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+The Project Gutenberg EBook of In der Strafkolonie, by Franz Kafka
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: In der Strafkolonie
+
+Author: Franz Kafka
+
+Release Date: June 14, 2008 [EBook #25791]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN DER STRAFKOLONIE ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
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+
+
+ FRANZ KAFKA
+
+ IN DER STRAFKOLONIE
+
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+
+
+
+
+ 1919
+
+ KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG
+
+
+ Copyright by Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1919
+
+
+
+
+»Es ist ein eigentümlicher Apparat,« sagte der Offizier zu dem
+Forschungsreisenden und überblickte mit einem gewissermassen
+bewundernden Blick den ihm doch wohlbekannten Apparat. Der Reisende
+schien nur aus Höflichkeit der Einladung des Kommandanten gefolgt zu
+sein, der ihn aufgefordert hatte, der Exekution eines Soldaten
+beizuwohnen, der wegen Ungehorsam und Beleidigung des Vorgesetzten
+verurteilt worden war. Das Interesse für diese Exekution war wohl auch
+in der Strafkolonie nicht sehr gross. Wenigstens war hier in dem tiefen,
+sandigen, von kahlen Abhängen ringsum abgeschlossenen kleinen Tal ausser
+dem Offizier und dem Reisenden nur der Verurteilte, ein stumpfsinniger,
+breitmäuliger Mensch mit verwahrlostem Haar und Gesicht und ein Soldat
+zugegen, der die schwere Kette hielt, in welche die kleinen Ketten
+ausliefen, mit denen der Verurteilte an den Fuss- und Handknöcheln sowie
+am Hals gefesselt war und die auch untereinander durch Verbindungsketten
+zusammenhingen. Übrigens sah der Verurteilte so hündisch ergeben aus,
+dass es den Anschein hatte, als könnte man ihn frei auf den Abhängen
+herumlaufen lassen und müsse bei Beginn der Exekution nur pfeifen, damit
+er käme.
+
+Der Reisende hatte wenig Sinn für den Apparat und ging hinter dem
+Verurteilten fast sichtbar unbeteiligt auf und ab, während der Offizier
+die letzten Vorbereitungen besorgte, bald unter den tief in die Erde
+eingebauten Apparat kroch, bald auf eine Leiter stieg, um die oberen
+Teile zu untersuchen. Das waren Arbeiten, die man eigentlich einem
+Maschinisten hätte überlassen können, aber der Offizier führte sie mit
+einem grossen Eifer aus, sei es, dass er ein besonderer Anhänger dieses
+Apparates war, sei es, dass man aus anderen Gründen die Arbeit sonst
+niemandem anvertrauen konnte. »Jetzt ist alles fertig!« rief er endlich
+und stieg von der Leiter hinunter. Er war ungemein ermattet, atmete mit
+weit offenem Mund und hatte zwei zarte Damentaschentücher hinter den
+Uniformkragen gezwängt. »Diese Uniformen sind doch für die Tropen zu
+schwer,« sagte der Reisende, statt sich, wie es der Offizier erwartet
+hatte, nach dem Apparat zu erkundigen. »Gewiss,« sagte der Offizier und
+wusch sich die von Öl und Fett beschmutzten Hände in einem
+bereitstehenden Wasserkübel, »aber sie bedeuten die Heimat; wir wollen
+nicht die Heimat verlieren. -- Nun sehen Sie aber diesen Apparat,« fügte
+er gleich hinzu, trocknete die Hände mit einem Tuch und zeigte
+gleichzeitig auf den Apparat. »Bis jetzt war noch Händearbeit nötig, von
+jetzt aber arbeitet der Apparat ganz allein.« Der Reisende nickte und
+folgte dem Offizier. Dieser suchte sich für alle Zwischenfälle zu
+sichern und sagte dann: »Es kommen natürlich Störungen vor; ich hoffe
+zwar, es wird heute keine eintreten, immerhin muss man mit ihnen
+rechnen. Der Apparat soll ja zwölf Stunden ununterbrochen im Gang sein.
+Wenn aber auch Störungen vorkommen, so sind es doch nur ganz kleine und
+sie werden sofort behoben sein.«
+
+»Wollen Sie sich nicht setzen?« fragte er schliesslich, zog aus einem
+Haufen von Rohrstühlen einen hervor und bot ihn dem Reisenden an; dieser
+konnte nicht ablehnen. Er sass nun am Rande einer Grube, in die er einen
+flüchtigen Blick warf. Sie war nicht sehr tief. Zur einen Seite der
+Grube war die ausgegrabene Erde zu einem Wall aufgehäuft, zur anderen
+Seite stand der Apparat. »Ich weiss nicht,« sagte der Offizier, »ob
+Ihnen der Kommandant den Apparat schon erklärt hat.« Der Reisende machte
+eine ungewisse Handbewegung; der Offizier verlangte nichts Besseres,
+denn nun konnte er selbst den Apparat erklären. »Dieser Apparat,« sagte
+er und fasste eine Kurbelstange, auf die er sich stützte, »ist eine
+Erfindung unseres früheren Kommandanten. Ich habe gleich bei den
+allerersten Versuchen mitgearbeitet und war auch bei allen Arbeiten bis
+zur Vollendung beteiligt. Das Verdienst der Erfindung allerdings
+gebührt ihm ganz allein. Haben Sie von unserem früheren Kommandanten
+gehört? Nicht? Nun, ich behaupte nicht zu viel, wenn ich sage, dass die
+Einrichtung der ganzen Strafkolonie sein Werk ist. Wir, seine Freunde,
+wussten schon bei seinem Tod, dass die Einrichtung der Kolonie so in
+sich geschlossen ist, dass sein Nachfolger, und habe er tausend neue
+Pläne im Kopf, wenigstens während vieler Jahre nichts von dem Alten wird
+ändern können. Unsere Voraussage ist auch eingetroffen; der neue
+Kommandant hat es erkennen müssen. Schade, dass Sie den früheren
+Kommandanten nicht gekannt haben! -- Aber,« unterbrach sich der
+Offizier, »ich schwätze, und sein Apparat steht hier vor uns. Er
+besteht, wie Sie sehen, aus drei Teilen. Es haben sich im Laufe der Zeit
+für jeden dieser Teile gewissermassen volkstümliche Bezeichnungen
+ausgebildet. Der untere heisst das Bett, der obere heisst der Zeichner,
+und hier der mittlere, schwebende Teil heisst die Egge.« »Die Egge?«
+fragte der Reisende. Er hatte nicht ganz aufmerksam zugehört, die Sonne
+verfing sich allzustark in dem schattenlosen Tal, man konnte schwer
+seine Gedanken sammeln. Um so bewundernswerter erschien ihm der
+Offizier, der im engen, parademässigen, mit Epauletten beschwerten, mit
+Schnüren behängten Waffenrock so eifrig seine Sache erklärte und
+ausserdem, während er sprach, mit einem Schraubendreher noch hier und da
+an einer Schraube sich zu schaffen machte. In ähnlicher Verfassung wie
+der Reisende schien der Soldat zu sein. Er hatte um beide Handgelenke
+die Kette des Verurteilten gewickelt, stützte sich mit einer Hand auf
+sein Gewehr, liess den Kopf im Genick hinunterhängen und kümmerte sich
+um nichts. Der Reisende wunderte sich nicht darüber, denn der Offizier
+sprach französisch und französisch verstand gewiss weder der Soldat noch
+der Verurteilte. Um so auffallender war es allerdings, dass der
+Verurteilte sich dennoch bemühte, den Erklärungen des Offiziers zu
+folgen. Mit einer Art schläfriger Beharrlichkeit richtete er die Blicke
+immer dorthin, wohin der Offizier gerade zeigte, und als dieser jetzt
+vom Reisenden mit einer Frage unterbrochen wurde, sah auch er, ebenso
+wie der Offizier, den Reisenden an.
+
+»Ja, die Egge,« sagte der Offizier, »der Name passt. Die Nadeln sind
+eggenartig angeordnet, auch wird das Ganze wie eine Egge geführt, wenn
+auch bloss auf einem Platz und viel kunstgemässer. Sie werden es
+übrigens gleich verstehen. Hier auf das Bett wird der Verurteilte
+gelegt. -- Ich will nämlich den Apparat zuerst beschreiben und dann erst
+die Prozedur selbst ausführen lassen. Sie werden ihr dann besser folgen
+können. Auch ist ein Zahnrad im Zeichner zu stark abgeschliffen; es
+kreischt sehr, wenn es im Gang ist; man kann sich dann kaum
+verständigen; Ersatzteile sind hier leider nur schwer zu beschaffen. --
+Also hier ist das Bett, wie ich sagte. Es ist ganz und gar mit einer
+Watteschicht bedeckt; den Zweck dessen werden Sie noch erfahren. Auf
+diese Watte wird der Verurteilte bäuchlings gelegt, natürlich nackt;
+hier sind für die Hände, hier für die Füsse, hier für den Hals Riemen,
+um ihn festzuschnallen. Hier am Kopfende des Bettes, wo der Mann, wie
+ich gesagt habe, zuerst mit dem Gesicht aufliegt, ist dieser kleine
+Filzstumpf, der leicht so reguliert werden kann, dass er dem Mann gerade
+in den Mund dringt. Er hat den Zweck, am Schreien und am Zerbeissen der
+Zunge zu hindern. Natürlich muss der Mann den Filz aufnehmen, da ihm
+sonst durch den Halsriemen das Genick gebrochen wird.« »Das ist Watte?«
+fragte der Reisende und beugte sich vor. »Ja gewiss,« sagte der Offizier
+lächelnd, »befühlen Sie es selbst.« Er fasste die Hand des Reisenden und
+führte sie über das Bett hin. »Es ist eine besonders präparierte Watte,
+darum sieht sie so unkenntlich aus; ich werde auf ihren Zweck noch zu
+sprechen kommen.« Der Reisende war schon ein wenig für den Apparat
+gewonnen; die Hand zum Schutz gegen die Sonne über den Augen, sah er an
+dem Apparat in die Höhe. Es war ein grosser Aufbau. Das Bett und der
+Zeichner hatten gleichen Umfang und sahen wie zwei dunkle Truhen aus.
+Der Zeichner war etwa zwei Meter über dem Bett angebracht; beide waren
+in den Ecken durch vier Messingstangen verbunden, die in der Sonne fast
+Strahlen warfen. Zwischen den Truhen schwebte an einem Stahlband die
+Egge.
+
+Der Offizier hatte die frühere Gleichgültigkeit des Reisenden kaum
+bemerkt, wohl aber hatte er für sein jetzt beginnendes Interesse Sinn;
+er setzte deshalb in seinen Erklärungen aus, um dem Reisenden zur
+ungestörten Betrachtung Zeit zu lassen. Der Verurteilte ahmte den
+Reisenden nach; da er die Hand nicht über die Augen legen konnte,
+blinzelte er mit freien Augen zur Höhe.
+
+»Nun liegt also der Mann,« sagte der Reisende, lehnte sich im Sessel
+zurück und kreuzte die Beine.
+
+»Ja,« sagte der Offizier, schob ein wenig die Mütze zurück und fuhr sich
+mit der Hand über das heisse Gesicht, »nun hören Sie! Sowohl das Bett,
+als auch der Zeichner haben ihre eigene elektrische Batterie; das Bett
+braucht sie für sich selbst, der Zeichner für die Egge. Sobald der Mann
+festgeschnallt ist, wird das Bett in Bewegung gesetzt. Es zittert in
+winzigen, sehr schnellen Zuckungen gleichzeitig seitlich, wie auch auf
+und ab. Sie werden ähnliche Apparate in Heilanstalten gesehen haben; nur
+sind bei unserem Bett alle Bewegungen genau berechnet; sie müssen
+nämlich peinlich auf die Bewegungen der Egge abgestimmt sein. Dieser
+Egge aber ist die eigentliche Ausführung des Urteils überlassen.«
+
+»Wie lautet denn das Urteil?« fragte der Reisende. »Sie wissen auch das
+nicht?« sagte der Offizier erstaunt und biss sich auf die Lippen:
+»Verzeihen Sie, wenn vielleicht meine Erklärungen ungeordnet sind; ich
+bitte Sie sehr um Entschuldigung. Die Erklärungen pflegte früher nämlich
+der Kommandant zu geben; der neue Kommandant aber hat sich dieser
+Ehrenpflicht entzogen; dass er jedoch einen so hohen Besuch« -- der
+Reisende suchte die Ehrung mit beiden Händen abzuwehren, aber der
+Offizier bestand auf dem Ausdruck -- »einen so hohen Besuch nicht
+einmal von der Form unseres Urteils in Kenntnis setzt, ist wieder eine
+Neuerung, die --,« er hatte einen Fluch auf den Lippen, fasste sich aber
+und sagte nur: »Ich wurde nicht davon verständigt, mich trifft nicht die
+Schuld. Übrigens bin ich allerdings am besten befähigt, unsere
+Urteilsarten zu erklären, denn ich trage hier« -- er schlug auf seine
+Brusttasche -- »die betreffenden Handzeichnungen des früheren
+Kommandanten.«
+
+»Handzeichnungen des Kommandanten selbst?« fragte der Reisende: »Hat er
+denn alles in sich vereinigt? War er Soldat, Richter, Konstrukteur,
+Chemiker, Zeichner?«
+
+»Jawohl,« sagte der Offizier kopfnickend, mit starrem, nachdenklichem
+Blick. Dann sah er prüfend seine Hände an; sie schienen ihm nicht rein
+genug, um die Zeichnungen anzufassen; er ging daher zum Kübel und wusch
+sie nochmals. Dann zog er eine kleine Ledermappe hervor und sagte:
+»Unser Urteil klingt nicht streng. Dem Verurteilten wird das Gebot, das
+er übertreten hat, mit der Egge auf den Leib geschrieben. Diesem
+Verurteilten zum Beispiel« -- der Offizier zeigte auf den Mann -- »wird
+auf den Leib geschrieben werden: Ehre deinen Vorgesetzten!«
+
+Der Reisende sah flüchtig auf den Mann hin; er hielt, als der Offizier
+auf ihn gezeigt hatte, den Kopf gesenkt und schien alle Kraft des Gehörs
+anzuspannen, um etwas zu erfahren. Aber die Bewegungen seiner wulstig
+aneinander gedrückten Lippen zeigten offenbar, dass er nichts verstehen
+konnte. Der Reisende hatte Verschiedenes fragen wollen, fragte aber im
+Anblick des Mannes nur: »Kennt er sein Urteil?« »Nein,« sagte der
+Offizier und wollte gleich in seinen Erklärungen fortfahren, aber der
+Reisende unterbrach ihn: »Er kennt sein eigenes Urteil nicht?« »Nein,«
+sagte der Offizier wieder, stockte dann einen Augenblick, als verlange
+er vom Reisenden eine nähere Begründung seiner Frage, und sagte dann:
+»Es wäre nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem
+Leib.« Der Reisende wollte schon verstummen, da fühlte er, wie der
+Verurteilte seinen Blick auf ihn richtete; er schien zu fragen, ob er
+den geschilderten Vorgang billigen könne. Darum beugte sich der
+Reisende, der sich bereits zurückgelehnt hatte, wieder vor und fragte
+noch: »Aber dass er überhaupt verurteilt wurde, das weiss er doch?«
+»Auch nicht,« sagte der Offizier und lächelte den Reisenden an, als
+erwarte er nun von ihm noch einige sonderbare Eröffnungen. »Nein,« sagte
+der Reisende und strich sich über die Stirn hin, »dann weiss also der
+Mann auch jetzt noch nicht, wie seine Verteidigung aufgenommen wurde?«
+»Er hat keine Gelegenheit gehabt, sich zu verteidigen,« sagte der
+Offizier und sah abseits, als rede er zu sich selbst und wolle den
+Reisenden durch Erzählung dieser ihm selbstverständlichen Dinge nicht
+beschämen. »Er muss doch Gelegenheit gehabt haben, sich zu verteidigen,«
+sagte der Reisende und stand vom Sessel auf.
+
+Der Offizier erkannte, dass er in Gefahr war, in der Erklärung des
+Apparates für lange Zeit aufgehalten zu werden; er ging daher zum
+Reisenden, hing sich in seinen Arm, zeigte mit der Hand auf den
+Verurteilten, der sich jetzt, da die Aufmerksamkeit so offenbar auf ihn
+gerichtet war, stramm aufstellte -- auch zog der Soldat die Kette an --,
+und sagte: »Die Sache verhält sich folgendermassen. Ich bin hier in der
+Strafkolonie zum Richter bestellt. Trotz meiner Jugend. Denn ich stand
+auch dem früheren Kommandanten in allen Strafsachen zur Seite und kenne
+auch den Apparat am besten. Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist:
+Die Schuld ist immer zweifellos. Andere Gerichte können diesen Grundsatz
+nicht befolgen, denn sie sind vielköpfig und haben auch noch höhere
+Gerichte über sich. Das ist hier nicht der Fall, oder war es wenigstens
+nicht beim früheren Kommandanten. Der neue hat allerdings schon Lust
+gezeigt, in mein Gericht sich einzumischen, es ist mir aber bisher
+gelungen, ihn abzuwehren, und wird mir auch weiter gelingen. -- Sie
+wollten diesen Fall erklärt haben; er ist so einfach, wie alle. Ein
+Hauptmann hat heute morgens die Anzeige erstattet, dass dieser Mann, der
+ihm als Diener zugeteilt ist und vor seiner Türe schläft, den Dienst
+verschlafen hat. Er hat nämlich die Pflicht, bei jedem Stundenschlag
+aufzustehen und vor der Tür des Hauptmanns zu salutieren. Gewiss keine
+schwere Pflicht und eine notwendige, denn er soll sowohl zur Bewachung
+als auch zur Bedienung frisch bleiben. Der Hauptmann wollte in der
+gestrigen Nacht nachsehen, ob der Diener seine Pflicht erfülle. Er
+öffnete Schlag zwei Uhr die Tür und fand ihn zusammengekrümmt schlafen.
+Er holte die Reitpeitsche und schlug ihm über das Gesicht. Statt nun
+aufzustehen und um Verzeihung zu bitten, fasste der Mann seinen Herrn
+bei den Beinen, schüttelte ihn und rief: ›Wirf die Peitsche weg, oder
+ich fresse dich.‹ -- Das ist der Sachverhalt. Der Hauptmann kam vor
+einer Stunde zu mir, ich schrieb seine Angaben auf und anschliessend
+gleich das Urteil. Dann liess ich dem Mann die Ketten anlegen. Das alles
+war sehr einfach. Hätte ich den Mann zuerst vorgerufen und ausgefragt,
+so wäre nur Verwirrung entstanden. Er hätte gelogen, hätte, wenn es mir
+gelungen wäre, die Lügen zu widerlegen, diese durch neue Lügen ersetzt
+und so fort. Jetzt aber halte ich ihn und lasse ihn nicht mehr. -- Ist
+nun alles erklärt? Aber die Zeit vergeht, die Exekution sollte schon
+beginnen, und ich bin mit der Erklärung des Apparates noch nicht
+fertig.« Er nötigte den Reisenden auf den Sessel nieder, trat wieder zu
+dem Apparat und begann: »Wie Sie sehen, entspricht die Egge der Form des
+Menschen; hier ist die Egge für den Oberkörper, hier sind die Eggen für
+die Beine. Für den Kopf ist nur dieser kleine Stichel bestimmt. Ist
+Ihnen das klar?« Er beugte sich freundlich zu dem Reisenden vor, bereit
+zu den umfassendsten Erklärungen.
+
+Der Reisende sah mit gerunzelter Stirn die Egge an. Die Mitteilungen
+über das Gerichtsverfahren hatten ihn nicht befriedigt. Immerhin musste
+er sich sagen, dass es sich hier um eine Strafkolonie handelte, dass
+hier besondere Massregeln notwendig waren und dass man bis zum letzten
+militärisch vorgehen musste. Ausserdem aber setzte er einige Hoffnung
+auf den neuen Kommandanten, der offenbar, allerdings langsam, ein neues
+Verfahren einzuführen beabsichtigte, das dem beschränkten Kopf dieses
+Offiziers nicht eingehen konnte. Aus diesem Gedankengang heraus fragte
+der Reisende: »Wird der Kommandant der Exekution beiwohnen?« »Es ist
+nicht gewiss,« sagte der Offizier, durch die unvermittelte Frage
+peinlich berührt, und seine freundliche Miene verzerrte sich: »Gerade
+deshalb müssen wir uns beeilen. Ich werde sogar, so leid es mir tut,
+meine Erklärungen abkürzen müssen. Aber ich könnte ja morgen, wenn der
+Apparat wieder gereinigt ist -- dass er so sehr beschmutzt wird, ist
+sein einziger Fehler -- die näheren Erklärungen nachtragen. Jetzt also
+nur das Notwendigste. -- Wenn der Mann auf dem Bett liegt und dieses ins
+Zittern gebracht ist, wird die Egge auf den Körper gesenkt. Sie stellt
+sich von selbst so ein, dass sie nur knapp mit den Spitzen den Körper
+berührt; ist die Einstellung vollzogen, strafft sich sofort dieses
+Stahlseil zu einer Stange. Und nun beginnt das Spiel. Ein
+Nichteingeweihter merkt äusserlich keinen Unterschied in den Strafen.
+Die Egge scheint gleichförmig zu arbeiten. Zitternd sticht sie ihre
+Spitzen in den Körper ein, der überdies vom Bett aus zittert. Um es nun
+jedem zu ermöglichen, die Ausführung des Urteils zu überprüfen, wurde
+die Egge aus Glas gemacht. Es hat einige technische Schwierigkeiten
+verursacht, die Nadeln darin zu befestigen, es ist aber nach vielen
+Versuchen gelungen. Wir haben eben keine Mühe gescheut. Und nun kann
+jeder durch das Glas sehen, wie sich die Inschrift im Körper vollzieht.
+Wollen Sie nicht näher kommen und sich die Nadeln ansehen?«
+
+Der Reisende erhob sich langsam, ging hin und beugte sich über die Egge.
+»Sie sehen,« sagte der Offizier, »zweierlei Nadeln in vielfacher
+Anordnung. Jede lange hat eine kurze neben sich. Die lange schreibt
+nämlich, und die kurze spritzt Wasser aus, um das Blut abzuwaschen und
+die Schrift immer klar zu erhalten. Das Blutwasser wird dann hier in
+kleine Rinnen geleitet und fliesst endlich in diese Hauptrinne, deren
+Abflussrohr in die Grube führt.« Der Offizier zeigte mit dem Finger
+genau den Weg, den das Blutwasser nehmen musste. Als er es, um es
+möglichst anschaulich zu machen, an der Mündung des Abflussrohres mit
+beiden Händen förmlich auffing, erhob der Reisende den Kopf und wollte,
+mit der Hand rückwärts tastend, zu seinem Sessel zurückgehen. Da sah er
+zu seinem Schrecken, dass auch der Verurteilte gleich ihm der Einladung
+des Offiziers, sich die Einrichtung der Egge aus der Nähe anzusehen,
+gefolgt war. Er hatte den verschlafenen Soldaten an der Kette ein wenig
+vorgezerrt und sich auch über das Glas gebeugt. Man sah, wie er mit
+unsicheren Augen auch das suchte, was die zwei Herren eben beobachtet
+hatten, wie es ihm aber, da ihm die Erklärung fehlte, nicht gelingen
+wollte. Er beugte sich hierhin und dorthin. Immer wieder lief er mit den
+Augen das Glas ab. Der Reisende wollte ihn zurücktreiben, denn, was er
+tat, war wahrscheinlich strafbar. Aber der Offizier hielt den Reisenden
+mit einer Hand fest, nahm mit der anderen eine Erdscholle vom Wall und
+warf sie nach dem Soldaten. Dieser hob mit einem Ruck die Augen, sah,
+was der Verurteilte gewagt hatte, liess das Gewehr fallen, stemmte die
+Füsse mit den Absätzen in den Boden, riss den Verurteilten zurück, dass
+er gleich niederfiel, und sah dann auf ihn hinunter, wie er sich wand
+und mit seinen Ketten klirrte. »Stell ihn auf!« schrie der Offizier,
+denn er merkte, dass der Reisende durch den Verurteilten allzusehr
+abgelenkt wurde. Der Reisende beugte sich sogar über die Egge hinweg,
+ohne sich um sie zu kümmern, und wollte nur feststellen, was mit dem
+Verurteilten geschehe. »Behandle ihn sorgfältig!« schrie der Offizier
+wieder. Er umlief den Apparat, fasste selbst den Verurteilten unter den
+Achseln und stellte ihn, der öfters mit den Füssen ausglitt, mit Hilfe
+des Soldaten auf.
+
+»Nun weiss ich schon alles,« sagte der Reisende, als der Offizier wieder
+zu ihm zurückkehrte. »Bis auf das Wichtigste,« sagte dieser, ergriff den
+Reisenden am Arm und zeigte in die Höhe: »Dort im Zeichner ist das
+Räderwerk, welches die Bewegung der Egge bestimmt, und dieses Räderwerk
+wird nach der Zeichnung, auf welche das Urteil lautet, angeordnet. Ich
+verwende noch die Zeichnungen des früheren Kommandanten. Hier sind sie,«
+-- er zog einige Blätter aus der Ledermappe -- »ich kann sie Ihnen aber
+leider nicht in die Hand geben, sie sind das Teuerste, was ich habe.
+Setzen Sie sich, ich zeige sie Ihnen aus dieser Entfernung, dann werden
+Sie alles gut sehen können.« Er zeigte das erste Blatt. Der Reisende
+hätte gerne etwas Anerkennendes gesagt, aber er sah nur labyrinthartige,
+einander vielfach kreuzende Linien, die so dicht das Papier bedeckten,
+dass man nur mit Mühe die weissen Zwischenräume erkannte. »Lesen Sie,«
+sagte der Offizier. »Ich kann nicht,« sagte der Reisende. »Es ist doch
+deutlich,« sagte der Offizier. »Es ist sehr kunstvoll,« sagte der
+Reisende ausweichend, »aber ich kann es nicht entziffern.« »Ja,« sagte
+der Offizier, lachte und steckte die Mappe wieder ein, »es ist keine
+Schönschrift für Schulkinder. Man muss lange darin lesen. Auch Sie
+würden es schliesslich gewiss erkennen. Es darf natürlich keine einfache
+Schrift sein; sie soll ja nicht sofort töten, sondern durchschnittlich
+erst in einem Zeitraum von zwölf Stunden; für die sechste Stunde ist der
+Wendepunkt berechnet. Es müssen also viele, viele Zieraten die
+eigentliche Schrift umgeben; die wirkliche Schrift umzieht den Leib nur
+in einem schmalen Gürtel; der übrige Körper ist für Verzierungen
+bestimmt. Können Sie jetzt die Arbeit der Egge und des ganzen Apparates
+würdigen? -- Sehen Sie doch!« Er sprang auf die Leiter, drehte ein Rad,
+rief hinunter: »Achtung, treten Sie zur Seite!«, und alles kam in Gang.
+Hätte das Rad nicht gekreischt, es wäre herrlich gewesen. Als sei der
+Offizier von diesem störenden Rad überrascht, drohte er ihm mit der
+Faust, breitete dann, sich entschuldigend, zum Reisenden hin die Arme
+aus und kletterte eilig hinunter, um den Gang des Apparates von unten zu
+beobachten. Noch war etwas nicht in Ordnung, das nur er merkte; er
+kletterte wieder hinauf, griff mit beiden Händen in das Innere des
+Zeichners, glitt dann, um rascher hinunterzukommen, statt die Leiter zu
+benutzen, an der einen Stange hinunter und schrie nun, um sich im Lärm
+verständlich zu machen, mit äusserster Anspannung dem Reisenden ins Ohr:
+»Begreifen Sie den Vorgang? Die Egge fängt zu schreiben an; ist sie mit
+der ersten Anlage der Schrift auf dem Rücken des Mannes fertig, rollt
+die Watteschicht und wälzt den Körper langsam auf die Seite, um der Egge
+neuen Raum zu bieten. Inzwischen legen sich die wundbeschriebenen
+Stellen auf die Watte, welche infolge der besonderen Präparierung sofort
+die Blutung stillt und zu neuer Vertiefung der Schrift vorbereitet. Hier
+die Zacken am Rande der Egge reissen dann beim weiteren Umwälzen des
+Körpers die Watte von den Wunden, schleudern sie in die Grube, und die
+Egge hat wieder Arbeit. So schreibt sie immer tiefer die zwölf Stunden
+lang. Die ersten sechs Stunden lebt der Verurteilte fast wie früher, er
+leidet nur Schmerzen. Nach zwei Stunden wird der Filz entfernt, denn
+der Mann hat keine Kraft zum Schreien mehr. Hier in diesen elektrisch
+geheizten Napf am Kopfende wird warmer Reisbrei gelegt, aus dem der
+Mann, wenn er Lust hat, nehmen kann, was er mit der Zunge erhascht.
+Keiner versäumt die Gelegenheit. Ich weiss keinen, und meine Erfahrung
+ist gross. Erst um die sechste Stunde verliert er das Vergnügen am
+Essen. Ich knie dann gewöhnlich hier nieder und beobachte diese
+Erscheinung. Der Mann schluckt den letzten Bissen selten, er dreht ihn
+nur im Mund und speit ihn in die Grube. Ich muss mich dann bücken, sonst
+fährt es mir ins Gesicht. Wie still wird dann aber der Mann um die
+sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt
+es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen
+könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja nichts weiter,
+der Mann fängt bloss an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund,
+als horche er. Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit
+den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen
+Wunden. Es ist allerdings viel Arbeit; er braucht sechs Stunden zu ihrer
+Vollendung. Dann aber spiesst ihn die Egge vollständig auf und wirft ihn
+in die Grube, wo er auf das Blutwasser und die Watte niederklatscht.
+Dann ist das Gericht zu Ende, und wir, ich und der Soldat, scharren ihn
+ein.«
+
+Der Reisende hatte das Ohr zum Offizier geneigt und sah, die Hände in
+den Rocktaschen, der Arbeit der Maschine zu. Auch der Verurteilte sah
+ihr zu, aber ohne Verständnis. Er bückte sich ein wenig und verfolgte
+die schwankenden Nadeln, als ihm der Soldat, auf ein Zeichen des
+Offiziers, mit einem Messer hinten Hemd und Hose durchschnitt, so dass
+sie von dem Verurteilten abfielen; er wollte nach dem fallenden Zeug
+greifen, um seine Blösse zu bedecken, aber der Soldat hob ihn in die
+Höhe und schüttelte die letzten Fetzen von ihm ab. Der Offizier stellte
+die Maschine ein, und in der jetzt eintretenden Stille wurde der
+Verurteilte unter die Egge gelegt. Die Ketten wurden gelöst, und statt
+dessen die Riemen befestigt; es schien für den Verurteilten im ersten
+Augenblick fast eine Erleichterung zu bedeuten. Und nun senkte sich die
+Egge noch ein Stück tiefer, denn es war ein magerer Mann. Als ihn die
+Spitzen berührten, ging ein Schauer über seine Haut; er streckte,
+während der Soldat mit seiner rechten Hand beschäftigt war, die linke
+aus, ohne zu wissen wohin; es war aber die Richtung, wo der Reisende
+stand. Der Offizier sah ununterbrochen den Reisenden von der Seite an,
+als suche er von seinem Gesicht den Eindruck abzulesen, den die
+Exekution, die er ihm nun wenigstens oberflächlich erklärt hatte, auf
+ihn mache.
+
+Der Riemen, der für das Handgelenk bestimmt war, riss; wahrscheinlich
+hatte ihn der Soldat zu stark angezogen. Der Offizier sollte helfen, der
+Soldat zeigte ihm das abgerissene Riemenstück. Der Offizier ging auch zu
+ihm hinüber und sagte, das Gesicht dem Reisenden zugewendet: »Die
+Maschine ist sehr zusammengesetzt, es muss hie und da etwas reissen oder
+brechen; dadurch darf man sich aber im Gesamturteil nicht beirren
+lassen. Für den Riemen ist übrigens sofort Ersatz geschafft; ich werde
+eine Kette verwenden; die Zartheit der Schwingung wird dadurch für den
+rechten Arm allerdings beeinträchtigt.« Und während er die Ketten
+anlegte, sagte er noch: »Die Mittel zur Erhaltung der Maschine sind
+jetzt sehr eingeschränkt. Unter dem früheren Kommandanten war eine mir
+frei zugängliche Kassa nur für diesen Zweck bestimmt. Es gab hier ein
+Magazin, in dem alle möglichen Ersatzstücke aufbewahrt wurden. Ich
+gestehe, ich trieb damit fast Verschwendung, ich meine früher, nicht
+jetzt, wie der neue Kommandant behauptet, dem alles nur zum Vorwand
+dient, alte Einrichtungen zu bekämpfen. Jetzt hat er die Maschinenkassa
+in eigener Verwaltung, und schicke ich um einen neuen Riemen, wird der
+zerrissene als Beweisstück verlangt, der neue kommt erst in zehn Tagen,
+ist dann aber von schlechterer Sorte und taugt nicht viel. Wie ich aber
+in der Zwischenzeit ohne Riemen die Maschine betreiben soll, darum
+kümmert sich niemand.«
+
+Der Reisende überlegte: Es ist immer bedenklich, in fremde Verhältnisse
+entscheidend einzugreifen. Er war weder Bürger der Strafkolonie, noch
+Bürger des Staates, dem sie angehörte. Wenn er diese Exekution
+verurteilen oder gar hintertreiben wollte, konnte man ihm sagen: Du bist
+ein Fremder, sei still. Darauf hätte er nichts erwidern, sondern nur
+hinzufügen können, dass er sich in diesem Falle selbst nicht begreife,
+denn er reise nur mit der Absicht zu sehen und keineswegs etwa, um
+fremde Gerichtsverfassungen zu ändern. Nun lagen aber hier die Dinge
+allerdings sehr verführerisch. Die Ungerechtigkeit des Verfahrens und
+die Unmenschlichkeit der Exekution war zweifellos. Niemand konnte
+irgendeine Eigennützigkeit des Reisenden annehmen, denn der Verurteilte
+war ihm fremd, kein Landsmann und ein zum Mitleid gar nicht
+auffordernder Mensch. Der Reisende selbst hatte Empfehlungen hoher
+Ämter, war hier mit grosser Höflichkeit empfangen worden, und dass er zu
+dieser Exekution eingeladen worden war, schien sogar darauf
+hinzudeuten, dass man sein Urteil über dieses Gericht verlangte. Dies
+war aber um so wahrscheinlicher, als der Kommandant, wie er jetzt
+überdeutlich gehört hatte, kein Anhänger dieses Verfahrens war und sich
+gegenüber dem Offizier fast feindselig verhielt.
+
+Da hörte der Reisende einen Wutschrei des Offiziers. Er hatte gerade,
+nicht ohne Mühe, dem Verurteilten den Filzstumpf in den Mund geschoben,
+als der Verurteilte in einem unwiderstehlichen Brechreiz die Augen
+schloss und sich erbrach. Eilig riss ihn der Offizier vom Stumpf in die
+Höhe und wollte den Kopf zur Grube hindrehen; aber es war zu spät, der
+Unrat floss schon an der Maschine hinab. »Alles Schuld des
+Kommandanten!« schrie der Offizier und rüttelte besinnungslos vorn an
+den Messingstangen, »die Maschine wird mir verunreinigt wie ein Stall.«
+Er zeigte mit zitternden Händen dem Reisenden, was geschehen war. »Habe
+ich nicht stundenlang dem Kommandanten begreiflich zu machen gesucht,
+dass einen Tag vor der Exekution kein Essen mehr verabfolgt werden
+soll. Aber die neue milde Richtung ist anderer Meinung. Die Damen des
+Kommandanten stopfen dem Mann, ehe er abgeführt wird, den Hals mit
+Zuckersachen voll. Sein ganzes Leben hat er sich von stinkenden Fischen
+genährt und muss jetzt Zuckersachen essen! Aber es wäre ja möglich, ich
+würde nichts einwenden, aber warum schafft man nicht einen neuen Filz
+an, wie ich ihn seit einem Vierteljahr erbitte. Wie kann man ohne Ekel
+diesen Filz in den Mund nehmen, an dem mehr als hundert Männer im
+Sterben gesaugt und gebissen haben?«
+
+Der Verurteilte hatte den Kopf niedergelegt und sah friedlich aus, der
+Soldat war damit beschäftigt, mit dem Hemd des Verurteilten die Maschine
+zu putzen. Der Offizier ging zum Reisenden, der in irgendeiner Ahnung
+einen Schritt zurücktrat, aber der Offizier fasste ihn bei der Hand und
+zog ihn zur Seite. »Ich will einige Worte im Vertrauen mit Ihnen
+sprechen,« sagte er, »ich darf das doch?« »Gewiss,« sagte der Reisende
+und hörte mit gesenkten Augen zu.
+
+»Dieses Verfahren und diese Hinrichtung, die Sie jetzt zu bewundern
+Gelegenheit haben, hat gegenwärtig in unserer Kolonie keinen offenen
+Anhänger mehr. Ich bin ihr einziger Vertreter, gleichzeitig der einzige
+Vertreter des Erbes des alten Kommandanten. An einen weiteren Ausbau des
+Verfahrens kann ich nicht mehr denken, ich verbrauche alle meine Kräfte,
+um zu erhalten, was vorhanden ist. Als der alte Kommandant lebte, war
+die Kolonie von seinen Anhängern voll; die Überzeugungskraft des alten
+Kommandanten habe ich zum Teil, aber seine Macht fehlt mir ganz;
+infolgedessen haben sich die Anhänger verkrochen, es gibt noch viele,
+aber keiner gesteht es ein. Wenn Sie heute, also an einem
+Hinrichtungstag, ins Teehaus gehen und herumhorchen, werden Sie
+vielleicht nur zweideutige Äusserungen hören. Das sind lauter Anhänger,
+aber unter dem gegenwärtigen Kommandanten und bei seinen gegenwärtigen
+Anschauungen für mich ganz unbrauchbar. Und nun frage ich Sie: Soll
+wegen dieses Kommandanten und seiner Frauen, die ihn beeinflussen, ein
+solches Lebenswerk« -- er zeigte auf die Maschine -- »zugrunde gehen?
+Darf man das zulassen? Selbst wenn man nur als Fremder ein paar Tage auf
+unserer Insel ist? Es ist aber keine Zeit zu verlieren, man bereitet
+etwas gegen meine Gerichtsbarkeit vor; es finden schon Beratungen in der
+Kommandatur statt, zu denen ich nicht zugezogen werde; sogar Ihr
+heutiger Besuch scheint mir für die ganze Lage bezeichnend; man ist feig
+und schickt Sie, einen Fremden, vor. -- Wie war die Exekution anders in
+früherer Zeit! Schon einen Tag vor der Hinrichtung war das ganze Tal von
+Menschen überfüllt; alle kamen nur um zu sehen; früh am Morgen erschien
+der Kommandant mit seinen Damen; Fanfaren weckten den ganzen Lagerplatz;
+ich erstattete die Meldung, dass alles vorbereitet sei; die Gesellschaft
+-- kein hoher Beamte durfte fehlen -- ordnete sich um die Maschine;
+dieser Haufen Rohrsessel ist ein armseliges Überbleibsel aus jener Zeit.
+Die Maschine glänzte frisch geputzt, fast zu jeder Exekution nahm ich
+neue Ersatzstücke. Vor hunderten Augen -- alle Zuschauer standen auf
+den Fussspitzen bis dort zu den Anhöhen -- wurde der Verurteilte vom
+Kommandanten selbst unter die Egge gelegt. Was heute ein gemeiner Soldat
+tun darf, war damals meine, des Gerichtspräsidenten, Arbeit und ehrte
+mich. Und nun begann die Exekution! Kein Misston störte die Arbeit der
+Maschine. Manche sahen nun gar nicht mehr zu, sondern lagen mit
+geschlossenen Augen im Sand; alle wussten: Jetzt geschieht
+Gerechtigkeit. In der Stille hörte man nur das Seufzen des Verurteilten,
+gedämpft durch den Filz. Heute gelingt es der Maschine nicht mehr, dem
+Verurteilten ein stärkeres Seufzen auszupressen, als der Filz noch
+ersticken kann; damals aber tropften die schreibenden Nadeln eine
+beizende Flüssigkeit aus, die heute nicht mehr verwendet werden darf.
+Nun, und dann kam die sechste Stunde! Es war unmöglich, allen die Bitte,
+aus der Nähe zuschauen zu dürfen, zu gewähren. Der Kommandant in seiner
+Einsicht ordnete an, dass vor allem die Kinder berücksichtigt werden
+sollten; ich allerdings durfte kraft meines Berufes immer dabeistehen;
+oft hockte ich dort, zwei kleine Kinder rechts und links in meinen
+Armen. Wie nahmen wir alle den Ausdruck der Verklärung von dem
+gemarterten Gesicht, wie hielten wir unsere Wangen in den Schein dieser
+endlich erreichten und schon vergehenden Gerechtigkeit! Was für Zeiten,
+mein Kamerad!« Der Offizier hatte offenbar vergessen, wer vor ihm stand;
+er hatte den Reisenden umarmt und den Kopf auf seine Schulter gelegt.
+Der Reisende war in grosser Verlegenheit, ungeduldig sah er über den
+Offizier hinweg. Der Soldat hatte die Reinigungsarbeit beendet und jetzt
+noch aus einer Büchse Reisbrei in den Napf geschüttet. Kaum merkte dies
+der Verurteilte, der sich schon vollständig erholt zu haben schien, als
+er mit der Zunge nach dem Brei zu schnappen begann. Der Soldat stiess
+ihn immer wieder weg, denn der Brei war wohl für eine spätere Zeit
+bestimmt, aber ungehörig war es jedenfalls auch, dass der Soldat mit
+seinen schmutzigen Händen hineingriff und vor dem gierigen Verurteilten
+davon ass.
+
+Der Offizier fasste sich schnell. »Ich wollte Sie nicht etwa rühren,«
+sagte er, »ich weiss, es ist unmöglich, jene Zeiten heute begreiflich zu
+machen. Im übrigen arbeitet die Maschine noch und wirkt für sich. Sie
+wirkt für sich, auch wenn sie allein in diesem Tale steht. Und die
+Leiche fällt zum Schluss noch immer in dem unbegreiflich sanften Flug in
+die Grube, auch wenn nicht, wie damals, Hunderte wie Fliegen um die
+Grube sich versammeln. Damals mussten wir ein starkes Geländer um die
+Grube anbringen, es ist längst weggerissen.«
+
+Der Reisende wollte sein Gesicht dem Offizier entziehen und blickte
+ziellos herum. Der Offizier glaubte, er betrachte die Öde des Tales; er
+ergriff deshalb seine Hände, drehte sich um ihn, um seine Blicke zu
+fassen, und fragte: »Merken Sie die Schande?«
+
+Aber der Reisende schwieg. Der Offizier liess für ein Weilchen von ihm
+ab; mit auseinandergestellten Beinen, die Hände in den Hüften, stand er
+still und blickte zu Boden. Dann lächelte er dem Reisenden aufmunternd
+zu und sagte: »Ich war gestern in Ihrer Nähe, als der Kommandant Sie
+einlud. Ich hörte die Einladung. Ich kenne den Kommandanten. Ich
+verstand sofort, was er mit der Einladung bezweckte. Trotzdem seine
+Macht gross genug wäre, um gegen mich einzuschreiten, wagt er es noch
+nicht, wohl aber will er mich Ihrem, dem Urteil eines angesehenen
+Fremden aussetzen. Seine Berechnung ist sorgfältig; Sie sind den zweiten
+Tag auf der Insel, Sie kannten den alten Kommandanten und seinen
+Gedankenkreis nicht, Sie sind in europäischen Anschauungen befangen,
+vielleicht sind Sie ein grundsätzlicher Gegner der Todesstrafe im
+allgemeinen und einer derartigen maschinellen Hinrichtungsart im
+besonderen, Sie sehen überdies, wie die Hinrichtung ohne öffentliche
+Anteilnahme, traurig, auf einer bereits etwas beschädigten Maschine vor
+sich geht -- wäre es nun, alles dieses zusammengenommen (so denkt der
+Kommandant), nicht sehr leicht möglich, dass Sie mein Verfahren nicht
+für richtig halten? Und wenn Sie es nicht für richtig halten, werden
+Sie dies (ich rede noch immer im Sinne des Kommandanten) nicht
+verschweigen, denn Sie vertrauen doch gewiss Ihren vielerprobten
+Überzeugungen. Sie haben allerdings viele Eigentümlichkeiten vieler
+Völker gesehen und achten gelernt, Sie werden daher wahrscheinlich sich
+nicht mit ganzer Kraft, wie Sie es vielleicht in Ihrer Heimat tun
+würden, gegen das Verfahren aussprechen. Aber dessen bedarf der
+Kommandant gar nicht. Ein flüchtiges, ein bloss unvorsichtiges Wort
+genügt. Es muss gar nicht Ihrer Überzeugung entsprechen, wenn es nur
+scheinbar seinem Wunsche entgegenkommt. Dass er Sie mit aller Schlauheit
+ausfragen wird, dessen bin ich gewiss. Und seine Damen werden im Kreis
+herumsitzen und die Ohren spitzen; Sie werden etwa sagen: ›Bei uns ist
+das Gerichtsverfahren ein anderes‹, oder ›Bei uns wird der Angeklagte
+vor dem Urteil verhört‹, oder ›Bei uns erfährt der Verurteilte das
+Urteil‹, oder ›Bei uns gibt es auch andere Strafen als Todesstrafen‹,
+oder ›Bei uns gab es Folterungen nur im Mittelalter‹. Das alles sind
+Bemerkungen, die ebenso richtig sind, als sie Ihnen selbstverständlich
+erscheinen, unschuldige Bemerkungen, die mein Verfahren nicht antasten.
+Aber wie wird sie der Kommandant aufnehmen? Ich sehe ihn, den guten
+Kommandanten, wie er sofort den Stuhl beiseite schiebt und auf den
+Balkon eilt, ich sehe seine Damen, wie sie ihm nachströmen, ich höre
+seine Stimme -- die Damen nennen sie eine Donnerstimme --, nun, und er
+spricht: ›Ein grosser Forscher des Abendlandes, dazu bestimmt, das
+Gerichtsverfahren in allen Ländern zu überprüfen, hat eben gesagt, dass
+unser Verfahren nach altem Brauch ein unmenschliches ist. Nach diesem
+Urteil einer solchen Persönlichkeit ist es mir natürlich nicht mehr
+möglich, dieses Verfahren zu dulden. Mit dem heutigen Tage also ordne
+ich an -- usw.‹ Sie wollen eingreifen, Sie haben nicht das gesagt, was
+er verkündet, Sie haben mein Verfahren nicht unmenschlich genannt, im
+Gegenteil, Ihrer tiefen Einsicht entsprechend halten Sie es für das
+menschlichste und menschenwürdigste, Sie bewundern auch diese
+Maschinerie -- aber es ist zu spät; Sie kommen gar nicht auf den Balkon,
+der schon voll Damen ist; Sie wollen sich bemerkbar machen; Sie wollen
+schreien; aber eine Damenhand hält Ihnen den Mund zu -- und ich und das
+Werk des alten Kommandanten sind verloren.«
+
+Der Reisende musste ein Lächeln unterdrücken; so leicht war also die
+Aufgabe, die er für so schwer gehalten hatte. Er sagte ausweichend: »Sie
+überschätzen meinen Einfluss; der Kommandant hat mein Empfehlungsschreiben
+gelesen, er weiss, dass ich kein Kenner der gerichtlichen Verfahren bin.
+Wenn ich eine Meinung aussprechen würde, so wäre es die Meinung eines
+Privatmannes, um nichts bedeutender als die Meinung eines beliebigen
+anderen, und jedenfalls viel bedeutungsloser als die Meinung des
+Kommandanten, der in dieser Strafkolonie, wie ich zu wissen glaube, sehr
+ausgedehnte Rechte hat. Ist seine Meinung über dieses Verfahren eine so
+bestimmte, wie Sie glauben, dann, fürchte ich, ist allerdings das Ende
+dieses Verfahrens gekommen, ohne dass es meiner bescheidenen Mithilfe
+bedürfte.«
+
+Begriff es schon der Offizier? Nein, er begriff noch nicht. Er
+schüttelte lebhaft den Kopf, sah kurz nach dem Verurteilten und dem
+Soldaten zurück, die zusammenzuckten und vom Reis abliessen, ging ganz
+nahe an den Reisenden heran, blickte ihm nicht ins Gesicht, sondern
+irgendwohin auf seinen Rock und sagte leiser als früher: »Sie kennen den
+Kommandanten nicht; Sie stehen ihm und uns allen -- verzeihen Sie den
+Ausdruck -- gewissermassen harmlos gegenüber; Ihr Einfluss, glauben Sie
+mir, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ich war ja glückselig,
+als ich hörte, dass Sie allein der Exekution beiwohnen sollten. Diese
+Anordnung des Kommandanten sollte mich treffen, nun aber wende ich sie
+zu meinen Gunsten. Unabgelenkt von falschen Einflüsterungen und
+verächtlichen Blicken -- wie sie bei grösserer Teilnahme an der
+Exekution nicht hätten vermieden werden können -- haben Sie meine
+Erklärungen angehört, die Maschine gesehen und sind nun im Begriffe,
+die Exekution zu besichtigen. Ihr Urteil steht gewiss schon fest;
+sollten noch kleine Unsicherheiten bestehen, so wird sie der Anblick der
+Exekution beseitigen. Und nun stelle ich an Sie die Bitte: helfen Sie
+mir gegenüber dem Kommandanten!«
+
+Der Reisende liess ihn nicht weiter reden. »Wie könnte ich denn das,«
+rief er aus, »das ist ganz unmöglich. Ich kann Ihnen ebensowenig nützen
+als ich Ihnen schaden kann.«
+
+»Sie können es,« sagte der Offizier. Mit einiger Befürchtung sah der
+Reisende, dass der Offizier die Fäuste ballte. »Sie können es,«
+wiederholte der Offizier noch dringender. »Ich habe einen Plan, der
+gelingen muss. Sie glauben, Ihr Einfluss genüge nicht. Ich weiss, dass
+er genügt. Aber zugestanden, dass Sie recht haben, ist es denn nicht
+notwendig, zur Erhaltung dieses Verfahrens alles, selbst das
+möglicherweise Unzureichende zu versuchen? Hören Sie also meinen Plan.
+Zu seiner Ausführung ist es vor allem nötig, dass Sie heute in der
+Kolonie mit Ihrem Urteil über das Verfahren möglichst zurückhalten.
+Wenn man Sie nicht geradezu fragt, dürfen Sie sich keinesfalls äussern;
+Ihre Äusserungen aber müssen kurz und unbestimmt sein; man soll merken,
+dass es Ihnen schwer wird, darüber zu sprechen, dass Sie verbittert
+sind, dass Sie, falls Sie offen reden sollten, geradezu in
+Verwünschungen ausbrechen müssten. Ich verlange nicht, dass Sie lügen
+sollen; keineswegs; Sie sollen nur kurz antworten, etwa: ›Ja, ich habe
+die Exekution gesehen,‹ oder ›Ja, ich habe alle Erklärungen gehört.‹ Nur
+das, nichts weiter. Für die Verbitterung, die man Ihnen anmerken soll,
+ist ja genügend Anlass, wenn auch nicht im Sinne des Kommandanten. Er
+natürlich wird es vollständig missverstehen und in seinem Sinne deuten.
+Darauf gründet sich mein Plan. Morgen findet in der Kommandatur unter
+dem Vorsitz des Kommandanten eine grosse Sitzung aller höheren
+Verwaltungsbeamten statt. Der Kommandant hat es natürlich verstanden,
+aus solchen Sitzungen eine Schaustellung zu machen. Es wurde eine
+Galerie gebaut, die mit Zuschauern immer besetzt ist. Ich bin gezwungen
+an den Beratungen teilzunehmen, aber der Widerwille schüttelt mich. Nun
+werden Sie gewiss auf jeden Fall zu der Sitzung eingeladen werden; wenn
+Sie sich heute meinem Plane gemäss verhalten, wird die Einladung zu
+einer dringenden Bitte werden. Sollten Sie aber aus irgendeinem
+unerfindlichen Grunde doch nicht eingeladen werden, so müssten Sie
+allerdings die Einladung verlangen; dass Sie sie dann erhalten, ist
+zweifellos. Nun sitzen Sie also morgen mit den Damen in der Loge des
+Kommandanten. Er versichert sich öfters durch Blicke nach oben, dass Sie
+da sind. Nach verschiedenen gleichgültigen, lächerlichen, nur für die
+Zuhörer berechneten Verhandlungsgegenständen -- meistens sind es
+Hafenbauten, immer wieder Hafenbauten! -- kommt auch das
+Gerichtsverfahren zur Sprache. Sollte es von seiten des Kommandanten
+nicht oder nicht bald genug geschehen, so werde ich dafür sorgen, dass
+es geschieht. Ich werde aufstehen und die Meldung von der heutigen
+Exekution erstatten. Ganz kurz, nur diese Meldung. Eine solche Meldung
+ist zwar dort nicht üblich, aber ich tue es doch. Der Kommandant dankt
+mir, wie immer, mit freundlichem Lächeln und nun, er kann sich nicht
+zurückhalten, erfasst er die gute Gelegenheit. ›Es wurde eben,‹ so oder
+ähnlich wird er sprechen, ›die Meldung von der Exekution erstattet. Ich
+möchte dieser Meldung nur hinzufügen, dass gerade dieser Exekution der
+grosse Forscher beigewohnt hat, von dessen unsere Kolonie so
+ausserordentlich ehrendem Besuch Sie alle wissen. Auch unsere heutige
+Sitzung ist durch seine Anwesenheit in ihrer Bedeutung erhöht. Wollen
+wir nun nicht an diesen grossen Forscher die Frage richten, wie er die
+Exekution nach altem Brauch und das Verfahren, das ihr vorhergeht,
+beurteilt?‹ Natürlich überall Beifallklatschen, allgemeine Zustimmung,
+ich bin der lauteste. Der Kommandant verbeugt sich vor Ihnen und sagt:
+›Dann stelle ich im Namen aller die Frage.‹ Und nun treten Sie an die
+Brüstung. Legen Sie die Hände für alle sichtbar hin, sonst fassen sie
+die Damen und spielen mit den Fingern. -- Und jetzt kommt endlich Ihr
+Wort. Ich weiss nicht, wie ich die Spannung der Stunden bis dahin
+ertragen werde. In Ihrer Rede müssen Sie sich keine Schranken setzen,
+machen Sie mit der Wahrheit Lärm, beugen Sie sich über die Brüstung,
+brüllen Sie, aber ja, brüllen Sie dem Kommandanten Ihre Meinung, Ihre
+unerschütterliche Meinung zu. Aber vielleicht wollen Sie das nicht, es
+entspricht nicht Ihrem Charakter, in Ihrer Heimat verhält man sich
+vielleicht in solchen Lagen anders, auch das ist richtig, auch das
+genügt vollkommen, stehen Sie gar nicht auf, sagen Sie nur ein paar
+Worte, flüstern Sie sie, dass sie gerade noch die Beamten unter Ihnen
+hören, es genügt, Sie müssen gar nicht selbst von der mangelnden
+Teilnahme an der Exekution, von dem kreischenden Rad, dem zerrissenen
+Riemen, dem widerlichen Filz reden, nein, alles weitere übernehme ich,
+und glauben Sie, wenn meine Rede ihn nicht aus dem Saale jagt, so wird
+sie ihn auf die Knie zwingen, dass er bekennen muss: Alter Kommandant,
+vor dir beuge ich mich. -- Das ist mein Plan; wollen Sie mir zu seiner
+Ausführung helfen? Aber natürlich wollen Sie, mehr als das, Sie
+müssen.« Und der Offizier fasste den Reisenden an beiden Armen und sah
+ihm schweratmend ins Gesicht. Die letzten Sätze hatte er so geschrien,
+dass selbst der Soldat und der Verurteilte aufmerksam geworden waren;
+trotzdem sie nichts verstehen konnten, hielten sie doch im Essen inne
+und sahen kauend zum Reisenden hinüber.
+
+Die Antwort, die er zu geben hatte, war für den Reisenden von allem
+Anfang an zweifellos; er hatte in seinem Leben zu viel erfahren, als
+dass er hier hätte schwanken können; er war im Grunde ehrlich und hatte
+keine Furcht. Trotzdem zögerte er jetzt im Anblick des Soldaten und des
+Verurteilten einen Atemzug lang. Schliesslich aber sagte er, wie er
+musste: »Nein.« Der Offizier blinzelte mehrmals mit den Augen, liess
+aber keinen Blick von ihm. »Wollen Sie eine Erklärung?« fragte der
+Reisende. Der Offizier nickte stumm. »Ich bin ein Gegner dieses
+Verfahrens,« sagte nun der Reisende, »noch ehe Sie mich ins Vertrauen
+zogen -- dieses Vertrauen werde ich natürlich unter keinen Umständen
+missbrauchen -- habe ich schon überlegt, ob ich berechtigt wäre, gegen
+dieses Verfahren einzuschreiten und ob mein Einschreiten auch nur eine
+kleine Aussicht auf Erfolg haben könnte. An wen ich mich dabei zuerst
+wenden müsste, war mir klar: an den Kommandanten natürlich. Sie haben es
+mir noch klarer gemacht, ohne aber etwa meinen Entschluss erst befestigt
+zu haben, im Gegenteil, Ihre ehrliche Überzeugung geht mir nahe, wenn
+sie mich auch nicht beirren kann.«
+
+Der Offizier blieb stumm, wendete sich der Maschine zu, fasste eine der
+Messingstangen und sah dann, ein wenig zurückgebeugt, zum Zeichner
+hinauf, als prüfe er, ob alles in Ordnung sei. Der Soldat und der
+Verurteilte schienen sich miteinander befreundet zu haben; der
+Verurteilte machte, so schwierig dies bei der festen Einschnallung
+durchzuführen war, dem Soldaten Zeichen; der Soldat beugte sich zu ihm;
+der Verurteilte flüsterte ihm etwas zu, und der Soldat nickte.
+
+Der Reisende ging dem Offizier nach und sagte: »Sie wissen noch nicht,
+was ich tun will. Ich werde meine Ansicht über das Verfahren dem
+Kommandanten zwar sagen, aber nicht in einer Sitzung, sondern unter vier
+Augen; ich werde auch nicht so lange hier bleiben, dass ich irgendeiner
+Sitzung beigezogen werden könnte; ich fahre schon morgen früh weg oder
+schiffe mich wenigstens ein.«
+
+Es sah nicht aus, als ob der Offizier zugehört hätte. »Das Verfahren hat
+Sie also nicht überzeugt,« sagte er für sich und lächelte, wie ein Alter
+über den Unsinn eines Kindes lächelt und hinter dem Lächeln sein eigenes
+wirkliches Nachdenken behält.
+
+»Dann ist es also Zeit,« sagte er schliesslich und blickte plötzlich mit
+hellen Augen, die irgendeine Aufforderung, irgendeinen Aufruf zur
+Beteiligung enthielten, den Reisenden an.
+
+»Wozu ist es Zeit?« fragte der Reisende unruhig, bekam aber keine
+Antwort.
+
+»Du bist frei,« sagte der Offizier zum Verurteilten in dessen Sprache.
+Dieser glaubte es zuerst nicht. »Nun, frei bist du,« sagte der
+Offizier. Zum erstenmal bekam das Gesicht des Verurteilten wirkliches
+Leben. War es Wahrheit? War es nur eine Laune des Offiziers, die
+vorübergehen konnte? Hatte der fremde Reisende ihm Gnade erwirkt? Was
+war es? So schien sein Gesicht zu fragen. Aber nicht lange. Was immer es
+sein mochte, er wollte, wenn er durfte, wirklich frei sein und er begann
+sich zu rütteln, soweit es die Egge erlaubte.
+
+»Du zerreisst mir die Riemen,« schrie der Offizier, »sei ruhig! Wir
+öffnen sie schon.« Und er machte sich mit dem Soldaten, dem er ein
+Zeichen gab, an die Arbeit. Der Verurteilte lachte ohne Worte leise vor
+sich hin, bald wendete er das Gesicht links zum Offizier, bald rechts
+zum Soldaten, auch den Reisenden vergass er nicht.
+
+»Zieh ihn heraus,« befahl der Offizier dem Soldaten. Es musste hiebei
+wegen der Egge einige Vorsicht angewendet werden. Der Verurteilte hatte
+schon infolge seiner Ungeduld einige kleine Risswunden auf dem Rücken.
+
+Von jetzt ab kümmerte sich aber der Offizier kaum mehr um ihn. Er ging
+auf den Reisenden zu, zog wieder die kleine Ledermappe hervor, blätterte
+in ihr, fand schliesslich das Blatt, das er suchte, und zeigte es dem
+Reisenden. »Lesen Sie,« sagte er. »Ich kann nicht,« sagte der Reisende,
+»ich sagte schon, ich kann diese Blätter nicht lesen.« »Sehen Sie das
+Blatt doch genau an,« sagte der Offizier und trat neben den Reisenden,
+um mit ihm zu lesen. Als auch das nichts half, fuhr er mit dem kleinen
+Finger in grosser Höhe, als dürfe das Blatt auf keinen Fall berührt
+werden, über das Papier hin, um auf diese Weise dem Reisenden das Lesen
+zu erleichtern. Der Reisende gab sich auch Mühe, um wenigstens darin dem
+Offizier gefällig sein zu können, aber es war ihm unmöglich. Nun begann
+der Offizier die Aufschrift zu buchstabieren und dann las er sie noch
+einmal im Zusammenhang. »›Sei gerecht!‹ -- heisst es,« sagte er, »jetzt
+können Sie es doch lesen.« Der Reisende beugte sich so tief über das
+Papier, dass der Offizier aus Angst vor einer Berührung es weiter
+entfernte; nun sagte der Reisende zwar nichts mehr, aber es war klar,
+dass er es noch immer nicht hatte lesen können. »›Sei gerecht!‹ --
+heisst es,« sagte der Offizier nochmals. »Mag sein,« sagte der Reisende,
+»ich glaube es, dass es dort steht.« »Nun gut,« sagte der Offizier,
+wenigstens teilweise befriedigt, und stieg mit dem Blatt auf die Leiter;
+er bettete das Blatt mit grosser Vorsicht im Zeichner und ordnete das
+Räderwerk scheinbar gänzlich um; es war eine sehr mühselige Arbeit, es
+musste sich auch um ganz kleine Räder handeln, manchmal verschwand der
+Kopf des Offiziers völlig im Zeichner, so genau musste er das Räderwerk
+untersuchen.
+
+Der Reisende verfolgte von unten diese Arbeit ununterbrochen, der Hals
+wurde ihm steif, und die Augen schmerzten ihn von dem mit Sonnenlicht
+überschütteten Himmel. Der Soldat und der Verurteilte waren nur
+miteinander beschäftigt. Das Hemd und die Hose des Verurteilten, die
+schon in der Grube lagen, wurden vom Soldaten mit der Bajonettspitze
+herausgezogen. Das Hemd war entsetzlich schmutzig, und der Verurteilte
+wusch es in dem Wasserkübel. Als er dann Hemd und Hose anzog, musste der
+Soldat wie der Verurteilte laut lachen, denn die Kleidungsstücke waren
+doch hinten entzweigeschnitten. Vielleicht glaubte der Verurteilte
+verpflichtet zu sein, den Soldaten zu unterhalten, er drehte sich in der
+zerschnittenen Kleidung im Kreise vor dem Soldaten, der auf dem Boden
+hockte und lachend auf seine Knie schlug. Immerhin bezwangen sie sich
+noch mit Rücksicht auf die Anwesenheit der Herren.
+
+Als der Offizier oben endlich fertiggeworden war, überblickte er noch
+einmal lächelnd das Ganze in allen seinen Teilen, schlug diesmal den
+Deckel des Zeichners zu, der bisher offen gewesen war, stieg hinunter,
+sah in die Grube und dann auf den Verurteilten, merkte befriedigt, dass
+dieser seine Kleidung herausgenommen hatte, ging dann zu dem
+Wasserkübel, um die Hände zu waschen, erkannte zu spät den widerlichen
+Schmutz, war traurig darüber, dass er nun die Hände nicht waschen
+konnte, tauchte sie schliesslich -- dieser Ersatz genügte ihm nicht,
+aber er musste sich fügen -- in den Sand, stand dann auf und begann
+seinen Uniformrock aufzuknöpfen. Hiebei fielen ihm zunächst die zwei
+Damentaschentücher, die er hinter den Kragen gezwängt hatte, in die
+Hände. »Hier hast du deine Taschentücher,« sagte er und warf sie dem
+Verurteilten zu. Und zum Reisenden sagte er erklärend: »Geschenke der
+Damen.«
+
+Trotz der offenbaren Eile, mit der er den Uniformrock auszog und sich
+dann vollständig entkleidete, behandelte er doch jedes Kleidungsstück
+sehr sorgfältig, über die Silberschnüre an seinem Waffenrock strich er
+sogar eigens mit den Fingern hin und schüttelte eine Troddel zurecht.
+Wenig passte es allerdings zu dieser Sorgfalt, dass er, sobald er mit
+der Behandlung eines Stückes fertig war, es dann sofort mit einem
+unwilligen Ruck in die Grube warf. Das letzte, was ihm übrig blieb, war
+sein kurzer Degen mit dem Tragriemen. Er zog den Degen aus der Scheide,
+zerbrach ihn, fasste dann alles zusammen, die Degenstücke, die Scheide
+und den Riemen und warf es so heftig weg, dass es unten in der Grube
+aneinander klang.
+
+Nun stand er nackt da. Der Reisende biss sich auf die Lippen und sagte
+nichts. Er wusste zwar, was geschehen würde, aber er hatte kein Recht,
+den Offizier an irgend etwas zu hindern. War das Gerichtsverfahren, an
+dem der Offizier hing, wirklich so nahe daran behoben zu werden --
+möglicherweise infolge des Einschreitens des Reisenden, zu dem sich
+dieser seinerseits verpflichtet fühlte -- dann handelte jetzt der
+Offizier vollständig richtig; der Reisende hätte an seiner Stelle nicht
+anders gehandelt.
+
+Der Soldat und der Verurteilte verstanden zuerst nichts, sie sahen
+anfangs nicht einmal zu. Der Verurteilte war sehr erfreut darüber, die
+Taschentücher zurückerhalten zu haben, aber er durfte sich nicht lange
+an ihnen freuen, denn der Soldat nahm sie ihm mit einem raschen, nicht
+vorherzusehenden Griff. Nun versuchte wieder der Verurteilte dem
+Soldaten die Tücher hinter dem Gürtel, hinter dem er sie verwahrt
+hatte, hervorzuziehen, aber der Soldat war wachsam. So stritten sie in
+halbem Scherz. Erst als der Offizier vollständig nackt war, wurden sie
+aufmerksam. Besonders der Verurteilte schien von der Ahnung irgendeines
+großen Umschwungs getroffen zu sein. Was ihm geschehen war, geschah nun
+dem Offizier. Vielleicht würde es so bis zum Äussersten gehen.
+Wahrscheinlich hatte der fremde Reisende den Befehl dazu gegeben. Das
+war also Rache. Ohne selbst bis zum Ende gelitten zu haben, wurde er
+doch bis zum Ende gerächt. Ein breites, lautloses Lachen erschien nun
+auf seinem Gesicht und verschwand nicht mehr.
+
+Der Offizier aber hatte sich der Maschine zugewendet. Wenn es schon
+früher deutlich gewesen war, dass er die Maschine gut verstand, so
+konnte es jetzt einen fast bestürzt machen, wie er mit ihr umging und
+wie sie gehorchte. Er hatte die Hand der Egge nur genähert, und sie hob
+und senkte sich mehrmals, bis sie die richtige Lage erreicht hatte um
+ihn zu empfangen; er fasste das Bett nur am Rande, und es fing schon zu
+zittern an; der Filzstumpf kam seinem Mund entgegen, man sah, wie der
+Offizier ihn eigentlich nicht haben wollte, aber das Zögern dauerte nur
+einen Augenblick, gleich fügte er sich und nahm ihn auf. Alles war
+bereit, nur die Riemen hingen noch an den Seiten hinunter, aber sie
+waren offenbar unnötig, der Offizier musste nicht angeschnallt sein. Da
+bemerkte der Verurteilte die losen Riemen, seiner Meinung nach war die
+Exekution nicht vollkommen, wenn die Riemen nicht festgeschnallt waren,
+er winkte eifrig dem Soldaten, und sie liefen hin, den Offizier
+anzuschnallen. Dieser hatte schon den einen Fuss ausgestreckt, um in die
+Kurbel zu stossen, die den Zeichner in Gang bringen sollte; da sah er,
+dass die zwei gekommen waren; er zog daher den Fuss zurück und liess
+sich anschnallen. Nun konnte er allerdings die Kurbel nicht mehr
+erreichen; weder der Soldat noch der Verurteilte würden sie auffinden,
+und der Reisende war entschlossen, sich nicht zu rühren. Es war nicht
+nötig; kaum waren die Riemen angebracht, fing auch schon die Maschine zu
+arbeiten an; das Bett zitterte, die Nadeln tanzten auf der Haut, die
+Egge schwebte auf und ab. Der Reisende hatte schon eine Weile
+hingestarrt, ehe er sich erinnerte, dass ein Rad im Zeichner hätte
+kreischen sollen; aber alles war still, nicht das geringste Surren war
+zu hören.
+
+Durch diese stille Arbeit entschwand die Maschine förmlich der
+Aufmerksamkeit. Der Reisende sah zu dem Soldaten und dem Verurteilten
+hinüber. Der Verurteilte war der lebhaftere, alles an der Maschine
+interessierte ihn, bald beugte er sich nieder, bald streckte er sich,
+immerfort hatte er den Zeigefinger ausgestreckt, um dem Soldaten etwas
+zu zeigen. Dem Reisenden war es peinlich. Er war entschlossen, hier bis
+zum Ende zu bleiben, aber den Anblick der zwei hätte er nicht lange
+ertragen. »Geht nach Hause,« sagte er. Der Soldat wäre dazu vielleicht
+bereit gewesen, aber der Verurteilte empfand den Befehl geradezu als
+Strafe. Er bat flehentlich mit gefalteten Händen ihn hier zu lassen,
+und als der Reisende kopfschüttelnd nicht nachgeben wollte, kniete er
+sogar nieder. Der Reisende sah, dass Befehle hier nichts halfen, er
+wollte hinüber und die zwei vertreiben. Da hörte er oben im Zeichner ein
+Geräusch. Er sah hinauf. Störte also das eine Zahnrad doch? Aber es war
+etwas anderes. Langsam hob sich der Deckel des Zeichners und klappte
+dann vollständig auf. Die Zacken eines Zahnrades zeigten und hoben sich,
+bald erschien das ganze Rad, es war, als presse irgendeine grosse Macht
+den Zeichner zusammen, so dass für dieses Rad kein Platz mehr übrig
+blieb, das Rad drehte sich bis zum Rand des Zeichners, fiel hinunter,
+kollerte aufrecht ein Stück im Sand und blieb dann liegen. Aber schon
+stieg oben ein anderes auf, ihm folgten viele, grosse, kleine und kaum
+zu unterscheidende, mit allen geschah dasselbe, immer glaubte man, nun
+müsse der Zeichner jedenfalls schon entleert sein, da erschien eine
+neue, besonders zahlreiche Gruppe, stieg auf, fiel hinunter, kollerte im
+Sand und legte sich. Über diesem Vorgang vergass der Verurteilte ganz
+den Befehl des Reisenden, die Zahnräder entzückten ihn völlig, er wollte
+immer eines fassen, trieb gleichzeitig den Soldaten an, ihm zu helfen,
+zog aber erschreckt die Hand zurück, denn es folgte gleich ein anderes
+Rad, das ihn, wenigstens im ersten Anrollen, erschreckte.
+
+Der Reisende dagegen war sehr beunruhigt; die Maschine ging offenbar in
+Trümmer; ihr ruhiger Gang war eine Täuschung; er hatte das Gefühl, als
+müsse er sich jetzt des Offiziers annehmen, da dieser nicht mehr für
+sich selbst sorgen konnte. Aber während der Fall der Zahnräder seine
+ganze Aufmerksamkeit beanspruchte, hatte er versäumt, die übrige
+Maschine zu beaufsichtigen; als er jedoch jetzt, nachdem das letzte
+Zahnrad den Zeichner verlassen hatte, sich über die Egge beugte, hatte
+er eine neue, noch ärgere Überraschung. Die Egge schrieb nicht, sie
+stach nur, und das Bett wälzte den Körper nicht, sondern hob ihn nur
+zitternd in die Nadeln hinein. Der Reisende wollte eingreifen,
+möglicherweise das Ganze zum Stehen bringen, das war ja keine Folter,
+wie sie der Offizier erreichen wollte, das war unmittelbarer Mord. Er
+streckte die Hände aus. Da hob sich aber schon die Egge mit dem
+aufgespiessten Körper zur Seite, wie sie es sonst erst in der zwölften
+Stunde tat. Das Blut floss in hundert Strömen, nicht mit Wasser
+vermischt, auch die Wasserröhrchen hatten diesmal versagt. Und nun
+versagte noch das letzte, der Körper löste sich von den langen Nadeln
+nicht, strömte sein Blut aus, hing aber über der Grube ohne zu fallen.
+Die Egge wollte schon in ihre alte Lage zurückkehren, aber als merke sie
+selbst, dass sie von ihrer Last noch nicht befreit sei, blieb sie doch
+über der Grube. »Helft doch!« schrie der Reisende zum Soldaten und zum
+Verurteilten hinüber und fasste selbst die Füsse des Offiziers. Er
+wollte sich hier gegen die Füsse drücken, die zwei sollten auf der
+anderen Seite den Kopf des Offiziers fassen, und so sollte er langsam
+von den Nadeln gehoben werden. Aber nun konnten sich die zwei nicht
+entschliessen zu kommen; der Verurteilte drehte sich geradezu um; der
+Reisende musste zu ihnen hinübergehen und sie mit Gewalt zu dem Kopf des
+Offiziers drängen. Hiebei sah er fast gegen Willen das Gesicht der
+Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der
+versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der
+Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren
+fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des
+Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die
+Spitze des grossen eisernen Stachels.
+
+ * * * * *
+
+Als der Reisende, mit dem Soldaten und dem Verurteilten hinter sich, zu
+den ersten Häusern der Kolonie kam, zeigte der Soldat auf eines und
+sagte: »Hier ist das Teehaus.«
+
+Im Erdgeschoss eines Hauses war ein tiefer, niedriger, höhlenartiger, an
+den Wänden und an der Decke verräucherter Raum. Gegen die Strasse zu war
+er in seiner ganzen Breite offen. Trotzdem sich das Teehaus von den
+übrigen Häusern der Kolonie, die bis auf die Palastbauten der
+Kommandatur alle sehr verkommen waren, wenig unterschied, übte es auf
+den Reisenden doch den Eindruck einer historischen Erinnerung aus und er
+fühlte die Macht der früheren Zeiten. Er trat näher heran, ging, gefolgt
+von seinen Begleitern, zwischen den unbesetzten Tischen hindurch, die
+vor dem Teehaus auf der Strasse standen, und atmete die kühle, dumpfige
+Luft ein, die aus dem Innern kam. »Der Alte ist hier begraben,« sagte
+der Soldat, »ein Platz auf dem Friedhof ist ihm vom Geistlichen
+verweigert worden. Man war eine Zeitlang unentschlossen, wo man ihn
+begraben sollte, schliesslich hat man ihn hier begraben. Davon hat Ihnen
+der Offizier gewiss nichts erzählt, denn dessen hat er sich natürlich am
+meisten geschämt. Er hat sogar einigemal in der Nacht versucht, den
+Alten auszugraben, er ist aber immer verjagt worden.« »Wo ist das Grab?«
+fragte der Reisende, der dem Soldaten nicht glauben konnte. Gleich
+liefen beide, der Soldat wie der Verurteilte, vor ihm her und zeigten
+mit ausgestreckten Händen dorthin, wo sich das Grab befinden sollte. Sie
+führten den Reisenden bis zur Rückwand, wo an einigen Tischen Gäste
+sassen. Es waren wahrscheinlich Hafenarbeiter, starke Männer mit kurzen,
+glänzend schwarzen Vollbärten. Alle waren ohne Rock, ihre Hemden waren
+zerrissen, es war armes, gedemütigtes Volk. Als sich der Reisende
+näherte, erhoben sich einige, drückten sich an die Wand und sahen ihm
+entgegen. »Es ist ein Fremder,« flüsterte es um den Reisenden herum, »er
+will das Grab ansehen.« Sie schoben einen der Tische beiseite, unter dem
+sich wirklich ein Grabstein befand. Es war ein einfacher Stein, niedrig
+genug, um unter einem Tisch verborgen werden zu können. Er trug eine
+Aufschrift mit sehr kleinen Buchstaben, der Reisende musste, um sie zu
+lesen, niederknien. Sie lautete: »Hier ruht der alte Kommandant. Seine
+Anhänger, die jetzt keinen Namen tragen dürfen, haben ihm das Grab
+gegraben und den Stein gesetzt. Es besteht eine Prophezeiung, dass der
+Kommandant nach einer bestimmten Anzahl von Jahren auferstehen und aus
+diesem Hause seine Anhänger zur Wiedereroberung der Kolonie führen wird.
+Glaubet und wartet!« Als der Reisende das gelesen hatte und sich erhob,
+sah er rings um sich die Männer stehen und lächeln, als hätten sie mit
+ihm die Aufschrift gelesen, sie lächerlich gefunden und forderten ihn
+auf, sich ihrer Meinung anzuschliessen. Der Reisende tat, als merke er
+das nicht, verteilte einige Münzen unter sie, wartete noch, bis der
+Tisch über das Grab geschoben war, verliess das Teehaus und ging zum
+Hafen.
+
+Der Soldat und der Verurteilte hatten im Teehaus Bekannte gefunden, die
+sie zurückhielten. Sie mussten sich aber bald von ihnen losgerissen
+haben, denn der Reisende befand sich erst in der Mitte der langen
+Treppe, die zu den Booten führte, als sie ihm schon nachliefen. Sie
+wollten wahrscheinlich den Reisenden im letzten Augenblick zwingen, sie
+mitzunehmen. Während der Reisende unten mit einem Schiffer wegen der
+Überfahrt zum Dampfer unterhandelte, rasten die zwei die Treppe hinab,
+schweigend, denn zu schreien wagten sie nicht. Aber als sie unten
+ankamen, war der Reisende schon im Boot, und der Schiffer löste es
+gerade vom Ufer. Sie hätten noch ins Boot springen können, aber der
+Reisende hob ein schweres geknotetes Tau vom Boden, drohte ihnen damit
+und hielt sie dadurch von dem Sprunge ab.
+
+
+
+
+ Dieses Buch wurde als viertes der neuen Folge der
+ Drugulin-Drucke im Mai 1919 für Kurt Wolff Verlag in
+ der Offizin W. Drugulin in Leipzig in einer einmaligen
+ Auflage von 1000 Exemplaren gedruckt.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of In der Strafkolonie, by Franz Kafka
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN DER STRAFKOLONIE ***
+
+***** This file should be named 25791-0.txt or 25791-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/5/7/9/25791/
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+The Project Gutenberg EBook of In der Strafkolonie, by Franz Kafka
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: In der Strafkolonie
+
+Author: Franz Kafka
+
+Release Date: June 14, 2008 [EBook #25791]
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN DER STRAFKOLONIE ***
+
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+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+
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+
+
+
+
+ FRANZ KAFKA
+
+ IN DER STRAFKOLONIE
+
+
+
+
+
+
+ 1919
+
+ KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG
+
+
+ Copyright by Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1919
+
+
+
+
+»Es ist ein eigentümlicher Apparat,« sagte der Offizier zu dem
+Forschungsreisenden und überblickte mit einem gewissermassen
+bewundernden Blick den ihm doch wohlbekannten Apparat. Der Reisende
+schien nur aus Höflichkeit der Einladung des Kommandanten gefolgt zu
+sein, der ihn aufgefordert hatte, der Exekution eines Soldaten
+beizuwohnen, der wegen Ungehorsam und Beleidigung des Vorgesetzten
+verurteilt worden war. Das Interesse für diese Exekution war wohl auch
+in der Strafkolonie nicht sehr gross. Wenigstens war hier in dem tiefen,
+sandigen, von kahlen Abhängen ringsum abgeschlossenen kleinen Tal ausser
+dem Offizier und dem Reisenden nur der Verurteilte, ein stumpfsinniger,
+breitmäuliger Mensch mit verwahrlostem Haar und Gesicht und ein Soldat
+zugegen, der die schwere Kette hielt, in welche die kleinen Ketten
+ausliefen, mit denen der Verurteilte an den Fuss- und Handknöcheln sowie
+am Hals gefesselt war und die auch untereinander durch Verbindungsketten
+zusammenhingen. Übrigens sah der Verurteilte so hündisch ergeben aus,
+dass es den Anschein hatte, als könnte man ihn frei auf den Abhängen
+herumlaufen lassen und müsse bei Beginn der Exekution nur pfeifen, damit
+er käme.
+
+Der Reisende hatte wenig Sinn für den Apparat und ging hinter dem
+Verurteilten fast sichtbar unbeteiligt auf und ab, während der Offizier
+die letzten Vorbereitungen besorgte, bald unter den tief in die Erde
+eingebauten Apparat kroch, bald auf eine Leiter stieg, um die oberen
+Teile zu untersuchen. Das waren Arbeiten, die man eigentlich einem
+Maschinisten hätte überlassen können, aber der Offizier führte sie mit
+einem grossen Eifer aus, sei es, dass er ein besonderer Anhänger dieses
+Apparates war, sei es, dass man aus anderen Gründen die Arbeit sonst
+niemandem anvertrauen konnte. »Jetzt ist alles fertig!« rief er endlich
+und stieg von der Leiter hinunter. Er war ungemein ermattet, atmete mit
+weit offenem Mund und hatte zwei zarte Damentaschentücher hinter den
+Uniformkragen gezwängt. »Diese Uniformen sind doch für die Tropen zu
+schwer,« sagte der Reisende, statt sich, wie es der Offizier erwartet
+hatte, nach dem Apparat zu erkundigen. »Gewiss,« sagte der Offizier und
+wusch sich die von Öl und Fett beschmutzten Hände in einem
+bereitstehenden Wasserkübel, »aber sie bedeuten die Heimat; wir wollen
+nicht die Heimat verlieren. -- Nun sehen Sie aber diesen Apparat,« fügte
+er gleich hinzu, trocknete die Hände mit einem Tuch und zeigte
+gleichzeitig auf den Apparat. »Bis jetzt war noch Händearbeit nötig, von
+jetzt aber arbeitet der Apparat ganz allein.« Der Reisende nickte und
+folgte dem Offizier. Dieser suchte sich für alle Zwischenfälle zu
+sichern und sagte dann: »Es kommen natürlich Störungen vor; ich hoffe
+zwar, es wird heute keine eintreten, immerhin muss man mit ihnen
+rechnen. Der Apparat soll ja zwölf Stunden ununterbrochen im Gang sein.
+Wenn aber auch Störungen vorkommen, so sind es doch nur ganz kleine und
+sie werden sofort behoben sein.«
+
+»Wollen Sie sich nicht setzen?« fragte er schliesslich, zog aus einem
+Haufen von Rohrstühlen einen hervor und bot ihn dem Reisenden an; dieser
+konnte nicht ablehnen. Er sass nun am Rande einer Grube, in die er einen
+flüchtigen Blick warf. Sie war nicht sehr tief. Zur einen Seite der
+Grube war die ausgegrabene Erde zu einem Wall aufgehäuft, zur anderen
+Seite stand der Apparat. »Ich weiss nicht,« sagte der Offizier, »ob
+Ihnen der Kommandant den Apparat schon erklärt hat.« Der Reisende machte
+eine ungewisse Handbewegung; der Offizier verlangte nichts Besseres,
+denn nun konnte er selbst den Apparat erklären. »Dieser Apparat,« sagte
+er und fasste eine Kurbelstange, auf die er sich stützte, »ist eine
+Erfindung unseres früheren Kommandanten. Ich habe gleich bei den
+allerersten Versuchen mitgearbeitet und war auch bei allen Arbeiten bis
+zur Vollendung beteiligt. Das Verdienst der Erfindung allerdings
+gebührt ihm ganz allein. Haben Sie von unserem früheren Kommandanten
+gehört? Nicht? Nun, ich behaupte nicht zu viel, wenn ich sage, dass die
+Einrichtung der ganzen Strafkolonie sein Werk ist. Wir, seine Freunde,
+wussten schon bei seinem Tod, dass die Einrichtung der Kolonie so in
+sich geschlossen ist, dass sein Nachfolger, und habe er tausend neue
+Pläne im Kopf, wenigstens während vieler Jahre nichts von dem Alten wird
+ändern können. Unsere Voraussage ist auch eingetroffen; der neue
+Kommandant hat es erkennen müssen. Schade, dass Sie den früheren
+Kommandanten nicht gekannt haben! -- Aber,« unterbrach sich der
+Offizier, »ich schwätze, und sein Apparat steht hier vor uns. Er
+besteht, wie Sie sehen, aus drei Teilen. Es haben sich im Laufe der Zeit
+für jeden dieser Teile gewissermassen volkstümliche Bezeichnungen
+ausgebildet. Der untere heisst das Bett, der obere heisst der Zeichner,
+und hier der mittlere, schwebende Teil heisst die Egge.« »Die Egge?«
+fragte der Reisende. Er hatte nicht ganz aufmerksam zugehört, die Sonne
+verfing sich allzustark in dem schattenlosen Tal, man konnte schwer
+seine Gedanken sammeln. Um so bewundernswerter erschien ihm der
+Offizier, der im engen, parademässigen, mit Epauletten beschwerten, mit
+Schnüren behängten Waffenrock so eifrig seine Sache erklärte und
+ausserdem, während er sprach, mit einem Schraubendreher noch hier und da
+an einer Schraube sich zu schaffen machte. In ähnlicher Verfassung wie
+der Reisende schien der Soldat zu sein. Er hatte um beide Handgelenke
+die Kette des Verurteilten gewickelt, stützte sich mit einer Hand auf
+sein Gewehr, liess den Kopf im Genick hinunterhängen und kümmerte sich
+um nichts. Der Reisende wunderte sich nicht darüber, denn der Offizier
+sprach französisch und französisch verstand gewiss weder der Soldat noch
+der Verurteilte. Um so auffallender war es allerdings, dass der
+Verurteilte sich dennoch bemühte, den Erklärungen des Offiziers zu
+folgen. Mit einer Art schläfriger Beharrlichkeit richtete er die Blicke
+immer dorthin, wohin der Offizier gerade zeigte, und als dieser jetzt
+vom Reisenden mit einer Frage unterbrochen wurde, sah auch er, ebenso
+wie der Offizier, den Reisenden an.
+
+»Ja, die Egge,« sagte der Offizier, »der Name passt. Die Nadeln sind
+eggenartig angeordnet, auch wird das Ganze wie eine Egge geführt, wenn
+auch bloss auf einem Platz und viel kunstgemässer. Sie werden es
+übrigens gleich verstehen. Hier auf das Bett wird der Verurteilte
+gelegt. -- Ich will nämlich den Apparat zuerst beschreiben und dann erst
+die Prozedur selbst ausführen lassen. Sie werden ihr dann besser folgen
+können. Auch ist ein Zahnrad im Zeichner zu stark abgeschliffen; es
+kreischt sehr, wenn es im Gang ist; man kann sich dann kaum
+verständigen; Ersatzteile sind hier leider nur schwer zu beschaffen. --
+Also hier ist das Bett, wie ich sagte. Es ist ganz und gar mit einer
+Watteschicht bedeckt; den Zweck dessen werden Sie noch erfahren. Auf
+diese Watte wird der Verurteilte bäuchlings gelegt, natürlich nackt;
+hier sind für die Hände, hier für die Füsse, hier für den Hals Riemen,
+um ihn festzuschnallen. Hier am Kopfende des Bettes, wo der Mann, wie
+ich gesagt habe, zuerst mit dem Gesicht aufliegt, ist dieser kleine
+Filzstumpf, der leicht so reguliert werden kann, dass er dem Mann gerade
+in den Mund dringt. Er hat den Zweck, am Schreien und am Zerbeissen der
+Zunge zu hindern. Natürlich muss der Mann den Filz aufnehmen, da ihm
+sonst durch den Halsriemen das Genick gebrochen wird.« »Das ist Watte?«
+fragte der Reisende und beugte sich vor. »Ja gewiss,« sagte der Offizier
+lächelnd, »befühlen Sie es selbst.« Er fasste die Hand des Reisenden und
+führte sie über das Bett hin. »Es ist eine besonders präparierte Watte,
+darum sieht sie so unkenntlich aus; ich werde auf ihren Zweck noch zu
+sprechen kommen.« Der Reisende war schon ein wenig für den Apparat
+gewonnen; die Hand zum Schutz gegen die Sonne über den Augen, sah er an
+dem Apparat in die Höhe. Es war ein grosser Aufbau. Das Bett und der
+Zeichner hatten gleichen Umfang und sahen wie zwei dunkle Truhen aus.
+Der Zeichner war etwa zwei Meter über dem Bett angebracht; beide waren
+in den Ecken durch vier Messingstangen verbunden, die in der Sonne fast
+Strahlen warfen. Zwischen den Truhen schwebte an einem Stahlband die
+Egge.
+
+Der Offizier hatte die frühere Gleichgültigkeit des Reisenden kaum
+bemerkt, wohl aber hatte er für sein jetzt beginnendes Interesse Sinn;
+er setzte deshalb in seinen Erklärungen aus, um dem Reisenden zur
+ungestörten Betrachtung Zeit zu lassen. Der Verurteilte ahmte den
+Reisenden nach; da er die Hand nicht über die Augen legen konnte,
+blinzelte er mit freien Augen zur Höhe.
+
+»Nun liegt also der Mann,« sagte der Reisende, lehnte sich im Sessel
+zurück und kreuzte die Beine.
+
+»Ja,« sagte der Offizier, schob ein wenig die Mütze zurück und fuhr sich
+mit der Hand über das heisse Gesicht, »nun hören Sie! Sowohl das Bett,
+als auch der Zeichner haben ihre eigene elektrische Batterie; das Bett
+braucht sie für sich selbst, der Zeichner für die Egge. Sobald der Mann
+festgeschnallt ist, wird das Bett in Bewegung gesetzt. Es zittert in
+winzigen, sehr schnellen Zuckungen gleichzeitig seitlich, wie auch auf
+und ab. Sie werden ähnliche Apparate in Heilanstalten gesehen haben; nur
+sind bei unserem Bett alle Bewegungen genau berechnet; sie müssen
+nämlich peinlich auf die Bewegungen der Egge abgestimmt sein. Dieser
+Egge aber ist die eigentliche Ausführung des Urteils überlassen.«
+
+»Wie lautet denn das Urteil?« fragte der Reisende. »Sie wissen auch das
+nicht?« sagte der Offizier erstaunt und biss sich auf die Lippen:
+»Verzeihen Sie, wenn vielleicht meine Erklärungen ungeordnet sind; ich
+bitte Sie sehr um Entschuldigung. Die Erklärungen pflegte früher nämlich
+der Kommandant zu geben; der neue Kommandant aber hat sich dieser
+Ehrenpflicht entzogen; dass er jedoch einen so hohen Besuch« -- der
+Reisende suchte die Ehrung mit beiden Händen abzuwehren, aber der
+Offizier bestand auf dem Ausdruck -- »einen so hohen Besuch nicht
+einmal von der Form unseres Urteils in Kenntnis setzt, ist wieder eine
+Neuerung, die --,« er hatte einen Fluch auf den Lippen, fasste sich aber
+und sagte nur: »Ich wurde nicht davon verständigt, mich trifft nicht die
+Schuld. Übrigens bin ich allerdings am besten befähigt, unsere
+Urteilsarten zu erklären, denn ich trage hier« -- er schlug auf seine
+Brusttasche -- »die betreffenden Handzeichnungen des früheren
+Kommandanten.«
+
+»Handzeichnungen des Kommandanten selbst?« fragte der Reisende: »Hat er
+denn alles in sich vereinigt? War er Soldat, Richter, Konstrukteur,
+Chemiker, Zeichner?«
+
+»Jawohl,« sagte der Offizier kopfnickend, mit starrem, nachdenklichem
+Blick. Dann sah er prüfend seine Hände an; sie schienen ihm nicht rein
+genug, um die Zeichnungen anzufassen; er ging daher zum Kübel und wusch
+sie nochmals. Dann zog er eine kleine Ledermappe hervor und sagte:
+»Unser Urteil klingt nicht streng. Dem Verurteilten wird das Gebot, das
+er übertreten hat, mit der Egge auf den Leib geschrieben. Diesem
+Verurteilten zum Beispiel« -- der Offizier zeigte auf den Mann -- »wird
+auf den Leib geschrieben werden: Ehre deinen Vorgesetzten!«
+
+Der Reisende sah flüchtig auf den Mann hin; er hielt, als der Offizier
+auf ihn gezeigt hatte, den Kopf gesenkt und schien alle Kraft des Gehörs
+anzuspannen, um etwas zu erfahren. Aber die Bewegungen seiner wulstig
+aneinander gedrückten Lippen zeigten offenbar, dass er nichts verstehen
+konnte. Der Reisende hatte Verschiedenes fragen wollen, fragte aber im
+Anblick des Mannes nur: »Kennt er sein Urteil?« »Nein,« sagte der
+Offizier und wollte gleich in seinen Erklärungen fortfahren, aber der
+Reisende unterbrach ihn: »Er kennt sein eigenes Urteil nicht?« »Nein,«
+sagte der Offizier wieder, stockte dann einen Augenblick, als verlange
+er vom Reisenden eine nähere Begründung seiner Frage, und sagte dann:
+»Es wäre nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem
+Leib.« Der Reisende wollte schon verstummen, da fühlte er, wie der
+Verurteilte seinen Blick auf ihn richtete; er schien zu fragen, ob er
+den geschilderten Vorgang billigen könne. Darum beugte sich der
+Reisende, der sich bereits zurückgelehnt hatte, wieder vor und fragte
+noch: »Aber dass er überhaupt verurteilt wurde, das weiss er doch?«
+»Auch nicht,« sagte der Offizier und lächelte den Reisenden an, als
+erwarte er nun von ihm noch einige sonderbare Eröffnungen. »Nein,« sagte
+der Reisende und strich sich über die Stirn hin, »dann weiss also der
+Mann auch jetzt noch nicht, wie seine Verteidigung aufgenommen wurde?«
+»Er hat keine Gelegenheit gehabt, sich zu verteidigen,« sagte der
+Offizier und sah abseits, als rede er zu sich selbst und wolle den
+Reisenden durch Erzählung dieser ihm selbstverständlichen Dinge nicht
+beschämen. »Er muss doch Gelegenheit gehabt haben, sich zu verteidigen,«
+sagte der Reisende und stand vom Sessel auf.
+
+Der Offizier erkannte, dass er in Gefahr war, in der Erklärung des
+Apparates für lange Zeit aufgehalten zu werden; er ging daher zum
+Reisenden, hing sich in seinen Arm, zeigte mit der Hand auf den
+Verurteilten, der sich jetzt, da die Aufmerksamkeit so offenbar auf ihn
+gerichtet war, stramm aufstellte -- auch zog der Soldat die Kette an --,
+und sagte: »Die Sache verhält sich folgendermassen. Ich bin hier in der
+Strafkolonie zum Richter bestellt. Trotz meiner Jugend. Denn ich stand
+auch dem früheren Kommandanten in allen Strafsachen zur Seite und kenne
+auch den Apparat am besten. Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist:
+Die Schuld ist immer zweifellos. Andere Gerichte können diesen Grundsatz
+nicht befolgen, denn sie sind vielköpfig und haben auch noch höhere
+Gerichte über sich. Das ist hier nicht der Fall, oder war es wenigstens
+nicht beim früheren Kommandanten. Der neue hat allerdings schon Lust
+gezeigt, in mein Gericht sich einzumischen, es ist mir aber bisher
+gelungen, ihn abzuwehren, und wird mir auch weiter gelingen. -- Sie
+wollten diesen Fall erklärt haben; er ist so einfach, wie alle. Ein
+Hauptmann hat heute morgens die Anzeige erstattet, dass dieser Mann, der
+ihm als Diener zugeteilt ist und vor seiner Türe schläft, den Dienst
+verschlafen hat. Er hat nämlich die Pflicht, bei jedem Stundenschlag
+aufzustehen und vor der Tür des Hauptmanns zu salutieren. Gewiss keine
+schwere Pflicht und eine notwendige, denn er soll sowohl zur Bewachung
+als auch zur Bedienung frisch bleiben. Der Hauptmann wollte in der
+gestrigen Nacht nachsehen, ob der Diener seine Pflicht erfülle. Er
+öffnete Schlag zwei Uhr die Tür und fand ihn zusammengekrümmt schlafen.
+Er holte die Reitpeitsche und schlug ihm über das Gesicht. Statt nun
+aufzustehen und um Verzeihung zu bitten, fasste der Mann seinen Herrn
+bei den Beinen, schüttelte ihn und rief: 'Wirf die Peitsche weg, oder
+ich fresse dich.' -- Das ist der Sachverhalt. Der Hauptmann kam vor
+einer Stunde zu mir, ich schrieb seine Angaben auf und anschliessend
+gleich das Urteil. Dann liess ich dem Mann die Ketten anlegen. Das alles
+war sehr einfach. Hätte ich den Mann zuerst vorgerufen und ausgefragt,
+so wäre nur Verwirrung entstanden. Er hätte gelogen, hätte, wenn es mir
+gelungen wäre, die Lügen zu widerlegen, diese durch neue Lügen ersetzt
+und so fort. Jetzt aber halte ich ihn und lasse ihn nicht mehr. -- Ist
+nun alles erklärt? Aber die Zeit vergeht, die Exekution sollte schon
+beginnen, und ich bin mit der Erklärung des Apparates noch nicht
+fertig.« Er nötigte den Reisenden auf den Sessel nieder, trat wieder zu
+dem Apparat und begann: »Wie Sie sehen, entspricht die Egge der Form des
+Menschen; hier ist die Egge für den Oberkörper, hier sind die Eggen für
+die Beine. Für den Kopf ist nur dieser kleine Stichel bestimmt. Ist
+Ihnen das klar?« Er beugte sich freundlich zu dem Reisenden vor, bereit
+zu den umfassendsten Erklärungen.
+
+Der Reisende sah mit gerunzelter Stirn die Egge an. Die Mitteilungen
+über das Gerichtsverfahren hatten ihn nicht befriedigt. Immerhin musste
+er sich sagen, dass es sich hier um eine Strafkolonie handelte, dass
+hier besondere Massregeln notwendig waren und dass man bis zum letzten
+militärisch vorgehen musste. Ausserdem aber setzte er einige Hoffnung
+auf den neuen Kommandanten, der offenbar, allerdings langsam, ein neues
+Verfahren einzuführen beabsichtigte, das dem beschränkten Kopf dieses
+Offiziers nicht eingehen konnte. Aus diesem Gedankengang heraus fragte
+der Reisende: »Wird der Kommandant der Exekution beiwohnen?« »Es ist
+nicht gewiss,« sagte der Offizier, durch die unvermittelte Frage
+peinlich berührt, und seine freundliche Miene verzerrte sich: »Gerade
+deshalb müssen wir uns beeilen. Ich werde sogar, so leid es mir tut,
+meine Erklärungen abkürzen müssen. Aber ich könnte ja morgen, wenn der
+Apparat wieder gereinigt ist -- dass er so sehr beschmutzt wird, ist
+sein einziger Fehler -- die näheren Erklärungen nachtragen. Jetzt also
+nur das Notwendigste. -- Wenn der Mann auf dem Bett liegt und dieses ins
+Zittern gebracht ist, wird die Egge auf den Körper gesenkt. Sie stellt
+sich von selbst so ein, dass sie nur knapp mit den Spitzen den Körper
+berührt; ist die Einstellung vollzogen, strafft sich sofort dieses
+Stahlseil zu einer Stange. Und nun beginnt das Spiel. Ein
+Nichteingeweihter merkt äusserlich keinen Unterschied in den Strafen.
+Die Egge scheint gleichförmig zu arbeiten. Zitternd sticht sie ihre
+Spitzen in den Körper ein, der überdies vom Bett aus zittert. Um es nun
+jedem zu ermöglichen, die Ausführung des Urteils zu überprüfen, wurde
+die Egge aus Glas gemacht. Es hat einige technische Schwierigkeiten
+verursacht, die Nadeln darin zu befestigen, es ist aber nach vielen
+Versuchen gelungen. Wir haben eben keine Mühe gescheut. Und nun kann
+jeder durch das Glas sehen, wie sich die Inschrift im Körper vollzieht.
+Wollen Sie nicht näher kommen und sich die Nadeln ansehen?«
+
+Der Reisende erhob sich langsam, ging hin und beugte sich über die Egge.
+»Sie sehen,« sagte der Offizier, »zweierlei Nadeln in vielfacher
+Anordnung. Jede lange hat eine kurze neben sich. Die lange schreibt
+nämlich, und die kurze spritzt Wasser aus, um das Blut abzuwaschen und
+die Schrift immer klar zu erhalten. Das Blutwasser wird dann hier in
+kleine Rinnen geleitet und fliesst endlich in diese Hauptrinne, deren
+Abflussrohr in die Grube führt.« Der Offizier zeigte mit dem Finger
+genau den Weg, den das Blutwasser nehmen musste. Als er es, um es
+möglichst anschaulich zu machen, an der Mündung des Abflussrohres mit
+beiden Händen förmlich auffing, erhob der Reisende den Kopf und wollte,
+mit der Hand rückwärts tastend, zu seinem Sessel zurückgehen. Da sah er
+zu seinem Schrecken, dass auch der Verurteilte gleich ihm der Einladung
+des Offiziers, sich die Einrichtung der Egge aus der Nähe anzusehen,
+gefolgt war. Er hatte den verschlafenen Soldaten an der Kette ein wenig
+vorgezerrt und sich auch über das Glas gebeugt. Man sah, wie er mit
+unsicheren Augen auch das suchte, was die zwei Herren eben beobachtet
+hatten, wie es ihm aber, da ihm die Erklärung fehlte, nicht gelingen
+wollte. Er beugte sich hierhin und dorthin. Immer wieder lief er mit den
+Augen das Glas ab. Der Reisende wollte ihn zurücktreiben, denn, was er
+tat, war wahrscheinlich strafbar. Aber der Offizier hielt den Reisenden
+mit einer Hand fest, nahm mit der anderen eine Erdscholle vom Wall und
+warf sie nach dem Soldaten. Dieser hob mit einem Ruck die Augen, sah,
+was der Verurteilte gewagt hatte, liess das Gewehr fallen, stemmte die
+Füsse mit den Absätzen in den Boden, riss den Verurteilten zurück, dass
+er gleich niederfiel, und sah dann auf ihn hinunter, wie er sich wand
+und mit seinen Ketten klirrte. »Stell ihn auf!« schrie der Offizier,
+denn er merkte, dass der Reisende durch den Verurteilten allzusehr
+abgelenkt wurde. Der Reisende beugte sich sogar über die Egge hinweg,
+ohne sich um sie zu kümmern, und wollte nur feststellen, was mit dem
+Verurteilten geschehe. »Behandle ihn sorgfältig!« schrie der Offizier
+wieder. Er umlief den Apparat, fasste selbst den Verurteilten unter den
+Achseln und stellte ihn, der öfters mit den Füssen ausglitt, mit Hilfe
+des Soldaten auf.
+
+»Nun weiss ich schon alles,« sagte der Reisende, als der Offizier wieder
+zu ihm zurückkehrte. »Bis auf das Wichtigste,« sagte dieser, ergriff den
+Reisenden am Arm und zeigte in die Höhe: »Dort im Zeichner ist das
+Räderwerk, welches die Bewegung der Egge bestimmt, und dieses Räderwerk
+wird nach der Zeichnung, auf welche das Urteil lautet, angeordnet. Ich
+verwende noch die Zeichnungen des früheren Kommandanten. Hier sind sie,«
+-- er zog einige Blätter aus der Ledermappe -- »ich kann sie Ihnen aber
+leider nicht in die Hand geben, sie sind das Teuerste, was ich habe.
+Setzen Sie sich, ich zeige sie Ihnen aus dieser Entfernung, dann werden
+Sie alles gut sehen können.« Er zeigte das erste Blatt. Der Reisende
+hätte gerne etwas Anerkennendes gesagt, aber er sah nur labyrinthartige,
+einander vielfach kreuzende Linien, die so dicht das Papier bedeckten,
+dass man nur mit Mühe die weissen Zwischenräume erkannte. »Lesen Sie,«
+sagte der Offizier. »Ich kann nicht,« sagte der Reisende. »Es ist doch
+deutlich,« sagte der Offizier. »Es ist sehr kunstvoll,« sagte der
+Reisende ausweichend, »aber ich kann es nicht entziffern.« »Ja,« sagte
+der Offizier, lachte und steckte die Mappe wieder ein, »es ist keine
+Schönschrift für Schulkinder. Man muss lange darin lesen. Auch Sie
+würden es schliesslich gewiss erkennen. Es darf natürlich keine einfache
+Schrift sein; sie soll ja nicht sofort töten, sondern durchschnittlich
+erst in einem Zeitraum von zwölf Stunden; für die sechste Stunde ist der
+Wendepunkt berechnet. Es müssen also viele, viele Zieraten die
+eigentliche Schrift umgeben; die wirkliche Schrift umzieht den Leib nur
+in einem schmalen Gürtel; der übrige Körper ist für Verzierungen
+bestimmt. Können Sie jetzt die Arbeit der Egge und des ganzen Apparates
+würdigen? -- Sehen Sie doch!« Er sprang auf die Leiter, drehte ein Rad,
+rief hinunter: »Achtung, treten Sie zur Seite!«, und alles kam in Gang.
+Hätte das Rad nicht gekreischt, es wäre herrlich gewesen. Als sei der
+Offizier von diesem störenden Rad überrascht, drohte er ihm mit der
+Faust, breitete dann, sich entschuldigend, zum Reisenden hin die Arme
+aus und kletterte eilig hinunter, um den Gang des Apparates von unten zu
+beobachten. Noch war etwas nicht in Ordnung, das nur er merkte; er
+kletterte wieder hinauf, griff mit beiden Händen in das Innere des
+Zeichners, glitt dann, um rascher hinunterzukommen, statt die Leiter zu
+benutzen, an der einen Stange hinunter und schrie nun, um sich im Lärm
+verständlich zu machen, mit äusserster Anspannung dem Reisenden ins Ohr:
+»Begreifen Sie den Vorgang? Die Egge fängt zu schreiben an; ist sie mit
+der ersten Anlage der Schrift auf dem Rücken des Mannes fertig, rollt
+die Watteschicht und wälzt den Körper langsam auf die Seite, um der Egge
+neuen Raum zu bieten. Inzwischen legen sich die wundbeschriebenen
+Stellen auf die Watte, welche infolge der besonderen Präparierung sofort
+die Blutung stillt und zu neuer Vertiefung der Schrift vorbereitet. Hier
+die Zacken am Rande der Egge reissen dann beim weiteren Umwälzen des
+Körpers die Watte von den Wunden, schleudern sie in die Grube, und die
+Egge hat wieder Arbeit. So schreibt sie immer tiefer die zwölf Stunden
+lang. Die ersten sechs Stunden lebt der Verurteilte fast wie früher, er
+leidet nur Schmerzen. Nach zwei Stunden wird der Filz entfernt, denn
+der Mann hat keine Kraft zum Schreien mehr. Hier in diesen elektrisch
+geheizten Napf am Kopfende wird warmer Reisbrei gelegt, aus dem der
+Mann, wenn er Lust hat, nehmen kann, was er mit der Zunge erhascht.
+Keiner versäumt die Gelegenheit. Ich weiss keinen, und meine Erfahrung
+ist gross. Erst um die sechste Stunde verliert er das Vergnügen am
+Essen. Ich knie dann gewöhnlich hier nieder und beobachte diese
+Erscheinung. Der Mann schluckt den letzten Bissen selten, er dreht ihn
+nur im Mund und speit ihn in die Grube. Ich muss mich dann bücken, sonst
+fährt es mir ins Gesicht. Wie still wird dann aber der Mann um die
+sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt
+es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen
+könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja nichts weiter,
+der Mann fängt bloss an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund,
+als horche er. Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit
+den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen
+Wunden. Es ist allerdings viel Arbeit; er braucht sechs Stunden zu ihrer
+Vollendung. Dann aber spiesst ihn die Egge vollständig auf und wirft ihn
+in die Grube, wo er auf das Blutwasser und die Watte niederklatscht.
+Dann ist das Gericht zu Ende, und wir, ich und der Soldat, scharren ihn
+ein.«
+
+Der Reisende hatte das Ohr zum Offizier geneigt und sah, die Hände in
+den Rocktaschen, der Arbeit der Maschine zu. Auch der Verurteilte sah
+ihr zu, aber ohne Verständnis. Er bückte sich ein wenig und verfolgte
+die schwankenden Nadeln, als ihm der Soldat, auf ein Zeichen des
+Offiziers, mit einem Messer hinten Hemd und Hose durchschnitt, so dass
+sie von dem Verurteilten abfielen; er wollte nach dem fallenden Zeug
+greifen, um seine Blösse zu bedecken, aber der Soldat hob ihn in die
+Höhe und schüttelte die letzten Fetzen von ihm ab. Der Offizier stellte
+die Maschine ein, und in der jetzt eintretenden Stille wurde der
+Verurteilte unter die Egge gelegt. Die Ketten wurden gelöst, und statt
+dessen die Riemen befestigt; es schien für den Verurteilten im ersten
+Augenblick fast eine Erleichterung zu bedeuten. Und nun senkte sich die
+Egge noch ein Stück tiefer, denn es war ein magerer Mann. Als ihn die
+Spitzen berührten, ging ein Schauer über seine Haut; er streckte,
+während der Soldat mit seiner rechten Hand beschäftigt war, die linke
+aus, ohne zu wissen wohin; es war aber die Richtung, wo der Reisende
+stand. Der Offizier sah ununterbrochen den Reisenden von der Seite an,
+als suche er von seinem Gesicht den Eindruck abzulesen, den die
+Exekution, die er ihm nun wenigstens oberflächlich erklärt hatte, auf
+ihn mache.
+
+Der Riemen, der für das Handgelenk bestimmt war, riss; wahrscheinlich
+hatte ihn der Soldat zu stark angezogen. Der Offizier sollte helfen, der
+Soldat zeigte ihm das abgerissene Riemenstück. Der Offizier ging auch zu
+ihm hinüber und sagte, das Gesicht dem Reisenden zugewendet: »Die
+Maschine ist sehr zusammengesetzt, es muss hie und da etwas reissen oder
+brechen; dadurch darf man sich aber im Gesamturteil nicht beirren
+lassen. Für den Riemen ist übrigens sofort Ersatz geschafft; ich werde
+eine Kette verwenden; die Zartheit der Schwingung wird dadurch für den
+rechten Arm allerdings beeinträchtigt.« Und während er die Ketten
+anlegte, sagte er noch: »Die Mittel zur Erhaltung der Maschine sind
+jetzt sehr eingeschränkt. Unter dem früheren Kommandanten war eine mir
+frei zugängliche Kassa nur für diesen Zweck bestimmt. Es gab hier ein
+Magazin, in dem alle möglichen Ersatzstücke aufbewahrt wurden. Ich
+gestehe, ich trieb damit fast Verschwendung, ich meine früher, nicht
+jetzt, wie der neue Kommandant behauptet, dem alles nur zum Vorwand
+dient, alte Einrichtungen zu bekämpfen. Jetzt hat er die Maschinenkassa
+in eigener Verwaltung, und schicke ich um einen neuen Riemen, wird der
+zerrissene als Beweisstück verlangt, der neue kommt erst in zehn Tagen,
+ist dann aber von schlechterer Sorte und taugt nicht viel. Wie ich aber
+in der Zwischenzeit ohne Riemen die Maschine betreiben soll, darum
+kümmert sich niemand.«
+
+Der Reisende überlegte: Es ist immer bedenklich, in fremde Verhältnisse
+entscheidend einzugreifen. Er war weder Bürger der Strafkolonie, noch
+Bürger des Staates, dem sie angehörte. Wenn er diese Exekution
+verurteilen oder gar hintertreiben wollte, konnte man ihm sagen: Du bist
+ein Fremder, sei still. Darauf hätte er nichts erwidern, sondern nur
+hinzufügen können, dass er sich in diesem Falle selbst nicht begreife,
+denn er reise nur mit der Absicht zu sehen und keineswegs etwa, um
+fremde Gerichtsverfassungen zu ändern. Nun lagen aber hier die Dinge
+allerdings sehr verführerisch. Die Ungerechtigkeit des Verfahrens und
+die Unmenschlichkeit der Exekution war zweifellos. Niemand konnte
+irgendeine Eigennützigkeit des Reisenden annehmen, denn der Verurteilte
+war ihm fremd, kein Landsmann und ein zum Mitleid gar nicht
+auffordernder Mensch. Der Reisende selbst hatte Empfehlungen hoher
+Ämter, war hier mit grosser Höflichkeit empfangen worden, und dass er zu
+dieser Exekution eingeladen worden war, schien sogar darauf
+hinzudeuten, dass man sein Urteil über dieses Gericht verlangte. Dies
+war aber um so wahrscheinlicher, als der Kommandant, wie er jetzt
+überdeutlich gehört hatte, kein Anhänger dieses Verfahrens war und sich
+gegenüber dem Offizier fast feindselig verhielt.
+
+Da hörte der Reisende einen Wutschrei des Offiziers. Er hatte gerade,
+nicht ohne Mühe, dem Verurteilten den Filzstumpf in den Mund geschoben,
+als der Verurteilte in einem unwiderstehlichen Brechreiz die Augen
+schloss und sich erbrach. Eilig riss ihn der Offizier vom Stumpf in die
+Höhe und wollte den Kopf zur Grube hindrehen; aber es war zu spät, der
+Unrat floss schon an der Maschine hinab. »Alles Schuld des
+Kommandanten!« schrie der Offizier und rüttelte besinnungslos vorn an
+den Messingstangen, »die Maschine wird mir verunreinigt wie ein Stall.«
+Er zeigte mit zitternden Händen dem Reisenden, was geschehen war. »Habe
+ich nicht stundenlang dem Kommandanten begreiflich zu machen gesucht,
+dass einen Tag vor der Exekution kein Essen mehr verabfolgt werden
+soll. Aber die neue milde Richtung ist anderer Meinung. Die Damen des
+Kommandanten stopfen dem Mann, ehe er abgeführt wird, den Hals mit
+Zuckersachen voll. Sein ganzes Leben hat er sich von stinkenden Fischen
+genährt und muss jetzt Zuckersachen essen! Aber es wäre ja möglich, ich
+würde nichts einwenden, aber warum schafft man nicht einen neuen Filz
+an, wie ich ihn seit einem Vierteljahr erbitte. Wie kann man ohne Ekel
+diesen Filz in den Mund nehmen, an dem mehr als hundert Männer im
+Sterben gesaugt und gebissen haben?«
+
+Der Verurteilte hatte den Kopf niedergelegt und sah friedlich aus, der
+Soldat war damit beschäftigt, mit dem Hemd des Verurteilten die Maschine
+zu putzen. Der Offizier ging zum Reisenden, der in irgendeiner Ahnung
+einen Schritt zurücktrat, aber der Offizier fasste ihn bei der Hand und
+zog ihn zur Seite. »Ich will einige Worte im Vertrauen mit Ihnen
+sprechen,« sagte er, »ich darf das doch?« »Gewiss,« sagte der Reisende
+und hörte mit gesenkten Augen zu.
+
+»Dieses Verfahren und diese Hinrichtung, die Sie jetzt zu bewundern
+Gelegenheit haben, hat gegenwärtig in unserer Kolonie keinen offenen
+Anhänger mehr. Ich bin ihr einziger Vertreter, gleichzeitig der einzige
+Vertreter des Erbes des alten Kommandanten. An einen weiteren Ausbau des
+Verfahrens kann ich nicht mehr denken, ich verbrauche alle meine Kräfte,
+um zu erhalten, was vorhanden ist. Als der alte Kommandant lebte, war
+die Kolonie von seinen Anhängern voll; die Überzeugungskraft des alten
+Kommandanten habe ich zum Teil, aber seine Macht fehlt mir ganz;
+infolgedessen haben sich die Anhänger verkrochen, es gibt noch viele,
+aber keiner gesteht es ein. Wenn Sie heute, also an einem
+Hinrichtungstag, ins Teehaus gehen und herumhorchen, werden Sie
+vielleicht nur zweideutige Äusserungen hören. Das sind lauter Anhänger,
+aber unter dem gegenwärtigen Kommandanten und bei seinen gegenwärtigen
+Anschauungen für mich ganz unbrauchbar. Und nun frage ich Sie: Soll
+wegen dieses Kommandanten und seiner Frauen, die ihn beeinflussen, ein
+solches Lebenswerk« -- er zeigte auf die Maschine -- »zugrunde gehen?
+Darf man das zulassen? Selbst wenn man nur als Fremder ein paar Tage auf
+unserer Insel ist? Es ist aber keine Zeit zu verlieren, man bereitet
+etwas gegen meine Gerichtsbarkeit vor; es finden schon Beratungen in der
+Kommandatur statt, zu denen ich nicht zugezogen werde; sogar Ihr
+heutiger Besuch scheint mir für die ganze Lage bezeichnend; man ist feig
+und schickt Sie, einen Fremden, vor. -- Wie war die Exekution anders in
+früherer Zeit! Schon einen Tag vor der Hinrichtung war das ganze Tal von
+Menschen überfüllt; alle kamen nur um zu sehen; früh am Morgen erschien
+der Kommandant mit seinen Damen; Fanfaren weckten den ganzen Lagerplatz;
+ich erstattete die Meldung, dass alles vorbereitet sei; die Gesellschaft
+-- kein hoher Beamte durfte fehlen -- ordnete sich um die Maschine;
+dieser Haufen Rohrsessel ist ein armseliges Überbleibsel aus jener Zeit.
+Die Maschine glänzte frisch geputzt, fast zu jeder Exekution nahm ich
+neue Ersatzstücke. Vor hunderten Augen -- alle Zuschauer standen auf
+den Fussspitzen bis dort zu den Anhöhen -- wurde der Verurteilte vom
+Kommandanten selbst unter die Egge gelegt. Was heute ein gemeiner Soldat
+tun darf, war damals meine, des Gerichtspräsidenten, Arbeit und ehrte
+mich. Und nun begann die Exekution! Kein Misston störte die Arbeit der
+Maschine. Manche sahen nun gar nicht mehr zu, sondern lagen mit
+geschlossenen Augen im Sand; alle wussten: Jetzt geschieht
+Gerechtigkeit. In der Stille hörte man nur das Seufzen des Verurteilten,
+gedämpft durch den Filz. Heute gelingt es der Maschine nicht mehr, dem
+Verurteilten ein stärkeres Seufzen auszupressen, als der Filz noch
+ersticken kann; damals aber tropften die schreibenden Nadeln eine
+beizende Flüssigkeit aus, die heute nicht mehr verwendet werden darf.
+Nun, und dann kam die sechste Stunde! Es war unmöglich, allen die Bitte,
+aus der Nähe zuschauen zu dürfen, zu gewähren. Der Kommandant in seiner
+Einsicht ordnete an, dass vor allem die Kinder berücksichtigt werden
+sollten; ich allerdings durfte kraft meines Berufes immer dabeistehen;
+oft hockte ich dort, zwei kleine Kinder rechts und links in meinen
+Armen. Wie nahmen wir alle den Ausdruck der Verklärung von dem
+gemarterten Gesicht, wie hielten wir unsere Wangen in den Schein dieser
+endlich erreichten und schon vergehenden Gerechtigkeit! Was für Zeiten,
+mein Kamerad!« Der Offizier hatte offenbar vergessen, wer vor ihm stand;
+er hatte den Reisenden umarmt und den Kopf auf seine Schulter gelegt.
+Der Reisende war in grosser Verlegenheit, ungeduldig sah er über den
+Offizier hinweg. Der Soldat hatte die Reinigungsarbeit beendet und jetzt
+noch aus einer Büchse Reisbrei in den Napf geschüttet. Kaum merkte dies
+der Verurteilte, der sich schon vollständig erholt zu haben schien, als
+er mit der Zunge nach dem Brei zu schnappen begann. Der Soldat stiess
+ihn immer wieder weg, denn der Brei war wohl für eine spätere Zeit
+bestimmt, aber ungehörig war es jedenfalls auch, dass der Soldat mit
+seinen schmutzigen Händen hineingriff und vor dem gierigen Verurteilten
+davon ass.
+
+Der Offizier fasste sich schnell. »Ich wollte Sie nicht etwa rühren,«
+sagte er, »ich weiss, es ist unmöglich, jene Zeiten heute begreiflich zu
+machen. Im übrigen arbeitet die Maschine noch und wirkt für sich. Sie
+wirkt für sich, auch wenn sie allein in diesem Tale steht. Und die
+Leiche fällt zum Schluss noch immer in dem unbegreiflich sanften Flug in
+die Grube, auch wenn nicht, wie damals, Hunderte wie Fliegen um die
+Grube sich versammeln. Damals mussten wir ein starkes Geländer um die
+Grube anbringen, es ist längst weggerissen.«
+
+Der Reisende wollte sein Gesicht dem Offizier entziehen und blickte
+ziellos herum. Der Offizier glaubte, er betrachte die Öde des Tales; er
+ergriff deshalb seine Hände, drehte sich um ihn, um seine Blicke zu
+fassen, und fragte: »Merken Sie die Schande?«
+
+Aber der Reisende schwieg. Der Offizier liess für ein Weilchen von ihm
+ab; mit auseinandergestellten Beinen, die Hände in den Hüften, stand er
+still und blickte zu Boden. Dann lächelte er dem Reisenden aufmunternd
+zu und sagte: »Ich war gestern in Ihrer Nähe, als der Kommandant Sie
+einlud. Ich hörte die Einladung. Ich kenne den Kommandanten. Ich
+verstand sofort, was er mit der Einladung bezweckte. Trotzdem seine
+Macht gross genug wäre, um gegen mich einzuschreiten, wagt er es noch
+nicht, wohl aber will er mich Ihrem, dem Urteil eines angesehenen
+Fremden aussetzen. Seine Berechnung ist sorgfältig; Sie sind den zweiten
+Tag auf der Insel, Sie kannten den alten Kommandanten und seinen
+Gedankenkreis nicht, Sie sind in europäischen Anschauungen befangen,
+vielleicht sind Sie ein grundsätzlicher Gegner der Todesstrafe im
+allgemeinen und einer derartigen maschinellen Hinrichtungsart im
+besonderen, Sie sehen überdies, wie die Hinrichtung ohne öffentliche
+Anteilnahme, traurig, auf einer bereits etwas beschädigten Maschine vor
+sich geht -- wäre es nun, alles dieses zusammengenommen (so denkt der
+Kommandant), nicht sehr leicht möglich, dass Sie mein Verfahren nicht
+für richtig halten? Und wenn Sie es nicht für richtig halten, werden
+Sie dies (ich rede noch immer im Sinne des Kommandanten) nicht
+verschweigen, denn Sie vertrauen doch gewiss Ihren vielerprobten
+Überzeugungen. Sie haben allerdings viele Eigentümlichkeiten vieler
+Völker gesehen und achten gelernt, Sie werden daher wahrscheinlich sich
+nicht mit ganzer Kraft, wie Sie es vielleicht in Ihrer Heimat tun
+würden, gegen das Verfahren aussprechen. Aber dessen bedarf der
+Kommandant gar nicht. Ein flüchtiges, ein bloss unvorsichtiges Wort
+genügt. Es muss gar nicht Ihrer Überzeugung entsprechen, wenn es nur
+scheinbar seinem Wunsche entgegenkommt. Dass er Sie mit aller Schlauheit
+ausfragen wird, dessen bin ich gewiss. Und seine Damen werden im Kreis
+herumsitzen und die Ohren spitzen; Sie werden etwa sagen: 'Bei uns ist
+das Gerichtsverfahren ein anderes', oder 'Bei uns wird der Angeklagte
+vor dem Urteil verhört', oder 'Bei uns erfährt der Verurteilte das
+Urteil', oder 'Bei uns gibt es auch andere Strafen als Todesstrafen',
+oder 'Bei uns gab es Folterungen nur im Mittelalter'. Das alles sind
+Bemerkungen, die ebenso richtig sind, als sie Ihnen selbstverständlich
+erscheinen, unschuldige Bemerkungen, die mein Verfahren nicht antasten.
+Aber wie wird sie der Kommandant aufnehmen? Ich sehe ihn, den guten
+Kommandanten, wie er sofort den Stuhl beiseite schiebt und auf den
+Balkon eilt, ich sehe seine Damen, wie sie ihm nachströmen, ich höre
+seine Stimme -- die Damen nennen sie eine Donnerstimme --, nun, und er
+spricht: 'Ein grosser Forscher des Abendlandes, dazu bestimmt, das
+Gerichtsverfahren in allen Ländern zu überprüfen, hat eben gesagt, dass
+unser Verfahren nach altem Brauch ein unmenschliches ist. Nach diesem
+Urteil einer solchen Persönlichkeit ist es mir natürlich nicht mehr
+möglich, dieses Verfahren zu dulden. Mit dem heutigen Tage also ordne
+ich an -- usw.' Sie wollen eingreifen, Sie haben nicht das gesagt, was
+er verkündet, Sie haben mein Verfahren nicht unmenschlich genannt, im
+Gegenteil, Ihrer tiefen Einsicht entsprechend halten Sie es für das
+menschlichste und menschenwürdigste, Sie bewundern auch diese
+Maschinerie -- aber es ist zu spät; Sie kommen gar nicht auf den Balkon,
+der schon voll Damen ist; Sie wollen sich bemerkbar machen; Sie wollen
+schreien; aber eine Damenhand hält Ihnen den Mund zu -- und ich und das
+Werk des alten Kommandanten sind verloren.«
+
+Der Reisende musste ein Lächeln unterdrücken; so leicht war also die
+Aufgabe, die er für so schwer gehalten hatte. Er sagte ausweichend: »Sie
+überschätzen meinen Einfluss; der Kommandant hat mein Empfehlungsschreiben
+gelesen, er weiss, dass ich kein Kenner der gerichtlichen Verfahren bin.
+Wenn ich eine Meinung aussprechen würde, so wäre es die Meinung eines
+Privatmannes, um nichts bedeutender als die Meinung eines beliebigen
+anderen, und jedenfalls viel bedeutungsloser als die Meinung des
+Kommandanten, der in dieser Strafkolonie, wie ich zu wissen glaube, sehr
+ausgedehnte Rechte hat. Ist seine Meinung über dieses Verfahren eine so
+bestimmte, wie Sie glauben, dann, fürchte ich, ist allerdings das Ende
+dieses Verfahrens gekommen, ohne dass es meiner bescheidenen Mithilfe
+bedürfte.«
+
+Begriff es schon der Offizier? Nein, er begriff noch nicht. Er
+schüttelte lebhaft den Kopf, sah kurz nach dem Verurteilten und dem
+Soldaten zurück, die zusammenzuckten und vom Reis abliessen, ging ganz
+nahe an den Reisenden heran, blickte ihm nicht ins Gesicht, sondern
+irgendwohin auf seinen Rock und sagte leiser als früher: »Sie kennen den
+Kommandanten nicht; Sie stehen ihm und uns allen -- verzeihen Sie den
+Ausdruck -- gewissermassen harmlos gegenüber; Ihr Einfluss, glauben Sie
+mir, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ich war ja glückselig,
+als ich hörte, dass Sie allein der Exekution beiwohnen sollten. Diese
+Anordnung des Kommandanten sollte mich treffen, nun aber wende ich sie
+zu meinen Gunsten. Unabgelenkt von falschen Einflüsterungen und
+verächtlichen Blicken -- wie sie bei grösserer Teilnahme an der
+Exekution nicht hätten vermieden werden können -- haben Sie meine
+Erklärungen angehört, die Maschine gesehen und sind nun im Begriffe,
+die Exekution zu besichtigen. Ihr Urteil steht gewiss schon fest;
+sollten noch kleine Unsicherheiten bestehen, so wird sie der Anblick der
+Exekution beseitigen. Und nun stelle ich an Sie die Bitte: helfen Sie
+mir gegenüber dem Kommandanten!«
+
+Der Reisende liess ihn nicht weiter reden. »Wie könnte ich denn das,«
+rief er aus, »das ist ganz unmöglich. Ich kann Ihnen ebensowenig nützen
+als ich Ihnen schaden kann.«
+
+»Sie können es,« sagte der Offizier. Mit einiger Befürchtung sah der
+Reisende, dass der Offizier die Fäuste ballte. »Sie können es,«
+wiederholte der Offizier noch dringender. »Ich habe einen Plan, der
+gelingen muss. Sie glauben, Ihr Einfluss genüge nicht. Ich weiss, dass
+er genügt. Aber zugestanden, dass Sie recht haben, ist es denn nicht
+notwendig, zur Erhaltung dieses Verfahrens alles, selbst das
+möglicherweise Unzureichende zu versuchen? Hören Sie also meinen Plan.
+Zu seiner Ausführung ist es vor allem nötig, dass Sie heute in der
+Kolonie mit Ihrem Urteil über das Verfahren möglichst zurückhalten.
+Wenn man Sie nicht geradezu fragt, dürfen Sie sich keinesfalls äussern;
+Ihre Äusserungen aber müssen kurz und unbestimmt sein; man soll merken,
+dass es Ihnen schwer wird, darüber zu sprechen, dass Sie verbittert
+sind, dass Sie, falls Sie offen reden sollten, geradezu in
+Verwünschungen ausbrechen müssten. Ich verlange nicht, dass Sie lügen
+sollen; keineswegs; Sie sollen nur kurz antworten, etwa: 'Ja, ich habe
+die Exekution gesehen,' oder 'Ja, ich habe alle Erklärungen gehört.' Nur
+das, nichts weiter. Für die Verbitterung, die man Ihnen anmerken soll,
+ist ja genügend Anlass, wenn auch nicht im Sinne des Kommandanten. Er
+natürlich wird es vollständig missverstehen und in seinem Sinne deuten.
+Darauf gründet sich mein Plan. Morgen findet in der Kommandatur unter
+dem Vorsitz des Kommandanten eine grosse Sitzung aller höheren
+Verwaltungsbeamten statt. Der Kommandant hat es natürlich verstanden,
+aus solchen Sitzungen eine Schaustellung zu machen. Es wurde eine
+Galerie gebaut, die mit Zuschauern immer besetzt ist. Ich bin gezwungen
+an den Beratungen teilzunehmen, aber der Widerwille schüttelt mich. Nun
+werden Sie gewiss auf jeden Fall zu der Sitzung eingeladen werden; wenn
+Sie sich heute meinem Plane gemäss verhalten, wird die Einladung zu
+einer dringenden Bitte werden. Sollten Sie aber aus irgendeinem
+unerfindlichen Grunde doch nicht eingeladen werden, so müssten Sie
+allerdings die Einladung verlangen; dass Sie sie dann erhalten, ist
+zweifellos. Nun sitzen Sie also morgen mit den Damen in der Loge des
+Kommandanten. Er versichert sich öfters durch Blicke nach oben, dass Sie
+da sind. Nach verschiedenen gleichgültigen, lächerlichen, nur für die
+Zuhörer berechneten Verhandlungsgegenständen -- meistens sind es
+Hafenbauten, immer wieder Hafenbauten! -- kommt auch das
+Gerichtsverfahren zur Sprache. Sollte es von seiten des Kommandanten
+nicht oder nicht bald genug geschehen, so werde ich dafür sorgen, dass
+es geschieht. Ich werde aufstehen und die Meldung von der heutigen
+Exekution erstatten. Ganz kurz, nur diese Meldung. Eine solche Meldung
+ist zwar dort nicht üblich, aber ich tue es doch. Der Kommandant dankt
+mir, wie immer, mit freundlichem Lächeln und nun, er kann sich nicht
+zurückhalten, erfasst er die gute Gelegenheit. 'Es wurde eben,' so oder
+ähnlich wird er sprechen, 'die Meldung von der Exekution erstattet. Ich
+möchte dieser Meldung nur hinzufügen, dass gerade dieser Exekution der
+grosse Forscher beigewohnt hat, von dessen unsere Kolonie so
+ausserordentlich ehrendem Besuch Sie alle wissen. Auch unsere heutige
+Sitzung ist durch seine Anwesenheit in ihrer Bedeutung erhöht. Wollen
+wir nun nicht an diesen grossen Forscher die Frage richten, wie er die
+Exekution nach altem Brauch und das Verfahren, das ihr vorhergeht,
+beurteilt?' Natürlich überall Beifallklatschen, allgemeine Zustimmung,
+ich bin der lauteste. Der Kommandant verbeugt sich vor Ihnen und sagt:
+'Dann stelle ich im Namen aller die Frage.' Und nun treten Sie an die
+Brüstung. Legen Sie die Hände für alle sichtbar hin, sonst fassen sie
+die Damen und spielen mit den Fingern. -- Und jetzt kommt endlich Ihr
+Wort. Ich weiss nicht, wie ich die Spannung der Stunden bis dahin
+ertragen werde. In Ihrer Rede müssen Sie sich keine Schranken setzen,
+machen Sie mit der Wahrheit Lärm, beugen Sie sich über die Brüstung,
+brüllen Sie, aber ja, brüllen Sie dem Kommandanten Ihre Meinung, Ihre
+unerschütterliche Meinung zu. Aber vielleicht wollen Sie das nicht, es
+entspricht nicht Ihrem Charakter, in Ihrer Heimat verhält man sich
+vielleicht in solchen Lagen anders, auch das ist richtig, auch das
+genügt vollkommen, stehen Sie gar nicht auf, sagen Sie nur ein paar
+Worte, flüstern Sie sie, dass sie gerade noch die Beamten unter Ihnen
+hören, es genügt, Sie müssen gar nicht selbst von der mangelnden
+Teilnahme an der Exekution, von dem kreischenden Rad, dem zerrissenen
+Riemen, dem widerlichen Filz reden, nein, alles weitere übernehme ich,
+und glauben Sie, wenn meine Rede ihn nicht aus dem Saale jagt, so wird
+sie ihn auf die Knie zwingen, dass er bekennen muss: Alter Kommandant,
+vor dir beuge ich mich. -- Das ist mein Plan; wollen Sie mir zu seiner
+Ausführung helfen? Aber natürlich wollen Sie, mehr als das, Sie
+müssen.« Und der Offizier fasste den Reisenden an beiden Armen und sah
+ihm schweratmend ins Gesicht. Die letzten Sätze hatte er so geschrien,
+dass selbst der Soldat und der Verurteilte aufmerksam geworden waren;
+trotzdem sie nichts verstehen konnten, hielten sie doch im Essen inne
+und sahen kauend zum Reisenden hinüber.
+
+Die Antwort, die er zu geben hatte, war für den Reisenden von allem
+Anfang an zweifellos; er hatte in seinem Leben zu viel erfahren, als
+dass er hier hätte schwanken können; er war im Grunde ehrlich und hatte
+keine Furcht. Trotzdem zögerte er jetzt im Anblick des Soldaten und des
+Verurteilten einen Atemzug lang. Schliesslich aber sagte er, wie er
+musste: »Nein.« Der Offizier blinzelte mehrmals mit den Augen, liess
+aber keinen Blick von ihm. »Wollen Sie eine Erklärung?« fragte der
+Reisende. Der Offizier nickte stumm. »Ich bin ein Gegner dieses
+Verfahrens,« sagte nun der Reisende, »noch ehe Sie mich ins Vertrauen
+zogen -- dieses Vertrauen werde ich natürlich unter keinen Umständen
+missbrauchen -- habe ich schon überlegt, ob ich berechtigt wäre, gegen
+dieses Verfahren einzuschreiten und ob mein Einschreiten auch nur eine
+kleine Aussicht auf Erfolg haben könnte. An wen ich mich dabei zuerst
+wenden müsste, war mir klar: an den Kommandanten natürlich. Sie haben es
+mir noch klarer gemacht, ohne aber etwa meinen Entschluss erst befestigt
+zu haben, im Gegenteil, Ihre ehrliche Überzeugung geht mir nahe, wenn
+sie mich auch nicht beirren kann.«
+
+Der Offizier blieb stumm, wendete sich der Maschine zu, fasste eine der
+Messingstangen und sah dann, ein wenig zurückgebeugt, zum Zeichner
+hinauf, als prüfe er, ob alles in Ordnung sei. Der Soldat und der
+Verurteilte schienen sich miteinander befreundet zu haben; der
+Verurteilte machte, so schwierig dies bei der festen Einschnallung
+durchzuführen war, dem Soldaten Zeichen; der Soldat beugte sich zu ihm;
+der Verurteilte flüsterte ihm etwas zu, und der Soldat nickte.
+
+Der Reisende ging dem Offizier nach und sagte: »Sie wissen noch nicht,
+was ich tun will. Ich werde meine Ansicht über das Verfahren dem
+Kommandanten zwar sagen, aber nicht in einer Sitzung, sondern unter vier
+Augen; ich werde auch nicht so lange hier bleiben, dass ich irgendeiner
+Sitzung beigezogen werden könnte; ich fahre schon morgen früh weg oder
+schiffe mich wenigstens ein.«
+
+Es sah nicht aus, als ob der Offizier zugehört hätte. »Das Verfahren hat
+Sie also nicht überzeugt,« sagte er für sich und lächelte, wie ein Alter
+über den Unsinn eines Kindes lächelt und hinter dem Lächeln sein eigenes
+wirkliches Nachdenken behält.
+
+»Dann ist es also Zeit,« sagte er schliesslich und blickte plötzlich mit
+hellen Augen, die irgendeine Aufforderung, irgendeinen Aufruf zur
+Beteiligung enthielten, den Reisenden an.
+
+»Wozu ist es Zeit?« fragte der Reisende unruhig, bekam aber keine
+Antwort.
+
+»Du bist frei,« sagte der Offizier zum Verurteilten in dessen Sprache.
+Dieser glaubte es zuerst nicht. »Nun, frei bist du,« sagte der
+Offizier. Zum erstenmal bekam das Gesicht des Verurteilten wirkliches
+Leben. War es Wahrheit? War es nur eine Laune des Offiziers, die
+vorübergehen konnte? Hatte der fremde Reisende ihm Gnade erwirkt? Was
+war es? So schien sein Gesicht zu fragen. Aber nicht lange. Was immer es
+sein mochte, er wollte, wenn er durfte, wirklich frei sein und er begann
+sich zu rütteln, soweit es die Egge erlaubte.
+
+»Du zerreisst mir die Riemen,« schrie der Offizier, »sei ruhig! Wir
+öffnen sie schon.« Und er machte sich mit dem Soldaten, dem er ein
+Zeichen gab, an die Arbeit. Der Verurteilte lachte ohne Worte leise vor
+sich hin, bald wendete er das Gesicht links zum Offizier, bald rechts
+zum Soldaten, auch den Reisenden vergass er nicht.
+
+»Zieh ihn heraus,« befahl der Offizier dem Soldaten. Es musste hiebei
+wegen der Egge einige Vorsicht angewendet werden. Der Verurteilte hatte
+schon infolge seiner Ungeduld einige kleine Risswunden auf dem Rücken.
+
+Von jetzt ab kümmerte sich aber der Offizier kaum mehr um ihn. Er ging
+auf den Reisenden zu, zog wieder die kleine Ledermappe hervor, blätterte
+in ihr, fand schliesslich das Blatt, das er suchte, und zeigte es dem
+Reisenden. »Lesen Sie,« sagte er. »Ich kann nicht,« sagte der Reisende,
+»ich sagte schon, ich kann diese Blätter nicht lesen.« »Sehen Sie das
+Blatt doch genau an,« sagte der Offizier und trat neben den Reisenden,
+um mit ihm zu lesen. Als auch das nichts half, fuhr er mit dem kleinen
+Finger in grosser Höhe, als dürfe das Blatt auf keinen Fall berührt
+werden, über das Papier hin, um auf diese Weise dem Reisenden das Lesen
+zu erleichtern. Der Reisende gab sich auch Mühe, um wenigstens darin dem
+Offizier gefällig sein zu können, aber es war ihm unmöglich. Nun begann
+der Offizier die Aufschrift zu buchstabieren und dann las er sie noch
+einmal im Zusammenhang. »'Sei gerecht!' -- heisst es,« sagte er, »jetzt
+können Sie es doch lesen.« Der Reisende beugte sich so tief über das
+Papier, dass der Offizier aus Angst vor einer Berührung es weiter
+entfernte; nun sagte der Reisende zwar nichts mehr, aber es war klar,
+dass er es noch immer nicht hatte lesen können. »'Sei gerecht!' --
+heisst es,« sagte der Offizier nochmals. »Mag sein,« sagte der Reisende,
+»ich glaube es, dass es dort steht.« »Nun gut,« sagte der Offizier,
+wenigstens teilweise befriedigt, und stieg mit dem Blatt auf die Leiter;
+er bettete das Blatt mit grosser Vorsicht im Zeichner und ordnete das
+Räderwerk scheinbar gänzlich um; es war eine sehr mühselige Arbeit, es
+musste sich auch um ganz kleine Räder handeln, manchmal verschwand der
+Kopf des Offiziers völlig im Zeichner, so genau musste er das Räderwerk
+untersuchen.
+
+Der Reisende verfolgte von unten diese Arbeit ununterbrochen, der Hals
+wurde ihm steif, und die Augen schmerzten ihn von dem mit Sonnenlicht
+überschütteten Himmel. Der Soldat und der Verurteilte waren nur
+miteinander beschäftigt. Das Hemd und die Hose des Verurteilten, die
+schon in der Grube lagen, wurden vom Soldaten mit der Bajonettspitze
+herausgezogen. Das Hemd war entsetzlich schmutzig, und der Verurteilte
+wusch es in dem Wasserkübel. Als er dann Hemd und Hose anzog, musste der
+Soldat wie der Verurteilte laut lachen, denn die Kleidungsstücke waren
+doch hinten entzweigeschnitten. Vielleicht glaubte der Verurteilte
+verpflichtet zu sein, den Soldaten zu unterhalten, er drehte sich in der
+zerschnittenen Kleidung im Kreise vor dem Soldaten, der auf dem Boden
+hockte und lachend auf seine Knie schlug. Immerhin bezwangen sie sich
+noch mit Rücksicht auf die Anwesenheit der Herren.
+
+Als der Offizier oben endlich fertiggeworden war, überblickte er noch
+einmal lächelnd das Ganze in allen seinen Teilen, schlug diesmal den
+Deckel des Zeichners zu, der bisher offen gewesen war, stieg hinunter,
+sah in die Grube und dann auf den Verurteilten, merkte befriedigt, dass
+dieser seine Kleidung herausgenommen hatte, ging dann zu dem
+Wasserkübel, um die Hände zu waschen, erkannte zu spät den widerlichen
+Schmutz, war traurig darüber, dass er nun die Hände nicht waschen
+konnte, tauchte sie schliesslich -- dieser Ersatz genügte ihm nicht,
+aber er musste sich fügen -- in den Sand, stand dann auf und begann
+seinen Uniformrock aufzuknöpfen. Hiebei fielen ihm zunächst die zwei
+Damentaschentücher, die er hinter den Kragen gezwängt hatte, in die
+Hände. »Hier hast du deine Taschentücher,« sagte er und warf sie dem
+Verurteilten zu. Und zum Reisenden sagte er erklärend: »Geschenke der
+Damen.«
+
+Trotz der offenbaren Eile, mit der er den Uniformrock auszog und sich
+dann vollständig entkleidete, behandelte er doch jedes Kleidungsstück
+sehr sorgfältig, über die Silberschnüre an seinem Waffenrock strich er
+sogar eigens mit den Fingern hin und schüttelte eine Troddel zurecht.
+Wenig passte es allerdings zu dieser Sorgfalt, dass er, sobald er mit
+der Behandlung eines Stückes fertig war, es dann sofort mit einem
+unwilligen Ruck in die Grube warf. Das letzte, was ihm übrig blieb, war
+sein kurzer Degen mit dem Tragriemen. Er zog den Degen aus der Scheide,
+zerbrach ihn, fasste dann alles zusammen, die Degenstücke, die Scheide
+und den Riemen und warf es so heftig weg, dass es unten in der Grube
+aneinander klang.
+
+Nun stand er nackt da. Der Reisende biss sich auf die Lippen und sagte
+nichts. Er wusste zwar, was geschehen würde, aber er hatte kein Recht,
+den Offizier an irgend etwas zu hindern. War das Gerichtsverfahren, an
+dem der Offizier hing, wirklich so nahe daran behoben zu werden --
+möglicherweise infolge des Einschreitens des Reisenden, zu dem sich
+dieser seinerseits verpflichtet fühlte -- dann handelte jetzt der
+Offizier vollständig richtig; der Reisende hätte an seiner Stelle nicht
+anders gehandelt.
+
+Der Soldat und der Verurteilte verstanden zuerst nichts, sie sahen
+anfangs nicht einmal zu. Der Verurteilte war sehr erfreut darüber, die
+Taschentücher zurückerhalten zu haben, aber er durfte sich nicht lange
+an ihnen freuen, denn der Soldat nahm sie ihm mit einem raschen, nicht
+vorherzusehenden Griff. Nun versuchte wieder der Verurteilte dem
+Soldaten die Tücher hinter dem Gürtel, hinter dem er sie verwahrt
+hatte, hervorzuziehen, aber der Soldat war wachsam. So stritten sie in
+halbem Scherz. Erst als der Offizier vollständig nackt war, wurden sie
+aufmerksam. Besonders der Verurteilte schien von der Ahnung irgendeines
+großen Umschwungs getroffen zu sein. Was ihm geschehen war, geschah nun
+dem Offizier. Vielleicht würde es so bis zum Äussersten gehen.
+Wahrscheinlich hatte der fremde Reisende den Befehl dazu gegeben. Das
+war also Rache. Ohne selbst bis zum Ende gelitten zu haben, wurde er
+doch bis zum Ende gerächt. Ein breites, lautloses Lachen erschien nun
+auf seinem Gesicht und verschwand nicht mehr.
+
+Der Offizier aber hatte sich der Maschine zugewendet. Wenn es schon
+früher deutlich gewesen war, dass er die Maschine gut verstand, so
+konnte es jetzt einen fast bestürzt machen, wie er mit ihr umging und
+wie sie gehorchte. Er hatte die Hand der Egge nur genähert, und sie hob
+und senkte sich mehrmals, bis sie die richtige Lage erreicht hatte um
+ihn zu empfangen; er fasste das Bett nur am Rande, und es fing schon zu
+zittern an; der Filzstumpf kam seinem Mund entgegen, man sah, wie der
+Offizier ihn eigentlich nicht haben wollte, aber das Zögern dauerte nur
+einen Augenblick, gleich fügte er sich und nahm ihn auf. Alles war
+bereit, nur die Riemen hingen noch an den Seiten hinunter, aber sie
+waren offenbar unnötig, der Offizier musste nicht angeschnallt sein. Da
+bemerkte der Verurteilte die losen Riemen, seiner Meinung nach war die
+Exekution nicht vollkommen, wenn die Riemen nicht festgeschnallt waren,
+er winkte eifrig dem Soldaten, und sie liefen hin, den Offizier
+anzuschnallen. Dieser hatte schon den einen Fuss ausgestreckt, um in die
+Kurbel zu stossen, die den Zeichner in Gang bringen sollte; da sah er,
+dass die zwei gekommen waren; er zog daher den Fuss zurück und liess
+sich anschnallen. Nun konnte er allerdings die Kurbel nicht mehr
+erreichen; weder der Soldat noch der Verurteilte würden sie auffinden,
+und der Reisende war entschlossen, sich nicht zu rühren. Es war nicht
+nötig; kaum waren die Riemen angebracht, fing auch schon die Maschine zu
+arbeiten an; das Bett zitterte, die Nadeln tanzten auf der Haut, die
+Egge schwebte auf und ab. Der Reisende hatte schon eine Weile
+hingestarrt, ehe er sich erinnerte, dass ein Rad im Zeichner hätte
+kreischen sollen; aber alles war still, nicht das geringste Surren war
+zu hören.
+
+Durch diese stille Arbeit entschwand die Maschine förmlich der
+Aufmerksamkeit. Der Reisende sah zu dem Soldaten und dem Verurteilten
+hinüber. Der Verurteilte war der lebhaftere, alles an der Maschine
+interessierte ihn, bald beugte er sich nieder, bald streckte er sich,
+immerfort hatte er den Zeigefinger ausgestreckt, um dem Soldaten etwas
+zu zeigen. Dem Reisenden war es peinlich. Er war entschlossen, hier bis
+zum Ende zu bleiben, aber den Anblick der zwei hätte er nicht lange
+ertragen. »Geht nach Hause,« sagte er. Der Soldat wäre dazu vielleicht
+bereit gewesen, aber der Verurteilte empfand den Befehl geradezu als
+Strafe. Er bat flehentlich mit gefalteten Händen ihn hier zu lassen,
+und als der Reisende kopfschüttelnd nicht nachgeben wollte, kniete er
+sogar nieder. Der Reisende sah, dass Befehle hier nichts halfen, er
+wollte hinüber und die zwei vertreiben. Da hörte er oben im Zeichner ein
+Geräusch. Er sah hinauf. Störte also das eine Zahnrad doch? Aber es war
+etwas anderes. Langsam hob sich der Deckel des Zeichners und klappte
+dann vollständig auf. Die Zacken eines Zahnrades zeigten und hoben sich,
+bald erschien das ganze Rad, es war, als presse irgendeine grosse Macht
+den Zeichner zusammen, so dass für dieses Rad kein Platz mehr übrig
+blieb, das Rad drehte sich bis zum Rand des Zeichners, fiel hinunter,
+kollerte aufrecht ein Stück im Sand und blieb dann liegen. Aber schon
+stieg oben ein anderes auf, ihm folgten viele, grosse, kleine und kaum
+zu unterscheidende, mit allen geschah dasselbe, immer glaubte man, nun
+müsse der Zeichner jedenfalls schon entleert sein, da erschien eine
+neue, besonders zahlreiche Gruppe, stieg auf, fiel hinunter, kollerte im
+Sand und legte sich. Über diesem Vorgang vergass der Verurteilte ganz
+den Befehl des Reisenden, die Zahnräder entzückten ihn völlig, er wollte
+immer eines fassen, trieb gleichzeitig den Soldaten an, ihm zu helfen,
+zog aber erschreckt die Hand zurück, denn es folgte gleich ein anderes
+Rad, das ihn, wenigstens im ersten Anrollen, erschreckte.
+
+Der Reisende dagegen war sehr beunruhigt; die Maschine ging offenbar in
+Trümmer; ihr ruhiger Gang war eine Täuschung; er hatte das Gefühl, als
+müsse er sich jetzt des Offiziers annehmen, da dieser nicht mehr für
+sich selbst sorgen konnte. Aber während der Fall der Zahnräder seine
+ganze Aufmerksamkeit beanspruchte, hatte er versäumt, die übrige
+Maschine zu beaufsichtigen; als er jedoch jetzt, nachdem das letzte
+Zahnrad den Zeichner verlassen hatte, sich über die Egge beugte, hatte
+er eine neue, noch ärgere Überraschung. Die Egge schrieb nicht, sie
+stach nur, und das Bett wälzte den Körper nicht, sondern hob ihn nur
+zitternd in die Nadeln hinein. Der Reisende wollte eingreifen,
+möglicherweise das Ganze zum Stehen bringen, das war ja keine Folter,
+wie sie der Offizier erreichen wollte, das war unmittelbarer Mord. Er
+streckte die Hände aus. Da hob sich aber schon die Egge mit dem
+aufgespiessten Körper zur Seite, wie sie es sonst erst in der zwölften
+Stunde tat. Das Blut floss in hundert Strömen, nicht mit Wasser
+vermischt, auch die Wasserröhrchen hatten diesmal versagt. Und nun
+versagte noch das letzte, der Körper löste sich von den langen Nadeln
+nicht, strömte sein Blut aus, hing aber über der Grube ohne zu fallen.
+Die Egge wollte schon in ihre alte Lage zurückkehren, aber als merke sie
+selbst, dass sie von ihrer Last noch nicht befreit sei, blieb sie doch
+über der Grube. »Helft doch!« schrie der Reisende zum Soldaten und zum
+Verurteilten hinüber und fasste selbst die Füsse des Offiziers. Er
+wollte sich hier gegen die Füsse drücken, die zwei sollten auf der
+anderen Seite den Kopf des Offiziers fassen, und so sollte er langsam
+von den Nadeln gehoben werden. Aber nun konnten sich die zwei nicht
+entschliessen zu kommen; der Verurteilte drehte sich geradezu um; der
+Reisende musste zu ihnen hinübergehen und sie mit Gewalt zu dem Kopf des
+Offiziers drängen. Hiebei sah er fast gegen Willen das Gesicht der
+Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der
+versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der
+Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren
+fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des
+Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die
+Spitze des grossen eisernen Stachels.
+
+ * * * * *
+
+Als der Reisende, mit dem Soldaten und dem Verurteilten hinter sich, zu
+den ersten Häusern der Kolonie kam, zeigte der Soldat auf eines und
+sagte: »Hier ist das Teehaus.«
+
+Im Erdgeschoss eines Hauses war ein tiefer, niedriger, höhlenartiger, an
+den Wänden und an der Decke verräucherter Raum. Gegen die Strasse zu war
+er in seiner ganzen Breite offen. Trotzdem sich das Teehaus von den
+übrigen Häusern der Kolonie, die bis auf die Palastbauten der
+Kommandatur alle sehr verkommen waren, wenig unterschied, übte es auf
+den Reisenden doch den Eindruck einer historischen Erinnerung aus und er
+fühlte die Macht der früheren Zeiten. Er trat näher heran, ging, gefolgt
+von seinen Begleitern, zwischen den unbesetzten Tischen hindurch, die
+vor dem Teehaus auf der Strasse standen, und atmete die kühle, dumpfige
+Luft ein, die aus dem Innern kam. »Der Alte ist hier begraben,« sagte
+der Soldat, »ein Platz auf dem Friedhof ist ihm vom Geistlichen
+verweigert worden. Man war eine Zeitlang unentschlossen, wo man ihn
+begraben sollte, schliesslich hat man ihn hier begraben. Davon hat Ihnen
+der Offizier gewiss nichts erzählt, denn dessen hat er sich natürlich am
+meisten geschämt. Er hat sogar einigemal in der Nacht versucht, den
+Alten auszugraben, er ist aber immer verjagt worden.« »Wo ist das Grab?«
+fragte der Reisende, der dem Soldaten nicht glauben konnte. Gleich
+liefen beide, der Soldat wie der Verurteilte, vor ihm her und zeigten
+mit ausgestreckten Händen dorthin, wo sich das Grab befinden sollte. Sie
+führten den Reisenden bis zur Rückwand, wo an einigen Tischen Gäste
+sassen. Es waren wahrscheinlich Hafenarbeiter, starke Männer mit kurzen,
+glänzend schwarzen Vollbärten. Alle waren ohne Rock, ihre Hemden waren
+zerrissen, es war armes, gedemütigtes Volk. Als sich der Reisende
+näherte, erhoben sich einige, drückten sich an die Wand und sahen ihm
+entgegen. »Es ist ein Fremder,« flüsterte es um den Reisenden herum, »er
+will das Grab ansehen.« Sie schoben einen der Tische beiseite, unter dem
+sich wirklich ein Grabstein befand. Es war ein einfacher Stein, niedrig
+genug, um unter einem Tisch verborgen werden zu können. Er trug eine
+Aufschrift mit sehr kleinen Buchstaben, der Reisende musste, um sie zu
+lesen, niederknien. Sie lautete: »Hier ruht der alte Kommandant. Seine
+Anhänger, die jetzt keinen Namen tragen dürfen, haben ihm das Grab
+gegraben und den Stein gesetzt. Es besteht eine Prophezeiung, dass der
+Kommandant nach einer bestimmten Anzahl von Jahren auferstehen und aus
+diesem Hause seine Anhänger zur Wiedereroberung der Kolonie führen wird.
+Glaubet und wartet!« Als der Reisende das gelesen hatte und sich erhob,
+sah er rings um sich die Männer stehen und lächeln, als hätten sie mit
+ihm die Aufschrift gelesen, sie lächerlich gefunden und forderten ihn
+auf, sich ihrer Meinung anzuschliessen. Der Reisende tat, als merke er
+das nicht, verteilte einige Münzen unter sie, wartete noch, bis der
+Tisch über das Grab geschoben war, verliess das Teehaus und ging zum
+Hafen.
+
+Der Soldat und der Verurteilte hatten im Teehaus Bekannte gefunden, die
+sie zurückhielten. Sie mussten sich aber bald von ihnen losgerissen
+haben, denn der Reisende befand sich erst in der Mitte der langen
+Treppe, die zu den Booten führte, als sie ihm schon nachliefen. Sie
+wollten wahrscheinlich den Reisenden im letzten Augenblick zwingen, sie
+mitzunehmen. Während der Reisende unten mit einem Schiffer wegen der
+Überfahrt zum Dampfer unterhandelte, rasten die zwei die Treppe hinab,
+schweigend, denn zu schreien wagten sie nicht. Aber als sie unten
+ankamen, war der Reisende schon im Boot, und der Schiffer löste es
+gerade vom Ufer. Sie hätten noch ins Boot springen können, aber der
+Reisende hob ein schweres geknotetes Tau vom Boden, drohte ihnen damit
+und hielt sie dadurch von dem Sprunge ab.
+
+
+
+
+ Dieses Buch wurde als viertes der neuen Folge der
+ Drugulin-Drucke im Mai 1919 für Kurt Wolff Verlag in
+ der Offizin W. Drugulin in Leipzig in einer einmaligen
+ Auflage von 1000 Exemplaren gedruckt.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of In der Strafkolonie, by Franz Kafka
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN DER STRAFKOLONIE ***
+
+***** This file should be named 25791-8.txt or 25791-8.zip *****
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+ https://www.gutenberg.org/2/5/7/9/25791/
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+The Project Gutenberg EBook of In der Strafkolonie, by Franz Kafka
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: In der Strafkolonie
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+Author: Franz Kafka
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+Release Date: June 14, 2008 [EBook #25791]
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN DER STRAFKOLONIE ***
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+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
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+<p class="center" style="margin-top: 120px;"><big>FRANZ KAFKA</big></p>
+
+<h1 style="margin-bottom: 8em;">IN DER STRAFKOLONIE</h1>
+
+<p class="center">1919</p>
+
+<p class="center">KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG</p>
+
+<p class="center" style="margin: 4em auto 8em auto;">Copyright by Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1919</p>
+
+<p id="first-paragraph">
+&raquo;Es
+<span class="pagenum"><a name="Page_5">[5]</a></span>
+ist ein eigent&uuml;mlicher Apparat,&laquo; sagte
+der Offizier zu dem Forschungsreisenden
+und &uuml;berblickte mit einem gewissermassen
+bewundernden Blick den ihm doch
+wohlbekannten Apparat. Der Reisende schien
+nur aus H&ouml;flichkeit der Einladung des Kommandanten
+gefolgt zu sein, der ihn aufgefordert
+hatte, der Exekution eines Soldaten beizuwohnen,
+der wegen Ungehorsam und Beleidigung
+des Vorgesetzten verurteilt worden
+war. Das Interesse f&uuml;r diese Exekution war
+wohl auch in der Strafkolonie nicht sehr gross.
+Wenigstens war hier in dem tiefen, sandigen,
+von kahlen Abh&auml;ngen ringsum abgeschlossenen
+kleinen Tal ausser dem Offizier und dem
+Reisenden nur der Verurteilte, ein stumpfsinniger,
+breitm&auml;uliger Mensch mit verwahrlostem
+Haar und Gesicht und ein Soldat zugegen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_6">[6]</a></span>
+der die schwere Kette hielt, in welche
+die kleinen Ketten ausliefen, mit denen der
+Verurteilte an den Fuss- und Handkn&ouml;cheln
+sowie am Hals gefesselt war und die auch
+untereinander durch Verbindungsketten zusammenhingen.
+&Uuml;brigens sah der Verurteilte
+so h&uuml;ndisch ergeben aus, dass es den Anschein
+hatte, als k&ouml;nnte man ihn frei auf den Abh&auml;ngen
+herumlaufen lassen und m&uuml;sse bei Beginn
+der Exekution nur pfeifen, damit er
+k&auml;me.</p>
+
+<p>Der Reisende hatte wenig Sinn f&uuml;r den Apparat
+und ging hinter dem Verurteilten fast
+sichtbar unbeteiligt auf und ab, w&auml;hrend der
+Offizier die letzten Vorbereitungen besorgte,
+bald unter den tief in die Erde eingebauten
+Apparat kroch, bald auf eine Leiter stieg, um
+die oberen Teile zu untersuchen. Das waren
+Arbeiten, die man eigentlich einem Maschinisten
+h&auml;tte &uuml;berlassen k&ouml;nnen, aber der
+Offizier f&uuml;hrte sie mit einem grossen Eifer
+aus, sei es, dass er ein besonderer Anh&auml;nger
+dieses Apparates war, sei es, dass man aus
+anderen Gr&uuml;nden die Arbeit sonst niemandem
+<span class="pagenum"><a name="Page_7">[7]</a></span>
+anvertrauen konnte. &raquo;Jetzt ist alles
+fertig!&laquo; rief er endlich und stieg von der
+Leiter hinunter. Er war ungemein ermattet,
+atmete mit weit offenem Mund und hatte
+zwei zarte Damentaschent&uuml;cher hinter den
+Uniformkragen gezw&auml;ngt. &raquo;Diese Uniformen
+sind doch f&uuml;r die Tropen zu schwer,&laquo; sagte
+der Reisende, statt sich, wie es der Offizier
+erwartet hatte, nach dem Apparat zu erkundigen.
+&raquo;Gewiss,&laquo; sagte der Offizier und wusch
+sich die von &Ouml;l und Fett beschmutzten H&auml;nde
+in einem bereitstehenden Wasserk&uuml;bel, &raquo;aber
+sie bedeuten die Heimat; wir wollen nicht
+die Heimat verlieren. &ndash; Nun sehen Sie aber
+diesen Apparat,&laquo; f&uuml;gte er gleich hinzu, trocknete
+die H&auml;nde mit einem Tuch und zeigte
+gleichzeitig auf den Apparat. &raquo;Bis jetzt war
+noch H&auml;ndearbeit n&ouml;tig, von jetzt aber arbeitet
+der Apparat ganz allein.&laquo; Der Reisende nickte
+und folgte dem Offizier. Dieser suchte sich
+f&uuml;r alle Zwischenf&auml;lle zu sichern und sagte
+dann: &raquo;Es kommen nat&uuml;rlich St&ouml;rungen vor;
+ich hoffe zwar, es wird heute keine eintreten,
+immerhin muss man mit ihnen rechnen. Der
+<span class="pagenum"><a name="Page_8">[8]</a></span>
+Apparat soll ja zw&ouml;lf Stunden ununterbrochen
+im Gang sein. Wenn aber auch St&ouml;rungen
+vorkommen, so sind es doch nur ganz kleine
+und sie werden sofort behoben sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollen Sie sich nicht setzen?&laquo; fragte er
+schliesslich, zog aus einem Haufen von Rohrst&uuml;hlen
+einen hervor und bot ihn dem Reisenden
+an; dieser konnte nicht ablehnen. Er sass
+nun am Rande einer Grube, in die er einen
+fl&uuml;chtigen Blick warf. Sie war nicht sehr
+tief. Zur einen Seite der Grube war die ausgegrabene
+Erde zu einem Wall aufgeh&auml;uft,
+zur anderen Seite stand der Apparat. &raquo;Ich
+weiss nicht,&laquo; sagte der Offizier, &raquo;ob Ihnen der
+Kommandant den Apparat schon erkl&auml;rt hat.&laquo;
+Der Reisende machte eine ungewisse Handbewegung;
+der Offizier verlangte nichts Besseres,
+denn nun konnte er selbst den Apparat
+erkl&auml;ren. &raquo;Dieser Apparat,&laquo; sagte er und
+fasste eine Kurbelstange, auf die er sich st&uuml;tzte,
+&raquo;ist eine Erfindung unseres fr&uuml;heren Kommandanten.
+Ich habe gleich bei den allerersten
+Versuchen mitgearbeitet und war auch
+bei allen Arbeiten bis zur Vollendung beteiligt.
+<span class="pagenum"><a name="Page_9">[9]</a></span>
+Das Verdienst der Erfindung allerdings geb&uuml;hrt
+ihm ganz allein. Haben Sie von unserem
+fr&uuml;heren Kommandanten geh&ouml;rt? Nicht?
+Nun, ich behaupte nicht zu viel, wenn ich
+sage, dass die Einrichtung der ganzen Strafkolonie
+sein Werk ist. Wir, seine Freunde,
+wussten schon bei seinem Tod, dass die Einrichtung
+der Kolonie so in sich geschlossen
+ist, dass sein Nachfolger, und habe er tausend
+neue Pl&auml;ne im Kopf, wenigstens w&auml;hrend
+vieler Jahre nichts von dem Alten wird &auml;ndern
+k&ouml;nnen. Unsere Voraussage ist auch eingetroffen;
+der neue Kommandant hat es erkennen
+m&uuml;ssen. Schade, dass Sie den fr&uuml;heren
+Kommandanten nicht gekannt haben! &ndash;
+Aber,&laquo; unterbrach sich der Offizier, &raquo;ich
+schw&auml;tze, und sein Apparat steht hier vor
+uns. Er besteht, wie Sie sehen, aus drei
+Teilen. Es haben sich im Laufe der Zeit f&uuml;r
+jeden dieser Teile gewissermassen volkst&uuml;mliche
+Bezeichnungen ausgebildet. Der untere
+heisst das Bett, der obere heisst der Zeichner,
+und hier der mittlere, schwebende Teil heisst
+die Egge.&laquo; &raquo;Die Egge?&laquo; fragte der Reisende.
+<span class="pagenum"><a name="Page_10">[10]</a></span>
+Er hatte nicht ganz aufmerksam zugeh&ouml;rt,
+die Sonne verfing sich allzustark in dem
+schattenlosen Tal, man konnte schwer seine
+Gedanken sammeln. Um so bewundernswerter
+erschien ihm der Offizier, der im
+engen, paradem&auml;ssigen, mit Epauletten beschwerten,
+mit Schn&uuml;ren beh&auml;ngten Waffenrock
+so eifrig seine Sache erkl&auml;rte und ausserdem,
+w&auml;hrend er sprach, mit einem Schraubendreher
+noch hier und da an einer Schraube
+sich zu schaffen machte. In &auml;hnlicher Verfassung
+wie der Reisende schien der Soldat
+zu sein. Er hatte um beide Handgelenke die
+Kette des Verurteilten gewickelt, st&uuml;tzte sich
+mit einer Hand auf sein Gewehr, liess den
+Kopf im Genick hinunterh&auml;ngen und k&uuml;mmerte
+sich um nichts. Der Reisende wunderte
+sich nicht dar&uuml;ber, denn der Offizier sprach
+franz&ouml;sisch und franz&ouml;sisch verstand gewiss
+weder der Soldat noch der Verurteilte. Um so
+auffallender war es allerdings, dass der Verurteilte
+sich dennoch bem&uuml;hte, den Erkl&auml;rungen
+des Offiziers zu folgen. Mit einer Art
+schl&auml;friger Beharrlichkeit richtete er die Blicke
+<span class="pagenum"><a name="Page_11">[11]</a></span>
+immer dorthin, wohin der Offizier gerade
+zeigte, und als dieser jetzt vom Reisenden
+mit einer Frage unterbrochen wurde, sah
+auch er, ebenso wie der Offizier, den Reisenden
+an.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, die Egge,&laquo; sagte der Offizier, &raquo;der Name
+passt. Die Nadeln sind eggenartig angeordnet,
+auch wird das Ganze wie eine Egge gef&uuml;hrt,
+wenn auch bloss auf einem Platz und viel
+kunstgem&auml;sser. Sie werden es &uuml;brigens gleich
+verstehen. Hier auf das Bett wird der Verurteilte
+gelegt. &ndash; Ich will n&auml;mlich den Apparat
+zuerst beschreiben und dann erst die Prozedur
+selbst ausf&uuml;hren lassen. Sie werden
+ihr dann besser folgen k&ouml;nnen. Auch ist ein
+Zahnrad im Zeichner zu stark abgeschliffen;
+es kreischt sehr, wenn es im Gang ist; man
+kann sich dann kaum verst&auml;ndigen; Ersatzteile
+sind hier leider nur schwer zu beschaffen.
+&ndash; Also hier ist das Bett, wie ich sagte. Es ist
+ganz und gar mit einer Watteschicht bedeckt;
+den Zweck dessen werden Sie noch erfahren.
+Auf diese Watte wird der Verurteilte b&auml;uchlings
+gelegt, nat&uuml;rlich nackt; hier sind f&uuml;r die
+<span class="pagenum"><a name="Page_12">[12]</a></span>
+H&auml;nde, hier f&uuml;r die F&uuml;sse, hier f&uuml;r den Hals
+Riemen, um ihn festzuschnallen. Hier am
+Kopfende des Bettes, wo der Mann, wie ich
+gesagt habe, zuerst mit dem Gesicht aufliegt,
+ist dieser kleine Filzstumpf, der leicht so reguliert
+werden kann, dass er dem Mann gerade
+in den Mund dringt. Er hat den Zweck,
+am Schreien und am Zerbeissen der Zunge
+zu hindern. Nat&uuml;rlich muss der Mann den
+Filz aufnehmen, da ihm sonst durch den Halsriemen
+das Genick gebrochen wird.&laquo; &raquo;Das
+ist Watte?&laquo; fragte der Reisende und beugte
+sich vor. &raquo;Ja gewiss,&laquo; sagte der Offizier
+l&auml;chelnd, &raquo;bef&uuml;hlen Sie es selbst.&laquo; Er fasste
+die Hand des Reisenden und f&uuml;hrte sie &uuml;ber
+das Bett hin. &raquo;Es ist eine besonders pr&auml;parierte
+Watte, darum sieht sie so unkenntlich
+aus; ich werde auf ihren Zweck noch zu
+sprechen kommen.&laquo; Der Reisende war schon
+ein wenig f&uuml;r den Apparat gewonnen; die
+Hand zum Schutz gegen die Sonne &uuml;ber den
+Augen, sah er an dem Apparat in die H&ouml;he.
+Es war ein grosser Aufbau. Das Bett und
+der Zeichner hatten gleichen Umfang und
+<span class="pagenum"><a name="Page_13">[13]</a></span>
+sahen wie zwei dunkle Truhen aus. Der
+Zeichner war etwa zwei Meter &uuml;ber dem
+Bett angebracht; beide waren in den Ecken
+durch vier Messingstangen verbunden, die in
+der Sonne fast Strahlen warfen. Zwischen
+den Truhen schwebte an einem Stahlband
+die Egge.</p>
+
+<p>Der Offizier hatte die fr&uuml;here Gleichg&uuml;ltigkeit
+des Reisenden kaum bemerkt, wohl aber
+hatte er f&uuml;r sein jetzt beginnendes Interesse
+Sinn; er setzte deshalb in seinen Erkl&auml;rungen
+aus, um dem Reisenden zur ungest&ouml;rten Betrachtung
+Zeit zu lassen. Der Verurteilte
+ahmte den Reisenden nach; da er die Hand
+nicht &uuml;ber die Augen legen konnte, blinzelte
+er mit freien Augen zur H&ouml;he.</p>
+
+<p>&raquo;Nun liegt also der Mann,&laquo; sagte der Reisende,
+lehnte sich im Sessel zur&uuml;ck und kreuzte die
+Beine.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte der Offizier, schob ein wenig die
+M&uuml;tze zur&uuml;ck und fuhr sich mit der Hand &uuml;ber
+das heisse Gesicht, &raquo;nun h&ouml;ren Sie! Sowohl
+das Bett, als auch der Zeichner haben ihre
+eigene elektrische Batterie; das Bett braucht
+<span class="pagenum"><a name="Page_14">[14]</a></span>
+sie f&uuml;r sich selbst, der Zeichner f&uuml;r die Egge.
+Sobald der Mann festgeschnallt ist, wird das
+Bett in Bewegung gesetzt. Es zittert in winzigen,
+sehr schnellen Zuckungen gleichzeitig
+seitlich, wie auch auf und ab. Sie werden
+&auml;hnliche Apparate in Heilanstalten gesehen
+haben; nur sind bei unserem Bett alle Bewegungen
+genau berechnet; sie m&uuml;ssen n&auml;mlich
+peinlich auf die Bewegungen der Egge
+abgestimmt sein. Dieser Egge aber ist die
+eigentliche Ausf&uuml;hrung des Urteils &uuml;berlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lautet denn das Urteil?&laquo; fragte der
+Reisende. &raquo;Sie wissen auch das nicht?&laquo; sagte
+der Offizier erstaunt und biss sich auf die
+Lippen: &raquo;Verzeihen Sie, wenn vielleicht meine
+Erkl&auml;rungen ungeordnet sind; ich bitte Sie
+sehr um Entschuldigung. Die Erkl&auml;rungen
+pflegte fr&uuml;her n&auml;mlich der Kommandant zu
+geben; der neue Kommandant aber hat sich
+dieser Ehrenpflicht entzogen; dass er jedoch
+einen so hohen Besuch&laquo; &ndash; der Reisende suchte
+die Ehrung mit beiden H&auml;nden abzuwehren,
+aber der Offizier bestand auf dem Ausdruck
+<span class="pagenum"><a name="Page_15">[15]</a></span>
+&ndash; &raquo;einen so hohen Besuch nicht einmal von
+der Form unseres Urteils in Kenntnis setzt,
+ist wieder eine Neuerung, die &ndash;,&laquo; er hatte
+einen Fluch auf den Lippen, fasste sich aber
+und sagte nur: &raquo;Ich wurde nicht davon verst&auml;ndigt,
+mich trifft nicht die Schuld. &Uuml;brigens
+bin ich allerdings am besten bef&auml;higt, unsere
+Urteilsarten zu erkl&auml;ren, denn ich trage hier&laquo;
+&ndash; er schlug auf seine Brusttasche &ndash; &raquo;die betreffenden
+Handzeichnungen des fr&uuml;heren
+Kommandanten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Handzeichnungen des Kommandanten selbst?&laquo;
+fragte der Reisende: &raquo;Hat er denn alles in sich
+vereinigt? War er Soldat, Richter, Konstrukteur,
+Chemiker, Zeichner?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl,&laquo; sagte der Offizier kopfnickend,
+mit starrem, nachdenklichem Blick. Dann
+sah er pr&uuml;fend seine H&auml;nde an; sie schienen
+ihm nicht rein genug, um die Zeichnungen
+anzufassen; er ging daher zum K&uuml;bel und
+wusch sie nochmals. Dann zog er eine kleine
+Ledermappe hervor und sagte: &raquo;Unser Urteil
+klingt nicht streng. Dem Verurteilten wird
+das Gebot, das er &uuml;bertreten hat, mit der
+<span class="pagenum"><a name="Page_16">[16]</a></span>
+Egge auf den Leib geschrieben. Diesem Verurteilten
+zum Beispiel&laquo; &ndash; der Offizier zeigte
+auf den Mann &ndash; &raquo;wird auf den Leib geschrieben
+werden: Ehre deinen Vorgesetzten!&laquo;</p>
+
+<p>Der Reisende sah fl&uuml;chtig auf den Mann hin;
+er hielt, als der Offizier auf ihn gezeigt hatte,
+den Kopf gesenkt und schien alle Kraft des
+Geh&ouml;rs anzuspannen, um etwas zu erfahren.
+Aber die Bewegungen seiner wulstig aneinander
+gedr&uuml;ckten Lippen zeigten offenbar,
+dass er nichts verstehen konnte. Der Reisende
+hatte Verschiedenes fragen wollen, fragte aber
+im Anblick des Mannes nur: &raquo;Kennt er sein
+Urteil?&laquo; &raquo;Nein,&laquo; sagte der Offizier und wollte
+gleich in seinen Erkl&auml;rungen fortfahren, aber
+der Reisende unterbrach ihn: &raquo;Er kennt sein
+eigenes Urteil nicht?&laquo; &raquo;Nein,&laquo; sagte der Offizier
+wieder, stockte dann einen Augenblick,
+als verlange er vom Reisenden eine n&auml;here
+Begr&uuml;ndung seiner Frage, und sagte dann:
+&raquo;Es w&auml;re nutzlos, es ihm zu verk&uuml;nden. Er
+erf&auml;hrt es ja auf seinem Leib.&laquo; Der Reisende
+wollte schon verstummen, da f&uuml;hlte er, wie
+der Verurteilte seinen Blick auf ihn richtete;
+<span class="pagenum"><a name="Page_17">[17]</a></span>
+er schien zu fragen, ob er den geschilderten
+Vorgang billigen k&ouml;nne. Darum beugte sich
+der Reisende, der sich bereits zur&uuml;ckgelehnt
+hatte, wieder vor und fragte noch: &raquo;Aber dass
+er &uuml;berhaupt verurteilt wurde, das weiss er
+doch?&laquo; &raquo;Auch nicht,&laquo; sagte der Offizier und
+l&auml;chelte den Reisenden an, als erwarte er nun
+von ihm noch einige sonderbare Er&ouml;ffnungen.
+&raquo;Nein,&laquo; sagte der Reisende und strich sich
+&uuml;ber die Stirn hin, &raquo;dann weiss also der Mann
+auch jetzt noch nicht, wie seine Verteidigung
+aufgenommen wurde?&laquo; &raquo;Er hat keine Gelegenheit
+gehabt, sich zu verteidigen,&laquo; sagte
+der Offizier und sah abseits, als rede er zu
+sich selbst und wolle den Reisenden durch
+Erz&auml;hlung dieser ihm selbstverst&auml;ndlichen
+Dinge nicht besch&auml;men. &raquo;Er muss doch Gelegenheit
+gehabt haben, sich zu verteidigen,&laquo;
+sagte der Reisende und stand vom Sessel
+auf.</p>
+
+<p>Der Offizier erkannte, dass er in Gefahr war,
+in der Erkl&auml;rung des Apparates f&uuml;r lange Zeit
+aufgehalten zu werden; er ging daher zum
+Reisenden, hing sich in seinen Arm, zeigte mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_18">[18]</a></span>
+der Hand auf den Verurteilten, der sich jetzt,
+da die Aufmerksamkeit so offenbar auf ihn
+gerichtet war, stramm aufstellte &ndash; auch zog
+der Soldat die Kette an &ndash;, und sagte: &raquo;Die
+Sache verh&auml;lt sich folgendermassen. Ich bin
+hier in der Strafkolonie zum Richter bestellt.
+Trotz meiner Jugend. Denn ich stand auch
+dem fr&uuml;heren Kommandanten in allen Strafsachen
+zur Seite und kenne auch den Apparat
+am besten. Der Grundsatz, nach dem ich entscheide,
+ist: Die Schuld ist immer zweifellos.
+Andere Gerichte k&ouml;nnen diesen Grundsatz
+nicht befolgen, denn sie sind vielk&ouml;pfig und
+haben auch noch h&ouml;here Gerichte &uuml;ber sich.
+Das ist hier nicht der Fall, oder war es wenigstens
+nicht beim fr&uuml;heren Kommandanten.
+Der neue hat allerdings schon Lust gezeigt,
+in mein Gericht sich einzumischen, es ist mir
+aber bisher gelungen, ihn abzuwehren, und
+wird mir auch weiter gelingen. &ndash; Sie wollten
+diesen Fall erkl&auml;rt haben; er ist so einfach,
+wie alle. Ein Hauptmann hat heute morgens
+die Anzeige erstattet, dass dieser Mann, der
+ihm als Diener zugeteilt ist und vor seiner
+<span class="pagenum"><a name="Page_19">[19]</a></span>
+T&uuml;re schl&auml;ft, den Dienst verschlafen hat. Er
+hat n&auml;mlich die Pflicht, bei jedem Stundenschlag
+aufzustehen und vor der T&uuml;r des Hauptmanns
+zu salutieren. Gewiss keine schwere
+Pflicht und eine notwendige, denn er soll sowohl
+zur Bewachung als auch zur Bedienung
+frisch bleiben. Der Hauptmann wollte in der
+gestrigen Nacht nachsehen, ob der Diener
+seine Pflicht erf&uuml;lle. Er &ouml;ffnete Schlag zwei
+Uhr die T&uuml;r und fand ihn zusammengekr&uuml;mmt
+schlafen. Er holte die Reitpeitsche
+und schlug ihm &uuml;ber das Gesicht. Statt nun
+aufzustehen und um Verzeihung zu bitten,
+fasste der Mann seinen Herrn bei den Beinen,
+sch&uuml;ttelte ihn und rief: &rsaquo;Wirf die Peitsche
+weg, oder ich fresse dich.&lsaquo; &ndash; Das ist der Sachverhalt.
+Der Hauptmann kam vor einer
+Stunde zu mir, ich schrieb seine Angaben auf
+und anschliessend gleich das Urteil. Dann
+liess ich dem Mann die Ketten anlegen. Das
+alles war sehr einfach. H&auml;tte ich den Mann
+zuerst vorgerufen und ausgefragt, so w&auml;re
+nur Verwirrung entstanden. Er h&auml;tte gelogen,
+h&auml;tte, wenn es mir gelungen w&auml;re, die L&uuml;gen
+<span class="pagenum"><a name="Page_20">[20]</a></span>
+zu widerlegen, diese durch neue L&uuml;gen ersetzt
+und so fort. Jetzt aber halte ich ihn und
+lasse ihn nicht mehr. &ndash; Ist nun alles erkl&auml;rt?
+Aber die Zeit vergeht, die Exekution sollte
+schon beginnen, und ich bin mit der Erkl&auml;rung
+des Apparates noch nicht fertig.&laquo; Er
+n&ouml;tigte den Reisenden auf den Sessel nieder,
+trat wieder zu dem Apparat und begann:
+&raquo;Wie Sie sehen, entspricht die Egge der Form
+des Menschen; hier ist die Egge f&uuml;r den Oberk&ouml;rper,
+hier sind die Eggen f&uuml;r die Beine.
+F&uuml;r den Kopf ist nur dieser kleine Stichel bestimmt.
+Ist Ihnen das klar?&laquo; Er beugte sich
+freundlich zu dem Reisenden vor, bereit zu
+den umfassendsten Erkl&auml;rungen.</p>
+
+<p>Der Reisende sah mit gerunzelter Stirn die
+Egge an. Die Mitteilungen &uuml;ber das Gerichtsverfahren
+hatten ihn nicht befriedigt. Immerhin
+musste er sich sagen, dass es sich hier um
+eine Strafkolonie handelte, dass hier besondere
+Massregeln notwendig waren und dass
+man bis zum letzten milit&auml;risch vorgehen
+musste. Ausserdem aber setzte er einige
+Hoffnung auf den neuen Kommandanten, der
+<span class="pagenum"><a name="Page_21">[21]</a></span>
+offenbar, allerdings langsam, ein neues Verfahren
+einzuf&uuml;hren beabsichtigte, das dem beschr&auml;nkten
+Kopf dieses Offiziers nicht eingehen
+konnte. Aus diesem Gedankengang
+heraus fragte der Reisende: &raquo;Wird der Kommandant
+der Exekution beiwohnen?&laquo; &raquo;Es
+ist nicht gewiss,&laquo; sagte der Offizier, durch die
+unvermittelte Frage peinlich ber&uuml;hrt, und
+seine freundliche Miene verzerrte sich: &raquo;Gerade
+deshalb m&uuml;ssen wir uns beeilen. Ich
+werde sogar, so leid es mir tut, meine Erkl&auml;rungen
+abk&uuml;rzen m&uuml;ssen. Aber ich k&ouml;nnte
+ja morgen, wenn der Apparat wieder gereinigt
+ist &ndash; dass er so sehr beschmutzt wird, ist sein
+einziger Fehler &ndash; die n&auml;heren Erkl&auml;rungen
+nachtragen. Jetzt also nur das Notwendigste.
+&ndash; Wenn der Mann auf dem Bett liegt und
+dieses ins Zittern gebracht ist, wird die Egge
+auf den K&ouml;rper gesenkt. Sie stellt sich von
+selbst so ein, dass sie nur knapp mit den
+Spitzen den K&ouml;rper ber&uuml;hrt; ist die Einstellung
+vollzogen, strafft sich sofort dieses Stahlseil
+zu einer Stange. Und nun beginnt das
+Spiel. Ein Nichteingeweihter merkt &auml;usserlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_22">[22]</a></span>
+keinen Unterschied in den Strafen. Die Egge
+scheint gleichf&ouml;rmig zu arbeiten. Zitternd
+sticht sie ihre Spitzen in den K&ouml;rper ein, der
+&uuml;berdies vom Bett aus zittert. Um es nun
+jedem zu erm&ouml;glichen, die Ausf&uuml;hrung
+des Urteils zu &uuml;berpr&uuml;fen, wurde die Egge
+aus Glas gemacht. Es hat einige technische
+Schwierigkeiten verursacht, die Nadeln darin
+zu befestigen, es ist aber nach vielen Versuchen
+gelungen. Wir haben eben keine
+M&uuml;he gescheut. Und nun kann jeder durch
+das Glas sehen, wie sich die Inschrift im
+K&ouml;rper vollzieht. Wollen Sie nicht n&auml;her
+kommen und sich die Nadeln ansehen?&laquo;</p>
+
+<p>Der Reisende erhob sich langsam, ging hin
+und beugte sich &uuml;ber die Egge. &raquo;Sie sehen,&laquo;
+sagte der Offizier, &raquo;zweierlei Nadeln in vielfacher
+Anordnung. Jede lange hat eine kurze
+neben sich. Die lange schreibt n&auml;mlich, und
+die kurze spritzt Wasser aus, um das Blut
+abzuwaschen und die Schrift immer klar zu
+erhalten. Das Blutwasser wird dann hier in
+kleine Rinnen geleitet und fliesst endlich in
+diese Hauptrinne, deren Abflussrohr in die
+<span class="pagenum"><a name="Page_23">[23]</a></span>
+Grube f&uuml;hrt.&laquo; Der Offizier zeigte mit dem
+Finger genau den Weg, den das Blutwasser
+nehmen musste. Als er es, um es m&ouml;glichst
+anschaulich zu machen, an der M&uuml;ndung des
+Abflussrohres mit beiden H&auml;nden f&ouml;rmlich
+auffing, erhob der Reisende den Kopf und
+wollte, mit der Hand r&uuml;ckw&auml;rts tastend, zu
+seinem Sessel zur&uuml;ckgehen. Da sah er zu
+seinem Schrecken, dass auch der Verurteilte
+gleich ihm der Einladung des Offiziers, sich
+die Einrichtung der Egge aus der N&auml;he anzusehen,
+gefolgt war. Er hatte den verschlafenen
+Soldaten an der Kette ein wenig vorgezerrt
+und sich auch &uuml;ber das Glas gebeugt.
+Man sah, wie er mit unsicheren Augen auch
+das suchte, was die zwei Herren eben beobachtet
+hatten, wie es ihm aber, da ihm die
+Erkl&auml;rung fehlte, nicht gelingen wollte. Er
+beugte sich hierhin und dorthin. Immer wieder
+lief er mit den Augen das Glas ab. Der
+Reisende wollte ihn zur&uuml;cktreiben, denn,
+was er tat, war wahrscheinlich strafbar. Aber
+der Offizier hielt den Reisenden mit einer
+Hand fest, nahm mit der anderen eine
+<span class="pagenum"><a name="Page_24">[24]</a></span>
+Erdscholle vom Wall und warf sie nach
+dem Soldaten. Dieser hob mit einem Ruck
+die Augen, sah, was der Verurteilte gewagt
+hatte, liess das Gewehr fallen, stemmte die
+F&uuml;sse mit den Abs&auml;tzen in den Boden, riss
+den Verurteilten zur&uuml;ck, dass er gleich niederfiel,
+und sah dann auf ihn hinunter, wie er
+sich wand und mit seinen Ketten klirrte.
+&raquo;Stell ihn auf!&laquo; schrie der Offizier, denn er
+merkte, dass der Reisende durch den Verurteilten
+allzusehr abgelenkt wurde. Der Reisende
+beugte sich sogar &uuml;ber die Egge hinweg,
+ohne sich um sie zu k&uuml;mmern, und
+wollte nur feststellen, was mit dem Verurteilten
+geschehe. &raquo;Behandle ihn sorgf&auml;ltig!&laquo;
+schrie der Offizier wieder. Er umlief den
+Apparat, fasste selbst den Verurteilten unter
+den Achseln und stellte ihn, der &ouml;fters mit
+den F&uuml;ssen ausglitt, mit Hilfe des Soldaten
+auf.</p>
+
+<p>&raquo;Nun weiss ich schon alles,&laquo; sagte der Reisende,
+als der Offizier wieder zu ihm zur&uuml;ckkehrte.
+&raquo;Bis auf das Wichtigste,&laquo; sagte dieser, ergriff
+den Reisenden am Arm und zeigte in die
+<span class="pagenum"><a name="Page_25">[25]</a></span>
+H&ouml;he: &raquo;Dort im Zeichner ist das R&auml;derwerk,
+welches die Bewegung der Egge bestimmt,
+und dieses R&auml;derwerk wird nach der Zeichnung,
+auf welche das Urteil lautet, angeordnet.
+Ich verwende noch die Zeichnungen des
+fr&uuml;heren Kommandanten. Hier sind sie,&laquo; &ndash;
+er zog einige Bl&auml;tter aus der Ledermappe &ndash;
+&raquo;ich kann sie Ihnen aber leider nicht in die
+Hand geben, sie sind das Teuerste, was ich
+habe. Setzen Sie sich, ich zeige sie Ihnen aus
+dieser Entfernung, dann werden Sie alles gut
+sehen k&ouml;nnen.&laquo; Er zeigte das erste Blatt.
+Der Reisende h&auml;tte gerne etwas Anerkennendes
+gesagt, aber er sah nur labyrinthartige,
+einander vielfach kreuzende Linien, die so
+dicht das Papier bedeckten, dass man nur mit
+M&uuml;he die weissen Zwischenr&auml;ume erkannte.
+&raquo;Lesen Sie,&laquo; sagte der Offizier. &raquo;Ich kann
+nicht,&laquo; sagte der Reisende. &raquo;Es ist doch deutlich,&laquo;
+sagte der Offizier. &raquo;Es ist sehr kunstvoll,&laquo;
+sagte der Reisende ausweichend, &raquo;aber
+ich kann es nicht entziffern.&laquo; &raquo;Ja,&laquo; sagte der
+Offizier, lachte und steckte die Mappe wieder
+ein, &raquo;es ist keine Sch&ouml;nschrift f&uuml;r Schulkinder.
+<span class="pagenum"><a name="Page_26">[26]</a></span>
+Man muss lange darin lesen. Auch Sie w&uuml;rden
+es schliesslich gewiss erkennen. Es darf
+nat&uuml;rlich keine einfache Schrift sein; sie soll
+ja nicht sofort t&ouml;ten, sondern durchschnittlich
+erst in einem Zeitraum von zw&ouml;lf Stunden;
+f&uuml;r die sechste Stunde ist der Wendepunkt
+berechnet. Es m&uuml;ssen also viele, viele Zieraten
+die eigentliche Schrift umgeben; die wirkliche
+Schrift umzieht den Leib nur in einem schmalen
+G&uuml;rtel; der &uuml;brige K&ouml;rper ist f&uuml;r Verzierungen
+bestimmt. K&ouml;nnen Sie jetzt die
+Arbeit der Egge und des ganzen Apparates
+w&uuml;rdigen? &ndash; Sehen Sie doch!&laquo; Er sprang
+auf die Leiter, drehte ein Rad, rief hinunter:
+&raquo;Achtung, treten Sie zur Seite!&laquo;, und alles
+kam in Gang. H&auml;tte das Rad nicht gekreischt,
+es w&auml;re herrlich gewesen. Als sei der Offizier
+von diesem st&ouml;renden Rad &uuml;berrascht,
+drohte er ihm mit der Faust, breitete dann,
+sich entschuldigend, zum Reisenden hin die
+Arme aus und kletterte eilig hinunter, um
+den Gang des Apparates von unten zu beobachten.
+Noch war etwas nicht in Ordnung,
+das nur er merkte; er kletterte wieder hinauf,
+<span class="pagenum"><a name="Page_27">[27]</a></span>
+griff mit beiden H&auml;nden in das Innere des
+Zeichners, glitt dann, um rascher hinunterzukommen,
+statt die Leiter zu benutzen, an der
+einen Stange hinunter und schrie nun, um
+sich im L&auml;rm verst&auml;ndlich zu machen, mit
+&auml;usserster Anspannung dem Reisenden ins
+Ohr: &raquo;Begreifen Sie den Vorgang? Die Egge
+f&auml;ngt zu schreiben an; ist sie mit der ersten
+Anlage der Schrift auf dem R&uuml;cken des Mannes
+fertig, rollt die Watteschicht und w&auml;lzt
+den K&ouml;rper langsam auf die Seite, um der
+Egge neuen Raum zu bieten. Inzwischen
+legen sich die wundbeschriebenen Stellen auf
+die Watte, welche infolge der besonderen
+Pr&auml;parierung sofort die Blutung stillt und zu
+neuer Vertiefung der Schrift vorbereitet. Hier
+die Zacken am Rande der Egge reissen dann
+beim weiteren Umw&auml;lzen des K&ouml;rpers die
+Watte von den Wunden, schleudern sie in
+die Grube, und die Egge hat wieder Arbeit.
+So schreibt sie immer tiefer die zw&ouml;lf Stunden
+lang. Die ersten sechs Stunden lebt der
+Verurteilte fast wie fr&uuml;her, er leidet nur
+Schmerzen. Nach zwei Stunden wird der
+<span class="pagenum"><a name="Page_28">[28]</a></span>
+Filz entfernt, denn der Mann hat keine Kraft
+zum Schreien mehr. Hier in diesen elektrisch
+geheizten Napf am Kopfende wird warmer
+Reisbrei gelegt, aus dem der Mann, wenn er
+Lust hat, nehmen kann, was er mit der Zunge
+erhascht. Keiner vers&auml;umt die Gelegenheit.
+Ich weiss keinen, und meine Erfahrung ist
+gross. Erst um die sechste Stunde verliert er
+das Vergn&uuml;gen am Essen. Ich knie dann gew&ouml;hnlich
+hier nieder und beobachte diese
+Erscheinung. Der Mann schluckt den letzten
+Bissen selten, er dreht ihn nur im Mund
+und speit ihn in die Grube. Ich muss mich
+dann b&uuml;cken, sonst f&auml;hrt es mir ins Gesicht.
+Wie still wird dann aber der Mann um die
+sechste Stunde! Verstand geht dem Bl&ouml;desten
+auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus
+verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verf&uuml;hren
+k&ouml;nnte, sich mit unter die Egge zu
+legen. Es geschieht ja nichts weiter, der Mann
+f&auml;ngt bloss an, die Schrift zu entziffern, er
+spitzt den Mund, als horche er. Sie haben
+gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit den
+Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_29">[29]</a></span>
+aber mit seinen Wunden. Es ist allerdings
+viel Arbeit; er braucht sechs Stunden zu ihrer
+Vollendung. Dann aber spiesst ihn die Egge
+vollst&auml;ndig auf und wirft ihn in die Grube,
+wo er auf das Blutwasser und die Watte
+niederklatscht. Dann ist das Gericht zu Ende,
+und wir, ich und der Soldat, scharren ihn ein.&laquo;</p>
+
+<p>Der Reisende hatte das Ohr zum Offizier geneigt
+und sah, die H&auml;nde in den Rocktaschen,
+der Arbeit der Maschine zu. Auch der Verurteilte
+sah ihr zu, aber ohne Verst&auml;ndnis. Er
+b&uuml;ckte sich ein wenig und verfolgte die
+schwankenden Nadeln, als ihm der Soldat,
+auf ein Zeichen des Offiziers, mit einem Messer
+hinten Hemd und Hose durchschnitt, so dass
+sie von dem Verurteilten abfielen; er wollte
+nach dem fallenden Zeug greifen, um seine
+Bl&ouml;sse zu bedecken, aber der Soldat hob ihn
+in die H&ouml;he und sch&uuml;ttelte die letzten Fetzen
+von ihm ab. Der Offizier stellte die Maschine
+ein, und in der jetzt eintretenden Stille wurde
+der Verurteilte unter die Egge gelegt. Die
+Ketten wurden gel&ouml;st, und statt dessen die
+Riemen befestigt; es schien f&uuml;r den Verurteilten
+<span class="pagenum"><a name="Page_30">[30]</a></span>
+im ersten Augenblick fast eine Erleichterung
+zu bedeuten. Und nun senkte
+sich die Egge noch ein St&uuml;ck tiefer, denn es
+war ein magerer Mann. Als ihn die Spitzen
+ber&uuml;hrten, ging ein Schauer &uuml;ber seine Haut;
+er streckte, w&auml;hrend der Soldat mit seiner
+rechten Hand besch&auml;ftigt war, die linke aus,
+ohne zu wissen wohin; es war aber die Richtung,
+wo der Reisende stand. Der Offizier
+sah ununterbrochen den Reisenden von der
+Seite an, als suche er von seinem Gesicht den
+Eindruck abzulesen, den die Exekution, die
+er ihm nun wenigstens oberfl&auml;chlich erkl&auml;rt
+hatte, auf ihn mache.</p>
+
+<p>Der Riemen, der f&uuml;r das Handgelenk bestimmt
+war, riss; wahrscheinlich hatte ihn
+der Soldat zu stark angezogen. Der Offizier
+sollte helfen, der Soldat zeigte ihm das abgerissene
+Riemenst&uuml;ck. Der Offizier ging auch
+zu ihm hin&uuml;ber und sagte, das Gesicht dem
+Reisenden zugewendet: &raquo;Die Maschine ist
+sehr zusammengesetzt, es muss hie und da
+etwas reissen oder brechen; dadurch darf man
+sich aber im Gesamturteil nicht beirren lassen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_31">[31]</a></span>
+F&uuml;r den Riemen ist &uuml;brigens sofort Ersatz
+geschafft; ich werde eine Kette verwenden;
+die Zartheit der Schwingung wird dadurch
+f&uuml;r den rechten Arm allerdings beeintr&auml;chtigt.&laquo;
+Und w&auml;hrend er die Ketten anlegte,
+sagte er noch: &raquo;Die Mittel zur Erhaltung der
+Maschine sind jetzt sehr eingeschr&auml;nkt. Unter
+dem fr&uuml;heren Kommandanten war eine mir
+frei zug&auml;ngliche Kassa nur f&uuml;r diesen Zweck
+bestimmt. Es gab hier ein Magazin, in dem
+alle m&ouml;glichen Ersatzst&uuml;cke aufbewahrt wurden.
+Ich gestehe, ich trieb damit fast Verschwendung,
+ich meine fr&uuml;her, nicht jetzt,
+wie der neue Kommandant behauptet, dem
+alles nur zum Vorwand dient, alte Einrichtungen
+zu bek&auml;mpfen. Jetzt hat er die Maschinenkassa
+in eigener Verwaltung, und
+schicke ich um einen neuen Riemen, wird
+der zerrissene als Beweisst&uuml;ck verlangt, der
+neue kommt erst in zehn Tagen, ist dann
+aber von schlechterer Sorte und taugt nicht
+viel. Wie ich aber in der Zwischenzeit ohne
+Riemen die Maschine betreiben soll, darum
+k&uuml;mmert sich niemand.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_32">[32]</a></span>
+Der Reisende &uuml;berlegte: Es ist immer bedenklich,
+in fremde Verh&auml;ltnisse entscheidend einzugreifen.
+Er war weder B&uuml;rger der Strafkolonie,
+noch B&uuml;rger des Staates, dem sie angeh&ouml;rte.
+Wenn er diese Exekution verurteilen
+oder gar hintertreiben wollte, konnte
+man ihm sagen: Du bist ein Fremder, sei still.
+Darauf h&auml;tte er nichts erwidern, sondern nur
+hinzuf&uuml;gen k&ouml;nnen, dass er sich in diesem
+Falle selbst nicht begreife, denn er reise nur
+mit der Absicht zu sehen und keineswegs etwa,
+um fremde Gerichtsverfassungen zu &auml;ndern.
+Nun lagen aber hier die Dinge allerdings sehr
+verf&uuml;hrerisch. Die Ungerechtigkeit des Verfahrens
+und die Unmenschlichkeit der Exekution
+war zweifellos. Niemand konnte irgendeine
+Eigenn&uuml;tzigkeit des Reisenden annehmen,
+denn der Verurteilte war ihm fremd,
+kein Landsmann und ein zum Mitleid gar
+nicht auffordernder Mensch. Der Reisende
+selbst hatte Empfehlungen hoher &Auml;mter, war
+hier mit grosser H&ouml;flichkeit empfangen worden,
+und dass er zu dieser Exekution eingeladen
+worden war, schien sogar darauf hinzudeuten,
+<span class="pagenum"><a name="Page_33">[33]</a></span>
+dass man sein Urteil &uuml;ber dieses Gericht
+verlangte. Dies war aber um so wahrscheinlicher,
+als der Kommandant, wie er
+jetzt &uuml;berdeutlich geh&ouml;rt hatte, kein Anh&auml;nger
+dieses Verfahrens war und sich gegen&uuml;ber
+dem Offizier fast feindselig verhielt.</p>
+
+<p>Da h&ouml;rte der Reisende einen Wutschrei des
+Offiziers. Er hatte gerade, nicht ohne M&uuml;he,
+dem Verurteilten den Filzstumpf in den Mund
+geschoben, als der Verurteilte in einem unwiderstehlichen
+Brechreiz die Augen schloss
+und sich erbrach. Eilig riss ihn der Offizier
+vom Stumpf in die H&ouml;he und wollte den
+Kopf zur Grube hindrehen; aber es war zu
+sp&auml;t, der Unrat floss schon an der Maschine
+hinab. &raquo;Alles Schuld des Kommandanten!&laquo;
+schrie der Offizier und r&uuml;ttelte besinnungslos
+vorn an den Messingstangen, &raquo;die Maschine
+wird mir verunreinigt wie ein Stall.&laquo; Er
+zeigte mit zitternden H&auml;nden dem Reisenden,
+was geschehen war. &raquo;Habe ich nicht stundenlang
+dem Kommandanten begreiflich zu
+machen gesucht, dass einen Tag vor der Exekution
+kein Essen mehr verabfolgt werden
+<span class="pagenum"><a name="Page_34">[34]</a></span>
+soll. Aber die neue milde Richtung ist anderer
+Meinung. Die Damen des Kommandanten
+stopfen dem Mann, ehe er abgef&uuml;hrt wird,
+den Hals mit Zuckersachen voll. Sein ganzes
+Leben hat er sich von stinkenden Fischen
+gen&auml;hrt und muss jetzt Zuckersachen essen!
+Aber es w&auml;re ja m&ouml;glich, ich w&uuml;rde nichts
+einwenden, aber warum schafft man nicht
+einen neuen Filz an, wie ich ihn seit einem
+Vierteljahr erbitte. Wie kann man ohne
+Ekel diesen Filz in den Mund nehmen, an
+dem mehr als hundert M&auml;nner im Sterben
+gesaugt und gebissen haben?&laquo;</p>
+
+<p>Der Verurteilte hatte den Kopf niedergelegt
+und sah friedlich aus, der Soldat war damit
+besch&auml;ftigt, mit dem Hemd des Verurteilten
+die Maschine zu putzen. Der Offizier ging
+zum Reisenden, der in irgendeiner Ahnung
+einen Schritt zur&uuml;cktrat, aber der Offizier
+fasste ihn bei der Hand und zog ihn zur Seite.
+&raquo;Ich will einige Worte im Vertrauen mit
+Ihnen sprechen,&laquo; sagte er, &raquo;ich darf das doch?&laquo;
+&raquo;Gewiss,&laquo; sagte der Reisende und h&ouml;rte mit
+gesenkten Augen zu.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_35">[35]</a></span>
+&raquo;Dieses Verfahren und diese Hinrichtung, die
+Sie jetzt zu bewundern Gelegenheit haben,
+hat gegenw&auml;rtig in unserer Kolonie keinen
+offenen Anh&auml;nger mehr. Ich bin ihr einziger
+Vertreter, gleichzeitig der einzige Vertreter
+des Erbes des alten Kommandanten. An
+einen weiteren Ausbau des Verfahrens kann
+ich nicht mehr denken, ich verbrauche alle
+meine Kr&auml;fte, um zu erhalten, was vorhanden
+ist. Als der alte Kommandant lebte, war
+die Kolonie von seinen Anh&auml;ngern voll; die
+&Uuml;berzeugungskraft des alten Kommandanten
+habe ich zum Teil, aber seine Macht fehlt
+mir ganz; infolgedessen haben sich die Anh&auml;nger
+verkrochen, es gibt noch viele, aber
+keiner gesteht es ein. Wenn Sie heute, also
+an einem Hinrichtungstag, ins Teehaus gehen
+und herumhorchen, werden Sie vielleicht nur
+zweideutige &Auml;usserungen h&ouml;ren. Das sind
+lauter Anh&auml;nger, aber unter dem gegenw&auml;rtigen
+Kommandanten und bei seinen gegenw&auml;rtigen
+Anschauungen f&uuml;r mich ganz unbrauchbar.
+Und nun frage ich Sie: Soll wegen
+dieses Kommandanten und seiner Frauen, die
+<span class="pagenum"><a name="Page_36">[36]</a></span>
+ihn beeinflussen, ein solches Lebenswerk&laquo; &ndash;
+er zeigte auf die Maschine &ndash; &raquo;zugrunde gehen?
+Darf man das zulassen? Selbst wenn man nur
+als Fremder ein paar Tage auf unserer Insel ist?
+Es ist aber keine Zeit zu verlieren, man bereitet
+etwas gegen meine Gerichtsbarkeit vor;
+es finden schon Beratungen in der Kommandatur
+statt, zu denen ich nicht zugezogen
+werde; sogar Ihr heutiger Besuch scheint mir
+f&uuml;r die ganze Lage bezeichnend; man ist feig
+und schickt Sie, einen Fremden, vor. &ndash; Wie
+war die Exekution anders in fr&uuml;herer Zeit!
+Schon einen Tag vor der Hinrichtung war
+das ganze Tal von Menschen &uuml;berf&uuml;llt; alle
+kamen nur um zu sehen; fr&uuml;h am Morgen
+erschien der Kommandant mit seinen Damen;
+Fanfaren weckten den ganzen Lagerplatz;
+ich erstattete die Meldung, dass alles vorbereitet
+sei; die Gesellschaft &ndash; kein hoher
+Beamte durfte fehlen &ndash; ordnete sich um die
+Maschine; dieser Haufen Rohrsessel ist ein
+armseliges &Uuml;berbleibsel aus jener Zeit. Die
+Maschine gl&auml;nzte frisch geputzt, fast zu jeder
+Exekution nahm ich neue Ersatzst&uuml;cke. Vor
+<span class="pagenum"><a name="Page_37">[37]</a></span>
+hunderten Augen &ndash; alle Zuschauer standen
+auf den Fussspitzen bis dort zu den Anh&ouml;hen
+&ndash; wurde der Verurteilte vom Kommandanten
+selbst unter die Egge gelegt. Was heute ein
+gemeiner Soldat tun darf, war damals meine,
+des Gerichtspr&auml;sidenten, Arbeit und ehrte
+mich. Und nun begann die Exekution! Kein
+Misston st&ouml;rte die Arbeit der Maschine.
+Manche sahen nun gar nicht mehr zu, sondern
+lagen mit geschlossenen Augen im Sand;
+alle wussten: Jetzt geschieht Gerechtigkeit.
+In der Stille h&ouml;rte man nur das Seufzen des
+Verurteilten, ged&auml;mpft durch den Filz. Heute
+gelingt es der Maschine nicht mehr, dem Verurteilten
+ein st&auml;rkeres Seufzen auszupressen,
+als der Filz noch ersticken kann; damals aber
+tropften die schreibenden Nadeln eine beizende
+Fl&uuml;ssigkeit aus, die heute nicht mehr
+verwendet werden darf. Nun, und dann kam
+die sechste Stunde! Es war unm&ouml;glich, allen
+die Bitte, aus der N&auml;he zuschauen zu d&uuml;rfen,
+zu gew&auml;hren. Der Kommandant in seiner
+Einsicht ordnete an, dass vor allem die Kinder
+ber&uuml;cksichtigt werden sollten; ich allerdings
+<span class="pagenum"><a name="Page_38">[38]</a></span>
+durfte kraft meines Berufes immer dabeistehen;
+oft hockte ich dort, zwei kleine Kinder
+rechts und links in meinen Armen. Wie
+nahmen wir alle den Ausdruck der Verkl&auml;rung
+von dem gemarterten Gesicht, wie hielten
+wir unsere Wangen in den Schein dieser
+endlich erreichten und schon vergehenden
+Gerechtigkeit! Was f&uuml;r Zeiten, mein Kamerad!&laquo;
+Der Offizier hatte offenbar vergessen,
+wer vor ihm stand; er hatte den Reisenden
+umarmt und den Kopf auf seine Schulter gelegt.
+Der Reisende war in grosser Verlegenheit,
+ungeduldig sah er &uuml;ber den Offizier
+hinweg. Der Soldat hatte die Reinigungsarbeit
+beendet und jetzt noch aus einer B&uuml;chse
+Reisbrei in den Napf gesch&uuml;ttet. Kaum merkte
+dies der Verurteilte, der sich schon vollst&auml;ndig
+erholt zu haben schien, als er mit der Zunge
+nach dem Brei zu schnappen begann. Der Soldat
+stiess ihn immer wieder weg, denn der Brei
+war wohl f&uuml;r eine sp&auml;tere Zeit bestimmt, aber
+ungeh&ouml;rig war es jedenfalls auch, dass der Soldat
+mit seinen schmutzigen H&auml;nden hineingriff und
+vor dem gierigen Verurteilten davon ass.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_39">[39]</a></span>
+Der Offizier fasste sich schnell. &raquo;Ich wollte
+Sie nicht etwa r&uuml;hren,&laquo; sagte er, &raquo;ich weiss,
+es ist unm&ouml;glich, jene Zeiten heute begreiflich
+zu machen. Im &uuml;brigen arbeitet die Maschine
+noch und wirkt f&uuml;r sich. Sie wirkt f&uuml;r sich,
+auch wenn sie allein in diesem Tale steht.
+Und die Leiche f&auml;llt zum Schluss noch immer
+in dem unbegreiflich sanften Flug in die
+Grube, auch wenn nicht, wie damals, Hunderte
+wie Fliegen um die Grube sich versammeln.
+Damals mussten wir ein starkes
+Gel&auml;nder um die Grube anbringen, es ist
+l&auml;ngst weggerissen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Reisende wollte sein Gesicht dem Offizier
+entziehen und blickte ziellos herum. Der
+Offizier glaubte, er betrachte die &Ouml;de des
+Tales; er ergriff deshalb seine H&auml;nde, drehte
+sich um ihn, um seine Blicke zu fassen, und
+fragte: &raquo;Merken Sie die Schande?&laquo;</p>
+
+<p>Aber der Reisende schwieg. Der Offizier liess
+f&uuml;r ein Weilchen von ihm ab; mit auseinandergestellten
+Beinen, die H&auml;nde in den
+H&uuml;ften, stand er still und blickte zu Boden.
+Dann l&auml;chelte er dem Reisenden aufmunternd
+<span class="pagenum"><a name="Page_40">[40]</a></span>
+zu und sagte: &raquo;Ich war gestern in Ihrer N&auml;he,
+als der Kommandant Sie einlud. Ich h&ouml;rte
+die Einladung. Ich kenne den Kommandanten.
+Ich verstand sofort, was er mit der Einladung
+bezweckte. Trotzdem seine Macht
+gross genug w&auml;re, um gegen mich einzuschreiten,
+wagt er es noch nicht, wohl aber
+will er mich Ihrem, dem Urteil eines angesehenen
+Fremden aussetzen. Seine Berechnung
+ist sorgf&auml;ltig; Sie sind den zweiten Tag
+auf der Insel, Sie kannten den alten Kommandanten
+und seinen Gedankenkreis nicht, Sie
+sind in europ&auml;ischen Anschauungen befangen,
+vielleicht sind Sie ein grunds&auml;tzlicher Gegner
+der Todesstrafe im allgemeinen und einer
+derartigen maschinellen Hinrichtungsart im
+besonderen, Sie sehen &uuml;berdies, wie die Hinrichtung
+ohne &ouml;ffentliche Anteilnahme, traurig,
+auf einer bereits etwas besch&auml;digten Maschine
+vor sich geht &ndash; w&auml;re es nun, alles
+dieses zusammengenommen (so denkt der
+Kommandant), nicht sehr leicht m&ouml;glich, dass
+Sie mein Verfahren nicht f&uuml;r richtig halten?
+Und wenn Sie es nicht f&uuml;r richtig halten,
+<span class="pagenum"><a name="Page_41">[41]</a></span>
+werden Sie dies (ich rede noch immer im
+Sinne des Kommandanten) nicht verschweigen,
+denn Sie vertrauen doch gewiss Ihren vielerprobten
+&Uuml;berzeugungen. Sie haben allerdings
+viele Eigent&uuml;mlichkeiten vieler V&ouml;lker gesehen
+und achten gelernt, Sie werden daher wahrscheinlich
+sich nicht mit ganzer Kraft, wie Sie
+es vielleicht in Ihrer Heimat tun w&uuml;rden, gegen
+das Verfahren aussprechen. Aber dessen bedarf
+der Kommandant gar nicht. Ein fl&uuml;chtiges,
+ein bloss unvorsichtiges Wort gen&uuml;gt.
+Es muss gar nicht Ihrer &Uuml;berzeugung entsprechen,
+wenn es nur scheinbar seinem
+Wunsche entgegenkommt. Dass er Sie mit
+aller Schlauheit ausfragen wird, dessen bin
+ich gewiss. Und seine Damen werden im
+Kreis herumsitzen und die Ohren spitzen; Sie
+werden etwa sagen: &rsaquo;Bei uns ist das Gerichtsverfahren
+ein anderes&lsaquo;, oder &rsaquo;Bei uns wird der
+Angeklagte vor dem Urteil verh&ouml;rt&lsaquo;, oder &rsaquo;Bei
+uns erf&auml;hrt der Verurteilte das Urteil&lsaquo;, oder
+&rsaquo;Bei uns gibt es auch andere Strafen als Todesstrafen&lsaquo;,
+oder &rsaquo;Bei uns gab es Folterungen nur
+im Mittelalter&lsaquo;. Das alles sind Bemerkungen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_42">[42]</a></span>
+die ebenso richtig sind, als sie Ihnen selbstverst&auml;ndlich
+erscheinen, unschuldige Bemerkungen,
+die mein Verfahren nicht antasten.
+Aber wie wird sie der Kommandant aufnehmen?
+Ich sehe ihn, den guten Kommandanten,
+wie er sofort den Stuhl beiseite
+schiebt und auf den Balkon eilt, ich sehe
+seine Damen, wie sie ihm nachstr&ouml;men, ich
+h&ouml;re seine Stimme &ndash; die Damen nennen sie
+eine Donnerstimme &ndash;, nun, und er spricht:
+&rsaquo;Ein grosser Forscher des Abendlandes, dazu
+bestimmt, das Gerichtsverfahren in allen L&auml;ndern
+zu &uuml;berpr&uuml;fen, hat eben gesagt, dass
+unser Verfahren nach altem Brauch ein unmenschliches
+ist. Nach diesem Urteil einer
+solchen Pers&ouml;nlichkeit ist es mir nat&uuml;rlich
+nicht mehr m&ouml;glich, dieses Verfahren zu dulden.
+Mit dem heutigen Tage also ordne ich
+an &ndash; usw.&lsaquo; Sie wollen eingreifen, Sie haben
+nicht das gesagt, was er verk&uuml;ndet, Sie haben
+mein Verfahren nicht unmenschlich genannt,
+im Gegenteil, Ihrer tiefen Einsicht entsprechend
+halten Sie es f&uuml;r das menschlichste
+und menschenw&uuml;rdigste, Sie bewundern auch
+<span class="pagenum"><a name="Page_43">[43]</a></span>
+diese Maschinerie &ndash; aber es ist zu sp&auml;t; Sie
+kommen gar nicht auf den Balkon, der schon
+voll Damen ist; Sie wollen sich bemerkbar
+machen; Sie wollen schreien; aber eine Damenhand
+h&auml;lt Ihnen den Mund zu &ndash; und
+ich und das Werk des alten Kommandanten
+sind verloren.&laquo;</p>
+
+<p>Der Reisende musste ein L&auml;cheln unterdr&uuml;cken;
+so leicht war also die Aufgabe, die
+er f&uuml;r so schwer gehalten hatte. Er sagte
+ausweichend: &raquo;Sie &uuml;bersch&auml;tzen meinen Einfluss;
+der Kommandant hat mein Empfehlungsschreiben
+gelesen, er weiss, dass ich
+kein Kenner der gerichtlichen Verfahren bin.
+Wenn ich eine Meinung aussprechen w&uuml;rde,
+so w&auml;re es die Meinung eines Privatmannes,
+um nichts bedeutender als die Meinung eines
+beliebigen anderen, und jedenfalls viel bedeutungsloser
+als die Meinung des Kommandanten,
+der in dieser Strafkolonie, wie ich
+zu wissen glaube, sehr ausgedehnte Rechte
+hat. Ist seine Meinung &uuml;ber dieses Verfahren
+eine so bestimmte, wie Sie glauben, dann,
+f&uuml;rchte ich, ist allerdings das Ende dieses
+<span class="pagenum"><a name="Page_44">[44]</a></span>
+Verfahrens gekommen, ohne dass es meiner
+bescheidenen Mithilfe bed&uuml;rfte.&laquo;</p>
+
+<p>Begriff es schon der Offizier? Nein, er begriff
+noch nicht. Er sch&uuml;ttelte lebhaft den Kopf,
+sah kurz nach dem Verurteilten und dem Soldaten
+zur&uuml;ck, die zusammenzuckten und vom
+Reis abliessen, ging ganz nahe an den Reisenden
+heran, blickte ihm nicht ins Gesicht,
+sondern irgendwohin auf seinen Rock und
+sagte leiser als fr&uuml;her: &raquo;Sie kennen den Kommandanten
+nicht; Sie stehen ihm und uns
+allen &ndash; verzeihen Sie den Ausdruck &ndash; gewissermassen
+harmlos gegen&uuml;ber; Ihr Einfluss,
+glauben Sie mir, kann nicht hoch genug eingesch&auml;tzt
+werden. Ich war ja gl&uuml;ckselig, als
+ich h&ouml;rte, dass Sie allein der Exekution beiwohnen
+sollten. Diese Anordnung des Kommandanten
+sollte mich treffen, nun aber wende
+ich sie zu meinen Gunsten. Unabgelenkt von
+falschen Einfl&uuml;sterungen und ver&auml;chtlichen
+Blicken &ndash; wie sie bei gr&ouml;sserer Teilnahme
+an der Exekution nicht h&auml;tten vermieden werden
+k&ouml;nnen &ndash; haben Sie meine Erkl&auml;rungen
+angeh&ouml;rt, die Maschine gesehen und sind nun
+<span class="pagenum"><a name="Page_45">[45]</a></span>
+im Begriffe, die Exekution zu besichtigen.
+Ihr Urteil steht gewiss schon fest; sollten noch
+kleine Unsicherheiten bestehen, so wird sie
+der Anblick der Exekution beseitigen. Und
+nun stelle ich an Sie die Bitte: helfen Sie mir
+gegen&uuml;ber dem Kommandanten!&laquo;</p>
+
+<p>Der Reisende liess ihn nicht weiter reden.
+&raquo;Wie k&ouml;nnte ich denn das,&laquo; rief er aus, &raquo;das
+ist ganz unm&ouml;glich. Ich kann Ihnen ebensowenig
+n&uuml;tzen als ich Ihnen schaden kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen es,&laquo; sagte der Offizier. Mit einiger
+Bef&uuml;rchtung sah der Reisende, dass der Offizier
+die F&auml;uste ballte. &raquo;Sie k&ouml;nnen es,&laquo; wiederholte
+der Offizier noch dringender. &raquo;Ich
+habe einen Plan, der gelingen muss. Sie
+glauben, Ihr Einfluss gen&uuml;ge nicht. Ich weiss,
+dass er gen&uuml;gt. Aber zugestanden, dass Sie
+recht haben, ist es denn nicht notwendig, zur
+Erhaltung dieses Verfahrens alles, selbst das
+m&ouml;glicherweise Unzureichende zu versuchen?
+H&ouml;ren Sie also meinen Plan. Zu seiner Ausf&uuml;hrung
+ist es vor allem n&ouml;tig, dass Sie heute
+in der Kolonie mit Ihrem Urteil &uuml;ber das
+Verfahren m&ouml;glichst zur&uuml;ckhalten. Wenn
+<span class="pagenum"><a name="Page_46">[46]</a></span>
+man Sie nicht geradezu fragt, d&uuml;rfen Sie sich
+keinesfalls &auml;ussern; Ihre &Auml;usserungen aber
+m&uuml;ssen kurz und unbestimmt sein; man soll
+merken, dass es Ihnen schwer wird, dar&uuml;ber
+zu sprechen, dass Sie verbittert sind, dass Sie,
+falls Sie offen reden sollten, geradezu in Verw&uuml;nschungen
+ausbrechen m&uuml;ssten. Ich verlange
+nicht, dass Sie l&uuml;gen sollen; keineswegs;
+Sie sollen nur kurz antworten, etwa: &rsaquo;Ja, ich
+habe die Exekution gesehen,&lsaquo; oder &rsaquo;Ja, ich
+habe alle Erkl&auml;rungen geh&ouml;rt.&lsaquo; Nur das,
+nichts weiter. F&uuml;r die Verbitterung, die man
+Ihnen anmerken soll, ist ja gen&uuml;gend Anlass,
+wenn auch nicht im Sinne des Kommandanten.
+Er nat&uuml;rlich wird es vollst&auml;ndig missverstehen
+und in seinem Sinne deuten. Darauf
+gr&uuml;ndet sich mein Plan. Morgen findet in der
+Kommandatur unter dem Vorsitz des Kommandanten
+eine grosse Sitzung aller h&ouml;heren
+Verwaltungsbeamten statt. Der Kommandant
+hat es nat&uuml;rlich verstanden, aus solchen
+Sitzungen eine Schaustellung zu machen. Es
+wurde eine Galerie gebaut, die mit Zuschauern
+immer besetzt ist. Ich bin gezwungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_47">[47]</a></span>
+an den Beratungen teilzunehmen, aber der
+Widerwille sch&uuml;ttelt mich. Nun werden Sie
+gewiss auf jeden Fall zu der Sitzung eingeladen
+werden; wenn Sie sich heute meinem Plane
+gem&auml;ss verhalten, wird die Einladung zu einer
+dringenden Bitte werden. Sollten Sie aber
+aus irgendeinem unerfindlichen Grunde doch
+nicht eingeladen werden, so m&uuml;ssten Sie allerdings
+die Einladung verlangen; dass Sie sie
+dann erhalten, ist zweifellos. Nun sitzen Sie
+also morgen mit den Damen in der Loge des
+Kommandanten. Er versichert sich &ouml;fters
+durch Blicke nach oben, dass Sie da sind.
+Nach verschiedenen gleichg&uuml;ltigen, l&auml;cherlichen,
+nur f&uuml;r die Zuh&ouml;rer berechneten Verhandlungsgegenst&auml;nden
+&ndash; meistens sind es
+Hafenbauten, immer wieder Hafenbauten!
+&ndash; kommt auch das Gerichtsverfahren zur
+Sprache. Sollte es von seiten des Kommandanten
+nicht oder nicht bald genug geschehen,
+so werde ich daf&uuml;r sorgen, dass es geschieht.
+Ich werde aufstehen und die Meldung von
+der heutigen Exekution erstatten. Ganz kurz,
+nur diese Meldung. Eine solche Meldung ist
+<span class="pagenum"><a name="Page_48">[48]</a></span>
+zwar dort nicht &uuml;blich, aber ich tue es doch.
+Der Kommandant dankt mir, wie immer,
+mit freundlichem L&auml;cheln und nun, er kann
+sich nicht zur&uuml;ckhalten, erfasst er die gute
+Gelegenheit. &rsaquo;Es wurde eben,&lsaquo; so oder &auml;hnlich
+wird er sprechen, &rsaquo;die Meldung von der
+Exekution erstattet. Ich m&ouml;chte dieser Meldung
+nur hinzuf&uuml;gen, dass gerade dieser Exekution
+der grosse Forscher beigewohnt hat,
+von dessen unsere Kolonie so ausserordentlich
+ehrendem Besuch Sie alle wissen. Auch
+unsere heutige Sitzung ist durch seine Anwesenheit
+in ihrer Bedeutung erh&ouml;ht. Wollen
+wir nun nicht an diesen grossen Forscher die
+Frage richten, wie er die Exekution nach
+altem Brauch und das Verfahren, das ihr vorhergeht,
+beurteilt?&lsaquo; Nat&uuml;rlich &uuml;berall Beifallklatschen,
+allgemeine Zustimmung, ich bin
+der lauteste. Der Kommandant verbeugt sich
+vor Ihnen und sagt: &rsaquo;Dann stelle ich im Namen
+aller die Frage.&lsaquo; Und nun treten Sie an
+die Br&uuml;stung. Legen Sie die H&auml;nde f&uuml;r alle
+sichtbar hin, sonst fassen sie die Damen und
+spielen mit den Fingern. &ndash; Und jetzt kommt
+<span class="pagenum"><a name="Page_49">[49]</a></span>
+endlich Ihr Wort. Ich weiss nicht, wie ich
+die Spannung der Stunden bis dahin ertragen
+werde. In Ihrer Rede m&uuml;ssen Sie sich keine
+Schranken setzen, machen Sie mit der Wahrheit
+L&auml;rm, beugen Sie sich &uuml;ber die Br&uuml;stung,
+br&uuml;llen Sie, aber ja, br&uuml;llen Sie dem Kommandanten
+Ihre Meinung, Ihre unersch&uuml;tterliche
+Meinung zu. Aber vielleicht wollen Sie
+das nicht, es entspricht nicht Ihrem Charakter,
+in Ihrer Heimat verh&auml;lt man sich vielleicht in
+solchen Lagen anders, auch das ist richtig,
+auch das gen&uuml;gt vollkommen, stehen Sie gar
+nicht auf, sagen Sie nur ein paar Worte, fl&uuml;stern
+Sie sie, dass sie gerade noch die Beamten
+unter Ihnen h&ouml;ren, es gen&uuml;gt, Sie m&uuml;ssen gar
+nicht selbst von der mangelnden Teilnahme
+an der Exekution, von dem kreischenden Rad,
+dem zerrissenen Riemen, dem widerlichen
+Filz reden, nein, alles weitere &uuml;bernehme ich,
+und glauben Sie, wenn meine Rede ihn nicht
+aus dem Saale jagt, so wird sie ihn auf die
+Knie zwingen, dass er bekennen muss: Alter
+Kommandant, vor dir beuge ich mich. &ndash; Das
+ist mein Plan; wollen Sie mir zu seiner Ausf&uuml;hrung
+<span class="pagenum"><a name="Page_50">[50]</a></span>
+helfen? Aber nat&uuml;rlich wollen Sie,
+mehr als das, Sie m&uuml;ssen.&laquo; Und der Offizier
+fasste den Reisenden an beiden Armen und
+sah ihm schweratmend ins Gesicht. Die letzten
+S&auml;tze hatte er so geschrien, dass selbst der
+Soldat und der Verurteilte aufmerksam geworden
+waren; trotzdem sie nichts verstehen
+konnten, hielten sie doch im Essen inne und
+sahen kauend zum Reisenden hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Die Antwort, die er zu geben hatte, war f&uuml;r
+den Reisenden von allem Anfang an zweifellos;
+er hatte in seinem Leben zu viel erfahren,
+als dass er hier h&auml;tte schwanken k&ouml;nnen; er
+war im Grunde ehrlich und hatte keine Furcht.
+Trotzdem z&ouml;gerte er jetzt im Anblick des
+Soldaten und des Verurteilten einen Atemzug
+lang. Schliesslich aber sagte er, wie er
+musste: &raquo;Nein.&laquo; Der Offizier blinzelte mehrmals
+mit den Augen, liess aber keinen Blick
+von ihm. &raquo;Wollen Sie eine Erkl&auml;rung?&laquo; fragte
+der Reisende. Der Offizier nickte stumm.
+&raquo;Ich bin ein Gegner dieses Verfahrens,&laquo; sagte
+nun der Reisende, &raquo;noch ehe Sie mich ins
+Vertrauen zogen &ndash; dieses Vertrauen werde
+<span class="pagenum"><a name="Page_51">[51]</a></span>
+ich nat&uuml;rlich unter keinen Umst&auml;nden missbrauchen
+&ndash; habe ich schon &uuml;berlegt, ob ich
+berechtigt w&auml;re, gegen dieses Verfahren einzuschreiten
+und ob mein Einschreiten auch
+nur eine kleine Aussicht auf Erfolg haben
+k&ouml;nnte. An wen ich mich dabei zuerst wenden
+m&uuml;sste, war mir klar: an den Kommandanten
+nat&uuml;rlich. Sie haben es mir noch
+klarer gemacht, ohne aber etwa meinen Entschluss
+erst befestigt zu haben, im Gegenteil,
+Ihre ehrliche &Uuml;berzeugung geht mir nahe,
+wenn sie mich auch nicht beirren kann.&laquo;</p>
+
+<p>Der Offizier blieb stumm, wendete sich der
+Maschine zu, fasste eine der Messingstangen
+und sah dann, ein wenig zur&uuml;ckgebeugt, zum
+Zeichner hinauf, als pr&uuml;fe er, ob alles in Ordnung
+sei. Der Soldat und der Verurteilte
+schienen sich miteinander befreundet zu haben;
+der Verurteilte machte, so schwierig
+dies bei der festen Einschnallung durchzuf&uuml;hren
+war, dem Soldaten Zeichen; der Soldat
+beugte sich zu ihm; der Verurteilte fl&uuml;sterte
+ihm etwas zu, und der Soldat nickte.</p>
+
+<p>Der Reisende ging dem Offizier nach und
+<span class="pagenum"><a name="Page_52">[52]</a></span>
+sagte: &raquo;Sie wissen noch nicht, was ich tun
+will. Ich werde meine Ansicht &uuml;ber das Verfahren
+dem Kommandanten zwar sagen, aber
+nicht in einer Sitzung, sondern unter vier
+Augen; ich werde auch nicht so lange hier
+bleiben, dass ich irgendeiner Sitzung beigezogen
+werden k&ouml;nnte; ich fahre schon
+morgen fr&uuml;h weg oder schiffe mich wenigstens
+ein.&laquo;</p>
+
+<p>Es sah nicht aus, als ob der Offizier zugeh&ouml;rt
+h&auml;tte. &raquo;Das Verfahren hat Sie also nicht &uuml;berzeugt,&laquo;
+sagte er f&uuml;r sich und l&auml;chelte, wie ein
+Alter &uuml;ber den Unsinn eines Kindes l&auml;chelt
+und hinter dem L&auml;cheln sein eigenes wirkliches
+Nachdenken beh&auml;lt.</p>
+
+<p>&raquo;Dann ist es also Zeit,&laquo; sagte er schliesslich
+und blickte pl&ouml;tzlich mit hellen Augen, die
+irgendeine Aufforderung, irgendeinen Aufruf
+zur Beteiligung enthielten, den Reisenden
+an.</p>
+
+<p>&raquo;Wozu ist es Zeit?&laquo; fragte der Reisende unruhig,
+bekam aber keine Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist frei,&laquo; sagte der Offizier zum Verurteilten
+in dessen Sprache. Dieser glaubte es
+<span class="pagenum"><a name="Page_53">[53]</a></span>
+zuerst nicht. &raquo;Nun, frei bist du,&laquo; sagte der Offizier.
+Zum erstenmal bekam das Gesicht des
+Verurteilten wirkliches Leben. War es Wahrheit?
+War es nur eine Laune des Offiziers,
+die vor&uuml;bergehen konnte? Hatte der fremde
+Reisende ihm Gnade erwirkt? Was war es?
+So schien sein Gesicht zu fragen. Aber nicht
+lange. Was immer es sein mochte, er wollte,
+wenn er durfte, wirklich frei sein und er begann
+sich zu r&uuml;tteln, soweit es die Egge erlaubte.</p>
+
+<p>&raquo;Du zerreisst mir die Riemen,&laquo; schrie der
+Offizier, &raquo;sei ruhig! Wir &ouml;ffnen sie schon.&laquo;
+Und er machte sich mit dem Soldaten, dem
+er ein Zeichen gab, an die Arbeit. Der Verurteilte
+lachte ohne Worte leise vor sich hin,
+bald wendete er das Gesicht links zum Offizier,
+bald rechts zum Soldaten, auch den
+Reisenden vergass er nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Zieh ihn heraus,&laquo; befahl der Offizier dem
+Soldaten. Es musste hiebei wegen der Egge
+einige Vorsicht angewendet werden. Der Verurteilte
+hatte schon infolge seiner Ungeduld
+einige kleine Risswunden auf dem R&uuml;cken.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_54">[54]</a></span>
+Von jetzt ab k&uuml;mmerte sich aber der Offizier
+kaum mehr um ihn. Er ging auf den Reisenden
+zu, zog wieder die kleine Ledermappe
+hervor, bl&auml;tterte in ihr, fand schliesslich das
+Blatt, das er suchte, und zeigte es dem Reisenden.
+&raquo;Lesen Sie,&laquo; sagte er. &raquo;Ich kann nicht,&laquo;
+sagte der Reisende, &raquo;ich sagte schon, ich kann
+diese Bl&auml;tter nicht lesen.&laquo; &raquo;Sehen Sie das
+Blatt doch genau an,&laquo; sagte der Offizier und
+trat neben den Reisenden, um mit ihm zu
+lesen. Als auch das nichts half, fuhr er mit
+dem kleinen Finger in grosser H&ouml;he, als d&uuml;rfe
+das Blatt auf keinen Fall ber&uuml;hrt werden,
+&uuml;ber das Papier hin, um auf diese Weise dem
+Reisenden das Lesen zu erleichtern. Der
+Reisende gab sich auch M&uuml;he, um wenigstens
+darin dem Offizier gef&auml;llig sein zu k&ouml;nnen,
+aber es war ihm unm&ouml;glich. Nun begann der
+Offizier die Aufschrift zu buchstabieren und
+dann las er sie noch einmal im Zusammenhang.
+&raquo;&rsaquo;Sei gerecht!&lsaquo; &ndash; heisst es,&laquo; sagte er,
+&raquo;jetzt k&ouml;nnen Sie es doch lesen.&laquo; Der Reisende
+beugte sich so tief &uuml;ber das Papier,
+dass der Offizier aus Angst vor einer Ber&uuml;hrung
+<span class="pagenum"><a name="Page_55">[55]</a></span>
+es weiter entfernte; nun sagte der Reisende
+zwar nichts mehr, aber es war klar, dass er
+es noch immer nicht hatte lesen k&ouml;nnen. &raquo;&rsaquo;Sei
+gerecht!&lsaquo; &ndash; heisst es,&laquo; sagte der Offizier nochmals.
+&raquo;Mag sein,&laquo; sagte der Reisende, &raquo;ich
+glaube es, dass es dort steht.&laquo; &raquo;Nun gut,&laquo;
+sagte der Offizier, wenigstens teilweise befriedigt,
+und stieg mit dem Blatt auf die Leiter;
+er bettete das Blatt mit grosser Vorsicht im
+Zeichner und ordnete das R&auml;derwerk scheinbar
+g&auml;nzlich um; es war eine sehr m&uuml;hselige
+Arbeit, es musste sich auch um ganz kleine
+R&auml;der handeln, manchmal verschwand der
+Kopf des Offiziers v&ouml;llig im Zeichner, so
+genau musste er das R&auml;derwerk untersuchen.</p>
+
+<p>Der Reisende verfolgte von unten diese Arbeit
+ununterbrochen, der Hals wurde ihm
+steif, und die Augen schmerzten ihn von dem
+mit Sonnenlicht &uuml;bersch&uuml;tteten Himmel. Der
+Soldat und der Verurteilte waren nur miteinander
+besch&auml;ftigt. Das Hemd und die
+Hose des Verurteilten, die schon in der Grube
+lagen, wurden vom Soldaten mit der Bajonettspitze
+<span class="pagenum"><a name="Page_56">[56]</a></span>
+herausgezogen. Das Hemd war
+entsetzlich schmutzig, und der Verurteilte
+wusch es in dem Wasserk&uuml;bel. Als er dann
+Hemd und Hose anzog, musste der Soldat
+wie der Verurteilte laut lachen, denn die
+Kleidungsst&uuml;cke waren doch hinten entzweigeschnitten.
+Vielleicht glaubte der Verurteilte
+verpflichtet zu sein, den Soldaten zu unterhalten,
+er drehte sich in der zerschnittenen
+Kleidung im Kreise vor dem Soldaten, der
+auf dem Boden hockte und lachend auf seine
+Knie schlug. Immerhin bezwangen sie sich
+noch mit R&uuml;cksicht auf die Anwesenheit der
+Herren.</p>
+
+<p>Als der Offizier oben endlich fertiggeworden
+war, &uuml;berblickte er noch einmal l&auml;chelnd das
+Ganze in allen seinen Teilen, schlug diesmal
+den Deckel des Zeichners zu, der bisher offen
+gewesen war, stieg hinunter, sah in die Grube
+und dann auf den Verurteilten, merkte befriedigt,
+dass dieser seine Kleidung herausgenommen
+hatte, ging dann zu dem Wasserk&uuml;bel,
+um die H&auml;nde zu waschen, erkannte
+zu sp&auml;t den widerlichen Schmutz, war traurig
+<span class="pagenum"><a name="Page_57">[57]</a></span>
+dar&uuml;ber, dass er nun die H&auml;nde nicht waschen
+konnte, tauchte sie schliesslich &ndash; dieser Ersatz
+gen&uuml;gte ihm nicht, aber er musste sich f&uuml;gen
+&ndash; in den Sand, stand dann auf und begann
+seinen Uniformrock aufzukn&ouml;pfen. Hiebei
+fielen ihm zun&auml;chst die zwei Damentaschent&uuml;cher,
+die er hinter den Kragen gezw&auml;ngt
+hatte, in die H&auml;nde. &raquo;Hier hast du deine
+Taschent&uuml;cher,&laquo; sagte er und warf sie dem
+Verurteilten zu. Und zum Reisenden sagte
+er erkl&auml;rend: &raquo;Geschenke der Damen.&laquo;</p>
+
+<p>Trotz der offenbaren Eile, mit der er den
+Uniformrock auszog und sich dann vollst&auml;ndig
+entkleidete, behandelte er doch jedes
+Kleidungsst&uuml;ck sehr sorgf&auml;ltig, &uuml;ber die Silberschn&uuml;re
+an seinem Waffenrock strich er
+sogar eigens mit den Fingern hin und sch&uuml;ttelte
+eine Troddel zurecht. Wenig passte es
+allerdings zu dieser Sorgfalt, dass er, sobald
+er mit der Behandlung eines St&uuml;ckes fertig
+war, es dann sofort mit einem unwilligen
+Ruck in die Grube warf. Das letzte, was
+ihm &uuml;brig blieb, war sein kurzer Degen mit
+dem Tragriemen. Er zog den Degen aus der
+<span class="pagenum"><a name="Page_58">[58]</a></span>
+Scheide, zerbrach ihn, fasste dann alles zusammen,
+die Degenst&uuml;cke, die Scheide und
+den Riemen und warf es so heftig weg, dass
+es unten in der Grube aneinander klang.</p>
+
+<p>Nun stand er nackt da. Der Reisende biss
+sich auf die Lippen und sagte nichts. Er
+wusste zwar, was geschehen w&uuml;rde, aber er
+hatte kein Recht, den Offizier an irgend etwas
+zu hindern. War das Gerichtsverfahren, an
+dem der Offizier hing, wirklich so nahe daran
+behoben zu werden &ndash; m&ouml;glicherweise infolge
+des Einschreitens des Reisenden, zu
+dem sich dieser seinerseits verpflichtet f&uuml;hlte
+&ndash; dann handelte jetzt der Offizier vollst&auml;ndig
+richtig; der Reisende h&auml;tte an seiner Stelle
+nicht anders gehandelt.</p>
+
+<p>Der Soldat und der Verurteilte verstanden
+zuerst nichts, sie sahen anfangs nicht einmal
+zu. Der Verurteilte war sehr erfreut dar&uuml;ber,
+die Taschent&uuml;cher zur&uuml;ckerhalten zu haben,
+aber er durfte sich nicht lange an ihnen freuen,
+denn der Soldat nahm sie ihm mit einem
+raschen, nicht vorherzusehenden Griff. Nun
+versuchte wieder der Verurteilte dem Soldaten
+<span class="pagenum"><a name="Page_59">[59]</a></span>
+die T&uuml;cher hinter dem G&uuml;rtel, hinter
+dem er sie verwahrt hatte, hervorzuziehen,
+aber der Soldat war wachsam. So stritten
+sie in halbem Scherz. Erst als der Offizier
+vollst&auml;ndig nackt war, wurden sie aufmerksam.
+Besonders der Verurteilte schien von
+der Ahnung irgendeines gro&szlig;en Umschwungs
+getroffen zu sein. Was ihm geschehen war,
+geschah nun dem Offizier. Vielleicht w&uuml;rde
+es so bis zum &Auml;ussersten gehen. Wahrscheinlich
+hatte der fremde Reisende den Befehl
+dazu gegeben. Das war also Rache. Ohne
+selbst bis zum Ende gelitten zu haben, wurde
+er doch bis zum Ende ger&auml;cht. Ein breites,
+lautloses Lachen erschien nun auf seinem
+Gesicht und verschwand nicht mehr.</p>
+
+<p>Der Offizier aber hatte sich der Maschine
+zugewendet. Wenn es schon fr&uuml;her deutlich
+gewesen war, dass er die Maschine gut verstand,
+so konnte es jetzt einen fast best&uuml;rzt
+machen, wie er mit ihr umging und wie sie
+gehorchte. Er hatte die Hand der Egge nur
+gen&auml;hert, und sie hob und senkte sich mehrmals,
+bis sie die richtige Lage erreicht hatte
+<span class="pagenum"><a name="Page_60">[60]</a></span>
+um ihn zu empfangen; er fasste das Bett nur
+am Rande, und es fing schon zu zittern an;
+der Filzstumpf kam seinem Mund entgegen,
+man sah, wie der Offizier ihn eigentlich nicht
+haben wollte, aber das Z&ouml;gern dauerte nur
+einen Augenblick, gleich f&uuml;gte er sich und
+nahm ihn auf. Alles war bereit, nur die Riemen
+hingen noch an den Seiten hinunter,
+aber sie waren offenbar unn&ouml;tig, der Offizier
+musste nicht angeschnallt sein. Da bemerkte
+der Verurteilte die losen Riemen, seiner Meinung
+nach war die Exekution nicht vollkommen,
+wenn die Riemen nicht festgeschnallt
+waren, er winkte eifrig dem Soldaten, und
+sie liefen hin, den Offizier anzuschnallen.
+Dieser hatte schon den einen Fuss ausgestreckt,
+um in die Kurbel zu stossen, die den
+Zeichner in Gang bringen sollte; da sah er,
+dass die zwei gekommen waren; er zog daher
+den Fuss zur&uuml;ck und liess sich anschnallen.
+Nun konnte er allerdings die Kurbel nicht
+mehr erreichen; weder der Soldat noch der
+Verurteilte w&uuml;rden sie auffinden, und der
+Reisende war entschlossen, sich nicht zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_61">[61]</a></span>
+r&uuml;hren. Es war nicht n&ouml;tig; kaum waren die
+Riemen angebracht, fing auch schon die Maschine
+zu arbeiten an; das Bett zitterte, die
+Nadeln tanzten auf der Haut, die Egge
+schwebte auf und ab. Der Reisende hatte
+schon eine Weile hingestarrt, ehe er sich erinnerte,
+dass ein Rad im Zeichner h&auml;tte
+kreischen sollen; aber alles war still, nicht
+das geringste Surren war zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>Durch diese stille Arbeit entschwand die Maschine
+f&ouml;rmlich der Aufmerksamkeit. Der
+Reisende sah zu dem Soldaten und dem Verurteilten
+hin&uuml;ber. Der Verurteilte war der
+lebhaftere, alles an der Maschine interessierte
+ihn, bald beugte er sich nieder, bald streckte
+er sich, immerfort hatte er den Zeigefinger
+ausgestreckt, um dem Soldaten etwas zu
+zeigen. Dem Reisenden war es peinlich. Er
+war entschlossen, hier bis zum Ende zu bleiben,
+aber den Anblick der zwei h&auml;tte er nicht
+lange ertragen. &raquo;Geht nach Hause,&laquo; sagte er.
+Der Soldat w&auml;re dazu vielleicht bereit gewesen,
+aber der Verurteilte empfand den Befehl
+geradezu als Strafe. Er bat flehentlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_62">[62]</a></span>
+mit gefalteten H&auml;nden ihn hier zu lassen, und
+als der Reisende kopfsch&uuml;ttelnd nicht nachgeben
+wollte, kniete er sogar nieder. Der
+Reisende sah, dass Befehle hier nichts halfen,
+er wollte hin&uuml;ber und die zwei vertreiben.
+Da h&ouml;rte er oben im Zeichner ein Ger&auml;usch.
+Er sah hinauf. St&ouml;rte also das eine Zahnrad
+doch? Aber es war etwas anderes. Langsam
+hob sich der Deckel des Zeichners und klappte
+dann vollst&auml;ndig auf. Die Zacken eines Zahnrades
+zeigten und hoben sich, bald erschien
+das ganze Rad, es war, als presse irgendeine
+grosse Macht den Zeichner zusammen, so dass
+f&uuml;r dieses Rad kein Platz mehr &uuml;brig blieb,
+das Rad drehte sich bis zum Rand des Zeichners,
+fiel hinunter, kollerte aufrecht ein St&uuml;ck
+im Sand und blieb dann liegen. Aber schon
+stieg oben ein anderes auf, ihm folgten viele,
+grosse, kleine und kaum zu unterscheidende,
+mit allen geschah dasselbe, immer glaubte
+man, nun m&uuml;sse der Zeichner jedenfalls schon
+entleert sein, da erschien eine neue, besonders
+zahlreiche Gruppe, stieg auf, fiel hinunter,
+kollerte im Sand und legte sich. &Uuml;ber diesem
+<span class="pagenum"><a name="Page_63">[63]</a></span>
+Vorgang vergass der Verurteilte ganz den
+Befehl des Reisenden, die Zahnr&auml;der entz&uuml;ckten
+ihn v&ouml;llig, er wollte immer eines
+fassen, trieb gleichzeitig den Soldaten an, ihm
+zu helfen, zog aber erschreckt die Hand zur&uuml;ck,
+denn es folgte gleich ein anderes Rad,
+das ihn, wenigstens im ersten Anrollen, erschreckte.</p>
+
+<p>Der Reisende dagegen war sehr beunruhigt;
+die Maschine ging offenbar in Tr&uuml;mmer; ihr
+ruhiger Gang war eine T&auml;uschung; er hatte
+das Gef&uuml;hl, als m&uuml;sse er sich jetzt des Offiziers
+annehmen, da dieser nicht mehr f&uuml;r sich
+selbst sorgen konnte. Aber w&auml;hrend der Fall
+der Zahnr&auml;der seine ganze Aufmerksamkeit
+beanspruchte, hatte er vers&auml;umt, die &uuml;brige
+Maschine zu beaufsichtigen; als er jedoch jetzt,
+nachdem das letzte Zahnrad den Zeichner
+verlassen hatte, sich &uuml;ber die Egge beugte,
+hatte er eine neue, noch &auml;rgere &Uuml;berraschung.
+Die Egge schrieb nicht, sie stach nur, und das
+Bett w&auml;lzte den K&ouml;rper nicht, sondern hob
+ihn nur zitternd in die Nadeln hinein. Der
+Reisende wollte eingreifen, m&ouml;glicherweise
+<span class="pagenum"><a name="Page_64">[64]</a></span>
+das Ganze zum Stehen bringen, das war ja
+keine Folter, wie sie der Offizier erreichen
+wollte, das war unmittelbarer Mord. Er
+streckte die H&auml;nde aus. Da hob sich aber
+schon die Egge mit dem aufgespiessten K&ouml;rper
+zur Seite, wie sie es sonst erst in der zw&ouml;lften
+Stunde tat. Das Blut floss in hundert Str&ouml;men,
+nicht mit Wasser vermischt, auch die
+Wasserr&ouml;hrchen hatten diesmal versagt. Und
+nun versagte noch das letzte, der K&ouml;rper l&ouml;ste
+sich von den langen Nadeln nicht, str&ouml;mte
+sein Blut aus, hing aber &uuml;ber der Grube ohne
+zu fallen. Die Egge wollte schon in ihre alte
+Lage zur&uuml;ckkehren, aber als merke sie selbst,
+dass sie von ihrer Last noch nicht befreit sei,
+blieb sie doch &uuml;ber der Grube. &raquo;Helft doch!&laquo;
+schrie der Reisende zum Soldaten und zum
+Verurteilten hin&uuml;ber und fasste selbst die
+F&uuml;sse des Offiziers. Er wollte sich hier gegen
+die F&uuml;sse dr&uuml;cken, die zwei sollten auf der
+anderen Seite den Kopf des Offiziers fassen,
+und so sollte er langsam von den Nadeln gehoben
+werden. Aber nun konnten sich die
+zwei nicht entschliessen zu kommen; der
+<span class="pagenum"><a name="Page_65">[65]</a></span>
+Verurteilte drehte sich geradezu um; der Reisende
+musste zu ihnen hin&uuml;bergehen und sie
+mit Gewalt zu dem Kopf des Offiziers dr&auml;ngen.
+Hiebei sah er fast gegen Willen das Gesicht
+der Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen
+war; kein Zeichen der versprochenen
+Erl&ouml;sung war zu entdecken; was alle anderen
+in der Maschine gefunden hatten, der Offizier
+fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedr&uuml;ckt,
+die Augen waren offen, hatten
+den Ausdruck des Lebens, der Blick war
+ruhig und &uuml;berzeugt, durch die Stirn ging die
+Spitze des grossen eisernen Stachels.</p>
+
+<p class="center" style="letter-spacing: 4em; margin: 2em auto 2em auto; margin-right: -4em;">***</p>
+
+<p>Als der Reisende, mit dem Soldaten und dem
+Verurteilten hinter sich, zu den ersten H&auml;usern
+der Kolonie kam, zeigte der Soldat auf eines
+und sagte: &raquo;Hier ist das Teehaus.&laquo;</p>
+
+<p>Im Erdgeschoss eines Hauses war ein tiefer,
+niedriger, h&ouml;hlenartiger, an den W&auml;nden und
+an der Decke verr&auml;ucherter Raum. Gegen
+die Strasse zu war er in seiner ganzen Breite
+offen. Trotzdem sich das Teehaus von den
+<span class="pagenum"><a name="Page_66">[66]</a></span>
+&uuml;brigen H&auml;usern der Kolonie, die bis auf die
+Palastbauten der Kommandatur alle sehr verkommen
+waren, wenig unterschied, &uuml;bte es
+auf den Reisenden doch den Eindruck einer
+historischen Erinnerung aus und er f&uuml;hlte die
+Macht der fr&uuml;heren Zeiten. Er trat n&auml;her
+heran, ging, gefolgt von seinen Begleitern,
+zwischen den unbesetzten Tischen hindurch,
+die vor dem Teehaus auf der Strasse standen,
+und atmete die k&uuml;hle, dumpfige Luft ein,
+die aus dem Innern kam. &raquo;Der Alte ist hier
+begraben,&laquo; sagte der Soldat, &raquo;ein Platz auf
+dem Friedhof ist ihm vom Geistlichen verweigert
+worden. Man war eine Zeitlang unentschlossen,
+wo man ihn begraben sollte,
+schliesslich hat man ihn hier begraben. Davon
+hat Ihnen der Offizier gewiss nichts erz&auml;hlt,
+denn dessen hat er sich nat&uuml;rlich am meisten
+gesch&auml;mt. Er hat sogar einigemal in der
+Nacht versucht, den Alten auszugraben, er
+ist aber immer verjagt worden.&laquo; &raquo;Wo ist
+das Grab?&laquo; fragte der Reisende, der dem
+Soldaten nicht glauben konnte. Gleich
+liefen beide, der Soldat wie der Verurteilte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_67">[67]</a></span>
+vor ihm her und zeigten mit ausgestreckten
+H&auml;nden dorthin, wo sich das Grab befinden
+sollte. Sie f&uuml;hrten den Reisenden
+bis zur R&uuml;ckwand, wo an einigen Tischen
+G&auml;ste sassen. Es waren wahrscheinlich Hafenarbeiter,
+starke M&auml;nner mit kurzen, gl&auml;nzend
+schwarzen Vollb&auml;rten. Alle waren ohne Rock,
+ihre Hemden waren zerrissen, es war armes,
+gedem&uuml;tigtes Volk. Als sich der Reisende
+n&auml;herte, erhoben sich einige, dr&uuml;ckten sich
+an die Wand und sahen ihm entgegen. &raquo;Es
+ist ein Fremder,&laquo; fl&uuml;sterte es um den Reisenden
+herum, &raquo;er will das Grab ansehen.&laquo; Sie
+schoben einen der Tische beiseite, unter dem
+sich wirklich ein Grabstein befand. Es war
+ein einfacher Stein, niedrig genug, um unter
+einem Tisch verborgen werden zu k&ouml;nnen.
+Er trug eine Aufschrift mit sehr kleinen Buchstaben,
+der Reisende musste, um sie zu lesen,
+niederknien. Sie lautete: &raquo;Hier ruht der alte
+Kommandant. Seine Anh&auml;nger, die jetzt keinen
+Namen tragen d&uuml;rfen, haben ihm das
+Grab gegraben und den Stein gesetzt. Es besteht
+eine Prophezeiung, dass der Kommandant
+<span class="pagenum"><a name="Page_68">[68]</a></span>
+nach einer bestimmten Anzahl von Jahren
+auferstehen und aus diesem Hause seine Anh&auml;nger
+zur Wiedereroberung der Kolonie
+f&uuml;hren wird. Glaubet und wartet!&laquo; Als der
+Reisende das gelesen hatte und sich erhob,
+sah er rings um sich die M&auml;nner stehen und
+l&auml;cheln, als h&auml;tten sie mit ihm die Aufschrift
+gelesen, sie l&auml;cherlich gefunden und forderten
+ihn auf, sich ihrer Meinung anzuschliessen.
+Der Reisende tat, als merke er das nicht, verteilte
+einige M&uuml;nzen unter sie, wartete noch,
+bis der Tisch &uuml;ber das Grab geschoben war,
+verliess das Teehaus und ging zum Hafen.</p>
+
+<p>Der Soldat und der Verurteilte hatten im
+Teehaus Bekannte gefunden, die sie zur&uuml;ckhielten.
+Sie mussten sich aber bald von ihnen
+losgerissen haben, denn der Reisende befand
+sich erst in der Mitte der langen Treppe, die
+zu den Booten f&uuml;hrte, als sie ihm schon nachliefen.
+Sie wollten wahrscheinlich den Reisenden
+im letzten Augenblick zwingen, sie
+mitzunehmen. W&auml;hrend der Reisende unten
+mit einem Schiffer wegen der &Uuml;berfahrt zum
+Dampfer unterhandelte, rasten die zwei die
+<span class="pagenum"><a name="Page_69">[69]</a></span>
+Treppe hinab, schweigend, denn zu schreien
+wagten sie nicht. Aber als sie unten ankamen,
+war der Reisende schon im Boot, und der
+Schiffer l&ouml;ste es gerade vom Ufer. Sie h&auml;tten
+noch ins Boot springen k&ouml;nnen, aber der
+Reisende hob ein schweres geknotetes Tau
+vom Boden, drohte ihnen damit und hielt
+sie dadurch von dem Sprunge ab.</p>
+
+<p style="width: 20em; margin: 8em auto 0 auto;">Dieses Buch wurde als viertes der
+neuen Folge der Drugulin-Drucke
+im Mai 1919 f&uuml;r Kurt Wolff Verlag
+in der Offizin W.&nbsp;Drugulin in
+Leipzig in einer einmaligen Auflage
+von 1000 Exemplaren gedruckt.</p>
+
+<div style="width: 80px; margin: 2em auto 80px auto;">
+<img src="images/drugulin.png" width="80" height="78" alt="" title="" />
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of In der Strafkolonie, by Franz Kafka
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN DER STRAFKOLONIE ***
+
+***** This file should be named 25791-h.htm or 25791-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/5/7/9/25791/
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
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