein trunkenboldisch Jauchzen<br /></span>
+<span class="i0">Durchgeisterte die Nacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Mantel wie von Flammen,<br /></span>
+<span class="i0">Das Auge wie von Stahl,<br /></span>
+<span class="i0">Der Busen eine Wunde,&nbsp;&ndash;<br /></span>
+<span class="i0">So flog er kalt und fahl.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er sch&uuml;ttelt seine Taschen,<br /></span>
+<span class="i0">Die Seelchen flattern aus,<br /></span>
+<span class="i0">Das wispert, wimmert, kichert,<br /></span>
+<span class="i0">Und jedes sucht sein Haus.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nur eins voll seligem Grauen,<br /></span>
+<span class="i0">Bet&auml;ubt von Schein und Schall,<br /></span>
+<span class="i0">Verliert sich ohne Heimat<br /></span>
+<span class="i0">Im bodenlosen All.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Bald danach warf sich Engelhart aufs Bett und
+schlief in seinen Kleidern still und gesundend bis zum
+Morgen. Da erst kam das Staunen. Durch blo&szlig;e
+Worte kannst du also entzaubert werden, durchfuhr
+es ihn.</p>
+
+<p>Er wurde nachdenklich. Die Worte allein waren
+es nicht. Sie waren nur die Entschleierer, die Ausgraber
+des geheimnisvoll in Brunnentiefe ruhenden
+Bildes, die listig-vielgesichtigen Diener eines Wesens,
+das Br&uuml;cken baut von Traum zu Traum.</p>
+
+<p>Er hatte sein Ausbleiben vom Bureau brieflich
+entschuldigt; als er hinkam, machte ihm Herr Zittel
+die Mitteilung, da&szlig; er entlassen sei. Er erhielt noch
+einen Restbetrag von sieben Mark und zwanzig Pfennig
+ausbezahlt und au&szlig;erdem, gnadenhalber, ein
+pr&auml;sentables Zeugnis, damit seine Existenz nicht v&ouml;llig
+ruiniert sei. Einer der Schreiber am Pult drehte
+sein Gesicht Engelhart zu; es war dies eine Art
+Methodist, der seine freien Stunden, haupts&auml;chlich von
+sieben bis neun Uhr abends, auf christliche N&auml;chstenliebe
+gestellt hatte. Er wollte ein mitleidiges Gesicht
+machen, grinste aber schadenfroh. Herr Zittel richtete
+den blauen Blick seiner Fischaugen vorwurfsvoll auf
+Engelhart, dann ging er ins Privatzimmer des Generalagenten,
+um das Zeugnis unterschreiben zu lassen.
+Der Methodist r&uuml;ckte ein Weilchen auf seinem Sessel,
+schlie&szlig;lich sprang er herab, brachte ein kleines Paketchen
+aus seiner Tasche zum Vorschein, hinkte auf
+Engelhart zu und bot ihm mit salbungsvoll fl&ouml;tender
+Stimme ein St&uuml;ck zerbr&ouml;ckelten Lebkuchens an. Engelhart
+lachte gutm&uuml;tig und dankte.</p>
+
+<p>Traurig stand er gegen Mittag an der Karlsbr&uuml;cke,
+sah ins Wasser und &uuml;berlegte, was er jetzt
+beginnen sollte. Alle Posten waren sicher schon besetzt;
+das war immer seine feste &Uuml;berzeugung im
+voraus, da&szlig; alle Posten schon besetzt seien. Er kam
+sich vor wie jemand, der bei einem Fest ungeladen
+und zu sp&auml;t kommt, &uuml;ber viele K&ouml;pfe hinweg gerade
+noch einen Fahnenfetzen winken sieht, w&auml;hrend die
+Musik nur durch verschlossene T&uuml;ren zu ihm dringt.</p>
+
+<p>Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Es
+war Schildknecht.</p>
+
+<p>&raquo;Warum so tiefsinnig, alter Schwede?&laquo; fragte
+er in jenem gem&uuml;tlich-heiteren Ton, der ihm stets
+Engelharts ganzes Herz zuwandte. Engelhart erz&auml;hlte,
+und Schildknechts Gesicht verfinsterte sich. &raquo;Wie
+steht es mit den Finanzen?&laquo; fragte er. &raquo;Schulden?
+Wo und wieviel? Gut; jetzt lassen Sie mich mal
+gew&auml;hren. Wir werden ein sch&ouml;nes Brieflein an den
+Herrn Oheim nach Wien schicken, verstanden? Wir
+werden ihm klarmachen, da&szlig; der Herrgott ein paar
+Individuen erschaffen hat, deren Hinterteil sich f&uuml;r
+den Drehsessel nun einmal nicht eignet. Wir werden
+ihm sagen, da&szlig; es einige Pflanzen gibt, die rasch ins
+Bl&uuml;hen kommen und rasch ins Welken, und wieder
+andre, bei denen die Sache langsam geht, je langsamer,
+je s&uuml;&szlig;er die Fr&uuml;chte werden. Wir werden
+ihm zu verstehen geben, da&szlig; der satte Magen ein
+guter Moralist und der hungrige ein Beh&auml;lter von
+S&uuml;nden ist. Und nun Kopf hoch, lieber Sohn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ist aber dabei gewonnen, selbst wenn er ein
+paar Taler schickt?&laquo; entgegnete Engelhart; &raquo;was dann,
+wenn das Geld verzehrt ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zuerst m&uuml;ssen Sie aus der verdammten Klemme
+kommen,&laquo; sagte Schildknecht. &raquo;Erst atmen und dann
+denken. Was sp&auml;ter sein wird, daf&uuml;r lassen Sie nur
+mich sorgen und meinen Freund, den Zufall.&laquo;</p>
+
+<p>Der Brief wurde geschrieben, und in ihm versprach
+Engelhart, die Geldsumme, um die er den Oheim bat,
+am Tage seiner M&uuml;ndigwerdung zur&uuml;ckzuerstatten; er
+<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span>hatte von seinem m&uuml;tterlichen Verm&ouml;gen noch einen
+Rest von etwa achthundert Mark zu erwarten. Michael
+Herz schickte den erbetenen Betrag mit einigen wohlwollenden,
+aber k&uuml;hlen Zeilen. &raquo;Ich hoffe, da&szlig; Du
+Deine bedr&uuml;ckte Lage, in welche Du durch eigne
+Schuld und eignen Entschlu&szlig; geraten bist, nun etwas
+erleichtern kannst.&laquo; Von Zur&uuml;ckzahlung keine Silbe.
+Aber h&auml;tte Engelhart hinter den Zeilen zu lesen verstanden,
+h&auml;tte er nicht immer nur bei solchen Menschen
+Feinheit und Adel vorausgesetzt, um die er sich geistig
+m&uuml;hen mu&szlig;te und die ihn geistig nahmen, so h&auml;tte
+er sein Gel&ouml;bnis wohl bewahrt. Es war ihm dort
+nicht mehr um Treu und Glauben zu tun, er meinte,
+dort habe er ohnehin ausgespielt und ein Vorteil sei
+ein Vorteil.</p>
+
+<p>Wenige Tage sp&auml;ter erhielt Engelhart auch einen
+Brief seines Vaters. Herr Ratgeber wu&szlig;te noch nicht,
+da&szlig; Engelhart ohne Posten sei, deshalb empfand
+dieser keine Freude, als ihm der Vater mitteilte, er
+werde sich in der kommenden Woche in N&uuml;rnberg
+aufhalten, wo er gesch&auml;ftlich zu tun habe. Herr Ratgeber
+schrieb, da&szlig; er &uuml;ber Engelharts Treiben nur
+Ung&uuml;nstiges vernehme, er beklagte sich bitter &uuml;ber die
+Nachl&auml;ssigkeit des Sohnes, der ihn monatelang ohne
+Brief lasse und sich nur an ihn wende, wenn er etwas
+brauche. &raquo;Deine Stiefmutter hat recht, wenn sie Dich
+einen kalten Selbsts&uuml;chtling nennt,&laquo; hie&szlig; es weiter,
+&raquo;schon lange bereitet mir Deine Undankbarkeit Kummer.
+Und was ist mit Deinem Fortkommen? Wahrlich,
+ich verstehe Dich nicht. Nun wirst Du einundzwanzig
+Jahre alt, in zwei Monaten bist Du gro&szlig;j&auml;hrig, alle
+Deine fr&uuml;heren Kameraden haben schon gl&auml;nzende
+Stellungen und Du mu&szlig;t Schreiberdienste leisten f&uuml;r
+einen Hundelohn. Wozu habe ich Dich eine teure
+Schule besuchen lassen, wozu sind alle Deine Gaben?
+F&uuml;r nichts zeigst Du Lust und Liebe, wie ein kleines
+Kind stehst Du im praktischen Leben, und wenn ich
+bedenke, da&szlig; Du mir schon behilflich sein k&ouml;nntest,
+mein schweres Los zu erleichtern, dann fri&szlig;t es mir
+ins Herz, Dich so mi&szlig;raten zu sehen. Sieh doch zu,
+da&szlig; Du bei einer Bank unterkommst, suche meinen
+Bruder oder Deinen Vormund auf, vielleicht geben
+sie Dir Empfehlungen, so wie bis jetzt kann und darf
+es nicht weitergehen.&laquo;</p>
+
+<p>Zum Schlu&szlig; kamen noch einige vers&ouml;hnliche S&auml;tze,
+als f&uuml;hle Herr Ratgeber, da&szlig; er die Kluft zwischen
+sich und dem Sohne nicht erweitern d&uuml;rfe, aber Engelhart
+blieb unger&uuml;hrt. Er las das Schreiben seines
+Vaters Schildknecht vor, und bei dem Wort &raquo;Undankbarkeit&laquo;
+zuckte dieser zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn nur die Herren V&auml;ter einsehen wollten,
+da&szlig; das weitaus gr&ouml;&szlig;ere Vergn&uuml;gen auf ihrer Seite
+war,&laquo; knurrte er. &raquo;Immer soll das Kinderkriegen
+auch zugleich ein Zinsengesch&auml;ft sein.&laquo;</p>
+
+<p>Solche Worte von den Lippen des Freundes erk&auml;lteten
+Engelharts Gem&uuml;t noch mehr gegen den Vater.
+Er antwortete nicht auf den wohlgemeinten Brief.
+&raquo;Ich habe niemals zu Hause Entgegenkommen oder
+Verst&auml;ndnis gefunden,&laquo; sagte er zu Schildknecht, wie
+um sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Er war Tor
+genug, zu glauben, vom Verst&auml;ndnis sei alles Gl&uuml;ck
+abh&auml;ngig; er selbst wollte verstanden werden, aber er
+bequemte sich nicht dazu, auch seinerseits zu verstehen,
+wenigstens dort, wo es sich um jenes nach seiner Ansicht
+niedrige Vegetieren handelte, das sogenannte
+praktische Leben. Als sein Vater in die Stadt kam
+und er durch eine Postkarte davon Nachricht erhielt,
+versteckte er sich. Nur zum Schlafen kam er sp&auml;t am
+Abend heim, zweimal fand er einen Zettel seines
+Vaters auf dem Tische liegen, das erstemal standen
+fragende und befremdete, das zweitemal abgerissene,
+emp&ouml;rte Worte darauf. Engelhart h&ouml;rte nicht und
+f&uuml;hlte nicht. Den ganzen Tag &uuml;ber hielt er sich in
+Schildknechts Hause auf.</p>
+
+<p>Frau Schildknecht hatte ihn zuerst k&uuml;hl, beinahe
+feindselig behandelt, denn sein Umgang mit Justin
+schien diesen noch mehr aus der Bahn zu rei&szlig;en als
+alle fr&uuml;heren Eskapaden und Freundschaften. Als sie
+Engelharts Appetit bei den Mahlzeiten sah, vers&ouml;hnte
+sie sich mit ihm. &raquo;Sie sind auch ein wacker verpr&uuml;geltes
+M&auml;nnlein,&laquo; sagte sie und schaute ihm tief,
+beinahe finster in die Augen. Das Haus war die
+reinste Katzenmenagerie. Um die D&auml;mmerstunde &ouml;ffnete
+Frau Schildknecht die T&uuml;r und zwei schwarze
+Katzen und ein gelber Kater marschierten lautlos herein.
+Justin Schildknecht sah in jeder Katze etwas wie ein
+mystisches Wesen und schrieb ihr d&auml;monische Klugheit
+zu. Er erz&auml;hlte von einem Kater, der, merkw&uuml;rdig
+begabt, ihm auf Schritt und Tritt durch die Gassen
+gefolgt war, dem leisesten Lockruf gehorchend; als er
+auf die Akademie gezogen, sei das Tier verschwunden
+und nie wieder zum Vorschein gekommen. Eines
+Nachts war Engelhart Zeuge, wie Schildknecht mit
+mehreren betrunkenen Burschen anband, weil diese
+nach einer Katze mit Steinen warfen. Er war wie
+au&szlig;er sich und schlug mit der Kraft von dreien die
+ganze Gesellschaft in die Flucht. Dann legte er das
+halbtote Tier in seinen Arm, sprach ihm z&auml;rtlich Trost
+zu und trug es nach Hause.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[321]</a></span>Tag um Tag wurde Engelharts Zusammenleben
+mit Schildknecht inniger, alle andern Menschen
+erschienen ihm fremd, und wo immer er auch
+sonst Anschlu&szlig; und Ann&auml;herung gesucht hatte, nichts blieb
+von diesen Beziehungen &uuml;brig, er zerbrach jede Fessel,
+verga&szlig; jede R&uuml;cksicht au&szlig;er dieser einen, die nun sein
+innerstes Leben ausmachte. Da er sich &uuml;berdies von
+Justin Schildknecht eifers&uuml;chtig bewacht sah, bis auf
+Blicke, bis auf Gedanken, fand er sich doppelt verpflichtet
+und doppelt ergeben. H&ouml;her flogen ja seine
+k&uuml;hnsten W&uuml;nsche nicht, als sich mit der ganzen Person
+einzusetzen f&uuml;r ein wahres Gef&uuml;hl der Freundschaft,
+nur so erschien er sich geborgen, nur darin erblickte
+er M&ouml;glichkeiten des Gedeihens. Er erschlo&szlig; mit Inbrunst
+sein Herz. Keine Hoffnung, keine Furcht blieb
+geheim. &Uuml;ber jede fern von dem Freund verbrachte
+Stunde legte er Rechenschaft ab. Nichts hatte Gewicht,
+was nicht Schildknecht billigen konnte, nichts
+wurde Erlebnis, was er nicht mit ihm erlebte. Was
+auch in der Welt geschah, gro&szlig;e und kleine Dinge,
+schlie&szlig;lich kam es nur darauf an, wie es ihnen beiden
+dienen konnte. Ihm schien, man k&ouml;nne nicht zugrunde
+gehen, wenn man durch ein gleichgestimmtes Herz gehalten
+w&uuml;rde. Auch kannte er nicht mehr das Gef&uuml;hl
+der Einsamkeit, das ihn vordem so oft gequ&auml;lt. Ein
+Tag voll Bangigkeit z&auml;hlte nicht, denn er verhie&szlig;
+doch ein beseligendes Gespr&auml;ch mit dem Freund, und
+&uuml;ber all das Drohende und Bedr&auml;ngende sprechen zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[322]</a></span>k&ouml;nnen, das bedeutete soviel als es beseitigen. Sie
+wanderten in mondhellen N&auml;chten durch die winkligen
+Gassen, &uuml;ber die Br&uuml;cken und auf die Burg, oder
+sa&szlig;en bei schlechtem Wetter in einer Kneipe; Schildknecht
+erz&auml;hlte von seiner Vergangenheit, und dabei
+wurde ihm alles zum M&auml;rchen, ebenso wie Engelhart
+alles zum M&auml;rchen wurde, wenn er von der Zukunft
+sprach. Leider besa&szlig; keiner von ihnen die rechte Geduld,
+dem andern zuzuh&ouml;ren, es ging ihnen wie zwei
+Hungrigen, die aus derselben Sch&uuml;ssel essen und bei
+allem Wohlwollen f&uuml;reinander doch nach den gr&ouml;&szlig;ten
+Bissen schnappen. Wie einfach wurde das Getriebe
+der Welt in solchen Stunden! Auf dieser Seite der
+Ha&szlig;, auf der andern die Liebe, hier der Untergang
+und dort das Gelingen, Gut und B&ouml;se geteilt wie
+Licht und Finsternis, es kam gar nicht zum Exempel,
+denn alle Gr&ouml;&szlig;en standen ausgerechnet da, und die
+Zauberformel hie&szlig;: Zugreifen!</p>
+
+<p>Solange er mit Engelhart allein war, f&uuml;hlte sich
+Justin Schildknecht ruhig und frei gestimmt. Er war,
+wie auch Engelhart, ein sehr m&auml;&szlig;iger Mensch, trank
+nie, nur im Tabakrauchen waren sie beide ausschweifend.
+Wenn sich nun ein dritter zu ihnen gesellte,
+was hier und da vorkam, denn Schildknecht
+hatte zahlreiche Bekannte in der Stadt, dann machte
+er den Eindruck eines Betrunkenen, und Engelhart
+selbst erschrak &uuml;ber sein scheues, zerflattertes, geschw&auml;tziges
+und gef&auml;hrliches Wesen. Schildknecht traute
+keinem, er hatte an jedem seine Erfahrungen gemacht,
+er wollte niemand in sein Inneres blicken lassen,
+darum verkleidete, verstellte, versteckte er sich. Er war
+immer ein klein wenig Kom&ouml;diant, nicht v&ouml;llig aufgel&ouml;st
+in sein Schicksal oder seine Stimmung, stets
+ein bi&szlig;chen von au&szlig;en nach sich selber schielend. Nach
+und nach zogen sich alle von ihm zur&uuml;ck, auch Leute,
+die ihm wohlwollten. Er hatte ganz aufgeh&ouml;rt zu
+arbeiten, und seine Verh&auml;ltnisse wurden dr&uuml;ckend. Der
+Mutter gegen&uuml;ber hatte er ein schlechtes Gewissen
+und mied tagelang das Haus, n&auml;chtigte in Engelharts
+Wohnung. &raquo;Es wird ein schlechtes Ende nehmen,&laquo;
+sagte Frau Schildknecht. Ihr sibyllenhaftes
+Wesen w&uuml;hlte Justin tief auf. Mutter und Sohn
+konnten nicht eine Viertelstunde nebeneinander weilen,
+ohne da&szlig; es zu heftigem Wortwechsel kam, und je
+ma&szlig;loser sich Justin benahm, je stiller und eisiger
+wurde die Frau, gleichsam leuchtend von furchtbarer
+Voraussicht. Bei alledem wunderte sich Justin, da&szlig;
+sie sich Engelhart gegen&uuml;ber sanft und freundlich
+zeigte, und hielt es ihr sehr zugute. Er liebte und
+verehrte sie, aber eigentlich nur in Gedanken, er sah
+in ihr eine wunderliche und geheimnisvolle Person,
+den dunkeln Kr&auml;ften der Natur verwandt, denen der
+Sterbliche unbewu&szlig;t widerstrebt.</p>
+
+<p>Indessen hatten die Eltern seiner Verlobten von
+dem Lotterleben Kunde erlangt und sich unter Aufgebot
+von allerlei Spionen Gewi&szlig;heit verschafft. Sie
+untersagten der Tochter jeden Verkehr mit dem pflichtvergessenen
+Mann. In atemloser Erbitterung verbrachte
+Schildknecht die darauffolgende Zeit. Zudem
+gab es andre Schwierigkeiten materieller Art, die ihn
+ruhelos machten. Seine letzte Bet&auml;ubung waren die
+Pl&auml;ne, die er mit Engelhart schmiedete. Er selbst
+glaubte eigentlich nicht mehr an sich, aber Engelhart
+glaubte an sich, fest, naiv und froh; das war tr&ouml;stlich,
+das war der Grund, weshalb Schildknecht oft
+wie in Bewunderung zu dem j&uuml;ngeren Genossen
+emporsah.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags um die D&auml;mmerstunde kamen
+sie beide vor Schildknechts Haus und mu&szlig;ten dreimal
+l&auml;uten, ehe ge&ouml;ffnet ward. Oben im Wohnzimmer
+gewahrten sie die Umrisse einer Gestalt, die sich aus
+kniender Stellung erhob, und ehe Justin noch ein
+Streichholz in Brand gesteckt, trat seine Mutter zu
+ihm und sagte: &raquo;Mach dich gefa&szlig;t, es gibt ein Gewitter.&laquo;
+Schildknecht z&uuml;ndete die Lampe an; das
+Zylinderglas zitterte in seiner Hand, als er seine
+Braut im Zimmer sah, und er fragte rauh: &raquo;Was
+habt ihr denn miteinander?&laquo; Frau Schildknecht nahm
+eine offene Kassette, die mit Schmucksachen gef&uuml;llt
+war, vom Tisch, klappte sie zu und trug sie in den
+Nebenraum. Die unschuldigen Augen des jungen
+M&auml;dchens leuchteten vor Angst. Justin schlug seine
+Faust mit solcher Gewalt auf die Lehne eines Stuhls,
+da&szlig; der Kn&ouml;chel des Mittelfingers zu bluten begann.
+Dabei schrie er: &raquo;Ich will wissen, ich will wissen!&laquo;
+Wieder trat Frau Schildknecht auf ihn zu und fl&uuml;sterte.
+Er zuckte zusammen, packte sie an der Schulter und
+mit einem heiseren Aufbr&uuml;llen ri&szlig; er sie herum. Sie
+strauchelte und st&uuml;rzte mit der Stirn gegen die Ofenkante.
+Das junge M&auml;dchen hielt die Arme flehend
+ausgestreckt, dann wurde ihr Antlitz flammend rot,
+sie griff nach ihrem Mantel und ging. Justin lie&szlig;
+sich auf das Sofa fallen und begrub das Gesicht
+zwischen den Armen. Frau Schildknecht warf Engelhart
+einen sonderbaren triumphierenden Blick zu, dann
+seufzte sie und zog die Vorh&auml;nge &uuml;ber dem Fenster
+zusammen. Engelhart empfand pl&ouml;tzlich Grauen vor
+Schildknecht, er sp&uuml;rte etwas Fremdes und Un&uuml;berwindliches
+zwischen sich und ihm; es war, als ob
+eine Hand sein Haupt umspannte, den Kopf in eine
+bestimmte Richtung drehte und ihn so zwang, best&auml;ndig
+auf den beleuchtetsten Fleck des Raumes zu
+starren.</p>
+
+<p>Nach diesem Vorfall entstand in Schildknecht der
+Entschlu&szlig;, die Stadt zu verlassen und sein Leben zu
+&auml;ndern. Er setzte sich mit mehreren ausl&auml;ndischen
+<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[323]</a></span>Firmen in Verbindung, sein Name war nicht unbekannt,
+seine Arbeiten empfahlen sich von selbst,
+schlie&szlig;lich konnte er unter den Angeboten w&auml;hlen und
+entschied sich f&uuml;r eine Stellung in der Schweiz. Am
+dritten Januar sollte er reisen. Er gab Engelhart
+das feste Versprechen, auch f&uuml;r ihn dort zu wirken,
+er wollte einen ertr&auml;glichen Posten f&uuml;r ihn suchen
+und so, auf ges&uuml;nderer Grundlage als bis jetzt, an
+der gro&szlig;en geistigen Zukunft gemeinsam weiterbauen;
+ohne Sicherheit des Brotes gebe es keine Entfaltung
+der Idee, meinte Schildknecht.</p>
+
+<p>Als die Eltern der Braut von Schildknechts Vorhaben
+vernahmen und sahen, da&szlig; es damit ernst war,
+lenkten sie ein und am Silvesterabend fand eine Art
+Vers&ouml;hnung statt mit darauffolgendem Familienessen,
+von welchem sich nur Justins Mutter fernhielt. Sie
+lie&szlig; sich von dem Schmerz nichts merken, den ihr
+Justins Wanderplan verursachte.</p>
+
+<p>Den selben Silvesterabend verbrachte Engelhart
+bei entfernt Verwandten, einer Tochter von Iduna
+Hopf, die an einen Kaufmann in der Stadt verheiratet
+und die ihm sehr freundlich gesinnt war. Er
+trank ein paar Glas Punsch &uuml;ber die Besinnung, und
+als er gegen zwei Uhr morgens die Gesellschaft verlie&szlig;,
+tanzten die H&auml;user auf der Stra&szlig;e. Er war
+noch nicht ganz betrunken, aber es war ihm ungeheuer
+selig zumute, so da&szlig; er an jeder Ecke stehen
+blieb und eine Weile in sich hineinkicherte, bevor er
+weiterging. In solcher Verfassung nach Hause zu
+wandeln und sich ins Bett zu legen, erschien untunlich,
+daher schlug er die Richtung nach dem Egydienplatz
+ein und stand alsbald vor Schildknechts Hause.
+Der Platz lag ver&ouml;det. Es fiel Schnee, der im
+Laternenlicht aufblitzte wie Silberstickerei. In der
+Mitte des Platzes stand die Kirche gleich einer riesigen
+schwarzen Faust mit erhobenem Daumen. Aus den
+umliegenden Stra&szlig;en drang das Geschrei der Neujahrsrufer
+in die Stille. Engelhart stand eine Weile
+gl&uuml;cklich l&auml;chelnd, dann stimmte er ein Liedchen an.
+Das Familienfest mu&szlig;te schon zu Ende sein, denn
+aus Schildknechts Kammer funkelte Licht und nun
+wurde auch das Fenster ge&ouml;ffnet, Schildknechts lachendes
+Gesicht erschien und es entspann sich ein kleines
+metaphysisches Zwiegespr&auml;ch, in dessen Verlauf der
+schon Schlafensbereite droben die Ansicht vertrat, da&szlig;
+es gut sei, noch ein wenig das neue Jahr im Freien
+zu genie&szlig;en, da es doch wahrscheinlich nur in frischem
+Zustand genie&szlig;bar und morgen schon der Tag der
+Trennung sei. Sie gingen &uuml;ber den Markt zum
+Haller Tor. In der N&auml;he des Henkerstegs sahen sie
+pl&ouml;tzlich eine gegen die Schwerkraft k&auml;mpfende Gestalt
+und erkannten Barbeck: zerrauft, beschneit, beschmutzt,
+ohne Hut und ohne die ironisch-gemessene Miene, die
+ihn sonst auszeichnete und ihm ein so welt&uuml;berlegenes
+Ansehen gab. Hinter ihm her schwankte ein h&ouml;chst
+verwahrlostes Frauenzimmer, die ihm abwechselnd
+Schimpfnamen und Koseworte zurief; bisweilen packte
+sie ihn beim Rockscho&szlig;, diese Ber&uuml;hrung elektrisierte
+den Mann und erweckte wieder sein b&uuml;rgerliches Gef&uuml;hl;
+er kehrte sich gegen die Verfolgerin und drohte
+w&uuml;rdevoll und betr&uuml;bt mit der Polizei. Da gewahrte
+er Schildknecht und Engelhart, und beide beobachteten,
+wie er sich mit aller Kraft zusammennahm, sich gegen
+einen Baum lehnte, seine B&ouml;rse zog, in der Halbfinsternis
+nach einem Geldst&uuml;ck fischte und dieses der
+Frauensperson mit den mild hingeseufzten Worten
+reichte: &raquo;Sie hungert, die Arme.&laquo; Dann ging er,
+ern&uuml;chtert, eine Strecke Wegs mit den Freunden und
+zwischen Glucksen, Lachen und Schl&auml;frigkeit schimpfte
+er auf die zunehmende Unzucht und im Anschlu&szlig;
+daran auf das moderne Geisteswesen, und indem er
+Engelhart mit h&ouml;hnischem L&auml;cheln auf die Schulter
+klopfte und ihn gewohnterma&szlig;en mit &raquo;J&uuml;ngling&laquo; anredete,
+empfahl er ihm Kritik und warnte ihn vor
+schlechter Gesellschaft. Schlie&szlig;lich fiel ihm ein, da&szlig;
+er die Abwesenheit seines Hutes erkl&auml;ren m&uuml;sse, und
+sich verabschiedend behauptete er, er gehe jetzt des
+Nachts ohne Hut, weil er dies f&uuml;r die Gesundheit
+f&ouml;rderlicher halte.</p>
+
+<p>Schildknecht war nach und nach ernst geworden.
+Dem wunderlichen Manne nachblickend und Engelhart
+unter den Arm fassend, sagte er: &raquo;Das ist der Feind,
+der wahre Erbfeind; an ihm verblutet die Kraft des
+Volkes. Ihm werden Sie noch oft im Leben begegnen,
+alter Freund, er wird Ihnen, was Sie auch
+leisten, immer wieder erkl&auml;ren, da&szlig; Sie es anders
+machen m&uuml;ssen und da&szlig; irgendwer es schon l&auml;ngst
+besser gemacht hat, und er wird Sie nicht immer so
+gleichg&uuml;ltig lassen wie jetzt, er wird Ihnen manchmal
+die Blutadern &ouml;ffnen und sich freuen, wenn der rote
+Saft zu Boden flie&szlig;t. Es gibt Geschicktere wie den,
+die sich besser verstecken und von denen keiner erf&auml;hrt,
+wo sie ihre schmutzigen Stunden zubringen, und die
+sich h&uuml;ten, ihre Kopfbedeckung dabei zu verlieren.
+Geben Sie wohl acht und gew&ouml;hnen Sie sich beizeiten
+an die Physiognomie des Mannes; er ist der
+heimliche Dieb, der jeder Brust das Teuerste entwendet.&laquo;</p>
+
+<p>Am zweiten Januar reiste Schildknecht. Als
+Engelhart nun allein war, wurde ihm doch bang vor
+seiner Lage. Das Geld des Oheims war schon verbraucht,
+er machte nun Schulden, die am Termin
+seiner Vollj&auml;hrigkeit bezahlt werden mu&szlig;ten. Au&szlig;erdem
+entw&ouml;hnte er sich von aller Arbeit, durchwachte
+nach wie vor die N&auml;chte, schlief bis in den Mittag
+und m&uuml;&szlig;igg&auml;ngerte dann herum, ohne Ziel und oft
+<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[324]</a></span>auch ohne Lust. Bei den gesitteten und ordentlichen
+Menschen seiner Bekanntschaft machte er sich dadurch
+vollends zum Gegenstand der Verachtung, was ihn
+keineswegs gleichg&uuml;ltig lie&szlig;, denn er bewahrte in
+seinem Innern eine versteckte Liebe f&uuml;r das B&uuml;rgerliche,
+eine gewisse Z&auml;rtlichkeit f&uuml;r die behaglichen
+H&auml;user und Stuben und friedlich umgrenzten Gem&uuml;ter.
+So schwankte er einsam unter den Menschen
+umher, den Kopf angef&uuml;llt mit nebelhaft verschwommenen
+Idealen. Sein Nichtstun war noch ohne innere
+Frucht und stachelte ihn daher nicht selten zu unw&uuml;rdigem
+Zeitvertreib, zu Billard- und Kartenspiel
+mit einem erstbesten. Der Abscheu vor sich selbst
+trieb ihn dann wieder hinab in eine dunkle Traumestiefe,
+und indem er sich zu vergessen suchte, wurde
+die gestaltlose Sehnsucht in seiner Seele chaotischer.
+Was er las, das las er allzu beziehentlich, er litt an
+allem, am Sch&ouml;nen wie am H&auml;&szlig;lichen, die Wurzeln
+seines Wesens waren vergiftet von einem Ehrgeiz, der
+nicht aus noch ein wu&szlig;te, er besa&szlig; keinen Ma&szlig;stab,
+weder f&uuml;r die Dinge noch f&uuml;r sich selbst, sein Geist
+anerkannte kein &uuml;bernommenes Gebot und wu&szlig;te
+eigen-pers&ouml;nliche nicht zu formen oder zu befolgen.
+Ihm blieb nicht einmal ein Gott, von dem er sich
+l&ouml;sen oder mit dem er hadern konnte, nicht einmal
+an seinen Zweifeln hatte er einen Anhalt, w&auml;r&#8217;s auch
+nur der, den ein Kampfspiel und seine Ersch&ouml;pfungen
+geben, denn alles, kaum gefa&szlig;t, zerflo&szlig; wieder, hatte
+nicht Hang und Bestand, jedes Wort, jeder Begriff
+l&ouml;ste sich in ungreifbare Teilchen auf, ihm ward nur
+eines in seltenen Stunden geschenkt, ein Bild, das
+aus der Dunkelheit emporschwamm, fester umrissen
+und tiefer gegr&uuml;ndet als alle Wirklichkeit und deutlicher
+als die Sprache zu sein vermag, feurig aus
+Leiden geboren und zur Freude strebend, und demgegen&uuml;ber
+wurden allerdings h&ouml;chste Pflichten kategorisch,
+dies kn&uuml;pfte ihn an die Zeit und an die
+Menschheit, hielt seine Sinne in Bereitschaft, sein
+Gef&uuml;hl in Bewegung und beh&uuml;tete ihn vor innerer
+Verlotterung.</p>
+
+<p>Es waren schlimme Wochen. Schildknecht schrieb
+nicht hoffnungsvoll. Seine Briefe sprachen an durch
+Geist und einen Ton freier Paradoxie, aber der
+Grimm &uuml;ber die Gebundenheit eines Lohnarbeiterdaseins
+knirschte aus jeder Zeile. Engelhart, der die
+Gesellschaft Schildknechts hart entbehrte, sah ein, da&szlig;
+er sich in diesem Fall nicht auf den Freund verlassen
+d&uuml;rfe, und er nahm sich einstweilen vor, bald einen
+Entschlu&szlig; zu fassen. Als er zuf&auml;llig auf der Stra&szlig;e
+Herrn Zittel traf, fragte ihn dieser nach seinen
+Lebensumst&auml;nden aus. Er antwortete zuerst mit
+prahlerischer Sorglosigkeit, als sei er im Begriff, eine
+Millionenerbschaft anzutreten, gab aber schlie&szlig;lich zu,
+da&szlig; er zwar nicht gerade einen neuen Posten suche,
+jedoch nicht abgeneigt w&auml;re, bei g&uuml;nstigen Bedingungen
+zuzugreifen. Herr Zittel durchschaute das kindische
+Spiel und sagte, er k&ouml;nne Engelhart vielleicht dienlich
+sein, er solle ihm seine Photographie und eine
+Abschrift des Zeugnisses senden. Immerhin kann ich
+mich ja photographieren lassen, dachte Engelhart gn&auml;dig,
+und eines Morgens scheitelte er s&auml;uberlich sein Haar,
+steckte ein Veilchenstr&auml;u&szlig;chen ins Knopfloch und ging,
+zum erstenmal in seinem Leben, mit klopfendem Herzen
+zum Photographen. Sein Gesicht im Spiegel kannte
+er zur Gen&uuml;ge, es auf dem Papier zu sehen, reizte
+ihn pl&ouml;tzlich &uuml;ber die Ma&szlig;en.</p>
+
+<p>Mittlerweile hatte er nach mancherlei Formalit&auml;ten
+die Reste seines Verm&ouml;gens erhalten und obwohl er
+beinahe die H&auml;lfte zur Begleichung der Schulden sofort
+aufbrauchte, erschien er sich doch als ein Kr&ouml;sus.
+Frau Schildknecht, die er oft besuchte und der er von
+seiner ver&auml;nderten Lage in seligem &Uuml;bermut erz&auml;hlte,
+tippte mit der Fingerspitze auf seine Stirn und
+meinte, da drinnen sei anscheinend wenig Verstand,
+doch sei er der reichste arme Mann, der ihr je untergekommen.
+Zu seinem Schrecken nahm er wahr, da&szlig;
+das Geld schneller verschwand als Wasser aus einem
+zerl&ouml;cherten Tiegel. Bisweilen suchte ihn einer von
+den Kumpanen Peter Palms auf &ndash; Geld hat einen
+durchdringenden Geruch &ndash; und redete ihm so lange
+um den Bart, bis er gutm&uuml;tig ein Goldst&uuml;ck gab.
+An einem st&uuml;rmischen Fr&uuml;hlingstag begegnete er vor
+der Stadtmauer Am&ouml;na Siebert. Sie sah fahl und
+vernachl&auml;ssigt aus, gleichsam gew&uuml;rgt vom Ungl&uuml;ck,
+von fr&uuml;herer Sch&ouml;nheit waren nur noch traurige
+Spuren in ihrem Antlitz. Engelhart, entsetzt &uuml;ber
+die Geschwindigkeit eines solchen Verfalls, ging ein
+St&uuml;ck Wegs mit ihr; es r&uuml;hrte ihn die m&uuml;hsame
+Schelmerei ihres L&auml;chelns und ihre fieberisch kalte
+Hand. Zuerst wagte er nicht, ihr Hilfe anzubieten,
+als sie dann wie zuf&auml;llig vor einem Wurstladen
+stehen blieb und geistesabwesend auf die appetitlich
+ausgelegten Fleischwaren starrte, fragte er leise und
+sch&uuml;chtern, ob sie Geld wolle, und steckte ihr hastig
+ein Papierchen in die Hand, worauf er wie ein Verbrecher
+davonlief.</p>
+
+<p>Er verstand nicht das Geld; er war t&ouml;richt genug,
+es zu mi&szlig;achten; er wu&szlig;te nicht, da&szlig; Geld auch edel
+sein kann; er hatte nur einfache Bed&uuml;rfnisse, aber
+diese befriedigte er unbedenklich, ohne zu &uuml;berlegen;
+manchmal gel&uuml;stete es ihn, den vornehmen Herrn zu
+spielen, dann machte er eine sinnlose Ausgabe, die
+einem vornehmen Herrn nie eingefallen w&auml;re; unter
+anderm kaufte er ganze St&ouml;&szlig;e von teuerstem Schreibpapier,
+als ob er ein Papiergesch&auml;ft einrichten wolle.
+Als endlich sein enormer Reichtum bis auf etwa
+<span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">[325]</a></span>hundert Mark zusammengeschmolzen war, kam er zur
+Besinnung. Schon eine Woche zuvor hatte ihm Herr
+Zittel mitgeteilt, da&szlig; im Bureau der Gesellschaft
+&raquo;Minerva&laquo; im breisgauischen Freiburg ein Posten
+offen sei, mit neunzig Mark im Monat dotiert, er
+m&ouml;ge sich ohne Verzug dorthin wenden, und zwar
+solle er an den Generalagenten, Herrn Lutterott, pers&ouml;nlich
+schreiben. Er solle den Brief sorgf&auml;ltig stilisieren,
+denn Herr Lutterott sei ein Mann von feinsten
+Umgangsformen, Reserveoffizier, und halte viel von
+&Auml;u&szlig;erlichkeiten. In der Angst, da&szlig; es schon zu sp&auml;t
+sein k&ouml;nnte, setzte sich Engelhart, trotzdem schon Mitternacht
+vor&uuml;ber war, gleich hin und verfa&szlig;te eine meisterliche
+Epistel, der es weder an Amtsschn&ouml;rkeln noch
+an einer gewissen fachm&auml;nnischen Eleganz gebrach;
+sein Konterfei legte er ohne besonderen Hinweis bei.
+Der Erfolg blieb nicht aus. Herr Lutterott antwortete,
+die Stelle sei zwar schon vergeben, aber an
+einen Unw&uuml;rdigen, dem er die T&uuml;r zu weisen gen&ouml;tigt
+sei. Er nehme die Offerte an, Engelhart
+solle sich am f&uuml;nfzehnten April in seinem Bureau
+einfinden, die Reisekosten w&uuml;rden nach dreimonatlicher
+zufriedenstellender Dienstleistung zur H&auml;lfte ersetzt.
+Aus diesem Schreiben sp&uuml;rte Engelhart ahnungsvoll
+eine widerw&auml;rtige Geschraubtheit heraus, doch er war
+froh, dem gef&auml;hrlichen Herumtreiben entrissen zu sein,
+und au&szlig;erdem ging die Fahrt gen S&uuml;den, wenn auch
+nicht zu Schildknecht selbst, so doch in seine gr&ouml;&szlig;ere
+N&auml;he.</p>
+
+<p>Am Tag vor seiner Reise spazierte Engelhart am
+Kanal entlang nach F&uuml;rth. Dort machte er seinem
+Vormund einen Abschiedsbesuch und h&ouml;rte bei dieser
+Gelegenheit, da&szlig; Tante Lina Curius wahnsinnig und
+in eine Irrenanstalt verbracht worden sei, w&auml;hrend
+Peter Salomon im Verein mit der Kroner das Haus
+beh&uuml;te, noch immer darauf warte, da&szlig; sein Bauplatz
+ihn zum Million&auml;r mache und sich inzwischen von
+Michael Herz ern&auml;hren lasse. Auch zu Iduna Hopf
+ging er, die noch immer in dem alten Haus mit den
+knarrenden Stiegen wohnte, jetzt einsam, da ihr Mann
+gestorben war; sie sah alt und m&uuml;de aus. &Uuml;berhaupt
+waren so viele gestorben und hingegangen in
+den wenigen Jahren, alte und junge: der Vetter
+Zederholz, das Fr&auml;ulein Holl&auml;nder, der alte Herschkamm,
+der Doktor Federlein, der epileptische Lechner.
+Auf der K&ouml;nigstra&szlig;e gewahrte Engelhart pl&ouml;tzlich ein
+Gesicht, das ihm bekannt, ja vertraut erschien: es
+war Ludwig Raimund, sein erster Gespiele und
+Kamerad. Auch er erkannte Engelhart und sprach ihn
+freudig an; er war Chemiker geworden und war in
+der gro&szlig;en Anilinfabrik drau&szlig;en bei Doos angestellt.
+Seltsam dies Wiedererkennen, wie sich die Z&uuml;ge des
+Kindes bewahrt, doch nur in der allgemeinen Linie
+des Antlitzes, w&auml;hrend alle Fl&auml;chen sich gedehnt hatten,
+die eine zur Leblosigkeit erstarrt, die andre von verborgenen
+Leidenschaften und unedeln Trieben verw&uuml;stet
+war. Erst schien er Engelhart noch ganz der
+alte, noch ebenso heiter und grazi&ouml;s, doch bald bemerkte
+er eine Art gn&auml;diger Herablassung an Raimund
+wie bei einem Vornehmen, der dem Geringeren
+gegen&uuml;ber seine Vornehmheit taktvoll verbirgt, auch
+eine gewisse &auml;ngstliche Unsicherheit wie bei einem, der
+angepumpt zu werden f&uuml;rchtet und sich innerlich eine
+Ausrede zurechtlegt. Sie sprachen &uuml;ber dies und
+jenes, Raimund hatte lauter fertige Urteile, die
+meisten Fragen waren f&uuml;r ihn endg&uuml;ltig erledigt, und
+wenn noch irgendwo ein Zweifel in ihm steckte, so
+zuckte er die Achseln, als wollte er sagen: was mich
+betrifft, ich habe ein festes Einkommen, mit dem
+&uuml;brigen wird man schon fertig. Schlie&szlig;lich gingen
+sie in eine Bierstube, wo noch f&uuml;nf oder sechs fr&uuml;here
+Schulkameraden sa&szlig;en und Karten spielten. Es waren
+lauter wohlbestallte Leute, die ihre Sorglosigkeit wie
+ein Plakat an der Stirn trugen; ihre Gesichter waren
+aufgeschwemmt, fr&uuml;hverlebt, sie witzelten, sie sp&ouml;ttelten,
+und in ihrem Gebaren lag gleichfalls das schamlose
+Gest&auml;ndnis, da&szlig; sie nichts andres sch&auml;tzten als das
+feste Einkommen. Wenn Engelhart etwas sagte,
+blinzelten sie mi&szlig;trauisch mit den Lidern, dann
+musterten sie heimlich schielend seinen Anzug und
+seine schlecht sitzende Krawatte. Am herzlichsten benahmen
+sie sich, als er sich verabschiedete.</p>
+
+<p>Er ging gegen die Altstadt und befand sich auf
+einmal in stiller Gasse vor dem Tor des Friedhofs,
+in welchem seiner Mutter Grab war. Er &ouml;ffnete die
+Pforte, schritt hinein und wanderte eine Weile sinnend
+zwischen den uralten Steinen umher. In welchem
+Teil des Friedhofs das Grab lag, wu&szlig;te er nicht
+mehr, und er h&auml;tte leicht vergeblich suchen m&ouml;gen,
+w&auml;re nicht ein eigent&uuml;mliches Hinziehen gewesen, das
+er nie in solcher St&auml;rke an sich beobachtet hatte.
+Endlich stand er vor dem r&ouml;tlichen Sandstein, auf
+dem in halbverwaschenen Goldlettern der Name von
+Frau Agathe Ratgeber leuchtete. Das Grab war
+vernachl&auml;ssigt, der H&uuml;gel ganz platt, keine Blume
+wuchs, nur Gras. Ringsum in solcher N&auml;he, da&szlig;
+es wie das Gedr&auml;nge auf einem Jahrmarkt wirkte,
+standen andre verwitterte Steine, zudem herrschte nicht
+einmal Frieden, denn drau&szlig;en vor der Mauer erschallte
+das lebhafte Geh&auml;mmer der Goldschl&auml;ger und
+auf der andern Seite, h&uuml;gelabw&auml;rts in der Ebene,
+keuchte und klapperte eine Dampfm&uuml;hle. Doch war
+es eigen, da&szlig; ihn diese Ger&auml;usche mit besonderer
+Macht in seine Jugend zur&uuml;ckzogen. Traurige Jugend.
+<span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">[326]</a></span>Wie furchtbar die Stunde, als er dr&uuml;ben im Leichenhaus
+gesessen und schwarze Gestalten wisperten um
+ihn herum. Damals konnte er noch keine Empfindung
+daf&uuml;r haben, da&szlig; sie mit kaum zweiunddrei&szlig;ig
+Jahren davonging; die Mutter ist f&uuml;r ein Kind
+alterslos. Freilich, das Leben h&auml;tte ihr noch bitterb&ouml;se
+Geschenke gemacht, und doch! Leben, nur leben!
+Was g&auml;be es sonst. Irgendeine &auml;u&szlig;ere Stimme rief:
+&raquo;Bete!&laquo; Er begriff nicht, wie man in solchen Augenblicken
+beten k&ouml;nne, alles, was an Wort und Ausdruck
+streifte, war erstickt, er sp&uuml;rte nur ein warmes
+Aufkochen des Blutes vom Herzen aus durch den
+K&ouml;rper, und er konnte den Begriff des Todes nur
+umfassen, indem er das Leben doppelt inbr&uuml;nstig
+f&uuml;hlte. Wozu beten? sich selbst ausweichen? die
+wahre Andacht abweisen? Bevor er ging, ri&szlig; er
+einen Grashalm ab und bewahrte ihn auf mit dem
+Gedanken: vielleicht ist er aus dem Saft ihres Auges
+gebaut.</p>
+
+<p>Seines Vaters dachte er nicht; dieser lebte ja noch.</p>
+
+<p>An einem Mittwoch Abend kam er in Freiburg
+an. Seine Brust wurde von Traurigkeit umschn&uuml;rt,
+als er durch die Stra&szlig;en der unbekannten Stadt ging.
+Es regnete und er besa&szlig; keinen Schirm; f&uuml;r hundert
+&Uuml;berfl&uuml;ssigkeiten hatte er Geld ausgegeben, aber das
+Notwendige anzuschaffen, hatte er sich nie entschlie&szlig;en
+k&ouml;nnen. Er trat also unter ein Tor und lie&szlig; die
+fremden Menschen an sich vor&uuml;berwandeln.</p>
+
+<p>Die Generalagentur der &raquo;Minerva&laquo; lag im ersten
+Stock eines villenartigen Hauses vor der Stadt; im
+Erdgescho&szlig; befand sich eine kleine Weinwirtschaft.
+Dunkelblauer Himmel strahlte &uuml;ber den H&auml;usern, als
+Engelhart am Morgen hinauswanderte, dunkelbewaldete
+Berge schienen auf allen Seiten die Flucht der Stra&szlig;en
+zu begrenzen. Der Flieder stand schon bl&uuml;hend, seine
+D&uuml;fte flossen in Wellen durch die Gitter der zahlreichen
+G&auml;rten. Hoffnungsvoll gestimmt, voll Lust
+und Ernst zur Arbeit, trat Engelhart vor Herrn
+Lutterott und war nicht unzufrieden, als er erfuhr,
+da&szlig; er der einzige Beamte des Bureaus sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Herr Lutterott war ein Vierziger, klein, feist, geschniegelt
+und geb&uuml;gelt, mit einem Leutnantsschnurrbart
+und leutnantsm&auml;&szlig;ig schnarrender Stimme. Er empfing
+den neuen Untergebenen mit korrekter, jedoch etwas
+d&uuml;sterer H&ouml;flichkeit und w&uuml;rdigte ihn einer l&auml;ngeren
+Ansprache, die den Eindruck des Auswendiggelernten
+machte. Die erste H&auml;lfte jedes Satzes klang milit&auml;risch
+schroff und abgerissen, dann machte er eine Pause, in
+der er and&auml;chtig seine rosigen Fingern&auml;gel betrachtete,
+um mit pathetischen Wendungen und salbungsvoll ausladenden
+Gesten fortzufahren. Er verbreitete sich &uuml;ber
+die Pflichten eines Beamten; er verlange Pflichttreue
+und Sittlichkeit, sagte er. Bei dem Worte Sittlichkeit
+schlo&szlig; er die Augen wie zum Schlafe. Er sagte,
+Engelharts Photographie habe ihm gefallen, es habe
+ihn erfreut, ein ehrliches Gesicht zu sehen, was ihm
+aber mi&szlig;fallen habe und was er dringendst abzustellen
+bitte, das seien die Haare, die seit mindestens zwei
+Monaten nicht kurzgeschnitten sein konnten; das erinnere
+ja beinahe an einen Schauspieler oder Maler
+oder &auml;hnliches Gelichter. Zum Schlu&szlig; gab er Engelhart
+eine Wohnungsadresse, bestellte ihn f&uuml;r den Nachmittag
+und entlie&szlig; ihn mit hoheitsvoller K&uuml;hle.</p>
+
+<p>An diesem Tag, am Freitag und Samstag, gingen
+die Dinge nicht uneben. Herr Lutterott zeigte zwar
+stets das Benehmen eines regierenden F&uuml;rsten, und
+manchmal kribbelte es Engelhart in den Fingern,
+wenn der Mann mit m&uuml;d-verachtungsvollen Blicken
+seine Befehle gab, aber vor dem Fenster, an dem er
+arbeitete, war ein Garten, und weiter drau&szlig;en sah
+er Wiesen und dar&uuml;ber den hochwipfligen Wald.
+Leider mu&szlig;te er Herrn Lutterott gleich um Vorschu&szlig;
+bitten, da alles Geld f&uuml;r die Reise aufgegangen war,
+und dies machte die &uuml;belste Wirkung; Herr Lutterott
+fuhr mit dem Zeigefinger zwischen Kragen und Hals
+umher und sagte mit leise wimmernder Stimme: &raquo;Es
+ist nicht korrekt, es ist nicht korrekt.&laquo; Am Sonntagmorgen
+nun kam er aus Eifer ins Bureau, obwohl
+dies nicht zu den &raquo;Pflichten&laquo; geh&ouml;rte; um zehn Uhr
+erschien Herr Lutterott, aufs feinste herausgeputzt,
+im Salonrock und mit gestreifter Hose, eine Diamantnadel
+in der Krawatte, das Haar pomadisiert und
+bis zum Nacken gescheitelt. In seinem Privatzimmer
+empfing er einen alten Herrn im Zylinder, und Engelhart
+h&ouml;rte ihn untert&auml;nig r&auml;uspern und s&auml;useln, um
+halb elf kam er heraus, wieder ganz F&uuml;rst, und sagte
+kurzangebunden zu Engelhart: &raquo;Sie k&ouml;nnen jetzt in
+die Kirche gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Verwundert blickte Engelhart empor und antwortete:
+&raquo;Ich danke; ich gehe nicht in die Kirche, ich
+bin Jude.&laquo;</p>
+
+<p>Herr Lutterott schnellte herum wie gestochen. Sein
+Gesicht war k&auml;sewei&szlig;. &raquo;Was &ndash; Jude?&laquo; stammelte
+er. Aufgeregt, mit kleinen Schrittchen trippelte er
+vor seinem Schreibtisch hin und her, hierauf verlie&szlig;
+er das Zimmer. Engelhart legte die Feder weg und
+schaute, nichts B&ouml;ses vermutend, doch &uuml;beraus peinlich
+ber&uuml;hrt, auf das halbbeschriebene Blatt, das vor
+ihm lag. Nach einer Weile kam Herr Lutterott zur&uuml;ck.
+Er wischte sich mit dem blendend wei&szlig;en Taschentuch
+die Stirn, pflanzte sich neben Engelhart auf und lie&szlig;
+folgende kleine Rede vom Stapel: &raquo;Ich habe selbstverst&auml;ndlich
+nicht das geringste dagegen einzuwenden,
+da&szlig; Sie Jude sind. Nur, verzeihen Sie, kommt mir
+die Sache insofern &uuml;berraschend, als ich nie die Absicht
+gehabt hatte, mich nicht dessen versehen hatte &ndash;
+<span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">[327]</a></span>um es kurz zu sagen, meine religi&ouml;sen und menschlichen
+&Uuml;berzeugungen wurzeln in ganz anderm Boden,
+und gewisse Erfahrungen, die das Leben lehrt, haben
+mir recht gegeben. Immerhin, ich gebe ja zu, da&szlig;
+man sich irren kann, es steht zu w&uuml;nschen, da&szlig; Sie
+die l&ouml;bliche Ausnahme bilden, sprechen wir also nicht
+mehr davon.&laquo;</p>
+
+<p>Engelhart schwieg. Ihn ekelte.</p>
+
+<p>Am andern Morgen brachte Herr Lutterott eine
+eiserne Geldkassette zum Vorschein, in deren einzelnen
+F&auml;chern sich Silber- und Nickelm&uuml;nzen befanden, ungef&auml;hr
+an hundert Mark. Herr Lutterott sagte, dies
+sei die kleine Spesenkasse, und damit Engelhart sehe,
+da&szlig; sein Vertrauen unersch&uuml;ttert sei, &uuml;berlasse er sie
+ihm zur Verwaltung. Bei diesen Worten erbleichte
+Engelhart, und es wurde ihm ein wenig schwindlig.
+In Herrn Lutterotts Gesicht lag ein seltsamer, arglistiger
+Triumph, den zu verbergen er sich keine M&uuml;he
+gab. Seine Augen sagten: &#8250;Wagst du es, dich an
+diesem Schatz zu vergreifen, und deine Armut, deine
+Herkunft lassen solches vermuten, dann wehe!&#8249; Denselben
+Ausdruck des Triumphes hatten seine Augen
+von Stund an, wenn er Engelhart ein Versehen nachweisen
+konnte, einen Schreib- oder Rechenfehler, wenn
+er ihn auf einer Verge&szlig;lichkeit ertappte, wenn die
+Akten auf einem falschen Platz lagen. Er pflegte
+seine Befehle lispelnden Tons zu erteilen, und wenn
+ihn Engelhart nicht verstanden hatte und um Wiederholung
+eines Wortes bat, wurde Herr Lutterott
+scharlachfarben im Gesicht, sprang von seinem Stuhl
+auf und sagte alles, Silbe f&uuml;r Silbe, noch einmal
+mit scharfer, bissiger, feindseliger Stimme, wobei sein
+Blick gr&uuml;nlich funkelte. War ein einziger Satz eines
+langen Briefes nicht zu seiner Zufriedenheit stilisiert,
+so zerri&szlig; er den ganzen Bogen, schimpfte aber nicht,
+sondern machte nur eine vornehm abwehrende Handbewegung
+und verlie&szlig; das Zimmer mit einem leichten
+H&uuml;steln oder Kichern. Kamen Unteragenten oder jemand
+aus der reichen Klientel oder sonstige Leute, so
+beliebte es Herrn Lutterott, Engelhart mit einer niedertr&auml;chtigen
+Zumutung zu dem&uuml;tigen, etwa, er solle
+dem Herrn den Rock&auml;rmel abb&uuml;rsten oder er solle die
+T&uuml;r vor ihm &ouml;ffnen, oder er schrie ihn an, wenn
+seine Feder kratzte, und dergleichen mehr.</p>
+
+<p>Engelhart erkannte wohl, da&szlig; dies Rank&uuml;ne war,
+aber er trug es, weil er es tragen wollte. Er bi&szlig;
+die Z&auml;hne zusammen und dachte, st&auml;rker zu sein als
+der Schmerz, den er &uuml;ber die unendlichen Beleidigungen
+empfand. Einst sa&szlig; er w&auml;hrend der Mittagstunde
+drunten in der Weinwirtschaft, als Herr Lutterott
+eintrat und am Honoratiorentischchen bei einigen &auml;lteren
+Herren Platz nahm. Engelhart blickte nachdenklich
+hin&uuml;ber, in seinen Gedanken stellte er sich vor, da&szlig;
+dieser Lutterott doch schlie&szlig;lich ein Mensch sei und
+da&szlig; es vielleicht nur der rechten Worte bed&uuml;rfe, um
+ihn auf den Weg der Billigkeit zu verweisen. Pl&ouml;tzlich
+nahm Lutterott ein K&auml;rtchen aus seiner Brieftasche,
+schrieb etwas auf, rief die Kellnerin, und diese
+trat zu Engelhart und reichte ihm das Geschriebene.
+Er las: &raquo;Es ziemt sich nicht f&uuml;r den Untergebenen,
+seinem Chef frech ins Gesicht zu stieren.&laquo; Da stand
+er auf, wieder schwindelte ihn, diesmal vor Zorn,
+aber er beherrschte sich und ging.</p>
+
+<p>Alles das dauerte an vierzehn Tage. Nun besa&szlig;
+Engelhart kein Geld mehr zum Notwendigsten des
+Lebens. Er wagte nicht, Herrn Lutterott um Vorschu&szlig;
+zu ersuchen, endlich aber zwang ihn die leibliche
+Not dazu. Er hatte es bis zur letzten Stunde des
+Nachmittags aufgespart. Kurz vor sieben Uhr brachte
+er sein Anliegen vor. Herr Lutterott stutzte, betrachtete
+die Spitze seines Stiefels und sagte, er habe
+den Geldschrank schon geschlossen, Engelhart m&uuml;sse sich
+bis zum andern Morgen gedulden. Damit entfernte
+er sich rasch und &uuml;berlie&szlig; dem jungen Mann wie
+allt&auml;glich das Schlie&szlig;en der R&auml;ume. Engelhart, der
+Hunger hatte und nicht wu&szlig;te, wie er ihn stillen
+sollte, entschlo&szlig; sich in seiner Hilflosigkeit, bis zum
+andern Morgen ein Darlehen bei der kleinen Spesenkasse
+aufzunehmen, die in seiner eignen Verwaltung
+stand, steckte ein Zweimarkst&uuml;ck zu sich, ging hin und
+a&szlig; sich satt. Gleich in der Fr&uuml;he erinnerte er Herrn
+Lutterott an den erbetenen Vorschu&szlig;, da er vor allem
+den entnommenen Betrag wieder zur&uuml;cklegen wollte.
+Doch Herr Lutterott erwiderte, w&auml;hrend seine Z&uuml;ge
+sich verkniffen wie bei jemand, der in die Sonne blickt:
+&raquo;Gern, aber vorher m&ouml;chte ich Ihre Kasse revidieren.&laquo;
+Engelhart wurde es kalt und hei&szlig;, denn er durchschaute
+nun die Infamie v&ouml;llig. In einem Ton,
+dessen Ruhe ihm selbst auffiel, sagte er, da&szlig; er zwei
+Mark aus der Kasse genommen. Herr Lutterott
+l&auml;chelte unendlich vornehm und runzelte die Stirn.
+Er entgegnete, er wundere sich, da&szlig; ein so aufgeweckter
+Kopf sich nicht klar gewesen sei &uuml;ber die
+Folgen einer Handlung, die mit dem juridischen
+Begriff zu bezeichnen ihm Engelhart wohl erlasse.
+Da&szlig; nach einem solchen Vergehen von einem weiteren
+Verbleiben im Dienste der &raquo;Minerva&laquo; keine Rede sein
+k&ouml;nne, verstehe sich von selbst. &raquo;Sie haben zwanzig
+Mark Vorschu&szlig;, hier haben Sie noch zehn Mark,
+mehr war Ihre Arbeit ohnehin nicht wert,&laquo; schlo&szlig;
+Herr Lutterott seine Rede, &raquo;und somit sind Sie ein
+freier Mann.&laquo;</p>
+
+<p>Engelhart nahm seinen Hut, starrte noch eine
+halbe Minute die T&uuml;rklinke an und ging. Jeder
+andre h&auml;tte gesprochen, w&auml;re aufgebraust, h&auml;tte versucht,
+seine W&uuml;rde zur&uuml;ckzuerk&auml;mpfen, ihm waren die
+<span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">[328]</a></span>Lippen versiegelt; im Grunde war er mehr erstaunt
+als erbittert.</p>
+
+<p>Jetzt sollte er die f&uuml;r seine Verh&auml;ltnisse ziemlich
+hohe Miete seines Zimmers bezahlen, er sollte essen,
+trinken, leben, aber womit? Er schrieb an Schildknecht
+und berichtete ihm das Vorgefallene, freilich
+nur andeutend, denn all die Niedertracht, die er so
+geduldig geschluckt, beichten zu m&uuml;ssen, h&auml;tte seinen
+Stolz verletzt. Sonderbarerweise versp&uuml;rte er auch
+jetzt nicht den geringsten Zorn gegen den sch&auml;ndlichen
+Mann, eine naive Wehmut umd&auml;mmerte seine Sinne,
+und er war neugierig, wie all dies enden w&uuml;rde.
+Stundenlang wanderte er durch die sch&ouml;nen Villenstra&szlig;en
+dieser reichen und gl&auml;nzenden Stadt, las die
+Namenschilder an den Pforten und besch&auml;ftigte sich
+mit den Tr&auml;umen von Wohlhabenheit, Gl&uuml;ck und Ehre.
+Es erschien ihm wahrscheinlich, da&szlig; unter diesen ruhig
+Besitzenden einer sich befand, der ihm Beistand und
+liebende Hilfe gew&auml;hrt h&auml;tte, nur kannte er ihn eben
+nicht, jedenfalls sah er sich jedes der schmucken H&auml;user
+mit Bezug auf diese Vorstellung aufmerksam an.</p>
+
+<p>Schildknecht antwortete in einem langen, best&uuml;rzten,
+hei&szlig;atmigen Brief; auch seine eigne Existenz sei dort
+in der l&ouml;blichen Schweiz, kaum neu aufgerichtet, wieder
+zertr&uuml;mmert worden. Durch welche Schuld, sei ihm
+unbekannt, doch seien die Erinnyen f&uuml;hlbar hinter
+ihm her. Er sagte, da&szlig; er nach Engelharts Gesellschaft
+Begierde trage, wie wenn er seit Jahrzehnten
+unter Hottentotten lebte, gleichwohl d&uuml;rfe er ihn nicht
+ermuntern, zu kommen, denn der Boden sei ihm selber
+gl&uuml;hend unter den F&uuml;&szlig;en. Wie stets, kam er in verh&uuml;llten
+Wendungen auf die Pl&auml;ne zu sprechen, die
+in seinem Hirn qualmten, und auf die Zukunft, die
+er als goldene Verhei&szlig;ung hinter den Gewittern erblickte.
+Engelhart war erw&auml;rmt und getr&ouml;stet durch
+dieses Schreiben voll tiefer Herzlichkeit, aber geholfen
+war ihm damit nat&uuml;rlich nicht. Schon lebte er in
+Schulden, schon betrachteten ihn die Leute scheu und
+finster, schon stieg das Wasser bis zum Hals. Von
+einer Stunde zur andern gebieterischer bedr&auml;ngt, eilte
+er aufs Postamt und depeschierte mit den letzten
+Pfennigen an die Adresse seines Vaters, er sei am
+&Auml;u&szlig;ersten, Unerh&ouml;rtes sei vorgefallen, der Vater m&ouml;ge
+ihm f&uuml;nfzig Mark senden. Diese absichtlich aufgepeitschte
+Sprache tat ihre Wirkung, das Geld kam,
+es war fast, wie wenn ein von R&auml;ubern Angefallener
+mechanisch die B&ouml;rse zieht. Doch ein paar Stunden
+sp&auml;ter erhielt Engelhart auch einen Brief des Vaters.</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t, da&szlig; ich selbst mit mir zu k&auml;mpfen
+habe,&laquo; schrieb Herr Ratgeber, &raquo;und da&szlig; ich mich
+ehrlich und rechtschaffen durchbringe. Es ist ein
+himmelschreiendes Unrecht von Dir, mich auf diese
+Weise mit Geldforderungen zu bel&auml;stigen. Ein junger
+Mann in Deinem Alter mu&szlig; verdienen, was er
+braucht, und wenn nicht, mu&szlig; er sich nach der Decke
+strecken. Was ist denn vorgefallen, oder wolltest Du
+mich nur durch Schrecken zwingen, Dir zu helfen?
+Wo hast Du die achthundert Mark Deines Erbteils
+hingebracht? Ich schinde mich wie ein Tagl&ouml;hner,
+nein, ein Tagl&ouml;hner hat Ruhe, wenn er gearbeitet
+hat, ich aber nicht, meine Frau g&ouml;nnt sich keinen
+guten Bissen, wir g&ouml;nnen uns keinerlei Vergn&uuml;gen,
+und Du kommst, um die sauer ersparten Pfennige zu
+holen. Dabei nagt noch der Wurm in mir &uuml;ber
+Dein monatelanges Schweigen, Dein liebloses Wesen;
+wahrlich, Du zeigst mir zu brutal, da&szlig; Du nur
+einen Vater kennst, wenn Du etwas von ihm haben
+willst. Aber alles will ich ertragen, wenn Du nur
+in ordentliche Bahnen lenkst; la&szlig; doch endlich die
+Ideale und werde ein praktischer, brauchbarer Mensch.&laquo;</p>
+
+<p>Zum Schlu&szlig; hie&szlig; es: &raquo;Es gr&uuml;&szlig;t Dich Dein Dich
+liebender Vater&laquo;; aber dies erschien Engelhart als blo&szlig;e
+Floskel. Er antwortete dankend, bes&auml;nftigend, ausf&uuml;hrlich,
+doch ohne Herzlichkeit. Er hielt den Vater f&uuml;r
+geizig und nahm das Opfer des Spargroschens als etwas
+Selbstverst&auml;ndliches hin.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">[342]</a></span>Eines Morgens packte Engelhart seine Siebensachen,
+zahlte die r&uuml;ckst&auml;ndige Miete, verlie&szlig;
+das Zimmer, deponierte seinen Koffer auf
+dem Bahnhof, und nur mit einem winzigen B&uuml;ndel
+belastet, marschierte er aus der Stadt und in den
+Wald. Er wollte wandern, gleichviel wohin, er
+wu&szlig;te auch nicht wohin, er war satt von den
+Menschen. Er lief an diesem Tag die Kreuz und
+Quer und kam, da er keines suchte, auch zu keinem
+Ziel. In einer Waldwirtschaft nahm er Milch und
+Brot zu sich und erstieg hierauf die H&ouml;he. Er
+strebte zu einer vom Sonnenuntergang beleuchteten
+Wolke und erblickte sie dann gegen&uuml;ber, gleichsam auf
+der andern Seite der Stra&szlig;e. Am Rand einer Lichtung
+warf er sich m&uuml;de hin, wartete noch, bis die
+Sterne entflammt waren, dann schlief er ein und erwachte
+erst wieder, als die Wipfel gl&uuml;hten und das
+Firmament von karmoisinfarbenen Zickzackstreifen bedeckt
+war. Seine Kleider waren feucht, rasch lief er
+den Hang herab, bis die N&auml;sse verdunstet war. Er
+trank von einer Quelle und lauschte dem langsamen
+Gebimmel der Kuhglocken. Unweit davon war ein
+Holzplatz, auf dem noch niemand arbeitete; er fand
+eine Hacke am Schuppen, nahm ein Scheit und drosch
+darauflos: es stellte Herrn Lutterott vor. Zuerst
+hieb er ihm die Beine ab, dann die Arme, dann den
+Kopf, dann zerschmetterte er das R&uuml;ckgrat. So verfuhr
+er auch mit andern Feinden und mit den Feinden
+Justin Schildknechts. Es war ein erfrischendes Gesch&auml;ft.</p>
+
+<p>Mittags begann es zu regnen, doch Engelhart
+ging ruhig weiter, halb besch&uuml;tzt vom Laubdach der
+B&auml;ume. Die Schnittfl&auml;che von den St&uuml;mpfen abges&auml;gter
+B&auml;ume leuchtete wie gelbes Feuer durch die
+Nebelschwaden. Bisweilen blieb er an den St&uuml;mpfen
+stehen, z&auml;hlte die Jahresringe und dachte, wieviel
+vollendete Schicksale hier verhaftet seien in dem schmalen
+Raum zwischen Ring und Ring. An der Wald&ouml;ffnung
+gegen einen See kam er zu dem einsamen Haus eines
+Schwarzwaldbauern, da fand er Aufnahme und freundliche
+Bewirtung. Nach Name, Zweck und Herkunft
+wurde nicht viel gefragt, er teilte ihre Mahlzeit am
+riesigen Tisch und schlief im Heu. Am n&auml;chsten Tag
+fuhr er auf den See hinaus, landete an einem ver&ouml;deten
+Teil des Ufers, erkletterte die H&auml;nge, lag
+stundenlang regungslos auf einer Felsplatte und kehrte
+am Abend zum Hause des Bauern zur&uuml;ck. F&uuml;r das
+Essen zahlte er ein paar Pfennige, das Nachtlager zu
+berechnen weigerte sich der Bauer.</p>
+
+<p>Von einem h&ouml;her gelegenen Weiler kam t&auml;glich zu
+fr&uuml;her Stunde eine kleine Schar von Knaben und
+M&auml;dchen herab, welche die Schule im Tal besuchten.
+Gegen Abend kehrten sie wieder zur&uuml;ck. Vom Sehen,
+Gr&uuml;&szlig;en und kurzem Zwiegespr&auml;ch an war allm&auml;hlich
+eine Art Vertraulichkeit zwischen ihnen und Engelhart
+entstanden. Er sah sie morgens von fern, wenn sie
+den Weg herabtrippelten, schritt ihnen entgegen, wenn
+sie vom Dorf heraufkamen, und begleitete sie heimw&auml;rts.
+Wenn er sich ins Moos setzte, rasteten sie
+auch und lagerten sich um ihn herum. Einmal kam
+die Rede auf Geschichten, und er begann Geschichten
+zu erz&auml;hlen. Die blo&szlig;e neugierige Verwunderung der
+Kinder verwandelte sich in Zuneigung. Die drei
+M&auml;dchen pfl&uuml;ckten ihm Blumen, die Buben sagten die
+einf&auml;ltigen Verse auf, die sie gelernt hatten. Sie
+hielten ihn vielleicht f&uuml;r einen gutm&uuml;tigen Schulmeister
+auf Urlaub, da sie vor ihm zu gl&auml;nzen suchten. Aber
+sein Herz lag in tiefer Ruhe bis zu der Stunde, wo
+eine Gesellschaft von st&auml;dtischen Ausfl&uuml;glern am Weg
+vor&uuml;berwanderte. Ihr Lachen und ihre Gespr&auml;che
+scheuchten ihn auf, Ehrgeiz wurde wach, der seltsame
+Trieb, ihnen, diesen Fremdesten, etwas zu bedeuten,
+vor sie hinzutreten mit den Worten: &raquo;Ich bin Engelhart
+Ratgeber,&laquo; worauf sie schweigend die Augen
+senken und antworten mu&szlig;ten: &raquo;Sprich zu uns, verehrter
+Mann.&laquo;</p>
+
+<p>Da fing also die Unrast an; und drei Tage sp&auml;ter
+kam er an einen hochumgitterten Garten im Tal. Es
+war Sonnenuntergangszeit. Nahe dem Eingangstor
+sa&szlig; ein junges M&auml;dchen auf einer Steinbank. Sie
+trug ein schimmernd wei&szlig;es Gewand, lose geg&uuml;rtet,
+und hielt ein Buch auf den Knien, in dem sie bl&auml;tterte.
+Von dem Pfirsichbaum &uuml;ber ihr tropften hier und da
+wei&szlig;e Bl&uuml;tenbl&auml;tter ab, und einige blieben in ihrem
+dunkeln Haar h&auml;ngen. Es war ein Bild, das Reichtum,
+Gl&uuml;ck und Sch&ouml;nheit in sich schlo&szlig;. Engelhart,
+von den Geb&uuml;schen halb verborgen, blieb schweigend.
+Das, was er liebte und begehrte, h&uuml;llte sich ihm gern
+in schwermutvolle Schleier, und was andre zum Kampf
+ermunterte, weckte ihm nur das schamhafte Gef&uuml;hl
+der Armut. Er f&uuml;rchtete dies Los, zu dem er sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">[343]</a></span>geboren sah: drau&szlig;en zu stehen vor der Mauer, nein,
+vor dem Gitter, das den Augen alles gab und der
+Hand nichts.</p>
+
+<p>In dieser Stunde liebte er das junge M&auml;dchen,
+das er gewi&szlig; kaum beachtet h&auml;tte, wenn es ihm auf
+der Stra&szlig;e begegnet w&auml;re, mit leidenschaftlichem
+Schmerz; ganz in sich versunken, floh er in den
+Wald zur&uuml;ck, ging und ging, immer dem schwachen
+Purpurschein nach, der zwischen den St&auml;mmen gl&uuml;hte,
+durch all die bewegten Tr&auml;ume hindurch dem fernen
+Ruf eines Kuckucks lauschend, bis er zu sp&auml;t inneward,
+da&szlig; er sich verirrt hatte. Die Wege wurden
+von hastig aufschwellender Dunkelheit verschlungen,
+Engelhart fing an zu laufen, bis er mit der Stirn
+an einen Baumstamm rannte. Er tastete mit den
+Armen umher, er suchte mit den Augen den Himmel,
+vergebens; ihm war, als k&ouml;nne er die Finsternis
+bef&uuml;hlen wie einen schwarzen, k&uuml;hlen K&ouml;rper. Er
+blieb stehen und horchte und vernahm nichts als das
+Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Nun hatte
+er Angst vor jedem Schritt nach vorw&auml;rts, ihm schien,
+als werde er langsam in einem Trichter zur Tiefe
+gezogen, er umklammerte einen Baum und schrie auf,
+da dieser sich im Kreis mit ihm bewegte. Die
+Finsternis zerteilte sich gleichsam in Wolken, in rotumr&auml;nderte,
+zuckende schwarze Fetzen, die sich zu
+w&uuml;sten Visionen ballten und, wie von einem Orkan
+gepeitscht, wieder auseinander flossen. Engelhart sp&uuml;rte
+die Bl&auml;sse seines Gesichts, und pl&ouml;tzlich erstarrten seine
+Glieder, als er in weiter Ferne, durch Zweige
+flammend, ein unheimlich gelbes Licht gewahrte. Er
+brauchte Minuten, um sich zu sammeln und um zu
+erkennen, da&szlig; es der Mond war. Vorsichtig schreitend,
+ging er dem Schein entgegen bis zu einer Lichtung,
+die mit gef&auml;llten B&auml;umen bes&auml;t war. Ersch&ouml;pft sank
+er hin, konnte aber die Augen nicht schlie&szlig;en, sondern
+blickte lange Zeit unaufh&ouml;rlich in den milchig bestrahlten
+Himmel. Ihn erschreckte alles, der Gedanke
+an die Tiefen und H&ouml;hen, an die Nacht und an die
+Sterne. Es blieb zu wenig &uuml;brig f&uuml;r das selbsts&uuml;chtige,
+sich selbst suchende Herz.</p>
+
+<p>Als der Tag graute, fand er nicht ohne Schwierigkeit
+seine Bauernh&uuml;tte. Er schlief lange, und nach
+Tisch verk&uuml;ndete er seinen Entschlu&szlig;, weiterzuwandern.
+Da man ihn fragte, wohin, entgegnete er l&auml;chelnd:
+nach S&uuml;den. Der Bauer und sein Knecht begleiteten
+ihn bis zur Landstra&szlig;e hinab, eine Stunde sp&auml;ter
+war er auf dem Bahnhof und nahm ein Billett nach
+Basel. Von dort wollte er zu Fu&szlig; weiter, um seine
+B&ouml;rse zu schonen. Weil er jedoch am Abend in
+Basel ankam und nicht in die Nacht hinein marschieren
+konnte, war er t&ouml;richt genug, in einem nahegelegenen
+Hotel Quartier zu nehmen, was ihn mehr Geld
+kostete als viele Stunden Eisenbahnfahrt. Noch dazu
+mu&szlig;te er sich ob seines Aussehens und des fehlenden
+Reisegep&auml;cks halber &ndash; den Koffer hatte er an die
+Adresse des Vaters geschickt &ndash; eine wegwerfende
+Behandlung gefallen lassen, und es nutzte ihm nichts,
+da&szlig; er sich bei einer gelegentlichen Zwiesprache mit
+dem Portier als Philosoph von Beruf bezeichnete.</p>
+
+<p>Dann kam ein sch&ouml;ner Wandertag durch sommerlich
+bl&uuml;hendes Land unter wolkenlosem Himmel. Er
+n&auml;chtigte in einer Fuhrmannsschenke, und am zweiten
+Tag fuhr er auf dem Wagen einer Seilt&auml;nzerfamilie
+bis nach Baden mit. Es waren abgerackerte Leute,
+selbst die Kinder schienen sterbensm&uuml;de, nur der
+Clown war ein aufgeweckter Mensch, der sich nicht
+ohne Geist &uuml;ber die Eigent&uuml;mlichkeiten verschiedener
+Nationen lustig machte. Am Nachmittag des dritten
+Tages sah Engelhart von fern den silbergl&auml;nzenden
+Z&uuml;rcher See, und er setzte sich in den Kopf, noch
+ans Gestade zu gelangen, bevor das Unwetter ausbrach,
+das schon seit Stunden am Himmel sich zusammenzog.
+Bald begann der schwere Regen zu
+fallen, die B&auml;ume der Allee schienen sich in den
+schwefelgelben Blitzen wie Fackeln zu entz&uuml;nden und
+den Flammen oben schien der Donner aus der Tiefe
+der Erde heraus zu antworten. Weit und breit war
+kein Haus, der Regen str&ouml;mte wie aus F&auml;ssern, im
+Nu war der einsame Wandersmann schlottrig na&szlig;,
+auch merkte er, da&szlig; seine Stiefel zerrissen waren und
+Wasser fingen. Er lief &uuml;ber einen Wiesenweg und
+schlo&szlig; die Augen vor den Blitzen. Nun gl&auml;nzte der
+See nicht mehr, einem erblindeten Auge gleich d&auml;mmerte
+er durch den Nebel herauf. Endlich ein Garten,
+endlich ein Haus, und ein Wirtshaus zum Gl&uuml;ck.
+Als er in den Flur st&uuml;rmte, stoben zwei M&auml;dchen
+kreischend auseinander. Die Wirtin kam, eine junge
+Frau mit schmachtenden Augen. Sie blickte zuerst
+unwillig auf den heruntergekommen aussehenden Gast,
+als sie aber sah, wie er unter den triefenden Kleidern
+zitterte, bot sie ihm von selbst ein Zimmer an und
+f&uuml;hrte ihn in den oberen Stock. Von rascher Sympathie
+ergriffen, erz&auml;hlte ihr Engelhart von seiner
+Wanderschaft, und w&auml;hrend ihm die fremde Frau
+wie eine Mutter beim Auskleiden behilflich war,
+&ouml;ffnete er zutraulich sein Herz und f&uuml;hrte die durch
+lange Einsamkeit wohlgen&auml;hrten Hoffnungen vor. Die
+Frau l&auml;chelte; sie sah, da&szlig; sie es mit keinem gew&ouml;hnlichen
+Landstreicher zu tun hatte; als er im
+Bett lag, setzte sie sich zu ihm und plauderte unbefangen
+&uuml;ber ihr Leben; sie war Witwe und ihr
+um vieles &auml;lterer Mann war w&auml;hrend eines Herbststurms
+im See ertrunken. Die Wirtschaft ging
+schlecht, fuhr sie fort, Neider und Verleumder br&auml;chten
+ihr &uuml;ble Nachrede in der Stadt, und sie wolle nun
+<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">[344]</a></span>den Kram verkaufen und in die neue Welt fahren.
+Sie berichtete alles in einem einzigen kunterbunten
+Satz, und ihr Gesicht sah auch bei den bek&uuml;mmertsten
+Worten froh und freundlich aus. Sp&auml;ter brachte sie
+Essen und Wein, und dann k&uuml;&szlig;te sie ihren jungen
+Gast und blieb bis in die sp&auml;te Nacht bei ihm. In
+der Fr&uuml;he war Engelhart entz&uuml;ckt, als er, die Fensterladen
+&ouml;ffnend, den See vor sich liegen sah und dahinter
+die Gebirge, von gr&uuml;nen Kuppen an aufw&auml;rts
+steigend bis zu rosigen und silbernen Schneegipfeln.
+An der Mauer unter dem Fenster hingen die reifen
+Kirschen und der betaute Garten glich einem Diamantfeld.
+Seine Kleider waren getrocknet, er r&uuml;stete zum
+Aufbruch und lie&szlig; sich durch das Bitten der Frau
+nicht halten. Sie weigerte sich, Bezahlung von ihm
+zu nehmen und lie&szlig; ihn noch mit dem Boot zur
+Stadt hin&uuml;berfahren.</p>
+
+<p>Zwei Stunden sp&auml;ter war er in Oberstra&szlig;, in
+Schildknechts Wohnung. Schildknecht war nicht zu
+Hause. Engelhart wartete im Garten und malte sich
+still tr&auml;umend das Gesicht des Freundes beim Wiedersehen
+aus. Es wurde Mittag, schlie&szlig;lich sagte die
+Vermieterin, er m&ouml;ge doch einmal bei Herrn Heilemann
+nachfragen, dies sei ein Freund von Herrn
+Schildknecht, bei dem er alle Tage zu Besuch sei und
+wohne in der Ge&szlig;ner-Allee. &#8250;Ein Freund?&#8249; dachte
+Engelhart &uuml;berlegen, &#8250;nein, liebe Frau, Schildknecht
+hat nur einen einzigen Freund, und das bin ich.&#8249;
+Die Frau beschrieb ihm den Weg, er ging hin und
+erfuhr, da&szlig; die Herren in dem gro&szlig;en Kaffeehaus an
+der Bahnhofstra&szlig;e seien. Als er dort eintrat, sah
+er Schildknecht an einem Tisch in Gesellschaft mehrerer
+stutzerhaft gekleideter M&auml;nner, schweigsam und finster
+vor sich hinbr&uuml;tend. Engelhart trat von r&uuml;ckw&auml;rts
+n&auml;her und legte l&auml;chelnd beide H&auml;nde auf seine
+Schultern. Schildknecht zuckte zusammen, drehte sich
+um, sprang empor, und sein jubelnder Aufschrei, sein
+echtes, wildes, beinahe kindisches Lachen r&uuml;hrten und
+ersch&uuml;tterten Engelhart; in der Freude dar&uuml;ber, da&szlig;
+ihn der ersehnte Augenblick nicht entt&auml;uscht hatte,
+verga&szlig; er alle Sorgen. Dies eifervolle, heiter-belebte
+Gespr&auml;ch, er geno&szlig; es als die Erf&uuml;llung eines
+Traumes; die Gegenwart war verdr&auml;ngt, auch das
+Letzterlebte schien belanglos im Vergleich zu den gemeinsamen
+Erinnerungen.</p>
+
+<p>Aber die Fragen: Wie steht&#8217;s? Wie bist Du ger&uuml;stet?
+Was hast du in der Tasche? Was soll&#8217;s
+&uuml;berhaupt? waren doch, klar oder umschrieben geformt,
+unvermeidlich. Schildknecht sah, da&szlig; er das
+ganze Geschick des z&auml;rtlich vertrauenden Menschen
+halten und lenken sollte, das war zuviel, dem f&uuml;hlte
+er sich nicht gewachsen. In einer schlaflosen Stunde
+z&uuml;ndete er die Kerze an, leuchtete hinab auf die
+Matratze, auf der Engelhart lag, und Schildknecht
+suchte etwas in diesem vom Schlummer trunkenen
+Gesicht. Seine eigne Miene trug den Ausdruck des
+Zweifels. Da die Lippen des Schl&auml;fers sich zu bewegen
+begannen, beugte er sich noch tiefer und lauschte
+&auml;ngstlich, wie wenn er das Gest&auml;ndnis eines Verrats
+erwarte. Pl&ouml;tzlich schlug Engelhart die Augen auf
+und erschrak, als er den im Kerzenlicht flammenden
+Blick des Freundes lauernd auf sich ruhen sah.
+Schildknecht sch&uuml;ttelte besorgt den Kopf und sagte
+mild: &raquo;Etwas haben Sie mir verborgen, lieber Ratgeber;
+nun sprechen Sie mal von der Leber weg.&laquo;</p>
+
+<p>Engelhart antwortete nicht. Er starrte in den
+Lichtkreis an der Decke. Wie gew&ouml;hnlich war sein
+Erstaunen gr&ouml;&szlig;er als der Trieb zu fragen. Ja, er
+hatte von dieser Minute an ein Geheimnis.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Zwoelftes_Kapitel" id="Zwoelftes_Kapitel"></a>Zw&ouml;lftes Kapitel</h2>
+
+
+<p class="newsection"><span class="dropcap">N</span>ur mit M&uuml;he lie&szlig; sich Schildknecht davon abbringen,
+dem famosen Herrn Lutterott einen Zorn-
+und Schm&auml;hbrief zu schreiben. &raquo;Solche Kerle sind
+jetzt das B&uuml;rgerideal,&laquo; knirschte er; &raquo;so sehen sie aus,
+die oben wohl gelitten und unten gef&uuml;rchtet sind.
+O herrliches Deutschland!&laquo;</p>
+
+<p>Engelhart hatte l&auml;ngst aufgeh&ouml;rt, des Mannes in
+Groll zu gedenken. Nur da&szlig; Lutterott es gewagt
+hatte, ihm aus seinem Judentum eine Schuld zu
+machen, erf&uuml;llte ihn mit nachhaltiger Verwunderung.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie denn nie an pers&ouml;nliche Gefahren
+aus solcher Quelle gedacht?&laquo; fragte Schildknecht.</p>
+
+<p>Engelhart verneinte; er habe sich des Judentums
+nie gesch&auml;mt und habe auch nie Anla&szlig; gehabt, sonderlich
+stolz darauf zu sein. &raquo;Ist es nicht gleichg&uuml;ltig,
+welcher Provinz der gro&szlig;en Menschheit der einzelne
+seine Herkunft zuschreibt?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;,&laquo; antwortete Schildknecht. &raquo;Aber ist
+Ihnen denn nicht bekannt, da&szlig; Millionen von Ihren
+Stammes- und Herkunftsgenossen im tiefsten Jammer
+vegetieren, nur eben deshalb, weil sie Juden sind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es,&laquo; sagte Engelhart; &raquo;aber der gr&ouml;&szlig;te
+Teil der Menschen lebt im Jammer, und die Tatsache
+ber&uuml;hrt mich mehr als der Grund.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wissen Sie nicht, da&szlig; das ganze Mittelalter
+vom Blut der Juden ged&uuml;ngt ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es, aber ich sage mir, Blut ist ein
+guter D&uuml;nger; aus Blut w&auml;chst Leben. Mit Blut
+wird die Freiheit bezahlt, mit Blut wird die Erde
+erobert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und erinnern Sie sich nicht aus Ihren Kindertagen,
+da&szlig; der Christ in Ihren Augen ein Fremdling
+war?&laquo;</p>
+
+<p>Engelhart nickte lebhaft. &raquo;Ich erinnere mich auch
+<span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">[345]</a></span>an Blicke, Worte und Geb&auml;rden, die mich verletzen
+sollten und zur&uuml;ckweisen wollten,&laquo; entgegnete er.
+&raquo;Aber es war mir nicht gegeben, daraus einen
+Schmerz zu machen; ich f&uuml;hlte, da&szlig; es kein Problem
+f&uuml;r mich war. Ich bin vielleicht zu stolz dazu.
+Wenn ich im Verkehr vom Menschen zum Menschen
+dies als wichtig nehmen m&uuml;&szlig;te, dann w&auml;ren eben
+alle meine Wurzeln der Nahrung beraubt. Den such&#8217;
+ich nicht, der deshalb an mir vor&uuml;bergeht. Ich bin
+ein Jude, aber ich bin es nicht mehr, als wie Sie
+ein Christ sind. Unsre Vergangenheit liegt in den
+Worten, nicht unsre Zukunft.&laquo;</p>
+
+<p>Schildknecht dachte eine Zeitlang nach. Dann
+fing er wieder an und sagte: &raquo;Es ist ein gro&szlig;es
+Kapitel. Ich f&uuml;r meinen Teil, ich liebe ja die
+Juden. Dennoch, es ist eine Verstandesliebe, mein
+Blut str&auml;ubt sich dagegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch gegen mich?&laquo; fragte Engelhart l&auml;chelnd
+und besorgt.</p>
+
+<p>&raquo;Man soll nicht ein Gef&uuml;hl zergliedern, sonst
+h&ouml;rt es auf, ganz zu sein,&laquo; antwortete Schildknecht
+mit niedergeschlagenen Augen. &raquo;Aber es kommt mir
+oft vor, als ob in unserm Verh&auml;ltnis noch eine
+andre Macht gebieten w&uuml;rde als die, die Menschen
+sonst einander begegnen und sich finden l&auml;&szlig;t. Es
+kommt mir vor, als ob dabei eine Art h&ouml;here Vergeltung
+im Spiel w&auml;re. Meine Vorfahren sind alts&auml;ssige
+N&uuml;rnberger Patrizier gewesen. Es wird Ihnen
+ja bekannt sein, da&szlig; vor ziemlich genau vierhundert
+Jahren die Juden aus unsrer Stadt vertrieben wurden
+und zwar unter den &uuml;blichen Greueln: Erpressung,
+Raub und Mord. Nun ist es in unsrer Familie
+eine alte Tradition, und ich habe es auch einmal in
+einem alten Schriftst&uuml;ck best&auml;tigt gefunden, da&szlig; ein
+gewisser Schildknecht vom Schildknechtstein, der den
+Juden tief verschuldet war, mit gro&szlig;er Leidenschaft
+und T&uuml;cke das Volk aufgehetzt, dann die Brunnen
+in seinem Haus habe vergiften lassen und schlie&szlig;lich
+mit eigner Hand an die hundert Juden erschlagen
+habe. Vielleicht, lieber Ratgeber, war einer oder der
+andre Ihrer &Auml;ltervordern unter den Erschlagenen,
+aber sehen Sie mich nicht so beklommen an, ich f&uuml;hle
+mich nicht verantwortlich f&uuml;r den Schweinehund von
+damals, wenn ich auch zum Beispiel von meinem
+Vater wei&szlig;, da&szlig; er den Juden zwar g&uuml;nstig gesinnt
+war, jedoch nie einem die Hand reichte und es, wenn
+m&ouml;glich, &uuml;berhaupt vermied, mit Juden zu reden.
+Dem sei, wie ihm mag, es kommt mir immer vor,
+als ob der Sturm des Schicksals uns, mich und Sie,
+auf einem Gebirgshang zueinander getrieben habe,
+mich beim Heruntersteigen und Sie beim Hinaufsteigen.
+Als ich Sie damals im Paradieschen zum
+erstenmal sah, da zog&#8217;s mich zu Ihnen mit einer
+Mischung von Ha&szlig;, Neid und Schuld. &#8250;M&ouml;glicherweise,&#8249;
+dacht&#8217; ich mir, &#8250;geht es doch wieder aufw&auml;rts,&#8249;
+und ich suchte die Oberhand &uuml;ber Sie zu
+gewinnen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber damit haben Sie mich gerettet, Liebster,&laquo;
+warf Engelhart ein, voll seltsamer Angst vor dem
+bekenntnishaften Ton Schildknechts.</p>
+
+<p>Dieser lie&szlig; sich nicht irre machen und fuhr mit
+bleicher werdendem Gesicht fort: &raquo;Mag sein. Aber
+ich habe keine Sicherheit, da&szlig; Sie mir nicht, ein paar
+hundert Meter weiter auf dem Berg angelangt, einen
+Stein auf den Kopf werfen werden. Sie sind keiner
+von den Dankbaren. Was ist denn Freundschaft?
+Ein Kampf um Macht wie alles, was zwischen
+Menschen vorgeht; und was wahre Freundschaft ist,
+erkennt man erst an den Wunden, die man davongetragen
+hat. Doch was ich eigentlich sagen wollte,
+ist das: solche Menschen, die wie Sie aus der Dunkelheit
+eines Stammes emporgetrieben werden und in
+denen die stumm gewesenen Geschlechter, wie soll ich
+mich ausdr&uuml;cken, einen Mund erhalten, die haben
+viel Chaos, viel fl&uuml;ssiges Schicksal in sich. Das
+Judentum sind Sie ja los, aber der Jude, der in
+Ihnen steckt, wird Ihnen noch viel zu schaffen
+machen, er wird Ihnen immer wieder Finsternis
+ins Gem&uuml;t pressen, auch die Lust zur Finsternis
+und die Lust, sich selber zu entfliehen und die Lust
+zu erl&ouml;sen und all diesen Quark, an dem unsre
+Besten verbluten.&laquo;</p>
+
+<p>Auf Engelhart machte dies alles tiefen Eindruck,
+nicht, weil es ihm so neu war, sondern weil er
+pl&ouml;tzlich seine Art und sein Blut, das Pers&ouml;nliche
+und Kreat&uuml;rliche, gesetzm&auml;&szlig;iger empfand. Dem lebendigen
+Geist tut es wohl, das Leben seiner niedrigen
+Zuf&auml;lligkeiten entkleiden zu d&uuml;rfen; je inniger er sich
+in das Auf und Ab des Menschentums verwoben
+sieht, je mehr mu&szlig; seine Zuversicht und Ruhe wachsen.
+Justin Schildknecht war diese Wirkung nicht ganz
+willkommen, und es war, als bereue er das Gespr&auml;ch.
+Er w&uuml;nschte nicht, da&szlig; Engelhart auf sich allein gestellt
+sei, und vermied von nun an, &uuml;ber Gegenst&auml;nde
+zu sprechen, aus denen das Selbstbewu&szlig;tsein
+des Freundes Nahrung ziehen konnte. Sein Wohlwollen
+verdunkelte sich mit seinem Schicksal; furchtbar
+sp&uuml;rte er, wie man zu lieben und zu hassen
+vermag in einem Atemzug.</p>
+
+<p>Schildknecht hatte seine Anstellung schon verloren;
+aus welchem Grunde, erfuhr Engelhart nicht, vermutete
+jedoch, da&szlig; er sich von jenem Heilemann, in dessen
+Gesellschaft er bis zu Engelharts Ankunft den gr&ouml;&szlig;ten
+Teil seiner Zeit verbracht hatte, von regelm&auml;&szlig;iger
+<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">[346]</a></span>Arbeit hatte abziehen lassen. Auch &uuml;ber die Person
+Heilemanns vermochte Engelhart nicht Klarheit zu
+gewinnen. Er war Vertreter einer gro&szlig;en deutschen
+Maschinenfabrik und verdiente viel Geld, lebte aber
+auf dem Kavaliersfu&szlig; und zog mit einem Hofstaat
+von armen und halbarmen Teufeln in der Stadt
+und in den Ausflugsorten am See herum. Schildknecht
+und er waren Schulkameraden; jetzt schien es,
+als ob Schildknecht in sonderbarer Abh&auml;ngigkeit von
+ihm bestehe. Vielleicht, da&szlig; er Schulden bei ihm
+hatte machen m&uuml;ssen; jedenfalls benahm er sich in
+Heilemanns Gegenwart gedr&uuml;ckt und zweideutig ergeben,
+ein Anblick, bei dem es Engelhart j&auml;mmerlich
+zumute wurde, um so mehr, als er hintennach immer
+die Launen und das Aufsch&auml;umen des verletzten
+Stolzes ansehen und ertragen mu&szlig;te. Es war ein
+nicht zu durchschauendes Spiel unterirdischer Feindseligkeit.
+Mit Schmerz sah Engelhart den Freund
+in den tr&uuml;ben Fluten k&auml;mpfen, aus denen er selbst
+durch Schildknechts Hilfe kaum gerettet war. Und
+diesmal bestand keine Wahrheit zwischen ihnen; Schildknecht
+tat alles, um die Ursachen seiner Lage zu verwischen,
+und gab sich den Anschein dessen, der die Gesellschaft
+studieren, ein St&uuml;ck Leben ergr&uuml;nden will.</p>
+
+<p>An einem der ersten Abende fand in Heilemanns
+Wohnung ein Gelage statt, und um die Lustbarkeit
+zu vermehren, beschlossen alle Teilnehmer, bei Heilemann
+zu n&auml;chtigen. Neun Personen schliefen in zwei
+kleinen Zimmern. Engelhart lag auf einem Teppich
+und konnte kein Auge zutun. Als er alle andern
+schnarchen h&ouml;rte, erhob er sich und floh aus dem
+Wein- und Atemdunst hinaus auf einen kleinen Balkon,
+an dessen Gitter bl&uuml;hende Glyzinien hingen.
+Nach kurzer Weile sah er Schildknecht hinter sich
+stehen, der, wie er selbst, im Hemde war. Engelhart
+freute sich und dachte, nun k&ouml;nnten sie wieder einmal
+ein bi&szlig;chen reden, aber Schildknecht machte ihm Vorw&uuml;rfe
+&uuml;ber sein schweigsames und unfrohes Wesen,
+das in einer Gesellschaft von so harmloser Art &uuml;bel
+vermerkt werden m&uuml;sse. Engelhart nickte zu allem
+und gab dem Freunde recht. Doch hatte er in keiner
+Stunde des Lebens seine Armut tiefer bedauert als
+jetzt. &Auml;hnliche N&auml;chte wiederholten sich nicht, aber
+es wurden Ausfl&uuml;ge zu Schiff unternommen, bei
+denen Heilemann die Zeche zahlte. Bei einer solchen
+Gelegenheit wandte sich Heilemann an Schildknecht
+und machte ihn unwillig auf Engelharts sch&auml;bige Kopfbedeckung
+aufmerksam. &raquo;Ihr Freund soll sich einen
+Hut kaufen,&laquo; sagte er und warf ein Zehnfrankenst&uuml;ck
+&uuml;ber den Tisch. Das war nun allerdings zuviel f&uuml;r
+Schildknecht; er erbla&szlig;te und entfernte sich schweigend
+mit Engelhart. Gleichwohl merkte dieser, da&szlig; Schildknecht
+ihm wegen dieses Vorfalls insgeheim grollte.</p>
+
+<p>Mitte Juli mu&szlig;te Heilemann eine Gesch&auml;ftsreise
+antreten, und kaum war er fort, so stob auch seine
+Schmarotzergarde auseinander. Nun sah sich Schildknecht
+gezwungen, Engelhart von seiner trostlosen Verm&ouml;genslage
+zu unterrichten. Sobald er offen und
+wahr sein durfte, kam seine g&uuml;tigere Natur wieder
+zum Vorschein. Er sagte, es sei wesentlich, da&szlig; sie
+jetzt aneinander festhielten und nicht der ordin&auml;ren
+Notdurft wegen das Freundschaftsg&auml;rtlein verdorren
+lie&szlig;en. Er bem&uuml;hte sich bei seinen Bekannten, um
+f&uuml;r Engelhart eine Stelle zu erhalten, und lief tagelang
+mit ihm von Gesch&auml;ft zu Gesch&auml;ft, aber die erhaltenen
+Empfehlungen waren mager, wohlwollendes
+Entgegenkommen trafen sie selten bei diesem herben
+und selbstzufriedenen Menschenschlag, die Vergeblichkeit
+der M&uuml;he spiegelte sich in ihren Gesichtern wider,
+und der trotzige Unmut machte auch Bereitwilligere
+stutzig. &raquo;Sie m&uuml;ssen sprechen,&laquo; sagte Schildknecht zu
+Engelhart, &raquo;Sie m&uuml;ssen sich ins Licht setzen, die Leute
+merken ja, da&szlig; Sie keine zehn Rappen im Sack
+tragen, dem Bettler wirft man h&ouml;chstens ein St&uuml;ck
+Brot hin, nur wer fordert, wird geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>In den ersten Tagen hatte das vorhandene Geld
+noch zu einem Mittagessen in einer Gastwirtschaft
+ausgereicht, dann kam die Stunde, wo man sich aufs
+Hungern einrichten mu&szlig;te. Schildknecht hatte keinen
+Menschen in der Stadt, den er, ohne seine Empfindlichkeit
+aufs tiefste zu verwunden, um ein Darlehen
+ansprechen konnte. Und ehe er sich nach Hause wandte,
+wollte er das Schlimmste &uuml;ber sich ergehen lassen.
+Die Augen zu und hinein ins Wasser, war seine t&auml;gliche
+Redensart. Engelhart hatte sich noch einmal
+mit einer sch&uuml;chternen Bitte an den Vater gewandt,
+nat&uuml;rlich umsonst; Herrn Ratgebers Antwort war ein
+einziges H&auml;nderingen, wor&uuml;ber sich Schildknecht weidlich
+lustig machte. Sie richteten nun ihr Leben so
+ein, da&szlig; sie bis &uuml;ber den Mittag hinaus im Bette
+lagen, sich dann mit der Umst&auml;ndlichkeit von Modedamen
+ankleideten und ins Kaffeehaus marschierten,
+wo sie den Nachmittag &uuml;ber sitzenblieben. Nur hier
+hatten sie, haupts&auml;chlich durch das Ansehen, welches
+Heilemann geno&szlig;, ein wenig Kredit; sie tranken Tee
+und verzehrten zur Stillung des Appetits eine gro&szlig;e
+Anzahl von Semmeln, lasen Zeitungen und Wochenschriften
+aus aller Welt, beobachteten und kritisierten
+die vor den Fenstern vor&uuml;berwandelnden Menschen,
+wobei diejenigen, die sattgegessen aussahen, am &uuml;belsten
+wegkamen. Niemals und nicht mit einem Blick lie&szlig;
+Schildknecht in all der Zeit Engelhart merken, da&szlig;
+er ihm zur Last falle, ihn fessele und das eigne Fortkommen
+erschwere. Eher noch schien er selbst den
+Freund zu halten und tat so, als w&auml;re die ganze
+Pein nur ein Examen, das ihnen das Schicksal bereitet.
+<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">[347]</a></span>Aber schlie&szlig;lich, <em class="gesperrt">er</em> war in seinem Hause, er
+war es, der gab, und Geben macht m&uuml;de und tyrannisch.
+Am Abend wurden tiefsinnige Gespr&auml;che ausgesponnen,
+und Schildknecht verstand es, zwischen zwei
+gesprochene Worte eine ungesagte Bitternis zu legen
+wie jemand, der eine Nadel auf ein Butterbrot streicht.
+Gegen Mitternacht gediehen die F&auml;den d&uuml;nner, weil
+der Magen, wie ein Hund gegen Diebe, sein Knurren
+gegen das Wortgeklapper erhob, dann nahm der eine
+in seinem Bett, der andre auf der Matratze zu den
+Tr&auml;umen Zuflucht.</p>
+
+<p>Schildknecht tr&auml;umte schwer, oft erwachte Engelhart
+von seinem St&ouml;hnen und sah ihn beim Morgengrauen
+totenbleich liegen, mit feuchten Angstperlen auf
+der Stirn. Er liebte nicht das schlafende Gesicht
+Schildknechts, ja er f&uuml;rchtete es. Einmal nun hatte
+Schildknecht einen angenehmen Traum und erz&auml;hlte
+ihn: er sei am Meer gestanden und drei Schiffe, voll
+mit Gold beladen, seien auf ihn zugeschwommen, seien
+wie V&ouml;gel geradeswegs in seine Arme geflogen, und
+dann sei in zahllosen kleinen F&auml;ssern das Gold um
+ihn aufgestapelt worden, aber immer, wenn er zugreifen
+wollte, habe sich eine Hand auf seine Schulter
+gelegt, und eine Stimme sprach: &raquo;Warten, es kommt
+noch mehr.&laquo;</p>
+
+<p>Das war der ganze Traum, und Engelhart bedauerte,
+da&szlig; er zu Ende war, denn er h&auml;tte gern gewu&szlig;t,
+was Schildknecht mit seinen Reicht&uuml;mern angefangen.
+Allm&auml;hlich wurde dieser Gedanke zu einer
+sorgenvollen und krankhaften Vorstellung, es war etwas
+dabei, was ihn bez&uuml;glich seiner eignen Person beunruhigte,
+und da er es &uuml;ber Tag und Nacht nicht los
+werden konnte und mit sich zu Rate ging, wie er dem
+Freund von seinem zweifelvollen Zustand Kunde geben
+sollte, entsann er sich einer alten Geschichte, und mitten
+in einem Gespr&auml;ch bat er Schildknecht ziemlich unvermittelt,
+ihm zuzuh&ouml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Zwei edle Ritter in der Bretagne,&laquo; so begann er,
+&raquo;liebten einander sehr. Beide waren arm, nur besa&szlig;
+der eine von ihnen einen sch&ouml;nen Zelter. Und der
+andre fing eines Tags an nachzudenken und sprach
+bei sich: &#8250;Mein Freund hat einen sch&ouml;nen Zelter; wenn
+ich ihn darum b&auml;te, w&uuml;rde er ihn mir wohl geben?&#8249;
+Eine Zeitlang schwankte er zwischen ja und nein,
+endlich aber kam er zu dem Schlu&szlig;, der Freund
+w&uuml;rde ihm den Zelter nicht geben. Der Ritter wurde
+traurig und erschien mit anderm Gesicht vor seinem
+Freund, doch dieser merkte nichts. Dar&uuml;ber wurde
+der Gram des Ritters immer gr&ouml;&szlig;er, er h&ouml;rte auf,
+mit dem Freund zu sprechen und wandte das Auge
+ab, wenn jener vor&uuml;berging. Der andre, der den
+Zelter besa&szlig;, konnte dies nicht l&auml;nger ertragen und
+stellte ihn zur Rede, fragte, weshalb er ihn meide,
+weshalb er erz&uuml;rnt sei. Da antwortete er: &#8250;Weil ich
+dich um deinen Zelter gebeten habe und du ihn mir
+abgeschlagen hast, und weil ich nun sehe, da&szlig; wir zu
+Unrecht Freunde hei&szlig;en.&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>Schildknecht war ziemlich erstaunt &uuml;ber die Geschichte,
+und als er dar&uuml;ber nachzudenken begann, geriet
+er in eine gereizte Stimmung. Eben das hatte
+Engelhart gef&uuml;rchtet und hatte deswegen auch die Erz&auml;hlung
+nicht zu Ende gebracht. Nat&uuml;rlich hatte der
+Ritter, der den Zelter besa&szlig;, voll R&uuml;hrung den andern
+umarmt und gesprochen: &raquo;Alles, was mir geh&ouml;rt, geh&ouml;rt
+auch dir.&laquo; Es war ihm zu banal erschienen, dies
+hinzuzuf&uuml;gen, vielleicht kam es der Wahrheit n&auml;her,
+wenn die beiden Ritter von nun an Feinde wurden.</p>
+
+<p>Als Heilemann zur&uuml;ckkehrte, waren die zwei Hungersgenossen
+so ausgemergelt, da&szlig; selbst der k&uuml;hle Gen&uuml;&szlig;ling
+erschrak und sich ernstlich bem&uuml;hte, f&uuml;r Schildknecht
+einen anst&auml;ndigen Posten aufzutreiben. Doch
+sagte er ihm: &raquo;Das mit deinem Freund Ratgeber ist
+nichts, der taugt nicht, den mu&szlig;t du loswerden,&laquo; und
+nach einer kurzen Beratung wurde beschlossen, da&szlig;
+Engelhart zu seinem Vater reisen m&uuml;sse, der habe die
+n&auml;chste Pflicht, f&uuml;r ihn zu sorgen. &raquo;Hier sind zwanzig
+Franken,&laquo; sagte Heilemann, &raquo;damit kann er bis
+M&uuml;nchen durchkommen, und er soll sich nur schleunigst
+trollen, ist &uuml;berhaupt ein unleidlicher Kumpan.&laquo;</p>
+
+<p>Engelhart ahnte nichts von diesen Beschl&uuml;ssen, als
+er am Nachmittag desselben Tages an einer Partie
+teilnahm, welche von Heilemann, Schildknecht und
+einigen andern, Damen und Herren, veranstaltet wurde.
+Sie fuhren mit dem Dampfer bis Meilen, wanderten
+noch eine Stunde am Ufer entlang und kamen gegen
+Abend in ein Gartenwirtshaus, wo eine Musikkapelle
+spielte. Inzwischen hatte sich der Himmel schwarz
+umzogen, die meisten Leute fl&uuml;chteten auf das eben
+abgehende Schiff, und so blieb die kleine Gesellschaft,
+in der Engelhart sich befand, mit den Musikanten fast
+allein zur&uuml;ck. Heilemann lie&szlig; im Saal oben den Tisch
+decken und mietete die Musikanten, da nach dem Essen
+ein Tanzvergn&uuml;gen geplant war. W&auml;hrend der Mahlzeit
+war Schildknecht sehr aufger&auml;umt, erz&auml;hlte ein
+halb Dutzend seiner lustigen Geschichten und hielt dabei
+geflissentlich seine Augen von Engelhart fern, dem
+er gegen&uuml;ber sa&szlig;. Engelhart glaubte, es sei darum,
+weil er all diese Geschichten schon kannte und Schildknecht
+sich deshalb vor ihm geniere. Es lachten alle,
+nur er lachte nicht, und dies kr&auml;nkte Schildknecht; am
+Schlu&szlig; stand er hastig auf, warf die Serviette auf
+den Stuhl und verlie&szlig; den Saal. Engelhart war ein
+wenig erk&auml;ltet durch dies auff&auml;llige Benehmen, indessen
+folgte er alsbald dem Freund und traf ihn nach
+einigem Suchen unten an der Uferb&ouml;schung, wo er
+auf einem Felsst&uuml;ck hockte und in die blitzezuckende
+<span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">[348]</a></span>Ferne starrte. Engelhart setzte sich zwei Schritte von
+ihm weg, noch dichter an das Wasser.</p>
+
+<p>Das Schweigen, das zwischen ihnen herrschte,
+schien die Dunkelheit des Abends rascher zu beschw&ouml;ren,
+und nach einer Weile gewahrte Engelhart den Freund
+nur noch als formlosen Schattenri&szlig;, kaum von dem
+Laubwerk eines tiefh&auml;ngenden Weidenbaums abgehoben,
+in welchem ein Vogel klagenden Gesang anstimmte.
+Mit jeder Minute mehr sp&uuml;rte Engelhart das Schweigen
+als etwas Feindseliges, und es war, als ob sein Ohr
+Zuflucht n&auml;hme zum Glucksen des Wassers und zum
+leisen Geroll des Donners. Endlich fing Schildknecht
+an zu sagen, was er sagen mu&szlig;te, seine Stimme klang
+tief, ruhig und verschleiert. H&auml;tte er sich darauf beschr&auml;nkt,
+zu sagen: So und so liegen die Dinge, es
+geht nicht mehr weiter, wir halbieren uns blo&szlig; die
+M&ouml;glichkeiten und Hoffnungen des Lebens, statt sie
+zu verst&auml;rken, und es ist ein Ausweg gefunden worden,
+der in der Natur der Dinge liegt, so w&auml;re alles
+gut gewesen; aber das tat er nicht, er ging der Sache
+vom sittlichen Standpunkt aus zu Leibe und suchte
+es so hinzustellen, als h&auml;tten die Fehler und schlechten
+Eigenschaften Engelharts von Anfang an alles zum
+Schlimmen gewandt. Er redete sich eine F&uuml;lle aufgespeicherter
+Bitterkeit von der Brust und meinte, er
+sei immer der Gaul, der den fremden Wagen aus
+dem Dreck zerren m&uuml;sse, von ihm verlange man Haltung,
+Verantwortung, Verst&auml;ndnis, von ihm den Zelter,
+aber andre wollten nicht geben, andre s&auml;&szlig;en d&uuml;ster
+und stumm da, wenn er f&uuml;r eine ganze Affenkompagnie
+den Extrahanswursten mache.</p>
+
+<p>Als er seine Rede beendigt hatte, fiel die dumpfe
+Streichmusik vom Saale oben ein, und Engelhart beobachtete
+weit drau&szlig;en in der Schw&auml;rze, die &uuml;ber dem
+See br&uuml;tete, ein langsam gleitendes Laternenlicht;
+aber allm&auml;hlich verschwamm es in seinen Augen, und
+mit dem Gedanken: Alles verschwendet, das ganze
+Herz verschwendet, scho&szlig; ihm das Wasser unter den
+Lidern hervor, und er weinte lange still vor sich hin.</p>
+
+<p>Zw&ouml;lf Stunden sp&auml;ter sa&szlig; er schon auf der Eisenbahn
+und fuhr mit dem geringsten Gep&auml;ck, das je ein
+Reisender besessen, gegen Norden. Sein j&auml;mmerliches
+Ausgehungertsein war schuld, da&szlig; er auf jeder Station
+etwas zu essen kaufte und w&auml;hrend der &Uuml;berfahrt
+auf dem Bodensee-Dampfer unbedenklich an der teuern
+Mahlzeit teilnahm. So kam es dann, da&szlig; er, auf
+dem Bahnhof in Lindau stehend, von seinen paar
+Franken nichts mehr &uuml;brig hatte. Es war f&uuml;nf Uhr
+nachmittags, in einer Viertelstunde ging der Schnellzug,
+dieser hatte keine dritte Klasse, und Engelhart
+sah sich au&szlig;erstande, den Zuschlagspreis zu entrichten.
+Der n&auml;chste Zug ging erst in der Nacht und fuhr
+elf Stunden statt sechs. Und wo Unterkunft suchen
+bis dahin, wovon leben; au&szlig;erdem dr&auml;ngte es ihn
+vorw&auml;rts, als ob am neuen Ziel das Heil bereit sei.
+Wie er nun in den letzten zehn Minuten, w&auml;hrend
+der Zug schon dastand und die Lokomotive gleichsam
+einladend schnaubte, ratlos und verzweifelt auf dem
+Bahnsteig hin und her rannte, trat ein graub&auml;rtiger
+Schaffner auf ihn zu und fragte, was ihm denn sei,
+ob er jemand erwarte oder ob er sich krank f&uuml;hle.
+Engelhart wollte kurz ausweichend antworten, aber
+das ehrlich-gute Gesicht des Mannes fl&ouml;&szlig;te ihm Vertrauen
+ein, und er gestand z&ouml;gernd seine Verlegenheit.
+Da sagte der Alte, er wolle ihm gern helfen, er m&ouml;ge
+sich nur einen Platz suchen, die &Uuml;berzahlung betrage
+etwas &uuml;ber sechs Mark, die wolle er f&uuml;r ihn auslegen.
+&raquo;Ich werd&#8217; es Ihnen morgen zur&uuml;ckbringen,
+bei meiner Seligkeit!&laquo; rief Engelhart mit heiligem
+Eifer. &raquo;Nun, nun, ich glaub&#8217; Ihnen schon,&laquo; beschwichtigte
+ihn der Alte und klopfte ihm auf die
+Schulter. Als er w&auml;hrend der Fahrt das Billett
+brachte, schrieb er ihm seine Adresse auf einen Zettel
+und wies alle Danksagungen schmunzelnd ab.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">[359]</a></span>Es wurde Mitternacht, ehe Engelhart, weit in der
+n&ouml;rdlichen Vorstadt irrend, die Stra&szlig;e und das
+Haus fand, wo sein Vater wohnte. Dann mu&szlig;te
+er lange l&auml;uten, bis Frau Ratgeber herunterkam. Sie
+war sehr &uuml;berrascht und schien des Ank&ouml;mmlings nicht
+eben froh zu sein; bedr&uuml;ckten Herzens schlich er hinter ihr
+die vier Stockwerke empor, und seine scherzhafte Anspielung
+&uuml;ber die N&auml;he des Himmels hier oben beantwortete
+sie mit einem Seufzer &uuml;ber das harte
+Leben. Sie brachte willig herbei, was sie noch zu
+essen im Haus hatte, setzte sich ihm sodann gegen&uuml;ber,
+blickte mit ihren scheuen Augen &auml;ngstlich-musternd
+in sein Gesicht und meinte vorwurfsvoll, er sehe gut
+aus. Ihr Antlitz war f&ouml;rmlich zusammengeschrumpft
+von den Sorgen, und die d&uuml;nnen schwarzen Haarstr&auml;hnen
+gaben den Z&uuml;gen einen zigeunerhaften Ausdruck.
+Der Vater sei verreist, berichtete sie, und werde
+erst &uuml;ber den andern Tag zur&uuml;ckkommen; und nun
+suchte sie ihn auszuforschen voll Angst, da&szlig; sie da
+einen m&uuml;&szlig;igen Kostg&auml;nger zu f&uuml;ttern haben werde,
+aber es verdro&szlig; Engelhart, da&szlig; sie keine gerade Frage
+stellte, sondern nur so um den Brei herumging; daher
+schwadronierte er eine Weile von seinen Aussichten,
+und es wurde ihm selber gl&auml;ubig zumute, bis ihm einfiel,
+da&szlig; er doch am Morgen seinem guten Schaffner
+das geliehene Geld zur&uuml;ckbringen m&uuml;sse. Er schluckte
+und w&uuml;rgte an den Worten, endlich kam es heraus,
+halb Bitte, halb Forderung. Frau Ratgeber erkl&auml;rte
+mit Entschiedenheit, da&szlig; sie keinen &uuml;berfl&uuml;ssigen Pfennig
+besitze und nichts geben k&ouml;nne. &raquo;Es mu&szlig; sein,&laquo; sagte
+Engelhart erbleichend. &raquo;Wenn es sein mu&szlig;, so verschaff&#8217;
+dir&#8217;s eben,&laquo; entgegnete sie h&ouml;hnisch, &raquo;von mir
+bekommst du&#8217;s nicht, von deinem Vater auch nicht.
+Wir haben genug Tr&uuml;bsal mit dir gehabt, und jetzt
+kommst du wieder als Bettler.&laquo; Alle seine S&uuml;nden
+und seine ganze Schmach hielt sie ihm vor und blieb
+bei ihrer Weigerung, auch als er sich aufs Flehen
+verlegte. &raquo;Und jetzt ist es sp&auml;t,&laquo; schnitt sie endlich
+ab, &raquo;ich habe gearbeitet, ich will schlafen.&laquo;</p>
+
+<p>F&uuml;r Engelhart war an Schlaf nicht zu denken.
+Endlose Stunden hindurch schritt er im Zimmer auf
+und ab. Pl&auml;ne zu schmieden war er nicht der Mann,
+ihn peitschte es blo&szlig; von Impuls zu Impuls. Als
+er am Morgen die Stiefmutter zur K&uuml;che gehen h&ouml;rte,
+eilte er hinaus und vertrat ihr den Weg. &raquo;Ich verpf&auml;nde
+mich dir mit meinem ganzen Leben, mit meiner
+ganzen Zukunft,&laquo; fl&uuml;sterte er, &raquo;nur gib mir diese
+paar Mark, sonst bin ich ehrlos.&laquo; Frau Ratgeber
+zuckte die Achseln und machte ein b&ouml;ses Gesicht, aber
+es war etwas in seinem Blick, wovon sie niedergezwungen
+wurde. Ungef&auml;hr eine Minute lang besann
+sie sich, dann kehrte sie ins Wohnzimmer zur&uuml;ck.
+Engelhart lie&szlig; sie nicht aus den Augen, als f&uuml;rchte
+er den gewonnenen Vorteil sonst wieder einzub&uuml;&szlig;en,
+er begleitete sie und sah zu, wie sie die Kommode
+aufschlo&szlig;. Stumm reichte sie ihm ein schweres silbernes
+Armband, in der Mitte war ein alter Reichstaler
+eingel&ouml;tet, der ein St&auml;dtebild mit vielen T&uuml;rmen
+zeigte. &raquo;Geh damit ins Leihamt,&laquo; sagte Frau Ratgeber,
+&raquo;du bist mir schon genug schuldig, jetzt auch
+noch das.&laquo; Engelhart erkannte das Schmuckst&uuml;ck, es
+hatte einst seiner Mutter geh&ouml;rt, und er betrachtete
+es mit d&uuml;sterer Miene, hinter der er seine Wehmut
+versteckte. Doch ging er hin, l&ouml;ste Geld daf&uuml;r und
+bezahlte seine Schuld.</p>
+
+<p>Nachtr&auml;glich bereute Frau Ratgeber ihre Schw&auml;che,
+und Engelhart mu&szlig;te ihren erbitterten Hader dulden.
+Es war ihm keine ruhige Stunde geg&ouml;nnt. Sein
+ernster Entschlu&szlig;, sich um einen Verdienst umzutun,
+geriet einigerma&szlig;en ins Wanken, weil ihn davor ekelte,
+fremden Menschen unter die Augen zu treten und ihre
+Gleichg&uuml;ltigkeit ertragen zu sollen. Indessen kam sein
+Vater zur&uuml;ck, m&uuml;de von der Arbeit und ersch&ouml;pft von
+der Hundstagshitze. Der Mann war sichtlich gealtert,
+an K&ouml;rper und Gesicht trat eine fette Aufgeschwommenheit
+hervor, doch sein Anzug war h&ouml;chst adrett und
+den ergrauenden Schnurrbart hatte er schwarz gef&auml;rbt
+und nach der neuesten Mode geb&uuml;rstet. Die Begr&uuml;&szlig;ung
+zwischen Vater und Sohn war beeinflu&szlig;t
+durch das finstere Schweigen der dabeistehenden Frau,
+und dieses Schweigen enthielt f&uuml;r Herrn Ratgeber
+die Aufforderung zu Vorw&uuml;rfen und Abrechnungen.
+W&auml;hrend Engelhart auf dem Sopha sa&szlig;, ging Herr
+Ratgeber mit seinen kurzen Schritten im Zimmer
+herum und redete sich in Zorn und Schmerz. Doch
+best&auml;ndig war auch ein Ausdruck der Verlegenheit in
+seinem Gesicht, und wenn Engelhart antwortete, zuckte
+das seltsame Schmunzeln um seine Lippen, durch das
+er seiner Aufregung Herr zu werden suchte.</p>
+
+<p>Engelhart fragte, wie es Abel ergehe; Herr Ratgeber
+<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">[360]</a></span>antwortete stolz, der bringe sich durch, der sei
+t&uuml;chtig und werde offenbar ein gro&szlig;er Mann. Doch
+wenige Tage darauf kam &uuml;ber Abel furchtbare Nachricht
+aus Amerika. Er hatte wieder einmal Dummheiten
+gemacht und war entlassen worden; dann war
+er irgendwohin ins Innere des Landes gefahren, hatte
+Schweinfurter Gr&uuml;n genommen und sich zum &Uuml;berflu&szlig;
+ins Wasser gest&uuml;rzt. Ein Farmer hatte ihn aufgefischt,
+und jetzt lag er in einem Hospital in Ohio
+und mu&szlig;te au&szlig;erdem, wie dort &uuml;blich, wegen des
+versuchten Selbstmords Strafe gew&auml;rtigen. Herr Ratgeber
+war gerade besch&auml;ftigt, sich zu rasieren, als der
+Ungl&uuml;cksbrief kam. Die Frau las ihn weinend vor,
+Herr Ratgeber legte zitternd das Messer beiseite und
+stie&szlig;, immer jenes entsetzliche Schmunzeln um den
+Mund, dumpf klagende T&ouml;ne aus. Mit der halbbarbierten
+Wange setzte er sich an den Tisch und
+schrieb sogleich einen langen Brief. Fast feindselig
+beobachtete Engelhart die flink &uuml;ber das Papier sich
+bewegende Hand. &#8250;Wenn er nur seine hochtrabenden
+Worte setzen kann,&#8249; dachte er; &#8250;wahrscheinlich jammert
+er wieder &uuml;ber das Schicksal und die Undankbarkeit
+der Kinder, und nie scheint er zu ahnen, da&szlig; er blo&szlig;
+erntet, was er selber ges&auml;t.&#8249;</p>
+
+<p>Es half nichts, Herr Ratgeber mu&szlig;te Geld nach
+Amerika schicken, aber von diesem Tag an war seine
+beste Hoffnung dahin und er wurde ein wenig stiller
+und schweigsamer als bisher. Zu vielem Nachdenken
+lie&szlig; ihm sein Beruf keine Zeit. Er war best&auml;ndig
+auf den Beinen, g&ouml;nnte sich kaum die Ausgabe f&uuml;r
+die Pferdebahn und kam oft so abgeschlagen heim,
+da&szlig; er sich gleich nach der Mahlzeit zum Schlafen
+hinlegte. Die Gesellschaft, f&uuml;r die er arbeitete, wu&szlig;te
+ihm wenig Dank und glaubte wie die schlechten Erzieher,
+durch Aufmunterung ihren Vorteil zu vers&auml;umen.
+Es war nur ein best&auml;ndiges Hetzen und
+Stacheln, um jede gerechte Entsch&auml;digung mu&szlig;te er
+feilschen, und in seinem &Auml;rger &uuml;ber solche Unbill
+konnte sein Auge einen irren und hilflosen Ausdruck
+annehmen. Seine Sprache gegen&uuml;ber Engelhart war
+bitter und gereizt; er sch&auml;mte sich vor seinen Bekannten,
+da&szlig; er einen erwachsenen Sohn zu Hause
+sitzen hatte, der nichts war, kein Amt bekleidete und
+es darauf anzulegen schien, den Seinen zur Last zu
+fallen. Vergeblich suchte er ein Unterkommen f&uuml;r ihn,
+und so oft er Engelhart antrieb, da&szlig; er selber etwas
+tun solle, setzte ihm dieser eine unbegreifliche Verstocktheit
+entgegen. &raquo;Ich kann dich nicht ern&auml;hren,&laquo;
+sagte Herr Ratgeber dann, und dunkler Zorn machte
+sein Auge wild; Engelhart aber h&ouml;rte nur: ich will
+dir nicht helfen. Ein Wort gab das andre, und
+schlie&szlig;lich forderte der Vater mit leidenschaftlicher
+Heftigkeit jene f&uuml;nfzig Mark zur&uuml;ck, die er damals
+nach Freiburg geschickt. Er forderte sie in einem
+Ton zur&uuml;ck, als wolle er sagen: gib mir die Tr&auml;ume
+wieder, die Erwartungen, die ich einst von dir gehegt.
+Engelhart war erstaunt und entgegnete verzweifelt,
+ob man ihm denn das Fleisch aus dem Leibe zu
+schneiden gedenke. Er redete mit wunderlicher Glut
+von der Zukunft, so wie Leute sprechen, die mit den
+eignen Worten ihre Zweifel ersticken wollen, aber
+Herr Ratgeber antwortete mit einem h&ouml;hnischen Lachen.
+&raquo;Du bist nur da, um Herzen zu zertreten,&laquo; sagte er
+zitternd. &raquo;Ein Prahler warst du von je; was soll
+dies Nichtstun bedeuten? Glaubst du denn, wenn
+du in der Nacht vor deinem Schreibpapier sitzest und
+sinnloses Zeug malst, glaubst du denn, da&szlig; du damit
+je einen Bissen Brot erwirbst? Es ist ein Betrug
+an dir und an uns.&laquo; Und Engelhart erwiderte unbesonnen:
+&raquo;Ja, Vater, warum hast du mich denn
+auf die Welt gesetzt?&laquo; Da schwieg Herr Ratgeber
+und war, ohne da&szlig; er es zeigte, im Tiefsten beleidigt
+und verwundet; &#8250;ein Kind, das seinen Vater schl&auml;gt,&#8249;
+dachte er. Doch immer fing der b&ouml;se Streit &uuml;ber
+jene f&uuml;nfzig Mark von neuem an, so da&szlig; Engelhart
+keine gr&ouml;&szlig;ere Sehnsucht kannte, als dies Geld zu besitzen,
+es ihnen vor die F&uuml;&szlig;e zu werfen und ihnen
+Liebe und Achtung zu k&uuml;ndigen f&uuml;r immer. Eine
+stille und unaufh&ouml;rlich wachsende Erregung ergriff wie
+eine geheimnisvolle Krankheit Geist und Leib. Nun
+kam es aber bisweilen vor, da&szlig; Herr Ratgeber von
+dem Verlangen gepeinigt wurde, den Grund dieses
+zerst&uuml;ckten und schwelenden Wesens zu erforschen;
+nicht selten stand er des Nachts an der Kammert&uuml;r
+und lauschte, was Engelhart wohl drinnen treiben
+mochte; offen zu fragen getraute er sich nicht, glaubte
+auch seinen Stolz und seine Autorit&auml;t dadurch zu
+gef&auml;hrden; bei Tisch geschah es, da&szlig; er einen sch&uuml;chtern
+fragenden Blick auf den Sohn warf, wenn er
+annahm, da&szlig; seine Frau es nicht bemerken konnte.
+Oder er begann von den M&auml;nnern des Geistes zu
+reden, denen er noch immer einen ungeschm&auml;lerten,
+beinahe abergl&auml;ubischen Respekt entgegenbrachte; von
+denen, die im &ouml;ffentlichen Leben standen, von denen,
+die es so weit gebracht hatten, da&szlig; eine Zeitung ihre
+Feder in Dienst nahm. Er erz&auml;hlte, wie schon so
+oft, da&szlig; er im Jahre siebzig an der Wirtstafel eines
+th&uuml;ringischen St&auml;dtchens neben dem gro&szlig;en Karl
+Gutzkow gesessen sei, und f&uuml;gte hinzu: &raquo;Ja, das waren
+eben lauter hochstudierte M&auml;nner.&laquo; Engelhart schwieg.
+Sein Sinn war verh&auml;rtet und voll Hohn. W&auml;hnte
+er doch weit &uuml;ber den G&ouml;tzen zu stehen, die seines
+Vaters Ehrfurcht genossen. Und er ha&szlig;te die Schrift,
+die schamlose Entbl&ouml;&szlig;ung der Seele durch die Schrift,
+f&uuml;rchtete jenes Siegel zu brechen, mit dem der Sch&ouml;pfer
+das Mysterium des Schaffens versiegelt hat. Es war
+<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">[361]</a></span>ihm noch alles Leben, blo&szlig;es, einfaches Leben, angef&uuml;llt
+mit unentweihten Gesichten, grenzenlosen M&ouml;glichkeiten.
+Scham h&auml;tte seine Lippen verbrannt, wenn
+sie davon gesprochen h&auml;tten. So mag es Adam in
+der ersten Paradiesesnacht zumute gewesen sein; der
+Baum, der Fels, die Wolke, die Dunkelheit selbst,
+nichts war ihm Wirklichkeit, alles Symbole seiner
+Angst, seines Zagens und seiner Hoffnung, und mehr
+als Weib und Schlange brachte ihn der Tag zu Fall.</p>
+
+<p>Indessen verging die Zeit, und Engelhart mu&szlig;te
+allgemach auf irgendeine Verbesserung seiner Lage
+sinnen. Es schmeckte ihm der Bissen nicht mehr, mit
+dem sie seinen Hunger stillten. Zwischen ihm und
+der Stiefmutter wuchs die Erbitterung bis ins Ma&szlig;lose.
+Kaum da&szlig; er ihr des Morgens unter die Augen
+getreten war, begann sie sein Ohr mit Anklagen und
+Vorw&uuml;rfen zu f&uuml;llen, und sie verstand es, mit vergifteten
+Pfeilen die empfindlichsten Stellen zu treffen.
+&raquo;Von je warst du ein Taugenichts,&laquo; hie&szlig; es, &raquo;schon
+in der Schule hast du nicht lernen wollen; geh nur
+mit deinen Luftschl&ouml;ssern, es sind lauter L&uuml;gen, du
+bist ja ein geborener L&uuml;gner; nat&uuml;rlich, davon willst
+du nichts wissen, aber seit ich dich kenne, l&uuml;gst und
+betr&uuml;gst du; damals mit den &Auml;pfeln, was war das
+doch f&uuml;r eine Niedertracht, und sp&auml;ter hast du mich
+beim Vater verleumdet, du wirst&#8217;s noch weit bringen,
+du wirst deinen Vater ins Grab bringen;&laquo; in solchem
+Ton steigerte sich die Rede, und Engelharts Blut lief
+schwer und brennend durch die Adern. Die endlosen
+Beleidigungen verursachten ihm k&ouml;rperliche &Uuml;belkeit
+und Ermattung, er verlor den Schlaf und sann in
+seinem schlechten Bett mit beklommenem Herzen vor
+sich hin. An einem hei&szlig;en Mittag im August kam
+er, nach mancherlei fruchtlosen G&auml;ngen aufs tiefste
+entmutigt, aus der Stadt zur&uuml;ck und setzte sich in
+Erwartung des Mittagbrotes an den schmalen Tisch
+in der K&uuml;che. Der Vater war in Gesch&auml;ften nach
+Landshut gefahren und sollte drei Tage fortbleiben.
+Nachdem er eine Weile gesessen und in den d&uuml;stern
+und schw&uuml;len Lichthof gestarrt hatte, sagte Frau Ratgeber,
+heute habe sie nichts gekocht, und damit warf
+sie ihm ein St&uuml;ck Brot hin. &raquo;Wie? ist dir&#8217;s vielleicht
+nicht recht?&laquo; fuhr sie auf, als er die Lippen
+verzog. Sein Schweigen reizte sie, wie jede Antwort
+sie gereizt h&auml;tte. &raquo;So ein Lump,&laquo; grollte sie vor
+sich hin, &raquo;will nicht arbeiten, stiehlt dem Herrgott die
+Tage und seinem Vater den letzten Groschen.&laquo; Engelhart
+stand auf und wiederholte mit zitternden Lippen:
+&raquo;Lump?&laquo; Die Frau stellte sich ihm gegen&uuml;ber, und
+ihre glanzlosen Brombeeraugen drehten sich konvulsivisch:
+&raquo;Ja!&laquo; fauchte sie, &raquo;Lump! Lump! Lump!
+Glaubst du, wir wissen nicht, was du f&uuml;r schlechte
+Streiche in Freiburg gemacht hast? Steh nur da
+wie ein Herr, glaubst du, man wei&szlig; nicht, da&szlig; du
+ins Zuchthaus geh&ouml;rst?&laquo; Engelhart schrie auf; der
+ganze Raum verschwand und nichts blieb &uuml;brig als
+ein gro&szlig;es blankes K&uuml;chenmesser, das am Herdrande
+lag. Dorthin griff er, schwang die Klinge in die
+Luft, schrie abermals, die Frau st&uuml;rzte mit vors Gesicht
+geschlagenen H&auml;nden zur&uuml;ck, er folgte ihr, aber
+dann kam die Hemmung, jenes unbegreifliche Etwas,
+das den Menschen solcher Art zu keiner sich selbst
+vollendenden Handlung gelangen l&auml;&szlig;t, das in die
+dunkelste Nacht ihrer Leidenschaft wie ein Funke f&auml;llt
+oder wie eine un&uuml;berh&ouml;rbare Stimme t&ouml;nt. Er verlor
+das Bewu&szlig;tsein und fiel nieder. Als er erwachte,
+wusch ihm Frau Ratgeber das Gesicht mit Essig.
+Sie weinte, war aufgel&ouml;st in Tr&auml;nen. Nach einigen
+Minuten hatte er sich so weit erholt, da&szlig; er aufstehen
+und sich zum Fortgehen anschicken konnte. Die Frau
+erbot sich, Kaffee zu bereiten, er sch&uuml;ttelte den Kopf
+und verlie&szlig; die Wohnung.</p>
+
+<p>In einer nahegelegenen Stra&szlig;e wanderte er von
+einem Eck zum andern bis gegen Abend best&auml;ndig hin
+und zur&uuml;ck. Dann war er einigerma&szlig;en gesammelt,
+las die Vermietezettel vor den Haustoren, stieg in
+einem weitl&auml;ufigen Geb&auml;ude bis unter das Dach,
+mietete die ausgeschriebene Mansarde und schickte sich
+gleich an, die Nacht hier zu verbringen. Am andern
+Morgen &uuml;berlegte er lange hin und her, wie er zu
+seinen Habseligkeiten kommen k&ouml;nne; endlich entschlo&szlig;
+er sich doch, selbst in die v&auml;terliche Wohnung zu gehen.
+Gl&uuml;cklicherweise war Frau Ratgeber auf dem Markt,
+und eine Zuspringerin, welche die B&ouml;den fegte, beh&uuml;tete
+das Haus. Er packte eilig seine Sachen in
+den Koffer und stellte Betrachtungen dar&uuml;ber an, was
+er von all dem verkaufen k&ouml;nne, um sich ein wenig
+Geld zu verschaffen. Es war nichts, er besa&szlig; lauter
+&auml;rmliches Zeug, das ihm noch dazu unentbehrlich war.
+Da fiel sein Blick auf das B&uuml;cherregal des Vaters;
+die B&auml;nde standen noch immer in derselben Reihenfolge
+wie vor vielen Jahren, als ob keine Hand inzwischen
+sie ber&uuml;hrt h&auml;tte. Er suchte drei oder vier B&auml;nde
+heraus, von deren Erl&ouml;s er sich etwas versprechen
+konnte, schrieb einen Zettel an den Vater, worin er
+die Tat bekannte, f&uuml;gte seine Adresse bei und legte
+den Zettel an eine Stelle, wo ihn der Vater, und
+nur er allein, finden mu&szlig;te, n&auml;mlich in die Schublade,
+wo sich das Rasierger&auml;te befand. Die B&uuml;cher verkaufte
+er am selben Tag und erhielt zwei Mark daf&uuml;r.</p>
+
+<p>Das war an einem Donnerstag. Am Samstag
+in der Fr&uuml;he erhielt er einen Brief vom Vater.
+&raquo;Lieber Engelhart,&laquo; begann das Schreiben, &raquo;zwischen
+uns ist von heute an jedes Band zerschnitten. &Uuml;ber
+den Vorfall mit der Mutter will ich kein Wort verlieren,
+dar&uuml;ber zu sprechen, verbietet sich von selbst.
+<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">[362]</a></span>Gott verzeihe mir, da&szlig; ich Dich nicht zu einem
+besseren Sohn und brauchbaren Menschen herangebildet
+habe. Au&szlig;erdem hast Du, um es ganz frei
+herauszusagen, ordin&auml;r gegen mich gehandelt, indem
+Du hinter meinem R&uuml;cken die B&uuml;cher verkauft hast,
+f&uuml;r die Du doch nur ein paar elende Pfennige erhalten
+konntest. Es fehlt mir mein franz&ouml;sisches W&ouml;rterbuch,
+dann das Werk &#8250;Kraft und Stoff&#8249; und Freytags
+&#8250;Verlorne Handschrift&#8249;. Ich hatte diese B&uuml;cher lieb,
+sie waren mir wie Freunde, sie haben mich &uuml;ber den
+gr&ouml;&szlig;ten Teil meines Lebensweges treulich begleitet,
+und ich misse sie mit schwerem Herzen. Handelt man
+so gegen den Vater, der es doch stets gut mit Dir
+gemeint hat? Das h&auml;tte ich nie und nimmer von
+Dir gedacht, und zur Erkl&auml;rung kann ich nur annehmen,
+da&szlig; Dein sittliches Gef&uuml;hl getr&uuml;bt ist. Doch
+genug, ich habe mich &uuml;ber die Geschichte so alteriert,
+da&szlig; ich es nicht in Worte bringen kann, und deshalb
+lege ich auch die Angelegenheit <em class="antiqua">ad acta</em>.&laquo;</p>
+
+<p>So weit der Brief. Aber es war auch eine kleine
+Nachschrift dabei, ein unerwartetes und r&uuml;hrendes
+Anh&auml;ngsel: &raquo;Hierbei schicke ich Dir, obwohl ich es
+hart entbehre, f&uuml;nf Mark in Briefmarken, damit Du
+nicht hungern mu&szlig;t.&laquo; Und wie ein bunt kariertes
+F&auml;hnchen hingen die angeklebten Marken vom Rand
+des Briefblattes herab. &#8250;Er will sich einschmeicheln,&#8249;
+dachte Engelhart, und sein Sinn blieb starr.</p>
+
+<p>Von seiner Mansarde aus konnte er &uuml;ber die
+meisten H&auml;user der Umgebung hinwegblicken, und bei
+Nacht hatte er ein gro&szlig;es St&uuml;ck Sternenhimmel vor
+sich, w&auml;hrend aus den H&ouml;fen die beleuchteten Fenster
+heraufgl&uuml;hten und mit dem Vorr&uuml;cken der Stunden
+nach und nach erloschen. In den ersten Tagen war
+der Morgen eine goldene Zeit, denn die Sonne schien
+geradeswegs ins Fenster, keine unwirsche Hand drohte
+an die T&uuml;r zu klopfen und zur T&auml;tigkeit zu mahnen,
+und die Gewi&szlig;heit, da&szlig; die b&ouml;sen Tr&auml;ume der Nacht
+etwas Bestandloses und Unwirkliches waren, geno&szlig;
+sich wie eine herrliche Speise. Der j&auml;he Frieden inmitten
+einer bewegten Stadt hatte etwas seltsam Bet&auml;ubendes.
+Zun&auml;chst galt es, das winzige Kapital
+m&ouml;glichst praktisch auszunutzen, es gleichsam d&uuml;nn und
+breit zu schlagen. Von der Vermieterin verschaffte
+er sich einen Kochtopf und einen Spiritusapparat,
+dann kaufte er einen kleinen Sack &Auml;pfel, ferner einen
+Vorrat von K&auml;se, Kaffee und Zucker. Die &Auml;pfel
+sch&auml;lte er und kochte sie zu Mus, und das gab eine
+Mittagsmahlzeit, morgens und abends nahm er den
+eigengebrauten Kaffee zu sich und hatte bald die
+Kunst entdeckt, wie man ihn auf die einfachste Weise
+schwarz und stark werden l&auml;&szlig;t. Aber die zwei Taler
+waren bald dahin, und die Vorr&auml;te im Schrank
+dauerten auch nicht gar lange. Was war zu tun,
+um dem schmerzhaften Hunger zu entgehen? Engelhart
+studierte die Stellenangebote in den Zeitungen,
+und da er das teure Geld nicht f&uuml;r Briefmarken ausgeben
+konnte, lief er selber &uuml;berall hin und stand oft
+in der Fr&uuml;he mit hundert andern vor dem Ausgabeort
+der Zeitungen. Dann fing das Marschieren an,
+stra&szlig;auf, stra&szlig;unter, immer mit einem Keimchen von
+Hoffnung in der Brust; sch&uuml;chtern trat man vor
+irgendeinen Herrn hin, der in einem muffigen Schreibzimmer
+sa&szlig; wie eine Spinne im Mauerwinkel, aber
+jedesmal war schon ein andrer dagewesen, der es
+wahrscheinlich noch billiger machte und auch einschmeichelndere
+Manieren gezeigt hatte. Mit hei&szlig; und
+kaltem K&ouml;rper schlich dann der Bittsteller dem&uuml;tig
+wieder heimw&auml;rts und kaufte f&uuml;r das letzte Restchen
+Mammon ein paar Gramm Tabak. Es war ein
+Gl&uuml;ck, da&szlig; sich der Herbst mit sch&ouml;nem Wetter anlie&szlig;,
+da brauchte man wenigstens keinen Regenschirm, und
+die defekt gewordenen Stiefel schluckten statt Wasser
+blo&szlig; Staub. Einmal nun hatte Engelhart einen
+wunderbaren Einfall. In einer Stadt, sagte er sich,
+wo so viel hunderttausend Menschen leben und unter
+ihnen so viel reiche Menschen, zugereiste Fremde, ja
+sogar F&uuml;rstlichkeiten und der k&ouml;nigliche Hof, in einer
+solchen Stadt mu&szlig; doch notwendigerweise auch einiges
+Geld auf der Stra&szlig;e verloren werden; wenn also
+einer es unternimmt, zu suchen, geschickt zu suchen,
+und besitzt Instinkt zu dergleichen, so kann es am
+Erfolg nicht mangeln; angenommen, ich entdeckte auf
+solche Manier einen Brillantschmuck im Werte von
+soundsoviel tausend Mark, so steht mir als Finderlohn
+der zehnte Teil zu, und ich bin aus der Patsche. Die
+Logik dieser &Uuml;berlegungen entz&uuml;ckte ihn in so hohem
+Ma&szlig;, da&szlig; er sich unges&auml;umt ans Werk begab. Mit
+gesenktem Kopf und aufmerksam auf das Pflaster gerichtetem
+Blick strich er langsam durch die Hauptstra&szlig;en
+und die vornehmen Quartiere. Vor den Gasth&ouml;fen,
+wo die Fremden abstiegen, stand er wie ein
+Wachtposten, blickte in kein Gesicht, sondern starr und
+begehrlich zu Boden. Sah er von fern etwas schimmern,
+so eilte er mit klopfender Brust darauf zu und
+erbla&szlig;te, wenn es nur ein Fetzen Stanniolpapier oder
+ein Messingknopf war. Stundenlang ging er in der
+Bahnhofshalle umher, dachte sehns&uuml;chtig an das viele
+Geld, das dort an den Schaltern ausgewechselt wurde,
+und w&uuml;nschte sich nur ein Tr&ouml;pfchen von dem &Uuml;berflu&szlig;.
+Er wurde zornig, wenn seine Gedanken abschweifen
+wollten von der Erde, wenn sie in der Luft
+suchten, was doch zweifellos unten im Schmutze lag,
+aber es half alles nichts, er fand nie auch blo&szlig; eine
+Kupferm&uuml;nze, viel weniger den besagten Brillantschmuck.</p>
+
+<p>Es nahte die Zeit, wo die Miete f&auml;llig war, es
+mu&szlig;te etwas geschehen, auch der Magen ertrug es
+<span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">[363]</a></span>nicht l&auml;nger. Die Frau, bei der er wohnte, war eine
+gutm&uuml;tige Person, sie dr&auml;ngte nicht und schien Mitleid
+zu haben, obwohl er nie mit ihr &uuml;ber seine Lage
+sprach, sondern im Gegenteil unbek&uuml;mmert drauflos
+prahlte von steinreichen Verwandten, hochgestellten
+Freunden und illustren Beziehungen jeder Art. Aber
+er war doch froh, wenn die Alte am Abend eine
+Sch&uuml;ssel mit Salat, ein paar Kartoffeln oder eine
+halbe Wurst auf seinen Tisch gebracht hatte, und kam
+zu dem wehm&uuml;tigen Schlu&szlig;: ohne Menschen geht&#8217;s
+eben nicht. Eines Tages fragte er in einem Warenbazar
+um eine Stellung an, und sie nahmen ihn,
+ohne viel nach seinen Kenntnissen zu fragen. Kenntnisse
+waren auch nicht erforderlich, er mu&szlig;te des
+Morgens die Fu&szlig;b&ouml;den ausspritzen und kehren und
+den ganzen &uuml;brigen Tag, mit einer Schildm&uuml;tze versehen,
+durch die Stadt rennen und Lieferungszettel
+austragen. Daf&uuml;r bekam er f&uuml;nfzig Pfennig jeden
+Abend. Vielleicht h&auml;tte er dies noch erduldet, aber
+mit dem groben und perfiden Wesen, das da herrschte,
+konnte er sich nicht befreunden, und er beschlo&szlig;, lieber
+elend zugrunde zu gehen, als jeden Stolz zu vergessen
+und der getretene Knecht von Knechten zu sein. Sieben
+Tage hatte die Herrlichkeit gedauert, dann kroch er
+wieder in sein einsames Loch. Darauf fand er Arbeit
+bei einem sonderbaren Mann, dem Redakteur eines
+patriotischen Winkelbl&auml;ttchens. Der Mann hie&szlig; Saffran
+und hatte eine bl&auml;uliche Nase. Er verfa&szlig;te Lobesartikel
+&uuml;ber den Regenten und die H&auml;upter des Adels.
+Engelhart mu&szlig;te nach dem Diktat stenographieren und
+zu Hause das Schriftst&uuml;ck ins reine bringen. F&uuml;r
+die Gro&szlig;quartseite war der Preis von zehn Pfennig
+vereinbart worden, und Engelhart schrieb ganze N&auml;chte
+hindurch, um eine lumpige Mark herauszuschinden.
+Nun war es aber des Teufels mit Herrn Saffran;
+erstens stellte er sich taub, wenn man Geld haben
+wollte, gebrauchte Ausfl&uuml;chte, tat, als habe er schon
+Vorschu&szlig; gegeben, oder rannte pl&ouml;tzlich davon mit den
+Worten: &raquo;Ach Gott, ach Gott, Seine K&ouml;nigliche Hoheit
+haben mich ja zur Audienz befohlen;&laquo; zweitens aber
+z&auml;hlte er die Silben, untersuchte, ob auf jeder Seite
+gleich viel Worte standen, und wenn die Sache nicht
+in Ordnung war, schlug er die H&auml;nde zusammen und
+jammerte laut &uuml;ber die Niedertracht der Welt. Er
+besa&szlig; den Orden f&uuml;r Wissenschaft und Kunst, und
+als Engelhart einmal mit d&uuml;sterer Entschlossenheit
+seinen Lohn begehrte, nahm er das Ehrenzeichen und
+steckte es vor die Brust wie einer, der einen Stern
+vom Himmel gepfl&uuml;ckt hat und sich damit b&ouml;se Geister
+vom Leibe halten will, dann gab er noch allerlei
+sublime Redensarten von sich, bevor er endlich den
+Geldbeutel &ouml;ffnete.</p>
+
+<p>Auch diese Erwerbsquelle versiegte mit der dritten
+Woche. Um das Unheil voll zu machen, wurde die
+Mietsfrau sehr krank; sie wurde ins Spital geschafft,
+und Engelhart mu&szlig;te ein andres Asyl suchen. Er
+fand ein Zimmer in der He&szlig;gasse &uuml;ber eine Stiege,
+gr&ouml;&szlig;er und freundlicher, aber auch teurer als das
+bisherige. Es war ihm selbst unerkl&auml;rlich, weshalb
+er dies tat; aber er hatte das Gef&uuml;hl, als m&uuml;&szlig;ten
+die Umst&auml;nde sich bessern, weil er ein besseres Bett
+gefunden. Die Not, die er litt, machte ihn entschieden
+traurig und ratlos, aber es war, als k&ouml;nne sie nicht
+ganz in die Tiefe seines Herzens dringen, wie auch
+der Sturm nicht bis auf den Grund des Meeres
+dringen kann. Doch r&uuml;ckte ihm das Ungemach bitter
+zuleibe. Alles, was er nur im geringsten entbehren
+konnte, trug er zum Tr&ouml;dler, sogar den alten Reisekoffer,
+der ihn seit dem ersten Verlassen der Heimat
+begleitet. Schlie&szlig;lich ent&auml;u&szlig;erte er sich auch des Ringleins,
+das er einst beim Abschied von Ernestine erhalten.
+In den ersten Oktobertagen wurde es kalt. In seinem
+Tagebuch gab Engelhart der Sehnsucht nach einem Ofenfeuer
+Ausdruck, indem er z&uuml;ngelnde Flammen um ein
+nacktes M&auml;nnchen zeichnete. Alles Papier und die
+alten Zeitungen, deren er habhaft werden konnte, warf
+er ins Ofenloch und freute sich, wenn es prasselte,
+an der blo&szlig;en Illusion von W&auml;rme. Seine Einsamkeit
+weckte seltsame Gel&uuml;ste und Gewohnheiten in ihm.
+Etwa eine Viertelstunde vom Haus entfernt lag ein
+Kirchhof. Dorthin war bald sein t&auml;glicher Spaziergang
+gerichtet, und t&auml;glich stand er um dieselbe Nachmittagszeit
+vor dem Fenster des Leichenhauses, um die drinnen
+aufgebahrten Toten zu betrachten. Die S&auml;rge lagen
+offen nebeneinander, schr&auml;g gegen die Erde gestellt, so
+da&szlig; es aussah, als ob sich die starren K&ouml;rper, wenn
+nur noch ein F&uuml;nkchen Wille in ihnen brannte, m&uuml;helos
+erheben k&ouml;nnten, oder als ob sie auch von selbst diesen
+Ort aufsuchten und verlie&szlig;en, um &uuml;ber Nacht wieder
+andern den Platz zu r&auml;umen. Engelhart war jedesmal
+neugierig, welche Gesichter er heute sehen w&uuml;rde,
+und er studierte in den des Lebens beraubten Z&uuml;gen
+alle Offenbarungen des Leidens. Die niedrigen Begierden
+hatte der Tod nicht auszul&ouml;schen vermocht,
+manche faltenvolle Stirne war von Habsucht und
+Bosheit zerpfl&uuml;gt, mancher Mund schien von Wut
+zusammengepre&szlig;t, da&szlig; er verstummen gemu&szlig;t, ehe das
+Ziel eines gemeinen Ehrgeizes erreicht war. Engelhart
+konnte sich oft kaum trennen von dem Anblick der
+Leichengesichter, er erschien sich wie ein W&auml;chter, hingestellt
+auf die Br&uuml;cke zwischen Lebenden und Toten,
+mit heimlichem Triumph und befriedigter Rache Zeugnisse
+der Verg&auml;nglichkeit sammelnd. War ein Antlitz
+unter den Toten, das in besonderer Weise auf ein
+Leben der T&uuml;cke, Tr&auml;gheit und L&uuml;ge hinwies, so
+forschte er nach dem Namen und der Stunde der
+<span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">[364]</a></span>Beerdigung, folgte als letzter Gast dem Leichenzug
+und lauschte mit wunderlich gl&auml;nzenden Augen den
+Lobpreisungen des Geistlichen und der Freunde. An
+den Fenstern des Leichenhauses sch&auml;rfte er seinen Blick
+f&uuml;r die Eigenschaften des menschlichen Herzens, und
+es ging so weit, da&szlig; er auf den Gesichtern der Lebenden,
+die an ihm vor&uuml;berwandelten, die Z&uuml;ge seiner
+Toten wiederzuerkennen suchte und mit grausamer Lust
+alles erstickte, was von Liebesw&uuml;nschen in seiner Seele
+wohnte. Dies Treiben setzte er so lange fort, bis
+er eines Tages ein junges M&auml;dchen aufgebahrt sah,
+dessen Anblick ihm Tr&auml;nen in die Augen trieb. Es
+war ein herrlich sch&ouml;nes Kind von gleichsam nur hingetr&auml;umter
+Gestalt, und die Wangen waren wie aus
+Abendr&ouml;te geformt; die Haare schienen noch lebendig
+und flossen unruhevoll unter dem Myrtenkr&auml;nzchen
+hervor. Engelhart blickte mit Liebe auf das fremde
+Wesen, pl&ouml;tzlich erwachte eine st&uuml;rmische Begierde nach
+Musik und trieb ihn am Abend vor das Odeonsgeb&auml;ude,
+aber sein Ohr fing nur ein paar matt verschwebende
+Harmonien auf.</p>
+
+<p>In den N&auml;chten war es nun so, da&szlig; er vor
+Hunger nicht schlafen konnte und in das Kissen bi&szlig;;
+da&szlig; er aufstand und das Fenster &ouml;ffnete, um den
+Frost zu sp&uuml;ren, um durch die heftige neue Empfindung
+die alte schleichende zu bet&auml;uben. Zwar dachte
+er jeden Morgen: &#8250;Jetzt bist du der Wandlung um
+einen Tag n&auml;her, schlimmer darf es nicht werden, und
+zugrunde gehen wirst du nicht,&#8249; doch es war, als verdopple
+sich seine Verlassenheit, und es kam vor, da&szlig;
+er, in seinem Zimmer sitzend, die T&uuml;re nicht zuschlo&szlig;,
+damit ein zuf&auml;llig Vorbeigehender hereinschauen konnte.
+Pl&ouml;tzlich setzte er sich hin und schrieb an Schildknecht
+nach Z&uuml;rich, zerri&szlig; den Brief, schrieb wieder, versteckte
+fast gauklerisch seine Not hinter den Zeilen, und
+w&auml;hrend die Feder &uuml;ber das Papier lief, sammelte
+sich unter dem Gaumen Bitterkeit. Es war haupts&auml;chlich
+von den Tr&auml;nen am See die Rede und von
+dem, was damit zusammenhing und was nun ein
+melancholisches Bildchen wurde mit Blitzen, die &uuml;ber
+den Nachthimmel zuckten und einer Walzermusik vom
+Hause her.</p>
+
+<p>Den Brief warf er unfrankiert in den Kasten, und
+er wu&szlig;te jetzt, da&szlig; er seine einzige und letzte Hoffnung
+trug. Zwei Tage sp&auml;ter kam Schildknechts
+eilige Antwort und zugleich eine Summe von f&uuml;nfundsechzig
+Franken bar. Der gute Mensch hatte alles
+begriffen, und der Schreck war ihm in die Glieder
+gefahren. Es war auch h&ouml;chste Zeit; Engelhart lief
+nach Brot, der Kr&auml;mer borgte schon seit einer halben
+Woche nicht mehr. Erst als er sich ges&auml;ttigt hatte
+las er Schildknechts Brief &ndash; ohne eigentliche Dankgef&uuml;hle,
+eher staunend, da&szlig; noch eine Hand in der
+Welt sich f&uuml;r ihn regte. Schildknecht schrieb, da&szlig; er
+nun wieder eine ausk&ouml;mmliche Stellung gefunden habe,
+auch in der Heimat st&uuml;nden seine Angelegenheiten gut,
+und er werde wohl demn&auml;chst heiraten. Den Vorwurf
+b&ouml;sen Trotzes k&ouml;nne er Engelhart nicht ersparen, denn
+da&szlig; er keinen besseren Freund auf Erden habe als
+ihn, Justin Schildknecht, h&auml;tte er wissen und nie vergessen
+d&uuml;rfen, auch wenn er ihm in desperater Laune
+einmal den Kopf gewaschen habe. Und was die
+Tr&auml;nen am See anlange, so hoffe er daf&uuml;r noch
+etwas recht Gro&szlig;es f&uuml;r Engelhart zu tun, er m&ouml;ge
+daher nicht danken f&uuml;r die erb&auml;rmlichen paar Goldst&uuml;cke,
+sondern seinerseits sich weiterhin als Gl&auml;ubiger
+betrachten. &raquo;Ich habe kein Talent zum Judas,&laquo; schlo&szlig;
+der herzliche und ehrliche Brief, &raquo;und wenn ich auch
+nicht leugne, da&szlig; einer, der den Gott in sich sp&uuml;rt,
+einmal beim Satan gewesen sein mu&szlig;, so m&ouml;chte ich
+doch lieber selbst im Fegefeuer braten, als nur ein
+einziges Scheit Holz f&uuml;r einen Freund dazu herschleppen.
+Ihnen, lieber Ratgeber, wird sich eines
+Tages j&auml;hlings dieselbe Welt zu Diensten geben, die
+sich jetzt so grausam verschlie&szlig;t. Dann werden Ihre
+jetzigen Leiden die bunten Gl&auml;ser sein, durch welche
+Sie zur&uuml;ckblicken auf die Zeit, in der Sie sich noch
+ganz und gar besa&szlig;en, vielleicht sehns&uuml;chtig werden
+Sie zur&uuml;ckblicken und werden ein wenig D&auml;mmerung
+begehren, wenn &uuml;berall das grelle Licht Ihrem Inneren
+nicht mehr m&uuml;helos zu tr&auml;umen erlaubt. Sie werden
+gezwungen sein, aus dem Blut Ihrer Wunden Bilder
+zu malen, die man auf den Markt schickt, und das
+wird weh tun, und schlie&szlig;lich werden Sie das eigne
+Herz zu einem Marktplatz machen, wo Freundschaft
+und Liebe feilgeboten wird, und auch das wird weh
+tun, nicht Ihnen, sondern uns, mir, dem Freund.&laquo;</p>
+
+<p>Engelhart lie&szlig; einige Tage verstreichen, in denen
+er angelegentlich &uuml;ber Schildknechts Worte nachdachte.
+Dann antwortete er folgendes: &raquo;Im Augenblick der
+gr&ouml;&szlig;ten Bedr&auml;ngnis haben Sie ihre Hand nach mir
+ausgestreckt, lieber Freund, ich konnte Ihre Hand ergreifen
+und war gerettet. Die Tat soll Ihnen unvergessen
+bleiben, denn sie ist die Br&uuml;cke, die
+mich wieder zu den Menschen f&uuml;hrt. Wahrhaftig, ich
+habe schon verlernt, wie man mit Menschen spricht
+und wie man ihnen in die Augen sehen soll. Sie
+geben mir Hoffnung, da&szlig; alles, was ich jetzt erlebe,
+einst eine k&ouml;stliche Speise f&uuml;r meine Erinnerung sein
+und da&szlig; dieses nun so Bittere dann s&uuml;&szlig; schmecken
+wird. Aber was hilft es dem zum Kr&uuml;ppel geschlagenen
+Soldaten, wenn ihm sp&auml;ter die Aufregungen der Schlacht
+herrlich d&uuml;nken? Und da&szlig; ich zum Kr&uuml;ppel gemacht
+werde, zum Kr&uuml;ppel an Herz und Seele, das f&uuml;rchte
+ich. Wir wollen uns doch nicht mit Redensarten
+tr&ouml;sten und jede Not zur Notwendigkeit stempeln.
+<span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">[365]</a></span>Einer Bestimmung zu leben ist ja sch&ouml;n, aber wo ist
+meine Bestimmung? Ich sehe sie nicht, ich f&uuml;hle sie
+nicht. Jeder Stra&szlig;enkehrer scheint mir mehr Bestimmung
+in sich zu tragen als ich, der ich ein von allen
+andern gemiedenes und wahrscheinlich mit Recht gemiedenes
+Zufallsgesch&ouml;pf bin. Was mich oft in
+seltenen Stunden beseligt, scheint mir widersinnig und
+haltlos, als ob man Nebeldunst an eine Spindel
+heften wollte, um Faden daraus zu drehen. Es ist
+ein treuloses Spuk- und Phantasietreiben, mit dem
+man sich selber um den besten Teil der Menschlichkeit
+betr&uuml;gt. Doch ich kann nicht anders! Jetzt bin ich
+schon so weit verschlagen, da&szlig; ich nicht mehr wei&szlig;,
+wo es nach vorw&auml;rts und wo es nach r&uuml;ckw&auml;rts geht.
+Es ist ja auch gleich, denn die Welt ist rund. Wie
+dem aber sei, Sie haben redlich an mir gehandelt,
+teurer Schildknecht, als ein wirklicher Schildknecht
+haben Sie sich gezeigt, und von den bewu&szlig;ten Tr&auml;nen
+am See soll nun nicht mehr die Rede sein. Ich war
+zu angespannt damals und zu sehr auf Ihr Wohlwollen
+angewiesen, ich hatte die &uuml;bertriebensten und
+ungesundesten Vorstellungen von Freundschaft. Das
+ist nun vor&uuml;ber. Was soll es auch hei&szlig;en, sich an
+einen einzelnen zu binden, den man doch verlieren
+mu&szlig;? Freundeswege m&uuml;ssen sich immer dort trennen,
+wo Herz dem Herzen gar zu nahe kommt, vielleicht
+Menschenwege &uuml;berhaupt. Gleichgesinnte Geister finden
+sich doch immer wieder und werden aus eigenstem
+Interesse gegeneinander und gegen die Welt wirken,
+das &uuml;brige scheint mir auf schw&auml;chliche Empfindsamkeit
+hinauszulaufen. Man kann ja nicht einander um
+den Hals fallen, und so wird der Freund allm&auml;hlich
+zur Surrogatfigur und mu&szlig; entt&auml;uschen, weil er ein
+Gesch&ouml;pf der Sehnsucht aus ganz andern Bezirken ist.
+Nicht so ist es mit den Frauen, aber dar&uuml;ber habe
+ich nie mit Ihnen zu sprechen gewagt und will es
+auch jetzt nicht. Immerhin sollen Sie wissen, da&szlig;
+sich oft mein Inneres in einer ungeheuren Erwartung
+pre&szlig;t und weitet und da&szlig; es Stunden gibt, wo ich
+wie in einem feurigen Fieber meine ganze bisherige
+Existenz als ein dunkles Hinstr&ouml;men gegen eine noch
+unsichtbare Gestalt empfinde, die zu mir geh&ouml;rt wie
+der Morgen zur D&auml;mmerung. Das mag eine ebensolche
+Illusion sein wie die von der Freundschaft, und
+sicher wird man eines Tages auch aus diesem L&uuml;gengarn
+sich wickeln, um eben kurzweg und einfach seinen
+Mann zu stellen, aber eine gewisse Summe von Leben
+und Erleben, von Umfassen und Sichl&ouml;sen ist wohl
+n&ouml;tig, damit man zu sich selber erwachen kann. Mit
+meinem Vater bin ich nun vollends auseinander, und
+ich bin froh, da&szlig; dies beschwerende Verh&auml;ltnis aus
+meinem Dasein hinausoperiert ist. Ich bin sein Fleisch
+und Blut, aber nicht sein Geist und Herz, und das
+hab&#8217; ich stets sehr zu b&uuml;&szlig;en gehabt. Nun leben Sie
+wohl, Freund, und bleiben Sie mir gut.&laquo;</p>
+
+<p>In dieser Zeit begann Engelhart sehr unter n&auml;chtlichem
+Traumwesen zu leiden. Zumeist tr&auml;umte er
+Landschaften, doch in so unheimlicher Beleuchtung und
+Farbe, da&szlig; ihm angst und bang dabei ward. Oder
+er tr&auml;umte, da&szlig; er sich in einer gro&szlig;en Gesellschaft
+von Leuten befand, die er gut kannte, von denen ihn
+aber keiner beachtete; sie mieden ihn, und wenn er
+dicht vor jemand hintrat, so schlug dieser die Augen
+nieder. Schmerzlich schlo&szlig; er die Dem&uuml;tigungen in
+sich ein, nahm sich aber vor, bei Tisch eine Rede zu
+halten und, in das Gewand einer Parabel gekleidet,
+den Leuten ihre Niedertracht zu bedenken zu geben.
+W&auml;hrend er noch an den Worten herumzupfte, die er
+w&auml;hlen wollte, erhob sich ein andrer und sprach solch
+sinnlos-witzelndes Zeug, da&szlig; alle lachten und zugleich
+schadenfroh auf Engelhart starrten. Oder er tr&auml;umte,
+sein Zimmer befinde sich &uuml;ber dem Hof eines gewaltigen
+Hammerwerks. Er sieht, h&ouml;rt, sp&uuml;rt den Hammer,
+w&auml;hrend er schl&auml;ft. Pl&ouml;tzlich erschallen furchtbare Rufe:
+&#8250;Zu Hilfe! zu Hilfe!&#8249; Man tr&auml;gt ein M&auml;dchen mit
+zerschmetterten Gliedern herein. Eine seltsame Leidenschaft
+zu der Toten durchdringt ihn bis zu den Fingerspitzen.
+Auf einmal wird sie lebendig, zu gleicher
+Zeit wird aus dem Zimmer ein riesengro&szlig;er Saal.
+Er will mit dem M&auml;dchen, das sehns&uuml;chtig begehrend
+nach ihm blickt, allein sein und die T&uuml;ren schlie&szlig;en.
+Aber w&auml;hrend er eine T&uuml;re zumacht, springen immer
+f&uuml;nf, sechs andre auf, und fremde Leute huschen
+schattenhaft vor&uuml;ber. Sein Zorn, sein Gram, seine
+Ungeduld werden ins unertr&auml;gliche gesteigert, schlie&szlig;lich
+will er jenes Frauenzimmer liebkosen, da verschwindet
+sie h&auml;misch l&auml;chelnd durch ein Loch in der Mauer.</p>
+
+<p>Seine Tage, in halber Unt&auml;tigkeit verbracht, f&uuml;llten
+ihn mit der unbestimmten und brennenden Empfindung
+einer Schuld. Die andauernde Absonderung von den
+Menschen gew&auml;hrte keinerlei Befriedigung, sie gab nur
+Unruhe und einen d&uuml;nkelhaften Schmerz. Die Tr&auml;ume
+des Schlafs wucherten gleichsam nach au&szlig;en, und er
+sah Erscheinungen am hellichten Tage, h&ouml;rte Stimmen,
+die ihn ermunterten, und hatte Augenblicke einer
+sonderbaren tiefen Verlorenheit, wo Angst und Freude
+beinahe gleichzeitig sein Herz zusammendr&uuml;ckten. Er
+fand ein Vergn&uuml;gen daran, vor dem Spiegel sein
+eignes Gesicht so lange zu betrachten, bis er in eine
+Art von Verliebtheit geriet. Wie ein aus dem Erdreich
+gerissener Baum samt Wurzeln und Blattwerk
+schwamm er auf einer tr&uuml;ben Flut ins Ungewisse
+hinaus, und an den Ufern standen viele Zuschauer
+feindselig schweigend. H&auml;ufiger als jemals, auch in
+<span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">[366]</a></span>dem Traumtreiben, tauchte die Gestalt des Vaters
+auf, niemals wohlwollend, sondern &auml;rgerlich, m&uuml;rrisch,
+schimpfend, unzufrieden und hart; Engelhart aber
+nahm eine vorwurfsvolle, ja fast frohlockende Haltung
+an, als wolle er sagen: So weit hast du es kommen
+lassen. Ferner sah er den Vater, wie er gierig beim
+Mittagessen die Suppe hinabl&ouml;ffelte, und das erweckte
+seinen Widerwillen, oder wie er vor sich hinschmunzelte,
+wenn ihm endlich einmal ein Gesch&auml;ft gegl&uuml;ckt war.
+Engelhart erinnerte sich, wie der Vater einst mit nerv&ouml;s
+zuckendem Gesicht von dem Verlust einiger Groschen
+gesprochen hatte; irgendeine Spesenrechnung war von
+der Direktion nicht anerkannt worden, und Engelhart
+sah, wie der Vater dastand, den Hut etwas schief auf
+dem Kopf und den einen Arm auf den Regenschirm
+gest&uuml;tzt, und w&auml;hrend er beleidigt und emp&ouml;rt den
+Hergang erz&auml;hlte, rieb er den Zeigefinger unabl&auml;ssig
+und mit krankhafter Schnelligkeit an dem silbernen
+Ring des Schirmstocks. Dies hatte Engelhart damals
+unangenehm und peinlich ber&uuml;hrt, es war ihm niedrig
+erschienen, sich einiger Pfennige wegen so zu erhitzen,
+auch jetzt dachte er ohne Wohlwollen daran, dennoch
+lag in dem Vorgang etwas Schweres und Bedeutungsvolles,
+ja R&auml;tselhaftes.</p>
+
+<p>Eines Abends verlie&szlig; der Einsame, Ruhelose kurz
+vor Mitternacht seine Behausung, in welcher ihn mit
+der vorr&uuml;ckenden Stunde eine immer gr&ouml;&szlig;ere Bangigkeit
+gequ&auml;lt hatte. Nach mancherlei Herumirren geriet
+er in ein ver&ouml;detes Caf&eacute;, und w&auml;hrend er mit dem
+Eifer, den Leerheit und Rastlosigkeit erzeugen, die
+Zeitungen las, setzte sich ein Mann an denselben Tisch,
+wo er sa&szlig;, trotzdem die meisten Tische rings frei
+waren. Der Mann hatte ein ziemlich gew&ouml;hnliches
+Gesicht; er hatte einen r&ouml;tlich braunen Vollbart und
+trug eine goldene Brille. In seiner Scheu vor Menschen
+vermied es Engelhart, sein Gegen&uuml;ber anzuschauen,
+pl&ouml;tzlich sp&uuml;rte er jedoch, da&szlig; der andre mit unversch&auml;mter
+Beharrlichkeit seine Blicke auf ihn gerichtet
+hielt. Dies wurde l&auml;stig, er stand auf, holte eine
+andre Zeitung und setzte sich an einen andern Tisch.
+Es dauerte nicht lange, so stand der Fremde gleichfalls
+auf und setzte sich Engelhart neuerdings gegen&uuml;ber.
+Dieser hob erblassend den Kopf und erschrak
+vor dem verschwommenen, fl&uuml;chtigen und zugleich
+klammernden Blick des Mannes. Der Unbekannte hatte
+den Hut aufbehalten, und er l&ouml;ffelte mit t&uuml;ckischem
+L&auml;cheln in einem Wasserglas, in das er Zucker geworfen
+hatte. Es ist ein Detektiv, ein Spion, fuhr
+es Engelhart durch den Sinn; es war ihm nicht
+anders, als habe er ein gro&szlig;es Verbrechen begangen
+und man sei ihm auf der Spur. Er f&uuml;hlte sein Blut
+eiskalt werden und &uuml;berlegte, wie er sich aus der
+entsetzlichen Lage befreien k&ouml;nne; das Beste schien, mit
+dem unheimlichen Menschen, ohne Befangenheit zu
+zeigen, anzukn&uuml;pfen, er &auml;u&szlig;erte also irgendeine Redensart
+&uuml;ber das Wetter. Der Mann antwortete nicht,
+sondern zog statt dessen ein kleines Notizbuch aus der
+Tasche und bl&auml;tterte darin, wobei ein kaltes spitzes
+L&auml;cheln seinen Mund bewegte. Tief erregt im Innern,
+doch in sein Gesicht einen heuchlerisch-interessierten
+Ausdruck zwingend, beobachtete Engelhart dies und
+lie&szlig; keine Bewegung des Menschen au&szlig;er acht, als
+m&uuml;sse er einem &Uuml;berfall zuvorkommen. Um seinen
+Aufbruch vorzubereiten und den andern &uuml;ber den
+Grund zu t&auml;uschen, stellte er sich m&uuml;de und verschlafen
+und guckte g&auml;hnend nach der Wanduhr, aber das
+Antlitz seines Gegen&uuml;bers wurde immer feierlicher und
+ha&szlig;erf&uuml;llter, pl&ouml;tzlich warf Engelhart seine Zeche auf
+den Tisch, packte seinen Mantel und verlie&szlig; beinahe
+laufend den Raum. Ohne den Mantel zuzukn&ouml;pfen,
+rannte er auf der dunkeln H&auml;lfte der mondbeschienenen
+Stra&szlig;e hin. Da h&ouml;rte er Schritte hinter sich, er
+duckte den Kopf und verdoppelte seine Eile. Um den
+Verfolger irrezuf&uuml;hren, schlug er eine falsche Richtung
+ein und beschrieb einen ungeheuren Kreis, bevor er
+es wagte, dem Haus, in welchem er wohnte, zu nahen.
+Schwei&szlig;na&szlig; und atemlos kam er heim, und erst als
+der Morgen graute, verl&ouml;schte er die Lampe und
+schlief ein. Diesmal hatte er keinen Traum von bestimmtem
+Umri&szlig;; es sickerte nur durch seinen Schlaf
+das Bewu&szlig;tsein von der L&auml;cherlichkeit seines Tuns
+und der Unm&auml;nnlichkeit seiner Haltung. Dann wuchs
+eine graue Wand aus einem Abgrund empor, und es
+rief eine Stimme:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und an die Wand, und an die Wand<br /></span>
+<span class="i0">Da malt des Schicksals Schattenhand<br /></span>
+<span class="i0">Die Zeichen des Verderbens hin.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Darauf erblickte er sich selbst, &uuml;ber einen Brief gebeugt,
+der an Michael Herz gerichtet war, und er
+sah die Worte: &raquo;Ich bin kein Kaufmann, ich bin
+Bergmann, ich bin Arzt,&laquo; und diese Begriffe: Bergmann,
+Arzt schienen ihm bedeutend und beweiskr&auml;ftig.
+Mit brennendem Durst erwachte er j&auml;hlings und
+richtete sich auf. Trotzdem es Tag war, war das
+Zimmer d&uuml;ster vom Nebel, der drau&szlig;en lag. Das
+Verlangen nach Licht mischte sich in seinem Gehirn
+seltsam mit der Begierde nach Wasser; er nahm Sturz
+und Zylinder von der Lampe, schraubte die Krone ab,
+ergriff nun aber das &ouml;lgef&uuml;llte Gef&auml;&szlig; und setzte es
+an die Lippen, um zu trinken. Der Petroleumgeruch
+brachte ihn zur Besinnung, er schlug die H&auml;nde zusammen,
+warf sich wieder aufs Bett und fing an zu
+weinen.</p>
+
+<p>So war es nun mit seinem Leben beschaffen.</p>
+
+<p>Da geschah es um die D&auml;mmerungsstunde dieses
+Tages, da&szlig; ihn ein Ungef&auml;hr in die N&auml;he der v&auml;terlichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">[367]</a></span>Wohnung brachte. Eine Weile schlich er scheu
+und verdrossen vor dem Tor im nassen Nebel herum,
+endlich nahm er sich zusammen und stieg die Treppen
+empor. Er glaubte seinen Vater zu riechen, jene
+merkw&uuml;rdige Mischung von Zigarren- und Schreibstubengeruch,
+die ihm seit der Kindheit vertraut war.
+Weil auf sein wiederholtes L&auml;uten niemand erschien,
+ging er erleichtert wieder davon und glaubte eine
+Pflicht erf&uuml;llt zu haben. Doch am folgenden Tag
+trieb es ihn abermals hin. Diesmal war Frau Ratgeber
+zu Hause; sie empfing ihn nicht freundlich, nicht
+unfreundlich, lud ihn ins Wohnzimmer und erz&auml;hlte
+ihm, da&szlig; der Vater sich auf einem Erholungsurlaub
+im Gebirge befinde; der Arzt habe ihn hingeschickt,
+denn er leide an einer fr&uuml;hzeitigen Verkalkung der
+Gef&auml;&szlig;e. Frau Ratgeber war redseliger als sonst,
+offenbar suchte sie sich &uuml;ber ihre Besorgnis hinwegzuplaudern.
+Sie setzte ihrem Gast sogar ein Gl&auml;schen
+Lik&ouml;r vor und nahm das Glas von dem feinen
+Service, das seit Jahrzehnten unber&uuml;hrt im Schranke
+stand. Engelhart, ziemlich betroffen &uuml;ber die Ehre,
+die ihm widerfuhr, fragte, wie lange der Vater schon
+abwesend sei. Nicht l&auml;nger als eine Woche, war die
+Antwort, aber er befinde sich so wohl dort, da&szlig; er
+ganz &uuml;berschwengliche Briefe schreibe. &#8250;Das hat er
+immer gekonnt,&#8249; dachte Engelhart, und sein Gesicht
+verd&uuml;sterte sich, &#8250;&uuml;berschwengliche Briefe, das war seine
+St&auml;rke.&#8249;</p>
+
+<p>Er kam &ouml;fter. Das Eigent&uuml;mliche war nun, da&szlig;
+ihm die Frau nach dem Mund redete, und da er den
+Zweck, den sie verfolgte, nicht sehen konnte, wurde ihm
+bisweilen unheimlich. Sie beklagte ihr Leben und
+das des Vaters, aber sie stellte sich dabei doch ins
+Licht und den Mann in den Schatten: er habe sich
+nie etwas versagt, er sei doch immer mit allem fertig
+geworden, er selbst war doch immer die Hauptperson.
+&raquo;Ich, ich, das ist das Ratgebersche Wort,&laquo; zischte sie
+mit schlecht verborgenem Ha&szlig;. Engelhart graute es
+bei dem Gedanken, da&szlig; der Vater in einer solchen
+Luft von Lieblosigkeit atmete, doch dachte er: &#8250;Sie
+mu&szlig; ihn am besten kennen, da sie dreizehn Jahre
+mit ihm gelebt.&#8249; Eines Tages erschien w&auml;hrend seiner
+Anwesenheit ein Fremder, ein netter junger Mann,
+der in dem Alpenkurort mit Herrn Ratgeber beisammen
+gewesen war und einige Auftr&auml;ge von ihm &uuml;berbrachte
+&ndash; aus blo&szlig;er Sympathie und Gef&auml;lligkeit. D&uuml;nkte
+es Engelhart schon verwunderlich, da&szlig; irgendein Mensch
+in selbstloser Zuneigung etwas f&uuml;r seinen Vater unternahm,
+f&uuml;r diesen Mann der Geldsucht und der scheuen
+Abkehr von allen freien menschlichen Beziehungen, so
+erstaunte er noch weit mehr &uuml;ber die Erz&auml;hlungen
+des Besuchers. Mit liebensw&uuml;rdigem Pathos berichtete
+der junge Mann, da&szlig; Herr Ratgeber ganz benommen
+sei von der Sch&ouml;nheit der Landschaft und da&szlig; er mit
+einem Gesicht durch die W&auml;lder streife, als h&auml;tte er
+B&auml;ume nie zuvor erblickt; da&szlig; er stillvergn&uuml;gt an
+seinem Pl&auml;tzchen sitze, wenn die Kurkapelle ihre St&uuml;cke
+aufspiele, und da&szlig; er sogar eines Abends im Hotel
+eine &auml;ltere Dame zum Tanz aufgefordert habe. Alles
+erscheine ihm sch&ouml;n, mit allem sei er zufrieden und
+&uuml;ber alles Ungewohnte sei er erstaunt wie ein Kind.</p>
+
+<p>Frau Ratgeber h&ouml;rte mit sauers&uuml;&szlig;em L&auml;cheln zu
+und sagte: &raquo;Ich glaube, ich glaube, so eine Erholung
+t&auml;te mir auch gut.&laquo; Kaum war der Fremde fort,
+so kam ein Brief vom Vater, in dem er seine morgige
+Ankunft meldete; die Direktion habe die Verl&auml;ngerung
+des Urlaubs nicht gestattet, au&szlig;erdem sei ihm nicht
+ganz wohl und er f&uuml;rchte den Gedanken, sich vielleicht
+fern vom Hause krank hinlegen zu m&uuml;ssen. Dann
+kam ein wehm&uuml;tig-zur&uuml;ckschauendes Lob der Gegend,
+der Ruhe, der Sonne.</p>
+
+<p>Den n&auml;chsten und den &uuml;bern&auml;chsten Tag ging
+Engelhart wieder seine einsamen Wege; war es Trotz
+oder Scham oder Stolz, er brachte es nicht zu dem
+Entschlu&szlig;, sich dem Vater zu zeigen. Am Morgen
+des dritten Tages, w&auml;hrend er noch im Bette lag,
+ward an seine T&uuml;r gepocht, er schl&uuml;pfte rasch in die
+Kleider, &ouml;ffnete, das verzerrte Gesicht eines Weibes
+streckte sich ihm entgegen, kreischte: &raquo;Ihr Vater! Ihr
+Vater!&laquo; und verschwand wieder. Eine Viertelstunde
+sp&auml;ter war er dort im Haus, schritt mit bleiernen
+F&uuml;&szlig;en durch den Korridor und die K&uuml;che in das
+erste Zimmer, wo, aschfahl anzusehen, Frau Ratgeber
+stand und mit starrer Bewegung auf das Bett wies.
+Engelhart erblickte ein gro&szlig;es blutbeflecktes Leintuch,
+welches eine menschliche Gestalt bedeckte. Er hob das
+Tuch an einem Ende auf und zog es weg, und es
+lag ein aufgeschwemmter K&ouml;rper da, ein Mann mit
+nahezu unkenntlichem Gesicht, den Mund, der nie hatte
+sprechen k&ouml;nnen, verdeckt unter eisgrauem Schnurrbart
+und unabgewischtem Todesschaum, die Stirn gleichsam
+zerschmettert, die F&auml;uste geballt, die F&uuml;&szlig;e krampfhaft
+an das untere Brett der Lagerstatt gedr&auml;ngt &ndash; nie
+verga&szlig; Engelhart dies furchtbare Bild einer letzten
+Energie, eines letzten verzweifelten Schrittfassenwollens.</p>
+
+<p>W&auml;hrend Engelhart dastand und sich wunderte,
+w&auml;hrend ihm graute und w&auml;hrend er im Innern
+weinte, ohne sich zu verhehlen, da&szlig; sein Anrecht auf
+edle Tr&auml;nen noch verwirkt war, sah er pl&ouml;tzlich den
+Vater in der stillen Alpenlandschaft wandeln, so wie
+es jener zugereiste Mensch geschildert hatte. Er sah
+ihn mit all seinen Geb&auml;rden, etwas bedr&uuml;ckt von ungewohntem
+Alleinsein, doch befremdet und feierlich gestimmt
+durch den Anblick der Natur und durch das
+Gef&uuml;hl der ruhenden Stunden. War es denn nicht
+seine erste Rast im Leben? War ihm denn nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368">[368]</a></span>jeder gr&uuml;nende Zweig etwas Niegesehenes? Mu&szlig;te
+er nicht mit dem Erstaunen eines Kindes Zeuge sein
+von dem Verschwinden der Sonne hinter Schneegipfeln
+und dem Aufbrennen der Sterne? Sicherlich hatte
+sich der Vater bei alledem ein bi&szlig;chen gesch&auml;mt und
+hatte seine Freude f&uuml;r sich behalten aus lauter Angst,
+da&szlig; man Zweifel in seine Bildung setzen m&ouml;chte.
+Engelhart begriff dies auf einmal mit einer unerwarteten
+Sch&auml;rfe. Immer wieder sah er die untersetzte,
+tripplig gehende Gestalt &uuml;ber eine Wiese schreiten
+und mit eigent&uuml;mlicher Verlegenheit und wachsam verschlossenem
+Staunen vor sich hin blicken. Dadurch
+wurde seine R&uuml;hrung erweckt und seine Tr&auml;nen konnten
+flie&szlig;en. Er erinnerte sich nach und nach an zahlreiche
+sympathische Z&uuml;ge im Wesen des Vaters, an Dinge,
+denen er nie zuvor Bedeutung zugemessen hatte, die
+sich aber jetzt zum eindringlichen Bilde formten und
+die Ursache waren, da&szlig; der Schmerz wie in sichtbaren
+Flammen um ihn schlug. Er erinnerte sich zum Beispiel,
+da&szlig; er vor Jahren in W&uuml;rzburg mit dem Vater
+spazieren gegangen war, da&szlig; sie von der H&ouml;he eines
+H&uuml;gels aus den T&ouml;nen eines Posthorns gelauscht
+hatten und da&szlig; des Vaters Gesicht pl&ouml;tzlich einen
+unendlich traurigen Ausdruck gezeigt hatte und da&szlig;
+er rasch die Augen niederschlug, als Engelhart ihn anschaute.
+Ferner erinnerte er sich, da&szlig; der Vater einst zu
+einem Gesch&auml;ftsfreund gekommen und da&szlig; er vor Entz&uuml;cken
+sich kaum fassen konnte, als ein kleiner Hund ihn
+wiedererkannte und freudig bellend an ihm emporsprang.</p>
+
+<p>Aber all dies war nur eine harmlose Kleinmalerei
+seiner wachsenden Reue und Schuld. Ein paar Tage
+sp&auml;ter schrieb er an Justin Schildknecht die Nachricht
+von seines Vaters Tod. &raquo;Es kam zu fr&uuml;h,&laquo; schrieb
+er, &raquo;nicht allein f&uuml;r ihn, den Fr&uuml;hgealterten, der ein
+abgehetztes, kleines, elendes, finsteres und unverstandenes
+Dasein wie durch eignen Entschlu&szlig; endete, sondern
+auch zu fr&uuml;h f&uuml;r mich. Ich hatte mich stets h&ouml;hnisch
+gewehrt gegen seine Forderung der Dankbarkeit, aber
+ach, er wollte ja nur in kleiner M&uuml;nze bezahlt haben,
+nur almosengleich zur&uuml;ckbekommen, was er mir, ein
+unerme&szlig;liches Kapital, das Leben selbst, geschenkt.
+Und er meinte ja gar nicht Dankbarkeit, er meinte
+Liebe. Wenn er &#8250;Dankbarkeit&#8249; sagte, so meinte er
+damit seinen Stolz und seine Scham zu schonen, denn
+er wollte nat&uuml;rlich lieber Gl&auml;ubiger als Bettler sein.
+Freund, ich finde mich in unerh&ouml;rtem Ma&szlig;e schuldig;
+ich finde mich so vieler Vers&auml;umnisse schuldig, als es
+Stunden, ja als es Gedanken der Vergangenheit gibt,
+und wenn viele den Tod als Gleichmacher und Stummacher
+preisen, so finde ich, er ist ein furchtbarer
+Unterscheider und gewaltiger Rechner. Tr&auml;gheit ist
+meine Schuld, Tr&auml;gheit hat meine Brust vernietet,
+und diese aufs Enge und Niedrige gestellte Existenz
+meines Vaters erscheint mir jetzt inniger an die g&ouml;ttlichen
+M&auml;chte gekettet als die meine, die anma&szlig;end
+zu einer eiteln Verk&uuml;ndigung strebt. Wer in der
+Tiefe seine Unschuld wahrt, ist der nicht gr&ouml;&szlig;er zu
+achten als der, der sie in den H&ouml;hen verliert? Und
+das ist es, er hatte Unschuld, alles &Uuml;ble an ihm,
+sein kleinm&uuml;tiges Streben, seine Pfennigangst, sein
+armer Geiz und Ehrgeiz, es waren nur die Zeichen
+und Merkmale seiner Unschuld, und ich, wie ich bin
+und stehe, ich bin der Verr&auml;ter an dieser Unschuld.
+Wozu denn alle Hoheit der Empfindung, alle Gaben
+des Gesichts, da die dunkle Kreatur, aus der ich
+Wurzel geschlagen, unerkannt neben mir verschmachten
+mu&szlig;te? S&uuml;hnen will ich, und Gott gebe mir Ents&uuml;hnungskraft
+und lasse mich den Weg zu den Menschen
+finden, den ich schon verloren habe. Vielleicht ist
+dies meine Bestimmung, den gemordeten Seelen Liebe
+zu weihen und aus ihnen etwas wie Astralk&ouml;rperchen
+zu formen, welche man in jener frostigen Halle aufstellt,
+in der die Menschheit ihren vielf&auml;ltigen Gesch&auml;ftigkeiten
+fr&ouml;nt. Ich will mich unter sie schleichen
+und still meine Arbeit suchen.&laquo;</p>
+
+<p>Als er diesen Brief geschrieben, verlie&szlig; Engelhart
+die Stadt und wanderte weit in die s&uuml;dlich gelegenen
+W&auml;lder und H&uuml;gel. Er dachte w&auml;hrend dieses Marsches
+viel an seine Kindheit und Jugend, und ein seltsamer
+Reigen bunter Figuren erhob sich, flatterte t&auml;nzerisch
+leicht an seinem inneren Auge vorbei, und er sp&uuml;rte bei
+ihrem Anblick etwas wie bitters&uuml;&szlig;e Reife. Schlie&szlig;lich
+setzte er sich ans Flu&szlig;ufer und malte mit dem Stock
+einige Zeilen in den feuchten Sand:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Es ist noch dieselbe Sonne,<br /></span>
+<span class="i0">Die derselben Erde lacht;<br /></span>
+<span class="i0">Aus demselben Schleim und Blute<br /></span>
+<span class="i0">Sind Gott, Mann und Kind gemacht.<br /></span>
+<span class="i0">Nichts geblieben, nichts geschwunden,<br /></span>
+<span class="i0">Alles jung und alles alt,<br /></span>
+<span class="i0">Tod und Leben sind verbunden,<br /></span>
+<span class="i0">Zum Symbol wird die Gestalt.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Bewegten Herzens machte er sich auf den Heimweg,
+und je mehr er sich wieder der Stadt n&auml;herte, je
+tr&uuml;ber umschleierte sich sein Auge, als ahne er das
+not- und m&uuml;hevolle Dasein, dem er zuschritt und das
+ihm ein nicht weniger strenges Antlitz zeigte, seit er
+den Preis kannte, um den es seine h&ouml;chsten Kr&auml;nze
+bot. Noch einmal hielt er inne und schaute zur&uuml;ck:
+der Strom kr&uuml;mmte sich in goldener Flut aus dem
+H&uuml;gelgel&auml;nde hervor, ein paar schwarze V&ouml;gel geleiteten
+ihn, langsam fliegend, und Mond und Sonne standen
+zu gleicher Zeit am Himmel.</p>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1907 erschienenen Erstausgabe erstellt. Diese erschien in
+&raquo;Deutsche Romanbibliothek&laquo;, f&uuml;nfunddrei&szlig;igster Jahrgang 1907, Hefte
+9&ndash;18. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser Heftaufteilung. Die
+Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch &Auml;, &Ouml;, &Uuml; ersetzt. Die nachfolgende
+Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem Originaltext
+vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_177">S. 177</a>: [Doppelpunkt erg&auml;nzt] fragte &auml;ngstlich: &raquo;Ist es wahr</li>
+<li><a href="#Page_177">S. 177</a>: [Komma erg&auml;nzt] Schritte machte, mu&szlig;te</li>
+<li><a href="#Page_180">S. 180</a>: [Komma erg&auml;nzt] k&uuml;hl um die Brust, unsicheren Fu&szlig;es betrat</li>
+<li><a href="#Page_189">S. 189</a>: [Punkt gel&ouml;scht] &uuml;ber einem langhinlaufenden Weg. strahlte</li>
+<li><a href="#Page_190">S. 190</a>: bereis angegrauten Locken &rarr; bereits</li>
+<li><a href="#Page_193">S. 193</a>: [Komma erg&auml;nzt] die ha&szlig;artige Lieblosigkeit, die</li>
+<li><a href="#Page_209">S. 209</a>: das Lebendig-seiende &rarr; Lebendig-Seiende</li>
+<li><a href="#Page_211">S. 211</a>: erschien sich besudelt und unwert einer Tr&auml;ume &rarr; seiner</li>
+<li><a href="#Page_213">S. 213</a>: Wiederholung mechanischen Gesch&auml;ftigkeiten &rarr; mechanischer</li>
+<li><a href="#Page_263">S. 263</a>: &raquo;Ich denke gar nichts,&laquo; erwidert er &rarr; erwiderte</li>
+<li><a href="#Page_282">S. 282</a>: auf das Mitagessen &rarr; Mittagessen</li>
+<li><a href="#Page_286">S. 286</a>: ein Schreibernatur durch und durch &rarr; eine</li>
+<li><a href="#Page_323">S. 323</a>: [vereinheitlicht] Aegidienplatz &rarr; Egydienplatz</li>
+<li><a href="#Page_324">S. 324</a>: den vornehmen Herrn zu pielen &rarr; spielen</li>
+<li><a href="#Page_325">S. 325</a>: [vereinheitlicht] seine schlecht sitzende Kravatte &rarr; Krawatte</li>
+<li><a href="#Page_367">S. 367</a>: [fehlende Letter] ein Mann mi nahezu &rarr; mit</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Transcriber&#8217;s Notes:</strong> This ebook has been transcribed from the first
+publication of the novel in &#8220;Deutsche Romanbibliothek&#8221;, 35th volume
+1907, issues 9&ndash;18. The page numbers jump according this segmentation.
+The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by &Auml;, &Ouml;, &Uuml;. The table below
+lists all corrections applied to the original text.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_177">p. 177</a>: [added colon] fragte &auml;ngstlich: &raquo;Ist es wahr</li>
+<li><a href="#Page_177">p. 177</a>: [added comma] Schritte machte, mu&szlig;te</li>
+<li><a href="#Page_180">p. 180</a>: [added comma] k&uuml;hl um die Brust, unsicheren Fu&szlig;es betrat</li>
+<li><a href="#Page_189">p. 189</a>: [deleted period] &uuml;ber einem langhinlaufenden Weg. strahlte</li>
+<li><a href="#Page_190">p. 190</a>: bereis angegrauten Locken &rarr; bereits</li>
+<li><a href="#Page_193">p. 193</a>: [added comma] die ha&szlig;artige Lieblosigkeit, die</li>
+<li><a href="#Page_209">p. 209</a>: das Lebendig-seiende &rarr; Lebendig-Seiende</li>
+<li><a href="#Page_211">p. 211</a>: erschien sich besudelt und unwert einer Tr&auml;ume &rarr; seiner</li>
+<li><a href="#Page_213">p. 213</a>: Wiederholung mechanischen Gesch&auml;ftigkeiten &rarr; mechanischer</li>
+<li><a href="#Page_263">p. 263</a>: &raquo;Ich denke gar nichts,&laquo; erwidert er &rarr; erwiderte</li>
+<li><a href="#Page_282">p. 282</a>: auf das Mitagessen &rarr; Mittagessen</li>
+<li><a href="#Page_286">p. 286</a>: ein Schreibernatur durch und durch &rarr; eine</li>
+<li><a href="#Page_323">p. 323</a>: [normalized] Aegidienplatz &rarr; Egydienplatz</li>
+<li><a href="#Page_324">p. 324</a>: den vornehmen Herrn zu pielen &rarr; spielen</li>
+<li><a href="#Page_325">p. 325</a>: [normalized] seine schlecht sitzende Kravatte &rarr; Krawatte</li>
+<li><a href="#Page_367">p. 367</a>: [normalized] ein Mann mi nahezu &rarr; mit</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Engelhart Ratgeber, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ENGELHART RATGEBER ***
+
+***** This file should be named 26402-h.htm or 26402-h.zip *****
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
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+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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