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+Project Gutenberg's Blicke in das Leben der Zigeuner, by Engelbert Wittich
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Blicke in das Leben der Zigeuner
+ Von einem Zigeuner
+
+Author: Engelbert Wittich
+
+Release Date: June 15, 2008 [EBook #25796]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLICKE IN DAS LEBEN DER ZIGEUNER ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Hefte für Zigeunerkunde 2.
+
+ Blicke in das Leben
+ der Zigeuner
+
+ Von einem Zigeuner
+ (E. Wittich).
+
+ [Illustration]
+
+ Striegau
+ Huß-Verlag
+ 1911
+
+
+
+ Seiner lieben Frau
+ Friederieke
+ und seinen lieben Kindern
+ Hilda und Arthur
+ gewidmet
+
+ vom Verfasser.
+
+
+
+ [Illustration: Selbstbildnis des Verfassers
+ als junger Mann
+ (nach dem Spiegel gezeichnet.)]
+
+
+
+
+ Vorwort.
+
+
+Nur selten ist es bisher gelungen, einen richtigen Einblick in das Leben
+und Treiben, Denken und Empfinden des Zigeunervolkes zu gewinnen. Die
+mangelnde Kenntnis der #Romani#-(Zigeuner-)Sprache, die aus manchen
+Ursachen erklärliche Abneigung des #Sinto# (Zigeuner), die #Gadsche#
+(Nichtzigeuner) in sein inneres Leben blicken zu lassen, und die schwere
+Erreichbarkeit der Zigeuner überhaupt, hüllen das Zigeunertum bis heute
+in ein fast völliges Dunkel. Es ist daher ein erfreuliches Ereignis, daß
+ein Zigeuner selbst sich entschlossen hat, das Dunkel zu lichten und ein
+wahrheitsgetreues Bild seines Volkes zu geben. Seine braunen
+Volksgenossen sind darüber mißvergnügt; aber mit Unrecht. Der Verfasser
+täuscht sich gewiß nicht, wenn er hofft, daß durch seine Darstellung die
+Zigeuner in einem ganz anderen Lichte erscheinen, als wie man sie bisher
+anzusehen gewohnt war. Man kann geradezu sagen, daß uns die schlechten
+oder wenigstens unangenehmen Eigenschaften der Zigeuner nur deshalb am
+meisten auffallen, weil sie die Außenseite bilden. Beim näheren
+Kennenlernen bieten die #Sinte# aber soviel Anziehendes,
+Liebenswürdiges, geheimnisvoll Interessantes, daß der Forscher oder der
+Zigeunerfreund (#Romano Rai#) sogar Gefahr läuft, die schwarzen Seiten
+des Zigeunerlebens ganz zu übersehen.
+
+Jedenfalls ist zu hoffen, daß das vorliegende Büchlein dazu beitragen
+wird, manche falsche Vorstellung zu beseitigen, und die Abneigung gegen
+die Zigeuner in Interesse, Sympathie und liebevolle Hilfe umzuwandeln.
+
+ R. Urban.
+
+
+
+
+Die Zigeuner sind aus vielen Schilderungen bekannt. Über ihr Leben,
+ihre Sitten und Gebräuche wurde schon viel geschrieben, Wahres und
+Unwahres, oft geradezu Haarsträubendes. Merkwürdigerweise, so reich die
+Literatur über die Zigeuner ist, behandelt diese doch zumeist nur die
+Ausländer, hauptsächlich die ungarischen und österreichischen Zigeuner.
+Dagegen ist die Kenntnis über die deutschen Zigeuner noch sehr gering.
+Dem Forscher steht daher hier noch ein großes Feld der Betätigung offen.
+
+Ich will darum im Folgenden versuchen, etwas über die deutschen Zigeuner
+mitzuteilen, um das Wahre vom Unwahren zu trennen. Ich werde nur
+Tatsachen berichten und kann mit bestem Gewissen für die Wahrheit meiner
+Darstellungen eintreten.
+
+Bemerken möchte ich noch, daß dies selbst ein Zigeuner schreibt, der von
+Geburt an bis vor kurzer Zeit im Wohnwagen reiste und daher auf das
+Genaueste über Leben, Sitten und Gebräuche der Zigeuner unterrichtet
+ist. Ich schreibe aus eigener Anschauung, – nicht vom Hörensagen,
+unparteiisch, und werde die Zigeuner weder schwärzer noch weißer malen,
+als sie sind. Ich berichte nur selbst Erlebtes und was ich selbst
+beobachtet habe und bin daher genötigt, manches Märchen über die
+Zigeuner zu zerstören. Vieles hätte ich gern etwas ausführlicher
+behandelt, aber der Raum erlaubt es mir leider nicht. So sind es nur
+kleinere Bilder aus dem Leben eines Zigeuners und einige
+Richtigstellungen, was ich in Nachstehendem biete.
+
+Vor noch nicht gar so langer Zeit stellte man sich unter Zigeunern
+nomadisierende, träge und schmutzige Menschen vor, welche die ganze Welt
+durchziehen und weder Gesetze, noch Vaterland, Familienbande, Religion
+besitzen und alle nur erdenklichen, schimpflichen, und lichtscheuen
+Gewerbe betreiben. Ruhelos wie Ahasverus, von Ort zu Ort wandernd,
+wurden sie überall verachtet, verfolgt und von jedermann oft in recht
+unmenschlicher Weise behandelt und für gänzlich vogelfrei angesehen. Als
+Räuber, Mörder, Diebe, ja sogar als Kinderräuber und sonst noch alles
+mögliche waren sie verschrien. Ihre Töchter ließen sie von dem entehren,
+der ihnen am meisten bot. Ihre Dolche und Gifte, ihre Mittel, welche den
+Tod brachten, verkauften sie gern an jeden Rachedürstenden. Kurz und
+gut, alles Wunderbare, Unmögliche und Abscheuliche wurde den Zigeunern
+in die Schuhe geschoben.
+
+Heute ist es in dieser Beziehung etwas besser geworden, und wenn die
+Zigeuner, hauptsächlich von dem gebildeten Publikum, mit etwas
+freundlicheren Augen angesehen werden, so ist das hauptsächlich der
+aufklärenden Literatur zuzuschreiben. Aber trotzdem werden sie noch
+immer sehr schlecht behandelt, sie werden immer wieder von neuem
+verfolgt, bedrängt und gehetzt. Fast von jedermann unverstanden, bringt
+man ihnen wenig Sympathie entgegen.
+
+Ob nun die Zigeuner diese Behandlung verdienen und solche Bösewichte
+sind, denen man alles Scheußliche zutrauen darf, und ob sie wirklich
+moralisch so tief unter den anderen Völkerschaften stehen, wie man immer
+annimmt, mögen die folgenden Blätter zeigen. Man beachte, daß fast nur
+von den deutschen Zigeunern die Rede ist.
+
+Heutzutage hat der Zigeuner, gegen früher, im _Erwerb_ einen schweren
+Stand. In Deutschland wird ihm das, wodurch er noch sein bestes
+Fortkommen hatte und was seinen Befähigungen am besten entsprach, der
+Wander-Gewerbeschein, in den meisten Fällen versagt. Eine geordnete
+Arbeit bei dem herrschenden Vorurteil gegen ihn und der Arbeitslosigkeit
+unserer Tage, wo hunderte geübte, gelernte Menschen arbeitslos sind, für
+den Zigeuner zu bekommen, ist fast unmöglich, obwohl ja auch die Liebe
+zum Müßiggang, zur Bummelei, ein wenig mitspielt. Aber die deutschen
+Zigeuner sind keineswegs ein so müßiges, faules Volk, wie gewöhnlich
+kurzerhand angenommen wird; man darf sie in dieser Beziehung nicht mit
+den Zigeunern anderer Länder vergleichen. Man beachte einmal das Leben
+und Treiben am Halteplatz des Wohnwagens und man wird sofort sehen, daß
+der deutsche Zigeuner nicht der Faulpelz ist, als den man ihn sich
+gemeinhin vorstellt.
+
+Dann ist vor allem die Musik seine sozusagen angeborene
+Lieblingsbeschäftigung und -Geschäft. Ohne Geige kann man sich überhaupt
+keinen Zigeuner vorstellen. Daß sie in der Musik Vorzügliches leisten
+und daß sie hervorragende künstlerische geistige Anlagen haben, ist ja
+bekannt. Da ist z. B. der Zigeuner »Votter«, ein anerkannter Virtuose,
+(Zigeunername Köhler), welcher Geige, Harfe und Klavier ohne jede
+Notenkenntnis meisterhaft spielt und einen Landesruf genießt. Er mußte
+seine Kunst vor hohen und höchsten Herrschaften zeigen. Dann der
+Zigeuner J. _Reinhardt_, Zigeunername »Mala«, – »Meineli« Zigeunername
+seiner Mutter Preziosa, Vater Jakob Reinhardt, – der blind geboren und
+ein so vorzüglicher Geigenspieler ist, daß er unter den Zigeunern selbst
+die größte Bewunderung erregt und als einer der besten lebenden Spieler
+angesehen wird. Man muß z. B. ihn als »Kunstgeiger« oder den
+»Kanarienvogel« oder ein Fantasiestück spielen gehört und gesehen haben!
+Die besten Musikkenner bewunderten schon die Technik, das warme, feurige
+Gefühl, die hinreißende Gewalt der Töne, die der blinde Künstler,
+begeistert vom eigenen Spiel, seinem Instrument entlockt. So könnte ich
+noch viele anführen, welche einfach großartiges in der Musik leisten.
+Natürlich bringen es nicht alle zu einer solchen Meisterschaft. Blas-
+und Blechinstrumente lieben die Zigeuner nicht, doch gibt es hierin auch
+einige Ausnahmen und einige Stämme (Familien), machen neben Streichmusik
+auch noch gute Blechmusik. Gleichguten Ruf besitzen unter anderen die
+Familien dreier meiner Schwäger, als Streich- und Blechmusiker. Auch
+sind dieselben nebenbei gesagt, eine der besten »fahrenden«
+Sängergesellschaften! Ebenso die Familien »Karl-Antoner«, Eckstein,
+Winter, Pfisterer usw. Und wie sehen die Instrumente oft aus? Kaum
+verdienen sie noch den Namen Instrumente. Der geübteste Musiker könnte
+nichts mehr mit ihnen anfangen. Anders der Zigeuner! Mit zwei, drei
+Saiten auf der Guitarre oder Violine spielt er ebenso gewandt, wie jener
+mit dem teuersten, feinsten Instrument. Statt eines Bogens genügt ihm
+auch eintretenden Falles ein Ästchen von irgend einem Baum, eine
+Weidenrute usw., statt der Haare Nähfaden. In diesem Fall muß der
+schulgerechteste Musiker zurückstehen, an solchen primitiven
+Gegenständen scheitert seine Kunst. Man muß es gesehen haben, wenn man
+den kleinen Kindern eine Geige in die Hand gibt, wie der Zigeuner nur
+durch Vorsingen oder Vorspielen die schwierigsten Musikstücke lernt, die
+Melodie wird einfach vorgesungen oder gepfiffen, er probiert es einmal,
+zweimal, beim drittenmal spielt er das Stück schon mit ganzer
+Sicherheit.
+
+Solche Gelehrigkeit und Fertigkeit ist geradezu erstaunlich. Man sieht
+und fühlt deutlich, daß der Zigeuner ein geborener Musiker ist. Durch
+ihre Musik verdienen sie ein schönes Stück Geld. Gewöhnlich
+Werktagsabends und dann Sonntags, in Vereinen usw., bei Festlichkeiten,
+machen sie auf dem Lande Musik und Konzert. Dann auch in den Badeorten,
+Luftkurorten vor den anwesenden Herrschaften. In jedem Schloß, bei
+Grafen und Baronen sprechen sie vor, zeigen ihre glänzenden Zeugnisse,
+worauf sie dann fast immer die Erlaubnis zum musizieren erhalten.
+Gewöhnlich müssen sie dann Tafelmusik machen, und gut bewirtet und
+bezahlt werden sie entlassen. Vorher vergißt es aber der Anführer nicht,
+sich ein neues »Attest« in sein »Zeugnisbuch« eintragen zu lassen, um es
+gegebenenfalles benützen und vorzeigen zu können. Die Geige ist dem
+Zigeuner sein alles. Sein Instrument ist ihm so ans Herz gewachsen, daß
+er lieber hungert und dürstet, geduldig die größten Entbehrungen
+erträgt, ehe er sich von seiner Geige trennt. Sie ist seine Ernährerin,
+seine Trösterin. Alt oder jung, die Geige gibt ihm Leben, muß ihm
+Speise, Trank und – Liebe bringen. In seinen Liedern klagt er ihr sein
+Leid, die mit ihm treu Freude und Schmerz, Glück und Unglück teilt. Und
+so singt der kleine, arme Zigeunerknabe, einsam und verlassen gar oft:
+
+ #»Me hom i tikno, tschorelo Sindenger Tschawo.
+ Mer Dai muies da mer Dad hi stildo.
+ Gamlo, baro Dewel! me hom kiake tschorelo
+ Ta mer Dades ano Stilapen, les hi bokhelo.
+ Man hi tschi har mer Baschamaskeri.
+ Me lau la da dschau ani Kertschemi,
+ Dschin da has i bresla Lowe man.
+ Naschaua pascha mer Dad ano Stilapen,
+ Djomles gaua Lowe, job has froh:
+ »Gana hilo buter kenk bokhelo!«#
+
+ »Ich bin ein kleines, armes Zigeunerkind.
+ Meine Mutter ist gestorben und mein Vater ist im Arrest.
+ Lieber, großer Gott! ich bin so arm
+ Und mein Vater im Arrest, er hat Hunger.
+ Ich habe nichts als mein Instrument.
+ Ich nehme es und gehe in die Wirtschaft,
+ Bis ein wenig Geld mein war.
+ Gehe zu meinem Vater in Arrest,
+ Gib ihm das Geld, er war froh:
+ »Jetzt hat er keinen Hunger mehr.« –
+
+Einen weiteren Erwerb findet der Zigeuner im Geigenhandel, auf den er
+sich meisterhaft versteht. Ein anderer Haupterwerbszweig ist die
+Holzschnitzerei. Fast ein jeder kann schnitzen, der eine mehr, der
+andere weniger gut. Ein jeder Zigeuner kommt eigentlich mit irgend einer
+künstlerischen Anlage auf die Welt. Der eine hat ein oft auffallendes
+Talent und Neigung zum Bildschnitzen, der andere wieder zum Zeichnen
+usw. So können einige Bekannte von mir tadellos zeichnen, dabei weder
+lesen noch schreiben. Ein Schwager von mir hatte mehr Talent zum Malen
+mit Farben, als zum Zeichnen. Er würde darin manchen gelernten
+»Dekorationsmaler« vom Lande oder der kleineren Städtchen übertreffen,
+ohne nur die geringste Anleitung je darin empfangen zu haben. Er malte
+unter anderem sehr nett den Theatervorhang und Kulissen seines einstigen
+»Reisendem Volkstheater«, mit welchem er auf den Dörfern in
+Wirtschaftssälen Vorstellung gab. Zum Schluß machte er dann mit seiner
+Familie Streich- und Blechmusik mit Gesang! Eben einer der vorhin
+erwähnten guten Streich- und Blechmusiker. Spielten z. B. »Genovefa«
+usw. Andere lernten es nur durch dies Zeichentalent ohne jede Anleitung
+oder Unterricht. Z. B. konnte ich, ehe ich 6 Jahr alt war, ehe ich eine
+Schule auch nur inwendig gesehen hatte, wie ich ja überhaupt kaum 3½
+Jahre in eine Schule kam, schon gut lesen und schreiben, eben durch mein
+Zeichentalent angeregt. Ich zeichnete die gedruckten Buchstaben meines
+Namens, schnitzte sie auch ins Holz und lernte sie so kennen, lesen und
+schreiben. Als gute Holzschnitzer verfertigen die Zigeuner mit vielem
+Fleiß und Talent allerhand, so Tabaks- und Zigarrenpfeifen,
+Zündholzsteine, Salatbestecke (Messer, Gabeln, Löffeln), Haarschmuck,
+Spazierstöcke usw. Alles mit schönen Schnitzereien verziert. Bedeutendes
+leistete hierin ein Vetter von mir, welcher vor nun 7 Jahren gestorben
+ist. Im württembergischen und badischen Schwarzwald verkaufte er seine
+Arbeiten und hatte dadurch einen schönen Verdienst. Heute noch kann man
+in den genannten Gegenden seine sauber, originell und kunstvoll
+gearbeiteten Erzeugnisse sehen, die die Besitzer selbst um teures Geld
+nicht hergeben würden. Der beste mir bekannte Holzschnitzer, ein
+Künstler darin, war der im Jahr 1903 verstorbene G. Winter. Mit den
+primitivsten Werkzeugen verfertigte er wirklich nur Kunstvolles. Er
+verkaufte seine Sachen teuer und fand auch immer Abnehmer. Keiner der
+heute lebenden Zigeuner erlangte bisher wieder solche Fertigkeit im
+Schnitzen wie dieser. – Ein anderer württembergischer Zigeuner besaß ein
+besonderes Geschick darin, Kruzifixe, hl. Bildnisse, (Statuen) und
+Violinen, Guitarren zu verfertigen. Selbst von Kennern wurde seine
+Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit anerkannt, so lieferte er manche
+Arbeit in verschiedene Anstalten für kirchliche Kunst. In katholischen
+Gegenden wurden seine Heiligen-Figuren gerne gekauft und in mancher
+Kirche und an Straßenkreuze durfte er den Christus machen. Einmal
+spielte ihm und seiner Kunst der Aberglaube in einer gewissen Gegend des
+Unterlandes einen bösen Streich. Er durfte da an das große Kreuz, am
+Eingang einer Wallfahrtskirche, den Heiland schnitzen. Kaum war er an
+das Kreuz angemacht, bewundert und gelobt von den frommen Besuchern, als
+ein paar Tage darauf, bei einem Gewitter der Blitz in das Kreuz schlug
+d. h. nur der Christus wurde vom Kreuz weggerissen und gänzlich
+zertrümmert. Wie nun die abergläubische Landbevölkerung einmal ist,
+wurde dieses Naturereignis dem armen Teufel schwer ausgelegt. Es war ein
+sicheres Zeichen, daß der Herrgott selbst so seine Meinung kundgab, daß
+er nicht von so einem gottlosen Zigeuner »gemacht« sein wollte. Solche
+Reden hörte man nach dem Ereignis. Der Pfarrer kam, weil er den Auftrag
+gegeben hatte, auch nicht ganz glimpflich weg. Der Zigeuner fand keine
+Abnehmer mehr für seine »Heiligen« und wenn sie auch noch so schön und
+künstlich geschnitzt waren. Er mußte daher diese Gegend meiden.
+Selbstverständlich durfte auch nicht er den neuen »Herrgott« machen,
+der wurde aus einer christlichen Kunstanstalt bezogen. Dieser Zigeuner
+konnte auch, wie bereits gesagt, tadellos gearbeitete Geigen usw.
+machen. Dadurch hatte er immer einen Verdienst, meistens lieferte er nur
+für die Zigeuner selbst seine Instrumente, aber auch in die größten
+Städte und Musikhandlungen verkaufte er öfters seine täuschend
+»imitierten« alten Meistergeigen, wo dieselbe dann für schweres Geld,
+als »echte« Steiner oder Quanari usw. als durch »glücklichen Zufall« in
+Besitz gelangte, an den Mann gebracht wurden. Dann ein naher Verwandter
+von mir »Kohler« (Zigeunername; sein rechter Name: Guttenberg, August),
+der heute fast ganz erblindet ist, besitzt auch den Ruf als äußerst
+geschickter Bildschnitzer und heute noch macht er, als halbblinder, noch
+sehr schöne Sachen. Unter anderem kann man Arbeiten von ihm im Museum
+für Volkskunde (Abteilung Europa) zu Basel, sehen.
+
+Nachdem ist einer der wichtigsten Erwerbszweige der Zigeuner der
+Pferdehandel. Schweinehändler ist der deutsche Zigeuner niemals und noch
+nie gewesen. Sie sind tüchtige und gute Pferdekenner, was ihnen niemand
+abstreiten kann. Sie besitzen und kennen gute, sicher wirkende
+Heilmittel gegen Pferdekrankheiten. Man mag da noch so sehr schreien
+über »Quacksalberei«, es ist doch so! Auch verschiedene Kunstgriffe
+verstehen sie, die zwar nicht dem Käufer, wohl aber ihnen – nutzen. Auf
+die Beschreibung dieser »Zunftgeheimnisse«, deren es hier und bei
+anderen Gelegenheiten, eine große Anzahl gibt, muß ich aus leicht
+begreiflichen Gründen verzichten. Einige der berühmtesten Pferdehändler
+bei uns sind z. B. der bezw. die Familie (Sippe) »Schnurmichel«
+Familienname »Christ!« Überhaupt die aus vier Brüdern bestehende Sippe
+und deren Söhne. Sodann »Gadscho« (Zigeunername; richtiger Name:
+Lehmann), unser derzeitiger Hauptmann. Beide sind durch ihren
+Pferdehandel zu einer ganz netten Wohlhabenheit gekommen. Weiter noch:
+Franz Reinhardt und dann noch die in ganz Preußen bekannte Familie
+Petermann; besonders bekannt davon »Leidschi« (Zigeunername). Schöne
+Pferde, möglichst mehrere, schöne, glänzende Geschirre, verziert und
+beschlagen mit Neusilber, Messing usw. ist dem Zigeuner sein größter
+Wunsch und sein Stolz und gilt außerdem für Wohlhabenheit. Rührend ist
+auch die Liebe, die der Zigeuner für diese Tiere hegt. Den letzten
+Bissen teilt er mit ihnen. Dagegen hat er gegen das Putzen derselben
+eine merkwürdige Abneigung.
+
+Von anderen, den »_geheimnisvollen Berufen_«, will ich schweigen, sie
+sind ja auch so bekannt, also erübrigt sich eine Beschreibung. Auch mit
+Schirm- und Kesselflicken suchen sie sich durchs Leben zu schlagen. Die
+ungarischen Zigeuner betreiben auch noch die Goldwäscherei,
+Schmiedehandwerk und sind z. B. sehr tüchtige Hufschmiede. Letztere
+Berufe betreiben die deutschen Zigeuner nicht. Diese versuchen sich
+überhaupt in allem möglichen. Der Feldarbeit, Landwirtschaft bringen sie
+zwar keine Sympathie entgegen, doch verdingen sie sich oft in letzter
+Zeit, im Herbst zum Rüben- und Kartoffelgraben und öfters noch versuchen
+sie sich heutzutage durch Steinklopfen ihren Lebensunterhalt zu
+verdienen. Auch als Schausteller, Schauspieler, Zirkusbesitzer,
+Schildersänger, Tierdresseur usw. suchen sie ihr Fortkommen. So der alte
+Reinhardt mit seinen wirklich gut dressierten Vögeln, Kanarienvögel,
+Finken, Staren, Lerchen und Spatzen. Diese vollführen alle möglichen
+Kunststücke, alles in Freiheit und mit voller Flugfähigkeit ausgeführt.
+Eine geladene Kanone abschießen, (natürlich #en miniature#) Wagen
+ziehen, einige als Passagiere, Kutscher, Pferde usw. Auch eine hübsche
+Pantomime führen sie zusammen auf. Weiter der Zigeuner Pfaus, welcher
+in Sälen und Schulen eine dressierte Ringelnatter zeigt, über 1 m groß
+geworden, die er gewöhnlich durch die Knopflöcher an seiner Joppe
+gezogen, so daß der Kopf, mit dem immer beweglichen Zünglein, gleichsam
+als riesige Krawattennadel oben am Hals herausschaut. Ein Wunder für die
+einfältigen, törichten Bauern, die solch ein harmloses Tier als giftig
+und schädlich ansehen und es töten, wo sie eines erwischen, zu ihrem
+eigenen Schaden. Dabei hat er noch einen dressierten Raben, Pudel und
+Katze, alle schwarz wie ein Teufel, pardon wollte sagen Mohr! Alle vier
+fressen, lecken aus einer Schüssel, schlafen beieinander in schönster
+Harmonie und kein Zank oder Streit hat diese ihnen gestört. Ein gewiß
+höchst interessantes Bild für den Natur- und Tierfreund. Auch zeigt er
+immer einige zahme und originell dressierte Igel.
+
+Der Zigeuner Hock war Akrobat, Messerschlucker, Schlangenmensch und
+Zauberkünstler. Unter anderem produzierte er sich auch als
+»kugelsicher«; letzteres wurde sein Verhängnis. Er lud eine Pistole,
+zeigte die Kugel d. h. lies sie vom Publikum untersuchen auf ihre
+Echtheit und beim Zurückgeben vertauschte er sie gewandt und unbemerkt
+mit einer zu diesem Zweck immer kurz vorher präparierten Kugel aus
+Cichorie. Hierauf forderte er einen der Zuschauer auf und gab ihm die
+vor aller Augen geladene Pistole in die Hand, ihm auf die entblößte
+Brust zu schießen. Gab sich niemand dazu her, so tat er es auch selbst.
+Natürlich verletzte ihn die weiche Cichorienkugel nicht. Gewöhnlich
+verfing sich dieselbe in den Kleidern oder fiel zu Boden, wo er sie dann
+schnell und unbemerkt zertrat. Die bereit gehaltene »echte« Kugel aber
+ließ er entweder gleich nach dem Schuß auf den Boden fallen oder zog
+sie, je nach dem, auch aus dem Hemd oder der Hose hervor und zeigte sie
+vor. So gab er wieder einmal Vorstellung und der dazu Aufgeforderte
+schoß auch gleich auf ganz kurze Entfernung auf den Künstler. Mit einem
+lauten Aufschrei brach dieser tot zusammen. Er hatte die Kugel nicht
+verwechselt, wie die in den Trick Eingeweihten zuerst annahmen, sondern
+hatte, statt einer kurz vorher präparierten Kugel (die man nachher fand
+und die ganz weich war), eine jedenfalls vergessene schon von längerer
+Zeit gemachte Cichorienkugel erwischt, welche durch die Länge der Zeit,
+hart und fest geworden und durch die Brust ins Herz gedrungen war.
+
+Die beiden Brüder Stein, welche sich als Kunstwasserschwinger und
+Feuerwerker produzieren, wählen zu ihren Produktionen und Vorstellungen
+immer die höchsten Brücken über Flüsse oder, wo keine Brücken sind,
+machen sie selbst ein hohes Gerüst aus Leitern, von wo herab sie ihre
+Kunstsprünge, den Körper mit Raketen eingehüllt, die vor dem Sprung
+angezündet werden und während dem Abfeuern der Raketen, allerhand
+schwierige und schöne Wasserkunststücke sehr elegant und gewandt
+ausführen. Der ältere brach schon zweimal den Fuß bei diesem oft recht
+gefährlichen »Kunstsprung«! Der jüngere ist außerdem einer der besten
+Guitarrespieler und Künstler auf diesem Instrument von uns deutschen
+Zigeunern.
+
+Ein wirklich hervorragender Künstler auf der Guitarre, von keinem
+anderen Zigeuner vor- und nachher übertroffen, war der Zigeuner Blach
+(Zigeunername: »Gokkel«.) Er spielte darauf ganze Opernauszüge. So z. B.
+Auszüge aus »Troubadour« – »Martha« – »Undine« usw. Einfach eine
+Berühmtheit auf diesem Instrument.
+
+Ich selbst war schon alles mögliche: Schausteller, Rekommandeur,
+Dresseur, Schauspieler, Pferdehändler, Zauberkünstler, Impresario von
+der »Anitzka« die bärtige Dame, Zirkus- vielmehr »Kunstarena«- und
+Singspiel- und Konzert-Direktor, Kunstschwimmer und Athlet und
+Ringkämpfer, heute vom Schicksal unerbittlich verfolgt nur noch –
+Hausierer.
+
+Der Zigeuner Winter (Zigeunername: »Hose«), der mit seinem Bruder und
+Geschwistern einen kleinen Zirkus hatte, d. h. ein Rondel und sein
+Geschäft in nettem Zustande hatte, trat als Brustathlet, Kettensprenger,
+Ringkämpfer, nebenbei noch mit einem dressierten, großen Affen und einem
+Pferd #à la# »Hans« auf. Der Affe war sein Untergang. Er war ein gar
+lieber, treuer Freund zu mir. Ein aufrichtiger, liebenswürdiger und
+trotz seiner Bärenkraft nur gemütlicher, braver Mensch. Darum das ihm
+zugestoßene Unglück um so bedauerlicher. Er gab wie immer (im
+Sigmaringischen) eines Abends Vorstellung. Unter den Zuschauern war ein
+noch junger Bursche, (ein Schaukelbursche und Sohn von einem Geschäft,
+welches auch auf dem Platz aufgebaut hatte, neben dem Rondel der Gebr.
+Hose) dieser störte die Vorstellung fortwährend durch laute Rufe, freche
+Bemerkungen, man merkte, daß er mit Gewalt die Vorstellung stören
+wollte. Da er auf keine Zurechtweisung hörte, wurde er schließlich von
+meinem Freund, dem älteren Hose, kurzer Hand an die Luft spediert und
+man glaubte, der Fall wäre erledigt. Dem war aber nicht so. Nämlich der
+erwähnte Affe war unter anderem auch dazu dressiert, während des
+Spielens, inwendig vom Rondel (Rundleinwand) stets im Kreise herum zu
+laufen, auf den Hinterfüßen, aufrechtstehend, um zu verhindern, daß
+jemand unbefugterweise die Rundleinwand aufhebe und gratis zuschaue. Es
+war mehr zur Abschreckung der Dorfjugend und um ein Beschädigen,
+Zerschneiden der Leinwand zu verhindern. Diesem Affen, ein ganz und gar
+gutmütiges Tier, stach der rohe Kerl von außen durch die Leinwand
+hindurch, das Messer in den Leib, so daß er schreiend und röchelnd
+verendete. In gerechtem Zorn sprang nun mein Freund hinaus, um den
+Übeltäter zu züchtigen oder vielleicht auch nur, ihn festzuhalten. Und
+da geschah das abscheuliche, der rohe Patron stieß ihm das noch vom
+Blute des Affen rauchende Messer ins Herz, so daß ich nur noch sah, wie
+er, wie vom Blitz getroffen, lautlos zu Boden stürzte. Der Bursche
+verschwand in der Dunkelheit. Die Vorstellung hatte ein jähes Ende
+gefunden. Wohl entging der Täter der irdischen Gerechtigkeit nicht, aber
+ein guter, braver Mensch war nicht mehr.
+
+Trotz diesen vielerlei Beschäftigungen kommt der Zigeuner in den
+seltensten Fällen auf einen grünen Zweig. In seinem leichten Sinn, wenig
+um das »morgen« besorgt, lebt er nur dem »heute!« Sind alle Mittel zu
+Ende, so lebt er solange sorgenlos dahin, bis er vom Hunger und Durst
+gequält, hauptsächlich im Winter, dem gefürchtetsten Gast des Zigeuners
+mehr als einmal bereit ist, den Unterschied zwischen »Mein« und »Dein«
+zu verwechseln. Doch auch in solchen mißlichen Lagen, verliert er seinen
+Humor nicht und nimmt manches auf die leichte Achsel, was ein anderer
+nicht gerade so leicht finden würde. Schon von Jugend auf wird er an
+alle Arten Entbehrungen gewöhnt. Sehr oft ist Schmalhans Küchenmeister
+und statt einem fetten Stück Schweinefleisch und einem guten Schluck
+Branntwein, muß er sich öfters nur mit Wasser und Brod begnügen. Was
+andere schon in frühester Jugend nicht mehr entbehren können, lernt er
+erst oft in sehr gereiften Alter kennen, so z. B. erzählt einer meiner
+»Kako« (Vetter) oft, wie er der »Bibi« (Tante), seiner Frau, erst kurz
+vor ihrer Verheiratung die ersten Schuhe kaufte. Als sie die Schuhe beim
+Kaufmann anprobierte, so fragte sie, als sie den einen Schuh angezogen
+hatte, ganz verzweifelt: »Kamlo Rom (lieber Mann) einen hätte ich an,
+jetzt wo gehört der andere hin?«
+
+Das bisher gesagte beweist also zur Genüge, (das nachfolgende wird es
+noch weiter beweisen) daß die Zigeuner – nicht allein vom Betteln und
+Stehlen leben!
+
+Am meisten muß zur Versorgung und Erhaltung der Familie die _Frau_
+beitragen, welche sich durch allerlei gute, sichere Zaubermittel,
+Wahrsagen, Kartenschlagen usw. fast immer ein gutes Stück Geld erwirbt.
+Daß die Zigeuner viele Heil-, Zauber- und Geheimmittel haben, die stets
+sicheren Erfolg haben und bei den Bauern, notabene auch bei den
+Städtern, in hohem Ruf stehen, durch die dadurch erzielten oft
+wunderbaren Kuren und Erfolge, ist gut bekannt. Weniger bekannt ist
+vielleicht, daß die Zigeunerinnen auch sehr gute Tänzerinnen sind,
+Sängerinnen, Flechterinnen von allerlei nettem Flechtwerk. Die
+hervorragendsten unter ihnen besitzen nicht nur bei der Landbevölkerung,
+sondern auch bei ihren eigenen Stammesgenossen einen hohen Ruf und
+stehen bei letzteren in sehr hohem Ansehen. Solch eine #»brawi
+Dschuwel«# (Ehrenname für Zigeunerinnen), wird den anderen stets als
+Beispiel vorgehalten und sind solche auf ihren Ehrennamen stolz und auch
+mit Recht. Eine der berühmtesten und angesehensten Wahrsagerinnen, die
+im Wahrsagen aus den Linien der Hand sozusagen einzig dastand und einen
+Weltruf (?) genoß, war meine Schwiegermutter bei uns deutschen
+Zigeunern. Außerdem war sie ein sehr schönes Weib, mit wunderbar kleinen
+Füßen und konnte ausgezeichnet tanzen. Sie produzierte sich auch als
+Fußspitzen- und Kunsttänzerin, indem sie auf einem Teller tanzte. Selbst
+wir, die wir doch so oft das Schauspiel sahen, bewunderten immer wieder,
+die auf solch einem Teller ausgeführten schönen Tänze. Infolge einer
+körperlichen Entstellung gab sie dies Tanzen kurz nach einem Unfall auf.
+Umsomehr steigerte dies Mißgeschick direkt ihren Ruf als Wahrsagerin und
+weise Frau, weil sie den Unfall Jahre vorher prophezeit hatte. Dieser
+Unfall zeigt zugleich, wie man in gewissen Kreisen die Zigeuner trotz
+dem Jahrhundert der Humanität, immer noch als vogelfrei zu betrachten
+scheint. Ich will ihn daher etwas ausführlicher schildern.
+
+Es war an der bayerisch-österreichischen Grenze, noch auf dem Gebiet des
+»heiligen« Landes Tirol, als im Anfang ihrer Ehe meine Schwiegereltern
+in Gesellschaft, in einer Lichtung im Wald das Lager aufgeschlagen
+hatten. Die Frauen waren alle zurück aus den Dörfern und waren alle
+guter Dinge. Nur meine Schwiegermutter war noch nicht zurück, als man
+den aufgestellten Späher das Zeichen »Vorsicht« geben hörte. Gleich
+darauf gab er das Zeichen »Gefahr« und sofort auch »Hilfe«! Einige
+Männer, darunter mein Schwiegervater sprangen in die Wagen, um sich zu
+bewaffnen und dann der vom Späher angedeuteten Richtung zu. Die Frauen
+und Kinder brachen alles ab und zerstörten die Feuer, die Pferde wurden
+eingeschirrt und im nu war alles zur Flucht, zur Abreise hergerichtet.
+Der Späher meldete, daß er Hilferufe gehört habe und zwar habe er
+zuletzt deutlich die Stimme der »Madel« (Zigeunername meiner
+Schwiegermutter) erkannt. Gleichzeitig ertönten wieder die in unserer
+Sprache abgegebenen, gellenden Hilferufe und viel näher. Kein Zweifel,
+es war die noch nicht Zurückgekommene und allem Anscheine nach war sie
+in großer Gefahr. Alle stürzten in fieberhafter Eile der Richtung nach,
+von welcher die Hilferufe kamen. Sehen konnte man in dem tiefen Wald
+noch nichts. Da, in nächster Nähe der Straße, war eine etwas größere
+Lichtung, wo die Männer das nun folgende, abscheuliche Schauspiel mit
+ansehen mußten. Ein Gendarm stand da neben meiner Schwiegermutter, riß
+an ihr herum, er wollte sie fesseln. Sie wehrte sich dagegen, da stieß
+er sie mit dem Gewehrkolben in ganz unmenschlicher Weise, in Rücken, auf
+die Brust, den Leib, so daß sie einigemale zu Boden stürzte; und sie war
+in – hochschwangerem Zustand. Ihr Mann sprang rasend vor Zorn und Wut
+auf den rohen, wüsten Gendarmen zu, seinem mißhandelten Weibe zu Hilfe
+und ihr zurufend. Darauf sprang diese auf und wie ein gehetztes Reh
+davon, aber statt ihrem Manne entgegen, in der Richtung der Straße zu.
+Da nahm der Gendarm das Gewehr, schoß nach der Fliehenden, und mit einem
+markerschütternden Schrei fiel sie am Waldesrand nieder. Entsetzen
+ergriff die Männer über solch einer gräßlichen Tat, an einer wehrlosen
+schwangeren Frau. Alles glaubte, sie wäre tot. Ihr Mann stumm und weiß
+wie der Tod, stand im gleichen Moment vor dem Mörder. Seiner Sinne nicht
+mehr mächtig, schoß er dem Gendarm die volle Ladung seiner Pistole ins
+Gesicht, so daß ihm das Hirn des Elenden ins eigene Gesicht spritzte. Er
+hatte es verdient.[1] Die andern hatten sich um das, wie sie glaubten,
+erschossene Weib bemüht, die zwar in Ohnmacht aber nicht tot dalag und
+einem Kind das Leben gegeben hatte. Dies Kind ist jetzt – meine Frau.
+Die Mutter hatte nur einen Streifschuß erhalten, aber das Auge war
+verletzt, so daß es auslief und sie einäugig war, was sie, vorher eine
+der schönsten Frauen, sehr entstellte. Der Gendarm wurde absichtlich
+liegen gelassen, nichts von seinem Eigentum angerührt, Tag und Nacht
+gefahren und die Gegend für immer verlassen. Später hörten wir, daß die
+Zigeuner stark im Verdacht waren, aber schließlich bestimmt angenommen
+wurde, der Gendarm wäre bei einem Renkontre mit Wilderern getötet
+worden. Und weswegen diese Scheußlichkeiten? Der Gendarm beschuldigte
+die arme Frau, eine – Katze gestohlen zu haben, es habe jemand zugesehen
+und ihm Anzeige gemacht. Das war nicht wahr und wenn es gewesen wäre,
+berechtigte dies dann zu so brutalen, rohen Mißhandlungen? Durfte er
+zwei Menschenleben vernichten (das dem nicht so war, ist nur ein
+glücklicher Zufall gewesen) wegen einer – Katze? Er, der Gendarm
+titulierte die unschuldige Frau auch noch mit solch unverschämten,
+gemeinen Redensarten, die hier nicht wiederzugeben sind. Auch sagte er,
+sie habe die Katze wieder durchgehen lassen, das habe sollen ein Braten
+geben usw. Aber wir deutschen Zigeuner essen Katzenfleisch usw. niemals,
+selbst in der größten Not nicht. Nach unserem Gesetz streng verboten!
+Wer es übertritt, ist #»baledschido«# (unehrlich). Alle Beteiligten sind
+schon längst tot, d. h. mit Ausnahme der unbeteiligten Kinder, daher
+meine offene und gewissenhafte Schilderung, d. h. wie ich sie oft aus
+dem Munde der direkt Beteiligten gehört habe. Die Zigeuner sind weder
+Mörder noch Kinderräuber, das wird ihnen zu Unrecht nachgesagt. Ich
+selbst und der größte Teil der Zigeuner bedauern tief solche
+Ausschreitungen, wie die eben mitgeteilte, aber ich frage: Was hätte ein
+anderer Gatte getan, in den gleichen Umständen, angesichts solcher
+unmenschlicher Behandlung und einer solchen abscheulichen Tat? Die Tat
+des Gatten ist absolut nicht zu billigen, aber schließlich zu begreifen.
+Hätte man der Gerechtigkeit ihren Lauf gelassen, so wäre, so gewiß als 2
+und 2 vier ist, nicht der Gendarm, wohl aber die Frau zu ihrer
+Frühgeburt, zu ihrer Entstellung, zu ihren Mißhandlungen – noch bestraft
+worden. Gerechtigkeit damals und insbesondere gegen die Zigeuner! Auch
+wäre es eine Feigheit gewesen und Infamie nach unseren Sitten und
+Anschauungen, die Frau arretieren zu lassen, vom anderen ganz zu
+schweigen. Daß die Sache ein solch schreckliches Ende nehmen würde,
+ahnte Niemand, der Feigling von Gendarm wohl am allerwenigsten. –
+
+ [Fußnote 1: nach dem Recht der Naturvölker. D. H.]
+
+Wie ich ja schon an anderer Stelle betonte, muß ich es mir versagen, auf
+die _nicht immer ehrlichen »Berufe«_ der Zigeunerinnen, wie Zauberei,
+Traumdeuterei, Wahrsagerei, Hexenbannerei und Austreiberei usw., sowohl
+bei Menschen wie Vieh, näher einzugehen! Hauptsächlich betrifft das
+unser Wahrsagen aus den Linien der Hand. _Ein Verrat hierin würde
+augenblicklich schwer bestraft werden. Derjenige würde kein Glück, keine
+Rast und Ruh mehr haben. Die Verstorbenen würden es rächen._ Es ist dies
+einzig unsere Kunst, mit der die Zigeunerin sicher und unfehlbar, sowohl
+die Zukunft als auch Vergangenheit ergründet und das größte Geheimnis
+bleibt für jeden Nichtzigeuner![2] #Tschatschopaha!# Auch sollte man
+nicht so viel Aufhebens davon machen und immer und immer wieder
+losdonnern gegen die »unehrlichen« Gewerbe Hexerei, Betrügerei! Was
+schadet es, wenn hin und wieder die Dummheit etwas bestraft wird? Warum
+sollen wir Zigeuner gegen die Dummheit kämpfen, wenn es selbst die
+Götter nicht vermögen? Aber nützen soll sie uns![3] Man bedenke auch,
+daß sie selber abergläubisch sind und an manches selber felsenfest
+glauben! Aber auch gutes kann eine Zigeunerin mit ihren oder durch ihre
+»lichtscheuen« Gewerbe stiften, selbst Verbrechen verhindern, was das
+folgende illustrieren soll.
+
+ [Fußnote 2: So meint der Verfasser.]
+
+ [Fußnote 3: Das ist die Auffassung der Zigeuner. Der Verfasser
+ denkt wohl schon etwas anders. Seine eigene Frau vermeidet das
+ Wahrsagen als unehrenhaft!]
+
+Kam da eine mir nah verwandte Zigeunerin (es war im Neckartal und noch
+gar nicht so lange her) zu einer als abergläubisch bekannten Frau, die
+sich ihres Mannes (einem Säufer) entledigen wollte. Eine »weise« Frau
+(keine Zigeunerin!! Man sieht, nicht blos Zigeuner verstehen sich auf
+»unehrliche« Geschäfte!) hatte ihr ein Mittel hierzu angeraten, _ein
+gutes, tatsächlich sicher wirkendes_. Die Frau war im Begriff dasselbe
+anzuwenden bezw. machte Anstalt hierzu. Nämlich sie mußte in den drei
+höchsten Namen, mit der linken Hand, Holz und Stroh unter das Bett ihres
+Mannes häufen und dies, wenn der Mann schlief – anzünden, auch in den
+drei höchsten Namen, aber alles unbesprochen d. h. von anderen nicht
+dabei angeredet werden, sonst hatte die Zauberei _keine_ Wirkung,
+andernfalls aber wirkte es sicher und zwar so, daß Niemand, außer der
+Eingeweihten, _das Feuer brennen sah_! Auch mußte man es am Freitag tun.
+Die Frau wurde _durch_ das Dazwischenkommen meiner Verwandten
+_verhindert_, das Verbrechen _auszuführen_. Sie überredete die Frau, daß
+sie ihr ein ganz anderes, leichtes und gutes Mittel zu diesem Zweck
+wisse und die Frau vertraute ihr ganz und gar. Natürlich fiel es meiner
+Verwandten nicht ein, den Mann beseitigen zu helfen. Ihr genügte, einen
+»sicheren Verdienst« auf lange Zeit hinaus gefunden, die Frau an einem
+schweren Verbrechen, den Mann vor einem schrecklichen Tod, bewahrt zu
+haben. Das genügte ihr! Aber man sieht, es gibt in Bezug auf Moral noch
+Tieferstehende, als wir Zigeuner; denn Mord wird uns wohl zwar
+nachgesagt, aber mit Unrecht. Nur in einem Fall erinnere ich mich, wo
+eine Zigeunerin zur Kindesmörderin wurde. Diese war dann auch ihr Leben
+lang #»baledschido«# (ausgestoßen von aller Gemeinschaft, geächtet).
+Ebensowenig sind sie Kinderräuber (wenn auch früher vielleicht mal in
+einzelnen Fällen), denn sie haben selbst genug, brauchen also absolut
+keine zu stehlen. Daß sie Menschenfleisch äßen, ist eine haarsträubende
+Lüge. Ebensowenig essen wir deutschen Zigeuner Pferde-, Hundefleisch
+oder gar Aas, wie z. B. die ungarischen Zigeuner, die schon vergrabenes
+wieder ausgraben und verzehren, (verendete Schweine usw.). (?) Wir
+würden unser Gesetz schwer verletzen und müßten es schwer büßen. Die
+Lieblings- oder Nationalspeise ist Igelfleisch. Bei Tage werden sie ohne
+oder auch mit den dazu abgerichteten Hunden gesucht. Bei Nacht selten
+und dann nur mit Hunden. Igelfleisch wird jedem anderen Fleisch
+vorgezogen.
+
+_Moralische Empfindungen_ spricht man gewöhnlich den Zigeunern ab, aber
+sehr mit Unrecht. Mit gleichem Unrecht behauptet man, daß sie auf einer
+noch sehr primitiven Kulturstufe stehen. Gerade an ihren _Familien-_ und
+_Stammesverhältnissen_, an ihren Sitten und Gebräuchen sieht man das
+Gegenteil am besten. Früher als die Zigeuner noch in großen Haufen
+(Genossenschaften), d. h. alle Stämme eines _einzelnen_ Landes,
+Norddeutsche, Süddeutsche bildeten ein _ganzes_ für sich, (laut den noch
+existierenden mündlichen Zigeuner-Überlieferungen) reisten, hatten sie
+ihre regelrecht gewählten Anführer (Häuptlinge, Hauptleute). Die Ungarn
+haben heute noch ihre Ober- und Unteranführer (Wojwode, Saibidjo). Heute
+ist es in dieser Beziehung bei uns wesentlich anders geworden. Schon
+längst wurde es nicht mehr geduldet, in größeren zusammenhängenden
+Gesellschaften zu reisen, in den letzten Jahren wurden wir sogar
+gezwungen, nur noch familienweise in 1 bis 2 Wagen zu reisen, uns in
+kleine Trupps aufzulösen. Wir deutschen Zigeuner haben daher nur einen
+Hauptmann[4], welcher gewählt wird. Hauptmann wird nur einer, der sich
+die Achtung und Neigung der anderen zu erwerben versteht. Auch muß er
+nach zigeunerischen Begriffen etwas wohlhabend sein. Er muß ein
+bewährter und unerschrockener Mann sein. Wenn er alt, krank oder
+gebrechlich geworden, wird ein anderer gewählt, doch gilt auch hier
+»keine Regel ohne Ausnahme«, gewöhnlich aus der Familie oder
+allernächsten Verwandtschaft des bisherigen Hauptmanns. Dieser spricht
+Recht in allen Streitigkeiten der Zigeuner untereinander; hauptsächlich
+aber wenn jemand #»baledschido«# ist, d. h. wenn jemand sich gegen das
+Gesetz vergangen hat. Zu diesem Zweck ist alle Jahr ein #»Zilo«#
+(Versammlung), gewöhnlich im Herbst und zwar im Elsaß. Diese
+Zusammenkünfte sind geheim. Fremde werden in keinem Fall zugelassen. Da
+werden diese Sachen alle ausgemacht und vom Hauptmann Recht gesprochen.
+Je nach dem Vergehen auf ein paar Jahre #»baledschido«# gesprochen oder
+ganz ausgestoßen. Andere wieder »ehrlich« gemacht oder auf weitere Jahre
+#»baledschido«# gesprochen. Nur inbezug auf die Blutrache stehen dem
+Hauptmann irgendwelche schlichtende Rechte nicht zu. Nach solch einem
+#»Zilo«# geht es immer lustig zu. Diejenigen, welche wieder ehrlich,
+also nicht mehr #»baledschido«# sind und deren Angehörigen, bezahlen,
+d. h. halten die andern frei, aus Freude darüber, wieder in die
+Gemeinschaft aufgenommen, wieder einer der ihren zu sein. Wein, Bier,
+Branntwein, alles fließt in Strömen. Es wird gesungen, getanzt,
+geschmaust, gespielt, kurz es geht recht lustig und turbulent zu. Die
+Schattenseite ist aber dann die, daß gewöhnlich der Schluß einer solchen
+großen Zusammenkunft – eine regelrechte Schlägerei ist, ja oft werden
+wahre Schlachten geschlagen.
+
+ [Fußnote 4: Der Verfasser kennt nur den Hauptmann der
+ süddeutschen Zigeuner. Dieser ist aber nicht der einzige in
+ Deutschland.]
+
+Denn zu einem solchen #»Zilo«# kommen manche, die nur ihren Feind
+suchen, der das »_Totenhemd_« an hat, d. h. die _eine Blutrache_ oder
+sonst etwas miteinander auszufechten haben. Es wird #»gepraßt«# d. h.
+man beschimpft sich gegenseitig, dann kommt es zum Handgemenge und es
+wird geschlagen, gestochen und geschossen. Ohne Blutvergießen oder oft
+auch Totschlag geht es meistens nicht ab. Angezeigt wird nichts.
+_Niemals_ verrät ein Zigeuner den anderen den Behörden. Alles wird
+wieder selbst ausgemacht. Wer etwas anzeigen oder eine Angabe machen
+würde, wonach der oder die Täter von der Behörde ermittelt würden, hätte
+#»gepukt«#, er wäre ein #»Pukerer«# und sein Tod gewiß. Wird aber der
+Täter so erwischt und verurteilt von der Behörde, so gilt diese Strafe
+nichts, d. h., wenn er die Strafe verbüßt hat, so ist er dennoch der
+Blutrache verfallen. Kommt es aber zu einer Versöhnung der Gegner (am
+meisten imponiert Mut und Unerschrockenheit), so ist die Aussöhnung
+dauernd. Zum Zeichen der Versöhnung nimmt derjenige, der Rache
+geschworen hat, zwei Gläser (Bier-, Wein- oder Branntweingläser),
+schenkt selbst von dem betreffenden Getränk ein, nimmt dann aber das
+Glas vom anderen Teil, (der Gegner dann umgekehrt), stößt an, d. h.
+trinkt ihm zu und beide leeren das Glas auf einmal. Jeder nimmt dann
+wieder sein eigenes Glas an sich; die Gegner sind versöhnt, jede Rache
+ist vergessen und alles ist vergeben. Hier nur ein Beispiel aus der
+Wirklichkeit: Bei einer zufälligen Zusammenkunft (größeren) bei Hagenau,
+einer meiner Schwäger mit einem anderen Zigeuner, der meinem Schwager
+Rache geschworen, (von ihm aus das »Totenhemd« anhatte) kam es am Abend
+in der Wirtschaft durch das unerschrockene Auftreten meines Schwagers
+zur Versöhnung der beiden Gegner. (Zeremonie wie vorgehend beschrieben.
+Bei Bier oder Wein wird dazu ein kleines Glas bezw. ¼-Literglas oder
+größeres Glas, nur wenig darin, genommen.) Wie es der Zufall wollte, kam
+kurz nach der Versöhnung ein anderer Gegner resp. zwei, Vater und Sohn,
+an. Der Zigeuner, welcher meinem Schwager Rache geschworen, sich aber
+mit ihm versöhnt hatte, hatte den beiden spät angekommenen Zigeunern
+ebenfalls Blutrache geschworen. Beide hatten also von ihm aus das
+»Totenhemd« an. Es war bereits sehr spät in der Nacht, als es wirklich
+zum Zusammenstoß kam. Das Ende war furchtbar. Der frühere Gegner von
+meinem Schwager forderte die beiden zuletzt angekommenen Zigeuner heraus,
+#»praßte«# und schoß den Sohn auf der Stelle tot und zwar am Ende des
+Hausausganges (Treppe) der Wirtschaft. Der Vater des Getöteten wollte
+seinem Sohn zu Hilfe eilen, wurde aber von dem sich wie wild gebärdenden
+Täter ebenfalls zweimal angeschossen. Eine Kugel bekam er in den
+Oberschenkel, die andere ging durch Kinn und Hals und kam am Kopf wieder
+heraus. Er flüchtete, mußte aber im Spital aufgenommen werden, wo er
+innerhalb 8 Tagen ebenfalls seinen Verletzungen erlag. Mein Schwager
+stand unmittelbar neben dem getöteten Zigeuner, als der Täter mit wild
+rollenden Augen nach dem anderen Zigeuner suchte. Wäre es nur eine halbe
+Stunde früher zum Kampf gekommen, so wäre mein Schwager oder sein Gegner
+sicher ebenfalls getötet worden. So aber fand Versöhnung statt und kein
+Haar durfte ihm gekrümmt werden. Die Sitten sind in dieser Beziehung
+streng. Da kein Zigeuner den anderen anzeigt, so erwischte man den Täter
+auch nicht. Er hat jetzt wieder das »Totenhemd« an von den verwandten
+Leuten der Erschossenen. Zur näheren Erklärung der Blutrache nur ein
+Beispiel: Vor etwa 8 Jahren hatte der Zigeuner B. Eckstein dem Zigeuner
+S. Guttenberger, als letzterer eine Gefängnisstrafe verbüßte, dessen
+Geliebte bezw. nach unseren Begriffen seine Braut – ihm abwendig
+gemacht. Nach unseren Sitten durfte bezw. mußte er sich rächen, wenn er
+kein Feigling sein wollte. Der Verführer wußte aber auch gut, daß er das
+»Totenhemd« anhatte, von dem hintergangenen Liebhaber bezw. zukünftigen
+Gatten aus.
+
+Als Guttenberger frei war, suchte er den Eckstein auf, der daran war,
+die Ehe nach unseren Anschauungen mit dem fraglichen Frauenzimmer
+einzugehen. Er traf ihn in einer Wirtschaft. Dieser, überrascht durch
+den unerwarteten Besuch, sich aber der Situation voll bewußt, erhob
+sich, um hinaus zum Wagen zu gehen, jedenfalls, um sich zu bewaffnen.
+Guttenberger zog aber sofort eine Doppelpistole und schoß nach ihm. Der
+erste Schuß ging fehl und fuhr die Kugel oben in die Stubentüre. Die
+zweite traf ihn in den Kopf und furchtbar entstellt brach er tot
+zusammen. Durch die anwesenden Bauern wurde der Täter an einer Flucht
+verhindert. Er bekam vier Jahre Gefängnis. Jetzt ist er längst frei,
+aber eines schönen Tages fällt auch er als Opfer der Blutrache. Die vier
+Jahre Gefängnis haben gar keinen Einfluß oder Bezug auf diese. Dem
+Frauenzimmer geschieht nichts. Eine Verbindung aber mit dem betrogenen
+Rächer ist für immer ausgeschlossen. Er würde dadurch #baledschido#
+werden, nicht aber sie.
+
+Außerdem ist bezw. wird #»baledschido«# (leichtere Vergehen), wer
+Hundefleisch, Pferde- und Katzenfleisch ißt, ja wer nur aus einem Hafen,
+Schüssel usw. ißt, wo solches nur darin war bezw. darin gekocht wurde,
+ebenso wer aus einem Gefäß ißt oder trinkt, welches von einer Zigeunerin
+mit dem Rock berührt, gestreift, über das sie etwa hinweggestiegen ist.
+Solche Gegenstände müssen, wenn auch noch so nagelneu, sofort vernichtet
+werden, natürlich auch das darin gekochte. #Praßen# (Beschimpfen) auf
+seine Tote, auf des #Praßenden# Frau – ohne Abwehr macht #baledschido#.
+#Baledschido# wird, wer während der Periode zu seiner Frau liegt und
+überhaupt solche Vergehen gegen die Schamhaftigkeit in und außer der
+Ehe, z. B. Besuch von Prostituierten, Onanie usw. treibt. Schwere
+Vergehen, wofür oft für immer aus der Gemeinschaft ausgeschlossen,
+geächtet und verachtet wird, sind Sittlichkeitsvergehen, widernatürliche
+Unzucht, Kindesmord usw. Die Strafe des #baledschido# besteht darin, daß
+ein solcher auf bestimmte Zeit oder zeitlebens von aller Gemeinschaft,
+Verkehr usw. der übrigen Zigeuner ausgeschlossen, verstoßen, geächtet
+ist. (Noch bei den Ausländern, bei den deutschen nicht mehr). Auch nicht
+mit ihnen zusammen reisen. Solche müssen allein reisen. (Nur
+ausländische Zigeuner, bei den deutschen Zigeunern nicht, hier
+Zusammenreisen erlaubt). Auch darf man nicht mit solch einem aus einem
+d. h. dem »geächteten« seinem Glas etwa trinken. Anstoßen,
+»Gesundheittrinken«, »Prosit« und an einen Tisch setzen, ist erlaubt.
+Nicht erlaubt wieder – aus einer Tasse, Teller usw. eines #baledschido#
+zu essen oder seine Löffel, Gabel, Messer usw. zu gebrauchen. Wer etwas
+derartiges tut, wird eben dann auch #baledschido#. Diese Strafe ist in
+jeder Beziehung für den Zigeuner schrecklich. Abgesehen davon, daß er
+von allen gemieden wird, wird er von den Behörden als Einzelner überall
+angehalten und hat seine liebe Not und Scherereien. Wie sehr auch der
+Zigeuner das freie, ziellose Herumreisen liebt, ebenso liebt er die
+Geselligkeit mit seinesgleichen. Allein von Ort zu Ort wandern zu
+müssen, vom Heimweh und Verlassenheit verfolgt, ist für ihn, bei seinem
+geselligen Wesen, die denkbar größte moralische Strafe.
+
+Wie schon gesagt, leitet und bestimmt bei den ausländischen Zigeunern
+die _Züge_ der Wojwode und die Saibidjo, d. h. es wird gewöhnlich im
+Winter, wenn alles die Winterquartiere bezogen hat, eine Versammlung
+abgehalten.
+
+ [Illustration: Zigeunerfamilie #Winter# in Allmendingen.]
+
+Da wird nun über alle den Stamm interessierenden Angelegenheiten
+beschlossen und beraten, über die Wanderungen im nächsten Sommer, die
+Züge, und jedem sein Gebiet zugeteilt. Bei den deutschen Zigeunern ist
+das anders; hier kann nur beiläufig in der Versammlung beschlossen
+werden, welche Reiseroute die einzelnen Familien bezw. kleineren
+Gesellschaften einzuschlagen haben, weil ja in Deutschland größere
+Trupps nicht mehr miteinander reisen dürfen. Jede derartige kleinere
+Gesellschaft ist für sich und der älteste der Männer ist der Führer, das
+Haupt der Truppe, er bestimmt und regelt alles. Unbedingt werden seine
+Anordnungen genau befolgt. Auch bezogen bisher die deutschen Zigeuner
+mit geringen Ausnahmen selten Winterquartiere. Nur über Weihnachten,
+Neujahr, blieben sie in einem Ort usw., sonst reisen sie das ganze Jahr.
+Jetzt ist es auch in dieser Beziehung anders geworden. Wegen den
+schulpflichtigen Kindern und der Beschaffung der Reisepapiere müssen sie
+nun auch ein wenig wohnen und zwar kommen sie dann beim Eintritt des
+Winters zu größeren Trupps in gewissen Gegenden zusammen, wo sie sich
+einmieten und um jeden Argwohn zu unterdrücken, die Miete für Monate, ja
+¼ Jahr vorausbezahlen. Einige haben schon sogar Häuser gekauft, z. B. in
+Bayern. Solche Winterquartiere befinden sich bei uns in einem Dorf bei
+Karlsruhe, bei Stuttgart und hauptsächlich im Elsaß. Ist dann der
+Winter, der gefürchtetste Gast der Zigeuner, mit seiner Not und seinem
+Elend vorüber, d. h. schaut nur die liebe Sonne aus den Wolken heraus im
+beginnenden Frühjahr, so ist kein Halten und Bleiben mehr. In
+scheinbarer Unordnung gehen die einen da, die andern dort hinaus, und
+doch ist alles so annähernd geregelt und schlägt jede Abteilung seine
+ihm vorläufig bestimmte Reiseroute ein. Von der Ordnung wird aber bald
+nichts mehr zu sehen sein, denn verschiedenes trägt dazu bei, sie
+aufzulösen, Kollusion mit der Behörde u. dgl. Da treten dann die
+Wanderzeichen in Aktion, durch die sie sich verständigen, raten und
+warnen, Mitteilungen machen, Zusammenkünfte und irgend ein Vorhaben
+signalisieren. Diese Wanderzeichen, Signale usw. finden sich weit mehr
+bei den ausländischen Zigeunern als bei den deutschen. Nur sozusagen im
+inneren Leben bedienen sich die deutschen Zigeuner einiger weniger
+Zeichen, so z. B. beim Aufstellen von Posten, Gebärdenzeichen,
+Warnungszeichen beim Erscheinen von verdächtigen Personen oder
+Amtspersonen, Gendarmen usw., wenn man sonst nicht mehr anders warnen
+kann. Früher waren auch weitere Zeichen im Gebrauch. Beim Fahren, um den
+Nachkommenden den Weg, die eingeschlagene Richtung zu zeigen, werden
+aber auch heute noch manche angewendet. Bemerkenswert ist noch der
+eigenartige _nur_ von ihnen gebrauchte und bekannte Zigeunerpfiff, nach
+Art des heimatlichen Bubenpfiffs, aber durchaus nicht mit diesem zu
+vergleichen. Ertönt der Pfiff, wo es auch sei und zu jeder Zeit, so weiß
+jeder, daß einer der ihren in der Nähe ist, ohne ihn zu sehen oder sonst
+ein Zeichen zu erhalten.
+
+Der _Gebräuche im Wohnwagen_ sind viele, von denen nur einige hier
+angeführt werden können. Eine Geburt im Wohnwagen darf nicht erfolgen,
+d. h. in keinem von ihren Wagen darf geboren werden. Ausgenommen eine
+Fehlgeburt, welche nicht als Geburt, sondern nur als eine Krankheit
+angesehen wird. Findet dennoch einmal eine Geburt im Wagen statt, so muß
+derselbe verkauft werden. Er darf von keinem Zigeuner mehr benützt
+werden. Ebenso dürfen alle darin befindlichen Gegenstände (ausgenommen
+die Kleidungsstücke) wie z. B. Koch- und Eßgeschirr, auch Löffel, Gabeln
+usw., Trink-, Eß- und sonstige Lebensmittel nicht mehr benützt werden.
+Das Bett, worin die Geburt vor sich ging, muß verkauft oder vernichtet
+werden. Wer irgend eine der angeführten Sachen dennoch wieder gebraucht,
+wird #baledschido# und zwar zählt solches zu den _leichteren_ Vergehen.
+Dennoch wird diese Sitte streng durchgeführt. Gewöhnlich erfolgt eine
+Geburt unter dem Wagen, in einem Schuppen, Scheune oder dergl. Oder auch
+ganz im Freien, im Wald, hinter einem Gebüsch usw., auf einem primitiven
+Lager. Großer Vorbereitungen bedarf es hierzu nicht. Alte Kleider, ein
+Teppich genügen zum Lager, selten wird ein Bett benützt. Im Winter z. B.
+wird auch hie und da ein Zimmer gemietet auf ein paar Tage. Treten aber
+Umstände ein, wo doch im Wagen geboren wurde, so werden dann alle
+Gebrauchsgegenstände usw., um wenigstens diese zu retten, aus dem Wagen
+entfernt und wenn es eilt, nur noch hinausgeworfen. Alles was heraus ist
+aus dem Wagen, darf nachher wieder gebraucht werden. Nach der Geburt
+darf der Wagen dann gleich benützt werden, d. h. Mutter und Kind werden
+jetzt in denselben aufgenommen. Nach 2 Tagen, höchstens 3 hat sich eine
+Zigeunerin erholt und geht wieder ihren gewöhnlichen Beschäftigungen
+nach! Von der Geburt bis zur Taufe darf von den männlichen Zigeunern,
+auch der Vater nicht, im Wagen wo die Kindbetterin ist, etwas gegessen
+oder getrunken werden. Nur was außerhalb des Wagens gekocht wird! Auch
+darf man das Kind nicht berühren, z. B. auf den Arm nehmen oder küssen.
+Für weibliche Zigeuner ist vorstehendes aber alles gestattet. Getauft
+wird so schnell wie möglich und soll es schon öfters vorgekommen sein,
+um recht viele Patengeschenke zu erhalten (gewöhnlich werden zu dieser
+»Ehrenstelle« reiche Dorfbewohner angehalten, welche die Bitte selten,
+schon wegen dem Pfarrer nicht, abschlagen), daß ein und dasselbe Kind
+zweimal getauft wurde.
+
+Im Wohnwagen darf weibliche Wäsche, Hemden, Unterkleider nicht
+aufgehängt werden, z. B. auch nicht zum Trocknen. Würde ein männlicher
+Zigeuner an solch einen Gegenstand stoßen, ihn mit dem Kopf berühren, so
+wäre er unbedingt infam, d. h. #baledschido# (unehrlich). Auch dürfen
+keinerlei Eßwaren, welche mit solch einem weiblichen Bekleidungsstück in
+Berührung gekommen sind, vielleicht durch Einwickeln oder Darauflegen,
+gegessen werden. Ausgenommen solche, welche nicht direkt in eine solche
+Berührung gekommen sind, entweder in einem Gefäß oder wenn es gut
+eingewickelt war, z. B. Getränke in einer Flasche oder Glas. Bei
+Wäschestücken von männlichen Zigeunern ist solches aber nicht der Fall.
+
+Zwei Liebende dürfen vor ihrer Verbindung nicht öffentlich, d. h. daß es
+die Eltern oder Verwandten wissen, im Wagen beieinander sein. Sie müssen
+beide miteinander vorher #»naschen«#, ehe sie als verbunden miteinander
+betrachtet werden. #Naschen# = fortgehen, fliehen, bedeutet in diesem
+Fall, daß beide mindestens einen Tag und Nacht von der eigenen Sippe
+fortgehen (auf eigene Faust) müssen, wenn auch nur in das nächste Dorf
+oder auch nur eine Stunde weit entfernt. Gewöhnlich bleiben beide aber
+länger fort und hauptsächlich diejenigen, denen die Eltern die
+Einwilligung zur Heirat verweigern. Kommen sie dann zurück, so müssen
+die Eltern wohl oder übel die Verbindung zulassen, so verlangt es die
+Sitte. Außerdem ist es strenge Sitte, daß das zurückkommende Paar
+sogleich zu den Eltern, – d. h. in erster Linie vor den Vater, wenn
+Vater nicht anwesend z. B. tot oder wegen irgend etwas _lange_ Zeit
+(Gefängnis vielleicht) abwesend, zur Mutter; falls diese auch nicht da,
+dann zu den Geschwistern, wenn vorhanden, wenn solche auch nicht, dann
+kommen erst die nächsten Verwandten – treten muß, und zwar der Mann vor
+die des Mädchens und umgekehrt, mit den Worten: »(Name des Vaters) #du
+honte da verzeiheres# (#verzeiheres# ist eines der vielen
+Zigeuner-Faulwörter! Richtig zigeunerisch muß es heißen: ... #du honte
+da – prosserrehes – mange wel# usw.) #mange wel da lejam tiri Tschai!«#)
+(»Verzeihe mir, weil ich Deine Tochter genommen habe!«) Dann erhalten
+sie zum Schluß einen Backenstreich, je nach Lage der Sache stark oder
+leicht und die Verbindung ist fertig, die Ehe geschlossen und wird
+ebenso heilig gehalten, als wenn irgend ein Priester seinen Segen dazu
+gegeben hätte.
+
+Bei einem Todesfall, d. h. stirbt eine erwachsene Person im Wohnwagen,
+(nur bei Erwachsenen, bei kleineren Kindern nicht) so müssen nicht nur
+alle die Gegenstände wie bei einer Geburt entäußert oder vernichtet
+werden, sondern hier in diesem Fall auch noch alle Wäsche- und
+Kleidungsstücke, mit Ausnahme derjenigen, die man gerade an hatte und
+der Musikinstrumente, Geld und eventuell vorhandene Bilder
+(Photographien). Was man aber noch vor Eintritt des Todes aus dem Wagen
+entfernen kann, darf weiter benützt werden. Alles übrige darf nicht mehr
+gebraucht werden, auch wenn es noch nagelneu wäre und die betreffenden
+Leute in große Not dadurch kommen. Ja, wohlhabendere Zigeuner verkaufen
+solche Sachen überhaupt nicht, sondern verbrennen einfach alles, Wagen
+usw. Ärmere verkaufen es und zwar gewöhnlich an anderes »herumziehendes«
+Volk, aber ja an keine Zigeuner, und wenn es auch ganz unbekannte wären.
+Wer diese streng eingehaltene Sitte nicht befolgt, wird #baledschido#.
+(_Schweres_ Vergehen!) Und zwar wird diese Sitte so genau und streng
+befolgt wegen der abergläubischen Furcht der Zigeuner vor ihren Toten.
+Sie glauben eben, daß die Geister der Verstorbenen, in dem von ihnen zur
+Zeit ihres Lebens bewohnten Wagen, umgehen müssen und so lange keine
+Ruhe finden, bis er vernichtet oder vom Stamm entfernt ist. Deshalb
+würden sie, wenn solch ein Wagen von den Angehörigen weiter benützt
+werden würde, allnächtlich kommen und diese quälen und Unglück über sie
+bringen. Hier liegt auch der Grund, warum die Zigeuner keines ihrer
+Geheimnisse z. B. Wahrsagen, Wanderzeichen oder anderes verraten, da sie
+meinen, diese von den Verstorbenen gelernt zu haben. Selbst solche
+Zigeuner, die #baledschido#, von aller Gemeinschaft ausgeschlossen sind,
+verraten dergleichen an Nichtzigeuner niemals.
+
+Auch sonst ist das Leben im Wohnwagen, z. B. die Beziehungen der beiden
+Geschlechter zueinander, durch Sitte und Gesetz streng geregelt. Auch in
+Bezug der Reinlichkeit stechen die deutschen Zigeuner von denen der
+anderen Länder[5] vorteilhaft ab. Es ist absolut falsch, wenn man
+glaubt, es gehe da in sittlicher Beziehung sehr frei zu. Im Gegenteil:
+die deutschen Zigeuner sind sehr schamhaft, obwohl gegen sinnliche Reize
+gerade nicht ganz unempfindlich. Aber unsittlich geht es im Wohnwagen
+niemals zu. Selbst bei den größten Stammesfesten nicht, obwohl es da
+sehr lustig und heiter zugeht, wenn die Geigen jubeln und die
+Zigeunermusik über Wald und Flur dahinrauscht.
+
+ [Fußnote 5: Kennt _Wittich_ diese? D. H.]
+
+ [Illustration: Bildnis der Stieftochter des Verfassers.]
+
+Böse und gute Menschen gibt es überall, bei jedem Volk, aber man malt
+die Zigeuner wirklich zu schwarz, wenn man sie ohne weiteres als Räuber
+und Diebe, jeder moralischen Gesinnung bar, auf eine Stufe mit den
+verkommensten, untersten Schichten unserer übrigen Bevölkerung stellt.
+Betteln, Landstreichen, wenn man ihre unbezwingbare, angeborene
+Wanderlust so nennen mag, gelegentlicher Diebstahl und kleinere
+Betrügereien mag man ihnen schließlich mit Recht nachsagen. Aber es ist
+ein großes Unrecht, wenn man, wie es bis jetzt immer geschieht, die
+Zigeuner einfach für gemeinfährliche, schlimme Menschen zu halten und zu
+verdammen beliebt! Bei genauer Beschäftigung mit ihnen würde man bald
+das den Zigeunern in dieser Beziehung zugefügte Unrecht einsehen. Wenn
+man bedenkt, daß sie von jeher schon als vogelfrei betrachtet wurden,
+wie grausam und unmenschlich sie behandelt und verfolgt wurden, wie sie
+heute noch gehetzt und gequält werden, so sollte man sich eigentlich nur
+darüber wundern, daß sie nicht noch schlechter sind, als sie in
+Wirklichkeit sind. Ist es ein Wunder bei einer so üblen Behandlung, wenn
+sie in jedem Weißen nur einen Feind und Unterdrücker ihres Volkes
+vermuten und sich deswegen gegen jedermann zurückhaltend und
+verschlossen benehmen! Die Zigeuner, dieses echt romantische,
+weltverlassene Volk, sind viel, viel besser als ihr Ruf und nur
+gutmütige, liebe, versöhnliche Menschen, gewandt und gescheit, sodaß man
+sie bei näherem Kennenlernen bald lieben lernt und ihnen zugetan wird.
+
+Merkwürdig ist es, daß die deutschen Zigeuner, so sehr sie auch
+verächtlich und demütigend von allem Volk behandelt werden, doch auf die
+Landbevölkerung gleichsam herunter sehen und den Beleidigungen und
+Beschimpfungen keinen Wert beilegen; d. h. von dem ungebildeten Volk
+können sie nicht beleidigt werden und reagieren auch nicht darauf. Sie
+haben vor den »Gadsche« (Bauern) überhaupt keine Achtung oder Respekt.
+Dagegen aber imponiert ihnen die gebildete Klasse. (#Raien#, #Raile
+Gadsche#). Hauptsächlich die Behörden! Lesen, schreiben oder Ausübung
+einer Kunst imponiert ihnen gewaltig! Anders liegt die Sache bei
+ungerechter Behandlung oder Mißhandlung, oder Beleidigungen unter ihnen
+selbst! Aber ich muß nochmals erwähnen, daß bei keiner strafbaren
+Handlung, mag sie heißen wie sie will, ein Zigeuner den andern dem
+Gericht verrät oder anzeigt. Ausnahmen sind äußerst selten. Selbst
+Todfeinde denunzieren oder zeigen nichts an, weil sie eben ihr eigenes
+Gesetz und Strafen haben, das überall und immer streng ausgeübt wird
+untereinander. Strafen, welche Zigeuner verbüßen oder verbüßt haben,
+z. B. wegen Bettel, Betrug, Diebstahl usw., gelten nicht als entehrend,
+sondern solche Strafen werden als eine Art Ehrenstrafen betrachtet. Am
+angesehensten und geachtetsten bei den Zigeunern sind solche Zigeuner,
+welche gut betteln, stehlen, wahrsagen usw. können. Solche werden den
+andern Zigeunern immer als »gute« Beispiele angeführt. Solchen werden
+Ehrennamen (#brawi Dschuwel#, #brawo Sinto#) beigelegt.
+
+Welcher _Religion_ gehören die Zigeuner an? Eine schwierige Frage! Vor
+lauter Sprachforschung, scheint es mir, hat man die Religionsforschung
+(wenn ich mich so ausdrücken darf) vergessen![6] Haben sie eine eigene
+Religion? Dies zu beantworten, wird, fürchte ich, noch schwieriger sein,
+als ihre Herkunft zu ermitteln. Es heißt, kein Gebrauch, kein Symbol,
+kein Kultus weise darauf hin, daß die Zigeuner eine Religion haben bezw.
+einmal eine besessen hätten. Man weiß nicht mehr, als daß die Zigeuner
+in christlichen Ländern römisch- oder griechisch-katholische Christen
+wären usw. Hat Jemand dies zu ergründen schon jemals ernstlich den
+Versuch gemacht? Und wenn sie wirklich keine Religion haben, müßte man
+ihnen da nicht solche bringen? Wer den Heiland nicht kennt, von der
+christlichen Lehre nichts weiß, der ist ein Heide, also sind die
+Zigeuner Heiden! Übrigens auch in einigen Gegenden so geheißen. Es gibt
+ja noch viele Heiden in den großen, fremden Ländern und Erdteilen, und
+doch die Christenheit sendet hier Diener Gottes hin, getreu dem Gebot
+des Heilandes folgend; aber um die armen Zigeuner kümmert sich niemand,
+obwohl sie der ganzen christlichen Welt sozusagen unter den Augen
+herumlaufen! »Die Zigeuner sind für Religion nicht zu haben«. Das ist
+eine häufige Behauptung und damit soll alles abgetan sein? Fühlt man
+weiter keine Verantwortung, weder in christlichen noch in kirchlichen
+Kreisen?
+
+ [Fußnote 6: d. h. die Sprachforscher interessieren sich für die
+ Zigeuner viel mehr, als im allgemeinen die Diener Christi. D. H.]
+
+Weist wirklich nichts auf eine Religion der Zigeuner hin? – Warum sagt
+der Zigeuner niemals »der« Gott, sondern immer »mein« Gott? (#Miro baro
+Dewel# – mein großer Gott!) Will er damit nicht andeuten, daß er auch
+einen Gott habe, den er als seinen Gott von dem der anderen Menschen
+unterscheidet, oder ist es nur eine zufällige Sprachgewohnheit? Beweist
+es nicht wenigstens, daß die Zigeuner auch an ein höchstes Wesen
+glauben! Und ebenso glaubt er an ein Fortleben der Verstorbenen nach dem
+Tode.
+
+Je nachdem bringen sie ihm Glück oder Unglück. Um letzteres zu
+vermeiden, hält er die Gebräuche in Bezug auf seine Toten streng ein.
+Die Verehrung der Toten ist so groß, daß nur die dringendsten Fälle ihn
+bewegen könnten, auch nur den Namen der Verstorbenen auszusprechen. Ein
+Schwur auf oder bei den Toten wird ebenso unverbrüchlich und heilig
+gehalten, als wie der bei der Hand seines Vaters (#dadeskero vast#). Ein
+#praßen# (fluchen) auf seine Toten (Beschimpfung der Abgeschiedenen)
+kann nur durch Blut gesühnt werden. Das Grab eines teuern Verstorbenen
+wird, wenn es nur irgend möglich ist, nach einem Jahre wieder besucht.
+An dem Grabe eines Stammesgenossen geht kein Zigeuner vorüber ohne
+einige Tropfen Wein, Bier oder Branntwein daraufzugießen. In der
+Neujahrsnacht wird nach den Lebenden, den Toten »ein gutes Neujahr«
+gewünscht; in der Sylvesterstunde werden bei feierlicher Stille einige
+Tropfen Wein, Bier usw. auf den Boden geschüttet mit den Worten: »Für
+die Toten!«
+
+Aber sind die Zigeuner für Religion zu haben? Allerdings mit Hilfe von
+brennenden Scheiterhaufen und Galgen, wie man es früher beliebte, oder
+durch Wegnehmen der Kinder, kann man sie zu keiner Religion und Moral
+zwingen. Das Resultat wird immer ein negatives sein. Und wenn die
+Behandlung nicht besser wird, wenn dies arme, unglückliche Volk weiter
+so ungerecht verfolgt und verachtet wird von der übrigen Menschheit, so
+wird es sehr, sehr schwer sein, in ihnen Liebe und Achtung vor der
+Religion zu erwecken, die eben diese Menschen ihnen bringen wollen,
+welche ihre Worte so wenig durch ihre Taten bestätigen. Aber eins ist
+gewiß: diese Ärmsten unter den Armen würden ihre Ohren und Herzen öffnen
+– der Religion der Liebe! Das ist in der Tat schon bewiesen. Es gibt
+bei uns Zigeuner, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, doch zu
+Gott beten, von Zeit zu Zeit auf offenem, freiem Felde eben diesem Gott
+ihre Sünden laut bekennen, beichten, bereuen und nichts Sündhaftes mehr
+zu tun geloben, feierlich diesen Tag dann heiligen durch die größte
+Enthaltsamkeit und fromm werden wollen, wenn man es so sagen kann.
+
+Ich könnte einige solcher Zigeuner namentlich anführen. Einer dieser
+Zigeuner ist mir noch ganz besonders im Gedächtnis, dieser gelobte als
+junger Bursche, alle Jahre vom Karfreitag ab, 6 Wochen lang kein Fleisch
+zu essen. Das will bei einem Zigeuner was heißen! Er ist seinem Gelöbnis
+treu geblieben bis zu seinem Tode vor nun 2 Jahren, trotz aller Art
+Versuchungen. In dieser Zeit sind die Igel (bekanntlich die Lieblings-
+und Nationalspeise der Zigeuner) am »fettesten«, daher am besten, nach
+dem Zigeunergeschmack. Da wurde er von Genossen damit geneckt, indem sie
+ihm einstmals mit einem fetten, delikaten und appetitlichen Hinterfuß
+(Hinterschinken) von einem Igel (die größte Delikatesse für einen
+Zigeuner) reizten und neckten und ihn absolut zum brechen seines
+Gelübdes verführen wollten. Aber trotz dieser für einen Zigeuner fast
+»übermenschlichen« Versuchung, widerstand er derselben standhaft!
+Solches und noch vieles mußte er durchmachen und brach aber doch nie,
+bis ins hohe Alter hinein, sein Gelübde.
+
+Fromm war in ihrer Art auch meine Schwiegermutter. Obwohl sie gar keine
+Schule besucht hatte, von einem Kirchenbesuch vollends gar keine Rede
+war, keine Ahnung von Lesen und Schreiben hatte, betete sie doch jeden
+Abend und Morgen mit ihren Kindern ein altes Gebet in unserer Sprache.
+
+Es lautet:
+
+ #Me baschau mange tele# (oder: #Me staua pre# oder: #Meh
+ dschaua nikli) ani Dewlester Soraloben, ani Dewlester Baroben,
+ ani Dewlester Songlienger Rat, da hi latscho, hako Mulenter da
+ kerela mange kenk mitschiko Dscheno tschomoni. O Dewlesker Dad,
+ o Dewlesker Tschawo, o Dewlesker Mulo, priserele man!#
+
+ Ich lege mich nieder (oder: ich stehe auf oder: ich gehe fort)
+ in Gotteskraft, in Gottesmacht, in sein (rosenfarbiges)
+ rosenrotes Blut, für alle bösen Geister und Gespenster gut,
+ daß mir kein böser Mensch nichts tut. Gott Vater, Gott Sohn,
+ Gott hl. Geist, segne mich!
+
+Sie hatte 9 lebende Kinder, war eine #»brawi Dschuwel«#, aber als sie
+die ersten Kinder bekam, vollzog sich eine innerliche Wandlung in ihr –
+sie übte ihre zigeunerischen Gewerbe nicht mehr aus, sodaß sie und ihre
+Familie, die früher im Überfluß lebten, oftmals in die bitterste Not
+kamen. Auch ihre Kinder lehrte sie nichts mehr, d. h. von der Mutter aus
+hätten sie nichts gelernt, z. B. Wahrsagen. Warum wohl? Weil sie
+jedenfalls oft hörte von dem Schimpflichen solcher Gewerbe und es auf
+ihre Art in ihrem frommen Herzen zuletzt selbst glaubte! Fromm war sie!
+Man stelle sich diese Frau vor, die bis zu ihrem Tode so geblieben war,
+mit ihren 9 Kindern? Welche Sorgen, Nöte, Lasten und Mühe lag auf ihren
+Schultern? Verspottet oft von den Stammesangehörigen, die es ihr ins
+Gesicht hineinsagten, es sei kein Schade, daß es ihr so ärmlich gehe –
+warum übe sie nicht mehr aus, wegen dessen sie ja den Ehrennamen (brawi
+Dschuwel) hatte und ähnliches! Von den Vorwürfen des Gatten zu
+schweigen. Dies kann nur der begreifen, der die Sitten der Zigeuner in
+dieser Beziehung kennt. Trotzdem blieb sie standhaft. Mochten sie die
+Sorgen fast zu Boden drücken, sie blieb fest und betete gewissenhaft
+jeden Abend und Morgen ihren Kindern das obenangeführte Gebet vor und
+lehrte sie dasselbe selbst zu beten. Merkwürdig aber ist und war doch –
+sie ging niemals in eine Kirche, wollte von keinem Geistlichen was
+wissen. In ihren Reden kamen diese gerade nicht respektvoll weg, sie
+nannte sie nur die »schwarze Polizei!« Wie mag diese Frau dazu gekommen
+sein, solches zu sagen? Was mag sie erlebt haben? Der, welcher die
+Geschichte der Zigeuner und ihre Verfolgungen und Mißhandlungen kennt,
+von eben diesen Bekennern und Predigern der Religion Christi, wird diese
+Fragen leicht beantworten können! Ebenso feierte sie jeden Feiertag
+(Ostern, Weihnachten, Karfreitag) und befleißigte sich, was ihre Person
+betraf, der größten Enthaltsamkeit.
+
+Aber auch sonst sind sie ihrer Art gottesfürchtig (!) so machen sie gern
+Wallfahrten nach berühmten Wallfahrtsorten und wenn auch das letzte Geld
+daraufgeht, aber immer zu einem gewissen Zweck, z. B. wenn sie größeres
+Vorhaben (ein zigeunerisches »Geschäft«) ausführen wollen. Dann beten
+sie da, geloben auch ein Gelübde, im Falle eines guten Gelingens des
+beabsichtigten Geschäftes. So wurde schon manches »Geschäft« ausgeführt,
+mit der größten Zuversicht, daß sie nicht erwischt und eingesperrt
+werden, haben sie doch zu Gott oder zur Muttergottes gebetet, ein
+Gelübde getan, damit sie ihnen zu ihrem »Geschäft« beistehen und das
+Geschäft auf ihre Art nicht unglücklich ausgehe. Was wissen sie davon
+(wer hätte es ihnen schon gesagt?), daß eben dieser Gott in seinen
+Geboten als Sünde verboten hat, – was sie tun wollen und um dessen gutes
+Gelingen sie zu ihm beten! Merkwürdig ist aber auch, daß die Zigeuner
+sich mehr zur katholischen als zur evangelischen Religion hingezogen
+fühlen. Jedenfalls nur darum, weil die Zermonien der katholischen Kirche
+mehr auf seine Sinne und Phantasien einwirken, mehr seiner Natur
+entsprechen, als die Einfachheit der evangelischen Kirche. Früher ließ
+der Zigeuner seine Kinder gern und auch öfters als nur einmal taufen, –
+aber nur wegen den regelmäßigen, üblichen Patengeschenken. In welcher
+Konfession ist ihm egal – ob katholisch oder evangelisch. So bin ich
+katholisch getauft, eine Schwester und mein Bruder evangelisch.
+Kirchlich und weltlich wurde früher eine Zigeunerehe nur selten
+geschlossen. Heutzutage läßt er die Kinder aber taufen, damit sie in
+seine Legitimation eingeführt werden, ebenso verhält es sich, wenn er
+sich heute ausnahmslos kirchlich trauen läßt und die Ehe standesamtlich
+eingeht.
+
+Bewiesen wird es jetzt wohl sein, daß die Zigeuner für die Religion
+nicht unempfänglich sind, wenn man sie am rechten Platz packt, d. h. in
+ihrer Sprache die Heilsbotschaft verkündet und im übrigen etwas
+Rücksicht nimmt auf ihre zigeunerischen Eigenarten. Kein Baum fällt auf
+den ersten Hieb. Die Erfahrungen würden diese Worte bestätigen. Nicht
+der angeblichen Unverbesserlichkeit der Zigeuner gebe man die Schuld,
+sondern der geringen Arbeit der Christenheit, die in dieser Beziehung so
+viel versäumt hat. Aber mit der Seelenrettung muß Hand in Hand gehen –
+die Besserung der äußeren Umstände der Zigeuner. Der Erfolg würde ein
+überraschender sein. Daher weg mit der oberflächlichen Redensart: die
+Zigeuner sind nicht für Religion zu haben! Könnt ihr, die ihr dies so
+leichtherzig sagt, es ernstlich beweisen? Nein; nun so ist es jetzt
+höchste Zeit, deutsche Christen, dies Versäumnis endlich nachzuholen,
+damit eure Verantwortung nicht noch größer werde, als sie schon ist!
+#Tschatschopaha.#
+
+ * * * * *
+
+Vor nun schon langen Jahren überwinterte eine Familie dieser »fahrenden«
+Leute in einem Schwarzwalddorf. Die Kinder mußten in die Schule gehen
+diesen Winter. Der älteste Knabe sollte im Frühjahr »aus der Schule
+kommen«, (_In die er doch so wenig »hineinkam«_.) Der Ort war
+evangelisch, der Schüler aber doch katholisch getauft. Dies war der
+Anlaß, daß, als er ¼ Jahr die evangelische Dorfschule besucht hatte, der
+katholische Pfarrer aus dem nahen Oberamtsstädtchen ihm das Billet für
+¼ Jahr bezahlte zum katholischen Schulbesuch und zwar so lange, bis er
+»aus der Schule war« im Frühjahr. So war der Knabe auf doppelte Art ein
+»Fahrender«. Vom »fahrenden Volk« war er jetzt auch noch ein »fahrender
+Schüler«, indem er morgens in die katholische Schule in der
+Oberamtsstadt mit der Bahn fuhr und abends wieder zurück nachhause. Hier
+lernte er wirklich gute Menschen kennen und die Anteilnahme und Liebe
+für den verachteten Zigeuner tat ihm so wohl, daß er wünschte, immer so
+glücklich sein zu können. Die Eindrücke, die er hier durch den Umgang
+mit diesen braven Leuten empfing, blieben ihm in steter Erinnerung. Dies
+Glück war leider nicht von langer Dauer. Der Tag der Schulentlassung
+kam. Die Eltern des Knaben wollten schon lange – kaum daß der Schnee
+schmolz und die liebe Sonne zu lächeln begann – »weiterziehen«, um die
+durch den Winter unterbrochene Wanderung fortzusetzen. Ungeduldig wurde
+von ihnen der Schulentlassungstag erwartet – der einzige Grund, der sie
+von der Reise zurückhielt. Der Knabe dagegen wünschte ihn noch weit,
+weit zurück. Vergebens – nur zu schnell war er da! Wie der Knabe von
+edlen Wohltätern die Leibesnahrung in dieser Zeit erhielt, (da die
+Eltern, weil zu arm, ihm nichts mitgeben konnten), so erhielt er auch
+von ihnen alles, was zur Feier dieses Tages gehörte, Kleidung, Schuhe
+usw. Das Herz des Knaben war übervoll vor Glück, nicht allein wegen dem,
+daß er vielleicht zum erstenmal in seinem Leben so schmuck und proper
+dastand, sondern hauptsächlich der liebevollen Worte wegen, die von
+allen Seiten an ihn gerichtet wurden. So selten wie ein neuer »ganzer«
+Anzug, so selten war eine solche Anteilnahme von Menschen, die ihn sonst
+nur mit Verachtung behandelten, im Leben dieses Knaben! Seine große
+Freude konnte man ihm vom Gesicht ablesen, vollends als er mit den
+anderen »Konfirmanden« zu einem gemeinschaftlichen Mahl in das
+Pfarrhaus, mit dem Herrn Pfarrer und dessen Angehörigen, eingeladen
+wurde. Doch wollte ihn ein Gefühl der Traurigkeit beschleichen, als er
+die anderen Knaben betrachtete und hörte, wie sie sich gegenseitig mit
+Stolz und Freude erzählten, was sie werden wollten oder durften. Jeder
+hob die Vorzüge seines erwählten Berufes hervor und jeder glaubte, den
+besten erwählt zu haben. Hier saß der »fahrende« Knabe still! Hier
+konnte er nicht mitreden. Was er wohl wird? Niemand dachte daran, ihn
+auch einen Beruf wählen, lernen zu lassen! Hätte sich doch hier der
+Engel gefunden, den jeder Mensch haben muß, um etwas zu werden, etwas zu
+erreichen! Hätte sich hier eine rettende Hand gezeigt, und es wäre aus
+dem Knaben damals etwas ganz anderes geworden, als er jetzt ist!
+
+Doch die beginnende Traurigkeit verschwand, als ein Spaziergang in den
+nahen Wald gemacht wurde, welcher die Feier und den schönen Tag
+beschloß. Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Auf den grünen Wiesen
+blühten die Blumen. Auf den Bäumen keimten schon die Blüten, aus ihnen
+und von überall ertönte der Vögelschall. Alles war Freude, Lust und
+Leben! Nur zu schnell vergingen die fröhlichen Stunden dieses – letzten
+Tages, den der Knabe unter diesen guten Menschen zubrachte. In seinem
+höchsten Glück – wurde er jäh wieder von der rauhen Faust des
+unerbittlichen Schicksals zurückgerissen in sein – altes Leben. Die
+Scheidestunde schlug. Man begleitete den Knaben an die Bahn. Die muntere
+Schar merkte in ihrer Fröhlichkeit nicht, wie traurig und leer es in
+seinem Herzen aussah. Ein letzter Händedruck, noch einige liebevolle,
+tröstende Abschiedsworte des guten, wahrhaft edlen Pfarrers, ein
+Tücherschwenken, ein Pfiff – davon brauste der Zug. Der Abschied war
+schwer, der Knabe meinte, er ließe alles zurück, Liebe, Freude und
+Glück. Das Herz wollte ihm brechen vor Heimweh und Schmerz. Dunkel, grau
+lag die Zukunft vor ihm, – ohne einem Strahl von Glück! Und er wäre doch
+so gerne glücklich gewesen! Bei seinen Leuten angekommen, war der Wagen
+schon längst gepackt. Eine letzte Nacht noch in einer Stube. Leer und
+öde grinste ihm die Zukunft aus allen Ecken des kahlen Zimmers entgegen.
+Leer und öde sah es in seinem jungen Herzen aus. Am Morgen, früh, nach
+einer durchweinten Nacht, ging es fort. Wohin?
+
+Aber niemals konnte der Knabe diese glücklichste Zeit seines ganzen
+Lebens vergessen. Sein nachheriges bewegtes Leben konnte nie die
+Erinnerung daran auslöschen! Ebensowenig das Andenken an den wahrhaft
+guten und edlen Pfarrer, dessen Lehren, Worte und ehrwürdige Gestalt ihm
+immer und jetzt noch nach langen, langen Jahren, vor Augen steht.
+Besonders unvergeßlich bleibt ihm der Tag seiner Schulentlassung. Er war
+und ist der schönste und glücklichste seines Lebens. Oft und gern denkt
+er heute noch – oder vielleicht gerade jetzt – an diese frohe und
+glückliche Kindheits- und Jugendzeit zurück. Dieser Tag wird für die
+ganze Lebenszeit ein Lichtblick sein und bleiben für _Engelbert
+Wittich_!
+
+#Tschatschopaha!#
+
+
+
+
+»Hefte für Zigeunerkunde.«
+
+Heft 1. =Urban, R.=, Die Sprache der Zigeuner in Deutschland. 30 Pfg.
+
+ " 2. =Wittich, E.=, Blicke in das Leben der Zigeuner. 40 Pfg.
+
+ " 3. =Bourgeois, Dr. H.=, Kurze Grammatik der mitteleuropäischen
+ Zigeunersprache. 30 Pfg.
+
+
+Über die Zigeuner ist schon viel geschrieben worden; aber diese
+Literatur hat bis jetzt nur kleine Kreise von Liebhabern und
+Fachinteressenten erreicht; dazu leidet sie unter dem Mißgeschick, daß
+sie schwer zu finden ist, meist nur durch Vermittelung von
+Antiquariatsangeboten. Ein großer Fortschritt ist zwar das seit 1907
+neue Erscheinen des #Journal# der #Gypsy Lore Society#, in dem alles
+Wissenswerte über die Zigeuner sorgfältig gesammelt wird; aber dieses
+Unternehmen scheint sich in Deutschland nicht einzubürgern, und es
+herrscht bei uns nach wie vor eine bedauerliche Unkenntnis alles dessen,
+was die Zigeuner betrifft. Diese Unkenntnis ist mit schuld daran, daß
+unsere Gesetze und Behörden, die heute schon alle möglichen Volks- und
+Berufsklassen, ja selbst Tier- und Pflanzenwelt mit Recht und Schutz
+versehen, den Zigeunern gegenüber nur als rücksichtslose Feinde und
+Unterdrücker auftreten, – daß die Kirchen und Vereine, die heute schon
+auf den entlegensten Gebieten alle denkbaren Liebeswerke ausüben, an den
+Zigeunern kühl vorübergehen, – daß das Volk und auch die christlichen
+Kreise, die die Zigeuner mit einer Mischung aus Neugierde, Furcht und
+Teilnahme betrachten, doch noch nicht zum rechten christlichen Benehmen
+gegenüber den Zigeunern gekommen sind.
+
+Die »Hefte für Zigeunerkunde« sollen diesen bedauerlichen Zuständen
+abhelfen. Sie wenden sich an alle offiziellen und privaten Kreise des
+deutschen Volkes in der festen Überzeugung, daß es nur ein wenig der
+Beschäftigung mit dem Zigeunertum bedarf, um diesem armen, heimatlosen
+Volk eine gerechtere Beurteilung und ernstliches Wohlwollen bei allen
+edel denkenden Deutschen zu erwirken. Die Folgen dieses Umschwunges
+würden den Zigeunern gewiß zum Segen und unserer in diesem Punkte bisher
+so hartherzigen Christenheit nicht zur Schande gereichen.
+
+ Ph. Tschoerner, Striegau
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden
+vereinheitlichend durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die nachfolgende Tabelle
+enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen.
+
+S. 10: [Komma eingefügt] Löffeln), Haarschmuck
+S. 11: als halblinder -> als halbblinder
+S. 13: Feuerwerker prozudieren, wählen zur -> produzieren, wählen zu
+S. 22: [Vereinheitlicht] von ihm aus das »Todtenhemd« anhatte -> Totenhemd
+S. 22: [Komma eingefügt] heraus, #»praßte«# und schoß
+S. 24: [Komma eingefügt] »Gesundheittrinken«, »Prosit«
+S. 36: [Komma eingefügt] , daß eben dieser Gott
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext#
+Fettschrift: =fett gedruckter Text= ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä,
+Ö, Ü. The table below lists all corrections applied to the original
+text.
+
+p. 10: [added comma] Löffeln), Haarschmuck
+p. 11: als halblinder -> als halbblinder
+p. 13: Feuerwerker prozudieren, wählen zur -> produzieren, wählen zu
+p. 22: [normalized] von ihm aus das »Todtenhemd« anhatte -> Totenhemd
+p. 22: [added comma] heraus, #»praßte«# und schoß
+p. 24: [added comma] »Gesundheittrinken«, »Prosit«
+p. 36: [added comma] , daß eben dieser Gott
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font#
+Bold face: =bold face text= ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Blicke in das Leben der Zigeuner, by
+Engelbert Wittich
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLICKE IN DAS LEBEN DER ZIGEUNER ***
+
+***** This file should be named 25796-0.txt or 25796-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/5/7/9/25796/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
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+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
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+
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+Project Gutenberg's Blicke in das Leben der Zigeuner, by Engelbert Wittich
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Blicke in das Leben der Zigeuner
+ Von einem Zigeuner
+
+Author: Engelbert Wittich
+
+Release Date: June 15, 2008 [EBook #25796]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLICKE IN DAS LEBEN DER ZIGEUNER ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Hefte für Zigeunerkunde 2.
+
+ Blicke in das Leben
+ der Zigeuner
+
+ Von einem Zigeuner
+ (E. Wittich).
+
+ [Illustration]
+
+ Striegau
+ Huß-Verlag
+ 1911
+
+
+
+ Seiner lieben Frau
+ Friederieke
+ und seinen lieben Kindern
+ Hilda und Arthur
+ gewidmet
+
+ vom Verfasser.
+
+
+
+ [Illustration: Selbstbildnis des Verfassers
+ als junger Mann
+ (nach dem Spiegel gezeichnet.)]
+
+
+
+
+ Vorwort.
+
+
+Nur selten ist es bisher gelungen, einen richtigen Einblick in das Leben
+und Treiben, Denken und Empfinden des Zigeunervolkes zu gewinnen. Die
+mangelnde Kenntnis der #Romani#-(Zigeuner-)Sprache, die aus manchen
+Ursachen erklärliche Abneigung des #Sinto# (Zigeuner), die #Gadsche#
+(Nichtzigeuner) in sein inneres Leben blicken zu lassen, und die schwere
+Erreichbarkeit der Zigeuner überhaupt, hüllen das Zigeunertum bis heute
+in ein fast völliges Dunkel. Es ist daher ein erfreuliches Ereignis, daß
+ein Zigeuner selbst sich entschlossen hat, das Dunkel zu lichten und ein
+wahrheitsgetreues Bild seines Volkes zu geben. Seine braunen
+Volksgenossen sind darüber mißvergnügt; aber mit Unrecht. Der Verfasser
+täuscht sich gewiß nicht, wenn er hofft, daß durch seine Darstellung die
+Zigeuner in einem ganz anderen Lichte erscheinen, als wie man sie bisher
+anzusehen gewohnt war. Man kann geradezu sagen, daß uns die schlechten
+oder wenigstens unangenehmen Eigenschaften der Zigeuner nur deshalb am
+meisten auffallen, weil sie die Außenseite bilden. Beim näheren
+Kennenlernen bieten die #Sinte# aber soviel Anziehendes,
+Liebenswürdiges, geheimnisvoll Interessantes, daß der Forscher oder der
+Zigeunerfreund (#Romano Rai#) sogar Gefahr läuft, die schwarzen Seiten
+des Zigeunerlebens ganz zu übersehen.
+
+Jedenfalls ist zu hoffen, daß das vorliegende Büchlein dazu beitragen
+wird, manche falsche Vorstellung zu beseitigen, und die Abneigung gegen
+die Zigeuner in Interesse, Sympathie und liebevolle Hilfe umzuwandeln.
+
+ R. Urban.
+
+
+
+
+Die Zigeuner sind aus vielen Schilderungen bekannt. Über ihr Leben,
+ihre Sitten und Gebräuche wurde schon viel geschrieben, Wahres und
+Unwahres, oft geradezu Haarsträubendes. Merkwürdigerweise, so reich die
+Literatur über die Zigeuner ist, behandelt diese doch zumeist nur die
+Ausländer, hauptsächlich die ungarischen und österreichischen Zigeuner.
+Dagegen ist die Kenntnis über die deutschen Zigeuner noch sehr gering.
+Dem Forscher steht daher hier noch ein großes Feld der Betätigung offen.
+
+Ich will darum im Folgenden versuchen, etwas über die deutschen Zigeuner
+mitzuteilen, um das Wahre vom Unwahren zu trennen. Ich werde nur
+Tatsachen berichten und kann mit bestem Gewissen für die Wahrheit meiner
+Darstellungen eintreten.
+
+Bemerken möchte ich noch, daß dies selbst ein Zigeuner schreibt, der von
+Geburt an bis vor kurzer Zeit im Wohnwagen reiste und daher auf das
+Genaueste über Leben, Sitten und Gebräuche der Zigeuner unterrichtet
+ist. Ich schreibe aus eigener Anschauung, -- nicht vom Hörensagen,
+unparteiisch, und werde die Zigeuner weder schwärzer noch weißer malen,
+als sie sind. Ich berichte nur selbst Erlebtes und was ich selbst
+beobachtet habe und bin daher genötigt, manches Märchen über die
+Zigeuner zu zerstören. Vieles hätte ich gern etwas ausführlicher
+behandelt, aber der Raum erlaubt es mir leider nicht. So sind es nur
+kleinere Bilder aus dem Leben eines Zigeuners und einige
+Richtigstellungen, was ich in Nachstehendem biete.
+
+Vor noch nicht gar so langer Zeit stellte man sich unter Zigeunern
+nomadisierende, träge und schmutzige Menschen vor, welche die ganze Welt
+durchziehen und weder Gesetze, noch Vaterland, Familienbande, Religion
+besitzen und alle nur erdenklichen, schimpflichen, und lichtscheuen
+Gewerbe betreiben. Ruhelos wie Ahasverus, von Ort zu Ort wandernd,
+wurden sie überall verachtet, verfolgt und von jedermann oft in recht
+unmenschlicher Weise behandelt und für gänzlich vogelfrei angesehen. Als
+Räuber, Mörder, Diebe, ja sogar als Kinderräuber und sonst noch alles
+mögliche waren sie verschrien. Ihre Töchter ließen sie von dem entehren,
+der ihnen am meisten bot. Ihre Dolche und Gifte, ihre Mittel, welche den
+Tod brachten, verkauften sie gern an jeden Rachedürstenden. Kurz und
+gut, alles Wunderbare, Unmögliche und Abscheuliche wurde den Zigeunern
+in die Schuhe geschoben.
+
+Heute ist es in dieser Beziehung etwas besser geworden, und wenn die
+Zigeuner, hauptsächlich von dem gebildeten Publikum, mit etwas
+freundlicheren Augen angesehen werden, so ist das hauptsächlich der
+aufklärenden Literatur zuzuschreiben. Aber trotzdem werden sie noch
+immer sehr schlecht behandelt, sie werden immer wieder von neuem
+verfolgt, bedrängt und gehetzt. Fast von jedermann unverstanden, bringt
+man ihnen wenig Sympathie entgegen.
+
+Ob nun die Zigeuner diese Behandlung verdienen und solche Bösewichte
+sind, denen man alles Scheußliche zutrauen darf, und ob sie wirklich
+moralisch so tief unter den anderen Völkerschaften stehen, wie man immer
+annimmt, mögen die folgenden Blätter zeigen. Man beachte, daß fast nur
+von den deutschen Zigeunern die Rede ist.
+
+Heutzutage hat der Zigeuner, gegen früher, im _Erwerb_ einen schweren
+Stand. In Deutschland wird ihm das, wodurch er noch sein bestes
+Fortkommen hatte und was seinen Befähigungen am besten entsprach, der
+Wander-Gewerbeschein, in den meisten Fällen versagt. Eine geordnete
+Arbeit bei dem herrschenden Vorurteil gegen ihn und der Arbeitslosigkeit
+unserer Tage, wo hunderte geübte, gelernte Menschen arbeitslos sind, für
+den Zigeuner zu bekommen, ist fast unmöglich, obwohl ja auch die Liebe
+zum Müßiggang, zur Bummelei, ein wenig mitspielt. Aber die deutschen
+Zigeuner sind keineswegs ein so müßiges, faules Volk, wie gewöhnlich
+kurzerhand angenommen wird; man darf sie in dieser Beziehung nicht mit
+den Zigeunern anderer Länder vergleichen. Man beachte einmal das Leben
+und Treiben am Halteplatz des Wohnwagens und man wird sofort sehen, daß
+der deutsche Zigeuner nicht der Faulpelz ist, als den man ihn sich
+gemeinhin vorstellt.
+
+Dann ist vor allem die Musik seine sozusagen angeborene
+Lieblingsbeschäftigung und -Geschäft. Ohne Geige kann man sich überhaupt
+keinen Zigeuner vorstellen. Daß sie in der Musik Vorzügliches leisten
+und daß sie hervorragende künstlerische geistige Anlagen haben, ist ja
+bekannt. Da ist z. B. der Zigeuner »Votter«, ein anerkannter Virtuose,
+(Zigeunername Köhler), welcher Geige, Harfe und Klavier ohne jede
+Notenkenntnis meisterhaft spielt und einen Landesruf genießt. Er mußte
+seine Kunst vor hohen und höchsten Herrschaften zeigen. Dann der
+Zigeuner J. _Reinhardt_, Zigeunername »Mala«, -- »Meineli« Zigeunername
+seiner Mutter Preziosa, Vater Jakob Reinhardt, -- der blind geboren und
+ein so vorzüglicher Geigenspieler ist, daß er unter den Zigeunern selbst
+die größte Bewunderung erregt und als einer der besten lebenden Spieler
+angesehen wird. Man muß z. B. ihn als »Kunstgeiger« oder den
+»Kanarienvogel« oder ein Fantasiestück spielen gehört und gesehen haben!
+Die besten Musikkenner bewunderten schon die Technik, das warme, feurige
+Gefühl, die hinreißende Gewalt der Töne, die der blinde Künstler,
+begeistert vom eigenen Spiel, seinem Instrument entlockt. So könnte ich
+noch viele anführen, welche einfach großartiges in der Musik leisten.
+Natürlich bringen es nicht alle zu einer solchen Meisterschaft. Blas-
+und Blechinstrumente lieben die Zigeuner nicht, doch gibt es hierin auch
+einige Ausnahmen und einige Stämme (Familien), machen neben Streichmusik
+auch noch gute Blechmusik. Gleichguten Ruf besitzen unter anderen die
+Familien dreier meiner Schwäger, als Streich- und Blechmusiker. Auch
+sind dieselben nebenbei gesagt, eine der besten »fahrenden«
+Sängergesellschaften! Ebenso die Familien »Karl-Antoner«, Eckstein,
+Winter, Pfisterer usw. Und wie sehen die Instrumente oft aus? Kaum
+verdienen sie noch den Namen Instrumente. Der geübteste Musiker könnte
+nichts mehr mit ihnen anfangen. Anders der Zigeuner! Mit zwei, drei
+Saiten auf der Guitarre oder Violine spielt er ebenso gewandt, wie jener
+mit dem teuersten, feinsten Instrument. Statt eines Bogens genügt ihm
+auch eintretenden Falles ein Ästchen von irgend einem Baum, eine
+Weidenrute usw., statt der Haare Nähfaden. In diesem Fall muß der
+schulgerechteste Musiker zurückstehen, an solchen primitiven
+Gegenständen scheitert seine Kunst. Man muß es gesehen haben, wenn man
+den kleinen Kindern eine Geige in die Hand gibt, wie der Zigeuner nur
+durch Vorsingen oder Vorspielen die schwierigsten Musikstücke lernt, die
+Melodie wird einfach vorgesungen oder gepfiffen, er probiert es einmal,
+zweimal, beim drittenmal spielt er das Stück schon mit ganzer
+Sicherheit.
+
+Solche Gelehrigkeit und Fertigkeit ist geradezu erstaunlich. Man sieht
+und fühlt deutlich, daß der Zigeuner ein geborener Musiker ist. Durch
+ihre Musik verdienen sie ein schönes Stück Geld. Gewöhnlich
+Werktagsabends und dann Sonntags, in Vereinen usw., bei Festlichkeiten,
+machen sie auf dem Lande Musik und Konzert. Dann auch in den Badeorten,
+Luftkurorten vor den anwesenden Herrschaften. In jedem Schloß, bei
+Grafen und Baronen sprechen sie vor, zeigen ihre glänzenden Zeugnisse,
+worauf sie dann fast immer die Erlaubnis zum musizieren erhalten.
+Gewöhnlich müssen sie dann Tafelmusik machen, und gut bewirtet und
+bezahlt werden sie entlassen. Vorher vergißt es aber der Anführer nicht,
+sich ein neues »Attest« in sein »Zeugnisbuch« eintragen zu lassen, um es
+gegebenenfalles benützen und vorzeigen zu können. Die Geige ist dem
+Zigeuner sein alles. Sein Instrument ist ihm so ans Herz gewachsen, daß
+er lieber hungert und dürstet, geduldig die größten Entbehrungen
+erträgt, ehe er sich von seiner Geige trennt. Sie ist seine Ernährerin,
+seine Trösterin. Alt oder jung, die Geige gibt ihm Leben, muß ihm
+Speise, Trank und -- Liebe bringen. In seinen Liedern klagt er ihr sein
+Leid, die mit ihm treu Freude und Schmerz, Glück und Unglück teilt. Und
+so singt der kleine, arme Zigeunerknabe, einsam und verlassen gar oft:
+
+ #»Me hom i tikno, tschorelo Sindenger Tschawo.
+ Mer Dai muies da mer Dad hi stildo.
+ Gamlo, baro Dewel! me hom kiake tschorelo
+ Ta mer Dades ano Stilapen, les hi bokhelo.
+ Man hi tschi har mer Baschamaskeri.
+ Me lau la da dschau ani Kertschemi,
+ Dschin da has i bresla Lowe man.
+ Naschaua pascha mer Dad ano Stilapen,
+ Djomles gaua Lowe, job has froh:
+ »Gana hilo buter kenk bokhelo!«#
+
+ »Ich bin ein kleines, armes Zigeunerkind.
+ Meine Mutter ist gestorben und mein Vater ist im Arrest.
+ Lieber, großer Gott! ich bin so arm
+ Und mein Vater im Arrest, er hat Hunger.
+ Ich habe nichts als mein Instrument.
+ Ich nehme es und gehe in die Wirtschaft,
+ Bis ein wenig Geld mein war.
+ Gehe zu meinem Vater in Arrest,
+ Gib ihm das Geld, er war froh:
+ »Jetzt hat er keinen Hunger mehr.« --
+
+Einen weiteren Erwerb findet der Zigeuner im Geigenhandel, auf den er
+sich meisterhaft versteht. Ein anderer Haupterwerbszweig ist die
+Holzschnitzerei. Fast ein jeder kann schnitzen, der eine mehr, der
+andere weniger gut. Ein jeder Zigeuner kommt eigentlich mit irgend einer
+künstlerischen Anlage auf die Welt. Der eine hat ein oft auffallendes
+Talent und Neigung zum Bildschnitzen, der andere wieder zum Zeichnen
+usw. So können einige Bekannte von mir tadellos zeichnen, dabei weder
+lesen noch schreiben. Ein Schwager von mir hatte mehr Talent zum Malen
+mit Farben, als zum Zeichnen. Er würde darin manchen gelernten
+»Dekorationsmaler« vom Lande oder der kleineren Städtchen übertreffen,
+ohne nur die geringste Anleitung je darin empfangen zu haben. Er malte
+unter anderem sehr nett den Theatervorhang und Kulissen seines einstigen
+»Reisendem Volkstheater«, mit welchem er auf den Dörfern in
+Wirtschaftssälen Vorstellung gab. Zum Schluß machte er dann mit seiner
+Familie Streich- und Blechmusik mit Gesang! Eben einer der vorhin
+erwähnten guten Streich- und Blechmusiker. Spielten z. B. »Genovefa«
+usw. Andere lernten es nur durch dies Zeichentalent ohne jede Anleitung
+oder Unterricht. Z. B. konnte ich, ehe ich 6 Jahr alt war, ehe ich eine
+Schule auch nur inwendig gesehen hatte, wie ich ja überhaupt kaum 3½
+Jahre in eine Schule kam, schon gut lesen und schreiben, eben durch mein
+Zeichentalent angeregt. Ich zeichnete die gedruckten Buchstaben meines
+Namens, schnitzte sie auch ins Holz und lernte sie so kennen, lesen und
+schreiben. Als gute Holzschnitzer verfertigen die Zigeuner mit vielem
+Fleiß und Talent allerhand, so Tabaks- und Zigarrenpfeifen,
+Zündholzsteine, Salatbestecke (Messer, Gabeln, Löffeln), Haarschmuck,
+Spazierstöcke usw. Alles mit schönen Schnitzereien verziert. Bedeutendes
+leistete hierin ein Vetter von mir, welcher vor nun 7 Jahren gestorben
+ist. Im württembergischen und badischen Schwarzwald verkaufte er seine
+Arbeiten und hatte dadurch einen schönen Verdienst. Heute noch kann man
+in den genannten Gegenden seine sauber, originell und kunstvoll
+gearbeiteten Erzeugnisse sehen, die die Besitzer selbst um teures Geld
+nicht hergeben würden. Der beste mir bekannte Holzschnitzer, ein
+Künstler darin, war der im Jahr 1903 verstorbene G. Winter. Mit den
+primitivsten Werkzeugen verfertigte er wirklich nur Kunstvolles. Er
+verkaufte seine Sachen teuer und fand auch immer Abnehmer. Keiner der
+heute lebenden Zigeuner erlangte bisher wieder solche Fertigkeit im
+Schnitzen wie dieser. -- Ein anderer württembergischer Zigeuner besaß ein
+besonderes Geschick darin, Kruzifixe, hl. Bildnisse, (Statuen) und
+Violinen, Guitarren zu verfertigen. Selbst von Kennern wurde seine
+Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit anerkannt, so lieferte er manche
+Arbeit in verschiedene Anstalten für kirchliche Kunst. In katholischen
+Gegenden wurden seine Heiligen-Figuren gerne gekauft und in mancher
+Kirche und an Straßenkreuze durfte er den Christus machen. Einmal
+spielte ihm und seiner Kunst der Aberglaube in einer gewissen Gegend des
+Unterlandes einen bösen Streich. Er durfte da an das große Kreuz, am
+Eingang einer Wallfahrtskirche, den Heiland schnitzen. Kaum war er an
+das Kreuz angemacht, bewundert und gelobt von den frommen Besuchern, als
+ein paar Tage darauf, bei einem Gewitter der Blitz in das Kreuz schlug
+d. h. nur der Christus wurde vom Kreuz weggerissen und gänzlich
+zertrümmert. Wie nun die abergläubische Landbevölkerung einmal ist,
+wurde dieses Naturereignis dem armen Teufel schwer ausgelegt. Es war ein
+sicheres Zeichen, daß der Herrgott selbst so seine Meinung kundgab, daß
+er nicht von so einem gottlosen Zigeuner »gemacht« sein wollte. Solche
+Reden hörte man nach dem Ereignis. Der Pfarrer kam, weil er den Auftrag
+gegeben hatte, auch nicht ganz glimpflich weg. Der Zigeuner fand keine
+Abnehmer mehr für seine »Heiligen« und wenn sie auch noch so schön und
+künstlich geschnitzt waren. Er mußte daher diese Gegend meiden.
+Selbstverständlich durfte auch nicht er den neuen »Herrgott« machen,
+der wurde aus einer christlichen Kunstanstalt bezogen. Dieser Zigeuner
+konnte auch, wie bereits gesagt, tadellos gearbeitete Geigen usw.
+machen. Dadurch hatte er immer einen Verdienst, meistens lieferte er nur
+für die Zigeuner selbst seine Instrumente, aber auch in die größten
+Städte und Musikhandlungen verkaufte er öfters seine täuschend
+»imitierten« alten Meistergeigen, wo dieselbe dann für schweres Geld,
+als »echte« Steiner oder Quanari usw. als durch »glücklichen Zufall« in
+Besitz gelangte, an den Mann gebracht wurden. Dann ein naher Verwandter
+von mir »Kohler« (Zigeunername; sein rechter Name: Guttenberg, August),
+der heute fast ganz erblindet ist, besitzt auch den Ruf als äußerst
+geschickter Bildschnitzer und heute noch macht er, als halbblinder, noch
+sehr schöne Sachen. Unter anderem kann man Arbeiten von ihm im Museum
+für Volkskunde (Abteilung Europa) zu Basel, sehen.
+
+Nachdem ist einer der wichtigsten Erwerbszweige der Zigeuner der
+Pferdehandel. Schweinehändler ist der deutsche Zigeuner niemals und noch
+nie gewesen. Sie sind tüchtige und gute Pferdekenner, was ihnen niemand
+abstreiten kann. Sie besitzen und kennen gute, sicher wirkende
+Heilmittel gegen Pferdekrankheiten. Man mag da noch so sehr schreien
+über »Quacksalberei«, es ist doch so! Auch verschiedene Kunstgriffe
+verstehen sie, die zwar nicht dem Käufer, wohl aber ihnen -- nutzen. Auf
+die Beschreibung dieser »Zunftgeheimnisse«, deren es hier und bei
+anderen Gelegenheiten, eine große Anzahl gibt, muß ich aus leicht
+begreiflichen Gründen verzichten. Einige der berühmtesten Pferdehändler
+bei uns sind z. B. der bezw. die Familie (Sippe) »Schnurmichel«
+Familienname »Christ!« Überhaupt die aus vier Brüdern bestehende Sippe
+und deren Söhne. Sodann »Gadscho« (Zigeunername; richtiger Name:
+Lehmann), unser derzeitiger Hauptmann. Beide sind durch ihren
+Pferdehandel zu einer ganz netten Wohlhabenheit gekommen. Weiter noch:
+Franz Reinhardt und dann noch die in ganz Preußen bekannte Familie
+Petermann; besonders bekannt davon »Leidschi« (Zigeunername). Schöne
+Pferde, möglichst mehrere, schöne, glänzende Geschirre, verziert und
+beschlagen mit Neusilber, Messing usw. ist dem Zigeuner sein größter
+Wunsch und sein Stolz und gilt außerdem für Wohlhabenheit. Rührend ist
+auch die Liebe, die der Zigeuner für diese Tiere hegt. Den letzten
+Bissen teilt er mit ihnen. Dagegen hat er gegen das Putzen derselben
+eine merkwürdige Abneigung.
+
+Von anderen, den »_geheimnisvollen Berufen_«, will ich schweigen, sie
+sind ja auch so bekannt, also erübrigt sich eine Beschreibung. Auch mit
+Schirm- und Kesselflicken suchen sie sich durchs Leben zu schlagen. Die
+ungarischen Zigeuner betreiben auch noch die Goldwäscherei,
+Schmiedehandwerk und sind z. B. sehr tüchtige Hufschmiede. Letztere
+Berufe betreiben die deutschen Zigeuner nicht. Diese versuchen sich
+überhaupt in allem möglichen. Der Feldarbeit, Landwirtschaft bringen sie
+zwar keine Sympathie entgegen, doch verdingen sie sich oft in letzter
+Zeit, im Herbst zum Rüben- und Kartoffelgraben und öfters noch versuchen
+sie sich heutzutage durch Steinklopfen ihren Lebensunterhalt zu
+verdienen. Auch als Schausteller, Schauspieler, Zirkusbesitzer,
+Schildersänger, Tierdresseur usw. suchen sie ihr Fortkommen. So der alte
+Reinhardt mit seinen wirklich gut dressierten Vögeln, Kanarienvögel,
+Finken, Staren, Lerchen und Spatzen. Diese vollführen alle möglichen
+Kunststücke, alles in Freiheit und mit voller Flugfähigkeit ausgeführt.
+Eine geladene Kanone abschießen, (natürlich #en miniature#) Wagen
+ziehen, einige als Passagiere, Kutscher, Pferde usw. Auch eine hübsche
+Pantomime führen sie zusammen auf. Weiter der Zigeuner Pfaus, welcher
+in Sälen und Schulen eine dressierte Ringelnatter zeigt, über 1 m groß
+geworden, die er gewöhnlich durch die Knopflöcher an seiner Joppe
+gezogen, so daß der Kopf, mit dem immer beweglichen Zünglein, gleichsam
+als riesige Krawattennadel oben am Hals herausschaut. Ein Wunder für die
+einfältigen, törichten Bauern, die solch ein harmloses Tier als giftig
+und schädlich ansehen und es töten, wo sie eines erwischen, zu ihrem
+eigenen Schaden. Dabei hat er noch einen dressierten Raben, Pudel und
+Katze, alle schwarz wie ein Teufel, pardon wollte sagen Mohr! Alle vier
+fressen, lecken aus einer Schüssel, schlafen beieinander in schönster
+Harmonie und kein Zank oder Streit hat diese ihnen gestört. Ein gewiß
+höchst interessantes Bild für den Natur- und Tierfreund. Auch zeigt er
+immer einige zahme und originell dressierte Igel.
+
+Der Zigeuner Hock war Akrobat, Messerschlucker, Schlangenmensch und
+Zauberkünstler. Unter anderem produzierte er sich auch als
+»kugelsicher«; letzteres wurde sein Verhängnis. Er lud eine Pistole,
+zeigte die Kugel d. h. lies sie vom Publikum untersuchen auf ihre
+Echtheit und beim Zurückgeben vertauschte er sie gewandt und unbemerkt
+mit einer zu diesem Zweck immer kurz vorher präparierten Kugel aus
+Cichorie. Hierauf forderte er einen der Zuschauer auf und gab ihm die
+vor aller Augen geladene Pistole in die Hand, ihm auf die entblößte
+Brust zu schießen. Gab sich niemand dazu her, so tat er es auch selbst.
+Natürlich verletzte ihn die weiche Cichorienkugel nicht. Gewöhnlich
+verfing sich dieselbe in den Kleidern oder fiel zu Boden, wo er sie dann
+schnell und unbemerkt zertrat. Die bereit gehaltene »echte« Kugel aber
+ließ er entweder gleich nach dem Schuß auf den Boden fallen oder zog
+sie, je nach dem, auch aus dem Hemd oder der Hose hervor und zeigte sie
+vor. So gab er wieder einmal Vorstellung und der dazu Aufgeforderte
+schoß auch gleich auf ganz kurze Entfernung auf den Künstler. Mit einem
+lauten Aufschrei brach dieser tot zusammen. Er hatte die Kugel nicht
+verwechselt, wie die in den Trick Eingeweihten zuerst annahmen, sondern
+hatte, statt einer kurz vorher präparierten Kugel (die man nachher fand
+und die ganz weich war), eine jedenfalls vergessene schon von längerer
+Zeit gemachte Cichorienkugel erwischt, welche durch die Länge der Zeit,
+hart und fest geworden und durch die Brust ins Herz gedrungen war.
+
+Die beiden Brüder Stein, welche sich als Kunstwasserschwinger und
+Feuerwerker produzieren, wählen zu ihren Produktionen und Vorstellungen
+immer die höchsten Brücken über Flüsse oder, wo keine Brücken sind,
+machen sie selbst ein hohes Gerüst aus Leitern, von wo herab sie ihre
+Kunstsprünge, den Körper mit Raketen eingehüllt, die vor dem Sprung
+angezündet werden und während dem Abfeuern der Raketen, allerhand
+schwierige und schöne Wasserkunststücke sehr elegant und gewandt
+ausführen. Der ältere brach schon zweimal den Fuß bei diesem oft recht
+gefährlichen »Kunstsprung«! Der jüngere ist außerdem einer der besten
+Guitarrespieler und Künstler auf diesem Instrument von uns deutschen
+Zigeunern.
+
+Ein wirklich hervorragender Künstler auf der Guitarre, von keinem
+anderen Zigeuner vor- und nachher übertroffen, war der Zigeuner Blach
+(Zigeunername: »Gokkel«.) Er spielte darauf ganze Opernauszüge. So z. B.
+Auszüge aus »Troubadour« -- »Martha« -- »Undine« usw. Einfach eine
+Berühmtheit auf diesem Instrument.
+
+Ich selbst war schon alles mögliche: Schausteller, Rekommandeur,
+Dresseur, Schauspieler, Pferdehändler, Zauberkünstler, Impresario von
+der »Anitzka« die bärtige Dame, Zirkus- vielmehr »Kunstarena«- und
+Singspiel- und Konzert-Direktor, Kunstschwimmer und Athlet und
+Ringkämpfer, heute vom Schicksal unerbittlich verfolgt nur noch --
+Hausierer.
+
+Der Zigeuner Winter (Zigeunername: »Hose«), der mit seinem Bruder und
+Geschwistern einen kleinen Zirkus hatte, d. h. ein Rondel und sein
+Geschäft in nettem Zustande hatte, trat als Brustathlet, Kettensprenger,
+Ringkämpfer, nebenbei noch mit einem dressierten, großen Affen und einem
+Pferd #à la# »Hans« auf. Der Affe war sein Untergang. Er war ein gar
+lieber, treuer Freund zu mir. Ein aufrichtiger, liebenswürdiger und
+trotz seiner Bärenkraft nur gemütlicher, braver Mensch. Darum das ihm
+zugestoßene Unglück um so bedauerlicher. Er gab wie immer (im
+Sigmaringischen) eines Abends Vorstellung. Unter den Zuschauern war ein
+noch junger Bursche, (ein Schaukelbursche und Sohn von einem Geschäft,
+welches auch auf dem Platz aufgebaut hatte, neben dem Rondel der Gebr.
+Hose) dieser störte die Vorstellung fortwährend durch laute Rufe, freche
+Bemerkungen, man merkte, daß er mit Gewalt die Vorstellung stören
+wollte. Da er auf keine Zurechtweisung hörte, wurde er schließlich von
+meinem Freund, dem älteren Hose, kurzer Hand an die Luft spediert und
+man glaubte, der Fall wäre erledigt. Dem war aber nicht so. Nämlich der
+erwähnte Affe war unter anderem auch dazu dressiert, während des
+Spielens, inwendig vom Rondel (Rundleinwand) stets im Kreise herum zu
+laufen, auf den Hinterfüßen, aufrechtstehend, um zu verhindern, daß
+jemand unbefugterweise die Rundleinwand aufhebe und gratis zuschaue. Es
+war mehr zur Abschreckung der Dorfjugend und um ein Beschädigen,
+Zerschneiden der Leinwand zu verhindern. Diesem Affen, ein ganz und gar
+gutmütiges Tier, stach der rohe Kerl von außen durch die Leinwand
+hindurch, das Messer in den Leib, so daß er schreiend und röchelnd
+verendete. In gerechtem Zorn sprang nun mein Freund hinaus, um den
+Übeltäter zu züchtigen oder vielleicht auch nur, ihn festzuhalten. Und
+da geschah das abscheuliche, der rohe Patron stieß ihm das noch vom
+Blute des Affen rauchende Messer ins Herz, so daß ich nur noch sah, wie
+er, wie vom Blitz getroffen, lautlos zu Boden stürzte. Der Bursche
+verschwand in der Dunkelheit. Die Vorstellung hatte ein jähes Ende
+gefunden. Wohl entging der Täter der irdischen Gerechtigkeit nicht, aber
+ein guter, braver Mensch war nicht mehr.
+
+Trotz diesen vielerlei Beschäftigungen kommt der Zigeuner in den
+seltensten Fällen auf einen grünen Zweig. In seinem leichten Sinn, wenig
+um das »morgen« besorgt, lebt er nur dem »heute!« Sind alle Mittel zu
+Ende, so lebt er solange sorgenlos dahin, bis er vom Hunger und Durst
+gequält, hauptsächlich im Winter, dem gefürchtetsten Gast des Zigeuners
+mehr als einmal bereit ist, den Unterschied zwischen »Mein« und »Dein«
+zu verwechseln. Doch auch in solchen mißlichen Lagen, verliert er seinen
+Humor nicht und nimmt manches auf die leichte Achsel, was ein anderer
+nicht gerade so leicht finden würde. Schon von Jugend auf wird er an
+alle Arten Entbehrungen gewöhnt. Sehr oft ist Schmalhans Küchenmeister
+und statt einem fetten Stück Schweinefleisch und einem guten Schluck
+Branntwein, muß er sich öfters nur mit Wasser und Brod begnügen. Was
+andere schon in frühester Jugend nicht mehr entbehren können, lernt er
+erst oft in sehr gereiften Alter kennen, so z. B. erzählt einer meiner
+»Kako« (Vetter) oft, wie er der »Bibi« (Tante), seiner Frau, erst kurz
+vor ihrer Verheiratung die ersten Schuhe kaufte. Als sie die Schuhe beim
+Kaufmann anprobierte, so fragte sie, als sie den einen Schuh angezogen
+hatte, ganz verzweifelt: »Kamlo Rom (lieber Mann) einen hätte ich an,
+jetzt wo gehört der andere hin?«
+
+Das bisher gesagte beweist also zur Genüge, (das nachfolgende wird es
+noch weiter beweisen) daß die Zigeuner -- nicht allein vom Betteln und
+Stehlen leben!
+
+Am meisten muß zur Versorgung und Erhaltung der Familie die _Frau_
+beitragen, welche sich durch allerlei gute, sichere Zaubermittel,
+Wahrsagen, Kartenschlagen usw. fast immer ein gutes Stück Geld erwirbt.
+Daß die Zigeuner viele Heil-, Zauber- und Geheimmittel haben, die stets
+sicheren Erfolg haben und bei den Bauern, notabene auch bei den
+Städtern, in hohem Ruf stehen, durch die dadurch erzielten oft
+wunderbaren Kuren und Erfolge, ist gut bekannt. Weniger bekannt ist
+vielleicht, daß die Zigeunerinnen auch sehr gute Tänzerinnen sind,
+Sängerinnen, Flechterinnen von allerlei nettem Flechtwerk. Die
+hervorragendsten unter ihnen besitzen nicht nur bei der Landbevölkerung,
+sondern auch bei ihren eigenen Stammesgenossen einen hohen Ruf und
+stehen bei letzteren in sehr hohem Ansehen. Solch eine #»brawi
+Dschuwel«# (Ehrenname für Zigeunerinnen), wird den anderen stets als
+Beispiel vorgehalten und sind solche auf ihren Ehrennamen stolz und auch
+mit Recht. Eine der berühmtesten und angesehensten Wahrsagerinnen, die
+im Wahrsagen aus den Linien der Hand sozusagen einzig dastand und einen
+Weltruf (?) genoß, war meine Schwiegermutter bei uns deutschen
+Zigeunern. Außerdem war sie ein sehr schönes Weib, mit wunderbar kleinen
+Füßen und konnte ausgezeichnet tanzen. Sie produzierte sich auch als
+Fußspitzen- und Kunsttänzerin, indem sie auf einem Teller tanzte. Selbst
+wir, die wir doch so oft das Schauspiel sahen, bewunderten immer wieder,
+die auf solch einem Teller ausgeführten schönen Tänze. Infolge einer
+körperlichen Entstellung gab sie dies Tanzen kurz nach einem Unfall auf.
+Umsomehr steigerte dies Mißgeschick direkt ihren Ruf als Wahrsagerin und
+weise Frau, weil sie den Unfall Jahre vorher prophezeit hatte. Dieser
+Unfall zeigt zugleich, wie man in gewissen Kreisen die Zigeuner trotz
+dem Jahrhundert der Humanität, immer noch als vogelfrei zu betrachten
+scheint. Ich will ihn daher etwas ausführlicher schildern.
+
+Es war an der bayerisch-österreichischen Grenze, noch auf dem Gebiet des
+»heiligen« Landes Tirol, als im Anfang ihrer Ehe meine Schwiegereltern
+in Gesellschaft, in einer Lichtung im Wald das Lager aufgeschlagen
+hatten. Die Frauen waren alle zurück aus den Dörfern und waren alle
+guter Dinge. Nur meine Schwiegermutter war noch nicht zurück, als man
+den aufgestellten Späher das Zeichen »Vorsicht« geben hörte. Gleich
+darauf gab er das Zeichen »Gefahr« und sofort auch »Hilfe«! Einige
+Männer, darunter mein Schwiegervater sprangen in die Wagen, um sich zu
+bewaffnen und dann der vom Späher angedeuteten Richtung zu. Die Frauen
+und Kinder brachen alles ab und zerstörten die Feuer, die Pferde wurden
+eingeschirrt und im nu war alles zur Flucht, zur Abreise hergerichtet.
+Der Späher meldete, daß er Hilferufe gehört habe und zwar habe er
+zuletzt deutlich die Stimme der »Madel« (Zigeunername meiner
+Schwiegermutter) erkannt. Gleichzeitig ertönten wieder die in unserer
+Sprache abgegebenen, gellenden Hilferufe und viel näher. Kein Zweifel,
+es war die noch nicht Zurückgekommene und allem Anscheine nach war sie
+in großer Gefahr. Alle stürzten in fieberhafter Eile der Richtung nach,
+von welcher die Hilferufe kamen. Sehen konnte man in dem tiefen Wald
+noch nichts. Da, in nächster Nähe der Straße, war eine etwas größere
+Lichtung, wo die Männer das nun folgende, abscheuliche Schauspiel mit
+ansehen mußten. Ein Gendarm stand da neben meiner Schwiegermutter, riß
+an ihr herum, er wollte sie fesseln. Sie wehrte sich dagegen, da stieß
+er sie mit dem Gewehrkolben in ganz unmenschlicher Weise, in Rücken, auf
+die Brust, den Leib, so daß sie einigemale zu Boden stürzte; und sie war
+in -- hochschwangerem Zustand. Ihr Mann sprang rasend vor Zorn und Wut
+auf den rohen, wüsten Gendarmen zu, seinem mißhandelten Weibe zu Hilfe
+und ihr zurufend. Darauf sprang diese auf und wie ein gehetztes Reh
+davon, aber statt ihrem Manne entgegen, in der Richtung der Straße zu.
+Da nahm der Gendarm das Gewehr, schoß nach der Fliehenden, und mit einem
+markerschütternden Schrei fiel sie am Waldesrand nieder. Entsetzen
+ergriff die Männer über solch einer gräßlichen Tat, an einer wehrlosen
+schwangeren Frau. Alles glaubte, sie wäre tot. Ihr Mann stumm und weiß
+wie der Tod, stand im gleichen Moment vor dem Mörder. Seiner Sinne nicht
+mehr mächtig, schoß er dem Gendarm die volle Ladung seiner Pistole ins
+Gesicht, so daß ihm das Hirn des Elenden ins eigene Gesicht spritzte. Er
+hatte es verdient.[1] Die andern hatten sich um das, wie sie glaubten,
+erschossene Weib bemüht, die zwar in Ohnmacht aber nicht tot dalag und
+einem Kind das Leben gegeben hatte. Dies Kind ist jetzt -- meine Frau.
+Die Mutter hatte nur einen Streifschuß erhalten, aber das Auge war
+verletzt, so daß es auslief und sie einäugig war, was sie, vorher eine
+der schönsten Frauen, sehr entstellte. Der Gendarm wurde absichtlich
+liegen gelassen, nichts von seinem Eigentum angerührt, Tag und Nacht
+gefahren und die Gegend für immer verlassen. Später hörten wir, daß die
+Zigeuner stark im Verdacht waren, aber schließlich bestimmt angenommen
+wurde, der Gendarm wäre bei einem Renkontre mit Wilderern getötet
+worden. Und weswegen diese Scheußlichkeiten? Der Gendarm beschuldigte
+die arme Frau, eine -- Katze gestohlen zu haben, es habe jemand zugesehen
+und ihm Anzeige gemacht. Das war nicht wahr und wenn es gewesen wäre,
+berechtigte dies dann zu so brutalen, rohen Mißhandlungen? Durfte er
+zwei Menschenleben vernichten (das dem nicht so war, ist nur ein
+glücklicher Zufall gewesen) wegen einer -- Katze? Er, der Gendarm
+titulierte die unschuldige Frau auch noch mit solch unverschämten,
+gemeinen Redensarten, die hier nicht wiederzugeben sind. Auch sagte er,
+sie habe die Katze wieder durchgehen lassen, das habe sollen ein Braten
+geben usw. Aber wir deutschen Zigeuner essen Katzenfleisch usw. niemals,
+selbst in der größten Not nicht. Nach unserem Gesetz streng verboten!
+Wer es übertritt, ist #»baledschido«# (unehrlich). Alle Beteiligten sind
+schon längst tot, d. h. mit Ausnahme der unbeteiligten Kinder, daher
+meine offene und gewissenhafte Schilderung, d. h. wie ich sie oft aus
+dem Munde der direkt Beteiligten gehört habe. Die Zigeuner sind weder
+Mörder noch Kinderräuber, das wird ihnen zu Unrecht nachgesagt. Ich
+selbst und der größte Teil der Zigeuner bedauern tief solche
+Ausschreitungen, wie die eben mitgeteilte, aber ich frage: Was hätte ein
+anderer Gatte getan, in den gleichen Umständen, angesichts solcher
+unmenschlicher Behandlung und einer solchen abscheulichen Tat? Die Tat
+des Gatten ist absolut nicht zu billigen, aber schließlich zu begreifen.
+Hätte man der Gerechtigkeit ihren Lauf gelassen, so wäre, so gewiß als 2
+und 2 vier ist, nicht der Gendarm, wohl aber die Frau zu ihrer
+Frühgeburt, zu ihrer Entstellung, zu ihren Mißhandlungen -- noch bestraft
+worden. Gerechtigkeit damals und insbesondere gegen die Zigeuner! Auch
+wäre es eine Feigheit gewesen und Infamie nach unseren Sitten und
+Anschauungen, die Frau arretieren zu lassen, vom anderen ganz zu
+schweigen. Daß die Sache ein solch schreckliches Ende nehmen würde,
+ahnte Niemand, der Feigling von Gendarm wohl am allerwenigsten. --
+
+ [Fußnote 1: nach dem Recht der Naturvölker. D. H.]
+
+Wie ich ja schon an anderer Stelle betonte, muß ich es mir versagen, auf
+die _nicht immer ehrlichen »Berufe«_ der Zigeunerinnen, wie Zauberei,
+Traumdeuterei, Wahrsagerei, Hexenbannerei und Austreiberei usw., sowohl
+bei Menschen wie Vieh, näher einzugehen! Hauptsächlich betrifft das
+unser Wahrsagen aus den Linien der Hand. _Ein Verrat hierin würde
+augenblicklich schwer bestraft werden. Derjenige würde kein Glück, keine
+Rast und Ruh mehr haben. Die Verstorbenen würden es rächen._ Es ist dies
+einzig unsere Kunst, mit der die Zigeunerin sicher und unfehlbar, sowohl
+die Zukunft als auch Vergangenheit ergründet und das größte Geheimnis
+bleibt für jeden Nichtzigeuner![2] #Tschatschopaha!# Auch sollte man
+nicht so viel Aufhebens davon machen und immer und immer wieder
+losdonnern gegen die »unehrlichen« Gewerbe Hexerei, Betrügerei! Was
+schadet es, wenn hin und wieder die Dummheit etwas bestraft wird? Warum
+sollen wir Zigeuner gegen die Dummheit kämpfen, wenn es selbst die
+Götter nicht vermögen? Aber nützen soll sie uns![3] Man bedenke auch,
+daß sie selber abergläubisch sind und an manches selber felsenfest
+glauben! Aber auch gutes kann eine Zigeunerin mit ihren oder durch ihre
+»lichtscheuen« Gewerbe stiften, selbst Verbrechen verhindern, was das
+folgende illustrieren soll.
+
+ [Fußnote 2: So meint der Verfasser.]
+
+ [Fußnote 3: Das ist die Auffassung der Zigeuner. Der Verfasser
+ denkt wohl schon etwas anders. Seine eigene Frau vermeidet das
+ Wahrsagen als unehrenhaft!]
+
+Kam da eine mir nah verwandte Zigeunerin (es war im Neckartal und noch
+gar nicht so lange her) zu einer als abergläubisch bekannten Frau, die
+sich ihres Mannes (einem Säufer) entledigen wollte. Eine »weise« Frau
+(keine Zigeunerin!! Man sieht, nicht blos Zigeuner verstehen sich auf
+»unehrliche« Geschäfte!) hatte ihr ein Mittel hierzu angeraten, _ein
+gutes, tatsächlich sicher wirkendes_. Die Frau war im Begriff dasselbe
+anzuwenden bezw. machte Anstalt hierzu. Nämlich sie mußte in den drei
+höchsten Namen, mit der linken Hand, Holz und Stroh unter das Bett ihres
+Mannes häufen und dies, wenn der Mann schlief -- anzünden, auch in den
+drei höchsten Namen, aber alles unbesprochen d. h. von anderen nicht
+dabei angeredet werden, sonst hatte die Zauberei _keine_ Wirkung,
+andernfalls aber wirkte es sicher und zwar so, daß Niemand, außer der
+Eingeweihten, _das Feuer brennen sah_! Auch mußte man es am Freitag tun.
+Die Frau wurde _durch_ das Dazwischenkommen meiner Verwandten
+_verhindert_, das Verbrechen _auszuführen_. Sie überredete die Frau, daß
+sie ihr ein ganz anderes, leichtes und gutes Mittel zu diesem Zweck
+wisse und die Frau vertraute ihr ganz und gar. Natürlich fiel es meiner
+Verwandten nicht ein, den Mann beseitigen zu helfen. Ihr genügte, einen
+»sicheren Verdienst« auf lange Zeit hinaus gefunden, die Frau an einem
+schweren Verbrechen, den Mann vor einem schrecklichen Tod, bewahrt zu
+haben. Das genügte ihr! Aber man sieht, es gibt in Bezug auf Moral noch
+Tieferstehende, als wir Zigeuner; denn Mord wird uns wohl zwar
+nachgesagt, aber mit Unrecht. Nur in einem Fall erinnere ich mich, wo
+eine Zigeunerin zur Kindesmörderin wurde. Diese war dann auch ihr Leben
+lang #»baledschido«# (ausgestoßen von aller Gemeinschaft, geächtet).
+Ebensowenig sind sie Kinderräuber (wenn auch früher vielleicht mal in
+einzelnen Fällen), denn sie haben selbst genug, brauchen also absolut
+keine zu stehlen. Daß sie Menschenfleisch äßen, ist eine haarsträubende
+Lüge. Ebensowenig essen wir deutschen Zigeuner Pferde-, Hundefleisch
+oder gar Aas, wie z. B. die ungarischen Zigeuner, die schon vergrabenes
+wieder ausgraben und verzehren, (verendete Schweine usw.). (?) Wir
+würden unser Gesetz schwer verletzen und müßten es schwer büßen. Die
+Lieblings- oder Nationalspeise ist Igelfleisch. Bei Tage werden sie ohne
+oder auch mit den dazu abgerichteten Hunden gesucht. Bei Nacht selten
+und dann nur mit Hunden. Igelfleisch wird jedem anderen Fleisch
+vorgezogen.
+
+_Moralische Empfindungen_ spricht man gewöhnlich den Zigeunern ab, aber
+sehr mit Unrecht. Mit gleichem Unrecht behauptet man, daß sie auf einer
+noch sehr primitiven Kulturstufe stehen. Gerade an ihren _Familien-_ und
+_Stammesverhältnissen_, an ihren Sitten und Gebräuchen sieht man das
+Gegenteil am besten. Früher als die Zigeuner noch in großen Haufen
+(Genossenschaften), d. h. alle Stämme eines _einzelnen_ Landes,
+Norddeutsche, Süddeutsche bildeten ein _ganzes_ für sich, (laut den noch
+existierenden mündlichen Zigeuner-Überlieferungen) reisten, hatten sie
+ihre regelrecht gewählten Anführer (Häuptlinge, Hauptleute). Die Ungarn
+haben heute noch ihre Ober- und Unteranführer (Wojwode, Saibidjo). Heute
+ist es in dieser Beziehung bei uns wesentlich anders geworden. Schon
+längst wurde es nicht mehr geduldet, in größeren zusammenhängenden
+Gesellschaften zu reisen, in den letzten Jahren wurden wir sogar
+gezwungen, nur noch familienweise in 1 bis 2 Wagen zu reisen, uns in
+kleine Trupps aufzulösen. Wir deutschen Zigeuner haben daher nur einen
+Hauptmann[4], welcher gewählt wird. Hauptmann wird nur einer, der sich
+die Achtung und Neigung der anderen zu erwerben versteht. Auch muß er
+nach zigeunerischen Begriffen etwas wohlhabend sein. Er muß ein
+bewährter und unerschrockener Mann sein. Wenn er alt, krank oder
+gebrechlich geworden, wird ein anderer gewählt, doch gilt auch hier
+»keine Regel ohne Ausnahme«, gewöhnlich aus der Familie oder
+allernächsten Verwandtschaft des bisherigen Hauptmanns. Dieser spricht
+Recht in allen Streitigkeiten der Zigeuner untereinander; hauptsächlich
+aber wenn jemand #»baledschido«# ist, d. h. wenn jemand sich gegen das
+Gesetz vergangen hat. Zu diesem Zweck ist alle Jahr ein #»Zilo«#
+(Versammlung), gewöhnlich im Herbst und zwar im Elsaß. Diese
+Zusammenkünfte sind geheim. Fremde werden in keinem Fall zugelassen. Da
+werden diese Sachen alle ausgemacht und vom Hauptmann Recht gesprochen.
+Je nach dem Vergehen auf ein paar Jahre #»baledschido«# gesprochen oder
+ganz ausgestoßen. Andere wieder »ehrlich« gemacht oder auf weitere Jahre
+#»baledschido«# gesprochen. Nur inbezug auf die Blutrache stehen dem
+Hauptmann irgendwelche schlichtende Rechte nicht zu. Nach solch einem
+#»Zilo«# geht es immer lustig zu. Diejenigen, welche wieder ehrlich,
+also nicht mehr #»baledschido«# sind und deren Angehörigen, bezahlen,
+d. h. halten die andern frei, aus Freude darüber, wieder in die
+Gemeinschaft aufgenommen, wieder einer der ihren zu sein. Wein, Bier,
+Branntwein, alles fließt in Strömen. Es wird gesungen, getanzt,
+geschmaust, gespielt, kurz es geht recht lustig und turbulent zu. Die
+Schattenseite ist aber dann die, daß gewöhnlich der Schluß einer solchen
+großen Zusammenkunft -- eine regelrechte Schlägerei ist, ja oft werden
+wahre Schlachten geschlagen.
+
+ [Fußnote 4: Der Verfasser kennt nur den Hauptmann der
+ süddeutschen Zigeuner. Dieser ist aber nicht der einzige in
+ Deutschland.]
+
+Denn zu einem solchen #»Zilo«# kommen manche, die nur ihren Feind
+suchen, der das »_Totenhemd_« an hat, d. h. die _eine Blutrache_ oder
+sonst etwas miteinander auszufechten haben. Es wird #»gepraßt«# d. h.
+man beschimpft sich gegenseitig, dann kommt es zum Handgemenge und es
+wird geschlagen, gestochen und geschossen. Ohne Blutvergießen oder oft
+auch Totschlag geht es meistens nicht ab. Angezeigt wird nichts.
+_Niemals_ verrät ein Zigeuner den anderen den Behörden. Alles wird
+wieder selbst ausgemacht. Wer etwas anzeigen oder eine Angabe machen
+würde, wonach der oder die Täter von der Behörde ermittelt würden, hätte
+#»gepukt«#, er wäre ein #»Pukerer«# und sein Tod gewiß. Wird aber der
+Täter so erwischt und verurteilt von der Behörde, so gilt diese Strafe
+nichts, d. h., wenn er die Strafe verbüßt hat, so ist er dennoch der
+Blutrache verfallen. Kommt es aber zu einer Versöhnung der Gegner (am
+meisten imponiert Mut und Unerschrockenheit), so ist die Aussöhnung
+dauernd. Zum Zeichen der Versöhnung nimmt derjenige, der Rache
+geschworen hat, zwei Gläser (Bier-, Wein- oder Branntweingläser),
+schenkt selbst von dem betreffenden Getränk ein, nimmt dann aber das
+Glas vom anderen Teil, (der Gegner dann umgekehrt), stößt an, d. h.
+trinkt ihm zu und beide leeren das Glas auf einmal. Jeder nimmt dann
+wieder sein eigenes Glas an sich; die Gegner sind versöhnt, jede Rache
+ist vergessen und alles ist vergeben. Hier nur ein Beispiel aus der
+Wirklichkeit: Bei einer zufälligen Zusammenkunft (größeren) bei Hagenau,
+einer meiner Schwäger mit einem anderen Zigeuner, der meinem Schwager
+Rache geschworen, (von ihm aus das »Totenhemd« anhatte) kam es am Abend
+in der Wirtschaft durch das unerschrockene Auftreten meines Schwagers
+zur Versöhnung der beiden Gegner. (Zeremonie wie vorgehend beschrieben.
+Bei Bier oder Wein wird dazu ein kleines Glas bezw. ¼-Literglas oder
+größeres Glas, nur wenig darin, genommen.) Wie es der Zufall wollte, kam
+kurz nach der Versöhnung ein anderer Gegner resp. zwei, Vater und Sohn,
+an. Der Zigeuner, welcher meinem Schwager Rache geschworen, sich aber
+mit ihm versöhnt hatte, hatte den beiden spät angekommenen Zigeunern
+ebenfalls Blutrache geschworen. Beide hatten also von ihm aus das
+»Totenhemd« an. Es war bereits sehr spät in der Nacht, als es wirklich
+zum Zusammenstoß kam. Das Ende war furchtbar. Der frühere Gegner von
+meinem Schwager forderte die beiden zuletzt angekommenen Zigeuner heraus,
+#»praßte«# und schoß den Sohn auf der Stelle tot und zwar am Ende des
+Hausausganges (Treppe) der Wirtschaft. Der Vater des Getöteten wollte
+seinem Sohn zu Hilfe eilen, wurde aber von dem sich wie wild gebärdenden
+Täter ebenfalls zweimal angeschossen. Eine Kugel bekam er in den
+Oberschenkel, die andere ging durch Kinn und Hals und kam am Kopf wieder
+heraus. Er flüchtete, mußte aber im Spital aufgenommen werden, wo er
+innerhalb 8 Tagen ebenfalls seinen Verletzungen erlag. Mein Schwager
+stand unmittelbar neben dem getöteten Zigeuner, als der Täter mit wild
+rollenden Augen nach dem anderen Zigeuner suchte. Wäre es nur eine halbe
+Stunde früher zum Kampf gekommen, so wäre mein Schwager oder sein Gegner
+sicher ebenfalls getötet worden. So aber fand Versöhnung statt und kein
+Haar durfte ihm gekrümmt werden. Die Sitten sind in dieser Beziehung
+streng. Da kein Zigeuner den anderen anzeigt, so erwischte man den Täter
+auch nicht. Er hat jetzt wieder das »Totenhemd« an von den verwandten
+Leuten der Erschossenen. Zur näheren Erklärung der Blutrache nur ein
+Beispiel: Vor etwa 8 Jahren hatte der Zigeuner B. Eckstein dem Zigeuner
+S. Guttenberger, als letzterer eine Gefängnisstrafe verbüßte, dessen
+Geliebte bezw. nach unseren Begriffen seine Braut -- ihm abwendig
+gemacht. Nach unseren Sitten durfte bezw. mußte er sich rächen, wenn er
+kein Feigling sein wollte. Der Verführer wußte aber auch gut, daß er das
+»Totenhemd« anhatte, von dem hintergangenen Liebhaber bezw. zukünftigen
+Gatten aus.
+
+Als Guttenberger frei war, suchte er den Eckstein auf, der daran war,
+die Ehe nach unseren Anschauungen mit dem fraglichen Frauenzimmer
+einzugehen. Er traf ihn in einer Wirtschaft. Dieser, überrascht durch
+den unerwarteten Besuch, sich aber der Situation voll bewußt, erhob
+sich, um hinaus zum Wagen zu gehen, jedenfalls, um sich zu bewaffnen.
+Guttenberger zog aber sofort eine Doppelpistole und schoß nach ihm. Der
+erste Schuß ging fehl und fuhr die Kugel oben in die Stubentüre. Die
+zweite traf ihn in den Kopf und furchtbar entstellt brach er tot
+zusammen. Durch die anwesenden Bauern wurde der Täter an einer Flucht
+verhindert. Er bekam vier Jahre Gefängnis. Jetzt ist er längst frei,
+aber eines schönen Tages fällt auch er als Opfer der Blutrache. Die vier
+Jahre Gefängnis haben gar keinen Einfluß oder Bezug auf diese. Dem
+Frauenzimmer geschieht nichts. Eine Verbindung aber mit dem betrogenen
+Rächer ist für immer ausgeschlossen. Er würde dadurch #baledschido#
+werden, nicht aber sie.
+
+Außerdem ist bezw. wird #»baledschido«# (leichtere Vergehen), wer
+Hundefleisch, Pferde- und Katzenfleisch ißt, ja wer nur aus einem Hafen,
+Schüssel usw. ißt, wo solches nur darin war bezw. darin gekocht wurde,
+ebenso wer aus einem Gefäß ißt oder trinkt, welches von einer Zigeunerin
+mit dem Rock berührt, gestreift, über das sie etwa hinweggestiegen ist.
+Solche Gegenstände müssen, wenn auch noch so nagelneu, sofort vernichtet
+werden, natürlich auch das darin gekochte. #Praßen# (Beschimpfen) auf
+seine Tote, auf des #Praßenden# Frau -- ohne Abwehr macht #baledschido#.
+#Baledschido# wird, wer während der Periode zu seiner Frau liegt und
+überhaupt solche Vergehen gegen die Schamhaftigkeit in und außer der
+Ehe, z. B. Besuch von Prostituierten, Onanie usw. treibt. Schwere
+Vergehen, wofür oft für immer aus der Gemeinschaft ausgeschlossen,
+geächtet und verachtet wird, sind Sittlichkeitsvergehen, widernatürliche
+Unzucht, Kindesmord usw. Die Strafe des #baledschido# besteht darin, daß
+ein solcher auf bestimmte Zeit oder zeitlebens von aller Gemeinschaft,
+Verkehr usw. der übrigen Zigeuner ausgeschlossen, verstoßen, geächtet
+ist. (Noch bei den Ausländern, bei den deutschen nicht mehr). Auch nicht
+mit ihnen zusammen reisen. Solche müssen allein reisen. (Nur
+ausländische Zigeuner, bei den deutschen Zigeunern nicht, hier
+Zusammenreisen erlaubt). Auch darf man nicht mit solch einem aus einem
+d. h. dem »geächteten« seinem Glas etwa trinken. Anstoßen,
+»Gesundheittrinken«, »Prosit« und an einen Tisch setzen, ist erlaubt.
+Nicht erlaubt wieder -- aus einer Tasse, Teller usw. eines #baledschido#
+zu essen oder seine Löffel, Gabel, Messer usw. zu gebrauchen. Wer etwas
+derartiges tut, wird eben dann auch #baledschido#. Diese Strafe ist in
+jeder Beziehung für den Zigeuner schrecklich. Abgesehen davon, daß er
+von allen gemieden wird, wird er von den Behörden als Einzelner überall
+angehalten und hat seine liebe Not und Scherereien. Wie sehr auch der
+Zigeuner das freie, ziellose Herumreisen liebt, ebenso liebt er die
+Geselligkeit mit seinesgleichen. Allein von Ort zu Ort wandern zu
+müssen, vom Heimweh und Verlassenheit verfolgt, ist für ihn, bei seinem
+geselligen Wesen, die denkbar größte moralische Strafe.
+
+Wie schon gesagt, leitet und bestimmt bei den ausländischen Zigeunern
+die _Züge_ der Wojwode und die Saibidjo, d. h. es wird gewöhnlich im
+Winter, wenn alles die Winterquartiere bezogen hat, eine Versammlung
+abgehalten.
+
+ [Illustration: Zigeunerfamilie #Winter# in Allmendingen.]
+
+Da wird nun über alle den Stamm interessierenden Angelegenheiten
+beschlossen und beraten, über die Wanderungen im nächsten Sommer, die
+Züge, und jedem sein Gebiet zugeteilt. Bei den deutschen Zigeunern ist
+das anders; hier kann nur beiläufig in der Versammlung beschlossen
+werden, welche Reiseroute die einzelnen Familien bezw. kleineren
+Gesellschaften einzuschlagen haben, weil ja in Deutschland größere
+Trupps nicht mehr miteinander reisen dürfen. Jede derartige kleinere
+Gesellschaft ist für sich und der älteste der Männer ist der Führer, das
+Haupt der Truppe, er bestimmt und regelt alles. Unbedingt werden seine
+Anordnungen genau befolgt. Auch bezogen bisher die deutschen Zigeuner
+mit geringen Ausnahmen selten Winterquartiere. Nur über Weihnachten,
+Neujahr, blieben sie in einem Ort usw., sonst reisen sie das ganze Jahr.
+Jetzt ist es auch in dieser Beziehung anders geworden. Wegen den
+schulpflichtigen Kindern und der Beschaffung der Reisepapiere müssen sie
+nun auch ein wenig wohnen und zwar kommen sie dann beim Eintritt des
+Winters zu größeren Trupps in gewissen Gegenden zusammen, wo sie sich
+einmieten und um jeden Argwohn zu unterdrücken, die Miete für Monate, ja
+¼ Jahr vorausbezahlen. Einige haben schon sogar Häuser gekauft, z. B. in
+Bayern. Solche Winterquartiere befinden sich bei uns in einem Dorf bei
+Karlsruhe, bei Stuttgart und hauptsächlich im Elsaß. Ist dann der
+Winter, der gefürchtetste Gast der Zigeuner, mit seiner Not und seinem
+Elend vorüber, d. h. schaut nur die liebe Sonne aus den Wolken heraus im
+beginnenden Frühjahr, so ist kein Halten und Bleiben mehr. In
+scheinbarer Unordnung gehen die einen da, die andern dort hinaus, und
+doch ist alles so annähernd geregelt und schlägt jede Abteilung seine
+ihm vorläufig bestimmte Reiseroute ein. Von der Ordnung wird aber bald
+nichts mehr zu sehen sein, denn verschiedenes trägt dazu bei, sie
+aufzulösen, Kollusion mit der Behörde u. dgl. Da treten dann die
+Wanderzeichen in Aktion, durch die sie sich verständigen, raten und
+warnen, Mitteilungen machen, Zusammenkünfte und irgend ein Vorhaben
+signalisieren. Diese Wanderzeichen, Signale usw. finden sich weit mehr
+bei den ausländischen Zigeunern als bei den deutschen. Nur sozusagen im
+inneren Leben bedienen sich die deutschen Zigeuner einiger weniger
+Zeichen, so z. B. beim Aufstellen von Posten, Gebärdenzeichen,
+Warnungszeichen beim Erscheinen von verdächtigen Personen oder
+Amtspersonen, Gendarmen usw., wenn man sonst nicht mehr anders warnen
+kann. Früher waren auch weitere Zeichen im Gebrauch. Beim Fahren, um den
+Nachkommenden den Weg, die eingeschlagene Richtung zu zeigen, werden
+aber auch heute noch manche angewendet. Bemerkenswert ist noch der
+eigenartige _nur_ von ihnen gebrauchte und bekannte Zigeunerpfiff, nach
+Art des heimatlichen Bubenpfiffs, aber durchaus nicht mit diesem zu
+vergleichen. Ertönt der Pfiff, wo es auch sei und zu jeder Zeit, so weiß
+jeder, daß einer der ihren in der Nähe ist, ohne ihn zu sehen oder sonst
+ein Zeichen zu erhalten.
+
+Der _Gebräuche im Wohnwagen_ sind viele, von denen nur einige hier
+angeführt werden können. Eine Geburt im Wohnwagen darf nicht erfolgen,
+d. h. in keinem von ihren Wagen darf geboren werden. Ausgenommen eine
+Fehlgeburt, welche nicht als Geburt, sondern nur als eine Krankheit
+angesehen wird. Findet dennoch einmal eine Geburt im Wagen statt, so muß
+derselbe verkauft werden. Er darf von keinem Zigeuner mehr benützt
+werden. Ebenso dürfen alle darin befindlichen Gegenstände (ausgenommen
+die Kleidungsstücke) wie z. B. Koch- und Eßgeschirr, auch Löffel, Gabeln
+usw., Trink-, Eß- und sonstige Lebensmittel nicht mehr benützt werden.
+Das Bett, worin die Geburt vor sich ging, muß verkauft oder vernichtet
+werden. Wer irgend eine der angeführten Sachen dennoch wieder gebraucht,
+wird #baledschido# und zwar zählt solches zu den _leichteren_ Vergehen.
+Dennoch wird diese Sitte streng durchgeführt. Gewöhnlich erfolgt eine
+Geburt unter dem Wagen, in einem Schuppen, Scheune oder dergl. Oder auch
+ganz im Freien, im Wald, hinter einem Gebüsch usw., auf einem primitiven
+Lager. Großer Vorbereitungen bedarf es hierzu nicht. Alte Kleider, ein
+Teppich genügen zum Lager, selten wird ein Bett benützt. Im Winter z. B.
+wird auch hie und da ein Zimmer gemietet auf ein paar Tage. Treten aber
+Umstände ein, wo doch im Wagen geboren wurde, so werden dann alle
+Gebrauchsgegenstände usw., um wenigstens diese zu retten, aus dem Wagen
+entfernt und wenn es eilt, nur noch hinausgeworfen. Alles was heraus ist
+aus dem Wagen, darf nachher wieder gebraucht werden. Nach der Geburt
+darf der Wagen dann gleich benützt werden, d. h. Mutter und Kind werden
+jetzt in denselben aufgenommen. Nach 2 Tagen, höchstens 3 hat sich eine
+Zigeunerin erholt und geht wieder ihren gewöhnlichen Beschäftigungen
+nach! Von der Geburt bis zur Taufe darf von den männlichen Zigeunern,
+auch der Vater nicht, im Wagen wo die Kindbetterin ist, etwas gegessen
+oder getrunken werden. Nur was außerhalb des Wagens gekocht wird! Auch
+darf man das Kind nicht berühren, z. B. auf den Arm nehmen oder küssen.
+Für weibliche Zigeuner ist vorstehendes aber alles gestattet. Getauft
+wird so schnell wie möglich und soll es schon öfters vorgekommen sein,
+um recht viele Patengeschenke zu erhalten (gewöhnlich werden zu dieser
+»Ehrenstelle« reiche Dorfbewohner angehalten, welche die Bitte selten,
+schon wegen dem Pfarrer nicht, abschlagen), daß ein und dasselbe Kind
+zweimal getauft wurde.
+
+Im Wohnwagen darf weibliche Wäsche, Hemden, Unterkleider nicht
+aufgehängt werden, z. B. auch nicht zum Trocknen. Würde ein männlicher
+Zigeuner an solch einen Gegenstand stoßen, ihn mit dem Kopf berühren, so
+wäre er unbedingt infam, d. h. #baledschido# (unehrlich). Auch dürfen
+keinerlei Eßwaren, welche mit solch einem weiblichen Bekleidungsstück in
+Berührung gekommen sind, vielleicht durch Einwickeln oder Darauflegen,
+gegessen werden. Ausgenommen solche, welche nicht direkt in eine solche
+Berührung gekommen sind, entweder in einem Gefäß oder wenn es gut
+eingewickelt war, z. B. Getränke in einer Flasche oder Glas. Bei
+Wäschestücken von männlichen Zigeunern ist solches aber nicht der Fall.
+
+Zwei Liebende dürfen vor ihrer Verbindung nicht öffentlich, d. h. daß es
+die Eltern oder Verwandten wissen, im Wagen beieinander sein. Sie müssen
+beide miteinander vorher #»naschen«#, ehe sie als verbunden miteinander
+betrachtet werden. #Naschen# = fortgehen, fliehen, bedeutet in diesem
+Fall, daß beide mindestens einen Tag und Nacht von der eigenen Sippe
+fortgehen (auf eigene Faust) müssen, wenn auch nur in das nächste Dorf
+oder auch nur eine Stunde weit entfernt. Gewöhnlich bleiben beide aber
+länger fort und hauptsächlich diejenigen, denen die Eltern die
+Einwilligung zur Heirat verweigern. Kommen sie dann zurück, so müssen
+die Eltern wohl oder übel die Verbindung zulassen, so verlangt es die
+Sitte. Außerdem ist es strenge Sitte, daß das zurückkommende Paar
+sogleich zu den Eltern, -- d. h. in erster Linie vor den Vater, wenn
+Vater nicht anwesend z. B. tot oder wegen irgend etwas _lange_ Zeit
+(Gefängnis vielleicht) abwesend, zur Mutter; falls diese auch nicht da,
+dann zu den Geschwistern, wenn vorhanden, wenn solche auch nicht, dann
+kommen erst die nächsten Verwandten -- treten muß, und zwar der Mann vor
+die des Mädchens und umgekehrt, mit den Worten: »(Name des Vaters) #du
+honte da verzeiheres# (#verzeiheres# ist eines der vielen
+Zigeuner-Faulwörter! Richtig zigeunerisch muß es heißen: ... #du honte
+da -- prosserrehes -- mange wel# usw.) #mange wel da lejam tiri Tschai!«#)
+(»Verzeihe mir, weil ich Deine Tochter genommen habe!«) Dann erhalten
+sie zum Schluß einen Backenstreich, je nach Lage der Sache stark oder
+leicht und die Verbindung ist fertig, die Ehe geschlossen und wird
+ebenso heilig gehalten, als wenn irgend ein Priester seinen Segen dazu
+gegeben hätte.
+
+Bei einem Todesfall, d. h. stirbt eine erwachsene Person im Wohnwagen,
+(nur bei Erwachsenen, bei kleineren Kindern nicht) so müssen nicht nur
+alle die Gegenstände wie bei einer Geburt entäußert oder vernichtet
+werden, sondern hier in diesem Fall auch noch alle Wäsche- und
+Kleidungsstücke, mit Ausnahme derjenigen, die man gerade an hatte und
+der Musikinstrumente, Geld und eventuell vorhandene Bilder
+(Photographien). Was man aber noch vor Eintritt des Todes aus dem Wagen
+entfernen kann, darf weiter benützt werden. Alles übrige darf nicht mehr
+gebraucht werden, auch wenn es noch nagelneu wäre und die betreffenden
+Leute in große Not dadurch kommen. Ja, wohlhabendere Zigeuner verkaufen
+solche Sachen überhaupt nicht, sondern verbrennen einfach alles, Wagen
+usw. Ärmere verkaufen es und zwar gewöhnlich an anderes »herumziehendes«
+Volk, aber ja an keine Zigeuner, und wenn es auch ganz unbekannte wären.
+Wer diese streng eingehaltene Sitte nicht befolgt, wird #baledschido#.
+(_Schweres_ Vergehen!) Und zwar wird diese Sitte so genau und streng
+befolgt wegen der abergläubischen Furcht der Zigeuner vor ihren Toten.
+Sie glauben eben, daß die Geister der Verstorbenen, in dem von ihnen zur
+Zeit ihres Lebens bewohnten Wagen, umgehen müssen und so lange keine
+Ruhe finden, bis er vernichtet oder vom Stamm entfernt ist. Deshalb
+würden sie, wenn solch ein Wagen von den Angehörigen weiter benützt
+werden würde, allnächtlich kommen und diese quälen und Unglück über sie
+bringen. Hier liegt auch der Grund, warum die Zigeuner keines ihrer
+Geheimnisse z. B. Wahrsagen, Wanderzeichen oder anderes verraten, da sie
+meinen, diese von den Verstorbenen gelernt zu haben. Selbst solche
+Zigeuner, die #baledschido#, von aller Gemeinschaft ausgeschlossen sind,
+verraten dergleichen an Nichtzigeuner niemals.
+
+Auch sonst ist das Leben im Wohnwagen, z. B. die Beziehungen der beiden
+Geschlechter zueinander, durch Sitte und Gesetz streng geregelt. Auch in
+Bezug der Reinlichkeit stechen die deutschen Zigeuner von denen der
+anderen Länder[5] vorteilhaft ab. Es ist absolut falsch, wenn man
+glaubt, es gehe da in sittlicher Beziehung sehr frei zu. Im Gegenteil:
+die deutschen Zigeuner sind sehr schamhaft, obwohl gegen sinnliche Reize
+gerade nicht ganz unempfindlich. Aber unsittlich geht es im Wohnwagen
+niemals zu. Selbst bei den größten Stammesfesten nicht, obwohl es da
+sehr lustig und heiter zugeht, wenn die Geigen jubeln und die
+Zigeunermusik über Wald und Flur dahinrauscht.
+
+ [Fußnote 5: Kennt _Wittich_ diese? D. H.]
+
+ [Illustration: Bildnis der Stieftochter des Verfassers.]
+
+Böse und gute Menschen gibt es überall, bei jedem Volk, aber man malt
+die Zigeuner wirklich zu schwarz, wenn man sie ohne weiteres als Räuber
+und Diebe, jeder moralischen Gesinnung bar, auf eine Stufe mit den
+verkommensten, untersten Schichten unserer übrigen Bevölkerung stellt.
+Betteln, Landstreichen, wenn man ihre unbezwingbare, angeborene
+Wanderlust so nennen mag, gelegentlicher Diebstahl und kleinere
+Betrügereien mag man ihnen schließlich mit Recht nachsagen. Aber es ist
+ein großes Unrecht, wenn man, wie es bis jetzt immer geschieht, die
+Zigeuner einfach für gemeinfährliche, schlimme Menschen zu halten und zu
+verdammen beliebt! Bei genauer Beschäftigung mit ihnen würde man bald
+das den Zigeunern in dieser Beziehung zugefügte Unrecht einsehen. Wenn
+man bedenkt, daß sie von jeher schon als vogelfrei betrachtet wurden,
+wie grausam und unmenschlich sie behandelt und verfolgt wurden, wie sie
+heute noch gehetzt und gequält werden, so sollte man sich eigentlich nur
+darüber wundern, daß sie nicht noch schlechter sind, als sie in
+Wirklichkeit sind. Ist es ein Wunder bei einer so üblen Behandlung, wenn
+sie in jedem Weißen nur einen Feind und Unterdrücker ihres Volkes
+vermuten und sich deswegen gegen jedermann zurückhaltend und
+verschlossen benehmen! Die Zigeuner, dieses echt romantische,
+weltverlassene Volk, sind viel, viel besser als ihr Ruf und nur
+gutmütige, liebe, versöhnliche Menschen, gewandt und gescheit, sodaß man
+sie bei näherem Kennenlernen bald lieben lernt und ihnen zugetan wird.
+
+Merkwürdig ist es, daß die deutschen Zigeuner, so sehr sie auch
+verächtlich und demütigend von allem Volk behandelt werden, doch auf die
+Landbevölkerung gleichsam herunter sehen und den Beleidigungen und
+Beschimpfungen keinen Wert beilegen; d. h. von dem ungebildeten Volk
+können sie nicht beleidigt werden und reagieren auch nicht darauf. Sie
+haben vor den »Gadsche« (Bauern) überhaupt keine Achtung oder Respekt.
+Dagegen aber imponiert ihnen die gebildete Klasse. (#Raien#, #Raile
+Gadsche#). Hauptsächlich die Behörden! Lesen, schreiben oder Ausübung
+einer Kunst imponiert ihnen gewaltig! Anders liegt die Sache bei
+ungerechter Behandlung oder Mißhandlung, oder Beleidigungen unter ihnen
+selbst! Aber ich muß nochmals erwähnen, daß bei keiner strafbaren
+Handlung, mag sie heißen wie sie will, ein Zigeuner den andern dem
+Gericht verrät oder anzeigt. Ausnahmen sind äußerst selten. Selbst
+Todfeinde denunzieren oder zeigen nichts an, weil sie eben ihr eigenes
+Gesetz und Strafen haben, das überall und immer streng ausgeübt wird
+untereinander. Strafen, welche Zigeuner verbüßen oder verbüßt haben,
+z. B. wegen Bettel, Betrug, Diebstahl usw., gelten nicht als entehrend,
+sondern solche Strafen werden als eine Art Ehrenstrafen betrachtet. Am
+angesehensten und geachtetsten bei den Zigeunern sind solche Zigeuner,
+welche gut betteln, stehlen, wahrsagen usw. können. Solche werden den
+andern Zigeunern immer als »gute« Beispiele angeführt. Solchen werden
+Ehrennamen (#brawi Dschuwel#, #brawo Sinto#) beigelegt.
+
+Welcher _Religion_ gehören die Zigeuner an? Eine schwierige Frage! Vor
+lauter Sprachforschung, scheint es mir, hat man die Religionsforschung
+(wenn ich mich so ausdrücken darf) vergessen![6] Haben sie eine eigene
+Religion? Dies zu beantworten, wird, fürchte ich, noch schwieriger sein,
+als ihre Herkunft zu ermitteln. Es heißt, kein Gebrauch, kein Symbol,
+kein Kultus weise darauf hin, daß die Zigeuner eine Religion haben bezw.
+einmal eine besessen hätten. Man weiß nicht mehr, als daß die Zigeuner
+in christlichen Ländern römisch- oder griechisch-katholische Christen
+wären usw. Hat Jemand dies zu ergründen schon jemals ernstlich den
+Versuch gemacht? Und wenn sie wirklich keine Religion haben, müßte man
+ihnen da nicht solche bringen? Wer den Heiland nicht kennt, von der
+christlichen Lehre nichts weiß, der ist ein Heide, also sind die
+Zigeuner Heiden! Übrigens auch in einigen Gegenden so geheißen. Es gibt
+ja noch viele Heiden in den großen, fremden Ländern und Erdteilen, und
+doch die Christenheit sendet hier Diener Gottes hin, getreu dem Gebot
+des Heilandes folgend; aber um die armen Zigeuner kümmert sich niemand,
+obwohl sie der ganzen christlichen Welt sozusagen unter den Augen
+herumlaufen! »Die Zigeuner sind für Religion nicht zu haben«. Das ist
+eine häufige Behauptung und damit soll alles abgetan sein? Fühlt man
+weiter keine Verantwortung, weder in christlichen noch in kirchlichen
+Kreisen?
+
+ [Fußnote 6: d. h. die Sprachforscher interessieren sich für die
+ Zigeuner viel mehr, als im allgemeinen die Diener Christi. D. H.]
+
+Weist wirklich nichts auf eine Religion der Zigeuner hin? -- Warum sagt
+der Zigeuner niemals »der« Gott, sondern immer »mein« Gott? (#Miro baro
+Dewel# -- mein großer Gott!) Will er damit nicht andeuten, daß er auch
+einen Gott habe, den er als seinen Gott von dem der anderen Menschen
+unterscheidet, oder ist es nur eine zufällige Sprachgewohnheit? Beweist
+es nicht wenigstens, daß die Zigeuner auch an ein höchstes Wesen
+glauben! Und ebenso glaubt er an ein Fortleben der Verstorbenen nach dem
+Tode.
+
+Je nachdem bringen sie ihm Glück oder Unglück. Um letzteres zu
+vermeiden, hält er die Gebräuche in Bezug auf seine Toten streng ein.
+Die Verehrung der Toten ist so groß, daß nur die dringendsten Fälle ihn
+bewegen könnten, auch nur den Namen der Verstorbenen auszusprechen. Ein
+Schwur auf oder bei den Toten wird ebenso unverbrüchlich und heilig
+gehalten, als wie der bei der Hand seines Vaters (#dadeskero vast#). Ein
+#praßen# (fluchen) auf seine Toten (Beschimpfung der Abgeschiedenen)
+kann nur durch Blut gesühnt werden. Das Grab eines teuern Verstorbenen
+wird, wenn es nur irgend möglich ist, nach einem Jahre wieder besucht.
+An dem Grabe eines Stammesgenossen geht kein Zigeuner vorüber ohne
+einige Tropfen Wein, Bier oder Branntwein daraufzugießen. In der
+Neujahrsnacht wird nach den Lebenden, den Toten »ein gutes Neujahr«
+gewünscht; in der Sylvesterstunde werden bei feierlicher Stille einige
+Tropfen Wein, Bier usw. auf den Boden geschüttet mit den Worten: »Für
+die Toten!«
+
+Aber sind die Zigeuner für Religion zu haben? Allerdings mit Hilfe von
+brennenden Scheiterhaufen und Galgen, wie man es früher beliebte, oder
+durch Wegnehmen der Kinder, kann man sie zu keiner Religion und Moral
+zwingen. Das Resultat wird immer ein negatives sein. Und wenn die
+Behandlung nicht besser wird, wenn dies arme, unglückliche Volk weiter
+so ungerecht verfolgt und verachtet wird von der übrigen Menschheit, so
+wird es sehr, sehr schwer sein, in ihnen Liebe und Achtung vor der
+Religion zu erwecken, die eben diese Menschen ihnen bringen wollen,
+welche ihre Worte so wenig durch ihre Taten bestätigen. Aber eins ist
+gewiß: diese Ärmsten unter den Armen würden ihre Ohren und Herzen öffnen
+-- der Religion der Liebe! Das ist in der Tat schon bewiesen. Es gibt
+bei uns Zigeuner, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, doch zu
+Gott beten, von Zeit zu Zeit auf offenem, freiem Felde eben diesem Gott
+ihre Sünden laut bekennen, beichten, bereuen und nichts Sündhaftes mehr
+zu tun geloben, feierlich diesen Tag dann heiligen durch die größte
+Enthaltsamkeit und fromm werden wollen, wenn man es so sagen kann.
+
+Ich könnte einige solcher Zigeuner namentlich anführen. Einer dieser
+Zigeuner ist mir noch ganz besonders im Gedächtnis, dieser gelobte als
+junger Bursche, alle Jahre vom Karfreitag ab, 6 Wochen lang kein Fleisch
+zu essen. Das will bei einem Zigeuner was heißen! Er ist seinem Gelöbnis
+treu geblieben bis zu seinem Tode vor nun 2 Jahren, trotz aller Art
+Versuchungen. In dieser Zeit sind die Igel (bekanntlich die Lieblings-
+und Nationalspeise der Zigeuner) am »fettesten«, daher am besten, nach
+dem Zigeunergeschmack. Da wurde er von Genossen damit geneckt, indem sie
+ihm einstmals mit einem fetten, delikaten und appetitlichen Hinterfuß
+(Hinterschinken) von einem Igel (die größte Delikatesse für einen
+Zigeuner) reizten und neckten und ihn absolut zum brechen seines
+Gelübdes verführen wollten. Aber trotz dieser für einen Zigeuner fast
+»übermenschlichen« Versuchung, widerstand er derselben standhaft!
+Solches und noch vieles mußte er durchmachen und brach aber doch nie,
+bis ins hohe Alter hinein, sein Gelübde.
+
+Fromm war in ihrer Art auch meine Schwiegermutter. Obwohl sie gar keine
+Schule besucht hatte, von einem Kirchenbesuch vollends gar keine Rede
+war, keine Ahnung von Lesen und Schreiben hatte, betete sie doch jeden
+Abend und Morgen mit ihren Kindern ein altes Gebet in unserer Sprache.
+
+Es lautet:
+
+ #Me baschau mange tele# (oder: #Me staua pre# oder: #Meh
+ dschaua nikli) ani Dewlester Soraloben, ani Dewlester Baroben,
+ ani Dewlester Songlienger Rat, da hi latscho, hako Mulenter da
+ kerela mange kenk mitschiko Dscheno tschomoni. O Dewlesker Dad,
+ o Dewlesker Tschawo, o Dewlesker Mulo, priserele man!#
+
+ Ich lege mich nieder (oder: ich stehe auf oder: ich gehe fort)
+ in Gotteskraft, in Gottesmacht, in sein (rosenfarbiges)
+ rosenrotes Blut, für alle bösen Geister und Gespenster gut,
+ daß mir kein böser Mensch nichts tut. Gott Vater, Gott Sohn,
+ Gott hl. Geist, segne mich!
+
+Sie hatte 9 lebende Kinder, war eine #»brawi Dschuwel«#, aber als sie
+die ersten Kinder bekam, vollzog sich eine innerliche Wandlung in ihr --
+sie übte ihre zigeunerischen Gewerbe nicht mehr aus, sodaß sie und ihre
+Familie, die früher im Überfluß lebten, oftmals in die bitterste Not
+kamen. Auch ihre Kinder lehrte sie nichts mehr, d. h. von der Mutter aus
+hätten sie nichts gelernt, z. B. Wahrsagen. Warum wohl? Weil sie
+jedenfalls oft hörte von dem Schimpflichen solcher Gewerbe und es auf
+ihre Art in ihrem frommen Herzen zuletzt selbst glaubte! Fromm war sie!
+Man stelle sich diese Frau vor, die bis zu ihrem Tode so geblieben war,
+mit ihren 9 Kindern? Welche Sorgen, Nöte, Lasten und Mühe lag auf ihren
+Schultern? Verspottet oft von den Stammesangehörigen, die es ihr ins
+Gesicht hineinsagten, es sei kein Schade, daß es ihr so ärmlich gehe --
+warum übe sie nicht mehr aus, wegen dessen sie ja den Ehrennamen (brawi
+Dschuwel) hatte und ähnliches! Von den Vorwürfen des Gatten zu
+schweigen. Dies kann nur der begreifen, der die Sitten der Zigeuner in
+dieser Beziehung kennt. Trotzdem blieb sie standhaft. Mochten sie die
+Sorgen fast zu Boden drücken, sie blieb fest und betete gewissenhaft
+jeden Abend und Morgen ihren Kindern das obenangeführte Gebet vor und
+lehrte sie dasselbe selbst zu beten. Merkwürdig aber ist und war doch --
+sie ging niemals in eine Kirche, wollte von keinem Geistlichen was
+wissen. In ihren Reden kamen diese gerade nicht respektvoll weg, sie
+nannte sie nur die »schwarze Polizei!« Wie mag diese Frau dazu gekommen
+sein, solches zu sagen? Was mag sie erlebt haben? Der, welcher die
+Geschichte der Zigeuner und ihre Verfolgungen und Mißhandlungen kennt,
+von eben diesen Bekennern und Predigern der Religion Christi, wird diese
+Fragen leicht beantworten können! Ebenso feierte sie jeden Feiertag
+(Ostern, Weihnachten, Karfreitag) und befleißigte sich, was ihre Person
+betraf, der größten Enthaltsamkeit.
+
+Aber auch sonst sind sie ihrer Art gottesfürchtig (!) so machen sie gern
+Wallfahrten nach berühmten Wallfahrtsorten und wenn auch das letzte Geld
+daraufgeht, aber immer zu einem gewissen Zweck, z. B. wenn sie größeres
+Vorhaben (ein zigeunerisches »Geschäft«) ausführen wollen. Dann beten
+sie da, geloben auch ein Gelübde, im Falle eines guten Gelingens des
+beabsichtigten Geschäftes. So wurde schon manches »Geschäft« ausgeführt,
+mit der größten Zuversicht, daß sie nicht erwischt und eingesperrt
+werden, haben sie doch zu Gott oder zur Muttergottes gebetet, ein
+Gelübde getan, damit sie ihnen zu ihrem »Geschäft« beistehen und das
+Geschäft auf ihre Art nicht unglücklich ausgehe. Was wissen sie davon
+(wer hätte es ihnen schon gesagt?), daß eben dieser Gott in seinen
+Geboten als Sünde verboten hat, -- was sie tun wollen und um dessen gutes
+Gelingen sie zu ihm beten! Merkwürdig ist aber auch, daß die Zigeuner
+sich mehr zur katholischen als zur evangelischen Religion hingezogen
+fühlen. Jedenfalls nur darum, weil die Zermonien der katholischen Kirche
+mehr auf seine Sinne und Phantasien einwirken, mehr seiner Natur
+entsprechen, als die Einfachheit der evangelischen Kirche. Früher ließ
+der Zigeuner seine Kinder gern und auch öfters als nur einmal taufen, --
+aber nur wegen den regelmäßigen, üblichen Patengeschenken. In welcher
+Konfession ist ihm egal -- ob katholisch oder evangelisch. So bin ich
+katholisch getauft, eine Schwester und mein Bruder evangelisch.
+Kirchlich und weltlich wurde früher eine Zigeunerehe nur selten
+geschlossen. Heutzutage läßt er die Kinder aber taufen, damit sie in
+seine Legitimation eingeführt werden, ebenso verhält es sich, wenn er
+sich heute ausnahmslos kirchlich trauen läßt und die Ehe standesamtlich
+eingeht.
+
+Bewiesen wird es jetzt wohl sein, daß die Zigeuner für die Religion
+nicht unempfänglich sind, wenn man sie am rechten Platz packt, d. h. in
+ihrer Sprache die Heilsbotschaft verkündet und im übrigen etwas
+Rücksicht nimmt auf ihre zigeunerischen Eigenarten. Kein Baum fällt auf
+den ersten Hieb. Die Erfahrungen würden diese Worte bestätigen. Nicht
+der angeblichen Unverbesserlichkeit der Zigeuner gebe man die Schuld,
+sondern der geringen Arbeit der Christenheit, die in dieser Beziehung so
+viel versäumt hat. Aber mit der Seelenrettung muß Hand in Hand gehen --
+die Besserung der äußeren Umstände der Zigeuner. Der Erfolg würde ein
+überraschender sein. Daher weg mit der oberflächlichen Redensart: die
+Zigeuner sind nicht für Religion zu haben! Könnt ihr, die ihr dies so
+leichtherzig sagt, es ernstlich beweisen? Nein; nun so ist es jetzt
+höchste Zeit, deutsche Christen, dies Versäumnis endlich nachzuholen,
+damit eure Verantwortung nicht noch größer werde, als sie schon ist!
+#Tschatschopaha.#
+
+ * * * * *
+
+Vor nun schon langen Jahren überwinterte eine Familie dieser »fahrenden«
+Leute in einem Schwarzwalddorf. Die Kinder mußten in die Schule gehen
+diesen Winter. Der älteste Knabe sollte im Frühjahr »aus der Schule
+kommen«, (_In die er doch so wenig »hineinkam«_.) Der Ort war
+evangelisch, der Schüler aber doch katholisch getauft. Dies war der
+Anlaß, daß, als er ¼ Jahr die evangelische Dorfschule besucht hatte, der
+katholische Pfarrer aus dem nahen Oberamtsstädtchen ihm das Billet für
+¼ Jahr bezahlte zum katholischen Schulbesuch und zwar so lange, bis er
+»aus der Schule war« im Frühjahr. So war der Knabe auf doppelte Art ein
+»Fahrender«. Vom »fahrenden Volk« war er jetzt auch noch ein »fahrender
+Schüler«, indem er morgens in die katholische Schule in der
+Oberamtsstadt mit der Bahn fuhr und abends wieder zurück nachhause. Hier
+lernte er wirklich gute Menschen kennen und die Anteilnahme und Liebe
+für den verachteten Zigeuner tat ihm so wohl, daß er wünschte, immer so
+glücklich sein zu können. Die Eindrücke, die er hier durch den Umgang
+mit diesen braven Leuten empfing, blieben ihm in steter Erinnerung. Dies
+Glück war leider nicht von langer Dauer. Der Tag der Schulentlassung
+kam. Die Eltern des Knaben wollten schon lange -- kaum daß der Schnee
+schmolz und die liebe Sonne zu lächeln begann -- »weiterziehen«, um die
+durch den Winter unterbrochene Wanderung fortzusetzen. Ungeduldig wurde
+von ihnen der Schulentlassungstag erwartet -- der einzige Grund, der sie
+von der Reise zurückhielt. Der Knabe dagegen wünschte ihn noch weit,
+weit zurück. Vergebens -- nur zu schnell war er da! Wie der Knabe von
+edlen Wohltätern die Leibesnahrung in dieser Zeit erhielt, (da die
+Eltern, weil zu arm, ihm nichts mitgeben konnten), so erhielt er auch
+von ihnen alles, was zur Feier dieses Tages gehörte, Kleidung, Schuhe
+usw. Das Herz des Knaben war übervoll vor Glück, nicht allein wegen dem,
+daß er vielleicht zum erstenmal in seinem Leben so schmuck und proper
+dastand, sondern hauptsächlich der liebevollen Worte wegen, die von
+allen Seiten an ihn gerichtet wurden. So selten wie ein neuer »ganzer«
+Anzug, so selten war eine solche Anteilnahme von Menschen, die ihn sonst
+nur mit Verachtung behandelten, im Leben dieses Knaben! Seine große
+Freude konnte man ihm vom Gesicht ablesen, vollends als er mit den
+anderen »Konfirmanden« zu einem gemeinschaftlichen Mahl in das
+Pfarrhaus, mit dem Herrn Pfarrer und dessen Angehörigen, eingeladen
+wurde. Doch wollte ihn ein Gefühl der Traurigkeit beschleichen, als er
+die anderen Knaben betrachtete und hörte, wie sie sich gegenseitig mit
+Stolz und Freude erzählten, was sie werden wollten oder durften. Jeder
+hob die Vorzüge seines erwählten Berufes hervor und jeder glaubte, den
+besten erwählt zu haben. Hier saß der »fahrende« Knabe still! Hier
+konnte er nicht mitreden. Was er wohl wird? Niemand dachte daran, ihn
+auch einen Beruf wählen, lernen zu lassen! Hätte sich doch hier der
+Engel gefunden, den jeder Mensch haben muß, um etwas zu werden, etwas zu
+erreichen! Hätte sich hier eine rettende Hand gezeigt, und es wäre aus
+dem Knaben damals etwas ganz anderes geworden, als er jetzt ist!
+
+Doch die beginnende Traurigkeit verschwand, als ein Spaziergang in den
+nahen Wald gemacht wurde, welcher die Feier und den schönen Tag
+beschloß. Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Auf den grünen Wiesen
+blühten die Blumen. Auf den Bäumen keimten schon die Blüten, aus ihnen
+und von überall ertönte der Vögelschall. Alles war Freude, Lust und
+Leben! Nur zu schnell vergingen die fröhlichen Stunden dieses -- letzten
+Tages, den der Knabe unter diesen guten Menschen zubrachte. In seinem
+höchsten Glück -- wurde er jäh wieder von der rauhen Faust des
+unerbittlichen Schicksals zurückgerissen in sein -- altes Leben. Die
+Scheidestunde schlug. Man begleitete den Knaben an die Bahn. Die muntere
+Schar merkte in ihrer Fröhlichkeit nicht, wie traurig und leer es in
+seinem Herzen aussah. Ein letzter Händedruck, noch einige liebevolle,
+tröstende Abschiedsworte des guten, wahrhaft edlen Pfarrers, ein
+Tücherschwenken, ein Pfiff -- davon brauste der Zug. Der Abschied war
+schwer, der Knabe meinte, er ließe alles zurück, Liebe, Freude und
+Glück. Das Herz wollte ihm brechen vor Heimweh und Schmerz. Dunkel, grau
+lag die Zukunft vor ihm, -- ohne einem Strahl von Glück! Und er wäre doch
+so gerne glücklich gewesen! Bei seinen Leuten angekommen, war der Wagen
+schon längst gepackt. Eine letzte Nacht noch in einer Stube. Leer und
+öde grinste ihm die Zukunft aus allen Ecken des kahlen Zimmers entgegen.
+Leer und öde sah es in seinem jungen Herzen aus. Am Morgen, früh, nach
+einer durchweinten Nacht, ging es fort. Wohin?
+
+Aber niemals konnte der Knabe diese glücklichste Zeit seines ganzen
+Lebens vergessen. Sein nachheriges bewegtes Leben konnte nie die
+Erinnerung daran auslöschen! Ebensowenig das Andenken an den wahrhaft
+guten und edlen Pfarrer, dessen Lehren, Worte und ehrwürdige Gestalt ihm
+immer und jetzt noch nach langen, langen Jahren, vor Augen steht.
+Besonders unvergeßlich bleibt ihm der Tag seiner Schulentlassung. Er war
+und ist der schönste und glücklichste seines Lebens. Oft und gern denkt
+er heute noch -- oder vielleicht gerade jetzt -- an diese frohe und
+glückliche Kindheits- und Jugendzeit zurück. Dieser Tag wird für die
+ganze Lebenszeit ein Lichtblick sein und bleiben für _Engelbert
+Wittich_!
+
+#Tschatschopaha!#
+
+
+
+
+»Hefte für Zigeunerkunde.«
+
+Heft 1. =Urban, R.=, Die Sprache der Zigeuner in Deutschland. 30 Pfg.
+
+ " 2. =Wittich, E.=, Blicke in das Leben der Zigeuner. 40 Pfg.
+
+ " 3. =Bourgeois, Dr. H.=, Kurze Grammatik der mitteleuropäischen
+ Zigeunersprache. 30 Pfg.
+
+
+Über die Zigeuner ist schon viel geschrieben worden; aber diese
+Literatur hat bis jetzt nur kleine Kreise von Liebhabern und
+Fachinteressenten erreicht; dazu leidet sie unter dem Mißgeschick, daß
+sie schwer zu finden ist, meist nur durch Vermittelung von
+Antiquariatsangeboten. Ein großer Fortschritt ist zwar das seit 1907
+neue Erscheinen des #Journal# der #Gypsy Lore Society#, in dem alles
+Wissenswerte über die Zigeuner sorgfältig gesammelt wird; aber dieses
+Unternehmen scheint sich in Deutschland nicht einzubürgern, und es
+herrscht bei uns nach wie vor eine bedauerliche Unkenntnis alles dessen,
+was die Zigeuner betrifft. Diese Unkenntnis ist mit schuld daran, daß
+unsere Gesetze und Behörden, die heute schon alle möglichen Volks- und
+Berufsklassen, ja selbst Tier- und Pflanzenwelt mit Recht und Schutz
+versehen, den Zigeunern gegenüber nur als rücksichtslose Feinde und
+Unterdrücker auftreten, -- daß die Kirchen und Vereine, die heute schon
+auf den entlegensten Gebieten alle denkbaren Liebeswerke ausüben, an den
+Zigeunern kühl vorübergehen, -- daß das Volk und auch die christlichen
+Kreise, die die Zigeuner mit einer Mischung aus Neugierde, Furcht und
+Teilnahme betrachten, doch noch nicht zum rechten christlichen Benehmen
+gegenüber den Zigeunern gekommen sind.
+
+Die »Hefte für Zigeunerkunde« sollen diesen bedauerlichen Zuständen
+abhelfen. Sie wenden sich an alle offiziellen und privaten Kreise des
+deutschen Volkes in der festen Überzeugung, daß es nur ein wenig der
+Beschäftigung mit dem Zigeunertum bedarf, um diesem armen, heimatlosen
+Volk eine gerechtere Beurteilung und ernstliches Wohlwollen bei allen
+edel denkenden Deutschen zu erwirken. Die Folgen dieses Umschwunges
+würden den Zigeunern gewiß zum Segen und unserer in diesem Punkte bisher
+so hartherzigen Christenheit nicht zur Schande gereichen.
+
+ Ph. Tschoerner, Striegau
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden
+vereinheitlichend durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die nachfolgende Tabelle
+enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen.
+
+S. 10: [Komma eingefügt] Löffeln), Haarschmuck
+S. 11: als halblinder -> als halbblinder
+S. 13: Feuerwerker prozudieren, wählen zur -> produzieren, wählen zu
+S. 22: [Vereinheitlicht] von ihm aus das »Todtenhemd« anhatte -> Totenhemd
+S. 22: [Komma eingefügt] heraus, #»praßte«# und schoß
+S. 24: [Komma eingefügt] »Gesundheittrinken«, »Prosit«
+S. 36: [Komma eingefügt] , daß eben dieser Gott
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext#
+Fettschrift: =fett gedruckter Text= ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä,
+Ö, Ü. The table below lists all corrections applied to the original
+text.
+
+p. 10: [added comma] Löffeln), Haarschmuck
+p. 11: als halblinder -> als halbblinder
+p. 13: Feuerwerker prozudieren, wählen zur -> produzieren, wählen zu
+p. 22: [normalized] von ihm aus das »Todtenhemd« anhatte -> Totenhemd
+p. 22: [added comma] heraus, #»praßte«# und schoß
+p. 24: [added comma] »Gesundheittrinken«, »Prosit«
+p. 36: [added comma] , daß eben dieser Gott
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font#
+Bold face: =bold face text= ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Blicke in das Leben der Zigeuner, by
+Engelbert Wittich
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLICKE IN DAS LEBEN DER ZIGEUNER ***
+
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+
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+will be renamed.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
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+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+information can be found at the Foundation's web site and official
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+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
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+
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+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+
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+
+
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+Project Gutenberg's Blicke in das Leben der Zigeuner, by Engelbert Wittich
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Blicke in das Leben der Zigeuner
+ Von einem Zigeuner
+
+Author: Engelbert Wittich
+
+Release Date: June 15, 2008 [EBook #25796]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLICKE IN DAS LEBEN DER ZIGEUNER ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the
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+<p>Hefte f&uuml;r Zigeunerkunde 2.</p>
+
+<p>Blicke in das Leben<br />
+der Zigeuner</p>
+
+<p>Von einem Zigeuner<br />
+(E. Wittich).</p>
+
+<p>Striegau<br />
+Hu&szlig;-Verlag<br />
+1911
+</p>
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+
+
+
+<h1><span class="pagenum hidden"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span>Blicke in das Leben<br />
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+(E. Wittich).</p>
+
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+
+<p class="publisher"><b>Striegau</b><br />
+<img src="images/illu_01_c.jpg" width="17" height="10" alt="" title="" /><span style="padding-left: 1em; padding-right: 1em">Hu&szlig;-Verlag.</span><img src="images/illu_01_d.jpg" width="17" height="10" alt="" title="" /></p>
+
+
+
+
+<div class="figcenter" style="width: 29px;">
+<span class="pagenum hidden"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>
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+</div>
+<p class="center" style="line-height: 200%">
+<span style="font-size: large">Seiner lieben Frau</span><br />
+<span style="font-size: x-large">Friederieke</span><br />
+<span style="font-size: large">und seinen lieben Kindern</span><br />
+<span style="font-size: x-large">Hilda und Arthur</span><br />
+gewidmet<br />
+<span style="padding-left: 16ex"><b>vom Verfasser.</b></span><br />
+</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 29px;">
+<img src="images/illu_02.jpg" width="29" height="29" alt="" title="" />
+</div>
+
+
+
+<div class="figcenter" style="margin-top: 5em; width: 210px;">
+<span class="pagenum hidden"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>
+<a href="images/illu_03.jpg">
+<img src="images/illu_03_th.jpg" width="210" height="268" alt="Selbstbildnis des Verfassers" title="Selbstbildnis des Verfassers" /></a>
+<span class="caption">Selbstbildnis des Verfassers
+als junger Mann<br />
+<small>(nach dem Spiegel gezeichnet.)</small></span>
+</div>
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum hidden"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>Vorwort.</h2>
+
+
+<p class="newsection"><span class="dropcap">N</span>ur selten ist es bisher gelungen, einen richtigen Einblick
+in das Leben und Treiben, Denken und Empfinden des
+Zigeunervolkes zu gewinnen. Die mangelnde Kenntnis
+der <em class="antiqua">Romani</em>-(Zigeuner-)Sprache, die aus manchen Ursachen
+erkl&auml;rliche Abneigung des <em class="antiqua">Sinto</em> (Zigeuner), die <em class="antiqua">Gadsche</em>
+(Nichtzigeuner) in sein inneres Leben blicken zu lassen, und
+die schwere Erreichbarkeit der Zigeuner &uuml;berhaupt, h&uuml;llen das
+Zigeunertum bis heute in ein fast v&ouml;lliges Dunkel. Es ist
+daher ein erfreuliches Ereignis, da&szlig; ein Zigeuner selbst sich
+entschlossen hat, das Dunkel zu lichten und ein wahrheitsgetreues
+Bild seines Volkes zu geben. Seine braunen Volksgenossen
+sind dar&uuml;ber mi&szlig;vergn&uuml;gt; aber mit Unrecht. Der
+Verfasser t&auml;uscht sich gewi&szlig; nicht, wenn er hofft, da&szlig; durch
+seine Darstellung die Zigeuner in einem ganz anderen Lichte
+erscheinen, als wie man sie bisher anzusehen gewohnt war.
+Man kann geradezu sagen, da&szlig; uns die schlechten oder
+wenigstens unangenehmen Eigenschaften der Zigeuner nur
+deshalb am meisten auffallen, weil sie die Au&szlig;enseite bilden.
+Beim n&auml;heren Kennenlernen bieten die <em class="antiqua">Sinte</em> aber soviel
+Anziehendes, Liebensw&uuml;rdiges, geheimnisvoll Interessantes,
+da&szlig; der Forscher oder der Zigeunerfreund (<em class="antiqua">Romano Rai</em>)
+sogar Gefahr l&auml;uft, die schwarzen Seiten des Zigeunerlebens
+ganz zu &uuml;bersehen.</p>
+
+<p>Jedenfalls ist zu hoffen, da&szlig; das vorliegende B&uuml;chlein
+dazu beitragen wird, manche falsche Vorstellung zu beseitigen,
+und die Abneigung gegen die Zigeuner in Interesse, Sympathie
+und liebevolle Hilfe umzuwandeln.</p>
+
+<p class="signature">R. Urban.</p>
+
+
+
+
+<div class="initial">
+<span style="padding-left: 58px; font-size: 40px;">D</span>
+</div>
+
+<p class="dropcapsection">
+<span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>
+<span style="display: none;">D</span>ie Zigeuner sind aus vielen Schilderungen
+bekannt. &Uuml;ber ihr Leben, ihre Sitten
+und Gebr&auml;uche wurde schon viel geschrieben,
+Wahres und Unwahres, oft geradezu
+Haarstr&auml;ubendes. Merkw&uuml;rdigerweise, so
+reich die Literatur &uuml;ber die Zigeuner ist,
+behandelt diese doch zumeist nur die
+Ausl&auml;nder, haupts&auml;chlich die ungarischen
+und &ouml;sterreichischen Zigeuner. Dagegen ist die Kenntnis &uuml;ber
+die deutschen Zigeuner noch sehr gering. Dem Forscher
+steht daher hier noch ein gro&szlig;es Feld der Bet&auml;tigung offen.</p>
+
+<p>Ich will darum im Folgenden versuchen, etwas &uuml;ber
+die deutschen Zigeuner mitzuteilen, um das Wahre vom
+Unwahren zu trennen. Ich werde nur Tatsachen berichten
+und kann mit bestem Gewissen f&uuml;r die Wahrheit meiner Darstellungen
+eintreten.</p>
+
+<p>Bemerken m&ouml;chte ich noch, da&szlig; dies selbst ein Zigeuner
+schreibt, der von Geburt an bis vor kurzer Zeit im Wohnwagen
+reiste und daher auf das Genaueste &uuml;ber Leben, Sitten
+und Gebr&auml;uche der Zigeuner unterrichtet ist. Ich schreibe
+aus eigener Anschauung, &ndash; nicht vom H&ouml;rensagen, unparteiisch,
+und werde die Zigeuner weder schw&auml;rzer noch wei&szlig;er
+malen, als sie sind. Ich berichte nur selbst Erlebtes und
+was ich selbst beobachtet habe und bin daher gen&ouml;tigt, manches
+M&auml;rchen &uuml;ber die Zigeuner zu zerst&ouml;ren. Vieles h&auml;tte
+ich gern etwas ausf&uuml;hrlicher behandelt, aber der Raum erlaubt
+es mir leider nicht. So sind es nur kleinere Bilder aus
+dem Leben eines Zigeuners und einige Richtigstellungen, was
+ich in Nachstehendem biete.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span></p><p>Vor noch nicht gar so langer Zeit stellte man sich unter
+Zigeunern nomadisierende, tr&auml;ge und schmutzige Menschen
+vor, welche die ganze Welt durchziehen und weder Gesetze,
+noch Vaterland, Familienbande, Religion besitzen und alle
+nur erdenklichen, schimpflichen, und lichtscheuen Gewerbe
+betreiben. Ruhelos wie Ahasverus, von Ort zu Ort wandernd,
+wurden sie &uuml;berall verachtet, verfolgt und von jedermann
+oft in recht unmenschlicher Weise behandelt und f&uuml;r
+g&auml;nzlich vogelfrei angesehen. Als R&auml;uber, M&ouml;rder, Diebe,
+ja sogar als Kinderr&auml;uber und sonst noch alles m&ouml;gliche waren
+sie verschrien. Ihre T&ouml;chter lie&szlig;en sie von dem entehren,
+der ihnen am meisten bot. Ihre Dolche und Gifte, ihre
+Mittel, welche den Tod brachten, verkauften sie gern an jeden
+Rached&uuml;rstenden. Kurz und gut, alles Wunderbare, Unm&ouml;gliche
+und Abscheuliche wurde den Zigeunern in die Schuhe
+geschoben.</p>
+
+<p>Heute ist es in dieser Beziehung etwas besser geworden,
+und wenn die Zigeuner, haupts&auml;chlich von dem gebildeten
+Publikum, mit etwas freundlicheren Augen angesehen werden,
+so ist das haupts&auml;chlich der aufkl&auml;renden Literatur zuzuschreiben.
+Aber trotzdem werden sie noch immer sehr schlecht
+behandelt, sie werden immer wieder von neuem verfolgt,
+bedr&auml;ngt und gehetzt. Fast von jedermann unverstanden,
+bringt man ihnen wenig Sympathie entgegen.</p>
+
+<p>Ob nun die Zigeuner diese Behandlung verdienen und
+solche B&ouml;sewichte sind, denen man alles Scheu&szlig;liche zutrauen
+darf, und ob sie wirklich moralisch so tief unter den anderen
+V&ouml;lkerschaften stehen, wie man immer annimmt, m&ouml;gen die
+folgenden Bl&auml;tter zeigen. Man beachte, da&szlig; fast nur von
+den deutschen Zigeunern die Rede ist.</p>
+
+<p>Heutzutage hat der Zigeuner, gegen fr&uuml;her, im <em class="gesperrt">Erwerb</em>
+einen schweren Stand. In Deutschland wird ihm das, wodurch
+er noch sein bestes Fortkommen hatte und was seinen
+Bef&auml;higungen am besten entsprach, der Wander-Gewerbeschein,
+in den meisten F&auml;llen versagt. Eine geordnete Arbeit bei
+dem herrschenden Vorurteil gegen ihn und der Arbeitslosigkeit
+unserer Tage, wo hunderte ge&uuml;bte, gelernte Menschen arbeitslos
+sind, f&uuml;r den Zigeuner zu bekommen, ist fast unm&ouml;glich,
+obwohl ja auch die Liebe zum M&uuml;&szlig;iggang, zur Bummelei,
+ein wenig mitspielt. Aber die deutschen Zigeuner sind keineswegs
+ein so m&uuml;&szlig;iges, faules Volk, wie gew&ouml;hnlich kurzerhand
+<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>angenommen wird; man darf sie in dieser Beziehung nicht
+mit den Zigeunern anderer L&auml;nder vergleichen. Man beachte
+einmal das Leben und Treiben am Halteplatz des Wohnwagens
+und man wird sofort sehen, da&szlig; der deutsche Zigeuner
+nicht der Faulpelz ist, als den man ihn sich gemeinhin vorstellt.</p>
+
+<p>Dann ist vor allem die Musik seine sozusagen angeborene
+Lieblingsbesch&auml;ftigung und -Gesch&auml;ft. Ohne Geige kann man
+sich &uuml;berhaupt keinen Zigeuner vorstellen. Da&szlig; sie in der
+Musik Vorz&uuml;gliches leisten und da&szlig; sie hervorragende
+k&uuml;nstlerische geistige Anlagen haben, ist ja bekannt. Da ist
+z.&nbsp;B. der Zigeuner &raquo;Votter&laquo;, ein anerkannter Virtuose,
+(Zigeunername K&ouml;hler), welcher Geige, Harfe und Klavier
+ohne jede Notenkenntnis meisterhaft spielt und einen Landesruf
+genie&szlig;t. Er mu&szlig;te seine Kunst vor hohen und h&ouml;chsten
+Herrschaften zeigen. Dann der Zigeuner J. <em class="gesperrt">Reinhardt</em>,
+Zigeunername &raquo;Mala&laquo;, &ndash; &raquo;Meineli&laquo; Zigeunername seiner
+Mutter Preziosa, Vater Jakob Reinhardt, &ndash; der blind geboren
+und ein so vorz&uuml;glicher Geigenspieler ist, da&szlig; er unter den
+Zigeunern selbst die gr&ouml;&szlig;te Bewunderung erregt und als
+einer der besten lebenden Spieler angesehen wird. Man
+mu&szlig; z.&nbsp;B. ihn als &raquo;Kunstgeiger&laquo; oder den &raquo;Kanarienvogel&laquo;
+oder ein Fantasiest&uuml;ck spielen geh&ouml;rt und gesehen haben!
+Die besten Musikkenner bewunderten schon die Technik, das
+warme, feurige Gef&uuml;hl, die hinrei&szlig;ende Gewalt der T&ouml;ne,
+die der blinde K&uuml;nstler, begeistert vom eigenen Spiel, seinem
+Instrument entlockt. So k&ouml;nnte ich noch viele anf&uuml;hren,
+welche einfach gro&szlig;artiges in der Musik leisten. Nat&uuml;rlich
+bringen es nicht alle zu einer solchen Meisterschaft. Blas-
+und Blechinstrumente lieben die Zigeuner nicht, doch gibt es
+hierin auch einige Ausnahmen und einige St&auml;mme (Familien),
+machen neben Streichmusik auch noch gute Blechmusik.
+Gleichguten Ruf besitzen unter anderen die Familien dreier
+meiner Schw&auml;ger, als Streich- und Blechmusiker. Auch sind
+dieselben nebenbei gesagt, eine der besten &raquo;fahrenden&laquo; S&auml;ngergesellschaften!
+Ebenso die Familien &raquo;Karl-Antoner&laquo;, Eckstein,
+Winter, Pfisterer usw. Und wie sehen die Instrumente oft
+aus? Kaum verdienen sie noch den Namen Instrumente.
+Der ge&uuml;bteste Musiker k&ouml;nnte nichts mehr mit ihnen anfangen.
+Anders der Zigeuner! Mit zwei, drei Saiten auf der
+Guitarre oder Violine spielt er ebenso gewandt, wie jener
+mit dem teuersten, feinsten Instrument. Statt eines Bogens
+<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>gen&uuml;gt ihm auch eintretenden Falles ein &Auml;stchen von irgend
+einem Baum, eine Weidenrute usw., statt der Haare N&auml;hfaden.
+In diesem Fall mu&szlig; der schulgerechteste Musiker zur&uuml;ckstehen,
+an solchen primitiven Gegenst&auml;nden scheitert seine Kunst.
+Man mu&szlig; es gesehen haben, wenn man den kleinen Kindern
+eine Geige in die Hand gibt, wie der Zigeuner nur durch
+Vorsingen oder Vorspielen die schwierigsten Musikst&uuml;cke lernt,
+die Melodie wird einfach vorgesungen oder gepfiffen, er
+probiert es einmal, zweimal, beim drittenmal spielt er das
+St&uuml;ck schon mit ganzer Sicherheit.</p>
+
+<p>Solche Gelehrigkeit und Fertigkeit ist geradezu erstaunlich.
+Man sieht und f&uuml;hlt deutlich, da&szlig; der Zigeuner ein geborener
+Musiker ist. Durch ihre Musik verdienen sie ein sch&ouml;nes
+St&uuml;ck Geld. Gew&ouml;hnlich Werktagsabends und dann Sonntags,
+in Vereinen usw., bei Festlichkeiten, machen sie auf dem
+Lande Musik und Konzert. Dann auch in den Badeorten,
+Luftkurorten vor den anwesenden Herrschaften. In jedem
+Schlo&szlig;, bei Grafen und Baronen sprechen sie vor, zeigen
+ihre gl&auml;nzenden Zeugnisse, worauf sie dann fast immer die
+Erlaubnis zum musizieren erhalten. Gew&ouml;hnlich m&uuml;ssen sie
+dann Tafelmusik machen, und gut bewirtet und bezahlt werden
+sie entlassen. Vorher vergi&szlig;t es aber der Anf&uuml;hrer nicht,
+sich ein neues &raquo;Attest&laquo; in sein &raquo;Zeugnisbuch&laquo; eintragen zu
+lassen, um es gegebenenfalles ben&uuml;tzen und vorzeigen zu
+k&ouml;nnen. Die Geige ist dem Zigeuner sein alles. Sein
+Instrument ist ihm so ans Herz gewachsen, da&szlig; er lieber
+hungert und d&uuml;rstet, geduldig die gr&ouml;&szlig;ten Entbehrungen
+ertr&auml;gt, ehe er sich von seiner Geige trennt. Sie ist seine
+Ern&auml;hrerin, seine Tr&ouml;sterin. Alt oder jung, die Geige gibt
+ihm Leben, mu&szlig; ihm Speise, Trank und &ndash; Liebe bringen.
+In seinen Liedern klagt er ihr sein Leid, die mit ihm treu
+Freude und Schmerz, Gl&uuml;ck und Ungl&uuml;ck teilt. Und so
+singt der kleine, arme Zigeunerknabe, einsam und verlassen
+gar oft:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<em class="antiqua">
+<span class="i0">&raquo;Me hom i tikno, tschorelo Sindenger Tschawo.<br /></span>
+<span class="i0">Mer Dai muies da mer Dad hi stildo.<br /></span>
+<span class="i0">Gamlo, baro Dewel! me hom kiake tschorelo<br /></span>
+<span class="i0">Ta mer Dades ano Stilapen, les hi bokhelo.<br /></span>
+<span class="i0">Man hi tschi har mer Baschamaskeri.<br /></span>
+<span class="i0">Me lau la da dschau ani Kertschemi,<br /></span>
+<span class="i0">Dschin da has i bresla Lowe man.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span><span class="i0">Naschaua pascha mer Dad ano Stilapen,<br /></span>
+<span class="i0">Djomles gaua Lowe, job has froh:<br /></span>
+<span class="i0">&raquo;Gana hilo buter kenk bokhelo!&laquo;<br /></span>
+</em>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ich bin ein kleines, armes Zigeunerkind.<br /></span>
+<span class="i0">Meine Mutter ist gestorben und mein Vater ist im Arrest.<br /></span>
+<span class="i0">Lieber, gro&szlig;er Gott! ich bin so arm<br /></span>
+<span class="i0">Und mein Vater im Arrest, er hat Hunger.<br /></span>
+<span class="i0">Ich habe nichts als mein Instrument.<br /></span>
+<span class="i0">Ich nehme es und gehe in die Wirtschaft,<br /></span>
+<span class="i0">Bis ein wenig Geld mein war.<br /></span>
+<span class="i0">Gehe zu meinem Vater in Arrest,<br /></span>
+<span class="i0">Gib ihm das Geld, er war froh:<br /></span>
+<span class="i0">&raquo;Jetzt hat er keinen Hunger mehr.&laquo;&nbsp;&ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Einen weiteren Erwerb findet der Zigeuner im Geigenhandel,
+auf den er sich meisterhaft versteht. Ein anderer
+Haupterwerbszweig ist die Holzschnitzerei. Fast ein
+jeder kann schnitzen, der eine mehr, der andere weniger gut.
+Ein jeder Zigeuner kommt eigentlich mit irgend einer k&uuml;nstlerischen
+Anlage auf die Welt. Der eine hat ein oft auffallendes
+Talent und Neigung zum Bildschnitzen, der andere
+wieder zum Zeichnen usw. So k&ouml;nnen einige Bekannte
+von mir tadellos zeichnen, dabei weder lesen noch schreiben.
+Ein Schwager von mir hatte mehr Talent zum Malen
+mit Farben, als zum Zeichnen. Er w&uuml;rde darin manchen
+gelernten &raquo;Dekorationsmaler&laquo; vom Lande oder der kleineren
+St&auml;dtchen &uuml;bertreffen, ohne nur die geringste Anleitung je
+darin empfangen zu haben. Er malte unter anderem sehr
+nett den Theatervorhang und Kulissen seines einstigen
+&raquo;Reisendem Volkstheater&laquo;, mit welchem er auf den D&ouml;rfern
+in Wirtschaftss&auml;len Vorstellung gab. Zum Schlu&szlig; machte
+er dann mit seiner Familie Streich- und Blechmusik mit
+Gesang! Eben einer der vorhin erw&auml;hnten guten Streich-
+und Blechmusiker. Spielten z.&nbsp;B. &raquo;Genovefa&laquo; usw. Andere
+lernten es nur durch dies Zeichentalent ohne jede Anleitung
+oder Unterricht. Z.&nbsp;B. konnte ich, ehe ich 6 Jahr alt war,
+ehe ich eine Schule auch nur inwendig gesehen hatte, wie
+ich ja &uuml;berhaupt kaum 3&frac12; Jahre in eine Schule kam,
+schon gut lesen und schreiben, eben durch mein Zeichentalent
+angeregt. Ich zeichnete die gedruckten Buchstaben meines
+Namens, schnitzte sie auch ins Holz und lernte sie so kennen,
+lesen und schreiben. Als gute Holzschnitzer verfertigen die
+<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>Zigeuner mit vielem Flei&szlig; und Talent allerhand, so Tabaks-
+und Zigarrenpfeifen, Z&uuml;ndholzsteine, Salatbestecke (Messer,
+Gabeln, L&ouml;ffeln), Haarschmuck, Spazierst&ouml;cke usw. Alles mit
+sch&ouml;nen Schnitzereien verziert. Bedeutendes leistete hierin ein
+Vetter von mir, welcher vor nun 7 Jahren gestorben ist.
+Im w&uuml;rttembergischen und badischen Schwarzwald verkaufte
+er seine Arbeiten und hatte dadurch einen sch&ouml;nen Verdienst.
+Heute noch kann man in den genannten Gegenden seine sauber,
+originell und kunstvoll gearbeiteten Erzeugnisse sehen, die die
+Besitzer selbst um teures Geld nicht hergeben w&uuml;rden. Der
+beste mir bekannte Holzschnitzer, ein K&uuml;nstler darin, war der
+im Jahr 1903 verstorbene G. Winter. Mit den primitivsten
+Werkzeugen verfertigte er wirklich nur Kunstvolles. Er verkaufte
+seine Sachen teuer und fand auch immer Abnehmer.
+Keiner der heute lebenden Zigeuner erlangte bisher wieder
+solche Fertigkeit im Schnitzen wie dieser. &ndash; Ein anderer
+w&uuml;rttembergischer Zigeuner besa&szlig; ein besonderes Geschick darin,
+Kruzifixe, hl. Bildnisse, (Statuen) und Violinen, Guitarren
+zu verfertigen. Selbst von Kennern wurde seine Geschicklichkeit
+und Kunstfertigkeit anerkannt, so lieferte er manche Arbeit in
+verschiedene Anstalten f&uuml;r kirchliche Kunst. In katholischen
+Gegenden wurden seine Heiligen-Figuren gerne gekauft und
+in mancher Kirche und an Stra&szlig;enkreuze durfte er den Christus
+machen. Einmal spielte ihm und seiner Kunst der Aberglaube
+in einer gewissen Gegend des Unterlandes einen b&ouml;sen Streich.
+Er durfte da an das gro&szlig;e Kreuz, am Eingang einer Wallfahrtskirche,
+den Heiland schnitzen. Kaum war er an das
+Kreuz angemacht, bewundert und gelobt von den frommen
+Besuchern, als ein paar Tage darauf, bei einem Gewitter
+der Blitz in das Kreuz schlug d.&nbsp;h. nur der Christus wurde
+vom Kreuz weggerissen und g&auml;nzlich zertr&uuml;mmert. Wie nun
+die abergl&auml;ubische Landbev&ouml;lkerung einmal ist, wurde dieses
+Naturereignis dem armen Teufel schwer ausgelegt. Es war
+ein sicheres Zeichen, da&szlig; der Herrgott selbst so seine Meinung
+kundgab, da&szlig; er nicht von so einem gottlosen Zigeuner
+&raquo;gemacht&laquo; sein wollte. Solche Reden h&ouml;rte man nach dem
+Ereignis. Der Pfarrer kam, weil er den Auftrag gegeben
+hatte, auch nicht ganz glimpflich weg. Der Zigeuner fand
+keine Abnehmer mehr f&uuml;r seine &raquo;Heiligen&laquo; und wenn sie auch
+noch so sch&ouml;n und k&uuml;nstlich geschnitzt waren. Er mu&szlig;te daher
+diese Gegend meiden. Selbstverst&auml;ndlich durfte auch nicht er
+<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>den neuen &raquo;Herrgott&laquo; machen, der wurde aus einer christlichen
+Kunstanstalt bezogen. Dieser Zigeuner konnte auch, wie
+bereits gesagt, tadellos gearbeitete Geigen usw. machen.
+Dadurch hatte er immer einen Verdienst, meistens lieferte er
+nur f&uuml;r die Zigeuner selbst seine Instrumente, aber auch in
+die gr&ouml;&szlig;ten St&auml;dte und Musikhandlungen verkaufte er &ouml;fters
+seine t&auml;uschend &raquo;imitierten&laquo; alten Meistergeigen, wo dieselbe
+dann f&uuml;r schweres Geld, als &raquo;echte&laquo; Steiner oder Quanari
+usw. als durch &raquo;gl&uuml;cklichen Zufall&laquo; in Besitz gelangte, an
+den Mann gebracht wurden. Dann ein naher Verwandter
+von mir &raquo;Kohler&laquo; (Zigeunername; sein rechter Name:
+Guttenberg, August), der heute fast ganz erblindet ist, besitzt
+auch den Ruf als &auml;u&szlig;erst geschickter Bildschnitzer und heute
+noch macht er, als halbblinder, noch sehr sch&ouml;ne Sachen.
+Unter anderem kann man Arbeiten von ihm im Museum
+f&uuml;r Volkskunde (Abteilung Europa) zu Basel, sehen.</p>
+
+<p>Nachdem ist einer der wichtigsten Erwerbszweige der
+Zigeuner der Pferdehandel. Schweineh&auml;ndler ist der deutsche
+Zigeuner niemals und noch nie gewesen. Sie sind t&uuml;chtige
+und gute Pferdekenner, was ihnen niemand abstreiten kann.
+Sie besitzen und kennen gute, sicher wirkende Heilmittel gegen
+Pferdekrankheiten. Man mag da noch so sehr schreien &uuml;ber
+&raquo;Quacksalberei&laquo;, es ist doch so! Auch verschiedene Kunstgriffe
+verstehen sie, die zwar nicht dem K&auml;ufer, wohl aber ihnen &ndash;
+nutzen. Auf die Beschreibung dieser &raquo;Zunftgeheimnisse&laquo;, deren
+es hier und bei anderen Gelegenheiten, eine gro&szlig;e Anzahl
+gibt, mu&szlig; ich aus leicht begreiflichen Gr&uuml;nden verzichten.
+Einige der ber&uuml;hmtesten Pferdeh&auml;ndler bei uns sind z.&nbsp;B.
+der bezw. die Familie (Sippe) &raquo;Schnurmichel&laquo; Familienname
+&raquo;Christ!&laquo; &Uuml;berhaupt die aus vier Br&uuml;dern bestehende Sippe
+und deren S&ouml;hne. Sodann &raquo;Gadscho&laquo; (Zigeunername;
+richtiger Name: Lehmann), unser derzeitiger Hauptmann.
+Beide sind durch ihren Pferdehandel zu einer ganz netten
+Wohlhabenheit gekommen. Weiter noch: Franz Reinhardt
+und dann noch die in ganz Preu&szlig;en bekannte Familie Petermann;
+besonders bekannt davon &raquo;Leidschi&laquo; (Zigeunername).
+Sch&ouml;ne Pferde, m&ouml;glichst mehrere, sch&ouml;ne, gl&auml;nzende Geschirre,
+verziert und beschlagen mit Neusilber, Messing usw. ist dem
+Zigeuner sein gr&ouml;&szlig;ter Wunsch und sein Stolz und gilt au&szlig;erdem
+f&uuml;r Wohlhabenheit. R&uuml;hrend ist auch die Liebe, die
+der Zigeuner f&uuml;r diese Tiere hegt. Den letzten Bissen teilt
+<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>er mit ihnen. Dagegen hat er gegen das Putzen derselben
+eine merkw&uuml;rdige Abneigung.</p>
+
+<p>Von anderen, den &raquo;<em class="gesperrt">geheimnisvollen Berufen</em>&laquo;, will
+ich schweigen, sie sind ja auch so bekannt, also er&uuml;brigt sich
+eine Beschreibung. Auch mit Schirm- und Kesselflicken suchen
+sie sich durchs Leben zu schlagen. Die ungarischen
+Zigeuner betreiben auch noch die Goldw&auml;scherei, Schmiedehandwerk
+und sind z.&nbsp;B. sehr t&uuml;chtige Hufschmiede. Letztere
+Berufe betreiben die deutschen Zigeuner nicht. Diese versuchen
+sich &uuml;berhaupt in allem m&ouml;glichen. Der Feldarbeit, Landwirtschaft
+bringen sie zwar keine Sympathie entgegen, doch
+verdingen sie sich oft in letzter Zeit, im Herbst zum R&uuml;ben-
+und Kartoffelgraben und &ouml;fters noch versuchen sie sich heutzutage
+durch Steinklopfen ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
+Auch als Schausteller, Schauspieler, Zirkusbesitzer, Schilders&auml;nger,
+Tierdresseur usw. suchen sie ihr Fortkommen. So
+der alte Reinhardt mit seinen wirklich gut dressierten V&ouml;geln,
+Kanarienv&ouml;gel, Finken, Staren, Lerchen und Spatzen. Diese
+vollf&uuml;hren alle m&ouml;glichen Kunstst&uuml;cke, alles in Freiheit und
+mit voller Flugf&auml;higkeit ausgef&uuml;hrt. Eine geladene Kanone
+abschie&szlig;en, (nat&uuml;rlich <em class="antiqua">en miniature</em>) Wagen ziehen, einige
+als Passagiere, Kutscher, Pferde usw. Auch eine h&uuml;bsche
+Pantomime f&uuml;hren sie zusammen auf. Weiter der Zigeuner
+Pfaus, welcher in S&auml;len und Schulen eine dressierte Ringelnatter
+zeigt, &uuml;ber 1&nbsp;<em class="antiqua">m</em> gro&szlig; geworden, die er gew&ouml;hnlich durch
+die Knopfl&ouml;cher an seiner Joppe gezogen, so da&szlig; der Kopf,
+mit dem immer beweglichen Z&uuml;nglein, gleichsam als riesige
+Krawattennadel oben am Hals herausschaut. Ein Wunder
+f&uuml;r die einf&auml;ltigen, t&ouml;richten Bauern, die solch ein harmloses
+Tier als giftig und sch&auml;dlich ansehen und es t&ouml;ten, wo sie
+eines erwischen, zu ihrem eigenen Schaden. Dabei hat er
+noch einen dressierten Raben, Pudel und Katze, alle schwarz
+wie ein Teufel, pardon wollte sagen Mohr! Alle vier fressen,
+lecken aus einer Sch&uuml;ssel, schlafen beieinander in sch&ouml;nster
+Harmonie und kein Zank oder Streit hat diese ihnen gest&ouml;rt.
+Ein gewi&szlig; h&ouml;chst interessantes Bild f&uuml;r den Natur- und
+Tierfreund. Auch zeigt er immer einige zahme und originell
+dressierte Igel.</p>
+
+<p>Der Zigeuner Hock war Akrobat, Messerschlucker,
+Schlangenmensch und Zauberk&uuml;nstler. Unter anderem produzierte
+er sich auch als &raquo;kugelsicher&laquo;; letzteres wurde sein
+<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>Verh&auml;ngnis. Er lud eine Pistole, zeigte die Kugel d.&nbsp;h. lies
+sie vom Publikum untersuchen auf ihre Echtheit und beim
+Zur&uuml;ckgeben vertauschte er sie gewandt und unbemerkt mit
+einer zu diesem Zweck immer kurz vorher pr&auml;parierten Kugel
+aus Cichorie. Hierauf forderte er einen der Zuschauer auf
+und gab ihm die vor aller Augen geladene Pistole in die
+Hand, ihm auf die entbl&ouml;&szlig;te Brust zu schie&szlig;en. Gab sich
+niemand dazu her, so tat er es auch selbst. Nat&uuml;rlich verletzte
+ihn die weiche Cichorienkugel nicht. Gew&ouml;hnlich verfing
+sich dieselbe in den Kleidern oder fiel zu Boden, wo er sie
+dann schnell und unbemerkt zertrat. Die bereit gehaltene
+&raquo;echte&laquo; Kugel aber lie&szlig; er entweder gleich nach dem Schu&szlig;
+auf den Boden fallen oder zog sie, je nach dem, auch aus
+dem Hemd oder der Hose hervor und zeigte sie vor. So
+gab er wieder einmal Vorstellung und der dazu Aufgeforderte
+scho&szlig; auch gleich auf ganz kurze Entfernung auf den K&uuml;nstler.
+Mit einem lauten Aufschrei brach dieser tot zusammen. Er
+hatte die Kugel nicht verwechselt, wie die in den Trick Eingeweihten
+zuerst annahmen, sondern hatte, statt einer kurz
+vorher pr&auml;parierten Kugel (die man nachher fand und die
+ganz weich war), eine jedenfalls vergessene schon von l&auml;ngerer
+Zeit gemachte Cichorienkugel erwischt, welche durch die L&auml;nge
+der Zeit, hart und fest geworden und durch die Brust ins
+Herz gedrungen war.</p>
+
+<p>Die beiden Br&uuml;der Stein, welche sich als Kunstwasserschwinger
+und Feuerwerker produzieren, w&auml;hlen zu ihren
+Produktionen und Vorstellungen immer die h&ouml;chsten Br&uuml;cken
+&uuml;ber Fl&uuml;sse oder, wo keine Br&uuml;cken sind, machen sie selbst
+ein hohes Ger&uuml;st aus Leitern, von wo herab sie ihre Kunstspr&uuml;nge,
+den K&ouml;rper mit Raketen eingeh&uuml;llt, die vor dem
+Sprung angez&uuml;ndet werden und w&auml;hrend dem Abfeuern der
+Raketen, allerhand schwierige und sch&ouml;ne Wasserkunstst&uuml;cke
+sehr elegant und gewandt ausf&uuml;hren. Der &auml;ltere brach schon
+zweimal den Fu&szlig; bei diesem oft recht gef&auml;hrlichen &raquo;Kunstsprung&laquo;!
+Der j&uuml;ngere ist au&szlig;erdem einer der besten Guitarrespieler
+und K&uuml;nstler auf diesem Instrument von uns deutschen
+Zigeunern.</p>
+
+<p>Ein wirklich hervorragender K&uuml;nstler auf der Guitarre,
+von keinem anderen Zigeuner vor- und nachher &uuml;bertroffen,
+war der Zigeuner Blach (Zigeunername: &raquo;Gokkel&laquo;.) Er
+spielte darauf ganze Opernausz&uuml;ge. So z.&nbsp;B. Ausz&uuml;ge aus
+<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>&raquo;Troubadour&laquo; &ndash; &raquo;Martha&laquo; &ndash; &raquo;Undine&laquo; usw. Einfach
+eine Ber&uuml;hmtheit auf diesem Instrument.</p>
+
+<p>Ich selbst war schon alles m&ouml;gliche: Schausteller, Rekommandeur,
+Dresseur, Schauspieler, Pferdeh&auml;ndler, Zauberk&uuml;nstler,
+Impresario von der &raquo;Anitzka&laquo; die b&auml;rtige Dame,
+Zirkus- vielmehr &raquo;Kunstarena&laquo;- und Singspiel- und Konzert-Direktor,
+Kunstschwimmer und Athlet und Ringk&auml;mpfer, heute
+vom Schicksal unerbittlich verfolgt nur noch &ndash; Hausierer.</p>
+
+<p>Der Zigeuner Winter (Zigeunername: &raquo;Hose&laquo;), der mit
+seinem Bruder und Geschwistern einen kleinen Zirkus hatte,
+d.&nbsp;h. ein Rondel und sein Gesch&auml;ft in nettem Zustande hatte,
+trat als Brustathlet, Kettensprenger, Ringk&auml;mpfer, nebenbei
+noch mit einem dressierten, gro&szlig;en Affen und einem Pferd
+<em class="antiqua">&agrave;&nbsp;la</em> &raquo;Hans&laquo; auf. Der Affe war sein Untergang. Er war
+ein gar lieber, treuer Freund zu mir. Ein aufrichtiger, liebensw&uuml;rdiger
+und trotz seiner B&auml;renkraft nur gem&uuml;tlicher, braver
+Mensch. Darum das ihm zugesto&szlig;ene Ungl&uuml;ck um so bedauerlicher.
+Er gab wie immer (im Sigmaringischen) eines
+Abends Vorstellung. Unter den Zuschauern war ein noch
+junger Bursche, (ein Schaukelbursche und Sohn von einem
+Gesch&auml;ft, welches auch auf dem Platz aufgebaut hatte, neben
+dem Rondel der Gebr. Hose) dieser st&ouml;rte die Vorstellung
+fortw&auml;hrend durch laute Rufe, freche Bemerkungen, man
+merkte, da&szlig; er mit Gewalt die Vorstellung st&ouml;ren wollte.
+Da er auf keine Zurechtweisung h&ouml;rte, wurde er schlie&szlig;lich
+von meinem Freund, dem &auml;lteren Hose, kurzer Hand an die
+Luft spediert und man glaubte, der Fall w&auml;re erledigt.
+Dem war aber nicht so. N&auml;mlich der erw&auml;hnte Affe war
+unter anderem auch dazu dressiert, w&auml;hrend des Spielens,
+inwendig vom Rondel (Rundleinwand) stets im Kreise herum
+zu laufen, auf den Hinterf&uuml;&szlig;en, aufrechtstehend, um zu verhindern,
+da&szlig; jemand unbefugterweise die Rundleinwand
+aufhebe und gratis zuschaue. Es war mehr zur Abschreckung
+der Dorfjugend und um ein Besch&auml;digen, Zerschneiden der
+Leinwand zu verhindern. Diesem Affen, ein ganz und gar
+gutm&uuml;tiges Tier, stach der rohe Kerl von au&szlig;en durch die
+Leinwand hindurch, das Messer in den Leib, so da&szlig; er
+schreiend und r&ouml;chelnd verendete. In gerechtem Zorn sprang
+nun mein Freund hinaus, um den &Uuml;belt&auml;ter zu z&uuml;chtigen oder
+vielleicht auch nur, ihn festzuhalten. Und da geschah das
+abscheuliche, der rohe Patron stie&szlig; ihm das noch vom Blute
+<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>des Affen rauchende Messer ins Herz, so da&szlig; ich nur noch
+sah, wie er, wie vom Blitz getroffen, lautlos zu Boden st&uuml;rzte.
+Der Bursche verschwand in der Dunkelheit. Die Vorstellung
+hatte ein j&auml;hes Ende gefunden. Wohl entging der T&auml;ter
+der irdischen Gerechtigkeit nicht, aber ein guter, braver Mensch
+war nicht mehr.</p>
+
+<p>Trotz diesen vielerlei Besch&auml;ftigungen kommt der Zigeuner
+in den seltensten F&auml;llen auf einen gr&uuml;nen Zweig. In
+seinem leichten Sinn, wenig um das &raquo;morgen&laquo; besorgt, lebt
+er nur dem &raquo;heute!&laquo; Sind alle Mittel zu Ende, so lebt
+er solange sorgenlos dahin, bis er vom Hunger und Durst
+gequ&auml;lt, haupts&auml;chlich im Winter, dem gef&uuml;rchtetsten Gast des
+Zigeuners mehr als einmal bereit ist, den Unterschied zwischen
+&raquo;Mein&laquo; und &raquo;Dein&laquo; zu verwechseln. Doch auch in solchen
+mi&szlig;lichen Lagen, verliert er seinen Humor nicht und nimmt
+manches auf die leichte Achsel, was ein anderer nicht gerade
+so leicht finden w&uuml;rde. Schon von Jugend auf wird er an
+alle Arten Entbehrungen gew&ouml;hnt. Sehr oft ist Schmalhans
+K&uuml;chenmeister und statt einem fetten St&uuml;ck Schweinefleisch
+und einem guten Schluck Branntwein, mu&szlig; er sich &ouml;fters
+nur mit Wasser und Brod begn&uuml;gen. Was andere schon in
+fr&uuml;hester Jugend nicht mehr entbehren k&ouml;nnen, lernt er erst
+oft in sehr gereiften Alter kennen, so z.&nbsp;B. erz&auml;hlt einer
+meiner &raquo;Kako&laquo; (Vetter) oft, wie er der &raquo;Bibi&laquo; (Tante), seiner
+Frau, erst kurz vor ihrer Verheiratung die ersten Schuhe
+kaufte. Als sie die Schuhe beim Kaufmann anprobierte, so
+fragte sie, als sie den einen Schuh angezogen hatte, ganz
+verzweifelt: &raquo;Kamlo Rom (lieber Mann) einen h&auml;tte ich an,
+jetzt wo geh&ouml;rt der andere hin?&laquo;</p>
+
+<p>Das bisher gesagte beweist also zur Gen&uuml;ge, (das
+nachfolgende wird es noch weiter beweisen) da&szlig; die Zigeuner
+&ndash; nicht allein vom Betteln und Stehlen leben!</p>
+
+<p>Am meisten mu&szlig; zur Versorgung und Erhaltung der
+Familie die <em class="gesperrt">Frau</em> beitragen, welche sich durch allerlei gute,
+sichere Zaubermittel, Wahrsagen, Kartenschlagen usw. fast
+immer ein gutes St&uuml;ck Geld erwirbt. Da&szlig; die Zigeuner
+viele Heil-, Zauber- und Geheimmittel haben, die stets sicheren
+Erfolg haben und bei den Bauern, notabene auch bei den
+St&auml;dtern, in hohem Ruf stehen, durch die dadurch erzielten
+oft wunderbaren Kuren und Erfolge, ist gut bekannt. Weniger
+bekannt ist vielleicht, da&szlig; die Zigeunerinnen auch sehr
+<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>gute T&auml;nzerinnen sind, S&auml;ngerinnen, Flechterinnen von allerlei
+nettem Flechtwerk. Die hervorragendsten unter ihnen besitzen
+nicht nur bei der Landbev&ouml;lkerung, sondern auch bei ihren
+eigenen Stammesgenossen einen hohen Ruf und stehen bei
+letzteren in sehr hohem Ansehen. Solch eine <em class="antiqua">&raquo;brawi
+Dschuwel&laquo;</em> (Ehrenname f&uuml;r Zigeunerinnen), wird den anderen
+stets als Beispiel vorgehalten und sind solche auf ihren
+Ehrennamen stolz und auch mit Recht. Eine der ber&uuml;hmtesten
+und angesehensten Wahrsagerinnen, die im Wahrsagen aus
+den Linien der Hand sozusagen einzig dastand und einen
+Weltruf (?) geno&szlig;, war meine Schwiegermutter bei uns
+deutschen Zigeunern. Au&szlig;erdem war sie ein sehr sch&ouml;nes
+Weib, mit wunderbar kleinen F&uuml;&szlig;en und konnte ausgezeichnet
+tanzen. Sie produzierte sich auch als Fu&szlig;spitzen- und Kunstt&auml;nzerin,
+indem sie auf einem Teller tanzte. Selbst wir, die
+wir doch so oft das Schauspiel sahen, bewunderten immer
+wieder, die auf solch einem Teller ausgef&uuml;hrten sch&ouml;nen T&auml;nze.
+Infolge einer k&ouml;rperlichen Entstellung gab sie dies Tanzen
+kurz nach einem Unfall auf. Umsomehr steigerte dies Mi&szlig;geschick
+direkt ihren Ruf als Wahrsagerin und weise Frau,
+weil sie den Unfall Jahre vorher prophezeit hatte. Dieser
+Unfall zeigt zugleich, wie man in gewissen Kreisen die Zigeuner
+trotz dem Jahrhundert der Humanit&auml;t, immer noch als vogelfrei
+zu betrachten scheint. Ich will ihn daher etwas ausf&uuml;hrlicher
+schildern.</p>
+
+<p>Es war an der bayerisch-&ouml;sterreichischen Grenze, noch
+auf dem Gebiet des &raquo;heiligen&laquo; Landes Tirol, als im Anfang
+ihrer Ehe meine Schwiegereltern in Gesellschaft, in einer
+Lichtung im Wald das Lager aufgeschlagen hatten. Die
+Frauen waren alle zur&uuml;ck aus den D&ouml;rfern und waren alle
+guter Dinge. Nur meine Schwiegermutter war noch nicht
+zur&uuml;ck, als man den aufgestellten Sp&auml;her das Zeichen &raquo;Vorsicht&laquo;
+geben h&ouml;rte. Gleich darauf gab er das Zeichen &raquo;Gefahr&laquo;
+und sofort auch &raquo;Hilfe&laquo;! Einige M&auml;nner, darunter mein
+Schwiegervater sprangen in die Wagen, um sich zu bewaffnen
+und dann der vom Sp&auml;her angedeuteten Richtung zu. Die
+Frauen und Kinder brachen alles ab und zerst&ouml;rten die Feuer,
+die Pferde wurden eingeschirrt und im nu war alles zur
+Flucht, zur Abreise hergerichtet. Der Sp&auml;her meldete, da&szlig;
+er Hilferufe geh&ouml;rt habe und zwar habe er zuletzt deutlich
+die Stimme der &raquo;Madel&laquo; (Zigeunername meiner Schwiegermutter)
+<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>erkannt. Gleichzeitig ert&ouml;nten wieder die in unserer
+Sprache abgegebenen, gellenden Hilferufe und viel n&auml;her.
+Kein Zweifel, es war die noch nicht Zur&uuml;ckgekommene und
+allem Anscheine nach war sie in gro&szlig;er Gefahr. Alle st&uuml;rzten
+in fieberhafter Eile der Richtung nach, von welcher die
+Hilferufe kamen. Sehen konnte man in dem tiefen Wald
+noch nichts. Da, in n&auml;chster N&auml;he der Stra&szlig;e, war eine
+etwas gr&ouml;&szlig;ere Lichtung, wo die M&auml;nner das nun folgende,
+abscheuliche Schauspiel mit ansehen mu&szlig;ten. Ein Gendarm
+stand da neben meiner Schwiegermutter, ri&szlig; an ihr herum,
+er wollte sie fesseln. Sie wehrte sich dagegen, da stie&szlig; er
+sie mit dem Gewehrkolben in ganz unmenschlicher Weise, in
+R&uuml;cken, auf die Brust, den Leib, so da&szlig; sie einigemale zu
+Boden st&uuml;rzte; und sie war in &ndash; hochschwangerem Zustand.
+Ihr Mann sprang rasend vor Zorn und Wut auf den
+rohen, w&uuml;sten Gendarmen zu, seinem mi&szlig;handelten Weibe zu
+Hilfe und ihr zurufend. Darauf sprang diese auf und wie
+ein gehetztes Reh davon, aber statt ihrem Manne entgegen,
+in der Richtung der Stra&szlig;e zu. Da nahm der Gendarm
+das Gewehr, scho&szlig; nach der Fliehenden, und mit einem
+markersch&uuml;tternden Schrei fiel sie am Waldesrand nieder.
+Entsetzen ergriff die M&auml;nner &uuml;ber solch einer gr&auml;&szlig;lichen Tat,
+an einer wehrlosen schwangeren Frau. Alles glaubte, sie
+w&auml;re tot. Ihr Mann stumm und wei&szlig; wie der Tod, stand
+im gleichen Moment vor dem M&ouml;rder. Seiner Sinne nicht
+mehr m&auml;chtig, scho&szlig; er dem Gendarm die volle Ladung
+seiner Pistole ins Gesicht, so da&szlig; ihm das Hirn des Elenden
+ins eigene Gesicht spritzte. Er hatte es verdient.<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Die
+andern hatten sich um das, wie sie glaubten, erschossene Weib
+bem&uuml;ht, die zwar in Ohnmacht aber nicht tot dalag und
+einem Kind das Leben gegeben hatte. Dies Kind ist jetzt &ndash;
+meine Frau. Die Mutter hatte nur einen Streifschu&szlig;
+erhalten, aber das Auge war verletzt, so da&szlig; es auslief
+und sie ein&auml;ugig war, was sie, vorher eine der sch&ouml;nsten
+Frauen, sehr entstellte. Der Gendarm wurde absichtlich
+liegen gelassen, nichts von seinem Eigentum anger&uuml;hrt,
+Tag und Nacht gefahren und die Gegend f&uuml;r immer verlassen.
+Sp&auml;ter h&ouml;rten wir, da&szlig; die Zigeuner stark im Verdacht
+waren, aber schlie&szlig;lich bestimmt angenommen wurde, der
+<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>Gendarm w&auml;re bei einem Renkontre mit Wilderern get&ouml;tet
+worden. Und weswegen diese Scheu&szlig;lichkeiten? Der
+Gendarm beschuldigte die arme Frau, eine &ndash; Katze gestohlen
+zu haben, es habe jemand zugesehen und ihm Anzeige gemacht.
+Das war nicht wahr und wenn es gewesen w&auml;re,
+berechtigte dies dann zu so brutalen, rohen Mi&szlig;handlungen?
+Durfte er zwei Menschenleben vernichten (das dem nicht so
+war, ist nur ein gl&uuml;cklicher Zufall gewesen) wegen einer &ndash;
+Katze? Er, der Gendarm titulierte die unschuldige Frau
+auch noch mit solch unversch&auml;mten, gemeinen Redensarten,
+die hier nicht wiederzugeben sind. Auch sagte er, sie habe
+die Katze wieder durchgehen lassen, das habe sollen ein
+Braten geben usw. Aber wir deutschen Zigeuner essen
+Katzenfleisch usw. niemals, selbst in der gr&ouml;&szlig;ten Not nicht.
+Nach unserem Gesetz streng verboten! Wer es &uuml;bertritt, ist
+<em class="antiqua">&raquo;baledschido&laquo;</em> (unehrlich). Alle Beteiligten sind schon l&auml;ngst
+tot, d.&nbsp;h. mit Ausnahme der unbeteiligten Kinder, daher
+meine offene und gewissenhafte Schilderung, d.&nbsp;h. wie ich
+sie oft aus dem Munde der direkt Beteiligten geh&ouml;rt habe.
+Die Zigeuner sind weder M&ouml;rder noch Kinderr&auml;uber, das
+wird ihnen zu Unrecht nachgesagt. Ich selbst und der gr&ouml;&szlig;te
+Teil der Zigeuner bedauern tief solche Ausschreitungen, wie
+die eben mitgeteilte, aber ich frage: Was h&auml;tte ein anderer
+Gatte getan, in den gleichen Umst&auml;nden, angesichts solcher
+unmenschlicher Behandlung und einer solchen abscheulichen
+Tat? Die Tat des Gatten ist absolut nicht zu billigen,
+aber schlie&szlig;lich zu begreifen. H&auml;tte man der Gerechtigkeit
+ihren Lauf gelassen, so w&auml;re, so gewi&szlig; als 2 und 2 vier ist,
+nicht der Gendarm, wohl aber die Frau zu ihrer Fr&uuml;hgeburt,
+zu ihrer Entstellung, zu ihren Mi&szlig;handlungen &ndash; noch
+bestraft worden. Gerechtigkeit damals und insbesondere
+gegen die Zigeuner! Auch w&auml;re es eine Feigheit gewesen
+und Infamie nach unseren Sitten und Anschauungen, die
+Frau arretieren zu lassen, vom anderen ganz zu schweigen.
+Da&szlig; die Sache ein solch schreckliches Ende nehmen w&uuml;rde,
+ahnte Niemand, der Feigling von Gendarm wohl am
+allerwenigsten.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> nach dem Recht der Naturv&ouml;lker. D.&nbsp;H.</p></div>
+
+<p>Wie ich ja schon an anderer Stelle betonte, mu&szlig; ich
+es mir versagen, auf die <em class="gesperrt">nicht immer ehrlichen &raquo;Berufe&laquo;</em>
+der Zigeunerinnen, wie Zauberei, Traumdeuterei, Wahrsagerei,
+Hexenbannerei und Austreiberei usw., sowohl bei
+<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>Menschen wie Vieh, n&auml;her einzugehen! Haupts&auml;chlich betrifft
+das unser Wahrsagen aus den Linien der Hand. <em class="gesperrt">Ein
+Verrat hierin w&uuml;rde augenblicklich schwer bestraft
+werden. Derjenige w&uuml;rde kein Gl&uuml;ck, keine Rast
+und Ruh mehr haben. Die Verstorbenen w&uuml;rden
+es r&auml;chen.</em> Es ist dies einzig unsere Kunst, mit der die
+Zigeunerin sicher und unfehlbar, sowohl die Zukunft als
+auch Vergangenheit ergr&uuml;ndet und das gr&ouml;&szlig;te Geheimnis bleibt
+f&uuml;r jeden Nichtzigeuner!<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> <em class="antiqua">Tschatschopaha!</em> Auch sollte
+man nicht so viel Aufhebens davon machen und immer und
+immer wieder losdonnern gegen die &raquo;unehrlichen&laquo; Gewerbe
+Hexerei, Betr&uuml;gerei! Was schadet es, wenn hin und wieder die
+Dummheit etwas bestraft wird? Warum sollen wir Zigeuner
+gegen die Dummheit k&auml;mpfen, wenn es selbst die G&ouml;tter nicht
+verm&ouml;gen? Aber n&uuml;tzen soll sie uns!<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> Man bedenke auch,
+da&szlig; sie selber abergl&auml;ubisch sind und an manches selber
+felsenfest glauben! Aber auch gutes kann eine Zigeunerin mit
+ihren oder durch ihre &raquo;lichtscheuen&laquo; Gewerbe stiften, selbst
+Verbrechen verhindern, was das folgende illustrieren soll.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> So meint der Verfasser.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Das ist die Auffassung der Zigeuner. Der Verfasser denkt wohl schon
+etwas anders. Seine eigene Frau vermeidet das Wahrsagen als unehrenhaft!</p></div>
+
+<p>Kam da eine mir nah verwandte Zigeunerin (es war
+im Neckartal und noch gar nicht so lange her) zu einer als
+abergl&auml;ubisch bekannten Frau, die sich ihres Mannes (einem
+S&auml;ufer) entledigen wollte. Eine &raquo;weise&laquo; Frau (keine Zigeunerin!!
+Man sieht, nicht blos Zigeuner verstehen sich
+auf &raquo;unehrliche&laquo; Gesch&auml;fte!) hatte ihr ein Mittel hierzu
+angeraten, <em class="gesperrt">ein gutes, tats&auml;chlich sicher wirkendes</em>.
+Die Frau war im Begriff dasselbe anzuwenden bezw. machte
+Anstalt hierzu. N&auml;mlich sie mu&szlig;te in den drei h&ouml;chsten
+Namen, mit der linken Hand, Holz und Stroh unter das
+Bett ihres Mannes h&auml;ufen und dies, wenn der Mann
+schlief &ndash; anz&uuml;nden, auch in den drei h&ouml;chsten Namen, aber
+alles unbesprochen d.&nbsp;h. von anderen nicht dabei angeredet
+werden, sonst hatte die Zauberei <em class="gesperrt">keine</em> Wirkung, andernfalls
+aber wirkte es sicher und zwar so, da&szlig; Niemand, au&szlig;er der
+Eingeweihten, <em class="gesperrt">das Feuer brennen sah</em>! Auch mu&szlig;te
+man es am Freitag tun. Die Frau wurde <em class="gesperrt">durch</em> das
+Dazwischenkommen meiner Verwandten <em class="gesperrt">verhindert</em>, das
+Verbrechen <em class="gesperrt">auszuf&uuml;hren</em>. Sie &uuml;berredete die Frau, da&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>sie ihr ein ganz anderes, leichtes und gutes Mittel zu diesem
+Zweck wisse und die Frau vertraute ihr ganz und gar.
+Nat&uuml;rlich fiel es meiner Verwandten nicht ein, den Mann
+beseitigen zu helfen. Ihr gen&uuml;gte, einen &raquo;sicheren Verdienst&laquo;
+auf lange Zeit hinaus gefunden, die Frau an einem schweren
+Verbrechen, den Mann vor einem schrecklichen Tod, bewahrt
+zu haben. Das gen&uuml;gte ihr! Aber man sieht, es gibt in
+Bezug auf Moral noch Tieferstehende, als wir Zigeuner;
+denn Mord wird uns wohl zwar nachgesagt, aber mit
+Unrecht. Nur in einem Fall erinnere ich mich, wo eine Zigeunerin
+zur Kindesm&ouml;rderin wurde. Diese war dann auch
+ihr Leben lang <em class="antiqua">&raquo;baledschido&laquo;</em> (ausgesto&szlig;en von aller
+Gemeinschaft, ge&auml;chtet). Ebensowenig sind sie Kinderr&auml;uber
+(wenn auch fr&uuml;her vielleicht mal in einzelnen F&auml;llen), denn
+sie haben selbst genug, brauchen also absolut keine zu stehlen.
+Da&szlig; sie Menschenfleisch &auml;&szlig;en, ist eine haarstr&auml;ubende L&uuml;ge.
+Ebensowenig essen wir deutschen Zigeuner Pferde-, Hundefleisch
+oder gar Aas, wie z.&nbsp;B. die ungarischen Zigeuner,
+die schon vergrabenes wieder ausgraben und verzehren,
+(verendete Schweine usw.). (?) Wir w&uuml;rden unser Gesetz schwer
+verletzen und m&uuml;&szlig;ten es schwer b&uuml;&szlig;en. Die Lieblings- oder
+Nationalspeise ist Igelfleisch. Bei Tage werden sie ohne
+oder auch mit den dazu abgerichteten Hunden gesucht. Bei
+Nacht selten und dann nur mit Hunden. Igelfleisch wird
+jedem anderen Fleisch vorgezogen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Moralische Empfindungen</em> spricht man gew&ouml;hnlich
+den Zigeunern ab, aber sehr mit Unrecht. Mit gleichem
+Unrecht behauptet man, da&szlig; sie auf einer noch sehr primitiven
+Kulturstufe stehen. Gerade an ihren <em class="gesperrt">Familien-</em> und
+<em class="gesperrt">Stammesverh&auml;ltnissen</em>, an ihren Sitten und Gebr&auml;uchen
+sieht man das Gegenteil am besten. Fr&uuml;her als die Zigeuner
+noch in gro&szlig;en Haufen (Genossenschaften), d.&nbsp;h. alle
+St&auml;mme eines <em class="gesperrt">einzelnen</em> Landes, Norddeutsche, S&uuml;ddeutsche
+bildeten ein <em class="gesperrt">ganzes</em> f&uuml;r sich, (laut den noch existierenden
+m&uuml;ndlichen Zigeuner-&Uuml;berlieferungen) reisten, hatten sie ihre
+regelrecht gew&auml;hlten Anf&uuml;hrer (H&auml;uptlinge, Hauptleute).
+Die Ungarn haben heute noch ihre Ober- und Unteranf&uuml;hrer
+(Wojwode, Saibidjo). Heute ist es in dieser Beziehung
+bei uns wesentlich anders geworden. Schon l&auml;ngst wurde
+es nicht mehr geduldet, in gr&ouml;&szlig;eren zusammenh&auml;ngenden
+Gesellschaften zu reisen, in den letzten Jahren wurden wir
+<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>sogar gezwungen, nur noch familienweise in 1 bis 2 Wagen
+zu reisen, uns in kleine Trupps aufzul&ouml;sen. Wir deutschen
+Zigeuner haben daher nur einen Hauptmann<a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a>, welcher gew&auml;hlt
+wird. Hauptmann wird nur einer, der sich die Achtung und
+Neigung der anderen zu erwerben versteht. Auch mu&szlig; er
+nach zigeunerischen Begriffen etwas wohlhabend sein. Er
+mu&szlig; ein bew&auml;hrter und unerschrockener Mann sein. Wenn
+er alt, krank oder gebrechlich geworden, wird ein anderer
+gew&auml;hlt, doch gilt auch hier &raquo;keine Regel ohne Ausnahme&laquo;,
+gew&ouml;hnlich aus der Familie oder allern&auml;chsten Verwandtschaft
+des bisherigen Hauptmanns. Dieser spricht Recht in allen
+Streitigkeiten der Zigeuner untereinander; haupts&auml;chlich aber
+wenn jemand <em class="antiqua">&raquo;baledschido&laquo;</em> ist, d.&nbsp;h. wenn jemand sich
+gegen das Gesetz vergangen hat. Zu diesem Zweck ist alle
+Jahr ein <em class="antiqua">&raquo;Zilo&laquo;</em> (Versammlung), gew&ouml;hnlich im Herbst und
+zwar im Elsa&szlig;. Diese Zusammenk&uuml;nfte sind geheim. Fremde
+werden in keinem Fall zugelassen. Da werden diese Sachen
+alle ausgemacht und vom Hauptmann Recht gesprochen.
+Je nach dem Vergehen auf ein paar Jahre <em class="antiqua">&raquo;baledschido&laquo;</em>
+gesprochen oder ganz ausgesto&szlig;en. Andere wieder &raquo;ehrlich&laquo;
+gemacht oder auf weitere Jahre <em class="antiqua">&raquo;baledschido&laquo;</em> gesprochen.
+Nur inbezug auf die Blutrache stehen dem Hauptmann
+irgendwelche schlichtende Rechte nicht zu. Nach solch einem
+<em class="antiqua">&raquo;Zilo&laquo;</em> geht es immer lustig zu. Diejenigen, welche wieder
+ehrlich, also nicht mehr <em class="antiqua">&raquo;baledschido&laquo;</em> sind und deren
+Angeh&ouml;rigen, bezahlen, d.&nbsp;h. halten die andern frei, aus
+Freude dar&uuml;ber, wieder in die Gemeinschaft aufgenommen,
+wieder einer der ihren zu sein. Wein, Bier, Branntwein,
+alles flie&szlig;t in Str&ouml;men. Es wird gesungen, getanzt, geschmaust,
+gespielt, kurz es geht recht lustig und turbulent zu.
+Die Schattenseite ist aber dann die, da&szlig; gew&ouml;hnlich der
+Schlu&szlig; einer solchen gro&szlig;en Zusammenkunft &ndash; eine regelrechte
+Schl&auml;gerei ist, ja oft werden wahre Schlachten geschlagen.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Der Verfasser kennt nur den Hauptmann der s&uuml;ddeutschen
+Zigeuner. Dieser ist aber nicht der einzige in Deutschland.</p></div>
+
+<p>Denn zu einem solchen <em class="antiqua">&raquo;Zilo&laquo;</em> kommen manche, die nur
+ihren Feind suchen, der das &raquo;<em class="gesperrt">Totenhemd</em>&laquo; an hat, d.&nbsp;h.
+die <em class="gesperrt">eine Blutrache</em> oder sonst etwas miteinander auszufechten
+haben. Es wird <em class="antiqua">&raquo;gepra&szlig;t&laquo;</em> d.&nbsp;h. man beschimpft sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>gegenseitig, dann kommt es zum Handgemenge und es wird
+geschlagen, gestochen und geschossen. Ohne Blutvergie&szlig;en
+oder oft auch Totschlag geht es meistens nicht ab. Angezeigt
+wird nichts. <em class="gesperrt">Niemals</em> verr&auml;t ein Zigeuner den anderen den
+Beh&ouml;rden. Alles wird wieder selbst ausgemacht. Wer etwas
+anzeigen oder eine Angabe machen w&uuml;rde, wonach der oder
+die T&auml;ter von der Beh&ouml;rde ermittelt w&uuml;rden, h&auml;tte <em class="antiqua">&raquo;gepukt&laquo;</em>,
+er w&auml;re ein <em class="antiqua">&raquo;Pukerer&laquo;</em> und sein Tod gewi&szlig;. Wird aber
+der T&auml;ter so erwischt und verurteilt von der Beh&ouml;rde, so
+gilt diese Strafe nichts, d.&nbsp;h., wenn er die Strafe verb&uuml;&szlig;t
+hat, so ist er dennoch der Blutrache verfallen. Kommt es
+aber zu einer Vers&ouml;hnung der Gegner (am meisten imponiert
+Mut und Unerschrockenheit), so ist die Auss&ouml;hnung
+dauernd. Zum Zeichen der Vers&ouml;hnung nimmt derjenige,
+der Rache geschworen hat, zwei Gl&auml;ser (Bier-, Wein- oder
+Branntweingl&auml;ser), schenkt selbst von dem betreffenden Getr&auml;nk
+ein, nimmt dann aber das Glas vom anderen Teil, (der
+Gegner dann umgekehrt), st&ouml;&szlig;t an, d.&nbsp;h. trinkt ihm zu und
+beide leeren das Glas auf einmal. Jeder nimmt dann
+wieder sein eigenes Glas an sich; die Gegner sind vers&ouml;hnt,
+jede Rache ist vergessen und alles ist vergeben. Hier nur ein
+Beispiel aus der Wirklichkeit: Bei einer zuf&auml;lligen Zusammenkunft
+(gr&ouml;&szlig;eren) bei Hagenau, einer meiner Schw&auml;ger mit
+einem anderen Zigeuner, der meinem Schwager Rache geschworen,
+(von ihm aus das &raquo;Totenhemd&laquo; anhatte) kam es
+am Abend in der Wirtschaft durch das unerschrockene Auftreten
+meines Schwagers zur Vers&ouml;hnung der beiden Gegner. (Zeremonie
+wie vorgehend beschrieben. Bei Bier oder Wein
+wird dazu ein kleines Glas bezw. &frac14;-Literglas oder gr&ouml;&szlig;eres
+Glas, nur wenig darin, genommen.) Wie es der Zufall
+wollte, kam kurz nach der Vers&ouml;hnung ein anderer Gegner resp.
+zwei, Vater und Sohn, an. Der Zigeuner, welcher meinem
+Schwager Rache geschworen, sich aber mit ihm vers&ouml;hnt hatte,
+hatte den beiden sp&auml;t angekommenen Zigeunern ebenfalls
+Blutrache geschworen. Beide hatten also von ihm aus das
+&raquo;Totenhemd&laquo; an. Es war bereits sehr sp&auml;t in der Nacht,
+als es wirklich zum Zusammensto&szlig; kam. Das Ende war
+furchtbar. Der fr&uuml;here Gegner von meinem Schwager forderte
+die beiden zuletzt angekommenen Zigeuner heraus,
+<em class="antiqua">&raquo;pra&szlig;te&laquo;</em> und scho&szlig; den Sohn auf der Stelle tot und zwar
+am Ende des Hausausganges (Treppe) der Wirtschaft. Der
+<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>Vater des Get&ouml;teten wollte seinem Sohn zu Hilfe eilen,
+wurde aber von dem sich wie wild geb&auml;rdenden T&auml;ter ebenfalls
+zweimal angeschossen. Eine Kugel bekam er in den
+Oberschenkel, die andere ging durch Kinn und Hals und kam
+am Kopf wieder heraus. Er fl&uuml;chtete, mu&szlig;te aber im Spital
+aufgenommen werden, wo er innerhalb 8 Tagen ebenfalls
+seinen Verletzungen erlag. Mein Schwager stand unmittelbar
+neben dem get&ouml;teten Zigeuner, als der T&auml;ter mit wild
+rollenden Augen nach dem anderen Zigeuner suchte. W&auml;re
+es nur eine halbe Stunde fr&uuml;her zum Kampf gekommen, so
+w&auml;re mein Schwager oder sein Gegner sicher ebenfalls get&ouml;tet
+worden. So aber fand Vers&ouml;hnung statt und kein
+Haar durfte ihm gekr&uuml;mmt werden. Die Sitten sind in
+dieser Beziehung streng. Da kein Zigeuner den anderen anzeigt,
+so erwischte man den T&auml;ter auch nicht. Er hat jetzt
+wieder das &raquo;Totenhemd&laquo; an von den verwandten Leuten der
+Erschossenen. Zur n&auml;heren Erkl&auml;rung der Blutrache nur ein
+Beispiel: Vor etwa 8 Jahren hatte der Zigeuner B. Eckstein
+dem Zigeuner S. Guttenberger, als letzterer eine Gef&auml;ngnisstrafe
+verb&uuml;&szlig;te, dessen Geliebte bezw. nach unseren Begriffen
+seine Braut &ndash; ihm abwendig gemacht. Nach unseren Sitten
+durfte bezw. mu&szlig;te er sich r&auml;chen, wenn er kein Feigling
+sein wollte. Der Verf&uuml;hrer wu&szlig;te aber auch gut, da&szlig; er
+das &raquo;Totenhemd&laquo; anhatte, von dem hintergangenen Liebhaber
+bezw. zuk&uuml;nftigen Gatten aus.</p>
+
+<p>Als Guttenberger frei war, suchte er den Eckstein auf,
+der daran war, die Ehe nach unseren Anschauungen mit dem
+fraglichen Frauenzimmer einzugehen. Er traf ihn in einer
+Wirtschaft. Dieser, &uuml;berrascht durch den unerwarteten Besuch,
+sich aber der Situation voll bewu&szlig;t, erhob sich, um hinaus
+zum Wagen zu gehen, jedenfalls, um sich zu bewaffnen.
+Guttenberger zog aber sofort eine Doppelpistole und scho&szlig;
+nach ihm. Der erste Schu&szlig; ging fehl und fuhr die Kugel
+oben in die Stubent&uuml;re. Die zweite traf ihn in den Kopf und
+furchtbar entstellt brach er tot zusammen. Durch die anwesenden
+Bauern wurde der T&auml;ter an einer Flucht verhindert.
+Er bekam vier Jahre Gef&auml;ngnis. Jetzt ist er l&auml;ngst frei,
+aber eines sch&ouml;nen Tages f&auml;llt auch er als Opfer der Blutrache.
+Die vier Jahre Gef&auml;ngnis haben gar keinen Einflu&szlig;
+oder Bezug auf diese. Dem Frauenzimmer geschieht nichts.
+Eine Verbindung aber mit dem betrogenen R&auml;cher ist f&uuml;r
+<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>immer ausgeschlossen. Er w&uuml;rde dadurch <em class="antiqua">baledschido</em> werden,
+nicht aber sie.</p>
+
+<p>Au&szlig;erdem ist bezw. wird <em class="antiqua">&raquo;baledschido&laquo;</em> (leichtere
+Vergehen), wer Hundefleisch, Pferde- und Katzenfleisch i&szlig;t,
+ja wer nur aus einem Hafen, Sch&uuml;ssel usw. i&szlig;t, wo solches
+nur darin war bezw. darin gekocht wurde, ebenso wer aus
+einem Gef&auml;&szlig; i&szlig;t oder trinkt, welches von einer Zigeunerin
+mit dem Rock ber&uuml;hrt, gestreift, &uuml;ber das sie etwa hinweggestiegen
+ist. Solche Gegenst&auml;nde m&uuml;ssen, wenn auch noch
+so nagelneu, sofort vernichtet werden, nat&uuml;rlich auch das
+darin gekochte. <em class="antiqua">Pra&szlig;en</em> (Beschimpfen) auf seine Tote, auf
+des <em class="antiqua">Pra&szlig;enden</em> Frau &ndash; ohne Abwehr macht <em class="antiqua">baledschido</em>.
+<em class="antiqua">Baledschido</em> wird, wer w&auml;hrend der Periode zu seiner
+Frau liegt und &uuml;berhaupt solche Vergehen gegen die Schamhaftigkeit
+in und au&szlig;er der Ehe, z.&nbsp;B. Besuch von Prostituierten,
+Onanie usw. treibt. Schwere Vergehen, wof&uuml;r
+oft f&uuml;r immer aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, ge&auml;chtet
+und verachtet wird, sind Sittlichkeitsvergehen, widernat&uuml;rliche
+Unzucht, Kindesmord usw. Die Strafe des <em class="antiqua">baledschido</em>
+besteht darin, da&szlig; ein solcher auf bestimmte Zeit oder zeitlebens
+von aller Gemeinschaft, Verkehr usw. der &uuml;brigen
+Zigeuner ausgeschlossen, versto&szlig;en, ge&auml;chtet ist. (Noch bei
+den Ausl&auml;ndern, bei den deutschen nicht mehr). Auch nicht mit
+ihnen zusammen reisen. Solche m&uuml;ssen allein reisen. (Nur
+ausl&auml;ndische Zigeuner, bei den deutschen Zigeunern nicht,
+hier Zusammenreisen erlaubt). Auch darf man nicht mit
+solch einem aus einem d.&nbsp;h. dem &raquo;ge&auml;chteten&laquo; seinem Glas
+etwa trinken. Ansto&szlig;en, &raquo;Gesundheittrinken&laquo;, &raquo;Prosit&laquo; und
+an einen Tisch setzen, ist erlaubt. Nicht erlaubt wieder &ndash;
+aus einer Tasse, Teller usw. eines <em class="antiqua">baledschido</em> zu essen oder
+seine L&ouml;ffel, Gabel, Messer usw. zu gebrauchen. Wer etwas
+derartiges tut, wird eben dann auch <em class="antiqua">baledschido</em>. Diese
+Strafe ist in jeder Beziehung f&uuml;r den Zigeuner schrecklich.
+Abgesehen davon, da&szlig; er von allen gemieden wird, wird er
+von den Beh&ouml;rden als Einzelner &uuml;berall angehalten und hat
+seine liebe Not und Scherereien. Wie sehr auch der Zigeuner
+das freie, ziellose Herumreisen liebt, ebenso liebt er
+die Geselligkeit mit seinesgleichen. Allein von Ort zu Ort
+wandern zu m&uuml;ssen, vom Heimweh und Verlassenheit verfolgt,
+ist f&uuml;r ihn, bei seinem geselligen Wesen, die denkbar gr&ouml;&szlig;te
+moralische Strafe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span></p><p>Wie schon gesagt, leitet und bestimmt bei den ausl&auml;ndischen
+Zigeunern die <em class="gesperrt">Z&uuml;ge</em> der Wojwode und die
+Saibidjo, d.&nbsp;h. es wird gew&ouml;hnlich im Winter, wenn alles
+die Winterquartiere bezogen hat, eine Versammlung abgehalten.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 266px;">
+<a href="images/illu_25.jpg">
+<img src="images/illu_25_th.jpg" width="266" height="368" alt="Zigeunerfamilie Winter in Allmendingen." title="Zigeunerfamilie Winter in Allmendingen." /></a>
+<span class="caption">Zigeunerfamilie <em class="antiqua">Winter</em> in Allmendingen.</span>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span></p><p>Da wird nun &uuml;ber alle den Stamm interessierenden
+Angelegenheiten beschlossen und beraten, &uuml;ber die Wanderungen
+im n&auml;chsten Sommer, die Z&uuml;ge, und jedem sein Gebiet
+zugeteilt. Bei den deutschen Zigeunern ist das anders; hier
+kann nur beil&auml;ufig in der Versammlung beschlossen werden,
+welche Reiseroute die einzelnen Familien bezw. kleineren
+Gesellschaften einzuschlagen haben, weil ja in Deutschland
+gr&ouml;&szlig;ere Trupps nicht mehr miteinander reisen d&uuml;rfen. Jede
+derartige kleinere Gesellschaft ist f&uuml;r sich und der &auml;lteste der
+M&auml;nner ist der F&uuml;hrer, das Haupt der Truppe, er bestimmt
+und regelt alles. Unbedingt werden seine Anordnungen
+genau befolgt. Auch bezogen bisher die deutschen Zigeuner
+mit geringen Ausnahmen selten Winterquartiere. Nur &uuml;ber
+Weihnachten, Neujahr, blieben sie in einem Ort usw., sonst
+reisen sie das ganze Jahr. Jetzt ist es auch in dieser
+Beziehung anders geworden. Wegen den schulpflichtigen
+Kindern und der Beschaffung der Reisepapiere m&uuml;ssen sie nun
+auch ein wenig wohnen und zwar kommen sie dann beim Eintritt
+des Winters zu gr&ouml;&szlig;eren Trupps in gewissen Gegenden
+zusammen, wo sie sich einmieten und um jeden Argwohn zu
+unterdr&uuml;cken, die Miete f&uuml;r Monate, ja &frac14; Jahr vorausbezahlen.
+Einige haben schon sogar H&auml;user gekauft, z.&nbsp;B. in Bayern.
+Solche Winterquartiere befinden sich bei uns in einem Dorf
+bei Karlsruhe, bei Stuttgart und haupts&auml;chlich im Elsa&szlig;.
+Ist dann der Winter, der gef&uuml;rchtetste Gast der Zigeuner,
+mit seiner Not und seinem Elend vor&uuml;ber, d.&nbsp;h. schaut nur
+die liebe Sonne aus den Wolken heraus im beginnenden
+Fr&uuml;hjahr, so ist kein Halten und Bleiben mehr. In scheinbarer
+Unordnung gehen die einen da, die andern dort
+hinaus, und doch ist alles so ann&auml;hernd geregelt und schl&auml;gt
+jede Abteilung seine ihm vorl&auml;ufig bestimmte Reiseroute ein.
+Von der Ordnung wird aber bald nichts mehr zu sehen
+sein, denn verschiedenes tr&auml;gt dazu bei, sie aufzul&ouml;sen,
+Kollusion mit der Beh&ouml;rde u.&nbsp;dgl. Da treten dann die
+Wanderzeichen in Aktion, durch die sie sich verst&auml;ndigen,
+raten und warnen, Mitteilungen machen, Zusammenk&uuml;nfte
+und irgend ein Vorhaben signalisieren. Diese Wanderzeichen,
+Signale usw. finden sich weit mehr bei den ausl&auml;ndischen
+Zigeunern als bei den deutschen. Nur sozusagen im inneren
+Leben bedienen sich die deutschen Zigeuner einiger weniger
+Zeichen, so z.&nbsp;B. beim Aufstellen von Posten, Geb&auml;rdenzeichen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>Warnungszeichen beim Erscheinen von verd&auml;chtigen
+Personen oder Amtspersonen, Gendarmen usw., wenn man
+sonst nicht mehr anders warnen kann. Fr&uuml;her waren auch
+weitere Zeichen im Gebrauch. Beim Fahren, um den Nachkommenden
+den Weg, die eingeschlagene Richtung zu zeigen,
+werden aber auch heute noch manche angewendet. Bemerkenswert
+ist noch der eigenartige <em class="gesperrt">nur</em> von ihnen gebrauchte und
+bekannte Zigeunerpfiff, nach Art des heimatlichen Bubenpfiffs,
+aber durchaus nicht mit diesem zu vergleichen. Ert&ouml;nt
+der Pfiff, wo es auch sei und zu jeder Zeit, so wei&szlig; jeder,
+da&szlig; einer der ihren in der N&auml;he ist, ohne ihn zu sehen
+oder sonst ein Zeichen zu erhalten.</p>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">Gebr&auml;uche im Wohnwagen</em> sind viele, von
+denen nur einige hier angef&uuml;hrt werden k&ouml;nnen. Eine
+Geburt im Wohnwagen darf nicht erfolgen, d.&nbsp;h. in keinem
+von ihren Wagen darf geboren werden. Ausgenommen
+eine Fehlgeburt, welche nicht als Geburt, sondern nur als
+eine Krankheit angesehen wird. Findet dennoch einmal eine
+Geburt im Wagen statt, so mu&szlig; derselbe verkauft werden.
+Er darf von keinem Zigeuner mehr ben&uuml;tzt werden. Ebenso
+d&uuml;rfen alle darin befindlichen Gegenst&auml;nde (ausgenommen
+die Kleidungsst&uuml;cke) wie z.&nbsp;B. Koch- und E&szlig;geschirr, auch
+L&ouml;ffel, Gabeln usw., Trink-, E&szlig;- und sonstige Lebensmittel
+nicht mehr ben&uuml;tzt werden. Das Bett, worin die Geburt
+vor sich ging, mu&szlig; verkauft oder vernichtet werden. Wer
+irgend eine der angef&uuml;hrten Sachen dennoch wieder gebraucht,
+wird <em class="antiqua">baledschido</em> und zwar z&auml;hlt solches zu den <em class="gesperrt">leichteren</em>
+Vergehen. Dennoch wird diese Sitte streng durchgef&uuml;hrt.
+Gew&ouml;hnlich erfolgt eine Geburt unter dem Wagen, in einem
+Schuppen, Scheune oder dergl. Oder auch ganz im Freien,
+im Wald, hinter einem Geb&uuml;sch usw., auf einem primitiven
+Lager. Gro&szlig;er Vorbereitungen bedarf es hierzu nicht. Alte
+Kleider, ein Teppich gen&uuml;gen zum Lager, selten wird ein
+Bett ben&uuml;tzt. Im Winter z.&nbsp;B. wird auch hie und da ein
+Zimmer gemietet auf ein paar Tage. Treten aber Umst&auml;nde
+ein, wo doch im Wagen geboren wurde, so werden dann
+alle Gebrauchsgegenst&auml;nde usw., um wenigstens diese zu
+retten, aus dem Wagen entfernt und wenn es eilt, nur noch
+hinausgeworfen. Alles was heraus ist aus dem Wagen,
+darf nachher wieder gebraucht werden. Nach der Geburt
+darf der Wagen dann gleich ben&uuml;tzt werden, d.&nbsp;h. Mutter
+<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>und Kind werden jetzt in denselben aufgenommen. Nach
+2 Tagen, h&ouml;chstens 3 hat sich eine Zigeunerin erholt und
+geht wieder ihren gew&ouml;hnlichen Besch&auml;ftigungen nach! Von
+der Geburt bis zur Taufe darf von den m&auml;nnlichen Zigeunern,
+auch der Vater nicht, im Wagen wo die Kindbetterin ist,
+etwas gegessen oder getrunken werden. Nur was au&szlig;erhalb
+des Wagens gekocht wird! Auch darf man das Kind nicht
+ber&uuml;hren, z.&nbsp;B. auf den Arm nehmen oder k&uuml;ssen. F&uuml;r
+weibliche Zigeuner ist vorstehendes aber alles gestattet.
+Getauft wird so schnell wie m&ouml;glich und soll es schon &ouml;fters
+vorgekommen sein, um recht viele Patengeschenke zu erhalten
+(gew&ouml;hnlich werden zu dieser &raquo;Ehrenstelle&laquo; reiche Dorfbewohner
+angehalten, welche die Bitte selten, schon wegen
+dem Pfarrer nicht, abschlagen), da&szlig; ein und dasselbe Kind
+zweimal getauft wurde.</p>
+
+<p>Im Wohnwagen darf weibliche W&auml;sche, Hemden,
+Unterkleider nicht aufgeh&auml;ngt werden, z.&nbsp;B. auch nicht zum
+Trocknen. W&uuml;rde ein m&auml;nnlicher Zigeuner an solch einen
+Gegenstand sto&szlig;en, ihn mit dem Kopf ber&uuml;hren, so w&auml;re er
+unbedingt infam, d.&nbsp;h. <em class="antiqua">baledschido</em> (unehrlich). Auch
+d&uuml;rfen keinerlei E&szlig;waren, welche mit solch einem weiblichen
+Bekleidungsst&uuml;ck in Ber&uuml;hrung gekommen sind, vielleicht durch
+Einwickeln oder Darauflegen, gegessen werden. Ausgenommen
+solche, welche nicht direkt in eine solche Ber&uuml;hrung gekommen
+sind, entweder in einem Gef&auml;&szlig; oder wenn es gut eingewickelt
+war, z.&nbsp;B. Getr&auml;nke in einer Flasche oder Glas. Bei W&auml;schest&uuml;cken
+von m&auml;nnlichen Zigeunern ist solches aber nicht der Fall.</p>
+
+<p>Zwei Liebende d&uuml;rfen vor ihrer Verbindung nicht
+&ouml;ffentlich, d.&nbsp;h. da&szlig; es die Eltern oder Verwandten wissen,
+im Wagen beieinander sein. Sie m&uuml;ssen beide miteinander
+vorher <em class="antiqua">&raquo;naschen&laquo;</em>, ehe sie als verbunden miteinander betrachtet
+werden. <em class="antiqua">Naschen</em> = fortgehen, fliehen, bedeutet in
+diesem Fall, da&szlig; beide mindestens einen Tag und Nacht
+von der eigenen Sippe fortgehen (auf eigene Faust) m&uuml;ssen,
+wenn auch nur in das n&auml;chste Dorf oder auch nur eine
+Stunde weit entfernt. Gew&ouml;hnlich bleiben beide aber l&auml;nger
+fort und haupts&auml;chlich diejenigen, denen die Eltern die Einwilligung
+zur Heirat verweigern. Kommen sie dann zur&uuml;ck,
+so m&uuml;ssen die Eltern wohl oder &uuml;bel die Verbindung zulassen,
+so verlangt es die Sitte. Au&szlig;erdem ist es strenge Sitte,
+da&szlig; das zur&uuml;ckkommende Paar sogleich zu den Eltern, &ndash; d.&nbsp;h.
+<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>in erster Linie vor den Vater, wenn Vater nicht anwesend
+z.&nbsp;B. tot oder wegen irgend etwas <em class="gesperrt">lange</em> Zeit (Gef&auml;ngnis
+vielleicht) abwesend, zur Mutter; falls diese auch nicht da,
+dann zu den Geschwistern, wenn vorhanden, wenn solche auch
+nicht, dann kommen erst die n&auml;chsten Verwandten &ndash; treten mu&szlig;,
+und zwar der Mann vor die des M&auml;dchens und umgekehrt, mit
+den Worten: &raquo;(Name des Vaters) <em class="antiqua">du honte da verzeiheres</em>
+(<em class="antiqua">verzeiheres</em> ist eines der vielen Zigeuner-Faulw&ouml;rter!
+Richtig zigeunerisch mu&szlig; es hei&szlig;en: ...&nbsp;<em class="antiqua">du honte da &ndash;
+prosserrehes &ndash; mange wel</em> usw.) <em class="antiqua">mange wel da lejam
+tiri Tschai!&laquo;</em>) (&raquo;Verzeihe mir, weil ich Deine Tochter genommen
+habe!&laquo;) Dann erhalten sie zum Schlu&szlig; einen
+Backenstreich, je nach Lage der Sache stark oder leicht und
+die Verbindung ist fertig, die Ehe geschlossen und wird
+ebenso heilig gehalten, als wenn irgend ein Priester seinen
+Segen dazu gegeben h&auml;tte.</p>
+
+<p>Bei einem Todesfall, d.&nbsp;h. stirbt eine erwachsene Person
+im Wohnwagen, (nur bei Erwachsenen, bei kleineren Kindern
+nicht) so m&uuml;ssen nicht nur alle die Gegenst&auml;nde wie bei einer
+Geburt ent&auml;u&szlig;ert oder vernichtet werden, sondern hier in
+diesem Fall auch noch alle W&auml;sche- und Kleidungsst&uuml;cke,
+mit Ausnahme derjenigen, die man gerade an hatte und der
+Musikinstrumente, Geld und eventuell vorhandene Bilder
+(Photographien). Was man aber noch vor Eintritt des
+Todes aus dem Wagen entfernen kann, darf weiter ben&uuml;tzt
+werden. Alles &uuml;brige darf nicht mehr gebraucht werden,
+auch wenn es noch nagelneu w&auml;re und die betreffenden
+Leute in gro&szlig;e Not dadurch kommen. Ja, wohlhabendere
+Zigeuner verkaufen solche Sachen &uuml;berhaupt nicht, sondern
+verbrennen einfach alles, Wagen usw. &Auml;rmere verkaufen
+es und zwar gew&ouml;hnlich an anderes &raquo;herumziehendes&laquo; Volk,
+aber ja an keine Zigeuner, und wenn es auch ganz unbekannte
+w&auml;ren. Wer diese streng eingehaltene Sitte nicht
+befolgt, wird <em class="antiqua">baledschido</em>. (<em class="gesperrt">Schweres</em> Vergehen!) Und
+zwar wird diese Sitte so genau und streng befolgt wegen
+der abergl&auml;ubischen Furcht der Zigeuner vor ihren Toten.
+Sie glauben eben, da&szlig; die Geister der Verstorbenen, in dem
+von ihnen zur Zeit ihres Lebens bewohnten Wagen, umgehen
+m&uuml;ssen und so lange keine Ruhe finden, bis er vernichtet
+oder vom Stamm entfernt ist. Deshalb w&uuml;rden sie, wenn
+solch ein Wagen von den Angeh&ouml;rigen weiter ben&uuml;tzt werden
+<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>w&uuml;rde, alln&auml;chtlich kommen und diese qu&auml;len und Ungl&uuml;ck
+&uuml;ber sie bringen. Hier liegt auch der Grund, warum die
+Zigeuner keines ihrer Geheimnisse z.&nbsp;B. Wahrsagen, Wanderzeichen
+oder anderes verraten, da sie meinen, diese von den
+Verstorbenen gelernt zu haben. Selbst solche Zigeuner, die
+<em class="antiqua">baledschido</em>, von aller Gemeinschaft ausgeschlossen sind,
+verraten dergleichen an Nichtzigeuner niemals.</p>
+
+<p>Auch sonst ist das Leben im Wohnwagen, z.&nbsp;B. die
+Beziehungen der beiden Geschlechter zueinander, durch Sitte
+und Gesetz streng geregelt. Auch in Bezug der Reinlichkeit
+stechen die deutschen Zigeuner von denen der anderen L&auml;nder<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>
+vorteilhaft ab. Es ist absolut falsch, wenn man glaubt,
+es gehe da in sittlicher Beziehung sehr frei zu. Im
+Gegenteil: die deutschen Zigeuner sind sehr schamhaft, obwohl
+gegen sinnliche Reize gerade nicht ganz unempfindlich. Aber
+unsittlich geht es im Wohnwagen niemals zu. Selbst bei
+den gr&ouml;&szlig;ten Stammesfesten nicht, obwohl es da sehr lustig
+und heiter zugeht, wenn die Geigen jubeln und die Zigeunermusik
+&uuml;ber Wald und Flur dahinrauscht.</p>
+
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Kennt <em class="gesperrt">Wittich</em> diese? D.&nbsp;H.</p></div>
+
+<div class="figcenter" style="width: 282px; margin: auto; padding-top: 1em;">
+
+<div style="float: left; width: 30px; height: 243px;">
+<img src="images/illu_30_l.jpg" width="30" height="243" alt="" title="" />
+</div>
+
+<div style="float: left; padding-left: 20px; padding-top: 6px; width: 180px; height: 228px;">
+<a href="images/illu_30.jpg">
+<img class="border" src="images/illu_30_th.jpg" width="180" height="228" alt="Bildnis der Stieftochter des Verfassers." title="Bildnis der Stieftochter des Verfassers." /></a>
+</div>
+
+<div style="float: left; padding-left: 20px; width: 30px; height: 243px;">
+<img src="images/illu_30_r.jpg" width="30" height="243" alt="" title="" />
+</div>
+
+<div class="figcenter" style="width: 200px;">
+<span class="caption" style="width: 100px; padding-top: 1em;">Bildnis der Stieftochter des Verfassers.</span>
+</div>
+
+</div>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span></p><p>B&ouml;se und gute Menschen gibt es &uuml;berall, bei jedem
+Volk, aber man malt die Zigeuner wirklich zu schwarz,
+wenn man sie ohne weiteres als R&auml;uber und Diebe, jeder
+moralischen Gesinnung bar, auf eine Stufe mit den verkommensten,
+untersten Schichten unserer &uuml;brigen Bev&ouml;lkerung
+stellt. Betteln, Landstreichen, wenn man ihre unbezwingbare,
+angeborene Wanderlust so nennen mag, gelegentlicher Diebstahl
+und kleinere Betr&uuml;gereien mag man ihnen schlie&szlig;lich
+mit Recht nachsagen. Aber es ist ein gro&szlig;es Unrecht, wenn
+man, wie es bis jetzt immer geschieht, die Zigeuner einfach
+f&uuml;r gemeinf&auml;hrliche, schlimme Menschen zu halten und zu
+verdammen beliebt! Bei genauer Besch&auml;ftigung mit ihnen
+w&uuml;rde man bald das den Zigeunern in dieser Beziehung
+zugef&uuml;gte Unrecht einsehen. Wenn man bedenkt, da&szlig; sie
+von jeher schon als vogelfrei betrachtet wurden, wie grausam
+und unmenschlich sie behandelt und verfolgt wurden, wie
+sie heute noch gehetzt und gequ&auml;lt werden, so sollte man
+sich eigentlich nur dar&uuml;ber wundern, da&szlig; sie nicht noch
+schlechter sind, als sie in Wirklichkeit sind. Ist es ein
+Wunder bei einer so &uuml;blen Behandlung, wenn sie in jedem
+Wei&szlig;en nur einen Feind und Unterdr&uuml;cker ihres Volkes
+vermuten und sich deswegen gegen jedermann zur&uuml;ckhaltend
+und verschlossen benehmen! Die Zigeuner, dieses echt
+romantische, weltverlassene Volk, sind viel, viel besser als
+ihr Ruf und nur gutm&uuml;tige, liebe, vers&ouml;hnliche Menschen,
+gewandt und gescheit, soda&szlig; man sie bei n&auml;herem Kennenlernen
+bald lieben lernt und ihnen zugetan wird.</p>
+
+<p>Merkw&uuml;rdig ist es, da&szlig; die deutschen Zigeuner, so
+sehr sie auch ver&auml;chtlich und dem&uuml;tigend von allem Volk
+behandelt werden, doch auf die Landbev&ouml;lkerung gleichsam
+herunter sehen und den Beleidigungen und Beschimpfungen
+keinen Wert beilegen; d.&nbsp;h. von dem ungebildeten Volk
+k&ouml;nnen sie nicht beleidigt werden und reagieren auch nicht
+darauf. Sie haben vor den &raquo;Gadsche&laquo; (Bauern) &uuml;berhaupt
+keine Achtung oder Respekt. Dagegen aber imponiert
+ihnen die gebildete Klasse. (<em class="antiqua">Raien</em>, <em class="antiqua">Raile Gadsche</em>).
+Haupts&auml;chlich die Beh&ouml;rden! Lesen, schreiben oder Aus&uuml;bung
+einer Kunst imponiert ihnen gewaltig! Anders liegt die
+Sache bei ungerechter Behandlung oder Mi&szlig;handlung, oder
+Beleidigungen unter ihnen selbst! Aber ich mu&szlig; nochmals
+erw&auml;hnen, da&szlig; bei keiner strafbaren Handlung, mag sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>hei&szlig;en wie sie will, ein Zigeuner den andern dem Gericht
+verr&auml;t oder anzeigt. Ausnahmen sind &auml;u&szlig;erst selten. Selbst
+Todfeinde denunzieren oder zeigen nichts an, weil sie eben
+ihr eigenes Gesetz und Strafen haben, das &uuml;berall und
+immer streng ausge&uuml;bt wird untereinander. Strafen, welche
+Zigeuner verb&uuml;&szlig;en oder verb&uuml;&szlig;t haben, z.&nbsp;B. wegen Bettel,
+Betrug, Diebstahl usw., gelten nicht als entehrend, sondern
+solche Strafen werden als eine Art Ehrenstrafen betrachtet.
+Am angesehensten und geachtetsten bei den Zigeunern sind
+solche Zigeuner, welche gut betteln, stehlen, wahrsagen usw.
+k&ouml;nnen. Solche werden den andern Zigeunern immer als
+&raquo;gute&laquo; Beispiele angef&uuml;hrt. Solchen werden Ehrennamen
+(<em class="antiqua">brawi Dschuwel</em>, <em class="antiqua">brawo Sinto</em>) beigelegt.</p>
+
+<p>Welcher <em class="gesperrt">Religion</em> geh&ouml;ren die Zigeuner an? Eine
+schwierige Frage! Vor lauter Sprachforschung, scheint es
+mir, hat man die Religionsforschung (wenn ich mich so
+ausdr&uuml;cken darf) vergessen!<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> Haben sie eine eigene Religion?
+Dies zu beantworten, wird, f&uuml;rchte ich, noch schwieriger
+sein, als ihre Herkunft zu ermitteln. Es hei&szlig;t, kein Gebrauch,
+kein Symbol, kein Kultus weise darauf hin, da&szlig; die
+Zigeuner eine Religion haben bezw. einmal eine besessen
+h&auml;tten. Man wei&szlig; nicht mehr, als da&szlig; die Zigeuner in
+christlichen L&auml;ndern r&ouml;misch- oder griechisch-katholische Christen
+w&auml;ren usw. Hat Jemand dies zu ergr&uuml;nden schon jemals
+ernstlich den Versuch gemacht? Und wenn sie wirklich
+keine Religion haben, m&uuml;&szlig;te man ihnen da nicht solche
+bringen? Wer den Heiland nicht kennt, von der christlichen
+Lehre nichts wei&szlig;, der ist ein Heide, also sind die Zigeuner
+Heiden! &Uuml;brigens auch in einigen Gegenden so gehei&szlig;en.
+Es gibt ja noch viele Heiden in den gro&szlig;en, fremden
+L&auml;ndern und Erdteilen, und doch die Christenheit sendet
+hier Diener Gottes hin, getreu dem Gebot des Heilandes
+folgend; aber um die armen Zigeuner k&uuml;mmert sich niemand,
+obwohl sie der ganzen christlichen Welt sozusagen unter den
+Augen herumlaufen! &raquo;Die Zigeuner sind f&uuml;r Religion
+nicht zu haben&laquo;. Das ist eine h&auml;ufige Behauptung und
+damit soll alles abgetan sein? F&uuml;hlt man weiter keine
+Verantwortung, weder in christlichen noch in kirchlichen Kreisen?</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> d.&nbsp;h. die Sprachforscher interessieren sich f&uuml;r die Zigeuner viel
+mehr, als im allgemeinen die Diener Christi. D.&nbsp;H.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span></p><p>Weist wirklich nichts auf eine Religion der Zigeuner
+hin? &ndash; Warum sagt der Zigeuner niemals &raquo;der&laquo; Gott,
+sondern immer &raquo;mein&laquo; Gott? (<em class="antiqua">Miro baro Dewel</em> &ndash; mein
+gro&szlig;er Gott!) Will er damit nicht andeuten, da&szlig; er
+auch einen Gott habe, den er als seinen Gott von dem
+der anderen Menschen unterscheidet, oder ist es nur eine
+zuf&auml;llige Sprachgewohnheit? Beweist es nicht wenigstens,
+da&szlig; die Zigeuner auch an ein h&ouml;chstes Wesen glauben!
+Und ebenso glaubt er an ein Fortleben der Verstorbenen
+nach dem Tode.</p>
+
+<p>Je nachdem bringen sie ihm Gl&uuml;ck oder Ungl&uuml;ck.
+Um letzteres zu vermeiden, h&auml;lt er die Gebr&auml;uche in Bezug
+auf seine Toten streng ein. Die Verehrung der Toten ist
+so gro&szlig;, da&szlig; nur die dringendsten F&auml;lle ihn bewegen k&ouml;nnten,
+auch nur den Namen der Verstorbenen auszusprechen. Ein
+Schwur auf oder bei den Toten wird ebenso unverbr&uuml;chlich
+und heilig gehalten, als wie der bei der Hand seines Vaters
+(<em class="antiqua">dadeskero vast</em>). Ein <em class="antiqua">pra&szlig;en</em> (fluchen) auf seine Toten
+(Beschimpfung der Abgeschiedenen) kann nur durch Blut ges&uuml;hnt
+werden. Das Grab eines teuern Verstorbenen wird,
+wenn es nur irgend m&ouml;glich ist, nach einem Jahre wieder
+besucht. An dem Grabe eines Stammesgenossen geht kein
+Zigeuner vor&uuml;ber ohne einige Tropfen Wein, Bier oder
+Branntwein daraufzugie&szlig;en. In der Neujahrsnacht wird
+nach den Lebenden, den Toten &raquo;ein gutes Neujahr&laquo; gew&uuml;nscht;
+in der Sylvesterstunde werden bei feierlicher Stille
+einige Tropfen Wein, Bier usw. auf den Boden gesch&uuml;ttet
+mit den Worten: &raquo;F&uuml;r die Toten!&laquo;</p>
+
+<p>Aber sind die Zigeuner f&uuml;r Religion zu haben?
+Allerdings mit Hilfe von brennenden Scheiterhaufen und
+Galgen, wie man es fr&uuml;her beliebte, oder durch Wegnehmen
+der Kinder, kann man sie zu keiner Religion und Moral
+zwingen. Das Resultat wird immer ein negatives sein.
+Und wenn die Behandlung nicht besser wird, wenn dies
+arme, ungl&uuml;ckliche Volk weiter so ungerecht verfolgt und
+verachtet wird von der &uuml;brigen Menschheit, so wird es sehr,
+sehr schwer sein, in ihnen Liebe und Achtung vor der
+Religion zu erwecken, die eben diese Menschen ihnen bringen
+wollen, welche ihre Worte so wenig durch ihre Taten
+best&auml;tigen. Aber eins ist gewi&szlig;: diese &Auml;rmsten unter den
+Armen w&uuml;rden ihre Ohren und Herzen &ouml;ffnen &ndash; der Religion
+<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>der Liebe! Das ist in der Tat schon bewiesen. Es gibt
+bei uns Zigeuner, die keiner Religionsgemeinschaft angeh&ouml;ren,
+doch zu Gott beten, von Zeit zu Zeit auf offenem, freiem
+Felde eben diesem Gott ihre S&uuml;nden laut bekennen, beichten,
+bereuen und nichts S&uuml;ndhaftes mehr zu tun geloben, feierlich
+diesen Tag dann heiligen durch die gr&ouml;&szlig;te Enthaltsamkeit
+und fromm werden wollen, wenn man es so sagen kann.</p>
+
+<p>Ich k&ouml;nnte einige solcher Zigeuner namentlich anf&uuml;hren.
+Einer dieser Zigeuner ist mir noch ganz besonders im Ged&auml;chtnis,
+dieser gelobte als junger Bursche, alle Jahre vom
+Karfreitag ab, 6 Wochen lang kein Fleisch zu essen. Das
+will bei einem Zigeuner was hei&szlig;en! Er ist seinem Gel&ouml;bnis
+treu geblieben bis zu seinem Tode vor nun 2 Jahren,
+trotz aller Art Versuchungen. In dieser Zeit sind die Igel
+(bekanntlich die Lieblings- und Nationalspeise der Zigeuner)
+am &raquo;fettesten&laquo;, daher am besten, nach dem Zigeunergeschmack.
+Da wurde er von Genossen damit geneckt, indem sie ihm
+einstmals mit einem fetten, delikaten und appetitlichen Hinterfu&szlig;
+(Hinterschinken) von einem Igel (die gr&ouml;&szlig;te Delikatesse
+f&uuml;r einen Zigeuner) reizten und neckten und ihn absolut
+zum brechen seines Gel&uuml;bdes verf&uuml;hren wollten. Aber trotz
+dieser f&uuml;r einen Zigeuner fast &raquo;&uuml;bermenschlichen&laquo; Versuchung,
+widerstand er derselben standhaft! Solches und noch vieles
+mu&szlig;te er durchmachen und brach aber doch nie, bis ins
+hohe Alter hinein, sein Gel&uuml;bde.</p>
+
+<p>Fromm war in ihrer Art auch meine Schwiegermutter.
+Obwohl sie gar keine Schule besucht hatte, von einem Kirchenbesuch
+vollends gar keine Rede war, keine Ahnung von
+Lesen und Schreiben hatte, betete sie doch jeden Abend und
+Morgen mit ihren Kindern ein altes Gebet in unserer Sprache.</p>
+
+<p>Es lautet:</p>
+
+<div class="blockquot"><p><em class="antiqua">Me baschau mange tele</em> (oder: <em class="antiqua">Me staua pre</em> oder:
+<em class="antiqua">Meh dschaua nikli) ani Dewlester Soraloben, ani
+Dewlester Baroben, ani Dewlester Songlienger Rat,
+da hi latscho, hako Mulenter da kerela mange kenk
+mitschiko Dscheno tschomoni. O Dewlesker Dad,
+o Dewlesker Tschawo, o Dewlesker Mulo, priserele
+man!</em></p>
+
+<p>Ich lege mich nieder (oder: ich stehe auf oder: ich gehe
+fort) in Gotteskraft, in Gottesmacht, in sein (rosenfarbiges)
+rosenrotes Blut, f&uuml;r alle b&ouml;sen Geister und Gespenster
+<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>gut, da&szlig; mir kein b&ouml;ser Mensch nichts tut. Gott Vater,
+Gott Sohn, Gott hl. Geist, segne mich!</p></div>
+
+<p>Sie hatte 9 lebende Kinder, war eine <em class="antiqua">&raquo;brawi Dschuwel&laquo;</em>,
+aber als sie die ersten Kinder bekam, vollzog sich eine innerliche
+Wandlung in ihr &ndash; sie &uuml;bte ihre zigeunerischen Gewerbe
+nicht mehr aus, soda&szlig; sie und ihre Familie, die fr&uuml;her im
+&Uuml;berflu&szlig; lebten, oftmals in die bitterste Not kamen. Auch
+ihre Kinder lehrte sie nichts mehr, d.&nbsp;h. von der Mutter
+aus h&auml;tten sie nichts gelernt, z.&nbsp;B. Wahrsagen. Warum
+wohl? Weil sie jedenfalls oft h&ouml;rte von dem Schimpflichen
+solcher Gewerbe und es auf ihre Art in ihrem frommen
+Herzen zuletzt selbst glaubte! Fromm war sie! Man stelle
+sich diese Frau vor, die bis zu ihrem Tode so geblieben
+war, mit ihren 9 Kindern? Welche Sorgen, N&ouml;te, Lasten
+und M&uuml;he lag auf ihren Schultern? Verspottet oft von
+den Stammesangeh&ouml;rigen, die es ihr ins Gesicht hineinsagten,
+es sei kein Schade, da&szlig; es ihr so &auml;rmlich gehe &ndash; warum
+&uuml;be sie nicht mehr aus, wegen dessen sie ja den Ehrennamen
+(brawi Dschuwel) hatte und &auml;hnliches! Von den Vorw&uuml;rfen
+des Gatten zu schweigen. Dies kann nur der begreifen,
+der die Sitten der Zigeuner in dieser Beziehung kennt.
+Trotzdem blieb sie standhaft. Mochten sie die Sorgen fast
+zu Boden dr&uuml;cken, sie blieb fest und betete gewissenhaft
+jeden Abend und Morgen ihren Kindern das obenangef&uuml;hrte
+Gebet vor und lehrte sie dasselbe selbst zu beten. Merkw&uuml;rdig
+aber ist und war doch &ndash; sie ging niemals in eine
+Kirche, wollte von keinem Geistlichen was wissen. In ihren
+Reden kamen diese gerade nicht respektvoll weg, sie nannte
+sie nur die &raquo;schwarze Polizei!&laquo; Wie mag diese Frau dazu
+gekommen sein, solches zu sagen? Was mag sie erlebt
+haben? Der, welcher die Geschichte der Zigeuner und ihre
+Verfolgungen und Mi&szlig;handlungen kennt, von eben diesen
+Bekennern und Predigern der Religion Christi, wird diese
+Fragen leicht beantworten k&ouml;nnen! Ebenso feierte sie jeden
+Feiertag (Ostern, Weihnachten, Karfreitag) und beflei&szlig;igte
+sich, was ihre Person betraf, der gr&ouml;&szlig;ten Enthaltsamkeit.</p>
+
+<p>Aber auch sonst sind sie ihrer Art gottesf&uuml;rchtig (!) so
+machen sie gern Wallfahrten nach ber&uuml;hmten Wallfahrtsorten
+und wenn auch das letzte Geld daraufgeht, aber immer zu
+einem gewissen Zweck, z.&nbsp;B. wenn sie gr&ouml;&szlig;eres Vorhaben
+(ein zigeunerisches &raquo;Gesch&auml;ft&laquo;) ausf&uuml;hren wollen. Dann
+<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>beten sie da, geloben auch ein Gel&uuml;bde, im Falle eines guten
+Gelingens des beabsichtigten Gesch&auml;ftes. So wurde schon
+manches &raquo;Gesch&auml;ft&laquo; ausgef&uuml;hrt, mit der gr&ouml;&szlig;ten Zuversicht,
+da&szlig; sie nicht erwischt und eingesperrt werden, haben sie doch
+zu Gott oder zur Muttergottes gebetet, ein Gel&uuml;bde getan,
+damit sie ihnen zu ihrem &raquo;Gesch&auml;ft&laquo; beistehen und das
+Gesch&auml;ft auf ihre Art nicht ungl&uuml;cklich ausgehe. Was wissen
+sie davon (wer h&auml;tte es ihnen schon gesagt?), da&szlig; eben dieser
+Gott in seinen Geboten als S&uuml;nde verboten hat, &ndash; was
+sie tun wollen und um dessen gutes Gelingen sie zu ihm
+beten! Merkw&uuml;rdig ist aber auch, da&szlig; die Zigeuner sich
+mehr zur katholischen als zur evangelischen Religion hingezogen
+f&uuml;hlen. Jedenfalls nur darum, weil die Zermonien
+der katholischen Kirche mehr auf seine Sinne und Phantasien
+einwirken, mehr seiner Natur entsprechen, als die Einfachheit
+der evangelischen Kirche. Fr&uuml;her lie&szlig; der Zigeuner seine
+Kinder gern und auch &ouml;fters als nur einmal taufen, &ndash;
+aber nur wegen den regelm&auml;&szlig;igen, &uuml;blichen Patengeschenken.
+In welcher Konfession ist ihm egal &ndash; ob katholisch oder
+evangelisch. So bin ich katholisch getauft, eine Schwester
+und mein Bruder evangelisch. Kirchlich und weltlich wurde
+fr&uuml;her eine Zigeunerehe nur selten geschlossen. Heutzutage
+l&auml;&szlig;t er die Kinder aber taufen, damit sie in seine Legitimation
+eingef&uuml;hrt werden, ebenso verh&auml;lt es sich, wenn er sich heute
+ausnahmslos kirchlich trauen l&auml;&szlig;t und die Ehe standesamtlich
+eingeht.</p>
+
+<p>Bewiesen wird es jetzt wohl sein, da&szlig; die Zigeuner
+f&uuml;r die Religion nicht unempf&auml;nglich sind, wenn man sie am
+rechten Platz packt, d.&nbsp;h. in ihrer Sprache die Heilsbotschaft
+verk&uuml;ndet und im &uuml;brigen etwas R&uuml;cksicht nimmt auf ihre
+zigeunerischen Eigenarten. Kein Baum f&auml;llt auf den ersten
+Hieb. Die Erfahrungen w&uuml;rden diese Worte best&auml;tigen. Nicht
+der angeblichen Unverbesserlichkeit der Zigeuner gebe man
+die Schuld, sondern der geringen Arbeit der Christenheit, die
+in dieser Beziehung so viel vers&auml;umt hat. Aber mit der
+Seelenrettung mu&szlig; Hand in Hand gehen &ndash; die Besserung
+der &auml;u&szlig;eren Umst&auml;nde der Zigeuner. Der Erfolg w&uuml;rde ein
+&uuml;berraschender sein. Daher weg mit der oberfl&auml;chlichen Redensart:
+die Zigeuner sind nicht f&uuml;r Religion zu haben! K&ouml;nnt
+ihr, die ihr dies so leichtherzig sagt, es ernstlich beweisen?
+Nein; nun so ist es jetzt h&ouml;chste Zeit, deutsche Christen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>dies Vers&auml;umnis endlich nachzuholen, damit eure Verantwortung
+nicht noch gr&ouml;&szlig;er werde, als sie schon ist!
+<em class="antiqua">Tschatschopaha.</em></p>
+
+
+<p class="center">*<br />*<span style="padding-left: 20ex">*</span></p>
+
+
+<p>Vor nun schon langen Jahren &uuml;berwinterte eine Familie
+dieser &raquo;fahrenden&laquo; Leute in einem Schwarzwalddorf. Die
+Kinder mu&szlig;ten in die Schule gehen diesen Winter. Der
+&auml;lteste Knabe sollte im Fr&uuml;hjahr &raquo;aus der Schule kommen&laquo;,
+(<em class="gesperrt">In die er doch so wenig &raquo;hineinkam&laquo;</em>.) Der Ort war
+evangelisch, der Sch&uuml;ler aber doch katholisch getauft. Dies
+war der Anla&szlig;, da&szlig;, als er &frac14; Jahr die evangelische Dorfschule
+besucht hatte, der katholische Pfarrer aus dem nahen
+Oberamtsst&auml;dtchen ihm das Billet f&uuml;r &frac14; Jahr bezahlte zum
+katholischen Schulbesuch und zwar so lange, bis er &raquo;aus der
+Schule war&laquo; im Fr&uuml;hjahr. So war der Knabe auf doppelte
+Art ein &raquo;Fahrender&laquo;. Vom &raquo;fahrenden Volk&laquo; war er jetzt
+auch noch ein &raquo;fahrender Sch&uuml;ler&laquo;, indem er morgens in die
+katholische Schule in der Oberamtsstadt mit der Bahn fuhr
+und abends wieder zur&uuml;ck nachhause. Hier lernte er wirklich
+gute Menschen kennen und die Anteilnahme und Liebe
+f&uuml;r den verachteten Zigeuner tat ihm so wohl, da&szlig; er
+w&uuml;nschte, immer so gl&uuml;cklich sein zu k&ouml;nnen. Die Eindr&uuml;cke,
+die er hier durch den Umgang mit diesen braven Leuten
+empfing, blieben ihm in steter Erinnerung. Dies Gl&uuml;ck war
+leider nicht von langer Dauer. Der Tag der Schulentlassung
+kam. Die Eltern des Knaben wollten schon lange &ndash; kaum
+da&szlig; der Schnee schmolz und die liebe Sonne zu l&auml;cheln
+begann &ndash; &raquo;weiterziehen&laquo;, um die durch den Winter unterbrochene
+Wanderung fortzusetzen. Ungeduldig wurde von
+ihnen der Schulentlassungstag erwartet &ndash; der einzige Grund,
+der sie von der Reise zur&uuml;ckhielt. Der Knabe dagegen
+w&uuml;nschte ihn noch weit, weit zur&uuml;ck. Vergebens &ndash; nur zu
+schnell war er da! Wie der Knabe von edlen Wohlt&auml;tern
+die Leibesnahrung in dieser Zeit erhielt, (da die Eltern,
+weil zu arm, ihm nichts mitgeben konnten), so erhielt er
+auch von ihnen alles, was zur Feier dieses Tages geh&ouml;rte,
+Kleidung, Schuhe usw. Das Herz des Knaben war &uuml;bervoll
+vor Gl&uuml;ck, nicht allein wegen dem, da&szlig; er vielleicht zum
+erstenmal in seinem Leben so schmuck und proper dastand,
+sondern haupts&auml;chlich der liebevollen Worte wegen, die von
+<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>allen Seiten an ihn gerichtet wurden. So selten wie ein
+neuer &raquo;ganzer&laquo; Anzug, so selten war eine solche Anteilnahme
+von Menschen, die ihn sonst nur mit Verachtung behandelten,
+im Leben dieses Knaben! Seine gro&szlig;e Freude konnte man
+ihm vom Gesicht ablesen, vollends als er mit den anderen
+&raquo;Konfirmanden&laquo; zu einem gemeinschaftlichen Mahl in das
+Pfarrhaus, mit dem Herrn Pfarrer und dessen Angeh&ouml;rigen,
+eingeladen wurde. Doch wollte ihn ein Gef&uuml;hl der Traurigkeit
+beschleichen, als er die anderen Knaben betrachtete
+und h&ouml;rte, wie sie sich gegenseitig mit Stolz und Freude
+erz&auml;hlten, was sie werden wollten oder durften. Jeder
+hob die Vorz&uuml;ge seines erw&auml;hlten Berufes hervor und jeder
+glaubte, den besten erw&auml;hlt zu haben. Hier sa&szlig; der &raquo;fahrende&laquo;
+Knabe still! Hier konnte er nicht mitreden. Was er wohl
+wird? Niemand dachte daran, ihn auch einen Beruf w&auml;hlen,
+lernen zu lassen! H&auml;tte sich doch hier der Engel gefunden,
+den jeder Mensch haben mu&szlig;, um etwas zu werden, etwas
+zu erreichen! H&auml;tte sich hier eine rettende Hand gezeigt,
+und es w&auml;re aus dem Knaben damals etwas ganz anderes
+geworden, als er jetzt ist!</p>
+
+<p>Doch die beginnende Traurigkeit verschwand, als ein
+Spaziergang in den nahen Wald gemacht wurde, welcher
+die Feier und den sch&ouml;nen Tag beschlo&szlig;. Es war ein
+wundersch&ouml;ner Fr&uuml;hlingstag. Auf den gr&uuml;nen Wiesen bl&uuml;hten
+die Blumen. Auf den B&auml;umen keimten schon die Bl&uuml;ten,
+aus ihnen und von &uuml;berall ert&ouml;nte der V&ouml;gelschall. Alles
+war Freude, Lust und Leben! Nur zu schnell vergingen die
+fr&ouml;hlichen Stunden dieses &ndash; letzten Tages, den der Knabe
+unter diesen guten Menschen zubrachte. In seinem h&ouml;chsten
+Gl&uuml;ck &ndash; wurde er j&auml;h wieder von der rauhen Faust des
+unerbittlichen Schicksals zur&uuml;ckgerissen in sein &ndash; altes Leben.
+Die Scheidestunde schlug. Man begleitete den Knaben an
+die Bahn. Die muntere Schar merkte in ihrer Fr&ouml;hlichkeit
+nicht, wie traurig und leer es in seinem Herzen aussah.
+Ein letzter H&auml;ndedruck, noch einige liebevolle, tr&ouml;stende Abschiedsworte
+des guten, wahrhaft edlen Pfarrers, ein T&uuml;cherschwenken,
+ein Pfiff &ndash; davon brauste der Zug. Der Abschied
+war schwer, der Knabe meinte, er lie&szlig;e alles zur&uuml;ck, Liebe,
+Freude und Gl&uuml;ck. Das Herz wollte ihm brechen vor
+Heimweh und Schmerz. Dunkel, grau lag die Zukunft vor
+ihm, &ndash; ohne einem Strahl von Gl&uuml;ck! Und er w&auml;re doch
+<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>so gerne gl&uuml;cklich gewesen! Bei seinen Leuten angekommen,
+war der Wagen schon l&auml;ngst gepackt. Eine letzte Nacht noch
+in einer Stube. Leer und &ouml;de grinste ihm die Zukunft aus
+allen Ecken des kahlen Zimmers entgegen. Leer und &ouml;de
+sah es in seinem jungen Herzen aus. Am Morgen, fr&uuml;h,
+nach einer durchweinten Nacht, ging es fort. Wohin?</p>
+
+<p>Aber niemals konnte der Knabe diese gl&uuml;cklichste Zeit
+seines ganzen Lebens vergessen. Sein nachheriges bewegtes
+Leben konnte nie die Erinnerung daran ausl&ouml;schen! Ebensowenig
+das Andenken an den wahrhaft guten und edlen
+Pfarrer, dessen Lehren, Worte und ehrw&uuml;rdige Gestalt ihm
+immer und jetzt noch nach langen, langen Jahren, vor
+Augen steht. Besonders unverge&szlig;lich bleibt ihm der Tag
+seiner Schulentlassung. Er war und ist der sch&ouml;nste und
+gl&uuml;cklichste seines Lebens. Oft und gern denkt er heute
+noch &ndash; oder vielleicht gerade jetzt &ndash; an diese frohe und
+gl&uuml;ckliche Kindheits- und Jugendzeit zur&uuml;ck. Dieser Tag
+wird f&uuml;r die ganze Lebenszeit ein Lichtblick sein und bleiben
+f&uuml;r <em class="gesperrt">Engelbert Wittich</em>!</p>
+
+<p class="ende"><em class="antiqua">Tschatschopaha!</em></p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 128px;">
+<img src="images/illu_39.jpg" width="128" height="30" alt="" title="" />
+</div>
+
+
+
+
+<div class="advertisements">
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>&raquo;Hefte f&uuml;r Zigeunerkunde.&laquo;</h2>
+
+
+<table summary="erschienene Hefte">
+<tr><td class="heft">Heft&nbsp;1.</td><td><b>Urban, R.</b>, Die Sprache der Zigeuner in
+Deutschland. 30 Pfg.</td></tr>
+<tr><td class="heft">"&nbsp;&nbsp;&nbsp;2.</td><td><b>Wittich, E.</b>, Blicke in das Leben der Zigeuner.
+40 Pfg.</td></tr>
+<tr><td class="heft">"&nbsp;&nbsp;&nbsp;3.</td><td><b>Bourgeois, Dr. H.</b>, Kurze Grammatik der
+mitteleurop&auml;ischen Zigeunersprache. 30 Pfg.</td></tr>
+</table>
+
+
+<p>&Uuml;ber die Zigeuner ist schon viel geschrieben worden;
+aber diese Literatur hat bis jetzt nur kleine Kreise von
+Liebhabern und Fachinteressenten erreicht; dazu leidet sie
+unter dem Mi&szlig;geschick, da&szlig; sie schwer zu finden ist, meist
+nur durch Vermittelung von Antiquariatsangeboten. Ein
+gro&szlig;er Fortschritt ist zwar das seit 1907 neue Erscheinen
+des <em class="antiqua">Journal</em> der <em class="antiqua">Gypsy Lore Society</em>, in dem alles
+Wissenswerte &uuml;ber die Zigeuner sorgf&auml;ltig gesammelt wird;
+aber dieses Unternehmen scheint sich in Deutschland nicht
+einzub&uuml;rgern, und es herrscht bei uns nach wie vor eine
+bedauerliche Unkenntnis alles dessen, was die Zigeuner
+betrifft. Diese Unkenntnis ist mit schuld daran, da&szlig; unsere
+Gesetze und Beh&ouml;rden, die heute schon alle m&ouml;glichen Volks-
+und Berufsklassen, ja selbst Tier- und Pflanzenwelt
+mit Recht und Schutz versehen, den Zigeunern gegen&uuml;ber
+nur als r&uuml;cksichtslose Feinde und Unterdr&uuml;cker auftreten, &ndash;
+da&szlig; die Kirchen und Vereine, die heute schon auf den
+entlegensten Gebieten alle denkbaren Liebeswerke aus&uuml;ben,
+an den Zigeunern k&uuml;hl vor&uuml;bergehen, &ndash; da&szlig; das Volk
+und auch die christlichen Kreise, die die Zigeuner mit einer
+Mischung aus Neugierde, Furcht und Teilnahme betrachten,
+doch noch nicht zum rechten christlichen Benehmen gegen&uuml;ber
+den Zigeunern gekommen sind.</p>
+
+<p>Die &raquo;Hefte f&uuml;r Zigeunerkunde&laquo; sollen diesen bedauerlichen
+Zust&auml;nden abhelfen. Sie wenden sich an alle
+offiziellen und privaten Kreise des deutschen Volkes in der
+festen &Uuml;berzeugung, da&szlig; es nur ein wenig der Besch&auml;ftigung
+mit dem Zigeunertum bedarf, um diesem armen, heimatlosen
+Volk eine gerechtere Beurteilung und ernstliches Wohlwollen
+bei allen edel denkenden Deutschen zu erwirken.
+Die Folgen dieses Umschwunges w&uuml;rden den Zigeunern
+gewi&szlig; zum Segen und unserer in diesem Punkte bisher
+so hartherzigen Christenheit nicht zur Schande gereichen.</p>
+
+
+<p class="printer">Ph. Tschoerner, Striegau</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden
+vereinheitlichend durch &Auml;, &Ouml;, &Uuml; ersetzt. Die nachfolgende Tabelle
+enth&auml;lt eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_10">S. 10</a>: [Komma eingef&uuml;gt] L&ouml;ffeln), Haarschmuck</li>
+<li><a href="#Page_11">S. 11</a>: als halblinder &rarr; als halbblinder</li>
+<li><a href="#Page_13">S. 13</a>: Feuerwerker prozudieren, w&auml;hlen zur &rarr; produzieren, w&auml;hlen zu</li>
+<li><a href="#Page_22">S. 22</a>: [Vereinheitlicht] von ihm aus das &raquo;Todtenhemd&laquo; anhatte &rarr; Totenhemd</li>
+<li><a href="#Page_22">S. 22</a>: [Komma eingef&uuml;gt]heraus, <em class="antiqua">&raquo;pra&szlig;te&laquo;</em> und scho&szlig;</li>
+<li><a href="#Page_24">S. 24</a>: [Komma eingef&uuml;gt] &raquo;Gesundheittrinken&laquo;, &raquo;Prosit&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_36">S. 36</a>: [Komma eingef&uuml;gt] , da&szlig; eben dieser Gott</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Transcriber&#8217;s Notes:</strong> The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by &Auml;,
+&Ouml;, &Uuml;. The table below lists all corrections applied to the original
+text.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_10">p. 10</a>: [added comma] L&ouml;ffeln), Haarschmuck</li>
+<li><a href="#Page_11">p. 11</a>: als halblinder &rarr; als halbblinder</li>
+<li><a href="#Page_13">p. 13</a>: Feuerwerker prozudieren, w&auml;hlen zur &rarr; produzieren, w&auml;hlen zu</li>
+<li><a href="#Page_22">p. 22</a>: [normalized] von ihm aus das &raquo;Todtenhemd&laquo; anhatte &rarr; Totenhemd</li>
+<li><a href="#Page_22">p. 22</a>: [added comma] heraus, <em class="antiqua">&raquo;pra&szlig;te&laquo;</em> und scho&szlig;</li>
+<li><a href="#Page_24">p. 24</a>: [added comma] &raquo;Gesundheittrinken&laquo;, &raquo;Prosit&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_36">p. 36</a>: [added comma] , da&szlig; eben dieser Gott</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Blicke in das Leben der Zigeuner, by
+Engelbert Wittich
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BLICKE IN DAS LEBEN DER ZIGEUNER ***
+
+***** This file should be named 25796-h.htm or 25796-h.zip *****
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+
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+
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+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
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+
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