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diff --git a/26402-h/26402-h.htm b/26402-h/26402-h.htm new file mode 100644 index 0000000..fe5b9be --- /dev/null +++ b/26402-h/26402-h.htm @@ -0,0 +1,10299 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Engelhart Ratgeber, by Jakob Wassermann + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + text-indent: 1em; + } + h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + font-weight: normal; + } + + h1 { + font-size: xx-large; + line-height: 180%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 0em; + letter-spacing: 0.25ex; + padding-left: 0.25ex; + } + h2 { + font-size: large; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 1em; + } + + p.details { + margin-top: 1.5em; + margin-bottom: 0.25em; + font-size: large; + line-height: 160%; + text-align: center; + text-indent: 0em; + } + p.author { + margin-top: 0em; + margin-bottom: 4em; + font-size: x-large; + line-height: 140%; + text-align: center; + text-indent: 0em; + } + + em.gesperrt { + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + font-style: normal; + } + em.antiqua { + font-style: italic; + } + + p.copyright { + margin-top: 4em; + margin-bottom: 4em; + font-size: smaller; + text-align: center; + } + + p.newsection { + margin-top: 1em; + text-indent: 0em; + } + span.dropcap { + float: left; + padding-top: 2px; + padding-left: 0px; + padding-right: 2px; + font-size: 280%; + line-height: 80%; + overflow: visible; + } + + div.note { + margin: 4em 10% 0 10%; + padding: 1em; + border: 1px dashed black; + color: inherit; + background-color: #F0F8FF; + font-size: smaller; + } + div.note p { + margin-top: 0em; + text-indent: 0em; + } + + ul { + list-style: none; + margin-left: 0em; + margin-bottom: 0em; + padding-left: 1.5em; + text-indent: -1.5em; + } + + .pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + right: 1%; + font-size: x-small; + font-weight: normal; + font-style: normal; + text-align: right; + text-indent: 0em; + color: gray; + background-color: inherit; + } + + a:link { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + background-color: inherit; + } + a:visited { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + background-color: inherit; + } + a:hover { + text-decoration: underline; + } + a:active { + text-decoration: underline; + } + + .poem { + margin-left:10%; + margin-right:10%; + text-align: left; + font-size: 90%; + } + .poem br { display: none; } + .poem .stanza { margin: 1em 0em 1em 0em; } + .poem span.i0 { display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em; } + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Engelhart Ratgeber, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Engelhart Ratgeber + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: August 23, 2008 [EBook #26402] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ENGELHART RATGEBER *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<h1>Engelhart Ratgeber</h1> + +<p class="details">Roman<br /> +<small>von</small></p> +<p class="author">Jakob Wassermann</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">E</span>ngelharts erste Kindheitserinnerung knüpfte sich +an eine Feuersbrunst. Die Mutter saß am +offenen Fenster, und der Knabe spielte zu +ihren Füßen in der Nähe eines Kochtopfes, in dessen +Innern sich Überreste von Pflaumenmus befanden. +Da wurde Frau Ratgeber durch einen Aufschrei von der +Gasse veranlaßt, zum Fenster hinauszuschauen. Neugierig +kletterte Engelhart auf einen Stuhl, beugte sich +über das Sims und sah, von der Mutter beim +Ärmel festgehalten, eine ragende Feuersäule, die fern +aus der Tiefe der Straße emporschoß. Nachdem er +das Schauspiel mit erstaunten Blicken betrachtet, kehrte +er wieder zum Fußboden zurück und benutzte die +anderswo hingelenkte Aufmerksamkeit der Mutter, +um aus dem Pflaumentopf ein paar Fingerspitzen +voll zu naschen.</p> + +<p>Am folgenden Tag um die Dämmerungszeit nahm +er ein kleines Spielhäuschen, begab sich damit und +mit Zündhölzern versehen in den abgelegensten Winkel +des Hofes, scharrte einen Sandhügel zusammen, trug +Späne herbei und machte im Innern seines Gebäudes +Feuer an. Die Flammen schlugen jäh aus dem +kleinen Tor heraus, die durch rote Farbenflecke angedeuteten +Fensterchen begannen zu zerfließen, der +ganze Hof lag in lichterlohem Schein. Bald kamen +Leute gelaufen, die den Miniaturbrand löschten und +den Knaben verprügelten.</p> + +<p>Im Erdgeschoß des Hauses befand sich eine Gastwirtschaft. +Jede Nacht drang der Zecher Lärm herauf, +nicht selten kam es zu einer Schlägerei, und ein +Gestochener brüllte die schlafenden Bewohner wach. +Schlimmer war für Engelhart das allwöchentliche +Schweineschlachten. Das Todesgeschrei schnitt ihm +furchtbar durch die Brust, seine Phantasie war damit +belastet, sein Denken wurde verdunkelt, und wenn das +Tier unter dem letzten Messerstich ersterbend wimmerte, +schlich Engelhart totenbleich in die Kleiderkammer, +riß eine Schranktür auf und steckte den Kopf zwischen +die hängenden Gewänder. Es war ein Glück, daß +seine Eltern, kurz nachdem er fünf Jahre alt geworden +war, in die nahegelegene Theatergasse verzogen.</p> + +<p>In jenem Sommer heiratete die jüngste von Frau +Ratgebers Schwestern. Da die Hochzeit in Karlstadt +stattfand, einem uralten Örtchen am Main, reisten +Herr und Frau Ratgeber dorthin und nahmen Engelhart +mit, während die beiden kleineren Geschwister, +die dreijährige Gerda und der kaum ein Jahr alte +Abel, unter der Obhut einer treuen Magd zu Hause +blieben. Es war ein düster bewölkter Tag. Der +Knabe blickte mit dankbarem Gefühl auf den Vater, +der, kaum daß die Fahrt begonnen hatte, ein gebratenes +Huhn aus der Reisetasche nahm und mit dem +ihm eignen seltsam verlegenen Schmunzeln verzehrte. +Frau Agathe saß versonnen da, bisweilen warf sie +einen flüchtigen Blick auf die Landschaft hinaus.</p> + +<p>Das Hotel, in dem sie zu später Nacht ankamen, +war ein früheres Kloster und hatte weitgewölbte +Räume. Engelhart wurde in ein entlegenes Gemach +geführt, wo vier Betten standen. Im blassen Kerzenlicht +sah er mit verschlafenen Augen drei Mädchengestalten, +und man erklärte ihm, daß es seine Cousinen +aus Gunzenhausen seien. Die Mädchen flüsterten und +lachten, endlich trat die jüngste, die schon im Hemde +war, vor ihn hin und sagte, es schicke sich nicht, daß +Knaben bei den Mädchen schliefen. Er kroch in einen +Mauerwinkel, um sich in Eile zu entkleiden, dann +setzte sich Frau Ratgeber zu ihm an den Bettrand, +es wurde noch eine Weile hin und her gesprochen, +Engelhart sah einen haarumwallten Mädchenkopf, der +sich über die Schulter seiner Mutter beugte, und, +schon auf der Schwelle des Schlummers taumelnd, +starrte er noch einmal in das übermütige Gesicht seiner +jüngsten Vetterin.</p> + +<p>Am andern Tag war die Hochzeit. Während der +<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>Trauung hörte man die Braut weinen, es schien, als +ahne sie ihr trauriges Schicksal voraus, während der +Bräutigam, Herr Peter Salomon Curius, selbstbewußt +und höhnisch lächelnd um sich blickte. Die Sache +war die, daß es kein Geschöpf auf Gottes Erdboden +gab, dem er sich nicht überlegen gefühlt hätte.</p> + +<p>Als das Hochzeitsmahl zu Ende war, wurde +Engelhart mit den andern Kindern ins Freie geschickt. +Es war ein lieblicher Garten hinter dem Haus, voll +Apfel- und Kirschenbäumen. In dem dumpfen Trieb +aufzufallen, sonderte sich Engelhart von der Gesellschaft +ab und schritt in einer den Erwachsenen abgelauschten +Gangart in der Tiefe des Gartens hin +und her. Was ihm unbewußt dabei vorgeschwebt +hatte, geschah; die jüngste Cousine folgte ihm, stellte +sich ihm gegenüber und blitzte ihn mit dunkeln Augen +schweigend an. Nach einer Weile fragte Engelhart um +ihren Namen, den er wohl schon einige Male gehört, +aber nicht eigentlich begriffen hatte. Sie hieß Esmeralda, +nach der Frau des Onkels Michael in Wien, +und man rief sie Esmee. Dieser Umstand erweckte +von neuem Engelharts prickelnde Eifersucht, und er +fing an, prahlerische Reden zu führen. Der Lügengeist +kam über ihn, zum Schluß stand er seinem +wahnvollen Gerede machtlos gegenüber, und Esmee, +die ihn verwundert angestarrt hatte, lief spöttisch +lachend davon.</p> + +<p>Um diese Zeit faßten seine Eltern den Beschluß, +ihn, obwohl er zum pflichtmäßigen Schulbesuch noch +ein Jahr Zeit hatte, in eine Vorbereitungsklasse zu +schicken, die ein alter Lehrer namens Herschkamm +leitete. Herr Ratgeber, der große Stücke auf Engelharts +Begabung hielt und große Erwartungen von +seiner Zukunft hegte, war ungeduldig, ihn in den +Kreis des Lebens eintreten, von der Quelle des +Wissens trinken zu sehen. Er dachte an seine eigne +entbehrungs- und mühevolle Jugend. Noch in den +ersten Jahren seiner Ehe liebte er gehaltvolle Gespräche +und gute Bücher und bewahrte eine schwärmerische +Achtung für alles, was ihm geistig versagt und +durch äußerliche Umstände vorenthalten blieb.</p> + +<p>Nun war der alte Herschkamm ein seltsam gewählter +Pförtner an den Toren der Bildung, ein +dicker kleiner Greis mit dem Wesen eines betrunkenen +Kobolds. Er hielt sich beständig für überlistet und +tanzte in Anfällen grenzenloser Wut von einem Ende +der winzigen Schulstube zum andern; dabei hielt er +einen langen Flederwisch in der Hand, mit dem er +ein geisterhaftes Geräusch machte, er spie und gurgelte, +stampfte, klopfte, brüllte, und alles etwa um ein +harmloses Wort. Das Schauspiel füllte Engelharts +Herz mit Bangigkeit, doch bald war er daran gewöhnt +und heckte mit den andern freche Streiche aus. +Ein beliebtes Vergnügen war es, daß während des +Unterrichts und während der kurzsichtige Herschkamm +seine Figuren an die Tafel malte, einer um den +andern seinen Platz verließ und sich zur Türe hinausstahl, +so daß schließlich nur noch zwei oder drei lautlos +grinsend dasaßen. Dann begann das Tanzen +und Fauchen, der Flederwisch wurde hervorgezogen, +der Alte sauste hinaus und trieb die Schar vor sich +her wie ein bellender Hund das gackernde Geflügel. +Das Wunderbare war, daß dieses wütigtolle Männchen +sonst in jeder Beziehung ein sanftes, ja demütiges +Benehmen zeigte. Er lebte mit einer uralten Schwester, +und oftmals, an Sonntagen und schönen Sommerabenden, +sah man die beiden Arm in Arm friedlich +und den Bekannten zulächelnd durch die Alleen am +Bahnhof trippeln.</p> + +<p>Der Weg nach Herschkamms Schule führte Engelhart +am städtischen Waisenhaus vorüber, und täglich +sah er die Waisenknaben, schwarz gekleidet, mit schwarzen +Mützen und bleichen Gesichtern in Hof und Garten +wandeln, ein auffallendes Gegenbild zu der Ungebundenheit +und dem rohen Übermut seiner Kameraden. Bisweilen +begegnete er ihnen, wenn sie in langem Zug +durch die Straßen gingen; ihr leiser Gang, ihr +murmelndes Sprechen, ihr scheues Auge bedrückten +und erschreckten ihn, oft sah er im Traum den langen +Zug vorüberziehen, schwarz und bleich wie Kadetten +des Todes.</p> + +<p>Zu solchen Bildern gesellten sich Erzählungen und +Märchen. Ratgebers hatten seit Jahren eine Magd +namens Ketti, und von dieser wurde Engelhart sehr +geliebt. Sie stammte aus Heilbronn und hatte neben +fränkischer Herbheit auch das Gemüthafte und Phantasievolle, +das dem schwäbischen Wesen eignet. Um die +Dämmerungsstunde, am liebsten im Winter und späten +Herbst, wenn die Arbeit getan war und die Küche +vom Glanz der geputzten Geschirre strahlte, nahm sie +den Knaben bei der Hand, kauerte mit ihm zum +Ofen, und während sie aus Holzscheiten Spreißel riß +und die Stücke behutsam vor sich hinlegte, erzählte +sie ihre Geschichten. Es war gut, daß in der Person +der Magd das Volk zu ihm redete und seine vielfache, +zu Sage und Gedicht verwebte Not und Lust, +aber es war schlimm, daß ihm auf andre Weise die +Wirklichkeit entrückt ward und daß er sich selber zum +Gegenstand phantastischer Vorstellungen machte. Er +schuf sich den Wahn, daß er ein Kind von königlicher +Abkunft sei, daß ihm der Thron vorenthalten werden +solle und daß Abenteuer gefährlicher Art ihn einst +auf dem Weg seiner Sendung erwarteten. Es kam +so weit, daß er der Eltern in mitleidiger Herablassung +gedachte und den Geschwistern durch einen beziehungsvollen +Hochmut unleidlich wurde. Jedes Geringfügige<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span> +gewann einen besonderen Glanz, schon allein das +bloße Hinrollen von Tag und Nacht, und Sinnloses +erhielt tiefen Sinn. Frau Ratgeber hatte einen Verwandten +in der Stadt, einen alten Sonderling namens +Zederholz, man nannte ihn kurzweg Vetter Zederholz. +Er kam oft an Sonntagen zu Besuch, wobei er sich +der Mutter gegenüber mit veralteter Galanterie gebärdete; +Engelhart aber reichte er jedesmal mit einer +leichten Verbeugung die Hand und sagte mit dem +Ausdruck feierlicher Hochachtung, wobei er den Zeigefinger +hob: »Engelhart ist eine Kapazität.« Obwohl +der Knabe nicht wußte, was das Wort zu bedeuten +habe, legte er es in der für seine Einbildung günstigsten +Weise aus und schmückte sich damit.</p> + +<p>Seine Mutter konnte den Hirngespinsten wenig +entgegensetzen, denn ihre zurückhaltende und geschehenlassende +Natur war überhaupt nicht geeignet, gegen +so bestimmte und absurde Neigungen anzukämpfen. +Frau Agathe verkehrte selten mit andern Frauen, sie +war viel allein und wurde von schlimmen Ahnungen +geplagt. Sie hatte etwas Fernhaltendes für Menschen, +sei es durch ihre Schönheit – man nannte sie die +schönste Frau von Franken –, sei es durch eine angeborene +Traurigkeit des Herzens. Herr Ratgeber +konnte sich nur in seinen Ausruhestunden lebhafter des +Sohnes annehmen. Er war über den größten Teil +des Jahres auf Reisen, die Mühseligkeit der Geschäfte +stumpfte ihn ab. Er war noch immer von ungeheuern +Hoffnungen für die Zukunft erfüllt, obwohl +ihm nichts Rechtes gelingen wollte. Er war +immer voll von Plänen, Pläne und Entwürfe besaßen +eine außerordentliche Macht über sein Gemüt, +aber etwas verkettete, verstrickte ihn, er blieb im Kleinen +stecken und kam nicht vom Pfennig los. Der beständig +sich erneuernde Kummer darüber trug dazu +bei, die Stimmung zwischen ihm und seinem Weibe +zu verdunkeln, der Ehrgeiz hielt ihn ab, sich mit +völliger Offenheit zu geben, und jenes edlere, der +gröbsten Notdurft abgewandte Dasein, von dem sie +beide vielleicht geträumt, blieb eben ein Traum. Frau +Agathe ließ sich nichts merken, alles Leiden preßte sie +in ihr dämmerndes Innere zurück, nur bisweilen, etwa +in einem Brief an ihre Geschwister, brach es wie ein +fahler Blitz hervor, gegen ihren Willen und sie selbst +erschreckend.</p> + + + + +<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">N</span>och war der Knabe im Schlaf, im tiefen Schlaf +des Unbewußtseins, und höchstens ein Traum ließ +ihn Leben ahnen. Spiel war ihm alles, Spieltrieb +erfüllte ihn ganz. Abends, wenn er schon im +Bette war, die Mutter saß bei der Lampe und nähte, +spielte er mit Stahlfedern, gebrauchten Zündhölzern +und einigen Bleisoldaten folgendes Spiel. Er hielt +die Knie unter dem Deckkissen so gespreizt, daß dieses +allerlei Erhöhungen, Falten und Mulden bildete, und +darin sah er ein unheimlich zerklüftetes Gebirge mit +finsteren Schluchten und schroffen Gipfeln. Die +Söldnerscharen begingen die Höhen und Tiefen und +kämpften mit Zwergen und wilden Tieren; vom gespensterhaften +Schein der Lampe bestrahlt, schwebten +Feen über das Bettgebirge, und den Schluß bildete +ein gewaltiges Erdbeben, die Geister und Soldaten +flehten um Gnade, aber Engelhart war gesonnen, die +Rolle des Weltenschöpfers folgerichtig zu vollenden, +mitleidlos fielen seine Knie nieder, und das malerische +Felsenland ward zur öden Ebene, Weltennacht brach +ein. Oft ermahnte die Mutter zum Schlaf, oder +Ketti kam und warf eine moralische Bemerkung hin, +während sie mit der Herrin die Ausgaben verrechnete. +Bevor Frau Agathe in ihr Schlafzimmer ging, pflegte +sie eine Weile zu ruhen und zu denken, ihr Kopf mit +der hohen Haarkrone beugte sich herab und ein Seufzer +war das Ende ihres Sinnens. Woran mochte sie +denken? An ihre Einsamkeit? An den frühen Tod?</p> + +<p>Bald wurde an Engelhart eine übergroße Begehrlichkeit +bemerkbar, und er glaubte nur in die +Welt gesetzt zu sein, um ihre Schätze an seine Brust +zu drücken, liebend oder hassend. Wo hätte er auch +Grenzen finden sollen? Das Auge ist unersättlich. +Einmal hing er seine Lust an eine Orange. Orangen +waren teuer, man konnte sie nur beim Konditor haben, +aber Engelhart wußte Rat. Er ging um jene Zeit +schon in die öffentliche Schule und erhielt jeden +Morgen von der Mutter drei Pfennige zum Vesperbrot. +Er berechnete, daß er siebenmal kein Brot +kaufen dürfe, um in den Besitz der Orange zu gelangen. +Das Geld versteckte er in einem heimlichen +Winkel, und als die Frist verstrichen war, schlich er +aufgeregt und eilig zum Konditor. Es gab ein vielfaches +Geklapper, als er seine Kupfermünzen auf den +Steintisch legte. Nun geschah es, daß plötzlich sein +Vater vor ihm stand, als er den Laden verließ. Herr +Ratgeber sagte nichts und Engelhart auch nichts; jeder +merkte an des andern Schweigen, wie die Sache stand. +Herr Ratgeber löste die mühsam erworbene Frucht +aus der umklammernden Hand des Knaben; vom Hause +gegenüber sah der Major Friedlein zu, der Tag für +Tag von morgens bis abends aus dem Fenster lehnte, +eine lange Pfeife rauchte und in seinem pechschwarzen +Bart aussah finster wie das Gewissen der ganzen +Stadt. Zuhause gab es ein scharfes Verhör und +Vorwürfe, auch von der Mutter. Das wäre in Ordnung +gewesen, aber von seiner Orange bekam er nichts +mehr zu sehen, und es ritzte ihn wie ein giftiger +Stachel das Gefühl erlittener Ungerechtigkeit.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>Kurz danach war Weihnachten, und Engelhart +begab sich mit Bruder und Schwester auf die Christbaumbesuche. +Da sie Juden waren, hatten sie keinen +Baum zu Hause, aber mitten unter protestantischen +Christen lebend, blitzte die fremde Festtagslust in ihre +öden Zimmer, und Sehnsucht trieb sie fort. Wie +Bettelkinder gingen sie von Tür zu Tür, wurden +überall wohl aufgenommen und mit Lebkuchen und +Nüssen beschenkt. Am liebsten verweilte Engelhart +dann bei Webers unten im Haus. Da waren zwei +Schwestern, Thekla und Selma. Sie waren Waisen +und wohnten allein bei der Großmutter. Die Mutter +hatte sie unehelichen Standes geboren und hatte ein +abenteuerndes Leben durch Selbstmord geendet. Die +alte Frau Weber war wunderlich; sie war sehr dick +und haßte die Menschen. Daß sie Engelhart und +seine Geschwister an den Weihnachtstagen zu sich lud, +geschah aus einer Vorliebe, die sie für Frau Ratgeber +hegte. Aber sie ließ nicht alle drei zu gleicher Zeit +ein; eins mußte nach dem andern kommen und durfte +nicht länger als eine Stunde bleiben. In den Zimmern +hatte alles ein geheimnisvolles Aussehen. Die +Schwestern spielten still vor sich hin, die Großmutter +saß auf einem erhöhten Tritt beim Fenster und las +in einem dicken Buch, auf dem Weihnachtsbaum +strahlten die Kerzenflammen wie zuckende Sternchen.</p> + +<p>Thekla war ein robustes Geschöpf, das den ganzen +Tag arbeitete, kochte, Wasser schleppte und die Böden +fegte. Die sechsjährige Selma war dagegen zart und +fein. Stirn, Wangen und Hände waren weiß an +ihr, auch die Haare waren beinahe weiß. Ihr Anblick +erschreckte Engelhart. Ähnliches spürte er in der +Nacht, wenn er aufwachend die Ruhe der Welt bis +ins Herz empfand und hinaushorchend in ihrer Grenzenlosigkeit +sich nie zurechtzufinden fürchtete. Einmal +kam er an einem Winternachmittag von der Schule +zurück und fand niemand daheim. Er läutete mehrmals, +die Glocke schrillte wie Gebell durchs Haus, +schließlich schritt er langsam besinnend die Treppe +hinab, und da er das Gatter bei Webers offen stehen +sah, ging er hinein, um zu fragen, wo seine Leute +seien. Er hatte Hunger. Er öffnete die Türe der +fremden Wohnung und sah nun Selma nackt vor +einem Badetrog stehen; ihre Kleider, von Schnee und +Schmutz bedeckt, lagen daneben. Engelhart war erstaunt +und ergriffen; das Menschenbild gefiel ihm, +Selma wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen blickten +träg und mißmutig, plötzlich lief sie unhörbar ins +Nebenzimmer. Die alte Frau Weber drehte sich auf +ihrem Stuhl beim Fenster um, und als sie das +demütig bestürzte Gesicht des Knaben gewahrte, lachte +sie mit tiefen männlichen Tönen.</p> + +<p>Als es Frühling wurde, durfte Engelhart an +Sonntagnachmittagen mit seinem Vater nach Altenberg +gehen, einem kleinen Dorf zwischen Nürnberg +und Kadolzburg, wo Herrn Ratgebers Vater wohnte. +Der alte Ratgeber war Seiler, und oft schaute +Engelhart zu, wenn der Greis im steingepflasterten +Hof tappend, auf und ab schreitend, seine Stricke drehte. +Auf ihm lasteten die Zeit und die Sorge sichtbar. Er +war gewöhnlich still und müde, aber ein höherer Glanz +ging von ihm aus, wenn er von seiner Gesellen- und +Wanderzeit erzählte. Er hatte die Welt gesehen und +sprach mit scheuer Verehrung davon. »Als ich im +Jahr dreißig nach Wien kam,« sagte er und berichtete, +bei welchem Tor er eingezogen und durch welche +Straßen er gegangen war. Er meinte, damals sei +das Leben noch lebenswert gewesen. ›Im Jahre +dreißig,‹ dachte Engelhart; er wußte nicht, daß achtzehnhundertdreißig +gemeint sei, und er sah im Großvater +eine Figur von mythisch gotthaftem Alter.</p> + +<p>Bisweilen war auch der Bruder des Herrn Ratgeber +anwesend. Die beiden Brüder hatten gemeinschaftlich +das Geschäft in der Stadt, aber sie waren +feindselig gegeneinander gestimmt. Herrn Ratgebers +Bruder Hermann war ein Mann, der nichts in der +Welt liebte außer seine eigne Person, die aber gründlich. +Er pflegte mit selbstzufriedenem Schmunzeln von +seiner Geschicklichkeit im Sparen zu sprechen, von +seiner trockenen Geschäftspraxis; für die geistig überschauende +Art des älteren Bruders hatte er kein Verständnis, +er bezeichnete diese Art als phantastisch und +ging insgeheim mit dem Plane um, die Firma ganz +an sich zu bringen. Er hatte den siebziger Krieg als +Trompeter mitgemacht; es war auch in seiner Stimme +etwas Trompeterhaftes, aber wenn er schwieg, sah er +schlau und schläfrig aus.</p> + +<p>Einmal erzählte Frau Agathe auch von ihren verstorbenen +Eltern. Es war an einem schönen Tag im +Mai, und Engelhart ging mit der Mutter über die +Wiesen jenseits der Maxbrücke gegen die Wolfschlucht. +Dort setzten sie sich unter einem Kastanienbaum nieder, +Frau Ratgeber nahm ihre Handarbeit, und dann begann +sie kameradschaftlich mit dem Knaben zu sprechen; +seine Fragen führten auf den Weg ihrer eignen Gedanken.</p> + +<p>Ihr Vater war ein weitgewanderter gebildeter +Mann von lebhaftem Geist gewesen. Er hatte an +der Rhone, in Marseille, in der Lombardei und in +Zürich gearbeitet, und als er mit nicht geringen Ersparnissen +in seine unterfränkische Heimat zurückkehrte, +kaufte er vier Webstühle, nahm vier Gesellen ins +Haus und machte sich in kurzer Zeit als Verfertiger +solider Ware unter den Abnehmern bekannt. Bald +dachte er daran, sich zu verheiraten. Auf der Heimreise +hatte er in Uhlfeld bei Fürth ein überaus +<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>schönes Mädchen aus vornehmer Judenfamilie kennen +gelernt, und er hielt um ihre Hand an. Nun war +es üblich, nicht nur daß der Mann im Haus der +Braut einen Besuch abstattete, sondern daß auch das +Mädchen ins Haus des Bräutigams kam, und zwar +allein. Daher machte sich die schöne Uhlfelderin auf +und marschierte drei Tage lang zu Fuß, da eine +Postfahrt zu viel Geld gekostet hätte, nach Sommerhausen +am Main. Wenn ihr das Gehen in den +Stiefeln beschwerlich wurde, zog sie diese aus und +stopfte sie in das Bündel auf ihrem Rücken. Der +Bräutigam kam ihr bis Ochsenfurt entgegen.</p> + +<p>Die Weberei nahm einen guten Aufschwung, die +Familie geriet in Wohlstand und konnte einen Weinberg, +ein Stück Ackerland und einen Gemüsegarten +erwerben. Dazu brachte Herr David Herz einige +Verbesserungen an den Webstühlen an. Aber mit +einem Male kamen die Maschinenwebstühle auf und +Tausende der kleinen Webermeister gingen rasch zugrunde. +David Herz wartete nicht das letzte Ende +ab; er schickte die Gesellen fort, ließ die Stühle auf +den Speicher bringen und eröffnete einen Tuchladen. +Weil aber keine Käufer kamen, mußte man mit den +Waren über Land gehen, doch war es nach damaligem +Gesetz den Juden verboten, zu hausieren, und das +Gesetz mußte umgangen werden, wenn anders die +Familie vor Hunger bewahrt werden sollte. Nach und +nach waren zehn Kinder auf die Welt gekommen, die +ältesten halfen schon, sie mußten bei Nacht und Nebel +mit dem Warenbündel auf Schleichwegen in die Dörfer +wandern, und die Gendarmen mußten mit kostbarem +Geld bestochen werden. Aber es wurde noch schlechter, +Mißernten kamen, politische Finsternis hielt die Regsamkeit +des Landes und der Gewerbe in Fesseln, +Emilie, die älteste, sollte vorteilhaft heiraten, aber das +sogenannte Matrikelgesetz erschwerte auf die grausamste +Weise die Ehe der Juden. Sechs Kinder starben +innerhalb dreier Jahre hinweg, darauf folgte die +Mutter, erschöpft an Leib und Seele, und der Vater +war ebenfalls vernichtet durch die Zeiten. Ihn hatte +das Handwerk betrogen, die Erde gab ihm keine Frucht, +er verlor den Glauben an Gott und Menschheit und +starb, noch nicht fünfzig Jahre alt.</p> + +<p>Engelhart ward betrübt von der Erzählung. Das +Ereignisvolle daran, Tod, Krankheit, Armut, prägte +sich ihm unvergeßlich ein. Als er mit der Mutter +nach Hause wanderte, begann schon der Mond in die +silberne Abenddämmerung zu blicken. Frau Agathe +nahm den Knaben an der Hand und sie schritten +schweigsam dahin. Engelhart begriff plötzlich, daß +seine Mutter nicht glücklich war.</p> + +<p>In einer der folgenden Nächte erwachte Engelhart +und merkte, daß fremde Leute in den Zimmern waren, +Leute mit einem ängstlichen und geschäftigen Wesen. +In dem Raum, wo Engelhart lag, blieb das Licht +brennen; bald kam einer und schraubte es höher, bald +ein andrer und drehte es tiefer, sie flüsterten, sie +lächelten, und da sich der Knabe schlafend stellte, achteten +sie nicht ihrer Worte, und er fing ein paar +Wendungen auf, die ihm zu denken gaben. Da hörte +er aus dem Zimmer der Mutter ein Stöhnen, das +ihm durch Mark und Bein ging. Er richtete sich auf, +sah sich allein und lauschte. Die erschütternden Töne +wiederholten sich. Er sprang aus dem Bett, schlüpfte +mit Eile in die Kleider und wollte zur Mutter. Aber +eine unbezwingliche Scheu hielt ihn zurück, Ahnung +nicht, Halbahnung vielleicht. Er lief in die Küche. +Ketti saß am Herd; ihr rannen Tränen über die +Backen, doch trank sie mit ziemlicher Seelenruhe eine +Schale aufgewärmten Kaffees. Sie begehrte auf, als +sie des Knaben ansichtig wurde, er entwischte ihr und +begab sich in den Hof, setzte sich, in der Nachtkühle +schauernd, auf die Hühnersteige und schlief dort unversehens +ein. Er schlief über eine Stunde, das +Krähen des Hahns weckte ihn, da ging er ins Haus +zurück und begegnete auf der Treppe der Tante Iduna +Hopf, einer Verwandten des Herrn Ratgeber. Sie +war groß und hager, ein riesenhafter grüner Schal +hing um ihre Schultern, mit strengem Erstaunen betrachtete +sie den Knaben und sagte endlich mit zweideutigem +Lächeln und unehrlicher Kameraderie in ihrer +hellen Stimme: »Nun, Engelhart, der Storch ist zu +euch gekommen und hat ein Brüderchen gebracht. Hast +du ihn nicht klappern gehört?«</p> + +<p>Engelhart senkte den Kopf und erwiderte: »Nein, +ich habe die Mutter weinen gehört.«</p> + +<p>Es malte sich in seinem Bewußtsein dies: nicht, +daß ein Kind gebracht, sondern daß es geboren worden +sei. Eine tote Buch- oder Zeitungswendung wurde +in seinem Geiste flammend lebendig. Am andern Tag +ging er zu Fräulein Frühwald, die mit Ratgebers +auf demselben Flur wohnte. Fräulein Frühwald war +eine Person, die immer Neuigkeiten wissen wollte. +Das einzige Zimmer, das sie innehatte, war voll von +Sägespänen, denn sie verdiente ihren Unterhalt damit, +daß sie Blechkapseln glänzend machte. Während sie +Engelhart in ein Gespräch zu verwickeln versuchte, +schlug dieser ein umfängliches Buch auf, das auf dem +Tische lag. Es war die Bibel, Altes und Neues +Testament. Er blätterte unschlüssig umher, da fiel +sein Blick auf die Stelle: Gideon aber hatte siebzig +Söhne, die alle aus seiner Lende entsprossen waren, +denn er hatte viele Weiber. »Was ist das, eine +Lende?« fragte er das unablässig redende Fräulein. +Sie antwortete, eine Lende sei ein Stück Fleisch. +»Auch beim Menschen ein Stück Fleisch?« fragte er.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>»Gewiß,« rief sie lachend und schlug sich auf die +Hüfte, »hier.«</p> + +<p>Er kam nun öfter zu Fräulein Frühwald, die für +jede Gesellschaft dankbar war, setzte sich an den Tisch +und las in der Bibel. Doch erwuchs ihm wenig +Verstand daraus, obwohl er das Fabelmäßige leicht +begriff. Die erwachten Zweifel über Geburt und Geborenwerden +fanden Nahrung, doch keine Lösung; +Unverstehbares mischte sich mit der geahnten Natur, +die er auch in seinem Innern beben und wachsen +fühlte. Eines aber riß sein Gemüt hin, vielleicht weil +es mit Worten nicht ausgedrückt war, nämlich das +Landschaftliche: die Finsternis des Anfangs, das +Paradies mit seinem Frieden, die Wasserflut und die +um den Berg Ararat neu sich hebende Welt, der +Turmbau im babylonischen Land, der Brand der sündhaften +Städte und das Meer über ihnen. Mit +andern Augen als bisher trat er unter den freien +Himmel; es war ihm derselbe Himmel, der jene Länder +und Zeiten überwölbt hatte, und wie eine Stirn die +Erinnerung des Gelebten aufbewahrt, glaubte er im +Firmament das Andenken jener gewaltigen Ereignisse +vergraben.</p> + +<p>Als er zum erstenmal wieder die Mutter sehen +durfte, vermochte er kein Wort über die Lippen zu +bringen. Stumm blieb er am Bette stehen, als sie +mit der alten klaren Stimme einige belanglose Fragen +stellte. Zuerst wunderte sich Frau Agathe, dann schalt +sie, noch halb gutmütig, dann wandte sie sich unwillig, +ja verletzt von ihm ab. Als Herr Ratgeber nach +Hause kam, berichtete sie über die Verstocktheit des +Knaben. Herr Ratgeber glaubte, daß Engelhart irgendetwas +auf dem Gewissen habe, er nahm ihn bei der +Hand, führte ihn beiseite und fing ebenfalls an zu +fragen. Die aufgerissenen Augen und das unbewegliche +Stillehalten des Knaben bestärkten seinen Verdacht, +er wurde zornig und schlug Engelhart mit +Heftigkeit ins Gesicht. Die unbegreifliche Tat entpreßte +dem Gezüchtigten Tränen, es schien ihm, als +ob die Unbill alles Maß übersteige, es erfaßte ihn +auf einmal ein Gefühl von Liebe für etwas Unsichtbares, +Unnennbares, das außerhalb der Welt lag, +in der er sich bewegte.</p> + +<p>Zwei Tage lang durfte er nicht zur Mutter. Am +dritten entschloß er sich, ohne Erlaubnis an ihr Bett +zu kommen, um sie zu versöhnen. Doch sie hatte +Besuch. Der alte Ratgeber aus Altenberg war da +und außerdem dessen Vater, der also Engelharts Urahn +war, ein Mann von sechsundneunzig Jahren. +Er lebte in Rot am Sand, zwei Stunden hinter Nürnberg. +Ein zottiger Bart von rötlichweißer Farbe schloß das +ungemein große, rote, zerwühlte, volle Gesicht wie in +einen Rahmen. Als er Engelhart gewahrte, hielt er +die Hand wie einen Schirm vor die dicken Brauen +und stierte mit den scheu versteckten Augen auf ihn +wie auf etwas Weitentferntes, Winziges, gleich als +ob er zeigen wolle, daß achtundachtzig Jahre zwischen +ihm und diesem Kinde lägen. Er griff in die Manteltasche +und reichte mit der zitronengelben Hand Engelhart +zwei halbverschimmelte Schokoladestückchen. Seit +dreißig Jahren war er nicht in der Stadt gewesen, +und nicht etwa die Liebe zu seinem Geschlecht hatte +ihn angetrieben, sondern die bloße Neugierde zu sehen, +was die Zeiten gebracht hätten. Der andre Alte verhielt +sich gleichmütig, der Besuch des Vaters war ihm, +dem Siebzigjährigen, eine Last. Frau Agathe blickte +mit stiller Verwunderung auf die beiden Greise, von +denen keiner um die Nähe des Grabes zu wissen schien.</p> + + + + +<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">M</span>itte Juli mußte Herr Ratgeber eine Reise antreten, +die ihn für einige Monate von seiner Familie +trennte. Frau Agathe beschloß, diese Zeit auf dem +Lande zuzubringen und mit den Kindern ihre Schwester +Emilie Wahrmann in Gunzenhausen zu besuchen. Ihr +Leib, ihr Geist bedurften der Ruhe. Die Tage vor +der Fahrt vergingen mit vielfacher Arbeit. Noch in +der letzten Stunde war sie beschäftigt, die Polstermöbel +zu überziehen, die Läden herabzulassen, Kampfer zu +streuen; dann stand sie ermüdet auf der Schwelle, +ihre Gestalt hob sich schmal aus dem Dämmer des +verdunkelten Raumes, sie war blaß von dem überstandenen +Wochenbett, die Stirn, für eine Frauenstirn +ungewöhnlich hoch, war an den Schläfen wie Marmor +von blauen Adern durchzogen, ihre Augen hatten einen +doppelten Blick, den nach außen für die Gegenstände, +und den ruhigen, warmen süßen Blick nach innen für +das Unbekannte.</p> + +<p>Die Familie Wahrmann bewohnte ein einstöckiges +Haus an der Straße, die vom Tor des Blasturms +aus gegen den Wald führte und wenige hundert Meter +weiter schon Landstraße wurde. Auf jeder Seite +standen etwa ein Dutzend solcher Häuser von ganz +gleicher Bauart, und zwischen je zweien war ein +kleiner Garten oder Hof. Frau Agathe fand bei der +Schwester, was sie vom Leben innig wünschte: Sorglosigkeit. +Die Erinnerung an ihre Mädchentage erwachte; +hier hatte sie, nachdem der Vater gestorben +war, bis zu ihrer Verheiratung gelebt; hier hatte sie +manche Nacht durchtanzt, hier hatte sie Herr Ratgeber +zum erstenmal erblickt. Nun war sie wieder da, von +liebreicher Gastfreundschaft gehegt, und vier Kinder +mit ihr als Zeugen der verflossenen Jahre. Ihre gehobene +Stimmung wirkte wie ein seelenvolles Leuchten +auf die Gemüter der andern Hausbewohner.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>Engelhart vertrug sich gut mit den Cousinen. +Helene, die älteste, liebte es, ihn zu necken. Nicht +seine Gedanken waren vor ihrem Spott sicher. Sie +war selten schlecht gelaunt, sie entdeckte mit Scharfblick +an jedem Menschen die komische Seite und jeder +bot ihr daher unerschöpflichen Stoff zum Lachen. +Sie hatte aber auch Respekt für geistige Dinge, für +gute Bücher, es war nichts Kleinstädtisches in ihr. +Ganz anders Jettchen, die zweite. Sie war eine trübe +Träumerin, stets von Unzufriedenheit und zielloser +Eifersucht erfüllt. Sie neigte schon als Kind zu einer +halb schwärmerischen, halb gottmeisternden Frömmigkeit, +und da sie nicht hübsch war, sprach sie gern mit +Verachtung von dem eiteln Wesen schöner Mädchen. +Die jüngste nun, Esmee, hatte etwas Teuflisches für +Engelhart; er fürchtete sie, wenn sie an den Sommerabenden +auf der Straße wandelten und sich das Mädchen +lächelnd an ihn drängte, ihren Arm in den seinen +schob und beim Sprechen ihr Gesicht so nahe wie +möglich an das seine brachte. Sie war immer von +einem einzigen Zustand vollkommen beherrscht, von +Wildheit oder Angst, Müdigkeit oder Begierde. An +Regentagen gebärdete sie sich oft, als wolle sie vor +Ungeduld die Mauern niederreißen, und im Wald +pflegte sie mit schmetternder Stimme zu singen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»In den Garten wollen wir gehn,<br /></span> +<span class="i0">Wo die schönen Rosen stehn,<br /></span> +<span class="i0">Stehn der Rosen gar zu viel,<br /></span> +<span class="i0">Brech’ ich mir eine, wo ich will.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Am Anfang des Waldes stand ein Wirtshaus, +kurzweg die »Höhe« genannt, und an Sonntagen pilgerte +das halbe Städtchen hinauf. Engelhart fand +sich dann unbehaglich in dem Menschentrubel, und er +schlich davon. Er hatte einen Lieblingsplatz im Wald +unter einer alten Eiche; nahebei war ein Ruinenstein +der römischen Mauer. So saß er einmal und lauschte +auf die Tanzmusik, die von der »Höhe« herüberklang. +Da legten sich zwei kleine Hände über seine Augen +und eine zarte Stimme wisperte: »Wer bin ich?« +Eigensinnig schwieg er still, und als sich Esmee +schmollend an seine Seite setzte, herrschte er sie an: +»Warum bist du mir denn nachgelaufen?« Sie antwortete +nichts, sondern schüttelte heftig ihr lose hängendes +Haar. Er verfiel wieder in sein verstocktes +Schweigen. Es flogen Glühwürmer auf, hinter dem +Weg schimmerte es goldgelb vom Mond, aus dem +Westen brummte dumpf der Donner. Plötzlich sprang +Esmee auf, packte blitzschnell mit beiden Händen +Engelharts Kopf und biß ihn ins Ohr. Er schrie, +sie lief davon, ihr Lachen vermischte sich mit dem +Rascheln der Zweige, Engelhart eilte ihr nach. Als +er in den Wirtsgarten kam, hatten sich die Gäste +schon in den Saal geflüchtet, da es zu tröpfeln anfing. +Esmee stand auf der obersten Stufe der Terrasse. +Sie hatte einen Zipfel ihres Taschentuchs zwischen +den Zähnen und riß daran, während sie in den Saal +blickte, die Augen in unheimlicher Wildheit funkelnd.</p> + +<p>Engelhart trat, mit der Hand das schmerzende +Ohr bedeckend, in den Saal und gewahrte unter den +ersten Paaren, die sich zum Walzer anschickten, seine +Mutter und den Premierleutnant Siderlich. Er erstaunte +über ihr Aussehen, über ihre roten Wangen +und glänzenden Augen. Ihre Bewegungen hatten +etwas Fräuleinhaftes, wenn sie dankte, den Kopf zur +Schulter neigte, den Fuß zum Tanz vorsetzte.</p> + +<p>Der Premierleutnant Siderlich lag schon seit zehn +Jahren mit einer Halbkompagnie im Ort, man sagte, +daß es eine ewige Strafversetzung sei. Er wohnte bei +Wahrmanns zur Miete, doch gingen diese mit dem +Plan um, ihm zu kündigen, da er in der letzten Zeit +oft betrunken war. Das gewöhnliche Volk nannte +ihn wegen seiner außergewöhnlichen Länge und Magerkeit +den Lattenhanni. Er verkehrte mit niemand, +hatte weder Kameraden noch Freunde und empfing +oder schrieb nie einen Brief. Jeden Abend um acht +Uhr ging er ins Gasthaus zur Post und verzehrte +dort sein kärgliches Nachtessen. Wenn er fertig war +und neben seinem Tisch bekam etwa ein andrer Gast +zu essen, so beugte er sich gegen dessen Teller herüber +und sagte, mit der Zunge schnalzend, gierig und überrascht: +»Ah, das ist aber ein schöner Braten, so einen +Braten bekomme ich nie,« oder: »Das ist aber ein +kolossaler Fisch, so einen bekomme ich nie.« Hierauf +rief er die Kellnerin oder den Wirt und fragte mit +trauriger Stimme: »Warum bekomme ich nie eine so +große Portion wie der Herr Expeditor?«</p> + +<p>»Aber ich bitte, Herr Premier,« sagte der Wirt, +»es ist ganz genau dasselbe Stück.«</p> + +<p>Beim nächtlichen Nachhausegehen nahm er sich auf +der Straße sehr zusammen, kaum hatte er jedoch die +Haustüre bei Wahrmanns aufgesperrt, so stimmte er +einen greulich unmelodischen Gesang an und stolperte +geräuschvoll die Stiege empor.</p> + +<p>Seit Frau Ratgeber im Hause weilte, betrank er +sich nicht mehr und verwendete größere Sorgfalt +als bisher auf seinen Anzug. Am Morgen nach dem +kleinen Tanzfest schickte er seinen Burschen mit einem +Strauß von Rosen und einer Visitenkarte, auf deren +Rückseite in sorgfältig gemalten Buchstaben zu lesen +stand:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Schönheit besiegt ein jedes Herz<br /></span> +<span class="i0">Und sei es auch so hart wie Erz.<br /></span> +</div></div> + +<p>Bald danach hörte man ihn mit klirrendem +Wehrgehänge die Stiege herabpoltern, er machte im +Frühstückszimmer seine Aufwartung, aber seine Haltung +verlor an Sicherheit, als die Kinder, durch sein +<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>wunderliches Grimassenschneiden belustigt, kichernd entflohen.</p> + +<p>Es nahte die Zeit der Reife, das Obst auf den +Bäumen wurde schwer. Täglich wanderten die Kinder +in die Beeren. Spät nachmittags zog die belebte +Schar heimwärts, die Mütter kamen ihnen auf der +Landstraße entgegen und freuten sich der reichen Ausbeute. +An einem schönen Septembertag brachen beide +Familien morgens um fünf Uhr auf und fuhren nach +Pappenheim, wo sie von Bekannten zur Obstlese eingeladen +waren. Engelhart, sich von den Seinen mit +Absicht entfernend, schritt durch den riesengroßen +Garten, der über mehrere Hügel hingebreitet war, +und sah ein Schloß, das den Gipfel eines Berges +krönte. Es wurde ihm feurig zu Sinn, als er wieder +zu den andern zurückkehrte, stieß er ein Jubelgeschrei +aus. Doch diese waren ebenfalls in Glückseligkeit gefangen, +Frau Agathe schritt mit stillem Lächeln umher +und deutete manchmal auf den Himmel, der so strahlend +war, als ob ein blaues Feuer ihn erfüllte. +Dann sank die Sonne, Engelhart hatte ein schneidendes +Gefühl von Schmerz, es tönte eine Stimme: jetzt +ist es genug der Freuden.</p> + +<p>Wenige Tage später mußten sie nach Hause reisen, +Herr Ratgeber war früher, als er gedacht, zurückgekehrt. +Kisten und Koffer wurden gepackt, und gegen Abend +setzte sich die ganze Karawane nach dem Bahnhof in +Bewegung. Erst dort begriff Engelhart, daß es sich +um Scheiden und Trennung handle. Wie im Schlaf +küßte er die Mädchen, später durchzuckte es ihn, daß +er Esmees Mund feucht auf dem seinen gefühlt. Der +Zug rasselte davon, die Nacht brach ein, fremde Leute +saßen im Coupé, Ketti hielt den Säugling im Arm, +Gerda und Abel schlummerten aneinandergelehnt. Auch +Frau Agathe schien müde, ihr Blick war in die +Dunkelheit hinaus gerichtet, die Hände lagen still im +Schoß. Engelhart schaute sie an und seine Lippen +murmelten wie von selber Esmees Verse und zerhackten +sie mit dem Takt der Eisenbahnräder:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»In den Garten wollen wir gehn,<br /></span> +<span class="i0">Wo die schönen Rosen stehn,<br /></span> +<span class="i0">Stehn der Rosen gar zu viel,<br /></span> +<span class="i0">Brech’ ich mir eine, wo ich will.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Er träumte, daß ein ungeheurer Mensch käme +und ihn wie ein Stück Holz unter den Arm schiebe. +Der Mensch schritt durch eine eiserne Tür, die er +hinter sich zuschlug, und betrat ein dunkleres Gemach. +Er eilte weiter zur nächsten Tür, die er ebenfalls +zuschlug, und so weiter, von Tür zu Tür, bis sie in +einen grauenvoll finstern Raum kamen.</p> + +<p>Ein paar Tage hernach schrieb Frau Agathe einen +langen Brief an ihre Schwester in Gunzenhausen. +Sie meldete die glückliche Ankunft, und daß weder den +Kleinen noch den Großen ein Unfall zugestoßen sei. +Dann beschrieb sie ausführlich, in welchem Zustand +sie die Wohnung angetroffen habe; in den Fugen des +Flurgatters sei der Staub fingersdick gelegen, das +Türschloß im Wohnzimmer sei vollständig eingerostet; +im grünen Zimmer hätten die Motten trotz aller +Schutzmaßregeln die Rücklehne des Plüschsofas angefressen; +in der Küche sei vom Hagelwetter im August +ein Fenster zertrümmert worden. Nachdem alles das +ausführlich geschildert war, dankte Frau Ratgeber +ihrer Schwester und deren Gatten für die lange Gastfreundschaft. +Sie drückte ihre Dankbarkeit in den +leidenschaftlichsten Worten aus, zu denen sie in mündlicher +Rede nie den Mut gefunden hätte, und erklärte +sich unvermögend, solche Opfer nur annähernd in +gleicher Münze zu bezahlen. Sie gestand, daß sie +sich seit der Abreise grenzenlos unglücklich fühle und +daß sie wisse, eine geheime Stimme habe es ihr zugeflüstert, +sie werde die Schwester und die Nichten +nicht mehr wiedersehen. Sie erzählte, wie trostlos +Engelhart sich benehme und fügte hinzu, daß sie seines +versteckten und träumerischen Charakters wegen recht +besorgt sei.</p> + +<p>Ungern besuchte Engelhart die Schule. Aber er +mußte. Schon tönte das Wort Pflicht als ein Fanfarenstoß +an seine Ohren. Ihm war es das liebste, +zu gehen, wohin er wollte, zu unternehmen, wozu sein +Inneres ihn antrieb. Er spielte mit sich selbst; sogar +das Sehen seiner Augen wurde zum Spiel; auf der +Gasse gehend, probierte er, ob man nicht auch mit +dem Mund sehen könne. Er dachte klüger zu sein +als Gott oder ihn wenigstens zu kontrollieren. Er +schloß die Augendeckel, schob die Lippen vor, und da +er nun weiter zu gehen vermochte, dachte er in seiner +Albernheit, Gott eines Bessern belehrt zu haben, +während er ihn nur beschummelt hatte, denn ein ganz +klein wenig hatte er doch durch den Spalt zwischen +den Lidern gespäht.</p> + +<p>Herr Ratgeber tadelte das Guckindieluftwesen +heftig. »Hände aus den Taschen! Frisch, frisch! +Munter!« rief er, wenn der Knabe sinnend einhertrottete. +Aber Engelhart fand sich nur eingeschüchtert, +und er verbarg eifersüchtig sein Herz. Tausend Fragen +waren in ihm erwacht, Bedeutendes und Nichtiges lag +gleich schwer vor seinem Weg. Er hatte niemand, +um zu fragen; die Mutter war in solchen Dingen +nicht entgegenkommend, dem Vater war nichts lästiger, +als wenn man ihn viel und um vielerlei befragte. +Von den Lehrern erwartete er nichts und sie gaben +auch nichts.</p> + +<p>Im Spätherbst verbreitete sich das Gerücht von +einem Weltuntergang. Der furchtbare Termin war +für Anfang November prophezeit. Engelhart wunderte +<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>sich über das gefaßte Wesen der Leute, er wunderte +sich, daß sie noch aßen und tranken, daß sie schwatzend +unter den Haustoren standen und den hellen Himmel +betrachteten, und er freute sich auf ihren Schrecken +und ihre Verzweiflung, wenn das Ungeheure kam. +Er spazierte in der Mitte der Straße auf und ab, +um beim Zusammensturz der Häuser verschont zu +bleiben. Allmählich sammelten sich vor der Pfistergasse, +wo man den Ausblick auf das freie Feld hatte, +viele Erwartungsvolle an und starrten in den aufgehenden +Mond. Die Abergläubischen hatten wenig +Zuspruch, wer Angst hatte, wollte sie doch nicht zeigen, +denn man lebte in einer aufgeklärten Protestantenstadt. +Dennoch war die Enttäuschung allgemein, als +es Abend ward und Himmel und Erde ihr friedliches +Aussehen nicht veränderten. Engelharts Unzufriedenheit +wurde gemildert durch das gebundene und sehnsüchtige +Gefühl, das ihm der Mond einflößte; die +unsichtbare Bewegung des Gestirns bewegte ihn mit. +Auf dem Heimweg traf er Selma Weber, sie gingen +zusammen und plauderten; doch da unterbrach Selma +das Gespräch und fragte ängstlich: »Ist es wahr, +daß du ein Jud bist?« Er stutzte, bejahte, aber der +Ton ihrer Stimme wollte ihm nicht aus dem Kopf. +Eines Tages, es war schon Winter geworden, tiefer +Schnee lag, vergnügte er sich damit, in die Fußstapfen +eines vor ihm her gehenden Knaben zu treten. +Da dieser aber viel größere Schritte machte, mußte +er seine Beine übermäßig spreizen, was einen komischen +Anblick bot. Er hörte denn auch ein schallendes +Gelächter und sah Fräulein Holländer, die am Fenster +ihrer ebenerdigen Wohnung lehnte und sein Treiben +belustigt mitansah. Dieses Fräulein war eine Jüdin, +eine ältliche Jungfer, die mit ihrer Mutter ein kleines +Häuschen gegen den Spitalgarten bewohnte. Engelhart +kam oft dorthin, weil das Hoftor mit bunten Glasscheiben +versehen war, und er liebte es, durch die +farbigen Gläser auf die fernen Hügel des Vestnerwaldes +und auf die Wiesen des Flußtals hinunterzublicken.</p> + +<p>Als der größere Knabe das Lachen vernahm, +blieb er stehen und sah sich um, und Engelhart, mit +beiden Füßen in einer einzigen seiner Fußstapfen, +blieb ebenfalls stehen. Der andre stierte ihn drohend +an und sagte haßerfüllt: »Du Jud.« Darauf kamen +noch ein paar Burschen, stellten sich um Engelhart +herum und beobachteten ein feindseliges Schweigen. +Er wußte sich beschimpft, begriff aber nicht, wodurch. +Er grübelte noch in sich hinein, als jene schon verschwunden +waren; da winkte ihm Fräulein Holländer +zu, er folgte, und als er im Zimmer war, schloß sie +das Fenster, reichte ihm einen gebratenen Apfel aus +der Ofenröhre, und während er aß, holte sie ein +dickes Buch herbei, schlug es auf und las ihm folgende +Stelle vor: »Da wohnten die Nachkommen der Juden +aus der babylonischen Gefangenschaft. Sie bewahrten +noch ihre Stammbäume und konnten ihre Geschlechter +auf die Fürsten und Propheten Judas zurückführen. +Ihr Oberhaupt wohnte zu Bagdad und führte den +Titel: Fürst der Gefangenschaft. Er stammte in +gerader Linie vom König David; Christen und Heiden +anerkannten seine Abkunft und nannten ihn unser +Herr, der Sohn Davids. Sein Ansehen erstreckte sich +über die Länder des Ostens bis Tibet und Hindostan. +Es wurden ihm die größten Ehren erwiesen, und +wenn er öffentlich erschien, trug er Kleider von gestickter +Seide und einen weißen Turban mit goldenem +Diademe.«</p> + +<p>Engelhart senkte den Kopf und dachte nach. »Ist +es ein Märchenbuch?« fragte er.</p> + +<p>»Nein, kein Märchenbuch!« erwiderte sie. Sie +zeigte das Titelblatt, und er las: Benjamin von +Tudelas Reisen. Da lächelte Engelhart aufatmend +vor sich hin und war dessen gewiss, daß er ein Mensch +unter Menschen bleiben durfte. Nachmittags kam +Fräulein Holländer zu Frau Agathe. Sie trug gelbe +Handschuhe, die an allen zehn Fingerspitzen zerrissen +waren, einen außerordentlich großen Hut mit Federn +und ein kupferglänzendes Seidenkleid. Sie sprach +mit der ihr eignen geschraubten Lebhaftigkeit über +den Knaben, über seine Begabung, sein schönes, belebtes +Gesicht und schloß ihre Rede mit den Worten +aus der Geschichte Bileams: »Es wird ein Stern +aufgehen aus Jakob.« Frau Ratgeber ward es angst +und schwül, und sie war froh, als die Person wieder +fort war.</p> + +<p>An seinem Geburtstag, wo er neun Jahre alt +wurde, erhielt Engelhart die Erlaubnis, sich Spielwaren +aus dem Geschäft des Vaters zu holen. Am +Nachmittag nach der Schule ging er hin. Es waren +niedrige, lichtlose Räume dort. Hinter einem Holzgitter +saßen Herr Ratgeber und sein Bruder, ein +jeder wachsam im dumpfen Haß. Nebenan befanden +sich die jungen Leute und Peter Salomon Curius, +den Herr Ratgeber als Buchhalter angestellt hatte. +Er war stets muntrer Laune, schmunzelte zum Fenster +hinaus, wenn die Dienstmädchen der Nachbarschaft +vorübergingen, rauchte, trank Bier, erzählte Geschichten, +die alle einen Anhauch von Größenwahn hatten. Er +glich einem Herzog, der zum Scherz Lakaiendienste +verrichtet, oder einem Millionär, der zur Belustigung +seiner Gäste selber den Koch macht. Er wußte alles +besser, und wenn einer die Kunst zu fliegen erfunden, +hätte Herr Peter Salomon mit geringschätzigem Lachen +<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>gesagt: »Ach was, das hab’ ich schon vor zehn Jahren +gekonnt, es ist gar nichts weiter dabei, jeder windige +Sperling macht dasselbe, ich habe es längst aufgegeben, +denn, unter uns, es ist eine langweilige Sache.«</p> + +<p>In den verliesartigen Zimmern roch es nach +Tinte, Staub und Spinnweben. Lange suchte Engelhart, +um etwas zu finden, was nicht bloß der augenblicklichen +Lust, sondern auch zukünftigen Wünschen +Genüge tun konnte, und er wählte schließlich eine +Trommel und einen Spiegel. Zu Hause fingen Gerda +und Abel zu weinen an und wollten auch etwas +haben; er lachte sie aus, die Mutter schalt, sie empfand +vielleicht dunkel, daß da keine Unschuld mehr sei, wo +mißgünstiges Behagen an fremdem Neid sich sättigt. +Sie warf ihm vor, er habe kein Herz für seine Geschwister, +doch konnte sie nicht ermessen, wie es sich +damit in Wirklichkeit verhielt.</p> + +<p>Wie ihr alles in der Stille Sorge machte, so +auch dies. Zudem erfuhr sie von einer ungewöhnlich +hinterlistigen Handlung, die er bald hernach beging, +und ihr Urteil über den Knaben verwirrte sich noch +mehr. Er hatte mit den Kindern des Pedells von +der nahegelegenen Bürgerschule Bekanntschaft geschlossen +und jagte mit ihnen oft in dem großen, mit Bäumen +bepflanzten Hof umher. An den Spielen beteiligte +sich Selma Weber, ferner das Töchterchen des Direktors, +ein liebliches, ausgelassenes Ding, und Sophie Hellmut, +das Kind eines Arztes. Vor den drei Mädchen +suchte sich Engelhart durch Geschrei und heldenmäßiges +Wesen hervorzutun, oder wenn nicht so, dann durch +ein gekränktes und sauertöpfisches Beiseitestehen, das +ganz grundlos war, wodurch er aber doch die Aufmerksamkeit +auf sich zu lenken wähnte. Den tiefsten +Eindruck machte Sophie Hellmut auf ihn. Sie war +so schwermütig wie eine Nacht, die von Stürmen in +der Ferne zittert und doch ihre Wolken ruhig vorübergleiten +läßt, weil sie hofft, daß es Morgen wird.</p> + +<p>Nun war ein gewisser Rindsblatt in der Gesellschaft, +ein rothaariger, häßlicher Knabe, der sich scharwenzelnd +und prahlend um Sophie zu schaffen machte +und gegen den Engelhart bösen Groll hegte. Einmal +fing es an zu regnen, und alle flüchteten in eines +der leeren Schulzimmer. Sie schrien und lärmten, +bis die Dämmerung einbrach, da kam Rindsblatt +dazu, sprang mit einem Satz auf den Katheder, ließ +die Beine baumeln und spuckte mit einem Ausdruck +zur Seite, als wolle er sämtliche Lehrer der Welt +totspucken. Die Mädchen wurden von unten zum +Nachtessen gerufen und schossen tobend hinaus, Engelhart +folgte verdrossen, nur Rindsblatt blieb sitzen, +um zu zeigen, daß er keinem Ruf gehorchen müsse, +und begann laut zu singen; Engelhart kehrte noch +einmal zur Tür zurück und hörte, wie die Stiefelhacken +des Knaben hohl gegen das Brett schlugen, er +sah den Schlüssel im Schloß stecken und drehte ihn +um, so daß der Verhaßte gefangen war. Dann +rannte er die Treppe hinab und setzte sich auf die +Brunnenbank im Hof. Der Abend war schon eingebrochen, +hohe Mauern blickten durch den rieselnden +Regen. Lang blieb es still, endlich wurde oben ein +Fenster aufgerissen, und Rindsblatt schrie. Niemand +hörte, er wiederholte sein Geschrei, schon saß ihm die +Furcht in der Kehle. Engelhart verspürte eine trotzige +Genugtuung, den trockenen Prahler so bang zu wissen, +gleichwohl schlich er zaghaft in den Flur, da sah er +den Pedell mit der Lampe die Stiege hinaufschreiten, +denn oben hämmerte es so fürchterlich an die Türe, +daß das Treppenhaus dröhnte. Rindsblatt wußte, +wer ihm den Streich gespielt, und gab es an. Doch +ließ er sich Engelhart gegenüber nichts merken, er +rächte sich nicht, obschon er stärker und älter war. +Das erschreckte Engelhart, nie ging er ohne das unheimlichste +Gefühl an dem Burschen vorüber, und er +ahnte, daß in jener Brust ein gefährlich-giftiger Haß +brüte und sich mit Vorsicht der rechten Stunde gewärtig +hielt.</p> + +<p>Es wurde Frühling. Am zweiten Sonntag im +April während eines Spazierganges sagte Frau Ratgeber, +es sei ihr heute besonders wohl zumut. Aber +als sie nach Hause kamen, war Engelhart eine Zeitlang +mit der Mutter allein im Zimmer, Herr Ratgeber +war im Hohlwegsgarten zu einem Glas Bier +eingekehrt, Gerda und Abel waren bei Tante Curius, +Ketti ging mit dem kleinen Benjamin noch auf der +Straße, da sah Frau Ratgeber den Knaben eigentümlich +an und sagte, es verlange sie, ins Bett zu gehen und +zu ruhen. Sie klagte über Schmerzen im Ohr.</p> + +<p>Am nächsten Tag begannen die Osterferien. Festlich +gestimmt trat Engelhart nach der Schule ins Schlafzimmer, +wo Frau Agathe lag. Die grünen Rolläden +waren herabgelassen, um die Sonnenstrahlen +abzuhalten, auf dem Tischchen stand eine Arzneiflasche +mit brauner Flüssigkeit. Die Mutter fragte ihn nach +diesem und jenem und gab ihm Ermahnungen allgemeiner +Art. Sie meinte, das beste im Leben sei +Gehorsam und Sichfügen. Aber Engelhart suchte den +Sinn ihrer Worte als etwas Unbehagliches beiseite +zu schieben. Was war ihm Gehorsam? Ein Zwang, +dem seine Schwäche unterlag. Er wollte frei sein, +er hatte die eigensinnige Überzeugung von einer im +Innern der Brust wirkenden Kraft, die sich frech +über alle Vernunft der Wohlgesinnten hinwegsetzte. +Er erwiderte nichts, und da Frau Agathe den Zustand +des verstockten Schweigens bei ihm kannte und +fürchtete, hieß sie ihn gehen. Als er die Schwelle +des Zimmers überschritt, hörte er sie seufzen.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">E</span>ine weite Ebene, Wiesen und Felder, in spinnwebgrauem +Nebel. Die Landstraße mit den hohen +Pappeln kriecht weiß und leer in den Nebel hinaus, +und so absonderlich wie der blühenden Frühlingslandschaft +in dem herbstlichen Dunst ist es Engelhart +zumut. Eine trügerisch-schwermütige Stille liegt über +der Welt, der Bauer steht auf dem Acker und faltet +bedenklich die Stirn. Ein liebliches Kindergesichtchen +taucht aus dem Nebel, es ist Benjamin auf Kettis +Arm. Man schickt ihn zu den Großeltern nach Altenberg, +im Haus darf er nicht mehr bleiben, Frau +Agathe muß Ruhe haben. Das kleine Bübchen jauchzt, +da Engelhart possenhaft vor ihm hertanzt, es weiß +nicht, daß es bald sterben wird. Drüben im Dorf +wartet der Tod auf Benjamin, der Tod hat die +Nebelschwaden aufs grüne Land gebreitet.</p> + +<p>Auch Engelhart, Gerda und Abel mußten das +elterliche Haus verlassen und wurden bei der Familie +Dessauer in einem vornehmen Haus an der Bahnhofstraße +untergebracht. Frau Dessauer war eine entfernte +Verwandte der Mutter und lebte mit ihrem +Sohn und seiner Frau in der Abgeschlossenheit reicher +Leute. Dort mußte man leise gehen und leise +sprechen, man mußte die Klinke in der Hand halten, +bis die Türe geschlossen war, man mußte artig sein. +Artig, artig! hallte es aus jedem Winkel.</p> + +<p>Die Kinder wagten schließlich vor lauter Artigkeit +nicht zu gestehen, wann sie Hunger hatten, Engelhart +schlich bedrückt durch die langen Korridore und betrachtete +stumm die hohen Türen. Er vernahm die +Klänge eines Klaviers und lauschte. Eine Singstimme +fiel ein. Das Lied zog ihn unwiderstehlich +an, und er betrat das Zimmer. Die alte Frau saß +am Instrument, die junge stand daneben und sang. +Als sie den Knaben gewahrten, unterbrachen sie Spiel +und Gesang, zwei Augenpaare blickten ihn dürr und +strafend an. Man tritt nie in ein Zimmer, ohne +anzuklopfen, hieß es, er solle wieder hinaus und sich +melden. Er schaute starr zu Boden, dann lief er +davon und auf die Straße. Die beiden Frauen +kamen überein, daß der Knabe von einem bösartigen +Geist erfüllt sei und daß man vor ihm auf der Hut +sein müsse. Indessen lief Engelhart zum Bahndamm +hinüber und spazierte an den schimmernden Geleisen +entlang, die gleichsam eigenbeweglich in die Ferne +liefen. Sehnsucht packte ihn, er spürte unter den +Sohlen ein Zittern, als er sich auf das blanke Eisen +stellte, dann warf er sich platt zur Erde und legte +das Ohr auf die Schiene. Das Unglück brachte +gerade in dieser Minute den jungen Dessauer des +Wegs, er befahl Engelhart aufzustehen und führte +ihn wortlos in das stille Haus zurück. Dort wurde +ein Verhör angestellt, und der Beschluß war, daß +Engelhart fortgeschafft wurde, da man für einen +Knaben von so verbrecherischen Anlagen nicht die +Verantwortung übernehmen wollte.</p> + +<p>Er kam zu Frau Iduna Hopf. Wieder eine +neue Welt; ein uraltes Haus am Helmplatz, im +finstern Flur der Backofen eines Bäckers, morsche +Treppen, die bei jedem Schritt jämmerlich ächzten, +und oben die winzigen Stübchen. Im Wohnzimmer +war ein Bücherschrank mit einer Glastüre, davor +stand Engelhart, betrachtete die enggepreßten Reihen +der Bücher und las die Titel auf den Rücken der +Einbände. Iduna Hopf behauptete, es seien die +tiefsinnigsten Werke der Welt, außer ihrem Immanuel +würden alle Leute wahnsinnig, die darin läsen. +Später einmal, wenn Engelhart zu Jahren und Verstand +gekommen, werde sie trachten, ihm das Heiligtum +zu erschließen.</p> + +<p>Er vertraute diesem »Später« ohne weiteres. Er +ahnte, was ihm im dunkeln Spiel der Zufälle und +Schicksale für ein Los fallen könne, und daß er, an +ödem Strande kauernd, sich begnügen würde, wenn +ihm die Woge aus einem Schiffbruch ein armseliges +Buch vor die Füße spülte. Nach Wissen und Belehrung +stand ihm der Sinn nicht vor dem Bücherkasten, +er verlangte nach anderm, nach Seelenspeise, +Wärme des Herzens.</p> + +<p>Tag um Tag verging, denn sie lassen sich nicht +halten, die Sonne steigt und sinkt, die Sterne scheinen +und verschwinden, der Tag des Schicksals ist seiner +Sache sicher und kann warten. Auf einmal berührte +Engelhart aus dem Ungefähr heraus ein Gedanke: +es geschieht etwas zu Hause; da hielt es ihn nicht +länger. Als er vor der elterlichen Wohnung läutete, +gab die Glocke, die sonst schrill und frech gegellt, nur +einen dünnen, gedämpften Ton. Der Klöppel war +mit Leinwand umwickelt. Er war verwundert, als +er im Wohnzimmer den Onkel Michael aus Wien, +den einzigen Bruder der Mutter, und dessen Frau +traf. Auch ein paar andre Leute waren zugegen. +Kein Lächeln begrüßte ihn, alle schienen wie in die +Betrachtung eines Loches vertieft. Herr Ratgeber +lehnte regungslos im Sessel, der sonst so glänzende +und martialische Schnurrbart hing kraftlos über die +Lippen. Eine fremde Person kam aus dem Krankenzimmer +und lispelte: »Ach, du bist da, Engelhart – +deine Mutter hat heute nach dir verlangt.«</p> + +<p>Er ging in das dunkle Zimmer, und allmählich +lösten seine Blicke die weiße Gestalt mit der weißen +Binde um die Stirn aus der Dämmerung. An das +Lager tretend, hatte er ein zerflossenes, böses Gefühl, +wie wenn der Sturmwind Sand in die Augen treibt. +<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span>Er fand die Mutter so verändert, daß er furchtsam +den Kopf senkte und mit seinen Fingern spielte. Frau +Ratgeber streckte den Arm aus dem Bette und suchte +seine Hand, und er, rätselhafte Verstocktheit, machte +es ihr nicht leichter, sondern stellte sich, als sähe er +es nicht.</p> + +<p>Frau Agathe war den Tag vorher operiert worden. +Der Professor hatte schon wenige Stunden später +gesehen, daß die Sache eine schlimme Wendung nahm. +Der Tod, winzig wie ein Elf, wühlte in den geheimnisvollen +Gängen des Ohres.</p> + +<p>In der Nacht wurde Engelhart plötzlich vom +Schlaf verlassen. Es umschauerte ihn; sein Herz +wußte, was es verlieren sollte, es sträubte sich und +fing an zu brennen wie eine Schnittwunde am Finger. +Es spürte, was für Wetter nun heranziehen würde, +und daß die Paradieseszeiten, paradiesisch Schmerz und +Lust, vorüber seien. So kam ihm das Gefühl des +Versäumnisses, zum erstenmal das Gefühl der Unwiederbringlichkeit, +das wie ein schwarzer Schatten +aus der Finsternis trat und ihm das Wort und den +Begriff Verlust hinschleuderte. Das war kein Träumen +mehr, sondern ein doppeltes Erwachen des Leibes +und der Seele, kein Spiel mehr, sondern der wilde, +unbewegliche Ernst.</p> + +<p>Er nächtigte in dem Bretterverschlag, den sonst +die Magd innehatte, verließ das Bett und schlich barfüßig +in den Flur. Aber Nachtkälte und Nachtfurcht +hauchten ihn an, er kehrte um und blieb, ohne zu +schlafen, bis der Morgen graute. Dann kleidete er +sich an und ging hinüber. Auf der Schwelle ihrer +Wohnung stand kreidebleich das Fräulein Frühwald, +den Kopf an den Türpfosten gelehnt. Es wurde dem +Knaben kühl um die Brust, unsicheren Fußes betrat +er das kleine Zimmer neben dem Wohnzimmer. Dort +lag Herr Ratgeber auf dem Sofa, das Gesicht gegen +die Wand gekehrt, den Kopf zwischen den Armen, +und gab Töne von sich, die wie Gelächter klangen. +Engelhart ging weiter, endlich hatte er ein abgelegenes +Plätzchen gefunden. Er lehnte die Stirn gegen den +Rand eines eisernen Öfchens und sah seine Tränen +vor sich auf den Boden fallen.</p> + +<p>Später erschienen viele Leute, gegen Abend wurde +der Sarg gebracht. Als es am dritten Tag zum +Begräbnis ging, standen die Hausbewohner und die +Nachbarn vorm Tor. Die Goldschläger hörten auf +zu hämmern und traten in respektvoller Haltung auf +die Straße. Der Major Friedlein schaute wie immer +aus seinem Fenster, doch hatte er diesmal keine Pfeife. +Bis der Zug zum Gottesacker kam, hatten sich unzählig +viele Menschen angeschlossen, aus manchem +Fenster hing ein schwarzes Tuch oder blickte eine +weinende Frau.</p> + +<p>Engelhart mußte die Schaufel nehmen und Erde +ins Grab werfen. Als alles aus war, kam der +Vetter Zederholz, klopfte ihm auf die Schulter und +sagte: »Lieber Sohn, so etwas kommt nicht zum +zweitenmal.« Er blickte freundlich und traurig zugleich +auf den Knaben, und zwischen den Fettfalten +seiner Wangen glänzte es feucht.</p> + +<p>So war die schöne Seele hinunter. Es war, als +ob sie nie gelebt, als ob ihr Lächeln nie gelebt hätte, +ihr volles, wahres Auge, ihr karges und wohlgemeintes +Wort. Nur die toten Dinge blieben: die Straße und +das Haus; das Bett, in dem sie geruht; der Teller, +von dem sie gegessen.</p> + +<p>Schlimm, daß Engelhart durch einen äußerlichen +Trauerdienst der Trauer seines Gemüts entführt +wurde. Jeden Morgen, sobald der Tag graute, mußte +er aufstehen und zum Gebetshaus eilen, um das +Totengebet dort laut zu beten. Jeden Morgen allzu +früh riß ihn eine rauhe Hand zum Wachsein auf, +und noch halb schlafend wankte er durch die Gassen. +Gott wolle es und das Seelenheil der Mutter, sagte +man ihm. Er glaubte nicht an einen Gott, der dieses +wollte, er verhielt sich feindselig gegen einen Gott, +der es darauf abgesehen hatte, seinen Schlaf zu zerreißen. +Das war schlimm, denn dadurch wurde sein +Himmel plötzlich leer. Innerliche Güter statt in +Kämpfen in verstimmter Selbstsucht verlieren, heißt +ohne Würde und Gewinn verlieren. Freilich war +Engelhart darin von je ungeleitet geblieben, der Vater +stand diesen Dingen scheu gegenüber, es war ihm unbequem, +daran zu rühren, und er hatte keine Zeit, +darüber nachzudenken; die Mutter, einfach in ihrem Glauben +wie in ihrem Wesen, hatte gemeint, das wüchse von +selber in der Brust wie der Baum in guter Erde. +Aber es kam kein Baum heraus, nur ein schmächtiges +Reis, das vor dem ersten Windhauch zerbrach. Zudem +lebte das werdende Geschlecht damals in einer Luft +nüchterner Praktiken, und der höhere Sinn fand in +kränklicher Sehnsucht sein Heil.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>Kurze Zeit nach Frau Agathes Tod sagte Ketti +den Dienst auf. Es blieb unbekannt, was sie +vertrieb. Zu einigen Leuten äußerte sie, sie +wolle nicht bei mutterlosen Kindern bleiben. Man wandte +ein, daß sie nun erst recht nötig und am Platze wäre, +aber sie sagte, es täte ihr zu weh; sie möge auch keinen +andern Dienst mehr annehmen und gehe in ihre Heimat. +Sie war zehn Jahre im Haus gewesen, und Herr Ratgeber +ließ sie ungern ziehen. Er war den ganzen +Tag im Geschäft, zu Mittag schlang er hastig seine +Mahlzeit hinunter, warf kaum einen Blick auf die +Kinder, zündete die Zigarre an und ging wieder. Die +Verwandten sagten ihm, daß die Kinder auf diese +Weise verwildern müßten, auch kostete der kleine Haushalt +mehr als je zu den Zeiten der Frau. Da entschloß +er sich, eine Wirtschafterin zu nehmen, und er +hielt Nachfrage nach einer entsprechenden Person, die +zugleich eine gewisse Geistesbildung besitzen sollte. Es +dauerte nicht lange, da erschien ein großes blasses, +blondes Frauenzimmer im Haus, und Herr Ratgeber +glaubte gut gewählt zu haben. Wenige Tage, nachdem +das Fräulein, dessen Name Adele Spanheim +war, seine Stellung angetreten hatte, übergab er +ihr das Wirtschaftsgeld für drei Monate und reiste +fort. Mehr als je träumte er jetzt von Reichtum +oder doch von behaglicher Wohlhabenheit; er spannte +alle Kräfte an, um sich auf jene Höhe des Lebens +zu schwingen, auf der man von den Menschen geachtet +werden muß; es war, als ob das nun erstarrte +Herz ihm keinerlei Rücksichten des Gefühls auferlegte, +er mußte nicht und nirgends mehr verweilen, konnte +sich völlig seinen Projekten hingeben, und wenn ihm +auch nicht vergönnt war, ins Weite hinaus zu wirken, +das wußte er, so wollte er doch in seinem Kreis +etwas gelten. Er war nie ein Jammerer, er beklagte +nie sein Geschick; diese Kraft, sich zu verschließen, entfremdete +ihn aber auch der Teilnahme der denk- und +gemütfaulen Leute, die rings um ihn gemächlich ihre +Existenz bauten.</p> + +<p>Adele Spanheim verlangte blinden Gehorsam von +den Kindern. Die beiden Kleinen bequemten sich +dazu, sie konnten ja noch nicht sehend wollen. Engelhart +widerstrebte trotzig. Das Blut schoß ihm in die +Stirn, wenn sie lachend einen Befehl gab, nicht aus +Einsicht, sondern aus bloßer Lust am Kommandieren. +In einem ihrer wöchentlichen Berichte über die Ausgaben +und die Vorfälle im Haus, die sie Herrn Ratgeber +zu senden hatte, klagte sie, daß Engelhart ihr +ohne den gebührenden Respekt begegne und daß es ihr +schwer falle, gegen seine freche Selbstherrlichkeit aufzukommen. +Darauf schrieb Herr Ratgeber zurück, +wenn sich der Knabe nicht bessern wolle, erlaube er +ihr jede Form der Züchtigung. Diese Briefstelle las +ihm das Fräulein vor. Engelhart vernahm mit Unglauben +und Schmerz des Vaters Worte, die so fremdartig +aus der Ferne klangen, so kaltherzig auf dem +Papier standen. Er forderte Fräulein Spanheim auf, +ihm den Brief zu zeigen, sie willfahrte, und es wurde +ihm leicht, die schönen klaren Schriftzüge zu lesen. +Niedergedrückt schlich der Knabe im Haus umher und +stellte sich, des schlechten Wetters nicht achtend, unter +das Haustor. Die anbrechende Nacht verscheuchte ihn, +und als er hinaufging, hatte er Kopfschmerz und +jagende Hitze. Adele Spanheim sah ihn bleich hereinschwanken +und wurde besorgt. Sie entkleidete ihn +und strich ihm kosend über das Haar, aber ihr verändertes +ängstliches Benehmen beleidigte seinen Stolz.</p> + +<p>Er bekam den Scharlach in der gefährlichsten +Form, lag vier Tage bewußtlos, bäumte sich aus der +pflegenden Hand und schrie vor sich hin. Danach, +als er genas, füllte sich seine Brust mit Süßigkeit, +es wurde ihm offenbar, daß er durch ein dunkles Tor +neuerdings ins Leben trat, etwas von Lebensschönheit +wurde ihm bewußt, über einem langhinlaufenden Weg +<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span>strahlte die Sonne mit herrlicher Gewalt, an beiden +Seiten hingen Rosengirlanden und über smaragdenen +Wiesen flogen Vögel, wie er sie nie zuvor erblickt, sie +hatten etwas menschlich Sanftes im Ausdruck ihrer +Augen und es wirkte beruhigend, wenn sie langsam +sichere Kreise um denselben Mittelpunkt zogen. Gleichzeitig +hörte er die vertrauten Geräusche von der Straße, +das Hämmern der Goldschläger, dies meisterhafte +Schlagen im kurzen Wechseltakt, das Geschrei der +spielenden Kinder, den Gesang vom Wirtshaus und +vieles andre. Der Tod hörte auf, ein Wort für ihn +zu sein. Er wurde Bild und glich dem Bild des +Lebens, nur daß alles umschattet und erstarrt war. +Die Frage entstand: Wären die Stadt und ihre Häuser +noch vorhanden, wenn ich tot wäre? Würden die Bälle +der Kinder draußen noch ebenso in die Luft fliegen, +die Leute im Wirtshaus noch ebenso singen? Er begriff +oder fühlte dunkel das Einzige des Lebens, die +wunderbare unermeßliche unbegreifliche Macht, die den +Menschen atmen läßt und die ihn zugleich die Finsternis +ahnen läßt – dort, jenseits des Rosenwegs, über +welchen die sanftäugigen Vögel fliegen, die er im +Halbtraum gewahrt.</p> + +<p>Täglich kam Doktor Federlein, flüsterte eine Weile +mit Fräulein Adele, dann trat er ans Lager, von +Karbolgeruch umwallt wie ein Priester von Weihrauch, +nickte dem Knaben zu, schrieb ein neues Rezept, befühlte +seinen Puls, kitzelte ihn am Kinn, schüttelte +vor dem Spiegel seine dunkeln, bereits angegrauten +Locken und ging wieder. Herr Ratgeber war von der +Reise zurückgekehrt, Engelhart sah ihn aber nur des +Abends. Neues Unglück hatte ihn getroffen, der kleine +Benjamin war draußen in Altenberg gestorben. Wie +ein Schatten war er seiner Mutter nachgefolgt, als +ob sie, schon unter der Erde, das winzige Seelchen +noch verlangt hätte, das in unergründlicher Trauer +sein Leben kränkelnd hinschleppte.</p> + +<p>Als Engelhart zum erstenmal wieder ausgehen +durfte, fuhr Adele Spanheim mit ihm und den beiden +Geschwistern nach Nürnberg zu ihren Eltern. Es war +prächtiges Wetter, kristallen wölbte sich der Himmel, die +Blätter begannen schon gelb zu werden und hingen +glühend an den Bäumen des Stadtgrabens, vieleckig, +vieltürmig, mit strahlend roten Dächern erhob sich die +Burg und zur Rechten die säulenschlanken Türme von +Sankt Sebald. Zwischen dem Henkersteg und dem +Weinmarkt traten sie in das düstre Tor eines altertümlichen +Hauses, stiegen eine riesenbreite Treppe mit +flachen Stufen hinan und schritten oben über eine +Holzgalerie mit schön geschnitztem Geländer. Unten +war der Hof, es plätscherte Wasser aus dem Brunnen +in ein steinernes Becken. In der Wohnstube befanden +sich zwei alte Leute und fünf erwachsene junge Männer, +Adeles Brüder. Die Kinder wurden in die Ecke des +Zimmers an einen kleinen Tisch gesetzt und erhielten +Kaffee und Kuchen. Die acht Leute redeten leise miteinander, +bisweilen flog ein musternder Blick zu den +Kindern herüber. An den Wänden des großen Raums +standen hochbeinige Stühle und zwischen den Fenstern +hing ein Bild, ein Mädchenkopf mit schwarzen, zur +Schulter fallenden Haaren. Der Ausdruck des Gesichts +erinnerte Engelhart an Sophie Hellmut, der +Blick hatte etwas Zärtliches und Fragendes, und er +konnte sein Auge nicht davon wenden. Er stand auf, +um das schöne Gesicht näher zu haben, da ertönte +vom Kaffeetisch aus, das Wispern durchbrechend, Adele +Spanheims Stimme: »Engelhart, sitzen bleiben!« Die +Tasse an den Lippen, betrachtete sie ihn erwartungsvoll, +auch die fünf Brüder sahen ihn an. Mit verzerrtem +Gesicht starrte der Knabe zu Boden, und es +wäre vielleicht zu einem Auftritt gekommen, wenn +nicht die Ankunft eines neuen Gastes die Aufmerksamkeit +des Fräuleins abgelenkt hätte. Diesen Umstand +benutzte Engelhart und stahl sich aus dem +Zimmer. Draußen lehnte er sich einige Minuten +lang über die Galerie und blickte entzückt in das +blaue Himmelsviereck; auf der andern Seite konnte +er durch eine geöffnete Türe in ein halbdunkles Zimmer +sehen, in dessen Mitte ein Aquarium stand; Goldfische +blitzten an der Glaswand vorbei, und ein schmaler +Sonnenstreifen lag wie ein goldener Stab quer im +grünen Wasser.</p> + +<p>Die Furcht, entdeckt und geholt zu werden, trieb +ihn weiter, auf die Straße, über den Platz zur Sebalderkirche. +Zaudernd stand er dort vor einer offenen +Seitentüre. Es zog ihn hinein, und doch lähmte ein +Unbekanntes seinen Fuß. Frömmigkeit, der Genuß +des Wunderglaubens, die Seligkeit des Gebets, alles +das war ihm fremd geblieben, aber die Furcht, Gottesfurcht, +nicht im biblischen Sinn, behauchte ihn bisweilen +wie die Kälte der Winternacht, die durch die +Fensterfugen in das erwärmte Zimmer streicht. Und +nun der gewaltige Bau, die schwere Dämmerung +drinnen, und das Fremde und Steinerne, das den +Christen und das Christentum in seinen Augen umgab.</p> + +<p>Er ging hinein. Die gewaltigen Pfeiler, die erhabenen +Bogen und Gewölbe, wie schräg gefaltete +ungeheure Hände nach oben geneigt, das Halblicht, +verstärkt und bemalt durch die bunten Glasfenster, +die Stille des Ortes und seine ungeheure Raumfülle, +dies Emporstrebende, Emporweisende, es machte ihn +schaudern bis ins Mark. Als dann die Glocke im +Turm zu läuten anfing und ihn die Klänge umschwirrten +wie das Flügelschlagen mystischer Wesen, +trugen ihn die Beine kaum mehr, er suchte einen +Winkel, um sich zu verkriechen, und taumelte vorwärts, +<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>bis ein schwarzes Gitter ihn aufhielt. Es war das +Sebaldusgrab. Langsam wich die Blindheit von seinen +Augen, er gewahrte zahllose kleine Figürchen, lieblich +gestaltet, in stiller, vorgesetzter Bewegung, und sein +Erstaunen war groß. Das Zittern, das Grauen wich, +auf einmal fand er sich heimisch, als hätte er Spiel +und Spielgenossen entdeckt, und lange konnte er sich +nicht trennen.</p> + +<p>Zu spät erinnerte er sich der verflossenen Zeit. +Alle Spanheims waren auf der Suche nach ihm. +Adele stand im Flur und empfing ihn wortlos, mit +eisig kalter Miene. Auch Gerda und Abel behandelten +ihn hochmütig, denn sie waren durch seinen Fehltritt +in Gnade gekommen. Nach und nach kamen die +Brüder Adelens zurück, lachten spöttisch, und einer +zwickte den Knaben ins Ohr. Auf der Heimfahrt +bewahrte Adele ihre bedeutungsvolle Zurückhaltung, +und als er sich zum Schlafengehen anschickte, nahm +sie einen Stock, stellte sich an das Bett und genoß +seine stumme Angst, seinen flehenden Blick. »Wo +warst du, während wir dich gesucht haben?« fragte +sie durch die geschlossenen Zähne. Da er nichts antwortete, +geriet sie vor Zorn außer sich, packte ihn +beim Hemd, und wie er zurückwich, riß das Hemd +entzwei. Der Knabe lief nackt gegen das Fenster +und, den Leib gegen die Mauer gepreßt, den Arm +abwehrend zurückgestreckt, rief er wild: »Schlagen +Sie mich nicht!«</p> + +<p>In Adele Spanheims Gesicht ging eine wunderliche +Veränderung vor. Sie errötete, nahm die Kerze vom +Tisch und sagte mit dunklerer, rauherer Stimme, ohne +die Augen von der Gestalt des Knaben abzuwenden: +»Geh nur schlafen, du ... Bub.« Bei diesem zögernd +ausgesprochenen Wort lächelte sie. Im Bette liegend, +dachte Engelhart an ihr sonderbares Lächeln und +schlief in Scham und Traurigkeit ein.</p> + + + + +<h2><a name="Fuenftes_Kapitel" id="Fuenftes_Kapitel"></a>Fünftes Kapitel</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">A</span>dele Spanheims Herrlichkeit nahm bald ein Ende. +Eines Nachmittags betrat Herr Ratgeber wider seine +Gewohnheit die Küche und sah, daß Fräulein Adele +mit träumerisch aufgerissenen Augen vor einem Topf +mit eingemachten Preiselbeeren saß und von Zeit zu +Zeit einen Kaffeelöffel voll in den Mund steckte. Gerda +und Abel kauerten lüstern dabei, man spürte, wie +ihnen der Mund wässerte. Da Herr Ratgeber auch +sonst unzufrieden war mit der Leitung des Haushalts, +sagte er: jetzt ist es genug, und gab der naschhaften +Dame den Laufpaß. Damit gewann die Sorge um +die führerlosen Kinder neue Macht.</p> + +<p>Herr Ratgeber hatte sich inzwischen mit seinem +Bruder Hermann endgültig entzweit. Er war im Begriff, +aus dem gemeinsamen Geschäft zu scheiden und +eine Fabrik zu gründen; Produzent sein, die Ware gleichsam +aus dem Nichts erschaffen, die Hände des Arbeiters +unmittelbar in seinen Dienst nehmen, Maschinen in +Betrieb setzen und im großen Stil wirtschaften, das +war sein Traum. Er hatte es satt, Bänder und +Pfeifenspitzen zu verkaufen, wie er sich verächtlich +ausdrückte, und um jeden Groschen Verdienst mühevoll +schwatzen zu müssen. Nach langen Erwägungen entschloß +er sich für die Holzwarenbranche, und da er +vorerst nicht viel von der Sache verstand, suchte er +sich durch nächtelanges Studieren zu helfen. Aber so +stolz seine Pläne waren, es fehlte Herrn Ratgeber an +Kapital. Er wandte sich an den reichen Bruder seiner +verstorbenen Frau, und da er eine wunderbar überzeugende +Art zu schreiben hatte, ließ sich Michael Herz +bestimmen, zehntausend Mark herzugeben. Aber damit +hatte Herr Ratgeber nicht genug. Er war leidenschaftlich +bemüht, seiner Idee unter den bisherigen +Geschäftsfreunden geldkräftige Anhänger zu gewinnen, +und phantasievoll und tatgierig, wie er war, versprach +er einem jeden goldne Berge. Mit weithinaus gerichtetem +Blick ging er in dieser Zeit umher, beständig +ein Lächeln zwischen den Lippen verhüllend, welches +sagen sollte: Laßt mich nur gewähren, laßt mich nur +ans Ruder kommen. Er glaubte, die Stunde sei reif, +wo er die nacheilenden Schatten seiner bedrückten +Jugend in die Flucht schlagen könne, und sagte sich +mit stürmischer Entschlossenheit: Es muß sein, muß +gelingen. Dieses Muß trieb ihn zeit seines Lebens +von Mühsal zu Mühsal und von Mißlingen zu Mißlingen.</p> + +<p>Nun gab es einen Mann in der Stadt, der das +Treiben des Herrn Ratgeber mit der größten Neugierde +verfolgte. Er hieß Teilheimer, hatte brandrote +Haare, ein mit Sommersprossen bedecktes Gesicht, +und sein Beruf war, über die Angelegenheiten seiner +Mitbürger aufs genaueste unterrichtet zu sein. Er +saß zum Beispiel im Wirtshaus und summte scheinbar +achtlos vor sich hin. Da ging der Weinhändler Strunz +am Fenster vorüber. Teilheimer zwinkerte listig mit +den Augen und sagte: »Schau, schau, da geht der +Strunz zum Bezirksarzt, um seinen fälligen Wechsel +einzukassieren; wird ihm aber nichts nutzen, der Mann +hat selbst kein Geld und der Schwiegervater gibt +nichts mehr her; böse Geschichte.« Oder man redete +in einer Gesellschaft über das gesunde Aussehen und +die Frische einer schönen Frau, was den roten Teilheimer +zu der beiläufigen Bemerkung veranlaßte, daß +diese Frau den Krebs in der Leber sitzen habe und +daß ihr nur noch ein Jahr und etliche Tage zu leben +vergönnt sei.</p> + +<p>Dieser magische Seher machte sich auf, um Herrn +<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span>Ratgeber beizustehen. Eines Tages kam Engelhart +von der Schule und stürmte ins Zimmer. Da sah +er den Vater am Ofen stehen, den Kopf gebückt, in +unbewegliches Nachdenken versunken. Am Tisch ihm +gegenüber saß der rote Teilheimer, ein Bein übers +andre geschlagen, einen Zigarrenstummel mit vergnüglicher +Miene über die Lippen wälzend und einen Bleistift +auf ein mit Zahlen beschriebenes Blatt bohrend, +als ob er den Speer in die Brust eines Besiegten +tauche. Sein Auge blitzte feldherrnhaft, als er dem +Knaben mit einer Handbewegung das Zimmer verwies. +Am darauffolgenden Nachmittag war es wieder +so, nur daß noch Iduna Hopf dabei war; Herr Ratgeber +stand wieder vor dem Ofen und schien qualvoll +unentschieden, der rote Teilheimer spießte wieder den +Bleistift kühn in die Zahlenleiber. Iduna Hopf +machte dem Knaben ein Zeichen, er aber wollte es +nicht verstehen und blieb in ahnungsvollem Trotz. Da +sagte Iduna Hopf, gegen Herrn Ratgeber gewendet: +»Da sieh mal, Joseph, wie vernachlässigt der Junge +herumgeht.« Herr Ratgeber blickte zerstreut und unruhig +in des Knaben Gesicht.</p> + +<p>Eine Woche später kam Herr Ratgeber zu früherer +Stunde als sonst nach Haus, schritt erregt im Zimmer +auf und ab, befahl der Magd, sogleich sein Essen zu +bereiten, er fahre über den Abend nach Nürnberg. +Dann kleidete er sich sonntäglich an, kam wieder zu +den Kindern heraus, pfiff leise vor sich hin, öffnete, +als sei ihm zu heiß, das Fenster und beugte sich +eine Weile hinaus. Inzwischen war der Braten aufgetragen +worden, er setzte sich zu Tisch, und da ihn +die Kinder andächtig umstanden und jedem Bissen +nachschauten, der in seinem Munde verschwand, schnitt +er drei gleich große Stücke Brotes ab, legte auf jedes +eine Scheibe Fleisch und teilte aus. Während sie alle +drei schmausten, gab er sich einen Ruck und sagte: +»Ihr werdet jetzt eine neue Mutter bekommen, damit +wieder Ordnung unter euch ist. Seid anständig und +macht mir Ehre.« Er vermied es bei diesen Worten, +seine Augen vom Teller zu erheben, doch bevor er +aufstand, richtete er den Blick mit plötzlicher Strenge +auf Engelhart, der den Vater atemlos anstarrte.</p> + +<p>Am folgenden Tag, noch vor Tisch, traten zwei +fremde Frauen ins Zimmer. Die eine von ihnen +sagte: »Guten Tag, Kinder, gebt mir die Hand, ich +bin eure neue Mutter.« Sie hatte ein süßliches +Wesen. »Sehr schöne Kinder,« sagte die andre Frau, +die eine helle kalte Stimme hatte. Darauf begaben +sich beide an die Besichtigung der Wohnung und +unterwarfen jedes Möbelstück und jedes Porzellanfigürchen +einer eingehenden Beurteilung.</p> + +<p>Engelhart verhielt sich stille, an manchen Tagen +aber kam es über ihn und trieb ihn umher wie einen +Ball, der von unsichtbaren Händen von einem Eck +ins andre geworfen wird. Da fand er die Kleider +zu eng, das Haus zu klein, den Himmel zu niedrig, +und er lief ohne Sinn und Ziel durch die Gassen, +bis er in einem Winkel Halt machte und in die Luft +starrte. Er hatte in einem Buch die Geschichte gelesen +von dem der auszog, das Gruseln zu lernen, +und diese Geschichte machte Eindruck auf ihn durch +etwas, das hinter den erzählten Vorgängen steckte, +wie in einem Nebel des Grauens hin und her wogend. +Er spürte die Kluft, die ihn von jenem trennte, der +das Gruseln nicht lernen konnte, denn im Anfang +seines Denkens war die Furcht, Furcht vor dem Ungewissen, +Unsichtbaren, Unnennbaren, Furcht mitten in +der Freude und im Spiel. Zagend stand er einem +dämonenhaften Wesen gegenüber, dessen Wille es ist, +zu zerstören und irrezuführen, den freifliegenden Wunsch +aufzufangen und an die Erde zu fesseln.</p> + +<p>Im sogenannten Feldschlößchen, eine halbe Stunde +von Nürnberg entfernt, feierte Herr Ratgeber seine +zweite Hochzeit. Die Kinder saßen an diesem Tag +in dumpfer Spannung zu Hause. Gegen Abend +brachte jemand von der Hochzeitsgesellschaft eine Torte +und Grüße vom Vater, der mit seiner neuen Frau +schon abgereist war. Die Botschaft wurde kaum gehört, +alle machten sie sich über die Torte her, auch +die Magd erhielt ein Stück, und um sich erkenntlich +zu zeigen, verschwand sie dann und überließ die Kinder +für den ganzen Abend sich selber. Sie befanden sich +im großen Wohnzimmer, und Engelhart beschäftigte +sich, die Aufsichtslosigkeit nutzend, mit der großen +Wanduhr. Er liebte diese Uhr und die lautlosen +Schwingungen des gelbfunkelnden Perpendikels; er +suchte eine Seele in ihr. Zu diesem Zweck stellte er +einen Schemel auf einen Stuhl, kletterte hinauf, +öffnete den Glasdeckel und lauschte dem heimlichen +Rädergesurr; bisweilen gab es ein Geräusch, das +einem Seufzer glich. Nach einer Weile begann er +an dem Zifferblatt zu hantieren, es gelang ihm, eine +Schraube zu lockern, und auf einmal hatte er beide +Zeiger in der Hand. Er erschrak, ihm war zumute, +als seien einem lebenden Wesen die Arme abgefallen; +umsonst probierte er, das Übel wieder gut zu machen, +plötzlich stieg er herunter und legte die Zeiger kleinlaut +auf die Kommode. Es war ein ziemlich stürmischer +Abend, das Feuer im Ofen war erloschen, +die Kinder froren. Zudem ging auch das Öl in der +Lampe auf die Neige. Auf der Straße und im Haus +war es totenstill, Abel war am Tische sitzend über +seiner Schiefertafel eingeschlummert, Gerda schlich eine +Weile in dem düster werdenden Zimmer hin und her, +dann drückte sie sich in die Ofenecke und fing an, +leise vor sich hinzuweinen. Engelhart verbarg seine +<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span>Gefühle, so gut es möglich war, er stellte sich gegen +die Tür und horchte und wagte endlich zu öffnen. +Draußen war’s finster. Er überredete sich zur Tapferkeit +und schritt hinaus, um nach der Magd zu rufen. +Doch war die Finsternis so groß, daß ihm das Geräusch +des eignen Herzens Angst einflößte. Nie +hatte er etwas so Teuflisches in der Nacht geahnt, +er machte eine betende Bewegung mit den Armen, +sein Auge fand aber keinen Aufblick. Dies machte +die Finsternis doppelt schwer und öde, und da Gerda +ängstlich seinen Namen rief, kehrte er zurück. Er +schaute zur Uhr, um zu sehen, wie spät es sei, und +das Grauen überlief seine Haut, als er ihr zeigerloses +Blatt gewahrte und darunter den Perpendikel, +ernsthaft schwingend, wie wenn nichts geschehen wäre. +Es schien, als ob die Zeit ihr Maß verloren habe +und die Nacht kein Ende nehmen würde.</p> + +<p>Acht Tage später spielten die Kinder im Flur +neben der Stiege, Engelhart hatte aus Stühlen eine +Kutsche gebaut, Abel war Postillon, Gerda, in einem +unermeßlich langen, weit über die Dielen schweifenden +Mantel der Mutter und einen großen Federhut auf +dem Kopf, machte die vornehme Passagierin, und +Engelhart war der Räuber, der die Kutsche im Wald +zu überfallen hatte. Mitten im größten Getöse tauchten +Herr Ratgeber und die fremde Frau, die neue Mutter, +auf und blieben auf der halben Höhe der Treppe +stehen. Herr Ratgeber, das Reiseköfferchen tragend, +winkte den Kindern lachend zu, innezuhalten, die +Frau schüttelte verdrossen lächelnd den Kopf, und +ihre Blicke blieben auf Gerda haften, die vergeblich +bemüht war, sich aus dem Reisemantel zu befreien.</p> + +<p>Von Stund an ging alles einen andern Gang +im Hause. Früh, mit dem Glockenschlag sieben hieß +es aufstehen; es war keine Minute der Besinnung +erlaubt, kein Sichdehnen, kein Zurückdenken an die +Träume, ein Rütteln an der Schulter und: heraus. +Besonders für den kleinen krummbeinigen Abel war +es hart, oft, wenn er schon gewaschen und angekleidet +war, fielen ihm am Frühstückstisch die Augen wieder +zu. Es gab keine Pfennige mehr zum Vesperbrot, +und damit war eine der schönsten Vergnügungen zerstört: +den Schulhof verlassen, über die Straße zum +Bäcker laufen und so mit einigen andern, welche die +gleiche Schicksalsgunst genossen, eine scheinhafte kurze +Freiheit erobern. Nach der Schule mußte man in +gemessener Zeit zu Hause sein, Frau Ratgeber haßte +das Streunen. Am Abend, kaum war das Brot gegessen, +hieß es wieder: ins Bett, ins Bett; kein Einwand +galt, alles war Befehl und Regel geworden. +Die neue Frau Ratgeber meinte es nicht schlecht mit +den Kindern, sie glaubte das Rechte zu wollen und +zu tun, auch wenn sie das Brot, bis auf den Millimeter +berechnet, vorschnitt, Fleisch nur in den winzigsten +Portionen verteilte, den Zucker zum Kaffee +abschaffte, so daß das wasserdünne graubraune Getränk +kaum hinunterzubringen war. Engelhart wußte +natürlich nichts von dem Zwang, zu sparen, unter +dem sie stand, und daß sie nur durch die scharfsinnigste +Strategie in den Ausgaben mit dem zugewiesenen +Wochengeld den Haushalt bestreiten konnte. +Er spürte nur die haßartige Lieblosigkeit, die ihm +vorenthielt, was er bis jetzt genossen hatte; er bäumte +sich auf unter tyrannischen Verboten, er wurde hinterlistig, +wenn er sich hinterlistig angeklagt sah, feig oder +rasend den aufgebauschten Beschuldigungen gegenüber, +die stets vor das Tribunal des Vaters gebracht +wurden, und er blieb bei großen Versehungen reuelos, +weil auch die kleinsten ungroßmütig verdammt +wurden. Bald griff er zur Lüge aus Furcht, aus +Diplomatie, zur gedankenlosen Lüge, ja zur Lüge, die +er nur erfand, um sich in einer dumpfen Weise an +der Frau zu rächen. Nicht selten gebrauchte er langwierige +Ausreden, um sich eines erbärmlichen Vorteils +zu versichern, und war einmal ein auskömmlicher +Tag mit der Stiefmutter, so tat er freundlicher gegen +sie, als ihm zumute war, schmeichelte ihrem Bedürfnis +nach Klatsch durch allerhand Geschichten und suchte sie +möglichst lang bei guter Laune zu erhalten. Zweimal +in der Woche ging sie des Abends zum Fleischer, da +begleitete er sie, schleppte den schweren Korb nach +Hause, saß am Tisch bei ihr, wenn sie Linsen klaubte +oder Äpfel schälte, und wenn er im Plaudern war +und sie bisweilen zum Lachen brachte, dann übersah +sie es, daß er die Butzen der Äpfel aß oder das in +den Streifschalen verbliebene Fruchtfleisch mit den +Zähnen herausschabte; dann durfte er auch noch eine +halbe Stunde in seinem geliebten Don Quichotte lesen +oder aus Zwirn, Gläsern und allerlei Schachteln +sonderbare Paläste bauen. Wies sie ihn aber zu +Bett, so durfte kein Widerspruch fallen. Das freie, +arglose Wort fand kein Echo in ihr, die rückhaltlose +Heiterkeit erweckte ihr Verdruß und Mißtrauen, der +offene Blick erschien ihr frech. In ihr selbst war +nichts als tartüffisches Ducken gegen gesellschaftlich +Höherstehende, auch wenn sie nachgewiesenermaßen +nur hundert Mark mehr Einkommen besaßen. In +den engsten und dunkelsten Verhältnissen eines fränkischen +Judendorfs aufgewachsen, war sie von einer +dämonischen Liebe zum Geld besessen. Im Geld +suchte sie die Quellen des Lebens. Sie war aufs +genaueste mit den Verhältnissen aller Familien der +Stadt bekannt und richtete auf der Straße ihren +Gruß nach eines jeden Besitz. Wenn ein reicher +Mann starb, war sie immer ein wenig erstaunt +darüber, daß Gott seine Hand auch nach einem solchen +<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>Inbegriff irdischer Macht ausstreckte. Ihr ganzes +Tun und Lassen war von rätselhaftem Neid durchflutet. +Ihre Züge waren zerrissen von Unruhe, Unmut, +Ungenügsamkeit und Ehrgeiz, ihr Blick war +stechend, ihr Mund bitter und ärgerlich zusammengepreßt. +Sie war eine Natur, alles Wohlwollens +bar, ohne sanftes Verweilen im Augenblick, ohne +frauenhaftes Träumen. Wenn andre Tausende auf +Tausende häuften, wollte sie wenigstens Pfennig um +Pfennig sammeln, und weil sie darin kein Ende sah +und alle Geister des Behagens auf immer von der +Schwelle verscheucht wurden, an der sie begehrlich +lechzend stand, so entsprang Fried- und Lichtlosigkeit +aus allem, woran sie die Hände rührte. Ihr war +es nicht gegeben, Zutrauen zu erwecken, die früheren +Freunde der Familie blieben fern. Kein gemütliches +Bild, keine anziehende Vorstellung belebte die Räume, +wenn Engelhart, fern vom Hause, sie sich gegenwärtig +hielt. Einsam sparte und haderte die Frau und +füllte ihre Tage mit erschöpfender Arbeit.</p> + +<p>Einmal kam Engelhart hungrig aus der Schule, +und als er durch die Küche ging, wo sich gerade niemand +aufhielt, sah er einen Korb voll kleiner Äpfel +auf dem Anricht stehen. Unbedenklich nahm er zwei +Äpfel, verzehrte sie im Zimmer, entledigte sich des +Schulgeräts und schickte sich an, möglichst schnell zu +entkommen, denn es war der erste schöne Tag nach +regnerischen Wochen. Plötzlich stand die Stiefmutter +vor ihm und fragte atemlos: »Wer hat von den +Äpfeln gestohlen?«</p> + +<p>Der Knabe starrte sie an; er war im Begriff, +es ruhig zu bekennen, doch das Wort »gestohlen« +machte ihn stutzig. »Ich habe nichts gestohlen,« antwortete +er. Das Zittern seiner Stimme und besonders +das Erröten strafte ihn Lügen.</p> + +<p>»Leugne nicht,« sagte die Frau, »ich habe die +Äpfel gezählt; du wirst ja feuerrot, du schlechter +Mensch.« Damit schlug sie ihn vor den Kopf, daß +er zurücktaumelte; noch einmal erhob sie den Arm, +Engelhart fing ihn auf und hielt ihn krampfhaft fest, +darauf wurde sie von Wut und Bosheit übermannt +und schlug aus aller Kraft mit beiden Fäusten los. +Der Knabe schrie; je mehr er schrie, je wilder wurde +die Frau; die Leute vom Haus liefen zusammen, die +Magd rannte von der Waschküche herauf. Endlich +gelang es Engelhart zu entkommen, er taumelte in +den Flur, tastete sich am Gitter entlang und verkroch +sich im finsteren Ende des Korridors zwischen zwei +Schränken. Er blieb unbeweglich dort, um zu warten, +bis der Vater kam. Endlich vernahm er seine kurzen +hastigen Schritte und atmete auf. Es verfloß geraume +Zeit, bevor Herr Ratgeber das Zimmer wieder +verließ. Schon bedrückte den Knaben die Einsamkeit +und Halbdunkelheit, er glaubte es aber so lang ertragen +zu müssen, bis er mit Güte ins Licht zurückgeführt +würde. Da rief die Stimme des Vaters +seinen Namen, doch mit so hartem Klang, daß er +erschrak und sich nicht rührte. Noch einmal tönte der +Ruf, lauter, gereizter, ungeduldiger.</p> + +<p>»Dort hinten steckt er,« sagte Abel, der herangeschlichen +war und den Bruder verlegen zwinkernd +betrachtete.</p> + +<p>Herr Ratgeber packte Engelhart am Arm und +zerrte ihn hinein. »Zum Lügner bist du geworden, +zum Dieb? Du willst mir Kummer machen, ich weiß +es schon lang, fort aus meinen Augen, ich kann dich +nicht mehr sehen!« Damit wandte sich Herr Ratgeber +ab, ging in das nächste Zimmer und schlug die Tür +zu. Die Sprache, die er geführt, raubte Engelhart +beinahe das Gefühl des Lebens. Besonders der Umstand, +daß er gar nicht gefragt worden, daß kein +Fünkchen Recht auf seiner Seite gelten sollte, daß der +Vater den Worten seiner Frau ohne weiteres Glauben +schenkte, das umkrampfte seine Brust, und er hatte +eine solche Verzweiflung bisher noch nicht kennen +gelernt.</p> + +<p>Nicht mehr ganz derselbe wie vorher verließ er +das Haus und ging über den Bahndamm bis auf +den Dambacher Weg. Der schöne Tag, die vollkommene +Ruhe der Felder und Wiesen, der lautlos +dahinfließende Rednitzfluß mit seinen Wasserrädern, +die alte Schwedenfeste in der Ferne und der Wald +rings um sie wie ein blauer Kranz: dies alles zog +ihn empor aus dem Abgrund seines Schmerzes. Er +setzte sich unter einen Weidenbaum dicht am Ufer und +verfolgte das Treiben der Krähen, die sich in seiner +Nachbarschaft furchtlos niederließen. Das Flußbett +war vom langen Regen hoch angeschwollen, das Wasser +trug auf seinem Rücken Hunderte von Baumzweigen +dahin. Hätte ihn nicht der Hunger gequält, so wäre +Engelhart bis in die Nacht hier geblieben; er umfaßte +Land, Wald, Wasser und Himmel mit einer +neuen, ernsten Empfindung, er fühlte mit dunkler +Genugtuung, was ihm beschieden sein könnte, wenn +er in sich wirken lassen würde, was so groß, so feierlich +sich als Welt, als Natur vor ihm hinbreitete. +Als er heimwärts wanderte, sank die Sonne hinter +den Waldrändern, der Himmel sah aus, wie wenn +aus verborgenen Quellen rotglühendes Eisen über ihn +hingeströmt wäre. Darüber streckten sich, aus einem +Mittelpunkt hervorlaufend, grüne Strahlenbüschel, +einzelne Wolken hingen gleich ruhig brennenden +Schiffen im Zenit und die Ebene zitterte im rötlichen +Dunst.</p> + +<p>Fremd und fremder fand sich Engelhart dem +Vater gegenüber, und auch dieser vergaß seinen Groll +<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>diesmal lange nicht, vielleicht um die Ahnung von +eigner Schuld zu ersticken. An einem Sonntagabend +holte Herr Ratgeber die Gitarre von der Wand. In +früheren Zeiten hatte er oft und gern darauf gespielt +und Lieder gesungen, die er noch aus seiner Knabenzeit +kannte. Er pflegte damals unbestimmt, doch +glücklich vor sich hin zu lächeln, und seine Augen +füllten sich mit einem Ausdruck schamhafter Schwärmerei. +Heute schlug er wie suchend ein paar Akkorde +an; Engelhart bat, er möge doch singen, aber Herr +Ratgeber zog die Stirn in Falten, legte das Instrument +beiseite, machte eine abwehrende Bewegung mit +der Hand und sagte rauh: »Du kannst schlafen gehen.« +Die Gitarre wanderte bald darauf in die Rumpelkammer. +Herr Ratgeber zeigte nie mehr Verlangen +nach ihr.</p> + +<p>Die Fabrik war im Gang, sechsundzwanzig Arbeiter +waren an den Hobelbänken, an der Kreissäge, +am Gasmotor tätig. Herr Ratgeber war tagelang +beschäftigt, die fertiggestellten Holzschachteln mit Bildern +zu bekleben und diese dann zu lackieren. Er +hatte aus Sparsamkeitsrücksichten nur einen einzigen +Kommis aufgenommen, einen gewissen Lechner, der +an Epilepsie litt. Oft schien es, als lausche Herr +Ratgeber mit Befriedigung auf das furchtbar jauchzende +Kreischen der Säge, das von den Fabrikräumen +hereindrang, lauter und wilder, wenn eine Tür +geöffnet wurde; meist aber war er traurig und verstimmt. +An den Zahltagen kamen die Arbeiter zur +Kasse, es gab nicht selten Streit, die Leute nahmen +eine drohende Haltung an. Wenn Herr Ratgeber +dann wieder allein war, rechnete er stundenlang, +stellte den Umsatz fest, überschlug die Herstellungskosten +eines neuen Artikels und beriet mit dem Werkführer +über Löhne und Holzsorten. Spät am Abend +schrieb er Briefe und Fakturen, zeichnete Muster und +Pläne oder lackierte abermals die einfältigen Bilder +auf den Schachteln. Oft kam Engelhart und erinnerte +den Vater an das Nachtessen, dann löschte Herr Ratgeber +mit einem letzten Blick und Seufzen die Lichter, +versperrte Laden, Geldschrank und Türen und ging +schweigend mit dem Knaben nach Hause. Unbewußt +schnitt es Engelhart ins Herz, wenn der Vater einmal +wieder vergnügt war, etwa wenn Fremde da waren +– wenn er mit seinen funkelnden Augen an harmlosen +Gesprächen teilnahm, wenn er sich selbst wieder +spürte und die Zeitläufte vergaß. Es wohnten ungelenkte +Kräfte in seiner Brust, aber Kräfte waren +es; mit beiden Fäusten hielt er sich grimmig an der +Lebensleiter fest und konnte nicht empor, vielleicht +weil ein brutaler Vorgänger die Sprossen zerbrochen +hatte.</p> + +<p>Die Kinder sahen nur noch die richterliche Gewalt +in ihm, er schien nicht mehr Teilnahme für sie zu +hegen als der Drahtziehende im Puppentheater an +den gehorchenmüssenden Marionetten. Bei Tisch durfte +nicht gesprochen werden, anständige Kinder sprechen +nicht bei Tisch, hieß es. Ein Verbot wurde ausgesprochen, +die Kinder wollten den Grund wissen, +dies setzte oft in Verlegenheit, und jede Erörterung +wurde mit dem Satz abgeschnitten: Genug, ein Kind +fragt nicht warum. Der Vater verlor das Licht in +Engelharts Augen, es kam vor, daß er beim Schall +seiner Schritte zitterte. Er lernte in den Blicken und +zwischen den Lippen der Menschen lesen, erfüllt von +Mißtrauen und allgemeiner Angst. Gerade in dieser +Zeit fand er einen Kameraden. Sein Name war +Philipp Raimund, es war ein aufgeweckter Knabe +von graziösem Wesen; er hatte etwas Beschwingtes, +Beherztes, das in seinem Gang und in seiner Art, +den Kopf zu tragen, zur Geltung kam, seine Stimmung +war durchsichtig wie Glas, alles an ihm war +hell, seine Äußerungen hatten eine famose angeborene +Kräftigkeit. An einem Mittwochnachmittag marschierten +sie zusammen in den Burgfarnbacher Wald, bis +sie an eine tiefeinsame Stelle kamen. Dort rasteten +sie. Raimund teilte sein Butterbrot mit Engelhart, +sie sprachen über die Schule, dann über ihre Eltern, +und Raimund fragte beiläufig, ob es Engelhart nicht +gut zu Hause habe.</p> + +<p>»Wir haben jetzt eine Stiefmutter,« entgegnete +dieser in einem Ton, als ob es sich um eine kleine +vorübergehende Unannehmlichkeit handle.</p> + +<p>»Autsch!« rief Raimund teilnehmend und patschte +sich auf die Schenkel. Von da an wurde sein Benehmen +noch zarter und freundlicher; er berührte +diesen Umstand niemals wieder. Immer mehr nahm +die Philosophie von ihren Unterhaltungen Besitz, und +sie stritten mit Eifer über die Existenz Gottes. +Engelhart leugnete Gott; das bekümmerte Raimund, +und er hatte viele Gründe dagegen. »Können denn +die Blumen und die Bäume von selbst entstehen?« +fragte er eindringlich, »und die Sonne, sie ist doch +da, folglich muß sie geschaffen worden sein.«</p> + +<p>»Sie ist ewig,« antwortete Engelhart.</p> + +<p>»Ewig? Was heißt das?« warf Raimund nachdenklich +entgegen. »Ewig ist nichts, das ist doch nur +ein Wort.«</p> + +<p>Dieser Einwand machte Engelhart stutzig, er hätte +nichts zu sagen gewußt, wenn Raimund nicht hinzugefügt +hätte: »Und der Mensch, so schön und lebendig, +glaubst du, durch Zauberei ist er gekommen?«</p> + +<p>»Die Menschen entstehen aus sich selbst,« sagte +Engelhart.</p> + +<p>»Wie, aus sich selbst?« fragte der andre erstaunt.</p> + +<p>»Ich weiß es,« behauptete Engelhart finster, dennoch +<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>sank in diesem Augenblick seine Wissenschaft in +Nichts zusammen, und aus Groll darüber ward er +störrisch. »Wie ist denn Gott?« warf er dem Freunde +grimmig ein. »Was ist denn Gott? wie denkst du +ihn? wie sieht er aus?«</p> + +<p>Raimund lächelte sonderbar liebenswürdig und +sagte ruhig: »Er ist ein Wesen.« Dazu machte er +eine getragene Handbewegung und sein Gesicht hatte +den Ausdruck der Verehrung.</p> + +<p>Dies geistige Einander- und Sichselbstsuchen im +kindischen Wortgefecht, dies warme Emporsehnen und +Hinausfühlen war genug des Glücks, was konnte ein +Ja oder Nein daran vermehren oder davon rauben? +Ihre Worte glichen leerem Fliegengesurr in sommerlicher +Luft, was Engelhart dachte, teilte er dem +Freunde mit, aber was sie empfanden, verbargen sie +einander sorgsam, so wurde ihr Beisammensein reich +an unterirdischen Quellen. Raimund zuerst fand +Engelharts Herz voll von Freundschaft, er bereitete +es zu für die Freundschaft, er machte ihm das Gespräch +mit einem vertrauten Genossen unentbehrlich.</p> + +<p>Eines Tages durfte Gerda an einem Spaziergang +der Freunde teilnehmen, und das kam so: +Engelhart hatte Raimund abgeholt, und sie gingen +an dem Haus vorbei, wo Ratgebers wohnten. Da +sahen sie Gerda auf der Steintreppe des Spenglerladens +sitzen und weinen. Die Knaben fragten sie +aus, und sie erzählte, sie habe ein Glas zerbrochen +und sei geschlagen worden. Der mitleidige Raimund +lud sie ein, mitzukommen, und sie besann sich nicht +lang. Sie wanderten in den Vestnerwald, Gerdas +blasses Gesicht färbte sich in der belebenden Luft, +und ihre Augen, deren Ausdruck stets zwischen Pfiffigkeit +und Träumerei wechselte, blickten freier. Sie +gab nur Angst vor neuer Züchtigung zu erkennen, +weil sie so weit vom Hause war, aber Raimund +lachte und meinte, das wolle er schon richten. In +der Tat hatte Frau Ratgeber eine Schwäche für den +Knaben, weil er angesehener Leute Kind war und +ihr sein Verkehr mit Engelhart schmeichelhaft vorkam; +er war der Sohn eines Landgerichtsrats.</p> + +<p>Die drei zogen tiefer in den Wald und beachteten +kaum, daß die Dämmerung einbrach. Bisweilen blieb +Raimund stehen und hielt mit scharfen Augen Umschau. +Ein Uhu schrie in der Ferne, es wurde schnell +dunkel, gerade daß sie noch den Waldrand und die +Landstraße erreichten, ohne in die Irre gegangen zu +sein. Gerda war plötzlich todmüde, sie war nicht +gewohnt zu marschieren, sie sank nieder in das feuchte +Gras und schüttelte auf Raimunds scherzhaften Vorschlag, +daß er und Engelhart sie tragen könnten, +matt lächelnd den Kopf. Gleich darauf war sie eingeschlafen.</p> + +<p>»Lassen wir sie ein wenig schlafen,« murmelte +Engelhart, »jetzt ist alles eins, Prügel gibt’s sowieso.« +Vor ihnen im Osten stieg der Vollmond auf; +zur Mulde vertieft, lagen die Äcker, und auf dem +Kamm des langgestreckten Hügels standen drei Pappelbäume, +scharf in den Himmel gezeichnet. Raimund +machte sich lustig über Engelharts Schweigsamkeit, +auch später, als sie schon auf dem Heimweg waren, +das verschlafene Mädchen in ihrer Mitte führend. +Aber er konnte nicht anders, es war ihm bang ums +Herz, und er vermochte nicht Rechenschaft zu geben +warum, er fand kein Wort, keinen Gedanken dafür. +Es war, als verursache die Schönheit der Nacht +ihm Schmerz, er spürte eine Kraft in sich, die er +nicht anzuwenden wußte, es beunruhigte ihn eine +Fülle, welche die Brust zu sprengen drohte.</p> + +<p>Raimund begleitete die Geschwister bis nach Hause +und machte einen so geschickten Fürsprecher, daß man +Gnade walten ließ. Das war der letzte schöne Tag +mit Raimund, bald darauf verließen seine Eltern +die Stadt, sein Vater war nach Bamberg versetzt +worden.</p> + + + + +<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">I</span>m darauffolgenden Herbst zogen Ratgebers in +jenes Haus, in dessen Hoftrakt sich die Fabrik des +Vaters befand. Engelhart hatte jetzt ernsthaft für +die Schule zu arbeiten, wenn er vorwärts kommen +wollte, doch er genügte keineswegs allen Ansprüchen +und brachte vielfach schlechte Zensuren.</p> + +<p>»Du bist nicht bei der Sache,« sagte Herr Ratgeber +streng, »du träumst.«</p> + +<p>»Er ist ein Duckmäuser,« fügte die Stiefmutter +hinzu, »sieh ihn nur an, er hat keinen freien Blick.« +Dieser Vorwurf traf den Knaben empfindlich; er +wußte sein Auge nach innen beschäftigt, wenn ihn +jemand anrief, riß er sich erst los von einem inneren +Bild, aber dann fühlte er seinen Blick ohne Scheu, +er fürchtete die Augen der Menschen nicht, höchstens +die der fremden Frau, die er Mutter nennen sollte. +Er konnte sich freilich nicht geben, sondern wollte +genommen werden, doch liebte er die Menschen, und +das mit jedem Tage mehr; selbst vom Gleichgültigsten +zurückgestoßen zu werden, war ihm ärgerlich. Er +suchte Zuneigung, Zustimmung, Einverständnis und +gewahrte, wohin er auch sah, die Spuren halbverwischter, +mühsam verdeckter Leiden und die Schatten +des Hasses, alle quälten sich aneinander, einer schürfte +sich am andern wund, auch im eignen kleinen Kreis +war niemals Frieden. Die Sparwut der Stiefmutter +überschritt jedes Maß, bei den Bekannten in der +Stadt sprach man offen davon, daß die Ratgeberschen +Kinder hungern müßten, Frau Karoline Curius schrieb +<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>es an Michael Herz nach Wien. Dieser gab nun +seiner Schwester eine Summe in Verwahrung, sie +solle sich der Kinder annehmen, und Engelhart solle +wöchentlich eine Mark Taschengeld erhalten. Ferner +beschloß er, Gerda aus dem elterlichen Haus zu +nehmen; er verständigte sich mit dem Vater, und ehe +Weihnachten kam, reiste das glückliche Mädchen, jetzt +erst seiner Kindheit wiedergegeben, nach dem oberfränkischen +Städtchen Neustadt, wo sie in einem +rühmlich bekannten Pensionat Aufnahme fand.</p> + +<p>Engelhart erschien sich mit seiner wöchentlichen +Rente als reicher Mann, doch erwuchs ihm keine +Freude daraus. Wenn er den Besitz genießen wollte, +mußte er ihn ängstlich geheimhalten, und diese +Heimlichkeit bedrückte ihn: das lichtscheue Gebaren +beim Kauf jedes Stückchen Brotes, das Verstecken +seiner Pfennige am Abend vor dem Schlafengehen; +was eine Erleichterung hätte sein sollen, beschwerte +ihn, er haßte sich, wenn er seinen Hunger stillte, und +inbrünstig suchte sich sein Geist aus der trüben +Täglichkeit zu lösen. Durch Zufall kam ihm ein +populäres Buch über die Sternenwelt in die Hand, +und entzückt sog er das fabelhafte Neue in sich auf. +Welch ein Himmel, welch eine Welt! Die Gestirne +ein feuerflüssiges Chaos, alles Werden ein Spiel von +Jahrmillionen, die unscheinbare Milchstraße in zahl- +und namenlose Sonnen geteilt, jede sich regend in +grauenhafter Gesetzmäßigkeit, das ganze Universum +ein Bild zielloser Eile, ein Hinrasen durch unendliche +Finsternis. Des Knaben Gedanken tasteten sich +schauernd von Erscheinung zu Erscheinung, wie +Schneegestöber in einen Garten mit jungen Blättern +wirbelte und stürzte dies alles in seinen Kopf, Andacht +mischte sich mit Traurigkeit, und es schien ihm +vergeblich, ein Glück für das eigne schwanke Herz zu +suchen, das wie ein Atom im Staubmeer unter einem +kurzen Lichtstrahl leuchtend zuckt, um dann still in +die Dunkelheit zu gleiten. Oft drohte ihm die Brust +zu zerspringen, und wenn er lange in einer entlegenen +Ecke vor sich hingegrübelt, lief er hinaus durch die +Straßen ins freie Feld, redete laut vor sich hin, berauschte +sich in unsinnigen Gesängen, um an einem +einsamen Punkt der Landschaft plötzlich stehen zu +bleiben und sehnsüchtig auf Stimmen zu horchen, die +seine entbrannte Phantasie in die Fernen und Tiefen +zauberte.</p> + +<p>War all das nur ein buntes, böses Träumen der +ums Wachsein sich quälenden Seele? An Nebeltagen +verschwimmen Himmel und Erde, und der Schatten +an einer Mauer scheint sich in die Wolken zu recken.</p> + +<p>In dieser Zeit kam Engelhart fast täglich ins +Haus der Tante Curius. Herr Peter Salomon hatte +seinen Posten im Ratgeberschen Geschäft längst aufgegeben +und betrieb eine Kohlenhandlung, aber seine +Einkünfte hätten ihm nicht gestattet, das Feinschmeckerleben +zu führen, zu dem er sich ausersehen glaubte, +wenn nicht Michael Herz in Wien regelmäßige und +bedeutende Zuschüsse gewährt hätte. Peter Salomon +betrachtete das als einen selbstverständlichen Tribut, +und wenn kein Geld mehr da war, sagte er mit einer +gravitätischen Handbewegung: »Karoline, du mußt +nach Wien schreiben; dein Michael muß bluten, da +hilft kein Herrgott.« Dann tänzelte er lächelnd von +einem Fuß auf den andern, trällerte ein Lied und +ging ins Wirtshaus. Der Kohlenhandel ging natürlich +schlecht, da Herr Curius nicht zu arbeiten liebte; er +begnügte sich mit dem Bewußtsein, daß in ihm das +Talent zu einem Millionär stecke. Eines Tages kaufte +er für zwölftausend Mark, es war alles, was er +überhaupt besaß, einen Bauplatz, der am äußersten +Rande der Stadt gegen Muggenhof zu lag, und obwohl +ihm alle vernünftigen Leute die Aussichtslosigkeit +des Projektes lebhaft vor Augen stellten, führte +er seinen Willen durch, und seine Hauptbeschäftigung +bestand von nun an darin, erstens so oft als tunlich +auf seinem eignen Grund und Boden spazieren zu +gehen, zweitens zu warten, bis irgendein wunderbares +Ereignis die Landpreise so in die Höhe treibe, daß +er zum reichen Manne würde. »In zehn Jahren,« +behauptete er mit jener Sicherheit, die ihn in den +Augen seiner Frau zu einem Genie machte, »wird +man mir zweimalhunderttausend Mark anbieten, aber +ich werde noch weitere zehn Jahre zusehen. Ihr sollt +den Curius kennen lernen.«</p> + +<p>Nun war beinahe seit dem ersten Tag der Ehe +eine Person namens Barbara Kroner im Hause, die +zuerst als Köchin, dann als Wirtschafterin galt, die +aber in Wirklichkeit die Geliebte Peter Salomons war. +Man erzählte sich, daß alle drei, Mann, Frau und +Magd, in demselben Zimmer schliefen und daß die +Frau gezwungen sei, die Zärtlichkeit ihres Mannes +mit der Fremden zu sehen, man entrüstete sich darüber +und gab der Frau schuld, da sie etwas beschränkten +Geistes war. Aber sie liebte ihren Peter Salomon +so abgöttisch, daß sie in seiner Gegenwart nicht den +Blick von ihm wandte, und ihre Selbstverleugnung +war so groß, daß sie die andre mitliebte, daß die +andre die Herrin spielen und mit demselben Allerweltshohn +wie Curius jede Billigkeit vergessen durfte. +Barbara Kroner weigerte sich schließlich, die gemeine +Hausarbeit zu verrichten, und drang darauf, daß ein +Dienstmädchen angestellt werde. Peter Salomon benutzte +die Gelegenheit und wählte unter denen, die +sich dazu anboten, ein höchst scharmuzierliches Frauenzimmer, +<span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>wie er sich ausdrückte, eine gewisse Anna +Wild aus der Gegend von Baireuth. Sie gefiel +Peter Salomon so über die Maßen, daß er Frau +samt Kebsweib vergaß und sich emsig hinter die Neue +machte. Anna Wild war in der Tat ein schönes +Weib; sie ging meist mit kokett gesenkten Augen, und +wenn sie lächelte, flammten hinter den feuchten Lippen +die weißesten Zähne. Die Kroner wurde von Eifersucht +erfaßt, es gab fortwährend Zänkereien, einmal +wollte die Wild Phosphorkappen von Zündhölzern in +ihrer Suppe gefunden haben. Alledem sah Frau +Curius still zu. Nicht nur, daß sie die Unbequemlichkeiten +ertrug, sondern sie warb auch noch bei Anna +Wild für ihren Gatten und begünstigte sie, als sie +in ihr die Mehrgeliebte sah.</p> + +<p>An einem Abend kam Engelhart hinüber und sah +Anna Wild hinter der Kellertür sitzen, ein Öllämpchen +neben sich, und in die Tiefe starren. Der Knabe +fragte, auf wen sie warte, sie blickte ihn flüchtig an, +schüttelte den Kopf und rief nach einer kleinen Weile +gegen die Wohnung hinauf: »Herr Curius! Herr +Curius!« Es kam keine Antwort, das Mädchen +wandte sich zu Engelhart und forderte ihn auf, sie +in den Keller zu begleiten, sie fürchte sich allein. Er +ging mit, sie rollte ein kleines Bierfaß aus dem +Verschlag, stellte es auf die Bank, wo das Lämpchen +stand, nahm den Hammer und hieb mit starken +Schlägen den Keil in den Spund. Dann nahm sie +den Abzugsschlauch, steckte ihn in die Öffnung und +trank am andern Ende mit langen, durstigen Schlücken. +Plötzlich hielt sie inne und sagte: »Du könntest mir +gleich einen Kuß geben, du Kleiner.« Da er nicht +antwortete, zog sie ihn am Arm heran und hieß ihn +aus dem Schlauch trinken, wie sie selbst getan. +»Ordentlich!« befahl sie. »Du wirst kein Mann, wenn +du nicht trinken kannst.« Und ehe er sich dessen +versah, ergriff sie ihn ganz wie er war, drückte seine +Schulter an ihre Brust, packte mit der Hand sein +Kinn und küßte ihn mitten auf den Mund. Engelhart +packte sie zornig bei den Haaren und suchte ihren +Kopf zurückzustemmen, ihm war, als berühre ein +zuckender, kühler Fisch seine Lippen, endlich riß er +sich mit aller Kraft los und stolperte die finstere +Treppe hinauf. Anna Wild lachte hinter ihm drein +und rief: »Wirst kein Mann, wenn du nicht küssen +kannst.«</p> + +<p>Tagelang vermied Engelhart den Blick der Menschen, +und wenn ihn jemand anredete, erschrak er. Bisweilen +rieb er mit den Fingern seine Lippen ab, als suche +er das Gedächtnis an jenen fischhaften Druck fortzuwischen. +Wenn er aus dem Schlaf erwachte, blickte +er unruhig in die Finsternis, der Wind rüttelte am +Fenster, und es war ihm, als laure draußen, den +Raum zwischen Himmel und Erde füllend, ein ungeheures +Raubtier. Vielleicht hätte er das ganze +Erlebnis wieder vergessen, wenn nicht andre Dinge +sich ereignet hätten, die seinem Nachdenken und seiner +dumpfen Verstörtheit neue Nahrung gaben. Die +Magd bei Ratgebers hatte einen Liebhaber aus der +Fabrik, und es kam heraus, daß dieser sich allnächtlich +in ihre Kammer schlich. Eines Nachts wachte Engelhart +von wildem Schreien und Schimpfen auf. Er +erhob sich und lugte durch die Türspalte. Die Magd +und ihr Liebhaber standen beide im Hemd vor Herrn +Ratgeber, das Weib heulte, der Liebhaber und Herr +Ratgeber brüllten. Oben und unten öffneten sich +Türen, verschlafene Leute erschienen, und endlich +mußte das Paar, nachdem es sich angekleidet hatte, +schimpflich das Haus verlassen. Darauf folgte eine +angstvolle Zeit, in jeder Nacht vor Torschluß läutete +die Flurglocke stürmisch, der Liebhaber und seine +Kumpane standen draußen und verlangten unter unheimlichen +Reden den Lohn der Magd für die nichteingehaltene +Kündigungsfrist. Da nicht aufgemacht +wurde, stießen sie das Glas an der Türe ein und +einer warf sein Messer in den Korridor. Das ging +so fort, bis die Polizei dem Treiben ein Ende machte.</p> + +<p>Langsam und mit unerbittlicher Gewalt tauchte +für Engelhart ein Warum nach dem andern aus der +Tiefe des Nichtwissens empor. Er dürstete nach +Wahrheit und Aufklärung und mußte unerlöst hangen +zwischen Lüge und Feigheit, mußte zitternd weilen +wie der Blinde, der an einen Stein stößt und sich +nicht weiter wagt, trotzdem zu beiden Seiten kein +andres Hindernis ist. Ja, er mußte in der Luft der +Heuchelei zum Heuchler werden, so daß ihm bangte, +wenn von den mysteriösen Dingen zu Hause oder +unter Freunden geflüstert wurde und er sich anschickte, +mit Befangenheit den Unbefangenen zu spielen. +Was er auch von den Menschen und ihren Einrichtungen +beurteilen lernte, erschien ihm widersinnig +und grausam.</p> + +<p>Es war im Karneval, da ereignete es sich, daß +unter Engelharts Mitschülern das Gerücht umlief, ein +gewisser Bachmann, der dieselbe Klasse besuchte, aber +zwei Jahre älter und wegen seines gewalttätigen +Wesens von allen gefürchtet und gemieden war, habe +seinem Vater eine große Summe Geldes entwendet +und alles im Verlauf kurzer Zeit in einem öffentlichen +Haus verpraßt. Die Sage kam zu den Ohren der +Lehrer und des Rektors, es fand eine große Untersuchung +statt, in die auch einige Schüler der oberen +Klassen verwickelt wurden, und Bachmann und seine +Mitschuldigen wurden dimittiert. Am Nachmittag des +Faschingdienstags kehrte Engelhart mit einer Schar +von Kameraden von der Turnstunde zurück. Die +<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>Turnhalle war etwas außerhalb der Stadt gelegen, +und ohne daß Engelhart wußte, was im Werk war, +bemerkte er plötzlich ein heimliches Raunen und aufgeregtes +Tuscheln unter den Knaben, und sie zogen +in eine Seitengasse, wo ein paar unscheinbare Häuser +standen, deren Fenster mit grünen Läden verschlossen +waren. Die Schar, es waren zwanzig bis fünfundzwanzig +Knaben, wurde immer stiller, einige sahen +sich mit furchtsamen, fast irr glänzenden Augen um, +andre lächelten scheu. Sie standen eine Weile unschlüssig, +zwei oder drei rieten umzukehren, da öffnete +sich im oberen Stock eines Häuschens ein Fenster, +und der dicke Bachmann, der Stier, wie sein Spitzname +lautete, lehnte sich über das Sims. Er hatte +eine Harlekinmütze auf dem Kopf und sah wüst und +verkommen aus. Hinter ihm erschienen zwei oder +drei Mädchen, bis zur Brust entblößt; sie lachten und +klapperten zugleich vor Kälte mit den Zähnen, die +eine hielt eine Weinflasche in die Höhe, die andre +stieß Lockrufe aus, wie wenn man Hunde lockt. +Auch sie hatten bunte Papiermützen, mit klingenden +Schellen behangen.</p> + +<p>Unten standen die Knaben vollständig lautlos. +Von denen, die rückwärts standen, schlichen einige +ängstlich davon. Bachmann forderte sie auf, ins Haus +zu kommen, er habe Geld genug, doch keiner antwortete. +Es dunkelte schon, und nach und nach +machten sich alle aus dem Staub. Engelhart trieb +sich noch eine Weile in der heute mehr als sonst +belebten Stadt umher; als er heimkam, sah er unten +im Packraum neben dem Schreibzimmer des Vaters +den Kommis Lechner. Es drängte ihn, mit irgend +jemand zu sprechen. Er hatte die Gesellschaft gerade +dieses Menschen bis jetzt gemieden, er war einmal +dabei gewesen, als Lechner im epileptischen Krampf +niedergestürzt war, Tisch und Bank mit sich reißend, +in grauenhaftem Gebrüll mit allen Gliedern zuckend; +seitdem war ihm seine Nähe unerträglich, und doch +konnte er heute nicht anders, er gesellte sich zu ihm, +begann scheinbar harmlos zu plaudern und erzählte +ihm die Geschichte mit Bachmann stockend und umständlich. +Gewiß merkte Lechner das Bedrückte und +Fragende in Engelharts Gebaren, und er benutzte +den Anlaß, um als Wissender den Unwissenden zu +sticheln. Engelhart setzte sich auf eine Kiste und hörte +zu wie einer, der Vorwürfe verdient. Da nahm +Lechner einen mitleidig-lehrhaften und vertraulichen +Ton an, lehnte sich flüsternd über den Tisch und +seine Augen flackerten glimmerig. Von namenloser +Scham wie gerädert, lauschte Engelhart den +unverkleideten Worten des Menschen. Sein erster +stechender Gedanke war: ›Und meine Mutter?‹ Es erleichterte +ihn, daß er ihr nicht begegnen mußte, daß +ihr Tod ihm erspart hatte, sie mit Augen voll solcher +Kenntnis ansehen zu sollen. Mit einem Abscheu vor +Lechner, der keines Wortes fähig war, erhob er sich +und ging. Der andre, der Dankbarkeit und begieriges +Eingehen erwartet hatte, war erzürnt; er haßte den +Knaben von da an und verfolgte ihn bei jeder Gelegenheit +mit hämischen Anspielungen. Ja, seine Tücke +scheute nicht davor zurück, Herrn Ratgeber mit dem +wohlgemeinten Hinweis auf Engelharts frühe und +gefährliche Reife zu beunruhigen.</p> + +<p>Engelhart schlief mit seinem Bruder Abel, der +jetzt neun Jahre alt war, in einem Bette. Abel war +ein ganz und gar verprügeltes Kind; die steten Gefahren, +von denen er umlauert war, hatten ihn +tückisch und verschlagen gemacht, und da ihm jede +wahre Zucht mangelte, bot sein Charakter dem +Schlechten und Niedrigen immer weniger Hemmungen +dar. Engelhart hatte ihn wegen kleiner Verrätereien, +durch die sich Abel bei der Stiefmutter ein Stück +Brot oder ein gutes Wort erkaufte, vielfach zu fürchten, +doch hatte er schließlich ein Mittel gefunden, durch +das er den Bruder im Zaum halten und an sich +fesseln konnte: er erzählte ihm allabendlich vor dem +Einschlafen Geschichten, Märchen und Abenteuer, die +er gelesen hatte, und als ihm der Vorrat ausging, +fing er an, selbsterfundene Geschichten zu erzählen, +und zwar solche, die er nicht zu Ende führte, sondern +in schlauer Manier stets im spannendsten Moment +mit der Zeitungsphrase abbrach: Fortsetzung folgt +morgen. So entstanden nicht selten sonderbare und +raffinierte Verwicklungen, deren Lösung immer weiter +hinausgeschoben wurde und die an Engelharts Gedächtnis +große Anforderungen stellten. Abel war ein +atemloser Zuhörer, es kam vor, daß er den Bruder +auch bei Tag bedrängte, weil ihm die Neugier keine +Ruhe ließ.</p> + +<p>Heute lag Engelhart schweigend neben Abel in +der Dunkelheit, und so sehr ihn dieser auch um die +Weitererzählung der Geschichte bestürmte, er konnte +kein Wort über die Lippen bringen; das Reden schien +ihm häßlich, im unverfänglichsten Worte spürte er +plötzlich einen Stachel, der die Seele ritzte. Als Abel +sich endlich zufrieden gegeben hatte und schlief, erhob +sich Engelhart aus dem Bett und setzte sich im Hemd +ans Fenster. Weite dunkle Höfe lagen vor ihm, und +schwarze Dächer klebten am Gewölke, hinter dem +umrißlos der gelbe Mond zerfloß. Engelhart stützte +den Ellbogen auf das Sims, sein Herz badete erleichtert +in der wunderbaren Nachtstille, und Tränen +stürzten ihm aus den Augen.</p> + +<p>Frau Wahrmann hatte Engelhart schon im Winter +eingeladen, die Osterzeit bei ihr zu verbringen; Herr +Ratgeber verweigerte seine Erlaubnis, doch, besorgt +<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span>über des Knaben Fortschritte in der Schule, gab er +das Versprechen, ihn zu den Sommerferien nach +Gunzenhausen zu schicken, wenn er in die höhere +Klasse aufsteigen dürfe. Engelhart gehörte nicht zu +den Naturen, für die eine Belohnung zum inneren +Ansporn wird, im Gegenteil, er fand sich durch Erwartungen, +die er erregte, entschieden gelähmt; nichts +ward bei ihm durch Entschluß und klar bewußtes +Handeln, alles wuchs aus einem ungeheuern Druck +und Trieb hervor, und das seinem Wesen Widrige +nahm oft nur durch die Fügung eines guten Sterns +keinen übeln Ausgang. So hatte er geringe Hoffnungen +für einen Sommer, wie ihn seine Sehnsucht +wollte, jetzt, wo alle Lernfreudigkeit geschwunden war +und sein tiefbetrübter Geist, der Unschuld des Betrachtens +entrissen, lichtscheu an den Wurzeln des +Lebens nagte. Es vergingen die Monate, und er +ertrug ungeduldiger als jemals die gleichmäßige +Fesselung durch ehern eingeteilte Stunden, oft wurde +seine Ruhelosigkeit so groß, daß ihn kein noch so +geliebtes Buch zu halten vermochte, und er spürte es: +wenn er diesen Sommer die Freiheit nicht bekam, +und das, was er, geheimnisvoll vorauserlebend, in +ihm ahnte, dann mußte er den feindseligen Gewalten +erliegen, denen er keinen Namen geben konnte. +Einmal, auf dem Weg zur Schule, hörte er bei einem +Neubau einige Leute aufschreien und ihm zuwinken; +in derselben Sekunde vernahm er ein unheimliches +Klirren und Knattern, rings um ihn schwirrte es, +da sah er sich mitten in dem Flügel eines großen +Fensterstockes stehen, der aus der zweiten Etage herabgestürzt +war. Das riesige Ding war durch den erstaunlichsten +Zufall gleichsam rings um ihn herumgefallen, +die Scheiben waren nach außen geflogen +und auf dem Pflaster zersplittert, er stand unverletzt +mitten im Rahmen, als hätte er sich hineingestellt. +Wie trunken blieb er eine Weile stehen und wurde +von den Zuschauern kopfschüttelnd betrachtet. Er +nahm es als ein gutes Vorzeichen, er faßte wieder +Vertrauen, und süße Lebenssicherheit ergriff Besitz +von ihm.</p> + +<p>Endlich kam die Entscheidung, und sie fiel günstig +aus. Anfangs August durfte er reisen. Des Abends +langte er an, herzlich begrüßt, und lag bald darauf +wieder im selben Bett wie vor sechs Jahren, hörte +die dröhnenden, langsamen Stundenschläge der Blasturmglocke, +den mahnenden Gesang des Nachtwächters, +die Eisenbahnzüge im Tal draußen, wie auf einer +Brücke durch den Weltraum rollend. In der Frühe +fragte ihn Frau Wahrmann über die Verhältnisse +daheim aus; sie war eine gute und gerechte Frau +und geriet beinahe außer sich über seine Erzählungen, +in denen er zudem alles ihn selbst Demütigende +verschwieg.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span>Im Hause der Frau Wahrmann hatte sich wenig +geändert. Helene war nun ein heiratsfähiges +Mädchen, aber sie machte sich wenig Gedanken +darüber, und ihre Hauptsorge war auf ein +harmloses Amüsement gerichtet; die zweite, die Gottsucherin, +ergrübelte sich ein Leben voll eingelernter +Idealismen, und ihr Los war schon jetzt die beständig +seufzende Trauer darüber, daß das Lebendig-Seiende +mit dem sehnsüchtig Erdachten so wenig +übereinstimmte. In Esmee zeigte sich die Unbefangenheit +einer kräftig auf Form und Erscheinung +gerichteten Natur, und sie war immer wieder die +Versöhnerin zwischen der spöttisch-überlegenen Helene +und der hadernd-unzufriedenen Jette; sie ließ alles +Unangenehme an sich herankommen und wurde dann +spielend damit fertig. So sehr sie noch Kind war, +so hatte ihr Herz schon für immer gewählt, einen +jungen Studenten, Spiel- und Schulkameraden. Dies +zu wissen war für Engelhart schmerzlich, nicht als +ob seine Gedanken jemals wünschevoll um Esmees +Bild gewebt hätten, aber sie schon in Besitz genommen +zu wissen, das erregte seinen Unwillen. Es war +etwas Gehemmtes und Zelotisches in seinem Blick, +wenn er ihre naiv koketten Künste beobachtete, er +suchte Streit mit dem Mädchen wie mit dem hübschen +Gymnasiasten, der ihr Freund war. Schien es nicht, +als ob Lechners Enthüllungen das Liebestreiben der +Menschen für ihn zu einem epileptischen Krampf gemacht +hätten? Oft geschah es, daß er sich absonderte, +wenn die Mädchen und Knaben hinaus in die Wiesen +wanderten, doch er ging dann nicht seine eignen Wege, +sondern folgte jenen wie ein Spion, verbarg sich hinter +Gebüsch, wenn sie rasteten, beobachtete argwöhnisch und +erregt ihr Treiben und wandte das Auge nicht von Esmee +und ihrem Anbeter. Und wie schimpflich, wie erniedrigt +erschien er sich dabei, ausgestoßen von dem Kreis fröhlicher +Beziehungen, untötbaren Neid in der Brust.</p> + +<p>Es kam auch ein junger Mensch namens Benedikt +Knoll ins Wahrmannsche Haus, gleichfalls ein +Student, siebzehn Jahre alt, also drei Jahre älter +als Engelhart, und dieser gewann durch Scharfsinn +und vielfaches Wissen dort eine geistige Oberherrschaft, +ja eine Art Tyrannei. Er war ein sehr kleiner, +häßlicher Mensch von früh entwickeltem sarkastischen +Witz, ein Jude und eine echte Judennatur, den frommen +und gedrückten Geschlechtern entsprossen und unbewußt +bemüht, diese Abkunft durch ausschweifende Freigeisterei +und ein brünstiges Streben nach Unabhängigkeit zu +verleugnen. Ihm näherte sich Engelhart schüchtern, +bereit, eine Überlegenheit anzuerkennen, die sich so +selbstherrlich gab und die keinen Widerspruch, sondern +nur Bewunderung erfuhr. Benedikt Knoll ließ sich +die Gelegenheit nicht entgehen, seine erzieherischen +Ideen zu verwirklichen, und am lebhaftesten experimentierte +er dann an Engelhart, wenn er an den +Mädchen willige und andächtige Zuhörerinnen hatte. +Er hatte sehr viel Heine gelesen und verachtete, wie +es damals unter jungen Leuten Brauch war, Schiller +und Schillersche Begeisterung; mit einem Heineschen +Witz ließ sich jede ins Traumhafte und Fantastische +schweifende Wendung des Gesprächs mühelos und unter +dem Dank des Publikums ersticken. An Sommerabenden, +wo man unter dem klaren Sternenhimmel +zwischen den Häusern und duftenden Gärten auf und +ab wandelte, wurde mit wenigen ironischen Seitenhieben +Gott aus der Welt gejagt und Wissenschaft, +das heißt blöder Augenschein trat an seine Stelle. +Nun hatte ja Engelhart freilich auf seine Weise schon +Gott verloren, nur nicht so leicht, so überhebend, so +hausbacken, und immerhin lag im verlassenen, noch +nicht entheiligten Tempel der schutzlose Mensch ehrfürchtig +auf den Knien. Dies aber verwirrte sein +Gemüt schwer, und bei all der unwiderstehlichen, +prickelnden Gewalt, die Benedikt über ihn gewonnen +<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span>hatte, fing er doch an, ihn im Innersten zu hassen +und zu fürchten. Dann bestach ihn wieder die freiere +Anschauung von den Dingen des Lebens und das +kühnere Urteil des kleinen Studenten, und sie verabredeten, +in Korrespondenz zu bleiben. Engelhart +trat jetzt in ein Alter, wo Geist oder die Maske des +Geistes, das scheinhafte Wort, schon als Triumph +über die lastenden Schicksalsmächte gilt. Diese Andacht +des Alleshinnehmens und Alleseinsaugens kam +dem kritischen Knoll verdächtig vor, er ärgerte sich +über die zage Verschleierung des Ausdrucks, wenn +Engelhart von der Zukunft und seinem künftigen +Beruf sprach. »Da dich dein Vater zum Kaufmann +machen will, so tu nicht, als ob du zu was Besserem +geboren wärst,« schalt er grob; »du gehabst dich, als +ob’s eine Schande wäre, aber es sitzen noch ganz +andre Leute wie du auf dem Drehsessel.«</p> + +<p>Engelhart schwieg, und eine dunkle Verstimmung +bemächtigte sich seiner. Was konnte es helfen, er +hatte keine Lust dazu. Aber wozu sonst? Die Zukunft +war ihm eine finstre Nacht, aus deren Tiefe +wie ein scharlachner Brand irgendetwas Unbekanntes +strahlte. Auch wenn er in sein Inneres schaute, sah +er dieses Feuer, dessen er sich vor den Menschen +schämte und das ihn beunruhigte, wenn er allein war. +Es schwebte ihm etwas vor, ähnlich wie atemloses +Graben und Schaufeln im Innern der Erde und daß +junge Frauen aus einer jäh geöffneten Pforte traten, +um ihm schweigend und ergriffen zuzuhören, wenn er +von der Finsternis und seiner Einsamkeit erzählte. +Oder er dachte sich in einem seit Jahrhunderten verlassenen +und verfallenen Haus von Gemach zu Gemach +wandernd; nur die letzte Tür war verriegelt, +und als er weitergehen wollte, vernahm er aus +dem Innern eine Stimme, die voll unerhörten +Schmerzes ein unerhörtes Leiden berichtete. Er sah +auch das Bild zahlloser, über eine Heide hinstürmender +wilder Pferde, und er selbst kam des Wegs, +die ungestüme Schar blieb versteinert stehen und er +schritt ruhig durch die willigen Reihen. Er sehnte +sich nach den Menschen im allgemeinen und fürchtete +sie wieder im besonderen. Er liebte es, mit halbgeschlossenen +Augen dazuliegen und über etwas zu +lächeln, was ungreifbar, ein süßer Hauch, über seine +Seele flog. Das war es ungefähr, und es erschien +ihm verwerflich und unfruchtbar, so zu sein, aber er +konnte nicht anders.</p> + +<p>An einem Regentag zeigte sich ein fremdes Gesicht +im vertrauten Kreis, ein Mädchen namens Hedwig +Andergast, eine Offizierstochter aus Nürnberg, die bei +ihren Verwandten, den Notarsleuten, zu Besuch weilte. +Sie war ein wenig älter als Engelhart; da er sie +sah, hatte er ein höchst wunderliches Gefühl: ihm war, als +träume er und sie tanze luftig leicht auf seiner ausgestreckten +Hand. Er wurde später gefragt, ob er sie +hübsch fände, und er konnte nicht antworten, weil er, +kaum daß sie aus dem Zimmer gegangen, sich an +keinen Zug ihres Gesichts erinnern konnte. Die Mädchen +bedrängten ihn, besonders Helene hätte gern gewußt, +ob die Fremde den Vorrang vor ihr verdiente, +da tat er eine feindselige Äußerung gegen Hedwig +Andergast, ganz ohne Ursache, in unklarer Wallung +des Gemüts. Natürlich kam Hedwig oft, sie hatte +Gefallen an den Wahrmannschen Mädchen gefunden, +und da hatte Esmee, boshaft gelaunt, den Einfall, +Hedwig die Worte Engelharts in seinem Beisein zu +wiederholen. Das Mädchen sagte nichts, sie zuckte +nur die Achseln, aber der ruhige, verwunderte Blick +ihrer grauen Augen traf ihn tief.</p> + +<p>An einem Nachmittag, wo es regnete und gewitterte, +wurde beschlossen, auf den großen Dachboden +zu gehen und dort zu spielen. Die meisten Spiele +erwiesen sich für längere Dauer als unzulänglich; +Helene und Jettchen brachten Blumen herauf, steckten +sie mit den Stengeln der Reihe nach in die Fugen +zwischen die Dielen, und der öde Dachboden stellte +einen Garten vor. Man dachte sich einen hohen Zaun +ringsum, Helene war Pförtnerin und ließ nur diejenigen +hinein, die einen selbstgereimten Vers aufzusagen +wußten. Alle zogen sich mehr oder weniger +geschickt aus der Schlinge, nur Engelhart brachte in +der kritischen Lage nicht ein Wort über die Lippen. +Dies schmerzte ihn selbst, denn er wußte etwas und +konnte es nur nicht sagen, hätte es nicht sagen können +um keinen Preis der Welt. Als sie ihn verspotteten, +nahm er eine Holzlatte, hieb den Blumen die Köpfe +ab und fuchtelte derart um sich, daß die Cousinen +schreiend in eine Ecke flüchteten, während Hedwig +Andergast sich in den großen Schlitten setzte, der hier +oben seine Sommersiesta hielt, und gleichgültig, ja +etwas müde vor sich hin blickte. Schließlich, sein Gebaren +wurde ihm selber unbehaglich, sprang Engelhart +auf eine Kiste und schleuderte die Latte wie einen +Speer von sich. Sie traf Hedwig seitwärts an der +Stirn, ein Aufschrei folgte, Engelhart sah Blut, die +Mädchen kamen bleich aus ihren Verstecken, Esmee +lief, um Wasser zu holen, Helene wusch die unbedeutende +Wunde und band ein Tuch um Hedwigs Stirne. +Nachher gingen sie alle ins Klavierzimmer hinunter, +räumten Tische und Stühle beiseite, um zu tanzen, +denn Hedwig wollte zeigen, daß sie sich aus dem Unfall +nichts mache. Aber Engelhart war verschwunden. +Er hatte sich eine Weile im Hof herumgetrieben und +war dann in die Scheune gegangen, wo er sich oben +zwischen den Holzstößen verbarg. Das Gewitter hatte +aufgehört, die Sonne schien in das kleine Fenster an +<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span>der Mauer; er sah hinaus, über ein schmales Gäßchen +hinweg bot sich der Blick auf den Garten des +Kasinos und auf die leuchtenden tropfenden Bäume. +Unten ging Premierleutnant Siderlich vorbei und wie +gewöhnlich folgten ihm einige Knaben mit höhnenden +Zurufen. Premierleutnant Siderlich wohnte längst +nicht mehr bei Wahrmanns, auch war er aus dem +Heeresdienst entlassen, lief in Zivilkleidung herum und +war zur öffentlichen Spottgestalt geworden. Die Knaben +machten sich über seine Trunkenheit lustig, vielleicht +schien er auch nur betrunken und war in Wirklichkeit +krank, jedenfalls torkelte er haltlos am Zaun entlang. +Währenddem kam Hedwig Andergast aus dem Wahrmannschen +Hause und betrat das Gäßchen. Sie hatte +noch das weiße Tuch um die Schläfe gebunden. Der +Premierleutnant Siderlich blieb vor ihr stehen und +legte, als ob er noch Soldat wäre, die Hand salutierend +an den Hut. Die Knaben johlten, Siderlich +lächelte verzerrt. Hedwig sagte zu dem vordersten der +Knaben: »Schämt euch doch, ihr Buben, seht ihr denn +nicht, daß sich der Mann nicht wehren kann?« Einer +aus der Schar entgegnete frech: »Er wirft immer in +der Nacht Steine nach den Fenstern.« Der Premierleutnant +machte eine protestierende Geste, aber die +andern lachten und schrien: »Ja, ja!« Hedwig sah +noch eine Weile zu, bis sie alle fort waren, dann ging +sie weiter. Engelhart hörte sie etwas murmeln und +sie schüttelte den Kopf. Ein unwillkürlicher Ausruf +oder ein Räuspern von ihm ließ sie emporschauen; +sie hemmte ihren Schritt und lachte, wobei sich ein +goldiger Glanz über ihre Lider breitete; Engelhart +war es, als ob er durch den lachenden Mund bis in +ihr Herz hinabsehen könnte.</p> + +<p>Am Abend trat eine Gestalt an sein Bett und +hieß ihn aufstehen. Er gehorchte und kleidete sich an. +Die Gestalt führte ihn hinaus. Am Himmel zuckten +beständige Blitze; es sah aus, als ob unter den Rändern +der Erde ein großes Spiritusfeuer kochte und +die Flammen schlugen beständig über. Er wurde von +der Gestalt bis zum Altmühlfluß geführt. Dort lag +ein Boot, und sie stiegen ein, fuhren ohne Stange +noch Ruder stromaufwärts, und da erwies es sich +plötzlich, daß die Gestalt Hedwig Andergast war; ihr +Gesicht war wie mit einem Silberschleier behangen, +und als er sie schüchtern fragte, warum sie nicht +spreche, legte sie stumm die Hand auf die Brust und +seufzte.</p> + +<p>Es war ein Wunschbild natürlich, aber Wahrheit +steckte darin. So sah er sie und sich selbst, ringsum +von Wundern umgeben. Es war nicht mehr die alte +Erde, auf der er wandelte, es erschien ihm ein wenig +lächerlich, zu gehen, zu sprechen und zu schlafen. Er +mied Hedwig Andergasts Nähe, nichts enttäuschte ihn +so sehr, als ihre Stimme zu hören, und nichts beglückte +ihn so, als einen Raum zu betreten und zu +wissen, daß sie dagewesen war. Es stimmte ihn böse, +wenn sie in seiner Gegenwart von ihrem Elternhaus +erzählte, von ihren Kleidern oder von Vergnügungen +und Gesellschaften, er sah sie dann so wild an, daß +das Mädchen erstaunte und erschrak; dagegen suchte +er am Abend den Garten und die dunkle Laube auf +und saß regungslos, bis es zehn Uhr schlug und die +Tante zum Schlafengehen rief. Dort wurde ihm der +Tag erst Wirklichkeit und holdes Schauen, er fühlte +den Leib der Bäume von sommerlichen Säften strotzen, +in den Mondstreifen leuchtete das Blut der Blumen, +alle Dinge waren doppelt entblößt und doppelt verhüllt. +Es erschien ihm wichtig, daß man gütig und +anerkennend gegen ihn sei, und Hedwig Andergast +wählte er vor allen andern aus, daß sie es sei. Wenn +er im Freien ging, im Wald, warf er sich bisweilen +zur Erde und horchte; der Wind sang, im Innern +der Erde sang es mit, die ganze Natur hatte Atem, +Stimme, Bewegung, Antlitz, Mark und Sehnsucht. +Wenn er an Hedwigs Gestalt und Namen dachte, erzitterte +sein Herz, aber wenn sie kam und ging und +ihm wie allen die Hand reichte, schaute er finster zur +Seite. Er empfand es als eine Demütigung, von ihr +gekannt zu sein. Schließlich wußten doch bald alle, +was mit ihm vorging, er gehörte nicht zu denen, die +ihre inneren Zustände verbergen können, da wurde +jedes Zusammensein eine Qual, und es genügte, wenn +Hedwig bei einer Anspielung errötete, daß er aufsprang, +forteilte und sich den ganzen Tag über nicht +mehr sehen ließ. Von allem am meisten haßte er das +Wort Liebe; er wurde blaß und seine Fäuste ballten +sich, wenn er es hörte; das epileptisch verkrampfte Gesicht +Lechners tauchte hinter dem Wort empor, er erschien +sich besudelt und unwert seiner Träume. Damit +hing es auch zusammen, daß ihm der Anblick +seines nackten Körpers schmerzlich und peinvoll war +und daß er nach dem Bad mit größter Hast wieder +in die Kleider schlüpfte; am liebsten hätte er im Finstern +gebadet. Wenn er körperlich an Hedwig Andergast +dachte, geschah es mit demselben Schauder, den +er damals gespürt, als bei Lechners hündischen Erklärungen +der Gedanke an die Mutter sein Gemüt +aufgewühlt hatte.</p> + +<p>Die Tage wurden merklich kürzer, ein herbstlicher +Hauch ging durch die Landschaft. Die Kirchweih kam, +die gewöhnlich das Ende des Sommers bedeutete; auf +dem Rasen vor den Ruinen der alten Stadtmauer +wurden die Buden errichtet, saßen die Bauern auf +Bretterbänken im Freien und tranken Bier aus steinernen +Krügen. Die Cousinen schauten vor den +Fenstern der Wirtshäuser dem Tanze zu und Engelhart, +<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>abgestoßen von dem Lärm und Gewühl, spazierte +am Schilf des Ufers hin, und wenn er sich umkehrte, +sah er die Figur eines Seiltänzermädchens im himbeerroten +Trikot auf hohem Seil voltigieren; es war, +als ob sie durch den blaßblauen Äther des Himmels +schwebte.</p> + +<p>Bevor die schönen Tage verstrichen, wollte man +noch einen Ausflug auf den Hesselberg unternehmen, +und an einem Abend, wo der Barometer und die +Prophezeiungen der Bauern günstig waren, wurde +eine frühe Morgenstunde zum Abmarsch festgesetzt. Es +war herrliches Wetter. Bei dem Dorf Wurmbach +verließ man die Landstraße und wanderte über die +Wiesen. Knoll und Esmees Student machten die +Führer, Frau Wahrmann und Helene schlossen den +Zug. Die Mädchen sangen Lieder und pflückten +Blumen, an den Ufern eines Waldbachs war Mittagsrast. +Durch Dörfer ging’s, die unberührt von +der großen Welt am Bergeshang versteckt lagen wie +die Perle in der Muschel. Engelhart sammelte Steine, +oben im Schloß verfolgte er eine Eidechse bis ins +Innere eines verfallenen Turms. Nicht mehr so belebt +war der Heimmarsch, die Mädchen wurden müde, +Esmee klagte über ihre wunden Füße, Engelhart gab +sich, wie oft in der Dämmerungsstunde, einer selbstsüchtigen +Traurigkeit hin. Der Himmel war mit +Purpur begossen, die Blätter der Bäume glichen Blutstropfen, +dann kam die Dunkelheit, feuchte Dünste entstiegen +dem Boden, Frösche quakten, das Grillengezirp +erfüllte die Luft wie ein Sausen; aus der verblassenden +Glut hinter den Hügeln wanderten die Sterne +herauf. Wie zufällig hatten sich Engelhart und Hedwig +Andergast einander gesellt. »Sieh mal die Sterne,« +sagte Engelhart und deutete hinauf. Sie sah die +Sterne an, aber sie hatte sie schon zu oft gesehen, es +machte ihr wenig Eindruck. Sie fragte ihn, ob er +wisse, daß sie übermorgen wieder nach Hause reise; er +wußte es nicht; ob er wisse, wo ihre Eltern in Nürnberg +wohnten; er wußte es nicht, sie erklärte es ihm. +Dann schwiegen sie lange Zeit.</p> + +<p>Dem Mädchen wurde sonderbar zumute. Vielleicht +fühlte sie das zum Springen volle Herz ihres +Gefährten und daß ihm von allen Menschenworten +keins zu Gebote stand, um sich zu erleichtern. Irgend +etwas Namenloses riß sie plötzlich hin, sie schwankte +zwischen Ungeduld und Bangigkeit, der bunte Jahrmarkt +ihrer Gedanken und Wünsche bedeckte sich mit +dem Mantel sanfter Schwermut. Ihr war, als müsse +sie ihm helfen, aber sie wußte nicht wie, sie war +genau so hilflos wie er. Die Dunkelheit, die Stille, +die Einsamkeit, die Müdigkeit, die sie empfand, der +weite Weg, der noch vor ihnen lag, all das machte +sie zaghaft, einem unbestimmten Mitleid zugänglich, +und aus dem Kind wurde plötzlich ein Weib, wenigstens +für diese eine Stunde. Ihre Blicke suchten einander, +konnten sich aber nicht treffen und flohen dann +wieder erschreckt in die Ferne. Das mattere und +vollere Schlagen der Herzen wechselte wie im Takt, +das Gras bog sich williger unter ihren Füßen und +sie versanken so in ihr gegenseitiges Schweigen, daß +sie wie aus dem Schlaf emporschreckten, als dicht +hinter ihnen die Baßstimme des kleinen Knoll ertönte, +der sich mit Helene über das Leben in der großen +Stadt unterhielt. Es war spät, als sie heimkamen; +vor der Tür des Wahrmannschen Hauses fand ein +höchst geräuschvolles Gutenachtsagen statt. Esmee setzte +sich auf die Steintreppe und nahm einen Vorschuß auf +den Schlaf ihrer Nacht. Hedwig stand eine Weile bei +den andern, dann kam sie wieder zu Engelhart, dann +entfernte sie sich wieder und kam abermals, schlang +den Arm um den Laternenpfahl und schaute mit erregt +glänzenden Augen die leere Straße hinunter. Es +war ein unbewußtes Nichtvoneinanderkönnen. Wenn +ein weiser Geist zwischen ihnen schwebte, so hat er +vielleicht gelächelt über das kindlich bittersüße Spiel.</p> + +<p>Am übernächsten Tag reiste Hedwig, und nun war +doch die Welt verödet für Engelhart. Auch seine Frist +war um. Die Trennung von dem liebreichen Haus +fiel ihm schwer aufs Herz. Am Ende der dritten +Septemberwoche traf er im elterlichen Hause ein. Dort +hatte sich nichts verändert. Der Vater webte in seiner +Arbeit und in seinen Sorgen wie in Qualm, Abel +war verprügelter als vordem, ein von schlechten Einflüssen +durchaus in die Enge getriebener Knabe. Er +war häßlich geworden, auf seinem fahlen Gesicht kündigten +sich die Laster an, nur in den Augen schimmerte +noch, tief und immer tiefer schlummernd, das +Weh um eine ertötete Kindheit. Engelhart wurde +freudlos empfangen; Frau Ratgeber, gleichwie aufgereizt +durch den Widerschein der verlebten Tage auf +seiner Stirn, verfolgte ihn mit unverstelltem Haß. +Er nahm es hin. Seine Fähigkeit, Widerwärtiges +zu tragen, war größer geworden.</p> + +<p>An einem Nachmittag in jeder Woche entriß er +sich allen Pflichten und marschierte heimlich nach Nürnberg +und vor das Haus an der Rosenau, wo Hedwig +Andergast wohnte. Er langte gewöhnlich an, wenn +es schon dunkel wurde, stellte sich an die gegenüberliegende +Straßenseite und blickte zu den erleuchteten +Fenstern hinauf. Wenn sich ein Schatten an den +Gardinen zeigte, krampfte sich ihm die Brust zusammen, +wenn jemand aus dem Tor trat, hielt er +den Atem an. Der Winter kam, er fürchtete kein +Wetter, scheute nicht den langen Weg hin und zurück, +in Schnee, in Stürmen stand er dort und verließ den +Warteposten erst wieder, wenn die Zeit drängte und +<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span>er bis in die Adern durchfroren war. Er bekam +Hedwig Andergast nicht ein einziges Mal zu Gesicht, +er sah sie überhaupt niemals wieder und die Trübnis +des alltäglichen Lebens schwemmte die frohen Farben +der Erinnerung aus seinem Geiste hinweg.</p> + + + + +<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">V</span>on Woche zu Woche nahm in Engelhart der +Abscheu gegen die Schule zu. Er verachtete die Auszeichnungen, +die dem stumpfen Fleiß, dem tierischen +Gehorsam, der gedankenlosen Aufmerksamkeit zuteil +wurden, angewidert von dieser ungeschmückten Welt, +der aufreibenden Wiederholung mechanischer Geschäftigkeiten, +versank sein Geist in die Sphäre des Traums +so tief, daß es ihn oft Mühe kostete, die Stimme +eines Menschen zu vernehmen, der vor ihm stand und +mit ihm redete. Man sagte dann von ihm, er sei +zerstreut, und er zog sich das Mißtrauen und die +Geringschätzung fast aller Lehrer zu, die seiner Begabung +das beste und seinem guten Willen das +schlechteste Zeugnis ausstellten, was zur Folge hatte, +daß jede seiner Handlungen als Ausgeburt einer böswilligen +Gesinnung aufgenommen und durch züchtlerische +Maßregeln bestraft wurde.</p> + +<p>Keine wohlmeinende und freundliche Gestalt trat +ihm unter seinen Lehrern entgegen. Es waren Männer, +die nicht einen Beruf erfüllten, sondern ein Amt innehatten. +Sie kümmerten sich nicht um die Seele, sondern +nur um die Kenntnis der Knaben. Sie hatten +der höheren Stelle, der sie untergeordnet waren, nur +den Beweis zu erbringen, daß sie ein vorgeschriebenes +Pensum erledigten, so wie die Kellner dem Wirt die +Ablieferung der Zahlmarken schuldig sind. Sie nährten +den Wissensdurst mit Regeln und belohnten den Fleiß +durch Zensuren, das unterweisende Wort war nur eine +Grimasse, der Geist der Belehrung eine Mumie, vertrocknet +durch viele Jahre eines wesenlosen Treibens. +Ihre Belebtheit war aufgedunsen, ihre Vertraulichkeit +voll falscher Töne, ihre Strenge lieblos und zynisch. +Die meisten erschienen gleichsam mit einer Maske vor +dem Gesicht, hielten sie unruhig und krampfhaft fest +und schäumten vor Zorn, wenn sie ihnen bei einer +unerwarteten Gelegenheit entfiel. Wenn er einem +Lehrer auf der Straße begegnete, war es Engelhart +oft, als schäme sich der Mann seines Straßengesichts, +der antwortende Gruß war dann widerwillig oder +von übertriebener Gefälligkeit. Auch in den Lehrstunden +spürte er mit unsicherem Staunen, wie in +manchem eine Art Angst oder Scheu nicht bloß vor +der Meinung und dem Urteil, sondern vor dem Menschlichen, +Fleischlichen der Schüler zutage trat; da wurde +ein gefürchteter Tyrann unversehens kindisch und es +sah aus, als wolle er durch eine tölpische Zärtlichkeit +seinen Mangel an Herzensbeteiligung vergessen machen. +Um den Mund des einen zuckte beständig ein unbegreiflicher +Hohn; ein andrer fürchtete, lächerlich zu +werden, und war wortkarg wie ein Einsiedler; der +dritte, puppenhaft geziert und seine ganze Natur verhüllend +unter einer starren Sachlichkeit, wählte sich +einige Lieblinge, die er verhätschelte, während er allen +andern kalt und hart begegnete; der vierte benahm +sich wie ein Sklavenhalter; der fünfte liebte es, eine +erheuchelte Gutmütigkeit und Umgänglichkeit als Falle +zu benutzen, der sechste war ein unfähiger Schwächling, +der siebente ein Narr. Kein echter und ganzer +Mensch; was sie lehrten, blieb tot: Regeln, Formeln, +Zahlen, Register. Da sie nicht Teilnahme erwecken +konnten, hielten sie die Furcht in Atem, Drohung +und Strafe waren ihre Büttel. Sie wußten nichts +vom Geiste, und der Sache waren sie entfremdet; ihr +Ziel: Dressur. Sie waren beherrscht von jenem +Parade- und Uniforminstinkt, der die Glieder des +jugendlichen Reichs für immer verkrüppelt hat.</p> + +<p>Eines wirkt ins andre; auf einem Distelstrauch +wachsen nicht Rosen. Engelharts Mitschüler waren +in ihrem innersten Wesen zuchtlos. Nur mit der gemeinsten +Notdurft der Dinge vertraut, waren sie jeglichen +Aufschwungs bar, und seltsam war es, die angeborenen +Eigenschaften, Roheit, Tücke, Heuchelei, +feiges Kriechen, von dem dünnen Schimmer unechter +Bildung übertüncht zu sehen. Sie waren mit den +Rätseln des Daseins fertig, ehe noch das Leben die +erste Silbe zu ihnen gesprochen hatte; sie waren nur +füreinander geschaffen, nicht für sich selbst; wenn so +ein Knabe allein auf der Straße ging, hatte sein +Gesicht den Ausdruck des Schlafs. In ihrer Brust +war keine Musik, und Respekt hatten sie nur vor +dem Gelde. Eines war Engelhart immer aufgefallen, +nämlich daß sie nicht sprechen konnten, daß sie nicht +ruhig sitzen oder gehen konnten, um gut und natürlich +zu sprechen; entweder schrien sie oder sie tuschelten. +Dies letztere erregte seinen Abscheu in hohem Grad, +denn er ahnte, was sie mit ihrem Munde und ihren +Gedanken beschmutzten, wenn sie zu dreien oder vieren +beisammenstanden und erregt grinsend einander das +Wort von der Lippe rissen. Bisweilen gesellte er +sich hinzu, um sich zu schützen, denn aus Absonderung +erwuchs ihm Haß, aber sie nahmen sich in acht vor +ihm, auch ummauerte sich sein Wesen, und ohne daß +er darum wußte, ward seine Haltung feindselig. Die +meisten hatten Reiz und Anmut der Jugend schon +eingebüßt, ihre Gesichter waren hohl und fahl von +Stubenluft und ungesunden Trieben, in seine untersten +Schlünde hinabgestoßen war der edle Kindergenius +und schon thronte auf den Stirnen der brutale Zweck.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>Nichtsdestoweniger fand Engelhart ein paar Kameraden, +die manche seiner Neigungen teilten. Mit +ihnen verabredete er sich zu weiten Spaziergängen, +und daraus wurde schließlich etwas wie ein Kultus +mit wunderlichen Zeremonien und Gepflogenheiten. +Sie versammelten sich an einem möglichst abgelegenen +Punkt der Stadt, und bevor der Marsch begann, erhielt +jeder einen Spielnamen, der zugleich eine bestimmte +Rolle in sich schloß. Die Mitglieder der Gesellschaft +leisteten das Gelübde des Schweigens, und +die Formen des Verkehrs, feierlicher gemacht durch +Worte aus einer selbsterfundenen Sprache und durch +eine künstliche Rangordnung geregelt, suchten auf die +Haltung und den Geist der Truppe zu wirken. Mit +Anbruch des Frühlings wurden die Märsche bis gegen +den Moritzberg und die Wälder an den Ufern der +Zenn ausgedehnt. Wenn das einsame Schloß des +befreundeten Königs erreicht war, nämlich ein Forsthaus +oder eine Fuhrmannskneipe, sonderte sich Engelhart +von den Genossen ab und stellte in der tiefen +Wildnis dem Auerochsen und dem Bären nach oder +er ging horchend dahin, untertauchend in die Stille +und die Augen zu Boden geheftet wie der traurige +Prinz, dessen Herz vor Sehnsucht krank ist. Er besaß +das Land, das sie durchzogen, es war in Wahrheit +sein Eigentum; es war ihm herrlich zu Sinn, wenn +sie alle schweigend in einer fast leidenschaftlichen Gangart +dahineilten und der Wind schüttelte die Baumkronen +und die Krähen schwirrten vor ihnen auf. Er +brachte etwas Stürmisches und Atemloses in diese +Wanderzüge, nicht so sehr durch die Begierde nach +immer neuen Eroberungen als durch die unbeschreibliche +Unruhe und das Drängende, Gärende, Wollende +seines ganzen Wesens. Am liebsten hätte er nirgends +Rast gemacht, nur immer ziehen, ziehen, ziehen, die +Welt war so groß, der Himmel so weit.</p> + +<p>An Tagen, wo es unmöglich war, die Stadt oder +gar das Haus zu verlassen, schloß er sich in die +Kammer ein, rannte stundenlang auf und ab und +sang dazu, indem er sich von einem unsichtbaren Orchester +begleitet wähnte. Dann war sein Schlaf schwer +und oft unterbrochen, auch war ihm das Zubettgehen +mehr als je verhaßt und er meinte durch den Schlummer +eine Einbuße an Leben zu erleiden. Es geschah immer +häufiger, daß er sich zur vorgerückten Abendzeit heimlich +aus dem Hause stahl, und er wußte die Magd +zu bereden, daß sie ihn heimlich wieder einließ. Am +Pegnitzufer, dicht neben der Mauer des protestantischen +Kirchhofs, stand ein altes und wegen einer Senkung +des feuchten Erdreichs unlängst verlassenes Haus. Der +Besitzer wollte es nicht abtragen lassen, da der Grund +ziemlich wertlos war; so hatte man an den Seitenmauern +einstweilen Stützbalken angebracht, und um +die Wände im Innern vor weiterer Fäulnis zu bewahren, +standen Trockenöfen in den Räumen und die +rote Glut strahlte aus den Fenstern weit in die Nacht. +Das Tor war verriegelt, doch Engelhart stieg durch +eines der erdgeschössigen Fenster ein, kauerte sich in +einen Winkel und gab sich dem Abenteuerlichen und +Gesuchten seiner Lage mit erwartungsvollem Trotze +hin. Es war ihm recht, wenn es in den Dielen über +ihm geisterhaft knackte oder im Keller die Ratten +rumorten. Die Nähe des Kirchhofs war es besonders, +die ihn ergriff; durch ein seitliches Fenster konnte er +die Trauerweiden und Grabsteinkreuze ungeachtet der +Dunkelheit gewahren. Es steckt ein doppelgängerisches +Wesen in der menschlichen Brust; sein Revier ist der +Traum, es macht das Unbegreifliche zum Bild, den +Willen bindet es und wie die Spinne das Insekt, +umklammert es die Seele und entsaugt ihm die Kräfte +einer behaglichen Freiheit. Bei manchem durchbricht +es seinen Bezirk, bemächtigt sich auch des wachen +Geistes, prägt die Marke der Hörigkeit selbst auf die +jugendliche Stirn, will vernommen sein, und wenn +es nicht gegenwärtig ist, will es beständig erharrt +werden, es macht den Stetigen flüchtig und den freundlichen +Charakter einsam, mit holden Versprechungen +umgaukelt es das Herz, mischt das Gift der Ungeduld +in jede freudig ruhende Stunde und trägt das Bewußtsein +des Lebens mit bedächtiger Grausamkeit +frühzeitig auf die Wege des Todes, läßt um das +Ende wissen, wenn noch nicht einmal die erste Frucht +des Daseins reif geworden ist.</p> + +<p>Drei- oder viermal mochte Engelhart unbehelligt +in dem leeren Hause geweilt haben, da sah er einst, +während er sich erhob und zum Fenster schritt, ein +verzerrt-grinsendes Gesicht von draußen hereinblicken. +Er erschrak, und erst als das Gesicht verschwunden +war, erkannte er seinen alten Feind, den rothaarigen +Rindsblatt. Seit er ihm vor Jahren den übeln Streich +gespielt, hatte er nicht ein Wort mit ihm gewechselt. +Engelhart begriff, daß ihm der Bursche aufgelauert +haben müsse, vielleicht war er selbst auf der Straße +an ihm vorbeigegangen, ohne ihn zu sehen. Er verbarg +sich wieder, wartete geraume Weile, dann öffnete +er vorsichtig das Fenster, schaute hinaus und da er +nichts Verdächtiges wahrnahm, verließ er seinen Zufluchtsort. +Kaum war er draußen, so kam von der +Uferböschung eine Gestalt auf ihn zu, die den Arm +drohend erhob. Es war Rindsblatt. Engelhart begann +zu laufen, der andre lief hinterdrein. Engelhart +lief hinunter gegen den Markt, das Wasser der +Pfützen spritzte unter seinen Stiefeln auf, sein Gewand +war mit Kot bedeckt, die Schritte hallten von +den Häusermauern zurück, das anfängliche Lustgefühl +der raschen Bewegung verwandelte sich in Angst, die +<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span>Angst wuchs und versperrte seine Kehle, er lief blindlings, +ohne zu wissen wohin, der andre ihm nach, +endlich kamen sie in die abschüssigen Straßen der +Altstadt, Wasser und Wassergeplätscher machten ein +Ende, dort unten war alles überschwemmt, weit über +den Schießanger und das neue Schlachthaus hinaus, +und wo sie standen, bespülte die Flut schon die Torstufen +der Häuser. Mondschein lag auf dem weiten +Spiegel des Sees, drüben beim Wehr sprühte silbern +die Gischt. Engelhart stierte hinab, keuchend vom +Lauf, Rindsblatts Gesicht war schweflig fahl und er +sagte durch die verpreßten Zähne: »Ich will dich jetzt +ins Wasser werfen und ersäufen. Dann sind wir +quitt.« Engelhart keuchte verächtlich: »Ein schlechter +Kerl, wer seine Rache so lang aufhebt.« Mit grünlich +glitzernden Augen schnellte Rindsblatt auf ihn zu, +da kam aus einer Seitengasse ein ungeheurer schwarzer +Fleischerhund, stellte sich bösartig knurrend zwischen +die beiden Knaben und fixierte einen um den andern +mit offenem Maul und hängender Zunge. Sie wagten +nicht, sich zu rühren, und als das Tier durch einen +schrillen Pfiff zurückgerufen wurde, schien sich Rindsblatt +eines andern besonnen zu haben, er machte kehrt +und seine plump schreitende Gestalt entfernte sich langsam +gegen den Lilienplatz.</p> + +<p>Am nächsten Tag wurde Engelhart zum Rektor +berufen, Rindsblatt hatte die nächtlichen Ausflüge und +das Einsteigen in das fremde Haus denunziert. Engelharts +Benehmen war das eines Schuldigen; feierliche +Verhöre zerbrachen bei ihm jeden Widerstand und +jedes Selbstgefühl, seine äußere Haltung wurde durchaus +von der Haltung der andern hervorgebracht. Da +der Rektor nichts Wesentliches herausbringen konnte +und da das, was Engelhart berichtete, ziemlich verhalten +und konfus klang, glaubte er an einen verstockten +Heuchler geraten zu sein. Auch der Ordinarius +hegte den Verdacht, daß hier eine geheime +Verbindung oder Verschwörung im Werk war, doch +keine der üblichen Pressionen und moralischen Folterungen +führte zu einem Aufschluß, der unbekannten +Übeltat war nicht beizukommen, und so wurde Engelhart +schließlich zu mehrstündiger Einsperrung verurteilt +und sein Vater erhielt über das Vorgefallene ausführlichen +Bericht. Alles nahm einen amtlich-wichtigtuerischen +Weg, jeder, der ein bißchen Macht hatte, +spielte auf seine Weise Polizei, auf Subordination +war jeder Geist gedrillt und keinen kam ein menschliches +Lächeln an. Auch Herr Ratgeber faßte das +Geschehnis völlig als Staatshandlung auf und verbarg +nicht seinen Kummer und seine Enttäuschung um +den Sohn. Engelhart mußte sich zu Hause abermals +einer Reihe von Verhören unterwerfen, und Frau +Ratgeber strafte ihn, wie sie eben zu strafen pflegte, +durch Demütigungen berechnetster Art und dadurch, +daß sie ihm verschiedentlich die Mahlzeiten vorenthielt.</p> + +<p>In dieser Zeit wuchs für Engelhart nicht viel +Trost. Er ging mit gesenktem Kopf herum, auch sein +inneres Schauen war verschleiert. Oft beobachtete er +Männer auf der Straße mit dem furchtbaren Hintergedanken, +welcher von diesen wildfremden Leuten ihm +wohl besser hätte Vater sein können als der eigne +Vater. Bisweilen ruhte er am Tisch zu Hause von +den anstrengenden und sinnlos weitläufigen Schularbeiten +aus und blickte an der Lampe vorbei in das +auf die Zeitung herabgebeugte Gesicht seines Vaters. +Er faßte die Möglichkeit ins Auge, mit ihm zu +sprechen, etwa wie mit einem Freund, und schon der +Gedanke hatte etwas Absurdes. In allen Büchern +war die Rede von dem heiligen Band zwischen Vater +und Kind, er spürte es nicht, er spürte nur das Joch +unliebsamer Strenge und schablonenhafter Zucht. Die +Worte, die sie hie und da wechselten, waren aus der +kargen Enge des praktischen Bedarfs geboren, hatten +niemals einen geistigen Hauch, vom Scherz nicht zu +reden. Er wußte sich’s nicht zu gestehen und fühlte +doch, daß ein solches Beieinanderleben, selbst wenn es +dem natürlichsten Gesetz der Dinge entstammte, etwas +Unwahres, ja Frevelhaftes hatte, und er glaubte +außerdem dessen gewiß zu sein, daß er dem Vater +zur Last war und daß das unaufhörliche Hindrängen +gegen die Zukunft nichts weiter vorstelle als die Ungeduld, +sich seiner zu entledigen. Er sah, wie rücksichtsvoll +sich der Vater gegen seine zweite Frau benahm +und wie er alles geschehen ließ, was sie gegen +ihn und den Bruder unternahm, und wie er geflissentlich +schwieg oder nur schüchtern zu widerstreben wagte, +wenn ein offenbares Unrecht ihm zu Ohren kam; +Engelhart hörte auf zu hadern, er wähnte, irgendeine +bindende Verpflichtung des Vaters läge dem zugrunde, +der Vater müsse sich irgendwie an dieser Frau +vergangen haben, sei in Schuld und Sühne verstrickt +und finde nicht mehr zu sich selbst. Unter solchen Erwägungen +wurde ihm Frau Ratgeber zu einer hassenswerten +Gestalt und den Vater gab er für sein Herz, +einer unerbittlichen Logik gehorchend, verloren.</p> + +<p>Nun befand er sich einst in dem Zimmer, wo +auf einem mäßig großen Regal die Bücher des Vaters +aufbewahrt wurden, und kramte nach seiner Lieblingsgewohnheit +unter den alten Scharteken, die sämtlich +aus Herrn Ratgebers Jugend und Jünglingsalter +waren. Beim Aufschlagen eines grauen, mehr von der +Zeit als vom Lesen zerstörten Bandes, einer Abhandlung +über das Prinzip der Elektrizität, gewahrte er +auf dem Vorsatzblatt ein Gedicht von der Hand seines +Vaters. Die Verse waren überschrieben: An Agathe +<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span>Herz; er las, platt auf dem Boden liegend, mit aufgestützten +Armen, vor sich hin:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ist es bestimmt in Gottes Walten,<br /></span> +<span class="i0">Daß ich Agathe soll erhalten,<br /></span> +<span class="i0">Die mir des Lebens Inhalt gibt,<br /></span> +<span class="i0">Dann will ich keine Mühe scheuen,<br /></span> +<span class="i0">Mich selbst durch Tugend zu erneuen,<br /></span> +<span class="i0">Denn fromm ist nur ein Mann, der liebt.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Ach, dieses holde Blühn auf Erden!<br /></span> +<span class="i0">So schön war noch kein Lenzeswerden<br /></span> +<span class="i0">Meiner Dunkelheit gewohnten Brust.<br /></span> +<span class="i0">Doch süßer, als wenn Zephyr fächelt,<br /></span> +<span class="i0">Ist’s, wenn Agathes Auge lächelt,<br /></span> +<span class="i0">Davor wird jeder Schmerz zur Lust.<br /></span> +</div></div> + +<p>Lange blickte Engelhart auf das Blatt, ohne es +zu wagen, sich einer sanften Regung völlig zu ergeben. +Die gelesenen Worte veränderten unerwartet das Bild +des Vaters. Er war so verwundert, wie wenn ein +Geschöpf, das er für stumm gehalten, plötzlich zu +reden begonnen hätte. Ob wohl die Mutter um dies +Gedicht gewußt? Wenn nicht, so mußte sie zeitlebens +über die Empfindungen des Gatten im unklaren geblieben +sein, denn daß der Vater je mit ihr davon +gesprochen haben könne, schien ihm undenkbar. Jedenfalls +verbarg er seine Entdeckung sorgfältig und ließ +sich nichts merken, doch schaute er bisweilen den Vater +so gedankenverloren an, daß dieser, unangenehm berührt, +sich das freche Anstarren, wie er es nannte, +verbat.</p> + +<p>Herr Ratgeber durfte nicht zur Ruhe kommen. +Sein Unglück erfüllte sich nicht auf einen Schlag, es +nippte langsam, Schluck für Schluck von den Kräften +seiner Seele. Durch die Unvorsichtigkeit eines Lehrlings +brach während einer Mittagsstunde ein Brand +in der Fabrik aus. Herr Ratgeber saß gerade beim +Essen und schien etwas heiterer gestimmt als sonst, +da gellte von drunten der durchdringende Schrei: +Feuer! Mit den Worten: »um Gottes Himmels +willen« sprang Herr Ratgeber auf und raste hinunter. +Weißer, dicker Dampf quoll durch alle Fenster des +Erdgeschosses, das Holz und die Sägespäne waren +eine gar zu leichte Beute für die Flammen. Nach +wenigen Minuten bliesen die Feuertrompeten, die +großen Leiter- und Spritzenwagen konnten nicht durch +den Toreingang des Vorderhauses fahren, die Leitern +mußten abgeladen und die Schläuche bis auf die +Straße gelegt werden, wodurch eine verhängnisvolle +Verzögerung entstand. Herr Ratgeber war indessen +von seinem Bureau aus in das Innere der brennenden +Werkstätten gedrungen; später wurde er gefragt, +warum er dies getan, da er doch als einzelner auf +keinen Fall etwas hätte ausrichten können; er wußte +nichts zu antworten, es war nur der blinde Trieb +gewesen. Es dauerte nicht lange, so war er dermaßen +in Qualm gehüllt, daß er weder vor- noch +rückwärts konnte, die Sinne schwanden ihm und er +fiel um. Zum Glück durchbrachen die Feuerwehrmänner +in demselben Augenblick eine hier befindliche, +mit Brettern verschlagene Tür, sie sahen Herrn Ratgeber +liegen und schleppten ihn hinaus. Engelhart +schaute vom Fenster oben zu; er rührte sich nicht, +Frau Ratgeber weinte und schrie, räumte die Schränke +aus, warf das Silberzeug in eine Kiste, er stand am +Fenster wie versteinert. Im ersten Stock des Fabrikgebäudes +war eine Gipsgießerei; auf den Simsen +lagen gewöhnlich allerlei Masken und Reliefs, und +Engelhart beobachtete mit einer der dumpfesten Angst +sich entringenden Spannung, wie die Figuren vom +Rauch geschwärzt wurden und die Gesichter der Masken +sich langsam verzerrten.</p> + +<p>Die Folge des Brandes war, daß die Polizei den +ferneren Betrieb der Fabrik nicht mehr gestattete, da +die Lage des zwischen Hinterhäusern eingezwängten +Traktes als zu gefährlich befunden wurde. Herr Ratgeber +mußte so schnell als möglich eine andre Lokalität +haben, auch sann er auf Vergrößerung der ganzen +Anlage, obwohl der bisherige Erfolg ihn keineswegs +dazu ermuntern konnte. Er hatte wenig Kredit, seine +Pläne begegneten dem Mißtrauen der Geldleute, und +wie um ihn zu demütigen, wies man darauf hin, daß +sein Bruder, seitdem er allein das Geschäft in Händen +habe, trefflich gedeihe. »Gewiß,« entgegnete Herr +Ratgeber, »ich bin eben kein Krämertalent, ich bin +Fabrikant.« Schließlich gewann er durch seine geduldige +und überzeugende Beredsamkeit doch noch einen +Kapitalisten, der zugleich sein stiller Teilhaber wurde, +er mietete ein leerstehendes Haus am äußersten Rande +der Schwabacher Landstraße, unweit davon stand, +gleichfalls in großer Einsamkeit und Stadtferne, ein +neuerrichtetes Zinshaus, dessen zweiten Stock er mit +seiner Familie bezog. Nach der Rückseite breiteten +sich die Wiesen aus, und ein mageres Waldstück +schloß den Blick ab, vorne, gegen die Rednitz hinunter, +lag das Dambacher Land, dann die tiefen Forste, die +sich bis gegen Kadolzburg und Erlangen dehnten. +Das auf der Höhe der Chaussee gelegene Gebäude +war den herbstlichen Stürmen von allen Seiten schutzlos +preisgegeben und zitterte oft unter dem Anprall +bis in seine Grundmauern; wenn die Sonne unterging, +waren die Wände und Fensterscheiben wie mit +Blut bestrichen, alle Gegenstände im Zimmer glühten +von innen heraus und im Spiegel über dem Sofa +malte sich noch einmal das flammende Himmelsmeer +über der auf ihre stärksten und einfachsten Linien +zurückgeführten Landschaft. Die Verlassenheit hier +draußen wirkte nicht wohltätig auf Engelhart; Besuche +kamen höchst selten, auch für die Kameraden +<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span>wohnte er zu weit, und innerhalb der Familie war +doch Herz dem Herzen fremd. Einer lauerte des +andern Verfehlungen und Sünden auf, nur Furcht +vereinte sie hie und da einmal, zum Beispiel als in +einem nahegelegenen Wirtshaus ein durchreisender +Fremdling ermordet wurde und die Regungslosigkeit +der darauffolgenden Nächte allen zehnfach fühlbar +wurde. So wühlte sich Engelhart immer mehr in +gefährliches Abgeschlossensein, dunkler färbten sich seine +Träume, von Tag zu Tag ward ihm wesenloser, was +alle Menschen rings um ihn herum an ihr Dasein +knüpfte. Drei Elemente webten in seiner Brust, nämlich +ein schwaches, ein süßes und ein diabolisches. +Das erste fügte sich jedem Druck des Windes und +der Trauer jedes Augenblicks, fügte sich und unterlag, +es gab ihn fruchtlosen Erwartungen preis und +machte ihn zum Knecht allerlei schlechter Gewohnheiten; +das zweite verlieh ihm tiefen Atem, tiefes Weilen bei +sich selbst und die Liebe für die kleinen Dinge, an +denen andre gleichgültig vorübergehen, es schuf Dämmerung +um seine Augen und breitete eine gewisse Andacht +über seine zügellosen Phantasien; das dritte +war schuld an der Heftigkeit seiner Begierden, es erzeugte +aus jeder Bewegung des Gemüts einen leidenschaftlichen +Rausch, erweckte Ansprüche an das Leben, +die sich niemals erfüllen konnten, vertauschte im Nu +Freude und Angst, Ungeduld und Apathie, Überheblichkeit +und Demut, Starrsinn und Nachgiebigkeit. In +einem alten Buche las er einmal Worte, die ihm +lange Zeit rätselhaft erschienen und später plötzlich +eine furchtbare Bedeutung enthüllten: Da stehst du +am Abgrund des Bösen, armseliger Mensch, und +scheuest dich, hinunterzublicken, aber wenn du auch +deinen Pfad abkehrst, so werden dich dennoch die +Geister ewig verfolgen, denen du nur ein einziges +Mal freiwillig das Ohr geliehen hast.</p> + +<p>Er war der Stadt und ihrer Menschen müde, er +sehnte sich nach Freiheit und nach der Welt; ganze +Nachmittage lang lag er am Bahndamm und blickte +die Gleise hinauf und hinab, an die unbekannte +Ferne denkend. Aber die Zeit erfüllte sich. Als der +Sommer kam, der letzte Sommer der Knechtschaft, wie +er meinte, teilte ihm der Vater mit, daß Michael +Herz in Wien sich entschlossen habe, den Neffen zu +sich ins Geschäft zu nehmen. Es habe genug Schwierigkeiten +gekostet, meinte Herr Ratgeber, den Mann so +weit zu bringen, er selbst habe sich für den guten +Willen und das ehrliche Streben Engelharts gleichsam +verbürgen müssen; Engelhart beruhigte seinen Vater, +er versprach alles, was man wollte, er dachte gar nicht +an die Dinge, zu denen er sich verpflichtete, und daß +er dem Vater wie dem Onkel gegenüber eine ernsthafte +Verantwortung auf sich nahm, es drängte ihn +hinaus, etwas andres überlegte er nicht. Aus den +Briefen des Oheims spürte er heraus, daß dieser +große Hoffnungen auf ihn setze, doch daß er nichts +so sehr fürchte als enttäuscht zu werden. Michael Herz +wollte Sicherheit und sichere Gewähr. Er war ein +kinderloser Mann, hatte sich aus eigener Kraft aus +dem Nichts zu Wohlhabenheit und einer angesehenen +Stellung emporgearbeitet und gefiel sich in dem Gedanken, +daß der Sohn seiner geliebtesten Schwester +berufen sei, sein eignes Werk und Leben fortzusetzen. +Aber vielleicht sagte ihm eine Ahnung, wie viel +Schmerz und Kränkung ihm aus diesem Vorhaben +erwachsen könne, deshalb konnte er lange Zeit keinen +Entschluß fassen. Von alldem wandte Engelhart seine +Gedanken ab; den guten Willen, den spürte er, aber +es war ihm zumute wie einem Hungrigen, der für +ein Stück Brot alle möglichen Dinge zu leisten verspricht; +er weiß, daß sein Sinn sich wenden wird, +wenn er das Stück Brot gegessen hat, aber daran +will er nicht denken. Es kam die Zeit der Abgangsprüfung; +Engelhart war stets ein mittelmäßiger +Schüler gewesen, die Seinen zitterten zu Hause um +den Erfolg, auch sie waren es müde, einen sechzehnjährigen +Burschen, der Geld verdienen konnte, noch +länger auf dem Hals sitzen zu haben, aber Engelhart +war seiner Sache sicher, ohne sie doch zu besitzen, er +schrieb und arbeitete wie aus dem Schlaf heraus und +es gelang, das Widerwärtige ergab sich, es war +irgend etwas Freudiges und Freudeerregendes in ihm, +man begegnete ihm zarter, wohlwollender, heiterer als +sonst und durchstrich das Konto seiner Schuld. Es +war ein Aufwachen unbekannter Kräfte, und hätte +sich Engelhart anstatt in einem leuchtenden Taumel +ihnen wissender, frömmer, forschender hingegeben, so +wären sie vielleicht in seinem Dienst verblieben und +hätten ihm Wege gebahnt.</p> + +<p>Als alles glücklich abgelaufen war, wurde seine +Ausrüstung notdürftig instand gesetzt und Frau Ratgeber +entdeckte auf einmal ein besorgliches Herz für +den Stiefsohn. Es war zu guter Letzt noch eine gute +Zeit. An einem Septembertag wanderte Engelhart +mit dem Vater nach Altenberg, um vom Großvater +Abschied zu nehmen. Dort war es auch längst nicht +mehr, wie es vordem gewesen. Der Greis hatte, da +seine zweite Frau gestorben, um seiner Einsamkeit abzuhelfen, +den Schwiegersohn mit seiner Familie von +einer kleinen, doch sicheren Stellung in einem badischen +Dorf zu sich ins Haus gerufen. Es waren +sechs Kinder da, die Frau, Herrn Ratgebers Schwester, +war unheilbar krank, der Mann war ein Frömmler +und verstand nicht zu arbeiten, der älteste Sohn war +<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span>ein Taugenichts, zwei Kinder lagen noch in der Wiege, +das ganze Wesen verwandelte sich in Elend und Sorge. +Der alte Ratgeber zog sich in eine Kammer zurück +und betrauerte seine Jahre. Dort sah Engelhart den +sehr verfallenen Mann, er saß in einem schmutzigen +Ledersessel und reichte ihm die kalte Hand. Engelhart +fühlte drückend und fast beschämt seine prahlerische +Jugend, die mit dem Glanz ihrer herausfordernden +Hoffnungen vor diesem Ende eines Lebens stand. +Nachdem beide lange geschwiegen und einander bloß +angeschaut hatten, holte der Alte aus einer Schublade +ein kleines schwarzes Gebetbuch hervor und schenkte +es dem Enkel. Dieser zögerte, es zu nehmen, denn +es war ihm wertlos, dann sagte der Greis unvermittelt: +»Deine Mutter war eine feine Frau, Engelhart, +eine feine Frau, hat mir arg leid getan um +die Frau. Dein Vater hat kein Glück mehr, seit sie +tot ist.«</p> + +<p>Es vergingen noch zwei Wochen, dann stand +Engelhart eines Abends mit seinem Vater im Regen +vor der Bahnhofshalle, und sie warteten auf den Zug. +Immer von neuem wiederholte Herr Ratgeber: »Sei +ein braver Mensch, werde ein braver Mann.« Er +ließ sich keine Rührung anmerken, und als Engelhart +schon im Coupé saß und aus dem erleuchteten Fenster +blickte, lächelte Herr Ratgeber sein seltsames, verlegenes, +zuckendes Lächeln. Dann rollte der Zug davon, +Herr Ratgeber schaute der roten Laterne des +letzten Wagens so lange nach, bis die Finsternis und +die Ferne das Licht verschlungen hatten, darauf seufzte +er, spannte seinen Regenschirm auf und ging in tiefem +Sinnen nach Hause. Er setzte sich zur Lampe, machte +Auszüge und schrieb Fakturen bis gegen zwei Uhr +nachts, und als er fertig war, sah er, daß es aus +war mit seinen stolzen Plänen und Hoffnungen. Der +Zusammenbruch war unvermeidlich. Da er das Schlafzimmer +betrat, erwachte seine Frau, und er teilte ihr +alles mit. Sie lag stumm da, Bitterkeit und Wut +verschlossen ihr den Mund. Sie hatte einst von einem +schwarzen Seidenkleid geträumt, ferner von einem Hut +mit echten Straußfedern. Damit war es nichts; sie +knirschte mit den Zähnen, legte sich auf die andre +Seite und schlief mit bösem Gesicht wieder ein.</p> + + + + +<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">M</span>it seinem kleinen Köfferchen stand Engelhart vor +der hohen Tür im weißen, erleuchteten Treppenhaus +und suchte ziemlich lange nach dem Glockenzug; den +elektrischen Knopf übersah er. Schließlich klopfte er +mit dem Finger zaghaft an, das Stubenmädchen öffnete, +sah ihn lächelnd stehen und meldete seine Ankunft +der Herrschaft. Herr und Frau Herz kamen +heraus, begrüßten ihn und musterten ebenfalls lächelnd +seinen Anzug und sein linkisches Wesen. Er verlor +unter ihren Blicken die vertrauensvolle Ruhe des Sichselbstbesitzens.</p> + +<p>Der erste Gang durch die Straßen; was er sah, +schien ihm begehrenswert, alles war Erscheinung. Mit +Gier starrte er in die Gesichter fremder Menschen, +glaubte ihre Gefühle und Wünsche zu erraten; der +Lärm der Fuhrwerke machte ihn trunken vor Glück, +das Glockenläuten von den Kirchen versetzte ihn in +eine wogende, atembeklemmende Erregung. Zu den +Häusern, zur Luft, zu all dem Unbekannten in der +großen Stadt knüpfte er stärkere Beziehungen, als zu +den beiden Menschen, mit denen er lebte und auf die +er angewiesen war. Seine abgekehrte Haltung erregte +Befremden. Nur bei den Mahlzeiten war er verständlich, +weil er Portionen vertilgte wie ein ausgehungerter +Sträfling. Mit dem Zustand seines Gemüts +beschäftigte man sich nicht, es war nicht üblich; +daß er sich glücklich fühlen müsse, wurde vorausgesetzt. +Herr Ratgeber richtete einen Brief an Michael Herz, +worin er bat, jeden Fehltritt Engelharts mit unerbittlicher +Strenge zu ahnden. Solche Worte waren +nicht im Sinne von Michael Herz; leider bemerkte er +bei Engelhart wenig Lust und Liebe zur Sache, er +schien nicht einmal die allgemeine Richtung wahrzunehmen, +wohin das vielartige Treiben ziele, es war +nichts Eigentätiges an ihm.</p> + +<p>Der Packraum der Fabrik befand sich in einer +Art von überdecktem Schacht, dort mußten den ganzen +Tag die Gasflammen brennen. Eine gewundene Holztreppe +führte zu den Werkstätten empor. Der Oberpacker +glossierte den Inhalt eines Theaterstücks, das +er gestern gesehen; als er fertig war, kramte ein +andrer seine Erinnerungen an den Ringtheaterbrand +aus. Sie redeten zumeist vom Theater und von +Schauspielern. Engelhart saß träge auf den Sprossen +einer Leiter. Als dem Verwandten des Chefs wurden +ihm gewisse Rücksichten entgegengebracht, und die bezahlten +Leute, von denen niemand eine wirkliche Pflicht +erfüllte, sahen seine Versäumnisse nicht ungern. Sie +wußten aber nichts mit ihm anzufangen, er war und +blieb ein Fremdling.</p> + +<p>Auf der Holztreppe erschien jetzt ein großes +schlankes Fabrikmädchen und richtete den lauernden +Blick auf Engelhart. Er erblaßte. Das Mädchen +ging absichtlich nahe und langsam an ihm vorüber +und ihr Rock streifte seine Knie. Er stand auf, schlich +in den halbdunkeln Nebenraum und warf sich seufzend +auf eine schmale Kiste. Plötzlich sah er empor, +Michael Herz stand vor ihm und schaute ihn mit +einem tiefen Blick des Vorwurfs schweigend an. +Dieser innerliche Blick der blauen Augen erinnerte +<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>Engelhart an den Blick der Mutter. Er hatte eine +unüberwindliche Scheu vor dem Oheim, er sah in ihm +das Ideal eines Mannes und Menschen, auch äußerlich; +Gestalt, Gesicht, Haltung und Betragen waren +die eines Aristokraten aus altem Geschlecht. Er war +kein Geschäftsmann in gewöhnlichem Sinn; er arbeitete +mit dem bohrenden, zur Tiefe gerichteten Ernst eines +Künstlers. Zu Hause war er aufgeräumt, ja übermütig +und am glücklichsten dann, wenn er Gäste hatte, +die sich bei ihm wohl fühlten.</p> + +<p>Kurz vor Weihnachten kam Engelhart in die Buchhalterei, +wo er mehr unter Aufsicht und Arbeitszwang +stand. Um ihn anzufeuern, setzte ihm der Oheim +zwanzig Gulden Gehalt aus. Sein Platz war vor +einem hohen Pult am Fenster. Neben ihm saß Herr +Patkul, der eine Schnapsflasche in seinem Pult hatte +und alle Viertelstunden einen Schluck nahm. Am +Abend, wenn andre anfingen, sich zu betrinken, war +er schon so voll, daß er den Hut nicht mehr auf den +Kopf brachte. Herr Hallwachs, der Korrespondent, +behandelte Engelhart mit spöttischem Hochmut. Er +sagte: »In Franken muß es recht merkwürdige Charaktere +geben,« wenn Engelhart einen Tintenklecks +auf einen Brief machte.</p> + +<p>»Sie haben diesen Posten auf Soll geschrieben +anstatt auf Haben, wie ich Ihnen ausdrücklich gesagt +habe, Herr Ratgeber,« rief der Buchhalter mit schmerzlichem +Augenaufschlag. Er war ein würdiger, gelassener +Mann, ein treuer Diener der Firma. Herr Patkul +knurrte bedeutungsvoll; es hieß so viel als: mich hätte +man längst hinausgeworfen bei solcher Unfähigkeit.</p> + +<p>Ein breiter Sonnenstreifen fiel auf die liniierten +Blätter des Buches vor Engelhart. Er erzitterte wie +bei einer elektrischen Berührung. »Woran denken Sie +denn?« fragte Herr Hallwachs mit sanftem Tadel; +»an das selige Franken? Dort scheint man freilich +von Soll und Haben wenig zu wissen.« Herr Patkul +rief Bravo und klatschte in die Hände, der Buchhalter +ließ ein vorsichtiges Lachen hören.</p> + +<p>Ja, woran dachte Engelhart? An einen Traum +der letzten Nacht. Die Träume waren es, die ihn +so schlaff machten. Hin und wieder versuchte er es, +sie seinem neuen Bekannten Emil Oesterle zu erzählen, +sah jedoch, daß von ihrem Duft und Grauen nichts +an den Worten haften blieb. Die Tintenluft lastete +bleiern auf seinem Kopf. Die Zahlenreihen, die er +addieren sollte, glichen einem Haufen dünnfüßiger +Käfer, sie krabbelten davon, während er sie mit der +Bleistiftspitze verfolgte; unmöglich, die bewegliche, +dünnbeinige Masse zum Stillstand zu bringen. Dann +klang ein Leierkasten von einem nachbarlichen Hof +herüber und sein Herz krampfte sich zusammen vor +Sehnsucht nach der Freiheit.</p> + +<p>»Gib mir einen Rat, lieber Freund, ich ertrage +nicht dies Dasein,« schrieb er abends, als die Verwandten +im Theater waren, an den Studenten Benedikt +Knoll in München. Vor ihm auf dem Tisch +stand die gefüllte Teekanne, und das heiße Getränk +erhitzte vollends sein Blut. Er schrieb und schrieb, +zwölf, fünfzehn, zwanzig Seiten. Am Ende machte +die Überschwenglichkeit seine Handschrift unleserlich. +Nach langer Pause war der Briefwechsel von beiden +wieder aufgenommen worden; Knoll übernahm die +Rolle des Erziehers. Er blinzelte in seinen Briefen +über Engelhart hinweg Herrn Michael Herz zu. Engelhart +merkte es kaum. Die Person Benedikts war +ihm nicht so wichtig wie die Stunde, in der er an +ihn schrieb, und die Gelegenheit, sich mitzuteilen.</p> + +<p>Um elf Uhr kam Tante Esmee unerwartet ins +Zimmer. »Ich habe dir doch verboten, bis in die +Nacht hinein zu schreiben,« rief sie aus. Ihr Gesicht +war weiß vor Ärger. Sie drehte ihm das Licht vor +der Nase ab. Sie haßte ihn, seit sie wußte, daß ihr +Mann sich des Knaben wegen sorgte und kümmerte. +Sie verstand sich darauf, zu hassen. In Engelharts +Gegenwart war jede ihrer Bewegungen von Verachtung +und Widerwillen getränkt. Seine Neigung, von +Dingen außerhalb des praktischen Lebens zu reden, +fertigte sie mit höhnischer Gelassenheit ab. Eine zufahrende, +heftige und trockene Natur, entbehrte sie wie +die meisten kinderlosen Frauen des Gleichgewichts. +Sie liebte abgöttisch ihren Gatten, war zugleich seine +Magd und seine Herrin; wenn sie allein war, war +sie verdrießlich und zerquält und wußte kein Mittel, +der Langeweile zu entgehen, die sie folterte.</p> + +<p>Zwei bis drei Stunden lag Engelhart wach im +Bett und seine Sinne waren so erregt, daß ihm die +Finsternis als ein purpurner Rauch erschien, der sich +zu Gestalten ballte.</p> + +<p>Am Sonntag zeigte ihm Emil Oesterle die Stadt, +sie gingen im Prater spazieren, und wenn sie nach +Hause kamen, tranken sie Tee und spielten Schach. +Oesterle war ein sanfter Bursche, aber es mißfiel +Engelhart, daß er vor Michael Herz ein kriechendes +Benehmen zur Schau trug. Er sollte Engelharts +Interesse an kaufmännischen Gegenständen wecken und +französische Konversation mit ihm treiben, doch Engelhart +sah ihn dann so spöttisch an, daß er verstummte. +Sie waren schon ziemlich vertraut und duzten einander; +an einem Feiertag nach Tisch holte Engelhart +den Gefährten von seiner Wohnung ab. Beiläufig +fragte Oesterle, ob Engelhart des Morgens im Bureau +gearbeitet habe, und dieser bejahte. Am folgenden +Tag erfuhr Oesterle jedoch, daß Engelhart keineswegs +in der Fabrik gewesen sei, sondern sich in den Straßen +herumgetrieben habe; blaß und aufgeregt kam er und +<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span>stellte Engelhart, der nun als Lügner dastand, zur +Rede. Warum er nicht die Wahrheit gesagt, er wußte +es kaum, ein Nein, ein Ja, es entflog oft den Lippen, +ehe er nur dachte, und manchmal wünschte er geradezu +zu lügen. Oesterle gab seinen Abscheu gegen die +Lüge mit Entrüstung kund und sagte: »Wenn du +mich noch ein einziges Mal belügst, Engelhart, werde +ich aufhören, dein Freund zu sein.«</p> + +<p>Tückische Fäden spinnt das Schicksal; wenige +Jahre später endete Oesterle im Zuchthaus, weil er +in dem Geschäft, wo er angestellt war, große Geldunterschlagungen +begangen hatte.</p> + +<p>Als der Winter um war, wurde es klar, daß es +auf diese Weise mit Engelhart nicht weiterging. Er +hielt es keine Stunde hintereinander in dem Schreibzimmer +aus. Wenn Michael Herz hereinkam, fragte +er mit leiser Stimme, wo sein Neffe sei; der Buchhalter +zuckte die Achseln, Herr Hallwachs lächelte vielsagend, +Herr Patkul knurrte. Eines Tages fühlte +sich der Buchhalter verpflichtet, seinem Chef die volle +Wahrheit über den jungen Ratgeber zu sagen.</p> + +<p>Um zwölf Uhr ging Engelhart mit Onkel Michael +zusammen nach Hause. Es herrschte ein beklommenes +Schweigen zwischen ihnen. Auch bei Tische schwieg +Michael Herz; Frau Esmee bemerkte, daß er einen +starken Kummer in sich hineindränge. Plötzlich schien +es, als ob eine Gebärde, ein Blick Engelharts seinen +offenen Zorn furchtbar entfesselte. Er schleuderte +Messer und Gabel von sich, sein Gesicht wurde dunkelrot +und er stieß maßlose Drohungen und Vorwürfe +gegen Engelhart aus, der wie gelähmt dasaß. Frau +Esmee umhalste den erregten Mann und suchte ihm +Ruhe und Fassung zurückzuschmeicheln, zugleich winkte +sie Engelhart gebieterisch zu, er solle das Zimmer +verlassen.</p> + +<p>Er suchte Emil Oesterle auf, um das Vorgefallene +mit ihm zu besprechen. Aber der furchtsame Mensch +hütete sich, etwas zu sagen, was Michael Herz hätte +mißbilligen können. Den größten Teil des Nachmittags +verwandte Engelhart dazu, um einen dringlichen +Brief an Benedikt Knoll zu schreiben. Es war sein +verderblicher Wahn, stets von den andern Menschen +Billigung, Verständnis, Hilfe zu erwarten.</p> + +<p>Er spürte irgendeine unfaßbare Kraft in sich, sein +Blut wirbelte in den Adern, Beglücktheit und tiefste +Trauer wechselten von einer Minute zur andern. +Lauer Frühlingswind strich durch den Park, in dem +er ging, durch die hohen Fenster des Konzertsaals +fiel das Licht auf die schwarzen Bäume. Es war, +als würde der Walzer drinnen von Geistern gespielt, +die Menschheit lag im Todesschlaf, er allein war der +Lebende, für ihn allein war die Welt entstanden.</p> + +<p>Benedikt Knoll schrieb: »Wenn Du ernsten Willen +hast und Notabene Geld, so komm. Ich werde Dich +bald so weit haben, daß Du Vorlesungen besuchen +kannst. Es sind nicht lauter erleuchtete Geister, die +sich am Busen der Alma mater mästen. Schließlich +vermag Minerva ihre Mannen so gut zu ernähren +wie Merkur die seinen.«</p> + +<p>»Nun, was willst du eigentlich? was schwebt dir +vor?« fragte Michael Herz. »Bist du zur Besinnung +gekommen?« – Zögernd offenbarte Engelhart seinen +glühenden Wunsch zu studieren. Michael Herz schwieg. +Seine geröteten, hochgewölbten Lider senkten sich über +die unruhig irrenden Augen. »Gut, studiere,« entgegnete +er endlich schroff. »Ich gebe keinen Kreuzer +dafür her. Wer so wie du sein Glück mit Füßen +tritt, ist nicht mehr wert, als zu verhungern. Das +merke dir: und wenn ich dich an einer Straßenecke +liegen sehe und du schnappst nach Brot, ich höre nichts, +ich kenne dich nicht.« – »Du hast mich gefragt, was +ich will, ich habe ehrlich geantwortet, Onkel,« sagte +Engelhart. »Natürlich, ich bin arm und kann ohne +deine Zustimmung nichts tun.« Frau Esmee kam +dazu, und die ungemessene Verachtung, die sie Engelhart +bezeugte, machte ihn völlig verstockt. Jedes unbefangene +Wort auf eine bestimmte Dankesschuld hin +beurteilt zu sehen, das erbittert.</p> + +<p>Michael Herz sprach mit seinen Freunden über +den Fall. Sie sagten zumeist das, was er oder +vielmehr was Frau Esmee hören wollte. Nur ein +einziger, auf dessen Klugheit und Weltkenntnis er +große Stücke hielt – es war der Hausarzt –, machte +sich anheischig, mit Engelhart zu reden, und stellte ihm +das Unbillige, ja Vernunftlose seines Verhaltens vor. +Engelhart horchte auf. Das war der erste Mann, +der menschlich mit ihm redete und nicht wie von einem +Turm herunter allgemein tönende Worte von sich gab. +»Ich kann nicht,« war alles, was Engelhart zu antworten +vermochte, doch hatte seine Stimme einen +flehentlichen Klang.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span>Am ersten Mai fuhr das Ehepaar Herz für einige +Tage aufs Land. Engelhart blickte von seinem +Zimmer aus in den Hof auf die fensterlose +Rückenmauer des Nachbarhauses. Auf einem vorspringenden +Steinabsatz saß ein Sperling. »Bleibt er +sitzen, bis ich zwanzig zähle, so tue ich’s noch heute,« +sagte Engelhart. Mit vorgenommener Langsamkeit fing +er an zu zählen. Sein Herz klopfte bang. Als er +bei zwölf war, legte der Vogel das Köpfchen schräg +ins Gefieder und schaute in die Richtung, wo Engelhart +stand. Er konnte bis dreiundzwanzig zählen, +da flog das Tierchen auf und zwitscherte ins Sonnenlicht +hinein.</p> + +<p>Engelhart überrechnete seine Barschaft; er hatte +sich ungefähr fünfzig Gulden erspart und meinte, es +sei viel Geld. Dann ging er ins Museum, sah aber +keine Bilder an, sondern setzte sich in eine Ecke und +beobachtete lange Zeit das Spiel eines Sonnenstrahls, +der sich um eine Marmorsäule wand. Eine schöne +Frau, in dunkeln Sammet gekleidet, schritt vorüber, +ohne ihn zu sehen. Sie trug zwei gelbe Rosen in +der Hand, und er hörte sie mit gedankenvoll lächelndem +Mund etwas flüstern.</p> + +<p>Nachmittags packte er seinen Koffer, die Dienstboten +kümmerten sich nicht um ihn. Als es dunkel +wurde, verließ er das Haus. Es war ein göttlich +milder Abend; der Mond lag zwischen scharfgeschnittenen +Wolken wie in einer dunkelblauen Schüssel. +Jetzt war es ihm doch gar eigen ums Herz, weder +traurig noch lustig, sondern weh und verantwortungsvoll. +Auf dem Bahnhof kaufte er ein Billett nach +München. Er mußte über eine Stunde bis zur Abfahrt +warten, dann wurde er in einem unabgeteilten +Wagen mit mehr als dreißig Personen zusammengepfercht. +Nach den ersten Stationen wurde es erträglicher, +aber die Luft war schlecht und die Beleuchtung +trübe. Engelhart drückte die Stirn an die +Fensterscheibe und schaute in die mondbeschienene Wald- +und Hügellandschaft.</p> + +<p>Ihm gegenüber saß eine Bauernmagd; sie hatte +ein rotes Tuch über die Holzlehne gebreitet, darauf +hatte sie den Kopf gelegt und schlief. Ein sonderbarer +Kitzel trieb ihn, an dem Tuch zu zupfen; die +Nachbarn sahen zu und lachten. Der Beifall ermunterte +ihn und er wiederholte es, jetzt rutschte das +Haupt der Schläferin ein Stück herunter. Die Zuschauer +waren höchst belustigt, die ganze Gesellschaft +wurde munter, und als die Bäuerin schließlich ein +unwilliges Gebrumm hören ließ, brachen alle in +dröhnendes Gelächter aus. Engelhart nahm einen +Zigarettenstummel und steckte ihn der immer noch +Schlummernden in den Mund. Die Leute fühlten +sich wie im Theater, ein altes Weib bekam vor Lachen +einen Hustenanfall. Die Schläferin schlug die Augen +auf, ihr verschämtes und bestürztes Gesicht vermehrte +den Jubel. Engelhart ließ es damit nicht genug sein, +es kam wie eine Wut der Tollheit über ihn, er bellte, +krähte, wieherte, nannte einen dicken, triefäugigen +Menschen beständig »Herr Professor«, stieg auf die +Bank und hielt eine unsinnige Ansprache, dabei empfand +er im Innern ein finsteres Staunen über sich. +Der Raum war von Tabaksqualm erfüllt, die lachenden +Gesichter verzerrten sich vor seinen Augen zu unheimlichen +Gebilden. Am andern Ende des Wagens +saß ein Prälat; dieser wandte sich an die Zunächstsitzenden +und sagte: »Der junge Mensch kommt mir +verdächtig vor.« Darauf erhob sich ein andrer, offenbar +ein Handlungsreisender, und rief Engelhart zu: +»Sie, sagen Sie mal, sind Sie vielleicht Ihrem Herrn +Vater mit dem Geld davongelaufen?« Engelhart stutzte, +dann erwiderte er mit gespielter Verachtung: »Mein +Vater hat gar kein Geld.« Da sah Engelhart ein +strenges Augenpaar auf sich gerichtet. Es war ein +blasser, einfach gekleideter Mann mit einer Narbe auf +<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span>der Stirn. Streng und drohend war der auf ihn +geheftete Blick. Allmählich wich das berauschte Wesen +einer tiefen Niedergeschlagenheit. ›Warum starrt er +mich so düster an?‹ grübelte Engelhart. Er wünschte +mit dem Fremden zu sprechen; es lag ihm daran, +jenem mitzuteilen, daß er nichts Böses im Schilde +führe, daß es überflüssig sei, ihm unfreundlich entgegenzutreten, +und daß er Menschen suche, von denen +er geliebt sein wollte. Aber es gab keinen Weg von +ihm zu dem Fremden, obwohl sie nur drei Schritte +voneinander entfernt waren, es gab kein Mittel, den +Unversöhnlichen milder zu stimmen.</p> + +<p>Als der Zug sich der Grenze näherte, wurde es +Tag. Zur Rechten lagen die rosig umhauchten Gipfel +der Berge in der gläsernen Frühluft. Eine dumpfe +Stimme rief: »Engelhart! Engelhart!« War es nicht +der Mann mit der Narbe? Nein, jener war fort, +der Platz, auf dem er gesessen, war leer. –</p> + +<p>»Wieviel Geld hast du mitgebracht?« fragte Benedikt +Knoll. Engelhart nannte die Summe, die er noch +besaß. »Und für wie lange soll das reichen?« fragte +Knoll weiter. Darauf wußte Engelhart keine Antwort. +Knoll war erschrocken. »Kommst du denn +ohne die Einwilligung deines Onkels?« fragte er und +erfuhr, daß Engelhart als Flüchtling kam. Nun hatte +der kleine Student nicht mehr das geringste Wohlgefallen +an der Ankunft des Freundes. Indessen +schmiedeten sie noch am selben Tag einen diplomatischen +Brief an Michael Herz. Knoll teilte dem von +ihm verehrten Manne mit, wie die Dinge standen +und daß er sich für die anständige Führung Engelharts +verbürge. Wenn er wirklich das Zeug zu einem +Manne der Wissenschaft habe, dürfe man ihn doch +nicht untergehen lassen; Herr Herz möge Gnade walten +lassen und den Hilflosen vor Not schützen. Als Antwort +kam nach acht Tagen nichts weiter als eine geschäftliche +Notiz der Firma, wonach Engelhart bis auf +weiteres an jedem Monatsersten fünfzig Mark ausgezahlt +erhalten sollte. Benedikt Knoll rang die Hände. +»Fünfzig Mark!« rief er aus, »da mußt du von +jedem Fünfzehnten ab einen vierzehntägigen Schlaf +tun.« Das Zimmer, das er für Engelhart gemietet, +kostete allein den dritten Teil dieser Summe. Aber +wenn Engelhart fünfzig Mark in der Hand hatte, +hielt er es für unmöglich, daß so viel Geld jemals +ganz ausgegeben werden könne. Erst wenn die letzten +Groschen in der Tasche klimperten, wurde ihm unbehaglich +zumute.</p> + +<p>Knoll spürte wenig Lust, den Lehrer zu machen, +und Engelhart noch weniger, Schüler zu sein. Er +hatte genug gelernt, nun wollte er sehen, atmen, leben. +Trotzdem verbrachten sie einen Tag damit, auf dem +Büchermarkt eine lateinische und eine griechische +Grammatik einzuhandeln. Es geschah der Form wegen. +Dann kamen auch Stunden, wo Engelhart sich aufraffte +und seinem Gedächtnis eine Reihe von Vokabeln +einprägte, die er am nächsten Tag wieder vergaß. Es +ist aussichtslos, dachte Benedikt Knoll und sann darauf, +wie er sich der lästigen Verantwortung entledigen +könne. Inzwischen lebten sie als gute Kameraden, +und da Engelhart an einem unstillbaren Hunger nach +Menschen litt, machte ihn Knoll mit seinen Kommilitonen +bekannt. Engelhart kam jedem einzelnen mit +kindlichem Vertrauen entgegen, aber er setzte sie damit +in Verlegenheit; sie wunderten sich über ihn, was er +sagte, erschien sonderbar einfältig oder unverständlich. +Knoll hingegen war beliebt, und wenn er Engelhart zur +Zielscheibe seines Witzes machte, sahen sie auch diesen mit +günstigeren Augen an, weil sie über ihn lachen konnten.</p> + +<p>Sie standen fest auf ihren Füßen, die Studenten +und Studentlein. Jeder verübte mit dem, was er +besaß, und war es noch so wenig, greulich viel Lärm +und Geklapper, so daß seiner Armseligkeit nicht beizukommen +war. Ungeachtet aller Liederbuchphrasen von +deutschem Männerstolz und echtem Germanentum +waren sie die Knechte eines jämmerlichen Formelwesens, +und der ganze Freiheitsdrang hatte ausgetobt, wenn +sie eine Straßenlaterne zerschlagen und einen Nachtwächter +beschimpft hatten. Sie waren überzeugt, als +Schirmherren für die idealen Güter der Nation bestellt +zu sein, doch im Grunde betrachteten sie all das +wissenschaftliche oder patriotische Getue als ein Geschäft +wie jedes andre. Kräfte der Ahnung, Kräfte +des Herzens wurden im Bier ersäuft.</p> + +<p>Es war ein Juniabend, Knoll und Engelhart +spazierten mit fünf andern Studenten über die Ludwigstraße, +Knolls Intimus, ein gewisser Schustermann, +führte seinen Hund an der Leine, eine schöne +dänische Dogge. Plötzlich riß sich das Tier los, verfolgte +einen andern Hund, kam aber, als sein Herr +pfiff, sogleich zurück. Nun war jedoch Schustermann, +auch sonst ein galliger Bursche, diesmal in boshaft +trunkener Laune. Er fing an, den Hund aufs grausamste +zu schlagen, und schließlich blutete das Tier +aus mehreren Wunden. Je mehr es mißhandelt +wurde, je erbärmlicher winselte es um Gnade; Schustermanns +Freunde standen lachend herum, und einer +sagte: »Der Hund ist wie ein Jud.« Engelhart fuhr +zusammen und erwiderte mit stockender Stimme: +»Wenn man die Juden auch blutig schlägt, um Gnade +pflegen sie nicht zu betteln.« Die Studenten fanden +den Auftritt peinlich, und der älteste bemerkte naserümpfend: +»Mir scheint, er bildet sich was darauf ein, +daß er ein Jude ist.« Knoll war wütend und zischte +Engelhart zu: »Nur nicht pathetisch sein, das gibt +es hier nicht.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span>Am andern Tag kam er zu Engelhart ins Zimmer +und machte ihm förmliche Vorhaltungen. »Was kümmert +es die Leute, daß du Jude bist,« eiferte er. »Schlimm +genug, daß wir es sind, wir haben nicht nötig, viel +Aufhebens davon zu machen. Wir wollen endlich +Ruhe haben und alles vergessen, und jene sollen gleichfalls +vergessen.«</p> + +<p>Doch Engelhart war satt von jenen, es verlangte +ihn nicht mehr nach ihrer Gesellschaft.</p> + +<p>»Wie willst du überhaupt vorwärts kommen mit +deiner beispiellosen Anmaßung?« fuhr Knoll fort.</p> + +<p>»Ich – anmaßend?« flüsterte Engelhart erstaunt +und bestürzt. »Ebensogut könntest du sagen, Schustermanns +Hund sei gestern abend mutig gewesen.«</p> + +<p>Knoll beachtete die Einrede nicht. »Du arbeitest +nichts, du hast kein Ziel, keinen Ehrgeiz, und ich bereue, +was ich für dich getan habe,« sagte er.</p> + +<p>Engelhart trat zum Fenster und schaute stumm in +die Abendröte. Fern zwischen Häusern schwebte noch +ein schmales Sonnensegment. Herz der Welt, du +sollst erglühen, dachte er mit jähem Entzücken – +Worte, die er nie früher gehört. Von einem gegenüberliegenden +Wirtshaus drangen Harfen- und Geigenklänge +herauf. Ach Musik, Musik, all sein Sinn, +sein ganzer Leib lechzte nach Musik, bebte von chaotischer +Musik, das Dämmern und Weben der Zeit, +ihre Rufe, ihre Stimmen, alles Musik, ein Wogen +unfaßbarer Akkorde.</p> + +<p>»Komm, Benedikt,« sagte er versöhnend, »laß +uns eine Partie Schach spielen.« Knoll war es zufrieden, +und da er gewann, kehrte seine gute Laune +zurück. Dennoch kritisierte er bald darauf in einem +Brief an Frau Wahrmann Engelharts Treiben höchst +abfällig. Das machte böses Blut, auch Herr Ratgeber, +der jetzt in Würzburg wohnte und dort als +Versicherungsinspektor tätig war, erhielt Nachricht, wie +die Sache stand. Er schrieb sogleich an Engelhart +und beschwor ihn, umzukehren, solange es noch Zeit +sei. »Willst du denn das geistige Proletariat um +eine hoffnungslose Existenz vermehren?« schrieb Herr +Ratgeber. »Ist es denn kein Beruf, der deiner würdig +ist, Kaufmann zu sein? Wer bist du denn eigentlich? +O, alles Unglück kommt über mich, auch diese Erwartungen +nun zuschanden, und wie steh’ ich vor +meinem Schwager Herz da! Wenn deine Mutter noch +lebte, das würde sie töten. Kann dich nichts andres +bestimmen, von deinem Wahn zu lassen, so denke an +die Leiden und Entbehrungen, die dir bevorstehen.«</p> + +<p>So von allen Seiten in die Enge getrieben, +verlor Engelhart selbst das Vertrauen zu dem gegenwärtigen +Zustand. Das Schlimmste war, daß er mit +dem Geld nicht auskam und gegen das Ende des +Monats nicht wußte, wovon er leben sollte. Er konnte +nicht einmal in der elenden Kneipe, wo er zu essen +pflegte, den Mittagstisch bezahlen. Er träumte sich +hinweg über die Mißlichkeiten, sein Inneres befand +sich in einer beständigen Glut.</p> + +<p>Im Juli begannen die Ferien; Knoll reiste nach +Hause, auch die geringe Zahl der übrigen Bekannten +verließ die Stadt. Engelhart wanderte unter den +Arkaden umher, bis das Nachmittagskonzert zu Ende +war. Das Gewimmel geputzter Menschen stimmte ihn +traurig. Vor der kleinen Rotunde begegnete ihm eine +auffallend schöne Frau, er blieb stehen und sah ihr +mit erstarrendem Gesicht nach. Dann ging er in den +Englischen Garten. Bei der Mühle lagen riesige Felsen +im Wasser, er kletterte von Stein zu Stein und ruhte +endlich auf einem moosbewachsenen Block. Es waren +nicht Gedanken, denen er nachhing, vielmehr war ein +mystisches Weben in seinem Innern, das einen Zustand +von Dämmerung erzeugte. Auf dem Nachhauseweg +kam er an einer offenen Kirche vorbei; er trat +hinein und ließ sich von der kühlen Stille wollüstig +umschauern.</p> + +<p>Es war ihm zumute wie einem Seiltänzer, dem +die Balancierstange entfallen und der nun die Augen +schließt und bebend in die Luft greift, um nicht zu +stürzen. An einem Regentag war er zu Hause geblieben. +Er merkte nicht, daß es im Zimmer dunkel +wurde. Um neun Uhr pochte die Hausfrau und +brachte unaufgefordert die Lampe. Er erhob sich jäh +und glaubte eine Erscheinung zu sehen, ein Weib mit +engelhaften Zügen und einer sanften Gewalt der +Augen. Doch die Wirtin war eine bejahrte Dame, +die ein Seifen- und Kerzengeschäft führte.</p> + +<p>Seine Schwester Gerda hatte jetzt das Pensionat +verlassen und weilte bei den Eltern in Würzburg, von +wo sie ihm einen ihrer kindlichen und unbedeutenden +Briefe schickte. Ohne Verzug antwortete er ihr, schrieb +wie im Weinrausch mit Fingern, die von der Aufregung +schlaff waren. War es doch ein weibliches +Wesen, das ihm von Bluts wegen zugehörte. Stundenlang +saß er in der Nacht und betrachtete immer wieder +das Bildnis der Schwester.</p> + +<p>Mitte August verlangte Herr Ratgeber mit Strenge, +daß Engelhart der Müßiggängerei ein Ende mache +und einstweilen nach Würzburg reise. Engelhart war +der entschiedenen Weisung froh, denn die Zeit floß +fruchtlos hin. Er packte seine sieben Sachen zusammen, +mußte aber seine Uhrkette verkaufen, da sonst +das Geld zur Fahrt nicht gereicht hätte. Er wurde +nicht sehr freundlich empfangen. Der Vater sah abgearbeitet +aus. Trotzdem schien Herr Ratgeber nie +verdrossen, eher bekümmert, und auch dies nur, wenn +er sich unbeobachtet wußte. Er litt unter seinem +neuen Beruf, denn es war der jämmerlichste von allen +<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>Berufen der Welt und zwang den zurückhaltenden +Mann zur Aufdringlichkeit. Da die Konkurrenz unverschämt +war, durfte kein Mittel verschmäht werden, +und wer am meisten schwatzen konnte, trug den Sieg +davon.</p> + +<p>Abel war Lehrling in einem Tuchgeschäft; in der +Schule hatte er nicht länger bleiben wollen, aber in +seiner Stellung tat er auch nicht gut, er machte +schlimme Geschichten. Kurz vor Engelharts Ankunft +war beschlossen worden, ihn nach Amerika zu expedieren; +Herr Ratgeber hatte sich an einen Jugendfreund +gewandt, der drüben reich geworden war. Am +zehnten September ging das Schiff von Bremen ab, +bis dahin mußte Abel reisefertig sein.</p> + +<p>»Du mußt nach Wien schreiben und Abbitte +leisten,« war das erste Wort morgens und das letzte +abends für Engelhart. Er sträubte sich aus allen +Kräften, der bloße Gedanke machte ihn sich selber +zum Abscheu. Aber die Tage sind lang und das +Gnadenbrot schmeckt bitter. Mehr als die Demütigungen +und Vorwürfe von seiten der Stiefmutter +wirkte der stille Kummer des Vaters. Herr Ratgeber +vermochte dem Sohn gegenüber nicht beredt zu +werden, wie er sich’s vorgenommen hatte. Er nahm +in Engelharts Wesen etwas wahr, irgendeinen Funken +im Auge, einen Tonfall der Sprache, was ihn an die +eigne Jugend gemahnte; unvermutet fand er sein +Herz milder als sein Urteil. Es war öde um ihn, +unwillkürlich suchte er im Gefühl zu den Kindern +einen Halt.</p> + +<p>Es war ein wunderbar verblühender Sommer, +ein stetiges Abflammen in den Herbst hinein. Engelhart +trieb sich in den Weinbergen herum und schaute +von oben auf die türmereiche Stadt nieder. Im Hause +war er gern, wenn Gerda zugegen war. Sie war +schön zu nennen, zart von Gestalt, blaß von Gesicht; +ihr schüchternes Auge, ihr sanftes Hinträumen machten +einen innigen Reiz aus. Engelhart brachte ihr Blumen; +sie lachte; vom Bruder beschenkt zu werden, erschien +ihr komisch.</p> + +<p>Es war Nacht, und ein heftiges Gewitter tobte. +Engelhart stand auf, klopfte an Gerdas Schlafzimmertüre +und fragte, ob sie sich fürchte. Sie schlief und +hörte nichts. Er wartete und hielt Wache, bis das +Donnern in die Ferne zog. Er dachte darüber nach, +ob Gerda einst glücklich sein würde. Auf der Straße +bemerkte er sie von weitem und blieb in unbesieglicher +Erregung stehen. Doch wenn er sie nicht sah und +ihre Gegenwart nicht empfand, erschien ihm dies Betragen +tadelnswert überschwenglich, und er erinnerte +sich mißbilligend an die seltsame Gewohnheit, die sie +hatte, Kalk von den Wänden zu schaben und zu essen.</p> + +<p>Gefährten hatte er hier keinen. Es gab viele +Studenten in der Stadt, doch er fühlte sich nicht zu +ihnen gehörig; es gab auch viele Kaufleute, und zu +den Kaufleuten gehörte er gleichfalls nicht.</p> + +<p>Endlich war der Schicksalsbrief an Michael Herz +geschrieben und abgeschickt, vier Seiten voll von Versprechungen +und Selbstanklagen. Vor der Stadtmauer +beim Hofgarten war ein Brunnen, aus dem +kein Wasser mehr lief. Dorthin eilte Engelhart, +wühlte das Gesicht ins Moos, und nachdem er eine +Weile geweint hatte, wurde es ruhig in ihm, er legte +sich auf den Rücken und studierte die Wolken. Oben +auf der Mauer war eine einsame, von Birken- und +Ahornbäumen gebildete Allee. Am Tag vor Abels +Abreise ging er mit dem Bruder hier spazieren. Der +dumpfe Abel hatte keinen Begriff von Reise und Ferne, +er freute sich nur, der unerträglichen Tyrannei der +Stiefmutter entrinnen zu können. Widerwillig war +er mit Engelhart gegangen und fand dessen Fragen +und Ratschläge lästig. Sie setzten sich auf eine Steinbank, +und Abel sagte gelangweilt: »Du könntest mir +wenigstens eine Geschichte erzählen, Engelhart, wie +früher, weißt du noch?« – »Schön, ich will dir +etwas erzählen,« antwortete Engelhart, »die Geschichte +vom ewigen Bräutigam.« Er schaute eine Weile besinnend +in die Luft, bis Abel ungeduldig wurde, da +fing er an:</p> + +<p>Es lebte einmal ein ganz gewöhnlicher Hirtenjunge, +dessen größtes Vergnügen war es, auf der +Erde zu liegen und in die Luft zu gucken. Je nachdem +die Sonne sich drehte, drehte er sich mit, daß sie +ihm nicht ins Gesicht schien. Wenn man ihn fragte: +»Nichts zu tun, Jackele?« so antwortete er: »Alles schon +getan,« und sie nannten ihn daher Jackele Katzenpelz. +Einmal wurde Jackele mit den Gänsen auf eine Waldwiese +geschickt, und als er hinkam, legte er sich gleich +auf den Rücken und dachte darüber nach, was wohl +hinter dem blauen Himmelsvorhang verborgen sein +möchte. Die Zeit verging, und als die Sonne sank, +erhob er sich und wollte die Gänse zusammenrufen. +Da sah er einen großen rosigen Flamingo, der vom +Walde aus auf seine Herde zustolzierte, langsam die +Flügel ausbreitete und mit einem hellen Schrei in die +Luft flog. Kaum hatten die Gänse den zauberhaften +Ruf vernommen, so flatterte eine nach der andern +hinauf, und sie zogen in langer weißer Linie zuerst +um die Baumkronen und dann in den abendlichen +Äther. Als Jackele ohne die Gänse heimkam, fielen +die Dorfbewohner über ihn her, prügelten ihn erbärmlich, +und sein Vater wies ihn von der Tür und +sagte, er solle ihm nicht mehr vor Augen kommen +ohne die Gänseherde. Mitten in der Nacht mußte er +aus dem Dorf wandern und sann darüber nach, wie +er wieder zu den albernen Gänsen kommen könnte. +<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span>Die Frösche hockten aufgeblasen in der Wiese und +quackten:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Jackele, Jackele, wo sind denn deine Gäns’?<br /></span> +<span class="i0">Sie sitzen vielleicht am Weiherle und waschen ihre Schwänz’.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Jackele ging zum Weiher, sah aber nichts von den +Gänsen und wurde traurig. Da tauchte ein silberner +Strahlgeist aus dem schwarzen Wasser empor, tanzte +eine Weile umher und flüsterte endlich:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Jackele, nicht weinen,<br /></span> +<span class="i0">Sternlein soll scheinen,<br /></span> +<span class="i0">Sturmwind soll wehn,<br /></span> +<span class="i0">Mußt durch die sieben finstern Länder gehn.«<br /></span> +</div></div> + +<p>›Wie soll ich den Weg durch die sieben finstern +Länder finden?‹ dachte Jackele. Aber die Sterne +schienen so hell vor ihm her, daß er nicht in die Irre +geraten konnte, und als er anfing, müde zu werden, +kam der Wind, nahm ihn auf seine Schulter und trug +ihn bis dorthin, wo wieder die Sonne am Himmel +stand. Da sah er auch schon die schimmernden Mauern +der königlichen Burg in einem Garten mit lauter +dunkelroten Blumen. Und wie er aufhorchte, hörte +er von drinnen ein wohlbekanntes Geschnatter und +wußte, daß seine Gänse im Schloß des Königs seien. +Er pochte schüchtern an das eiserne Tor, doch niemand +hörte ihn, und es ward nicht geöffnet. Schon fing +sein Mut wieder an zu schwinden, da flog ein Bienenschwarm +heran, kreiste um seinen Kopf, und wie er +mit den Händen Gesicht und Augen verdeckte, um sich +vor ihren Stichen zu schützen, hörte er, wie sie summten:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Mußt das feige Blut bezwingen,<br /></span> +<span class="i0">Nicht nur warten, nicht nur hoffen,<br /></span> +<span class="i0">Wolle nur, so wird’s gelingen,<br /></span> +<span class="i0">Riegel fällt und Tor ist offen.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Als er dies vernommen, nahm er seine ganze +Kraft und alle Gedanken zusammen und schritt auf +das Tor los, und wirklich, es tat sich auf. Der +Soldat, der vor der Tür des Königs Wache hielt, +ließ vor Schrecken das Gewehr fallen und eilte, den +Vorgang zu melden. Auch der König geriet in Angst, +und dachte, ein Zauberer sei gekommen, um ihn zu +vernichten. Er warf den Purpurmantel über die +Schulter, ging dem Fremdling entgegen, lud ihn ins +Schloß und bot ihm eine Stelle als Reichsminister +an. Der alberne Hirtenjunge schüttelte den Kopf und +forderte nichts weiter als seine Gänse. Da lächelte +der König, ließ den Stall öffnen, die Gänse marschierten +freudig gackernd heraus, Jackele trieb sie aus +dem Tor und sie wanderten allesamt gegen die Heimat. +Nun befand sich jedoch unter den Höflingen des Königs +ein wirklicher Zauberer; dieser hatte alles mitangesehen +und sich in seinem verzwickten Verstand gesagt, mit +den Gänsen müsse es eine eigne Bewandtnis haben; +kurzum, er glaubte nicht an die Einfalt des Hirten +und meinte, Jackele sei vielleicht ein Mensch, der über +geheimnisvolle Kräfte der Geisterwelt verfüge. Er +setzte sich deshalb in den Kopf, ihm die Gänse abzulisten, +eilte ihm nach, verwandelte sich in einen +Zwerg und stand plötzlich wie aus der Erde gewachsen +vor Jackele da. »Gib mir deine Gänse,« sagte er, +»und ich will dir geben, was noch kein Mensch besaß.«</p> + +<p>»Was willst du mir geben?« fragte der Hirt.</p> + +<p>Der Zwerg hielt ihm eine goldne Schüssel entgegen, +und darauf lagen drei Dinge: ein weißer Edelstein, +ein gläsernes Auge und ein frisch blutendes +Herz, so klein wie eines Vogels Herz. »Wähle,« +sagte der Zwerg.</p> + +<p>»Was ist es mit dem Edelstein?« fragte Jackele.</p> + +<p>»Er gibt Reichtum,« antwortete der Zwerg.</p> + +<p>»Und mit dem Auge?« fragte der Hirt.</p> + +<p>»Es gibt Wissen,« sagte der Zwerg.</p> + +<p>»Und das Herz?«</p> + +<p>Da schüttelte der Zwerg den Kopf und entgegnete, +darüber könne er keine Auskunft geben.</p> + +<p>Da griff Jackele schnell nach dem Herzen, und +kaum hielt er es in der Hand, so war der Zwerg +samt allen Gänsen verschwunden. Jackele spürte aber +auf einmal eine mächtige Unruhe in seinem Innern. +Als er in das Dorf zurückkam, fand er in allen Gesichtern +Spott und Haß. Die Kunde, daß er um der +elenden Gänse willen des Königs Gnade ausgeschlagen +hatte, war ihm vorausgeeilt, und da er nun nicht +einmal die Gänse zurückbrachte, verwünschten sie ihn +wegen seiner Dummheit, jagten ihn davon und schrien:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Katzenpelz-Jackele,<br /></span> +<span class="i0">Kein Geld im Sackele,<br /></span> +<span class="i0">Im Kopf kein Verstand,<br /></span> +<span class="i0">Der ärgste Tropf im Land.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Immer gewaltiger wurde aber die Unruhe in der +armen Brust des Hirten. Es zog ihn die kreuz und +die quer durch das Land, es zog ihn zu den Menschen, +er fand auch da und dort Aufnahme, aber er +konnte nirgends bleiben, immer trieb es ihn weiter +und schließlich fingen die Leute an, ihm zu mißtrauen +und sagten: Man muß sich hüten vor ihm, er hat +einen bösen Blick. Da er auch kein Geld besaß, so +gaben sie ihm nichts mehr zu essen, und er mußte +hungern. Nach überlangem Wandern begegnete er +auf der Landstraße einem dürren alten Weiblein und +fragte, ob sie nicht wisse, wie man Schätze erwerben +könne, denn er bereute jetzt aufs heftigste, daß er damals +nicht den Edelstein von der goldenen Schüssel +genommen.</p> + +<p>»Zieh nur weiter bis gegen Mittag,« sagte das +Weiblein, »da kommt ein Berg und da wohnt ein +Schmied, der weiß, wie man Schätze erwerben kann.«</p> + +<p>Jackele kam richtig vor die Schmiede und bat den +<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span>Schmied, der nackt, mit rußgeschwärztem Leibe vor +der Esse stand, er möge ihm helfen, Schätze zu erwerben. +Der Schmied führte ihn in die Werkstatt +und hieß ihn den Blasbalg treten. Das Feuer fauchte +auf und Jackele sah glühendes Gold in den Flammen +liegen; seine Begehrlichkeit erwachte, ohne zu überlegen +griff er mitten in die Glut und wollte das +Gold nehmen. Aber das Feuer verbrannte seine beiden +Arme bis an die Ellbogen hinauf, und er warf +sich auf die Erde hin und schrie vor Schmerzen. Der +Schmied lachte, ergriff den großen Hammer, ließ ihn +viele Male auf den Amboß heruntersausen und bei +jedem Schlag rief er lachend aus: »Schaff dir das +Herz vom Leibe! Schaff dir das Herz vom Leibe!« +Jackele verließ die Schmiede und kam alsbald in den +dunkelsten Wald, den er je gesehen. Es wurde ihm +so einsam, daß er zu sterben fürchtete, außerdem +schmerzten ihn die verbrannten Arme. Als es Abend +wurde, machte er am Rande eines verfallenen Brunnens +Rast, und da ungeachtet aller Müdigkeit doch +wieder die treibende Unruhe über ihn kam, dachte er +an die Worte des Schmieds, nahm das blutende +Herz, das so klein wie eines Vogels Herz war und +sagte: »Du teuflisches Ding, du hast mir die Seele +vergiftet, hast mir die Ruhe genommen, so fahr in +die Tiefe, ich will deiner los sein.« Damit schleuderte +er das Geschenk des Zwergs in den Brunnen +hinab.</p> + +<p>Auf einmal hörte er wieder jenes vertraute Geschnatter +in der Luft wie vor dem Königsschloß, und +als er emporschaute, sah er drei Gänse aus seiner +Herde, und jede saß auf der Krone eines Baumes. +Jetzt flatterte die erste herab, setzte sich an den Rand +des schwarzen Loches und rief:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Herz der Welt, du sollst erglühen,<br /></span> +<span class="i0">Ich bring’ dir einen Bräutigam,<br /></span> +<span class="i0">Laß ihm deine Schätze blühen.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Darauf entstand ein Leuchten in der Tiefe des +Brunnens, wie wenn alle Finsternis des Erdenschoßes +sich in eitel Feuer verwandelt hätte. Die Bäume +fingen an zu rauschen wie Orgeln, die Vögel zwitscherten, +daß es wie der Gesang von Elfen ertönte, und Jackele +starrte hinab, sah der Welten Herz erglühen und seine +Sehnsucht und Reue wurden so groß, daß er meinte, +es werde ihm die Brust auseinanderreißen. Die zweite +von den Gänsen rief indessen immerfort: »Du bist +der Bräutigam, du bist der Bräutigam;« und die +dritte, die schwarzflüglige, flog auf, ließ sich, als sie +über der Mitte des Brunnens schwebte, langsam zur +Tiefe sinken, und da sie unten war, fing sie an zu +brennen, ward aber plötzlich verzaubert und kam als +herrlicher Paradiesvogel wieder empor. Sie ließ ein +paar Wassertropfen aus dem Schnabel auf Jackeles +Wunden fallen, daß sie sogleich heilten, und sagte: +»Das Herz der Welt läßt dich grüßen, du sollst hinuntersteigen +und dich ihm anvermählen.« Inzwischen war +Jackele von einem Holzknecht bemerkt worden, der es +den Leuten im Dorf verraten hatte. Diese eilten nun +mit Dreschflegeln herbei, um den unnützen Gesellen +totzuschlagen. Wie staunten sie aber, als sie ihn mit +einem silbernen Kleide angetan am Rand des Brunnens +sitzen sahen, den fremden Vogel auf der Schulter. +Sie wagten ihn kaum anzuschauen und gingen schließlich +beängstigt und kopfschüttelnd wieder nach Hause. +Nun sollte Jackele in den Brunnen steigen, doch das +war ein so schweres Unternehmen, daß Tag um Tag +verging und er nicht einen Schritt weiterkam. Es +gab kein Seil, das lang genug gewesen wäre; er +mochte graben und schaufeln und Leitern bauen, es +half alles nichts, und wäre nicht der Gesang des +Paradiesvogels gewesen und der beseligende Anblick +des glühenden Herzens in der Tiefe, so wäre er verzweifelt +und hätte von seinem Vorhaben abgelassen. +Was weiter mit ihm geschehen ist, kann ich nicht sagen, +weil ich’s nicht weiß. Vielleicht ist es ihm am letzten +Tag vor seinem Tode doch gelungen.</p> + +<p>Abel war unzufrieden mit dieser Geschichte. Er +sagte, an Zaubereien glaube er nicht, und daß Gänse +und Frösche sprechen könnten, sei nicht wahr. Sie +schritten währenddem beide über die gewundenen +Terrassen herab in die Lauben- und Efeugänge des +Gartens und sahen die vielfach verzierte Fassade des +Schlosses vom bleichen Abendlicht übergossen. Engelhart +war tief in Gedanken und durch die Luft wie +durch die Blumengerüche gleicherweise erregt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[261]</a></span>In der Frühe um halb fünf nahm Abel Abschied. +Engelhart und der Vater begleiteten ihn zum +Bahnhof. Herrn Ratgeber ging es nahe; auch +hatten ihm einige Bekannte die Sache bedenklich gemacht, +es sei doch gefährlich, einen Knaben von dreizehn Jahren +bis ans andre Ende der Welt zu schicken. Als sie +wieder auf dem Heimweg waren, bemerkte Engelhart, +daß es um den Mund des Vaters verräterisch zuckte. +Gleich darauf trafen sie am Glacis einen Rimparer +Bauern, der mit einer Fuhr zum Markt kam, Herr +Ratgeber rief ihn an, fragte, was in den Säcken enthalten +sei, und verhandelte dann eifrig wegen eines +Zentners Kartoffeln mit ihm.</p> + +<p>Wenige Tage später kam der Antwortbrief von +Michael Herz. Er wolle den Gelöbnissen trauen und +es noch ein einziges und letztes Mal probieren. In +<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[262]</a></span>sein eignes Geschäft könne er Engelhart schon aus +Gründen der Disziplin nicht zurücknehmen, er habe +einen Freund, den Chef des angesehenen Exporthauses +Freitag und Sohn, bewogen, Engelhart als Lehrling +aufzunehmen. Es hänge alles andre davon ab, ob +er dort ernsten Willen und dauernde Besserung zeige. +Durch seinen Wahnsinn habe er ein ganzes Jahr vergeudet, +hoffentlich hätten ihn seine Erfahrungen für +immer belehrt. Darauf folgten noch Anweisungen +über die Reise; er solle nach der Ankunft in einem +billigen Vorstadthotel übernachten und sich am Morgen +gleich seinem künftigen Chef vorstellen. Ihn in seinem +eignen Hause wohnen zu lassen, halte er nicht für +angemessen, einer solchen Vergünstigung müsse sich +Engelhart erst würdig zeigen. Er habe einen seiner +Angestellten, Herrn Kapeller, beauftragt, ein Zimmer +zu mieten. »Zu Mittag kannst du bei uns sein,« +schloß das polizeimäßig sachliche Schreiben, an dessen +Inhalt Engelhart schluckte und würgte, »das Abendbrot +bekommst du bei der Familie Kapeller.«</p> + +<p>Herr Ratgeber war glücklich über den Verlauf. +Er nahm den Sohn mit ins Kaffeehaus, zahlte die +Zeche für ihn und erteilte ihm gute Lehren. Die aufrichtig +gemeinten Worte schwirrten inhaltslos an +Engelharts Ohr vorüber.</p> + + + + +<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>ie trübselige Reise, das Übernachten in einem +schmutzigen Hotel, das peinliche Wiedersehen mit dem +Oheim, es glich einem Traum von nicht unerwarteter +Häßlichkeit. Im Vorzimmer der Firma Freitag und +Sohn mußte Engelhart stundenlang warten. Junge +Leute mit bleichen und hochmütigen Gesichtern saßen +an den Pulten im Kontor, in das er durch eine +Glastür blicken konnte. Ein schwarzbärtiger finsterer +Herr führte ihn schließlich ins Privatgemach des Chefs. +Dieser Raum zeigte einen weibischen Luxus und glich +mehr dem Boudoir einer Kokotte als dem Zimmer +eines Geschäftsmannes. Herr Freitag, ein kleines +grauhaariges Männchen, lag in einem ungeheuern +Ledersessel und hielt, nach Art der Weitsichtigen lesend, +in der ausgestreckten Hand ein Buch. Erst nachdem +Engelhart den schüchternen Gruß wiederholt hatte, +wendete Herr Freitag den Kopf und starrte, scheinbar +höchst überrascht, den jungen Menschen mit herausquellenden +Augen von oben bis unten an. »Bevor +Sie das nächste Mal in ein anständiges Zimmer +treten, lassen Sie Ihre Stiefel säubern, Verehrtester,« +zeterte er mit einem umkippenden Kastratenstimmchen. +»Sie sind also der Ausreißer, wie? Schön, schön, +wir werden ja sehen, wenn Sie nicht parieren, werf’ +ich Sie hinaus. Adieu, junger Mann.«</p> + +<p>Ein enges düstres Loch im Erdgeschoß eines +engen düstern Hauses war das Zimmer, das Engelhart +bewohnen sollte. Es hatte keinen eignen Eingang +und war nur durch die Küche und das Wohnzimmer +der Partei zu erreichen. Nebenan war die +Straße, wenn ein Fuhrwerk über das Pflaster donnerte, +begannen die Fensterscheiben und das Geschirr +auf dem Waschtisch zu klappern. Engelhart dachte, +es sei nicht möglich, hier zu schlafen, es sei nicht +möglich, hier zu leben. Er setzte sich auf einen Stuhl +mit zerrissenem Rohrgeflecht, und erst nach einer +Stunde regungslosen Hinbrütens ging er daran, seinen +Koffer auszupacken. Er hatte das Gefühl, als ob +sein Blut bitter geworden sei.</p> + +<p>Kapellers wohnten ein Stockwerk höher. Es waren +vier Brüder, die bei der Mutter lebten, lauter junge +Männer, denen das bloße Aufderweltsein schon gewaltigen +Spaß machte; wenn sie außerdem noch tanzen und ins +Theater gehen konnten, waren ihre Ansprüche an das +Leben erfüllt. Die Frau besaß ein kleines Geschäft +auf der Hauptstraße und brachte sich knapp durch, +aber sie ließ sich nichts abgehen und war die lustigste +von allen. Zuerst begegneten sie Engelhart mit der +Achtung, die sie dem Neffen eines reichen Mannes +schuldig zu sein glaubten, bald jedoch stimmte sie sein +insichgekehrtes Wesen und sein Nichtmithalten feindselig. +Es kam auch vor, daß er aus sich herausging +und zu plaudern begann; es durfte nur ein sympathischer +Hauch an ihn heranwehen, dann strahlten +seine Augen auf, er fand Worte, die ihnen fremdartig +klangen, sie wurden von Mißtrauen gegen diese +Worte erfaßt, waren überhaupt beunruhigt, sträubten +sich gegen den ganzen Menschen und waren erleichtert, +wenn er endlich gute Nacht sagte. War er dann gegangen, +so brach der Streit aus. Die jüngeren +schimpften auf den Gast, Franz Kapeller, der bei +Michael Herz angestellt war und Engelhart schon +von früher kannte, nahm sich seiner an, suchte die +Natur des Knaben nach irgendeiner geläufigen Schablone +zu erläutern, auch die Mutter war nicht abgeneigt, +den Fremden in Schutz zu nehmen, betrachtete ihn +aber doch nur wie einen Schauspieler, der einem für +bestimmtes Eintrittsgeld etwas vorspielt; endlich fand +der dritte Sohn das richtige Wort, das fernere Erörterungen +abschnitt, und sagte: »Er ist halt ein Jud.« +Am nächsten Tag gab ihnen Engelhart wieder neuen +Stoff zu Redereien. Nach dem Essen setzte sich der +jüngste Kapeller ans Klavier und spielte in roh klappernder +Manier und mit wahren Bärentatzen ein paar +Märsche und Walzer herunter. Während er eine +Pause machte, sagte Engelhart ernsthaft: »Ich kann +auch Klavier spielen,« und unter dem neugierigen +Schweigen der Familie setzte er sich vor das Instrument, +schaute eine Weile in die Luft und viele +<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[263]</a></span>Monate lang vergaß er die drangvolle Sehnsucht nicht, +die ihn in diesen Augenblicken erfüllte. Es war wie +ein Wahn, er hatte gedacht, er müsse spielen können, +die Tasten und die Saiten könnten nicht anders, als +seinem vollen Innern gehorchen. Endlich mußte er +unter dem hämischen Gelächter der am Tische Sitzenden +abziehen, und obwohl tief beschämt, lachte er mit +ihnen.</p> + +<p>Im Freitagschen Geschäft kümmerte man sich +weniger um ihn, als er erwartet hatte. Im Anfang +hatte er guten Willen gezeigt, aber da niemand von +seiner Bemühung Notiz nahm und es gleichgültig +schien, ob er viel oder wenig tat, erlahmte er schnell. +Was soll ich denn hier? war die Frage, die ihm beständig +durch den Kopf ging. Und wirklich, was sollte +er hier vor sich bringen, wodurch seiner Zukunft +nützen? Nach Gelderwerb stand ihm nicht der Sinn, +und die Dinge, die sein Herz aufregten, wenn er sie +nur dachte, lagen weltenweit. Er wurde hierhin und +dorthin geschoben, keiner scherte sich um den andern, +es wurde nur gerade das Notwendige geleistet und +das mit viel Lärm und Wichtigtuerei. Herr Freitag +selbst war Spekulant und hatte an der Börse ein +großes Vermögen gewonnen. Er betrachtete das +Warengeschäft als eine Spielerei und hielt es nur +mit Rücksicht auf seine Söhne in Gang, von denen +sich aber niemals einer blicken ließ. Wenn sich +Herr Freitag vorn in den Schreibstuben befand, +wurden in der sogenannten Auslieferung, wo Engelhart +beschäftigt war, zwei Lehrlinge als Wachtposten +aufgestellt, damit er seine Leute nicht überrumple. +Schon von weitem hörte man ihn fauchen, spucken +und kreischen, er schien wie eine alte Henne mit Flügeln +um sich zu schlagen, wenn er durch die drei Säle +zappelte, steckte seine Nase in jedes Stück Papier und +behauptete unablässig, er sehe alles, er höre alles, +ihm entgehe nichts. Gefürchtet wurde bloß Herr +Gallus, der finstere Schwarzbärtige, der Prokurist der +Firma, und dessen Vertrauensperson war die Expedientin, +Fräulein Ernestine Kirchner. Sie mochte +nicht mehr ganz jung sein, vielleicht achtundzwanzig +Jahre alt, hatte eine hübsche Gestalt, einen langsamen +und anmutigen Gang und blasse, starke Lippen. Sie +wurde von allen, auch von Herrn Freitag, mit Respekt +behandelt, nur der finstere Gallus nannte sie +kurzweg beim Vornamen. Durch ein gleichmäßig +heiteres Naturell wirkte sie besänftigend auf die verschiedenartigen +Elemente, und sie beobachtete Engelharts +unruhvolles Nichtstun mit schweigender Teilnahme. +Hatte sie ihm des Morgens eine Arbeit +auferlegt und sie war am Nachmittag noch ungetan, +so ließ sie keinen Vorwurf hören, sondern ging in +aller Stille selbst daran. Da erschrak Engelhart vor +der Dankverpflichtung, die sie ihm auferlegte, und +nahm sich das nächste Mal zusammen.</p> + +<p>»Woran denken Sie eigentlich?« fragte sie ihn +einmal und sah ihn mit ihren dunkelblauen Augen +erstaunt an; »wie kann man unaufhörlich denken!«</p> + +<p>»Ich denke gar nichts,« erwiderte er, »ich bin nur +traurig.«</p> + +<p>»Ach du himmlische Güte!« rief sie aus und +schlug gutmütig spottend die Hände zusammen. Sie +fuhr aber fort, ihn zu betrachten, in ihrem Blick war +ein Aufglänzen, es schien ihr, als habe sie diesen +dunkeln Kopf mit den gesammelten Zügen vor vielen +Jahren schon gesehen, es überrieselte sie eine freudige +Erinnerung.</p> + +<p>In demselben Raum arbeitete ein häßlicher, einäugiger +und fast zahnloser Mensch namens Zeis; er +war tüchtig und der einzige, der kaufmännischen Ehrgeiz +besaß, aber aus Furcht vor der Aufsässigkeit der +lediglich taglöhnernden Genossen versteckte er sich hinter +einem schlappen und schläfrigen Wesen. Mit Mißvergnügen +war er Zeuge des guten Einvernehmens +zwischen Ernestine und dem Knaben. Da er mit +Franz Kapeller bekannt war, erfuhr er einiges über +Engelharts früheres Schicksal und benutzte dann seine +Wissenschaft zu bösartigen Entstellungen. Außerdem +hetzte er die andern Lehrlinge gegen ihn auf, alles +in der Stille und mit einer wirkungsvollen Gleichgültigkeit. +Einmal mußte Engelhart mit dem ältesten +Lehrling, dessen Name Porkowsky war, Geld zur Bank +tragen, es war Abend, als sie zurückkehrten, Porkowsky +blieb auf der belebten Straße bei einer Dirne +stehen und führte ein freches Gespräch, um sich vor +Engelhart als Lebemann aufzuspielen. Engelhart hörte +eine Weile wie versteinert zu, dann machte er sich +davon und kam lange vor dem andern ins Geschäft. +Dies mußte auffallen; wenn Geld zur Bank gebracht +wurde, war es streng untersagt, daß die Boten sich +trennten, selbst auf dem Heimweg. Engelhart trug +Scheu, den wahren Grund anzugeben, Porkowsky +machte sich diesen Umstand zunutze und brachte bei +Herrn Gallus eine Lüge vor, durch die Engelhart +schuldig schien. Herr Gallus war ohnehin nicht gut +zu sprechen auf Engelhart; er schimpfte nicht, dazu +war er zu vornehm, er begnügte sich mit einem geringschätzigen +Lächeln, das sich müde durch seinen kohlschwarzen +Bart stahl. Zu Neujahr nun erhielten alle +Angestellten ein Geldgeschenk, von den Lehrlingen bekam +jeder zwei oder drei Dukaten, Engelhart allein +ging leer aus. Es hieß, der Chef sei unzufrieden +mit seinen Leistungen. Er hatte sehr auf das Geld +gerechnet, weil er einige Bücher davon hatte kaufen +wollen, nach denen er längst Begierde empfand, und +er war verzweifelt. Bei Kapellers fragten sie ihn, +<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[264]</a></span>wieviel er bekommen habe, und er erzählte, er habe +zwanzig Gulden bekommen. Sie erfuhren bald die +Wahrheit, es war auch eine gar zu unvorsichtige Lüge, +doch stellten sie ihn nicht offen zur Rede, sondern +suchten ihn durch tägliche versteckte Bosheiten zu beschämen. +Sie glaubten jetzt seinen Charakter durchschaut +zu haben.</p> + +<p>Vor dem Oheim ließ sich natürlich nichts verheimlichen. +Aber er nahm es nicht so schwer, wie +Engelhart gefürchtet, es war, als ob er sich zur Nachsicht +entschlossen hätte. Es ging Michael Herz eigen +mit Engelhart. Etwas widerstrebte ihm an dem +jungen Menschen aufs äußerste, die ganze Art der +Lebensführung, das unbestimmte Hinundher, die Unsicherheit +des Auftretens, etwas feige Beklommenes, +worunter es seltsam zuckte und wühlte wie bei jemand, +der nicht schlafen kann, weil er sich vor dem +Ausbruch eines Feuers fürchtet. Anderseits sprach +das Blut mit deutlicher Stimme für den Neffen; wenn +er mit Engelhart allein war, bestach ihn oft ein Wort, +das so lebendig und neu klang, wie er es sonst von +keinem Mund noch gehört, und er konnte sich dem +flehentlichen Werben eines Blickes so wenig entziehen, +daß er ihn aufs gütigste und doch so scheu, als beginge +er ein Verbrechen, nach irgendeinem Wunsch +befragte. Dies rührte Engelhart stets, und er hätte +sich der Käuflichkeit des Gefühls schuldig gefunden, +wenn er bei solchem Anlaß ein Verlangen geäußert +hätte. So wurde nichts besser, dort blieb das Mißtrauen +und hier ein unfruchtbares Sichverschließen. +Michael Herz vergaß rasch; er vergaß das Üble, was +man ihm zugefügt, und er vergaß den günstigen Eindruck, +den er erhalten; alle Kräfte des Willens und +der Energie verbrauchte er in seinem Beruf, sonst lebte +er nur dämmernd hin und war jeder fremden Einflüsterung +zugänglich, insonderheit von seiten der Frau, +die er in seiner stillen Weise unendlich vergötterte. +Es machte Engelhart Kummer, daß er die Abneigung +dieser Frau nicht zu besiegen vermochte. Als er eines +Mittags bei Schneegestöber das Geschäft verließ, bot +eine Blumenhändlerin ihm wie allen Vorübergehenden +Veilchen zum Kauf an. Er überlegte im Weitergehen, +kehrte um und nahm drei Sträußchen, die er +zusammenband. In allem Ernst dachte er, daß er +Frau Esmee durch die Blumen milder stimmen könne. +Es kam Farbe in seine Wangen, er verdoppelte seine +Schritte und beglückwünschte sich zu dem Einfall. +Frau Esmee nahm den Strauß mit unbewegter Miene +entgegen, nicht gerade verdrossen, aber doch gelangweilt +oder als ob er einen Gegenstand vom Teppich +aufgehoben hätte, den sie fallen gelassen. Während +des Essens war sein Gesicht weiß wie der Teller und +der Oheim äußerte sich besorgt über seinen Mangel +an Appetit. Später mußte er bei einigen Handwerkern +in der Vorstadt Bestellungen abliefern; er +sah da immer viel Elend, kranke Weiber, betrunkene +Männer, rhachitische Kinder, armselige Stuben, +in denen alles bis auf einen Strohsack versetzt war. +In tiefer Betrübnis kam er gegen Anbruch der Dämmerung +ins Geschäft zurück. Von den Herren im +Magazin war keiner zu sehen, auch die Lehrlinge +waren fort, Ernestine Kirchner saß allein an ihrem +Schreibpult, und als er eintrat, schob sie einen angefangenen +Brief beiseite, stützte den Kopf in die Hand +und schaute in den immer dichter fallenden Schnee +hinaus, der die Gasse mit bläulichem Licht füllte. +Endlich sagte sie, sie habe heute Vorwürfe darüber +hören müssen, daß sie seine Lässigkeit nicht nur dulde, +sondern geradeswegs unterstütze. Er seufzte, und ohne +sie anzuschauen, griff er zur Feder. Sie lehnte sich +mit gekreuzten Armen neben ihn hin, ihre Schulter +streifte die seine, und sie blickte auf seine Finger, die +langsam und maschinenmäßig Zahlen und Buchstaben +aufs Papier schrieben.</p> + +<p>Ernestine dachte, daß vielleicht ein Geheimnis auf +ihm laste. Sie wünschte, daß der leidenschaftlich verpreßte +Mund sich öffnen solle. Freilich wußte sie +schon, daß er die Dinge zu schwer nahm und alles +zu nahe an sich herantreten ließ, daß er zu bedürftig +um die Herzen der Menschen warb und sich wehrlos +der umklammernden Verstimmung preisgab, wenn er +sich fortgestoßen fühlte. Plötzlich warf er den Kopf +etwas zurück und sagte: »Ich bin nicht dafür geboren, +damit Sie es nur wissen.«</p> + +<p>Sie lächelte, und ihr verwunderter Blick schien +fragen zu wollen: und wofür bist du denn geboren? +»Aber Kind,« sagte sie sanft, nahm seinen Kopf +zwischen beide Hände und drehte ihn wie den einer +Puppe, bis sie seine Augen den ihren gegenüber hatte. +»Ich weiß alles,« sagte sie mit einem gespannten +und heiteren Ausdruck in den Mienen, »alles, alles, +alles.« Damit küßte sie ihn dreimal auf die Lippen. +Engelhart lehnte die Stirn an ihre Wange; er spürte +einen leichten Schrecken, als befinde er sich nun in +Schuld. Gleich hernach hörten sie Schritte; Herr +Gallus kam und fragte grob, warum noch kein Licht +brenne. Er schritt ein paarmal schweigend auf und +ab, reichte Ernestine ein kleines, verschnürtes Paket +und ging wieder.</p> + +<p>Jetzt hatte Engelhart doch einen Menschen zur +Seite. Zum erstenmal im Leben durfte er sich aussprechen, +mit seinen eignen Worten sprechen, ohne +Rückhalt und Bedenken sagen, wie ihm zumute war. +Noch nie hatte Ernestine dergleichen gehört; sie war +erstaunt. Welcher Trotz, welche Glut! Im Nu entstanden +Hoffnungen, im Nu waren sie schon verwirklicht, +<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[265]</a></span>ein Funkenschwall von großen Worten prasselte, +berauscht vom offenbar Unmöglichen, begann er zu +tanzen, aber die einfache Frage: was willst du? wohinaus, +Jüngling? die auf Ernestinens Lippen brannte, +vermochte er nicht zu beantworten. Ein neugieriger +Blick des Mädchens verletzte ihn, und er fiel in +dumpfes Schweigen. Niemand war wie er verurteilt, +durch Worte, durch Blicke, durch das Beargwöhnen +fremder Gedanken zu leiden. Sie war zärtlicher als +eine Mutter gegen ihn, und wenn sie seine Leidenschaft +erweckt hatte, bekam sie Angst und suchte zu +dämpfen. »Mein Liebling,« sagte sie zu ihm. Immer +trug sie sein trunkenes Gesicht im Innern, das geistige +Auge, aber das liebste war ihr sein Träumerlächeln, +wenn er vor ihr saß mit verschleiertem Blick, still +und aufrecht wie eine Pflanze.</p> + +<p>Es kam der Frühling, und mit ihm eine bange +Zeit für Engelhart. An einem der ersten schönen +Tage begleitete er Ernestine vom Geschäft aus in ein +entferntes Stadtviertel, wo sie eine Freundin besuchen +wollte. Sie plauderten ruhig, Engelhart erzählte +von seinen Eltern; es umfing ihn stets ein +tiefes Wohlbehagen, wenn er Seite an Seite mit +Ernestine ging und wenn sie mit einem wunderbaren +Ernst ihm zuhörte. Dann trennten sie sich, +und er kehrte allein zurück. Die Sonne war schon +untergegangen, rosiger Staub erfüllte die Straße, die +Luft roch wie Wein. Engelhart spürte eine schreckliche +Erregung, er spürte sie wie kleine Kugeln durch die +Adern rollen. Bei jeder Ecke blieb er stehen und +atmete schwer. Menschen und Dinge erschienen ihm +wie Wahngebilde. Von den jungen Frauen und +Mädchen, die er sah, fielen plötzlich die Gewänder +ab, und sie schritten nackt dahin; er sah, wie ihre +Knie sich bogen und die Haut über den Hüften +schimmerte wie Schnee. Er blickte durch die Mauern +der Häuser hindurch und gewahrte überall das, was +ihm Grauen und Lust erregte. In seiner Kammer +angekommen, ließ er die Rolläden herab, verstopfte +mit Baumwolle die Ohren und brütete vor sich hin. +In der Nacht konnte er nicht schlafen. Er wälzte +sich wie ein Vergifteter auf dem Lager. Die leichte +Decke lag wie Blei auf ihm, die Kissen wurden ihm +heiß, er schleuderte sie fort. Um zwei Uhr zündete +er die Kerze an und versuchte zu lesen. Das Herz +schlug so laut, wie wenn man mit dem Knöchel an +ein Brett pocht. Darauf kehrte er von neuem den +Kopf gegen die Wand, aber die Stille hatte tausend +Zungen und führte Bilder herauf, die vor Scham +seine Glieder zittern machten. Mit aller Anstrengung +sammelte er die Gedanken und dachte an Ernestine. +Da trat sie schon an das Lager, und er küßte sie +wie nie zuvor. Sie verlor das Leben in seinen +Armen, er warf sich schluchzend über sie hin und +ließ Blut von seinem Blut in ihre Pulse strömen. +Doch seltsam, als er am nächsten Tag mit ihr allein +war, da schwieg der entsetzliche Aufruhr, und die +Erinnerung an die Wünsche der Nacht ließ ihn vor +Scham erbleichen. Und kaum war er allein, so kam +es wieder; am Abend floh er aus seinem Zimmer +auf die Straße und marschierte weit, bis er zu dem +Haus kam, wo Ernestine wohnte. Es beruhigte ihn, +zu ihren Fenstern emporzublicken, und das tolle Fieber +wich vollends, als er müde war vom Stehen.</p> + +<p>Wohl bemerkte Ernestine die Veränderung in +seinem Wesen, und sie ahnte den Grund. Ihre Unbefangenheit +und die seelenvolle Freiheit ihm gegenüber +schwanden langsam hin, und das schmerzte sie. +Sie hatte kein leichtes Leben; vielerlei Entbehrungen +lagen hinter ihr; durch gewisse Verpflichtungen war +sie nach oben und unten mannigfach verstrickt, und +dies kann den Geist mehr umdüstern als unmittelbare +Leiden. Demungeachtet war ihr eine süße Heiterkeit +des Herzens verblieben, und ihr Gemüt war das jener +Frauen, die immer vergeben, immer verzeihen und +für alle Bitterkeiten, welche sie erfahren müssen, in +ihrer Brust eine ganz besondere, ehern verschlossene +Kammer besitzen. Sie hatte nicht beabsichtigt, in +Engelharts Dasein eine Rolle zu spielen, es war nur +so gekommen; jetzt fühlte sie sich auf einmal wunderlich +verkettet, und das machte sie schwermütig. Er glaubte, +sie wisse nichts von seinen verborgenen Drangsalen, +aber sie wußte alles, da sie schon ein erfahrenes +Weib war und das Leben kennen gelernt hatte. +Freilich hatte sie gedacht, ihn führen, ihm helfen zu +können, etwas in ihm erhob sie über sich selbst; nun +fühlte sie sich hingerissen, und sie wehrte sich. In +einer Stunde, wo sie allein waren, sagte sie ihm, es +wäre besser, wenn sie nun wieder einander fremd +würden. Aber als sie ihn dann ansah, bereute sie +ihre Worte; in ein Gesicht zu sehen, bedeutet eben +viel; selbst die ungern durchlebte Vergangenheit +schwindet im Leuchten eines geliebten Auges hin. +Sie drückte die Lippen auf seine Haare, während er +in sich versank; seine Glieder nahmen eine eigentümliche +Schlaffheit an, halb sitzend, halb hingelehnt blieb er, +regungslos wie eine Zielscheibe für die Geschosse des +Schicksals. Er konnte ihr nicht widersprechen, denn +er liebte ja Ernestine nicht; was ihm Liebe war, das +lag in mystischer Ferne, schien fast unerreichbar und +hatte kaum Gestalt; es schwamm hoch im Bereich des +Traumes gleich einer Wolke über Schneegipfeln.</p> + +<p>Inzwischen war die vertrauliche Beziehung der +beiden nicht unbemerkt geblieben. Der einäugige +<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[266]</a></span>Zeis erging sich in erbitterten Anspielungen und +konnte seine Wut nicht mehr bemeistern. Er wagte +es, Ernestine zur Rede zu stellen; sie fertigte ihn +nach Gebühr ab. Darauf machte er sich an den +Prokuristen. Herr Gallus war zu hochmütig, um +Notiz davon zu nehmen, wenigstens blieb er äußerlich +kalt. Doch war er an diesem Tag finsterer denn je, +und als der Korrespondent ihm einen Brief zur +Unterschrift reichte, riß er das beschriebene Blatt +ohne Anlaß mitten durch und knirschte mit den +Zähnen. Man sagte allgemein, daß er Ernestine +Kirchner heiraten wolle und daß sie sich ihm versprochen +habe. Sie verließen auch oft zusammen das +Geschäft, und einmal bei Regenwetter waren sie Arm +in Arm gegangen. Wenn Engelhart darüber etwas +erfahren wollte, schüttelte Ernestine bedächtig den +Kopf, und es schien, als ob sie nicht gern davon +sprechen höre. Im übrigen zeigte sie sich jenen Umtrieben +gegenüber sorglos wie jemand, der seiner +Macht sicher ist. Herr Zeis wußte immer mehr die +Lehrlinge aufzuhetzen, von denen Porkowsky schon +längst Engelharts geschworener Feind war; sie +schnüffelten unaufhörlich um ihn herum, kontrollierten +seine Arbeit, wußten es anzustellen, daß er möglichst +viel in der Stadt herumlaufen mußte, streuten bösartige +Verleumdungen aus, und wenn man den Urheber +fassen wollte, zerfloß alles in Luft und Gelächter. +Engelhart glaubte es oft kaum ertragen zu +können, er atmete wie in Gewitterschwüle, er wurde +mutlos und krankhaft erregt, dazu kamen nun die +heißen Tage des Sommers und jenes andre, das +ihm die Ruhe des Geistes raubte und das unbefangene +Gefühl seines Leibes, so daß ihm zumute war wie +einem Menschen, der vor dem Spiegel steht und sein +eignes Bild nicht gewahrt.</p> + +<p>Eines Nachmittags, es war Ende Juli, ließ der +Buchhalter Herrn Zeis eine Faktura abfordern, die +er ihm den Tag vorher gegeben haben wollte. Herr +Zeis behauptete, er habe die Faktura nicht bekommen, +erinnerte sich aber, sie auf Fräulein Kirchners Tisch +gesehen zu haben. Es wurde gesucht, alle Schubladen +aufgerissen, alle Mappen durchstöbert, schließlich wurde +die Vermutung laut, Engelhart habe das Schriftstück +zur Eintragung ins Lagerbuch bekommen. Der Lehrling +Porkowsky versicherte sogar, Zeuge gewesen zu +sein. Engelhart protestierte, es kam Herr Gallus +hinzu, öffnete selbst die Lade seines Schreibplatzes +und murmelte etwas Verächtliches über die Unordnung +darin. Engelhart bemerkte schüchtern, Porkowsky habe +schon in der Lade gesucht. Herr Gallus zuckte die +Achseln, und auf einmal wurde er stutzig und streifte +Engelhart mit einem Blick maßloser Geringschätzung. +Er hatte die Schreibmappe Engelharts aufgeschlagen +und zwischen zwei Löschblättern ein Bild hervorgezogen, +eine Photographie, welche in ekelhafter Roheit einen +ekelhaften Vorgang darstellte. Die Lehrlinge hatten +sich neugierig hinzugedrängt und kicherten. Herr +Gallus faltete das Blatt schweigend zusammen; er +stand mit gespreizten Beinen und wippte langsam auf +den Fußspitzen. Dann wandte er sich zu Ernestine, +die außerordentlich blaß geworden war, und sagte: +»Das scheint ja ein hoffnungsvoller Jüngling zu sein.«</p> + +<p>Engelhart zitterte am ganzen Körper. Er spürte +Nadelstiche im Kopf und griff unwillkürlich an seine +Stirn. Er hatte beide Lippen gleichsam zwischen die +Zähne geschlürft, und seine Züge zeigten einen beängstigenden +Ausdruck. Da fiel sein irrer Blick auf +Porkowsky, und nicht so bald hatte er das höhnisch-feindselige +und dumpf-verlegene Lächeln auf dessen +vollwangigem und fahlem Gesicht bemerkt, als ihm +alles klar wurde. Ohne Besinnung stürzte er auf +den Burschen zu, packte ihn mit der einen Faust an +der Kehle, mit der andern bei der Schulter und riß +ihn mit einem Ruck zu Boden. Ernestine schrie auf, +der Prokurist und Herr Zeis fielen dem Rasenden in +die Arme und drängten ihn gegen das Fenster, wo +er noch immer zitternd und fieberhaft atmend stehen +blieb. Porkowsky stöhnte und lag dann still da, +doch war er nicht verletzt. Herr Gallus ging zu der +Glastüre, die von diesem Raum aus auf die Straße +führte, öffnete sie, streckte die Hand aus und rief +Engelhart zu: »Marsch!« Engelhart nahm seinen +Hut und ging, ohne den Blick zu erheben.</p> + +<p>In demselben Schritt und derselben geduckten +Haltung, wie er jene verlassen, schlich er weiter und +wurde noch in entfernten Straßen von ihren haßerfüllten +Blicken verfolgt. Er hatte Durst und trat +in ein Kaffeehaus, das ganz leer war, hielt sich +jedoch nicht lange auf, sondern ging nach Hause, +warf sich auf das Bett und schlief ein. Er träumte, +daß er sich in einer herrlichen Sommerlandschaft befinde, +über der sich jedoch statt des Himmels eine +seltsam grüne, moosartige Decke wölbte. Freudig +wollte er in das Gefilde hinausschreiten, da sah er +sich durch eine gläserne Wand gehemmt, die er vorher +nicht bemerkt. Er versuchte es nach einer andern +Seite, und es erging ihm nicht besser, ringsum +waren gläserne Wände, und allmählich wurde ihm +der Anblick der Schönheit zur Qual, in der er dann +aufwachte.</p> + +<p>Kapellers ließen ihn wissen, daß sie den Abend +auf dem Kahlenberg zubringen wollten, wenn er mitzutun +Lust habe, sei er willkommen, wenn nicht, finde +er kaltes Nachtessen bereit. Er schlug das Anerbieten +aus; um acht Uhr aß er oben alleine, und als er +wieder herunterkam, fand er einen Brief von Ernestine, +<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[267]</a></span>den ein Bote gebracht hatte. »Mein Liebling,« schrieb +sie, »ich weiß, daß Du unschuldig bist. Du sollst +nicht verzweifeln, ich will alles wieder für Dich richten. +Vertraue nur auf mich, mein Liebling, mehr kann +ich Dir für heute nicht sagen.« Da beschloß er, in +ihre Wohnung zu gehen. Nach einer halben Stunde +war er dort und läutete. Es wurde erst nach geraumer +Weile geöffnet. Ernestine schien befangen, +als sie ihn sah. Sie bat ihn, zu warten, darauf +ging sie ins Zimmer zurück, flüsterte dort mit jemand, +und als er später eintrat, war sie allein. Doch +hinter der verschlossenen Tür des Nebenzimmers hörte +er ungeniertes Lachen und Scherzen. Ernestine erzählte +ihm, daß sie die Wohnung mit einer Freundin +teile, einer Ladnerin aus der Inneren Stadt, und +das Mädchen habe ihren Verlobten bei sich. Allmählich +wurde es drinnen sonderbar still, auch das Gespräch +zwischen Engelhart und Ernestine geriet ins Stocken. +Er hatte geglaubt, freier mit ihr reden zu können, +doch sie war bedrückt und nachdenklich, auch küßte sie +ihn nicht. Es war ein schwüler Abend, beide Fenster +waren offen, das Zimmer lag hoch, man blickte über +Dächer in den purpurnen Abendhimmel, auf der +andern Seite des Horizonts grollte leiser Donner. +Engelhart erhob sich und trat zum Fenster, Ernestine +folgte ihm und legte den Arm um seine Schulter; so +starrten sie ziemlich lange gegen die Straße hinunter, +hörten ihr Blut rauschen und ihr Herz pochen, und +beides klang fremd und beängstigend. Ernestine +wußte nun um das Unabänderliche, das kommen +mußte, und hätte es gerne nicht geschehen lassen, +aber es gibt Stunden, wo der Wille wie ein abgeschlagenes +Tier müde wird. Beim Lampenlicht +beugte sie sich noch einmal über Engelhart und blickte +ihm tief in die Augen. »Ach,« seufzte sie und deckte +die Hand über seine Lider, »du weißt noch nichts +von der Welt.« Er glich einem Kind, als er stundenlang +schweigend an ihrer Brust lag. Er dachte, +mehr von der Welt zu wissen sei überflüssig. Dünkte +ihm dies schon zu viel.</p> + +<p>In den nächsten Tagen trieb er sich müßig umher. +Jeden Morgen erhielt er ein Briefchen von +Ernestine, worin sie ihn benachrichtigte, wie die Dinge +standen. Sie hatte es durchgesetzt, daß Herrn Freitag +von dem Vorfall keine Mitteilung gemacht wurde, +doch Herr Zeis hatte den Lehrling Porkowsky, der +eine Verletzung am Kopf erlitten zu haben behauptete, +zur Forderung eines Schadenersatzes aufgehetzt. +Porkowsky verlangte fünfzig Gulden und drohte, +wenn er diese nicht erhalte, sich an Herrn Freitag +und an Michael Herz zu wenden. Ernestine stellte +ihm vor, daß er den Denkzettel wohl verdient habe +und daß Engelhart Ratgeber selbst ein armer Mensch +sei, aber da die Geschichte Geld zu tragen versprach, +blieb der Bursche starrsinnig und beteuerte außerdem +seine Unschuld. Engelhart wußte nicht, wie er eine +so große Summe auftreiben solle, und doch durfte +der Oheim um keinen Preis das Geschehene erfahren, +ein unauslöschlicher Schimpf wäre haften geblieben; +er vermochte sich gegen solche Dinge mit Worten +nicht zu verteidigen. Nun war aber Michael Herz +seit drei Wochen verreist und hatte Engelhart, um +ihm einen Beweis des Vertrauens und der wieder +erwachenden guten Gesinnung zu geben, bis zu einem +gewissen Grad freien Kredit an der Kasse der Firma +eröffnet. Engelhart hatte sogleich begriffen, daß dies +nichts andres bedeutete als eine Probe für sein +Anstandsgefühl, selbst wenn es kein berechneter Plan +des Oheims war, und er hatte bis jetzt nicht den +geringsten Gebrauch von der Vergünstigung gemacht. +Porkowskys Verhalten wurde drohender, Ernestine +meinte schüchtern, sie wolle Engelhart einen Teil des +Geldes leihen, so viel sie eben entbehren könne. Er +schlug es aus, ging am andern Tag zum Kassier der +Firma Herz, ließ sich fünfzig Gulden auszahlen und +schickte sie an Ernestine mit der Bitte, den Elenden +zu befriedigen.</p> + +<p>Der Oheim kam zurück und war erstaunt, daß +Engelhart einen verhältnismäßig so bedeutenden Betrag +auf einmal erhoben hatte; sein Erstaunen verwandelte +sich in Unwillen, als der junge Mensch über +die Verwendung des Geldes keine Auskunft geben +konnte oder wollte, und er vermutete natürlich das +Schlimmste. Eines kam zum andern, Michael Herz +erkundigte sich bei seinem Geschäftsfreund Freitag; +dieser, von Herrn Gallus beraten, wußte nichts Gutes +über Engelhart zu berichten und litt außerdem zu +der kritischen Stunde an Podagra, was ihn boshaft +und menschenfeindlich machte. Noch am selben Tag +ließ Frau Esmee Engelhart zu sich rufen; sie lag +im Bette, da sie Migräne hatte, und sah verweint +aus. Engelhart mußte bittere Worte schlucken, der +ganze Kummer des Oheims sprach aus dem Munde +der Frau. Der Onkel wolle ihn nicht mehr sehen, +wurde ihm gesagt, er möge nach Hause reisen und +sich auf eigne Faust durchs Leben schlagen. Der +Wille des Oheims sei, daß er jetzt sein Militärjahr +abdiene, vielleicht könne strenge Zucht ihn noch +vor dem moralischen Untergang retten. Da er zweitausend +Mark mütterliches Vermögen habe, werde ihm +ein Teil dieses Geldes zur Bestreitung seiner Bedürfnisse +ausgesetzt werden. In solchem Sinne hatte +Michael Herz bereits an Herrn Ratgeber geschrieben, +hatte aber aus Rücksicht für den vielfach enttäuschten +Mann Engelharts Vergehungen nur flüchtig und in +verschleierter Form erwähnt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[268]</a></span>An einem schönen Abend war Engelhart noch +einmal mit Ernestine beisammen. Sie waren weit +draußen an der Westbahn, und nachdem sie lange +über die Wiesen spazieren gegangen waren und nun +die lieblichen Hügel von blauer Dunkelheit umsponnen +wurden, kehrten sie in einem Wirtsgarten ein, wo +eine Musikkapelle spielte. Über ihnen dehnte sich das +schwere Laubgewölbe uralter Kastanienbäume, und +wenn die Musik schwieg, hörten sie hin und wieder +eine Frucht dumpf zur Erde fallen. Engelhart hatte +dem Mädchen noch nicht gesagt, daß er reisen müsse +und schon morgen reisen müsse, aber sie merkte an +seiner bedrückten Schweigsamkeit, was im Werke war. +Sie summte ein sentimentales Liedchen mit, das der +Hornist in die Nacht hinausschmetterte, Engelhart +trank von dem roten Landwein, lehnte den Kopf +etwas zurück und blickte mit aufleuchtenden Augen +gegen den Sternenhimmel. Er wußte eigentlich nicht, +wie ihm geschah, er lebte und lebte doch nicht, er +spürte die Erde und liebte die Erde und war ihr +wieder fremd, sie schoben ihn, ohne seinen Willen +ging es hierhin und dorthin, und doch fühlte er sich, +wenn er deutlich die Bewegung erkundete, von einer +geheimnisvollen Strömung sicher getragen. Mochten +sie ihm alles rauben, die vergängliche Lust des Tages, +ja auch das Brot zur Stillung des Hungers, so besaß +er sich doch selbst, und wenn er ärmer schien als +der Ärmste, so war er in Wirklichkeit noch reicher +als die Reichsten, und er dachte: ›mir gehören doch +die Sterne‹.</p> + +<p>Auf der Heimfahrt sagte er dann zu Ernestine, +daß er heute Abschied von ihr nehme. Sie erwiderte +nichts. Er ging noch mit ihr in die Wohnung, und +als er aufbrach, war es spät. Ernestine suchte +aus einem Kästchen einen schmalen Goldring mit +einem Türkis hervor und steckte ihn an Engelharts +Finger. »Leb wohl, Liebling,« sagte sie mit erstickter +Stimme, »und Gott segne dich.« Der Duft +von ihrem Körper blieb an seinen Kleidern haften +und war ihm noch länger in die Erinnerung gegraben +als das Bild ihrer leicht schreitenden Gestalt.</p> + +<p>Bei Regenwetter war er damals von Würzburg +abgefahren, bei Regenwetter kam er dahin zurück.</p> + +<p>Gerda weilte nicht mehr beim Vater, sie war bei +den Verwandten in Gunzenhausen und sollte mit +Helene Wahrmann im Oktober nach Wien reisen.</p> + +<p>Herr Ratgeber war derselben Ansicht wie Michael +Herz, nämlich daß der Militärdienst auf den undisziplinierten +Geist des Jünglings als eine wohltuende +Zucht wirken werde. Herr Ratgeber sah schon +einen Halbverlorenen in ihm, und die Stiefmutter +sagte, er ist ein echter Ratgeber, er liebt nur sich +selbst. Für seine Bedürfnisse sorgte sie schlecht und +recht; es war nicht Herzensgebot, sondern eine durch +die Außenwelt vorgeschriebene Pflicht, alles geschah +mit Rücksicht auf die Augen der Leute, und wenn +einem was vergönnt wurde, hieß es gleichsam: Na, +seht mal her, Leute, ob das nicht wohlgetan ist! +Herr Ratgeber hatte in seinem neuen Beruf Ärger +und Zurücksetzung genug erfahren müssen. Beim Antritt +seiner Stellung hatte die Direktion der Gesellschaft +versprochen, daß kein zweiter Inspektor neben +ihm arbeiten solle; kaum aber hatte er sich bekannt +gemacht und durch seinen unermüdlichen Eifer die +Anstalt, der er diente, wahrhaft gefördert, als sie +alle Abmachungen vergaßen und doch einen zweiten +anstellten, einen sehr windigen Herrn namens Dingelfeld, +der sich darauf verlegte, Herrn Ratgeber die +Kunden wegzuschnappen, und durch ein anmaßendes +Wesen jeden Einspruch vergeblich machte. Dazu war +dieser Dingelfeld für alles, was er war und hatte, +Herrn Ratgeber zu Dank verpflichtet, da er ihn einst +vor völligem Untergang bewahrt, ja sogar seinen guten +Namen gerettet hatte. Niedrige Seelen werden durch den +Druck solcher Verpflichtungen zur Rachsucht gestimmt, +und Herr Ratgeber konnte das nicht verwinden. Er +würgte seinen Gram in sich hinein, sein lebhaftes und +stolzes Auge begann unsicherer zu werden, oft, wenn +er mit Engelhart allein war, machte er pessimistische +Bemerkungen über die Menschen, und das war bei +ihm der Ausdruck einer tiefen Verdüsterung. Mehr +als das unsolide Gebaren seines Nebenbuhlers schmerzte +ihn die Wortbrüchigkeit der Vorgesetzten. Sein Blut +geriet in Wallung, wenn er der Unbill gedachte, die +er erfahren, und in jedem Brief wies er auf seine +Leistungen hin und forderte Gerechtigkeit. Jene ließen +sich jedoch auf persönliche Dinge nicht ein, sie suchten +den unzufriedenen Mann durch Schmeicheleien und +große Versprechungen kirre zu machen oder schnitten +jede Erörterung mit einer amtlichen Phrase ab, die +das unwillkürliche Eingeständnis enthielt: Wir dürfen +Verträge brechen, denn wir sind die Mächtigen, wir +sitzen auf dem Geldsack.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[279]</a></span>Engelhart hatte sich zum Dienst gemeldet, war +untersucht und trotz seiner Jugend angenommen +worden. Am ersten Oktober stand er mit +vielen andern auf dem Kasernenhof, sie wurden den +verschiedenen Kompagnien zugeteilt, dann führte ein +Unteroffizier ihn und sieben oder acht Gefährten in +das Bataillonsgebäude, die Monturen wurden ausgeteilt, +die Räume angewiesen und man war Soldat. +Alles lief schweigend ab, hatte beinahe etwas Drohendes, +der Ton absoluten Befehls berührte Engelhart +zunächst erstaunlich, er konnte den Ernst des Vorgangs +kaum fassen, und als der Feldwebel die Namen +der Neulinge in eine Liste eintrug, fehlte nicht viel +und er hätte über die Berserkerstimme des Mannes +gelacht. Aber das Lachen verging ihm bald.</p> + +<p>Ihm schien, als ob er nur spiele, als ob er, fern +von sich selbst, etwas seinem Wesen ungeheuer Fremdes +vollbringe, und er mußte sich bisweilen besinnen, +<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[280]</a></span>wo er war und was er davon denken sollte. Die +Kaserne durfte er in den nächsten Wochen nur zu +den Mahlzeiten verlassen. Der Anblick der kahlen, +langen, weißgetünchten Wände verursachte Frösteln. +Wenn er am Fenster stand, sah er die Bauern auf +dem Feld und beneidete sie um ihre Freiheit.</p> + +<p>Die Kameraden, die mit ihm zu gleicher Zeit den +Dienst angetreten hatten, behandelten ihn mit Kälte; +einerseits war er ihnen zu jung, anderseits erregte +er ihr Mißtrauen, ohne daß sie den Grund hätten +bezeichnen können; das alte Mißtrauen, das Engelhart +nun so oft und in so vielen Augen wahrgenommen. +Um neben ihnen, die lauter vollwüchsige +und robuste Burschen waren, nicht zurückzustehen, +spannte er bei den körperlichen Übungen seine Willenskraft +aufs äußerste an, so daß er nach dem stundenlangen +Exerzieren nicht mehr die Stiege hinaufgehen +konnte, sondern sich am Geländer mühsam emporwinden +mußte. Eines Tages befahl der Feldwebel +den Einjährigen, eine kurze Beschreibung ihres bisherigen +Lebens zu verfassen und die Handschrift nach +gemessener Zeit in der Kanzlei abzuliefern. Jeder +verstand die Sache so, wie sie eben zu verstehen war, +nur Engelhart beging die sonderbare Torheit, nicht +allein seine bisherige Laufbahn mit durchaus nicht +erforderlicher Breite, sondern auch seine Gefühle zu +schildern, seiner Verfehlungen sich anzuklagen, und +machte im unglückseligen Drang zu einer Beichte, was +nichts als ein bureaukratisches Dokument sein sollte. +Und als er fertig war, setzte er folgende Zeilen an +den Schluß, die ihm wie die Erinnerung an ein altes +Lied durch den Sinn schossen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Die Seele, die berührst du nicht,<br /></span> +<span class="i0">Die ist im Leib vergraben,<br /></span> +<span class="i0">Sie weiß nicht, was die Lippe spricht,<br /></span> +<span class="i0">Will’s auch nicht Kunde haben.<br /></span> +<span class="i0">Im stillen träumt und blüht sie hin,<br /></span> +<span class="i0">Läßt Leid und Glück verfluten<br /></span> +<span class="i0">Und ziehet ewigen Gewinn<br /></span> +<span class="i0">Vom Bösen und vom Guten.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Am andern Morgen wurde er zum Hauptmann +gerufen, einem dicken asthmatischen Herrn, der völlig +unter dem Einfluß des Feldwebels stand und außerdem +in beständiger Höllenangst vor allen Vorgesetzten +lebte. Der Mann stellte sich ganz rabiat wie über +eine angetane Schmach, warf Engelhart die beschriebenen +Bögen zerrissen vor die Füße und forderte den +Feldwebel auf, ein scharfes Auge auf den jungen +Menschen zu haben. Die Sache wurde auch weiterhin +ruchbar und erregte den Hohn der Mannschaft +und die Entrüstung der andern Einjährigen. Gefühle +zu äußern war ein schimpflicher Verstoß gegen den +allgemeinen Geist der Truppe, jedes andre Vergehen +wäre ihm leichter verziehen worden; Engelhart sah es +zu spät ein. Er lernte die Zähne zusammenbeißen. +Es ging nicht an, sich von jedem Tropf über die +Achsel ansehen zu lassen. So sehr es ihm an äußerer +Sicherheit gebrach, so wenig fehlte ihm das Wissen +seines Wertes. Wie lang es auch dauerte, bis er sich +an die Roheit des herrschenden Tons und an die ausgesuchte +Perfidie und Lust zu quälen gewöhnt hatte, +die alle diese Leute wie eine Krankheit oder ein unstillbarer +Rachetrieb beseelte, so nahm er doch alle +Kräfte zusammen, um sich nichts merken zu lassen. +Immerhin blieb sein Gesicht verdächtig und sein still +beobachtender Blick unbequem.</p> + +<p>Er erhielt einen Burschen zugewiesen, der für ein +bestimmtes Wochengeld seine Kleider und Ausrüstungsstücke +instand zu halten hatte. Es war ein Soldat +im dritten Jahr namens Söhnlein, ein unansehnlicher +Mensch mit krebsrotem, immer fettglänzendem Gesicht +und einem halb blöden, halb furchtsamen Lächeln. +War es Zufall oder Übelwollen oder berechnete Bosheit, +jedenfalls war dieser Söhnlein der verachtetste +Mensch in der Kompagnie, ja im ganzen Regiment. +Er konnte nicht unangefochten durch ein Zimmer gehen, +er brauchte nur den Mund aufzutun, gleich flog ihm +eine Beleidigung an den Kopf; wenn irgendwo etwas +schief ging, hieß es: der Söhnlein, wenn die Kompagnie +schlecht exerziert hatte, mußte es zumeist der +Unglückliche büßen, und er war bisweilen in der Nacht +aus dem Schlaf gerissen und entsetzlich mißhandelt +worden. Einmal sah Engelhart den Schrank des +Soldaten offen und an der Innenfläche der Türe eine +zahllose Menge von Kreidestrichen; er fragte, was +dies bedeuten sollte, und Söhnlein verriet ihm schüchtern +und mit aufleuchtendem Blick, daß er noch so +viel Tage zu dienen habe, als sich Striche auf dem +Brett befanden. An jedem Morgen war sein erstes +Geschäft, wieder einen Kreidestrich auszuwischen. Offenbar +hatte mit diesem Burschen noch niemand so geredet, +wie man mit einem Menschen spricht, denn er +bezeigte Engelhart, den er als seinen Herrn betrachtete, +eine so leidenschaftliche Dankbarkeit und Anhänglichkeit, +daß dieser sich kaum erwehren konnte und, um +häßlichen Sticheleien zu entgehen, schwach genug war, +auch seinerseits einen Stein auf den Gepeinigten zu +werfen, wenn die andern Steine warfen. Und als +ob Söhnlein in seinem dumpfen Gemüt solchen äußeren +Zwang zu ahnen vermöchte, wurde seine Zuneigung +für Engelhart nicht geringer, und er stellte sich wie +taub, wenn dieser gleichfalls anfing, ihn zu verfolgen.</p> + +<p>Einst im November wurden sämtliche Mannschaften +des Regiments um vier Uhr morgens aus dem Schlaf +geweckt. Die Strohsäcke wurden in den Hof geschafft, +um frische Füllung zu erhalten. Es war eine eiskalte, +<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[281]</a></span>aber klare Nacht; als Engelhart ins Freie trat, +verschwand seine betäubende Schlafsucht, und er blickte +überrascht zum Himmel empor; so hatte er die Sterne +noch nie gesehen, so diamanten, so funkelnd rein und +dicht gesät. Er wusch beim Brunnen das Gesicht, +und wie er zum Tor zurückkehren wollte, sah er einige +Leute um einen schon halbgeleerten Sack versammelt, +auf dem ein Mensch wie schlafend lag. Es war +Söhnlein, der versicherte, daß er sich krank fühle. +Die Soldaten lachten, und der Zimmerälteste befahl +ihm, aufzustehen. Er versuchte es und fiel wieder +zurück. Da nahmen einige Leute den Sack, zwei an +jeder Ecke, hoben ihn samt dem Daraufliegenden empor +und schleuderten ihn fünf- oder sechsmal in die +Luft, wobei sie das ängstliche Schreien des Mannes +nicht achteten.</p> + +<p>Engelhart wandte sich gewaltsam ab und starrte +über den weiten dämmerigen Raum des Hofes, der +sich wie eine Sandwüste vor ihm dehnte, bevölkert +von schwärzlichen Gestalten. Es war ihm, als ob er +mit wilden Tieren zusammengekettet wäre. Alle verzehrten +sich in der Sehnsucht nach Freiheit, alle waren +von Haß erglüht gegen die Bändiger, aber wenn der +Bändiger erschien und nur mit der Wimper zuckte, so +hielten sie den Atem an. Es war ein ungeheures +Gebäude gegenseitiger Verantwortung, begründet auf +Furcht und Heuchelei, und Brüder verleugneten einander, +wenn der eine fürchtete, für den andern verantwortlich +zu werden. Es ward Engelhart unheimlich +in dieser Welt, es ward ihm unheimlich unter +den Menschen.</p> + +<p>Die Soldaten hatten den Söhnlein inzwischen losgelassen, +weil ein Unteroffizier hinzugetreten war. +Söhnlein taumelte diesem über die Strohbüschel entgegen +und stieß ein paar unartikulierte Laute hervor. +»Er stellt sich krank,« sagte einer von der Schneiderwerkstätte. +Dem Korporal kam dies sehr ungelegen, +denn er war für den Gesundheitsstand seiner Abteilung +in gewissem Sinne verantwortlich. Er fing +an, in der unflätigsten Weise auf den Mann einzuschimpfen, +und hob schließlich, rasend und berauscht +von dem Zustand des Zorns, den er genoß wie jeden +andern Rausch, die Arme zum Schlag. Söhnlein +muckste nicht, denn er wußte, wenn er nur die Miene +der Widersetzlichkeit annahm, würde er so bald keinen +Kreidestrich mehr von seiner Schranktür löschen können. +So lächelte er eben in seiner albernen und bestürzten +Weise vor sich hin.</p> + +<p>Beim Anblick all der infamen Willkür drehte sich +Engelhart das Herz im Leibe um. Nie hatte er sich +so völlig in eines andern Seele versetzt, und als +Söhnleins Augenlider krampfhaft zu blinzeln begannen, +spürte er dies unmittelbar und empfand die +ratlose Verzweiflung, die jenen erfüllen mußte. ›Aber +warum hilfst du ihm nicht?‹ rief eine Stimme in +seinem Innern, ›warum schweigst du, Feigling? Warum +nimmt sogar dein Gesicht einen wohlgefälligen Ausdruck +an, wenn der Blick des Bändigers dich trifft?‹</p> + +<p>Die Vernunft ist eine beredte Kupplerin im Dienst +des gemeinen Nutzens, wenn es sich darum handelt, +Vorwürfe höherer Art zu ersticken. Aber es kam doch +mehr und mehr so, daß Engelhart sich verhärtete und +daß er das Schlimmste tat, was ein Mensch an seiner +Seele begehen kann, daß er sich verachten lernte, daß +er böse ward wie die andern und gleichgültig wie die +andern und daß eine innere Welt des Traumes, der +Sehnsucht, der Ideale sich deutlich trennte von der +äußeren Welt des Essens, des Schlafens, des Gelderwerbs +und der simplen Nüchternheit. Eines ist der +Himmel, ein zweites die Erde, und wenn so sich Licht +von Finsternis geschieden hat, dann waltet die kupplerische +Vernunft ihres Trösteramts und meint, nun +seiest du reif geworden. Aber dies Reifwerden ist +kein Süßwerden und kein Fruchtbarwerden, davon +überzeugte sich Engelhart bald, es ist ein Bitterwerden +und Leerwerden. Da ist ein Damm aufgebaut zwischen +der Menschheit und dem Menschen; die Menschheit +ist das Äußere und der Mensch das Innere, +und die inneren Wasser stauen sich, bohren Abgründe +und unheilvolle Löcher, kein Aus- und Einströmen +mehr, kein gesegnetes Gleichmaß; allgemeines Unheil +wird zum Spiel, zum bemalten Vorhang, der sich +verschiebt und, sobald es dem Geiste beliebt, einem +weniger aufdringlichen Gegenstand Platz macht. Engelhart +fühlte, daß er sich verstockte, aber die fortwährende +Erschöpfung des Körpers, der er ausgesetzt war, ließ +ihn nicht mehr zum Nachdenken gelangen. Wenn ihn +das Schicksal zur Ruhe und zum Glück kommen ließ, +war er verloren. Die Seele, die berührt man nicht, +das ist wahr, und sie braucht auch nicht zu erfahren, +was die Lippe spricht, aber sie muß unschuldig bleiben, +und sie bleibt es eher, wenn die Hand einen Mord +begeht, als wenn die Zunge schweigt, wo ein höchstes +Gebot sie zu reden auffordert.</p> + + + + +<h2><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">K</span>urz vor Weihnachten mußte Engelhart vor der +alten Kaserne am Mainufer das erstemal Wache stehen. +Es war eigen, in der tiefen Finsternis zwischen zwei +festen Grenzpunkten stundenlang auf und ab zu wandeln. +Das Verrinnen der Zeit glich dem Abtropfen der +Flüssigkeit aus einem Gefäße. Von sieben Uhren der +Stadt hörte er die Viertelstundenschläge. Auf dem +Strom bis gegen die Steinbrücke hin waren Holzkähne +verankert und das Wasser schlickerte unter ihnen. +<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[282]</a></span>Oben auf der Festung brannte ein rotes Signallicht. +Das Gewehr lag Engelhart wie ein Baum auf der +Schulter, und die fallenden Schneeflocken erzählten +vom Schlaf, sie waren wie sichtbarer Schlaf, sie +machten die Glieder trunken von Schlaf.</p> + +<p>Mit dem Frühjahr begannen auf dem Galgenberg +die Kompagnie- und Bataillonsübungen. Da zuckte +jedes Glied des Truppenkörpers von Verantwortlichkeitsangst, +jeder Soldat zitterte vor seinem Korporal, +der Leutnant vor dem Hauptmann, der Hauptmann +vor dem Major, der Major vor dem Oberst, der +Oberst vor dem General. Ein schlechtgeputzter Knopf, +ein schiefhängendes Seitengewehr raubte ganzen Kategorien +von Vorgesetzten die Besinnung, hundert Leute +mußten das kleinste Versehen eines einzelnen büßen, +ein Strauchelnder entfesselte die Wut des ganzen +Haufens, und dies gegenseitige viehische Entsetzen war +es, was man Disziplin nannte. Was bedeutete daneben +der eingebildete »Feind«? Der Feind steht da +und dort, hieß es, gegen den Feind mußte vorgegangen, +auf den Feind gefeuert werden, alle sprachen +von ihm mit Respekt und wie von etwas Furchtbarem, +er war Anfang und Antrieb zu dem waffenstarrenden +Spiel, Gründer und Erhalter des Systems, +der unbewegliche Götze, dessen Name jeden Schrecken +heiligte, und doch, er war nirgends zu sehen, er war +Luft, ein Wort, ein Nichts.</p> + +<p>Im Innern stak der Feind, aber das wußten sie nicht.</p> + +<p>Mit dem Vorschreiten der Jahreszeit nahmen die +Anstrengungen des Dienstes zu. Zwölf- bis vierzehnhundert +lautlose Sklaven, schwer bepackt, noch müde +vom vergangenen Tag, noch schlaff von unvollendeter +Ruhe, marschierten täglich durch das noch schlummernde +Land.</p> + +<p>Der kraftvolle Gleichschritt der Kolonnen gibt der +Bewegung den düstern Rhythmus, verleiht ihr etwas +von dem Erstaunlichen einer ungeheuern Maschine, +ihr tiefes Schweigen rührt ans Herz. Die Sonne +kommt, die graublaue Frühluft erglüht. Engelhart +liebt den Morgen, es ist die einzige Stunde, wo seine +Hoffnungen wieder frisch werden. Es geht über die +Brücke, an den sanften Biegungen der Weinberge entlang, +hügelauf, hügelab, die Straße schlägt sich durch +den Wald. Hier allein sein dürfen, denkt Engelhart, +nur eine Stunde auf dem Moos liegen dürfen. Eine +uralte verwitterte Eiche steht inmitten einer grünen +Lichtung; es ist etwas fürstlich Einsames um sie, erst +in weitem Abstand wagen andre Bäume zu wachsen. +Engelhart gräbt ihr Bild in sein Gedächtnis, hier will +er weilen, wenn er frei sein wird.</p> + +<p>Der Tag wird heiß, schwer lastet der Tornister +auf den Schultern, der Kasten des Gewehrs schneidet +ins Fleisch, der Helmrand beginnt auf Stirn und +Augen unheimlich zu drücken. Es ist ein Spaßmacher +in Engelharts Abteilung, der immerfort Geschichten +erzählt und der die Mannschaft oft ihrer Mühsal +vergessen läßt; er ist deshalb wohlgelitten bei den +Offizieren und erlaubt sich Freiheiten, die den andern +ein lügnerisches Gefühl von Freiheit geben.</p> + +<p>Endlich naht der Feind. Das Verfolgungs- und +Versteckenspiel beginnt. Ein Bataillon stürmt zum +Angriff vor und stößt ein Geschrei aus, wodurch es +seine Bereitwilligkeit zu sterben kundgibt. Dies Hurraschreien +klingt durchaus nicht begeistert, sondern qual- +und hohnvoll. Die Säumigen werden von zähneknirschenden +Unteroffizieren zu größerer Eile angetrieben. +Eine Kompagnie verirrt sich, der Regimentsadjutant +rast auf schäumendem Gaul zu dem unseligen +Hauptmann, der sich die Haare rauft. Die Trompeter +blasen Halt; kurze Rast; Heimkehr.</p> + +<p>Der Anblick der endlosen Landstraße flößt Grauen +ein. Die Soldaten können nicht mehr vorwärts blicken, +jeder stiert auf die Stiefel des Vordermanns. Wer +aus dem Schritt gerät, wird mit Lästerungen überhäuft. +Der heiße, weiße, blendende Staub umhüllt +den Zug wie Nebel; Wimpern, Lippen und Zähne +sind voll Staub. Widerliche Gerüche steigen auf. +Engelhart, müde und durstgepeinigt, richtet die Gedanken +mit schlaffer Beharrlichkeit auf das Mittagessen. +Manchmal empfindet er den trotzigen Antrieb, stehen +zu bleiben, es reizt ihn, die Grausamkeit der Nachfolgenden +herauszufordern. Die Gespräche der Leute +verstummen, schweißtriefend, mit wunden Füßen und +wunden Schenkeln schwanken viele daher, Zerrbilder +des lebendigen Menschen. Es wird befohlen zu singen, +niemand rührt sich, der Befehl wird wiederholt, da +erhebt sich zuerst die dünne Stimme des Spaßmachers, +andre fallen ein, der Rhythmus rüttelt sie auf. Es +scheint ein lustiges Lied von volksmäßiger Einfachheit, +doch hinter den Worten murrt der Zorn, einige Wendungen +werden von den Sängern der Harmlosigkeit +beraubt und klingen wie Stichworte des Aufruhrs. +Engelhart vermag nicht zu singen, der Sergeant ruft +drohend seinen Namen, er öffnet mechanisch den Mund. +Und nun sieht man talabwärts die roten Backsteinbaracken +der Kaserne, in der prallen Mittagssonne +gleichen sie ungeheuern Giftblasen, aber alle schauen +sehnsüchtig hinab wie nach einem Paradies der Ruhe. +Welche Qual, wenn der Hauptmann sich zuletzt noch +zu einer Ansprache bemüßigt findet. Er liebt es, in +väterlichem Ton zu reden, er hält auf Popularität. +Wüßte er um die Gedanken der tückisch lächelnden +Soldaten, er zöge vor zu schweigen. Es ist der Wahn, +den ihn seine Kaste gelehrt hat und der sein Hirn +in einem Taumel erhält, daß er sich geliebt und bewundert +glaubt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[283]</a></span>Eine Viertelstunde von der Kaserne entfernt lag +ein altes Minoritenkloster am Mainufer. Hohe Mauern +und ein Ring gleichmäßig gesetzter Pappelbäume umgaben +die zahlreichen Gebäude, von denen Frieden über +die ganze liebliche Landschaft auszuströmen schien. +Engelhart zog es bei Spaziergängen oftmals hierher, +auch von der Landstraße aus ließ er sich mit einer +Fähre übersetzen und wanderte langsam dem efeubehangenen +Tor zu. Seitab vom Fußweg stand ein +Christuskreuz, und vor diesem verweilte Engelhart bisweilen +in tiefem Nachdenken, wobei uralt feindseliges +Mißtrauen und bange Lust der Annäherung sich +mischten. Nicht als ob er einen Gott hier gesucht +hätte, mehr noch einen Menschen. Was ihn zu dem +Erlöserbildnis trieb, war die Idee des Opfers, der +betäubte Wille rang um Erlösung, er suchte für seinen +Schmerz das höchste Symbol. Das war es; er war +Opfer und suchte die Wollust des Opfers. Es ergriff +ihn jener schwärmerische Fatalismus, der eine +Trunksucht der Seele ist, der zur Unverantwortlichkeit +strebt und alles Bewußtsein im Traum und Wahn +auflöst.</p> + +<p>Es war in den Hundstagen. An einem Morgen +war Bataillonsexerzieren gewesen, zurückgekehrt, mußte +die Kompagnie zur Schießstätte, die in einem anderthalb +Stunden entfernten Wald lag. Erst um halb +drei Uhr nachmittags waren die Leute, aufs höchste +erschöpft, wieder in der Kaserne. Engelhart erbat +und erhielt Urlaub vom Appell und ging nach Hause, +nichts wünschend als Schlaf. Er schlang die Mahlzeit +hinunter und legte sich entkleidet ins Bett. Um +sechs Uhr wurde heftig an der Wohnungsglocke geläutet. +Es war Söhnlein. Er hob Engelhart beinahe +aus den Kissen und trieb ihn zur äußersten Eile. +Beim Appell war Nachtübung angesagt worden, um +sieben Uhr sollte das Regiment bereit sein. Engelhart +flog in die Kleider, sie stürmten auf die Straße, und +da die Kaserne fast eine halbe Stunde Wegs entfernt +war, wollten sie einen Wagen auftreiben, fanden aber +keinen. So mußten sie im Laufschritt unter dem +Aufsehen der Passanten über die Glacis rennen; als +sie auf dem Domplatze waren, schlug es schon dreiviertel. +Sie kamen an, als die Kompagnien schon +im Hof zusammentraten, oben mußten sie sich in +rasender Hast feldmarschmäßig rüsten, doch es lief +glimpflich ab, die Offiziere begannen eben die Musterung, +als Engelhart an seinen leergelassenen Platz trat.</p> + +<p>Söhnlein war zufrieden, daß es ihm gelungen +war, seinen Herrn vor Strafe zu bewahren, und +achtete nicht der bissigen Reden seiner Nebenmänner. +Er war überhaupt in der letzten Zeit immer heiterer +geworden, denn auf seiner Schranktüre befanden sich +nur noch vierundvierzig Kreidestriche.</p> + +<p>Der Marsch ging über das Dorf Randersacker +nach dem Hügelland in der Gegend von Eibelstadt. +Die Luft war zuerst dunstig, wurde jedoch am Abend +rein und kühl. Engelharts wie der andern Leute +von der Kompagnie bemächtigte sich nach und nach +eine solche Müdigkeit, daß sie sich nur noch hinzuschleppen +vermochten. Der Hauptmann, besorgt, daß +ihm seine Abteilung Schande machen werde, ritt auf +seinem alten dicken Gaul unaufhörlich an den Reihen +hin und her, wobei er die Leute in seiner halb +keifenden, halb gönnerhaften Weise zu ermuntern suchte. +Trotzdem traten fünf oder sechs Rekruten aus und +blieben am Straßengraben liegen. Bei der ersten +Raststelle fielen die meisten um wie die Stöcke. Der +Feind befand sich hinter einem zwei Kilometer entfernten +Weiler, und die Kompagnie erhielt den Befehl, +Vorposten zu stellen. Der Oberleutnant wählte fünf +Soldaten aus, unter ihnen Engelhart und Söhnlein. +Sie marschierten über einen langgezogenen Hang bis +an den Rand eines tiefen Forstes. Söhnlein wurde +als erster Posten ausgestellt, und an dem schwankenden +Schritt, mit dem er sich entfernte, sah man seine +außerordentliche Erschöpfung. Die andern standen +schweigend gegen den mattleuchtenden Himmel gekehrt, +aus dessen östlicher Tiefe sich langsam schwebend der +Mond erhob und eine scharlachne Röte auf das Gelände +warf. Der Leutnant schritt im taufeuchten +Wiesenrain auf und ab; nach einer Weile dünkte es +ihm notwendig, einen zweiten Posten über den ersten +hinauszuschieben, und er bezeichnete Engelhart einen +Punkt auf dem Kamm des Hügels bei einer einzelnen +Pappel. Engelhart schulterte das Gewehr und marschierte +ab. Der Weg führte ihn dort vorüber, wo +Söhnlein stehen sollte, doch als er hinkam, gewahrte +er jenen nicht, sah sich um und erblickte ihn endlich +schlafend gegen das Mooskissen eines Baumes gelehnt.</p> + +<p>Der Anblick überraschte und rührte ihn. Anstatt +den Pflichtvergessenen ohne Zögern zu wecken, stellte +er sich hin, stützte das Kinn auf die Gewehrmündung +und starrte verloren in das Kindergesicht des Schläfers, +das wie ein rosiges Abbild des Mondes aussah. Es +war eine heilige Stille rings. Gelbliche Lichtflecke +zitterten auf dem Boden. Das dürre Blätterwerk, +das dem Schlafenden zum Lager diente, strahlte wie +geläutertes Gold. Plötzlich vernahm Engelhart dicht +hinter sich Pferdeschritte. Erschrocken beugte er sich +nieder, um Söhnlein aufzuwecken, aber es war zu +spät, der Reiter, es war der Adjutant des Majors, +der die Posten inspizieren sollte, hatte den Unglücklichen +schon bemerkt. Söhnlein schaute eine Weile benommen +um sich, und als ihm das Bewußtsein wiederkehrte, +wurde er weiß wie Kalk. Engelhart war es, als +müsse er sich vor dem Offizier niederwerfen und um +<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[284]</a></span>Gnade für den Menschen flehen, er ahnte den entsetzlichen +Jammer, der in Söhnleins Brust tobte, +und fühlte sich mitschuldig. Der Adjutant fragte +mit eisiger Sachlichkeit, ob er schon länger hier sei +oder soeben dazugekommen sei, und er antwortete, er +sei soeben dazugekommen, war daher für seinen Teil +in Sicherheit.</p> + +<p>Es wurde Meldung an die Kompagnie und das +Regiment erstattet. Der Hauptmann wurde zum Oberst +befohlen und kam außer sich vor Wut zurück. Söhnleins +Gesicht behielt sein fahles Aussehen, seine Augen +waren trüb und irr. Die Kameraden betrachteten +ihn scheu und ohne Mitleid. Auf dem Heimmarsch +sangen sie begeisterter, gleichsam dienstwilliger ihre +Lieder. Vor dem Schlafengehen beobachtete der Zimmerälteste, +wie Söhnlein eine Weile unbeweglich vor +seinem Schrank stand, und er sagte:</p> + +<p>»Na, Söhnlein, das kostet dich ein paar Monate. +Aber mach dir nichts daraus, da brauchst du wenigstens +nicht zu schuften.«</p> + +<p>Auch die aufreibenden Wochen der großen Herbstübungen +gingen vorüber, und dann war Engelhart frei. +Langentbehrte Wonne, den Tag, die Stunde wieder +zu besitzen, den frühen Morgen verschlafen zu dürfen, +der eignen Entschlüsse Herr zu sein, Zeit zu haben, +viel Zeit ... Am ersten Tag suchte er den Park des +Veitshöchheimer Schlosses auf und schlenderte in musikalischer +Entzückung durch die beschnittenen Alleen und +künstlichen Laubengänge. Vor einer der verwitterten +Statuen, die um das große Wasserbassin aufgestellt +waren, blieb er lange stehen, und es schien, als ob +die Figur zu ihm spreche, ja er hörte deutlich ihre +Worte:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Des Sommers verdorrte Blätter rollen<br /></span> +<span class="i0">Um meinen Fuß.<br /></span> +<span class="i0">Unaufhörliches Spiel der Jahre!<br /></span> +<span class="i0">Laß über meine kühlen Glieder, Zeit,<br /></span> +<span class="i0">Den weitgesäumten Mantel streifen,<br /></span> +<span class="i0">Und achte nicht, was mir die Brust füllt,<br /></span> +<span class="i0">Den bittern Gleichmut.<br /></span> +<span class="i0">Du, Wanderer, eile dem Bilde vorbei,<br /></span> +<span class="i0">Das über stolzen Geschlechtern trauert,<br /></span> +<span class="i0">Unlebendig,<br /></span> +<span class="i0">Zerrbild alles Gewesenen.<br /></span> +<span class="i0">Wenn der Abend kommt und die Finsternis aufschwillt,<br /></span> +<span class="i0">Wird die Vergangenheit Traum<br /></span> +<span class="i0">Und die Gegenwart fühlbarer Tod.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Das glückliche Schwärmen durfte nicht lange +dauern. Es wurde von Anfang an verdüstert durch +die Frage, was nun werden solle. Was nun, was +anfangen? Womit das Leben verdienen? Es galt, +einen Beruf zu ergreifen oder vielmehr ein Geschäft +zu betreiben und von niemandes Gnade abhängig zu +sein. Herr Ratgeber meinte bekümmert, er sei jetzt +alt genug, um die Torheiten zu lassen und an eine +geordnete Existenz zu denken. Nach mancherlei Erwägungen +wandte sich Herr Ratgeber an seinen unmittelbaren +Vorgesetzten, den Generalagenten in Nürnberg, +und fragte an, ob Engelhart in dessen Bureau +einen Posten finden könne, und die Antwort war bejahend; +es sei gerade eine Korrespondentenstelle frei, +wenn der junge Ratgeber einige stilistische Gewandtheit +und außerdem guten Willen besitze, stehe seiner +Anstellung nichts im Wege, der vorläufige Gehalt sei +sechzig Mark für den Monat. Das war jämmerlich +wenig, doch Engelhart durfte sich nicht besinnen, er +mußte den ersten besten Strick erfassen, den man ihm +zuwarf, und Herr Ratgeber war froh, der bedrängendsten +Sorge los zu sein. Auch für ihn selbst war des +Bleibens in Würzburg ein Ende; zwischen ihm und +Inspektor Dingelfeld war offene Feindschaft ausgebrochen, +der Elende suchte Streit, wo er konnte, +und sein eingestandener Zweck war, den älteren Rivalen +zu verdrängen. Herr Ratgeber hatte schließlich +von der Gesellschaft seinen Abschied verlangt, aber +diese wollte einen so tüchtigen Arbeiter durchaus nicht +verlieren und erklärte sich bereit, ihn unter Gehaltserhöhung +nach München zu versetzen. Der Wettstreit +zwischen den beiden Nebenbuhlern war den Herren +nicht unangenehm gewesen, er förderte entschieden das +Geschäft, nur zum Äußersten durfte es nicht kommen. +Herr Ratgeber war denn auch zufrieden und fand +seine Ehre wiederhergestellt; die Aufbesserung seines +kümmerlichen Lohnes machte ihm mehr Freude als +ein Lotteriegewinst, es war doch irgendeine Anerkennung +für all die Mühe; er brauchte Anerkennung.</p> + +<p>Engelhart mietete sich in Nürnberg auf dem +Jakobsplatz ein, der Kirche gegenüber. Es war die +billigste Wohnungsgelegenheit, die er hatte auftreiben +können, er zahlte nur acht Mark monatlich. Es war +ein liliputanisches Zimmer, und das höchst baufällige +Häuschen, in dem es sich befand, gehörte dem Ehepaar +Hadebusch, wunderlichen Leuten, die jene Mischung +von Bosheit und Gemütlichkeit besaßen, wie sie im +untern Bürgerstand häufig ist. Der Mann, schon +ein Siebziger, war Bürstenmacher; es roch im Haus +beständig nach Borsten, Leim und Laugenwasser. +Während Engelhart in der düstern Wohnstube das +Frühstück verzehrte, politisierte der Alte, das heißt +er pries die vergangenen Zeiten. Frau Hadebusch +war ein dickes, habgieriges Weib; wenn sie Geld sah, +konnte sie sich kaum beherrschen und lachte übers +ganze Gesicht. Mit überlegener Schlauheit und scheinbar +unverfänglichen Fragen suchte sie sich über Engelharts +Vermögensverhältnisse Klarheit zu verschaffen, +und wenn sie merkte, daß er es übelnahm, suchte sie +ihn mit scheinheiligem Gejammer und den ungereimtesten +Geschichten von ihrer eignen Armut zu versöhnen. +<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[285]</a></span>Sie hatte einen Sohn, der ein Idiot war und nur +zum Holzhacken und Stubenauskehren zu gebrauchen +war.</p> + +<p>Frau Hadebusch hatte eine unüberwindliche Abneigung +gegen Steinkohlen. Sie beschwor, daß seit +Menschengedenken kein solch schwarzes Teufelszeug in +ihr Haus gekommen sei, beutete aber diesen Umstand +aus und berechnete das Holz zum Heizen mit unverschämten +Preisen. Engelhart wagte bei seinem +dürftigen Einkommen nicht, das eiserne Öflein in +seiner Kammer so lange zu speisen, daß es für den +Abend ausreichende Wärme gab, und so saß er oft +frierend bei seinen Büchern oder er legte sich ins Bett +und las weiter bis Mitternacht. Die morschen Dachsparren +über ihm krachten manchmal so laut, daß er +aus dem Schlaf erwachte, und durch die Fugen der +schlecht schließenden winzigen Fenster surrte der Wind. +Außerdem störte ihn die Nähe des Kirchturmes und +seiner dröhnenden Glocke nicht wenig.</p> + +<p>Sein ordnungsloses Bücherlesen entsprang nicht +der Lernbegierde und hatte keinen reingeistigen Antrieb. +Nichts beruhigte, nichts befriedigte ihn dabei, alles +stachelte ihn auf. Er suchte die Welt, er suchte das, +was die Jünglinge mit feierlicher Deutung »das +Leben« zu nennen pflegen. Er konnte sich nicht zu +der Annahme entschließen, daß das, was er bisher +gelebt, schon »das Leben« sei, und erschien sich +wie ein Wesen, das wohl Flügel besitzt, sie aber nicht +gebrauchen darf. Tag für Tag, vom Morgen bis +zum Abend befand er sich in einer innerlich verzitternden +Erregung und seine Seele glich dem glühenden +Draht über einer Flamme, der nicht nachgeben, +sich nicht biegen kann, weil er an den Enden festgenietet +ist. Die während des Fronjahrs eingeschlummerten +Kräfte und versiegten Quellen sprudelten jetzt +um so gewaltsamer hervor, und Engelhart war sich +seines Zustandes als einer unaufhörlichen Gefahr +wohl bewußt; er wünschte, sich selber zu entfliehen, +und wie nie zuvor trieb es ihn zu den Menschen. Er +wollte mit Worten vernehmen, wie es um sie und wie +es um ihn stand. Er glaubte an einen, irgendeinen, +der den Schlüssel zu dem großen Mysterium besaß, +und es dürstete ihn nach lebendigem Wissen, lebendigem +Wort, lebendiger Freundschaft.</p> + +<p>Die elende Kammer wurde ihm zuwider. Er suchte +an den Abenden andern Aufenthalt und lief, kein Unwetter +scheuend, sich die Beine müd, um schließlich +in einer abgelegenen Kneipe zu landen und bei einer +Tasse Kaffee trübselig vor sich hinzustarren. Einst zu +später Stunde kam er in ein enges Seitengäßchen und +blieb lauschend stehen. Eine dunkle, in leidenschaftlichen +Worten einsam redende Stimme drang wie aus +dem Innern der Erde zu ihm. »Da trat hervor einer, +anzusehen wie die Sternennacht, der hatte in seiner +Hand einen eisernen Siegelring, den hielt er zwischen +Aufgang und Niedergang und sprach: ›Ewig, heilig, +gerecht, unverfälschbar! Es ist nur eine Wahrheit, +es ist nur eine Tugend! Wehe, wehe, wehe dem +zweifelndem Wurme!‹« ... Engelhart ging zu einem +Fensterloch dicht über dem Boden und blickte wie in +einen Trichter hinunter. Er sah einen matterleuchteten +Raum mit Wirtshaustischen und -bänken. Auf einer +Bank an der Mauer saß eine kleine Gesellschaft junger +Leute, ein einzelner kauerte vor ihnen auf den Steinfliesen, +und die Worte, die er sprach, hatten sein Gesicht +zerwühlt, seine Lippen förmlich zerrissen und seine +Augen im Wahnsinn gebadet. »Gnade, Gnade jedem +Sünder der Erde und des Abgrunds!« schrie er jetzt +und schlug die Hände an die Wangen. Engelhart +schauderte.</p> + +<p>Bald darauf war es zu Ende und die Zuhörer +klatschten. »Diesen Franz macht dir kein Schauspieler +der Welt nach, Klewein!« ließ sich jetzt die heisere +Stimme eines langen, hageren Menschen vernehmen, +und mit verächtlichem Lachen, beide Hände in den +Hosentaschen, fuhr er fort: »Im übrigen war dieser +Schiller doch ein Mordsstümper. Es ist nur eine +Wahrheit, es ist nur eine Tugend! Lächerlich! Hunderttausend +Wahrheiten, Millionen Tugenden und +schließlich wieder keine; keine Wahrheit, das ist’s, +Kinder, denn wenn es eine Wahrheit gäbe, warum +sollten wir sie nicht erkannt haben?«</p> + +<p>Wehmütig an seine abgesonderte Existenz gemahnt, +die ihn wie durch ein fortwirkendes Gesetz von jeder +wahrhaft geselligen Vereinigung ausschloß, lauschte +Engelhart durstigen Ohrs den Gesprächen, die von +einem Geist großartiger Weltverachtung durchweht +schienen. Nach einer Weile schritt er zum Eingang, +überlegte hin und her, zählte in Gedanken seine Barschaft +nach und stieg endlich die steinerne Treppe zu +dem Weinkeller hinab.</p> + +<p>Sein schüchterner Gruß blieb unbemerkt. Er setzte +sich abseits und bestellte ein kleines Fläschchen italienischen +Landweins. Sein Betragen erregte die Aufmerksamkeit +des langen Hageren, den seine Kumpane +Peter Palm nannten. Engelhart errötete, als er dem +stumpflohenden Blick der schwarzen Augen begegnete. Es +war der Blick eines Jägers, eines Wilddiebs, bevor er +die Flinte anlegt. Jener Klewein, der den Monolog +gesprochen, brütete schweigend vor sich hin; über seinem +hart markierten Schauspielergesicht bebte die Haut wie +Wasser, das leichter Wind zu Falten bläst. Niemals +hatte Engelhart den Ausdruck des schlechten Gewissens +so deutlich und wild auf einem Antlitz gesehen. Die +<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[286]</a></span>drei andern waren ein wenig betrunken oder stellten +sich so. Einer, den sie Baron nannten, hatte ein verblasenes +Lächeln auf dem bübchenhaften Gesicht; diesem +flüsterte der Lange etwas zu, er kam an Engelharts +Tisch und forderte ihn mit gezierter Höflichkeit auf, +sich zu der Gesellschaft zu setzen. Engelhart dankte; +Spannung und Entzücken benahmen ihm fast die Sinne.</p> + +<p>So glaubte er endlich das Tor betreten zu haben, +das ins Leben führt, in das berühmte »Leben«. Von +nun an wurde die Nacht sein Tag, wie für den +Schmuggler, und schmugglerhaft war dies Herumziehen +an den Grenzen der bürgerlichen Bezirke, auf den +Lippen Hohn und in der Brust die Furcht vor ihren +Zollwächtern. Oft kam er erst um vier Uhr morgens +nach Hause, schlief dann über die Zeit, kam verspätet, +dumpf und müde ins Bureau und wurde unverläßlich +bei der Arbeit. Diese Arbeit bestand im Briefeschreiben +an säumige Zahler, an unschlüssige Versicherungskandidaten, +in Beantwortung von Beschwerdeschriften, +in juridischen und ökonomischen Aufklärungen, Agenteninstruktionen, +im Ausstellen von Prämienquittungen, +Berichten an die Direktion und vielem andern. Er +hatte sich geschickt und willig gezeigt, der Bureauchef +schätzte den denkenden Kopf in ihm, wie er sagte, +und zeichnete ihn dadurch aus, daß er ein täglich +wachsendes Pensum erledigt haben wollte. Der Bureauchef +war ein kleines, zartes, wachsbleiches, schweigsames +Männchen namens Zittel, eine Schreibernatur +durch und durch, geschmeidig, flink, giftig. Als Engelhart +jählings zu erlahmen begann wie eine Maschine, +an der ein Rädchen zerbrochen ist, heftete er bisweilen +seine kalten Reptilaugen, die hinter dicken Brillengläsern +glitzerten, forschend und streng auf ihn und +sagte mit berechneter Sanftmut: »Schade, Herr Ratgeber, +wirklich schade.« Doch Engelhart empfand +Ekel; nie wurde er das Gefühl einer ungeheuern Versäumnis +los, und besaß er dann die Zeit, nach der +er sich gesehnt, so rann sie ihm aus den Fingern, wie +Sand durch ein Sieb läuft. Manchen Tag vermochte +er zu Herrn Zittels Bekümmernis nicht drei Sätze +aufs Papier zu bringen, plötzlich packte ihn die Angst +vor der Brotlosigkeit, er arbeitete in zehn Stunden +ab, was sich in zehn Tagen angehäuft hatte, und +Herr Zittel konnte dann nicht umhin, eine solche +Leistung kopfschüttelnd zu bewundern. Schlimm war +es, daß er mit dem Geld in verzweifelte Unordnung +kam. Schon am fünften, am siebenten des Monats +mußte er um Vorschuß bitten, für viele Wochen hinaus +konnte er nicht mehr auf seinen vollen Gehalt +rechnen, an notwendige Anschaffungen für Kleidungsstücke +oder gar an Bücherkaufen war nicht zu denken, +und wenn er die Miete und das Mittagessen gezahlt +hatte, so lief das übrige rasch bei den nächtlichen Gelagen +davon. Und weil unter dem Einfluß Peter +Palms niemand sich anders führte, jeder aus dem +Leeren wirtschaftete und dies trübselige Wesen zum +Heldentum emporgelogen wurde, so dachte Engelhart, +alles müsse so sein, wie es war, und es sei ein +Schimpf, anders aufzutreten, als mit prahlerischen +Ansprüchen an eine blind undankbare Welt.</p> + +<p>Peter Palm stammte aus den niedrigsten Verhältnissen. +Seine Mutter war eine Waschfrau in +Plobenhof, den Vater hatte er nie gekannt. Er hatte +studiert, Stipendien hatten ihm anfangs fortgeholfen, +jetzt war er im siebzehnten oder achtzehnten Semester +und brachte es nicht weiter. Er hatte viel erlebt und +viel gelesen; in seinem Charakter herrschte das Böse +vor. Sein Gemüt war verbittert, ja gleichsam mit +Schwären bedeckt, nicht nur durch Armut und Entbehrungen +war es dahin gekommen, sondern auch durch +angeborne Zügellosigkeit des Herzens. Er hielt sich +für eine Art modernen Sokrates, doch mißhandelte er +seine Mutter, um ein paar Pfennige von ihr zu erpressen. +Von allen, die um ihn waren, hatte er +Franz Klewein am unbedingtesten in seiner Gewalt. +Auch dieser war arm, hatte abenteuerliche Fahrten +hinter sich, war Matrose gewesen, hatte in einem indischen +Hafen desertiert, war in einem Reisfeld von +Hindus aufgefunden und verpflegt worden; dann nach +Europa zurückgekehrt, trieb es ihn zur Schauspielerei, +aber er fand damit nur ein kümmerliches Auskommen. +Er war der leidenschaftlichste Mensch, den Engelhart +je gesehen. Er hatte etwas von einem edeln Tier; +äußerlich trat er wortkarg und mit gemessener Ruhe +auf, nur in den kleinen unter vorspringenden Stirnknochen +versteckten Augen flackerten unheimliche Feuer. +Sein Scharfsinn war groß, er beobachtete mit Lust +und mit Haß und seine Bemerkungen ritzten förmlich die +Haut durch ihre ätzende Bosheit. Er war noch jung, +kaum sechsundzwanzig, ehedem war er sicherlich eine +zum Positiven geneigte Natur gewesen, aber das +Schicksal hatte ihn müde gejagt. Dazu kam noch +Peter Palm über ihn; er hatte ihn in einer Berliner +Lasterhöhle kennen gelernt, gerade als er mit dem +Entschluß kämpfte, seinem Leben ein Ende zu machen. +Durch Palm wurde er aus der dämmernden Bahn +gerissen, die Helligkeit der Zweifel machte ihn sich +selber doppelt verachtenswert. Er hatte kein Engagement +mehr, kaum ein Unterkommen, und niemand +wußte, wie er sein Leben fristete. Den größten Teil +seiner Zeit verbrachte er grüblerisch erstarrt im Paradieschen.</p> + +<p>Das Paradieschen war ein winziges Gebäude, +dicht am Stadtgraben erbaut; jenseits erhob sich der +kolossale Turm des Ludwigstores. Zur Nachtzeit +blickten die erleuchteten Fensterchen einladend über den +<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[287]</a></span>stillen Platz und rückwärts fiel der Lichtschein in das +Pflanzengewinde über der uralten Festungsmauer. Im +Paradieschen war alles winzig: der Wirt, die Kellnerin, +der Spiegel im Goldrahmen, Tische, Stühle, +Tassen, Löffel und das Stehklavier an der Wand. +Palms treuester Trabant, ein einfältiger Sachse +namens Jentsch führte auf dem gebrechlichen Instrument +seine wesenlosen Phantasien aus. Er machte +die Stimmung. Stimmung, das war das große Wort. +Keiner wußte, was im Kern darunter zu verstehen +sei, sie wollten vergessen, es war ein Aufprasseln +letzter Gemütskräfte. Es war zum Beispiel ein Mann +dabei, der für einen Erfinder galt, ein bejahrter Herr; +er hatte ein Vermögen für seine Hirngespinste verschwendet +und war jetzt im Elend; dieser zog immer +sein Taschentuch und wischte die Tränen ab, wenn +Jentsch spielte. »Nur zu, nur zu,« murmelte er bei +jeder Pause, »das tut wohl, lieber Jentsch, das tut +mir wohl.« Doch dieser stellte sich selten ein und +wurde nie recht ernst genommen, denn es fehlte ihm +der flagellantische Geist, der alle Schläge des Geschicks +dadurch mildert, daß er eine Selbstpeinigung daraus +macht und jede Schuld mit der Krone des Martyriums +schmückt.</p> + +<p>Einer aus der Gesellschaft hatte das Wort aufgebracht: +wir sind die Totengräber der Ideale. Engelhart +suchte hinter den totengräberischen Worten die +neuen Ideale. Mit beklemmter Brust saß er da und +lauschte und wurde trunken von Worten. Gefühl +und Wort waren ihm noch untrennbar eins. Die +große Gebärde riß ihn hin. Alles ward geleugnet; +ein Spiel seiner selbst rollte der Erdball gesetzlos +durch den verödeten Raum. Engelhart spürte Angst +vor seiner Existenz und bewunderte den Mut der +Leugner. Peter Palm durchschaute seine Jünger; +wenn er ihre Schwäche erkannt hatte, durfte er +alles wagen. Die Vergeblichkeit menschlichen Mühens +wurde in seinem Munde ein Argument des Triumphes. +Er nannte sich in einer geistreichen Stunde den Beichtvater +der Todgeweihten; er versah die sinkenden Seelen +mit den Sakramenten. Wenn er redete, schwiegen +alle. In seinem bräunlichen, langgezogenen Fanatikergesicht +zitterte Wut gegen jeden Besitz, gegen jede +Hoffnung, ja gegen jeden Kampf. »Du bist ein Moslem,« +sagte Klewein verächtlich und mit dem Schmerz, +den er um sein gestrandetes Leben empfand, »deine +Ausbrüche sind Konvulsionen des Quietismus.« Klewein +glich dem im Käfig eingesperrten Wolf; dasselbe +ruhelose Auf und Ab, dasselbe sinnlos verstockte +Starren auf das eiserne Gitter. Einmal blieb er in +der Nacht vor der Frauenkirche stehen und hob die +geballten Fäuste. Dann drehte er sich um und schrie: +»Ein Weib, ein Weib, ein Königreich für ein Weib!« +Peter Palm lachte und suchte nachzuweisen, daß das +wahrhaft moderne Weib in der Dirne kristallisiert sei. +Engelhart widersprach. Die treuherzige Unschuld seiner +Rede erbitterte Palm und er riet ihm, mit einem +Kindertrompetchen vor eine Mädchenschule zu ziehen +und Reveille zu blasen. »Sie sind auch einer von +denen, die Helena in jedem Weibe sehen,« sagte er +und prophezeite ihm ein Leben der Schmach und der +Enttäuschungen. Darauf wußte Engelhart nichts zu +entgegnen. Alles, was gesagt wurde, nahm er ganz +so, wie es gesagt wurde, das amüsierte Peter Palm +im stillen. Doch ärgerte er sich über ein Unbezeichenbares +in den Augen des jungen Menschen, er ärgerte +sich sogar, wenn Engelhart seinen, Palms, Worten +allzuviel Gewicht beilegte, und eines Tages bemerkte +er gegen Klewein, daß da doch nicht Blut von seinem +Blut sei; fremde Rasse; solche Burschen müßten von +Rechts wegen reich sein, dann könne man sie mit +gutem Gewissen verachten. »Ich bin überzeugt, er +wird einmal das große Los gewinnen,« schloß er +hämisch.</p> + +<p>Doch im Grunde wußte er besser Bescheid über +Engelhart, als er sich zugestehen mochte, er wußte +besser Bescheid als Engelhart selbst. Er nannte ihn +Seelenspürhund, Gefühlsparasit. Doch hier war ein +Etwas, das er nicht zerreißen noch zerbrechen konnte, +gleichsam aus der eignen Hand des Schöpfers hervorgegangenes +Gespinst, das man nicht anrühren darf, +ohne vom Blitz getroffen zu werden. Sein Hinundherzittern +über den Gebilden des Lebens gemahnte +Palm an die Kompaßnadel, die bei allem Zittern +stetig zum Pole zeigt. Sein zerrütteter Organismus +spürte die Gesundheit des Gesunden traumhaft scharf, +bald war er sich auch klar, wohin das unbewußte +Wesen heimlich ziele, von dem Engelhart so qualvoll +beunruhigt wurde, und ein gelegentlicher Fund bestätigte +seine Mutmaßung.</p> + +<p>An einem Sonntagnachmittag lag Engelhart, von +Kopfschmerzen gequält, auf dem Sofa (er wohnte +jetzt im zweiten Stock eines Hauses in Steinbühl), als +Palm und Klewein erschienen. Sie machten sich’s +nach ihrer Art bequem, schwadronierten von diesem +und jenem, Klewein entwickelte nicht zum erstenmal +seinen Plan, nach Amerika auszuwandern, Palm +hatte indessen die Tischlade aufgezogen und stöberte +ungeniert unter den Briefen und Papieren Engelharts. +Es fiel ihm ein dicht bekritzelter Bogen in +die Hand, auf dem die Geschichte vom kleinen Bräutigam +aufgeschrieben war, die Engelhart seinem Bruder +erzählt hatte; einzelne Merkworte waren ihm nicht aus +dem Sinn gegangen und er hatte, vor Monaten schon, +sich der ganzen Bilderfolge durch Niederschreiben entledigt. +Palm las und las, begann spöttisch zu lächeln, +<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[288]</a></span>dann laut zu kreischen, Engelhart merkte zu spät, was +vorging. Palm ließ sich den Raub nicht mehr entreißen, +auch Kleweins Einspruch half nichts, Palm bestand +darauf, das Elaborat müsse im Paradieschen verlesen +werden, auch Herr Barbeck habe heute zu kommen versprochen, +das treffe sich ausgezeichnet, der sei der rechte +Mann für so was. Welche Verachtung lag in seinen +Worten! Engelhart glaubte, seine Unfähigkeit werde an +den Pranger gestellt, und wollte vor Scham vergehen. Die +Verlesung fand zu einer Stunde statt, wo noch keine +fremden Gäste im Paradieschen waren; die simple +Geschichte wurde mit blutigem Hohn aufgenommen +und vollständig niederkritisiert. Zuhörer waren Palm, +Klewein, Jentsch, der Baron, dann ein halbnärrischer +Maler, der den Spitznamen Krapotkin hatte, da er +unaufhörlich Stellen aus den Schriften dieses Anarchistenführers +deklamierte, und ferner Herr Barbeck. +Dieser gab sich den Anschein, als nehme er die Geschichte +ernst, und fragte Engelhart am Schlusse, was +das Ganze zu bedeuten habe und von wo die Verse +abgeschrieben seien. Engelhart schwieg. »Was haben +Sie denn vor, was wollen Sie werden?« fuhr Barbeck +mit geheimnisvollem Grinsen zu fragen fort. Und +als Engelhart verlegen die Achseln zuckte, lachten alle, +Barbeck aber sagte: »Na, Jüngling, mich werden Sie +nicht hinters Licht führen, ich kenne das, bin selber +dort gewesen, hinterm Licht nämlich, hab’ selber Äpfel +gestohlen.«</p> + +<p>Barbeck kam von da an allabendlich ins Paradieschen. +Mit seinem tückisch-vielsagenden Lächeln versicherte +er, daß ihm der kleine Bräutigam, auf diesen +Spitznamen nagelte er Engelhart fest, Interesse eingeflößt +habe. Es hatte eine eigne Bewandtnis mit +Herrn Barbeck, und Engelhart fürchtete den Mann +mehr noch, als er mit der Zeit Peter Palm fürchten +gelernt hatte. Peter Palm gab sich wenigstens wie +er war, eher noch schlechter als besser, es war etwas +Ehrliches in seiner dürren Dämonenhaftigkeit, aber +dieser wechselte beständig sein Wesen und war ungreifbar +wie die schillernde Qualle. Er war Privatgelehrter, +das heißt, er betitelte sich so. Er behauptete, +Astrologie und Alchymie zu studieren, und +meinte, wenn die Rede darauf kam, die alten Burschen +in Babylon seien gar nicht so dumm gewesen. +Dabei ließ er die frivol glänzenden Äuglein forschend +von Gesicht zu Gesicht wandern, denn er war +ungemein eitel, so eitel, daß er nicht vertrug, wenn +jemand in der Gesellschaft einen guten Witz machte, +gerade als ob es nur ein bestimmtes Quantum Gelächter +in der Welt gebe und er um seinen Anteil zu +kommen fürchte. Er besaß lange glatte, blonde Haare, +die am Hinterkopf kunstvoll beschnitten waren und +den mädchenhaft zarten Nacken frei ließen; häufig strich +er mit der Hand über den Kopf, wobei er zärtlich +sinnend oder boshaft triumphierend in die Luft schaute. +Wenn jemand seinen Worten widersprach, so fing er +an, irgendeine Melodie vor sich hinzusummen, und +drehte den Kopf wie eine Soubrette mit schmachtendem +Blick zur Seite. Er war wohlhabend, aber +geizig; einmal war es Peter Palm gelungen, ihn +anzupumpen, darauf hatte sich Barbeck monatelang +nicht mehr blicken lassen. Bei Tag war er ein +Bürger, nie hätte er sich bei Tag etwas gegen die +bürgerliche Ordnung zuschulden kommen lassen; bei +Nacht dagegen setzte er Ehre darein, für einen erfahrenen +Glücks- und Lebemann zu gelten, sprach mit +pfiffig verschlagener Miene von seinen Abenteuern +und von gewissen Häusern der Liebe an der Stadtmauer +drüben. Alle andern verachteten immer nur +die Menschen im allgemeinen mit Ausnahme der Anwesenden, +jeder Anwesende war eine Persönlichkeit +von Bedeutung; Barbeck verachtete alle und zeigte +jedem, daß er ihn verachte, ihm konnte man nichts +vormachen, der älteste Ruhm zerstob vor seinen Augen +in Dunst, und er pflegte nur hin und wieder mit +feinschmeckerischem Zungeschnalzen Dinge zu loben, über +die sich niemand eines Lobes versah oder die zu tadeln +albern gewesen wäre.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[301]</a></span>Engelhart wurde bis ins tiefste Herz beunruhigt. +Dies gefühllose Fertigsein; dies unbedingte +Sichersitzen auf felsenfesten Urteilen; diese +hohnlachende Philosophie, die ohne Skrupel das Erhabene +von seinem Thron zerrte. Oft saß er wie im +Fieber und jeder Abend endete mit Stunden des +Lebensüberdrusses. Denn wozu leben, wenn das, +was er so göttlich in seinem Innern walten fühlte, +nur ein aberwitziges Spiel war, ein Traumgesicht, +das vor andern zur Grimasse erstarrte? Mit Angst +hielt er sich fest, um nicht zu fallen. Die überfließende +Empfindung suchte er zu verbergen, es +war freilich umsonst, sie wußten es alle, sie machten +sich zu Meistern seiner Unsicherheit und zerhämmerten +sein Herz. Wie das Weltkind unter Pfaffen gezwungen +wird, sein natürliches Betragen für eine +Sünde anzusehen, so bequemte er sich, um doch +wenigstens für ebenbürtig genommen zu werden, mit +ihren Gebärden zu reden und ihren Anschauungen +beizupflichten. Er war der erste und der letzte bei +allen Gelagen, genoß unzureichenden Schlaf und nährte +sich schlecht. Seine Lebensführung war unsinnig, er +mußte Schulden machen, und anständige Leute, die +ihm bisher wohlgewollt, wurden ihm feindselig gesinnt. +Es war alles umsonst, Peter Palm glaubte +ihm nicht. »Geben Sie sich keine Mühe,« sagte er, +»Sie sind ja doch nur ein verkappter Philister, der +zähneklappernd einen Ausflug ins feindliche Land +macht.« O dieser Dämon im Schlafrock!</p> + +<p>Eines Nachts kam Barbeck aufgeregt ins Paradieschen +und verkündete, Amöna Siebert sei in der +Stadt und tanze in den Reichshallen. Daraufhin +wurde der Beschluß gefaßt, aufzubrechen, um die +Siebert zu sehen, die nach Peter Palms Beteuerung +das genialste Weib unter der Sonne war. Amöna +Siebert war vor acht oder zehn Jahren Kellnerin im +Wirtshaus zum Mondschein gewesen, und das siebzehnjährige +Mädchen, ohne durch Schönheit aufzufallen, +fand wegen ihrer Heiterkeit viele Anbeter. +Eines Morgens nach einem Ball hatte sie den kleinen +Saal aufzuräumen, und plötzlich fiel ihr bei, eine +Menge Stühle in zwei Reihen zu setzen, diese für +Tänzer und Tänzerinnen anzusehen und zwischen +ihnen hindurch die Touren einer Anglaise zu tanzen,<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[302]</a></span> +ein Vergnügen, das sie leidenschaftlich liebte, weil sie +dabei die Leichtigkeit und Anmut ihrer Bewegungen +spüren konnte. Ein durchreisender Fremder belauschte +und überraschte sie, er machte ihr das Anerbieten, sie +ausbilden zu lassen, einige Monate darauf hörte man +von ihren großen Triumphen, plötzlich war sie verschollen +und es hieß, ein italienischer Graf habe sie +entführt. Viel später war sie noch einmal in der +Stadt gewesen und hatte getanzt, darauf hieß es +wieder, ein Liebhaber habe sich ihre Gutmütigkeit zunutze +gemacht und sie zugrunde gerichtet. Jedenfalls +ging es ihr jetzt schlecht, sonst wäre sie nicht in den +Reichshallen aufgetreten, einem Lokal letzten Rangs. +An diesem Abend tanzte sie nicht, am nächsten Abend +sah sie Engelhart zum erstenmal, hatte aber keinen +guten Eindruck von ihr; ihre Bewegungen erschienen +ihm frech und gewaltsam, nur die traurigen, starr in +die rauchige Luft des eklen Raums gerichteten Augen +berührten sympathisch. Barbeck machte sich hinter einen +von Amöna Sieberts Bekannten, und dieser versprach, +ihn und seine Freunde mit der Tänzerin zusammenzubringen, +die gegenwärtig ohne Anhang sei. Barbeck +hatte Bedenken, die Sache drohte Geld zu kosten, er +war der einzige Zahlungsfähige bei der Partie, indessen +gab er sich der Hoffnung hin, auf die Kosten +zu kommen, und gegen Mitternacht zog die ganze Gesellschaft +mit Amöna in einen Weinkeller. Amöna +Siebert trug sich wie eine vornehme Dame. Ihr +oberflächlich lustiger Ton zeugte von der stetigen Gewohnheit +des Verkehrs mit fremden Leuten. Mehrmals +hatte es dennoch den Anschein, als fühle sie +sich unbehaglich und aus dem verschleierten Blick +sprühte Widerwillen. Barbeck benahm sich wie ein +Faun, er trank mehr, als er vertragen konnte, und +wurde nach und nach zudringlich, Klewein, bebend +vor Wut, ließ ihn barsch an, es entstand Streit, +Peter Palm mußte sich ins Mittel legen, am Ende +stritten auch Klewein und Palm und warfen einander +Wahrheiten an den Kopf. Der Baron suchte Amöna +mit aristokratischen Manieren zu bestechen, während +Jentsch und Krapotkin die Gelegenheit des Freitisches +benutzten, um sich gütlich zu tun. Engelhart litt. +Eine mahnende Stimme ertönte in seinem Innern, +und wie unter einer Bergeslast stützte er den Kopf +in die Hände.</p> + +<p>Es blieb nicht verborgen, daß Klewein für die +Siebert leidenschaftlich entbrannt war. Er opferte +das letzte, was er hatte, um sich einen tadellosen Anzug +zu verschaffen. Ob er erhört wurde, war nicht +zu erfahren, man wußte nur, daß er mitsamt seinem +feinen Anzug obdachlos war, denn Palm, bei dem er +oft genächtigt, wollte nichts mehr von ihm wissen. Es +beleidigte ihn, sich um eines Frauenzimmers willen +beiseite geschoben zu sehen. Jentsch und der Erfinder +gingen einmal spät nachts am Güterbahnhof spazieren, +da überraschten sie Klewein, wie er sich auf einem +Frachtfuhrwerk das Lager zum Schlafen richtete. Er +machte humoristische Glossen darüber, die beiden +dummen Menschen ließen sich täuschen und lachten +mit ihm. Barbeck war die ganze Zeit über voll Gift +und Galle, tröstete sich aber immer wieder mit Peter +Palms Versicherung, daß die Siebert unmöglich einem +Klewein ihre Gunst schenken könne. Eine Woche +später hieß es, Amöna Siebert sei krank und die +Direktion der Reichshallen mache Schwierigkeiten mit +dem Kontrakt, das Mädchen habe ihre Wohnung aufgeben +müssen und sei zu einer armen Verwandten +gezogen.</p> + +<p>Eines Abends trafen sich Engelhart und Klewein +am Laufertor, schlenderten eine Weile planlos um +den Graben, und Klewein wurde von Minute zu +Minute düsterer und zerstreuter. Engelhart dachte, +es seien die Geldsorgen schuld, und da Monatsanfang +war und er gerade ein paar Taler in der Tasche +hatte, fragte er Klewein, ob er ihm aushelfen könne. +Das Anerbieten wurde dankbar angenommen, aber +Kleweins Betragen veränderte sich deshalb nicht. +Engelhart war nicht fähig, jemand auszuforschen, er +liebte gar nicht Geständnisse eines andern, er war zu +sehr mit sich selbst beschäftigt. Klewein schlug ihm +vor, mit in die Reichshallen zu gehen, und auf dem +Wege dorthin erzählte er, offenbar in dem qualvollen +Drang, sich irgendwem zu eröffnen, wie ihn Amöna +Siebert an der Nase herumführe, wie sie ihn leiden +lasse durch seine Leidenschaft und daß er darüber des +Lebens satt und übersatt geworden sei. Wie aus +Fieberphantasien stieg Amönas Bild empor als das +einer Vergifterin, eines Molochs.</p> + +<p>Stumm saßen sie während der Vorstellung in +den Reichshallen, gehässig aufgeregt durch den Lärm, +die widerliche Musik und den Anblick der verwüsteten +Männer- und Weibergesichter. Später gingen sie mit +Amöna in ein nahegelegenes Café. Klewein redete +beständig, Amöna unterbrach ihn oft mit einer +spöttisch stachelnden Bemerkung, sie sah matt und +blaß aus, oft schien es, als werde ihre Brust ausgeglüht +von einer verborgenen rasenden Ungeduld.</p> + +<p>Engelhart schwieg zumeist. Ihn erbarmte des +Weibes, er wußte nicht wie und warum. Die Gegenwart +einer Frau stimmte ihn überhaupt stets milder +und süßer. Auf dem Heimweg entstand plötzlich ein +Wortwechsel zwischen Klewein und Amöna; eigentlich +um nichts, der Zwiespalt lag mehr in den beiden +Menschen selber als in ihrer Wirkung aufeinander. +Als Klewein sie aufs äußerste gereizt hatte, blieb +Amöna stehen und sagte kalt: »Jetzt habe ich genug +<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">[303]</a></span>von Ihnen,« und streckte dabei befehlend den Arm +aus. Klewein starrte sie an, dann verbeugte er sich +sarkastisch und ging hinweg. Seine heftigen Schritte +verklangen in der Finsternis. Amöna wendete sich +mit einem drohenden Blick zu Engelhart und fragte: +»Sind Sie auch so einer?« Und da er schwieg, +nahm sie seinen Arm, und da er ihr nicht werbend +entgegenkam, schien sie zu erstaunen. Unter einer +Gaslaterne nahm sie ihm den Hut ab, legte die +Hand auf seine Schulter, sah ihn prüfend an und +sagte halb lächelnd, halb traurig: »So jung, so +jung!« Sie blieben eine Weile stehen, dann sagte +sie: »Jetzt gehen Sie nach Hause und schlafen +Sie sich mal aus, und morgen abend um neun +Uhr kommen Sie zu mir, ich tanze morgen nicht, +ich fühle mich wieder unwohl, kommen Sie zu mir +in die Wohnung.« Sie nannte ihm die Straße +und das Haus, nickte kokett und schritt langsam +davon. Engelhart kam taumelnd heim, entschlief +erst, als der Tag anbrach, und wurde durch einen +Abgesandten des Bureaus aufgeweckt, der ihm ein +Schreiben von Herrn Zittel übergab. Herr Zittel +schrieb, seine Geduld sei nun zu Ende, nur der Rücksicht, +die man auf seinen Vater nehme, habe es +Engelhart zu verdanken, daß man ihn noch nicht +davongejagt. Engelhart schrieb zur Antwort, er sei +krank, versprach morgen zu kommen, versprach sich zu +bessern. Als er um sieben Uhr nachmittags ins Paradieschen +kam, war Barbeck zugegen, es wurde natürlich +über Klewein und Amöna geredet, durch ein unvorsichtiges +Wort machte er den immer lauernden und +mißtrauischen Barbeck stutzig und sein Erröten setzte +ihn noch mehr in Verdacht. Es erschienen auf einmal +viele Leute, meist unbekannte Gesichter, einer von +ihnen trat zum Tisch und begrüßte Barbeck, es war +ein schlanker Mensch mit außerordentlich schönen, +bleichen Zügen, hinter dem Zwicker funkelten feurige +Augen. Engelhart war es längst müde, immer wieder +Menschen zu sehen, ihm bangte vor jedem neuen +Namen, auch dieser Fremde machte ihn ungeduldig, +indessen ward er sehr bestürzt durch den ernsten, tiefen, +mitleidigen Blick, der ihn aus jenen Augen traf. Er +begann zornig zu werden und schaute mit Absicht in +eine andre Richtung, endlich zahlte er und brach auf. +Barbeck bat, auf ihn zu warten, er wolle ihn begleiten, +Engelhart zögerte und erwog, wie er sich des +Mannes entledigen könne, es war schon halb neun. +Draußen fragte er nach dem schwarzbärtigen Herrn, +der ihm so ärgerlich gewesen war, und Barbeck sagte, +das sei ein toller Kauz, ein ganz toller Kauz. Das +war alles. »Was ist er denn? wie heißt er?« fragte +Engelhart mit beständig wachsendem Groll. Er heiße +Justin Schildknecht und sei ... eben ein toller Kauz. +Barbeck lachte wieder einmal geheimnisvoll in sich +hinein.</p> + +<p>In Wirklichkeit verhielt sich die Sache so. Barbeck +hatte sich einst, ohne Vorwissen Engelharts, eine +stenographische Abschrift von der Geschichte vom kleinen +Bräutigam gemacht. Vor kurzem war er mit Justin +Schildknecht, einem seiner bürgerlichen Tagesbekannten, +beisammen gewesen, und um zur Erlustigung beizutragen, +hatte er das Geschichtchen vorgelesen, gespickt +mit eignen witzigen Einschiebseln. Der Zuhörer hatte +sich aber in andrer Weise dafür erwärmt und den +Wunsch geäußert, Engelhart kennen zu lernen. Nichts +leichter als das, meinte Barbeck, kommen Sie um die +und die Stunde da und da hin.</p> + +<p>Es war schwül. Bleifarbene Wolken umsäumten +den Himmel, die den vergehenden Tag wie Tiere in +unsichtbaren Klauen noch zu halten schienen. Während +Engelhart überlegte, wie er von Barbeck loskommen +könne, war ihm der Zufall bei seinem Vorhaben behilflich. +Von der Haller Wiese her zog ein großer +Trupp Menschen, lauter Arbeiter. Es war eine Kundgebung. +Die Leute von den Spiegelglasfabriken +hatten einen Streik veranstaltet. Aus dem Tor marschierten +Polizeileute. Junge Burschen pfiffen und +johlten, ein Herr im Zylinder rannte in größter Eile +inmitten der Fahrstraße, Engelhart entschlüpfte in das +Gedränge.</p> + +<p>Als er vor dem Haus anlangte, wo Amöna +wohnte, es war ein altes Gebäude nahe der Insel +Schütt, fing es an zu regnen. Sein Blut war so +aufgeregt, daß der Arm zitterte, als er an der Glocke +zog, und ungeduldigstes Verlangen machte sein Auge +feucht. Ein altes buckliges Weib, wie einer Hexengeschichte +entlaufen, öffnete und führte ihn über einen +modrig riechenden Gang in ein kellerartiges Gemach. +Ein riesiger Altnürnberger Schrank und eine Ampel +mit rotem Glas konnten nicht den Eindruck der Armseligkeit +mildern. An einigen Nägeln an der Wand +hingen die bunten Gewänder der Tänzerin und sie +selbst saß auf dem Sofa und nähte eine blaue Schleife +auf ihren Hut. Sie schwatzte wie ein kleines Mädchen, +fragte ihn, ob er reich sei, ob er reich werden wolle, +schimpfte auf die reichen Leute, auf das Geld, auf +die Männer, auf die ganze Welt. »Früher ist man +wenigstens in die Kirche gegangen,« sagte sie, »jetzt +fehlt auch das.« Dann blickte sie plötzlich auf und +fragte mit seltsamer Heftigkeit, ob er sie schön finde; +und da er betreten schwieg, ob er sie hübsch finde, +ob sie schon verblüht sei. »Die Spiegel lügen,« rief +sie aus, »nur die Weiber sind ehrlich, wenn sie aufhören, +neidisch zu sein.« Sie stand auf, ging zur +Tür, lauschte, riegelte zu, trat dann zu Engelhart +und sah wartend, lächelnd, nicht ganz ohne Befangenheit +<span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[304]</a></span>in sein Gesicht. Alles an ihr war ein wenig +gelblich, das Haar, die Haut, ja sogar die Augen.</p> + +<p>Engelhart vermochte weder zu reden noch sich zu +bewegen, er saß wie angeschmiedet und erstaunte selbst +über seinen unbegreiflichen Zustand. Nicht als ob +ihm Amöna auf einmal reizlos erschienen wäre. Er +fühlte noch dasselbe dumpfe Verlangen nach ihr wie +vordem. Aber zuerst war es dies gewesen: er glaubte +sie durch eine Miene oder Gebärde der Annäherung +zu beleidigen, sie, die er doch kaum kannte; dann +fürchtete er etwas andres, das Leben hinter ihr, die +Bitterkeit in ihrer Brust, und außerdem war es ihm +unmöglich, ihr auch nur ein einziges zärtliches Wort +zu sagen, weil er keine Zärtlichkeit empfand und weil +er sie nicht niedrig genug schätzte, um skrupellos zu +nehmen, was vielleicht mit Mut und Selbstverleugnung +gegeben wurde. Es war zugleich Stolz und +Feigheit, Achtung vor dem Weibe und Angst vor +einer Verantwortung, Trotz und Scham, doch hauptsächlich +wohl Scham und schließlich auch eine nagende, +beklemmende Traurigkeit. Alles das war es, nur +kein Zugreifen und unbekümmertes Wagen. Zu viel +enthielt jeder Augenblick für ihn, zu eifrig schaute er +vorwärts und rückwärts und seitwärts und nach innen +hinein in die Tiefe. Ein Mensch war ihm etwas unergründlich +Vielfaches, Schwieriges, Gewundenes, +Rätselhaftes, und ein Weib, das war nun ganz und +gar ein Geheimnis.</p> + +<p>Amöna hatte ihn zu liebkosen versucht; sie ließ +nun ab und setzte sich bleich und stumm auf den +Rand ihres Bettes. Sie warf einen schnellen Blick +in den Spiegel, der nebenan an der Wand hing, und +ihr Gesicht hatte einen herausfordernden, wild-verächtlichen +Ausdruck. Dann ging eine ganze Kette +von Veränderungen in ihrem Gesicht vor; die Züge +erschlafften, unter den gesenkten Lidern hervor sickerte +eine hohle Müdigkeit über Wangen und Mund, über +den Leib flog ein Schauder, sie warf sich quer über +das Bett und seufzte aus furchtbar bedrängter Brust. +Engelhart war sehr bestürzt darüber, was er da angerichtet, +er hätte es gern wieder ungeschehen gemacht, +aber das war nun vorbei. So stand er auf, ging +zur Türe und sagte schüchtern gute Nacht.</p> + +<p>Draußen regnete es noch in Strömen, wie Peitschenschläge +klatschte es aufs Pflaster. Indes er unter +dem Toreingang wartete und den Hutrand herunterstülpte, +weil das Wasser vom Pfosten ab und ihm +ins Gesicht spritzte, löste sich aus der Dunkelheit der +gegenüberliegenden Mauer eine Gestalt und kam rasch +auf ihn zu. Es war Franz Klewein. Engelhart +erschrak. Klewein trat dicht vor ihn hin, ergriff mit +beiden Händen seine Rechte und mit schlotternden +Kinnladen murmelte er: »Mensch! Mensch!« Es war +nichts Tobendes in seiner Stimme, nur Schmerz und +leidenschaftliche Bewegtheit. Engelhart befand sich +jedoch in wunderlicher Lage; er konnte jenem nicht +sagen: das, was du fürchtest, ist nicht geschehen, denn +es gibt eine Männereitelkeit, die stärker ist als jedes +Gefühl von Sünde.</p> + +<p>Klewein schien es auch als ein Fatum zu nehmen. +Ja, er behandelte Engelhart herzlicher als vorher +und suchte im übrigen wieder Peter Palms Gesellschaft, +die ihm immer unentbehrlicher wurde; sie beschäftigten +sich nach alter Gewohnheit damit, Höhlen +zu bauen und andrer Leute Vorratskammern zu plündern.</p> + +<p>Es begann damals ein neuer Wind durch die +Zeiten zu wehen; vieles zerbarst, was bislang in +unantastbarer Scheinherrlichkeit gestanden, ein Frühling +des Gedankens war es, ein März der Hoffnungen, +mit Fug durfte man Gewohntem mißtrauen, es brachen +Blüten auf, so fremdartig, daß müde Augen sie für +Traumgebilde nahmen, es war wieder einmal freier +zu atmen und mancherlei stand im Wachsen. Engelhart +spürte es in allen Fasern und wußte nicht, wohinaus +damit; ein heftiges, blindes Wollen machte +ihn unfähig, dem Augenblick, der gegenwärtigen +Stunde genugzutun, seine Sehnsucht schien ihm doch +nicht die rechte zu sein, da sie ihn nicht an die rechte +Stelle führte. Jene aber, an die er sich drangvoll +anschloß, taten, als wüßten sie von nichts. Wenn +der Sturm brauste, sagten sie: »Ach was, das Fenster +schließt wieder einmal nicht«, und statt die Richtung +zu deuten, machten sie sich über die Wetterfahne lustig. +Sie verwühlten sich, und um nichts zu sehen, wenn +es am wetterträchtigen Himmel leuchtete, schlossen sie +krampfhaft die Augen und schrien: Es ist finster. +Engelhart, in jeder Weise allzu intensiv auf Menschen +angewiesen, ward um sein Lauschen betrogen +und etwas Arges, Schmähliches kam über ihn.</p> + +<p>Mit dem trotzigen Entschluß zur Verworfenheit, +gleichsam mit verhängtem Gesicht und aufgerissener +Brust hatte sich Klewein in ein lasterhaft-ausschweifendes +Treiben gestürzt. Der Baron, ebenfalls ein +Mensch, der das Leben dort suchte, wo andre es wegwarfen, +unterstützte ihn, Barbeck machte den lüsternen +Neugierigen und Peter Palm sprach von sozialwissenschaftlichen +Forschungsreisen, damit die Sache ein +Mäntelchen habe. Es mußte alles ein Mäntelchen +haben, jeder Mann und jedes Ding. »Kommen Sie, +Freundchen,« sagte er zu Engelhart, als dieser einmal +schmerzlich zögerte, »die verlorenen Söhne gehören +zu den verlorenen Töchtern.« Sie traten in +ein Haus, auf dessen Steinschwelle sich eine Lache +geronnenen Blutes befand; daneben lag ein zerschnittener, +halbverfaulter Apfel.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span>Aus schmutzigen Kneipen lasen sie verwahrloste +Frauenzimmer auf und zogen mit ihnen umher. Am +Abgrund taumelnde Wesen waren es, die mit Lust +den letzten Funken der Unschuld in ihrer von Leiden +durchpflügten Brust verschütteten. Engelhart ward +seinem Mitleid und seinem Abscheu ein Spielball. +Ihre Gesichter erschienen ihm im Traum und glichen +den offenen Gräbern für alle Hoffnungen des Lebens. +Aber die Dirne ist vogelfrei, sie steht außerhalb +der Welt, sie ist kein Weib mehr, sie ist die +Kreatur schlechtweg, sie fordert keine Scham heraus, +sie ist pflichtenlos und legt niemandem eine +Pflicht auf.</p> + +<p>Engelhart wußte, was er beging. Wie der Geldborger +den besten Freund fliehen und fürchten lernt, +dem er verschuldet wird, so geht es auch dem, der +sein eignes Herz zum Gläubiger macht; er findet einen +unerbittlich stumm mahnenden Feind in ihm. Je +mehr Engelhart sich mit Schuld bedeckte, je mehr betörte +er sich mit dem Traum einer großen Erlösung. +Er sah das Weib in seiner schmachvollsten Niedrigkeit +und baute innerlich ein Gebilde von unnennbarer +Keuschheit, eine Gespielin der Götter. Daß Engelhart, +so für die Liebe geschaffen wie keiner, gerade an ihr +zum Frevler werden mußte und zum immer wissenden +Frevler, zum sühneerwartenden; seine Jugend hinwerfen +mußte, das verirrte Gefühl nicht bewahren +konnte, im Wahnwitz der Ungeduld um ein Ziel und +eine Bestimmung alles von sich werfen mußte, was +ihn stark und rein erhalten konnte!</p> + +<p>Es war eine Septembernacht, der Morgen ließ +schon die Giebel der Häuser erblassen, da ging Engelhart +mit wunderlicher Langsamkeit, die Hände vor das +Gesicht gedrückt, Schritt für Schritt seiner Wohnung +zu. Er mochte nicht emporblicken, die schwarzen Fenster +der Häuser wurden ihm zu Augen, wie die Augen +von Dirnen traurig und leer. In dieser Stunde der +Verzweiflung begegnete ihm jener Justin Schildknecht, +den er durch Barbeck kennen gelernt und den er seitdem +nicht wiedergesehen hatte. Er hatte die Hände +vom Gesicht genommen, als der halb Unbekannte vorüberging, +und sah ihm unwillkürlich nach. Plötzlich +drehte sich Schildknecht um, kam wieder zurück, sie +wechselten ein paar Worte, auf einmal fühlte Engelhart +wie durch einen Zauberschlüssel sein Inneres aufgeschlossen, +sie gingen miteinander weiter, redeten, +redeten, Verwicklungen lösten sich, Nebel entschwebten, +der Himmel wurde licht, Engelhart fand sich so herrlich +verstanden, zärtlich beruhigt, endlich ein hörendes +Ohr, ein sehendes Auge, ihm war, als steige er aus +Bergwerksschächten empor, und als sie sich trennten, +besaß er einen Freund.</p> + + + + +<h2><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">J</span>ustin Schildknecht trat als Prediger und Reformator +in den Lebenskreis Engelharts. Dies und +dies ist ganz verkehrt und jetzt werden wir die Sache +so und so anfassen, sagte er; Engelhart wußte, wie +verkehrt alles war und wo das Rechte lag, und war +doch entzückt, es mit Worten zu vernehmen. Bisher +hatte niemand sich die Mühe genommen, ihm einen +Weg zu weisen, als ob es gleichgültig sei, wohin er +ging, da er nicht stille hielt vor der Krippe, wo sie +ihn haben wollten. Schildknecht aber sagte: »Du gehörst +ja gar nicht an die Krippe in den Stall, du +gehörst hinaus in die Welt, du gehörst der Welt und +gehörst dir selbst.« Das machte Engelhart sicher wie +einen, der lange Zeit ein von der Behörde nicht konzessioniertes +Geschäft betrieben hat und nun den Erlaubnisschein +vom Minister selbst erhält.</p> + +<p>Zunächst heißt es sich von Peter Palm und seiner +Sippe losmachen, erklärte Schildknecht. Nichts schien +leichter; Engelhart dachte: ›Ich meide die Gesellschaft +und alles ist in Ordnung.‹ Aber wenn die Stunde +kam, trieb es ihn an die gewohnte Stätte, als wäre +sein Blut vergiftet von der Luft dort, von den Blicken, +Worten und Zeichen, von all dem Nichts, und fände +nicht eher Ruhe, bis es wieder Gift genossen. Auch +lag in seiner Natur eine gewisse sinnliche Treue gegen +Menschen, denen er einmal nur den geringsten Teil +seines Herzens geschenkt, und er verstand es nicht, +irgendein Band, das ihn fesselte, wenn auch verderblich +fesselte, unbekümmert zu zerschneiden. Er schleppte +immer sämtliche Überbleibsel aller Beziehungen zu +Menschen schwerfällig hinter sich her.</p> + +<p>Dazu kam, daß Peter Palm plötzlich Besitzrechte +an Engelhart geltend machte wie an einen Sklaven, +der die Freiheit will. Engelhart nahm das sehr ernst. +Er erachtete sich für gebunden, ihm schien, als ob ein +Vertrag ihn feßle. Daß Schildknecht um dessentwillen +nicht an ihm irre ward und hinter der schwächlichen +Handlung das verzagte Gemüt spürte, das war ein +schöner Zug an ihm. Er folgte Engelhart; er ließ +sich zum Schein selbst von den Fäden umgarnen, aus +denen er ihn lösen wollte, zog nächtelang mit umher, +und wenn sie dann allein waren, redete er ihm gütig +zu und riß den Flitterschleier von dem genialischen +Unwesen.</p> + +<p>Schildknecht wohnte mit seiner Mutter in einem +uralten Hause am Egydienplatz. Über dem Tor war +der Körper eines aufhorchenden, im Lauf stillestehenden +Windspiels in Stein gemeißelt. Schildknechts +Wesen und Erscheinung erinnerten sehr an dies Sinnbild +nervöser Wachsamkeit. Er war reizbar und scheu +<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span>wie ein eingesperrtes Tier. Einmal führte er Engelhart +in ein leeres Zimmer des Hauses, wo das +Bildnis seines Vaters hing. Engelhart empfand beinahe +Furcht vor dem schwarzbärtigen Gesicht mit den +durchdringenden Augen und beneidete dennoch den +Freund, über dessen Leben eine so verehrungswürdige +und gewaltige Erscheinung thronte. In seiner behaglich-breiten +und schnörkelhaft-abschweifenden Manier +erzählte Schildknecht, wie sein Vater im Revolutionsjahr +in die Bürgerversammlung gekommen war und +wie der Anblick seiner majestätischen Person genügte, +um die Zwieträchtigen eines Sinnes zu machen. Aber +die Erinnerung an diesen Mann, die Rückwirkung +einer tyrannischen und klösterlichen Erziehung beirrte +Justins bis zur Schmerzhaftigkeit empfänglichen Geist +mehr, als sie ihn festigte.</p> + +<p>Er war Entwurfzeichner für eine chromolithographische +Anstalt und verdiente ziemlich karg sein +Brot. Der Kopf war ihm voll von Plänen und +Ideen, die ihn in seinem engen Lebenskreis umherpeitschten, +und er fand nicht den Weg in die große +Welt. Vielfaches Mißlingen hatte ihn argwöhnisch +gemacht und die Kleinlichkeit seiner Umgebung benahm +ihm den Atem. Er war verlobt mit einem schönen +Mädchen aus wohlhabender Familie, die Eltern der +Braut wollten von einer Heirat nichts wissen, solange +Schildknecht ohne sichere Stellung war. Zwei Schwestern, +giftige Schlangen, nur im Neid vegetierend, +trugen schmutzigen Klatsch ins Haus, machten die +Braut zum Aschenbrödel, häuften die Erbitterung. +Schildknechts Vergangenheit wurde böswillig durchforscht, +anonyme Briefe tauchten auf, das Verhältnis +mit der Geliebten wurde zur Qual. Schildknecht war +zu stolz, sich zu rechtfertigen, aber die Unbill verzehrte +ihn. Wochenlang durfte er dem Mädchen nicht nahen, +dann hielt er sich geflissentlich fern. Engelhart sah +einmal das junge Ding, verschüchtert ging sie daher, +doch gleich Beatrice »macht’ ihr Anblick jedes Ding +bescheiden«, und in ihrem Gesicht lag ein holdes Ertragen. +Schildknecht sprach selten von ihr und nur +in Andeutungen, denn in allem, was Frauen und +Liebe betraf, war er scheu und keusch.</p> + +<p>Justin Schildknecht liebte die Kunst. Doch was +irgend mit Werktätigkeit zusammenhing, schob er in +weite Ferne: aus Ehrfurcht, um nicht mit unfertiger +Hand zu freveln. Er meinte, es müsse wie Sturmflut +über ihn kommen, und es sei nichts vonnöten, +als der gemeinen Misere enthoben zu sein. Einstweilen +biß er sich die Lippen blutig an der Kette, +die ihn hielt. Seltsam war es für Engelhart, mit +Schildknecht vor dem Sebaldusgrab zu stehen, das er +als Knabe in der dumpfen Lust an Gestaltlichkeit betrachtet +hatte, und doch ahnend, wie Schönheit aus +dem innersten Kern der Welt sprießt. Schildknecht +vergötterte die alten Meister, in ihnen sah er alles +verkörpert, was ihm die Heimat war und geben konnte. +Engelharts stille Bewunderung war ihm nicht genug, +er stachelte ihn zu lautem Bekennen, und das war zu +viel, das ermüdete Engelhart, unter solchem Zwang +hätte er auch im Paradies trotzig die Augen geschlossen. +So entwand ihm Schildknechts Herrischkeit manches, +manches Werk, manchen Menschen, manches freie +Staunen. Um sich und den Freund baute Schildknecht +eine Mauer des Hasses, und Engelhart öffnete +sein Ohr für Schildknechts böses Hadern gegen die +Zeit; mit der Gabe des Wohlwollens ohnehin spärlich +bedacht wie alle, deren wunde Brust ruhelos der +Menschheit entgegendrängt, entfernte sich Engelhart, +selber noch Ringender, hoffärtig und besserwissend von +den Ringenden, als ob er darum schon des Irrtums +enthoben wäre, weil er angefangen, fremdes Irren +zu durchschauen. Der eine, einzige, der ihm, zum +erstenmal, das Gefühl eignen Wertes gab, genügte, +um einer Welt den Rücken zu kehren. Und als Schildknecht +den Freund so weit hatte, als er nur schüchtern +glimmende Hoffnungen zu stärkerer Glut angefacht +hatte, dem unaufhörlich fragenden Herzen in seiner +ganzen Person ein verkörpertes, lebendiges, trotziges +Ja geworden war, da fiel es ihm nicht mehr schwer, +ihn aus Peter Palms Zauberkreis zu befreien, und +Engelhart war verwundert und beschämt, als es ihn +plötzlich nicht mehr zurückzog in die dunkle Sphäre.</p> + +<p>Schildknecht erlaubte nicht, daß Engelhart das +armselige Loch in der Arbeitervorstadt weiter bewohnte. +Sie fanden ein wohlfeiles Zimmer in Sankt Johannis +vor dem Tor, in einem stillen Gartenhaus, und bald +spürte Engelhart das Wohltuende von Ruhe, Luft und +Licht. Bis in die späte Nacht, auch wenn Schildknecht +schon längst gegangen war, konnte Engelhart +nicht schlafen und lag oft noch mit offenen Augen, +wenn die Morgendämmerung durch die Gardinen +blinzelte. Gestalten, denen er nie begegnet, regten +sich wie Schattenbilder an der Wand, lösten sich von +der Wand und schauten ihn an: ganz Blick, ganz +Schicksal. In ihrem Schreiten war Musik. Der +Wille, sie festzuhalten, erschütterte jeden Nerv. Sie +waren Stücke seiner selbst, gleichwohl waren sie ihm +fremd; ihr Antlitz war fremd, aber mit ihrem Innern +war er vertraut. Sie sprachen nicht, sie tönten, und +nicht die Freude, sondern das Leiden machte sie tönend. +Die Wonne des geisterhaften Seins umgab ihre dunkeln +Körper mit rosiger Kontur. Sie folgten keineswegs +einem Rufe, sie erschienen, nach echter Gespensterart, +wann es ihnen beliebte.</p> + +<p>Engelharts Blut wurde trunken und matt und +wieder trunken durch die verführerische Gaukelei. +<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span>Feindselig empfing ihn der gemeine Werktag. Er irrte +im Bodenlosen und nährte den Geist mit den Verlockungen +der Phantome. In den letzten Tagen des +Spätherbstes wurde es so schlimm, daß er die Erfüllung +der notwendigen Pflichten hintansetzte. Eine Woche +lang verließ er das Zimmer nur zur Nachtzeit, um +mit Schildknecht umherzustreifen. Ohne eigentlich +krank zu sein, war sein Körper von unbeschreiblicher +Schlaffheit umfangen. Es quälte ihn ein seltsamer +Durst, der vor jeder Labung in Ekel überging. Im +Schlummer empfand er wie Sturmgebrause die Lebensangst, +und alle Zweifel sah er in der geöffneten Brust +als gelbe Würmer sich winden. Eines Abends hockte +er jämmerlich beklommen vor dem Ofen und starrte +durch das offene Türchen in die Glut. Da barst eine +Kohle knisternd auseinander, und eines von den Gespenstern +stieg daraus empor; es war wie ein Knabe +anzusehen, winzig klein, und es setzte sich Engelhart +auf den Schoß. Der ganze Raum war plötzlich von +einer bisweilen stockenden Melodie erfüllt:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Es war ein Bild im Bilde,<br /></span> +<span class="i0">Als ich den Tod erdacht,<br /></span> +<span class="i0">Sein trunkenboldisch Jauchzen<br /></span> +<span class="i0">Durchgeisterte die Nacht.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Der Mantel wie von Flammen,<br /></span> +<span class="i0">Das Auge wie von Stahl,<br /></span> +<span class="i0">Der Busen eine Wunde, –<br /></span> +<span class="i0">So flog er kalt und fahl.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Er schüttelt seine Taschen,<br /></span> +<span class="i0">Die Seelchen flattern aus,<br /></span> +<span class="i0">Das wispert, wimmert, kichert,<br /></span> +<span class="i0">Und jedes sucht sein Haus.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Nur eins voll seligem Grauen,<br /></span> +<span class="i0">Betäubt von Schein und Schall,<br /></span> +<span class="i0">Verliert sich ohne Heimat<br /></span> +<span class="i0">Im bodenlosen All.<br /></span> +</div></div> + +<p>Bald danach warf sich Engelhart aufs Bett und +schlief in seinen Kleidern still und gesundend bis zum +Morgen. Da erst kam das Staunen. Durch bloße +Worte kannst du also entzaubert werden, durchfuhr +es ihn.</p> + +<p>Er wurde nachdenklich. Die Worte allein waren +es nicht. Sie waren nur die Entschleierer, die Ausgraber +des geheimnisvoll in Brunnentiefe ruhenden +Bildes, die listig-vielgesichtigen Diener eines Wesens, +das Brücken baut von Traum zu Traum.</p> + +<p>Er hatte sein Ausbleiben vom Bureau brieflich +entschuldigt; als er hinkam, machte ihm Herr Zittel +die Mitteilung, daß er entlassen sei. Er erhielt noch +einen Restbetrag von sieben Mark und zwanzig Pfennig +ausbezahlt und außerdem, gnadenhalber, ein +präsentables Zeugnis, damit seine Existenz nicht völlig +ruiniert sei. Einer der Schreiber am Pult drehte +sein Gesicht Engelhart zu; es war dies eine Art +Methodist, der seine freien Stunden, hauptsächlich von +sieben bis neun Uhr abends, auf christliche Nächstenliebe +gestellt hatte. Er wollte ein mitleidiges Gesicht +machen, grinste aber schadenfroh. Herr Zittel richtete +den blauen Blick seiner Fischaugen vorwurfsvoll auf +Engelhart, dann ging er ins Privatzimmer des Generalagenten, +um das Zeugnis unterschreiben zu lassen. +Der Methodist rückte ein Weilchen auf seinem Sessel, +schließlich sprang er herab, brachte ein kleines Paketchen +aus seiner Tasche zum Vorschein, hinkte auf +Engelhart zu und bot ihm mit salbungsvoll flötender +Stimme ein Stück zerbröckelten Lebkuchens an. Engelhart +lachte gutmütig und dankte.</p> + +<p>Traurig stand er gegen Mittag an der Karlsbrücke, +sah ins Wasser und überlegte, was er jetzt +beginnen sollte. Alle Posten waren sicher schon besetzt; +das war immer seine feste Überzeugung im +voraus, daß alle Posten schon besetzt seien. Er kam +sich vor wie jemand, der bei einem Fest ungeladen +und zu spät kommt, über viele Köpfe hinweg gerade +noch einen Fahnenfetzen winken sieht, während die +Musik nur durch verschlossene Türen zu ihm dringt.</p> + +<p>Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Es +war Schildknecht.</p> + +<p>»Warum so tiefsinnig, alter Schwede?« fragte +er in jenem gemütlich-heiteren Ton, der ihm stets +Engelharts ganzes Herz zuwandte. Engelhart erzählte, +und Schildknechts Gesicht verfinsterte sich. »Wie +steht es mit den Finanzen?« fragte er. »Schulden? +Wo und wieviel? Gut; jetzt lassen Sie mich mal +gewähren. Wir werden ein schönes Brieflein an den +Herrn Oheim nach Wien schicken, verstanden? Wir +werden ihm klarmachen, daß der Herrgott ein paar +Individuen erschaffen hat, deren Hinterteil sich für +den Drehsessel nun einmal nicht eignet. Wir werden +ihm sagen, daß es einige Pflanzen gibt, die rasch ins +Blühen kommen und rasch ins Welken, und wieder +andre, bei denen die Sache langsam geht, je langsamer, +je süßer die Früchte werden. Wir werden +ihm zu verstehen geben, daß der satte Magen ein +guter Moralist und der hungrige ein Behälter von +Sünden ist. Und nun Kopf hoch, lieber Sohn.«</p> + +<p>»Was ist aber dabei gewonnen, selbst wenn er ein +paar Taler schickt?« entgegnete Engelhart; »was dann, +wenn das Geld verzehrt ist?«</p> + +<p>»Zuerst müssen Sie aus der verdammten Klemme +kommen,« sagte Schildknecht. »Erst atmen und dann +denken. Was später sein wird, dafür lassen Sie nur +mich sorgen und meinen Freund, den Zufall.«</p> + +<p>Der Brief wurde geschrieben, und in ihm versprach +Engelhart, die Geldsumme, um die er den Oheim bat, +am Tage seiner Mündigwerdung zurückzuerstatten; er +<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span>hatte von seinem mütterlichen Vermögen noch einen +Rest von etwa achthundert Mark zu erwarten. Michael +Herz schickte den erbetenen Betrag mit einigen wohlwollenden, +aber kühlen Zeilen. »Ich hoffe, daß Du +Deine bedrückte Lage, in welche Du durch eigne +Schuld und eignen Entschluß geraten bist, nun etwas +erleichtern kannst.« Von Zurückzahlung keine Silbe. +Aber hätte Engelhart hinter den Zeilen zu lesen verstanden, +hätte er nicht immer nur bei solchen Menschen +Feinheit und Adel vorausgesetzt, um die er sich geistig +mühen mußte und die ihn geistig nahmen, so hätte +er sein Gelöbnis wohl bewahrt. Es war ihm dort +nicht mehr um Treu und Glauben zu tun, er meinte, +dort habe er ohnehin ausgespielt und ein Vorteil sei +ein Vorteil.</p> + +<p>Wenige Tage später erhielt Engelhart auch einen +Brief seines Vaters. Herr Ratgeber wußte noch nicht, +daß Engelhart ohne Posten sei, deshalb empfand +dieser keine Freude, als ihm der Vater mitteilte, er +werde sich in der kommenden Woche in Nürnberg +aufhalten, wo er geschäftlich zu tun habe. Herr Ratgeber +schrieb, daß er über Engelharts Treiben nur +Ungünstiges vernehme, er beklagte sich bitter über die +Nachlässigkeit des Sohnes, der ihn monatelang ohne +Brief lasse und sich nur an ihn wende, wenn er etwas +brauche. »Deine Stiefmutter hat recht, wenn sie Dich +einen kalten Selbstsüchtling nennt,« hieß es weiter, +»schon lange bereitet mir Deine Undankbarkeit Kummer. +Und was ist mit Deinem Fortkommen? Wahrlich, +ich verstehe Dich nicht. Nun wirst Du einundzwanzig +Jahre alt, in zwei Monaten bist Du großjährig, alle +Deine früheren Kameraden haben schon glänzende +Stellungen und Du mußt Schreiberdienste leisten für +einen Hundelohn. Wozu habe ich Dich eine teure +Schule besuchen lassen, wozu sind alle Deine Gaben? +Für nichts zeigst Du Lust und Liebe, wie ein kleines +Kind stehst Du im praktischen Leben, und wenn ich +bedenke, daß Du mir schon behilflich sein könntest, +mein schweres Los zu erleichtern, dann frißt es mir +ins Herz, Dich so mißraten zu sehen. Sieh doch zu, +daß Du bei einer Bank unterkommst, suche meinen +Bruder oder Deinen Vormund auf, vielleicht geben +sie Dir Empfehlungen, so wie bis jetzt kann und darf +es nicht weitergehen.«</p> + +<p>Zum Schluß kamen noch einige versöhnliche Sätze, +als fühle Herr Ratgeber, daß er die Kluft zwischen +sich und dem Sohne nicht erweitern dürfe, aber Engelhart +blieb ungerührt. Er las das Schreiben seines +Vaters Schildknecht vor, und bei dem Wort »Undankbarkeit« +zuckte dieser zusammen.</p> + +<p>»Wenn nur die Herren Väter einsehen wollten, +daß das weitaus größere Vergnügen auf ihrer Seite +war,« knurrte er. »Immer soll das Kinderkriegen +auch zugleich ein Zinsengeschäft sein.«</p> + +<p>Solche Worte von den Lippen des Freundes erkälteten +Engelharts Gemüt noch mehr gegen den Vater. +Er antwortete nicht auf den wohlgemeinten Brief. +»Ich habe niemals zu Hause Entgegenkommen oder +Verständnis gefunden,« sagte er zu Schildknecht, wie +um sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Er war Tor +genug, zu glauben, vom Verständnis sei alles Glück +abhängig; er selbst wollte verstanden werden, aber er +bequemte sich nicht dazu, auch seinerseits zu verstehen, +wenigstens dort, wo es sich um jenes nach seiner Ansicht +niedrige Vegetieren handelte, das sogenannte +praktische Leben. Als sein Vater in die Stadt kam +und er durch eine Postkarte davon Nachricht erhielt, +versteckte er sich. Nur zum Schlafen kam er spät am +Abend heim, zweimal fand er einen Zettel seines +Vaters auf dem Tische liegen, das erstemal standen +fragende und befremdete, das zweitemal abgerissene, +empörte Worte darauf. Engelhart hörte nicht und +fühlte nicht. Den ganzen Tag über hielt er sich in +Schildknechts Hause auf.</p> + +<p>Frau Schildknecht hatte ihn zuerst kühl, beinahe +feindselig behandelt, denn sein Umgang mit Justin +schien diesen noch mehr aus der Bahn zu reißen als +alle früheren Eskapaden und Freundschaften. Als sie +Engelharts Appetit bei den Mahlzeiten sah, versöhnte +sie sich mit ihm. »Sie sind auch ein wacker verprügeltes +Männlein,« sagte sie und schaute ihm tief, +beinahe finster in die Augen. Das Haus war die +reinste Katzenmenagerie. Um die Dämmerstunde öffnete +Frau Schildknecht die Tür und zwei schwarze +Katzen und ein gelber Kater marschierten lautlos herein. +Justin Schildknecht sah in jeder Katze etwas wie ein +mystisches Wesen und schrieb ihr dämonische Klugheit +zu. Er erzählte von einem Kater, der, merkwürdig +begabt, ihm auf Schritt und Tritt durch die Gassen +gefolgt war, dem leisesten Lockruf gehorchend; als er +auf die Akademie gezogen, sei das Tier verschwunden +und nie wieder zum Vorschein gekommen. Eines +Nachts war Engelhart Zeuge, wie Schildknecht mit +mehreren betrunkenen Burschen anband, weil diese +nach einer Katze mit Steinen warfen. Er war wie +außer sich und schlug mit der Kraft von dreien die +ganze Gesellschaft in die Flucht. Dann legte er das +halbtote Tier in seinen Arm, sprach ihm zärtlich Trost +zu und trug es nach Hause.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[321]</a></span>Tag um Tag wurde Engelharts Zusammenleben +mit Schildknecht inniger, alle andern Menschen +erschienen ihm fremd, und wo immer er auch +sonst Anschluß und Annäherung gesucht hatte, nichts blieb +von diesen Beziehungen übrig, er zerbrach jede Fessel, +vergaß jede Rücksicht außer dieser einen, die nun sein +innerstes Leben ausmachte. Da er sich überdies von +Justin Schildknecht eifersüchtig bewacht sah, bis auf +Blicke, bis auf Gedanken, fand er sich doppelt verpflichtet +und doppelt ergeben. Höher flogen ja seine +kühnsten Wünsche nicht, als sich mit der ganzen Person +einzusetzen für ein wahres Gefühl der Freundschaft, +nur so erschien er sich geborgen, nur darin erblickte +er Möglichkeiten des Gedeihens. Er erschloß mit Inbrunst +sein Herz. Keine Hoffnung, keine Furcht blieb +geheim. Über jede fern von dem Freund verbrachte +Stunde legte er Rechenschaft ab. Nichts hatte Gewicht, +was nicht Schildknecht billigen konnte, nichts +wurde Erlebnis, was er nicht mit ihm erlebte. Was +auch in der Welt geschah, große und kleine Dinge, +schließlich kam es nur darauf an, wie es ihnen beiden +dienen konnte. Ihm schien, man könne nicht zugrunde +gehen, wenn man durch ein gleichgestimmtes Herz gehalten +würde. Auch kannte er nicht mehr das Gefühl +der Einsamkeit, das ihn vordem so oft gequält. Ein +Tag voll Bangigkeit zählte nicht, denn er verhieß +doch ein beseligendes Gespräch mit dem Freund, und +über all das Drohende und Bedrängende sprechen zu +<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[322]</a></span>können, das bedeutete soviel als es beseitigen. Sie +wanderten in mondhellen Nächten durch die winkligen +Gassen, über die Brücken und auf die Burg, oder +saßen bei schlechtem Wetter in einer Kneipe; Schildknecht +erzählte von seiner Vergangenheit, und dabei +wurde ihm alles zum Märchen, ebenso wie Engelhart +alles zum Märchen wurde, wenn er von der Zukunft +sprach. Leider besaß keiner von ihnen die rechte Geduld, +dem andern zuzuhören, es ging ihnen wie zwei +Hungrigen, die aus derselben Schüssel essen und bei +allem Wohlwollen füreinander doch nach den größten +Bissen schnappen. Wie einfach wurde das Getriebe +der Welt in solchen Stunden! Auf dieser Seite der +Haß, auf der andern die Liebe, hier der Untergang +und dort das Gelingen, Gut und Böse geteilt wie +Licht und Finsternis, es kam gar nicht zum Exempel, +denn alle Größen standen ausgerechnet da, und die +Zauberformel hieß: Zugreifen!</p> + +<p>Solange er mit Engelhart allein war, fühlte sich +Justin Schildknecht ruhig und frei gestimmt. Er war, +wie auch Engelhart, ein sehr mäßiger Mensch, trank +nie, nur im Tabakrauchen waren sie beide ausschweifend. +Wenn sich nun ein dritter zu ihnen gesellte, +was hier und da vorkam, denn Schildknecht +hatte zahlreiche Bekannte in der Stadt, dann machte +er den Eindruck eines Betrunkenen, und Engelhart +selbst erschrak über sein scheues, zerflattertes, geschwätziges +und gefährliches Wesen. Schildknecht traute +keinem, er hatte an jedem seine Erfahrungen gemacht, +er wollte niemand in sein Inneres blicken lassen, +darum verkleidete, verstellte, versteckte er sich. Er war +immer ein klein wenig Komödiant, nicht völlig aufgelöst +in sein Schicksal oder seine Stimmung, stets +ein bißchen von außen nach sich selber schielend. Nach +und nach zogen sich alle von ihm zurück, auch Leute, +die ihm wohlwollten. Er hatte ganz aufgehört zu +arbeiten, und seine Verhältnisse wurden drückend. Der +Mutter gegenüber hatte er ein schlechtes Gewissen +und mied tagelang das Haus, nächtigte in Engelharts +Wohnung. »Es wird ein schlechtes Ende nehmen,« +sagte Frau Schildknecht. Ihr sibyllenhaftes +Wesen wühlte Justin tief auf. Mutter und Sohn +konnten nicht eine Viertelstunde nebeneinander weilen, +ohne daß es zu heftigem Wortwechsel kam, und je +maßloser sich Justin benahm, je stiller und eisiger +wurde die Frau, gleichsam leuchtend von furchtbarer +Voraussicht. Bei alledem wunderte sich Justin, daß +sie sich Engelhart gegenüber sanft und freundlich +zeigte, und hielt es ihr sehr zugute. Er liebte und +verehrte sie, aber eigentlich nur in Gedanken, er sah +in ihr eine wunderliche und geheimnisvolle Person, +den dunkeln Kräften der Natur verwandt, denen der +Sterbliche unbewußt widerstrebt.</p> + +<p>Indessen hatten die Eltern seiner Verlobten von +dem Lotterleben Kunde erlangt und sich unter Aufgebot +von allerlei Spionen Gewißheit verschafft. Sie +untersagten der Tochter jeden Verkehr mit dem pflichtvergessenen +Mann. In atemloser Erbitterung verbrachte +Schildknecht die darauffolgende Zeit. Zudem +gab es andre Schwierigkeiten materieller Art, die ihn +ruhelos machten. Seine letzte Betäubung waren die +Pläne, die er mit Engelhart schmiedete. Er selbst +glaubte eigentlich nicht mehr an sich, aber Engelhart +glaubte an sich, fest, naiv und froh; das war tröstlich, +das war der Grund, weshalb Schildknecht oft +wie in Bewunderung zu dem jüngeren Genossen +emporsah.</p> + +<p>Eines Nachmittags um die Dämmerstunde kamen +sie beide vor Schildknechts Haus und mußten dreimal +läuten, ehe geöffnet ward. Oben im Wohnzimmer +gewahrten sie die Umrisse einer Gestalt, die sich aus +kniender Stellung erhob, und ehe Justin noch ein +Streichholz in Brand gesteckt, trat seine Mutter zu +ihm und sagte: »Mach dich gefaßt, es gibt ein Gewitter.« +Schildknecht zündete die Lampe an; das +Zylinderglas zitterte in seiner Hand, als er seine +Braut im Zimmer sah, und er fragte rauh: »Was +habt ihr denn miteinander?« Frau Schildknecht nahm +eine offene Kassette, die mit Schmucksachen gefüllt +war, vom Tisch, klappte sie zu und trug sie in den +Nebenraum. Die unschuldigen Augen des jungen +Mädchens leuchteten vor Angst. Justin schlug seine +Faust mit solcher Gewalt auf die Lehne eines Stuhls, +daß der Knöchel des Mittelfingers zu bluten begann. +Dabei schrie er: »Ich will wissen, ich will wissen!« +Wieder trat Frau Schildknecht auf ihn zu und flüsterte. +Er zuckte zusammen, packte sie an der Schulter und +mit einem heiseren Aufbrüllen riß er sie herum. Sie +strauchelte und stürzte mit der Stirn gegen die Ofenkante. +Das junge Mädchen hielt die Arme flehend +ausgestreckt, dann wurde ihr Antlitz flammend rot, +sie griff nach ihrem Mantel und ging. Justin ließ +sich auf das Sofa fallen und begrub das Gesicht +zwischen den Armen. Frau Schildknecht warf Engelhart +einen sonderbaren triumphierenden Blick zu, dann +seufzte sie und zog die Vorhänge über dem Fenster +zusammen. Engelhart empfand plötzlich Grauen vor +Schildknecht, er spürte etwas Fremdes und Unüberwindliches +zwischen sich und ihm; es war, als ob +eine Hand sein Haupt umspannte, den Kopf in eine +bestimmte Richtung drehte und ihn so zwang, beständig +auf den beleuchtetsten Fleck des Raumes zu +starren.</p> + +<p>Nach diesem Vorfall entstand in Schildknecht der +Entschluß, die Stadt zu verlassen und sein Leben zu +ändern. Er setzte sich mit mehreren ausländischen +<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[323]</a></span>Firmen in Verbindung, sein Name war nicht unbekannt, +seine Arbeiten empfahlen sich von selbst, +schließlich konnte er unter den Angeboten wählen und +entschied sich für eine Stellung in der Schweiz. Am +dritten Januar sollte er reisen. Er gab Engelhart +das feste Versprechen, auch für ihn dort zu wirken, +er wollte einen erträglichen Posten für ihn suchen +und so, auf gesünderer Grundlage als bis jetzt, an +der großen geistigen Zukunft gemeinsam weiterbauen; +ohne Sicherheit des Brotes gebe es keine Entfaltung +der Idee, meinte Schildknecht.</p> + +<p>Als die Eltern der Braut von Schildknechts Vorhaben +vernahmen und sahen, daß es damit ernst war, +lenkten sie ein und am Silvesterabend fand eine Art +Versöhnung statt mit darauffolgendem Familienessen, +von welchem sich nur Justins Mutter fernhielt. Sie +ließ sich von dem Schmerz nichts merken, den ihr +Justins Wanderplan verursachte.</p> + +<p>Den selben Silvesterabend verbrachte Engelhart +bei entfernt Verwandten, einer Tochter von Iduna +Hopf, die an einen Kaufmann in der Stadt verheiratet +und die ihm sehr freundlich gesinnt war. Er +trank ein paar Glas Punsch über die Besinnung, und +als er gegen zwei Uhr morgens die Gesellschaft verließ, +tanzten die Häuser auf der Straße. Er war +noch nicht ganz betrunken, aber es war ihm ungeheuer +selig zumute, so daß er an jeder Ecke stehen +blieb und eine Weile in sich hineinkicherte, bevor er +weiterging. In solcher Verfassung nach Hause zu +wandeln und sich ins Bett zu legen, erschien untunlich, +daher schlug er die Richtung nach dem Egydienplatz +ein und stand alsbald vor Schildknechts Hause. +Der Platz lag verödet. Es fiel Schnee, der im +Laternenlicht aufblitzte wie Silberstickerei. In der +Mitte des Platzes stand die Kirche gleich einer riesigen +schwarzen Faust mit erhobenem Daumen. Aus den +umliegenden Straßen drang das Geschrei der Neujahrsrufer +in die Stille. Engelhart stand eine Weile +glücklich lächelnd, dann stimmte er ein Liedchen an. +Das Familienfest mußte schon zu Ende sein, denn +aus Schildknechts Kammer funkelte Licht und nun +wurde auch das Fenster geöffnet, Schildknechts lachendes +Gesicht erschien und es entspann sich ein kleines +metaphysisches Zwiegespräch, in dessen Verlauf der +schon Schlafensbereite droben die Ansicht vertrat, daß +es gut sei, noch ein wenig das neue Jahr im Freien +zu genießen, da es doch wahrscheinlich nur in frischem +Zustand genießbar und morgen schon der Tag der +Trennung sei. Sie gingen über den Markt zum +Haller Tor. In der Nähe des Henkerstegs sahen sie +plötzlich eine gegen die Schwerkraft kämpfende Gestalt +und erkannten Barbeck: zerrauft, beschneit, beschmutzt, +ohne Hut und ohne die ironisch-gemessene Miene, die +ihn sonst auszeichnete und ihm ein so weltüberlegenes +Ansehen gab. Hinter ihm her schwankte ein höchst +verwahrlostes Frauenzimmer, die ihm abwechselnd +Schimpfnamen und Koseworte zurief; bisweilen packte +sie ihn beim Rockschoß, diese Berührung elektrisierte +den Mann und erweckte wieder sein bürgerliches Gefühl; +er kehrte sich gegen die Verfolgerin und drohte +würdevoll und betrübt mit der Polizei. Da gewahrte +er Schildknecht und Engelhart, und beide beobachteten, +wie er sich mit aller Kraft zusammennahm, sich gegen +einen Baum lehnte, seine Börse zog, in der Halbfinsternis +nach einem Geldstück fischte und dieses der +Frauensperson mit den mild hingeseufzten Worten +reichte: »Sie hungert, die Arme.« Dann ging er, +ernüchtert, eine Strecke Wegs mit den Freunden und +zwischen Glucksen, Lachen und Schläfrigkeit schimpfte +er auf die zunehmende Unzucht und im Anschluß +daran auf das moderne Geisteswesen, und indem er +Engelhart mit höhnischem Lächeln auf die Schulter +klopfte und ihn gewohntermaßen mit »Jüngling« anredete, +empfahl er ihm Kritik und warnte ihn vor +schlechter Gesellschaft. Schließlich fiel ihm ein, daß +er die Abwesenheit seines Hutes erklären müsse, und +sich verabschiedend behauptete er, er gehe jetzt des +Nachts ohne Hut, weil er dies für die Gesundheit +förderlicher halte.</p> + +<p>Schildknecht war nach und nach ernst geworden. +Dem wunderlichen Manne nachblickend und Engelhart +unter den Arm fassend, sagte er: »Das ist der Feind, +der wahre Erbfeind; an ihm verblutet die Kraft des +Volkes. Ihm werden Sie noch oft im Leben begegnen, +alter Freund, er wird Ihnen, was Sie auch +leisten, immer wieder erklären, daß Sie es anders +machen müssen und daß irgendwer es schon längst +besser gemacht hat, und er wird Sie nicht immer so +gleichgültig lassen wie jetzt, er wird Ihnen manchmal +die Blutadern öffnen und sich freuen, wenn der rote +Saft zu Boden fließt. Es gibt Geschicktere wie den, +die sich besser verstecken und von denen keiner erfährt, +wo sie ihre schmutzigen Stunden zubringen, und die +sich hüten, ihre Kopfbedeckung dabei zu verlieren. +Geben Sie wohl acht und gewöhnen Sie sich beizeiten +an die Physiognomie des Mannes; er ist der +heimliche Dieb, der jeder Brust das Teuerste entwendet.«</p> + +<p>Am zweiten Januar reiste Schildknecht. Als +Engelhart nun allein war, wurde ihm doch bang vor +seiner Lage. Das Geld des Oheims war schon verbraucht, +er machte nun Schulden, die am Termin +seiner Volljährigkeit bezahlt werden mußten. Außerdem +entwöhnte er sich von aller Arbeit, durchwachte +nach wie vor die Nächte, schlief bis in den Mittag +und müßiggängerte dann herum, ohne Ziel und oft +<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[324]</a></span>auch ohne Lust. Bei den gesitteten und ordentlichen +Menschen seiner Bekanntschaft machte er sich dadurch +vollends zum Gegenstand der Verachtung, was ihn +keineswegs gleichgültig ließ, denn er bewahrte in +seinem Innern eine versteckte Liebe für das Bürgerliche, +eine gewisse Zärtlichkeit für die behaglichen +Häuser und Stuben und friedlich umgrenzten Gemüter. +So schwankte er einsam unter den Menschen +umher, den Kopf angefüllt mit nebelhaft verschwommenen +Idealen. Sein Nichtstun war noch ohne innere +Frucht und stachelte ihn daher nicht selten zu unwürdigem +Zeitvertreib, zu Billard- und Kartenspiel +mit einem erstbesten. Der Abscheu vor sich selbst +trieb ihn dann wieder hinab in eine dunkle Traumestiefe, +und indem er sich zu vergessen suchte, wurde +die gestaltlose Sehnsucht in seiner Seele chaotischer. +Was er las, das las er allzu beziehentlich, er litt an +allem, am Schönen wie am Häßlichen, die Wurzeln +seines Wesens waren vergiftet von einem Ehrgeiz, der +nicht aus noch ein wußte, er besaß keinen Maßstab, +weder für die Dinge noch für sich selbst, sein Geist +anerkannte kein übernommenes Gebot und wußte +eigen-persönliche nicht zu formen oder zu befolgen. +Ihm blieb nicht einmal ein Gott, von dem er sich +lösen oder mit dem er hadern konnte, nicht einmal +an seinen Zweifeln hatte er einen Anhalt, wär’s auch +nur der, den ein Kampfspiel und seine Erschöpfungen +geben, denn alles, kaum gefaßt, zerfloß wieder, hatte +nicht Hang und Bestand, jedes Wort, jeder Begriff +löste sich in ungreifbare Teilchen auf, ihm ward nur +eines in seltenen Stunden geschenkt, ein Bild, das +aus der Dunkelheit emporschwamm, fester umrissen +und tiefer gegründet als alle Wirklichkeit und deutlicher +als die Sprache zu sein vermag, feurig aus +Leiden geboren und zur Freude strebend, und demgegenüber +wurden allerdings höchste Pflichten kategorisch, +dies knüpfte ihn an die Zeit und an die +Menschheit, hielt seine Sinne in Bereitschaft, sein +Gefühl in Bewegung und behütete ihn vor innerer +Verlotterung.</p> + +<p>Es waren schlimme Wochen. Schildknecht schrieb +nicht hoffnungsvoll. Seine Briefe sprachen an durch +Geist und einen Ton freier Paradoxie, aber der +Grimm über die Gebundenheit eines Lohnarbeiterdaseins +knirschte aus jeder Zeile. Engelhart, der die +Gesellschaft Schildknechts hart entbehrte, sah ein, daß +er sich in diesem Fall nicht auf den Freund verlassen +dürfe, und er nahm sich einstweilen vor, bald einen +Entschluß zu fassen. Als er zufällig auf der Straße +Herrn Zittel traf, fragte ihn dieser nach seinen +Lebensumständen aus. Er antwortete zuerst mit +prahlerischer Sorglosigkeit, als sei er im Begriff, eine +Millionenerbschaft anzutreten, gab aber schließlich zu, +daß er zwar nicht gerade einen neuen Posten suche, +jedoch nicht abgeneigt wäre, bei günstigen Bedingungen +zuzugreifen. Herr Zittel durchschaute das kindische +Spiel und sagte, er könne Engelhart vielleicht dienlich +sein, er solle ihm seine Photographie und eine +Abschrift des Zeugnisses senden. Immerhin kann ich +mich ja photographieren lassen, dachte Engelhart gnädig, +und eines Morgens scheitelte er säuberlich sein Haar, +steckte ein Veilchensträußchen ins Knopfloch und ging, +zum erstenmal in seinem Leben, mit klopfendem Herzen +zum Photographen. Sein Gesicht im Spiegel kannte +er zur Genüge, es auf dem Papier zu sehen, reizte +ihn plötzlich über die Maßen.</p> + +<p>Mittlerweile hatte er nach mancherlei Formalitäten +die Reste seines Vermögens erhalten und obwohl er +beinahe die Hälfte zur Begleichung der Schulden sofort +aufbrauchte, erschien er sich doch als ein Krösus. +Frau Schildknecht, die er oft besuchte und der er von +seiner veränderten Lage in seligem Übermut erzählte, +tippte mit der Fingerspitze auf seine Stirn und +meinte, da drinnen sei anscheinend wenig Verstand, +doch sei er der reichste arme Mann, der ihr je untergekommen. +Zu seinem Schrecken nahm er wahr, daß +das Geld schneller verschwand als Wasser aus einem +zerlöcherten Tiegel. Bisweilen suchte ihn einer von +den Kumpanen Peter Palms auf – Geld hat einen +durchdringenden Geruch – und redete ihm so lange +um den Bart, bis er gutmütig ein Goldstück gab. +An einem stürmischen Frühlingstag begegnete er vor +der Stadtmauer Amöna Siebert. Sie sah fahl und +vernachlässigt aus, gleichsam gewürgt vom Unglück, +von früherer Schönheit waren nur noch traurige +Spuren in ihrem Antlitz. Engelhart, entsetzt über +die Geschwindigkeit eines solchen Verfalls, ging ein +Stück Wegs mit ihr; es rührte ihn die mühsame +Schelmerei ihres Lächelns und ihre fieberisch kalte +Hand. Zuerst wagte er nicht, ihr Hilfe anzubieten, +als sie dann wie zufällig vor einem Wurstladen +stehen blieb und geistesabwesend auf die appetitlich +ausgelegten Fleischwaren starrte, fragte er leise und +schüchtern, ob sie Geld wolle, und steckte ihr hastig +ein Papierchen in die Hand, worauf er wie ein Verbrecher +davonlief.</p> + +<p>Er verstand nicht das Geld; er war töricht genug, +es zu mißachten; er wußte nicht, daß Geld auch edel +sein kann; er hatte nur einfache Bedürfnisse, aber +diese befriedigte er unbedenklich, ohne zu überlegen; +manchmal gelüstete es ihn, den vornehmen Herrn zu +spielen, dann machte er eine sinnlose Ausgabe, die +einem vornehmen Herrn nie eingefallen wäre; unter +anderm kaufte er ganze Stöße von teuerstem Schreibpapier, +als ob er ein Papiergeschäft einrichten wolle. +Als endlich sein enormer Reichtum bis auf etwa +<span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">[325]</a></span>hundert Mark zusammengeschmolzen war, kam er zur +Besinnung. Schon eine Woche zuvor hatte ihm Herr +Zittel mitgeteilt, daß im Bureau der Gesellschaft +»Minerva« im breisgauischen Freiburg ein Posten +offen sei, mit neunzig Mark im Monat dotiert, er +möge sich ohne Verzug dorthin wenden, und zwar +solle er an den Generalagenten, Herrn Lutterott, persönlich +schreiben. Er solle den Brief sorgfältig stilisieren, +denn Herr Lutterott sei ein Mann von feinsten +Umgangsformen, Reserveoffizier, und halte viel von +Äußerlichkeiten. In der Angst, daß es schon zu spät +sein könnte, setzte sich Engelhart, trotzdem schon Mitternacht +vorüber war, gleich hin und verfaßte eine meisterliche +Epistel, der es weder an Amtsschnörkeln noch +an einer gewissen fachmännischen Eleganz gebrach; +sein Konterfei legte er ohne besonderen Hinweis bei. +Der Erfolg blieb nicht aus. Herr Lutterott antwortete, +die Stelle sei zwar schon vergeben, aber an +einen Unwürdigen, dem er die Tür zu weisen genötigt +sei. Er nehme die Offerte an, Engelhart +solle sich am fünfzehnten April in seinem Bureau +einfinden, die Reisekosten würden nach dreimonatlicher +zufriedenstellender Dienstleistung zur Hälfte ersetzt. +Aus diesem Schreiben spürte Engelhart ahnungsvoll +eine widerwärtige Geschraubtheit heraus, doch er war +froh, dem gefährlichen Herumtreiben entrissen zu sein, +und außerdem ging die Fahrt gen Süden, wenn auch +nicht zu Schildknecht selbst, so doch in seine größere +Nähe.</p> + +<p>Am Tag vor seiner Reise spazierte Engelhart am +Kanal entlang nach Fürth. Dort machte er seinem +Vormund einen Abschiedsbesuch und hörte bei dieser +Gelegenheit, daß Tante Lina Curius wahnsinnig und +in eine Irrenanstalt verbracht worden sei, während +Peter Salomon im Verein mit der Kroner das Haus +behüte, noch immer darauf warte, daß sein Bauplatz +ihn zum Millionär mache und sich inzwischen von +Michael Herz ernähren lasse. Auch zu Iduna Hopf +ging er, die noch immer in dem alten Haus mit den +knarrenden Stiegen wohnte, jetzt einsam, da ihr Mann +gestorben war; sie sah alt und müde aus. Überhaupt +waren so viele gestorben und hingegangen in +den wenigen Jahren, alte und junge: der Vetter +Zederholz, das Fräulein Holländer, der alte Herschkamm, +der Doktor Federlein, der epileptische Lechner. +Auf der Königstraße gewahrte Engelhart plötzlich ein +Gesicht, das ihm bekannt, ja vertraut erschien: es +war Ludwig Raimund, sein erster Gespiele und +Kamerad. Auch er erkannte Engelhart und sprach ihn +freudig an; er war Chemiker geworden und war in +der großen Anilinfabrik draußen bei Doos angestellt. +Seltsam dies Wiedererkennen, wie sich die Züge des +Kindes bewahrt, doch nur in der allgemeinen Linie +des Antlitzes, während alle Flächen sich gedehnt hatten, +die eine zur Leblosigkeit erstarrt, die andre von verborgenen +Leidenschaften und unedeln Trieben verwüstet +war. Erst schien er Engelhart noch ganz der +alte, noch ebenso heiter und graziös, doch bald bemerkte +er eine Art gnädiger Herablassung an Raimund +wie bei einem Vornehmen, der dem Geringeren +gegenüber seine Vornehmheit taktvoll verbirgt, auch +eine gewisse ängstliche Unsicherheit wie bei einem, der +angepumpt zu werden fürchtet und sich innerlich eine +Ausrede zurechtlegt. Sie sprachen über dies und +jenes, Raimund hatte lauter fertige Urteile, die +meisten Fragen waren für ihn endgültig erledigt, und +wenn noch irgendwo ein Zweifel in ihm steckte, so +zuckte er die Achseln, als wollte er sagen: was mich +betrifft, ich habe ein festes Einkommen, mit dem +übrigen wird man schon fertig. Schließlich gingen +sie in eine Bierstube, wo noch fünf oder sechs frühere +Schulkameraden saßen und Karten spielten. Es waren +lauter wohlbestallte Leute, die ihre Sorglosigkeit wie +ein Plakat an der Stirn trugen; ihre Gesichter waren +aufgeschwemmt, frühverlebt, sie witzelten, sie spöttelten, +und in ihrem Gebaren lag gleichfalls das schamlose +Geständnis, daß sie nichts andres schätzten als das +feste Einkommen. Wenn Engelhart etwas sagte, +blinzelten sie mißtrauisch mit den Lidern, dann +musterten sie heimlich schielend seinen Anzug und +seine schlecht sitzende Krawatte. Am herzlichsten benahmen +sie sich, als er sich verabschiedete.</p> + +<p>Er ging gegen die Altstadt und befand sich auf +einmal in stiller Gasse vor dem Tor des Friedhofs, +in welchem seiner Mutter Grab war. Er öffnete die +Pforte, schritt hinein und wanderte eine Weile sinnend +zwischen den uralten Steinen umher. In welchem +Teil des Friedhofs das Grab lag, wußte er nicht +mehr, und er hätte leicht vergeblich suchen mögen, +wäre nicht ein eigentümliches Hinziehen gewesen, das +er nie in solcher Stärke an sich beobachtet hatte. +Endlich stand er vor dem rötlichen Sandstein, auf +dem in halbverwaschenen Goldlettern der Name von +Frau Agathe Ratgeber leuchtete. Das Grab war +vernachlässigt, der Hügel ganz platt, keine Blume +wuchs, nur Gras. Ringsum in solcher Nähe, daß +es wie das Gedränge auf einem Jahrmarkt wirkte, +standen andre verwitterte Steine, zudem herrschte nicht +einmal Frieden, denn draußen vor der Mauer erschallte +das lebhafte Gehämmer der Goldschläger und +auf der andern Seite, hügelabwärts in der Ebene, +keuchte und klapperte eine Dampfmühle. Doch war +es eigen, daß ihn diese Geräusche mit besonderer +Macht in seine Jugend zurückzogen. Traurige Jugend. +<span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">[326]</a></span>Wie furchtbar die Stunde, als er drüben im Leichenhaus +gesessen und schwarze Gestalten wisperten um +ihn herum. Damals konnte er noch keine Empfindung +dafür haben, daß sie mit kaum zweiunddreißig +Jahren davonging; die Mutter ist für ein Kind +alterslos. Freilich, das Leben hätte ihr noch bitterböse +Geschenke gemacht, und doch! Leben, nur leben! +Was gäbe es sonst. Irgendeine äußere Stimme rief: +»Bete!« Er begriff nicht, wie man in solchen Augenblicken +beten könne, alles, was an Wort und Ausdruck +streifte, war erstickt, er spürte nur ein warmes +Aufkochen des Blutes vom Herzen aus durch den +Körper, und er konnte den Begriff des Todes nur +umfassen, indem er das Leben doppelt inbrünstig +fühlte. Wozu beten? sich selbst ausweichen? die +wahre Andacht abweisen? Bevor er ging, riß er +einen Grashalm ab und bewahrte ihn auf mit dem +Gedanken: vielleicht ist er aus dem Saft ihres Auges +gebaut.</p> + +<p>Seines Vaters dachte er nicht; dieser lebte ja noch.</p> + +<p>An einem Mittwoch Abend kam er in Freiburg +an. Seine Brust wurde von Traurigkeit umschnürt, +als er durch die Straßen der unbekannten Stadt ging. +Es regnete und er besaß keinen Schirm; für hundert +Überflüssigkeiten hatte er Geld ausgegeben, aber das +Notwendige anzuschaffen, hatte er sich nie entschließen +können. Er trat also unter ein Tor und ließ die +fremden Menschen an sich vorüberwandeln.</p> + +<p>Die Generalagentur der »Minerva« lag im ersten +Stock eines villenartigen Hauses vor der Stadt; im +Erdgeschoß befand sich eine kleine Weinwirtschaft. +Dunkelblauer Himmel strahlte über den Häusern, als +Engelhart am Morgen hinauswanderte, dunkelbewaldete +Berge schienen auf allen Seiten die Flucht der Straßen +zu begrenzen. Der Flieder stand schon blühend, seine +Düfte flossen in Wellen durch die Gitter der zahlreichen +Gärten. Hoffnungsvoll gestimmt, voll Lust +und Ernst zur Arbeit, trat Engelhart vor Herrn +Lutterott und war nicht unzufrieden, als er erfuhr, +daß er der einzige Beamte des Bureaus sein würde.</p> + +<p>Herr Lutterott war ein Vierziger, klein, feist, geschniegelt +und gebügelt, mit einem Leutnantsschnurrbart +und leutnantsmäßig schnarrender Stimme. Er empfing +den neuen Untergebenen mit korrekter, jedoch etwas +düsterer Höflichkeit und würdigte ihn einer längeren +Ansprache, die den Eindruck des Auswendiggelernten +machte. Die erste Hälfte jedes Satzes klang militärisch +schroff und abgerissen, dann machte er eine Pause, in +der er andächtig seine rosigen Fingernägel betrachtete, +um mit pathetischen Wendungen und salbungsvoll ausladenden +Gesten fortzufahren. Er verbreitete sich über +die Pflichten eines Beamten; er verlange Pflichttreue +und Sittlichkeit, sagte er. Bei dem Worte Sittlichkeit +schloß er die Augen wie zum Schlafe. Er sagte, +Engelharts Photographie habe ihm gefallen, es habe +ihn erfreut, ein ehrliches Gesicht zu sehen, was ihm +aber mißfallen habe und was er dringendst abzustellen +bitte, das seien die Haare, die seit mindestens zwei +Monaten nicht kurzgeschnitten sein konnten; das erinnere +ja beinahe an einen Schauspieler oder Maler +oder ähnliches Gelichter. Zum Schluß gab er Engelhart +eine Wohnungsadresse, bestellte ihn für den Nachmittag +und entließ ihn mit hoheitsvoller Kühle.</p> + +<p>An diesem Tag, am Freitag und Samstag, gingen +die Dinge nicht uneben. Herr Lutterott zeigte zwar +stets das Benehmen eines regierenden Fürsten, und +manchmal kribbelte es Engelhart in den Fingern, +wenn der Mann mit müd-verachtungsvollen Blicken +seine Befehle gab, aber vor dem Fenster, an dem er +arbeitete, war ein Garten, und weiter draußen sah +er Wiesen und darüber den hochwipfligen Wald. +Leider mußte er Herrn Lutterott gleich um Vorschuß +bitten, da alles Geld für die Reise aufgegangen war, +und dies machte die übelste Wirkung; Herr Lutterott +fuhr mit dem Zeigefinger zwischen Kragen und Hals +umher und sagte mit leise wimmernder Stimme: »Es +ist nicht korrekt, es ist nicht korrekt.« Am Sonntagmorgen +nun kam er aus Eifer ins Bureau, obwohl +dies nicht zu den »Pflichten« gehörte; um zehn Uhr +erschien Herr Lutterott, aufs feinste herausgeputzt, +im Salonrock und mit gestreifter Hose, eine Diamantnadel +in der Krawatte, das Haar pomadisiert und +bis zum Nacken gescheitelt. In seinem Privatzimmer +empfing er einen alten Herrn im Zylinder, und Engelhart +hörte ihn untertänig räuspern und säuseln, um +halb elf kam er heraus, wieder ganz Fürst, und sagte +kurzangebunden zu Engelhart: »Sie können jetzt in +die Kirche gehen.«</p> + +<p>Verwundert blickte Engelhart empor und antwortete: +»Ich danke; ich gehe nicht in die Kirche, ich +bin Jude.«</p> + +<p>Herr Lutterott schnellte herum wie gestochen. Sein +Gesicht war käseweiß. »Was – Jude?« stammelte +er. Aufgeregt, mit kleinen Schrittchen trippelte er +vor seinem Schreibtisch hin und her, hierauf verließ +er das Zimmer. Engelhart legte die Feder weg und +schaute, nichts Böses vermutend, doch überaus peinlich +berührt, auf das halbbeschriebene Blatt, das vor +ihm lag. Nach einer Weile kam Herr Lutterott zurück. +Er wischte sich mit dem blendend weißen Taschentuch +die Stirn, pflanzte sich neben Engelhart auf und ließ +folgende kleine Rede vom Stapel: »Ich habe selbstverständlich +nicht das geringste dagegen einzuwenden, +daß Sie Jude sind. Nur, verzeihen Sie, kommt mir +die Sache insofern überraschend, als ich nie die Absicht +gehabt hatte, mich nicht dessen versehen hatte – +<span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">[327]</a></span>um es kurz zu sagen, meine religiösen und menschlichen +Überzeugungen wurzeln in ganz anderm Boden, +und gewisse Erfahrungen, die das Leben lehrt, haben +mir recht gegeben. Immerhin, ich gebe ja zu, daß +man sich irren kann, es steht zu wünschen, daß Sie +die löbliche Ausnahme bilden, sprechen wir also nicht +mehr davon.«</p> + +<p>Engelhart schwieg. Ihn ekelte.</p> + +<p>Am andern Morgen brachte Herr Lutterott eine +eiserne Geldkassette zum Vorschein, in deren einzelnen +Fächern sich Silber- und Nickelmünzen befanden, ungefähr +an hundert Mark. Herr Lutterott sagte, dies +sei die kleine Spesenkasse, und damit Engelhart sehe, +daß sein Vertrauen unerschüttert sei, überlasse er sie +ihm zur Verwaltung. Bei diesen Worten erbleichte +Engelhart, und es wurde ihm ein wenig schwindlig. +In Herrn Lutterotts Gesicht lag ein seltsamer, arglistiger +Triumph, den zu verbergen er sich keine Mühe +gab. Seine Augen sagten: ›Wagst du es, dich an +diesem Schatz zu vergreifen, und deine Armut, deine +Herkunft lassen solches vermuten, dann wehe!‹ Denselben +Ausdruck des Triumphes hatten seine Augen +von Stund an, wenn er Engelhart ein Versehen nachweisen +konnte, einen Schreib- oder Rechenfehler, wenn +er ihn auf einer Vergeßlichkeit ertappte, wenn die +Akten auf einem falschen Platz lagen. Er pflegte +seine Befehle lispelnden Tons zu erteilen, und wenn +ihn Engelhart nicht verstanden hatte und um Wiederholung +eines Wortes bat, wurde Herr Lutterott +scharlachfarben im Gesicht, sprang von seinem Stuhl +auf und sagte alles, Silbe für Silbe, noch einmal +mit scharfer, bissiger, feindseliger Stimme, wobei sein +Blick grünlich funkelte. War ein einziger Satz eines +langen Briefes nicht zu seiner Zufriedenheit stilisiert, +so zerriß er den ganzen Bogen, schimpfte aber nicht, +sondern machte nur eine vornehm abwehrende Handbewegung +und verließ das Zimmer mit einem leichten +Hüsteln oder Kichern. Kamen Unteragenten oder jemand +aus der reichen Klientel oder sonstige Leute, so +beliebte es Herrn Lutterott, Engelhart mit einer niederträchtigen +Zumutung zu demütigen, etwa, er solle +dem Herrn den Rockärmel abbürsten oder er solle die +Tür vor ihm öffnen, oder er schrie ihn an, wenn +seine Feder kratzte, und dergleichen mehr.</p> + +<p>Engelhart erkannte wohl, daß dies Ranküne war, +aber er trug es, weil er es tragen wollte. Er biß +die Zähne zusammen und dachte, stärker zu sein als +der Schmerz, den er über die unendlichen Beleidigungen +empfand. Einst saß er während der Mittagstunde +drunten in der Weinwirtschaft, als Herr Lutterott +eintrat und am Honoratiorentischchen bei einigen älteren +Herren Platz nahm. Engelhart blickte nachdenklich +hinüber, in seinen Gedanken stellte er sich vor, daß +dieser Lutterott doch schließlich ein Mensch sei und +daß es vielleicht nur der rechten Worte bedürfe, um +ihn auf den Weg der Billigkeit zu verweisen. Plötzlich +nahm Lutterott ein Kärtchen aus seiner Brieftasche, +schrieb etwas auf, rief die Kellnerin, und diese +trat zu Engelhart und reichte ihm das Geschriebene. +Er las: »Es ziemt sich nicht für den Untergebenen, +seinem Chef frech ins Gesicht zu stieren.« Da stand +er auf, wieder schwindelte ihn, diesmal vor Zorn, +aber er beherrschte sich und ging.</p> + +<p>Alles das dauerte an vierzehn Tage. Nun besaß +Engelhart kein Geld mehr zum Notwendigsten des +Lebens. Er wagte nicht, Herrn Lutterott um Vorschuß +zu ersuchen, endlich aber zwang ihn die leibliche +Not dazu. Er hatte es bis zur letzten Stunde des +Nachmittags aufgespart. Kurz vor sieben Uhr brachte +er sein Anliegen vor. Herr Lutterott stutzte, betrachtete +die Spitze seines Stiefels und sagte, er habe +den Geldschrank schon geschlossen, Engelhart müsse sich +bis zum andern Morgen gedulden. Damit entfernte +er sich rasch und überließ dem jungen Mann wie +alltäglich das Schließen der Räume. Engelhart, der +Hunger hatte und nicht wußte, wie er ihn stillen +sollte, entschloß sich in seiner Hilflosigkeit, bis zum +andern Morgen ein Darlehen bei der kleinen Spesenkasse +aufzunehmen, die in seiner eignen Verwaltung +stand, steckte ein Zweimarkstück zu sich, ging hin und +aß sich satt. Gleich in der Frühe erinnerte er Herrn +Lutterott an den erbetenen Vorschuß, da er vor allem +den entnommenen Betrag wieder zurücklegen wollte. +Doch Herr Lutterott erwiderte, während seine Züge +sich verkniffen wie bei jemand, der in die Sonne blickt: +»Gern, aber vorher möchte ich Ihre Kasse revidieren.« +Engelhart wurde es kalt und heiß, denn er durchschaute +nun die Infamie völlig. In einem Ton, +dessen Ruhe ihm selbst auffiel, sagte er, daß er zwei +Mark aus der Kasse genommen. Herr Lutterott +lächelte unendlich vornehm und runzelte die Stirn. +Er entgegnete, er wundere sich, daß ein so aufgeweckter +Kopf sich nicht klar gewesen sei über die +Folgen einer Handlung, die mit dem juridischen +Begriff zu bezeichnen ihm Engelhart wohl erlasse. +Daß nach einem solchen Vergehen von einem weiteren +Verbleiben im Dienste der »Minerva« keine Rede sein +könne, verstehe sich von selbst. »Sie haben zwanzig +Mark Vorschuß, hier haben Sie noch zehn Mark, +mehr war Ihre Arbeit ohnehin nicht wert,« schloß +Herr Lutterott seine Rede, »und somit sind Sie ein +freier Mann.«</p> + +<p>Engelhart nahm seinen Hut, starrte noch eine +halbe Minute die Türklinke an und ging. Jeder +andre hätte gesprochen, wäre aufgebraust, hätte versucht, +seine Würde zurückzuerkämpfen, ihm waren die +<span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">[328]</a></span>Lippen versiegelt; im Grunde war er mehr erstaunt +als erbittert.</p> + +<p>Jetzt sollte er die für seine Verhältnisse ziemlich +hohe Miete seines Zimmers bezahlen, er sollte essen, +trinken, leben, aber womit? Er schrieb an Schildknecht +und berichtete ihm das Vorgefallene, freilich +nur andeutend, denn all die Niedertracht, die er so +geduldig geschluckt, beichten zu müssen, hätte seinen +Stolz verletzt. Sonderbarerweise verspürte er auch +jetzt nicht den geringsten Zorn gegen den schändlichen +Mann, eine naive Wehmut umdämmerte seine Sinne, +und er war neugierig, wie all dies enden würde. +Stundenlang wanderte er durch die schönen Villenstraßen +dieser reichen und glänzenden Stadt, las die +Namenschilder an den Pforten und beschäftigte sich +mit den Träumen von Wohlhabenheit, Glück und Ehre. +Es erschien ihm wahrscheinlich, daß unter diesen ruhig +Besitzenden einer sich befand, der ihm Beistand und +liebende Hilfe gewährt hätte, nur kannte er ihn eben +nicht, jedenfalls sah er sich jedes der schmucken Häuser +mit Bezug auf diese Vorstellung aufmerksam an.</p> + +<p>Schildknecht antwortete in einem langen, bestürzten, +heißatmigen Brief; auch seine eigne Existenz sei dort +in der löblichen Schweiz, kaum neu aufgerichtet, wieder +zertrümmert worden. Durch welche Schuld, sei ihm +unbekannt, doch seien die Erinnyen fühlbar hinter +ihm her. Er sagte, daß er nach Engelharts Gesellschaft +Begierde trage, wie wenn er seit Jahrzehnten +unter Hottentotten lebte, gleichwohl dürfe er ihn nicht +ermuntern, zu kommen, denn der Boden sei ihm selber +glühend unter den Füßen. Wie stets, kam er in verhüllten +Wendungen auf die Pläne zu sprechen, die +in seinem Hirn qualmten, und auf die Zukunft, die +er als goldene Verheißung hinter den Gewittern erblickte. +Engelhart war erwärmt und getröstet durch +dieses Schreiben voll tiefer Herzlichkeit, aber geholfen +war ihm damit natürlich nicht. Schon lebte er in +Schulden, schon betrachteten ihn die Leute scheu und +finster, schon stieg das Wasser bis zum Hals. Von +einer Stunde zur andern gebieterischer bedrängt, eilte +er aufs Postamt und depeschierte mit den letzten +Pfennigen an die Adresse seines Vaters, er sei am +Äußersten, Unerhörtes sei vorgefallen, der Vater möge +ihm fünfzig Mark senden. Diese absichtlich aufgepeitschte +Sprache tat ihre Wirkung, das Geld kam, +es war fast, wie wenn ein von Räubern Angefallener +mechanisch die Börse zieht. Doch ein paar Stunden +später erhielt Engelhart auch einen Brief des Vaters.</p> + +<p>»Du weißt, daß ich selbst mit mir zu kämpfen +habe,« schrieb Herr Ratgeber, »und daß ich mich +ehrlich und rechtschaffen durchbringe. Es ist ein +himmelschreiendes Unrecht von Dir, mich auf diese +Weise mit Geldforderungen zu belästigen. Ein junger +Mann in Deinem Alter muß verdienen, was er +braucht, und wenn nicht, muß er sich nach der Decke +strecken. Was ist denn vorgefallen, oder wolltest Du +mich nur durch Schrecken zwingen, Dir zu helfen? +Wo hast Du die achthundert Mark Deines Erbteils +hingebracht? Ich schinde mich wie ein Taglöhner, +nein, ein Taglöhner hat Ruhe, wenn er gearbeitet +hat, ich aber nicht, meine Frau gönnt sich keinen +guten Bissen, wir gönnen uns keinerlei Vergnügen, +und Du kommst, um die sauer ersparten Pfennige zu +holen. Dabei nagt noch der Wurm in mir über +Dein monatelanges Schweigen, Dein liebloses Wesen; +wahrlich, Du zeigst mir zu brutal, daß Du nur +einen Vater kennst, wenn Du etwas von ihm haben +willst. Aber alles will ich ertragen, wenn Du nur +in ordentliche Bahnen lenkst; laß doch endlich die +Ideale und werde ein praktischer, brauchbarer Mensch.«</p> + +<p>Zum Schluß hieß es: »Es grüßt Dich Dein Dich +liebender Vater«; aber dies erschien Engelhart als bloße +Floskel. Er antwortete dankend, besänftigend, ausführlich, +doch ohne Herzlichkeit. Er hielt den Vater für +geizig und nahm das Opfer des Spargroschens als etwas +Selbstverständliches hin.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">[342]</a></span>Eines Morgens packte Engelhart seine Siebensachen, +zahlte die rückständige Miete, verließ +das Zimmer, deponierte seinen Koffer auf +dem Bahnhof, und nur mit einem winzigen Bündel +belastet, marschierte er aus der Stadt und in den +Wald. Er wollte wandern, gleichviel wohin, er +wußte auch nicht wohin, er war satt von den +Menschen. Er lief an diesem Tag die Kreuz und +Quer und kam, da er keines suchte, auch zu keinem +Ziel. In einer Waldwirtschaft nahm er Milch und +Brot zu sich und erstieg hierauf die Höhe. Er +strebte zu einer vom Sonnenuntergang beleuchteten +Wolke und erblickte sie dann gegenüber, gleichsam auf +der andern Seite der Straße. Am Rand einer Lichtung +warf er sich müde hin, wartete noch, bis die +Sterne entflammt waren, dann schlief er ein und erwachte +erst wieder, als die Wipfel glühten und das +Firmament von karmoisinfarbenen Zickzackstreifen bedeckt +war. Seine Kleider waren feucht, rasch lief er +den Hang herab, bis die Nässe verdunstet war. Er +trank von einer Quelle und lauschte dem langsamen +Gebimmel der Kuhglocken. Unweit davon war ein +Holzplatz, auf dem noch niemand arbeitete; er fand +eine Hacke am Schuppen, nahm ein Scheit und drosch +darauflos: es stellte Herrn Lutterott vor. Zuerst +hieb er ihm die Beine ab, dann die Arme, dann den +Kopf, dann zerschmetterte er das Rückgrat. So verfuhr +er auch mit andern Feinden und mit den Feinden +Justin Schildknechts. Es war ein erfrischendes Geschäft.</p> + +<p>Mittags begann es zu regnen, doch Engelhart +ging ruhig weiter, halb beschützt vom Laubdach der +Bäume. Die Schnittfläche von den Stümpfen abgesägter +Bäume leuchtete wie gelbes Feuer durch die +Nebelschwaden. Bisweilen blieb er an den Stümpfen +stehen, zählte die Jahresringe und dachte, wieviel +vollendete Schicksale hier verhaftet seien in dem schmalen +Raum zwischen Ring und Ring. An der Waldöffnung +gegen einen See kam er zu dem einsamen Haus eines +Schwarzwaldbauern, da fand er Aufnahme und freundliche +Bewirtung. Nach Name, Zweck und Herkunft +wurde nicht viel gefragt, er teilte ihre Mahlzeit am +riesigen Tisch und schlief im Heu. Am nächsten Tag +fuhr er auf den See hinaus, landete an einem verödeten +Teil des Ufers, erkletterte die Hänge, lag +stundenlang regungslos auf einer Felsplatte und kehrte +am Abend zum Hause des Bauern zurück. Für das +Essen zahlte er ein paar Pfennige, das Nachtlager zu +berechnen weigerte sich der Bauer.</p> + +<p>Von einem höher gelegenen Weiler kam täglich zu +früher Stunde eine kleine Schar von Knaben und +Mädchen herab, welche die Schule im Tal besuchten. +Gegen Abend kehrten sie wieder zurück. Vom Sehen, +Grüßen und kurzem Zwiegespräch an war allmählich +eine Art Vertraulichkeit zwischen ihnen und Engelhart +entstanden. Er sah sie morgens von fern, wenn sie +den Weg herabtrippelten, schritt ihnen entgegen, wenn +sie vom Dorf heraufkamen, und begleitete sie heimwärts. +Wenn er sich ins Moos setzte, rasteten sie +auch und lagerten sich um ihn herum. Einmal kam +die Rede auf Geschichten, und er begann Geschichten +zu erzählen. Die bloße neugierige Verwunderung der +Kinder verwandelte sich in Zuneigung. Die drei +Mädchen pflückten ihm Blumen, die Buben sagten die +einfältigen Verse auf, die sie gelernt hatten. Sie +hielten ihn vielleicht für einen gutmütigen Schulmeister +auf Urlaub, da sie vor ihm zu glänzen suchten. Aber +sein Herz lag in tiefer Ruhe bis zu der Stunde, wo +eine Gesellschaft von städtischen Ausflüglern am Weg +vorüberwanderte. Ihr Lachen und ihre Gespräche +scheuchten ihn auf, Ehrgeiz wurde wach, der seltsame +Trieb, ihnen, diesen Fremdesten, etwas zu bedeuten, +vor sie hinzutreten mit den Worten: »Ich bin Engelhart +Ratgeber,« worauf sie schweigend die Augen +senken und antworten mußten: »Sprich zu uns, verehrter +Mann.«</p> + +<p>Da fing also die Unrast an; und drei Tage später +kam er an einen hochumgitterten Garten im Tal. Es +war Sonnenuntergangszeit. Nahe dem Eingangstor +saß ein junges Mädchen auf einer Steinbank. Sie +trug ein schimmernd weißes Gewand, lose gegürtet, +und hielt ein Buch auf den Knien, in dem sie blätterte. +Von dem Pfirsichbaum über ihr tropften hier und da +weiße Blütenblätter ab, und einige blieben in ihrem +dunkeln Haar hängen. Es war ein Bild, das Reichtum, +Glück und Schönheit in sich schloß. Engelhart, +von den Gebüschen halb verborgen, blieb schweigend. +Das, was er liebte und begehrte, hüllte sich ihm gern +in schwermutvolle Schleier, und was andre zum Kampf +ermunterte, weckte ihm nur das schamhafte Gefühl +der Armut. Er fürchtete dies Los, zu dem er sich +<span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">[343]</a></span>geboren sah: draußen zu stehen vor der Mauer, nein, +vor dem Gitter, das den Augen alles gab und der +Hand nichts.</p> + +<p>In dieser Stunde liebte er das junge Mädchen, +das er gewiß kaum beachtet hätte, wenn es ihm auf +der Straße begegnet wäre, mit leidenschaftlichem +Schmerz; ganz in sich versunken, floh er in den +Wald zurück, ging und ging, immer dem schwachen +Purpurschein nach, der zwischen den Stämmen glühte, +durch all die bewegten Träume hindurch dem fernen +Ruf eines Kuckucks lauschend, bis er zu spät inneward, +daß er sich verirrt hatte. Die Wege wurden +von hastig aufschwellender Dunkelheit verschlungen, +Engelhart fing an zu laufen, bis er mit der Stirn +an einen Baumstamm rannte. Er tastete mit den +Armen umher, er suchte mit den Augen den Himmel, +vergebens; ihm war, als könne er die Finsternis +befühlen wie einen schwarzen, kühlen Körper. Er +blieb stehen und horchte und vernahm nichts als das +Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Nun hatte +er Angst vor jedem Schritt nach vorwärts, ihm schien, +als werde er langsam in einem Trichter zur Tiefe +gezogen, er umklammerte einen Baum und schrie auf, +da dieser sich im Kreis mit ihm bewegte. Die +Finsternis zerteilte sich gleichsam in Wolken, in rotumränderte, +zuckende schwarze Fetzen, die sich zu +wüsten Visionen ballten und, wie von einem Orkan +gepeitscht, wieder auseinander flossen. Engelhart spürte +die Blässe seines Gesichts, und plötzlich erstarrten seine +Glieder, als er in weiter Ferne, durch Zweige +flammend, ein unheimlich gelbes Licht gewahrte. Er +brauchte Minuten, um sich zu sammeln und um zu +erkennen, daß es der Mond war. Vorsichtig schreitend, +ging er dem Schein entgegen bis zu einer Lichtung, +die mit gefällten Bäumen besät war. Erschöpft sank +er hin, konnte aber die Augen nicht schließen, sondern +blickte lange Zeit unaufhörlich in den milchig bestrahlten +Himmel. Ihn erschreckte alles, der Gedanke +an die Tiefen und Höhen, an die Nacht und an die +Sterne. Es blieb zu wenig übrig für das selbstsüchtige, +sich selbst suchende Herz.</p> + +<p>Als der Tag graute, fand er nicht ohne Schwierigkeit +seine Bauernhütte. Er schlief lange, und nach +Tisch verkündete er seinen Entschluß, weiterzuwandern. +Da man ihn fragte, wohin, entgegnete er lächelnd: +nach Süden. Der Bauer und sein Knecht begleiteten +ihn bis zur Landstraße hinab, eine Stunde später +war er auf dem Bahnhof und nahm ein Billett nach +Basel. Von dort wollte er zu Fuß weiter, um seine +Börse zu schonen. Weil er jedoch am Abend in +Basel ankam und nicht in die Nacht hinein marschieren +konnte, war er töricht genug, in einem nahegelegenen +Hotel Quartier zu nehmen, was ihn mehr Geld +kostete als viele Stunden Eisenbahnfahrt. Noch dazu +mußte er sich ob seines Aussehens und des fehlenden +Reisegepäcks halber – den Koffer hatte er an die +Adresse des Vaters geschickt – eine wegwerfende +Behandlung gefallen lassen, und es nutzte ihm nichts, +daß er sich bei einer gelegentlichen Zwiesprache mit +dem Portier als Philosoph von Beruf bezeichnete.</p> + +<p>Dann kam ein schöner Wandertag durch sommerlich +blühendes Land unter wolkenlosem Himmel. Er +nächtigte in einer Fuhrmannsschenke, und am zweiten +Tag fuhr er auf dem Wagen einer Seiltänzerfamilie +bis nach Baden mit. Es waren abgerackerte Leute, +selbst die Kinder schienen sterbensmüde, nur der +Clown war ein aufgeweckter Mensch, der sich nicht +ohne Geist über die Eigentümlichkeiten verschiedener +Nationen lustig machte. Am Nachmittag des dritten +Tages sah Engelhart von fern den silberglänzenden +Zürcher See, und er setzte sich in den Kopf, noch +ans Gestade zu gelangen, bevor das Unwetter ausbrach, +das schon seit Stunden am Himmel sich zusammenzog. +Bald begann der schwere Regen zu +fallen, die Bäume der Allee schienen sich in den +schwefelgelben Blitzen wie Fackeln zu entzünden und +den Flammen oben schien der Donner aus der Tiefe +der Erde heraus zu antworten. Weit und breit war +kein Haus, der Regen strömte wie aus Fässern, im +Nu war der einsame Wandersmann schlottrig naß, +auch merkte er, daß seine Stiefel zerrissen waren und +Wasser fingen. Er lief über einen Wiesenweg und +schloß die Augen vor den Blitzen. Nun glänzte der +See nicht mehr, einem erblindeten Auge gleich dämmerte +er durch den Nebel herauf. Endlich ein Garten, +endlich ein Haus, und ein Wirtshaus zum Glück. +Als er in den Flur stürmte, stoben zwei Mädchen +kreischend auseinander. Die Wirtin kam, eine junge +Frau mit schmachtenden Augen. Sie blickte zuerst +unwillig auf den heruntergekommen aussehenden Gast, +als sie aber sah, wie er unter den triefenden Kleidern +zitterte, bot sie ihm von selbst ein Zimmer an und +führte ihn in den oberen Stock. Von rascher Sympathie +ergriffen, erzählte ihr Engelhart von seiner +Wanderschaft, und während ihm die fremde Frau +wie eine Mutter beim Auskleiden behilflich war, +öffnete er zutraulich sein Herz und führte die durch +lange Einsamkeit wohlgenährten Hoffnungen vor. Die +Frau lächelte; sie sah, daß sie es mit keinem gewöhnlichen +Landstreicher zu tun hatte; als er im +Bett lag, setzte sie sich zu ihm und plauderte unbefangen +über ihr Leben; sie war Witwe und ihr +um vieles älterer Mann war während eines Herbststurms +im See ertrunken. Die Wirtschaft ging +schlecht, fuhr sie fort, Neider und Verleumder brächten +ihr üble Nachrede in der Stadt, und sie wolle nun +<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">[344]</a></span>den Kram verkaufen und in die neue Welt fahren. +Sie berichtete alles in einem einzigen kunterbunten +Satz, und ihr Gesicht sah auch bei den bekümmertsten +Worten froh und freundlich aus. Später brachte sie +Essen und Wein, und dann küßte sie ihren jungen +Gast und blieb bis in die späte Nacht bei ihm. In +der Frühe war Engelhart entzückt, als er, die Fensterladen +öffnend, den See vor sich liegen sah und dahinter +die Gebirge, von grünen Kuppen an aufwärts +steigend bis zu rosigen und silbernen Schneegipfeln. +An der Mauer unter dem Fenster hingen die reifen +Kirschen und der betaute Garten glich einem Diamantfeld. +Seine Kleider waren getrocknet, er rüstete zum +Aufbruch und ließ sich durch das Bitten der Frau +nicht halten. Sie weigerte sich, Bezahlung von ihm +zu nehmen und ließ ihn noch mit dem Boot zur +Stadt hinüberfahren.</p> + +<p>Zwei Stunden später war er in Oberstraß, in +Schildknechts Wohnung. Schildknecht war nicht zu +Hause. Engelhart wartete im Garten und malte sich +still träumend das Gesicht des Freundes beim Wiedersehen +aus. Es wurde Mittag, schließlich sagte die +Vermieterin, er möge doch einmal bei Herrn Heilemann +nachfragen, dies sei ein Freund von Herrn +Schildknecht, bei dem er alle Tage zu Besuch sei und +wohne in der Geßner-Allee. ›Ein Freund?‹ dachte +Engelhart überlegen, ›nein, liebe Frau, Schildknecht +hat nur einen einzigen Freund, und das bin ich.‹ +Die Frau beschrieb ihm den Weg, er ging hin und +erfuhr, daß die Herren in dem großen Kaffeehaus an +der Bahnhofstraße seien. Als er dort eintrat, sah +er Schildknecht an einem Tisch in Gesellschaft mehrerer +stutzerhaft gekleideter Männer, schweigsam und finster +vor sich hinbrütend. Engelhart trat von rückwärts +näher und legte lächelnd beide Hände auf seine +Schultern. Schildknecht zuckte zusammen, drehte sich +um, sprang empor, und sein jubelnder Aufschrei, sein +echtes, wildes, beinahe kindisches Lachen rührten und +erschütterten Engelhart; in der Freude darüber, daß +ihn der ersehnte Augenblick nicht enttäuscht hatte, +vergaß er alle Sorgen. Dies eifervolle, heiter-belebte +Gespräch, er genoß es als die Erfüllung eines +Traumes; die Gegenwart war verdrängt, auch das +Letzterlebte schien belanglos im Vergleich zu den gemeinsamen +Erinnerungen.</p> + +<p>Aber die Fragen: Wie steht’s? Wie bist Du gerüstet? +Was hast du in der Tasche? Was soll’s +überhaupt? waren doch, klar oder umschrieben geformt, +unvermeidlich. Schildknecht sah, daß er das +ganze Geschick des zärtlich vertrauenden Menschen +halten und lenken sollte, das war zuviel, dem fühlte +er sich nicht gewachsen. In einer schlaflosen Stunde +zündete er die Kerze an, leuchtete hinab auf die +Matratze, auf der Engelhart lag, und Schildknecht +suchte etwas in diesem vom Schlummer trunkenen +Gesicht. Seine eigne Miene trug den Ausdruck des +Zweifels. Da die Lippen des Schläfers sich zu bewegen +begannen, beugte er sich noch tiefer und lauschte +ängstlich, wie wenn er das Geständnis eines Verrats +erwarte. Plötzlich schlug Engelhart die Augen auf +und erschrak, als er den im Kerzenlicht flammenden +Blick des Freundes lauernd auf sich ruhen sah. +Schildknecht schüttelte besorgt den Kopf und sagte +mild: »Etwas haben Sie mir verborgen, lieber Ratgeber; +nun sprechen Sie mal von der Leber weg.«</p> + +<p>Engelhart antwortete nicht. Er starrte in den +Lichtkreis an der Decke. Wie gewöhnlich war sein +Erstaunen größer als der Trieb zu fragen. Ja, er +hatte von dieser Minute an ein Geheimnis.</p> + + + + +<h2><a name="Zwoelftes_Kapitel" id="Zwoelftes_Kapitel"></a>Zwölftes Kapitel</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">N</span>ur mit Mühe ließ sich Schildknecht davon abbringen, +dem famosen Herrn Lutterott einen Zorn- +und Schmähbrief zu schreiben. »Solche Kerle sind +jetzt das Bürgerideal,« knirschte er; »so sehen sie aus, +die oben wohl gelitten und unten gefürchtet sind. +O herrliches Deutschland!«</p> + +<p>Engelhart hatte längst aufgehört, des Mannes in +Groll zu gedenken. Nur daß Lutterott es gewagt +hatte, ihm aus seinem Judentum eine Schuld zu +machen, erfüllte ihn mit nachhaltiger Verwunderung.</p> + +<p>»Haben Sie denn nie an persönliche Gefahren +aus solcher Quelle gedacht?« fragte Schildknecht.</p> + +<p>Engelhart verneinte; er habe sich des Judentums +nie geschämt und habe auch nie Anlaß gehabt, sonderlich +stolz darauf zu sein. »Ist es nicht gleichgültig, +welcher Provinz der großen Menschheit der einzelne +seine Herkunft zuschreibt?« fragte er.</p> + +<p>»Gewiß,« antwortete Schildknecht. »Aber ist +Ihnen denn nicht bekannt, daß Millionen von Ihren +Stammes- und Herkunftsgenossen im tiefsten Jammer +vegetieren, nur eben deshalb, weil sie Juden sind?«</p> + +<p>»Ich weiß es,« sagte Engelhart; »aber der größte +Teil der Menschen lebt im Jammer, und die Tatsache +berührt mich mehr als der Grund.«</p> + +<p>»Und wissen Sie nicht, daß das ganze Mittelalter +vom Blut der Juden gedüngt ist?«</p> + +<p>»Ich weiß es, aber ich sage mir, Blut ist ein +guter Dünger; aus Blut wächst Leben. Mit Blut +wird die Freiheit bezahlt, mit Blut wird die Erde +erobert.«</p> + +<p>»Und erinnern Sie sich nicht aus Ihren Kindertagen, +daß der Christ in Ihren Augen ein Fremdling +war?«</p> + +<p>Engelhart nickte lebhaft. »Ich erinnere mich auch +<span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">[345]</a></span>an Blicke, Worte und Gebärden, die mich verletzen +sollten und zurückweisen wollten,« entgegnete er. +»Aber es war mir nicht gegeben, daraus einen +Schmerz zu machen; ich fühlte, daß es kein Problem +für mich war. Ich bin vielleicht zu stolz dazu. +Wenn ich im Verkehr vom Menschen zum Menschen +dies als wichtig nehmen müßte, dann wären eben +alle meine Wurzeln der Nahrung beraubt. Den such’ +ich nicht, der deshalb an mir vorübergeht. Ich bin +ein Jude, aber ich bin es nicht mehr, als wie Sie +ein Christ sind. Unsre Vergangenheit liegt in den +Worten, nicht unsre Zukunft.«</p> + +<p>Schildknecht dachte eine Zeitlang nach. Dann +fing er wieder an und sagte: »Es ist ein großes +Kapitel. Ich für meinen Teil, ich liebe ja die +Juden. Dennoch, es ist eine Verstandesliebe, mein +Blut sträubt sich dagegen.«</p> + +<p>»Auch gegen mich?« fragte Engelhart lächelnd +und besorgt.</p> + +<p>»Man soll nicht ein Gefühl zergliedern, sonst +hört es auf, ganz zu sein,« antwortete Schildknecht +mit niedergeschlagenen Augen. »Aber es kommt mir +oft vor, als ob in unserm Verhältnis noch eine +andre Macht gebieten würde als die, die Menschen +sonst einander begegnen und sich finden läßt. Es +kommt mir vor, als ob dabei eine Art höhere Vergeltung +im Spiel wäre. Meine Vorfahren sind altsässige +Nürnberger Patrizier gewesen. Es wird Ihnen +ja bekannt sein, daß vor ziemlich genau vierhundert +Jahren die Juden aus unsrer Stadt vertrieben wurden +und zwar unter den üblichen Greueln: Erpressung, +Raub und Mord. Nun ist es in unsrer Familie +eine alte Tradition, und ich habe es auch einmal in +einem alten Schriftstück bestätigt gefunden, daß ein +gewisser Schildknecht vom Schildknechtstein, der den +Juden tief verschuldet war, mit großer Leidenschaft +und Tücke das Volk aufgehetzt, dann die Brunnen +in seinem Haus habe vergiften lassen und schließlich +mit eigner Hand an die hundert Juden erschlagen +habe. Vielleicht, lieber Ratgeber, war einer oder der +andre Ihrer Ältervordern unter den Erschlagenen, +aber sehen Sie mich nicht so beklommen an, ich fühle +mich nicht verantwortlich für den Schweinehund von +damals, wenn ich auch zum Beispiel von meinem +Vater weiß, daß er den Juden zwar günstig gesinnt +war, jedoch nie einem die Hand reichte und es, wenn +möglich, überhaupt vermied, mit Juden zu reden. +Dem sei, wie ihm mag, es kommt mir immer vor, +als ob der Sturm des Schicksals uns, mich und Sie, +auf einem Gebirgshang zueinander getrieben habe, +mich beim Heruntersteigen und Sie beim Hinaufsteigen. +Als ich Sie damals im Paradieschen zum +erstenmal sah, da zog’s mich zu Ihnen mit einer +Mischung von Haß, Neid und Schuld. ›Möglicherweise,‹ +dacht’ ich mir, ›geht es doch wieder aufwärts,‹ +und ich suchte die Oberhand über Sie zu +gewinnen –«</p> + +<p>»Aber damit haben Sie mich gerettet, Liebster,« +warf Engelhart ein, voll seltsamer Angst vor dem +bekenntnishaften Ton Schildknechts.</p> + +<p>Dieser ließ sich nicht irre machen und fuhr mit +bleicher werdendem Gesicht fort: »Mag sein. Aber +ich habe keine Sicherheit, daß Sie mir nicht, ein paar +hundert Meter weiter auf dem Berg angelangt, einen +Stein auf den Kopf werfen werden. Sie sind keiner +von den Dankbaren. Was ist denn Freundschaft? +Ein Kampf um Macht wie alles, was zwischen +Menschen vorgeht; und was wahre Freundschaft ist, +erkennt man erst an den Wunden, die man davongetragen +hat. Doch was ich eigentlich sagen wollte, +ist das: solche Menschen, die wie Sie aus der Dunkelheit +eines Stammes emporgetrieben werden und in +denen die stumm gewesenen Geschlechter, wie soll ich +mich ausdrücken, einen Mund erhalten, die haben +viel Chaos, viel flüssiges Schicksal in sich. Das +Judentum sind Sie ja los, aber der Jude, der in +Ihnen steckt, wird Ihnen noch viel zu schaffen +machen, er wird Ihnen immer wieder Finsternis +ins Gemüt pressen, auch die Lust zur Finsternis +und die Lust, sich selber zu entfliehen und die Lust +zu erlösen und all diesen Quark, an dem unsre +Besten verbluten.«</p> + +<p>Auf Engelhart machte dies alles tiefen Eindruck, +nicht, weil es ihm so neu war, sondern weil er +plötzlich seine Art und sein Blut, das Persönliche +und Kreatürliche, gesetzmäßiger empfand. Dem lebendigen +Geist tut es wohl, das Leben seiner niedrigen +Zufälligkeiten entkleiden zu dürfen; je inniger er sich +in das Auf und Ab des Menschentums verwoben +sieht, je mehr muß seine Zuversicht und Ruhe wachsen. +Justin Schildknecht war diese Wirkung nicht ganz +willkommen, und es war, als bereue er das Gespräch. +Er wünschte nicht, daß Engelhart auf sich allein gestellt +sei, und vermied von nun an, über Gegenstände +zu sprechen, aus denen das Selbstbewußtsein +des Freundes Nahrung ziehen konnte. Sein Wohlwollen +verdunkelte sich mit seinem Schicksal; furchtbar +spürte er, wie man zu lieben und zu hassen +vermag in einem Atemzug.</p> + +<p>Schildknecht hatte seine Anstellung schon verloren; +aus welchem Grunde, erfuhr Engelhart nicht, vermutete +jedoch, daß er sich von jenem Heilemann, in dessen +Gesellschaft er bis zu Engelharts Ankunft den größten +Teil seiner Zeit verbracht hatte, von regelmäßiger +<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">[346]</a></span>Arbeit hatte abziehen lassen. Auch über die Person +Heilemanns vermochte Engelhart nicht Klarheit zu +gewinnen. Er war Vertreter einer großen deutschen +Maschinenfabrik und verdiente viel Geld, lebte aber +auf dem Kavaliersfuß und zog mit einem Hofstaat +von armen und halbarmen Teufeln in der Stadt +und in den Ausflugsorten am See herum. Schildknecht +und er waren Schulkameraden; jetzt schien es, +als ob Schildknecht in sonderbarer Abhängigkeit von +ihm bestehe. Vielleicht, daß er Schulden bei ihm +hatte machen müssen; jedenfalls benahm er sich in +Heilemanns Gegenwart gedrückt und zweideutig ergeben, +ein Anblick, bei dem es Engelhart jämmerlich +zumute wurde, um so mehr, als er hintennach immer +die Launen und das Aufschäumen des verletzten +Stolzes ansehen und ertragen mußte. Es war ein +nicht zu durchschauendes Spiel unterirdischer Feindseligkeit. +Mit Schmerz sah Engelhart den Freund +in den trüben Fluten kämpfen, aus denen er selbst +durch Schildknechts Hilfe kaum gerettet war. Und +diesmal bestand keine Wahrheit zwischen ihnen; Schildknecht +tat alles, um die Ursachen seiner Lage zu verwischen, +und gab sich den Anschein dessen, der die Gesellschaft +studieren, ein Stück Leben ergründen will.</p> + +<p>An einem der ersten Abende fand in Heilemanns +Wohnung ein Gelage statt, und um die Lustbarkeit +zu vermehren, beschlossen alle Teilnehmer, bei Heilemann +zu nächtigen. Neun Personen schliefen in zwei +kleinen Zimmern. Engelhart lag auf einem Teppich +und konnte kein Auge zutun. Als er alle andern +schnarchen hörte, erhob er sich und floh aus dem +Wein- und Atemdunst hinaus auf einen kleinen Balkon, +an dessen Gitter blühende Glyzinien hingen. +Nach kurzer Weile sah er Schildknecht hinter sich +stehen, der, wie er selbst, im Hemde war. Engelhart +freute sich und dachte, nun könnten sie wieder einmal +ein bißchen reden, aber Schildknecht machte ihm Vorwürfe +über sein schweigsames und unfrohes Wesen, +das in einer Gesellschaft von so harmloser Art übel +vermerkt werden müsse. Engelhart nickte zu allem +und gab dem Freunde recht. Doch hatte er in keiner +Stunde des Lebens seine Armut tiefer bedauert als +jetzt. Ähnliche Nächte wiederholten sich nicht, aber +es wurden Ausflüge zu Schiff unternommen, bei +denen Heilemann die Zeche zahlte. Bei einer solchen +Gelegenheit wandte sich Heilemann an Schildknecht +und machte ihn unwillig auf Engelharts schäbige Kopfbedeckung +aufmerksam. »Ihr Freund soll sich einen +Hut kaufen,« sagte er und warf ein Zehnfrankenstück +über den Tisch. Das war nun allerdings zuviel für +Schildknecht; er erblaßte und entfernte sich schweigend +mit Engelhart. Gleichwohl merkte dieser, daß Schildknecht +ihm wegen dieses Vorfalls insgeheim grollte.</p> + +<p>Mitte Juli mußte Heilemann eine Geschäftsreise +antreten, und kaum war er fort, so stob auch seine +Schmarotzergarde auseinander. Nun sah sich Schildknecht +gezwungen, Engelhart von seiner trostlosen Vermögenslage +zu unterrichten. Sobald er offen und +wahr sein durfte, kam seine gütigere Natur wieder +zum Vorschein. Er sagte, es sei wesentlich, daß sie +jetzt aneinander festhielten und nicht der ordinären +Notdurft wegen das Freundschaftsgärtlein verdorren +ließen. Er bemühte sich bei seinen Bekannten, um +für Engelhart eine Stelle zu erhalten, und lief tagelang +mit ihm von Geschäft zu Geschäft, aber die erhaltenen +Empfehlungen waren mager, wohlwollendes +Entgegenkommen trafen sie selten bei diesem herben +und selbstzufriedenen Menschenschlag, die Vergeblichkeit +der Mühe spiegelte sich in ihren Gesichtern wider, +und der trotzige Unmut machte auch Bereitwilligere +stutzig. »Sie müssen sprechen,« sagte Schildknecht zu +Engelhart, »Sie müssen sich ins Licht setzen, die Leute +merken ja, daß Sie keine zehn Rappen im Sack +tragen, dem Bettler wirft man höchstens ein Stück +Brot hin, nur wer fordert, wird gehört.«</p> + +<p>In den ersten Tagen hatte das vorhandene Geld +noch zu einem Mittagessen in einer Gastwirtschaft +ausgereicht, dann kam die Stunde, wo man sich aufs +Hungern einrichten mußte. Schildknecht hatte keinen +Menschen in der Stadt, den er, ohne seine Empfindlichkeit +aufs tiefste zu verwunden, um ein Darlehen +ansprechen konnte. Und ehe er sich nach Hause wandte, +wollte er das Schlimmste über sich ergehen lassen. +Die Augen zu und hinein ins Wasser, war seine tägliche +Redensart. Engelhart hatte sich noch einmal +mit einer schüchternen Bitte an den Vater gewandt, +natürlich umsonst; Herrn Ratgebers Antwort war ein +einziges Händeringen, worüber sich Schildknecht weidlich +lustig machte. Sie richteten nun ihr Leben so +ein, daß sie bis über den Mittag hinaus im Bette +lagen, sich dann mit der Umständlichkeit von Modedamen +ankleideten und ins Kaffeehaus marschierten, +wo sie den Nachmittag über sitzenblieben. Nur hier +hatten sie, hauptsächlich durch das Ansehen, welches +Heilemann genoß, ein wenig Kredit; sie tranken Tee +und verzehrten zur Stillung des Appetits eine große +Anzahl von Semmeln, lasen Zeitungen und Wochenschriften +aus aller Welt, beobachteten und kritisierten +die vor den Fenstern vorüberwandelnden Menschen, +wobei diejenigen, die sattgegessen aussahen, am übelsten +wegkamen. Niemals und nicht mit einem Blick ließ +Schildknecht in all der Zeit Engelhart merken, daß +er ihm zur Last falle, ihn fessele und das eigne Fortkommen +erschwere. Eher noch schien er selbst den +Freund zu halten und tat so, als wäre die ganze +Pein nur ein Examen, das ihnen das Schicksal bereitet. +<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">[347]</a></span>Aber schließlich, <em class="gesperrt">er</em> war in seinem Hause, er +war es, der gab, und Geben macht müde und tyrannisch. +Am Abend wurden tiefsinnige Gespräche ausgesponnen, +und Schildknecht verstand es, zwischen zwei +gesprochene Worte eine ungesagte Bitternis zu legen +wie jemand, der eine Nadel auf ein Butterbrot streicht. +Gegen Mitternacht gediehen die Fäden dünner, weil +der Magen, wie ein Hund gegen Diebe, sein Knurren +gegen das Wortgeklapper erhob, dann nahm der eine +in seinem Bett, der andre auf der Matratze zu den +Träumen Zuflucht.</p> + +<p>Schildknecht träumte schwer, oft erwachte Engelhart +von seinem Stöhnen und sah ihn beim Morgengrauen +totenbleich liegen, mit feuchten Angstperlen auf +der Stirn. Er liebte nicht das schlafende Gesicht +Schildknechts, ja er fürchtete es. Einmal nun hatte +Schildknecht einen angenehmen Traum und erzählte +ihn: er sei am Meer gestanden und drei Schiffe, voll +mit Gold beladen, seien auf ihn zugeschwommen, seien +wie Vögel geradeswegs in seine Arme geflogen, und +dann sei in zahllosen kleinen Fässern das Gold um +ihn aufgestapelt worden, aber immer, wenn er zugreifen +wollte, habe sich eine Hand auf seine Schulter +gelegt, und eine Stimme sprach: »Warten, es kommt +noch mehr.«</p> + +<p>Das war der ganze Traum, und Engelhart bedauerte, +daß er zu Ende war, denn er hätte gern gewußt, +was Schildknecht mit seinen Reichtümern angefangen. +Allmählich wurde dieser Gedanke zu einer +sorgenvollen und krankhaften Vorstellung, es war etwas +dabei, was ihn bezüglich seiner eignen Person beunruhigte, +und da er es über Tag und Nacht nicht los +werden konnte und mit sich zu Rate ging, wie er dem +Freund von seinem zweifelvollen Zustand Kunde geben +sollte, entsann er sich einer alten Geschichte, und mitten +in einem Gespräch bat er Schildknecht ziemlich unvermittelt, +ihm zuzuhören.</p> + +<p>»Zwei edle Ritter in der Bretagne,« so begann er, +»liebten einander sehr. Beide waren arm, nur besaß +der eine von ihnen einen schönen Zelter. Und der +andre fing eines Tags an nachzudenken und sprach +bei sich: ›Mein Freund hat einen schönen Zelter; wenn +ich ihn darum bäte, würde er ihn mir wohl geben?‹ +Eine Zeitlang schwankte er zwischen ja und nein, +endlich aber kam er zu dem Schluß, der Freund +würde ihm den Zelter nicht geben. Der Ritter wurde +traurig und erschien mit anderm Gesicht vor seinem +Freund, doch dieser merkte nichts. Darüber wurde +der Gram des Ritters immer größer, er hörte auf, +mit dem Freund zu sprechen und wandte das Auge +ab, wenn jener vorüberging. Der andre, der den +Zelter besaß, konnte dies nicht länger ertragen und +stellte ihn zur Rede, fragte, weshalb er ihn meide, +weshalb er erzürnt sei. Da antwortete er: ›Weil ich +dich um deinen Zelter gebeten habe und du ihn mir +abgeschlagen hast, und weil ich nun sehe, daß wir zu +Unrecht Freunde heißen.‹«</p> + +<p>Schildknecht war ziemlich erstaunt über die Geschichte, +und als er darüber nachzudenken begann, geriet +er in eine gereizte Stimmung. Eben das hatte +Engelhart gefürchtet und hatte deswegen auch die Erzählung +nicht zu Ende gebracht. Natürlich hatte der +Ritter, der den Zelter besaß, voll Rührung den andern +umarmt und gesprochen: »Alles, was mir gehört, gehört +auch dir.« Es war ihm zu banal erschienen, dies +hinzuzufügen, vielleicht kam es der Wahrheit näher, +wenn die beiden Ritter von nun an Feinde wurden.</p> + +<p>Als Heilemann zurückkehrte, waren die zwei Hungersgenossen +so ausgemergelt, daß selbst der kühle Genüßling +erschrak und sich ernstlich bemühte, für Schildknecht +einen anständigen Posten aufzutreiben. Doch +sagte er ihm: »Das mit deinem Freund Ratgeber ist +nichts, der taugt nicht, den mußt du loswerden,« und +nach einer kurzen Beratung wurde beschlossen, daß +Engelhart zu seinem Vater reisen müsse, der habe die +nächste Pflicht, für ihn zu sorgen. »Hier sind zwanzig +Franken,« sagte Heilemann, »damit kann er bis +München durchkommen, und er soll sich nur schleunigst +trollen, ist überhaupt ein unleidlicher Kumpan.«</p> + +<p>Engelhart ahnte nichts von diesen Beschlüssen, als +er am Nachmittag desselben Tages an einer Partie +teilnahm, welche von Heilemann, Schildknecht und +einigen andern, Damen und Herren, veranstaltet wurde. +Sie fuhren mit dem Dampfer bis Meilen, wanderten +noch eine Stunde am Ufer entlang und kamen gegen +Abend in ein Gartenwirtshaus, wo eine Musikkapelle +spielte. Inzwischen hatte sich der Himmel schwarz +umzogen, die meisten Leute flüchteten auf das eben +abgehende Schiff, und so blieb die kleine Gesellschaft, +in der Engelhart sich befand, mit den Musikanten fast +allein zurück. Heilemann ließ im Saal oben den Tisch +decken und mietete die Musikanten, da nach dem Essen +ein Tanzvergnügen geplant war. Während der Mahlzeit +war Schildknecht sehr aufgeräumt, erzählte ein +halb Dutzend seiner lustigen Geschichten und hielt dabei +geflissentlich seine Augen von Engelhart fern, dem +er gegenüber saß. Engelhart glaubte, es sei darum, +weil er all diese Geschichten schon kannte und Schildknecht +sich deshalb vor ihm geniere. Es lachten alle, +nur er lachte nicht, und dies kränkte Schildknecht; am +Schluß stand er hastig auf, warf die Serviette auf +den Stuhl und verließ den Saal. Engelhart war ein +wenig erkältet durch dies auffällige Benehmen, indessen +folgte er alsbald dem Freund und traf ihn nach +einigem Suchen unten an der Uferböschung, wo er +auf einem Felsstück hockte und in die blitzezuckende +<span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">[348]</a></span>Ferne starrte. Engelhart setzte sich zwei Schritte von +ihm weg, noch dichter an das Wasser.</p> + +<p>Das Schweigen, das zwischen ihnen herrschte, +schien die Dunkelheit des Abends rascher zu beschwören, +und nach einer Weile gewahrte Engelhart den Freund +nur noch als formlosen Schattenriß, kaum von dem +Laubwerk eines tiefhängenden Weidenbaums abgehoben, +in welchem ein Vogel klagenden Gesang anstimmte. +Mit jeder Minute mehr spürte Engelhart das Schweigen +als etwas Feindseliges, und es war, als ob sein Ohr +Zuflucht nähme zum Glucksen des Wassers und zum +leisen Geroll des Donners. Endlich fing Schildknecht +an zu sagen, was er sagen mußte, seine Stimme klang +tief, ruhig und verschleiert. Hätte er sich darauf beschränkt, +zu sagen: So und so liegen die Dinge, es +geht nicht mehr weiter, wir halbieren uns bloß die +Möglichkeiten und Hoffnungen des Lebens, statt sie +zu verstärken, und es ist ein Ausweg gefunden worden, +der in der Natur der Dinge liegt, so wäre alles +gut gewesen; aber das tat er nicht, er ging der Sache +vom sittlichen Standpunkt aus zu Leibe und suchte +es so hinzustellen, als hätten die Fehler und schlechten +Eigenschaften Engelharts von Anfang an alles zum +Schlimmen gewandt. Er redete sich eine Fülle aufgespeicherter +Bitterkeit von der Brust und meinte, er +sei immer der Gaul, der den fremden Wagen aus +dem Dreck zerren müsse, von ihm verlange man Haltung, +Verantwortung, Verständnis, von ihm den Zelter, +aber andre wollten nicht geben, andre säßen düster +und stumm da, wenn er für eine ganze Affenkompagnie +den Extrahanswursten mache.</p> + +<p>Als er seine Rede beendigt hatte, fiel die dumpfe +Streichmusik vom Saale oben ein, und Engelhart beobachtete +weit draußen in der Schwärze, die über dem +See brütete, ein langsam gleitendes Laternenlicht; +aber allmählich verschwamm es in seinen Augen, und +mit dem Gedanken: Alles verschwendet, das ganze +Herz verschwendet, schoß ihm das Wasser unter den +Lidern hervor, und er weinte lange still vor sich hin.</p> + +<p>Zwölf Stunden später saß er schon auf der Eisenbahn +und fuhr mit dem geringsten Gepäck, das je ein +Reisender besessen, gegen Norden. Sein jämmerliches +Ausgehungertsein war schuld, daß er auf jeder Station +etwas zu essen kaufte und während der Überfahrt +auf dem Bodensee-Dampfer unbedenklich an der teuern +Mahlzeit teilnahm. So kam es dann, daß er, auf +dem Bahnhof in Lindau stehend, von seinen paar +Franken nichts mehr übrig hatte. Es war fünf Uhr +nachmittags, in einer Viertelstunde ging der Schnellzug, +dieser hatte keine dritte Klasse, und Engelhart +sah sich außerstande, den Zuschlagspreis zu entrichten. +Der nächste Zug ging erst in der Nacht und fuhr +elf Stunden statt sechs. Und wo Unterkunft suchen +bis dahin, wovon leben; außerdem drängte es ihn +vorwärts, als ob am neuen Ziel das Heil bereit sei. +Wie er nun in den letzten zehn Minuten, während +der Zug schon dastand und die Lokomotive gleichsam +einladend schnaubte, ratlos und verzweifelt auf dem +Bahnsteig hin und her rannte, trat ein graubärtiger +Schaffner auf ihn zu und fragte, was ihm denn sei, +ob er jemand erwarte oder ob er sich krank fühle. +Engelhart wollte kurz ausweichend antworten, aber +das ehrlich-gute Gesicht des Mannes flößte ihm Vertrauen +ein, und er gestand zögernd seine Verlegenheit. +Da sagte der Alte, er wolle ihm gern helfen, er möge +sich nur einen Platz suchen, die Überzahlung betrage +etwas über sechs Mark, die wolle er für ihn auslegen. +»Ich werd’ es Ihnen morgen zurückbringen, +bei meiner Seligkeit!« rief Engelhart mit heiligem +Eifer. »Nun, nun, ich glaub’ Ihnen schon,« beschwichtigte +ihn der Alte und klopfte ihm auf die +Schulter. Als er während der Fahrt das Billett +brachte, schrieb er ihm seine Adresse auf einen Zettel +und wies alle Danksagungen schmunzelnd ab.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">[359]</a></span>Es wurde Mitternacht, ehe Engelhart, weit in der +nördlichen Vorstadt irrend, die Straße und das +Haus fand, wo sein Vater wohnte. Dann mußte +er lange läuten, bis Frau Ratgeber herunterkam. Sie +war sehr überrascht und schien des Ankömmlings nicht +eben froh zu sein; bedrückten Herzens schlich er hinter ihr +die vier Stockwerke empor, und seine scherzhafte Anspielung +über die Nähe des Himmels hier oben beantwortete +sie mit einem Seufzer über das harte +Leben. Sie brachte willig herbei, was sie noch zu +essen im Haus hatte, setzte sich ihm sodann gegenüber, +blickte mit ihren scheuen Augen ängstlich-musternd +in sein Gesicht und meinte vorwurfsvoll, er sehe gut +aus. Ihr Antlitz war förmlich zusammengeschrumpft +von den Sorgen, und die dünnen schwarzen Haarsträhnen +gaben den Zügen einen zigeunerhaften Ausdruck. +Der Vater sei verreist, berichtete sie, und werde +erst über den andern Tag zurückkommen; und nun +suchte sie ihn auszuforschen voll Angst, daß sie da +einen müßigen Kostgänger zu füttern haben werde, +aber es verdroß Engelhart, daß sie keine gerade Frage +stellte, sondern nur so um den Brei herumging; daher +schwadronierte er eine Weile von seinen Aussichten, +und es wurde ihm selber gläubig zumute, bis ihm einfiel, +daß er doch am Morgen seinem guten Schaffner +das geliehene Geld zurückbringen müsse. Er schluckte +und würgte an den Worten, endlich kam es heraus, +halb Bitte, halb Forderung. Frau Ratgeber erklärte +mit Entschiedenheit, daß sie keinen überflüssigen Pfennig +besitze und nichts geben könne. »Es muß sein,« sagte +Engelhart erbleichend. »Wenn es sein muß, so verschaff’ +dir’s eben,« entgegnete sie höhnisch, »von mir +bekommst du’s nicht, von deinem Vater auch nicht. +Wir haben genug Trübsal mit dir gehabt, und jetzt +kommst du wieder als Bettler.« Alle seine Sünden +und seine ganze Schmach hielt sie ihm vor und blieb +bei ihrer Weigerung, auch als er sich aufs Flehen +verlegte. »Und jetzt ist es spät,« schnitt sie endlich +ab, »ich habe gearbeitet, ich will schlafen.«</p> + +<p>Für Engelhart war an Schlaf nicht zu denken. +Endlose Stunden hindurch schritt er im Zimmer auf +und ab. Pläne zu schmieden war er nicht der Mann, +ihn peitschte es bloß von Impuls zu Impuls. Als +er am Morgen die Stiefmutter zur Küche gehen hörte, +eilte er hinaus und vertrat ihr den Weg. »Ich verpfände +mich dir mit meinem ganzen Leben, mit meiner +ganzen Zukunft,« flüsterte er, »nur gib mir diese +paar Mark, sonst bin ich ehrlos.« Frau Ratgeber +zuckte die Achseln und machte ein böses Gesicht, aber +es war etwas in seinem Blick, wovon sie niedergezwungen +wurde. Ungefähr eine Minute lang besann +sie sich, dann kehrte sie ins Wohnzimmer zurück. +Engelhart ließ sie nicht aus den Augen, als fürchte +er den gewonnenen Vorteil sonst wieder einzubüßen, +er begleitete sie und sah zu, wie sie die Kommode +aufschloß. Stumm reichte sie ihm ein schweres silbernes +Armband, in der Mitte war ein alter Reichstaler +eingelötet, der ein Städtebild mit vielen Türmen +zeigte. »Geh damit ins Leihamt,« sagte Frau Ratgeber, +»du bist mir schon genug schuldig, jetzt auch +noch das.« Engelhart erkannte das Schmuckstück, es +hatte einst seiner Mutter gehört, und er betrachtete +es mit düsterer Miene, hinter der er seine Wehmut +versteckte. Doch ging er hin, löste Geld dafür und +bezahlte seine Schuld.</p> + +<p>Nachträglich bereute Frau Ratgeber ihre Schwäche, +und Engelhart mußte ihren erbitterten Hader dulden. +Es war ihm keine ruhige Stunde gegönnt. Sein +ernster Entschluß, sich um einen Verdienst umzutun, +geriet einigermaßen ins Wanken, weil ihn davor ekelte, +fremden Menschen unter die Augen zu treten und ihre +Gleichgültigkeit ertragen zu sollen. Indessen kam sein +Vater zurück, müde von der Arbeit und erschöpft von +der Hundstagshitze. Der Mann war sichtlich gealtert, +an Körper und Gesicht trat eine fette Aufgeschwommenheit +hervor, doch sein Anzug war höchst adrett und +den ergrauenden Schnurrbart hatte er schwarz gefärbt +und nach der neuesten Mode gebürstet. Die Begrüßung +zwischen Vater und Sohn war beeinflußt +durch das finstere Schweigen der dabeistehenden Frau, +und dieses Schweigen enthielt für Herrn Ratgeber +die Aufforderung zu Vorwürfen und Abrechnungen. +Während Engelhart auf dem Sopha saß, ging Herr +Ratgeber mit seinen kurzen Schritten im Zimmer +herum und redete sich in Zorn und Schmerz. Doch +beständig war auch ein Ausdruck der Verlegenheit in +seinem Gesicht, und wenn Engelhart antwortete, zuckte +das seltsame Schmunzeln um seine Lippen, durch das +er seiner Aufregung Herr zu werden suchte.</p> + +<p>Engelhart fragte, wie es Abel ergehe; Herr Ratgeber +<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">[360]</a></span>antwortete stolz, der bringe sich durch, der sei +tüchtig und werde offenbar ein großer Mann. Doch +wenige Tage darauf kam über Abel furchtbare Nachricht +aus Amerika. Er hatte wieder einmal Dummheiten +gemacht und war entlassen worden; dann war +er irgendwohin ins Innere des Landes gefahren, hatte +Schweinfurter Grün genommen und sich zum Überfluß +ins Wasser gestürzt. Ein Farmer hatte ihn aufgefischt, +und jetzt lag er in einem Hospital in Ohio +und mußte außerdem, wie dort üblich, wegen des +versuchten Selbstmords Strafe gewärtigen. Herr Ratgeber +war gerade beschäftigt, sich zu rasieren, als der +Unglücksbrief kam. Die Frau las ihn weinend vor, +Herr Ratgeber legte zitternd das Messer beiseite und +stieß, immer jenes entsetzliche Schmunzeln um den +Mund, dumpf klagende Töne aus. Mit der halbbarbierten +Wange setzte er sich an den Tisch und +schrieb sogleich einen langen Brief. Fast feindselig +beobachtete Engelhart die flink über das Papier sich +bewegende Hand. ›Wenn er nur seine hochtrabenden +Worte setzen kann,‹ dachte er; ›wahrscheinlich jammert +er wieder über das Schicksal und die Undankbarkeit +der Kinder, und nie scheint er zu ahnen, daß er bloß +erntet, was er selber gesät.‹</p> + +<p>Es half nichts, Herr Ratgeber mußte Geld nach +Amerika schicken, aber von diesem Tag an war seine +beste Hoffnung dahin und er wurde ein wenig stiller +und schweigsamer als bisher. Zu vielem Nachdenken +ließ ihm sein Beruf keine Zeit. Er war beständig +auf den Beinen, gönnte sich kaum die Ausgabe für +die Pferdebahn und kam oft so abgeschlagen heim, +daß er sich gleich nach der Mahlzeit zum Schlafen +hinlegte. Die Gesellschaft, für die er arbeitete, wußte +ihm wenig Dank und glaubte wie die schlechten Erzieher, +durch Aufmunterung ihren Vorteil zu versäumen. +Es war nur ein beständiges Hetzen und +Stacheln, um jede gerechte Entschädigung mußte er +feilschen, und in seinem Ärger über solche Unbill +konnte sein Auge einen irren und hilflosen Ausdruck +annehmen. Seine Sprache gegenüber Engelhart war +bitter und gereizt; er schämte sich vor seinen Bekannten, +daß er einen erwachsenen Sohn zu Hause +sitzen hatte, der nichts war, kein Amt bekleidete und +es darauf anzulegen schien, den Seinen zur Last zu +fallen. Vergeblich suchte er ein Unterkommen für ihn, +und so oft er Engelhart antrieb, daß er selber etwas +tun solle, setzte ihm dieser eine unbegreifliche Verstocktheit +entgegen. »Ich kann dich nicht ernähren,« +sagte Herr Ratgeber dann, und dunkler Zorn machte +sein Auge wild; Engelhart aber hörte nur: ich will +dir nicht helfen. Ein Wort gab das andre, und +schließlich forderte der Vater mit leidenschaftlicher +Heftigkeit jene fünfzig Mark zurück, die er damals +nach Freiburg geschickt. Er forderte sie in einem +Ton zurück, als wolle er sagen: gib mir die Träume +wieder, die Erwartungen, die ich einst von dir gehegt. +Engelhart war erstaunt und entgegnete verzweifelt, +ob man ihm denn das Fleisch aus dem Leibe zu +schneiden gedenke. Er redete mit wunderlicher Glut +von der Zukunft, so wie Leute sprechen, die mit den +eignen Worten ihre Zweifel ersticken wollen, aber +Herr Ratgeber antwortete mit einem höhnischen Lachen. +»Du bist nur da, um Herzen zu zertreten,« sagte er +zitternd. »Ein Prahler warst du von je; was soll +dies Nichtstun bedeuten? Glaubst du denn, wenn +du in der Nacht vor deinem Schreibpapier sitzest und +sinnloses Zeug malst, glaubst du denn, daß du damit +je einen Bissen Brot erwirbst? Es ist ein Betrug +an dir und an uns.« Und Engelhart erwiderte unbesonnen: +»Ja, Vater, warum hast du mich denn +auf die Welt gesetzt?« Da schwieg Herr Ratgeber +und war, ohne daß er es zeigte, im Tiefsten beleidigt +und verwundet; ›ein Kind, das seinen Vater schlägt,‹ +dachte er. Doch immer fing der böse Streit über +jene fünfzig Mark von neuem an, so daß Engelhart +keine größere Sehnsucht kannte, als dies Geld zu besitzen, +es ihnen vor die Füße zu werfen und ihnen +Liebe und Achtung zu kündigen für immer. Eine +stille und unaufhörlich wachsende Erregung ergriff wie +eine geheimnisvolle Krankheit Geist und Leib. Nun +kam es aber bisweilen vor, daß Herr Ratgeber von +dem Verlangen gepeinigt wurde, den Grund dieses +zerstückten und schwelenden Wesens zu erforschen; +nicht selten stand er des Nachts an der Kammertür +und lauschte, was Engelhart wohl drinnen treiben +mochte; offen zu fragen getraute er sich nicht, glaubte +auch seinen Stolz und seine Autorität dadurch zu +gefährden; bei Tisch geschah es, daß er einen schüchtern +fragenden Blick auf den Sohn warf, wenn er +annahm, daß seine Frau es nicht bemerken konnte. +Oder er begann von den Männern des Geistes zu +reden, denen er noch immer einen ungeschmälerten, +beinahe abergläubischen Respekt entgegenbrachte; von +denen, die im öffentlichen Leben standen, von denen, +die es so weit gebracht hatten, daß eine Zeitung ihre +Feder in Dienst nahm. Er erzählte, wie schon so +oft, daß er im Jahre siebzig an der Wirtstafel eines +thüringischen Städtchens neben dem großen Karl +Gutzkow gesessen sei, und fügte hinzu: »Ja, das waren +eben lauter hochstudierte Männer.« Engelhart schwieg. +Sein Sinn war verhärtet und voll Hohn. Wähnte +er doch weit über den Götzen zu stehen, die seines +Vaters Ehrfurcht genossen. Und er haßte die Schrift, +die schamlose Entblößung der Seele durch die Schrift, +fürchtete jenes Siegel zu brechen, mit dem der Schöpfer +das Mysterium des Schaffens versiegelt hat. Es war +<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">[361]</a></span>ihm noch alles Leben, bloßes, einfaches Leben, angefüllt +mit unentweihten Gesichten, grenzenlosen Möglichkeiten. +Scham hätte seine Lippen verbrannt, wenn +sie davon gesprochen hätten. So mag es Adam in +der ersten Paradiesesnacht zumute gewesen sein; der +Baum, der Fels, die Wolke, die Dunkelheit selbst, +nichts war ihm Wirklichkeit, alles Symbole seiner +Angst, seines Zagens und seiner Hoffnung, und mehr +als Weib und Schlange brachte ihn der Tag zu Fall.</p> + +<p>Indessen verging die Zeit, und Engelhart mußte +allgemach auf irgendeine Verbesserung seiner Lage +sinnen. Es schmeckte ihm der Bissen nicht mehr, mit +dem sie seinen Hunger stillten. Zwischen ihm und +der Stiefmutter wuchs die Erbitterung bis ins Maßlose. +Kaum daß er ihr des Morgens unter die Augen +getreten war, begann sie sein Ohr mit Anklagen und +Vorwürfen zu füllen, und sie verstand es, mit vergifteten +Pfeilen die empfindlichsten Stellen zu treffen. +»Von je warst du ein Taugenichts,« hieß es, »schon +in der Schule hast du nicht lernen wollen; geh nur +mit deinen Luftschlössern, es sind lauter Lügen, du +bist ja ein geborener Lügner; natürlich, davon willst +du nichts wissen, aber seit ich dich kenne, lügst und +betrügst du; damals mit den Äpfeln, was war das +doch für eine Niedertracht, und später hast du mich +beim Vater verleumdet, du wirst’s noch weit bringen, +du wirst deinen Vater ins Grab bringen;« in solchem +Ton steigerte sich die Rede, und Engelharts Blut lief +schwer und brennend durch die Adern. Die endlosen +Beleidigungen verursachten ihm körperliche Übelkeit +und Ermattung, er verlor den Schlaf und sann in +seinem schlechten Bett mit beklommenem Herzen vor +sich hin. An einem heißen Mittag im August kam +er, nach mancherlei fruchtlosen Gängen aufs tiefste +entmutigt, aus der Stadt zurück und setzte sich in +Erwartung des Mittagbrotes an den schmalen Tisch +in der Küche. Der Vater war in Geschäften nach +Landshut gefahren und sollte drei Tage fortbleiben. +Nachdem er eine Weile gesessen und in den düstern +und schwülen Lichthof gestarrt hatte, sagte Frau Ratgeber, +heute habe sie nichts gekocht, und damit warf +sie ihm ein Stück Brot hin. »Wie? ist dir’s vielleicht +nicht recht?« fuhr sie auf, als er die Lippen +verzog. Sein Schweigen reizte sie, wie jede Antwort +sie gereizt hätte. »So ein Lump,« grollte sie vor +sich hin, »will nicht arbeiten, stiehlt dem Herrgott die +Tage und seinem Vater den letzten Groschen.« Engelhart +stand auf und wiederholte mit zitternden Lippen: +»Lump?« Die Frau stellte sich ihm gegenüber, und +ihre glanzlosen Brombeeraugen drehten sich konvulsivisch: +»Ja!« fauchte sie, »Lump! Lump! Lump! +Glaubst du, wir wissen nicht, was du für schlechte +Streiche in Freiburg gemacht hast? Steh nur da +wie ein Herr, glaubst du, man weiß nicht, daß du +ins Zuchthaus gehörst?« Engelhart schrie auf; der +ganze Raum verschwand und nichts blieb übrig als +ein großes blankes Küchenmesser, das am Herdrande +lag. Dorthin griff er, schwang die Klinge in die +Luft, schrie abermals, die Frau stürzte mit vors Gesicht +geschlagenen Händen zurück, er folgte ihr, aber +dann kam die Hemmung, jenes unbegreifliche Etwas, +das den Menschen solcher Art zu keiner sich selbst +vollendenden Handlung gelangen läßt, das in die +dunkelste Nacht ihrer Leidenschaft wie ein Funke fällt +oder wie eine unüberhörbare Stimme tönt. Er verlor +das Bewußtsein und fiel nieder. Als er erwachte, +wusch ihm Frau Ratgeber das Gesicht mit Essig. +Sie weinte, war aufgelöst in Tränen. Nach einigen +Minuten hatte er sich so weit erholt, daß er aufstehen +und sich zum Fortgehen anschicken konnte. Die Frau +erbot sich, Kaffee zu bereiten, er schüttelte den Kopf +und verließ die Wohnung.</p> + +<p>In einer nahegelegenen Straße wanderte er von +einem Eck zum andern bis gegen Abend beständig hin +und zurück. Dann war er einigermaßen gesammelt, +las die Vermietezettel vor den Haustoren, stieg in +einem weitläufigen Gebäude bis unter das Dach, +mietete die ausgeschriebene Mansarde und schickte sich +gleich an, die Nacht hier zu verbringen. Am andern +Morgen überlegte er lange hin und her, wie er zu +seinen Habseligkeiten kommen könne; endlich entschloß +er sich doch, selbst in die väterliche Wohnung zu gehen. +Glücklicherweise war Frau Ratgeber auf dem Markt, +und eine Zuspringerin, welche die Böden fegte, behütete +das Haus. Er packte eilig seine Sachen in +den Koffer und stellte Betrachtungen darüber an, was +er von all dem verkaufen könne, um sich ein wenig +Geld zu verschaffen. Es war nichts, er besaß lauter +ärmliches Zeug, das ihm noch dazu unentbehrlich war. +Da fiel sein Blick auf das Bücherregal des Vaters; +die Bände standen noch immer in derselben Reihenfolge +wie vor vielen Jahren, als ob keine Hand inzwischen +sie berührt hätte. Er suchte drei oder vier Bände +heraus, von deren Erlös er sich etwas versprechen +konnte, schrieb einen Zettel an den Vater, worin er +die Tat bekannte, fügte seine Adresse bei und legte +den Zettel an eine Stelle, wo ihn der Vater, und +nur er allein, finden mußte, nämlich in die Schublade, +wo sich das Rasiergeräte befand. Die Bücher verkaufte +er am selben Tag und erhielt zwei Mark dafür.</p> + +<p>Das war an einem Donnerstag. Am Samstag +in der Frühe erhielt er einen Brief vom Vater. +»Lieber Engelhart,« begann das Schreiben, »zwischen +uns ist von heute an jedes Band zerschnitten. Über +den Vorfall mit der Mutter will ich kein Wort verlieren, +darüber zu sprechen, verbietet sich von selbst. +<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">[362]</a></span>Gott verzeihe mir, daß ich Dich nicht zu einem +besseren Sohn und brauchbaren Menschen herangebildet +habe. Außerdem hast Du, um es ganz frei +herauszusagen, ordinär gegen mich gehandelt, indem +Du hinter meinem Rücken die Bücher verkauft hast, +für die Du doch nur ein paar elende Pfennige erhalten +konntest. Es fehlt mir mein französisches Wörterbuch, +dann das Werk ›Kraft und Stoff‹ und Freytags +›Verlorne Handschrift‹. Ich hatte diese Bücher lieb, +sie waren mir wie Freunde, sie haben mich über den +größten Teil meines Lebensweges treulich begleitet, +und ich misse sie mit schwerem Herzen. Handelt man +so gegen den Vater, der es doch stets gut mit Dir +gemeint hat? Das hätte ich nie und nimmer von +Dir gedacht, und zur Erklärung kann ich nur annehmen, +daß Dein sittliches Gefühl getrübt ist. Doch +genug, ich habe mich über die Geschichte so alteriert, +daß ich es nicht in Worte bringen kann, und deshalb +lege ich auch die Angelegenheit <em class="antiqua">ad acta</em>.«</p> + +<p>So weit der Brief. Aber es war auch eine kleine +Nachschrift dabei, ein unerwartetes und rührendes +Anhängsel: »Hierbei schicke ich Dir, obwohl ich es +hart entbehre, fünf Mark in Briefmarken, damit Du +nicht hungern mußt.« Und wie ein bunt kariertes +Fähnchen hingen die angeklebten Marken vom Rand +des Briefblattes herab. ›Er will sich einschmeicheln,‹ +dachte Engelhart, und sein Sinn blieb starr.</p> + +<p>Von seiner Mansarde aus konnte er über die +meisten Häuser der Umgebung hinwegblicken, und bei +Nacht hatte er ein großes Stück Sternenhimmel vor +sich, während aus den Höfen die beleuchteten Fenster +heraufglühten und mit dem Vorrücken der Stunden +nach und nach erloschen. In den ersten Tagen war +der Morgen eine goldene Zeit, denn die Sonne schien +geradeswegs ins Fenster, keine unwirsche Hand drohte +an die Tür zu klopfen und zur Tätigkeit zu mahnen, +und die Gewißheit, daß die bösen Träume der Nacht +etwas Bestandloses und Unwirkliches waren, genoß +sich wie eine herrliche Speise. Der jähe Frieden inmitten +einer bewegten Stadt hatte etwas seltsam Betäubendes. +Zunächst galt es, das winzige Kapital +möglichst praktisch auszunutzen, es gleichsam dünn und +breit zu schlagen. Von der Vermieterin verschaffte +er sich einen Kochtopf und einen Spiritusapparat, +dann kaufte er einen kleinen Sack Äpfel, ferner einen +Vorrat von Käse, Kaffee und Zucker. Die Äpfel +schälte er und kochte sie zu Mus, und das gab eine +Mittagsmahlzeit, morgens und abends nahm er den +eigengebrauten Kaffee zu sich und hatte bald die +Kunst entdeckt, wie man ihn auf die einfachste Weise +schwarz und stark werden läßt. Aber die zwei Taler +waren bald dahin, und die Vorräte im Schrank +dauerten auch nicht gar lange. Was war zu tun, +um dem schmerzhaften Hunger zu entgehen? Engelhart +studierte die Stellenangebote in den Zeitungen, +und da er das teure Geld nicht für Briefmarken ausgeben +konnte, lief er selber überall hin und stand oft +in der Frühe mit hundert andern vor dem Ausgabeort +der Zeitungen. Dann fing das Marschieren an, +straßauf, straßunter, immer mit einem Keimchen von +Hoffnung in der Brust; schüchtern trat man vor +irgendeinen Herrn hin, der in einem muffigen Schreibzimmer +saß wie eine Spinne im Mauerwinkel, aber +jedesmal war schon ein andrer dagewesen, der es +wahrscheinlich noch billiger machte und auch einschmeichelndere +Manieren gezeigt hatte. Mit heiß und +kaltem Körper schlich dann der Bittsteller demütig +wieder heimwärts und kaufte für das letzte Restchen +Mammon ein paar Gramm Tabak. Es war ein +Glück, daß sich der Herbst mit schönem Wetter anließ, +da brauchte man wenigstens keinen Regenschirm, und +die defekt gewordenen Stiefel schluckten statt Wasser +bloß Staub. Einmal nun hatte Engelhart einen +wunderbaren Einfall. In einer Stadt, sagte er sich, +wo so viel hunderttausend Menschen leben und unter +ihnen so viel reiche Menschen, zugereiste Fremde, ja +sogar Fürstlichkeiten und der königliche Hof, in einer +solchen Stadt muß doch notwendigerweise auch einiges +Geld auf der Straße verloren werden; wenn also +einer es unternimmt, zu suchen, geschickt zu suchen, +und besitzt Instinkt zu dergleichen, so kann es am +Erfolg nicht mangeln; angenommen, ich entdeckte auf +solche Manier einen Brillantschmuck im Werte von +soundsoviel tausend Mark, so steht mir als Finderlohn +der zehnte Teil zu, und ich bin aus der Patsche. Die +Logik dieser Überlegungen entzückte ihn in so hohem +Maß, daß er sich ungesäumt ans Werk begab. Mit +gesenktem Kopf und aufmerksam auf das Pflaster gerichtetem +Blick strich er langsam durch die Hauptstraßen +und die vornehmen Quartiere. Vor den Gasthöfen, +wo die Fremden abstiegen, stand er wie ein +Wachtposten, blickte in kein Gesicht, sondern starr und +begehrlich zu Boden. Sah er von fern etwas schimmern, +so eilte er mit klopfender Brust darauf zu und +erblaßte, wenn es nur ein Fetzen Stanniolpapier oder +ein Messingknopf war. Stundenlang ging er in der +Bahnhofshalle umher, dachte sehnsüchtig an das viele +Geld, das dort an den Schaltern ausgewechselt wurde, +und wünschte sich nur ein Tröpfchen von dem Überfluß. +Er wurde zornig, wenn seine Gedanken abschweifen +wollten von der Erde, wenn sie in der Luft +suchten, was doch zweifellos unten im Schmutze lag, +aber es half alles nichts, er fand nie auch bloß eine +Kupfermünze, viel weniger den besagten Brillantschmuck.</p> + +<p>Es nahte die Zeit, wo die Miete fällig war, es +mußte etwas geschehen, auch der Magen ertrug es +<span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">[363]</a></span>nicht länger. Die Frau, bei der er wohnte, war eine +gutmütige Person, sie drängte nicht und schien Mitleid +zu haben, obwohl er nie mit ihr über seine Lage +sprach, sondern im Gegenteil unbekümmert drauflos +prahlte von steinreichen Verwandten, hochgestellten +Freunden und illustren Beziehungen jeder Art. Aber +er war doch froh, wenn die Alte am Abend eine +Schüssel mit Salat, ein paar Kartoffeln oder eine +halbe Wurst auf seinen Tisch gebracht hatte, und kam +zu dem wehmütigen Schluß: ohne Menschen geht’s +eben nicht. Eines Tages fragte er in einem Warenbazar +um eine Stellung an, und sie nahmen ihn, +ohne viel nach seinen Kenntnissen zu fragen. Kenntnisse +waren auch nicht erforderlich, er mußte des +Morgens die Fußböden ausspritzen und kehren und +den ganzen übrigen Tag, mit einer Schildmütze versehen, +durch die Stadt rennen und Lieferungszettel +austragen. Dafür bekam er fünfzig Pfennig jeden +Abend. Vielleicht hätte er dies noch erduldet, aber +mit dem groben und perfiden Wesen, das da herrschte, +konnte er sich nicht befreunden, und er beschloß, lieber +elend zugrunde zu gehen, als jeden Stolz zu vergessen +und der getretene Knecht von Knechten zu sein. Sieben +Tage hatte die Herrlichkeit gedauert, dann kroch er +wieder in sein einsames Loch. Darauf fand er Arbeit +bei einem sonderbaren Mann, dem Redakteur eines +patriotischen Winkelblättchens. Der Mann hieß Saffran +und hatte eine bläuliche Nase. Er verfaßte Lobesartikel +über den Regenten und die Häupter des Adels. +Engelhart mußte nach dem Diktat stenographieren und +zu Hause das Schriftstück ins reine bringen. Für +die Großquartseite war der Preis von zehn Pfennig +vereinbart worden, und Engelhart schrieb ganze Nächte +hindurch, um eine lumpige Mark herauszuschinden. +Nun war es aber des Teufels mit Herrn Saffran; +erstens stellte er sich taub, wenn man Geld haben +wollte, gebrauchte Ausflüchte, tat, als habe er schon +Vorschuß gegeben, oder rannte plötzlich davon mit den +Worten: »Ach Gott, ach Gott, Seine Königliche Hoheit +haben mich ja zur Audienz befohlen;« zweitens aber +zählte er die Silben, untersuchte, ob auf jeder Seite +gleich viel Worte standen, und wenn die Sache nicht +in Ordnung war, schlug er die Hände zusammen und +jammerte laut über die Niedertracht der Welt. Er +besaß den Orden für Wissenschaft und Kunst, und +als Engelhart einmal mit düsterer Entschlossenheit +seinen Lohn begehrte, nahm er das Ehrenzeichen und +steckte es vor die Brust wie einer, der einen Stern +vom Himmel gepflückt hat und sich damit böse Geister +vom Leibe halten will, dann gab er noch allerlei +sublime Redensarten von sich, bevor er endlich den +Geldbeutel öffnete.</p> + +<p>Auch diese Erwerbsquelle versiegte mit der dritten +Woche. Um das Unheil voll zu machen, wurde die +Mietsfrau sehr krank; sie wurde ins Spital geschafft, +und Engelhart mußte ein andres Asyl suchen. Er +fand ein Zimmer in der Heßgasse über eine Stiege, +größer und freundlicher, aber auch teurer als das +bisherige. Es war ihm selbst unerklärlich, weshalb +er dies tat; aber er hatte das Gefühl, als müßten +die Umstände sich bessern, weil er ein besseres Bett +gefunden. Die Not, die er litt, machte ihn entschieden +traurig und ratlos, aber es war, als könne sie nicht +ganz in die Tiefe seines Herzens dringen, wie auch +der Sturm nicht bis auf den Grund des Meeres +dringen kann. Doch rückte ihm das Ungemach bitter +zuleibe. Alles, was er nur im geringsten entbehren +konnte, trug er zum Trödler, sogar den alten Reisekoffer, +der ihn seit dem ersten Verlassen der Heimat +begleitet. Schließlich entäußerte er sich auch des Ringleins, +das er einst beim Abschied von Ernestine erhalten. +In den ersten Oktobertagen wurde es kalt. In seinem +Tagebuch gab Engelhart der Sehnsucht nach einem Ofenfeuer +Ausdruck, indem er züngelnde Flammen um ein +nacktes Männchen zeichnete. Alles Papier und die +alten Zeitungen, deren er habhaft werden konnte, warf +er ins Ofenloch und freute sich, wenn es prasselte, +an der bloßen Illusion von Wärme. Seine Einsamkeit +weckte seltsame Gelüste und Gewohnheiten in ihm. +Etwa eine Viertelstunde vom Haus entfernt lag ein +Kirchhof. Dorthin war bald sein täglicher Spaziergang +gerichtet, und täglich stand er um dieselbe Nachmittagszeit +vor dem Fenster des Leichenhauses, um die drinnen +aufgebahrten Toten zu betrachten. Die Särge lagen +offen nebeneinander, schräg gegen die Erde gestellt, so +daß es aussah, als ob sich die starren Körper, wenn +nur noch ein Fünkchen Wille in ihnen brannte, mühelos +erheben könnten, oder als ob sie auch von selbst diesen +Ort aufsuchten und verließen, um über Nacht wieder +andern den Platz zu räumen. Engelhart war jedesmal +neugierig, welche Gesichter er heute sehen würde, +und er studierte in den des Lebens beraubten Zügen +alle Offenbarungen des Leidens. Die niedrigen Begierden +hatte der Tod nicht auszulöschen vermocht, +manche faltenvolle Stirne war von Habsucht und +Bosheit zerpflügt, mancher Mund schien von Wut +zusammengepreßt, daß er verstummen gemußt, ehe das +Ziel eines gemeinen Ehrgeizes erreicht war. Engelhart +konnte sich oft kaum trennen von dem Anblick der +Leichengesichter, er erschien sich wie ein Wächter, hingestellt +auf die Brücke zwischen Lebenden und Toten, +mit heimlichem Triumph und befriedigter Rache Zeugnisse +der Vergänglichkeit sammelnd. War ein Antlitz +unter den Toten, das in besonderer Weise auf ein +Leben der Tücke, Trägheit und Lüge hinwies, so +forschte er nach dem Namen und der Stunde der +<span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">[364]</a></span>Beerdigung, folgte als letzter Gast dem Leichenzug +und lauschte mit wunderlich glänzenden Augen den +Lobpreisungen des Geistlichen und der Freunde. An +den Fenstern des Leichenhauses schärfte er seinen Blick +für die Eigenschaften des menschlichen Herzens, und +es ging so weit, daß er auf den Gesichtern der Lebenden, +die an ihm vorüberwandelten, die Züge seiner +Toten wiederzuerkennen suchte und mit grausamer Lust +alles erstickte, was von Liebeswünschen in seiner Seele +wohnte. Dies Treiben setzte er so lange fort, bis +er eines Tages ein junges Mädchen aufgebahrt sah, +dessen Anblick ihm Tränen in die Augen trieb. Es +war ein herrlich schönes Kind von gleichsam nur hingeträumter +Gestalt, und die Wangen waren wie aus +Abendröte geformt; die Haare schienen noch lebendig +und flossen unruhevoll unter dem Myrtenkränzchen +hervor. Engelhart blickte mit Liebe auf das fremde +Wesen, plötzlich erwachte eine stürmische Begierde nach +Musik und trieb ihn am Abend vor das Odeonsgebäude, +aber sein Ohr fing nur ein paar matt verschwebende +Harmonien auf.</p> + +<p>In den Nächten war es nun so, daß er vor +Hunger nicht schlafen konnte und in das Kissen biß; +daß er aufstand und das Fenster öffnete, um den +Frost zu spüren, um durch die heftige neue Empfindung +die alte schleichende zu betäuben. Zwar dachte +er jeden Morgen: ›Jetzt bist du der Wandlung um +einen Tag näher, schlimmer darf es nicht werden, und +zugrunde gehen wirst du nicht,‹ doch es war, als verdopple +sich seine Verlassenheit, und es kam vor, daß +er, in seinem Zimmer sitzend, die Türe nicht zuschloß, +damit ein zufällig Vorbeigehender hereinschauen konnte. +Plötzlich setzte er sich hin und schrieb an Schildknecht +nach Zürich, zerriß den Brief, schrieb wieder, versteckte +fast gauklerisch seine Not hinter den Zeilen, und +während die Feder über das Papier lief, sammelte +sich unter dem Gaumen Bitterkeit. Es war hauptsächlich +von den Tränen am See die Rede und von +dem, was damit zusammenhing und was nun ein +melancholisches Bildchen wurde mit Blitzen, die über +den Nachthimmel zuckten und einer Walzermusik vom +Hause her.</p> + +<p>Den Brief warf er unfrankiert in den Kasten, und +er wußte jetzt, daß er seine einzige und letzte Hoffnung +trug. Zwei Tage später kam Schildknechts +eilige Antwort und zugleich eine Summe von fünfundsechzig +Franken bar. Der gute Mensch hatte alles +begriffen, und der Schreck war ihm in die Glieder +gefahren. Es war auch höchste Zeit; Engelhart lief +nach Brot, der Krämer borgte schon seit einer halben +Woche nicht mehr. Erst als er sich gesättigt hatte +las er Schildknechts Brief – ohne eigentliche Dankgefühle, +eher staunend, daß noch eine Hand in der +Welt sich für ihn regte. Schildknecht schrieb, daß er +nun wieder eine auskömmliche Stellung gefunden habe, +auch in der Heimat stünden seine Angelegenheiten gut, +und er werde wohl demnächst heiraten. Den Vorwurf +bösen Trotzes könne er Engelhart nicht ersparen, denn +daß er keinen besseren Freund auf Erden habe als +ihn, Justin Schildknecht, hätte er wissen und nie vergessen +dürfen, auch wenn er ihm in desperater Laune +einmal den Kopf gewaschen habe. Und was die +Tränen am See anlange, so hoffe er dafür noch +etwas recht Großes für Engelhart zu tun, er möge +daher nicht danken für die erbärmlichen paar Goldstücke, +sondern seinerseits sich weiterhin als Gläubiger +betrachten. »Ich habe kein Talent zum Judas,« schloß +der herzliche und ehrliche Brief, »und wenn ich auch +nicht leugne, daß einer, der den Gott in sich spürt, +einmal beim Satan gewesen sein muß, so möchte ich +doch lieber selbst im Fegefeuer braten, als nur ein +einziges Scheit Holz für einen Freund dazu herschleppen. +Ihnen, lieber Ratgeber, wird sich eines +Tages jählings dieselbe Welt zu Diensten geben, die +sich jetzt so grausam verschließt. Dann werden Ihre +jetzigen Leiden die bunten Gläser sein, durch welche +Sie zurückblicken auf die Zeit, in der Sie sich noch +ganz und gar besaßen, vielleicht sehnsüchtig werden +Sie zurückblicken und werden ein wenig Dämmerung +begehren, wenn überall das grelle Licht Ihrem Inneren +nicht mehr mühelos zu träumen erlaubt. Sie werden +gezwungen sein, aus dem Blut Ihrer Wunden Bilder +zu malen, die man auf den Markt schickt, und das +wird weh tun, und schließlich werden Sie das eigne +Herz zu einem Marktplatz machen, wo Freundschaft +und Liebe feilgeboten wird, und auch das wird weh +tun, nicht Ihnen, sondern uns, mir, dem Freund.«</p> + +<p>Engelhart ließ einige Tage verstreichen, in denen +er angelegentlich über Schildknechts Worte nachdachte. +Dann antwortete er folgendes: »Im Augenblick der +größten Bedrängnis haben Sie ihre Hand nach mir +ausgestreckt, lieber Freund, ich konnte Ihre Hand ergreifen +und war gerettet. Die Tat soll Ihnen unvergessen +bleiben, denn sie ist die Brücke, die +mich wieder zu den Menschen führt. Wahrhaftig, ich +habe schon verlernt, wie man mit Menschen spricht +und wie man ihnen in die Augen sehen soll. Sie +geben mir Hoffnung, daß alles, was ich jetzt erlebe, +einst eine köstliche Speise für meine Erinnerung sein +und daß dieses nun so Bittere dann süß schmecken +wird. Aber was hilft es dem zum Krüppel geschlagenen +Soldaten, wenn ihm später die Aufregungen der Schlacht +herrlich dünken? Und daß ich zum Krüppel gemacht +werde, zum Krüppel an Herz und Seele, das fürchte +ich. Wir wollen uns doch nicht mit Redensarten +trösten und jede Not zur Notwendigkeit stempeln. +<span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">[365]</a></span>Einer Bestimmung zu leben ist ja schön, aber wo ist +meine Bestimmung? Ich sehe sie nicht, ich fühle sie +nicht. Jeder Straßenkehrer scheint mir mehr Bestimmung +in sich zu tragen als ich, der ich ein von allen +andern gemiedenes und wahrscheinlich mit Recht gemiedenes +Zufallsgeschöpf bin. Was mich oft in +seltenen Stunden beseligt, scheint mir widersinnig und +haltlos, als ob man Nebeldunst an eine Spindel +heften wollte, um Faden daraus zu drehen. Es ist +ein treuloses Spuk- und Phantasietreiben, mit dem +man sich selber um den besten Teil der Menschlichkeit +betrügt. Doch ich kann nicht anders! Jetzt bin ich +schon so weit verschlagen, daß ich nicht mehr weiß, +wo es nach vorwärts und wo es nach rückwärts geht. +Es ist ja auch gleich, denn die Welt ist rund. Wie +dem aber sei, Sie haben redlich an mir gehandelt, +teurer Schildknecht, als ein wirklicher Schildknecht +haben Sie sich gezeigt, und von den bewußten Tränen +am See soll nun nicht mehr die Rede sein. Ich war +zu angespannt damals und zu sehr auf Ihr Wohlwollen +angewiesen, ich hatte die übertriebensten und +ungesundesten Vorstellungen von Freundschaft. Das +ist nun vorüber. Was soll es auch heißen, sich an +einen einzelnen zu binden, den man doch verlieren +muß? Freundeswege müssen sich immer dort trennen, +wo Herz dem Herzen gar zu nahe kommt, vielleicht +Menschenwege überhaupt. Gleichgesinnte Geister finden +sich doch immer wieder und werden aus eigenstem +Interesse gegeneinander und gegen die Welt wirken, +das übrige scheint mir auf schwächliche Empfindsamkeit +hinauszulaufen. Man kann ja nicht einander um +den Hals fallen, und so wird der Freund allmählich +zur Surrogatfigur und muß enttäuschen, weil er ein +Geschöpf der Sehnsucht aus ganz andern Bezirken ist. +Nicht so ist es mit den Frauen, aber darüber habe +ich nie mit Ihnen zu sprechen gewagt und will es +auch jetzt nicht. Immerhin sollen Sie wissen, daß +sich oft mein Inneres in einer ungeheuren Erwartung +preßt und weitet und daß es Stunden gibt, wo ich +wie in einem feurigen Fieber meine ganze bisherige +Existenz als ein dunkles Hinströmen gegen eine noch +unsichtbare Gestalt empfinde, die zu mir gehört wie +der Morgen zur Dämmerung. Das mag eine ebensolche +Illusion sein wie die von der Freundschaft, und +sicher wird man eines Tages auch aus diesem Lügengarn +sich wickeln, um eben kurzweg und einfach seinen +Mann zu stellen, aber eine gewisse Summe von Leben +und Erleben, von Umfassen und Sichlösen ist wohl +nötig, damit man zu sich selber erwachen kann. Mit +meinem Vater bin ich nun vollends auseinander, und +ich bin froh, daß dies beschwerende Verhältnis aus +meinem Dasein hinausoperiert ist. Ich bin sein Fleisch +und Blut, aber nicht sein Geist und Herz, und das +hab’ ich stets sehr zu büßen gehabt. Nun leben Sie +wohl, Freund, und bleiben Sie mir gut.«</p> + +<p>In dieser Zeit begann Engelhart sehr unter nächtlichem +Traumwesen zu leiden. Zumeist träumte er +Landschaften, doch in so unheimlicher Beleuchtung und +Farbe, daß ihm angst und bang dabei ward. Oder +er träumte, daß er sich in einer großen Gesellschaft +von Leuten befand, die er gut kannte, von denen ihn +aber keiner beachtete; sie mieden ihn, und wenn er +dicht vor jemand hintrat, so schlug dieser die Augen +nieder. Schmerzlich schloß er die Demütigungen in +sich ein, nahm sich aber vor, bei Tisch eine Rede zu +halten und, in das Gewand einer Parabel gekleidet, +den Leuten ihre Niedertracht zu bedenken zu geben. +Während er noch an den Worten herumzupfte, die er +wählen wollte, erhob sich ein andrer und sprach solch +sinnlos-witzelndes Zeug, daß alle lachten und zugleich +schadenfroh auf Engelhart starrten. Oder er träumte, +sein Zimmer befinde sich über dem Hof eines gewaltigen +Hammerwerks. Er sieht, hört, spürt den Hammer, +während er schläft. Plötzlich erschallen furchtbare Rufe: +›Zu Hilfe! zu Hilfe!‹ Man trägt ein Mädchen mit +zerschmetterten Gliedern herein. Eine seltsame Leidenschaft +zu der Toten durchdringt ihn bis zu den Fingerspitzen. +Auf einmal wird sie lebendig, zu gleicher +Zeit wird aus dem Zimmer ein riesengroßer Saal. +Er will mit dem Mädchen, das sehnsüchtig begehrend +nach ihm blickt, allein sein und die Türen schließen. +Aber während er eine Türe zumacht, springen immer +fünf, sechs andre auf, und fremde Leute huschen +schattenhaft vorüber. Sein Zorn, sein Gram, seine +Ungeduld werden ins unerträgliche gesteigert, schließlich +will er jenes Frauenzimmer liebkosen, da verschwindet +sie hämisch lächelnd durch ein Loch in der Mauer.</p> + +<p>Seine Tage, in halber Untätigkeit verbracht, füllten +ihn mit der unbestimmten und brennenden Empfindung +einer Schuld. Die andauernde Absonderung von den +Menschen gewährte keinerlei Befriedigung, sie gab nur +Unruhe und einen dünkelhaften Schmerz. Die Träume +des Schlafs wucherten gleichsam nach außen, und er +sah Erscheinungen am hellichten Tage, hörte Stimmen, +die ihn ermunterten, und hatte Augenblicke einer +sonderbaren tiefen Verlorenheit, wo Angst und Freude +beinahe gleichzeitig sein Herz zusammendrückten. Er +fand ein Vergnügen daran, vor dem Spiegel sein +eignes Gesicht so lange zu betrachten, bis er in eine +Art von Verliebtheit geriet. Wie ein aus dem Erdreich +gerissener Baum samt Wurzeln und Blattwerk +schwamm er auf einer trüben Flut ins Ungewisse +hinaus, und an den Ufern standen viele Zuschauer +feindselig schweigend. Häufiger als jemals, auch in +<span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">[366]</a></span>dem Traumtreiben, tauchte die Gestalt des Vaters +auf, niemals wohlwollend, sondern ärgerlich, mürrisch, +schimpfend, unzufrieden und hart; Engelhart aber +nahm eine vorwurfsvolle, ja fast frohlockende Haltung +an, als wolle er sagen: So weit hast du es kommen +lassen. Ferner sah er den Vater, wie er gierig beim +Mittagessen die Suppe hinablöffelte, und das erweckte +seinen Widerwillen, oder wie er vor sich hinschmunzelte, +wenn ihm endlich einmal ein Geschäft geglückt war. +Engelhart erinnerte sich, wie der Vater einst mit nervös +zuckendem Gesicht von dem Verlust einiger Groschen +gesprochen hatte; irgendeine Spesenrechnung war von +der Direktion nicht anerkannt worden, und Engelhart +sah, wie der Vater dastand, den Hut etwas schief auf +dem Kopf und den einen Arm auf den Regenschirm +gestützt, und während er beleidigt und empört den +Hergang erzählte, rieb er den Zeigefinger unablässig +und mit krankhafter Schnelligkeit an dem silbernen +Ring des Schirmstocks. Dies hatte Engelhart damals +unangenehm und peinlich berührt, es war ihm niedrig +erschienen, sich einiger Pfennige wegen so zu erhitzen, +auch jetzt dachte er ohne Wohlwollen daran, dennoch +lag in dem Vorgang etwas Schweres und Bedeutungsvolles, +ja Rätselhaftes.</p> + +<p>Eines Abends verließ der Einsame, Ruhelose kurz +vor Mitternacht seine Behausung, in welcher ihn mit +der vorrückenden Stunde eine immer größere Bangigkeit +gequält hatte. Nach mancherlei Herumirren geriet +er in ein verödetes Café, und während er mit dem +Eifer, den Leerheit und Rastlosigkeit erzeugen, die +Zeitungen las, setzte sich ein Mann an denselben Tisch, +wo er saß, trotzdem die meisten Tische rings frei +waren. Der Mann hatte ein ziemlich gewöhnliches +Gesicht; er hatte einen rötlich braunen Vollbart und +trug eine goldene Brille. In seiner Scheu vor Menschen +vermied es Engelhart, sein Gegenüber anzuschauen, +plötzlich spürte er jedoch, daß der andre mit unverschämter +Beharrlichkeit seine Blicke auf ihn gerichtet +hielt. Dies wurde lästig, er stand auf, holte eine +andre Zeitung und setzte sich an einen andern Tisch. +Es dauerte nicht lange, so stand der Fremde gleichfalls +auf und setzte sich Engelhart neuerdings gegenüber. +Dieser hob erblassend den Kopf und erschrak +vor dem verschwommenen, flüchtigen und zugleich +klammernden Blick des Mannes. Der Unbekannte hatte +den Hut aufbehalten, und er löffelte mit tückischem +Lächeln in einem Wasserglas, in das er Zucker geworfen +hatte. Es ist ein Detektiv, ein Spion, fuhr +es Engelhart durch den Sinn; es war ihm nicht +anders, als habe er ein großes Verbrechen begangen +und man sei ihm auf der Spur. Er fühlte sein Blut +eiskalt werden und überlegte, wie er sich aus der +entsetzlichen Lage befreien könne; das Beste schien, mit +dem unheimlichen Menschen, ohne Befangenheit zu +zeigen, anzuknüpfen, er äußerte also irgendeine Redensart +über das Wetter. Der Mann antwortete nicht, +sondern zog statt dessen ein kleines Notizbuch aus der +Tasche und blätterte darin, wobei ein kaltes spitzes +Lächeln seinen Mund bewegte. Tief erregt im Innern, +doch in sein Gesicht einen heuchlerisch-interessierten +Ausdruck zwingend, beobachtete Engelhart dies und +ließ keine Bewegung des Menschen außer acht, als +müsse er einem Überfall zuvorkommen. Um seinen +Aufbruch vorzubereiten und den andern über den +Grund zu täuschen, stellte er sich müde und verschlafen +und guckte gähnend nach der Wanduhr, aber das +Antlitz seines Gegenübers wurde immer feierlicher und +haßerfüllter, plötzlich warf Engelhart seine Zeche auf +den Tisch, packte seinen Mantel und verließ beinahe +laufend den Raum. Ohne den Mantel zuzuknöpfen, +rannte er auf der dunkeln Hälfte der mondbeschienenen +Straße hin. Da hörte er Schritte hinter sich, er +duckte den Kopf und verdoppelte seine Eile. Um den +Verfolger irrezuführen, schlug er eine falsche Richtung +ein und beschrieb einen ungeheuren Kreis, bevor er +es wagte, dem Haus, in welchem er wohnte, zu nahen. +Schweißnaß und atemlos kam er heim, und erst als +der Morgen graute, verlöschte er die Lampe und +schlief ein. Diesmal hatte er keinen Traum von bestimmtem +Umriß; es sickerte nur durch seinen Schlaf +das Bewußtsein von der Lächerlichkeit seines Tuns +und der Unmännlichkeit seiner Haltung. Dann wuchs +eine graue Wand aus einem Abgrund empor, und es +rief eine Stimme:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Und an die Wand, und an die Wand<br /></span> +<span class="i0">Da malt des Schicksals Schattenhand<br /></span> +<span class="i0">Die Zeichen des Verderbens hin.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Darauf erblickte er sich selbst, über einen Brief gebeugt, +der an Michael Herz gerichtet war, und er +sah die Worte: »Ich bin kein Kaufmann, ich bin +Bergmann, ich bin Arzt,« und diese Begriffe: Bergmann, +Arzt schienen ihm bedeutend und beweiskräftig. +Mit brennendem Durst erwachte er jählings und +richtete sich auf. Trotzdem es Tag war, war das +Zimmer düster vom Nebel, der draußen lag. Das +Verlangen nach Licht mischte sich in seinem Gehirn +seltsam mit der Begierde nach Wasser; er nahm Sturz +und Zylinder von der Lampe, schraubte die Krone ab, +ergriff nun aber das ölgefüllte Gefäß und setzte es +an die Lippen, um zu trinken. Der Petroleumgeruch +brachte ihn zur Besinnung, er schlug die Hände zusammen, +warf sich wieder aufs Bett und fing an zu +weinen.</p> + +<p>So war es nun mit seinem Leben beschaffen.</p> + +<p>Da geschah es um die Dämmerungsstunde dieses +Tages, daß ihn ein Ungefähr in die Nähe der väterlichen +<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">[367]</a></span>Wohnung brachte. Eine Weile schlich er scheu +und verdrossen vor dem Tor im nassen Nebel herum, +endlich nahm er sich zusammen und stieg die Treppen +empor. Er glaubte seinen Vater zu riechen, jene +merkwürdige Mischung von Zigarren- und Schreibstubengeruch, +die ihm seit der Kindheit vertraut war. +Weil auf sein wiederholtes Läuten niemand erschien, +ging er erleichtert wieder davon und glaubte eine +Pflicht erfüllt zu haben. Doch am folgenden Tag +trieb es ihn abermals hin. Diesmal war Frau Ratgeber +zu Hause; sie empfing ihn nicht freundlich, nicht +unfreundlich, lud ihn ins Wohnzimmer und erzählte +ihm, daß der Vater sich auf einem Erholungsurlaub +im Gebirge befinde; der Arzt habe ihn hingeschickt, +denn er leide an einer frühzeitigen Verkalkung der +Gefäße. Frau Ratgeber war redseliger als sonst, +offenbar suchte sie sich über ihre Besorgnis hinwegzuplaudern. +Sie setzte ihrem Gast sogar ein Gläschen +Likör vor und nahm das Glas von dem feinen +Service, das seit Jahrzehnten unberührt im Schranke +stand. Engelhart, ziemlich betroffen über die Ehre, +die ihm widerfuhr, fragte, wie lange der Vater schon +abwesend sei. Nicht länger als eine Woche, war die +Antwort, aber er befinde sich so wohl dort, daß er +ganz überschwengliche Briefe schreibe. ›Das hat er +immer gekonnt,‹ dachte Engelhart, und sein Gesicht +verdüsterte sich, ›überschwengliche Briefe, das war seine +Stärke.‹</p> + +<p>Er kam öfter. Das Eigentümliche war nun, daß +ihm die Frau nach dem Mund redete, und da er den +Zweck, den sie verfolgte, nicht sehen konnte, wurde ihm +bisweilen unheimlich. Sie beklagte ihr Leben und +das des Vaters, aber sie stellte sich dabei doch ins +Licht und den Mann in den Schatten: er habe sich +nie etwas versagt, er sei doch immer mit allem fertig +geworden, er selbst war doch immer die Hauptperson. +»Ich, ich, das ist das Ratgebersche Wort,« zischte sie +mit schlecht verborgenem Haß. Engelhart graute es +bei dem Gedanken, daß der Vater in einer solchen +Luft von Lieblosigkeit atmete, doch dachte er: ›Sie +muß ihn am besten kennen, da sie dreizehn Jahre +mit ihm gelebt.‹ Eines Tages erschien während seiner +Anwesenheit ein Fremder, ein netter junger Mann, +der in dem Alpenkurort mit Herrn Ratgeber beisammen +gewesen war und einige Aufträge von ihm überbrachte +– aus bloßer Sympathie und Gefälligkeit. Dünkte +es Engelhart schon verwunderlich, daß irgendein Mensch +in selbstloser Zuneigung etwas für seinen Vater unternahm, +für diesen Mann der Geldsucht und der scheuen +Abkehr von allen freien menschlichen Beziehungen, so +erstaunte er noch weit mehr über die Erzählungen +des Besuchers. Mit liebenswürdigem Pathos berichtete +der junge Mann, daß Herr Ratgeber ganz benommen +sei von der Schönheit der Landschaft und daß er mit +einem Gesicht durch die Wälder streife, als hätte er +Bäume nie zuvor erblickt; daß er stillvergnügt an +seinem Plätzchen sitze, wenn die Kurkapelle ihre Stücke +aufspiele, und daß er sogar eines Abends im Hotel +eine ältere Dame zum Tanz aufgefordert habe. Alles +erscheine ihm schön, mit allem sei er zufrieden und +über alles Ungewohnte sei er erstaunt wie ein Kind.</p> + +<p>Frau Ratgeber hörte mit sauersüßem Lächeln zu +und sagte: »Ich glaube, ich glaube, so eine Erholung +täte mir auch gut.« Kaum war der Fremde fort, +so kam ein Brief vom Vater, in dem er seine morgige +Ankunft meldete; die Direktion habe die Verlängerung +des Urlaubs nicht gestattet, außerdem sei ihm nicht +ganz wohl und er fürchte den Gedanken, sich vielleicht +fern vom Hause krank hinlegen zu müssen. Dann +kam ein wehmütig-zurückschauendes Lob der Gegend, +der Ruhe, der Sonne.</p> + +<p>Den nächsten und den übernächsten Tag ging +Engelhart wieder seine einsamen Wege; war es Trotz +oder Scham oder Stolz, er brachte es nicht zu dem +Entschluß, sich dem Vater zu zeigen. Am Morgen +des dritten Tages, während er noch im Bette lag, +ward an seine Tür gepocht, er schlüpfte rasch in die +Kleider, öffnete, das verzerrte Gesicht eines Weibes +streckte sich ihm entgegen, kreischte: »Ihr Vater! Ihr +Vater!« und verschwand wieder. Eine Viertelstunde +später war er dort im Haus, schritt mit bleiernen +Füßen durch den Korridor und die Küche in das +erste Zimmer, wo, aschfahl anzusehen, Frau Ratgeber +stand und mit starrer Bewegung auf das Bett wies. +Engelhart erblickte ein großes blutbeflecktes Leintuch, +welches eine menschliche Gestalt bedeckte. Er hob das +Tuch an einem Ende auf und zog es weg, und es +lag ein aufgeschwemmter Körper da, ein Mann mit +nahezu unkenntlichem Gesicht, den Mund, der nie hatte +sprechen können, verdeckt unter eisgrauem Schnurrbart +und unabgewischtem Todesschaum, die Stirn gleichsam +zerschmettert, die Fäuste geballt, die Füße krampfhaft +an das untere Brett der Lagerstatt gedrängt – nie +vergaß Engelhart dies furchtbare Bild einer letzten +Energie, eines letzten verzweifelten Schrittfassenwollens.</p> + +<p>Während Engelhart dastand und sich wunderte, +während ihm graute und während er im Innern +weinte, ohne sich zu verhehlen, daß sein Anrecht auf +edle Tränen noch verwirkt war, sah er plötzlich den +Vater in der stillen Alpenlandschaft wandeln, so wie +es jener zugereiste Mensch geschildert hatte. Er sah +ihn mit all seinen Gebärden, etwas bedrückt von ungewohntem +Alleinsein, doch befremdet und feierlich gestimmt +durch den Anblick der Natur und durch das +Gefühl der ruhenden Stunden. War es denn nicht +seine erste Rast im Leben? War ihm denn nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368">[368]</a></span>jeder grünende Zweig etwas Niegesehenes? Mußte +er nicht mit dem Erstaunen eines Kindes Zeuge sein +von dem Verschwinden der Sonne hinter Schneegipfeln +und dem Aufbrennen der Sterne? Sicherlich hatte +sich der Vater bei alledem ein bißchen geschämt und +hatte seine Freude für sich behalten aus lauter Angst, +daß man Zweifel in seine Bildung setzen möchte. +Engelhart begriff dies auf einmal mit einer unerwarteten +Schärfe. Immer wieder sah er die untersetzte, +tripplig gehende Gestalt über eine Wiese schreiten +und mit eigentümlicher Verlegenheit und wachsam verschlossenem +Staunen vor sich hin blicken. Dadurch +wurde seine Rührung erweckt und seine Tränen konnten +fließen. Er erinnerte sich nach und nach an zahlreiche +sympathische Züge im Wesen des Vaters, an Dinge, +denen er nie zuvor Bedeutung zugemessen hatte, die +sich aber jetzt zum eindringlichen Bilde formten und +die Ursache waren, daß der Schmerz wie in sichtbaren +Flammen um ihn schlug. Er erinnerte sich zum Beispiel, +daß er vor Jahren in Würzburg mit dem Vater +spazieren gegangen war, daß sie von der Höhe eines +Hügels aus den Tönen eines Posthorns gelauscht +hatten und daß des Vaters Gesicht plötzlich einen +unendlich traurigen Ausdruck gezeigt hatte und daß +er rasch die Augen niederschlug, als Engelhart ihn anschaute. +Ferner erinnerte er sich, daß der Vater einst zu +einem Geschäftsfreund gekommen und daß er vor Entzücken +sich kaum fassen konnte, als ein kleiner Hund ihn +wiedererkannte und freudig bellend an ihm emporsprang.</p> + +<p>Aber all dies war nur eine harmlose Kleinmalerei +seiner wachsenden Reue und Schuld. Ein paar Tage +später schrieb er an Justin Schildknecht die Nachricht +von seines Vaters Tod. »Es kam zu früh,« schrieb +er, »nicht allein für ihn, den Frühgealterten, der ein +abgehetztes, kleines, elendes, finsteres und unverstandenes +Dasein wie durch eignen Entschluß endete, sondern +auch zu früh für mich. Ich hatte mich stets höhnisch +gewehrt gegen seine Forderung der Dankbarkeit, aber +ach, er wollte ja nur in kleiner Münze bezahlt haben, +nur almosengleich zurückbekommen, was er mir, ein +unermeßliches Kapital, das Leben selbst, geschenkt. +Und er meinte ja gar nicht Dankbarkeit, er meinte +Liebe. Wenn er ›Dankbarkeit‹ sagte, so meinte er +damit seinen Stolz und seine Scham zu schonen, denn +er wollte natürlich lieber Gläubiger als Bettler sein. +Freund, ich finde mich in unerhörtem Maße schuldig; +ich finde mich so vieler Versäumnisse schuldig, als es +Stunden, ja als es Gedanken der Vergangenheit gibt, +und wenn viele den Tod als Gleichmacher und Stummacher +preisen, so finde ich, er ist ein furchtbarer +Unterscheider und gewaltiger Rechner. Trägheit ist +meine Schuld, Trägheit hat meine Brust vernietet, +und diese aufs Enge und Niedrige gestellte Existenz +meines Vaters erscheint mir jetzt inniger an die göttlichen +Mächte gekettet als die meine, die anmaßend +zu einer eiteln Verkündigung strebt. Wer in der +Tiefe seine Unschuld wahrt, ist der nicht größer zu +achten als der, der sie in den Höhen verliert? Und +das ist es, er hatte Unschuld, alles Üble an ihm, +sein kleinmütiges Streben, seine Pfennigangst, sein +armer Geiz und Ehrgeiz, es waren nur die Zeichen +und Merkmale seiner Unschuld, und ich, wie ich bin +und stehe, ich bin der Verräter an dieser Unschuld. +Wozu denn alle Hoheit der Empfindung, alle Gaben +des Gesichts, da die dunkle Kreatur, aus der ich +Wurzel geschlagen, unerkannt neben mir verschmachten +mußte? Sühnen will ich, und Gott gebe mir Entsühnungskraft +und lasse mich den Weg zu den Menschen +finden, den ich schon verloren habe. Vielleicht ist +dies meine Bestimmung, den gemordeten Seelen Liebe +zu weihen und aus ihnen etwas wie Astralkörperchen +zu formen, welche man in jener frostigen Halle aufstellt, +in der die Menschheit ihren vielfältigen Geschäftigkeiten +frönt. Ich will mich unter sie schleichen +und still meine Arbeit suchen.«</p> + +<p>Als er diesen Brief geschrieben, verließ Engelhart +die Stadt und wanderte weit in die südlich gelegenen +Wälder und Hügel. Er dachte während dieses Marsches +viel an seine Kindheit und Jugend, und ein seltsamer +Reigen bunter Figuren erhob sich, flatterte tänzerisch +leicht an seinem inneren Auge vorbei, und er spürte bei +ihrem Anblick etwas wie bittersüße Reife. Schließlich +setzte er sich ans Flußufer und malte mit dem Stock +einige Zeilen in den feuchten Sand:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Es ist noch dieselbe Sonne,<br /></span> +<span class="i0">Die derselben Erde lacht;<br /></span> +<span class="i0">Aus demselben Schleim und Blute<br /></span> +<span class="i0">Sind Gott, Mann und Kind gemacht.<br /></span> +<span class="i0">Nichts geblieben, nichts geschwunden,<br /></span> +<span class="i0">Alles jung und alles alt,<br /></span> +<span class="i0">Tod und Leben sind verbunden,<br /></span> +<span class="i0">Zum Symbol wird die Gestalt.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Bewegten Herzens machte er sich auf den Heimweg, +und je mehr er sich wieder der Stadt näherte, je +trüber umschleierte sich sein Auge, als ahne er das +not- und mühevolle Dasein, dem er zuschritt und das +ihm ein nicht weniger strenges Antlitz zeigte, seit er +den Preis kannte, um den es seine höchsten Kränze +bot. Noch einmal hielt er inne und schaute zurück: +der Strom krümmte sich in goldener Flut aus dem +Hügelgelände hervor, ein paar schwarze Vögel geleiteten +ihn, langsam fliegend, und Mond und Sonne standen +zu gleicher Zeit am Himmel.</p> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1907 erschienenen Erstausgabe erstellt. Diese erschien in +»Deutsche Romanbibliothek«, fünfunddreißigster Jahrgang 1907, Hefte +9–18. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser Heftaufteilung. Die +Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die nachfolgende +Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext +vorgenommenen Korrekturen.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_177">S. 177</a>: [Doppelpunkt ergänzt] fragte ängstlich: »Ist es wahr</li> +<li><a href="#Page_177">S. 177</a>: [Komma ergänzt] Schritte machte, mußte</li> +<li><a href="#Page_180">S. 180</a>: [Komma ergänzt] kühl um die Brust, unsicheren Fußes betrat</li> +<li><a href="#Page_189">S. 189</a>: [Punkt gelöscht] über einem langhinlaufenden Weg. strahlte</li> +<li><a href="#Page_190">S. 190</a>: bereis angegrauten Locken → bereits</li> +<li><a href="#Page_193">S. 193</a>: [Komma ergänzt] die haßartige Lieblosigkeit, die</li> +<li><a href="#Page_209">S. 209</a>: das Lebendig-seiende → Lebendig-Seiende</li> +<li><a href="#Page_211">S. 211</a>: erschien sich besudelt und unwert einer Träume → seiner</li> +<li><a href="#Page_213">S. 213</a>: Wiederholung mechanischen Geschäftigkeiten → mechanischer</li> +<li><a href="#Page_263">S. 263</a>: »Ich denke gar nichts,« erwidert er → erwiderte</li> +<li><a href="#Page_282">S. 282</a>: auf das Mitagessen → Mittagessen</li> +<li><a href="#Page_286">S. 286</a>: ein Schreibernatur durch und durch → eine</li> +<li><a href="#Page_323">S. 323</a>: [vereinheitlicht] Aegidienplatz → Egydienplatz</li> +<li><a href="#Page_324">S. 324</a>: den vornehmen Herrn zu pielen → spielen</li> +<li><a href="#Page_325">S. 325</a>: [vereinheitlicht] seine schlecht sitzende Kravatte → Krawatte</li> +<li><a href="#Page_367">S. 367</a>: [fehlende Letter] ein Mann mi nahezu → mit</li> +</ul> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Transcriber’s Notes:</strong> This ebook has been transcribed from the first +publication of the novel in “Deutsche Romanbibliothek”, 35th volume +1907, issues 9–18. The page numbers jump according this segmentation. +The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä, Ö, Ü. The table below +lists all corrections applied to the original text.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_177">p. 177</a>: [added colon] fragte ängstlich: »Ist es wahr</li> +<li><a href="#Page_177">p. 177</a>: [added comma] Schritte machte, mußte</li> +<li><a href="#Page_180">p. 180</a>: [added comma] kühl um die Brust, unsicheren Fußes betrat</li> +<li><a href="#Page_189">p. 189</a>: [deleted period] über einem langhinlaufenden Weg. strahlte</li> +<li><a href="#Page_190">p. 190</a>: bereis angegrauten Locken → bereits</li> +<li><a href="#Page_193">p. 193</a>: [added comma] die haßartige Lieblosigkeit, die</li> +<li><a href="#Page_209">p. 209</a>: das Lebendig-seiende → Lebendig-Seiende</li> +<li><a href="#Page_211">p. 211</a>: erschien sich besudelt und unwert einer Träume → seiner</li> +<li><a href="#Page_213">p. 213</a>: Wiederholung mechanischen Geschäftigkeiten → mechanischer</li> +<li><a href="#Page_263">p. 263</a>: »Ich denke gar nichts,« erwidert er → erwiderte</li> +<li><a href="#Page_282">p. 282</a>: auf das Mitagessen → Mittagessen</li> +<li><a href="#Page_286">p. 286</a>: ein Schreibernatur durch und durch → eine</li> +<li><a href="#Page_323">p. 323</a>: [normalized] Aegidienplatz → Egydienplatz</li> +<li><a href="#Page_324">p. 324</a>: den vornehmen Herrn zu pielen → spielen</li> +<li><a href="#Page_325">p. 325</a>: [normalized] seine schlecht sitzende Kravatte → Krawatte</li> +<li><a href="#Page_367">p. 367</a>: [normalized] ein Mann mi nahezu → mit</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Engelhart Ratgeber, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ENGELHART RATGEBER *** + +***** This file should be named 26402-h.htm or 26402-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/6/4/0/26402/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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