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+The Project Gutenberg EBook of In der Strafkolonie, by Franz Kafka
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: In der Strafkolonie
+
+Author: Franz Kafka
+
+Release Date: June 14, 2008 [EBook #25791]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN DER STRAFKOLONIE ***
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+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+ FRANZ KAFKA
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+ IN DER STRAFKOLONIE
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+ 1919
+
+ KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG
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+ Copyright by Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1919
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+»Es ist ein eigentümlicher Apparat,« sagte der Offizier zu dem
+Forschungsreisenden und überblickte mit einem gewissermassen
+bewundernden Blick den ihm doch wohlbekannten Apparat. Der Reisende
+schien nur aus Höflichkeit der Einladung des Kommandanten gefolgt zu
+sein, der ihn aufgefordert hatte, der Exekution eines Soldaten
+beizuwohnen, der wegen Ungehorsam und Beleidigung des Vorgesetzten
+verurteilt worden war. Das Interesse für diese Exekution war wohl auch
+in der Strafkolonie nicht sehr gross. Wenigstens war hier in dem tiefen,
+sandigen, von kahlen Abhängen ringsum abgeschlossenen kleinen Tal ausser
+dem Offizier und dem Reisenden nur der Verurteilte, ein stumpfsinniger,
+breitmäuliger Mensch mit verwahrlostem Haar und Gesicht und ein Soldat
+zugegen, der die schwere Kette hielt, in welche die kleinen Ketten
+ausliefen, mit denen der Verurteilte an den Fuss- und Handknöcheln sowie
+am Hals gefesselt war und die auch untereinander durch Verbindungsketten
+zusammenhingen. Übrigens sah der Verurteilte so hündisch ergeben aus,
+dass es den Anschein hatte, als könnte man ihn frei auf den Abhängen
+herumlaufen lassen und müsse bei Beginn der Exekution nur pfeifen, damit
+er käme.
+
+Der Reisende hatte wenig Sinn für den Apparat und ging hinter dem
+Verurteilten fast sichtbar unbeteiligt auf und ab, während der Offizier
+die letzten Vorbereitungen besorgte, bald unter den tief in die Erde
+eingebauten Apparat kroch, bald auf eine Leiter stieg, um die oberen
+Teile zu untersuchen. Das waren Arbeiten, die man eigentlich einem
+Maschinisten hätte überlassen können, aber der Offizier führte sie mit
+einem grossen Eifer aus, sei es, dass er ein besonderer Anhänger dieses
+Apparates war, sei es, dass man aus anderen Gründen die Arbeit sonst
+niemandem anvertrauen konnte. »Jetzt ist alles fertig!« rief er endlich
+und stieg von der Leiter hinunter. Er war ungemein ermattet, atmete mit
+weit offenem Mund und hatte zwei zarte Damentaschentücher hinter den
+Uniformkragen gezwängt. »Diese Uniformen sind doch für die Tropen zu
+schwer,« sagte der Reisende, statt sich, wie es der Offizier erwartet
+hatte, nach dem Apparat zu erkundigen. »Gewiss,« sagte der Offizier und
+wusch sich die von Öl und Fett beschmutzten Hände in einem
+bereitstehenden Wasserkübel, »aber sie bedeuten die Heimat; wir wollen
+nicht die Heimat verlieren. -- Nun sehen Sie aber diesen Apparat,« fügte
+er gleich hinzu, trocknete die Hände mit einem Tuch und zeigte
+gleichzeitig auf den Apparat. »Bis jetzt war noch Händearbeit nötig, von
+jetzt aber arbeitet der Apparat ganz allein.« Der Reisende nickte und
+folgte dem Offizier. Dieser suchte sich für alle Zwischenfälle zu
+sichern und sagte dann: »Es kommen natürlich Störungen vor; ich hoffe
+zwar, es wird heute keine eintreten, immerhin muss man mit ihnen
+rechnen. Der Apparat soll ja zwölf Stunden ununterbrochen im Gang sein.
+Wenn aber auch Störungen vorkommen, so sind es doch nur ganz kleine und
+sie werden sofort behoben sein.«
+
+»Wollen Sie sich nicht setzen?« fragte er schliesslich, zog aus einem
+Haufen von Rohrstühlen einen hervor und bot ihn dem Reisenden an; dieser
+konnte nicht ablehnen. Er sass nun am Rande einer Grube, in die er einen
+flüchtigen Blick warf. Sie war nicht sehr tief. Zur einen Seite der
+Grube war die ausgegrabene Erde zu einem Wall aufgehäuft, zur anderen
+Seite stand der Apparat. »Ich weiss nicht,« sagte der Offizier, »ob
+Ihnen der Kommandant den Apparat schon erklärt hat.« Der Reisende machte
+eine ungewisse Handbewegung; der Offizier verlangte nichts Besseres,
+denn nun konnte er selbst den Apparat erklären. »Dieser Apparat,« sagte
+er und fasste eine Kurbelstange, auf die er sich stützte, »ist eine
+Erfindung unseres früheren Kommandanten. Ich habe gleich bei den
+allerersten Versuchen mitgearbeitet und war auch bei allen Arbeiten bis
+zur Vollendung beteiligt. Das Verdienst der Erfindung allerdings
+gebührt ihm ganz allein. Haben Sie von unserem früheren Kommandanten
+gehört? Nicht? Nun, ich behaupte nicht zu viel, wenn ich sage, dass die
+Einrichtung der ganzen Strafkolonie sein Werk ist. Wir, seine Freunde,
+wussten schon bei seinem Tod, dass die Einrichtung der Kolonie so in
+sich geschlossen ist, dass sein Nachfolger, und habe er tausend neue
+Pläne im Kopf, wenigstens während vieler Jahre nichts von dem Alten wird
+ändern können. Unsere Voraussage ist auch eingetroffen; der neue
+Kommandant hat es erkennen müssen. Schade, dass Sie den früheren
+Kommandanten nicht gekannt haben! -- Aber,« unterbrach sich der
+Offizier, »ich schwätze, und sein Apparat steht hier vor uns. Er
+besteht, wie Sie sehen, aus drei Teilen. Es haben sich im Laufe der Zeit
+für jeden dieser Teile gewissermassen volkstümliche Bezeichnungen
+ausgebildet. Der untere heisst das Bett, der obere heisst der Zeichner,
+und hier der mittlere, schwebende Teil heisst die Egge.« »Die Egge?«
+fragte der Reisende. Er hatte nicht ganz aufmerksam zugehört, die Sonne
+verfing sich allzustark in dem schattenlosen Tal, man konnte schwer
+seine Gedanken sammeln. Um so bewundernswerter erschien ihm der
+Offizier, der im engen, parademässigen, mit Epauletten beschwerten, mit
+Schnüren behängten Waffenrock so eifrig seine Sache erklärte und
+ausserdem, während er sprach, mit einem Schraubendreher noch hier und da
+an einer Schraube sich zu schaffen machte. In ähnlicher Verfassung wie
+der Reisende schien der Soldat zu sein. Er hatte um beide Handgelenke
+die Kette des Verurteilten gewickelt, stützte sich mit einer Hand auf
+sein Gewehr, liess den Kopf im Genick hinunterhängen und kümmerte sich
+um nichts. Der Reisende wunderte sich nicht darüber, denn der Offizier
+sprach französisch und französisch verstand gewiss weder der Soldat noch
+der Verurteilte. Um so auffallender war es allerdings, dass der
+Verurteilte sich dennoch bemühte, den Erklärungen des Offiziers zu
+folgen. Mit einer Art schläfriger Beharrlichkeit richtete er die Blicke
+immer dorthin, wohin der Offizier gerade zeigte, und als dieser jetzt
+vom Reisenden mit einer Frage unterbrochen wurde, sah auch er, ebenso
+wie der Offizier, den Reisenden an.
+
+»Ja, die Egge,« sagte der Offizier, »der Name passt. Die Nadeln sind
+eggenartig angeordnet, auch wird das Ganze wie eine Egge geführt, wenn
+auch bloss auf einem Platz und viel kunstgemässer. Sie werden es
+übrigens gleich verstehen. Hier auf das Bett wird der Verurteilte
+gelegt. -- Ich will nämlich den Apparat zuerst beschreiben und dann erst
+die Prozedur selbst ausführen lassen. Sie werden ihr dann besser folgen
+können. Auch ist ein Zahnrad im Zeichner zu stark abgeschliffen; es
+kreischt sehr, wenn es im Gang ist; man kann sich dann kaum
+verständigen; Ersatzteile sind hier leider nur schwer zu beschaffen. --
+Also hier ist das Bett, wie ich sagte. Es ist ganz und gar mit einer
+Watteschicht bedeckt; den Zweck dessen werden Sie noch erfahren. Auf
+diese Watte wird der Verurteilte bäuchlings gelegt, natürlich nackt;
+hier sind für die Hände, hier für die Füsse, hier für den Hals Riemen,
+um ihn festzuschnallen. Hier am Kopfende des Bettes, wo der Mann, wie
+ich gesagt habe, zuerst mit dem Gesicht aufliegt, ist dieser kleine
+Filzstumpf, der leicht so reguliert werden kann, dass er dem Mann gerade
+in den Mund dringt. Er hat den Zweck, am Schreien und am Zerbeissen der
+Zunge zu hindern. Natürlich muss der Mann den Filz aufnehmen, da ihm
+sonst durch den Halsriemen das Genick gebrochen wird.« »Das ist Watte?«
+fragte der Reisende und beugte sich vor. »Ja gewiss,« sagte der Offizier
+lächelnd, »befühlen Sie es selbst.« Er fasste die Hand des Reisenden und
+führte sie über das Bett hin. »Es ist eine besonders präparierte Watte,
+darum sieht sie so unkenntlich aus; ich werde auf ihren Zweck noch zu
+sprechen kommen.« Der Reisende war schon ein wenig für den Apparat
+gewonnen; die Hand zum Schutz gegen die Sonne über den Augen, sah er an
+dem Apparat in die Höhe. Es war ein grosser Aufbau. Das Bett und der
+Zeichner hatten gleichen Umfang und sahen wie zwei dunkle Truhen aus.
+Der Zeichner war etwa zwei Meter über dem Bett angebracht; beide waren
+in den Ecken durch vier Messingstangen verbunden, die in der Sonne fast
+Strahlen warfen. Zwischen den Truhen schwebte an einem Stahlband die
+Egge.
+
+Der Offizier hatte die frühere Gleichgültigkeit des Reisenden kaum
+bemerkt, wohl aber hatte er für sein jetzt beginnendes Interesse Sinn;
+er setzte deshalb in seinen Erklärungen aus, um dem Reisenden zur
+ungestörten Betrachtung Zeit zu lassen. Der Verurteilte ahmte den
+Reisenden nach; da er die Hand nicht über die Augen legen konnte,
+blinzelte er mit freien Augen zur Höhe.
+
+»Nun liegt also der Mann,« sagte der Reisende, lehnte sich im Sessel
+zurück und kreuzte die Beine.
+
+»Ja,« sagte der Offizier, schob ein wenig die Mütze zurück und fuhr sich
+mit der Hand über das heisse Gesicht, »nun hören Sie! Sowohl das Bett,
+als auch der Zeichner haben ihre eigene elektrische Batterie; das Bett
+braucht sie für sich selbst, der Zeichner für die Egge. Sobald der Mann
+festgeschnallt ist, wird das Bett in Bewegung gesetzt. Es zittert in
+winzigen, sehr schnellen Zuckungen gleichzeitig seitlich, wie auch auf
+und ab. Sie werden ähnliche Apparate in Heilanstalten gesehen haben; nur
+sind bei unserem Bett alle Bewegungen genau berechnet; sie müssen
+nämlich peinlich auf die Bewegungen der Egge abgestimmt sein. Dieser
+Egge aber ist die eigentliche Ausführung des Urteils überlassen.«
+
+»Wie lautet denn das Urteil?« fragte der Reisende. »Sie wissen auch das
+nicht?« sagte der Offizier erstaunt und biss sich auf die Lippen:
+»Verzeihen Sie, wenn vielleicht meine Erklärungen ungeordnet sind; ich
+bitte Sie sehr um Entschuldigung. Die Erklärungen pflegte früher nämlich
+der Kommandant zu geben; der neue Kommandant aber hat sich dieser
+Ehrenpflicht entzogen; dass er jedoch einen so hohen Besuch« -- der
+Reisende suchte die Ehrung mit beiden Händen abzuwehren, aber der
+Offizier bestand auf dem Ausdruck -- »einen so hohen Besuch nicht
+einmal von der Form unseres Urteils in Kenntnis setzt, ist wieder eine
+Neuerung, die --,« er hatte einen Fluch auf den Lippen, fasste sich aber
+und sagte nur: »Ich wurde nicht davon verständigt, mich trifft nicht die
+Schuld. Übrigens bin ich allerdings am besten befähigt, unsere
+Urteilsarten zu erklären, denn ich trage hier« -- er schlug auf seine
+Brusttasche -- »die betreffenden Handzeichnungen des früheren
+Kommandanten.«
+
+»Handzeichnungen des Kommandanten selbst?« fragte der Reisende: »Hat er
+denn alles in sich vereinigt? War er Soldat, Richter, Konstrukteur,
+Chemiker, Zeichner?«
+
+»Jawohl,« sagte der Offizier kopfnickend, mit starrem, nachdenklichem
+Blick. Dann sah er prüfend seine Hände an; sie schienen ihm nicht rein
+genug, um die Zeichnungen anzufassen; er ging daher zum Kübel und wusch
+sie nochmals. Dann zog er eine kleine Ledermappe hervor und sagte:
+»Unser Urteil klingt nicht streng. Dem Verurteilten wird das Gebot, das
+er übertreten hat, mit der Egge auf den Leib geschrieben. Diesem
+Verurteilten zum Beispiel« -- der Offizier zeigte auf den Mann -- »wird
+auf den Leib geschrieben werden: Ehre deinen Vorgesetzten!«
+
+Der Reisende sah flüchtig auf den Mann hin; er hielt, als der Offizier
+auf ihn gezeigt hatte, den Kopf gesenkt und schien alle Kraft des Gehörs
+anzuspannen, um etwas zu erfahren. Aber die Bewegungen seiner wulstig
+aneinander gedrückten Lippen zeigten offenbar, dass er nichts verstehen
+konnte. Der Reisende hatte Verschiedenes fragen wollen, fragte aber im
+Anblick des Mannes nur: »Kennt er sein Urteil?« »Nein,« sagte der
+Offizier und wollte gleich in seinen Erklärungen fortfahren, aber der
+Reisende unterbrach ihn: »Er kennt sein eigenes Urteil nicht?« »Nein,«
+sagte der Offizier wieder, stockte dann einen Augenblick, als verlange
+er vom Reisenden eine nähere Begründung seiner Frage, und sagte dann:
+»Es wäre nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem
+Leib.« Der Reisende wollte schon verstummen, da fühlte er, wie der
+Verurteilte seinen Blick auf ihn richtete; er schien zu fragen, ob er
+den geschilderten Vorgang billigen könne. Darum beugte sich der
+Reisende, der sich bereits zurückgelehnt hatte, wieder vor und fragte
+noch: »Aber dass er überhaupt verurteilt wurde, das weiss er doch?«
+»Auch nicht,« sagte der Offizier und lächelte den Reisenden an, als
+erwarte er nun von ihm noch einige sonderbare Eröffnungen. »Nein,« sagte
+der Reisende und strich sich über die Stirn hin, »dann weiss also der
+Mann auch jetzt noch nicht, wie seine Verteidigung aufgenommen wurde?«
+»Er hat keine Gelegenheit gehabt, sich zu verteidigen,« sagte der
+Offizier und sah abseits, als rede er zu sich selbst und wolle den
+Reisenden durch Erzählung dieser ihm selbstverständlichen Dinge nicht
+beschämen. »Er muss doch Gelegenheit gehabt haben, sich zu verteidigen,«
+sagte der Reisende und stand vom Sessel auf.
+
+Der Offizier erkannte, dass er in Gefahr war, in der Erklärung des
+Apparates für lange Zeit aufgehalten zu werden; er ging daher zum
+Reisenden, hing sich in seinen Arm, zeigte mit der Hand auf den
+Verurteilten, der sich jetzt, da die Aufmerksamkeit so offenbar auf ihn
+gerichtet war, stramm aufstellte -- auch zog der Soldat die Kette an --,
+und sagte: »Die Sache verhält sich folgendermassen. Ich bin hier in der
+Strafkolonie zum Richter bestellt. Trotz meiner Jugend. Denn ich stand
+auch dem früheren Kommandanten in allen Strafsachen zur Seite und kenne
+auch den Apparat am besten. Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist:
+Die Schuld ist immer zweifellos. Andere Gerichte können diesen Grundsatz
+nicht befolgen, denn sie sind vielköpfig und haben auch noch höhere
+Gerichte über sich. Das ist hier nicht der Fall, oder war es wenigstens
+nicht beim früheren Kommandanten. Der neue hat allerdings schon Lust
+gezeigt, in mein Gericht sich einzumischen, es ist mir aber bisher
+gelungen, ihn abzuwehren, und wird mir auch weiter gelingen. -- Sie
+wollten diesen Fall erklärt haben; er ist so einfach, wie alle. Ein
+Hauptmann hat heute morgens die Anzeige erstattet, dass dieser Mann, der
+ihm als Diener zugeteilt ist und vor seiner Türe schläft, den Dienst
+verschlafen hat. Er hat nämlich die Pflicht, bei jedem Stundenschlag
+aufzustehen und vor der Tür des Hauptmanns zu salutieren. Gewiss keine
+schwere Pflicht und eine notwendige, denn er soll sowohl zur Bewachung
+als auch zur Bedienung frisch bleiben. Der Hauptmann wollte in der
+gestrigen Nacht nachsehen, ob der Diener seine Pflicht erfülle. Er
+öffnete Schlag zwei Uhr die Tür und fand ihn zusammengekrümmt schlafen.
+Er holte die Reitpeitsche und schlug ihm über das Gesicht. Statt nun
+aufzustehen und um Verzeihung zu bitten, fasste der Mann seinen Herrn
+bei den Beinen, schüttelte ihn und rief: 'Wirf die Peitsche weg, oder
+ich fresse dich.' -- Das ist der Sachverhalt. Der Hauptmann kam vor
+einer Stunde zu mir, ich schrieb seine Angaben auf und anschliessend
+gleich das Urteil. Dann liess ich dem Mann die Ketten anlegen. Das alles
+war sehr einfach. Hätte ich den Mann zuerst vorgerufen und ausgefragt,
+so wäre nur Verwirrung entstanden. Er hätte gelogen, hätte, wenn es mir
+gelungen wäre, die Lügen zu widerlegen, diese durch neue Lügen ersetzt
+und so fort. Jetzt aber halte ich ihn und lasse ihn nicht mehr. -- Ist
+nun alles erklärt? Aber die Zeit vergeht, die Exekution sollte schon
+beginnen, und ich bin mit der Erklärung des Apparates noch nicht
+fertig.« Er nötigte den Reisenden auf den Sessel nieder, trat wieder zu
+dem Apparat und begann: »Wie Sie sehen, entspricht die Egge der Form des
+Menschen; hier ist die Egge für den Oberkörper, hier sind die Eggen für
+die Beine. Für den Kopf ist nur dieser kleine Stichel bestimmt. Ist
+Ihnen das klar?« Er beugte sich freundlich zu dem Reisenden vor, bereit
+zu den umfassendsten Erklärungen.
+
+Der Reisende sah mit gerunzelter Stirn die Egge an. Die Mitteilungen
+über das Gerichtsverfahren hatten ihn nicht befriedigt. Immerhin musste
+er sich sagen, dass es sich hier um eine Strafkolonie handelte, dass
+hier besondere Massregeln notwendig waren und dass man bis zum letzten
+militärisch vorgehen musste. Ausserdem aber setzte er einige Hoffnung
+auf den neuen Kommandanten, der offenbar, allerdings langsam, ein neues
+Verfahren einzuführen beabsichtigte, das dem beschränkten Kopf dieses
+Offiziers nicht eingehen konnte. Aus diesem Gedankengang heraus fragte
+der Reisende: »Wird der Kommandant der Exekution beiwohnen?« »Es ist
+nicht gewiss,« sagte der Offizier, durch die unvermittelte Frage
+peinlich berührt, und seine freundliche Miene verzerrte sich: »Gerade
+deshalb müssen wir uns beeilen. Ich werde sogar, so leid es mir tut,
+meine Erklärungen abkürzen müssen. Aber ich könnte ja morgen, wenn der
+Apparat wieder gereinigt ist -- dass er so sehr beschmutzt wird, ist
+sein einziger Fehler -- die näheren Erklärungen nachtragen. Jetzt also
+nur das Notwendigste. -- Wenn der Mann auf dem Bett liegt und dieses ins
+Zittern gebracht ist, wird die Egge auf den Körper gesenkt. Sie stellt
+sich von selbst so ein, dass sie nur knapp mit den Spitzen den Körper
+berührt; ist die Einstellung vollzogen, strafft sich sofort dieses
+Stahlseil zu einer Stange. Und nun beginnt das Spiel. Ein
+Nichteingeweihter merkt äusserlich keinen Unterschied in den Strafen.
+Die Egge scheint gleichförmig zu arbeiten. Zitternd sticht sie ihre
+Spitzen in den Körper ein, der überdies vom Bett aus zittert. Um es nun
+jedem zu ermöglichen, die Ausführung des Urteils zu überprüfen, wurde
+die Egge aus Glas gemacht. Es hat einige technische Schwierigkeiten
+verursacht, die Nadeln darin zu befestigen, es ist aber nach vielen
+Versuchen gelungen. Wir haben eben keine Mühe gescheut. Und nun kann
+jeder durch das Glas sehen, wie sich die Inschrift im Körper vollzieht.
+Wollen Sie nicht näher kommen und sich die Nadeln ansehen?«
+
+Der Reisende erhob sich langsam, ging hin und beugte sich über die Egge.
+»Sie sehen,« sagte der Offizier, »zweierlei Nadeln in vielfacher
+Anordnung. Jede lange hat eine kurze neben sich. Die lange schreibt
+nämlich, und die kurze spritzt Wasser aus, um das Blut abzuwaschen und
+die Schrift immer klar zu erhalten. Das Blutwasser wird dann hier in
+kleine Rinnen geleitet und fliesst endlich in diese Hauptrinne, deren
+Abflussrohr in die Grube führt.« Der Offizier zeigte mit dem Finger
+genau den Weg, den das Blutwasser nehmen musste. Als er es, um es
+möglichst anschaulich zu machen, an der Mündung des Abflussrohres mit
+beiden Händen förmlich auffing, erhob der Reisende den Kopf und wollte,
+mit der Hand rückwärts tastend, zu seinem Sessel zurückgehen. Da sah er
+zu seinem Schrecken, dass auch der Verurteilte gleich ihm der Einladung
+des Offiziers, sich die Einrichtung der Egge aus der Nähe anzusehen,
+gefolgt war. Er hatte den verschlafenen Soldaten an der Kette ein wenig
+vorgezerrt und sich auch über das Glas gebeugt. Man sah, wie er mit
+unsicheren Augen auch das suchte, was die zwei Herren eben beobachtet
+hatten, wie es ihm aber, da ihm die Erklärung fehlte, nicht gelingen
+wollte. Er beugte sich hierhin und dorthin. Immer wieder lief er mit den
+Augen das Glas ab. Der Reisende wollte ihn zurücktreiben, denn, was er
+tat, war wahrscheinlich strafbar. Aber der Offizier hielt den Reisenden
+mit einer Hand fest, nahm mit der anderen eine Erdscholle vom Wall und
+warf sie nach dem Soldaten. Dieser hob mit einem Ruck die Augen, sah,
+was der Verurteilte gewagt hatte, liess das Gewehr fallen, stemmte die
+Füsse mit den Absätzen in den Boden, riss den Verurteilten zurück, dass
+er gleich niederfiel, und sah dann auf ihn hinunter, wie er sich wand
+und mit seinen Ketten klirrte. »Stell ihn auf!« schrie der Offizier,
+denn er merkte, dass der Reisende durch den Verurteilten allzusehr
+abgelenkt wurde. Der Reisende beugte sich sogar über die Egge hinweg,
+ohne sich um sie zu kümmern, und wollte nur feststellen, was mit dem
+Verurteilten geschehe. »Behandle ihn sorgfältig!« schrie der Offizier
+wieder. Er umlief den Apparat, fasste selbst den Verurteilten unter den
+Achseln und stellte ihn, der öfters mit den Füssen ausglitt, mit Hilfe
+des Soldaten auf.
+
+»Nun weiss ich schon alles,« sagte der Reisende, als der Offizier wieder
+zu ihm zurückkehrte. »Bis auf das Wichtigste,« sagte dieser, ergriff den
+Reisenden am Arm und zeigte in die Höhe: »Dort im Zeichner ist das
+Räderwerk, welches die Bewegung der Egge bestimmt, und dieses Räderwerk
+wird nach der Zeichnung, auf welche das Urteil lautet, angeordnet. Ich
+verwende noch die Zeichnungen des früheren Kommandanten. Hier sind sie,«
+-- er zog einige Blätter aus der Ledermappe -- »ich kann sie Ihnen aber
+leider nicht in die Hand geben, sie sind das Teuerste, was ich habe.
+Setzen Sie sich, ich zeige sie Ihnen aus dieser Entfernung, dann werden
+Sie alles gut sehen können.« Er zeigte das erste Blatt. Der Reisende
+hätte gerne etwas Anerkennendes gesagt, aber er sah nur labyrinthartige,
+einander vielfach kreuzende Linien, die so dicht das Papier bedeckten,
+dass man nur mit Mühe die weissen Zwischenräume erkannte. »Lesen Sie,«
+sagte der Offizier. »Ich kann nicht,« sagte der Reisende. »Es ist doch
+deutlich,« sagte der Offizier. »Es ist sehr kunstvoll,« sagte der
+Reisende ausweichend, »aber ich kann es nicht entziffern.« »Ja,« sagte
+der Offizier, lachte und steckte die Mappe wieder ein, »es ist keine
+Schönschrift für Schulkinder. Man muss lange darin lesen. Auch Sie
+würden es schliesslich gewiss erkennen. Es darf natürlich keine einfache
+Schrift sein; sie soll ja nicht sofort töten, sondern durchschnittlich
+erst in einem Zeitraum von zwölf Stunden; für die sechste Stunde ist der
+Wendepunkt berechnet. Es müssen also viele, viele Zieraten die
+eigentliche Schrift umgeben; die wirkliche Schrift umzieht den Leib nur
+in einem schmalen Gürtel; der übrige Körper ist für Verzierungen
+bestimmt. Können Sie jetzt die Arbeit der Egge und des ganzen Apparates
+würdigen? -- Sehen Sie doch!« Er sprang auf die Leiter, drehte ein Rad,
+rief hinunter: »Achtung, treten Sie zur Seite!«, und alles kam in Gang.
+Hätte das Rad nicht gekreischt, es wäre herrlich gewesen. Als sei der
+Offizier von diesem störenden Rad überrascht, drohte er ihm mit der
+Faust, breitete dann, sich entschuldigend, zum Reisenden hin die Arme
+aus und kletterte eilig hinunter, um den Gang des Apparates von unten zu
+beobachten. Noch war etwas nicht in Ordnung, das nur er merkte; er
+kletterte wieder hinauf, griff mit beiden Händen in das Innere des
+Zeichners, glitt dann, um rascher hinunterzukommen, statt die Leiter zu
+benutzen, an der einen Stange hinunter und schrie nun, um sich im Lärm
+verständlich zu machen, mit äusserster Anspannung dem Reisenden ins Ohr:
+»Begreifen Sie den Vorgang? Die Egge fängt zu schreiben an; ist sie mit
+der ersten Anlage der Schrift auf dem Rücken des Mannes fertig, rollt
+die Watteschicht und wälzt den Körper langsam auf die Seite, um der Egge
+neuen Raum zu bieten. Inzwischen legen sich die wundbeschriebenen
+Stellen auf die Watte, welche infolge der besonderen Präparierung sofort
+die Blutung stillt und zu neuer Vertiefung der Schrift vorbereitet. Hier
+die Zacken am Rande der Egge reissen dann beim weiteren Umwälzen des
+Körpers die Watte von den Wunden, schleudern sie in die Grube, und die
+Egge hat wieder Arbeit. So schreibt sie immer tiefer die zwölf Stunden
+lang. Die ersten sechs Stunden lebt der Verurteilte fast wie früher, er
+leidet nur Schmerzen. Nach zwei Stunden wird der Filz entfernt, denn
+der Mann hat keine Kraft zum Schreien mehr. Hier in diesen elektrisch
+geheizten Napf am Kopfende wird warmer Reisbrei gelegt, aus dem der
+Mann, wenn er Lust hat, nehmen kann, was er mit der Zunge erhascht.
+Keiner versäumt die Gelegenheit. Ich weiss keinen, und meine Erfahrung
+ist gross. Erst um die sechste Stunde verliert er das Vergnügen am
+Essen. Ich knie dann gewöhnlich hier nieder und beobachte diese
+Erscheinung. Der Mann schluckt den letzten Bissen selten, er dreht ihn
+nur im Mund und speit ihn in die Grube. Ich muss mich dann bücken, sonst
+fährt es mir ins Gesicht. Wie still wird dann aber der Mann um die
+sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt
+es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen
+könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja nichts weiter,
+der Mann fängt bloss an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund,
+als horche er. Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit
+den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen
+Wunden. Es ist allerdings viel Arbeit; er braucht sechs Stunden zu ihrer
+Vollendung. Dann aber spiesst ihn die Egge vollständig auf und wirft ihn
+in die Grube, wo er auf das Blutwasser und die Watte niederklatscht.
+Dann ist das Gericht zu Ende, und wir, ich und der Soldat, scharren ihn
+ein.«
+
+Der Reisende hatte das Ohr zum Offizier geneigt und sah, die Hände in
+den Rocktaschen, der Arbeit der Maschine zu. Auch der Verurteilte sah
+ihr zu, aber ohne Verständnis. Er bückte sich ein wenig und verfolgte
+die schwankenden Nadeln, als ihm der Soldat, auf ein Zeichen des
+Offiziers, mit einem Messer hinten Hemd und Hose durchschnitt, so dass
+sie von dem Verurteilten abfielen; er wollte nach dem fallenden Zeug
+greifen, um seine Blösse zu bedecken, aber der Soldat hob ihn in die
+Höhe und schüttelte die letzten Fetzen von ihm ab. Der Offizier stellte
+die Maschine ein, und in der jetzt eintretenden Stille wurde der
+Verurteilte unter die Egge gelegt. Die Ketten wurden gelöst, und statt
+dessen die Riemen befestigt; es schien für den Verurteilten im ersten
+Augenblick fast eine Erleichterung zu bedeuten. Und nun senkte sich die
+Egge noch ein Stück tiefer, denn es war ein magerer Mann. Als ihn die
+Spitzen berührten, ging ein Schauer über seine Haut; er streckte,
+während der Soldat mit seiner rechten Hand beschäftigt war, die linke
+aus, ohne zu wissen wohin; es war aber die Richtung, wo der Reisende
+stand. Der Offizier sah ununterbrochen den Reisenden von der Seite an,
+als suche er von seinem Gesicht den Eindruck abzulesen, den die
+Exekution, die er ihm nun wenigstens oberflächlich erklärt hatte, auf
+ihn mache.
+
+Der Riemen, der für das Handgelenk bestimmt war, riss; wahrscheinlich
+hatte ihn der Soldat zu stark angezogen. Der Offizier sollte helfen, der
+Soldat zeigte ihm das abgerissene Riemenstück. Der Offizier ging auch zu
+ihm hinüber und sagte, das Gesicht dem Reisenden zugewendet: »Die
+Maschine ist sehr zusammengesetzt, es muss hie und da etwas reissen oder
+brechen; dadurch darf man sich aber im Gesamturteil nicht beirren
+lassen. Für den Riemen ist übrigens sofort Ersatz geschafft; ich werde
+eine Kette verwenden; die Zartheit der Schwingung wird dadurch für den
+rechten Arm allerdings beeinträchtigt.« Und während er die Ketten
+anlegte, sagte er noch: »Die Mittel zur Erhaltung der Maschine sind
+jetzt sehr eingeschränkt. Unter dem früheren Kommandanten war eine mir
+frei zugängliche Kassa nur für diesen Zweck bestimmt. Es gab hier ein
+Magazin, in dem alle möglichen Ersatzstücke aufbewahrt wurden. Ich
+gestehe, ich trieb damit fast Verschwendung, ich meine früher, nicht
+jetzt, wie der neue Kommandant behauptet, dem alles nur zum Vorwand
+dient, alte Einrichtungen zu bekämpfen. Jetzt hat er die Maschinenkassa
+in eigener Verwaltung, und schicke ich um einen neuen Riemen, wird der
+zerrissene als Beweisstück verlangt, der neue kommt erst in zehn Tagen,
+ist dann aber von schlechterer Sorte und taugt nicht viel. Wie ich aber
+in der Zwischenzeit ohne Riemen die Maschine betreiben soll, darum
+kümmert sich niemand.«
+
+Der Reisende überlegte: Es ist immer bedenklich, in fremde Verhältnisse
+entscheidend einzugreifen. Er war weder Bürger der Strafkolonie, noch
+Bürger des Staates, dem sie angehörte. Wenn er diese Exekution
+verurteilen oder gar hintertreiben wollte, konnte man ihm sagen: Du bist
+ein Fremder, sei still. Darauf hätte er nichts erwidern, sondern nur
+hinzufügen können, dass er sich in diesem Falle selbst nicht begreife,
+denn er reise nur mit der Absicht zu sehen und keineswegs etwa, um
+fremde Gerichtsverfassungen zu ändern. Nun lagen aber hier die Dinge
+allerdings sehr verführerisch. Die Ungerechtigkeit des Verfahrens und
+die Unmenschlichkeit der Exekution war zweifellos. Niemand konnte
+irgendeine Eigennützigkeit des Reisenden annehmen, denn der Verurteilte
+war ihm fremd, kein Landsmann und ein zum Mitleid gar nicht
+auffordernder Mensch. Der Reisende selbst hatte Empfehlungen hoher
+Ämter, war hier mit grosser Höflichkeit empfangen worden, und dass er zu
+dieser Exekution eingeladen worden war, schien sogar darauf
+hinzudeuten, dass man sein Urteil über dieses Gericht verlangte. Dies
+war aber um so wahrscheinlicher, als der Kommandant, wie er jetzt
+überdeutlich gehört hatte, kein Anhänger dieses Verfahrens war und sich
+gegenüber dem Offizier fast feindselig verhielt.
+
+Da hörte der Reisende einen Wutschrei des Offiziers. Er hatte gerade,
+nicht ohne Mühe, dem Verurteilten den Filzstumpf in den Mund geschoben,
+als der Verurteilte in einem unwiderstehlichen Brechreiz die Augen
+schloss und sich erbrach. Eilig riss ihn der Offizier vom Stumpf in die
+Höhe und wollte den Kopf zur Grube hindrehen; aber es war zu spät, der
+Unrat floss schon an der Maschine hinab. »Alles Schuld des
+Kommandanten!« schrie der Offizier und rüttelte besinnungslos vorn an
+den Messingstangen, »die Maschine wird mir verunreinigt wie ein Stall.«
+Er zeigte mit zitternden Händen dem Reisenden, was geschehen war. »Habe
+ich nicht stundenlang dem Kommandanten begreiflich zu machen gesucht,
+dass einen Tag vor der Exekution kein Essen mehr verabfolgt werden
+soll. Aber die neue milde Richtung ist anderer Meinung. Die Damen des
+Kommandanten stopfen dem Mann, ehe er abgeführt wird, den Hals mit
+Zuckersachen voll. Sein ganzes Leben hat er sich von stinkenden Fischen
+genährt und muss jetzt Zuckersachen essen! Aber es wäre ja möglich, ich
+würde nichts einwenden, aber warum schafft man nicht einen neuen Filz
+an, wie ich ihn seit einem Vierteljahr erbitte. Wie kann man ohne Ekel
+diesen Filz in den Mund nehmen, an dem mehr als hundert Männer im
+Sterben gesaugt und gebissen haben?«
+
+Der Verurteilte hatte den Kopf niedergelegt und sah friedlich aus, der
+Soldat war damit beschäftigt, mit dem Hemd des Verurteilten die Maschine
+zu putzen. Der Offizier ging zum Reisenden, der in irgendeiner Ahnung
+einen Schritt zurücktrat, aber der Offizier fasste ihn bei der Hand und
+zog ihn zur Seite. »Ich will einige Worte im Vertrauen mit Ihnen
+sprechen,« sagte er, »ich darf das doch?« »Gewiss,« sagte der Reisende
+und hörte mit gesenkten Augen zu.
+
+»Dieses Verfahren und diese Hinrichtung, die Sie jetzt zu bewundern
+Gelegenheit haben, hat gegenwärtig in unserer Kolonie keinen offenen
+Anhänger mehr. Ich bin ihr einziger Vertreter, gleichzeitig der einzige
+Vertreter des Erbes des alten Kommandanten. An einen weiteren Ausbau des
+Verfahrens kann ich nicht mehr denken, ich verbrauche alle meine Kräfte,
+um zu erhalten, was vorhanden ist. Als der alte Kommandant lebte, war
+die Kolonie von seinen Anhängern voll; die Überzeugungskraft des alten
+Kommandanten habe ich zum Teil, aber seine Macht fehlt mir ganz;
+infolgedessen haben sich die Anhänger verkrochen, es gibt noch viele,
+aber keiner gesteht es ein. Wenn Sie heute, also an einem
+Hinrichtungstag, ins Teehaus gehen und herumhorchen, werden Sie
+vielleicht nur zweideutige Äusserungen hören. Das sind lauter Anhänger,
+aber unter dem gegenwärtigen Kommandanten und bei seinen gegenwärtigen
+Anschauungen für mich ganz unbrauchbar. Und nun frage ich Sie: Soll
+wegen dieses Kommandanten und seiner Frauen, die ihn beeinflussen, ein
+solches Lebenswerk« -- er zeigte auf die Maschine -- »zugrunde gehen?
+Darf man das zulassen? Selbst wenn man nur als Fremder ein paar Tage auf
+unserer Insel ist? Es ist aber keine Zeit zu verlieren, man bereitet
+etwas gegen meine Gerichtsbarkeit vor; es finden schon Beratungen in der
+Kommandatur statt, zu denen ich nicht zugezogen werde; sogar Ihr
+heutiger Besuch scheint mir für die ganze Lage bezeichnend; man ist feig
+und schickt Sie, einen Fremden, vor. -- Wie war die Exekution anders in
+früherer Zeit! Schon einen Tag vor der Hinrichtung war das ganze Tal von
+Menschen überfüllt; alle kamen nur um zu sehen; früh am Morgen erschien
+der Kommandant mit seinen Damen; Fanfaren weckten den ganzen Lagerplatz;
+ich erstattete die Meldung, dass alles vorbereitet sei; die Gesellschaft
+-- kein hoher Beamte durfte fehlen -- ordnete sich um die Maschine;
+dieser Haufen Rohrsessel ist ein armseliges Überbleibsel aus jener Zeit.
+Die Maschine glänzte frisch geputzt, fast zu jeder Exekution nahm ich
+neue Ersatzstücke. Vor hunderten Augen -- alle Zuschauer standen auf
+den Fussspitzen bis dort zu den Anhöhen -- wurde der Verurteilte vom
+Kommandanten selbst unter die Egge gelegt. Was heute ein gemeiner Soldat
+tun darf, war damals meine, des Gerichtspräsidenten, Arbeit und ehrte
+mich. Und nun begann die Exekution! Kein Misston störte die Arbeit der
+Maschine. Manche sahen nun gar nicht mehr zu, sondern lagen mit
+geschlossenen Augen im Sand; alle wussten: Jetzt geschieht
+Gerechtigkeit. In der Stille hörte man nur das Seufzen des Verurteilten,
+gedämpft durch den Filz. Heute gelingt es der Maschine nicht mehr, dem
+Verurteilten ein stärkeres Seufzen auszupressen, als der Filz noch
+ersticken kann; damals aber tropften die schreibenden Nadeln eine
+beizende Flüssigkeit aus, die heute nicht mehr verwendet werden darf.
+Nun, und dann kam die sechste Stunde! Es war unmöglich, allen die Bitte,
+aus der Nähe zuschauen zu dürfen, zu gewähren. Der Kommandant in seiner
+Einsicht ordnete an, dass vor allem die Kinder berücksichtigt werden
+sollten; ich allerdings durfte kraft meines Berufes immer dabeistehen;
+oft hockte ich dort, zwei kleine Kinder rechts und links in meinen
+Armen. Wie nahmen wir alle den Ausdruck der Verklärung von dem
+gemarterten Gesicht, wie hielten wir unsere Wangen in den Schein dieser
+endlich erreichten und schon vergehenden Gerechtigkeit! Was für Zeiten,
+mein Kamerad!« Der Offizier hatte offenbar vergessen, wer vor ihm stand;
+er hatte den Reisenden umarmt und den Kopf auf seine Schulter gelegt.
+Der Reisende war in grosser Verlegenheit, ungeduldig sah er über den
+Offizier hinweg. Der Soldat hatte die Reinigungsarbeit beendet und jetzt
+noch aus einer Büchse Reisbrei in den Napf geschüttet. Kaum merkte dies
+der Verurteilte, der sich schon vollständig erholt zu haben schien, als
+er mit der Zunge nach dem Brei zu schnappen begann. Der Soldat stiess
+ihn immer wieder weg, denn der Brei war wohl für eine spätere Zeit
+bestimmt, aber ungehörig war es jedenfalls auch, dass der Soldat mit
+seinen schmutzigen Händen hineingriff und vor dem gierigen Verurteilten
+davon ass.
+
+Der Offizier fasste sich schnell. »Ich wollte Sie nicht etwa rühren,«
+sagte er, »ich weiss, es ist unmöglich, jene Zeiten heute begreiflich zu
+machen. Im übrigen arbeitet die Maschine noch und wirkt für sich. Sie
+wirkt für sich, auch wenn sie allein in diesem Tale steht. Und die
+Leiche fällt zum Schluss noch immer in dem unbegreiflich sanften Flug in
+die Grube, auch wenn nicht, wie damals, Hunderte wie Fliegen um die
+Grube sich versammeln. Damals mussten wir ein starkes Geländer um die
+Grube anbringen, es ist längst weggerissen.«
+
+Der Reisende wollte sein Gesicht dem Offizier entziehen und blickte
+ziellos herum. Der Offizier glaubte, er betrachte die Öde des Tales; er
+ergriff deshalb seine Hände, drehte sich um ihn, um seine Blicke zu
+fassen, und fragte: »Merken Sie die Schande?«
+
+Aber der Reisende schwieg. Der Offizier liess für ein Weilchen von ihm
+ab; mit auseinandergestellten Beinen, die Hände in den Hüften, stand er
+still und blickte zu Boden. Dann lächelte er dem Reisenden aufmunternd
+zu und sagte: »Ich war gestern in Ihrer Nähe, als der Kommandant Sie
+einlud. Ich hörte die Einladung. Ich kenne den Kommandanten. Ich
+verstand sofort, was er mit der Einladung bezweckte. Trotzdem seine
+Macht gross genug wäre, um gegen mich einzuschreiten, wagt er es noch
+nicht, wohl aber will er mich Ihrem, dem Urteil eines angesehenen
+Fremden aussetzen. Seine Berechnung ist sorgfältig; Sie sind den zweiten
+Tag auf der Insel, Sie kannten den alten Kommandanten und seinen
+Gedankenkreis nicht, Sie sind in europäischen Anschauungen befangen,
+vielleicht sind Sie ein grundsätzlicher Gegner der Todesstrafe im
+allgemeinen und einer derartigen maschinellen Hinrichtungsart im
+besonderen, Sie sehen überdies, wie die Hinrichtung ohne öffentliche
+Anteilnahme, traurig, auf einer bereits etwas beschädigten Maschine vor
+sich geht -- wäre es nun, alles dieses zusammengenommen (so denkt der
+Kommandant), nicht sehr leicht möglich, dass Sie mein Verfahren nicht
+für richtig halten? Und wenn Sie es nicht für richtig halten, werden
+Sie dies (ich rede noch immer im Sinne des Kommandanten) nicht
+verschweigen, denn Sie vertrauen doch gewiss Ihren vielerprobten
+Überzeugungen. Sie haben allerdings viele Eigentümlichkeiten vieler
+Völker gesehen und achten gelernt, Sie werden daher wahrscheinlich sich
+nicht mit ganzer Kraft, wie Sie es vielleicht in Ihrer Heimat tun
+würden, gegen das Verfahren aussprechen. Aber dessen bedarf der
+Kommandant gar nicht. Ein flüchtiges, ein bloss unvorsichtiges Wort
+genügt. Es muss gar nicht Ihrer Überzeugung entsprechen, wenn es nur
+scheinbar seinem Wunsche entgegenkommt. Dass er Sie mit aller Schlauheit
+ausfragen wird, dessen bin ich gewiss. Und seine Damen werden im Kreis
+herumsitzen und die Ohren spitzen; Sie werden etwa sagen: 'Bei uns ist
+das Gerichtsverfahren ein anderes', oder 'Bei uns wird der Angeklagte
+vor dem Urteil verhört', oder 'Bei uns erfährt der Verurteilte das
+Urteil', oder 'Bei uns gibt es auch andere Strafen als Todesstrafen',
+oder 'Bei uns gab es Folterungen nur im Mittelalter'. Das alles sind
+Bemerkungen, die ebenso richtig sind, als sie Ihnen selbstverständlich
+erscheinen, unschuldige Bemerkungen, die mein Verfahren nicht antasten.
+Aber wie wird sie der Kommandant aufnehmen? Ich sehe ihn, den guten
+Kommandanten, wie er sofort den Stuhl beiseite schiebt und auf den
+Balkon eilt, ich sehe seine Damen, wie sie ihm nachströmen, ich höre
+seine Stimme -- die Damen nennen sie eine Donnerstimme --, nun, und er
+spricht: 'Ein grosser Forscher des Abendlandes, dazu bestimmt, das
+Gerichtsverfahren in allen Ländern zu überprüfen, hat eben gesagt, dass
+unser Verfahren nach altem Brauch ein unmenschliches ist. Nach diesem
+Urteil einer solchen Persönlichkeit ist es mir natürlich nicht mehr
+möglich, dieses Verfahren zu dulden. Mit dem heutigen Tage also ordne
+ich an -- usw.' Sie wollen eingreifen, Sie haben nicht das gesagt, was
+er verkündet, Sie haben mein Verfahren nicht unmenschlich genannt, im
+Gegenteil, Ihrer tiefen Einsicht entsprechend halten Sie es für das
+menschlichste und menschenwürdigste, Sie bewundern auch diese
+Maschinerie -- aber es ist zu spät; Sie kommen gar nicht auf den Balkon,
+der schon voll Damen ist; Sie wollen sich bemerkbar machen; Sie wollen
+schreien; aber eine Damenhand hält Ihnen den Mund zu -- und ich und das
+Werk des alten Kommandanten sind verloren.«
+
+Der Reisende musste ein Lächeln unterdrücken; so leicht war also die
+Aufgabe, die er für so schwer gehalten hatte. Er sagte ausweichend: »Sie
+überschätzen meinen Einfluss; der Kommandant hat mein Empfehlungsschreiben
+gelesen, er weiss, dass ich kein Kenner der gerichtlichen Verfahren bin.
+Wenn ich eine Meinung aussprechen würde, so wäre es die Meinung eines
+Privatmannes, um nichts bedeutender als die Meinung eines beliebigen
+anderen, und jedenfalls viel bedeutungsloser als die Meinung des
+Kommandanten, der in dieser Strafkolonie, wie ich zu wissen glaube, sehr
+ausgedehnte Rechte hat. Ist seine Meinung über dieses Verfahren eine so
+bestimmte, wie Sie glauben, dann, fürchte ich, ist allerdings das Ende
+dieses Verfahrens gekommen, ohne dass es meiner bescheidenen Mithilfe
+bedürfte.«
+
+Begriff es schon der Offizier? Nein, er begriff noch nicht. Er
+schüttelte lebhaft den Kopf, sah kurz nach dem Verurteilten und dem
+Soldaten zurück, die zusammenzuckten und vom Reis abliessen, ging ganz
+nahe an den Reisenden heran, blickte ihm nicht ins Gesicht, sondern
+irgendwohin auf seinen Rock und sagte leiser als früher: »Sie kennen den
+Kommandanten nicht; Sie stehen ihm und uns allen -- verzeihen Sie den
+Ausdruck -- gewissermassen harmlos gegenüber; Ihr Einfluss, glauben Sie
+mir, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ich war ja glückselig,
+als ich hörte, dass Sie allein der Exekution beiwohnen sollten. Diese
+Anordnung des Kommandanten sollte mich treffen, nun aber wende ich sie
+zu meinen Gunsten. Unabgelenkt von falschen Einflüsterungen und
+verächtlichen Blicken -- wie sie bei grösserer Teilnahme an der
+Exekution nicht hätten vermieden werden können -- haben Sie meine
+Erklärungen angehört, die Maschine gesehen und sind nun im Begriffe,
+die Exekution zu besichtigen. Ihr Urteil steht gewiss schon fest;
+sollten noch kleine Unsicherheiten bestehen, so wird sie der Anblick der
+Exekution beseitigen. Und nun stelle ich an Sie die Bitte: helfen Sie
+mir gegenüber dem Kommandanten!«
+
+Der Reisende liess ihn nicht weiter reden. »Wie könnte ich denn das,«
+rief er aus, »das ist ganz unmöglich. Ich kann Ihnen ebensowenig nützen
+als ich Ihnen schaden kann.«
+
+»Sie können es,« sagte der Offizier. Mit einiger Befürchtung sah der
+Reisende, dass der Offizier die Fäuste ballte. »Sie können es,«
+wiederholte der Offizier noch dringender. »Ich habe einen Plan, der
+gelingen muss. Sie glauben, Ihr Einfluss genüge nicht. Ich weiss, dass
+er genügt. Aber zugestanden, dass Sie recht haben, ist es denn nicht
+notwendig, zur Erhaltung dieses Verfahrens alles, selbst das
+möglicherweise Unzureichende zu versuchen? Hören Sie also meinen Plan.
+Zu seiner Ausführung ist es vor allem nötig, dass Sie heute in der
+Kolonie mit Ihrem Urteil über das Verfahren möglichst zurückhalten.
+Wenn man Sie nicht geradezu fragt, dürfen Sie sich keinesfalls äussern;
+Ihre Äusserungen aber müssen kurz und unbestimmt sein; man soll merken,
+dass es Ihnen schwer wird, darüber zu sprechen, dass Sie verbittert
+sind, dass Sie, falls Sie offen reden sollten, geradezu in
+Verwünschungen ausbrechen müssten. Ich verlange nicht, dass Sie lügen
+sollen; keineswegs; Sie sollen nur kurz antworten, etwa: 'Ja, ich habe
+die Exekution gesehen,' oder 'Ja, ich habe alle Erklärungen gehört.' Nur
+das, nichts weiter. Für die Verbitterung, die man Ihnen anmerken soll,
+ist ja genügend Anlass, wenn auch nicht im Sinne des Kommandanten. Er
+natürlich wird es vollständig missverstehen und in seinem Sinne deuten.
+Darauf gründet sich mein Plan. Morgen findet in der Kommandatur unter
+dem Vorsitz des Kommandanten eine grosse Sitzung aller höheren
+Verwaltungsbeamten statt. Der Kommandant hat es natürlich verstanden,
+aus solchen Sitzungen eine Schaustellung zu machen. Es wurde eine
+Galerie gebaut, die mit Zuschauern immer besetzt ist. Ich bin gezwungen
+an den Beratungen teilzunehmen, aber der Widerwille schüttelt mich. Nun
+werden Sie gewiss auf jeden Fall zu der Sitzung eingeladen werden; wenn
+Sie sich heute meinem Plane gemäss verhalten, wird die Einladung zu
+einer dringenden Bitte werden. Sollten Sie aber aus irgendeinem
+unerfindlichen Grunde doch nicht eingeladen werden, so müssten Sie
+allerdings die Einladung verlangen; dass Sie sie dann erhalten, ist
+zweifellos. Nun sitzen Sie also morgen mit den Damen in der Loge des
+Kommandanten. Er versichert sich öfters durch Blicke nach oben, dass Sie
+da sind. Nach verschiedenen gleichgültigen, lächerlichen, nur für die
+Zuhörer berechneten Verhandlungsgegenständen -- meistens sind es
+Hafenbauten, immer wieder Hafenbauten! -- kommt auch das
+Gerichtsverfahren zur Sprache. Sollte es von seiten des Kommandanten
+nicht oder nicht bald genug geschehen, so werde ich dafür sorgen, dass
+es geschieht. Ich werde aufstehen und die Meldung von der heutigen
+Exekution erstatten. Ganz kurz, nur diese Meldung. Eine solche Meldung
+ist zwar dort nicht üblich, aber ich tue es doch. Der Kommandant dankt
+mir, wie immer, mit freundlichem Lächeln und nun, er kann sich nicht
+zurückhalten, erfasst er die gute Gelegenheit. 'Es wurde eben,' so oder
+ähnlich wird er sprechen, 'die Meldung von der Exekution erstattet. Ich
+möchte dieser Meldung nur hinzufügen, dass gerade dieser Exekution der
+grosse Forscher beigewohnt hat, von dessen unsere Kolonie so
+ausserordentlich ehrendem Besuch Sie alle wissen. Auch unsere heutige
+Sitzung ist durch seine Anwesenheit in ihrer Bedeutung erhöht. Wollen
+wir nun nicht an diesen grossen Forscher die Frage richten, wie er die
+Exekution nach altem Brauch und das Verfahren, das ihr vorhergeht,
+beurteilt?' Natürlich überall Beifallklatschen, allgemeine Zustimmung,
+ich bin der lauteste. Der Kommandant verbeugt sich vor Ihnen und sagt:
+'Dann stelle ich im Namen aller die Frage.' Und nun treten Sie an die
+Brüstung. Legen Sie die Hände für alle sichtbar hin, sonst fassen sie
+die Damen und spielen mit den Fingern. -- Und jetzt kommt endlich Ihr
+Wort. Ich weiss nicht, wie ich die Spannung der Stunden bis dahin
+ertragen werde. In Ihrer Rede müssen Sie sich keine Schranken setzen,
+machen Sie mit der Wahrheit Lärm, beugen Sie sich über die Brüstung,
+brüllen Sie, aber ja, brüllen Sie dem Kommandanten Ihre Meinung, Ihre
+unerschütterliche Meinung zu. Aber vielleicht wollen Sie das nicht, es
+entspricht nicht Ihrem Charakter, in Ihrer Heimat verhält man sich
+vielleicht in solchen Lagen anders, auch das ist richtig, auch das
+genügt vollkommen, stehen Sie gar nicht auf, sagen Sie nur ein paar
+Worte, flüstern Sie sie, dass sie gerade noch die Beamten unter Ihnen
+hören, es genügt, Sie müssen gar nicht selbst von der mangelnden
+Teilnahme an der Exekution, von dem kreischenden Rad, dem zerrissenen
+Riemen, dem widerlichen Filz reden, nein, alles weitere übernehme ich,
+und glauben Sie, wenn meine Rede ihn nicht aus dem Saale jagt, so wird
+sie ihn auf die Knie zwingen, dass er bekennen muss: Alter Kommandant,
+vor dir beuge ich mich. -- Das ist mein Plan; wollen Sie mir zu seiner
+Ausführung helfen? Aber natürlich wollen Sie, mehr als das, Sie
+müssen.« Und der Offizier fasste den Reisenden an beiden Armen und sah
+ihm schweratmend ins Gesicht. Die letzten Sätze hatte er so geschrien,
+dass selbst der Soldat und der Verurteilte aufmerksam geworden waren;
+trotzdem sie nichts verstehen konnten, hielten sie doch im Essen inne
+und sahen kauend zum Reisenden hinüber.
+
+Die Antwort, die er zu geben hatte, war für den Reisenden von allem
+Anfang an zweifellos; er hatte in seinem Leben zu viel erfahren, als
+dass er hier hätte schwanken können; er war im Grunde ehrlich und hatte
+keine Furcht. Trotzdem zögerte er jetzt im Anblick des Soldaten und des
+Verurteilten einen Atemzug lang. Schliesslich aber sagte er, wie er
+musste: »Nein.« Der Offizier blinzelte mehrmals mit den Augen, liess
+aber keinen Blick von ihm. »Wollen Sie eine Erklärung?« fragte der
+Reisende. Der Offizier nickte stumm. »Ich bin ein Gegner dieses
+Verfahrens,« sagte nun der Reisende, »noch ehe Sie mich ins Vertrauen
+zogen -- dieses Vertrauen werde ich natürlich unter keinen Umständen
+missbrauchen -- habe ich schon überlegt, ob ich berechtigt wäre, gegen
+dieses Verfahren einzuschreiten und ob mein Einschreiten auch nur eine
+kleine Aussicht auf Erfolg haben könnte. An wen ich mich dabei zuerst
+wenden müsste, war mir klar: an den Kommandanten natürlich. Sie haben es
+mir noch klarer gemacht, ohne aber etwa meinen Entschluss erst befestigt
+zu haben, im Gegenteil, Ihre ehrliche Überzeugung geht mir nahe, wenn
+sie mich auch nicht beirren kann.«
+
+Der Offizier blieb stumm, wendete sich der Maschine zu, fasste eine der
+Messingstangen und sah dann, ein wenig zurückgebeugt, zum Zeichner
+hinauf, als prüfe er, ob alles in Ordnung sei. Der Soldat und der
+Verurteilte schienen sich miteinander befreundet zu haben; der
+Verurteilte machte, so schwierig dies bei der festen Einschnallung
+durchzuführen war, dem Soldaten Zeichen; der Soldat beugte sich zu ihm;
+der Verurteilte flüsterte ihm etwas zu, und der Soldat nickte.
+
+Der Reisende ging dem Offizier nach und sagte: »Sie wissen noch nicht,
+was ich tun will. Ich werde meine Ansicht über das Verfahren dem
+Kommandanten zwar sagen, aber nicht in einer Sitzung, sondern unter vier
+Augen; ich werde auch nicht so lange hier bleiben, dass ich irgendeiner
+Sitzung beigezogen werden könnte; ich fahre schon morgen früh weg oder
+schiffe mich wenigstens ein.«
+
+Es sah nicht aus, als ob der Offizier zugehört hätte. »Das Verfahren hat
+Sie also nicht überzeugt,« sagte er für sich und lächelte, wie ein Alter
+über den Unsinn eines Kindes lächelt und hinter dem Lächeln sein eigenes
+wirkliches Nachdenken behält.
+
+»Dann ist es also Zeit,« sagte er schliesslich und blickte plötzlich mit
+hellen Augen, die irgendeine Aufforderung, irgendeinen Aufruf zur
+Beteiligung enthielten, den Reisenden an.
+
+»Wozu ist es Zeit?« fragte der Reisende unruhig, bekam aber keine
+Antwort.
+
+»Du bist frei,« sagte der Offizier zum Verurteilten in dessen Sprache.
+Dieser glaubte es zuerst nicht. »Nun, frei bist du,« sagte der
+Offizier. Zum erstenmal bekam das Gesicht des Verurteilten wirkliches
+Leben. War es Wahrheit? War es nur eine Laune des Offiziers, die
+vorübergehen konnte? Hatte der fremde Reisende ihm Gnade erwirkt? Was
+war es? So schien sein Gesicht zu fragen. Aber nicht lange. Was immer es
+sein mochte, er wollte, wenn er durfte, wirklich frei sein und er begann
+sich zu rütteln, soweit es die Egge erlaubte.
+
+»Du zerreisst mir die Riemen,« schrie der Offizier, »sei ruhig! Wir
+öffnen sie schon.« Und er machte sich mit dem Soldaten, dem er ein
+Zeichen gab, an die Arbeit. Der Verurteilte lachte ohne Worte leise vor
+sich hin, bald wendete er das Gesicht links zum Offizier, bald rechts
+zum Soldaten, auch den Reisenden vergass er nicht.
+
+»Zieh ihn heraus,« befahl der Offizier dem Soldaten. Es musste hiebei
+wegen der Egge einige Vorsicht angewendet werden. Der Verurteilte hatte
+schon infolge seiner Ungeduld einige kleine Risswunden auf dem Rücken.
+
+Von jetzt ab kümmerte sich aber der Offizier kaum mehr um ihn. Er ging
+auf den Reisenden zu, zog wieder die kleine Ledermappe hervor, blätterte
+in ihr, fand schliesslich das Blatt, das er suchte, und zeigte es dem
+Reisenden. »Lesen Sie,« sagte er. »Ich kann nicht,« sagte der Reisende,
+»ich sagte schon, ich kann diese Blätter nicht lesen.« »Sehen Sie das
+Blatt doch genau an,« sagte der Offizier und trat neben den Reisenden,
+um mit ihm zu lesen. Als auch das nichts half, fuhr er mit dem kleinen
+Finger in grosser Höhe, als dürfe das Blatt auf keinen Fall berührt
+werden, über das Papier hin, um auf diese Weise dem Reisenden das Lesen
+zu erleichtern. Der Reisende gab sich auch Mühe, um wenigstens darin dem
+Offizier gefällig sein zu können, aber es war ihm unmöglich. Nun begann
+der Offizier die Aufschrift zu buchstabieren und dann las er sie noch
+einmal im Zusammenhang. »'Sei gerecht!' -- heisst es,« sagte er, »jetzt
+können Sie es doch lesen.« Der Reisende beugte sich so tief über das
+Papier, dass der Offizier aus Angst vor einer Berührung es weiter
+entfernte; nun sagte der Reisende zwar nichts mehr, aber es war klar,
+dass er es noch immer nicht hatte lesen können. »'Sei gerecht!' --
+heisst es,« sagte der Offizier nochmals. »Mag sein,« sagte der Reisende,
+»ich glaube es, dass es dort steht.« »Nun gut,« sagte der Offizier,
+wenigstens teilweise befriedigt, und stieg mit dem Blatt auf die Leiter;
+er bettete das Blatt mit grosser Vorsicht im Zeichner und ordnete das
+Räderwerk scheinbar gänzlich um; es war eine sehr mühselige Arbeit, es
+musste sich auch um ganz kleine Räder handeln, manchmal verschwand der
+Kopf des Offiziers völlig im Zeichner, so genau musste er das Räderwerk
+untersuchen.
+
+Der Reisende verfolgte von unten diese Arbeit ununterbrochen, der Hals
+wurde ihm steif, und die Augen schmerzten ihn von dem mit Sonnenlicht
+überschütteten Himmel. Der Soldat und der Verurteilte waren nur
+miteinander beschäftigt. Das Hemd und die Hose des Verurteilten, die
+schon in der Grube lagen, wurden vom Soldaten mit der Bajonettspitze
+herausgezogen. Das Hemd war entsetzlich schmutzig, und der Verurteilte
+wusch es in dem Wasserkübel. Als er dann Hemd und Hose anzog, musste der
+Soldat wie der Verurteilte laut lachen, denn die Kleidungsstücke waren
+doch hinten entzweigeschnitten. Vielleicht glaubte der Verurteilte
+verpflichtet zu sein, den Soldaten zu unterhalten, er drehte sich in der
+zerschnittenen Kleidung im Kreise vor dem Soldaten, der auf dem Boden
+hockte und lachend auf seine Knie schlug. Immerhin bezwangen sie sich
+noch mit Rücksicht auf die Anwesenheit der Herren.
+
+Als der Offizier oben endlich fertiggeworden war, überblickte er noch
+einmal lächelnd das Ganze in allen seinen Teilen, schlug diesmal den
+Deckel des Zeichners zu, der bisher offen gewesen war, stieg hinunter,
+sah in die Grube und dann auf den Verurteilten, merkte befriedigt, dass
+dieser seine Kleidung herausgenommen hatte, ging dann zu dem
+Wasserkübel, um die Hände zu waschen, erkannte zu spät den widerlichen
+Schmutz, war traurig darüber, dass er nun die Hände nicht waschen
+konnte, tauchte sie schliesslich -- dieser Ersatz genügte ihm nicht,
+aber er musste sich fügen -- in den Sand, stand dann auf und begann
+seinen Uniformrock aufzuknöpfen. Hiebei fielen ihm zunächst die zwei
+Damentaschentücher, die er hinter den Kragen gezwängt hatte, in die
+Hände. »Hier hast du deine Taschentücher,« sagte er und warf sie dem
+Verurteilten zu. Und zum Reisenden sagte er erklärend: »Geschenke der
+Damen.«
+
+Trotz der offenbaren Eile, mit der er den Uniformrock auszog und sich
+dann vollständig entkleidete, behandelte er doch jedes Kleidungsstück
+sehr sorgfältig, über die Silberschnüre an seinem Waffenrock strich er
+sogar eigens mit den Fingern hin und schüttelte eine Troddel zurecht.
+Wenig passte es allerdings zu dieser Sorgfalt, dass er, sobald er mit
+der Behandlung eines Stückes fertig war, es dann sofort mit einem
+unwilligen Ruck in die Grube warf. Das letzte, was ihm übrig blieb, war
+sein kurzer Degen mit dem Tragriemen. Er zog den Degen aus der Scheide,
+zerbrach ihn, fasste dann alles zusammen, die Degenstücke, die Scheide
+und den Riemen und warf es so heftig weg, dass es unten in der Grube
+aneinander klang.
+
+Nun stand er nackt da. Der Reisende biss sich auf die Lippen und sagte
+nichts. Er wusste zwar, was geschehen würde, aber er hatte kein Recht,
+den Offizier an irgend etwas zu hindern. War das Gerichtsverfahren, an
+dem der Offizier hing, wirklich so nahe daran behoben zu werden --
+möglicherweise infolge des Einschreitens des Reisenden, zu dem sich
+dieser seinerseits verpflichtet fühlte -- dann handelte jetzt der
+Offizier vollständig richtig; der Reisende hätte an seiner Stelle nicht
+anders gehandelt.
+
+Der Soldat und der Verurteilte verstanden zuerst nichts, sie sahen
+anfangs nicht einmal zu. Der Verurteilte war sehr erfreut darüber, die
+Taschentücher zurückerhalten zu haben, aber er durfte sich nicht lange
+an ihnen freuen, denn der Soldat nahm sie ihm mit einem raschen, nicht
+vorherzusehenden Griff. Nun versuchte wieder der Verurteilte dem
+Soldaten die Tücher hinter dem Gürtel, hinter dem er sie verwahrt
+hatte, hervorzuziehen, aber der Soldat war wachsam. So stritten sie in
+halbem Scherz. Erst als der Offizier vollständig nackt war, wurden sie
+aufmerksam. Besonders der Verurteilte schien von der Ahnung irgendeines
+großen Umschwungs getroffen zu sein. Was ihm geschehen war, geschah nun
+dem Offizier. Vielleicht würde es so bis zum Äussersten gehen.
+Wahrscheinlich hatte der fremde Reisende den Befehl dazu gegeben. Das
+war also Rache. Ohne selbst bis zum Ende gelitten zu haben, wurde er
+doch bis zum Ende gerächt. Ein breites, lautloses Lachen erschien nun
+auf seinem Gesicht und verschwand nicht mehr.
+
+Der Offizier aber hatte sich der Maschine zugewendet. Wenn es schon
+früher deutlich gewesen war, dass er die Maschine gut verstand, so
+konnte es jetzt einen fast bestürzt machen, wie er mit ihr umging und
+wie sie gehorchte. Er hatte die Hand der Egge nur genähert, und sie hob
+und senkte sich mehrmals, bis sie die richtige Lage erreicht hatte um
+ihn zu empfangen; er fasste das Bett nur am Rande, und es fing schon zu
+zittern an; der Filzstumpf kam seinem Mund entgegen, man sah, wie der
+Offizier ihn eigentlich nicht haben wollte, aber das Zögern dauerte nur
+einen Augenblick, gleich fügte er sich und nahm ihn auf. Alles war
+bereit, nur die Riemen hingen noch an den Seiten hinunter, aber sie
+waren offenbar unnötig, der Offizier musste nicht angeschnallt sein. Da
+bemerkte der Verurteilte die losen Riemen, seiner Meinung nach war die
+Exekution nicht vollkommen, wenn die Riemen nicht festgeschnallt waren,
+er winkte eifrig dem Soldaten, und sie liefen hin, den Offizier
+anzuschnallen. Dieser hatte schon den einen Fuss ausgestreckt, um in die
+Kurbel zu stossen, die den Zeichner in Gang bringen sollte; da sah er,
+dass die zwei gekommen waren; er zog daher den Fuss zurück und liess
+sich anschnallen. Nun konnte er allerdings die Kurbel nicht mehr
+erreichen; weder der Soldat noch der Verurteilte würden sie auffinden,
+und der Reisende war entschlossen, sich nicht zu rühren. Es war nicht
+nötig; kaum waren die Riemen angebracht, fing auch schon die Maschine zu
+arbeiten an; das Bett zitterte, die Nadeln tanzten auf der Haut, die
+Egge schwebte auf und ab. Der Reisende hatte schon eine Weile
+hingestarrt, ehe er sich erinnerte, dass ein Rad im Zeichner hätte
+kreischen sollen; aber alles war still, nicht das geringste Surren war
+zu hören.
+
+Durch diese stille Arbeit entschwand die Maschine förmlich der
+Aufmerksamkeit. Der Reisende sah zu dem Soldaten und dem Verurteilten
+hinüber. Der Verurteilte war der lebhaftere, alles an der Maschine
+interessierte ihn, bald beugte er sich nieder, bald streckte er sich,
+immerfort hatte er den Zeigefinger ausgestreckt, um dem Soldaten etwas
+zu zeigen. Dem Reisenden war es peinlich. Er war entschlossen, hier bis
+zum Ende zu bleiben, aber den Anblick der zwei hätte er nicht lange
+ertragen. »Geht nach Hause,« sagte er. Der Soldat wäre dazu vielleicht
+bereit gewesen, aber der Verurteilte empfand den Befehl geradezu als
+Strafe. Er bat flehentlich mit gefalteten Händen ihn hier zu lassen,
+und als der Reisende kopfschüttelnd nicht nachgeben wollte, kniete er
+sogar nieder. Der Reisende sah, dass Befehle hier nichts halfen, er
+wollte hinüber und die zwei vertreiben. Da hörte er oben im Zeichner ein
+Geräusch. Er sah hinauf. Störte also das eine Zahnrad doch? Aber es war
+etwas anderes. Langsam hob sich der Deckel des Zeichners und klappte
+dann vollständig auf. Die Zacken eines Zahnrades zeigten und hoben sich,
+bald erschien das ganze Rad, es war, als presse irgendeine grosse Macht
+den Zeichner zusammen, so dass für dieses Rad kein Platz mehr übrig
+blieb, das Rad drehte sich bis zum Rand des Zeichners, fiel hinunter,
+kollerte aufrecht ein Stück im Sand und blieb dann liegen. Aber schon
+stieg oben ein anderes auf, ihm folgten viele, grosse, kleine und kaum
+zu unterscheidende, mit allen geschah dasselbe, immer glaubte man, nun
+müsse der Zeichner jedenfalls schon entleert sein, da erschien eine
+neue, besonders zahlreiche Gruppe, stieg auf, fiel hinunter, kollerte im
+Sand und legte sich. Über diesem Vorgang vergass der Verurteilte ganz
+den Befehl des Reisenden, die Zahnräder entzückten ihn völlig, er wollte
+immer eines fassen, trieb gleichzeitig den Soldaten an, ihm zu helfen,
+zog aber erschreckt die Hand zurück, denn es folgte gleich ein anderes
+Rad, das ihn, wenigstens im ersten Anrollen, erschreckte.
+
+Der Reisende dagegen war sehr beunruhigt; die Maschine ging offenbar in
+Trümmer; ihr ruhiger Gang war eine Täuschung; er hatte das Gefühl, als
+müsse er sich jetzt des Offiziers annehmen, da dieser nicht mehr für
+sich selbst sorgen konnte. Aber während der Fall der Zahnräder seine
+ganze Aufmerksamkeit beanspruchte, hatte er versäumt, die übrige
+Maschine zu beaufsichtigen; als er jedoch jetzt, nachdem das letzte
+Zahnrad den Zeichner verlassen hatte, sich über die Egge beugte, hatte
+er eine neue, noch ärgere Überraschung. Die Egge schrieb nicht, sie
+stach nur, und das Bett wälzte den Körper nicht, sondern hob ihn nur
+zitternd in die Nadeln hinein. Der Reisende wollte eingreifen,
+möglicherweise das Ganze zum Stehen bringen, das war ja keine Folter,
+wie sie der Offizier erreichen wollte, das war unmittelbarer Mord. Er
+streckte die Hände aus. Da hob sich aber schon die Egge mit dem
+aufgespiessten Körper zur Seite, wie sie es sonst erst in der zwölften
+Stunde tat. Das Blut floss in hundert Strömen, nicht mit Wasser
+vermischt, auch die Wasserröhrchen hatten diesmal versagt. Und nun
+versagte noch das letzte, der Körper löste sich von den langen Nadeln
+nicht, strömte sein Blut aus, hing aber über der Grube ohne zu fallen.
+Die Egge wollte schon in ihre alte Lage zurückkehren, aber als merke sie
+selbst, dass sie von ihrer Last noch nicht befreit sei, blieb sie doch
+über der Grube. »Helft doch!« schrie der Reisende zum Soldaten und zum
+Verurteilten hinüber und fasste selbst die Füsse des Offiziers. Er
+wollte sich hier gegen die Füsse drücken, die zwei sollten auf der
+anderen Seite den Kopf des Offiziers fassen, und so sollte er langsam
+von den Nadeln gehoben werden. Aber nun konnten sich die zwei nicht
+entschliessen zu kommen; der Verurteilte drehte sich geradezu um; der
+Reisende musste zu ihnen hinübergehen und sie mit Gewalt zu dem Kopf des
+Offiziers drängen. Hiebei sah er fast gegen Willen das Gesicht der
+Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der
+versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der
+Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren
+fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des
+Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die
+Spitze des grossen eisernen Stachels.
+
+ * * * * *
+
+Als der Reisende, mit dem Soldaten und dem Verurteilten hinter sich, zu
+den ersten Häusern der Kolonie kam, zeigte der Soldat auf eines und
+sagte: »Hier ist das Teehaus.«
+
+Im Erdgeschoss eines Hauses war ein tiefer, niedriger, höhlenartiger, an
+den Wänden und an der Decke verräucherter Raum. Gegen die Strasse zu war
+er in seiner ganzen Breite offen. Trotzdem sich das Teehaus von den
+übrigen Häusern der Kolonie, die bis auf die Palastbauten der
+Kommandatur alle sehr verkommen waren, wenig unterschied, übte es auf
+den Reisenden doch den Eindruck einer historischen Erinnerung aus und er
+fühlte die Macht der früheren Zeiten. Er trat näher heran, ging, gefolgt
+von seinen Begleitern, zwischen den unbesetzten Tischen hindurch, die
+vor dem Teehaus auf der Strasse standen, und atmete die kühle, dumpfige
+Luft ein, die aus dem Innern kam. »Der Alte ist hier begraben,« sagte
+der Soldat, »ein Platz auf dem Friedhof ist ihm vom Geistlichen
+verweigert worden. Man war eine Zeitlang unentschlossen, wo man ihn
+begraben sollte, schliesslich hat man ihn hier begraben. Davon hat Ihnen
+der Offizier gewiss nichts erzählt, denn dessen hat er sich natürlich am
+meisten geschämt. Er hat sogar einigemal in der Nacht versucht, den
+Alten auszugraben, er ist aber immer verjagt worden.« »Wo ist das Grab?«
+fragte der Reisende, der dem Soldaten nicht glauben konnte. Gleich
+liefen beide, der Soldat wie der Verurteilte, vor ihm her und zeigten
+mit ausgestreckten Händen dorthin, wo sich das Grab befinden sollte. Sie
+führten den Reisenden bis zur Rückwand, wo an einigen Tischen Gäste
+sassen. Es waren wahrscheinlich Hafenarbeiter, starke Männer mit kurzen,
+glänzend schwarzen Vollbärten. Alle waren ohne Rock, ihre Hemden waren
+zerrissen, es war armes, gedemütigtes Volk. Als sich der Reisende
+näherte, erhoben sich einige, drückten sich an die Wand und sahen ihm
+entgegen. »Es ist ein Fremder,« flüsterte es um den Reisenden herum, »er
+will das Grab ansehen.« Sie schoben einen der Tische beiseite, unter dem
+sich wirklich ein Grabstein befand. Es war ein einfacher Stein, niedrig
+genug, um unter einem Tisch verborgen werden zu können. Er trug eine
+Aufschrift mit sehr kleinen Buchstaben, der Reisende musste, um sie zu
+lesen, niederknien. Sie lautete: »Hier ruht der alte Kommandant. Seine
+Anhänger, die jetzt keinen Namen tragen dürfen, haben ihm das Grab
+gegraben und den Stein gesetzt. Es besteht eine Prophezeiung, dass der
+Kommandant nach einer bestimmten Anzahl von Jahren auferstehen und aus
+diesem Hause seine Anhänger zur Wiedereroberung der Kolonie führen wird.
+Glaubet und wartet!« Als der Reisende das gelesen hatte und sich erhob,
+sah er rings um sich die Männer stehen und lächeln, als hätten sie mit
+ihm die Aufschrift gelesen, sie lächerlich gefunden und forderten ihn
+auf, sich ihrer Meinung anzuschliessen. Der Reisende tat, als merke er
+das nicht, verteilte einige Münzen unter sie, wartete noch, bis der
+Tisch über das Grab geschoben war, verliess das Teehaus und ging zum
+Hafen.
+
+Der Soldat und der Verurteilte hatten im Teehaus Bekannte gefunden, die
+sie zurückhielten. Sie mussten sich aber bald von ihnen losgerissen
+haben, denn der Reisende befand sich erst in der Mitte der langen
+Treppe, die zu den Booten führte, als sie ihm schon nachliefen. Sie
+wollten wahrscheinlich den Reisenden im letzten Augenblick zwingen, sie
+mitzunehmen. Während der Reisende unten mit einem Schiffer wegen der
+Überfahrt zum Dampfer unterhandelte, rasten die zwei die Treppe hinab,
+schweigend, denn zu schreien wagten sie nicht. Aber als sie unten
+ankamen, war der Reisende schon im Boot, und der Schiffer löste es
+gerade vom Ufer. Sie hätten noch ins Boot springen können, aber der
+Reisende hob ein schweres geknotetes Tau vom Boden, drohte ihnen damit
+und hielt sie dadurch von dem Sprunge ab.
+
+
+
+
+ Dieses Buch wurde als viertes der neuen Folge der
+ Drugulin-Drucke im Mai 1919 für Kurt Wolff Verlag in
+ der Offizin W. Drugulin in Leipzig in einer einmaligen
+ Auflage von 1000 Exemplaren gedruckt.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of In der Strafkolonie, by Franz Kafka
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN DER STRAFKOLONIE ***
+
+***** This file should be named 25791-8.txt or 25791-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/5/7/9/25791/
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
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+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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